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Title: Am Sonnenwirbel - Eine Dorfgeschichte
Author: Geißler, Max
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrte
    sowie größer gesetzte Hervorhebungen im Werbeteil sind _so
    ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so
    markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



Im Verlage von _L. Staackmann_ erschien ferner:


Das Moordorf

Kulturroman in zwei Büchern von =Max Geißler=

Mit Federzeichnungen von J. v. Eckardstein

480 Seiten

5. und 6. Tausend

brosch. M. 5.--, geb. M. 6.--

=Neue Freie Presse=: »Max Geißler ist ein Dichter und Naturschilderer
von großer Begabung und außerordentlicher Gestaltungskraft. Er
versteht es, wie selten einer, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen
und Stimmungen zu erzeugen ... Er gehört zu jenen Geistern,
welche kulturelle Erscheinungen und Strömungen in ihrer ganzen
Bedeutung richtig erfassen und diese Bedeutung für die Entwicklung
der Gesellschaft mit verblüffender Genauigkeit kennzeichnen und
charakterisieren.«


Hütten im Hochland

Roman von =Max Geißler=

Mit Buchschmuck von Felix Schulze

376 Seiten

4. und 5. Tausend

brosch. M. 4.--, in farbigem Originalband M. 5.--

=Hamburger Fremdenblatt=: »Zweifelsohne wird das Buch einen bedeutenden
Erfolg haben. Man darf es getrost zu dem Besten zählen, was neuerdings
an Romanwerken erschienen ist und ich möchte dem gebildeten Publikum
zurufen: Lest dieses Werk, an dem ihr eueren Geschmack bilden könnt,
es wird euch zu einer Quelle des Vergnügens im besten Sinne des Wortes
werden!«



Im gleichen Verlag erschien ferner:


Jochen Klähn

Ein Halligroman von =Max Geißler=

2. Auflage

brosch. M. 3.--, in elegantem Leinenband M. 4.--

=Freiburger Zeitung=: »In der Naturbeseelung übertrifft Geißler
in seinem Buche all unsere modernen Dichter. Diese Gabe der
Verlebendigung, überhaupt sein inniges Verhältnis zur Natur, das sich
auch sonst in seiner Lyrik offenbart, kam ihm bei der Schilderung eines
Volkes, das mit all seinem Denken in der Natur leben und weben muß,
vortrefflich zu statten. Die sprachliche Darstellung ist über alles Lob
erhaben. Wir besitzen nur wenige Romane, die in einer so poesievollen
künstlerischen Prosa geschrieben sind.«


Tom der Reimer

Eine romantische Geschichte aus alter Zeit von =Max Geißler=

2. Auflage

brosch. M. 4.--, geb. M. 5.--

=Leipziger Tageblatt=: »Hier im ›Tom der Reimer‹ romantische
Schönheitskunst nach der alten Schule und doch mit ergreifenden
wunderschönen neuen Bildern. Der Bilderreichtum ist es auch, der diese
Erzählung zu einer bedeutenden Erscheinung hoher Formenkunst macht.«



    Am Sonnenwirbel

    Eine Dorfgeschichte

    von

    Max Geißler

    Zweite Auflage

    [Illustration]

    Leipzig

    Verlag von L. Staackmann

    1906



Alle Rechte vorbehalten


Druck von C. Grumbach in Leipzig



[Illustration]

1. Kapitel.


Der Frühling hat dem Zachenhesselhans sein Weib umgebracht.

Der Zachenhesselhans hat das kommen sehen und hat's den Waldleuten
schon im Winter gesagt: die Märzstürme werden das müde Lebenslämplein
der kranken Frau ausblasen. Und die Märzenstürme brausten über das
Gebirg und brachen die Forsten.

In der einen Nacht, in der die Bäche in die Täler stürzten und das
Donnern in den Wäldern war, weil die große Schlacht auf dem Kamm des
Gebirgs geschlagen wurde, in welcher der Frühling Sieger blieb, da
ist's geschehen. Alle Ritzen hat der Sturm gefunden -- waren ihrer
viele im morschen Haldenhause -- und hat darauf geblasen. Wilde
schauerliche Lieder hat er gewußt, und droben, zwischen Schindeldach
und Giebelwand, hat er mit einem Arm hereingelangt und das wehende arme
Flämmlein ausgedrückt.

Droben unter dem Schindeldach auf dem Stroh ist der Zachenhesselhans
mit seinem Weibe gelegen.

Weil der alte Mann in den Sturm lauschte, um zu hören, ob der wilde
Waldläufer das Dächlein des Zechenhäusls eintreten oder mit seinen
Armen packen und in den rauschenden Bergwald werfen wolle, vernahm er
gar nicht, wie das müde Leben an seiner Seite leise verwehte.

So ist es gekommen, daß der Zachenhesselhans mit seiner toten Frau
redete bis das Grau der Morgenfrühe durch das Schiebfensterlein des
Giebels rann. Und der Tag, der sich durch die verstaubten Scheiben
tastete, hinter denen im Spinngeweb ein vorjähriger Sommervogel hing,
sagte dem Zachenhesselhans ins Ohr:

»Alter, schau Dich nach Deinem Weib um. 's hat all die Zeit her kein
Wörtl für Dich gehabt. Geh, schau fei nach -- ich mach Licht!«

Da hat sich der Zachenhesselhans, der auf dem Stroh lag, auf den
rechten Arm gestützt und sich über die Frau gebeugt.

»Du,« sagt' er, »'s möcht Zeit sein zum aufstehen.«

Und wie er sich tiefer über das welke Gesicht neigte, wehte darüber
nicht mehr der warme Hauch des Lebens.

»Du,« wiederholte der Alte sanfter. Er hatte sein Weib durch vierzig
Jahre nicht zweimal rufen müssen. Und wie er ihr seine harte Hand
auf die Stirne legte und hernach auf die Brust, da wußte der
Zachenhesselhans, daß er fortan seinen Weg allein zu gehen habe.

»Na,« sagt' er, »'s ist so nimmer weit. Ins Grab werd' ich mich allein
finden. Aber Du, Du hast all Dein Leid und Freud mit mir geteilt und
nun zum End bist mir so heimlich davongegangen, gar um die Mitternacht
und bei dem Mordssturm ... Ich hab's eh gewußt: wir beide werden fei
nimmer Seit' an Seite mit der Kraxen den Berg heraufsteigen.«

Dann erhob sich der Zachenhesselhans vom Stroh, nahm die Mütze vom
Nagel und ging barfuß in die graue Frühe. Vor dem Haldenhäuslein hatte
der Wind eine Fichte über den Pfad gelegt und da noch eine. Der alte
Mann hielt ein wenig Umschau. Da herein war die Schlacht geschlagen
worden. Wer weiß, wie weit in den Forst, wer weiß, wie tief in das Tal.

Er stieg über die gefällten Fichten; die Kronen der Waldbäume warfen
einen Schauer von Eiskörnlein und silbernen Regenkugeln über ihn.

Er ging über den Holzschlag, er ging lehnan bis an die Hütte, die an
der Berghalde über dem Zechenhäusl liegt. Die nennen die Leute die
›Unruhe‹.

Als der Helari, der drinnen mit dem Span das Stalllämplein gähnend
antat, die Haustür in den Angeln kreischen hörte, wendete er lauschend
den Kopf:

»In der ›Unruhe‹ liegen sie noch auf dem Stroh. Hätt'st fei gern was,
Zachenhesselhans?« fragte der Helari. Er blies den Span aus und schloß
das Türlein der Windlaterne.

»Die Mali ist mir diese Nacht davongegangen -- ganz heimlich. Ich hab's
eh gewußt: der Frühling bringt mir mein Weib um.«

Der Alte setzte sich auf die Ofenbank, zog die Pfeife aus der Tasche
der Lederhose und tat schweigend das Schnürlein vom Beutel. Während er
stopfte und den Span, den der Helari immer noch in der Hand gehalten,
am Stalllämplein in Brand steckte, und während er den grauen, süßlich
riechenden Tabakrauch zwischen den Lippen hervorstieß, fuhr er fort:

»'s ist fei eine schlimme Nacht gewesen, Helari. Ich hab gemeint, es
wollt mir das Zechenhäusl gar forttragen.«

Darauf forschte der Helari, wann's gewesen sei, daß der Mali das Herz
gebrochen. Der Alte schlug den Deckel der Pfeife auf und drückte mit
der Spitze des Mittelfingers auf die Glut. »Klapp« machte der Beschlag
des Pfeifenkopfes und »hm« sagte der Zachenhesselhans, »denkst etwa,
die Mali hat ein Wörtl gered't? Ganz leis hat sie sich von dannen
gestohlen und hat mir fei nimmer den Abschiedsgruß vergunnt. Solch ein
Einschlafen -- wenn einer haben könnt' ...«

Die Holzstiege herab, die auf den Hausflur führte, stieg dem Helari
sein Weib. Die Resl hatte droben die Männerstimmen vernommen; nun wußte
sie schon: die Mali ist in der Nacht gestorben und der Zachenhesselhans
ist da und will zum Leichetragen bitten.

Die beiden Kühe im Stalle klirrten mit den Ketten, und die Schweine
meinten, es wär eh Zeit zum füttern. Draußen lehnte der Morgen grau und
mißmutig an den Scheiben.

»Nun haben wir wahrhaftig auf eine Pfeif Tobak beisammengestanden,«
sagte der Alte vom Zechenhaus und klopfte den Pfeifenkopf am Rohr
aus. Dann stopfte er von neuem, glomm an und schritt barfüßig in die
Frühdämmerung. Hinter der ›Unruh‹ stieg er den Wiesenpfad empor; ein
schmaler Steig war's, über den sich da und dort noch ein Streifen
schmutziger Schnee spannte. Der Märzwind schlug klirrend Eis und Regen
in die Bergnebel. Droben aus den Sonnenwirbelhäusern rann müdes Licht
in das träge Grau der Frühe. Manchmal warfen die Nebel ihre Netze
auf das Bächlein Licht, das von dort in die Graudämmerung floß. Da
versiecht' es. Dann war's wieder da. Und der Märzenwind heulte über die
Halden und die Nebel flatterten wie zerfetztes Linnen in den triefenden
Tag.

Auf dem Sonnenwirbel erzählte der Zachenhesselhans, was ihm die Mali
angetan, und bat zum Leichetragen. Der Peter, den sie den Einräumer
nannten, weil ihm die Pflege und Räumung der Straße nach dem Keilberg
oblag, kraute sich hinter den Ohren als er's hörte.

»So möcht' kein Frieren werden die Tage her,« hub er an, »daß wir mit
dem Sarg fei heil die Halden hinabkommen.«

Und die Mahm, was die Mutter vom Peter ist und die Großmutter vom
Peterl, setzt ihr Tranlämplein auf die Ofenbank und sich daneben,
faltet die Hände im Schoß und spricht ein leises Gebet.

Nur die Schatten liefen lautlos über die Wände, und nur die Uhr im
Kasten konnt' ein Wörtl reden: tot -- tot -- tot, sagte sie.

Wie die dreie eine Weile geschwiegen, gingen der Zachenhesselhans und
der Peter zum Hachtl und zum Wurzltonl. Die hausten mit ihren Frauen
und ihren Kindern in der andern Hütte am Sonnenwirbel. Nun wußten die
Waldleute miteinander: wir haben eine Leiche und am Freitag ist der
Grabgang.

Darauf glomm sich der Zachenhesselhans die Pfeife an und schritt
kreuz und quer den Waldhang hinab. Der Wiesensteig durch das borstige
Gras ist glitschig; da kann einer im Rauhnebel nicht zu Tale. Auf dem
Nadelgrund des Bergwalds ist leichter schreiten.

Wie der Alte ins Zechenhäusl trat, lief der Tag hinter ihm drein und
der Wind warf einen Haufen moderduftigen Nebel nach. Der kroch in den
Flur, der kroch in die Stube.

Der Zachenhesselhans ritzt ein Zündholz an der Lederhose an und legt
Feuer in den Kachelofen. Das Reisig knackt. Eine Weile kniet der Alte
vor dem Ofenloch; dann wirft er eine Wurzel in den Brand und noch eine.
Er geht vor die Tür, wo der Wind den Wasserstrahl vom Röhrbronnen
reißt, und schöpft. Er setzt den Topf in den Ofen und geht in den
Stall, die Kuh zu besorgen. Die brummt, als sie den Hans erschaut.

»Du, heut kommt ein andrer zum melken, Scheck, die Mali ist uns
verstorben. Und wir zweibeide werden nimmer lang mitsammen hausen.«

Wie der Zachenhesselhans so redet und der rotweißen Kuh das Heu in die
Raufe wirft, zittert ihm die Stimme.

»'s ist fei anders worden übernacht. Vielleicht, daß sie Dich beim
Hachtl auf dem Sonnenwirbel brauchen können.«

Dann schwenkt der alte Mann am Röhrtrog den Melkkübel aus, der draußen
auf ein Zaunlättlein gestülpt ist, setzt sich unter die Kuh auf den
Schemel und die weißen Milchbrünnlein zischen in die Gelte.

»Wenn die Mali erschaut, daß sie Dich aus dem Zechenhäusl treiben, tut
ihr meiner Seel noch einmal das Herz weh. Aber dies Leid müssen wir ihr
fei antun, der Mali, Scheck! Wir zwei -- das tät eh kein gut.«

Der Zachenhesselhans schob das Türlein empor, durch das die Hühner
schreiten. Die lauerten schon lange vor dem verschlossenen Pförtlein;
denn durch das Fenster über der Stalltüre schaute der lichte Tag.

Im Hausgang spann der Nebel, spann um die unteren Stiegen, kroch aber
nicht die Treppe hinan -- weil ein Toter droben ist?

Der Zachenhesselhans schloß die Stubentür hinter sich und brach Brot
in die Milch, zum Frühsüpplein. Während er den Löffel am Schüsselrand
abstrich, gingen seine Augen hinaus in den Nebel. Die Bergfichten
schwankten, und die Wipfel quirlten in dem triefenden Grau. Alle Gipfel
waren verhängt. Der alte Mann fand keinen Weg in die Weite.

»Daheimbleiben, Zachenhesselhans,« sagte er, »daheimbleiben! Was Du
zu sorgen hast, ist im Zechenhäusl. Wird eh wieder ein Sonnenstrahl
kommen? Wohl, wohl. Aber bis in die Tage der Sonne ist ein langer
stiller Weg.«

Dann wischte der Alte den Blechlöffel am Joppenzipfel sauber und hing
ihn in den Einschnitt am Zinnbrett. Er schwenkte das braune Schüßlein
am Brunnentrog und stürzt' es auf den Ofen, damit's ablaufe. Dann stieg
er die Holztreppe empor.

Da liegt die Mali auf dem Stroh wie vorhin, und der Tag streichelt ihr
mit der kalten Hand die bleiche Stirn.

An der anderen Giebelwand, an der auch die alte Harfe lehnt, die die
Mali in ihren jungen Jahren gezupft hat, weil sie mit den Ihrigen
landfahrend war, steht der Sarg. Es ist allerhand Holz und sind
mancherlei Abfälle darum- und darübergestapelt.

Der Zachenhesselhans trägt alles beiseit -- leise, leise; denn die
Mali schläft. Mit dem Gansflügel streicht er den Staub zusammen und
die Spinnweben, die das Leben um den Sargdeckel gewoben. Dann trägt er
den Deckel und hernach das Sargbette die Holzstiege hinab, richtet den
Sägebock und den andern, auf dem er des Winters den Hafer ausschlägt,
und stellt den Sarg darauf. Hier soll die Mali liegen die drei Tage.
Und er tut ihr das schwarze Feierkleid an und nimmt die tote Frau in
die Arme. Er trägt sie die Stiege hinab und bettet sie.

»Nun ist Ruh',« sagt' er, wie er sie hingelegt hat, »nun will ich Dir
den Schlaf nimmer stören, Mali.«

Und er faltet ihr die Hände über den Schoß und geht hinaus, bricht
grünes Fichtenreis einen Armvoll und breitet's um die Tote.

»'s ist die letzte Lieb', die ich Dir tun kann, Weiberl, fei die
letzte,« sagt er und drückt der Toten die stillen kalten Hände. Und
wie der Zachenhesselhans die harzduftigen Reiser um sie legt, fallen
seine Tränen in das frische Grün. --

Am Freitag klang von St. Joachimsthal herauf das Sterbeglöcklein.
Das gab dem stillen Zuge das Geleite durch den Wald. Wie sie über
die Pfarrwiese schritten, setzten sie den Sarg ab und hinter dem
Forsthäuslein noch einmal. In den Wipfeln rauschte der Frühlingssturm;
der Frühlingssturm sang um das Grab, und der Frühlingsregen sprühte
hinein.

So haben sie die Mali aus dem Zechenhäusl begraben.

Nun war der Zachenhesselhans allein mit sich und seiner Einsamkeit.

Die rotweiße Kuh trieb der Hachtl am selben Abend in das
Sonnenwirbelhaus.

»'s wird Dir eh schwer werden, Dich von dem Vieh zu trennen,« sagte
die Resl, die mit dem Helari von der ›Unruh‹ herabkam, als der Tag
in den Wipfeln auslöschte. Die beiden waren dem Hachtl beim Auftrieb
zum Sonnenwirbel begegnet. Die Resl tat eine Handvoll Reiser in den
Brand und der Zachenhesselhans nahm aus dem Wandschränklein einen
Trunkelbeerschnaps.

»Mögt's einen?« fragte er.

»Gib her einen!« sagte der Helari und tat einen Zug. Der Alte steckte
das Tranlämplein an. Aus den Kacheln spann wohlige Wärme.

»Seid alle Weil mitsammen im Zechenhäusl gewesen,« meinte die Resl.

»An vierzig Jahr.«

»So geht die Zeit! Da ist mein Vater selig noch angefahren.«

»Wohl, wohl. Und dann war's mit dem Bergbau zu End'. Aus den
vierhundert Bergleuten wurden vierzig, aus den vierzig vier, -- und
dann hat das Klöppeln angefangen und das Landfahren der Männer. Sind
alle heimatlos worden! Damals ist der Zachenhesselhans gekommen und
hat die Mali gefunden. Das ist fei nix, hab ich gesagt, Mali, wir
bleiben daheim und schaffen im Wald; ich geh pechen oder meilern,
und Schwämme und Beeren und Holz hat der Wald für uns zwei genug. Da
haben wir uns das Zechenhäusl erstanden, weil's ja doch verfallen
wär so mitten im Wald, wenn kein Schichtglöckl mehr ruft, und sind
mitsammengangen vierzig Jahr. Aus dem Hans Günther vom Zechenhäusl ist
der Zachenhesselhans worden und aus der Zachenhesselmali ein totes
Weib. Gott geb Dir ruhsamen Schlaf, Weiberl! Am Ende find't einer
Deinen Weg auch bald.«

Der Zachenhesselhans goß einen neuen ›Beißer‹ ins Kelchlein, und der
Helari trank ihn. Dann schüttelte er sich bis ins Herz hinein.

»So einer hält warm,« meint' er. --

Als der Alte vom Zechenhaus am andern Morgen aus der Türe trat, rann
vom Bornständer ein silberner Strahl gleichmäßig in den Trog. Wenn das
Wasser so im Gleichmaß fällt, ist der Bergwind in den Wald gelaufen und
verschläft sich. Die Fichtenwipfel schwangen ganz leise und die Nebel
hingen träge darin. War auch ein sanftes Zirpen im Geäst.

Der Zachenhesselhans, wie er das vernahm, spitzte die Ohren und ging
ein Stück hinüber in die Fichten. Da war das Zirpen wieder, in allen
Bäumen war's. Der Hans tat die Hand vom Ohr und sagte:

»Nun hat einer keinen Leim im Haus! Wart ein bißl -- den werden wir
gleich haben.«

Er ging eilig zurück in die Hütte.

»Ein Flug Märzenzeisige ist am Sonnenwirbel ein rar Ding; aber gut sind
sie und dauerhaft; denn sie haben den Bergwinter überstanden. So ein
Sommerzeisig, der keinen ordentlichen Rauhreif aufs Röckl gekriegt hat,
der ist für die andern.«

Während das Leinöl und das Fichtenharz im Tiegel über den Flammen
kochte, trennte der Alte einen Ast vom Vogelbeerbaum hinter dem
Zechenhaus, säuberte den von den Zweigen und tauchte diese in den
verkühlenden Leim aus Harz und Oel. Dann steckte er sie sorgsam von
neuem in den Ast.

»So, damit wären wir fertig. Und nun Hansl, jetzt hilf Du,« sagte der
Alte und nahm den spannenlangen Käfig vom Fensterstein. Er spitzte den
Mund -- ›piep‹ machte der Vogel.

»Schön, schön,« sagte der Zachenhesselhans, »sehr gut. Dich setzen wir
im Käfig oben ans Aestlein. Siehst Du, soo -- und wie lockst Du?«

Der Vogel antwortete.

Auf den Zehen schlich der Alte über den Schlag und steckte den Ast in
den Waldgrund. Hinter der niederen Fichte, hinter welcher der Wind vor
Tagen den Stamm umgelegt hatte, hockte und lockte der Hans. Der Vogel
im Käfig antwortete.

»Gut so,« und »brav«, lächelt der Mann auf der Lauer und tut sich sein
Pfeifl an. Am Ende könnt einer sein Morgensüpplein dabei kochen, denkt
er.

Und weil der Wald still und nur der Lockruf des Gefangenen hörbar
ist, eilt der Vogelsteller in die Hütte. Milch -- ja so, eine Milch
ist nicht mehr im Zechenhaus; denn die Rotscheck steht auf dem
Sonnenwirbel. Jetzt -- einen Kaffee haben wir im Waldhaus und auch
eine Zichorie. Tut der Hans die Kaffeemühle vom Wandbrett und hebt
an zu mahlen, ein Viertel Kaffee und drei Vierteile Zichorie hinzu.
Wie das Wasser im Topf brodelt und ungebärdig gegen das Stürzlein
schlägt, denkt der Mann: jetzt ist der ganze Strich Zeisig auf den Leim
gegangen! Nun meiner Seel, wo sind denn alleweil so viel Käfige?

So, noch ein Schub siedend Wasser über das Seihtüchlein, aus dem der
braune Trank rinnt, und dann hinauf unter das Dach. Da hängen sie --
eins, zwei, drei -- neun Stück. Wird ohnehin nicht nothaben.

Der Zachenhesselhans tut die Gebauer von der Wand und vom Gebälk und
bläst einmal herzhaft durch jeden hindurch.

Da kommt die Sonne wahrhaftig über den Berg! Dort, wo der Nebel über
dem Walde brennt und das goldene Wirbeln und Wogen in der Frühluft ist,
dort kommt sie. Die Zeisige haben das früher gewußt als der Hans und
sind darum durch den Bergwald gestrichen der Sonne entgegen. Sieh da,
schon einen Haufen Gold wirft sie an das Giebelfenster!

Und so oft der Zachenhesselhans durch die Stäblein eines Käfigs bläst,
geht eine Wolke Staub heraus: die Mali hat ihr Tag einen Zorn gehabt
auf das Vogelstellen, darum hat die Zeit die Käfige eingestaubt.

Unten in der Stube hat der Hans die neun Gebauer auf den braunen Tisch
gestellt, probiert die Türlein und gießt Wasser in die Schalen und gibt
Körner daneben. Ueberdem nimmt er einen Schluck Kaffee und tut auch
einen Zug am Pfeiflein. Und jetzt -- die Wohnhäuslein sind bereit, wenn
wir nur erst die Vögel hätten!

Schon auf dem Flur und über die Schwelle der Haustür geht der
Zachenhesselhans auf den Zehen -- als ob uns einer das Vogelstellen
lernen müßte!

»Kruzitürken!«

Der Zachenhesselhans hält den Atem an und tut die Hand um das Ohr. Da
ist besser lauschen. Die Fichten haben doch immer ein Wörtl mit dem
Wind zu reden oder eins untereinander und vor allem jetzt, wenn der
Bergwind der Sonne voraufläuft und die Nebel in das Gras und die Gräben
drückt.

»Jetzt -- da!«

So schnell ist der Zachenhesselhans seintag nicht über den Hau in die
Fichten gelaufen. Der Locker schreit, und auf dem Leim sind sie --
eins, zwei, drei, sechs muntere Zeisighähne! Und da unten im Gras
kreischt noch einer; der ist mit dem Rütl zu Boden gefallen. Und da --
ja was ist denn das? Auf dem Rücken liegt einer, mit beiden Flügeln
am Leim -- das ist ja ein Grünetz, das ist ja ein Kreuzschnabel! »Ei,
Freundl, wie bist denn Du da auf den Leim gekommen? Auf Dich hab ich
lang genug gepaßt.«

Der Zachenhesselhans hält einen Augenblick inne -- »März? Ach was, Du
hast jetzt keine Arbeit mehr in der Familie. Die Kleinen sind schon
im Februar flügge geworden, gelt, Bürschl, und jetzt hast Zeit, ein
Gelehrter zu werden. Frei kommst mir nimmer.«

Mit dem Kreuzschnabel eilt der Hans zuerst in die Hütte.

»So, da hinein, das ist Dein Häusl fortan.«

Dann nimmt der Hans unter jeden Arm drei Käfige und ist schon wieder
drüben beim Fang. Einer nach dem andern wandert hinters Gitter.

»Wart, Du kommst eh dran.«

Und einen nach dem andern tut der Hans in der Hütte aus dem Käfig und
säubert ihn.

Ein Schreien und Flattern gibt's und der Zachenhesselhans sucht die
schönsten Wörtlein hervor. Weil die Vögel aber nicht Ruhe geben wollen,
rückt er die Käfige voneinander und deckt jeden mit einem dunklen
Tüchlein zu. Dann sinnt er auf das beste Flecklein in der Stube -- das
soll der Grünetz haben. Und der Grünetz soll brav Kunststücke lernen.

[Illustration]



[Illustration]

2. Kapitel.


Der Zachenhesselhans hat sich ein fichtenes Stämmlein im Walde
geschlagen. Dazu muß einer ausgehen, wenn der Waldheger unlängst des
Weges gezogen. Hat eh seinen Zorn auf die Waldheger, der Hans! Vordem
sind so Leute weithin nicht gewesen im Gebirg, und der Forst ist
dennoch gewachsen wie heut auch, nur daß den Leuten, die daherum in
der grünen Bergeinsamkeit daheim sind, das Leben ein wenig lustiger
erschienen ist, als heutzutag. Aber --: verzürnen wir uns nicht
über die Heger, denkt der Hans. Es ist noch Raum genug für einen
rechtschaffenen Wäldler trotz derlei Leut, und ist auch Zeit genug, zu
treiben, was einer mag.

Freilich, vordem, da ist einer wie der Zachenhesselhans wohl auch
einmal auf das Rehböcklein gegangen und hat rechtschaffen genau
gewußt, wo und wann das Böckl auf den Hau heraustritt. Wenn der Hans
aus dem Zechenhäusl einmal den Stutzen hochgebracht, dann: gute Nacht
Du liebes fröhliches Waldleben! Ein Krach -- und noch ehe das Echo in
den Schründen sich verlaufen, hat der Bock auf dem Rasen den letzten
Schnaufer getan.

Wenn einer jung ist! denkt der Hans. Aber halt der Schnee, der einem
ins Haar schneit, und das Augenlicht! Ist nicht alles mehr wie vor
vierzig Jahren. Und just auch das Denken -- ein Bürschl von zwanzig
Jahren denkt anders als eins von sechzig.

Der Zachenhesselhans, der gerade dabei ist, mit der Axt die Aeste von
dem Fichtenstämmlein zu trennen, hält ein wenig inne.

Ist da nicht einer durchs Holz gegangen?

An solch einem Abend, wenn die letzte Sonne rot in den Wipfeln brennt
und der Heuduft von den Halden ganz leise hereinschwimmt in den
Harzhauch der Wälder, da hört einer die Gräser reden und die goldenen
Tropfen des Abendlichts aus den Fichten ins Moos fallen.

Der Zachenhesselhans lehnt die Axt an den Hackstock und schleift das
Fichtenstämmlein an die Hüttenwand, wo der Graben herniederläuft. Dann
schiebt er mit dem Fuße das Brett darauf, das auch sonst den Graben
deckt.

Er geht ein Stück über den Schlag bis in die Fichten und glimmt sich
sein Pfeifl an. Die Flamme am Zündholz drückt er sorgsam mit Daumen und
Zeigefinger aus.

»Der hätt's eh sagen können,« meint der Hans und schaut dem Mann eine
Weile zu, der durch Heidekraut und Schwarzbeeren den Waldhang herauf
sich einen Weg sucht.

»'s geht eh schwer, Mannl, mit so einem Hücklein Jahre auf dem Rücken.
Da hat sich einer gewöhnt, bergein zu laufen.«

»Wohl, wohl,« sagt der Mann und hält im Steigen inne, indem er sich auf
seinen Wanderstock stützt.

Der Zachenhesselhans sieht: der Alte kommt aus dem Niederland, denn
sein Stock hat die Tage daher noch als junge Erle an einem Wiesenbache
gestanden. Und Erlen wachsen im Waldgebirg nimmer.

»Grüß Gott,« sagt der aus dem Zechenhaus, »grüß Gott!« und reicht dem
Alten die Hand entgegen. »Kommst fei weit her und hast Dich zum ersten
Mal ins Waldland verlaufen?«

»Fei nit,« antwortet der andere, tut die Gitarre vom Rücken und setzt
sich ins Moos.

»Hui,« sagt der Zachenhesselhans, wie er so reden hört, »bist gar ein
Waldleutl und landfahrend gewesen die Jahre her?«

»'s mag wohl sein,« darauf der andere.

»Leicht auch so einer von denen, für die 's Waldland zu arm war und die
draußen ums Geld singen und Saiten schlagen? Mannl, die finden sich
alle wieder heim ins Gebirg! 's geht ihnen am besten da, wo sie daheim
sind. Wohin willst denn noch diesen Abend?«

»Je nun,« sagt der andere, »auf's Zechenhäusl und die Mali wiedersehn.«

»Wen willst sehn? Die Mali? Da bist ein wenig zu lang außen geblieben.
Die Mali ist mittlerweile davongegangen.«

Der Zachenhesselhans faßte sich an die Stirn.

»Davongegangen sagst?« fragte der andere.

»Freilich. Der Frühling hat sie mir umgebracht, wie er ins Waldland
fuhr. Im fünften Monat schläft sie nun. Aber Du -- ich besinn mich,
bist doch nicht der Mali ihr Bruder, von dem sie gesprochen hat, als
wär er tot?«

»Der dürft ich wohl sein. Jessesmaria, der Weg war weit! Und nun --
er ist doch nur gegangen worden, daß einer wieder drauf heimkommt ins
Stückl Welt, auf dem er jung geworden. Und so bist Du der Hans Günther,
der die Mali gefreit hat?«

»Der bin ich, der Zachenhesselhans. Wie sie drinnen in Gottesgab
das Häusl verkauft haben, aus dem die Mali heraus ist und das dem
Schmied-Seff gehört hat, haben wir uns das Zechenhäusl im Bergwald
gekauft. Wirst Dich fei wundern: allerhand andere Leut sind wohnhaft im
Waldland und nur hin und her ist noch einer, der von Dir, dem Josef,
redet. Sie heißen Dich, weil Du der Sohn vom Schmied-Seff bist, den
Schmied-Seff-Pepp. Sind ihrer aber nimmer viel, Alter, die von ihm
wissen. Wenn einer länger als vierzig Jahr mit dem Singspiel durch
die Welt gefahren, zählt er im Bergwald zu den Toten. Na, weil der
Schmied-Seff-Pepp sich nur wieder heimgefunden! Er wird woltern Hunger
haben, der Seff?«

»Wohl, wohl,« entgegnete der Alte, nachdem er eine Weile sinnend aufs
Waldmoos gestarrt, »Hunger, daß es einer haußen hört.«

»So komm, Mannl! Reichlich war's im Zechenhäusl nie, aber für zwei
hat's noch immer gelangt.«

Der Zachenhesselhans reichte dem müden Manne die Hand und zog ihn vom
Waldboden empor.

Die Nacht kroch hinter den Schreitenden drein, kroch aus den Tälern
über den Fichtennadelgrund und drückte die Sonnenflämmlein aus, die in
dem Heidelbeerkraut brannten oder goß silbernen Tau über das goldene
Licht, das da und dort aus dem Geäste geronnen. Sie hing ihre Schleier
in die Bergfichten. Sie blies die Sonnenfeuer aus, die noch auf den
Wipfeln wehten.

Aus dem Schornstein des Zechenhauses stieg ein Wirbel bläulichen
Herdrauchs. Stieg auch einer über dem Schindeldach der Unruhe. Die
kräuselnde Rauchsäule droben auf der Unruh stand kerzengrad gegen
den reinen Sommerhimmel. Aber das Schindeldach der Hütte hielten die
Fichten dem Zechenhäusl verborgen -- »'s möcht neidisch werden sonst,
das Zechenhäusl,« sagte der Zachenhesselhans, »denn von den Schindeln
sieht einer auf dem Zechenhaus fei nix mehr. Die hat ein grünes Moos
weich übersponnen, aus lauter Lieb zum Zachenhesselhans, damit im
Winter der Schnee nicht auf sein Strohbettlein stiebe.«

An jenem Abende tat der Alte vom Zechenhause das Schwammsäckl vom
Balken über dem Ofen und kochte dem wegmüden Landfahrer ein duftig
Pilzsüpplein.

»Die Schwämme hat die Mali im letzten Herbst noch eingebracht, Mannl,«
sagte der Zachenhesselhans. »Hat eh nicht geglaubt, daß sie dem
heimkehrenden Bruder ein Nachtmahl bereitet damit.«

Dann ging die Stille durch die Stube, weil sich Herzen mit einer Toten
beredeten.

Sie hatten ihr viel zu sagen; denn das Schweigen war lang und
tief. -- --

»So,« hub der Hans nach einer Weile wieder an, »die Gitarr will ich
derweil an den Nagel hängen. Nicht, weil ich ein Liedl nicht möcht,
sondern weil ich mein': ihr zwei versteht Euch wohl miteinander
aufs Fahren, aber nicht aufs Seßhaftsein. Und jetzt, wenn Du Dein
Schwammsüppl weghast, möcht sie wohl gar zu Dir ein Wörtl reden und
Dich gemahnen: Sepp, fahren wir heut nimmer? Einer, der heimatlos
worden, und sein Lebtag kein Stückl Land gebaut und liebgehabt hat,
der kann solch ein Reden nicht hören. Für den ist das ein Locken,
unwiderstehlich, mein' ich. Aber, ich denk, Mannl: wir zwei bleiben
eine Zeit mitsammen im Zechenhäusl. Und eh die Gitarr und Dein
landfahrend Herz auf Deine verlaufene Seel einreden, vergunnst mir
wohl ein Wörtl. Wenn's ein wenig poltert, na -- so laß Dir's nix
machen. 's ist nit bös gemeint, Mannl. Aber weißt Du, eine Lust mach
ich mir drauß. Jetzt -- auf so einen, wie Du einer bist, hab ich fei
lang gepaßt. Nu läuft er mir justament in die Quer. Und wenn ich nicht
gedacht hätt, Du wolltest Dich erst mit der Mali ein wenig bereden,
weil Du so vierzig Jährlein keine Zeit dazu gehabt hast, hätt's schon
begonnen -- ich mein': das, was wir zwei miteinander zu reden haben.

Ich hab mir nämlich da in meiner Bergeinsamkeit ein Exempel gemacht.
Wie ich zwanzig war, hab ich mit rechnen angefangen und hab damals
gedacht: Hansl, hab ich gedacht, Dein Exempel stimmt nicht. Und
hernach, so oft's mir schlecht gegangen ist im Wald -- 's laßt sich
zählen, Mannl! -- hab ich wieder gemeint, die Rechnung stimmt nicht.
Aber: die Rechnung stimmt doch, stimmt, und Du bist mir die Probe
darauf. Siehst Du, hast 's woltern weit gebracht: bist die Probe auf
das Exempel, über dem der Zachenhesselhans sein Leben lang gerechnet
hat. Und was dabei rausgekommen, Mannl? Viel is fei nit.«

So, die Gitarr hängt in der Ecke am Nagel. Der Landfahrer sagt: dort
könn' er sie sein Lebtag nimmer entdecken.

»Hui,« macht der Zachenhesselhans, »warum denn nicht?«

»Ja,« antwortet der Musikmann, »von dem allen, was ich dermaleinst mit
aus dem Wald genommen, hab ich nicht viel wieder mit heim gebracht.
Zwei frohe blanke Augen sind auch dabei gewesen -- sind aber draußen
geblieben. Und die, die ich wieder hereingetragen, die mögen fei nimmer
wert sein, daß einer sich noch lang damit schleppt.«

»Hui,« sagt der Zachenhesselhans noch einmal, »Mannl, Du hebst mir nit
fein zu singen an! Und deswillen bist landfahrend worden?«

»Wenn einer am End vom Wege steht, ist er alleweil klüger als am
Anfang,« entgegnet der Sepp und zuckt wehmütig mit den Achseln.

»Ich denk, heut ist eine Nacht, die man vorm Häusl verbringen kann.
Sind nicht viele daheroben, wo der Bergwind König ist. Und wenn der
Wind sich irgendwo verschläft, so ist's ein Nachttau, der fällt, daß
die Fichten triefen,« sagt der Alte vom Zechenhaus und schreitet mit
dem wandermüden Manne hinaus vor die Hütte.

Auf der braunen Holzbank ließen sich die beiden nieder. Der
Zachenhesselhans glomm sich die Pfeife an, guckte noch einmal nach dem
Dach, über dem noch immer die Rauchsäule stand und meinte:

»Zu dritt rauchen sie ihr Abendpfeiflein: der Zachenhesselhans, das
Zechenhäusl und die Unruh. Das Zechenhäusl aber möcht 's ausgehen
lassen vorm schlafenlegen. Plauschen wir ein bißl, mittlerweile raucht
's aus.

Und Du, Mannl, Du hast 's vor mehr denn vierzig Jahren gar nimmer
aushalten können im Waldland, in dem Du zuerst auf Deinen Beinen
gestanden? 's ist Dir damals schlecht gegangen, gelt, fei schlecht?«

Der Zachenhesselhans zwickt Dich, Schmied-Seff-Pepp! Jetzt -- wenn
Dir's weh tut, halt still; denn der Zachenhesselhans will Dir Einstand
geben. Der Mali ihr Platz ist noch leer, und ein Oertl, auf dem Du
daheim bist, tät Dir not und wär Dir schon recht. Jetzt -- Seppl, wenn
der Alte vom Zechenhäusl wieder zwickt, halt still!

»Dein Vater selig is der Schmied in Gottesgab gewesen und sein Jüngl,
das sie auch Josef nannten, das war der, dem an seinem Vater das
rußschwarze Gesicht nit gefiel. Ei, hat der gedacht, das Saitenschlagen
ist eine feinere Kunst als das Eisenschlagen und das Liedlsingen
leichter als das Hammerschwingen. Und dem Seppl ward's zu eng im
Waldland; denn er war klüger als seine Leut.

Da nahm er eines schönen Tags das Singspiel auf den Rücken: ade, Vater,
und: lebt's schön wohl, Mutter, tat sich sein neues grünes Hütl auf,
gab noch ein paar schöne Federn drauf und fort ging's. 's führen viel
Wege vom Gebirg.

Und wie der Seff-Pepp in die Stadt kommen ist -- beim Karlsbad wird's
angefangen haben, und dann hinein ins Deutschland; denn das Waldland
zwischen Fichtelberg und Keilberg, Plessen und Spitzberg ist ja so
gar eng -- jetzt, hat er gedacht: das grüne Hütl aus dem Bergwald
taugt nix, und die Joppen aus der Waldöde ist nicht fein. Da muß ein
neues Hütl sein und ein glattes Jäcklein; denn des Abends spielt der
Seppl auf in den Gasthäusern. Jetzt -- da hat er sich mit andern
zusammengefunden, die nirgend und überall daheim sind. Seine Sprache
hat ihn verraten. Und da haben die Leutlein aus dem Erzgebirg eine
»Wiener Damenkapell« zusammengestellt. Sowas klingt großartiger im
Deutschland. Wer weiß denn, daß so Leutlein, wie ihr, aus dem Waldland
kommen? Na, und jetzt -- da habt's gehockt bis nach Mitternacht und
habt's den feinen Leuten eins aufgespielt als die »Wiener Damenkapell«
oder »Die Veigerl vom Donaustrand«. Seht's, da habt ihr Euch Eurer
Heimat zum andern Mal geschämt.«

Seppl, halt still! Der Zachenhesselhans zwickt Dich. Weh tut's, aber
recht hat er. Halt still, Seppl, auf dem Zechenhäusl ist der Mali ihr
Platz leer!

Dem Zachenhesselhans ist die Pfeife ausgegangen. Er weiß es nicht,
saugt am kalten Rohr und meint: nicht einmal mehr vor einer Pfeif Tobak
hat das Mückenvolk Respekt.

Der Wald steht schwarz und still wie eine Mauer. Ein Käuzlein ruft aus
dem Grund herauf, und aus den Wipfeln im Tal spinnen sich die Nebel
hervor. Die legen sich in weißen langen Streifen über die Gründe. Das
Wässerlein klingt in gleichmäßigem Fall in den Brunnentrog. Der Himmel
ist blank. Stehen nur wenige Sterne darin. Die Engel haben heut im
Waldlande zu tun, so himmelstill ist's dort, und haben keine Zeit, die
Lichter droben herauszustecken.

Das Zechenhäusl hat sein Abendpfeiflein ausgeraucht, justament wie der
Hans auch, -- und merkt's keiner als die Mücken.

»Jetzt« -- der Zachenhesselhans saugt am Pfeiflein und meint: er
sitz' in einer dichten Wolke Tabakrauch -- »jetzt: da ist die »Wiener
Damenkapell« in die Brüche gegangen ... Willst etwas sagen, Weltfahrer?
Sie hat gehalten? Gut. Hat sie -- so ein Jahrer sechs oder zehn, i,
was red' ich! Also: der Seppl hat sich gewöhnt, um die Morgenfrüh in
die Federn zu kriechen und dem Herrgott seine Tage zu verschlafen. Des
Nachts hat er gewacht, hat gesungen und Bier getrunken -- hat eine
verkehrte Welt gemacht. Jetzt -- da hat sein schöne Singstimme einen
Riß gekriegt, und die Gitarr hat nichts mehr recht gemacht. Von da ab
ist der Seppl auf die Dörfer gezogen und hat auch wieder manchmal an's
Waldland gedacht.

Warum ist er denn damals nicht heimgekommen?«

»Er dachte: er wollt's schon noch zu was bringen,« sagte der fahrende
Mann.

»Recht so: geschämt hat er sich, weil er treulos geworden seinem
Heimatland. Auf dem Stroh hat er geschlafen, all Nacht in einem
andern Dorfgasthof. Auf einmal, da hat er sich wieder auf sein grünes
Hütl besonnen und auf die härene Joppen und auf sein harzduftiges
Tannenland. Und hat sich besonnen auf die Schwester, die daheim
irgendwo hausen mag. Gott geb ihr die ewige Ruh! Schlaf sanft, Weiberl!
Und wie er heimkommen ist, haben sie die Mali begraben gehabt. Und nun?«

»Nun will der Seppl sein Stückl Weg zu Ende laufen,« sagte der
Musikmann leise.

»Recht so. Und das ist mein Exempel: Tut's draußen, was ihr wollt --
ihr kommt zu nix und seid nix. Jetzt, wenn Du zusammenzählst, Seppl --
was kommt heraus?

Null kommt heraus, Seppl! Null! Das is fei nix. Und da rechn' ich noch
gut. Die Studierten sagen zu solch einem Sümmlein: ›minus‹. Das ist
noch weniger als Null. Und wenn Du rechnen könntest, Seppl, ich glaube,
das _ist_ ›minus‹: verlorene Heimat, verlorene Jugend, verlorenes
Leben, verlorene Heimat -- verloren, alles verloren!

Und nun?

Jetzt bist wieder da und tätest justament gerne von vorn anfangen -- 's
is fei spät, Seppl, und lang hast nimmer Zeit, mein' ich. --

Nun hab ich doch auf das Fichtenstämml vergessen. Ich hab damit die
andere Giebelwand stützen wollen. Na, so ist's eine Arbeit für den
neuen Tag.«

Der Landfahrer ist ganz still in sich zusammengesunken.

»Wir reden noch, Seppl, ein ander Mal. Heut, wenn Du willst, kannst
Du's aber schon wissen: Im Zechenhäusl ist ein Platz frei. Wird Dir
freilich fei nicht gut genug sein, weil Du's besser gewöhnt sein magst
... Nein? ... Jetzt -- so leg Dich neben mich aufs Stroh und denk: beim
Zachenhesselhans bin ich fortan daheim. Schlag ein!«

Da reichten sich die beiden Alten die Hände.

Die Nebel gingen um das Haus, und ein sanfter Bergwind sang um den
Giebel und sang um das Moosdach.

Der sanfte Bergwind hat die beiden in Schlaf gesungen.

[Illustration]



[Illustration]

3. Kapitel.


Die Nebel standen noch still über den Tälern und hinter dem Keilberg
ging das Morgenfeuer der Sonne auf.

Da schritt der Zachenhesselhans zum Hackstock, um den Fichtenstamm zur
Stütze für die östliche Giebelwand zu glätten. Wie der Schlag der Axt
erklang und aus dem Walde zurückrief, lief ein Lächeln über des Alten
Gesicht:

»Fei recht wär's, wenn drüben noch so einer stünd', aber justament
einer wie der Zachenhesselhans. Wir täten ihn schon brauchen im
Waldland, und just um diese Zeit!«

Während er noch redete, schlürfte der Landfahrer über den Hausgang und
heraus zum Brunnentrog. Er schöpfte mit den hohlen Händen und goß sich
den Bergquell über Gesicht und Nacken. Dann tat er einen kalten Trunk.

»'s ist schon recht,« rief der Zachenhesselhans aus dem taunassen
Gras herüber, »solch ein Wasser vom Stein heraus macht lustig und mag
besser sein für zwei Augen als Bierdunst und Tabakrauch. Waldwasser und
Harzhauch haben noch keinem das Augenlicht trübe gemacht. Hast einen
Schlaf gefunden im Heimatland, Mannl?«

Darauf hatte der Seppl keine Antwort, dachte: dem bin ich fei zur
richtigen Zeit in die Hände gelaufen, und goß sich von neuem die
morgenkalte Flut über die Stirn.

»Ich versteh Dich schon, Landfahrer,« lachte der Zachenhesselhans, »und
eine rechtschaffene Freud' hab ich dran. Jetzt -- 's wär möglich, wir
zwei halten eine gute Freundschaft.«

Ueber den Wipfeln des Bergwalds stand wirbelndes Morgenlicht und mitten
drin die goldene Scheibe der Sonne. Wie silberne Ströme liefen die
Frühnebel in die Täler -- verliefen sich.

»Gelt, da schaust, Mannl? So eine Sonne hängt der Herrgott fei nur über
dem Waldland auf. Die Leutln da draußen, wo Du daheim gewesen bist die
Zeit her, sind da noch nit fertig mit dem Ausschlafen und ans Bett
trägt sie ihnen der Herrgott nit.

Hörst, 's geht einer den Hau herein drüben? Der kommt vom Sonnenwirbel
und möcht gradewegs nach St. Joachimsthal.«

Die Männer lauschten eine Weile auf die gedämpften Schritte. Da klang
ein Juchezer aus den Fichten.

»Der hätt' die Sonne wachgerufen, wenn sie nit eh schon guckete,«
lachte der Zachenhesselhans. »Mannl, so sonnenfreudig sind die Leute
daheroben. Draußen im Land meinen sie: die Sonn'? Wer wird die Sonn'
rufen? Die kommt von selber schon immer zu frühzeitig und bringt einen
um die Faulheit. Der den Juchezer getan hat, den kennt das Musikmannl
nit, denn der war noch nit auf der Welt, als der Seppl aus dem Waldland
geflohen ist. Da ist er schon: grüß Gott, Hans-Tonl!«

»Grüß Gott, Zachenhesselhans! Hui, da is ja einer bei dem Hans!«

»Na,« sagt der Zachenhesselhans, »und fei ein rar Mannl! Ist seine
vierzig Jahr nicht am Sonnenwirbel gewesen und kommt, ein wenig
auszurasten von der Wegfahrt und die Mali besuchen.«

»Dei Weiberl?« fragt der Hans-Tonl.

»Dieselbige,« meint der Zachenhesselhans.

So haben die beiden miteinander geredet. Ueberdem ist der Hans-Tonl den
Hau herübergeschritten und reicht dem Zachenhesselhans die Hand.

»Hast schon vom Schmied-Seff-Pepp sagen hören?«

»Von dem, der sich verlaufen hat?« fragt der Hans-Tonl.

»Da steht er. Er hat eine Sehnsucht gekriegt ins Waldland.«

»Willkommen in der Heimat, Seppl,« sagt der Hans-Tonl und nimmt des
Alten Hand.

»Der da, Mannl,« hebt der Zachenhesselhans von neuem an, »der da ist
der Taler Hans-Tonl. Was mein Bruder ist, der Hans Georg Günther in
Joachimsthal, den sie den Taler Hans heißen, das ist dem sein Vater. Er
selber _schreibt_ sich: Anton Günther von Gottesgab, _heißen_ tut er
aber: der Taler Hans-Tonl. Das ist sein Steckbriefl ... Wo willst denn
hin, Tonl?«

»Auf Joachimsthal.«

»Von Gottesgab übern Sonnenwirbel? Das ist fei ein närrischer Weg!«

Der Hans-Tonl lächelt und streicht sich sein blondes Schnurrbärtl.

»Gelt,« sagt er und: »'s muß einer nachschau'n, ob am Sonnenwirbel die
Leut schon munter sind.«

»Oha,« macht der Zachenhesselhans, »oha! Wie's die Resl von der Unruh
erzählt hat, hab ich gemeint, die Resl red't nixnutzig Zeug. So is
also doch an dem: der Taler Hans-Tonl geht um das Wawrl (Eva) vom
Sonnenwirbel. Is fei ein fesches Madl, das Wawrl! Und singen tut's, wie
a Zippen. Jetzt -- hat denn der Hans-Tonl den Grünetz im Zechenhäusl
schon pfeifen hören? Nimmer? Na, auf dem Heimweg kommst ein wenig
hutzen (plaudern), gelt?«

»Ja,« meint der Hans-Tonl. Und wie er im Wald verschwunden ist, läuft
ein Juchezer heraus, der fliegt in alle Winkel im Gebirg und läuft
den Hang hinan, und läuft auf die Unruh. Auf der Unruh ist das Wawrl
nicht. Also hinauf auf den Sonnenwirbel! So läuft der Juchezer auf den
Sonnenwirbel, und das Wawrl, das am Klöppelsack sitzt und sich vom
Morgenwind im goldenen Stirnhaar spielen läßt, wie der Juchezer zu ihm
kommt, schaut auf und lacht hell in den jungen Tag. --

Wie's gegen Mittag ging und die goldene Sommerluft über den Hängen
flirrte, und wie die Lerchen im blanken Himmel standen und ihre Lieder
in den Tag warfen, stieg der Hans-Tonl wieder den Waldsteig herauf.

»Grüß Gott,« sagt er, tut einen Schnaufer und setzt sich auf die Bank
an der Schattenseite des Zechenhäusls.

