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Title: Erdsegen - Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.
Author: Rosegger, Peter
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Erdsegen - Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes." ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1906 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
    Gleiches gilt für regional gefärbte Ausdrücke und Zitate.

    Passagen in Antiquaschrift werden im vorliegenden Text kursiv
    dargestellt.

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      kursiv:     _Unterstriche_
      fett:       =Gleichheitszeichen=
      gesperrt:   +Pluszeichen+
      Antiqua:    ~Tilden~

    Das Caret-Symbol (^) steht vor einem hochgestellten Zeichen.

  ####################################################################



                               Erdsegen.

                   Vertrauliche Sonntagsbriefe eines
                            Bauernknechtes.

                            Ein Kulturroman

                                  von

                            Peter Rosegger.

                      Vierundzwanzigstes Tausend.

                            [Illustration]

                               Leipzig.

                       Verlag von L. Staackmann.
                                 1906.



                       Alle Rechte vorbehalten.


                   Druck von C. Grumbach in Leipzig.



    In der Zusen,

    am ersten Sonntage im Jahres des Heils 1897.


Daß euch derrr Kuckuck hol’!

Sothanen Gruß zuvor, teure Freunde, und nun lachet, lachet -- lachet!

Lang ist es her! sang der Alte vor unseren hofseitigen Fenstern. Ich
hatte ihn nie verstanden. Zwei Ewigkeiten ~en miniature~ waren
die ersten zwei Tage dieses Jahres. Der dritte hat überhaupt noch
kein Ende genommen. Wenn aber das merkwürdige Jahr, das nun begonnen,
jemals aufhören sollte, was nach menschlicher Berechnung doch immerhin
wahrscheinlich ist, dann werde ich lachen, ihr Herren! Und mein Lachen
wird euch Posaunenschall des jüngsten Gerichtes sein, falls ihr eine
Ahnung habt, was damit gesagt ist.

Meine aktuelle Stimmung ist allerdings etwas weit vom Lachen abgelegen.
Sechs Jahre lang hatte ich gemeinsam mit euch unter Feder und Schere
emsig den Beruf verfehlt; nun ich ihn mutterseelen allein mit dem
Wanderstecken suche, wird er hoffentlich bald in Sicht kommen. Und
in der nächsten Sylvesternacht tauche ich eueren Augen furchtbar
auf, mit Zipfelmütze und Heugabel. Keine Stunde diene ich nach, und
sollte jetzt der halbe Januar vergehen, ehe ich’s bin. Bemühen?
Redlich. -- In der Zusen heißt das Nest, wo ich am Wirtshaustisch euch
Trauernden die erste Kunde schreibe. Aus zwei Bauernhöfen bin ich
gestern bereits hinausgeworfen worden. Heute ist Ruhetag -- Auf meine
höfliche Anfrage im ersten Hofe hieß es: „Ei schau! Im Sommer wachsen
die Kirschen und im Winter die Vagabunden! Das glaub’ ich, daß die
Herrschaften um Neujahr gern ein warmes Nest und eine volle Schüssel
haben möchten. Nachher, wenn der Schnee weggeht, gehen sie auch weg und
ist man bei der g’nötigen Feldarbeit wieder allein. Mach’ fort zu den
Socialdemokraten! Bist ’leicht selber einer!“ Klapps hatte ich die Thür
vor der Nase.

Das war ein stattliches Gehöft gewesen an der Landstraße. Mir
that’s leid drum. Hat aber Stoff gegeben für einen brillanten
Volkswirtschaftsartikel, die Zeile nicht unter zwanzig Kreuzern. Kostet
mich selber so viel.

Im zweiten Bauernhof, als ich zuspreche -- den Hut in der Hand -- ob
man keinen Knecht brauche, glotzt mich der Bauer an, so ein kleiner,
feister, kecker Kerl. Dann greift er mit seinen schnodderigen Fingern
nach meiner immer noch leidlich aufgerampelten Schnurrbartspitze
und sagt: „Was hat Er denn da für eine saubere Gabel? Soll das eine
Mistgabel sein?“ Ich sofort den Krampf in den Fingern, aber da ist’s
nichts mit dem Rächen seiner Ehre; bittweise schlage ich die Fäuste
aneinander, werbend um eine leibhaftige Mistgabel. Der Bauer jedoch ist
kein schlechter Kenner von Gliedmaßen. Meine Hand, die von den Göttern
seit Urbeginn für die Feder bestimmt, packt er an: „Sollen das auch die
Werktagspratzen sein? Na, ich dank’. Für den Löffel halten sie’s!“

„Herr Vater“ sage ich und konzentriere die zehn Finger zu zwei
Armeeflügeln, „es käme nur auf einen Versuch an, wofür sie es
vielleicht auch sonst noch halten möchten!“ Und stelle mich zur
Verfügung! Ihm gerade vor den rundlichen Corpus. Er einen Schritt
zurück und frägt -- um die Unterhaltung auf ein harmloseres Feld zu
lenken -- nach dem Dienstbotenbüchel.

Da ziehe ich meinen Militärschein aus der Tasche: „Drei Jahre
Seiner Majestät dem Kaiser gedient. Gegenwärtig Reserveoffizier --
möglicherweise!“

„Und ich hätt’ einen Ochsenknecht gebraucht!“ lacht der Bauer, ohne
dem Reserveoffizier auch nur die geringste Reverenz zu erweisen. Sind
ja Barbaren, diese Leute. Ich natürlich habe mich um die von ihm
offerierte Ehrenstelle beworben. Da sagt er, ich möchte so gut sein und
ihn nicht zum Narren halten. Damit war die Verhandlung abgebrochen.

Morgen hausiere ich weiter.

Der Dorfwirt, bei dem ich heute das Dasein genieße, braucht einen
Fuhrmann. Pferde! Das wäre doch einigermaßen standesgemäß für einen
Kavalier, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihr es für die Wette gelten
ließet, ihr Kanaillen! Mit Verstattung, das soll kein Schimpf sein.
Der gebührende Titel, bitte! Wie freue ich mich, ihr jammervollen
Tintensklaven, euch eines Tages des verwegenen Spaßes Abachseite vor
die Nasen zu halten und euch in die geschniegelten Bärte zu brüllen:
Eines Mannes Wort bleibt eines Mannes Wort, selbst über den Dunghaufen
hinaus! Und wenn euch darob in Leibes- und Seelennöten die Augen
übergehen hinter den Brillen, werde ich euch sehr lieb haben, ihr
holdseligen Krähen, selbander! --

Dieses Dorfhotel wäre für ein paar Tage ganz erträglich, wenn der Wirt
seinen Wein nicht in einem gar so echten Zustand schänkte. Aus diesem
herben, natursauren Unterländler, den Liter zu 40 Kreuzern, wüßte ein
mehr gebildeter Restaurateur bequem zwei Liter feinen Dessertweins
à 1 Gulden die Bouteille herzustellen. Geradezu persönlich
beleidigend wird dieses Hospizium wegen jeglichen Mangels unserer
teuren „Kontinental-Post“. Hingegen liegt, um die Niedertracht voll
zu machen, die Wochenausgabe des „Neuigkeits-Weltblattes“ auf. Unsere
Expedition soll doch das Blatt auf einen Monat gratis schicken an den
„Weißen Hirschen“ in der Zusen. Hat er’s erst gerochen, dann wird er’s
auch fressen.

Am Nebentische sitzen drei Bauern und verhandeln seit rund zwei
Stunden über ein trächtiges Kalb. Als angehender Standesgenosse
interessiere ich mich natürlich sehr dafür, nur fehlt mir noch
einigermaßen Berufsbildung. Wenn es wahr ist, was die Engländer sagen,
daß Boeufsteak Intelligenz mache, dann sind diese Viehbauern die Väter
unserer geistigen Kultur, und ich -- als hoffentlich bald der Bruder
dieser Väter -- ihr Onkel. Vielleicht in einer Woche schon mehr von

    Hans Spiridion Trautendorffer,

    Wirtschaftlicher Redakteur der „Kontinental-Post“.

Meinen vollen Namen, den ich euch hiermit übermache, wickelt in
Seidenpapier und bewahrt ihn sorgfältig auf. Übers Jahr, übers Jahr,
wenn ich wiederum komm’!

[Illustration]



    +Hoisendorf+, am zweiten Sonntag.


Mein sehr geschätzter Herr Kollege Meyer unterm Strich!

Laß dir nicht träumen, es käme hier ein Feuilleton aus ländlichem
Leben. Nicht eine Zeile! Und wenn ihr mich etwa deshalb von den
Fleischtöpfen Egyptens entfernt habt, um einen ständigen externen
Haderlumpen zu haben, der aus Bauernhöfen die „Kontinentale“ mit
volkswirtschaftlichen Korrespondenzen versorgt, so seid ihr sehr
abergläubisch. Man wird die „Hofnachrichten“ schon so einrichten, daß
sie unmöglich sind.

Einstweilen sind es noch wehmütige Berichte eines abenteuernden
Dienstsuchers, an denen unser Herr Chef -- mit Respekt zu melden
-- einstweilen eine größere Freude haben dürfte, als der Absender.
+Einstweilen!+ Das Wort doppelt unterstrichen.

Am Montag und Dienstag habe ich nach tagebücherlichen Urkunden bei
nicht weniger als dreizehn Bauernhöfen angefragt. Der Dreizehnte dacht
ich, müsse doch so unglücklich sein, mich anzunehmen. Aber auch der
hatte seinen Schutzengel. Du siehst, lieber Meyer, ich befleißige mich
schon volkstümlicher Denkungsart. Scheint leider nicht viel zu nützen.
Dem einen bin ich zu schlank gewachsen, dem anderen zu „herrisch“
angethan, mein Touristenanzug hat nämlich bereits ein paar getrennte
Nähte. „Zerrissen ist herrisch, geflickt ist bäuerisch“, besagt eines
ihrer bösartigen Sprichwörter. Der Dritte nahm mich nicht, weil ein
Mensch, der sein Eigentum im Handbündel mit sich trägt, ein ausgelegter
Vagabund ist. Und der Vierte entschied kurzweg: An einem Knecht, der
mit weißem Hemdkragen dahingehe, wie ein windiger Schulmeister, habe er
sich schon vorwegs gesättigt. Mehr wurzelseppartig! sagte ich zu mir
und schon ins nächste Haus stolperte ich weitschrittig, mit gebogenen
Knieen und Armen, das Haar zerriffelt, die Hände mit Waldharz und
Erdstaub überkleistert: Ein fleißiger Dienstbote bäte um Einstand in
einen Jahresdienst.

Der Hausvater würdevoll: „Woher geht die Reise?“

Ich: „Aus der Garnison. Mit dem Abschied. Gottlob, daß ich wieder in
der Bäuerei bin. Oh, diese Stadt! Dieser Militärdienst! Man glaubt’s
nicht, wer’s nicht probiert hat! Ganz krank wird der Mensch, wenn er
die gewohnte Handarbeit entbehren muß. Arbeit ist das einzig Gute auf
der Welt!“

Vermeinte das recht gut gemacht zu haben. Der Bauer aber wendete sich
gegen ein altes Weib, das hinter ihm stand: „Hörst du das Geschwätz?
Wer die Arbeit kennt, der redet ein bissel anders.“

Und die Alte: „Willst ihn denn fortschicken, jetzt spät abends?“

„Soll über den Feiertag dableiben. Nachher werden wir’s halt sehen.“

Potz Blitz! War ich Bauernknecht?

Als die Dämmerung kam, ging ich um den Hof herum, mit Kennermiene den
Schauplatz künftiger Thätigkeit prüfend. Und zur heiligen Stunde, da
ihr zu dreien oder mehreren im „roten Krug“ bei schäumendem Pils im
Kritisieren über die lumpige Welt euch des Lebens freuet, saß ich am
Leuttisch unter unsauberem Gesinde, aß mit einer breiten Blechschaufel
aus der gemeinsamen Schüssel etwas, das sie „saure Topfensuppe“
nannten, und erzählte von meinem Soldatenleben. In unnachahmlicher
Bescheidenheit teilte ich den lieben Hausgenossen mit, wie ich bei
der bosnischen Occupation die Hauptstadt Serajewo erstürmte, bei der
Schlacht von Sedan den Erzschelm Napoleon einfing, bei Königgrätz eine
Kugel in die Brust bekam, die zum Glücke hinten wieder hinausflog, in
der Völkerschlacht bei Leipzig einem rotbehosten Welschen die Fahne
aus der Hand riß und so die deutsche Sache rettete. -- Geschätzte
Kollegen von der Feder, Unehre sollt ihr an mir nicht erleben! Die
Heldenthaten waren denn auch nicht umsonst vollführt. Die Hausmutter
erwog, daß ein Mann mit solch geschichtlicher Vergangenheit nicht in
der Knechtekammer schlafen könne auf dem Strohschaub. Sie verordnete
mir das Handwerkerbett, welches stets das beste des Hauses sein soll.
Da sank ich tief ins knisternde Stroh, zog die feuchtkalte, mürfelnde
Decke über die Nase und dachte: Dieweilen du hier schläfst, Recke,
wird das Jahr wieder um eine Nacht kürzer -- die Stunde zu cirka drei
Kronen. Du siehst, Volkswirt bleibe ich immer.

Am nächsten Tag war Heiligdreikönigfest, kamen am hellen Morgen
die drei Weisen (mit ai geschrieben) unter dem Stern und plärten
gleichstimmig einen Spruch. Da wurden die morgenländischen Majestäten
von der Hausmutter mit Schmalznudeln und Honig bewirtet. Nach dem
Dejeuner, und nachdem der Souverain von Ätiopien auch mich einer
gnädigen Ansprache um einen Heller gewürdigt hatte, haben die höchsten
Herrschaften in jugendlicher Elastizität ihre Weiterreise angetreten.

Zu Mittag war ein unerhört großes Essen. Was es war, kann ich nicht
beschreiben, aber viel war’s. Bei manchen Schüsseln stockte das Fett
an den Rändern und klebten die geschmälzten Stubenfliegen ohnmächtig
an den Klößen. Bei der Backofenhitze führen in der Bauernstube diese
niedlichen Tierlein auch im Winter das wonnige Dasein der Kreatur
und die Fensterscheiben sind reich geschmückt von Beweisen ihrer --
Pünktlichkeiten. Mein Appetit war bald gestillt und am Nachmittag
habe ich gemeinsam mit den übrigen Knechten mich ausgeruht von der --
morgigen Arbeit.

Am nächsten Tage war Regenwetter. Der Hausvater (so wird der Bauer
vom Gesinde genannt) befahl, ich solle in der Stube bleiben und „Span
machen“. -- Span machen? Da vermisse ich unsern Brockhaus. Durch
die Scheunen und Ställe ging ich und suchte einen Freund, der mir
sagte, was das sei, Spanmachen. Die alte Kuhmagd schaute mich höchst
betroffen an. Endlich schien sie doch zu begreifen, daß der Mensch in
Völkerschlachten das Span machen nicht notwendig lernen muß. Sie gab
mir Unterricht: Von dem Schoppen (ach, mir ist das Wort in einem andern
Sinne geläufiger) Scheiter ins Haus tragen, sie am Herdfeuer bähen und
zähen, dann mit dem Schnitzger die dünnen Späne herabklieben, diese
auf dem Ofen dörren, damit sie als Leuchtfunzen dienen können, abends
in der Stube. -- So, meine Herren von der „Kontinentalen“, die ihr
die Aufklärung täglich buttenweise in das Volk gießet, nun wisset auch
ihr, wie man im Bauernhause Licht macht. Aber Wissen und Können! Es ist
immer die alte Geschichte. Genau hielt ich mich nach der Anweisung,
allein fürs erste verkohlten mir die Scheite am Feuer, fürs zweite
sprangen die abzukliebenden Späne schnöde und spröde entzwei und fürs
dritte nahm der Hausvater mir den Schnitzger aus der Hand -- ich könnte
nichts. Es wäre schade ums Kienholz, wo die Föhrenbäume ohnehin so
schütter ständen im Walde. Wie er vom Scheit nur aufs Kienholz und von
diesem auf die Föhre kam, den ~Pinus silvestris~. Was meinst du,
Meyer?

Ich könnte nichts! -- Meine erste Empfindung nach dieser Demütigung
war: Pistolenduell! Aber als der Mann mit ruhigster Geschicklichkeit
vom frischgebähten Scheite die dünnen, breiten, sich leicht
reifenden Leuchtspäne schnitt, da sah ich, daß er mir über war!
Bin hinausgegangen, habe, um mich sonstwie nützlich zu machen, im
Werkzeugsgelaß eine Schaufel genommen, habe die restlichen Krusten des
Schnees weggekraut, die unter den Dachtraufen lagen.

Erscheint der Altknecht: „Was treibst denn da, Mensch? Das Schneerestel
irrt niemand und geht schon selber weg, wenn’s ihm zuviel regnet. Hast
sonst nichts zu thun, so geh Agen reitern.“

Agen reitern! -- Nun sah ich, meine Politik war gescheitert, es war
Zeit, das Portefeuille zurückzulegen. Der Hausvater kam mir zuvor am
selben Abende. Hieb mir die klobige Hand auf die Schulter: „Mit Ihm
wird’s halt am gescheitesten sein, Er rastet sich in der heutigen
Nacht noch einmal gut aus und geht morgen um ein Häusel weiter. An
Willigkeit fehlt’s nit, aber Kopf hat Er keinen dazu.“

Beim Grobschmied einstmals hat’s geheißen, es wäre schade ums kluge
Köpfelein, und haben mich in die Stadt geschickt. Dieser Hans
Trautendorffer soll nämlich von einem alten Rittergeschlechte abstammen
und möglicherweise ist sein Urahn zu Karls des Großen Zeit Schweinedieb
gewesen. Kurz und gut, mein Oheim, der Bäckermeister, versuchte es, ob
so ein herabgekommener Edelmann nicht wieder bergan zu bringen wäre.
Nicht alle Semmelmacher denken so übermenschlich. Mir aber waren zur
Zeit neugebackene Wecken lieber, als altgebackene Adelsdiplome und auf
dem Gymnasium habe ich mich vor dem Odium eines ekelhaften Strebers
stets reinzuhalten gewußt. So daß der Tornister mich glücklich noch als
Kandidaten der Matura fand. Als ich dann nach allgemeiner Sitte anstatt
auf die Universität zur Journalisterei ging, und noch viel später die
„Kontinental-Post“ unter ihren Erleuchteten mich stets als den --
Dämmerigsten gefeiert hat, war ich doch immer klug genug, solche Würde
mit Anstand zu tragen und die Blaustiftzeichnungen des Chefs auf meinen
Manuskripten als eine kindische Schwäche gelassen zu entschuldigen. Als
Volkswirtschafter hab ich sogar die Börse -- na, Meier, du weißt es ja.
-- Und jetzt soll es mir nach dem Ausspruche des biederen Landmanns an
Kopf fehlen!

Übrigens kommt mir meine Vergangenheit jetzt gut zu statten. Der
Grobschmied hat mich auswendig gerüppelt, der Journalist inwendig. Aus
gegerbtem Leder kann man doch auch Bauernstiefel machen!

Am nächsten Tag vagabundierte ich weiter. Ins Gebirge ging’s, ins
schöne. Bei Kailing rechts den Fluß entlang ins obere Rechthal und
gegen den Almgai. Den eingeleisigen Weg, der gepflastert war mit einem
Brei von Kot und jungem Schnee, nennen diese Schönfärber eine Straße.
Ohne auf derselben liegen zu bleiben, halbverhungert von barmherzigen
Wegelagerern totgeschlagen und in aller Stille unter eine Moosdecke
gelegt zu werden, bin ich weiter gekommen. Ganz lebendig sprach ich
bei einer einschichtigen Bauernwirtschaft vor. „Die Witwe dort braucht
einen Knecht“ hatte man gesagt.

Die Witwe, ein frisches, schneidiges Weib, ließ sich nicht spotten.

Wie alt ich wäre?

„Zwanzig! Die fünfzehn Schuljahre nicht mitgerechnet, weil sie verlorne
Zeit sind.“

Darauf lacht sie, setzt aber das Examen unbarmherzig fort.

Wozu ich zu brauchen wäre?

„Bäuerin, mir ist keine Arbeit zu schlecht und keine zu gut.“

Wieviel Lohn ich begehre?

„Mit allem zufrieden.“ -- Bezahlt, Meier, weißt du, werde ich von einer
andern Seite.

Das schien aber der Witwe höchst verdächtig vorzukommen -- mit allem
zufrieden. Sie mochte mit den Dienstleuten die Erfahrung gemacht haben:
mit nichts zufrieden. Ich aber that mein Menschentum auseinander.
Die Arme und Beine bog ich nicht mehr krumm, das Rückgrat zog ich in
die Länge, den Nacken hielt ich stramm und in die Augen that ich
Zündhütchen, gerade zum Losbrennen, falls sie sagte: „Du gefällst mir!“
-- Verliebt hat sie sich einstweilen aber nicht in mich, hat es nur
gelassen und schief über die Achsel her gesagt: „Nau, halt ja. Jeder
wird es selbst am besten wissen, was er wert ist. Ich brauch jetzt
niemand.“

Siehst du! Hätte ich achtzig Gulden Jahrlohn verlangt, ein ganzes
Tuchgewand mit Stierlederschuhen und fünfmal Fleisch die Woche, so
dürfte sie mich gekauft haben. Nur geschenkt wollte sie mich nicht. Ein
verschlagener Holzknecht, mit dem ich nachher unterwegs davon sprach,
hat mich darauf gebracht.

Die Gegend ist eigentlich ganz verdammt. Die Berge an beiden Seiten
steil und schwarz wie umgestülpte Riesenkohlenkörbe; die Schluchten so
enge, daß eine Heufuhr und ein Dickschädel nicht füreinander können.
Ich weiß nicht, vor ein paar Jahren, damals auf der touristischen
Querwanderung, ist mir das Ding alles viel hübscher vorgekommen. --
Hoch oben bei den letzten Hütten, so wurde mir gesagt, hätten sie
alleweil zu wenig Dienstleute, weil keiner bleiben wolle, der dort
nicht festgewachsen ist wie Zerbenholz. Und sogar das Zerbenholz
wartet sehnsüchtig auf Lawinen, um thalwärts zu kommen und dort etwa
durch einen Kunsttischler zu feinpolierten Kommodeurs, Chiffonneurs
und Sekretärs avancieren zu können. Unbegreiflicher Weltlauf: um
emporzukommen, geht man niederwärts! -- Nur bei mir scheint es
umgekehrt zu sein. Doch wartet, wartet!

Gestern abends bin ich in ein winterliches Hochthal gekommen. Eine
senkrecht aufsteigende Felswand hatte sich schon lange vorher in
meinen Gesichtswinkel gestellt, und wie ich durch den Waldgraben dazu
komme, steht an der Wand ein Dorf. Zerstreut liegende Häuser aus
Rohmauern, Hütten aus Holz, auch ein paar Großhöfe, und weiterhin,
wo Seitengräben ins Gebirge ziehen, Holzsägen und Kohlenweiler. Ein
wenig abseits hinter der Wand auf der Böschung steht die Kirche mit
dem spitzen Türmlein, daneben der Pfarrhof, unterhalb beim Bache
das Schulhaus. Zwei Wirtshäuser sind natürlich auch da, mit dicken
Mauern und vielen kleinen Fenstern -- doch, ich verfalle in meine alte
Schwäche schriftlicher Landschaftsmalerei. Unsinn! Mit Wörtern will
man Bilder malen, heutzutage, und mit Farben Gedanken ausdrücken. In
einem dieser Wirtshäuser kann man auch Tabak haben, in die Lotterie
setzen und Herberge nehmen. Das letztere habe ich gethan. Der Ort heißt
Hoisendorf und soll weitum als Mittelpunkt der Welt gelten. Es war die
Rede davon, als sich auf der Ofenbank ein ruppiger Waldbär meldete. Er
goß ein Gläschen Schnaps hinter den Bartfetzen und röchelte daraufhin,
daß er bei den Kaiserlichen gewesen sei und daß die Wienerstadt
wenigstens zehnmal größer wäre, als Hoisendorf. Worauf die Wirtin ihn
einen Prahlhansen hieß. Auf dem Wandschrank lag ein Buschen Zeitungen,
ich suchte mir aus Langeweile die neueste Nummer hervor. Und weißt
du, wo sie jetzt sind, die guten Hoisendorfer, mit ihren Neuigkeiten?
Bei der Ermordung des Präsidenten Carnot am 25. Juni 1894. Die
Weltgeschichte, bis sie in Wochenblättern und Kalendern ins Hinterland
dringt, ist gut abgelegen. Hingegen wird nichts mehr dementiert.

Soeben geht der Kurier ab. ’s ist der Bandelkrämer mit drei Füßen,
wovon einer hölzern und zwei gichtisch sind. Das ist die Post nach
Kailing, die gleichzeitig auch den Güterverkehr besorgt. Wahrlich, das
ist das Majestätische an diesem Volke -- es hat’s nicht eilig. Es kann
warten, es steht fest. -- Der Dreifuß nimmt sie mit, diese Epistel von
eurem noch immer vacierenden

    Bauernknecht.

[Illustration]



    +Adamshaus+, am dritten Sonntage.


An Herrn Doktor Stein von Stein, den Herausgeber der „Kontinental-Post“!

Ich zerschmettere dich, Imperator! Ich bin Bauernknecht! Mein
Aufenthaltsort im Adamshause bei Hoisendorf, Almgai -- wohin auch die
„Kontinentale“ zu schicken ist. Für den Nachruf in der letzten Nummer
danke ich recht schön. Bis das Jahr sich kreist, wird euch der Spott
vergehen. Für weiteres bin ich jetzt nicht aufgelegt.

    H. T.

[Illustration]



    An Herrn Professor A. Simruck, ~Dr. phil.~ in M.

    Adamshaus im Almgai, am 17. Januar 1897.


    Lieber, alter Freund!

Dem Zeitungsschreiber war dein Neujahrsgruß vermeint gewesen, jetzt
hat der Brief an zwei Wochen im Lande umhergesucht, und wo findet
er deinen Hans? Ich bitte dich, denke nicht gleich an Verrücktheit
oder dergleichen. Es geschieht heutzutage so viel Kluges auf der
Welt, das weitaus närrischer ist, als die aufgelegteste Verrücktheit.
Nach Kreuz- und Krummfahrten kam dein Brief eines Tages zu einem
halbeingeschneiten Bauernhause des Gaigebirges, eine Stunde und darüber
vom letzten Weiler entfernt. In diesem Einödhofe lebt dein Adressat,
und zwar als Stallknecht, eingestanden für das ganze Jahr. Es ist kein
Faschingsscherz, es ist leidiger Ernst. Schenke mir nur Geduld, daß ich
mich dir aussprechen kann.

Jetzt erst danke ich dir, Alfred, daß du unsere Schulbankfreundschaft
hochgehalten hast bis zum heutigen Tag, denn ich bin unglaublich einsam
geworden. In den Wochentagen werde ich meine Arbeit haben als herben
Kameraden; vor der Sonntagsruhe nur bangt mir, wenn das thörichte
Herz nach einem brüderlichen Mitdenker und Mitfühler schreien wird,
und es ist nichts ringsum, als ein armes einfältiges Hausgesinde, das
mit seiner eigenen Lebensnot zu thun hat. Und weiter nichts, als der
kalte Winter und die starren Berge. In solchen Stunden laß mich zu
dir flüchten, du lieber, herzgoldener Kerl, daß ich mich schriftlich
ausplaudere, ausfluche, auslache, vielleicht auch --. Nein, weinen
werde ich nicht, das habe ich mir vorgenommen. +Was+ ich dir
allsonntägig zuschreiben werde, kann ich ja heute nicht wissen, was es
auch sei, aufrecht will ich stehen. Mühe wird’s wohl kosten, dir es
beizubringen, wie das +so+ hat kommen müssen! Es ist ja so viel
Unsinn dabei, so viel Unerhörtes -- solltest du am Ende dahinter auch
ein klein bißchen Tapferkeit finden? Wenn ja, so bitte ich dich, sag’
es mir ins Gesicht. Wenn nicht Einer ist, der es mir allwöchentlich
hochgemut zuruft: Recht hast du! Brav bist du! Tapfer bist du!
Aushalten! -- so weiß ich nicht, wie das enden wird.

Fällt dir nichts auf? Als könnte der Schreiber dieser Zeilen
froststeife Finger haben? Als sei das Parfüm des Briefpapieres ein ganz
eigenartiges? -- Nun, ich will dir erzählen. Hast du erst den Grund,
dann versteht sich alles von selbst. Weil das Eine geschah, hat das
Andere geschehen müssen.

Das Eine geschah in der Weinstube „zum roten Krug“, dort, wo wir bei
deinem Besuch im Herbste den göttlichen Rüdesheimer getrunken haben
und wo -- wie du weißt -- der Generalstab der „Kontinental-Post“ sein
Hauptquartier hat. Die Herren sind großartig -- im Krug! Da ist es nun
am Tage des heiligen Leopold, daß ich nach dem dritten oder vierten
Glase Jungwein den Mund etwas zuchtlos werden lasse und als Redakteur
des volkswirtschaftlichen Teiles mich über eine kleine Maßregelung
verbreite, die mir ein paar Tage vorher widerfahren war. „Hol’s der
Kuckuck!“ sage ich. „Nicht genug, daß man gegen seine Überzeugung eine
solche Geld- und Handelspolitik treiben muß! Dem braven Landwirt das
Blut aussaugen, und andere Volksschichten damit mästen, dafür, daß sie
Homunkeln erzeugen!“ -- Der Jungwein sprach’s, verantwortlich aber
wollten sie mich machen für das heillose Wort. Darob fängt’s in mir an,
immer mehr zu kochen. „Ja, Homunkeln!“ und die Faust auf den Tisch.
„Wer noch Menschen sehen will, aufs Land hinaus in den Bauernhof, in
die Hirtenhütte!“ --

„Salomon Geßner!“ ruft einer.

„Ich bitte euch, bleibt mir jetzt mit den Hebräern vom Leibe!“

Aus dem losbrechenden Gelächter vermute ich sofort eine Blamage.
Hättest +du+ an den alten schweizerischen Süßwurzelstecher
gedacht, wo sich so viele zeitgenössische Salomone deiner gütigen
Erinnerung empfehlen? Also kurz, die Sache wurde weiter gekratzt
und auf einmal fiel das Wort: „Der Bauernknecht ist trotz allem
ein echterer Mensch, als etwa ein Bankier, dessen Beruf es ist,
Geldpapierfetzen durch seine Finger gleiten zu lassen, die noch
wesentlich unsauberer sind, als so ein Bauernkittel. Ist sicher auch
ein sittlicherer Charakter, als zum Beispiel ein Zeitungmacher, der
seinen papierenen Mantel fortwährend nach dem Winde drehen muß.“
Gesagt hatte es wieder der vermaledeite Jungwein. Der Herausgeber
der „Kontinental-Post“, unser Herr Doktor Stein von Stein, ließ auf
seinem glatten Komödiantengesicht ein liebliches Grinsen merken, das
wir von den Honorarabzügen her so gut kennen, und sagte sanftmütig:
„Den Herrn Trautendorffer wird ja nichts hindern, die korrumpierte
Zeitungwindmacherei mit dem sittsamen Bauernstande zu vertauschen.“

Ich fahre auf: „Warum denn nicht? Wenn die Herren etwa glauben,
daß bei mir der Mund stärker sei, als der Arm -- gut!“ Sofort eine
Flasche Rüdesheimer, denn für den Schwung dieser Angelegenheit war
der neue Binnenlandwein zu trivial. Etliche Herren mochten eine
weitere, unliebsame Steigerung befürchten und suchten den Wortwechsel
ins Heitere zu ziehen. Ich fühlte mich gekränkt und ließ mich nicht
beruhigen. Da schlugen sie eine Wette vor: „Der Trautendorffer soll
den Gegner schlagen und sich auf eine Woche lang als Bauernknecht
verdingen.“

Und ich: „Auf eine Woche lang? Auf ein Jahr!“

Draufhin trommelte Doktor Stein von Stein mit den Knäufen der
Fingerringe ein bißchen auf der Tischplatte und sprach sehr feierlich:
„Wenn unser Herr Hans Trautendorffer draußen auf dem Dorfe bei den
Idealmenschen das kommende Jahr 1897 vom Anfang bis zum Ende als
gewöhnlicher Bauernknecht zubringt, so werde ich mir am 1. Januar 1898
gestatten, ihm eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen in bar zu
überreichen. Wenn unser Herr Trautendorffer den sittlichen Charakteren
auch nur einen Tag früher entlaufen sollte, so würde er zwei volle
Jahre lang ohne Gehalt bei der ‚Kontinental-Post‘ den Mantel nach dem
Winde drehen!“

„Genagelt und gesiegelt!“ rufe ich zustimmend.

„Dann wollen wir es nur noch beim Notar aufstellen lassen.“

„Ganz überflüssig. Drei Zeugen sind gegenwärtig. Ich gebe mein
Ehrenwort!“

Erschrickst du? -- Ich war ja selbst erschrocken am nächsten Morgen und
Kollege Doktor Wegmacher meinte, Weinlaunen-Abmachungen hätten keine
Gültigkeit.

„Sie +haben+ eine!“ fuhr ich ihn wütend an. „Das Ehrenwort laß ich
nicht lumpen!“ --

Es sollen ja ein paar Tropfen Bauernbluts in mir sein, auf Umwegen. Vom
dritten Glied aufwärts mütterlicherseits, will mein Oheim gewußt haben.
Nun, so wollen wir sie halt versuchen, die Renaissance. Ich habe schon
manches mitgemacht auf diesem Erdenhaspel. Der Schmied hat zum Glücke
noch etwas Eisen in mein Blut gethan, der Soldat Kurasch und Gehorsam,
der Zeitungschreiber die nötige Wurstigkeit -- lauter Dinge, die dem
Bauernjodel bekommen werden. Vielleicht gelingt’s, diese bereits
schäbig werdende Menschenseele auszulüften, der Lohn ist auch nicht
schlecht und dann thue ich mir auf etliche Jahre einen guten Tag an.

Also ist es beim trotzigen Ernste geblieben und anfangs ~anno~
dieses bin ich gegangen. Einfach großartig bin ich ausgezogen in meinem
Touristenanzug und mit dem Handbündel voll irdischer Güter, die man an
den Stock steckt und über die Achsel wirft. Die Herren suchten solche
Schicksalswendung immer noch auf einen Ulk hinauszuspielen, ich wandte
ihnen den Rücken und ging.

Aber geplagt hat’s zuerst, der Satan noch einmal! Länger als vierzehn
Tage lang umherstromern -- brotlos. Gar viel länger hätt’s nicht mehr
gelangt, so wär’s zum blanken Betteln oder zum Stehlen. Da habe ich
mir gedacht, machest einen Knoten im Sacktuch und lästerst nicht
gleich, wenn ein armer Landstreicher vor dem Gendarmen daherspaziert
mit dem haltbaren Armband.

In einem Gebirgsweiler, Hoisendorf im Almgai, habe ich mich schlechten
Wetters wegen ein paar Tage aufgehalten und in dieser Gegend scheint
dein Sonderling kleben zu bleiben. Dort im Wirtshause that ich mit
einem jungen Manne, der mir wie ein blatternarbiger Forstgehilfe
vorkam, Karten spielen. Blatternarbige Gesichter haben mir immer
gefallen, sie zeugen von einem glücklich ausgefochtenen Duell mit
dem Sensenmann. Nur die Augen, die wasserblauen, waren mir an diesem
Forstjungen zu stadtmännisch, sie waren eingeglast. Dabei waren sie
noch das Anmutigste an dem ganzen vierschrötigen Burschen, der die
Worte schlechter warf als die Karten und mit seinen langen Armen
und Beinen aller Augenblick irgendwo anstieß. So oft er das Spiel
gewann, tröstete er mich, daß ich wohl umsomehr Glück in der Liebe
haben werde. Ich und Liebe! Gnädiger Gott, wo sind die Zeiten! Das
heißt!.... Die Gewinnkreuzer wollte er nicht annehmen, wir hätten ja
nur aus Langeweile gekartelt, und Geldverlieren wäre noch schlimmer
als Langeweile. Als ich ihm die Heiligkeit der Spielschulden darthat,
die sogar jeder Lump bezahlt und sollte er so und so viel ehrliche
Leute darum prellen müssen, nahm er das Sündengeld, lud mich aber dafür
in sein Haus auf eine Tasse Kaffee. Warum ich dir diesen Forstjungen
so gewissenhaft vorstelle? Weil es kein Forstjunge war, sondern
der Schullehrer. Und warum ich dir den Schullehrer von Hoisendorf
beschreibe? Weil er mein Wegzeiger ward nach dem Orte meiner
Bestimmung.

Es ist ein Schullehrer ohne. Ich neckte ihn darob. Ein richtiger
Dorfschullehrer müsse ein kleines Frauchen und ein halb Dutzend
Buben haben. Während des Kaffeekochens sagte er mir, weshalb die
verheirateten Schullehrer lauter Buben kriegen. Das komme auf die
Ernährung an. In Hyrtl will er’s gelesen haben. Die Buben kommen von
der Spärlichkeit, die Mädeln von der Üppigkeit -- Na, was man auf der
Universität in Hoisendorf alles weiß!

„Meine Familie!“ Mit diesen Worten hat mir der Schelm dann seine
Bücher vorgestellt. Sie waren in einem Glaskasten wohl geordnet. Eine
ehrenwerte Versammlung der Vertreter aller Richtungen, Walter Scott,
Lessing, Schiller, Zola, Keller, Spielhagen, Baumbach, Bierbaum.

Wieso er als Besitzer solcher Schätze zu den Spielkarten greifen könne?

Ja, weil ich ihn gedauert hätte. Mit Büchern mache man eingeschneiten
Touristen keine Freude.

„Ich bin kein Tourist. Mich müssen Sie zu den Bauern thun.“

„So, so. Dann werden auch wieder besser Spielkarten passen, als Bücher.“

„Bleiben also die Bücher Ihnen ganz allein?“

„-- Das heißt. Es giebt schon auch hier Leute, die mitunter gerne ein
Buch lesen...“ Hier brach er ganz plötzlich ab.

Als ich ihm nach dem Kaffee eine Cigarre reichte -- mein Himmel! An
der umgekehrten Seite hat er sie in Brand gesteckt und plagte sich dann
redlichen Fleißes mit ihr ab, bis ich ihm den Stengel wieder aus der
Hand nahm.

„Wenn Ihnen das Laster nicht Spaß macht, so lassen Sie’s bleiben.“

Darauf entgegnete er auffallend: „Wenn der Spaß, der manchmal dran
hängt, das Laster noch immer entschuldigen möchte!“

„Nicht wahr, Herr Lehrer!“

Der Bursche war in eine absonderliche Verlegenheit gekommen und stieß
unversehens den Kaffeetopf um, das braune Bächlein schlängelte sich
über den Tisch hin.

„Jetzt fehlt die Hausfrau!“ neckte ich, „das gäbe den schlechtesten
Witz, den schönsten Verdruß und am Abend natürlich die reizendste
Versöhnung.“

„Wegen der paar Tropfen giebt’s bei uns keinen Verdruß.“

„Wie, Sie haben doch Eine?“

Der Lehrer -- krebsrot im Gesicht.

Und hier, mein Freund, machen wir „Fortsetzung folgt“. Denn die
Talgkerze meiner Stalllaterne ist herabgebrannt, ich habe mich ganz
warm und lustig geschrieben. Ich kann’s nicht lassen und ich kann’s
nicht lassen. Am nächsten Sonntage weiteres.

    Dein Hans in den Wolken.

[Illustration]



    +Adamshaus+, am vierten der Sonntage, die ich
    mit Bangen zähle und mit Leidenschaft erwarte.


Und nun, mein Freund und Professor, vollende ich das welthistorische
Dokument vom Vorigen, damit du endlich erfährst, wo dein Narr
eigentlich ist und wie er hierher kam.

Anstatt weiter in das Geheimnis des Lehrers von Hoisendorf zu dringen,
fragte ich frischweg, ob er glaube, daß man da in den Berghäusern herum
nicht irgendwo einen Knecht brauchen würde?

„Und ob!“ rief er aus. „Wenn nur einer käme! Alles was arbeiten kann,
geht davon, muß vielleicht davon gehen. Oder es ist sonst ein Unglück.
Niemand ist, der um Geringes dienen mag, dabei alles so unwillig. Und
die großen Ansprüche der jetzigen Dienstboten können von unseren armen
Bergbauern nicht befriedigt werden. Es ist ein rechtes Kreuz.“

„Ich wüßte einen billigen Knecht.“

„Billig? Dann wird er wahrscheinlich nicht viel wert sein.“

„Der gute Wille ist gewiß vorhanden, dafür kann ich bürgen. Gesund und
stark ist der Kerl auch. Ein bißchen Nachsicht anfangs, die dürfte er
nötig haben.“

„Da könnte ich gleich einen Platz nennen,“ sagte der Lehrer. „Aber
ganz oben bei der Alm. Die letzten Häuser. Im Adamshaus heißt’s bei
dem einen. Weitläufige Grundstücke und keine Leute dazu. Der Bauer
ist kränklich, der älteste Sohn ist bei den Soldaten. Der jüngere ist
von einem Jäger zum Krüppel geschossen worden. Der allerjüngste geht
noch in die Schule. Ferner --“, er steckte klirrend die Kaffeemaschine
zusammen -- „ist noch eine Tochter da. -- Alles soweit brave Leute. Es
ist traurig jetzt.“

Am nächsten Morgen waren trotz des Schneegestöbers mehrere Kinder
gekommen. Alle in dicke Lappen eingemummt, so daß nur die roten
Nasenzipfchen hervorlugten, und die zumeist ganz frischen Gucker. Ein
schlanker, etwa dreizehnjähriger Knabe hatte sogleich, als er ins
Schulhaus trat, alle überflüssigen Hüllen von sich geworfen, daß der
Schnee aus denselben stäubte. Dann gab er ein paar Bücher ab. Im runden
Gesicht glühte er und voller Leben war er.

„Franzel, komm her!“ rief ihn der Lehrer vor. Und zu mir: „Das ist
einer von der Adamshauser Familie. -- Sag’ es, Junge, ist der Weg zu
euch hinauf leidlich?“

„Ich bin auf dem Brett herabgerutscht,“ war der kurze Bescheid.

„Wenn du nach Hause gehst, will ich dich begleiten,“ hat darauf dein
Hans zum Schulknaben gesagt.

Da blickte der Lehrer mich forschend an. Und jetzt mußte das Geständnis
gemacht werden, daß ich selbst der Mann bin, der eine Dienststelle als
Knecht sucht.

Nun war aber zu merken, daß der Lehrer bestürzt wurde. Dann begann
er zu warnen, er hätte gemeint, ein anderer. Wenn das wirklich mein
Ernst wäre -- für einen Menschen wie ich, sei der Platz im Adamshause
durchaus nicht geeignet. Armut und Niedergeschlagenheit, um nicht
zu sagen, ein wahres Elend. Wer dort oben den rauhen Wind, die
ungute Kost, das schlechte Lager und die schwere Arbeit aushalte,
den stelle er sich doch anders vor. Nun, es wäre lächerlich, es wäre
wahrscheinlich auch nur gefoppt. Übrigens gehe der Knabe an diesem
Tage gar nicht nach Hause, der bleibe bei solchem Wetter über Nacht in
Hoisendorf und ich würde dazuschauen müssen, thalwärts zu kommen, ehe
der Schnee alle Wege vermauere.

Das hat mich nicht mehr irre gemacht. Habe mein Handbündel geschnürt,
meine Wirtshausrechnung beglichen (für zwei Tage und zwei Nächte
mitsamt Zehrung einen Gulden vierzig Kreuzer, wozu der Wirt noch
bemerkte, daß es Einheimische billiger bekämen), und bin fortgegangen.
Aber nicht thalab, wie der wetterwendische Wegweiser riet, sondern
thalan, wie er es zuerst gemeint hatte, entlang dem Bach, der unter
der Schneedecke murmelte. Das Gestöber war so dicht, daß kein Haus und
kein Berg und kein Weg zu sehen war -- eine weiße Nacht um mich; wo
der scharfe Wind nicht kratzte, prickelten die Flocken an den heißen
Wangen. Immer dem Wasser entlang, hatte mir der Wirt gesagt, bis zu
einer Mühle und dann noch zu einer Mühle und bei der dritten Mühle
links den Berg hinan.

Die Mühlen kamen ganz vorschriftsmäßig, aber bei der dritten war
zuerst einmal kein Berg da, an den man hätte hinan können. Ich ging
über den Steg, auf welchem menschliche Tritte eingedrückt waren.
Diesem Pfade folgte ich bis zum Bergabhang, und quer die Lehne hinan
zwischen Buschwerk und schütteren Baumbeständen, die alle ihre spitzen
Schneehauben aufhatten und bisweilen eine ganze Wucht auf den Wanderer
niederstäubten.

Und bei diesem mühsamen Ansteigen in der Stille des lautlos schneienden
Nebels, da ist’s mir in den Sinn gekommen! Wie einsam! Wie einsam doch
mancher Mensch sein muß auf dieser Welt! --

Und sehe ich auf einmal durch den Schneestaub vor mir einen Menschen.
Unter einem Lärchbaum auf dem Schnee ist er gesessen. Ein Mann
war’s, tief in sich zusammengeknickt, auf der Achsel hatte er ein
Doppelbündel, eins hinten und eins vorn. Ein vollgepfropfter Mehlsack,
allem Anschein nach wesentlich schwerer, als mein Handbündel. Der Mann
schnaufte, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn
und schnaufte und schnaufte. Jung war er nicht mehr.

Ich trat ganz zu ihm hin: „Was meint der Vater, wenn wir Bündel
tauschen thäten?“

Er atmete.

„Darf ich euch nicht helfen tragen?“

„Vergelt’s Gott. Wer was hat, der -- der soll’s auch selber tragen.“

„Der Vater kann ja kaum schnaufen!“

„Ist wahr, ist wahr. Der Lungendampf.“

Da habe ich ihm den Mehlsack abgenommen. Vor mir ist das Männlein
mit dem Stock und den unsicheren Beinen im flaumigen Schnee aufwärts
gestiegen. Immer stehen bleiben hat er müssen, und atmen, immer atmen.
-- Und zu dieser Stunde, mein Alfred, hat’s in mir einen Schnapper
gemacht.

Wie der arme, mühselige Mensch so vor mir ansteigt, entlastet,
erleichtert, weil ich der Mühlesel bin, da trifft’s mich urplötzlich:
+Das ist’s!+ -- Alles, was du bisher erlebt, erstrebt, geleistet
hast, Hans, es ist nichts. Spät bist du dran, aber du bist dran. Was
du jetzt thust, das ist das erste Tagewerk deines Lebens. -- Und ist
mir so warm geworden hinter der mageren Geldkatz’, und ist mir so helle
geworden, als hätte jemand Freudenfeuer angezündet im Hirnkasten und
in allen vier Kammern des bekannten Pumpwerkes zugleich. Hans! hat’s
gerufen, wie die Stimme meiner seligen Mutter, wenn sie uns Kindern aus
der Postille las: Hans! den Mühseligen und Beladenen hilf tragen! --

O mein Freund! Was ist in diesem Augenblick nicht alles
zusammengebrochen von dem Trödel! Die „Kontinental-Post“ hat unser
Doktor Stein von Stein letzthin auf anderthalb Millionen Gulden
gewertet, dabei nicht einmal den „unermeßbaren moralischen Wert“ mit
einbeziehend. Aber ich sage dir, es giebt Augenblicke im Leben, wo ein
Mühlesel...

Doch es müßte einer sein, der auf seine Mühleselei nicht sofort
hoffärtig wird.

Der Reihe nach kann ich jetzt gar nicht erzählen, so stürmisch ist’s
noch in mir. Kann’s immer noch nicht begreifen, wie es möglich ist,
hier in einer vom anstoßenden Ochsenstall erwärmten Kammer auf
einem dreifüßigen Rundstuhl zu sitzen und auf der wurmstichigen
Gewandtruhe meinem Freunde in die ferne Stadt zu schreiben, in die
+ferne+ Stadt, die wie ein Traum ist. Mit diesem selben Stifte
habe ich vor wenigen Wochen doch noch so vorwitzig und aufgeblasen von
Volkswirtschaft geschwatzt? Nicht? Du glaubst es nicht, Alfred, wie
dumm der Stadtmensch ist, wenn er klug über ländliche Verhältnisse
reden will!

Ich sage dir nur, das Herz möchte einem ausbluten. Es ist ein heiliges
Elend. -- Mit Frevelhaftigkeit, däucht mich jetzt, bin ich in einen
Lebenskreis gesprungen, in dem vor der Größe der Sorgen und des Leidens
jedes frivole Wort auf den Lippen erstarrt. Heute finde ich nimmer
den Ton, den Herren der „Kontinentalen“ zu schreiben. Seit ich über
die Schwelle dieses alten Patriarchenhauses getreten bin, muß ein
Schlagbaum niedergefallen sein zwischen mir und jenen losen Vögeln.
Weiß nicht, bin ich krank oder gesund worden. Sie würden witzeln: Er
hat sein Herz entdeckt. -- Ich weiß nicht, was werden soll, ob es nur
eine windige Stimmung ist oder ein mannbares Aufrichten. Alfred, bleibe
du jetzt neben mir stehen. Erlaub’, daß ich dir alles mitteile, was
an mich prallen wird, was in mir wach wird, hilf mir über dieses Jahr
hinweg. Es ist ein abenteuerliches, ein dunkles Jahr. Wache du, daß
ich den Faden nicht verliere, der mich leiten und wieder hinausführen
soll zum richtigen Thor. Wenn du meine Hand jetzt fassen könntest, noch
hat sie nicht die lederfesten Schwielen! sie hat an der Innenseite
Stellen, die sich häuten, die noch schmerzen, an meinen Schultern und
Hüftknochen blaue Flecken. Und sie sagen, das, was in diesen wenigen
Tagen war, sei noch gar keine eigentliche Arbeit.

Mein Vorsatz, auszuhalten, steht leidlich fest -- zeitweise. Nur
gestern abends, liegend im Holztrog auf dem Strohkissen, mit
übelriechenden Schafhaarkotzen zugedeckt, von der Wand, von der Decke
Wasser auf mich tropfend, in meinen Eingeweiden die Roggenklöße und
die mit Speck geschmälzten Bohnen wühlend -- da hub es an, in mir zu
zagen. Wie jedoch am heutigen Frühmorgen die Sonnenscheibe heraufkam
über den kahlen flachen Almrücken und wie das winterliche Gebirge in
purpurner Verklärung dahingetragen stand unter dem blauen Himmel,
während unten in den Gräben und draußen in den Thälern das bleigraue
Geschiebe des Nebels lag -- da habe ich dir jauchzen müssen. Mein
Hausvater hat ein verwundertes Gesicht gemacht, daß es noch Knechte
giebt, die jauchzen. Früher wäre das wohl vorgekommen, aber jetzt
thäten die Leute lieber fluchen. Das hielten sie für vornehmer. --
Offen gesagt, will ich mir auch das Fluchen nicht verschwören. --
Wenn’s Herzerleichterung macht, warum nicht? Ein zorniges Beten, was
ist es denn anders?

Du merkst, daß ich schon anfange, die bäuerlichen Laster zu
verteidigen. Sollte ich mich mit der bäuerlichen Tüchtigkeit
auch so leicht befreunden, dann müßte man mich bei der nächsten
landwirtschaftlichen Ausstellung prämiieren lassen und in ein
Raritätenkabinet stellen: Belieben hereinzuspazieren, meine
Herrschaften! Hier ist das achte Weltwunder zu sehen: Ein Stadtherr,
der Bauer geworden ist! -- Na nu! Journalisten-Bummelwitzigkeit! Will
schon fleißig mit Kuhmist desinfizieren, daß das Ungeziefer nicht
wieder überhand nimmt.

Mein Hausvater hat keine Ahnung, welches Ungeheuer unter seinem
Dache haust. Von diesem Hause und von diesen Leuten will ich dir das
nächstemal berichten. Der Brief muß doch endlich ab.

Ich bitte dich um eins, Professor, teurer Doktor der Philosophie --
verlaß mich nicht!

    +Dein Hans.+



    +Adamshaus+, am fünften Sonntage.


Dank, mein Freund, und ewigen Dank für dein Schreiben, für deinen
Zuspruch. Weil du mich nur keinen Thoren genannt hast. Alles andere
erträgt sich. An meiner Willenskraft, hoffe ich, wird’s nicht fehlen.
Einmal ein Jahr lang zu unserm Herrgott in die Schule gehen! Ein
besseres Wort hättest du mir nicht können sagen. Und daß mich wohl das
Mitleid in dieses Haus gebracht hätt’, stimmt auch zur Not.

Wie vor ein paar Wochen einem erschöpften Mann der Mehlsack abgenommen
und herauf zu seinem Hause getragen worden ist, das weißt du. Es war
der Adamshauser, von dem vorher der Schullehrer gesprochen. Sein Hof,
hoch an der Bergstirn, liegt unter alten Ahornen fast stattlich da. Als
wir ins Haus traten, wies der Bauer mit beiden Händen auf mich und rief
in kurzen Atemstößen seinem Weibe zu: „Der da! Wenn er hätt’ wollen,
hätt’ er mir mit meinem Mehl zum Teuxel gehen können. Ich wär’ ihm
heut’ nit nachgelaufen. Weil’s mich wieder hat. Meinen Rauch, Mutter!“

Gab das Weib zurück: „Wie ich halt sag! Weltfremde Leut’ sind immer
einmal besser, als wie die lieben Nachbarn.“

Dann nahm sie eine Blechpfanne mit glühenden Kohlen, that getrocknetes
Kraut hinein, hielt sie dem Manne, der in einen Lehnstuhl gesunken
war, vors Gesicht. Den aufsteigenden Rauch atmete er ein. So ein paar
Minuten lang, dann stemmte er die Hände seitlings an die Brust, atmete
hoch auf und sagte: „Gott sei Dank, vorbei ist’s wieder!“

Nun mischte ich mich mit der Frage ein, was sie denn in der Pfanne
verbrannt hätten?

„Hexenkraut!“ antwortete das Weib.

„Ist nit so schlimm wie der Name,“ setzte der Mann bei, „für den
Lungendampf gar kein besseres Mittel. Jetzt sollt Ihr wohl Euren Rock
austhun und rasten. Und die Stiefel abklopfen, sonst thun sie so viel
nassen. Endlich ist er doch da, der Winter. Das Jahr hat man schon
gemeint, es kommt keiner.“

„Wenn Ihr an Asthma leidet, solltet Ihr Euch doch schonen und einen
Knecht in die Mühle schicken?“ So ich.

„Einen Knecht? Hab’s eh gethan? Hab’s eh gethan.“

„Das ist gewiß,“ gab das Weib bei, „weil er selber sein Knecht ist. Und
sein bester auch noch.“

Das grauende Haar strich er mit flacher Hand über die Stirn herab und
fast munter guckte er drein über den Spaß, daß er selber sein bester
Knecht sei. Bald habe ich allerlei erfahren. Der älteste Sohn ist in
Laibach Soldat. Der andere liegt im Nebenstübel und wimmert.

„Auf den ist so viel geschossen worden!“ sagte das Weib.

„Auf den Soldaten?“

„Aber nein, auf den andern. Es geht nit recht her auf der Welt.“

„Laß es gut sein, Mutter,“ wies der Mann zurecht. „Mir ist es lieber,
wie es ist. Es kunnt ganz anders sein. Im Kotter kunnt er sitzen,
anstatt da drinnen liegen. Er hätt’ sich abscheulich vergessen können.
Wenn einer +so+ vor dem Jäger steht. Auf ja und nein kann ihn Gott
verlassen!“

„Was hätt’s denn gemacht?“ rief das Weib erregt und mit den
krummgebogenen Armen zitternd, „wenn sie den einen Buben beim Militari
zum Leutderschießen einlernen, so wird der andere sich wohl auch um
sein Leben wehren dürfen!“

„Mutter,“ beschwichtigte er, „mußt nit wieder sper werden. Wenn sie eh
so bös brennt, die Wunden, wenn sie eh so bös brennt! Mußt nit auch
noch alleweil Scheidewasser draufgießen. Ein Lackerl Milch, wenn du ihm
kochen wolltest. Dem da. Fürs Mehltragen, daß er so gut ist gewesen.
Und ich muß jetzt zum Vieh.“

„Ihr habt wohl eine große Wirtschaft?“ So meine Frage.

„Zum Prahlen wär’ sie zu klein und zum Dermachen ist sie zu groß.“

„Dann solltet Ihr doch einen Knecht nehmen.“

„Nehmen!“ kreischte sie lachend auf. „Das ist leicht gesagt.“

„Es ist halt keiner zu kriegen,“ setzte er bei.

Sagte darauf ich: „Manchmal gäbe es ihrer vielleicht doch.“

„Und keiner zu bezahlen!“ so er.

„Und keiner zu köstigen und zu gewanden!“ so sie.

„Thun ja hell brandschatzen, die Dienstboten, heutzutag,“ so er.

Und sie: „Zu schlecht ist ihnen schon alles. Haben im vorigen
Sommer zum Heuen so eine Gnad’ gehabt, eine zweifüßige. Eh von der
Nachbarschaft einer. Ein ausgedienter Soldat. Beim Militari, von
Obristen abschanden lassen wie ein Mistbub, aber daheim vom Hausvater
kein ungeschaffen Wörtel annehmen. +Solche+ Dienstleut! Da arbeit’
ich lieber Tag und Nacht selber. Ist ja wahr auch! In der Kasern, ja,
da lassen sie sich das Hungerleiden schön gefallen, aber nachher auf
der Bäuerei stoßen sie die Erdäpfelschüssel mit der Faust über den
Tisch hin: Das wär’ ein Fressen für die Säue! Mein Lebtag hat mir noch
keiner mein Essen verschmäht, als wie der. Aber dem kommt’s heim. Dem
kommt’s noch heim. Denkt’s, daß ich’s gesagt hab!“

„Thu dich nit anzünden, Mutter,“ beschwichtigte wieder der Bauer. „Ist
eh arm dran, so ein Mensch, wenn sein schwacher Magen nit einmal mehr
ein Erdäpfelsterzel verkochen kann. Nit einmal ein Erdäpfelsterzel!“

Jetzt habe ich mir einen Anrand genommen. „Bauersleute,“ sage ich,
„wenn euch mit mir geholfen wäre. Ich habe schon allerhand probiert auf
der Welt, Hartes mehr wie Leichtes, so wird mich das Bauerndienen auch
nicht umbringen. Wenn ich auch kein Geborner bin. Was man nicht kann,
das lernt man und was einem etwa nicht taugt, das gewöhnt man. Um Kost
und Schlafstatt werde ich nicht greinen, und Jahrlohn, was ihr leicht
mögt. Nicht etwa, daß mir just ums Winterdach zu thun wäre, will auch
im Sommer bei euch bleiben und wegen keiner schweren Arbeit verzagen.
In allem Ernst, Leutlein, wenn’s euch recht ist, so bleib’ ich da.“

So, mein Freund, habe ich mich hinwerfen müssen, ist das nicht tapfer
gewesen? Und habe dabei gar nicht einmal auf mein Ehrenwort gedacht,
als vielmehr, daß mich die armen Hascher erbarmen. -- Bin doch ein
schrecklich edler Mensch! Wie also das gesprochen war, sind sie vor mir
alle zwei dagesessen, haben sich angeschaut und nichts als angeschaut.
Er hält über den Magen die Hände gefaltet und endlich ist er doch so
weit, zu sagen: „Da weiß der Mensch gar nit, wie ihm geschieht.“

Sie hingegen hat ein schlagenderes Wort. „Richtig wahr,“ sagt sie,
„mehr kunnt ein Spitzbub auch nit versprechen.“

Aber er: „Ungeschickt, ungeschickt, Mutter! Wenn’s ein schlechter
Mensch thät’ sein, wär’ er mir mit dem Mehlsack davon, unten auf der
Brandlahn. Weißt, wie sie voriges Jahr dem Gleimer-Stindl die Kasbutten
weggenommen haben. Unser Herrgott ist hoch oben und der Schandarm weit
weg.“

Ein förmliches Gericht war’s, das ich über mich habe ergehen lassen
müssen. Nachdem sich das Paar noch um mancherlei erkundigt hatte, nicht
zuletzt nach meiner Religion, kam es endlich dahin überein, dieser
weltfremde Mensch müsse rein von der heiligen Nothburga geschickt
worden sein, zu der sie, wie ich nun weiß, jeden Abend beten um
Beistand.

„Machen wir’s halt so,“ sagte der Adamshauser endlich, „wenn’s schon
dein freier Willen ist -- jetzt sag’ ich halt gleich: du. Aber fürs
ganze Jahr festbinden, das nit. Heut taugt’s dir in der warmen Stuben,
morgen kunnt schön Wetter sein und deine Füß’ hübsch ausgerastet. Und
bleiben wir beisammen, so hat man halt sonst vierzig Gulden Jahrlohn
gegeben und das Gewand. Ist freilich nit viel. Bleibst halt so lang du
magst.“ --

So, alter Freund, jetzt hast du sie gesehen und gehört, meine neuen
Hausherrenleute.

Willst du auch den Hof sehen? Auf der Höhe eines Bergausläufers
liegt er gar behäbig da mit seinen braunen Holzwänden und den weit
vorspringenden Bretterdächern. Vor dem Hause senkt sich die Feld-
und Wiesenlehne bis ins Engthal hinab zum Bache. Neben dem Hause
kahle Laubbäume, die im Sommer wahrscheinlich grünen werden. Hinter
demselben, gegen die Almen hinan, kümmerlicher Nadelwald. Seitlings hin
ein mit Buschwerk bewachsener Rain, bis zur Schlucht, wo unter einer
Altfichte ein zweites Haus ist, das zum Hof gehörige Ausgedingegütel;
jetzt steht es leer. -- Die Hausthüren sind so eingerichtet, daß jeder
Eintretende sich tief verneigen muß vor den Inwohnern, sonst stößt er
sich den Schädel entzwei. Aber auch den Ausblick in die weite Welt
gestatten die niedrigen, mit gekreuzten Eisenspangen vergitterten
Fensterchen nur in Stellung der Demut. Auf dem Drambaum in der Stube
des Adamshauses steht die Jahreszahl 1650. Das ist gar nicht lumpig!
Die große Stube ist Küche, Eßzimmer und Wohnraum für alle, auch für
die Hühner, deren Käfig unterhalb des Herdes in der Mauernische sich
befindet. Außerdem hat das Haus noch etliche Kammern für Schlafstellen
und Vorräte. An der Außenwand ein paar Bienenstöcke, die leer sind.
Die Ställe und Scheunen sind weitläufig und deuten auf eine große
Wirtschaft in früherer Zeit. -- So, nun kennst du auch meine jetzige
Heimstätte.

Mir ist eine Kammer neben dem Ochsenstall angewiesen worden, „dem
Valentl seine“. Kommt er auf Urlaub heim, so heißt’s umsiedeln.
Das Innere der Apartements will ich dir später einmal beschreiben,
jetzt heißt’s Berufsinteressen voran. Der Hausvater hat mir schon am
zweiten Tage all’ seine Schätze gezeigt: Heu, Stroh, Getreide, Hafer,
Flachs, Hanf und mit besonderem Stolz den großen Dunghaufen im Hofe.
Mühe wird’s schon kosten. Augenblicklich ist mir der Unterschied
zwischen Roggen und Gerste, zwischen Flachs und Hanf nicht klar.
Beim Vieh wird’s einigermaßen leichter gehen, obschon mir heute noch
unbegreiflich ist, wie man zwei schwarze Lämmer oder zwei scheckige
Kalben von gleicher Größe soll unterscheiden können. Meine Hausgenossen
haben das auf den ersten Blick los und es scheint, daß die Tiere für
ein geübtes Auge ganz die individuelle Physiognomie haben, als die
Menschen. Ein Hirte soll aus hunderten von Schafen jedes für sich
erkennen.

Meine erste Obliegenheit wurde das Abfüttern der Ochsen, Kalben und
Schafe. Das ist aber nicht etwa, als ob man ihnen Heu oder Gehacktes
nur gleich so hinwerfen dürfte, wie in einer schlampigen Menagerie. Die
Haustiere haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Pflichten und Rechte
und sind nicht gesonnen, sich wie wilde Tiere behandeln zu lassen. Da
giebt’s des Tages bestimmte Mahlzeiten und eine genaue Zubereitung
von Heu, Rüben, getrocknetem Laub mit Aufguß, Heublumenmehl, Salz
u. s. w., was für den Neuling um so schwerer zu treffen ist, als weder
geschriebene Rezepte noch Kochbücher dafür vorhanden sind.

Und nun sage ich dir, Philosoph, daß solcherlei noch gar nichts ist,
nicht einmal der Anfang. Aus den flüchtigen Andeutungen, die mein
Hausvater mir bisher gemacht hat, merke ich, daß die Kenntnis des
Bauernwesens eine ganz respektable Wissenschaft bildet -- in allem
Ernste. Und eine Kunst noch dazu, denn das muß nicht bloß verstanden,
es muß auch ausgeführt werden. Das wird plagen. Wenn der „Volkswirt“ im
Zeitungsblatt einen Stiefel sagt, so rührt sich darüber keine Katze und
der Schreiber ist ein gelehrter Mann. Wenn aber der Bauer einen Unsinn
macht, so fault das Heu in der Scheune, schimmelt das Korn im Sack,
verreckt das Rind im Stall. Ja, Bauer, das ist was anderes!

Nun möchte ich dir aber vom ersten Tage noch etwas erzählen. Da war
mir gar so eigentümlich zumute. Als die Hausmutter das Herdfeuer
anzündete setzten wir uns auf Bank und Block um den Herd, weil des
Aufrechtstehenden Haupt zu hoch in das graue Gewölk des Rauches
hineingeragt hätte. Dieser Rauch fließt nur langsam durch einen
Wandschuber ab, ins Vorhaus, wo er durch einen Holzschlauch übers
Dach hinaus geführt wird. Der Hausvater fettete ein paar derbgebaute
Schuhe mit Schweinsschmiere ein. Die Hausmutter schmorte in der
Pfanne Kartoffeln und mir war die Aufgabe zugefallen, von einem
großen Schwarzbrot Suppenbrocken abzuschnitzeln für das bevorstehende
Nachtmahl. Plaudersam waren wir gerade nicht. Mich schützte vor
Langeweile nur die Mühe meines Brotbrechens. Die Hausmutter merkte
meine Unbeholfenheit und sprach: „Du -- du! Wie heißt du denn?“

„Hans, wenn’s recht wär’.“

„Du, Hansel, ich sag’ dir was. Deine Brocken werden zu dick! Du kannst
es nit recht.“

Na, gute Nacht, Knecht! Wenn du das Brot nicht einmal aufschneiden
kannst, wie wirst es erst verdienen können!

Rief in der Nebenkammer plötzlich jemand nach der Mutter. Sie
ging hinein. Durch die offene Thür sah ich, daß es da drin ganz
feierlich war, wie in einer Kapelle. Ein weißgedeckter Tisch, auf
dem ein Wasserglas mit brennendem Öllichtlein stand. An der Wandecke
Heiligenbilder, kleine bunte böhmische Glasmalereien. Daneben ein
hochgeschichtetes Bett, in demselben ein junger Mensch, an dem Kissen
lehnend. Auf der blauen Decke hatte er seine rechte Hand liegen. Die
war mit Lappen umwunden. Das Gesicht glatt, fein und weiß wie eine
italienische Marmorarbeit; aber große, dunkle Augen, an der Oberlippe
einen Bartschatten. Zwischen den zuckenden Lippen schimmerten Zähne,
das braune Haar üppig, verworren, es wühlte die linke Hand drin. Wie
man manchmal schon alles so auf einmal sieht. Ein bildschöner Mensch.

Der hatte nach der Mutter gerufen. „Ist die Barbel nit da?“ fragte er.

„Was willst ihr denn, Rocherl?“

„So viel weh thut’s wieder.“

„Sei getröstet, Kind,“ sagte die Mutter. „Ich will dir frisches
Schusterpech auflegen und nachher wieder gut einbinden.“

„Dank Euch Gott, Mutter. Aber die Barbel -- die, die soll’s thun. Bei
der Barbel thut’s nit so weh.“

„Sie thut halt noch haarkampen draußen in der Hinterstuben.“

Am Ende, mein Professor, weißt du jetzt nicht, was haarkampen heißt:
Gebrochenen Flachs durch die Hechel ziehen, um die Agen abzustreifen.
-- Endlich weiß ich einmal mehr als du. +Das+ thut wohl!

Ich bin dann hineingegangen und habe mir die Schußwunde zeigen lassen.
Knapp hinter dem Gelenke ein rundes Loch, mit gestocktem Blute
verstopft, die Haut ringsum gerötet. Eben war das Pflaster, eine
schwarze, zähklebrige Masse, losgelöst worden. Auf meine Frage, ob die
Kugel schon entfernt sei, hieß es, das Schusterpech werde sie schon
herausziehen.

Nun kam das Mädel herein. Auch die muß sich an der Thür bücken, so groß
ist sie. Aber sie bückt sich nicht oben, sondern unten -- ein Knixlein
und durch ist sie. Wie Leute nur so schlank und so gerade wachsen
mögen, wenn sie sich jeden Tag unzähligemale einschnappen müssen!
Im Arm hatte sie Flachsstrehne, die legte sie sorgfältig über eine
Stuhllehne; auf dem Kopfe hatte sie einen alten schwammigen Filzhut,
den hing sie flink an den Wandnagel.

„Bist schon brav, Barbel, daß du auf meinen Bräutigamhut schön acht
giebst!“ lobte der Hausvater. „Wohl, wohl, in dem Hut hab’ ich deine
Mutter in die Kirchen geführt. Selben hat ein sauberer Buschen drauf
gesteckt und heut’ sind die Schaben dran. Herentgegen ein frisch
Gesichtel darunter, das macht auch einen schäbigen Hut schön. Na halt
ja, einen Spaß muß man auch haben.“

Dieser gemütliche Stolz auf seinen Bräutigamhut und auf seine Tochter
stand dem Alten entzückend. Schon deswegen müßte man ihn gern haben.
Jetzt besah ich mir aber auch die Barbel.

Himmelkreuzstern, Doktor, +das+ ist ein Mädel! --

    Hans.



    +Adamshaus+, am sechsten Sonntage.


Beim Mädel, nicht wahr, bin ich stehen geblieben, das vorige Mal.

In deinem Speisezimmer hängt ein Bild von ihr. Du nennst sie die
„Sixtinische“. Wahrlich, nichts fehlt unserer Barbel dazu, als das
Kind. Bei euch drin in der Stadt wäre ein solches Wesen unmöglich.
Unmöglich, sage ich dir! Die begehrenden Männeraugen hätten diesen
Hauch versengt. Es ist noch der Reif der Traube an ihr. Sie hätten den
Schmelz dieser Augen ausgesogen, diese Lippenknospen versehrt, sie
hätten diese reine, herbe Seele längst zu einem koketten Damengeistlein
gemacht. Obschon das gar nicht möglich zu sein scheint. Ich gönne
das Mädel keiner Stadt und keinem Palaste, ich gönne es niemandem,
auch dir nicht -- auch mir nicht. Ich stehe abseits und betrachte es
voller Ehrfurcht, das dumme Ding, das seit drei Wochen kaum dreißig
Worte zu mir gesprochen hat. So ernsthaft und verschlossen sein, wenn
man so lachend aufgeblüht ist! Nur mit dem Rocherl scherzt und herzt
sie, mit dem durchschossenen Bruder. Wenn das Mädel bei ihm ist, thut
ihm kein Blei weh in der Hand, da lacht er und schalkt und schaut ihr
so treuherzig ins Madonnengesicht, daß ich alle Wand- und Thürfugen
preise, obschon manchmal ganz niederträchtig der Wind durchzieht. Ich
für meinen Geschmack wüßte keinen feineren Guckkasten.

Kniet sie gestern vor dem Bette, streichelt seinen verbundenen Arm und
sagt voller Zärtlichkeit:

„Armes Handerl, du! Geh’, sei gescheit und thu’ nit weh! Ich will dir
nachher zu Lohn was Schönes schenken.“

„Wenn das Kügerl nit heraus will!“ meint der Bursche.

„So soll’s drinnen bleiben. Hat der Mensch so viele Knochen im Leib,
wird er wohl auch ein bissel Blei vertragen mögen.“ So spaßet sie.

„Was halt nit hineingehört, das thut kein gut,“ sagt er traurig.

„Mußt nit verzagt sein, Rocherl,“ tröstet sie, „immer Eins hat was in
sich, was nit dazu gehört. Darf nit verzagen.“

Ich weiß nicht, alle möglichen Nöte der Menschheit stellt sie ihm
manchmal dar, damit er in Hinblick darauf seine eigene Not leichter
trage. --

Nun will ich meine Feder auch auf anderen Feldern spazieren führen,
damit dir mein Tagebuch allmählich ein Ganzes liefert. -- Am Tage
vor Lichtmeß war aus Hoisendorf herauf ein alter Mann gekommen, der
hat an der Hausthür einen Spruch aufgesagt, den ich zur Hälfte nicht
verstanden, zur andern Hälfte wieder vergessen habe. Ich glaube, von
der Muttergottes und den Heiligen hat er gehandelt und die Pointe war
-- Geld. Der Alte ging nämlich zu den Häusern umher, um Geld zu sammeln
für die Altarkerzen in der Hoisendorfer Pfarrkirche, damit dort bei
allen Gottesdiensten des Jahres Lichter brennen können. Zuerst ging
er also zum Hausvater und hielt ihm ein blau-angestrichenes Trühlein
vor, derweilen er etwa folgenden Spruch sagte: „Unsere liebe Frau
schickt mich in euere ehrengeachtete Hütten und laßt um ein frommes
Lichtmeßopfer bitten!“

Der Hausvater holte von der Wandleiste ein altes Lederbeutlein herab,
nestelte eine Münze heraus, küßte sie ehrerbietig und legte sie in
das Trühlein. Der Sammler kläubelte es wieder heraus, beguckte es von
beiden Seiten und sagte: „Adam, du hast sonst allemal ein Zwanzigerl
gegeben.“

„Ist eh eins, ist eh eins,“ sagte der Bauer.

„Sein thut’s eins, aber was für eins! Sonst waren es zwanzig Kreuzer,
heut’ sind’s zwanzig Heller! Hörst du, Bauer, Nickel nimmt keine Weih’
an.“

„Und Silber haben wir keins mehr,“ versetzte mein Hausvater bedächtig.
„Bei den schlechten Zeiten wird wohl auch die Himmelmutter bei der
Mess’ mit ein paar Kerzen weniger gern zufrieden sein.“

„Paar Kerzen weniger? Ah na, das thät’s nit, daß uns die Muttergottes
ins Dustere thät kommen! -- Thu’ ich mich halt zu einer christlichen
Wohlthäterin wenden. Gelt, Bäuerin, ehrengeachtete, in deiner Hütten,
auch dich laßt unsre liebe Frau um ein Lichtmeßopfer bitten.“

Die Hausmutter gab einen Nickelzehner, unter besonderer Bedingung, daß
in der Kirche beim Schutzengelbild eine besondere Kerze gestiftet werde.

„Eine Kerze gestiftet? Für das da? Du bist spaßig, Adamshauserin!“

Nach dieser geringschätzigen Rede trat der Mann in die Kammer an den
Rocherl, der auf dem Bette saß, und sagte denselben Spruch.

Der Bursche wurde rot im Gesicht, so blaß er sonst war, und schaute
hilflos um sich. Denn, wie mir schien, er besaß nichts.

Da mischte sich die Barbel ein: „Wartet ein wenig, ich habe sein Geld
in Verwahrung.“ Aus ihrer blumigen Gewandtruhe holte sie ein Münzlein
hervor. Der Alte besah es, schnalzte mit der Zunge: „Hau, da ist ja
noch eins! Adam, bei deinem sauberen Töchterl haben sie sich versteckt,
die Silberschimmel! Ich glaub’s, ich thät’s auch. Sollten ihrer nit
ein paar sein, im Nest? Wenn nit, nachher ist’s so auch gut. Vergelt
dir’s Gott, Jungfräulein! Glück und Segen! Einen braven Mann und eine
stubenvoll Kinder daneben! Für jeden Heller ein Madel, für jeden
Kreuzer einen Buben, nachher wird’s schon lustig in der Stuben.“

Weil sich das Mädel jetzt rasch fortmachte, so sah der Lichtmeßsammler
den Schulknaben, den Franzel. Der war, um seine weißen
frischgewaschenen Hemdärmeln zu zeigen und sich an dem possierlichen
Bettler zu ergötzen, so lange unvorsichtig umhergestanden, bis das
Schicksal nun auch ihn antrat. Er machte aber nicht viel Umstände,
griff in den Sack und gab zwei Heller. Das that er mit solcher
Sicherheit, als ob der ganze Hosensack voller Schätze wäre. Es war aber
das erste und letzte Geldstück gewesen, ein Botenlohn vom Schulhause,
wie mich däucht erfahren zu haben. Denn der Junge trägt manchmal
etliche Eier hinab und was es sonst so mitunter auszurichten giebt.

Endlich, als alle übrigen abgeschabt waren, stand der alte Kracher auch
vor mir fest und brummte: „Giebt der nichts?“

Ich reichte ihm einen Zehner und muß etwas von einem Trinkgeld gesagt
haben. Da habe ich angezündet!

Er hielt die Münze in der breiten, runzeligen Hand: „Ein Trinkgeld?
Wieso? Glaubst du, ich geh Trinkgelder betteln wie ein Nachtwachter
um Neujahr? Du Racker, du! Was bist denn für einer, daß du kein Licht
brauchst, beim Herrgott! Du Duster-Mannl, du! -- Heb’s weg, das Ding!
Heb’s weg!“

„Na, na, so schlimm ist es ja nicht gemeint gewesen.“

„Heb’s weg, sag’ ich!“

„Soll auch von mir eine christliche Gabe der Kirche vermeint sein.“

„Wir brauchen’s nit!“ Mit diesem Schrei schleuderte er das Geldstück zu
Boden, daß es ein paarmal ganz entrüstet aufhüpfte.

„Trinkgeld, wie einem Nachtwachter!“ Gleichsam hinspuckte er dieses
Wort.

Jetzt hat mich der Hausvater in Schutz genommen: „Mußt nit, Schragerer,
’s ist der neue Knecht. Ein Zugereister. Weiß halt nichts vom heiligen
Brauch. Beten thut er eh fleißig.“

Darauf hin hat der Mann die Münze doch aufgehoben und ins Trühlein
gethan. Dann noch einen gereimten Spruch, halb sagt er ihn, halb singt
er ihn, und so ist er würdig zur Thür hinausgegangen.

Als letzte Post ist es mir übrigens gar rührend vorgekommen, daß diese
armen Leute Geld zusammenschießen für das Weihelicht am Altare. Und am
Lichtmeßfeste, als ich mit dem Hausvater nach Hoisendorf hinabgegangen,
ist die ganze schier stimmungsvolle Feierlichkeit zu sehen gewesen,
wie bei vielem Lichtleuchten und Orgelklang vom Kuraten die neuen
Kerzen geweiht wurden, wobei auch der Lehrer, ein Licht in der Hand und
lateinische Sprüche sagend, behilflich war.

Gegen mich hat er was, der Lehrer. Was weiß ich? Als wir Blicke
wechselten, ich that’s grüßend, aber aus seinem Auge kam kein heiliges
Feuer.

Was nun mein Dienstgeber über das „fleißige Beten“ seines zugereisten
Knechtes sagt -- bedingungslos unterschreibe ich’s nicht. Ein Mensch
zur Abendstunde, wo er gewohnt ist, im „Roten Krug“ bei Bier und
Rostbraten zu sitzen, dann noch ins Kaffeehaus zu gehen in Gesellschaft
ausgelassener Kumpane! Und soll zur selben Stunde jetzt täglich
auf dem Schemel knien, die Ellbogen auf die Tischkante stützen und
gemeinsam mit einer Bauernfamilie Litanei und Rosenkranzgebete murmeln!
Du kannst dir’s vorstellen. Nein, nicht kannst du dir’s vorstellen,
es ist fabelhaft trostlos! Der Teufel hat immer Geschmack bewiesen.
Wenn er mit sonst nichts mehr zu vertreiben ist, beim Gebet, da fährt
er ab. -- Der häusliche Abendgottesdienst dauert an Werktagen gegen
vierzig Minuten, an Feierabenden, sowie auch an Sonn- und Festtagen,
nahezu eine Stunde. Mein Sack voll Stadtsünden, den ich hübsch
vollgerüttelt mitgebracht -- er ist sicherlich verbüßt. Durch das
Beten kaum, denn das meinige dürfte beim lieben Gott nicht viel mehr
gelten als beim alten Schragerer mein Silberzehner. Durch das Knieen
auf dem Brette wohl auch kaum, bei dem der Kerl vierknieig dahockt.
Hingegen alles sühnt das heldenmütige Ankämpfen gegen den Lachreiz.
Den abscheulichen Lachreiz. Hast du es schon einmal gehört, wie
Bauersleute beten? Ernsthaft betrachtet ist an diesem gottwilligen
Hinmurmeln und Hindämmern einfältiger Seelen gewiß nichts Komisches
enthalten; aber so ein Stadtbengel ist das Ungezogenste, Frivolste und
Intoleranteste der ganzen Schöpfung. -- Erst nach und nach, o Freund,
habe ich das blutende Herz geahnt, womit sie unter gefalteten Händen
und geschlossenen Augen beten, diese bekümmerten Menschen.

Immer einmal geschieht’s wohl auch, daß sie den geistlichen Rat „Bete,
und arbeite“ zu gleicher Zeit befolgen. Thut während des Psalters der
Hausvater Späne klieben, die Hausmutter kochen, die Barbel spinnen,
der Rocherl und der Franzel auf dem Tisch Bohnen säubern, die wir
am nächsten Tage zu essen bekommen. Und der zugereiste Knecht? Auf
den Waden sitzend wie ein Türke, rodelt er mit und trachtet es zu
vertuschen, daß ihm weder das Vaterunser, noch das Avemaria wörtlich
bekannt ist. Auch mir hat die Mutter einmal diese Hände gefaltet, als
sie noch klein gewesen: „Vaterunser, der du bist im Himmel!“ In der
Lehrzeit hat sich der Katechet noch ein paarmal erkundigt nach solchen
Dingen, später, bei den Kaiserlichen und bei der „Kontinentalen“ ist
keine Nachfrage mehr gewesen.

Wenn die Unwissenheit ans Licht käme! Einige Rügen hat mir meine
Aufführung ohnehin schon eingetragen. Die heillose Ungeschicklichkeit
in der Arbeit wird mir jetzt zwar nicht schwer aufgemessen. Aber
daß der „Zugereiste“ bei Tisch weder vor noch nach dem Essen ein
Kreuz zieht mit dem Daumen über Stirn, Mund und Brust, daß er beim
Nockenessen die Gabel mit der linken Hand zum Munde führt, daß er die
Einbrennsuppe (den Bauernkaffee) nicht aus der gemeinsamen Schüssel
essen will, sondern sie vorerst auf den Teller herausschöpft, daß er
Sonntags wie Werktags dasselbe Gewand am Leibe hat, daß er sich täglich
mit Seife wäscht und sogar mit einer kleinen Bürste die Zähne scheuert,
daß er seinen Bartwust stehen läßt, anstatt sich allsamsttägig
säuberlich zu rasieren, und andere Unarten -- solcherlei hat mir der
Hausvater schon ein paarmal in aller Güte vorgehalten, die Hausmutter
mit schärferen Worten verwiesen.

„Du, Hansel,“ sagte sie vor zwei Tagen, „mit deiner Hoffart wirst
du uns noch die Kinder verderben! Wo die jungen Leut’ jetzund eh’
allerhand Dummheiten im Kopf haben! Das schlechte Beispiel da! Ich sag
dir’s, Hansel! Sobald mir der Schulbub so ein grausliches Zahnbürstel
heimbringt, nachher kannst du dir um einen anderen Platz schauen. Ich
leids nit.“

Was meinst du, wäre diese unwirsche Thatsache nicht etwa bei den
„Fliegenden Blättern“ anzubringen? Nein doch, ich will mir die
Seelenkonflikte dieses Jahres nicht von der ganzen Welt verlachen
lassen. -- Und wirklich? Thut’s es nicht auch am Ende ohne? Mein
Hausvater scheuert sich des Morgens den Mund mit einem Hanflappen.
Das Haar strählt er sich mit den fünf Fingern aus. Als Trinkgefäß am
Brunnen benutzt er die aufgebogene Hutkrempe oder die hohle Hand. Sie
entbehren nichts, nach ihrer Meinung, sie haben alles. Bis so ein
Bauer von Mangel spricht, ist er schon nahe am Verhungern. Und da habe
ich mir gedacht, daß der Mensch zweimal bedürfnislos ist, einmal im
Naturzustande, das andere Mal auf dem höchsten Grade der Bildung. Was
dazwischen liegt -- daß Gott erbarm! Jeder Wunsch des Weltkindes gebärt
im Augenblicke der Erfüllung sieben neue, und vor lauter Wünschen kommt
es zu keinem Genießen.

In voriger Woche war so Einer da. „Kramerzodl“ nannten sie ihn,
aber nicht etwa im Schimpfe, sie meinen damit ganz harmlos das, was
bei uns ein kleiner Agent oder ein Hausierer ist. Dieser Mann hatte
zwar kein grünes Bündel bei sich, hingegen aber einen illustrierten
Preiskonto für allerlei schöne Sachen. Der Hausmutter wollte er ein
rotgepolstertes Sofa anbindern. Sie gab zur Antwort, auf der Bäuerei
brauche man kein Lotterbett, er solle sich nur selber drauflegen.
-- Hierauf beklagte sich der strebsame Handelsmann über Mangel an
Bildung bei diesen Leuten, kam mit mir in ein Gespräch und behauptete,
Bedürfnislosigkeit sei ein Zeichen der Barbarei, je höher die Kultur,
desto mehr Bedürfnisse. -- Du, Doktor! Wetten möchte ich nicht, daß ein
gewisser Hans Trautendorffer selbst einmal ähnliches drucken ließ. Und
jetzt wäre ich am liebsten so ungebildet gewesen, den „Kramerzodl“ zur
Thür hinauszujagen. Sollte es denn nicht vielmehr die höchste Kultur
sein, daß der Mensch +genießt+, anstatt vermißt? Und er seine
Wünsche gerade so einzurichten weiß, daß sie ohne unverhältnismäßigen
Aufwand von Kraft und -- Seelenfreiheit naturgemäß befriedigt werden
können? Wer künstlich Bedürfnisse schafft wie es ein großer Teil
unserer Industrie, unseres Handels thut, der schafft Unzufriedenheit.
Wer sich von einem ursprünglichen harmlosen Lebensgenießen ablenken
läßt und in eine Überfülle moderner Werte gerät, der ist bald ein
Übersättigter und Ungesättigter zugleich. Warum dem armen Menschen
tausend Fangorgane und tausend Genußherzen anzüchten wollen, wenn zwei
Arme zur Arbeit und ein Herz zum Genießen bisher ausgereicht haben!
Genüsse, die über den Erwerb zweier Arme oder eines Kopfes hinausgehen,
müssen mit sittlichen Gütern bezahlt werden. Der vollkommene Mensch
besitzt nichts und genießt alles. Wer auf jedem Holzbalken und
Steinboden so gut ruht, wie auf einem Sofa, dem ist die ganze Welt
voll Sofas. Wem ein Trunk Wasser an der Quelle so gut schmeckt, wie
Johannisberger Auslese, dem sprudelt aus jedem Berge Rheinwein.

Und so sprichst +du+? höre ich dich fragen, mein Freund. Ja,
so spricht ein Mensch, der +nicht+ in der Üppigkeit sitzt, der
harten Mangel leidet unter Leuten, denen in ihrer Art nichts abgeht.
Grausam ächze ich manchmal unter den Vorstellungen der mir anerzogenen
„Kultur“. Gestern, nach einer schrecklichen Nacht, hatte ich schon
mein Bündel geschnürt, um flüchtig zu werden. Als es aber geschnürt
war und nur die Schwelle überschritten zu werden brauchte, fiel es mir
ein: Schau, wie leicht das geht! Gerade so gut kannst du nach einer
Stunde gehen, oder morgen, oder übermorgen! Gezwungen wäre es nicht
zu ertragen. Aber im Gefühle der Freiheit! -- Das Bündel wurde in den
Schrank zurückgeschleudert.

Unsers Herrgotts Schule! Nein, geschwänzt werden soll sie nicht. Dein

    Hans.

[Illustration]



    Am siebenten Sonntage.


    Lieber Freund und Philosoph!

Was treibst du um drei Uhr morgens? Ich vermute, du gehst um diese
Zeit von einem Balle heim, oder stoßest in einem Kaffeehause die
Billardkugeln hin und wieder. Oder liegst doch schon solide in den
Federn und bereitest dich durch das Werk eines großen Denkers und eine
wohl abgelegene Cigarre auf ein sanftes Einschlafen vor. -- Bei mir
im Adamshause macht sich diese späte Abendstunde dadurch bemerkbar,
daß mein Dienstherr mit einem Holzscheit an die Kammerwand pocht: Zum
Aufstehen ist’s! -- Anfangs habe ich dieses Scheit furchtbar tragisch
genommen und bin aus dem Stroh gesprungen, als wäre eine Feuersbrunst
ausgebrochen. Jetzt lasse ich den guten Adam schon zweimal pochen,
gestern sogar ein drittesmal, bis er den Ruf thut: „Hansel! Ich denk,
jetzt wär’s nimmer zu früh!“

Meine Taschenuhr zeigte ein Viertel auf Vier!

Von der Kälte spricht man hier nicht viel. Das einzige Barometer, von
dem man redet, ist die Gicht. Beim frostigen Aufstehen spitzt sich ein
lebhaftes Verlangen nach der heißen Einbrennsuppe. Nichts da! Vorher
heißt’s auf der Tenne drei Stunden Hafer dreschen. Das Kerzenlicht
hängt am Wandnagel und zwinkert sozusagen beständig mit den Augen,
wenn unsere Flegel durch die Luft sausen. Zu deinem Unterrichte: Die
Tenne ist vollbelegt mit Hafergarben. Unser vier, der Hausvater, die
Hausmutter, die Barbel und ich, jedes die Hände mit schafwollenen
Fäustlingen bekleidet, hauen rhythmisch wie eine Klopstocksche Ode
in Trochäen auf das Gestrohe los, damit dieses die letzten Körner
hergiebt und weich wird zum Rinderfraß. Die Erlernung der Kunst, Stroh
zu dreschen, hat dem alten Journalisten verhältnismäßig wenig Mühe
gekostet.

Weil bei der tiefsinnigen Arbeit alles sehr schweigsam ist, so hatte
ich während derselben in meinem Innern schon Gedichte gemacht -- im
Dreschflegeltakte. Es sind Trutzlieder auf die Barbel. Diesen Stolz
könnte sie wohl endlich sein lassen. Freilich bin ich ein armer
Knecht, ein zugereister; nun der würde ihr wohl doch nicht sofort eine
Liebeserklärung machen, wenn sie den Namen Hans einmal über die Lippen
brächte. Zwar spricht sie auch mit den anderen kaum -- was nicht immer
so gewesen sein muß, weil es die Mutter Wunder nimmt. Am Ende -- trotz
allem -- wer kann’s denn wissen! Am Ende --. Des Abends beim Herde
muß ich manchmal eine Geschichte erzählen. Da kam auch eine von der
stummen Prinzessin. Die hat immer gelacht und immer geplaudert. Da sah
sie eines Tages auf der Jagd einen Schäfer. Von diesem Tage an hat sie
nicht mehr gelacht und nicht mehr gesprochen -- war stumm. Alle Arzenei
war vergeblich, sie zu heilen, bis einst ein Wundermann den jungen
Schäfer brachte, der die Kraft besaß, Stumme sprechend zu machen.
Dieser legte der Prinzessin die Hände auf die Achseln, schaute sie an
und fragte: „Liebst du mich?“ -- „Ja,“ hat sie geantwortet, und von
diesem Augenblicke an war sie geheilt. -- Meinst du, die Barbel hätte
bei dieser schönen Historie auch nur mit einem Auge gezuckt? Nein.

