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Title: Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten - Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen - über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente - / Hans Küchelgarten
Author: Gogol, Nikolai Vasilevich
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten - Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen - über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente - / Hans Küchelgarten" ***

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                             Nikolaus Gogol
                            Briefwechsel II



                             Nikolaus Gogol
                            Sämmtliche Werke
                              In 8 Bänden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 8


                          München und Leipzig
                            bei Georg Müller
                                  1914


                             Nikolaus Gogol



                Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden



                              Zweiter Teil

                           Hans Küchelgarten

                     Deutsch von Ulrich Steindorff


                          München und Leipzig
                            bei Georg Müller
                                  1914



                    An Arkadius Ossipowitsch Rosetti


                                                Neapel, im Jahre 1847.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen
Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij
Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu
erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe
zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich
es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen
will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen
muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich
ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die
Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den
selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der
Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer
der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das
Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man
jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als
dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe
mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen,
die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer
empfindlichsten Stelle treffen mußten.

Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich
darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen
Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht
weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller
Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher
unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht
ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie
eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach
dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der
Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht
eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der
Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert.
Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für
ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in
seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch
oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser
Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich
heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen
können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich
kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen
Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte
erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das
wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich,
vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es
gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt
unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt
die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu
lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von
ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit
hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch
heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen
Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer
Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich
hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf
an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen:
Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir
ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich
sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas,
dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für
mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes,
sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu
machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die
Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes
bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in
flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über
ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in
Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich
macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er
hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und
zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der
Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie
jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.

Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder
eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und
Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier,
ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies
eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das
schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der
Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so
große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein
Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies
Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug
gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist;
es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von
diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen«
plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann
und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem
Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn
dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose
Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten
Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des
Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch
großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie
wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut
besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist
alles, was ich zu sagen vermag.

Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich
folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band
herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor,
die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich
schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal
Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu
macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch
einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor,
auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die
Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es
nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und
hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit
her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken:
»Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber
verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit
und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines
Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren
könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir
sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen
und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag
fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden;
wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll
sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch
eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon
gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen
diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders
veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere
Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern
und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen
werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige
Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur
für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es
besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch
Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden
können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne
genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn
die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird
gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu
beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige
Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu
lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein
Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu
lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige
Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute
noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als
je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem
schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich
kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich
dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen
und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie
aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich
Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr

                                                                Gogol.

_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern
eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind.
Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt;
sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich
erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.

Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen.
Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar
senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.

[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung
von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.]



                        Über den »Zeitgenossen«
                             (Sowremennik)
                       Ein Brief an P. A. Pletnew


                                                     Den 4. Dez. 1846.

Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen.
»Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des
vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses
schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der
Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil,
alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu
welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit
sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese
vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe
zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die
jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser
dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in
dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein
Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen
ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung:
weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle
modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die
die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen
enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen
Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen
Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur
eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten,
die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen
der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger
anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der
stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische
Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht
das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein
viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte.
Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften
schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck
kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die
Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben,
das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen.
Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht
allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als
er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er
zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte
ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde
Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen
Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen
konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu
jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu
hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen
können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals
noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges
Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber
ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben
geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung
führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und
Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und
lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt.
Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch
diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit
schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der
Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und
des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein
sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und
Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der
Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und
tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon
zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die
Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas
errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst
emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du
sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß
eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht
einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe
periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise
erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal
dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten
Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir
nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu
einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche
enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer
Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie
früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns
alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der
modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft
und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre
Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu
aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und
seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu
wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine
lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten
entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner
Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem
Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen.
»Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift
verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter
Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter
eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie
die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein
Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr
zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit
besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen:
das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum
ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus
der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu
Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo
sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles,
was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre
trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche
politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens
darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten
Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und
zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen
literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert
werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der
Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz
konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei
Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten
unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die
schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier
vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen,
die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei
Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.

Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische
Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger
gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen
Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde
gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen,
der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf
sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache
rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede
seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl
erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über
alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise
beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich
noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist
durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich
eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch
ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer
Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden
um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. --

Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich
unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet,
ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch,
wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die
Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus
solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe
Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil
eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der
Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann
wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe
zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die
sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er
miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst
interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit
bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht
bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als
irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen
persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle,
entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue
Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes
besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies,
daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein
kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein
lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was
er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner
wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für
deinen Almanach sein.

Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein
Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein
Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben
und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er
selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen
Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer
stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen
poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen
des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht
zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges
psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in
seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle
mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu
schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.

Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller,
dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blühender Stil
und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen
dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte
dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade
die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu
schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der
alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer
Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich
wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der
vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante
Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren
Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die
über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren,
ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.

Man hat mir gesagt, daß die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im
allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller
eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an
den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte,
konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der
Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt
vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu
wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich
bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der
Mensch, die Persönlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller --
zum Durchbruch gekommen ist -- daß sich dann alles andere ganz von
selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische
Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu
bemerken sein wird. Ich muß hier noch _des_ Schriftstellers gedenken,
der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama »_Der Tod Ljapunows_«
begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an
der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein
erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele
Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender
Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in
einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können -- das ist eine
große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten
Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre
keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche
Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf
den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte
der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein
echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so
stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das
so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle
historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von
den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich
wünschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und könntest ihn dazu
veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu
versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht
haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit
früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche
Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke
Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam
bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles
gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß
er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich
weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer
ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein
Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld
für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall
das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in
dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir
gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die
Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen
Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der
Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben
zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ...
Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im
»Zeitgenossen« eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was
endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und
eifriger Mitarbeiter an deinem »Zeitgenossen« sein. Du hast schon selbst
bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen
Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und
noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich
in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die
notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will
dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen
Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die
Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall
darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des
Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten
bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und _sie_
gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser
voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach
Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte
mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen
Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir
nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte
Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten
Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag
sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller,
nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger,
ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles,
was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann
aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer
würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben
wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur
schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den
Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern
meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das
Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit
und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel
der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie
ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter während
seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode
zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in
einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das
Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf
und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben
vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen »Zeitgenossen«
erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst
du mir nicht zürnen.

Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern
erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften
beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten,
die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die
weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem »Zeitgenossen«
mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser
Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn
du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für
deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen
die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw.
zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren
Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt
es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen
Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer
sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren
Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen
sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist
wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle
Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende
Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch,
wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den
»Zeitgenossen« zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir
gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge
liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich
weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur
Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über
einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es
gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg
noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er
selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt;
indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl
sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben,
seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde
Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche
Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.

Der poetische Teil des »Zeitgenossen« kann gleichfalls sehr reichhaltig
gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der
Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch
unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_
erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich
allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische
erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen.
Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine
früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen
beurteilen, die in der letzten Zeit im »Zeitgenossen« zum Abdruck
gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das
Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes
neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine
Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für
eine »_Kinderei_« von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für
kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form
eines besonderen Buches unter dem Titel _»Eine Gabe für die Kinder« von
Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer
Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm
geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem
Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich,
daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die
tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der
letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank
zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und
Jasykow. Sie können den »Zeitgenossen« mit neuen Tönen bereichern, wie
man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tönen, die aus einem
gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der
Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen
Gehalt der Poesie erfüllt hat.

Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten
sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine
gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst
an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre
Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen,
die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine
Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches
Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die
Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und
verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe
Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten
auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg
zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter
ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen
Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich
selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu
veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen
Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach
einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird.
Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten,
werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen,
viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen
»Zeitgenossen« zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst
beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht
hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr
greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig
schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand
etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem
Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie
hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre
Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich
sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das
es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen
Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was
da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des
Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt
wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und
wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die
innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe
kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu
bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung
beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen
gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der »Zeitgenosse« seinen Namen
rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- höheren Sinne: er wird
allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen
Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem
eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und
entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen
Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland
vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift
zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir
genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und
an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine
reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten
Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten,
vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann
auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend
ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und
wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur
möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die
bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit
mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen).
Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein
wenig größer sein als das der »Blüten des Nordens«, kurz, das Werk muß
seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck
eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu
bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon
für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen,
kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten
und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden
müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall
hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste
Buch des »Zeitgenossen« zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden
Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als
ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken.
Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz
haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich
bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir
und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine
Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste
seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es
nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu
erwähnen, -- daß vom »Zeitgenossen« dreimal im Jahre, zu den oben
angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die
Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen -- das
wird vollständig genügen. Alles übrige -- der Gehalt und die Bedeutung
der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung -- mag für
jeden Leser eine angenehme Überraschung sein.



                        Die Beichte des Dichters


Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen
gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben
hat, wie die »Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«. Und was
das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch
niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken
war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit
Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten
miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem
lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare
anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker
Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend
jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von
diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch
alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich
beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben
zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch
hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen
Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der
Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen
Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt
machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles
ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß,
die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen
zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz,
ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: »Volkes
Stimme -- Gottes Stimme« und nach der alle suchen. Aber obwohl viele
Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam
waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und
ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches
Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe
von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut
geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines
unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat,
er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz
Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und
die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_
Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen,
der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe
gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen
berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten
Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch
das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder
Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser
Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und
aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der
Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, --
_völlig_ wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen
Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in
jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten,
dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist,
wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine
aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung
seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen,
und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm
lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja
vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute
wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für
die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente -- kurz alles, was man in
der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier
alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der
Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie
ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und
lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem
Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen
und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher
vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und
Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur
ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da
gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge.

Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten
nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und
seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand
das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb,
stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während
der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich
mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in
einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden
Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht
das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine
Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus
von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines
epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten
sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde
eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer,
unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen
hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser
Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter
gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten
geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von
ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung
des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und
forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren
zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die
Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute
gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen
sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht
nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch
bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken
herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden.
Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich
auszudrücken, -- zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz
ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei,
mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen
und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in
solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven
entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach,
da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was
nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist,
es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an
die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne
zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der
Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine,
als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich
von selbst, daß die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So kränkend
daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen
moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht
jedes Ehrgefühl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen
anzuklagen.

Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen,
die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war
äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten
nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen
klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu
dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen
Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von
schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu
ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien
mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit
dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das
einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das
Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk
in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so
gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das
lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein
stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen
unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine
Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber
es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des
Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in
engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu
leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig
zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die
aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen,
denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten
moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften,
weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam
mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung
hätte als der Bauernstand.

Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder
kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die
Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch
jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer
dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute
und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu
bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle
meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel
Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche
Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu
meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es
keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu
sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der
Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen
des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen.
Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen
Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen?
Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften,
weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet,
Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger
seltsam berührte es mich -- daß man daraus, daß ich die
Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und
hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der
europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe
über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur
Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt
war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die
europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer
überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse
für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine
solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl
ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine
falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu
konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute,
daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen
müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür
bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen,
denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets
vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das
Alte -- nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel
-- kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste
Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In
dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.

[Fußnote 2: Auf mein Testament hätte man sich nicht berufen dürfen: in
einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rüstet, vor
das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen
kann.]

Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich
überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am
Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu
halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches
in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes
Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und
daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen
Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie
in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was
geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen.
Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie
sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem
Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem
Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man
empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann
nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls
gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in
der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas
Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr.
Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge,
das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens
und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen
Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann
Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine
Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lüge ist; aber
alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu
nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung,
daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen,
der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich
selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie
einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner
Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen
nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm
allein angehören -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen können
unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer
Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so
entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst
der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten,
die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen
Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem
Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug
sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer
solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu
einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich
zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu
halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt
wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu
zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die
Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um
jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem
Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben
erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem
anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich
durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und
unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen
Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden.
Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut
hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen
Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um
meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine
Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage
zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller
meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage
nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben
habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte,
über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden
Genre zuwandte.

Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig
und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen
Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich
gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre
meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung
zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen
eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an
meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen
offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie
_wir_ dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag.
Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon
erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein
so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so
würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige
Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach
diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist.

Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf
mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren,
als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon
sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle
meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der
Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl
es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden
könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich
einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach,
ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den
Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke
Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und
alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick
darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente,
in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen
Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen
Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir
in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein
komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner
melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar
andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in
meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit,
bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und
komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu
entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, -- ich möchte
nicht sagen, die Menschen _nachzuäffen_ oder zu parodieren, -- sondern
sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener
Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise,
seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte
dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß
ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde.

Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die
von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in
einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer
mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht
eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen,
dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen.
Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus
dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten
Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was
für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich
dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf
gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen
ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst,
während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen
nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese
Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung
aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein
Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich
schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in
Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen
Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte,
als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: »Wie
ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines
Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu
lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur möglich, daß Sie sich
bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben!
Das ist einfach eine Sünde!« Hierauf hielt er mir meine schwächliche
Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh
ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der
zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen
verfaßt hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern
einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen
hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein
eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das
er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser
Stoff waren »Die toten Seelen«. (Die Idee zum »Revisor« stammt
gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich --
um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich
bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage
vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte,
daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne
eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist
es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die
wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im »Revisor« wollte ich alles
Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals
bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen
den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit
und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal
verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde.
Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen
Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz.
Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war,
daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher
war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu
zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem
Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu
schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen
mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der »Toten Seelen« sich gerade darum
so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot,
ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu
durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns
vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben,
ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber
Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich
sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen
Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die
Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und
daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst
eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich
mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich
tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat
das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese
Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich
einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich
versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich
nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand,
meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu
machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn
darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam
gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte,
wirkte traurig und deprimierend.

Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz
bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst
selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen
wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst
den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt,
die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet --
kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er
an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine
irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und
Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene
er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst
stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den
Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und
meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten
eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit
denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch
nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie
ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede
persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich
besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine
Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles
vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn
ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen
persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte
damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen
will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die
alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für
den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen
Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich,
der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so
ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich
darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte,
daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich
alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft,
die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der
Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich
es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den
Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes
gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein
Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf
gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur
solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren
wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten
offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der
russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig
eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und
niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend
verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten
charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine
Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen
Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier
hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte
Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig
dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens
beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines
Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben
und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen
Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von
Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern
eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft,
von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese
Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen
entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls
einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen,
seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den
Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in
sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies
alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber
klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und
welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau
überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz
klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln
und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter
preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man
mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die
Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur
über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das
Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist),
da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse --
um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur
irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die
Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen.
Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich
nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau
darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die
Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich
jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die
menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen
lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem
aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar
werden.

Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn
je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang
gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene
ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im
allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher
und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre.
Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse
Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem
Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers,
und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß
ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah,
daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein
Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die
er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte
mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich
bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis
brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit
mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer
Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des
Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in
sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag
sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine
gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen,
daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und
daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen,
sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit
so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen
zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu
verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern
-- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu
achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich
selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die
ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht
etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen
könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand
Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir
eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung
kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene
nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich
darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten
Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden.
Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem
übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich
durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon
verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen
jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur
Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein
Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so
gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre
Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen
Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in
derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend
eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die
dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als
Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken,
daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich
strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges
dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller
Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch
selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu
sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!«

Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit
meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an
den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so
muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch
Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat
sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen
lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus
Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher
das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild
des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich
daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber
ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat,
wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand
in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von
ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens,
besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu
lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen,
daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil
ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das
Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen
verantwortlich zu machen und anzuklagen.

Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang
waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen
in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen.
Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer
Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren
Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen
meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden,
sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil
man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam
dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder
irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu
produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein,
schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich
dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben.
Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande
war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren
gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten
Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter
in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß,
warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist
denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von
meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt
immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war --
das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in
Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer
Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des
Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche
Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen
feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen,
-- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz
durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen
Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als
bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst
bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen
im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch
bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch
jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch
nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen
sollte.

Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach
Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in
mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich
knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und
von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte
erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle
Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte
Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas
erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung
hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen
genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem
Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden
Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht
einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen,
den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen,
den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die
Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können.
Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir
irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige
Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar
von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles
brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von
Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich
keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus
einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen
Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen
ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene
Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt
diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den
Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen
Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er
sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der
Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir
glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus
Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte
ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten
Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer
bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen,
ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen
Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer
ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere
Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen
oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der
Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen.
Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast
niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und
konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und
Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die
selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich
bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und
kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur
entdeckt hätte.

Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene
Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen
Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich
jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern
gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer
Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und
erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die
Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere
Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen,
die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres
inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner
Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht
habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um
dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht
sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele
sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen,
jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte,
daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden,
wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der
»Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande
bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen
an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere
während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über
solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an
Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und
daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast
jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte
jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln,
besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten.
Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen
solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse
veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit
nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob
eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von
lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit
sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit
nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben
bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten,
ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte,
daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und
ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein
Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente
der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen
wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal
ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die
Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime
Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen
würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu
veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während
der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach
Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der
bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch
abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben
sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl
und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch
eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und
Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer
Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner
Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann.
Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen
Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen
frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse
verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des
Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in
manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein
Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur
deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das
Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig
übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein
Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das
ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt
keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den
Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies
alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte
angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur
möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten,
ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen
Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens
erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein
solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von
Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt,
daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen
Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche
Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver
in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen
vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer
wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.

Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_
Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft
nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die
einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns
unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns
wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir
beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich
gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns
liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit
uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in
eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich
hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die
Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen,
weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und
für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein
moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah
zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will,
nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren
konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk
hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen
und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz
unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung
erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt
und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor
sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge
sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an,
darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und
einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse
und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen
-- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für
mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte
Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und
die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen
damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das
Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen
gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt.
Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen
verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon
während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals,
als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran
dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor,
als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein
großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu
dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und
zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das
nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch
so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in
Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich
so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene
unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal
beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um,
wie er sich ausdrückt,

   Mich unterm Himmel Afrikas
   Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.

Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark,
daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen
waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte,
diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und
der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine,
daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden
Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als
ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines
Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen
würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter
fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich
keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute;
ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner
Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß
ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise
dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl
mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben
Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später
vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause
zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an
fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines
Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir
nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand
meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein
Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.

Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar,
um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches
Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir
bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht
merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von
Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer
Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie
davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen
Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es
ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten
hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu
gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich
verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen
zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und
für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung
besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen
lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht
bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt
bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den
Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit
einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun
pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung
einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf
hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts
gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung,
mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis
drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit
noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und
in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in
seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und
das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte
etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie
noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das
erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein
Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das
brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser
hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu
ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war.

Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte
man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren
nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche
Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten
Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in
Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte
mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein
Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch
verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen,
der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust,
jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen
zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar
die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich
in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines
Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung
zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter
Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den
Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande
vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr
ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich
veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben,
schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland
erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in
Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch
Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man
davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den
Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der
nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man
wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist
höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln
könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein
Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die
Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur
einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom
Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie
ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des
Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die
Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von
einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch
mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß
man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da
man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren.
Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen
habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf
genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit
sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser
erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und
Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich
gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt
und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag,
armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl
haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe
herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß
sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von
seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins
zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm
ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt
hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese
letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich
nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen
Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen
Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die
Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich
umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles,
das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In
dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim
größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit,
Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu
erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören,
wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die
Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle
an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß
schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem
»_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit
mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine
Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen
Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten
einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur
Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt
sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach
als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir
gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in
dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig
zu Worte kommen.

Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich
brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da
wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich
selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen
gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben --
selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die
Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen
eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst
durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die
Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem
Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das
allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und
warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden
hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis
unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen
gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich
solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich
jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele
hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der
Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten
mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum
wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen
gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem,
warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so
schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den
Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte,
Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich
es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt,
wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts
mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine
Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins
Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen,
und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte
ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach
Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu
geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte;
ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne
Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem
Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete
mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und
verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es
einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten
könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten
Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte
die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen
entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage
schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben
unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die
praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte
ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in
Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur
Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt
überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge
zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich
ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu
regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und
ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den
Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich
noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten
Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir
selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein
Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde,
und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder
fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß
meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein
konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir
dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit:
begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner:
ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?

Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit
eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je,
daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist
nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein
Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber
es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die
moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen,
die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme
erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der
Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der
Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum
Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren
harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus
sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr
Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren,
erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den
Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer
Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein
schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der
richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden
sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun
eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem
ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich
dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen,
zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht
wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl
in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein
gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von
Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben
eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der
von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns
zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen
Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.

Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver
Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die
Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht:
um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht,
herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein
außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen,
denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen
_schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer
zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst
verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen
Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er
auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die
Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch
sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker
unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder
ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer
Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich
aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar
unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über
einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag,
was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln
gequält und beunruhigt wird.

Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den
Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als
jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen;
aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich
schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er
sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit
des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem
fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines
Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes
bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum
Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet
hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein
Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn
antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt,
dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie
gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie
mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß
das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht
wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht
schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen
Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man
muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche
lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der
Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich
einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn
man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese
Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie
unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch
daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben
vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit
und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch
tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich
aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit
herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend,
selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es
für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann
kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an
sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder
entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je
ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen
unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und
Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich
eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen
Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes
ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen,
den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und
Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger
seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle
haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische
Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen
Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als
sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu
korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die
Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der
Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren
Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der
sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen:
»_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt
du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.«

Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer
Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten,
in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen
Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen
des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und
Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß
ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß
ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst
veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis
dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie
man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar
zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen
Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder
im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt
mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger
Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr
meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die
Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande
gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives
gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker
sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht
lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit
meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine
Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten
»Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den
mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich
in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten
»Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen
den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer
ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu
machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem
Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck
gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den
grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende,
treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel
Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas
Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die
Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang
gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit
betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich
in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich
mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die
ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht
ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht
sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der
schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der
Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und
Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten
nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und
die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur
solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak
Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu
schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der
russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun,
die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über
den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in
Rußland befinden.

Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die
schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller
meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen
Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an
alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um
an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht,
der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die
Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in
Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch
jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den
des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher
Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den
inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.

Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn
ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz
aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich
eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich
ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für
den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß
der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt
keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die
Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter
und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen
befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir,
als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs
neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt
hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und
unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande
so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja
ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich
dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat
mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner
schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte,
daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber
auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk
vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den
Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne
und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer
hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen
würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und
seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den
Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen
sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich
die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus
Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche
beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine
Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände
und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst
durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich
meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen
Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere
Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am
meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir
vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele
und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen
Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die
Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und
Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem
Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine
solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig
und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich
entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen
wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß,
nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten
Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes
gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit,
dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in
meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der
kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur
mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man,
wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff
von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der
Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas
wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe
zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel
Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles
andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen
und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage
ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der
ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und
mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen
sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland
gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel
sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht.
Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer
selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch
und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die
Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört,
man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine
Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel
Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen
braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr.
Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die
Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß
sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der
der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu
schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben
sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten
aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht
zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort
glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte.
Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.

Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes
Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine
Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man
selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht
erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten
ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt
und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem
bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein
Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man
auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich's
leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als
Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern
als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele --
ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat,
nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst
wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle,
an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben,
verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und
Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und
wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm
stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und
Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm
stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle
unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität
des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der
Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre
angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit
denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art
zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu
jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns
am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu
achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu
denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß
nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf
zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich
durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die
Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit
lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit
anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter
wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer
unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten
hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat,
der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am
schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da
ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher
muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist
sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß,
daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er
für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil,
er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich
aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß,
was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts
haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt
noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer
seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann
nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben
lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns
Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit
einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.

So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen
und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend,
endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner
Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und
daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht
vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem
himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge
behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann
man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland.

Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich
voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir
mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der
mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch
in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die
Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein
ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner
Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu
beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß
durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für
eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins
Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem
Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um
Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich
mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich
nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines
Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn
doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit
beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung
erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil
wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind --
von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar,
daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte
mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch
recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese
Reise zu vollenden. Ich wollte, daß _die_ für mich beten sollten, deren
ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es
anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen
und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht
einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr
jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil
ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle
beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter
uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß
sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet.
Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte
lieber an die Worte »_Bittet, so wird euch gegeben_« denken und dies
Gebot erfüllen sollen.

Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies
alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß
nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten
und innersten Seelenregungen zu äußern -- nicht einmal meinen
aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von
meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich
gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon
überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der »Toten
Seelen« erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die
Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem
der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich
mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über
meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir
selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen
und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß,
vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der
Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen
geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen
konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe,
besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen
Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in
meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich
genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und
eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen
anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn
man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur
Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins
einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart,
der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen
sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von
allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen
niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die
empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an -- ob
man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der
man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich
zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine
furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger
und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne
Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott,
daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen
Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies
Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels
gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht
entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten
genützt.

Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen
zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch
wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die
Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch
geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu
hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen
sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und
mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu
laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das
Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten
Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die
Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen
völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte
Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn
untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen.

Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich
in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und
schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen
in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten.
Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge
hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es
verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen
entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber
war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen
entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine
Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich
bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß
alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und
Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte
einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben
hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich
jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe
darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen
Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen
auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten
sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen
und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon
aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte
nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein
anderer bedurfte, ausrufen würde: »Das kann ich nicht brauchen!« und mir
dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als
ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als
ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß
klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer
aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte
geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir
sagen: »Ich danke dir, Mitbruder!« und nicht: »Ich danke dir, mein
Lehrer!« Wenn nur nicht mein »Testament« gewesen wäre, das ich
unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung
anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen
Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche
apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich
entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner
Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu
blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von
Nutzen sein dürfte.

Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse,
so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt
trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu
deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen
leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das
Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die
höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß _sie_ der Schlüssel
zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der
Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der
Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn
darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke
aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere
Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch
beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn
er frei lesen gelernt hat.

Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein
Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und
keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir
gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen
selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine
Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden,
einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß
ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte
sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt
und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem
auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen,
dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl
gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann
Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen
Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für
völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren,
er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt
habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen -- nein, das
sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen
offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung
trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche
Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben,
man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei
zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen
gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich's erst ein
wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: »Irre ich
mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich
hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es
nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere
scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die
geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren
Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten
secierten.« Nein, das Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« enthält,
so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel
Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt
nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal
gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts
dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß
man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr
vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von
allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches
Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe
fähig ist.

Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese
Mißverständnisse sehr bitter für mich waren -- um so mehr, als ich
geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit
und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen
zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden
vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich
verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen
vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich
aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die
schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines
mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es
ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der
den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.

                                                                 1847.



                          An W. A. Schukowski


                       Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847.

Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu
schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder
daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage
fliehen in steter Beschäftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, daß
man nicht weiß, wie man eine Stunde erübrigen soll. Ich lerne wie ein
Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen
unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzählen! Ich möchte davon
sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nämlich von unserer
lieben _Kunst_, für die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite
und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach
Jerusalem stehe, möchte ich dir mein Herz ausschütten; wem gegenüber
könnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenüber? Die Literatur hat ja
doch fast mein ganzes Leben ausgefüllt, und hier liegen meine
Hauptsünden.

Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich, ein Jüngling, der kaum ins
Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben
Weg auf diesem Felde zurückgelegt hatte. Das war im Schlosse von
Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits
nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten --
bis auf das kleinste Möbelstück und die geringsten Sachen, die darin
standen, vor mir, wie wenn es heute wäre. Du reichtest mir die Hand und
warst ganz erfüllt vom Verlangen, dem künftigen Mitkämpfer zu helfen.
Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns,
zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenführte? Es war die
Kunst! Wir fühlten, daß zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die
stärker war als die gewöhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das?
Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst verspürt hatten.

Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter
bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das
Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt
meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so
wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das
_Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, während alles
andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich
von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen
dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des
Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei.
Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch
geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse,
aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch
die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen.
Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien)
Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein
satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen
würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse
Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden
Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen
hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken
neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und
diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen
Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich
selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz
planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische
Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzählungen!
Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den
frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas
Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach
der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte
anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding
in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste
erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze
Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich
schließlich nachdenklich wurde. »Wenn die Macht des Gelächters so groß
ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.« Ich
entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln,
in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter
preiszugeben -- so entstand der »Revisor«. Das war mein erstes Werk, das
aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft
auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie
die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere
Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige
Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung
durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen
Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der
die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte
entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der
Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen
Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit
dem Gedanken an ein _großes Werk_, in dem alles Gute und Böse, das es im
russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres
russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden
sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen,
aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit
gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und
mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß
mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der
Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß
ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen
lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich
begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den
Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich
etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar
ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schöpferische
Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh
von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es
mir, wenigstens den ersten Teil der »Toten Seelen« herauszugeben,
gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele
entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von
einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine
Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung -- und
es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum
literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich
Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden
Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin,
wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer
Lust verspürt hatte -- nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen
und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die
einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem
Wege trifft man auch ganz unwillkürlich _näher_ mit _Ihm_ zusammen, Der
allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner
Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat;
selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese
Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie
nicht bloß _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wäre. Durch
diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich
dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu
erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des
Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in
mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit
vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir
glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und
daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger
Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir
seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und
erklärend hinzufügen: »Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben,
obwohl sie einander nicht gleichen.« Die Herausgabe meines Buches
»Briefwechsel mit meinen Freunden«, mit der ich mich (aus lauter Freude,
daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe,
ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen
vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir
selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar
geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und
des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich
die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende
Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt
wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch
schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz
anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als
Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht
meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies
schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_
und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich
muß das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht
Betrachtungen _über_ das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente
Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg
ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden
können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß
es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man
Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele
des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die
schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren,
erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann
darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft's,
die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen
Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das
Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und
Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im
Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt
hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man
noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden
hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht
ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte
bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit
hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein
mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein
aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man
stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und
Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut.
Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere
Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen:
»Die Kunst versöhnt mit dem Leben.« Das ist wirklich wahr. Ein echtes
Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir
es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und
wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht
nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine
Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt
sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern;
überhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in
uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs
auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es
nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer
vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine
beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks
verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem
Leben versöhnt.

Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht
Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die
Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das
sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus
demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen
Züge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen führen,
selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie
Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem
Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem
glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und
längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen.

Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres
Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor
allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber
nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe
Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf
diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und
Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen.

So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns
herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst
gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige
Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten
würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den »Toten Seelen«
widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun,
denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so
gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich
will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten
und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit
Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott
uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine
Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch
notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und
übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen
Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde,
weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein
Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief
wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht
aufzubrechen.

Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns.

                                                               Dein G.

Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man
könnte ihn in der zweiten Auflage des »Briefwechsels« an die Spitze des
Buches, d. h. an die Stelle des »Testaments« stellen, das fortgelassen
werden soll, und ihm den Titel geben: »_Die Kunst ist die Macht, die uns
mit dem Leben versöhnt._«

Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt
du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text,
die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe.
Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot
Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht
anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen.

Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Hôtel
de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt
wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend
geschrieben werden.



                             Betrachtungen
                                über die
                            Heilige Liturgie
                               1845-1852.



           Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck
                               genehmigt.

       Moskau, den 9. Februar 1889.

                      Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko.


                                Vorrede

Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch
keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu
zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch
tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen
Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier
nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von
jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen,
die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der
anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor
mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen,
daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des
Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit
Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe
innere Bedeutung von selbst erschließen wird.

[Fußnote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die
geheimnisvolleren und tieferen Erklärungen kennen zu lernen, können
solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus
Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den
Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.]


                               Einleitung

Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen
Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre
Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an
allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die,
die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine
Gotteserkenntnis besaßen --, fühlten sie doch, daß hier auf Erden
Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die
von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng
geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur
ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins
empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem
Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles
Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken
versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten -- daß
Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem
Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die
Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen,
tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf.
Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon
gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes.
Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den
Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren
Klarheit wie bei den Propheten.

Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt
erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die
Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums
vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie
man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte --
nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt,
um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu
belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er
erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und
wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war,
vorgebildet hatten.


                            Das Offertorium
                            (_Proscomidia_)

Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend
auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit
üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor
hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn
dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er
beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands,
das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen
sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch
alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still
für sich die Worte des Psalms sprechen. »Ich aber will in Dein Haus
gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.« Sodann
treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt]
dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als
wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den
heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen
Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen
zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien,
damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen
alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten »Gott!
reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!« erfassen Priester
[und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet
den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein
Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum
Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit
andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein
muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte:
»Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott:
denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der
Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck
gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.«

Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales
Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder
kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die
Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen
und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum
heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der
Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und
das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch
sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des
Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.

Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann
legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk
zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und
Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu
verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles
erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den
rechten Überärmel anzieht, spricht er: »Herr, Deine rechte Hand tut
große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und
mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.«
Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst,
daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn
erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste
himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: »Deine Hand hat
mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.«

In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er
den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben
Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich
die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide
Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder
auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren
Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß
sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen -- das des Priesters und das
des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern
Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung
der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von
den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: »Gelobt sei Gott,
Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von
dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines
Kleides.« Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese
Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet
sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das
weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen
Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft
anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich
reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat
schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg
antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet
seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und
kräftigt, und er spricht: »Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet
und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des
Hirsches und stellt mich auf die Höhe,« d. h. in das Haus des Herrn.
Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein
viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es
symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des
göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem
Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg über den Tod,
den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist
des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht
dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an
der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser
Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: »Gürte dein Schwert
an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen
in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei
Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.« Endlich
legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten
alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese
Handlung mit den Worten: »Deine Priester laß sich kleiden mit
Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.«

Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr
als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein
Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel
weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen
Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide
die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: »Ich wasche meine
Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.« Dann verbeugen sie
sich dreimal, indem sie sprechen: »Gott, reinige mich Armen von meinen
Sünden und erbarme Dich meiner!« und erheben sich gereinigt und
erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere
Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen
gleichend.

Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er
spricht: »Segne uns, o Herr!«, der Priester eröffnet die Feier mit den
Worten: »Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle
Ewigkeit!« und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des
Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer
heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des
Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben
abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich
sodann in ihn verwandeln sollen.

Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung
auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten
Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine
Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden
vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes
bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die
Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten
Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von
Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit
die »Horen«[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die
Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die
erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte,
d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die
sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz
geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab.
Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen
Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen
Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit
verlesen.

[Fußnote 4: Tschassy.]

Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die
sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer
des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um
aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi
verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück,
das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom
ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi
vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen
aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird,
Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn
damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat
selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im
Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen
einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des
Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine
Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer,
die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die
Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde:
dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses
kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch
die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der
fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die
künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des
Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit
vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des
Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: »Wie ein Lamm
wird Er zur Schlachtbank geführt,« dann stößt er die Lanze in den Teil,
der zur Linken liegt, und spricht: »Und wie ein unschuldiges Lamm sich
stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,« dann versenkt er
die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: »Um Seiner Demut
willen ward Er verdammt,« stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er
die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des
Opferlammes nachsinnt: »Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er
stammt?«

Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der
Lanze empor und spricht: »Denn Sein Leib ward von der Erde
hinweggenommen,« und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des
Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während
der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er:
»Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und
zum Heil der Welt.« Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das
Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte
Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch
die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf
hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze
stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er:
»Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und
alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es
bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.«

Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit
gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der
Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und
andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen
Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: »Lasset
uns beten zu dem Herrn!« vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser
in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters
dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während
der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.

Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten
Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch
an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote
und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten
standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein
Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe
Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja
auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite
des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet
er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt
es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm
Davids spricht: »Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes
Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.« Dann nimmt er das dritte Brot,
das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben
Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei
Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers,
ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel
heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen
ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen
Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und
ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter
heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der
Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu
Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der
göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein
neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen
heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird.
Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen
vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er
herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das
heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am
nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im
Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter
Menschen.

[Fußnote 5: Diskos.]

Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an
alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren
des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und
ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen
heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er
auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und
dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der
Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle
Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der
Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die
Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt
hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle --
bis auf den letzten Christen -- für den man sich bei ihm verwendet hat
oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß
fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein
Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene
unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um
das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche
versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische.
Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er
Fleisch ward und ein Mensch wurde.

Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der
Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und
auf daß alles erfüllet werde.

Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als
beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser
Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen
Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem
er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: »Wir
bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von
geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln
thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen
Geistes.«

Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der
Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er
blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe,
darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel
war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel
verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit
einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel
gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst
über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: »Er kam, und der Stern
stand oben über, da das Kindlein war«: er blickt auf das heilige Brot,
das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein,
als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären
die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor
der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige
Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: »Der Herr
ist König und herrlich geschmückt,« d. h. des Psalms, in dem die
wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert
er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen
Kelch mit ihr, indem er spricht: »O Herr Christus, Deine Güte bedeckt
die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll«. Er nimmt die große
Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die
Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns
mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem
Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen
Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein
anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung
an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein
zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.

Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester
aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: »Laßt uns
beten zu dem Herrn« begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen
Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des
Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn
zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll.
»Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm
darbringen.« Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben
zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun
ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei
sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für
das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet
folgendermaßen: »Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die
Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren
Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und
geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es
entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch
derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben,
sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte
uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.« Und
nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert
unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen
Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe
denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen
war, und er spricht bei sich selbst: »Du warst leibhaftig im Grabe, mit
Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und
auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles
vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.«

Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um
die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum
heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese
Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch
im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem
Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden.
Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an
das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der
sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller
in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst,
Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat.
Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen
verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener
Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des
himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll
vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum
heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und
untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den
Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in
dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich
beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen
Hochaltar.

Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich,
sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen,
indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie
anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja
ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet
unterweist. »Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,« sagt der
Apostel Paulus, »aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit
unaussprechlichen Seufzern.« Der Priester und der Diakon flehen den
Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen
und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal
nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi
begrüßten: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen
ein Wohlgefallen.« Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der
Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn
die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände
hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum
Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt
Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im
Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind
anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von
ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: »O
Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.« Der
Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar,
senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem
er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: »Es ist
Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!« und der Priester segnet
ihn mit den Worten: »Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort
und in alle Ewigkeit.« Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen
Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur
Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist
und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles
erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe
nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: »Bete für mich, o
Herr!« »Gott lenke deine Schritte!« antwortet ihm der Priester. »Gedenke
meiner, heiliger Mann!« »Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche
immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon spricht
leise, aber mit kräftiger Stimme: »Amen!« und tritt aus der nördlichen
Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte
gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: »Herr, öffne meinen
Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!« und indem er sich dem
Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: »Segne mich, o Herr!«
Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen:
»Gesegnet sei das Reich ...«, und die Liturgie beginnt.


                     Die Liturgie der Katechumenen

Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie
der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi,
Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war,
Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und
Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so
entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der
Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil
heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der
ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst
Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht
die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten.
Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der
Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster
Linie einen verkündigenden Charakter trägt.

Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des
Altarraumes ruft: »Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes ...« Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt
das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht
und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn
aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen,
sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich
der Heiligen Dreieinigkeit versetzen.

Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte
zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen
zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale
Band -- das Sinnbild des Engelsflügels -- empor und ruft das ganze
versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den
Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die
Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die
versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in
harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei
jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit
dem Chor der Sänger aus: »Herr, erbarme Dich unser!«

Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den
erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet
anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie
auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu
beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen
Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und
die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser,
den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und
den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie
zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine
reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für
die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er
fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem
Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der
Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die
die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie
angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: »Herr, erbarme Dich!«

Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit
fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert
der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir,
die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem
Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst,
einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie
dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren
als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor:
»Dir, o Herr!« Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem
Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles
zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede
Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen
antwortet mit einem bestätigenden »Amen! Ja, so geschehe es!« Der Diakon
steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone.

Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen
entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt
prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden
Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden
einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese.

Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren
des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender
Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern
seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist,
besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an
die versammelten Andächtigen: »Laßt uns abermals und abermals zu Gott
beten!« Die versammelten Andächtigen rufen: »Herr, erbarme Dich unser!«
Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die
Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich
selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu
weihen. Die Gemeinde ruft aus: »Dir, o Gott!« Der Diakon beschließt
diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze
Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten
Antiphons.

Während des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich
selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das
Heiligenbild des Erlösers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der
Hand emporhält; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die
Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie
vorhin mit den Worten auf: »Laßt uns in Frieden zu dem Herrn beten!« Die
Gemeinde erwidert: »Herr Gott, [erbarme Dich.« Der Diakon ruft aus]: »O
Gott, hilf uns, sei uns gnädig, errette uns, behüte uns durch Deine
Gnade!« Die Gemeinde erwidert: »Herr Gott, erbarme Dich unser!« Der
Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: »Laßt uns
unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der
Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser
ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen!« Die Gemeinde antwortet:
»Dir, o Herr!« Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen
Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet bestätigend: »Amen,« und der
Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des
Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: »Du, Der Du uns dies
gemeinsame einträchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhießest, wenn
zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewähren, worum sie
bitten! erfülle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten;
schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke
uns im künftigen das ewige Leben.«

Jetzt werden vom Chor so laut, daß alle es hören können, die
Seligpreisungen verkündet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der
Wahrheit und im künftigen ein ewiges Leben verheißen. Die andächtige
Gemeinde spricht die Worte des weiseren Übeltäters, der Christus am
Kreuze anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,«
und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: »_Selig sind,
die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_« -- d. h.
die, die sich nicht überheben und sich nicht mit ihrem Verstande
brüsten.

»_Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden_« --
d. h. die, die da noch mehr über ihre eigenen Unvollkommenheiten und
Verfehlungen, als über die Beleidigungen und Kränkungen trauern, die
ihnen zugefügt werden.

»_Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_«
-- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen
vergeben und von Liebe erfüllet sind, deren Waffe die alles besiegende
Güte ist.

»_Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn
sie sollen satt werden_« -- d. h. die, die nach der himmlischen
Gerechtigkeit dürsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich
selbst herzustellen.

»_Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_«
-- d. h. die, die jeden ihrer Brüder bemitleiden und in jedem, der ihnen
bittend naht, Christus selbst erkennen, der für ihn bittet.

»_Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_« --
wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewässers, das weder durch
Sand noch Schlamm getrübt wird, das reine Himmelsgewölbe spiegelt, so
gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen
Leidenschaften aufgewühlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und
nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm.

»_Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen_«
-- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um
unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und
Versöhnung in unser Heim tragen, wahrhafte Söhne Gottes.

»_Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das
Himmelreich ist ihrer_« -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die
Gerechtigkeit nicht bloß mit dem Munde, sondern durch die
Wohlgefälligkeit ihres ganzen Lebens verkündigen.

»_Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und
verfolgen, und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid
fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_«; --
ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und für
sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmäht, obwohl sie rein
sind, und drittens freuen sie sich, daß sie um Christi willen leiden,
obwohl sie unschuldig sind.

Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen
bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer
in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die
wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen
Reiche teilhaben.

Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum
himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der
schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die
höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit
schöpfen und die uns das _ewige Leben_ verheißt. Der Priester und der
Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem
Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch
eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der
ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des
Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde.

Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das
die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der
Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu
verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam
unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen
gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste
zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche
stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, »Er,
Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden
eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge
diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten,
mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten«. Der Diakon weist mit
der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: »Segne, o
Herr den heiligen Eingang!« -- »Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen
immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« erwidert der Priester.
Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es
in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt
es hoch mit den Händen empor und ruft: »Höchste Weisheit!« wodurch er
ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste
Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit
seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: »Verzeih!« d. h.: »Erwachet,
rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!« Die Gemeinde
der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem
Chor: »Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten!
Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen!« Das
hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: »Der Herr _kommt
gegangen_, lobet den Herrn!« da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem
Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d.
h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so
begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes
ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in
Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt.

Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt,
wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu
Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des
Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er
denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und
weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat,
wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen.

Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der
Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des
Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den
Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des
Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes,
der dreimal wiederholt wird: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Mit dem Ruf: heiliger Gott
verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker
-- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf:
heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen
lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die
Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß
in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten
ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre
und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. »Der Himmel ist
durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist
Seines Mundes,« sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich
dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit
enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der
das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist,
vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da
er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur
durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft
gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das
Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und
das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich -- Indem dies jedem bewußt
wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich
selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich
reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei
wiederholt er dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker,
heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!« Der Priester betet im
Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig
aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt
dreimal bei sich selbst: »Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
Unsterblicher!« Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das
Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar
nieder.

Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten
Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der
Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten
Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten
erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters
und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses
Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt
dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls
aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen -- eine
Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat,
als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu
dem »Alten der Tage« kam.

Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und
spricht: »Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.« Der Diakon
fleht ihn an: »Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!« und der Priester
segnet ihn, indem er spricht: »Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms
in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar,
jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Dann nimmt er auf dem
erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus
sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem
Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten
und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel
vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch
an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist.

Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des
Tempels. Mit dem Ruf: »Laßt uns aufmerken!« fordert der Diakon alle
Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des
Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und
die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit
dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst
sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst
kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen
sie nicht: »Friede sei mit dir!« sondern »mit deinem Geiste«! Der Diakon
ruft aus: »Höchste Weisheit!« Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort
einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung;
aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem
Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht,
lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe
und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser
seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des
Altarraumes zu: »Friede sei mit dir!« Der Chor antwortet: »Und mit
deinem Geiste!« Der Diakon ruft aus: »Höchste Weisheit!« Der Chor singt
ein donnerndes »Halleluja!«, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der
kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen.

Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den
Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der
da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige
Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden
Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im
Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der
göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen
Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums
verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich
selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen
möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich
den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: »Gott
verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und
Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du
die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das
Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!«
Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte
vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi
symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des
Altarraumes zu: »Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen
Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!« Der Chor antwortet:
»Und mit deinem Geiste!«, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt.

Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi
selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich,
die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den
Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; --
nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht,
auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den
Vögeln -- den bösen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; --
auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich
vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die
das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen
lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem
Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht,
der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen
eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen
-- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen
und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen
trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, --
so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen
Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt --
etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig
--, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu
Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der
Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und,
wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder
Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein,
den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein
Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein
geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen
hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und
Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich
einer auf einem Felsen erbauten Feste.

Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem
Inneren des Tempels zu: »Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft
verkündigst!« Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl
ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: »Ehre sei Dir, unserem Gott,
Ehre sei Dir!« Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das
Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den
Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm
zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde
darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die
Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird
verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als
die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie
eintreten können, denn es heißt: »Ich bin die Tür.«

Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt
stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen
Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere
Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung
der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang
und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu
stören, ans Ende gestellt.

Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet
anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch
inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: »Lasset uns beten aus ganzem
Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,« indem er die
Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus
tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie
aus: »Herr, erbarme Dich!« Der Diakon aber unterstützt und verstärkt
seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er
fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen
Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in
erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der
Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der
Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er
weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt,
daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet
Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit
zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in
ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie
nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: »Herr,
erbarme Dich!« Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia
oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im
Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen
verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen
Bitte.

Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so
wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der
Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern
seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden
der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott
ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen
vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in
Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden
aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden
Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: »Herr, erbarme Dich!« indem er
inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet.
»Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre
uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!«
ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor:
»Gewähre es uns, o Herr!« Der Priester aber betet im Inneren des
Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige
Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in
Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer
und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem
Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut:
»Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der
Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm
samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen,
lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.« Der Chor ruft
bestätigend: »Amen,« worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen
beginnt.

Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den
Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder
Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den
Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der
ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß
bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit
Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie
aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch
ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu
seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre
verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi
getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist,
ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts
ist, Der da spricht: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde,
kann er das Reich Gottes nicht sehen!« -- Indem also jeder Anwesende
dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und
so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: »Lasset uns zu Gott
beten, Katechumenen!« aus der Tiefe seines Herzens: »Gott, erbarme Dich
unser!«

Hierauf ruft der Diakon: »Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen
beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem
Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren,
sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er
möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten
in Seiner Gnade.«

Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig
sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen
bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in
ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen:
»Herr, erbarme Dich unser!« Der Diakon ruft: »Katechumenen, beugt euer
Haupt vor Gott!«, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich
ausrufen: »Vor Dir, o Herr!«

Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich
in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet
hat folgenden Wortlaut: »Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und
herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem
menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres
Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die
ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine
auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen
loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo,
hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Chor fällt mit einem donnernden
»Amen!« ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo
ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der
Diakon mit lauter Stimme: »Tretet heraus, Katechumenen!« Hierauf erhebt
er abermals die Stimme und ruft noch einmal: »Tretet heraus,
Katechumenen!« Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: »Tretet
heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr
Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!«

Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit.
Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die
Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer
Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder
Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf
vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner
Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den
Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm
erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: »Ein heiliges Volk, Menschen
der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird«; Er
möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die
während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der
Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie
teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie
um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr
steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der
Gläubigen.


                       Die Liturgie der Gläubigen

Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen
Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der
Körper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm während des
Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch
gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar
herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den
Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern,
als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals,
da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte,
dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist
noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch
nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort
gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt
schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im
Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt
er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob
er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in
der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem
Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil
ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die
eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer
geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der
Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn
anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er
würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht
indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend,
der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei
Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit
denen die Liturgie der Katechumenen begann.

Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen,
friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch
notwendiger ist, und rufen: »Herr, erbarme Dich!«; sie beten noch
inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung
unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen
Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und
für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott,
Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch
inbrünstiger in ihrem Herzen: »Herr, erbarme Dich!«

Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: »Höchste Weisheit!«,
womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn,
Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir
Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot
verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden
bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den
nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre
Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise
bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene
Gebet: »Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt
wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu
dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst
für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen
Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester
wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses
unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o
Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und
sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der
Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den
Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh
herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine
Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet
mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines
Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen
Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin,
beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir
ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es
geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich
Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der
Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen
Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten,
gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle
Ewigkeit.«

Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht
den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien.
Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem
höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt
Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er
erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr
Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem
Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein
Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine
Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf
beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden
Cherubimgesang an: »Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen
und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen,
lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben,
Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und
beschattet von Lanzen.«

Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem
Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen
Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen.
Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner
irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub
sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der
himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser
selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige
Brot hinausgetragen wurde.

Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll
daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen
haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang
leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem
sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben
hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: »Nimm hin, o Herr!«
Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke
Schulter und spricht: »Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet
den Herrn!« Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem
Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter
einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das
nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein
der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen
stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch,
ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige
Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib
gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der
Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der
Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt,
welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren
Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang
genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt
unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten.

Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des
Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter
wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien,
und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr
Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze
aus anflehte: »Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.«
Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen
großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen,
und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er
mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten
auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die
Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten:
»Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in
Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!« Die
Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen
»Halleluja!«, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug
betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem
Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester
mit den Worten: »Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem
Reiche!« Der Priester erwidert: »Gott der Herr gedenke deines heiligen
Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle
Ewigkeit!« Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib
Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die
Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn,
der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die
vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene
vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze
herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es
das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: »Der ehrbare Joseph
nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein
reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen
niemand je gelegen war.« Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt,
Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: »Im Grabe
warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im
Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit
dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir
erfüllst, Unbeschreiblicher!« Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit
der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: »Als Lebenspender, als
wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder
Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller
Auferstehung!« Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch
hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr
die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch
und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde,
räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch
abermals, indem er spricht: »Der ehrbare Joseph nahm Deinen
allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch
mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt
war.« Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen,
räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor
ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden
Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten
David: »Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu
Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die
Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar
opfern,« denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen
nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches
schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen
und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie
wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken
und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind
eines seelischen Aufruhrs.

Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu
reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das
Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: »Gedenke meiner,
mein Bruder und Amtsgenosse!« »Gott gedenke deiner Priesterschaft in
Seinem Reiche!« erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt
an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: »Bete
für mich, heiliger Herr!« Der Priester antwortet: »Der Heilige Geist
komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!« --
»Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen
Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: »Gedenke
meiner, o heiliger Herr!« Der Priester erwidert: »Gott gedenke deiner in
Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!« Der Diakon sagt:
»Amen!« küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche
Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und
auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern.

Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte
zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der
zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze
Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr
haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in
ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er
alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo
leben, an Gott richten.

»Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen,
friedlichen und sündenlosen mache!« fleht der Diakon.

Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger
und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: »Gewähre ihn uns, o Herr!«

»Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen
Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!«

Die Gemeinde: »Gewähre ihn uns, o Herr!«

»Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und
Verfehlungen!«

Die Gemeinde: »Gewähre sie uns, o Herr!«

»Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele nützlich
ist, und um Frieden auf Erden!«

Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!«

»Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumütiges
Ende!«

Die Gemeinde: »Gewähre es uns, o Herr!«

»Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
friedliches Ende unseres Lebens und darum, daß wir einst gute
Rechenschaft ablegen am Jüngsten Gerichte Christi!«

Die Gemeinde: »Gewähre uns das, o Herr!«

»Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen
Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen
uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.«

Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus,
ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: »Dir, o Herr!«

Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: »Durch die große Gnade
Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem
allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in
alle Ewigkeit!«

Der Chor singt ein donnerndes »Amen!«

Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester
nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige
Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der
Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: »Friede sei mit euch
allen!« Die Gemeinde antwortet: »Und mit deinem Geiste!« Der Diakon
steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte
war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: »Laßt uns einander
lieben und einmütig bekennen ...« Hier fällt der Sängerchor ein, indem
er die Schlußworte: »Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die
alleinige unteilbare Dreieinigkeit!« mitsingt, wodurch wir daran
erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch
Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene
Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den
Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den
Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der
Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott
der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des
Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: »Ich will Dich lieben,
o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!« Er küßt die mit dem Tuch
verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des
heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst
teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander
und der Hauptpriester spricht: »Christus ist mitten unter uns!« Man
antwortet ihm: »Er ist und wird sein!« Auch alle Diakone, die zugegen
sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet
ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen.

Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die
Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: »Christus
ist mitten unter uns!« und gleich darauf die Antwort erhielten: »Er ist
und wird sein!« daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der
Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat,
nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden,
nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm
fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die
er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen
in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: »Christus ist mitten
unter uns!« und in ihrem Namen antwortet: »Er ist und wird sein!« denn
ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach
Christi eigenem Wort: »So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe
zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und
opfere deine Gabe«; und an einer anderen Stelle heißt es: »Und wer da
sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er
seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er
nicht sieht?«

Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden
zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach
altem Brauch: »Die Tore, die Tore!« Ehedem wurde dieser Ruf an die
Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den
Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und
blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die
Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die
Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang
gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge,
und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die
Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird
der Vorhang vor der Königspforte, oder die »hohe Pforte«, hinweggezogen,
die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die
höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die
Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: »Laßt uns der höchsten
Weisheit lauschen!« Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften
Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und
ausdrucksvoll: »Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer
des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.« Dann
machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste
Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich
vorstellen, und fahren dann fort: »Und an Jesum Christum, Gottes
eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht
vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht
erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge
geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel
Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und
Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift
wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur
Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu
richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein
wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus
vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und
verehret wird und durch die Propheten geredet hat.« Dann machen sie
wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person
der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich
vorstellen, und fahren fort: »Und an eine heilige katholische und
apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden
und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!«

Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort
des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt
hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll
starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar,
der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst
das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen,
wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der
über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen.

Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: »Laßt
uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das
heilige Opfer in Frieden darbringen,« d. h. laßt uns würdig vor Gott
hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und
Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott
loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies
vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche
wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus
ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe
darbringt mit dem Sängerchor: »Die Gnade des Friedens, das Opfer des
Dankes.« In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit
etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der
Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im
Griechischen dasselbe.

Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen
Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: »Die
Gnade unseres Herrn ...« Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt
den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll
über den heiligen Gaben.

Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu
zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen
Ruf an das Volk: »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes
des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch
allen!« worauf ihm alle Anwesenden antworten: »Und mit deinem Geiste!«
Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das
Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der
das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht
mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen
zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise
darreichte, und ruft: »Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!« Und
jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das,
was nun geschehen wird -- und er denkt daran, daß in diesem Augenblick
das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des
Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle
himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu
beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von
der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte
erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: »Wir wollen uns zu Gott
erheben!«

Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er
Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: »Laßt uns unserem Gotte danken!«
Der Chor erwidert: »Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den
Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens
und unfehlbar ist.« Der Priester aber betet im stillen bei sich:
»Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu
danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist
Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und
Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn
und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein
erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht
verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges
Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen
Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die
Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen
und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für
diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand
entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von
Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen,
vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen,
rufen, jauchzen und sprechen: »Heilig, heilig, heilig ist der Gott
Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!«

Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen
Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es
trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich
fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: »Heilig,
heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!« und mit ihnen den Thron des
göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem
Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen
und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem
Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der
hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem
begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: »Hosianna in der Höhe. Gelobt
sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« Denn der
Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische
Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben
hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert
mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber
betet im stillen weiter: »Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du
die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und
hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist.
Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also
hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß
alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben
haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der
Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für
das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände,
dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen
Jüngern und Aposteln und sprach ...« Und mit lauter Stimme verkündete
der Priester die Worte des Heilandes: »Nehmet hin und esset, das ist
mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.« Bei
diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen »Amen!«
Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum
Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot
ruht. Der Priester aber fährt leise fort: »Desselbigengleichen nahm Er
auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...« und er verkündet laut,
nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: »Trinket alle daraus,
dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch
und für viele zur Vergebung der Sünden.« Und die ganze Kirche antwortet
ebenso laut wie das erstemal: »Amen!«

Der Priester fährt fort, leise zu beten: »Und indem wir also gedenken
dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des
Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt,
des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft«
-- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die
Stimme und spricht: »-- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen
für alle und für alles!« Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und
hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem
Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige
Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch
dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die
ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare
Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick
stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das
dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor
den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und
gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer
hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch
immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht
das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht
wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der
Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige
geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß
gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer
darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und
nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es
im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und
dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und
irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem
Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht.
»Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.«

Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da
wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der
Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im
Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: »Also sei
Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!«
Der Chor singt: »Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o
Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!«

Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die
Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige
Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben
herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung
Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine
Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein
nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können.

Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der
Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst
spricht: »Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten
Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du
Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.«
Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den
Vers: »Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren
einen gerechten Geist.«

Noch einmal wird der Anruf wiederholt: »Herr Gott, Der Du in der dritten
Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest,
nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren
werden, die wir zu Dir beten.« Und die Gemeinde singt den Vers: »Verwirf
mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von
mir!« Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: »Herr Gott, Der Du in der
dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel
herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns
wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.« Der Diakon weist gesenkten
Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich
selbst: »Segne, o Herr, das heilige Brot!« Und der Priester segnet es
dreimal mit dem Kreuze und spricht: »Und mache dieses Brot zu dem
heiligen Leibe Deines Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« Und damit ist
das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon
mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst:
»Segne, o Herr, den heiligen Kelch!« Und der Priester segnet ihn und
spricht: »Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines
Christus.« Der Diakon sagt: »Amen!« und spricht, indem er auf die beiden
heiligen Gaben hinweist: »Segne sie beide, o Herr!« Der Priester segnet
sie und spricht: »Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!« Der Diakon
sagt dreimal: »Amen!« Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das
Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein
_Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das
Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge -- ob
er Peter oder Iwan heißt --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester
selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die
Person Seiner Priester, wie auf das Wort: »Es werde Licht!« das Licht
ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: »Es lasse die Erde aufgehen Gras
und Kraut!« die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein
Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem
Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib,
der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben
ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten
des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des
Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst
gesagt hat: »Ich bin das Brot.«

Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen
Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch -- wo er sich in diesem
Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder
seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen
Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den
Mauern eines Gefängnisses schmachtet -- kurz, damit er überall, wo er
sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten
könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den
Herrn mit den Worten des Übeltäters an: »Herr, gedenke an mich, wenn Du
in Dein Reich kommst.«

Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: »Gedenke an
mich, o heiliger Herr!« und der Priester antwortet: »Gott gedenke deiner
in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Und nun
gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze
Kirche, die triumphierende wie die kämpfende, mit in sein Gebet
einschließt und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller
während des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen,
reinen, göttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als
der Fürsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die für
ihre hohe Demut und Bescheidenheit würdig erachtet wurde, Gott in ihrem
Schoße zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen
Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, daß die
Demut die höchste Tugend und daß in dem Herzen des Demütigen Gott
lebendig sei.

Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der
Kirchenväter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der während
des Offertoriums die Brotstücke für sie herausgeschnitten wurden; sodann
wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest,
sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die
wichtigsten und höchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen,
die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und
weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [»Gott helfe ihm und unterstütze
ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl
betrifft; möge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff
einträchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militärkammer, auf
daß sie getreulich ihre Pflicht erfüllen, und auch uns lasset im
Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben führen in aller
Frömmigkeit und Reinheit!« Bei dieser Gelegenheit betet der Priester
auch für alle anwesenden Christen bis auf den letzten, daß der allgütige
Gott Seine Gnade über sie alle ergießen, ihre Schatzkammern mit Gütern
füllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder
groß werden lassen, die Jugend belehren, das Alter stützen und
kräftigen, die Kleinmütigen trösten, die Zerstreuten sammeln, die
Verführten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische
Kirche aufnehmen möge. Für alle Christen bis auf den allerletzten, wo
sich ein solcher Christ auch immer aufhalten möge, betet bei dieser
Gelegenheit der demütige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der
Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit
daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen
Schächten schmachtet. Für alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei
dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht
allein an diesem gemeinsamen Gebete für alle Menschen, sondern er betet
auch für alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie
insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt.
Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: »Und laß uns preisen und
lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und
herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!« Die ganze Kirche
antwortet mit einem bestätigenden »Amen!« Der Priester ruft: »Die Gnade
des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch
allen!«, und die Gemeinde erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Hiermit
haben die Gebete für alle, die der Kirche Christi angehören, ihr Ende
erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott
emporgerichtet werden.

Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst
aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt
sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für
uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und
ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: »Laßt uns aller Heiligen
gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!« Der Chor
singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns beten für die dargebrachten und
geweihten heiligen Gaben!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Laßt
uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge
auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend
von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine
göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!« Der Chor singt:
»Herr, erbarme Dich!« »Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge
vor Kummer, Zorn und Not!« Der Chor singt: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf,
rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« Der Chor
singt: »Herr, erbarme Dich!« »Wir bitten Gott um einen vollkommen
ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!« Der
Chor singt: »Gewähre ihn uns, o Gott!« »Wir bitten Gott um einen
Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen
und Leiber!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott
um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!« Der Chor
singt: »Gewähre sie uns, o Gott!« »Wir bitten den Herrn um alles Gute,
was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!« Der Chor
singt: »Gewähre es uns, o Herr!« »Wir bitten Gott um ein Leben in
Frieden und um ein reumütiges Ende!« Der Chor singt: »Gewähre es uns, o
Herr!« »Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren
Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!« Der Chor singt:
»Gewähre es uns, o Herr!« Und nun ruft der Diakon nicht mehr die
Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: »Wir bitten
Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem
Gotte!« Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: »Dir, o
Herr!«

Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an:
»Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater,
zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.« Und alle
Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie
reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen
Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen
engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem
der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das
Gebet des Herrn: »Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde
Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch
auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere
Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in
Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.«

Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir
brauchen. Die Bitte: »Geheiligt werde Dein Name!« enthält das Erste,
worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt
wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander
verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den
Worten: »Dein Reich komme!« flehen wir das Reich der Wahrheit und
Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie
eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den
Worten: »Dein Wille geschehe!« wird der Mensch durch den Glauben wie
durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein,
als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen
Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der
durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und
Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: »Unser täglich Brot gib uns heute!«
bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt
bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und
Christus selbst. Er selbst hat gesagt: »Ich bin das Brot und wer von Mir
isset, wird nicht sterben.« Mit den Worten: »Vergib uns unsere Schuld!«
bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns
genommen werden mögen -- wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge,
dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben,
indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden
Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns
mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den
Worten: »Und führe uns nicht in Versuchung!« bitten wir Gott, uns vor
allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns
unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: »Sondern erlöse uns von dem
Übel!« bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von
uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer
Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel.

So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die
höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten
wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller
Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen
müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines
kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören
einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen,
sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen
scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den
Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas
erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in
diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit
Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: »Vater unser!«

Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit
dem Gruße des Heilands: »Friede sei mit euch allen!« Die Gemeinde
erwidert: »Und mit deinem Geiste!« Jetzt fordert der Diakon alle zu
einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst
ablegen muß, indem er ruft: »Beugt eure Häupter vor dem Herrn!« Und
indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen
sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: »Ich beuge mein Haupt vor Dir,
mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu
Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten,
aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich
es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie
den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein
himmlisches Reich einzugehen.« Und während so alle gebeugten Hauptes in
innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für
alle mit folgenden Worten bei sich selbst: »Wir danken Dir, unsichtbarer
König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch
Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast;
blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir
beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern
vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem
Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und
den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele
und des Leibes!« Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf
die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet:
»Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe
Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem
Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in
alle Ewigkeit!« Der Chor ruft: »Amen!« Nunmehr rüstet sich der Priester,
selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in
sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht:
»Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen
Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns,
Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst,
und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen
reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen
darzureichen.«

Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum
heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der
Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre
Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor
dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich
dreimal und spricht bei sich selbst: »O Gott, reinige mich Sünder und
erbarme Dich meiner!« Wenn dann der Priester seine Hand nach der
heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend
sind, durch das anfeuernde Wort: »Laßt uns aufmerken!« auf, alle ihre
Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht
sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst
der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der
die Patene in die Höhe hebt und ruft: »Das Heilige den Heiligen!« dringt
aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da
besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich
aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: »Einer ist
heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!«
worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist,
gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein
kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird,
ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch
seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst.
Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen
Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst,
gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und
sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder
gewöhnliches dunkles Eisen wird.

Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem
Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier
Teile, indem er spricht: »Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das
zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt
wird, und das da heiligt, die davon essen.« Er legt eins von den Stücken
des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den
Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl
der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib
Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward,
und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt,
wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele
zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert
Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild
derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt,
dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich
unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke,
die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen
und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden
nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der
Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen,
werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den
ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht,
wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher
nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch.
Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten
und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden
waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen
wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten
verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen
umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar
verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem
Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der
Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die
abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da
ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der
morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut
dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter
Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben,
sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form
jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des
Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden,
was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein
jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel
jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange
vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des
Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes
Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß
eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters
sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das
Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes
symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu
heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: »Die Wärme des
Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!« Beim Einschütten des warmen
Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts
ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich
zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar
macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib,
dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen,
lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt;
denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib
des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der
Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von
ihm getrennt hat.

Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann
dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch
das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch
da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger
und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen.

Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine
Stimme: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!« Nun erscheint der
verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Königspforte stehende Priester
mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde.

Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme
der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die
Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten
Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben
zu dem Gekreuzigten bekennen: »Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du
in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die
Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst
bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein
gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und
vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren
ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig
gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde
Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen
Leben.« Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung
dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt
sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:

»Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn
Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch
Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen
gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: »Herr, gedenke an mich, wenn Du
in Dein Reich kommst.« Und indem der Betende in seinem Inneren einen
Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: »Gib, o Herr, daß ich mir
aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse
und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers
gereiche.«

Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich
dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem
feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde
die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im
Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen
Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes
Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in
einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den
heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen
nennt und spricht: »Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige
Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung
der Sünden und zum ewigen Leben,« nimmt er den Leib und das Blut des
Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem
Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser
Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der
Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit
ist.

Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen
Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht
erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und
diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an
den Propheten Jesaias richtete: »Siehe, hiermit sind deine Lippen
gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde
versöhnet sei.« Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem
heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie
grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt
soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer
heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann
geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken,
daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm
weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist,
wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens
einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst
vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche
leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend
stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an:

»Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den
heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz
an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung,
denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen
Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die
heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt
große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine
Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er
starb, hat Er den Tod überwunden.« Und hierauf singt der Chor gleich den
Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:

»Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir
aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau
und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist
auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du
Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise
teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!«

Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den
Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum,
den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene
wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den
Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade
teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt
mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der
heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren
Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.

Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene
Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das
Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt
zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der
Diakon die Worte spricht: »Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,«
sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus
zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines
Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher
Jubelgesang zur Antwort: »Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn;
unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.« Und die ganze
Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden
geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und
erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den
Worten: »Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,« denn
er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes
eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken
empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines
Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen
Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht:
»Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines
Ruhmes voll,« inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende
Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt
sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem
höchsten Ausdruck geistiger Freude: »Wir haben das wahre Licht geschaut,
wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem
wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare
Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.«

Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen
Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und
entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns
verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der
Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der
Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei
uns weilet, indem er spricht: »Immerdar, jetzo, hinfort und in alle
Ewigkeit,« worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den
Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der
jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war,
sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die
Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog.

Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu
einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des
Lobgesangs: »Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß
wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen,
göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen;
behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung
schöpfen aus Deiner Weisheit!« Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein
begeistertes: »Halleluja!«, das allen das ewige Wandeln und die
Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel,
um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt
die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: »Vergib!
lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine,
unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament
Christi, würdig danken dem Herrn.« Und alle Anwesenden singen leise und
mit dankbarem Herzen: »Herr, erbarme Dich!« »Hilf, rette, erbarme Dich
und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!« ruft der Diakon zum
letztenmal. Und alle singen den Gesang: »Herr, erbarme Dich! Wir beten,
daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und
weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!«
Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen
Vertrauen auf Gott rufen alle aus: »Dir, o Herr!« Der Priester hat
währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem
Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die
Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm
den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch
hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet
der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: »Da Du bist unsere
Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und
dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.«

Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die
Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die
während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der
Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden
herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht,
und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und
Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und
kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter
Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die
Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote
herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die,
die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und
Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der
Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem
Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich
aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn
um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht,
sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die,
die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein
mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die
heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt:
»Die ganze Welt muß gereiniget werden.«

Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe
Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind
nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des
Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die
durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches
engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse
durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in
Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit
unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns
verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger
wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der
Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus
hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es
entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren,
daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in
der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch
erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat,
denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein
Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne
des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls
ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle
überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die
hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten
darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an
Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus
Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit
teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende
nimmt.

Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche
getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und
aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den
alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen
herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird,
weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte
Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt
durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles
im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer
Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und
währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine,
unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl
die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen
Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen
Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich
nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich
abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des
heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte
Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses
statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der
Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß
er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen
Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch,
wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es
mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und
solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche
sein konnten.

Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die
Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den
Worten: »Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die
Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes
Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie
des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er
den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und
errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.« Die Gemeinde
bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der
Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers
emporrichtet.

Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab,
indem er spricht: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« und er begleitet diese
Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der
Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der
heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen
vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt
unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas
Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt
sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem
Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen
Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht
ebenso wie der Priester: »Nun entläßt Du Deinen Knecht!« worauf er
dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche
mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender
Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den
Lippen.


                                 Schluß

Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist
gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt
und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder
Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons
gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen
Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch
Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel
verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen
hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er
wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner
Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt
ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen
seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel
mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und
gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über
sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der
Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um
Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet
mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein
Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller
Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor
Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter.
Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen
die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und
freundlicher und milder in allem, was sie tun.

Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will,
die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr
aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet
seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht
vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen
unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte
tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das
heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich
daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so
oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und
wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem
Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll
er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie
die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und
unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden.

Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein,
wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben
aufzunehmen.

Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schöpfen und
indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum
letzten Bettler gleichermaßen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher
Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der
Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder
alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben
von allem.

Wenn aber die heilige Liturgie schon, während sie zelebriert wird, so
stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten
oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andächtig und mit
Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes
Wesen, gleich einem Gefäß, das später zu nichts mehr ...; und mag er nun
den ganzen Tag erregt in der Erfüllung seiner zahlreichen
seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen
oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm
verkörpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und
der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die
Streitenden zu versöhnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen
sucht, Gnade gegenüber dem Schwachen zu üben; ob er den Trauernden
tröstet und den Bedrückten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte
werden von der heilenden Kraft des Balsams erfüllt sein und überall und
allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden.



                            Jugendschriften


                                  1834

Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in
ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein
Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen
Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon
schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu
meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier
hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben
meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich
nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses
ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner
Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll,
groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du
ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein!
Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du
mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur
einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich
aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen!
Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein
Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine
Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab
meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern.

Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch
große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter
Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit --
dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden,
Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser
gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit
fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller,
wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte
einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen -- man möchte sagen
harmonischen -- Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr,
der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? -- Wird es dort
sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du,
der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen
harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch
unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche
wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher,
blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir.
Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf
der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher
Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir
kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von
Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde
thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse
und segne mich!


            Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken

Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der
Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen
kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische
Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken
zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die
bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht
angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als
Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich
entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich
darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig
wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden
Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung
heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und
durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte
lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig
seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an
Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich
in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land
allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland
völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit
großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses
Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie
fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich
vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht
bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen
befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche
Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von
Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die
ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es
ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir
diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese
Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens
Kopien.



             Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung
                         Der schreckliche Eber


                                   I.
                               Der Lehrer

Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte
mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging,
die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche
Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der
Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen,
in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem
als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in
ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst
phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen
ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal
scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen
aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den
herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin
eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das
Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß
ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken
werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die
Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm.
Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr
womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde.
Nur der _Miroschnik_, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die
Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu
befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine
neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, daß der
Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und
das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine
wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die
donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt
hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die
vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und
wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den
angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre
liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen
Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und
die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der
Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen
sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der
Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf.

Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien
und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow.
Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten,
ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den
Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter
Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein
Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals
seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame
Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden
Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es
versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf
den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der
Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten.

Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas
eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck
vor der abgründigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche
Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa
hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. --
Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und
er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter
gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich
beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart
lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und
immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm
überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in
seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock
Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm
Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde,
der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und
ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar
Lebewohl zu sagen und sich in die »_Vakanz_« schicken zu lassen, d. h.
nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu
werden.

Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in
seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner
mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit
und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm
empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock
dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist
von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den
Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst
zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff
gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen
ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen
selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und
begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit
schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter
beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug --
wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so
wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen
Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt,
also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder.
Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von
den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt
wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der
Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten,
und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d.
h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie
würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit
vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung
besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er
schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm
aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein
gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand,
dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab,
spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über
den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus
der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere
Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt
bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen
wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen
wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu
unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B.
die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die
Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe
herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste
Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna
Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte
er Garn auf und spann er sogar.

Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause
bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn
vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach
seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund,
dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine
Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte,
indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen
eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt
ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber
vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie
dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war
sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der
Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_
Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von
Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am
meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden;
übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte
Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen
Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel
Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die
Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd,
entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu
küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte,
vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen
beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum
Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_,
_Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst
ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen.

Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch
schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in
seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn
umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine
Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der
Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht,
das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen
Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem
Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer
dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der
Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren
gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder,
erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte
schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose
Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften
glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die
Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und
Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem
Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das
Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die
ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen
zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und
ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch
weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf
Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich
Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit.
Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den
ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie
hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und
Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern.
Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte
sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und
einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer
Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er
doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und
physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen
Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da
gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte
einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und
Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen
Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna
die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur
Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene
Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen
wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm,
wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß
die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis
Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen
wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im
Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude
im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub
zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters
enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere
Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in
einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein
fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge
verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und
sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu
erwerben.

Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt
hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung,
die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war
es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden.
Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei
Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch
unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren
Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne
Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von
_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken
und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine
Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der
Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher,
die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen
Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem
Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite
geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen
Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden
und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die
unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es
wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die
gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die
alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten
Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr
Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern,
die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von
denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie
sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen,
Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der
Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine,
sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit
dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel
gehüllte Landschaft hinaussah.

Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser
Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die
gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen
erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe
Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den
freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock
aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines
mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er
sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten
auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen
Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein
wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen
nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker,
und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er
doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab
zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des
Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An
solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von
Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ...
_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums
häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen
Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden
Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres
Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke
von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den
Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit
regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte.


                                  II.
                      Der Erfolg der Gesandtschaft

   (Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde,
   die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche
   waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem
   Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher
   seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in
                die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.)

Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz
ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken
zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die
schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der
Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte
es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein
klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen
Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte.
Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche
Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben
aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen
auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr
weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch
ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken
hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band
leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die
blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen
Rute auseinander und stand nun vor ihm.

Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung,
die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem
geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man
unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern
von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor
Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer
sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit
Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton,
bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied
bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit
Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich
Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der
Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag
überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und
die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte
sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum
Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die
unordentlich herumlagen.

Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm,
daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben
konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen:
»Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.«

»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_
Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei
fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?«

Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte
nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein
seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien
anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.

Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich
ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte;
er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum
_Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.«

»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte,
tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.

In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo
anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne,
ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist
du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf
der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und
ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei
dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.

-- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern
vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß
doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten,
wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um
von einem Hof zum anderen zu gelangen!«

»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!«

Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.

-- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses
Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und
wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft
vergessend, die zwischen ihnen bestand.

»Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den
frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur
noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!«

Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen
und umarmte sie.

»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine
zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas
tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.«

Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf,
und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich
sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!«

»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem
Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als
ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu
umarmen!«

»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein
wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte;
»übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.«

Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das
mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ...
Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich
verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können,
ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh
mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in
dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt.
Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem
Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was
soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt
aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.«

»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina
ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein
Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe
in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern
um Almosen für sie zu bitten.«

»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut,
und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir
nachzulaufen.«

»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich
über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du
solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du
aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im
ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich
noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt:
ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl
geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.«

Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine
Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr
über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen
Abendhimmel hinunterschießt.

-- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem
er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von
vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu
verscheuchen.

»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er
seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre
rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso
freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn
ich ihm sein Spülwasser bringe.«

»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr
grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe
sagen.«

»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich
gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend
ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach
rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da
streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel
alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein
dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du
mich auch nur für einen Groschen liebhast?«

»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in
der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem
zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein
Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's
nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen.
Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen
Gedanken daran! ...«

Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten
Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine
Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer
Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen
deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick
Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle
ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden
Reihe an ihm vorüberzogen.

»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich
liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür
mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und
gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele
sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder
nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer
Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein
Hundeleben, das ich führe!«

Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er
bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes
Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du
wirst nie mehr trinken.«

»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für
dich könnte ich alles tun.«

Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie
begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer
von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange
nicht erlebt hatte.

Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als
eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des
Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der
Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem
Zaune stehende Ssimonicha.

»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß
man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht
zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen!
Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So
also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...«

Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte
zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der
Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.

»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte
der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?«

»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist
noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun
und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu
sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und
küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört,
Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an
einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit
einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam
einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick
still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...«

»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und
völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die
Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon
Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!«

Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen
Augenblick später im Garten des Herrn.

Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich
an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große
Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte
Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit
sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die
Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten.
Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen,
warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß
man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf
die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den
Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so
leichten Kaufes davongekommen.

»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne
Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die
Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem
er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener
Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.



                                Das Weib


»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem
Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift,
das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt,
verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner
lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine
wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser
armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche
aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ:
lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du
schufst das Weib.«

So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen
Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein
Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer
zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines
weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf
die jugendliche Brust des Jünglings herab.

»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem
göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht
dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis
ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so
glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche
Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen
Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten
einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du
kennst das Weib nicht.«

Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit
dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die
Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl,
das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer
entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven
seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen
ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute
gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine
ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte
sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen,
in eine einzige schmerzliche Klage.

Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht
spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die
ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein
herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem
Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt
der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger,
wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den
Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und
jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und
Gefühlen zu künden.

»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger
Stimme.

»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus,
ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern
vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem
toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut
siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle
meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese
Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine
Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es
nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser
wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat
am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?«

»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das
Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter
die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum
Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen
wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem
glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen
Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du
willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst
Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen,
die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich
auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner
Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die
Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger
Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger
Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam
errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen
Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe
sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst
du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer
von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die
flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine
Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du
alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens
für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die
höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu
ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den
Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen
heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem
verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges
Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen
und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr
ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren
Haupte verscheuchen möge.

»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du
jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast:
wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und
enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst
du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann?
Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die
üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist
das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen --
dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem
Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht
nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und
kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib?
-- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt
des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu
sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst
bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir
dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck
von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und
größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner
werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich
unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es
sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne.
Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde
danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie
unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen
Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie
einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der
unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im
Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz
glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das
unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es
in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er
erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers
vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige
Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie
auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist,
und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine
Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister
in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen
Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden
durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine
Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei
verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der
Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der
Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was
ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen
nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens
verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren
Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt.
Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele,
wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h.
Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind,
findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge
wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen
Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.«

Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich
hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt
eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in
stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte
häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die
marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia
durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der
schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene
Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle
abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe
göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und
das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb
verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den
Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich
die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen
Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen
zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein
duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als
ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor
ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und
vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz
wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in
dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die
ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein,
selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem
Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen
entstieg.

Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der
stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich
über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden
Wangen.



                               Fragmente


                    Gedichte und poetische Versuche


                                 Sturm

   »Warum so trüb?« -- »Einst war ich heiter,«
   Sag' ich zu meiner Lust Genossen.
   »Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen;
   Die Freude starb: ich lebe weiter.
   Jung war ich, und mein heller Blick
   hat Trauer nicht und Mißgeschick
   Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin,
   Stirbt wie der Herbst, und ich verblute
   Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute.
   Die Freude lockt nicht meinen Sinn.«
   Die Freunde lachen: »Was du nur
   Zu weinen hast! Das Wetter ist
   So heiter klar, und die Natur
   Nicht halb so trüb, wie du es bist.«
   Und ich: »Mir gilt das alles nichts.
   Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt,
   Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's
   Mich an, wenn mir's im Herzen stürmt.« --


                               Albumblatt

Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet
die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen
unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ...
Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie
glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage
erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden
Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von
ganzem Herzen ergeben waren.



                           Hans Küchelgarten


                              Eine Idylle
                             in ** Bildern
                                  von
                                W. Alow
                                  1827

                     Deutsch von Ulrich Steindorff

Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht
besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die
Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner
achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil
über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben -- das überlassen
wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern
dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich
das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und
die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir
rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit
dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes
kennen zu lernen.


                              Erstes Bild

   Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst
   Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt
   In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt
   Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun
   Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut
   Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu
   Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt.
   Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel.
   Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn
   Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald.
   Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt,
   Da steht behaglich unter Lindenschatten
   Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt
   Von seinem greisen Herrn und arg verfallen.
   Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz,
   Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk;
   Die Fenster windschief. Aber immer ist
   Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis
   Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht
   Die Linde, sein geliebter Ruheplatz.
   Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht
   Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten
   In ihrem Dunkel und erfüllen Garten
   Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall.
   -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden,
   Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier
   Ein wenig in der Frische noch zu schlummern.
   Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach
   Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht
   Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.

   Wer ist die Schöne, die mit Blicken
   Ihm naht, in denen alle Glut,
   Des Morgens ganze Frische ruht,
   Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken,
   Wie sie mit lilienweißer Hand
   Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken,
   Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken.
   Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand
   Zur Welt, sprach er, die Lider kaum
   Geöffnet, leise wie im Traum:

   »Du wunder-, wunderbarer Gast,
   Der du mein Heim besuchet hast,
   Warum füllt Kummer mich und schwillt
   Durch meine Seele. Was bewegt
   Mich Greisen denn dein Engelsbild
   So tief, so seltsam tief, und regt
   Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt,
   Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt
   Und allem, was da lebt, längst kalt.

   Seit ich mich tot in mir verscharrte,
   Ist's Ruhe nur, auf die ich warte,
   Die ich begehre immerfort.
   Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort.
   Und nun kommst du, du Junge, mir
   Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir?
   Ach nein, aus deinem lichten Munde
   Flammt einer neuen Hoffnung Kunde.
   Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde
   Bin ich bereit. Allein mir fehlt
   Die Würde. Meine Sündenlast
   Ist groß. Ich war in dieser Welt
   Ein arger Streiter und gehaßt
   Von Hirt und Herde. Grausamkeit
   War mir nicht fremd. Allein ich schwor
   Den Teufel ab, und ich verlor
   Zur Buße keinen Tag, allzeit
   Entsühnend die Vergangenheit.«

   Voll schwerer Sorge und verwirrt
   Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, --
   Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, --
   Sag' ich ihm, daß er phantasiert?«
   Doch Nebel des Vergessens hängt
   Um ihn, den neuer Schlaf umfängt.
   Sie neigt sich über ihn, verstohlen.
   Wie sanft er schläft, wie still er ruht!
   Kaum merklich hebt beim Atemholen
   Die Brust sich. Licht in Ätherflut
   Hält ihn ein Engel in der Hut,
   Und paradiesisch Lächeln flicht
   Sich leuchtend um sein Angesicht.

   Nun öffnet er die Augen: »Wer,
   Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach;
   Mir träumte -- --, du, wo kommst du her?
   Bist, Wildfang, du so früh schon wach?
   Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« --

   »Großvater, nein, 's ist hell und klar.
   Im Walde blitzt das Sonnenlicht.
   Und schon am frühsten Morgen war
   Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht
   Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam?
   Es gibt ein Fest. Wir feiern heut.
   Der alte Geiger Lodelham
   Und auch der Fritz sind längst bereit.
   Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit
   Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis
   Umspielt ein weises Lächeln. Still
   Hört er, was sie erzählen will,
   Das sorglos junge Blut. »Ich weiß,
   Großväterchen, nur du hast Macht,
   Ein bitter großes Weh zu bannen.
   Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht
   Und bald am Tag schleicht er von dannen
   Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht,
   Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt,
   Dann hört er gar nicht, was man sagt.
   Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht,
   So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz
   Noch lange quält, geht er zugrund.
   >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund
   Das harte Wort gebraucht, mein Herz.
   Meinst du, daß er vielleicht mit mir
   Nicht mehr zufrieden ist, daß er
   Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer
   Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir,
   Du Engelsguter!« -- Und sie schlang
   Die Arme fest um ihn. Kaum ging
   Ihr Atem, als sie an ihm hing
   In ihrer Liebe so verwirrt und bang.
   Als sich die Träne ihr ins Auge stahl,
   Wie war sie schön in ihrer Qual.

   »Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein.
   Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte
   Sich tröstend um sie. »Gottes Güte
   Wird dir Geduld und Kraft verleihn.
   Wenn du ihn innig bittest, wirst
   Du auch bei ihm Erhörung finden.
   Hans lebt ja nur für dich. Du irrst.
   Du mußt die Zweifel überwinden.
   Du darfst dir nicht mit solchen leeren
   Gedanken deine Ruhe stören.« -- --

   Und als er noch der weinenden Luise
   Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt,
   Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee,
   Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis
   So gern im Freien nahm. Er liebte es,
   Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen.
   So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen.
   Luise fütterte gedankenschwer
   Den Kater, der mit lautem Schnurren,
   Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen.
   Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel
   Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte
   Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich
   Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an,
   Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen,
   Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht
   Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich,
   Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, --
   Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts --
   Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag!
   Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen,
   Das, überragt von dichten, früchteprangenden
   Laubkronen, in der Sonne flimmerte.
   Fern dunkelten die grünen Wälder.
   Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst
   Entströmten Fluten wundersamster Düfte.
   Die Bienen waren fleißig unterwegs
   Und sogen Honig aus den jungen Blüten.
   Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite
   Klang laut und lauter kräft'ger Rudersang.
   Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien.
   Das frohe Schrein der Herden scholl herauf.
   Tief in der Ferne sah man schon das Dach
   Vom Haus Luisens winken, sah das Rot
   Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen
   In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- --


                              Zweites Bild

   Noch ungeklärt sind die Gedanken,
   Die Hans bewegen, und sein Blick
   Sieht wirr die Welt des Lebens wanken
   Und sucht sein künftiges Geschick. --
   In stillem Frieden war die Zeit
   Dem Tändelnden vorbeigeflossen;
   Noch hatte keine Bitterkeit
   Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen.
   Kind dieser Erdenwelt war er.
   Doch ihrer Leidenschaften Brand
   War seinem Herzen unbekannt.
   Ganz sorglos war und leicht bisher
   In Heiterkeit und Glück und Lust
   Das Kind beim Spiel der Kinderschar.
   Das Böse war noch seiner Brust
   Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar
   Die Welt. -- Schon in der frühsten Zeit
   Der Kindheit war sein Kamerad
   Luise, deren Heiterkeit
   Und Milde seinen Lebenspfad
   Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid
   Zu tanzen anfing oder sang,
   Dann schoß durchs blonde Ringelhaar
   Manch Blitz, der zündend weitersprang.
   Ihr rosa Miedertüchlein glitt
   Herab. Man sah bei jedem Schritt
   Das feine, zarte Füßchenpaar.
   Sie war ein Kind, und kindlich war
   Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie
   Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief
   Sie fort, versteckte sich und schrie
   Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte.
   Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief,
   Ihm sein Gesicht, und lachend weckte
   Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe.
   Und er, er küßte sie zur Strafe. --

   Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land.
   Die Spiele wollten nicht mehr taugen.
   Die gegenseit'ge Keckheit schwand.
   Es schwand das Feuer seiner Augen.
   Und sie hält Traurigkeit gebannt
   Und Schüchternheit. -- Ihr, junger Herzen
   Verliebte, erste Worte, wart
   Gekommen, und es blieben nicht erspart
   Die Tage voller süßer Schmerzen.
   Was blieb ihm denn zu wünschen weiter,
   Wo er Luise bis zur Nacht,
   Gefesselt wie von Zaubermacht,
   Nicht ließ, ihr treuester Begleiter,
   Ihr Schatten, wo sie ging und stand.
   Mit innig tiefer Freude sahen
   Die Eltern, wie das Glück sich fand,
   Und sahen sich nicht satt. Die nahen,
   Leidvollen, zweifelvollen Zeiten
   hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. --

   Doch allzubald befiel ein Schmerz,
   Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram
   Sein Blick; er starrte himmelwärts
   Und war ganz unstet, ach, und wundersam.
   Es schien, als suchte stets sein Geist,
   Als hegte er geheimen Groll.
   Die Seele sehnte sich zumeist
   Gedankenschwer und kummervoll. --
   Er sitzt und schaut hinab vom Strand
   Hinaus aufs Meer wie festgebannt.
   Und wenn im Takt die Wellen rauschen,
   Scheint einer Stimme er zu lauschen.
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   Bald geht er grübelnd durch das Tal,
   Die Augen feierlich voll Glanz,
   Wenn bei der Wolken Wirbeltanz
   Der Donner grollt, ein Feuerstrahl
   Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen
   Heiß prasselt und mit einemmal
   In Strömen rauscht auf allen Wegen.
   Bald sitzt er in der Mitternacht
   Vor alten Sagen auf und wacht
   Und hofft, daß sich die Lettern regen
   In ihrer Stummheit, wenn die Seiten
   Er wendet, die so tiefe Kunde
   Ihm bringen von den grauen Zeiten.
   Ins Buch versunken manche Stunde,
   Sitzt er und wendet kaum das Haupt.
   Wer ihn in dieser schweren Not
   Gesehn, der hätte fest geglaubt,
   Die Zeit, da er gelebt, sei tot.
   Gedanken, wunderbare, hatten
   Mit ihrem Zauber ihn gebannt.
   Er suchte dunkler Eichen Schatten
   Auf seinem Weg durchs Sommerland.
   Aus diesen tiefen Schatten sprach
   Manch Rätsel, das er nicht verstand,
   Und träumend streckte er die Hand
   Liebkosend aus und griff darnach. --

   Luise ist die ganze Zeit
   Allein in ihrem tiefen Kummer.
   Ihr Herz ist einzig ihm geweiht.
   Sie findet nächtens keinen Schlummer
   Und bringt die gleiche Zärtlichkeit
   Ihm dennoch stets entgegen, hält
   Die zarten Arme um ihn, küßt
   Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt,
   Bis er der Schwermut neu verfällt.

   Schön sind die Stunden, wunderbar,
   Wenn ferne Träume ihn umschweben
   Und der Gesichte lichte Schar
   Ihn fortträgt in ein andres Leben.
   Doch, wenn der Seele Land zerstört,
   Der stille Erdenfleck vergessen,
   Der Scholle nicht sein Herz gehört,
   Die schlichten Menschen er vermessen
   Nicht achtet, werden Traumgestalten
   Auch dann noch froh im Herzen walten? -- --

   Indessen laßt sein unstet Wesen
   Belauschen uns. Macht euch bereit,
   Die Rätsel seines Geists zu lösen
   In ihrer Mannigfaltigkeit. --


                              Drittes Bild

   Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land!
   Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen!
   An dich, in wundersamer Gluten Wehn,
   Ist meine Seele festgebannt.

   Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern
   Ergießen sich und wogen feierliche Massen.
   Äschines' Worte blitzen, donnern und durchschauern,
   Der Iliß Wassern gleich, und fassen

   Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle.
   Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit
   Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht;
   Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht.
   Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle.

   Im Portikus steht göttergleich ein Greis
   Und redet weise von der andern Welt;
   Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält,
   Wen Schande trifft und wen der Preis.

   Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen.
   Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen
   Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen!
   Sieh, wie die Tuniken sich bauschen!

   Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen,
   Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen.
   Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten,
   Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten,
   Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle,
   Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle.
   Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt,
   Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt.
   Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut!
   Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht
   Auf ihrer Schultern Marmorpracht,
   Auf ihre Brüste wie die Flut. --

   Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren.
   Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt
   Mit Efeu, stürmen durch den heil'gen Hain in wirren,
   Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrückt, entrückt.

   Allein! -- Verschwunden ist der Chor.
   Und Gram befällt mich neu und Wehe.
   Stieg' doch vom Tal ein Faun empor;
   Dräng' aus des Gartens dunkler Nähe
   Mir einer Nymphe Sang ans Ohr!

   Ihr Griechen, wunderbarlich habt
   Die Welt mit Träumen ihr erfüllt,
   In Zauber alles eingehüllt!
   Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt
   Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- --

                   *       *       *       *       *

   Doch neue Träume kommen und heben
   Und ziehen ihn lockend himmelan
   Empor aus der Sorgen Ozean,
   hinweg von allem kleinlichen Leben. --


                              Viertes Bild

   Im Land, wo des Lebens Wunderquellen
   Entspringen und strahlend rings alles erhellen;
   Wo schwer die Nächte vom Ambraduft,
   Von Lotossüße geschwängert die Luft;
   Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten
   Und Mangostans Früchte golden gluten;
   Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet;
   Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet
   Und Blüten regnet in üppigem Glanz;
   Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz:
   Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken,
   Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken.
   Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar,
   Wie Hemasagara funkelt ihr Haar.
   Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht,
   Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht
   Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen;
   Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen,
   Dem silbernen Tone, wenn Israfil
   Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel;
   Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß.
   Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß!
   Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet
   In Himmeln, wo sie Verwandte findet.
   Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei,
   Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei!
   Erinnrung an sie bleibt und hält
   Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. --

                   *       *       *       *       *

   Bunt war sein Träumen überstrahlt;
   Vom Drang der Jugend heiß durchflossen.
   Die Hoheit, die sein Herz genossen,
   Hat herrlich oft sich abgemalt
   Auf seinem Angesicht. Allein,
   Was ihn in seinen Träumerein,
   Was die erregte Seele quälte,
   Wonach er schrie, wonach er bangte,
   In wilder Leidenschaft verlangte,
   Als gält' es, daß er sich vermählte
   Der ganzen Welt mit ganzer Lust,
   Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust,
   Von Dumpfheit voll und Schwere fand
   Er diese Welt und wirr. Es flog
   Sein Herz und schlug und schlug und zog
   Ihn hin nach fernem, fernem Land.
   Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte.
   Die Brust ging keuchend auf und nieder.
   Stolz funkelte durch seine Lider.
   Ach, wie die Seele darnach lechzte,
   Am flücht'gen Traum sich festzusaugen.
   Ach, welche Feuer in ihm brannten,
   Wie ihn die Tränen übermannten,
   Das Leben schürend in den heißen Augen. --


                             Sechstes Bild

   Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,
   Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,
   Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.
   Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst;
   Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. --
   Weit schimmerte dem Wanderer entgegen
   Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs,
   Des Musikers, das er vor langer Zeit,
   Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,
   Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;
   Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten
   Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume
   Umstanden es und drängten in die Fenster.
   Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun,
   Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.
   Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.
   Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,
   Behangen mit der Wäsche, die im Glanz
   Der heißen Mittagssonne lustig blinkte.
   Durch eine Speicherluke drängte sich
   Laut girrend eine Taubenschar; es schrien
   Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend
   Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß
   Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen
   Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften
   Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch
   In krausen Wolken aus dem Schornstein auf
   Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.
   Dort auf der Seite, wo der Mauerputz
   Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln,
   Dort, wo die alten Bäume Schatten geben,
   Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich
   Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:
   Radieschen, gelber Käse, eine Dose
   In Entenform mit Butter; Wein und Bier,
   Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen
   Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten:
   Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben
   Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen
   Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. --
   Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte
   Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise
   Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern.
   Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,
   Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans
   Zu holen, und war noch nicht zurück.
   Vermutlich irrte er verträumt umher.
   Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster
   Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur
   Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen,
   Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,
   Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse.
   Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,
   Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten,
   Daß er so lange nicht mehr bei uns war.
   Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.«
   Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:
   »Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.
   Er ist schon ohnedies so bleich und elend.«
   »Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein.
   »Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,
   Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,
   Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß,
   Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,
   Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau
   Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,«
   Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will,
   Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!«
   Er klopfte wieder seine Pfeife aus.
   Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;
   Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,
   Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken,
   Von Missolunghi, von Kolokotroni,
   Dem großen Führer, und vom argen Krieg,
   Von Canning sprachen sie, vom Parlament,
   Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,
   Als Hans erschien und sich Luise plötzlich
   Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte.
   Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte
   Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:
   »Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen
   Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise
   Vergißt, wie solltest du der Alten noch
   Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein --
   Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter.
   »Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:
   Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen,
   Der Glühwein und nicht minder der Kapaun,
   Den mit Rosinen ich und Butter briet.« --
   So setzten sie sich friedlich an den Tisch
   Und waren alle bald vom Wein belebt,
   Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. --
   Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte.
   Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren.
   Bald drehten allesamt im Walzer sich.
   Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet
   Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau
   Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog
   Hans mit Luise toll dahin. Die Welt
   Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.
   Luise wagte kaum zu atmen, kaum
   Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.
   Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt
   An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar.
   Luise, dieses heitre, liebe Kind,
   Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.
   Sie sind doch füreinander wie geschaffen.
   Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein.
   Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du
   Im hohen Alter mir die Gnade schenktest
   Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,
   Damit ich solche Enkel schauen durfte.
   Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:
   Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.«


