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Title: Der Spiegel - Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Author: Various
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Spiegel - Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
    ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
    ~so markiert~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
    Buches.



    Der Liebhaber-Bibliothek
    fünfzigster Band

[Illustration]



    Der Spiegel

    Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

    Herausgegeben von

    Karl Lerbs

    Sechstes bis fünfzehntes Tausend

    Gustav Kiepenheuer Verlag

    Potsdam--Berlin 1919



        Dem Andenken

        Johann Peter Hebels



Dubonnet

Ein Gruß an Hebel

Von _Otto Flake_


Im Schatzkästlein steht die Geschichte des deutschen Binnenländers,
der in die große Stadt Amsterdam kommt und vor einem stolzen Schiff,
einem prächtigen Haus und einem gewaltigen Begräbnis fragt: Wer ist es,
dem dies gehört? »Kannitverstan«, ist die Antwort, und er beneidet den
reichen Mann nicht mehr.

Eine gute Geschichte; Pointe und Moral darin, Treuherzigkeit und Humor.
Als Knabe las ich sie im Lesebuch; sie hat mir so gefallen, daß ich sie
nie vergaß. Und später, als ich auf Reisen ging, in fremde Städte kam,
ging sie mir erst recht auf.

In ihrem Reiz war eine Aufforderung, wie jener junge Deutsche über
vier, fünf Eindrücke aufs Geratewohl Eingeborene um Auskunft anzugehen
und ein unbekanntes Wort zu erhalten, das ein Band schlang, wo keines
war und einen Sinn, wo Sinn fehlte.

Sehr jung, in Weltlichkeit nicht eingeweiht, stieg ich am Ostbahnhof in
Paris ab und begann sofort kreuz und quer herumzustreifen. Da stieß ich
auf ein Wort, das sich immer, immer wiederholte: Dubonnet.

Zuerst bemerkte ich es in der Metrobahn, alle hundert Meter an den
Wänden des Tunnels. Ich setzte mich auf Bänke in den Parks. Dubonnet
stand auf der Lehne wie bei uns im Lande der Ordnung »Nur für
Erwachsene«.

Wo Löcher in den Häuserzeilen häßlich gleich Lücken in den Zähnen eines
Menschen klafften, prangte blau das Wort Dubonnet, auf den Firsten
der Dächer flammte es nächtlich auf, in den Zeitungen füllte es halbe
Seiten, umrahmt von leerem Weiß: Dubonnet, sonst kein Wort.

Dubonnet wiederholte ich, und als ich es fünfzigmal nachgesprochen
hatte, wurde es wie ein mystischer Ruf, Symbol des Geheimnisvollen
in der Wirklichkeit. Die Griechen hatten dem unbekannten Gott einen
Tempel gebaut, war es nicht denkbar, daß in der Großstadt ein Wort der
Gesinnung, Mahnung und fernen Weite metaphysisch rief?

Auf einer Kaffeehausterrasse erfuhr ich die Lösung des Rätselworts; es
bestellte einer einen -- Dubonnet. Zuerst war ich enttäuscht, dann
lachte ich, so fröhlich, daß man sich nach mir umsah. Lehre war es, daß
es in der Großstadt keine Mystik gibt -- wie, warum denn nicht?

Nun _wollte_ ich sie, und wenn es mir gefiel, Dubonnet einen Klang wie
dem erhabenen Feldgeschrei einer Religion zu geben, wer konnte mich
daran hindern? »~Dieu le veut~« riefen die Kreuzritter, warum ich nicht
Dubonnet?

So wurde mir Dubonnet, was jenem Jüngling Kannitverstan gewesen war,
Laut des Tiefsinns, Gleichnis, Wort der eignen Souveränität, die ihren
Willen setzt. Gruß, Vater Hebel, dir.



Zum Eingang


Der Versuch, die im deutschsprachigen Schrifttum auf dem Gebiet der
Anekdote wirkenden Kräfte in einem Sammelbuch aufzuzeigen, erschien in
manchem Betracht von Wert. Er wurde unternommen im vollen Bewußtsein
seiner Schwierigkeit; hat sich doch die einst so klare Form der
Anekdote dem großen Wandlungsvorgang der Zeit nicht entziehen können.
Daß solche Wandlung große Gebiete des Stofflichen umfaßt, wird man als
eine aus verändertem Zeitbild organisch erwachsene Ausweitung würdigen
und begrüßen; daß aber die Bestimmtheit der Form sich verwischte und
heute so manches als Anekdote ohne Recht sich ausgibt, -- das scheint
eine Abgrenzung der Anekdote gegen andere Kunstformen nötig zu machen.
Es sei versucht, von der Kennzeichnung ihres Wesens zu ihrer Wertung
vorzudringen.

Die Anekdote ist die gedrängte, unbedingt in sich gerundete Darstellung
eines Vorganges von irgendwie kennzeichnender Bedeutung, --
gleichgültig, ob kennzeichnend für eine bekannte Persönlichkeit, für
einen Einzelmenschen, einen Menschentypus oder nur als Vorgang an
sich. Sie ist nicht Ausmalung, Betrachtung, Stimmung, sondern Leben,
Bewegung, Handlung. Das umrankende Beiwerk darf, sparsam verwandt,
nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens
überwuchern; es darf nur dazu dienen, die plastische Wesenheit
der Handlung zu erhöhen, die Farben mit lebendiger Leuchtkraft zu
untermalen. Alles dient nur der Weiterführung des Geschehens, dem
fortschreitenden Vordringen zu Wesen und Sinn; alles steht für sich
selbst ohne breite, nachdenkliche Erläuterung da, die Klarheit bedarf
keiner Erklärung und Erklügelung. Die Anekdote ist ein unbestechlicher
_Spiegel_ des Lebendigen; darum habe ich dieses Buch »Der Spiegel«
benannt. Wie ein Spiegel dem Betrachter einen fest umrissenen
Ausschnitt aus einem Geschehen körperhaft zeigt, so auch die Anekdote.
Man hat sie mit einer Zeichnung verglichen. Darin liegt viel Richtiges,
wenn man die Zeichnung als Ganzes und Fertiges betrachtet, -- und doch
kann der Vergleich irreführen. Denn die Technik des Anekdotenerzählers
ist im wesentlichen eine andere als die des Zeichners. Dieser baut
aus Linien ein Bild auf, das die zur Reglosigkeit erstarrte Plastik
einer Situation wiedergibt, und erst die weiterschaffende Phantasie des
Beschauers flößt ihm Leben ein. Ich erinnere z. B. an die Zeichnungen
Menzels; sie sind in ihrer plastischen Kraft gewissermaßen Stoffe
zu Anekdoten, und der Betrachter schöpft aus ihnen die Anregung
zur Vervollständigung des linienscharf erfaßten Vorganges. Der
Anekdotenerzähler aber packt mit sicherem Griff ein Lebendiges und läßt
es durch Tun und Gebärde sein Wesen ausprägen. Zur langsam strichelnden
Stimmungsergänzung bleibt ihm wenig Zeit, das drängende Tempo reißt ihn
wie seinen Leser fort.

Das führt abermals auf den »Spiegel«-Vergleich, und diesmal tiefer.
Die Anekdote kann sich nicht auf die ausführliche und _betrachtende_
Zerlegung seelischer Vorgänge einlassen. Diese Vorgänge sollen aus
dem Geschehnis, das den Leser zum Nachdenken zwingt, erhellen. Auch
der Spiegel liefert dem Beschauer Merkmal und Ausdruck des Seelischen
und überläßt ihm die Folgerung daraus. Und weiter: Er fängt mit dem
Handelnden zugleich auch seine Umgebung auf; aber von diesem Beiwerk
wird auch nur dem eine wesentliche Rolle zufallen, das dazu dienen
kann, den Vorgang zu begründen und zu unterstreichen, ihn zu erklären
und zu ergänzen -- soweit ihm das überhaupt gegeben ist. So wird
auch der Anekdotenerzähler vom »Milieu« in knappen, aber scharf und
körperhaft bildenden Worten nur das erstehen lassen, was seinem Vorwurf
farbigen Hintergrund gibt und den Fluß der Handlung weiterleitet.

Gewiß wird der »Spiegel«-Vergleich auch in anderen Fällen zutreffen;
auch Satire etwa und Groteske können Spiegelungen sein, aber sie müssen
um ihres Zweckes willen die Linien verstärken, verzerren, übertreiben.
Die Anekdote ist aus dem Wirklichen erwachsen; Leben schaffen und
wirken lassen nur durch seine Kraft ist ihr einziger Zweck. Ein alter
Irrtum verlangt von ihr, daß sie zum Lachen reizen soll; auch das
_kann_ ihre Folge sein, aber die Verallgemeinerung solcher Forderung
ist natürlich unsinnig.

Den Vorwurf formalistischer Engherzigkeit, den man mir nach alledem
vielleicht entgegenhält, wird man fallen lassen, wenn man erkannt
hat, daß gerade hier dem wirklichen Künstler die klare Umreißung
des Formbegriffs Schaffensvorbedingung ist. Und solche Beschränkung
ist keine Enge; sie eröffnet das Feld für den stärksten Einsatz
gestaltender Kraft, sie fordert eine gezügelte, aber gerade darum ganze
und bedingungslos sich einsetzende Kunst. Sie belohnt den Bildner
tausendfach durch die Freude am schöpferischen Wort, am lebenzeugenden
Stil, am schönen, festen Gefüge des unverrückbar dastehenden
Ganzen. Ihr Beherrscher wird sich aus eigener Kraft vom »Rezept«
freimachen und in der strengen Form ein in sich vollendetes Mittel
zur Geltendmachung seines Willens sehen; er wird auch ohne Schwanken
darüber entscheiden, welche Möglichkeiten sich ihm auftun, wo die
Grenzen liegen, bis zu denen er seine Kraft spielen lassen kann. Und
aus solcher Meisterung, solcher unbeirrbaren Blickschärfe wird ihm ein
Gewinn erstehen, der weit über den Sonderfall hinaus in anderen Formen
der Kunst sich auswirkt.

Soweit der Versuch zur Festlegung des Programmatischen. Ich erhebe
nicht den Anspruch, Abschließendes gesagt zu haben; ich bin mir auch
durchaus bewußt, daß dieses Buch, rein als Auswahl genommen, diese
oder jene Anforderung unerfüllt läßt, da es in seiner _anthologischen_
Eigenart einen ersten Schritt in unbegangenes Gebiet tut. Der
Einladung, die ich an die hier vereinigten berufenen Erzähler ergehen
ließ, lag die Absicht zugrunde, das Problem von recht vielen Seiten
zu beleuchten und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu schaffen, ihrer
Auffassung durch das Beispiel Ausdruck zu geben. Darüber hinaus
wird sich vielleicht über als wichtig erkannte Formprobleme eine
Aussprache entspinnen, die (soweit das denkbar ist) zur Klarheit
führt. Wenn aber der »Spiegel« diese Schattierungen in der Auffassung
anschaulich macht, und wenn er durch den stets beobachteten einigenden
Gesichtspunkt des Gewählten und die aus der Vielheit des Inhalts ganz
unverkennbar sich abhebende Einheit der Grundlinien die Wirkung hat,
eine als _Kunst_form nicht mehr nach Gebühr geachtete Erzählungsgattung
wieder in ihre Rechte einsetzen zu helfen, so ist sein Zweck erreicht.

Warum dieses Buch der Lebendigen dem Andenken eines seit langem Toten
gewidmet ist? Weil in der klaren, urwüchsigen Kraft der Hebelschen
Anekdoten ein zeitloser Wert an lebensstarker, herzhafter Kunst und
weltfrohem Menschentum steckt; weil wir Heutigen, die wir eigene Wege
gehen und gehen sollen, diesem deutschen Erzähler Dank und Achtung
schulden wegen der helläugigen Geradheit und aufrechten Schlichtheit
seiner Geschichten.

Es bleibt mir noch die gern erfüllte Pflicht, allen, Mitarbeitern und
Verlegern, die durch Beiträge und Nachdruckserlaubnis zu dem Buche
beisteuerten, auch hier herzlichen Dank zu sagen.

    Bremen, im Januar 1918.

            Karl Lerbs



Von allerlei Leuten



Der ungebetene schwarze Gast

Von _Paul Keller_


In einer schlesischen Stadt lebte ein Schornsteinfegermeister, der das
war, was man ein »gelungenes Huhn« nennt. Seine Streiche hatten von
Jugend auf immer etwas Kühnes gehabt, und da er ein wohlhabender Mann
war, konnte er seine angeborene Abenteuerlust auch auf nichtschlesische
Gegenden ausdehnen. Eines Tages kam der Schornsteinfeger auf einer
Sommerreise nach Friedrichshafen am Bodensee. Da erfuhr er, daß
am nächsten Tage die württembergischen Landtagsabgeordneten die
Luftschiffanlagen besichtigen und vom Grafen Zeppelin selbst geführt
werden würden. Nach der Besichtigung sollten die Herren im königlichen
Schloß bewirtet werden, der König und Zeppelin selbst würden dabei die
»Honneurs« machen.

In der Seele des schlesischen Schornsteinfegermeisters entstand sofort
ein kühner Plan. Er verschaffte sich eine passende Kleiderausrüstung
und mischte sich am nächsten Morgen mit der zuversichtlichsten Miene
der Welt unter die württembergischen Abgeordneten, ließ sich auch gar
nicht dadurch beirren, daß ihn dieser oder jener etwas »befremdet«
ansah, sondern »besichtigte« die Luftschiffanlagen und hörte den
Erklärungen Zeppelins mit regem Interesse zu. Nachmals, als er in sein
schlesisches Heimatstädtchen zurückgekehrt war, zeigte er voller Stolz
die Photographien, die in Friedrichshafen aufgenommen worden waren,
und auf denen unser Schornsteinfegerlein immer in dichtester Nähe von
Zeppelin stand. Auch die illustrierten Zeitschriften haben ihn damals
so verewigt.

An dem Tage selbst aber, als die »Führung« beendet war und die
gastronomischen Genüsse kamen, die Bewirtung, dachte unser Meister:
»Ich tue nichts Halbes; ich bleibe bei der Sache!« Er entwickelte
im Schloß, wo ein »zwangloses kaltes Büffet« aufgestellt war, einen
glänzenden Appetit; als er sich aber gerade einen Benediktiner zu
Gemüte führen wollte, tippte ihn jemand auf die Schulter und fragte
ganz leise: »Sie sind wohl ein blinder Passagier?«

Dunnerwetter, erschrak der Schornsteinfeger und begoß sich die Nase!
Aber der andere blinzelte ihm beruhigend zu und flüsterte im schönsten
Berlinerisch:

»Ick nämlich ooch!«

       *       *       *       *       *

Diese Geschichte sieht so aus, als ob sie erfunden sei. Aber sie ist
buchstäblich wahr. Ich veröffentlichte sie damals. Der Schornsteinfeger
war außer sich, obwohl ich seinen und seines Heimatortes Namen
natürlich gar nicht genannt hatte. Nun, glaubte er, sei eine
hochnotpeinliche Untersuchung und seine Bestrafung außer Frage. Der
Brave ängstigte sich umsonst. Es kam eine Postkarte folgenden Inhalts
an mich:

            »Friedrichshafen, den ...

    Für die Mitteilung der köstlichen Geschichte von meinem
    ungebetenen ›schwarzen Gaste‹ danke ich bestens.

            Graf _Zeppelin_.«

Wie hat da der kühne Schornsteinfeger triumphiert! Und ich bin ganz
sicher: zu den Deutschen, die heute den Heimgang unseres geliebten
Zeppelin im tiefsten Herzen beklagen, gehört sein »ungebetener
schwarzer Gast«.



Eine Abelsberger Heiratsgeschichte

Von _Peter Rosegger_


Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits
fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt,
und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen
machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres
machen, als wieder einen Unseligen hineinzustecken. Ihren ersten Gatten
hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen
Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der
Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte
ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm
bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes
Haus zusammengefegt; die Gallbeißerin liebte ihn.

Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin
und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte
seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die
übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor
sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß
von seinem Gesichte wusch, um darzutun, daß er noch fein glatt und
nicht alt sei; und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas
verdünntem Karmin anstrich, um darzutun, daß sie fein und rot und noch
jung sei.

Alsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit,
wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes tat. Die
Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid
verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgendeinem hohen
Schornsteine eine Lungentzündung herab und legte sich damit zu Bette.
Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und
Neubrunn feierlich verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten
Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken
einen schallenden »Tusch« aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit
auf dem Chore mitmusiziert hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht,
daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch
nicht gesund, und zweitens, weil er todkrank wäre. Man stelle sich
den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige
Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, alles aufzubieten, um zu
retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister,
ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der
Meister bejahte und ein Übereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr
befürwortete. Es geschah, aber der Notar, wie solche Leute schon in
allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen, schrieb unter
den Ehevertrag als letzte Klausel: »Dieser Kontrakt tritt mit der
kirchlichen Trauung obengenannten Paares in Gültigkeit.«

Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und
Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche
für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur noch
wenige Stunden mehr zu leben habe.

»Ist denn nicht _ein_ Stock mehr zu retten?« wimmerte die Braut und
sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin ans Bett und rief:
»Mein Geliebter, mein Einziger, ich will dein Weib oder deine Witwe
sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!« Der Kranke
faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb' und Treue. Aber er
wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.

Es _sei_ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich
ins Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bett gebe und
somit der Herzenswunsch beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie
Gott es wolle.

So wurde, da alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr
obwalteten, die Trauung »einfach und würdig«, wie die Gallbeißerin es
wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze
der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette
weg in den Gasthof zum Festmahle, bei dem es gar heiter herging, die
Braut viel mit Wein verehrt und sogar der Sterbende leben gelassen
wurde.

Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister
beigestellt hatte, und bei welchem wieder wacker angestoßen werden
sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn
entschlafen.

Die Braut flennte eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen
Gelegenheiten die Zeremonien lästig sind!

Am anderen Morgen, während auf dem Turme die Totenglocken klangen,
bestieg die Gallbeißerin tränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in
den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern
kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des
Schmerzes, wieder zur Erde nieder.

Am Haustore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen
übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in
den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.

Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge
zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die
nicht früh genug ins reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher
ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne
er von dieser höchst ehrenwerten Seite. Er habe -- und damit zog der
Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der
Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfeger Ignaz
Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe;
diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf
mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige
Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden wert, ein anderes
Vermögen sei nicht da, und es freue ihn -- den Bäckermeister --, daß
sein ehrenwerter, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch
einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu
werden. Er sei überzeugt, die Witwe und Erbin werde das Andenken des
Verstorbenen dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen
Wege zu betreten sich erlaubt habe -- ehebaldigst den von ihrem
Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle
er sie nicht stürzen, sondern erkläre sich in Gottes Namen mit den
beiden Häusern für zufriedengestellt.

So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen, und nun kamen für
die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.

Es wäre unerquicklich, ihre Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten
auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem
Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich
das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde
gelange.

Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht
besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch
den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das:
Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, und so weiter. -- Der
Bäckermeister soll's auch bedenken!



Ein Wiedersehen

Von _Rudolf Huch_


Als ich noch zu den jüngeren Rechtsanwälten gehörte, kam einmal ein
Mann aus Braunschweig zu mir, der wirklich Schulze hieß. Er war
ein älterer Mann, kam auf einem Rade gefahren und trug eine runde
Radfahrermütze mit einem bunten Stern. Das gefiel mir nicht. Er wollte
einen Prozeß führen. Ich sagte, daß er ihn zur Hälfte gewinnen und zur
Hälfte verlieren würde. Er wollte das nicht glauben, es kam aber doch
so. Als er einmal wieder sehr lange bei mir gesessen und das Gegenteil
bewiesen hatte, erklärte ich ihm, ich brauchte das alles nicht,
sondern nur eine Erklärung auf den letzten Schriftsatz des Gegners. Er
behauptete, eben darüber hätte er sich seit einer Stunde verbreitet.

»Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn!«

Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich
rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.

Wenigstens erst nach drei Jahren. Ich war von der Herzogstraße in eine
andre Wohnung gezogen und hatte mir einen Bart stehen lassen. Herr
Schulze wollte wieder einen Prozeß führen, und zwar einen großen. Unsre
Bekanntschaft erwähnte er nicht und ich auch nicht.

Diesen Prozeß gewann er, aber als das Urteil rechtskräftig war,
meldete der Schuldner Konkurs an. Ich mußte Herrn Schulze auch im
Konkurse vertreten, obwohl ich ihm sagte, das könne er selbst. Der
Gemeinschuldner bot einen Vergleich mit fünfundzwanzig Prozent an. Ich
sagte, dreißig müßten es sein, worauf er antwortete, dann wolle er
dreißig zahlen. Damit war meine Tätigkeit beendet. Die fünf Prozent
kamen allen Gläubigern zugute, meine Kosten mußte Schulze natürlich
allein tragen. Er kam selbst, um das Geld zu bringen.

Ich sagte einigermaßen befangen: »Es hat sich recht aufgesummt!«

»Bitte sehr,« erwiderte er höflich. »Man zahlt gern, wenn man so gut
aufgehoben ist. Ich hatte vor drei Jahren hier am Orte einen Prozeß.
Damals vertrat mich Ihr Kollege, der auf der Herzogstraße wohnt, ich
weiß nicht mehr, wie er heißt. Der Mann konnte mir nicht imponieren!«
-- »Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn, was Sie
mir damals sagten!«

Herr Schulze gab keine Antwort. Seine Augen quollen auf eine
beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam
nicht wieder.



Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute

Von _Heinrich von Schullern_


Engelbert Meisenheimer, der uralte Radetzkyveteran, ist nun auch
gestorben. Er war einer der »Salzburger Edelknaben«, die einst Brescia
bezwangen. Dabei will gerade er sich löwenkühn benommen haben. Das hat
seine eigene Bewandtnis.

»Nur die Liebe zu meiner jetzt im Herrn ruhenden Alten«, pflegte
er noch in den letzten Lebensjahren zu erzählen, »war größer als
die Ehrfurcht von unseren Generalen. Denken Sie nur, die Kathi ist
meine Braut gewesen, den ganzen langen Krieg hindurch. Den reichen
Obergugginger Franz hat sie ausgschlagen und geduldig auf mich armen
Korporal gwartet. Ich war immer der Überzeugung, so etwas muß belohnt
werden. Gold und Edelsteine haben andere aus Feldzügen mitgebracht.
Bei Vater Radetzky aber -- das ist uns gleich gsagt worden -- war die
Plünderei verboten. Recht so, hab ich gedacht und auch gut gheißen,
wie unser Haynau mit dem Galgen gedroht hat. Es war grimmig schlecht
von mir, daß ich in Brescia seinem strengen Befehl zuwiderghandelt
habe; aber es war auch meine größte -- Heldentat. Unter Haynau über
die Welschen siegen, war eine Kleinigkeit, ein Kinderspiel. Seine
strengen Befehle übertreten, diesem fürchterlichen Mann Trotz bieten,
das hab nur ich und der Feldwebel Überacher Quirin vom Ersten Bataillon
zusammengebracht. Er tragt die Hauptschuld, er hat mich überredet.

In einem Haus, aus dem sie tagsvorher siedendes Wasser hektoliterweis
auf uns gschüttet haben, da drin ist der Quirin auf ein riesiges --
Handschuhlager gstoßen. Ich hab mich lang gesträubt mitzutun. Aber
Handschuh waren immer ein Traum meiner Kathi. Wie eine Gnädige hab' ich
sie schon gsehn herumgehn. -- Ich hab zwei Tag lang gekämpft mit mir
selber, dann, na, dann hab ich halt eine Schachtel feine Damenhandschuh
gepackt, eine einzige bloß. Die ist freilich gut versteckt worden! Und
eine Angst hab ich ghabt, daß s' mir dahinterkommen! Der ärgste Jammer
hat angfangen, wie wir nach Verona zurückmarschiert sind. Ich hab die
leere Schachtel bei Nacht weggworfen und die Handschuhpakete, in lauter
Fußfetzen und Socken eingemacht, in den Tornister gstopft. Wie's der
Überacher mit seinen vielen Sachen gmacht hat, hab ich damals nicht
gwußt. Der ist vor mir schon mit seinem Bataillon abmarschiert. Nur das
weiß ich, daß ich mich schrecklich schwer getan hab, meine Leibesbagage
auf dem Kompagniewagen vor dem Herrn Hauptmann zu verstecken. In
Verona, in Vicenza und Treviso hab ich keine Nacht gut gschlafen. Nur
der Gedanke an die Riesenfreud der Kathi, das war mein einziger Trost.

Wie wir dann viele Wochen vor Venedig glegen sind -- es ist gar
nicht zum sagen, was für Ängsten ich wegen der verflixten Handschuh
ausgstanden hab. Wenn ich nur nicht der Kathi schon hätt' gschrieben
ghabt, daß ich ihr etliche Paar Handschuhe 'kauft hab, alle wären
sie ins Adriatische Meer gflogen, die gottunseligen Dinger. In den
Laufgräben von Malghera ist mich auch noch das Fieber angekommen. Ich
hab immer nur die Handschuh im Kopf ghabt. ›Nur nicht ins Lazarett!‹
hab ich immer gjammert und getan, als ob ich gsund wär. Ich hab's
überwunden, die Krankheit, aber nachgschlichen ist's mir bis Padua und
Verona. Der Regimentsarzt hat immer gsagt, das Lagunenfieber steck'
wohl noch in mir; aber es war doch mehr die Angst und Schlaflosigkeit
wegen die Handschuh, die mich ganz heruntergebracht hat. Es ist auch
immer schlechter worden. Die ewige Angst, die Gewissensbisse! Ist mir
nämlich berichtet worden, daß s' dem Überacher bald auf seinen Raub
gekommen sind. Den Kopf hat er nicht verloren, aber -- die Charge auf
ja und nein. Und Stockprügel hat er auch bekommen, das höchste Maß. Ich
einst so ehrsamer Junggeselle war gleich ihm ein elender Plünderer! Aus
Liebe, nur aus Liebe zu meiner Kathi!

Endlich hat es gheißen, ich komme wegen allgemeiner Schwäche
einstweilen einmal in meine Heimat zurück. Drei Nächt' hab ich drüber
nachgedacht, wie ich's machen soll, daß man mir zu guter Letzt nicht
noch bei der Abreise auf die grausam teuren Handschuh kommt. Aber es
ist gut gegangen.

Wie ich z'Haus angekommen bin, hab ich meine Kathi a wenig im
Vorbeigehn abbusselt und ihr's Paket gebn, das große Paket. Die
hat grad so herausglacht vor lauter Freud. Drei Dutzend feine
Damenhandschuh! Dann bin i schnell zu mei'm alten Vater und gleich
wieder zur Kathi zruck, daß ich ihre Riesenfreud auch mitgnießen kann.
Aber was war das? Die Handschuh sind am Boden herumglegen, und die
Kathi hat sich vor lauter Weinen nimmer derfangen können.

›Ja, was ist's denn, sans leicht verruiniert vom Lagunenwasser?‹

›Na, na -- dös net -- dös -- net!‹

›Oder sans z' klan oder z' groß?‹

›Na, na, dös net -- dös -- net!‹

›Ja, was ist denn nachher, in Kreuzteufelsnam?‹

›Uhuhu,‹ heult sie da, ›i kann s' net brauchn, es hand ja grad allszamm
lauter -- linksseitige!‹«



Das Protokoll

Von _Wilhelm Scharrelmann_


Ein Abbé erzählte einst folgende merkwürdige Geschichte:

»Ich hatte vor einigen Jahren durch das Spiel des Zufalls das
Vergnügen, hier in Paris einen Jugendfreund wiederzutreffen, der
mir seit langem nicht mehr zu Gesicht gekommen war. Allerdings, der
zarte Hauch inniger Freundschaft, die uns einst verbunden, ließ
sich nicht wieder erwecken, doch wurde unser Verhältnis herzlicher
und vertraulicher, als es sonst zwischen Bekannten zu herrschen
pflegt, und ich hatte genügend Gelegenheit, die Wunderlichkeiten und
zeitweise verrückten Launen, die sich bei Herrn de P. mit den Jahren
eingestellt hatten, kennen zu lernen, denn, unter uns gesagt, er war
ein sehr merkwürdiger Kauz geworden, der seine Bekannten oft dermaßen
düpierte, daß die meisten immer weniger Gefallen an seinem Umgang
fanden und Herr de P. darum mit jedem Tag mehr vereinsamte. Ich bin
sogar der Meinung, daß auch seine Verwandten ihn gänzlich sich selbst
überlassen hätten, wenn nicht sein Reichtum und die zu erwartende
Erbschaft sie bewogen hätte, seine Bosheiten und Wunderlichkeiten mit
einem stoischen Gleichmute lächelnd zu ertragen. Er war ein alter
Hagestolz, und die Frauen waren ihm so verhaßt, daß er selbst den
Besuch weiblicher Verwandter stets übel nahm. Sein Haushalt war so
einfach wie möglich. Ein Kammerdiener versah seine ganze Bedienung,
und trotz seines Reichtums waren seine Ansprüche mehr als bescheiden.
Seine Vereinsamung und eine heimtückische, schleichende Krankheit
machten ihn vollends zum Hypochonder, und seine Gesellschaft wäre
gewiß eine unerträgliche gewesen, wenn er nicht durch Geist und Witz,
sowie durch große Schärfe des Verstandes den Mangel an Herz und Gemüt,
der in allem, was er sagte, zutage trat, in etwas ersetzt hätte. Mit
den Jahren und der immer zunehmenden Krankheit (er litt an einer
Arterienverkalkung) verdüsterte sich sein Sinn mehr und mehr. Er
fürchtete den Tod, trotzdem er sich oft darin gefiel, dieses letzte
und größte Mysterium unseres Lebens zu verspotten. Eines Tages ließ er
mich zu sich rufen und empfing mich, in seinem Bette liegend, mit den
rasch hervorgesprudelten Worten: »Ah! Mein lieber Abbé! Ich möchte Sie
bitten, einige Stunden am Lager eines Sterbenden zu verweilen. Ich
bin bereit, Ihnen das Schauspiel meines Abganges von dieser elendesten
aller Welten recht interessant zu machen. Aber bitte, nehmen Sie
Platz! Jean soll Ihnen eine Bouteille bringen, und es soll Ihnen ganz
gewiß an nichts fehlen, wenn Sie mir versprechen wollen, mich drei
Stunden lang nicht zu verlassen! In den nächsten drei Stunden werde
ich nämlich sterben und habe mir vorgenommen, die etwaigen Schrecken
des Todes dadurch zu bannen, daß ich jede Phase meines Absterbens mit
kaltem Blute verfolgen werde. Sie, lieber Abbé, müssen Protokoll über
meine Beobachtungen führen, und wenn Sie sagen wollen, daß es eine
langweilige Beschäftigung für Sie sein wird, so bedenken Sie doch, daß
es der Wissenschaft von großem Nutzen sein wird, eine genaue, sozusagen
autorisierte Darstellung der Vorgänge beim Tode eines Menschen zu
erhalten. -- Jean!« Er klingelte. »Bringen Sie eine Flasche Burgunder!
Keine Widerrede, Abbé! Diese Flasche sollen Sie auf das Gelingen meines
Planes trinken.«

Ich war über diesen unerwarteten Empfang so verdutzt, daß ich verlegen
Platz nahm und in einiger Verwirrung entgegnete, daß ich gern drei
Stunden in seiner Gesellschaft verweilen wolle, aber die feste
Zuversicht habe, ihn dann gesunder denn je wieder verlassen zu können,
da mir die gute Farbe seiner Wangen, sowie sein frisches Aussehen
überhaupt --

»Keine Widerrede! Lieber Abbé, ich sterbe ganz gewiß und bin so fest
davon überzeugt, daß ich eine Wette von zehntausend Franken darauf
eingehen würde, wenn ich nicht über mein gesamtes Vermögen vor einer
Stunde bereits endgültig Verfügung getroffen hätte. Meine Vaterstadt
wird mir dankbar sein.« »Und Ihre Verwandten?« wagte ich zu bemerken,
nicht ohne die Befürchtung, seinen Zorn zu erregen. »Pah!« rief er und
sah mich pfiffig an. »Glauben Sie, lieber Abbé, es mache mir Vergnügen,
nach meinem Tode von den Flüchen dieser lieben Leute verfolgt zu
werden, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß es ihnen eine Wohltat
sein muß, durch eine energische Anregung ihrer Galle einer allgemeinen
Säfteverderbnis entgegenzuwirken, die schon manchem unheilvoll geworden
ist?«

In diesem Augenblicke brachte der Diener eine Flasche Burgunder, und
ich bat Herrn de P. sehr, doch ein Glas mit mir zur Gesellschaft und zu
seiner Stärkung zu trinken.

»Nein, nein!« rief er da. »Der Wein könnte in diesem Augenblick nur
meine Sinne verderben und abstumpfen. Ich bin schon genötigt, aus Liebe
zur Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. Ich möchte Sie aber bitten,
lieber Abbé, nehmen Sie Ihr Notizbuch, damit wir sofort die ersten
Anzeichen des beginnenden Todes protokollarisch festhalten können und
nichts uns entgeht. Also schreiben Sie bitte: Am 17. April 1900, abends
neun Uhr. Ohne sich beschwert zu fühlen von dem Gedanken des nahen
Todes, gibt Patient im voraus an, in drei Stunden etwa zu sterben. Der
Patient fühlt sich im allgemeinen wohl und wünscht allen Sterbenden die
gleiche schmerzlose Ruhe und Gelassenheit.«

»Aber mein lieber Freund,« unterbrach ich ihn hier, »ich war der
Meinung, daß es sich hauptsächlich um psychologische Feststellungen
handeln solle. Wenn Ihre Beobachtungen aber physiologischer Natur sein
sollen, täten Sie doch besser, einen Mediziner zu Rate zu ziehen?«

»Um Gottes willen nicht, Abbé!« rief er nun voller Verzweiflung.
»Kommen Sie mir nicht mit einem Arzt! Ich bin sicher, nicht einmal
diese drei Stunden mehr zu leben, wenn er die Stube betritt! Der
Anblick eines solchen Mannes würde mich nervös machen und mir dadurch
alle Ruhe rauben, die zur Selbstbeobachtung unbedingt nötig ist.«

Was blieb mir anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu
machen? Überzeugt, daß er sich mit mir einen Spaß erlaube, wie er
schnurriger kaum ausgedacht werden könne, nahm ich Papier und Tinte
und machte die angedeuteten Notizen. Dann griff ich nach meinem Glase
Wein und war nun entschlossen, den närrischen Kauz nicht weiter vom
Sterben zurückzuhalten. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! sagte
ich mir und fand die Situation komisch genug, um mich durch innere
Heiterkeit für die verlorene Zeit schadlos zu halten. Wir plauderten
nun eine ganze Weile, und nichts schien meinen Freund an den Tod zu
mahnen, als plötzlich die Uhr schlug. Schreckensbleich wandte er sein
Gesicht mir zu und flüsterte, kaum, daß der letzte Schlag verklungen
war: »Notieren Sie: zehn Uhr. Ein ganz leichter Krampf stellt sich
ein, die Atmungsbewegungen machen Schwierigkeiten. Das Herz fängt an,
unregelmäßig und ruckweise zu schlagen. Aber der Sinn des Patienten
bleibt ruhig und gefaßt!«

Ich notierte gewissenhaft und las ihm die protokollierten Sätze wieder
vor.

Nach einigen Minuten schien er seine Fassung wiedergewonnen zu haben,
so daß er die Unterhaltung, die sich um die Frauen gedreht hatte,
wieder aufnehmen und in seinen Schmähungen über das zarte Geschlecht
fortfahren konnte. »Alles Unglück der Welt«, philosophierte er, »kommt
von den Weibern. Lieber Abbé, trauen Sie nie einem Frauenzimmer. Sie
dürfen überzeugt sein, daß Treue und Weiberherzen die heterogensten
Dinge der Welt sind.« Ich kann mich nicht mehr auf jedes seiner Worte
besinnen, aber man kann sich ruhig darauf verlassen, daß alle auf
diesen und ähnlichen Grundlagen aufgebaut waren.