Es muß dir schon aufgefallen sein, daß meine Feder stets nach einer
gewissen Richtung hin gravitiert. Man lenkt ab -- sie gleitet immer
wieder gegen jenen wundersamen Nordlichtschein. -- Wenn ein Roman
entstünde! Doktor! Doktor!

Dummheiten! -- Um sechs Uhr pfeift der Rocherl zum Frühstück. Weil er
nicht dreschen kann, so besorgt er den Kaffee. Ach, schon den Namen
möchte man hinabschlucken. Unterricht: Geröstetes Kornmehl mit etwas
Butter und Kümmel in Wasser gekocht. Der echte ist hoffnungslos. Vor
vielen Jahren soll in diesem Hause einmal eine Nähterin Kaffee gekocht
haben. Wirklichen! Eine Art Zeitrechnung datiert davon. „Dazumal, wie
wir den Kaffee gegessen haben!“ „Im selbigen Jahr, wie der Kaffee ist
gewesen.“ -- Vorlauterweise habe ich einmal bei Tisch erzählt, daß
es in großen Städten eigene Kaffeehäuser giebt, wo jahraus jahrein
nichts gekocht wird, als Kaffee! Darauf sagte der Hausvater -- aber
gutmütig dabei lächelnd, daß es nicht weh thun möchte -- ich hätte
doch ein Fleischhauer werden sollen, weil mir das Aufschneiden so gut
von statten ginge. -- Soweit, mein Freund, sind wir hier entfernt vom
Kaffee!

Du denkst als halber Kneippjünger, daß frische Milch den Herrlichen
ersetzen müßte! Höre: Die vorwegs von Butter gänzlich befreite Milch
steht seit Wochen in großen Kellerkübeln aufbewahrt. Darüber sind ein
paar Bretter gelegt, damit kein größeres Getier hineinfallen kann.
Im Winter bei dürrem Futter, sollst du wissen, hat nicht jede Kuh
Lust, das weiße Brünnlein quellen zu lassen. Also die vom Keller, die
„säuerlt“ dann manchmal, oder sie „rauchelt“, und ist der einhändige
Koch immer noch froh, wenn in der Suppe keine schlimmeren Eigenschaften
auffallen. -- Pfui, Kostbespöttler hinter dem Rücken! Und sagst beim
Löffelabwischen doch allemal „Vergelt’s Gott!“

Nach dem Frühstück gehe ich zu meinen Ochsen, die Barbel zu ihren
Kühen, der Rocherl zu den Schafen. Das Vieh wird in zwei oder,
Sonntags, in drei Gängen sorgfältig gefüttert, dann zum Brunnen
geführt, der zwischen Haus und Stallung auf dem freien Platze steht
und von dem Hausvater vorher mit einer Hacke eisfrei gemacht werden
muß. Die Hausmutter trachtet, den Schulknaben flügge zu machen. Und
dann fängt wieder das Dreschen an bis zum Mittagsmahl um eilf Uhr.
Menu: Brotsuppe aus obiger Milch, gespecktes Kohlkraut, Roggenklöße mit
Rauchfleisch. Nahrungsmittel durchaus echt, aber die Kochkunst, die --
ja so, das ist so häßlich. Da will ich lieber etwas Schönes sagen, wie
bescheidentlich langsam die Leute in die gemeinsame Schüssel fahren
und keiner den anderen zu übervorteilen sucht. Dieses taktvolle Essen
habe ich bei den Bauern überall gefunden und könnten sich die ~Table
d’hôte~-Gäste der feinen Hotels ein Beispiel nehmen.

Nachmittags wieder Hafergarben dreschen. Müssen damit noch vor der
Fastenzeit fertig werden, sagt der Adam. Als ob’s eine Tanzunterhaltung
wäre. Unterricht: das Stroh kommt in die Scheune, das Gekörne in die
Siebe, in die Windmühle, in die Mehlmühle, in den Ofen -- ein Stück
Haferbrot gefällig? Haferbrot ist gut, sagt mein Hausvater, aber
Schweinfleisch ist besser -- und füttert mit dem Hafermehl die Säue.
Oder verkauft den Hafer im Sack, oder bewahrt ihn als Gesäme fürs
nächste Jahrhundert. -- Halt still, es ist das Tagewerk noch nicht
aus. Um die Dämmerung geht die Barbel zu ihren Kühen und wer am Thore
lauscht, der hört doch das Brünnlein in den Zuber sprühen. Am Abend
Versammlung um das Herdfeuer, jedes mit kleinen Arbeiten beschäftigt.
Ich bin auch bereits wer! Wenn dem Stuhl ein Fuß fehlt, oder der Leiter
ein Sprossel, oder wenn das Hausmesser schartig ist, die Hacke stumpf,
der Ochsenjochriemen zerrissen, die Thürklinke schadhaft -- da greife
ich an. Sind die anderen beschäftigt und ich weiß nichts zu thun, als
die Finger in den Händen halten und ihnen vor dem Wege stehen -- das
ist zum Todschämen! Nirgends noch habe ich mich eigentlich geschämt auf
meiner irdischen Pilgerschaft, nicht wenn der Feldwebel mich mit den
schwunghaftesten Kasernenblüten besang, nicht, wenn der Chefredakteur
plötzlich sagte: „Erlauben Sie, Herr Trautendorffer, da in Ihrer Arbeit
finde ich eine Laus!“ und mir einen unzweideutigen Gramatikfehler
vorhielt. Ich war entzückend verstockt. Hier schäme ich mich, -- womit
das Tagewerk geschlossen wird. Darauf kommt das Nachtmahl: Kartoffeln,
Rüben oder Mehlbrei. Dann kommt das Gebet, und um acht Uhr, wenn die
Stadtleute anfangen, elektrisch zu werden, kriechen wir ins Bett. --
Das ist der Werktag. Am Sonntage nach der Fütterung ist Kirchgang. Ich
streiche im Freien umher oder schreibe meinem Alfred.

Die Unschlittfunze (in Hoisendorf das Pfund zu 21 Kreuzern) ist noch
nicht niedergebrannt, so will ich dir eins schreiben von unserem
Nachbar Schlappzopf. Denn du mußt auch andere Gattungen kennen lernen.
Dem Schlappzopf trug ich vor einigen Tagen, als wir Metzgerei hatten,
die Schweinshaut hinüber, er kann gerben. Ich fand ihn in Unterhandlung
mit einem Viehhändler aus dem vorderen Gai.

„Schlappzopf,“ sagt dieser, „wie ich höre, habt Ihr eine feile Kuh.“

Der Bauer hat mit seiner Tabakspfeife zu thun und überhört die Frage.

„Eine Kuh, Schlappzopf, nicht?“

„Eine Kuh. Weiß nit, ja.“

„Ist es eine junge? Wohl eine Melkkuh, wie?“

„Ich weiß es völlig nit. Kann eh sein,“ sagt er und schraubt das Rohr
in die Pfeife.

„Wollt Ihr mir sie zeigen?“

„Anschau’n kunnten wir sie ja. ’s Anschau’n kostet nichts.“ Dann führt
er den Viehhändler durch den dunstigen Stall, wo sie über mehrere
Mistwälle stolpern.

„Die welche wäre es also?“

„--’s selb müßt’ ich mir selber erst ausraiten. Die Milchkuh werd’
ich halt doch nit recht dürfen hergeben. Thät’ meinem Weib leicht nit
passen.“

„Also die Trächtige.“

Der Bauer stochert in der Pfeife herum, stochert ein Häufchen Asche auf
die hohle Hand heraus und streut es dann bedächtig zu Boden.

„Ich nehme übrigens auch die mit dem Kalb. Wie?“ so der Händler.

Jetzt löst der Bauer das Rohr los von der Pfeife, setzt sie sachte an
die Lippen und bläst hinein.

„Die mit dem Kalb?“ frägt er dann. „Ah na, die werd’ ich doch schier
nit dürfen hergeben.“

„So bleibt nur noch die Mastkuh.“

„’s ist halt just so a Sachen. Weil sie nit ganz feist ist, noch.
Verkaufen, freilich, verkaufen werd’ ich sie eh einmal müssen.“

„Was kostet sie?“

Der Bauer steckt die Pfeife wieder zusammen, thut sie an den Mund,
pfaucht ein paarmal durch. Der Zug wäre soweit hergestellt.

„Wie viele Banknoten soll ich Euch auf die Hand legen fürs Vieh?“

„Mein Nachbar, der Kulmbock, hat vorig Wochen eine um hundertfünfzig
verkauft.“

„Die war sicher zweimal so schwer, als wie Eure da!“

„Ein wengel kann’s sein, daß sie schwerer gewesen ist. Viel nit, viel.“

„Einen kugelrunden Hunderter, wenn Ihr wollt.“

Der Bauer hebt nun mit der Tabaksblase an. Langsam hat er sie vom
Rücken, wo sie im Gürtel stak, hervorgezogen, hat sie zu halb
umgestülpt und schiebt nun mit zwei Fingern Tabak in die Pfeife.

„Hört Ihr, Schlappzopf, hundert Gulden für das Tier. Es sollte noch
etliche Wochen in der Mast stehen, aber weil ich just gut aufgelegt
bin, nehm’ ich sie heut’ mit.“

Die Pfeife ist gestopft, nun hat der Bauer Zeit zu sagen: „’s selb
wird’s doch nit thun.“

„Überlegt nicht lange, Bauer. Das Glück klopft nur einmal an, dann
geht’s vorbei. Wenn ich hundertundfünf sag’, so bin ich leichtsinnig.
Aber damit wir doch wieder einmal was handeln miteinander.“

Der Bauer wendet sein Auge nicht von der Pfeife und schüttelt fast
unmerklich den Kopf. „Ich denk’, ich werd’ sie doch derweil noch
behalten.“

„Also, wieviel wollt Ihr?“

Nun kommt Schwamm und Feuerstein dran. Es giebt ein paar Funken, aber
das Ding will nicht glosen. Endlich macht er den Mund auf, aber nicht
um den Preis auszusprechen, sondern um den Zunder anzublasen.

„Hundertfünf, und einen Leikauf fürs Weib. Aber geschwind ja sagen,
Bauer, es könnt’ mich gereuen.“ Der Händler tastet an der Kuh herum,
ob die Haut locker ist, ob das Fleisch federt. „Ein zähes Luder. Redet
schon ab. Aber halten thu’ ich’s noch, mein Wort. Also...!“

Der Bauer raucht an. Und wie das Zeug in gutem Zug ist, sagt er, das
erste Mal recht vernehmlich: „Ich mein’, ich werd’ jetzt gar keine
verkaufen.“

Dieser ausführliche Handel hat drei Stadien. Im ersten weiß der Bauer
nicht, welche Kuh er weggeben soll. Im zweiten weiß er nicht, welchen
Preis er machen soll. Im dritten endlich kommt er drauf, daß er
überhaupt keine verkauft. Und um so weit zu kommen, bedurfte es länger
als eine Stunde.

Das, mein Freund, ist jener Typus der Unentschlossenheit und
Gleichgültigkeit, der verhängnisvoll wird. Schon am nächsten Tage soll
der Schlappzopf dem Viehhändler nachgelaufen sein und ihm die Kuh um
hundert Gulden verkauft haben. Wenn ich wieder auf die Welt komme, das
heißt: in euere Welt, so soll in der „Kontinentalen“ das „Dorfting“
angeregt werden. Vor jedem Gemeindehaus auf der Wand soll eine Tafel
hängen, auf welcher die Bauern und die Händler Angebot und Nachfrage
darthun; sachkundige Ökonomen dürften wissen, was das bedeutet. Und das
Dorfting soll zwischen Erzeuger und Verbraucher die Ware vermitteln und
den Zwischenhändler soll der Teufel holen.

Beim Viehhandel sind -- so viel ich schon gemerkt habe -- die Bauern
untereinander nicht just die Gewissenhaftesten. In der produktiven
Arbeit bleibt der Mensch ehrlich, beim Handeln wird er ein Strick,
hier wie dort. Mein Adam hat mit dem Nansenbauer Kühe getauscht. Der
Adam hat dem Nansen versichert, seine Kuh gebe drei Maß Milch, aber
weislich nicht dazugesetzt, binnen welcher Zeit. Der Nansen hat dem
Adam behauptet, seine Kuh sei trächtig, er hatte ihr zur Stunde nämlich
ein Heubündel auf den Rücken gelegt. Sein Ehrenwort giebt der Bauer
nie, aber „gut steht er“. Wenn er sagt: Ich steh gut für das oder das,
dann kannst du ihm leidlich trauen. Der Adam wollte auch: „Steh mir
gut, Nans, daß die Kuh trächtig ist!“ Der Nans antwortete gelassen:
„Gutstehen thu ich erst, wenn das Eis schmilzt, jetzt rutscht man
noch zu viel.“ In demselben Falle fand sich mein Hausvater mit seiner
Milchkuh. So führen sie einander in aller Gemütlichkeit hinters Licht
und das Gewissen beißt den Händler nur, wenn er sich sagen muß: du bist
diesmal dümmer gewesen, als der andere.

Eine verblüffende Erfahrung mache ich. Die Gebirgsbauern älteren
Schlages haben keine Ahnung vom Laufe, den die Zeit genommen hat. Aber
fest drauf los politisiert wird trotzdem im Hoisendorfer Wirtshause.
Zum Beispiel: Der Russe kommt. Der mag die großen Städte nicht
leiden und will sie verbrennen, wie er einst seine Hauptstadt Moskau
verbrannt hat. Die Juden werden erschlagen, ihr Geld an die armen
Bauern verteilt. Die Chinesen sollen auch erschlagen werden, aus ihren
Zöpfen will der Preußenkaiser lange Peitschen machen lassen -- für
die Socialdemokraten. Der heilige Vater hat den Fürsten übrigens das
Kriegführen verboten. Wolle einer anfangen, so müßten alle übrigen
gegen ihn zusammenhalten. -- Den größten Abscheu haben sie immer noch
vor dem „Erzschelm“ Napoleon; alle Hoffnung setzen sie auf Kaiser Josef
den Zweiten, der in einer Berghöhle schläft und wieder aufwachen wird,
wenn zu Weihnachten die Kirschbäume blühen.

Manchmal hört der Bauer, daß man jetzt deutsch sein müsse. Darüber
schüttelt er den Kopf. Hatte er doch geglaubt, es gebe mit Ausnahme von
ein paar Rastelbindern und Katzelmachern (Welschen) auf der ganzen Welt
nichts anderes, als deutsch.

Mehr Interesse haben die Leute des Almgaies für Erfindungen und
Entdeckungen. Dabei kommen auch lustige Phantasten zum Wort. Den
Telegraph stellt sich mancher als einen einfachen Glockenzug vor. Wenn
man in Salzburg anzieht, klingelt’s in Wien. Der Blitzableiter ist
ein Magnet, er zieht den Blitz herbei und spießt ihn auf. In großen
Städten werden solche von Blitzableitern gesammelte Blitze in einen
Riesenbottich geleitet und aus diesem dann das elektrische Licht
geholt. Es giebt Schnellzüge, die man Blitzzüge nennt und vom Blitz
gezogen werden. Das sind die elektrischen Eisenbahnen. -- In Amerika
drüben giebt’s viel Gold, aber der Weg hinüber ist naß; man kann gar
nicht zu Fuße gehen, nicht einmal mit Wasserstiefeln. Man muß sich auf
ein Schiff setzen, das oft fast so groß ist, wie ein Heustadel und eine
ganze Kirchen voll Leute drinnen Platz hat. Die Schiffe sind von Eisen
und sinken doch nicht unter, weil sie der Dampf über dem Wasser hält.
-- So kraus geht’s im Kopfe zu, während die Hände das rechte thun.

Nicht den mindesten Groll habe ich hier bisher gegen reiche und
vornehme Herrschaften bemerkt, obschon häufig von solchen die Rede ist.
„Sie werden schon auch ihre Nussen aufzuknacken haben.“ Indes merkt der
Bauer, daß sie draußen um etwas raufen. Um was, das weiß er nicht. Wird
schon ein guter Brocken sein und vielleicht für ihn auch was abfallen.

Ja, mein Lieber, das sind Sachen! Die „Funzen“ aber ist alle. Ich gehe
schlafen und rufe dir „Guten Morgen!“ zu.

    Dein Hans.

[Illustration]



    Am achten Sonntage.


Wenn dir, teurer Freund, meine Briefe, die einem wahren
Herzensbedürfnisse entspringen, wirklich Vergnügen machen, so ist das
ja göttlich! Es wäre dir, sagst du, fast alles neu und alles lehrreich
und inniger Anteilnahme gewiß, was ich dir schreibe und du begleitetest
mich in Freude und Not dieses Jahres als treuer Kamerad. Herrlicher
Freund, wie machest du mich mutig. Ein böses Siebentel ist ja schon
reichlich vorüber, mit den übrigen sechsen hoffe ich fertig zu werden.
Nur selten habe ich noch das Gefühl der Verbannung, aber mein Trotz
gegen die Widersacher bei der „Kontinentalen“ steigert sich von Tag
zu Tag. Und auch das ist eine Macht. Hast du es dir nicht auch schon
gedacht, daß in der Welt mehr Tüchtiges aus Trotz und Haß geschieht,
denn aus Liebe?

Je größer ich vor den Augen des Herrn Stein von Stein aufwachse, je
kleiner werde ich im Adamshause. In dieser vergangenen Woche war wieder
ein schlimmer Tag. Es war Holzarbeit im Walde, denn der Winter hat
ums Haus herum die Brennholzstöße gelichtet. Am Freitag -- ach diese
Freitage! Es ist doch was dran. Der Hausvater hatte in der Mühle zu
thun, so sollten die Barbel und ich hinaus in den Wald. Ob nicht der
Rocherl uns begleiten könne? Ganz beklommen fragte ich es.

„Zu was ihr nur den Rocherl brauchen thätet, möcht’ ich wissen!“ rief
die Mutter scharf, „ihr werdet mit den paar Bäumlein Holz doch allein
fertig werden!“ -- Und der Elefant ist in diesen Bergen ein unbekanntes
Tier.

So gingen wir. Ich mit Axt und Keil, das Mädel mit der breiten
zweigriffigen Holzsäge. Der Schnee war hoch, wir sanken bis auf die
Knie ein. Ich stapfte voraus, die Barbel hinter mir her. Und sagen
thaten wir uns kein Wort. Das Struppwerk kratzte an unserem Gewand,
schnellte uns Schnee ins Gesicht. Auf dem Baum krächzte ein Häher.

„Wir hätten auch zu einer besseren Zeit können holzschneiden gehen,“
sage ich.

„Es ist auch heute gut,“ sagt sie. Und weiter nichts.

Plötzlich macht die Sägplatte auf ihrer Achsel ein gorgelndes Getöne;
ein federnder Kiefernzweig hat ihr ins Gesicht geschlagen -- heftig.
Sie nimmt es schweigend, wie ganz selbstverständlich hin, daß die Bäume
ausschlagen, wenn vorangehende Knechte unvorsichtig das Geäste umbiegen.

Wir kommen auf den Schlag, wo die kahlen Baumstämme stehen, die im
vorigen Jahre entästet und entwipfelt worden sind, damit sie trocknen
konnten. An einen solchen Baum setzen wir die Säge, ich hüben, sie
drüben das Heft fassend -- und jetzt stelle dir vor, Doktor, es geht
nicht. Sie unterweist mich, wie die Säge zu halten, anzusehen, zu
führen sei. Aber es ist ganz verdammt. Die gezähnte Stahlplatte sperrt
sich. Ziehe ich an, so geht’s nicht vorwärts, schiebe ich zurück, so
baucht sich das platte Ungetüm und gorgelt höhnische Laute. Ich mache
zuerst ein paar gesättigte Witze, die helfen aber auch nichts. Nun
erklärt mir die Barbel nochmals in aller Ruhe und Geduld, wie die
Sache zu machen sei.

„Kunst ist’s wohl keine,“ sagt sie, „mit dem kleinen Franzel habe ich
schon die größten Bäume gefällt. Du bist halt ein bissel ungeschickt,
Hansel, aber es wird schon besser werden.“

O Freund und Professor, was ich mich da geschämt habe! Meine ganze
Socialwissenschaft wollte ich in diesem Augenblicke hingegeben haben,
und die Kenntnis der französischen Sprache noch dazu, wenn ich hätte
Holz sägen können!

„Reizen thut’s uns,“ sagt sie, was du aber durchaus nicht mißverstehen
darfst. Plagen thut’s uns, soll’s heißen.

„Ei was!“ rufe ich aus, „wir brauchen die dumme Säge überhaupt nicht.
Ich fälle den Baum mit der Axt!“

Großartig, wie ein alter Germane zur Zeit der Hermannsschlacht im
Teutoburgerwalde, schwinge ich das Beil und haue in den Stamm, daß die
Barbel weit zurücktreten muß, um die fliegenden Späne nicht ins Gesicht
zu bekommen. Sie sollte nur einmal sehen, welch’ ein Urmensch in mir
steckt, der des neumodischen Zeugs, wie Säge, Keile und dergleichen,
gar nicht bedarf. Eiserne Zähne mögen sich die Greise anschaffen,
unsereiner hat noch Mark und Schneid’ in den Armen.

Jetzt hebt mir aber dieses Ding von einem Mädel an zu kichern. Es
war nicht ohne, dieses Kichern, ich hätte es gleich in Musik setzen
mögen. Die kann dir lachen, wie ein Silberglöcklein, vorausgesetzt, daß
Silberglocken lachen.

„Wenn wir mit dem Ofenheizen warten müssen, bis du diesen Baum
niederbringst mit der Hack, dann mags schon sein, daß in der
Suppenpfann’ das Wasser friert und an der Nase die Eiszapfen wachsen.“

Diese ihre Rede kam mir ganz bösartig vor und rasch gab ich drauf:
„Meinetwegen! Ich bin die Kälte schon gewohnt. Da giebt’s Leute, die
mitten in den Tropen stehen mögen, will sagen, beim Ofenloch, und es
fällt Reif, so oft sie einen Atemhauch thun.“

Sie schaut mich verblüfft an, als wüßt’ sie gar nicht, was aus so einer
Bemerkung zu drechseln wäre. Und ich mache die Erfahrung, daß ein
Fichtenbaum immer härter wird, je tiefer man hinter den Splint kommt.

Wir sollten doch noch einmal probieren mit der Säge, schlägt sie vor.
Und neuerdings zeigt es sich: Holzschneiden kann ich nicht und ich kann
es nicht.

„Du Hansel,“ sagt sie plötzlich, „ich denk’, ’s ist das Gescheiteste,
wir hören auf und gehen heim.“

Doktor, ich bitte dich, diesen Brief zu verbrennen.

Ja so, der Hase! Vom Hasen muß ich dir noch erzählen, der uns über den
Weg lief. Von rechts nach links, was immer ein Unglück bedeuten soll.

Und auf einmal, als ob sie mich in meinem Gram zerstreuen wollte, fragt
die Barbel: „Weißt du, Hansel, warum der Has’ an der Schnauze die
Hasenscharte hat?“

„Weißt du’s?“

„Freilich weiß ich’s. Wie der Herrgott die Welt hat erschaffen gehabt,
hat ihn der Hase ausgelacht, weil sie ganz buckelig ist. Und so viel
hat er gelacht, bis ihm das Schnäuzel zerrissen ist!“ -- Und dabei
lacht sie selber wieder so hell, daß mir ganz heiß wird.

Lange hat’s freilich nicht gedauert, und es ist die fast traurige
Ernsthaftigkeit in ihr, wie immer. Gott, wenn nur mehr Hasen über den
Weg liefen!

Ich war nach diesem mißlungenen Baumfällen eine Nacht und einen
halben Tag lang unglücklich. Da kam der Gemeindebote, brachte
einen Steuerbogen und einen Amtsbrief in Sachen der Grundablösung.
Der Steuerbogen ist immer ein Hagelschlag im Bauernhof und es ist
vielleicht doch gut, daß es einen Kanzleistil giebt. -- Geld her!
Fünfunddreißig Gulden aus dem Sack, längstens bis nächst’ Wochen,
oder wir nehmen dir die Kuh weg! -- Diese Deutlichkeit wäre zu
schrecklich. Da macht das Amt lieber so viele Umschreibungen,
Windungen und Wendungen, Einschübe und Umzüge im Stil, teils gedruckt,
teils geschrieben, teils lateinisch, teils was anderes, teils in
Paragraphhaken, teils in Ziffern, teils in abgekoppelten Buchstaben,
teils mit der Feder, teils mit Stampilien, daß es der Empfänger
schlechterdings nicht versteht. Er liest hin und liest her, zerstudiert
sich, was das denn wieder sein möchte, bis ihm allmählich die Ahnung
kommt: warum, wieviel und bis wann!

Nun, bei dieser Gelegenheit habe ich die Scharte vom Holzschlag
leidlich ausgewetzt. Wohlgemut machte ich mich ans Studium über die
beiden Amtsschriften, bis es gegen Abend zur Not ersichtlich war, was
die löblichen Behörden zu Kailing meinten.

„Doch eine schöne Sach’, wenn der Mensch lesen und schreiben kann!“
Dieses Lob hat mir mein Hausvater gesagt.

Aber der Ruhm ist nicht fleckenlos. Es kam eine neue Blamage. Laß dir
erzählen.

Ganz vor kurzem war’s, daß des Morgens der Hausvater in den Stall trat
und den Ruf ausstieß: „Hansel, was ist denn das? Wie kommt denn das
fremde Vieh in den Stall?“

„Fremdes Vieh? Wieso?“

„Da steht ein schwarzgefleckter Stier, oder was es ist. Der gehört nit
her da! Jesses, und wo ist denn unser falbes Öchsel. Wo ist das Öchsel,
Knecht?“

Ich trat mit dem Licht heran und sah, daß ein fremdartiges Rind,
scheckig wie Pinzgauerschlag im Stall war. Es hatte über den Rücken
pechschwarze Flecken.

„Das ist nicht möglich!“ beteuere ich, „die Stallthür ist verriegelt
die ganze Nacht.“

„Und das falbe Öchsel ist fort! Lang bin ich schon Bauer, aber so was
ist mir noch nit passiert. Wenn man sich nit einmal so weit auf dich
verlassen kann, daß das Vieh aus dem Stalle gestohlen wird, nachher
kannst uns --“

-- auch du gestohlen werden! -- Der Alte ist nicht herb genug, um
solche Lapidarsätze zu vollenden. Aber ich verstehe ihm seine Wünsche
bereits aus den Augen zu lesen. Zu gleicher Zeit jedoch klärt sich mir
auch das Ereignis auf.

Ich pflege nämlich meine Tintenflasche, damit sie nicht einfrieren
kann, im warmen Stall auf einem Wandvorsprung aufzubewahren. Da mag bei
der Nacht nun die Katze oder die Maus das Zeug herabgeworfen haben auf
das falbe Öchslein.

„Tinte, sagst, ist das?“ fragte der Adam, „sei nit einfältig. Wie wird
in den Ochsenstall Tinte kommen!“

Nun habe ich mein heimliches Treiben wohl bekennen müssen.

„Briefschreiben thust du? Briefschreiben? Ja, hast denn wo eine alte
Mutter, oder sonst wen?“

„Mein liebster Hausvater,“ sage ich, „wir wollen jetzt einmal das
Öchsel abwaschen gehen.“

Mit heißer Lauge und einem Kotzenlappen haben wir den ganzen Vormittag
gearbeitet, bis der Pinzgauerschlag endlich zur Not abgewaschen war.

Mein Hausvater hat nachher lange und immer wieder den Kopf geschüttelt.

Tintenfluch im Bauernhause. -- Auch gegen die Druckerschwärze ist
eine instinktive Abneigung vorhanden. Es heißt, in einem Bauernhofe,
wo sie anheben, ihre Nasen in Bücher zu stecken, käme bald der
Bettel-Feierabend.

[Illustration]



    Am neunten Sonntag.


    Mein Doktor!

Gestern mittags, knapp nach Tisch, hat mir die Hausmutter in einer
unzweideutigen Sprache das Davonjagen in Aussicht gestellt. Aber nicht
etwa, weil der Knecht nicht Baumfällen kann, oder weil unter seiner
Wartung die weißen Rinder scheckig werden, sondern weil er einen so
abscheulich langen Bart hat. Wenn ich mich nicht ordentlich tragen
wolle, wie es einem Christenmenschen ansteht, so solle ich halt in
Gottesnamen sagen, was ich glaube, daß sie mir für die etlichen Wochen
auszuzahlen hätten. Jetzt sei das Frühjahr bald im Anzug, da würde ich
mich wohl fortbringen.

Sogleich fiel es mir ein: Sie brauchen dich gar nicht. Sie behielten
dich bislang nur aus Barmherzigkeit, damit du in der kalten Jahreszeit
nicht zu Grunde gehst. -- Nun, vom Auszahlen könne keine Rede sein.
Wenn sie mich umsonst nicht brauchen könnten, so möchten sie halt
sagen, was ich gelegentlich draufzuzahlen hätte, um im Hause bleiben
zu dürfen als Knecht. -- Schon that ich den Mund auf, um das zu sagen,
da stieß mich etwas: Thu’s nicht! Thu’s nicht! Es müßte Mißtrauen
erwecken. Es könnte alles verderben. Du mußt dich fügen wie der Sclave,
der mit Haut und Haar seinem Herrn verfallen ist.

Und so hat der Knecht Hansel demütig entgegnet, er besäße keine
Haarschere und kein Rasiermesser, er könne sich selber weder scheren
noch rasieren. Wenn der guten Hausmutter mein langes Haar schon so
zuwider sei, so müsse sie mich halt rupfen.

Darüber hat sie aufgelacht: „’s ist wahr, man kann ihm nit feindlich
sein. Er weiß allemal so eine spaßige Red’. Geh’ Vater, auf den Abend,
wenn du Zeit hast, nimm den Hansel zwischen die Knie und schneid’ ihm
den Pelz herab. Die Schafsscher’ thut’s eh dazu.“

Hörst du, Philosoph, die Schafsscher’ thut’s eh!

Nun und am Abend da geschah es. Ich hatte noch auf den „Lungendampf“
gehofft, der den Hausvater um diese Zeit manchmal anzufallen pflegt.
Aber diesmal kam er nicht. Ich mußte mich auf den niedrigen Dreifuß
setzen. Mein schönes, mein zartes, mein nußbraunes Haar! Es ist
dieselbe „güldgelockte Heldenmähne“, die du einst, ich glaube, in der
Sekunda war’s, mit einem tadellosen Trochäus besungen hast. Sie ist
dahin. Unter den Füßen des Barbaren lagen die herrlichen Fetzen umher,
bis die Hausmutter dieselben mit kecklichem Griff zusammenraffte,
um sie draußen unter den Dachtraufen zu begraben. Das kannst du dir
bei dieser Gelegenheit auch merken, Weltweiser, du: Wer ein gutes
Gedächtnis behalten will, der muß sein Haar unter Dachtraufen begraben!
Gutes Gedächtnis! Sicherlich, dieses Jahr werde ich mit merken.

Dann ging’s an den Teutonenbart. Die rostige Schere biß, raufte und
quiekste um Backen und Kinn, dieweilen der Kopf eingeschraubt war
zwischen den spießigen Knien meines vielgeliebten Hausvaters. Der war
dabei ganz munter.

„Hansel,“ sagte er plötzlich, während seine Finger die eine
Schnurrbartspitze festhielten, „wirst du schön brav sein? Wirst du uns
auch im Sommer bleiben, wenn’s zum Heuen und zum Ernten ist? Wirst,
Hansel, wirst?“

Mein feierliches: „Ich gelobe es!“

„Gut ist’s. So will ich dir den Schnauzbart stehen lassen.“

Und jetzt weißt du, Freund, es ist bei meinem Bart geschworen.

Als wir fertig waren, machte ich eines der Stubenfenster nach innen
auf, so daß hinten die schwarze Wand war. Das ist hier der Spiegel. --
Alfred, ich erschrak wirklich. Es ist über alle Vorstellung! Nie hätte
ich geglaubt, daß hinter diesem schönen Bart ein so häßlicher Kerl
stecken könnte. Mein Jugendantlitz einstens, du mußt dich ja noch daran
erinnern. Es war doch leidlich. Und jetzt --

Na, gute Nacht, dachte ich. Wenn sie mich jetzt so sieht. Das ist über
den Hasen, der sich beim Gottauslachen das Schnäuzel zerrissen hat.

Die Hände hab’ ich gefaltet: „Vater, Ihr habt mich vernichtet!“ Das
mußte wohl sehr kläglich gesagt sein, denn der Hausvater war starr vor
Schreck. Er sah es selber, was er hier angerichtet hatte.

Der Rocherl lachte hell auf.

„Hau!“ rief die Mutter, „wenn du Leut’ auslachen kannst, Bub, da thut
dir leicht die Hand nit weh? Jeder Mensch ist, wie ihn Gott erschaffen
hat!“

„Thut’s warten mit dem Gespött, bis ich erst fertig bin,“ sagte der
Hausvater. „Die Wildnis wär’ ausgerottet. Jetzt muß halt der Boden
glatt gemacht werden. Nachher wird er schön sein, der Hansel!“

Die Sache war, daß er mich noch einmal in die Arbeit nahm. Mit grober
Unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese Tünche
trocknete, schliff er sein Rasiermesser am ledernen Beinkleid, und
hierauf stellte er sich an mit schreckbar wilder Entschlossenheit, wie
ein Scharfrichter, der das erste Mal seines Amtes waltet. Mir war, als
müßte ich meine Unschuld hinausschreien in die weite Welt -- da kratzte
er schon. Als das Stoppelfeld glatt gemacht, stellte es sich heraus,
daß die Schnurrbartspitzen ganz und gar ungleich waren, rechts stand
das Schöpfchen, links stand keines. Also hinweg mit der ganzen Anlage.
Und dann war die Sträflingsfrisur vollkommen. Mit einer neuen Kette war
ich festgeschmiedet an den ehrwürdigen Bauernstand, denn mit dieser
Visage in die Stadt zurückzukehren -- ganz undenkbar. Ich traue ihm
nicht, dem Adam! Es kann teuflische Absicht dabei gewesen sein.

„Jetzt schaut er halt aus wie der Pfarrer!“ meinte der Rocherl. Das
etwa auch noch! Daß mit dem Haar und Bart die Maske gefallen wäre und
der entlarvte Buchstabenmensch nun vor aller Augen dastünde! --

Und was war heute morgen? An Sonntagen kommt das Klopfscheit nicht.
Hingegen kam heute der Hausvater selbst in die Kammer.

„Hast recht, Hansel,“ sagte er, „laß dir’s gut geschehen im Bett.
Unseres Herrgotts Rasttag. Aber nachher -- muß dir’s wohl einmal sagen
-- nachher sollst halt in die Kirchen gehen. Ich bin verantwortlich für
meine Leut’, daß sie den christlichen Glauben halten. Wir sind auf
Welt bei einander und wollen auch im Himmel bei einander sein. Gelt,
Hansel!“

Das hat mich geärgert. Mich bevormunden in religiösen Dingen? Einem
Kavalier geht das unmittelbar gegen die Ehre. Es hat mich aber auch
gefreut, obschon ich mir den Himmel doch immer etwas anders gedacht
habe, als mit den guten Adamshauserleuten beisammen zu sitzen. Zwar
denke ich, daß der Hausvater im Namen seiner ganzen Familie spricht,
auch in dem des jüngeren weiblichen Teiles derselben. Aber das ist
Bürstenabzug, der die Censur noch nicht passiert hat.

Ich bin also an diesem Morgen nicht liegen geblieben und nicht
aufgestanden. Sondern aufgesessen.

Und sagt jetzt der Adam verwundert: „Was hast denn da für Papierwerk?“
Weil er unter dem Kissen mehrere Nummern der „Kontinental-Post“
entdeckt hatte. „Geh, Hansel, auf so was liegt man schlecht. Es werden
doch nit Zeitungen sein?“

„Ach, beileib nicht, beileib nicht!“ leugne ich und schleudere so wie
zufällig die Bettdecke über die Blätter hin.

Der Bauer jedoch reckt sich in --

Jetzt lischt mir die Funzen aus.

[Illustration]



    Am zehnten Sonntage.


    Lieber Freund!

Habe ich dir das vorige Mal noch geschrieben, daß der Alte mich bei der
Zeitung erwischt hat?

Es war abscheulich. „Soll’s doch wahr sein!“ sagte er und zerrte das
Papierwerk hervor. „Da hat man’s. Schon lang ist’s mir nit recht
vorgekommen mit dir. Nachher glaub ich’s freilich, daß in deinen
Kopf kein ordentlicher Verstand hineingeht, wenn du ihn mit so Zeugs
anfüllst. Das darf wohl nit sein, Hansel. -- Weiters hab ich ja keine
Klag’ gegen dich, kamodt bist, willig bist, genügsam bist, gleichwohl
es immer einmal recht gefrettig hergeht, bei uns. Im Sommer nachher!
Da wird’s dich schon gefreuen, da ist’s lustig bei uns heroben auf der
Alm.“

„Ja, ja,“ sag’ ich, „freue mich auch schon drauf, wollen dann bisweilen
eines jodeln miteinand. Und fleißig arbeiten, versteht sich.“

Das sollte ablenkend wirken. Er fuhr fort: „Wenn du aber mit Zeitungen
umthätest! Einen Knecht, der Zeitung liest, kunnten wir wohl nit
brauchen. Sei froh, daß dir der liebe Gott einen ehrengeachteten Stand
gegeben hat, der mit den lumpigen Faxen nichts zu schaffen hat. Wenn du
was lesen willst, so findest drin in der Stuben das Leben-Christi-Buch,
die Legend’ der Heiligen und die Hausgebeter.“

Darauf der Knecht, der zugereiste, ganz bescheidentlich: „Möcht’ ich
doch fragen, Vater, warum Euch die Zeitungen gar so zuwider sind?“

Der Bauer hebt jetzt an, langsam sich zu recken, ganz hoch empor, bis
sein Hut unter der Holzdecke sich platt quetscht. Andere schreien, wenn
sie zornig sind, mein Hausvater spricht dann noch leiser als sonst.

„Daß du aber schon gar nichts weißt, Hansel! Hast denn nie was davon
gehört, daß die Zeitungschreiber Heiden sind? Oder gar Juden!“

„Wohl, wohl, Vater. Das habe ich schon gehört!“

„Und daß die Zeitungen für den Bauersmenschen Gift sind? -- Hast gleich
ein Beispiel beim Nansen in Hoisendorf. Der nichts thut, als alleweil
Zeitung lesen. Wahr ist’s, er hat fortweg mehr gewußt, als wir andern.
Er hat gewußt, wie’s in Preußen hergeht, und im Franzosenland, und was
die Landboten in der Reichsstuben sich alleweil für Grobheiten sagen
und so Geschichten. Aber wie er seine Bauernwirtschaft betreiben soll,
das hat er bald nimmer gewußt. Allerhand neue Sachen, wie sie in den
Zeitungen angelobt werden -- haben hat er sie müssen. Gekauft hat er
sie ums teure Geld. Gar eine Kornsäemaschin’ hat er gekauft, als ob er
selber keine Händ’ hätt’ dazu. Und wie er mit der neuen Maschin’ säen
gehen will, hat er kein Samenkorn im Kasten gehabt. Und zuletzt kauft
er dir, der Nansen, kauft dir --“ Er hebt an zu lachen.

„Was denn, Vater?“

„Ha, ha! Mußt mich aber für keinen Schwätzer halten, Hans, es ist gewiß
wahr, die andern werden dirs auch sagen. Dünger kauft der Bauer! Der
Nansenbauer, der den Stall voll Vieh haben könnt’. Kunstdünger kauft er
ums bare Geld.“

Weil ich mich nicht rühre, so kommt mein Adam ganz ans Bett heran,
faltet die Hände: „Ich bitt’ dich, Hansel, ein Bauer, der um Bargeld
Mist kauft!“

„Ja, mein Gott,“ sag ich, „Dünger kaufen, warum denn nicht? Dünger ist
ja für den Bauer sehr notwendig.“

Auf diese Bemerkung antwortet der Hausvater allerdings nicht mehr. Nur
daß er leise in sich hinein murmelt: „Der Nans ist fertig. Sein Gut,
wenn du’s kaufen willst, es steht unter dem Hammer.“

Bei der Einbrennsuppe nachher war noch einmal davon die Rede, da sagte
die Hausmutter: „Was hast denn heut mit dem Hansel, Vater? Du thust ja,
als ob er erst bei der Nacht vom Himmel gefallen wär! Der stellt sich
nur so!“ Und zu mir: „Ist ja wahr, Hansel, man kann dich gern haben.
Aber trauen thu ich dir nit. Du hast was Heimliches in dir, das die
Leut nit wissen sollen. Laß es gut sein, Hansel. Schlechtes wird’s wohl
nichts sein, ich frag’ dich nit drum. So lang wir sonst nichts Ungutes
an Dir wahrnehmen, bleiben wir halt beisammen. Ich weiß nit, haben wir
dich nötiger oder du uns.“

So steht’s. Ein verteufelter Kerl, dieses Weib.

Ob sie mit ihren Meinungen recht haben? Einerlei, Meinungen haben sie
festgründige, und das freut mich. Zwei Hände und einen Kopf dazu. Auf
die herausfordernden Worte der Hausmutter habe ich bloß die Achseln
gezuckt -- ’s war das Beste, nicht wahr? Den Hausvater hingegen habe
ich anlügen müssen. Er soll keine Zeitung mehr bei mir finden! Dem
geradsinnigen Mann ist das genug. Daß man sie bloß besser verstecken
muß, daß sie der Hoisendorfer Lehrer fürderhin heimlich vermitteln
wird -- das besorgt die Intelligenz. Auf Ehrenwort, Freund, den Alten
betrüge ich!

Denn auf die Zeitung verzichten? Schon darum nicht, weil mein Abscheu
vor der Welt noch zweiundvierzig Wochen lang aushalten muß. Nur ein
Tag ohne Nachricht von der weiten Welt, und sie lügt sich auf zu weiß
Gott was Begehrenswertem. Die Korrespondenz mit den Kollegen von der
„Kontinentalen“ habe ich abgebrochen. Das schofle Gewitzel, wenn ich
in Bedrängnis bin und hier den blutigen Ernst des Menschseins sehe --
es behagte mir nicht mehr. Von der Zeitung aber kann ich lernen, wie
gescheit man einmal war und wie ich mich jetzt Woche für Woche von
ihrem Geist entferne. Man muß sich nur in acht nehmen. Je weiter von
der Zeitungpresse entfernt, desto geneigter ist man, ihr zu glauben.
Aufs Glauben hält sie aber selber nichts. Man muß nur zwischen den
Zeilen lesen, dort steht schon das Richtige. Und je schlechter es geht
da draußen, desto besser für mich. Höre, Freund, was ich dir sage: Ich
hasse euere Welt. Aber es ist der Haß der Liebe.

Es ist der Haß der Liebe, Alfred!

Lassen wir das jetzt und seien wir der gehorsame Knecht, der die alten
Zeitungen in den Ofen werfen will. Doch die Hausmutter wehrt ab: „Nit,
Hansel, es thät stinken!“

Dann bin ich fleißig nach Hoisendorf hinabgegangen in die Kirche. Dort
habe ich mich in die Bank des Adamshauses gesetzt. Es hat nämlich
jeder Hof in der Kirche seine Bank, wofür vom Pfarramt jährlich ein
Abonnement von neun Kreuzern eingehoben wird. Es ist kein Fauteuil.
Durchaus nicht. Man ist förmlich eingezimmert zwischen Rück- und
Vorwand, auf einem fünf Zoll breiten Sitzbrett und einem Kniebalken.

Die Kirche ist jetzt in Trauer, die Altäre sind mit blauen Tüchern
verhüllt. Wir sind ja in der Fastenzeit. Vom Karneval ist im Adamshause
keine Rede gewesen, nur daß der Adam ein Schwein geschlachtet hatte.
Ich half ihm beim Metzgern. Als wir dem toten Tier die mit einer Lauge
gebrühten Borsten ausrupfen, fragt er mich: „Weißt du, Hansel, weshalb
die Sau ein geringeltes Schweifel hat? -- Nit? Na, so sag’ ihm’s,
Rocherl!“

Und der Rocherl erzählte: „Wie die Juden in Egyptenland gewesen sind,
hat ihnen der Sauhirt des Königs Pharao zu heimlichem Verkauf über den
Nil wollen junge Schweine zuwerfen. Aber der Nil ist breit und sie sind
alle ins Wasser gefallen. Da kommt der Teufel und sagt: Sauhirt, das
kannst du nicht. Siehst du, da muß man dem Schwein beim Schwanz ein
Schlingel machen, daß man besser angreifen kann, siehst du? -- So packt
er eins, schlingt es und schwingt es und wirft es hinüber. Der Moses
drüben aber sagt zu den Juden: Nein, meine lieben Leut’, ein Fleisch,
das uns der Teufel zuschmeißt, essen wir nicht.“

„Und davon soll’s kommen,“ setzte der Adam bei, „daß die Säue
geringelte Schweiflein haben und daß die Juden kein Schweinfleisch
essen.“

„Das wird wohl wieder so eine Dummheit sein,“ meinte damals die
Hausmutter, die es nicht leiden mag, wenn man sich über etwas
Biblisches lustig macht. Just in den Faschingstagen scheint sie’s
nicht so genau zu nehmen, da wird in der Bauernschaft halt auch ein
bißchen geschweinigelt. Früher soll viel gepraßt worden sein, soll
es Maskeraden gegeben haben und allerlei alte Tänze. In diesem Jahre
hatte in Hoisendorf nur ein sogenannter Holzknecht- und Veteranenball
stattgefunden, wobei wenig getanzt aber viel gerauft worden ist. Aha,
Du meinst etwa für Gott und Vaterland. Oder gar für Weibsbilder!
Nein, mein Lieber. Unter den Holzleuten, Jägern, Bauernknechten und
Bergknappen, die zusammengekommen waren, hatten sich -- wie der Lehrer
erzählt -- gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten entsponnen und
hätten sie einander Leitartikel über die sociale Frage geschrieben
-- mit Buchenstäben und Stuhlfüßen auf die rückwärtigen Körperteile.
Dieser politische Zeitungstil wird ja auch bei euch draußen wieder
modern.

Nun, das ist ungebrannte Asche. Am darauffolgenden Mittwoch hatte
der Hoisendorfer Kurat seinen Gemeindemitgliedern freilich ein
anderes Kapitel auf die Stirne geschrieben, und zwar mit gebrannten
Buchenstäben: „Du bist von Staub und Asche und wirst zu Staub und
Asche!“ Kennst du diese kirchliche Sitte nicht? Ganz freimütig bekennt
sie am Aschermittwoch den materialistischen Kreislauf der Natur, die
allerdings nicht immer Asche, sondern manchmal auch Stecken sein will.

Das Adamshaus liegt nur um dreihundert Meter höher, als das
Hoisendorfer Wirtshaus. Und hier findest du keinen Unfried mehr. In
der schneidigen Hausmutter erfreuen wir uns eines festen Regimes und
einer verläßlichen Exekutivgewalt. Selbst der Adam fühlt sich unter dem
materiarchalischen Absolutismus behaglich.

Das vorige Mal fragtest du mich besorgt nach dem Eßgeschirr, aus
dem im Adamshause gespeist würde, und nach anderen einschlägigen
Dingen. Darüber kann ich dir zum Glücke nichts Besonderes sagen. Die
Holzschüsseln und Holzlöffeln sind größtenteils ein überwundener
Standpunkt. Auch die Beinlöffeln und Gabeln, obschon mein Hausvater
deren noch etliche Paare aufbewahrt, von den Vorfahren her. Diese
Hornlöffeln bedingen zwar etwas Großmäuligkeit, also für einen
Journalisten durchaus nicht geeignet, sind aber sonst in ihrer
perlmutterartig durchscheinenden Farbenpracht sehr schön und
appetitlich. Ein alter Hüttler im Gai, der früher aus Rindshörnern
solche Löffeln gemacht hat, ist heute ein Bettelmann, und muß froh
sein, wenn er mit seinen Feinden, den Blechlöffeln, hie und da ein
warmes Süppchen auszulöffeln kriegt.

Die Bäuerin kocht in Blechpfannen und Thontöpfen. Ihr heimlicher Wunsch
geht nach einem eisernen Suppentopf, solchen Luxus erlauben aber die
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht. Wenn ich meine zwanzigtausend
Kronen fasse, dann, Hausmutter, gehen deine ausschweifendsten Wünsche
in Erfüllung!

Jährlich ein paarmal wandert sie mit einem Buckelkorb hinaus nach
Kailing zum Töpfer und Klampferer, um Häfen, Schüsseln, Milchreinen und
anderes Hausgeräte einzukaufen. Wenn im Hause etwas zerbrochen wird,
dann giebt’s einen kritischen Tag erster Ordnung und die Hausmutter
gerät in um so größere Wut, je gelassener der Missethäter bleibt. So
haben wir es uns angewöhnt, jeden zerschlagenen Topf wie ein großes
Unglück zu bejammern, damit das Scherbengericht der Hausmutter ein
wenig glimpflicher ausfällt.

Der Reinlichkeitssinn wird bei uns manchmal zur Hausplage. Abends,
wenn wir anderen schon zur Rast gegangen sind, ist die Hausmutter
noch stundenlang beschäftigt mit Waschen und Reiben und an Samstagen
tritt die Scheuerwut auch tagsüber auf und macht jede Niederlassung im
Hause unmöglich. Tisch, Bänke, Kästen, Zuber, Pfannen, über alles die
Sündflut; nur das Eßbesteck an den Wandhänkeln wird nicht gewaschen,
das hat jeder nach jedesmaligem Gebrauche selbst am Tischtuche
abzuwischen, damit basta. Hemden und Betten, wenn sie einmal dran
kommen, werden gebacken und gesotten und mit Holzklappen gründlich
durchbläut. Solltest du den tieferen Sinn dieser Verfahrungsweise nicht
vollends erfassen, so laß’ das Grübeln. --

Ihr draußen habt jetzt beim Morgenkaffee zum Dazubeißen den
türkisch-griechischen Krieg. Die brennende Frage der Hoisendorfer
heißt: Landtagswahlen. Und hat mein Adam heute ein Stück Wahlmanöver
heimgebracht. Es scheint ganz zufällig hängen geblieben zu sein
an seinem Gewand. Als er, von der Kirche kommend, den Lodenrock
auszieht, sagt er so vor sich hin: „Das ist auch rar von unserem
Kuraten. Geht er mich heut’ vor der Beicht an, ich sollt’ keinen
Umstürzler und Lumpenkerl wählen, und weiß nit, was er noch gesagt
hat. Socialdemokraten, oder was. Kannst mir nit aus dem Traum helfen,
Hansel, was er gemeint haben mag?“

Der Ahnungslose! Ein seit langem mit Not und Drang zurückgestauter
Leitartikel brach hervor -- elementar. Die Socialdemokraten!
Allgemeine Gleichheit natürlich! Ranglosigkeit, Gütergemeinschaft,
Weibergemeinschaft! -- So dumm sind sie nicht, das bringt ihnen nur
der Feind auf. Sie meinen das gleiche Recht. Was Einer verdient, das
soll er haben. Das ist doch klar. Man muß ihnen Gelegenheit geben,
emporzukommen. Sie sind Blut von unserem Blut. Genug Bauern, die ihre
Brüder und Söhne in den Fabriken haben. Roh mögen sie sein, aber Kraft
ist in ihnen, Tüchtigkeit und Bravheit. Sie kommen von unten, haben
Erdsegen in sich. Ihr Menschentum ist noch nicht verbraucht. Sie müssen
das Homunkeltum zu Tode sengen. --

Ob ich wirklich so gesprochen habe! Ich weiß nur, daß meine
Hausgenossen ratlos dastanden und einander anschauten.

Ich in der Hitze noch dazu: „Wählet einen Socialdemokraten,
Adamshauser! Die sind lange nicht so schlimm, als sie aussehen.“

Endlich erholte sich der Bauer und sagte: „So, so.“ Denn er weiß
jetzt so wenig als früher. „Mag eh sein, mag eh sein,“ sagte er, „ich
versteh’s nit. Wählen thun wir halt einen Bauern.“

Na ja. Wir sind auch so ein paar, der Kurat und ich! Der eine will den
Wähler dort haben, der andere da, und zerren ihn hin und her, wie Engel
und Teufel eine arme Seele. Nur weiß man nicht, welcher der Engel ist.
Und das nennt man, frei wählen! -- Warum einer gerade bei der Wahl --
nicht die Wahl haben soll, das ist auch eine jener Chinesereien, woran
unser Abendland jetzt schon bald reicher ist, als das Reich der Mitte.
„Muh!“ sagt mein Nachbar, der Ochs. Dieser Meinung bin schließlich auch
ich.

[Illustration]



    Am eilften Sonntag.


Ja, da kann ich dir nicht helfen, mein Lieber! Mitte März giebt’s hier
noch kein Frühjahr und mußte ich auch heut’ mit meinem Schreibbrett in
den Stall ziehen zu den zwei paar Ochsen. Jetzt stehen ihrer wieder
fünfe da, die mit ihrer tierischen Wärme halt aufeinander angewiesen
sind. Also laß es hingehen, wenn der Geruch meiner Sendboten nicht
allzusehr an ~Eau de Cologne~ erinnert.

An einem dieser Wochentage saßen wir, der junge Rocherl und ich,
zusammen in der Kammer und thaten wollzupfen. Unterricht: Die Wolle,
die am vorigen Herbste den Schafen vom Leib geschoren und dann tüchtig
gelaugt worden ist, hat verfilzte Strähne und muß locker gezupft
werden. Dann kommt sie unter die Krampel (Kraue), endlich auf den
Spinnrocken. Der Weg vom Schaf bis zum Webstuhl ist mindestens so
lang als der vom Lumpen bis zum Banknotenpapier, und der Weg vom
Webstuhl bis zum Schneider manchmal nicht kürzer. Ohne Kenntnisse,
Fleiß und Fertigkeit ist er so wenig passierbar, als der eines
tüchtigen Gewerbsmannes oder Fabrikanten. Wollzupfen, nun, das kann
jedes Kind. Nur ich, der ein sogenannter Mann geworden war, bevor
er so seltsamerweise zu einem Kinde werden muß, habe es erst lernen
müssen. Anfangs hatte ich gemeint, es handle sich ums Zerkleinern
der Strähnlein und habe sie mitten entzwei reißen wollen. „Du bist
aber schon gar gescheit!“ sagte der Rocherl und zupfte eines meiner
ureigenen Wollsträhnlein. Dem Rocherl macht’s ja auch Mühe, weil zum
Zupfen eigentlich zwei Hände gehören, während er die eine, mit Lappen
wulstig umwickelt, auf dem Truhenrande liegen hat. Als ich den schönen
Menschen so von der Seite ansehe, wie er blaß ist, wie er betrübt
dasitzt, -- ein Krüppel für sein lebtaglang -- da stelle ich die Frage,
wieso es denn gekommen sei, das Unglück?

Der Bursche schlägt sein großes Auge auf, sein feuchtes, manchmal so
eigentümlich leuchtendes, und antwortet in einem traumhaft singenden
Ton: „Ein Reh ist schuld daran gewesen.“ Dann kommt er zu sich, lacht
auf: „Ein Reh! Hab ich gesagt ein Reh? Siehst du, Hansel, wie man
schlecht sein kann! Was kann das Reh dafür, daß ich hab’ schießen
wollen!“

Darauf ich: „Es ist die alte Geschichte. Der Bauer muß sein Korn und
Kraut vor dem Wilde schützen. Und dieweilen der arme Mann sich seines
Eigentums wehrt, läßt der gottverdammte Jäger das Reh laufen und
schießt auf den Bauern.“

Darauf der Rocherl: „Nein, Hansel, diesmal ist es nit so gewesen. --
Schau, die grauen und die weißen Schüberln mußt du auseinanderzupfen,
sonst wird der Loden scheckig. -- Ganz anders ist das gewesen. Mir
ist recht geschehen. Mitten im Winter frißt das Reh kein Korn und
kein Kraut. Gelustet hat’s mich. Und wenn mich einmal etwas gelustet,
nachher nichts denken -- wild drein.“

„Recht sorgfältig will ich zupfen, wenn du mir’s erzählst.“

„Knötteln, wenn du ihrer findest, darfst du nit dazuthun. Die mußt
wegwerfen. -- Alleweil halt oben gestanden, oft die halben Nächte lang.
Hinter dem Schachen mit der Flinte. Aber es hat nit sein sollen. Das
eine Mal, wenn’s zu Schuß kommen soll, geht das Zündhüttel nit los. Daß
zweite Mal, wie ich hinziel’ aufs Tier, du Hansel, da geht’s freilich
los, aber nit bei mir. In der Hand hab’ ich’s gehabt, dem Jäger sein
Blei, wie’s heut’ noch drinnen steckt. Gesehen hab’ ich nichts mehr.
Auch nichts gehört. Du, ich sag’ dir, wenn der Mensch derschossen wird,
so kann er sich nit einmal denken, jetzt bin ich derschossen worden! So
geschwind geht’s.“

„Aber du bist es ja nicht worden, wie man sieht!“

„Wie ich wieder munter werd’, lieg’ ich im Bett, steht der Geistliche
neben meiner und ist vom Sterben die Red’. Meinetwegen! hab’ ich mir
gedacht und bin wieder eingeschlafen. -- Aber du! ’s Kugerl hat’s schon
gemacht, daß ich nit verschlafen hab’.“

„Hat’s weh gethan?“

„Der Teuxel, freilich hat’s weh gethan.“

„Jetzt, wer hat denn eigentlich geschossen?“

„Der höllverfluchte Menschkerl. Der Jäger Konrad.“

„Wenn dir aber doch recht geschehen ist?“

„Recht geschehen, das freilich. Weil ich gewildert hab’. Und weil’s
Wildern verboten ist. Der Jäger hat +nit+ recht gethan, denn
weil er auf einen Menschen geschossen hat. Der hätt’ mir die Büchsen
können wegnehmen, das hätt’ er können. Wehr ich mich, so darf er auch
schießen, das darf er. Aber nit so! So nit. Mörderschuß, sag’ ich.
Weil er mir Feind ist gewesen. Das soll er sich merken! Klagen gehen
hätt’ ich ihn können, sagt der Kulmbock-Bauer. Was hab’ ich davon,
wenn er sitzt? Für so was ist mir meine Hand nit feil. Die verkauf ich
teurer, mein Lieber!“

In diesem Augenblicke hättest du ihn sehen sollen, den Jungen. Etwas
Unheimliches. Ich wollte ihn beschwichtigen.

„Hat gleich Angst bekommen, der Jäger,“ fährt der Rocherl fort. „Ist
noch am selben Tag nachfragen gegangen ins Haus, wie’s mir geht. Nur
den Flintenlauf, sagt’ er, hätt’ er mir wollen aus der Hand schießen.
Wär’ nit sein Willen gewesen, daß er mich trifft. Wär’ nit so vermeint
gewesen, sagt’ er. Bin auch weiter nit bös auf dich, hab ich gesagt.
Vielleicht zahl’ ich dir’s einmal ab, vielleicht nit.“

„Ich an deiner Stelle möchte mich mehr um die wunde Hand kümmern, als
um den Jäger.“

„Die wird schon wieder heilen. Das Pech zieht’s heraus.“

Wie mich dieser Bursch erbarmt! Sprießt erst zum Leben auf. Soll hart
den Daseinsstreit ringen mit der gefräßigen Welt. Und ist ohnmächtig
in Arbeit und Wehr. Und schaut so treuherzig in die trüben Nebel
seiner Zukunft. Was sein Verzeihen anbelangt? „Vielleicht zahlt er’s
ihm einmal ab, vielleicht nit!“ Der Geistliche hätte ihm das Verzeihen
geraten, der Rocherl hätte drauf geantwortet: „Wird mir eh nit viel
anderes übrig bleiben, weil der Jäger stärker ist.“

„Rocherl,“ habe ich hernach gesagt, „nicht unruhig machen möchte ich
dich. Deine Hand +wird+ heil werden. Aber Pfropfenzieher ist das
Schusterpech keiner. Da muß ein Arzt dran.“

Antwortet er: „Wir haben eh die Marenzel gefragt, die was die
Salbensiederin ist. Die hat gesagt, nur keinen Doktor! So Leut’ thäten
gleich die ganz’ Hand wegschneiden. Da ist mir eine luckete Hand
doch alleweil noch lieber, wie gar keine. Und die Kugel wird schon
herfürkommen, sagt sie. Dreimal der Vollmond muß halt draufscheinen.“

Nun weiß man auch, weshalb vor drei Wochen der Junge des Abends immer
vor der Hausthüre gestanden ist und seine arme Pfote dem aufgehenden
Mond entgegengehalten hat.

Nachdem wir wieder ein Weilchen schweigend nebeneinander Wolle gezupft
haben, sagt der Rocherl: „Wird eh so am besten sein, für mich. Heißt
nichts, die Wildschützerei. Und bändigen hätt’ ich mich nit können.
Du glaubst nit, Hansel, wie das ist, wenn einer bei der Nacht so aus
dem Bett gezogen wird, wie das Kalb mit dem Strick. Und zum Wald hin.
Und kreispelt’s im Dickert -- und sieht was laufen. Nur gleich so in
die Hand fahrt’s. Und wenn du eine Heugabel bei dir hast, an die Wang
fahrst damit!“

„Und das arme Tier erbarmt dich nicht? Das gerade so gern lebt wie du.
Denkst denn nicht dran?“

„Denkt der Jäger dran, der schlechte Lump? Geh, Narr, zum Denken ist da
keine Zeit, sonst lauft’s dir davon. Oder höchstens: streck’ ich’s nit,
streckt’s der Jäger.“

„Hör’ mir auf, Rocherl. Diese Ausrede kann jeder Diebskerl brauchen.“

„Hast eh recht. Aber es ist halt wie verhext. Es giebt halt nichts
Lustigeres auf der Welt, wie das Reherlschießen.“

Singend hatte er die letzten Worte gesagt und kam uns wohl beiden das
Volkslied in den Sinn:

    „Obs sunnen oder dunnern thut,
    Ob winden oder gießen,
    Ich weiß halt keine größere Freud,
    Als wie das Reherlschießen!“

Und derselbe Bursche ist anderseits so voller Sorgfalt für die
Haustiere, kümmert sich um die richtige Fütterung, vergißt nach keiner
Mahlzeit, die Brosamen hinaus aufs Fensterbrett zu legen, daß die
Spatzen kommen und sich letzen mögen zur Winterszeit.

Um den Kuhstall sorgt er sich nicht, dort ist die Barbel. Wo die Barbel
ist, da braucht sich weiter niemand zu kümmern. Wo die Barbel ist, da
kann nichts geschehen.

Vor etlichen Tagen hatten wir ein Donnerwetter mit Blitz und Hagel,
wie im Hochsommer. Noch nie so um diese Zeit, sagen sie. In der Nacht
war’s. Ich wurde ins Haus gerufen, um beim Schein einer Weihekerze
den Wettersegen mit beten zu helfen, oder bereit zu sein zum Retten,
falls der Blitz einschlüge. Das krachte und knatterte ganz grauenhaft.
„Hagel auf den Schnee thut dem Korn nit weh!“ sagte der Hausvater, aber
fürchten thaten sie sich doch. Der Rocherl kauerte im bloßen Hemde am
Herd, zitterte, wimmerte, hielt Ohren und Augen zu und verlangte nach
der Schwester. Die wurde geweckt, kam in die Stube, da war er ruhig.
Sie sagte kein Trostwort, sie betete nicht, sie war nicht erstaunt
-- sie schaute nur traumhaft drein, wie sonst manchmal. Das Gewitter
verzog sich, draußen war es still und schneelicht und man hätte sagen
mögen: Das Mädel gebot dem Sturm.

Bin ich schon wieder bei ihr? -- Aber es ist ja ein dummes Ding.

    Dein treuer Knecht.

+Nach Schluß des Blattes.+ Du fragst, was das für ein Sprachstil
wäre, dessen ich mich in meinen Briefen befleißige. Möge dein
ästhetisches Urteil mir gnädig sein -- es ist der Dreschflegelstil.
Mit starren Gliedern und vollem Herzen schlägt man nicht die
schöngewundenen Spaziergänge durch den Rosengarten der deutschen
Kunstsprache ein. Da geht’s gerade aus durch Strupp und Strauch. Wäre
Goethe anstatt Minister Bauernknecht gewesen, es möchte auch der
Goethestil ein Flegel- oder Heugabelstil geworden sein. Und nächstens
soll’s gar an den Mistgabelstiel gehen.

[Illustration]



    Am zwölften Sonntage.


Eine pathetisch veranlagte Natur würde von Herzenstakt und
Charakteradel zu sprechen haben. Ich sage bloß: Seelengute Leuteln!

Mit Ausnahme der reschen Hausmutter, die bisweilen Salz in die Butte
streut, ist in diesem Hause alles voller Sanftmut und Rücksicht
gegeneinander. Wird der Vater von seinem Lungenkrampf geplagt, so
ist alles um ihn bestrebt, Erleichterung zu schaffen; doch ein paar
Gramm Hexenkraut vermögen mehr, als die ganze Liebe. Wenn aber die
Marenzel ausbleibt mit dem Hexenkraut! Das alte Weib ließ merken, daß
es beleidigt worden sei und blieb aus. Nun zerbrachen wir uns alle den
Kopf, worin denn die Beleidigung bestanden haben könne? Die Hausmutter
erinnerte sich, das letztemal der Marenzel die Einbrennsuppe anstatt
auf den Tisch, nur auf die Bank hingesetzt zu haben, denn der Tisch
war mit Flachssträhnen vollbelegt gewesen. Oder hatte der Franzel ihr
Dachshündlein beleidigt? Er sagte nämlich „Hund“ zu ihm. Der Hausvater
hatte in ihrer Anwesenheit, als draußen ein Regenschauer niederging,
scherzeshalber den Ausspruch gethan: „Wenn’s in die Sonn’ regnet, thut
der Teuxel seine Großmutter auf die Bleich legen.“ -- Sollte das die
Marenzel schief genommen haben? Denn das soll eine sein, die alles,
was Übles gesagt wird, gleich auf sich bezieht. Also sie kam nicht,
im Hause war kein Hexenkraut und dem armen Manne sprengte es fast die
Brust. So wurde endlich der Rocherl ausgeschickt, die Marenzel zu
suchen. Er fand sie bettelnd im Thale mit ihrem kleinen roten Dachse,
den sie stets im Korbe bei sich trägt. „Liebeste Marenzel,“ soll er
gesagt haben, „heut’ thäten wir wieder einmal buttern daheim, wenn du
kosten möchtest kommen. Die Mutter sagt schon, daß der Butter dasmal
wieder so süß ist, und wenn nur die liebe Marenzel thät kommen!“

„Ist gut,“ antwortete die Alte, „will kein Stein sein, wenn mir
die Leut’ gutweis kommen!“ und kam neben dem Rocherl den Berg
heraufgetorkelt. Sie that ihren breitkrämpigen Filzhut ab, wendete das
kleine runzelige und fast kahle Köpflein rasch in der Stube nach allen
Seiten hin, ob nicht irgendwo sich ein Feind zeige. Dann schlenkerte
sie ihren wulstig geflickten Kittel aus und fragte einigermaßen bissig:
„Wo darf man denn niedersitzen?“

„Wo du magst, wo du magst, Marenzel,“ drauf die Hausmutter, „’s ist ein
rechtes Elend bei uns. Den Vater hat’s wieder so viel aus der Brust.“

„So! Halt das Frühjahr. Thut’s nur Achting geben. Der Bauer thut im
Herbst fexnen und der Rippenmann im Frühjahr.“ Und vom Kraut sagte sie
nichts.

Als sie im Korb ihr Hündlein zurecht gebettet hatte mit allerlei
zärtlichen Koseworten, als sie ihm Milch und Butter zum schlecken
vorgelegt und selbst schmatzend das ihr dargereichte Butterbrot
abgethan hatte und sich hierauf sorgfältig die dürren Finger an einem
Lappen rieb, trat endlich die Hausmutter vor mit ihrem „Gebitt“ um
Hexenkraut.

Da begann die Alte langsam ihren Hals nach vorn zu strecken. Die
Glotzäuglein traten hervor. Die auf den Stock gestützte Hand begann zu
wackeln.

„-- -- Adamshauserin! Mir scheint, Euch ist nit um’s arme Leut zu thun,
daß es soll Butter kosten. Mir scheint, das Hexenkraut ist’s. Meine
liebe Bäuerin, das hätt’ Euer Bub früher sagen sollen. Ich hab kein
Kraut bei mir.“

Weil ich zufällig anwesend bin, so kommt es mir in den Sinn: Wart’
Alte, deinen Bettelhochmut wollen wir dir austreiben.

„Hausmutter“, sage ich, ohne scheinbar der alten Marenzel zu achten,
„wenn der Vater wieder an Atemnot leidet, da weiß ich ein Mittel, das
hilft gewiß. Hundefett, von einem roten Dachshund. Gar nichts Besseres
für Brustleiden! Da brauchen wir nicht erst ein stinkendes Hexenkraut.“

Den Haßblick von der Alten, den möchte ich mir in Spiritus konservieren
lassen, wäre der Mühe wohl wert! Und dann hat sie ausgepackt.
Hexenkraut so viel, daß man damit alle Hexen und Kurpfuscherinnen
vom Almgai hätte zu Tode räuchern können. Auch frisches Schusterpech
für die Schußwunde: „Wenn nit der abnehmend’ Mond schon zu viel
draufgescheint hat, so wird es das Blei schon herausziehen.“

Nachher, als sie fort war und der beräucherte Hausvater sich wieder
erleichtert fühlte, habe ich Vorwürfe bekommen. Das thät er nicht gern
hören, daß in seinem Haus das Heilkraut so verspöttelt würde. Man müsse
dem lieben Herrgott lieber danken, daß er’s wachsen lasse. Und was
solle das heißen, mit dem Dachshund? Das Hündel würde man ihr doch
gönnen mögen, der armen Haut. Sei eh noch eine gute Tugend an ihr, daß
sie ein Herz zum Tier habe.

Dann „der abnehmend’ Mond?“ -- Die Schußwunde des Rocherl ist es, aus
der gleichsam die ganze Familie blutet. -- Und ihr anderes Leid ist der
Soldat in der weiten Welt, der Valentin.

Seit Wochen erwarten sie seinen Urlaub. Zu Weihnachten hatte er
eine Photographie geschickt; die hat der Rocherl zu den Bildern des
Hausaltars hinaufgehangen und der Vater hat sie wieder herabgenommen.

„Man denkt beim Beten so schon zu viel an den Buben; und wenn erst gar
noch das Bildel vor Augen hängt! Wenn sie auch immer einmal gemartert
werden, die Soldaten -- Märtyrer ist er halt doch noch keiner, daß man
ihn zu den Heiligen könnt thun.“

Des Hauses Stolz ist der kleine Franzel. Der Schullehrer hält nämlich
von dem Knaben große Dinge. Es ist die Rede davon, daß er nächst’ Jahr
in ein Seminar soll. Wenn du einmal nachdenkest, woher die klerikalen
Kämpen und heißglutigen Priester kommen, die ebenso entschieden
Weltgeschichte machen, als andere Mächte -- aus dem Bauernhause kommen
die meisten. Unverbrauchte Erdkraft ist in ihnen. Daran denkt das alte
Menschenpaar im Adamshause freilich nicht. Ihr höchstes Erdenziel wäre
das, einstmals im schneeweißen Haar dem Meßopfer des eigenen Kindes
beiwohnen zu können.

Der Augapfel dieser Leute, ihr Herzblatt und ihre zitternde Freude
ist --. Sagen thut’s keines, anmerken thut man’s jedem. Wenn die
+Barbel+ nicht da ist -- wo ist sie denn? Wenn sie im Stalle
Streu hebt oder vor dem Hause Holz schichtet -- ist es wohl nicht zu
hart für sie? Wenn sie bei Tisch den Löffel weglegt -- was ist dir
denn, Kind, daß du nit magst essen? Und hast wohl genug warm bei der
Nacht, Barbel? Und thut dir wohl nichts weh, Barbel?

Am Josefitag, während das Mädel in der Kirche war, habe ich ein
Gespräch gehört zwischen dem Adam und seinem Weibe, das mir zu denken
giebt. Sagt sie zu ihm: „Ich weiß nit, Adam, mir ist immereinmal so
hart.“

„Warum denn, Mutter?“

„Das weiß ich halt selber nit.“

Machte er sein schalkhaftes Gesicht: „Wenn dich was druckt, Alte,
da weiß ich dir einen guten Rat. Vor Zeiten wärest du selber
draufgekommen.“

„Du meinst, daß ich für die armen Seelen im Fegfeuer ein Vaterunser
beten sollt’?“

Er schüttelte den Kopf -- das meine er nicht.

„Oder fleißig zum arbeiten schauen?“ sagte sie.

„Weißt, Mutter, zu wenig greinen thust du. Besser ausbrummen mußt dich,
nachher wird dir schon g’ring.“

„Das kannst sein lassen, Alter. Fürs Foppen bin ich jetzt nit
aufgelegt. Traurig genug, wenn du dich nit kümmerst. Fällt dir denn gar
nichts auf, Adam? Daß sie alleweil so traurig ist!“

„Wer?“

„Und schon gar nimmer lachen will. Die Barbel!“

„Die Barbel? Nit lachen? Nimmer lustig sein? -- Du, Weib, jetzt fällt
mir das auch auf. Haben wir nit alleweil gesagt: das Hausglöckel?“

„Gelt! Und jetzt nimmer. Schon lang’ nimmer. Oder weißt eine Zeit, wo
sie gelacht hat?“

„Schon lang’ nimmer,“ sagte er nachdenklich.

„Seit dazumal, wo sie ins Wasser gefallen ist, kommt sie mir halt ganz
anders für!“

„Seit sie zu Hoisendorf in den Bach gefallen ist?“

„Seitdem ist sie nimmer so.“

„Das kunnt ich mir nit denken, wegen was.“

„Du, wenn’s mit dem Kind was hätt’! Himmlische Mutter Maria, wenn dem
Kind was thät’ sein!“

„Es müßte nur sein,“ meinte er, „daß ihr die Hand weh thät’.“

„Die Hand? Sie wird doch an der Hand nichts haben!“

„Dem Rocherl seine.“

„Mein Gott, es kann ja eh sein, daß es +das+ ist.“

„Sie sollt’s doch sehen, daß der Bub’ selber lustig ist.“

„Ist nit sein Ernst, mein du! Dem steckt’s tiefer, als er’s scheinen
lassen will. Geh’, sag’ das einer Mutter nit! Was die Kinder müssen
leiden, wenn man’s selber kunnt tragen! Tausendmal gern! Daß uns so was
hat müssen treffen mit dem Rocherl!“

„Mein Gott, Traudel,“ sagte er, „wir sind halt auf der Welt. Da ist
doch das Unglück nichts neues! Wollen denn wir den Himmel schon im
Almgai haben? Narr’l, da thät’ ja nachher das Absterben zu hart sein!“

So haben sie am Vormittage miteinander geplaudert beim Herdfeuer. Und
zu Mittag, wie die anderen von Hoisendorf heimkommen, bringen sie den
Brief mit. Vom Soldaten. Die Hausmutter hat uns für denselben Mittag
Leinölkrapfen bereitet gehabt, die sonst so gut sein sollen. Haben
uns nicht geschmeckt. Der Valentin liegt krank im Spital zu Laibach
im Krainerland. Was ihm fehlt, das schreibt er nicht. Immer an „heim“
muß er denken. Immer an heim! -- Der zuerst anhebt zu brüllen, das ist
der Franzel. Den Rocherl stoßt’s bloß in der Brust. Die Mutter hockt
im Ofenwinkel, reglos, wortlos. Der Vater hat größere Augensterne
bekommen, daß man das Weiße nicht mehr sieht. Die Barbel steht ganz
ruhig am Winkelkasten und schaut mit ihren runden, betrübten Augen zum
Fenster hinaus, und die Hände hat sie über der Schürze gefaltet.

Jetzt, Knecht, zugereister, mach’ dich einmal nützlich! Also fange ich
an zu trösten: „Spital! Was weiter? Bin ich zweimal im Garnisonsspital
gewesen, einmal vier, einmal sechs Wochen lang. Da fehlt einem gar
nichts, als das bissel Gesundheit. Man hat sein warmes Bett, sein
Stückel Fleisch und seinen Doktor. Und wird bedient wie ein Graf.
Wachzustehen braucht man nicht, zu exerzieren braucht man nicht, hört
keine Flucherei, weiß von keiner Strafe und die Zeit vergeht doch.
Manchmal geht’s gar lustig zu im Spital: schwatzen, karteln, rauchen,
feinsten Kommißtabak, versteht sich, nachher Geschichten erzählen und
allerhand Narreteien, zum Kugeln vor Lachen. Ich sage nur das: manchem
ist gar nicht gut, wenn ihm wieder gut ist und er heraus muß!“

Ich glaube, Philosoph, diesmal habe ich mir meine Suppe redlich
verdient, mitsamt Salz und Kümmel. Die Angesichter haben sich schier
aufgeheitert, wie ein Regenhimmel, wenn der Ost zieht.

„Ich denk wohl auch, daß es nit so arg sein wird,“ meint der
Hausvater, der überhaupt eine leichte Achsel hat auf die er das
Schwerste legt.

Eine solche Achsel, wenn die Hausmutter hätt’! Diese ließ es sich nicht
nehmen, daß der arme Valentin schwere Not würde leiden müssen. Es wäre
ja ein alter Brauch, daß man die Soldaten schier verhungern ließe.

„Wenn er nur Hunger hat, auf dem Krankenbett!“ sagte der Vater, „wenn
er nur recht Hunger hat, nachher kommt er uns wieder!“

„Schreibt er nit um Geld?“ fragte die Mutter. Der Rocherl, der den
Brief gelesen, verleugnete auf einen Wink des Vaters die kleine Zeile
ganz unten am Rand.

„Noch nit +einmal+ hat er um Geld geschrieben!“ erklärte die
Mutter.

Die verleugnete Zeile aber lautete: „Nur um zwei Gulden, wenn ich
bitten dürfte, liebe Eltern!“

Der Vater wollte mit den Kindern erst die Geldbeschaffung besprechen,
bevor er der Mutter die Bitte mitteilen mochte.

Tags zuvor war der Steuerbote dagewesen, schon das dritte Mal seit
sechs Wochen. So verworren, daß sich kein Mensch auskennt, spricht der
Zahlungsauftrag von „rückständiger“ Steuer, die der Adamshauser schon
längst bezahlt zu haben wähnte. Es half ihm nichts, der Bote trug den
Rest des Sparpfennigs mit fort, mit der Drohung, daß er +nicht+
wiederkomme! Wenn bis Ostern die letzte Quote nicht bezahlt sei, dann
ginge es an ein paar Ochsen! O welches Glück, in einem Kulturstaat zu
leben!

Der fürsorgliche Besuch des Herrn Staates hatte damals dem Adamshauser
einen Asthmaanfall gebracht. Wie der Steuerbote die Lunge angriff, so
ging nun der Soldatenbrief ans +Herz+.

Jetzt merkte ich aber, daß die Barbel anhub, ein frohes Gesicht zu
machen.

„Braucht der Valentin etwa Geld?“ fragte sie leichthin.

„Na freilich wird ein Soldat nie zuviel Geld haben,“ meinte der Vater.

Nach wenigen Minuten brachte sie aus ihrer Kammer ein zierlich mit
bunter Wolle gesticktes Mapplein.

„Da kann er gleich heimreisen, wenn er mag,“ sagte sie. Acht oder zehn
glatt zusammengefaltete Papiergulden that sie hervor.

Stürzte erregt die Mutter herbei: „Barbel, wo hast du das Geld her?“

„Geh’, närrisch,“ lachte der Vater, „woher wird sie’s denn haben? --
Mir scheint, Tochter, du willst dein Kresengeld verthun!“

Es war aber nicht das Taufpatengeld, wie er meinte.

„Habt ihr auf die Hetschen-Basel denn schon ganz vergessen?“ fragte
die Barbel. O, Freund, wie schön ist ihr Muttergottesgesicht, wenn sie
schalkhaft schmunzelt!

„Das Geld von der Basel?“

„Das sie mir vermacht hat. Ihr wisset es ja, Mutter.“

„Und daß du die Erbschaft in die Kailinger Sparkasse solltest legen!
Ja, hast das Geld denn nit eingelegt? Du leichtsinnige Dirn’, du!“

„Was brauchts denn die Kailinger Sparkasse, wenn mans daheim auch gut
aufheben kann!“

Als sie den letzten Schein aus der Mappe thut, werfe ich einen
Blick auf das Geld und erschrecke ganz abscheulich. Sind es lauter
Papiergulden, die schon seit zwei Jahren keine Gültigkeit mehr haben.

Und wollen sie dieses Geld dem Valentin schicken! Da habe ich mir wohl
gedacht: O Adam! Adam! Bisweilen wäre doch auch im Bauernhause eine
Zeitung nicht schlecht!

Jetzt frage ich dich, Alfred! Du bist zwar ein tapferer Mann, schon
auch darum, weil du so fest zum zugereisten Bauernknecht stehest.
Aber die Hand aufs Herz! Hättest du den Mut, dieses Wesen aufzuklären
darüber, daß ihr in der schönen Mappe so sorgfältig gehüteter
Sparpfennig mit dem sie dem kranken Valentin die Heimreise ermöglichen
will, wertlose Papierfetzen sind? Das wäre ja gerade, als risse ihr ein
gottverfluchter Erzräuber das Vermögen aus der Hand. -- Na, da rücke
ich mich auf meiner Bank ein wenig gegen die Tischecke hin.

„Du, Barbel,“ sage ich, „laß einmal sehen. Acht Gulden hast du da.
Papiergeld. Hörst du, das werden sie dir auf der Post schwer annehmen.
Geld kann man neuzeit nur durch Postanweisungen schicken, und da muß
Silbergeld eingezahlt werden. Ja, ja, Dirndel, du glaubst es nicht, was
so eine kaiserliche Post für Kaprizen hat! Ist aber leicht geholfen.
Wart’ ein bissel, ich wechsle dir die Papiergulden gegen Silberlinge
um. Hab’ ihrer einen ganzen Teuxel im Hosensack, da genieren sie. Mir
ist Papier lieber und der Post Silber und so ist uns beiden geholfen.“

Gelogen wie gedruckt. Aber ich hoffe, der Herrgott, wenn er sich
überhaupt um einen durchtriebenen Strick noch kümmert, wird mir
dreihundert Zeitungslügen dieser einen willen verzeihen. -- Du hast
einmal gesagt, daß gute Menschen ansteckend wären. Hätte gar nichts
dagegen.

Und so ist nachher dem dreibeinigen Bandelkrämer zu Hoisendorf die
Geldsendung übergeben worden, und ein schöner, Brief dazu, des Sinnes,
daß die Heimatberge noch felsenfest stehen, daß Eltern und Geschwister
frisch und gesund sind und alle Tage ihr Vaterunser beten für den
Valentin um glückliche Heimkehr. Die durchschossene Hand ist ihm
verschwiegen worden. Die kann er jetzt nicht brauchen.

Als der Brief geschrieben und vorgelesen war, schaute mich die Barbel
an. Hatte ich ihr aus dem Herzen geschrieben? Mensch, so lieb hat mich
noch niemand angesehen! -- Wir haben heute Frühlingsanfang. Das stimmt,
Professor. Frühlingsanfang! Frühlingsanfang!

[Illustration]



    +Adamshaus+, am dreizehnten Sonntage.


    An das Redaktionskollegium der „Kontinental-Post“.

Lasset es gut sein, meine Herren. Euere dem Blatte unrechtmäßiger Weise
entzogenen und mir unverdient brieflich zugewendeten Geistesentladungen
sind nicht mehr wohl angebracht. Ich bin bereits zu sehr verbauert,
um dafür die richtige Wertschätzung aufzubringen. Ihr werdet schon
verzeihen, daß der Spaß wirklich ernst geworden ist. Der Philister
in mir wird bereits so vordringlich, daß ich aufhöre zu „wissen“
und anfange zu ahnen. Zu ahnen, was das weltberühmte Wort heißt: Im
Schweiße deines Angesichtes! Und was Menschenleben heißt!

Die „Kontinentale“ ist mir nicht mehr unter allen Umständen notwendig.
Wenn ihr sie mir noch weiter schicken wollet, um euch bei mir in
freundlicher Erinnerung zu halten, dann sendet sie an den Herrn Guido
Winter, Schullehrer zu Hoisendorf, ob Kailing. Bei mir daheim wird
sothanes Papier nicht geduldet, weil es, nach Ausspruch einer mir
maßgeblichen Persönlichkeit beim Verbrennen zu viel Gestank macht.

Hier hebt jetzt Erdgeruch an, aus dem Boden zu steigen, der macht sich
nach Weihrauch, Pulverdampf und Druckerschwärze, die mir schon in die
Nase gestiegen, freilich ganz märchenhaft!

Machet euch um mich weiter nur keine Sorgen. Wenn das Jahr um ist,
werde ich mein Visitkarte schon abgeben. Schluß.

    Hans Trautendorffer.



    Am vierzehnten Sonntage.


    Liebster Alfred!

Am vorigen Sonntage hatte ich gerade so viel Zeit, um an die Herren der
„Kontinental-Post“ ein Absagebriefchen zu schreiben. Denn diese Art
von Zuschriften ist mir endlich doch zu unangenehm geworden. So sehr
mich deine Briefe stets aufrichten, so sehr haben mich die frivolen
Geistreicheleien von jener Seite verstimmt. Und war auch einmal so
einer!

Den größten Teil des vorigen Sonntags habe ich brütend über einem alten
Buche zugebracht, das sich in einer wurmstichigen Truhe des Hauses
gefunden. Es ist eine Erd- und Geschichtbeschreibung vom Gesichtswinkel
eines alten Scholastikers aus. Weiter nicht der Mühe wert, wenn ich
in demselben nicht meine -- Ahnen entdeckt hätte. Kann mir darauf
schon etwas einbilden! Zur Hohenstauffenzeit haben die Trautentorffer
schon eine Rolle gespielt. Ein „Hannus Trautentorffer“ ist damals zu
Augsburg gevierteilt worden. Der Mann scheint die Durchfuhrszölle etwas
zu eigenmächtig und zu energisch eingetrieben zu haben, bei reichen
Kaufleuten, die durch den Spessart zogen.

Unser Rocherl guckt auch manchmal gerne in ein Buch, so habe ich den
Namen durch einen Tintenklex bemäntelt. Wenn der Adam, dessen Ahnen
wohl seit Jahrhunderten die Scholle bebaut haben, wüßte, daß ich die
meinen in Tinte rein zu baden Anlaß habe!

Ob meine alten Bärenfleischfresser wohl einmal davon geträumt haben
werden, daß für einen ihrer entarteten Urenkel die Zeit dünner
Erbsensuppen kommen wird!

Nie habe ich eigentlich gewußt, was das heißt: Fastenzeit. Und nie habe
ich darüber nachgedacht, obschon sie jeder Kalender sieben Wochen breit
aufzeigt. Jetzt bin ich mitten drinnen. Die Erbsenwoche ist übrigens
schon vorüber. Da hat die Hausmutter so unentwegt Erbsen auf den Tisch
gebracht, daß der Rocherl das Wort Erbsünde davon ableitete. Nun sind
die Wasserwochen, als Folge der Erbsünde gleichsam die Sündflut. Des
Morgens, des Mittags, des Abends -- nichts als Wassersuppen, bisweilen
ein wenig mit Butter gefettet, an Freitagen aber vollkommen pur, mit
Ausnahme des Zwiebelbeigeschmacks, der Hauptwürze in der Fastenzeit.
-- Der gute Adam! Wenn der zur Fastenzeit einmal in eine Prälatenküche
gucken könnte!

Die Barbel kann schneidern und hat mir schon Jacke und Weste enger
machen müssen. Doch merke ich nicht etwa ein Sinken körperlichen
Wohlbehagens oder der Kräfte. Die Mäßigkeit, die gute Luft, körperliche
Arbeit -- man lobt sie auch in den Städten. Dozieren -- ja. Probieren
-- nein. Die Schwielen meiner Hände thun mir schon lange nicht mehr
weh. Von meinem noch stark städtischen Schuhwerk hatte mir der
Hausvater eines Tages gesagt: „Thu sie nur wieder einmal wichsen,
sie verdienen’s. Du wirst dir drin noch die Zehen allmiteinander
erfrören.“ Heute trage ich ein Paar vom Valentin; der überschüssige
Raum wird mit Stroh ausgefüllt. Auch mit anderen Kleidern versorgen
mich die Hausgenossen. Denn der Touristenanzug muß geschont werden,
soll ich in demselben einst wiederum bei euch einreiten. -- -- Diese
Gedankenstriche bedeuten Fragezeichen.

Vor einigen Tagen, mein lieber Philosoph, habe ich die Weihe dieses
Standes empfangen. Durch allerlei Arbeiten und Obliegenheiten bin
ich endlich avanciert bis zum Dunghaufen. Wir führen den Stalldung
mit Schlitten auf die Felder. Der Schnee ist auf dem Lande kein
Verkehrshindernis, wie die Städter meinen, er ersetzt vielmehr die
Eisenbahn und wohin der Landmann seinen Schlitten lenken mag, überall
sind schon die glatten Schienen gelegt.

Anfangs hatte ich vor genannter Arbeit nicht geringe Angst. Nichts
fürchtete ich so sehr, als den Dunghaufen, der übrigens recht harmlos
im Hofe liegt. Niemand zeigt vor ihm einen Abscheu und die Leute, die
daran arbeiten, kommen vom Brunnen mit reinen Händen in die Stube. Als
ich mit der dreispießigen Gabel das erste Mal hineinstechen mußte,
dürfte ich ein ähnliches Gefühl gehabt haben, wie der Soldat, der das
erste Mal ins Feuer zieht. Ein Ding, das meiner Militärzeit nicht
blühte. Es muß doch die Baronin Suttner dahinterstecken, daß es zu so
gar keinem ordentlichen Kriege mehr kommen will. Für die Zeitungen wird
dieser Zustand schon zur Kalamität. -- Freilich, meine Hausmutter, die
betet jeden Abend vor dem Einschlafen ein herzblutiges Vaterunser um
den Frieden. Wer ein liebes Kind bei den Soldaten hat, der denkt in
dieser Sache anders, als ein abonnentenhungeriger Zeitungschreiber.
Wenn’s einmal wirklich ums Vaterland geht, da rückt der Bauer wild
aus. Für eine politische Großmacht, für die Eroberung türkischer
Provinzen, oder für eine Million Soldaten, die durch ihre Gewehrläufe
Friedensschalmei blasen sollen, hat der Bauer nicht um einen Groschen
Verständnis.