»Seppl,« hebt der Hans-Tonl nach einer Weile an, »im Tal sagen sie, Du
müßtest fei von den Toten aufgestanden sein. Im Märchen sind auch so
zweie, die sind nach hundert Jahren wieder aus dem Berge gekommen. Tot
ist er nit gewesen, hab ich gesagt, bloß verlaufen hat er sich gehabt.
Nur gut is, daß der Seppl den Weg noch gefunden hat, der ihn wieder in
den Bergwald führt. Hast woltern Sehnen gehabt, Seppl?«

Der Seppl tut einen Brummer, der heißt: ja und recht hast, Hans-Tonl.

»O, ihr Leutl, ihr Leutl,« fängt der Zachenhesselhans zu reden an, »daß
ihr Euer Heimatland für nix hinwerft, rein für nix! Wenn's nur eine
_Kunst_ wär, um die ihr treulos seid! Aber das wär mir auch eine Kunst!
So was bringen wir daheroben mit auf die Welt. Aber das langt fei zu
für's Häusl und für den Wald, aber nicht für's Reisl und für die Welt.
Und die feinen Stadtleut, die hören sich rasch satt daran und haben
andere, die ihnen für ihr Geld schon eine bessere Musik machen. Aber
so was könnt's Ihr nicht, Leutln, dazu braucht's ein Stu--di--um. So
heißt man das, Landfahrer. Wirst's eh wissen.«

Der Zachenhesselhans glomm sich sein Pfeiflein an. Das sagte dem
Hans-Tonl: wir sitzen beisammen solange die Mittagsstunde über die
Bergwiesen geht. Und der Hans-Tonl tat sein Jöpplein an, das er den
Berg herauf unter dem Arm getragen hatte, legte ein Bein über das
andere und kreuzte die Arme über der Brust.

»Daherauf auf den Sonnenwirbel hab ich fei immer ein Sehnen gehabt,«
meint der Tonl, »schon wie ich mit den Ziegen auf den ›kalten Winter‹
getrieben bin ...«

»Der ›kalte Winter‹ ist der Berghang jenseits vom Sonnenwirbel,« fügt
der Zachenhesselhans hinzu und schaut den Landfahrer dabei an, »der
liegt im Widerschein (an der Schattenseite), und dort kann einer fei um
Walpurgis probieren, ob er's Hörnerschlittl noch lenken kann oder die
Hitschen (kleiner Schlitten).«

Der Seppl stand von der Holzbank auf und setzte sich ins Gras, mit dem
Blick nach der schattigen Hauswand. Die Augen liefen ihm über. So blank
ging der Mittag durch die Welt. Der alte Mann schließt die geröteten
Lider. Hernach geht er zum Brunnentrog und netzt sie mit dem glasklaren
Quell.

Ueberdem steht der Hans-Tonl von seinem Sitz auf und geht einen
Steinwurf weit hinüber auf die Halde. Wo der Grenzstein ist, steht er
still und überschaut das Gelände. --

Es ist ein sanftes Wehen im kniehohen Gras: der Mittagswind hat sich
mit den Halmen zu bereden. Das ist ein heimlicher süßer Zwiespruch und
alle Hälmlein und Rispen erheben ein sanftes Singen. Und der Wind läßt
seine weiche Hand darübergehen. Darum ist ein Wiegen im Berggras und
ist ein warmer Duft darüber. Der ist herabgeschwommen von den Wiesen um
die Unruh und um den Sonnenwirbel. Dort sind sie heuen.

Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl? Warum kann denn dort der
Wind noch mit dem hohen Gras reden?

»Jetzt,« sagt der Zachenhesselhans, der dem Tonl eine Weile zugeschaut
hat, -- »der Tonl sieht sich das Seinige an und denkt: da könnt
einer daheim sein! Ein Häusl für zwei und die noch kommen hat an der
Berghalde Platz. Und luftig und lustig ist's daheroben wie nirgend
sonst im Waldland. Und der Zachenhesselhans ist auch in der Nähe. Da
können die beiden mitunter ein kluges Wörtl reden.«

Aber der Tonl hört's nicht. Der legt den Finger an die Nase.

»Der Grund ist der seinige; den hat sein Vater selig gekauft,« sagt
der Zachenhesselhans zum Seppl, der sich die Hand schützend über die
schmerzenden Augen hält. Wie der Tonl die Haldenfläche so mit den Augen
mißt, ruft der Alte vom Zechenhaus hinüber:

»Tonl, meinst etwa, 's wär zu klein? Wenn Du eh willst, mir ist das
meine feil!«

Ueberdem kommt der Tonl herüber, damit er besser hören kann.

»Jetzt -- wenn ich seh, daß ich noch kein Heu gemacht hab im
Juliausgang,« sagt der Zachenhesselhans, »weil ich's fei nicht mehr
brauchen kann und weil niemand ein Geld dafür geben mag, jetzt ist mir
das Grasland feil. Aber ein anderer als der Tonl kriegt's nit. Und das
beding ich mir: ein Gärtlein ums Zechenhäusl bleibt auch für mich. Aber
das andere, wenn Du magst, kannst haben.«

»Dem Zachenhesselhans wär sein Grasland feil?«

»Hast's eh gehört.«

So kauft der Tonl dem Zachenhesselhans sein Grasland bis zur Unruh hin
ab, rechnet das seinige hinzu und sagt:

»Das trägt sechs Kühe. Meint der Zachenhesselhans dasselbe?«

Er meint's und der Kauf ist fertig.

Einen Schriftsatz braucht's nicht. Im Waldland gilt das Wort.

Wie sie noch reden, kommt der Helari den Steig von der Unruh herüber.

»Grüß Gott, Helari! Hast fei auch vom verlorenen Sohn gehört, der
wiedergefunden worden ist?«

Der Helari reicht dem Landfahrer die Hand.

»Auf Dich kann ich noch denken, Schmied-Seff-Pepp. Ich bin dazumal so
ein Bübl gewesen.«

Er macht mit der Hand ein Zeichen in die Luft und muß sich ein wenig
dabei bücken.

»Und noch eins, Helari: der Hans-Tonl hat sich ein Astl gesucht, worauf
er sein Nest bauen will.«

Im Umkehren wußte der Helari: der Hans-Tonl nimmt sich zum Herbst
das Wawrl vom Sonnenwirbel, der Wurzltonl wird dem Hans-Tonl sein
Schwiegervater und der Hans-Tonl baut sich sein Haus neben die Unruh
und das Zechenhäusl. Eh der Bergwind Flocken treibt, haust der Tonl mit
seinem jungen Weib darin.

Und das Wawrl, das auf dem Sonnenwirbel im Heu ist, weiß noch gar
nicht, was der Hans-Tonl zwei Steinwürfe weit an der Berghalde
zurechtmacht.

Wie der Tonl nach dem Bergstock greift, den er neben die braune
Bank an die Schattenwand der Hütte gelehnt hat, schlägt sich der
Zachenhesselhans vor Freude auf das Knie, daß ein Echo aus dem Wald
ruft.

»Leutl, das g'freut mich! Jetzt -- warum hat denn der Tonl das Meinige
noch gemocht? Vieh will er halten. Das ist der Richtige, der Tonl! Ihr
versteht's all nicht, Leutln, das Wirtschaften; auch der Helari nicht.«

»Hui,« sagt der Helari und: »so wird mich der Zachenhesselhans der
selber kein Stückl Vieh im Stall stehen hat, belehren müssen.«

»Wird er, wird er,« lacht der Zachenhesselhans. »Und jetzt trinken wir
einen. Setzt Euch fei noch auf eine Pfeif Tobak. Ich bring einen und
Ihr nehmt's einen, und der Zachenhesselhans sagt Euch, wie er über
das Viehhalten denkt und warum er meint, daß Ihr im Waldland mit der
Viehwirtschaft auf dem Holzwege seid.«

Der Zachenhesselhans springt wie ein Junger, bringt das Steinkrüglein
mit dem Trunkelbeerschnaps, den die Mali angesetzt hat, und schenkt ein.

Wie ein jeder getrunken, und wie der Beißer einen jeden herzhaft
abgeschüttelt hat, nimmt der Zachenhesselhans den seinen, stellt den
Steinkrug unter die Bank und stülpt das Glasl dem Krüglein auf den Kopf.

»Nimm eine Pfeif Tobak,« sagt der Hans zum Helari, reicht ihm die
Schweinsblase und raucht sich sein Pfeifl an. Der Helari tut's ihm nach.

Der Helari, wie sein Pfeifl brennt, hockt sich ins Gras und schlingt
die Arme um die Knie. Der Hans-Tonl setzt sich noch einmal auf die
Holzbank neben den Zechenhäuslmann.

»Ihr sollt's was ganz neues hören, Leut! Wenn einer so sechzig Jahr in
der Bergeinsamkeit gesessen, finden sich allerhand Gedanken zu ihm.
Wenn der Schnee auf den Wald fliegt und der Hans-Tonl hat unter dem
Schnabeln Zeit, zu reden, nachher will ich mit ihm fei auf manch guten
Plan denken. Jetzt -- von dem Vieh wollt' ich Euch ein Wörtl reden.

Ich frag Euch: Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl?«

»Weil der Zachenhesselhans kein Gras wird gemäht haben.«

»Und warum hat er nicht?«

»Weil er Erdäpfel und kein Heu frißt.«

»Warum hat er das Gras nicht an die Leute vom Sonnenwirbel oder von der
Unruh verkauft?«

»Weil's denen justament so geht, wie dem Zachenhesselhans.«

»So. Und nun, Landfahrer: hast eh im Niederland gesehen, daß die Bauern
das Gras auf den Wiesen stehen lassen? Die hau'n woltern nach dem
_Grummet_ noch einmal! Und im Waldland gibt's solche, die mögen das
_Heu_ nicht. Müssen fei reiche Leut sein, die im Waldland!«

»Wenn sie kein Vieh haben, dem sie's füttern können!«

»Jetzt -- warum haben sie denn kein Vieh? ... Pah,« macht der
Zachenhesselhans, »seht's, Leutln, seht's, das will ich Euch sagen:
weil Eure Mahm auch keins gehabt hat und keins Eure Väter. Jetzt --
meint ihr, so können _wir_ auch keins brauchen. Nun war das aber eine
andere Zeit, da die Mahm im Hüttlein saß. Da machten draußen in den
Städten die Maschinen keine Spitzen, die ganz feinen, was die Valanzen
(Valenciennes) sind, nun gar nicht. Die eisernen Hände der Maschinen
arbeiten billiger, als die flinksten Finger unsrer Frauen. Gegen die
Maschinen -- das ist ein ungleicher Kampf. So. Und was heut das Wawrl
ist und das Fanele und die Gabi, ja was Dein Resl is, Helari, Klöppeln
die etwan eine feine Spitze, so, wie's ihre Mütter gekonnt haben?«

»Fragt sie denn einer danach? Bezahlt sie denn einer dafür?«

»Keiner! Justament deswegen. Der Verdienst ist geringer. Das ist wie
ein Quell im Waldland: einmal, da ist er hell und stark gesprungen
und hat das ganze Gebirg gespeist, heut rinnt er trüb und müde, und
's lohnt fei nimmer, das Krügl drunter zu halten. Da muß man sich
nach einem andern umsehen. Schau'n wir einmal! Das haben wir nahe.
Bergwiesen, Grasland allenthalben auf dem Kamm des Gebirgs. Dann der
Wald, und mittendrin manch Streiflein, manche Au mit einem Graswuchs,
jetzt, daß einem das Herz weh tut, weil man zu diesem Waldgras nicht
das Oechslein worden ist.«

Weil der Zachenhesselhans grad mit der Linken den Beschlag vom
Pfeifenkopf aufgeklappt hat und mit dem Spitzfinger der Rechten ein
wenig nachdrückt und dabei an der Nase hinabschaut, wirft der Helari
dem Hans-Tonl einen Blick zu, der fragt: Glaubst das, Hans-Tonl?

Der Hans-Tonl macht wahrhaftig ein Gesicht, als wär die Weisheit
vom Zachenhesselhans auch die seine. Er ist justament dabei, sich
alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, was der Hans von
Zechenhäusl zum besten gegeben hat.

Da merkt der Helari: er hat keinen zur Seite und -- will er in den
Kampf gehen, muß er sich fei auf sich selber verlassen. Er hustete ein
wenig und rückt ein Stückl weiter im Gras.

»Zachenhesselhans,« sagt er hernach, »weißt noch mehr? Sonst, wenn
das alles ist, möcht ich Dir schon sagen, daß ich von dem kein Wörtl
unterschreib.«

»Hab ich eh gewußt,« entgegnet der Zachenhesselhans, der sich
mittlerweil sein Rauchzeug in Schuß gebracht hat, »daß der Helari eine
andere Ansicht hat; denn wär er der meinigen, so hätt er der Unruh
längst ein Stückl angebaut und ein Stücker drei oder vier Kühe mehr
eingestellt. Aber, der Helari wird sei Gegenred machen müssen, sonst
laßt sich der Zachenhesselhans nicht überführen.«

»Na,« sagt der Helari, »zuerst: was da an Mahd stehen bleibt, ist
weiter nichts wie borstig Gras ...«

»Halt!« fällt ihm der Zachenhesselhans ins Wort, »und warum ist ein
Gras daheroben überhaupt borstig?«

»Weil kein Dünger da ist, der langete für das Grasland.«

»Und warum ist denn kein Dünger da?« fragt der Hans vom Zechenhäusl,
und in seinen Mundwinkeln geht ein listig Wirbeln und Zucken. »Schaust,
Helari, die Antwort magst nicht gern geben, weil sie heißt: es ist
nicht genug Vieh heroben, nicht so viel, daß es hinreicht, den Dünger
zu geben für den Wieswuchs, der da ist. Freilich: für das, was in
Euren Ställen steht, langt's eh, was wächst, langt fei reichlich.
Nun ist aber die Rechnung die: ist es gescheiter, wir schaffen uns
ein Vieh ins Gebirg und nützen den Graswuchs besser, oder ist es
gescheiter, wir lassen die Hälfte borstig und bescheiden uns mit der
ersten Mahd? Denn das muß ich Euch schon sagen: daß kein Grummet
daheroben wächst, daran ist wieder einmal nicht der Herrgott schuld,
der an dem Waldland vorbeiläuft und keins macht, weil er etwa müde
ist von der Arbeit anderswo oder weil er seine ganze Herrlichkeit im
Niederland gelassen hat und dem Waldland fei nur einen Reif gibt, wenn
sie drunten noch lustig ernten. Nein, Leutln, daran ist kein anderer
schuld, als die Männer um den Sonnenwirbel selber. Aber: fei allein,
wie im Paradiesgarten, laßt der Herrgott nichts mehr wachsen. Seit die
Sünd' in die Welt gekommen, heißt's: auch ein bißl mittun, Leutln! Und
schwitzen müßt ihr schon ein wenig dabei, sonst wachst nix. Hernach
könnt ihr auch Euer Brot essen.

Und weil ich einmal dabeibin,« fährt der Zachenhesselhans fort und
gießt seinen Pfeifenstiefel aus, »da muß ich Euch doch noch sagen:
's gibt höhere Berg, als am Sonnenwirbel, und 's gibt ärmeres Land,
als das Waldland, und 's gibt kältere Winde und längere Winter, als
daheroben, und doch treiben die Leute darinnen nichts weiter, als
Viehwirtschaft. Wir aber um den Sonnenwirbel haben eine abgegriffene
Weisheit, so abgegriffen, sag ich Euch, wie ein alt Geldstückl, daß
fei keiner mehr achten dürft, und doch ist sie noch immer im Umlauf
und fein in Ehren. Die heißt: das Waldland im Gebirg trägt seine
Leute nicht! Darum müssen die Männer fort auf den Handel und auf das
Musikmachen -- gelt, Landfahrer? -- und lassen ihre Heimat imstich,
wenn ihnen gleich das Herz dabei wehtut, so weh, daß sie dem Schneewind
vorauflaufen und mit ihm wieder in das Heimatland einziehen.

Aber während der Bergwind sich über den Wäldern sein Liedl singt und
die Wangen sich rotläuft, sitzen sie daheim und hungern sich bleich.

Das is fei nix, Leutln! Ich halt's mit dem Sprüchl: gibt der Herrgott
ein Hasl, so gibt er auch ein Grasl. -- Machts Euch das Waldland
zurecht und sehts: es ist stark genug, Euch alle zu tragen und noch
einen Haufen mehr obendrein.«

Der Zachenhesselhans langt unter die Bank, setzt dem Steinkrug sein
Käpplein ab und läßt noch einen Beißer herausrinnen -- aber nur den
einen. Der ist für den Zachenhesselhans; denn der meint: er hab ihn
sich redlich verdient.

Der Helari sagt:

»Zachenhesselhans, darüber müssen wir noch einmal reden. Manchmal denk
ich, Deine Rechnung ist richtig. Manchmal mein' ich: sie ist falsch.«

Wie der Helari so gesprochen hat, richtet er sich aus dem Gras auf.
Seit er die Pfeife in die Lederhose geborgen, kaut er an einem süßen
Halml.

»Warum denkst denn, 's wär' falsch?« fragt der Zachenhesselhans.

»Sonst,« meint der Helari, »warum hat sich denn _vor_ dem Hans keiner
auf derlei Dinge besonnen? Sind doch vor ihm auch kluge Leute im
Waldland gewesen.«

»Sind auch,« sagt der Alte. »Aber: einer _muß_ sich doch _zuerst_
darauf besinnen. Und justament: auf die einfachsten Dinge kommen die
Menschen immer am schwersten.«

[Illustration]



[Illustration]

4. Kapitel.


Der Wurzltonl vom Sonnenwirbel ist zu Wald gegangen. Er sucht allerhand
Kräuter und gräbt mancherlei Würzlein, die trocknet er am Wäschestängel
über dem Kachelofen und bringt sie dürr oder auch grün in die Apotheke
-- nach Oberwiesenthal, nach Joachimsthal oder sonst in ein ›Thal‹.
Werden noch einige ›Thal‹ daherum sein. Vom Sonnenwirbel aus ist alles
ein Tal.

Der Peterl aus dem andern Haus am Sonnenwirbel ist mit der Mahm auf
dem ›kalten Winter‹ im Heu. Und der Peter, sein Vater, hat die Mütze
auf, an der der k. k. Reichsadler sich befindet, und räumt, kratzt
oder hackt die Abschläge an der Staatsstraße nach dem Keilberg aus.
's möcht' ein Wetter kommen übers Waldland! Ist alles knüppeldürr im
Gebirg. Und wenn's dann die Wasser mit einem Mal herunterschüttet --
hui, hui, das ist ein Strömen und Brausen, und wehe, wenn das Strömen
und Brausen die Rinnsale nicht findet, die der Peter instand zu halten
hat! Das reißt fei dort ein Stückl Straße ein und da noch eins, und
der Peter muß alles wieder aufbauen, und seinen Rüffel kriegt er noch
obendrein. Darum hat er den k. k. Adler an der Einräumermütze; und
den Rüffel kriegt er »von _amts_wegen«, -- »von _rechts_wegen« nicht
immer. Das heißt: das meint der _Peter_.

Das alles erzählt sich der Hans-Tonl wie er die Halde heraufsteigt und
sieht alles mit einem Blick, wie er über die Unruh hinauf ist, dem
Helari die Hand geschüttelt und gesagt hat: behüt Gott, Helari, und auf
ein Wiedersehen.

Das erschaut der Hans-Tonl alles mit einem Blick; denn es ist auf dem
Sonnenwirbel nur das Wawrl im Heu. Und wie das Wawrl immer so wendet
mit dem Rechen und wie ihm der weiche Bergwind das blaue Kattunröcklein
so sanft um die Hüften drückt, wie er das goldene Ringelhaar über der
Stirn vom Wawrl sich um die Finger wickelt und ihm ein leises Lied
singt, hört das Dirnlein den Hans-Tonl gar nicht über das wolleweiche
Gras heraufkommen.

Der Tonl, wie er ganz nahe ist, bleibt ein wenig stehen und denkt: dem
Wind, der es so gut mit dem Wawrl meint, und ihm das Röcklein so glatt
über die Hüften streicht, daß man erschauen kann, wie weich und rund
die sind, dem Wind schau ich ein Weilchen zu.

Wawrl, sagt der Wind zum Mädl, Wawrl, da steht einer stocksteif im Gras
und in der Sonne, lacht so in sich hinein und läßt kein Aug von Dir
schmuckem Ding. Hast dem fei gar etwas gestohlen?

Das Wawrl denkt grad an etwas und hört nicht auf den Wind. Der weiß
den ganzen Tag etwas zu erzählen! Hat einer, wenn er im Heu ist, nicht
immer Zeit, hinzuhören.

Wawrl, sagt der Wind wieder, die Sach' ist mir nicht richtig. Am End
hast Du dem doch etwas gestohlen und nun hat er Dich ertappt?

Das Wawrl hört nicht hin.

Wawrl, singen wir zwei uns eins, sagt der Wind, zupft das Dirnlein am
Kopftüchl und hebt dem Mädl die weiße Jacke unter dem Gürtelband. Er
möcht' ein bißl gucken, der Wind.

Ach wo, sagt das Wawrl, beim Heuwenden singt ein Dirnl nicht und gleich
gar nicht, wenn der Hans-Tonl nicht dabei ist.

Darüber ärgert sich der Wind, springt um das Wawrl herum und wirbelt
ihr das blaue Kattunröcklein überm Knie in die Höhe.

Pst, macht das Wawrl, was das für Dummheiten sind!

Und wie sie dem Wind den Saum vom flatternden Röcklein aus der
Hand nimmt, und sich dabei dreht: -- -- meiner Seel, da ist ja der
Hans-Tonl! 's war nur gut, daß das Wawrl dem neugierigen Wind fei fest
auf die Finger geschlagen. Das hätt' eine Sach werden können! Der
Hans-Tonl hätt' ja einen Juchezer gemacht, daß das ganze Waldlandl aus
dem Mittagsschlaf aufgewacht wär, wenn der Wind dem Wawrl unters Röckl
guckete.

Jetzt -- wie der Hans-Tonl auf das Dirnlein zugeht, es in die Arme
nimmt und sich mit ihm und dem Rechen dreimal herumwirbelt wie ein
Kreisel, jetzt ist das Zuschauen an dem Wind. Das Wawrl ist ganz außer
Atem gekommen, wie es der Hans-Tonl endlich wieder auf seine Beine
gestellt hat.

»Na, Tonl, da hast mich fei tüchtig geschreckt,« sagt es und läßt sich
auf das knisternde Heu fallen, damit der süße Duft, der auf dem Grund
ist, ihm ganz sacht die Stirn und die Wangen streicheln kann.

Der Hans-Tonl sagt:

»Du, Wawrl, wir plauschen ein bißl -- 's ist so niemand, mit dem man
ein Wörtl reden könnt'. Bei der Hitzen dörrt das Heu auch ungewendet,
daß es der Wurzl-Tonl bieren[1] (in Haufen auf dem Rücken eintragen)
kann; und ich helf Dir hernach, das Versäumte nachholen, gelt, Wawrl?«

    [1] Wohl von dem englischen ~to bear~ = tragen.

Das Wawrl, weil's den Tonl so lang nit gesehen hat, nickt ein kleines
bißl mit dem Kopf, um den die goldnen Haarringlein klingen. Aber der
Tonl versteht's schon.

»Wawrl,« sagt er, »es is fei so viel sonnig hier. Ich denk, wir machen
uns ein Berglein aus Heu, das einen Schatten gibt.«

»Tonl,« meint da das Wawrl, »wenn mein Vatter aus dem Wald die Halde
herauskommt und sieht uns fei ausrasten von der Arbeit, die nicht getan
ist, nachher --«

»Da werd ich zu ihm sagen: jetzt, Vatter, setzt Euch auf ein
Viertelstündlein daher und schaut zu, ob sich's hinter dem Heuberg
uneben rastet.«

Das Wawrl muß hell auflachen.

»Halt ein, Wawrl,« sagt der Tonl und schleppt einen Haufen Heu heran
und noch einen darauf. Er steckt einen Rechen hüben daran und einen
drüben: »so, ihr zwei, ihr haltet das Mäuerlein und habt's fein acht,
daß es uns nicht zudeckt!«

Dann setzt sich der Tonl auf die Schattenseite hinter das Heu und
rückt so dicht an das Wawrl heran, daß nicht ein einziges dünnes Halml
neugierig zwischen den beiden heraufschauen kann, um zu sehen, was sich
denn da am helllichten Tag auf der Bergwiese zuträgt.

Der Wind schlendert überdem auf dem dörrenden Grase herum. Er bückt
sich da einmal und dort einmal, hebt ein Bündlein Heu auf und wirft's
wieder fort. Um das Wawrl und den Tonl kümmert er sich gar nicht, der
Wind. I, der tut bloß so! Wie die beiden im Schatten sitzen, geht er
auf den Zehen hinter den Heuhaufen und lugt heimlich um die Ecke. Seht
doch einer, was der Tonl mit dem Wawrl anfängt! Er nimmt dem Wawrl
seine roten Wänglein in die Hände und zieht das Köpferl zu sich herüber
-- »ein Zwickbusserl,« sagt der Tonl und lacht hellauf, -- natürlich
wie das Busserl vorbei ist.

»Gut war's,« sagt der Tonl. Dem Wawrl fliegt ein Feuer in die Stirn. Es
guckt hinunter auf das Kattunröcklein, auf dem seine Hände mit einem
trocknen Bergblümlein spielen.

»Du, Wawrl,« hebt der Tonl wieder zu reden an.

»Was meinst?« fragt das Wawrl und schaut immer noch nicht auf.

»Auf den Herbst heiraten wir zusammen.«

»Bist fei zum spaßen aufgelegt heut?«

»Wahr und wahrhaftig!« sagt der Tonl.

Der Wind, der wieder um den Heuhaufen guckt, denkt: jetzt nimmt der
Tonl dem Wawrl seine Hand in die Linke und legt ihr den rechten Arm um
den Hals. Der Wind wirft von dem lockeren Heu eine Handvoll herab. Aber
das Wawrl kann's gar nicht sehen, denn der Tonl küßt ihr mit seinen
roten Lippen die Augen zu. Jetzt -- wenn ein solcher kommt, tut das
Madl keinen Mux. Wenn es dagegen der Wind zaust, wird es nicht fertig
mit schelten den ganzen Tag.

Mit einem Kuß ist es justament wie mit einem Grenzstein, denkt der Wind
-- immer, wenn der Tonl eine Weile erzählt hat: wie das Häusl unterm
Sonnenwirbel ausschauen soll, wie die Halde, wie das Dächl, wie das
Kammerl, dann drückt er immer einen Kuß hin: hernach redet der Tonl
wieder kurz, dann busselt er wieder lang. Immer hübsch das Grenzsteinl
nit vergessen, damit's keine Verwechslung gibt und nicht eins in das
andere geplauscht wird ...

Der Wurzltonl, wie er mit seinem Hücklein den steilen Berghang herauf
gekraxelt ist und die Straße hereinkommt, läßt seinen Blick über das
Grasland gehen und denkt: es hat fei gut gedörrt heute, und das Wawrl
ist fleißig gewesen; denn es hat schon zu schobern angefangen. Das
denkt der Wurzltonl, weil er drunten an der Halde den mächtig großen
Heuhaufen sieht.

»Jetzt,« sagt derweil der Tonl zum Wawrl, »Dirnl, wir sitzen da im
Schatten, bis die Sonne das Heu fertig hat. Um Vesper schau ich einmal;
dann bieren wir, und eh das erste Tröpfl Abendtau auf den Berg fällt,
ist die ganze Mahd unterm Dach auf dem Sonnenwirbel. Du aber tust fei
langsam dabei, Dirnl, und läßt _mich_ dreimal laufen, während _Du_
einmal gehst.«

Nun schau' einer, denkt der Wind, der justament wieder um den Heuhaufen
lugt, nun schau' einer, jetzt -- auf so eine Red hin kriegt der Tonl
vom Wawrl ein Bußl und ein Zwickbußl. So was läßt sich der Tonl
gefallen!

Weil im Gras droben auf der Halde ein sanftes Schlürfen ist und der
Wind den Tag über doch ganz still war, springt das Wawrl auf einmal auf
seine Beine, streicht sich die Goldlöcklein unter die weiße Kopfhülle
und schreit nach dem Rechen. Sie dreht sich wie ein Hexlein im Wind,
aber der Rechen ist nicht da.

Der Tonl tut gerad, als hätt' er auf den Vater gewartet, lacht hell
auf und sagt: »Wawrl, geh suchen den Rechen! Wie kann denn einer beim
Heuwenden sein und den Rechen nicht wissen?«

Dem Dirnlein brennt ein heißes Feuer auf der Stirn; so heiß hat es sein
Lebtag noch keins gespürt. Wo der Tonl jetzt bloß sein Lachen hernimmt?

Ueberdem ist der Wurzltonl herangekommen und gucket hinter das Heu.

»Gebaut habts Euch das Dingl nit schlecht,« sagt der Wurzl-Tonl und
geht zweimal im Kreis um den Berg. Da schaut das Wawrl auch einmal hin
und denkt: was an dem Heu wohl so wunderlich ist? -- Ei, da sind ja die
Rechen!

Weil aber der Wurzltonl ein Gesicht macht wie der Himmel, wenn sich ein
Gewitter daran heraufschiebt, denkt der Hans-Tonl: »Jetzt ist's Zeit«
und sagen tut er: »Grüß Gott, Vatter, und ich hätt gern ein Wörtl mit
Euch geredet.«

»Mit _mir_ auch?« fragt der Wurzltonl. Es ist spitzig gefragt, dieses:
mit mir auch.

»Ja,« sagt der Tonl wieder, »denn mit dem Wawrl hab ich fei nit zuviel
geplauscht, 's hat so allerhand Arbeit gegeben.«

»So red ein Wörtl,« sagt der Wurzltonl.

Was nun kommt, kann der Hans-Tonl schon auswendig: zuerst hat er's dem
Zachenhesselhans erzählt, dann hat er's dem Wawrl erzählt -- dabei hat
er auch gleich die Grenzsteine aufgestellt, und nun sagt er's auch noch
dem Wurzltonl.

Der hat's eh schon gewußt, was ihm der Tonl heut sagen will, denn der
hat ihm, wie er vorhin über das Grasland hergegangen ist, zugerufen:
Grüß Gott, _Vatter_.

»So,« sagt der Tonl und schließt seine Rede, »und jetzt tragen wir
mitsammen das Heu ein. Der Vater braucht nicht mit zu helfen, das Wawrl
nur so viel, damit es dabei ist, und den Rest nimmt der Hans-Tonl
auf sich. Eh' der Abend taut, mag sich der Wind ein Halml auf der
Sonnenwirbelwiese suchen, mit dem er spielen kann. Er wird fei gut
zuschauen müssen, will er eins finden.«

Da hat der Wurzltonl nicht mehr viel zu schaffen auf der unteren Wiese.
Mit dem Hans-Tonl kann er nicht um die Wette, und wenn der seine jungen
Arme und Kräfte herleihen will und nicht einmal etwas dafür mag,
wenigstens nicht vom Wurzltonl -- denn ganz umsonst tut er's doch am
End' nicht -- da kann der Wurzltonl gehen und das Wawrl mag den Jungen
fei abfinden.

Der Wurzltonl hat noch einen Hang Gras stehen nach der Schlauderwiese
zu -- ist schon gut: so wird der Wurzltonl sich jetzt auf den
Sonnenwirbel in den Schatten setzen, wird das Dengelzeug hervorholen
und die Sense schlagen. Morgen früh, wenn's dämmerig wird, kann er
dann den Grashang mähen. Liegt der Tau noch, schneidet's eh besser,
insonderheit bei der Dürre.

Während der Wurzltonl beim Aufwärtsschreiten noch da und dort eine
Hand voll Heu aufgenommen und zwischen den Fingern gerieben hat, ob's
trocken genug sei, meint er: auf solch einen Sommer, in dem kein
Tröpfl Regen auf die Mahd gegangen ist, könn' er gar nicht denken am
Sonnenwirbel.

Und der Wurzltonl ist vor dreiundfünfzig Jahren auf dem Sonnenwirbel
jung geworden und ist diese Zeit her nur einmal auf einen Tag im
Karlsbad gewesen. Damals hat er das Sterbekleid für die Mutter vom
Wawrl gekauft.

Sind fei zehn Jahre darüber ins Land gegangen.

Und jetzt -- jetzt will ihm der Hans-Tonl auch sein einzig Kind nehmen.
Wie er so denkt, hat er die Sense vom Balken genommen und setzt sich
auf das Gras vor dem Vorhaus. Er stößt den Dengelstock in das Erdreich
und hebt an zu schlagen.

Sein Herz schlägt mit, und der Wurzltonl setzt den Hammer so fest auf,
damit der Hachtl nicht hört, wie sein Herz geht.

Was soll einer nun tun in der Bergeinsamkeit?

Das wüßte der Wurzltonl schon: fei das, was er immer getan hat. Aber:
daß er nun auch die zwei Stück Vieh aus dem Stall geben soll, das
ist's, was ihn so hart angeht.

Die rote Kuh hat er dem Wawrl als Heiratsgut versprochen; denn die
Rote hat er angekauft von dem Geld, was die Wawrl von der Mutter selig
geerbt und auf der Sparkasse gehabt hat. Aber die Schwarze?

Wie der Wurzltonl so sinnt und das Herz doch nicht in Ordnung bringt,
so daß ihm ein verräterisch Zucken um Lider und Mund läuft, kommt ein
Weiberl die Straße herauf.

Der Wurzltonl hält einen Augenblick inne und denkt: das ist ja das
Harfenweiberl vom ›Neuen Haus‹. Wird sich ein Maßl Schwarzbeeren suchen
wollen im Wald.

Der Mann hebt schon wieder den Hammer, um mit dem Dengeln zu Ende zu
kommen.

Hui, denkt er, da kriecht etwas zusammen hinter dem Spitzberg! Und weil
der Tonl grad mit einer Biere Heu die Halde heraufschnauft, ruft er ihm
hinüber: »Tonl, es kommt ein Wetter!«

Der Tonl hat aber nicht Zeit zum reden. Erst will er das Heu vom Rücken
haben.

Während er um das Haus geht und sich in der Panzel die Biere losbindet,
ist das Harfenweibl vollends herangekommen. Wie die Alte vorm
Sonnenwirbelhaus ist und ihr der Wurzltonl sein »Grüß Gott, Weiberl«
hinübergerufen hat, sagt er noch:

»Da schau Dich um, Harfenfraule. Siehst Du etwan auch, daß hinter
dem Spitzberg ein Wetter sich zusammenbraut? Wo hast denn das Krügl
gelassen, wenn Du in die Schwarzbeeren willst?«

Das Harfenweibl schaut sich um. Wie es das Wetter brauen sieht, sagt
es: »Wenn der Herrgott auf das Mal nur gnädig kommt.«

Es geht über die Straße her, bis dorthin wo der Wurzltonl im Grase
sitzt und stellt sich vor ihm auf. Der Tonl schaut schon wieder hinab
auf das Sensenblatt, das über dem Dengelstock liegt, und greift mit den
Spitzen der Finger die Schneide ab, ob ein Stein etwa noch eine Scharte
geschlagen hat.

»Grüß Gott, Wurzltonl,« sagt das Harfenweibl, weil es sich besinnt, daß
es ja dem Mann vom Sonnenwirbel den Gruß noch schuldig ist. »Wollts
das Heu noch einbringen vor dem Wetter?«

»Fei wohl,« entgegnet der Tonl, »und 's wird nicht nothaben, wenn solch
einer die Sach in die Hand nimmt.«

Der Wurzltonl deutet mit dem Daumen nach rückwärts über die Achsel.
An der Giebelwand entlang kommt der Hans-Tonl gerade zurück, hat die
Stricke zur neuen Biere in der Hand und trocknet sich mit dem blauen
Sacktüchl die Stirn.

»Da treff ich's gut und schlecht,« sagt das Harfenweibl und lächelt.
Aber dem Lächeln ist ein wenig Mißmut beigemengt. Warum denn?

»Gut und schlecht?« fragt der Wurzltonl zurück.

»Weil ich den Hans-Tonl auf dem Sonnenwirbel treff, das is fei gut.
Weil er aber auch nicht ein Minütl Zeit hat, mit mir zu reden, das ist
schlecht.«

»Wenn sich das Harfenweibl ein Stündl verhalten will, dann kann es
schon reden mit dem Hans-Tonl,« sagt der. »Aber das Heu muß erst unters
Dach -- ja, wenn einer wüßt, ob das Wetter hinter dem Spitzberg bleibt.«

Wie der Hans-Tonl das sagt, geht er schon wieder über die Straße,
springt die Böschung hinab und die Halde -- das Wawrl wird die neue
Bier' schon gebunden haben, denkt er, und die Halde mit dem kurzen Gras
ist fei glatt wie ein Tanzboden. Da käm' einer schier im Sitzen rascher
hinab, als im Laufen.

Da ruft der Hans-Tonl schon wieder dem Wawrl zu, legt sich mit dem
Rücken auf das große Bund Heu, fährt mit den Armen unter die Stricke,
mit denen das Wawrl die Biere geschnürt, fängt an zu wippen und -- da
steht der Hans-Tonl auch schon auf seinen Beinen.

Das Wawrl zupft an den Seiten der Biere das Heu noch ein bißl zurecht
und: »Noch zweimal, dann ist's getan!« lacht das Dirnlein. Es ist schon
wieder an der Arbeit. Der Hans-Tonl geht kreuz und quer die steile
goldene Halde hinan -- bei der trockenen Glätte kommt einer da nicht
anders aufwärts, und der grade Weg ist in diesem Falle nicht der beste.
Der Schweiß rollt in silbernen Kugeln von seiner Stirn.

»Was willst denn von dem Hans-Tonl?« fragt der Mann vom Sonnenwirbel,
der überdem noch eine Scharte dem Sensenblatt ausgeschlagen und bindet
den Hammer wieder an den Dengelstock.

»I nun,« meint das Harfenweibl, »dazu muß der Hans-Tonl fei selber her.«

Dabei dreht sich das Weibl um und schaut nach dem Wetter.

»Hui,« macht der Wurzltonl, »Harfenweibl, der Tonl hat die Seinige.«

Dann lachen die beiden. Aber die Luft ist so schwer, daß sie wie eine
Last auf der Brust liegt. Der Mann richtet sich mit einem Schnaufer an
dem Dengelzeug empor.

Da kommt ein Wind über den Kamm geflogen und weckt die Vogelbeerbäume
längs der Straße aus dem Schlaf. Jetzt ist er schon unten an der Halde
-- wie das Fanele (Franziska) von der Unruh noch ein kleines Dirnl
war, hat es sich mit dem Wind so die Halden hinabgekugelt. Na, na,
denkt der Sonnenwirbelmann, fei bloß damals? Das Fanele ist heut noch
toll genug, und es könnt einer wetten: wenn kein Mensch in der Nähe ist
und das nußbraune Mädl ganz allein mit dem Wind und dem Wald an der
Graslehne steht, da klemmt es noch heute das Röcklein zwischen die Knie
und kugelt sich kopfüber den Hang hinunter. Da muß der Wind rasch sein,
daß er mitkommt. Und drunten im Heuhaufen, in den sie hineinrollen,
bleiben sie mitsammen eine Weile liegen und kichern, der Wind und das
Fanele. Dann bläst ihm der Wind die Halme aus dem nußbraunen Haar, das
dem Dirnl so wild um die Stirne weht, und putzt ihm die Augen wieder
blank.

Der Hans-Tonl ist mittlerweile wieder die glühende Halde
heraufgeschnauft. Der Vater und das Harfenweibl stehen vorm Haus und
gucken gegen den Spitzberg. Zwischen dem und dem Plessen geht von unten
her eine Wand empor. Die steigt über den Wald herauf und ist scharf
abgeschnitten gegen den Himmel -- der Wald darunter: eine Wand aus
schwarz und grün, die Wolkenmauer, die totstill hervorkriecht, eine aus
schwarz und blau. Und oben ist ein schmales Rändlein daran, ganz glatt
und blank wie eitel Gold.

Der Wind, der über den Kamm gelaufen ist und die Halde hinunter, ist
fort, aber man sieht ihn noch. Da schau hin, Harfenweibl, da schau hin!
Wo die Wipfel quirlen, über den Bergwald -- da läuft er, läuft immer
weiter, und es wogt unter ihm wie dunkelgrüner Bergsee. Und immer,
wenn er weg ist, schwankt sich der Wald wieder grollend in die vorige
Ruhe. Dann fängt die Sonnenluft über den Wipfeln wieder zu zittern an.

Jetzt ist ein Rumoren drüben in der schwarzblauen Wolkenwand. Das
klingt herauf auf den Sonnenwirbel, als lief's unter der Erde, oder:
als wär' der Plessen eingefallen und der Spitzberg dazu und wären beide
hineingesunken in das blauschwarze drohende Meer.

Der Himmel, der vorhin wie ein blauer Vorhang still hinter den
umgoldeten Bergen stand, ist schon ganz silbern und das schwarze Meer,
auf dem er ruht, steigt -- steigt. Und ab und zu ist das Rollen darin.

Nun paßt auf!

Aber der Hans-Tonl hat noch keine Zeit zum Hinschauen. Das Wawrl hat
die letzte Biere so groß geschnürt, wie noch keine zuvor. Da muß der
Tonl, wie er sich mit dem Rücken daraufgelegt hat, einmal mehr wippen
-- schau, er kommt aber doch auf die Beine!

Jetzt hebt er an, zu Berg zu schreiten. Das Wawrl zieht das weiße
Kopftüchl durchs Gürtelband, nimmt die beiden Rechen über die
Schulter und guckt sich noch einmal um auf dem Grasland, ob's auch
nichts vergessen hat. Wahrhaftig schaut ein blankes Käpplein aus dem
Heidelbeerbusch hervor, der auf der Wiese um den Grenzstein gewachsen
ist. »Da ist ja noch mein Kaffeekrügl,« ruft das Wawrl und läuft
hinüber zum Rainstein. Es bindet sich das Gürtelband auf und streift
das Krüglein daran. Das Band bindet es vorn. Das Krügl hängt ihm
hinten. Es ist so besser, als wenn einer mit vollen Händen die glatte
Halde hinanschreitet; leicht gehen einem darauf die Beine aus. Das
Wawrl tut ein paar Sprünge, damit es dem Hans-Tonl wieder nachkommt.
Wenn's auch nicht gut plauschen ist, den steilen Hang hinauf --
Liebesleute gehören zusammen.

Während die beiden so mit der letzten Last duftigen Heus dem
Sonnenwirbel zusteuern, hat sich das Harfenweibl auf die Schwelle zum
Vorhaus gesetzt und guckt in das schwarze Meer, das vor dem Westhimmel
wogt.

Der Wurzltonl hat das Dengelzeug an den Nagel und die Sense über den
Balken gehängt. Jetzt geht er durchs Häusl, um fei gemächlich die
Lucken zu schließen, oder zu sehen, ob nicht etwa eine Schindel in
der Dürre der Tage herausgesprungen oder sonst ein Türlein geschaffen
ist, durch welches das Wetter hereinfahren kann. Der Wurzltonl tut
die Schiebfensterlein vor und rüttelt da ein wenig und schüttelt dort
einmal. Alles ist klapperdürr. Der Regen wird durchlaufen. Die Rähmlein
müssen erst wieder ein wenig anziehen.

Aus dem Dachfenster sieht der Wurzltonl: auf dem ›kalten Winter‹ eilen
sich der Peterl und die Mahm, daß sie das Heu in Schober kriegen. Dort
kann die Sonne nicht den ganzen Tag über im Grase liegen. Da müssen sie
halt versuchen, das bißl Wieswuchs vor dem Wetter zu bergen so gut sie
können.

Jetzt, während das Wawrl und der Hans-Tonl das Heu in die Panzel
drücken und der Hans-Tonl aus Versehen mit der Biere auch das Wawrl
packt, ist wiederum ein Kollern und Rollen im schwarzen Meer, daß dem
Harfenweibl das Herz stillsteht, weil es hineinhorchen muß in die
Drohungen, die da tief zwischen den Bergen branden. Das Harfenweibl
faltet die Hände im Schoß und bewegt leise die Lippen. Bewegt auch
das Herz. Es hat sich auf ein frommes Sprüchlein besonnen und sagt's
leise vor sich hin. Wie's aber noch nicht damit fertig ist, kommt der
Wurzltonl wieder um die Hausecke, geht an dem Holzvorbau, auf dessen
Schwelle die alte Harfnerin sitzt, vorbei und guckt durch das Fenster,
das links zunächst vom Vorhaus ist. Er hebt die Hände zu beiden Seiten
des Gesichts, weil er das Licht abdämmen muß; denn er will den Hachtl
drinnen sehen. Der Hachtl war doch vorhin noch daheim.

»Wo ist er denn geblieben?« fragt der Wurzltonl von draußen die Gabi
(Gabriele), dem Hachtl sein Weib. Die Frau sitzt am Klöppelsack und hat
sich die Kattunjacke ausgetan.

»Es ist so viel warm heut,« sagt die Gabi, »und fei gewitterig.«

»Der Hachtl, na, wo wird er denn sein?« -- Die Gabi schaut sich um: im
Fenstereck ist die Pfeife fort und am Nagel die Mütze vom Hachtl. »So
wird er fei ein Stückl nach dem ›kalten Winter‹ hinüber sein.«

Der Wurzltonl meint: »Ich frag nur, weil das Wetter kommt.«

»Na, so wird er es wohl aufziehen sehen und wird sich heimfinden zur
rechten Zeit.«

»'s scheint, die Gabi hat's auch noch nicht rollen hören?«

»Fei nit,« sagt die Frau und fährt in die Jacke; denn sie hat vorhin
ein bißl durchs Fenster geschaut, um zu sehen, mit wem der Wurzltonl
eigentlich so eifrig zu reden hat. Jetzt tritt die Gabi heraus vor's
Häusl. Sie geht aber gleich wieder zurück in den Flur und tut die
Tür auf, die der ihren gegenüberliegt. Die führt in die Stube vom
Wurzltonl. »Franz!« ruft sie. Aber der Mann ist nicht drin.

»Franz?« fragt das Harfenweibl den Wurzltonl verwundert. »Schreibt sich
der Hachtl denn Franz?«

Der Wurzltonl nickt und lacht; dann sagt er halblaut: »Hachtl (Hecht)
heißen sie ihn doch nur wegen seiner scharfen Nasen, Weiberl.«

»Soo!« macht das Harfenweibl und schaut sich nach der Gabi um.

»Jetzt,« sagt die, »der Hachtl wird mir doch nicht zu einem Abendmahl
Blaubeeren in den Wald gelaufen sein? Wenn das Wetter kommt, läßt
sich's von denen im Wald nicht sehen und hören, bis es da ist.«

Weil die drei bei der Schwelle auf den Hachtl denken, und weil der
Peterl mit der Mahm vom ›kalten Winter‹ herauf über das Gras kommt,
vergessen sie ganz auf den Tonl und das Wawrl. Den beiden ist das fei
recht: ein bißl warm ist's schon im Heu, aber auch dämmerig und weich,
und ist ein süßer Duft darin. Und ist immer ein heimlich Flüstern,
jetzt -- man weiß nicht, ob der Tonl und das Wawrl sich etwas zu
sagen haben oder ob's justament nur die trockenen Hälmlein sind, die
miteinander reden und in denen noch der klingende Sonnenschein aus der
Sommerwelt rinnt.

Wie sie sich miteinander freuen über ein goldenes Band aus
Sonnenstrahlen gewebt, das durch ein Astloch in der Holzwand
hereinfällt und justament dem Wawrl auf die Schürze, rennt ein Wind
draußen ums Haus, so ein Vorreiter vom Wetter, legt die Spitzen seiner
Finger in die Ritzen der Tür und reißt die Tür auf. Der helle Tag läuft
herein in die Heukammer, und das Wawrl, das gerade seine Arme dem
Hans-Tonl um den Hals gelegt hat, schlägt die Arme herunter und die
Hände vors Gesicht, damit der Tag nicht sehen kann, wie's rot wird.

Der Hans-Tonl geht heraus in die Sonne, das Wawrl durch die andere Tür
aus der Heukammer in den Hausgang. Der Tonl läßt sich den Quell vom
Stein heraus über die heißen Arme laufen und taucht den Kopf in das
blanke Bergwasser. Das Wawrl geht und trägt ihm ein Leintuch hinaus.

Während der Tonl die Arme und das Gesicht sich trocken reibt, schaut
er auf und sieht, wie der Peter Einräumer die Straße herabkommt gegen
den Sonnenwirbel zu. Nicht wie ein anderer Mensch kommt er, nicht
wie einer, der die Mütze mit dem k. k. Adler nicht auf dem Kopf hat,
nämlich: indem er ein Bein vor das andere setzt und auf sein Ziel
zugeht, was nötig wär', weil das schwarze Meer zwischen Plessen und
Spitzberg schon gar so hochgeht.

Ein k. k. Einräumer, wie der Peter einer ist, geht auf einmal nur immer
von einem Vogelbeerbaum zum andern, läuft bald einmal hüben an der
Straße, bückt sich bald einmal drüben. Ueberall setzt er sein Häcklein
an, hackt die Baumscheiben locker, zieht die Abschläge aus. Und ist
noch irgendwo ein Loch am Straßenrand, wo ein Maulwurf heraus oder ein
Mäuslein hineingefahren: ein richtiger Einräumer zieht das Löchlein zu;
denn wenn das Wetter auf dem Sonnenwirbel darübergegangen, ist an der
Stelle, an der das Mauslöchlein im Straßenrand war, ein Brunnenloch
gerissen. So --, wenn einer meint, der Peter ist ja gleich daheim, zwei
Steinwürfe weit auf der Straße sieht man ihn ja schon hereingehen, da
ist er noch lange nicht auf dem Sonnenwirbel, sondern braucht fei noch
sein Stündlein.

Jetzt: wenn sie ihn nur sehen, -- 's ist bloß, weil das schwarze Meer
gar so gefährlich tut!

»Will denn das Harfenweibl das Gewitter auf dem Sonnenwirbel erleben?«
fragt der Wurzltonl. »Ich mein', das ›Neue Haus‹ läg ein wenig mehr im
Geschützten?«

»Is fei schon recht,« sagt darauf das Harfenweibl, »wenn einer nicht
so wackelig wär', ich lief noch hinüber. Aber -- man weiß nicht, wie's
Wetter heranfliegt, mit einem -- und es ist da. Wenn es mich auf dem
Weg überfiele -- 's wär' mein Tod.«

»'s is eh recht,« darauf der Wurzltonl, »hat auch noch nicht mit dem
Hans-Tonl reden können, das Harfenweibl! So mag das Wawrl heut Nacht
am Heu schlafen, weil der Tonl auch noch da ist, der ein Bett braucht;
denn leicht: der kann auch nicht auf ein Heimgehen denken heut und wir
alle nicht an ein Schlafen.«

Wie sie noch reden, ist der Hans-Tonl ein Stück über das Grasland
hingegangen bis an die Fichten, wo der Peter den Abschlag räumt. Der
Hans-Tonl hat ein Häcklein mitgenommen und denkt: wenn zwei sind,
dauert die Arbeit halb so lang.

Das schwarze Meer steigt, steigt.

Es schaut nur noch ein Spitzlein vom Spitzberg heraus. Und der Plessen
ist schon ganz drin ertrunken; nur seinen Turm streckt er noch wie
einen Finger in die Höhe.

Darauf hat das Wetter gewartet.

Schwarze Schlangen kriechen aus dem schwarzen Meer in die Täler,
kriechen über den Wald. Der Himmel darüber ist ganz aus Silber und
die Luft ist wie Bleiglanz. Die Sonne will auslöschen. Nachtschwarze
Arme langen aus dem Meere herauf; die wollen sie packen und vollends
hineinziehen. Ganz bleich hängt sie in dem silbernen Himmel.

Und die Schlangen kriechen weiter in den Tälern, kriechen die Hänge
herauf.