Als dann die Uhr zum zweiten Male schlug, wiederholte sich der
Vorgang von vorher, nur in noch drastischerer Weise. Er klapperte
mit den Zähnen vor Angst, wie ein Verurteilter, der zum letzten Gang
hinausgeführt wird, und war von dem Gefühl so beherrscht, nun nur noch
eine Stunde zu leben, daß er mich mit angstvollen Augen anstarrte und
dann ausrief, als die elf silbernen Schläge verklungen waren: »Notieren
Sie, Abbé! Eine Stunde vor dem Tode: Eine Schwere nimmt allmählich alle
Glieder gefangen. Atmung und Pulsschlag werden langsamer. Der Geist ist
frischer als je, und nur auf der Brust lastet ein unerträglicher Druck!«

Als ich von meinem Papier aufblickte, bemerkte ich, daß er aschbleich
geworden war. Er lag da in seinen Kissen, wie ein tatsächlich dem
Tode Verfallener, und ich machte mir nun doch Gedanken wegen seines
Zustandes. Alle meine Mühe, ihn auf den Ton der harmlosen Plauderei von
vorhin zurückzubringen, war vergeblich, und er unterbrach mich mit
den Worten: »Abbé! Wenn Sie meinen, daß ich den Tod fürchte, so irren
Sie sich! Ich weiß, daß ich um Mitternacht sterben werde (der Himmel
mag wissen, _woher_ er es wußte), und es wäre lächerlich, wenn ich
Anstrengungen machen wollte, mich meinem Fatum zu entziehen. Glauben
Sie mir, daß ich kein Verlangen trage, meine Sünden zu beichten, da
ich hoffe, in Kürze vor einem größeren Beichtvater zu stehen. (Es
war rührend, wie er dies sagte.) Ich weiß, daß dieser erbärmliche
Leib, der mir durch seine Unvollkommenheit nichts als Schmerzen und
Ungelegenheiten bereitet hat, bestimmt ist, zu vergehen. -- Was soll
ich darüber Angst oder Trauer empfinden? Wo meine Seele bleibt, wenn
sie den Körper verlassen hat, vorausgesetzt, daß ich ein solches Unikum
überhaupt besitze, -- steht nicht in meiner Macht zu bestimmen. Dagegen
habe ich alle Anordnungen, die mein Begräbnis betreffen, bereits
getroffen, sie sind mit in mein Testament aufgenommen, und ich brauche
darüber keine Worte weiter zu verlieren.« Dann sah er einen Augenblick
die Wand an und sagte mit leiser Stimme: »Lieber Abbé! Glauben Sie,
daß es ein Wiedersehen gibt?« Als ich bejahte, fuhr er mit bitterem
Spott fort: »Ich habe durchaus nicht den Wunsch, die Verwandten oder
Bekannten, die mir bereits im Tode vorausgegangen sind, wiederzusehen.
Aber schließlich ist es auch gleichgültig.«

Je näher aber der Zeiger der Zwölf auf dem Zifferblatt rückte, desto
unruhiger wurde er. Er starrte die Uhr an, zuckte mit den Augen und
schwieg eine ganze Zeit. Ich gab mir die erdenklichste Mühe, ihn auf
andere Gedanken zu bringen. Ich fing an, ihm einige Tagesneuigkeiten
zu erzählen. Er gebot mir zu schweigen. Ich lachte krampfhaft, machte
Radau im Zimmer, riß die Vorhänge auf und ließ frische Luft herein: Er
sagte mir mit leiser Stimme, daß ich sein einziger Freund sei und er
von mir erwarte, daß ich im Zimmer eines Sterbenden Ruhe bewahre und
mein Wort halte, seine letzten Beobachtungen aufzuzeichnen. Ich muß
gestehen, in diesen Augenblicken glaubte ich, mein guter Freund sei
nun wirklich verrückt geworden. Ich hatte bisher alles, was geschehen
war, als eine Eingebung seiner ewig tollen Laune aufgefaßt und sah nun,
daß es ihm blutiger Ernst zu sein schien. Der Arme mußte entsetzliche
Qualen ausstehen. Ich wußte wirklich nicht, was zu tun war. Er beschwor
mich, niemanden zu rufen. Er trage Verlangen, in Ruhe zu sterben,
auch sei alle Hilfe ganz gewiß unnütz. Statt dessen möchte ich doch
notieren. Und ich notierte: »Der Zustand des Patienten ist beklommen.
Der Puls schlägt schwach und ist kaum hörbar. Die Füße werden kalt.
Im Nacken macht sich eine Steifheit bemerkbar, die in schmerzhafte
Kontraktionen der Nackenmuskeln übergeht. Lichtempfindung geschwächt.
Gehör ausgezeichnet. Die Kontraktionen der Nackenmuskeln nehmen mit
jeder Minute zu. Die Kälte steigt langsam aufwärts. Nun! Jetzt!

Abbé! Eine schwarze Riesenfaust streckt sich langsam, langsam nach
mir aus. Sie preßt mir die Brust zusammen, der Atem stockt mir! Luft!
Lieber Abbé! Luft!«

Es war nun einige Minuten vor zwölf. Ich sah mit unbeschreiblichem
Grauen, daß ihm plötzlich die Fähigkeit, weiterzusprechen, genommen
war. Sein Gesicht war blaufahl, und die Lippen hingen schlaff und
willenlos herab.

»Um Gottes willen,« rief ich aus, »was ist Ihnen?« Er versuchte zu
lächeln, was einen schrecklichen Anblick gewährte, da sich nur seine
rechte Gesichtshälfte zu einem Lächeln verzog. Er bedeutete mir durch
ein Zeichen, seinen Puls zu kontrollieren. Ich kam seinem Wunsche nach,
setzte mich auf den Bettrand und sah ihm in die Augen. Da schlug die
Uhr. Beim ersten Tone der feinen Glocke zuckte er leicht zusammen, sah
mich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an und starb. _Starb_, meine
Herren! Programmäßig, auf die Minute!«

»Nun,« sagte ein Herr lachend, der dem Abbé am nächsten saß, »an irgend
etwas muß doch der Mensch zugrunde gehen, und sei es auch an seinen
eigenen Einbildungen!«

»Auch ich bin überzeugt, daß es eine Art von Selbstmord war, den
Monsieur de P. an sich beging,« sagte der Abbé. »Ich habe mir nachher
viele Mühe gegeben, zu erfahren, woher er die fixe Idee hatte, daß er
gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde sterben werde. Ich wüßte
nicht, daß er jemals abergläubische Anwandlungen gehabt hätte! Wie
gesagt, das ist mir rätselhafter geblieben als sein Tod!«



In einem Seminar -- --

Von _Felix Freiherr von Stenglin_


Es war zur Zeit, als die Prüfungsarbeiten der Seminaristen bevorstanden.

In diesen Jünglingen gärte es wie in jungem Wein. Am Tore des Lebens,
in dem sie nie geahnte Taten zu vollbringen gedachten, empfanden sie
mit Grimm den täglichen Zwang, dem sie noch immer ausgesetzt waren, und
gelegentlich brach sich die Urnatur in rücksichtslosester Weise Bahn.
Einige Lehrer (aber sehr wenige) ließen sie gelten, andere sahen sie
als ihre persönlichen Feinde an. Der Direktor aber war in ihren Augen
ein Pedant, dem sie mit Vergnügen den größten Schabernack gespielt
hätten. Ein Pedant! Was lag alles in diesem Worte!

Ihre Vorgänger hatten es ähnlich getrieben wie sie. Besonders hatte
man auch früher schon alle List und Tücke daran gesetzt, sich vor
dem Examen die Prüfungsarbeiten zu beschaffen, denn so kühn und
selbstbewußt diese jungen Leute auch in die Welt sehen mochten, bei
der Prüfung vertrauten sie doch lieber sicheren Tatsachen, als der
unbestimmten eignen Kraft.

Das Dienstmädchen des Direktors war in diesen Zeiten eine umworbene
Persönlichkeit. Diesmal gelang es einem gewissen P., zarte Beziehungen
zu ihr anzuknüpfen und sich die Schlüssel zu dem Zimmer des Direktors
zu verschaffen. Er geht über Leichen, sagten seine Kameraden von ihm.
Der Schreibtischschlüssel lag an einem bestimmten Platze, das hatte man
herausbekommen; es galt also nur, unbemerkt einzudringen, die Aufgaben
abzuschreiben und alsbald wieder zu verschwinden.

In der Nacht schlich also P., mit einer Blendlaterne und einem
Notizbuch bewaffnet, in das Allerheiligste. Er fand den Schlüssel zum
Schreibtisch, öffnete das inhaltreiche rechte Schubfach, entnahm ihm
ein Päckchen mit Papieren -- und siehe da, obenauf lag der Zettel mit
den Aufgaben. Der »Pedant« war also immer noch nicht vorsichtig genug
gewesen!

Mit fliegender Hast schreibt der Eindringling beim Schein der
Blendlaterne die Aufgaben ab. Schon ist er bis ans Ende gelangt, als
er Schritte hört. Schnell wirft er die Papiere wieder ins Schubfach,
schiebt es zu, legt den Schlüssel fort, löscht die Blendlaterne und
will entfliehen. Er hat aber nur noch so viel Zeit, unter den großen
Tisch in der Mitte des Zimmers zu kriechen, dessen Decke fast bis auf
den Fußboden reicht. Die Tür öffnet sich; ein Licht in der Hand, in
einem großen Schlafrock, schlurft der Direktor über die Schwelle. P.
ist ganz von der Decke verborgen und verhält sich mäuschenstill.

Der Direktor bleibt stehen und sieht sich um. Er scheint zweifelhaft zu
werden, ob er wirklich etwas gehört habe. Der Seminarist glaubt schon,
die Gefahr sei vorüber, als der Zipfel der Tischdecke leise hochgehoben
wird, und das Licht sich dem Fußboden nähert. Schnell pustet er es aus.
Der Direktor wirft den Leuchter fort und packt den Eindringling gerade
noch, als er entwischen will. Der will sich frei machen, und es kommt
zu einem stummen Ringen Mann gegen Mann. Es widersteht dem Direktor,
Hilfe herbeizurufen. Daß er sich hier mit einem Seminaristen balgt,
darf nach seiner Meinung nicht an die große Glocke gehängt werden, es
wäre blamabel. Aber er fühlt, daß seine Kräfte nachlassen, und daß der
junge Mensch ihm im nächsten Augenblick entgleiten wird. Und wie dann
den Täter herausbekommen? Da hat er den glücklichen Einfall, ihn mit
den Nägeln der rechten Hand im Gesicht zu zeichnen, er kratzt ihm ein
paar scharfe Striemen über die linke Wange. Dann läßt er ihn laufen.

Am nächsten Morgen im Betsaal nähert sich der Direktor von links her
der Reihe der Prüflinge. Da geht ein teuflisches Lächeln über seine
Züge. Im linken Flügelmann hat er den Täter entdeckt. Doch gleich
darauf erstarren seine Züge zu Stein -- --

Alle Prüflinge ohne Ausnahme haben drei Nägelspuren auf ihrer linken
Wange.



Die größte Kirche der Welt

Von _Wilhelm Schussen_


Heute hat mir jemand eine Geschichte erzählt, die erst gestern passiert
sei. Sie lautet:

Ein Mann mit Halalihut, Rucksack und kurzen Hosen, der einem Schwarm
lärmender Ausflügler voranging, sagte scherzend zu einem ihm bekannten
alten Pfarrer:

»Guten Tag, Herr Pfarrer. Wie schön, daß ich Sie wieder einmal treffe!
Ich habe Sie, wenn ich mich recht erinnere, seit Jahren nimmer gesehen.«

»Ist meine Schuld nicht,« lächelte der Pfarrer.

»Aha, ich verstehe. Sie wollen damit sagen, daß ich nie zur Kirche
komme,« entgegnete fröhlich der Mann mit dem Halalihut und paffte ein
paar kräftige Züge aus seiner Kurzpfeife.

Der Pfarrer nickte leise.

Unterdessen hatte sich der ganze, laute Lustverein um die beiden
Plauderer versammelt. Auch einige Radfahrer, die in diesem Augenblick
daherjagten, stiegen neugierig von ihren Gäulen ab. Und zu guterletzt
machte noch ein vollgepfropfter Kraftwagen mit einem vornehmen Inhalt
an der Stelle halt.

»Ihre Kirche ist eben leider zu klein, zu eng und zu beschränkt,« nahm
der Mann mit dem Halalihut wieder das Wort.

»Heute vormittag war sie es jedenfalls nicht; denn sie war mehr als zur
Hälfte leer,« widersprach der greise Pfarrer.

»Aber sie ist trotz alledem zu klein. Ich kenne eine viel, viel
größere, schönere, weitere und herrlichere Kirche als die Ihrige, Herr
Pfarrer, eine Kirche, die ohne Zweifel die wunderbarste und größte
der Welt ist.« Und der Mann im Halalihut hob seinen Bergstock in die
Höhe und beschrieb damit einen Halbkreis in der Luft. »Eine Kirche,
Herr Pfarrer, vom größten aller Architekten erbaut, himmelhoch und
wundervoll und zur Andacht geschaffen, wie keine andere. Kennen Sie
diese Kirche, Herr Pfarrer?«

Der neugierige Lustkreis um die beiden war jetzt so stille, daß einer
den anderen atmen hörte.

»Nein,« gab der alte Pfarrer zur Antwort, obwohl er sich schon einiges
denken konnte.

»Nicht?« rief der launige Mann im Halalihut aus, »so will ich es Ihnen
sagen, Herr Pfarrer.« Und noch einmal stieg der lange Bergstock ins
Blaue hinauf.

»Es ist die Natur, Herr Pfarrer. Ist sie etwa nicht die größte,
wunderbarste, von Gott selbst gebaute, einzige Kirche, zum wahren Gebet
und zur wahren Andacht geeignet wie keine andere?«

Der Schwarm der Umstehenden aber gab jetzt eine Beifallssalve ab, daß
die Lerchen aus den Lüften fielen. Einige der jungen Leute warfen dazu
die Hüte in die Höhe, und die Fräulein hoben ihre bunten Feldsträuße
empor. Ein vom Wein angesäuselter Biedermeier aber ließ noch
hintendrein ein Bravo los, das einem regelrechten Donner glich. Dann
trat plötzlich wieder Totenstille ein vor lauter Spannung, was nun der
alte Pfarrer auf diese fadenklare Weisheit sagen würde.

Der aber nahm den Schlapphut ab und erwiderte liebreich und gelassen:
»Sie haben wohl recht, mein lieber Herr Landsmann. Wenn indessen die
Natur eine so wundervolle, einzige, göttliche Kirche ist, dann sollte
man sich darin auch bewegen wie in einer Kirche. Dies scheint mir nun
nicht immer der Fall zu sein; denn ich sehe, wenn ich Sonntags aus
meinem Ihnen so armselig erscheinenden Kirchlein trete und einen Gang
in die größte aller Kirchen tue, leider eben nicht heftig viele Beter
und Andächtige, wohl aber ziemlich viele recht merkwürdige Leute, die
ihrem erhabenen Aufenthaltsort nicht immer Ehre machen.«

Die Menge schwieg und wartete, ob der Mann im Halalihut wohl seinen
Witz wiederfände. Aber er fand ihn nicht mehr.

»Nichts für ungut,« schloß jetzt der greise Pfarrer, indem er, immer
noch den Schlapphut in der Hand, barhäuptig und langsam aus der
kleinlauten Menge hinwegging.



Zwei Anekdoten

Von _Richard Schaukal_


Verkehr

Die jungen Damen einer Provinzstadt, wo seit kurzem ein vornehmes
Kavallerieregiment lag, gewöhnten sich während einiger vergnügter
Jahre im Ballsaal, auf dem Eise, auf dem Tennisplatze so sehr an den
Verkehr mit den aus Not gefälligen Prinzen und Grafen, daß sie sich
ihrer Verwandten, zum Teil auch ihrer Eltern schämten, ja einander
schließlich, nach einer subjektiv verschiedenen Skala, als mehr
oder minder aristokratisch einschätzten und verachteten. Die sonst
üblichen Bezirksrichter, Advokaturkonzipienten und Infanterieoffiziere
wurden, soweit sie es nicht selbst vorzogen, die ihnen ungemütliche
Geselligkeit zu meiden, mit ausgesuchter Unhöflichkeit behandelt und
endlich mit Erfolg abgestoßen.

Als das lächelnd verwöhnte Regiment in eine andere Stadt verlegt und
durch ein minder auserlesenes ersetzt worden war, galten die Mädchen,
inzwischen etwas älter, den neuen Gästen bald als hochmütig. Die
Offiziere suchten unter den inzwischen herangewachsenen jungen Damen
einer (nach Meinung jener) minderen Schicht die ihnen gern gebotene
Gemütlichkeit, und es gab allmählich eine ganze Reihe von Bräuten
dieser so mit entschiedenem Gewinn sich verehelichenden Reiter, während
die Zivilisten, die seither in Rang und Einkünften vorgerückt waren,
so lange in trotziger Zurückhaltung blieben, bis ihrem unbefangenen
Nachwuchs in aller Stille die verblühten »Aristokratinnen« eine um die
andere, bürgerlich resigniert, zufielen.


Geselligkeit

Ein Konsul war auf der Rückreise nach Europa in Konstantinopel
angelangt. Weil er sich da einige Tage aufzuhalten gedachte, gab er,
der seine Pflichten kannte, bei den Mitgliedern der Vertretung seines
Vaterlandes und ihren Damen seine Karten ab und ward denn auch alsbald
vom Botschafter und seiner Gemahlin zum Speisen gebeten. Es war eine
liebenswürdige Gesellschaft miteinander vertraulich verkehrender Paare
versammelt. Man ging zu Tische. Dem fremden Gaste war der Platz neben
der Hausfrau angewiesen. Als einer der letzten Gänge erschienen
Artischocken. Die damit zuerst bediente Dame verzichtete auf die
Speise. Der Gast als nächster nahm davon aus Höflichkeit, obwohl er
nicht wußte, wie er die grünbraune Frucht zu behandeln hätte. Er wollte
vorsichtig abwarten, was die andern damit anfangen würden. Aber einer
nach dem andern, Herren wie Damen, lehnten sie ab, so daß er mit seinem
Stück verlegen allein blieb. -- Später hat er erfahren, daß das Manöver
zwischen den Teilnehmern ihm zu Ehren vereinbart gewesen war.



Anekdote

Von _Alexander_ Freiherr von _Gleichen-Rußwurm_


Die Grenze zwischen Vertraulichkeit und gesellschaftlicher Einfachheit
ist schwer zu ziehen. Natürlichen Menschen gelingt ohne Anstrengung,
was die Affektierten nie erreichen. Ich will damit nicht wachsender,
uneleganter Intimität das Wort reden, wie sie leicht bei Leuten
vorkommt, die sich erst jüngst gute Manieren anzugewöhnen suchten. In
solchem Fall läßt sich die Situation aber immer mit einem Witz retten,
wenn man schlagfertig und bei guter Laune ist. Eine Dame, die mit den
Gebräuchen der großen Welt noch nicht ganz vertraut war, saß einmal bei
einem Diner neben einem bekannten Diplomaten. Beim ersten Gang redete
sie ihn mit »Herr Graf« an, beim zweiten mit »Graf X.«, beim dritten
mit »lieber Graf« und erhielt die lächelnde Antwort: »Mein Vorname ist
Hugo.«



Die beiden Junggesellen

Eine Anekdote aus Mitau

Von _Herbert Eulenberg_


Wenn man von Mitau auf der Landstraße nach Doblen zu wandert, trifft
man plötzlich eine kurze Strecke vor der Stadt am Rande des Weges
zwei Denkmäler: einen kleinen Obelisken und eine Trauerurne. Zwischen
beiden, die ungefähr einhundert Meter auseinanderliegen, wächst ein
Haufen von Birken. Groß und klein, ganz wild zusammengepflanzt.
Ein Anblick, der vielleicht das Auge eines Forstmannes wegen der
unregelmäßigen Anlage ärgern kann, aber den romantischer Gesinnten
gerade wegen dieser Buntheit sonderbar anziehen mag. Vor allem, wenn er
die höchst merkwürdige Geschichte dieser Birkenansammlung vernimmt:

Unter jenen beiden Denkmälern haben nämlich zwei Junggesellen ihre
letzte Ruhestätte. Gerade einander gegenüber, so daß sie sich noch
aus ihren Särgen anlächeln könnten, wie sie es soundso oft mal
in ihrem Leben getan haben. Denn sie waren, solange sie atmeten,
unzertrennlich verbunden und mochten darum auch die ganze lange
Zeit, die ihnen nach ihrem Tode bevorstand, nicht weit voneinander
liegen. Darum kauften sie sich schon bei Lebzeiten diese beiden
Grabplätze vor den Toren der Stadt, zu denen sie häufig einträchtiglich
nebeneinander hinauspilgerten. Sie hatten jeder einen Feldstein auf
die Stelle gerückt, unter der sie begraben sein wollten. Auf diese
Steine setzten sie sich oftmals gegen Abend, als sie noch müde werden
konnten, und sprachen dann freundschaftlich zueinander hinüber:
»Hier werde ich ruhen, Arthur, -- Und dort, mir ~vis-à-vis~, wirst
du ruhen, Arthur.« Sie waren einander so völlig gleich geworden und
harmonierten derart zusammen, daß sie sich sogar auf einen Namen für
sie beide geeinigt hatten. Und natürlich mußte dies der Vorname ihres
Lieblingsphilosophen Schopenhauer sein, den zufälliger-, oder darf man
sagen, unglücklicherweise, einer von ihnen schon führte.

Auf solche Weise lebten sie, da sie sich beide ein hübsches Vermögen
erarbeitet und erspart hatten, ohne Sorgen und voller Eintracht
zusammen. Lasen Schopenhauer, schimpften über die Menschheit und
spazierten an ihren schwarzen Ebenholzstöcken miteinander zu ihren
künftigen Gräbern. So verging Jahr um Jahr über ihnen und Mitau. Da
ereignete sich plötzlich in einem Frühling etwas ganz Ungeheuerliches,
noch nie Dagewesenes in ihrem Leben. Es geschah nämlich, daß sich
die beiden Junggesellen allen ihren bisherigen Grundsätzen zum Trotz
sterblich verliebten. Der weibliche Gegenstand ihrer Zuneigung ist nie
bekannt geworden. Einige Leute in Mitau -- man wird gleich merken, was
für Leute -- behaupten, sie hätten sich beide in ihre alte Köchin und
gleichzeitige Waschfrau verliebt. Andere hingegen, die etwas poetischer
veranlagt sind, erzählen, sie wären beide für zwei hold erblühte
Mädchenknospen, zwei Schwestern, erglüht, denen sie abwechselnd Blumen
oder Verse dargebracht hätten. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine
steht sicher fest, daß sie beide in ihrer Liebe unglücklich gewesen
sind. Das oder die Opfer ihrer etwas verspäteten Frauensehnsucht blieb
oder blieben hart gegen jede Werbung der beiden armen alten bekehrten
Junggesellen. Eine Zeitlang verschlossen sie ihren Gram voreinander,
wie sie sich auch geschämt hatten, gegenseitig ihre verliebte Schwäche
zu bekennen. Aber eines Abends, als sie sich wieder einmal auf ihren
künftigen Gräbern gegenüber saßen, rückten sie mit der Sprache heraus.
»Ich war ein Esel, Arthur!« gestand der eine.

»Ich war auch ein Esel, Arthur,« echote der andere.

»Wir waren beide Esel,« stellten sie im Chorus fest.

Zur bleibenden Erinnerung aber an diese wohlverdiente Schmach, die
ihnen, die zeitlebens Verächter des weiblichen Geschlechtes gewesen
waren, noch kurz vor Todesschluß begegnet war, beschlossen sie eine
Bestimmung in ihr gemeinsames Testament aufzunehmen. Ihr zufolge sollte
jedem Liebespaar in Mitau, das sich am ersten Tage des Mai, als des
Monats, in dem die meisten Menschen derartige blöde Eseleien zu begehen
pflegen, verloben oder vermählen würde, eine gewisse Summe Geldes
ausgezahlt werden. Zum Dank für diese Ehespende sollte dann ein jedes
Paar auf dem Grund und Boden zwischen ihren beiden Gräbern eine Birke
pflanzen. Ihnen und ihrer unglücklichen Liebe zum Gedächtnis.

Wenige Wochen darauf starben die beiden Junggesellen am nämlichen
Tage oder doch ziemlich kurz hintereinander. Einige Leute -- man kann
sich denken, was für Leute -- behaupten, sie seien an Galle und allzu
reichlichem Essen eingegangen. Andere hingegen, die sich das Leben
schöner auslegen, meinen, sie seien an gebrochenem Junggesellenherzen
gestorben und hätten einander in einer Nacht verabredeterweise süßes
Gift im Schaumwein zugetrunken. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine
steht sicher fest, daß sie beide tot sind, und daß ihr Testament, wie
sie es bestimmt haben, in Kraft getreten ist. Von einem jeden Paar, das
sich in Mitau am ersten Mai verlobt oder vermählt hat, ist die Summe,
die ihm damit gleichsam vom Himmel in den Schoß gefallen ist, stets
dankbar eingestrichen worden. Und ein jedes Paar hat dann zum Lohn den
unbekannten Spendern, die wie Hymen, der Ehegott, über ihnen walteten,
eine Birke gepflanzt. Woher denn die verschiedene Höhe und Größe der
Bäume, die sich zwischen den beiden Gräbern erheben, zu erklären
ist. Die beiden alten Junggesellen aber liegen auf ihren Rücken in
wohlverdienter Ruhe unter der Erde und den ihnen zu Ehren wachsenden
weißen Birken einander gegenüber. Einige Leute -- man ist selbst im
Tode nicht vor ihnen sicher -- behaupten, daß die beiden alten Herren
dort unten fortwährend einander hämisch angrinsten über die törichten
Leute, die sich über ihnen am ersten Tage ihres Ehebundes wunders wie
verliebt anstellten und, womöglich mit veranlaßt durch ihre Mitgift,
mit der Anpflanzung einer neuen Birke den Grundstein zu ihrem mehr
oder minder lebenslänglichen Unglück legten. Andre hingegen, die immer
nur das Beste an der Welt sehen, meinen, daß die beiden guten greisen
Junggesellen dort unten einander ewig zulächelten voll Seligkeit
darüber, daß sie durch ihre Spende auch im Tode noch ihr Scherflein
beitragen könnten zu dem süßesten Traum der Menschen, dem Liebes- und
Ehetraum.

Es bleibt dem Leser anheimgestellt, sich seiner Gemütsart und seiner
Erfahrung folgend für eine dieser beiden Ansichten zu entscheiden.



Anekdote

Von _Rudolf G. Binding_


Es scheint, daß es Witze gibt, die selbst der humorvollste Mensch nicht
ertragen kann -- nämlich wenn sie auf ihn gehen. Sie sind vielleicht zu
gut, um ertragen zu werden. Dies wäre eigentlich kein Grund, aber ich
weiß, soviel ich auch darüber nachdenke, keinen anderen für die Wirkung
der folgenden Geschichte ausfindig zu machen, die eine Trübung einer
guten Freundschaft nur wegen eines Witzes zur Folge hatte.

In einem kleinen Schwarzwaldbade trafen sich im Sommer 19... in einer
Gesellschaft außerordentlich gebildeter Leute, wie sie der Zufall
nur selten an solchen Plätzen zusammenführt, am Mittagstisch ein
Oberhofprediger und ein schwäbischer Kandidat der Gottesgelahrtheit,
welche die Geschicklichkeit des Wirtes für die Zeit ihres Aufenthaltes
zu den Mahlzeiten nebeneinander placiert hatte. Der Oberhofprediger,
froh, den hallenden Gewölben des Doms der Residenz und anderem
entgangen zu sein, was ihn dort droben im Norden beengte, freundete
sich mit dem frischen jungen Schwaben, der das Herz auf dem rechten
Flecke und die Zunge auf keinem anderen hatte, rasch an. Da der
Kandidat nur wegen eines Herzleidens seinen früheren Beruf, welcher der
eines Forstmannes war, hatte aufgeben müssen, so war es begreiflich,
daß er aus diesem eine große Anhänglichkeit für alle Tiere des Waldes
und der Lüfte mit hinüber genommen hatte in Gottes Reich, dem er nun
dienen wollte. So war es besonders die Menge der verschiedenartigsten
Vögel, welcher seine stundenlange Beobachtung in den Anlagen des
Parkes, in den Hecken der Straße und in dem bronzefarbenen Dunkel unter
den sonnenbestrahlten Tannen galt. Dieser täglichen Gepflogenheit
schloß sich der alte würdige Oberhofprediger, welchem die behutsamen
Spaziergänge, wie sie dem jungen Schwaben vorgeschrieben wurden,
gerade recht waren, eifrig an. Seine bisherigen Kenntnisse auf dem
Gebiete der Vogelkunde mochten nicht viel über Noahs Taube, den Raben
des Eremiten und den heiligen Geist hinausgehen, und einer allzu
ausgiebigen Erforschung der vielen Arten, die dort in der gehegten
Umgebung sich zusammenfinden, widersetzte sich sein Auge, das, wie
er scherzhaft behauptete, wohl schon zu sehr nach innen gerichtet
war, um nach außen noch sehr brauchbar zu sein. So kam es, daß er
manchmal die gewöhnlichsten und bekanntesten Vögel verkannte oder als
Seltenheiten beschrieb. Das alles aber hielt ihn nicht ab, aus der
reinsten Liebenswürdigkeit und Freude an seinem jungen Freunde dessen
Liebhaberei, so gut es eben ging, zu teilen.

Eines schönen Tages kam der Oberhofprediger von einem seiner
Spaziergänge, den er aus irgendwelchem Grunde ohne die Begleitung
des jungen Vogelkenners gemacht hatte, in ziemlicher Aufregung nach
Hause. Er hatte einen ihm unbekannten, höchst merkwürdigen und seltenen
Vogel gesehen, den er jedoch nicht weiter und genauer zu beschreiben
vermochte, als daß er etwas Gravitätisches an sich gehabt und eine rot
gefiederte Brust und ein graues Kleid zeige. Der Kandidat, der die
ganze Tischzeit über sich mit seinem Nachbarn über dieses Wundertier
unterhielt, ließ sich genau den Ort beschreiben, wo der Vogel gesehen
war und glaubte sicher desselben an gleicher Stelle und zu gleicher
Zeit ebenfalls ansichtig zu werden, hatte aber nicht die leiseste
Vorstellung, um welchen Vogel es sich handeln könne. Dies betrübte
den Oberhofprediger um so mehr, als er am nächsten Tag in der Frühe
abreisen wollte und somit fürchtete, daß ihm der Wundervogel wirklich
nur einmal in seinem Leben begegnet sein möchte und er nicht einmal
Name und Herkunft desselben erfahren solle. Sein junger Freund indessen
versprach ihm, sobald er den Vogel gesehen und bestimmt hätte, den
Namen schriftlich mitzuteilen.

Am andern Morgen reiste der Oberhofprediger zu Tal, während der
Theologie-Kandidat ungesäumt die Spur des Wundervogels aufnahm,
welcher denn an der bezeichneten Stelle bald sich seinem geübten Auge
vorstellte.

An demselben Abend trug mein Schwäblein schmunzelnd eine an den
Oberhofprediger gerichtete Karte auf die Post.

»Ein instinktives Gefühl«, so schrieb er, »hat Sie ein besonderes
Interesse an einem Vogel nehmen lassen, welcher ganz und gar nichts
besonderes an sich hat. Es ist nämlich ein _Dompfaff_.«

Nun war der Oberhofprediger sicher ein humorvoller Mann und ertrug
auch den feinen Witz über seinen Stand, wie es jeder, der einen Spaß
versteht, erträgt. Aber diesen Witz hat er doch nicht vertragen. Es
muß gesagt werden, daß es eine eigentümliche Laune des deutschen
Sprachgebrauchs ist, denselben Vogel sowohl mit dem Ausdruck Dompfaff,
als mit dem Ausdruck _Gimpel_ zu belegen; denn im menschlichen Leben
ist ein Dompfaff sicher kein Gimpel und ein Gimpel gewöhnlich kein
Dompfaff. Aber, könnt ihr mir einen anderen Grund für die Verstimmung
des Oberhofpredigers angeben, als daß der Zufall hier einen zu guten
Witz gemacht hatte, den der junge Schwab mit seinen hellen Augen und
seinem klaren Verstand nur entdeckte?



Die Banknote

Von _Karl Federn_


Diese Geschichte erzählte mir eine Freundin, als wir uns eines
Tages über die seltsam trügenden Erscheinungen unseres Bewußtseins
und Gedächtnisses unterhielten: Ihr Vater, zur Zeit, da die Sache
sich ereignete, bereits ein älterer Mann, reich, vornehm, von sehr
bestimmten Anschauungen und Gewohnheiten, hielt es für richtig,
jeden Tag, wenn er das Haus verließ, in Brieftasche und Börse eine
Tausendernote, zwei oder drei Scheine von je hundert, fünfzig und
weniger Gulden bis zur kleinen Münze hinab, sorgfältig zusammengestellt
und nachgezählt, bei sich zu tragen. Vor Tische -- er wohnte für sich
allein -- pflegte er einen Spaziergang zu machen, um dann in einem
der bekanntesten Gasthöfe der inneren Stadt zu speisen. Und so war er
auch an diesem Tage ausgegangen, war wie immer zahlreichen Bekannten
begegnet, hatte mit manchen einen Gruß gewechselt, mit andern länger
und eingehend gesprochen, hatte vielleicht in einem Laden einen
Einkauf gemacht, und wurde dann plötzlich, sei es von einem Gedanken,
der ihm kam, sei es von irgendeinem Vorfall, einem gestürzten oder
durchgehenden Wagenpferd oder sonst einem Ereignis, das einen kleinen
Volksauflauf verursachte und auch seine Gedanken lebhaft beschäftigte,
vollkommen hingenommen, so daß er noch bei seiner stets sorgfältig
gewählten und froh genossenen Mahlzeit, bei dem Wein, den er als Kenner
trank, über die Sache nachdachte. Dann nach dem schwarzen Kaffee und
der Zigarre hatte er den Kellner mit einer Hundert-Guldennote bezahlt
und den Rest in Scheinen und Münze zurückbekommen.

Als er im Laufe des Nachmittags bei einer Gelegenheit wieder Geld aus
seiner Brieftasche nehmen wollte, vermißte er die Tausendernote, die
darin sein mußte, -- denn er hatte die Tasche, seitdem er das Hotel
verlassen, nicht mehr berührt, -- er mußte sich also geirrt und dem
Kellner die Tausendernote gegeben haben.

Er kehrte sofort nach dem jetzt verlassenen Speisesaal des Hotels
zurück und sagte dem Manne, der ihn seit langem bediente, in nicht
ungütiger Weise, er, der Kellner, habe wohl seinerseits auch nicht
bemerkt, daß er ihm aus Versehen die größere Note gegeben, und sie
wahrscheinlich für die geringere genommen und als solche gewechselt
... Der Kellner versicherte sehr höflich und bestimmt, aber nicht ohne
eine gewisse Befangenheit, daß er lediglich eine Hunderternote von ihm
zur Zahlung bekommen und dies sehr genau gesehen hätte, daß auch seine
Rechnung vollkommen stimme, und daß der Gast im Irrtum sein müsse. Nach
wenigen Sätzen, in denen jeder bei seiner Meinung blieb, sagte der alte
Herr, er bedauere den Vorfall sehr und wolle auch nichts Schlimmes
von ihm geglaubt haben, aber da es sich um einen bedeutenderen Betrag
handle, sei er genötigt, die Sache dem Besitzer mitzuteilen und ihm das
weitere anheimzustellen.

Der Zahlkellner, gleichfalls schon ein älterer Mann, schwieg darauf
eine Weile bestürzt, dachte nach und sagte zuletzt: »Das möchte ich
nicht; vielleicht habe ich mich doch geirrt ...« und gab die fehlenden
neunhundert Gulden heraus.

Mit einem peinlichen Gefühl für den Mann nahm der alte Herr das Geld
und ging, und wurde auch in den nächsten Tagen durch das gleiche
Gefühl im Genuß seiner Mittagsmahlzeit gestört. Bis Wochen vergingen
und die Sache für ihn schon eine halb vergessene war, -- als er eines
Tags einen eingeschriebenen Brief erhielt, in dem eine Tausendernote
lag, die ihm ein Freund mit vielem Dank für seine Liebenswürdigkeit
zurückschickte.

Und da erst kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß er ja an jenem
Vormittage auf seinem Spaziergang einem Bekannten begegnet war, einem
gleichfalls sehr vermögenden Manne, der sich vorübergehend in Wien
aufgehalten hatte und plötzlich und sofort abreisen mußte, und ihn für
dringende Einkäufe, die er noch machen wollte, um jene Gefälligkeit
ersucht hatte; daß er diesem Manne die Tausendernote eingehändigt, und
daß, sei es eine Gedächtnisschwäche, mehr aber jener Vorfall, der ihn
dann so sehr beschäftigte, jede Erinnerung daran in ihm ausgelöscht
hatte.

Nun selber bestürzt und mit vielen Entschuldigungen gab er am nächsten
Tag dem Kellner sein Geld zurück. »Ich wußte es ja,« sagte dieser und
nahm die neun Hunderter und was er zur Entschädigung dazu erhielt,
mit tiefem Dank. »Aber,« fragte der andre, denn das hatte ihn am
meisten in Erstaunen gesetzt, »wie konnten Sie mir nur damals das Geld
herausgeben?«

»Herr W.,« sagte der Mann, »ich habe ja gesehen, daß Sie es selbst
glaubten. Wenn die Sache zum Prinzipal gekommen wäre ... Ihnen hätte
jeder geglaubt, und mir nicht. Wie hätt' ich's beweisen sollen? Ich
bin Familienvater, und ich habe hier eine Stellung, die mir viel
einbringt. Die hätt' ich verlieren können, und die ist mir mehr wert
als neunhundert Gulden ...«



Der Schlaftrunk

Von _Richard Schaukal_


Der Vater mehrerer gesunder schöner Kinder, Besitzer eines großen, auf
viele Millionen geschätzten Unternehmens, Bewohner eines geräumigen
bequemen Hauses, außerdem ein vollkommen gesunder Mann von angenehmer
Gesichts- und Körperbildung, einem vorzüglichen Appetit und im
selbsterworbenen Genusse mancher nützlichen Kenntnisse, übrigens
eigentlich anspruchslos und in einer schönen Gegend durch lohnende
Spaziergänge täglich zum besten unterhalten, begann, da er einige
Stunden einer Nacht mit einem ungewöhnlichen peinigenden Gedanken
schlaflos verbracht hatte, dem Glauben Raum zu geben, er leide
an beständiger Schlaflosigkeit. Als dieser Glaube durch häufiges
Übersinnen des Einfalls ihm zur Gewißheit geworden war, verlor er
den Appetit, alterte sichtlich, erlebte viel Ärgerliches an seinen
Kindern, wurde von plötzlichen quälenden Sorgen um sein Unternehmen
angefallen und durch anhaltendes schlechtes Wetter an seinen
Spaziergängen gehindert. Da seine Laune sich unangenehm im Kreise der
Familie bemerkbar machte, verfiel der älteste Sohn nach häufigen und
erfolglosen Beratungen mit Ärzten und Freunden auf ein ihm glücklich
dünkendes Mittel, das er sofort in Anwendung brachte. Er ließ durch
einen fremden, sehr gerühmten Gelehrten, dem er seinen Plan vorgetragen
und genehm gemacht hatte, dem Vater täglich zwei Tropfen eines leichten
ungarischen Weines als angeblichen Schlaftrunk verschreiben, und
dieser, sobald er das Mittel versucht hatte, behauptete, es leiste
ihm vorzügliche Dienste, wachte sorgfältig über dessen tägliche
Vorbereitung, nahm an Appetit zu, erholte sich körperlich, scherzte
im Kreise seiner Kinder täglich bis zur festgesetzten Schlafensstunde
und war, da gutes Wetter eintrat, er also seine Spaziergänge aufnehmen
konnte, innerhalb weniger Wochen wieder ein rüstiger und behaglich
lebender Mensch geworden.