Und nun zurück zur Goldgrube. Sie hat, das wird niemand leugnen, einen
starken Geruch. Einen starken, man könnte auch sagen: würzigen. Die
Stadt hat schlimmere Wohlgerüche. Weißt du, woran das gemahnte, als ich
hineinstach? An die feinen Käse nach einem Diner. Nur schade, daß es
hier ein Dessert ohne Mahlzeit ist. -- Mein Hausvater schmunzelt. Die
dampfenden Schichten sind hübsch speckig und stellenweise blüht daran
schöner Salpeter. Wenn uns die Wetter verschonen, so kann’s Korn geben!
Bislang siehst du die grauen Felder nur schwarz punktiert mit den
abgeladenen Häuflein, dann kommt die Barbel mit der Gabel und streut
die Sachen flach auseinander. Dichter älterer Schulen würden singen:
Sie streut Rosen aus! -- Mich Bauerntölpel dünkt, sie streut Früchte
aus. Wir werden’s ja sehen im August.

Heute muß ich dir aber noch eine andere Dunghaufengeschichte erzählen,
die sich in Kailing zugetragen hat. Der Kurat, der Lehrer und andere
in Hoisendorf wissen davon. Es ist darüber viel gesprochen und viel
gelacht worden, aber noch mehr geflucht. Du kannst sie herumzeigen in
unserem schönen Chinesien.

Nu man dran.


+Wundersame Geschichte vom anrüchigen Garibal.+

Das war also zu Kailing an der Rechen. Die Leute standen überall
unter den Hausthüren und tuschelten es einander in die Ohren. Der
Brotausträger sagte es laut in die Küchen hinein: „Wißt ihr’s schon?“
Und auf allen Gassen: „Wahr muß es doch sein, die Leut’ reden überall
davon.“

Wovon?

Nun eben, das ist’s ja. Wenn man das wüßte. Unbegreiflich ist es
jedenfalls. Hatte dieser Mensch doch sonst immer einen guten Eindruck
gemacht. Ein so netter junger Mann. Der Sohn des reichen Grösselhofers.
Junger Doktor und gar Oberleutenant. Und doch nicht ein bissel stolz,
auf du und du mit allen Schulkameraden in ganz Kailing. Vor kurzem
noch hatte man ihn daheim gesehen auf dem Grösselhof, bei der Arbeit
zulangend wie ein frischer Bauernknecht. Hatte auch gern mit den
Dirnlein gescherzt und Schelmenliedeln gesungen. Ein flinker, hübscher
Bursch!

Und jetzt diese Gerüchte! Diese unheimlichen Gerüchte! Soll auch schon
in der Zeitung stehen, hieß es. Und in der That, das Wochenblatt
brachte die Notiz, gegen den Reserveleutenant Garibal Randauer sei die
Disciplinaruntersuchung eingeleitet worden.

Aber weshalb doch? Weshalb, weshalb? -- -- Man munkelt. Jemand wußte
von einem Diebstahl, dafür hätte er beinahe Prügel gefaßt, wenn er
seine Behauptung nicht eiligst damit begründet haben würde, der
Oberleutenant habe einem Kailinger Bürgersmädel das Herz gestohlen.
Schließlich vereinigten die Mutmaßungen und Meinungen sich um einen
Totschlag aus Jähzorn und Eifersucht. Wieder andere wollten wissen,
es sei noch etwas viel Schlimmeres. Dann hatte er gar am Ende einem
Vorgesetzten was ins Gesicht gesagt. Renitenz? -- Ach, Kindereien!
Der Mann ist ganz anderer Dinge wegen anrüchig. Man munkelt von --
von -- -- es sträubt sich die Feder, mein Alfred! Von einer ganz
unaussprechlichen Schandthat hört man. Auch sein Bruder, der junge
Grösselhofer, soll mit beteiligt sein.

Die Aufregung steigerte sich, als eines Tages drei Offiziere, der
kleine, dicke Kommandant darunter, in die Gegend kamen, sich zum
Grösselhof begaben und dort eine geheime Untersuchung abhielten. Sie
standen vor den Ställen herum, an den Scheiterhaufen, Streuwächten
und Dunghaufen, sie betrachteten Hacken, Krampen und Gabeln, nahmen
das Hausgesinde in Verhör, unter dem strengsten Auftrage, nichts
weiterzusagen. Trotzdem war es jetzt so viel als klar: ein Mord. Doch
nur das? Aber wen hatte der Mensch mit dem Beile erschlagen oder
mit der Gabel erstochen? Es fehlte niemand. Alles, was nicht eines
natürlichen Todes verblichen, war noch vorhanden. Ein alter Schuster
endlich kam auf die Idee, die nach allen Seiten stimmte. Eine Revolte
hatte er anzetteln wollen, einen Bauernaufstand gegen die Stadtherren,
eine schreckliche Empörung mit Beil, Krampen und Gabeln. Das war’s und
nichts anderes. Natürlich!

„Den machen sie um einen Kopf kürzer.“

„Dann ist er immer noch so lang wie der Kommandant.“

Wer das gedacht hätt’! Ein Nihilist! Die Verschwörung geht heutzutage
ja durch die ganze Welt. In allen Klassen und Ständen faßt sie Wurzel,
man darf keinem Menschen mehr trauen. Wenn er noch einmal kommen
sollte vor der Hinrichtung -- ihm von weitem ausweichen. Den jungen
Weibsbildern ward es schwer im Gemüt.

„Oft wird er nicht mehr kommen!“ sagte der Schuster. Und recht hatte er
doch. Nur einmal kam er noch, der Garibal, um nicht mehr fortzugehen.

War’s ein bureaukratisches Gericht oder ein standrechtliches --
Nebensache. Die Hauptsache ist das Urteil. Der Reserveleutenant Garibal
Randauer aus Kailing im Vordergai war schuldig befunden, die ganze
kaiserliche Armee entehrt zu haben und ist deshalb des Offiziergrades
verlustig erklärt worden. Der Unglückselige hatte nämlich -- höre und
schaudere -- mit eigener Hand Dünger gestochen!! -- Das Reglement
verbietet nämlich dem Offizier in seiner Uniform jede gemeine,
niedrige, knechtliche Arbeit, jede entehrende Beschäftigung. Und der
junge Mann hatte in der Soldatenhose daheim auf seines Vaters Hof
gemeinsam mit dem Bruder ein paar Stunden lang Kuhmist auf den Karren
gefaßt. Deshalb ist das Scheusal degradiert worden. --

Ich fürchte, du hältst mich für einen Aufschneider. Mein Herr! -- In
der That, Freund, wir wußten all’ miteinander nicht, wie uns geschah.
Ich kenne jenes Verbot ja auch, aber +das+ hätte ich nicht für
möglich gehalten. Wie stehen wir jetzt da, wir Bauern! Lauter niedrige,
gemeine, ehrlose Kreaturen. Er hat die Hand nach körperlicher Arbeit
ausgestreckt, nach der uralten Beschäftigung des uralten Bauernstandes,
und darum wurde er verlustig erklärt der Kameradschaft von Leuten, die
in des Kaisers Rock an Spieltischen würfeln, leichtsinnige Schulden
machen und Weiber verführen! -- Alfred! Bleibt dir nicht der Verstand
stehen?

Allerdings soll es noch irgendwo barbarische Länder geben, wo Generäle
und Minister im Ruhestande auf ihren Landgütern persönlich mit Schlamm
und Dünger umthun. Ja, es giebt sogar Könige, deren Ehrbegriff so
verkommen ist, daß sie ganz gleichmütig und stumpfsinnig das Brot
essen, welches auf Kuhmist gewachsen ist. -- Die Bauern erzählen sich
noch heute das Märchen von einem Kaiser, der im Lande Mähren einmal
eigenhändig den Pflug geführt und Dünger in die Furchen geackert haben
soll. Und es ist endlich der Aberglaube verbreitet, daß die ganze Welt,
Hoch wie Nieder, vom Nährstand abhänge. Pfui, das sind alte Sachen! In
den modernen Staaten giebt’s statt Halme -- Helme, und wenn man den
Boden mit Menschenkadavern düngen will, wozu da Kuhmist! --

Das ist die Geschichte vom anrüchigen Garibal.

Gestern, als die alte Marenzel wieder da war, hielt ich ihrem Hündlein
ein Stück Krume hin. Das Vieh nahm nicht einmal den Bissen Brot von
mir. -- So weit gehen die Herren Offiziere wieder nicht.

       *       *       *       *       *

Laß mich wieder zu meinem guten Adam gehen. Sinnend schaut er zu, wie
das Feld genährt wird und sagt leise: Wenn Gottes Willen ist!

Das Wort wird einem geläufig auf der Scholle, der wunderbaren. Es
ist eigentlich zum Verrücktwerden, wie der Bauer inmitten von lauter
Wundern steht. Das Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage -- und was
geht vor in dieser Spanne Zeit! Das Ungeheuerste geschieht. Eine
sechzehn Stunden lange Nacht und wenige Monde später ein sechzehn
Stunden langer Tag. Und in diesem Ring ein zartes Keimen, ein
leuchtendes Blühen, ein üppiges Reifen, ein müdes Sinken, ein totes
Starren. Welch’ lange Zeit des lachenden Grüns, welch’ lange Zeit des
ernsten Erwartens, und doch alles innerhalb eines kurzen Jahres!

Wenn ich am Feierabend draußen vor dem Wetterkreuze stehe, ist es
zu hören jetzt, wie in den Bergen die Lawinen donnern. Hoch in den
Hängen sammeln sich unter der Schneedecke die Wasser und gießen unten
in trüben Fluten dahin, bis alles locker wird. Die Berge stehen
klar und scharf in der feuchten Luft und ein lauer Wind weht über
die Höhen. Welch’ ein Fernblick in die schneebedeckten Gipfel der
Hintergaiergebirge und der Sandalpen, die so weiß, so still und weiß
aufragen in den bleigrauen Himmel! In den Gaithälern werden schon die
jungen Gräser sprossen, werden die Weiden ihre Kätzlein treiben --
wir sehen nicht hinab. Bei euch werden jetzt die Konzerte sein mit
den blädernden Fächern und den gelangweilten Gesichtern dahinter. Die
Gärtner werden den Parkrasen säubern, die Winde werden den Straßenstaub
aufwirbeln, die Schneider werden mit irgend einer Modethorheit die
Frühjahrssaison einleiten.

Ei doch, die Fremdwörter. Nirgends sind sie so störend, als im
Volkstum. Nirgends ist Unsinn so unsinnig, wie in der lieben Natur.
Wehe thun sie dir in meinen Briefen, sagst du. Freund, das sind immer
noch Schlacken, Kulturschlacken. Warte nur, bis das Fegefeuer mich erst
ganz gereinigt hat.



    Am fünfzehnten Sonntage.


In der vorigen Woche hat’s bei uns Zank gegeben und zwar zwischen
Vater und Mutter. Das soll sonst selten vorkommen, denn es ist, wie
der Rocherl sagt: „Die Mutter thut, wie’s der Vater anschafft, und der
Vater schafft an, wie’s die Mutter haben will.“ Diesmal hat aber das
Männchen recht behalten, das heißt --. Recht behalten hat jedenfalls
die Frau, er hat nur zufällig seinen Willen durchgesetzt.

Die Sache hat sich so begeben. Aus dem Untergaithal sind zwei Bauern
gekommen, denen sich auch unsere Nachbarn Schragerer und Kulmbock
beigesellt hatten. Sie traten um die Mittagsstunde so feierlich ins
Haus, daß wir alle miteinander erschraken. Sie brachten eine Zumutung
mit, wie eine solche kaum je an einen Bewohner dieser Hütte gestellt
worden war. Man will den Adam Weiler, insgemein Adamshauser im Almgai,
zum Landtagsabgeordneten wählen. Ob er die Wahl annehme? fragte der
Kulmbock.

Eine Weile verstand sie der Adam gar nicht. Dann aber legte er seine
flache Hand aufs Knie, wie er gerne that, wenn er etwas mit Nachdruck
sagen wollte, und sagte sehr leise: „Männer, was fällt euch denn ein?
Ich soll ein Landbote werden!“

„Das ist wohl wahr auch,“ meinte der Kulmbock. „Der Adam hat hart’
Zeit, wo jetzt der eine beim Militär ist und der andere die schlechte
Hand hat!“

„Daran denke ich nit einmal,“ sagte der Adamshauser. „Ich taug’ auch
sonst nit für so was. Ein alter Almbauer, der nichts weiß, der sein
Lebtag nit viel weiter gekommen ist, als bis Kailing hinaus. So einer
kennt sich wohl zu wenig aus. Man versteht’s ja nit, was die Leut’
jetzt machen auf der Welt. Na, das thät wohl zum Lachen sein.“

„Grad derowegen, grad derowegen!“ rief der Schragerer. „Just weil
du dich nit kümmerst um die andern, just weil du so heimständig
bist, brauchen wir dich. Wir wollen keinen schicken, der in der
großen Politik dreinredet, die ändern wir Bauern so wie so nit.
Wir wollen auch keinen Herrnbauern schicken, der sich etwan mit
dem Großgrundbesitz zusammenthäte. Wir schicken einen, der ein
altgesessener Bauer ist, der alten Brauch und alte Wirtschaft halten
will, weil unsere Äcker und Wiesen auch die alten bleiben und weil
wir uns nach +unserem+ Sommer und Winter richten müssen und nit
nach dem, wie anderswo das Wetter ist. Du bist einer, Adam, der selber
arbeiten muß wie ein Knecht, der’s an sich selber spürt, wie’s uns
Bauern geht. Hätt’ der Mittelbauernstand nit alleweil lauter Großbauern
in die Landstube geschickt, so kunnt’s auch anders sein. Das muß
eine Veränderung nehmen. Einer, der sich um nichts kümmert als um
Wirtschaftssachen, der ist uns der liebste. Und deswegen haben wir halt
an dich gedacht, Adam.“

Dieser saß da und schlug die Hand auf den Oberschenkel. Sagen that er
gar nichts.

„Es ist wohl wahr,“ redete der Kulmbock wieder drein, „wenn sich einer
schon gar nit auskennt, das ist halt auch hart. Nit, daß ich mein’, der
Adam hätt’ den Kopf nit dazu. Aber zu gut ist er, zu gut. Das muß ein
harter Kloß sein, der in der Landstube was ausrichten will. Das muß ein
Steinharter sein, den wir schicken. Sakerment noch einmal, Heugabeln
friß’ ich nit!“

Der Schragerer schaute den Kulmbock an: „Nachbar, du thust ja abreden.
Wegen was sind wir denn da?“

„Wo red’ ich ab!“ wies der Kulmbock den Vorwurf zurück, „aufmerksam
machen muß man einen Menschen doch. Und auch, daß er sich um wen schaut
daheim für die Wirtschaft, derweil er aus ist.“

Der Schragerer zum Adam: „Du wirst etwa meinen, daß es nicht geht,
wenn du wochenlang vom Haus fort sein mußt. Du weißt aber doch, daß
der Abgeordnete eine Entschädigung bekommt. Davon kannst du dir
derweil einen tüchtigen Wirtschafter halten und bleibt noch was übrig.
Schau, dir und uns allen thust was Gutes, wenn du annimmst. Du hast
einmal unser Vertrauen. Im ganzen Gai heißt es: Kein Besserer als der
Adamshauser. Sagst uns: ja, so ist deine Wahl so viel als sicher. Geh’,
Adam nimms an!“

„Nimm’s an, Adam!“ setzte der Kulmbock bei. „Ich mein auch, daß du
genug Stimmen kriegen wirst. Will den Leuten schon auch zureden. Man
sieht doch wie nötig es ist, daß wir einen ganzen Kerl schicken, einen
+ganzen+ Kerl, der sich auch was zu sagen traut! Nit?“ Er blickte
herausfordernd um sich.

Stand jetzt mein Hausvater schwerfällig auf, wendete sich schräg gegen
die Wand hin und murmelte: „Gar nichts sag’ ich drauf.“

„Also, du nimmst an?“

„Aber saggra -- +nein+!“ rief der Adam.

„So sauber!“ sagte der Kulmbock. „Am Ende bös auch noch sein!“

„Bös! Was soll denn ich bös sein!“ hierauf wieder der meinige und warf
die Arme auseinander. „Kann mich ja g’freuen! Kann mich ja g’freuen.
Aber thun thu ich’s nit. Mein Lebtag nit!“

Er setzte sich auf den Holzblock in den Herdwinkel und hub an, schwer
zu atmen.

„Mein Gott, er hat ihn schon wieder!“ jammerte die Hausmutter. „Wenn
er halt in die Hitz’ kommt, da hat er gleich den Lungendampf. Es ist
wohl ein heiliges Elend auf der Welt!“ Hernach vertraulich zu den
Abgesandten: „’s wird ja eh nit auf der Stell’ sein müssen, daß er
zusagt. Laßt’s nur Zeit ein paar Tag. Er wird’s überlegen. -- Gelt,
Vater, du wirst es überlegen?“

Der hatte jetzt ausschließlich mit dem Atmen zu thun. „’s ist halt
ein Kreuz, wenn ein Mensch so krank ist!“ bedauerte der Kulmbock.
Die Männer wünschten ihm baldige Besserung und wollten in zwei Tagen
wiederkommen.

Als sie fort waren, bereitete die Hausmutter das Hexenkraut. Und als
die Atemnot hierauf nachgelassen hatte, begann sie ihn zu bearbeiten.
Weil er selber nichts aus sich zu machen weiß, so muß halt sie wieder
einmal anschieben. Man hat ihnen gerade gern zugehört.

„Müßtest wohl ein Lapp sein, wenn du so was thätest ausschlagen?“ sagte
sie zum Hausvater.

„Jawohl,“ entgegnete er, „das kunnt sauber werden! Kunntst du gleich
alleweil hinter mir stehen mit dem Kraut, im Landtag, wenn mich beim
Reden der Lungendampf anpackt.“

„Geh, wird nit so hitzig werden mit dem Reden. Wo die meisten
Landboten, wie man hört, die ganz’ Wochen lang dasitzen wie die
Stummerln. Wirst grad du dich strappazieren.“

„Na freilich wird der Mensch ruhig sitzen bleiben, wenn er hört, daß
alles gegen seiner ist. Daß sie nichts als neue Sachen und alleweil
nur neue Sachen aufbringen wollen, bei denen der Bauernstand zu Grund’
geht. Da verschlagt’s oft gar einem andern die Red’, der gut auf der
Brust ist.“

„Na, so red’ halt gar nichts,“ riet sie. „Wenn’s eh nichts hilft. Dein
Geld kriegst doch.“

Jetzt schaute er sie an. Das war stark. Der Blick war stark. So einen
hatte ich bislang an meinem Hausvater nicht gesehen.

In etwas sänftiglicherem Ton sagte sie: „Wer Kinder hat, soll’s nit
verschmähen. Macht doch allerhand Bekanntschaften dabei, die man einmal
zu brauchen haben kann. Denk’ an den Valentin. Wer weiß, ob du für ihn
nit was thun kannst, wenn du Landbot’ bist. Denk an den Franzel. Der
wird auch nit alleweil im Almgai bleiben wollen.“

„Warum denn nit! Wir sind seit undenklichen Zeiten verblieben auf dem
Hof.“

„Mein Gott, wenn er sein Glück anderswo finden kann --“

„Bleiben soll er!“ rief der Hausvater heftig. „Und mit deinem dummen
Reden kannst mir aufhören. Mit deinem schlechten Reden! Sich wählen und
zahlen lassen dafür, daß man dabei seinen eigenen Vorteil sucht!“

„Uh du lieber Gott! Den werden andere wohl auch suchen. Deswegen sitzen
sie ja drinnen, daß sie ihren Vorteil suchen.“

„Bieg’ mir die Worte nit um, Weib! Ob einer den Vorteil für seinen
Stand oder für sein Haus sucht, das wird wohl ein Unterschied sein.
Nit?“

Vor Aufregung zitterte er. Da hoben sich seine Achseln, es hob sich
seine Brust. Wieder die schreckliche Not -- und heftiger als je.

Die Hausmutter that sehr gelassen beim Herde um, als sehe sie’s nicht.
-- Er soll nur ein wenig zappeln, mochte sie denken, geschieht ihm
recht. Warum giftet er sich so in die Hitz’ hinein, wegen Sachen, die
sich gar nicht auszahlen.

Er hielt seinen Mund über den Rauch des knisternden Krautes, aber der
Krampf wollte diesmal nicht nachlassen. Erbärmlich rang er um das
bißchen Luft, die Stirnadern, die Halsadern schwollen ihm zum Bersten,
die Lippen zuckten, die Augen traten hervor.

„Jesus Maria! -- Rocherl!“ schrie die Hausmutter. Der erschrockene
Bursche langte von der Wandstelle die Weihekerze, um sie anzuzünden.
Die Barbel lief zum Brunnen um frisches Wasser. Mit dem labte sie ihn
und sagte dabei fortwährend: „Vater! -- Vater! -- Vater!“

Er tastete nach ihrer Hand, krampfte die Finger in ihren Arm: „O
Kind!“ --

Unbeschreiblich betrübt sah er sie an. Tropfen hingen an seinen Wimpern.

„Du -- du bist mein liebes Kind!“ sagte er endlich aufatmend. Es war
ihm leichter geworden.

Von dieser Zeit an sprach meines Wissens die Hausmutter nichts mehr
davon, daß er sich in den Landtag wählen lassen soll. Nach zwei Tagen
kam der Kulmbock nachfragen, ob der Adam es sich überlegt hätte.

Sie antwortete: „Es ist gescheiter, du redest gar nit mehr mit ihm.
Schad’ um jedes Wort.“

„Ich hab’s ja gleich gesagt,“ rief der Kulmbock fast fröhlich aus.
„Müssen wir halt einen andern suchen. Und wenn sich doch etwan ein
Nachbar dazu sollt’ hergeben, so wird ihm der Adam wohl die Stimm’
zuwenden. Ich laß ihn grüßen.“

Nach diesen klugen Worten ist der Kulmbock mit sehr würdigen Geberden
davongetrottet. --

Weißt du aus der Schule her noch etwas vom Palmsonntag? Wie der Herr,
einen Palmzweig in der Hand, auf dem Esel in Jerusalem eingeritten
ist. Das hat weitere Folgen. Heute bin ich mit einem großen Buschen
Felberzweige auf der Achsel in Hoisendorf eingezogen. Das heißt man
hierzulande Palmesel sein. Von jedem Hofe haben Bursche solche Buschen
herbeigetragen und der Kurat hat sie in der Kirche geweiht. Dabei hatte
sich eine sehr dramatische Scene abgespielt zwischen dem Priester und
dem Schullehrer. Es war eine Prozession um die Kirche herum; als sie
wieder zum Thore hineinzogen, schlug der Lehrer dem Kuraten vor der
Nase das Thor zu, so daß dieser laut schreiend im kalten Winde stehen
bleiben mußte, während es die Gemeinde stumpfsinnig geschehen ließ.
Na, das ist doch stark, denke ich in meinem Kirchenstuhl, das geht zu
weit. Wie ich zum Lehrer eilen will, der noch am geschlossenen Thore
steht und mit dem Geistlichen draußen disputiert, merke ich, daß
sie lateinisch reden. Wenn sie lateinisch reden, dann hat’s weiter
nichts auf sich, und ist es richtig eine kirchliche Ceremonie gewesen,
deretwegen sich der Knecht, der zugereiste, bei einem Haare tüchtig
blamiert hätte. Der Auftritt soll wohl den Konflikt des Heilandes mit
den Schriftgelehrten und Pharisäern bedeuten, die den Propheten und
Seher zu aller Zeit aus ihrer Gemeinschaft verstoßen haben.

Allmählich schleicht sich mir bei solcher Umgebung ein klein bißchen
Religion ins Herz. Du hast einmal den Ausspruch gethan: Bis der Mensch
siebzig Jahre alt wird, lernt er Gott erkennen. Beim Bauernknecht
dauert’s nicht so lang, ich versichere dich! -- Ich bin auch schon in
Stadtkirchen gestanden, um bittweise mit der Gottheit anzubinden. Es
war nichts, sie fand mich nicht und ich sie nicht. Wenn man aber in
Dorfkirchen steht, da steht man nicht lange -- man kniet nieder. Die
gläubigen Beter ringsum, man fühlt sich mit ihnen in einer leidenden
Einheit. Die kirchliche Passionstrauer, die heute begann, hat etwas
Berückendes, man muß es nur sehen, wie die armen, kummervollen Menschen
sich den heiligen Geheimnissen hingeben. O nein, die Religion ist
durchaus kein überwundener Standpunkt, wie manche meinen, sie ist
Natur, gehört zur Menschennatur, wie das Lieben und das Hassen.

Nach der Messe, die heute nur unter gedämpftem Orgelton stattgefunden,
schritt der Lehrer leise von Bank zu Bank und teilte an die Leute
„Palmzweige“ aus. Der Tolpatsch, warum er meine Barbel übersehen hat?

Auch sie hat ihr Gesicht von ihm abgewendet, ganz hinter dem Pfeiler
ist sie gesessen. Sind ja sonst doch einmal so gut miteinander
gestanden. So viel ich merke, liest sie auch keine Bücher mehr von ihm.
Gegen mich ist der Lehrer etwas ungleich. Manchmal, als hätte er einen
Groll, und heute hat er mir doch einen der schönsten Zweige in die Hand
gegeben. Was soll ich denn damit anfangen? Den großen Buschen, den ich
getragen, hat die Hausmutter nachher auf dem Dachboden unseres Hauses
verwahrt. Im Sommer, wenn die Wetter blitzen, legt man -- sagt der
Rocherl -- davon in die Herdglut und der aufsteigende Rauch treibt aus
den Wolken die böse Macht davon.

Wofür nur soll ich meinen Zweig aufbewahren? Wäre es schon die Palme
für das Märtyrertum? Oder soll der Palmsonntagszweig mich schützen vor
einer bösen Macht? O Barbel! Was wird das werden im Sommer, wenn die
Wetter blitzen?

Aus dunklem Mittelalter grüßt dich, Freund, wie ein kleines, rotes
Lichtlein ein Menschenherz.

[Illustration]



    Am Ostersonntag, das ist der sechzehnte des Jahres.


    Mein lieber, treuer Freund!

Willig füge ich mich dem Vorschlage, in meinen Briefen den Inhalt der
deinigen nicht weiter zu berühren. Du willst einheitliche Stimmung
haben in den Berichten aus dem Adamshause. So was wie ein Roman! Weiß
man’s? Das wäre so etwas! Im Buche läse es sich vielleicht ganz hübsch,
in Wirklichkeit ist es manchmal verdammt unbehaglich.

Zeige mein vertrauliches Tagebuch nur nicht her. Es würde mich für alle
Zukunft unmöglich machen. Höchstens drucken lassen, wenn du willst. Da
glaubt’s kein Mensch. -- In dieser vergangenen Charwoche, wenn ein paar
feingebildete Herrschaften hier gewesen wären, oder gar die Redakteure
der „Kontinental-Post“! Die hätten einen Brocken gehabt für ihren Witz!
Wie Vandalen hätten sie gewirtschaftet in diesem mystischen Reiche.

Die Charwoche ist hier ein großes, einziges Weihefest. Alle weltliche
Absicht der Arbeit tritt zurück, aller häuslichen Beschäftigung
wohnt eine wundersame Stimmung inne, von der die Weltleute draußen
keine Ahnung haben. Hätte ich in meiner Kindheit nicht selbst von
diesem Blute Muttermilch getrunken, ich könnte es nicht begriffen,
nicht bewundert, nicht verehrt haben, wie den letzten Gruß einer
versinkenden Welt. Lache mich nicht aus, Philosoph, manchmal weht es
wirklich noch hier wie eine Auferstehung von den Toten. Von längst zur
ewigen Ruhe gegangenen Menschen streichen die Seelen umher. -- Schon
am Montag ist das hölzerne Kruzifix vom Wandwinkel gehoben und auf den
Tisch gestellt worden. Abends setzten wir uns allemal an den Tisch und
der Rocherl oder der Franzel las ein Stück aus der Leidensgeschichte,
die mit großer Ehrerbietung angehört wurde. Erst dann genossen Vater
und Mutter den ersten warmen Bissen des Tages. Dabei sind sie in
einer Hochstimmung, die manchmal an Verzückung gemahnt. Wie hätte ich
das geglaubt! Am Gründonnerstag hatten wir ein größeres Abendmahl
von Mehlspeisen und Brunnenkreß-Salat. Nach demselben gingen wir zum
Brunnen und wuschen uns die Füße. Und da sah ich, wie die Burschen
barfuß über den Rasen hinschritten, der überall schon grünt. Und auch
die Barbel that dasselbe, mir schien aber, als berühre sie den feuchten
Boden nicht, als schwebe sie wie eine Seele, die nicht erlöst ist. Du
meinst, dieser Rasengang werde zur Erinnerung an den Ölberggang des
Heilandes geschehen sein. Aber da ist wieder eine jener Stellen, wo
das Volk mit seinem Christentum Sprünge macht. Wer am Antlispfingstag
(Gründonnerstag) mit nacktem Fuß auf grünen Rasen steigt, den kann im
folgenden Sommer kein „Donner derschlagen“. Am Freitag und Samstag
saßen wir in der Kirche. Die Fenster, die Bilder sind mit blauen
Tüchern verhüllt, das große Kruzifix ist mitten in der Kirche auf den
Boden hingelegt und die Leute knieen daneben nieder, neigen sich zur
Erde und küssen die Nägelwunden. Kein Glockenklang, kein Orgelton.
Während der Geistliche leise murmelnd die geheimnisvollen Ceremonien
verrichtet, schlägt von Zeit zu Zeit die Charfreitagsklapper an.

Spät abends am Freitag war’s, in der dunklen Stube daheim, daß mein
Adam, sich allein wähnend, am Tisch kniete vor dem Kruzifix, im tiefen
Gebete versunken. Und mir schien, ich hätte ihn schluchzen gehört. --
Ein schweres Anliegen muß der Mann haben, aber ich komme nicht dahinter.

Und am Samstagmorgen gab’s in Hoisendorf etwas Lustiges. Während der
Meßner auf dem Turm anstatt der Frühglocke die große Klapper läutete,
lief der Jagdaufseher der nahen Herrschaftswaldungen wie rasend um die
Kirche, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und schrie, man möge
das verdammte Klappern sein lassen, sonst gäbe es ein abscheuliches
Malheur.

Der Lehrer stellte ihn darob zur Rede und war es also das. Der Mann
hatte seit Tagen mit vieler Mühe im nahen Forst auf der Tanne einen
Auerhahn festgewartet. Und siehe, die Ahnung Nimrods ging in Erfüllung,
die Klapper hatte das Tier verscheucht -- ein paar Tage vor der Jagd!
-- Vielleicht wirst du nächstens einen Gesetzentwurf der löblichen
Jagdvereine lesen, daß aus Rücksicht für jagdliche Interessen in der
Charwoche nicht mehr geklappert werden darf.

Hat ja doch auch für die in der Osternacht angezündeten Freudenfeuer
von der Jagdherrschaft die Bewilligung eingeholt werden müssen.
Das gemeinsame Feuer ist auf unserer Höhe veranstaltet worden, auf
der sogenannten Kulmplatte, oben hinter dem Schachen. Die Burschen
des Almgais hatten schon tagelang gebaut an dem Holzstoß, und als
zu Hoisendorf die Auferstehungsfeier vorüber war und der Ernst der
Fastenzeit, die Trauer der Passionswoche sich ganz plötzlich in Freude
und ausgelassene Lustbarkeit verwandelt hatte, kam von weit und breit
alles zusammen auf diese Höhe. Es war eine laue Vollmondnacht, der
Boden schneefrei und auf den dicken Ästen der alten Wettertannen saßen
die Musikanten. Sie hatten Erlaubnis zu blasen nach Herzenslust, denn
auf unserem Berge giebt es dies Jahr weitum keinen Auerhahn.

Der Rocherl, der Franzel und ich waren natürlich auch hinaufgegangen.
Doch war der Bursche mit der durchschossenen Hand, die er in der Binde
trägt, viel zu betrübt für ein Freudenfeuer. Alles Jauchzen und Pfeifen
und Pöllerknallen hat’s nicht vermocht, daß er den Scherzen anderer
Burschen und den Schelmereien junger Weibsleut’ hätte stehen mögen. Da
war ein ausgelassener Strick dabei, den hießen sie den Saufüssel. Sein
wahrhaftiger Schreibname. Es soll der alten Marenzel ihr Sohn sein.
Dieser Junge hat zwar die Osternacht sehr lustig angefangen, aber sehr
ärgerlich beschlossen. Er konnte sich nicht genug thun an unpassenden
Ausdrücken und rohen Späßen. Die Männer lachten bisweilen dazu, die
Dirnlein jedoch flohen seiner mit Abscheu. Er aber haschte nach ihnen
und neckte sie mit unflätigen Dingen. -- Das große Feuer auf der
Kulmplatte loderte voll grauenhafter Pracht in den dunklen Nachthimmel
auf. Dabei sang man Osterlieder, die zum Teil einen so weltlichen Sinn
hatten, daß manches Maidlein sich die Ohren zuhielt. Die Burschen
thaten springen und ringen und machten helles Geschrei. Nebenhin waren
mehrere kleine Feuer angezündet worden, über die sie in hohen Sätzen
sprangen. Einer trachtete dem andern schalkhaft kleine Hindernisse zu
bereiten und die Unterliegenden wurden mit Kohle gezeichnet, maßen man
ihnen die Nasen anschwärzte.

Auch mein Rocherl mischte sich, von mehreren Seiten gelockt, endlich
unter die Heiteren und der Saufüssel eiferte ihn an, über ein Feuer zu
springen. Dieweilen man nicht mit den Händen, vielmehr mit den Beinen
springt, so war er bereit. Während er ausholte, zog der Saufüssel
unbemerkt eine schwarze Schnur -- der Rocherl sprang, stolperte und
wäre mitten in die Flammen gefallen, wenn ich nicht zufällig in der
Nähe stehe und ihn auffange. Der Saufüssel schlug über seinen großen
Witz ein grelles Gelächter an -- wir dachten einigermaßen anders.

„Es ist zwar die heilige Osternacht,“ sagte ich, „aber etwas
knechtliche Arbeit wird mir doch erlaubt sein.“

Darauf habe ich den Saufüsselbuben hergenommen.

Es sei ja nur ein Spaß gewesen, versicherte er flehend.

„Es ist ja auch das nur ein Spaß,“ sagte ich und waltete scharf. Der
Racheengel waren zu Dutzenden da, besonders weibliche. Anfangs hielt
ich es für eine mildere Entwickelung, als der Missethäter den Dirnen
überlassen wurde, bald jedoch mußten Männer schlichtend eingreifen, um
ihm das nackte Leben zu retten. Erdrosseln, zerreißen wollten sie ihn.
„Den lieben Adamshauser Rocherl, der eh die wehe Hand hat, ins Feuer
haspeln! Werft ihn selber hinein, den Wichtelbalg, das Krotmaul!“

Na nu, die können’s auch, die jungen Furien, wovon einige nicht bloß
gereizt, sondern auch reizend waren. Auf unsere Fürbitte hin haben
sie sich schließlich damit begnügt, dem Saufüssel die Hände auf den
Rücken zu binden, die fetzigen Haare zu versengen und das Gesicht zu
schwärzen. Darauf haben sie ihn, wie Hunde den Hasen, über die Höhe
hingejagt und ist er nicht mehr gesehen worden.

Mein Rocherl war nun der Gegenstand wärmster Teilnahme. Und da habe ich
bemerkt, wie dieser Junge, dessen sanfte Trauer um die verlorene Hand
einen völligen Verklärungsschein um seine klassische Schönheit legt,
der Abgott aller Dirnlein ist. Und der Schlingel weiß es gar nicht, wie
mich dünkt. Oder es ist ihm einerlei. Davongelaufen ist er ihnen.

Als wir dann mitteinander nach Hause gehen und die weite,
mondbeschienene Berglandschaft so himmelsfriedlich vor uns daliegt, da
sagt der Junge plötzlich und in einem unbeschreiblich traurigen Tone:
„Wie schön ist doch die Welt!“

„Ja, wer sie gut zu fassen weiß,“ antworte ich.

Schweigend gehen wir nebeneinander dahin. Es scheint ein paarmal, als
wollte er etwas sagen. Und thut’s doch nicht.

Endlich thue ich wieder den Mund auf: „Jetzt kommt die schöne
Frühlingszeit.“

Er schüttelt leicht das Haupt. Dann bleibt er stehen und lehnt sich an
einen Baum.

„-- Rocherl! -- Rocherl! -- Ist dir etwas? Was ist dir denn?“

„Hansel --“ sagt er leise und stockt wieder.

„Was ist dir, Rocherl?“

Da atmet er fast laut und sagt mehr in den Baum hinein als auf mich
her: „Die Barbel hat geweint...“

       *       *       *       *       *

Die Barbel hat geweint.

Was ist denn das? -- Die mit sieben Schlössern zugeschlossene Barbel.
Die so plaudersam, so lustig gewesen sein soll in früherer Zeit. Vor
Erscheinung des zugereisten Knechtes. Und gesagt haben soll, für
traurige Leut’ hätt’ der Himmel keine Ofenbank. Die hat geweint? Wann?
Warum?

Der Bursche hat weiter nichts gesagt.

Wir kamen zu unserem Hause. Er reichte mir die Hand, was er sonst
nie zu thun pflegt. Es war, als hätte er durch das Anvertrauen des
Geheimnisses mich zu seinem Freund erhoben.

„Gute Nacht, Hansel!“

Nicht eine halbe Stunde werde ich geschlafen haben in dieser Osternacht.

Die Barbel hat geweint....

[Illustration]



    Am siebzehnten Sonntage.


Ich nenne dich nicht mehr. Du bist es ja. Ich schildere weiter. Der
Osterjubel ist verrauscht. Das war wie ein klingender knallender
Springbrunnen aus diesen Menschenherzen. Christ ist erstanden und das
Frühjahr ist da! Natürlich ein tausendstimmiger Freudenschrei zum
Himmel.

In den Thälern, auf die wir niedersehen, liegt ein Wiesengrün, wie es
die Maler nicht zuwege bringen, weder die alten, noch die modernen.
Es fehlt ihnen dazu das wahre Freilicht, das Licht der freien Natur.
Zwischen den Wiesen hin gießen die braunen Bäche, in denen der einst
so weiße Winter zu Thale fährt seit Wochen. Im Hochgebirge hinten, wir
sehen es so schön über den Almen stehen, rührt sich noch nichts. Dort
alles staar. Und wenn über unserem Gai die warme Aprilsonne leuchtet,
ist über jenen Höhen ein graues, halb durchsichtiges Schneegestöber.

Was wir jetzt mit den Wiesen und Weiden thun, auf denen Gras wachsen
soll, das ist eine reizende Sache. Sie werden gewaschen, gekämmt,
gefüttert und getränkt. Das Füttern geht voran, soweit der Dung reicht,
dann streichen wir den Rasen mit dem Rechen ab, krauen alles dürre
Zeug und Geschütte weg und machen den Boden glatt vor Steinwerk und
Maulwurfshaufen, daß er wie ein gebügeltes Tuch daliegt an der Lehne
hin. Nun leiten wir aus der Schlucht Wasser in einer Rinne oben am
Raine hin und schlagen von Stelle zu Stelle Schärtlein aus, daß die
Wasser tagelang niederrieseln und sich glitzernd ausbreiten über den
Wiesenboden. Aber es kommt nicht zu Thale. Der Boden saugt das Nasse
gierig ein, die Stoffe lösen sich und zwischen den fahlen Grasresten
des Vorjahres sprießen jung und spitz die grünen Gräslein auf. Dieses
Berieseln mit dem Wasser ist ein liebliches Spiel und noch immer
mehr Bach habe ich mit der Haue aus der Schlucht hervorgeholt, um
die durstige Wiese zu begasten. Hat sie genug, dann macht sie ihre
Millionen kleinen Mäuler zu, das Wasser rieselt wie ein schimmernder
Schleier zu Thale und wir schütten die Rinne zu.

Mein Hausvater ist gestern mitten im Hofe gestanden, hat zu dem Giebel
aufgeschaut und den Kopf geschüttelt. Was denn das ist, daß sie heuer
noch nicht da sind? Heißt es doch: „Zu Maria Verkündigung kommen
die Schwalben wiederum.“ Das ist kein gutes Zeichen, wenn dieser
Glücksvogel ausbleibt. Um den Hoisendorfer Kirchturm hat der Adam ihrer
schon gesehen tanzen. Und zum Adamshaus wollen sie nicht mehr kommen?
Was soll das bedeuten?

„Vater,“ rede ich ihn an, „wenn Ihr nach Schwalben ausseht, so kann ich
Euch schon aus dem Traum helfen. Die Schwalben werden immer seltener
erscheinen und endlich gar nicht mehr.“

„So wär’ der jüngste Tag nicht weit?“ fragt er.

„Der jüngste Tag wird kaum daran Schuld sein, wenn unsere lieben
Zugvögel ausbleiben, wohl aber die Vogelmassenmörder.“ Und habe
ihm dann erzählt, wie man in Dalmatien, in Südtirol, in Italien die
durchziehenden Vogelscharen fängt und vernichtet.

Ganz sprachlos hat er mir zugehört, die Hände ineinander geschlungen,
so stand er da und sagte schließlich: „Immer einmal kommt’s einem
wahrhaftig vor, unser Herrgott schläft.“

Wenn er bloß schläft, dann wird er ja wieder aufwachen, dachte ich. --
Heute schleichen sie noch auf Socken an der Himmelsthür vorüber und
sind froh, wenn er schläft. -- Ob der Mensch nicht einmal mit rasender
Faust an das Thor pochen wird, um ihn zu wecken?! --

In dieser Woche, wenn wir bei Tisch zusammen saßen oder in der Arbeit
nebeneinander zu thun hatten, habe ich manchmal dem Mädel verstohlen an
die Augen geguckt. Es sind die sanften großen Kindesaugen wie immer.
Ein ganz besonderer feuchter Glanz ist wohl in ihnen. Vielleicht hat
der Rocherl das für ein Weinen gehalten. Auch sie schaut manchmal zum
Hausgiebel auf. Es sind ja die Meisen, die Finken da. Ist ihr das nicht
genug? Ein einsamer Spatz ist auch da. -- Manchmal kommt’s mir gottlos
an, ich möchte das Mädchen ein wenig beleidigen. Ich möchte sie einmal
zornig sehen, und wäre sie’s gleich auf mich. Jemandem so ganz und gar
nichts zu bedeuten, das ist auf die Länge schwer zu ertragen.

Am Ostermontag ist der Jäger Konrad in unser Haus gekommen, der auf
den Rocherl geschossen hat. Gar höflich trat er ein, ohne Gewehr, ohne
Gemsbart oder andere Jägerhoffart; allein die Hausmutter begrüßte
ihn mit den Worten, es wäre ihr lieber, wenn sie seiner von hinten
ansichtig würde.

Ob der Rocherl daheim wäre, fragte er fast demütig.

„Der Wildschütz?“ darauf die Hausmutter giftig, „der wird wohl mit der
Büchsen im Wald sein. Wo denn sonst?“

Alsogleich setzte der Hausvater gemütlicher hinzu: „Von der Kirchen ist
er noch nit heim.“

Der Jäger ging hinaus und setzte sich im Hof auf den Kopf des
Brunnentroges. Wir beguckten ihn durch das Fenster und ergingen uns in
Mutmaßungen, was das zu bedeuten habe. Ob er nicht etwa dem Rocherl
noch etwas anthun wolle? Oder ob er am Ende dienstlos geworden wäre?
Vielleicht vom Jagdherrn abgesetzt, weil er auf Menschen schießt.

In diesen Gegenden wird am Ostersonntag von jedem Hause aus ein Korb
mit Rauchfleisch, hart gekochten Eiern, Weißbrot und geschnittenem
Meerrettich in die Kirche getragen, wo solche gute Sachen, wie eine
Woche vorher die „Palmen“, die Osterweihe empfangen. Mit diesen
geweihten Speisen wird das Ostermahl eröffnet und fremde Besucher, die
während der Osterzeit ins Haus kommen, werden mit einem Teller dieses
Aufgeschnittenen bewirtet. Nun sagte der Adam zu seinem Weibe: „Mutter,
gieb dem Jager ein paar Schnitten Osterfleisch hinaus!“

Für diesen Wunsch hatte sie nichts, als einen Blick der Entrüstung.
Den Todfeind ihres Sohnes bewirten? -- Dann aber mochte ihr der
Gedanke kommen: Über geweihte Sachen soll der Christenmensch seinen
Haß nicht spinnen. Sie holte aus dem Kasten den Fleischkorb hervor,
sie holte einen blumigen Teller und begann aufzuschneiden. Das war
gar nicht karg, die braunen Spalten des Rauchfleisches, die Scheiben
der Eier, die gelblichen Brotschnitten, die lockeren Späne des Krenns
darüber füllten beinahe den Teller. Sie wollte ihn schon heben und
hinaustragen, da zuckte ihr die Hand zurück. -- „Nein, so was kann
unser Herrgott nit verlangen.“

Sie hat den gefüllten Teller in den Kasten gestellt, den Kasten
abgesperrt, den Schlüssel in den Sack gesteckt. -- Recht hast, Mutter,
mußte ich ihr zudenken, das ist Rückgrat.

Der Jäger saß immer noch draußen und wartete. Einmal stand er auf,
hielt seinen Mund vor das Brunnenrohr und trank. Dann setzte er sich
wieder hin und wartete. Endlich kam er daher, der Rocherl, in seinem
grauen, grünverbrämten Feiertagsgewand. Im grünen Hutbande stak ein
Sträußlein frischer Brimmeln, die er im Thale gepflückt haben mochte.
Vielleicht auch ließ er sie sich von jemandem schenken. Den rechten Arm
trug er in der hellroten Tuchbinde.

Der Jäger ging ihm bis zur Hofplanke entgegen.

„Ich wart’ schon auf dich,“ sagte er.

„So!“ antwortete der Bursche, ohne stehen zu bleiben.

„Wenn du dich ein wenig hersetzen wolltest, Rocherl. Ins Haus mag ich
nit hineingehen. Hätt’ halt was zu reden mit dir.“

Der Rocherl setzte sich einigermaßen widerwillig auf den Brunnentrog.

„Schau, Rocherl, ich --“ so begann der Jäger, „ich habe dich fragen
wollen. Wie geht’s dir mit der Hand?“

„Das siehst du ja,“ antwortete der Rocherl und schwenkte den Arm in der
Binde. „Wie soll’s denn gehen? Ein Loch hat sie halt.“

„Ist die Kugel heraußen?“

„Wahrscheinlich. Weil’s jetzt einmal zuheilen thut.“

„Kannst sie schon brauchen, die Hand?“

„Nit abbiegen laßt sie sich.“

„Thut’s noch weh?“

„Das glaub’ ich. Voraus bei der Nacht.“

„Wenn nur einmal das Blei heraußen ist!“ meinte der Jäger. Dann schwieg
er still und schien, wie es mir, dem Lauscher, vorkam, nach passenden
Worten zu suchen. Und nach einer Weile: „Es ist wohl saudumm, daß es
so hat sein müssen. Ich hab’ am vorigen Samstag für drei Monat meine
Löhnung bekommen.“

„Ist eh recht,“ sagte der Rocherl. „Zu den Feiertagen braucht der
Mensch immer Geld.“

„Nit deswegen, Rocherl. Weißt -- schau -- ich hab’ dich um was bitten
wollen. Im Wirtshaus -- kannst dir denken -- g’freut’s mich nimmer. Das
Kartenspielen auch nit. Für den Tabak langt’s so noch aus.“

„Hast recht,“ sagte der Rocherl.

„Schau, du solltest deine Hand halt doch von einem ordentlichen Arzt
untersuchen lassen. Ob das Ding wohl auch richtig heraußen ist. Daß du
kein Krüppel wirst. Denn, wenn’s nit heraußen wär’ --. So hab’ ich mir
gedacht, es ist meine Schuldigkeit, daß ich --. Gelt, Rocherl, du bist
mir nit bös deswegen.“

Den Ballen seines blauen Sacktuches wickelte er auseinander und da ist
ein Geldtäschlein zum Vorschein gekommen.

Der Rocherl stand schnell und zornig auf.

„Mein lieber Konrad! Was ich schon gelitten hab’ um diese Hand, das ist
nit zu zahlen. Und was ich noch werd’ leiden müssen! Glaub’s schon, daß
es dich jetzt stiert. Daß mein ganzes Leben verspielt ist! -- Steck du
dein Geld nur wieder ein.“

Er ließ den Jäger sitzen und ging rasch ins Haus.

Jener hat noch eine Weile hergeblickt auf dieses Haus, ist dann durch
die Hoflücke hinaus und über die Matte davongegangen.

Also habe ich gesehen, daß unser Rocherl der Sohn seiner Mutter ist.
Wenn die Herren vom Walde glauben, hinterher mit Geld alles gut machen
zu können -- bei den Leuten im Adamshaus kommen sie schlecht damit an.
Hier gilt nicht jedes Geld. --

Habe ich dir schon geschrieben, daß statt meines spröden Adams der
Kulmbock zum Landboten gewählt worden ist? Seine Antrittsrede beim
Kirchenwirt war kurz, aber stark: „Na, +die+ sollen sich g’freuen!
Wenn ich einmal anheb’! An mir kommt keiner vorbei! Wenn sie glauben,
die Herrschaften, daß sie mich mit dem Viehsalz abfüttern werden!
Na, gute Nacht. Mit mir werden sie nit viel zu lachen haben. Die
Schlamperei muß ein Ende nehmen. Bei mir, wenn sie verhandeln wollen,
kommen sie an den Unrechten. Daß sie’s nur wissen. Schuhnägel friß ich
nit!“

Das ist der derbe, klobige Kulmbock. Wir werden uns auf was Großartiges
gefaßt zu machen haben bei diesem Abgeordneten. Schuhnägel frißt er
nit! Der geht auf keine Kompromisse ein. Ja, Freund, wir schicken
einen Wilden. Einen Urkerl aus der Waldbergscholle. --

Muß dir noch mitteilen, daß ich nächstens auf eine Woche delogiert
werde. Schlafen muß ich dann in der Heuscheuer, wo es nicht übel ist
und keine Stadtdame hat das aromatische Boudoir, wie Hansel der Knecht.
In meine Apartements nächst den Ochsen wird der Michelmensch einziehen.
Das ist ein doppelter, sagt der Rocherl, besteht aus dem Michel und der
Michelin, und zusammen werden sie der Michelmensch geheißen.

Das alles ist so wunderlich und schwer ins „Milieu“ zu bringen. Ich
habe einen großen Gedanken. Komm’ im nächsten Sommer in den Almgai.
Da ist es frischer und urwüchsiger als in Südtirol, wo dir ja ohnehin
die Hitze nicht behagt. Beim Wirt in Hoisendorf fehlt dir nichts und
die Ferienfaulenzerei kannst du dir noch damit versüßen, daß du, im
Baumschatten hingelagert, dem Adamshauser-Knecht bei seiner Rackerei
zuschaust und dabei eine Havanna schmauchest. Mußt ihrer aber selbst
mitbringen, denn die hiesige Trafik führt nur -- starken Towack.

[Illustration]



    Am achtzehnten Sonntage.


Jetzt sind sie da. Der Mai und der Michelmensch. Der erstere macht mich
zu einem sehr reichen Manne. Jetzt, Alter, kann ich dich wahrhaftig
einladen. Jetzt steht der Empfangssalon bereit. Sogar in unserer
Hausstube heben auf Kästen und Truhen die gemalten Blumen an zu blühen,
wenn zum Fenster hinein die Sonne draufscheint. Und erst gar draußen!

Es ist wohl sehr zu unrechter Zeit, wenn der Herausgeber der
„Kontinental-Post“ jetzt Versuche macht, mich in die Stadt zu locken.
Und er macht sie. Beehrte mich mit einem entzückend liebenswürdigen
Brief. Es bedürfe einer weiteren Probe nicht mehr, schmeichelt er, den
Beweis, daß ich ein Charakter bin, der Wort zu halten versteht, hätte
ich ja glänzend erbracht. Alle Achtung! Ich möchte nur zurückkehren in
das menschenwürdigere Leben der Kultur. Die Stadt liege jetzt wie in
einem Paradiese da, mitten in ihren blühenden Gärten. Das glaube ich
ihm aufs Wort. Hier haben wir ja auch ein Paradies und sogar einen Adam
drin. Wenn nicht auch eine Eva. Ein Mann, so schreibt mein Stein von
Stein, der mit so tapferer Selbstverleugnung für sein Fach praktische
Studien gemacht, werde seinem Blatte doppelt wert sein. Der könne
schließlich wohl auch mit Recht auf eine thunliche Gehaltserhöhung
pochen und man würde kaum ermangeln, seinen etwaigen diesbezüglichen
Wünschen zu entsprechen. -- Wie schön doch dieser Vogel jetzt singt!
So schön hat er noch nie gesungen. Ich, natürlich, bin stockblind für
meinen eigenen Vorteil und danke ihm bestens für das gütige Interesse
an meiner Person, könne aber seinem väterlichen Rate leider nicht
nachkommen, weil meinem Dienstherrn versprochen worden sei, das ganze
Jahr bei ihm zu bleiben. Übrigens ginge es mir nicht schlecht, hätte
meiner Tage nirgends so viel gelernt, als hier, und auch nirgends so
viel verdient! -- Es wird ihm unendlich leid sein. Natürlich um die
zwanzigtausend Kronen. --

Der Michelmensch hat es sich allerdings nicht ganz so einrichten
können. Der Michel ist in hiesiger Gegend über sechzig Jahre
Bauernknecht gewesen, die Michelin sechsundvierzig Jahre Bauernmagd.
Zwanzig Jahre lang sollen sich die zwei geliebt haben -- heimlich
natürlich, am Fensterlein. Als ihnen das langweilig wurde und als
das Gesetz allgemeiner Heiratsberechtigung kam, haben sie sich auch
öffentlich zusammengethan und heißen seither der Michelmensch.
Arbeitsfähig waren sie immer gewesen, erspart jedoch hatten sie sich
gar nichts. Der Michel war ein Lump gewesen und hatte alle Sonntage
nach dem Amte beim Kirchenwirt ein Seidel Wein getrunken. Die Michelin
hatte ihren Jahrlohn ans Kind verbraucht. Ein Knabe war’s, der
frühzeitig als Almhirte selbst sein Brot erwarb und in seinem elften
Lebensjahre eines Tages bei plötzlich eingefallenem Schneegestöber
erfroren ist. -- Das der Lebensumriß dieser zwei alten Leutchen,
die nun als Bettelleute von Haus zu Haus ziehen und in jedem der
Höfe je acht oder vierzehn Tage verpflegt werden müssen. Dir ist das
„Einlegerwesen“ wohl aus Morres Volksstück „’s Nullerl“ bekannt. Nun
im Theater rührt es gelinde und macht guten Appetit fürs Souper. Hier
jedoch --.

So ist der Michelmensch auch in das Adamshaus gekommen. Einen großen
Buckelkorb, für den breiten Rücken eines Waldholzknechtes gebaut,
haben die zwei so getragen, daß das eine Tragband ihm über die rechte
Schulter, das andere ihr über die linke ging. Mitsamt den Handstecken
hatte dieser „Michelmensch“ somit sechs Füße und vier Hände, zwei
Köpfe und einen Korb. Recht gesprächig waren die kleinen, ganz
eingeschrumpften Leutlein, als sie im Hause angekommen. Der Michel
setzte sich behäbig wie ein alter Ausgedingler in den Herdwinkel,
nickte beständig mit dem weißen Köpflein, schaute unverwandt seiner
plaudernden Alten ins Gesicht und begleitete ihre Ausdrücke mit
Mienenspiel, so daß er den zahnlosen Mund aufmachte, wenn sie lebhaft
sprach, daß er seine Stirn runzelte, wenn sie sich über die Roheiten
eines Nachbars beklagte, und sein runzeliges Antlitz gemütlich ins
Breite zog, wenn sie die Mildthätigkeit einer Bäuerin rühmte. Die
Michelin wollte sich im Hause gleich nützlich machen und langte überall
zu, gleichsam als möchte sie den Adamsleuten die Güte erstatten,
daß ihr Michel so warm im Herdwinkel sitzt und extra einen Mehlbrei
bekommt, weil er bei Tische schon gar nichts mehr beißen kann.

Nachher haben sie sich in meiner Stallkammer eingeheimt. Die
Michelin packte den Korb aus: Wollkissen, Hauspatschen, eine Menge
von Schächtlein, Töpflein und Fläschlein, blankes Eßzeug, Nähzeug,
Seife, Kerzenstümpfchen, Heiligenbildchen, Rosenkränze und anderlei
Sächelchen. Alles mit großer Sorgfalt eingemacht und jetzt mit
zärtlicher Liebe von allen Seiten betrachtet, ob wohl auch nichts
Schaden genommen habe. Nie habe ich an Menschen eine so wahrhaft
herzinnige Freude an ihrem Eigentume beobachtet, als diese zwei
Bettelleute an dem Inhalte ihres Korbes hatten. Der Alte war geneigt,
mit den Gläslein oder Krüglein kindisch zu spielen, sie nahm ihm die
Dinge bald aus der Hand, reinigte sie mit einem Lodenlappen und that
sie wieder in den sicheren Winkel des Korbes.

„Was glaubst denn, du Lapperl!“ sagte sie zärtlich schmollend zu ihm,
„so ein Krügerl darf man ja nit z’samschlagen! Das gehört ja freilich
wohl dem Hieserl, wenn er kommt.“

Da kicherte der Alte: „Kommt ja nimmer. Ist ja maustot, der Hieserl!“

„Geh, laß dich nit auslachen. Der Hieserl wird tot sein!“

„Haben ja seine Beinderln gefunden und eingegraben!“

„Du, Michel!“ drohte sie, „wirst gleich was fassen, wenn du nit still
bist! Was weißt denn du? Bis der Flachs blüht, ist der Hieserl bei uns!“

„Wird schon sein, wird schon sein!“ gab der Alte zu. „Wenn du’s sagst,
wird’s eh wahr sein.“ Und setzte weinerlich bei: „Schlaferig bin ich.“

Dann haben sie sich in einen braunen, über und über beflickten
Lodenmantel gewickelt, sich ganz klein und eng aneinander schmiegend,
nicht anders, wie das Vielliebchen in einer Mandelschale. Sehr bald
hernach das melodische Doppelgeschnarche des „Michelmenschen“. --
Vielleicht kommt wenigstens der Hieserl im Traume zur Mutter. Wie
viele Jahre der Knabe schon tot ist, so hoch kann sie nicht rechnen.
aber daß es erlogen ist, was die Leute damals sagten, als sie die
Knochen des Hirtenjungen gefunden im Gebirge, das weiß sie, und daß
der Hieserl kommen wird noch in diesem Sommer, bevor der Flachs blüht,
das weiß sie ganz gewiß. -- Da denke ich mir auch, bei so felsenfestem
Glaubensreichtum muß es wirklich nicht schwer halten, ein „armes
Leut“ zu sein. Das Nachtgebet, wenn ich mir hätte merken können, das
die Michelin eines Abends laut gebetet hat. „Herr Jesus, komm bald,
wir warten dein. Hau’ zu, hau’ zu, aber lach’ dazu. Schön Dank, daß
du unser König bist, Herr Jesu Christ!“ So ähnlich. Ich bat sie am
nächsten Tage, mir den Spruch wörtlich mitzuteilen. „Das geben wir nit
her!“ war die Antwort und schnell stand ihr Rücken vor mir. So reich
sind hier die armen Leute. Übrigens, ihm scheint manchmal bange zu sein
und bisweilen kann man ihn murmeln hören: „Schlafen thut er zu lang!“
Der Herrgott nämlich.

Das sind jetzt die Gäste meiner Stallkammer. Der Adamshauser soll den
Michelmenschen ordnungsgemäß acht Tage lang behalten. Da er aber merkt,
daß die Einlegerleute gerne hier bleiben, weil sie nicht überall so
gut behandelt werden, so hat er mich gefragt, ob ich ihnen die Kammer
noch länger überlassen wolle. Ich würde ein schönes Vergeltsgott dafür
bekommen. Ein Vergeltsgott wird hier hoch bewertet. Man legt’s in die
Sparkasse auf die ewige Seligkeit. Die Adamshauserleute haben ihrer
schon viele beisammen. --

Mein Verhältnis zu diesem Berghofe hat endlich auch eine Art bekommen.
Ich bin verwendbar. Ich bin ihnen wirklich von Nutzen, sie sagen es
schon offen und ich sage glücklich darüber: walt’ es Gott! -- Jetzt
habe ich keine Angst mehr, ich halte aus.

Kannst du mir nicht sagen, Philosoph, woher das Wort Arbeit kommt?
Es heißt, in alten Zeiten habe dieses Wort soviel als Not und nötig
bedeutet. Es kann ja sein, daß gewisse Leute nur dann arbeiten wollen,
wenn sie die Not dazu drängt. Ich frage indes, ob das Wort Arbeit
nicht von Arling (Pflugschar) oder Aren (Egge) kommen könnte und also
ursprünglich nur solches Wirken ausdrückte, das mit der Erdscholle
zusammenhängt. Erdbeuten, Erde ausbeuten, oder so was, wie es die
Philologen manchmal so hübsch zu drehen wissen. Ich könnte dann sehr
schön darthun, daß das Ackern der Grundbegriff aller Arbeit ist und mir
damit ein besonderes Ansehen geben.

Seit Mitte April ackern wir. Als zuerst die Pflugteile: der Arling, das
Sech, dann auch die Egge in Ordnung zu bringen waren, entdeckte ich
in mir einen ganz brauchbaren Gesellen: den Schmied. Man lernt nichts
umsonst. So habe ich den Arling geschärft, den Pfluggründel mit Ringen
beschlagen und an den Rädern abgesprengte Reifen festgeschmiedet. Das
gelang so gut, daß meinem Hausvater fast bange geworden sein soll, ich
könnte nun mit Sonderansprüchen auftreten. Wenn der wüßte, wie gut mir
das Dienstjahr bei ihm gelohnt wird!

Meine Schmiedleistungen waren wohl recht sehr am Platze, denn sonst
hätte mir der erste Tag am Pfluge leicht den Dienst kosten können.
Das mußt du dir vorstellen, Herr. Vorn an den Pflug sind zwei Ochsen
gespannt, die vom Rocherl bei den Hörnern geführt werden. Hinten gehe
ich drein, halte den Pflug bei den Hörnern und habe ihn so zu leiten,
daß er den Rasenstreifen, etwa einen Schuh breit und einen halben Schuh
tief, ausschneidet und umlegt. Das ist die Furche. Wird die Furche zu
schmal genommen, so richtet man nichts aus, wird sie zu breit genommen,
so hebt es den Pflug und der Arling kratzt seicht über den Rasen hin.
Und dieses Festhalten in gleicher Breite, dieses Niedergründen, wenn
der Boden seicht, sandig oder steinig ist, greift menschlich Fleisch
und Bein höllisch an.

Zuerst hat’s mich so mächtig hin- und hergeschleudert, daß der Rocherl
laut auflacht. Ganz hinten drein geht die Barbel mit der Haue, um die
schlecht gelegten Furchen zu gleichen und vom Arling übersprungene
Rasenteile umzuhauen. Je schlechter ich’s mache, desto mehr hat
das Mädel zu thun. Du kannst dir denken, wie mich das spornt zur
äußersten Anstrengung meiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten. So
schauderhaft der Anfang gewesen ist, durch Fleiß und Übung gelang es --
ich kann nun ackern.

Ein Bauernknecht, der ackern kann!

Und dieser Erdgeruch! Dieser köstliche Erdgeruch! Das haucht einem so
frisch und kühl, so erdharzig ins Gesicht! Ich möchte dirs beschreiben
und kann nicht. Als ob man von Rheinwein ganz leicht berauscht wäre,
so herzhaft mutet das an, so herzhaft und urstärkend, wenn Erdsegen
aufsteigt. -- Dieser Lebenshauch, ich habe bisher keine Ahnung von ihm
gehabt. Zum Aufjauchzen, so froh!

Auf steilen Feldern ackert man mit dem angedeuteten Hin- und Herfurchen
natürlich von unten nach oben. Und während wir mit dem Pflug auf die
Anhöhe kommen, rückt unten schon der Adam mit dem Säetuch dran. Und
wie der ältliche Mann unbedeckten Hauptes in Demut und Würde zugleich
über die braunen Schollen dahinschreitet und sein Korn der Erde opfert
-- so kommt mir das ganz weihevoll, priesterlich vor. Die erste Hand
voll Korn, die er ausgestreut, hat er vorher andächtig emporgehoben
zu seinen Lippen. Geküßt hat er die Körner wie ein Heiligtum! --
So war mir noch nie bisher im Leben, als an diesen Tagen. Als ob
ich heimgefunden hätte! Als ob der verlorene Sohn endlich wieder in
seiner uralt heiligen Heimat wäre! Ja, Freund, ja, das ist der alte
große Adelsstand. Zuerst der Gottschöpfer und gleich unterhalb sein
Handlanger, der Bauer. Wer seine eigene Hand in die offene Furche der
Erde legt, der muß dran glauben.

Nach dem Pflügen das Säen, nach dem Säen das Eggen, wodurch mit der
„Aren“, wie man die Egge nennt, der Same ins Erdreich gekämmt wird.
Dann lassen wir’s stehen. Lassen es stehen, stellen uns seitab an den
Rain und beten um Regen und Sonnenschein. -- Kein Mensch sieht sich
mit seinem Thun und Lassen so unmittelbar auf Gott angewiesen, als
der Landmann. Düngen, pflügen und säen, ja das kann er. Aber das ist
all noch nichts. Das Korn, das er in die Erde gestreut, verwest und
er ist ärmer, als vorher. Was nun anfängt zu geschehen und zu werden,
das wird ohne sein Zuthun. Er kann nicht fördern und nicht hemmen,
ganz ohnmächtig muß er zusehen, was da wird oder nicht wird unter der
wechselnden Sonne, unter den träumenden Wolken des Himmels. Es ist
wohl sein Anlaß, aber es ist nicht sein Werk. Und weil der rechte Bauer
schon einmal nicht müßig sein mag und doch zur Förderung seiner Sache
auch nicht weiter Hand anlegen kann, so legt er diese Hände aneinander:
Vater unser! Gieb uns unser tägliches Brot!

Ich glaube, wenn der Bauer Atheist wäre, es könnte auf seiner Erde
nichts mehr wachsen. Fromm glauben und gut düngen! -- Und den alten
Herrn mit dem weißen Bart und dem Dreieck über dem Haupte -- laßt ihn
uns stahn, ihr werten Weltweisen allsamt. Und +sollte+ er schon
nicht sein, so thut er noch in seinem Nichtsein den gläubigen Menschen
mehr Gutes, als ihr in eurer körperlichen und geistigen Wesenheit
selbander! --

Ich werde es übrigens bald erfahren müssen, daß wir das Gedeihen
doch auch sonst noch fördern können. Wir werden in nächster Woche
schon mit der Haue über das junge Feld gehen und die Erdklumpen klein
schlagen; wir werden das Unkraut jäten, wir werden den grünenden und
reifenden Acker vor den äsenden Tieren schützen bis zu dem Tage, da mit
klingender Sichel die Frucht darf in Empfang genommen werden.

Der zugereiste Knecht trägt jetzt ein äußerst grobes ungebleichtes
Rupfengewand vom Valentin. Luftig ist es. Auch die anderen Mannsleute
der Gegend tragen des Werktags solche Leinwand am Leibe; die
Hoffärtigeren pflegen es sich in Kailing blau färben zu lassen, daß
man den Erdstaub dran nicht so sollte merken können. Rock brauchen
wir keinen mehr. -- Loses Linnen über den Gliedern. Wüßtet ihr, was
das für ein prächtiges Tragen ist! Wie sich’s drin frei atmet, kühl
arbeitet und ungebunden lebt! Wenn die vornehmen Leute sich einmal
bewußt würden, was für ein Unglück ihr Modegewand ist! Wenn sie diese
unglaublichen, diese tragisch komischen Fesseln inne würden! Durch
solche glatte, farbgetränkte, zwei- und dreifache Futterale kann auch
keine Krankheit und keine Sünde ausdunsten. Bleibt alles drinnen. Ihr
Städter thut geringschätzig über die Hemdärmeln. Wem vor dem Hemdärmel
graut, dem graut vor dem Arm. Vor der Hand Arbeit. Merkst du, wie das
wieder ähnlich klingt: Arm-bieten, Arm-beiten, Arbeiten.

Hierin verstehe ich unser schönes Mädel nicht. Sie trägt noch immer
ihre wulstige Winterjoppe. Der Hausmutter ist das auch nicht recht,
ihr hat die Barbel aber gestanden, sie hätte das kurze Sommerjackel
der armen Lucknerin geschenkt, daß dieselbe ihrem kleinen Kinde eine
Wiegendecke daraus machen könne. Die Bettelleut’, wenn sie kommen,
richten es gerne so ein, daß sie die Barbel im Hause treffen. Da soll
allemal am meisten abfallen. Und sonst auch. Das Mädel versteht gütig
zuzuhören, wenn sie ihre Nöten klagen. Und wenn sie dazu ein gutes
Wort sagt, ein teilnehmendes, trostreiches, so ist das ein Almosen
für sich. Es wird wohl so sein, wie mein Adam einmal gesagt hat: Das
Teil+geben+ ist schon gut und das Teil+nehmen+ ist noch
besser.

Der Michelmensch, der doppelte, ist auch vernarrt in dieses Mädel.
Besonders +er+ steckt ihr manchmal ein Sträußchen junger
Maßliebchen zu. Das muß er freilich hinter dem Rücken seiner Alten
thun. Weil aber die alten Weiber auch hinten Augen haben, so ist
es die Michelin einmal gewahr worden, was der Michel heimlich thut
und hat ihm ein abscheuliches Wetter gemacht. Darunter ist das
abgedörrte Alterchen ordentlich aufgethaut. Kannst dir denken, wie
das einem Achtzigjährigen wohl thut, wenn er noch imstande ist, bei
der Eheliebsten Eifersucht zu erregen. Und daß das Mädel diesem ihrem
neuesten Buhlen ein besseres Auge zeigt als mir, mag ich schließlich
nicht verwinden.

Von der Mailuft, die über unseren Bergen weht, kann ich gar nicht
genug bekommen. Am späten Abend noch, während die Pflugochsen im Stall
ihr Heu fressen -- als Arbeiter bekommen sie jetzt natürlich besseres
Futter, denn im Winter als Faulenzer -- sitze ich gerne im Freien auf
der Wandbank und betrachte es, wie am Firmament die Sternlein sich
allmählich anzünden und vom Graben herauf die Wasser lauter werden.
Und da habe ich mehrmals beobachtet, wie der Rocherl Sträußlein bindet
mit großer Mühe seiner linken Hand, wie er damit an das Hausfenster
hinschleicht und den Strauß ans Fenster der Barbel steckt. Am nächsten
Tage sind die brüderlichen Liebesopfer welk, da bringt er frische. Und
das Mädel hat die Blümlein des alten Einlegers schier lieber, als die
des Bruders.

Und einmal, in der Abendstunde, steht der Rocherl beim Kirschbaum und
flucht alle Flüche, die ihm einfallen. Und die ihm nicht einfallen,
möchte er mit den Zähnen zerreißen.

„Was du für ein absonderliches Abendgebet kannst, Rocherl!“

Er stößt sich die Faust an die Stirn: „Zu Grund’ geh ich!“

„Schmerzt dich die Hand so arg?“

„Die Barbel!“ schreit er auf.

„Die Barbel? Deine Schwester? Ist ihr was?“

„Jeden Zugelaufenen hat sie lieber als mich!“

„Jeden Zugelaufenen? Wer ist damit gemeint?“

„Das weiß ich schon!“

Sollte er mich --? Kaum denke ich das, so stürzt er mir an die Brust,
stöhnt, gröhlt und bringt endlich die Worte hervor: „Weil ich sie gern
hab’! -- Umbringen muß ich mich!“

Alfred! In meinem Leben bin ich selten noch so erschrocken, als jetzt.
Wenn es wäre, daß dieser junge glühende Mensch eine Leidenschaft nährte
zu seiner Schwester!

Den abscheulichen Augenblick habe ich sofort in Spaß gebeizt.

„Am Ende, Rocherl!“ sage ich in komisch gespielter Entrüstung „am
Ende hast du mit dem Mädel eine Liebschaft. Nachher wird gerauft! Und
den Alten töte ich auch. Was hat er ihr Blumen zuzustecken! Das Mädel
gehört mein. Sie mag mich zwar nicht, und dich auch nicht, aber gerauft
wird doch. Haderlump! Prügel kriegst, weil sie uns nicht mag. Und ich
krieg’ ihrer auch, deswegen. Und auf meinem breiten Buckel haben mehr
Platz, als auf deinem Forellenrücken. Nachher kann sie uns Schusterpech
auflegen, das die Prügel wieder herauszieht.“

Grell aufgelacht hat er. Dann sagt er ruhiger: „Du hast leicht Spaß
machen. Ich weiß schon, wen ich meine.“ Dann ist er in sein Bett
gegangen und die Wasser haben gerauscht im Thale.



    Am neunzehnten Sonntage.


An diesem Briefe, mein Freund, werde ich wohl zwei Sonntage zu
schreiben haben. Nicht, weil die Finger steif geworden sind. Nicht,
weil ich jetzt lieber im Freien herumstreichen möchte, als gebückt über
der Truhe zu sitzen. Ein anderer Verzug ist vorhanden. Es ist lang und
es geht tief. Wenn’s nur ein Roman wäre und ich ein Romanschreiber.
Gott, wie nett! Aber es ist ein Schicksal und ich bin ein armer Mensch.

Daß wir etwas Bedenkliches im Hause haben, ahnst du. Oder bist du noch
nicht auf schlimme Gedanken gekommen? -- Ein halbverlumpter Städter
geht, um eine Geldsumme zu gewinnen, zu den Bauern, prahlerisch,
hinterlistig. In einem Gebirgshause bei schlichten herzensguten Leuten,
wo er in Vertrauen und Treue aufgenommen wird, verführt er den Liebling
aller, die einzige Tochter und Schwester, ein engelschönes, schuldloses
Kind. Sie thut sich Leides an, Vater und Mutter vergehen vor Gram und
der Abenteurer kehrt -- nachdem er die Familie im Bauernhause zu Grunde
gerichtet hat -- zur Stadt zurück, um seine Wette einzustreichen.

Wäre das nicht packend und modern?

Nein, es ist schlecht und grausam, solche Ungeheuerlichkeiten auch nur
zu denken. -- Es ist aber auch eine ganz niederträchtige Hoffart, zu
sagen: Bei mir weit entfernt davon! Es waren Augenblicke der Gefahr,
daß Gott mich verlassen könnte! -- Aber darf der Gerettete denn
jubeln, wenn er andere in Not, vielleicht in Schuld steht?

Doch, das muß alles hübsch in Ordnung vorgebracht werden, sonst wirst
du mir kopfscheu. Mein ältester Bekannter in Hoisendorf ist, wie du
weißt, der Schullehrer Guido Winter. Derselbe, der im Januar mir das
Adamshaus gewiesen hat und mich dann nicht wollte heraufsteigen lassen.
Hernach hat’s eine Spannung gegeben und nun ist alles klar. Der Mann
ist etwa um zehn Jahre jünger als ich. Nicht gerade der Hübscheste.
So blatternarbig, daß der Rocherl sagt, er müsse mit dem Gesichte auf
einem Rohrstuhl gesessen sein. Dazu linkisch und ungeschickt, ein
bissel unterthänig und ein bissel stolz und ein bissel eigensinnig und
hat noch besondere Sachen. Im ganzen ein frischer Kerl. Wir kommen an
Sonntagen zusammen und Plaudern. Ich besuche ihn schon seiner Bücher
wegen und weil er mir die Zeitung vermittelt, die übrigens nur deshalb
für mich noch einen gewissen Reiz hat, weil sie im Adamshause eine
verbotene Frucht ist. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis, wenn ich
geistreich sein wollte. Doch heute habe ich dir wichtigeres zu sagen.

Mehrmals schon hatte ich bemerkt, daß der Lehrer hinterhältig gegen
mich ist. Natürlich, er kann ja auch aus mir nicht klug werden. Er
kennt sich nicht aus bei diesem zugereisten Knecht und ich habe bislang
Bedenken getragen, ihm meine Geschichte mitzuteilen. Nun kommen aber
nach und nach allerhand Geschichten zusammen, eine hängt an der andern
wie in Tausend und einer Nacht, und sind noch so viele Wochen! Was das
für ein Ende geben wird -- der Himmel weiß es!

An diesem schönen Frühlingstage, als ich nach Hause will, hat sich
der Lehrer mir angeschlossen. Er müsse einmal ganz extra mit mir
gehen, vorgenommen habe er sich’s schon lange. Da ist mir schon so
etwas aufgefallen. -- Wir gehen nach dem Wasser hinein, wir gehen aber
nicht den Berg hinauf. Wir steigen in die Klamm und durch das Hochthal
weiter bis zum Almboden, wo jetzt neben Resten von Schneelawinen aus
dem grauen Gefilze des Vorjahrs endlich auch das feine frische Gras
hervorsticht, gelbliche Primeln stehen, die dünnständigen Lärchen
grünen und in roten weichen Zäpfchen blühen. An den Berglehnen ragen
stellenweise graue Steinknorze hervor und aus dem Hintergrunde des
Hochthals leuchtet eine zerrissene Felswand. Wenn ich zeichnen könnte!
Pah, die Landschaften bleiben ja stehen. Die Menschen müßte man
zeichnen!

Zuerst, glaube ich, haben wir von Adams Franzel gesprochen, dem
Schulknaben. Ein aufgewecktes Köpflein, sagt der Lehrer. In den
Schulgegenständen nicht gerade der erste, aber voller Aufmerksamkeit
und Beobachtung für Tiere, Pflanzen, Steine. Die Bücher langweilen ihn,
wo er aber frei denken und Schlüsse ziehen kann, da ist er der ganzen
Schule über.

„Den müssen wir wohl in die Stadt zu bringen trachten,“ setzte der
Lehrer seiner Schilderung bei.

„Hören Sie mir auf mit der Stadt!“ rief ich drein. „Was soll er denn
in der Stadt? Dort giebt’s ohnehin schon gescheite Leute genug. Lasset
doch auch ein paar kluge Köpfe bei den Bauern daheim. Da haben sie
schon auch ihre Nüsse zu knacken und ist wenigstens ein Kern drin.
Wenn alle begabten Leute davonlaufen, dann ist es wohl kein Wunder, daß
geschieht, +was+ geschieht.“

„Es geschieht auch, wenn sie dableiben,“ sagte der Lehrer. „Es
geschieht, weil es geschehen muß. Und da möchte man doch die
intelligenteren Kräfte möglichst auf einen besseren Boden retten, ehe
sie in den Einöden verkommen und elendlich zu Grunde gehen.“

„Ich habe selbst einmal ähnliches geschrieben,“ sagte darauf der
zugereiste Bauernknecht übereilt. „Das heißt, wie man so seinen
Freunden schreibt. Aber jetzt denke ich anders. Das Geheimnis der
Scholle! Die Heimatserde!“

„Heimatserde,“ sprach der Lehrer auflachend. „Das sind alte Sachen. Für
den Trödelmarkt.“

„Ist das Ihr Ernst? Dann hätte ich, mit Erlaubnis, meine Meinung
darüber. Sie haben wohl auch schon über die Nationalitätenfrage
nachgedacht, die heute alle Welt beschäftigt und Reiche erschüttert.
Gut. Nun sagen Sie, um was geht es denn eigentlich hier? Um Nationen?
Gewiß ja. Aber noch mehr um die Erdscholle. Sie lachen, wenn Sie hören,
daß die Nationalitätenfrage eine geographische Frage ist.“

Er lachte wirklich und ich fuhr fort: „Würde es sich bloß um die Nation
handeln, lieber Gott, die in aller Welt zerstreuten Deutschen könnten
leicht zusammen kommen, wenn sie ihre Scholle aufgeben, ihren Erdbesitz
mit Slaven oder Franzosen, die an ihrer Stelle sitzen, umtauschen
würden. Ein moderner Bismarck brauchte bloß die Landkarte herzunehmen
und die Völkerteile einfach wie Schachfiguren zu verschieben.“

„Das ist nicht möglich!“ rief der Lehrer aus.

„Es ist so unmöglich,“ sagte ich, „daß ein ähnlicher Vorschlag im
Ernste kaum jemals gemacht worden ist. Und warum ist es unmöglich, weil
die Menschen an ihre Scholle gewachsen sind, weil die Völkerfetzen an
ihrer angestammten Erde kleben.“

„Sie meinen also, daß der Einzelne fester an seiner Scholle hängt, als
an seinem Volke?“

„Wie Figura zeigt.“

„Ein Frevel, das auszusprechen!“ rief der Lehrer entrüstet.

„Darüber müssen Sie einen andern zur Rechenschaft ziehen. Den, der die
Menschennatur so und gerade so gemacht hat.“

„Der natürliche Mensch ist Nomade und nicht Schollenhocker.“

„Und der Kulturmensch kann nur bestehen und sich vervollkommnen, wenn
er an den Boden genagelt ist. Und daß der Boden, der Heimatsboden,
ewiges Eigen eines und desselben Volkes bleibe, darum handelt es sich
vor allem bei diesem Weltkampfe.“

„Wenn es also gerade auf diese Heimständigkeit ankäme,“ warf der Lehrer
ein, „dann müßte ja der berufsmäßige Schollenmensch, der Bauer nämlich,
der größte Kulturmensch sein!“

„Und +wenn+ er es wäre! Und +wenn+ das Landleben inmitten
all der Bedingungen, die des Menschen Bedürfnisse decken, ohne ihn zu
verwöhnen, zu erschlaffen, wirklich eine höhere Kultur wäre? Höher als
etwa das Fabriksleben mit seiner socialen Not und Unzufriedenheit;
als das Kaufmannsleben, das rastlos die Güter der Welt hin- und
herschiebt, damit die Reichen aller Länder übersättigt werden können
von den Produkten, bei deren Herstellung die Mehrzahl der Menschen
Mangel leiden und verkommen muß!“

Mit einiger Verblüffung schaute mir der Lehrer ins Gesicht.

„Und deshalb,“ so schloß ich meine Betrachtung, „kann man’s nicht
verstehen, warum in unseren Tagen der angestammte Kulturmensch
seinen Boden verlassen soll und ihn wirklich verläßt! Und wie sogar
Dorfschullehrer dazu die Hand bieten können! -- Nein, der Bauernlehrer
soll seinen Kindern Tag für Tag das Vaterunser und den Erdsegen
vorbeten.“

Hierauf er: „Sind wir Lehrer dazu da, daß wir Bauern machen? Wir
unterrichten die Kinder, damit sie, der Zeit gewachsen, ein gutes
Fortkommen finden können.“

„+Fort+kommen! Ja, Donnerwetter, wohin denn? Ich glaube fast,
Herr, Sie wollen mich ärgern mit Ihrem Witz!“

„Aber Gott, nein!“ rief er mich am Arme packend. „Ich bin nur voller
Staunen. Über +Ihren+ Witz!“ Und dann mit plötzlicher Gereiztheit:
„Mir fällt es heute ja nicht das erste Mal auf, daß der Knecht des
Adamshauses wie ein Professor spricht. Was ist denn das? Das ist
ja ganz verdächtig. Da muß man doch endlich einmal fragen nach dem
Heimatschein. Wenn es hier herum etwas auszukundschaften gäbe --“

„So könnte ich ein Spion sein, meinen Sie?“

„Bei meiner Ehre, ja! Ein natürlicher Bauer sind Sie nicht, wenn Sie
auch noch so groß von ihm sprechen. Nein, nein, Hans, da mögen Sie
sagen, was Sie wollen.“

„Meinen Sie?“

„Jetzt ist’s mir zu dick. Sie gehören nicht in den Almgai. Sie haben
Ihre besonderen Gründe, sich hier aufzuhalten!“

„Und ob ich sie habe!“

„Soll ich Ihnen sagen, weshalb Sie manchmal so eifrig die Zeitung
durchschauen? Sie suchen Ihren Steckbrief!“

„Na nu, Schullehrer, das wird stark! Da könnten Sie sich ja gleich den
Ergreiferlohn verdienen!“

Die gute Ruhe, mit der das Wort gesagt war, hat ihn doch wieder
stutzig gemacht. Und er lenkte ein: „Ich meine ja auch nicht, daß --.
Ein Spitzbube möchte kaum harte Arbeit machen in einem Bauernhofe,
monatelang. Aber wissen möchte ich doch, was dahinter ist.“

Er stand mitten auf dem Wege still, griff sich mit beiden Händen an
meinen Jackenflügeln fest und fragte: „Jetzt sagen Sie es mir offen,
Hans Trautendorffer, was suchen Sie da oben? Sie sind ein verkappter
Stadtmensch, Sie haben Ihre Gründe, warum Sie sich im Adamshause
aufhalten! Mit Verstattung, was suchen Sie da oben?“

Sein rotes Gesicht war noch röter geworden, um seine Augen hatten sich
Wulste gebildet, als wären sie verschwollen, dazwischen stachen die
Blitzer ganz kurios hervor. Ob solcher Heftigkeit kam mir der Trotz und
ich schwieg.

„Werden Sie es sagen?“

Was denn? Warum sollte ich es ihm am Ende nicht anvertrauen. War’s
denn eine Schande? Hatte ich mich nicht doch vor falschem Verdacht
zu retten? -- Nein. Bei solcher Art zu fragen, antwortet ein Hans
Trautendorffer nicht.

„Also, Sie sagen es nicht, was Sie da oben festhält?“ sprach er
nachgerade drohend.

„Aber natürlich nicht.“

„Gut. So werde ich es Ihnen sagen.“

„Nun?“

„Das Mädel gefällt Ihnen!“

„Das Mädel? Mir?“ -- Kunstpause.

„Das Mädel wollen Sie haben!!“

„Mein Gott, Schullehrer,“ darauf die Antwort, „warum sollte ich das
Mädel nicht haben wollen? Was ginge denn das Sie an?“

„Was das mich angeht, mein lieber Trautendorffer, das will ich Ihnen
wohl sagen. Das geht mich gar viel an. +Das Mädel ist mein!+“ --

Und jetzt, Philosoph, übe dich eine Woche lang in Geduld. Fortsetzung
folgt.

[Illustration]



    Am zwanzigsten Sonntage.


Am vorigen Sonntage hast du deinen Freund in einem entlegenen
Alpenthale stehengelassen, in Gesellschaft eines eifersüchtigen
Nebenbuhlers. Er lebt noch. Er hat seither wieder eine Woche lang Korn
eggen und Kartoffeln pflanzen müssen.

Aber es hätte gar nicht mehr viel gefehlt. Verliebt bin ich ja in
dieses blöde Ding und habe es auch dem Lehrer nicht einen Augenblick
verhehlt. Zwar nicht viel anders, wie man in eine Raphaelsche Madonna
verliebt sein kann. Traue du der Liebe zu den Himmlischen! Zum Glücke
sind, fatale Nachzüge abgerechnet, die bedenklichsten Jahre vorüber.
Geschadet jedoch hat’s durchaus nicht, daß plötzlich der tolle Mensch
vor mir stand mit dem Schrei: Das Mädel gehört mein!

Von diesem Augenblicke an gewann die Sache ein anderes Aussehen.
Mancherlei wurde mir klar, jetzt ganz auf einmal. Was kann denn
begreiflicher sein, als daß auch der Lehrer um dieses Lichtlein
flattert. Und bei Sturm fliegt das sittsamste Flämmlein ins Dach. Schon
vor Jahresfrist hat sie sich von dem die Augen küssen lassen, diese
marmorkalte Maid!

Seinem Schrei also auf jenem Spaziergange bin ich ruhig gestanden. Er
steht auch so da und scheint verwundert zu sein, daß ich nicht umfalle.
Ich stehe immer noch und sage: „Sackerment, Lehrer, Sie haben einen
guten Geschmack! Und dazu meinen Glückwunsch! Aber das will ich Ihnen
auch sagen, wenn Sie das Mädel nicht glücklich machen, dann steinige
ich Sie auf offenem Kirchplatz zu Hoisendorf.“

„Gut,“ antwortet er, und jetzt gehts schon ins Gemütliche, „wenn ich
sie nicht glücklich mache, dann sollen Sie bei Nero, bei Diokletian,
bei Iwan dem Grausamen und allen Inquisitoren Studien machen, wie ich
am qualvollsten zu Tode gemartert werden könnte.“

„So ist es in Ordnung,“ sage ich, „Sie können sich verlassen. -- Und
nun soll es zwischen uns anders sein, meinen Sie nicht? Für Ihren
Freimut möchte ich Vertrauen geben. Ihre Bedenken meinetwegen lassen es
endlich hoch an der Zeit sein, daß ich mich Ihnen erkläre. -- Wollen
wir noch weiter ins Hochthal hinauf? Vielleicht lehnen Sie sich an
diesen Ahornbaum, Herr Lehrer, denn sonst werden Sie wahrscheinlich
umfallen, wenn Sie meine Geschichte hören. Sie meinen weiß Gott was
für eine Romantik, wenn ein fünfundzwanzigjähriger Prachtkerl verliebt
ist. Das ist gar nichts. Da giebt es andere Exemplare. Gucken Sie sich
just einmal einen Zeitungschreiber an, der Bauernknecht wird -- ein
wirklicher hagebuchener Bauernknecht!“

Na, dann kam der geschichtliche Teil des Hans von Trautendorffer,
dessen Ahn zur Hohenstaufenzeit den Reisenden die übermäßigen Lasten
abgenommen hat. In neuer Zeit kam dann der elternlose Knabe, der
zu nichts anderem gut war, als für die Grobschmiede im Dorf. Aus
dem Schmiedejungen entwickelte sich der Schlingel, aus dem der
Bäcker-Oheim den großen Gelehrten machen wollte und es kam der
Tornister, in dem angeblich der Feldmarschallshut steckt. Durch all
diese Wandlungen hat der junge Mann mit größter Geschicklichkeit
den Weg verfehlt und trat also in die Gilde der Zeitungschreiber.
-- In dieser Epoche vertiefte ich meine Schilderung und zeigte den
zweispältigen Gesellen, dessen Neigungen mit dem Berufe gar nicht
übereinstimmen wollten, so daß eine altmodische Weltanschauung mit der
großstädtischen Journalistik sich beständig in den Haaren lag. Und
schloß damit, wie bei jener Wette der Rüpel den Federfuchser plötzlich
unterkriegte, als eines Mannes Ehre dran hing, ein Jahr lang Ritter von
der Heugabel zu sein.

Der Lehrer hatte mir mit wahrer Verblüffung zugehört. Als ich fertig
war, machte er einige Schritte auf die Wiese hinaus, wieder zurück und
sagte: „Was Sie mir da erzählt haben, Hans, es steht wahrscheinlich
unter dem Strich?“

„Wie Sie wollen, Herr Winter; Sie sind zu nichts verpflichtet. Der
Glaubenszwang ist abgeschafft. -- Ich vermeinte Ihnen Aufrichtigkeit
schenken zu sollen. Eine bessere habe ich nicht.“

Hierauf länger andauerndes Kopfschütteln seinerseits. Dann meinte er,
es stimme ja eigentlich alles, und schüttelte mir die Hand.

Dieweilen waren wir sehr weit in die Wildnis geraten, an Felsen hin, wo
graue Schuttriesen niedergingen in das Wasser, das hier unter dem Berge
hervorquillt. Es ist der Ursprung der Rechen. Mir war völlig leicht
ums Herz, daß ich nun wieder als maskenloser Mensch redlich dastehen
konnte, wenigstens vor dem einen.

Der Lehrer jedoch war sehr nachdenklich geworden. „So ein Wasser,“
murmelte er und schaute ins Bächlein.

„Ein schönes, klares Wasser!“ setzte ich bei.

„Daß es immer so aus dem Berg herausrinnen mag! Immer und immer!“

„Immer und immer!“ sagte ich ihm nach.

