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Title: Streifzüge im Süden - Reiseskizzen aus Italien und Tunis
Author: Freund, Erich
Language: German
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*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Streifzüge im Süden - Reiseskizzen aus Italien und Tunis" ***

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    Anmerkungen zur Transkription.


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
    ist _so markiert_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so
    ausgezeichnet~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



    Erich Freund.

    [Illustration]

    Streifzüge im Süden.

[Illustration]



    Streifzüge im Süden.

    Reiseskizzen aus Italien und Tunis.

    Von

    Erich Freund.

    [Illustration]

    Breslau.

    Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt
    v. S. Schottlaender.

    Leipzig: E. F. Steinacker.
    New-York: Gustav E. Stechert.
    1897.



Meinem Onkel J.



Inhalt.


                                          Seite.

    Die Bighe-Rennen zu Padua                  9

    In den euganeeischen Hügeln               21

    Venetianische Feste                       37

    Römische Momentbilder                     53

    ~Napoli in festa~                         69

    Wie man in Neapel fährt                   85

    Vom Eiland des Tiberius                  101

    Ein Ausflug nach Tunis                   121

      I. Von Neapel bis Tunis                121

      II. Stadt und Bevölkerung              138

      III. Tunesische Vergnügungslocale      153

      IV. Vom tunesischen Judenthum          168



Die Bighe-Rennen zu Padua.

    Der ~prato del valle~. -- Die Renngefährte und ihre Lenker.
    -- Dante als Sieger im Wettstreit. -- Wie man in Padua am
    Totalisator spielt.


Zum Glück für den Reisenden, der in der Fremde nicht das
Internationale, sondern das Nationale zu studiren sucht, haben
sich hie und da in der italienischen Provinz einige Gelegenheiten
erhalten, bei denen sich der specifisch italienische Sportssinn ohne
importirte Muster offenbart. Unter diesen Localrennen vielleicht die
interessantesten sind die volksthümlichen ~corse delle bighe~, die
_Bighe-Kämpfe_ in der alten Universitätsstadt _Padua_. Ueber den
historischen Ursprung der sich seit Jahrhunderten alljährlich im Juli
abspielenden Rennen ist Genaues nicht zu erfahren. Die Einen datiren
sie bis in's 13. Jahrhundert als eine Art Jubelfeier für die Befreiung
der Stadt von dem blutigen Tyrannen Ezzelino, die Anderen gar bis in's
römische Alterthum zurück. Wie dem auch sei, der Tag der Bighe ist dem
Paduaner der höchste weltliche Festtag, der dem geistlichen Rivalen vom
13. Juni mindestens gleichkommt, allwo die Gläubigen den Schutzpatron
Paduas, den hl. Antonius, bei dem Herr Schwerdtlein Goethe'schen
Andenkens begraben liegt, mit Hymnen und Processionen feiern.

Am Renntage ergießt sich eine wahre Menschenfluth nach dem Süden
der Stadt. Dort an der Grenze gegen Bassanello, Paduas lieblichem
Bierdörfchen am Bachiglione, breitet sich der priveligirte Ort für alle
Volksbelustigungen aus, ~piazza Vittorio Emanuele~ officiell, ~prato
del valle~ im Volksmunde benannt. Ein gewaltiger Platz von kolossalen
Dimensionen! Viereckig in der Anlage, wird er zumeist von Privathäusern
flankirt. Nur an der Südostecke erhebt sich die majestätische
Kuppelkirche von St. Giustina und, eng an sie geschmiegt die große
Kaserne der hier garnisonirenden Infanterie-Brigade, geistliches und
weltliches Regiment dicht bei einander.