Der lächelnde Tod

Von _Wilhelm Schussen_


Einen Mann namens Heinrich, der ein schönes Weib namens Elise
geehelicht hatte, traf eine große Heimsuchung. Als nämlich seine Frau
wieder einmal unter höchsten Nöten niederkam, wußte er, daß sie das
nächste Mutterglück mit ihrem Leben bezahlen müßte. Da schwuren die
beiden, aus eigenem Antrieb und auf das Drängen des Arztes hin, aller
Liebeslust zu entsagen. Und Heinrich nagelte im ersten heiligen,
zornigen Eifer ein leibhaftiges Totengerippe ans Fußende des Ehelagers,
auf daß sie, so sie etwa schwach und wankend würden, allzeit einen ganz
furchtbaren Prediger in der Nähe hätten. Nach einiger Zeit brachte
Heinrich dann noch ein rotes Lämpchen über dem Gerippe an. Das wirkte.
Der Prediger blieb wach und schrecklich und stieg bis in ihre Träume
hinab, und wenn sie nachts erwachten, wagten sie es nicht, die Augen zu
öffnen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Im Laufe der Zeit jedoch erschien ihnen der Furchtbare immer milder
und freundlicher und schließlich beinahe wie zur Familie gehörig.
Ja, während einer hellen, silbernen Mondnacht kam er dem ruhenden
Menschenpaar fast verschönt und verklärt und verlieblicht vor. Da erhob
sich Heinrich leise und blies das rote Lämpchen aus. Und Elise lächelte
ihm zu und erinnerte ihn daran, daß die Nächte nun wieder abnähmen und
man endlich wieder dem Frühling entgegenginge. -- -- -- --

Durch den nächsten weißen Winter aber wallte langsam ein großer dunkler
Leichenzug mit blumenbeladener Bahre nach dem Kirchhof.



Vier Anekdoten

Von _Karl Scheffler_


Schuldner und Gläubiger

Ich hatte einst zwei Freunde, die auch untereinander wieder heftig
befreundet waren. Nach einer geraumen Zeit aber trat zwischen ihnen
jene chronische Spannung ein, die einer Entfremdung vorauszugehen
pflegt. Eines Tages nahm mich der eine, sagen wir A., beiseite
und beklagte sich ernstlich über B. Dieser habe bei irgendeiner
Gelegenheit acht Mark von ihm geliehen und hätte nun schon seit einem
Vierteljahr vergessen, ihm das Geld wiederzugeben. Es sei natürlich
nur Vergeßlichkeit, aber eben diese Sorglosigkeit würfe doch ein
merkwürdiges Licht auf den Charakter des Freundes. Nicht lange darauf
vertraute der andere mir mit einigen spöttischen Glossen an, A. täte
immer in allen Dingen so schrecklich bürgerlich korrekt und vergäße
ganz, daß er ihm immer noch dreizehn Mark schuldig sei. Sagen könne
er es ihm doch nicht, und auch ich möchte mir nichts merken lassen,
aber eine schnurrige Sache sei es doch. Mir selbst war bei diesen
vertraulichen Mitteilungen, deren Kreuzungspunkt ich geworden war,
wunderlich zumute. Denn auch von mir hatten beide einmal vor Monaten
kleine Summen geborgt, wie man sie auf Landpartien oder sonstwie
braucht, wenn ein großer Geldschein sich nicht gleich wechseln lassen
will, und diese Tatsache war allen beiden vollständig entfallen. Was
war zu tun? Ich dachte nach, ob ich nicht unwissentlich vielleicht
den Freunden ebenfalls Geld schuldig sei. Mir war, als wäre einmal so
etwas gewesen; aber ich konnte nicht mehr darauf kommen, und ich mußte
schließlich einsehen, daß man sich nur dessen deutlich erinnert, was
andere uns schulden, nicht aber dessen, was man selbst schuldig ist.


Die Witwe von Ephesus

Früher fuhr ich jeden Nachmittag mit der Vorortbahn in die Stadt. Auf
der Fahrt wurde rechts vom Gleis für wenige Sekunden zwischen Häusern
ein Stück Friedhof sichtbar, mit Blumengräbern und Grabmonumenten.
Auf einer neuen Grabparzelle war täglich eine schwarzgekleidete
Frauengestalt zu sehen, die mit Schaufel, Harke und Gießkanne
arbeitete, den Efeu aufband, die Sträucher beschnitt oder Blumen
pflanzte. Es war offenbar eine Witwe, die ihren Mann dort begraben
hatte. Nach einiger Zeit tauchte auf dem Grabgrundstück nebenan
ein Mann gesetzten Alters auf, der, wie es schien, das Grab seiner
gestorbenen Frau pflegte und mit der Nachbarin an Sorglichkeit und
Liebe wetteiferte. Zuerst blieb jeder für sich. Eines Tages aber,
als der Zug vorüberfuhr, sah ich die beiden Leidtragenden über den
niedrigen Erdwall weg miteinander sprechen. Einige Tage später -- es
war ein heißer Sommer -- fuhr mein Zug gerade vorbei, als der Mann der
Frau ein gefülltes Weißbierglas hinüberreichte und sie zum Trinken
einlud. Und wieder nach einigen Tagen hatte der Mann seinen Rock beim
Arbeiten ausgezogen, er plauderte schon vertraulich heiter mit der
Nachbarin, und die Große Weiße stand zwischen beiden auf dem kleinen
Grenzwall, wie ein gemeinsamer Besitz. Jetzt aber mit Himbeerschuß.
Und dann kam ein Tag, wo der Witwer hinübergegangen war zur Witwe,
und wo sie ihm alle Herrlichkeiten ihres Grabgartens mit errötendem
Eifer zeigte. Noch eine kurze Zeit, und ich sah die beiden Trauernden
in dem Gärtchen der Frau auf einem Bänkchen vor dem Leichenstein
nebeneinander sitzen, Hand in Hand, sich verliebt ansehend und schnell
auseinanderfahrend, als der Zug vorüberrasselte. Fortan blieben die
Gärtchen leer. Die Blumen vertrockneten, auf den Wegen wuchs Gras, und
der Efeu überrankte die Namen der Toten.


Die Zeitungen

In einem Neubau hatten die Stubenmaler ihre Gerüste aufgeschlagen, um
die Decken zu bemalen. Sie standen oben auf den Brettern, den Kopf im
Nacken, Ornamente schablonierend und pinselnd. Unter dem Gerüst hatten
zwei Tapezierer ihren Tisch aufgestellt. Sie waren beschäftigt, die
unteren Wände mit Makulatur zu bekleben. Dabei unterhielten sie sich
eifrig. Sie sprachen von den Berliner Tageszeitungen und konnten nicht
recht einig werden. Der eine behauptete: »Das einzige vernünftige
Blatt in Berlin ist die »Vossische«.« »Nein,« erwiderte der andere,
»die »Kreuzzeitung« ist mir lieber.« »Die ist auch gut,« gab der erste
zu, »aber nicht so gut wie die »Vossische.« »Tägliche Rundschau« geht
übrigens auch an.« »Ach, damit bleib mir vom Leibe,« rief der zweite,
»das ist lappriges Zeug. Dann kannst du ja auch nur gleich »Tageblatt«
und »Lokalanzeiger« sagen. Und das sind doch die schlechtesten
Blätter in Berlin. Mosse und Scherl, das ist Jacke wie Hose.« »Ein
Blatt ist doch noch schlechter,« sagte der andere, »das ist das
allerschlechteste.« »Na, welches?« »Der »Vorwärts«!« »Da hast du recht,
mit dem ist überhaupt nichts anzufangen.«

Die Maler auf der Rüstung wurden unruhig. Einer rief hinab: »Na, ihr
seid ja schöne Genossen. Der eine ist für die Junker, und der andere
ist für die Bourgeois. Und ihr wollt Arbeiter sein?« Die Tapezierer
antworteten grob, und ein Streit begann. »Wer so von dem »Vorwärts«
spricht, ist ein Verräter,« schrie einer der Maler. »Und wer mir den
»Vorwärts« hier auf den Tisch legt, dem schmeiß ich ihn an den Kopf,«
schrie einer der Tapezierer zurück, »was verstehst du überhaupt vom
Tapezieren!« »Na, vom Tapezieren versteh ich nichts, aber von der
Politik verstehe ich was,« rief der Maler. »Was geht uns denn deine
Politik an?« sagte verwundert der Tapezierer. »Wir reden hier doch von
der Makulatur, von der Güte des Papiers.« »Ach so,« sagten die Maler,
»sie reden von der Makulatur!«

Moral: Der Mensch ist immer noch mehr Tapezierer als Politiker.


Darwinismus im Ausverkauf

            »~Eritis sicut deus~«.

Vor einigen Jahren, als die Bevölkerung Deutschlands, vor allem die
Berlins, durchaus wissen wollte, ob Christus gelebt hat, hielt ein
berühmter Professor des Monismus (so darf man ja wohl sagen) vor einem
großen Zuhörerkreis einen Vortrag über diese neugierige Frage. Im
Laufe seiner freigeistigen Rede, in der Christus durch Darwin ersetzt
werden sollte, sprach der Vortragende von dem natürlichen Werden alles
organischen Lebens, er rekapitulierte die Leitsätze des Darwinismus und
wies u. a. nach, in welcher Weise sich die Lunge der atmenden Geschöpfe
aus der Luftblase der Fische entwickelt hätte. »Ja, meine Damen und
Herren,« rief er in den Saal, mit einem triumphierenden Seitenblick
auf eine Anzahl kampfbereit zuhörender Pastoren, »wie haben wir uns
diese Entwicklung denn vorzustellen? Wir müssen sie uns folgendermaßen
denken: eines Tages wurde ein Fisch von den Brandungswellen an den
Strand geworfen. Da stand der Fisch nun vor der Frage: du mußt entweder
zugrunde gehen, oder du mußt deine Luftblase in eine Lunge verwandeln,
um in der Luft weiterleben zu können -- eine andere Möglichkeit gibt es
nicht. Der Fisch tat natürlich das letztere -- und so, meine Damen und
Herren, entwickelte sich aus der Blase des Fisches ...«

Kein Schmerzensschrei wurde hörbar.



Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant

Von _Karl Ettlinger_


Der Marquis über Heidenbekehrung

Der Pariser Frieden von 1763 war noch nicht geschlossen, und Frankreich
sonnte sich noch im Besitze seiner wertvollsten Kolonien. Der
Jesuitenorden, -- den der durch die Unterrockpolitik der Pompadour
erhobene und durch die Hemdpolitik der Dubarry gestürzte Choiseul 1764
vertrieb -- sandte noch seine Missionäre in die fremden Länder, um aus
guten Götzendienern schlechte Christen zu machen. Der freigeistige
Marquis Bonvivant bezeigte diesem Missionseifer nur geringe Sympathie,
und er pflegte in seiner frivolen Weise zu spotten: »Statt den Heiden
das Wasser der Taufe auf den Kopf zu träufeln und Schnaps zum Trinken
zu verkaufen, wäre es besser und christlicher, ihnen Wasser als Getränk
zu verhandeln und ihnen den Schnaps über den Kopf zu gießen.« Ein
Bettelmönch, dem des Marquis Denkungsart unbekannt war, sprach einst
bei ihm vor, um eine fromme Gabe für die Missionen zu heischen. Wie
schlug ihm das Herz voll eitler Freude, als der Marquis ihm versprach,
für das nächste Missionsschiff eine ganze Kiste Kruzifixe zu spenden!
Mit den bestgemeinten Segenswünschen dankte der harmlose Bettelmönch.

Das Missionsschiff lag abfahrtbereit im Hafen, in wenigen Stunden
sollten die Anker gelichtet werden, -- als acht stämmige Männer
erschienen, die im Auftrage des Marquis eine große schwere Kiste an
Bord trugen, die die Aufschrift zeigte: »Kreuze für die Heiden.«

Der frommen Mannschaft dünkte diese Kiste ein wenig groß geraten -- es
mußten ja Abertausende von Kreuzen darin Raum haben --, und so wurde
beschlossen, die Kiste zu öffnen, um die Hälfte der zur Verwendung
für die Heiden bestimmten Kreuze für das nächste Missionsschiff
zurückzubehalten.

Man brach die Kiste auf. Sie enthielt -- ein halbes Hundert Grabkreuze.


Der Marquis über das Duell

Siebenunddreißig Duelle hatte der Marquis Bonvivant in seinen jungen
Jahren ausgefochten, und er hatte damit bewiesen, daß es ihm nicht an
Mut fehlte, in Streitfällen hinter jede Beschimpfung einen Florettstich
als Schlußpunkt zu setzen. Als aber das Leben seine Haare mit dem
Puder des Alters betupfte, als er in dem Garten seiner Erfahrungen
die kostbarste Frucht: das Lächeln geerntet hatte, da änderte sich
auch seine Sinnesart über das Duellwesen. »Es mag Ausnahmefälle
geben, in denen ein Duell unvermeidlich ist,« sagte er. »Allein das
Meer von Zweikämpfen würde zu einer Pfütze austrocknen, wenn meine
lieben Zeitgenossen endlich einsehen wollten, daß ein Amtsgericht weit
zuverlässiger ist als ein Gottesgericht.«

Kurz nachdem er diesen Ausspruch getan hatte, der ihm sehr übel
vermerkt wurde, gebot ihm die Freundespflicht, einem Baron de Sulpice
Sekundantendienste zu leisten. Dieser hatte einem Chevalier, der beim
Kartenspiel trefflich das Glück zu korrigieren verstand, das Wort
»Falschspieler« ins Gesicht geschleudert. Nach dem ersten Gange lag der
Falschspieler tot am Boden: eine Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt.

Marquis Bonvivant stand bei dem Leichnam; er betrachtete den leblosen
Körper aufmerksam, hob ihn auf, musterte die Rückseite, befühlte den
Kopf und ließ die Leiche kopfschüttelnd wieder zu Boden gleiten.

»Was soll dieses Spiel?« herrschte ihn der anwesende Arzt an.

»Verzeihen Sie meine Neugierde!« gab der Marquis zurück. »Ich bin nun
einmal eine gründliche Natur: ich habe das Loch in der Brust gesehen,
aus dem das Leben das Chevaliers entflohen ist, und ich suche nun das
andere Loch, durch das angeblich die Ehre wieder in seinen Körper
eingezogen ist!«



Der Garibaldiner

Von _Karl Federn_


Es war an einem Mainachmittag des Jahres 1891 in Rom, als ich meinen
Freund Cesare Salvadori aus Cefalù traf. Am Abend vorher hatte eine
patriotische Gedenkfeier stattgefunden; die schwarzen Carabinieri,
kriegerische und andere Vereine mit vielen Fahnen, die Garibaldiner mit
ihren roten Hemden waren unter rauschender Musik durch die staubigen
Straßen des glänzenden Rom aufs Kapitol gezogen: Salvadori war mit im
Zuge gewesen, denn er war Garibaldiner. Sie wissen, was das heißt;
Sie kennen die tausend Helden, die überall in Italien mit Verehrung
und Begeisterung betrachtet werden, die für das Land und die Freiheit
geblutet haben, und die nie sterben, weil, wenn einer von ihnen zu
Grabe getragen wird, der Nächstälteste der Familie das rote Hemd
anlegt, um die Ehre und den Vorteil dem Hause zu erhalten.

Als ich mit Salvadori vor dem Café Aragno saß, trug er das rote Hemd
nicht mehr, sondern einen schlaffen schwarzen Tuchrock, und schlaff
waren auch seine Züge, selbst der eisgraue Schnurrbart unter der
Hakennase.

»Wie geht es Ihnen, Salvadori?« fragte ich. Den Toskano im Mundwinkel,
den einen Fuß mißmutig über dem andern wippend, saß er da. »Schlecht,«
war seine Antwort. »Man lebt, aber es geht schlecht. Wie Sie mich
sehen, bin ich wieder ohne Stellung. Man tut nichts mehr für uns, man
schreit, wenn wir vorüberkommen, aber man tut nichts.«

Nun war gerade kurz vorher Giovanni Nicotera, der sizilianische Baron
und Revolutionär, gleichfalls ein ehemaliger Garibaldiner, Minister des
Innern geworden. Daran erinnerte ich den Alten.

Die grauen Augen in dem verwitterten Kriegergesicht zogen sich zusammen.

»Ich bin bei ihm gewesen,« antwortete er und sah vor sich hin.
»›Giovanni,‹ sagte ich ihm, ›du bist nun mächtig: du mußt etwas für
mich tun.‹ Und er, ›mein Lieber,‹ sagte er, ›viel kann ich dir nicht
bieten; es waren schon zu viele vor dir da. Aber wenn du unten in
Calabrien, beim Präfekten von Catanzaro Amtsdiener werden willst: die
Stelle ist frei. Anderes habe ich jetzt nicht. Vielleicht später; wir
werden sehen.‹

Was wollen Sie? Ich nahm die Stelle an und fuhr nach Catanzaro. Es ging
auch; bis eines Tags eine Deputation kam; aus Tiriolo, wegen einer
Wahlsache. Sie wissen ja, wie das ist. Am Morgen sagt mir der Präfekt:
›Wenn die Deputation aus Tiriolo kommt, Cesare, bin ich nicht da.‹
›Eccellenza,‹ sagte ich, ›es ist gut.‹

Und nun denken Sie: wie die Leute kommen -- sie waren vier Stunden
gefahren -- waren drei davon alte Garibaldiner wie ich.

›Freunde,‹ sagte ich, ›es tut mir leid, aber der Herr Präfekt ist
nicht da.‹ ›Cesare,‹ sagte der eine, der mich kannte, ›wir müssen den
Präfekten sprechen. Und wir wissen, daß er da ist, ich habe ihn selbst
am Fenster gesehen. Und du wirst uns anmelden.‹

Was wollen Sie, Herr? Es waren Garibaldiner; es war nichts zu machen.
Ich habe sie angemeldet, und der Präfekt hat sie empfangen, und sie
haben ihm einen heißen Kopf gemacht, wegen der Wahl, über die er nichts
hatte hören wollen.

Am anderen Tage ließ mich der Präfekt in sein Bureau rufen: ›Einen
Amtsdiener, der sich nicht nach meinen Weisungen richtet, kann ich
nicht brauchen,‹ sagte er, ›Sie sind entlassen.‹

Ich habe ihn angesehen, Herr. Und dann sagte ich: ›Eccellenza, Sie
können mich entlassen. Aber wenn ich morgen nach Rom fahre und zum
Minister gehe und mit Giovanni Nicotera spreche, so werden _Sie_
entlassen, und nicht ich. Aber, Eccellenza, Sie sind ein verheirateter
Mann, Sie haben Frau und Kinder, und ich bin allein. Darum gehe ich,
und Sie können bleiben.‹ Und so bin ich gegangen.«

»Ja, und Nicotera?« fragte ich, »hat er nichts mehr für dich getan?«

»Nun, ich war natürlich wieder bei Giovanni und sprach mit ihm. Er bot
mir eine Stelle als Amtsdiener in Sardinien an. Aber dahin wollte ich
nicht gehen. So ist es, Herr. Und so sitze ich hier und bin wieder ohne
Stelle.«



Der Dichter

Von _Hans Bethge_


Ein junger Dichter schlenderte müde und blaß durch die Straßen von
Montmartre oberhalb Paris. Er war sehr einsam und unglücklich. Sein
Magen war leer, auch sah er andere Künstler, ihre Mädchen am Arme,
heiter an sich vorüberschreiten, er aber hatte keine Freundin, denn die
Mädchen waren ihm nicht hold. Er sehnte sich nach Liebe und zugleich
nach einer guten Mahlzeit, und er war recht zornig gegen das Schicksal.

Während er so dahinschritt, öffnete sich plötzlich neben ihm eine Tür.
Ein Mädchen stürzte heraus, ein Mann hinterdrein mit einem Stock, den
er auf den Rücken des Mädchens niederschwingen wollte. Aber das Mädchen
entschlüpfte, und der Stock traf den Rücken des vorüberschreitenden
Dichters, der einen Schrei des Schmerzes ausstieß, worauf er sich
empört dem mit dem Stock bewaffneten Manne zuwandte.

Dieser, äußerst bestürzt, bat vielmals um Verzeihung und fragte,
welche Sühne er dem Geschlagenen zuteil werden lassen dürfe. Er wies
auf die geöffnete Tür und bat den Dichter, näherzutreten. Es zeigte
sich, daß der Mann eine Speisewirtschaft besaß, die er vor kurzem von
seinem zu früh gestorbenen Vater geerbt hatte. Der Dichter ließ sich
nicht weiter nötigen und wurde in aufmerksamer Weise mit einem so
wohlbereiteten und verschwenderischen Mahle bewirtet, wie er es seit
langem nicht mehr zu sich genommen hatte. Während des Mahles erzählte
ihm der junge Mann, daß jenes Mädchen, seine Geliebte, heute zu ihm
gekommen sei, um ihm mitzuteilen, daß sie nichts mehr mit ihm gemein
haben wolle, weil sie einen anderen liebe. Daher die Szene.

Nachdem der Dichter, der von dem Schlage schon längst nichts mehr
spürte, mit vollem Behagen gegessen und getrunken hatte, verabschiedete
er sich dankend, schlenderte vergnüglich die Straße hinauf, -- und wer
trat an der nächsten Ecke an ihn heran? Das Mädchen.

Es ergriff erregt seine Hand, küßte sie, bat vielmals um Verzeihung und
fragte, welche Sühne es ihm, dem ihretwegen Geschlagenen, zuteil werden
lassen dürfe. Er beschwichtigte die Demütige, sie schritten gemeinsam
dahin, und als sie vor dem Hause angelangt waren, in dem er wohnte, bat
er sie, mit in sein Zimmer hinaufzukommen, das seit langer Zeit von
keiner Frau betreten worden war. Sie kam seinem Wunsche mit Vergnügen
nach, riß ihm eilig die Kleidung vom Nacken und küßte ihn voll Liebe
und Leidenschaft auf jene Stelle, wo er ihretwegen geschlagen worden
war.

Noch niemals war dem Dichter so himmlisch wohl gewesen, wie an diesem
Abend.

Später hat ihn das hübsche und vortreffliche Mädchen noch oftmals
lachend auf jene Stelle geküßt, der er erstens ein lange entbehrtes
köstliches Mahl und zweitens eine reizende Geliebte zu verdanken hatte.



Nino Sventatello

Von _Heinrich Mann_


Dies ist die Geschichte von einem, der Hans Leichtfuß hieß, und der auf
den Stufen eines Brunnens schlief, weil ihm kein Bett gehörte. Aber
als er eines Morgens erwachte, gehörte ihm Rom; denn ein großer Herr,
der erst am hellen Morgen nach Hause ging, hatte Gefallen gefunden an
seinen hellen Locken und an den Schatten um seine geschlossenen Lider.
Er ließ ihn in seinen Palast tragen und sorgte dafür, daß ihm mit
äußerster Vorsicht neue Kleider angelegt wurden: weißseidene Schuhe,
Strümpfe und Hosen, ein grüner, gestickter Rock, -- denn er hoffte,
wenn Nino in diesem prinzlichen Staat erwache, werde er zu lachen geben.

Nino aber lachte selbst, sobald er die Augen aufschlug, sehr befriedigt
von den Kavalieren, die ihn bekomplimentierten. Ihre Perücken
schleppten vor ihnen her am Boden, so oft verbeugten sie sich. Er
dehnte sich sodann mit solcher Anmut, dem Lakaien, der die Schokolade
verschüttete, gab er so gewandt eine Ohrfeige, und setzte sich mit
solcher Sicherheit auf das Lieblingspferd des großen Herrn, daß dieser
endlich sagte: »Halt! Du tust ja, als ob du ein Prinz wärest.« -- »Sie
meinen?« entgegnete Nino. Der Herr verstand Scherz. »Du sollst wirklich
einer sein. Aber vorher mußt du beweisen, daß du Mut, Artigkeit und
Redekunst besitzest. Diese Eigenschaften zu besitzen, ist leicht für
den, der schon in den Kleidern eines Kavaliers steckt. Darum sollst
du sie in deinen alten Kleidern zeigen.« -- »Alte? Ich habe nie etwas
altes getragen.« -- Man zog sie ihm an. »Ich lasse die Verkleidung
gelten,« sagte Nino. Er sah sich den Kutscher des Hauses an: »Das ist
ein starker Mann, ich wage es.«

Als der Herr mit seiner schönen Tochter daherfuhr, legte Nino sich
über den Weg, den Hals gerade vor das rechte Rad. Rechts saß das junge
Mädchen, es kreischte angstvoll. Der Kutscher riß an den Zügeln, das
Rad berührte Ninos Hals. Der Herr wollte herausspringen, aber das
Mädchen hielt ihn fest: »Du bist zu schwer, der Wagen würde einen Ruck
bekommen, und er ist tot.« -- Während die Pferde um seinen Kopf her mit
den Hufen stießen, redete Nino:

»Sie kennen mich, schöne Prinzessin, ich bin einer der Knaben, die
am goldenen Schlage Ihrer bunt bemalten seidenen Kutsche standen und
die Hand hinhielten; ich aber ließ die meine sinken, weil Ihre Augen
so groß und blau waren. Sie kennen mich, ich bin einer der Knaben,
die am Küchenfenster Ihres Palastes die Düfte einatmeten und dabei
ein Stückchen trockenes Brot aßen. Aber droben an Ihrem Fenster sah
ich ein Stückchen von einer weißen Schulter mit einer goldenen Locke
darauf -- und ließ mein Brot einem anderen. Sie kennen mich, ich bin
einer der Knaben, die die Stäbe Ihres goldenen Parkgitters mit den
Händen umfaßten, wenn auf den bunten Wiesen die Damen und die Herren
Ball spielten. Ich aber sah Ihre goldenen Locken wehen und Ihre leichte
Gestalt über die Blumen hinfliegen, ohne ihnen ein Leid zu tun -- und
umklammerte die Stäbe, sonst wäre ich über das Gitter fort in die
glänzende Gesellschaft mitten hinein und Ihnen zu Füßen geflogen. Und
weil ich mich noch nicht fest genug gehalten habe, liege ich jetzt
mit dem Halse unter den goldenen Rädern Ihrer Galakutsche und sage
Ihnen, wie schön Sie sind, und wie sehr ich Sie liebe.« (Dabei zitterte
Ninos Stimme.) »Und gleich wird Ihr Kutscher, wenn er auch stark ist,
die Pferde nicht mehr halten können, und ich sterbe für Sie. Denn
die Leute, die hier in Haufen umherstehen, werden sich hüten, mich
unter Ihren Rädern hervorzuziehen. Sie sind den schönen Reden viel
zu geneigt und viel zu begierig auf anregende Schauspiele, um diesem
unterhaltenden und spannenden Auftritt vor der Zeit ein Ende zu machen.«

»Aber ich tue es!« rief das junge Mädchen, hüpfte aus dem Wagen und
hob Nino auf. »Wer bist du?« -- »Ich bin Prinz Nino, Ihr Herr Vater
kennt mich.« Der große Herr schnaubte zornig: »Was ist das für eine
Komödie? Was fällt dir ein, Betteljunge?« -- Nino erwiderte ruhig und
vornehm: »Sie wollten, daß ich eine Komödie als Betteljunge spielen
sollte. Ich, der Prinz, sollte beweisen, daß ich auch als Betteljunge
Mut, Artigkeit und Redegewandheit besitze. Ist es nicht mutig, wenn ich
den Hals vor die Räder einer Kutsche lege, die von zwei wilden Hengsten
gezogen wird? Ist es nicht artig, wenn ich es zu Ehren einer Dame tue?
Und werden mir nicht alle Anwesenden bezeugen, daß ich, selbst noch in
einer ungewöhnlichen und halsbrecherischen Lage, zu reden verstehe?« --
Der Herr lachte laut, ließ Nino die Prinzenkleider wieder anziehen und
vermählte ihn mit seiner Tochter.



Der Fund

Von _Paul Ernst_


Ein junger Mann namens Boppo hat treu und ehrlich lange Jahre
einem Kaufmann gedient. Wenn die Frauen kamen und für einen Soldo
Öl verlangten, so maß er ihnen das Öl in ihre Flaschen, indem er
mit spitzen zwei Fingern das Maß hielt und die anderen drei Finger
zierlich spreizte, dann den Trichter schwungvoll aus der Flasche zog,
ihn noch einmal aufstieß, daß auch der letzte Tropfen in die Flasche
lief, und ihn endlich mit sicherem Augenmaß wieder in sein Loch im
Ständer stellte; wenn sie eine Tüte Pfeffer haben wollten, so riß
er unbarmherzig aus einem schönen alten Buch ein Blatt, rollte es
fix in der Hand zur Tüte, schob mit elegantem Schwung des Beines die
Stehleiter zu sich, kletterte leicht nach oben, zog den Kasten halb
vor und nahm mit dem Schäufelchen Pfeffer heraus, stieg dann herunter,
indem er der entzückten Frau eine Schmeichelei sagte, legte die Tüte
auf die Wage und schüttete mit dem Schäufelchen, sorgfältig prüfend,
als wiege er Gold ab, die Pfefferkörner in die Tüte.

Wie gesagt, Boppo hatte seinem Herrn treu und ehrlich gedient. Aber,
natürlich hatte er keine Veranlassung, über die Grenzen seiner
Pflichten hinauszugehen. Er versteht die Kunst, einzuwiegen und
einzumessen, das heißt, wenn er hundert Pfund oder hundert Maß zu
verkaufen hat, so kann er hundert und ein Pfund oder hundert und
ein Maß verkaufen, ohne daß eine Frau zu wenig bekommt. Dieses eine
Pfund oder eine Maß ist natürlich sein eigener Gewinn, von dem er
ja seinem Herrn nichts zu sagen brauchte; er hatte es deshalb immer
so eingerichtet, daß er von jedem Scudo einen Quattrino für sich
einbehielt, das war nur eine abgerundete Rechnung; aber der Herr
stand sich ganz gut dabei, denn Boppo war ein treuer und ehrlicher
Ladendiener. Diese Quattrini aber, kann man sich denken, häuften
sich im Laufe der Zeit an; und so kommt es denn, daß Boppo, wie er
nun seinen Dienst aufgegeben hat, um nach seinem Heimatsort Ariccia
zurückzugehen und dort selber einen Laden zu eröffnen, einen schönen
Beutel voll Scudi in der Tasche hat.

Vor dem Tore schließt sich ihm ein junges Mädchen an, die auf einem
Esel sitzt, den sie mit fester und zierlicher Hand lenkt. Die Freunde
haben Boppo gewarnt; es gibt so viele Gauner und Räuber in Rom und
Umgebung, daß man sehr vorsichtig sein muß mit neuen Bekanntschaften,
wenn man viel Geld in der Tasche trägt. Boppo ist auch ein verständiger
Mensch, der weiß, daß ein ehrlicher Mann heutzutage niemand trauen
darf; die Menschheit ist zu klug für ihn geworden. Aber das junge
Mädchen hat so feurige, schwarze Augen und macht einen so freundlichen
Mund, und dann ist sie ja doch überhaupt ein junges Mädchen, und kurz
und gut, Boppo geht neben ihr, und die beiden erzählen sich etwas; er
spricht von dem Geschäft, das er in Ariccia eröffnen will, wo es nur an
Unternehmungsgeist fehlt, denn ein Geschäft ist in Ariccia zu machen,
es muß nur der richtige Mann kommen; und sie teilt ihm mit, daß sie in
Velletri eine Stellung annehmen will als Köchin bei einem Pfarrer, und
daß sie selig ist, mit ihm bis Ariccia zusammen zu sein, denn man hört
so viel, was alles geschieht, daß man wirklich Angst kriegen könnte;
dabei sieht sie ihn mit einem so freundlichen Blick an und lacht so,
daß ihm ganz warm ums Herz wird.

So ziehen die beiden nun vergnügt weiter auf der Via Appia. Es ist
Herbst; die Jäger halten überall ihre großen Jagden ab und schießen
die Sperlinge, die Karren mit den Bottichen begegnen ihnen, in denen
die Weintrauben eingestampft sind; die lieben Kinderchen sitzen
unsagbar schmutzig auf den Trauben und quetschen sie zusammen, und die
Männer, welche die Pferde führen, sind bis oben mit rotem Traubensaft
beschmiert; von überall her hört man Jauchzen, Singen, Knallen,
Schreien, und Boppo fühlt sich so glücklich wie noch nie in seinem
Leben; er denkt an seinen Laden in Ariccia, an den Tresen, an die
Büchsen mit Zuckerwerk, die auf ihm stehen, und wenn man den Kindern
ab und zu eine Kleinigkeit zugibt, dann kommen sie immer; er denkt an
die Wagen, welche blankgeputzt über ihm hängen, an das Einwiegen, und
dann denkt er auch, was er für ein hübscher Kerl ist, und daß sich das
Mädchen neben ihm gleich in ihn verliebt hat. Aber er nimmt sich in
acht und verplempert sich nicht, denn man weiß ja nicht, ob sie Geld
hat, und ein Kaufmann muß eine Frau mit Geld haben, und das kennt man
schon, man denkt, man hat ein hübsches Mädchen, und dann mit einem Male
kommt ein Bruder oder Vater und sagt: Heiraten!

Die beiden sind früh aufgebrochen, um noch vor der großen Hitze in
Ariccia zu sein. Nun aber beginnen sie hungrig zu werden, denn es ist
Frühstückszeit. So gehen sie denn vom Wege ab in eine Wiese, wo unter
einer einsamen Pappel ein alter marmorner Sarg steht, als Tränke für
die Kühe; das junge Mädchen -- wir wollen es nur verraten, es ist die
berühmte Colomba, von der selbst Lange Rübe sagt, er könne noch von ihr
lernen -- steigt von ihrem Esel, der verständig mit den Ohren zuckt
und sich dann an das Fressen begibt; sie zieht ein reinliches Tuch
hervor, um es auf der Wiese auszubreiten für die mitgebrachten Speisen;
da stößt sie plötzlich einen Laut der Überraschung aus; sie hat im
Grase ein kleines Päckchen gefunden, das offenbar hier jemand verloren
hat, ein sauber und fest verschnürtes Päckchen in steifem Papier mit
einer Aufschrift. Sie wendet das Päckchen hin und her, Boppo nimmt es
ihr aus der Hand: »Lies du, ich kann nicht lesen,« sagt Colomba, und
Boppo buchstabiert die Aufschrift: »An den hochwohlgeborenen Herrn
Matteo, Juwelenhändler in Rom.« »Wenn kostbare Steine in dem Päckchen
wären?« fragt Colomba. »Erst prüfen, dann urteilen,« erwidert Boppo,
zieht sein Taschenmesser und schneidet die Verschnürung auf. Es kommt
ein Schächtelchen zum Vorschein und ein Brief. Colomba faßt nach dem
Schächtelchen, öffnet es, da liegt auf weißer Seide ein wunderschöner
goldener Ring mit einem Smaragden. Sie streift ihn sofort an den
Finger und betrachtet ihn verliebt, indem sie ihn in der Sonne spielen
läßt; Boppo ergreift ihre Hand und sieht ihn sich genau an. Er wird
aufgeregt. »Das ist ein Stück für einen Kardinal,« sagte er, »das ist
ein Stück für den heiligen Vater.« »Lies den Brief,« ruft ihm Colomba
zu. Er kann sich nur schwer von der Hand mit dem Ring trennen, aber er
entfaltet doch den Brief und studiert ihn, indessen Colomba den Ring
weiter nach allen Seiten spielen läßt.

»Der Besitzer hat den Ring an Matteo schicken wollen, er ist
fünfhundert Scudi wert, Matteo soll ihn ihm verkaufen,« sagt endlich
Boppo, nachdem er das Lesen des Briefes beendet hat. Dann fährt er
fort: »Ich mache dir einen Vorschlag. Es ist ein Glück für dich, daß
ich ein ehrlicher Mann bin. Wir haben den Ring zusammen gefunden ...«

»Nein, ich habe ihn allein gefunden,« sagt Colomba.

»Wir haben den Ring zusammen gefunden,« fährt Boppo fort, »du kannst
ihn nicht verkaufen, du wirst bloß von den Händlern betrogen. Ich will
den Ring annehmen und bezahle dir deinen Teil aus. Ich bin Kaufmann,
ich weiß, was ich zu tun habe, mich soll keiner übers Ohr hauen, ich
verstehe mich aufs Geschäft. Natürlich habe ich das Risiko. Ich biete
dir für deinen Teil hundert Scudi. Abgemacht.«

Colomba beginnt zu weinen. Der Ring ist so schön und steht ihr so gut,
und sie würde ihn Sonntags immer tragen, und sie hat ihn doch gefunden,
und er gehört doch ihr, und nun will ihr Boppo nur hundert Scudi
geben, und sie ist ja ein armes Mädchen, für arme Mädchen sind solche
teuren Ringe nicht, das sieht sie wohl ein, aber sie ist nicht so
dumm, wie Boppo denkt, sie kann ihn auch selber verkaufen, und hundert
Scudi für einen Ring, der fünfhundert Scudi wert ist, das ist eine
Ungerechtigkeit, das kann ja der liebe Gott nicht dulden, und sie ist
eine Waise, und hat nicht Vater und nicht Mutter, aber für die Waisen
sorgt der liebe Gott, und so redet sie weiter und redet immer mehr, und
Boppo antwortet ihr, und sie kommen ins Handeln, und schließlich geht
Boppo bis hundertfünfzig Scudi. Er holt seinen Beutel heraus, klaubt
ihn auf, zählt ihr das Geld vor, sie weint, liest es sorgsam zusammen,
zieht ein Tuch und knotet es ein; der Beutel ist recht schmal geworden,
wie er ihn mit der Schnur wieder zusammenzieht, aber dafür hat er ja
nun den Ring. Sie trocknet sich die Tränen, er will zärtlich ihre
Hand ergreifen, aber sie stößt sie von sich und geht zu ihrem Esel.
»Was willst du denn tun?« fragt Boppo erstaunt. Sie aber antwortet
ihm nicht, sondern steigt auf, und als er immer dringlicher fragt, da
erklärt sie ihm, daß er ein Räuber ist, daß sie nicht mehr mit ihm
reiten will, denn eigentlich hat sie den Ring allein gefunden, und nun
will sie wieder nach Rom, sie muß sich erst ausweinen, denn das hatte
sie nicht gedacht, daß es so schlechte Männer gibt. So wendet sie denn
ihren Esel zurück, Boppo aber bleibt, und im Grunde ist er nicht ganz
unzufrieden, daß er sie nicht mehr sieht, denn nun kann sie ihm doch
nicht mehr vorklagen.