Wir waren ganz träumerisch geworden.

„Haben Sie Ihr Geheimnis sonst niemandem mitgeteilt, hier?“ fragte der
Lehrer.

„Sie sind mein ältester Bekannter in Hoisendorf, und -- darf wohl sagen
-- mein jüngster Freund.“

„Wir sollten eigentlich du sagen zu einander,“ schlug der Lehrer vor.

„Na nu -- grüß dich Gott!“

„Denn mit ihr bist +du+ wohl auch auf du. Freilich kannst du
nichts dafür, daß es bei den Bauern gleich so ist. Aber rasend werden
hätte ich doch mögen, darüber. Ich gestehe dir’s offen.“

„Von jetzt ab, Bruder, wirst du kein Thor sein, gelt! Versprich mir’s.
Es wäre zu dumm. Willst schon mir nicht trauen, weil ein Mann den
andern kennt, so schau’ bloß sie an. Du mußt am besten wissen, wie gern
sie dich hat.“

„Davon habe ich Beweise,“ murmelte er und sah jetzt auf die Berglehne
hin.

Wir waren umgekehrt und gingen über die Matten hin, wo wieder
Sonnenschein lag.

„Du mußt ja schwer getragen haben, an deinem Geheimnis,“ sagte nach
einer Weile der Lehrer. „Siehst du, mir geht’s nicht besser.“

„Mir scheint, Guido, du hast auch etwas.“

„Jedem wird’s halt nicht so leicht, das Auspacken,“ entgegnete er.
„Und wäre doch so glaublich! So verdammt glaublich, daß die Leute es
gewöhnlich früher glauben, als man’s sagt.“

Das war so die Einleitung. Und es bedurfte einiger Lockreden
meinerseits, bis die dunklen Dinge am Tageslichte standen. Du wirst mir
schon verständnisinnig, Philosoph. Das ist bösartig von dir. So leicht
soll’s dir nicht werden. Höre nur einmal die Historie von Guido Winter,
Volksschullehrer zu Hoisendorf. Auch ein Stadtmensch, der auf dem nicht
mehr ungewöhnlichen Wege der Brotjagd ins Gebirge kam.

Soweit ganz regelmäßig, daß er kleinbürgerlicher Abkunft ist, eines
Seilermeisters Sohn aus Lansach, und seine Studien kümmerlich vollendet
hat bis nahe an die Grenzen des Doktors der Juristerei. Nun ist aber
dieser Seilerssohn ein Strick, der sich nicht fügen will. Zwar wohl
den Vorgesetztem aber nicht den Kollegen. Da hatte der Mensch, von des
Gedankens Blässe angekränkelt und schief gewickelt, wie er stets war,
die Dreistigkeit, bei einem Studentenkommerse folgende Rede zu halten:
„Kommilitonen! Ich liebe euch unbändig. Was aber die Saufcomments
und Mensurenrempeleien anbelangt, so sind dieselben nichts, als
studentische Philisterei. Zum Trinken läßt sich kein Ochse kommandieren
und schlagen mag sich, wer Schläge haben will. Ich nicht, hört ihr das?
Mein Antlitz ist entstellt von Blattern, doch immerhin noch zu gut,
als daß mir der erstbeste Raufsimpel seine Renommage hineinschnitzeln
dürfte! Ich habe den Mut zu sagen, daß ich keinen habe!“ -- Dieser
Mut, keinen zu haben, war allerdings gefährlicher, als so ein paar
Semesterpaukereien. Er ward verhängnisvoll. Die Studentenschaft hatte
den Guido Winter natürlich sofort „gesteckt“. Als Ausgestoßener war er
auch in der guten Gesellschaft der kleinen Universitätsstadt unmöglich,
wo er durch Stundengeben bei dämlichen Hausherrensöhnen sich schlecht
und recht fortgeholfen hatte. Er mußte die akademische Laufbahn
aufgeben und sich ein anderes „Fortkommen“ suchen. Noch von Glück
konnte er singen, daß es Volksschullehrerstellen giebt, wovon eine
hinten, weit hinten im Almgai provisorisch ergattert wurde. Dreihundert
Gulden Gehalt und „Naturalien!“ Sapperlot, war das ein Schwein! Und ein
gesammelter Bücherschatz dazu. Und trotzdem wäre er verloren gewesen
in den Einöden dieser Berge, wenn er nicht eines noch zu eigen gehabt
hätte -- die Jugend. In der ersten Zeit ging es ganz wohlgemut; je
länger er in Hoisendorf saß auf dem kleinen Schulhause, desto fremder
kam er sich dort vor. Dem Stadtkind fehlte der eigentliche Hang zum
Lehrfache, es fehlte ihm das Verständnis für Ländliches und sein Sinn
für das Volkstümliche erstreckte sich nicht viel weiter, als bis zu dem
lieblichsten aller Bauerndirnlein. Als er nach Hoisendorf kam, saß sie
noch in der Schulbank und hatte sauber in ihr Lesebuch geschrieben:
Barbara Weiler. Sein erster Gedanke, als er sie sah: das ist ein
herziger Fratz. Und später -- ob sie mit ernsthaften Augen dem Lehrer
die trautsamen Worte gleichsam vom Munde sog oder ihn wegen mancher
Ungeschicklichkeit im Haushalte weidlich auslachte, oder ob sie ihm
flink eine kleine häusliche Arbeit verrichtete oder irgend ein Buch
von ihm entlehnte -- wußte er schon passendere Bezeichnungen für sie.
Als sie aus der Schule trat, riet er ihr, im Lesen und Schreiben sich
fleißig zu üben. Demnach las sie manchmal so ein bißchen aus seinem
Peter Hebel und Schiller und schickte ihm durch den Bruder Franzel
die Bücher allemal mit einem artigen Dankbrieflein zurück. Ob bei
diesem Bücherentlehnen die Dankbrieflein nicht Hauptsache waren? So
hat sich das sachte angesponnen, sachte und arglos -- und auf einmal
war es da. Die erste Offenbarung war eine auffallende Befangenheit.
Wenn sie sich am Sonntag sahen und begrüßten, wurde sie rot im Gesicht
und er stolperte auf ebenem Platz. Na, ich werde dir etwas schildern,
was seit Adam und Eva das gleiche ist! Aber es ist ja schrecklich
merkwürdig, wie sie einmal im Mai an der Kirchhofsmauer gerade unter
blühendem Holler zusammengerieten und er ihr in einem Kusse fast die
Augen austrank. Das hatte der dumme Junge arg zu büßen. Von nun an mied
sie ihn, wie die versengte Katze das Feuer und er wußte sich in der
unsinnigen Feuersbrunst keine Hilfe. Den ganzen Sommer war -- nach des
Lehrers Aussage -- nichts, als ein wildes Herz und ein dummer Kopf.
Und dann im Frühwinter. Guido kommt von einer Lehrerversammlung in
Kailing nach Hause, findet seine Stube warm geheizt, voll von Weibern
und in seinem Bette liegt die Barbel! Liegt die Barbel fröstelnd und
lachend. War das Mädel auf einem Gang zum Krämer über den vereisten
Steg in die Rechen gefallen, zur knappen Not von einem Holzfuhrmann
herausgezogen und in dieses nächstbeste Haus getragen worden. Freilich
ist noch an demselben Tage der Adam mit einem Karren da, auf den die
in ein halbes Dutzend Bettdecken gewickelte Barbel gelegt und mit zwei
Ochsen bergwärts geführt wird. -- Das hilft nichts, der Lehrer ist
doch verrückt. Ein paar Tage später geht er hinauf ins Gebirge und
kommt natürlich zum Adamshaus. Er möchte ein wenig rasten, aber er
ist nicht müde. Er möchte sich ein bißchen wärmen, aber ihm ist nicht
kalt. Da denkt er: Nachfragen bei ihren Eltern, wie’s ihr geht, ob sie
sich schon ganz erholt hat, das schickt sich doch. Die Eltern waren
nicht im Hause, sondern in der Scheune beim Futtermachen. In der Stube
beim Spinnrad saß das Mädel. Ganz allein -- mutterseelenallein ist sie
dagesessen in der Stube und hat gesponnen. Zuerst hat er nichts gesagt,
dann ist er auf sie zugestürzt: Lieb hab ich dich! Lieb hab ich dich!
-- Und ist wahnsinnig geworden.

Und soll es geschehen sein zur selbigen Stund’, daß sie sich
voreinander nicht haben erwehren können.

So weit, mein Freund, hat er erzählt. Gegen Ende hin unsicher tappend,
wie viel er verschweigen darf und wie deutlich er sein muß, um
verstanden zu werden.

Wie bei diesem Bekenntnisse des Lehrers +mir+ zu Mute gewesen
ist!....

       *       *       *       *       *

Dann haben wir weiteres geplaudert. Was er für die Zukunft anzustreben
gedenke? -- Er denke nicht weiter, er wolle in Hoisendorf verbleiben.
Doch wie das ein anderer über sich bringe, der nicht so dran sei wie
er, das verstehe er nicht. Es sei halt doch wohl ein trauriger Winkel.
Darum möchte er eben auch dem kleinen Franzel ein gutes „Fortkommen“
wünschen.

Nach dem inhaltsreichen Spaziergange waren an dem Berge die Schatten
hoch hinaufgestiegen. Nur die Holzwände des Adamshauses leuchteten in
der untergehenden Sonne noch und die Fensterchen funkelten glühend, als
wäre das Innere voller Feuer.

Am Eschenrain trennten wir uns, der Lehrer ging thalwärts, ich
bergwärts. Am Stege blieb er stehen und schaute mir nach. Es scheint,
er traut mir doch nicht ganz.

Auf dem Bergwege blieb ich auch nicht allein. Der Jäger Konrad gesellte
sich zu mir. Heute hatte er wieder Gewehr und Federbuschen.

Langsamer sollte ich gehen. Einen Kameraden möchte er haben.

Ich wäre jetzt lieber allein gewesen. Mit Jägern weiß ein Mensch nicht
viel zu reden. Heute war’s anders. Dieser Jäger sprach seltsamerweise
nicht von Hirschen, Hasen und Hunden, sondern von Menschen. Und zwar
von meinem Rocherl. -- Das Leben vergräme es ihm, dieses Unglück mit
dem Burschen. Schon Schmerzensgeld habe er geben wollen, aber er nähme
nichts an. Die eigene Hand könne er sich nicht abhauen lassen und
hingeben für die zerschossene. Könne man das, so thäte er’s, Gott sei
Zeuge. So oft er den Krüppel sehe, möchte er sich selber was anthun. Es
sei ihm ganz abscheulich.

„Das habt Ihr von Eurem verdammten Schießen!“ fahre ich ihn an. „Muß
denn allemal gleich geschossen sein? Und wenn auch so ein notiger
Tropf einmal ein Stückel Wildpret erhascht, was liegt denn dran? O
nein, Jäger, da hab ich ein weites Gewissen. Gegen Leute, die jährlich
ein bürgerliches Vermögen für das Jagdvergnügen ausgeben können, habe
ich ein weites Gewissen. Arme Leute einsperren oder gar zu Krüppeln
schießen zu lassen, weil sie einmal ein Stückchen Braten wollen haben,
das -- wenn ich Edelmann bin -- wäre mir, offen gestanden, zu lumpig.“

Da könne man nicht widersprechen, meinte der Konrad, doch ein Jäger
habe seine Vorschriften. Er sei selber Diener. Er wisse es wohl. So
herrisch manch ein Jäger vor Bauern und armen Häuslern sich aufblähe,
vor dem Gnädigen biege er sich wie ein Radreifen und würge Brocken
hinab, die kein Jagdhund annehme. Er habe es auch satt. Das ärgste
sei ihm noch, daß er gehört habe, der Kulmbock wolle den Fall vor den
Landtag bringen.

Jetzt ward mir erst helle, warum der Mann so demütig ist. Den Landtag
fürchtet er und seine Herrschaft dürfte sich auch nicht darauf freuen.
Heimlich, was das Zeug hält, nur keinen öffentlichen Skandal. So
soll halt jetzt der Rocherl versöhnt werden, natürlich. -- Es wäre
brav von dem neuen Abgeordneten, daß er sich an die Aufdeckung der
Waldlumpereien machen wolle! Mit diesem Trost habe ich den Jäger
entlassen.

Noch immer war es heute mit dem Alleinsein nichts in diesen einsamen
Bergen. Beim Hinaufgehen gegen unsern Hof fand ich auf der Brunnenwiese
-- hier hat nämlich jedes Fleckchen Boden seinen besonderen Namen --
den Hausvater. Er saß auf einem feuchten Grashaufen und holte Atem.
Weil die Kühe im Stall ohne frisch Futter sich nicht wollen melken
lassen zum Abend, so hat der Alte die Sense genommen und war Gras mähen
gegangen. Während der Arbeit hatte ihn wieder sein Übel angefaßt.

„Warum thut Ihr das, Vater, wenn Ihr einen Knecht habt!“ sagte ich. Er
hätte es mir ja am Morgen schaffen können.

Darauf er in kurzen Atemstößen: „Vergelt’s Gott, Hansel. Der Sonntag
gehört dein.“

Nachdem das Futter im Kuhbarren war, ging ich in meine Heuscheuer, um
wieder einmal nachzusinnen über die dumme Welt. Dort vertreiben sie
sich Zeit und Kraft übermütig mit Mensuren, Duellen, Rennen, Wettlaufen
und Wildjagen, halten eine halbe Million müßiger Soldaten, und mein
Adam muß sogar am Sonntage unter der Arbeitslast zusammenbrechen.

Philosoph, du kannst gelegentlich einen deiner Weltweisen fragen, wie
lange das noch dauern soll.

       *       *       *       *       *

Meinetwegen sollen sie sich lieben, die Beiden. Es ist ja alles
Thorheit, Thorheit! Es ist eine dumme Welt. -- --

[Illustration]



    Am einundzwanzigsten Sonntag.


Revolution hat’s gegeben in dieser Woche, bei uns im Adamshause.

Es waren die Schuster da. Ihrer drei, der Meister mit der großen
Glatze, der Geselle mit dem pechschwarzen Haarschopf und der Lehrjung
mit dem fuchsroten Skalp. Aus den Kuh- und Schweinshäuten, die der
Adam den Tieren abgezogen und der Nachbar gegerbt hat, wollen sie uns
Schuhe machen fürs ganze Jahr. Im Frühjahre, meint der Hausvater, wären
die Herren von Drahtzug am wenigsten übermütig, da hätten sie wenig
Arbeit im Gai, da wäre ihnen nicht jedes Leder zu spröde, nicht jedes
Garn zu ruppig, nicht jedes Schmeer zu ranzig und nicht jede Kost zu
schlecht. Und dennoch beherrschen sie das Haus. Den großen Tisch haben
sie an den Herd gerückt, den Gewandkasten an den Ausgußtrog. In dem
also freigewordenen Raum sitzen sie nun mit ihren breiten Rundungen,
jeder auf einem Dreifuß. Der Meister mit der Glatze schneidet auf dem
Kniebrett das Leder zu. Der Geselle mit dem schwarzen Schopf haspelt
über den nackten Ellbogen und den ausgespreiteten Fingern das Garn,
spannt nachher die Fäden an den Wandhaken, um weit in die Stube hinaus
den Draht zu ziehen. Wenn er mit seiner Pechsohle glättend dem von
der einen Faust strammgespannten Draht entlang fährt, da dröhnt das
ganze Haus. In großen Zubern ist altes Schuhwerk eingeweicht, überall
riecht’s nach Leder, Pech und Schustern. Den Lehrjungen mit dem
fuchsroten Skalp, den kenne ich schon. Er guckt immer schief an mir
vorbei, denn ich habe in der heiligen Osternacht knechtliche Arbeit an
ihm verrichtet. Das ist auch einer von solchen, denen alles zum besten
anschlägt. Weil sie ihm damals das Haar versengt haben, kann ihn der
Meister jetzt immer noch nicht beim Schopf nehmen. Nun möchte er gern
der jung’ Schuster genannt werden, aber unser Rocherl heißt ihn den
Saufüssel, als wie er von rechtswegen im Taufscheine steht. Der kann
jetzt seine Ausgelassenheit an dem alten mausgrauen Schuhwerke üben.
Mit der Zunge reißt er es auseinander, damit die noch brauchbaren
Lederteile an den neuen Schuhen verwendet werden können.

Das war der Schusterherrschaft erster Tag. Am zweiten wurde schon
tapfer ausgefahren nach links und nach rechts mit den aufgeärmelten
Armen. Der durchs Leder fahrende Draht röchelt wie ein „steckkropfiger
Bürstenbinder“ und die Schuster fluchen wie ein verliebter Husar. Das
sind noch +zwecklose+ Schuster, lieber Freund, die nageln noch
nicht, die nähen.

Aus Anlaß der Schuster, die auch des Abends arbeiten, bis zehn Uhr,
haben wir ein neues Licht bekommen. Das Spanlicht war ihnen zu
rauchig, die Rübsöllampe zu „dumper“ gewesen. Die Unschlittkerze war
zu schwach für sechs Augen, die mit der Schweinsborstennadel das
Loch ins Leder finden wollten. Dieses Loch mochte mit der befetteten
Ahle noch so gut gestochen sein, die Borste zuckte umher und traf
es nicht, und daran war die „Funtzen“ schuld. Die Schuster huben an
zu fluchen und verlangten Petroleumlampen, wie sie der Nansenbauer
und der Kirchenwirt zu Hoisendorf haben. Da brachte der Adam zwei
Glaskugeln daher, ich glaube, mit Wasser sind sie gefüllt, hing sie
an beiden Seiten der Kerze auf und siehe, diese Reflexe verdoppelten
das Licht. Der Schustergeselle war übermütig und fabelte von einer
elektrischen Beleuchtung, wie sie in den Städten wäre. Unterbrach ihn
die Hausmutter: „Bei uns auf der Bäuerei ist’s halt so der Brauch: früh
schlafen gehen und früh aufstehen, da erspart man die teueren Sachen,
und der Sonnenschein, den der Herrgott umsonst giebt, thut’s auch noch.“

Jedes bekommt jetzt seine Schuhe, die Mannsleute „grobgenähte“,
die Weibsbilder „durchgenähte“, die einen mit auswendiger, die
anderen mit verdeckter Naht, letztere besonders für Sonntagstracht.
Der Rocherl wollte auch von der feineren, „durchgenähten“ Gattung
haben, aber der Adam sagte: „Schamst dich nit?“ -- Auch mir sind ein
Paar „Grobgenähter“ angemessen worden. Als der Meister mit einem
Papierstreifen das Maß nahm, spuckte er aus und sprach: „Das ist kein
Bauernfuß!“

Bei Tische schwamm in dieser glorreichen Schusterwoche alles in Fett,
das Kraut, die Klöße, der Sterz, der Brei, das Fleisch. Und auch die
salbungsvollen Reden, die der Meister hielt. Einmal ging’s über den
Nachbar Kulmbock her. „Der neue Landbote, sapermosthosen! Der wird’s
schon machen! Der wird’s schon packen, das Ferkel beim Fuß! Der wird
der Katz die Schellen schon anhängen, der! Die Dienstboten sollen
wieder gezwungen werden für ein ganzes Jahr! Oder der Schandarm her!
Der Bauer soll mit seinen Ochsen und Kindern thun können, was er
will, sie in die Schul schicken oder daheim zur Arbeit brauchen. Die
Bauerngründe sollen verkaufsweise nicht mehr auseinander gerissen
werden dürfen, wie alte Hemdfetzen, wenn man Schuhlappen aus ihnen
machen will. Ein Bauernhofbesitzer, wenn er verheiratet ist, soll
nimmer Soldat werden, weil er eh daheim seinen Krieg hat. Die Jagd soll
abgeschafft werden, weil es ungerecht ist, wenn der Hase den Kohl, und
der Herr den Hasen frißt, dieweil der fleißige Bauer an den kahlen
Krautstengeln nagen kann. Die Bauernsteuern werden verringert, weil die
Herrenleut’ froh sein müssen, wenn ihnen der Bauer was zu essen giebt.
Die Herrensteuer soll erhöht werden, denn warum, weil sie alleweil
sagen, daß die Herren mehr wert sind als andere.“

Das ist des Kulmbocks Programm, in welchem der Schuster jeden Punkt mit
einem lauten Lachen begleitete. Und so oft er während des Essens das
breite Lachen ausstieß, ging ein leichter Sprühregen über den Tisch, so
daß der Rocherl in einer seiner lustigen Anwandlungen zur Mutter sagte,
sie möge das rote Parapluie hervorsuchen.

„Soll’s heut noch regnen?“ fragte der Meister.

„Es tröpfelt schon.“

Und der Schuster wieder über den Kulmbock: „Freilich, natürlich!
Versprechen thut jeder, bis er drinnen sitzt. Nachher sitzt er
halt und laßt sich zahlen fürs Sitzen auf dem Lederpolster. Nau,
Kurschamadiener! Wenn der Kulmbock so +viel+ besser macht, als was
das Schwarze an meinem Fingernagel ist!“

„Man muß nicht so unbescheiden sein,“ war mein Senf drauf.

„Der Kulmbock ist schon recht,“ redete jetzt auch die Hausmutter drein.
„Wenn’s wahr ist, daß er den Jäger Konrad will anzeigen. Wegen dem
Rocherl seiner Wunden.“

Machte der Hausvater mit der Hand einen leichten Schlag in die Luft:
„Was hilft das!“

Der Lehrjunge hatte bisher nur gegessen. Nun er satt war, regte sich
auch in ihm der Zeitgeist.

„Und was soll denn für die Lehrbuben geschehen?“ gixte er.

Weil das überhört wurde, so ein zweitesmal:

„Geschieht für die Lehrbuben noch immer nichts?“

Der Meister that ein bedeutsames Kopfnicken gegen den Jungen: „Wart’
nur, es wird gleich was geschehen!“

Der Saufüssel duckte sich hinter den Gesellen und streckte die Zunge
heraus. --

Es gärt, mein lieber Philosoph!

Und eines Abends, als wir schon alle in der Stube beisammen saßen,
sprach ein fremder Mensch zu. Der gab sich für einen gelernten
Schlosser aus. Der Hausvater meinte, die Schlösser wären im Adamshause
ziemlich überflüssig geworden. Es seien drei Schuster da und zwei alte
Einlegerleute, so wisse er nicht, wo der Reisende schlafen solle. --

„Aufs Jahr schlafen wir schon in seidenen Himmelbetten,“ sagte der
Fremde, „alsdann so will ich diesmal aus Gefälligkeit noch einmal
mit dem Stroh fürlieb nehmen. Zum Nachtmahl bin ich mit einem
wohlgeschmorten Schweinsbraten zufrieden, wenn nichts besseres
vorhanden ist.“

„Der Herr wär’ eh gut,“ spottete mein Hausvater.

„Ja, mein lieber Bauer!“ sprach der Fremde, „jetzt werden wir halt
einmal aus einem andern Loch pfeifen. Wie es in der Bibel steht: Die
Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein.“

Nun horchte der alte Michel auf, der im Ofenwinkel sein Abendsüpplein
trank. Den Topf hielt er in seinen tatternden Händen, so horchte er hin
und fragte dann seine Alte: „Was sagt er?“

„Das ist so einer!“ schrie sie ihm ins Ohr, „laß nur Zeit. Das ist
schon so einer!“

Die Hausmutter sprach wohl nicht ohne Hinterhalt zum Fremden:
„Vielleicht, daß der Herr bei unserem Nachbar Arbeit findet, beim
Kulmbock drüben.“ Der, dachte sie, wird ihm den Prozeß schon machen.

„Von Arbeit habe ich nichts gesagt,“ antwortete der Schlosser in
scharfgesetzter Rede, während er mit der schmalen Hand seinen schwarzen
Spitzbart streichelte. „Ein ganz anderer Anlaß, weswegen ich da bin.
Von Kailing komme ich seit gestern herauf. Alsdann dort thun sie alle
mit, die Handwerker und die Bauern. Die Bürger werden schon nachkommen,
denen ist’s derweil nur ein bissel unbequem. Ich glaub’s.“

„Um was geht’s denn?“ fragte nun der Schuster und brannte seine Pfeife
an -- wenn’s ein Plauderstündchen geben soll.

„Um was es geht?“ lachte der Fremde. „Euch Almgaiern muß man doch
einmal die Schlafhaube vom Kopf nehmen beim Zipfel. Um was es geht,
fragt er! -- Der Nans in Hoisendorf da unten, der hat nicht lange
gefragt, der hat’s bald begriffen, daß uns anders nicht mehr zu helfen
ist alsdann. Uns allen, sage ich. Die Arbeiter, die Gewerbsleute, die
Bauern -- wir stehen zusammen!“

„Mir scheint, das ist einer von denen!“ sprach der Rocherl mit
Bedeutung.

„Wohl, junger Mann und Großgrundbesitzer!“ rief der Fremde lustig.
„Euch Bauern wird’s auch wohl thun, wenn wir einmal aufräumen mit dem
alten Plunder. Sehen Sie, dort hinter dem Herd hocken so ein paar, die
sich ihrer Tage lang geschunden haben wie ein Vieh und jetzt betteln
gehen, dieweilen andere vom Schweiße des Bauers sich fett mästen!“

„Was sagt er?“ fragte der alte Einleger die seinige.

„Die Wahrheit sagt er!“ zischelte die Alte und zuckte ganz absonderlich
mit den hageren Fäusten.

Der Fremde sprach weiter zum Rocherl: „Sie haben Unglück mit Ihrer Hand
gehabt, hört man. Dieses Unglück kommt von den vornehmen Herren her,
verstehen Sie? Wir wollen es einmal umwenden. Schriften habe ich mit.
Sind schön zu lesen.“

Er packte Hefte aus und wollte sie verteilen. Die ihre Hand davor
zurückzogen, denen legte er sie auf den Tisch hin.

„Wir haben eh zu lesen,“ sagte der Hausvater und warf von der
Wandleiste die alte Hauspostille ziemlich heftig auf den Tisch.

„Ist ein Leutverdummer!“ bemerkte hierüber der Fremde. „Hätten die
Leute rechtzeitig solche Bücher verbrannt, so wären sie selber nicht
verbrannt worden, verstanden das? Jetzt ist eine andere Zeit und der
Bratspieß wird umgekehrt. Aber zusammenhalten heißt’s, Leute! Dann
sind wir die Stärkeren und erreichen alles, was wir wollen. Wenn der
ungeheuere Reichtum, den die Arbeiter geschaffen haben, verteilt
wird, dann giebt’s keine Armen mehr. Werdet es schon finden in diesen
Schriften alsdann, steht alles drin. Aber solidarisch müssen wir sein!“

„Und ich sag’,“ rief der Schustermeister aus, „so lang wir soldatisch
sind, wird’s nit besser!“

„Nicht soldatisch habe ich gesagt, Stockfisch! Solidarisch habe ich
gesagt, alsdann das heißt so viel als gemeinsam. Einer für alle und
alle für einen, wenn’s zum Herrenerschlagen kommt!“

„Was hat er gesagt?“ fragte der immer mehr erregte Einleger hinter dem
Herd.

„Hörst es nit? Hörst es denn nit?“ entgegnete ihm die Alte, ihre
Äuglein wurden scharf wie Geieraugen.

„Das Handwerk wird wieder einen goldenen Boden bekommen!“ fuhr der
Schlosser fort.

„Bravo!“ rief der Schustermeister.

„Meister und Geselle sollen gleich sein!“

„Bravo!“ rief der Schustergeselle.

„Und der Lehrling soll wie der Geselle sein!“

„Bravo!“ kreischte der Saufüssel.

Schwups! hatte er des Meisters Knieriemen am Rücken, daß es klatschte.

„Wird schon geschlagen? Wird schon?“ So der alte Einleger Michel und
stolperte hastig vom Ofenwinkel hervor.

„Ich thu auch mit!“ schrie die Michelin, krallte ihre Finger in die
Luft und schoß herfür.

„Herrgott, steh auf, wir fangen an!“ rief der Alte lustig.

„Zuschlagen, zuschlagen!“ schrie sie und beide huschten ganz
gespenstisch in der Stube herum, so daß wir uns alle fragten: Was haben
denn die Alten? Als sie es endlich merkten, daß das Zuschlagen sich
nicht auf die großen Herren und auf die reichen Bauern bezog, sondern
bloß auf den Schusterjungen, schraken sie zusammen wie Nachtwandler,
die plötzlich geweckt werden, und lallend taumelten sie wieder zurück
in ihren Herdwinkel.

Freund, das war unheimlich, als aus diesen zwei sonst so
schicksalsergebenen, kriecherisch demütigen, uralten Leutchen auf
einmal die Bestie hervorpfiff! Mir ging’s ganz kalt über den Rücken.

Der fremde Schlosser hatte die Bewegung mit höchstem Wohlgefallen
beobachtet. „Tapfer! Alles rot, die Jugend und das Alter!“ so begann
er eine Rede, die unterbrochen wurde. Der Hausvater war schon eine
Weile am Tisch gekniet, den Daumen an die Stirn legend, um bei der
ersten Pause des Aufruhrs laut das Kreuz zu machen und den Psalter zu
beginnen. Seht, als der Schlosser neu einsetzte, legte er los. Auch
die Schuster beteten natürlich mit, während sie den Draht zogen, die
Sohle hämmerten und mit der Zange das Leder über den Leisten zwängten.
Der Schlosser wußte gar nicht, wie ihm geschah, zu diesem Schloß hatte
er keinen Schlüssel. Wie er jetzt -- während zu den Fenstern das
Abendrot hereinschien -- mit seinen weltumstürzlerischen Plänen mitten
unter Betenden so stand! Im Widerstreite, ob er sich hinknieen sollte,
oder setzen, oder fortgehen, blieb er mitten in der Stube stehen wie
gebannt. Plötzlich brach der Hausvater das Gebet ab und auch wir
anderen zuckten auf. Da schritt er zum Schlosser hin und sprach nicht
laut aber deutlich: „Wer in ein fremdes Haus geht, der muß sich nach
dem Hausbrauch richten. Wenn der Herr nicht mitbeten will, so soll er
hinausgehen.“

Der Mann hatte jedoch ein Nachtquartier und für den nächsten Morgen ein
Frühstück nötig, so bog er sich.

Nach diesem Abendsegen ging der Schustermeister in sein Bett, das
oben unter dem Dache stand. Geselle und Lehrling legten sich nur halb
ausgezogen aufs Stroh, das die Hausmutter zwischen Tisch und Werkstatt
ausgebreitet hatte. Vater und Mutter gingen in ihr Stübchen, der
Rocherl in sein Gelaß, das zu dieser Jahreszeit in einem Raume über
dem Keller ist. Die Barbel nahm an der Stubenthür aus dem Gefäß mit
den zwei Fingern ihren Weihwassertropfen und ging ernst und still
in ihr Gemach. Der fremde Schlosser schaute ihr nach. Der doppelte
Michelmensch siffelte in die Stallkammer und ich meinem Heustadl zu.

Mitten auf dem Hofe bleibe ich stehen und warte, bis der Schlosser
aus dem Hause tritt. Als er nicht kommt, gehe ich nochmals hinein, es
ist finster und still und bei der Thür des Mädchengemachs steht er.
Was er da mache? -- Ja, das Schloß studiere er, es sei ein altes, gar
interessantes Eisenschloß, wie man solche nicht mehr viele finde. --

„Das wollen wir morgen besehen, wenn es licht ist.“ Damit habe ich ihn
aus dem Hause und auf die Tenne geleitet zu seinem Stroh.

Auf der Tenne haben wir noch ein Wörtlein miteinander gesprochen. Ich
hielt ihm vor, wie dumm er sich mit seiner neuen Lehre im Bauernhause
ausgenommen habe. Sie hätten ihn zum Glücke nicht ernst genommen, sonst
würde er jetzt wahrscheinlich Kreuzschmerzen haben. Er müsse schon
stark verlumpt sein, so auf eigene Faust Socialdemokratie zu treiben.
Ob er es nicht wisse, daß er mit solchen Grundsätzen längst allein
stehe?

Hierauf behauptete er dreist, wenn man auch selbst nicht dran glaube,
einfältigen Leuten müsse man so sprechen, sonst wären sie für nichts zu
haben. Bei der Gleichheit würden sie doch anbeißen.

Da habe ich ihm gesagt: „Schänden Sie die Socialdemokraten nicht, die
sind eine ehrliche Partei, sie verlangen ihr gutes Recht und wollen,
denke ich, auch gewissenhaft ihre Pflicht thun. Sie aber gehören ins
Zuchthaus.“

Und ließ ihn stehen bei seinem Stroh.

Hingegen hörte ich noch am selben Abende den alten Einleger zu seinem
Weibe sagen: „Wir sind halt letze Leuteln. Wenn wir Rebellion machen,
da lachen sie.“

„Laß nur Zeit, Michel. Bis erst unser Hieserl kommt, der wird schon
stark sein.“

Der Hieserl, von dem man vor vielen Jahren die Knochen gefunden hat. --

Nicht allein die Menschen sind verrückt, auch die Zeit ist’s. Und
sogar das Wetter. Mitten im Mai giebt’s bei uns Schneegestöber wie
zu Neujahr. Kirschbaumblüten und Schneeflocken durcheinander. Das
Rainhäuschen drüben hat ein Strohdach. Weil es leer steht, spricht der
Adam davon, daß wir das Dach abtragen und damit unser Vieh füttern
könnten. Denn wir haben in den Scheunen kein Futter mehr und auf der
Weide liegt der Schnee so hoch, daß kaum die Zaunstecken herfürgucken.

Wir sind in der Stube gesessen und haben mal eins politisiert.
So gut wie die Kannegießer kann’s auch mein Adam ohne Kanne. Der
türkisch-griechische Krieg, von dem man jetzt so viel hört, gefällt
ihm gar nicht übel. „Das ist gescheit, daß es dem Türken heimgezahlt
wird, wie er vor Zeiten in unserem Land grausam sengen und brennen
that! Und Leut’ einfangen.“ Aus der Pfarre Hoisendorf allein soll der
Roßschweif dreiundsechzig Männer und Weiber in die Gefangenschaft
davongeführt haben. -- Als wir hernach vernahmen, daß die den Krieg
angezettelten Griechen Schläge bekommen hätten, war es dem Adam auch
recht: „Wer anfängt, der soll nur brav gehaut werden.“

Das war ein Messerchen gegen den zur Stunde anwesenden Holzhauer,
genannt der „Toifel“. Aus dem Rudolf hatten sie einen Dolfel und
aus diesem einen Toifel gemacht. Ein grober jähzorniger Mensch,
der überall, wo ein paar Mannsleut beieinander sind, eine Rauferei
anstiftet. Dieser bezog die Bemerkung des Hausvaters auf sich. Wie ein
Tiger sprang er auf und fragte den Adam, ob das etwa ihn angehe? Ob
er niedergelegt sein wolle, der Adam Weiler? Dann, möge er es gerade
einmal sagen! -- Da es in der Gegend Krüppel giebt, die „es gerade
einmal gesagt haben“, so spielte ich den ehrlichen Diplomaten.

„An deiner Stelle thäte ich das nicht, Holzknecht,“ sagte ich. „Mit dem
kränklichen Menschen da mir so den großen Ruf verpatzen, das wäre schon
mein Letztes. Hast du Schneid, so weiß ich dir einen anderen, in der
Stallkammer draußen ist er. Ein doppelter sogar. Der ist gar nimmer zu
bändigen. Herren derschlagen will er gehen. Mit dem -- möchte ich sagen
-- kann sich nur der Holzhauer Toifel messen, wenn er’s nit vorzieht,
selber gegen die Herren zu gehen.“

„Was gehen mich die Herren an!“ knurrte er trotzig, immer wieder dem
Adam zustrebend, „und der in der Stallkammer draußen geht mich auch
nichts an.“

„So, der geht dich auch nichts an? Wo er just alle Tage ein paarmal
prahlt: Wer ihn niederlegen wolle, der müsse früher aufstehen als der
Toifel.“

„So! Hat er das gesagt?“ fragte der Holzknecht ganz geschmeidig. „Das
Knäblein muß ich aufsuchen.“

Er ging hinaus, wir waren froh und sperrten hinter ihm die Hausthür zu.

„Mein Gott!“ jammerte die Barbel, „wenn er sie umbringt!“

„Er thut ihnen nichts,“ sagte der Adam, denn die Einlegersleut’, die
ich gemeint, waren eine Stunde früher vom Nachbar Schlappzopf mit dem
Schlitten geholt worden.

So viel für heute von den Welthändeln im Adamshause, wo dein in Liebe
gedenkt der

    getreue Knecht.

[Illustration]



    Am zweiundzwanzigsten Sonntag.


Mein Herr Stein von Stein hat mir schon wieder ein Liebesbrieflein
geschrieben. Es stünde mir -- schreibt er in seiner unerschöpflichen
Gewogenheit -- ja selbstverständlich frei, meine Stellung und Zukunft
einer Marotte zu opfern, er habe nur die Ehre, mir mitzuteilen, daß vom
ersten des nächsten Monats an mein Ressort bei dem Blatte neu besetzt
werde. Daß ich später darauf nicht mehr zu reflektieren hätte, wäre
„selbstredend“.

Von den Kollegen schreibt mir jetzt keiner mehr. Nur der Mayer unterm
Strich hat mir vor einigen Wochen eine abschreckende Schilderung
des Redaktionsdienstes während des Krieges und der tückischen
Liebenswürdigkeiten des Herrn Chef geliefert. Ich glaube, die Kerle
intriguieren gegen ihr würdiges Oberhaupt und lachen sich ins
Fäustchen, daß der alte Knauser die Wette verliert. Nur habe ich
manchmal Bänge um die drei Zeugen. Wenn Gott jetzt die Doktoren
Lobensteiner, Mayer und Wegmacher zu sich nähme! Doktor Wegmacher will
immer nach Amerika auswandern, weil ihm der Mayer seine Causerien im
Feuilleton nicht unterbringt, was auch wirklich eine Bosheit ist,
denn die Causerien wären gut, sagt ihr Verfasser, und der wird es
doch wissen! Lobensteiner soll stiller Gesellschafter der Firma sein.
Solcherlei Umstände könnten einen Krach geben für mich. -- Einstweilen
stelle ich mich tot und antworte dem Chef nicht.

Daß du, lieber Freund und Philosoph, meinen Vorschlag wegen deiner
Sommerfrische im Almgai rundweg abgelehnt hast, war für mich sehr
schmerzlich, ist aber -- näher bedacht -- gut. Du hast recht, es wäre
schade um die Erdreich-Märchenstimmung, die uns jetzt so berückt,
und die entzaubert sein müßte, wenn ein moderner Stadtmensch im
Grase läge und dem düngerkrauenden und kartoffelbauenden Freund
unter schöngeistigen Gedanken zusähe. Du hast tausendmal recht, das
Erdreichjahr muß in dem Ernste seiner großen Einsamkeit durchgelebt und
durchgelitten werden. Läuternd! Es mag ja sein, denn manchmal brennts
wie Fegefeuer durch meine arme Seele. Es ist oft eine geradezu blutige
Mühsal. Und das Elend der Hausgenossen! Sie empfinden es zwar nur halb;
ihr heimliches Leid krallt sich einem um so weher an, je ergebener es
ertragen wird. Endlich das Heimweh nach Geistesleben! Hundertmal mag
ich es mir vorsagen: es ist nichts dahinter, es verödet nur das Herz!
Zum Teufel auch! In meiner Lage alles Geistesleben so brutal entbehren
zu müssen, +das+ verödet und verblödet das Herz! -- Nun, du nennst
das ein Auslüften der staubigen Stadtseele, und es wird endlich wohl
das rechte Wort sein. Mein Leben lang werde ich dir danken müssen für
deinen Zuspruch in dieser Zeit der Verwandlung.

Oft habe ich in der furchtbaren Einschicht keine andere Labe als --
das Mitleid. Je hochgemuter die Adamsleute sind, um so mehr erbarmen
sie mich, und je mehr Erbarmen, um so mehr Seligkeit. Jetzt fange ich
erst an zu ahnen, was uns das Leid bedeutet. Es ist der Verzweiflung
Gegengift. Besonders in meinem Falle. Von der großen Alpennatur,
den Schönheiten der Landschaft hatte ich so vieles erwartet. Nein
doch, derlei gefällt nur dann, wenn man sich selber hineinlegen und
wieder herausgenießen kann, wenn die Seele frei, das Gemüt in Ordnung
ist. Ein Ersatz ist es nicht. Und so bleiben nur noch die armen
Menschen. Dem Himmel ist es in einer losen Laune eingefallen, diesen
Adamshauserleuten mich zum Beistande zu geben. Gerade mich! Na gut, er
soll sich nicht vergriffen haben.

Zur Zerstreuung stellt sich bisweilen irgend ein kleines Ungemach ein,
das strenge genommen, ganz unnötig ist und also auch nicht bezahlt
wird von der Fürsehung. Aus diesem Blatt wirst du Terpentin riechen.
Das kommt so: In der vorigen Woche sind wir beim „Zäunen“ gewesen. Das
heißt, wir haben Stangenschranken ausgebessert, so da Weide und Feld
voneinander scheiden und auch die Besitzgrenzen feststellen. Letztere,
will ich dich lehren, sind solche Schranken, an welchen bisweilen die
Seelen verstorbener Grenzfälscher ruhelos gespenstern müssen, bis der
versetzte Grenzpfahl wieder an der richtigen Stelle steht. So sei,
erzählte mir der Adam, am Grenzzaun des Nachbars jahrelang in den
Nächten der alte verstorbene Schlappzopf hin- und hergegangen und habe
kläglich gewimmert. Der Adam habe wohl gedacht, da handle es sich um
eine Grenzfälschung zum Nachteil des Adamshauses. Weil er aber doch
nicht wissen konnte, um wieviel es gefehlt sei, so habe er den Pfahl
nicht berichtigen können, habe jedoch in einer Pfingstsonntagsnacht,
als der Schlappzopf wieder gewandelt sei und wieder kläglich gewimmert
habe, dem Geiste zugerufen: „Nachbar, im Namen Gottes sollst du erlöst
sein und mir nichts mehr schuldig sein, und der Grenzpfahl soll
stehen bleiben wie er steht, und soll’s deinen Nachkommen geschenkt
sein!“ Darauf sei der Geist verschwunden. Hingegen wäre in einer der
nächsten Nächte ein anderer Geist an das Bett des Adams getreten, sein
Großvater, und der hätte sich beklagt, daß der Adam was hergeschenkt
hätte, das nicht ihm gehört. Und dann habe der Adam darüber
nachgedacht, daß man wohl ein Kalb oder einen Wagen herschenken könne,
nicht aber ein Stück Erdreich, das keinem gehört, weil es allen gehört.
Den Nachkommen wie den Vorfahren, dem ganzen Geschlechte. Hernach habe
der Adam mit seinen Leuten gesprochen, sie hätten sich mit dem Nachbar
aber nicht anders vergleichen können, hätten ihm fünfzig Klafter
abgekauft und die Grenze um soviel hinübergerückt. Dann sei Frieden
gewesen.

Da hast du meinen ganzen Adam, zuerst schenkt er das Eigen hin, damit
der alte Nachbar erlöst sei, dann kauft er’s wieder zurück, damit
sein Großvater Ruhe habe. Und du siehst aus dieser Geschichte die
Unveräußerlichkeit der angestammten Bauernscholle. Im Bauerntume kann
man auch von Geistererscheinungen etwas lernen.

Nun also wir haben den Zaun neu gemacht. Der Hausvater trieb zu paar
und paar die Stecken in den Erdboden, ich legte die Stangen dazwischen,
junge Lärchstämmlinge, die wir vorher im Dickicht geschlagen und
entästet hatten. Dann wand er um die Stecken frische Bänder aus
Fichtenbaumzweigen, die der Rocherl am offenen Feldfeuer gebäht hatte,
damit sie die nötige Zähigkeit gewannen. Der „Einhandel“ ist allemal
vergnügt, wenn sich eine Beschäftigung findet, die er gleich einem
ganzen Menschen verrichten kann. Ein ganzer Mensch möchte er sein,
wie alle anderen, aber seine rechte Hand ist ohnmächtig, wie dürres
Holz, nur weh thut sie wie Menschenfleisch. Und da bricht in dem armen
Burschen manchmal eine Verzweiflung hervor, die uns alle hart bekümmert.

Was ist dagegen +meine+ Wunde an der Hand? Und nun komm ich bald
zum Terpentin. Es ist der Vorabend des Christihimmelfahrtsfestes und um
vier Uhr nachmittags verkündet der Hausvater bei unserem Zaunmachen den
Feierabend.

„In Gottes Namen lassen wir’s gut sein,“ pflegt er zu sagen, wobei mir
allemal das Bibelwort von der Erschaffung der Welt einfällt: Und er
sah, daß es gut war. -- Ich aber sah diesmal am vorigen Mittwoch daß
es nicht gut war. Es blieb da noch eine Zaunlücke offen, durch die des
Nachbars Weidekühe leicht auf unser schön grünendes Haferfeld kommen
konnten, während wir am Himmelfahrtstag in der Kirche saßen. Ich blieb
also allein zurück, um die Lücke einstweilen mit Stangen zu verrammeln,
und dabei stieß ich mir einen scharfen Holzsplitter in den Ballen der
rechten Hand. Der Adam hat nachher mit der Taschenfeitelspitze wohl
einen Teil davon herausbekommen, was aber drinnen blieb, das stach
höllisch auf einen Nerv. Die Hausmutter kam mit ihrem schwarzglänzenden
Pechöltopf, schmierte ein Pflaster und legte es über meine Hand. „Das
zieht den Spell schon heraus.“

Zwei Nächte lang habe ich wenig geschlafen und wollte mich zum Ärgernis
des ganzen Hauses schon aufmachen nach dem Doktor in Kailing, da begann
doch endlich der Balken herauszuschwären. Er ist nicht größer als ein
Hagebuttdorn und man ärgert sich baß über den Nerv, der einer solchen
Kleinigkeit wegen so aufgebracht ist.

„Der Nerv ist halt nervös,“ meinte der Rocherl aus Erfahrung. Ich bin
immer seelenvergnügt, wenn er humoristisch wird und du weißt jetzt,
weshalb das Papier nach Pechöl riecht.

Vorgestern hat mein Hausvater in der großen Stube ein weitläufiges
Gerüste aufgestellt, das noch mehr Verwirrung anrichtete als vorhin die
Schuster. Ein Gefüge von Schrägen, Balken, Rollen, Haspeln, Rädern und
allerhand Zeug. Lange wußte ich nicht, was denn das wieder bedeuten
soll und zum Fragen ist er gewöhnlich auch zu stolz, der Herr Knecht.
Am Nachmittage, als der Adam von Spulen und Haspeln Garn auf die
Rolle zog, begann mir zu dämmern, und als dann auch das Schiffchen
zum Vorschein kam und wie es bei jedem Ineinanderschlagen der zwei
Garnrahmen lustig zwischen den Fäden durchpfiff, konnte sogar ein
Redakteur der volkswirtschaftlichen Rubrik nicht mehr länger darüber in
Zweifel bleiben, daß es ein Webstuhl ist.

Wie man dreist behaupten kann, daß die gewöhnliche Holzrolle zur
Weiterbewegung von Lasten eine wichtigere Erfindung war, als später die
Lokomotive und das einfache Spinnrad der Häuslerin die sinnreichsten
Spinnereien der Welt an Bedeutung in den Schatten stellt, so darf ich
auch sagen, daß der altbäuerliche Webstuhl in seiner Einfachheit, mit
den schlichtesten Mitteln die größte Zweckmäßigkeit erzielend, doch
eigentlich merkwürdiger ist, als alle kunstreichen Einrichtungen
einer modernen Tuchfabrik, die ja auch aus dem Bauernwebstuhle
hervorgegangen. Ein einziger Mann mit zwei Beinen zum Treten, zwei
Armen zum Schnellen und einem Kopf zum Denken macht aus dem losen Garn
die schöne, glatte Leinwand.

Wohl sehr mit einem Kopf zum Denken!

Recht lehrreich wäre es für den Städter, einmal ein Auge zu legen auf
die Vielseitigkeit eines „dummen Bauers“. Nebst des Betriebes einer
vielgliedrigen Landwirtschaft, die hier in Ackerbau, Viehzucht und
Holzarbeit besteht, kann der Bauer nicht bloß Korn mahlen, Leinöl
pressen, Haus zimmern, Dach decken, Ofen bauen, Brunnen graben, Kohlen
brennen, Pechöl sieden, Most pressen, Branntwein destillieren, sondern
auch Garn spinnen, Leinwand weben, Wolle wirken, Loden walchen, Leder
gerben, kurz alles, was in eine Wirtschaft schlägt, die sich selbst
genügen muß. Ein Vergnügen war es, dem Adam zuzusehen, mit welcher
Fertigkeit er den Webstuhl betrieb. Man muß nur wissen, was das heißt:
Garn! Ich hatte bloß einen ganz kleinen Handlangerdienst zu leisten und
augenblicklich war ich umgarnt. Ich versuchte abzustreifen, wendete
mich nach allen Seiten herum, begann zu zappeln und zu kreisen und
geriet immer tiefer hinein, so daß es dann selbst die Hausmutter nicht
zu stande brachte, mich zu erlösen. Sie schalt auch zu sehr dabei, war
zu ungeduldig, ein Fehler, den das Garn am allerwenigsten vertragen
kann. Ich geriet bei jeder Anstrengung, den hundertfachen Fäden und
Maschen zu entkommen, nur immer tiefer ins Gewirre. So daß endlich
die Barbel gerufen werden mußte, um die däppische Hummel aus dem
Spinnengewebe zu befreien. Als das Mädel hereinkam, war mir’s just, als
käme die Kreuzspinne nachsehen, welche Beute diesmal im Gewebe hängen
geblieben ist. Während sie in aller Gelassenheit mit zarter Hand die
Fäden von meinen Armen und Beinen nestelte und auch die Schlingen um
Brust und Hals lockerte, ward die Umstrickung erst vollkommen....

Wenn das der Schullehrer erfährt! Ich vermute, daß die Leinwand, die
der Adam webert, zur Hochzeitsausstattung kommen wird. Und ist schon
einmal der zugewanderte Knecht im Garn gesessen! Thorheit! Das Mädel
ist arglos wie ein Schneeglöckchen. Wer mich umgarnt hat, das bin ich
selbst -- mit meinen dummen Einbildungen.

Wir +können+ ja nicht lieben, wir von der „hecheren Bültung.“ Wir
können liebeln und tändeln und sündigen und eifersüchtig sein. Aber
lieben? Wie Leander die Hero, wie Romeo die Julie! Dafür sind wir viel
zu gut erzogen. Oder zu schlecht genährt. Was meinst du, Philosoph? --

Heute am Nachmittag ist der Michelmensch wieder dagewesen. Der
Doppelte, dem ich’s zutraue, daß er lieben konnte, seit man sah, wie
letzthin sein Haß zum Dach heraus gelodert hat. Er war vor einigen
Tagen vom Nachbar so plötzlich mit dem Fuhrwerk geholt worden, samt
seinem großen Korbe, daß er gar nicht Zeit hatte, sich im Adamshause
zu verabschieden. So kam das alte Einlegerpaar um sich zu bedanken für
die „guten Wochen“, die es hier aufgehoben war. Sprecherin war das Weib
natürlich, und brachte sie es so treuherzig vor, so dankbar und zart,
wie sie beten wollten allbeide, daß die liebe Frau Mutter Gottes ihren
Schutzmantel ausbreiten möchte über dieses treue Haus und seine frommen
Leute. Und wenn der Michel und die Michelin, was wohl sicher sei,
früher von dieser Erden Abschied nehmen müßten, als die Adamshauser,
so wollten sie beim Herrgott im lichten Himmel oben schon einen guten
Platz belegen für den Vater Adam, für die Mutter Traudel und ihre
Kinder alle vier.

Waren das wirklich die zwei Alten, die bei der Anwesenheit des
aberwitzigen Roten so wütig aufgezischt hatten? War es purer Wahnsinn
gewesen? Oder war diese demütige Dankbarkeit für gebührende Armenpflege
nichts als Heuchelei? Ich denke, es sind alte Kinder, die auf einmal
störrisch werden können. Oder ist auch im gottinnigen, altweltischen
Landvolke ein wilder, revolutionärer Blutstropfen vorhanden?

Sie trippeln, mit ihren Stecken klappernd, schon über die Thürschwelle,
als die Alte noch einmal umkehrt zum Feuerherd und die Hausmutter
bittet: „Wenn etwan der Hieserl kommen sollt’ und unser nachfragen,
gelt Mutter, du weisest ihn. Beim Schlappzopf sind wir jetzt, nächst
Wochen beim Gleimer, nachher beim Kulmbock und auf der Sonnseiten
weiter.“

Das Licht ihres Alters. Ihr Sohn! -- O Freund, was der Glaube macht!

Gute Nacht zu dir, Alfred, in die weite Welt. Heute könntest du ein
Kirchenlied von Paul Gerhard auf mir spielen, so weich bin ich gestimmt.

In diesem Hause herrscht ein schöner Brauch, den ich in anderen
Bauernhäusern der Gegend bisher nicht beobachtet habe. Am Abende,
wenn die Familie auseinander geht, reichen sich Eltern, Kinder und
Geschwister die Hand und sagen: „Behüt’ dich Gott über Nacht!“ Sie
sagen es so ernst, wie beim Abschied vor einer Gefahr. Das hat mir
wieder einmal ins Bewußtsein gebracht, was das heißt: Die Nacht! --
„Sie ist keines Menschen Freund!“ Was das heißt: Der Schlaf! „Er ist
des Todes Bruder!“ --- Der Mensch legt sich hin wie aufs Bahrbrett und
vertraut seinem Herzschlag, daß er den Leib warm erhalten werde. Bald
hat alles aufgehört, was sein Leben und sein Streben gewesen. Es ist
gerade so gut aus, als ob’s gar nie gewesen wäre. Es ist gerade zu gut
aus, als ob’s gar nie mehr anfinge. Und wenn es nicht mehr anfängt,
so ist kein Schmerz und keine Klage darüber beim ewig Schlafenden. --
Und wenn es wieder anfängt, so ist es, wie eine neue Weltschöpfung
ein neues Geborenwerden und ein göttliches Wunder. Alles was dem
Einschlummernden lautlos und leidlos unterging, ist wieder da, wie aus
dem Erdboden stehen liebe Menschen auf ringsum und sagen einander:
Guten Morgen!

Freund Alfred, so sei auch unsere Urständ. Behüt dich Gott, über Nacht!

[Illustration]



    Am dreiundzwanzigsten Sonntag.


Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen! So abgebraucht man dieses
Citat finden wird, die schlichte Herrlichkeit desselben habe ich doch
erst jetzt empfunden. Wenn ein derber Bauernkerl weinen dürfte, ich
würde es mit Vergnügen thun. Wenn Bauernlümmel vor Glückseligkeit
flennen vonwegen Blumen, Sonnenschein und Vogelsang -- das wäre euch
doch genug Gemütsbildung im Volke! Ganz unbeschreiblich, Freund, wie
jetzt die Bergwelt schön ist. Wenn das Lüftchen zieht, so schneit es
über das Stalldach die Blüten nur so herüber von den Kirschbäumen
und die Hochmatten sind weiß bis hin zum Schachenrand vor lauter
Margeriten. Ich versinke in Blüten- und Frühlingsleuchten und möchte
manchmal aufschreien: Herr, ich bin nicht würdig! -- Bezahlen lasse ich
mich für diesen Himmel! Der Wette schäme ich mich zu Tode.

Und diesem Mädel ist noch zu wenig Blühen. Im Hausgärtlein hockt sie,
auf das eine Knie stützt sie ihre Hand, mit dem andern kniet sie auf
dem schwarzen Erdreich. Selber wie ein Rosenstock zieht sie junges
Nelkengestämm, hegt silberschimmernden Rosmarin. Den braucht sie für
Frohnleichnahm und so hat ihr’s die Mutter aufgetragen. -- Jetzt nimmt
sie das weiße Tüchlein und trocknet sich den Schweiß. Ist es denn schon
so heiß auf der Welt?

An diesem Pfingstsonntag bin ich früh aufgestanden, bin hinausgegangen
durch das nasse Gras. Der Löwenzahn und das hohe Gestämme der
Glockenblumen haben meine Beine weit herauf mit Thautropfen benetzt.
Auf der Kulmplatte, wo vor sieben Wochen das Osterfeuer gebrannt, bin
ich gestanden und habe hingeschaut. Dieses urgewaltige Bergland, ich
habe es angebetet wie einen Pfingstaltar. Aus unserem Hoisendorfer
Thale ragt nichts hervor als der senkrecht aufspringende Rechenstein,
aber ein Glockenton klingt zur Höhe, erinnernd, daß dort ein Kirchlein
steht für solche, die Gott nur dann erkennen, wenn er klein ist und im
Menschenbaue wohnt. Freilich, freilich, man soll ja Gott nicht nach
außenhin suchen im unbeschränkten Raum, sondern in der eigenen Brust,
und da mag es ja sein, daß die enge Beschränkung in einer Steinmauer
eher den Weg ins Innere weist als das freie Himmelszelt. Aber du lieber
Gott, mein Inneres ist ja nicht gerade allein +dort+, wo die
Blutmuskel pumpt und das Gehirn arbeitet, mein Inneres ist überall,
wohin ich denken kann, ist in allem, was das Ohr hören und das Auge
sehen und das Gemüt fassen kann. Alles, wovon ich weiß, alles ist mein
Leib, ist +mein+ Wesen.

Als an diesem Morgen mir solche Gedanken kamen, da jauchzte es
plötzlich: Mensch, Welt, du bist ja erlöst! Mensch, du bist Weltall
geworden! Weltall, du bist Mensch geworden! Du bist eins, du bist ewig
und dein Geist heißt Gott! -- Und da giebt’s ja kein Leiden mehr, keine
Unvollkommenheit, und wen sein Gürtel drückt am Menschenleib, der lege
ihn ab und umgürte sich mit dem Sonnenkreis! --

Ich habe es schon wiederholt geahnt, mein lieber Alfred, daß die
Stimmung des höchsten Glückes gefährlich werden kann. Heißt das, was
man so nennt. An diesem Pfingstmorgen auf der Kulmplatte hatte es mich
einen Augenblick lang überkommen: wenn ein Felsabhang da wäre, ich
müßte jetzt in den Sonnenkreis fliegen. Aber der Bauernknecht hielt den
Allmenschen zurück und sagte: „Was fällt dir denn ein! Soll der Adam
mit seiner kranken Brust in der nächsten Woche allein brachen?“

Und da habe ich meinen unendlichen Leib, der mir ohnehin nicht entgehen
wird, einstweilen an das Himmelszelt gehangen und ihn noch von außen
angesehen, durch die zwei Augen des Hans Trautendorffer.

Hast du schon bemerkt, daß der Tourist, wenn er eine hohe Bergspitze
besteigt, unwillkürlich fast immer zuerst nach Westen ausschaut? Ist
das der magnetische Sonnenstrich, der die Menschheit stets von Ost
nach Westen leitet? In mein Auge fällt zunächst die ferne Felsenkette
mit ihren rotglühenden Spitzen. Sie haben schon die aufgehende Sonne.
Nach der entgegengesetzten Richtung hin breitet sich das weite,
silberne Meer. Der Golf von Fiume, du kennst ihn. Verstehst du mich
denn nicht? Lachend erschrecken würdest du über die Ähnlichkeit
des weißen Nebelbeckens im Niedergai mit dem genannten Meerbusen.
Und auf den lichten Wassern des Quarnero gleitet ein Schiff dahin,
das ist ein Habicht, der über der weißen Nebelschicht schwebt. Und
jetzt geht dort, wo das Meer im Unendlichen ruht, die Sonne auf. Die
schreckliche, die blutige, die ungeheure Sonne! Ganz glanzlos, eine
glührote Scheibe, nach einem Rande hin dunkler, als hätte diese Kugel
eine Schattenseite. Ist denn das dieselbe, die nach wenigen Stunden
wie ein funkelnder Stern am hohen Himmel steht, jedes Auge blendend
mit vernichtendem Blitz! -- Nun hebt sie sich empor, ganz sachte. Kein
Spiegeln im Nebelmeer, nur die Berge werfen hinein ihre Schatten, deren
Ränder in Regenbogenfarben schillern. Und die Sonne lodert gewaltiger
und nimmt in plansicherer Unbändigkeit ihren Schwung durch den ewigen
Himmel.

Die armen Städter! Sie schlafen jetzt, dieselben Menschen, die vierzehn
Stunden später sich mit klingenden Münzen in die dunstige Bude drängen,
um einen Theatersonnenaufgang zu sehen.

[Illustration]



    Am vierundzwanzigsten Sonntage.


Ich verewige den Saufüssel. Den Schleuderer! David der König hat
in seiner Hirtenzeit die Schleudersteine nach dem Riesen Goliath
geworfen, der Saufüsselbub nach der Schafherde des Adamshauses. Das war
sein Pfingstfestvergnügen und ist es ihm gelungen, einem trächtigen
Mutterschaf das Vorderbein abzuschlagen. Das hielt er wieder einmal für
einen guten Spaß. Ich entledigte ihn des Kleides und habe auf seine
Abachseite allerhand eindringliche Lehren geschrieben, eingedenk der
Alten, daß man die wichtigsten Dokumente auf Pergament schreiben müsse.
Darob will der Junge mich jetzt verklagen. Beim neuen Landboten, dem
Kulmbock, der alles recht machen wird, an dem keiner vorbeikommt, der
es nicht zuläßt, daß Lehrjungen thätlich berichtigt werden. Nach dem
neuen Gesetz dürfen keine Lehrjungen mehr gezüchtigt werden. Überhaupt,
wenn die Rebellion kommt, meint der Saufüssel, dann sei nicht mit den
großen Herren anzufangen, sondern mit den hergelaufenen Bauernknechten.
Er scheint sich schon so einen auf die Mücke genommen zu haben.

Der Kulmbock giebt’s jetzt groß. An den Werktagen wandert er in der
Bauernschaft umher und sammelt Unzukömmlichkeiten, Beschwerden, Wünsche
und Forderungen, um sie im Hohen Landtage vorzubringen. Dann wird er’s
ihnen schon sagen, „denen, die uns alleweil niederdrucken möchten. Wir
sind auch noch da, wir! Und Glasscherben fressen wir ihnen schon lang
nit, wir! Mit den Soci spannen wir uns zusammen, da werden ihnen die
Hosen schon bledern, denen gewissen!“

Am Sonntage nachmittags sitzt er zusammen beim Kirchenwirt, mit dem
Kuraten. Der Kurat hält nichts von den „Socis“; die Konservativen, sagt
er, die Geistlichkeit voran, die wären weit bessere Bundesgenossen.
Darauf antwortet der Kulmbock: „An die haben wir uns lang genug
gehalten, sie sind dabei alleweil stärker geworden und wir alleweil
schwächer. Na, Gott sei Dank! Mich kriegt keiner herum! An mir kommt
keiner vorbei!“

Ich sage dir, Freund, dieser Kulmbock ist der wahre Bauern-Bismarck!

Und nun ein Liedel vom verwundeten Mutterschaf. Der Rocherl als
Leidensgenosse hat besondere Teilnahme dafür und wollte ihm in einem
Winkel des Stalles aus frischem Stroh ein Lazarett errichten. Da kam
die Schwester und bettelte ihm das Tier ab. Der Junge war voller
Freuden, daß die Barbel einmal einen Wunsch aussprach und überließ ihr
das Schaf auf der Stelle. Sie nahm das schwere Tier in die Schürze,
trug es in ihre Kammer. Dort hat sie die Fußwunde mit lauem Wasser
gewaschen, hat die Wolle herum weggeschnitten, hat ein Pechpflaster
um das Bein gewunden, hat es mit Lappen verbunden und hat es in einen
alten Korb gelegt auf weiches Haferstroh. Anfangs hatte das Tier ganz
erbärmlich geschrien, dann lag es gar behaglich da und schaute aus den
viereckigen Augen mit dankbarem Blick auf die Wohlthäterin, die ihm
noch frischen Klee und laue Milch zum Abendbrot bereitete. Wir waren
alle herumgestanden, um ihr beim Verbinden zu helfen, aber sie machte
alles allein. Mittlerweile beguckte ich ihr Gemach. Der Spinnrocken,
der blanke Linnenschrank, der kleine Nähtisch, am Fenster blühende
Sachen. Sie besorgt mit solchen Dingen das ganze Haus. Gretchens
Stübchen kennst du ja. Manchen von uns himmelstürmenden Fäustlingen hat
Mephisto dahingeleitet.

Das gehört nicht hierher. Es ist nur ein Redeschmuck, ein dummer.

Als das Schaf anfing, neuerdings unruhig zu werden, sagte sie zärtlich
wie zu einem Kinde: „’s thut halt schon wieder weh, gelt!“ Und hub
an, den Korb sachte hin- und herzuschaukeln wie eine Wiege. Und dabei
selber so ernsthaft, so betrübt.

„Daß sie denn gar nimmer will lachen!“ sagte nachher die Mutter am
Herd. „Sie hat’s ja nit anders, wie vor und eh. Wer thut ihr denn was?“

Die alte Marenzel war gekommen und wollte gleich ins Stübchen zum
Mädel. Da begann in ihrer Rücktrage das Dachshündchen auf das Schaf
zu keifen, so, daß dieses entsetzt auf und davon wollte. Man hätte
gemeint, daß sie es der Mutter des Schleuderers eintränken würden.
Nicht mit einem Worte. Nur daß die Alte artig hinausgewiesen worden
ist. In der kleinen Kammer sei frei kein Platz zum Niedersitzen, in
der großen Stube könne sie besser abrasten. Dort nun fütterte sie ihr
Hündlein mit Speck und gesalzenen Schnecken. Der Liebling lehnte ab, er
war schon fett zum Platzen.

Als die Marenzel den Seufzer der Bäuerin hörte, warum das Mädel denn
gar nimmer lache, packt sie mit ihrer Weisheit aus:

„Hast schon geschaut, Traudel, ob ihr die Fingernägel blühen?“

„Wem? Der Barbel? Die Fingernägel?“

„Wenn ihr,“ fuhr das alte Weib fort, „an der rechten Hand die
Fingernägel blühen, so steht ihr ein großes Glück zu. Und wenn ihr an
der linken Hand die Fingernägel blühen, so steht ihr ein Unglück zu.
Und wenn ihr der Nagel am Ringfinger blüht, so hat sie den Milzschwund.
Und wenn der Mensch den Milzschwund hat, dann kann er nimmer lachen.“

Wenn ich meinen lieben Philosophen richtig beurteile, so wird er jetzt
die Nägel seiner Finger besehen, wie wir es gleich beim nächsten
Abendessen gethan haben. An uns und heimlich an der Barbel. An der
kleinen, rundlichen linken Hand hat sie nichts auffälliges, als daß
dieselbe eben sehr schön geformt ist. Das kann er, der ewige Bildhauer,
wenn er will! -- An den rosigen Nägeln der rechten Hand, die gerade
so schön ist, hat sie ein paar weiße Punkte. Schneeweiße, wie winzige
Kirschbaumblüten. Die Hausmutter warf dem Adam einen bedeutsamen
Blick zu. Sie kannte es, das Blühen war’s. Also helles Glück und kein
Milzschwund.

Warum sie denn also einzig nicht lachen will!

Am nächsten Frühmorgen soll die Barbel einen Ruf der Überraschung
ausgestoßen haben. Der Franzel hat ihn gehört und sich gedacht: Was
jauchzet denn heut’ die Barbel schon in aller Frühe! -- Hatte das graue
Schaf im Korb ein schwarzes feuchtes Lämmlein bekommen. Nun beleckte es
das Junge und die Barbel stand da und wußte nicht, wie ihr geschah.

Der Adam flüstert seinem Weibe zu: „Das ist recht, jetzt wird sie schon
lustig werden. Jetzt hat sie was zum Gernhaben.“

Und sie fing an, das kleine zappelnde Wesen, das noch so unsicher auf
den vier langen Beinchen stand, zu hegen und zu pflegen. Wir durften
keines in die Kammer. Dem Rocherl gelang es aber doch am Nachmittage.
Ein rotes Seidenbändchen hatte er im Papier. Das that er auseinander
und ließ es flammen vor ihren Augen: „Kannst du das brauchen, Barbel?“

„Das Bändel? Wozu soll ich das Bändel brauchen?“

„Dem Lamperl, hab’ ich gemeint, müßt’ es gut stehen um den Hals.“

„Meinst du, daß wir so hoffärtig sind?“ fragte sie ein wenig
schelmisch. „Du sollst dirs doch selber umhängen, wenn dus schon
gekauft hast.“

„Ich hab’ es nit gekauft. Ich hab’ es von der Kulmbock-Fronerl schenkt
bekommen.“

„Und willst es jetzt ans Lamperl hängen?“

„Weil ich’s deinetweg hab’ thun wollen.“

Sie streichelt ihm das Haar. „Dummer Bruder, du! Was man lieb geschenkt
kriegt, das darf man nit gleich wieder so herschenken. Das muß man
schön behalten.“

Er wendet sich unwillig ab: „Hab’ mir’s eh gedacht. Was von mir kommt,
das ist dir nichts mehr. Von jedem andern nimmst alles.“

„Von jedem andern? Wie ist das gemeint, Rocherl?“

Er kniff die Lippen zusammen und die Augen zu, er preßte sich die Faust
an die Brust, als wäre ein heftiger Schmerz totzudrücken.

„Du bist kindisch, Rocherl,“ sprach sie voller Zärtlichkeit. „Von jedem
andern, schau, so was mußt du nimmer sagen. Man kann ja nur Einen gern
haben.“

„Warum hast du mich nimmer gern!“ schrie er auf.

„Aber Närrlein! Du bist ja mein lieber Bruder!“

Er packte sie um den Nacken, küßte sie heftig auf die Wange und
taumelte zur Thür hinaus.

Am selben Abende hörte ich ihn vor sich hinmurmeln:

„Es wird sein müssen! Es wird sein müssen.“

Mir fällt’s auf, schon seit einiger Zeit. Der Rocherl wird von Woche zu
Woche blässer und bekommt einen so sonderbaren Blick. Ich weiß nicht,
mir ist er unangenehm, dieser Blick. Früher war er nicht. So etwas
Springendes, wie ein Funken, den der Wind jagt. Ob +dem+ nicht
etwa die Nägel der linken Hand blühen? Keinesfalls schlägt ihm seine
unstäte Stimmung so gut an, wie der Barbel ihre stille Ernsthaftigkeit.
So schweigen die Lilien und blühen. --

Mir geht’s -- um einmal landläufig briefzuschreiben -- Gott sei Dank,
auch so weit gut. Die Arbeiten sind nicht schwer um diese Zeit. Der
Anbau ist vorüber, die Wiesen sind bewässert und gereinigt. Lässig
wird im Wald herumgethan, um Brennholz zu machen aus dem Gefälle und
dürrem Astwerk, das der Sturm niedergeworfen hat. Man kliebt das Holz
zu Scheiten, stößet es auf, um es gelegentlich mit einer Schlarpfen in
den Hof hinabzuschleifen. Dann die Vorbereitung für die Erntezeit, die
Sensen werden gedängelt, die Rechen gezähnt, die Heugabeln geschaftet,
die Sicheln beheftet, die Körbe bebändert, die Karren berädert.
Man ackert den Krautgarten, macht dann mit der Eisenstange Löcher
in die gelockerte Scholle, gießt Jauche auf und setzt die zarten
Kohlpflänzchen ein. Zum Hüter dieser wichtigen Pflanzung wird der
Hasenschrecker aufgestellt. Na, da hat es sich wieder einmal gezeigt,
was so ein zugereister Knecht kann. Mit einer alten Linnenhose vom
Rocherl, einer zerfaserten Joppe und einem löcherigen Hut vom Hausvater
hat er einen Strohbund bekleidet, denselben mit einem hölzernen
Rückgrat versehen und mitten auf den Krautgarten gestellt. Es ist
eine wahre Charaktergestalt und zwar von der Gattung, die hier herum
öffentliche Meinung macht. Die Arme breitet der Kerl weit aus und
wird die Beständigkeit, mit der er das thut, durch eine Querstange
hergestellt. An den Händen hat er lose hängende Brettchen, die beim
Luftzug aneinander klappern, so daß die Hasen etwas meinen sollen.
Die älteren, nämlich solche, die keine heurigen Hasen mehr sind,
lassen sich nicht so leicht dupieren. Sie lassen den harmlosen Herrn
mit seinem martialischen Aussehen und seinem Strohkopf stehen und
klappern, und fressen ruhig die Kohlpflanzen ab, ihre Lieblingsspeise
selbst im Sommer, wo ihnen doch allüberall Freitisch gedeckt wäre. Die
unerfahrenen Häslein aber, jene mit den Hasenfüßen, haben vor dem Herrn
Polizeirat auf der Stange einen heillosen Respekt und wagen sich nicht
an den Krautgarten.

Weil der Mensch in den holden Frühsommernächten nicht immer schlafen
mag, so habe ich mich selbst dem Hasenverscheuchamte zur Verfügung
gestellt. Neben dem Krautgarten steht ein Kirschbaum, darunter sitze
ich auf der Bank und genieße die Nacht. Am vorigen Freitag sitze ich
dort wieder. Es ist warm, fast schwül, der Himmel umzogen. Drin
über dem Hochgebirge Wetterleuchten. Im Hause schläft alles voll
tiefer Ruh. Auch die Kuhschellen im Stall melden sich nicht mehr.
Kein Glanzkäferchen unten, kein Käferchen oben. Nur Wetterleuchten in
allen vier Weltgegenden. Es ist fast, daß einem bange werden könnte.
Ich wandle langsam am Rain gegen den Schachen hin und horche, ob kein
Murren zu hören ist aus der Ferne. Nichts. Schweres Schweigen. Ich gehe
wieder dem Hause zu und denke: Menschenherz, halte Frieden. -- Und wie
ich um die Ecke biege, steht einer vor ihrem Fenster. Das Fenster ist
offen. Drinnen thut jemand schluchzen, sehr tief, sehr heftig. Der vor
dem Fenster spricht etwas hinein, ich kann’s nicht verstehen. Beruhigen
will er, so kommt es mir vor, so gütig spricht er hinein. Und ist’s der
Schullehrer.

„Kannst du mich denn noch lieb haben, jetzt!“ sagt sie drinnen.

„Klage +dich+ nicht an, ich bitte dich. Laß +mir+ die Last.
Ich verlaß dich nicht!“

Drinnen wimmert es. „Mein armer Vater! Mein armer Vater!“

Er spricht wieder leise und tröstet sie; es zittert sein Hauch vor
Erregung. Und sie weint und weint.

„Hättest es mir früher sagen sollen,“ spricht er.

„Ich hab gemeint, unser Herrgott wird mich sterben lassen. Hab’ ihn
schon darum gebeten...“

Er will immer beruhigen und trösten. Sie weint und weint.

Da bin ich in meine Kammer gegangen. Was hat mir denn der Lehrer
erzählt, damals in der Hochthalklamm? Wenn es +das+ wäre?! -- Vor
dem Schlimmsten erwehre ich mich mit der Vorstellung: Des Hausvaters
wegen. Er ist brustkrank. Schlecht wird’s mit ihm stehen und sie sagt
es jetzt dem Lehrer.

Hingelegt habe ich mich auf mein Stroh und bin wieder aufgestanden. Und
hinausgegangen auf den Anger. Es ist Ruhe. Am Fenster steht er nicht
mehr.

Und wie ich wieder liege in meiner Kammer, da fällt es mir ein: Hat das
Fenster ein Gitter? --

[Illustration]



    Am fünfundzwanzigsten Sonntage.


Das ist das Kapitel vom „Jungfrauentag“. Auch der „Kranzeltag“
geheißen, den wir gefeiert haben am vorigen Donnerstag zu Hoisendorf.
Feierlicher Umgang durch das Dorf, über die Matten hin. Und auf dem
Rechenstein donnern die Pöller wie Kanonen. Ja, hier schreit auch
das Pulver betend auf zum Himmel, zur Reue und Buße dafür, was es
anderswo Böses thut. -- Die Herren von der „Kontinentalen“, wenn sie
mich so mit entblößtem Haupte und laut betend unter den Bauern hätten
dahinschreiten sehen, sie würden ausgerufen haben: Was thut der Mensch
nicht alles um zwanzigtausend Kronen! -- Pfui, daß mir diese Sachen
immer noch aus der Feder springen. Ich bin doch fertig mit ihnen. Und
gründlich fertig, will ich hoffen. Die ländlichen Vergnügungen, als
Rangeln, Fingerhäkeln, Hosenlüpfen, Kegeln und Karteln, Fensterln und
Wildeln würden etwas länger gebraucht haben, um mich in den Strudel
des Bauernlebens hineinzuziehen, als es die Arbeit und das Leiden
gethan. Ich habe schon oft beobachtet, daß Lust und Vergnügen die
Menschen entzweien, die Leiden sie einigen. Das letztere habe ich nun
auch erfahren. Wenn Wesen zusammenwachsen sollen, sie können es nur an
blutenden Wunden. Und hat es letztens der Kurat auf der Kanzel gesagt:
Wo das Leid ist, da kommt leicht auch die Liebe und der Glaube. Es mag
wohl so sein.

Freund, ich bin nicht der Sitte halber hinter dem Sakrament
einhergegangen. Wer selbst das Feld bepflügt hat, der wandelt unter
heißem Sonnenhimmel hübsch demütig einher in der betenden Schar, die
ein hundertstimmiges Rufen thut: Herr Gott, Allmächtiger, bewahre
unsere Erdfrüchte! Beschütze uns vor Blitz und Ungewitter! -- Und wäre
nichts vorhanden, als die harte Natur allein, wenn so viele Lebewesen
gemeinsam etwas wünschen und ersehnen, da wird eine neue Kraft wach
und es muß sich erfüllen. In einem Dichterbuche habe ich gelesen: In
dem Augenblick, wo alle Kreatur zu gleicher Zeit heiß wünschen würde,
nicht zu sein, würde die Welt aufgehört haben zu sein. -- Kann die
Welt auf gemeinsames Verlangen verneint werden, so wird sie durch
ein gemeinsames Verlangen auch bejaht werden können. Ich halte was
auf Einmütigkeit der Menschen in Lieben, Hassen und Wünschen. In
dieser Einmütigkeit läge doch vielleicht jener Punkt, von dem aus die
Geschicke lenkbar sind.

Das mögen so meine Erbauungen gewesen sein, während wir betend über die
Fluren streiften. Der Herrgott wird bei dem zugereisten Knecht halt mit
dieser Andacht haben fürlieb nehmen müssen, sie war ja nichts anderes
als eine Willenserklärung: Ich bin einverstanden mit allem, um was sie
dich bitten, o Herr!

Die Burschen, unter die ich mich eingereiht hatte, dürften zeit-
und stellenweise auch anderen Andachten gehuldigt haben, bei denen
der schlechte Adamshauser-Knecht möglicherweise wieder gleicher
Willensmeinung war. Ach, diese krummen Wege! So oft sie sich bogen,
sahen wir vor uns das Haupt der Schlange, oder hinter uns den
Schweif. Wir sahen nicht bloß den roten „Himmel“, unter dessen
Dache der Kurat im Ornate die Monstranze trug, nicht bloß die vier
Stangenlaternen und die bunten Fahnen, nicht bloß die Spielleute
mit ihren Trompeten, Klarinetten und Trommeln, wir sahen auch die
lange Reihe der weißgekleideten Jungfrauen mit dem Rosmarinzweige
im Haar. -- Der Rosmarinzweig im Haar gilt hier als das öffentliche
Bekenntnis magdlicher Unversehrtheit. Solches Bekenntnis wird abgelegt
einmal im Jahre, und zwar am Frohnleichnamstage. Da gehen Kleine
und Große, Schöne und -- Andere, bei denen die schämige Behauptung
um so glaubhafter erscheint. Etliche sind wohl zu arm, als daß sie
sich ein weißes Kleid anschaffen könnten, sie sind in ihrem blauen
oder buntgestreiften Sonntagsgewand, aber der grüne Zweig auf ihrem
gescheitelten Haar spricht so erfreulich und züchtig, wie bei den
Weißen.

Die Burschen lassen natürlich ihre Augen fleißig spazieren gehen über
diese lieblichen Reihen hin, sie wissen, daß man sich auf den alten
Brauch so ziemlich verlassen kann. Eine, die freimütig ihr bekränztes
Haupt dahinträgt durch den Frohnleichnamstag, die steht nicht bloß
hoch im Preise, nein, sie ist eben gar nicht zu haben. Es wäre kaum zu
wagen, was einst eine heimlich Gefallene draußen in Sankt Kunigunden
gewagt hat. Sie wand sich am Frohnleichnamstag einen Rosmarinzweig ums
Haupt, und während des Hochamts verwandelte sich der Rosmarin in einen
Brennesselstrauß, dessen Stämme so hoch aufwucherten, daß man sie in
der ganzen Kirche sehen konnte. So etwas möchte Keine erleben.

Da bleibt man lieber weg und läßt die Frage offen.

Warum es nur den Burschen erlassen sei, ein öffentliches Bekenntnis
abzulegen, habe ich den Rocherl scherzweise gefragt. Er schaut mich
verblüfft an und antwortet, ich solle nicht so dumm fragen. -- Was soll
man sich von einer solchen Antwort denken, Philosoph?

Nun, bei dieser Prozession ging der Schragererknecht neben mir her, und
der Almhalter Blasius und hinten der Saufüsselbub. Während des Psalters
führten sie miteinander eine halblaute Unterhaltung über Dirnlein,
die nicht da wären. -- „Die Gleimersche ist wohl schon auf der Alm.“
„Die Kulmbock Fronel?“ „Die hilft ja das Frauenbild tragen, siehst du
sie denn nicht? Dort, die große mit der roten Masche auf dem Buckel.
Einen ganzen Rosmaringarten hat die auf ihrem roten Haar, dreidoppelt
hat sie das Grünzeug um den Kopf geschlungen. Na, die muß freilich
Eine sein! Sogar mehr als eine.“ „Hast du die Adamshauserische noch
nicht gesehen?“ „Bigott, die Barbel ist nit da!“ „Die thut am End’
kirchenschwänzen heut’.“ -- Da huben die Racker an zu kichern.

Und nachher zu Mittag. Als der Adam heimkam von der Kirche, ging er in
die Kammer, wo das Mädel gerade Linnenzeug zusammenfaltete, an dem sie
genäht haben mochte.

„Ist bei dir heut Werktag, Barbel?“ fragte der Vater.

„Am Werktag komm’ ich nicht dazu, zum Nähen.“

„Ich hab’ gar gemeint, du bist krank, daß du nicht in die Kirche gehst
an so einem Tag!“

Sie knüpfte wohl eifrig an einem Zwirnsfaden und sagte dann ganz
gleichmäßig: „Vater, ich hab’ nichts aufzusetzen gehabt. Das dumme
Schaf. In den Garten ist’s mir gestern gekommen und hat den Rosmarin
gefressen.“

„Daß du aber nicht besser acht giebst, Kind!“ sagte der Adam und ging
in den Garten hinaus. Es war so. Die Rosmarinstämme abgebissen und welk.

Bald darauf kam die Mutter hinein. Ich stand just im Vorhause hinter
der Thür. Die Hausmutter that anfangs recht gleichmäßig, man muß bei
ihr aber nur das Zucken an den braunen knochigen Händen kennen!

„Du Barbel!“ sagte sie, „warum bist du denn nit in die Kirchen
gegangen?“

Der Mutter antwortete sie nicht so.

„Das hab’ ich doch meiner Tag nicht gesehen,“ fuhr die Hausmutter
fort. „Bleibt der große Leutstock in der Hütten hocken! Dieweil jede
ordentliche Dirn mit ihrem Kranz beim Umgang ist, wie sich’s gehört!
Gehst du jetzt auch noch nit herfür? Wart, dir will ich noch einmal
zeigen, wo das Loch ist hinaus! Trutzen die längste Zeit, und kein
Mensch weiß, warum!“

„Getrutzt hab’ ich nie, Mutter!“

„Nit! Getrutzt nit! Also was denn? Ist das vielleicht Zulebigkeit, wenn
du mit niemand nichts redest die ganze Zeit und ein Gesicht machst wie
ein Armenseelenstagwetter! -- Ist dir was nit recht? Geht dir was ab?
Hat dir wer was gethan? Ich leid’s einmal nit, die verdankte Mockerei!“

„Mocken thu’ ich nit!“ sagte die Barbel.

„Die Leut’ reden schon all!“ fuhr die Hausmutter fort. „Gerad’
ausgewichen bin ich ihnen, weil mich jedes gefragt hat auf dem
Kirchweg: Wo ist denn heut’ die Barbel? Und wesweg zeigt sich denn
die Barbel nit auf? -- Daß du Zahnweh hättest, hab’ ich lügen müssen.
Schand und Spott kunnt’st bringen über uns miteinander, wenn’s nit all
thäten wissen, daß du brav bist.“

Das Mädel wendete sich seitab, um das Linnenzeug in den Schrank zu thun.

Die Mutter ging ihr ein paar Schritte nach und sagte: „Barbel! Schau
mich an! Schau mir ins Gesicht!“

Da wankte das Mädel zur Thür hinaus.

Die Hausmutter -- sie stand still. Wie in den Boden gewachsen, so stand
sie still und starrte in den dunklen Vorraum, wo das Mädel verschwunden
war. Sie sagte kein Wort, kein einziges mehr. Die Arme hob sie, die
Hände legte sie zusammen.

Dann beim Mittagsmahl. Die Barbel war nicht bei Tische erschienen.
Der Rocherl war nicht erschienen. Niemand fragte, wo sie wären. Wir
übrigen saßen schweigend beisammen, es wollte nicht schmecken. Eins um
das andere legte den Löffel frühzeitig weg, stand auf und ging hinaus.
Endlich bin ich allein dagesessen und habe nachgedacht, was all das
bedeuten soll. -- Am Nachmittag ging der Hausvater hinaus auf die
Weide, um Löffelkraut zu suchen. Löffelkraut ist eine Arzenei für den
Milzschwund.

Gestern früh, wie ich meine Rinder zum Brunnen lasse, gellt an der
Hausecke ein wilder Schrei und sehe ich, wie der Rocherl, eine Holzaxt
in der Hand, zwischen den Kirschbäumen durchläuft, am Raine hinaus, dem
Schachen zu -- einem andern nach. Und knapp vor dem Hause steht der
Hasenschrecker, als wäre er auf seiner Stange zu Fuß vom Krautgarten
herüber gekommen. Nur daß er die Arme nicht ausbreitet mit den
Brettlein. Diese Arme hält er über der Brust und es liegt etwas drin --
eine mit Faden zusammengebundene Strohpuppe. -- So steht das Ungetüm
vor ihrem Fenster....

Ich glaube, daß der Popanz von niemandem bemerkt worden ist, außer dem
Rocherl und mir. Ich habe das Ding in die Streuscheune geschafft und es
dort in tausend Stücke zerrissen. Den Tag über habe ich gelauert, ob
die Hausvatersleute oder gar sie selber den abscheulichen Schimpf am
Ende wohl doch wahrgenommen hätten. Sie thaten nichts desgleichen. Es
war die stille Traurigkeit, wie gewöhnlich. Auch mit dem Rocherl habe
ich kein Wort darüber gesprochen, er war verstört den ganzen Tag.

Und wer dem Hause die unerhörte Schmach angethan, der -- könnte mich
ins Kriminal bringen.

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    Am sechsundzwanzigsten Sonntage.


In der großen Hausstube, an den Herd festgebaut, steht der Backofen.
Die rückwärtige Wand mit den grünen Kacheln geht ins Nebenstübchen.
Diese Wand hat Sprünge bekommen und wenn Backzeit ist, kriecht durch
dieselben der Rauch hervor, beißt der Hausmutter in die Augen.
Wenigstens sagt sie so, wenn sie mit geröteten Augen daherkommt. Der
Ofen muß geflickt werden und auch der Herd hat seine Schäden, Sprünge
und Löcher, in denen die Schwabenkäfer wieder ihren eigenen Herd bauen.

So sind wir, der Hausvater und ich, dieser Tage ausgezogen, um Lehm
zu suchen. Moorgrund in den Niederungen überall, aber weißer Lehm
ist selten. Mein Bauer weiß es schon nach der Gräserart zu schätzen,
ob unter dem Rasen Lehm ist oder nicht. Hinter dem Sattel drüben,
in der Brandsteinschlucht, haben wir endlich einen gefunden. Es war
gerade nicht leicht, durch Gestrüppe und Rasengefilze aufs Fletz zu
dringen, dann ist es aber reiner käsegrauer Lehm, aus dem man auch
weiße Wandtünche machen kann. Also, da hat mein alter Adam mit dem
Spaten sich in seinen feuchten Urstoff hineingewühlt und ich habe die
hervorgegrabenen Schollen in Säcke gefaßt.

Beinahe den ganzen Tag hat er so geschürft und gegraben, und nichts
dabei gesprochen. Immer nur gegraben und gegraben, so daß ich habe
sagen müssen: „Vater, lasset doch mich dazu. Ihr werdet wieder den
Dampf kriegen!“

Er antwortet nicht und gräbt.

Endlich hat er sich niedersetzen müssen auf den Rasen. Mit den
Hemdärmeln fährt et langsam über seine Stirn. Dann sagt er: „Ja, mein
lieber Hansel, so gehts.“

Und sonst wieder nichts. Wendet nur so ein wenig den Kopf, als ob er
horchen wollte, was das rieselnde Wässerlein sagt. Es sagt eigentlich
nichts, es rieselt bloß und rieselt schon den ganzen Tag.

„Ja das wohl,“ spricht endlich der Adam zu mir. „Wenn dir auch einmal
sollt hart werden und bang werden auf der Welt, Hansel: Nur fest zum
Arbeiten schauen!“ Wie traurig hat er das gesagt.

„Mein Gott, Vater, ihr thut halt sonst gar nichts, als arbeiten. Da
müsset ihr ja zu früh von Kräften kommen. Ihr habt doch noch andere
Leute dazu.“

Er thut ein großes Stück Brot hervor, das wir für einen Imbiß
mitgebracht haben, er hält es mir hin und auch den Taschenfeitel dazu:
„Schneid’ dir ab, Hansel, schneid’ dir nur recht ab. Wohl wohl, bei
meinem Aufwachsen hat’s noch mehr so willige Dienstboten gegeben.
Jetzt schon lang nimmer. Es ist schon bald so, daß man den Leuten
schier nichts mehr zu schaffen getraut. Und umgehen mit ihnen wie mit
einem lehnen Ei, sonst laufen sie davon. Dem Nachbar Gleimer sind erst
gestern wieder ein paar Knechte fortgegangen, wo jetzt die g’nötige
Zeit kommt. Desweg --.“ Jetzt steckt er sich eine Brotschnitte in den
Mund und redet nicht weiter.

Da muß doch gefragt werden: „Sollt’ ich euch einen Anlaß gegeben haben?
Ich wüßte nicht. Ich bin ja ganz zufrieden.“

„Hansel,“ sagt er und schaut mich an, „bei dir kenn’ ich mich halt
alleweil noch nit aus. Muß frei sagen, schon fünfunddreißig Jahr lang
bin ich Adamshauser, aber so einen wie dich, Hansel... Mein Weib sagt’s
auch, nur dir mag sie’s nit sagen, sagt sie. Wenn du’s erst thätest
wissen, was du für uns wert bist, möchtest dich leicht teurer machen,
meint sie. Ah na, Mutter, hab’ ich ihr drauf gesagt, wie ich den Hansel
kenn’, so ist er nit. Den hat uns der lieb Herrgott geschickt.“

Freund Alfred! In deinem letzten Briefe findest du es bedenklich, daß
ich der Wette wegen keine Schrift in Händen habe. Ich brauche keine.
Und wenn sie jetzt die Kronen verdoppeln wollten, um mich fortzuziehen
-- diesen Menschen verlasse ich nicht.