                             Siebentes Bild

   Des Abends Kühle senkt sich still hernieder.
   Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen
   Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken
   Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her
   Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen
   In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille.
   Und nur der Hirtenflöten melanchol'scher Ruf
   Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern;
   Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn
   Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt,
   Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe
   Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift.
   -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt.
   Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer?
   Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare,
   Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin.
   Die übermüt'ge Fanny läßt die Hand,
   Die von der Angelschnur herabgezogen,
   Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff
   Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle
   In stummer Freude einer Welle zu,
   Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag
   Der Ruder feurig schäumend perlte.
   Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klärte
   Und voller Duft ein Hauch von Süden kam,
   Da sprach der Pfarrer tief gerührt: »Wie schön
   Ist dieser Abend Gottes doch! So still
   Und herrlich wie das Leben des Gerechten.
   Denn es vollendet ebenso voll Frieden
   Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest
   Ergießen sich die gleichen schönen Tränen.
   Ja, auch für mich wird's Zeit. Auch meine Tage
   Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben.
   Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen?« --
   Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied
   Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument
   Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer
   Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne.
   Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein.
   Luise wandte sich ihm zu: »Sag' mir, sag', Hans,
   Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele
   Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann,
   Was quälst du mich? Sag' mir einmal, warum
   Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern?
   Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen
   Doch nicht umsonst einander gegenüber.
   Warum weichst du uns allen aus und trauerst?
   Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh',
   Und deine Trauer macht mich selber trübe! --«
   Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen.
   Er drückte sie im Schmerz an seine Brust,
   Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge.
   »Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur
   Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer.
   Denn in Gedanken ich versunken scheine,
   Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich
   Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel
   Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz
   Mit Freude sich und Frieden füllen ließe,
   Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe,
   Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten
   Von einem Kummer dich berühre, daß
   Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!«
   Da lehnte sie an seine Brust sich an
   Und konnte in der Fülle des Gefühls,
   Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. --
   Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet
   Und steigt schnell aus. »Hört,« sprach der Vater Wilhelm,
   »Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht,
   Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht.
   Der Nebel steigt.« -- Hans ging mit ihr und dachte:
   Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht
   Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen.
   In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut.
   Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte,
   Als hätte er den ewigen Gott belogen. -- --


                              Achtes Bild

   Vom Turme schlägt es Mitternacht.
   Hans sitzt wie immer auf und wacht.
   Dem Einsamen gewohnte Zeit.
   Das Flackerlicht der Lampe leiht
   Nur spärlich Helligkeit. Es fällt
   Wie Saat des Zweifels in die Welt
   Des Schlafs. -- Kein Blick träf' in der Runde
   Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne
   Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde
   Die Welle in dem Glanz der Sterne.
   Die Stille läßt den Atem hören
   Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stören
   Der laute Tag in seinem Denken,
   Wo über seine Stirn sich senken
   Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt
   Sich auf im Bett; im Fenster jetzt:
   »Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht;
   Ich seh' mich satt an seinem Bild.
   Er wacht, daß er mein Glück erfüllt.
   Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.« --

                   *       *       *       *       *

   Die Welle rauscht im Mondeslicht.
   Ein Traum sinkt nieder und umfängt
   Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis.
   Um Hans spielt der Gedankenkreis
   Noch immer, dem er sich versenkt.


                                   1.

   Entschieden alles! Ist's Gebot,
   Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn?
   Gibt's andres Ziel nicht als den Tod?
   Vermag ich Beßres nicht zu sehn?
   Soll ich mich hin zum Opfer geben,
   Tot für die Welt und ruhmlos leben?


                                   2.

   Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt,
   Nur Nichtigkeiten lieben dürfen;
   Kalt jedem Glück sein, das sich gibt,
   Und niemals Seligkeiten schlürfen?
   Der Erde Schönheit nie mehr finden,
   Nie Wahres mehr in ihr ergründen?


                                   3.

   Was ruft, was lockt ihr mich so bang,
   Ihr, dieser Erde schönste Lande.
   Bei Tag und Nacht wie Vogelsang
   Hör' ich in meiner Träume Bande,
   Bei Tag und Nacht die süßen Töne,
   Und bin berückt von eurer Schöne.


                                   4.

   Euch, euch gehör' ich. Bald, ach bald
   Such' ich die seligen Gefilde,
   Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt.
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug.
   Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.


                                   5.

   Ja, fallen wird der trübe Flor,
   In den euch stets der Traum gehüllt.
   Aufschließen wird die Welt das Tor
   Zur Wunderherrlichkeit, gewillt,
   Den Jüngling freundlich zu begrüßen
   Mit unversieglichen Genüssen.


                                   6.

   Der Schönheit Meister! Meine Augen
   Bereiten sich, was ihr geschaffen
   Mit Stift und Meißel, einzusaugen.
   Mein Herz will eure Glut erraffen.
   Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff!
   Bring mich an Land, einsames Schiff!


                                   7.

   Du aber, enger Winkelfrieden,
   Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn.
   Himmlischer Regen reich beschieden
   Sei euch und Blüte und Gedeihn.
   Das Herz, scheint's, härmt sich, euch zu lassen,
   Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen.


                                   8.

   Auch du, mein engelstilles Herz,
   Vergib und geiz' mit deinen Tränen.
   Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz.
   Verzeih dem armen Hans sein Sehnen.
   Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen,
   Und ich zurück. Wie könnt' ich dein vergessen! --


                              Neuntes Bild

   Wer kommt noch zu so später Stunde
   Behutsam durch die Nacht gewallt,
   Den Wanderstab am Gürtelbunde,
   Den Rucksack rüstig umgeschnallt?
   Vor ihm ein Haus zur rechten Hand;
   Zur linken führt ein Weg ins Weite.
   Er will den weiten Weg ins Land,
   Erfleht von Gott Kraft zum Geleite.
   Allein er wendet, übermannt
   Von stillem Weh, verzehrt von Gram,
   Den Schritt zum Haus, woher er kam.

                   *       *       *       *       *

   Vor einem offnen Fenster sitzt,
   Den Kopf in seine Hand gestützt,
   Und ruht ein wunderschönes Kind.
   Mit seinem Flügel streicht sie mild
   Und gibt ihr Träume ein -- der Wind,
   Von denen sie nun ganz erfüllt,
   Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt,
   Wie er sich peinvoll naht der Schönen
   Und bebend ihr ins Antlitz schaut
   Und kummerschwer, sein Weh in Tränen.
   Sein Auge schimmert glanzbetaut.
   Er beugt sich nieder glühend heiß
   Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis.

                   *       *       *       *       *

   Den weiten Weg eilt er dahin.
   Sein Innerstes durchbebt ein Schauer.
   Unrast umdüstert seinen Sinn,
   Und seine Seele tiefe Trauer.
   Noch einmal wendet er den Blick
   Zum Abschiedsgruß. -- Ein weißes Band,
   Zieht schon der Nebel übers Land.
   Sein stöhnend Herz weist ihn zurück.
   Ein rauher Wind mit scharfem Tone
   Stößt Eichenkron' an Eichenkrone.
   Und grau verschwimmt im fernen Raum
   Das Haus. Ganz unklar wie im Traum
   Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen,
   Daß wer durchs Gartentor gekommen
   Und daß einmal, als wenn er schälte,
   Der treue Hund im Hofe bellte.


                              Zehntes Bild

   Spät wird der helle Führer wach, --
   Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer
   Wogt übers Feld ein Nebelmeer,
   Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach.
   Des jungen Morgens Kühle fächelt
   Die Schöne aus der Ruh'. Benommen
   Vom Schlaf am Fenster und beklommen,
   Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt.
   Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet
   Das Auge, daß es funkelnd leuchtet:
   »Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern?
   Du schwurst: beim ersten Tageslicht!
   Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern,
   Ein trüber Tag. Die Nebel schauern,
   Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?«
   Geängstigt halb und halb verdrossen,
   Blickt sie zum Fenster ihres Hans.
   Geschlossen ist's und bleibt geschlossen.
   Er schläft gewiß, und Traumesglanz
   Umgaukelt ihm sein Liebstes noch.
   Lang hat's getagt. Vom Regen sind
   Durchfurcht die Täler, und vom Wind
   Gewiegt der Wald. Ach, käm' er doch!

                   *       *       *       *       *

   Der Mittag naht. Unmerklich steigt
   Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen
   Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt.
   Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen
   Am Himmel paradiesisch Licht.
   Mit Funken ist die Eiche übersprüht.
   Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied.
   Wo bist du, Hans, was kommst du nicht?

                   *       *       *       *       *

   Warum? -- Die arge Brust umflicht
   Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual,
   Zu horchen auf die Stundenzahl.
   Die Türe geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht:
   Herein tritt Berta; wohlig fällt
   Der rosa Morgenrock, der weiche,
   Und farbenfroh die kantenreiche,
   Gestickte Schürze. »Engelgleiche,
   Was hat die Nachtruh' dir vergällt?
   Bist bleich und matt. Was ist geschehn?
   Störte der Regen, der so schwer
   Herabgerauscht, das wilde Meer,
   Der Hahn, der wüste Lärmer, den
   Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr?
   Hat dich der Böse überkommen,
   Dir deinen reinen Schlaf genommen,
   Ins Herz gesenkt trübselig Trauern?
   Tust mich von ganzer Seele dauern.«

                   *       *       *       *       *

   »Nein, nicht des Regens Rauschen, ach,
   Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn,
   Der wüste Lärmer, hat's getan.
   Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach.
   Nicht solcher Traum hat mich benommen,
   Bin solcher Trübsal nicht beklommen.
   Der Traum, der mir zu Sinnen kam,
   War anders, schwer und wundersam.« --

                   *       *       *       *       *

   »Mir träumte: Finstre Öde sei
   Um meinen Weg. Rings Nebel nur
   Vom Moor, und in der Wüstenei
   Von trocknem Boden keine Spur.
   Ein ekler Dunst! Die Erde weicht.
   Bei jedem Schritt ein neuer Schlund,
   Bei jedem Schritt ein neuer Grund
   Zur Herzensangst. Und mich beschleicht
   Unsäglich Wehe. Da erscheint
   Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt
   Aus einer Wunde. Er beginnt
   Zu schluchzen über mir und weint.
   Doch statt der hellen Tränen floß
   Ein trüber Strom. Ich wachte auf.
   Und über Brust und Antlitz goß
   Vom Blondhaar triefend wie der Lauf
   Von tausend Bächen dummer Regen.
   Mein Herze schlug in trüben Schlägen,
   Und Traurigkeit befiel den Sinn.
   Die Locken blieben feucht. In Sorgen
   Sitz' ich verhärmt seit frühem Morgen.
   Wann kommt er heim? Wo ist er hin?«

                   *       *       *       *       *

   Die Mutter steht gedankenvoll
   Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie
   Ihr Antwort gibt: »Ach, wüßt' ich, wie
   Ich deiner Not Herr werden soll,
   Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, --
   Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.«

                   *       *       *       *       *

   Sie treten in sein Zimmer. Leer,
   Ganz leer! Im Winkel liegt umher
   Ein alter Platoband, gar arg
   Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark
   Und Schillers Werke, die vermeßnen,
   Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen.
   Und Fetzen von Papier. Es blühn
   Die Blumen auf der Etagere.
   Die Feder blinkt, mit der er kühn
   Entlastet sich der Träume Schwere.
   Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt
   Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist?
   Luise nimmt ihn auf und bebt.
   Von wem? An wen? Und als sie liest,
   Fängt ihre Zunge wie noch nie
   Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie.
   Gram, sengend Wehe warf sie nieder.
   Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder.


                              Elftes Bild

   Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann,
   Wie sie verhärmt im Staube kauert;
   Die einsam Welkende, sieh' an,
   Wie sie in trüber Öde trauert,
   Vergessen, ach! Schau' hin einmal
   Auf dein Geschöpf, in dessen Brust
   Du Lebensglück und Lebenslust
   Mit Gram vertauscht und Höllenqual.
   Durchwühlte Grüfte, siehst du sie?
   Und wie sie dich geliebt, ja, wie!
   Mit welch lebend'ger Innigkeit
   Klang ihrer Rede Melodie,
   Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit,
   Da du gelauscht? Wie war von Schuld,
   Von Trübsal rein des Blickes Brand,
   Der dich versengt. Wie oft entschwand
   Zu langsam ihrer Ungeduld
   Der böse Tag, zeigte sich nicht,
   Der Träumerischen, dein Gesicht.
   Und du konntst sie verlassen, du?
   Hast dich von allem abgewandt
   Und wanderst fremd in fremdem Land?
   Wem tust du das? Für wen, wozu?
   Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann!
   Am Fenster harrt sie noch, verzehrt
   Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt
   Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- --
   Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle
   Liegt wundersam auf allen Dingen.
   Ein kühler Wind regt seine Schwingen.
   Kaum hörbar plätschert fern die Welle.
   Die Nacht entbreitet ihre Schatten.
   Leis tönt die Syrinx. Es ermatten
   Im West die letzten Glutenschimmer.
   Sie sitzt reglos und harrt noch immer. --


                          Nächtliche Gesichte

   Allmählich dunkelt und vergeht
   Des Abends Rot. Schon liegt die Welt
   In süßem Schlaf, und überm Feld
   Steigt auf des Mondes Majestät.
   Das Meer erschimmert wie Kristall.
   Durchsichtig scheint das ganze All.

                   *       *       *       *       *

   Schatten wachsen auf und ziehen.
   Wundersam gestaltet fliehen
   Herrlich sie, weit, immer weiter,
   Himmelwärts die Sternenleiter.

                   *       *       *       *       *

   Heller wird's: zwei Lichter blitzen.
   Da: zwei Ritter, zottig, fahl.
   Zweier schart'ger Schwerter Spitzen,
   Zweier Panzer Schmiedestahl!
   Halt! Sie suchen, treten an;
   Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei!
   Kämpfen, glitzern Mann an Mann.
   Suchen wieder ... Da, vorbei!
   Dunkel schwillt und deckt sie schwer.
   Nur der Mond steht überm Meer. --

                   *       *       *       *       *

   Ein Lied der Kön'gin Nachtigall durchschallt
   Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht.
   Die Erde atmet kaum, sie lauscht
   Verträumt der Sängerin. Der Wald
   Steht reglos. Alles schläft im Kreise.
   Es tönt nur die verklärte Weise.

                   *       *       *       *       *

   Luftgebaut ragt der Palast
   Einer Märchenfee empor.
   Vor dem Fenster dicht am Tor
   Singt verklärt ein Minnegast.
   Sieh, ein Silberteppich glänzt,
   Ganz durchwebt mit Wolkenringen.
   Drüber schwebt ein Geist, der grenzt
   Nord und Süd mit seinen Schwingen.
   Schlafen sieht der Gast, gebannt
   Durch ein Gitter aus Koralle,
   Seine Fee. Die Perlmuttwand
   Bringt der Trän' Kristall zu Falle. --
   Dunkel eint und deckt sie schwer.
   Nur der Mond steht überm Meer. -- --

                   *       *       *       *       *

   Kaum schimmert durch den Dunst das Land.
   Geheime Wünsche ohne Zahl
   Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal,
   Taucht aus dem Nebel. Übermannt
   Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht;
   Und unablässig rauscht die Flut. --

                   *       *       *       *       *

   Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen
   Herrlich schön. Den leuchtend hellen,
   Weißen Schaum der glühend blauen
   Wogen teilen sie. Die Wellen
   Spielen kosend wie im Traum
   Um die Schöne mit der weißen
   Lilienbrust. Sie atmet kaum.
   Um die zarten Glieder gleißen
   Tropfen wie ein Funkensaum.
   Ach, sie lächelt, kichert leise
   Und schwimmt sinnend hin im Licht.
   Bald voll Lust, bald wieder nicht.
   Träumerisch singt sie die Weise,
   Den Sirenensang der Klagen
   Des Verrats, den sie ertragen,
   Sie, die Junge. -- Reglos ruht
   Mondbeglänzt die blaue Flut. --

                   *       *       *       *       *

   Ein Friedhof fern in fremder Flur,
   Von einem alten Zaun umhegt.
   Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt
   Der stummen Toten Häuser. Nur
   Der Flug der Eulen und das schrille
   Schrein zerreißt die Grabesstille. --

                   *       *       *       *       *

   Langsam steigt aus seinem Bette
   Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt
   Ihn sein Mantel. Vom Skelette
   Klopft den Staub er würdig. Kalt
   Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer,
   Gelbes Feuer glüht aus seinen
   Augen. Mit den Knochenbeinen
   Hält ein Roß, ein ungeheuer
   Glänzend Roß er, einen Schimmel.
   Und es wächst, wächst bis zum Himmel.
   Leiche steht nach Leiche auf.
   Zug des Grauns! Von seinem Lauf
   Beben Erde, ach, und Lüfte. --
   Endlich schließen sich die Grüfte. --

                   *       *       *       *       *

   Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt
   Das Fenster hastig zu. Ihr Blut
   Von Eiseskälte, bald von Glut
   Durchschauert, bebt gleichwie die Flut
   Im Sturm. Ein schweres Wehe legt
   Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. --
   Wenn mitleidlos des Schicksals Faust
   Ein kalter Kieselstein entsaust
   Und trifft ein armes Herz, wer hält
   Die Treue, sagt, in aller Welt
   Noch dem Verstand? Wes Seele ficht
   Kein Übel an? Und wer verfällt,
   Sich ewig gleich, im Unglück nicht
   Dem Aberglauben? Wer erblaßt
   Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt
   Im Traum? -- Aufs Lager bang
   Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer.
   Vergeblich suchte sie den Schlummer.
   Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang,
   Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider
   Der Schlaf, der launenhafte, wieder. --


                            Dreizehntes Bild

   Ein traurig Bild: Ruinen von Athen!
   Die Säulenreih'n, die bildwerkreichen,
   Sind morsch. In öden Tälern stehn
   Sie traurig, müder Zeiten Zeichen.
   Zertrümmert halb und halb verwittert
   Das hehre Denkmal, und zersplittert
   Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. --
   Ein morscher Architrav nur prangt
   Voll Majestät, und Efeu rankt
   Und hält am Kapitäl sich fest.
   In Gräben, die man längst verließ,
   Herabgestürzt ein Giebelkranz;
   Dort schimmert noch ein prächt'ger Fries
   Und der Reliefmetopen Glanz.
   Hier trauert eine reichgeschmückte
   Korinthsche Säule noch. Und leise
   Eidechsen schlüpfen scharenweise
   Darüber hin. Voll Würde blickt
   Er auf das Elend rings. Gerückt
   In toter Zeiten dunkle Nacht,
   Verdrängt, hat er für nichts mehr acht.
   Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten
   Die Bilder von Vergangenheiten
   Vorbei. An kaltem Marmor lehnt
   Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt,
   Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens!
   Das Bündel des vergangnen Lebens
   Knüpft er nicht auf. Ohnmächt'ge Qual,
   Verlorne Müh'! -- Allüberall
   Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande
   Der trübe Blick. Im Sonnenbrande
   Blinkt durch die Säulen dann und wann
   Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke,
   Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke
   Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. -- --
   Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. -- --
   Unsagbar tiefe Traurigkeit
   Packt da den Fremden plötzlich wieder.
   Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann
   Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid,
   Daß er den weiten Weg gemessen,
   Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen,
   Friedlichen Platz daheim vergessen,
   Verlassen um der Gräber willen?
   Ach, wären doch die Traumgespinste,
   Die schönen, seinem Sinn geblieben.
   Der reinen Schönheit Spiegelkünste,
   Ach, hätten sie ihn nicht getrieben!
   Nun sind die Träume tot und kalt
   Und abgestreift ihr Zauberflor. --
   Mit unbarmherziger Gewalt
   Habt ihr ihm schonungslos das Tor
   Zur Glut der Traumeswelt verschlossen,
   Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen!
   Langsam verläßt und kummerschwer
   Der Fremde nun den Trümmerort.
   Er schwört, des blinden Einst nicht mehr
   Zu denken, aber immerfort
   Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- --


                            Sechzehntes Bild

   Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf
   Blüht alles noch und prankt wie ehedem.
   Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören
   Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.
   Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel
   Verändert. Lange ist der Pfarrer tot.
   Er hat den dornenvollen Weg beendet
   Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.

   Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,
   Und alle hatten Tränen in den Augen,
   Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.
   Er war es, der für unser Seelenheil,
   Für unser geistig Brot von je gesorgt.
   Er war es, der so schön das Gute lehrte;
   Er war der Trauervollen steter Trost,
   Der feste Schild der Witwen und der Waisen.
   Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen
   Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach
   Er von dem reinen Martertum, vom Leiden
   Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert
   Und unter Tränen seinen tiefen Worten. --

   Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht
   Links von der Straße dicht an einem Friedhof
   Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt
   In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel
   Der Zeit hat seine Runen eingegraben.
   In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne
   Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen
   Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.
   Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.
   Die braven Bauern waren gern bereit,
   Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre
   Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten
   Verkündeten durch eine Inschrift, wie
   Er lebte, wieviel stille Jahre er
   Als Seelensorger zugebracht und endlich
   Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. --

   Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham
   Errötend seine Flechten löst, und wo
   Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,
   Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,
   Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen,
   Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball
   Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen
   Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab
   Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle
   Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt,
   Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt,
   Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,
   Als wollte sie Unfaßliches begreifen.
   Wer würde, ach, in dieser kummervollen
   Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?
   Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,
   Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr
   Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht
   Das Zeichen einer Freude drüber hin.
   Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm!
   Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs!
   So trauert wohl der strahlende Seraph
   Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.
   Voll Schönheit war die glückliche Luise,
   Die trauernde war fast noch herrlicher.
   Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden
   Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.
   Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele
   War sie dem Greise zugetan. Und nun
   Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht
   Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht,
   Am heiligen Altare uns zu trauen,
   Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen.
   Wie hattest du den träumerischen Hans
   Geliebt -- -- Und er? -- -- --

   Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte.
   Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim
   An seiner Drechselbank und schneidet Platten
   Aus Buchenholz mit feiner Maserung,
   Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.
   Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt
   Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.
   Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta
   Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl.
   Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar
   Von Gänsen, und die Hühner gackern auch
   Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem
   Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen,
   Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. --
   Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern
   Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.
   Die grünen Blätter wurden gelb und fielen,
   Die Schwalben zogen über ferne Meere. --
   In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:
   »Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.
   Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.
   Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen
   Und schicken ihre Schauer über uns.
   Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!
   Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.
   Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« --
   Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!
   Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still
   In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll
   Von Sehnsucht und vom Freunde träumend,
   Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin:
   »Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!«


                            Siebzehntes Bild

   Wie trüb auch sonst die Tage schleichen
   Im Herbst, das Heute ist voll Licht.
   Die Sonne zeigt ein hell Gesicht,
   Und blanke Silberwellen streichen
   Am Himmel hin. Den Weg herab
   Mit Rucksack kommt und Wanderstab
   Ein Fremder matt und scheu daher.
   Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt,
   Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt
   Vom alten Hans, fast gar nichts mehr.
   Sein halberloschner Blick umschweift
   Das Meer der gelben Ährenwellen,
   Der Berge bunten Kranz. Es greift
   Der schöne Traum sein Herz; es schwellen
   Des Allvergessens Seligkeiten
   Die Brust. Doch die Gedanken schreiten,
   Ach, einem andern Ziele zu.
   Nichts wär' ihm nötiger als Ruh'.
   Er kommt, so scheint's, von weit, weit her.
   Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer
   Schmerzt seine Seele ihn und ächzt.
   Er denkt, doch kein Gedanke lechzt
   Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grübeln?
   Erstaunt, wie er mit allen Übeln
   Von dem Geschick gemartert ward;
   Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt,
   Lacht bitter auf er, daß er trunken
   Die Welt des Wahns, so hassenswert,
   In seiner Unvernunft begehrt
   Und ihrem leeren Glanz versunken;
   Daß er sich in der Menschen Schoß,
   Von ihrem eklen Tun wie toll
   Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos
   Geworfen kühn und glaubensvoll.
   Ach, kalt wie Gräber waren sie,
   Habgier und Ehrsucht galt allein,
   Nichts sonst, -- und wie verächtlich Vieh
   So tierisch, ach, und so gemein.
   Sie zogen in den Staub, was gut
   Und hehr. Es schalten ihre Zungen
   Verächtlich nur Begeisterungen
   Und Geistestat. Falsch war die Glut;
   Und wenn sie sich emporgeschwungen,
   Verderben rings. Wer lauschte schon
   Der Reden einschläferndem Ton
   Und bebte nicht? Von Gift wie schwer
   Ihr Atem, wie voll Lüge ist
   Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List;
   Wie hohl die Worte und wie leer!

                   *       *       *       *       *

   Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit
   Begegnet und von ihm erkannt.
   Doch ward zu höherm Glück die Klarheit
   Ihm in der Seele Träumerland?
   Wie ferne Sternenhelle zog
   Verlockend ihn der Ruhm. Allein
   Sein blinkend Gift war scharf, es trog
   Der dichte Qualm ihm vor den Schein.

                   *       *       *       *       *

   Der Tag versinkt im West. Die Schatten
   Des Abends wachsen, und die matten,
   Hellweißen Wolkenränder glühen
   In greller Röte auf. Die dunkeln
   Vergilbten Blätter alle sprühen
   Von goldnem Strahlenwerk und funkeln.
   Der Wiesengrund der Heimat tut
   Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt
   Den matten Blick urplötzlich Glut,
   Und eine heiße Träne quillt.
   Die Freuden aus vergangnen Jahren,
   Harmloser Späße, alter Träume Scharen,
   Sie engen ihm die Brust und rauben
   Den Atem ihm. Er will's nicht glauben
   Und sinnt dem Grund nach und beginnt
   Zu weinen wie ein schwaches Kind.

                   *       *       *       *       *


                              Meditationen

   Der Augenblick, da wunderbar
   Ein Auserkorner im Gefühl
   Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis
   Erfaßt des Daseins höchstes Ziel,
   Der sei gesegnet immerdar.
   Nicht leerer Träume Schattenpracht
   Und nicht des Ruhmes Flitterglanz
   Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht
   Ihn in den lauten Wirbeltanz
   Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft,
   Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat,
   Reizt ihn und treibt die Leidenschaft
   Zu Edlem ihn und großer Tat.
   Für sie setzt er sein Leben ein;
   Mag auch der Torenpöbel schrein,
   Er wird lebend'ger Trümmer wegen
   Nicht wankend, denn er hört allein
   Der Enkelzeit rauschenden Segen.

                   *       *       *       *       *

   Wenn aber Trug und Traumgestalten
   Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen,
   Dem Willenskraft und Härte fehlen,
   Im Wirrwarr standhaft sich zu halten,
   Dann ist es besser, ohne Fülle
   Das Feld des Lebens zu durchmessen,
   In der Familie, in der Stille
   Des Weltenlärmes zu vergessen. -- --


                            Achtzehntes Bild

   Die Sterne gehen auf in Harmonie.
   Mit mildem Blicke schweifen sie
   Ob all der Schlafversunkenheit
   Als Wächter leisen Menschenschlummers.
   Sie senden Ruh' der Guten Leid,
   Und Bösen -- des Gewissenskummers
   Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht
   Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid
   Des Menschen Freude, tröstend Licht. --
   Wenn seine Blicke voller Leid
   Und Kummer flehend an euch haften,
   Hört er den Streit der Leidenschaften
   Im Herzen; und er ruft euch laut,
   Bis er die Schmerzen euch vertraut. --
   Noch ist Luise traurig-müd;
   Und noch entkleidet nicht; sie blickt
   Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht,
   Noch in die Herbstnacht unverrückt.
   Ihr Sinn beschwört das alte Bild.
   Da füllt sie Heiterkeit und weitet
   Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,
   Das am Spinett sie froh begleitet.

   Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen,
   Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht
   In des Vergessens süßen Träumen,
   Vom Mantel eingehüllt, und späht
   Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? --
   Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange
   Der Stimme, die ihm nicht geklungen
   Seit seiner Trennung, die ihm lange,
   So lange, lange nicht gesungen!
   Das Lied, das heißer Leidenschaft,
   Das, sangesfrohem Mut entquollen
   Und all dem Übermaß der Kraft,
   Begeistert einst und froh erschollen,
   Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen
   Der Blätter wonnesam entgegen:

       Dich rufe ich! Ich rufe dich,
       Des Lächeln mich bezaubert hat,
       Mein Lieb! Viel Stunden setze ich
       Mich zu dir, und es sehen sich
       Die Augen doch an dir nicht satt.

       Du singst: -- geheimnisvolle Klänge,
       Des Herzens reinste Töne hallen
       Und zittern durch die Luft und schallen
       Wie Schlag von tausend Nachtigallen,
       Als ob ein Silberbach mir sänge.

       Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle,
       Durchbebt von Gluten, wundersamen.
       Dein Herz brennt in der Stille helle,
       Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle
       In mich die heißen Liebesflammen.

       Bist du mir fern, dann quält mich Wehe.
       Vergessen gibt es nicht für mich.
       Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe,
       Stets bete ich und stets erflehe
       Ich Glück, mein Engel, nur für dich! --

                   *       *       *       *       *

   War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten
   Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten
   Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,
   Wie jemand seufzend näher kam.
   Angst packt sie, Zittern fällt sie an;
   Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann
   Solch wundersames Wiedersehen,
   Kann der Gefühle eignen Bann,
   Der Blicke Flammensprach' verstehen?
   Wer kann die Feuerworte finden,
   Zu schildern recht, wie das Empfinden,
   Aufwogend wild, die Brust durchspült
   Und unser tiefstes Herz durchwühlt?
   Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach.
   Gedanken, Worte fehlen; ach,
   Voll Seligkeit entringt im Überschwang
   Der Brust sich nur ein heller Klang.

                   *       *       *       *       *

   Hans faßt allmählich sich. Er blickt
   Durch Tränen ihr ins Angesicht
   Und denkt: »In Traum bin ich entrückt;
   Erwachte ich doch ewig nicht!
   Sie ist noch die, die mich umfaßt
   Mit kindlich innigem Verlangen.
   Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last
   Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt
   Ist jetzt das frische Rot der Wangen.
   Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen
   Zu finden, floh von ihrem Herzen.«
   Des Leidensschlafes Schwere sank
   Von ihm; gesund und ruhig ward
   Er wieder, er, den Stürme lang
   Geschüttelt, wild durchtobt und hart. --
   So strahlt die Welt stets sonnenblank
   Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl
   Glänzt stärker, heller tausendmal. --
   Die Gäste zechen. Ihre Runde
   Gehn Glas und Becher und erklingen.
   Die Alten plaudern manche Stunde.
   Derweil sich heiß im Tanze schwingen
   Die Jünglinge, da lärmt und schallt
   Die heiterste Musik. In Saus und Braus
   Herrscht Freude über Alt und Jung;
   Und gastlich ladend lacht das Haus.
   Der Bäuerinnen junge Schar
   Bringt blaue Veilchen für die Braut,
   Dem Bräut'gam Flammenrosen dar.
   Sie schmücken das verliebte Paar.
   »Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut,
   »Blüht, wie hier diese Veilchen blühn
   Vom Felde, frisch und immer grün.
   Mag euer Herz von Liebe, schaut,
   Wie dieser Rosen Feuer glühn!«

                   *       *       *       *       *

   Von Zärtlichkeit ganz hingerissen
   harrt Hans erbebend schon. Sein Blick
   Ist helle Freude, tiefes Glück.
   Sein Herz will unverstellt genießen,
   Nachdem des Zwanges Panzerkleid
   Gefallen ist, die Seligkeit.
   Euch, Träume voller Trug und List,
   Wird nun nicht mehr vergöttern er,
   Der ird'scher Schönheit Diener ist. --
   Doch was umdüstert ihn so schwer?
   (Unfaßlich ist des Menschen Art!)
   Von seinen Träumen scheidend, starrt
   Er ihnen trauernd nach, verloren,
   Wie einem, dem er Treu' geschworen. --
   So harrt der Schüler vor dem Schlage
   Der Glocke am ersehnten Tage
   Des letzten Unterrichts. Ganz voll
   Von Plänen und vor Freude toll,
   Spinnt er sich Träume. Ohne Klage,
   Zufrieden mit der Welt und sich in lang
   Entbehrter Freiheit Überschwang.
   Doch wenn die Abschiedsstunde naht
   Von Haus und Freund und Kamerad,
   Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit
   Geteilt und Lust an tollen Streichen,
   Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen
   Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. --


                                 Epilog

   Es heben in der Öde sich und steigen
   In meines Tempels Einsamkeit,
   Die unerkannt und unentweiht
   Von eines Menschen Fuß, im Schweigen
   Der Seele Träume auf. Wie weit
   Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen?
   Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht?
   Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen,
   Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit?
   Voll ungewollter Rührung singe
   Mein Lied ich, rätselhaft erregt,
   Das stille Lied, das mich bewegt
   Und das ich dir als Loblied bringe,
   Mein Deutschland! Hoher Pläne Land,
   Der Feen und Geister Königtum,
   Mein Herz ist voll von deinem Ruhm!
   Der große Goethe hält die Hand
   Als Schutzgeist über dein Gedeihn.
   Mit seinen hohen Liedern bannt
   Er jede Not von dir und Pein. -- --



                                Beilage
                 Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski


                                   I.
                       Gogols Brief an Bjelinski

                                   Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).

Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem
Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor
allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem
Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber
wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt,
gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe,
daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine
Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in
Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht
waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die
Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen,
sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem
von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil
ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist
[wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich
habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so
ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde
mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu
einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen.
Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen
gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über
alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für
alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und
einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß
Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.

Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals
zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde,
schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu
beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines
Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich
selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich
auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst
an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem
man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so
bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis
allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn
veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu
warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur
aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten
Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken
ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber
eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann
sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von
denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich
gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden,
enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge
hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem
Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was
ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von
allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange
überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine
Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken,
die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und
die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen
feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo
ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen
würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte,
daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und
ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen.
Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten
Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen
Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu
machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten
Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch
nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist
bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig
-- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in
seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen
gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle.

                                                                 N. G.


                                  II.
             Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch

                                       Frankfurt, den 20. Juni (1847).

Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein
Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen
kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch
etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und
ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich
einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit
bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du
selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können.
Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich
_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er
scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus
ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen,
herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst,
Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose
verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen,
und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen.
Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte,
die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die
härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch
immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und
Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei
doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken
aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie
glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als
er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch
verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und
Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das
Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich
hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer
kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich
weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit
zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen
Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und
ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich
hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen
mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat,
so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar
in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in
seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte,
so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen
darfst.

[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.]

[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr
im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben
hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf
sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders,
als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um
sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«]

Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen
über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst
solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen
könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man
einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und
Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...


                                  III.
                       Bjelinskis Brief an Gogol

Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines
_verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses
Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu
charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat.
Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich
nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes
zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund.
Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch
ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand
zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch
jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls,
seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem
Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und
Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.

Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft
geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem
Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen
seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt
und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen
Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine
solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube,
meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern
deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern
viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen
und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin
nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung
zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von
dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die
unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie
alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen
sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung
wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen.
Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre,
selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und
wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die
man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für
einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege
über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie
allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich,
erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das
käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich
kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem
phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das
nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern
deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben,
Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch
bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so
zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in
dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr
selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter
oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem
Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands
Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus,
sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und
der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es
genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es
braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird,
ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die
Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht,
sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern
wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und
eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt
dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem
Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu
können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen,
die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in
dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen
Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka
titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die
Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht
einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen
aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die
aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind
folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der
Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum
mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die
Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern
behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der
letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben
Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische
Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen
Peitsche dokumentiert wird.

Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen
Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein
großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von
tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung
Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit
gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche
auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche
unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können,
und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das
sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben
unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser
schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die
Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein!
Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen
teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche
etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da
seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der
Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet,
ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft
möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die
Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie
unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis
sei.

Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow,
welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der
Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu
überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie
ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und
Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal
Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht,
wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch
ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den
prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe
loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem
Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis
eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen
geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank
... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich
wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute,
Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der
finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie!
Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für
diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe
ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente
des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein?
Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber
der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den
Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein
Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so
lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche
zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage
machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine
Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine
Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das
ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre
Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen
Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der
in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die
Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit
höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von
Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und
Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß
doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich
möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten
Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige
russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die
katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß
diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war,
als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten
Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen
russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem
erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der
Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in
Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des
Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie
alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk
das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der
Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der
Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht
... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu
ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit
ihnen zu.

Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies
ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es
besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität.
Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die
Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm:
ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch
unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige
Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben,
dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk:
mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es
viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand,
und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner
künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in
der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten
Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische
kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die
Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche,
scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde
ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus
vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen
Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität
findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem
solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich
zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt.

Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe
eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich
will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand
Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet,
die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe
stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem
Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der
göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist
sehr bequem und daher sehr -- einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie
vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schönen Ferne_; aus der Nähe
gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. -- Ich
will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik,
von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich
gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die
jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der
Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt:
wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den
Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen
wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu
spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so
maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen
Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der
Gesellschaft kompromittieren würde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir
Russen.

Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als
eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen
Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was
soll ich Ihnen darauf sagen?

Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken
verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem
Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: »Es
ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch
sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum
will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?« Darauf
antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland
schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von
Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden.
Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als
in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber
haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit
weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten
Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert
und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden
eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten
und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem
Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent
zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem
Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von
der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich
einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums
erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu
glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns
bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf
den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen
Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese
Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, daß
dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem
Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde,
oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles
darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt
erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist.
Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet,
dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu
verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht
verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem
Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer
Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon
sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre
Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre
Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren
fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr
Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber
als Mensch geschadet hat.

Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein
Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische
Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen
drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt
werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn,
Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz
der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist
auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher
wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen
literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des
Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der
Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund,
weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung,
selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der
allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen
Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung
oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des
Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel
hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu
schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem
Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen
Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres
Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten
zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten.
Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das
Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im
»Revisor«, in den »Toten Seelen« mit geringerer Schärfe und weniger
Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die
alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur
Raserei, aber der »Revisor« und die »Toten Seelen« sind darum doch nicht
vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und
das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen
Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus
dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher
ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu
verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schädliches_ Buch vergeben. Das
beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in
unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese
Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie
sich über die Niederlage Ihres Buches.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das
russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich
erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten
Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil
ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen
könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung
wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem
Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen
jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß
es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich
mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich
selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen
tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.

Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr
Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst
unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für _unsere_
Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist,
wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die
ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder
verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu
leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig
fremd sind, bedrückt werden, -- der trägt Christus in seiner Brust und
der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und
Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach
furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen
Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein
abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut
über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts
oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei,
zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt,
sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu
äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie
sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach häßlich; denn
wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur
Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere
Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie
haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit
verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern
krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus
Ihrem Buch.

Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: »Die Menschen sind heute
allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.« Glauben Sie
wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die
Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch,
daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand
und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres
Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre
Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der »Toten Seelen«
und des »Revisors« sein könnte!

Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie
haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der
Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer
Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann
hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich
geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen.
Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in
doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig
sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen,
wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung
lächerlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn
es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst
für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Haß und
Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen
von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch
keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über
Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie
gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen
und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde
bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen
dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben.
Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich
von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während
Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter
den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private
Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich)
veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie
getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter
gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen
seines »matten an der Erde klebenden Verses«. Das alles ist nicht schön.
Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich
sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht
geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und
hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr
Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal
nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin
steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs
tiefste.

Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser
Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht,
Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach
verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht
gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere
Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht
tun können, da die dortigen »Schpekins« fremde Briefe öffnen, und zwar
nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu
verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses
Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und
Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute
in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise.
Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen
alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr
Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge
machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich
belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich
würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie
bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine
oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich
und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die
russische Gesellschaft, um Rußland.

Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den
unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer
Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut
Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine
Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder
gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern.

                                         Salzbrunn, den 15. Juli 1847.


                                  IV.
                         Gogol an Bjelinski[8]

[Fußnote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprüngliche Konzept
vorhanden. Es umfaßt zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in
Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stücke gerissen, so daß
jedem Heft ungefähr zehn Blätter entsprachen. Der russische Herausgeber
hat die einzelnen Stücke wieder aneinander gelegt und den ursprünglichen
Wortlaut nach Möglichkeit durch entsprechende Ergänzungen und
Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind
durch Punkte ersetzt.]

Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht
mit Ihren eigenen Worten: »Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines
Abgrundes!« Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch
verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe,
ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie
es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende
Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen
einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf
die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre
Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu
erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so
unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur
Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu
segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu
mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des
politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen
selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren
muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft
des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon
überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht
die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und
auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein
Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich
mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen
teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so
sehe ich, daß _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie
schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen
muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den
_höchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den
Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen.
Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die
gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über
das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen
Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen
noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig
entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen
liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn
ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine
gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich
doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah,
daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die
bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen
Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können.
Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es
auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit
glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem
Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht
verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es
schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner
Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst
nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das
Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder
Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur
Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in
diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle
Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem
Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin
in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es
selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher
gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber
jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir
nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich
habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter
eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch
mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne,
ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu
erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird.
Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen
gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den
gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen
sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist.
Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den
wichtigsten Dingen zu reden?

Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe
ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert
werden, daß sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch
strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der
Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt
dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für
Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit
unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen
Gefühlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in
Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese
Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher,
weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England,
ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine
schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt
uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe
soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine
Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht,
daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an
sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen
könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen
_Zivilisation_; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort?
Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen
der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die
Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die
allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch
umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder
denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun
unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser
Zivilisation angenommen ...

Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf
unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des
Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in
seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei
Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr
viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch
solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über
deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte
unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche
waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere
Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die
Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen.

Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe
verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch
richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen,
während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges
Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die
Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da
leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von
Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf.
Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem
geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen?
Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben
Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus
Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer
und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie
schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu
Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese
selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der
Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und
gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche
Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer
Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen
Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten,
den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich
ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind
Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst
geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich
noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht für Voltaire
geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire
ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen
Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie
überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz
aller seiner glänzenden _Aperçus_ immer nur der Franzose geblieben, der
davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen
Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den
Franzosen im allgemeinen gesagt hat:

   Der Franzos ist ein Kind,
   Er stürzt geschwind
   Einen Thron über Nacht,
   Schafft Gesetz und Macht,
   Ist schnell -- wie der Blitz
   Und leer wie der Witz.
   Er reizt und macht,
   Daß man staunt und lacht
   -- -- -- -- -- -- --

Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung
über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche
studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit
verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen
und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß
wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den
Geist nur und konzentriert ihn nicht.

Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen
Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und
Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu
tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von
Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus
den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen
Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache
sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg
zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen
französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen
verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie
töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch
kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken,
daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, _als Sie_.
Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute,
von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die
Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und
beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine
Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken
zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des
russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine
solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber
könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen,
daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen
plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so
geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen
Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen
die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch
die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit
zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die
Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in
Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die
Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht
und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und
vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände
gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem
himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ...
Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen
und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich
schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere
Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu
sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine
falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.

Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit
erstaunt, mit der Sie erklären: »Ich kenne unsere Gesellschaft und den
Geist, der sie beseelt.« Wie kann man für dies sich jeden Augenblick
verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie
beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie
dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein
tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den
Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben
eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln
beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren
Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine
Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle
hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden,
während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern
sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde
es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen
unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen
und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ...
ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen
begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben.

Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg
befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt
durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie
in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere
glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen
Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die
Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die
gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die
Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art,
als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er
entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von
selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß
ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß
er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern
ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht
ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen
Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen
Gemeinwesen keine Ordnung geben.

Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat
im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es
1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder
nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle
übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei
jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur
allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all
ihren Torheiten beschert hat.

Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht
tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu
vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird
alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst
bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die
Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben
zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die
Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem
hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie
noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere
Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der
Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß
und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch
einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die
erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt
die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken
Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht
einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre
großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren
wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der
geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.


                                   V.
       Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle
                          aufgefunden worden ist

Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich
verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese
Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte
sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den
Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung
bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre -- wo das doch eine Frage
ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter
haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die
Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja
gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie
man erst _die_ Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem
Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen
Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und
sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben
Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht
nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das
Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und
schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute
herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit
dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß --
nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte
ausdrücken: »_Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_« oder »Denke
daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du« --
sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß
das Recht wirklich eingehalten werde ...


                                  VI.
                      Gogol an W. G. Bjelinski[9]

[Fußnote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben
mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol
an Stelle des oben abgedruckten ersten, später in Stücke gerissenen,
geschrieben hat.]

                                         Ostende, den 10. August 1847.

Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz
matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann
wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs
schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich
habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit
gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und
was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten
Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich
gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten
habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute,
die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft,
das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle
und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich
aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland
überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich
nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt,
von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil
folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das
Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie,
noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in
Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von
vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich
sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und
manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen
Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß
sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben.
Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle
Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen,
daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in
der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je
zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein:
jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern
einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in
Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die
andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig
macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger
Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle
Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die
rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie
verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des
Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten
Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder.
Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere
Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch
Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele
Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso
haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst
zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch
vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß,
so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß
und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber
denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen
Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also
auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen
zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener
Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man
nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann.

                                                             N. Gogol.



                                Nachtrag


                           Band VII und VIII
            Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden

(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: _Ausgewählte Stellen_ aus
dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von
Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im
Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch
erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte,
unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte,
einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das
VII. Kapitel: _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An W. M.
Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert
und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen
Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von
Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die
ersten sechs Stücke des »Briefwechsels« zugeschickt. Zwischen dem 13.
und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14,
Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls
aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite
151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes
Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3.
Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem
Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite
323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die
Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10.
Kapitel: _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski
(Band VII, Seite 85 ff.).

Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im
Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18.
August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das
erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung:
der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel
nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28
(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese
Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später
in der »Gesamtausgabe« von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von
_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten
Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.

Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846,
»die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen
Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den
Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen«. Die neue
veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: »Diese Bedeutung
des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...« (Band VII, Seite 100,
Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: »daher nehmen ihre Töne einen
biblischen Charakter an« (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir
lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach
dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols
abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): »Die souveräne Gewalt
des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem
Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch
wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen
Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen
genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die
Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze
Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten
Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in
Erscheinung treten läßt -- jene höchsten kollektiven Attribute und
Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze
Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als
nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so
intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an
die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf
die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem
Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da
fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso
furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne
Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen
Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende
Obergewalt dahinfiele -- so würde der menschliche Geist verarmen. Diese
souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb
angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den
Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit,
wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein
soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen
Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der
gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur
Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes
zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch
Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er
sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine
Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von
den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren
Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände
außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn,
Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine
einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen
Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird
sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus
der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch
deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das
Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den
Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat
Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker
zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und
mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und
Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk!
Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und
die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach:
>Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und
die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!< Und wer war es, der so
sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde
zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht
deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja
gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer
ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke
Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken
des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen
und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu
denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner
unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß
der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm
doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und,
nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war,
sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah,
daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und
daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen
Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen,
um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen
und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn
alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische
Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den
Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er
ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu
unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles
Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die
Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit
ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in
ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte -- der
geistlichen und weltlichen -- verkörperten, und zwar in der Weise, daß
nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß
sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das
heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses
völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe
zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe
ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten
Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch
noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen
Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine
vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst
findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen
Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr
geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen
Charakter an.«

Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine
Freunde, die in dem »Briefwechsel« Aufnahme fanden und erst nach einer
durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an
Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der
Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer,
je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den
Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die
Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus
dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel:

1) _Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr.
5, Seite 43) und

2) _Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18,
Seite 175).

Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe:

1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite
111.)

2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A.
T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten
Hälfte des Jahres 1844.

3) _Etwas über die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.)
Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844
niedergeschrieben.

4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O.
Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844
niedergeschrieben.

5) _Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe
an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom
2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert.

6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.)

Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stücke:

1) _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band
VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben
ist.

2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die
Idee zu diesem Schreiben rührt vom Ende des Jahres 1844 her.
Niedergeschrieben wurde es im Februar und März des Jahres 1845.

3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von
der Einseitigkeit überhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr.
14, Seite 129) -- ist im März und April 1845 niedergeschrieben.

4) _Lernt Rußland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band
VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des
Jahres 1845?).

5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?)
1845.

6) _Über ländliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite
301).

7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band
VII, Nr. 29, Seite 359.)

Mehr als die Hälfte der Briefe, die in die »Auswahl aus dem Briefwechsel
mit meinen Freunden« aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In
einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: »Während
dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere
seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen
Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie geführt habe.
Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen
nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie
alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und
verlangten Rat und Hilfe von mir« (vgl. Band VII, Seite 163 ff.).
»Während der letzten Zeit«, fährt Gogol fort, »kam es sogar vor, daß ich
Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und
daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte
erteilen können.« Am meisten von Krankheit gequält war Gogol in den
ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr
schwere Zeit für ihn. Gogol arbeitete während dieser Monate intensiv an
der »Auswahl aus dem Briefwechsel«. »Gleichzeitig brauchte er eine Kur,
machte er Reisen, war er von schweren Sorgen gequält und mußte sich um
Dinge kümmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung
hatten.« Zugleich aber mußte er zahlreiche, sehr verschieden geartete
Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlüberlegter
Weise beantwortet sein wollten. Höchstwahrscheinlich erfolgte die
Antwort auf einzelne Briefe vor der Öffentlichkeit, d. h. in der
»Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«, und es wäre
vergeblich, nach dem ursprünglichen Text der Briefe, die unmittelbar an
die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. »Auf Ihren langen Brief«,
schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Gräfin ***, »... antworte ich ...
nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in
einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in
Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird« (vgl. Band VII, Seite
309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der »Auswahl« waren
unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er
sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es
ist daher heute noch für den größten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die
in der »Auswahl« enthalten sind, kaum möglich, die chronologische
Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage
beantworten läßt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol
gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht
ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem
Briefwechsel usw. aufgenommen wurde.

Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufsätze der »Auswahl«:

1) _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band
VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stück wurde 1845 niedergeschrieben und
1846 nochmals umgearbeitet.

2) _Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den
heutigen Zuständen in Rußland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.)
Dieses Stück stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint
unmittelbar für den Druck bestimmt gewesen zu sein.

3) _Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem
Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und

4) _Über denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.
(Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hälfte des
Jahres 1846.

5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23,
Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder März dieses Jahres an den
Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachträglich, d. h. im August oder
September, nochmals für den Druck umgearbeitet.

7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13,
Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846
niedergeschrieben.

8) _Über die Aufklärung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite
167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres.

9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21,
Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten
Juli-Hälfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer
verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im
September 1846 und 1847 für die Drucklegung nochmals umgearbeitet.

10) _Rußlands Schrecken und Grauen._ An die Gräfin *** (Band VII, Nr.
26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben.

11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite
369.) Dieser Aufsatz wurde »während dreier Epochen« geschrieben, er ist
1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 für die Drucklegung
vollendet.

12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2,
Seite 21.)

13) _Der Christ schreitet vorwärts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12,
Seite 117.)

14) _Ratschläge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.)

15) _Der vierte Brief über die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV,
Seite 199.)

16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite
255.) Die Originalmanuskripte der letzten fünf Briefe sind unbekannt.
Wahrscheinlich sind diese Stücke gleich für die »Auswahl« geschrieben.
Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am
13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils,
der fünfte am 26. September.

Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur »Auswahl« stammt aus dem
August des Jahres 1846.

Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trägt kein
Datum.

                   *       *       *       *       *

Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1)
ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt.

_Über den »Zeitgenossen«_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11),
ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert.

_Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847
begonnen und noch in demselben Jahre vollendet.

Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am
10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski
gesandt.

_Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite
115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris
konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem
(d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis
zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10].

_Hans Küchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich
bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach
Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem
Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission.
Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi
offenkundig abgelehnt.

[Fußnote 10: 1911 ist eine deutsche Übersetzung von K. von Mickwitz in
Rendsburg (Heinrich Möller Söhne) erschienen, die dem Herausgeber bei
der vorliegenden Ausgabe, besonders für die Ermittlung der Bibelzitate,
wertvolle Dienste geleistet hat.

Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher
aufgeführten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock
entnommen.]

_Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite
369.)

Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion
Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der »Auswahl«, da er ein
helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen
ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit
dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung
zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die
»Auswahl aus dem Briefwechsel« bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols
Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der
Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der
»Toten Seelen« setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für
Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der
Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der
Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich
bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche
Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte.
Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der
dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer
mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem
Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher
Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten
Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener
rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen
Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die
gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend
und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten
der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den
»Briefwechsel« zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem
Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden
Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und
neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu
Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen
Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief
Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht
gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski
die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und
für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht
unbeträchtliche Teile aus dem »Briefwechsel« herausstrich, ebenso wie
Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und
künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck
finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere
geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen
kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen
Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete,
mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk
eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen.

Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den
sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei
Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den
Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte
Bjelinski im zweiten Heft des »Sowremjennik« (Zeitgenossen) eine
außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten
eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis
Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste
verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht
erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive
zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem
Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht.

Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in
Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem
Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten
Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen
Freiheitskampf Rußlands gespielt hat.

Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei
weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall
aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre
große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie
Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität
auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel
gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der
Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend
Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den
entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der
den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln
wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß
der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der
Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch
Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich
weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht
hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski
noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit
geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten.
Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London
erscheinenden »Polarstern«. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872
auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen
nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek
Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt
in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der
russischen Revolution.


                Chronologische Tabelle der Werke Gogols

   Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen
         sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl.

   Hans Küchelgarten                                  (um 1828)   [VIII]
   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
   I. Teil                                                 1831    [III]
   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
   II. Teil                                                1832    [III]
   Arabesken                                               1834     [VI]
   Mirgorod, Teil I und II                                 1834     [IV]
   Über die Strömungen der Zeitschriftenliteratur          1835     [VI]
      der Jahre 1834-1835
   Der Revisor                                             1836      [V]
   Die Equipage                                            1836     [IV]
   Die Nase                                                1836     [II]
   Petersburger Skizzen                                    1837     [VI]
   Italienische Sommernächte                               1839     [VI]
   Szenen aus einer unvollendeten Komödie -- Der      1832-1842      [V]
      Morgen eines vielbeschäftigten Herrn -- Der
      Prozeß -- Das Vorzimmer -- Fragment
   Eine Heiratsgeschichte                             1833-1842      [V]
   Die Toten Seelen, I. Teil                          1835-1842      [I]
   Die Spieler                                        1836-1842      [V]
   Nach dem Theater                                   1836-1842      [V]
   Das Porträt                                        1837-1842     [II]
   Der Mantel                                         1839-1842     [II]
   Rom                                                1839-1842     [VI]
   Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden        1846  [VII u.
                                                                   VIII]
   Die Beichte des Dichters                                1846   [VIII]
   Betrachtungen über die Heilige Liturgie            1845-1848   [VIII]
   Brief an Schukowski                                     1848   [VIII]
   Die Toten Seelen, II. Teil                         1845-1852     [II]


                      Inhalt des siebenten Bandes

   Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I                      Seite
   Vorrede                                                             1
   I Mein Testament                                                    9
   II Die Frau in der vornehmen Welt                                  21
   III Die Bestimmung der Krankheiten                                 30
   IV Etwas über die Bedeutung des Wortes                             35
   V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen              43
   VI Wie man den Armen helfen soll                                   49
   VII Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee                       55
   VIII Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit      73
   IX Über denselben Gegenstand                                       79
   X Über das Lyrische bei unseren Poeten                             85
   XI Diskussionen                                                   111
   XII Der Christ schreitet vorwärts                                 117
   XIII Karamsin                                                     123
   XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das           129
      Theater und von der Einseitigkeit überhaupt
   XV Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit          151
   XVI Ratschläge                                                    161
   XVII Über die Aufklärung                                          167
   XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten        175
      Seelen«
   XIX Liebt unser russisches Vaterland                              203
   XX Lernt Rußland kennen!                                          209
   XXI Was eine Gouverneursgattin ist                                227
   XXII Der russische Gutsbesitzer                                   255
   XXIII Der Historienmaler Iwanow                                   271
   XXIV Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags     291
      und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann
   XXV Über ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit               301
   XXVI Rußlands Schrecken und Grauen                                307
   XXVII An einen kurzsichtigen Freund                               317
   XXVIII In einen hochgestellten Mann                               323
   XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist                           359
   XXX Ein Geleitspruch                                              363
   XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie                     369
   XXXII Auferstehungstag                                            447


                        Inhalt des achten Bandes

   Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II                     Seite
   An Arkadius Ossipowitsch Rosetti                                    1
   Über den »Zeitgenossen« (Sowremjennik)                             11
   Die Beichte des Dichters                                           33
   An W. A. Schukowski                                               101
   Betrachtungen über die Heilige Liturgie                           115
   Einleitung                                                        121
   Das Offertorium (_Proscomidia_)                                   125
   Die Liturgie der Katechumenen                                     145
   Die Liturgie der Gläubigen                                        169
   Schluß                                                            217
   Jugendschriften                                                   223
   1834                                                              225
   Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken                  231
   Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung »Der               235
      schreckliche Eber«
   I Der Lehrer                                                      237
   II Der Erfolg der Gesandtschaft                                   251
   Das Weib                                                          263
   Fragmente
   Gedichte und poetische Versuche                                   275
   Sturm                                                             277
   Albumblatt                                                        279
   Hans Küchelgarten                                                 283
   Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
   I Gogol an Bjelinski                                              349
   II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch                 355
   III Bjelinskis Brief an Gogol                                     361
   IV Gogol an Bjelinski                                             381
   V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle       395
      aufgefunden worden ist
   VI Gogol an W. S. Bjelinski                                       399
   Nachtrag                                                          405


                             Berichtigungen

Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Prozeß. Das Bedientenzimmer
usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).

Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das
Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).

Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836.


                 Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt



Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verändert.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, teilweise
unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher):

   ... Deutsch von Ullrich Steindorf ...
   ... Deutsch von Ulrich Steindorff ...

   [S. 1]:
   ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ...
   ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ...

   [S. 13]:
   ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«. Wir ...
   ... auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir ...

   [S. 15]:
   ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Verspechen, ...
   ... ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, ...

   [S. 37]:
   ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ...
   ... sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in ...

   [S. 64]:
   ... würden, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ...
   ... würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und ...

   [S. 101]:
   ... An W. A. Schukkowski ...
   ... An W. A. Schukowski ...

   [S. 156]:
   ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ...
   ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ...

   [S. 159]:
   ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmich ...
   ... ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ...

   [S. 179]:
   ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußsein ...
   ... alle Tage unseres Lebens.« Und im vollen Bewußtsein ...

   [S. 183]:
   ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels ...
   ... an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels ...

   [S. 184]:
   ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ...
   ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ...

   [S. 372]:
   ... behaupten nnd es als eine große Wahrheit hinstellen, ...
   ... behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, ...

   [S. 378]:
   ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ...
   ... Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ...

   [S. 411]:
   ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...
   ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...

   [S. 417]:
   ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremjennik); ...
   ... Über den »Zeitgenossen«; (Sowremennik); ...

   [S. 427]:
   ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ...
   ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten - Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen - über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente - / Hans Küchelgarten" ***

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