Er sah sie also nicht mehr, und er hat sie auch später nicht wieder
gesehen, obgleich er sie in Velletri und in Rom suchte wie eine
Stecknadel; denn als er seinen Ring zu einem Händler brachte und ihn
für fünfhundert Scudi anbot, da lachte der Mann und sagte, daß der
Stein aus Glas sei und die Fassung vergoldetes Kupfer. Deshalb blieb
ihm nichts anderes übrig, als daß er zu seinem alten Herrn ging und
wieder Ladendiener wurde, damit er das verlorene Geld erst wieder
zusammenbekam; denn mit dem, was er noch hatte, konnte er bei der
heutigen scharfen Konkurrenz keinen Laden in Ariccia eröffnen.



Das Bett

Von _Paul Ernst_


Die Frau des Polizeihauptmanns Tromba war bei der Frau des
Stadtrichters Matta gewesen. Matta ist Richter, und Tromba ist nur
Polizeihauptmann; das müßte gewisse Schranken für die weibliche
Einbildungskraft setzen, sollte man meinen. Es setzt aber diese
Schranken nicht. Die Frau des Richters Matta hat ein Fremdenzimmer,
weil vornehme Leute zuweilen Besuch vom Lande bekommen. Tromba
bekommt zwar keinen Besuch vom Lande, aber seine Frau findet, daß sie
reichlich ebenso vornehm ist wie die Frau des Stadtrichters Matta,
denn Frau Matta ist eine reiche Fleischerstochter gewesen und sie eine
reiche Bäckerstochter; und deshalb ist es notwendig, daß sie auch ein
Fremdenzimmer hat.

Tromba wünscht verschont zu werden und wird nervös. Beppina tröstet ihn
und sagt, wenn die Mutter erst einmal gestorben ist, dann führt sie dem
Vater die Wirtschaft, und dann bäckt sie auch jeden Tag Eierkuchen,
und wenn er seinen Teil nicht ganz aufißt, dann schadet das nichts,
dann ißt sie ihn mit. Tromba hebt sie hoch, küßt sie und sagt, sie
ist ein Engel. Die Frau wischt Staub im Zimmer und wirft Gegenstände,
welche sie abwischt, mit merklichem Knall an ihre Stelle. Das leere
Zimmer hätte man nämlich; es liegt eine Treppe höher auf dem Boden
und hat eine schöne Aussicht, genau wie das Fremdenzimmer der Frau
Stadtrichter Matta. Man hätte auch die Bettstelle und die andern Möbel.
Es fehlt nur das Bett. Und sie findet, wenn man Polizeihauptmann ist,
dann hält man einfach eine Haussuchung ab, und es wäre doch merkwürdig,
wenn man da nicht ein Bett fände, das man mit Beschlag belegen kann.

Tromba sagt sich, daß er eine Gemeinheit begeht. Aber was nutzt ihm
alles, er muß Ruhe haben. Er kommt nicht zum Arbeiten. Also, er macht
eine Haussuchung bei Lange Rübe.

Lange Rübe kann sich natürlich denken, wie die Haussuchung zu erklären
ist, und macht bissige Bemerkungen über Ehrenmänner, wie sie beide,
welche wissen, was sie sich gegenseitig schuldig sind, über das
Unvermutete des Besuchs und über die Mühe, welche sich Tromba hätte
sparen können, wenn er seinen Wunsch gegen Lange Rübe geäußert hätte.
Tromba kann ihm nichts erwidern, denn Lange Rübe hat ja recht; und
so erfüllt er denn mit den Häschern seine Pflicht, ohne Lange Rübe zu
antworten. Lange Rübe kann sich nicht ausweisen über den Erwerb eines
guten Bettes mit Roßhaarmatratze und Daunendecke; und so wird das Bett
denn mit Beschlag belegt.

Tromba übt in den ehelichen Kämpfen die bekannte Strategie, welche man
auch von andern Ehemännern erzählt. Zunächst wird er immer geschlagen
und muß den Willen der siegreichen Frau erfüllen. Wenn er das aber
getan hat, so ist die Frau in schwächerer Verfassung, weil ihre
Geisteskräfte in Anspruch genommen sind durch das Bedenken, wie sie das
Gewonnene verwertet; und nun dreht er sich um und greift seinerseits
an. Das Bett wird also gebracht; die Häscher stellen die Bettstelle auf
und legen das Bett hinein, verweigern, ein Trinkgeld anzunehmen, und
gehen mit höflichen Empfehlungen. Frau Tromba steht im Fremdenzimmer
und überlegt, wie sie die Vorhänge aus einem alten Stoff herstellt;
Tromba geht auf und ab, die Hände auf dem Rücken, pustet und stößt
abgebrochene Laute aus.

Ein Gauner ist auch ein Mensch. Lange Rübe hat nicht gleich ein
Bett wieder. Wo soll er denn schlafen? Anständige Menschen nehmen
Rücksichten. Tromba hat aus freien Stücken Lange Rübe erklärt, wenn er
wieder ein Bett habe, das geht ihn nichts an, er weiß nichts davon,
er will nichts davon wissen, ist seine Sache nicht. Er will nichts
mehr hören von Betten. Er kann sich nicht um jedes Bett kümmern, das
es in Rom gibt. Wenn Tromba zum Kaufmann geht und etwas kauft, der
Kaufmann macht ihn doch dumm und nimmt ihm ab, was er kriegen kann,
und lügt ihm noch vor, daß er ihm seine Ware zur Hälfte schenkt. Wenn
der Bauer etwas in die Stadt bringt, und die Leute haben Hunger, und
es ist nichts sonst auf dem Markt, dann verlangt er das Dreifache, und
wenn sie es ihm geben, dann steckt er das Zehnfache ein. Sind die denn
anders als der Gauner? Aber denen hat die Polizei nichts zu sagen, die
werden vom Staat beschützt, ja, die kommen womöglich noch und machen
Anzeige, wenn ein Gauner bei ihnen gewesen ist. Als ob der Gauner
nicht auch sein Leben in Mühe und Schweiß verdient! Und überhaupt,
die Polizei lebt von den Gaunern. Wenn die Gauner nicht wären, dann
brauchte man auch die Polizei nicht. Das sagt man sich alles, wenn man
ein Mann ist. Aber ein Weib, wenn sich ein Weib eine dumme Idee in den
Kopf gesetzt hat, dann muß das geschehen. Dann muß das geschehen, und
wenn der Himmel einstürzt. Alles einerlei.

Vielleicht denkt sich Frau Tromba, daß sie ja nun ihr Bett hat, und
daß es für die Gesundheit eines Mannes immer besser ist, er tobt sich
aus, statt den Ärger hinunterzuschlucken; vielleicht ist sie aber auch
wirklich zu sehr mit der Frage der Gardinen beschäftigt; jedenfalls
widerspricht sie nicht. Nach gewöhnlicher Psychologie müßte ja nun
Trombas Zorn abnehmen; aber bei Tromba, wie bei manchen anderen
Männern, wenn sie in ähnlichem Fall sind, steigert er sich jetzt.

Lange Rübe muß natürlich wieder ein Bett haben. Einerseits tut ihm ja
Tromba leid; Tromba kann mit den Weibern eben nicht fertig werden;
anderseits ist es Lange Rübe auch nicht zu verübeln, wenn er auf Tromba
wütend ist, denn eine Gemeinheit bleibt es schließlich, ihm das Bett
abzuholen.

Lange Rübe nimmt sich also einen befreundeten Droschkenkutscher und
fährt mit ihm zu Trombas Haus. Der Wagen hält unten, Lange Rübe steigt
aus, tritt in das Haus, geht die Treppen hoch bis unter das Dach,
öffnet das Fremdenzimmer und packt das Bett in zwei mitgebrachte große
Säcke. Die nimmt er auf die Schultern und geht still wieder die Treppe
hinunter.

Man geht in solchem Falle bekanntlich rückwärts die Treppe hinunter;
wenn jemand einen sehen sollte, dann kann man gleich so tun, als steige
man nach oben und sagt, man bringe die Säcke zu einem Herrn Francesco,
der ja wohl in diesem Hause wohne, mit einer schönen Empfehlung von
Herrn Augusto. Herr Francesco wohnt nicht in diesem Hause; man schimpft
über Herrn Augusto, der einem doch stets die unrichtige Hausnummer
nennt, so daß man doppelte Arbeit hat; die Person, welche einem
begegnet ist, bedauert einen, daß man die schweren Packen so hoch
geschleppt hat, und gibt einem den guten Rat, sich lieber immer erst
unten zu erkundigen, ob man auch recht gegangen ist; dann geht man die
Treppe hinunter und hat seine Masematten in Sicherheit.

Demnach geht auch Lange Rübe rückwärts hinunter. Aber die Bodentreppe
ist steil, und wie er eben auf der vorletzten Stufe ist, tritt er fehl,
stürzt, die Säcke rollen von den Schultern, und er selbst schlägt mit
aller Wucht an Trombas Tür. Lange Rübe steht langsam auf und reibt sich
das Bein, Tromba öffnet die Tür.

Natürlich tut Lange Rübe ganz selbstverständlich. Er beklagt sich über
die Treppe und preist sein Glück, denn er hätte ein Bein brechen können
bei dieser Gelegenheit, und das hätte er dann von seinem guten Herzen
gehabt. Da aus diesen Ausrufen und Erklärungen nicht zu erkennen ist,
was Lange Rübe mit den beiden prallen Säcken will, so fragt Tromba;
Lange Rübe tut wieder selbstverständlich und erklärt, in denen sei
doch das Bett; er habe gehört, daß der Herr Polizeihauptmann ein
Bett brauche, und da er ein Bett überflüssig habe, so bringe er es
ihm; der Herr Polizeihauptmann könne es behalten, so lange er wolle,
bei ihm sei es nicht nötig, und er freue sich sehr, daß er dem Herrn
Polizeihauptmann die kleine Gefälligkeit erweisen könne, als ein
Ehrenmann dem andern.

Tromba denkt bei sich, daß Lange Rübe ja verdammt schnell wieder ein
Bett gefunden hat, sein Gewissen ist beruhigt; einigermaßen ärgert er
sich ja über die Frechheit, daß er es ihm gleich zeigen will, aber dann
kann er ihm die Frechheit auch wieder nicht übel nehmen, denn Lange
Rübe sieht zu komisch aus, wie er dasteht mit dem dummen Gesicht. Also
erklärt er kurz, er brauche kein Bett weiter, er sei schon versehen.
Lange Rübe entschuldigt sich, setzt die Mütze wieder auf und reibt sich
das Bein. Tromba fragt, ob es noch sehr weh tue; Lange Rübe erzählt,
daß er mit dem Schienbein gerade auf die scharfe Schwellenkante
geschlagen ist, wie er die letzte Stufe nach oben steigt; er hat die
Engel im Himmel pfeifen hören.

Tromba geht in die Stube, bringt eine Schnapsflasche mit einem Glas
heraus und gießt Lange Rübe ein. Lange Rübe dankt mit einer höflichen
Verbeugung, leert das Glas und stellt es Tromba wieder zu. Dann sieht
er seine beiden Packen an.

Tromba versteht den Blick. Er gibt Lange Rübe die Weisung, daß er sich
auf eine Treppenstufe setzt, dann legt er ihm die beiden Packen auf den
Rücken; Lange Rübe erhebt sich, dankt von Herzen und geht die Treppe
hinunter auf die Straße, wo ihn sein Freund mit der Droschke erwartet.

Als Frau Tromba wieder in ihr Fremdenzimmer geht, fehlt das Bett.
Sie stürzt zu ihrem Mann und erzählt es ihm. Die Vorwürfe, die sie
ihm macht, sind berechtigt. Daß die Gauner so frech sind, selbst den
Polizeihauptmann zu bestehlen, das muß denn doch an ihm liegen. Bei
einem anderen würden sie mehr Furcht haben. Tromba sieht ein, daß er
den Zwischenfall mit Lange Rübe nicht erzählen darf, und in seiner
Bestürzung weiß er gar nichts zu erwidern, sondern schweigt, indessen
die Frau den Übergang zum Weinen macht.

Natürlich kann Tromba jetzt nicht noch einmal Haussuchung halten.
Aber er hat auch die Aufsicht über die Gewichte und Wagen in den
Kaufmannsläden. Deshalb schießen die Kaufleute zusammen und kaufen ihm
ein Bett, und so sind denn nun alle Teile zufriedengestellt.



Die Sklavin

Von _Heinrich Mann_


Der Venezianer Benedetto Dolan war ein Trinitarier, er zerbrach die
Ketten der Sklaven. Aber einmal brachte er aus der Berberei eine
Sklavin mit, deren Kette konnte er nicht zerbrechen, weil er selbst
darin gefangen war. Wie hat er sie lieb gehabt! In einem Saal seines
Palastes am Großen Kanal schloß er sich mit ihr ein und verließ sie
nie mehr. Es gab darin einen hohen, wunderbar geschmückten Sockel,
auf den sie sich stellen mußte: ganz nackt, wie eine Statue; eine
köstlich ziselierte Silberschale, in die sie sich legen mußte, ganz
nackt, ähnlich einer Perle; und einen von erhabenen Bildern umzogenen
Marmorsarkophag, auf dem sie sich ausstrecken mußte, ganz nackt, gleich
einer Toten.

Wenn sie auf dem hohen Sockel stand, erreichte ihr Kopf mit den
langen, langen Haaren die wunderschöne Fensterrose, die in der Mauer
des Palastes ist. So kam es, daß man sie von draußen sah, von dem
Seitengäßchen, das neben dem Hause herläuft. Und jedesmal sammelte sich
das Volk und verlangte, die schöne Sklavin solle hinausgeführt und ihm
gezeigt werden. Der Ritter verweigerte es. Aber da man hörte, sie sei
übermenschlich schön, drohte in Venedig ein Aufruhr, und die Signori
schickten ihre Abgeordneten zu Benedetto Dolan: er solle seine Sklavin
hinausführen. Er verneigte sich und gehorchte.

Er trug sie in seine Gondel: nicht auf dem hohen Sockel, worauf sie,
ganz nackt, wie eine Statue stand; auch nicht in der Silberschale, in
der sie, ganz nackt, einer Perle ähnlich ruhte; -- sondern ausgestreckt
auf dem marmornen Sarkophag, ganz nackt, gleich einer Toten. So fuhren
sie, der Ritter in seiner Rüstung ihr zu Häupten, den Großen Kanal
hinab. Als sie aber an der Piazzetta landeten, wo das ganze Volk
wartete, da sah das ganze Volk, daß aus ihrem Herzen ein roter Tropfen
trat.



Von Künstlern und Kunstwerken



Memlings Bild

(April 1473)

Von _Paul Enderling_


Paul Beneke stand vorn am Bug, wasserdurchnäßt und blutbespritzt.

»Smiet de Hakens röwer!« brüllte er durch Sturm und Kampfgeschrei.

Die Enterhaken packten das englische Schiff und fraßen sich gierig
in das Holz. Ein Armbrustbolz zeichnete eine blutige Spur über
Paul Benekes borstigen Schädel und riß seine Mütze weg in die
schaumbespritzte See. »Wart, ick wull di!!« Er drohte wütend mit der
Faust herüber. Dann stülpte er sich den Helm eines Gefallenen auf.

Nun stürmten die Danziger Matrosen hinüber auf den »Sankt Thomas«. Ein
paar Minuten später glitt die burgundische Flagge nieder, unter der das
englische Schiff gefahren. Die Schiffsbesatzung hielt die Hände hoch.
Der Kapitän, der totenblaß am halbzersplitterten Mast hockte, winkte
den hanseatischen Kapitän zu sich.

»Ihr seid Paul Beneke, den sie einen ›harten Seevogel‹ nennen. Ists nit
so?«

»Hol det Mul!« Das galt einem schreienden Matrosen. Paul Beneke beugte
sich zu dem gefangenen Gegner hernieder, der ihm seine Worte ins Ohr
wiederholte. Er nickte nur.

»Dann ist's keine Schande für mich, gekapert zu werden,« sagte der
Sterbende. Er stockte. Am Mast seines Schiffs stieg die Hansaflagge
empor. Nun schwebte sie hoch oben und schlug fröhlich knatternd um sich.

Da überflog eine furchtbare Grimasse das Antlitz des Engländers.
Getrieben von Scham und Grimm, versuchte er, das neben ihm liegende
Enterbeil nach Paul Beneke zu schleudern. Es entfiel aber seiner
kraftlosen Hand.

»Ick versteh' di, min Söhn,« sagte Paul Beneke nachdenklich und begab
sich achselzuckend zur Schiffsluke, daraus seine Leute die Schätze
des Schiffsbauchs holten, um sie zu dem eigenen großen Kraweel
herüberzubringen.

Der Steuermann zählte die Kisten und Säcke, die man herüberschleppte.
Das monatelange Kreuzen und Segeln war mit einem Schlag reich gelohnt.
Die Mannschaft sang und gröhlte vor Freude bei jedem neuen Stück, das
an die Oberfläche kam.

Nun war's ein hoher, flacher Kasten, der nach dem Stempel darauf der
Handelsgesellschaft der Portunari in Brügge gehörte. Die Leute wußten
nichts damit anzufangen.

»Upbreeken!« befahl Paul Beneke.

Mit den Beilen, die eben noch auf die Schädel der Feinde niedergekracht
waren, brachen sie die Bretter auf.

Der Lärm verstummte. Auch die See, die in der ganzen Zeit des Kampfes
als eine rechte Mordsee mitgebrüllt hatte, beruhigte sich. Leichte,
weiße Schaumkrönchen tanzten noch auf den grünen Wellen. Eine Wolke
verschob sich. Sonnenschein glitzerte auf den Panzern und Helmen, auf
den Waffen und nun auf dem breiten Goldrahmen des großen Bildes, das
einer aufgeklappt hatte.

... Der Erzengel Michael in funkelnder Rüstung hielt die Wage -- ein
frommer Beter kniete in der tiefen Schale, ein Verzweifelter jammerte
in der nach oben geschnellten Schale. Christus saß auf dem Regenbogen
und hielt Weltgericht über all die, so aus den Gräbern stiegen, der
Seligkeit oder der Verdammnis entgegen.

Auf dem linken Flügelbild zogen die Seligen in den goldenen
Himmelspalast ein, auf der rechten Seite stürzten viele in den
Höllenschlund, der ewigen Qual entgegen ...

Erst war's Mathias Groddeck, der die Mütze langsam abnahm und in die
Knie sank.

Dann tat es der Steuermann. Und der Schiffsboden ächzte, als er es tat,
und es krachte, als der Helm aufschlug.

Dann knieten die anderen Matrosen vor dem »Jüngsten Gericht«, das der
Maler Memling gemalt.

Zulegt nahm Paul Beneke den Helm ab und beugte die Knie, indes das rote
Blut langsam über die Stirn am rechten Auge entlang sickerte.

... Die Seligen gingen in das goldene Haus des Himmels. Christus
blickte milde nieder, und die große Wage schwankte auf und ab ...

Wohin würde einmal ihrer aller Weg gehen? Zur Rechten? Zur Linken?
»~Te Deum laudamus~,« begann langsam mit heiserer Stimme Dietrich
Bernecker, der ein entlaufener Mönch gewesen war und seit zwölf Jahren
in geteerten Hosen herumlief.

Erst blickten sie ihn verwundert an. Dann nickten sie bedächtig und
stimmten ein, so gut es ging.

... Die Engel stießen in die Posaune, als bliesen sie die Melodie dazu.
Die vielen Toten stiegen aus den Gräbern und hoben betend die Hände ...

Paul Beneke erhob sich. Sein Blick hatte den englischen Matrosen
gestreift, der grinsend dem Gebahren der Sieger zusah. Er ging langsam
auf ihn zu und schlug ihm die Mütze vom Kopf.

»Siehst du nit, dat hie Gottesdienst ist, min Söhn? Und weißt du nit,
daß es sich geziemet, die Mütze vom Grindkopf zu nehmen?«

Das war der längste Satz, den Paul Beneke seit langem gesprochen.

Dann ging er befriedigt zu den Betern zurück.



Der schlaue Akademiedirektor

Von _Carl Bulcke_


Als der Professor und Kunstmaler D. damals vor zwanzig Jahren in K.
seinen Dienst als Akademiedirektor antrat, fand er ziemlich heillose
Zustände vor. Ein Übelstand war am größten: die Akademie war zu klein,
und besonders war für den Unterricht der zahlreichen Kunstschüler
nicht genügend Platz. Das betrübte den Akademiedirektor, und er machte
sofort nach seinem Dienstantritt eine Eingabe an den Oberpräsidenten,
schilderte den Sachverhalt und bat mit beweglichen Worten, da an einen
Neubau vorläufig nicht gedacht werden konnte, wenigstens um einen Anbau
an die alte Akademie. Auf diese Eingabe erfolgte indessen nichts; es
fehlte wahrscheinlich an Mitteln, und der Oberpräsident schwieg. Der
Akademiedirektor wiederholte nach einem halbem Jahre die Eingabe mit
der gleichen Begründung, und wieder kam keine Antwort. So ging das
weiter durch sechs, acht lange Jahre. Es wurde dem Akademiedirektor
eine liebe Gewohnheit, Semester für Semester beharrlich und ohne Erfolg
immer wieder dasselbe Gesuch vorzulegen.

Bis endlich eines schönen Tages der Oberpräsident antwortete: gut,
er wolle in eine Prüfung der geschilderten Mißstände eintreten; aber
vorher wolle er die Sache persönlich sich mal ansehn, und er käme dann
und dann. Dies Schreiben brachte nun den Akademiedirektor in eine
arge Verlegenheit: Denn einmal hatte er im Laufe der Jahre mit den
vorhandenen Räumen ganz gut sich zu helfen gelernt, und zweitens hatten
sich ausgerechnet in diesem Jahre so wenig Schüler gemeldet, daß in
diesem Jahre wenigstens die zur Verfügung stehenden Räume prachtvoll
ausreichten.

Doch der Akademiedirektor wußte sofort Rat: er versammelte sein
Lehrpersonal und seine Schüler, erzählte ihnen die ganze Geschichte
und sagte: »Kinderchen, wir machen die Sache so: Wenn der hohe Herr
kommt, so steht ihr alle hübsch beisammen, die jüngeren im Vordergrund,
unten in der Halle, und was da so vornean steht, wird dem hohen Herrn
vorgestellt. Dann beschäftige ich den hohen Herrn eine Weile, ihr
lauft was ihr könnt herauf in den Aktsaal und setzt euch fix an die
Arbeit. Vornean setzen sich die älteren von euch. Dann kommen wir beide
herauf, und ihr werdet alle noch einmal dem hohen Herrn vorgestellt.
Dann beschäftige ich den hohen Herrn wieder eine Weile, ihr verteilt
euch, was ihr laufen könnt, in die einzelnen Ateliers, und alles
weitere überlaßt nur mir. Ich werde die Sache schon machen.«

Es ging auch alles ganz ausgezeichnet. Der Oberpräsident kam, die
Vorstellung in der Halle wurde rasch erledigt, die zweite Vorstellung
im Aktsaal glückte vorzüglich, der Oberpräsident sah sich mit
gedankenlosen Augen alles an, bestätigte, daß hier und da ein Übelstand
sei, der abgestellt werden müsse, nickte zustimmend zu den Erklärungen
des Akademiedirektors, fragte gedankenlos noch dies und das, wie hohe
Herren das so tun, und sprach in der zweiten halben Stunde seines
Besuchs schon längst von Dingen, die mit dem Zweck seines Kommens
nichts zu tun hatten, von Hasenjagd und Wintersport und anderen schönen
Sachen. Der Akademiedirektor strahlte.

Und so nach einer Stunde verabschiedete sich dann der Oberpräsident,
sprach seinen Dank für die freundliche Führung aus, murmelte etwas
von langgehegter persönlicher Wertschätzung, und der schlaue
Akademiedirektor führte den Oberpräsidenten die Treppe hinunter.

Auf der Treppe blieb der Oberpräsident stehen, dachte nach, und ihm
schien etwas einzufallen. »Und im übrigen muß ich Ihr Prinzip loben,«
sagte der hohe Herr freundlich. »Ich muß an die Zeit denken, als ich
noch junger Landrat war. Wenn ich da mal haben wollte, daß ein Wald
größer aussah, als er war, so ließ ich die Herren immer im Kreise
herumfahren.«



Zwei Anekdoten

Von _Karl Scheffler_


Kunsterziehung

Ein Museumsdirektor, der nicht nur moderne Kunstwerke des In- und
Auslandes mit leidenschaftlichem Eifer kauft, sondern der auch den
Ergeiz hat, die Bürger seiner Stadt zum Kunstverständnis und zu einer
neuen Kulturgesinnung zu erziehen, erzählte mir vieles von der Art
seiner Propaganda, von seinen Vereinen, Ausstellungen, Vorträgen und
Organisationen. Um die Wirkung seiner Kulturarbeit zu beweisen, führte
er freudig das folgende Geschehnis an.

Zu ihm sei eines Sonntagmorgens ein Mann ins Museum gekommen. Ein
einfacher Mann aus dem Volke, Werkführer oder dergleichen und
Mitglied eines der Kunstbildungsvereine. Er hätte sich vor den
Direktor bescheiden, aber sicher hingestellt und gesagt, er habe sich
soeben eine neue Krawatte gekauft, und er fühle die Verpflichtung,
Rechenschaft abzulegen, nach welchen Gesichtspunkten er sie gekauft
habe. ~Ad~ 1, nach welchen ästhetischen, ~ad~ 2, nach welchen ethischen
und ~ad~ 3, nach welchen allgemein-kulturellen Gesichtspunkten. ~Ad~
1 sei zu bemerken, daß eine Krawatte zur Farbe des Anzuges und des
Gesichtes sowohl harmonieren wie kontrastieren müsse. Form und Farbe
dürften nicht auffallend sein, doch müsse die Krawatte immerhin
ein freudiger Farbenfleck sein im grauen Einerlei der männlichen
Kleidung. Auf keinen Fall dürfte das Muster naturalistisch sein.
Und selbstverständlich sei ein Selbstbinder gewählt worden. Dem
kultivierten Manne gezieme es, die Krawatte selbst, individuell, zu
knüpfen. ~Ad~ 2 sei zu sagen, daß der Käufer Rücksicht auf seine Mittel
und seinen sozialen Stand hätte nehmen müssen. Seine Gesichtspunkte
seien gewesen: gut, solide, geschmackvoll, aber einfach. So ein Kauf
sei doch eine ernste Sache. Die Krawatte charakterisiere den ganzen
Menschen, man erkenne den inneren Wert seiner Mitbürger daran. Zu Punkt
3, fuhr der Museumsdirektor fort, von seinem Thema hingerissen, habe
der Mann mit der neuen Krawatte gesagt ... Aber ich weiß nicht mehr,
was es war; denn jetzt hörte ich nur noch jenes peinliche Geräusch, das
entsteht, wenn man oftmals hintereinander das Wort »Kultur, Kultur,
Kultur« ausspricht.


Spanisch

Ein Versdramatiker, dem keine deutsche Bühne ein Stück aufführen
wollte, kam auf folgende ingeniöse Idee, um durchzudringen. Als ein
neues Lustspiel gedichtet war, gab er es als Buch heraus, verschwieg
seine Autorschaft und vermerkte statt dessen auf dem Titelblatt, das
Stück sei eine Übersetzung aus dem Spanischen. In dieser Form reichte
er es einer Bühne ein, die auf die deutsche Theaterkultur bedeutenden
Einfluß hat. An dieser Bühne nun wirkte, mit heiteren Cäsarengebärden,
ein Dramaturg. Er las das Stück und bildete sich sein Urteil. -- Einst
besuchte ihn ein anderer Dramatiker, um Geschäfte zu besprechen. Als
der Besucher Abschied nehmen wollte, ergriff der Dramaturg ihn am
Rockknopf und sagte eindringlich: »Ihr Kollege N. hat uns da ein Stück
eingereicht, das aus dem Spanischen herkommt. Wir möchten es gern
aufführen. Ich sage Ihnen, es ist fabelhaft! Aber miserabel übersetzt.
Sehen Sie, lieber Doktor, das sollten _Sie_ uns übersetzen!«



In der Frühlingsnacht

Von _Hans Bethge_


In einer wundervollen Frühlingsnacht schritt ein junger Dichter
leichtbeschwingt durch die Villengegend der Stadt. Er kam an vielen
duftenden Vorgärten vorüber und dann an einem, in dem der Flieder an
großen Büschen besonders üppig blühte und duftete, und jetzt sah er,
wie ein junges Mädchen in Weiß aus ihrem erleuchteten Zimmer auf den
Balkon der Villa, die in dem Garten lag, hinaustrat.

Der Dichter blieb stehen und sah entzückt hinauf: ein reizendes,
überraschendes Bild, dieses einsame, weißgekleidete, junge Ding, das
sich da oben bei Nacht auf dem von einem feinen Gitter umgebenen
Balkon gegen das rötliche Lampenlicht des Zimmers malerisch abhob.
Fast unbewegt stand sie da, das Herz des Dichters klopfte laut, und er
glaubte die Sehnsucht jener jungen Brust zu empfinden, die unruhige
Sehnsucht, die es in dem engen Zimmer nicht mehr ertrug und nun ihre
Zuflucht zu den Sternen und Düften der holdbewegten Mainacht nahm.

In Wirklichkeit war jenes junge Mädchen nicht schön, sondern häßlich
von Angesicht, und ach, sie war nur deshalb auf den Balkon getreten,
weil sie zuviel von einer schweren Speise genossen hatte, die ihr nun
Übelkeit und Magenschmerzen verursachte; sie hoffte, daß ihr in der
frischen Luft der Nacht besser werden würde.

Der Dichter ging, nachdem er sich eine Weile an der holden nächtlichen
Erscheinung begeistert hatte, nach Hause und bildete eins seiner
schönsten Gedichte, das später berühmt gewordene Lied von einem jungen,
schönen Mädchen, das in der Frühlingsnacht weißgekleidet auf den Balkon
ihres Zimmers hinaustritt und die sehnsüchtigen Gefühle ihres Herzens
ängstlich hinaufwendet zu dem tröstenden Licht der Gestirne.



Das seltene Buch

Von _Hermann Hesse_


Vor einigen Jahrzehnten schrieb ein junger deutscher Dichter sein
erstes kleines Büchlein. Es war ein süßes, schwaches, unüberlegtes
Gestammel von blassen Liebesreimen, ohne Form und auch ohne viel
Sinn, wie es viele gibt. Wer es las, der fühlte nur ein schüchternes
Gleiten zärtlicher Frühlingswinde und sah schemenhaft hinter knospenden
Gebüschen ein junges Mädchen lustwandeln. Sie war blond, zart und weiß
gekleidet, und sie lustwandelte gegen Abend im lichten Frühlingsgehölz
-- mehr bekam man nicht von ihr zu hören.

Dem Dichter hingegen, dem in diesen Versen die Welt umschrieben und
gedeutet schien, war dieses ganz genug, und er begann, da er nicht
ohne Mittel war, unerschrocken den alten, tragikomischen Kampf um
die Öffentlichkeit, um Kritik, um Ruhm, um Liebe, um Gewinn. Sechs
berühmte und mehrere kleinere Verleger, einer nach dem andern,
sandten dem schmerzlich wartenden Dichter sein sauber geschriebenes
Manuskript höflich ablehnend zurück. Ihre sehr kurz gefaßten Briefe
sind erhalten geblieben und weichen im Stil nicht wesentlich von den
Antworten ab, wie sie heutigen Verlegern in ähnlichen Fällen geläufig
sind; jedoch sind sie sämtlich von Hand geschrieben und insofern
tatsächlich wirkliche Briefe, als sie sichtlich für ihren einmaligen
Zweck geschrieben und nicht einem im voraus hergestellten Vorrat von
gleichlautenden Exemplaren entnommen sind. Ostwald hat recht, die Welt
ist seither fortgeschritten.

Durch diese Ablehnungen, die er keineswegs verdient zu haben glaubte,
gereizt und ermüdet, ließ der Dichter seine Verse nun auf eigene
Kosten in 400 Exemplaren drucken. Das kleine Buch umfaßt 39 Seiten
in französischem Duodez und wurde in ein starkes, rotbraunes, auf
der Rückseite rauheres Papier geheftet (siehe den berühmten »Katalog
für Bibliophilen« von Hofrat Lämmerschwanz, Seite 43, 769). Dreißig
Exemplare verschenkte der Autor an Freunde. Zweihundert Exemplare gab
er einem Buchhändler zum Vertrieb, und diese zweihundert Stück gingen
bald darauf bei einem großen Magazinbrande zugrunde. Den Rest der
Auflage, 170 Exemplare, behielt der Dichter bei sich, und man weiß
bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist (siehe die Abhandlungen
hierüber von Lämmerschwanz und Wurmb im Archiv für exklusive
Bibliophilie, Jahrgang I, 44 ff. und III, 89 ff.). Durch diese
exzeptionellen Schicksale, den Brand und das spurlose Verschwinden
jenes Auflagerestes, war das kleine Büchlein zur bibliophilen
Seltenheit ersten Ranges prädestiniert; nur kannte damals noch niemand
den Namen des gänzlich unberühmten Verfassers. Das Werkchen war
totgeboren, und der Dichter verzichtete, vermutlich vorwiegend aus
Erwägungen ökonomischer Art, einstweilen völlig auf weitere poetische
Versuche oder doch auf deren Veröffentlichung.

Etwa zehn Jahre später aber kam er zufällig einmal dahinter, wie man
zügige Lustspiele macht. Er legte sich eifrig darauf, hatte Glück und
lieferte von da an jährlich seine zwei Komödien oder Possen, prompt und
zuverlässig wie ein Fabrikant. Die Theater waren voll, die Schaufenster
zeigten Buchausgaben der Stücke, Bühnenaufnahmen und Bildnisse des
Verfassers. Dieser war jetzt berühmt, fast weltberühmt, verzichtete
aber auf eine Neuausgabe jener Jugendgedichte, deren er sich nun
vermutlich schämte. Er starb in der Blüte der Mannesjahre, und als
nach seinem Tode eine kurze, seinem literarischen Nachlaß entstammende
Autobiographie herauskam, wurde diese begreiflicherweise gierig
gelesen. Aus dieser Veröffentlichung erst erfuhr die Welt von dem
Dasein jener verschollenen Jugenddichtungen.

Seither sind jene zahlreichen Lustspiele aus der Mode gekommen
und werden nicht mehr gegeben. Die Buchausgaben findet man
massenhaft und zu jedem Preise, meist als Konvolute, in den
Katalogen der Antiquariate. Jenes kleine Erstlingsbändchen aber,
von welchem vielleicht, ja sogar höchst wahrscheinlich nur noch
die dreißig seinerzeit verschenkten Exemplare vorhanden sind, ist
jetzt eine Seltenheit ersten Ranges und wird von Sammlern mit
Leidenschaft gesucht und mit jedem Preise bezahlt. Es figuriert
täglich in den Desideratenlisten, nur viermal tauchte es bis jetzt
im Antiquariatshandel auf und entfachte jedesmal eine hitzige
Depeschenschlacht von bietenden Bestellern. Denn einmal trägt es doch
einen berühmten Namen, ist ein Erstlingsbuch und überdies Privatdruck,
dann aber ist es für manche Liebhaber auch äußerst interessant und
rührend, von einem so berühmten, eiskalten Bühnenroutinier ein
sentimentales Bändchen Jugendlyrik zu besitzen. Kurz, man suchte das
kleine Ding mit Leidenschaft, und ein tadelloses, unbeschnittenes
Exemplar davon gilt für unbezahlbar, namentlich seit auch einige
amerikanische Sammler danach fahnden. Dadurch wurden auch die Gelehrten
aufmerksam, und es existieren, außer den genannten bibliophilen
Publikationen, schon zwei Dissertationen über das Büchlein, von welchen
die eine es von der sprachlichen, die andere von der biographischen
Seite beleuchtet. Ein Faksimiledruck in 65 Exemplaren, der nicht neu
aufgelegt werden darf, ist längst vergriffen, und in den Zeitschriften
der Bibliophilen sind immer wieder neue Arbeiten darüber angezeigt.
Neuerdings streitet man sich namentlich über den mutmaßlichen
Verbleib jener dem Brand entronnenen 170 Exemplare. Hat der Autor sie
vernichtet, verloren oder verkauft? Man weiß es nicht; seine Erben sind
im Auslande und zeigen keinerlei Interesse für die Sache. Die Sammler
bieten gegenwärtig für ein Exemplar etwa das Doppelte wie für die
Erstausgabe des »Grünen Heinrich«.

Wenn aber zufällig irgendwo einmal die fraglichen 170 Exemplare
auftauchen und nicht sogleich von einem Sammler ~en bloc~ aufgekauft
und vernichtet oder doch totgeschwiegen werden, dann ist das berühmte
Büchlein wertlos und wird höchstens noch zuweilen, neben andern
lächerlichen Anekdoten, in der Geschichte der Bücherliebhaberei
flüchtig und mit Ironie erwähnt werden.