Ich halte ihm die Hand hin: „Thut mir vertrauen, Vater Adam. Werd’ euch
schon einmal sagen, wie es mit mir ist. Derweil denket euch nur, der
Hansel möchte halt auch gerne einmal in den Himmel kommen und so hilft
er, wo es not thut.“

„Glaubst du doch noch ein Bissel was?“ sagt er zu mir. „Immer einer wie
du -- möcht’ den Herrgott leicht abgedankt haben.“

-- Immer einer wie du? Sollte er doch ahnen, wissen, aus welchen Zonen
ich komme?

„Na ja,“ meint er, „mein Urgroßvater hat gern gesagt: Der Fichtenbaum
weiß auch nichts von Gott und wachst doch dem Himmel zu. Und die
Weltkugel muß allerhand Spreitzen haben, wenn sie nit davonkugeln soll.“

„Habt ihr euern Urgroßvater denn noch gesehen?“

„Er ist hundertdrei Jahr alt geworden.“

So der Adam und berichtet mir dann mancherlei von seinen Vorfahren.
Seit Menschengedenken sind sie auf diesem Hofe gesessen. Nichts als
Arbeit so weit man zurückschaut. Keiner derer vom Geschlechte der
Weiler war je in der Fremde gewesen, keiner Soldat oder sonst was
außergewöhnliches. Immer auf dem Stammhause nach Vatersbrauch in alter
Sittsamkeit und Ehr’. „Keiner hat Unehr’ gemacht,“ hob er hervor, „im
Kirchenbuch kann man’s ja sehen.“ -- Das Adamshaus, so hat’s seit
alters her geheißen und jeder Adamshauser hatte stets nur die eine
Lebensaufgabe gehabt, das Bauerngut für seine Kinder zu bewahren.

„Und diese Kinder --“ setzt der Adam leiser sprechend bei, „machen
einem...“ Er hebt einen Seufzer aus der Brust: „So viel Kummer machen
sie einem! -- Nimm noch Brot, Hansel.“

Auf mein Vorhalten, daß er ja brave Kinder habe, antwortet er:
„Freilich wohl, freilich wohl! Wenn sie nit gut wären, thäten sie
einen nit so derbarmen. -- Der eine ist ein Hascherl mit der Hand. Der
Gesunde in der Stockfremd’ thut sich zu Tod kränken.“

„Der Valentin, ist er wieder krank?“

„Die Heimkrankheit, oder was.“ Der Adam sucht in den Taschen und findet
im Hosensack einen zerkrümmelten Brief und ich möchte ihn lesen. Den
muß ich dir abschreiben.

    „Liebe Eltern!

    Im Anfang meines Schreibens bedanke ich mich fürs Geld und mache
    euch zu wissen, daß vom Spital wohl heraus bin, aber sonst nicht
    weiß, was mit mir ist, indem Keiner auf Urlaub gehen darf und
    heißt es, ein Feldzug. Wenn das sollt sein, weiß ich nicht, was
    geschieht und möcht wohl am liebsten bei der Nacht davon und heim.
    Dem Rochus sein Brief hat mich geschreckt, derbarmt mir wohl
    hart und die Hand wird nicht billig verkauft, wenn ich den Jäger
    einmal derwisch! Sonst nichts Neues, die Übungsmärsche in der Hitz
    sind wohl nicht leicht. Ich schließe mein Schreiben mit tausend
    Grüßen an euch, liebe Eltern und Geschwister, und verbleibe euer
    dankschuldiger

    +Valentin+.

    Laibach, am 24. Juni 1897.“

Und eine Nachschrift. In derselben warnt der Valentin die Seinigen vor
dem fremden Knecht. „Sollt’s ihm nicht trauen, wer weiß, was er im Sinn
hat. Es giebt allerhand Leut’ auf der Welt.“

Jetzt erst wurde es mir klar, weshalb der Adam vorhin so mit mir
gesprochen hatte. Das war alles so, als sollte einerseits kein Hehl
sein von den Bedenken und auch kein Hehl von dem Vertrauen.

„Was das Letztere anbelangt,“ sagte ich nun, ihm den Brief
zurückgebend, „so würde ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch
nicht anders schreiben. Bis er heimkommt, wird er mich ja sehen. --
Und heute abends wollen wir ihm schreiben. Das mit dem Feldzug ist
Zeitunggeschwätz. Im Herbste wird der Jahrgang sicherlich beurlaubt.
Und das bei der Nacht davon und heim schlägt sich ein tapferer
Bauernbursch flott aus dem Kopf.“

Der Adam flocht seine hageren Finger ineinander und sagte: „Du kannst
mir’s nit glauben. So oft ich bei der Nacht wen an die Hausthür
klopfen hör’, kommt’s mir vor: der Valentin! Jetzt ist er da. Und
morgen fangen sie ihn ein und derschießen ihn.“

„Ihr denkt gleich an das Allerschlimmste. Wem’s ohnehin so hart
zusetzt, der sollte sich’s nicht noch härter machen. Es giebt auch noch
andere Gedanken. Euer Franzel, an dem könnt ihr doch eine Freude haben.
Der hat das Köpfel, der kann’s zu was bringen.“

„Ja, ja,“ entgegnete der Hausvater, „der Lehrer sagt’s auch, wenn der
Franzel wo hinkommen könnt. So geht’s halt. Der Eine will heim und der
Andere will fort. ’s ist Einem wohl jedes Kind ans Herz gewachsen --
eins wie das andere. -- Mit dem Mädel...“

Er stand auf, ging ein paar Schritte über die Schollen hin, ging wieder
zurück. Dann riß er am Erlenbusch einen Zweig ab und ließ ihn sachte
nieder fallen.

„Mit dem Mädel,“ sagte er dann und brach neuerdings ab. „’s ist halt
ein Kreuz.“

+Dieser+ Stein, das merkte ich wohl, war der schwerste. Wenn er
ihn heben wollte von seinem bangen Herzen, sollte ich ihm nicht dabei
helfen?

„Die Barbel,“ sagte ich, „jeder Vater hat kein so liebes Kind.“

„Die halben Nächte kann ich nimmer schlafen, ihretwegen. -- Es geht
nit recht her. Hansel, es geht nit recht her mit der Barbel! -- Ganz
herzkrank ist sie uns worden!“

-- Ganz herzkrank ist sie worden! Das bekümmert ihn?

„Wäre es denn so groß Wunder?“ sagte ich. „In solchen Jahren braucht
der Mensch muntere Ansprache. Sie hat keine Gesellin, keine Freundin,
wie andere Dirnlein ihres Alters. Immer allein mit sich selber, mit
der herben Mutter, dem armen Rocherl. An uns zwei Alten ist auch nicht
viel Lustiges zu finden. Da muß ein junges Wesen freilich ernsthaft
werden, und traurig mit der Zeit.“

Mein Hinweis auf solche Ursachen befreite ihn fast.

Wäre nur auch ich von meinen Worten überzeugt gewesen. Ich weiß die
Hasenschreckergeschichte und er weiß sie nicht. „Keine rechte Gespanin
hat sie,“ sagte er. „Wird eh so sein, wird eh so sein!“ -- Aber bald
wurde er wieder nachdenklich, trocknete sich den Schweiß und murmelte
für sich: „Wenn’s was anderes hätt’! -- ’s wär’ nit zu überleben...“

Gegen Abend habe ich den Lehmsack auf meine Achsel genommen und
heimgetragen ins Adamshaus. Der Adam geht, am Spatenstiel gestützt,
langsam hinter mir her. Er hat keinen Lehmbündel auf dem Rücken -- aber
ich wollte es leicht erraten, wer von uns beiden schwerer trägt. --

Nun muß ich dir aber noch ein verteufelt artiges Stücklein erzählen.

Am Montag hatte ich drüben am Schachenrain zu thun. Es müssen dort die
Hecken gerodet werden, weil der Adam Rüben anbauen will. Bei dieser
Arbeit fällt es mir auf, daß im Schachen manchmal so ein Wiederhall
ist, als würde irgendwo laut geschrien. Zu Mittag sage ich das dem
Rocherl, und ob denn die Hirten aus der Planalm so schrieen? Anstatt
einer Antwort sagt er, das Heckengraben sei jetzt nicht nötig, ich
müsse für den Nachmittag ins Thal hinab, es sei die Mühlbachwehr
gebrochen. Der Hausvater schickt mich aber doch in die Hecken und den
Rocherl mit, daß er das Strubwerk zusammenschleife zum Verbrennen. Und
da höre ich wieder das Schreien.

„Es kommt vom Ausgedinghäusel herüber!“ sage ich. Das steht nämlich
drüben, hinter dem Schachen an der Schlucht.

„Das Häusel ist ja unbewohnt, und es kommt auch kein Mensch hin,“ sagt
der Rocherl hart.

„Und es schreit doch wer drüben, ich lasse mir’s nicht nehmen. Komm,
wir müssen hinüber!“

Wie der Bursche sieht, ich wäre nicht zu halten, geht er mit und sagt:
„Hansel, du wirst im Ausgedinghäusel wohl wen finden. Du wirst den
Saufüsselbuben finden. Den hab’ ich dort eingesperrt.“

„Aber Lapp!“ rufe ich aus, „du wirst dem dummen Schusterbuben doch die
Osternacht nicht noch immer nachtragen!“

„Ich wollt’ nicht reden davon. Vom Hasenschrecker,“ sagt der Rocherl,
vor Erregung die Worte ganz kurzatmig hervorstoßend. „Du weißt ja eh
davon. Hast ihn eh selber zerfetzt. Der Saufüssel hat ihn aufgestellt
vor ihrem Fenster.“

„Was Teufel noch einmal! Der und allemal der, wenn wo ein Schelmenstück
geschieht.“

„Schelmenstück sagst du bloß?“

„Dummheiten, sage ich.“

„Weißt du, daß ich ihn dabei erwischt habe?“ fährt der Rocherl fort,
während wir durch den Schachen gehen. „Weißt du, daß ich ihn mit der
Axt hab’ tot schlagen wollen den Hund? Er hat nicht mehr aus können,
hat sich versteckt ins Häusel hinein. So gescheit bin ich wohl, daß
ich nit nachlauf ins Finstere. Aber die Thür hab’ ich zugesperrt.
Seitdem ist er drinnen und jetzt weißt es, wer so schreit.“

„Seit wann ist er drinnen?“

„Seit Samstag.“

„Narr, da muß er ja verhungern!“

„Meinetwegen,“ sagt der Rocherl.

Wir kommen zur Hütte, die unter einer großen Wettertanne hart am Rain
steht, am Abhang der Schlucht. Wir gucken rückwärts durch die kleinen,
glaslosen Fenster hinein. Der Saufüssel kauert im Winkel mit zerfetzten
Kleidern. Als er uns gewahr wird, springt er auf, faltet die Hände und
wimmert: „Um Herrgottswillen bitt’ ich euch, laßt mich aus. So viel
Hunger! So viel Hunger!“

Wir haben uns nicht lange mit ihm unterhalten.

„Du hast meine Schwester beschimpft!“ rief der Rocherl. Und der andere
drin: „Deine Schwester ist --“ Und eine Geste mit den Händen, da habe
ich genug gehabt.

„Rocherl,“ sage ich, „jetzt glaub’ ichs schon selbst, daß wir den
jungen Mann noch ein paar Tage im Kotter lassen sollen, bis er etwas
gemütlicher wird. Komm’!“

Lassen den Saufüssel schreien, bitten und fluchen und gehen davon.

Am Dienstag wollte ich ihm einen Krug Wasser bringen und nachsehen,
wie es mit seiner Besserung stünde. Die Hausthür weit offen, der Vogel
ausgeflogen. -- Und am selbigen Abend beim Suppenessen sagt die Barbel:
„Wenn sich heut’ das Kalbel nit in die Schlucht verlaufen hätt’, so
möchten wir einen schönen Schreck derlebt haben, nächstens im Häusel.
Der Schusterbub. Eingesperrt worden soll er sein! Vor vier Tagen
schon. Hat gar nimmer reden können. Ist nur gleich hingefallen ans
Bachel und hat so lang Wasser getrunken, bis ich ihn aufricht’ und sag:
Mensch, du trinkst dich ja zu Tod!“

„Du hast ihn ausgelassen?“ fährt sie der Rocherl an.

„Gott Lob und Dank, daß es noch früh genug gewesen ist!“

„Weißt du nit, Barbel, daß es der Saufüssel ist gewesen, der --“

„Der dem Schaf das Füssel hat abgeworfen!“ rede ich rasch drein.

Weiter nichts. Sie weiß nichts und wir sagen nichts und mir ist zum
Lachen und zum Weinen gewesen darüber, was doch die Fürsehung bisweilen
für einen wunderlichen Humor hat.

[Illustration]



    Am Tage Peter und Pauls.


Das ist eine Extrapost. Oder ein Nachtrag zum vorigen Sonntage. Des
Saufüsselbuben wegen. Die Sache liegt mir fast an. Der Junge -- Clemens
heißen sie ihn jetzt -- ist schwer erkrankt am Typhus. Er liegt bei
seiner Mutter, der Marenzel, die sich arg über die Adamsleute beklagen
soll. Sie habe mit ihrem guten Pflaster dem Rocherl die Hand gerettet,
sonst hätte selbige müssen weggeschnitten werden. Dafür habe dieser
ganz bösartige Bursche ihren armen Clemens in eine entlegene Hütte
gelockt, ihn dort tückisch überfallen und eingeschlossen, so daß der
gute Knabe schon dem Hungertode verfallen war und jetzt sein junges
Leben werde lassen müssen.

Darüber ist der Rocherl heute mittags nach dem Essen von seinen Eltern
zur Rede gestellt worden.

„Ich sag’ dirs nur, was die Leut’ jetzt über dich reden, Rocherl,“
sprach der Hausvater. „Daß es nicht wahr ist, weiß ich gleichwohl. Wer
wird denn so was thun!“

Sagte der Rocherl trutzig: „Warum soll’s nit wahr sein! Es ist wahr.“

„Christi Heiland!“ rief die Mutter. „Du hättest den Schusterbuben in
die Hütten gesperrt! Daß er auf den Tod ist worden! Ja warum denn,
gottverlassener Mensch!“

Der Rocherl blickte um sich, blickte die Barbel an, den Vater, endlich
auch die Mutter, und antwortete: „Das kann ich nit sagen.“

„Die Marenzel schreit herum, sie werde dich von den Schandarmen abholen
lassen. Da wolltest du ein bissel länger sitzen müssen, als ihr Clemens
in der Hütten!“

Der Rocherl nichts, als ein Achselzucken.

Später habe ich ihm draußen unter den Kirschbäumen zu bedenken gegeben,
daß er den abscheulichen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen dürfe.
Da wird er zornig und schreit: „Stell’ dich nit so blöd’! Du weißt es
recht gut, wie es ist. Mich rechtfertigen -- nichts leichter, als das!
Soll sich die Barbel das Herz abkränken, wenn sie den Schimpf erfährt?
Und den Vater der Schlag treffen wegen des Hasenschreckers und was
dran ist zu verstehen gewest? Laß mich aus, da will ich lieber mit den
Federbuschmännern davonspazieren.“ -- ’s ist doch ein Kerl zum Küssen.

Der Konflikt ist zur Stunde aber schon gelöst und die Barbel hat’s
gethan. Die Barbel ging hinab zum kranken Clemens um ihn zu trösten und
auszufragen, wie es gekommen sei. Beim Jungen war vorher gerade der
Kurat gewesen mit den Sterbesakramenten.

Der Kranke soll ihr gleich die glühheiße Hand entgegengestreckt haben
und sie um Verzeihung gebeten.

„Was hab’ denn ich dir zu verzeihen?“ hat sie gefragt.

„-- Das mit dem Hasenschrecker und dem Kind vor deinem Fensterl.“ --
So hat sie’s von ihm selbst erfahren. Mit keinem Auge soll sie gezuckt
haben. Sie gab ihm die Hand: „Wegen meiner sollst in Frieden sein,
Clemens. Ich trag’, was mein ist.“

Und wie hat der Rocherl dreingeschaut, als das Mädel heimkommt und zu
ihm sagt: „Bruder, der Clemens laßt dich grüßen und bitten, daß du ihm
verzeihst. Er thut’s auch dir.“

Jetzt ist’s ihnen beiden leid, wenn der Saufüsselbub sterben muß. Die
Mutter weiß auch davon, nur der Vater kann immer noch nicht begreifen,
was doch dem Rocherl mag eingefallen sein. Er will übrigens jetzt die
Barbel auf eine Alm schicken in die Sennhütte, damit sie ihre Schwermut
sollt’ verlieren. O einfältiger Adam du! --

       *       *       *       *       *

+Nachschrift.+ Um Mitternacht. Mir zittern die Hände und doch muß
es dir noch geschrieben werden. Eine plötzliche Veränderung wollte es
nehmen.

Nachdem ich den Brief an dich geschlossen, war im Stalle den Ochsen
noch Reisigstreu hinzuschütten. Ich thue das mit der eisernen
dreispießigen Gabel, und da springt der Rocherl rasch zur Thür herein,
auf mich zu und reißt mir heftig die Gabel aus der Hand. An seinem
Munde weißer Schaum, die Waffe zückt er gegen mich, während ich sie
noch am Stiel erfasse und ablenke.

„Was willst du, Mensch!“

„Hund, ich stech’ dich nieder!“ schnauft er. Wir ringen um die Gabel.
Er ist von Sinnen! Er ist von Sinnen! sonst kann ich nichts denken.
Sein einziger Arm hat dreifache Kraft, wie zwei Tiger, so ringen wir,
von einer Wand zur andern fahrend, daß es dröhnt, bis endlich die
Streugabel in meiner gehobenen Hand bleibt.

Starr stehen wir uns gegenüber.

„Was bedeutet das?“ frage ich.

„Das wirst du schon selber wissen!“ sagt er knirschend.

„Bei Jesu im Himmel, ich weiß es nicht!“

Er langsam, wie träumerisch: „Bei Jesu im Himmel? -- Du weißt es nicht?
-- Dann werde ich dich schon erinnern müssen.“

„Was soll das Umreden! Sag’s, was du meinst!“

„Verstell’ dich nit, Hansel. Gesteh’s nur offen ein, daß du die Schuld
bist. Bei ihr...“

Jetzt habe ich ihn aber auch verstanden. -- Daß er es noch nicht wissen
sollte, was ich weiß! Aber wie soll er’s denn wissen, wenn es der
Lehrer mir als Geheimnis anvertraut hat!

So sage ich nun zum Rocherl: „Wenn es so steht! Wenn ich in
+diesem+ Verdacht bin! Wenn man mich gleich niedermachen will,
anstatt dort anzufragen, wo man’s doch leicht würde erfahren können,
dann -- bleibt mir keine Wahl mehr, was zu thun ist. Meinen Dank an
deine Eltern für alles Gute -- du kannst ihn ausrichten, oder auch
nicht, wie du willst. Morgen früh braucht mich dein Vater nicht mehr zu
wecken.“

„Fortgehen ist freilich das Bequemste,“ sagte er.

„Rocherl! Mein Bleiben dürfte dir nicht wohlbekommen!“

Er sagt nichts mehr, stolpert aus dem Stall.

Dann habe ich begonnen, meine Sachen zusammenzusuchen und in ein Bündel
zu thun und bei mir gedacht: So muß es enden! Und als das Bündel fertig
war und ich an der Thür stand, hinausschauend in die sternhelle Nacht
-- da kam er über den Hof gegangen. Einige Schritte vor der Thür blieb
er stehen und fragte leise: „Bist noch da?“ Dann trat er ganz an mich
her, hielt mir die Hand entgegen: „Hansel, verzeih’ mir. Ich weiß es
jetzt schon. -- -- Bleib’ da bei uns -- bleib’ da!“ Und fiel mir an die
Brust und weinte so wild, so schwer, daß ich hätte vergehen mögen vor
lauter Erbarmen.

Das, mein Alfred, habe ich dir noch schreiben müssen in dieser
Sommernacht.

[Illustration]



    Am siebenundzwanzigsten Sonntage.


Es ist doch eine Freude, jetzt! Die Haferfelder grünen frisch auf und
lachen uns schon Dank zu. Das Korn steht hoch, viele Halme höher,
wie ein Mensch. Wenn man auf dem engen Fußsteig durch das Kornfeld
dahingeht, so streicheln einem wiegende Ähren die Wangen und ihre
zarten Blüten bleiben hängen im Haar und ihr Duft weht in die Seele
einen süßen Rausch. Wie ein bläulicher See wallt die Fläche, wenn die
Luft streicht. Zwischen dem Gehalme leuchtet dort und da der glühende
Mohn hervor, oder das feurige Blau der Kornblume, Schönheiten, die
aber meinem Adam nicht recht gefallen wollen, weil sie „Unkraut“ sind.
Überall wirbelt Gesang der Lerchen, und man sieht keine; in den Halmen
zirpt es, im hohen Himmel klingt es. Was ist alle gemachte Poesie in
einer großen Stadt gegen die Schönheit eines Kornfeldes!

Vor ein paar Tagen haben wir stundenlang gezittert. Im Hochgebirge
stand ein Gewitter. Zuerst waren die weißen Nebelstreifen
niedergeflossen in die Schründe und Schluchten, sachte sank das schwere
Gewölk ins Hochthal herein und in den Lüften war ein Rauschen, als
rieben sich in ungeheueren Säcken gedörrte Nüsse. Auf dem Rechenstein
haben sie geschossen. So dunkel war es geworden in der Stube, daß die
Wetterkerze, die mein Hausvater angezündet hatte, ihren roten Schein
an die Wand warf, wie in der Nacht. Bei allen drohenden Gefahren muß
die Weihekerze brennen, leise betend schauen wir in die geheimnisvolle
Flamme. Draußen, über dem Dache steigen die Rauchwölkchen der
Palmsonntagszweige auf, die in der Herdglut glosen. Die lastende Luft
schlägt ihren prickelnden Geruch nieder auf den Erdboden.

Unter dem Ahorn stand die Barbel und schwang fortwährend in der Hand
ein Kruzifix gegen das stetig heranrollende Gewitter. Dabei sprach sie
halblaut den Wettersegen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben und das Leben war das
Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Finsternis. -- Und
das Wort ist Fleisch geworden.“

Ich stand unweit von ihr und schaute hin, wie sie in einer Art von
Verzückung die Worte des Johannesevangeliums sprach. Ihr weißes Gesicht
vor dem bleiernen Hintergrunde leuchtete magisch. Wie eine Seherin
stand sie da. Endlich trat ich hin zu ihr: „Barbel, du sollst jetzt
ins Haus gehen. Siehe, in den Ästen rauscht der Wind. In wenigen
Augenblicken ist es da. Du sollst ins Haus gehen!“

Da sagte sie zu mir: „Laß’ mich, Hansel. Hier ist es schön.“

Die Nebelmassen wälzten sich thalwärts, so daß wir fast über ihnen
waren. Plötzlich sprang aus ihnen ein Blitz auf, so grell, daß man ihn
im Auge wie einen heftigen Schlag empfand.

Als der Donner ausgeschmettert hatte, hörte ich die Barbel traumhaft
sagen: „Hier ist es so schön! -- Herrgott, nimm mich jetzt -- Das Wort
ist Fleisch geworden ....“

„So komm doch, Barbel!“

Mit gehobenen Armen stand sie da und schaute halb schreckhaft und halb
schwärmerisch ins Geäste des Ahorns auf: „Hörst du, wie sie wispeln? --
Die kleinen Kinder! Siehst du sie? Dort schaukeln sie in den Zweigen,
siehst du sie? Und hocken und schaukeln und tanzen!“

„Kleine Kinder? Wo?“

„Da oben im Ahornbaum. Und schaukeln und wispeln. Die vor der Taufe
gestorbenen Kinder! Die kleinen armen Seelen! -- Im Särgelein liegen
die Knospen. Die Seelen müssen auf dem Ahorn warten, bis das Christkind
kommt in der heiligen Nacht. -- Herr Jesu Christe -- gnadenreich, --
und führt sie ein -- ins Himmelreich ....“

Jetzt brachen die Wässer aus den Lüften, ich zog die Barbel am Arm
mit ins Haus. Sie strich sich mit krampfigen Fingern das lose Haar
vom Gesicht und starrte betroffen umher, als wäre sie aus einem Traum
erwacht. --

Als das Gewitter vorüber war, funkelten die Bäume wie Glasluster in der
untergehenden Sonne. An jedem Halm wiegte sich ein Lichtlein. Draußen
aber, in den Thälern des Vordergaies, lag ein weißer Winter. --

Und jetzt, denke dir, hört man die Mär, daß die Bewohner des vorderen
Gaies klagbar auftreten wollen gegen den hinteren Gai. Im Hintergai
sei nämlich geschossen worden, während man sich doch seit Jahren
gegenseitig verabredet habe, es dürfe weder vorne noch hinten
geschossen werden, wenn ein Gewitter zusteht. Denn das Wetterschießen
mit Pöllern sei erstens ein Eingriff in den Willen Gottes, der sich
es nicht gebieten lassen werde, wo gehagelt werden soll und wo nicht.
Zweitens wäre es eine Lumperei gegen die nachbarlichen Ortschaften,
wo nicht geschossen werde, und wo das verjagte Gewitter sich entladen
müßte. Und drittens sei es überhaupt eine Dummheit zu glauben, daß
durch den Knall etlicher Mörser der Himmel sich werde schrecken
lassen, maßen ein Hochgewitter sein eigenes Feuern und Krachen hat
und trotzdem manchmal Eis wirft, was das Zeug hält. Wie das auch sei,
hinten wäre jetzt geschossen worden und vorne sei der Teufel los. --
Der Kulmbock aber sagt: „Sollen nur kläglich werden, die da draußen!
Werden’s ihnen schon zeigen! Die sollen sich anschauen, wenn ich drüber
komm! Schuhnägel friß ich nit!“ -- Das Wetterschießen wird also in
den Landtag kommen. Der Gleimer behauptet, daß es in der Hoisendorfer
Gegend am Frohnleichnamstag seit Menschengedenken nicht grob gewettert
hätte. Sicherlich des Frohnleichnamsschießens wegen. Du kannst einmal
einen Naturforscher fragen.

Gestern ist ein Händler zu uns gekommen. Der hat die Felder geprüft
und gemessen und das Korn auf dem Halm gekauft. Mein Hausvater
bekommt einen Vorschuß auf die Hand, der kaum ausreicht, um die
allerdringendsten Steuern und Anschaffungen zu bestreiten, aber gerade
groß genug ist, um ihn rechtlich zu binden. Der mehrere Teil soll ihm
ausbezahlt werden im Frühherbst, wenn das Getreide, unversehrt vor
Wetterschlägen, Nässe, Dürre, Wildfraß und anderem Unheil in die Säcke
rieseln kann. Nämlich so: Ist die Ernte gut, so hat der Händler den
Vorteil, schlägt das Unglück, so hat mein Adam den Schaden. Der hat
wohl recht den Kopf geschüttelt, aber unterschrieben hat er doch. Denn
es ist kein Kreuzer im Hause. In früherer Zeit hat man im Bauernhause
das Geld entraten können, da haben sie fast alle ihre Bedürfnisse
an Nahrung, Gewand und Haus mit eigenem Werk befriedigt und besser,
als heute mit gekauftem. Der Adam sagt, sein Vater habe für Haus und
Familie im ganzen Jahre nicht dreißig Gulden Geld ausgegeben. Mein
Herr Stein von Stein spendiert sich jährlich fünfhundert Gulden für
Cigarren, und seine Frau Gemahlin nicht weniger für Handschuhe, Puder,
Schminken und Salben. Und der fleißige Bauer? -- Es wackelt in der Welt.

Ich bin mit einem Ochsenpaare und einem Karren nach Hoisendorf
geschickt worden, da ist’s einmal hoch hergegangen: Einen Metzen
Weizenmehl, einen Salzstock, dann Feldwerkzeuge, als Sensen
und Sicheln, dann Eisenstiften, Zündholz, Wacholdergeist und
Rosenbuschbalsam zur Medizin. Der Hoisendorfer Schmied kann glasen
und wachsziehen, bei dem habe ich Fensterscheiben und einen
Wachskerzenstock erstanden. Ferner habe ich einen Krug Lichtöl
eingekauft. Als Aufklärer von Fach that ich meinen guten Leuten das
Petroleum solange anpreisen, bis sie es versuchten. Es gefällt ihnen
und mich reut es. Das Öl kostet Geld, den Kienspan hatten sie umsonst.
Den Bauern Geldausgeben lehren und ihm das Schuldenmachen angewöhnen,
wie unsere Kreditvereine und Sparkassen es thun, das ist schon die
richtige Volkswirtschaft, das! Der Adam fühlt sich manchmal noch
altständig und sagte gestern ganz einfältig: „Wenn alle Stricke reißen
und alle Brücken brechen, so leben wir halt von dem, was wir selber
bauen. Und brauchen keinen Teuxel wen sonst dazu.“ -- Welch ein anderer
Stand könnte das je von sich sagen!

Na, ich wollte dir eigentlich etwas anderes erzählen.

Ich sitze auf der Karrenladung und leite mit der Gerte die braven
Ochsen stetig durchs Thal herein. Und lobe sie, daß sie so folgsam
sind und so fest anziehen, und die Gerte brauche ich nur, um ihnen die
zudringlichen Stechfliegen vom Leibe zu wehren. Wie wir zur Bachbrücke
kommen, steht dort der Lehrer. Er hat die Ärmeln aufgestreift und ist
beim Fischfang. Zwei weißbauchige Forellen hat er schon hübsch in
ein großes Lattichblatt gebettet und fragt mich gleich, ob ich sie
nicht wollte mitnehmen ins Adamshaus. Dort gebe es jemanden, der gern
gebratene Forellen esse.

Ich will zuerst dieser Sache ausweichen und sage: „Gieb acht, Winter,
daß dir der Konrad die Hand nicht abschießt!“ Denn der Jäger hat auch
die Aufsicht über das Fischwasser.

„Der Jäger Konrad ist zahm geworden,“ sagt der Lehrer. „Den muß das
böse Gewissen schon stramm zusetzen, des Rocherls wegen. Seitdem läßt
er alles gehen, ich glaube, vor dem könnte man jetzt den Steinbock aus
dem astronomischen Tierkreis schießen.“

„Ja ja, dort oben ist der Herrgott Jagdeigentümer, hier ist’s der
Baron!“

Dieweilen habe ich mein Fuhrwerk angehalten. Der Lehrer streift die
Ärmlinge vor und reicht mir eine Cigarre auf den Karren.

„Na nu! So etwas rauchst du?“

„Nein, ich nicht. Du sollst es rauchen.“

„Sehr verbunden, Herr Schuldirektor! Oder sind wir schon
Fleischermeister geworden, oder Groß-Käsehändler, daß es ein solches
Kraut giebt?“

„Vom Herrn Landtagsabgeordneten habe ich sie!“

„Und der Kulmbock raucht Regalitas?“ lache ich auf.

„Er sagt, der Bauer dürfe sich nicht lumpen lassen.“

Ich gebe ihm die Cigarre zurück. Was ich vom Rauchen halte, weißt du
ja. Und schon aus Achtung für meine Ochsen wollte ich mir das Ding
nicht ins Gesicht stecken.

Die Tiere fressen ruhig Kernkaut, das an der Brücke wuchert. Ich lasse
sie gewähren und denke: Wie packest du jetzt den Schullehrer?

„Willst sie denn nicht selber hinauftragen, deine Fischlein, ins
Adamshaus?“

„Verdammt heiß ist’s,“ sagt er.

„Man müßte eben des Abends gehen. Oder gar in der Nacht,“ klinge ich an.

„Wahrhaftig!“ sagt der Schelm ganz harmlos.

„Es ist halt nicht gar lustig, bei uns oben jetzt,“ sage ich.

„Ist was? Ist was?“ fragt er rasch.

„Ja, es ist was,“ antworte ich gelassen. Glaube beinahe, daß ich die
Worte so ein wenig gesungen habe.

Er lehnt sich angelegentlich an das Karrenjoch, schaut mir ins Gesicht
und sagt: „Was reden wir denn so. Du weißt es ja.“

Mit der Gerte streiche ich ihm über den Rücken. Er fährt auf und ich
sage: „Eine Bremse ist dir angesessen. Die Viecher stechen höllisch
arg.“

„Du bist wieder so besonders, Trautendorffer,“ sagt der Lehrer unsicher.

„Und ich kenn’ mich an dir nicht aus, Winter! Als ehrlicher Mann --
müßtest du schon wissen, was jetzt zu thun ist.“

Darauf er leidenschaftlich: „Wird nicht nötig sein, gleich den
ehrlichen Mann vorzuspannen. Der lauft dir nicht davon.“

„Dann werden wir uns leicht verstehen. Guido, du mußt dich erklären.
Mit der Mutter kannst offen reden. Beim Vater ist’s anders. Ich glaube,
der weiß noch nichts. Die höchste Vorsicht, ich sage es dir. Er ist
herzleidend.“

„Sollte er noch nichts ahnen?“

„Er ist ein altes Kind.“

„Dann steht dem armen Mädel das Schlimmste noch bevor,“ sagt er mit
einem Seufzer. Plötzlich stößt er heraus: „Freund, wie oft habe ich
diese Stunde verflucht!“

„Wie jeder, den die Liebe traf!“

„Diese verdammte Liebe!“

„Mein Freund, die Liebe ist nicht verdammt!“

„Sie ist anders, als man sich sie vorstellt! Da schleicht sie an, wie
ein Engel, der durchs Zimmer geht -- so fromm, so arglos. -- Warum
bleibt’s nicht dabei?“

„Ho, Falberle, ho!“ Denn die Ochsen zogen an. Der Karren ging quixend
vorwärts, der Lehrer schritt daneben her, stützte sich immer an das
Karrenjoch und sprach leise, rasch, fieberhaft: „Dumm wäre es und
schlecht wäre es, eine Rechtfertigung zu versuchen. Ich bin ja doch
selber Schuld, ganz allein ich. Die geschwisterliche Traulichkeit
läßt man sich nicht genug sein. In Gedanken wird gezündelt und immer
gezündelt -- wochenlang, und immer in Gedanken gezündelt. Man sinnet
sich ein, man regt sich auf, man sucht Gelegenheiten und führt die
unschuldige Liebe spazieren, wohin sie nicht gehört. Ganz unversehens
ist’s da, Leidenschaft und Gelegenheit beisammen und der Teufel ist
los.“

„Und das Philosophieren hinten drein hilft nichts,“ sage ich.

„Wenn ich’s allein zu tragen hätte -- nicht ein Wort! Mit Wonne würde
ich büßen.“

„Nun eben! Der Adam bringt’s und die Eva trägt’s.“

„Die Eva!“ fährt er auf. „Ich leide es nicht. Das ist kein Vergleich.
Als ob +sie+ mich verführt hätte! Das ist ja das Verfluchte: die
Schlange war ich. Das Mädel ist heute so unschuldig, wie vor einem
Jahre. Und jetzt -- leiden muß es +sie+. Sie allein. Wer eine
Taschenuhr stiehlt, der wird eingesperrt. Wer einen jungen Menschen
zerstört, der... Es ist ein abscheulicher Zustand. Ich sage es dir:
Jeder soll sich hüten!“

„Meinst du damit etwas? Stelle du dich deinen Schulknaben als warnendes
Beispiel auf. Ich brauche keines mehr. Meine Hundstage sind, sagen wir,
größtenteils vorüber. Man verflucht sich nicht, man findet sich ab.
-- Mich interessiert heute nur zu hören, mein lieber Winter, wann du
Hochzeit machen wirst?“

„Mich dünkt, Trautendorffer, du hast eben von dir selbst gesprochen.
Hast du dich auch stets mit Hochzeiten abgefunden?“

„Ich sage dir, wenn es nötig gewesen wäre, gewiß! Man bequemt sich den
Kreisen an, in denen man lebt.“

„Das denke ich auch,“ entgegnet der Lehrer. Und setzt bei: „Was meinst
du von der Bauernschaft? Wird jeder Bursch’, der ein Mädel gerne hat,
dasselbe gleich allemal heiraten? Und fragt der Bauer, der später die
Braut heimführt, ob er der Erste sei?“

„Teufel, was sind das für Ausflüchte!“ fahre ich auf.

„Ich meine nur, wenn man sich den Kreisen wollte anbequemen, wie du
gesagt hast. Ich weiß ja, was zu thun ist.“

„Na, das denke ich auch, Guido, daß du +dieses+ Mädel nicht mit
anderen Bauerndirnen vergleichen wirst. Diese Adamshauserleute, das
sind Sonntagsmenschen, mein Lieber! Obschon ihr äußeres Leben ein
einziger, lastvoller Werktag ist. Wäre ich ein junger Königssohn, mit
Demut würde ich werben um +dieses+ Bauernkind. -- Ja, ja, sieh
mich nur an! Du weißt es schon lange, daß ich sie liebe. Heute ist
diese Liebe allerdings noch eine fromme Schwester, um mich deiner
Poesie zu bedienen, aber sie könnte einmal etwas anderes werden. Sie
könnte eine Rächerin werden, verstehst du?“

„Hans, es scheint, daß du mich für eine Kanaille hältst.“

Nun bin ich aber vom Karren gesprungen, habe den Lehrer an den
Rockflügeln gepackt: „Sage mir klar, willst du sie heiraten oder nicht?
Ja oder nein!“

Er ist gar nicht arg verblüfft, sondern entgegnet: „Wenn du es wirklich
wissen wolltest, Freund Hans, das wäre nicht das richtige Fragen. Mit
einer Schreckensherrschaft dürftest du wenig ausrichten. Wenn ich dir
eine Antwort gebe, so geschieht es, weil ich sie geben +will+. Und
daß sie nicht eine plötzliche etwa gar herausgezwungene, sondern eine
vorbereitete ist, sollst du aus diesen Vorlagen sehen, wenn du die Güte
hast!“

Er zieht aus seiner Tasche Briefschaften. Die eine ist der Bescheid
seiner Zuständigkeitsgemeinde, die gegen eine Verehelichung nichts
einzuwenden hat. Die andere Schrift ist eine Abantwortung von der
Lehrerbehörde; sie sei dermalen nicht in der Lage, den provisorischen
Lehrer Herrn Guido Winter definitiv anzustellen, respektiv sein Gehalt
von dreihundert Gulden zu erhöhen.

Ich lege die Schriften in seine Hand zurück und sage: „Das soll also
die Antwort sein!“ Doch ist meine Stimme durchaus nicht mehr so
zuversichtlich laut. Mit dreihundert Gulden heiraten! Und eine alte
Mutter, glaube ich, ist auch noch da.

„Das ist nur die Antwort, weshalb ich gezögert habe,“ sagt der Lehrer.
„Es wird trotzdem ernst. Ich habe einmal ein Duell abgelehnt. Der
damals erspart gebliebene Mut ist jetzt gut hernehmen. Ich heirate mein
Mädel auf dreihundert Gulden.“

„Gut,“ sage ich, „beim Mädel bleibt’s. Das steht fest.“

„Wie der Rechenstein!“

„Wie der Rechenstein. Des Weiteren wegen sprechen wir noch. Du weißt,
daß ich dein Freund bin. Und jetzt müssen wir den Berg hinan alle drei,
ich und die Öchslein. Sage mir noch, Guido, wann erwartet sie?“

„Um den ersten Teil des September.“



    Am achtundzwanzigsten Sonntage.


Immer reizt es mich, lieber Freund, dir meine Erfahrungen über das
Leben der Haustiere zu schildern. Über das leibliche und -- höre es!
-- auch über das seelische Leben der Rinder, Schafe, Schweine, Hunde
und Hühner! Wollen aber diese Darstellungen doch auf eine günstigere
Zeit aufheben, wenn die „Vieher“ nicht unmittelbar über die Achseln
aufs Blatt schauen. Wir verfassen dann ein Werk darüber. „Das
Seelenleben der Haustiere.“ Ich gebe die Empirik, du das System und
die Philosophie. Als Motto sage ich dir heute schon: Die Ochsen und
Kühe sind auch Menschen, nur solche mit vier Füßen. Ihre Freuden und
Leiden merkt man ihnen leicht an, ihre Liebe und ihren Haß bekommt man
manchmal zu spüren. Ihr Glauben und ihr Zweifeln beeinflußt ihr Wollen
so gut, wie bei uns. In ihren Träumen haben sie ein zweites Leben wie
wir. Von ihren Gedanken würden unsere Philosophen sehr vieles lernen,
wenn sie einstweilen so klug wären, ihre Sprache zu verstehen.

Es ist durchaus verständlich, daß diese Tiere im Bauernhofe wie
traute Hausgenossen behandelt und geachtet werden. Wie Lebensgenossen
geliebt, wenn du willst! Nicht allein, daß sie eine Sprache für sich
haben, verstehen sie auch die menschliche, so weit sie sie angeht.
Du mußt einmal ein Rinderfuhrwerk gesehen haben, auf der Straße
oder am Pflug, du mußt einmal ein Kuhmelken beobachtet haben, oder
das Herdelocken eines Hirten -- und du wirst dir gewiß schon gesagt
haben: da ist mehr dahinter, als unsere alten Gelehrten wahrhaben
wollen. Mein Adam ist nicht der Gesprächigsten einer, doch wenn er
mit seinen Haustieren zu thun hat, da geht ihm Herz und Mund auf.
Denen Herrschaften erzählt er ganze Geschichten aus seinem Leben,
die allerdings so harmlos sind, daß sie in jedes Familienjournal für
Kälber und Schafe Aufnahme finden könnten. Er macht auch Späße, bei
denen die Ochsen nicht gerade offen lachen, immerhin aber ein ganz
munteres Geschau bekommen. „Geh, sei so gut, Falber,“ sagte er vor
ein paar Tagen bei einem Fuhrwerk zum Rinde, „laß mir meine Joppen
ein bissel an’s Hörndel hängen!“ Denn es war heiß und der Ochse trug
gehobenen Hauptes den Rock fast feierlich heran und schmunzelte ein
wenig dabei. Am liebsten hören sie es natürlich, wenn er sie zum Heu
lockt, oder zum Salz, wovon jedes jeden Tag ein Stücklein aus seiner
Hand in die Schnauze bekommt. Aber sie achten es auch, wenn er sie
am Pfluge leitet, und wissen, daß sein Hi -- vorwärtsgehen und sein
Hota -- stehenbleiben bedeutet. Wenn er ihnen auf der Weide strenge
zuruft, nicht ins Haferfeld zu gehen, nicht vom Kleeacker zu naschen,
so gehorchen sie zumeist gutwillig. Doch giebt es sehr unterschiedliche
Ochsencharaktere. Da haben wir einen grauen Recken mit breitem, kurzem
Kopf und schwarzer Schnauze, die immer tropfig ist. Der läßt sich alles
ruhig gefallen, das schlechte Gras und die Gertenhiebe, der regt sich
nie auf, strengt sich nie an, läßt am Karren den Kameraden anziehen und
schreitet würdevoll nebenher. Der läßt sich den verbotenen Klee auf
der Wiese mit demselben ruhigen Gewissen schmecken, wie das Heu aus dem
Troge. Einen Falben haben wir, der ist der Fleiß und die Treue selber.
Er zieht an der Egge oder am Karren immer scharf drein, ohne daß die
Gerte seinetwegen zu pfeifen braucht. Er kann einen halben Tag lang
am Raine grasen neben dem Kohlgarten, ohne daß er sein klobiges Haupt
nach dem süßen Kraut wendet, weil er aus mancherlei Erfahrungen weiß,
daß es der Adam nicht leiden mag. Da haben wir einen schwarzen Stier
mit dicken, kurzen Hörnern und einem schrecklich wuchtigen Hautlappen
am Halse, der bei jedem Tritte schwer hin- und herschlägt. Das ist ein
händelsüchtiger Geselle, wählerisch im Futter und zur Arbeit überhaupt
nicht zu brauchen. So oft ihm ein Geschlechtsgenosse in die Nähe
kommt, brüllt er auf, sucht ihm mit dem Horn einen Schurf oder mit
dem Hinterfuß einen Schlag zu versetzen. Gegen Kühe und Kalben ist er
sehr zuvorkommend und streichelt sie verführerisch mit seiner rauhen
Zunge am Kopf, am Hals, an den Hüften, bis sie ihm verfallen sind.
Er ist sich seines Berufes für den Gai bewußt und läßt sich durchaus
weder von einer Rute noch von einer Zaunplanke Gesetze geben. Nur meine
Gerte hat ein Pfeifen, nach dem er manchmal tanzen muß. Im nächsten
Herbste, meint der Rocherl, wird dem Schwarzen etwas passieren, wonach
sein Haar bald ergrauen dürfte und sachte weiß werden, wie bei einem
Ochsen. Unterricht? Diesmal erteile ich dir ihn nicht. Du kannst den
Kulmbock einmal danach fragen. Der besorgte früher das Geschäft für die
ganze Gegend. Jetzt, weil er einer ist, „der keine Schuhnägel frißt“,
fürchten wir, wird er Geschichten machen und in so untergeordneten
Sachen nicht mehr gemeinnützig sein wollen.

Seit jener Nacht, als der Hasenschrecker herabgestiegen war zum Fenster
der Barbel, haben wir einen zottigen Haushund. Der abgewirtschaftete
Nans, der weit fort in eine Fabrik gehen will, hat das Tier dem
Adamshause vermacht. Eine Woche lag es an der Kette, dann war es
angewohnt und konnte freigelassen werden. Bismarck heißt der Pudel.
Der Nans hatte nämlich als Soldat den Germanenherzog einmal hoch
zu Roß gesehen und aus Bewunderung für ihn den Hund also getauft.
Der Pudel sucht seinem großen Namensvetter Ehre zu machen durch
Klugheit, Schneidigkeit und Wachsamkeit. Landstreicher haben die
größten Unannehmlichkeiten mit ihm, bevor sie von der Hausmutter ihr
Almosenbrot ergattern. Dann legt sich der Bismarck, indem er sich
etliche Male im Kreise dreht, aufs Stroh im Vorhause, bettet seinen
Kopf mit den breiten Ohrlappen auf die Vorderpfoten und macht die
Augen zu. Wie ein Maurer schnarcht er manchmal. Sobald aber draußen
von irgend einer Seite dem Hause auf hundert Schritte etwas Fremdes
naht, fährt er bellend auf, zottet hinaus und prüft die herankommende
Wesenheit, ob sie verdächtig ist oder nicht. Der alten Marenzel war er
einmal auf den Korb gesprungen; sie, einer Ohnmacht nahe, hatte schon
geglaubt, ihr armes Dachsel wäre vernichtet -- aber vom Bismarck war
das nur Spaß gewesen und wedelte er vergnüglich mit der Schwanzfahne;
als ihm die Alte dankbar für die Verschonung ein Stückchen Speck
zuwarf, ließ er es liegen. Wenn der Hund mit seiner zarten Zunge dem
Rocherl manchmal die schmerzende Hand leckt, da muß man sein Auge
beobachten. Die funkelnden Wolfslichter werden zu milden, treuen
Menschenaugen, die voller Mitleid zum armen Burschen aufschauen.
Und so, Alfred, wollest auch du unserem neuen Hausgenossen deine
Freundschaft schenken.

Das Adamshaus hat ein Teilrecht an den Almweiden des Scharecks.
So haben wir vor einiger Zeit zwei paar Ochsen und die Kalbinnen
hinaufgetrieben. Die eine Kalbin ist der Liebling des Mädels, und
da hat’s einen Abschied gegeben. Hinter dem Futterbarren der Knecht
versteckt mit der Streugabel -- das war wieder so etwas für ihn. Zuerst
streichelt sie dem jungen Rind lange den Backen, dann kraut sie ihm den
Kopf zwischen den kaum noch hervorguckenden Hörnern und dann flicht sie
ihm mit Tannenzweigen einen Kranz aufs Haupt. Und endlich hebt sie an,
mit der Kalbin zu plaudern -- halblaut, vertraulich: „Im vorigen Jahr,
mein du! Weißt du noch? Sind wir zwei miteinander gegangen auf die Alm.
Jede mit einem Kranzel auf dem Kopf. Seither hat sich was verändert,
mein du! Verwundern wirst dich, wenn du wieder heimkommst, im Herbst.“

Die Kalbin macht großmächtige Augen: Verwundern! Wieso?

„Weiß nit, wie ich dran bin,“ flüstert das Mädel weiter und hat ein
ganz anderes Gesicht als sonst, alle Mienen zucken. „Weiß nit, ist’s
zum Verzweifeln oder zum Juchezen.“ Ihren Arm legt sie um den Hals des
Tieres, ihre Wange drückt sie an seinen Kopf. „Was Lebigs wachst!...“

Die Kalbin dreht ihren großen pechschwarzen Augapfel dem Mädel zu. Sie
versteht nicht ganz.

„Schämen thu ich mich neun Klafter tief in die Erden hinein,“ fährt die
Barbel fort.

Die Kalbin gleichmütig: Das hilft alles nichts, das muß ertragen sein.

„Mein größtes Anliegen sind Vater und Mutter.“

Die Kalbin: Denen wird’s auch nichts Neues sein.

„Und immer einmal ist mir so gut -- so glückselig!“

Die Kalbin: Natürlich, wenn Eins zwei Herzen hat!

„Wenn ich nur den Guidel so kunnt halsen, wie dich!“

Leidenschaftlich kost sie das Tier und ihr aufgelöstes Haar kräuselt
sich um seinen Kopf. -- Dann sinnt sie still für sich hin, dann murmelt
sie ein Gebet, an dem ich nur die letzten Worte verstand: „-- der ist
mein Verderben, sonst kunnt ich als reine Jungfrau sterben...“

Mir war ganz traumhaft, ganz taumelig, ganz rauschig, und mußte mir
noch sagen: Unverschämter Kerl. Aber hatte ich denn davon können hinter
dem Barren? Es wird mich lange brennen.

Dann sind wir auf die Alm gezogen, der Rocherl und ich, mit den
Rindern. Schwer bepackt mit Lebensmitteln, Gewand, Bettzeug und
Vieharzeneien. Die Kalbin kam mir ganz heilig vor. Die Vertraute. Aber
zum Rocherl habe ich nichts gesagt. Der war schier leblustig, begann
einmal zu jodeln -- brach aber mitten im hellsten Klange ab. -- Der Weg
über die Hochmatten hin stieg sachte an, von einer Kuppe zur andern.
Die Höhen sind fein glatt, die Ausblicke so weit, daß ich fürchte,
es könnten sich Touristen züchten im Almgai. Glücklicherweise ist
nichts zum Klettern da. Das Schareck ist wohl ein ruppiger Felskegel,
mit Knieholz bewachsen, hat aber, wie mir der Lehrer sagt, im roten
Buch keinen Stern und du weißt, daß nur solche was gelten, die einen
Orden tragen. Vorläufig wären wir also sicher. Von den Almen geht’s
nach drei Seiten tief niederwärts in die bewaldeten Thäler, an deren
Bächen die langgestreckten grünen Wiesen liegen. Weit draußen an den
Lehnen die Bauerngründe. Dort steht auch der senkrecht aufspringende
Rechenstein, an dessen Fuße das weiße Kirchlein von Hoisendorf
schimmert. Bergrücken, die einen ätherigen Schleier haben, verdecken
den Vordergai. Unsere Almhütten liegen nach den Messungen des Lehrers
über siebzehnhundert Meter hoch. Es stehen noch ein paar Fichtengruppen
dort, die aber ihre zerzausten Äste alle nach einer Seite hin wachsen
lassen, im Sturm erstarrte Windfahnen. Die Hütten stehen unter dem
Scharek in einem kleinen Kessel, auf dessen Weiden graue Steinblöcke
liegen. In dem mit Stangen eingefriedeten Pfränger, dem Tummelplatz
des Viehes, wächst üppiger Sauerampfer. Die kleinen Hütten selbst sind
ganz musikalisch, so pfeift durch die Fugen ihrer Zimmerung der Wind
in allen Tonarten. Ihr steiles Bretterdach scheint wohl die Absicht zu
haben, Herd und Bettstatt vor Regen zu schützen, erreicht diese Absicht
aber nur bei schönem Wetter. Die Gleichgültigkeit dieser Älpler gegen
Regen und Sturm ist fast gottlos. Scheint die Sonne, so schafft man
in bloßen Hemdärmeln, regnet oder schneit es, so werfen sie sich den
Wettermantel über den Leib, einen Lodenfleck, der mitten das Loch hat,
um den Kopf durchzustecken. Selbst im Juliregen sind Schneeflocken
nichts seltenes, kein Mensch spricht davon.

Am Tage unseres Auftriebes sind auch von anderen Seiten die
Nachbarstriebe heraufgekommen, Halter und Senninnen, die auf der Alm
ihre Milchwirtschaften einrichten über den Sommer. Lustig ist es
hergegangen. Das Kuhgeschelle, das Blöcken der Rinder auf den Weiden,
das Jauchzen der Bergfrohen, das Hin- und Herrufen der Ankommenden und
das Blasen der Alphörner, hier „Flatschen“ genannt -- allzusammen mir
ein ganz neues Rauschen des Lebensstromes.

Von der Nachbarsalm ist ein Hirte da, ein alter borstiger Besen. Als
ringsum die Kuhschellen schrillen, ruft er: „Leut’, sie thun schon
zusammenläuten zu der Predigt.“ Springt auf einen Holzschragen und
singt in Predigerton das Lob der Almdirndeln. Ihre Nächstenliebe!
Ihr Gerngeben! Und ihre große Züchtigkeit faßt er schließlich in dem
Vierzeiler zusammen:

    „Zum Dirndel ihrem Kamerl
    Is a dicke, an eichnene Thür,
    Hat a dreifaches G’schloß
    Und als Riegel -- is a Strohhalmerl vir!“

Vom Kulmbock ist die Tochter da, eine üppige Rundlichkeit auf und auf.
Der Rocherl nennt sie einen „harben Kerl“. Was er damit meinen mag?
Diese anlebigen Augen unter ihrem Strohhut! „Es ist Feuersgefahr,
meinst du nicht, Rocherl?“ Fortwährend schalkt sie über den Zaun
herüber, um einzufädeln, und wenn ihr mein Junge was hinüberstichelt,
giebt sie’s derb zurück. Und der Rocherl verdoppelt es keck und da habe
ich meine Wunder gehört, was die für eine Sprache führen, wenn Vater
und Mutter weit weg sind.

„Ich kenne dich nicht, Rocherl!“ ist mein Aufwecken. „Wenn so was deine
Schwester hörte!“

„Die Kulmbockische ist schon was gewohnt“, antwortet er, „um die thut’s
mir nit leid. Und der Andere“ setzt er zögernd und finster bei, „der’s
der Barbel hat angethan, --“

„Was meinst?“

„Der -- lebt nimmer lang.“

Und da zuckt in seinem Aug ein grünliches Blitzen, mit dem Arm fährt er
aus, daß die Schlinge reißt. Das kann ich mir nicht reimen. In diesem
Knaben brennen allerhand Feuer.

Am Abende, als wir unser Vieh in dem Almstall untergebracht und uns
in der luftigen Hütte eingeheimt hatten, röstete er auf dem Herdfeuer
Mehlnocken -- ich habe schon bessere Soupers mitgemacht. Auswendig
waren sie verbrannt und inwendig spickig, auch hatte der Koch das
Salzen vergessen, aber sonst waren sie gut. Das Heu nachher war
noch besser, wir genossen es nach unserer Weise, indem wir uns lang
und breit darauf hinlegten, ich hinten bei den Brettern, er bei der
Thürwand. Von den Nachbarhütten her gab’s noch Gelächter und man hörte
die grelle Stimme des „harben Kerls“.

Endlich war alles still geworden, nur daß manchmal ein Dachbrett ächzte
im Nachtwind. -- Oder war es der Rocherl?

„Es muß sich das Wetter ändern,“ sagte er auf einmal von seinem Heu
herüber.

„Schlafst du denn noch nicht, Bergsohn?“

„Mir bohrt’s wieder in der Hand.“

„Soll ich sie dir verbinden? Du hast sie heute so aus der Schlinge
geworfen.“

„Ich weiß ein anderes Mittel,“ sagte er, „und das will ich probieren.
Wo hast du den Ruckkorb hingestellt? Ich hab’ Hexenkraut mitgenommen.
Wenn’s dem Vater hilft, kann’s mir auch helfen.“

In seinem groben Hemde ging er in den Winkel, wo der Korb stand, kramte
etwas hervor und nicht lange, so stand er an der Herdglut und atmete
gierig den Rauch des glosenden Krautes ein.

Zur Stunde habe ich mich erinnert, daß das Hexenkraut ein Früchtel aus
dem Mittelalter ist, welches durchaus keinen guten Ruf hat. Damals
hat man es „Liebesklee“ genannt, der berückenden Träume wegen, die es
hervorgebracht haben soll. Nun, seither ist das Unkraut älter geworden
und anstatt, daß es arme müßige Seelen in den Irrgärten der Liebe
umherführt, widmet es sich jetzt der christlichen Barmherzigkeit,
stillt Lungenkrämpfe und die Schmerzen übel geheilter Schußwunden. Der
Adam wird allemal recht ruhig davon. Und der Rocherl, nun der ist auch
ruhig geworden. Ganz fest und auch süß mußte er schlafen, denn kein
Atemzug war zu vernehmen her von seinem Heu.

Schon nach Mitternacht ist’s, daß mich ein Lärm weckt. Er kommt von den
Nachbarhütten. Ein Poltern, Schreien und Fluchen.

„Rocherl!“ sage ich, „hörst du nichts? Mir scheint, sie raufen.“

Er hört es nicht und steht nicht auf. Soll sich ausschlafen, denke
ich, verlasse mein Lager, suche im Dunkeln die Rindspeitsche und
gehe hinaus. Und finde die Kerle draußen vor der Kulmbockhütte im
Handgemenge. Zwei Halterburschen haben einen dritten unter sich, auf
den sie mit Fäusten losdreschen. Ich lasse eilig meinen Riemen zischen,
da fahren sie auseinander, und wer sich schwermütig vom Boden erhebt
und die Sterne des Himmels in sein verknülltes Gesicht schauen läßt,
das ist mein Rocherl. --

„Teuxel noch einmal!“ knurrt er und macht mit der einen Hand, als wolle
er sich den Rücken glatt streichen. „So was ist mir auch noch nit
passiert.“

„Haben sie dir stark aufgeladen?“

„Meinetwegen, sie kriegen es schon zurück. Aber die andere Dummheit. --
Zu der Kulmbockischen hat er mich tragen wollen, der Teuxel!“

„Hast doch schon so fest geschlafen!“

„Ich? -- Ja die Hand, die ist bald gut gewesen auf das Rauchen. Nachher
--“ Mit ärgerlichem Lachen hat er’s einbekannt, daß ihm auf einmal so
absonderlich geworden sei. „Bin ganz munter gewesen und hab’ gemeint,
es müßt sein auf der Stell. Aufgestanden bin ich und zu der andern
Hütten hinüber. Vor der Thür sind wir zusamm’kommen, der Gleimer-Jockel
und der Wendhoferische. Na, die sollen sich g’freuen! Sei so gut,
Hansel, binde mir jetzt die Hand ein. Saggra, das grabt! -- Das ist
wieder einmal eine Dummheit gewesen!“

Ja, Philosoph, es ist ein himmelweiter Unterschied, ob das Kraut von
einem alten Manne angewendet wird, oder von einem jungen.

Nächstens muß ich’s doch selber probieren.



    Am neunundzwanzigsten Sonntage.


Nun heben die Feste an. Es beginnt das Ernten.

Zuerst reift uns das, woran wir das geringste Verdienst haben. Wasser
leiteten wir auf die Wiesen, das war so ziemlich alles. Das Wasser löst
in der Scholle die gebundenen Kräfte und nun steht die üppige Halm-,
Blätter- und Blumenwildnis da. Am Morgen heben sich die taufeuchten
Knospen empor, im jungen Sonnenschein entfalten sie sich und lachen
in allen Farben den ganzen Tag. Und schaukeln im Winde ihre Glocken
und Kronen, umtanzt und umworben von summenden Hummeln und flammenden
Faltern. Gegen Abend senken sich die Blumen müde niederwärts und
schließen sich zu und die kleine unendliche Tierwelt birgt sich unter
Blättern und im Wurzelgeflecht. Immer möchte man dastehen und die
Herrlichkeit betrachten, anstatt dessen muß man sie mit der Sense
zerstören. Das gehört auch zum Menschenfluch -- er macht die Blume zu
Heu!

Freund, das Mähen ist schwer! Die härteste Arbeit im ganzen Jahr!
Damit entschuldigt mich der Adam, wenn’s nicht klecken will. Schon
die Vorbereitungen deuten auf Außerordentliches, so das schallende
Dängeln der Sicheln am Vorabend, so der kräftige Weckruf am Morgen,
so das stattliche Frühstück um sieben Uhr früh auf der Wiese. Aber du
mußt vorher drei Stunden mähen. Taunasses Gras schneidet sich besser
als eins, das die Sonne gewelkt hat. Schon seit einigen Wochen hatte
ich mich geübt in der Führung des grauenhaften Messers und spiele
nun leidlich den Sensenmann, blühendes Leben vor mich niederzulegen
in langen Machden, die hinterher der Franzel mit der Holzgabel
auseinander streut. Der mit Wasser und Stein gefüllte Wetzkumpf hängt
mir hinten, so wie euch der Zopf. Aber unten am Gürtel. Und nach
jedem dritten Dutzend Hiebe ins Gras -- die Sense zählt fast jeden
Streich mit einer kleinen Scharte -- muß sie geschärft werden mit
dem Wetzstein. Schüttest du dir ungeschickterweise beim Bücken das
Wetzkumpfwasser über den Kopf, so magst du den Stein nachher ins nasse
Gras tauchen; ausgelacht wirst nicht, weil jeder mit sich selbst zu
thun hat. Die Reihe bei uns ist nicht lang. Voran der Hausvater, der
in seiner blädernden Leinwandhose gebückt und weitbeinig dasteht und
mit jedem Hieb einen Schritt weiter schleift. Dann meine Wenigkeit
mit ihren unterschiedlichen Nöten; hinten die Hausmutter, die sehr
schneidig dreinmäht und mir stets hart an den Fersen ist. Es ist eine
schreckliche Marschroute, Stund’ für Stund’. Zum Glücke hat man dabei
keine Gedanken, man schwitzt alle heraus.

Die häuslichen Arbeiten besorgt das Mädel. Der Rocherl hat seinen
Almdienst dem Gemeindehalter übergeben und weidet die Schafe am Rain.
Dabei flucht er wieder etwelches über den Jäger Konrad, der ihn unfähig
gemacht hat zu jeder starken Arbeit. „Der Vater mit seiner kranken
Brust muß mähen und ich muß müßiger Schäfer sein!“ klagte er mir.
Könnte der junge heißblütige Mensch so arbeiten, als wir anderen, er
würde sich nicht verlieren, die Kraft würde sich nicht umsetzen in ein
dämonisches Seelenleben, vor dem mir manchmal so bange ist.

Freilich muß der Adam oftmals aussetzen mit der Sense, um sich
verschnaufen zu können. Die Mutter hat immer das Hexenkraut mit, aber
bisher ist es auf der Wiese nicht nötig gewesen. -- Steht die Sonne
hoch, dann hängen wir die Sensen in den Schatten eines Strauches,
nehmen Gabel und Rechen, krauen die flachgestreuten Futterschichten um,
so daß sie über und über trocknen, und am nächsten oder übernächsten
Tage zu Haufen oder Schöbern gespeichert werden können. Vom Wetter
getrauten wir uns nicht ein Wort zu sprechen vor lauter Frohsein, daß
es so schön war. Wir könnten es verschreien. Nur einmal sagte der
Adam fast beklommen vor Freude, ein so gutes Heu, wie dieses Jahr,
hätte er schon lange nicht mehr bekommen. Dieser Duft! Köstlich wie
der Geruch des feinsten chinesischen Thees. Die Leute wissen nicht,
weshalb es beim Heuen so heiter hergeht, es ist der Rausch der Düfte,
die aus welkenden Kelchen steigen. Über Nacken und Antlitz rieselt
prickelnd der Schweiß, immer und immer bestätigend jenen uralten Fluch
oder Segen: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir dein Brot
verdienen! -- Das heißt einmal Wort halten, du heiliger Herrgott! --
Hingegen muß ich sagen, daß meine alten Kopfschmerzen, die mich sonst
in der heißen Jahreszeit gequält haben, bisher hier ausgeblieben sind.

Am Donnerstage abends war’s, als ich über den Hof gegen meine
Schlafkammer schritt, daß von Barbels Stube her die scharfe Stimme der
Hausmutter erscholl. Sie steigerte sich bis zur höchsten Heftigkeit.
Dann hub sie an, laut zu gröhlen. Das Mädel habe ich gar nicht gehört.
Als wäre es froh, daß der gefürchtetste Sturm vorüber, herzte es am
nächsten Morgen das schwarze Lamm und sprach: „Du bist ja mein! Du
bist ja mein! Du bist ja mein!“ Das Tier leckte an ihrem roten Mund.
Da lachte sie, und lachte so klingend, daß das Lamm emporfuhr und sie
erschrocken ansah.

Und am Samstag war’s, als der Hausvater, der Rocherl und ich auf
einem Heuhaufen saßen und „Halberabend“ hielten, das heißt, das
Nachmittagsbrot einnehmen. Es bestand aus Buttermilch und Topfen, in
einem Brei vereint, eine der wenigen Speisen, die mir trotz aller
guten Zucht gar nicht in den Schlund wollen. So legte der Adam mir den
Brotlaib vor: „Heiz ein, Hansel! Hast brav angezogen, die Wochen. Jetzt
lassen wir’s gut sein, für heut. Eine Freud’ ist’s, so ein Heu! Eine
Freud’ ist’s!“

Dann gingen wir, unsere Gabeln und Rechen auf der Achsel, langsam in
den lieblichen Feierabend so dahin, die Sonne stand noch über den
Bergen. Sagte der Adam plötzlich: „Und daß mir der Stein vom Herzen
ist, Gott Lob und Dank, daß er mir vom Herzen ist! -- Gestern hat sie
ja gelacht wie ein lustiges Vogerl in den Lüften!“

Da habe ich gesagt: „Wer sollte denn nicht lustig sein, wenn es so
schönes Heu giebt!“

Er blickte mich rasch an und wieder weg. -- Wenn’s ein so schönes Heu
giebt? Ist denn das Mädel ein Heu? -- „Bleichsüchtig wird sie sein,
oder was Teuxel. Und blutarm, daß sie sich so stark anlegt im Sommer.
Mein Gott, alles eins, Kranksein oder Betrübtsein. Nur brav bleiben! --
Gott Lob und Dank, daß sie wieder lachen thut!“

Die Spatzen pfeifen es auf dem Dache. Die paar Schwalben, die noch
um unsere Giebel kreisen, wissen auch was. „Hörst sie?“ hat mich
der Rocherl gefragt. „Hörst, was sie singen?“ Und zwitscherte --
der Vogelsprache kund: „Der Schulmeister ist ein Erzspitzbub’, ein
Erzspitzbub’, bringt Dirnlein in die Schand’, in die Schand’, und laßt
sie sitzen!“

„Dumme Ludern, diese Vögel!“ sage ich.

Der Junge legte den Finger an den Mund: „Hörst es, was jetzt einer
singt? -- Totschießen, totschießen....“

„Ei, was dir nicht beikommt!“ lachte ich gröblich drein, „verstehe sie
doch besser: ‚Brotessen, brotessen! Und hast du Junge im Nest, Junge im
Nest, so mußt du sie fleißig atzen.‘“

In dem Augenblick, wie dem Burschen im Horchen auf den Vogel das
Gesicht sich versichert, fährt es mir kalt über den Rücken. Was ist das
für ein Menschenantlitz?

Ich hielt ihm meinen Taschenspiegel vor: „Willst ihn?“

„Will ich wissen, wie schön ich bin, so ist mein Brunnentrog da,“
antwortete er ablehnend, „thu’ ihn lieber dem Schulmeister spendieren,
daß er sein Reibeisengesicht kann betrachten.“

„Weißt du, Rocherl, was ein junges Gesichtel noch häßlicher macht, als
Blatternarben? Rate einmal.“

„Laß mich zufrieden!“

„Weißt du, was ein Menschenauge am ärgsten entstellt?“

„Was lauter?“

„Der Haß.“

„-- -- Der Haß?“

„Der Haß macht häßlich!“

„Brauchest mich ja nit anzuschauen, wenn ich dir nit gefall’!“ sagte er
rasch und wendete sich ab.

Was lauert in dem?! --

Vor kurzem war der Konrad wieder bei ihm, der Jäger. Er hatte gehört,
der Rocherl wäre auf der Alm von Lotterbuben beleidigt worden.

„Ist es dir recht, Rocherl, so zahl’ ich’s ihnen heim.“

Antwortete der Junge: „Da braucht’s nix heimzuzahlen. Wenn die
Kulmbockische an einem hängen bleibt, dann hat er eh sein Teil. Und
was geht das dich an!“ Nach diesen Worten wendete er sich nicht seitab
wie sonst, blieb noch stehen vor dem Jäger und sagte: „Konrad, wenn du
wieder einmal gut schießen willst -- einen Bock thät’ ich wissen!“

Das verstand der Jäger nicht. Zögernd ging er seines Weges. --

Nun wieder etwas anderes. Gestern am Abend gab es Tierhetze. Sah
ich über die Breitwiese hin unsere braune Kuh laufen, mit hin- und
herschlagender Wampen erschreckt dahintrotten, hinter ihr der Bismarck
und ganz hinten lauft mein Adam, erregt den Pudel hetzend auf das Rind.
Das will schon fast zusammenbrechen vor Erschöpfung, der Adam aber
immer noch: „Huß, Bismarck, huß, huß!“ Und beide der Kuh nach.

Ich eile ins Haus: „Mutter, schauet geschwind hinaus. Der Vater ist
närrisch worden!“

„Jesses, der Klee!“ ruft die Hausmutter und schreit zum Fenster hinaus:
„Huß, huß, Bismarck!“ Und der Rocherl springt zur Wiese hinab, reißt
vom Haselbusch eine Gerte und jagt das arme Rind wieder auf, weil es
schon hingefallen ist.

O ihr verdammten Bestien! denke ich und eile auch hinzu. „Reitet euch
denn alle der Teufel, jetzt auf einmal!“

Sie zerren die Kuh bei den Hörnern weiter, sie schlagen mit der Gerte
auf sie ein und der Hund läuft im Kreise herum, bellt und schnappt
manchmal in das Bein des Tieres.

Da fängt an diesem plötzlich etwas an zu gurgeln.

„Sie windet, sie windet!“ ruft der Rocherl.

„Nachher ist’s gut,“ sagt der Adam und bleibt stehen. „Jetzt führ’ die
Braune in den Stall und schau, daß sie kein Wasser kriegt!“

Und des Rätsels Lösung ist die: das Rind war von seiner Grasweide
unvermerkt auf das Kleefeld gekommen und hatte sich dort satt
gefressen. Aber die üppige Pflanze hub an zu gären und hätte der Kuh
den Magen gesprengt, wie der Adam sagte, wenn durch das heftige Jagen
nicht Wandel geschafft worden wäre.

So sehen bei uns die Parforcekuren aus.

Vor einigen Wochen war derselben Kuh wegen ein kleiner Familienzank.
Das Thier benahm sich des Morgens ganz wider seine Gewohnheit sehr
unruhig, lautete fortwährend, bockte an den andern Rindern herum und
da sagte der Adam, die Barbel und der Franzel sollten halt die Braune
zu Nachbars Jodel führen. Das Mädel antwortete gedrückt, das möge es
nicht gerne thun. Der Vater war darüber betroffen, daß sie -- die doch
sonst in allem so willig ist -- auf einmal weigerlich würde. „Seit
Jahr und Tag,“ sagte er, „führst du die Kühe zum Jodel und jetzt auf
einmal der Unwillen! Das versteh’ ich nit!“ Es ist dir eine empörende
Einfalt in diesem Alten, es ist der platte Adam vor dem Sündenfall. Die
Mutter hat ihm nahe gelegt, daß die Zeiten sich halt ändern thäten,
so hat der Vater den Kopf geschüttelt und mit der Kuh den Franzel und
mich zum Nachbar geschickt. Mir war das gerade einmal recht und ich
wollte den vierzehnjährigen Knaben beobachten. Es gab aber nicht viel
zu beobachten. Dieweilen der Jodel mit der Kuh seine Scherze trieb,
schnitt sich der Knabe auf der Wiese eine Germe ab, höhlte den Stengel
durch und versuchte daraus eine Blaspfeife zu schnitzen.

Ganz so harmlos ging es heute beim Mittagsessen nicht zu. Es war die
Barbel wieder einmal nicht vorhanden. Sie habe Zahnschmerzen und
könne nichts essen. Die Hausmutter war ausnehmend weich gestimmt
und gesprächig. Sie erzählte so nebenhin manche Neuigkeit von einer
Bekannten in Krosbach. „Eine soviel brave Person, die Gutheit und
Bravheit selber. Ein einziger Fehltritt, mein Gott, das junge Blut
und das Gernhaben! Ist ihr halt auch so ergangen, wie es seit der
ersten Menschenmutter Weltlauf geworden. Mein Gott, es ist ja nichts
neues. Schon bald, wie der Vetter Krisost einmal gesagt hat, daß es
in Krosbach wäre: Eine Schand für eine junge Dirne, wenn’s +nit+
ist. Zeit und Weil ist ungleich. Ehevor ist’s freilich großmächtig
gefehlt gewesen, jetzt macht man sich schon bald eine Ehr’ draus. Die
Schlechtesten, meint der Vetter Krisost, wären es eh nit, die Malheur
haben.“

„Der Vetter Krisost ist ein Strick“ fuhr der Hausvater drein. „Die
Lüderlichkeit schön machen, das thät’ g’rad noch fehlen. Im Adamshaus
wird so was wohl doch nit vonnöten sein!“

Die Hausmutter kam nicht weiter in ihrer Erzählung von der Bekannten in
Krosbach. Hingegen fragte sie, dieweilen ihr bloßer, magerer Arm in der
Schüssel das geschmälzte Kraut umrührte, leichthin, wer heute bei der
Predigt gewesen wäre? Ob nicht das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner
ausgelegt worden sei?

„Das ist heut’ nit,“ antwortete der Adam. „Heut’ ist dasselbe, wie der
Herr Jesus viertausend Leut’ mit dem wenigen Brot gespeist hat.“

„So werden wir auch nit verhungern, wenn um Eins mehr wird,“ sagte sie.

„Wieso?“ fragte er dumpfig. „Du meinst, wenn der Valentin auf Urlaub
heimkommt?“

Hat aber den zerrissenen Roggenknödel auf dem Teller liegen lassen, hat
nichts mehr gegessen und ist’s gewesen, als wäre wieder so etwas wie
der Dampf in Anzug.

Ich glaube, er ahnt. Nur nicht wahr haben will er’s.

„Kleine Kinder, kleines Kreuz, große Kinder, großes Kreuz!“ sagte noch
die Hausmutter mit einem Seufzer.

Er fing an, die Achseln in die Höhe zu schieben, den Hals einzuziehen,
die Brust schwer zu heben und stöhnte: „Mutter, den Rauch!“

Glaubst du, daß es gut ist, wenn man seinen Kopf in den Sand vergräbt?
Nach meiner Meinung ist die Furcht vor einem bevorstehenden Unglück
heilsam, sie nimmt schon einen Teil des Leidens vorweg. So wie die zu
große Hoffnung auf ein kommendes Glück dasselbe schädigt, weil die
übermaßige Erwartung enttäuscht wird, so erscheint nach großer Angst
vor dem Ungemach dasselbe thatsächlich selten so schlimm, als man
sich’s vorgestellt. Also sollte doch auch mein Adam das kommende Unheil
tapfer vorweg fürchten, damit es ihn dann nicht in plötzlicher Wucht
niederstoßen kann.

Tapfer fürchten! habe ich gesagt. Du verstehst, Philosoph.

[Illustration]



    Am dreißigsten Sonntage.


Das emsige Heuen, das heiße Heuen drängt alles andere in den Winkel.
Alles ungute Denken und alles wehe Bangen. Die Barbel ist auch auf den
Wiesen in ihrer wulstigen Joppe und mit ihrem langstieligen Rechen.
Einmal hatte sie ein Liedel gedrällert:

    „Es ging ein Knab’ spazieren
    Wohl heimlich bei der Nacht ...“

„So ist’s recht, Mädel!“ rief der Adam helle aus. „Junge Leut’ müssen
lustig sein!“

Er hatte nur des Liedes lieblichen Anfang vernommen, nicht das Ende.

„Das Herz möcht’ einem zerspringen!“ hörte ich die Mutter seufzen.

Heute morgens bin ich hinabgegangen nach Hoisendorf, früher als an
anderen Sonntagen, und eigentlich nicht der Kirche wegen. Ins Schulhaus
gehe ich und sage zum Lehrer:

„Jeden Tag, den Gott vom Himmel giebt, wirst du erwartet im Adamshaus.
Wir haben bald Ende Juli!“

„Es ist zum Verzweifeln!“ Er schlug seine Stirn mit der Faust.

„Aber ich verstehe dich nicht, Guido. Denke doch an Wort und
Handschlag!“

„Zum Teufel, ja, ja, ja! Geh’ hinauf und nimm sie! Das ist so leicht
gesagt, mein Hans! Lasset mich doch erst die Sachen ordnen.“

„Höre einmal, Guido, ich möchte dir etwas sagen. Bis dieses Jahr endet,
bin ich ein reicher Mann. Nein, erschrick nicht, reiche Leute schenken
nichts her. Ein Anlehen schon eher, auf Wucherzinsen natürlich.“

„Mir ist nicht besonders heiter!“ sagte er.

„Mir auch nicht. Aber zur Sache gehört’s für den romantischen
Bauernknecht, daß er ein junges Liebespaar glücklich macht. Zweitausend
Kronen sind dir fällig zu Neujahr. Du willst doch dein Weib und ich
meinen Roman! Nun also! -- Kopf aufrecht, Junge!“

Da hebt er an mit gröblicher Derbheit die Stube auf- und abzugehen
zwischen den Schulbänken. Die Hände auf dem Rücken, den Kopf
vorgebeugt: „Ich kann mir nicht helfen! Es kommt mir immer wieder, es
ist verflucht!“ Plötzlich bleibt er stramm vor mir stehen und sagt in
bestechendem Tone: „Warum gerade dir so viel an dieser Heirat liegt!“

Das alte Teufelslied ist schon wieder da! -- Aber ich bin diesmal kalt
geblieben, oder vielmehr kalt geworden.

„Winter!“ sage ich, „des öfteren habe ich dir den Rat gegeben, du
sollst hinaufgehen. Jetzt gebe ich dir einen besseren Rat. Gehe nicht
hinauf. Lasse sie, die du verführt hast, in Not und Unehr’ allein.
Lasse sie hinwelken und in jungen Jahren sterben. Es ist besser, als
du wirst zum Henkersknecht ihrer Liebe und peinigst sie mit Verdacht
und hetzest sie mit Eifersucht in Verzweiflung und Stumpfsinn hinein.
Schurken, die ein unschuldiges Wesen verderben und dann Ausflüchte
suchen --“

Aufgröhlt er wie ein getroffener Eber, von der Schulbank bricht er
schmetternd eine Latte und damit auf mich zu.

Ich stoße ihn mit der Hand seitlings: „Daß einen der leidige Zornteufel
erfaßt, wenn ein Schulmeister nicht rechnen kann!“

Das hat er doch verstanden und ist still geworden. Und ist denn demütig
zu mir gekommen: „Hans, die Liebe und die Sorgen! Das macht wahnsinnig!
Nur soviel laßt mir noch Zeit, daß ich ein wenig den Weg machen kann,
der uns zusammenführen soll.“

„Was ich vorhin gesagt habe, das ist gesagt. An dir liegt’s, ob ich dir
Unrecht gethan oder nicht. Wenn ja, dann sollst du deine Genugthuung
haben...“

Hierauf rasch davon. Und lange that es noch wetterleuchten in dunklen
Seelen.

Seit meinem Aufenthalte im Adamshaus ist etwas, das früher nicht
gewesen. Bei so manchem, was ich thue, frägt etwas in mir: War’s recht?
War’s gefehlt? -- Was ändert mich nur so? Ist es der Adam mit seiner
Geduld, die Barbel mit ihrer heimlichen Liebespein, „von der niemand
nichts weiß“. Ist es die Bravheit und Tüchtigkeit dieser Leute? Ist es
der Ernst der Arbeit, die Größe und Herbheit der Natur? -- -- Gott, was
war ich für ein Windhund in der Zeitungstube!

Jetzt kommt es mählig über mich, ich müsse auch für was gut sein. Ich
müsse, was da leidet und irrt nach meiner Möglichkeit zum guten wenden.
Er ist ja ein Thor mit seinem Verdachte. Nur steht die Frage offen,
ob man in seiner Lage nicht am Ende selbst ein solcher wäre? In dem
Hitzegrad, wie wir beide zusammengeriethen, duelliert man sich ja schon
bei euch draußen. Hier ringt jeder mit sich selber, daß es zum guten
werde für dieses arme Kind. Und ob starke Herzen nicht den Erdfluch zum
Erdsegen wandeln können?! --

Und dann habe ich dir heute noch etwas zu erzählen.

Wir wollen in der nächsten Woche brachen, das heißt, den Acker
umbrechen für die Wintersaat. Sehe ich nun heute in der Zeughütte nach,
ob der Pflug im Stande ist. Und wie ich just mit dem Schlägel den
locker gewordenen Arling festkeile, pipst draußen jemand: „Hänsel“ und
eine zweite Stimme kräht: „Grethel!“ Und stehen im nächsten Augenblick
zwei Herren von der „Kontinentalen“ vor mir.

Ich habe keine Lust, die Reize dieses Wiedersehens zu schildern. Herr
Sammer und Doktor Wegmacher! Mit einer wahren Sündflut von Witzen sind
sie auf mich eingedrungen. Ganz gutmütig, unzutreffend und geistreich
dumm, die Bösartigkeit lag nur in der Menge. Sehr belustigten sie sich
über meine entbarteten Backen und nannten mich „Euer Wohlgeschoren.“ --
Auf einem touristischen Ausflug waren sie natürlich ganz zufällig in
die Hoisendorfer Gegend gekommen. Durchwegs eine dunkle Gegend, aber
aus der Ferne hätten sie ein Licht gesehen und diesem Lichte wären
sie zugegangen und demnach urplötzlich vor dem klassischen Mistrüppel
gestanden.

„Erleichtert euch immerhin, meine Herren“, habe ich gesagt, „nur
erweist mir die Gnade, euch vor meinen Hausgenossen nicht legitimieren
zu müssen. Ich begleite euch ins Thal hinab, durch den Waldsteig. In
Hoisendorf giebts ein gutes Wirtshaus und morgen früh, recht zeitlich,
wandert es sich prächtig durch die schattigen Schluchten hinaus in die
schöne, lichte Welt.“

Wirklich schon in Todesangst war ich, sie könnten mir alles
verschütten, aber das Wirtshaus übte eine solche Anziehungskraft,
daß für den Adamshof die Gefahr bald vorüberging. Unterwegs haben
sie mir Neuigkeiten erzählt von der „Kontinentalen.“ Doktor Angelus
Mayer, der Redakteur des Feuilletons, ist nach irgendwo ausgewandert.
Der Reporter für den Gerichtssaal wurde in eine Nervenheilanstalt
überführt. Mir ist das nicht ganz geheuer, denn die genannten Herren
waren Zeugen bei der Wette. Es ist noch der dritte vorhanden, der
Administrator Lobensteiner. Was hatte ich dir auf dein Bedenken vor
Wochen geschrieben? Daß drei lebendige Zeugen besser seien, als ein
toter Federstrich? -- Jetzt wäre mir der tote Federstrich lieber. Da
ich nun sozusagen auch die Schullehrersippe auf mich genommen habe.
-- Der Chef, wußten die Herren zu sagen, spreche nicht gern von mir,
oder nur achselzuckend wie von einem Sonderling, der seinen so hübschen
Posten einer lächerlichen Bravour geopfert habe. -- Ich ließ mich schön
empfehlen. -- Aber der Herr Knecht würde doch ins Wirtshaus mitkommen.
Dieser gütigen Einladung wurde jegliche Antwort verweigert und als wir
zur Bachbrücke kamen, verließ ich die Herren mit der Hoffnung auf ein
frohes Wiedersehen zu Neujahr.

„Au, Teufel!“ rief der eine, „ist das eine Dreschflegelbratzen! Dein
Händedruck ist ja das reine Vergehen gegen die körperliche Sicherheit!“

Dann hatte ich sie glücklich los. Eine halbe Stunde später kniete ich
in der dämmernden Stube des Adamshauses und betete mit den Hausgenossen
den Psalter.

[Illustration]



    Am einunddreißigsten Sonntage.


Das geht dich nichts an, Hansel! würde meine schneidige Hausmutter
gesagt haben. In der That, was geht unsereinen die Predigt an! Der
Pfarrer predigt halt für die Leut’ und nicht für den armen Knecht, der
vor ein paar Jahren in die Carnevalszeitung das Inserat rücken ließ,
daß ein noch völlig ungebrauchtes Christentum in Verlust geraten sei.

Im Hoisendorfer Pfarrhofe scheint es der redliche Finder thatsächlich
hinterlegt zu haben. Ist nicht ohne, so ein derber Dorfkurat, der die
Kurse der heiligen Theologie mit ihren dogmatischen Schätzen längst
verschwitzt hat und das Evangelium sich nach seinem persönlichen
Dafürhalten auslegen muß. Unserem Kuraten ist nicht übel zuzuhören,
ein gerader deutscher Michel, giebt er das Wort Gottes so, wie es die
Gemeinde am leichtesten versteht und am besten brauchen kann.

Da hat sich gestern Abend im Adamshause ein kleiner Religionsstreit
erhoben. Der Franzel pflegt nämlich am Samstagsfeierabend stets den
Evangeliumabschnitt des folgenden Sonntags vorzulesen, und so kommen
jetzt die Verse des Lukas über den ungerechten Haushalter. Du kennst
die Parabel vom verschwenderischen Verwalter, der von seinem Herrn
verjagt werden soll. Der Verwalter ist schlau, und will sich, so lange
er noch im Amte ist, die Gunst der Schuldner seines Herrn erwerben.
Er läßt ihnen geschwind die Hälfte der Schulden nach, damit er dann,
wenn er brotlos ist, bei ihnen gute Aufnahme finden möchte. „Und der
Herr“ fährt Christus als Parabelerzähler fort, „lobt den ungerechten
Haushalter, daß er klug gehandelt habe, denn die Kinder dieser Welt
seien klüger, als die Kinder des Lichtes. Aber ich sage euch: Machet
euch Freunde mittelst des ungerechten Reichtums, damit, wenn es mit
euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.“

Als der Franzel das gelesen hatte, schüttelte mein Adam den Kopf und
sagte: „Das gefällt mir nit.“

Die Hausmutter entgegnete von ihrem Herde her scharf: „Beim Evangeli
sagt kein Christenmensch: das gefällt mir nit; er kann höchstens sagen:
das versteh ich nit.“

„Versteh ich nit,“ wiederholte der Hausvater. „Wenn’s so deutlich
gesagt ist, wird man’s doch verstehen. -- Franzel, das letzte noch
einmal.“

Der las: „Machet euch Freunde mittelst des ungerechten Reichstums,
damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen
aufnehmen.“

„Das ist ja gerad’, als ob der Mensch mit unrecht Gut in den Himmel
kommen soll!“ sagte der Adam.

Darauf hin war ich nun doch begierig, wie sich bei der heutigen Predigt
der Kurat aus der Schlinge ziehen würde.

Er steht auf der Kanzel, liest die Verse und wie er zum Schlusse
derselben das Buch küßt, sagend: „Das die Worte des heutigen
Evangeliums!“ sehe ich meinen Adam auf seinem Platze schon unruhig
werden.

Der Kurat nimmt langsam eine Prise, stellt die Horndose neben auf
den Kanzeltisch, schiebt die weiten Ärmeln des Chorrockes zurück und
beginnt:

„Liebe Christen!

Im heutigen Evangelium hätte der Evangelist Lukas auch ein bissel
deutlicher sein können. Wie er’s gemacht hat, da kommts schier so
heraus, als ob Christus der Herr den ungerechten Haushalter loben
thät, von wegen der Lumperei! Das thät einigen unter euch vielleicht
gefallen -- wie? Es ist aber durchaus nicht so. Christus will in seiner
Parabel nur ein Beispiel geben, wie die Weltleute allemal abgefeimte
Spitzbuben sind, und die Kinder Gottes sind einfältig. Wenn der Herr
sagt, daß wir uns mit ungerechtem Reichthum Freunde machen sollen --
was heißt denn das? Heißt es, daß wir ungerechten Reichtum erwerben
sollen, damit wir nachher mit demselben die Leute bestechen können?
Da sei Gott für! Es heißt vielmehr erstens, daß der Reichtum eben
ungerecht ist, daß er +überhaupt+ ungerecht ist, jeder Reichtum,
nicht bloß der gestohlene, auch der erworbene. Und es heißt zweitens,
daß, wer einen Reichtum hat, denselben als etwas Ungerechtes, ihm nicht
Gebührendes wieder weggeben soll an die Armen und Notleidenden, daß
man solcher Weise mit ungerechtem Reichtum gute Werke stiften muß, die
uns, wenns zum Sterben kommt, in die ewigen Wohnungen Gottes führen.
Also +das+ ist gemeint, wenn es heißt: Machet euch Freunde mit
ungerechtem Reichtum! -- So ist’s, meine lieben Christen, und nicht,
daß ihr glaubt, der liebe Heiland hätt’ einen Unsinn gesprochen, wo die
Dummheit vielmehr an denen liegt, die ihn nicht verstehen. Merkt euch
das, befolgt das Wort Gottes, übervorteilt eure Nebenmenschen nicht um
Geld und Gut, die ihr als ungerechten Reichtum doch wieder zurückgeben
müsset. Ja, nicht einmal auf sogenannte rechtmäßige Weise sollet ihr
euch Reichtümer erwerben, sondern schön zufrieden sein mit dem, was ihr
notwendig braucht für den heutigen Tag. Und nicht alleweil sorgen: Was
werden wir morgen haben? Der himmlische Vater, der die Vögel nährt und
die Blumen kleidet, vergißt euer nicht. Trachtet nur zuerst nach dem
Reiche Gottes, das heißt, nach einem gottgefälligen Lebenswandel und
nach einem guten Gewissen, das ist die Hauptsache, alles andere wird
euch von selbst gegeben werden.“ -- Hier unterbrach er sich, blickte
in den Kirchenstühlen umher und fügte bei: „Wollt ihr schlafen, meine
Lieben, so höre ich auf. ’s ist die Arbeit hart um diese Zeit; wer hart
arbeitet und seine Mühsal dem Herrn zu Lieb aufopfert, der ist auch auf
dem Wege zum Himmel. Ich predige nicht, um zu predigen und ihr höret
nicht, um zu hören. Ich sage euch, daß der müde Leib von der Erden
ist, und die Seele von Gott, und daß die Seele den Leib heiligen wird,
und daß des Leibes Erden gesegnet sein wird, und ewiglich selig im
himmlischen Vaterlande. Amen.“

Ähnlich hat er gepredigt und das ist so seine Art. Die Gemeinde nimmt
wohl auch hier so eine Sonntagspredigt als Formsache, nach der man
ruhig zur Tagesordnung übergeht, nur meinem Adam müssen die Worte wohl
gethan haben; schier ein verklärtes Gesicht hat er gemacht darüber, daß
sein redliches Arbeiten und Dulden vom Priester so schön geweiht
wird. --

Vor einigen Tagen ist unserem Hausvater angedeutet worden, daß in
nächster Zeit der Herr Lehrer sich einfinden würde, um einen Besuch zu
machen.