Mitten im Riesenquadrate der ~piazza~ fällt eine eigenartige Anlage
auf: ein kreisrunder Ulmenhain mit schattigen Gängen und marmornen
Bänken. Ringsherum zieht sich ein Wassergraben, von barock verzierten
Brücken überschritten und umgeben von einer Doppelreihe steinerner
Statuen. Es sind die Standbilder »berühmter« Männer, die in Padua
gewirkt haben. Diese illustre Gesellschaft, die aus etwa 80 Herren
besteht, ist stark gemischt. Neben Tasso, Galilei und Petrarca findet
sich auch ein in den weitesten Kreisen unbekannter Heerführer Nursatus,
der wie ein Lieutenantsgigerl des 16. Jahrhunderts aussieht, und ein
nicht minder obscurer Professor Nonnio, der der Inschrift nach ein
verdienstvoller Philologe und die Leuchte eines Paduaner Gymnasii
gewesen ist. Das Ganze macht mit seinem ~embarras de richesse~ an
Monumentalfiguren einen überraschenden, aber ziemlich geschmacklosen
Eindruck. Das hindert freilich die Paduaner Blousenflaneure nicht,
hier im Schatten von Kunst und Wissenschaft ihre tägliche Siesta
zu halten. Gegen Abend wird es dann auf dem Platze lebendig von
eleganterem Treiben. Die ~fine fleur~ von Padua giebt sich hier
Rendez-Vous zum Wagen-Corso.

Die wohl unterhaltene, kreisförmige Corsobahn dient auch für die
Rennen. Zwei mächtige Tribünen umsäumen den Schauplatz in seiner
ganzen Rundung. Der äußere Bau ist für die Glücklichen bestimmt, die
sich einen Sitzplatz leisten können, der innere erwartet die zahllosen
Stehplatzgäste, die nicht mehr als eine Pallanka (Dialektausdruck für
das 10 ~Centesimi~-Stück) an ihr Lieblingsvergnügen zu wenden haben.
Heute ist das riesige Holztheater ausverkauft. Nach sachverständiger
Schätzung sind es über 30000 Menschen, die ungeduldig des Beginnes
harren, der auf 6 Uhr festgesetzt ist. Es ist noch nicht 7 Uhr -- für
italienische Begriffe also sehr pünktlich -- als die Richter in ihre
Logen treten, die wegen der Kreisgestalt der Bahn zahlreich angebracht
sind.

Plötzlich ein Kanonenschuß. Allgemeines Ah und Bravo. Ohne
artilleristische Mitwirkung geht es nun einmal nicht bei italienischen
Volksfesten. Aber auch die andern Truppengattungen wollen nicht
zurückstehen. Infanterie hält die Ordnung aufrecht, und jetzt erscheint
ein Zug Husaren in ihrer kleidsamen dunklen Uniform. Sie reiten »Trab!
abgekürztes Tempo« mit aufgesetztem Säbel und halten famose Richtung.
Dafür lohnt sie seitens des Publicums wohlwollender Applaus.

Nach dieser militärischen Abnahme der Bahn knallt es nochmals aus
einigen Kanonenschlünden. Nun richten sich Aller Augen auf ein hohes
Gerüst, das in einem Platzwinkel errichtet ist. Durch die geschlossenen
Holzgitter des thorartigen Baues kann man die kampfbereit haltenden
Gespanne erblicken.

Die Bighen präsentirten sich als zweirädrige, niedrige Karren mit hohem
bemalten Vorderbord und offener Rückseite, den altrömischen Rennwagen
nachgebildet. Um den antikisirenden Eindruck zu vervollständigen,
erscheinen die Wagenlenker -- Pferdebesitzer aus dem Mittelstande -- in
klassischer Tracht, umgürtet mit der kurzen Tunica, ein buntes Band um
die Stirn geschlungen. Zwei Pferde, deren Alltagsmuth durch Spirituosen
reichlich angefeuert wird, bilden die Bespannung. Die Wagen, von denen
zwölf gemeldet waren, concurriren zunächst in vier Abtheilungen. Die
Sieger der Einzelrennen werden sich dann zum Entscheidungskampfe
vereinigen.

Ein dritter Kanonenschlag durchzittert die Luft. Mit einem Ruck öffnen
sich Flügelthüren des Startgerüstes, und die trunkenen Pferde, befeuert
durch Geißelhiebe, stürzen in rasendem Tempo hervor. Gleich bei diesem
Auslaufe fällt zumeist die Entscheidung. Wer zuerst die Innenseite
der Bahncurve erreicht, ist gewöhnlich auch der schließliche Sieger,
denn die unpraktische, kreisförmige Anlage der Rennpiste erschwert den
nachfolgenden Läufern das Ueberholen des Vordermanns. Darum wird von
Anbeginn wie toll gefahren, und da die Karren schwerfällig, die Rosse
von Wein und Schlägen wüthend sind, so ereignen sich gar nicht selten
Carambolagen, bei denen ganz empfindliche Katastrophen entstehen können.