Heinrich Frauenlob stirbt

Von _Wilhelm Schmidtbonn_


Heinrich Frauenlob lag in seiner rosagetünchten Kammer und starb. Sein
weißes Haar und sein weißer Bart hingen, zu einem Urwald verwachsen,
von seinem Bett bis zur Erde herunter. Das blauseidene Kissen, das den
letzten Frost der Glieder zudeckte, und das in den Jahren der Jugend
eine schöne Dame von ihrem Bett genommen und dem Dichter zugesandt
hatte, war längst schwachfarbig geworden und hing zerfetzt. Auch sonst
gab es im Zimmer nichts mehr als Spinnen an den Wänden und einen
Stuhl, der Tisch zugleich war. Die Laute lag mit abgerissenen Saiten
an der Erde. Zwei Vögel hatten sich ein Nest da hineingetragen und
flogen durch einen Mauerriß ab und zu. Jedesmal, wenn ein Flügel an
das Holz stieß, gab es einen Ton, der hoch und tief zugleich an den
leeren Wänden nachhallte. Dann hob der Sterbende jedesmal den Kopf
und horchte, und das weiße, klein gewordene Gesicht färbte sich noch
einmal mit einem mädchenhaft zarten Rot.

Heinrich dankte dem Mann, der ihm die letzten Tage das Bett gerichtet
und zu trinken gereicht hatte, durch die hingehaltene Hand und schickte
ihn aus dem Zimmer. Dann lag er, hielt die blaue Seide fest in den
Fingern, horchte nicht länger auf das Tönen der Laute, wartete nur
noch. Mit vorgestürzt glühenden Augen. Nachdem er sein ganzes Dasein
die Anmut der Frauen gesungen und viel Liebe als Gegengeschenk dafür
erhalten hatte, konnte er nicht sterben in dieser Kargheit. Noch
eine letzte Schönheit, ehe die schwarze Ungewißheit kam! Wie immer,
wenn eine Sehnsucht in ihm sich durch einen Schmerz durchbrannte,
begannen in ihm Farben, Töne, Rhythmen gegeneinander zu kochen wie
zusammengetriebener Nebel. Bilder rissen sich los, Worte brachen wie
Blitze heraus, bis endlich die Ruhe der leuchtenden Reime über die Qual
trat. Dieses sein letztes Lied galt der schönsten Frau der Stadt, die
jeden Morgen, eine Magd hinter sich, mit niedergeschlagenen Augen ihr
rostrotes Haar durch die Reihen der Giebelhäuser und die verwunderte
Andacht der Menschen trug. Einmal das rostrote Haar mit der Hand
streifen dürfen! Aber der Tod ist da und Armut und Vergessensein.
Darum, Herzschlag, bescheide dich.

Um dieselbe Stunde saß die Frau mit dem rostroten Haar, das sie in
einem dicken Kranz um den Kopf gelegt hatte, während in der Mitte
des Kranzes der helle Scheitel wie ein liebliches Tal im Gebirge
glänzte, mit ihren Freundinnen zu Hause und trat das Spinnrad. Da
geschah das Seltsame. Mitten in heiterer Erzählung blieben ihr Augen
und Mund stehen. Den Kopf ein wenig geneigt gehalten, horchte sie
in sich hinein, und plötzlich, von der Fernkraft einer verlangenden
Stimme gerufen, erhob sie sich, gab auf keine Frage Antwort, warf ein
lilafarbenes Tuch um die Schultern, füllte einen großen Korb schnell
mit roten, gelben, blauen, weißen, schwarzen Violen, Tulpen, Rosen
aus dem Garten, und eilte, den Korb mit beiden Händen vor ihrem Leib
hertragend, die Treppe hinunter. Mit bittender Gebärde hielt sie die
Freundinnen ab, ihr zu folgen, und lief mit ihren Blumen, den farbigen
Widerschein davon auf dem Gesicht, nicht anders als ein Märchen durch
die Straßen. Ohne vor der fremden Tür, vor der sie niemals gestanden,
zu zögern, trat sie ein und sah, ohne Verwunderung, aber in einer
sogleich ausströmenden Liebe, zu dem Sterbenden hin. Sie erinnerte
sich wie in einem Traum daran, ihn einmal auf der Straße gesehen zu
haben: da stand er, sah sie an und taumelte unter dem Anstoß der mit
Traglasten vorüberschreitenden Menschen. Sie stellte ihren Korb hin,
trat behutsam an das Bett, wischte dem Aufstarrenden mit den Spitzen
der Finger den Schweiß von der weißen Wölbung der Stirn, hielt ihm das
Glas zum Trinken an den Mund. Er aber drehte den Kopf ein wenig, um
abzuwehren. Sie stellte das Glas wieder hin und fing an, ihre Blumen
im Zimmer auszuschütten, über die Erde, über den Stuhl, über die Seide
des Bettes, über Hände und Haar des Dichters. Dann, immer in heiterer
Ruhe, immer einem geheimen Befehl gehorchend, legte sie ihr Tuch und
Kleid ab, hängte alles sorgsam über den Bettrand, löste ihr Haar,
schüttelte den Kopf, daß das Haar um ihre Schultern und Knie fiel,
flocht Blumen hinein. Und während sie in seliger Unbekümmertheit nackt
und flechtend dastand, begann sie zu singen. Die zwei Vögel flatterten
aus ihrer Laute auf die Fensterbank auf die Schultern der Frau, saßen
da, die Köpfe zum Mund der Frau hingedreht, flogen hin und wieder auf
und schwirrten um die Töne, die aus dem Mund kamen, im Spiel herum.
Die Augen des Dichters weiteten sich, bis das ganze Gesicht ein Auge
schien, das dann in seinem eigenen Licht verbrannte und zusammenbrach.

Sowie das Feuer der Augen erloschen war, schreckte die Frau plötzlich
aus ihrer Verzauberung auf. Sie sah sich im Zimmer um, sah an sich
hinunter. Sie starrte in die Augen des Toten, geriet in Furcht vor dem
leeren Blick daraus, warf mit beiden Händen Blumen darüber, warf ihre
Kleider über sich und floh.

Als die Frau fort war und das Zimmer wieder still lag, setzten sich
die Vögel in das wirre Haar des Dichters, mitten zwischen die Blumen,
und sangen, als ob sie nun erst das Singen gelernt hätten, und riefen
hundert andere Vögel durchs offene Fenster herein, die mit ihrem Gesang
wieder das Volk der Straße anlockten. Kopf über Kopf standen die
Menschen in der Tür und sahen verwundert, von einer Demut angerührt,
nach dem Toten hin, den sie, als er noch lebendig über die Straßen
ging, vor jungen Rittern und Rossen übersehen hatten.



Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns

Von _Wilhelm Schäfer_


Als Klopstock, der Messiasdichter, vor der Pietisterei seiner Zürcher
Freunde einmal ins Gebirge geflohen war und vom Klöntal her den
Pragelpaß herunter kam, überraschte er an der Muotabrücke einen Knaben
aus Schwyz in einem seltsamen Mißgeschick. Der hatte baden wollen in
der schattigen Schlucht und nicht an das Windgebläse gedacht, wie es an
heißen Sommertagen vom Stoos herunter einfallen kann. Nun waren ihm die
leichten Kleider bis auf die Schuhe durch eine Sturmluft in den Fluß
geworfen worden, sodaß er nackt auf der Muotabrücke kniete und durch
einen Spalt hinunter spähte. Der Dichter war von dem schlanken Körper
und der schönen Stellung entzückt, als ob ihm in der grünen Wildnis
ein Götterkind begegnet wäre; er rief den Knaben, der sich vor seinem
Schritt noch flüchten wollte, mit scherzhaften Worten an und half
seiner Blöße aus mit seinem Rock, sodaß sie halb und halb bekleidet als
Wandergefährten nach Schwyz hinunter kamen, wo der Dichter in den »Drei
Eidgenossen« eine saubere Herberge fand, indessen der Knabe, mit seinem
Rock über den nackten Körper angetan, heim ging zu seinen Eltern, die
gegen Rickenbach hinauf in einem Landhaus wohnten und wohlhabende
Doktorsleute waren.

Der Dichter saß gerade, von dem Staub der langen Wanderung gesäubert,
hemdärmelig in dem getäfelten Saal, die Abendmahlzeit abzuwarten,
als mit dem Knaben -- der seinen Rock sorglich gefältet trug -- eine
Frau herein trat, wie der Knabe von schlankem Bau, nur höher in den
Schenkeln und rotblond. Auch zeigte sie ganz dessen freie Art, gab ihm
mit herzlichem Dank die Hand und lud ihn ein, das Nachtmahl in ihrem
Garten einzunehmen, wenn er nicht anderswo verpflichtet sei. Obwohl
der Sohn im dreizehnten Jahre stand, war sie noch jung und schien dem
Dichter von einer freieren Anmut, als er sie sonst bei Frauen kannte.
Er nahm die Einladung mit Freuden an und ging sogleich mit ihnen durch
den wohlgebauten Ort und über grüne Matten zu dem Haus hinauf, das
mit zwei Gartenhäuschen auf der Mauer gleich einem Landschlößchen
dalag, sonst aber den breiten Giebel der Schwyzer Bürgerhäuser zeigte.
Er hatte seinen Namen Klopstock dreimal sagen müssen, bevor sie
ihn verstand; auch dann war er nichts anderes für sie, als daß der
sonderbare Klang sie lächeln machte. So sah der Dichter sich der Rolle
entkleidet, die er in Zürich spielen mußte, und obgleich es seiner
Eitelkeit unlieb war, gerade hier nicht mit der Geltung seines Namens
eingeführt zu sein, gab er sich fröhlich der Begegnung hin.

Der Doktor war unterdessen ausgefahren, und als er mit flinken Rossen
von Steinen herauf kam, paßte der kleine schwarze Mann mit der klugen
Geschäftigkeit kaum zu der hohen Frau und ihrem Knaben; doch war er
gleich freundlich gegen den Gast, so daß es unter dem breiten Ahornbaum
im Garten ein fröhliches Mahl gab, bei dem der Dichter sich immer
mehr für die rötlichblonde Doktorsfrau entzündete. Auch sie schien
Wohlgefallen an dem Fremdling zu finden, der so schwärmerisch von ihrer
Landschaft, vom Menschengeist, von Freundschaft und von der Seele zu
sprechen wußte, obwohl sie sich mit der Verschiedenheit ihrer Sprache
nicht immer gleich verständigten. Als der Dichter durch einen Abend mit
fernen Blitzen in seine Kammer zu den »Drei Eidgenossen« kam, hing er
noch lange im Fenster und sah dem Geleucht der fernen Wetter wie dem
Geflacker seiner erregten Jünglingsseele zu, bis er seinen Rock dankbar
küßte und sich endlich in einen kurzen Schlaf fand.

Sie hatten für den andern Tag eine Besteigung des Großen Mythen
ausgemacht, ohne den Doktor, jedoch von einem Knecht der Doktorsleute
begleitet, der schon mehrmals oben gewesen war und die Felswege
kannte. Der holte ihn noch halb im Dunkeln zur Morgenmahlzeit ab,
worauf sie, mit Proviant reichlich gerüstet, ihre Bergfahrt antraten
-- gerade als in der Ferne die weißen Zacken vom Urirotstock in der
ersten Sonne glühten, während das Tal, von den Felswänden der beiden
Mythen breit überschattet, noch in tauiger Dämmerung lag. Auch kamen
sie nach mancherlei Mühsalen gut hinauf bis auf den letzten Grat: als
sich die dunstige Morgenhitze unvermutet zu einem Gewitter sammelte,
das blauschwarz hinter den grell beleuchteten Felszacken stand und
Wolkenfetzen wie Sturmvögel über ihre Köpfe jagte.

Sie versuchten noch, ein Felsloch zu erreichen, das mit Stangen und
Steinen bedeckt seit Alters her eine notdürftige Zuflucht bot, schon
aber brach ein Donner los, der den Berg zu zersplittern und die
losgerissenen Blöcke krachend in die Tiefen zu schmettern schien.
Noch war jedoch kein Tropfen gefallen, und während der Knecht mit
dem Knaben in dem dunklen Loch aufräumte, blieb die Frau tiefatmend
davor stehen und sah in das drohende Wetter hinein. Sie hatte bei der
raschen Flucht ihren Hut abgenommen, und der Sturm jagte ihr rotblondes
Haar, das in dem grellen Licht feurig leuchtete; senkrecht über ihr
aber stand und schien aus ihrem Kopf gewachsen ein altes Steinkreuz
vom nahen Gipfel, das von Menschenhänden mit eisernen Stangen in der
Spitze des Gesteins verklammert war. Wie der Dichter das sah, in dem
donnernden Aufruhr -- darin die schwarzgeballten Lüfte mit den grell
umflackerten Felsen eine Schlacht der Apokalypse kämpften -- die
lächelnde Frau und das ragende Kreuz unbewegt, riß ihn das Sinnbild
zu Gedanken und Worten menschlicher Vollmacht hin, wie sie ihm nie in
eine Ode geflossen waren; als ob dies alles, der Vernichtungskampf
der Natur, die Frau und das Kreuz lächelnd und leidend darin, nur ein
Schauspiel seiner entzückten Seele wäre.

Aber Sturm und Donner rafften die Worte wie fallende Blätter hin; was
stark wie Posaunen in ihm klang, wurde leer, wenn sein Mund es in die
Welt zurück gab; und was sein eigenes Ohr davon vernahm, war kaum ein
Vogelschrei. So grausam überkam ihn da die Ohnmacht des Menschengeistes
vor der Natur, daß er aus seinem Hochmut niederbrach auf den Stein und
sich mit ausgestreckten Händen anklammerte. Und als er seinem Gefühl
mit den strömenden Tränen in Ausbruch solchen Schmerzes doch noch
etwas Großes retten wollte, prasselten nach den ersten Tropfen die
Wasserstürze nieder und spotteten auch der Winzigkeit seiner salzigen
Tränen, sodaß er wie ein gestürzter Vogel daliegen blieb und sich vom
Wasser des Himmels durchtränken ließ.

Als der Dichter, dem das begegnet war, wieder zu sich kam aus den
Untiefen seiner Ohnmacht, waren Donner und Sturm mit zackigen Blitzen
schon weit hinunter ins Land gen Einsiedeln gefahren, und nur noch der
Regen strömte sein rieselndes Geräusch. Irgendwer hatte ihn an der
Schulter gefaßt, als er aufsah, stand die Frau tiefgebeugt zu ihm und
sah mit ihren Augen erschrocken in die seinen. Da griff er die Hand
mit beiden Händen und legte Augen und Mund hinein und küßte sie, wie
sonst ein Heiligtum geküßt wird. Und sie, die außer dem Bereich seiner
Seele eine Doktorsfrau zu Schwyz war und ihren Knaben mit dem Knecht
starr auf dies Schauspiel blicken sah, zog ihm die Hand nicht fort und
stand ihm bei mit ihrer Menschennähe, bis er sie selber ließ und tief
aufstöhnend auch das Gewitter seiner Seele in träufelnden Tränen zur
Ruhe brachte.

Sie standen nachher noch auf dem Gipfel bei dem ragenden Steinkreuz,
sahen tiefeingebettete Seegewässer und Berggipfel wie einen Sturzacker
liegen: in die Seele des Dichters drang nichts mehr ein, die hatte
ihre Gehäuse geschlossen, und was dann mit den andern stundenlang auf
schlüpfrig gewordenen Felsspuren hinunter stieg, war ein demütiges
Menschentier, das in nassen Kleidern fröstelte wie sie. Nur als sie,
immer noch stumm von dem Ereignis, sich unten trennten und der Dichter
in einem wehen Gefühl, daß sie ihn mißverstehen könnte, zum Abschied
noch einmal ihre Hand bekam und sie fragte, ob er ihr davon schreiben
dürfte, was ihm da oben begegnet wäre: sah er sie rot und danach blaß
werden und dann mit Hinterhalt lächeln, wie nur eine Frau über einen
geheimen Einfall lächeln kann: das dürfe er, nur müsse sie ihm dann
auch das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, sagen.

       *       *       *       *       *

So kam es, daß der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in den »Drei
Eidgenossen« zu Schwyz einen Brief schrieb, in dem er tiefer an die
hilflose Not des Menschenschicksals zu rühren glaubte als in allem, was
er früher gedichtet hatte: wie es stets ein Spielball der Elemente sei,
außen und innen. Er schrieb einen Abend lang und bei der Kerze noch die
halbe Nacht daran; er traute der tönenden Macht erhabener Worte kaum
noch und stammelte mehr, als daß er sprach. Als aber die Kerze schon
auf Fingerlänge herunter gebrannt war, als immer stärker durch das
offene Fenster das mahnende Geräusch ferner Bäche scholl, legte er die
Feder weg, weil ihn die Merkwürdigkeit überkam, dies alles gerade der
Doktorsfrau in Schwyz zu schreiben. Sogleich wußte er aber auch, warum;
und einmal soweit entfesselt, hielt seine Seele nichts mehr zurück,
sodaß seine Niederschrift in das Geständnis einer Liebe auslief, deren
Leidenschaft in dieser Nachtstunde keine Grenzen kannte.

Er siegelte den Brief, der viele Bogen füllte, noch in der Nacht,
schlief danach einen tiefen Schlaf, und schickte ihn durch einen
Burschen zu ihr hinauf. Als er das versiegelte Bündel Papier zum
letztenmal in der Hand hielt, fühlte er, daß etwas Schweres damit
geschah; doch war er gewöhnt, tapfer zu seinen Dingen zu stehen und
nichts zu verbergen, was einmal soviel Gewalt über ihn gewonnen hatte,
weil ihm in der Offenheit rauschender Stunden mehr reine Menschlichkeit
zu leben schien, als in der Täglichkeit vorsichtiger Überlegung. Er
wußte genau, daß es nur einen Ausweg gab nach diesem Brief, wenn sie
ihm nicht das Haus verweisen sollte; so wartete er am Morgen und am
Mittag den selbstgewählten Gerichtshof ab und dämpfte seinen Trotz
erst, als auch der Nachmittag verging, ohne daß eine Nachricht kam.

Umsomehr war er überrascht, als gegen fünf der Knabe heiter wie sonst
erschien: Sie sollten mit meiner Mutter noch einen Gang ins Muotatal
zur Brücke machen. Auch die Frau, die draußen wartete, war kaum anders
als sonst, gab ihm die Hand und fragte, wie ihm die Bergfahrt und die
nassen Kleider bekommen wären? Er sah sie unbekümmert lächeln mit allen
Zähnen und wußte nicht, ob es Verstellung oder Spott war, und beides
verdunkelte ihm ihr Bild, so daß er erst im Gehen Worte fand, ihr für
die Einladung zu danken. Sie wehrte den verborgenen Sinn von diesem
Dank mit einem Scherzwort ab und blieb auch übermütig, so oft er mit
einer Frage an seine Dinge rühren wollte. Dabei kam sie ihm schöner
und anmutiger vor als je, wie sie dahin schritt in den Nachmittag, der
durch die Entladung der Luft klar und starkfarbig geworden war. Sie
gingen durch den Wald von Iberg hinüber, und das moosige Kalkgestein
mit seltsamen Höhlen unter Tannenbäumen gab dem Knaben Gelegenheit
zu übermütigen Kletterkünsten. Dem Dichter, der sich immer trauriger
als Fremder bei ihnen fühlte, und der die Frau -- die ihm gestern auf
dem Berg und in dem Aufruhr der Nacht so nahe gewesen war -- in der
Wirklichkeit dieser Wanderung sich hoffnungsloser entfernen sah, als
es durch irgendeinen Abschied möglich gewesen wäre, wurde schwer und
trotzig zumut.

Als sie denn endlich durch die steile Schlucht hinab ins Muotatal und
an die Holzbrücke gekommen waren, wo er den Knaben nackt und knieend
gefunden hatte -- der nun gleich abwärts in die Felsen kletterte und
nach dem rauschenden Spalt hinunterspähte, ob er von seinen Kleidern
nicht irgend etwas angeschwemmt fände -- so daß sie beide allein unter
dem alten Schindeldach der Brücke im Schatten standen und sich von dem
sonnigen Gang erholten, vermochte er die Traurigkeit und den Grimm
nicht länger zu bemeistern: Ob sie seinen Brief erhalten habe?

Erhalten wohl, sagte sie und schwieg still, als sie vor seinen Augen
noch lächeln wollte; doch wurde dasselbe Gesicht voll weiblichem
Hinterhalt daraus, das sie ihm gestern beim Abschied gelassen hatte,
nur daß in die Schelmerei der Ernst gefallen war: Da er nun einmal
geschrieben habe, sei sie ihm das Rezept von ihrem Vater schuldig
geworden, dessen Urteil als Landammann von Schwyz im Land wie ein
Gesetz gegolten habe. Da ihre Mutter früh gestorben und sie als
einziges Kind geblieben wäre, hätte sie anders als sonst wohl eine
Tochter zu ihrem Vater gestanden. So habe er ihr schon als Mädchen
abverlangt, stets alles in einem Brief zu schreiben, was sie ihm nicht
ohne Überwindung sagen könne; er wolle ihr daraus nie etwas vorhalten,
so böse und unrecht es auch sei, damit sich nicht aus Resten der
Verstimmung in ihrem Herzen allmählich Mißtrauen gegen ihn sammele.

Sie habe das Rezept durch ihre Mädchen- und Jungfrauenjahre treu
befolgt, anfänglich oft, dann seltener; sie sei wohl ungerecht und
hitzig, doch immer aufrichtig dabei gewesen, da sie gesehen habe, mit
welcher Milde der Vater alle Launen, Klagen und Vorwürfe aufnahm. Bis
ihr der Hochzeitstag diese Milde zwar auf eine resolute Art, jedoch
die Weisheit des Rezeptes um so unerwarteter offenbart habe. Unter
allen Geschenken dieses Tages sei nämlich eins gewesen, das ihr der
Vater selber in die Hand gegeben habe: ein Kästchen aus poliertem
Birnenholz mit ihrem Namenszug in eingelegter Perlmutterarbeit und
einem vergoldeten Schlüsselchen; darin hätten all ihre Briefe in der
Reihenfolge gelegen, wie sie geschrieben waren, keiner fehlend, und
alle ungeöffnet; da, wie auf einem Zettel von ihres Vaters Hand dabei
geschrieben stand, es bei solchem Unkraut wohl wichtig sei, daß es aus
dem eigenen Herzen heraus käme, nicht aber, daß es seinen Samen in
andere Herzen würfe!

Als so die blonde Doktorsfrau aus Schwyz dem Dichter das Rezept von
ihrem Vater, dem Landammann, gegeben hatte, holte sie auch seinen Brief
heraus, der ein ziemliches Päckchen war: sie habe ihm kein Kästchen
aus Birnenholz machen können, wohl aber eine Tasche aus Zürcher Seide,
wenn ihm ein Andenken an sie nachdem nicht unlieb wäre.

Da riß der Dichter, der in seiner Enttäuschung die Weisheit des
Landammanns nicht schmackhaft finden konnte und sich in einem Spiel
gespiegelt sah, wo er im Feuer gebrannt hatte, den Brief aus seiner
bunten Hülle und wollte ihn durch die blaugrünen Spalten unter ihren
Füßen in die tiefe Muota hinunter werfen. Weil aber das Päckchen mit
dem unerbrochenen Siegel zu dick war und sich zwängte, mußte er ihm
knieend nachhelfen, so daß der Knabe, zufällig von seiner Kletterei
in den Schattengang der Brücke tretend, ihn in der gleichen Stellung
überraschte, in der er selber vor zwei Tagen gewesen war. Nur, daß der
Dichter nicht aufsprang bei seinen Schritten, sondern tief auf die
Spalten gebeugt, zornige Tränen tropfen ließ.

Doch nahm auch diesmal die Natur mit einem Zufall scherzend den Dichter
in die Lehre; denn als der Knabe, die Bewegung mißverstehend, durch die
Spalten sah, entdeckte er den Brief tief unten, der im Wind statt ins
Wasser auf einen rund gewaschenen Felsblock gefallen und mit seinem
roten Siegel als eine merkwürdige Sternblume in der Tiefe aufgeblüht
war. Heraufholen konnte ihn von da niemand mehr; und als der Knabe erst
wußte, daß er ins Wasser sollte, war es ein rasch ergriffenes Spiel
für ihn, mit Stöcken und Steinen dem störrischen Papier den letzten
Ruck zur Wasserfahrt zu geben. Es war ein grausameres Spiel, als seine
Jugend ahnen konnte, aber der Dichter sprang ihm bei; er war es auch,
der dem Brief schließlich mit einem Knüppel in den Strudel half, gerade
als ein Landmann mit einer Kiepe aus der Brücke kam und sich an ihrem
närrischen Tun verwunderte.

Die Frau hatte unterdessen weitab gestanden, wie wenn sie als die
Einzige die Grausamkeit von dieser Handlung empfände; nun ging sie
wortlos von den beiden den Talweg fort. Der Dichter sah ihr nach, wie
sie den Nacken beugte und Schritt für Schritt die schlanken Beine
schwer los zu ziehen schien; dann küßte er den Knaben, wie er die Frau
nicht küssen konnte, und entließ ihn mit einem letzten Gruß an sie.
Denn sie danach zu sehen, vermochte er nicht mehr: sie ging aus dieser
Felsschlucht in das sonnige Tal von Schwyz, wo sie im bürgerlichen
Kreis ihrer Leute beheimatet war; indessen er mit seiner Seele, durch
kein Rezept geschützt, allen Naturgewalten ausgeliefert blieb.

Der Brief mit seinem Siegel war längst in hundert Strudeln geweicht
und aufgerissen, die Dunkelheit fiel schon in das letzte warme Licht,
als er noch immer dasaß und seine Traurigkeit in der blaugrünen Tiefe
suchen ließ. Er sah den Grund der Vergessenheit, auf dem doch einmal
alles endigte, was Großes und Erhabenes gelebt und gedichtet wurde. Der
Weg für seinen Brief war kürzer und resolut gewesen.

Und da erst war der Dichter weit genug, aus dem Rezept des Landammanns
für sich doch eine Weisheit heraus zu finden: So oder so, wenn alles,
was er schrieb, in den Birnenholzkasten wandern oder mit dem Strom der
Zeit abtreiben mußte, seiner Seele blieb doch ihr ungeschmälertes Teil,
daß sie in Rausch und Glück und Qualen die Elemente sich untertänig
machen konnte. Wie ein Brennglas die Strahlen in sich band, so zwang
sein Geist in Klang und Ordnung, was für die Sinne Schrecken und
Sinnlosigkeit gewesen war. Sein Dichterwort war das Siegel, das der
Menschengeist der Welt aufdrücken konnte zum Zeichen einer Herrschaft,
die den Naturgewalten trotz Sturm und Donner unnahbar war.

Als in der Nacht aus den »Drei Eidgenossen« zu Schwyz der Fremdling
einsam abwanderte, der in Hemdärmeln mit dem Sohn der Doktorsfrau so
landsmännisch zu ihm gekommen war, da schüttelte der Wirt den Kopf, um
wieviel merkwürdiger doch solche Gäste wären als alles, was in Schwyz
und sonst redlich sein Tagwerk täte.



Begegnung mit Hebbel

Von _Wilhelm von Scholz_


Ein stiller alter Maler aus der Zeit Schwinds, ein kluger, feiner
Greis, dessen ganze lebensvolle, kunsterfüllte Welt aus dem Getriebe
des Tages verschwunden und in eine ruhige, abseits gelegene Wohnung
zurückgeglitten war, wo nur noch der befreundete Gast in sie eintrat,
an Möbeln, Bildern und Menschen eine längst zum Stillstehn gekommene
Zeit freundlich, wie in Dämmerung dauern sah -- dieser liebenswürdige
alte Mann, zu dessen gelegentlichen Gästen auch ich gehörte, und bei
dem ich viel Vergangenheit kennen und begreifen lernte, hat mir von
einer persönlichen Begegnung mit Hebbel erzählt; mir den großen Mann
geschildert, der in München seinen Freund Dingelstedt besuchte oder
damals zur Aufführung seiner »Agnes Bernauer« gekommen war.

Wir hatten erst beiläufig von Hebbel gesprochen. Der Alte hatte
des hübschen, wenig bekannten Momentes gedacht, wie Hebbel bei
irgendeinem Spaziergang in Wien auf dem anderen Fußsteig Grillparzer
gehen sieht und mit leiser Ergriffenheit zu seinem Begleiter sagt:
»Ein Unsterblicher!« Mir fiel auf, daß wir beide in anderem Tone von
dem Dichter sprachen. Kühler, kritischer klangen die Worte des alten
Mannes, der Hebbels jüngerer Zeitgenosse gewesen war und ihn immer
als Zeitgenossen sah, das heißt: als irrenden, fehlenden Mitmenschen;
während er mir nur mit seinem Wesentlichen, Zeitlosen vor Augen stand.

Dann kam der alte Mann auf die Begegnung selbst. Ganz unerwartet war
der große Dichter plötzlich in seine Stube getreten. Er liebte es, auf
Reisen und in fremden Städten auch Menschen aufzusuchen, zu denen ihn
kein praktischer Zweck führte, mit denen ihn manchmal nichts als der
Zufall flüchtigen Kennenlernens verband. Dann kam er unvermittelt,
unvermutet. Der andere trat für eine Stunde in den Kräftekreis des
Hebbelschen Geistes. Die Beziehung erlosch so rasch wieder, wie sie
angeknüpft worden war; und in der Seele des Dichters blieb vielleicht
nur ein Wort, eine Gebärde, ein Gesichtsausdruck oder der Umriß
eines Menschen zurück -- Eindrücke, die ihm, dann schon ohne Namen,
wiederkommen mochten, wenn aus seinem Innern Gestalten und Charaktere
herausdrängten.

»Ich war erfreut und erstaunt,« sagte der Alte, »als ich im Dunkel
des Flurs die große Gestalt des Dichters mit der mächtigen Stirne
erkannte und mag sehr verlegen gewesen sein. Meine Verlegenheit schwand
aber bald, als er ein paar Worte gesprochen hatte. Während er in dem
Künstlerkreise, in dem ich ihn kennen gelernt hatte, sich unnahbar
verschlossen und hoheitsvoll-abseitig gezeigt hatte, war er jetzt
harmlos-natürlich, ja fast ein wenig unbeholfen im Gespräch, schwieg
mehrmals lächelnd und sah sich dann in meinem Zimmer um. Er betrachtete
alles, was an Bildern und Zeichnungen von mir herumhing, genau und
schien bei mancher gezeichneten kleinen Szene in schaffendes Sinnen
zu versinken. Ich glaube, daß er gar nicht darauf achtete, wie sie
gezeichnet waren, daß er nur irgendeinen dichterischen Sinn aus ihnen
herauslas. Im Basler Museum hängt ein allegorisches Figurenbild von
mir: ›Der Dreißigjährige Krieg‹, das hatte ich damals auf der Staffelei
stehen. Es beschäftigte ihn am längsten. Im Vordergrund -- unterhalb
der Fürsten-, Staatsmänner- und Heerführer-Gruppen, am Fuße der Stufen,
die die Gestaltenversammlung tragen, sitzen zwei symbolische Wesen:
die Pest und der Tod; und zwischen ihnen liegt ein schlummerndes Kind,
die neue unschuldige Zukunft nach der Zeit der Greuel. Hebbel, dessen
zärtliches Familiengefühl ja bekannt ist, sah immer auf das Kind
zwischen den Unholden. Mir war, als träte eine Träne in sein Auge;
mochte ihm seine Kindheit und Jugend vor Augen stehen, mochte er an
seine, von ihm sehr geliebte kleine Tochter denken. Endlich sagte
er: ›Hier haben Sie das tragische Gesetz der Welt dargestellt. Das
schuldlose, schlummernde Kind wird groß. Es wächst hinein zwischen
die längst schuldigen Älteren, es wird im Umgange mit ihnen ebenso
schuldig, es vergißt selbst den Schlummer seiner reinen, göttlichen
Herkunft. Es steigt auf zwischen die Greuel, die Sie da gemalt haben,
zwischen Pest und Tod, und in den Kreis verschlagener, heimtückischer,
unredlicher Machtmenschen, die hier vor den rauchenden Trümmern stehen.
Ihr Bild ergreift mich deshalb so, weil es, damit diese Tragödie
zustandekommt, nicht erst eines dreißigjährigen Krieges bedarf.‹ Dann
wurde sein Blick abwesend, und es schien, als nähme er nun von dem
kurzen Besuch so viel mit, daß er ihm nicht ganz unlohnend scheinen
mochte. Er schrieb sich etwas auf und fragte mich dann, wo wir uns
durch Dingelstedt kennen gelernt hatten.«

Viele Jahrzehnte lag diese Begegnung zurück. Aber der Alte erzählte
mit dem Ton und der Gebärde der Nähe, so, als ob sie gestern gewesen
sein konnte. Und das war sie für ihn auch. Es gibt eine Stufe hohen
Alters, wo alles Gewesene fast gleichzeitig wird, wo dem Greise fast
ununterscheidbar belanglos ist, wie weit etwas zurückliegt. Dieser
Schauer des Gewesenseins, der von dem alten Manne kam, ließ mich einen
Moment wie Halt suchend mich zurücklehnen und die Augen schließen.

Da sprach er noch von dem Ende des kurzen Besuches, das ihm großen
Eindruck gemacht hatte, und in dem Hebbels gelegentliches Berserkertum
hervortrat -- wenn nicht, was der Erzähler offen ließ, Hebbel von
seinem Freunde Dingelstedt eine gewisse ironische Art angenommen haben
mochte, mit der er jüngere Bewunderer zum besten hatte, indem er seine
bekannten Eigentümlichkeiten übertrieb. Hebbel sprach davon, wie sein
Töchterchen sich an einer Stuhlkante eine Brausche geschlagen hatte,
und fuhr dann, aufspringend, fort: »Sie begreifen doch, daß ich den
Stuhl ergriff und in tausend Stücke zertrümmerte?!«

Der Erzähler, der mir schon vorher eindrücklich und nachahmend
die Gestalt und Gehabensart Hebbels geschildert hatte, nahm bei
diesen Worten, wie ein Schauspieler, eine ihm fremde, herrische,
zornige Haltung und einen großen, gebieterischen Gesichtsausdruck
an. Seine Blicke funkelten. Ganz lebendig, das fühlte ich, stand
das Erinnerungsbild vor ihm, ja um ihn. Sein Auge, das in eine
dämmerige Ecke des Zimmers, wie in die um vier oder fünf Jahrzehnte
zurückliegende Zeit sah, riß die Vergangenheit heran.

Als unser Gespräch wieder ruhig und halblaut dahinfloß, und mein nicht
mehr gebannter Blick rings über die Möbel, die alten Zierstücke, Kränze
und Becher, die goldgerahmten Aquarelle ritterlicher Szenen, dieses
stille Zeitinnere aus den vierziger und fünfziger Jahren hinglitt,
hatte ich plötzlich das bestimmte Gefühl, als sei ich eben für eine
einzige Sekunde Hebbel begegnet. Das Erinnerungsbild Hebbels in der
Seele des alten Künstlers, das im Zimmer neben mir gestanden hatte,
hatte sich mir blitzschnell mit Abbildungen, die ich kannte, und mit
der Gedankengestalt des Mannes verbunden und war nun so stark geworden,
daß ich es jetzt, wo es aus dem Zimmer geschwunden war, nicht anders
vor mir sah, als wie einen eben hinausgegangenen wirklichen Menschen.



Gottfried Keller und der freche Student

Von _Karl Henckell_


Gottfried Keller, berühmter Dichter und Alt-Staatsschreiber von
Zürich, saß wie allabendlich gewohnt im geräumigen »Pfauen«, nahe
seinem schwesterlich betreuten Junggesellenheim am Hottinger Zeltweg,
und trank mit beschaulichem Behagen ganz langsam sein wohlverdientes
Schöppli Roten, unauffällig angesehen, als ein echt bürgerlich
schweizerischer Hafis und Homeros inmitten seiner frohmütig-grillig
gemischten Seldwyler. Sein großes Sinnier- und Fabulierhaupt mit der
stark ausladenden Stirn nur wenig vorgeneigt, in der linken Hand die
brennende Zigarre, die rechte leicht zur Faust geballt auf den stämmig
breitwinkligen Oberschenkel gestützt, lugte der untersetzte Mann unter
der Brille durch mit bedächtigem Ernst vor sich nieder und schwieg
anhaltend bedeutsam in seinen aschgrauen Vollbart hinein.

Mit energisch zurückgelehntem Oberkörper überragte ihn gegenüber am
selben Tisch in strammer Haltung sein hochansehnlicher Basler Landsmann
und sozusagen Dichterkollege von der malenden Fakultät -- seiner
eigenen Jugendliebe -- _Arnold Böcklin_.

Dessen vorwuchtende Augenknochen und bismarckisch pupillenfester
Blick, die kurz auftrotzende Haarwelle vorn und der fast verächtlich
hochgestrichene Schnurrbart zeugten, wiewohl heute zur ausgeglichenen
Überlegenheit gemildert, von rauhem Künstlerkampf und Schicksalsgang
stürmisch heldenhafter Jahrzehnte. Böcklin schaute klar und gerade
vor sich aus, wie auf ein fernes Ziel innenäugiger Vorstellung zu,
nicht getrübt durch weltfremde Schwärmerei, nur durch seelische
Sammlung weltunbeirrt, schaute, schaute und schwieg, des heimlichen
Sichverstehens mit dem bewährten Freunde und Trinkgenossen sicher, in
den allmählich immer dunstiger werdenden gefüllten Wirtshaussaal hinein.

Da platzte plötzlich vom Nebentisch, dem Keller seinen episch breiten
Rücken zukehrte, eine dramatische Lärmbombe prasselnd in die Luft:

»Laßt mich gefälligst mit diesem hochtrabend langweiligen _Schiller_
in Ruh!« zeterte mit greller Stimme ein geschniegeltes junges
Herrchen und, wie sich nachher herausstellte, frischgebackenes
Studentlein beider Rechte, dessen Stirn freilich mehr auf kantige
Sinnesenge als auf kantische Geistesweite schließen ließ, während der
ausgiebige Mund sein Werk geräuschvoll verrichtete und vor allem eine
unsagbar abschätzige Mundfalte dem aufgeblähten Gesicht den Stempel
hemmungsloser Arroganz aufprägte.