Der Wind hebt an zu laufen. Die Wälder wachen auf.

Ein Baum stößt den andern. Ein Knarren, ein Schlagen ist in den
Wäldern. Staubwirbel rasen auf allen Straßen über das Gebirg, rasen
beim Sonnenwirbel vorbei, gehen auf den Keilberg tanzen. All die weißen
Wege, die durch die Wälder laufen, rauchen, rauchen vom Staub, den
der Wind hochwirbelt. Wie schmutzige Säulen stehen die Staubwirbel im
Waldland.

Die Schlangen, die aus dem schwarzen Meer in die Täler kriechen,
ringeln sich heran.

Der Wind braust.

Die Wälder brüllen.

Es heult um die Berggipfel.

Der Sturm fährt unter das Heu, das noch auf den Wiesen ist, und
wirbelt's empor -- jetzt: wo ist Staub, wo ist Heu?

Alles ist grau.

Alles ist lebendig.

Die Vogelbeerbäume an den Straßen biegen sich und schlagen den Sturm.
Der heult. Und alle Täler sind schwarz.

Ueber das Zechenhäusl und die Unruh ist das schwarze Meer geronnen und
peitscht den Wald. Der ›kalte Winter‹, das ›Neue Haus‹ -- alles im
Dunkel des Wetters ertrunken.

Und der Sturm heult und die Wälder brüllen und alle Täler sind ein
Brausen, ein Brausen, das die Berge stürzen möchte.

Auf dem Sonnenwirbel ist noch Sonne, bleiche, müde, letzte Sonne.

Und das schwarze Meer kriecht heran und reckt seine Arme und drückt
die Sonne aus. Und die bleiche Scheibe drüben zwischen Plessen und
Spitzberg ist in das gährende schwarze Meer gefallen.

Nun ist es Nacht. Und noch ist kein Abendläuten aus den Tälern
heraufgeklungen.

Der Peter und der Hans-Tonl sind daheim. Sie sitzen um den Kachelofen
und lauschen, wie das Rollen an den Bergwänden heraufläuft.

Der Wurzltonl, der den Pflock noch einmal fest vor die Stalltüre
gestoßen, weil der so leicht herausspringt, denkt: ich will noch einmal
nach der Gabi schauen.

Wie er die braune Tür öffnet, liegt die Gabi auf den Knien vor dem
Kruzifix in der Ecke und betet ein Gebet.

Das ist für den Hachtl, denkt der Wurzltonl und schließt die Tür ganz
leise. -- --

Keine drei Rehsprünge weit kann einer sehen ins schwarze Meer hinein.

Da -- der Herrgott schlägt mit einem Flammenschwert die Wolkennacht
mittendurch, und in die Kluft, die er gehauen, stürzen die wallenden
Täler und Berge der Luft krachend hinein. An den Sonnenwirbelhäusern
zittern die Fenster und der Kachelofen erbebt, daß der Rost darinnen
klappert und das eiserne Türlein aufspringt. Das Vieh brüllt in den
Ställen.

Und es geht einer mit einer goldenen Peitsche über die Berge und
schlägt damit knallend um sich. Kreuz und quer und durcheinander --
überall fliegendes Feuer. Darüber und darunter das Rollen und Knattern.

Es ist, als will der mit der Feuergeißel in der Hand Schleusen in
die Erde schlagen, damit der rauschende Regen hinein- und nicht
darüberhinwegströme. Denn die Erde ist am Verdursten. Und immer
der Sturm, der um den Sonnenwirbel rennt und mit wilden brausenden
Schwingen die Erde schlägt. Wirbelnd kreisen die Wolken.

Da kommt einer aus dem Walde von der Schlauderwiese herüber. Der
Hans-Tonl ist aufgesprungen. In den Sonnenwirbelhäusern stehen sie und
schauen durch die Fenster.

Und die Wolken wehen um ihn, und die Blitze flattern um den tollen
Läufer.

»Da, hast Du's gesehen, Wurzltonl?«

»Hast Du's gesehen, Wawrl?«

»Jetzt hat ihn der Blitz erschlagen, den Hachtl!«

»Ein Flämmlein sprang ihm auf die Mütze, stand einen Augenblick, ganz
blau. Hast Du's gesehen, Hans-Tonl?«

»Jetzt -- wo ist denn der Hachtl?«

Das schwarze Meer braust über ihn hinweg, und wie ein Strom stürzen die
Wasser dröhnend die Straße herein und die Halden hinab. --

Nun wird die Nacht dämmerig. Der Tag guckt, ob er noch einmal kommen
darf. Die Wolken haben sich ausgeschüttet. Und der mit der Feuergeißel
ist fort. Nur fern in den Wald fährt noch ein Strahl. Aber das Krachen
verzieht eine Zeit -- jetzt erst dröhnt's dem Strahl hinterdrein.

Auf dem Sonnenwirbel wird's Tag.

Der Hans-Tonl stülpt sich die Kappe auf den Kopf und knöpft sich die
Joppe über der Brust fest zusammen. Der Wurzltonl geht mit ihm hinauf
nach der Höhe. Ein Regen rauscht in die Welt, aber kein Sturm heult
hinein. Die Männer lassen den Regen durch ihre Kleider sinken und gehen
der Stelle zu, an welcher dem Hachtl die blaue Flamme auf die Mütze
sprang.

Da liegt er still und tot. Und das Blaubeerkrüglein ist ein Stück
weiter im Gras vom Blitz zerrissen.

[Illustration]



[Illustration]

5. Kapitel.


Der Tag kommt. Ein goldener Tag, dem die weißen Opferdämpfe der Täler
entgegenrauchen.

Im Gras ist ein Knistern von berstenden Schollen, in denen junge Kraft
ringt. In den Wäldern ist ein Tropfen und Klingen von goldenem Licht
und silbernem Tau. Hoch oben schlägt ein Bussardpaar seinen Morgenflug
-- still, königlich: wie die Welt ringsum in sonnevoller Pracht.

Und auf dem Grasrücken, der aus dem Wald hervorspringt und um den die
blendenden Ströme des Lichts gehen, hackt der Peter Einräumer die
Erde. Wie das Loch fußtief ist, stellt der Hans-Tonl eine Steinsäule
hinein. Er hat mit dem Meißel ein Kreuz in den Block geschlagen und die
Jahreszahl 1903 darunter. Man kann die Steinsäule von weither sehen.
Und der Hachtl liegt daheim still und tot auf dem Stroh und weiß es
nicht: jetzt weihen ihm die Sonnenwirbelleute ein dauernd Gedächtnis.
Wo das Flämmlein gelaufen ist, über dem Hachtl seine Stirn und an der
Wange herab, hat es seine Bahn gezogen. --

Wie sie den Hachtl in die Sommererde gelegt hatten zum ewigen Schlaf,
war die Gabi in dem einsamen Stüblein am Sonnenwirbel allein mit ihrer
stillen Trauer. Die Klöppel, die durch die Finger der Frau liefen,
klapperten gedämpft ihr eintönig Lied. Die Stäublein schwammen blitzend
in dem blanken Strom, der durch die Scheiben auf die Diele ging, und
die Fliegen summten hindurch.

Auf dem ›kalten Winter‹ sind sie dabei, das Heu zu bieren. Während der
Peter und der Peterl die raschelnden Lasten schleppen, schreitet der
Hans-Tonl die Halde zur Unruh hinab. Er ist aber nicht allein und kann
darum nicht so flott den Hang hineinstampfen, wie er das sonst zu tun
pflegt.

Neben ihm geht das Harfenweibl. Jetzt muß der Hans-Tonl der Alten die
Hand hinüberreichen.

»Der Grund ist fei wieder so glasglatt,« sagt das Weibl, »daß einer den
Hals brechen könnt', wenn er nicht fleißig unter sich schaut.«

Auf der Unruh möcht' sich das Harfenweibl ein wenig verschnaufen:
»Es ist gar so viel Sonnenschein in der Welt in diesem Jahr. Und die
Pilzlinge werden fei auch wachsen,« meint das Weibl.

»Gelt?« sagt die Resl, dem Helari sein Weib. »Das Fanele hat schon ein
ganzes Säckl voll Pfifferlinge heimgetragen.«

Das Fanele, wie es die Mutter reden hört, guckt aus der Stalltür.

»Hui, da ist ja auch der Hans-Tonl! Grüß Gott, Tonl!«

»Grüß Gott, Fanele!«

»Das ist fei zum ersten Mal, daß ich den Hans-Tonl seh, seitdem die
Red' ist, daß er so schnell auf ein Hochzeiten denkt.«

»Oha,« sagt der Hans-Tonl und »wenn einer mit so einem Beispiel
vorangeht, sind auch immer Leut, die 's alsbald nachtun.«

»Denkst etwa auf _mich_?« fragt das Fanele, »weil Du fei gar so listig
mit den Augen redest?«

»'s mag wohl sein, Fanele.«

»Weißt mir einen, so wollen wir die Sache schon machen. Aber ich seh
mir keinen.«

Ueberdem ist das Fanele aus dem Stall zum Brunnentrog geschritten
und schwenkt die Gelte aus. Sein Röcklein hat es bis zu den Knien
geschürzt, und das Kattunjäcklein hat keine Aermlinge. Nun guck' einer,
was das flinke Fanele für dralle Arme hat!

Wie der Tonl dem Fanele eine Weile zugeschaut hat und das Dirnlein den
Milchkübel auf das Zaunstaket stülpt, sagt er:

»Hast denn auf den Peterl ganz vergessen, Fanele?«

»Hui,« macht das Mädl, »der Peterl!«

Und gelacht hat's dabei ein goldenes Lachen, das ist in den Wald
hineingeflogen, wer weiß wie tief. -- Da hören die Frauen zu reden
auf und horchen hinüber, was denn am Zaunlattl und am Milchkübel so
herzhaft spaßig ist, daß sich das Fanele ausschütten möchte vor Lachen.

's ist fei gut, daß der Brunnentrog nicht weit ist. So geht das Fanele
zwei Schritt zurück, setzt sich auf den Rand des Steins und lacht:
»Der Peterl vom Sonnenwirbel!« Und lacht.

Der Röhrbrunnen speit seit dem Wetter einen stärkeren Strahl und
hat die Steinkufe, auf deren Rand das Fanele sitzt, gefüllt zum
Überlaufen?. Und das Wasser, das darin plätschert, plätschert dem
Fanele ans Stück Röckl, auf dem es sitzt. Und weil außer dem Kattunrock
nicht mehr viel auf dem Dirnlein ist -- --

Das Fanele hat's eiskalte Bergwasser schon gemerkt.

Aber der Tonl auch.

Und jetzt ist das Lachen am Tonl und an den Frauen. Lehnt sich das
Fanele an den moosgrünen Lattenzaun. Aber ärgerlich ist's doch, weil
der Tonl gesehen hat, wie das Wasser ist fürwitzig gewesen.

»Hans-Tonl, warum sorgst Dich denn um das Fanele? Wenn's einen Mann
braucht, wird sich's einen suchen. Und wenn der Peterl erst auf
die eignen Beine gestellt wär und hinter der Schürze von der Mahm
hervorgehen wollt' -- der Peterl wär gar kein Unrechter.«

»Fei nit, fei nit,« sagt der Tonl, »aber das Fädlein, das der Peterl
und das Fanele mitsammen spinneten, das möcht' ich noch sehen.«

»Darum brauchst Dich fei nit zu grämen,« ruft das Fanele spitz.

»So kann einer wohl dem Peterl was ausrichten? Leicht, daß ich ihn eher
zu sehen krieg', als das Dirnl.«

»Wenn Du magst,« sagt das Fanele und in seinen Augen ist ein spitzes
Licht, »so sag ihm: wenn er auch nicht viel taugete, so wär' er mir
doch hundertmal lieber als der Hans-Tonl mit sein'm wilden Schnäuzl.«

Jetzt -- das ist schad', daß das Mädl so flink durch die Stalltüre
gefahren. So muß der Hans-Tonl dem Fanele schuldig bleiben, was er ihm
hat zahlen wollen.

»Das Harfenweibl ist am End' fertig mit ausrasten, daß wir mitsammen
aufs Zechenhäusl kommen?« fragt der Hans-Tonl.

Das Harfenweibl nimmt seinen Korb von der Bank: »B'hüt Gott, Resl. Und
wenn nur auf der Unruh das Wetter nix zuschanden geschlagen hat.«

»Fei nit und 's ist dasmal gar gnädig umgegangen mit uns. Ja so -- auf
dem Zechenhäusl hätt's auch nix getan, wenn nicht der Seppl meinete:
der Schreck und das Aengsten, weil's so gar wild gekommen ist, hätt'
ihm das Augenlicht völlig ausgeblasen.«

Der Tonl, der noch einmal nach der Stalltüre schaut, ob das Fanele
nicht um die Ecke lueget, lauscht auf, wie er das von dem Landfahrer
hört.

»Das Augenlicht ausgetan?« fragt er, »dem Seppl? So ist's eh ein Glück,
daß er daheim ist und sich aufs Zechenhäusl gefunden hat. Bis in die
Heimat haben sie ihm den Weg justament zeigen mögen, dann sind ihm die
Lichtlein ausgegangen.«

Neben dem Steig in den Wald, der fußbreit den Hang hinabläuft, hat
der Regen einen Graben gerissen und da und dort hat das Strömen das
Erdreich fortgetragen. Da ist's gut, daß drunter die braunen Wurzeln
das Geflecht bilden. Dem hat das Strömen den Berg herein nichts
anhaben können. Die Wurzeln halten den Stein umsponnen und haben sich
eingebissen in den Fels seit achtzig Jahren.

Als die beiden den halben Weg gegangen sind und schweigend an das
Unglück vom Seppl gedacht haben, dem der Sturmwind das Licht in den
Augen ausgeblasen hat, sehen sie auch schon den Zachenhesselhans.

»'s muß einer fei das Wegl wieder zusammensuchen,« sagt er, läßt die
Schaufel ein wenig ausruhen und gießt bei dieser Gelegenheit den
Pfeifenstiefel um.

»Wenn einer solch einen raren Besuch bekommt,« sagt der
Zachenhesselhans, »so muß er auf Feierabend denken. Grüß Gott,
mitsammen und willkommen beim Zechenhaus!«

»Schön Dank!« ruft ihm das Harfenweibl mit seiner dünnen Stimme zu.

In der ist ein Restl von dem Singen hängen geblieben, mit dem das
Weibl die Stadtleut auf dem ›Neuen Haus‹ verlustiert. Das sagt der
Zachenhesselhans immer, wenn er das Harfenweibl wiedersieht. »Wohin
wollts denn miteinander?«

»Justament aufs Zechenhäusl,« sagt der Tonl.

»Das Weibl auch?«

»Freili,« entgegnet das Weibl.

»Na, da paßt auf! Das wird was geben. Werden wir uns ein bißl in den
Schatten machen? Mögts ein Bier oder einen Kaffee?«

»Einen Kaffee, wenn der Zachenhesselhans hat, möcht' ich schon,« sagt
die Alte.

»So wird er einen machen.«

Ueberdem sind sie hinter das Zechenhäusl gekommen. Da sieht der
Hans-Tonl: der Mann hat den fichtenen Stamm unter den hinteren
Dachbalken zur Stütze aufgestellt. Einige Rinnlein laufen über das
grüne sammetweiche Dach. Da ist der Regen heruntergefahren -- als hätt'
er im Wald nicht genug gehabt zum zerreißen. An der Schmalseite der
Hütte, die nach Abend zu ist und an die der Wald dicht herantritt,
sitzt der Schmied-Seff-Pepp auf der braunen Bank.

Während der Zachenhesselhans drinnen im Ofen ein Feuer anzündet und den
Topf in die knackenden Reiser stellt, macht sich das Harfenweibl mit
dem Seppl bekannt. Der hat den Kopf weit zurückgebeugt als die alte
Frau sich vor ihn hinstellte.

»Jetzt -- auch der Schimmer ist fort, der ehegestern noch in den Augen
gewesen ist. Jetzt is es verspielt! Aus is, gar aus is!«

»Wie hat der Schmied-Seff-Pepp denn das angedreht?« fragt das Weibl.

»Wie hat's denn das Harfenweibl gemacht, daß es wackelig worden ist?«
fragt der Zachenhesselhans durch das Fenster aus der Stube heraus.

»Also: fei von selber ist das gekommen.«

»So sei dem Herrgott Dank, daß er mich noch einmal hat das Waldlandl
anschauen lassen. Hinunterblicken in die Täler, hinausblicken in die
Welt -- das hab ich fei nit gewollt. Ich hab nix mehr zu suchen
draußen und will nix mehr suchen, wie gern nicht! Aber an dem Grün der
Bergwälder hat sich der Seppl noch einmal das Herz frohgeschaut, Weibl!
Und daß ich nur daheroben bin! Hier im Heimatland werd' ich auch ohne
die beiden Augen mein Stückl Brot finden. Aber draußen blind den Weg zu
fremden Türen -- das möcht' einem sauer ankommen, Harfenweibl.«

»Seppl,« sagt die Alte, »so könnt's Dich fei g'freuen -- -- da kommt
erst der Zachenhesselhans und bringt den Kaffee! Vergelt's Gott, Mannl!«

»Jetzt,« sagt der Zachenhesselhans und setzt sich neben den Hans-Tonl
ins Gras, »was wollts, Leutln, was mögts?«

»Wir zwei bereden das Unsrige später,« sagt der Hans-Tonl. »Jetzt -- da
wirst lauschen!«

»Na, Harfenweibl, prosit, trink einmal und dann fang zum singen an. Wir
Männer, wir tun uns derweil einen Beißer ein und gießen das Feuer, das
darüber angeht, mit einem Bier aus.«

Der Zachenhesselhans füllt ein Glas aus dem Trunkelbeerkrüglein. Brr!
macht er, wie er getrunken.

»Hans-Tonl, da hab' ich zwei Krügeln Braunbier in den Röhrtrog gestellt
-- die bringst uns. Wenn einer so von der ersten Sonne an bei der Halde
kratzt und schaufelt, klebt ihm die Zung' am Gaumen.«

Wie der Hans-Tonl nach dem Röhrtrog geht, ruft ihm der Waldmann nach:
»Leicht nimmst fei erst das eine und läßt das andere noch im Eis!«

»Wenn der Zachenhesselhans und seine Seel sich einmal scheiden, macht
er erst noch ein G'spaßl mit ihr und sagt: so, das nimm mit auf den
Weg und nun: b'hüt Gott, liebe Seel, haben uns fei immer mitsammen
verstanden, Du und ich, gelt?« lacht das Harfenweibl.

»Und das Harfenweibl singt der ihren erst noch eins, auf daß die gleich
in den Himmel tanzet,« sagt der Zachenhesselhans. »Und nun red'ts Eure
Sach, Leutln! Für umsonst hast doch die alten Beine nimmer den Berg
hereingeschickt?«

Der Zachenhesselhans gießt einen Becher schäumendes Braunbier aus dem
Tonkrug und reicht ihn dem Hans-Tonl.

»Seppl,« hebt das Harfenweibl wieder an, »ich hätt' eine Tür, an die
Du anklopfen könntest um ein Stückl Brot und ich weiß: gekargt wird
dahinter nit.«

»So 'was hört der Seppl gerne,« wirft der Zachenhesselhans ein, »jetzt
-- das Harfenweibl wird mir meinen ›Zimmerherrn‹ ausspannen.«

»Wo meinst denn?« fragt der Landfahrer.

»Justament auf dem ›Neuen Haus‹. Dort spiel ich, dort sing ich seit
drei Jahren für die Stadtleut, die da einkehren, wenn sie über das
Gebirg fahren. Aber: die Harfe ist noch hundert Jahr älter als das
Weibl, das sie rupft, und die Stimme zum singen hat einen Riß gekriegt
die Zeit her -- fei einen so großen Riß. Wenn wir ihrer zwei wären
-- etwan eine Gitarr dazu und eine Männerstimme -- und noch dazu ein
Blinder ...«

»Das tät dem Weibl so passen,« meint der Zachenhesselhans.

»Das ›Neue Haus‹?« fragt der Landfahrer und sucht, indem er den Kopf
hintenüberbeugt, noch einmal nach dem Schein, der voreh in den Augen
war.

»Jetzt weiß der ›Zimmerherr‹ vom Zachenhesselhans das ›Neue Haus‹ nit!
Das ist noch im Sächsischen, Mannl, eine ›Sommerfrischen‹, wie sie's
neumodisch nennen -- vom Sonnenwirbel über den ›kalten Winter‹ in einer
kleinen Viertelstund zu ergehen; für einen, der die Augen auf der
Wegfahrt gelassen hat, ein wenig länger.«

Der Landfahrer sinnt einen Augenblick in sich hinein. Durch das offene
Fenster vom Zechenhäusl klingt das Rufen und Zirpen der Käfigvögel. Die
sind dem Zachenhesselhans seine guten Freunde.

Da steht der Seppl von seinem Sitz auf und greift sich an der
Giebelwand entlang.

»Gib her die Hand,« sagt das Harfenweibl, »ich will Dir derweil meine
Augen borgen auf das Stückl Weg. Willst was?«

»Die Gitarr möcht' ich,« sagt der Landfahrer, »fei nachschauen, ob sie
dem blinden Manne nicht gram geworden ist.«

»Die zwei fangen an, sich nit schlecht in einander zu schicken,« sagt
der Zachenhesselhans.

Auf dem Fichtenwipfel setzt eine Zippe ihre Silberflöte an. Der Alte
aus dem Zechenhause wendet den Kopf danach. »Du,« sagt er, »auf Dich
hab ich einen Mai und einen Sommer lang gepaßt; aber Dein Häusl im
Wald hast mir nimmer verraten.«

Es ist ganz still. Nur die Fliegen blitzen durch die blanke Sonne
droben in den Wipfeln, und ist ein sanftes Wehen im Sommerwald.

»Blas ein bißl, Vögerl! Jetzt kann Dir der Zachenhesselhans fei nit
mehr an die Kleinen. Aber nächstes Jahr, wenn wir zwei noch das Leben
haben, Vögerl, da wirst dem Zachenhesselhans einen Jungen für sein
einsames Stübl im Wald vergönnen, gelt?«

Ueberdem kommen die Musikleute wieder um die Ecke vom Zechenhäusl. Der
Landfahrer hält kosend das Spiel in den Armen, und das Harfenweibl
leitet ihn am Aermel seiner Joppe.

»So,« sagt es, »nun setz' Dich, Mannl.«

Und der Landfahrer läßt die Finger zitternd über die Saiten gehen. Ein
Sonnenschein fällt auf sein Gesicht; der kommt aber nicht vom Himmel
und durch die Fichtenwipfel hindurch -- der kommt aus dem verstürmten
Herzen, in dem die Tage der Sorge und Heimatsehnsucht daheim gewesen
sind. Jetzt ist gerade der Friede und eine stille heimliche Freude
hineingegangen.

Der Landfahrer dreht die Wirbel am Spiel, die knarren, und er prüft die
Saiten.

»'s stimmt, Mannl! Aber: halt noch einmal!«

»Was willst denn sagen, Zachenhesselhans?«

»Jetzt, wenn Du draußen säßest am Straßenstein mit den ausgelöschten
Lichtln im Kopf, und ein fremder Wind säng Dir sein Liedl, und ein
fremder Wind griff mit der Hand in Deine Saiten, der nicht den herben
Harzruch aus den Wäldern bringt, und die Tritte fremder Menschen
klängen an dem Almosenmannl vorüber und -- Freundl: Du hättest ein
Sehnen in der Brust nach dem Waldland und tätest Dich drehen und wenden
und fändest nicht einmal so weit, daß Du sagen könntest: dorthinaus
liegt's, dort heißen sie's ›Am Sonnenwirbel‹, dort bin ich jung gewesen
-- -- Mannl, wenn Dir das geschehen wäre -- das wär ein Leid, das wär
ein Leid! Du bist einer, mit dem's das Schicksal nit schlecht meint,
sonst hätt's Dir die Augen draußen ausgetan. Nun hier, da läßt sich das
Hücklein leichter tragen, das es Dir aufgehängt hat. Und fei, ohne daß
Du einen Schritt getan, kommen sie Dir im Wald und sagen: »Grüß Gott,
Herr Seppl, und wenn Sie Hunger haben, hier gibts zu essen. Lassen
Sie sich's gefällig recht wohl sein!« Mannl, und weißt Du, wo Dir das
geschieht? In demselbigen Land, aus dem Du gefahren bist, weil's Dir
zu schlecht war. Jetzt --: Du hast nach Deinem Mütterl einen Stein
geworfen, Landfahrer, und das Mütterl tut Dir wieder seine Tür auf und
küßt Dich dafür.

So, das wollt ich Dir noch sagen. Nun sing Dein Sangl!«

Dem Harfenweibl ist ein Körnlein ins Auge geflogen. Es nimmt sein
Sacktüchl und macht sich die Augen wieder blank. Ein silbernes Küglein
rollt ihr unter dem Sacktuch hervor in den Schoß. Das hat es nicht
fangen können und das hat es verraten.

»Brauchst Dich nit zu schämen, Harfenweibl. Dem Seppl ist fei selber
ein Wasser in die blinden Augen gegangen!«

Aber der Landfahrer greift schon wieder die Saiten. Jetzt hebt er zu
singen an. »Ein bißl staubig ist die Stimme. Das kommt vom langen
Fahren im Niederland,« meint der Zachenhesselhans. Und der Landfahrer
singt:

    Dort, wo die Grenz von Sachsen ist, im Wald die Schwarzbeer blüht,
    Dort, wo man heut noch Klöppeln tut, im Winter hutzen gieht,
    Da steht nit weit vom Wald davon, sieht klein und ärmlich aus,
    Ein Hüttlein, nur aus Holz gebaut, das ist mein Vaterhaus.

Weil der Landfahrer immerfort seine Griffe greift, denkt der
Zachenhesselhans auf die andere Strophe des Heimatlieds. Das hat er den
Seppl gelehrt; gestern abend haben sie's mitsammen schon probiert, wie
die rote Sonne so durch die Fichtenwipfel herniedergegangen und der
Wald gar so viel feierlich gewesen ist.

Und nun -- alle vier heben sie an zu singen; ganz oben darüber, ›auf
den Zehen‹, sagt der Zachenhesselhans, geht das dünne Stimmlein vom
Harfenweibl:

    Da draußen in der fremden Welt, da find' ich halt kei Ruh,
    Die Häuser sind dort ganz aus Stein und die Menschn ach a su.
    Ein jeder singt ein andres Lied, doch immer klingt's heraus,
    Es mahnt und ruft: vergiß fei nit am Wald dei Vaterhaus.

»Kennst's fei auch schon, das Sangl, Hans-Tonl?« fragt der Seppl, wie
er die Gitarr auf den Schoß und die flache Hand auf die Saiten gelegt
hat, weil die gar nicht ausklingen können nach den Tagen beschaulicher
Ruhe im Waldwinkel. Schier ein Staub hat sich auf dem Griffbrett
breitgemacht, als gehör' die Gitarr fortan ihm und gar nimmer dem
Schmied-Seff-Pepp.

»Was fragst?« wendet sich der Zachenhesselhans an den Singspieler,
»ob's der Tonl auch könnt? Mannl, wie der das fei schon gewußt hat,
ist an Dich justament noch nicht zu denken gewesen im Waldland. Der
Hans-Tonl, das ist nämlich, was man draußen in dem Land, in dem Du fei
ein Leben lang auf das Glück vergeblich gepaßt hast, einen _Dichter_
nennt. Einen ›Dichter‹ -- so fein geben wir's freilich im Waldland nit.
Wir sagen: das Versl, das wir justament gesungen haben miteinander, das
hat sich der Hans-Tonl ausdenkt. Da is fei nix dabei, als das: so klug,
wie Du erst in Deinem sechzigsten Jahr hast über Dein Heimatland denken
lernen, so klug ist der Hans-Tonl schon mit seinem vierundzwanzigsten.«

»So ist der Hans-Tonl ein Dichter,« sagt der Seppl.

»Und fei, was man einen Kom--po--nisten nennt, das ist der Hans-Tonl
auch noch dazu. Mannl, nu sag aber: Du bist doch ein Leben lang unter
gescheiten Leuten gewesen -- hast dort nicht derlei Dinge auch lernen
können?«

Schmied-Seff-Pepp, der Zachenhesselhans zwickt Dich wieder!

»Da muß einer fei stille sein,« sagt der Seppl.

»_Muß?_« fragt der Mann vom Zechenhaus, »_müssen_ tut er nit -- aber
wissen muß er fei was Gescheites, sonst: besser is's, er halt's Maul. --

Die Melodie, was man hierzuland sagt ›die Weis‹, die hat der Hans-Tonl
mit dem Reimlein auf dieselbige Stund zur Welt gebracht.

Seppl, draußen im Land, da is ein Dichter ein toter Mann, den sie zum
Zeichen, daß er ganz tot is, als Bildsäul' aufstellen. Aber, Seppl,
und das ist wieder ein Unterschied zwischen dem Draußen und dem
Waldland: im Waldland is ein Dichter ein Lebendiger, der fei immer
gleich die Melodie zu seinen Liedln gibt, daß ma 's auch singen kann.
Aus demselbigen Grund setzt man den Hans-Tonl auch nicht als Bildsäul'
an die Landstraßen, wie einen maustoten Heiligen etwan, zu dem kein
Mensch aufschaut, sondern dem Hans-Tonl seine Lieder, die er auf den
Feierabend sich ausdenkt, die kennen wir alle, die singen wir alle,
die machen uns alle froh. Und die Gebirgsfahrer, was die Tou--ris--ten
sind, die singen mit auf dem ›Neuen Haus‹, so viel ihrer hinkommen.

Der Hans-Tonl, Mannl, hat für derlei Leut, die von ihren eigenen
Dichtern, von den gelehrten, gar nicht wissen, daß sie da sind, der hat
für die seine Lieder und die Noten dazu auf Postkarten drucken lassen.
Da haben wir »Die Ofenbank,« »Der Vogelbeerbaum,« »Das Vaterhaus« --
dasselbig, das wir vorhin mitsammen haben gesungen. Und andere auch
noch. Soviel hat der Hans-Tonl fei schon losgelassen, daß einer lang
zählen muß, voreh sie all zusammenwären.

Und manchmal, da ist der Hans-Tonl mitten unter den Stadtleuten
gestanden, die auf dem ›Neuen Haus‹ beim Bier gesessen haben, und die
alle seine Lieder singen helfen, wenn's Weibl die Harfe rupft, und
wissen nicht, daß der, der's gemacht hat, fei so nah dabei ist. Einmal,
da hab ich die Pfeif aus dem Mund getan und die Mütz herunter und hab
mich mitten in die Stube gestellt: »Meine Damen und Herrn«, hab ich
gesagt, »und das Bürschl, das die Sangln zurechtgemacht hat und sich
ausdenket, das is hier.«

Da sollst schauen, Mannl -- ganz still sind sie worden und haben die
Mäuler aufgetan. Wie sie fei noch lauscheten, hat so ein klein's Dirnl
hinterm Tisch anfangen zu reden: »Nicht wahr, Mama, der alte Mann lügt,
das dort ist kein Dichter, ein Dichter hat doch einen Lorbeerkranz.«

Da hab ich gesagt, »Madame«, hab ich gesagt, »dem Kindl sagen Sie
gefällig: Lügen tun's bei uns heroben überhaupt nicht. Wenns anderswo
nicht ohne das auskommen: wir brauchen's fei nit. Und wenn Sie's nicht
glauben wollen, für den Fall sehn Sie gefällig auf das Kärtl, von dem
Sie da abgesungen haben. Da steht: ›Melodie, Text und Zeichnung von
A. Günther‹; denn auch das Bild hat er gemacht, das soll die Unruh
vorstellen. ›A. Günther‹ schreibt sich der Mann aber bloß, heißen tut
er: der Taler Hans-Tonl.« Das hab ich gesagt. Dann bin ich meiner Weg.

Hans-Tonl, das muß ich Dir fei schon heut sagen: wir nehmen Deine Sach
so hin, wie das täglich Brot. Ich hab aber darüber so meine Gedanken,
wie überhaupt über manches daheroben. Wenn die Zeit kommt und die
langen Nächte sind, und wenn wir im Schnee sitzen im Wald bis ans
Moosdächl, hernach, Hans-Tonl, da reden wir noch einmal darüber. Und
das Harfenweibl und der Landfahrer dürfen auch dabei sein.«

»Hm, hm,« macht der Hans-Tonl, »leicht, Zachenhesselhans, kommen wir
gar nicht zusammen.«

»Waas?«

»Fei seit der Hachtl nicht mehr hat leben wolln, seit derselbigen Zeit
ist das anders. Wohnen zwei einsame Leut im Sonnenwirbelhaus seitdem.
Der Mann hüben, das Weibl drüben. So hören sie, wie die Zeit immer ein
Bein vor das andere setzt. Im Uhrkasten, da kann man's hören: Links,
rechts, links, rechts. Und so läuft die Zeit, Zachenhesselhans. Weiß
einer, wohin?«

»Seht's, Leutln,« unterbricht der Waldmann den Hans-Tonl, »auf
dieselbig Art find't der Hans-Tonl seine Liedlein -- er hat immer so
Gedanken. -- Was, nicht beim Zechenhäusl willst hausen, Tonl?«

»Wollen möcht' ich wohl, aber der Wurzltonl meint, und das Wawrl ist
auch der Ansicht: warum sollen wir zwei uns ein Häusl bauen im Wald,
wenn auf dem Sonnenwirbel ein Platz leer ist?«

»Bist doch halt auch einmal ein Tschapperl, Hans-Tonl: zweimal zwei ist
vier, gelt?«

»Nu, und?« fragt der Hans-Tonl.

»Der Wurzltonl und dem Hachtl sei Gabi sind einmal zwei und sind auf
der einen, das Harfenweibl und der Landfahrer sind die zweiten zwei und
sind auf der andern Seite. Da ist das Sonnenwirbelhaus voll. Und das
Wawrl und der Tonl und ...«

Weil das Harfenweibl sein blaues Sacktüchl fei nicht schnell genug
finden kann und nun so herzhaft hineinlacht und weil auch über die
Stirne vom Landfahrer wieder ein Sonnenschein läuft -- diesmal ist der
Zachenhesselhans die Sonne, die den Schein wirft -- hören sie nicht,
was der Zachenhesselhans noch gemeint hat.

»Ich sag's ja immer,« kichert das Harfenweibl, »der Zachenhesselhans,
das is einer! Mit dem hat der Herrgott voreh was anderes vorgehabt, eh'
er ein Waldmannl draus gemacht hat.«

»Wird aber danach drauf vergessen haben, der Herrgott,« sagt der
Zachenhesselhans. »Das heißt, gesagt will ich nichts haben: er hat's
fei redlich gut mit mir gemacht, und der Tag soll erst noch kommen,
an dem ich nicht zufrieden gewesen bin mit dem Herrgott. Ich wollt',
Leutln, der Herrgott tät das auch sagen von mir.«

»Zachenhesselhans, ein _Weg_ wär das! Wie denkt denn der Seff-Pepp
darüber?«

»So müssen wir das Harfenweibl fei auch mitreden lassen.«

»Machts keine Umständ, Leutln!« ruft der Zachenhesselhans. »Jetzt:
Seppl, -- gehst singen aufs ›Neue Haus‹ und die Gitarr spielen oder
nit?«

»Ich geh.«

»So wirst fei nit jede Mitternacht, wenn sie droben Feierabend machen,
die Steile über die Unruh in den Bergwald hereinsteigen können, weil
Dir ein Stalllämpl fei doch nit den Weg zeigen könnt. Nun, und das
Harfenweibl?«

»Mei Herrgott,« sagt das, »was soll denn einer dazu sagen so schnell?«

»Na, so paßts auf: es sind zwei Männerleut und zwei Weiberleut und
sind zwei Kammern. So führt das Harfenweibl den Landfahrer bis vor die
Tür vom Wurzltonl und schläft in einem Stübl mit der Gabi. Und der
Musikmann versingt dem Wurzltonl hin und her seine Einsamkeit, wenn das
Wawrl mit dem Hans-Tonl in den Bergwald gezogen ist.«

»Und der Hans-Tonl baut sich sein Nest in die Fichten.«

»So schlag ein, Hans-Tonl!«

Da reichte der Junge dem Alten die Hand.

»Ich sag's ja: fei nur drei Leut sind anders im Waldland. Nicht vom
alten Schlag. Das wär falsch. Leicht vom _ganz_ alten -- weiß man
nicht. Sicher aber: vom _ganz neuen_ -- wenn fei auch ein Alter
dabei ist. Und die drei heißen: der Hans-Tonl, das Fanele und der
Zachenhesselhans.

Warum justament die drei?

Das wird sich weisen und darüber reden wir noch, Leutln.«

[Illustration]



[Illustration]

6. Kapitel


Jetzt ist dem Zachenhesselhans der Grünetz zum Fenster hinausgeflogen!

Droben auf dem Fichtenast sitzt er, spaziert wie ein Seiltänzer gegen
die Astspitze, an der das halbgrüne Zäpflein sitzt, und hängt sich
daran. Er pocht ein wenig mit dem Schnabel -- ist aber noch kein Samen
darinnen, von dem sich ein Kreuzschnabel ein Frühstück machen könnt.

Der Zachenhesselhans, da er den Käfig leer findet, weil er das Stäbchen
nicht herabgeschoben, wie er den Vogel ein neues Wasser in die Schale
geben wollte, steht vor der Tür vom Zechenhaus.

»Jetzt -- da sitzt der Ausreißer und guckt sich die Welt an!«

Der Zachenhesselhans ist dabei, den Flüchtling mit guten Wörtlein
herunterzulocken, wie der Fuchs im Märchen den Hahn.

Aber der Grünetz pfeift dem Zachenhesselhans eins. Weil der Alte alle
Sprachen versteht, die um ihn herum gesprochen werden: die vom Wald,
die von den Vögeln, vom Wind und von den Gräsern, so weiß er, das, was
jetzt der Grünetz ihm gepfiffen hat, das heißt: Freundl, wir zwei, wir
kennen uns! Wir sind zwei Philosophen, Du und ich, und unsere beste
Weisheit ist: Leutln wie uns, kann's im Waldland nimmer schlecht gehen.

Weil der Grünetz so redet, und der Zachenhesselhans so sorglich drauf
hingehorcht hat, ist ihm sein Morgenpfeiflein zwischen den Zähnen
ausgegangen; er muß fei so still in den Fichtenwipfel schauen, von dem
das klingende Gold der Frühsonne tropft.

Da sieht er, wie der Vogel hinanflattert auf die äußerste Baumspitze.
Die ist ein wenig gebogen, weil sie just zu dünn ist für den schweren
Goldschmuck der Sonne, den jeder neue Tag daranhängt. Dort sitzt der
Grünetz, schaukelt im Licht und guckt sich sein Röckl an, hierhin und
dorthin.

Der Zachenhesselhans denkt: oha, ist etwan nicht alles in Ordnung?
Jetzt hebt der Grünetz an, das Röcklein auszubürsten. 's ist fei gar so
viel Staub gewesen im Hüttlein; da muß einer eine gründliche Säuberung
vornehmen mit dem Flaus.

Der Grünetz hat's gar nicht eilig. Er hält, wie er mit dem Ausputzen
fertig ist, erst eine Umschau im Waldland -- da ist er auf und davon ...

»Ich hab Dir fei immer ein schönes Fichtenzapfl in das Häusl gehängt,«
ruft ihm der Zachenhesselhans nach, »und nun tust mir das an und gehst
davon!«

Warum nun auf einmal auch das Pfeifl nicht mehr mittun mag? denkt der
Alte, wie er über die Schwelle zur Hütte geht. Er ritzt ein Zündholz
an, und wie's wieder raucht und der Deckel zugeschlagen ist am
Pfeifenkopf, nimmt der Zachenhesselhans das verwaiste Vogelhäuslein
vom Fensterstein und schüttet, was noch daringeblieben ist, in den
Morgenwind. Frischgrüne Fichtenreiser stecken daran.

Der Zachenhesselhans schaut bei dieser Gelegenheit noch einmal den
Waldrand ab -- nur die Sonne geht lautlos hindurch. Dann stellt er das
stille Vogelhaus auf das Wandbrett.

Währenddem sind draußen Schritte hörbar. 's kommt einer bis ans Fenster
und steckt den Kopf herein.

»Grüß Gott, Zachenhesselhans!«

»Grüß Gott. Was will denn der Helari?«

»Nachschau'n, ob der Herr vom Zechenhäusl heut gar nicht auf den Bau
kommen mag.«

»Wird eh noch werden heut,« sagt der, »'s ist fei einer waldfahren
gegangen, Helari, der ein Stückl von meinem Herzen mitgenommen hat.
Jetzt -- wer so etwas nicht gewöhnt ist ...«

»Der Zachenhesselhans führt eine tiefsinnige Red',« meint der Helari.

»Will's der Helari nit verstehen, so werd ich's ihm nit brauchen
zu erklären,« murmelt der Alte und guckt noch einmal die sechs
Zeisighäuslein ab. »So, ihr bleibts hübsch daheim! Der Hans geht jetzt,
dem Hans-Tonl das Haus mit bauen helfen.«

Die beiden gehen miteinander. Auf der Halde, die in einer sanften
Wölbung von oben in den Fichtenwald sich hereinschiebt, bleibt der
Zachenhesselhans stehen und schaut den Helari an. Zwischen den beiden
Männern und dem Zechenhaus ist jetzt ein schmaler Keil Wald, der in der
Talmulde bis da heraufgestiegen ist.

»Weißt Du, wie's heißt, wo wir jetzt stehen mitsammen, Helari?«

»Einen Namen wird ihm der Hans-Tonl geben müssen,« antwortet der Helari.

»Einen Namen hat der Hans vom Zechenhäusl justament gefunden: das
›_Stachelschwein_‹.«

»Waas?« fragt der Mann von der Unruh, »jetzt -- auch ein Stachelschwein
hätten wir?«

»Weil fei so viel Borsten daraufstehen,« hebt der Zachenhesselhans an.

»Ich hab mich meintag geärgert über das Stückl Land -- liegt faul
da wie ein Zigeuner. Ein lumpig bißl borstig Gras macht's in jedem
Sommer, und es könnt einer seinen Kopf wetten: es ist noch keine Sense
darübergegangen, seit sich's dahingelegt hat. Wenn einer doch einen
recht hundsmiserabligen Namen erdenken könnt für das bißl faules Land!
hab ich immer gedacht, wenn ich darüber bin. Und justament heut, wo mir
gleich früh der Grünetz is flöten gegangen ins Waldland, heut muß mir
das noch einfallen.

Darauf tu ich mir eins zugut, Freundl! Seitdem ich weiß, daß Menschen
in der Welt herumlaufen -- hat einer sogar gemeint: die meisten --
denen das ganze Leben lang nit das geringste bißl einfallt, seitdem,
Mannl, tu ich mir etwas zugut darauf. Ja, so sag einmal, Helari, is Dir
denn schon Deitag auch was eingefallen?«

»Ich könnt mich fei nit besinnen.«

»Was lachst denn hernach über das ›Stachelschwein‹?«

»Weil der Name halt so viel g'spaßig ist.«

»Soll er auch, Mannl! Jetzt schau her, weil wir jetzt wieder lehnein
gehen, kanns einer sehen: erkennst die Stacheln, Helari, die's in die
Welt schiebt?«

So schaut sich der Helari das Stachelschwein an.

Drüben auf dem Bau -- sie haben schon die Grundmauer heraus, denkt der
Zachenhesselhans -- schauen sie auch; wissen aber nicht, was da zu
sehen ist.

»Es ist nit um den Namen, Helari, und doch ist es wieder darum. Ich
freu mich, daß es just der ist. Das ist einer, auf den der Hans-Tonl
nit vergißt. Und das ist die Hauptsach': es ist ein Spott darin,
Helari. Wenn einer Dein Grasland ein ›Stachelschwein‹ nennete -- na,
Helari?«

»Da dächt ich: der Kerl is mir ein Richtiger und ließ ihn schimpfen.«

»Jetzt, der Helari gehört auch zu den vielen, denen nicht jeden
Tag etwas einfällt. Wenn ich der Helari wär, da tät ich sagen zum
Zachenhesselhans: Mannl, mit dem Spott im Namen, da hast wieder das
Richtige getroffen. Unter dem stacheligen Gras ist totes Land -- das
werden wir gleich lebendig machen. Wenn einer da im Herbst die Borsten
abhaut und dann mit einem guten Dünger darübergeht und über den dünnen
Neuschnee mit einem Faßl Jauche, dann Helari, sollst sehen, wie das in
der Frühlingssonne die Augen auftut und sich reckt. Da is's lebendig
worden, Mannl, mit einem Mal.

So hätten wir wieder eine Probe gemacht!

Na, Dich geht's dasmal nichts an, und wenn Dir nichts über dem
Stachelschwein eingefallen ist, so kann Dir das der Zachenhesselhans
zugute halten, weil das Stachelschwein nicht das Deinige ist.

Aber: die _richtige_ Probe, Helari, die machen wir jetzt mit dem
Hans-Tonl, der das Stachelschwein im Stall hat.«

»Der Helari ist verärgert, weil der Zachenhesselhans die Probe an ihm
gemacht hat, daß ihm nix einfallt,« sagt der Alte zum Hans-Tonl, wie
sie auf den Bau kommen.

»Verärgert?« lacht der Helari. »Fei nit, fei nit. Lustig is er, weil er
was neues weiß.«

»Was weißt denn?« fragt der Hans-Tonl.

»Ein Stachelschwein hast im Stall. Der Zachenhesselhans hat's entdeckt
und nimmt Dich darum so aufs Korn, Hans-Tonl.«

»Ein Stachelschwein?« fragt der Hans-Tonl. »_Ein_ Stachelschwein? Eins,
zwei, drei -- ihrer vier werden's fei sein,« sagt der Hans-Tonl.

»Aber das fetteste ist das da,« meint der Zachenhesselhans und deutet
auf die Halde mit dem borstigen Gras.

»Schaust, Helari, schaust, was der Hans-Tonl für einer ist? Wir zwei
mitsammen, wir werden die Borsten fei schon herunterkriegen im neuen
Jahr.«

»Im neuen Jahr, sagst?« fragt der Hans-Tonl. »Nein, Mannl, damit wird
schon angefangen, wenn wir Dich nit mehr auf dem Bau brauchen.«

»Hui,« macht der Zachenhesselhans, »wieso denn das?«

»Jetzt gib acht: Wo dem Helari sein Grasland vom Sonnenwirbel
herunterschneidet, läuft ein Abflußgraben die Halde herein und läuft in
den Wald.«

»Weiß ich.«

»Links von der Schleuse ist dem Wurzltonl sein Grasland. Und auf
demselbigen wird der Zachenhesselhans ein Wasser suchen.«

»Etwan mit der Wünschelrute?« fragt der Helari.

»Dummes Zeug,« sagt der Zachenhesselhans, »ein Waldleutl wird auch ohne
die Rute fei noch ein Wasser finden da auf dem Berg. Ebensogut, wie
der Helari vor der Unruh, wie ein jeder sein Wasser vor dem Haus hat,
ebensogut wird dort oben eins warten, daß es aus dem Stein herauskann,
gelt, Mannl?«

Der Helari sagt mit den Augen: so selbstverständlich, wie das der
Zachenhesselhans meint, sei das nun doch nicht.

»So werden wir eins suchen, ein Wasser. Und dann?«

»Na, Zachenhesselhans, siehst denn noch nichts?«

»Fei noch das Stachelschwein seh ich.«

»So werden wir das Brünnlein lassen laufen in den Abfluß. Aber der
Zachenhesselhans wird da einen Schützen in das Bergbächlein stellen
und dort einen, daß wir's dämmen können.«

»Helari, merkst was? Der Hans-Tonl will die Halden wässern.«

Der Helari hat sich in das Gras gesetzt, stützt das Kinn in die Hand
und schaut gegen den Sonnenwirbel.

»Der Helari sucht schon das Brünnl,« sagt der Zachenhesselhans.

»Und im Winter gibt's ein Eiskrüstlein. Läuft darüber wieder ein
Wasser. Der Abflußgraben ist ausgefroren. So läuft das Eis auf die
Wiesen und vom Ausgang Oktober bis in den halben April oder bis in den
Maianfang haben wir was ganz neues im Waldland: einen großmächtigen
Gletscher, so groß, daß die Spitzen der Waldbäume nicht mehr
darüberschauen können.«

»Da hat nun wieder der Helari recht.«

»Jetzt -- dem Helari ist etwas eingefallen! Aber halt: so werden wir
einen Stamm bohren und das Brünnlein durch das Rohr in die Welt laufen
lassen. Und wenn die Sonne tot ist, da setzen wir dem Rohr einen Spund
auf, so ist's aus mit dem Wasser. Und kommt die Sonne, lassen wir das
Sonnenwirbelwasser wieder hineinlaufen in das warme Licht. So -- _die_
Sach' ist fertig, denk ich.« --

»Hans-Tonl,« sagt der Zachenhesselhans, wie er den Helari eine Weile
angeschaut hat, »ich glaub', dem Helari will fei noch eins einfallen.
Verzieh ein bißl! Na, Helari?«

»Und wenn das Wasser den Berg herunter breit über die Halden läuft,
werden auch bald die Wände anfangen zu laufen im Hans-Tonl seinem Haus,
das sie neben dem Stachelschwein aufstellen.«

»Helari, fei recht hast,« sagt der Hans-Tonl.

»'s sind alles Sachen, denen einer beikommen kann; aber recht hat
er schon, der Helari, dasmal. So muß das Wasser, das über die Halde
herabschwimmt, hinter dem Haus wieder in einem Quergraben gefangen
und einer links, einer rechts um das Haus geleitet werden. Und der
linke, von obenher gesehen, der bringt das Wasser zum Saufen für das
Stachelschwein.

Na, Helari, was denkst nun?«

Da geht ein Zucken um den Mund vom Helari und ein Glänzen in seine
Augen:

»Wenn Eure Sach gut is,« sagt er, »so wird der Helari im andern Jahr
von Eurem Wasser ein Bächl sich herüberleiten auf das Seinige.«

»Jetzt -- über den Wasserzins, Helari, wirst reden mit dem Hans-Tonl,
gelt?« --

Wie der Augustmonat den wenigen Kornbreiten des Gebirgs reife Aehren
brachte, war man daran, auf die meterdicken Umfassungsmauern den
Holzbau zu setzen.

Mit einer Kraxen trug der Mann aus dem Zechenhaus auf dem Rücken die
Schindeln herüber, die er die Sommerwochen hindurch fertiggestellt
hatte. Und wie der September die weißen Seidenfäden in die glasklare
Herbstluft warf und an den Fichtenwipfeln aufhißte -- Siegesfahnen,
die hinter dem scheidenden Sommer dreinwehten -- hing er sie auch an
den First des neuen Hauses auf der Halde.

Der Zachenhesselhans fügte die letzten Schindeln am First ein, -- wie
ein Reiter saß er droben -- und der Hans-Tonl höhlte die Traufe, die
den Regen am unteren Dachrande hinleiten sollte.

Das Brünnlein, das sie vor dem Hause gesucht, plätscherte in die
Fassung, die seit drei Tagen aufgestellt war; und die Sonne und der
Wind liefen gemeinsam durch die Höhlen der Türen und Fenster. Sie
hatten Arbeit im Haus.

»Hans-Tonl,« rief der Zachenhesselhans von der Höhe herunter,
»Hans-Tonl, hast fei schon auf einen Namen gedacht für das neue
Waldhäusl?«

Der Hans-Tonl hielt einen Augenblick in der Arbeit inne.