Sobald die Bighen zur Tribünenhöhe kommen, erfährt der Anfangs
entschieden malerische Eindruck eine starke Abschwächung. Die
schnurrbärtigen Gesichter der Rosselenker nehmen sich gar seltsam aus
zu der altrömischen Gewandung, und dann tragen die Herren zweifelhaft
weiße Tricots um die wenig oder gar nicht klassisch geformten Glieder,
so daß die Braven nicht wie antike Kämpfer, vielmehr wie moderne
Jahrmarkts-Clowns ausschauen. Grotesk wird der Anblick gar, als die
Karren vorbeigesaust sind und nun ihre offene Rückseite zeigen. In
den Tuniken der aufrecht stehenden Peitschenschwinger fängt sich der
Wind und wirbelt das leichte Gewebe in die Höhe, so daß die für die
breitere Oeffentlichkeit nicht bestimmten Intimitäten der Unterkleider
zum Vorschein kommen. Die auf den Tribünen zahlreich anwesenden
Vertreterinnen des zarten Geschlechts nehmen an diesen »Enthüllungen«
keinen Anstoß. Vielleicht hindert auch der auf den meisten Gesichtern
fingerdick aufgetragene Puder das Constatiren eines schicklichen
Erröthens.

Die zuschauende Volksmenge ist vollauf mit Johlen und Schreien
beschäftigt. Der Fahrer der zuerst vorbeifliegenden Bighe wird
bejubelt. Eine kleine Partei hält noch zu Nummer 2 und versucht, sie
durch rasende Zurufe anzufeuern. Der dritte, der mit weitem Abstande
daherkommt, wird regelrecht ausgepfiffen. Man glaubt gar nicht, welch
intensiven Höllenlärm die Italiener ohne alle Instrumente zu Stande
bringen können.

Nun ist das erste Rennen vorüber. Sieger ist ein Herr mit dem nicht
übel klingenden Namen Dante. Dazu stammt er aus Siena, wo man das
reinste Italienisch spricht. Eine alte englische Vollblutstute, die
durch Zufall in seinen Besitz gelangte, hat ihm den Erfolg verschafft,
indem sie sammt ihrem Deichselgenossen allen Concurrenten davonlief.
Die übrigen Rennen bringen keine neuen Momente. Nur die Personen und
Pferde wechseln.

Die Pausen werden durch das Volk selbst ausgefüllt, das sich in
fortwährender Action befindet. Zumeist dienen als Zielscheibe die
beiden Stadtbüttel, die zu Rosse den Verkehr zwischen den Richterlogen
vermitteln. Man hat sie in schreiend rothe Postillonsuniformen gesteckt
und auf elende Leihklepper gesetzt, die mit Scheuklappen geschmückt
sind. Sobald sich diese Ritter von der traurigen Gestalt in Bewegung
setzen, giebt es einen infernalischen Radau. In allen Tonarten wird
getrampelt, gepfiffen, gebrüllt. Die Veranstalter des hübschen Concerts
leben der »stillen« Hoffnung, die alten Rosinanten könnten doch
vielleicht scheu werden und ihre rothbefrackten Bändiger abwerfen.
Polizei und Militär ist genug zur Stelle. Aber Niemand hindert das
wahrhaft ohrenzerreißende Toben. Das ist hier landesüblich und gehört
zur Gemüthlichkeit. Im Uebrigen spotten auch die guten Rößlein ihrer
fanatischen Verfolger und tragen geduldig und ohrenwackelnd ihre
geängstigten Reiter von Loge zu Loge.