»Das war doch der größte rhetorische Phrasenheld, der sich denken läßt,
ein moraltriefender theatralischer Fanfarenbläser, nichts weiter, ein
bombastischer Stelzengänger und Marquis Posa mühselig hochgepumpter
Redensarten, ein selbstberauschter Wolkenkuckucksheimer, der mit seinem
aufgedonnerten Jambenschwulst und seiner pathetischen Sentimentalität,
mit seinem windigen kosmopolitischen Humanitätsdusel den kraftvoll
und zielbewußt realistischen Sinn der deutschen Jugend auf mindestens
ein Jahrhundert verpfuscht und verdorben hat ... Ich habe gerade
heute zum schwarzen Kaffee eine wirklich erstklassige, epochemachende
Broschüre darüber gelesen, einfach katastrophal vernichtend für euren
Idealgötzen, vom konsequent naturalistischen Standpunkt aus ...« es
zischte, spritzte und sprudelte dem pausbäckigen Bürschlein nur so
heraus, daß seine Kameraden im Wortgeplänkel ihm gänzlich den Lauf
lassen mußten und sich betreten ob der lauten Generalverdonnerung des
karikierten Genius am Kragen zupften, wobei sie rings verlegene Blicke
umherirren ließen.

Meister Gottfried, der während des frech-gewaltigen Geredes sich nur
einmal, allerdings ziemlich verdächtig, nach dem Sprecher umgedreht
hatte, tat noch einen letzten Zug, brummte zu Böcklin: »Sei so gut!«
und legte den Zigarrenrest auf den näher geschobenen Aschenbecher
behutsam ab. Auf einmal schoß ihm eine Blutwelle zu Kopf, rot wie
der Seewein, die Zornesader schwoll: »So'n Scheißjunge, chaibe!« Er
zerknüllte mit der Rechten sein Taschentuch und steckte es heftig in
die hintere Rocktasche. Böcklin murmelte gelassen bremsend, leichthin:
»Laß den Bengel!« Doch schon war der »gesatzliche« annähernde Siebziger
wie ein Jüngling emporgeschnellt, rückte auf seinen kurzen Beinen
mit dräuendem Schicksalstempo wutbebend auf den Nebentisch los und
versetzte mit dem lakonischen Begleitspruch: »_Ehrfurcht, Mosjöh!_« dem
rosig winkenden Bäcklein des Schillerzerschmetterers einen saftigen
Streich von klatschender, klassisch-naturalistischer Wahrheit und
Lebensgewalt.

Schleunig und scheu, selbst ohne zu zahlen, wie ein schmählich
gezüchtigter armer Sünder und unfreiwilliger Zechpreller, drückte sich
der zukünftige Anwalt der Gerechtigkeit lautlos seitwärts zur Nebentüre
hinaus.

Gottfried Keller aber, ohne sich irgend umzusehen, kehrte von seinem
handgreiflichen dichterpädagogischen Streifzuge zu seinem Tische
zurück und pflanzte sich mit idyllischer Gemächlichkeit auf seinen
warmen Platz, wo schon ein neues Schöpplein des wieder völlig
beruhigten trinkfesten Altmeisters herzenskundiger und weltweiser
Erzählungskunst harrte. Böcklin nickte bloß bestätigend: »Gut so!«,
die Hottinger Seßhaften steckten, den jüngsten »Streich« ihres
eigenlaunigen Ehrenbürgers einen Augenblick neugierig beschwatzend, die
Köpfe enger zusammen, und ein »hierorts« unbekannter, gründeutscher
Dichterstudent lachte in der Ecke verständnisvoll beifällig in sich
hinein, wozu er ein Glas bräunlich mißfarbenen, aber prickelnd süßen
»Sausers im Stadium« stillvergnügt hinunterschlürfte.



Klaus Groth

Von _Carl Bulcke_


In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war ich Student in Kiel.
Klaus Groth wohnte in seinem schönen Gartengrundstück am Niemannsweg,
war nahe den Siebzigern, groß, hager, ehrwürdig und einsam -- er sah
übrigens genau so aus, wie ihn Hans Olde gemalt hat: der helläugige
Blick grüblerisch und langsam. Wir Studenten verehrten ihn sehr. Diese
Verehrung war indessen nicht ganz ohne Einschränkung: denn er galt für
eitel.

Die Kieler Universität hatte, wohl nur um ihn und sich zu ehren, ihn
in ihren Lehrkörper aufgenommen und zum Professor ernannt. Demzufolge
war seit Jahr und Tag an dem Schwarzen Brett in der Vorhalle der
Universität regelmäßig auch eine Vorlesung von Klaus Groth angekündigt.
Das Thema lautete Jahr für Jahr: »Lessing und seine Zeit«. Und dazu
stand: »Persönliche Anmeldung von 2--3 nachmittags.«

Um es gleich zu sagen: diese Vorlesung hat Klaus Groth nie gehalten.
Geschah es, und es geschah oft, und es geschah auch mir, daß
nachmittags zwischen zwei und drei ein Student sich zu ihm verirrte, so
empfing ihn der Professor mit Wohlwollen unten in seiner »Kajüte« --
so nannte er sein Arbeitszimmer, das nach alter holsteinischer Sitte
troglodytenmäßig im Keller des Hauses lag -- und erklärte, daß er
diesmal leider die Vorlesung ausfallen lassen müsse, da sich außer dem
Besucher niemand gemeldet habe. Es waren noch schöne alte Zeiten.

Also wollten wir eines Tages den Professor auf die Probe stellen und
erschienen nachmittags zwischen zwei und drei gleichzeitig zwölf Mann
hoch: So und so, und wir wollten alle die Vorlesung über »Lessing und
seine Zeit« belegen. Einer war der Sprecher, wir andern hielten uns im
Hintergrund.

Klaus Groth stand prachtvoll groß mit gesenktem Kopf vor uns, die
hellen holsteinischen Augen grüblerisch geradeaus, und sagte mit Humor:
»Ein Komplott, meine Herren. Sein Sie ehrlich und gestehen Sie, daß
Lessing und seine Zeit Ihnen ganz egal ist, dann will auch ich ehrlich
sein und Ihnen gestehen, daß auch mir Lessing und seine Zeit ganz egal
ist. Sie wollen ja auch gar nicht, meine Herren, den alten Professor
hören, Sie wollen sich ja bloß den alten Dichter ansehn. Na, und wenn
ich nun jedem von Ihnen die Hand gebe und Sie später Ihren Kindern
erzählen können, der alte Klaus Groth hat mir die Hand gegeben, so
lassen Sie's damit genug sein.«

Sprach's, gab richtig jedem von uns die Hand, und gleich standen wir
wieder vor der Tür.



Geschichte



Aus einem alten Kriege

Von _Wilhelm von Scholz_


Ho-Hang-Fen, ein chinesischer Schriftsteller aus der Zeit der dritten
Dynastie, berichtet von einem sagenhaften Vorgang aus der Urgeschichte
seines Reiches das folgende:

Zwei Volksstämme, die beide ihren Wohnsitz in der Küstengegend des
Landes hatten und sich vom Fischfang, vielleicht auch schon vom
Seeraub, nährten, gerieten miteinander in Streit. Sie hatten schon
jahrelang eifersüchtig jeder die Fischzüge des anderen beobachtet,
hatten einander oft Überschreitung der in Vorzeiten von ihren Vätern
durch Verträge festgesetzten Meergebiete vorgeworfen, zerstörten sich
gegenseitig oft heimlich des Nachts ihre Stellnetze und behaupteten
schließlich jeder vom anderen, er »stehle ihm das Meer«.

Darüber war es erst zu kleinen Händeln zwischen einzelnen gekommen.
Die Ältesten beider Stämme -- die ihrem Lebensalter nach schon
»jenseits des Fischfangs« standen und das Dasein als ein unaufhaltsames
Vorüberfließen erkannten, in welchem der Fischfang wohl wichtig, aber
nicht das Allerwichtigste sei -- die Ältesten hatten es öfters noch
vermocht, die Händel mit guten Worten zu schlichten. Aber sie konnten
es nicht verhindern, daß sich unter den jüngeren Männern beider Stämme
mehr und mehr die Überzeugung festsetzte, die Frage müsse einmal durch
einen Waffengang entschieden werden.

Gedanken reifen allmählich die Tat. Es bedarf dazu nicht einmal des
eigentlichen Willens. Gedanken haben eine gefährliche Fähigkeit,
Ereignis zu werden, rein in sich. Sie führen eine unwirkliche Existenz
hart an der Wirklichkeit hin und sehnen sich aus dem Hungerdasein im
Geiste fort, möchten sich mit Leben nähren.

Hundert Jahre hatte der Gedanke und die Vorstellung dieses Krieges
unsichtbar in den beiden Völkern gelebt, ohne daß sich in der
schwer und langsam fließenden Wirklichkeit eine Raumleere fand, wo
er einschießen und Ereignis werden konnte. Aber die Vorstellung
nutzte diese hundert Jahre wohl, um sich immer mehr zu befestigen,
auszubreiten und ins einzelne zu entwickeln. Sie knüpfte da und dort
mit den Begebenheiten Verbindungen und Beziehungen an, sie wurde in den
Seelen ein unverrückbarer Glaubenssatz.

Dann hatte eine in der Nähe der Küste hinziehende, ihre Bahn
plötzlich ändernde Meeresströmung einmal die in einer seichteren
Bucht ausgestellten Netze des einen Volksstammes fortgeführt in
die Meeresweite hinaus. Die geschädigten Fischer hatten Fischer
des feindlichen Nachbarortes beschuldigt, da sie die gewaltige und
übermenschliche Ursache des Vorganges nicht begreifen und einsehen
konnten. Es kam zu ernsten Streitigkeiten der einzelnen, denen auf
beiden Seiten ihre Stammesgenossen zu Hilfe eilten. Jetzt besannen
sich alle Köpfe in den beiden Ländern auf den alten Gedanken einer
Waffenentscheidung zwischen den Stämmen, wie auf eine Prophezeiung
oder eine vorhergesagte Notwendigkeit. Und die alte Vorstellung
hatte plötzlich die Gewalt eines Schicksalsbefehls, dem sich niemand
entziehen konnte. Auch in dem Verstande derer, die jetzt die Ältesten
waren, und die in gealterter Weisheit und dem ruhigen müderen Gange
ihres Blutes über den Kriegsgedanken oft gelächelt hätten, herrschte er
auf einmal.

So wurde der Krieg Ereignis, wütete auf den unfruchtbaren Dünenfeldern,
durch welche die Grenze beider Stammlande ging. Er wütete lange
unentschieden hin und her, da beide Stämme nicht nur fast gleich stark
waren, sondern in der langen Herrschaft des Gedankens an diesen Kampf
auch sehr kriegerisch geworden waren. Auch Reichtum und Fülle war bei
ihnen eingekehrt, so daß sie immer neue Hilfsquellen und Kräfte zur
Verlängerung des Waffenganges in sich entdeckten.

Der Krieg hatte schon manchen Mondumlauf gewährt, Tausende junger
Männer waren auf beiden Seiten in das windüberwehte Dünengras gesunken,
und noch immer zeigte sich keine Entscheidung, keine Aussicht auf
Wiederherstellung des Friedens. Da geschah eines Tages das Wunderbare,
das die beiden Stämme in weniger als einer Stunde zu Verbündeten
machte. Ein dritter Gegner erschien auf der Walstatt: das Meer.

Während eine Küstenschlacht tobte, verfinsterte sich Himmel, Meer und
Erde mit schwerem, wuchtendem Gewölk. Unheimlich schossen in der wie
durch Zauber eingebrochenen Nacht die Scharen der weißen Sturmvögel
unter den Wolken umher wie aufgeflogene Schaummähnen der höher und
höher anschwellenden und sich überschlagenden Wellenrosse, so daß
mancher der Kämpfer auf Augenblicke das Gesicht von seinem Gegner
weg und dem Meere zuwendete, zu dem er im Frieden täglich hinaussah,
dessen Laune ihm Arbeit und Feierzeit bestimmte, aus dessen Tiefen
sein Dasein floß. Ein ungeheures Donnern, Rollen, Dröhnen wanderte in
den Wassergründen und jetzt auch unter dem flachen Lande hin; so,
als rannten die Meergottheiten der Tiefe in ihrer purpurnen Nacht mit
riesigen erzenen Balken gegen die unterseeischen Gestadefelsen. Dann
erhob sich landeinwärts wehender, fliegender, jagender, mit ungeheurer,
unentrinnbarer Kraft drängender und drückender Sturm. Das Meer schäumte
nicht nur in weißen Kämmen auf, es schien weithin eine einzige weiße
Schaummasse. Unübersehbare Wogen- und Wellenscharen rannten, stürzten,
brachen heran. Sie stießen wie bei der beginnenden Flut, wenn die Ebbe
vorüber ist, nach jedem Zurückrollen weiter ins Land vor; aber viel
drohender, wuchtiger, schneller als bei der gewöhnlichen regelmäßigen
Flut, so daß es oft schien, als stieße die vorgerollte Welle gar nicht
wieder zurück, sondern bleibe im Lande stehen, bis die nächste kam, sie
mit flachem Hinzischen weit zu überholen und höher ins Land mitzunehmen.

Aber das war noch nicht das Furchtbare. Das stand draußen in der Nacht
von Wolken und Wasser als ein immer mehr aufsteigender und durch sein
unaufhaltsames, fußloses Herankommen bis zu seiner grausig-wirklichen
Greifgröße anwachsender Flutberg, der bald mit seiner Schattenschwärze
die schwarze Wolkendecke zu streifen, dann schon die niederhängenden
Gewölkfetzen abzureißen und in seinen Wogengang einzuschlingen schien.

Wenn man noch vor Stunden die Kämpfenden hüben oder drüben gefragt
hätte, wann wohl der Friede kommen würde, so hätten sie die Achseln
gezuckt und gesagt: Das weiß noch niemand.

Jetzt aber kam der Friede.

Schon daraus, daß sich mehr und mehr Augen der Kämpfenden vom Gegner
fort und hinaus in die ungeheure Meerwetternacht wandten, war das Tosen
und Gebrüll des Kampfes schwächer geworden, verebbt, fast verstummt.
Die nicht mehr vom Auge geführten Schwerter und Äxte schlugen
noch wenige Momente; aber sie schlugen ins Leere und trafen keine
Gegnerwaffe, keinen Schild mehr. Dann sanken sie -- als hätte sich ihr
Gewicht um den allgemeinen Schrecken vermehrt und sei nun zu schwer für
die Muskeln, die sie eben noch schwangen -- da, dort, an vielen Stellen
in schlaffen Armen herab.

Das unterirdische Rollen dröhnte aus dem erbebenden Erdboden in die
unheimliche plötzliche Waffenstille. In Gruppen erstarrt standen die
Kämpferscharen.

Und dann kam irgendwoher der Ruf: »Die Flut!« Ohr nahm ihn auf und
Auge. Und jeder Mund gab ihn weiter, mehrte seinen grausigen Schall.
Er klang von allen Seiten, erst einzeln, dann zusammen wie ein Gebrüll
des Entsetzens. Wie eine einzige Volksstimme; denn das Wort »Flut« war
in den Sprachen der beiden Nachbarstämme noch dasselbe und unterschied
sich nur wenig in der Aussprache.

Die Scharen, die dem Meer am nächsten waren, wandten sich zur Flucht
und stürmten, wie Tiere des Urwaldes vor einem Waldbrande, in wirrem
Durcheinander davon, den höheren Dünenwällen zu. Was war jetzt Freund
und Feind? Hier riß ein Mann den neben ihm stürzenden Feind hilfreich
wieder hoch, ja einer schleppte gar einen verwundeten Gegner eine
Strecke weit mit sich; dort stieß ein anderer seinen Stammesgenossen
zu Boden, weil er ihm den Lauf behinderte. Und immer wieder, wenn die
Fliehenden auf noch erstarrte, weiter zurückstehende Scharen stießen,
schäumte wie eine gräßliche Brandung von Schall der Ruf auf: »Die Flut!«

Als die zurückfliehende, durcheinandergeworfene Menge von Freund und
Feind an dem hohen Dünenwall ankam, bewirkte das schwerere, mühsamere
Klettern, das manche Leute auch zu minutenlangem Stehenbleiben und
Atemholen zwang, einige Besinnung. Und die die Flucht anhaltenden
Rufe der schon vereint beieinanderstehenden Führer beider Völker
fanden Gehör. Man rief und gab es weiter: »Jede Lücke des Dünenwalls
verstopfen!«

Die Panzer wurden abgeschnallt und weggeworfen, die Schwerter wie die
Schilde wurden zu ungefügen Schaufeln, die Äxte schlugen das niedere
Dünengesträuch ab, damit es in die in rasender Eile aufgeschütteten
Sandmassen zur Befestigung eingebaut würde.

Durch die fieberhafte Arbeit ging plötzlich ein Erlahmen und Anhalten.
Der Flutberg hatte den weißen Strand erreicht, der in dem Wetterdunkel
ganz fahl dalag, und stürzte seine Wassermassen aus schwindelnder
Höhe donnernd herab auf den Sand, auf die Toten und Verwundeten, die
weggeschleuderten Waffen und Beutestücke. Aber trotz der abstürzenden
schäumenden Wasser, die von seinem Kamm herunterbrachen, schien er
nicht im mindesten kleiner zu werden, wie er jetzt auf den Dünenwall
zuwanderte.

Schon begann da und dort wieder die wilde Flucht weiter ins Land
hinein. Scharen anderer standen stumm, fassungslos, todergeben, ohne
sich zu regen, und starrten der hereinbrechenden Übergewalt entgegen.

Mit einem furchtbaren Anprall rannte der Flutberg gegen die Düne. Als
er ihr auf hundert Schritte nahegekommen war, hatten die Leute erkannt,
daß er wohl doppelt so hoch war wie die Sandmauer, deren Lücken zudem
erst in ganz geringer Höhe verstopft und zugeschüttet waren. Da ließen
auch die letzten, die dumpf vor sich niederblickend noch immer
geschaufelt und gebaut hatten, die Hände sinken. Das Niederschütten der
oberen Wassermenge über die Düne ins Land, das wie das Einschmettern
von Millionen von Scherben klang, war das letzte, was ihre schon vom
hereinrauschenden Wasserdruck betäubten Ohren hörten ...

Von den beiden Völkern überlebten nur kleine, weit im Hinterlande
wohnende Teile die Wasserkatastrophe. Sie hatten schon vorher etwas
Ackerbau und Viehzucht getrieben und wurden nun ganz friedliche
Ackerbauer. Die Küstenstriche, in welchen der eigentliche Sitz beider
Volksstämme gewesen war, riß das Meer, das sie einander gestohlen
haben sollten, und das mit seiner unachtsamen, die Netze entführenden
Strömung den Krieg entfacht hatte, zerstört und verschwemmt in sich
zurück, nachdem es furchtbaren Frieden gestiftet.

Heute ist dort die weite, tiefe Bucht von Hang-Tschu.



Rastrelli

Eine Anekdote aus Mitau

Von _Herbert Eulenberg_


Der italienische Graf Rastrelli, der einzige große russische Architekt,
wie der boshafte Diderot bemerkt hat, ist auch der Erbauer des riesigen
Schlosses zu Mitau gewesen, das Herzog Ernst Johann Biron auf der
Stelle der alten Ordensritterburg errichten ließ. Ernst Johann hatte,
da er noch seinen guten alten westfälischen Adelsnamen von Bühren
führte, statt des parfümierten französischen Biron, den er sich erst
als anerkannter Günstling der Zarin Anna zulegte, den Grafen Rastrelli
auf einer seiner vielen Reisen kennen gelernt. Die beiden verstanden
sich ausgezeichnet. Sie förderten einander wie zwei Brüder, die sich
vertragen. In Mitau wie in Petersburg, wo Rastrelli, von Biron an
die große Katharina empfohlen, die gewaltigsten weltlichen Bauten
Rußlands, den Winterpalast und die kaiserlichen Schlösser von Zarskoje
Sselo, entwarf. Das einzige, was sie zuweilen auseinander brachte,
waren die zahlreichen Liebesabenteuer, in die sich beide mit einer
bewundernswerten Unermüdlichkeit zu stürzen pflegten. Die Eifersucht
plagte sie, wenn sie sich, was ihnen nicht selten zustieß, beide zu
gleicher Zeit um die Gunst einer Schönen bewarben, ganz besonders. Wie
zwei Rennpferde mühten sie sich dann, innerlich wütend aufeinander, ab,
bis einer von ihnen zu seinem Triumph glücklich durchs Ziel gekommen
war.

So wetteiferten sie einstmals um die Zuneigung einer reizenden jungen
kurländischen Baronesse, deren Namen heute, wo derartiges natürlich
nicht mehr vorkommt, verschwiegen werden darf. Eines Abends erschien
der Graf Rastrelli, der sich über der Besichtigung seines Schloßbaues
in der Zeit verguckt hatte, später als sonst vor der zarten Schönen,
bei der der Herzog Biron indessen schon sein ganzes Süßholz abgeladen
hatte. Rastrelli hatte in der Eile, mit der er zu der lieblichen
Baronesse gestürzt war, seinen Anzug nicht beachtet, so daß er hinten
auf dem Rücken seines blauen Rockes noch Spuren von dem weißen Mörtel
trug, an den er beim Besteigen der Baugerüste mehrfach gestreift
hatte. Die junge Baronesse meinte nicht anders, als daß er sich zu
stark gepudert hätte, und versuchte lächelnd mit ihrem Fächer den
Staub von seinen Schultern zu wehen. Herzog Biron aber, der die wahre
Beschaffenheit der weißen Flecken sofort erkannte, bewitzelte die
vergeblichen Versuche der Baronesse, sie zu entfernen, indem er boshaft
bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herr Graf trägt
das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«

Rastrelli, der für diesesmal vollkommen bei der kleinen Baronesse
ausgestochen war, ärgerte sich gründlich über die Geringschätzung, die
ihm und seiner Kunst damit widerfuhr, und beschloß, sich zu rächen.
Er erkundigte sich am nächsten Abend genau im Marstall des Herzogs,
wann dieser vom Reiten, dem er mit größter Leidenschaft morgens und
nachmittags oblag, zurückkäme. Dann machte er sich eine Weile bei den
Gäulen zu schaffen und hob unbemerkt einen jener runden Gegenstände
vom Boden auf, welche die Pferde ihrer Natur folgend zu verstreuen
pflegen, und mit denen sich sonst nur die Stalldiensttuenden befassen.
Im Vorzimmer der zarten Baronesse wartete er hierauf, bis Herzog Biron
kam, und schmuggelte, da er sich nach der Art sehr vieler Italiener ein
wenig auf Taschenspielerkunststückchen verstand, den besagten runden
Gegenstand, indes Biron seinen Mantel ablegte, verstohlen in dessen
braunseidenen Rock hinein. Vor der niedlichen Baronesse, zu der sie
beide nun hineintraten, zeigte sich Rastrelli an diesem Abend von der
besten Seite. Er glänzte wie ein feingeschliffener Diamant und wußte
der Baronesse die geistreichsten Artigkeiten um ihren blonden Kopf zu
schleudern. Herzog Biron, der sich ins Hintertreffen kommen sah, suchte
schnell seinen vom langen Reiten etwas müden Kopf etwas aufzufrischen.
Indem er nun hastig in die Tasche griff, eine Prise zu nehmen, was
man damals für eine stets wirksame Anreizung der Gehirntätigkeit
hielt, schlenkerte er gleichzeitig mit der Dose den besagten runden
Gegenstand aus dem Pferdestall hervor. Und zwar zu seinem Unglück
noch gerade auf den Schoß der jungen Schönen. Die zarte Baronesse
wußte vor Entsetzen und schrecklichster Verlegenheit nichts anderes zu
tun, wie ihr wohlriechendes Spitzentüchlein vor ihre Nase zu halten.
Rastrelli aber, der die vergeblichen Versuche der Baronesse, die Lage
zu verbessern, belächeln mußte, beugte sich zu ihr, indem er scherzhaft
bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herzog trägt
das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«

Hiermit entfernte er so zierlich wie möglich den anstößigen Gegenstand
aus ihrem Schoße. Man will wissen, daß sich das Herzchen der lieblichen
Baronesse von diesem Augenblick für ihn entschied.



Der Schutzengel des Königs

Von _Benno Rüttenauer_


Als im Jahre 1789 am vierzehnten Juli zu Paris das unglaublichste
Wunder geschah und die ungeheuren Mauern und Türme der Bastille
dem anstürmenden Volkshaufen zum Opfer fielen, beherbergte diese
symbolische Zwingburg des königlichen Absolutismus kaum noch ein halbes
Dutzend Gefangene (darunter den Grafen Delorges, dessen Kerkerhaft
gerade vierzig Jahre gedauert hatte); denn wie das Königstum erst,
nachdem es schwach und wankend geworden, gestürzt werden konnte, so
fiel auch die Bastille zu einer Zeit, da sie schon lange her kaum
noch benutzt wurde. Und wie einige Wochen darauf, am Geburtstag
der vielbeschrienen Menschenrechte, die hohe Aristokratie die
besten Köpfe einer Bewegung zur Verfügung stellte, in deren Verlauf
unzählige Aristokratenköpfe, gute und schlechte, mit grauenhafter Hast
abgeschnitten wurden, so hat an diesem vierzehnten Juli das gemeine
Volk, ohne viel zu denken, seinen Arm der verhaßten Sache des Adels
geliehen; denn in die Bastille eingekerkert zu werden, gehörte ja eben
zu den Privilegien der Aristokratie, die des Geistes mit eingerechnet.
Der gemeine Mann verirrte sich in dieses Gefängnis der Mächtigen und
Bevorzugten nur selten, nur in ganz außerordentlichen Fällen, wie etwa
der einer war, wovon diese kleine Geschichte zu berichten hat.

Kaum ein halbes Dutzend Gefangene, wie gesagt, fanden die jubelnden
Erstürmer in den dreimal vermauerten Gelassen der erschrecklichen
Türme. Sie begnügten sich damit, die furchtbaren Riegel und Schlösser
zu erbrechen; im übrigen hatte niemand Zeit und Muße, sich um die
Befreiten weiter zu kümmern.

Ein interessanterer Gegenstand war dem Volk, das sich vom ersten
Rausch der aufdämmernden Freiheit auch gleich bis zur sinnlosen
Tollheit fortreißen ließ, der unbeugsam strenge Graf von Launay, der
Gouverneur und Verteidiger der Festung, den die rasende Menge, trotz
zugestandenem freien Abzug, auf der Stelle zu zerfleischen drohte. Den
militärischen Anführern des Unternehmens, zwei braven Soldaten der
~Gardes Françaises~ (Hulin hieß der eine, der andere Hélie) gelang es
nur mit Gefahr des eigenen Lebens, den Unglücklichen eine Strecke weit
durch den tobenden Pöbel hindurchzuretten, bis er ihnen doch zuletzt
auf dem Greveplatz entrissen und in schauerlicher Weise hingeschlachtet
wurde. Ein Fleischermeister, namens Bourtas, spießte den zerhackten
gräflichen Kopf auf die Bajonettspitze eines geraubten Gewehrs, gleich
einer Trophäe, und hinter ihm her wälzte sich die Hefe der Pariser
Bevölkerung, die Fischweiber der Markthallen voran, in grauenhaftem
Jubel durch die Straßen der inneren Stadt, während andere Haufen, nicht
so sehr lüstern nach Blut als nach weniger symbolischen Dingen, in der
erstürmten Bastille raubend und plündernd zurückgeblieben waren.

Die Gefangenen aber hatten sich inzwischen längst unbeachtet verloren.
Nur ein zitternder Greis in schwarzem Tuchrock, mit ergrautem Haar und
wirrem Bart, saß noch auf einem Prellstein des inneren Tors und rührte
sich nicht von der Stelle.

Um ihn versammelte sich bald ein Häufchen Neugieriger von der
gemütlicheren Sorte; doch blieben all ihre Fragen nach Namen und
Herkommen vergeblich. Der Alte stierte die Umstehenden verständnislos
an und legte nur manchmal geheimnisvoll den Finger auf die Lippen.
Zwei- oder dreimal murmelte er etwas in den Bart und blickte dabei
ängstlich und scheu um sich her. »Was sagt er?« fragten die Hintersten
und drängten sich näher. »Er sagt: Der König ist in Gefahr,« erklärte
ein hübsches, junges Weib. Darüber brachen einige in rohes Lachen
aus; und man gewann allmählich die Gewißheit, daß man es mit einem
Verrückten oder wenigstens ganz in Stumpfsinn Versunkenen zu tun habe.
»Kinder und Narren sagen die Wahrheit,« meinte ein buckliger Schneider;
»der gute Trottel scheint mir kein schlechter Prophet.«

Dennoch handelte es sich nicht um eine Prophezeiung, sondern um eine
Erinnerung.

Dieser Unglückliche war einst ein wohlhabender Lyoner Kaufmann mit
Namen Marcel Larousse, und im Winter 1756, kurz vor Neujahr, war
dieser Herr Larousse, mit Zurücklassung einer hübschen Frau und zweier
Töchterchen von sieben und neun Jahren, in Geschäften nach Paris
gekommen, wo gerade der Streit zwischen König und Parlament eine
Verschärfung erfahren hatte, die ernstliche Konflikte befürchten ließ.
Herr Larousse kam just an dem Tage in Paris an, da auch der König in
seiner lieben und getreuen Stadt erschienen war, um im Justizpalast
ein feierliches ~Lit de justice~ abzuhalten, das bekanntlich einen
recht bedenklichen Ausgang nahm. Der gute Kaufmann aus der Provinz
konnte sich vor Erstaunen nicht erholen, als er sah, wie der König
mit besonders pomphaftem Gefolge und im offenen Wagen an einer kalt
gaffenden Menge vorüber, die den Quai der Goldschmiede und die Sankt
Annenstraße füllte, seinen Einzug ins Parlament hielt, ohne daß auch
nur der schüchternste Ruf »Es lebe der König« laut wurde.

So erkaltet war in diesem Augenblick die Stimmung des Volkes gegen
diesen König, den man nicht ohne Arg den Vielgeliebten nennen
durfte, und der nun schon einen Mordanfall brauchte, um die alte
Liebe der Pariser für ihn noch einmal auflodern zu sehen. Und dieses
Attentat (Könige haben manchmal ein unglaubliches Glück) stellte sich
wahrhaftig, wie auf Bestellung, ganz zur rechten Zeit ein.

Und folgendergestalt kam Herr Larousse in Zusammenhang damit.
Ihn hatten seine Geschäfte über Neujahr hinaus in der Hauptstadt
festgehalten, und als er am vierten Januar von einer Einladung bei
seinem Geschäftsfreund in später Nacht nach seiner Herberge kam und,
infolge ungewöhnlichen Weingenusses und seiner lebhaften Gedanken
an das freudige Wiedersehen mit Frau und Kindern, stundenlang nicht
einschlief (er mußte sich immer wieder vorstellen, wie sich seine
Frau über den Federnhut und den Spitzenfächer freuen werde, die er am
Nachmittag eingekauft hatte): da hörte er plötzlich hart an seinem Ohr
deutliches Stimmengeflüster. Er horchte auf und verstand auch bald
einige abgerissene Wörter und Sätze, die aber lange ohne Sinn und
Zusammenhang für ihn blieben, so daß er sehr ärgerlich wurde, weil er
noch weiter an dem nötigen Schlaf gehindert sein sollte. Dennoch konnte
er sich nicht enthalten, das Ohr zu spitzen und weiter zu horchen.

»Du wirst im letzten Augenblick den Mut verlieren,« sagte jetzt drüben
eine Stimme.

»Das Bild der allerheiligsten Jungfrau, das ich auf der Brust trage«,
antwortete die andere Stimme, »wird mir die Kraft geben.«

»Wie willst du ihm aber so nah kommen?«

»Er besucht jetzt fast täglich spät am Nachmittag seine Tochter,
die Gräfin von Provence, die krank sein soll, und kehrt erst in der
Dunkelheit zurück.«

»Bei der jetzigen Kälte wird er gut eingemummt sein, und du wirst dein
Leben umsonst wagen.«

»Mein Dolch ist lang und scharf.«

»Und wenn er nun auf Wochen hinaus das Trianon nicht verläßt?«

Wie ein greller Blitz schlug das letzte Wort in das Bewußtsein des
Kaufmanns. Also ein Mordanschlag auf die geheiligte Person des Königs!

Und ihn also hatte Gott zum Schutzengel des Königs bestellt. Darum
hatte er ihn so lange den Schlaf nicht finden lassen.

Nun suchte er ihn schon nicht mehr, obwohl es drüben still geworden
war. Die ganze Nacht hindurch überlegte der gute Kaufmann, was
er tun könne, um das Komplott unschädlich zu machen. Plan um Plan
durchdachte er; und einen nach dem andern verwarf er als unpraktisch
oder gar gefährlich. Erst gegen Morgen kam er zu einem Entschluß, fest
überzeugt nun, daß dieser Schritt der sicherste sei. Er hatte nämlich
beschlossen, sich in aller Frühe zu Herrn von Berryer zu begeben, der
als Leutnant des Königs der Pariser Kriminalpolizei vorstand.

Schon kurz nach sieben meldete sich der Kaufmann an der Wohnung des
Polizeileutnants. Seine Gnaden, sagte man ihm, sei vor elf Uhr nicht
zu sprechen. Aber der Kaufmann ließ sich so leicht nicht abweisen. Er
komme in einer dringlichen Sache, die Herrn von Berryer persönlich
angehe. Da fragte ihn der Lakai nach Stand und Namen und ließ ihn
warten.

Ob dieser Lakai nun seinen Herrn von dem Begehren des Fremden wirklich
benachrichtigt, oder ob er dem Kaufmann nur eine kleine Komödie
vorgespielt hat -- kurz, er kam nach einigen Minuten zurück mit dem
Bescheid: Der Herr Polizeileutnant lasse Herrn Larousse bitten, ihm,
wenn es möglich sei, um elf Uhr die Ehre zu geben. Larousse begab sich
nun in das benachbarte Café Procope, dessen literarische und sonstige
Stammgäste zu dieser Stunde noch schliefen. Dort ließ er sich eine
Schokolade und dazu Tinte und Feder geben und verfaßte mit großer
Sorgfalt einen Brief an Herrn von Berryer, da ihm schwante, daß er auch
um elf Uhr nicht vorgelassen werden könnte. »Euer Gnaden, der König ist
in Gefahr,« so begann der Brief und erzählte darauf Wort für Wort das
erlauschte Gespräch.

Herr Larousse hatte richtig geahnt; als er wenige Minuten nach elf im
Vorzimmer Seiner Gnaden erschien, hieß es, der Statthalter des Königs
sei augenblicklich von wichtigen Geschäften in Anspruch genommen. Den
Brief des Kaufmannes aber wollte der Lakai gerne abgeben. Umsonst
erwartete Herr Larousse danach, zur näheren Auskunft vorgelassen zu
werden. Eine Stunde verging, es vergingen zwei, es vergingen drei
Stunden, worauf man dem Kaufmann bedeutete, Herr von Berryer sei
plötzlich in einer dringlichen Angelegenheit ausgefahren und heute
nicht mehr zu sprechen. Ob Seine Gnaden den Brief gelesen hätten,
wußte der Lakai nicht zu sagen; der Kaufmann aber zweifelte nicht
daran, denn sicher bestand zwischen der Lektüre des Briefes und der
plötzlichen Ausfahrt des allmächtigen Polizeileutnants ein ursächlicher
Zusammenhang. Dabei beruhigte sich Herr Larousse, und da etwas vor
fünf die Lyoner Post abging, wofür er sich am Vorabend bereits einen
Platz gekauft hatte, nahm er in aller Eile einen Fiaker und fuhr
(sein Felleisen hatte er in der Frühe schon hin befördert) nach der
Posthalterei von St. Severin nah beim Justizpalast, wo er gerade ankam,
als der Postillon das letzte Signal zur Abfahrt blies, während in der
Kutsche die Reisenden in dicken Mänteln sich zurechtrückten, und der
Stallbursche mit krummen Knien im Schnee stand und heftig die Arme
übereinanderschlug, um sich gegen die Kälte zu wehren.

In der Vorstadt von St. Anton schlug die Uhr das erste Viertel nach
Fünf, als der wackelige Postkarren, an der Bastille vorbei, über
den knirschenden Schnee rollte, dem Tor von Vincennes zu. Trotz der
beißenden Kälte ließ es sich der junge Postillon nicht nehmen, das
finstere Staatsgefängnis drüben, das bei der hereinbrechenden Nacht
sich nur unbestimmt vom schwarzen Himmel abhob, auf seinem Horn mit
einer lustigen Weise, wie er immer pflegte, neckisch zu begrüßen,
indessen im Innern der Kutsche Herr Larousse, gehoben von dem stolzen
Gefühl, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden
einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben, sich aufs neue
dem beglückenden Vorgenuß eines zärtlichen Wiedersehens hingab. In
derselben Viertelstunde aber geschah draußen in Versailles die Tat,
die den guten Parisern, trotz aller Verstimmung gegen den König, so
entsetzlich schien, daß zuerst niemand daran glauben wollte.

Der König, der zu dieser Zeit das Trianon bewohnte, war um vier Uhr
nachmittags nach dem Schloß gefahren, um seinen beiden Töchtern,
deren eine, die Gräfin von Provence, etwas kränkelte, einen Besuch
abzustatten, wie er fast täglich zu tun pflegte. Genau ein Viertel
nach Fünf verabschiedete er sich von den Prinzessinnen. Er nahm beim
Herabsteigen die kleine Treppe, da er fast ohne Gefolge war. Zwei
Fackeln wurden ihm vorgetragen. Als er, unten angelangt, schon den Fuß
erhoben hatte, um in den Wagen zu steigen, sah sich der nächststehende
Oberst der Leibwache plötzlich mit einem Ruck auf die Seite geschoben,
und der König fühlte etwas wie einen Faustschlag auf der linken Brust.
Er fuhr nach der Stelle und griff in Blut. »Ich bin ermordet,« rief er,
»haltet den Täter!« Der war schon ergriffen: ein großer, starker Mann
in schwarzem Anzug mit einer Beutelperücke auf dem Kopf.