»Einen Namen?«

»Wir haben einen ›Sonnenwirbel‹; das ist fei der Anfang gewesen,
und darum heißt's nach ihm daherum, und darum zeichnen sie die zwei
Häusln sogar hinauf auf die Landkarten. Wir haben eine ›Unruh‹, ein
›Zechenhäusl‹ und ein ›Stachelschwein‹; wir haben auch einen ›Kalten
Winter‹. Jeder Name hat eine Bedeutung, Hans-Tonl. Die kennen wir. Sie
sagen: ›Am Sonnenwirbel‹ nenneten sie's droben, weil dort der Frühwind
wirbelnd das Sonnenfeuer anbläst. Is gut, Hans-Tonl. Ich mein' aber
auch, der Name könnt von dem Bergwasser kommen, das drüber an dem
Stein herniederkreiselt und in das den ganzen Tag ein Licht fällt,
daß ein funkelndes Gold dort aus dem Gestein wirbelt, blanker wie der
Sonnenschein.

Die ›Unruh‹ heißen sie das Häusl, weil jenesmal, wie ich noch ein Bübl
war, Bergleute darinnen gehaust haben, die jede Stunde der Nacht von
dort auf die Schicht gegangen sind und fei keine zwei Stunden Ruh ist
gewesen im Haldenhäusl.

Das ›Zechenhäusl‹ hat seinen Namen auch noch aus derselbigen Zeit: sie
haben darin die Gezähe (Werkzeuge) aufbewahrt. Na, und ›Stachelschwein‹
und ›Kalter Winter‹, -- die Namen haben auch ihren Sinn.

Nu aber das Deinige, Hans-Tonl.

Weil wir keine Zahlen haben an den Häusern, die so nüchtern sind und
die wir darum den Stadtleuten lassen, so müssen wir daheroben einen
Namen suchen fürs Häusl. Bei jedem Schindlein, das ich hab eingedeckt,
hab ich darauf gedacht: 's ist mir aber fei bei keinem etwas
eingefallen. Und ist mir doch das Pfeifl zehnmal darüber kalt geworden.
Da wird der Hans-Tonl helfen müssen. Und morgen will ich auch auf das
Brünnlein denken, Hans-Tonl.«

Der Zachenhesselhans fügte die letzte Schindel ein.

»Ein ›Walt's Gott‹ geb ich Dir mit auf den Weg,« sagt er. »Mit einem
›Walt's Gott‹ hab ich die erste über den Dachrand gehängt -- 's
mag heißen: sollt noch daheroben sein alle miteinander, wenn's dem
Herrgott gefällt, das Lebensbüchl vom Zachenhesselhans dermaleinst
zuzuschlagen.«

Dann steigt der Alte die Sprossen der Leiter, die quer über dem neuen
Dach liegt, herab, steigt herunter bis wo der Hans-Tonl auf der
Schnitzbank sitzt und sagt:

»Ein Pfeifl will ich mir noch antun, und dann, mein' ich, wir zwei
legen die Traufe hinauf auf die Zähne. Oder: ich will die Leiter erst
herabnehmen vom Dach.«

Der Zachenhesselhans bindet die Leiter, die zum First führt, los und
lehnt sie an die Ecke des Hauses. Dann heben die Männer die Holzrinne
hinauf unter den überstehenden Dachrand. Während der Hans-Tonl den
Dachkendel anzuschlagen beginnt und an den Schreiner denkt, der kommen
muß, die Fenster und Türen einzufügen, macht sich der Zachenhesselhans
auf den Weg gegen die Bergwiese.

Von Ferne sieht er schon: dem Wurzltonl seine Schwarze und die Rote
gehen weidend auf dem kurzen Gras. Aber der Roten hat das Wawrl das
Leitglöcklein um den Hals gehängt. Und der Klang der Kuhglocke schwankt
über den herbstsonnigen Berg, über den keine Schwalbe mehr fliegt,
schwankt dahin und dorthin, als ging er den Sommer suchen.

Wie der Zachenhesselhans so Schritt vor Schritt die Halde emporsteigt,
die Holzpantoffel in die Hand nimmt, weil er denkt: es ist wieder
so goldglatt im Gras, und wie er seine Gedanken dem halbverträumten
Glockenklange nachschickt, der auf der Weide umhergeht -- da fährt
ein blaues Päcklein mit einem schwarzen Schopf auf dem Grase talein
und dicht an ihm hernieder. Wie er herumspringt, um dem wilden Ding
nachzuschauen, tut das einen Fall und kugelt drei Mannslängen den Berg
hinein.

»Jetzt, wenn das ein Lebendiges ist -- hat das den Hals und die Glieder
gebrochen.«

Und ein Lebendiges ist es; denn im Bogen über das blaue Päcklein
hinweg fliegt ein Holzpantoffel und bleibt im Grase liegen. Da kommt
schon ein Lachen den Hang herauf, daß droben die Kühe die Köpfe heben
und schauen, was denn da vorgeht. Und im Bergwald wacht das Echo auf,
das seit dem letzten Wetter so fest geschlafen hat, und wirft das
schallende Lachen wieder heraus auf die Berghalde.

»Fei bloß bis dorthin hast gewollt, Fanele? Ich denk, Du bist auf der
Fahrt in die Höll?«

»Wenn's beim Hans-Tonl seinem neuen Haus ›Die Hölle‹ heißt, dann wollt
ich justament in die Hölle fahren. 's muß einer doch nachschauen, wie's
steht daherunten.«

Wie das Fanele also geredet hat, hebt der Zachenhesselhans ein Lachen
an, das in alle Talmulden hineinrennt. Die Holzschuh wirft er auf das
Gras und schlägt sich mit den flachen Händen auf die Lederhosen, hinten
und auf den Schenkeln. -- Das Fanele steht steckensteif in der Sonne
und schaut gegen den Zachenhesselhans.

»Jetzt, bei dem Alten ist ein Rädl locker oder er ist ›tiefsinnig‹
geworden.«

Wie dem Zachenhesselhans über dem Lachen der Atem ausgegangen ist und
er wieder Luft schöpft, lacht das Echo im Wald immer noch weiter.

»Zachenhesselhans, jetzt hast den Widerhall im Wald so munter gemacht,
daß er fei nimmer zur Ruhe kommt.«

»Macht nix, Madl, so mag er dasein und den Leuten vom Waldland
erzählen: das ist dem Zachenhesselhans sein Lachen, das er gelacht hat,
wie das Fanele von der Unruh die Höll' entdeckt hat.«

Darauf überlegt sich das Fanele, ob sich's wieder das Röckl
zusammennehmen, auf die Fersen setzen und auf den glasglatten
Pantoffeln aus der Nähe des wildgewordenen Waldmannes fliehen soll.
Weil der sich aber ganz fromm in das Gras setzt und ihm so viel
lachender lieber Frohmut aus dem Herzen in die Augen fliegt, bleibt das
Fanele noch ein wenig stehen, ist aber fei immer auf dem Sprung und
denkt:

»Es muß einer doch noch ein bißl gucken! Die Sonn' wird's doch nicht
etwa gemacht haben, die mit dem Zachenhesselhans die Tage her so
viel heiß auf den Dachsparren gehockt hat, weil sie dort unten nicht
hineinlaufen kann in den finstern Wald?«

Wie es so gegen die Halde schaut, sieht das Fanele: der
Zachenhesselhans sitzt dort wie ein Mensch mit seinen fünf gesunden
Sinnen. Er legt die Holzschuh neben sich ins Gras, rückt sich die Kappe
ein wenig herein in die Stirn, damit die Sonne an dem Schirm abprallen
muß, und tut sein Lederbeutlein mit dem Tabak aus der Tasche. Nur ein
bißl stark schnaufen hört das Dirnl den Zachenhesselhans, just wie
einen von den Stadtleuten, wenn er die Halde emporgestiegen ist. Einer
aus dem Waldland schiebt sich fein gemessen empor und denkt bei jedem
Schritt: wer langsam geht, ist schneller oben. Das Schnaufen wird von
dem Lachen sein, das gar so viel laut gewesen ist, überlegt sich das
Fanele.

»Hat denn der Zachenhesselhans gar nichts zu reden heut? Er ist doch
sonst nicht verlegen um ein Wörtl.«

»Wird gleich kommen, 's muß sich einer nur erst ein bißl verschnaufen
und sein Pfeifl antun. So -- hmp, hmp, hmp.«

Jetzt: der Zachenhesselhans drückt das Schwefelholz justament wie sonst
mit dem Daumen und Zeigefinger aus, eh er das Stümplein ins Gras wirft.
So wird sich das Fanele auch nicht vor ihm zu fürchten haben.

»Madl, da geh her -- das müssen wir feiern mitsammen! Jetzt haben wir
fei auch eine ›Höll‹ am Sonnenwirbel. Alle Schindeln hab ich gefragt,
die ich auf die Sparren aufgedeckt hab, in den Wind hab ich gelauscht,
in die Sonne und in den Wald, was sie miteinander reden, um den Namen
für den Hans-Tonl sein Haus. Keins hat eine Antwort gewußt und zuletzt
auch nicht der Hans-Tonl selber, der nie um einen guten Rat verlegen
ist. Und jetzt -- da fährt das wilde Fanele den Berg herein und meint:
wenn's bei dem Hans-Tonl die ›Höll‹ heißt, so fahr ich justament hinab.
Blitzmadl, komm her ein bißl, darüber müssen wir reden mitsammen,
weil's gar so viel klug ist!«

Da steigt das Fanele wieder die Halde empor.

»Geh schau, gleich ist auch der Wind da, wenn er das Fanele merkt,
und hilft ihm heraufsteigen. Er lehnt sich von rückwärts gegen das
Dirnlein.«

Das sagt der Zachenhesselhans, weil er sieht, wie der Wind dem Mädl
den blauen Rock so nach vorn weht. Und der Wind bringt auch den Schall
herauf vom Waldrand, wo der Hans-Tonl den Dachkendel festnagelt.

»Die ›Höll‹ heißt's von heut an beim Hans-Tonl, die ›Höll‹. Justament
nicht jene, Madl, von der sie sagen, daß der Teufel tät einheizen --
bewahre mich Gott! Dieselbig Höll kennen wir nicht im Waldland, von
der wollen wir nix wissen und die brauchen wir nicht daheroben; denn
wir sind fei so nah beim Himmel am Sonnenwirbel, daß wir, haben wir
eine Lust davonzugehen, den nahen Weg dahinauf nehmen, gelt, Madl? Aber
weil sie nun einmal sagen, es tät ein dämisches Feuer lodern in dieser
Höll, so -- weil wir woltern lustig sind auf das Stündl -- können wir
justament damit anfangen: ein Feuer brennt den Sommer hindurch dort
im Talgrund, in den kein Wind hinabsteigt, und die Luft flackert wie
leibhaftiger Höllenbrand. Stellen sich dort auch die Fichten der Sonne
entgegen und fassen sich an den Händen, um ihr den Eingang zu wehren in
die Harzkühle des Waldes. Darum könnt' man's heißen: die Höll'.

Aber das Richtige kommt erst, Madl! Einen Kachelofen hat der Hans-Tonl
in die Stube gesetzt -- so gewaltig, wie nur mein Großvater einen
gehabt hat und wie sie ihn fei gar nit mehr mögen im Waldland seit die
›Kultur‹ in der Welt ist. Und weil nun einmal der Kachelofen da ist,
hat der Hans-Tonl auch um eine Höll Sorge getragen -- Madl, das ist die
richtige: groß wie dem Zachenhesselhans sei Stübl! Der Hans-Tonl meint,
wenn er so auf das Denken aus ist und ihm ein neues Lied im Herzen
und eine neue Weis' in den Ohren klingt, dort hinter dem Ofen in der
Höll, dort werden derlei Sachen erst recht reif. Und weil er justament
auf eine feine Höll genau so viel bedacht ist gewesen beim Bau wie
auf einen feinen Kuhstall, so ist der Name, den das Fanele bei seiner
Talfahrt hat ausgedacht, justament so viel schön für das ganze Häusl.

Seit das Fanele auf der Welt ist, wissen sie im Waldland schier nimmer
was das is: eine richtige Höll. Das ist ein Platzl im Haus, wie's kein
besseres gibt. Alle Gemütlichkeit ist in einer richtigen Höll -- und
alle Freude, die der Herrgott für die Waldleute aufgespart hat, dort
packt er sie ihnen aus; und wenn sie in der Höll liegen oder sitzen,
die vom Wald -- der Herrgott und seine lieben Englein sind dann mitten
unter ihnen. Darum ist der Hans-Tonl fei auch bedacht gewesen auf die
Höll. Und »_Die Höll_« solls bei ihm heißen: es ist das allerschönste
Häusl im Waldland. Das Wawrl singt darin, der Hans-Tonl denkt auf seine
Waldlieder und der Zachenhesselhans tut auch sein Teil dabei. Madl,
nun laß bloß einen Winter hergehen übers Gebirg, so einen, in dem der
Schnee bis ans Dachrandl liegt und der die Fenster zusetzt von außen,
weil sie drinnen ja doch ein Tranlämplein haben zum anstecken -- Madl,
das gibt ein Zusammensein in dem Hans-Tonl seiner Höll, bei dem einer
sich fei nicht bloß die steifen Glieder, sondern auch das Herz wieder
richtig warm machen kann. Jetzt geh und fahr in die Höll, Madl!«

Das Fanele tut einen Lacher.

»So denkt der Zachenhesselhans, ich rutsch ihm was vor da den
Berg hinein? Nein, nein,« sagt das Mädl, »das gibt's nicht,
Zachenhesselhans; ich hab mich vorhin schon so viel geschämt, weil ich
dem Hans schier zwischen den Beinen durchgefluscht bin. So was macht
das Fanele halt bloß, wenn's ganz allein ist mit sich und dem Bergwind.
Die zwei, die verlustieren sich mitunter ein bißl, aber vor den Leuten
auf dem Seil tanzen -- so weit hat's das Fanele fei noch nit gebracht,
Zachenhesselhans.«

»Tschapperl, das Du bist,« lacht der Alte.

Aber das Mädl bückt sich, nimmt die Pantinen in die Hand -- hopp, hopp
springt's den Berg hinein und der Wind immer mit und zaust ihm das
nußbraune Haar und bläst ihm ins Röcklein.

»So sag auch dem Hans-Tonl, warum's bei ihm fortan ›die Höll‹ heißt,«
ruft der Zachenhesselhans dem Dirnlein nach.

Da springt sie mit ihren siebzehn Jahren die Halde hinein. -- »Der
Wind mag fei Müh haben, mit dem fixen Dirnl zu wettrennen,« sagt der
Zachenhesselhans und entdeckt gar nicht: der Wind läuft ja den Berg
herauf.

Auf der Unruh nimmt der Zachenhesselhans auf eine halbe Pfeif Tobak
Einstand.

»Jetzt -- mein Häcklein hab ich daheim bei der Tür lehnen lassen,« sagt
der Hans zum Fenster hinein.

»Willst auf das Wasser gehn, das sich der Helari will ausborgen aufs
Vörjahr vom Tonl?« fragt die Resl zum Fenster heraus.

Sie sitzt auf der Ofenbank und schlürft aus dem Töpflein den
Nachmittagskaffee, stippt auch ein Rindl schwarzes Brot hinein.

»Freilich freilich,« meint der Zachenhesselhans, »'s bläst uns sonst
noch einen Septemberschnee in die Arbeit. Der Helari ist nicht daheim?«

»Is Korn hauen ein Restl bei dem ›Kalten Winter‹.«

»Jetzt im Septemberanfang hauen sie ein Korn auf dem Waldgebirg.«

»Ist eh früh genung, wenn ein Herbst ist, wie dasmal.«

»Die Resl hat recht. Weißt auch, wie sie's beim Hans-Tonl nennen?«

»Fei nit.«

»So laß Dir's von dem Fanele sagen. Und ich hol mir das Häckl. B'hüt
Gott, Resl.«

Der Zachenhesselhans geht vor das Haus; da lehnt ja das Häcklein am
Gartenstaket! Die Resl hat die Erdäpfel gehackt und da ist die Zeit zum
Kaffee gekommen. Wenn aber die Zeit zum Kaffee ist, kann einer nicht
mehr häckeln in den Erdäpfeln.

»So leihen wir uns das müßige Häcklein ein wenig aus und gehen damit
auf die Grashalde über der Unruh und pochen mit dem Häcklein da und
dort einmal an die Steile, ob ein Wasser heraus will.«

Der Wind ist eh früh schlafen gegangen; es ist kein Lüftlein mehr
lebendig in diesem Tale. Solange sich der Zachenhesselhans besinnen
kann, so ein Sommer ist fei noch gar nit gewesen auf dem Gebirg. Wenns
Rosen hätt' im Waldland, die könnten in dem Jahre blühen daheroben,
und wenn's Fruchtbäume hätt', etwa Aepfel und Birnen, so könnten die
am End' einmal ein Obst zuweg bringen. Die Kirschen nit -- auch nit in
solchem Bergsonnenschein. Aber: einen Holzapfel -- wenn einer jung wär:
probieren müßt' man's schon einmal, denkt der Hans vom Zechenhaus.

Wie er über die Halde kommt, richten die bunten Kühe die Köpfe in die
Höhe, neigen sie aber gleich wieder -- »das ist der Zachenhesselhans,
den kennen wir,« sagt der Alte zu den Kühen.

Und nun schwanken wieder die weichen Glockenklänge durch die sonnige
Bergeinsamkeit -- ganz träumerisch und ganz langsam: sind wohl die
seidenen Septemberfäden, die so lautlos durch das Gold des Herbstes
schwimmen und die Glockenklänge ganz leise einspinnen.

Jetzt -- der Zachenhesselhans steht kerzengrad im Licht und stemmt sich
aufs Häcklein.

»Da läuft der Abflußgraben vom Sonnenwirbel herein, der das
Wetterwasser leitet. Das ist die Grenze vom Wurzltonl seinem und von
dem Helari seinem Gras. Und dort ist's, wo die Berglehne die Steinnase
hat. Ist ein wenig Strauchwerk darum und was denn noch?«

Der Zachenhesselhans geht mit Meterschritten hinüber zu dem Stein, der
aus dem Gras springt.

»Wenn hier ein Wasser wär' -- auf siebzehn Meter könnt einer
einen Graben hinüberziehen bis zum Abfluß. Wo der in die Schleuse
hineinrinnt, müßt ein Schützen stehen. Ist der herunter, so läuft das
Bergwasser breit und dünn über die ganze Lehne.

Aber: was steht denn da? Heide? Die blüht dasmal bis an die Spitzen
hinan, ganze Reihen roter Perlen hat sie angesetzt, die Heide. Das
gibt fei einen kalten Winter, sagen die Leute. Und da is ja auch die
Trunkelbeere heimisch worden.«

Der Zachenhesselhans legt den Finger an die Nase.

»Die nennen sie auch die Sumpfheidelbeere. Wenn der Name, den die
Gelehrten gefunden, diesmal nicht dumm ist, so müßt' hier ein Wasser
stecken im Stein.«

Der Zachenhesselhans räumt mit dem Häcklein das Trunkelbeergebüsch fort.

Ein Falke schießt quer über die Grashalde, tief, fluchteilig. Die Kühe
schreiten, die kurzen Halme rupfend, an der Lehne hin.

Rechts von der Steinnase hat der Zachenhesselhans ein Häuflein
aufgeworfen und links auch eins. Der Stein unter der flachen Grasnarbe
ist verwittert; deshalb vermag ihn das Häcklein zu spalten. Wie der
Alte wuchtet und einen kopfgroßen Block aus dem Grund hebt, drängt sich
drunten ein Tropfen aus dem Spalt -- und noch einer.

Der Zachenhesselhans wartet -- da ist schon ein ganzes Näpflein voll
zusammengeronnen. »Hans-Tonl, wir haben ein Wasser!

Jetzt -- da muß einer mit der Spitzhacke in den Stein und einen Schacht
schlagen für die Röhre, die hineinkommt.« -- Mittlerweile hat das
Wässerlein im Stein einen handtellergroßen Spiegel bekommen. »Das ist
genug für das erste Mal. Morgen fragen wir noch einmal an.«

Nicht lange nachher hat der Zachenhesselhans auf dem Stachelschwein
mit dem Tonl geredet. Und jetzt, wie der blaue Duft des Abends über
dem Walde steht und die Nebelschwaden aus den Hauen lautlos und weiß
sich herausspinnen, hat der Alte einen mannslangen Fichtenstamm
zwischen Eisenklammern gelegt, die sich darein verbissen haben, daß der
Stämmling sich gar nicht mehr rühren kann, und macht sich daran, die
Röhre zu bohren.

Wie er schon fußtief hinein ist in den Stamm, kommt der Hans-Tonl vor
das Zechenhaus, das Werk anschauen. Und der Abend setzt sich still
neben die beiden.

Weil das heimliche Flüstern im Bergwald ist, und alles leiser wird,
wenn die Sonne fort ist und der rote Schein nur noch hinter dem Plessen
brennt, so sprechen auch die Männer gedämpft.

Von der Unruh herab kommt noch ein verlorener Klang einer Kuhglocke und
sucht, wo er schlafen kann.

[Illustration]



[Illustration]

7. Kapitel.


Wie's den Schnee zusammen mit dem Regen in den halbgrünen Hafer aufs
Gebirg geworfen, hat der Pfarrer den Hans-Tonl und das Wawrl vom
Sonnenwirbel zusammengegeben.

In beiden Stuben haben sie gesessen. An diesem Tage konnten auch der
Seppl und das Harfenweibl nicht im ›Neuen Haus‹ aufspielen. Sie wurden
gebraucht im Sonnenwirbelhaus beim Tanzen.

Wie sie am Nachmittag die Halde hinabgezogen sind, hat der Bergwind
einen nassen Schnee dem Wawrl in das Myrtenkränzl getan, und weit
drunten im Land, wo der Rauch der Städte steigt, ist ein Strom Sonne
aus den Wolken in die Welt geflossen.

Das Harfenweibl, wie sie das sieht, hat dem Seppl einen Augenblick die
Hand losgelassen.

»Da schaut hin,« hats gerufen, »das ist fei eine gute Vorbedeutung.
Wenn's in die Brautkrone regnet und der Sonnenschein fallt hinein, da
gibts immer ein volles Kästlein in der Höll. Das Mehl im Katt wird nit
alle und dem Krüglein mag's nicht an Oel gebrechen.«

»Nur daß derselbige Sonnenschein ein Eichtl weit weg ist von der
Brautkrone,« sagt der Zachenhesselhans.

»Jetzt -- das Waldmannl find't fei immer etwas, das nit stimmt,« ruft
das Harfenweibl und wirft dem Zachenhesselhans einen Blick zu, der ihm
noch mancherlei klar macht.

Und wie sie miteinander vor das weiße Haus am Waldsaum kommen, schau'n
unter der Türschwelle drei Zipflein Rasen hervor, sind an dem oberen
Türbalken mit Kreide drei Kreuze gezogen.

»Schau, schau!« Der Zachenhesselhans hat auch _das_ wahrgenommen. »Da
hat einer heimlich den Hexen das Handwerk gelegt. 's ist eh keine
Gefahr! In der selbigen Höll hat fei nur der Herrgott mit seinen Engeln
etwas zu schaffen.«

Vom Wawrl erhält der Zachenhesselhans einen frohen Blick, weil er
solches gemeint hat.

Aber auch die Resl von der Unruh, die die Kreide und das Gras unter der
Türschwelle hat weihen lassen in der St. Annakirche zu Gottesgab vom
Priester, damit beides recht kräftig sei, bekommt ihren Dank vom Wawrl.

Die Gabi, die still vor dem Ofenloch kauert und ein prasselndes
Reisigfeuer hineingelegt hat, zerdrückt sich eine Träne im Auge:
sind zwanzig Jahre darüber hingegangen seit sie selber das Kränzl
hat getragen. Und nun schläft der Ihrige schon und fei ein so viel
grausames End' mußt er nehmen, der Hachtl!

Sieht's aber niemand, daß eine wehmütige Trauer um die Frau schleicht,
die jetzt ein kienig Stockholz in das knatternde Reisigfeuer wirft. Und
einen Topf stellt die Gabi über das Feuer mit dem Wasser zum Kaffee.

Mittlerweile hat der Zachenhesselhans dem Hans-Tonl seine Gitarre vom
Nagel genommen, und wie er probiert hat und die Wirbel geschraubt,
stimmt er einen ›Dreher‹ an. Das Harfenweibl und der Seppl fallen ein.

Jetzt -- wer tanzt denn den Dreher?

Der Wurzltonl hat die Resl, und der Helari, der ganz auf das schwarze
Kleid vergessen hat, das die Gabi trägt, holt sich die hinterm Ofen vor
und fängt mit ihr zu drehen an.

Aber die Freude kann nicht aufkommen in der Gabi. Da sagt sie:

»Wenn eins über die Vierzig hinaus ist, nachher ist's vorbei mit einem
Dreher.«

Aber dem Helari fällt schon das Fanele in den Arm. Das geht wie ein
Windwirbel im Ring, und die Lampe, die am kurzen Draht vom Balken
herabhängt, dreht mit im Zweitakt.

»Nun schau mir einer den Peterl an!« ruft der Zachenhesselhans über die
Gitarre herüber.

Aber der Peterl riskiert keinen Dreher mit dem Fanele und -- die
Mahm traut sich keinen mehr mit ihm. Wenn solch ein Bündel Jahre mit
herumgewirbelt sein will, da ist das zu schwer.

Kommt dem Peterl aber doch ein Zucken in das Herz, schier deucht ihm:
auch in die Beine. Aber der Peterl glaubt's nur dem Herzen und rückt
dem Zachenhesselhans an die Seite.

»Gib her die Gitarr und Du geh tanzen! Hernach: wenn der
Zachenhesselhans einen Dreher riskiert, wird der Peterl auch einen
wagen.«

Der Alte, der so vergnügt in den Tag schaut, wartet noch ein Eichtl.

»Bis der Helari nimmer schnaufen kann, Peterl,« sagt er. -- Und wie der
Helari sich wirbelig gedreht, ruft er:

»Komm her, Fanele! Machen wir einen!«

Jetzt: wenn die Leutln nicht so laut sein wollten, tät man die Flammen
im Ofen lachen hören.

So fängt der Zachenhesselhans zu tanzen an. Wie das Fanele merkt:
es wirbelt herum wie in den Armen eines Jungen, und wie ihm das
rote Röckl fliegt gleich einem Kreisel aus loderndem Feuer, tut der
Zachenhesselhans einen Juchezer, wie der Hans-Tonl, wenn er das Wawrl
auf der Bergwiese weiß.

»Leutln,« ruft er, »jetzt -- um vierzig Jahr rückwärts hab ich mich
getanzt, mitten hinein in die Jugendzeit! Und jetzt: machts einen
Stampfer, einen richtigen, zu sehen, ob's Häusl hält!«

So machen die drei auf der Ofenbank einen Stampfer, einen richtigen,
und der Zachenhesselhans und das Fanele auch, -- so einen, den sie
justament tanzen können auf den neuen Dielen in denen der Staub der
Zeit sich nicht eingenistet.

Und der Zachenhesselhans schlägt die Nagelköpflein seiner Schuhsohlen
alle hinein in den neuen Fußboden. Macht nix. Der Hans-Tonl heiratet
das Wawrl nur dies eine Mal. Heut muß alles hin sein, hin wie
gestern nacht die irdenen Töpfe, die sie haben zu Scherben geworfen
an dem Türstein vom Sonnenwirbelhaus, alles hin und wenn's selber die
Steifheit in den Beinen wär, mit der sich die sechzig Jährlein fei gar
so viel Mühe gegeben haben, daß sie die endlich doch zuwege gebracht.

Wie der Zachenhesselhans neben dem Fanele auf der braunen Bank sitzt,
die an der Wand hinläuft und ihm die Hand streichelt, die ihn den
langen Weg durch die vierzig Jahre zurückgeführt hat, lehnt das
Harfenweibl sein Saitenspiel an die Ofenbank.

»Jetzt,« ruft der Zachenhesselhans, »jetzt, Weibl, komm mit dem Teller!«

»Sag ich's nit: wenn dem Zachenhesselhans einmal kein G'spaßl mehr
einfallt, nachher: hadje, Du mein liebes Waldland, mit dem Hans vom
Zechenhaus ist's auf die Neige!«

»Justament is's dem Zachenhesselhans ernst mit dem Teller, Weibl, --
so komm! Ich hab für keinen zu spielen, Schindeln zu machen, Holz zu
rucken -- das Weibl aber sieht und schafft für zwei. Geh her, Weibl!
Jetzt: einen halben Gülden sollst haben, weil Du dem Zachenhesselhans
noch einmal hast auf die Beine geholfen, auf denen er voreh hat
gestanden. Einen halben Gülden für ein Stückl wiedergefundene Jugend --
das kunnt einer mit einem Tagelohn wahrlich nit zu teuer bezahlen.

Jetzt, da fällt mir ein -- paß auf, Helari, eingefallen is mir
eins! -- etwan ist eine Verwechslung mit den Beinen geschehen:
der Zachenhesselhans hat die jungen vom Peterl, und der Peterl
hat die steifen vom Hans. Haben vorhin beim Musikmachen so dicht
beieinandergesessen, die beiden.«

Nun, weil aller Augen auf den Peterl schauen und das Fanele heimlicher
Weis' in sein Nastüchl kichert -- es hat heute das aus der Lade
genommen, um das es sich die feine Spitze selber geklöppelt und das sie
seit der Firmung nimmermehr angerührt -- da fliegt dem Peterl ein Feuer
auf die Stirn.

So geht der Peterl aus der Stube, nach dem Wetter schauen, ob's noch
so verdrossen hinter dem Plessen heraufzieht wie am Nachmittag. Die
Erdäpfeln müssen dasmal sonst aus dem Schnee heraus, wenn der Winter
fei gar so eilig auf das Gebirg läuft.

Ueberdem haben der Peter Einräumer und der Wurzltonl den
weißgescheuerten Tisch wieder aus dem Flur in die Fensterecke gestellt,
und die Gabi, die heut die Hausfrau auf der Höll ist, trägt den Kuchen
herein und die Tassen.

»Mußt nit,« sagt die Mahm vom Sonnenwirbel, »mußt nit dem Peterl den
Tag verleiden, Zachenhesselhans! Der Peterl is ein anderer, weißt's eh.«

»Hm,« macht der Alte und in seinen Augen ist ein Glanz, fei so blank
wie das Feuer, das dem Fanele unter der Stirne brennt, »so werden wir
auch einmal nach dem Wetter schauen, Fanele.«

Weil der Zachenhesselhans auch noch mit den Augen etwas redet, das nur
das Fanele angeht, so schreiten sie mitsammen hinaus.

»Fanele, den Wind lassen wir wehen und den Schnee lassen wir schneien.
Was soll sich einer um Dinge grämen, in die der Herrgott sich hat
nimmer hineinreden lassen? Aber, Fanele, hör zu: Aus dem Peterl mußt
ein Bürschl machen! Auf dem Sonnenwirbel meinen sie, wenn sie ihn nur
auf der Welt haben, nachher -- ein Mensch wird schon aus ihm werden.

Oha, ein Mensch wohl, aber ein richtiger? Bis dahin hats gute Weg mit
dem Peterl. Fanele -- noch ein bißl da bleib -- Fanele: dem Bübl haben
sie fei nur das _Herz_ richtig gemacht. Aber den _Kopf_ da, den haben
sie ihm scheint's verhungern lassen. Was hat denn der Peterl gesagt zu
Dir?«

»Keine drei Wörtl haben wir geredet mitsammen, solang ich denken mag.«

»Ich, wenn ihn in die Hand nehm', fürcht mich, er kommt mir nimmer
wieder. Aber einer muß her neben die Mahm, die das Bübl mit Zucker und
Milch füttert. Er muß ein schwarzes Brot beißen lernen, der Peterl.«

»Was soll _ich_ denn dabei tun? Und warum just ich?«

»Hui, das sind zwei Fragen auf einmal! Was Du dabei tun sollst? Das
wirst Du fei selber wissen. Und warum justament Du? Weil Du von den
dreien eine bist, die von dem neuen Schlag sind, Fanele. Es muß ein
neues Leben her, ein Leben, das eine andere Zeit von uns daheroben
verlangen wird. Daheroben tun sie alles, ›weil's die Mahm fei aach a
su getan hat‹.

Fanele das is nit mehr das rechte.«

»So soll ich dem Peterl sagen, er ist ein Lappl?« lacht das Fanele.

»Fei nit, fei nit, Dirnl,« sagt der Zachenhesselhans und schüttelt
unwillig den Kopf. »Jetzt: wenn's dem Peterl einfiel, auf die Freite zu
kommen zum Fanele ...«

»Ja, Zachenhesselhans, _so_ meinst? Nachher, Hans, so wollt ich mir den
Peterl fei schon instand setzen!«

»Jetzt -- da sind wir ...«

Aber das Dirnl tut einen Sprung über den Schwellenstein und fliegt vom
Hausgang ins Stübl.

Ueber dem Kaffee findet sich auch der Peterl wieder von der Halde
herunter. Der Wind steht droben auf dem Kamm und jagt seinen Regen
herüber, auch Schneeflocken wirbeln noch darin, weiß der Himmel wo er
die aufgelesen.

Der Peterl tut seine Joppe aus und hängt sie zum trocknen auf das
Wäschestängl über dem Ofen.

»Auf nichts habt 's vergessen im Häusl,« sagt die Resl und schaut sich
über dem Schmausen, bei dem auch ein süßer Schnaps nicht fehlt, im
Stüblein um.

»Jetzt, wenn's einen Schnee auf den Wald wirft, werden's die Schwammeln
(Pilze) fei bleiben lassen, das Wachsen,« denkt der Wurzltonl laut.

Aber der Zachenhesselhans hat eine Hoffnung auf Sonne. Die redet er den
Hochzeitsleuten ins Herz.

Wie nur manchmal ein sanftes Schlürfen der Lippen am Rande der
goldverzierten und mit Sprüchlein versehenen Tassenköpfe im Zimmer
ist, hört man das Lachen der Flammen, die in den Schornstein
hinauflodern.

»Und das Haldenbrünnlein läuft auch stärker als die Tage her.«

Es ist der Peterl, der dies Wort spricht. Der Zachenhesselhans schaut
auf.

»Fei recht,« sagt er.

»Es ist ein Rinnen und Plätschern die ganze Bergbreite herein.«

»Soll laufen, so viel der untere Quergraben fassen kann ...«

Der Helari horcht nur mit einem Ohr hin, und der Wurzltonl ist immer
noch bei den Schwämmen und denkt: die Herrenpilze wenigstens könnten
noch kommen. Selbst der Zachenhesselhans, der die ›Wasserkunst‹
angelegt, ist heut lieber mit seinen Gedanken beim Fanele, als auf dem
Hange. Es ist ihm just das richtige Wetter.

»So eins muß der Herrgott schicken zum Hochzeiten: vom Berg herab und
über den Wald hin bläst der Wind die Trompete. Die Posaune läßt er,
weil sie die Hochzeitsfreude könnt' übertönen, daheim und jagt nur
einen Regen und einen nassen Nebel durch die Luft. Daß er schon einen
Schnee treibt, das ist eine Verrechnung, die wir ihm nicht wollen für
übel halten. Wenn er merkt: es stimmt nicht, nachher wird er den Fehler
ausbessern. Und der Regen ist nit lau wie ein Sommerregen, sonst könnt
einer zum Tanzen das Feuerlein im Ofen nit vertragen. Aber ein Feuer
muß sein, -- werden erst die Herzen richtig, wenn der Kachelofen so
sanft wärmelt. Mit einem Wachsen ist einmal nichts mehr jetziger Zeit.
Die Vogelbeeren? 's hat nicht Not, und Schwammeln? So viel als wir
brauchen, laßt der Herrgott noch jedes Jahr aufgehen.

Jetzt, Leutln: ich denk, wir machen einen ›Vogelfänger‹!«

Da muß das Harfenweibl sein Saitenspiel wieder stimmen, und der Seppl
tastet sich an der Wand zur Ofenbank hinüber; das Harfenweibl hat ganz
vergessen auf ihn.

Da fängt's schon zu schlürfen an: drüben das Wawrl mit der Brautkrone,
daneben das flinke Fanele mit dem Flammenröcklein und dem Feuerherzen,
und wieder daneben die Resl, die auch noch einen feinen ›Vogelsteller‹
mag.

Auf die Resl fahndet der Wurzltonl. Das Wawrl hat für heut
den Seinigen. Und, daß die Jugend wieder zueinanderkommt: der
Zachenhesselhans stellt sein Rütlein für das Fanele. -- Links herum,
rechts herum, hin und her, und immer geht die lustige Vogelfängerweis
von der Ofenbank herüber in süßem Locken.

Das Wawrl ist zuerst gefangen, und weil der Resl der Atem ausgeht,
gibt's Vögerl klein bei und geht in den Käfig: dem Wurzltonl seine Arme.

Wie auch das Fanele dem Zachenhesselhans nicht mehr entwischen kann,
wirft der dem Wurzltonl und dem Helari ein Wort hinter der Hand vorm
Mund hinüber. Da wissen die beiden: jetzt wollen sie die Braut fangen.

Weil da einmal kein Entkommen ist, hat der Hans-Tonl den Peterl schon
in den Keller geschickt. Jetzt rollt der Peterl einen süßen ›Ungarn‹
im Zehnliterfäßlein zur Tür herein. Und für einen ›Ungarn‹ kann der
Hans-Tonl das Wawrl wiederhaben -- das is fei nit zu billig.

Wie sie dem Fäßlein den Spund einschlagen, hat sich ein Nebel den Berg
hereingewälzt, ganz dick, lehnt sich gegen die Fenster und drückt mit
den nassen Händen das letzte Licht aus in der Welt.

»'s möcht das Feuer ausgehen im Ofen von der Höll,« sagt der
Zachenhesselhans und zwinkert lustig mit den Augen. »Seht's Euch den
Helari an, der meint: auf der Unruh im Stübl ist auch ein Kachelofen
und auf der Unruh im Stübl ist seintag die Gemütlichkeit daheim
gewesen.«

Jetzt: der Helari meint, wenn einer den süßen Ungarn tät hinauftragen
auf die Unruh und nicht dabei ausglitscht auf dem heimtückischen Gras,
daß das Fäßl hinab in den Waldgrund läuft, so wär's ihm schon recht,
wenn die Hochzeitsleut auf die halbe Nacht mit hinaufkämen.

»Das Häusl vom Hans-Tonl hält,« sagt der Zachenhesselhans, »darauf
haben wir mit dem Stampfer die Probe gemacht. Und weil das Wawrl
und der Hans-Tonl auf die Hochzeitsreis' wollen ...« Was der
Zachenhesselhans noch geredet hat, hat keiner hören können. Sie haben
gar so viel gelacht, weil dem Zachenhesselhans das eingefallen ist.

So haben sie keine Lampe angetan denselbigen Abend in der Höll. Und das
Feuer -- das im Ofen -- ist langsam herniedergebrannt.

Aus der Unruh aber ist ein Lichtschimmer in den Nebel gegangen und
hat der Mitternacht, als ob die ein Licht brauchete den Berg hinauf,
geleuchtet -- schier bis auf den Sonnenwirbel.

Der Zachenhesselhans hat ohne Stalllämplein den Weg nach Hause
gefunden. Ein Licht hätt' nicht geschienen aus der Höll, wie er am
Stachelschwein vorbeigegangen ist, hat er gesagt. --

Als der junge Tag über den Wald herübergeht, hört der Zachenhesselhans
auf dem Strohsack ein sanftes Klingen am Dach. So klopft der triefende
Frühlingsnebel, der ein gelindes Rieseln über die Schindeln schickt und
dem bald die weckende Sonne folgt.

Der Zachenhesselhans reibt sich nicht lange die Augen: so ein Klopfen
kennt einer, der im Waldland grau geworden ist. An dem Fenster herab
geht's kling -- klang -- kling. Aber alle Wolken wälzen sich noch über
das Grasland und drängen hinein in den Wald.

Da kann einer noch eine Eichtl an den gestrigen Tag denken und daran,
wie das Fanele daheim angefangen hat, den Peterl instand zu setzen.
Daheim ist eins kecker als im fremden Haus und namentlich in der Hölle,
in der's dem Fanele noch zu neu gewesen ist.

»Tun wir das Fenster auf ein wenig! Wenn der Wind über das Gebirg
heult und er erspäht eine handbreite Lucke, so wie jetzt im Fenster
eine ist, nachher bläst er hindurch, und mit eins, so hat er einen
Haufen Nebel im Zimmer, daß einer auf dem Wolkenmantel könnt gen Himmel
fahren. Aber heute haben die Frühnebel keinen weiten Weg, drum gehen
sie langsam. Steht auch kein Wind dahinter, der einen Regen hineinjagt
oder sie mit Eisnadeln sticht: heute früh sind sie an Ort und Stelle
und brauchen fei nur niederzusitzen ins Herbstgras oder in das Grün des
Bergwalds. Dort wird ein Tau daraus, Millionen Spiegel, in deren jeden
hernach die Frau Sonne schauen wird.«

Ueberdem steigt der Zachenhesselhans vom Strohsack in die Lederhosen,
zieht sich den Gürtel über den Hüften zusammen und bindet die Riemlein
über den Knöcheln.

Die Holzstiege in den Flur hinab knarrt unter seinen Tritten und das
Brunnenwasser raucht in den grauen Herbstmorgen hinein als hätt's über
einem Feuer gestanden im Berg.

Wie der Zachenhesselhans die Augen sich blank geputzt hat am Brunnen
und mit den hohlen Händen die Flut über das Gesicht sich gegossen,
richtet er sich das Pfeiflein zurecht -- weil die ganze Welt raucht in
dieser Frühe, so will auch der Zachenhesselhans rauchen. Und dann: in
fünf Minuten raucht der Schornstein vom Zechenhäusl, raucht auch bald
das Morgensüpplein auf dem Tische.

Die Uhr ruft sechs Uhr. Da muß der Tag den Sonnenschild heraushängen
über dem Keilberg.

So wird der Zachenhesselhans nachschauen, ob nicht schon ein Feuer
glimmt hinter dem Wolkenvorhang. Auch das Häcklein nimmt er mit, falls
unter dem Rohr, das sein Wasser über die Halden taut, etwa wieder ein
fürwitzig Brünnlein in den Tag rinnt, das seinen eignen Weg in die Welt
laufen will.

So stapft er hin.

Keine zwei Rehsprünge weit kann einer schauen.

Da kommt ein Poltern die Halde herein -- ist aber nicht die wilde Jagd,
die sich versäumt hat. Das ist der Sechzehnender, der in der Dämmerung
immer auf den Hau beim Zechenhaus heraustritt. Sind drei Kühe heut
hinter ihm drein, und weil sie den Zachenhesselhans haben an einen
Stein schlagen hören, sind sie flüchtig. --

Auf der Unruh sagt die Resl: der Helari ist auf den Erdäpfelacker.

So geht der Zachenhesselhans auf den Acker. Wie ein Schatten steht
der Helari gebückt im halbgrünen Kartoffelkraut und wühlt die kalte
morgenfeuchte Erde.

»Nun, wie steht's mit den Erdäpfeln, Helari?«

»Na, so-so.«

»Fei gut ist's dasmal!«

»Na, ja. Aber wieder auch nit.«

»Hui,« macht der Hans, »warum meinst denn?«

»Werden halt nit viel sein für die Schweine.«

»Welche meint denn der Helari damit?«

»Die kleinen.«

»Jetzt -- die Säue vom Helari werden auch fertig werden mit den großen.«

»Was die großen sind, die essen sie auf der Unruh selber.«

Der Zachenhesselhans hebt wieder sein Lachen an -- jetzt: wenn die
Sonne _darüber_ nicht aufwacht!

»Schau, schau, Helari! Auf so was hab ich gedenkt, darum hab ich
fei so viel dumm gefragt. Und der Helari ist justament auch auf dem
Zachenhesselhans seinen Leim gekrochen. Weil Du's ihm nun aber einmal
verraten hast: Helari, zum verwundern ist's nit, daß nun auch die
Bauern nichts mehr wissen mögen vom Herrgott, wenn er ihnen solche
Sachen zurecht macht. Laßt der Herrgott dasmal rein nur große Erdäpfel
wachsen und keine kleinen dabei für die Schweine! 's ist doch nicht
zum glauben! Und dabei soll einer nicht meinen: jetzt -- auch der
Herrgott hat rein den Verstand verloren! Helari, 's hörts niemand auf
den Augenblick und auch die Sonne guckt noch nit: wenn Dir der Herrgott
einmal ein silbernes Kraut auf die Felder stellete und goldene Erdäpfel
unten daranhing, und just _Dir_ allein -- weißt Du, was Dir darüber
einfiel, Helari? 's ist rein nit mehr zum aushalten, dächtst Du, jetzt
haben weder die Menschen, noch die Schweine auf der Unruh Erdäpfel für
den Winter. Wenn's dem Herrgott einmal glückt, daß ers einem Bauern
rechtmacht, nachher, Helari, -- ein ganzes Faßl süßen Ungar geb ich zum
besten.«

Die letzten Worte laufen so aus dem Nebel herüber und können sich durch
die Dickte kaum finden bis dorthin, wo der Mann von der Unruh die
großen Erdäpfel kummervoll aus dem Erdreich kratzt.

Auf den Halden ist ein Glucksen und Klingen vom Bergwasser, daß --
wenn's jetzt der Sonne einfällt, über den Wald zu schauen -- ein
rinnendes Gold im Grase wär. Der Hans-Tonl müßt' seine Freude haben
daran!

Aber der Hans-Tonl guckt noch nicht heraus diesen Morgen -- ist ein
Vorhang rings um die Höll, so dicht, daß man meint: kein Rufen fände
sich hindurch.

Wie der Zachenhesselhans wieder dorthin schaut, wo er die Sonne auf dem
Wege vermutet, da ist das Feuer aufgegangen über dem Berg. Ein Wind
läuft vor dem Glühen über den Wald herein, bläst dem Alten das Jöpplein
mit den Harzflecken über der Brust auseinander -- aber: es ist noch
ein Knopf daran in der Mitte. Da muß der Wind, der so lustig mit den
Joppenzipfeln wehen wollte, sein Spiel lassen und muß die Frühnebel
durcheinander jagen oder das klingende Wasser den Hang hinunterblasen.

Dem Sonnenfeuer steigt der Hans entgegen.

Die Sonnenwirbelstraße ist schon ganz blank, und die Vogelbeerbäume
sind golden und geben einen Klang im Frühlicht. Und die
Sonnenwirbelhäuser schauen mit goldenen Fensteraugen in die Welt. Aber
unten in den Tälern spinnen die Nebel, weiß, dicht, und rinnen goldene
und purpurrote Ströme hinein. Und immer schwerer wird ihnen das blanke
Leuchten, das darauffällt. Die Spinnennetze am Schwarzbeerkraut sind
aus silbernen Fäden gezogen und hängen zitternde Perlen und glänzende
Demanten darin.

Aus den Wäldern rufen die Häher. Unter dem blauen Himmel kreisen die
Falken. Und ein Dampfen ist aus den Tälern herauf.

Aber der Helari von der Unruh steckt noch im Grau, das die Nacht auf
das Land gelegt. Und auch um die Höll hat die Sonne das Vorhänglein
noch gelassen. Es kann kein Wind dahinein, der's wegbläst, denkt der
Zachenhesselhans, und seine Augen sind blank wie die Tropfen im Gras.

»Auch auf dem Sonnenwirbel sind sie schon hinaus in die Erdäpfel.
Was so ein verflogener Schnee die Leute lebendig macht!« sagt der
Zachenhesselhans; denn die Türen an den Sonnenwirbelhäusern sind
geschlossen.

»Jetzt -- so werden wir heute noch einen Feiertag machen,« fährt der
Alte fort, »das Vorhängl drunten ist fei immer noch zugezogen.«

Ueberdem schlendert der Hans die Halde hinab, lauscht im Gehen auf das
schwätzende klingende Rillern des Quells, dem er den Weg ins Licht
gebahnt hat und biegt auf den Hau ein, welcher bis hinab zum Zechenhaus
führt. Die Hühner ziehen die Beine hoch im morgentauigen Gras. Zwischen
drei Halmen und zwischen allen Stauden am Pfad sind die funkelnden
Spinnennetze gespannt, und Sonnenstrahlen hängen darin und lassen sich
in den schimmernden Schaukeln vom Morgenwinde wiegen.

Der Hahn steht mit hochgehobenem Kopf abseits und schaut nach dem
Zechenhaus. Er hat auch etwas zu _sagen_, und der Alte hört ihn
grollen. Ist auch eine Spur von Tritten quer durch den Tau gezogen; die
kommt aus den Fichten herüber. Was? und aus dem Schornstein geht noch
der Rauch von dem Feuer, das dem Hans seine Morgensuppe gekocht hat?

Wie der Zachenhesselhans auf den Steinfliesen vor dem Röhrtrog geht
-- eine goldene Tafel ist der Wasserspiegel, auf den der Quell in
silbernem Bogen fällt -- und wie er vor der Tür zum Hause steht, so
schreitet drinnen einer auf Nagelschuhen und tritt heraus in den Flur
und auf die Steinfließen.

»Grüß Gott, Zachenhesselhans,« sagt der Mann mit dem grünen Hut, an dem
hinten ein Birkhahnstoß sitzt.

»So bist früh durch den bleigrauen Morgen gestapft, Winterkathlfranz.«

»Daherauf findt einer schon,« sagt der andere. »Wenn so alle Türen
sperrangelweit aufstehen am Zechenhäusl und der Frühwind und die Nebel
hindurchlaufen, muß einer vermeinen: der Zachenhesselmann ist daheim.«

»Es ist meitag noch nit zugesperrt worden im Waldhäusl.«

»So bist halt nit ungehalten, daß ich mir hab einen Kaffee gemacht im
Ofen?«

»Nit im geringsten. Was bringst denn, Franzl?«

»Bringen tät ich fei nix. Mich selber, wenn Du willst.«

»Waas?« fragt der Alte und tritt näher an die Türschwelle.

»Einen Schuh länger bist, als der Hans und sagst: das is nix? Jetzt,
wie soll einer denn das verstehen: mich selber?«

»Weil ich roden geh' in den Wald und auch bald ein Holz rucken, so hab'
ich gemeint: aus dem Zechenhaus ist der Schmied-Seff-Pepp hinaus, so
wird der _Franz_ einen Platz haben. Ich tät Dir gern ein paar Kreuzer
zahlen die Zeit fürs Schlafen, Hans.«

»Wegen meiner, solang Du magst. Aber: wie kommt denn der Kathlfranz
dazu, Stöcke zu roden und ein Holz zu rucken? Ich mein', er hat zu
einer Kapelle »Tiroler Sänger« gezählt und ist weit fortgewesen von
hier?«

»Fei so viel Sehnen hat er gekriegt und heimgekommen ist er. -- Was
schaust einem denn da so fest in die Augen, Zachenhesselhans?«

»Du, Franzl, ein Sehnen ist Dir gekommen? Wonach denn, wenn einer
fragen darf?«

Der Zachenhesselhans schaut empor an dem braunen Gesellen, dem sich
das Bärtlein so keck über der Lippe kräuselt und dem die Augen so heiß
unter der Stirne hervorblitzen.

Aber der sucht etwas am Grund oder er hat halt eine Freud' an dem
zitternden Tau, der an dem Gras hängt, das zwischen den Fliesen
heraufschaut.