Der letzte, der Entscheidungs-Lauf der Bighen, wird wieder durch eine
ausgiebige Kanonade und mit Husarenumritt eröffnet. Auch hier bleibt
das Glück dem endgiltig obsiegenden Dante getreu. Der kugelrunde
Herr wird sammt seiner Bighe im Triumphaufzuge zu den Preisrichtern
geleitet, um einen Geldpreis einzukassiren, den er sicherlich dem
schönsten, antiken Lorbeerreise vorzieht. Das Volk bereitet dem Sieger
im Streite große Ovationen, die mit herablassendem Dankesnicken
entgegengenommen werden. Da ist jeder Zoll ein Triumphator!
Selbstzufriedener ist ganz bestimmt auch der »große« Dante nicht
gewesen, als er die »~divina commedia~« beendet hatte.

Langsam beginnen sich die Massen zu zerstreuen, die Osterien
und Trattorien anfüllend, um einigen Legionen strohumflochtener
Chianti-Flaschen die schlanken Hälse zu brechen. Aber noch ist nicht
Alles beendet unter den Ulmenbäumen des Mittelringes. Drohend
geschwungene Arme werden sichtbar, Schmerzensschreie ertönen. Mein
italienischer Begleiter hatte mir versichert, daß seine Landsleute bei
Volksfesten zwar gehörigen Lärm machten, sonst aber musterhafte Ordnung
hielten. Nun versuchte ich ihn mit dem offenbar soeben inscenirten
Krawall zu widerlegen. Statt aller Antwort führte mich der kundige
Paduaner schmunzelnd zu dem Schauplatz der Ereignisse. Da liegen im
Grase des ~prato~ lang hingestreckt zahlreiche Leute und lassen sich
ohne Widerstand nach allen Regeln der Kunst durchwalken. Die Erklärung
dieses Phänomens läßt nicht auf sich warten. Man _wettet_ nämlich in
Padua bei den Bighe-Rennen um _Prügel_, deren Zahl je nach den Chancen
des Sieges variirt. Der tapfere Dante schien nicht Favorit gewesen zu
sein, denn der lebendige Totalisator zahlte ziemlich hohe Odds. Von
Buchmachern, die eine Tantieme an der Auszahlung beanspruchten, war
weit und breit Nichts zu sehen.

Wie wäre es, wenn man diesen originellen und wenig kostspieligen
Wettbetrieb auch bei uns einführte? Ich glaube, die nicht selten
auftretenden Klagen über die zu große Wettlust der sportsfreudigen
Kreise würden mit einem Schlage verstummen.



In den Euganeeischen Hügeln.

    Topographie der Euganeen. -- Die kleinen Bettler. --
    Petrarca's Katze. -- Der Monte Rua und sein Kloster. -- Der
    Landsmann aus Kattowitz. -- Bataglia, das Schwefelbad. -- Eine
    »Rigoletto«-Aufführung.


Wenige Wegstunden von _Padua_, der uralten Stadt des heidnischen
Antenor und des heiligen Antonius, wölbt sich aus der Ebene ein
Bergcomplex hervor, von zahlreichen, dicht bewaldeten Höhen gebildet.
Die Italiener nennen diese, von stattlichen Erhebungen gekrönte
Kette bescheiden genug die Euganeeischen Hügel. Ob die so benannte
Gebirgslandschaft die letzten Ausläufer der Tiroler Alpen oder die
ersten Vorläufer der Apenninen darstellt, das zu entscheiden, bin ich
nicht Geologe genug. Aber daß die Euganeen aus Trachytfelsen bestehen,
weiß Jeder, der nach der Herkunft der eigenthümlichen Pflasterquadern
von Venedig und Padua gefragt hat. Die erste Annäherung lehrt, daß
diese Berge vulkanischer Natur sind. Wo ein kleiner Wasserlauf sich
windet, an jedem Feldrain, steigen heiße Dämpfe auf. Alle diese
Bächlein rinnen aus Schwefelquellen von 70gradiger Temperatur. Die
anwohnenden Bäuerinnen haben es bequem, wenn sie braten wollen.
Das Koch- und Brühwasser fließt ihnen vor der Thür vorüber. Seit
altersgrauen Tagen sind die Heilquellen von Abbano und Battaglia, den
Hauptorten des Hügellandes, als Badestätten benutzt worden. In den
Römerzeiten standen berühmte Thermen in den Euganeen, und heute haben
sich die beiden genannten Plätze zu eleganten Bädern ausgewachsen, die
gegen Lähmungen, Gicht, Katarrhe und Frauenkrankheiten Wunder wirken.