„Einen Besuch? Der Herr Lehrer? Bei uns? So so! Ja, warum denn?“

„Er hätte halt was zu reden mit uns,“ gab die Hausmutter bei.

„Hätt’s gar mit dem Franzel was? Sollt’ er nit brav lernen?“

„Mit dem Franzel hat’s nichts.“

Weiter fragte der Adam nicht. War still und sprach nichts mehr vom
Schullehrer. Und als die Barbel über den Hof ging zum Brunnen, und den
Krug unter den Quell hielt und träumend vor sich hinblickte, bis er
voll war und überging, und sie immer noch so dastand, da schaute der
Vater auf sie und rief ihr endlich zu: „Barbel! Mach, mach! ’s geht ja
schon über!“

Da schrak sie auf, nahm den Krug und ging schnell ins Haus hinein.

Der Adam fährt mit dem Pflug auf die Brache, vergißt manchmal die
Ochsen anzutreiben, steht da und schüttelt den Kopf.

Die Hausmutter ist schon am frühen Morgen dran, Tag für Tag, den Tisch,
die Bänke zu scheuern, die Fenster zu klären mit feuchtem Lappen und
zu achten, daß kein Splitterchen und kein Strohhalm auf dem Fußboden
liegt. So oft der Bismarck anschlägt draußen auf dem Anger, fährt sie
ans Fenster. Das einemal steigt ein Bettelmann daher, das anderemal ein
Nachbarsdirndel, das drittemal ein Hausierer -- aber der Rechte ist
es nicht und ist es immer nicht. So sind die ersten Tage der Woche
vergangen, so sind die letzten Tage vergangen -- und er kommt nicht.
Die Barbel geht manchmal über den Rain hin, hält die Hand vor das Auge
und schaut in die sonnige Welt hinaus. In der Ferne ist ein Läuten.
Hummeln summen an den Kirschbäumen herum, wo im grünen Laub an langen
Stengeln die roten Kirschlein leuchten. -- Plötzlich jauchzt das Mädel
auf.

Kommt er?

[Illustration]



    Am zweiunddreißigsten Sonntage.


In der Zeitung steht wieder einmal von einem Millionär zu lesen, der
sich aus Überdruß das Leben genommen hat. Ein junger, bildschöner
Mensch, wie es heißt, der Liebling der Gesellschaft. Im Adamshaus, wenn
er gelebt hätte, wäre ihm der Überfluß und der Überdruß kaum passiert.
Es schweben mancherlei Dämone auch um die Giebel des Bauernhofes,
ganz abscheuliche Gespenster darunter, die den Schwächling ins Grab
hetzen, oder ins Zuchthaus. Aber der Dämon Langweile ist hier nicht
daheim. Die Arbeit wird von der Ermüdung abgelöst, die Ermüdung von der
Sorge und die Sorge wieder von der Arbeit. Im Schutze dieser Genien
ist der Mensch sicher vor Blasiertheit. Und +wenn+ sie sich
einmal heranschleichen sollte, die stinkträge, blutsaugende Bestie!
Beim Gleimer in Hoisendorf ist ein alter Knecht, dem die Arbeit schon
alle Glieder krumm gebogen hat wie Äste eines Weichselstrauches. Der
kann es nicht leiden, wenn im Kalender nebeneinander zwei Feiertage
stehen. Denn am zweiten wird ihm langweilig und er geht aufs Feld,
Rasen umzustechen. Das verwies ihm der Kurat einmal, und der Knecht
antwortete: „Küß die Hand, Würden Herr Pfarrer! Wenn ich nit darf
arbeiten, nachher geh’ ich Leut’ ausrauben. Was zu thun muß der Mensch
haben!“

Auffallend ist es auch, daß Bauernburschen von der schweren
körperlichen Wochenarbeit am Sonntage sich eben wieder durch
körperliche Übungen erholen, als Kegeln, Rangeln, Schleudern und andere
Spiele, die den Muskel spannen. Hast du, Philosoph, dich einmal vom
Studieren durch Studieren erholt? -- Oder darf man sagen, daß die
körperliche Arbeit naturgemäßer ist, als die geistige? Daß sie den
Menschen lange nicht so schnell aufbraucht? Oder ist es der Erdhauch,
der immer wieder frisch und stark macht? -- Manchmal wundere ich mich
sogar darüber, daß aus den zehn Geboten nicht zwölf geworden sind.
Eilftens, du sollst nicht faul sein, zwölftens, du sollst nicht
denken. --

Und daß diese Briefe eines Bauernknechtes geschrieben werden? Schiebe
es nicht der Langweile zu, wenn dein Hans an Sonntagen philosophische
Anwandlungen hat. Gedenke seiner niedrigen Herkunft und daß langwierige
Schulbänke nie mehr ganz gutzumachen sind. -- Es kommt ja schon wieder
Erdreich.

Am Mittwoch, während -- wie ich lese -- bei euch draußen überall das
wilde Hochwasser war, daß die Berglehnen ins Bad sprangen und die
Eisenbahnzüge mitten auf Seen stehen blieben, haben wir die Sicheln
gedängelt. Die Haferfelder sind zwar noch wiesengrün, nur sonnseitig
färben sich die vielschnabeligen Rispen gelblich. Der Roggen steht
dicht, hoch, üppig und eine Ähre legt sich schwer und tragemüde auf
die Achsel der andern. Goldene Ähren! sagt der Dichter. Ich weiß
auch wahrlich nichts, das so in gesättigtem Goldglanz strahlte, als
die reife Kornähre. Zwei Berglehnen leuchten auf dem Adamshauser
Grunde und auch die Felder der Nachbaren leuchten, so daß ein heller
Wiederschein Berg und Thal verklärt.

„So schön,“ sagt mein Adam in seiner demütigen Freude, „so schön ist
die liebe Feldfrucht seit vielen Jahren nicht mehr gestanden, als in
diesem Sommer.“

Fünfzig Schöber, das sind dreitausend Garben, gedenkt der Adam zu
ernten. Und mir verdirbt es die Freude. Denn das, was hier unserer
Sichel wartet, gehört ja nicht mehr uns allein. -- Wer denkt an das?
Zum Angreifen ist’s jetzt.

Also am Donnerstage haben wir uns an den goldigen Feldrand gestellt mit
klingender Sichel. Der Hausvater schärft mit dem Wetzstein, den er aus
dem Kumpfe nimmt, das mondkipfelförmige Messer, es funkelt aber wie die
Sonne. Dann sagt er: „In Gottesnamen!“ bückt sich, schlägt ins Korn und
schneidet die erste Garbe heraus. Hinter ihm habe ich mich angestellt.
Aber froh war ich, Freund, daß die Herren von der „Kontinentalen“ mich
nicht an diesem Tage mit ihrem Besuche beehrt haben. Sie hätten ob
ihres Kollegen der Schande viel erlebt. Es ist schwerer, auf dem Felde
eine stilvolle Korngarbe fertig zu bringen, als einen Zeitungartikel
über Einfuhr ungarischen Getreides. Mir wollten beim Schneiden und
Binden die Halme nicht einig werden. Während der Adam Garben hieb,
glatt und gleich, wie Strohdachschaube, stand bei mir der eine Halm da
hinweg, der andere dort hinaus, der eine zog sich hier zu weit zurück,
dort zu weit hervor und als die Garbe mit schlecht gewundenem Halmbande
geraidelt war, lag sie da wie eine schlampige, ungekämmte Weibsperson.
Und erst die Stoppeln! Hier standen sie borstig halbfußhoch auf,
dort war vom Rasen ein Stück weggehackt, so daß auf der Sichel die
frische Erde klebte. Wie man die Halme glatt wurzab haut, wie man aus
zwei dünnen Halmbüscheln mit einer einzigen flinken Handbewegung ein
Garbenband dreht, das lernt man auf keiner Akademie, das lernt mancher
erst auf der Hochschule des Lebens in den letzten Semestern. Das Ernten
ist eine Wissenschaft und eine Kunst für sich. Wie viel „Vortel“ es
dabei giebt, wie viele Abarten der Thätigkeit, wie viele technische
Bezeichnungen! -- Der kleine Franzel, der jetzt Schulferien hat, thut
auch tapfer mit, ich bewundere, beneide ihn, seine Hand macht’s ganz
von selber, was ich mit aller Spitzfindigkeit nicht fertig bringe,
er hat’s ordentlich schon im Blut, das „Wetzen“, das „Abmaißen“, das
„Ausziehen“, das „Wellenmachen“, das „Bandelwinden“, das „Raideln“,
das „Ausschlachten“, das „Aufdeckeln“. -- „Was ihr euch mit Witz und
Verstand nicht erwerbt, das hat er von seiner Frau Mutter geerbt.“
-- Und wo Mutter Natur ihn etwa einmal im Stiche läßt, da hilft
die Hausmutter nach, die knapp hinter ihm drein ist und es scharf
verweist, wenn er von der Garbe einen Halm verstreut oder eine Ähre
geknickt hat. Dem Knaben sagt sie’s, mich meint sie -- und hat wohl
alle Ursache, mich zu meinen. „Der große starke Bengel ist gerade der
Allerungeschickteste!“ Mit den Fingern wollte ich ihr dieses Wort von
der Zunge nehmen, denn dort liegt es zum Greifen.

Während der Hausvater und sein ungeschickter Knecht, die Hausmutter
und ihr flinker Franzel die Garben schneiden, binden und hübsch
gleichzeilig auf die Stoppeln legen, trägt der Rocherl sie mit
dem einen Arm zusammen in „Hüfeln“. An diesem ersten Tage haben
wir zweihundert Garben geschnitten, die nun in schütteren Reihen
dalagen wie auf der Bahre, manche noch mit der leuchtenden Mohnblume
geschmückt, oder der bläulichrot schimmernden Kornrade. Als es dunkel
wurde und das Gras schon kühl und feucht war zwischen den Stoppeln, da
sind die andern in den Hof gegangen, um dort noch häusliche Arbeiten
zu verrichten. Der Adam und ich sind auf dem Felde geblieben, um aus
den Hüfeln, die zu sechs Garben stark sind, die „Deckeln“ aufzustellen.
Er stellt je fünf Garben auf den Kopf, so daß sie mit ihren Ähren
aneinander lehnen wie Gewehrpyramiden im Soldatenlager. Dieweilen
ich diese festhalte, daß sie nicht umfallen, biegt der Adam aus der
sechsten Garbe den „Hut“, eine Art Helm, den er dann aufstülpt. So
wird das „Deckel“ von diesem Hute zusammengehalten und bei Regenwetter
vor Nässe geschützt. Die Tropfen sickern nicht durch, sondern gleiten
an den zu allen Seiten niederhängenden Halmen nach außen hinab. So
läßt man nun die Deckeln etliche Tage in der freien Sonne stehen und
trocknen, dann kommt der große Leiterkarren, auf dem die Garben in
hohen „Tristen“ zur Scheuer geheimt werden.

Du hast dein Lebtag schon so viel Überflüssiges gelernt, mein Doktor,
Professor und Philosoph, daß dir dieser eingehende Unterricht über eine
Kornernte im Gebirge kein besonderes Bedenken zu verursachen braucht.
Wenn du dir alle diese Garben einprägst, so wirst du zwar viel Stroh
im Kopfe haben, aber auch viel Ähren! -- Ach, daß man noch witzig sein
will bei solchem Unglück! Schon heute haben wir Abschied zu nehmen
von der erst begonnenen Ernte. -- Ich mag dir erst noch ein kleines
Gespräch erzählen.

Es war schon finster geworden. Im Grase zirpten die Heimchen, daß es
wie ein ununterbrochenes Klangrieseln war über das weite Feld hin.
Hüpfende Heuschrecken schnellten kleine Tautropfen an unsere Hände. Der
schwarze Himmel war voll funkelnder Sterne. Mein Adam setzte sich auf
eine Garbe, trocknete den Schweiß und atmete schwer. Als er so, das
Gesicht gegen den Himmel gewendet, ein Weilchen geruht hatte, sagte er
leise: „Wenn wir einmal dort oben sind -- allemiteinander!“

„Damit hat’s Zeit, Vater!“ antwortete ich.

„Es ist halt hart,“ sagte et. „Keins von meinen Leuten möcht’ ich
überleben. Und wenn sie mich müßten ins Grab hinablegen, thäten sie mir
wohl auch erbarmen.“

Darauf ich: „Da wüßte denn der liebe Gott mit dem besten Willen nicht,
wie er es einrichten sollt’.“

„Es ist so, es ist so, Hansel. Wir sind all’ zu herzkrank. All’ zu
herzkrank sind wir. -- Wenn ich’s nur nit gar so lieb thät haben, das
Dirndel!“

Ich wollte schon eine Antwort geben, da erhob er sich mühselig und
sagte: „Wollen wir halt schauen, daß wir in Gottesnamen fertig werden.“

Dann deckelten wir den Rest der Hüfeln auf und gingen langsam heimwärts.

Sind zwischen den fruchtprangenden Feldern hingegangen, so daß die
wiegenden Ähren unsere Wangen gestreichelt haben. Sollen morgen unter
die Sichel kommen. Die Luft war wie eine weiche betäubende Last. Der
Sternenhimmel funkelte fast heftig, so daß die Zacklein rundum nur
so hinaussprühten. Und wenn man hinaufschaute, so war es, als sinke
und sinke alles hernieder. Und dabei flogen immerwährend die grellen
Streifen der Sternschnuppen über das Himmelsrund hinweg.

Der Adam blieb einmal stehen, stützte sich an den Stab, atmete hoch auf
und sagte: „Wenn man’s betrachtet! -- Die Allmacht Gottes!“ -- Dann
stieg er wieder an.

Ob ich meiner Tage noch ein christliches Buch aufschlage, oder nicht,
ich weiß nun, was Religion ist. Vor keinem Lehrstuhl hab’ ich’s
erfahren können. Auf dem freien Felde hat’s mich ein Bauer gelehrt. --
Sieben oder acht Stunden später, mein Freund, haben wir ein anderes
Kapitel erfahren von der Allmacht Gottes.

Wüstes Sausen und Brausen weckt mich auf. Ich springe hinaus ins
Freie. Ein seltsam gelbes Licht zwischen Nacht und Morgendämmerung.
Ein schwefelgelber Himmel sinkt nieder auf die Bergwipfel und über
die Waldhöhen her wälzt sich ein ungeheuerer Wolkenballen, unter
dessen Wucht die Bäume wie Grashalme niederknicken. Ein Prasseln und
Schmettern überall, so daß aus ihren Gelassen die Hühner aufflattern,
schlaftrunken kreischend, und im Stalle brüllen die Rinder. Von unserem
Hausdache springen Giebelbalken und Firstlatten los und tanzen hoch in
der Luft wie Geier mit langen Schwingen. Noch sehe ich an der Hausthür
den Adam im Nachtgewande, da werde ich zu Boden geschleudert, mit
Knütteln und Steinwürfen bearbeitet, wie mich dünkt, und aufspringend,
um mich zu wehren, habe ich’s mit wuchtigen Eisknollen zu thun, die
niedersausen überall. Unter das Streuhüttendach noch taumele ich hin,
von welchem die Schindelsplitter fliegen, so leicht wie Apfelblüten im
Maiwind. Schon bin ich eingeschlossen von einem wilden Gespinst, dessen
niederstrählende Fäden sich kreuzend zu einem lebendigen Gitter weben.
An die Dächer, an die Wände prallen die Schloßen und schnellen wieder
zurück und mancher eigroße Knollen zerschellt in Trümmer. Durch den
Hof schießt, die Werkzeughütte durchbrechend, ein Bach herab, Balken,
Räder und Karren mit sich treibend. Förmliche Eismoränen wogen heran
und der Lärm ist so, als wäre ringsum ein Wasserfall, eine Feuersbrunst
und eine Schlacht. Mein Versuch, ins Wohnhaus hinüber zu laufen,
mißlang, ebenso auch der, in den Stall zu gelangen. Allein zwischen
undurchdringlichen Naturgewalten harrte ich in der Streuschichte aus
das Niederbrechen meines Daches.

Freund, ich habe bisher nichts Ähnliches erlebt, mir ist jetzt
nachhinein alles so traumhaft. Man ist so ganz befangen von dem, was
geschieht und wartet nur auf den Verlauf und kann gar nichts anderes
denken als: Will’s denn nicht aufhören? Will’s denn nimmer aufhören! --
Wie lange es gedauert hat, darüber gehen die Meinungen auseinander von
fünfundzwanzig Minuten bis zu einer Stunde.

Als es vorüber war, kamen sie mir entgegen vom Hause her, über das
knisternde Eis. In tiefgerissenen Gräben brandete ein wüster Brei von
Wasser, Erdreich und Schloßen herab. An den Bäumen und Dächern hingen
die Fetzen nieder. Alle Wiesen, Matten und Felder schneeweiß nur von
schwarzen Gießschrammen durchzogen. Die Luft war kalt wie im Winter. An
den Bergen strichen Nebel hin.

Sie sind totenblaß. Der Adam tritt zu mir: „Ist dir wohl nichts
geschehen, Hansel?“

„Seid ihr alle?“ frage ich zurück, denn ich sehe die Barbel nicht
sogleich. Dort oben an der Hausecke steht sie wie eine Bildsäule und
schaut hin in den weiten, leuchtenden Winter. Ganz vergeistigt, ganz
verklärt sind ihre Züge. Und auf den Hohlweg blickt sie hin, der von
Hoisendorf heraufführt. -- Jetzt kann aber niemand kommen, in kreuz und
krumm liegen die Baumstämme und niedergebrochenen Äste über den Weg.

„Gott Lob und Dank, das Haus steht noch!“ sagte der Adam.

„Und die Arbeit ist auch gethan,“ setzte die Hausmutter bei. „Dieses
Jahr hat er nit lang gedauert, der Kornschnitt!“

Auf allen vier Feldern steht kein Halm. Alles tief in den Erdboden
geschlagen und zugedeckt mit Eis. Die Deckeln, die wir am Vorabende
noch mit solchem Hochgefühle gebaut hatten, liegen da wie gekochte
Strohhäuflein. Und als gegen Mittag stellenweise das Eis schmilzt,
sieht der Boden aus, wie frisch geackert. Die Grasweiden sind kahl
gedroschen. Der Kohlgarten ist mit Krautblättern so dicht und
glatt gepflastert, daß man darauf tanzen könnte, wenn die kahlen
Stengel nicht ihre zerfransten Spieße aufreckten. Das Gekräute des
Kartoffelfeldes ist fast spurlos verschwunden. Wenn es auf den Almen
ebenso grob war, dann, Freund Alfred, kommt eine üppige Zeit. Dann
giebt’s keine Arbeit mehr, hingegen viel Fleisch zu essen, weil alle
Haustiere wegen Futtermangel geschlachtet werden müssen. Auf weiten
Umwegen nur können wir zu Nachbarshöfen gelangen; an den Lehnen und
Rainen sind überall Lawinen niedergegangen, so daß sich die braunen
Erdstriemen hinabziehen bis in die Gräben, die teils vermuhrt sind,
so daß die Wässer zu Tümpeln und die Tümpeln zu Seen steigen, um
dann gewaltsam den Wall zu durchbrechen. Kannst du dich erinnern an
unsere Landpartie nach Kattning, im vorigen Sommer? Da hatte auch der
Hagel geschlagen, daß auf den Feldern alle Kornhalme die Knie gen
Himmel reckten. So wie dort die Kornhalme sind hier in den Wäldern
stellenweise die Bäume geknickt, daß die Stämme in einem unentwirrbaren
Durcheinander daliegen. Von den Gleimer- und Schragererhöfen herüber
hören wir Klagen, Fluchen und Weinen. Auch unsere Hausmutter wollte zu
hadern anfangen mit dem Herrgott, da legte ihr der Adam die Hand an den
Arm und sagte: „Mutter, so mußt nit! Schau, was sich der Mensch schwer
legt, das tragt er schwer. Das Korn ist freilich derschlagen, aber wir
leben noch allmiteinand. Denk, wenn’s umgekehrt wär’!“

„In Gottesnamen!“ rief sie aus, „wenn uns der Donner derschlagen hätt’
allmiteinand, so wär’s überstanden. Bei dem Menschen ist gleich alles
gefehlt; geht er ins Holz, um ein Stückel Wildpret, ist’s gefehlt;
verirrt er sich im Gernhaben, ist’s gefehlt; und der da oben thut
selber, was er will!“

Na, das war ein ordentliches Trumm Gotteslästerung. Der Adam stand da
und blickte sie mitleidig an. Und als sie sich ausgetobt hatte, begann
sie -- demütig zu beten.

Du hast einmal gesagt, Philosoph, das beste Mittel gegen alle Lästerung
Gottes sei, an keinen zu glauben. Denn ihn glauben und ihn den Urheber
auch alles Bösen sein zu lassen, sei die größte Blasphemie. Das ist
sehr gut gesagt, wer jedoch meinen Adam kennt, der möchte wohl auf
andere Gedanken kommen, nämlich, daß unter dem Rate der göttlichen
Vorsehung überhaupt nichts Böses geschieht, weil dem gottfrohen Gemüte
alles Böse leicht zum Guten wird.

Dem Hausvater wäre die gute Nachricht nicht einmal nötig gewesen, die
am Abende von den Almen kam. Mehrere Hütten wären zwar vom Sturme
abgedeckt worden, die ältesten Schirmbäume wären gefallen, aber vom
Hagelschlag seien die Weiden verschont geblieben.

„Gut ist’s!“ rief die Hausmutter und klatschte die Hände zusammen.
„Jetzt heißt’s auf die Alm, machen Heu, wo wir eins finden. Die
Feldrüben und Erdäpfel hat’s auch nit derglängt -- wir werden nit
verhungern.“

Und haben in der folgenden Nacht besser geschlafen, als in mancher
vorhergehenden.

Am nächsten Tage drohte der Hagel erst +meine+ Jahresernte zu
vernichten. Nach dem Mittagsessen -- es gab diesmal nur eingebranntes
Kraut und Brotsuppe -- blieb der Hausvater beim Tische sitzen, als ob
Feiertag wäre. Und sagte, ich solle auch sitzen bleiben, er wolle halt
jetzt mit mir „raiten“.

Was das heiße?

„Sollst es halt gleichwohl sagen, Hansel, was wir dir schuldig sind.
Denn jetzt dürfen wir dich wohl nit mehr bitten, daß du uns noch länger
bleibst. Weil es eine solche Veränderung hat genommen in diesem Jahr.
Du findest leicht einen besseren Platz. Siehst eh, wie arm es hergeht
bei uns.“

Jetzt, was war das? War es ein Ablehnen für weiterhin, weil wenig
Arbeit und wenig Essen mehr vorhanden? Oder war es bloß ein Freigeben,
falls mir selber das Elend in diesem Hause zu groß geworden?

Den ganzen Nachmittag ließ ich hingehen, ohne dem Hausvater eine
Antwort zu geben. Mir war wirklich zu Mute, als dürfte ich diese
Menschen jetzt nicht allein lassen, jetzt weniger als je.

Und am Abende, als wir auf dem Kopf des Brunnentroges saßen und traurig
hinausblickten in die Landschaft, die so ruhig war, so friedsam wie
ein Kirchhof, da sagte ich: „Vater! Ich ginge ungern fort. Und heute
giebt es ja mehr Arbeit, als vor wenigen Tagen. Seht die Dächer an!
Der nächste Regen rinnt in die Stube hinein. Die Fenster! Der Wind
zieht durch und durch. Die Wege und Stege, es kann ja niemand hin und
her. Etwas werde ich doch ausrichten können. Und wenn Ihr etwa der
Verpflegung wegen meint -- was für andere gut ist, wird für mich auch
nicht zu schlecht sein.“ Die letzten Worte zu stammeln ist mir sauer
geworden.

„Brav bist wohl!“ sagte der Adam und hielt mir die zitternde Hand her.

Und jetzt war schon die Abschätzung da. Zwei Herren, gesandt von dem
Händler, der das auf dem Feld stehende Getreide gekauft hat. Sie
strichen überall herum und als sie das Unheil sahen, bedauerten sie den
armen geschädigten Händler. Hat ein Angeld gegeben und ist jetzt keine
Deckung dafür vorhanden. Dann bedauerten sie auch voll christlicher
Teilnahme den Adam.

„Kriegen wir denn gar nichts?“ ruft die Hausmutter.

Die Herren zucken ihre Achseln.

„Das ist ja zum Verzweifeln!“ schreit sie.

Der Adam wendet sich seitab.

„Sagst denn du nichts?“ ruft sie ihm zu.

Er schweigt.

„Den Gewinn anderen, den Schaden uns!“

Da murmelt der Adam: „Wenn der Mensch kein größeres Anliegen hätte....“

[Illustration]



    Am dreiunddreißigsten Sonntage.


Nun sollst du hören, lieber Freund, wie es gekommen ist.

Seit dem Ungewitter war der Hausbrunnen ausgeblieben. Oben im Schachen
an der Quelle war das Erdreich ins Rutschen gekommen und hatte das
Wasserrohr verstopft. So arbeiteten wir daran, der Adam und ich. Einen
fünfzig Meter langen Eisendraht, kreisförmig zusammengerollt, hatte er
hinaufgetragen, ihn dann auseinandergelöst und damit angefangen, die
verstopfte Rohrleitung zu durchbohren.

„Gott Lob und Dank,“ sagte er, „daß nur die Quelle nicht verschüttet
ist. So lange der Mensch noch Wasser hat, ist’s nicht zum Verzagen.“

„Und die unausrottbare Zufriedenheit ist noch besser als Wasser.“ So
ich. „Euch müßte nach meiner Meinung Gott als Lohn für Euere Geduld das
größte Glück geben.“

„Und nach meiner Meinung,“ antwortete er wohlgemut, „müßte er das Glück
gerad’ solchen schenken, die kein Unglück ertragen mögen. Ich meine
halt alleweil, wenn nur die Kinder brav sind, alles andere ist zu
ertragen.“

Dieses Gespräch hatten wir während des Arbeitens geführt, da rief die
Mutter vom Hause herauf: „Vater! Du sollst ein bissel kommen, es ist
wer da.“

Der Adam stand ein Weilchen ruhig, als überlege er, wer denn da sein
könne. Dann ließ er den Draht aus der Hand fallen und ging langsam
hinab.

Ich blieb bei der Brunnenarbeit nicht lange allein. Der Rocherl kam,
stolperte über den Draht, riß ihn mit der einen Faust zornig aus dem
Rohre.

„Was thust du denn, Rocherl?“

„Wir brauchen kein Wasser!“ knirschte er, „all miteinander sollen sie
verschmachten. +Da+ ist er!“

„Wer? Der Kornhändler?“ frage ich noch.

„Dieser Winter! Der Schullehrer.“

„Der Schullehrer ist da? Na, das wird doch nichts Schlechtes sein.“

„Natürlich, du wirst es just wissen!“ höhnte er. „Nichts Schlechtes,
wenn er die Barbel, die er ins Unglück gebracht hat, jetzt wegführen
will!“

„Aber Mensch, das ist ja gut! Dann ist’s ja in Ordnung!“

„Ich leid’s nit! Ich leid’s nit!“ stieß er hervor, seine Zähne schlugen
fiebernd aneinander.

„Sei froh, daß er noch der ehrliche Kerl ist und sie zum Weib nimmt.“

„Verdammt! Verdammt! Verdammt!“ Mit wildem Griff, als lange er nach
einer Waffe, erfaßte er den Draht und knickte ihn entzwei.

„Ich verstehe dich nicht, Rocherl! Sei doch zufrieden, daß wieder
einmal etwas Fröhliches kommt. Du weißt es ja, daß deine arme Schwester
jetzt nichts notwendiger braucht als einen Ehrentag.“

„Ja, wo er es zuerst auf das angelegt hat, daß er sie nachher in seine
Gewalt kriegt. Weil sie ihn sonst nit mögen hätt’ -- nie!“

„Siehst du denn nicht, wie lieb sie ihn hat?“

„Wen? Diesen hergelaufenen Zottel?“

„Weißt du denn was Schlechtes über ihn?“

„Diesen Zottel, diesen blatternarbigen Zottel!“

„Na, wenn’s nur die Blatternarben sind, dann bin ich schon wieder
beruhigt.“

Jetzt schrie er mich an: „Du mußt auch um nichts besser sein, weil du
ihm so das Wort redest!“

„Na freilich nicht. Wer ist denn überhaupt besser? Sei klug, Rocherl,
und frage dich selber einmal, wie es dir hätte gehen können, damals auf
der Alm, wenn dich die Lotter nicht noch rechtzeitig durchgedroschen
hätten. -- Du hast den Draht gebrochen. Was sollen wir jetzt machen mit
dem verstopften Rohr?“

Er sagte nichts mehr, lehnte sich traurig an einen Baumstamm.

Nicht lange hernach erscholl der Ruf zum Mittagsmahl. Als ich in
die Stube kam, stand an der Herdecke noch der Lehrer und an seinen
zuckenden Mienen merkte ich, daß etwas nicht richtig war. Die Barbel
sah ich nirgends, die war in ihrer Kammer. Wir andern setzten uns nach
dem Gebet an den Tisch, wie immer. Der Hausvater schob einen verzinnten
Blechlöffel, es war der bessere, für Gäste, über das Tischtuch und
sagte: „Bitt’ gar schön! Die Ehr’ auf einen Löffel Suppen thu’ uns der
Herr Lehrer nit versagen! Wenn man so hoch heraufsteigt, da mag man
nachher schon was Warmes.“

Der Lehrer trat einen Schritt vor und sprach: „Könnte wohl keinen
Bissen essen, jetzt!“ Schon das Wort würgte ihn im Halse.

„Ist’s wie der Will’, jetzt thun wir einmal mittagessen,“ sagte der
Adam und schnitt Brot in die Schüssel.

Der Lehrer wandte sich ein wenig gegen mich: „Der Hans soll’s wohl
auch wissen, warum ich da bin. Es ist kein Geheimnis, daß ich die
Haustochter Barbel zu meinem Weib begehre.“

Der Adam legte den Brotlaib hin, legte das Messer hin und sprach mit
schwankender Stimme: „Thut’s mich nit so peinigen, meine lieben Leut’.
Ich derkenn’ ja die Ehr’, daß unsere Tochter so eine Heirat kunnt
machen. Aber zu jung. Noch allzujung. Gelt, Mutter, ’s wär noch zu
früh?“

Seine Berufung auf die Hausmutter war keine glückliche.

„Zu jung?“ sagte sie, „das möcht’ wohl kein Unglück sein. Älter wird
der Mensch. Und haben schon jüngere geheiratet. Daß sie sich gern
haben, das zeigt sich ja. Das zeigt sich ja wohl leider Gottes! --“

Der Hausvater hatte sich auf die Bank gesetzt, legte die Hände
ineinander und man merkte ihm eine schwere Beklemmung an, als er sagte:
„Wie das hart ist, wenn man auf einmal sein Kind sollt weggeben...“

Ging sein Weib vom Herde an den Tisch, setzte sich zu ihm, ganz nahe
und sprach fast zärtlich: „Wird uns halt sonst nichts übrig bleiben,
Adam. Wird wohl sein +müssen+. Die paar drei Wochen sind bald
vorbei, die sie noch hat. Wenn sie gleich anfangen, kann’s noch zu
rechter Zeit in Ordnung gebracht werden.“

Jetzt schaute der Adam auf sein Weib, dann auf den Lehrer, dann wieder
auf sein Weib. Sein Gesicht war völlig fremd, in gemütlichem Tone, aber
recht heiser sagte er: „So, so. -- Ist’s wohl doch wahr. -- Hab’s nit
glauben wollen. -- Hab’s nit glauben wollen. -- Die Barbel. -- Meine
Barbel... Nachher freilich wohl....“

Allsogleich nach diesen Worten wandte die Hausmutter sich ganz vergnügt
dem Lehrer zu: „Nachher thät’s ja so weit richtig sein. -- Geh’,
Franzel, ruf’ die Dirn’. Das dumme Ding soll doch herkommen. Zum
Schamen ist’s schon lang’ zu spät. Kann Gott danken, daß es noch so
ausgeht. -- Aber thu’ sich der Herr Lehrer doch hersetzen zum Tisch.
Jetzt wird er halt schon thun müssen, wie daheim und ein Bauernessen
nit verschmähen. -- Was hat denn der Vater? -- -- Jesus Maria, was hat
denn der Vater?!“

Unser Hausvater hatte sich in den Winkel gelehnt. Matt röchelte es in
seiner Brust.

Was soll ich dir sagen, Alfred? -- Nach wenigen Minuten ist’s vorbei
gewesen.

Das war gestern, als am 14. August.

[Illustration]



    Am vierunddreißigsten Sonntage.


Welch eine Wucht von Drangsal und Trübsal in diesem Hause! -- Mit einem
Schlag bin ich in den Mittelpunkt versetzt, als wäre ich Hausvater und
Bruder. Alle stützen sich auf mich und weinen. Alle schauen zu mir um
Rat, was jetzt zu thun sei. Aus welch frevelhaftem Grunde bin ich in
dieses Haus gekommen und welch ernste Menschenpflichten haben meiner
hier gewartet? Wenn die heilige Last dieses Standes und das Erbarmen
mit den Duldern mich nicht einigermaßen geläutert hätten, wie wäre
ich diesen Tagen gewachsen! Hier der tote Vater, hier die gefallene
Tochter, hier der von unheimlichen Leidenschaften bethörte Krüppel,
hier der Soldatenflüchtling -- und über allem der wirtschaftliche
Zusammenbruch des Hauses!

In der Nacht, da ich verwirrt und ratlos auf meiner Truhe saß, kam
mir ein Gedanke, für den ich mich hätte peitschen mögen wie einen
feigen Hund. -- Was hält dich denn fest in diesem Jammerhause? Nimm
den Stecken und geh davon. Im Vordergai brauchen die Bauern jetzt auch
Leute. -- Teufelseinflüsterung, verfluchte! Wer denkt noch an die
thörichte Wette! Mein Platz ist hier und nirgends als hier. Das will
ich doch mal sehen, ob aus dem Haderlumpen, der ich war, ein treuer
Mensch werden kann, oder nicht!

Nur dir muß ich schreiben dürfen, Alfred, nur du darfst mir dein gutes
Wort nicht versagen. Dann will ich’s versuchen zu leisten, was jetzt
von mir verlangt wird. Und nun höre die weiteren Berichte aus dem
Adamshaus.

Als bei jenem Mittagsmahle der Adam gestorben war, da habe ich es
zunächst nicht glauben können. Derselbe Mensch, mit dem ich eine
Stunde vorher gearbeitet hatte oben bei der Brunnenquelle, der zu
mir noch gesprochen hatte, wie ein Mensch zum andern spricht -- der
lehnt jetzt da im Wandwinkel, wird blaß, wird kalt und starr. Wie wir
seinen Namen auch rufen, sein Gesicht begießen mit kaltem Wasser,
seinen Leib schütteln und rütteln -- das Auge ist gebrochen. Als ob ihn
gewisse Mittel noch retten könnten, so thut die Hausmutter. Sie ruft
die Heiligen an, sie trifft Anordnungen zum Laben und Aufwecken, sie
spricht ihm zärtliche Worte zu, sie macht Gelöbnisse, sie betet den
Sterbesegen. -- „Aber Vater, was ist denn das? So krank werden jetzt
auf einmal! Wart’ nur, der kalte Guß, der schreckt dich schon wieder
zurück. Das ist doch ein Unsinn, wie es dich wieder packt. Keinen
solchen Dampf hast wohl schon lang nit gehabt. Unsere liebe Frau wird’s
noch einmal machen. Nur einmal noch hilf ihm, liebeste Mutter Gottes!
Am heiligen Christtag und Ostertag will ich fasten dir zu Ehr. Keine
Nacht länger als fünf Stunden will ich schlafen -- nur einmal weck’ ihn
noch auf, Maria, unsere liebe Frau!“ --

Kein Atemzug mehr, sein verkalktes Aug’ starrt leer dahin. Da sinkt
das Weib aufs Knie: „Kreuzsterbender Jesu, erbarme dich seiner!“ Und
schreit: „Adam! Adam! Ohne Behütgottnehmen gehst du mir fort? -- Mein
Mann, mein lieber Mann! -- Adam!“ -- -- Dann knickt sie zusammen: „’s
ist aus und ’s ist vorbei.“

Und wie das Klagen angeht in der Stube, richtet sich die Hausmutter
auf und schreit: „Still sein thut’s! Daß wir noch ein zweites Unglück
kunnten haben!“

Der Franzel, der die Barbel hätte rufen sollen, war immer noch an der
Thür gestanden. Jetzt ging die Mutter zu ihr hinaus. „Hast recht,“
sagte sie zum Mädel, „hast schon recht, daß du in deinem Stübel
bleibst. Bei uns in der Stuben hat’s wieder einmal was gegeben. Der
Vater will nit. -- Mach’ dir aber nichts draus, er wird schon wollen,
du kennst ihn ja. Bis der Sturm vorbei ist. Den Dampf hat er auch
wieder. Ist nur am gescheitesten, du zeigst dich derweil nit auf.“

Eine ganz unglaubliche Verstellung, aber du wirst dir’s denken, weshalb
dem Mädel der plötzliche Schreck zu ersparen war.

Der Lehrer hat dem Adam noch die Weste aufgerissen und sein Ohr an die
Brust gehalten. An die stille Brust.

Ich nehme ihn an der Hand: „Guido, komm, du hast jetzt etwas Anderes
zu thun. Geh’ zu ihr. Führe sie hinaus über die Felder spazieren und
bereite sie langsam vor.“

Da hieb der Lehrer sich die Faust an die Stirn: „Ich bin an allem
Schuld!“

„Jetzt heißt’s ein starker Mensch sein! Ich sage dir, geh’ zu ihr
hinaus. Nötiger wie jetzt hat sie deinen Beistand wohl ihr Lebtag
nimmer!“

Da ist er hinausgegangen, da sind sie beide über den Hof gegangen und
dem Rain entlang.

Wir haben den Toten auf der Bank ausgestreckt und dann in größter
Betrübnis Rat gehalten, was jetzt zu geschehen hat. Der Franzel
wird um die alte Marenzel geschickt, daß sie die Leiche wasche,
in den Sonntagsstaat bringe und aufbahre. Der Kleine eilt flink
wegshin. Das ist einer, der es noch nicht erfahren hat, daß jemand,
der gestorben ist, nimmer und nimmermehr vorhanden sein wird. Der
Rocherl muß den Stecken in die Hand nehmen zu einer Wanderung nach
Kailing, um die Depesche aufzugeben an den Valentin in Laibach und
Sachen für die Leichenfeier heimzubringen. Ich bin nach Hoisendorf
hinabgegangen, um beim Kuraten und dem Totengräber die Bestattung
zu bestellen. Überall errege ich mit meiner Nachricht die höchste
Bestürzung; nur der Kurat hat’s gelassen angehört, wie eine alltägliche
Sache. Er ist es ja gewohnt, das Sterben -- bei anderen. Als es zum
Verscheidenläuten ist, „Schiedungläuten“ sagen sie hier, fehlt der
Lehrer, der solchen Küsterdienst sonst zu verrichten pflegt. Daß,
und wo der auf Freiersfüßen aus ist, habe ich nicht sagen mögen. Der
Lehrling vom Schmied und ich haben uns an die Glockenstricke gemacht,
ich in jeder Hand einen, so haben wir es ins Hochthal hinausgeläutet:
Beten, beten sollet ihr! Ein Mitbruder ist verschieden! -- Das hat mir
der Schmiedjunge gleich erklärt: wenn’s ein Mannsbild ist, müsse zum
Schluß die große Glocke einige Züge lang nachgeläutet werden, bei einem
Weibsbild die kleine. Damit sie es wissen. -- Dann mit dem Totengräber,
das war schlimm. Denn es ist keiner. Man muß von Haus zu Haus gehen und
bitten um Knechte, die -- es ist dafür eine Formel vorhanden -- „aus
christlicher Barmherzigkeit den abgerufenen Pfarrgenossen N. N. ein
Erdenbett bereiten zur ewigen Ruh.“ -- Sind uns nachher drei Knechte
zusammengekommen; ich habe mitgethan, mein lieber Alfred, und so haben
wir mit Haue und Schaufel meinem Hausvater eine Raststatt gebaut, wie
es keine bessere giebt. Den Sarg macht der Zimmermann Martin, der
gleich gesagt hat, das Maß dazu wolle er an sich selber nehmen, sie
seien hübsch gleich groß gewesen.

Auf dem Heimweg in der Abenddämmerung treffe ich den Rocherl, der schon
von Kailing zurückkommt. Er hat ein Bündel mit Weizenmehl, Preßhefe,
Leichlichtern und ein weißleinenes Decktuch -- „Überthan“ sagen sie --
für den Sarg.

Wie wir so hintereinander den steilen Berg hinaufsteigen, erinnere ich
mich an jenen ersten Tag, als dort unter dem Lärchbaum im Schnee mit
dem Mehlbündel ein erschöpfter Mann gesessen war, aus dem nachher mein
guter Hausvater Adam geworden ist.

„Jetzt wird er’s schon wissen,“ sagte der Rocherl.

„Wie es im Himmel ist, meinst du?“

Der Bursche stutzte und sagte noch einmal: „Jetzt wird er’s schon
wissen, der Valentin.“

-- Ob es nur auch die Barbel schon weiß? denke ich mir. Der Lehrer muß
noch oben sein, weil er nicht unterwegs kommt.

„Wenn er nur Urlaub kriegt?“ warf der Rocherl auf.

„Es ist eine Frage. Haben sie Übungsmärsche, so ist es gar nicht
möglich. Übrigens kommt er wahrscheinlich zu spät, denn übermorgen früh
ist das Begräbnis.“

Dann erzählte der Bursche, daß der Kailinger Kaufmann wohl recht
grob geworden sei, wie er ihm die Sachen hübsch in ein Bündel
zusammengeschnürt hergiebt und hört, daß er heute kein Geld kriegt.

„Die Mutter hat dir doch Geld mitgegeben?“ erinnere ich den Rocherl.

„Ja,“ sagt er, „den Dukaten. Der ihr Bindband ist gewesen, wie sie der
Vater genommen hat. Jetzt ist’s mir unterwegs eingefallen, was nutzt
dem Valentin der Urlaub, wenn er kein Geld hat zum Heimfahren. Und habe
ihm gleich den Dukaten telegraphieren lassen.“

Darauf ich: „Ihr seid nicht klug. Ihr wisset es doch, daß ich immer
bissel ein Geld im Sack habe.“ Dir offen gestanden, viel nicht mehr!
Die aus der Stadt mitgebrachten Kapitalien, vermehrt durch den Erlös
von Uhr und Ring und ander Ding, haben hier einen verdammt schlechten
Zinsfuß. Ihrer fünfundzwanzig Gulden, oder nahe dran, damit hieße es
auslangen bis Neujahr, wenn nicht auf den Baumwipfeln die Vögel sängen:
Sorge nicht für den morgigen Tag.

Es ist dunkel geworden, die Wölklein am Himmel haben noch den Rosensaum
des Abendrotes. Geruhsam ist alles, und wenn der Weg nicht seine tiefen
Löcher und die Bäume nicht ihre gebrochenen Äste hätten, man dächte
nicht daran, wie wahnsinnig diese stille Natur manchmal werden kann.

Vom toten Vater sprechen wir nicht, doch wendet der Rocherl sich wieder
einmal um und sagt: „Jetzt wirst es doch glauben, Hansel!“

„Was soll ich glauben?“

„Daß dieser Mensch unser Unglück ist.“

Ich habe keine Antwort gegeben.

Endlich kommen wir hinan zum Hause. Das liegt da, eine dunkle Masse,
aus zwei Fenstern leuchtet ein roter Schein. Der Rocherl bleibt stehen.
Ich sage, er solle doch gleich mitkommen zur Mutter und Schwester. Er
bleibt noch immer stehen und jäh hebt er an, heftig zu weinen. -- Er
weiß es wohl. Dort, wo der Fensterschein ist, steht die Bahre. Doch,
wie wir hinkommen, ist im Hause nicht der Totenfrieden, ist vielmehr
ein wirres Durcheinander von Weibern. Der Lehrer kommt zur Thür heraus
uns entgegen und sagt: „Wir haben neues Unheil. So wie +ich+ ist
noch keiner gestraft worden...“

Der Rocherl stürzt wie wahnsinnig ins Haus.

„Was ist schon wieder geschehen?“

Die Barbel....

Weiter kann ich jetzt nicht. Wir wissen zur Stunde noch nicht, ob sie
davonkommt mit dem Leben.

[Illustration]



    Am fünfunddreißigsten Sonntage.


Dein Brief, mein teurer Freund, hat mich gestärkt. Habe Dank dafür. Der
Kompaß deines klaren Geistes giebt mir größere Sicherheit und Kraft zu
dem, was ich muß. Du willst nun noch hören vom armen Mädchen.

Ich schrieb dir vor acht Tagen, wie zur Stunde, als der Vater gestorben
war, der Lehrer sie hinausgeführt hat ins Freie, um sie vorzubereiten.
Zuerst hat er ihr gesagt, daß sie zusammen nun vor Gott und den Eltern
Bräutigam und Braut wären. Dann, daß er ihr Freund sein wolle in jeder
Freude und in jedem Leide, für das Leben lang.

„Aber der Vater will ja noch nicht!“ hatte sie gesagt.

„Ganz gewiß will er,“ beteuerte der Lehrer. „Erregt mag er ja gewesen
sein, anfangs, wer verdenkt ihm das? Wenn er sich auch ungern von dir
trennt. Er muß auch wissen, zu wem du nun einmal gehörst.“

„Das ist ja alles recht,“ sagte sie. „Wenn es mir nur nicht immer
thät’ vorkommen, mein Guido, als hättest du nur notigerweis um mich
angehalten.“

„Wie meinst du das?“

„Ob’s dir wohl auch von Herzen geht!“

„Solche Gedanken sollst sein lassen, Barbel. Du weißt es ja, was ich
gesagt habe.“

Und dann sind sie lange umhergegangen über die Felder und Wiesen hin,
wo jetzt so viel Schutt liegt. Und haben allerlei besprochen, wie sie
es halten wollten in ihrem gemeinsamen Leben, und einrichten in ihrer
neuen Wirtschaft. Und das Mädel war dabei ganz froh geworden. Dann war
sie einmal still gestanden und hatte gefragt: „Was läuten sie denn zu
Hoisendorf?“

„Morgen ist Maria Himmelfahrtstag,“ sagte er.

„Es ist ja noch nit Feierabendzeit,“ meinte sie.

Und er: „Vielleicht hat doch schon jemand Feierabend gemacht.“

Da dachte sie: Es kann wohl wer gestorben sein. Zog mit dem Daumen über
ihr weißes Gesicht ein Kreuz und betete still ein Vaterunser. Da dachte
der Lehrer: Armes, gutes Kind, du betest für deinen Vater und weißt es
nicht. --

Dann sagte sie: „Du solltest ja daheim sein, Guido, wenn es zum Läuten
ist.“

„Es läutet der Schmied.“

„Man hat nichts gehört, daß wer krank gewesen wäre.“

Sagte der Lehrer: „Mein Gott, es giebt doch kränkliche Leute in der
Gegend. Der alte Gleimer zum Beispiel. Der hat ja immer so viel
Atemnot, hört man, und herzleidend soll er auch sein. Der Mensch ist
halt keine Stunde sicher.“

„Müßt’ wohl hart sein,“ sagte sie ganz leise, „so wen verlieren, wen
lieben....“

„Du hast recht, es ist immer ein Schmerz, wen’s trifft. Aber endlich
bleibt es keinem aus, und doch ist’s noch besser, es drücken Kinder den
Eltern die Augen zu, als umgekehrt.“

Wie er so gesprochen, da hat die Barbel angefangen unruhig zu werden.
Und plötzlich sagte sie: „Ich will aber doch jetzt heimgehen.“

„Es ist noch Zeit, mein Schatz. Gönne dir den schönen Tag.“ Er hielt
sie an der Hand. „Siehe doch, wie es schon wieder zu grünen anhebt auf
dem zerschlagenen Rasen.“

„Laß mich aus, Guido! Ich will heim zum Vater!“

So hat sie sich von ihm losgerissen und ist schnell den Rain entlang
geeilt, daß er laufen mußte, um sie noch abzufangen an der Hausthür.

„Barbel, ich will dir was sagen, du sollst jetzt nicht hinein. Denke,
wofür du verantwortlich bist. Denke dran, Barbel. Laß dir’s nur sagen.
Dein Vater -- er ist schwer krank geworden....“

Heftig stieß sie ihn zurück und eilte in die Stube. Da hat man auch
schon den gellenden Schrei gehört. Über den Toten ist sie hingefallen,
hat ihn gerüttelt, hat ihm wie wahnsinnig ins fahle Antlitz geschrien,
daß er soll’ aufwachen und sie ansehen! -- Und als sie endlich zur
Überzeugung kam, wie die Sache stand, da ist sie in eine starre Ruhe
verfallen, daß es unheimlich war. Sprachlos, thränenlos wankte sie
ihrer Kammer zu. -- -- Als man später das Stöhnen gehört hat, ahnte die
Hausmutter es bald, was vorging. Die alte Marenzel, die gekommen war,
den Toten aufzubahren, hatte nun etwas anderes zu thun. -- Als wir, der
Rocherl und ich, am Abende heimkamen, lagen zwei des Adamshauses auf
der Bahre -- der älteste und der jüngste.

So, mein Alfred, hat es sich zugetragen. Und war eine solche Trauer im
Hause, daß ich gemeint habe: Wenn nur wer schelten wollte! Wenn nur wer
hadern wollte mit diesem niederträchtigen Geschick, daß ein frischer
Zorn, eine Gemütsrevolution ausbreche, damit doch diese dumpfe, diese
schreckliche Trauer unterbrochen werde. Alle, auch die sonst so scharfe
Hausmutter, standen und gingen matt und traumhaft umher. In der Nacht
aber war’s, daß die Barbel in ihrem Bette anhub zu fragen: „Ja, ihr
Leute, wie ist denn alles das zugegangen?“ Und am Frühmorgen hat sie
gefragt: „Wie ist denn das gewesen, daß mein Vater gestorben ist?“

Weil keines mit der Sprache herauswollte, so trat ich vor, ging
entschlossen in ihr Stüblein und begann herzhaft zu erzählen.

„Barbel,“ sage ich, „es ist ein glücklicher Tod gewesen. Wie er hört,
daß der Lehrer redlich um deine Hand bittet, da hebt er beide Arme
auf wie zum Segen und ruft: Soll’s doch sein, daß mein liebes Kind
glücklich wird! Gott Lob und Dank! -- Darauf an die Wand hingesunken
und -- aus ist’s gewesen.“

„Und herb wär’ er nit gewesen?“ fragt sie, „herb nit?“

„Freilich wohl herb, anfangs weil der Lehrer so spät gekommen ist --
wohl rechtschaffen spät.“

Darauf hat sie nichts mehr gesagt. Nur später leise mit sich selbst
gesprochen: „Wenn es so ist gewesen! Wenn es so ist gewesen!“ Und hat
in sich hineingeweint, aber ganz anders, als vorher.

Von dieser Lüge, Alfred, mußt du mich lossprechen. Die wohlgemeinte
Unwahrheit, die ein Herz vom Fegefeuer erlöst, kann doch nicht unrecht
sein? -- Aber jetzt in den Nächten, wenn ich schlaflos bin, sieht’s
anders aus. Es ist ja furchtbar frevelhaft, ein Kind über das Sterben
des Vaters zu täuschen! Hat nicht sie den Jammer über die Familie
gebracht? Soll sie nicht die ganze Wucht ihres schweren Fehlers büßen?
-- Ich bitte dich, Freund, sage +nein+. Sage, du treuer Forscher
nach dem Guten und Wahren, sage, daß es erlaubt ist zu täuschen, wenn
man damit was Gutes stiften kann. Sage nicht auch das abscheuliche
Wort: Wahrheit über alles, auch wenn darunter Menschenglück und
Menschenherzen zu Grunde gehen. Ich beschwöre dich, Philosoph, laß alle
Philosophie so sein, daß dieses Erdenleben milde wird und warm. Wenn es
auch dunkel ist, wenn es nur reich an Liebe ist. Schau, das arme Mädel
lächelt heute unter seligen Thränen. Die rohe Wahrheit hätte sie auf
ihr Lebtag lang in Gram und Weh gestürzt.

Am nächsten Sonntage werde ich berichten, was sich in diesen Tagen
weiter ereignet hat.

[Illustration]



    Am sechsunddreißigsten Sonntage.


An der Oberfläche scheint es, als kümmerten sich in der Bauernschaft
die Leute nicht viel umeinander. Kommt jedoch über ein Haus etwas
Besonderes, dann steht überall die menschliche Teilnahme auf, dann sind
sie +eines+ Stammes, die grünen und die dürren Zweige.

In den zwei Nächten, als unser Hausvater auf der langen Bank lag,
konnte die große Stube kaum alle Anwesenden fassen, die gekommen
waren, um zu trösten und zu beten. Etliche Bauernweiber hatten Butter,
Weißbrot und gedörrte Waldkirschen gebracht, damit die Adamshauserin
Mittel habe, ein würdiges Totenmahl zu bereiten. Ich beschreibe dir
nicht die Sterbe- und Begräbnisgebräuche, deren im großen und kleinen
unzählige sind, sinnlos nur für den, der keinen Sinn herauszufinden
oder keinen hineinzulegen weiß. Denke dir bloß, daß während der Tage,
als ein Toter im Hause liegt, keine knechtliche Arbeit verrichtet
werden darf, daß die Wanduhr still stehen muß, daß das Sprengreisig,
mit dem die Leute Weihwasser auf die Leiche spritzen, in einer
dreifachen Kreuzform gewachsen sein soll, daß das Bettstroh im
Freien verbrannt wird, auf welchem der Verstorbene in seiner letzten
Lebensnacht gelegen, und dergleichen mehr. Der Gehstock des Toten
wird ins Freie getragen und an einen alten Baum gebunden, damit er
nicht allein umherwandeln kann, zu Nachbarshäusern. Wo so ein Stock
an die Thür klopft, dort muß bald wer sterben. Im Trauerhause sind
nächtig die Leute der Nachbarschaft an Tischen und Bänken herum, beten
den Psalter, singen Totenlieder, essen Weißbrot mit Milchrahm und
führen nebenbei allerlei Gespräche. Es soll bei solchen „Leichwachten“
manchmal ganz heiter hergehen, daß junge Leute Kurzweil treiben,
körperliche Übungen ausführen und Schalkereien anstellen, sogar mit der
Leiche nach einem alten Herkommen. Gleichsam -- sie machen sich lustig
über den Tod, er imponiert ihnen nicht. -- In unserem Adamshause war
nichts als die tiefe Gedrücktheit, und die Wirkung der von Männer- und
Weiberstimmen kunstlos gesungenen Totenliedermelodien kann nur gefühlt,
nicht beschrieben werden.

Die Leiche war mit einem weißen Leintuche bedeckt. Manche, die ankamen,
hoben vom Haupte das Tuch, schauten ins lehmfahle Gesicht des Adam und
sagten zu ihm nieder: „Gott gebe dir die ewige Ruh. Sollt’ ich dich
einmal gekränkt haben, thu’ mir’s verzeihen.“

Es mag wohl so sein. Wenn man an der Bahre eines lieben Menschen steht,
so fängt er erst an, einen zu erbarmen, nicht weil er gestorben ist,
sondern weil er gelebt hat. Gelebt und gelitten, manchen schweren
Kummer heimlich und geduldig für sich allein getragen. -- Auch der
Jäger Konrad hatte ihn so angeredet. Die Hausmutter hörte es und machte
mit der Hand einen Deuter, als wollte sie sagen: Du, laß’es gut sein!
Hättest ihm früher das Leid nit gemacht!

Neben der Leiche auf dem Lehnstuhl steht das hölzerne Kruzifix, vom
Hausaltare herabgestellt, daneben ein Wasserglas mit dem Öllichte und
ein Schüsselchen mit Weihwasser und dem Sprengzweige, mit dem sie den
Toten von Zeit zu Zeit besprengen. Zu Füßen dieser langgestreckten
schmalen Leiche, ganz im Wandwinkel, liegt ein kleines Ding, das auch
mit weißem Tüchlein zugedeckt ist. Und das, mein lieber Alfred, ist die
Erbsünde. --

Die Leute thun, als ob sie es nicht sähen und niemand fragt nach der
Barbel.

In der zweiten Nacht wars, daß von der Nachbarschaft zwei Mägde
ankamen, ganz erregt und verstört zur Thür herein. Sie wüßten etwas
Unheimliches zu erzählen. Als sie durch den Schachen hergegangen seien,
hätten sie an der Brunnenquelle neben dem Holzapfelbaum den Adam stehen
gesehen. Er habe sich an einen Spatenstiel gestützt, als ob er gegraben
hätte und dabei müde geworden wäre. Sie wüßten gar nicht, wie sie zum
Hause hergekommen seien vor lauter Schreck.

„Wir wünschen ihm all’ die ewige Ruh,“ sagte ein alter Mann. Da that
sich der Kulmbock hervor, der am Tische saß und rief überlaut: „Nit
so dumm daherreden, Weiberleut’! Das friß ich nit! Was wirds denn ein
Geist gewesen sein! Es giebt gar keinen Geist! Das werd’ ich etwan nit
wissen! Just so!“

Der Kulmbock gehört jetzt zu den Aufgeklärten. Seit er zum Abgeordneten
gewählt worden, stellen sie ihn überall voran, auf den Ehrenplatz
und als Ordner hin. So hat er auch die Leitung des Begräbnisses
übernommen. Allerseits entwickelt er eine große Beredsamkeit, die er
einstweilen nur im Landtage noch nicht hat bethätigen können. Da will
der kluge Mann erst einmal hören, was die anderen sagen. -- Seine
dralle Tochter war auch vorhanden in dieser Nacht; die drängte sich
nicht vor, sondern hielt sich im Herdwinkel auf, mit anderen jungen
Leuten heimlich schäkernd. Als der Rocherl mit Brotlaib und Messer
dorthin kam und die munteren Burschen einlud, zuzugreifen, sagte die
Kulmbock-Tochter schelmisch: „O ja, Rocherl, ich mag schon eins von
dir, ein Brot. Schneid’ mir nur eins, aber ein recht großes Trumm.“

„Das wär’ bei dem eine Kunst,“ spottete einer der Burschen. „Mit
+einem+ Maul Brot essen, das wird er wohl können; aber mit
+einer+ Hand abschneiden, schwerlich.“

Darauf entgegnete der Rocherl scharf: „Und du thätest auch mit dem
einen Maul nit stänkern, mein Lieber, wenn ich zwei gesunde Händ hätt!“

„Geht’s weg!“ schmollte die Kulmbock-Tochter, die Anderen mit dem
Ellbogen von sich tauchend, „ich laß’ über den Rocherl nichts kommen!“

„Sie meint halt, halsen kann ein Einhandel auch!“ gab jener Bursche
zurück.

Der Rocherl biß die Zähne aneinander, steckte das Messer tief in den
Brotlaib und ging zur Thür hinaus. Ich hatte den kleinen Vorgang so
halbhin beobachtet und da ist mir wieder das ganze Elend des armen
Jungen klar geworden. Jeder Wichtling kann ihn nach Belieben verhöhnen,
es geschieht ungestraft. Aber sie sollen sich nicht spaßen mit ihm. Wer
ihn nur erst kennt! -- Mit +einer+ Hand führt man gefährlichere
Waffen, als mit deren zwei!

Jetzt kommt aber noch etwas. Gegen Mitternacht war’s, wir knieten
alle gerade an den Tischen, deren in der Stube mehrere aufgerichtet
worden waren, und beteten, als unten an der Thür eine Bewegung
entstand. Kurze Ausrufe. Dann gedämpftes Sprechen und Schluchzen. Aus
der Dunkelheit trat eine Gestalt hervor, wie der Adam. Aber strammer,
jugendlich, in Mütze und Soldatenmantel. Der Valentin! Der Urlauber! --
Ein junger Mensch mit breitknochigem Gesicht und eingefallenen Wangen.
Er giebt Jedem und Jeder die Hand, auch der Mutter nicht anders, als
den Übrigen, und blickt unruhig, verwirrt um sich und tritt langsam,
zögernd gegen die Bahre hin. Ein Weib deckt des Toten Gesicht auf und
sagt leise: „Gelt! Ganz unverändert. Als wie wenn er thät schlafen. --
Er thut gut rasten.“

Der Valentin kniet mit beiden Knien schwerfällig nieder auf das Fletz,
faltet die Hände mit verschlungenen Fingern aneinander und starrt
unverwandt auf den Toten. -- Dann steht er auf, taumelt gegen den
Uhrkasten hin, wo der Sarg lehnt, der fichtenhölzerne, unangestrichene,
und an dem Beben und Stoßen seines Körpers sieht man’s, wie es in ihm
wütet.

Wir in den Städten kennen sie nicht, die Schamhaftigkeit des Schmerzes.
So wenig, wie wir die Schamhaftigkeit der Freude kennen und die
Schamhaftigkeit der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Der aus der
Fremde kommende Sohn küßt nicht die Mutter, berührt die Leiche seines
Vaters nicht mit einer Fingerspitze; nicht ein Wort der Zärtlichkeit,
der Klage habe ich gehört von seinen Lippen -- draußen im dunklen
Vorhause erst hat er aufgegröhlt wie ein verwundeter Hirsch.

Später, als der Valentin neben seinem Bruder an der offenen Hausthür
steht, herzschwül und wortkarg, und als sie so hinausschauen in die
Mondnacht, da deutet der Rocherl auf eine Gestalt, die am Brunnen
sitzt, und sagt: „Siehst du ihn, Valentin? Dort am Wassertrog. Das ist
der Unglückstifter!“

Da tritt die Mutter vom Herd, wo bei prasselndem Feuer das Mahl kocht,
zur Thür hin, und der Valentin solle sich doch hinsetzen und was essen.

Der Soldat schüttelt den Kopf, essen könne er nichts.

Sie stellen sich zusammen im Vorhause und die Mutter erzählt dem
Heimgekehrten, wie sich alles zugetragen. Als sie von dem Menschen
spricht, durch den die Barbel ins Unglück gekommen, soll Valentins Hand
nach dem Stilet gezuckt haben.

„Jetzt nimmt er sie aber,“ sagt die Mutter.

Und der Soldat: „Das ist sein Glück.“

„Das ist sein Glück, meinst du?“ begehrt der Rocherl auf. „Und damit
glaubst du, wär’ es gut?“

„Mehr kann er nit thun.“

„Du, Valentin,“ sagt der Rocherl, gleichsam in Krämpfen sagt er es:
„Ich kann mit der einzigen Hand nichts machen, sonst -- sonst hätt’ ich
nicht auf dich gewartet. Jetzt wirst +du+ mit ihm abrechnen.“

„Mit wem? Mit dem Lehrer? Wenn er sie ja heiratet!“

„Und ihr Ruf? -- Und ihr Ruf?“

„Warum bist du so auf, Bruder Rocherl? Ein Malheur, das Jedem passieren
kann.“

„So sagst du?!“ ruft der Rocherl ganz betroffen aus. „So schlecht bist
du geworden?!“

Da giebt der Soldat zur Antwort: „Mein Lieber, du sollst es erst
wissen, wie es in der Welt zugeht!“

Dieses Gespräch ist zwischen den beiden Brüdern geführt worden, vor der
Hausthür im Mondscheine. Dann wollte Valentin die Schwester sehen.

„Jetzt schläft sie,“ sprach die Mutter. „Laß sie rasten. Sie hat viel
gelitten.“

„Weiß nit, ob es lange Zeit hat mit mir,“ sagte der Soldat. Dann kam er
an den Herd. Am Tische rückten sie zusammen, um ihm Platz zu machen. Er
hielt sich jedoch immer im Hintergrunde und so oft die Thür aufging,
wandte er allemal rasch sein Auge dahin.

Jetzt trat ich zu ihm hin und stellte mich als den Knecht Hansel vor.

„Ich weiß es schon,“ versetzt er kurz.

„Wie geht’s beim Regiment? Was macht der Oberst Marx?“

„Kennst du den?“ fragt er.

„Ist mein Hauptmann gewesen.“

„Hast du auch beim Siebenundzwanzigsten gedient?“

„Gehorsamst zu melden.“

Nach diesen Worten will er sich verziehen. Mir fällt an ihm die Unruhe
auf, die sich immer steigert.

„Ging es schwer mit dem Urlaub?“

„Ganz leicht,“ sagt er.

„Auf wie lange?“

„Auf unbestimmte Zeit.“

„So, so!“ sage ich, „das wundert mich.“ Und wie noch eine Frage an ihn
gestellt wird, wendet er sich rasch und geht zur Thür hinaus.



    Am siebenunddreißigsten Sonntage.


An diesem Briefe schreibe ich schon seit Wochen. Du willst ja, daß
ich dir alles genau erzähle. Wie kann man das nur, wenn so vielerlei
auf einmal vorfällt und wenn es so viel anderes zu denken und zu thun
giebt, als eine Geschichte aufzuschreiben, die sich freilich immer
wiederholt auf der Welt, die aber dem, der sie gerade erleben muß,
furchtbar neu und verwunderlich ist.

Beim Valentin blieb ich stehen, er aber nicht bei mir. Da bin ich ihm
so lange nachgegangen, bis er mir in der Strohschaubkammer nicht mehr
entschlüpfen konnte. Er kauerte auf dem Schaub und preßte sein Gesicht
ins Stroh.

„Valentin,“ redete ich ihn an. „Zu deinem Hause stehe ich so, daß auch
zwischen dir und mir Vertrauen sein darf. Gestehe mir’s ganz offen, du
bist desertiert!“

Er leugnete es nicht ab und gestand es nicht ein.

„Hab’ ihn eh gebeten, den Hauptmann, um Urlaub auf vier Tag, wie die
Nachricht gekommen ist. Wenn jeder Urlaub hätt’, wo zu Haus eins von
der Sippe stirbt, hat er Antwort gethan, alsdann hätten wir das halbe
Regiment bei den Klageweibern!“

„Und dann bist du heimlich davon?“

„Ich gehe ja morgen, wenn’s vorbei ist, gleich wieder zurück.“

„Valentin,“ sage ich, „den Vater hast du noch einmal gesehen. Wir
werden ihn gut betten. Geh’ lieber sogleich.“

Den Kopf hat er geschüttelt: Sogleich, das wolle er nicht.

Der Unglücksmensch ist geblieben, aber keiner von allen, die dem
Totenbegängnisse beigewohnt, hat’s glaube ich geahnt, daß ein Deserteur
danebenstand, als sie den starren Adam vom Laden hoben und auf die
knisternden Hobelspäne in die Truhe legten. Während die Leute noch
an den Tischen saßen und unter gedämpftem Geplauder das Totenmahl
verzehrten, nagelte der Zimmermann den Deckel auf. Verdammt, war das
eine Musik, dieses Hämmern auf den Sarg! Die Hausmutter hatte alle
Thüren und Fenster zugemacht, daß die Barbel in ihrer Kammer den Schall
nicht sollte hören können.

Dann haben sie den Schrein hinausgetragen und niedergestellt auf der
Thürschwelle, haben das Lied gesungen, in welchem der Scheidende
Abschied nimmt von Weib und Kind, von Haus und Hof. In dem Augenblicke
hub in der Scheune, die gegenüber der Kammer des Mädels steht, die
Kornwindmühle an zu klappern, heftig und schmetternd. Die Leute
schauten mit Entrüstung auf. Der Kulmbock war über diese Störung
der Andacht sehr empört, aber ich muß dir mit Freuden mitteilen von
einem erweckten Menschen. Von dem Saufüssel -- wieder gesund ist er
worden! Und gerettet! Der hatte bei jenem Osterfeuer den Rocherl in
die Glut bringen wollen. Der hatte vor Barbels Fenster den Spottpopanz
aufgerichtet. Und jetzt war es dieser Saufüsselbub, der die Windmühle
trieb und Späne hineingesteckt hatte, damit sie doch recht mächtig
klappern möchte. Angestiftet soll ihn seine Mutter, die Marenzel haben:
„Gedenk’s Bub, wie dir’s die Barbel gemeint hat, wie sie dich aus dem
Rainhäusel hat befreit, wie sie in deiner Krankheit gut mit dir gewesen
ist! Ich habe den Kulmbock schon gebeten, er möcht’ das harte Lied sein
lassen vor der Thür. Er thut’s nit, der Dickschädel. Jetzt geh’, Bub’,
und laß’ die Windmühl bredeln, daß alles schnalzt, damit die Kranke
in der Kammer das Totensingen nit kann hören.“ -- Der Totenbrauch
war gestört, aber dem Mädel war der herzbrecherische Abschiedsgesang
erspart geblieben. Mich freut jetzt dieser Saufüsselbub mehr, als alle
sinnigen Totensitten zusammen. Die Barbel hat’s vollbracht, hat aus
diesen zwei Leuten -- Menschen gemacht.

Wer da halbwild wie ein Verbannter ums Haus schlich, sich dazugehörig
fühlte und doch nicht dazugehen durfte, das war Guido Winter. Außer dem
unversöhnlichen Rocherl sagte es ihm Keiner, daß er allein die Schuld
an diesen Ereignissen sei, er selbst sagte es sich aber ununterbrochen,
erbarmungslos. Nun wollte die Barbel wissen, wo der Guido sei, er solle
zu ihr hineinkommen. Und dieses wunderbare Wesen -- während sie den
Vater davontrugen, während sie ihre Jugend, ihre Unschuld, ihr zartes
Glück davontrugen, hat sie ihm mit lieben, sanften Worten Mut und Trost
zugesprochen. Wenn man in diesen Schickungen sagen könne, jemand sei
Schuld, so sei es sie. Sie hätte die Gescheitere sein sollen, denn er
habe nicht gewußt, was er thue, nachdem, wie es einmal im Menschen
eingerichtet sei vom lieben Gott. Die Hoffnung habe sie wohl immer
gehabt, daß er sie nicht verlassen werde in der harten Zeit und wenn
er so wäre, wie man es manchmal von anderen höre, dann erst müßte man
verzagen. Das größte Leid hatten sie nun wohl überwunden, ein so
großes komme nicht mehr, und wenn’s auch in Armut und Kümmernis müsse
sein, alles sei ihr recht, nur ein wenig liebhaben solle er sie.

So hat sie zu ihm gesprochen und so hat er mir’s erzählt. Und mitten
in diesen heiligen Dingen fällt es mir ein, ganz abscheulich profan:
Jetzt, wenn sie nur schon da wären, die zwanzigtausend Kronen! Jetzt
wollte ich einmal Goldonkel spielen, daß schon all’ des Teufels wäre!

Freund, wie sie so tapfer stand -- es war dir ein wahres ~sursum
corda~! Ein urplötzliches Herzerheben in diesen Tagen der Trauer. --

Nun also haben wir sechs Männer ihn hinabgetragen über den steinigen
Weg. Mit Riemen war die Truhe auf dem Tragschragen festgebunden, und
doch wollte sie rutschend werden, weil der Schragen so schief getragen
werden mußte, den steilen Hang hinab. Hinter diesem Sarge ist ein
junger Bursche gegangen, mit roten Bändern am Hut und am Arm, ganz
hochzeitlich angethan. Der hat vor sich auf den Armen, wie man ein Kind
trägt, das winzige Trühlein getragen, das mit schneeweißer Leinwand
verhüllt war. Den Rocherl hatten sie anfangs auserlesen, das sonderbare
Schatzkästlein auf den Kirchhof zu tragen, der aber hat über diese
Zumutung einen grauenhaften Schrei gethan und ist in den Wald gelaufen,
so daß wir ihn beim Begräbnisse gar nicht gesehen haben. Hinter dem
hochzeitlichen Burschen siffelte die alte Marenzel drein, in der einen
dürren Hand den Stock, in der andern die Stalllterne. In der Laterne
Scheiben spiegelte sich so scharf die Morgensonne, daß das Kerzenlicht
darin erst wieder sichtbar ward in der schattigen Hohlschlucht.
Und dann folgten die vielen Beter und Beterinnen, von jedem Hause
mindestens eins, im ganzen Almgai. Die Hausmutter in ihrem dunkelblauen
Gewande, der Valentin in seinem Soldatenmantel und der kleine Franzel
in seinem grünverbrämten Steirerröcklein, waren mitten drinnen und
thaten wie alle anderen. Weil die Trauer eine allgemeine geworden, so
trugen sie scheinbar nicht schwerer, als die übrigen. Der Kulmbock
soll sonst bei derlei Vorbeter gewesen sein, jetzt als Abgeordneter
und Ordner hatte er mehr ans Reden zu denken, als ans Beten. So hat
der Schneider Setznagel einspringen müssen mit seinem singenden
Stimmlein. Ganz hinten am Zug trippelte der Michelmensch nach, der
doppelte. Die zwei alten Einlegerleutchen kommen stets herfür, wenn
es wo ein Totenschmäuslein giebt und haben sicher schon mehr Leute zu
Grabe geleitet, als ihrer noch lebendig umsteigen auf diesen steinigen
Bergen. Und zu allerhinterst lief einer nach, den sie wiederholt
zurückjagten und der immer wieder nachkam, um seinem Hausvater das
letzte Geleite zu geben. Der Pudel Bismarck. Als er jedoch endgültig
merkte, daß seine Teilnahme durchaus nicht beliebt ward, schlich er
mit eingezogenem Schweife zurück zum Adamshaus, stand dort vor der
stillgewordenen Thür und weinte laut.

Eine alte Nachbarin war daheim geblieben bei der Barbel und soll ihr
aus einem Gebetbuche den „Kreuzweg unseres Herrn und Erlösers Jesu
Christi“ vorgesprochen haben. Ob das Herz des armen Mädels auf diesem
Kreuzwege war, oder auf seinem eigenen ging --?

Als wir in die Kirche kamen, vor deren Thor die Leiche abgesetzt worden
war, lagen auf dem Altare als Trauerschmuck vom Beinhause her schon
die grinsenden Totenschädel; wer weiß, ob es nicht gerade die Voreltern
des Adam waren, die jetzt Ehrenwache hielten bei dem Traueramte. Die
Bänke waren voll Beter, wovon jeder ein Kerzenlicht vor sich stehen
hatte. Der Valentin stand ganz hinten im dunklen Turmgewölbe und
schaute auf das Kirchenthor hin, so oft es aufging.

Nach dem Amte haben wir den Adam an sein Grab getragen. Als wir ihn
mit zwei langen Riemen hinabrollen ließen, so daß der Sarg an der
knolligen Erdwand ein wenig dröhnte, da habe ich wohl doch horchen
müssen, ob denn niemand aufschluchzt. Die Glocken waren hell geworden,
der Geistliche betete sein Requiem und der Knabe schwang das Rauchfaß,
daß die blauen Wölklein aufstiegen in den Flieder des Raines. Die
Hausmutter ist dagestanden bewegungslos wie eine Säule und hat
unverwandt zum Christuskreuze hingeschaut. -- Der Lehrer, so muß ich
denken, wenn er nur jetzt bei +ihr+ ist....

Dann lehne ich die Leiter ins Grab und steige hinein, um den Sarg
zurecht zu rücken, daß mein Adam gut rasten kann. Hernach hebt der
hochzeitliche Bursche sein Trühlein herab, und wie ich das anfassen
will, um es neben dem Sarge des Vaters zu betten, unterbricht der Kurat
sein Gebet und fragt: „Es hat wohl die Taufe empfangen?“

„Mein Gott, freilich,“ berichtet die Marenzel.

„Natürlich, als es noch lebendig war?“ fragt er.

„Hochwürden Herr, lebendig ist es gar nie gewesen. Heißt das, es ist
schon so auf die Welt gekommen.“

„Dann gehört es nicht hierher,“ sagte der Kurat und sein sonst
gutmütiges Gesicht nahm einen peinlichen Ausdruck an. „Draußen vor der
Hecke ist der Anger. Ich will es gerne segnen, nur solltet ihr wissen,
daß die Erbsünde, die nicht durch die heilige Taufe gelöscht ist, in
geweihter Erde nichts zu suchen hat. Und in diesem Falle schon gar
nicht, leider Gottes!“

Als die Leute verstanden, der Kurat wolle das kleine Kindlein
ausweisen, entstand ein Aufruhr. Der Lehrer, der beim ganzen
Begräbnisse nicht zu sehen gewesen, jetzt war er auf einmal da. Dem
Burschen nahm er das Trühlein aus der Hand und sagte ziemlich laut: „Es
ist mein. Ich will es im Garten begraben und darüber eine Tafel setzen:
Hier ruht eine Erbsünde, die nicht durch Christi Blut erlöst worden
ist.“

Na du, da ist’s mir merkwürdig kalt über den Rücken gelaufen, wie
er das gesagt hat. Die Leute halten ihren Atem ein. Was wird jetzt
geschehen? -- Der Kurat schaut wehmütig drein, schüttelt den Kopf und
sagt dann zum Burschen: „Thue es hinab.“

Und nichts weiter.

Wir haben es zu Füßen des Großvaters gestellt und dann Erdsegen darauf
geworfen mit der Schaufel.

Wie das vorbei ist, drängt sich zwischen den Leuten, mit dem Ellbogen
sachte eine Gasse bohrend, der Gleimerbauer mit seinem Weibe hervor,
sie stellen sich ans Grab und heben an zu singen. Er mit rauh
röchelnder Stimme, sie mit grellem Diskant, in der Melodie gleichmäßig
beide steigend und fallend, als ob es eine einzige Stimme wäre, aber
geteilt in einen dicken Strick und einen dünnen Faden. Stadtleute,
wenn ihrer dagewesen wären, würden sich die Zunge wund gebissen, oder
ganz ungezogen aufgebrüllt haben. Mir ist nicht ums Lachen gewesen,
dieses schlechte Singen voller Gläubigkeit und Innigkeit ist mir nicht
bloß durch Mark und Bein, ist mir auch ins Herz gegangen. Besonders
als schließlich die ganze Gemeinde mit einstimmte zu einem feierlichen
Trauerchore. Die Melodie, ein getragenes Moll, so war mir, mußte ich
schon gehört haben in längst vergangenen Tagen, vielleicht zur Zeit der
Nibelungen, vielleicht bei einem Odinsfeste unter germanischen Eichen.
Den Text hatte seither das Christentum dazugegeben und die Wehmut
der neue Mensch. Die Worte kann ich dir mitteilen, aber sie haben
keine Seele, wenn diese Töne des zum Himmel gehobenen Weinens, des
heldenhaften Hoffens fehlen.

Am Grabe meines Adams haben sie seiner Seele also nachgesungen.

    „Fahr hin, o Seel, zu deinem Gott,
    Der dich aus nichts gestaltet,
    Der dich erlöst durch seinen Tod,
    Den Himmel offen haltet.
    Fahr hin zu dem, der in der Tauf’
    Die Unschuld dir gegeben,
    Er nehme dich barmherzig auf
    In jenes bessere Leben.“ --

Und zum Abschiede:

    „Wenn durch des letzten Tages Flamm’
    Die Welt zu Grund’ wird gehen,
    So bitte Gott, daß wir beisamm’
    Zu seiner Rechten stehen.“

Kannst du dir vorstellen, daß diese Menschen, die unsere Zeitgenossen
des ~fin de siècle~ sind, fest an die Auferstehung von den Toten
glauben? Was sage ich, glauben! Überzeugt sind sie davon. Durchaus
selbstverständlich ist es ihnen, so sicher und natürlich, wie daß auf
die Nacht der Tag folgt. So über alles Wort sicher ist es ihnen, daß
die Toten, die sie auf ihrem Friedhofe bestatten, und sie selbst mit
ihnen, am jüngsten Tage, von der Engel Posaunenruf geweckt, auferstehen
werden. Auferstehen mit ihrem irdischen Leibe und in dem Gewande, mit
dem sie ins Grab gelegt worden, aus der Erde hervorsteigen, lebendig,
die alte Seele mit demselben verjüngten Körper vereint zum ewigen
Leben. -- Und sie, die das alles wissen, sind es doch selber, die nach
so und so viel Jahren die alten Gräber öffnen, die Gebeine zerstreuen,
der Natur unmittelbar zuschauen bei ihrem gründlichen Zerstören,
Umwandeln und Erneuern. -- Sie setzen zu den bekannten Naturkräften nur
noch die Allmacht und sind im Reinen.

Ist das nicht schauerlich groß? Hat die Phantasie, geschweige die
Vernunft, für unser lebendurstiges Herz je etwas ähnlich Aufrichtendes
geschaffen? Darum hörst du sie auch nicht in Verzweiflung schreien
an ihren dunklen Gräbern, siehst sie nicht unter der Überwucht des
Schmerzes ohnmächtig zusammensinken, die Hinterbliebenen. Nach einer
kleinen Weile ist ja das Wiedersehn, das bessere Leben da. -- „Vom
Baume kam der Tod, vom Kreuze das Leben.“ Dieser Spruch steht über dem
Eingange des Kirchhofes zu Hoisendorf. --

Übrigens hatte ich nicht lange Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen.
Schon während des Schaufelns fiel mir auf, daß zwischen den Hecken des
Kirchhofszaunes etwas funkelte. Ein ganz unheimliches Funkeln. Mein
Valentin steht unter dem Flieder und schaut hinab in die Grube, die
sich über dem weißen Sarge immer mehr mit Erde füllt.

Nach der Bestattung stieg der Kulmbock auf einen Betschemel, erhob die
Stimme und hielt folgende Anrede:

„Dieweil wir jetzo unsern christlichen Mitbruder zur Erden gebracht
haben, sage ich im Namen seiner Hinterbliebenen allen Anwesenden ein
Vergelt’sgott, daß sie mitgegangen sind und für die arme Seele gebetet
haben. Und wer Lust hat, laßt die Familie sagen, der soll sich jetzo
zum Kirchenwirt begeben auf ein einfaches Totenmahl, auf daß die Trauer
in Freude verwandelt werde. Gelobt sei Jesus Christus.“

„Reden kann er!“ nickten sich die Leute zu. „Gut kann er reden. Und
heut’ schon gar, daß er so viel schön geredet hat. Eigens was er
zuletzt gesagt hat.“

Ich habe von den Freuden, in welche die Trauer verwandelt werden
sollte, nicht viel wahrgenommen. Wie die Leute sich jetzt verlaufen,
treten zum Kirchhofsthore rasch zwei Gendarmen herein. Der Valentin
sieht sie, stößt einen heiseren Schrei aus, will nach rechts, will nach
links davon, thut’s aber nicht, sondern springt hinab in das noch halb
offene Grab. Tiefer möchte er sich hineinwühlen mit beiden Händen in
die lockere Erde, um den Häschern zu entkommen, die ihn in die Kaserne
schleppen wollen, ins Stockhaus und wer weiß zu was noch Schlimmerem.
Zusammengekauert in der Grube rang er die Hände zu uns herauf: „Erden,
Erden auf mich, daß sie mich nit finden!“ -- Aber sie standen schon
da und begrenzten den Grabrand mit ihren Bajonetten. Der Lehrer und
ich haben keine geringe Mühe gehabt, den wahnwitzigen Burschen aus
dem Grabe herauszubringen. Einer der Gendarmen machte eine schrecklich
wilde Miene und rief: „Na wird’s? Vorwärts jetzt, marsch!“ Aber der
harsche Ton dieses Kommandos mißlang, er fiel zu unsicher, zu biegsam
aus, so daß der Mann sich weiter keine Mühe gab, sondern gutmütig
beisetzte: „Seien sie nicht kindisch, Weiler!“

Er hat sich dann ohne weiteres ergeben. Seine Mutter und der Franzel
sind starr dagestanden vor Schreck.

Sage ich zu den Gendarmen: „Die Herren werden doch etwas Mittag halten
wollen, im Wirtshaus.“

Damit waren sie einverstanden.

Während die Leute das Totenmahl, Brot und Apfelwein, sich munden
ließen, wobei die Einen in eine rührselige, die Anderen in eine
übermütige Stimmung gerieten, saßen die Landwächter in der Nebenstube
am wohlbesetzten Tisch und der Valentin mit den kreuzweise
geschlossenen Armen lehnte daneben in der Wandecke und starrte stumpf
vor sich hin. Wir hofften insgeheim noch etwas vom Weine, der in
einer Maßflasche vor die ausübende Nemesis gestellt worden war, doch
diese verhielt sich sehr gemessen und schnob bisweilen nur so in den
Schnurrbart. Der Kulmbock, der Lehrer und ich waren dieweilen nicht
müßig. Im Schulhause setzten wir eine Art von Protokoll und Bittschrift
auf mit dem Hauptgutachten, der Valentin Weiler habe nach allem
Ermessen nicht die Absicht gehabt zu desertieren, nur die Kindesliebe
habe ihm einen Streich gespielt, und hätte er mehreren Personen die
bestimmte Absicht geäußert, nach dem Leichenbegängnisse des Vaters
sofort wieder einzurücken. Die schwergeprüfte Familie, sowie die ganze
Gemeinde bitte um Gnade, daß ihm der unbedachte Schritt nachgesehen
werden möchte. -- Diese Einschläge des Kulmbock waren nicht übel,
obschon ich in der Diktion gerne eine militärischere Form gehabt hätte.
Zuletzt kamen wir darin überein, daß der Valentin in die Kaserne
zurückgekehrt, schnurgerade und stramm vor seinen Obersten hintreten
und gehorsamst um seine Strafe bitten solle.

Dann nach dem Mahle, als sie aufstanden und ihn wie einen gebändigten
Missethäter davon führen wollten, brach das Mutterherz los. Aber nicht
in weibischen Klagen, die gehen meiner Hausmutter nicht von statten,
vielmehr in einem zornigen Aufbäumen gegen die höllische Art, ein
armes gutes Kind vom Vatersgrab hinwegzutreiben wie einen Dieb und
Brandstifter. Und wenn der Soldat nicht einmal mehr so viel Mensch sein
dürfe, daß er die Eltern heimsucht in der Todesstund’, nachher sei es
nicht der Mühe wert, daß der Mensch ein Heimatland habe, nachher solle
gleich der Russe kommen und alles miteinander in die Luft sprengen!

Scharf hat sie gesprochen, meine Hausmutter und geschadet hat’s nichts.
Sagte einer der Gendarmen leise zum andern: „Mir scheint, seine
Handeisen thun der Alten so weh. Ich glaube wirklich, wir könnten ihm
die Hände frei geben.“

Und der Andere: „Wenn du’s wagen willst! Ich halte mich an die
Ordonnanz.“

„Dann ich auch.“

„Ihr Herren,“ sage ich zu ihnen, „eine Wette, ihr habt auch Vater und
Mutter gehabt.“

„Von uns soll ihm nichts Böses geschehen,“ antwortet der Eine.

Menschlich sind sie zwar mit ihm umgegangen, aber entfesselt haben sie
ihn nicht. Als der Valentin so, in gebundener Marschroute, an einer
Gruppe von Bauernburschen vorüberkam, die betroffen dastanden, rief er
hell aus: „Lebt wohl! Für mich ist die Kugel schon gegossen! Juchuchu!“

Das hat die Mutter stumm gemacht. Dieses Jauchzen hat sie stumm
gemacht. Stumm und totenblaß.

Von den Landwächtern und ihrem Gefangenen ist bald nichts mehr zu sehen
gewesen, als das letzte Funkeln der Spieße zwischen den Bäumen her, die
am Hohlwege stehen.

       *       *       *       *       *

+Nachschrift.+ Es wird gut sein, Freund, wenn du diese meine
Briefe der letzten Monate ganz wegthust. Falls ich noch einmal
zurückkehre in die gebildete Welt, würden sie mich dort unmöglich
machen. Diese Parteilichkeit für Arbeit und arme Leute! Diese
Lobpreisung des Gottesglaubens! Diese Voranstellung des Menschen auf
Kosten des Soldaten. -- Es ist unglaublich, wie schnell man verbauert!

[Illustration]



    Am achtunddreißigsten Sonntage.


Im Adamshause geht es, als ob es nie anders gegangen wäre. Und wie
anders war es noch vor wenigen Wochen! Schon dazumal glaubten wir
schwer zu tragen, und war doch eine wahre Glückszeit, im Vergleich zu
heute. Prächtig stand das Korn auf den Feldern, die Barbel pflegte in
seliger Erwartung den Hausgarten, der Vater arbeitete arglos auf der
Wiese, der Valentin hoffte auf Urlaub zu kommen und der Rocherl ging
noch im Hofe herum. Heute ist das Korn und der Adam tief in die Erde
geschlagen. Die Barbel liegt in der Kammer, der Valentin sitzt im
Stockhaus. Der Rocherl ist fort.

Und wenn nun Tage kämen, im Vergleich zu denen +diese+ Gegenwart
noch eine Glückszeit wäre! Was mag der harte Herrgott noch alles in
seinem Zeughause haben! Manchmal möchte man ihm schon den ganzen
Krempel vor die Füße werfen: Foppe du andere Leut’ mit deiner schönen
Welt! -- Die Hausmutter zeigt diesem Herrgott manchmal die Zähne, dann
kniet sie doch wieder demütig hin und betet: Dein Wille geschehe!

Der Rocherl ist in Verlust geraten. Seit dem Begräbnistage, als man ihm
zugemutet, jenes Trühlein zu tragen, ist er nicht mehr gesehen worden
im Almgai. Nichts hat er mitgenommen, als was er am Leibe trug, und die
alte Flinte. Bei den Almhütten oben soll er einmal gewahrt worden sein
und später in einer Kohlenbrennerhöhle ganz hinten im Waldthale. Der
Jäger Konrad heißt es, spähe ihm nach. Natürlich, wenn er die Flinte
mithat! Der Rocherl soll aber gesagt haben, er wisse sich andere Böcke,
die den Jäger nichts angingen! -- Man weiß nicht, wie solche Reden
zu verstehen sind. O Gott, +wenn+ man’s nur nicht wüßte! Dieses
verhängnisvolle Lieben und Hassen an unrechter Stelle! Es müssen ihm
rein die Sinne verwirrt worden sein. Man sollte ihn nicht aus den Augen
lassen, meint der Konrad.

„Willst du damit was sagen, Jäger?“

Der zuckt die Achseln. Nicht aus den Augen lassen! Dagegen hat der
Junge gründlich gesorgt.

Magst du es glauben, Philosoph, daß man im Almgai überall wieder Korn
ausgestreut hat? Und jetzt im Herbst! Man kann nämlich auch im Herbst
säen, das „Winterkorn“. Es grünt noch vor dem Schnee, dann scheint
es in den langen Frost- und Eismonaten ganz und gar zu verkommen, im
Frühjahr aber sprießt es frisch und kräftig hervor, reift fast zugleich
mit der Frühjahrssaat und bringt wertvollere Frucht, als diese. „Wer
im Herbste über das Kornfeld tritt, dem geht der Bauer mit einem Stück
Brot nach, wer’s im Frühjahr thut, dem geht der Bauer mit dem Stecken
nach.“ Dieses Sprüchwort deutet die Art des Wachstums an. Im Herbste
wächst die Wurzel erdwärts, im Frühjahr der Keim himmelwärts. -- Aber
Freund, ich bewundere nur eins, nämlich, daß sie die Zuversicht nicht
verlieren, trotz Wetterschläge und Mißernten immer wieder zu säen. Es
kann alles wieder hin sein, was an Zeit, Arbeit und Samen hier geopfert
wird -- und sie thun es doch, und es kommt doch der Lohn, der für
alles entschädigt, denn der Segen der Erde ist stärker, als der Fluch
des Himmels.