»Franzl, warum bist denn auf einmal fortgewesen vor zwei Jahren? Weil
die Winterkathl, was Deine Mutter is gewesen, gestorben ist? Sind Dir
nit die Förster auf den Fersen gewesen, Franzl?«

»Wer? Die Förster?«

»Freilich. 's is so geredet worden, besinn ich mich.«

»Is mir nit bekannt worden.«

»Weißt: wie _ich_ einmal bin jung gewesen,« -- der Zachenhesselhans
schaut sich um und spricht halblaut -- »da is das Wildern fei nit halb
so gefährlich gewesen. Jetzt -- seitdem so viel Heger und Grünröcke
im Wald sind, wie Bäume, da is das ein höllisch Spiel, Franzl! Und
gescheit wär's, Du tätest auf eine Ordnung in der Arbeit denken und auf
ein festes Taglohn.«

»Ging einer sonst roden und ein Holz rucken, Zachenhesselhans?«

Der Franzl hat etwas im Blick, wie wenn der Wind in ein Licht bläst,
denkt der Zachenhesselhans, geht in die Stube und schaut, während er
das Kästlein mit den Sämereien für die Zeisige vom Wandbrett nimmt und
den Vögeln das Futter einschüttet, in alle Winkel.

Es ist aber nichts da, was von dem Franzl herrührt, als ein Hücklein in
blauem Linnen.

Währenddem lehnt der Franz draußen am Türstein. Sein Jägerhut mit dem
Spielhahnstoß streift schier am oberen Querstein.

»Wie ein Tannenbaum ist der Franzl gewachsen,« sagt der
Zachenhesselhans und geht, Wasser im Röhrtrog zu schöpfen. »So kann er
auch eine Arbeit tun für zwei.«

[Illustration]



[Illustration]

8. Kapitel.


An der Unruh lenkte der Hans-Tonl ein wenig ein und tat einen scharfen
Schmitzer mit der Peitsche in der Luft.

Weil er über das weiche Gras herabgekommen war, über dem letzte Sonne
lag, hatte keiner den Hans-Tonl nahen hören. Jetzt ward's hinter
den Fenstern lebendig. Das Fanele war am flinksten heraußen auf der
Wiese vor der Giebelmauer, dann die Resl. Zuletzt kam der Helari, die
Rotschecken anzuschauen, die der Hans-Tonl erhandelt hatte.

Auf der Bank vor der Höll wartete der Zachenhesselhans schon seit einer
Stunde. »Jetzt -- der Hans-Tonl kommt den Steig herein!«

»Und auf das Jahr ein Simmenthaler Oechsl, Hans-Tonl! Es muß ein
frisches Blut hinein in das Vieh, und wir müssen ein Bergrind
aufziehen; das ist ein anderes als die Bauern im Niederland eins
brauchen.«

»_Müssen?_ -- 's is fei recht, wenn nur einer das Geld hätt dazu.«

»Wenn auch das Wawrl gemeint hat: der Hans-Tonl hätt heute den letzten
Gülden fortgetragen und ein Häuflein Schulden auch schon gemacht, um
die beiden scheckigen Hundsfötter doch in den Stall zu binden --
Hans-Tonl, das Simmenthaler Oechsl müssen wir aber doch kriegen an den
Sonnenwirbel! Der Zachenhesselhans hilft Dir sparen den Winter über.«

»Nachher -- wovon will denn der Zachenhesselhans leben im Schnee?«

»Ein bißl saure Milch wirds eh abwerfen in der Höll. Und Erdäpfel
sind daheim; und Geld zu einem Kaffee und Schwarzbrot und zu einem
feinen Tobak, in den wir ein Eichtl Erdäpfelkraut mischen, ... jetzt
vorhanden is das fei nit, aber ein Weg wird sich finden, auf dem sich's
hereintragen laßt ins Zechenhaus.«

Während der Hans-Tonl die beiden Kühe in den Stall stellt, die das
Wawrl so vergnügt anlacht, und während der Hans-Tonl dem Vieh Futter in
die Raufen wirft, ruft der Alte ihm zu:

»Jetzt -- das Haldenbörnlein werd' ich verspunden; so geht heut noch
eine Sonne darüber und morgen, wenn der Frühtau fort ist, müssen die
Roten mitsammen auf die Bergweide und die Neuen müssen sich in der
Gegend umschauen.

Auch um den Winterkathlfranz muß einer einmal nachsehn. Gestern, wie
die Hirsche haben zu brüllen angefangen gegen die Schlauderwiesen hin,
da ist mir der Kathlfranz im Stübl umgegangen -- ordentlich Angst kunnt
einem werden dabei.

»Hast ein Leibweh, Franzl?« hab ich gefragt.

Hats nit gehört, der Franzl. Aber das Fenster hat er zur Seite
geschoben und die Tür sperrangelweit aufgestoßen.

»Eine Hitzn hast im Zechenhaus, Hans, fei nit zum abhalten,« sagt' der
Franzl. Dabei ist das Reisigfeuer im Ofen verloschen gewesen -- kein
Fünkl hätt der Sturm rausblasen können aus der Schwärze.

Aber das Lichtlein, in das der Wind bläst, das is wiederum angegangen
im Kathlfranz seinen Augen.

Und in den Wäldern ist das Röhren der Hirsche. Je wilder es
herauffliegt, desto fester setzt der Franzl seine Nagelschuh auf die
Dielen. Der Wind stand über den Keilberg her und ein Silberschein war
in den Wipfeln -- vom Mondlicht. Jetzt -- der Mond ist bald voll --
steigt er vollends über den Kamm herauf.

»So macht den Franzl das Stockroden nit müd?« frag ich und schau von
der Seite über mein Kaffeetöpfl hinüber zu ihm.

»Müd?« fragt er und lacht auf. »Jetzt -- wenn ein so lichter Mondschein
im Land ist, werd ich noch ein Pfeifl rauchen gehen in die Fichten.«

»Franzl,« sag ich, »Franzl, laßt's Dir keine Ruh?«

»Bei Gott nit, Hans,« sagt er, »sei nit furchtsam und mach' Dir keine
Gedanken, aber hinaus muß ich!«

Er nimmt sein Jägerhütl vom Nagel am Türpfosten und hinaus ist er und
hinein in den Wald.

Hans-Tonl, der Zachenhesselhans weiß, was das heißt: der Hirsch brüllt
im Wald! Still ist's, nur der Mondschein ist da und ein Knacken im Holz
und ein Stampfen der Hirschkuh, die der Platzhirsch treibt ...

Hans-Tonl, jetzt hätt ich bald darauf vergessen: das Röhrl wollt' ich
stopfen gehn auf der Halde ...«

Und dem Alten vom Zechenhaus ist ein Feuer in die Augen geflogen und
ein Feuer ins Herz.

Jetzt geht er, den Spund einschlagen vor den Bergquell.

Wie er hinter der Unruh noch einmal zurückschaut, ob der Himmel ringsum
so blank ist, da schiebt sich schon die bleiche Scheibe des Mondes über
die stummen Wipfel der Fichten empor, die so scharf in die klare Luft
hineinstehen. Ein Reifsilber wird fallen in das Mondsilber, denkt der
Zachenhesselhans.

Auf einmal tritt das Fanele mit einem Körblein am Arm aus den Fichten
und wandert noch ein Stück, um sich schauend, den Waldsaum entlang. Das
Fanele ist nach Pilzen gewesen.

»Fanele, zeig her das Körbl,« ruft der Hans hinunter. »Wart, ich komm'
ein Stück!«

So gehen sich die beiden entgegen.

»'s is fei nit möglich, gefüllt bis zum Deckel und Herrenpilze eine
Menge?«

Das Fanele tut vergnügt -- das ist kein Wunder. Wer hätt' das Dirnl
einmal mit dem grauen Elend gesehen?

»Wenn vier Augen auf die Schwammeln schauen, nachher find't einer auch
bei der Dürr etwelche, wenns nur die Zeit is.«

»Vier Augen?« fragt der Hans. »Ich mein': die zwei brenneten schon so
viel heiß, daß sie ein Unheil anrichten könnten. Seit wann hat denn das
Fanele vier? Hast etwa dem Peterl seine zuhilfe genommen?«

Der Zachenhesselhans nimmt das Fanele fest aufs Korn, und wie sich's
die Hand vor den kirschroten Mund hält und vor die Augen, weil die
Spätnachmittagssonne so über die Halden herglüht --: das Wörtl von den
vier Augen bleibt gesagt und der Zachenhesselhans hat's gehört.

Jetzt -- er läßt Dich nit los, Dirnl, wie gern Du ihm auch entwischen
möchtest!

»Heim muß ich, Zachenhesselhans, laß mich aus.«

Aber der Alte hält den Henkel vom Körblein, das dem Fanele am rechten
Arm hängt.

»Jetzt -- erst wirst ein Wörtl reden!«

»Der Winterkathlfranz ist bei mir gewesen die zwei Stunden.«

»Der Franzl?«

»Ist auf dem Weg nach Joachimsthal gewesen.«

»Wo wär' er denn die vorige Nacht geblieben, hat er gesagt?«

»Hat eh nix gesprochen davon.«

»Ist er etwan gar nicht auf dem Hau Stöcke roden?«

Dem Fanele läuft alles Blut zum Herzen. So weiß ist seine Stirne --
etwa weil das rote Licht der Sonne auf der Halde auszulöschen beginnt?

»Stöcke roden?«

Jesses Maria, danach hat der Franzl in seinem Lodenjöpplein und dem
grünen Hut auf dem linken Ohr wahrlich nit ausgeschaut!

»Wir haben fei garnit viel plauschen können mitsammen,« meint das
Fanele.

»Na, wenn das is,« sagt der Zachenhesselhans. Und das Fanele springt am
Waldrand hin und fort wie ein geschrecktes Reh.

»Jetzt,« sagt der Alte zu sich, »jetzt, Zachenhesselhans, tu die Augen
auf! Das ist ein Ungemach. Und wenn hier zwei Feuer brennen, -- der
soll noch kommen, der so zwei ausgießt. Jetzt -- um das Dirnl wär mir's
leid.« --

Nicht lange danach schweigt das Rieseln auf der Grashalde. Und anstatt
des schwätzenden Bergwassers geht der Tag in Schuhen aus purpurrotem
Sammt über die Hänge, die nach Abend liegen. Ein Grünen ist darauf, als
ob der Frühling noch einmal heimlich darin lebendig geworden wäre.

Den Hang hinab geht der Zachenhesselhans. Er zieht mit dem Häcklein
dort eine Rinne oder säubert den Abfluß von einem Gras, das darin sich
breit gemacht hat.

Am Waldrand schlendert er hin, unter der Unruh vorbei und schaut, ob da
ein Schwamm seinen Schirm aufspannt, einen braunen oder einen gelben.
Von den korallenroten leuchtet über den Nadelgrund manchmal einer
herüber.

»Die Sonne liegt zu lange auf dem Wald in diesem Jahr; wenn der Hans
das Schwammsäckl neu füllen will für den Winter und noch etlichen
Vorrat mehr zusammentragen möchte, so muß er in dieser Zeit fei darauf
bedacht sein. Durch den Bau ist dasmal alles aus der Ordnung geraten,
die einer sich im Waldland zurechtgemacht hat.«

Da, wie der Alte den Hau hereinkommt, kreuz und quer, weil er manchmal
mit der Hacke einen Pilzling umwendet, läuft ihm ein Schnaufen entgegen.

Er sieht den Hahn und die Hennen gemächlich aus den Fichten her
heimziehen, und den Schnaufer tut der Kathlfranz, der heimgekommen ist,
und sich den Staub und den Sonnenschein mit dem Wasser vom Gesicht
spült.

Ist ihm darauf geflogen beim Roden, weil der Hau so viel sonnig ist,
denkt der Zachenhesselhans, aber er sagt:

»Fei frühzeitig Feierabend ist gewesen heut, Franzl, daß Du schon
daheim bist.«

»Auf einen Samstag geht's nit so lang,« antwortet der Franzl und deckt
sein Gesicht und die Ohren wieder mit den hohlen Händen zu, aus denen
das Wasser läuft. Und noch einmal! Darum kann der Franzl nichts weiter
antworten; und er hört auch nicht, was der Zachenhesselhans zu ihm sagt.

Wie der Franzl das Tuch zum Trocknen herabnimmt, das er über den
Bornständer gelegt gehabt hat, ist nur noch in den Fichtenwipfeln das
Glühen der letzten Sonne und die Schatten kriechen kalt und scharf aus
dem Wald.

»Die Vogelbeerbäume werfen die Blätter fort und die Birken auch,« hebt
der Zachenhesselhans wieder an.

»'s hat auch fei so viel Schneekönige (Meisen) ums Zechenhaus, die den
Haufen Stöcke absuchen,« setzt der Franzl hinzu. »Die sehen eine Kälte
kommen von ferne.«

An den Spitzen der Fichten, die wie Kerzen brannten, gehen die
Flämmlein aus.

Vor dem Ofenloch in der Stube ist es ganz finster. Der Franzl hat sich
davorgekniet und krückt und bricht trockenes Reisig. Das schiebt er in
den Ofen. So vergeht die Zeit, und der Zachenhesselhans kann nit so
viel fragen.

Hui, denkt der, der Franzl hat sich um die Heimarbeit voreh nit so
verdient gemacht. Er geht aus dem Wege, der Franzl; wenn ihm einer
jetzt in die Augen schauen könnte -- das wehende Licht ständ sicherlich
wieder darin.

Der Zachenhesselhans, wie er sich die Pfeife mit einem Reis aus
dem Ofenloch angezündet hat -- warum soll einer ein Schwefelholz
verschwenden, wenn schon ein Feuer ist? -- nimmt den irdenen Topf und
läßt am Brunnen Wasser hineinlaufen zum gemeinsamen Abendsüpplein.

Der Mond ist inzwischen heraufgeschwommen über die Fichten, spinnt
Feinsilber durch die kleinen Fenster und legt blanke Tafeln davon auf
die altersgrauen Dielen. Die Haustüre steht offen und die Stubentür
auch einen Fuß breit. Sie hören den Strahl in den Trog klingen, die
beiden im Zechenhaus, wie sie am Tische sitzen und die Blechlöffel in
die gemeinsame Schüssel tauchen. Es ist gar kein Rauschen im Bergwald
und die Nebel, die die Nacht webt, sind auch noch nicht über den
Tälern. Das schwerfällige Schwingen des Uhrpendels im Kasten hört man
und das sanfte Zusammensinken der glühenden Reiser im Ofen. Von draußen
klingt immer der silberne Fall des Quells auf den blanken Spiegel.

Da legt der Franzl den Löffel zur Seite, nimmt ihn wieder auf und geht
hinaus zum Trog, den Löffel waschen. Dabei lauscht er in den Wald, tief
hinein. Da -- ein Brechen ist im Unterholz. Ein Rehbock tritt heraus
auf den Hau. Mit einem Stein könnt einer hinüberwerfen, so nah ist er.

Der Franzl steht wie festgewurzelt am Brunnentrog und der Bock drüben
scharf äugend wie ein Bild aus Stein.

Weil der Franzl sich garnicht mehr regt vor der Haustür, wendet sich
der Alte und schaut durch die Scheibe.

»Da haben zweie Witterung,« sagt er zu sich, streift die Schuh ab und
schleicht ans Fenster.

»Jetzt: da ist wahrhaftig ein Böckl herausgetreten auf den Hau!«

Der Zachenhesselhans schiebt das Fenster hart auf. Der Franz stampft
heftig mit dem Nagelschuh auf die Steinfliesen.

»'s hätt Dir nix nutz werden können, Franzl! 's is dem Grafen, das
Böckl. Und 's is fei gut getan, wenn einer wie Du nit zu lang nach
einem solchen schaut. 's macht begehrlich, Franzl, und fei in der Nacht
-- in den Traum tät Dir's kommen.«

Nun kann auch der Franzl seine kurze Pfeife anstecken. Der vergrämte
Bock läßt sich eine Woche lang nicht mehr sehen auf dem Hau. Der Alte
nimmt Schüssel und Löffel vom Tisch und geht damit auch an den Trog.

Er hat allerlei zu erzählen heut, der Zachenhesselhans, und so laut
redet er dabei, als müßt er's dem Franzl hinüberrufen zu dem Wechsel,
auf dem der Bock vor zwei Minuten verschwunden ist. Da macht der Franzl
Kehrt und geht in die Hütte.

»Franzl, ich mein, Du müßtest des Abends, wenn einer so den Tag über
mit der Rodehacke und der Axt am sonnigen Berghang gestanden hat,
weidlich viel Schlaf haben?«

Der Kathlfranz lacht und pafft sich ärgerlich eine Wolke Tabakrauch
zurecht, die selbst das dünne Mondlicht Mühe hat, auseinander zu tun.

»Schweigsam bist halt soviel. 's könnt einer meinen: der _Mund_ vom
Kathlfranz ist schon eingeschlafen. Aber, Franzl, die _Augen_ sind noch
so viel munter und ich seh, Du hättest noch ein Lüstl auf einen Gang
durch den Mondschein.«

»Recht hast,« sagt der Franzl.

Während der Alte wieder eine Zeit vergeblich wartet auf eine Rede vom
Jungen, steht er von der Ofenbank auf und hebt ein Wandern an durch das
Stübl.

»Kathlfranz,« sagt er nach einer Weile, »gemerkt wirst's eh haben: es
ist eine Unrast in mir Deinetwegen.«

»Meinetwegen? Was kann denn ich dafür, wenn der Zachenhesselhans nit
mit sich selber fertig wird?«

»Red' nit so, Franzl, und denk: so einer, wie Du einer bist, war der
Zachenhesselhans schon vierzig Jahr früher. Und seit derselbigen Zeit
ist er noch um ein Stück klüger geworden, der Hans.

Ich bin keiner, der zu Dir sagt: Franzl, ich hab Dir daheroben Einstand
vergunnt -- jetzt: ich bin der Herr im Haus, und wenn Du ein Stübl
und fei auch beinah ein Lagerstroh mit mir teilen willst, so tu Dich
kümmern, wie's der Brauch ist im Waldhaus. So einer bin ich nit,
Franzl. Aber auch wieder nit ein solcher, der den Franzl in ein Unglück
laufen sieht, ohne sich nach ihm umzuschauen.

Deine Mutter, Franzl, Kathi Winter hat sie sich geschrieben -- 's is
fei nachher ein fleißiges reumütiges Frauenzimmer geworden. Aber so um
die Zeit des ersten Saftes, Franzl, da hat sie ein so viel hitzig Blut
gehabt. Und in den Jahren, justament in die Du heut gekommen bist, oder
noch um einige früher, da hat sich die Winterkathl das Leben verleidet.

Der Mann, den sie Deinen Vater geheißen, ist am Straßenstein gestorben,
Franzl; es hat ihm die Spätnacht hineingefroren ins Herz.

Ein braves Weib is sie gewesen nachher, die Winterkathl, und fei so
viel Reue hat sie gehabt, und die Reue, Franzl, hat ihr das Rote von
den Wangen heruntergefressen, und die Tränen haben ihr den Glanz in den
Augen ausgelöscht. Gestorben ist sie.

Und dem Kathlfranz sind sie aufsässig gewesen schon wie der ein so
ganz kleines Bübl war. Du darfst mir's nit für übel halten, Franzl:
ich bin keiner, der etwas nachträgt und auch nit einer von denen, die
meinen: weil Dein Vater -- Du hast ihn nit kennen lernen, Franzl -- nit
viel hat getaugt, müßt das Bübl auch so einer geworden sein. Fei nit,
Franzl, fei nit!

Aber wie ich hab' gesehen, daß sie Dir hinterdrein sind wie das
höllische Feuer, und, wenn etwas verübt is worden daherum, wie sie
geschrieen haben: der Winterkathlfranz wird's angestellt haben, --
nachher hab ich doch manchmal gedacht, das ist das, von dem 's heißt:
die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern ...«

»Zachenhesselhans, es mag sein, daß Du's nit schlecht meinst mit mir;
aber warum erzählst mir denn das alles und warum just heut?«

»Weil ich dasselbige rebellische Blut in Dir hab' gespürt, das Deiner
Mutter das Leben verleidet hat.

Franzl, Dir ist eine Unrast im Herzen und ein so viel heißes Blut.
Du kannst den Hirsch nit hören schreien im Bergwald, ohne zu denken:
jetzt, den Stutzen heraus aus dem Baum. Denn nit von der Wand herunter
kannst Du ihn holen und nit herab vom Nagel, Franzl. Leute wie Du, die
bergen den Stutzen im hohlen Baum.

Franzl, ich bin nie ein Simpel gewesen, mein Lebtag nit, und ich
weiß, welch ein Aufpassen sein muß auf ein solch siedig Herzblut.
Aber Du bist dabei von einer Heimlichkeit, hinter der mir nix Gutes
herausschaut.

Und so wollt' ich Dir's denn auf den heutigen Abend sagen: Du selber
magst aus- und eingehen im Zechenhaus so oft und wann Du willst.
Schleppst Du mir aber ein Stück Wild herein aus den Fichten -- hernach,
Franzl: geschiedene Leut sind wir! So. Und wenn Du Dich damit trägst
-- um einen andern Einstand schau Dich um! Der Bergwind hat Dir im
Zechenhäusl die Tür zugeschnappt und ist kein Drücker dran von außen,
daß einer aufsperren könnte. Und der Zachenhesselhans ist taub worden
und hört das Pochen nit an der Tür.«

»Jetzt -- wenn der Hans das Herz sich ledig geredet hat, so kann einer
wohl noch auf ein halbes Stündl in den Mondschein schauen?«

»Tu was Du magst, Franzl, 's geht mich nix an und ich hab nix zu fragen.

Frag ich etwa: wo der Franzl ist Stöcke roden gewesen den ganzen Tag?
Frag ich: wo der Franzl hat geschlafen die letzte Nacht, weil er nun
einmal doch nit auf dem Stroh hat gelegen im Zechenhaus? Der Hans fragt
nit. Aber das eine hat er sich ausgebeten und danach wird getan: ein
Wilbert kommt mir nit über die Schwelle, solang ich im Zechenhäusl
etwas hab' zu befehlen.«

»Das hat der Hans schon einmal gesagt.«

»Doppelt genäht hält besser.«

Der Zachenhesselhans steckt sein Pfeiflein in die Tasche der Lederhose
und steigt die Holztreppe empor. Ueberdem geht der Franzl vor die Tür.

Der Mond hat mit seinen silbernen Händen ein Gespinn über den Wald
gebreitet, daß man aufhorchen muß, ob nicht ein sanftes Klingen ist in
dem glänzenden Lichte.

Gegen die Schlauderwiese hin schreit der Platzhirsch -- der
Sechzehnender. Da hält der Franzl den Atem an und vergräbt die
weißen Zähne in die Unterlippe. Den weiß er stehen. Und auch den
»Abgeschlagenen« kennt er, der aus der Waldschlucht heraus grollend
antwortet. Der Sechzehnender ist für dies Jahr der König vom Keilberg,
und das Waldrevier und die Hirschkühe, die droben wechseln, haben zu
lauschen, wenn er gebietet. Auch ein »Schneider« (geringer Hirsch) ist
dem Franzl über den Weg gelaufen, und er weiß genau die Stelle, an
welcher der herüberwechselt unter der Pfarrwiese. Auf den Schneider
wird der Franzl einmal passen.

Der Zachenhesselhans hat eine Weile offenen Auges auf dem Stroh gelegen.

Weil er das Fenster noch nicht zugeschoben hat, vernimmt er drunten im
Gras ein Streichen, aber keinen Tritt.

Ist etwa der Rehbock doch wieder herausgetreten? Das kann nit sein;
denn der Franzl ist vor einer kleinen Frist über die Steinfliesen
gegangen. Und wenn er auch nicht einen Schritt vor der Tür getan hätte
-- die kurze Pfeife hat der Franzl zwischen den Zähnen gehalten und:
ein Rehbock hat das Feuer auf der Stelle in der Nase.

Der Zachenhesselhans richtet sich ein wenig empor, weil er nachschauen
will, was das ist.

Ein helllichter Mondschein ist wach in der Welt und in dem helllichten
Mondschein -- -- jetzt: ist das ein Reif, der auf dem kurzen Grase
glänzt, oder ist das der Mondschein?

's ist das Himmelslicht; denn sonst streifte der Kathlfranz mit den
Nagelschuhen das Feinsilber von den Gräsern und lief eine Fährte quer
über die Halde.

So taghell ist's draußen, daß einer das Rauchwölklein sieht, das aus
dem Tabak dem Franzl um den grünen Hut mit dem Spielhahnstoß wirbelt.

Der Wildschütz -- ja wohin wird er denn nun wollen, der Franzl?

Schräg empor steigt er in der Richtung gegen die Sonnenwirbelhäuser.
Aber nach links schaut er -- in der Richtung auf die Unruh. Jetzt
wendet er sich auch hinüber nach dem Hause.

»Oha,« denkt der Zachenhesselhans, »kein Licht wird mehr scheinen aus
den Fenstern, und auf der Morgenseite von der der Wildschütz herangeht,
ist das Schlafkammerl vom Fanele.

Jetzt -- so einer wie der Kathlfranz, vor dem kann sich ein Dirnl
inachtnehmen!

Meintag ist so etwas nicht geschehen am Sonnenwirbel, daß einer ums
Kammerl schleicht bei der Nacht. Freilich, der Helari, wenn er's wüßt,
der tät schon das Türlein wohl verwahren vor dem Fuchs! So soll der
Zachenhesselhans hinlaufen und den Verräter spielen?

Sie haben ja doch selber Augen, die Leut auf der Unruh; und daß der
Kathlfranz wieder im Land ist und Schlingen legt auf allerlei Wild,
weil ihm das im Blut liegt, dasselbig wissen's fei auch. Was hat denn
der Hans vom Zechenhaus um andrer Leute Kinder zu sorgen?«

So schiebt der Hans das Fenster mit einem harten Druck zu und legt sich
aufs Ohr.

»Wissen möcht' einer aber doch, wenn der Franzl darauf denkt, sein
Stroh zu suchen.« -- --

Am Morgen hat der Wildschütz den Strohsack wahrhaftig zusammengelegen.
Draußen an dem Röhrtrog steht er schon und taucht den Kopf und die Arme
in das rauchende Wasser.

Und der Nebel wälzt sich den Berg herein und reißt sich an den Spitzen
des Waldes in Fetzen.

Wie der Zachenhesselhans aus der Haustür tritt, um das Hühnerpförtlein
über der Stiege am verwaisten Kuhstall zu öffnen, sieht er: nun ist
doch ein Reif herniedergegangen. Der Nebel hat ihn hingelegt, wie er
so heimlich in der Morgendämmerung darübergeschritten ist. Bald darauf
schreitet der Kathlfranz talein, und der Zachenhesselhans bergauf. Ob's
ein Eis gegeben hat auf der berieselten Halde? Ob ein Frost unters
Weidegras gefahren ist, möcht er wissen. Wenn einer neumodische Dinge
einführt ins Waldland, so muß er auch zuschauen, wie sich dieselbigen
Dinge stellen zu den Verhältnissen auf dem Gebirgskamm.

Ein steifer Reif ist auch hier niedergegangen, aber ein Frost ist's
nicht -- so hat das Erdreich alles Wasser getrunken eh der Nebel kam,
und die Sonne hat auch ein Restlein mit fortgenommen, wie sie so
blutrot und sommerwarm auf der Halde gelegen hat, ehe der Tag ging.

»Jetzt -- die Wässerung des Graslandes ist so einfach, daß ein Kind
hätte darauf verfallen müssen. Und so lang das Gebirg steht, hat noch
keiner ein Bergwasser herausgelockt aus dem Stein. Das Gras haben sie
von der Augustsonne verbrennen lassen.«

Wie der Zachenhesselhans so denkt, schüttelt er mit dem Kopfe.

»Es ist halt nicht zu glauben, daß sel ein Neues sein soll im Gebirg.
Wenn einer darauf aus ist, kann einer noch mancherlei finden, was nötig
und gut ist, meint der Hans und geht wieder bergein, um dem Hans-Tonl
zu sagen, wie's auf der Wässerung ausschaut.

Da ist schon einer durch das Reifsilber hinabgegangen: der Hans-Tonl
selber hat geprüft, wie's um die bewässerte Halde steht.

Das ist fei gut. Warum soll der Hans-Tonl auf das Mannl von Zechenhaus
warten? Und mit dem Melken ist das Wawrl auch schon fertig?«

Auf der Bank vor der Höll stehen die Schalen mit der Morgenmilch.

»In die Streu werden wir müssen mitsammen,« sagt der Hans-Tonl.

»So gehen wir in die Streu. Eine Trage können wir zusammenkratzen, bis
die Sonne den Zucker hat aufgeschleckt auf dem Hang,« sagt der Alte
und schleift die Trage, die an der Stallwand lehnt, hinaus in den
Frühnebel.

»Der Kaffee ist noch nit getrunken, Zachenhesselhans. Magst einen?«

»Wenn einer übrig ist, so ein rechter heißer, so nehm ich einen,« gibt
der Zachenhesselhans dem Wawrl zur Antwort.

»So geh her,« lädt das Wawrl den Mann ein, und die Goldringlein um die
Stirne der jungen Frau helfen mit winken.

»Wenn einer ein reichlich Stroh tät erbauen, so möcht' die Nadelstreu
aus dem Wald übrig werden. Fault auch nit, und leicht, daß sie einer
mit dem Rechen abziehen muß vom ›Stachelschwein‹ im Frühjahr. Oder
eine Laubstreu müßten wir haben daheroben! Jetzt -- aber nein: der
Wind reißt den Vogelbeerbäumen die Blätter von den Aesten und nimmt
sie mit. So wird einer unter die Birken schauen und ein halb Dutzend
Kraxen birkenes Laub heraufschleppen müssen in die Höll,« sagt der
Zachenhesselhans, während er den dampfenden Morgenkaffee schlürft.

»Wenn aus den Kacheln eine Wärme geht, merkt einer erst richtig die
Herbstkälte, die sich aufs Waldland gelegt hat über Nacht. -- Wawrl,
weißt eh schon vom Fensterln auf der Unruh?«

»Hui, seit wann ist denn das notwendig am Sonnenwirbel?«

»Gelt? Na, so will ich nix gesagt haben.«

»Etwan der Peterl? Was stellt der sich denn in die Frostnacht, wo er's
könnt gemütlich haben hinterm Ofen? Ach,« macht das Wawrl -- »_daher_
weht der Wind! Ist etwan einer aus dem Zechenhaus das Stückl bergauf
gestiegen?«

[Illustration]



[Illustration]

9. Kapitel.


Mit der Peitsche geht der Zachenhesselhans am andern Morgen, weil
diesmal kein Reif gefallen ist, frühzeitig hinter den drei roten Kühen
aus der Hölle gegen die heraufrollende Sonne.

»Schaust, Helari, jeder Mensch kommt wieder auf das zurück, wovon er
ausgegangen ist, wenn er's letzte Stück vom Wege durch's Leben trottet.
Das heißt: ganz stimmt's nicht bei dem Zachenhesselhans; denn zuerst
hat er die Ziegen gehütet. Zu einer Kuh konnten sie's fei nit bringen
damals daheim. -- Helari, weißt auch von dem Füchsl, das ums Hühnerhaus
schleicht?«

»Hast eine Fährte gespürt, Hans?« fragt der Helari und wird drei Zoll
länger.

»Wohl, wohl. 's tät nix schaden, der Helari paßt ein Eichtl, gelt?«

Jetzt tut der Zachenhesselhans einen Knall mit der Peitsche -- sie hat
einen armlangen Stiel und ist ein zweimal längerer Riemen daran und
unten ein ellenlanger Schmitz. Einen Patscher tut der Zachenhesselhans,
daß der Wald erschrickt und das Fanele mit dem Kopf aus dem offenen
Fenster fährt. Auf eins, da ist auch schon der Wind da und wirbelt ihm
die nußbraunen Ringeln um die Stirn.

»So macht der _Hans_ den Spektakel?«

»Er kommt bloß ein paar Stunden zu spät mit der Peitsche, Dirnl. Mit
der da könnt einer langen bis aufs Dach von der Unruh.«

»Jetzt -- was meinst denn damit, Zachenhesselhans?«

»Fei bloß für Kenner dieselbige Red,« sagt der Zachenhesselhans.
»Willst, Scheck -- das ist noch dem Helari sein Grasland, da kann sich
einer kein Maulvoll mitnehmen auf den Weg.«

Schmitzt der Hans noch einmal mit der Peitsche durch die Luft --
»diesmal ist's wegen der Roten gewesen, die erst hinüber soll über
den Grenzgraben,« denkt das Fanele. »Aber der Zachenhesselhans meint,
er hätt den Franzl unter der Peitsche. Warum tät er denn sonst so den
Morgen schrecken?«

»Die Sonne jagst wieder den Berg hinein, Hans,« sagt das Fanele.

»Die Sonne? 's is manch einem die Lampe des Mondes lieber. Brennt nit
so hell und den Weg find't einer doch dabei.«

Jetzt, ein Feuer leuchtet auf der Stirn vom Fanele. Wenn es aber auf
diese Red' hin das Fenster zuschiebt -- na, so dumm is doch ein Dirnl
nit, Zachenhesselhans! --

Wie der Tau von der Sonne fortgetrunken ist, steht der Helari am
Grenzgraben und macht ein Dächlein mit der Hand über den Augen.
Dem Hans-Tonl sein Grasland ist grün wie eine Maiwiese; dem Helari
seines sieht aus, als wär der Augustmonat in heißen Goldschuhen erst
letztlich darübergeschritten. »Warten müssen wir noch,« meint der
Helari, »zuschauen ein wenig.«

Der Helari sieht so scharf hinüber, weil der Zachenhesselhans auf
den Sonnenwirbel zuschreitet und im Gehen sich ein Pfeiflein Tabak
zurechtmacht -- da kann einer nicht umherlugen dabei, versäet sonst das
Rauchkraut, das teure.

»Was der Zachenhesselhans nur mit dem Fuchs gemeint hat? Er redet doch
sonst nit so deutsam, der Hans.«

Die Resl denkt ein Weilchen, wie's ihr der Helari erzählt. Aber sie
findet's auch nicht.

An der Sonnenwirbelstraße streuen die Vogelbeerbäume die roten Beeren
in den Staub. Staub? Da ist keiner daheroben. Einen Straßenkehrer haben
sie -- besser ist keiner als der Wind. Liegt ein Häuflein, so dreht er
sich einen Kreisel daraus und jagt ihn die Straße hinab oder herauf,
bis er damit in den Wald springt.

Wie er so denkt, wickelt der Hans die Peitsche und klemmt sie unter den
Arm.

Brr! Aus dem Vogelbeerbaum fliegt's auf und drüben auch.

»Jetzt -- der Krammetsvogel ist schon hergeflogen und tut sich gütlich
an den Korallenbeeren. Habt's Euch verrechnet, Freundln? 's is fei erst
im September. Der Kalender meint sogar: der _Herbst_ fängt an um Tag-
und Nachtgleiche. Auf das Waldland hat der Kalendermacher sich aber
fei nit besonnen: der _Winter_ geht los. Der Krammetsvogel bringt ihn
herein ins Land.«

Am Fenster des ersten Sonnenwirbelhauses bleibt der Hans stehen und
lehnt die Stirn gegen die Scheibe.

»Habt's die Erdäpfel herein?«

»Der Wurzltonl ist hinaus noch einmal.«

»Zeit wär's! Sind fei so allerhand Deutsamkeiten ringsum: das
Schneemannl, die Wachholderdrossel, das Füchsl, das den Eingang zum
Hühnerstall beizeiten sich merken will, damit nicht Not ist, wenn's
einen Schnee siebt.«

»Red'st fei bloß noch durchs Fenster, seitdem Du dem Hans-Tonl seine
rechte Hand bist?«

»Fei nit neidisch, Harfenweibl! So viel lasterhaft ist der Neid. Wart,
ich komm ein bißl.«

Das Wasser im Brunnentrog raucht noch immer in der Morgenkühle. Ein
Feuer knackt im Ofen.

»Die Decken hab ich dem Vieh aufgetan diesen Morgen. Grüß Gott
mitsammen!«

Der Zachenhesselhans hängt die Peitsche an den Türpfosten und tut einen
Schlag auf den Tisch -- »sel is der Handschlag für jeden.«

»Sind aber nur zwei da. Die Gabi ist mit in die Erdäpfel -- dafür hat
ihr der Wurzltonl bei den ihrigen geholfen.«

»Und die Musikleute hat einer seit der Hochzeit nit mehr zu sehen
gekriegt. Ordentlich steif geworden sind einem die Hände! Geh, ruck ein
Eichtl, Seppl. Nun -- und die Harfe, Weibl?«

Das Harfenweibl schaut nicht vom Klöppelsack auf:

»In Pennsiohn is sie bis die Schneefahrer kommen aus dem Niederland.«

»So schlägst anstatt die Saiten die Fäden und anstatt die Wirbel drehst
die Klöppel?«

»Fei eine grobe Bettspitze, Hans. Auf eine feinere mögen die Augen nit
mehr.«

»Lohnt sich auch nit. Sollst Dich nit entschuldigen desweg,
Harfenweibl. Wegen meiner -- der Teufel könnt' alle Klöppelsäcke holen
im Waldland in einer Nacht! Der Hans weinete keinem nach.«

»Mußt nit so gotteslästerlich reden, Mannl,« sagt das Harfenweibl
und legt sich eine feierliche Falte quer über die Stirn. Die Klöppel
klappern ihren Weg herüber und hinüber durch die alten Finger.

»Wenn wir im Waldland kein Klöppeln hätten, Zachenhesselhans, nachher
möcht' einer sehen, wie's um das Volk bestellt wär.«

»Harfenweibl, jetzt paß auf --: _besser wär's bestellt um das Volk, fei
gar so viel besser_!«

»Mannl, bist nit bei Trost? Mannl, jetzt, wo hast denn Deinen Verstand
aufgebraucht in den paar Tagen?«

Das Harfenweibl lehnt sich im Holzstuhl zurück und faltet die Hände im
Schoß.

»Jesses Maria,« denkt's, »jetzt is der Zachenhesselhans unweise worden!«

»Harfenweibl, noch einmal: _besser wär's_! Ein ganz andrer Schlag
Menschen wüchs auf im Waldland.«

»Mei Herrgott, jetzt verflucht der Zachenhesselhans den Klöppelsack!«

»So laß ihn reden darüber, Weibl,« legt sich der Seppl in das Mittel,
»vielleicht hat er nit unrecht und man muß ihn hören, den Hans.«

»Und er wird reden ein bißl,« sagt der Hans und mißt mit großen
Schritten das Stüblein.

»Wo fangt einer denn da gleich an?«

Die Frage richtet der Zachenhesselhans an sich.

»Das is fei nit so leicht. Wenn einer durch ein Dutzend Jahre sich das
zurechtgelegt und darüber nachgedacht hat als über eine Frage, die
bedeutsam genug ist, daß der Pfarr in der Kirche tät reden darüber, so
hat er Zeit genug gehabt dazu.

Wenn einer aber so im Umdrehen Euch das auseinanderdisputieren soll --
nachher ist das keine leichte Sach.

Jetzt: wann fangts denn an zu klöppeln, Harfenweibl?«

»Na, sagen wir: wenn's Dirnl sechs Jahr alt is.«

»So sitzt es gebückt vor dem Klöppelsack von seinem sechsten Jahr an,
verlernt den Rücken grad zu halten und in die Weite zu schauen, klein
bleibt's, anstatt in die Höhe zu schießen wie ein Waldbaum.

Ja, das ist das richtige: wie die Waldbäume müßten wir sein im Waldland.

Aber -- anstatt Harzhauch und Sonnenschein, atmen wir den Kienruch
vom Stückl Stockholz, das im Ofen brennt, und anstatt Sonnenlicht,
goldenes, segnendes, müssen wir vorliebnehmen mit der Wärme, die
trocken aus den Kacheln spinnt.«

»Zachenhesselhans bist denn wahrhaftig kindisch geworden über Nacht?
Wenn einer kein Stück rodet im Wald, so hat er kein Holz zum Brennen
und läßt sich im Winter das Herz zerfrieren ...«

»Jetzt paß acht, Harfenweibl: und wenn einer die Spitzen klöppelt, so
zwirnt er sich einen Haufen Geld zusammen und laßt sich's wohl dabei
gehen, gelt?«

»Na, so ist's nu nit.«

»Warum denn nit?«

»Weil niemand mehr etwas zahlen mag für die Spitzen.«

»Und noch anders ist es: erst, daß wir nicht mehr können aufkommen;
denn die Maschine macht eine bessere Spitze, eine feinere und eine
wohlfeilere. Will einer einmal trotzdem eine Handarbeit, wer verdient
das Geld daran? Die Zwischenhändler. Ich weiß eine Geschichte. Die
Anni vom Postkutscher in Gottesgab, wirst's eh kennen, Weibl, das
Madl: einen Kragen sollt' sie klöppeln für eine Königin oder eine
Herzogin. Sie sitzt, sitzt in die halbe Nacht, sitzt einen Monat und
noch einen halben. Sie könnten sie brauchen im Heu, sie könnten sie
brauchen in den Schwarzbeeren und in den Schwämmen -- alles bringt
Geld. Aber das Dirnl muß liefern auf den Tag: sie klöppelt. Und
nachher? Fünfundzwanzig Kronen, Harfenweibl, zwölfeinhalb Gülden haben
sie dem Dirnl dafür gezahlt! Sechs Wochen hat es gesessen. Kommen
fünfundzwanzig Kreuzer auf den Tag. Harfenweibl, vernimmst es? Was
die Königin hat zahlen müssen oder die Herzogin? Ui je, ein groß Bißl
wird's gewesen sein! Das Dirnl hätt' davon leicht ein Jahr und länger
vergnügt leben mögen auf dem Gebirg. Eh eine solche Arbeit aber zu
der Madame kommt, die eine Klöppelspitze trägt, da will auf dem Wege
jeder, an dem sie vorüberkommt, hundert Kronen an ihr verdienen.
Hinausschreien muß man das, weil's die Steine erbarmen kunnt! Hören
müssen sie's, hören! Aber eine Aenderung wird nicht und darum versitzt
ihr Euer Leben und Eure Gesundheit? Und darum werdet Ihr im Winter
nicht satt und nicht froh, im Winter, wo Ihr nicht aufschaut vom
Klöppelkissen. Warum seid Ihr denn im Sommer satt? In den Wald lauft
Ihr und sucht Euch zum Essen.

Deswegen, Harfenweibl: sie haben der Barbara Uttmann einen Stein
gesetzt -- in Ehren die Frau! Sie hat eine Wohltat getan, aber sie hat
gewirkt in einer anderen Zeit. Die Zeit ist vergangen, die Maschinen
sind gekommen mittlerweile und haben zu arbeiten angefangen, aber das
Klöppeln ist geblieben. Bleich habt Ihr Euch gehungert, bleich und
krank, und ein ärmlich Geschlecht wächst heran im Sonnen- und Waldsegen
des Gebirgs.

Daran ist die Heimarbeit schuld. Und warum klöppelt Ihr? Weil Eure
Großmütter auch geklöppelt haben!

Auf das Denken vergeßt Ihr hinter dem Klöppelsack, und das Wollen
verlernt Ihr. Ihr mögt nichts mehr. Eine Arbeit im Wald und auf dem
Feld ist Euch eine »Plackerei und Schinderei«, weil Ihr Eure Kräfte
habt versessen am Klöppelsack.

Anstatt ein Mark in den Arm, einen Mut in das Herz, eine Freud' und
einen Glanz in die Augen zu kriegen, habt Ihr einen Harm im Herzen und
einen Gram auf der Stirn.

Aber, daß ich nit darauf vergeß, Harfenweibl: eine Hoffnung habts auch
-- eine Hoffnung: der Geschmack der Reichen und Städter mög' sich je
eher je lieber den Spitzen, die ihr mit der Hand klöppelt, wieder
zuwenden.

Leutln, Harfenweibl, seid Ihr denn blind und taub allemiteinander? Die
Geschichte vom Kragen der Königin -- weckt sie Euch nicht auf?

Und wenn alles nach Euren Spitzen schrie, was nicht mehr sein kann
und niemals mehr sein wird, weil die Maschinen da sind, so werden die
Zwischenhändler doch fett dabei und Ihr? Die Finger klöppelt Ihr Euch
ab, und die Augen schaut Ihr Euch aus dabei, und den Hunger werdet Ihr
nicht los vor dem Klöppelsacke!

Deswegen: in den Ofen brauchts die Kissen nit zu schieben: Schwache und
Elende sind, die fei nit anders ihr Kreuzerl verdienen können; die laßt
klöppeln in Gottes Namen. Oder, weils ein Heimatrecht hat im Waldland:
auf ein freies Stündl oder wenn der Winter einen Schnee wirft bis an
den Fensterstein, nachher ist immer noch Zeit dazu. Und was Ihr braucht
für Eure Schürzen und Betten und Kleider, das machts Euch. Die Frauen
im Land sticken oder nähen auch oder treiben sonst etwas: Ihr daheroben
klöppelt.

Wenn doch einer käm und Euch den Star stäch', Harfenweibl!

Das ganze Volk hat der Klöppelsack siech gemacht im Gebirg. Aber wir
müssen wieder gesund werden, wir im Waldland! Auszusterben brauchts nit
und solls auch nit, das Klöppeln -- aber: da ist keiner, der hilft. So
weit ist's gekommen, daß die Männer beim trüben Schein der Lampe sitzen
des Abends, _die Männer_, Harfenweibl, die ein borstig Gras auf ihren
Wiesen und Halden wachsen lassen, die Männer, nach denen der Wald und
die Weide rufen, die sitzen und nähen Gorl (Posamenten)!

Nicht die _Kranken_, nicht die _Schwachen_, nein: die _Jungen_. Warum?
Weil sie Mütter hatten, die am Klöppelsack verkommen sind, weil sie
selber als Knaben zu dieser Heimarbeit gezwungen worden sind und -- nun
fang ich das Liedl von vorn zu singen an: sie haben kein Mark im Arm,
keinen Mut im Herzen und keine Freud' und keinen Glanz in den Augen!

Klöppelschulen richten sie ein und sind ihrer doch nit viele, die mögen
hinein gehen. Das ist ein Zeichen: ein Besinnen kommt in das Volk,
langsam, aber es kommt, eine Erkenntnis, und das ist schon der Anfang
zur Besserung.

's wird keiner sein, der sagt: die Schulen sind ein Krebsschaden,
fei nit, fei nit! Ich weiß wohl: sie sollen das Erlernte, das
Frühergekonnte wahren helfen, und es wird immer ein Teil sein, je
größer, je kranker wir sind, der ein Wirken hat am Klöppelsack.

Aber: wegen meiner und wenn's mir nachging: hinaus mit der entnervenden
Heimarbeit! Ein Krankenhaus wird das Waldland dabei. Und wir
Hintersassen im Wald sollten doch der Quell sein, aus dem eine frische
Volkskraft hinausspringt ins Land. Omei, omei! --

Keine Kinder hat sie mir geschenkt, die Mali selig, denen ich das mit
auf den Weg geben könnte. Jetzt: daß nur der Hans-Tonl da ist -- so hat
der Hans aus dem Zechenhaus doch auch seine Hoffnung; denn die _Eure_
ist nicht die _seine_. Euer Hoffen ist seine Furcht. Aber zwei mal zwei
is nit schwerer zum rechnen, als die Einsicht, daß Euer Hoffen eine
Narrheit ist. Und wenn der Herrgott das Waldland noch ein Eichtl lieb
hat, so wird er sorgen, daß Eure Hoffnung sich nie erfüllt, so wird
er Euch zwingen, wieder einen Willen zu haben. O, wenn der so stark
wäre, wie Eure Herzensgüte und Treue! Leutln, dann wär't ihr Kerle!
Solche müßt sich einer suchen in der Welt. Aber Eure Tatkraft ist ein
kümmerlich Pflänzlein, das im Schatten des Klöppelsacks gewachsen ist.«

Wie der Zachenhesselhans sich Feuer in die Augen geredet hat und wie
er mit großen Schritten durch die Stube wandert und das Pfeifl in der
Hand schwingt, wie ein Musikdirektor seinen Taktstock, da hat sich die
Tür aufgetan und das Fanele ist hereingehuscht. Hinter den Ofen hat
sich's gesetzt, still wie ein Mäuslein, und hat sich hinter den Seppl
versteckt. Jetzt kicherts:

»Ich hab' fei immer auf einen Pfarrer gedacht, der herinnen sei und
eine Predigt hält auf dem Sonnenwirbel. Der Hans hat das Reden in der
letzten Zeit sich fei gar so viel angewöhnt.«

Der Hans denkt: Zwickst mich, Madl? Jetzt, wenn Du nit das Fanele
wärst, hören sollt'st was denselbigen Augenblick! Denkst, ich weiß nit,
um was Du gekommen bist?

Das Fanele wirft dem Zachenhesselhans einen Blick zu, der bittet so
schön: er möcht um aller Heiligen Willen nur dies eine Mal still sein
-- still hier in der Stube, sonst: die Leute wüßten ja bald mehr als
das Fanele selber.

Der Zachenhesselhans wartet, ob das Fanele am Ende doch etwas zu reden
hat mit dem Harfenweibl. Nicht? Die Kuh hat's bloß heraufgetrieben auf
die Halde und ist rasch nur einen Sprung herein?

»Jetzt -- so können wir mitsammen heimgehen, Fanele. Magst?«

»Ich mag schon.«

»B'hüt Gott mitsammen! Und wir reden schon noch einmal, für den Fall,
daß Ihr den Hans nicht recht habt verstanden. Zeit muß einer haben dazu
-- so was ist eine politische Sach', Leutln, und einer muß dabei so
viel zaghaft gehen auf einem Pflaster, das er nit gewöhnt ist unter den
Füßen. Aber -- glaubt's eh: viel daneben hat der Hans nit gehauen.«

Das Fanele geht ein wenig rascher, als der Hans -- im Frühling haben's
die Wässerlein eiliger -- und steuert links über die Halde gegen den
Fichtenwald.

Aha, denkt der Alte, das Fanele will sich etwas vom Herzen reden. Sie
sind schon früh aufs Feld, der Helari und die Resl. So kommt's nicht
darauf an, wenn wir uns ein bißl ausruhen vom Gang den Berg herein;
es erzählt sich auch besser im Sitzen, als wenn einer immer auf den
Steilpfad achten und einen Sprung tun muß -- die Gedanken werden dabei
so durcheinander geschüttelt.

Wo am Waldrand das Güldenhaarmoos seine Käpplein aufgesetzt und einen
Teppich aus grünem Sammet gewoben hat, setzt sich das Fanele auf den
weichen Grund. Die Sonne langt mit einem goldenen Arm herein und hat
den Tau abgestrichen.

»Zachenhesselhans, es ist wahrhaftig nit so, wie Du denkst mit dem
Franzl.«

»Auf was hab ich denn gedacht, Dirnl?«

»Ich weiß schon! Du hast so viel spitze Wörtlein geredet, den Morgen.
So wollt ich bloß bitten, der Hans soll sich nur noch einmal das
Fensterl anschauen, dahinter ich schlaf'. So ein klein winzig Löchlein
ist's, daß kaum die Sonne hinein _schauen_ kann, geschweige denn der
Franzl hinein _steigen_.«

Oha, denkt der Alte, das ist mir ja gar nit im Schlaf eingefallen. Aber
er ist still und schaut immer auf das Moos.

»Kaum mit der Hand kann der Franzl langen durchs Fensterle.«

»Hat aber eine Leiter gestanden in jener Nacht. Die Spur in dem Rasen
ist gewesen.«

Da hängen sich dem Fanele zwei blitzende Perlen an die schwarzen
Wimpern.

»Hans,« bittet sie, »jetzt -- verrat mich nit! Kein Sterbenswörtl hat
der Franzl gesagt, daß er fensterln kommen wird in jener Nacht und fei
nit so viel Ahnung hab' ich gehabt.