So malerisch liegen die von blauem Höhenschimmer umgebenen Kuppen zur
Schau, so lockend winken sie nach Padua herüber, daß man nicht allzu
lange zögern mag, ihnen einen Besuch abzustatten. Außerdem habe ich
einen lieben Gefährten zur Seite, der als authentischer Besteiger des
Aetna und des Groß-Glockner keine Bodenerhebung in der Nähe wissen
kann, ohne den Beruf in sich zu spüren, sie von oben zu betrachten.
Also klettern wir eines Tages in einen hochrädrigen Kutschirwagen,
verlassen Padua durch die alterthümliche ~porta di Ponte Corbo~ und
eilen an den trüben Fluthen des Bachiglione entlang gen Süden.

Eine Fahrt durch die oberitalienische Campagna gleicht der Fahrt
durch einen endlosen Park. Die Fruchtbarkeit des Landes, in dem
hauptsächlich Mais und Wein gedeiht, ist eine überaus glückliche. Der
gartenmäßige Eindruck der Landschaft wird durch die Gewohnheit der
Bauern vermehrt, ihre Felder mit Zierbäumen einzufassen, und diese
durch dichte Kettenranken zu verbinden. In all' dem Grün tauchen
verfallene Schlösser auf, die einstigen Landsitze der venetianischen
Nobili, dazwischen zerstreut die zahlreichen Bauernhöfe mit stattlichen
Hallen- und Backsteinbauten. Bei näherer Besichtigung verliert freilich
solch eine bäuerische ~casa~ Vieles von ihrem wohlhabendem Außenwesen.
Die Bauern des Veneto mögen tüchtige Landwirthe sein, aber die
Schmutzabfuhr scheinen sie nicht zu kennen, und so machen die Höfe
einen nichts weniger als appetitlichen Eindruck. Auch die Menschen der
verschiedenen Altersstufen haben von dieser allgemeinen Schmutzkruste
ihr Theil weg bekommen. Insbesondere die Kinder, unter denen blonde
Haare und blaue Augen gar keine Ausnahme sind, lassen sich, wenn sie
mit den niedlichen schwarzen Ferkeln im Sande tollen, sehr schwer von
ihren Spielgefährten unterscheiden.

Das Erscheinen eines mit Fremden besetzten Wagens ist für die kleinen
Gewohnheitsbettler das Signal, ihre sämmtlichen Künste zu erproben.
Zuerst versuchen sie es mit der Sentimentalität und stöhnen in so
herzzerbrechender Weise nach ~caritá~, daß man sie dem Hungertode nahe
glauben würde, sähen sie nicht gar so wohl genährt aus. Als diese
Trauermimik offenbar ihren Zweck verfehlt, ändert sich flugs das Bild.
Es wird ein kleiner Wettlauf neben dem Wagen arrangirt, die Augen
blitzen, die Zähne leuchten. Dann geht's an's Räderschlagen, daß
die dürftige Bekleidung, das aus mehreren Löchern bestehende Hemde,
in den Lüften fliegt und die braunen Körper in der Sonne glänzen.
Dazwischen tönt unablässig der Ruf nach einem »~soldino~«. Vor Angst,
die unermüdlichen Jöhren könnten sich die Schwindsucht an den Hals
laufen oder einige Gelenke brechen, spendet man schließlich die
ersehnten Kupferstücke. Sofort ist der Schwarm wie weggeblasen. Aber
am Straßenrand hocken die kleinen Räuber und überzählen die Beute. Sie
haben auf Theilung gespielt.