Für uns giebt es jetzt weiter nichts dabei zu thun.

Die Hausmutter und ich arbeiten auf dem Kartoffelfeld vom Morgen bis
zum Abend. Ganz allein sind wir bei diesem Ernten und hoffen vor dem
ersten Schnee leicht fertig zu werden. Das Kartoffelgraben ist eine
der wenigen Arbeiten, die ich nicht erst mühsam erlernen mußte. Oder
ist jetzt keine Zeit mehr zu lernen? Die wenigen Knollen, die ich
anfangs mit der Haue angehackt, haben mir so wehe gethan, als wären es
meine bluteigenen Zehen gewesen. Am Abend laden wir die Säcke auf den
Schubkarren und ziehen sie gemeinsam in den Hof. Dabei schweigen wir
nebeneinander her. Mich verlangt’s manchmal zu sprechen über das, was
uns widerfahren ist, sie thut nicht mit. Von den Kartoffeln spricht
sie und von dem Herbstklee, von den Maulwürfen -- und kein Wort von
dem Jammer, der so schwer auf uns lastet. Am tiefsten scheint ihr
das mit dem Rocherl zu gehen, denn einmal, mitten im Graben, hat sie
aufgeschrieen: „Den Haustiel sollt’ man abschlagen über seinem Buckel!
So blitzdumm! So sumpflackenschlecht! Durchgehen! Ein solches Elend und
durchgehen!“

„Ich will am nächsten Sonntag wieder suchen gehen!“

Auf dieses mein Wort ruft sie aus: „Fremde Leut’ müssen einem helfen!
Daß einem die eigenen Kinder so viel Kummer mögen anthun! Alle!
Eins, wie alle! Schad’, daß der Franzel nit auch schon groß ist. Bin
begierig, was der wird anstellen!“ -- Dabei lacht sie grell auf. --
Ja, Freund Alfred, lustig ist’s bei uns! -- Der Lehrer läßt sich auch
wieder nicht sehen.

So kann’s aber nicht fortgehen. Ich zermartere mir den Kopf, was jetzt
zu machen ist. -- Fromme Leute lehrt die Not beten, mich lehrt sie
rechnen. Da habe ich vor einigen Tagen einem bekannten Advokaten in
die Stadt geschrieben, ihm den Sachverhalt meiner Wette mitgeteilt
und ihn gefragt, was zu thun ist, um der Sache auch ganz sicher zu
sein. Die großartig poetischen Anwandlungen sind in dieser heißen Zeit
gründlich versengt worden. Auf mein Geld verzichte ich +nicht+. Es
giebt zu gute Verwendung dafür. Alles kann man mit Geld freilich nicht
machen, besonders, wenn man keins hat. Hat man’s und versteht man’s,
dann ist es wohl doch ein Zauber! Und dann soll auf dem Adamshause
der richtige Tyrann herrschen! Die zwei Leute müssen heiraten, der
Rocherl muß heim, der Franzel muß an den Pflug und den Soldaten müssen
wir auch ledig kriegen. Mit Geld geht alles, und warum soll nicht
auch ich meine noblen Passionen haben! Wenn der Baron Wieselwang
jährlich seine zwanzigtausend Kronen für Jagdvergnügen ausgiebt, so
kann der Trautendorffer, dessen Vorfahren wahrscheinlich zur Zeit der
Hohenstaufen Wegelagerer gewesen, auch etwas auf ein Amüsement sehen.
Mir macht’s gerade einmal Spaß, diese Adamsleute wieder auf die Füße
zu stellen. Ich will just einmal einen alten Bauernhof aufstiften, zur
Zeit, wo es Mode ist, die Bauernhöfe abzustiften. Ist’s ein Unsinn, so
sehe ich nicht ein, weshalb gerade ich mit meinem Gelde keinen Unsinn
machen soll. Ich kannte einmal einen feinen Herrn, der zwei viertel
Millionen darauf verwendet hat, sich und seine Familie zu Grunde zu
richten mit Spiel und Sport und Weibern. So kostspielig sind meine
Passionen nicht. Freilich auch nicht so nobel.

Nun, einstweilen heißt es mit der Hände Arbeit wacker nachhelfen. Und
da glaube ich gestern kein schlechtes Stück geleistet zu haben. Nicht
beim Kartoffelgraben. Ein besseres. Ich erzähle dir.

Kam da ein fremdes Männlein ins Haus, halb Bauer, halb Herr und halb
etwas anderes. Eine spottschlechte Figur mit Höcker, krummen Beinen
und einer Glatze von vorn bis hinten. Sonst anmutig. Zuthunliches
Rundgesicht, gut rasiert, voller Teilnahme über und über wegen der so
schweren Unglücksfälle, die das Haus betroffen. Wohl auch er hätte
ein ungeheuer schlechtes Jahr gehabt. Dem Bauer wäre wenigstens der
Erdboden geblieben, auf dem wieder etwas wachsen könne. Ihm habe das
böse Wetter, das die Feldfrüchte erschlug, alles erschlagen. Und
deswegen werde die christliche Adamshauserin ein Einsehen haben und ihm
von dem blutigen Angelde, das er für das Getreide gegeben, wenigstens
einen Teil wieder zurückerstatten. Es müsse ja nicht gleich sein, aus
Nächstenliebe wolle er zuwarten, ja er sei -- weil ein Mensch den
andern nicht verlassen dürfe -- bereit, ein Übriges zu thun. Sollte
sie, die gute Adamshauserin jetzt etwa in Geldnöten sein? Nach solchen
Unglücksfällen wäre es ja wohl kein Wunder. Zwei, dreihundert Gulden?
Sie dürfe es nur sagen. Ohne Zinsen! Und mit dem Zurückzahlen werde er
sie nicht drängen, das sei nicht seine Sache, aus dem Unglücke anderer
Vorteil zu ziehen. Sollte es ihr binnen fünf Jahren nicht leicht
werden, das Geld zurückzugeben, so würde er gerne eine andere Deckung
annehmen, etwa das Wäldchen unten am Raine bis zum Felswändel hin --
und erbitte sich hierüber bloß eine Unterschrift -- der Ordnung halber.
Das Angeld fürs Getreide wolle er dann auch durchgehen lassen, in
Gottesnamen.

Ich konnte kaum erwarten, bis der Schelm ausgeredet hatte. Nun trete
ich vor: „Liebwerter Herr! Was der Wald vom Rain hinüber bis zum
Felswändel ausmacht, das wären auf Ihr gütiges Anerbieten in fünf
Jahren zu dem Kapital etwa zweihundert Prozent Zinsen.“

„Sind Sie Hausherr?“ fragt er mich süßlich.

„Nein, bloß Hausknecht!“ sage ich, packe ihn am Arm, führe ihn zur Thür
hinaus, weit über den Anger hinab bis zum Bretterzaun und werfe ihn
darüber hinweg.

Nach diesem Tagewerk habe ich meinen Samstagfeierabend gemacht und mir
die Nachtmahlsuppe schmecken lassen. Verdient, glaube ich, war sie. --

Und jetzt eine andere Idylle. Kam vor etlichen Tagen ein Holzarbeiter
aus den Waldgräben zu uns ins Haus gesprungen und er wolle gar
Branntwein haben! -- Die Hausmutter erkennt ihn als den Toifel, einen
halbblöden, berüchtigten Gewaltmenschen, und antwortet ganz gütig:
„Lichtenberger, wie er vom Brunnenrohr herausrinnt, oder eine Schüssel
Milch. Anderen Trunk giebt es halt nicht bei uns.“

„Ich muß Branntwein haben!“ knurrt er, kauert sich in den Wandwinkel
und schnaubt wie ein Eber. Wir kennen uns nicht aus, hat ihn aber keins
gefragt, was ihm ist. Seine Augen sind gerade wie zwei schiefe Hacken,
mit denen er uns anscheinend am liebsten zerrissen hätte. Bald darauf
kommt der Knecht vom Gleimer und ob wir die Neuigkeit schon wüßten? Der
alte Michelmensch wäre erstochen!

„Der Doppelte?“ fragen wir.

„Nein, sie lebt noch. Er liegt in der Totenkammer.“

„Lügen thust!“ schreit der Toifel von seinem Winkel her. „Gestochen
hab’ ich, aber nit grob.“

„Er liegt in der Totenkammer!“ wiederholt der Gleimerknecht.

Darauf hebt der Toifel an zu brüllen wie ein Stier. Dann kniet er
vor mir nieder: „Bitt’ dich gar schön, mein Adam, wenn du mir schon
keinen Branntwein giebst, so thu’ mich halt binden und stell’ mich zum
Gericht. Jesses, Jesses, jetzt hab’ ich den alten Michel umgebracht!“

„Aber warum? Warum? Mensch, warum?“

Das weiß er nicht. Am Hüttbauernhaus sei er vorübergegangen, seine
Holzknechtkraxe auf dem Buckel. Da sei ihm jäh der alte Einleger mitten
im Weg gestanden. Steh auf die Seiten, Michel! habe er ihm zugerufen.
Der Alte hätte sich nicht gerührt, hätte trutzig gesagt: Steh du auf
die Seiten! Darauf habe ihn der Toifel noch einmal gefragt: Wird’s? Und
der Michel habe gesagt: Na. -- Ist gut, so räum’ ich mir selber den
Weg! Darauf der Toifel und stößt dem Alten das Messer in den Leib. Au!
lacht der Michel, so viel kitzeln thust mich! kauert sich zusammen,
fällt um und ist tot. -- Auch der Knecht hat es so bestätigt.

Noch in derselben Nacht haben wir das Ungeheuer nach Kailing geführt
zum Gericht. Als wir in Hoisendorf an der Totenkammer vorbeikommen,
wo am Fenster ein Lichtschein flimmert, sagt der Gleimerknecht zum
Toifel: „Willst hineinschauen beim Fenster, was der Michel macht?“ Der
Toifel hastet weiter. Nur einmal, bei der hohen Brücke unten steht er
still, thut einen Seufzer und sagt zu uns: „Die Herren draußen werden
Umständ’ machen. Laßt’s mich hinab da ins Wasser.“

Auf dem Heimweg haben wir den Toten angesehen. Sein Weib, nun schon gar
ein altes Mütterlein, ist emsig beschäftigt, mit einem Waschlappen die
Blutkrusten von der Brust zu waschen, von der schneeweißen Brust. So
gleichgültig, als ob sie ein Kleidungsstück reinigte für den Sonntag.
An der linken Seite die klaffende Wunde, wie absichtlich ins Herz
gezielt. -- „Ungeschickt, ungeschickt Kind!“ sagt die Alte vor sich
hin, „noch ein rechtes Glück, daß nicht +mehr+ geschehen ist!“

„Was meint sie denn?“ frage ich den Gleimerknecht. Der hat mir
folgendes gesagt. Die Alte hätte in früheren Jahren einen Sohn verloren
und sich immer eingebildet, er wäre noch am Leben und würde eines Tages
wiederkommen. Und jetzt hielte sie den Toifel aus den Wäldern für ihren
Sohn, der herfürgegangen sei, um den Vater zu herzen. Zu herzen! --

So ist sie irrsinnig geworden, die arme Alte. Und wohlgemut geblieben.

Verstehst du solche Sachen, Philosoph? Ich nicht. Es müßte denn sein,
daß wir betrübte Adamshauserleute in diesem Ereignisse ein Gegenbild
sehen sollen. Ein größeres Unglück -- und doch wohlgemut.

Wie mir um den Rocherl bange ist, das kann ich dir nicht sagen.



    Am neununddreißigsten Sonntage.


Die Tage gleiten träge dahin in ihrem Geleise. In dieser Woche hat der
Schneider Setznagel mit seinem Lehrling im Hause gearbeitet. Doch ist
eigentlich niemand vorhanden, dem der Meister was anmessen könnte. Der
Franzel ist noch da, der sein Wintergewand bekommt. Meine Leute haben
den selbstgemachten Schafwollloden verkaufen und Baumwollzeug dafür
kaufen wollen, weil das letztere billiger ist und als „Stadtgewandel“
besser paßt, falls der Knabe in die Studie kommt. Mein Rat hingegen
war: Ein Bauernbübel und ein Lodenjöppel!

„Wirst recht haben, Hansel,“ sagte drauf die Hausmutter, dieweilen sie
für den Schneider Zwirn abhaspelte, „ich weiß mir nimmer aus, thu’ wie
du willst.“

Thu’ wie du willst? Bin ich denn wirklich in Ehr’ und Willen eingesetzt
auf diesem Hofe? Und wenn ja, kann ich’s verantworten, wenn der Knabe
auf meinen Rat hin festgehalten wird in dieser elenden Berghütte,
während anderwärts in der weiten Welt bessere Lose seiner warten
können? -- O Freund, mein Vertrauen zu diesem ehrwürdigen Stand hebt an
zu sinken, wie das Barometer im Sturm.

Als der Schneidermeister ans Anmessen ging, machte er bei mir halt und
fragte die Hausmutter: „Kriegt der Knecht auch was?“

„Freilich wohl,“ antwortete sie, „der kriegt ein ganzes Jahresgewand.
Vom braunen oder grauen Loden, wie er will.“

„Mutter,“ gebe ich drauf, „an Gewand fehlt’s mir noch gar nicht, leicht
komme ich aus übers Jahr mit dem, was ich habe.“

„Gewand willst nit und Geld hab’ ich nit,“ sagte sie verdrießlich.

Jetzt bin ich doch nahe hingetreten zu ihr, so nahe, daß die
Haspelflügeln mir den Wind ins Gesicht gefächelt haben: „Muß es ja
schon etlichemal gesagt haben, Hausmutter, daß Ihr mir nichts schuldig
seid. Daß der Herrgott mich eigentlich nicht zu einem Bauernknecht
geschnitzt hat, werdet Ihr wohl schon lange bemerkt haben. Dazu ist der
Holzklotz nicht hart genug gewesen. Verwunschener Prinz bin ich auch
keiner. Rein aus Gesundheitsgründen bin ich in die Bergluft gegangen.
Wohl, wohl, Mutter, rein aus Gesundheitsgründen! Weil die körperliche
Arbeit und das Schwitzen so gesund ist. Bin auch kernfrisch geworden,
da heroben bei Euch, und dafür werde ich mich noch lohnen lassen! Bin
ich Euch was nutz, so bleibe ich gern noch ein Eichtel da. Nachher im
Winter vielleicht, bis ihr alle wieder auf gleich gekommen seid, werde
ich halt wieder zum Wanderstecken greifen.“

„So“ rief sie und ließ den Haspel stehen. „Na, gute Nacht! Wenn
der Knecht auch fortgeht, nachher können wir das Vieh beim Schweif
aufhängen und uns lebendigerweis eingraben lassen. Na, ich sag’s, viel
dicker kann’s schon nit mehr kommen.“

„Also kriegt noch wer was, oder nit?“ stach der Schneidermeister mit
seinem spitzen Stimmlein dazwischen. Mit seinem Maßfaden stand er da,
in kühnster Bereitschaft, mir Beine, Bauch und Buckel zu messen. Hier
auf der Bauernschaft ist der Schneider nicht zum Spotte, wahrlich
nicht! Vielmehr zur Furcht und Angst ist er! Das Haus beherrscht
er, sein besonderes Essen begehrt er, wie sein Nachtbett gebaut und
geschichtet werden muß, schreibt er vor. Wenn die Stubenwärme um ein
Scheit zu niedrig ist (zu hoch ist sie ihm nie), dann hebt er an,
heftig den Faden zu reißen, und giebt der Bäuerin Schuld, wenn der
Zwirn entzwei geht; hebt an, die Lodenstücke hin und herzuschleudern,
in weitem Bogen auszuspucken und die Bäuerin kann sich freuen! Wenn er
zur Nachbarschaft kommt, wird er ihr ein kurioses Loblied singen.

Und weil sonst niemand was kriegt, so beginnt mein kleiner Meister
Setznagel mit den Augen ganz schrecklich umherzublitzen, bis er
-- auf den Zuschnitt für den kleinen Franzel weisend -- in die
Worte ausbricht: „Und wegen dem Kletzen da sind wir auf den Berg
heraufgefoppt worden?!“

„Mein Gott,“ lacht die Hausmutter bitterlich auf, „was kann denn ich
dafür, wenn die Leut’ wegsterben, mit den Schandarmen fortgeführt
werden und selber davonlaufen?“

„Kann ich dafür?“ begehrt der Schneider auf.

Jetzt packt mich der Unmut. Mit der Faust nagle ich’s auf die
Tischecke: „Was giebt’s da zu greinen! Ihr macht, Schneider, was zu
machen ist, und paßt’s Euch nicht, so geht es leichter thalwärts als
bergwärts. Versteht Ihr mich leidlich?“

Damit bin ich schön angekommen. Der Schneider verstand sehr gut,
erschrak aber durchaus nicht. Er ging ruhig zur Bank, wo die Hausmutter
saß, und forderte sein Geld. Sie sind dem Ungeheuer schon seit Jahr
und Tag den Sterlohn schuldig. Jetzt ist es an mir, in den Sack zu
greifen und den Rest meines Sparpfennigs hervorzuthun. Knapp reicht es
zur Sühne des beleidigten Schneiders. Dann hat er sein Zeug und seinen
Lehrbuben zusammengepackt und ist davon. Die zugeschnittenen Hosenteile
für den Franzel liegen auf dem Tisch. Wenn sie mit Eisennägeln
zusammengenagelt werden könnten, da wüßte der ehemalige Grobschmied
vielleicht Rat. Die Nadel geht über meine Kraft. -- Und so fange ich
an, in diesem Hause Ungutes zu stiften. Aber wer hätte gedacht, daß
auch der kleine Schneider sich mit dem großen Schicksal verbindet.

Es erschien demnach hoch an der Zeit, daß heute vom Rechtsanwalt ein
Schreiben kam. Allerdings eins, das schlechter war als keins. Meine
Angelegenheit mit dem Herrn Stein von Stein -- schreibt der Mann --
wäre eine etwas faule Sache. Ich würde gut thun, mir bei Zeiten eine
verläßliche Zeugenschaft zu sichern, denn der Wettgegner scheine ein
geriebener Herr zu sein und nicht gesonnen, einer „hirnverbrannten
Marotte Rechnung zu tragen“. Ich solle mich -- rät der Advokat -- aber
ja nicht etwa auf die Socken machen nach der Stadt, um meine Sache zu
betreiben. Den Bauernhof verlassend, wäre mein Recht formell verfallen.
Keine Stunde dürfe fehlen an dem Bauernjahre. --

Da hätten wir es ja. Das kann eine saubere Geschichte werden. In
sommerlicher Hochstimmung war mir die Sache schon gleichgültig
gewesen; jetzt mit der sinkenden Sonne des Jahres kommt die Geldgier
und die Rechthaberei. Auf die Wette verzichte ich nicht! -- Sofort
schrieb ich dem Rechtsfreunde zurück, alles aufzubieten, daß die Zeugen
zu stande kommen, daß sie fest bleiben und daß nötigenfalls der Gegner
auf einen Eid getrieben werde. Aber es wird sich vor Ablauf der Frist
nichts machen lassen. Wir haben noch ein Vierteljahr.

So kriecht der Teufel allmählich auch deinen Bauernknecht an, den
du, mein Alfred, immer so tapfer aufrecht erhalten hast. Deine
philosophischen Zusprüche haben stets gute Dienste geleistet, aber von
jetzt ab wäre ihm, offen gestanden, Bargeld lieber.

[Illustration]



    Am vierzigsten Sonntage.


Meine Sonntagsbriefe fingen an, dir sehr weh zu thun, schreibst du.
Siehe, das freut mich. Ich wünsche dir kein anderes Leid, als das
Mitleid. Daß du mit uns Mitleid hast, das thut mir wohl.

Die heutigen Mitteilungen werden auch gerade keine Frohbotschaften
sein, obschon der Herbsthimmel über uns sonnig blau ist und aus der
Erde ein frisches Frühjahrsgrün sprießt. -- Dieser junge dumme Mensch?
Er bleibt verschollen. Wir vermuteten schon, daß er nach Laibach
gereist sein könnte, um seinen Bruder von der Strafe loszubitten. Wenn
es sein könnte, er würde selber für den Valentin einspringen; es ist
eine verzehrende Leidenschaft in seiner Liebe, wie in seinem Hasse. Der
Soldat hat übrigens einen Brief geschrieben, bei dem die Hausmutter
vor Freude in die Hände geklatscht hat, wie ein alter Drescher auf
dem Tanzboden. In Berücksichtigung der besonderen Umstände, die wir
dem Herrn Obersten bittweise auseinander gesetzt hatten, habe es mit
achtundvierzig Stunden Stockhaus sein Bewenden gehabt. Diesen Obersten
-- und wäre sein Schnurrbart noch so struppig -- möchte ich dir
abküssen, wie ein Kirchweihtanzmädel!

Apropos, Mädel! Mein Mädel! Das heißt unseres! Das heißt, seines, des
Lehrers Mädel! Es ist aus dem Bette, aus der Kammer. Es zieht bereits
Rüben aus der Erde und hat sogar schon wieder einmal gelacht. Am
vorigen Mittwoch, als wir abends um den Herd herumsitzen und von den
eingebrachten Rüben das Kraut wegschneiden, zündet die Barbel den
Leuchtspan an. Dabei fällt ihr ein Fünklein aus die Hand. „Auwehtschl!“
ruft sie aus und thut ein helles Lachen. Es war um sechs Uhr zwanzig
Minuten. Wie Osterglockenklingen ist es durchs ganze Haus gegangen,
dieses Lachen. Groß gewundert hätte es mich nicht, wenn der Adam
davon wach geworden wäre in seinem tiefen Bette. -- Wenn er dazumal
dieses Lachen von ihr hätte hören können, er würde freilich heute noch
leben. Sogar dem dummen Jungen wollte ich es gewünscht haben. Dieses
Menschenlerchengetriller möchte doch wohl imstande sein, ihn wieder
herbeizulocken zum heimatlichen Herde. Was hat er’s not, mit der Flinte
in den Wäldern umzustreichen, wenn daheim die Barbel lacht? -- Und
warum hat sie gelacht? Weil ihr der heiße Funke ans Fleisch flog. Die
muß ein kurioses Feuer ausgestanden haben, wenn sie ein Leuchtspanfunke
bloß lachen macht!

Noch in der Nacht bin ich hinabgegangen ins Schulhaus und habe ans
Fenster getrommelt.

„Was ist denn los?“ ruft der Guido schlaftrunken.

„Die Barbel hat gelacht!“

Da ist er aufgestanden, hat mich hineingelassen und haben uns zum
Kerzenlicht gesetzt an den Tisch. Dann sage ich: „Will man die
Weibsbilder schon nicht freien, wenn sie weinen, so muß man sie freien,
wenn sie lachen.“

„Nun ja,“ antwortet er, „bestimmen wir gleich den Tag. Alles andere ist
schon in Ordnung. Du weißt ja, wie es steht.“

„So sollst auch du es von meiner Seite wissen,“ sage ich. „Ändern
wird’s hoffentlich nichts an dir, wenn du erfährst, daß ich die Wette
auf dem Prozeßwege werde suchen müssen.“

„Deine Wette mit dem Stein von Stein? Einen Prozeß? Hans, den verlierst
du!“

„Dann, Winter, erlebst auch du in diesem Jahre noch deinen Hagelschlag.“

„Ha, ha!“ lacht er, „gegen Hagelschläge ist ein Schullehrer aufs Beste
versichert.“

„Mit der Ausstattung wird’s happern --“

„Vorstrecken kannst du mir nichts?“ unterbricht er mich. „Das wird
sauer werden, Teufel noch einmal.“

„Daß du dich am Ende besinnst, Guido!“

Er geht in seinem Nachtkleide die Stube auf und ab: „Das wird sauer
werden!“

„Ich möchte es nicht erleben! Wenn du mir jetzt ihr Lachen
unterbrichst!“

Die Kerze ist zu Rande. Er zündet keine neue an denn es ist keine mehr
im Hause. Dieweilen der Dochtrest noch glimmt im Leuchter, wandelt er
über den Fußboden hin und wieder und hadert, warum gerade er das bissel
Erbsünde so hart büßen müsse!

Sage ich: „Der Strick schneidet gerade dem am tiefsten ins Fleisch, der
sich am meisten dagegen sträubt. Warum du dich gar so sehr fürchtest
vor dem Schweiß des Angesichtes, wie es sich für einen ordentlichen
Erbsünder gehört. Nimm doch ein Stück vom Adamshauser Grund und baue
Kartoffeln!“

Steht er still und sagt: „Du hast recht. Wenn ich’s in meinem jetzigen
Fach nicht weiter bringe, so baue ich Kohl und Kartoffeln. Dabei ist
noch niemand verhungert. -- Sie kann’s schon und ich werde es lernen.“

„+Das+ stimmt, Lehrer, +das+ stimmt! Ich hätte dich ja doch
erwürgt, wenn du mir das Mädel sitzen ließest.“

Nun wird er neuerdings nachdenklich und meint, er wäre sehr sonderbar
dran. „Will ich nicht, so würgest du, und will ich, so würgt ein
Anderer.“

„Ein Anderer? Wie meinst du das?“

„Dann müßte ich noch einmal Licht machen“, sagt er, „denn im Dunkeln
ist’s unheimlich, von solchen Sachen zu sprechen. Ich wollte es
eigentlich für mich behalten. Doch weil wir schon dran sind.
Weitersagen sollst es nicht, denn es kann mich getäuscht haben. Es kann
ein Anderer gewesen sein. -- Er soll ja dem Bruder nach sein, sagt ihr.“

„Sprichst du vom Rocherl?“

„Gestern abends, als ich durch den Edelbrand gehe, fällt es mir auf,
daß hinter einem Stein, der unter Rotkiefern steht, sich etwas bewegt,
ein Mensch, der sich duckt. Wie ich hintreten will, um zu sehen, wer es
ist, springt Einer auf und in das Dickicht. Ein Schußgewehr hat er bei
sich gehabt und der Adamshauser Rocherl ist’s gewesen.“

„Hast du ihn sicher erkannt?“

„Ich werde mich nicht getäuscht haben. Er hatte eine Hand in der Binde.
Mit der andern hat er auf mich schießen wollen, ich bin überzeugt.“

„Lehrer!“ sage ich, „solche Dinge redet man nicht so leichtsinnig
heraus. Auf dich schießen wollen, was ist das für eine Rede! Erstens
ist er’s gar nicht gewesen, in der Binde können auch andere Leute ihre
Hände tragen und zweitens ist’s ein windiger Wildschütz gewesen, den du
auf seinem Anstand gestört hast.“

Der Winter versetzt: „Gut, ich will sagen, es kann mich betrogen haben,
ich will es sagen. Bei mir selber bin ich fest überzeugt, es war der
Rocherl und der hat mich erschießen wollen.“

„So sage doch, welche Gründe du hast zu dem fürchterlichen Argwohn!
Müßte denn schon das böse Gewissen sein über dein fortwährendes Säumen
mit der Barbel. Es hat ja thatsächlich den Anschein, als wolltest du
auskneifen, in diesem Falle wäre ein faustischer Valentin ganz an
rechter Stelle.“

„Mein Lieber!“ sagt er, „wenn dieser Mensch nach dem Verlobten seiner
Schwester schießt, so ist es -- Eifersucht.“

Ich stutze, also wäre ich mit meinem Verdachte doch nicht allein. Aber
zugegeben habe ich es dem Lehrer nicht.

„Sei es wie immer, Guido, mache Hochzeit und es wird alles anders sein.
Schon dieses tollen Knaben wegen -- +wenn+ es so wäre.“

Daraus redete er eine Weile noch so herum, das einemal ist’s ganz
sicher, das anderemal frägt es sich um Wenn und Aber, und man dürfe
sich in solchen wichtigen Angelegenheiten nicht übereilen und wenn er
jetzt sofort heirate, sehe es ja genau so aus, als ob er sich durch den
angedrohten Schuß habe schrecken und zwingen lassen. Nein, auf solche
Weise kriege man einen Guido Winter nicht herum, der wisse schließlich
immer noch selber am besten, wann und wen er heiraten wolle.

„Weiter,“ sage ich, „das klingt schon entschiedener, das ist schon kein
Auskneifen mehr, das riecht nach offener Absage.“

„Was du schon wieder deutelst!“ ruft er und lacht auf. „Na, damit
ihr ruhig schlafen könnt all miteinander -- soll’s noch in der
Allerseelenwoche sein? Gut, also gleich danach.“

Zwölf Tage nach Allerseelen -- das ist ein Sonntag. An diesem Tage will
er sich mit ihr trauen lassen.

Ich bin dir redlich froh, einen Tag festgenagelt zu wissen, daß endlich
die Herzen zur Ruhe kommen im Adamshause....

Wenn mir der Winter auf das Mädel gut ist, dann will ich auch noch
andere schöne Charakterzüge von ihm aufschreiben. Zum Beispiel.

Vor einigen Tagen war’s. Während der Schulstunden hat sich ein
vagabundierender Handwerksbursche in das Wohnzimmer des Lehrers
geschlichen und ein Paar Schuhe gestohlen. Bei der Bachbrücke unten,
während er sie an seine Füße thun will, ist er schon aufgegriffen
worden. Noch keck war der Kerl.

„Was wollt’s denn?“ sagte er, „glaubt’s ’leicht, unsereiner mag im
kalten Reif und Schnee barfuß umsteigen, wenn jetzt der Winter kommt!
Dieweil der Herr ein überflüssiges Paar unter seinem Bette stehen hat!
Soll zusperren die Thür, wenn er will, daß ihm nichts gestohlen wird!
Ist eine Schlamperei, das. Ich bin eh noch gut gewesen. Ein anderer
hätt’ auch den Wettermantel mitgenommen. Hätt’ mir wohlgethan. Na,
denk’ ich, das nit, stehlen thust nit. Nur das Paar Schuh nimmst mit.
Das wird etwan doch nix Schlechtes sein, wenn er sie nit braucht.
Goscht eh schon, beim Spitz, der eine!“

„Wissen Sie was,“ sagte hierauf der Lehrer, „die Schuhe sollen Sie
haben. Müssen mir dafür aber eine Fuhr Brennholz klieben.“

„Schmutzian!“ knurrte der Vagabund und wirft ihm die Schuhe vor die
Füße: „Da hat Er seinen Dreck! Thut eh schon die Goschen auf.“

Wer im Gebirge die Polizei rufen wollte, den würde das Echo ausspotten.
Deshalb hat der Lehrer den alten Gauch bei den Ohren genommen und so
wacker geschüttelt, daß das Zähneklappern bis zum Wirtshaus hinauf
gehört worden ist. Das hat den Vagabunden aber noch lange nicht um
seinen Humor gebracht. Bevor er davon lief, hat er sich beide Hände an
die Ohren gehalten: „Die Hörwascheln wären jetzt freilich heiß, aber
die Zehen frieren.“

Darauf hat der Lehrer die Schuhe dem frierenden armen Teufel
nachgeworfen. -- Hoffentlich reut es ihn nicht, wenn er sich sein nun
einziges Paar an den Füßen blank wichsen muß.

In der Schule ist der Lehrer seiner Sache sehr sicher, da macht er’s
weder sich noch den Kindern zur Qual. Die Kleinen läßt er A, B, C sagen
und Wörter lesen und auswendige Sprüchlein herbeten. Nach dem Inhalt
wird nicht viel gefragt, das hält zu lange auf. Die Eltern fragen ja
auch nicht, was das Wort bedeutet, sie sind’s zufrieden, wenn’s der
Schüler flüssig lesen kann. Recht lesen ist gut, aber schnell lesen ist
besser, denken sie, weil das nicht viel Zeit kostet. Beim Ausfragen
weiß fast jeder Schüler flink Antwort. „Wieviel ist zweimal sieben?“
fragt der Lehrer. -- „Zweimal sieben ist -- ist -- ist --“ stottert
der Schüler. Der Lehrer hilft nach: „Ist vierz...“ -- „Ist vierzehn!“
-- „Brav, Michel, das geht ja ganz gut.“ Und so kommen sie glatt über
den Stoff hinweg. Zum Wiedervergessenwerden ist’s gut genug gemacht,
denkt sich der Winter, und im nächsten Jahre würde es schon besser
gehen. Nach der Schule, am Waldrain, wenn der Winter ein Hummelnest
besichtigt oder ein zuckendes Fröschlein in die Hand nimmt, da stehen
sie um ihn herum im engen Kreise und schauen, was er macht, und hören,
was er sagt, und merken sich alles. Aber ob bei der Schulprüfung der
Herr Inspektor fragen wird, wie weit am Waldrain die gelbgefleckten
Molche ihre Mäuler aufthun oder wie die Eichhörnchen ihre Nester bauen,
das möchte ich doch zu bedenken geben. Manchmal bestellt der Lehrer
den Vorgeschrittensten der Klasse zum Schulhalten, dieweilen er selbst
im Stübel seine Schuhe nagelt oder losgelöste Knöpfe in den Rock näht,
und wenn sie die Rechenaufgaben gut gemacht haben, dann dürfen sie nach
der Schule mit ihm Käfer suchen gehen. Freilich machen sie die Aufgaben
gut, weil sie einer vom andern abschreibt. Wozu soll denn jeder extra
noch für sich das Pulver erfinden, wenn’s der eine schon erfunden hat!
Er sieht die Rechnungen auch weiter nicht durch, Pedanterie ist nie
sein Fehler gewesen, und nach den Schulstunden ist er selbst immer der
froheste. -- Das Beste an allem ist, daß die Kinder dem Lehrer sehr
zugethan sind, und er in Sachen des Betragens auf sie Einfluß hat. Es
ist noch keine Sittlichkeitsklage vorgekommen. Alles andere wird sich
schon geben. Rechnen lernt der Mensch erst, wenn es sich nicht mehr um
Ziffern und Fleißzetteln handelt, sondern um wahrhaftige Kornmetzen,
Holzmetern, Gulden und Kreuzer. Und andererseits, meint der Winter,
könne es dem besten Mathematiker passieren, daß er sich im Leben
manchmal verrechnet.

Ich kenne auch jemanden, der gut lesen, schreiben und rechnen kann und
doch bis heute nicht weiß, woran er ist. Dieser jemand +las+ in
seinen Augen, +verschrieb+ ihm das Herz und +rechnete+ auf
Treue.

Im Ganzen, muß ich dir gestehen, kennt man sich nicht aus. Manchmal
kommt mir vor, der Kerl hätte zwei Seiten, wie Krämerloden. Auf der
einen strammer Moralist, und wendet man ihn: Bruder Liederlich.

Was er nur aus der Barbel machen wird? Oder sie aus ihm? -- Das
Letztere wäre mir nicht bange.

[Illustration]



    Am einundvierzigsten Sonntage.


Die Einlage deines Schreibens vom 2. dieses hat mich nicht wenig
überrascht. Nein, so war’s nicht gemeint. Am Ende bedarf ich auch jetzt
noch deines lieben Zuspruches mehr, als des Geldes, obschon diese
materialistische Anwandlung deiner Philosophie sich im Grunde gar
nicht so übel macht. Zurückzahlen kann ich dir den Betrag nur durch
einen Wechsel, durch einen Schicksalswechsel. Vom Bauernknecht hast
schlechterdings nichts zu erwarten. Diese Kerle zahlen nicht. Wenn der
Journalist oder der Schriftsteller nicht kreditfähiger sein sollte! --
Ich will ja groß niedersteigen vom Berge des Adamshauses, zu euch, mit
einem Buckelkorb voll Geistesdünger, und eine litterarische Wirtschaft
anfangen. Ganz frischen, sehr kräftig duftenden Naturalismus bringe
ich mit hinab. Das heißt, in meinen Romanen sollen die Idealisten
als solche sehr naturalistisch geschildert werden. Damit kann jede
Litteraturrichtung zufrieden sein und der Gläubiger hoffentlich auch.

Nun wisse aber, guter Freund, daß ich mit deinem Hundertguldenschein in
großer Verlegenheit war. In der hiesigen Bauernschaft hat ihn niemand
zerlegen können, nicht einmal der Hoisendorfer Kirchenwirt, trotz
seines Tischtrühleins voll Scheidemünzen. Erst aus Kailing ist Hilfe
gekommen. Da fiel mir jener Goldklumpen in der Wüste ein und daß eine
Kornähre mehr wert ist, als der schönste nagelneue Tausendguldenschein.
Bargeld wird erst Wert, wenn Erdsegen dazukommt. -- Stimmt’s?

Dein Anerbieten, daß du dich nach den gegenwärtigen Verhältnissen der
„Kontinental-Post“ erkundigen willst, besonders, wie es mit dem Zeugen
Lobensteiner steht, nehme ich mit großem Danke zur Kenntnis. Frage doch
auch nach, wie es dem Reporter in der Nervenklinik geht. Entsinnt sich
dieser noch auf den Fall, dann hielte ich die Geschichte jedenfalls für
gewonnen. Übrigens ist es mir undenkbar, daß Doktor Stein auskneifen
könnte. Wettschuld ist Spielschuld und Spielschuld ist Ehrensache. Die
einzige Ehrensache, auf die sogar auch der Lump noch was hält.

Und nun wieder zu meinen Berichten.

Der schreckliche Rocherl ist immer noch in Verstoß. Der Hausmutter
wurde nahegelegt, seinen Verlust auf den Kanzeln verkünden zu
lassen. Sie will aber die Schmach eines durchgegangenen Kindes
nicht an die große Glocke hängen. Wir haben ihn ja eigentlich schon
fast einmal gehabt. Am vorigen Mittwoch hat uns der Jäger Konrad
sagen lassen, daß der Rocherl sich in der Legwindhütte aufhalte.
Das ist keine erfreuliche Nachricht, so froh man auch über die
gefundene Spur sein muß. Die Legwindhütte im Fuchsgraben ist eine
abgekommene Almwirtschaft, in der sich gern allerlei Gesindel aufhält.
Landstreicher, Wilddiebe, neuestens sogar verrufene Weibsbilder, will
unser Gemeindevorstand wissen. Von Zeit zu Zeit räumen Gendarmen das
Nest; aber allmählich füllt es sich wieder mit zweifelhaften Leuten,
die bei der alten Legwindhütterin Zuflucht suchen, dort ihre Kartoffeln
braten und ihr für den Unterstand manchen Bissen zubringen. Was den
Jungen bestimmen soll, gerade in dieser Höhle zu hocken?

Nun, so sind wir am letzten Donnerstage ausgezogen zur Fange. Die
Hausmutter, die Barbel und ich. Die Barbel wollte anfangs nicht
mit. Sie scheint zu ahnen, daß der Rocherl sich jetzt sozusagen auf
Menschenwild-Jägerei verlegt. Sie spricht von ihm, wie von einem
Kranken. Und hat sie die Bemerkung gethan: „Mein Gott, man weiß gar
nicht, was es manchmal für ein Glück ist, wenn liebe Leute sterben.
Hätte ihn der Jäger damals anders getroffen, so hätte ich jetzt einen
Bruder im Himmel.“

Es war das härteste Wort, das ich je von dem Mädel gehört habe. Die
Mutter hat sie gleich derb zurechtgewiesen: „Red’ nur du nit! Ich hätt’
meine Tochter auch lieber als Jungfrau im Himmel --“

Da muß man sich ins Mittel legen. Ist der stets beschwichtigende
Adamvater nicht mehr da, so muß ein anderer dran.

„Das wäre nicht schlecht!“ sage ich. „Böse Red’ darüber, weil im Himmel
die Engel sind und auf Erden die Menschen.“

Wie mich auf dieses Wort das Mädel dankbar anblickt! Gott, hat
+die+ ein Augenlicht!

Darauf habe ich mich kühn auf den Evangelisten gespielt, der Herr habe
mehr Freude an einem wiedergefundenen Schafe, als an neunundneunzig
verlorenen. Und darum wollten wir getrost ausziehen, das verlorene
wiederzufinden. -- So schief dieser Bibelausspruch geraten ist, sie
waren dankbar dafür.

Dann sind wir hineingegangen über die Almen und hinten hinab in den
Fuchsgraben. Die Hausmutter war sehr kriegerisch gestimmt; von ihrem
Stecken schien sie etwas zu erwarten, den sie bei jedem Schritte fest
in den Boden stieß. Die Barbel aber meinte doch, daß man mit Stecken
keine verlaufenen Schafe locke. Als wir der Legwindhütte nahe kamen,
sagte sie: „Gelt, Mutter, wir wollen recht gut mit ihm sein, wenn wir
ihn finden.“

„Den Stecken schlag’ ich heut mitten ab!“ rief die Hausmutter und
schwang ihren Haselstab. „Über wen, das werden wir schon noch sehen.
Verführt ist er worden!“

Wir kommen in die Schlucht hinab. Die Büsche gilben, aber die Blätter
hängen noch an den Zweigen. Den Fuchsgraben hat das Hagelwetter
verschont, es hätte sich wohl kaum ausgezahlt, hier über Hasel- und
wilde Beerensträucher den kalten Zorn des Himmels niederzuschleudern.
Die Hänge sind mit Brombeerstrauchgewinden übersponnen, darin krauchen
einzelne Gestalten umher und halten Mittagsmahl bei den dorrenden
Früchten. An der Felswand lehnt die Legwindhütte, aus braunen Steinen
roh gemauert; der bindende Mörtel ist schon aus den Fugen geschwemmt.
An Thür- und Fensterstöcken hat der Regen die schiefergrauen Holzfasern
bloßgespült, die Fensterscheiben bestehen teils aus erblindetem Glase,
teils aus Papier, teils aus Lappenballen. Die Dachbretter sind mit
Steinen beschwert. Daneben, mit zerzausten Strohschauben geflickt,
eine Art Ziegen- oder Schweinestall. Das Ganze ist mit Sauerampfern,
Brennesseln und unsauberen Dingen umwuchert. Da hast du die
Herrlichkeit, die in jedem Salon hängen kann -- auf der Leinwand. Am
Bache, der in der steinigen Schlucht niederrauscht, kniet die alte Hexe
und schwemmt eine blaue Männerhose durch. Ich trete zu ihr, schüttle
sie an der spitzen Schulter und schreie zur Wette mit dem Wasser,
wo der Adamshauser-Sohn wäre? Sie glotzt mich dumm an, sie sei die
Legwindhütterin und wisse nichts von einem Adamshauser-Sohn.

„Aber sie wäscht ja gerade seine Barchenthose!“ sagt die Barbel.

Dann ist er im Neste. Wir dringen in die Hütte. An dem schrillen
Winseln der rostigen Thürbänder erkenne ich die kluge Wachsamkeit der
Unterstandgeberin. In der dumpfmürfelnden Stube ist mein erstes, daß
ich mir den Kopf an den Trambaum stoße. Die Beine verstricken sich in
Stroh, das auf dem Boden wüst herumliegt und stellenweise mit alten
Kleidungsstücken bedeckt ist. Auf dem wurmstichigen Tische liegt ein
abgegriffenes Kartenspiel und stehen geleerte Schnapsgläschen, in denen
Fliegen kleben. Am rußigen Kachelofen hängen nasse Hemdenreste. Zu
sehen ist niemand. Wir treten in die Küche, wobei die Barbel ängstlich
meinen Arm umfaßt, denn es ist dunkel und die morschen Fußdielen wanken
unter den Tritten. Nach faulen Rüben riecht es und in der glosenden
Herdglut liegen halbverkohlte Kartoffeln. Auch hier niemand vorhanden.
Dann steige ich die Sprossenleiter hinauf in das Dachgelaß. Dort,
im Heu vergraben, liegt einer, ich sehe nur das schwarze zottige
Haupthaar. Bald hebt er sich und brüllt: „Wer ist da?“

„Das frage ich!“ meine Antwort.

Er richtet sich aus dem Wuste hervor: „Das fragst du? Gut, schöner
Herr, du sollst es hören. Aber komm’ mir nit in die Nähe. Es ist
ungesund, da heroben. Ich bin ein doppelter, wenn du es wissen willst.
Der bayerische Hiesel und der Schinderhans.“

„Ah, guten Morgen, meine Herren!“ lache ich. „Dann ist wohl einer von
euch beiden so gut, mir zu sagen, ob nicht noch ein dritter da ist, der
sich Rochus Weiler nennt.“

„Weiß nix,“ antwortet die Stimme.

„So weiß es vielleicht der andere.“

„Weiß auch nix,“ antwortet dieselbe Stimme. Nun merke ich, es ist ja
überhaupt nur einer da.

„Er trägt eine Hand in der Binde,“ erkläre ich.

„So, den Einhandel meint der Herr. Kann nit weit sein, weil seine
Pfeife dort ist.“

Seine Pfeife, das war unsere alte Flinte, die wahrhaftig im Dachwinkel
lehnte. Weil wir drinnen und draußen keinen Rocherl vorfanden, so habe
ich die Flinte auseinander gethan und zu mir gesteckt.

Oberhalb der Hütte auf dem Moosfilz haben wir uns niedergesetzt, haben
gewartet bis in den späten Abend. Mancher arme Schelm ist aus Strupp
und Kraut herbeigekommen zur Hütte, hinein und wieder heraus und träge
an ihr herumgeschlichen. Der Rocherl war nicht zu sehen. Unverrichteter
Sache sind wir nach Hause gekommen um Mitternacht.

„Weil wir nur das haben,“ sagte die Barbel, als ich die alte
Flinte an den Nagel hing. Im Vorhause war es ganz finster. Als wir
auseinandergehend uns Gute Nacht sagten, tastete sie nach meiner Hand
und sprach: „Ich danke dir, Hansel, daß du mit uns gegangen bist.“ Und
so weich und warm sind ihre Finger gelegen einen kurzen Augenblick auf
meinem Gelenke.

Philosoph, Philosoph! Das Mädel wird lebendig!

[Illustration]



    Am zweiundvierzigsten Sonntag.


Himmlisch ist es geworden auf den Bergen, jetzt auf einmal wieder!
Wie unvergleichlich schöner ist der stille, klare, beständige Herbst,
als der launische, springende schlagende und stechende Mai -- der
Flegelmonat des Jahres. Könnte ich es dir zeigen, wie jetzt die Buchen
und Kirschbäume in purpurnem Rot, die Ahorne und Lärchen in leuchtendem
Golde stehen und die weiten Fichtenwaldungen in schwarzblauen Tinten
dämmern. In den Wiesenthälern schimmert der silberne Reif und auf
allen Höhen Sonnenschein, Sonnenschein! Der ganze Almgai ein bunter
Strauß unter dem Glassturz des kristallklaren Himmels. -- Mensch,
ich habe nicht umsonst gefürchtet, poetisch zu werden, bevor dies
Jahr zu Ende geht. Oder ist meine Sehkraft schärfer geworden, daß auf
den grünen Almen die Sennhütten wie weiße Eierchen glänzen, daß im
fernen Felsgebirge jede Runse, jedes Riff, jede Sandhalde und jeder
Schneeflecken so deutlich und klar geworden ist, als liege das weite
Luftmeer gar nimmer dazwischen. Ein kühler Berghauch bringt mir den
Duft der Cyklamen, Gentianen und des feuchten Erdreichs.

Und in dieser neuen Schönheit ist das alte Leid. Wie mag sonst das
Treiben des Herbstes hier sein? Die Felder und Gärten besäet mit
heiteren Menschen, deren Stimmen erntefroh von Berg zu Berg klingen,
den Vogelsang des Frühjahres reichlich ersetzend. Und in diesem Jahre?
Alles tot, alles schweigend. Nur da und dort knallt ein Hirte mit der
Peitsche, aber nicht aus Lust, sondern aus Unmut, weil die Rinderherde
ruhelos Gras suchend auf dem frostversengten Rasen unstet umhergeht und
immer über die Berainung hinauswill. Sonst haben sich auf freiem Anger
herlebige Burschen zusammengefunden zum Singen, Ringen und zu anderer
Kurzweil. Dies Jahr streichen sie zu einzeln mürrisch umher, sinnend
und grübelnd, wohin sie nur ihr thätiges, begehrendes Wesen wenden
sollen, wenn es in den heimatlichen Bergen nicht mehr zu leben ist. Und
in den Gräben rauscht und rauscht immerwährend das Wasser, gleichsam im
Traume lallend: Der ewige Herr im Bergland bin ich. Ich meißle den Fels
und bröckle ihn ab. Ich baue die Alpen und reiße sie ein und trage sie
dahin. Deine Felder und Häuser schwemme ich davon, o Mensch, und auch
deine Gräber...

Und da, mein Freund, kommt es mir in den Sinn, ob diejenigen nicht
doch am Ende recht haben, die den Menschen lostrennen wollen von der
Gebirgsscholle, daß er sich in der weiten Welt eine wohnlichere Statt
suche und gründe. -- Nein, nein, die altständige Menschennatur stemmt
sich dagegen, an nichts hängt sie so fest als an der Heimat. Und im
Gebirge stehen die Geschlechter am längsten. Die Menschheit steht
nirgends so fest gegründet, als im Bauerntum, und dieses nirgends so
tief als in den Bergen. Wenn dieser Grund bricht, was soll dann noch
halten? Können im Nomadentum alle Keime des Adamsgeschlechtes sich so
reich und edel entwickeln als in der Bodenständigkeit? Nur unglückliche
Völker wandern, Kain ist der erste Nomade gewesen. -- Woher stammt
unsere Kultur? Wo hat sie ihren Sitz, an alten festen Stätten oder auf
der Straße? Industrie und Handel bauen über Nacht Städte, die auch
wieder über Nacht zerfallen. Sie bauen nur Zelte. Das Bauerntum, dieser
Granit der Menschheit, baut Häuser, und aus diesen Häusern sind immer
wieder, eine reiche, überschüssige Kraft, diejenigen hervorgegangen,
die da Burgen, Schlösser und Kirchen gegründet haben, und solche
Städte, die jahrhundertelang wachsen, jahrhundertelang eine Blüte der
Menschheit sind und jahrhundertelang brauchen, bis sie zerfallen. Und
das Patriziertum, aus welchem sich Zucht, Gehorsam, Würde, Kraft,
Treue, Vaterlandsliebe und gesellige Sitte organisch entwickelt hatte,
wodurch soll es neu nachgefrischt und ersetzt werden? Es wird hinfällig
sein, wenn die Bodenständigkeit aufhört, wenn der Bauer -- sei es durch
Unwetter und Bergwässer, sei es durch sociale Mächte -- fortgeschwemmt
wird von seiner Scholle.

Du weißt es, Freund, daß ich vor einem Jahre noch vom Bauerntum
vielfach gesprochen habe wie ein Blinder von der Farbe. Ich liebte
es wie eine Idylle von Salomon Geßner. Heute liebe ich es wie die
Odyssee! In diesem Stande, mein Alfred, ist neben finsteren Gewalten
eine Opferwilligkeit und eine stillduldende Liebe, die ans Heldenhafte
grenzt. Es ist in ihm eine Kraft und eine Geistesthätigkeit, von der
die Hochmutspinsel im Frack keine Ahnung haben. Und wenn ich auf dieser
Welt je an Glück glauben könnte, ich würde es suchen und versuchen
fern von der rasenden Welt im Frieden eines ländlichen Hauses,
inmitten der ewig herrschenden Natur, die mich belebt, beschäftigt und
ernährt, die man selbst in ihrem Grimme noch anbeten und lieben muß.
-- Und in dieser Erkenntnis habe ich mir vorgenommen, meinen armen
Adamsleuten beizustehen, daß sie sich so lange als möglich auf ihrer
alten Heimstatt halten können. Welch ein Elend auch hier sein mag,
besonders wie in diesen Tagen, immer noch besser, als in der Fremde
unstet sein und wehrlos vom wilden Zeitgeist hingerissen zu werden.
Herrgott, wenn ich mir da draußen in den schwankenden Weiten meine alte
Hausmutter denke! Oder mein treuherziges Mädel! -- Wird mir doch schon
ganz daumelig, wenn ich mir sie vorstelle als Lehrersfrau, mit Kind und
Kegel von einem Schulhause zum andern wandernd. Ist es denn wirklich so
großartig gut und klug, wenn man diese zwei Leute zusammenkuppelt für
alle Tage, bloß weil sie sich einmal ein wenig lieb gehabt haben?

Am vorigen Sonntag, als wir nebeneinander knieten auf der Tischbank, um
die gemeinsame Sonntagsandacht zu verrichten, hatte ich eine traumhafte
Erscheinung. Schwebte plötzlich über den Häuptern eine Hand, und als
ich aufschaute, war nichts und niemand in der Nähe. Es war eine flache,
sich breitende Bauernhand gewesen, wie dem seligen Adam seine. Mir
stockt hierauf das Gebet und die Barbel schaut mich betroffen an. --
Man wird ja so anders, so ganz anders auf diesen feuchten Schollen
-- so als ob eine dunkle Seele aus ihr aufstiege, von der man sachte
besessen wird. --

Nur gut, daß es doch wieder Ereignisse giebt, die mich gründlich
ernüchtern. An einem Fichtenbaum ist mein Stolz zerschellt. Vernimm den
Bericht.

Die Zeit des Streumachens ist da, um den Stallbewohnern für den Winter
einen grünen Teppich zu schaffen, der dann allwöchentlich einmal
erneuert werden muß. Das Stroh wird hier nicht zur Streu benutzt, auch
wenn eins vorhanden ist, sondern mit Heu vermischt gefüttert. Waldmoos
und Heidekraut will man den Baumwurzeln nicht rauben. Da giebt der
Baum noch lieber seine grünen Äste, als seine feuchte, schützende
Wurzeldecke. So kommt von acht zu acht Jahren der Bauer mit der Axt,
steigt an dem Baumstamm empor und hackt die längsten und buschigsten
Äste herab als Winterstreu für den Stall. Die zarten Zweige und Triebe,
sowie den Wipfel läßt er dran. Damit soll sich der schwerverwundete
Baum wieder erholen fürs nächstemal. Das ist nun eine ganz abscheuliche
Einrichtung, allein der Bauer im Almgai behauptet, er wisse anderswie
keine Stallstreu, oder mit anderer Streu keinen richtigen Dünger zu
erzielen. Ich machte dagegen theoretische Einwendungen, die Hausmutter
stützte sich auf Erfahrungen und schickte mich hinaus in den Wald. Da
hätte ich nun ein paar scharfzackige Steigeisen an meine Füße schnallen
sollen, hätte die Axt rückwärts in den Gürtel stecken und den Baum
hinaufklettern sollen, wie eine Eichkatze, bis zum Wipfel.

Im vorigen Jahre waren noch drei vorhanden gewesen, die das Reisig
von den Bäumen schneidelten, der Vater Adam, der Valentin und der
Rocherl. Das Mädel hatte munter die gefallenen Äste in Büscheln
gesammelt, die Hausmutter war mit Ochsen und Karren gekommen, um das
„Graß“ in den Hof zu führen, wo es nachher kleingehackt und in Stößen
unter Dach geschichtet worden für den Gebrauch im Winter. Die beiden
Burschen sollen hoch auf den Bäumen gesungen und gejauchzt haben und
sich geschaukelt, und im Schaukeln sogar von einem Wipfel zum andern
gesprungen sein, voll Übermut. -- Heute? Heute steht ein einziger da
-- kann nicht jauchzen und kann nicht schneideln. Das Ästeherabhacken
wäre freilich keine Kunst, aber das Hinaufsteigen! Die Hausmutter
selbst hat mir die Steigeisen angeschnallt, die Barbel hat mich im
Klettern unterwiesen, wie man mit den scharfen Eisenzacken hoch an
dem Stamme weit fester stehe, als in gewöhnlichen Schuhen auf dem
Erdboden, wie man mit dem einen Arm den Stamm umschlinge, als hätte
man ihn sehr lieb, und mit dem andern Arm die Äste abhacke, daß sie
lustig niederrauschen. -- Und ich? Mensuren habe ich geschlagen und
in der Armee wird man auch nicht gerade für allzugroße Furchtsamkeit
abgerichtet. Also frisch an! Aber wie hoch? Als es so weit war, wo der
Baum sachte mit mir zu schaukeln begann, wo der Stamm mit jedem Hieb
zuckte, als wollte er mich abschütteln und sich wie eine Schlange unter
mir bog, just zum abspringen, da war der Feigling fertig. Die Glieder
huben mir an zu zittern, der Wald begann zu kreisen -- rasch mußte ich
bodenwärts.

„Mein Gott!“ sagte die alte Hausmutter, „wenn unsereins das dumme
Weibergewand nit hätt, mit dem man überall hängen bleibt, mich däucht’,
ich wollt’ selber hinauf.“

Du kannst dir denken, wie anmutig ich dagestanden bin. „’s ist mir just
das Blut zu Kopf gestiegen,“ sagte ich, bloß um etwas zu sagen.

„Bis du’s noch einmal probierst, wird’s schon gehen,“ redete mir die
Hausmutter zu, „anfangs ist einer, der’s nicht gewohnt, halt ein bissel
schwindlig.“

„Mutter!“ sagte jetzt das Mädel, „den Hansel lassen wir nit mehr
hinauf. Er macht alles zu geschwind, spießt mit den Steigeisen nit
ordentlich ein, und anhalten thut er sich auch zu wenig. Da könnt’
wirklich was geschehen.“

Also, wegen Tollkühnheit darf ich nicht mehr hinauf! Auch gut.

Was nun machen? Es droht der Winter und das Reisig muß herab. Wenn der
alte Soldat schon zu -- tollkühn ist, um auf die Bäume zu steigen, so
muß man ihn umtauschen. Die Hausmutter schickt zum Kulmbock hinüber und
läßt bitten um einen Baumschneidler. Der Kulmbock ist nicht daheim und
sein Weib läßt zurücksagen, sie brauche ihre Leute selber und müsse
jetzt die Mühlbrücke zimmern lassen, die das Wildwasser zerrissen hat.
Ob denn der „herrische Knecht“ nicht baumschneideln könne?

Darauf läßt die Barbel zurücksagen: Der zugereiste Knecht könne das
Baumschneideln sehr gut, aber man dürfe ihn nicht hinauflassen, weil
er zu hitzig sei und den Vorteil nicht achte. Hingegen wolle man den
Hansel zum Brückenbauen hinüberschicken, wenn die Kulmbock-Bäuerin
dafür ihren Weidbuben zum Baumschneideln herüberthue. Es handle sich
bei diesem Wechsel nur um etliche Tage, dann könne sie den Weidbuben
wieder haben.

So werde ich für diese kommende Woche vertauscht, wie etwas
Unbrauchbares gegen Brauchbares. Die Blamage wäre reichlich groß genug
gewesen für einen Selbstmord, hätte das wundervolle Mädel aus meiner
Feigheit nicht eine so unverantwortliche Waghalsigkeit gemacht. -- Was
nützt mir das, wenn sie’s selber nicht glaubt!

Noch gestern abends bin ich heimlich in den Wald gegangen und hab’s
versucht mit einem Baum. Dieselbe Lumperei. Wie er schaukelt, packt
mich der Schwindel und ich muß zurück. Bin nachher gar nicht zum
Nachtmahl erschienen. Kopfweh hab’ ich gedichtet. -- Und morgen früh
hinüber in den protzigen Kulmbockhof zum Brückenbau.

Noch etwas für heute. Das letzte Mal wurde dir ausführlich mitgeteilt,
wie wir den Rocherl gesucht, dann seine Flinte gefunden und in unser
Haus zurückgetragen haben, um sie auf ihrem alten Platz an den Nagel
zu hängen. Denke dir, sie hängt nicht mehr dort. Eines Morgens war sie
weg. Er hat sie sicher selbst geholt. Dieser unbegreifliche Mensch!
Die alte Marenzel meint, die Bleikugel in der Hand müsse ihm das
Blut und das Gehirn vergiftet haben. Jetzt suchen ihn auch schon die
Landwächter. -- Nicht eine Stunde sind wir sicher vor einem furchtbaren
Verhängnis.

[Illustration]



    Am dreiundvierzigsten Sonntage.


Also am Montage bei Ehren-Kulmbock, beim Brückenbau. Ich hegte den
heißesten Wunsch, es möge dabei jemand, meine Wenigkeit ausgenommen,
ins Wasser fallen. Die Schmach kann nur durch eine Lebensrettung wett
gemacht werden. Man hat mich richtig gleich aufgezogen: daß die Bäume
im Adamshaus-Walde gar sehr froh sein würden, mit ihren Wipfeln diesmal
noch heil davongekommen zu sein, ohne daß sie der Hansel in seiner
wütenden Kurasch allesamt enthauptet hat! -- Denn die Tollkühnheit war
ihnen im Grunde nicht einleuchtend. Da mußte rasch etwas Glaubhaftes
zusammengelogen werden. Der Krampf! „Diese verfluchten Krampfadern
in den Beinen, die man sich damals in Galizien geholt, bei den
großen Märschen! Gerade das leidenschaftlichste Vergnügen, auf den
Bäumen herumzuklettern, vergällen sie einem!“ Sie lachten noch mehr
und meinten, die Fichtenbäume würden wohl Freudenfahnen ausstecken
wegen meiner Krampfadern. -- Am Dienstag hatte ich schon nicht mehr
Zeitungsdeutsch nötig; mein Heiligenschein qualmte an einer andern
Stelle auf. Dieweilen sie an der zu bauenden Brücke die Holzbalken
und Stämme schwerfällig und ungeschickt hin- und herprobierten,
konstruierte ich mit Hilfe des Restes meiner geometrischen Kenntnisse
die Brücke auf Papier und rechnete leichter Hand in Ziffern die
Verhältnisse des Baues aus, worauf wir mit ziemlicher Einfachheit
das tiefe Bachbett überbrückten. Die Leistung gab mir einen solchen
Glanz, daß der Vorknecht mich einen ganzen Tag lang den „Herrn Johann“
nannte. Daß mein Name nicht ein zugehackter Johannes ist, sondern nach
heidnischer Art der deutschen „Hansa“ entstammt, diese Wissenschaft
würde ihnen alle meine bautechnischen Kenntnisse wieder gründlich
verdunkeln.

Im Kulmbockhof -- muß ich dir sagen -- hätte ich meine Zwanzigtausend
Kronen-Wette nicht gewonnen. Zwar zu essen giebt es mehr und fetteres,
als im Adamshause, aber an den Schüsseln kleben noch die Krusten
früherer Mahlzeiten; die Tische und die Fenstergläser sind mit so
ausgiebigem Schmutz überzogen, daß die Herbstfliegen mit ihren
altersschwachen Beinen drin stecken bleiben, wie die ungarischen Bauern
auf der Dorfkirmes im Straßenkot. Und was das Schlafbett anbelangt!
Freund und Philosoph! Wenn in deinem großen Bekanntenkreise jemand
einmal dem Laster der Trägheit verfallen sollte, ich bitte dich,
schicke ihn in den Kulmbockhof. Auf dem Strohlager allhier wird er
Emsigkeit lernen. Das Stoßgebet bei diesen nächtlichen Umtrieben
lautet: Vor den großen Feinden schütze ich mich selber; Herr, schütze
du mich vor den kleinen!

Der Kulmbock ist natürlich nicht zu Hause. Er geht stets im
Weltverbessern um, hält Versammlungen ab, bespricht die „Lage“. Die
Anliegen der Wählerschaft nimmt er würdevoll entgegen. Er wird’s schon
machen. Vor allem eine ordentliche Steuerreform! Die Steuer soll
nicht der zu zahlen haben, der was schafft und hervorbringt, sondern
vielmehr, der was aufbraucht. Dann, die Korneinfuhr aus Ungarn und
die Fleischeinfuhr aus Amerika muß abgeschafft werden, damit wir
Bauern die Sachen teurer verkaufen können. Zur Erntezeit muß bei den
Dienstleuten die Sonntagsruhe aufgehoben werden. Der Kulmbock läßt
nicht locker. Das wird seine Sorge sein! An ihm kommt keiner vorbei,
und Herrenmanglereien, die frißt er nit! Ein großer Mund, aber keine
Zähne drin. In der Landstube soll er hinter dem Pfeiler sitzen und sich
sehr ruhig verhalten. Seit er bei einer und derselben Sitzung für die
Annahme und für die Ablehnung der neuen Landesbahnen-Verkehrssteuer
gestimmt hat und für diese seine zwiefache Bereitwilligkeit etwas
unbarmherzig ausgelacht worden ist, zieht er es vor, „mehr unparteiisch
zu bleiben, sich nirgends dreinzumischen, jeden reden zu lassen, wie er
will und mag, selber der Gescheitere zu sein und nachzugeben.“ Es wäre,
meint er, für einen verständigen Menschen ganz verzwickelt schwer zu
reden in dieser äußerst gemischten Gesellschaft; bald sei es dem nicht
recht, bald jenem nicht. Bald schnappe bissig ein dritter her, bald
entgegne ein vierter mit niederträchtiger Bosheit, bald ein fünfter mit
dem Dreschflegel. Man sei auch etwas gewohnt zu leisten, aber da gehöre
noch eine spinnefalsche Abgefeimtheit dazu, sonst werde man übertrumpft
von den Federfuchsern und zu Schanden geschrieen von den großmauligen
Doktoren. „Na!“ meint der Kulmbock, „das friß ich nit! Aber die Zeit
wird schon kommen, wo wir es ihnen zeigen werden, denen! Wir Bauern!
Wir halten unsere Reden mit der Faust!“ -- Und trotzdem ist der Mann
fortgegangen von hier, wo man noch mit der Faust schafft, und dorthin,
wo man mit dem Munde regiert. Na! Solcher Volksvertreter wegen ist es
schon der Mühe wert, daß man den Parlamentarismus aufgebracht hat und
bei den Wahlen sich halbtot prügelt um das Recht der Selbstbestimmung.

Ja wohl! Das Recht der Selbstbestimmung, das der Kulmbock dort so
mannbar vertritt, daheim in seinem Hause herrscht es unumschränkt.
Jeder thut, was er will. Die Knechte sind nach Belieben faul und
tölpelhaft, die Mägde sind zutäppisch. Die Haustochter Fronel wollte
mich aushorchen wegen Adams Rocherl. Man höre, ihm sei daheim das
Beten und Fasten zu langweilig geworden und deshalb sei er zu einer
Räuberbande gegangen. Wenn der Rocherl Räuberhauptmann wäre, da möchte
sie gleich Räuberhauptfrau sein. Der Rocherl habe gar so schlanke
Beine, und die gefielen ihr. -- Diese Fronel hat einen breiten Mund und
gelbe Zähne, mit denen sie immer an etwas kaut. Bei Tische jagt sie
nach den besten Bissen und wenn von etwas die Rede geht, was sie nicht
kennt, so fragt sie allemal, ob’s was zum essen wäre. Wenn sie sich
nicht mit einem Mannsbild balgt, so hockt sie im dunstigen Hinterstübel
und trennt und näht an ihren Kleidern herum. Hat sie ein buntes Band,
eine Masche oder dergleichen Flitter angeheftet, so stellt sie sich
damit vor den Spiegel -- in diesem Hause giebt’s einen hübsch großen
-- und trennt dann das Zeug allemal wieder los, um es mit einer noch
reizenderen Art zu versuchen. Ruft ihre Mutter hinein: „Die Sau sollst
du futtern gehen, stinkfaule Dirn!“ Und die Tochter heraus: „Ja, leck’
mich im Buckel, bist selber nix z’gut dazu!“ -- Das wäre schon die
richtige für den Rocherl, die! Da wüßte ich ihn schier noch lieber bei
den Räubern.

Am zweiten Abend, als es regnet und ich in der Kulmbockhof-Kammer einen
Wettermantel hole -- ein großer Lodenfleck mit dem Loch in der Mitte,
zum Durchstecken des Kopfes, wie ich also den aus der Kammer hole,
höre ich im dunklen Nebengelaß zwei Knechte sprechen; sie thaten es so
sonderbar brummend und zischelnd, daß der Mensch anhebt zu horchen.

Der eine: „Du, Martel, wenn du mir die Hälfte nit giebst, so verklag’
ich dich.“

Der andere: „Verklag’ mich, wenn du’s beweisen kannst“

Der eine: „Nachher, mein Lieber, wird der Baumstock müssen reden. Der
braucht gar nit zu juramentieren, dem glaubt man’s auch so, daß auf
ihm der schöne Lärchbaum nimmer steht, den du heimlich dem Holzhändler
verkauft hast!“

Der andere: „Verrätst mich, dann kitzle ich dir mit dem Federmesser den
Hals durch!“

Der eine: „Kitzle nur, wenn du im Kotter sitzest.“

Der andere besinnt sich ein wenig und sagt: „Geh, Statzel, mach’ keine
Dummheiten. Einen Gulden sollst haben.“

„Ich bekomm’ fünfe!“

„Hol’s der Teufel. Da hast den Bettel. Schuft!“

„Schuft? Nachher gieb mir einen sechsten Gulden.“

„Dem Henker bist du zu schlecht!“

„Dann bekomm’ ich noch den siebenten. Mein Lieber, mit mir mußt du
höflicher sein. Ich hab’ dich am Strick.“ --

Und als Schlußtableau siehe die Mutter dieser Tochter, die Herrin
dieser Knechte -- die Kulmbockhoferin.

Das ist noch ein erklecklicher Brocken. Nachblüte! Nur schade, daß sie
immer so schwitzt. Kornmahlen kann sie und da ging sie eines Tages zur
Mühle hinab. Ich habe ihr das Kornbündel nachtragen müssen.

„Du bist ja wolter stark, Hansel!“ sagt sie dann in der Mühle. „Du mußt
mir nachher helfen. Magst?“

Sie richtet die Mühle an. Die Räder klappern, aus dem Mehlkasten fliegt
der weiße Staub und schminkt die Wangen, daß sie nicht erröten können.

„Hast mich verstanden?“ lacht sie mir schnurgerade ins Gesicht. „Helfen
sollst mir!“

„Ja, wenn ich könnte, meine liebe Bäuerin. Es will halt auch das Mahlen
gelernt sein.“

„Korn aufschütten wirst doch können! Mahlen thut ja eh die Mühl’
selber.“ Und setzt traulich bei: „Schau, Hansel, du solltest halt jetzt
der meinige sein, derweil mein Alter fort ist.“

Sacker! denke ich, die setzt scharf ein.

„Na, was sagst du, Hansel?“ fährt sie fort. Schalkhaft wird ihr Reden;
am Mehlkasten lehnt sie und streckt ihre fleischigen Arme nach beiden
Seiten aus: „Jetzt möcht’ ich just einmal wissen, wer breiter klaftern
kann, du oder ich.“

„Ob’s dem Kulmbock wohl recht sein wird, wenn wir messen?“ bemerke ich
möglichst ernsthaft.

„Fragt er, ob’s +mir+ recht ist, im Heu, mit der Teuxel weiß wem?“

„Natürlich, das Klaftermessen ist doch keine Sünd’.“

„Ja so!“ ruft sie, „im Adamshaus redet man noch von der Sünd’. Nit
schlecht, das! Weißt, Hansel, die Sünd’ darf der Mensch nit verachten,
die schmeckt alleweil gut.“

Weil sie mir immer näher kommt und die Gefahr, daß sie ihre Arme
um mich zusammenklappen könnte, immer größer wird, ich mich an
Vorurteilslosigkeit von ihr auch nicht übertrumpfen lassen will, so
sage ich in aller Freundlichkeit: „Weißt, meine liebe Kulmbockhoferin,
’s ist mir nicht deines Alten wegen, und auch nicht der Sünde wegen --
aber zu unsauber bist mir.“

Als ob ihr eine breite Hand heftig ins Gesicht geschlagen hätte,
so fährt sie zurück. Und der Mühlesel ist augenblicklich entlassen
gewesen. --

Wenn ich dir, teurer Philosoph, im Laufe dieses ereignisreichen
Jahres etwa einmal die Neuigkeit mitgeteilt haben sollte, daß die
Korruption gerade in den Städten wuchere, daß bei den Bauern im Gebirge
allenthalben noch Zucht und Ehrbarkeit walte, dann nimm denselben
Briefbogen, hänge ihn an die Wand und bekränze ihn mit faulem Stroh und
Brennesseln. Und solltest du, mein lieber Menschensohn, durch irgend
einen Zufall einmal Buben kriegen, so rate ich dir, daß du sie bei
Zeiten das Baumschneideln lernen lassest. Man bleibt da oben bei den
Waldvöglein wesentlich bauerngläubiger, als da hinten in den dämmernden
Kammern und staubigen Mühlen.

[Illustration]



    Am vierundvierzigsten Sonntage.


Einer Frage deines letzten Briefes muß ich noch gedenken. Trotz allem,
nein -- Hunger keinen.

Den Hunger kennt man nicht am Busen der Mutter Erde. Den kennt nur
die große Stadt. Ich meine jetzt nicht den Hunger nach Austern und
Sekt. Ein wohlgestellter Städter, der es weiß, daß in seiner nächsten
Nähe Menschen an Nahrungsmangel verkommen, vor Frost Tag und Nacht in
ihre dunklen Nester gebannt, fluchen, weinen und verzweifeln -- kann
noch behaglich in der Oper sitzen und eine glänzende Soiree genießen.
Euch Stadtherrschaften -- ich meine ja nicht dich, den menschtreuen
Alfred, ich meine die Ganzheit der „Elite“ -- ist Hunger und Not der
Armen gerade recht als Stoff zur modernen Kunst und als künstlerisch
wirkender Gegensatz zum eigenen Überflusse! Stellt es euch einmal so
recht mitten in euer Herz, daß im Fleisch von eurem Fleische der grause
Hunger nach dem kahlen Bissen Brot wütet -- und ihr werdet mit anderen
Augen die Welt anschauen! Sage ihnen doch, den Allesstudierenden, daß
sie auch einmal den Hunger studieren sollen, der in ihrer nächsten Nähe
ist.

Hier auf der Scholle geht der Ärmste zum Armen und wird gesättigt. Der
Kulmbock sackermentiert ganz schrecklich über das Bettelgesindel, das
an die Schwelle seines Hofes kommt, mit dem Säcklein um etwas Korn, mit
dem Töpflein um etwas Milch bittend -- aber er beteilt es. Mein Adam
entschuldigte sich immer treuherzig, wenn er des Bettlers Säcklein nur
halb zu füllen vermochte: „Mußt halt wohl zufrieden sein, wenn’s auch
ein bissel wenig ist. Es geht uns halt selber nit aufs best. Gesegne es
Gott, vermeint ist’s dir vom Herzen.“ --

Und nun zum Tagebuche.

Vollauf habe ich mit der Hausmutter zu thun. Beim Tode des Adam war
es ein stummer, weher Schmerz, jetzt aber -- die Angst um den Rocherl
steigt zur hellen Verzweiflung.

„Wenn er mir nur daheim gestorben wär’!“ ruft sie aus. „Es wär’ besser!
Ich wollt’ der Mutter Gottes tausendmal dafür Vergeltsgott sagen.“

„Er ist freiwillig davon und das ist ihm nicht so hart!“

„Nachher wieder der Valentin!“ darauf sie. „Der eine +will+ nit
heim, der andere +kann+ nit heim. Ist das ein Jammer mit den
Kindern!“

Der Rocherl ist ganz und gar verschwunden. Verschwunden und
verschollen. Über die erste Zeit haben wir uns hinweggetäuscht. Man
müsse den Trutz ausrauchen lassen. Wenn das Gewand zerrissen sei
und der kalte Wind blase, werde er schon wieder kommen. Jetzt bläst
der kalte Wind, und nachdem wir dreimal umsonst aus waren, um ihn
zu suchen, nachdem wir auch im Fuchsgraben und überall seine Spur
verloren haben, stehen wir ratlos da. Ich wollte ihn doch in die
Zeitung geben, unter die verlorenen Sachen. Da heißt es wieder: die
öffentliche Schand’! Die fürchtet man im Bauernhaus nicht minder, als
im Herrenschloß. -- Eines Tages hören wir, im Schurwalde wäre sein Hut
gefunden worden. „Das sagt nichts,“ tröste ich, „ein Dickschädel kommt
auch ohne Hut aus.“

„Wer wird ihm seine Hand einbinden?“ fragt manchmal die Barbel. Das
geht mir am meisten zu Herzen. Nicht seine Hand, sondern ihr Bekümmern.

„Er selber wird sich die Hand einbinden,“ stelle ich ihr vor. „Mit der
Linken und mit den Zähnen. Was der für Zähne hat!“

„Der Jäger wird ihn umgebracht haben!“ so wieder die Mutter.

„Der Konrad? Der seine eigene Hand opfern möchte für die des Rocherl!“

„Mir ist halt so viel bang!“ Damit schließt sie jedes Reden ab.

Die Barbel ist jetzt viel aufrechter, als die Mutter. Vor kurzem,
denke dir, soll sie mit dem Weidknecht aus dem Kulmbockhof, dem
Baumschneidler, einen Strauß gehabt haben. Sie war mit ihm im Walde
gewesen, um die Reisigbüscheln zu sammeln. Auf ein solches Büschel
setzt sich der Weidknecht und will das Mädel mit beiden Händen auf
seine Knie ziehen.

„Ei schau, du wärest +gar+ gescheit!“ soll sie gesagt haben und
ruhig weitergearbeitet. Wie er sie nachher mit Gewalt fangen will,
hat er auf einmal einen Zahn weniger im Munde. Blutend geht er in den
Kulmbockhof hinüber und bei diesen Adamshausleuten arbeite er nicht
eine Stunde mehr, das seien kotzengrobe Leut’.

„Da sieht man’s, das ist der Dank!“ darauf die Kulmbockhoferin mit
Entrüstung.

Wir haben die Geschichte erst von der Kulmbockseite her erfahren
müssen. „Ist es wahr, Barbel?“ frage ich. Sie lacht dazu, und weiter
nichts. Vom Bruder Rocherl spricht das Mädel wenig. Und von ihrem Guido
gar nicht. Das sind die stillen Wasser! Der Herr Bräutigam strengt
sich auch nicht an mit seinen Huldigungen. Ich glaube, sie sehen sich
nicht einmal an jedem Sonntage. Nun, jetzt kommt ja bald die Zeit des
bekannten Himmels voller Geigen.

Übrigens soll die Hochzeit wieder einmal verschoben worden sein.
Diesmal wäre der Schneider Setznagel die Schuld. Der könne bis zu
Leopoldi das Bräutigamgewand nicht leisten. Die schönen Tuchhosen,
natürlich! Na, dann freilich. -- Guido, Guido! Ein Verliebter muß auch
ohne Tuchhosen heiraten können. --

Der Kurat hat durch den kleinen Franzel anfragen lassen, ob die Barbel
an Sonntagen nicht wieder auf den Kirchenchor kommen wolle, und
mitsingen bei der Messe? Sie soll früher eine gar liebliche Singstimme
gehabt haben. Mich hat das gefreut vom Kuraten, und wohl auch das Mädel
scheint vergnügt darüber zu sein, daß die Kirche ihr dieses ungute
Lebensjahr ausgestrichen hat. Aber vor der Gemeinde singen, wie im
Engelschore, das mag sie nicht mehr.

Vor kurzem hatte der Geistliche auf den Lehrer gestichelt, und zwar mit
der Heustange. Es war auf der Kanzel das Evangelium vom Hochzeitsmahle
gelesen worden. -- Du kennst ja die Parabel. Nachdem die geladenen
Gäste nicht erschienen waren, ließ der König die Erstbesten von der
Straße hereinrufen, und ereiferte sich dann sehr, als unter diesen
Straßenleuten einer kein hochzeitliches Kleid an hatte. Zornig darüber
läßt er ihn an Händen und Füßen binden und in die Finsternis werfen.
Schon mancher gelehrte Knacker hat sich an dieser evangelischen Nuß die
Zähne ausgebissen; der Hoisendorfer Kurat aber hat ganz feste im Mund
und sprach darüber, wie folgt:

„Ihr werdet, christliche Zuhörer, diesen König gewiß für einen großen
Thoren halten. Da ladet er schnell die Vagabunden von der Straße ein
und wundert sich, wenn sie kein Festgewandel anhaben. Das hättet
halt ihr gewiß wieder gescheiter gemacht, natürlich! Ich aber kann
euch sagen: der Herr Christus hat mit seinem Gleichnis schon recht
gehabt. Er hat nicht das auswendige Hochzeitsröckel gemeint. Was
kümmert sich der liebe Jesus um Hoffartsfetzen. Nein, das Inwendige,
den Seelenschmuck, die Tugenden hat er gemeint. Und ein solches
Hochzeitsgewand soll jeder Mensch zu jeder Zeit anhaben, auch bei
der Arbeit auf Wiesen und Feldern, denn er weiß, daß auf einmal der
Hochzeitsbitter kommen kann, und +ihr+ wisset, wen ich mit diesem
Hochzeitsbitter meine. Diese Festtracht, die Tugenden und guten Werke,
ist bei den Leuten freilich nicht Mode. Aber den Madensack mit bunten
Fetzen zu zieren, das ist Mode. Mancher glaubt, am Ostersonntag oder
einem andern Feste wäre nicht die Herzensreinheit, sondern der große
Hutbuschen die Hauptsache und immereinmal steigt ein Bräutigam um,
der nicht Hochzeit hält, wenn es die Liebe will, sondern bis die neue
Tuchhose fertig ist!“

Na, das war ausgiebig. Ein paar Leute lugten auf den Platz hin, wo der
Lehrer saß, dieser that nichts desgleichen. --

Das Mädel scheint sein Zuwarten gewohnt zu werden und macht sich nichts
draus. Nun, dann mache ich mir auch nichts draus.

Aber schon gar nichts -- glaube es mir!

Dieser Guido Winter ist doch ein O... --

Ein Opfer seiner Unentschlossenheit.

[Illustration]



    Am fünfundvierzigsten Sonntage.


Als ob das zwei verschiedene Rassen wären, die vom Kulmbockhofe und
die vom Adamshause. Und sind doch +eine+ Sippe, deren gemeinsamer
Stamm sich im Pfarrbuche leicht würde nachweisen lassen. Wer löst mir
dieses Geheimnis von der Erbsünde, die bei den einen sich in behaglich
grunzende Niederträchtigkeit, bei den anderen in tragische Schuld
auswächst!

In tragische Schuld! Diese ist auf Seite der edlen Gattung. Du hast
es ja immer gesagt und ich kann dir heute ein Beispiel dazu geben aus
meinem Adamshause.

Am Allerseelentage hatten die Hausmutter und die Barbel auf dem Grabe
des Vaters eine Kerze angezündet, eine Flasche geweihten Wassers auf
den Hügel gegossen und still einige Vaterunser gebetet. Die Barbel
versank dabei knieend in ein so tiefes Träumen, daß sie gar nicht
wahrnahm, wie die Mutter aufstand und langsam des Weges vorausging.
Endlich hat sie angefangen zu weinen.

Ich sah es durch die Hecken und als mir an der Ecke der Lehrer
begegnete, da war meine Zurede, er solle doch auf den Kirchhof
gehen und nachsehen, ob dort nicht etwa ein betrübtes Menschenkind
tröstlichen Zuspruchs bedürfe.

„Das kann ich auch thun,“ sagt er.

Dann geht er hin, steht eine Weile neben ihr und weiß nicht recht, wie
er anfangen soll.

„Barbel,“ sagt er endlich. „Was kränkest du dich so! Das hilft nichts.
Steh nur auf, es ist nicht gesund so zu hocken auf dem feuchten Rasen.“

Sie erhob sich und ging an seiner Seite hin.

„Ich will dir gleich was sagen,“ sprach er, wohl um sie zu zerstreuen.
„Was denkst du zu einer Kuh?“

„Einer Kuh? Aber das wird ja noch Zeit haben,“ sagt sie.

„Wenn wir ja doch vielleicht ernst machen wollen in diesem Monat? Eine
Milchkuh habe ich gekauft.“

Da wurde sie bewegsam und lachte auf einmal, daß er einen Viehstand
hätte. Und es war thatsächlich so viel als abgemacht mit der Kuh. Zu
günstigen Abzahlungsbedingungen hatte er sie bekommen drüben in der
Wendau. Und dann haben sie das Ereignis eingehender besprochen. Das
Rind ist in den besten Jahren, hat vor kurzem das erste Kalb geworfen
und soll massenhaft Milch geben. Drei Liter den Tag! Stall und Futter
für sie habe er einstweilen im Nansenhof. Er wolle sie noch an diesem
Tage heimholen von der Wendau herüber. Er habe eben den Strick gekauft
beim Krämer. Ob sie scheckig wäre? -- Ja selbstverständlich, braun und
weiß gefleckt. -- Wie sie heißen werde? -- Scheckin natürlich.

„Guido, Guido!“ rief sie aus. „Jetzt haben wir eine Kuh!“

„Wenn sie nur auch schon bezahlt wäre!“ meinte er nachdenklich.

Denn bei dem ist alles so gesondert. Einmal ganz Ehre, dann ganz Liebe,
dann ganz Geld. Scheint es also doch, daß das Heiraten zwischen dem
Paare endlich Hand und Fuß, oder vielmehr Haus und Kuh bekommt, daß
es nicht mehr ein Liebespaar aus dem Romanbüchel ist, sondern ein
erdgründiges.

„Vielleicht,“ vertraute mir hernach Guido an, „verlege ich mich ganz
auf die Landwirtschaft. Und gebe die Schulmeisterei auf. Offen gesagt,
ich habe keine Vorliebe dafür. Und auch nie gehabt. Was ein rechter
Lehrer haben soll, mir ist es nicht gegeben. Daß ich’s geworden bin,
es war nur ein Notnagel. Ich habe schon gedacht, ob man nicht von der
Sparkasse Geld bekommen und eine Musterwirtschaft anfangen könnte!“

Na nu! Das läßt sich hören! Ein Bauerngut! Einstweilen ist allerdings
noch nichts davon da, als die Kuh, und diese ist noch nicht bezahlt.
Aber wenn er Lust und Zeug dazu hat, den Almgaiern zu zeigen, wie so
eine Wirtschaft nach modernen Grundsätzen rationell betrieben werden
muß! Das meine dazu soll nicht fehlen. -- Lustig ist mir gerade nicht
zu Mute.

Als wir nachher von der Kirche nach Hause kamen, war die Nähterin da.
Die hat einen sehr weitläufigen Kittel an, sogar an die Krinoline
aufgeblasenen Andenkens erinnernd, und sie will der Barbel auch
dergleichen machen zum Hochzeitsgewande. Das weiße Kleid mit
dem grünen Kranz ist verspielt, so will die Muhme Rosalia den
vergißmeinnichtblauen Brautrock zum Ersatz ausstatten mit schönen
Kresen und Krausen, Bändlein und Maschen und zierlichen Knöpflein
an allerhand Stellen, so vornehm und geschmackig, wie es sich für
eine Frau Schulmeisterin nur irgend geziemt. Die Barbel aber will es
bäuerlich haben. „Viel Hoffart wird’s mir nit tragen,“ meint sie, „ich
brauch’ ein Gewand, das auch zum Kuhmelken taugt.“

„Wie du halt willst,“ sagte die Nähterin gefällig. „Aber ich hätt’ doch
gemeint, was Besseres. Kosten thut die hübsche Form nit mehr, als die
ordinäre. Und hättest nachher was Schönes. Wenn sich der Mensch nit
beim Heiraten was Ordentliches anschafft, später kommt er eh nimmer
dazu. Sein Lebtag nimmer. Und muß man sich denken, in der ersten Zeit
laßt der Mann noch was aus, später hat sein Geldbeutel sieben Schlösser
an. Ich sag’s!“

„Dank dir schön, Rosalia,“ antwortete das Mädel, „ich bleib’ schon bei
meinem alten Tragen.“

Am Abende, als Nacht und Nebel niedergesunken waren über das Gebirge,
saßen wir bei einem Kerzenlicht ganz zutraulich beisammen am Tisch,
um die Muhme Rosalia herum, die ihre Stoffe großartig auseinander
gebreitet hatte. Der Franzel las, wie oft an langen Abenden, etwas aus
der alten Hausbibel vor. Er las Moses I, Kapitel 4:

„Und Heva gebar dem Adam zwei Söhne, den Abel und den Kain. Und Abel
ward Hirte und Kain ward Landbauer. Da opferten sie dem Herrn, und das
Opfer des Abel war Jehova angenehm, das Opfer des Kain aber verwarf
er. Und als sie auf dem Felde waren, da geschah es, daß Kain den Abel
erschlug....“

„Pfui!“ rief die Nähterin aus. „Das ist ein garstiger Bruder, dieser
Kain! Weißt du denn nichts Lustigeres zu lesen, Bübel?“

„Es kommt ja schon die Suppe,“ sagte die Hausmutter und brachte, stets
mit beiden Händen tragend, die große Schüssel mit gekochter Milch auf
den Tisch.

„Das heißt wohl, daß ich jetzt abfahren soll mit meinen schönen
Sachen,“ sagte die Nähterin noch launig und räumte den Tisch. Da
knarrte die Hausthür und durch Dunkelheit und Rauch sprang ungebärdig
ein Mann herein.

„Jesus!“ schrieen Mutter und Tochter zugleich. „Jesus, der Rocherl!“

Und er war’s. Wüst im Anzuge, wüst in Haar und Gesicht, ganz verstört
über und über -- die linke Hand ans Brusthemd geklammert, der rechte
Arm außerhalb der Binde niederhängend -- so war er in die Stube
gefahren. Dann schrak er zurück vor Mutter und Schwester, kauerte sich
in den Herdwinkel nieder, so tief, daß man ihn gar nicht sah, daß man
nur sein Gröhlen und Stöhnen hörte.

„Heiliger Gott, Bruder, was ist das?“ rief ihm das Mädel zu, „dir ist
ja die Hand aus der Binde!“

Er winkte heftig, sie solle ihm fernbleiben, barg sein Gesicht in den
Ellbogen und ächzte so wild, daß es uns allen durch Mark und Bein
ging. Wir stellten uns um ihn, wir bestürmten ihn mit Fragen, woher er
komme, was das bedeute? Die Barbel kam weinend mit Wasser, um ihn zu
erquicken. Da sprang er auf, stieß sie zurück, daß ihr der Krug aus der
Hand fiel und auf dem Fletze zerbarst.

„Will dich nit sehen, du Unglück, du!“ kreischte er auf. „Du bist mein
Unglück! Mein Unglück! Mein Unglück!“

Unser erster Gedanke: Wahnsinn! Die Mutter faßte ihn an der Hand:
„Kind, du erschreckest uns zu Tod. Was ist denn geschehen? Will dir wer
was? Rocherl, so sprich! Schau, jetzt bist ja wieder daheim, bist bei
uns. Viel Herzleid um dich, Gott weiß es. Soll vergessen sein, weil du
mir wieder da bist. Krank bist so viel! Thu’ dich ausweinen, da bei
mir, nachher wird dir leichter. Mein liebstes Kind....“

Nie bisher hatte ich das herbe Weib in solchem Tone sprechen gehört.
Der Bursche begann am ganzen Körper zu zittern; als er sich erheben
wollte, knickten ihm die Knie ein, so brach er vor ihr nieder: „Bin’s
nimmer wert, Mutter! -- Nur sehen -- nur euch noch einmal sehen. Dann
gehe ich ja schon, wohin sie mich treiben....“

„Du wirst --“ sie brach wieder ab. Du wirst doch nichts angestellt
haben? wollte sie fragen.