Auf einmal, da ist ein Pochen draußen und ein heimlich Rufen, und weil
der Mond so schön gescheint hat, hab' ich vom Bett aus gesehen: der
Franzl ist draußen und will was. Schlimm kann das nit werden, hab' ich
gedacht; daß der ganze Franzl hereinsteigt, das geht nit an, dazu ist
das Fensterle viel zu winzig.«

»Und wie lang hat denn der Franzl so auf der Leiter gestanden?« fragt
der Zachenhesselhans und schaut von der Seite scharf nach dem Fanele.

Ui je, denkt das Dirnl, der Zachenhesselhans schaut einem bis ins Herz
-- und sagen tuts:

»Nach der Uhr gucket einer dabei nit, Hans.«

»Aber zum Busseln ist auch ein ganz _kleines_ Fensterle groß genug.«

»Wo hast denn gestanden, daß Du's hast kunnt sehen, Hans?«

»Frag nit, Dirnl. Zuerst: das Fanele kann busseln mit wem's will. Der
Zachenhesselhans hat ihm fei nix hineinzureden. Und wenn die Mutter
Resl wüßt von derselbigen Sach --, nachher -- das Waldmannl säß gewiß
nit hier mit dem Fanele.

Zum andern aber, Fanele: woher der Franzl gekommen ist, weißt Du,
weißt, was es für ein Ende genommen hat mit seinem Vater und mit seiner
Mutter.

Das hitzige Blut, Fanele, das Du auch hast, der hat's von der
Winterkathl. Aber die Angst vor einer Arbeit und das Streifen mit dem
Stutzen durch den Wald -- das ist das Schlimmere und das hat er von
seinem Vater.

Jetzt, Madl: Du kennst die Mannerleut nit. Wie der Franzl einer ist,
das sind die Schlimmen. Gewachsen is er, wie eine Tanne im Bergwald,
und Augen hat er -- eine solche, wie Du eine bist, kunnt sich das Herz
daran versengen.

Erst geht er, die Fährte suchen, so einer. Und dann weiß er, wann das
Stückl Wild, auf das er paßt, wechselt -- -- und dann ist's auch schon
aus und verloren.

Dirnl, wenn ich Dich nit gern hätt, wie ein Vatter sein Kind -- --
Jesses, unsereiner kann sich doch auch noch erinnern darauf und der
Zachenhesselhans ist doch zu keiner Zeit einer gewesen, der kaum hätt'
bis drei zählen können. Kein Sterbenswörtl hätt' ich über die Lippen
gebracht Deinetwegen.

Aber jetzt: ein so großes Ungemach willst bringen über Deine Leut,
Du, das Einzige, was sie haben? So ein Dirnl, wie das Fanele, hab'
ich gedacht, wie ich Dich hab' heranwachsen sehen, so eins brauchten
wir akkurat. Ordentlich stolz bin ich auf Dich, daß justament _Du_
gewachsen bist im Wald zu dieser Zeit. Aber das Fanele weiß nit, was
es gilt fürs Waldland, weil's fei so viel rar ist. Und jetzt: mit einem
solchen, wie der Franzl einer ist, willst auf und davon?«

»Auf und davon? Ja, auf das hat justament noch gar keiner gedacht!«

»Mit dem Franzl sich einlassen, das kunnt fei nix anderes heißen, als:
mit ihm auf und davon.«

»Jesses Maria, so viel bös ist das?«

»Gewiß und wahrhaftig. 's ist ein großes Kreuz mit derlei Mannerleuten,
Dirnl. Und daß der nun justament auf _Dich_ kommen muß! Und _ich_ --
ich bin mit schuldig daran, weil ich dem Franzl hab Einstand gegeben im
Zechenhaus. Auf _das_ hätt einer doch denken können.«

Das Fanele hat eine Handvoll vorjährige Nadeln vom Moos
zusammengestrichen und läßt sie nun wieder durch die Finger rieseln. --

»Und den Franzl von dannen schicken?« hebt der Zachenhesselhans von
neuem an. »Ja, wenn ihm einer hinterdrein wär', der mir sagete: wahr
und wahrhaftig, ich hab den Pulverrauch verwehen sehen über dem Franzl
seinem Stutzen! Aber so: was hat denn das Waldmannl, das vertrocknete,
in einem Jungen seine Lieb hineinzureden?

Fanele, laß die Tränen stecken; mußt nit greinen um das. Ich sag
keinem ein Sterbenswörtl davon, auch dem Helari nit und der Resl;
denn: entweder, Du laßt ihn laufen, nachher is gut. Oder Du laßt ihn
nit laufen, nachher ist das Ungemach da. Aber das Fanele wird meinen:
laßt's mich in Ruh'. Wenn er ein schlechter Kerl ist, der Franzl, so
drückt's _mich, mich ganz allein_, und wenn das graue Elend über mich
kommt, so hab ichs zu tragen, ich ganz allein.

Der Zachenhesselhans kennt das. Und eine Reue, die kommt immer erst,
wenn das Leid schon da ist. Ich bin kein Ankläger und ein Hetzer ganz
gewiß nit; aber wenn das Fanele auf den Waldmann und seinen Rat ein
Eichtl tut hören, nachher -- das wär ihm eine große Freud'.

Jetzt muß einer aber schauen, daß er noch ein paar Tragen Waldstreu
zusammenkratzt unter dem Stachelschwein und der Höll -- b'hüt Gott,
Fanele!«

Dem alten Manne klang das Herz hinein in den Gruß, den sie sonst so
hinwerfen.

Dann ging er am Zechenhaus vorüber, ging durch die Waldspitze, die aus
dem Tal heraufsticht, ging über das borstige Gras.

Drunten am Waldrand sieht er den Hans-Tonl, wie er mit dem eisernen
Rechen die Nadeln zusammenzieht.

»Sei mir nit bös, Hans-Tonl, 's is ein bißl spät worden. So is gar
schon um die neun? Potz Käs und Kuhglocken -- wie sich einer versäumen
kann!«

»Was hat's denn geben?« fragt der Hans-Tonl und recht.

»Justament um den Winterkathlfranz. Ein Sakra, ein höllischer, dem
das graue Elend anfliegt, wenn er nicht die Nas' kann in Pulverdampf
stecken oder wenn er nicht kann auf ein Wilbert spüren. Das nimmt
eh kein gutes End mit dem Burschen. Hans-Tonl, meinst, daß ihn einer
hinaustun sollt' aus dem Zechenhaus?«

»Jetzt, warum fragt denn der Zachenhesselhans da mich? Er ist doch der
Herr im Haus.«

»Ich mein fei nur: was Du von ihm haltst, vom Sakra?«

»Ein Windhund ist er, der Franz.«

[Illustration]



[Illustration]

10. Kapitel.


Der Sturm steht auf dem Berg und bläst die Posaune. --

Der Hahn klopft im Morgengrauen an das Fenster über der Stalltür.

»Nein, Freundl, drinne bleibst heute. Es bläst ein Sturmwind, und in
den Fichten spielt er die Orgel, alle Register hat er gezogen. Es ist
schier feierlich, so ein Stürmen.

Ein bißl Sturm wären wir gewöhnt im Waldland.

Ist auch nicht bloß deswillen, mein Freund. Der wilde Gesell hat ein
Völkl Leut hereingetrieben über den Berg, die suchen sich einen grünen
Schirm in den Fichten und sind justament dabei, ein Feuer anzulegen am
Waldrand. Jetzt -- wenn da ein Heger kommt, so gibt's einen Lärm. Den
ganzen Wald können sie einem zusammenfeuern über dem Kopf.

Sind Zigeuner, Hahndl; die kennen wir. Die streuen mit der rechten Hand
ein Futter und mit der linken drehen sie Dir, derweil Du pickst, den
Hals um.«

Der Wind reißt dem Bornständer den Strahl vom Mund, schlägt ihn
zu Tropfen und sprüht ihn über den Trogrand auf die Fliesen. Dem
Zachenhesselhans reißt er die Joppe auf und will ihm die Kappe vom
Kopfe zerren.

»Darauf warten wir nit,« sagt der, geht ins Häusl und schiebt den
Holzriegel von innen vor die Tür. Ein Reisigfeuer hat er sich
angezündet im Kachelofen, und nun legt er gespaltenes Stockholz in den
knisternden Brand.

Wie auch das Morgenpfeiflein in Ordnung gebracht ist, gibt der
Zachenhesselhans den Zeisigen das Ihre, pafft den grauen Tabakrauch
gegen die Fensterscheiben und schaut dem dünnen Nebel zu, den der Wind
wie gehetztes Wild die Halden hereinjagt.

Da hat einer schon manchmal zugeschaut, aber die Zigeuner -- so bequem
haben die's dem Zachenhesselhans noch nicht gemacht, denkt er.

Drüben am Waldrand über dem Hau hocken die Kinder im feuchten Gras und
ziehen die Säcke und Tücher, die sie über den Schultern tragen, fester
zusammen. Ein Loch sticht der Mann in den Boden; die kalten Schollen
baut er als ein Mäuerlein darum. Und der andere schlägt mit der Axt
Reisig vom fichtenen Kleinholz und macht eine Streu rings um das Loch.

Jetzt -- ein dichter Qualm quillt daraus hervor und steigt als
gelblichgraue Säule ein Stück in die Luft. Wie die der Wind bemerkt,
reißt er sie in Fetzen und wirft die Stücke in den Wald.

Daraus erkennt der Zachenhesselhans: über die kleine Talmulde am Rande
des Hau's fliegt der Wind hinweg; erst unter den Kronen der Fichten ist
er wieder.

Nun -- drei ganze Bäume, übermannshoch hat der Kerl abgeschlagen im
Wald!

»Zachenhesselhans, vermaulier' Dich nit! Hast Du Dir zum Stützen des
Daches hinterm Haus nit auch einen Stämmling geschlagen heimlicher
Weis?«

Die Reiser nehmen sie mit zur Streu, breiten Decken darauf, und die
drei Stämme schlagen sie im Dreieck um das Lager in den Grund. Dann
hängen sie braune Pferdedecken daran. So sind die Leute von zwei Seiten
gegen den Wind geschützt. Ein Zelt wollen sie wahrscheinlich nicht, sie
könnten sonst den schwelenden Brand vom nassen Fichtenholz nicht unter
dem luftigen Dach haben.

»Jetzt -- da kommt eine!«

Ein fackelrotes Tuch hat sie um das nachtschwarze Haar geschlungen und
im blauen Brusttuch hockt ihr ein braunes Kindl.

Sie klinkt draußen an der Tür; und wie der Zachenhesselhans noch gar
nicht Zeit gehabt hat, sich zu überlegen, ob er dem Weib öffnen soll,
so lehnt sie schon die braune Stirn gegen die Scheibe.

»Guten Tag,« sagt sie.

»Grüß Gott. Was willst?«

»Erdäpfel hätt ich gern.«

»Davon ist fei selber nit viel zu spüren im Zechenhaus.«

»Ich wollt sie gern bezahlen,« bittet die Frau.

»Wo seids denn her, Ihr, daß Du ein Deutsch so gut redest?«

»Vom Niederösterreich.«

»Waas? Ich hab vermeint aus Spanien seids oder von Ungarn, wo der
Süßwein wachst und wo die Puszta ist?«

»O naa,« lacht die Frau. -- Hui, hat die einen Haufen Perlen im Munde,
denkt der Hans.

»Und wohin wollts denn mitsammen?«

»Zu meinem Bruder in das Bairische hinein. Dort sind die Leut weidli
gut und mein Bruder hat dort einen Zirkus. Den gehn wir suchen.«

»Wie viel seids denn mitsammen?«

»Oelf,« sagt die Frau, »zwei Männer, zwei Frauen, ein großes Madl, eben
die für den Zirkus, und sechs Kinder.«

»Und zu Fuß wollts wandern ins Bairische? Und bei dem Mordssturm?«

»O naa, der Janos kommt mit dem Wagen und den Pferden heut auf den
Abend.«

»Der Janos, wer ist denn der?«

»Halt so ein Bürschl von achtzehn Jahr. Auch für den Zirkus. So, nu
hast aber so viel gefragt, Mannl, daß ein Korb Erdäpfel der Lohn sein
könnt für mein' Antworten.«

»So geh herein, Frau, mit dem Würml.«

Der Zachenhesselhans schiebt den Riegel von der Tür und läßt das Weib
herein. Aber den Riegel stößt er wieder zu.

»So setz Dich, da hab ich grad ein Körbl voll; wollen wir einschütten.«

Ob noch ein Haus wär' daherum außer dem obigen?

»Außer der Unruh meinst? Nein.«

Die Höll ist nicht zu sehen von da aus, und kundschaften gehen die bei
dem Sturmwind nicht, denkt der Hans. Und genug ist's auch, wenn sie auf
dem Zechenhaus gebettelt hat.

Mit einem »Vergelt's Gott« schreitet das Zigeunerweib wieder in den
Spätherbststurm.

Der steht auf dem Berg und bläst die Posaune.

Während der Hans vom Fenster aus zuschaut, wie sich das fahrende Volk
drüben sein Mahl richtet, werden Männerschritte hörbar auf den Fliesen.
Die Männer sind von der andern Seite aus dem Walde getreten, der nach
der Höll zu liegt.

»Hui -- ein Förster und zwei Heger. Jetzt, Leutln, jetzt werden sie
Euch einen Weg weisen!«

Aber die Männer schauen nur eine Weile hinüber zu den Zigeunern, dann
drückt einer auf die Türklinke am Zechenhaus.

»Zu mir wollts?«

Der Zachenhesselhans hängt die Pfeife in den linken Mundwinkel. Das
geschieht nur, wenn er ärgerlich ist; und die Kappe rückt er sich ein
wenig aus der Stirn.

»Willkommen mitsammen. Treten 'S ins Stübl, die Herren. Was verschafft
denn dem Zachenhesselhans die Ehr? Bitt schön, wollen 'S nit Platz
nehmen? Ein Schnäpsel ist auch daheim.«

Der Förster hat sich auf die Ofenbank gesetzt. Die Heger sind an der
Tür stehen geblieben, und der Förster tut ein Büchlein aus dem grünen
Rock. Die Gewehre haben alle drei bei sich behalten.

Sonst, wenn ein Heger is gekommen ins Zechenhaus, hat er die Flinte bei
der Tür aufgehängt, wo das Gewichtl (Gestänge, Gehörn vom Rehbock) ist,
denkt der Zachenhesselhans. -- Der Förster schaut in sein Buch.

»Franz Winter, vierundzwanzig Jahr alt, von Gottesgab, wohnt der hier?«

»Von Gottesgab ist er eigentlich nit. Wo der auf die Welt kommen
ist, weiß man nit genau. Aber Franz Winter schreibt er sich; denn,
müssen's wissen, was die Winterkathl war, die werden Sie nicht mehr
gekannt haben, dieselbig ist seine Mutter. Ist aber nun schon tot, 's
Weibl. Heißen tun sie ihn den Winterkathlfranz. Ob er hier wohnt? Zu
Zeiten, meine Herrn, zu Zeiten. Augenblicklich werden Sie ihn aber
nit antreffen daheim. So müßten sich die Herren schon noch einmal
heraufbemühen. Ist etwas auszurichten für den Franzl, was Sie mir
anvertrauen möchten?«

Der Zachenhesselhans hat die Pfeife längst wieder im rechten Mundwinkel
aufgehängt und läßt, wie er auf dem Holzstuhl sitzt, die Spitzen der
Finger seiner beiden Hände miteinander spielen.

»Was treibt dieser Franz Winter eigentlich?«

»Ein Holz rucken wird er und Stöcke roden tät er dazwischen, sagt er.
Na, und wenn er's sagt, so wird's halt wohl so sein.«

»Haben Sie gesehen, daß der Franz Winter ein Gewehr mit sich führt?«

»Nein, ins Zechenhaus hat er keins getragen.«

»So müssen wir eine Haussuchung halten. Franz Winter gilt als ein
gefährlicher Wilderer, der sein lichtscheues Handwerk in vollem Umfange
von hier aus betreiben soll.«

Der Zachenhesselhans unterbricht das Spiel seiner Finger nicht.

»Haussuchen wollen's? Bitt schön! Da ist das Stübl. Ich bitte, sich
nur umzuschauen darin. Und die Treppe hinauf ist's unterm Dach. Die
Stalltür führt unter der Treppe hinaus. Ich bitte, nur einzutreten.«

Wie sie unterm Dach gewesen sind und auch den Stall abgeschaut
haben, geht der Förster grüßend von dannen. Die Heger werfen dem
Zachenhesselhans einen Blick zu und lächeln.

»So, Franzl,« sagt der Zachenhesselhans, »auf dieselbig Weis' kunnt
einer Dich loswerden im Wald. Jetzt, wohin gehn sie denn? Zu den
Zigeunern.«

Eine Weile reden sie mit ihnen; der Mann muß das Mäuerlein aus feuchtem
Rasen höher um den Brand bauen, daß der Wind nicht in das glühende
Reisig blasen und den roten Hahn durch den Wald jagen kann. Dann
verschwinden die grünen Röcke im Wald.

Und der Sturm heult hinter ihnen drein und über ihnen spielt er die
Orgel.

»Jetzt, Bürschl, paß acht, es sind Dir dreie auf der Fährte!«

An einem solchen Tage, wo einer nicht aus dem Hause gehen kann, weil
sonst die Landfahrer eine Belagerung oder eine Eroberung vornehmen und
sich, solang es ihnen gefällt, unter dem Moosdach oder am Kachelofen
heimisch machen möchten, da ist es ein Glück, daß der Zachenhesselhans
ein halbes Schock Hafer vom Hans-Tonl in seinem Stall untergebracht
hat. Das ist geschehen, damit, wenn's einen Schnee herunterwirft bis
ans Dach, dann auch eine Arbeit zu verrichten ist im Haus; denn eh sich
einer eine Furt wühlt oder schaufelt bis zur Höll -- ach das geht ja
gar nicht, wenn ein richtiger Schnee gefallen ist!

So macht sich der Zachenhesselhans daran, ein Tuch auf die Diele zu
breiten und den Holzbock daraufzustellen. Auch zwei Armvoll Hafer
schleppt er herbei, bindet die Schütten auf, nimmt eine Handvoll Halme
und schlägt die mit den Rispen gegen das Querholz des Bockes. Hui,
springen die Körner! -- --

Ueber dem Haferschlagen geht draußen der Tag vorbei. Er hat's gar
nicht richtig hell bringen können heute um den Sonnenwirbel: immer
sind die Nebel durch das Licht gerannt, weil der Wind hinter ihnen
dreinpeitschte wie hinter einer Schar grauer Steppenpferde.

Ab und zu, weil's draußen anfängt noch dämmeriger zu werden und die Uhr
auch schon vier gerufen hat, schaut der Alte gegen das Zigeunerlager,
ob sie drüben zum Abbruch rüsten.

Der Wind hat sich immer noch nicht müde gelaufen -- der muß einen
schweren Spätherbstregen oder einen haushohen Schnee zu schleppen
haben, weil er gar so machtvoll schnauft und wichtig tut, denkt der
Hans.

Jetzt -- wie er justament ein neues Bündel Halme erfaßt hat, und einen
Blick durchs Fenster tut, schaut er, wie die Zigeuner die Decken von
den Stangen abnehmen. Die Kinder schlendern schon den Hang empor. Das
glosende Feuer wird mit Erde ausgedrückt, und die Decken werden über
die Schultern geworfen.

Ueberdem kriecht ein graues Dämmern aus dem Wald. Der Wind heult's an;
aber es ist seine Zeit und so kriecht es weiter, lautlos, trübselig.
Die Bäume sprühen Tropfen hinein.

Droben kämpfen die Zigeuner mit dem Wind, der sie den Tag über in
der Talmulde nicht gesehen hat. Nun will er ihnen die Hüllen von den
Schultern reißen, nun wirbelt er ihnen die nachtschwarzen Haare um die
Köpfe, nun bläst er ihnen einen Regenschauer in die Gesichter.

Der Wagen mit der schützenden Blache will um die Dämmerung die
Sonnenwirbelstraße herauffahren; dann gibts ein sanftes Schaukeln,
wohlige Wärme und ein traumloses Schlummern. Und draußen über die graue
Plane stampft der Sturm und sucht einen Riß, damit er ein Lied darauf
spielen kann.

»Jetzt kann einer hinauflaufen auf die Unruh und das Fanele nach den
Grünröcken fragen.«

Der Zachenhesselhans trägt den Holzbock auf den Flur und den
ungeschlagenen Hafer zurück in den Stall. Die Körner auf dem Tuche
kommen in den Sack. Die Türe bleibt offen, weil ein Staub fliegt vom
Haferschlagen; und jetzt darf sich einer auch die Pfeife wieder
anglimmen.

Hui, fährt der Sturm um die Ecke! Hui fährt er auf den Zachenhesselhans
los wie er ihn erblickt!

»'s is fei grad, als hättst einen den ganzen Tag gesucht und nit
gefunden, wütiger Bergwind Du! Da muß sich einer die Kappe über die
Ohren ziehen.«

Der Wald dröhnt, als säng ein Heer darin das Siegeslied nach einer
geschlagenen Schlacht.

Aus der Unruh geht schon ein Lichtband in die Dämmerung und sagt dem
Zachenhesselhans: die Frauen sitzen droben am Klöppelsack und der
Helari wird angefangen haben, den Hafer zu schlagen.

Wie der Alte in die Stube gekommen ist, ist die Resl justament mit dem
Licht hinausgegangen, zu schauen, ob etwa ein Zigeuner auf den Flur
getreten ist, weil die Haustüre geschrieen hat.

Jetzt steckt sie die Stalllaterne an, um gleich an das Abendmelken zu
gehen und der Helari wirft den Kühen das Heu in die Raufen.

»Fanele, gut ist's, daß wir allein sind. Weißt's schon?«

»Was ist geschehen?«

»Den Franzl suchen sie, weils ihn haben wildern sehen.«

»Gelt, Du erschrickst mich?«

»Wahr und wahrhaftig, Fanele! Denkst etwa, lieb hat er Dich? Denkst
etwa, wenn Du ihn auf den Knien bittest, er soll nit schießen gehn --
er hört auf Dich? Der? Nimmer, mei liebs Dirnl! Jetzt -- wenn er Dir
heut abend fensterln käm, verhehl's ihm nit, daß die Förster hinter ihm
drein sind. Warnen muß ihn wer, weil's sein Tod sein könnt.«

Das Fanele macht sich mit dem Schürzenzipfel die Augen blank.

»Kein Tränl sollst weinen um den. Geht er durch die Lappen, so ist das
fei gut für ihn. Denk nit mehr auf den Franzl, Fanele.«

Weil der Helari in die Stube getreten ist und sich beim Ofen die Pfeife
auspocht, reden sie von den Zigeunern. Der Zachenhesselhans erzählt,
was er weiß: vom Zirkus und vom Wagen mit der Blache, dem die heut
abend auf der Sonnenwirbelstraße im Wald begegnen.

Die Mutter ruft aus dem Stall herüber nach dem Fanele.

»Gut Nacht, Dirnl,« sagt der Zachenhesselhans, wie das Mädchen zur Tür
hinausspringt.

»Ich muß auf ein Heimkommen denken, eh's vollends schwarz wird. Das
gibt eine grugelige Nacht. B'hüt Gott, Helari.«

Blauschwarz steigt es hinter dem Plessen herauf wie ein Hagelwetter im
Sommer. Jetzt hängt ein Schnee in der Luft; den muß der Wind erst noch
herbeischaffen, nachher kann er auf ein Einschlafen denken.

»So werden wir morgen einschneien im Wald. Ende Oktober -- 's is
fei nit zu früh und viel Sonne hat's gehabt das Jahr. Sonst haben
wir manchmal den grünen Hafer aus dem Schnee herausgegraben und
manchmal ...«

Da donnert ein Schuß aus den Fichten herauf und rennt, wie einer, der
den Weg im halbfinstern und tiefen Wald nicht finden kann, in alle
Täler hinein, bis er sich an den Berg stößt.

Es ist, als habe der Sturm einen Augenblick die Posaune abgesetzt, als
habe die Riesenorgel im Wald keinen Wind mehr gehabt -- jetzt posaunt
er wieder, der Sturm, jetzt brausen sie wieder, die tausend tiefen und
hohen Pfeifen.

Der Zachenhesselhans will ein Stück Pfad abschneiden, geht quer
über den Hang hinab und steht bei der Hausecke, an der die Stütze
emporstrebt.

Da donnert's wieder im Wald. Und noch einmal.

Kaum hat der Sturm den Hall fortgefegt, fällt ein dritter Schuß.

Jetzt -- vier Schüsse hat der Zachenhesselhans im ganzen gezählt. Er
lauscht immer -- der Sturm hat noch zu reden mit den Waldbäumen und den
sprühenden Nebeln.

Der Alte geht ins Haus und verwahrt die Tür hinter sich.

Während er ein Scheit in den Ofen schiebt, rechnet er über den vier
Schüssen.

»Das Exempel is nit schwer,« sagt er, »der erste: der Franzl hat einen
hingebrannt auf den Platzhirsch. Oder war's im Tal? Schien's den Berg
heraufzulaufen? Bei dem Sturm kennt einer sich gar nimmer aus in der
Gegend. War's im Tal, so wird der Franzl haben dem »Schneider« das
Licht ausgetan.

Wie's gekracht hat, sind die Förster ihm vollends auf die Fährte
gekommen. Nun -- wie könnt's nun weiter sein?

Entweder: der Franzl hat schon eine neue Kugel im Stutzen gehabt und
hat -- -- nein, ein Mörder wird er doch nit sein wollen, der Franzl?

So wird er geflohen sein, und weil er auf den Anruf hin nit gestanden
hat, haben sie hinter dem Sakra dreingebrannt.«

Der Zachenhesselhans hat das Tranlämplein angesteckt und hat schon
dreimal das Fenster aufgeschoben und in den Sturm gehorcht. Der
überbrüllt alles und wütet, als wollt' er die Berge aus der Erde reißen.

Und eine Finsternis fällt aufs Land, schwärzer wie der Wald.

»So muß einer doch nachschauen, ob sie auf der Hölle das Schießen haben
gehört,« sagt der Alte.

Er hat das Ofentürl offenstehen lassen; aus dem Ofenloch läuft ein
rotes Licht heraus und läuft an der Wand hin -- zuckend, als blies der
Wind hinein. Das macht hell genug, hat der Zachenhesselhans gedacht und
er hat die Flamme jetzt wieder herabgeblasen vom Tranlämplein.

Nun geht er auf den Flur unter die Treppe, wo die Stalllampe am
Nagel hängt. Die hat vier Glaswände rings, damit das Flämmlein nicht
herauslangen kann ins Stroh; die hat vier Glaswände rings: so kann
der Wind auch nit hineinlangen ans Licht und wenn er es noch so wild
umtanzt.

Der Hans tut die Scheibe auf an der Stalllampe. Das Licht steckt er am
Ofenfeuer an, schließt die Tür vor dem Brand und will hinausgehen in
Nacht und Sturm.

Wie er die Haustür aufgeklinkt hat, ruft's draußen »Halt!« und Schritte
gehen.

So läuft der Sturm nicht, und der Sturm hat eine andere Stimme.

»Halt!« ruft einer dem Zachenhesselhans zu? Wer denn? Der Tod oder ist
sonst einer, der hier »Halt!« zu rufen hat mit so herrischer Stimme?

Der Zachenhesselhans prallt ein wenig zurück und hebt die Lampe hoch,
damit er dem ins Gesicht sehen kann, der hier befehlen will.

»Ach, der Herr Förster! Wollen 'S noch ein bißl Platz nehmen? 's ist
eine arge Nacht, 's ist eine vermaledeite Nacht und ein Sturm --«

»Bleiben Sie an der geschlossenen Tür stehen, immer im Hause, Heger,«
befiehlt der Förster dem einen seiner Begleiter, wie sie in den Flur
getreten sind und die Haustür geschlossen worden ist.

Weswegen Ihr daseid, brauchts mir nit zu sagen, denkt der
Zachenhesselhans und spricht:

»Auf die Höll wollt ich, ein wenig hutzen.«

»Sie bleiben hier, weil Sie im Verdacht der Begünstigung stehen oder
kommen könnten,« wendet sich der Förster herrisch an den Alten.

»Ich? Wieso denn ich?«

»Fragen Sie nicht so einfältig. Stecken Sie ein ordentlich Licht an und
führen Sie uns durch Ihr Haus.«

»Ach so, der Herr Förster meint, das Füchsl sei im Bau und _diesen_
Abend? Und _das_ Füchsl? Naa, Herr Förster, so fangen 'S _den_ nit!«

»Er ist aber in der Dunkelheit entkommen.«

»Haben 'S etwan geschossen auf ihn?«

»Warum fragen Sie?«

»Na, weil der Krach an das Fenster geklopft hat, viermal. Das ist ja
ein höllisches Draufbrennen gewesen.«

»Ein Zigeuner, der neben seinem Planwagen herschritt, gab uns durch
Zeichen zu verstehen, der Verfolgte sei über den Hau herein entflohen.«

»_Der_ über den Hau? Naa, Herr Förster, der lauft, wo's am schwärzesten
ist. So, jetzt, die Lampe hab ich angesteckt, mein Laternl brauch
_ich_ und nun gehen 'S haussuchen. Für den Fall, daß Sie nix finden
und ein wenig warten wollen auf ihn -- er könnt' noch kommen -- einen
Trunkelbeerschnaps will ich auf den Tisch stellen. Einen Wein, einen
feinen, hab ich nit im Haus für den Herrn Förster.«

»Ich hab Ihnen schon gesagt, Sie dürfen nicht aus dem Haus.«

»Darf nicht? Ich darf nicht? Naa, Herr Förster, so is das nit: meiner
Freiheit dürfen Sie mich nit berauben und wenn Sie gleich ein
kaiserlicher königlicher Förster sind. Aber was Sie tun dürfen? Einen
mitschicken können 'S von den Hegern, daß der sich anschaut: ich hab
nix zu schaffen mit dem Franzl und ich geh geradewegs in die Höll.
_Ich_ aber darf Ihnen wieder nit das Zechenhäusl verbieten, weil Sie
in rechtmäßiger Ausübung Ihres Amtes hier sind, wie man das heißt. So
stehn die Dinge und -- ich geh jetzt. Das Windlampl nehm ich mit mir.«

»So warten Sie noch einen Augenblick, Günther ...«

»Günther, sagt er. Zachenhesselhans heiß ich, Herr Förster; Günther
wird nur geschrieben.«

»Ein zweites Windlicht haben Sie nicht?«

»Nein, ein Licht nit, aber einen _Gedanken_. Wenn Sie das Stückl bis in
die Höll mitgehen, so leih ich Ihnen das meinige. Ich, für den Heimweg,
borg mir eins in der Höll.« -- --

So gehen sie durch den verstürmten Wald, in dem die Riesenorgel braust;
so gehen sie über das Stachelschwein, auf dem der Sturm steht, der
in die Posaune stößt. Ein Regen sprüht und fährt klingend gegen die
goldenen Scheiben der Hölle.

»Gute Nacht mitsammen!«

Die drei Männer steigen den Hang empor.

Der Zachenhesselhans pocht an die Scheiben.

Wie ihm das Wawrl die Haustür auftut und sich nit genug wundern kann,
sagt der Alte:

»Leutln, es geschehen Dinge am Sonnenwirbel, wie sie nit geschehen
sind, seit der Zachenhesselhans ein _junger_ Sünder war und noch den
rostigen Stutzen selig gern hatte!« --

Wie sie am Kachelofen saßen, plauderten und die Augen blank wurden,
legte der Wind sich draußen schlafen.

Die Mitternacht schlich ums Haus als der Zachenhesselhans mit der
geliehenen Stalllampe heimwärts schritt.

»Halt ein bißl,« rief er dem Hans-Tonl zu, der die Haustür gerade von
innen verriegeln wollte.

»Hast was vergessen?«

»Zu sagen, daß es einen Schnee wirft, Hans-Tonl, einen munteren Schnee!«

Der Zachenhesselhans leuchtet dabei auf seinen Joppenärmling, schaut
die glitzernden Sternlein, die daraufsinken, und der Hans-Tonl streckt
die beiden Arme in die Nacht. --

Zwei Tage lang fiel er, fiel aber nur einen Fuß hoch und sank
gleichmäßig über Berg und Wald.

Die Fichten neigten die Wipfel ein wenig, zogen sich den weißen Pelz um
die Schultern und schliefen.

Die Fährten des Wilds liefen über die weiche Decke, die kein
Menschenfuß zertrat.

Ab und zu klang eine Schlittenglocke von der Straße herein gegen den
Wald. Ab und zu fiel ein Schnee aus einem Wipfel. Der Wipfel schwankte
ein wenig und schwankte sich wieder in den Schlaf. Ab und zu flog ein
Rabe über den Wald. Dann schlief wieder alles -- die Luft und der Wald
und der Berg und das Haus, das daranlehnte. Nur aus dem Schornstein
stieg ein Wölklein blauer Rauch: des Hausfleißes friedlicher Bote.

Am dritten Morgen schritt der Postbote hernieder durch den Schnee.

Hui, machte der Zachenhesselhans und griff nach dem Wandbrette, auf dem
die Trunkelbeerflasche steht.

»Sogar einen Brief kriegen die Leute am Sonnenwirbel? Das ganze Jahr
bist nit gekommen und nun -- Warum hast Dir's denn just bis zum Winter
aufgehoben?«

Der Postbote trank das Kelchlein leer. Der Hans stellte sich ans
Fenster und erbrach den Umschlag des Briefes. Er las:

        Zachenhesselhans,

    Entwischt bin ich ihnen. Hinter mir drein habens geschossen
    wie närrisch, aber daneben. Recht is. Mich fangt keiner. Ein
    Glück, daß es droben war auf die Schlauderwiese zu. Drunten
    wär's schlechter. So bin ich den Berg hinein und ein Wagen mit
    einer grauen Plane is gefahren. Wie ein Füchsl in die Röhre
    bin ich in den Wagen. Die Zigeuner hatt ich gesehen am Tag.
    Hineingewühlt hab ich mich in Decken und in was weiß ich. Da
    sind sie vorbei die dreie. Gelacht hab ich -- nachher. Und
    sehen darf ich mich am Sonnenwirbel nit mehr lassen. Ich bin
    mit den Zigeunern. Ins Bairische fahren wir und machen einen
    Zirkus. Und das Fanele kannst mir grüßen. Sehen täten wir uns
    aber nimmer. Die dreißig Kreuzer, die ich Dir noch schuldig
    bin für sechsmal Schlafgeld bezahl' Dir der Herrgott. Es grüßt

            Franz Winter.

»Die dreißig Kreuzer reuen mich nit, und der Franzl reut mich auch nit,
aber das mit dem Fanele, das freut mich.

Einen Gruß sagt er?

Den muß einer gleich bestellen, sonst vergißt er darauf.«

[Illustration]



[Illustration]

11. Kapitel.


Wie der Zachenhesselhans auf die Unruh kommt, sitzen die Resl und das
Fanele stumm beim Klöppelkissen. Der Helari schlägt auf dem Hausflur
Hafer, und eine Wolke Staub und Duft von reifer Halmfrucht weht dem
Zachenhesselhans entgegen.

Der Helari, der jetzt eine Ursach hätt, ein wenig einzuhalten mit dem
Haferschlagen, schaut kaum auf beim Gruß und peitscht das Bündel Halme
gegen das Querscheit, als hätte dieser Sommer die Körner noch einmal so
fest in die Rispen gesetzt, wie sonst. Wenn einer aber mit aller Kraft
zu schlagen hat, so hat er keine Zeit zum reden.

Die Frauen bei den Klöppelsäcken haben justament auch nur den
Augenblick, nach der Tür zu schauen, wer hereingeht. Und dann klappern
die Klöppel wieder wie ein kleines Mühlwerk.

So setzt sich der Zachenhesselhans auf die Ofenbank und wird erst
einmal im Pfeifenköpfl ein bißl nachdrücken.

An wem ist es denn nun eigentlich, die Red' zu beginnen? An mir oder an
Euch? -- An _Euch_, denkt der Zachenhesselhans; denn Ihr müßt wissen
wollen, wozu ich heraufgegangen bin auf die Unruh.

So warten wir noch.

Die Uhr tickt; der Zeisig hüpft im Käfig von einem Stänglein auf
das andere -- sind nur zwei, und so schaut er durch die Stäbe des
Käfigdächleins und verfehlt seinen Sprung dennoch nicht.

Auf dem Flur ist das Zischen der niedersausenden Halme und an der Tür
ein Klopfen, wie wenn ein sanfter Regen an ein Scheunentor tropft; die
Körner springen daran.

Hin und her wirft der Zachenhesselhans einen Blick auf das Fanele.
Jetzt hat sich das Dirnl so gesetzt, daß es dem Hans schier die
Hinterseite zukehrt; nur manchmal, wenn es die Nadeln steckt auf dem
Klöppelkissen, kann der Hans die Wimper des rechten Auges entdecken und
die Spitze der Nase. An die Wimper hat sich eine Träne gehängt.

»Ja, warum weint denn das Fanele?«

Sie sagen alle zwei nichts. Die Resl schaut ein wenig auf und nach dem
Fanele hinüber.

»Jetzt -- feierlich, so viel feierlich habt Ihr's auf der Unruh. Wollts
das immer so halten von nun ab?«

Die Mutter denkt: der Zachenhesselhans plauscht mit dem Fanele --
so brauch _ich_ nichts zu reden darauf. Und das Fanele meint: der
Mutter hat's gegolten. So duckt es sich bloß ein Eichtl, weil ihm ein
Lächeln um die Lippen fliegt wie ein Sommervogel, der sich von einer
Märzensonne hat verleiten lassen, das Winterröcklein abzustreifen. --
Die Sonne ist wieder einmal der Zachenhesselhans. Aber der Hans hat
auch den Sommervogel erspäht.

»Resl!« ruft der Helari auf dem Flur.

Sonst holt er sich das Fanele, damit das die Körner einschüttet in
den Sack; heut hat der Vater auf das Dirnl vergessen und die Resl muß
hinaus.

Da setzt sich der Zachenhesselhans dem Fanele gegenüber auf die
Wandbank und sagt:

»Kann einer denn gar nit erfahren, wesweg die Unruh so viel
andachtsvoll geworden ist über Nacht?«

Das Fanele schaut von der Seite nach der Tür, hält die Klöppel mit der
Linken und die Rechte hebt's vor den Mund:

»Der Franzl, das Waldweibl, das schwatzhaftige, hat geplauscht.«

»Auch noch dazu? Zu wem denn?«

»Den Wurzltonl, den Einräumer Peter und den Peterl hat er getroffen
im Wald, wo die Holz rucken. Und da die drei justament ein Frühstück
machen und den Kaffee wärmen am Reisigfeuer, hat er sich zu ihnen
gesetzt.«

»Wird haben auch ein Holz rucken wollen, der Franzl,« entgegnet der
Zachenhesselhans und kneift die Augen zusammen.

»Zum erzählen hat er angefangen -- na, hat er gesagt: wenn das Fensterl
ein wenig weiter wär gewesen, dem Fanele hätt das schön passen sollen.«

»Höllsakra, Windhund verdammigter!« -- Knacks.

Jetzt hat der Zachenhesselhans das Spitzl am Pfeifenrohr
entzweigebissen.

»Ui je, das Spitzl! Na, wenn's eh kein Zahn ist, den braucht
einer notwendig zum Pfeifehalten. Ein Mundstückl läßt sich wieder
hineinsetzen, ein neues. Wird dem Franzl auf die Rechnung gesetzt.«

Die Klöppel zittern in der Hand vom Fanele, wie die Schindeln, wenn ein
Sturm darüberfährt. Und auch zwei Tränen drängen sich wieder zwischen
den Schatten der Wimpern hindurch; die laufen die Wangen hernieder, auf
denen sonst immer der blanke Sonnenschein der Lust daheim ist.

»Fanele,« hebt der Zachenhesselhans an, »einen Gruß hab ich Dir zu
bestellen und deshalb bin ich heraufgegangen.«

»Einen Gruß?«

»Da lies.«

Wie das Mädchen die Klöppel aus der Hand und hernach beide Hände, in
denen das unsaubere Papier knistert, in den Schoß fallen läßt, beginnt
der Alte:

»Fanele, jetzt, wenn Du klug bist, bist still wie ein Grab; denn
wenn sie den Höllsakra fangen unterwegs, schaffen sie ihn herüber
und sperren ihn ein ein Jährlein. Nachher: im Land is er wieder, im
Sonnenwirbelwald is er wieder und dem Fanele auf den Fersen.«

»Den Franzl -- wenn ich den spür ...«

Das Fanele ballt die Fäuste: »So ein Schwätzer nixnutziger ...«

»Ein solcher, wie der, kehrt sich da nix dran. Ein anderer dürft' das
Fanele haben unterdessen -- _der_ schleicht ihm hinterdrein. Und eine
Rache sucht der Franzl obendrein, wenn Du ihn verachten willst. Laß
ihn laufen, Dirnl! Den bist noch einmal billig los worden, Höllsakra
den!«

»Mutter, der Kathlfranz ist mit den Zigeunern!« ruft das Fanele der
Resl zu, wie die vom Haferschütten wieder in die Stube kommt.

Die Resl muß sich gleich ein Eichtl auf die Ofenbank setzen und stemmt
die Arme in die Seiten.

»Was sagst, Madl?«

Nun hat der Zachenhesselhans zum reden angefangen.

»... und deswegen wollts eine Kirche machen aus der Unruh und wollts
Euch das Lachen abgewöhnen, fei wegen dem Windhund?

Und jetzt: auf den Sonnenwirbel will ich und reden will ich und will
ihnen sagen: der Franzl, der Sakra, dicktun hat er sich wollen! Das
Dirnl hat ihn doch nit etwa ans Fenster gelockt, ans winzig kleine? Ein
Dirnl, wie das Fanele, wird einem solchen nachlaufen müssen?« --

So stampft der Zachenhesselhans mit dem Brief vom Franzl auf den
Sonnenwirbel.

Wie er bald droben ist, saust ein Hörnerschlitten die Straße hinab und
saust quer über den Hang nach dem Neuen Haus. Das Harfenweibl hockt
darauf, und der Peterl sitzt vorn und lenkt den Schlitten. Aus dem
Fenster des Sonnenwirbelhauses hat einer den Kopf herausgeschoben und
schaut dem fliegenden Schlitten nach.

»Grüß Gott, Wurzltonl. Und wo ist denn der Schmied-Seff-Pepp?«

»Den hat der Peterl schon voraufgefahren aufs Neue Haus zum
Musikmachen. Die Winterfahrer sind im Anzug, Zachenhesselhans! Und wenn
die Singspielleutln die Städter wittern, behagt's ihnen fei nit mehr
auf dem Sonnenwirbel.«

»Kommst einen Sprung zum Einräumer hinüber, Wurzltonl?«

»Hui, was gibt's denn?«

»Ein ganz Rares, Tonl.«

»Ich komm.«

Wie die Männer dem Zachenhesselhans erzählt haben vom letzten Frühstück
auf dem Hau, bei dem sie mit dem Kathlfranz am Waldfeuer gehockt und
der Spätherbststurm in den Wipfeln sein schauerlich Lied gebraust
hatte, tritt sich einer im Vorhaus stampfend den Schnee von den
Stiefeln.

Dann kommt der Peterl in die Stube und wirft seine Joppe über das
Wäschestängl -- ein silberner Sprühtau liegt darauf vom feinen Schnee,
der bei der Fahrt den Hang hinab darübergestäubt ist.

Weil die Männer reden, setzt sich der Peterl schweigend auf die
Ofenbank und nimmt den Papierstreifen zur Hand, auf dessen Muster er
Gorl näht.

»Geh her, Peterl. Junge Arme wie Deine taugen auf dem Sonnenwirbel nit
für Nadel und Zwirn. Ein Briefl hab ich zu lesen.«

Da legt der Peterl die Näherei beiseite und fährt aus den Stiefeln.
Dann liest der Zachenhesselhans den Abschiedsgruß, den ihm der
Postbote diesen Vormittag gebracht hat.

»Na, Peterl, was meinst zu dem da?«

»Freuen kunnt sich einer, daß der Wildling zum Wald hinaus ist.«

Der Peterl springt auf und ein Glanz fliegt in seine Augen.

»Jetzt, den Berg hinein fahr ich den Zachenhesselhans mit dem
Hörnerschlitten und auf der Unruh wird gehalten.«

Wie der Zachenhesselhans sein Pfeiflein sich gefüllt hat, wartet der
Peterl schon mit dem Schlitten vor der Tür.

Jenseits der Straße beginnt die Fahrt; sturmschnell fliegt der
Schlitten über den Schnee; der stiebt wie Nebel unter den Kufen hervor,
ein Nebelstreif von weißem Schnee wirbelt hinter ihm drein. Aber kein
Halten ist vor der Unruh, weiter geht's und sausend zutale. Erst vor
der Höll ist ein Halt.

»Auch gut,« sagt der Zachenhesselhans, »die wissen's eh noch nit.«

Der Hans-Tonl ist gerade dabei, ein Häuslein aus Brettern über den
Brunnentrog zu bauen. Er schneidet im Hausflur mit der Säge das Holz
zurecht.

Und wie sie in der Höll wußten: der Franzl ist ein Zigeuner geworden,
so stellen die Männer zu dritt das neue Brunnenhaus über den Trog.

Während sie die letzten Bretter passen, zusammenfügen und hämmern, ist
die Dämmerung heraufgeflogen aus dem Wald.

»Eine Arbeit muß auch einen Lohn haben,« sagt der Hans-Tonl, heißt den
Alten und den Jungen in die Höll gehen und schenkt einen Schnaps ein.

»Und auf ein Nachtmahl bleiben wir auch zusammen. Den Hans brauch' ich
die Tage hin so wie so wieder, und es ist mir schon recht, daß Ihr
heute gekommen seid.«

Wie auch die dampfenden Erdäpfel, die das Wawrl auf den Tisch
geschüttet hat, und der Salzhering gegessen sind, schaut der Silbermond
über den Wald, schwimmt höher und strömt ein blankes Schimmerlicht zu
den zwei Fenstern herein.

»Eine Sünd und Schand is, wenn ein Vollmond in der Welt steht, beim
hutzen das teure Erdöl zu verbrennen,« sagt der Zachenhesselhans. »Die
Viehwirtschaft macht reiche Leut auf dem Sonnenwirbel, gelt? Na, bis
dahin tun wir's Lämplein noch einmal aus, mein' ich.«

Er dreht die Flamme zurück und bläst in den Zylinder.

Während die Lampe am Draht ein Rauchsäulchen herausschickt, ärgerlich
und mißduftig, hat der Hans-Tonl die Gitarre vom Nagel genommen und
stimmt.

»Rucken wir ein Eichtl aneinander, Wawrl! Der Hans-Tonl hat eine andere
im Arm, so darf das Wawrl auch nach einem sich umschauen.«

Hinterm Kachelofen sitzen sie.

»Jetzt -- der Peterl muß sehen, wo er die Seinige hernimmt.«

Aus dem Ofen geht ein sanftes Wärmeln und durch die Fenster ein stilles
weißes Licht.

»Hast etwan ein neues, weil Du so lang probierst, Hans-Tonl?«

»Ja,« sagt der, »Die Finken.«

Und schon spielt der Hans-Tonl und schon singt er:

    Was sitzt denn oben auf dem Vogelbeerbaam?
    Da sitzt halt a Fink un sei Weibl drnaam.
    Die schniebeln und schnabeln und singen drbei,
    Nun seht bloß die Finken -- die habens recht fei.
    Fink, Fink, Fink, Fink, Fink, Fink bist a klaans winzigs Ding,
    Bist du a winzig klaa, hast doch dei Fraa.

    Nit weit von dem Baam steht dem Nachbar sei Hans,
    Der schielt schon wie lange und is ächl ganz,
    Weil die zwei klan Finken so lustig drobn sei,
    Das macht'n ganz traurig, und er denkt sich drbei:
    Hans, Hans, Hans, Hans, Hans, Hans bist gewachs'n wie ena Pflanz,
    Bist a so groß und stark, hast doch en Quark.

»Das muß der Hans-Tonl noch einmal machen, daß wir mitsingen können den
Kehrreim.«

So fängt der Hans-Tonl das Lied von neuem an. Auch die letzte Strophe
mit dem Hans -- die ist dem Waldmann schon geläufig.

»Du, Peterl, merkst was?«

's hat keiner gesehen, wie dem Peterl das Blut in die Stirne geschossen
ist.

»Merken? Fei wohl: daß es Zeit is, auf den Sonnenwirbel zu kommen. Das
Harfenweibl und den Seppl will ich heimfahren vom Neuen Haus.«

»So kannst warten bis gegen die Mitternacht. Hans-Tonl, das ist ein
neues, ein feines für die beiden auf dem Neuen Haus. Das is fei so viel
lustig -- justament wie »Die Ofenbank«. Kommst an einem Haus vorbei
oder an einem Gasthaus: »Die Ofenbank« singen sie allenthalben im
Waldgebirg.

Darfst das nit so für nix halten, Hans-Tonl! Jetzt: wenn Du ihnen die
Liedln nicht machetest, so sängen sie nit, oder sie sängen, nachher
aber die Gespenstergeschichten vom Grafen und dem Tod und solche.
Du aber gibst ihnen eins, das sie brauchen: aus der Zeit, aus ihrem
Leben und aus ihrem Herzen heraus. Du hilfst ihnen, den Winter lustig
überstehen, Hans-Tonl, hilfst ihnen, den Gram verscheuchen von den
Schwellen; bleibt nur noch manchmal der _Hunger_ hocken. Den wollen wir
auch wegschaffen, den Sakra! Wenn sie nur erst auf den Einfall kommen:
was die am Sonnenwirbel können, das können _wir_ auch. Sie brauchen fei
einen, der's ihnen vormacht.

So wie's daherum ist, ist's manchenorts im Gebirg, und wenn wir etwas
schaffen mit dem Viehhalten, so werden sie's anderswo auch.

Die Hauptsache ist: eine Arbeit müssen sie haben und einen Verdienst
dabei -- muß aber mehr abwerfen als das Klöppeln, sonst sagen sie: das
Klöppeln ist leichter, warum sollen wir uns eine Plackerei machen mit
dem andern? Denn bloß um die roten Backen, das is ihnen fei nit genug;
und was die für einen Wert haben -- der Zachenhesselhans wird sie davon
nit überzeugen. Da muß schon ein anderer kommen. Sie müssen heraus aus
den Stuben und heraus auf die Bergwiesen und in den Wald, daß ihnen
eine neue Lust am Leben ins Herz kommt.

Singen -- freilich: wann haben wir einmal nit gesungen, wir daheroben
im Waldland? Wenn der Hunger einmal ist gar zu schlimm gewesen im Wald
und wenn sie die Leibriemen allzu fest zusammenziehen mußten.

Hans-Tonl, eine Hungersnot mag auch anderswo kommen -- aber: hier oben
ist sie gekommen, weil das Klöppeln fei gar nit halb zulangt, ein Volk
satt zu machen. Was ich immer gesagt hab: aus dem Land wollen wir's nit
haben, beileibe nit! Aber wer etwas anderes treiben kann, als sich am
Klöppelsack siech sitzen und helfen, das Waldvolk erbärmlich und elend
zu machen an Körper und Geist, der soll sich nit umschauen nach dem
Spitzenmachen.

Ein frommer kräftiger Schlag Menschen müßt' wieder wachsen daheroben,
jetzt ist's ein schwächlicher, jetzt ist's ein siecher.

Das ist er geworden, seit er über dem Fadendrehen vergessen hat, was er
seiner Scholle schuldig ist.

_Fromm_ kunnten sie sein, hab ich gesagt. Warum?