Dies war der Vorgang bei dem bekannten Attentat des Hausknechts Damiens
auf Ludwig den Fünfzehnten; und wenn man auch heute weiß, daß der König
dabei nur ganz leicht verwundet wurde, so war doch zunächst alles zu
befürchten und der Schrecken und die Verwirrung ungeheuer.

Die erste amtliche Nachricht, die nach Paris abging, war an Herrn von
Berryer gerichtet. Der reitende Kurier fand den hohen Polizeibeamten
bei der Baronin von Breteuil, seiner anerkannten Geliebten, wo er in
großer Gesellschaft bei Tische saß. Gerade wurde der sechste Gang, ein
getrüffelter Pfau, aufgetragen, als sich die Staffette meldete. Man
denke sich die Bestürzung der illustren Gesellschaft. In eiliger Hast
verabschiedete sich der Königsleutnant, um seines Amtes zu walten.
Das heißt: um im weitesten Umfang und mit äußerster Strenge alle die
Maßregeln zu treffen, die eine hohe Polizei mit Sicherheit immer
anzuordnen pflegt, wenn ein Unglück geschehen ist. Herr von Berryer
war um so verwirrter, als der Brief, im Namen des Königs geschrieben,
einen Zusatz enthielt, der sich wie eine erste Andeutung allerhöchster
Ungnade ausnahm. »Auf daß es Euch nicht etwa einfallen mag,« hieß es
da, »zu uns nach Versailles zu kommen, verbieten wir Euch ausdrücklich,
unsere Stadt Paris für die nächste Zeit auch nur auf einen Augenblick
zu verlassen.« Das war mehr als genug, um den Königsleutnant in einen
Zustand der Verzweiflung zu versetzen.

Während nun sein schwergebauter Wagen über das holprige Pflaster in
heftigen Schwankungen dahinfuhr, und seine Seele in tausend Ängsten
und Befürchtungen schwebte, fiel ihm plötzlich der Brief des fremden
Kaufmanns ein, den er am Vormittag zu sich gesteckt, aber zu lesen
vergessen hatte. Er zog das Schreiben hervor und überflog es. Und
so erschrak er, daß die zitternde Hand das Blatt zu Boden fallen
ließ. »Ich bin ein verlorener Mann,« rief er aus. »Der Mensch wird
plaudern; ich bin unrettbar verloren.« Ein paar Sekunden saß er wie
erstarrt. Dann kam ihm ein rettender Gedanke; er klopfte heftig an den
Wagenschlag. Der Wagen hielt, und schon war auch der Jäger vom Bock
gesprungen und stand, des Befehles gewärtig, den Federhut in der Hand,
vor dem Schlag. »Kaserne St. Eustache, eilig!« befahl Seine Gnaden; und
der Wagen setzte sich wieder in Trab.

Die Lyoner Postkutsche hatte in dem Städtchen Pansou zum drittenmal die
Pferde gewechselt und wollte eben mit ihren drei Insassen sich langsam
wieder in Bewegung setzen, als plötzlich ein Trupp galoppierender
Reiter die Straße herunter gegen sie heransprengte. Im Nu war der Wagen
von den berittenen Gardisten umstellt. »Der Kaufmann Larousse aus
Lyon!« rief der Gefreite.

Ein eigentümlicher Glücksschauder durchrann in diesem Augenblick
die Seele des Lyoner Kaufmanns, der aus seinen Gedanken an die
zu Haus harrende junge Frau und die schönen Kinder wie aus einem
lieblichen Traum emporfuhr. Aber nur, um in einen noch zauberhafteren
einzutreten. Wie eine blendende Phantasmagorie tauchte es ihm
vor den Augen auf. Kristallene Kronleuchter mit Tausenden von
Kerzen flammten und vervielfältigten sich in Spiegeln bis ins
Unabsehbare, auf goldgestickten Westen blitzten diamantene Sterne,
nackte Frauenschultern leuchteten über Sträußen von Blumen, seidene
Kleidfalten knisterten, Atlasschleppen rauschten; plötzlich ein
allgemeines Knixen und Verbeugen: Der König! Denn der gute Kaufmann
dachte, daß die Boten des Königs ihn einholten und ihm eine großartige
Belohnung bevorstehe. Aber nur ein Wimperzucken lang stand ihm die
beglückende Fata Morgana vor dem Blick.

Denn schon fühlte er sich einen Knebel in den Mund gestoßen und eiserne
Schließen an die Gelenke gelegt. Wie in einem Räuberroman war's.
Kein Wort wurde laut, und ehe Herr Larousse sich's versah, saß er im
Pferdesattel eng zwischen zwei Dragonern, die mit ihren Armen unter die
seinen faßten.

Und fort gings in gestrecktem Galopp auf der winterlichen Landstraße,
zwischen verschneiten Hügeln mit den Flecken dunkler Gehölze, vorüber
an Gehöften, wo die Hunde ängstlich knurrten, über Brücken und durch
verschlafene Dörfer, in gestrecktem Galopp immer fort. Der arme
Kaufmann verfiel zuletzt in jene todähnliche Betäubung, aus der er
erst -- im Grabe wieder erwachte.

Denn ganz an eine Gruft erinnerte das Gelaß, in dem er, ahnungslos, wie
lange seine geistige Lähmung gedauert hatte, zur Besinnung kam. Nackte
Mauern, zwei plumpe, mit Ketten befestigte Stühle, ein rohgezimmerter
Tisch und eine hölzerne Lagerstatt: das waren die Gegenstände die er
in dem schwachen Licht erkannte, das durch eine schmale Luke aus der
Höhe herab spärlich in den trostlosen Raum sickerte. Er mußte sich
besinnen, was mit ihm vorgegangen war. Aber umsonst suchte er nach
einer Erklärung der furchtbaren und rätselhaften Ereignisse. Sein
Kopf war düster wie die Gruft, die ihn umschloß. So versank er in
ratloses, dumpfes Brüten. Und Stunden mochten so hingehen. Stunden oder
Ewigkeiten: er hätte es nicht zu sagen gewußt. Ein Geräusch ermunterte
ihn. Er hörte Schlüssel drehen und Riegel sich verschieben und eine
schwere Tür in ihren Angeln knarren. Dreimal wiederholte sich das.
Denn drei schwere Türen führten in seinen unterirdischen Kerker. Nach
Öffnung der letzten Tür wurde wirklich ein lebendiger Mensch sichtbar.
Er trug am Gürtel ein Gehäng mit gewaltigen Schlüsseln. Ein Gehilfe,
der ihm auf den Fuß folgte, setzte ein Brett mit einem vollständigen
Mittagsmahl auf den Tisch.

Von dem Schließer erfuhr der Kaufmann, daß er in der Bastille sei.

So hatte Herr von Berryer die ihm drohende Gefahr beseitigt. Auch in
anderer Richtung wußte er der Ungnade des Hofes energisch vorzubeugen.
Seine strengen Maßnahmen in der nächsten Zeit nach dem Attentat des
Damiens fanden ganz die Billigung des Königs, der seinem Polizeichef
dafür so dankbar war, daß er ihn bereits ein Jahr darauf, obwohl Herr
von Berryer in seinem Leben noch nie ein Schiff gesehen hatte, zum
Minister der Marine ernannte, wie in jedem Kompendium der französischen
Geschichte zu lesen ist. Herr Larousse aber war in der Bastille und
blieb darin. Erst der berühmte vierzehnte Juli des Jahres 1789 gab
ihm die Freiheit; gab ihm aber weder seinen Verstand wieder, den er
verloren, noch sein geliebtes Weib und seine schönen Kinder, auf
die sich sein braves Herz so unsäglich gefreut hatte, als er vor
dreiunddreißig Jahren, am Vorabend der heiligen drei Könige, an der
Bastille vorüber durch das Tor von Vincennes in die frühe Winternacht
hinausgefahren war, nicht nur vom Vorgefühl des Ersehnten, sondern auch
von dem Gedanken beglückt, den König gerettet und dem Vaterland still
und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben.



Napoleons größter Sieg

Von _Walter von Molo_


Napoleons größter Sieg wurde vor der Entscheidungsschlacht erstritten,
als seine zusammengeballten Soldatenmassen, noch in Ruhe, unübersehbar
die Hügel füllten, wie Tiger zum Sprunge geduckt. Sie standen wie
erstarrte, verlassene Wogen, die auf den Rückprall der Flut des
Geschehens warteten, um fessellos wieder ins Chaos zu rasen. Erz
klirrte, Pferde wieherten, Waffen klangen; hunderttausend Kürasse,
Säbel und Bajonette, flatternde Standarten und gähnende Schlünde der
Geschütze gleißten in der Sonne, die den Nebel scheuchte, die den Tod
eilends rief.

Napoleon saß, das Kinn wider die Brust gepreßt, auf seinem Schimmel,
die Rechte im Brustausschnitt der grünen Uniform. Er sprach zu uns:

»... Soldaten! Ihr dürft den Tod nicht fürchten; wenn Soldaten ihm
trotzen, schleicht er in die feindlichen Reihen! Verachtet den Tod!
Seid _stolz_!« ... Napoleons Schimmel begann unruhig zu werden,
Napoleon stockte, seine Faust ballte sich fester um das Lederband des
Zügels. Der Schimmel unter Napoleon wurde kleiner und streckte sich;
des Kaisers messerscharfe Lippen wurden schmale Striche.

Im Angesicht der Armeen, die das Los der Erde entschieden, tat
Napoleons Schimmel die Notdurft. Der stärkste Feind zog wider
den Weltherrscher zu Felde: die Lächerlichkeit des Seins, die
Würdelosigkeit des Lebens.

Napoleons stählerne Augensterne hielten uns niedergestemmt; tyrannisch
zwang er unsere Blicke, unser Denken, unsere Seelen in sein Antlitz.
Wir Pariser, ~40. de ligne~, standen und starrten, unsere Witzworte
starben ungeboren, unser Lachen und Hohn verkrochen sich. Napoleon
sprach ruhig weiter:

»Soldaten, _Menschen_! Seid _stolz_! In euere Hand ist es gegeben,
das Angesicht der unvollkommenen Welt zu _ändern_!« Mit Kniedruck
und Sporenstich riß Napoleon den Schimmel zusammen; sein Antlitz war
dunkelrot, wie vor Erschöpfung. Wir jubelten ihm zu.

Napoleon wandte verächtlich den Kopf:

»Marschall Ney,« rief er, »geben Sie jetzt den Befehl zum Angriff!«

Von diesem Angriff und dessen Erfolg spricht die Weltgeschichte; doch
Napoleons Sieg _vor_ der Schlacht war größer!



Revolution

Von _Paul Ernst_


Im Jahre Achtundvierzig fanden bekanntlich an einigen Orten in
Deutschland Unruhen statt. Deren eigentliche Bedeutung war, daß den
veränderten Verhältnissen entsprechend sich verschiedene Einrichtungen
des öffentlichen Lebens hätten ändern müssen; aber da sich bei den
Akten kein Vorgang für solche Änderungen fand, so geschahen sie immer
nicht, bis endlich der weniger einsichtsvolle Teil der Bevölkerung
ungeduldig wurde. Diese Ungeduld aber hielt man für revolutionäre
Stimmung, und als sie sich äußerte, da glaubten sowohl die Regierung
als auch die Ungeduldigen, daß eine Revolution gemacht werde.

Man erzählt, daß damals in Berlin zwei Geheimräte, Exzellenzen und
Abteilungsvorstände in ihren Ministerien, sich auf der Straße getroffen
haben, sich kummervoll begrüßt und dann einander gefragt, was denn
eigentlich der Grund für die Revolution sein könnte. Sie wußten es
beide nicht. »Es kommt ja wohl einmal vor bei uns, daß ein Rest bleibt;
die Eingänge sind ja nicht jeden Tag gleichmäßig,« sagte der eine;
»aber das kann ich beschwören: jeden Sonnabend wird aufgearbeitet;
und wenn ich bis zwölf Uhr des Nachts sitzen bleiben soll, bei mir
findet der Registrator am Montag früh immer einen leeren Aktenständer.«
»Jawohl,« entgegnete ihm der andere, »das kann ich bezeugen, bei uns
wird es genau so gehalten, und in sämtlichen anderen Ministerien meines
Wissens gleichfalls.«

Ein Bäckermeister in Berlin, der ein gutgehendes Geschäft in der
Krausenstraße führte, war schon in der Zeit vor der Revolution
beim Bürgerstand eine angesehene Persönlichkeit gewesen, indem er
Vorsitzender eines bei der Polizei angemeldeten freisinnigen Vereins
war; er hatte zwei Haussuchungen erlitten und war drei Wochen lang in
Haft gehalten, weil die Polizei glaubte, daß er mit den Häuptern der
internationalen Demokratie in Verbindung stehe. Als die Revolution
gesiegt hatte, da wurde er zu verschiedenen Vertrauensämtern gewählt,
denen er redlich und brav vorstand.

Seiner Frau war das politische Treiben von Anfang an nicht lieb
gewesen. Sie sagte ihm, ein Bäcker habe die Reaktionäre ebenso zu
Kunden wie die Demokraten; sie selber besorge den Laden, und der Mann
gehöre in die Backstube; wenn der Meister außer dem Hause ist, dann tun
die Gesellen nichts; es seien schon Klagen gekommen, und sie habe es
ja auch selber gemerkt, daß der Teig nicht ordentlich geknetet werde;
und was denn dergleichen Reden mehr sind. Man kann sich denken, wie die
Haussuchungen und die Haft die gute Frau erregt hatten. Als aber die
Revolution nun wirklich gekommen war, und ihr Mann einer der Führer des
Volkes wurde, da überfiel sie eine unbeschreibliche Angst.

Zu den Kunden des Meisters gehörte der Geheimrat Wagener, welcher
damals die Konservativen zum Widerstand sammelte, eine Zeitung
begründete, die »Kreuzzeitung«, und als der entschiedenste Gegner der
Revolution galt. Die Frau hatte vor ihrer Heirat in dem Hause gedient
und verehrte den Geheimrat Wagener, der ihr immer als ein höheres
Wesen erschienen war; und auch der Geheimrat und seine Familie hatten
Elschen, denn das war der Name der Frau, immer gern gehabt wegen ihres
treuen und aufrichtigen Gemüts, und Frau Wagener war auch Patin bei dem
ältesten Kind geworden.

An einem Abend, kurz vor zehn Uhr, als gerade die Haustür schon
geschlossen werden sollte, klingelte der Bäckermeister bei dem
Geheimrat und verlangte den Herrn zu sprechen. Er wurde in das
Arbeitszimmer geführt und entschuldigte sich dort vielmals, daß
er störe; dann bat er darum, daß sein Besuch verschwiegen bleiben
möge, denn er selber sei ja wohl nicht so einseitig und erkenne die
Berechtigung des gegnerischen Standpunktes an; aber seine Freunde
würden sagen, daß er das Volk an die Reaktion verrate, wenn sie
erführen, daß er bei dem Herrn Geheimrat gewesen sei.

Nach dieser Vorrede begann er nun seine Gedanken vorzutragen. Er hatte
die Geschichte der Französischen Revolution studiert. Man lebte in
einer Revolutionszeit. Das Volk hatte gesiegt. Der Herr Geheimrat mußte
doch zugeben, daß das Volk gesiegt hatte.

Der Geheimrat Wagener gab es zu.

Nun, man weiß, was geschehen kann, wenn das Volk seine ewigen Rechte
in die Hand nimmt, die eine kurzsichtige Regierung ihm vorenthält.
Das Volk ist edel, aber es kann auch schrecklich sein. Das heißt, der
Meister billigte es ja nicht, wenn Mord und Totschlag geschah. Wenn man
die Preßfreiheit hatte, wenn man die Versammlungsfreiheit hatte, wenn
man die Verfassung hatte, was wollte der friedliebende Bürger mehr?
Er wollte seinen Geschäften nachgehen und ein nützliches Glied der
menschlichen Gesellschaft sein. Aber zum Beispiel die Bäckergesellen
gingen weiter.

Hier nickte der Geheimrat bedeutungsvoll. Aber der Meister, welcher in
dem Nicken wohl eine Bestätigung zweifelnder Stimmen in seinem Innern
ahnte, schlug sich an die Brust und rief, er werde die heilige Sache
des Volkes nie verlassen.

Unvermittelt an diesen Ausruf schloß er nun einen Vorschlag. Das Volk
hatte gesiegt. Der Meister hatte das Vertrauen des Volkes. Aber er
verehrte auch den Herrn Geheimrat. Wenn nun, was Gott gewiß verhüten
würde, das Volk seine Feinde zur Rechenschaft zog, dann konnte der
Meister dem Herrn Geheimrat doch nützlich werden?

Der Geheimrat Wagener nickte zustimmend.

Nun also. Wenn man sich aber umgekehrt dächte, daß die Reaktion siegte,
daß die Führer des Volkes eingekerkert würden, dann konnte der Herr
Geheimrat dem Meister doch nützlich werden?

Der Geheimrat Wagener räusperte sich und wiegte den Kopf. Aber der
Meister fuhr fort. Er war ein eingesessener Bürger. Er hatte immer
pünktlich seine Steuern gezahlt. Er verlangte ja nichts, das dem Herrn
Geheimrat gegen das Gewissen ging. Der Herr Geheimrat war Beamter, das
wußte er wohl. Aber der Herr Geheimrat kannte ihn doch. Haussuchung
hatte die Reaktion bei ihm gehalten, in Haft hatte sie ihn gesetzt.
Er war ein unbescholtener Mann. Das hatte gewurmt. Er hatte keine
Verbindung mit verdächtigen Leuten, er hatte sich aus Büchern und
Zeitungen selber gebildet. Und weiter wollte er ja nichts, als daß der
Herr Geheimrat ihm bezeugte, daß er ein rechtschaffener Bürger war. Er
hatte nur seine Bürgerpflicht erfüllt. Vielleicht hatte er einmal ein
Wort zuviel gesagt; das wollte er nicht abstreiten; der Mensch redete
manches, wenn er in der Volksversammlung steht, und die Leute wollten
etwas von ihm hören. Wenn er da gefehlt hatte, gut, das wollte er
büßen. Aber etwas anderes hatte er nicht getan, denn die Ehre ging ihm
vor.

Der Geheimrat Wagener antwortete lächelnd, daß er für ihn einstehen
werde, wenn man ihn wirklich anklagen sollte; er wisse, daß das wahr
sei, was der Meister gesagt habe, und das werde er denn auch bezeugen.

Der Meister stand von seinem Stuhl auf, und ehe der Geheimrat es sich
versehen, hatte er in seine Rechte eingeschlagen und gerufen: »Topp,
es gilt.« Und dann fügte er hinzu: »Und auf mich können Sie sich auch
verlassen. Wenn das Kopfabschneiden angeht, für Sie wird gesorgt.«

Dann bat er noch um eine Empfehlung an die Frau Geheimrat, und darauf
ging er.

Der Mann wurde später wirklich angeklagt auf Grund von Aussagen
untergeordneter Persönlichkeiten, und es wäre ihm wahrscheinlich
schlecht gegangen bei der allgemeinen Verwirrung damals, wenn nicht
der Geheimrat für ihn eingetreten wäre und ein gutes Zeugnis für ihn
abgegeben hätte.



Der Gesandte von Bismarck

Von _Leo Sternberg_


Wie ein Blitz war dem jugendlichen Deichhauptmann von Schönhausen das
blanke »Ja« von den stolzen Lippen gefahren, mit dem er sich verband,
am Frankfurter Bundesratstische den Sitz eines preußischen Gesandten
einzunehmen. Ein sechsunddreißigjähriger Gutsherr von Gardemaß, der nie
ein diplomatisches Schriftstück gelesen! In militärischer Haltung hatte
er seinem König, der diese Kühnheit bewunderte, entgegnet: »Der Mut ist
ganz auf seiten Eurer Majestät!«

Welche Stimme hatte aus ihm geredet? Verbrennt uns zuweilen ein
übernatürlicher Augenblick zur gewaltigen Flamme, die geheimnisvoll
ins All hinaus schlägt, und entläßt uns sofort wieder als irdische
Schlacke, wenn die Flamme uns entflohen?

In der Tat -- kaum daß der freie Landjunker in der geschäftigen
Mainstadt, wo der ältliche General von Rochow einstweilen noch das
Gesandtschaftssiegel führte, hinter hohen Aktenstößen saß, von früh
bis spät eingekerkert in dem Salongefängnis des Bundestagshotels, so
schlug er wild die Faust auf den Rokokotisch und fragte sich, welche
Teufelsgewalten das schicksalsvolle Wort aus ihm emporgeworfen, und
warum er nicht lieber bei Weib und Kind geblieben und Roggen auf
Schönhausen gebaut, statt hier Ballen Papier zu verschmieren, in
Kommissions- und Plenarsitzungen, die bis in die Nächte dauern, leeres
Stroh zu dreschen und zwischen Tür und Angel die Zeit heranzuwarten,
wo er selbst das Steuerrad ergriffe! Rochow zeigte verdammt mehr Lust,
sich an der rheinischen Sonne bräunen zu lassen, als ihm das Feld zu
räumen. Der Teufel sollte diesen Zustand länger ertragen.

Er dampfte vor Tatkraft, und manche schlaflose Nacht hallten seine
Reiterstiefel bis zum grauenden Morgen durch die dunklen Frankfurter
Gassen. Wie Rübezahl streifte er durch die Wälder des Taunus, des
Spessarts, des Odenwalds; fuhr mit der Wasserdiligenze den Main hinab,
um sich auf der Mainzer Schiffbrücke in die Stunde zu verlieren, da
Johanna in ihrem flatternden Genfer Mäntelchen dort neben ihm stand;
und dreimal schon hatte er das Telegramm an den Minister bereit, in
dem er binnen vierundzwanzig Stunden in sein Amt eingesetzt zu werden
verlangte oder seine sofortige Entlassung forderte ...

An einem herrlichen Julitage, als selbst in dem muffigen
Legationsbureau der Aktenstaub regenbogenfarben auf schrägen
Sonnenstrahlen schwebte, schien die angesammelte Elektrizität ihre
höchste Spannung erreicht zu haben. Er schritt im Zimmer auf und ab und
tobte: »Galeerenarbeit ... bestes Feuer verrauchen lassen ... Fiduz zu
sich selbst zum Teufel ... sein gutes Heim aufgeben ...«

Sein Attaché, der schüchterne Lynar, sah ihn an wie einen leidenden
Titanen.

»Das ist zu viel, sage ich!« -- schrie er und riß das Fenster auf.
Lynars weißer Pudel, der auf dem Teppich lag, winselte mit, wie leises
Weinen ...

Da erhob sich Lynar vom Schreibsessel, stellte sich zu ihm an das
geöffnete Fenster, wendete seinen Blick fragend hinaus in den
kornblumenblauen Sommertag und erinnerte ihn sanft, wie man zu einem
Schwerkranken spricht, an den Besuch in Johannisberg, zu dem der greise
Fürst Metternich schon wiederholt seine Einladung geschickt hatte.

Fürst Metternich! Der unlängst aus der englischen Verbannung
Heimgekehrte! ... Der als erste Stätte auf dem wiedergewonnenen
Heimatboden sein altes Geburtshaus am Rhein aufsuchte! ... Der Treue,
der auch in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht an Koblenz
vorübergefahren, ohne sich den Metternicher Hof bis zum letzten
Dachwinkel aufschließen zu lassen -- das Boudoir seiner Mutter ... die
kleinen Stuben, wo er mit dem Hofmeister gehaust ...

Er mußte an Schönhausen denken ...

Das war sein Mann! Keine von jenen verknöcherten Exzellenzen, die
hier ordenbehangen um ihn herstelzten ... Ein Romantiker war er
-- auf seinem Schloß, das von dem sonnigsten Rebenhang des Rheins
herabglühte ...

Auf! Fort von Bureaukratie und Aktenstaub -- zur Urmutter Natur, wo
wilde Sonne brennt und die Woge das Ufer peitscht ...

Der Pudel sprang auf und wedelte und merkte, daß es ging.

Es war eine eigentümliche Fahrt. Das zarte Delfter Blau, in dem
sich die Sättel der waldigen Taunuskette neben dem Reisewagen
mitwiegten, verwischte sich bald hinter der Weißglut geladener Dünste.
Aschenschwarze Wolken schoben sich scharfgerändert aus der Wetterecke
des Gebirges vor und verschatteten die hohen, goldenen Ährenfelder, in
denen ein schlaffer Wind wühlte. Stickige Schwüle stieg aus dem Staub,
nur selten von einer fernen Welle des trockenen Heues durchduftet, das
die Bäuerinnen überall noch eilig auf die Leiterwagen gabelten. Dicht
über dem Wasserspiegel jagten die Schwalben und netzten sich die weiße
Brust in der Flut. Und General von Rochow, der sich der Fahrt ebenfalls
angeschlossen, hatte abwechselnd das schwimmende Mützenleder zu wischen
und gegen die Schnaken zu fechten. Doch das Gewitter entlud sich nicht.

Einsilbig saß der feurige Legationssekretär im Wagen und schaute wie
Wotan unter dem großen, breitkrämpigen Strohhut in die Ferne ...

»Schönhausen, ganz wie Schönhausen!« rief er versunken, als sie an
den ersten rheingauischen Herrensitzen vorüberrasselten. »Meine
liebe Zampel« -- als das Gefährt den plätschernden Kiedricher Bach
überschritt. »Der Kniephof!« seufzte er leise und zog den Duft einer
mächtigen Linde ein, die am mohnroten Feldrain in der grellen Sonne
stand ...

Der verstehende Lynar, um ihn mit seinen Gedanken allein zu lassen,
hielt Rochow im Gespräch, aus dem Bismarck manchmal nur dunkel ein Wort
aufgriff ... »Rheinische Backofenglut ...« »Wie es reift!« war das
geheimnisvolle Echo. »Wie es reift« -- wiederholte er im unverwandten
Anblick der reichbehangenen Rebgärten und pfirsichglühenden Spaliere,
die sein Auge angestrengt im Vorüberfahren abwanderte. Solchermaßen
arbeitete es in ihm ...

Unterdessen waren sie in Winkel angekommen, wo der Weg zum Johannisberg
abzweigt. Da aber zeigte es sich, daß das, weswegen er die Reise
unternommen, innerlich schon überlebt und ihm zuteil geworden war, und
der Seitenpfad zu dem Schlosse hinauf jetzt nur ein lästiger Abweg
gewesen wäre von der Hauptstraße seines Dranges, der ihn dem Strome
entlang vorwärts trieb. Konnte es im Grunde größere Gegensätze geben,
als ihn, den Diplomaten in Holzschuhen, und den ~ministre papillon~?
Und was sollte er jetzt auf zierlich gepflegter Schloßterrasse zwischen
Semperflorens-Rosen und einer in Töpfen gezogenen Orangerie anfangen?

Rochow, wegen seiner heimlichen Mitbewerbung um den Frankfurter
Gesandtschaftsposten befangen, ließ sich ohne Widerspruch den edlen
Tropfen aus den fürstlichen Weinkellern von den Lippen reißen und
schickte nur einen verlechzten Blick nach dem entschwindenden
Schlosse auf die Höhe hinauf -- ohne zu ahnen, daß seine Gegenwart
mit die Ursache war, warum es den andern vom Menschen fortdrängte ins
Grenzenlose der Natur, bei der wir uns allein von unserer letzten
Einsamkeit befreien, weil wir im tiefsten mit ihr zusammenklingen.

Und wie jeder redliche Entschluß erfrischt, so begann auch der junge
Diplomat, nachdem er sich den Weg freigemacht in eine unbestimmte
Weite, seine Verschlossenheit mit dem beginnenden Abend abzuwerfen,
sich den Traum von seiner pommerischen Heimat aus den Augen zu wischen
und mit erhöhtem Pulsschlag zu fühlen, daß er nicht mehr an den
Wiesenbächlein der heimatlichen Scholle, sondern am Rheine war --
dem deutschen Strom! So lebhaft zeigte er jetzt nach der dunkelnden
Giebelfront der Hallgarter Zange, jetzt nach den heidnischen Walddolmen
der Rabenköpfe, jetzt nach den goldgelben Sanden und Pappelauen mitten
in den Fluten, daß Lynars Pudel den deutenden Händen bald herüber, bald
hinüber, die Vorderpfoten über den Wagenschlag gelegt, nachsprang,
um zu ergründen, was es da draußen zu apportieren gebe ... Als sie
aber neben der reichgezackten Silhouette des Adlerturms mit seinem
Birkenbäumchen in der Zinnenkrone in Rüdesheim einfuhren; drüben auf
dem Rochusberg die Kapelle im Mondschein aufragen sahen; das dunkle
Felsentor, das der Strom durchbricht, mächtig vor ihren Blicken lag;
und rings um die Ufer die abendlichen Lichter an den Berglehnen sich
entzündeten, als sei Vineta heraufgestiegen -- da wußte er, daß ein
höher gewolltes Ziel ihn richtig geführt hatte ...

Und während der Engelwirt seine Begleiter von dem Wagenschlag durch
den vornehmen Treppenpavillon in den Gasthof komplimentierte, stand
er just, wie er aus dem Reisewagen gesprungen, schon am grasigen Ufer
drunten, an dem muschelknirschenden vordersten Kiesrande, -- allein mit
dem erdgeisterhaften Rauschen der nächtlichen Brandung ...

Das Gewitter hatte sich jenseits der Berge entladen und gereinigte
Lüfte herübergesandt. Der Wisperwind kam aus den Felstoren und
kräuselte Schaumkämme über die Wasserfläche, die im Mondschein
spiegelte, als glühte das Nibelungengold aus der Tiefe herauf ... Er
stand mit seherischen Sinnen und setzte sich allmählich, dem Stromlauf
folgend, in Bewegung, wie ein Nachen auf den Wellen treibt, immer von
dem Verlangen gequält, dem Strome näher zu kommen, anstatt verurteilt
zu sein, auf dem Leinpfad nebenher zu schreiten -- bis er an die Klippe
gelangte, darin der Lehrer Metternichs sein Herz hatte begraben lassen,
daß es dort ewig umwiegt sei von den heiligen Wogen, über denen der
Geist des Vaterlandes schwebt. Da riß es ihn plötzlich hin, all das
Licht der Wasser in die Arme zu fassen; und, dem verankerten Dreibord
seine Kleider hinterlassend, warf er sich in die Flut und tauchte bald
wie ein Rheingott in der Ferne auf, wo die Mäuseturminsel mit ihrem
Pappelhain traumhaft aus der Tiefe steigt ...

Und während er auf den Wellen dahinwiegte, von der riesigen
Stufenpyramide der Weinberge und mondduftigen Waldhöhen eingeschlossen,
überglitzert von Sternen, die durch die Fensterhöhlen der getürmten
Burgruine schauten, und der schäumende Wogenfall des Bingerloches durch
die Stille donnerte, da fühlte er, wie er dem ganzen Lande angehörte;
wie seine Arme erstarkten, indem er spielend die Flut bezwang an
einer Stelle, wo die Strömung reißend den gefährlichen Felsenbänken
entgegenschießt; und wie in seine Schultern die Kraft strömte, das
Schicksal des geliebten Landes zu tragen ...

Aber nur die murmelnden Wogen, die der Wiegengesang des Lebens sind,
vernahmen, wie es ihn, reingebadet von Druck und Zweifel, betend
erfüllte: In sein Wirken hineinzutragen und nie zu verlieren, was
er, in der lichten Dunkelheit schwimmend, in weiten Armen hielt! Mit
den Füßen im Bodenlosen schwebend auch am Tische des Rates! Aus der
Urtiefe des Elementes das Wort hinaufzurufen und die Tat zu schwingen
-- die wilde Woge im Blut und Sternengüte, Ruinenschweigen und Donner
der Gegenwart, Felsenfinster und streichelnden Wind! Und das Segel des
Staatsschiffes zu bewegen mit dem Sturmodem des ganzen Weltzaubers, der
allein an die Küsten des Lebens bläst! ...

Als er ans Ufer stieg, saß der weiße Pudel, der den Weg zu dem leeren
Nachen gefunden, auf seinen Kleidern und erkannte ihn erst, als der
Riese sich wieder in der Maske des bürgerlichen Rockes verborgen hatte
und, während das Flämmchen der fernen Lichtboje auf den Wassern tanzte,
schweigend im Dunkel neben ihm schritt.



Ein Anekdotenkreis aus dem Kriege



Sechs bayrische Reiter

Von _Emil Lucka_


Am dritten September, an einem sonnigen Vormittag hat sich's
zugetragen, daß fünf schwere bayrische Kürassiere, ein Gefreiter
voran, das waldige Vogesental von Stoßweiler hinauf gegen die Grenze
geritten sind, um ein bißchen nach Franzosen oder anderem schlechtem
Volk, das an dem Ort nichts zu suchen hat, Ausschau zu halten. Weil
ihnen die Zeit lang wird, fangen sie an zu jodeln und zu juchezen, aber
die Pferde spitzen plötzlich die Ohren, und der Gefreite Jagenteufel
schreit: »Maul halten!« Richtig kommt ein Zug Franzosen den Weg daher,
vielleicht sechzig oder siebzig Leute, jeder sein Gewehr über der
Schulter.

»Drauf!« schreit der bayrische General und zieht sein breites
Schlachtschwert, hinter ihm das Heer. Und sie stimmen ein solches
Kampfgeschrei an, daß die Franzosen glauben, die ganze deutsche Armee
wäre schon da, und werfen ihre Gewehre ins Gras. Der Leutnant, der
sie führt, ein feines Bürschel ohne Bart, tritt vor den Jagenteufel
und bietet ihm mit einer guten Verbeugung seinen Degen an, den der
Jagenteufel nimmt. Und weil er nicht weiß, was er damit anfangen soll,
stößt er ihn in einen alten Baum hinein, daß das Federmesser gleich
abbricht. Dann brüllt er die Franzosen an: »Vorwärts!« -- und sie
gehen ganz folgsam ihren Weg weiter, aber ohne Gewehre und von fünf
bayrischen schweren Reitern flankiert und hinter einem Gefreiten her
anstatt wie bisher hinter einem Leutnant. Und sie schämen sich, weil
sie geglaubt haben, es wär die ganze deutsche Armee, nicht nur sechs
Mann.

Vom Tal herauf schlägt's gerade zwölf Uhr, wie sie einem Wirtshaus nah
kommen, das sonst für Touristen und Fuhrleute bestimmt ist, jetzt aber
verlassen steht. Der Jagenteufel sieht das Wirtshaus schon von weitem
und muß sich das Bier vorstellen, das dort vielleicht im Keller liegt.
Und weil ein braver Soldat dieselben Gedanken haben soll wie sein
Feldherr, denken alle Fünfe mehr ans Wirtshaus als an die Franzosen,
die zwischen ihnen her laufen. Auch das Pferd vom Jagenteufel hat das
Wirtshaus bemerkt, und so geht der ganze Zug, er weiß selber nicht wie,
immer mehr nach rechts, bis er vor der Tür halt macht.

Der Wirt und die Wirtin und ein paar Kinder und andere Leute stehen
da und schauen mit großen Augen, wie sechs bayrische Reiter sechzig
oder siebzig Franzosen daher führen, und schreien: Hurra! -- denn sie
sind gut deutsch -- und der Herr Wirt sagt gleich, die Herren Soldaten
sollten hereinkommen, und zu bezahlen brauchten sie nichts.

Aber die armen Schlucker müßten auch was kriegen! meint der
Jagenteufel. Und richtig wird den Franzosen zu essen und zu trinken
herausgebracht, während die Bayern vom Pferd steigen und mit viel
Freude ins gute Zimmer geführt werden. Der Wirt schlägt gleich ein Faß
Bier an, und die Wirtin stellt sich zum Herd. Weil aber ein Bayer nicht
vom Bier weggeht, bis das Faß leer ist, so dauert die Mittagsrast drei
Stunden, die Franzosen brauchen derweilen auch nicht hungern. Und wie
die Bayrischen endlich herauskommen, sind ihre Pferde schon mit roten
Hosen besetzt und die sechs Gewehre und die sechs Säbel auch schon
vergeben -- die hat einer unbemerkt aus der Stube getragen. Der junge
Leutnant sitzt hoch auf dem Pferd vom Jagenteufel und kommandiert
stramm, so daß sich die fünf Reiter mit ihrem Gefreiten keinen andern
Rat wissen, als zu Fuß zwischen den gut berittenen Franzosen denselben
Weg zurückzugehen, den sie am Mittag gekommen sind.

Die Bayern jodeln jetzt nicht mehr und bedenken, daß sie da ein übles
Stück vollbracht haben, und trauen sich nicht, ihren Pferden ins Auge
zu schauen; aber die Franzosen sind um so lustiger. Ihre Gewehre liegen
richtig noch am selben Platz, jeder findet seines, und der Leutnant
sucht den Strunk von seinem Säbel zusammen; so müssen die Bayern nach
Frankreich ziehen, anstatt die Franzosen nach Deutschland.

Gegen Abend kommen alle in ein französisches Dorf. Kinder, Weiber und
Männer laufen zusammen und schauen jubelnd die gefangene Armee an. Und
die Franzosen stolzieren einher, jeder wie ein Marschall, der Leutnant
mit dem zerbrochnen Säbel aber wie Napoleon selber. Feierlich werden
sie zum Diner geladen. Der Leutnant, der weiß, was sich schickt,
sagt gleich auf die Ansprache des Bürgermeisters: »Unsere Feinde
haben uns ein Dejeuner serviert, wir wollen ihnen das Diner nicht
schuldig bleiben!« -- Und der Herr Maire ist rot vor Stolz, daß er
das siegreiche Heer mit seinen Gefangenen bewirten darf, eine große
Tafel wird auf der Wiese gerichtet für die Franzosen, die Bayern aber
bekommen im Gemeindestübel, das vergitterte Fenster hat, ein Diner mit
feinem Wein vorgesetzt. »Der Wein ist nicht schlecht!« schmunzeln die
Gefangenen und begießen ihr trauriges Los.