„Mutter, ich will nimmer sein!“ schrie er auf und rang die Hände.
„Mutter, schaut mich nit an. Ihr verzeiht mir nit, ich weiß es wohl,
ihr +könnt+ mir nit verzeihen. Nur +ein+ Tag wird noch sein,
da werdet ihr mir verzeihen...“

Da verschlug’s uns freilich allen miteinander die Sprache. Wir standen
herum wie dürre Bäume. Plötzlich wurde der Bursche ruhig, er stand
auf, setzte sich auf ein Holzscheit und schien beinahe gefaßt. Stierte
vor sich auf den Boden hin und sagte: „Ja, meine lieben Leut’, mich
hat der Herrgott verlassen. Jetzt bin ich fertig. Nit aus Jähzorn
ist’s geschehen. Aus Schlechtigkeit ist’s geschehen. Wie lang’ ich’s
hab’ vorbedacht. Es muß sein und es +muß+ sein! hat mir der
bös’ Feind zugesprochen Tag und Nacht. Um die da! Um die!“ Auf das
zitternde Mädel deutete er mit dem Finger. „Die ich so gern hab’
gehabt! Keinen Menschen so gern auf der Welt! Und ihretwegen, daß es
ein +solches+ End’ hat mit mir!“

Fuhr die Mutter zornig auf: „Jetzt red’, was ist geschehen?“

„Derschossen hab’ ich ihn!“

Die Barbel thut einen Schrei, so schrecklich, daß ich ihn seither in
jeder Nacht höre. Ihre Züge werden fahl, ganz fahl und starr. Alles
erstarrt ringsum und es ist ein Krampf, daß man gemeint hätte, am
Himmel blieben die Sterne stehen zur selben Stunde.

       *       *       *       *       *

Den Jammer stelle dir selber vor, zu beschreiben ist er nicht. Wie
furchtbare Sturmglocken, so scholl er durchs Haus. Aber das tragische
Kapitel wendet sich. Es schwankt langsam die Thür auf und eine
unsichere Stimme ruft herein: „Wo es so lustig hergeht, da will ich
auch dabei sein.“ Als ob er gemeint hätte, es wäre ein Freudenlärm.
Und er hat’s gesehen, wie der Rocherl jetzt neuerlich einen gellenden
Schrei ausstößt und sein Gesicht in die Rockfalten der Mutter birgt. Er
hat’s geahnt, weshalb die Barbel ihm mit so großer Heftigkeit, lachend
und weinend zugleich, in die Arme springt.

Es war freilich nicht der Geist des erschossenen Lehrers, wie der
Rocherl meinte. Es war der Guido, der wirkliche, mit dem lebendigen
Fleisch und Blut.

An diesem Abende des Allerseelentages haben wir das Wunder noch nicht
so gesehen, das sich zugetragen und zu dessen Beschreibung ich einer
ruhigeren Stunde bedarf.

Will dir nur sagen, wie der Rocherl zuerst noch eine Weile gelauert
hat, gegen den Lehrer hin, ob es nicht doch ein Blendwerk sei, was da
vor ihm steht blatternarbig und in der Pelzhaube. Dann tritt er ihn an
und sagt in ganz hartem Tone: „Dank dir’s Gott, Lehrer, daß du lebst.
Und ich bin ein Narr geworden.“

Der Guido ist sehr nachdenklich und schweigsam. Er hat nichts mehr zu
sagen. Er scheint nur gekommen zu sein, um sich zu beklagen darüber,
daß und vor wem er seines Lebens nicht mehr sicher sei.

„Geh dich waschen, Rocherl!“ raten wir.

Der Bursche taumelte hinaus zum Brunnen, tauchte den Kopf in das kalte
Wasser, mehrmals und immer wieder. Dann saß er auf dem Trog in stiller
Nacht. Ich trug ihm des Vaters Wettermantel hinaus: „Decke dich ein,
Rocherl, es ist kalt.“

„Bist du’s, Hansel?“ fragte er. „Geh, bleib’ bei mir. Du glaubst es
nicht, wie ich jetzt dran bin. Wie das lustig ist, wenn man niemanden
umgebracht hat! Denk dir, mir ist’s gerad’ so vorgekommen, ich hätt’
den Lehrer derschossen. Wenn’s ist, so werde ich aufgehenkt, und wenn’s
nit ist, komm’ ich in den Narrenturm. So bin ich dran, mein lieber
Hans.“

Vielleicht giebt es doch noch einen dritten Weg. Ein furchtbares
Verhängnis zog vorüber und was geschehen, das ist -- recht betrachtet
-- ein ganz gewaltiger Brocken Gnade Gottes, der jetzt auf einmal vom
Himmel fiel aufs bebende Adamshaus.

[Illustration]



    Am sechsundvierzigsten Sonntage.


Jetzt kannst du wieder etwas Neues hören, lieber Alfred! Jetzt sehen
wir den Brocken des himmlischen Wunders erst recht, er ist noch größer,
als es anfangs schien. -- Der Jäger Konrad hat seinen Schuß wett
gemacht.

Am vorigen Donnerstag, als ich gegen Abend das Vieh heimtreibe, das
jetzt noch spärliches Gras abweidet draußen auf den Wiesen, begegnet
mir der Jäger. Er schaut so recht behaglich drein, viel munterer
als sonst und hat im Gesicht ein kurzes Pfeiflein stecken, das er
mit den Zähnen nach aufwärts schupft, als sollte es mit dem spitzen
Messingdeckel an die Nasenspitze tippen. Einen guten Tag bietet er mir
und fragt, ob der Rocherl heimgekommen wäre.

„Das wohl,“ antworte ich, „aber das Schießen hat er sich zu sehr
angewöhnt von euch Jägern.“

„Vielleicht hat er sich’s auch wieder abgewöhnt,“ sagt er.

„Der, wenn er gut träfe!“

„Treffen,“ meint der Jäger, „thäte er vielleicht eh gut, aber das
Gewehr ist schlecht geladen.“

Da deucht mich, der Mann wisse etwas. Und weil wir den Waldweg
nebeneinander gehen, hinter dem Vieh her, so habe ich’s erfahren.

Der Rocherl, so erzählt der Jäger Konrad, sei ihm schon lange
verdächtig vorgekommen, als ob er etwas im Sinn hätte gegen den Lehrer.
Mehrmals habe er ihm das Gewehr abgenommen, immer wieder hat er
eins. Vor Allerheiligen sei er tagsüber oben gelegen in der Nähe der
Waldheuhütte. Bei der Nacht sei er durch die Gegend gestrichen, sogar
bis Hoisendorf hinab und um das Schulhaus herum. Lauernd und flüchtig
huschend wie ein wildes Tier. Den Tag vor dem Feste sei der Jäger
drüben in der Wendau beim Sackbuttner zugekehrt und habe die Bäuerin um
eine Rein Milch gebeten. Dieweilen er sie gegessen, sei der Lehrer von
Hoisendorf gekommen und habe dem Sackbuttner eine Kuh abgekauft.

Im weiteren soll der Jäger die Geschichte selber erzählen: „Wie ich
nachher der Bäuerin ein paar Kreuzer hinhalte und sie sagt, ein
Vergeltsgott wäre ihr lieber und wir so ein bissel nebeneinander
stehen vor der Hausthür, bemerkt mein Aug’ in der dunklen Streuschoppe
den Adamshauser Rocherl, der sich an die Wand drückt und durch eine
Luke hinhorcht auf den Lehrer, wie es dieser mit dem Sackbuttner
verabredet, daß er die gekaufte Kuh am Allerseelentage nachmittags
abholen will. Das fällt mir auf -- sage aber nichts. Es wird gut sein,
denke ich, wenn der Lehrer einen Kameraden hat auf dem Heimweg. Habe
ihn begleitet bis Hoisendorf hinab. Ist gar nit gesprächig gewesen,
der Herr, hat sich über den ungebetenen Weggenossen wahrscheinlich
geärgert. Vielleicht wollt’ er unterwegs ein Hochzeitsliedel dichten.
Mir ist es auch nit viel besser ergangen neben seiner. Ein Jäger
und ein Schulmeister, ich bitt’ dich! Mit was sollen denn die sich
unterhalten? -- Es ist halt kurzweiliger zu zweien, sage ich, die
Gegend ist jetzt schon gar so viel einschichtig. -- Na, meint der
Lehrer, einen Jäger wird die Einschichtigkeit doch nicht genieren! Und
schaut mich seitlings an -- ein Jäger und sich fürchten? Hab’ mir’s
gefallen lassen müssen. Mein Lieber, denke ich, wenn du wüßtest, für
+wen+ ich fürchte! -- Sagen habe ich ihm’s freilich nit mögen. Ich
kann mich ja grob irren. Wäre wohl noch schlimmer, als ein Schuß in die
Hand! -- Das mußt allein mit dir selber abschließen, Jäger, sage ich
zu mir, und sollst jetzt einmal über zwei Menschen wachen. -- Darauf
am Allerseelentag gehe ich frühmorgens aufs Joch. Unsereiner ist das
Passen ja gewohnt. Nit weit von der Waldheuhütte, da begegnet er mir
schon, hat an seinem Rock noch die Heuhalme kleben, daß ich es gleich
weiß: Rocherl, du hast in der Hütte übernachtet. Ich rede ihn an: Wohin
so früh? Er keine Antwort, eilends davon. Ich krieche durchs Wandloch
in die Hütte und sehe im Heu noch die Grube. Und finde daneben, im Heu
vergraben, das Gewehr. Scharf geladen! -- Also doch! denke ich. Es
scheint, für den Lehrer ist vorbereitet, wenn er des Weges kommt in
die Wendau. Ist es denn möglich? Aus Haß, der Schwester wegen, oder
wie sonst? Wahnsinniger Mensch, du! -- Will jetzt aber doch sehen,
wie weit das geht. Weg nehm’ ich das Zeug diesmal nit. Da machen wir
lieber einen andern Spaß, lieber Rocherl! Hab’ mir’s vorgenommen mein
Lebtag, daß ich dir deine Hand vergüte. Aus der Hand kann ich dir die
Kugel freilich nit herausziehen, aber -- weißt du wohl -- aus diesem
Büchserl kann ich sie herausziehen. Knallen thut’s auch ohne.... Und
hab’s gethan. Den Schuß herausgezogen, frisch blind geladen und das
Gewehr wieder ins Heu gesteckt. -- Nachher habe ich mich selber ganz
hinten hingelegt. Durch eine Bretterfuge sehe ich hinaus gerad’ auf
den Weg. Dort bin ich gelegen den ganzen Tag und immer wieder hat’s in
mir gesagt: Ah, Unsinn, wie wird der Junge auf den Lehrer schießen!
Einem Hirschen wird das Blei vermeint gewesen sein, der oben auf dem
Jochanger äset. Der Wildschütz laßt’s ja nit! Nachher schlagt’s wohl in
mein Fach. -- So um Mittag herum, wie ich meinen Speck aufs Brot lege,
schleicht er an. Kriecht in die Hütte, übers Heu hin zum Gewehr. Von
meinem versteckten Winkel aus ist er gut zu beobachten. Er will sich’s
bequem machen im Heu und kommt doch zu keiner Rast. Stützt sich auf
den Ellbogen der kranken Hand und lugt durchs Bretterloch hinaus auf
den Weg und kann das Aug’ nit abwenden. Fliegen ein paar Raben, setzen
sich an den Steig, picken Käfer auf, fliegen wieder ab und krähen in
den Wipfeln. Sonst nichts. Da ist’s auf einmal -- es schwummelt was
zwischen den Lärchbäumen her und ist’s der Lehrer. Der hat um die
Achsel einen Strick geschlungen, in der Hand einen Stock. Er geht, um
seine Kuh zu holen. Der Rocherl bäumt sich stad auf und hebt mit der
Linken das Gewehr. Teufel! denk’ ich, ’s ist doch ernst. -- Da kommt
vom Weg ein lustiges Lachen -- Kinderlachen. Zwei Schulknaben laufen
hinter dem Lehrer daher. Auf dem Heimweg wohl von der Kirche. Die haben
einen großen Käfer gefangen, der zwickt in den Fingern, sie wollen
ihn dem Lehrer zeigen und fragen, was es für einer ist. Tschapperln!
sagt er, ihr werdet doch den Hirschkäfer kennen! Na, Kerl, du hast
dich hübsch verschlafen, dies Jahr, jetzt kommt schon der Winter.
-- So gehen sie miteinander vorbei, der Lehrer und die Kinder, und
verschwinden hinter der Böschung. Der Schuß hat nit geknallt. Die
dummen Buben! Der Rocherl schlägt sich ärgerlich die Faust an die
Stirn. Jetzt muß er warten auf die Rückkehr, und das Gewehr thut er
nicht mehr aus der Hand. -- Na, so haben wir wieder gewartet. Wenn
der Jäger das Aufpassen nit gewohnt wär’! Bin doch neugierig, denk’
ich, ob ihm denn nichts einfällt. Was er vorhat! Was das bedeutet! Was
+nachher+ kommt! -- Aber nichts und nichts! Man kennt’s ja, wer
auf dem Anstand steht, die ganze arme Seel’ ist im Büchsenrohr und
wartet auf das Losdrücken. -- Einmal kommt vom Waldhang ein Reh herab,
ganz possierlich, und nascht am verherbsteten Haidekraut. Hab’ noch
gemeint, der Rocherl könnt sich doch besinnen. Schuß ist Schuß. Aber
nein diesmal giebt er’s fürnehmer! Als es endlich zu dunkeln anhebt,
strampelt der Bursche ungeduldig mit den Beinen. Seine Augen brennen
ganz katzenhaft -- lauter grüne Funken. Jetzt zuckt er zusammen. Er
hat etwas gehört. Von der Wendauerseite herüber kommt der Lehrer mit
seiner Kuh. Er führt sie am Strick, in der andern Hand hat er einen
Birkenzweig zum Antreiben: Hi, geh, Scheckige. -- So kommen sie stad
heran und ich meine schon, es ist nichts, da kracht’s. Das Tier macht
einen Sprung, der Lehrer stürzt zu Boden. -- Verdammt, was ist das?
-- -- Einen Augenblick ist der Rocherl starr, dann thut er einen
Schrei. Mensch, einen Schrei! Meiner Tag’ hab’ ich keinen solchen
gehört. Dann fährt er unbändig zum Loch hinaus und fort. Mich hat’s nur
so zusammengerissen, wie der Lehrer hinstürzt. Aber wie ich auf den Weg
komme, ist er schon wieder auf und mit der Kuh davon. Das erschreckte
Tier hat ihn mit dem Sprung zu Boden gerissen -- und weiter, Gott
Lob, ist nichts zu vermelden. Nur daß ich nachher über die Abachleiten
den Adamshauserischen hab’ laufen sehen, in der höchsten Verzweiflung.
Mein Lebtag hat mir nichts so wohl gethan, als dem seine Verzweiflung.
Bübel, denk ich, die ist dir gesund. Heißt das, wenn sie nit zu
unchristlich wird. Hab’ ihm doch nachgerufen: Rocherl, hörst du! Jetzt
sind wir wett. Zwei Menschenleben für eine Hand! Ich glaube, sie ist
bezahlt. -- Er wie ein wildes Tier davon und nichts gehört.“ --

So, mein Freund! Und das ist der Jäger Konrad. Ich hätte es nicht
geglaubt. Hätte es nicht geglaubt, daß wirklich solche Menschen
umhergehen auf Erden. Und ein solches Wunder hat müssen sein, daß unser
armer Junge gerettet werden konnte. Er, und wir alle mit ihm. Und weiß
Gott, der Junge ist seither anders, -- anders!

       *       *       *       *       *

Ein Nachtrag! Für verrückt wirst du mich halten. Für einen jener
unheilbaren Irrsinnigen, die plötzlich so heiter geworden sind, daß
sie selbst bei Tragödien und Trauerfällen nichts als lachen können.
Bei solchen Schicksalsschlägen, wie sie das Adamshaus getroffen,
könnte man ja wirklich überschnappen. In dem Augenblick, als ich
vorstehenden Brief an dich schließe, kommt der Rocherl in einem wahren
Freudenrausch, hoch zwischen den Fingern etwas haltend, schwingend:
„Sie ist heraußen! Sie ist heraußen! Die Kugel!“

„Natürlich,“ sage ich, „weil sie der Konrad herausgezogen hat.“

„Die meine ich nit!“ schreit er, „+die+ meine ich. Die in der Hand
drin gewesen ist!“

Seit dem aufregenden Allerseelentag soll sie wieder sehr geschmerzt
haben, die kranke Hand, an der alle Pflaster und Salben der alten
Marenzel nichts nützen wollten. Die Narbe war neuerdings aufgegangen
und schwürig geworden. Die Barbel hat sie ihm jeden Tag sorgfältig
verbunden. Und wie sie heute wieder den alten Verband ablöst, fällt
etwas aufs Fletz. Ein kleines, längliches Bleistückchen, und der
Rocherl behauptet, es thät’ nicht mehr weh. Ich bitte dich, Alfred,
frage doch einen Arzt, ob das möglich ist, ob Schreck, Angst und derlei
Seelenaffektionen nicht kugeltreibende Mittel sein können. Ist das
nicht möglich, dann bin ich in allergrößter Verlegenheit, denn die
Kugel ist da.

[Illustration]



    Am siebenundvierzigsten Sonntage.


Im Drang der Ereignisse sind meine Schilderungen und Berichte längst
entgleist. Keine Sonntagsbriefe mehr, hingegen ein fermer Roman, von
dem jeden Sonntag ein Kapitel geschrieben wird.

Heute ist Adagio. Die Arbeit zieht sich zur Neige des Jahres fast ganz
in Haus, Scheune und Stall zurück. Nur um Herdholz sind wir in den Wald
gefahren mit dem Schlitten, denn seit einiger Zeit haben wir Schnee.
Dabei trat ich auf ein mit Schnee gedecktes Scheit so ungeschickt, daß
es im linken Fußgelenke einen Knack machte und der Rocherl mich auf
dem Schlitten nach Hause ziehen mußte. So lag ich tagelang in meiner
Kammer, in Dämmerung und feuchtem Stalldunst. Freund, da war’s öde. Die
Barbel brachte mir das Essen, ordnete, wo sonst etwas fehlte, ging aber
allemal unmenschlich bald wieder fort. Die könnte auch ein bißchen mehr
Barmherzigkeit haben mit einem Invaliden. Dafür wollten sie mir die
alte Marenzel mit ihren Pflastern und Ratschlägen an den Fuß schicken;
da habe ich gesagt, kalte Umschläge wären besser, als warme Ratschläge
und wenn das verstauchte Bein nichts anderes zu thun hat, so wird’s
schon selber heilen -- schon aus Langeweile.

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, was ein Novemberabend
ist. Ein einsamer, endloser Novemberabend! An einem solchen, mein
Freund, ist mir plötzlich das Heimweh gekommen nach -- der Stadt. Ein
ganz brutales Heimweh. Mit Gewissensbissen darüber, daß ich mich in
Wort und Schrift so oft gegen die moderne Kultur versündiget habe.
Über dem alten Adamshause beginnt sich der Himmel wieder aufzuheitern,
ein Siecher genesend, eine Hochzeit vor der Thür. Und trotzdem,
wie kümmerlich und elend! Wenn jetzt zum inneren Frieden auch so
ein bißchen Kultur da wäre! Ein hübscher Berghof im Schweizerstil,
altdeutsche Möbel drin, Sparherd und schwedische Öfen, ein
Bücherschrank und ein Klavier -- Gott strafe mich, auch ein Klavier!
Dann behagliche Bettstätten mit Federkissen und die vortrefflichen
Nahrungsmittel im Geiste der Prato zubereitet! Wäre eine solche
„Korruption“ denn gar so schlimm? Und hier in der Kammer ein Sofa,
Luftheizung und ein bißchen elektrisches Licht. Und vor allem ein Arzt,
der mir den Fuß untersuchte, ob er verrenkt oder gebrochen ist!

Lieber Alfred, ich will schweigen, wenn wieder einmal die Frage ist,
was vorzuziehen wäre, die altbäuerliche Bedürfnislosigkeit oder die
moderne Kultur. Ich will schweigend zugestehen, daß die Naturprodukte
erst durch die Kultur, so durch die Industrie geheiligt und zu jener
Läuterung gebracht werden, die des Menschen wert ist. Ich will
einverstanden sein mit den zu erbauenden Brücken zwischen Land- und
Stadtleben. Ich will selbst dem Handel gelegentlich ein Loblied singen
und sagen, daß der Bauernhof ein kleiner Staat, und der Staat ein
großer Bauernhof ist. Daß hier wie dort produziert und konsumiert
wird, daß hier wie dort der Verkehr die Werte steigert. Was für den
Staat der Eisenbahnwagen, das ist für den Hof der Bauernkarren.
Der fährt vom Feld zur Tenne, von dieser zur Mühle, von dieser zum
Backofen, und auf jeder Station gewinnt das Feldprodukt an Wert.
Eine Civilisation im kleinen, aber berufen, groß zu werden. Ich bin
mir bewußt geworden, daß es nur darauf ankommt, das Bauerntum der
allgemeinen Entwickelung vernünftig anzugliedern. Ist dieses geschehen,
dann wird ein Stadtmensch nicht erst um zwanzigtausend Kronen ein Jahr
lang Landmann sein, dann thut er’s umsonst, oder zahlt noch etwas
drauf, weil die Kultur mitten in der Natur draußen erst den ganzen
Daseinsgenuß ermöglicht. Und wenn es gelingt, altväterische Tüchtigkeit
und Treue mit jungweltlicher Genußfähigkeit und Vorurteilslosigkeit zu
vereinigen, dann beginnt ein erträglicheres Zeitalter.

Und der Mann, der dieses bessere Zeitalter verbuchen wird von Tag zu
Tag, verbuchen und weise beraten zugleich -- das wird der herzstarke
Journalist sein, der diesen Beruf zu seiner ganzen idealen Größe erhebt
-- bis er einst die Geschichts- und Lehrkanzel der Menschheit ist.

Deine gelegentliche Bemerkung, daß ich trotz meiner Flucht vor den
Journalisten doch ein solcher geblieben sei, der gleichsam ein
Wochenblatt aus dem Bauernhause schreibe, hat mich angemutet. Du hast
sicherlich recht, wer bei allerlei Bekümmerungen und körperlichen
Anstrengungen das Berichteschreiben nicht sein lassen kann, der ist
einer und bleibt einer! Und warum nicht? Jeder Beruf wäre richtig,
wenn der richtige Mann dazu kömme. Der richtige Mann adelt sogar das
Henkeramt. Der alte Scharfrichter Möllendorfer, eine zart und mild
angelegte Natur, gütig und wohlwollend gegen jedermann, war der beste
Henker seinerzeit. Der hat einmal den Ausspruch gethan: „Das Hinrichten
von Mitmenschen ist die schwerste unter allen Notwendigkeiten eines
Staates. Ich habe sie übernommen, weil auch wer dazu sein muß und
weil andere vielleicht roher mit den Unglücklichen verfahren würden,
als ich es thun will.“ So kann selbst aus dem Henker ein Held werden.
In gewissem Sinne muß auch der Journalist manchmal ein notwendiges
Henkeramt besorgen, doch seine Hauptsache wird nicht das Zerstören,
sondern das Bauen sein. -- Jenes begeisterte Buch möchte ich lesen, das
schon nach hundert Jahren ein erleuchteter Mann über die Kulturmission
des Journalismus schreiben wird. Vielleicht schließt dieses Buch
zusammenfassend mit folgendem Satze: Sobald der Journalismus sich in
die bodenlosen Bereiche der Theorien, Prinzipien und Phantastereien
verlor, wurde er schwankend, verfiel der Charakterlosigkeit und
Charlatanerie; sobald er schlicht und redlich auf seines Volkes
Erdscholle stand, wurde er zu einem Faktor der Sittlichkeit und des
Wohlstandes.

Da mein leidender Fuß einstweilen nicht auf der Erdscholle stehen kann,
so läuft dieweilen fleißig der Kopf herum und trägt alle möglichen
Güter zusammen, um das Herz eines siebenunddreißigjährigen Junggesellen
zu erfreuen. Wenn man es sich so nach Wunsch einrichten könnte! Auf
einem Punkt in schöner Gebirgslandschaft, der gute Verbindung hätte
mit der größeren Stadt, ein stattliches Landgut. Ein frisches Weib
dazu, das die Wirtschaft leitet. Auch selbst tüchtig mitthun auf Feld
und Weide, in Wald und Garten und an Sonntagen sich der schönen Künste
begeben und ein wenig schriftstellern -- Freund, dann wär’s eine Lust
zu leben!

Während des Neubaues solcher Luftschlösser heilt der Fuß und dann
möchte er tanzen. Was ist’s denn mit der Hochzeit? Woche um Woche
verstreicht und man hört nichts. Meister Setznagel hat wohl auch den
äußeren Menschen schon fertig. Wo steckt nur der inwendige?

Diese Frage wurde gestern gelöst durch ein Brieflein, das der Franzel
mir vom Lehrer heimgebracht. Da das Schriftstück nicht lang, aber recht
lehrreich ist, so teile ich dir es wörtlich mit. Der Lehrer schreibt:

    „Lieber Hans!

    Nach den bekannten Ereignissen der letzten Zeit ist mein längeres
    Verbleiben in Hoisendorf ausgeschlossen. Ich habe nicht Lust, die
    Dauer meines Lebens von den Launen eines Rappelkopfes abhängig
    zu machen, der seine brüderliche, beziehungsweise schwägerliche
    Gesinnung durch Pulver und Blei dokumentieren zu müssen glaubt.
    Nachdem ich einen vorläufigen Substituten gefunden, verreise ich
    morgen, um mir anderwärts den Boden einer Existenz zu suchen.
    Mit Hilfe eines oder des andern Jugendfreundes dürfte mir das
    doch gelingen. Daß die Trauung mit Barbel bis über Neujahr hinaus
    verschoben werden muß, versteht sich demnach von selbst. Es wird
    mein notgedrungenes, pflichtmäßiges Bestreben sein, ihr ein
    besseres Heim zu schaffen, als es im Schulhause zu Hoisendorf
    möglich gewesen wäre. Gleichzeitig teile ich meiner Braut mit, daß
    ich mich baldmöglichst zur Erfüllung meines Ehrenwortes einfinden
    werde.

    Einstweilen mit bestem Wunsch für baldige Heilung deines kranken
    Fußes und vielen freundschaftlichen Grüßen

    Dein alter

    Guido Winter.

    Hoisendorf, am 20. November 1897.“

Nun also, das schreibt der Lehrer.

Ich war über alle Maßen gespannt auf das Gesicht der Barbel, wenn sie
mir das nächste Essen bringen würde. Es kam am selben Abende aber die
Hausmutter. Auf der Zunge brannte mir die Frage, ob das Mädel nicht
etwa unpaß sei. Und konnte sie nicht aussprechen. Am nächsten Sonntage
kam sie doch wieder, brachte Roggenklöße mit Kraut. Hatte ein heiteres
Gesicht, lachte wie ein helles Glöcklein, kümmerte sich noch um meinen
Fuß, fragte, ob ich nicht bald in die Hausstube hineinkommen könne, wo
es kurzweiliger sei, und eilte wieder davon.

Drinnen in der warmen Hausstube, wo der weiße Wintertag still zu den
Fenstern hereinschaut, wo die Barbel Linnen näht und dabei Liedlein
singt, ernsthafte und schalkhafte. Kurzweiliger, meint sie. O
ahnungsvoller Engel du!

[Illustration]



    Am achtundvierzigsten Sonntage.


Recht gern teile ich dir „das Laufende der bewußten Angelegenheit“ mit.
Die letzte Botschaft meines Rechtsanwalts ist eine kleine Schilderung
des Besuches, den er bei Doktor Stein gemacht, in der Absicht, um dem
Manne auf diplomatische Weise hinter die Gesinnung zu kommen. Es soll
aber nichts zu erfahren gewesen sein. So oft das Gespräch wie zufällig
auf mich gelenkt worden war, schwenkte der Chef ab. Das Wesentlichste
war, daß er mich achselzuckend einen Sonderling nannte und dann mit den
Fingern auf dem Tisch zu trommeln begann, welches Trommeln die Besucher
stets als Reisemarsch aufzufassen haben. Mein begriffsstütziger
Rechtsanwalt ging aber nicht, sondern fragte nun geradehin, wann Herr
Doktor Stein von Stein dem Sonderling die Wette wett zu machen gedenke?
Der Kontrahent würde sich danach richten wollen und müssen.

„Ach ja, die Wette!“ antwortete der Chef, „damit hat’s noch gute
Weile.“ Dann höflich, aber bestimmt: „Nicht wahr, liebster Doktor, Sie
entschuldigen mich für diesen Augenblick, es drängt die neueste Post.
Ach, ein Zeitungsklave!“

Hierauf mein Anwalt: „Leider kann ich mich mit dem Bescheid, als habe
die Sache keine Eile, nicht zufrieden geben. Ich bin -- um ganz offen
zu sein -- beauftragt, hierüber Klarheit einzuholen.“

„Wieso?“ darauf jener, „ich denke, man müßte wohl erst das Jahr zu
Ende gehen lassen, erstens um zu sehen, ob der Herr Trautendorffer die
Wette überhaupt gewinnt, und zweitens um abzuwarten, ob in diesem Falle
von meiner Seite Schwierigkeiten gemacht werden, oder nicht. So viel
mir bekannt ist, haben Sie ja schon mit meinem Herrn Lobensteiner in
der Angelegenheit eine Unterredung gehabt, um sich seiner Zeugenschaft
zu versichern. Was -- wenn ich bitten darf -- berechtigt Sie denn
eigentlich zum Mißtrauen gegen mich, wenn Sie Ihres Rechtspunktes
sicher zu sein glauben?“

„Meinem Klienten sind einige Äußerungen zu Ohren gekommen, die ihn
beunruhigen.“

„Vielleicht mit Recht!“ sagte Doktor Stein. „Sie erinnern sich, daß
Lobensteiner, Ihr Kronzeuge, Ihnen den Wortlaut der Wette mitgeteilt
hat? Gut. Der Spaß hat, so weit ich mich entsinne, daraufhin gelautet,
der Kontrahent habe ein volles Jahr als Bauernknecht zu dienen, also
vom ersten Januar bis zum letzten Dezember dieses laufenden Jahres. Ich
besitze Briefe, in welchen Trautendorffer selbst ausführlich erzählt,
daß fast der ganze Monat Januar verstrich, bevor er einen Dienst
gefunden. Gesetzt den Fall, die Wette wäre ernst gemeint gewesen, so
wurde die Bedingung gleich anfangs so himmelweit verfehlt, daß ich
nicht begreife, wie von einer Verpflichtung meinerseits auch nur die
Rede sein kann. Es wird mir übrigens sehr angenehm sein, wenn Sie den
Fall einer gerichtlichen Entscheidung anheimstellen wollen.“

So, mein Freund und Philosoph, stehen wir jetzt mit unseren
zwanzigtausend Kronen. Du warst sehr unvorsichtig mit deinem Darlehen.
Und ich war sehr unvorsichtig mit meiner Hoffnung, mit diesen
Krongütern Bauerhöfe zu retten, Schullehrerfamilien zu fördern und
weiß Gott was alles. Zwar schreibt mir mein Vertreter, daß er durchaus
nicht willens sei, den Fuchs laufen zu lassen. Bis der Betrag fällig
und nicht ausgefolgt sein wird, das ist am ersten Januar 1898, wird die
gerichtliche Klage anhängig gemacht. Dann wird sich der Prozeß so seine
verschiedenen Jährchen hinschlängeln und ich werde -- ein großartiger
Michael Kohlhaas. Nach solchem Ruhme geize ich aber nicht. Zum Satan!
Mir geht das Wasser jetzt schon an den Hals, oder was das Gegenteil und
dasselbe ist, ich sitze im Trockenen. Meine Sachen sind verplempert
und den besten Freund muß ich auf das Nachdrücklichste warnen, mir je
noch einen Heller zu borgen. Bedenke doch einmal diesen Leichtsinn! Die
journalistische Karriere hat er fahren lassen, ist einer Grille wegen
Bauernlümmel geworden ohne Hof und Grund und will als solcher demnächst
heiraten.

Denn, mein Alfred, nun sammle dich zur Andacht für das, was kommt.

Heute, am Vormittag, während unsere Leute in der Kirche sind, meine
ich, daß man’s wagen könnte mit dem Fuß, über den Hof zu gehen und
in die Hausstube, um der Barbel, die allein daheimbleiben mußte,
Gesellschaft zu leisten. Es geht leidlich. Sie ist, wie immer, mit
etwas beschäftigt. Vor ein paar Tagen hatte die Hausmutter ein Schaf
geschlachtet. So ist das Mädel daran, in der Feuerpfanne das Schafsfett
zu „zerlassen“ und dasselbe in Kerzenmodeln zu gießen, durch welche die
Dochte schon gespannt sind. Die also gefüllten Blechcylinder hängt sie
vors Fenster hinaus, wo das Zeug nach wenigen Minuten gestockt ist,
daß es dann als glatte milchweiße Kerzen aus den Modeln hervorgezogen
werden kann. Das macht sie so handlich und reinlich, als ob es ihr Fach
wäre. Diese Leute können doch alles, was sie anfassen. Ein rechtes
Bauernhaus ist wahrlich die Wiege aller Urproduktion und Industrie, ein
echter Bauer der ganze Mensch.

Als sie mich mit dem Stocke -- ein Dreschflegelstab war es --
daherhinken sieht, lacht sie und sagt, ich liefe ja schon wieder wie
ein Wiesel.

„Oder wie eine Schnecke, wolltest du sagen, wenn ich ein Häusel hätte.“

„Das wäre schon gar lustig,“ sagt sie, „wenn der Mensch sein Häusel so
auf dem Buckel müßt herumtragen.“

„Barbel, das wäre gar nicht lustig. Denke dir, wenn nur eins Platz
hätte im Häusel, nur eins allein!“

Darauf hat sie nichts geantwortet, beide sind wir still gewesen. Ich
habe ihr bei der Arbeit zugeschaut und weil endlich doch wieder was
gesagt werden muß, so frage ich, ob das schon die Hochzeitskerzen
thäten sein?

Ob man denn bei einer Hochzeit Kerzen brauche?

„Ja freilich, auf dem Tanzboden.“

Und nichts weiter. Sie ist fertig, räumt die Sachen weg und geht in ihr
Stübel. Ich sitze allein und denke nach, wie man denn eigentlich das
anfängt, was ich im Sinne habe.

Weil sie nicht wieder kommt, so will ich ins Freie, und unterwegs sehe
ich durchs Fenster, wie sie in ihrer Kammer am Tischlein kniet und
betet. Die Sonntagsandacht hält sie, die von denen, so nicht in die
Kirche gehen, sonst immer gemeinsam abgehalten wird. -- Warum läßt sie
mich nicht mithalten? Was hat sie gegen mich? -- -- Da ist mir auf
einmal weh geworden! Weh und fremd....

Dann habe ich mich ausgescholten. Wie fromm doch dieser Hans
Trautendorffer geworden ist! Sich zu kränken, wenn man zum Psalter
nicht eingeladen wird! -- Neuerdings in die Stube bin ich gegangen, an
den Herd hin, wo der große Schnitzger ist und der Scheiterstoß. Und
habe wegen einer Zerstreuung angefangen, Leuchtspäne zu klieben. Später
kommt sie wieder, trifft Vorbereitungen zum Mittagmahlkochen und sagt:
„Späne machen thust, Hansel?“

„Freilich!“ sage ich, „muß man halt mit der Arbeit den Sonntag
heiligen, wenn das Beten nicht angenommen wird.“

„Das Nichtsthun steht einem freilich auch am Sonntag nicht an,“ sagt
sie, „deswegen hab’ ich ja auch Kerzen gemacht.“

„Du Kerzen, ich Leuchtspäne! Da wird jemandem doch einmal ein Licht
aufgehen.“

Sie legt Brennholz über die Herdgrube und sagt so nebenhin, zum
Lichtaufgehen, dazu würden keine Kerzen und keine Späne vonnöten sein.

Länger ist es nicht mehr auszuhalten.

„Wetter noch einmal, Barbel, wie steht’s denn mit euch? Wir werden uns
ja die Hochzeitsbuschen bestellen müssen.“

Habe schon gemeint, darauf käme keine Antwort, da sagt sie: „Damit
wird’s noch keine Eil’ haben, mein lieber Hans.“

„Man hört gar, daß es neuerdings verschoben ist.“

„Kann schon sein,“ sagt sie.

„Auf wie lange wohl wieder?“

Sie gelassen: „Das kunnt ich wohl nit sagen.“

Jetzt haue ich den Schnitzger ins Scheit, daß der Span fliegt.

„Ist man das Warten gewohnt, so fragt man auch nit viel,“ setzt sie
bei. „Es muß überhaupt nit sein.“

Nachher Schweigen auf beiden Seiten. Ich steh’ vom Block auf, gehe in
der Stube hin und her und da zucken ein paarmal unsere Augen aneinander.

„Hol’ doch der Kuckuck diese verdammte Leimsiederei!“ So bricht’s
plötzlich aus mir los. „Von einem Monat auf den andern. Und jetzt ist
er gar davongelaufen.“

„Er wird auswärts zu thun haben.“

„Es scheint, daß er auch mit seinem Beruf eine Änderung machen will.“

„Da wird er schon recht haben.“

„Wenn er für den Ehestand nicht besser geeignet ist, als für den
Lehrstand?“ schlage ich an.

Sie sagt nichts.

„Der Mensch soll doch wissen, was er will,“ rufe ich aus.

Sie bläst in den Herdkohlen die Glut an, und wie ihr zartes Gesichtel
so im Wiederschein glüht, sagt sie: „Ich denk, es wird ihm nit mehr
ernst sein.“

„Barbel, es werden dir die Funken ins Aug’ springen, wenn du so scharf
drein blasest!“

Sie legt Zündspäne dran und sagt: „Er redet alleweil nur von der
Pflicht. Wenn es sonst nichts mehr ist, ein Ehrenwort kann man
zurückgeben.“

Jetzt stelle ich meine Wanderung ein und bleibe vor ihr stehen. Knapp
vor ihr.

„Barbel! Wenn es euch nicht heilig ernst ist, dann lasset es sein. Im
Heiraten hat man die Wahl, in der Liebe hat man keine.“

Sie bricht heftig Späne entzwei, aber das Zittern ihres Leibes habe ich
doch bemerkt.

„Das, was du jetzt gesagt hast, Hans --.“ Sie stockt.

„Daß man in der Liebe keine Wahl hat --?“

„Ich kenne eine, die’s erfahren hat.“

„Und ich auch einen solchen!“ Darauf mein Einsatz. Und denke für mich,
der, den ich meine, der hat in jungen Tagen mit der Liebe gespielt,
mit der Liebe geprahlt. Aber kennen gelernt hat er sie erst spät, als
das Leid dazugekommen ist und das Erbarmen. Und schreie es plötzlich
heraus: „Ein Mitleid habe ich mit dir, du herzgutes Mädel, alles möchte
ich für dich thun. Wenn das die Liebe ist, Barbel -- -- und du kannst
mich nicht gern haben -- -- dann ist es aus mit mir....“

So ähnlich muß ich gesprochen haben, so zittert es noch in mir nach.

Und sie? Sie hat sich nicht gewehrt, hat ihr Haupt zurückgelegt auf
meinen Arm und ich habe ihr Küsse gegeben auf die Stirn, auf die Augen,
auf den Mund, und haben uns aneinander gesogen mit den Lippen, als
hätten wir uns gegenseitig austrinken mögen.

Und als das vorbei gewesen, hat sie mir mit feuchtem Blick ernst und
offen in die Augen geschaut und hat langsam, wie traumhaft, gesagt:
„Endlich, endlich. -- Endlich ist die Stund’ gekommen....“

-- So hat es sich ereignet, Freund Alfred, und jetzt ist sie mein.

[Illustration]



    Am neunundvierzigsten Sonntage.


Noch kaum selber habe ich mich gefunden seit dem freudigen Schreck.
Dieses urplötzliche Auflodern des seit langem unter der Asche glosenden
Feuers!

Wer ich denn eigentlich bin -- sie hat mich gar nicht gefragt. Aber
ein Geständnis ist ihr bald entschlüpft: „Daß du ein geborener Bauer
+nit+ bist, hab’ ich am ersten Tag gemerkt. Daß du ein guter
Mensch bist, hab’ ich auch gleich gesehen, und hab’ gemeint zu vergehen
die ganze Zeit, weil ich den anderen nit mehr hab’ so gern haben
können, wie dich.“

„Und deswegen bist du immer so betrübt gewesen und hast gar nimmer
lachen wollen?“

„Deswegen nit allein. Du weißt es ja, mein Hans.“

Und sie hat nicht gefragt, was ich ihr werde bieten können, was ihr
Schicksal werde sein an meiner Seite. Dieser himmlische Leichtsinn! --

Aber nachher die Hausmutter, die hat uns bald nüchtern gemacht.
Erschrocken war sie nicht, als ich ihr noch am selben Abend unsere
Verlobung mitgeteilt hatte.

„Diese Barbel, das ist ein Band!“ sagte sie nur. „Weil der eine davon
ist, packt sie den andern her. Meiner Tag hätt’ ich mir das nit lassen
träumen, von dem Mädel. Jetzt, wo sie schon einen haben muß, so ist’s
eh gescheiter, sie nimmt einen Bauersmenschen, als wie den herrischen
Schulmeister da.“

Einen Bauersmenschen, sagt sie! Das Rainhäusel da hinten beim Schachen
sollten wir uns herrichten und nachher fleißig arbeiten helfen im Hofe.
Das ist ihre Anordnung und das ganze Programm meiner Zukunft. Also ist
die Falle zugeschnappt, steineisenfest, und der Hansel sitzt drinnen.

Am Dienstagabend war großer Familienrat. Beim Tische, auf dem Platze,
wo der Adam gestorben war, kam ich zu sitzen, da ist es mir ganz kalt
über den Rücken gelaufen. An seine Stelle bin ich gesetzt. Habe mit
meinen Vorschlägen auch nicht lange gesäumt. Wahre Sinaigebote, zähle
nach, ob ihrer auch zehn sind.

Der Valentin, wenn er glücklich heimkehrt vom Militär, wird nicht
hinausgehen in das Radmeisterwerk, auch nicht in die Grabacher
Papierfabrik, die jetzt viele Arbeiter beschäftigt, er wird daheim
bleiben und als der Ältere die Wirtschaft übernehmen. Der Rocherl wird
nicht Almhalter in der Wendau, wie er schon hatte anklingen lassen,
er bleibt auch daheim und wird Großknecht, als der ich mit Ende des
Jahres mein Amt niederlege. Jetzt kann er ja wieder zugreifen mit
beiden Händen und die gleichmäßige Arbeit wird das Irrlichtern seiner
unruhigen Seele schon dämpfen. Der Franzel bleibt nicht daheim. Der
geht für drei Jahre auf die Landwirtschaftsschule nach Grotting,
dann kommt er auch zurück. Diese drei Brüder werden zusammenhalten
wie die Scheiter an einem ungespaltenen Lärchblock. Der Kornbau wird
aufgegeben. Nur Gemüse, Kartoffeln, Kohl, Karfiol, Rüben und Salat. Die
Felder werden zu Weiden und Wiesen gemacht; eine Jungviehzucht wird
gegründet, mit dreißig bis vierzig Stück Rindern. Schafe und Ziegen
werden abgeschafft. Hingegen etliche Schweine für Speck und ein gutes
Stück Rauchfleisch übers Jahr. Milch- und Käsewirtschaft gemeinsam mit
den Nachbarn, die für eine Genossenschaft gewonnen und unterwiesen
werden müssen. Jungwald pflegen, besonders Lärchen, so viel nur immer
wachsen wollen. Der Wald zahlt wenig Steuer, braucht wenig Arbeit und
bringt bei vernünftiger Kultur ein gutes Stück Geld jedes Jahr. --
„Sapperlot, wer schon einmal eingespannt ist, der muß auch anziehen!“
sage ich beeifernd zu meinen Leuten. Sie gucken mich unsicher an,
ob’s wohl auch alles mein Ernst wäre? -- Mir ist selber nicht ganz
sicher. Das Ding hat stellenweise verzweifelte Ähnlichkeit mit meiner
voreinstigen volkswirtschaftlichen Rubrik in der „Kontinentalen“.

„Mein Gott!“ seufzt die Hausmutter auf, „wenn man halt wüßt’, was der
Adam dazu sagen thät’!“

Der Rocherl meint: „Wenn’s einmal im Gang wär’, kunnt’s schon schön
sein. Aber anfangen! Wie denn anfangen?“

„Habe ich das Wichtigste schon gesagt?“ fahre ich zu reden fort. „Das
Wichtigste hätte ich noch nicht gesagt? Doch ein zerstreuter Pinsel,
der ich bin. Unsere gute Hausmutter wird sich auch einmal ausrasten
wollen. Da muß halt der Jungbesitzer gelegentlich ein braves Weib
heimbringen, das anfangen hilft.“

„Ja, Hansel!“ ruft der Rocherl auf einmal aus und legt die Hand auf
meine Achsel, „was ist’s denn mit +dir+? Mit dir und der Barbel,
möcht’ ich wissen!“

„Mit uns? Mit der Barbel und mir? Was wird’s denn sein! Das Rainhäusel
werden wir uns sauber herrichten lassen für den Sommer und Herbst. Im
Frühjahr und Winter werden wir draußen in Kailing wohnen. Dort ist’s
auch schön. Oder gar in einer Stadt, wenn’s uns freut.“

Darauf die Hausmutter: „Ja, Hansel, bist denn du nit gescheit?“

„Ihr wisset es wohl doch schon lang, daß ich ein verwunschener
Stadtherr bin. Ein reicher Mann hat mich heraufgeschickt ins Almgai und
mir viel Geld versprochen, wenn ich Euch ein ganzes Jahr lang arbeiten
helfe wie ein Knecht.“

„Das ist erstunken!“ erklärt die Hausmutter.

„Daß der reiche Mann mir für das Bauernjahr viel Geld versprochen hat,
ist wohl wahr. Ob er’s aber auch hergiebt? Das mag schon erstunken
sein. Und wenn’s ist, auch gut, dann weiß ich mir mit der Feder was zu
machen.“

„Mit der Feder? Solltest du gar ein gelernter Uhrmacher sein?“

„Mit der Schreibfeder. Es wird’s schon thun, gelt, Barbel!“

Die Hausmutter thut, als ob sie plötzlich vom Himmel gefallen wäre.
Sie schlägt sprachlos die Hände zusammen. Und als sie soweit die
Sprache wieder erlangt, will sie es noch einmal hören. -- „Mit der
Schreibfeder?! Mit der Schreibfeder, sagt er?! Leut’, ich weiß nit, bin
ich ein Narr, oder ist es der! Ein Stubenschreiber! Warum nit gar ein
Zeitungschreiber! Ja, wenn’s ein Solcher thut sein! Ein Solcher? Nein,
nachher g’reut’s mich, da darf’s nit sein! Da darf’s heilig nit sein!
+Das+ wären Geschichten! +Nein+, sage ich!“

Nun hat ein starkes Streiten angefangen, die Mutter wird immer noch
zorniger. Die Kinder verteidigen mich und stellen ihr vor, wie brav und
rechtschaffen der Hansel gewesen wäre, das ganze Jahr.

„So!“ fährt sie auf, „brav und rechtschaffen! Die ledige Falschheit ist
er gewesen. Wenn er sich für einen Knecht ausgiebt und ist keiner. Das
ist doch die ledige Falschheit. -- Daß du’s weißt, Hansel, jetzt ist
dein Jahr aus. Pack’ z’samm’ und geh!“

Da habe ich schon gemeint, alles wäre in der Brüche und die Barbel ist
dagestanden wie eine Wegsäule, so starr. Nun kommt aber der Rocherl
über die Mutter. Der ist seit dem Allerseelentage ein anderer, welche
von den zwei Kugeln davon den größeren Anteil hat, weiß man nicht.
Manchmal wetterleuchtet’s noch und wenn er ein heißes Wort sagt, da
schaut ihn die Mutter an, und wenn er treuherzig redet, da hört sie ihm
zu. Daß statt des Lehrers der Hansel an seiner Schwester Seite steht,
scheint ihm gar lieb zu sein, und so kommt er nun an die bitterböse
Mutter. Vom seligen Vater spricht er ihr. Der hätte lange gewußt, was
es mit dem zugereisten Knecht ist und er wäre nur um so dankbarer
gewesen, daß ein fremder, ein solcher Mensch sich freiwillig alle
Mühe und Not auferlege, um uns beizustehen. Und einmal habe der Vater
gesagt, der Hansel sei zwar in mancher Arbeit ungeschickt, aber wegen
seiner Bravheit könne er um jede Tochter werben, sie würde ihm nicht
versagt werden. -- Diese Wendung hat gewirkt. Der Adam hat angeklopft.
Und so hat mein Hausvater, der seit Wochen im Grabe ruht, noch ein
lebendiges Wort für mich gesprochen, gleichsam mir den Vaterssegen
erteilt.

Die halbe Nacht sind wir beisammengesessen und haben allerlei
besprochen und die Hausmutter ist ganz weichmütig und sinnig geworden
und hat gemeint, ich müsse rein aus einem Märchen herausgestiegen sein,
und sie werde dumm vor dem, was sich heutzutage ereigne auf der Welt.

Unser Trauungstag ist für den zwölften Dezember bestimmt. Das soll
nicht auch wieder eine lange Bank werden. Der Kurat knüpft an diese
Trauung im Advente nur die eine Bedingung, daß keine Lustbarkeit mit
ihr verbunden sei. Ganz nach unserem Sinne. Wo das Glück ist, wozu
da noch Lustbarkeiten. -- In allem übrigen ist’s mit den Behörden
abgemacht. Mir ist darum zu thun, daß es sich rasch vollzieht, schon
des Lehrers wegen, du kannst dirs denken. Bevor er nach Hause kehrt,
wenn er überhaupt noch einmal kommt. Den möchte ich nicht gerne als
Hochzeitsgast haben.

Und du, treuer Freund, erweise mir den Gefallen, von meiner Vermählung
niemandem etwas zu verlauten. Es könnte übermütige Leute geben und an
diesem Tage kann ich niemanden brauchen, als die Sippe allein.

Auf Grund deines neuerlichen Anerbietens -- für das der Himmel dich
segne -- habe ich in Kailing bereits Sachen bestellt, besonders einen
Anzug, städtische Bauerntracht, auf gut deutsch: Touristenkostüm.
Wollen den Kerl halt herrichten, so gut es geht. Und wenn es gut geht,
dann springt er aus. Den Bauernstand hat der Schelm so lange gelobt,
bis er ausspringt. Man braucht mich auch nicht. -- Und was ich am
Dienstage zur Hausmutter gesagt, bevor ich’s bedacht, habe ich bedacht,
nachdem ich’s gesagt. Wenn das andere nichts ist, so weiß ich mir mit
der Feder was zu machen. Ja, warum denn nicht? Jetzt auf einmal ist
mir zu Mute, als könnte ich alles. Und was unsere Kinder betrifft, das
erste Dutzend wird Bauern.

[Illustration]



    Der fünfzigste Sonntag.


Vom Briefschreiben konnte keine Rede sein an diesem Tage. Dafür soll
dir der junge Ehemann nachträglich alles in schönem Herzensfrieden
berichten, wie es sich vollzogen hat.

Gearbeitet wird seit drei Tagen im Adamshause nicht um eines
Hosenknopfes wert. Und im ganzen Almgai Bauernräusche, wie seit Noahs
Zeiten keine massiveren dagewesen. O Freund, das war ein Brennpunkt
von Herzenslust für die einen und Magenjammer für die anderen!
Schon am zweiten Tage hatte der belesene Schmied und Kirchendiener
die philologische Anwandlung, der Tafelrunde zu erklären, soweit
sie zugehört hat, daß im Worte Katzenjammer statt des ersten a ein
redliches o stehen müßte.

Aber besser als diese ungeschlachte Weisheit hat mir sein Liedel
gefallen. Klatschte der Alte in die Hände, auf die Knie und sang:

      „Jauchzen thut heut’ Leib und Seel,
    Bruderherz, gar kreuzfidel
    Geht’s bei uns her.
      Traurig sein, das giebt’s ja net,
    Fünf und sechs ist siebzehne,
    Oder noch mehr!“

Damit soll dir die Stimmung dieser Hochzeit, bei der es keine
Lustbarkeiten geben sollte, angedeutet sein.

Und nun zu den besonderen Angelegenheiten. Als wir am Sonntage vom
Adamshause fortgingen -- sie hatte ihr neues vergißmeinnichtblaues
Kleid an, um Schultern und Brust ein rotseidenes Tuch, das auch die
Mutter einst am Trauungstage getragen hatte. Ihr lichtes Haar war
in einen Kranz geflochten um das Haupt, wie Meister Defregger seine
Tirolerdirndeln gerne herrichtet. So stand sie an der Thürschwelle
still und sagte beklommen:

„Es wird mir doch schwerer, als ich gedacht habe.“ -- Da habe ichs
gleich gemerkt. Sie dachte an den Lehrer und setzte noch bei: „Es
ist wohl wahr, wir sind uns schon lang gleichgültig geworden, aber
gesagt haben wir es uns doch noch nit. Und jetzt, derweil er fort ist,
soll ich mit einem andern zum Altar. Das kommt mir so untreu vor, so
untreu....“

Darauf habe ich gesagt: „Liebes Kind, die Untreue liegt wohl auf
seiner Seite. Wenn überhaupt eine vorhanden ist. Daß er sich bei dir
gar nimmer angemeldet hat, ehe er fortging! Seitdem sich alles so ganz
anders gewendet hat, seid ihr euch gegenseitig ja nichts mehr schuldig
und wie man mit freiem Willen zusammengegangen ist, so geht man mit
freiem Willen auseinander.“

Und sie: „Das eine kann ich nit einmal sagen. Es hat schon so sein
müssen. Ich denk’ mir wohl, daß es ihm nichts macht, was ich jetzt
thu’. Wenn ich nur vorher zu ihm treten könnte und sagen: Guido, behüt’
dich Gott!....“

Leise in ihr weißes Tüchlein schluchzend ging sie neben meiner des
Weges. Mit uns gingen auch ihre Brüder. Jetzt stand der Kulmbock
da, als Hochzeitvater, und sagte: Das hätte keine Manier nicht!
Miteinandergehen, das Brautpaar zur Kirche, das wäre sauber! Daraus
werde nichts. Die Braut gehöre hinten dran! -- Und denke dir, mußte
nach altem Brauch die arme Barbel am Hochzeitszug ganz hinten
dreingehen, mutterseelenallein. Dann, während alle anderen schon in der
Kirche sind, steht sie noch allein draußen vor der Thür und wartet,
bis der Hochzeitvater sie hineinführt zum Altar, wo der Hansel ist. --
Diese sehr unritterliche Sitte soll wohl die Niedrigkeit des Weibes
anzeigen, bevor der Mann sie erwählt und erhöht.

Wie scharf es bei den Hochzeiten hier gegen die Weiber hergeht, zeigt
auch eine andere Sitte, die es der künftigen Schwiegermutter verbietet,
bei der Trauung anwesend zu sein. Beim Mahle soll sie ganz hinten im
Ofenwinkel sitzen und dann -- hörst du es! -- dem jungen Ehepaare ein
ganzes Jahr lang fern bleiben. -- Jetzt wirst du doch Respekt haben vor
den Almgaiern, daß sie so stramm und bündig mit der Schwiegermutter
fertig zu werden wissen. Doch warte nur, wer der Stärkere ist! Wie der
Kulmbock der Hausmutter den Eintritt in die Kirche verwehren will, sagt
sie entschlossen: „Eine Mutter wird ihr Kind meiden! Just so!“ Schiebt
mit dem Arm den Kulmbock zur Seite und tritt ein.

„Na gut, gut,“ sagt der Ordner, „aber ohne Präjudiz!“ Denn er ist
zeitweise ganz Gesetz.

Am Altare brannten zwei einzige Kerzen, kein Kirchenschmuck, keine
Blumengezier. Es ist spät im Jahre....

Wie mir ums Herz war, als das liebe Wesen an dieser Stelle neben mir
stand, als wir die Ringe wechselten und gegenseitig unser Ja sagten,
das, mein Freund, kann ich dir nicht beschreiben. Wer es aus sich
selber nicht weiß, der kann es nicht verstehen. Im übrigen ist bei der
Trauung nicht geweint worden und nicht gelacht....

Als wir ins Wirtshaus wollten, war das Thor geschlossen. Der Kulmbock
pochte mit dem Stab, drinnen kicherte man und das Thor blieb zu. Jetzt
begann er zum Schlüsselloch allerhand Sprüche hineinzusagen, die ich
nicht verstanden habe, ich glaube, sie handelten von den Tugenden
und Würden des jungen, Eintritt heischenden Ehepaares, aber das Thor
öffnete sich nicht. Da trat meine Barbel vor, berührte mit einem
Weißtannenzweig den man ihr in die Hand gegeben, das Hausthor -- und
jetzt ging es langsam auf und wir traten ein.

Das Mahl -- ein Halberabendmahl -- haben wir recht einfach gehalten.
Ziemlich schweigsam hat jeder seine Portion Aufgeschnittenes mit
Kuchen verzehrt oder in den Sack gesteckt. Es war zu merken, daß
der Kulmbock einen Trinkspruch in Bereitschaft hatte und damit nur
warten wollte, bis der Wein kam. Wir tranken Apfelmost und der Wein
kam nicht. Draußen schneiete es stark und es begann zu dunkeln. Die
Barbel schaute mich schon immer an und sagte nun ganz leise, es
würde ein hartes Heimgehen sein in der Nacht. Das hieß, wir möchten
lieber noch bei Tage gehen, und das war sehr nach meinem Geschmack.
-- Und als wir uns zusammenpackten, na, da kamen sie. Als der erste
erschien, der Nachbar Gleimer war’s, zündete der Wirt sogleich zwei
Lampen an. Der Gleimer brachte einen eisernen Kochtopf mit und stellte
ihn schweigend vor die Braut. Hernach stiegen die anderen daher zu
unserer Überraschung. Es kamen die Bauern aus nah und fern, von der
ganzen Gemeinde. Wie pure Schneemänner gingen sie zur Thür herein.
Ungestüm war das Wetter geworden und der Wind trieb den Schneestaub
ins Vorhaus. Da haben wir uns neuerdings niedergelassen am Tische.
Jeder Ankommende hatte ein Hochzeitsgeschenk bei sich. Bäuerinnen
brachten mancherlei Hauseinrichtungen, hatten in Körben und Säcken
Mehl, Fett, Eier und Backwerk. Der Schuster Zwegel brachte mir eine
von ihm selbst gestrickte Wollenhaube, der Schneider Setznagel ein
Paar Lodenpantoffeln, zum Zeichen, daß er vergeben und vergessen
hat und um neue Kundschaft wirbt. Der Kulmbock konnte nicht mehr
länger zurückhalten, er bestellte Wein. Während noch allenthalben
die Gläser gefüllt wurden, ließ er los. Er sprach im Predigertone
und griff zurück bis auf Adam und Eva. Dabei machte er Anspielungen,
die man schlechterdings nicht zweideutig nennen konnte, weil sie nur
mehr eindeutig waren. Ungeahnt frühzeitig, gottlob, kam er auf die
geistvolle Schlußwendung: Der Bräutigam soll leben und die Braut
daneben!

Kaum war die Festrede vorüber, so erhob sich draußen im Vorhause helles
Gedudel. Bläser und Geiger waren gekommen. Der Kulmbock zog seinen
feuchten Lodenrock aus, ging in flatternden Hemdärmeln umher, lud nach
allen Seiten zum Essen und Trinken ein, war witzig und rief ein ums
andere mal: „Geschmalzene Holzäpfel friß ich nit!“

Dieweilen kamen immer noch Leute mit Gaben. Der Sackbuttner brachte
eine Blechschelle für die Kuh, die er dem Lehrer verkauft; er war der
Meinung, es gebe Lehrerhochzeit. Der Schrager brachte einen nagelneuen
Melkzuber, den er selber geböttchert hatte. Der Jäger Konrad, der
zu endgültigem Friedensschlusse als Brautzeuge gewählt worden war,
brachte einen wolligen Fuchsbalg dar, „vors Bett hin, wenn die Barbel
schlafen geht und aufsteht“. Die Nähterin Rosalia that mit ihrem
Hochzeitsgeschenk gar geheimnisvoll, wickelte es vorsichtig aus einem
schneeweißen Tüchlein und hielt es am Stengel der Barbel hin. Ein
großer Apfel mit roten Wangen. Alles könnten sie genießen, die lieben
Eheleute, so legte die Nähterin es aus, nur an diesem Apfel dürften sie
nicht naschen. „Warum nit, das will ich euch sagen, wer davon ißt, der
verdirbt sich den Magen.“ Weise war’s gesprochen, denn der große Apfel
erwies sich als hölzerne Kapsel, die aufzuschrauben war und in der sich
ein Spiegelchen, ein Fingernagelzwicker und ein Hühneraugenpflaster
befand. Schlimmer war’s, als die alte Marenzel mit einem kleinen Kinde
hereinkam und es schaukelnd und ein Wiegenlied trillernd der Barbel
zutrug. Auf dem Tische wurde sofort ein Bettchen hergerichtet, die Alte
wickelte die Fatschen auseinander und da lag -- mutternackend -- ein
schlanker Butterstritzel.

„Geschmalzene Säg’späne friß ich nit!“ schrie der Kulmbock drein,
um über das sinnige Geschenk seine Überraschung und seinen Beifall
auszudrücken.

Ich lachte überlaut mit und dankte dahin, dorthin. Mein armes Mädel saß
da wie ein Muttergottesbild und ließ alles gelassen über sich ergehen.

Die Hausmutter war nachgerade ungeberdig geworden. Schon die Musikanten
gefielen ihr nicht, mitten in der heiligen Adventszeit. Das ganze
Treiben war ihr zuwider „und wenn es Glasscherben schneibt“, sie will
heim. Just zündete sie die Laterne an, die der Kirchenwirt uns für den
Heimgang borgen wollte, da -- aber Freund, ich kann nichts dafür, daß
der Zufall bisweilen so gut aufgelegt ist. Du wirst sagen, der Zufall
komponiere nicht Romane. Ja, Alter, er komponiert deren manchmal --
rein aus Zufall.

Die Wirtin hatte die Stubenthür weit aufgemacht und sagte laut auf
uns her: „Jetzt werd’ ich mir wohl ein Vergeltsgott verdienen fürs
Thüraufmachen!“

Wir schauen ins dunkle Vorhaus hinaus, die Musikanten blasen einen
Tusch und nun -- steht er da. -- In voller Uniform, mit Helm und
Seitenspieß, den beschneiten Mantel auseinandergeschlagen, daß von der
breiten Brust die Knöpfe uns entgegenfunkeln wie zwei Reihen munterer
Augen. Der Valentin. Das war nun freilich ein anderer Kerl, als damals
im Sommer. Sein rotes Gesicht lachte breit auseinander, wie ein Sieger
schaute er frei um sich. Von allen Tischen streckten sich ihm Hände und
Gläser entgegen -- er drang durch das Gedränge bis zum Ehrentisch vor,
zu Mutter und Geschwistern. Meine Hand nahm er zuletzt und hielt sie am
längsten.

„Diesmal ist’s anders, Hansel!“ lachte er mir zu.

„Und bei uns auch!“ sagte ich.

„Und bei dir schon gar!“ setzte er bei, auf die Barbel spielend. „Recht
hast. Erst in Kailing habe ich es gehört.“

„Haben dir’s nicht geschrieben, weil wir wieder eine Dummheit
fürchteten.“

„Man wird ja gescheiter,“ sagte er.

Und jetzt war vom Nachhausegehen keine Rede mehr. Jetzt begann es
lustig zu werden. Auch die Hausmutter nippte vom Glas, klatschte mit
den Händen: „Verklöpfelte Leut’ seid’s!“ -- Ich denke, es hat ein
Lobspruch sein sollen.

Der Kulmbock versicherte von Zeit zu Zeit, daß er „keine geschmalzenen
Schuhnägel fresse“.

„Ich auch nicht!“ gab der Valentin bei und ließ sich den Schweinsbraten
schmecken. Und dann kamen die Erzählungen aus dem Kasernleben, von
den Märschen, von den Kameraden, von den Offizieren, besonders
vom Obersten. „Weiler!“ hatte ihm dieser gesagt, „solange Sie das
kreuzverfluchte Heimweh haben, bleiben Sie beim Regiment. Daß Gott mich
-- Sie bleiben! Bis Sie das Vollmondgesicht wieder aufgesteckt haben,
mit dem Sie vor zwei Jahren eingerückt sind, bekommen Sie Urlaub. Und
vorher nicht! Und nachher sofort!“ Diesen Ausspruch hat der Valentin
sich zu Herzen genommen und soll er bei seiner erwachenden Frohheit
thatsächlich zum Vollmondgesicht nicht viel länger gebraucht haben, als
der Neumond zu dem seinen.

Längst Mitternacht vorüber, als wir uns von der Gesellschaft, die bei
jungem Wein schon ausgelassen zu werden begann, verabschiedeten und
den Heimweg antraten gegen das Adamshaus. Schneegestöber, blasser
Mondschein, Windrauschen in den Bäumen. Der Valentin führte die Mutter
am Arm, der Rocherl den Franzel, ich -- mein Weib. Als wir ans Haus
kamen, führte mein Weg nicht wie sonst über den Hof zur frostigen
Stallkammer. Ich trat mit allen ins Haus und dann mit der Barbel ins
warme Stübchen.

       *       *       *       *       *

Beim Kirchenwirt sollen sie vierundzwanzig Stunden später noch
beisammengesessen sein und zwar in einer Verfassung, die aller
Beschreibung spottet. „Schwabenkäfer friß ich nit!“ soll der Kulmbock
auf der Ofenbank liegend gelallt haben und da wären sie ihm auch schon
zum Munde hineingekrabbelt.

[Illustration]



    Am einundfünfzigsten Sonntage.


Unglück im Spiele, Glück in der Liebe. So ähnlich, nicht wahr, lautet
es ja. Bei mir stimmt’s.

Obgleich ich die „Kontinentale“ schon lange nicht mehr eigentlich las,
fiel mir doch auf, daß sie seit einiger Zeit in vergrößertem Format
erschien. „Der Tod streckt sie schon,“ hatte der Lehrer gesagt. Nun
also ist es, wie du schreibst, geschehen. Das Blatt eingegangen, der
Chef durchgegangen. Somit wäre meine Angelegenheit auf das Gründlichste
geordnet.

Um so lebhafter interessiert mich dein Vorschlag, lieber Freund. Du
meinst, daß ich meine Sonntagsbriefe aus dem Adamshaus veröffentlichen
soll? Daß sie Aufsehen erregen müßten, sagst du. Ist das dein
Ernst? Während ich glaubte, ein zugereister, notiger Bauernknecht
zu sein, wäre ich Schriftsteller gewesen! So ein bißchen Zola, von
dem man erzählt, daß er seine Stoffe persönlich hervorholt aus den
Volksschichten, und sie lebt, bis er sie durchdrungen hat. Aber ich
bin ihm voraus. Daß er bei seinem „~La terre~“ ein Bauernmädel
geheiratet hätte, ist ihm meines Wissens nicht passiert. -- Was ich
doch für ein großartiger Kerl bin!

Doch, zum Ernste. Wenn du für meine Sonntagsbriefe wirklich einen
Verleger findest und du giebst dir die Mühe, sie für die Öffentlichkeit
herzurichten -- ich bin einverstanden. Unheimlich ist mir allerdings
der Gedanke, fürderhin unter den zehntausend, größtenteils brotlosen
deutschen Federhelden des Kürschnerschen Litteraturkalenders prangen
zu sollen. Zehntausend! Ob es heutzutage noch so viele Bauern giebt
in deutschen Landen? Je nun, ist’s mit der Unsterblichkeit nichts, so
würde ich auch mit einem Nachtwächterposten zufrieden sein. -- Ein
armer Familienvater wird’s heißen! -- Es ist doch eigentlich auf das
Höchste überraschend, daß ich plötzlich verheiratet bin! --

Schließlich ist’s noch eine Frage, ob ich überhaupt von hier fortgehe.
Im Adamshause ist frischer Mut und neues Leben. Die Burschen und
ich arbeiten von früh bis abends im Walde. Der Valentin scheint’s
an richtiger Stelle zu packen. Er hat zwölf alte Lärchbäume um
schweres Geld verkauft. Nun werden sie gefällt und auf Schlitten zu
Thale gebracht. Der Rocherl hat sich gefunden und ist heil, aus-
und inwendig. Der Franzel weiß vom neuen Schulprovisor Schlimmes zu
erzählen, wohl daß er strenge sei und man bei ihm viel mehr lernen
müsse, als beim Guido Winter.

Mutter und Tochter walten in Haus und Hof. Hier sind diese
Dezemberwochen ein einziges großes Vorbereiten auf Weihnachten. Selbst
in den Ställen werden mit langen Besen die Spinnweben von den Wänden
gefegt. An den Tieren werden alle Krustlein losgestriegelt, die Klauen
und Hörner beschnitten und der Stallboden bekommt frische, waldduftende
Streu. Um das Haus ist das Herdholz in zierliche Stöße geschichtet,
in den Stuben wird alles Gemöbel gescheuert, alles Mauerwerk weiß
getüncht, alles Fenster- und Bilderglas mit feiner Asche geputzt. Von
der alten Schwarzwälderin hat die scheuerwütige Hausmutter sogar
die Ziffern zu schanden gerieben, so daß die Barbel -- diese gute
Stunde selber -- mit Kohle nachmalen mußte. Der Messingzeiger funkelt
wie Sonnenschein. An den Abenden hatten sie sonst Herbstschurwolle
gesponnen; nun, dem Christfeste nahe, stellten sie das Spinnen ein,
„damit das schnurrende Rad das Christkind nit aus dem Schlafe wecke“.
Aus denselben Gründen müssen wir alle des Abends auf den Zehenspitzen
gehen und überhaupt jedes Geräusch vermeiden.

Soll ich dich nun auch ein wenig in unser Stübchen gucken lassen?
Na freilich, du lieber Mensch, so gucke. -- Das Tischlein gedeckt
mit einem roten Tuch, darauf steht ein kleiner Krug, in welchem drei
Kirschbaumzweige frischen. Sie sind am Barbaratage, ihrem Namenstage,
gepflückt worden und sollen in der heiligen Nacht aufblühen. Die
zwei hellen Fenster haben schneeweiße Vorhänge, zierlich genäht und
mit Buchstaben gestickt von ihrer Hand. Die Betten stehen so nahe
aneinander, daß sie mit +einem+ Überzuge zugedeckt werden können.
Dieser Überzug ist himmelblau und hat kleine, rote Blümlein. -- In
das Kämmerchen ziehen wir uns zurück nach dem Abendbrot, und wenn du
horchen wolltest -- aber das darf man ja gar nicht -- so würdest du
noch lange ihr fröhliches Lachen hören.

Am Donnerstage hat mir der Valentin Urlaub gegeben, daß ich nach
Kailing gehen konnte. Wir haben mancherlei einzukaufen, außerdem steht
dort zwischen Obstgärten, gerade am Rechenflusse, ein niedliches
Landhaus, das zu vermieten wäre. Ich miete es nicht, ich sehe es nur
an, gehe ringsherum und sehe es an und denke: Wenn man dich mieten
könnte! Dann gehe ich wieder davon. -- Ich wollte dir etwas anderes
erzählen.

Wie ich am Vormittage immer der Rechen entlang gegen Kailing
hinabgegangen bin, gerade in der Engschlucht begegnet mir -- was
glaubst du, wer? -- Richtig, mit dem ersten Worte hast du ihn. Ganz
gemächlich trottet er heran auf dem glatten Schnee, das Beinkleid in
die Stiefelröhren gesteckt und über der Achsel eine Ledertasche hängen.

Zum Satan! denke ich mir, jetzt kann’s hübsch werden.

„Was?“ ruft er mir heiter zu, „wie wußtest du denn, daß ich heute
komme, Hans?“

„Das wußte ich nicht. Ich will nach Kailing.“

„Dann begleite ich dich zurück,“ sagt der Guido Winter. „Es giebt
manches zu plaudern. Jetzt wird geheiratet!“

„So? Wer denn? Wo denn?“

„Noch vor Neujahr, wenn’s geht, führe ich meine Barbel heim.“

„Wird nicht gehen,“ sage ich.

„Und bleibe in Hoisendorf Lehrer, einstweilen. Denn draußen hat sich
nichts Passendes gefunden.“

Nun wende ich mich ihm zu, mit meiner ganzen Breitseite, und sage:
„Winter! Wenn sich draußen etwas gefunden hätte, so wärest du
wahrscheinlich draußen geblieben. Weil sich nichts gefunden hat, so
kommst du nach Hoisendorf zurück und willst doch die Barbel heiraten!“

„Die heirate ich auf jeden Fall!“ sagt er.

„Die heiratest du auf keinen Fall!“ sage ich.

„Teufel!“ sagt er und tritt einen Schritt zurück.

„Ja, mein Lieber, die Barbel hast du verpaßt. Die ist schon
verheiratet.“

Er tritt einen zweiten Schritt zurück, kreuzt die Arme über die Brust,
mit weit aufgerissenen Augen schaut er mich an und fragt: „Die ist
schon verheiratet. Wie so? Das verstehe ich nicht.“

„Und ich kann dir’s deutlicher nicht sagen. Am vorigen Sonntage hat die
Trauung stattgefunden.“

„Aber im Ernste? Aber wirklich? -- O du vertracktes Mädel!“ ruft er
hell, fast lustig aus. „Und wen denn?“

„Mich.“

„Wen sie genommen hat, frage ich.“

„Mich.“

„Na, hörst du, Hans, das sind mir abgeschmackte Späße. Ich dachte
wirklich schon.“

Er betrug sich ganz anders, als ich mir vorgestellt hatte. Auf meine
neuerliche Versicherung, daß wir während seiner Abwesenheit geheiratet
haben, begann er endlich doch etwas bestürzt zu werden. „Das hätte ich
nicht für möglich gehalten,“ sagte er.

„Du hast es selbst möglich gemacht, mein lieber Winter.“

Er bohrte seinen Stock in den Schnee ein und murmelte: „So so -- so
so. Nun, mir kann’s recht sein. Habe es ja geahnt, daß sie mich nicht
liebt, vielleicht nie geliebt hat. Sie war klug -- hat abgerissen.
Auch gut. -- Auch gut. -- Was mich aber wundert,“ und jetzt wurde sein
Gesichtsausdruck ungut, „was mich wundert, das ist mein treuer Freund
Hans Trautendorffer, der sich erst so viele Mühe gab, seine Geliebte
einem andern anzuheiraten. Erst als er sie anderweitig nicht an Mann
brachte, nahm er sie selber. Sehr vornehm das, Herr Trautendorffer.
Empfehle mich Ihrer ferneren Freundschaft!“

Damit ging er mit stolzen Schritten davon, der Schlucht entlang.

Donnerwetter, das war ein Abgang! Ich bin zerschmettert. -- Aber ich
gönne ihm den Effekt, mein Vorteil ist mir lieber. Und glücklich bin
ich, daß es so abgelaufen; mir war -- um offen zu sein -- vor diesem
Momente ein wenig bange gewesen.

Wie wenn er sie doch gern gehabt hätte? Dann wollte ich nicht
gerne Hans Trautendorffer sein! Daß die Liebe mangelte, hat uns
gerechtfertigt, sie, mich und -- ihn. Was ich ihretwegen allein mit mir
auszumachen gehabt habe, monatelang -- das ist vorbei.

Der Barbel habe ich von dem Zusammentreffen in der Rechenschlucht
einstweilen nichts gesagt. Der Franzel hat heute aus Hoisendorf die
Nachricht heimgebracht, daß der provisorische Lehrer wahrscheinlich
hier angestellt werden wird. Der Winter habe mit einem Wagen des
Kirchenwirtes seinen großen Koffer fortführen lassen.

Und jetzt thut er mir leid.

[Illustration]



    +Adamshaus+, am zweiundfünfzigsten Sonntage.


Das Jahr war doch gewiß reich an Überraschungen für mich. Die größte
aber brachte mir dein Christtagsbrief. Herrlicher Mensch, wie hast du
das zu stande gebracht! Also der Verlag Staackmann in Leipzig erwirbt
meine Sonntagsbriefe gegen ein Honorar von zehntausend Gulden! -- Da
hätten wir ja die zwanzigtausend Kronen. Und dazu den Vorteil, daß es
nicht ein windiger Wettpreis ist, sondern redlich Erworbenes. Nun sind
wir gerettet. Herrgott im Himmel, +das+ ist ein Brocken!

Aber die Sonntagsbriefe! Was ich da zusammengeschrieben habe in
meiner Stallkammer, wie eben ein aufgeschrecktes Menschenherz purzelt
und hüpft, himmelhoch jauchzend und höllentief fluchend, übermütig,
bummelwitzig, geschwätzig, selbstgefällig, spöttisch, einmal Gott zu
dumm, einmal dem Teufel zu schlecht. Und das alles soll vor aller Welt
ausgepackt werden? Freund, da heißt es wohl sich einen langen Blaustift
anschaffen. Die ersten Briefe dieses Jahres, die an unterschiedliche
Herren der „Kontinental-Post“ gerichtet waren, sind bereits in deinem
Besitze? Du meine menschgewordene Vorsehung, du! Fürs Ganze ein
packender Titel, das versteht sich. Aber der vorgeschlagene: „Die
Erbsünde“ taugt mir nicht. Man würde diese Bezeichnung entweder auf
das Liebespaar wälzen, oder den „Schweiß des Angesichtes“, also die
ländliche Arbeit, damit in Verbindung bringen. Mir paßt weder das eine
noch das andere. Sünden können an den Nachkommen wohl bestraft, aber
nicht von ihnen geerbt werden. Und die Arbeit ist kein Sündenfluch.
Vielmehr ein Segen. Aus der Scholle sprießt Kraft für die ganze Welt
und Segen für den, der sie berührt. Erdsegen. -- „+Erdsegen.+
Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.“ Wie hört sich das?
In wenigen Tagen sprechen wir persönlich darüber.

Und nun will ich dir das Jahr mit der Weihnachtszeit beschließen.
Ach, um wie viel unbehaglicher schreibt sich’s, seit einem wieder der
Setzerjunge über die Achsel guckt.

Am Christabende legten wir schon um die Mittagszeit alle Werkzeuge zur
Ruh und jedes zog seine guten Kleider an. Wie es an Festtagen der Adam
gethan hatte, so that es jetzt der Valentin, der alten Brauch nicht
abkommen lassen will. Er nahm das Kruzifix vom Wandwinkel und stellte
es auf den weißgedeckten Tisch. Die Hausmutter that zwei Lichter dazu
von jenen Kerzen, die damals meine Barbel gegossen hatte. Der Rocherl
ist vor Andachtsstimmung ganz blaß geworden und mein Mädel hegt in
stiller Emsigkeit die Haustiere, daß sie sich ruhig verhalten. Das
ganze Adamshaus ist eine Kapelle geworden. Und die Mutter! Dieses
tiefe, wortlose Glauben, diese innige Erwartung des Christkindes,
du kannst dir’s nicht vorstellen. Wer so glauben könnte! Es ist ja
wohl auch Gewohnheit und Herkommen dabei, aber die Seelenstärke
dieses geplagten Bauernweibes holt sie sich von Gott Vater und seinem
eingebornen Sohn.

Die Barbel ist auch so. In den Krug zu den Kirschbaumzweigen hatte sie
frisches Erdreich gethan und Wasser drangegossen. Aber die Knospen
wollten sich nicht rühren. Einmal ganz träumerisch schaute sie die
kahlen Zweige an und sagte leise: „Es wird nichts sein. Das Christkind
verzeiht nicht.“

Um eilf Uhr in der Nacht zündeten sie eine Spanlunte an und gingen
hinab zur Kirche. Ich hatte mich bereit erklärt, das Haus zu hüten,
wollte eine Weihnacht für mich allein haben. Um Mitternacht sperrte ich
die Thür ab und ging über den gefrorenen Schnee hinan zur Kulmplatte.
Da ruhte der Sternenhimmel über der weiten Schneelandschaft. In
Hoisendorf läuteten die Glocken. Die Kirchenfenster standen wie
rote Quadratlein im dunklen Thale. Ein anderes Klingen kam über das
Waldgebirge herüber. So leuchtet und so klingt es in dieser Mitternacht
durch das ganze Land. Und in Millionen menschlicher Herzen lebt der
heilige Christ, so wahr und wirklich, wie je etwas nur leben kann,
das gesehen, gehört und empfunden wird.... In mir war so was wie
psalmistischer Rhythmus: Meine Leidenschaften habe ich wie Samen in
die Himmel verstreut und mein mutternacktes Herz weidet im Garten der
Sterne. --

Ich steige vielleicht nun bald hinab in die Tiefen. Wann wird wieder
eine Stunde kommen, da ich dem Himmel so nahe bin?

Am Christmorgen weckt mich hellklingendes Lachen aus dem Schlafe. Zwei
Sonnenströme quellen zu den Fenstern herein durch die Stube, einer
der Ströme fällt auf den Tisch, wo der Krug mit den Kirschbaumzweigen
steht, und die Zweige alle drei tragen kleine rosige Blüten. Darum
lacht meine Barbel noch in ihrem weißen Bette voller Glückseligkeit. --
Das Christkind hat verziehen.

Wie der Haussohn, der Rocherl, die Mär hört: Die Kirschbaumzweige
blühen! da thut er in der Stube einen Freudensprung so hoch, daß
sein befederter Hut die Stubendecke berührt. „Juchhe, die Barbel ist
glücklich!“

Jetzt, mein Freund, jetzt erst geht mir ein Licht auf, über diesen
Burschen. -- Treue Wächter hatte sie, leidenschaftliche, thörichte
Wächter. Und der Gescheitere hat auch hier wieder der Himmel sein
müssen.

Am Christtage, nach dem Gottesdienst haben wir ein Festmahl gehabt, an
dem der große Hagelschlag im August wahrlich nicht zu spüren gewesen
ist. Sogar einen Plutzer Wein hatte der Valentin, dieser Epikuräer,
mitgebracht vom Kirchenwirt, und die Hausmutter war’s, die zuerst den
Krug ergriff und vor dem Trunk die Worte sprach: „Hansel und Barbel!
Auf euere Gesundheit!“

Und nach dem Mahle ist auch noch etwas gekommen. Erinnerte sich der
Franzel, daß er einen Brief in der Tasche habe, vom dreibeinigen
Postboten an die Barbel. Es war ein Brief aus Wien von Guido Winter. Er
nimmt Abschied von der Barbel, läßt alle grüßen und bitten, ihm eine
wohlwollende Erinnerung zu bewahren. Er habe seiner erkannten Fehler
und Unzulänglichkeit wegen der Schule entsagt und durch Vermittelung
eines Freundes im Komptoir einer Fahrradfabrik Beschäftigung gefunden.

Als der Brief gelesen war, sagten mehrere von uns fast gleichzeitig:
„’s ist doch ein guter Kerl!“ --

Und nun schließe ich mein Schreiben. Denn mein Mädel, die Frau
Barbara, will in der vertraulichen Freundeskorrespondenz schier eine
Beeinträchtigung ihrer besonderen Rechte erblicken. Sie hat schon
lustige Überfälle versucht, um mir die Feder aus der Hand zu ringen.
Das ist unklug von ihr. Hat diese Hand die Feder nicht, so ergreift sie
den Wanderstab und sucht auf zwei Tage wenigstens den herrlichen Freund
auf. Zur Strohwitwe will ich sie machen, die Arme, die Liebe, um am
Montag den 3. Januar bei dir zu sein. Bereite dich mit einer Flasche
Rüdesheimer vor, denn ein derbgebrannter Bauernknoten wird vor dir
stehen, voller Durst und Dankbarkeit für dich, du alter treuer Knabe.

[Illustration]



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    8. Aufl. =à. Bd.= brosch. M. 2.50, Lein. M. 3.70, Liebhbd. M.
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    =Hoch vom Dachstein.= Geschichten u. Schildereien aus
    Steiermark. 8. Aufl. Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.20, Liebhbd. M.
    6.--.

    =Höhenfeuer.= Neue Geschichten aus den Alpen. 11. Aufl.
    Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.20, Liebhbd. M. 6.--.

    =Jakob der Letzte.= Eine Waldbauerngeschichte. 14. Aufl.
    Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.20, Liebhbd. M. 6.--.

    =Idyllen aus einer untergehenden Welt.= 12. Tausend. Brosch M.
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    =~I. N. R. I.~= Frohe Botschaft eines armen Sünders. 17.
    Tausend. Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.--, Liebhbd. M. 5.50.

    =Gute Kameraden.= Persönl. Erinnerungen an berühmte u.
    beliebte Zeitgenossen. M. vielen Porträts. Brosch. M. 3.--, geb. M.
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    M. 3.60.

    =Mein Himmelreich.= Bekenntnisse, Geständnisse u. Erfahrungen
    aus dem religiösen Leben. 23. Tausend. Brosch. M. 4.--, Lein. M.
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    =Peter Mayr= der Wirt an der Mahr. Eine Geschichte aus
    deutscher Heldenzeit. 12. Aufl. Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.20,
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    =Der Schelm aus den Alpen.= Allerh. Geschichten u. Gestalten,
    Schwänke und Schnurren. 2 Bände. 8. Aufl. =à Bd.= brosch. M.
    4.--, Lein. M. 5.20, Liebhbd. M. 6.--.

    =Die Schriften des Waldschulmeisters.= 65. Aufl. Brosch. M.
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    =Sonderlinge= aus dem Volke der Alpen. 12. Aufl. Brosch. M.
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    =Sonnenschein.= 19. Tausend. Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.--,
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    =Das Volksleben in Steiermark.= 10. Aufl. Brosch. M. 2.50,
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    =Neue Waldgeschichten.= 12. Aufl. Brosch. M. 2.50, Lein. M.
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    =Waldheimat.= Erinnerungen a. d. Jugendzeit. 2 Bde. 23. Aufl.
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    =Der Waldvogel.= Neue Geschichten aus Berg und Tal. 11. Taus.
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    =Weltgift.= Roman. 14. Tausend. Brosch. M. 4.--, Lein. M.
    5.--, Liebhbd. M. 5.50.

    =Mein Weltleben= oder Wie es dem Waldbauernbuben bei den
    Stadtleuten erging. 18. Tausend. Brosch. M. 4.--, Lein. M. 5.--,
    Liebhbd. M. 5.50.



Verlag von L. Staackmann in Leipzig.


Soeben erschienen:

Peter Rosegger

~I. N. R. I.~

Frohe Botschaft eines armen Sünders.

Neubearbeitete =Volksausgabe=

ca. 300 Seiten in Taschenformat, mit guter lesbarer Schrift und festem
Papier.

Preis in elegantem biegsamen Leinenband

=M. 1.30.=

=Selten hat wohl ein Buch eines gefeierten Autors ein ähnliches
Schicksal gehabt, wie Roseggers ~I. N. R. I.~= Von einem
Teil der theologischen Kritik auf das leidenschaftlichste bekämpft,
von zünftigen Gelehrten, die in dem Dichter nur den Waldpoeten sehen
wollen, nach flüchtiger Durchsicht hochmütig abgetan, ist es =in
der Leserwelt größtenteils mit Wärme, ja mit Begeisterung aufgenommen
worden=.

=Es hat sich gezeigt=, daß dieses Werk, welches zu schreiben dem
Autor Herzensbedürfnis gewesen ist, =sehr vielen etwas sein kann=,
und zwar vielen speziell aus solchen Kreisen, die nicht in der Lage
sind, die bisherige Ausgabe zu kaufen.

=Die bisherige Ausgabe zu M. 4.-- resp. M. 5.--= von welcher
bis jetzt rund 16000 Exemplare verkauft worden sind, =bleibt=
selbstverständlich =bestehen= und wird als Ergänzung der früheren
Bände des Dichters und infolge ihrer +besseren Ausstattung+
ständig Abnehmer finden.


Man verlange den =illustrierten Verlagskatalog= mit
Originalbeiträgen der Autoren Peter Rosegger, Friedrich Spielhagen und
Otto Ernst gratis und franko.



Verlag von L. Staackmann in Leipzig.


=Für Rosegger-Leser unentbehrlich:=

=Peter Rosegger.=

Ein Beitrag zur Kenntnis seines Lebens und Schaffens

Von +Hermine+ und +Hugo Möbius+.

Ca. 9 Bogen in Lexikon 8^o, reich illustriert mit verschiedenen
Beilagen: elegant kartoniert. Preis M. 3.50.


=Peter Rosegger und die steirische Volksseele=

von +Ernest Seillière+.

Autorisierte Übersetzung von +J. B. Semmig+.

In eleganter Ausstattung M. 2.50.


=Zur Anschaffung empfohlen:=

Emil Ertl, =Feuertaufe=

Neues Novellenbuch

352 Seiten, broschiert M. 3.50, gebunden M. 4.50. Elegante und vornehme
Ausstattung.

=Hamburger Nachrichten=: ... Die verschiedenartigen und
abwechslungsreichen Erzählungen zeigen überall neben Eigenart der
Erfindung vornehme, künstlerische Durchführung und sind auf den
Grundton gestimmt, daß dem Leide, sei es aus dem Schicksal geboren
oder aus der Schuld, eine läuternde Kraft innewohnt, welche die
Menschenseele zu reinerer Liebe und tiefer dringender Erkenntnis führt.

    P. Th.


Emil Ertl, =Opfer der Zeit.=

Zweite, vermehrte Auflage, ca. 325 Seiten, broschiert M. 3.50, gebunden
M. 4.50.

Elegante und vornehme Ausstattung.

Es sind =Novellen= aus dem =Wiener Leben=, welche Emil Ertl
-- ein geborener Wiener -- in diesem Bande vereinigt, und so viel auch
mit der Bezeichnung „Aus dem Wiener Leben“ durch die Welt wandert,
nur weniges kann sich mit diesen Novellen Ertls an =spezifischem
Wienertum= messen.



Verlag von L. Staackmann in Leipzig.


=Weihnachts-Novitäten 1905:=

    =Ernst, Otto, Besiegte Sieger.= Novellen u. Skizzen. 3.
    vielfach veränderte Auflage der „Verborgenen Tiefen“. Brosch. M.
    3.--, Gebund. M. 4.--.

    =Ertl, Emil, Die Leute vom blauen Guguckshaus.= Roman. Brosch.
    M. 4.50, eleg. geb. M. 6.--.

    =Geissler, Max, Hütten im Hochland.= Roman. Mit Buchschmuck
    von Felix Schulze. Brosch. M. 4.--, eleg. geb. M. 5.--.

    =Ginzkey, Franz Carl, Das heimliche Läuten.= +Gedichte.+
    Mit Buchschmuck von Alfred Keller, Wien. Brosch. M. 2.--, eleg.
    geb. M. 3.--.

    =Greinz, Rudolf, Im Herrgottswinkel.= Lustige Tiroler
    Geschichten. Brosch. M. 3.--, eleg. geb. M. 4.--.


=Im Laufe des Jahres erschienen:=

    =Ernst, Otto, Asmus Sempers Jugendland.= Der Roman einer
    Kindheit. 16.-20. Tausend. Broschiert M. 3.50, eleg. geb. M. 4.50,
    in +Liebhaberhalbfranz+ M. 6.--.

    =Ernst, Otto, Der süsse Willy.= Geschichte einer netten
    Erziehung. 8.-12. Taus. Mit Umschlagzeichnung v. Arpad
    Schmidhammer. Kartoniert M. 1.--.

    =Ertl, Emil, Opfer der Zeit.= Novellen. 2. Auflage. Brosch. M.
    3.50, eleg. geb. M. 4.50.

    =Geissler, Max, Das Moordorf.= Ein Kulturroman. 3. und 4.
    Tausend. Mit Federzeichnungen von J. v. Eckardstein. Brosch. M.
    5.--, eleg. geb. M. 6.--.

    =Greinz, Rudolf, Marterln und Votivtaferln= des Tuifelemalers
    Kassian Kluibenschädel. Mit vielen launigen Zeichnungen von Arpad
    Schmidhammer. Eleg. kart. M. 3.--.

    =Nora, A. De, Sensitive Novellen.= Umschlag von Ad. Münzer.
    Brosch. M. 2.50, eleg. geb. M. 3.50.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Erdsegen - Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes." ***

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