Im Wald ist immer ein Gottesdienst: eine Orgel tönt in den Wipfeln und
ein Prediger ist da, der Sonnenschein oder das Bergwasser, das aus dem
Stein springt.

Aber, wir sind abergläubisch geworden hinter dem Stüblfenster. Wenn
wir hinaus in den Wald lauschen, hören wir draußen ein wildes Heer
rauschen, sehen wir die Toten in Leichenhemden laufen in den Nebeln,
sehen wir weiße Geister stehen, wenn ein harmlos Birkenstamml in den
Fichten lehnt.

So. Der Zachenhesselhans wird's nimmer erleben und er möcht's doch
noch. So zwanzig Jährlein sollt' einer noch aufnehmen können, bis die
Kinder herausgewachsen sind vom Hans-Tonl und vom Sonnenwirbelpeterl.
Ui je, sind noch gar keine da!

Nachher -- _Ihr_ könnt's machen, Ihr junges Geschlecht! Von heut auf
morgen geht so was nit. Aber Euer Morgen- und Abendsprüchl müßt werden:
Wer seine Scholle fleißig bebaut, der wird immer des Brotes genug haben.

So wird's heißen und richtig is! Und was uns der Berg trägt, Gras und
Wald und ein paar Halmfrüchte, das wird überall hinlangen, wenn wir die
Scholle zwingen, alles herzugeben und wird weiterlangen, als der Ertrag
vom Klöppeln.

Wenn's einer doch hineinschreien könnt in die trägen zagen Herzen!« --
Knack!

»Ui je, jetzt zerbeiß ich mir das Pfeifenspitzl zum andern Mal, auch
noch dazu ein geborgtes, dem Helari seins.

Jetzt, wenn das Spitzl einmal einen Riß hat, kann einer auch noch ein
Eichtl schimpfen.

Ein Kreuz ist es, gar ein so schweres Kreuz mit dieser Handarbeit.

Weißt, was der Schmied-Seff-Pepp mitbringt von der Fahrt, Hans-Tonl?

Draußen, sagt er, als »ein unermeßlicher Segen« gilt die
Spitzenklöppelei für das arme Gebirgsland. So steht's in den Büchern
und so reden's die Leute denen nach.

Jetzt: wenn einer alles nimmt, den Segen und den Fluch: Herrgottsakra,
ob der Segen größer ist, als der Fluch, ich weiß nit. Das sagt
der Zachenhesselhans, nit weil er sich das an_gelesen_, sondern
an_geschaut_ hat. 's muß einer nur auf die Jahrhundert denken, auf
die vier Jahrhunderte, seit das Klöppelkissen ist hereingekommen ins
Waldland, wie in vierhundert Jahren ein Volk siech werden kann.

Hat's auf der einen Seit eine Wohltat gebracht, -- zeitweise sag ich --
so ist das auf der andern wettgemacht. Es sind -- ich sag's noch einmal
und will's noch manches Mal sagen, weil ich's für meine beste Weisheit
halte --: es sind andere Gebirge und andere Wälder auf noch höheren
Bergen und ist kein Eichtl anders, das Wachstum an Gras und Frucht,
als hier, aber ein stärkeres Geschlecht lebt auf jenen Bergen, weil's
nit stubenhockerisch is worden über einer solchen Heimarbeit. Müssen
_wir's_ denn justament allein sein?

Aber so weit hat die Gewöhnung das Volk im Waldgebirg gebracht: es kann
und will sich nit denken ohne den Klöppelsack.

Und sie sagen: was wollts denn? Sogar ein Dirnl von sieben Jahren hilft
mit verdienen. Ja, selber erhalten tut sich's am Klöppelkissen.

Wenn's aber Holz tragt und Beeren sucht oder eine Ziege hütet in Sonne
und Bergwelt, nachher siechts nit und wird besser leben. Aber: bei uns
ist's justament notwendig, daß das Kind sein Stückl Brot sich erkaufen
muß mit seiner werdenden Kraft, die gibt's hin dafür.

Richtig ist's, ein Dirnl verdient seinen Kreuzer mit sieben Jahren
-- fei an ein Eichtl Hunger ist es schon gewöhnt bis dahin und auf
mehr, als auf einen Zichorienkaffee und ein Stück schwarzes Brot, auf
Erdäpfel und einen Hering, wenn's gut geht, ist es nit gewöhnt zu
denken.

So ist's schon recht, wenn sie daheroben sagen: viel Kinder, viel
Segen; denn so ein Kleines erwirbt am Ende auch ein Kreuzerl mehr als
es selber braucht.

Aber: ein gesundes Volk is das nit und ist kein Zustand, wie wir ihn
haben im Waldland. Und wenn in den Vätern und Müttern eine Kraft ist,
denn ein gutes Wollen ist Gott sei Dank da, so haben sie gar nit nötig,
die Kleinen ans Kissen zu setzen, daß sie sich selber durchbringen.« --

Der Peterl ist während dieser Rede schon zweimal ans Fenster
geschritten, hat die Arme auf das Brett gestützt, auf dem die
Storchschnäbel und Fuchsien stehen, und hat hinausgeschaut auf den
blendenden Schnee.

»Wenn der Zachenhesselhans noch bleibt -- _ich_ möcht' an ein Auffahren
denken,« sagt der Peterl, »sie müssen sonst fei zu lange warten auf
mich im Neuen Haus.«

»Ich komm schon,« sagt der Zachenhesselhans und nimmt die Mütze vom
Nagel, »ich komm schon. Und auf ein Holzrucken möchten wir auch denken,
Hans-Tonl. Heut ist Dienstag, so sagen wir: auf den Freitag. Richt's
aus droben, Peterl. In der Hölle kommen wir zusammen.«

»Is recht. B'hüt Gott und schön Dank.«

»Habt's nit zu danken,« sagt das Wawrl. Sie gehen mit bis unter die
Haustür. Der Hans-Tonl tritt hinaus auf den harten Schnee vorm Haus;
der singt unter den Stiefeln der beiden Männer.

Der Zachenhesselhans geht über das Stachelschwein.

»Das Stückl wird einer nit versinken. He!« ruft er dem Peterl zu, als
er im Begriff ist, in den schlafenden Wald einzutreten, »he! was machst
denn einen so großen Bogen?«

»Es liegt nit so viel Schnee daherauf,« ruft der Peterl zurück, »als
wenn ich zwischen dem Zechenhaus und der Unruh emporwill.«

Der Zachenhesselhans murmelt etwas vor sich hin und stapft unter die
Fichten. Der Peterl schiebt den Schlitten vor sich durch den Schnee.
Der Himmel ist blank, es brennen nicht viel Sterne, weil der Mond so
hell ist. Der Schnee ist locker wie Flaum und ist ein Flimmern darin,
schöner wie im Tau einer Morgenwiese.

Wie der Peterl über die erste Berglehne hinauf ist, schaut er nach der
Unruh: die schläft; kein Fenster ist mehr hell.

Das Häusl hat den weißen Pelz umgetan und nur um den Schornstein liegt
ein sanfter Schatten, den der Ruß daraufgeworfen hat.

An der Rückseite des Hauses ist kein Fenster -- die Rückwand ist
niedrig und das Dach reicht dort beinahe bis hinab auf den Schnee der
Halde, die hinter der Unruh emporsteigt. Dort geht im Sommer der Pfad
lehnan.

Ein Eichtl lauscht der Peterl, als er am Häusl vorbeigegangen ist.

Alles schläft, nur der Mondschein flimmert im Schnee.

Die Leiter hängt rückwärtig am Haus unter dem vorspringenden,
verschneiten Schindeldach.

In der Giebelwand ist das Fenster, das winzigkleine, zu dem der Franzl
emporgestiegen ist.

Ein weißer Vorhang ist von drinnen davorgezogen; aber der Mond steht
jenseits vom Haus und die Giebelwand ist im Schatten.

Der Peterl geht durch den Schnee hinab und hebt die Leiter von der
Wand. Zwei Mannslängen mißt sie höchstens, aber über das Fensterl
reicht sie, noch ein Stück darüber. Wenn hier zwei sind und der eine
stellt sich dem andern auf die Schultern, so muß der droben sich schon
bücken, will er ein Eichtl durchs Fenster gucken.

Der Peterl hat die Leiter aufgestellt und steigt empor. Es ist
glitschig mit so viel Schnee an den Sohlen, leicht könnt einer ...

»Fanele ... Fanele ...«

»Jesses Maria, ich denk', Du bist mit den Zigeunern?« ruft das Fanele
von drinnen hinter dem Vorhang hervor.

»Wenn Du nit gleich siehst, daß Du heimkommst ...«

»Fanele, ich bin's, der Peterl.«

»Jesses Maria, jetzt kommt der auch noch! Seids denn verrückt alle
miteinander?«

»Fanele, so lausch doch nur und gib Dich!«

»Was willst denn eigentlich da bei der Nacht?«

»Fanele, tu ein Eichtl auf.«

»Von Sinnen bist!«

»Tu auf ein Eichtl, ich muß Dir etwas sagen.«

Das Fanele schiebt das Fenster zurück -- kaum einen Finger könnt einer
hineinstecken durch den Spalt.

»Tu weg die Hand, jetzt, ich klemm' Dir die Fingerspitzen ein!«

»Fanele, ich bin gar so viel zornig.«

»So siehst aus, wenn Du zornig bist?«

»Der Hans-Tonl hat ein neues Lied -- das hat er auf mich gemacht.«

»Bild Dir nix ein!«

»Jesses Maria, jetzt denk ich drauf,« schreit das Fanele und schiebt
das Fensterl vollends zurück. »Steh'n bleibst da und hörst, was ich
sag'! Jetzt -- was soll denn werden, wenn sie morgen früh im Schnee
sehen, daß einer die Leiter geholt hat und vor das Fenster gestiegen
ist? Sie streuen mir einen Haufen Häckerling vor die Tür und Du bist
schuld, Peterl, Du! Ins Gered' kommt einer mit Euch Buben und is fei
doch gar nix dran.

Jetzt -- nit von der Leiter gehst mir! Wart ein Eichtl. Ich sag' Dir
gleich was.«

Ueberdem springt das Fanele vom Strohsack, schlüpft in das rote
Wollröcklein, in die braune Jacke und in die Filzschuh auch.

»Fanele ...«

Das Dirnl steckt die Windlaterne an und schiebt den Vorhang hinter dem
Fenster zurück.

»Bist nit im Bett gewesen, Fanele?«

»Keine fünf Minuten. Jetzt -- hereingehst ins Haus und den Vatter will
ich holen und die Mutter. Was soll denn das sonst geben in der Früh?
Wenn wenigstens nicht ein so verräterischer Schnee wär, Du, nachher
könnt einer am End mit sich reden lassen. Hast denn gar nit darauf
denkt, Peterl, dummer?«

Das Fanele muß lachen, weils gar so zornig tut.

»'s is aber auch mit denen Mannerleut -- so dumm, naa, so dumm! Herein
gehst!«

Der Peterl kriecht von der Leiter.

Recht hat's, das Fanele. Der ganze weiche Schneeteppich ist zerrissen
und es könnt einer aus das I-Tüpfl sagen, was hier vorgegangen ist bei
der Nacht.

Während das Fanele den Helari und die Resl weckt, weil der Peterl da
sei und was erzählen wollt', schiebt der seinen Schlitten vom Hang
herein justament an der Giebelwand her, daß ein Weg getreten wird bis
zu dem vor dem Hause.

Ueberdem ist das Fanele mit der Laterne unter die Haustür gekommen.

»Habts denn gar kein bißl Verstand, ihr talketen Mannerleut, ihr?«

Hui, das Fanele schilt wie eine Alte. So hat's die Mahm auf dem
Sonnenwirbel ihr Lebtag nicht getrieben. »Die Wörtlein fliegen dem
Fanele von den Lippen wie schimmlig Brot,« sagt der Peterl.

»'s is Dir fei nit zum lachen,« sagt es, »mir auch nit.«

Aber ein Zucken wirbelt um ihren roten Mund.

»Ein Glück ist's, daß das Feuer noch nit aus is im Ofen. Ich tu immer
noch ein Reisl hinein vorm zubettgehen. 's is sonst gar so viel kalt in
der Früh.«

Mit einem Kienspan steckt das Dirnl die Petroleumlampe an, die am Draht
über dem Tisch hängt.

»Jetzt, was ist Dir bloß eingefallen auf die Nacht -- oder ist Dir der
Verstand eingefroren, Peterl? Und der Vater und die Mutter wollen auch
nit mehr herunterkommen. Was willst denn? Was hast denn zu reden?«

»Jetzt, wenn Du einmal so weit bist, daß einer ein Wörtl sagen kann,
so werd' ich eins reden. Die Eltern brauchen fei nit dabei zu sein. 's
gilt bloß Dir.«

»Wissen möcht' einer doch, was das ist!«

Das Fanele kreuzt die Arme vor der Brust und setzt sich neben den
Peterl auf die Ofenbank.

»Ein Lied hätt er gemacht auf Dich? Wie heißt's denn?«

»Ein Lied von den zwei Finken.«

»Jetzt, so gehts doch nit auf Dich!«

»Aber was drin vorkommt. Da heißt es zuletzt: Hans, bist gewachs'n wie
ena Pflanz, bist a so groß und stark, hast doch en Quark.«

»Jetzt, Du schreibst Dich aber doch Peter und nit Hans?«

»'s is auch _so_ deutlich genug.«

»Peterl, ich mein', der Hans-Tonl hat dabei nit ein Eichtl auf Dich
gedacht.«

Das Dirnl tut die Hand vor den Mund, um dem Peter das Lachen zu
verbergen. Aber der Schalk, der ihm dabei aus den Augen schaut, läßt
sich kein Mäntlein umhängen.

»Nu sag aber bloß: was kann denn ich dabei tun?«

Der Peterl schaut auf seinen Schuh und dreht die Kappe zwischen den
Händen.

»Fanele,« sagt er, »ein Eichtl Zeit lassen mußt mir schon zum
überlegen, wie ich Dir das richtig sag.

Fanele, wie sie geredet haben, daß der Franzl auf der Unruh zum
Fensterln is gewesen, damals ist ein Zorn über mich gekommen.«

»Warum ist der Peterl denn zornig geworden?«

»Weil Du just dem Franzl, dem Windhund, nit hast zugesperrt.«

»Weißt Du denn, daß ich ein guts Wörtl hab' gesagt zu dem?«

»Sie haben's erzählt. Ich hab's aber nit geglaubt. Selber hat er nur
fei so viel gewußt zu reden davon.«

»Weißt nun, was das für ein Fensterl is? Na, und?«

»Und erst wie der Franzl fort ist aus dem Land und seit ich weiß, er
kommt nimmer, da ist mir das Herz wieder froh worden, Fanele.«

»Was kunnt sich der Peterl denn giften, wenn das Fanele dem Franzl
schöngetan hätt?«

»Fanele, wie Du nur so reden magst.«

Der Peterl hat seine Mütze inzwischen auf die Ofenbank gelegt und die
Hand vom Dirnl erfaßt und ist ganz dicht neben das Fanele gerückt.

»Gelt,« sagt er, »Fanele, so viel wär ich am End' auch wert wie der
Franzl?«

Jetzt, auf einmal hat er seinen Arm um den Hals vom Mädl gelegt und
küßt es.

Der Mondschein läuft ganz leise durchs Stübl und in dem Ofen knacken
die Reiser.

»Peterl, wenn jetzt die Mutter kommt, nachzuschauen, warum wir zwei so
still sind?«

»So werd' ich sagen: dem Fanele hab' ich ans Fenster geklopft, es
sollt' auftun. Weils aber so gar gering ist, das Fensterl, just wie
ein Löchl am Starkasten, so sind wir mitsammen heruntergegangen. Frau
Mutter -- heiraten will ich das Fanele. Was ich zu wenig hab', hat's
zuviel -- da kommen wir wieder auf gleich.« -- --

Wie der Peterl mit dem Schlitten die Halde hinaufsteigt ins
silberblanke Mondlicht, ist noch ein Fenster hell auf der Unruh und ein
Dirnl schaut heraus und schaut dem Peterl nach bis er über den Berg ist.

»... über den Berg ist er. Aber leicht ist das nit gewesen,« lacht das
Fanele.

Und der Wind löscht ihm das Lämplein aus.

[Illustration]



[Illustration]

12. Kapitel.


Am Freitag, wie der Morgen über den Keilbergwald heraufschaute, tat
sich der Zachenhesselhans den Schwanz von seiner Bettmütze aus der
Stirn und wies ihm bedächtig einen Platz über dem rechten Ohr an.

»Schwanzmützl, vertracktes,« hub er an zu reden, »willst noch nit, daß
der Zachenhesselhans eine Ausschau hält? Ein Holz rucken wollen wir
heut.«

Er feuchtet sich die Spitze des Zeigefingers an der Lippe und fährt
damit über die Augen.

»Das hat die Mali selig auch getan und gut is,« meint er; »aber besser
is schon, man putzt die Augen mit dem Bergquell blank. -- Behaglich
ist's auch daherunten im Stübl, das Schlafen. Auf das hätt' einer
früher denken müssen. Es ist eine so viel steife Kälte droben unter dem
Dach.

So werden wir hinfort das Stübl und das Schlafkammerl in eins legen und
des Abends immer noch ein Stockholz in den Ofen schieben. Dabei wird
einem das alte Herz nit kalt.

Und wem steht's denn eigentlich im Weg, das braune Bettstattl? Keinem.
Ein Eichtl zu breit is's für ein altes Waldmannl, wenn einer allein
drin sein muß ...

Schwanzmütz, da kommst schon wieder über die Augen gefallen?

Die Mali hätt ihre Lust daran, daß ich Dich zu Ehren gebracht hab in
Deinen alten Tagen. Die Mali hat Dich gestrickt -- fünfundzwanzig
Jahr? Die dürften fei darüber hingegangen sein. Aber meitag hab' ich
nichts davon wissen mögen. Jetzt -- die Haare hat der Wind weggeblasen
vom Scheitel und fei nur über den Ohren hat er hüben und drüben ein
Büschlein stehen lassen.

So muß die Schwanzmütze wärmen helfen im Winter, seit das weiße
Haardecklein die Motten fressen.«

Ueber diesem Morgengespräch richtet sich der Zachenhesselhans auf dem
Stroh in die Höh und blinzt durch die Scheiben wie der Tag zwischen den
Wolken hindurch über den Wald.

»Na,« sagt er, »was soll denn das sein? Auf die blanken Tage hin hat
sich's am Himmel über Nacht heimlich wieder zusammengesponnen und fängt
schon an, einen Schnee zu sieben. Und einen großflockigen noch dazu.
Wenn jetzt ein Wind -- -- aber nein: die Fichten haben noch die weißen
Röcke an und schlafen.«

Weil auch die Zeisige in den Käfigen den Tag kommen sehen, heben sie
an, die grünen Jöpplein zu putzen und den Zachenhesselhans zu rufen.

»Wart' ein Eichtl und gebts Ruh, 's ist eh noch zu früh!«

Ueberdem steigt der Alte aus der Bettstatt, an der unten das flammende
Herz gemalt ist und eine 1751. Wie er die Lederhose angezogen hat,
tritt er in Hemdsärmeln und die weiße Schwanzmütze auf dem Kopf vor
das Haus.

Er schaut fragend gegen den Wolkenhimmel, geht bis an die Hausecke, zu
sehen, was der Plessen und der Spitzberg zu dem Tage meinen, der über
sich selbst noch nicht ganz im klaren ist.

»Na, na, die Nachtmützen habts noch auf? Und alle beide? 's geht doch
schon auf die Acht.«

Der Zachenhesselhans hat die Hände tief in die Taschen der
Lederhose vergraben und deutet sich den stillen Spruch der fernen
halbverschleierten Berge.

»Na, Hans, ich mein', ein Holz wollen wir rucken?«

Das ist der Wurzltonl, der mit dem Einräumer Peter und dem Peterl von
der andern Seite gekommen ist. Sie sind den Hau hereingestapft, weil da
der breite Rotwildwechsel herabläuft.

»Und die Schwanzmütz hast auch noch auf dem Ohr?«

»Waas?« fragt der Zachenhesselhans. »Potz Käs! So ist's aber, Leutln:
den Plessen schilt einer und den Spitzberg, daß sie die Schlafmütz nit
heruntertun, und auf die seinige vergißt einer darüber. Leutln, das ist
die Geschichte von dem Balken im eignen Auge -- so will die verstanden
sein!

Verzieht ein Eichtl, gelt, und tut die Kraxen vom Rücken. Ich bin auch
gleich so weit.«

Lachend hat der Alte die Schwanzmütze vom Kopfe gezogen und in den
Hosensack geborgen. Am Brunnentrog gießt er sich ein Bergwasser über
Kopf und Arme.

»Die Kraxen laß ich daheim,« sagt er, wie er sich mit dem Handtuch im
Stübl trockenreibt, »der Peterl lädt sich mein Kaffeekrügl und mein
Schwarzbrot mit auf die seine, gelt? Ich trag meine sechzig Jahre -- so
haben wir jeder das unsre.«

»Gib her,« sagt der Peterl.

Der Zachenhesselhans fährt in die Stiefelrohre, tut sich die Kappe auf
und unter den Kragen der Joppe ein wollenes Knüpftüchl, nimmt den Stock
mit dem Eisenzahn, der sich in den Schnee einbeißt, und die drei Männer
schreiten hinaus in den grauen Morgen.

Zwischen den Fichtenstämmen ist ein heimliches Spinnen, ein sanftes
graues Weben: der Bergnebel wacht auf.

Wie sie über das Stachelschwein gegen die Hölle gehen, kriecht er schon
über die Halden herein und wirft ein Netz über das Haus vom Hans-Tonl.

Vom Waldrande her vernehmen sie das dumpfe Fallen des Schnees aus dem
Geäst: in Hücklein sinkt er herab. Er ist zu schwer geworden, weil die
feuchten lauen Nebel ihn anhauchen, da mögen ihn die Wipfel nicht mehr
tragen.

Von der Unruh ist der Helari schon herabgegangen; er harrt mit dem
Hans-Tonl auf die Männer.

Zu sechst gehen sie an die Arbeit im Winterwald. Die beiden Schlitten,
die nur aus je zwei verbundenen Kufen bestehen, lehnen schon an den
Klaftern im Holz.

Die Männer wandern quer durch den stillen träumenden Hag.

»Ein Grau ist zwischen den Stämmen,« sagt der Zachenhesselhans,
»Männer, jetzt, wenn einer nit im Wald aus- und einwüßt' wie im Stübl
daheim, suchen sollt' einer, daß er den Weg fände bis in die Höll.
Justament bis in die Höll, sag ich. Und der is doch nit schwer: die
meisten kommen hin, ohne daß sie darauf gedacht haben.«

Der Zachenhesselhans zwinkert lustig mit den Augen und hat Mühe, die
Beine mit den Stiefelrohren aus dem Schnee zu ziehen.

»Wenn einer so drei Stunden arbeitet mit seinen Beinen und dem
Bergstock, so hat er genug. 's kunnt einem einfallen darüber, einen
Schlaf zu tun -- kein Wind pfeift daherinnen und kein Vogel ruft, und
die Augen fallen justament von selber zu.«

Sie gehen wieder eine Weile.

»So, da wären wir!

Ein Eichtl den Schnee schaffen wir weg, und der Helari geht, ein Feuer
zünden. Wir andern rucken derweil einen Raummeter.«

Der Peterl schiebt mit der Holzschaufel den Schnee zur Seite, und der
Helari bläst in den Reisern, die mit Scheiten gedeckt gewesen sind, ein
Flämmlein lebendig, das den Kaffee in den Krügen zu wärmen hat.

Der Zachenhesselhans und der Wurzltonl -- der Hans-Tonl und der
Einräumer Peter -- der Helari und der Peterl: drei Paare sind auf
einmal aus den sechs Männern geworden.

Die einen Zwei steigen links den Waldhang empor, die andern Zwei
rechts und die dritten Zwei schaffen eine Heimstatt im Schnee und im
Fichtendickicht.

Das Kleinholz, das ganz in weißen Pelzen steckt, hat eine Mauer gebaut
ringsum und in der Mitte vom Schneehäusl ohne Dach flackert die Flamme.
Ein wenig mißlaunig ist sie -- wie der graue Tag; und der Rauch, der
sich daraus emporringelt, mag nicht kerzengrad hinauf in die Wipfel,
-- sieht aus, als hätte das Feuerlein ein Schwanzmützl auf. Er besinnt
sich aber und kriecht verdrossen über den Schnee.

Da kann einer nicht kreuz- und querstapfen und gemächlich den steilen
Hang hinan: schnurgerad müssen sie empor, immer das geschichtete Holz
und immer die Stämme an der Berglehne im Auge, die gefällten, und
gradewegs darauf zu; auch hübsch den Schnee zusammengetreten und da und
dort wo ein Abschlag ist oder der Stock von einem gefällten Stamm, der
das zutale fahrende Holz auf ein Eichtl zum Rasten einladen könnte,
müssen sie davor einen Schnee zusammenschieben, damit eine glatte Fahrt
entsteht.

Drüben ist schon ein Zischen und Gleiten und auf dem Hau drunten ein
Poltern und Uebereinanderstürzen. Der Einräumer Peter und der Hans-Tonl
haben ihre Fahrt im Zug.

Jetzt zischt auch das erste Scheit zutal, das der Wurzltonl auf das
Wandern schickt.

Eine Wegstunde ist's gewesen im kniehohen Schnee daherauf und in
zwei Minuten schießt so ein Holz zutal. Drunten fahren die Scheite
aufeinander wie wütende Schlangen, rennen die Köpfe gegeneinander,
bäumen sich, sinken kraftlos zusammen.

Auf dem Hau in der Mulde, in dem die drei Bergfahrten
aufeinandertreffen -- denn auch der Helari und der Peterl sind
mittlerweile an der Arbeit -- wächst der Haufen.

Spiegelblank schleifen sich die Fahrten den Berg herein.

Höher steigen die Männer, länger werden die Schleifbahnen gegen den
Gebirgskamm hin.

Und der Tag legt seine grauen Schleiertücher über das Waldland, und der
Tag wirft seine silbernen Netze aus Schneeflocken hinein. Aber der Wind
mag heut nicht wehen.

Ein sanftes Knistern ist in den Fichten und eine schweigsame atemlose
Waldandacht. Nur wenn drunten die Scheite durcheinanderstürzen, ist ein
dumpfes Dröhnen wie vom Schlage der Holzäxte; dann wieder das weiche
Klingen des silbernen Schnees.

Wo die Männer schaffen?

Immer nur zwei wissen von einander: zwischen ihnen schläft der Wald,
zwischen ihnen hängen die Nebel, zwischen ihnen fallen dichter und
dichter die Flocken.

»Wurzltonl,« sagt der Zachenhesselhans und bläst in die erstarrten
Finger, dann schlägt er die Arme kreuzweis ein dutzendmal um den Leib,
»hast Du ein Rufen gehört?«

»Noch nit.«

»Ein Mittagsglöckl is nit im Wald; aber der Magen hebt an zu läuten
und möcht einen Kaffee. Das Stückl lassen wir noch hinab, dann --«

»Is eh recht,« machte der Wurzltonl.

Und wie das letzte Stück Raumholz bis auf zwei Scheite zutal gefahren
ist, setzt sich der Hans auf das eine Holz, der Tonl auf das andere.
So fahren sie den hundert Scheiten nach und gleiten den Berg hinein.
Drunten eh sie an das übereinandergestürzte Holz gelangen, drücken
sie den Stiefelabsatz scharf gegen den Grund: ein Schnee wirbelt auf,
hüllt sie in eine Wolke silbernen Staubs und das Fahrzeug sitzt fest im
tiefen Schnee.

Im dichtverhängten Kleinholz raucht noch das Feuerlein und wirft einen
purpurroten Schimmer in die Nebel.

Der Zachenhesselhans tut einen Pfiff auf den Fingern. Da schrickt der
Wald aus dem Schlaf. Und der spitze Pfiff fliegt wie ein Pfeil den Berg
hinan und fliegt an den Männern vorüber. Denen ruft er zu: Zu Tale!

Ein Eichtl später -- und auch die andern sausen auf den Hölzern die
Holzschleifen herein.

»Auf steigen wir nimmer! Das siebt einen Schnee, daß einer in der
Finsternis, wenn sie einmal da ist, heut nit auf ein Heimkommen denken
kunnt. Einen halben Fuß hoch mag er gefallen sein den Vormittag über.«

»Ich mein', _setzen_ kunnten wir das Meterholz noch?« fragt der
Einräumer Peter.

»So machen wir nur einen halben Mittag.«

»Auch recht.«

Nach dem Kaffee glimmen sie sich die Pfeifen an. Nur der Peterl mag
nichts wissen von dem Rauchkraut. Der Helari schürt das Feuer, und
während sich die andern eins anrauchen, schleppt er einen Armvoll
Brennreisig herbei. Die Flamme wird die starren Hände wärmen müssen.

In Raummetern schichten sie die Scheite um das untere Ende der
Talfahrt. Von dort aus kann das Holz nach der Versteigerung weggefahren
werden -- nicht im Sommer: solange noch ein Schnee liegt und der
Schlitten gleiten kann. Ein Wagen mit einem Vieh hat hier oben nichts
zu schaffen.

Das nennen sie: ein Holz rucken.

Die Sonnenwirbelleute tuen sich die Kraxen auf den Rücken, sagen »B'hüt
Gott und kommts gut heim«, dann gehen sie den Hang hinan, um die Straße
zu erreichen.

Der Hans-Tonl, der Helari und der Zachenhesselhans schlagen sich quer
durch Schnee und Wald, nehmen bald einen Wildwechsel zuhilfe, treten
sich bald einen Weg in das weiche Silber des Schnees.

Immer mehr sinkt hernieder. Die Nacht kriecht aus den Tälern herauf,
und der Nebel wird noch dichter: kaum drei Stämme weit kann einer
schauen.

Auf dem Heimweg in solch einer Gesellschaft: späte Dämmerung, Nebel,
Schnee von unten und oben, da fällt kein Wörtlein. Hat einer nur immer
auf die drei unheimlichen Weggesellen zu schauen, ob die etwa vereint
etwas im Schilde führen.

So wandern die Männer.

Die drei andern, die dem Gebirgskamm zustreben und das Ende vom Weg auf
der Landstraße zurücklegen, werden ein wenig länger im schummerigen
Lichte gehen können.

Im Wald ist nur noch eine verlorene Helle, man weiß nicht: ist sie
schon Nacht oder ist sie noch Tag oder kommt sie vom Schnee.

Und nicht den Hall eines Schrittes gibt die kniehohe Decke des
Waldgrunds zurück. Düsternis und Nebel drücken auf Brust und Schultern
-- glaubt einer nicht, wie so zwei schwer wiegen, wenn in der
Unwegsamkeit alle Merkzeichen auslöschen, die dem Wanderer sagen:
dorthin liegt das Berghäusl, darin Du daheim bist; dort steht schon
Dein Weib und schaut immer einmal durch die Scheiben, tritt auch einmal
vor die Tür, zu sehen, ob noch ein Schimmer Tag zwischen den Stämmen
hängt, der dem Manne heimleuchtet. -- Justament als stemmeten sich
einem die drei entgegen: kein Vorwärtskommen ist. Und hinter einem, da
sinkt im Umdrehen wieder ein Schnee in die Spur, die einer getreten und
deckt sie zu.

Endlich -- ein Lichtband spannt sich herein in den Wald, ein goldenes.
Das reicht nicht weit, reicht aber weit genug, um wieder ein Wort
aufzuwecken in der tiefen Einsamkeit dieses Waldwinters.

Dieses Lichtband spannt sich aus dem Fenster der Hölle: das Wawrl hat
die Lampe am Draht angezündet.

Und nun stehen die drei auch schon auf der Bergwiese -- jetzt ein
weiter, weicher Schnee und darüber ein wirbelndes weißes Fallen, eine
endlose Fülle von spielenden federleisen Flocken. -- --

Der Zachenhesselhans fährt auf dem Flur aus den Kniestiefeln und wie er
das Feuer im Ofen des Zechenhäusls endlich lebendig hat -- das mag heut
nicht brennen, weil der Nebel über Tag in die Esse gekrochen ist und
dem Rauch und der Ofenwärme von drunten keinen Platz gönnt -- geht der
Alte hinaus und reibt ein goldenes Leinöl in das Leder der Stiefel.

»Auf die Hühner hat einer auch vergessen heut,« murmelt der
Zachenhesselhans, »ist zwar ein Tuch über dem Hafer, -- na, die werden
das ihrige gefunden haben. Lugen wir einmal!«

Die Hühner sitzen dicht gedrängt auf der Stange.

»So kunnt einer nun an _sich_ denken. Ein warmes Nachtmahl ist verdient.

Ui je, da steht ja noch ein halbes Töpfl Erdäpfel! Gut is, die
quetschen wir.«

Und der Zachenhesselhans langt die Kartoffelquetsche vom Topfbrett
herab, schält die Erdäpfel und legt einen nach dem andern in die
Quetsche. Den mehligen Inhalt der Schüssel, in die er die Kartoffeln
gedrückt, breitet er in ein Pfännlein, preßt ihn mit dem Blechlöffel
gegen den Boden und gießt aus dem Topf, daraus er sich vorhin zum
Stiefelschmieren in die hohle Hand geschüttet, ein duftiges Leinöl
darüber. Er schnalzt mit der Zunge, während er sich an dem Wohlgeruch
des goldenen Oels ergötzt, und stellt das Pfännlein über den Brand.

»Eine ›Rauche Mahd‹ werden wir uns backen.«

Wie vom Ofen her der Geruch des siedenden Oels die Stube füllt, geht
ein Knistern draußen, wie von einem verdächtigen Bersten.

»Hat etwan einer eine Heimstatt gesucht oder -- ich hab doch den Riegel
vorgeschoben?«

Der Zachenhesselhans geht an die Haustür -- der Riegel ist vor.

Er hält den Atem an und lauscht.

»So wird ein Mäuslein die Treppe herabgefahren sein,« meint er.

Weil auch im Stall kein Geräusch ist und die Hühner schlafen, geht er
wieder ins Stübl und horcht, wie die ›Rauche Mahd‹ über dem Feuer bäckt.

»Das Bettstroh kann sich einer derweil auch aufschütteln -- ein warmes
Nachtmahl, ein schwellendes Stroh unter dem Betttuch, eine sanfte
Wärme im Stübl und draußen ein lustiges Schneien, in das kein Bergwind
bläst -- da laßt sich leben dabei,« sagt der Hans und steckt mit einem
Kienspan die Lampe am Draht an.

Da ist draußen wieder das Knattern, das Schlürfen, das Bersten.

»Na na, ist denn ein Gast im Haus?«

Der Alte hebt die Lampe aus dem Gestell und leuchtet auf den Flur.

»Ist einer da? So gebts doch eine Antwort!«

Jetzt -- der Hahn hebt an zu rufen auf dem Stänglein!

»So hat's auch den Hahn aus dem Schlaf geweckt und es ist wahr und
wahrhaftig einer im Häusl, der sich nit melden mag.«

Unter die Holzstiege leuchtet der Zachenhesselhans und noch einmal in
den Stall. Er steigt die Treppe empor, er leuchtet in alle Ecken und
wagt kaum zu atmen, um das Geräusch, das schreckhafte, ganz in der Nähe
zu vernehmen.

Still ist's, still.

Der Hahn hat sich wieder zurechtgesetzt und die Hühner haben die
Köpfe unter die Flügel geborgen. Der Schein der Lampe fliegt auf
weitgespannten goldenen Flügeln durch die Enge des Berghauses. Der
Zachenhesselhans ist daran, noch einmal durch die Haustür in die Nacht
zu lauschen, ob etwan ein Tauwind sich aufgemacht habe, einen warmen
Nebel die Halden hereinwälzt und den Schnee von den Schindeln schiebt.

Aber in den Flur spinnt sich ein Rauchwölklein, das trägt einen Duft
von verbranntem Leinöl und angebrannten Kartoffeln. Da bleibt der
Riegel an der Pforte.

»Erst muß die ›Rauche Mahd‹ erlöst sein vom höllischen Feuer. Das wär'
fei sündhaft, wollt' einer das Nachtmahl, das reiche, vom Feuer fressen
lassen.«

Im Pfännlein ist ein Zischen und Brutzeln und ein Fauchen von
gelblichem Rauch. Der flattert über dem geretteten Kartoffelkuchen
durchs Stübl. Das Pfännlein schüttelt der Zachenhesselhans mit der
Linken und pustet hinein; in der Rechten hält er die Lampe. So hastet
er hilflos durchs Zimmer.

»Die Lampe kunnt einer doch wenigstens absetzen!« sagt er ärgerlich.

»So, da bleibst stehen, Lampl, und nun -- das Fenster auf und das
Pfännlein auf den Fensterstein! Da kannst Dich verdampfen!«

Während das Zischen des siedenden Oels leiser und der Rauch über der
Pfanne dünner wird, ist wieder das Knacken draußen.

»'s ist im Flur. Ob einer da is, frag ich? Könnts denn nit reden? Oder
wollts mich auf die alten Tage zum Gespensterglauben bekehren?«

Es fällt kein Schnee vom Dach. Es weht kein Wind wärmer die Halden
herein. Der Wald steht still, atemlos still, und läßt sich zudecken von
der weichen weißen Watte des Winters, immer dichter.

Der Zachenhesselhans nimmt einen Teller vom Topfbrett und stülpt das
Pfännlein mit dem Kartoffelkuchen darüber um. Goldbraun lacht der den
Alten an.

»Jetzt setzen wir uns zu einem feinen Nachtmahl und lassen den
heimlichen Gast schlürfen im Flur solang und so laut er mag. Aber das
Fenster schieben wir zu und eine Schnitte schwarzes Brot brauchen wir
-- das süße Oel will damit aufgetupft sein.«

Die Uhr tickt und ab und zu setzt sich eine Flocke wie ein lichtfroher
Nachtvogel an die Scheibe und schaut dem Alten zu. Der sticht mit der
Gabel ein Stück nach dem andern von dem duftigen Kartoffelkuchen und
bricht sich dazwischen auch einen Fieder Schwarzbrot. Das Knacken, das
draußen wieder ist --

»Ja: als stünd einer auf der Treppe mit einer riesigen Last, und die
Treppe ächzt unter ihm und meint: jetzt, wenn Du nicht fortgehst,
so brech' ich zusammen! Justament so klingt es. Erst essen wir aber
die ›Rauche Mahd‹ -- nachher: durchs Häusl gehen wir einmal mit der
Stalllaterne und mit dem Bergstock. Eine Ruhe muß werden. 's kunnt
einer fei kein Auge zutun die lange Nacht, ehbevor das Scheuchen nit
aus dem Haus is.«

Mit dem letzten Stück Brot wischt der Zachenhesselhans das Restlein
Oel vom Teller. Wie das geschehen, langt er sich die Pfeife aus der
Lederhose, klappt den Beschlag auf und fühlt mit dem Finger.

»Hui, da ist ein halbes Pfeifl Tobak, das noch geschmaucht sein will!
Kann gleich geschehen. Nur einen Span wollen wir uns suchen.«

Der Span hat gefangen -- hmp, hmp, hmp. Und wie das Pfeifl brennt,
drückt der Alte den Span aus, setzt sich mit dem Rücken gegen die
Kacheln und denkt: die Stalllampe will ich antun, wenn's noch einmal
anhebt, das Scheuchen.

Er öffnet die Tür einen Finger breit -- so kann's einer besser hören.

Wie er so schmaucht und hinauslauscht, da -- -- ein Poltern hebt an,
ein Zischen, ein Durcheinanderstürzen ...

Der Zachenhesselhans zieht den Rücken krumm -- -- daß es über ihn
wegfahren kann.

»Jetzt: der Berg fällt ein!«

Und im Stall beginnt ein Rumoren. Die Hühner schreien.

Krach -- klirr! Jetzt kommt das Fenster herein.

In hundert Stücken prasselt die Scheibe zu Boden.

Ein Ding fliegt hindurch und hebt ein mörderisch Klagen an.

Jetzt -- dem Zachenhesselhans steht das Herz still.

»Nu, Hahndl, liebes Hahndl, wie bist denn Du da hinaus und da
hereingekommen? Herein durchs Fenster, aber hinaus aus dem Stall?«

Gegen den Ofen fliegt der Hahn, als wär' ihm einer hinterdrein, und
gegen die Decke, und eine Wolke Staub wirbelt unter ihm empor.

Die Stalllampe hat der Zachenhesselhans gestern auf das Wandbrett
gestellt: er steckt das Licht an; der brennende Span in seiner Hand
schlägt gegen die Scheiben -- so zittert dem Alten das Herz.

»Ist der Berg eingefallen, Hahndl? Fliegt ein Feuer daraus hervor? Sei
still, Hahndl! Schauen müssen wir, wenns auch ein grugelig Handwerk
ist.«

Mit der Lampe geht der alte Mann hinaus in die Nacht. Dunkle Flecken
schieben sich oder hüpfen über den Schnee: die Hühner.

»Nu sag einer, wie seids nur heraus alle miteinander? So, kommts da
herein!«

Der Zachenhesselhans lockt sie mit sanften Worten in den Flur.

Alles ist still. Alles ist im Schlaf. Nur das sanfte Fallen der Flocken
ist in der Nacht, und kein Wind läuft über den Schnee. Nicht einmal das
Knarren einer träumenden Fichte kommt aus dem Walde.

Wie der Zachenhesselhans um die Hausecke geht, schier zaghaft, zu
lugen, ob einer von da aus etwa den Höllenschlund erspäht, der sich
die Erde gespalten, da hat sich auf dem Schnee an der Giebelwand etwas
herniedergewälzt -- --

»Jetzt, Häusl, das ist ein Streich! Just um den Winteranfang stürzest
einem über dem Kopfe zusammen? Wo soll denn einer Unterschlupf haben
die lange Zeit?«

Der Alte hebt die Laterne hoch. Der goldene Schein läuft über den
silbernen Schnee, läuft über die Trümmer.

»Die ganze Hausecke ist's, die halbe Giebelwand, ein Stück Rückwand --
justament der ganze Stall zusammengestürzt! So können Schnee und Sturm
ungehindert Einzug halten. Eine Sommerfrischen, hab' ich gedacht, tät
der Stall geben für ein Stadtfräulein oder so -- wenn doch einmal kein
Vieh mehr hineinkommt. Nun ist auch _die_ Rechnung falsch gewesen. Und
der Balken, den muß einer stützen an der Ecke -- das ganze Dach kunnt
zusammenbrechen in derselbigen Nacht.«

Der Alte stapft über die Trümmer, stapft um das zerrissene Gemäuer und
hält die Stalllaterne in der hochgehobenen Rechten.

»Ist auch noch ein verdächtiges Knacken in dem Fachwerk. Am Ende
-- das ganze Zechenhäusl fällt mir zusammen. Häusl, Häusl,« der
Zachenhesselhans schüttelt den Kopf und läßt die Hand mit dem Lichte
sinken, »hat denn das justament heut sein müssen, heut da der Winter
erst kaum in den Wald herein ist? Jetzt kann ja keiner an ein Bauen
denken, wenn der Mörtel auf der Kelle friert.

Und was denn nun? ...

Gleich hat's sein müssen? Dem Dächl, dem faulen, ist die Schneelast zu
schwer gewesen, gedruckt hat's und der Winkel ist ins Weichen gekommen.
So ist's geschehen.

Kann sich einer denn noch einmal hineinwagen, oder hast dir noch etwas
vorgenommen für dieselbig Nacht, Häusl, morsches?

Wenn eins wie du, aus Fels und Bergwald, nit einmal den
Zachenhesselhans überdauern mag, sel darf sich nix einbilden nachher.

Halten _mußt_ noch ein Eichtl, da kann dir nix helfen: die Kniestiefel
muß einer haben!«

Wie der Hans im Stübl ist, schwankt die Lampe, die am Draht von der
Decke hängt, noch ein wenig, das Feuer knistert im Ofen und die Uhr
schlägt ihren Schlag.

»Just als wär's nix, wenn einem das Dach über dem Kopf zusammenstürzt!
Die Lampe lassen wir brennen -- fällt's vollends, so wird es nit darauf
vergessen, das Flämmlein auszudrücken.«

Ueberdem hat der Zachenhesselhans die Kniestiefel herausgetragen,
setzt sich auf den Rand des Brunnentrogs und fährt in die Stiefel. Das
Windlicht, das er in den Schnee gesetzt hat, nimmt er auf.

»Jetzt,« sagt er, »einen Weg werden wir uns treten durch Nacht und
Schnee, Lampl!«

So macht sich der Zachenhesselhans kopfschüttelnd auf nach der Hölle. --

»Hans-Tonl!« ruft er.

Es dauert nicht lange, so sieht der Hans-Tonl den Schein eines Lichts
zum Fenster hereinspielen und an der Wand hinlaufen.

»Wawrl,« sagt er und weckt die Frau, »Wawrl, es ist eins unten.«

»Hans-Tonl!«

»Hörst's? Gerufen hat einer.«

So schiebt der Hans-Tonl das Fenster auf und steckt den Kopf heraus.

»Hans-Tonl, jetzt ist mir das halbe Oechsl davongelaufen, das
Simmenthaler.«

»Was sagst? Wie soll einer denn das nehmen? Ein halbes Oechsl
davongelaufen?«

»Wenn Du den Zachenhesselhans ein Eichtl hineinlassen wolltest, so
wirst's gleich wissen.«

»Ich komm' schon.«

Der Riegel klirrt und der Hans-Tonl und das Wawrl stehen im Flur und
sehen den Zachenhesselhans verwundert eintreten.

»Jetzt, nu sag bloß, Mannl,« schreit das Wawrl, »was Dich in die Höll
jagt durch die stockfinstrige Nacht und den knietiefen Schnee?«

»Das Zechenhäusl hat mir aufgekündigt,« sagt der Alte, tut das
Glastürlein seiner Laterne auf und bläst die Flamme vom Docht.

»So. Aufgekündigt hat's mir. Sel klingt schnurrig, gelt? Aber: ist's
etwas anderes, wenn's einem einfällt, das Häusl?«

»Hans, tu Dich nit spaßen!«

»Bei Gott nit, Wawrl! Die ganze Ecke gegen den Sonnenwirbel hin ist mir
justament zusammengefallen diese Nacht.«

»Zachenhesselhans, das wär' gar so viel frevelhaft, wenn's erlogen wär.
Um unsres lieben Herrgotts willen, wie hast aber das angestellt?«

»Sel wär _mir_ wahrlich nit eingefallen. Und das Häusl? Das hab ich fei
noch nit einmal darum befragt.

Aber: gedroht hat's ja schon einen Sommer lang. Weißt nit, Hans-Tonl?
Justament auf jenen Tag, wie ich den Landfahrer hab' den Berg
heraufschnaufen hören, damals hab' ich mir einen Stämmling gehauen im
Wald. An den hat sich's ein Eichtl angelehnt die Zeit her. Nun aber, wo
sich's ein paar Kraxen Schnee hat aufgeladen, ist's ihm zu viel worden.«

»Jetzt: wenn's nun einmal ist -- wie kommt denn das halbe Oechsl dazu,
davonzulaufen?« fragt der Hans-Tonl, während sich das Wawrl auf die
Ofenbank setzt, das Fürtuch fest um die Schultern zieht und die rechte
Hand dabei unter dem Tüchl aufs Herz legt, um zu wissen, wie stark das
Sturm zu läuten hat in der Brust.

»Eine Pfeif Tobak, wenn Du mir leihen wolltest, Hans-Tonl?« sagt der
Alte und zieht die Pfeife aus der Tasche. »Daß der Zachenhesselhans
seintag einmal auf die Schweinsblase vergessen könnt', hätt keiner
gedacht.«

Der Hans-Tonl reicht dem Alten seinen Beutel, und während der sich die
Pfeife füllt, sagt er:

»Ein Oechsl sollte doch herein ins Waldland, ein Simmenthaler,
Hans-Tonl, weißt's nimmer? Und der Zachenhesselhans wollt so seine
siebzig, achtzig Gülden dafür zusammensparen: das Taglohn für ein
Holzrucken den Winter über, und das Taglohn, was Du mir zu geben hast,
und was einer sonst noch zusammenträgt, das wollt ich herleihen fürs
Oechsl. So hätt ich das vordere Stückl vom Sakra schon zusammengespart.
Wenn einer aber das Häusl mit einem Hundert Silbergülden stützen muß,
daß es so gut is und nit völlig zusammenfallt -- für das Oechsl wird da
fei nix bleiben.

So, und nun: bitten wollt' ich, daß Du mit hinübergehst einen Sprung;
wir müssen ein Stämml unter die Dachecke geben dieselbige Nacht. Nit
ein Stück Holz hab' ich daheim; wer denkt denn auf so was? Vom Bau her
lieget bei der Höll noch etwelches, das man zuschneiden könnt.«

Der Hans-Tonl hat die Kniestiefel unter der Ofenbank hervorgetan, und
das Wawrl nimmt aus der Hölle hinterm Kachelofen zwei Hände voll kurzes
weiches Haferstroh. Damit soll der Hans-Tonl die Stiefel füttern. Und
das wollene Knüpftüchl, das zusammengelegt über dem Wäschestängl hängt,
reicht ihm das Wawrl auch.

Einen Span tut der Hans an, für die Windlaterne und das Pfeifl.

Dann gehen sie miteinander.

Hinter dem Haus unter dem Schutzdach wählen sie einen Balken aus. Die
Säge hat der Zachenhesselhans in der Linken -- »man weiß nit, ob sich
einer daheim in den Stall wagen kann, wo die meinige hängt,« hat er
gesagt, -- das Licht hat er in der Rechten. Und der Hans-Tonl lädt sich
den Stamm auf die Schulter.

Der Schnee fällt in stillem Fall durch die Nacht; die ist finster. Nur
aus dem Fenster der Unruh rinnt noch ein goldener Schein, der sich
mühsam durch das Wirbeln der Winterflocken tastet. -- --

Wie sie den Stamm unter das Fachwerk und in die Trümmer gestellt und
einen starken Querriegel darübergelegt haben, den die Stütze gegen das
im Winkel zusammenlaufende Gebälk preßt, heißt der Hans-Tonl dem Alten
die Lampe am Draht austun und wieder mit hinüberzugehen in die Hölle.

Hinter dem Ofen hat das Wawrl mittlerweil ein sammetweiches Haferstroh
gebreitet, nicht zu dünn, und eine Decke darüber. --

Wie der Zachenhesselhans auf dem raschelnden Stroh liegt und ab und
zu eine verirrte Flocke an das Fenster klopft, erzählt ihm die Flamme
hinter den Kacheln eine Geschichte. Die ist heimlich und traut, aber
der Alte ist dennoch darüber eingeschlafen.

[Illustration]



[Illustration]

13. Kapitel.


Am andern Morgen, wie der Wald weiß in die graue Dämmerung schaut,
kriecht der Zachenhesselhans aus der Hölle, hilft dem Hans-Tonl bei
der Arbeit im Stall und breitet eine neue Streu, während das Wawrl zum
Melken rüstet und das Butterfaß bereitstellt. Dann geht er schauen, ob
das Zechenhaus von Mitternacht bis Morgen noch eine Kundgebung getan
hat, daß es hinfort außer Dienst gesetzt sein wolle.

Die Hühner erwarten den Alten schon am Brunnentrog; sie haben den Weg
durch die offene Stubentür zu dem Fenster heraus gefunden, durch das
sich der erschreckte Hahn gestern Abend einen Zugang geschaffen hat.
Eine Handvoll Gerste wirft ihnen der Zachenhesselhans in den Schnee.