Der Jagenteufel hat aber schon das Eiserne Kreuz auf seiner Brust
gesehen, und so wurmt es ihn, daß sich das Antlitz der wetterwendischen
Kriegsgöttin schnöde von ihm abgekehrt hat. Er geht -- doch nicht bevor
die Flaschen leer sind -- auf Kundschaft aus. Eigentlich sollte die
Tür versperrt sein, aber die Kellnerin hat sie versehentlich offen
gelassen. Das erste, was dem Jagenteufel ins Auge sticht, sind die
sechs bayrischen Rösser, die gut gefuttert haben und ihn mit Wiehern
begrüßen; nicht weit davon vorm Wirtshaus tanzen die Soldaten mit den
Dorfmädeln. Da geht der Jagenteufel um seine Mannschaft, sie schleichen
zur Gewehr-Pyramide, die ganz im Dunkeln steht, werfen die Gewehre
in den Brunnen außer ihren eigenen, die zu unterst liegen, schnallen
sich die breiten Säbel um, sitzen auf und fahren mit »Hurra!« in den
Dudelsacktanz hinein. Der Leutnant ist gleich da und springt auf
einen Tisch, die Soldaten laufen nach ihren Gewehren, kommen aber
wieder leer zurück, und der Leutnant überreicht seinen halben Degen
dem Jagenteufel, der ihn dieses Mal zwischen seinen Händen bis auf
den Griff abbricht. Dann marschieren alle den Weg zurück, den sie
heut schon zweimal gegangen sind, hinterdrein Kinder und Weiber. Und
das bayrische Heer jodelt wieder wie am Vormittag und singt: »Muß i
denn, muß i denn zum Städtle hinaus!« -- und die Franzosen fangen an
mitzusingen, weil sie viel Wein getrunken haben und die Worte doch
nicht verstehen.

Bei der Grenze müssen die Mädel Abschied nehmen, weinen auch ein bissel
dazu und hoffen aufs Wiedersehen; und der Jagenteufel mit seiner
Patrouille führt hoch zu Roß (das gefährliche Wirtshaus bleibt dieses
Mal rechts liegen) seine Gefangenen ins deutsche Quartier hinein.



Der Talisman

Von _Oskar Wöhrle_


Unteroffizier Bück, im Leben vor dem Kriege Theologe, ein kleiner,
schmächtiger Mensch, dem man den Bücherhocker schon in der ersten
Minute ansah, war der einzige von den Einjährigen-Unteroffizieren,
der das Eiserne nicht hatte. Trotzdem, so ging die Meinung der ganzen
Batterie, das heißt aller Kanoniere, hätte er es zehnmal eher verdient
als mancher andere; denn er war ein Kerl, der mit einer unglaublichen
Waghalsigkeit vorging.

Bei Sachen, vor denen es selbst den abgebrühtesten Infanteristen
graulte, zeigte er, der Artilleriehilfsbeobachter, einen solchen
Schneid, als hätte er Zeit seines Lebens mit den russischen Pimpatschen
zu tun gehabt.

Galt's eine verlorene Patrouille vorzutreiben, Bück war dabei. Galt's
eine feindliche Beobachtungsstelle auszuknobeln, Bück erknobelte
sie. Galt's eine Leitung zu legen in schwierigem Gelände, im
Artilleriefeuer, Bück legte sie. Und alle seine Verrichtungen tat
er, dem Gefauche der blutgierigen Schrapnelle zum Hohn, mit einer
Unbekümmertheit, als sei er unverwundbar.

Wir, seine Kameraden, warnten ihn mehr als einmal, sein Leben nicht so
leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.

»Ach was!« sagte er. »Was heißt Gefahr? Mumpitz! Mir tut keine Kugel
was, ich habe einen Talisman.«

»Sie, der Bibelpflüger, einen Talisman?«

Er lachte nur zu unseren Erstaunungen und sagte in seiner etwas
schüchternen Art:

»Und wenn ihr erst wüßtet, was für einen!«

Bück hat recht behalten. Er fiel keiner Kugel zum Opfer, er mußte in
den giftigen Krallen des Typhus enden. Bei Blonie liegt er begraben.

Als die Batterie seine Sachen heimatfertig machte, wurde auch der
Talisman gefunden, ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier. Darauf
stand mit violetter Tinte geschrieben, in klaren, unerschrockenen
Buchstaben:

»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch, und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn
das Vieh; denn es ist alles eitel.

Es fähret alles an _einen_ Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird
wieder zu Staub.

Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des
Viehes unterwärts unter die Erde fahre?

So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, denn daß ein Mensch fröhlich
sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil; denn wer will ihn dahin
bringen, daß er sehe, was nach ihm geschehen wird?«

Dieser Zettel wurde nicht mit weggeschickt. Er sei zu unchristlich,
sagte der Feldwebel. Ich bat ihn mir aus. Als ich ihn späterhin,
nicht ohne eine gewisse Bewegung, einem Kandidaten zeigte, zuckte der
gleichmütig die Achseln: »Was ist denn da besonders Großes dabei? Die
Stelle ist doch sattsam bekannt, siehe Prediger 3, Vers 19--22!«



Wie ein preußischer General einen Juden zum Offizier vorschlug

Von _Rudolf G. Binding_


Der General v. R--, Kommandeur einer Infanterie-Brigade, hatte in
seinem Stab einen Ordonnanzoffizier. Diese Stellen wurden im Anfang
des großen Krieges, mit dem der Sommer des Jahres 1914 die Welt
überzog, vielfach nicht mit Offizieren besetzt, sondern mit solchen,
die es werden sollten. In der Regel machte man, da die Infanterie an
Offiziersaspiranten nicht geschwächt werden sollte, bei der Kavallerie
eine Anleihe, und auf dieser Grundlage hatte der Rittmeister einer
der Division unterstellten Schwadron den Befehl erhalten, zum Stabe
des Generals v. R-- einen Ordonnanzoffizier zu kommandieren. Der
Rittmeister kommandierte den Vizewachtmeister der Reserve K-- in die
Stelle.

Der General war glücklich mit seinem Ordonnanzoffizier. Denn dieser
war ein gebildeter, anstelliger junger Mann von gutem Aussehen,
reiterlichen und anderen Fertigkeiten und trug sein Herz ziemlich am
rechten Fleck. Der General konnte nicht umhin zu bemerken, wie nützlich
sich K-- bei ihm machte, wie gut seine Pferde gediehen, seit K-- bei
seinem Stabe war, wie dieser auch für sein, des Generals, leibliches
Wohl in bester Weise sorgte, wie er selbst am liebsten nur mit K-- auf
Erkundung oder zu den Stellungen seiner Truppen ritt, da kein andrer
sich auf der Karte so gut auskannte wie sein neuer Ordonnanzoffizier,
und was dergleichen Tugenden mehr waren, die er an ihm entdeckte. Es
vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Vizewachtmeister, der
sich bei einigen Aufträgen hervorgetan und dabei bewiesen hatte, daß
er sich aus englischen Granaten nicht einen Pfifferling machte, das
Eiserne Kreuz.

Der General hielt auf seinen Stab. Als er die Zeit für gekommen
erachtete, schrieb er an den Rittmeister einen Brief. Er stellte ihm
vor, wie man doch einen so tüchtigen und tapferen jungen Mann nicht
wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselstücke herumlaufen lassen
dürfe, da er alle Eigenschaften und Voraussetzungen in sich vereinige,
die für die Beförderung zum Offizier verlangt werden müßten. Indem er
den jungen Mann nach seiner Beförderung für die planmäßige Stelle des
Ordonnanzoffiziers bei seinem Stabe vorsehe, hoffe er nicht nur, ihm
die Wege zu ebnen, sondern auch seine Fähigkeiten für die große Sache
und das Vaterland in bester Weise auszunutzen.

»So erwarte ich denn, mein lieber Rittmeister,« schloß der General,
»wenn es Ihnen recht ist, einen Beförderungsvorschlag für meinen
prächtigen Vizewachtmeister. Denn Sie, als der Kommandeur der
Schwadron, der er zurzeit noch angehört, müssen die Eingabe abfassen,
die erforderlichen Nachweise und Unterlagen verschaffen und den
Vorschlag an allerhöchst Seine Majestät richten. Ich aber werde ein
Wort der Befürwortung zufügen können, das unserem Schützling von Nutzen
sein wird. Es wird nicht fehlen. Schicken Sie mir morgen die Eingabe.«

Der Rittmeister tat, wie ihm befohlen war. Am folgenden Tage gelangte
ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie
ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand
des Generals, und alle Spalten, die die gestrenge Vorschrift für eine
solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig
ausgefüllt. Wohlgefällig überlas der General die über die Person seines
Ordonnanzoffiziers gemachten Angaben. Da standen die Vornamen, da die
Geburtsdaten, da der Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen;
der General hatte sich nicht getäuscht. Seine Blicke wandten sich
befriedigt den nächsten Spalten zu, die über Glaubensbekenntnis und die
Namen der Eltern aussagten.

Und er erstarrte. Denn da, gerade unter dem Worte »Religion« stand --
(ja! der General konnte es nicht in Abrede stellen) gerade unter dem
Worte Religion stand das Wort: »mosaisch«.

Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen über diese
Entdeckung. Daß die Angabe falsch sei, war bei der ihm bekannten
Genauigkeit des Rittmeisters ausgeschlossen. Er stand vor der
schrecklichen Gewißheit.

Alles, was preußisch in ihm war, sträubte sich hoch, und alles, was
christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und
sehr christlich.

Was tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgab, wenn ein
Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, er, der General R--,
einem Juden in den Offiziersstand verhalf, wankten die Grundfesten
des Staates. Das war klar. Mochten andere tun, was sie verantworten
konnten; da war er denn doch ein preußischer General.

Er ritt sogleich zum Rittmeister. »Haben Sie denn das gewußt, daß K--
Jude ist?« rief er, -- -- »Jawohl habe ich das gewußt,« sagte der
Rittmeister ruhig. »Aber dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von
ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube in irgendwelcher
Weise seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, seinen Anstand, alle jene
Vorzüge beeinflußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, an ihm
oft genug gerühmt haben.«

»Das ganz gewiß nicht! gewiß nicht!« erwiderte der General »aber --: er
hat doch Eigenschaften, die --, ich meine: _jüdische_ Eigenschaften,
die --«

»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der Rittmeister, »übrigens darf ich
höflichst darauf hinweisen, daß der Herr General -- bisher wenigstens
-- von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben.«

Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er
nichts bemerkt hatte!

»Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderungsvorschlag
zurückzuziehen?«

»Aber Herr General!« sagte der Rittmeister, »Sie selber haben
den Vorschlag doch einverlangt! Und wie sollte ich einen
Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen dürfen, den
ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe? Der Vizewachtmeister,
der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein andrer, weil
er ein Jude ist.«

Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den
Rittmeister überzeugen konnte, daß K-- ganz unerträglich
jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den
Beförderungsvorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch
nicht blind. Und K-- mußte doch derartige Eigenschaften haben. -- Der
General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlags eine Zeitlang
hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen.

Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielten die
jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt
haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie
benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und
schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast
Eigenheiten. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische
Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu
denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab.

So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General
den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. »Sie mögen mir sagen,
was Sie wollen«, sagte er zu ihm, »K-- hat jüdische Eigenschaften,
eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie _müssen_ zugeben, daß er
jüdische, _unerträglich jüdische_ Eigenschaften hat!«

Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er
nicht weiter.

»Tja! Herr General,« sagte er auf einmal fast verwundert, »da er doch
ein Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben
als jüdische?«

Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie
dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit
aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will; jener aber läßt
urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Boden. Er hatte
zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser
Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es
nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß
ihm der Boden entzogen war, blieb.

Er wußte nicht recht, wie ihm war. »Wenn Sie also wirklich meinen,«
sagte er kleinlaut. Und da der Rittmeister bejahte, ging der General
an den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der
sich so seltsam gegen ihn zu wenden schien, ein »befürwortet« unter das
Gesuch zur Beförderung des Juden.



Schwaben

Von _Oskar Wöhrle_


Auf einer Landstraße Russisch-Polens traf ich drei schwäbische
Landsturmleute, die einen meuchelnden Russen mit den bloßen Fäusten
hatten totschlagen müssen, weil der Kerl so schnell und hitzig und
ihnen so nah am Leibe war, daß sie zu keiner Waffe hatten greifen
können.

Diese drei Soldaten standen um einen jungen Storchen herum, den der
Sturm des Morgens aus dem Neste geworfen hatte. Hilflos lag das
Unglückstier da, halbnackt, nur dürftig den Leib mit Fläumling bedeckt,
und sperrte den jungen, gelben Schnabel weit auf vor Hunger und Angst.
Einer der Männer sagte: »Wir müssen ihn wieder ins Nest bringen, sonst
verreckt er.« Aber das Nest hing hoch; die Pappel, darauf es stand, war
dick und dünnastig; sie zu erklettern eine heillose Arbeit und konnte
das Leben kosten. Einer von den dreien wagte es doch und brachte den
Jungen glücklich hinauf. Die Alten flogen in weitem Bogen um den Baum
herum und plapperten zornig mit den Schnäbeln.

Als der Soldat wieder drunten war, schulterten die drei das Gewehr,
sagten mir »Grüß Gott« und gingen davon.

Merkwürdig! dachte ich, wie der Mensch doch beschaffen sein kann. In
einem Atemzuge tötet er und setzt nachher sein Leben aufs Spiel, eines
Nichts wegen.

Und ich heftete meinen Blick auf die Männer, bis ihre Bilder im Dunste
des Himmels verschwunden waren.



Der Intellektuelle

Von _Peter Scher_


Herr von X., ein wohlhabender Privatmann, sah sich, ehe es ihm recht
zu Bewußtsein gekommen war, über Nacht als Landsturmmann im Kreise von
Männern, zu deren äußeren Verhältnissen und innerem Wesen er soviel
Beziehungen empfand, wie sich ihm etwa bei unvermitteltem Zusammenleben
mit Marsbewohnern ergeben haben würden.

Als Norddeutscher, wenn auch seit längerer Zeit in Süddeutschland
lebend, war er über die völkischen Eigenheiten der Bayern, denen er nun
zugeteilt war, durch jenes theoretische Wissen unterrichtet, das sich
den Gebildeten durch Überlieferung anekdotischer Einzelzüge leicht und
scherzhaft zu vermitteln pflegt. Mit dem eigentlichen Volke war er,
seiner Lebenshaltung gemäß, kaum je persönlich in Berührung gekommen,
ohne darum auch nur im mindesten die Kraft und Ursprünglichkeit
des Volkes niedrig eingeschätzt zu haben. Im Gegenteil -- er
neigte, wie wohl die meisten Angehörigen seines Standes, eher zu
einer sehr ausgesprochenen Wertschätzung alles Volkstümlichen, und
zwar eben auf Grund der von persönlichen Erfahrungen ungetrübten
literarisch-anekdotischen Kenntnis der Volksseele.

Nun sah er sich auf einmal, gewaltsam aus seinem eigenen Nährboden
gerissen, als einziger Intellektueller unter vielen vor die Aufgabe
gestellt, in die kompakte Einheit der durch gemeinsame Interessen
verbundenen zwanzig Mann seiner Stube einzudringen; sich -- wenn anders
er nicht riskieren wollte, in eine unerträglich abseitige Situation
zu geraten -- ihrem Kreis einzufügen; ja sich womöglich Geltung zu
verschaffen. Hierzu veranlaßte ihn keineswegs bloß ein persönlicher
Erhaltungstrieb, als vielmehr das seinem Charakter entsprechende
Bestreben, niemals halb bei einer Sache zu sein ... am wenigsten bei
der großen Angelegenheit, von deren Notwendigkeit er sich, nachdem es
einmal ernst geworden war, mit aller Entschlossenheit überzeugt hatte.

Die Versuche des Herrn v. X., sich seinen Kameraden anzupassen, hatten,
wie häufig in solchen Fällen, damit eingesetzt, daß er sich bemüht
zeigte, unter ostentativer Hintansetzung jeglichen Standesbewußtseins,
kameradschaftliche Hilfsbereitschaft zu betätigen. Aber damit stieß
er nur auf Mißtrauen und Ironien jeder Art -- von der lächelnden
Anspielung bis zum fast hämisch herausgeprusteten Spott. Vollends
seine törichten Bemühungen, ihren Dialekt und ihre Ausdrucksweise
»unauffällig« zu kopieren, forderte die anderen nur noch mehr heraus,
ihm seine Ohnmacht zu Bewußtsein zu bringen.

So hatte Herr von X. die doppelte Last zu tragen, daß er, noch mit
allen Fibern den plötzlichen Verlust aller höheren Lebensformen
empfindend, in der neuen Umgebung ungeahnte Widerstände fand, wogegen
die anderen im gleichen Maße bevorzugt erschienen, indem sie, ihr
Leben ungefähr auf dem alten Niveau fortsetzend, zugleich am Rückhalt
der Gemeinsamkeit mit ihresgleichen profitierten. Allerdings wurde
dieses Mißverhältnis einigermaßen dadurch ausgeglichen, daß manche
der ganz Unbemittelten, insbesondere die kleinen Gewerbetreibenden,
hinsichtlich ihrer Geschäfte und Familien drückendere Sorgen empfanden
als in normalen Zeiten. Aber diese Bedrückten empfanden dann wieder
den Reichtum des Herrn v. X., von dem sie sich maßlos übertriebene
Begriffe machten, als eine unerhörte Begünstigung, die ihm entsprechend
angekreidet werden müsse.

In Verfolg dieses Rattenkönigs von Mißverständnissen und Verkennungen
der Umstände geschah es denn wohl, daß von X.s Kameraden seine
reichlichen Bier- und Zigarrenspenden niemals entgegennahmen, ohne
zuvor durch Blicke und kleine beißende Bemerkungen ihm die Freude
vergällt und damit sich den Genuß erhöht zu haben.

Obgleich nun von X., ein kluger Mensch und Lebenskenner, solche
Kleinigkeiten nicht eben tragisch nahm, weil er die wahren Beweggründe
erkannte, hatte er doch -- besonders in der ersten Zeit -- Momente
tiefer Entmutigung. Einmal kam es sogar vor, daß er sich nachts,
zwischen den schnarchenden Kameraden schlaflos liegend und grübelnd, zu
dem folgenden empfindsamen Gedicht hinreißen ließ:


        _In der Nacht_

    Die Kameraden schnarchen hart und dröhnen
    Ganz sagenhafte Töne durch den Raum;
    Die wache Landsturmseele glaubt es kaum
    Und muß sich erst so nach und nach gewöhnen.

    Wie schließt mein Herz euch ruhende Soldaten
    Und eure armen Träume in sich ein ...
    (Gäb' mir nur Gott, so ganz Natur zu sein,
    Wie sie, mich arglos folternd, hier verraten!)

    Der Schuster, rechts von mir, bewegt sich eben;
    Ich weiß: ein Traumglück löst ihm alle Qual ...
    Gebräunte Haxe ist sein Ideal ...
    O mög sie groß und lieblich ihn umschweben!

    Ein jeder macht in seinem kleinen Kreise --
    Schmied, Fuhrmann, Gastwirt, Knecht und Assistent --
    Bevor der Tag uns wieder eint und trennt,
    Solch eine karg beglückte Heimatreise.

    Beklommen seh ich auf die alten Knaben --
    Ein alter Knabe selbst und heulend fast:
    Ach, sind wir uns nur Nacht für Nacht zur Last,
    Um Tag für Tag an uns vorbeizutraben?!

Am anderen Mittag saßen sie dann wieder, der kleine Schuster, der lange
Fuhrmann, der dicke Gastwirt, der hagere Schankkellner, mit ihren
Maßkrügen einträchtiglich beisammen, und auch die Bauern, mit denen die
Städter sonst nicht immer in seliger Harmonie zusammenstimmten, waren
-- wenn es die unausgesprochene Verschwörung des »Ringes« gegen den
Intellektuellen zu bekunden galt -- untereinander ein Herz und eine
Seele.

So wollte es wenigstens dem Herrn von X. scheinen -- und vielleicht
verhielt es sich in gewissem Sinne auch so. Nur ... daß es dem Herrn
von X. nie zu Bewußtsein kam, inwieweit er selbst an ihrem Mißtrauen
dadurch mitschuldig war, daß er, der nicht aus sich heraus _konnte_,
immer und immer wieder mit beleidigender Deutlichkeit erkennen ließ,
wie gewaltsam er aus sich heraus _wollte_, um zu ihnen -- -- natürlich
-- -- hinab zu gelangen.

Wie er sich, der geistige Mensch, seiner Selbstlosigkeit als eines
Gebotes überlegener Kultur bewußt war (ohne sich doch dessen voll
bewußt zu werden), so empfanden die Kameraden seine Selbstlosigkeit
als Hochmut und zahlten ihm gemäß ihren primitiven Lebensformen und
Ausdrucksmitteln kräftig heim.

Der Herr von X. ist sich dieser Wahrheit erst viel später bewußt
geworden -- nämlich dann, als er, durch Umstände in größere Distanz zu
ihren physischen Verhältnissen gekommen, nicht mehr in Gefahr war, die
Fühlung mit den Kameraden äußerlich zu suchen.

Es gelang ihm, ohne sich in ihre Sprache und Gebärden einzumischen,
ihnen menschlich so nahe zu kommen, daß sich die Kameraden --
allerdings nicht die einmal mißtrauisch und verstockt gewordenen seiner
Stube, aber andere vom gleichen Stande -- mit Respekt und ehrlicher
Freundschaft zu ihm stellten.

Später, im Felde, wurde er sogar im besten Sinne des Wortes beliebt.
Und das war, als er, seiner eigentlichen Bestimmung entsprechend, ein
guter _Führer_ und damit der beste Kamerad geworden war.



Das unterbrochene Erlebnis

Von _Karl Lerbs_


Ein Leutnant, dessen jungfröhliche Art sich unter dem harten Griff
unerhörten Erlebens zu bewußter Männlichkeit gefestigt hatte, bestieg,
seinen Anteil an den wilden flandrischen Kämpfen durch eine Fahrt
in die lange entbehrte Heimat unterbrechend, in Brüssel den nach
Deutschland bestimmten Zug. Er traf im Abteil mit einem Hauptmann
zusammen, der vor dem Kriege in einem westfälischen Städtchen den wenig
aufregenden Posten eines Amtsrichters ausgefüllt hatte und durch den
nervenanspannenden Wachtdienst in einem belgischen Küstenort aus der
leise beginnenden Beschaulichkeit zunehmender Jahre aufgerüttelt worden
war. Da der ältere Offizier an der heiteren Offenheit des jüngeren ein
rasch erwidertes Gefallen fand, verging ihnen die Zeit, da der Zug
seinen Weg durch den regnerisch verhangenen belgischen Herbsttag nahm,
in gutem Gespräch rasch genug.

Erst als der wirre Klirrklang der über viele Weichen hineilenden Räder
sie aus dem Getriebe des ersten deutschen Bahnhofs entführte, wurde ihr
angenehm empfundenes Alleinsein durch eine junge Dame unterbrochen.
Indessen die neue Reisegefährtin sich mit anmutig runden, sicheren
Bewegungen ihres geschmeidigen Körpers augenscheinlich für eine
längere Fahrt einrichtete, tröpfelte das unwillkürlich verlangsamte
Gespräch der Herren in spärlichen Worten weiter, da sie beide in der
unauffälligen, aber gründlichen Art, wie sie Männern von Welt eignet,
ihre Beobachtungen anstellten. Das übereinstimmende Ergebnis war die
Feststellung großen natürlichen Reizes, der durch eine schelmische,
naiv ungezwungene Koketterie eher vermehrt als vermindert erschien.
So kam es, daß dem Leutnant das Zusammentreffen wie ein Gruß und
Vorgenuß lange ersehnter friedlicher Heimatstage war, und er sah
sich alsbald von rheinischer Fröhlichkeit, die das Abteil mit hellem
Lachen und melodisch zwitscherndem Plaudern erfüllte, in ein heiteres
Wortgeplänkel verstrickt, in dem er sich in aufquellender Frohlaune
wacker behauptete.

Darüber entging es ihm, daß der ältere Kamerad allmählich in ein
Stillschweigen verfiel, das seinen Grund in einer diesem selbst nicht
recht erklärlichen Verstimmung hatte. Hätte jemand sie ihm als Ausfluß
einer mißgünstigen Regung gedeutet, so würde er das sicherlich weit von
sich gewiesen haben; immerhin gewann sie soviel Macht über ihn, daß
er, obwohl seinem Reiseziel noch ziemlich fern, seinen Säbel einhakte
und sich, aufbruchsbereit dasitzend, einem verdrossenen Spiel mit der
Säbelquaste widmete. Bald aber mischte er sich, einem plötzlichen
Antrieb folgend, in das Gespräch der anderen und geriet dabei in einen
solchen, ihm selbst seit langem fremden Eifer, daß in dem anfangs
spielerisch harmlosen Hin und Her launigen Wortgefechtes zuweilen die
schärferen Waffen einer leichten Spannung flüchtig aufblitzten.

Diese seltsame Wendung der Dinge brachte es mit sich, daß in dem
Leutnant, der erst nur dem prickelnden Regen seines nach langer Haft
wieder lustvoll aufwallenden Blutes nachgegeben hatte, ein Plan
entstand, der, anfänglich fast erschrocken und abweisend beiseite
geschoben, bald sich unwiderstehlich aufdrängte. Als daher der
unerleuchtete Zug durch den Schacht eines langen Tunnels toste, erhob
sich nach einem letzten kopfschüttelnden Zögern der junge Offizier
und tastete sich in herzklopfender Spannung vorwärts, um, ohne der
möglichen Folgen seines Tuns zu gedenken, von den willfährig lockenden
Lippen seines anmutigen Gegenübers in knabenhaftem Trotz die Bekrönung
dieser wunderlich erregten Stunde zu pflücken. Da geschah es, daß er
innehielt in dem unabweisbaren, alle Nerven durchzuckenden Gefühl,
daß jemand neben ihm stehe; er tat einen unwillkürlichen, heftig
zufassenden Griff ins Dunkle und hielt einen Gegenstand in den Händen,
in dem er tief erschrocken _die Säbelscheide des Hauptmanns_ erkennen
mußte.

Es ist sicher, daß beide Herren sich nach dieser Begegnung wieder an
ihre Plätze verfügten und die ihnen noch verbleibende kurze Spanne
Dunkelheit dazu benutzten, ihre ins Wanken geratene Sicherheit und
Unbefangenheit zurückzugewinnen. Nicht sicher dagegen ist, ob die junge
Dame, die zu alledem Anlaß gewesen war, des unterbrochenen Erlebnisses
inne ward. Denn beide Offiziere wagten keinen Blick in ihr Gesicht.
Der Leutnant sah unverwandt zum Fenster hinaus, um nicht zu zeigen,
daß ihn nach anfänglichem Ärger eine kaum zu bezwingende Lachlust
anwandelte; und der Hauptmann, dem das Blut in die Ohren gestiegen war,
saß vornübergebeugt, mit einer scharfen Falte zwischen den Brauen,
und ließ den Zorn über sich selbst an der heftig zwischen den Fingern
gewirbelten Quaste seines schuldig-unschuldigen Säbels aus.

Als indessen der Hauptmann, seinem Reiseziel nahe, von dem jungen
Kameraden Abschied nahm, da sah der Leutnant in dem Gesicht des anderen
ein gütiges und von leichter Traurigkeit überschattetes Lächeln,
das von einer wehmütigen Resignation Kunde gab; und er umspannte die
dargereichte Hand mit festem Druck. Er begriff plötzlich, daß jenem
diese Stunde mehr bedeute als den überlegen belächelten Verzicht auf
eine flüchtig lockende Tändelei. Und er blieb auf der ferneren Fahrt
schweigsam und sinnend, da er sich nicht eines billig errungenen Sieges
freuen mochte. Denn er fühlte tief, daß ihn in diesem Erlebnis ewiges
und schmerzliches Schicksal mahnend gestreift hatte.



Inhalt


                                                             Seite

    _Bethge_, Hans, ~Dr. phil.~, * am 9. Januar 1876
    in Dessau, lebt in Berlin-Wilmersdorf.

      _Der Dichter_ (handschriftlich)                           91

      _In der Frühlingsnacht_ (handschriftlich)                130

    _Binding_, Rudolf G., * am 13. August 1867 in Basel,
    lebt in Buchschlag (Hessen).

      _Anekdote_ (handschriftlich)                              64

      _Wie ein peußischer General einen Juden zum
      Offizier vorschlug_ (handschriftlich)                    229

    _Bulcke_, Carl, Staatsanwalt, * am 29. April 1875 in
    Königsberg, lebt in Charlottenburg.

      _Der schlaue Akademiedirektor_ (handschriftlich)         123

      _Klaus Groth_ (handschriftlich)                          167

    _Enderling_, Paul, * am 22. April 1876 in Danzig, lebt
    in Stuttgart.

      _Memlings Bild_                                          118

    _Ernst_, Paul, ~Dr. phil.~, * am 7. März 1866 in
    Elbingerode a. Harz, lebt in Neustadt a. Südharz.

      _Der Fund_ (handschriftlich)                              98

      _Das Bett_ (handschriftlich)                             106

      _Revolution_ (handschriftlich)                           202

    _Ettlinger_, Karl, Herausgeber der »Jugend«, * am
    22. Januar 1882 in Frankfurt a. M., lebt in München.

      _Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant_                    83

    _Eulenberg_, Herbert, ~Dr. jur.~, * am 25. Januar
    1876 in Mühlheim a. Rh., lebt in Kaiserswerth a. Rh.

      _Die beiden Junggesellen_ (handschriftlich)               58

      _Rastrelli_ (handschriftlich)                            181

    _Federn_, Karl, ~Dr. jur.~, * am 2. Februar 1868
    in Wien, lebt in Lugano.

      _Die Banknote_ (handschriftlich)                          69

      _Der Garibaldiner_ (handschriftlich)                      87

    _Flake_, Otto, * am 29. Oktober 1880 in Metz, lebt in
    Berlin.

      _Dubonnet_, Ein Gruß an Hebel (handschriftlich)            7

    _Gleichen-Rußwurm_, Alexander Freiherr von, * am
    6. November 1865 in München, lebt in München.

      _Anekdote_ (handschriftlich)                              57

    _Henckell_, Karl, * am 17. April 1864 in Hannover, lebt
    in München.

      _Gottfried Keller und der freche Student_
      (handschriftlich)                                        162

    _Hesse_, Hermann, * am 2. Juli 1877 in Calw, lebt in
    Bern.

      _Das seltene Buch_ (handschriftlich)                     132

    _Huch_, Rudolf, Justizrat, * am 28. Februar 1862 in
    Porto Allegre, lebt in Helmstedt.

      _Ein Wiedersehen_ (handschriftlich)                       27

    _Keller_, Paul, Herausgeber der Monatsschrift »Die
    Bergstadt«, * am 6. Juli 1873 in Arnsdorf, lebt in Breslau.

      _Der ungebetene schwarze Gast_ (handschriftlich)          18

    _Lerbs_, Karl, * am 22. April 1893 in Bremen, lebt in
    Bremen.

      _Das unterbrochene Erlebnis_ (handschriftlich)           244

    _Lucka_, Emil, * am 11. Mai 1877 in Wien, lebt in Wien.

      _Sechs bayrische Reiter_                                 220

    _Mann_, Heinrich, * am 27. März 1871 in Lübeck, lebt in
    München.

      _Nino Sventatello_                                        94

      _Die Sklavin_                                            114

    _Molo_, Walter von, * am 14. Juni 1880 in Sternberg
    (Mähren), lebt in Frohnau b. Berlin.

      _Napoleons größter Sieg_                                 200

    _Rosegger_, Peter, ~Dr. phil. h. c.~, Herausgeber
    des »Heimgarten«, * am 31. Juli 1843 in Alpl, lebt in Graz.

      _Eine Abelsberger Heiratsgeschichte_                      21

    _Rüttenauer_, Benno, ~Dr. phil.~, * am 2. Februar
    1855 in Wittstadt, lebt in München.

      _Der Schutzengel des Königs_                             185

    _Schäfer_, Wilhelm, Herausgeber der »Rheinlande«, * am
    20. Januar 1868 in Ottrau, lebt in Vallendar a. Rh.

      _Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns_  142

    _Scharrelmann_, Wilhelm, * am 3. September 1875 in
    Bremen, lebt in Bremen.

      _Das Protokoll_                                           35

    _Schaukal_, Richard, ~Dr. jur.~, k. k.
    Ministerialrat, * am 27. Mai 1874 in Brünn, lebt in Wien.

      _Zwei Anekdoten_ (_Verkehr_, _Geselligkeit_)              54

      _Der Schlaftrunk_                                         73

    _Scheffler_, Karl, Herausgeber von »Kunst und Künstler«,
    * am 27. Februar 1869 in Hamburg, lebt in Berlin.

    _Vier Anekdoten_ (_Schuldner und Gläubiger_,
      _Die Witwe von Ephesus_, _Die Zeitungen_,
      _Darwinismus im Ausverkauf_; sämtlich handschriftlich)    77

    _Zwei Anekdoten_ (_Kunsterziehung_, _Spanisch_;
      beide handschriftlich)                                   127

    _Scher_, Peter, Herausgeber des »Simplizissimus« * am
    30. September 1880 in Großkamsdorf, lebt in München.

      _Der Intellektuelle_ (handschriftlich)                   238

    _Schmidtbonn_, Wilhelm, * am 6. Februar 1876 in Bonn,
    lebt in Murnau (Oberbayern).

      _Heinrich Frauenlob stirbt_                              137

    _Scholz_, Wilhelm von ~Dr. phil.~, * am 15. Juli
    1874 in Berlin, lebt in Stuttgart.

      _Begegnung mit Hebbel_                                   156

      _Aus einem alten Kriege_ (handschriftlich)               172

    _Schullern_, Heinrich Ritter von, ~Dr. med.~,
    Oberstabsarzt, * am 17. April 1865 in Innsbruck, lebt
    in Wien.

      _Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute_ (handschriftlich)   30

    _Schussen_, Wilhelm (Wilh. Frick), * am 11. August 1874
    in Schussenried, lebt in Stuttgart.

      _Die größte Kirche der Welt_                              50

      _Der lächelnde Tod_ (handschriftlich)                     75

    _Stenglin_, Felix Freiherr von, * am 18. November 1860
    in Schwerin, lebt in Friedenau b. Berlin.

      _In einem Seminar_ (handschriftlich)                      46

    _Sternberg_, Leo, Amtsrichter, * am 7. Oktober 1876 in
    Limburg a. d. Lahn, lebt in Rüdesheim.

      _Der Gesandte von Bismarck_                              209

    _Wöhrle_, Oskar, * am 26. Januar 1890 in St. Ludwig
    (Elsaß), lebt in Stuttgart.

      _Der Talisman_                                           226

      _Schwaben_                                               236



Quellen-Nachweis


(Die im Folgenden genannten Bücher haben dem Herausgeber als Quelle
gedient. In ihnen finden sich alle diejenigen Beiträge, bei denen im
Inhaltsverzeichnis der Vermerk »handschriftlich« fehlt.)

    _Enderling_, Paul, _Land an der Weichsel_. Ein Sammelbuch.
      Verlag von Reuß & Itta, Konstanz a. B.

    _Ettlinger_, Karl, _Marquis Bonvivant_. Georg Müller Verlag,
      München.

    _Lucka_, Emil, _Das brennende Jahr_. 44 Kriegs-Anekdoten.
      Verlag von Schuster & Loeffler, Berlin.

    _Mann_, Heinrich, _Minerva_ (zweiter Band der »Göttinnen«).
      Verlag von Kurt Wolff, Leipzig.

    _Molo_, Walter von, _Im Schritt der Jahrhunderte_.
      Geschichtliche Bilder. Verlag von Albert Langen, München.

    _Rosegger_, Peter, _Die Abelsberger Chronik_ (Gesammelte Werke
      Bd. 10). Verlag von L. Staackmann, Leipzig.

    _Rüttenauer_, Benno, _Graf Roger Rabutin_. Die Beichte eines
      Leichtfertigen. Georg Müller Verlag, München.

    _Schäfer_, Wilhelm, _Gesammelte Werke_, Bd. I. Georg Müller
      Verlag, München. (Dort sind auch alle _Einzel_ausgaben der
      Schäferschen Anekdoten erschienen.)

    _Scharrelmann_, Wilhelm, _Die Fahrt ins Leben_. Geschichten.
      Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin.

    _Schaukal_, Richard, _Zettelkasten_. Aus Hans Bürgers Papieren.
      _Von Tod zu Tod_. Kleine Geschichten. Georg Müller Verlag,
      München. (Dort sind auch alle übrigen Bücher Schaukals
      erschienen.)

    _Schmidtbonn_, Wilhelm, _Der Wunderbaum_. 23 Legenden. Verlag
      von Egon Fleischel & Co., Berlin.

    _Scholz_, Wilhelm von, _Die Unwirklichen_. Verlag von Reuß &
      Itta, Konstanz a. B.

    _Schussen_, Wilhelm, _Der geadelte Steinschleifer_. Verlag von
      Reuß & Itta, Konstanz a. B.

    _Sternberg_, Leo, _Der Venusberg_. Rheinische Geschichten. B.
      Behrs Verlag (Friedrich Feddersen), Berlin.

    _Wöhrle_, Oskar, _Das Bumserbuch_. Verlag von Egon Fleischel &
      Co., Berlin.



        Druck der
        E. Gundlach Aktiengesellschaft
        Bielefeld



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen:

    S. 94: sie → so
      am Boden, {so} oft verbeugten sie sich

    S. 179: furchbaren → furchtbaren
      Mit einem {furchtbaren} Anprall rannte





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