»Heut heißt's: ausziehen,« sagt er, sucht die Holzschaufel unter der
Treppe hervor und macht sich daran, an dem Zusammenbruch eine Mauer aus
Schnee aufzuwerfen, um dem Wind und dem Wetter, den beiden Riesen, die
nun im Walde herrschen wollen, den Eingang durch die geborstene Wand zu
wehren.

Wie das geschehen ist, bahnt er sich einen Weg gegen die Unruh.

Der Helari lehnt in der Haustür und schaut über den schlafenden
Winterwald.

»Na,« ruft er ihm zu, »ihr gebts ja keine Ruh bei Tag und Nacht. Wenn
einer in dem Schnee auf Waldarbeit war, denkt er doch wenigstens des
Nachts auf einen Schlaf.«

»Woher weißt denn?«

»Weil ich das Windlicht hab' laufen sehen gegen die Mitternacht. Was
hast denn in der Höll gewollt, Zachenhesselhans?«

Der Alte erzählt. Und nicht nur die Leute von der Unruh erfahren, was
geschehen ist: auch der Peterl vom Sonnenwirbel ist mit dem Schlitten
den Berg herein.

»Du mußt's wichtig haben,« grüßt ihn der Zachenhesselhans, »bist denn
nit sitzengeblieben unterwegs? Für wie hoch hältst denn den Schnee? Und
fährt denn noch ein Schlitten? Wenn kein Frost darüberläuft, daß der
Schnee tragen lernt, hernach: aus dem Häusl kann einer bald nit mehr.«

»An zwei Ellen mag nimmer viel fehlen,« sagt der Peterl.

»Du,« hebt der Zachenhesselhans an und schaut dem Peterl in die
Augen, »fei gar so vergnügt guckst unter der Stirne heraus. Is was
geschehen?« --

»Versprochen haben sich zwei.«

»Versprochen?« fragt der Zachenhesselhans, »doch nit etwa -- ...
Ja, aber wer denn sonst? Es sind ja keine zwei andern daheroben. So
gesegen's Euch Gott, Euch zweien!« ruft der Alte und klopft mit der
flachen Hand die Lederhose.

»Nu sag aber, Dirnl: hast Dir denn den fei so rasch instandgesetzt?«

»Der Zachenhesselhans kann das Beißen nit lassen!«

»Manchmal, Dirnl, hat er auch einen klugen Einfall, deswegen vergißt
man ihm einen dummen -- um des einzigen Gerechten willen, wie's heißt.
Da stellt Euch her miteinander! Anschauen muß Euch einer, die Ihr
mitsammen den weiten Weg durchs Leben wandern wollt!

Fei so viel lustig ist das, daß einer vergessen kunnt, wie's mit
dem Eigenen auf die Neige geht. Leutln, wenn _Euch_ einmal das Dach
zusammenbrechen will, hernach, sag' ich: einen Strich macht einer
unter die Rechnung und fangt an, zusammenzuzählen, ob auch ein rechtes
Sümmlein herauskomme. Gut wär's schon -- stehen aber in langer Reihe
Abgänge auf der andern Seite, die muß einer auch mitnehmen und das eine
vom andern abziehen.

In der Nacht, die wir hinter uns haben, Gott sei's gedankt, ist dem
Zachenhesselhans zum erstenmal ein Frost ins Herz geflogen und er hat
gedacht: jetzt, auf ein letztes Rechnen geht's, damit einer, wenn
er vor den Herrgott hintreten muß, auch etwas zu sagen hat. Etwan:
›Herr, ein Pfund hast Du mir gegeben und ich hab' ein anderes damit
zu gewinnen versucht. Sel is mir aber nit ganz gelungen. Jedoch eine
redliche Müh' hab ich mir damit gegeben.‹

Ob einer so reden kunnt?

Der helle Schweiß ist mir aus der Stirne getreten deswegen.

Wenn einer nur noch zu wenigst zehn Jährlein aufzunehmen hätt'! Helari,
wie denkst darüber?«

»Wir zweie, wir tätens wohl, zu sehen, was einer an _den_ zweien da
noch zu erleben hätt'. Aber, Zachenhesselhans, das ist halt wieder eine
Rechnung, die einer ohne den Herrgott niemals richtig rauskriegt und
wenn einer noch so viel tüftelt.«

»Recht hast, Helari! Aber: das Häusl bauen wir noch einmal auf
mitsammen, gelt?«

»Wo hat denn der Zachenhesselhans geschlafen vorige Nacht?«

»Dort, wo er schlafen wird, bis der Winter landfahren geht, weil's
ihm selbst daheroben nimmer gefallen mag: in der Höll vom Hans-Tonl.
Aber -- um den Zachenhesselhans sorgen wir uns nit. Wann wollt's denn
zusammenheiraten, ihr zwei?«

»Zu Mittsommer.«

»Resl, einen Kaffee, was meinst dazu?«

»Das Fanele hat schon gesorgt dafür. Dem Fanele seine Gedanken laufen
fei noch viel schneller als dem Zachenhesselhans seine.«

»So is recht, Leutln, und nun setzt Euch. Zu reden hab' ich ein Wörtl!«

Das Fanele nimmt aus dem Schrank mit den Glastüren die bunten Tassen,
an welche die Sprüche geschrieben sind.

Draußen schneit's, schneit immerfort, ganz leise, ganz dicht; aber sie
haben keine Zeit, hinauszuschauen.

»Sehts, Leutln, daß mir sel noch widerfahren ist, mir und meinen
einundsechzig Jahren, das hat mir aufs Herz druckt. Aber -- sag ich's
nit immer? 's laßt sich leben, Leutln, wenn einer auch zu Zeiten kein
Dach hat.

Jetzt: daß ihr zwei zusammenheiraten wollt, just ihr zwei, das ist mir
fei mehr wert, als mein morsches Dächlein über der Zeche.

Warum?

Einer wie ich, der kann dem Waldland nix mehr nutzen, is fei genug,
wenn er ihm nit zur Last wird. Aber _Ihr_, Leutln, Ihr _Jungen_, Ihr
seids die Hoffnung von dem Zachenhesselhans.

Sehts, ich hab' so meine Gedanken gehabt und hab' sie nit fallen
lassen, seit ich gemerkt hab': wir sind nit mehr auf dem richtigen
Weg daheroben. Wir mühen uns nit, einen besseren zu finden. Leutln,
es ist ein Fortschritt in der Welt. Aber wir im Waldland haben nichts
davon gemerkt. Vor vierhundert Jahren, wie die Barbara Uttmann uns das
Klöppelkissen gebracht hat, hat's daheroben genau so ausgesehen wie
jetzt. Das mag auch sein Gutes haben. Aber das gar feste Stehen auf dem
toten Punkt, damit ist's auch nichts. Unsre Kraft ist eine Schwäche
geworden, nur die Treue und die Zufriedenheit sind uns geblieben. Weil
mir die Mali selig keine Kinder geschenkt hat, hab' ich mir zweie
gesucht, den Hans-Tonl und das Fanele. Just die beiden, die müssen's
machen, hab' ich gedacht. Und nun, wo ich selber gar nichts mehr zu
schaffen hab', will ich zuschauen, wie's wächst und gedeiht, was ich
an Samen gestreut hab' im Leben. Leutln, ich hab' immer an das Pfund
denken müssen, das ausgeliehen wird. Vergraben hab' ich's nit. Selber
schaffen kunnt ich's auch nit; denn ich hatt' zu häufig einen Gast,
den kunnt ich nit loswerden: die Armut. Aber das Fanele und der Peterl
haben zwei Häuser und Grund und Boden von zweien; der Hans-Tonl hat
auch sein Ererbtes. Der Zachenhesselhans aber hat nix hereingebracht
und --: auf ein Sparen ist er auch nit immer bedacht gewesen, das
heißt auf ein Sparen an Gülden. Dafür hat er aber kein Stündl müßig am
Wildrain gesessen und kein Stündl müßig auf der Ofenbank. Immer hat er
gedacht: wenn ein neuer Weg sei, so müßt' er ihn finden.

Ob er ihn hat, das werden wir sehen. Er läßt Euch ein Erbe, wenn er
wandern geht, die lange Straße, die noch keiner zurückgekommen. Und der
Hans-Tonl und der Peterl mit dem Fanele müssen's ihm verwalten ...«

Draußen schneit's, schneit immerfort, ganz leise, ganz dicht; aber sie
haben keine Zeit, hinauszuschauen.

Das Fanele gießt den dampfenden Kaffee in die Tassen, und wie man zu
fünft um den Tisch in der Fensterecke sitzt, tut der Zachenhesselhans
einen Blick zum Fenster hinaus.

»Um einen Einstand tät ich aber doch bitten,« sagt er, »die Hühner
müssen herauf aus dem Zechenhaus. Ein Säckl Gerste sollst auch haben,
Helari, wenn Du sie derweil mit unterkriechen läßt. Der Peterl und ich
gehen, sie herauftragen.«

Wie der Kaffee getrunken und wieder durch eine Stunde der wirbelnde
stille Fall der Flocken herniedergegangen ist, machen sich die beiden
auf den Weg den Hang hinein.

Die Hühner sind in der Stube vom Zechenhaus heimisch geworden. Die
Wärme, die immer noch leise aus den Kacheln spinnt, hat sie gelockt.

Von den Bäumen steht nicht mehr jeder im eigenen Pelze, den ihm der
Winter übergeworfen: eine dicke schwellende Decke aus weißer Wolle
liegt über dem Wald, durch die keine Wipfelspitze hindurchzustechen
vermag. Darunter, zwischen den Stämmen, ist ein schier trauliches
Düster und ein traumhaftes Weben. Kein Laut geht darin, nicht einmal
das knisternde Sinken der Flocken, die gestern noch an den Stämmen
herabgeronnen, weil die Decke über den Wipfeln allem Schnee wehrt, der
hereinmöchte.

Die Hühner sind auf das Wäschestängl geflogen und schauen nickend
herunter, was der Zachenhesselhans mit dem Sack anzufangen gedenkt, den
er so offen hält.

»Peterl, das gibt einen Mordslärm und eine höllische Jagd, bei der wir
das Häusl vollends scheu machen. Jetzt: die Strohläden lassen wir herab
und in der Finsternis entwischt uns keine.«

Die Strohläden, die über den Fenstern gerollt sind, fahren herab und,
während der Peterl den Sack hält, langt der Zachenhesselhans die Hühner
vom Wäschestängl.

»So, die Läden lassen wir geschlossen. Aber die Zeisige, Peterl,
die müssen wir zur Hälfte auf der Unruh, zur andern in der Höll
einquartieren.«

Der Peterl schwingt sich den Sack mit den Hühnern auf die Schulter und
der Zachenhesselhans belädt sich mit den Käfigen.

Wie die Männer an dem Zusammenbruch, über den der Schnee längst seine
flaumige Hülle gewoben hat, noch einen Blick wechseln und zuberg
steigen -- langsam, mühselig, die Stöcke mit den Eisenspitzen vor sich
in den Schnee schiebend, kriecht ein Nebel den Berg herein.

»Peterl, schau auf!«

»Das will noch einen Anreiml (Rauhreif) werfen über die Bäume.«

»Sel wird kommen! Aber, ich mein', hinter dem Nebel ist ein Wind
drein und wenn der in den lockeren Schnee bläst, nachher -- sehen muß
einer, daß er in die Höll kommt. Jetzt, Peterl, ein Besenreisig, ein
birkenes, liegt noch unter der Holzstiege im Hausflur, das darf mir nit
bleiben.« --

Nicht lange, wie sie wieder unterm Dach der Unruh waren, setzte der
Bergwind seine Flöte an.

»Hörst, der bläst sich sein Stückl!«

Durch die Esse herein ging ein sanftes eintöniges Sausen. Draußen
fingen die Flocken einen tollen Tanz an.

»Jetzt, Peterl -- den Berg hinaus kannst nimmer. Eine Stunde stapfetest
Du durch den Schnee, wo Du übers Gras keine fünfzehn Minuten brauchst.
Und in der Stunde baut Dir der Bergwind ein Mäuerlein quer über die
Halde, da guckt Dein Käppl nimmer heraus, wenn Du darinsteckst. Mach
Dich heimisch, Peterl, auf der Unruh und bereit Dir eine weiche Butzen
(Lager) aus Haferstroh hinterm Ofen. Auf den Sonnenwirbel kommst nimmer.

Aber: wenn ich Euch da eins ins andre erzähl, so schneits mich fei
selber ein. Bloß ein Pfeifl will ich mir noch zurechtrichten, dann --

Ja, daß ich darauf nit vergeß, justament heut nit, denn ich denke,
Du wirst eine lange Zeit kriegen, fein darüber nachzudenken, Peterl.
Es ist zu wenig Federvieh auf dem Gebirg, viel zu wenig. Und wir
haben doch einen Wald, in dem sich's das halbe Jahr nährt bis auf die
Handvoll Körner, die Ihr ihm vor Nacht hinwerfen müßt. So ist mein
Exempel: die Eier und das Fleisch, das Euch die Hühner geben, ist Euch
über den Sommer reinweg geschenkt, das wachst Euch im Walde wie die
Pilze. Darum: es muß ein Huhn herein, das für den Wald taugt, kein
Landhuhn, kein abgebrauchtes -- sie ziehen schon eins, das wir haben
müssen und das uns leben hilft, auch über den Winter.

Das wollt' ich noch sagen. Jetzt -- b'hüt Gott! Ich geh, das birkene
Reisig in die Hölle schleifen. Besen will ich binden die Tage her, wenn
wir im Schnee liegen.

Kommts gar arg, Peterl, so feierst Du Deine Weihnacht diesmal mit
dem Fanele. Lustig wird's, Kinder, und richtet Euch eine blitzende
Peremette (Pyramide, anstatt des Christbaums) zusammen!«

Vor der Haustür bläst der Bergwind dem Zachenhesselhans einen eisigen
Schnee ins Gesicht.

»Gemach,« sagt der, »wir zwei sind doch immer gut Freund gewesen!
Helari, schau, von der Hausecke zum Brunnenrand hat er schon angefangen
zu bauen, und den Gartenzaun hat er bereits unter; kein Lattenspitzl
schaut mehr heraus.«

Der Zachenhesselhans zieht sich die Kappe auf die Ohren und steigt zu
Tal.

Der Weg, den die beiden vorhin getreten, ist schon wieder verweht und
nicht ein Stapfen ist mehr im Schnee. Der Nebel wird dichter. Der Wald
steht wie ein Schatten darin. Den Schatten wirft die Düsternis, die
zwischen den Stämmen liegt: die Kronen der Bäume, die ganz in Weiß
gehüllt sind, scheinen nicht durch das Weben der Bergnebel.

Wie der Zachenhesselhans gegen das Häuslein kommt, sieht er, daß auch
die Fichtenstämme schon dick im Anreiml stehen.

»Viel Anreiml, viel Frucht im neuen Jahr! Nur zu -- uns kunnt das schon
passen.«

An der Seite, an welcher die Nebel gegen die Stämme schwimmen und
zerreißen, läuft ein faustdickes Rauhsilber herunter von der Krone bis
an den Schneegrund, und ein faustdickes Rauhsilber hat sich um jeden
Ast und jeden Zweig gelegt, der noch ohne die Last des Schnees in die
Graudämmerung des Winterwaldes ragt.

Zwischen Halde und Hausdach beginnt der Wind einen Silberbogen zu
schlagen, der am tiefsten ist, bevor er aufs Dach hinaufspringt.

Es ist schon gar nicht mehr zu sehen, wo die Schindeln gegen die Halde
herabfallen und wo der Dachrand ist. Und zwischen der Berglehne und
der Rückwand des Hauses muß der Schnee ein Stüblein gebildet haben:
die Decke aus blitzenden Sternen darübergewoben, und stockfinster ist
es darunter. Wenn einer mit dem Licht hineingeht, ist ein Funkeln und
Flimmern darin, wie in der Berghöhle, von der das Märchen zu erzählen
weiß.

So hat sich der Winterwind eine glatte Bahn gebildet, die unter der
Unruh anhebt und die auf dem First des Zechenhäusls endet. Unausgesetzt
fährt er darauf herab und immer flacher wird der Bogen, immer
gewaltiger aber wird die Last, die der Wind dem morschen Dache des
Zechenhauses aufbürdet. Und oben, über den First, bläst der Bergwind
einen Schneewirbel herein, der stäubt so dicht: man kann gar nicht
sehen, daß es ein schimmerndes Silber ist, das da oben tanzt. Tanzt
auch nicht weit; schon über dem Gärtlein, das zwischen dem Zechenhaus
und dem Waldrand liegt, läßt er's fallen, das flimmernde Spiel, im
Gärtlein schüttet er's auf, höher und höher; dort lehnt es sich, eine
starre weiße Mauer, gegen das Staket, hat das Staket aber längst
begraben und ist schon wieder so hoch, wie eine Wand des Zechenhauses.

»Sel wirst fei nit lang tragen, Häusl, und es täte wohl not, daß
einer versuchete, wenigstens sein Bett herauszubringen. Aber jetzt?
Zuschauen muß der Zachenhesselhans, daß er seine zwei Beine aus dem
Schnee ziehen kann. So wollen wir uns das Besenreisig ausladen, das hat
auf der Achsel Platz.«

Der Zachenhesselhans zieht das Reisigbündel unter der Holzstiege hervor.

»Versäumen darf sich da einer nit lang, sonst kunnt er im Zechenhaus
übernachten müssen, und da wär's nit unmöglich, es weckt ihn für einen
Augenblick ein dumpfes Poltern und Bersten mitten in der Nacht. Lang
dauert's aber nit -- dann ist alles wieder still. Und ein weißer kalter
Schnee fällt darüber, und der Zachenhesselhans liegt darunter und
schläft sich aus ...

Gehen wir. Gut is, daß einer die Zeisige alle miteinander auf der Unruh
gelassen hat.«

Während der Hans-Tonl und der Alte vom Zechenhaus durch die anderen
Tage tief gebückt auf der Ofenbank sitzen und ein Birkenreis auf das
andere legen, spinnt draußen der Rauhnebel, fällt draußen der Schnee.

Alle Stunden geht einer von den Männern mit der Holzschaufel hinaus,
die Bahn von der Haustür nach dem Brunnentrog, vom Brunnentrog nach dem
Stallpförtlein und von da zur Düngerstätte auszuwerfen.

Die paar Wege muß sich einer freihalten.

Aber drüben im Gärtlein türmen sich die Schneehaufen, wachsen die
Mauern.

Die Stallfenster sind zugeschneit und die Männer haben ein Loch in die
Stalltür sägen und eine Scheibe einziehen müssen, damit das Vieh nicht
gar im Finstern steht.

Da gehen die Tage langsam wie die Wanderer, die ihren Weg durch das
verschneite Waldland nehmen müssen.

Manchmal kommt einer, auf den die Sonne neugierig eine Stunde lang
herniederschaut, was der Winter im Waldland an silbernem Glanz und
glitzerndem Schimmer sich zurechtgebaut hat.

Sie lächelt dazu.

»Wenn sie Ernst machete,« sagt der Zachenhesselhans und blinzt sie an,
»so wär' uns geholfen.«

Aber sie zieht den Wolkenvorhang wieder zu.

Und weil das Schneien noch nicht wieder angefangen hat, versuchen
die in der Hölle, die Lasten des aufgetürmten Schnees -- sie haben
Leitern darangelegt -- von oben aus über den Hang gegen den Wald
hinabzustürzen; oder sie schlagen mit Spaten und Hacke einen Stollen
quer durch den silbernen Berg, den sie bis hinab führen in den Wald,
damit sie einen Weg gewinnen, auf dem sie mit dem Schlitten den Schnee
fortfahren können, der ihnen den freien Raum vorm Haus zuschütten, die
Fenster verbauen, die Türen versetzen und das Taglicht abdämmen möchte.

Und die Tage gehen langsam wie die Wanderer, die ihren Weg durch das
verschneite Waldland nehmen müssen.

Kein Häuslein am Berg weiß vom andern: mannshoch hat sich der Schnee
dazwischengestellt, und die Menschen, die in dem einen Hause wohnen,
reden von denen in dem andern, wie von fernen Freunden.

Was werden sie jetzt tun? fragen sie.

Einen Hafer schlagen wird der Helari. Der Wurzltonl schnürt die Kräuter
zu Bündeln und kocht Magentropfen oder schmilzt eine Wundsalbe. Das
Fanele setzt sein Linnen und seinen Peterl instand; lächelnd und still
bereiten sie zur Hochzeit. Die Gitarren hängen in diesen Tagen nicht
lange an den Wänden. Die klingen zu den Liedern, die der Hans-Tonl
gedichtet hat.

In allen Häusern des Waldlands sind sie lebendig. Auf Postkarten
fliegen sie hinaus in die Welt, bringen sie die Touristen mit heim von
der Bergfahrt.

Aber an den _Sänger_ denkt keiner, nur an den Viehbauer oder an den
Holzer denken sie und die Fremden, die seine Lieder im Neuen Haus
mitsingen, die wissen nicht, daß der Dichter im verschneiten Waldhäusl
sitzt und auf ein neues denkt. Und die Leute an der Berghalde fragen
sich auch, ob die »Rote« in der Höll nun das Kalbl hat.

Ja, die »Rote« hat das Kalbl; das steht schon angebunden in der Ecke
des Stalles und wird sich wundern über die frühlingsgrüne Bergweide,
die sie ihm dieses Jahr zurichten.

Die Weihnacht macht sich auf und schaut von Ferne -- aber es fällt
doch schon ein Glänzen aus ihrem Blick herein in die niederen
halbverschneiten Fenster.

Plattgold und -silber knistert auf dem Tische: der Zachenhesselhans
putzt die Pyramide für die heilige Nacht, die der Staub ein Jahr lang
mit leisem Grau verhängt, um die die Spinnen gesponnen haben.

Sie flimmert und glänzt schon, und die Hülsen für die Kerzen setzt der
Alte an, und er bringt die Jagd und die Holzhacker in Gang, die sich
als Holzfiguren auf der Drehscheibe über der Pyramide befinden und
die, wenn der warme Strahl der Weihnachtslichter sich von unten her
hinantastet und seine goldenen Finger daranlegt, zu drehen anhebt.

»Eine Not hat keine Statt mehr in den Berghäusln, Hans-Tonl. Weißt
warum? Weil ein Vieh in den Ställen steht, das gibt Milch und Butter,
und wenn die Wege baumhoch im Schnee liegen. Und ein Mehl ist im Sack
und Eier hat das Wawrl in dem irdenen Asch zwischen Haferkörnern
aufbewahrt. Da bleiben sie frisch und gut und machen mit Safran den
Festkuchen gelb.«

Und der Weihnachtstag geht still herein in die verschneite,
schlummernde, märchenschöne Winterwelt des Waldlands.

Der Duft von frischem Kuchen spinnt durch das Haus.

Knisterndes Stroh deckt die saubere Diele: im Stall, darin des Menschen
Sohn das Licht erblickte, hat's auch ein Stroh gegeben.

Und in die Dämmerung fällt der strahlende Schein der Weihnachtskerzen,
und in die Dämmerung klingen die Feierklänge des Liedes von der
stillen, der heiligen Nacht.



[Illustration]

14. Kapitel.


Der Zachenhesselhans hat gesagt:

»Hans-Tonl, der Winter macht mir's fei gar zu toll. Kennst das
Sprichwörtl von dem Regiment der gestrengen Herrn? Jetzt hat das
Waldland schier drei Monate in einem Schlaf gelegen. Darüber laßt sich
ausrasten; der Februar wird schon ein Wort mit dem Winter reden. Zwar,
in denen sechzig Jahren, die ich daheroben bin, hat er nicht allzuoft
gezeigt, daß er dem Frühjahr zuzählen möcht', aber besinnen kann ich
mich doch auch auf das.«

Und in der letzten Januarwoche und im Anfang des Februar, sind auch die
beiden andern Kälber gekommen in der Höll.

»Sechs Stückl Vieh, Hans-Tonl!« lachte der Alte. »Kommt aber keins aus
dem Stall, es sei denn, der Zachenhesselhans ist hinterdrein mit der
Peitsche und treibt zur Bergweide.

Hans-Tonl, und eine Wasserkunst haben wir ja auch! Ganz vergessen hat
einer darauf in dem Mordsschnee.

Und das Zechenhäusl müssen wir wieder aufrichten. Aber eh das losgeht,
müssen wir mitsammen auf die Stachelschweine denken; die dürfen
mir nimmer an den Halden herumliegen, wenn die Sonne kommt. Ein
sammetweiches Gras muß die unter dem borstigen herauslocken.« --

Wieder gingen die Tage: unter dem Schnee war ein Rieseln und die Bäume
des Waldes warfen die Schneedecke, die sie einen Winter lang getragen,
herab. Der Sturm, der heulende Frühlingssturm, stürzte die Berglehnen
herein, trat den Schnee zusammen, und hinter ihm her sprangen die
Bäche durch das Waldland zu Tale. Nicht nur die alten, die die Zeiten
her ihren Weg gelaufen und den Wald in jedem Jahrhundert haben einmal
sterben und wieder auferstehen sehen -- zwischen den Steinen heraus
sprangen schwätzende Wässer und weckten die Schollen, unter den
Wurzeln hervor quollen perlende Brünnlein und hüpften in die Welt.
Und die Sonne stieg lachend empor und pochte mit goldenen Fingern an
die Kammern der Erde. Da wurden die Halme lebendig, da dehnten sich
die Blüten und wollten ans Licht, da wanderte der Frühling im Kleid
aus blauer Seide mit fliegenden Fahnen aus Sonnenschein herein in das
Waldland.

Wie der Dünger über das borstige Gras der Halden gebreitet war, über
das noch nie eine Sense gesungen, rüsteten sie am Zechenhaus zur Arbeit.

»Ein Vieh in den Stall zu nehmen, dazu ist der Zachenhesselhans zu alt
geworden und -- wir wissen's eh -- sechs Stück in dem einen der Hölle
und die Ziegen, dazu die Schweine im Stall, die brauchen zwei Männer.
Freilich: einen Mann tät das Wawrl stellen; aber, es kunnt die Zeit
kommen, in der die blonde Frau ein Kindlein zu wiegen hat. Und so eins
will die Mutter ganz. So ist der Zachenhesselhans in der Hölle wohl
nötig und einen Knecht zu machen, dazu taugt er noch, wenn er gleich
morsch zu werden beginnt.« --

So stützten die Männer vom Sonnenwirbel und aus den Haldenhäusern das
wankende Fachwerk über dem zusammengestürzten Gemäuer, legten noch
einen Teil davon nieder, der über Winter rissig geworden war, und wie
der letzte Frost aus dem Lande gezogen, gingen sie daran, Stein auf
Stein zu fügen und die Mauern zu richten.

»Leutln,« sagte der Zachenhesselhans, »fein verputzt werden die Wände
und getüncht und ein sauberes Muster wird daraufgemalt, blau oder grün.
Und in die Sonnenwirbelseite bauen wir ein Fenster ein, und vorn nach
dem Walde zu ein gleiches, so gibt's ein Stübl, ein feines.«

»Hui,« sagt der Helari, »will sich denn der Zachenhesselhans noch ein
Weib nehmen ins Zechenhaus?«

Da lächelt der Alte.

»Ein Eichtl spät wär's, Helari. Aber das Häusl muß einer ausnützen,
insonderheit, wenn er sich zum Aufbau ein Geld hat leihen müssen.
Viel is nit, aber fünfzig Gülden wollen abbezahlt sein. Und so viel
wird's werden. Mußt doch auch eine Diel hineinlegen, eine feine, und
die Säuställe herausbrechen. Die Tröge, die übrig werden, hat mir der
Hans-Tonl abgekauft.«

»Nu, und dann?« fragt der Helari verwundert. »Die Bettstatt hätt doch
im andern Stübl Platz genug gehabt? Wenn der Zachenhesselhans aber
wohnen will, so muß doch auch ein Ofen herein?«

»Da bist wieder auf dem Holzweg, Helari. So is das nit gemeint. Eine
Sommerfrischen soll das geben, und fein wird's. Denkst etwa: darin kann
sich einer nit ausruhen, wenn er aus der Stadt kommt? Zu dem Fenster
drüben schaut die Morgensonne herein, und an das Fenster vorn rauscht
der Wald des Abends ein Schlaflied her. Wenn einer müde ist von dem
Rasseln und Mühen und Hasten in der Stadt, so kann er hier ausrasten.
Und ich mein': wie das Neue Haus den Sommer über voll ist von Leuten,
die die Ruhe suchen im Waldland, so kann sie einer hier auch finden.«

»Schlafen will solch einer aber auch, Zachenhesselhans, und ein Bett
müßt schon herein, wenn Du das willst.«

»Das ist fei nit schlimm. Mei Bettstattl hat sogar Raum für zwei; und
_ich_ hab einen Sommer lang Platz auf der Butzen hinter dem Ofen.«

So richteten sie, während der Frühling seine Boten über das Waldland
sandte, das geborstene Gemäuer wieder auf. Und wie noch ein später
Sturm zornig über den Gebirgskamm lief, weil er das Feld für den Winter
nicht verloren geben wollte, und wie der sich auch auf das Häusl
stürzte, das den Winter über so wackelig an der Halde gelehnt hatte,
da stand's fest. Und der letzte Sturm mußte sich begnügen, im Wald ein
paar Fichten zu entwurzeln und krachend zu Boden zu werfen.

Wie sich auch der Sturm verlaufen hatte und das Donnern der Sturzbäche
leiser ward, kamen die Nebel -- nicht die langen Tage über lagen sie
auf dem Waldland, nicht in die Morgen wälzten sie sich, schwer, träge,
sondern sie erwachten, wenn die Sonne zwischen den Plessen und den
Spitzberg zu sinken begann.

Noch standen die roten Lichter des Abends über dem Bergwald, noch lief
ein warmer purpurner Schein über die Halden, da begann der Nebel sein
heimliches Spinnen über den berstenden Schollen.

Aus den Runsen und Rissen flog ein warmer kräftiger Brodem, aus den
Wäldern schwamm der harzige Duft, der das Drängen des keimenden
Frühlingswuchses verriet.

Und wenn ein Wind über die Wipfel lief, so trug er die seidigen braunen
Flöckchen, in denen über Winter die zarten Sprossen geschlafen hatten.
Nun drängten sie heraus, denn sie hatten den goldenen Hauch der Sonne
gefühlt.

Und wie die Rieselbächlein, die zwischen den Steinen und unter den
Wurzeln der Haldenbüsche herausgesprungen waren, versiechten, da
öffnete der Alte vom Zechenhaus den Spund an der Röhre und es war
wieder das klingende Rillern über der Bergwiese, unter dessen Segen sie
sich im späten Herbste noch einmal mit leisem Grün geschmückt hatte.

Von jenen Haldenstrecken, die im Vorjahre das stachliche saftlose Gras
getragen hatten, zogen die Männer die Reste des Düngers ab. Und wie die
Sonne kam und das junge dichte Gras die Scholle brach, in denen zum
ersten Male die Kraft fröhlichen Wachstums war, so gingen die Kühe der
Hölle -- drei Stück Jungvieh waren dabei -- mit klingenden Glocken an
der Berghalde.

In den Augen des Zachenhesselhans war ein Glanz, den der junge Frühling
hineingeworfen hatte und der allen, die in diese Augen schauten,
verriet: das alte Herz des Waldmanns sieht Wunder und wartet auf Wunder.

»Helari, was hast gesagt? Du hast gemeint: eine Fabrik müßten wir
haben in Gottesgab, etwan eine, in der Posamenten oder Handschuhe
gemacht werden. Eine einzige Fabrik könnt uns helfen daheroben. Die
Männer müßten nicht mehr hinaus auf den Spitzenhandel, Männer, Frauen,
Jünglinge und Jungfrauen braucheten nicht mehr aus dem Waldland, um
eine Musik zu machen in der Welt. Hast das nit gesagt, Helari?

Diejenigen, die hinausziehen mit ihren Singspielen, die landfahrend
werden -- was verdienen sie denn? Kaum ihr Leben können sie fristen
davon. Der Schmied-Seff-Pepp ist einer von ihnen. Weißt noch, wie er
den Berg heraufgeschnauft ist und wie er kaum den Weg gesehen hat zu
seinen Füßen? Einen Reichtum hat er nit heimgebracht aus dem Lande,
darinnen Milch und Honig fließet. Ohne Augen ist er hereingefahren ins
Waldland. Und jetzt: dem Bettelmannl, das das Licht nicht mehr sehen
kann, gibt's sein Heimatland in Fülle. Nicht, daß einer reich werden
könnte dabei -- aber: keinen Spargroschen hat er gehabt sein Lebtag.
Und jetzt, Helari, weißt, wie mir's möglich geworden ist, das Häusl
wieder aufzurichten? Die fünfzig Gülden haben mir der Seppl und das
Harfenweibl geliehen.

Wir wollen aber weiter schauen, Helari.

Was schicken denn die Männer, die draußen mit den Spitzen handeln, an
Geld nachhause -- mit den Spitzen, die ihre Frauen und Kinder daheim
geklöppelt haben einen Winter über, den sie bei einer Handvoll Erdäpfel
und einem Hering verdarbt haben? Die meisten nichts, und mancher im
Monat zwei oder drei Gulden. Helari, und das ist wert, daß daheim die
Familie ohne einen Vater sitzt ein halbes Jahr oder noch länger und ihm
fremd wird?

Und eine einzige Fabrik, meinst, könnt' den Leuten daherum auf die
Beine helfen?

Das geht leichter.

Mit einer Ziege mögen sie anfangen, daraus werden zwei und drei und
nebenher wird mit der Zeit eine Kuh.

So fehlt es an der Weide, meinst Du, ich weiß. Liegen denn im Wald des
Grafen oder im Staatswalde nicht Strecken brach, auf denen ein Gras
wächst und verkommt?

So muß man eine Eingabe machen und sich die Erlaubnis holen, umsonst
oder gegen ein paar Kreuzer Entgelt die Brachen abmähen oder abweiden
zu lassen. Und wo eine Kuh im Stalle steht, nachher verdirbt keiner.
Das ist alles nur der Anfang, Helari. Ist ein Fleckl, an dem ein Stamm
steht mit einem Arm. Und weißt, was auf dem Arm geschrieben ist? ›_Vom
Klöppelsack zur Besserung_‹ -- hier geht der Weg.« --

Früh steigt der goldene Sonnenschild über den Keilberg und auf dem
Gebirgskamm steht der Mai. Zwei Händevoll Blumen hält er: Butterblumen,
blauen Gundermann, Vergißmeinnicht, Wildveilchen, sind auch Wildrosen
dabei. Die streut er über die Berglehne herab.

Dem Mai entgegen steigen das Fanele und der Peterl die Halde empor.

's ist noch ein Frühtau im Gras, der dem Fanele wie Silber klingend um
die bloßen Füße springt. Liegen auch noch die Schatten der Nacht im
Tal um die Unruh. Aber droben um den Sonnenwirbel ist ein Rauchen und
Glänzen und ein goldenes lachendes Licht.

»Grüß Gott mitsammen,« sagen die beiden Jungen, wie sie in das
Sonnenwirbelhaus treten.

Die Großmutter und der Einräumer Peter sitzen beim Morgenkaffee und
stippen das trockene Schwarzbrot in die Töpfe.

»Den Peterl sieht einer fei gar nimmer,« sagt die Mahm und hat grollend
vergessen, den beiden den Morgengruß zurückzugeben.

»Warum verzürnt sich denn die Mahm?«

»So hat einer den Peterl herausgepäppelt, an der Schürze hat er einem
gehängt die Jahre her und jetzt, er tut wahrlich, als kenn' er die Mahm
auf dem Sonnenwirbel nimmer.«

Der Peter Einräumer lächelt in sein Kaffeetöpfl, tunkt das schwarze
Brot, kaut vergnügt und schaut heimlich um die Ecke zum Fanele.

»Heiraten kunnt er die Mahm doch nit, der Peterl.«

Das hat das Fanele gesagt, und dem Peter Einräumer wird, wie er's
gehört hat, das Gesicht ein Eichtl länger.

»Ein so viel loses Schnäuzl hat das Fanele seintag gehabt und um ein
schlimmes Wörtl is es nit verlegen gewesen.«

»Was wollt's denn damit sagen, Mahm?«

»Fei so viel verzürnen kunnt sich einer, wenn er denkt, daß ihr zwei
auf die Unruh wollt ziehen mitsammen um Mittsommer.«

»Justament deswegen sind wir heraufgestiegen,« sagt das Fanele. »Die
Sach' haben wir uns überlegt. Wenns auf dem Sonnenwirbel einen Platz
gibt, so ziehen wir herauf.«

»Hui,« wirft der Einräumer Peter ein, »wie ist denn das so rasch anders
worden?«

»Der Helari meint,« sagt der Peterl, »wenn in das Zechenhaus eins tät
auf die Sommerfrischen kommen, so kunnten sie auf der Unruh das untere
Stübl den Sommer über auch herrichten dazu.«

»Und der Peterl meint,« sagt das Fanele, »der Zachenhesselhans kunnt
fei das Richtige getroffen haben: ein Federvieh müßt' ins Waldland, ein
richtiges. Das muß in den Wald auslaufen. Drunten aber auf der Unruh
treten uns die Hühner das bißl Wieswuchs zusammen, und ein Wald is fei
nit bis zum Häusl, wie daheroben das Kleinholz, das bis an den Hof
läuft. Wenn der Peterl aber auf eine Hühnerzucht denkt, weil weder ein
Geld da is für neues Großvieh, noch ein Stall zum Einstellen der Kühe,
so wär's auf dem Sonnenwirbel schon das Richtige.«

Wie das die Mahm hört, nimmt sie das Kaffeetöpfl wieder, das sie im
Zorn auf die Ofenbank gesetzt hat, und hebt von neuem an, das schwarze
Brot hereinzustippen.

»Das kunnt einen freuen,« sagt sie. Und ob das Leinzeug bereitet wär'
und ob sonst noch etwas instandzusetzen sei. Und dann zählt sie an
den Fingern die Wochen, wie sie das immer tut vor Ostern, Pfingsten
und Weihnachten. Da findet sie, daß bloß noch drei Sonntage sind bis
zu Mittsommer. »'s is eh recht,« meint die alte Frau, »'s muß einer
ja schon auf ein Heumachen denken in ein paar Tagen. Gar so viel früh
is alles in dem Jahr. Wenn's im März Maisonne gibt, da kommt das wohl
einmal so. Und fei so viel Anreiml ist gewesen im Winter. Sind schier
die Vogelbeerbäume zusammengebrochen darunter an der Sonnenwirbelstraße
und haben Wache gestanden wie die Eisheiligen.«

Wie sie reden, ist ein Klopfen an der Tür.

Wer pocht denn, eh er in die Sonnenwirbelstube tritt?

»Den Weg wird einer wissen wollen ins Tal oder auf den Berg,« meint der
Peter Einräumer.

Aber das »Herein« vergessen sie zu rufen und gucken alle nach der Tür,
denn es muß doch jemand hereintreten. Kommt aber keiner.

So öffnet das Fanele ein Eichtl und lugt hinaus.

»Guten Morgen,« klingt draußen eine Stimme. »Auf dem Neuen Haus hab'
ich erfahren, daß Sie hierherum in den Häusern an der Halde ein Zimmer
zu vermieten hätten.«

Die Leute in der Stube schauen das Stadtfräulein mit großen Augen an.

»Ein Zimmer zu vermieten?« sagt die Mahm und lacht. »Ein Zimmer is das
fei nit. Aber auf dem Zechenhäusl, was voreh der Stall is gewesen, da
will der Zachenhesselhans jemanden hineinnehmen.«

»Ein Stall, sagen Sie?«

»Müßt nit so reden, Mahm,« schilt das Fanele. »Wollen Sie sich nit
setzen, Fräulein? Ein Stall is das fei nit. Aber ein schönes Stübl
ist es, blau gemalt, ganz neu, und eine neue Diele darin und zwei
schöne Fenster auch. Wenn Sie mit mir hinuntergehen wollen nach dem
Zechenhaus, jetzt -- ich geh gleich mit. Der Zachenhesselhans wird auf
der Weide sein. Und so is niemand daheim im Häusl; aber ich geh mit
Ihnen und wills Ihnen schon zeigen.«

»Wer wohnt denn in dem Hause, ich meine, wer ist denn der Vermieter?«

»'s is so ein alts Mannl, wir heißen ihn den Zachenhesselhans,
schreiben tut er sich ›Herr Günther‹,« sagt die Mahm. »Wir sind das
nämlich fei gar nit gewöhnt, daß feine Leut zu uns kommen. Aber
schlimm sind wir nit deswegen. Sie können da unten bleiben, solang's
Ihnen gefallt.«

»Ist denn da aber jemand zur Bedienung, wenn nur ein alter Mann im Haus
wohnt?«

»Bedienung?« fragt die Mahm verwundert. »Zu bedienen werden S' nix
haben.«

»Ich meine, zum Bettmachen und sonst zu kleinen Versorgungen?«

»Darauf hat der Zachenhesselhans noch nit gedacht. 's is ja auch wahr!«

»Wenn Sie sonst nit gar zu viel wünschen,« meint das Fanele, »so könnt
ich schon den Tag über einmal hinunterspringen ins Zechenhaus und
nachschauen. Jetzt, wenn Sie so weit sind, ich geh.«

Wie sie zusammen den Hang hinabsteigen, sagt das Fanele:

»Ich hab mir Sie so von der Seite angeschaut die Zeit her, gar so viel
blaß schaun S' aus, Fräulein.«

»Deshalb will ich eben im Walde wohnen und Milch trinken und den ganzen
Tag im Freien sitzen.«

»O, das können S' schon daheroben. Und Milch gibt's und frische Butter
und ein Schwarzbrot. Und auf das Neue Haus können S' zum Mittag essen.

So, das ist das Zechenhäusl.«

Das Fanele schaut durch das Fenster.

»Der Zachenhesselhans is nit daheim,« sagt's, »er is fei immer nit
da, bloß wenn er die Zeisige füttert und schlaft. Sonst geht er die
Küh' hüten. Sie müssen nämlich wissen, das ist ein Schlauer, der
Zachenhesselhans. Der denkt so auf allerhand Neuerungen im Waldland.
Die Mali is ihm gestorben im letzten Jahr. Kinder hat er keine. Was er
denkt, erzählt er dem Hans-Tonl und mir. Auf uns zwei, meint er, ständ
seine Hoffnung, indem er schon über die Sechzig ist und nit mehr so
viel Zeit hätt', als wir Jungen.

Das Bett vom Zachenhesselhans soll hier hereinkommen und ein Waschzeug
auch und was einer sonst braucht. Man schlaft ja jetzt bloß im Stübl.
Wir aus dem Wald, wir waschen uns früh und tagüber, wenns nötig ist,
am Trog. Da ist ein frisches kaltes Bergwasser, das macht die Backen
und die Augen blank. Wenn S' das mögen, Fräulein, nachher braucheten
wir gar kein Waschzeug. Sie lachen immer so, wenn ich red'. Sie sind
so was fei nit gewöhnt, gelt? Bei Ihnen reden's anders. Aber, 's is
bei uns auch ganz schön im Wald. Und Schlafgeld? Zwei Gulden hat der
Zachenhesselhans gemeint für die Woche. 's wird Ihnen nit zu viel
sein. Sonst -- er täts am End' auch ein Eichtl billiger. So. Und wenn
S' den Zachenhesselhans sehen wollen, so müssen S' mit mir auf das
Stachelschwein kommen.« --

»Potz Käs,« sagt der Zachenhesselhans wie er die beiden aus der
Waldecke treten sieht, »da hat sich das Fanele aber eine Mudelfeine --«

Der Alte rückt die Kappe aus der Stirn und streicht sich die Haare über
den Ohren zurecht.

»Sie haben ein Zimmer zu vermieten. Ich möchte es nehmen den Sommer
über. Zwei Gulden soll's kosten?«

»Is vielleicht ein bißl viel?«

»Ach nein. Die Bedienung will mir das Fräulein besorgen.«

»Wen meinen S' denn damit? Die da? So eine heißt bei uns ein ›Madl‹. 's
is schon recht. Und wenn S' was brauchen, müssen S' nur reden. Gehst
ein Eichtl mit hinüber, Fanele? Und das Bett wollen wir rucken. Ich
komm gleich.« --

So ist das Fräulein aus der Stadt in das Zechenhaus gezogen. Dem Wawrl
mit den goldenen Haaren ist es eine vertraute Freundin geworden.

Wie's gegen Mittsommer geht, ist der Zachenhesselhans früh dem Helari
begegnet.

»Du,« hat er gesagt, »weißt's schon: das Stadtfräulein hat eine Butter
bestellt, eine Gebirgsbutter. Fünf Kilo muß der Hans-Tonl jede Woch'
nach Dresden schicken, wo das Fräulein daheim ist. Zehn Gulden bezahlt
sie dafür, und das Postgeld, was das Porto ist, trägt sie auch. Zehn
Gulden, Helari in einer Woch' für Butter -- das wär wohl nix? Kunnt
einer davon vergnügt leben im Waldland! Allein von der Butter!«

Und der Zachenhesselhans reibt sich vergnügt die Hände.

»Und das Paketl mit der Butter, das tragt der Zachenhesselhans selber
nach Oberwiesenthal auf die Post -- er muß durch den Wald laufen,
Helari, sonst nehmens einen Zoll!« --

Wie das erste Gras unter den Sensen singt, hat das Wawrl ein Bübl
bekommen -- ganz früh mit der Sonne hat's seinen Einzug gehalten in die
Hölle.

Weil der Zachenhesselhans das Vieh austreiben will, hört er's schreien,
guckt ein Eichtl durch die Tür und hebt im Hausflur einen Schuhplattler
zu tanzen an. Nachher -- die Schuhe zieht er aus und geht auf den Zehen
hinein in die Stube.

»Wawrl,« sagt er, »da haben wir ihn: der Hans-Tonl und das Bübl, die
bringen das Waldland in Schuß! So, nun schrei mir nit mehr, Bübl, als
ob Du in der Höll' wärst! Sei still, Bübl, i gib Dir a Butterfiezele!«

Eine Weile reden sie noch miteinander vor der Haustür, der
Zachenhesselhans und der Hans-Tonl.

Dann treibt der Alte, fröhlich mit der Peitsche klatschend, die Kühe zu
Berge -- immer der Sonne entgegen.


        _Ende._



Von Max Geissler erschienen außerdem:


»Unter der Weltenesche«.

Beiträge zur Förderung einer nationalen volkstümlichen Literatur.
(Weimar). 0.80 Mk.


»Jochen Klähn«.

Ein Halligroman. (Jena). Brosch. 3 Mk., geb. 4 Mk.


»Tom der Reimer«.

Eine romantische Geschichte aus alter Zeit. (Jena). Brosch. 4 Mk., geb.
5 Mk.


»Traum in den Herbst«.

Roman. (Weimar). Brosch. 3.60 Mk., geb. 4 Mk.


»Das Buch von der Frau Holle«.

Neue Märchen. Reich illustriert von Stassen und Stumpf. (Düsseldorf).
Geb. 3 Mk.


»Frau Holde«.

Ein Bühnenmärchen. (Weimar). 0.80 Mk.


»Hans Sachsens Bergfahrt«.

Schauspiel. (Weimar). 0.60 Mk.



_Hermann Costenoble_, Verlagsbuchhandlung Jena.


Tom der Reimer.

Eine romantische Geschichte aus alter Zeit

von

Max Geißler.

Geheftet 4 Mark, gebunden 5 Mark.

Prächtige Ausstattung.

Tom der Reimer ist längst eine der volkstümlichsten Gestalten geworden.
Aus dem Konzertsaal, in dem die herrliche Ballade Löwe's heimisch ist,
hat die sinnige Sage von der Begegnung mit der Elfenkönigin den Weg
über die ganze Erde genommen. Es ist zu verwundern, daß dichterische
Gestaltung nicht vorher diesen ungemein dankbaren Stoff für die große
epische Form, den Roman, aufgegriffen hat.

Max Geißler, dessen Halligroman »Jochen Klähn« in weite Kreise
gedrungen ist, hat den Helden der schottischen Sage zu dem seines neuen
Romanes gemacht.

Alles in allem ein umfassendes historisches Gemälde, das in einer
Sprache von starker poetischer Kraft gestaltet wird und davon Zeugnis
ablegt, daß Max Geißler bei tiefem Eindringen in den Geist der Zeit
einen Roman geschaffen hat, der des weitgehendsten Interesses der
gebildeten Kreise sicher sein darf.


Jochen Klähn

Ein Halligroman

von

Max Geißler.

Einbanddecke von =Alfred Mohrbutter=.

Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark.

Als »einer der Träger der modernen deutschen Renaissance-Idee« auf
dem Boden der zukunftsreichen Heimatbewegung stehend, die weit davon
entfernt ist, in einseitigem Dorftum unterzugehen, sondern für eine
gerechte Wertung der deutschen Landschaft eintritt, mußte der Verfasser
ein Werk schreiben, in welchem er alle Vorzüge kerniger deutscher
lebenskräftiger Heimatkunst zu vereinigen bestrebt war.

Wenn die gegnerische litterarische Richtung nach »_Taten_« fragt:
»Jochen Klähn« ist eine!

Die Poesie des nordischen Meeres und die einsame Welt der
Nordsee-Halligen sind das Stoffgebiet, in welchem, auf breiter
kultureller Grundlage, der Roman »Jochen Klähn« wurzelt. Die
Scholle des Helden gilt seit Jahrhunderten als eine vergehende, das
Heimatland des stämmigen Schlages der Inselfriesen als ein verlorenes.
Aussichtslos schien der Kampf der Menschenkräfte gegen die Riesin See;
und dieser Kampf, der mit dem Siege der menschlichen Klugheit und
Zähigkeit über das zerstörende Walten des nordischen Meeres endigt,
bietet den Vorwurf zu Max Geißlers neuem Romane.



_Hermann Costenoble_, Verlagsbuchhandlung Jena.


In meiner Sammlung: Romane und Novellen neuzeitlicher Schriftsteller
erschienen:

    =A. Becker=, _Die Nonnensusel_. Ein Bauernroman aus dem Pfälzer
      Wasgau. 2. Auflage. Geheftet 4 Mark, gebunden 5 Mark.

    =Max Bittrich=, _Kämpfer_. Ein Roman aus der neuen
      Völkerwanderung. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

    =Hanna Brandenfels=, _Prinzessin ohne Land und Krone_. Roman.
      Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

    =Clara Häcker=, _Fichtners Rieke_. Thüringer Dorfgeschichten.
      2. Aufl. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

    =Clara Häcker=, _Thüringer Spinnstubengeschichten_. Mit
      Umschlagzeichnung von Ernst Liebermann. Geheftet 2 Mark,
      gebunden 3 Mark.

    =Gustav Klitscher=, _Der Mörder der Schönheit. Die
      Frühlingshasserin._ 2 Novellen. Geheftet 3 Mk., gebunden 4 Mk.

    =Thusnelda Kühl=, _Der Lehnsmann von Brösum_. 2. Aufl. Geheftet
      4 Mk., gebunden 5 Mk.

    =Thusnelda Kühl=, _Rüm Hart -- Klar Kimming_. Erzählung.
      Geheftet 3 Mk., geb. 4 Mk.

    =Ed. von Mayer=, _Falsche Feuer_. Ein Roman aus dem deutschen
      St. Petersburg. Geheftet 5 Mk., gebunden 6 Mk.

    =Donald Wedekind=, _Ultra montes_. Roman. Geheftet 4 Mk.,
      gebunden 5 Mk.

    =H. v. Zobeltitz=, _Arbeit_. Aus dem Leben eines deutschen
      Großindustriellen. Geheftet 4 Mk., gebunden 5 Mk.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die vollständig
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    Korrekturen:

    S. 194: Bam → Baam
      Nit weit von dem {Baam} steht dem Nachbar sei Hans





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