So geht es durch Abbano, des Titus Livius uralten Geburtsort, der sich
vornehme Villegiaturen und prächtige Badehäuser zugelegt hat. Etwas
weiter in das Gebirge hinein liegt Arqua, ein kleines Dörfchen, das
eine berühmte Sehenswürdigkeit enthält: Haus und Grab Petrarca's.
In dem gut erhaltenen Häuschen hat der große Sonettendichter seine
letzten Lebensjahre zugebracht und einen sanften Tod gefunden. Für sein
Grabmal hat er sich selbst das Epitaph geschrieben. Auch eine Genossin
Petrarca's ist noch wohleinbalsamirt vorhanden: des Dichters Katze.

In Galzignano, einer Ortschaft, die sich reizvoll heimlich zwischen
die beiden höchsten Berge der Euganeen, den Monte Venda und den Monte
Rua, hineinschmiegt, ist die Wagenfahrt zu Ende. Unser Ziel ist das
den letztgenannten Berg krönende Kloster _Rua_. Der Rua-Berg ist
ungefähr so hoch, wie der heimische Zobten. Mein Genosse erklärt ihn
für ein mittleres Maulwurfhügelchen, dessen Besteigung für ihn, der
»auf dem Aetna und dem Großglockner« gewesen ist, eine entschiedene
Herablassung bedeutet. Mir aber, der ich im Bergsteigen weniger ~au
fait~ bin, wird der Aufstieg, der nicht immer auf gebahnten Wegen
und manchmal recht steil aufwärts geht, sauer genug. Dazu brennt die
italienische Sonne munter herab und die Rua-Kuppe rückt nur langsam
näher. Endlich stehen wir an der Klostermauer, aber mein Frohlocken
kam zu früh. Innerhalb der labyrinthisch sich in die Höhe windenden
Mauern gilt es noch fast eine halbe Stunde vorwärts zu streben, ehe
wir vor dem zinnengeschmückten Thore halten. Die Glocke giebt einen
mürrischen, gellen Klang von sich, als wäre sie ärgerlich, in ihrer
beschaulichen Ruhe gestört zu werden. Nach längerer Pause öffnet der
Pförtner in schneeweißem Wollengewande, Sandalen an den Füßen und
einen breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe. Schweigend geleitet er
uns in ein bescheiden ausgestattetes, niederes Wartezimmer, dessen
schönster Schmuck die durch die Fenster lachende Aussicht in's blühende
Land ist. Ein zweiter Pater, jünger als der erste, erscheint, um uns
durch die Klosterräume zu geleiten. Die Bitte um eine Erfrischung wird
freundlich gewährt. Dienstfertig bringt der junge Mönch eiskaltes
Wasser herbei, das nach den überstandenen Strapazen wonnevoll mundet.
Dabei unterhalten wir Fremden uns ungenirt in der heimatlichen Sprache,
sicher, nicht verstanden zu werden. Plötzlich fragte der Pater
schüchtern, ob wir Italiener seien. Wir verneinen und proclamiren
unser Deutschthum. Da kommt es in stockenden Lauten von den Lippen
des Ruensers: »Auch ich bin ein Deutscher.« Neugierig ob der etwas
fremdartigen Aussprache forsche ich nach der speciellen Zugehörigkeit
des Landsmannes. Die Antwort lautet: »Ich bin aus -- Kattowitz.«
Tableau!

Hier oben in der Klosterstille von Rua einen Schlesier und noch dazu
einen aus dem berühmten Gemeinwesen Kattowitz zu treffen, darauf hatten
wir freilich nicht gerechnet. Dem Vereinsamten schien es eine wahre
Freude, wieder einmal die Muttersprache reden zu können. Er erzählte,
daß er im Polnischen »hinter Warschau« in den Orden getreten und
alsbald nach Rua verschickt worden sei. Seit sechs Jahren weile er hier
und habe nie den Fuß vor das Thor gesetzt. Dann gab er uns eine durch
die Anschauung unterstützte Erklärung des Ruenser Klosterwesens.

Der Klosterbau ist uralt, der Erbe des noch älteren, durch Plünderung
zerstörten Mönchstifts vom nahen Monte Venda. Die Ruenser Fratres
haben Benedictiner Confession und Camaldulenser Regel. Außer der
Kirche befindet sich innerhalb der Mauern eine große Anzahl kleiner
Siedelhäuschen, die sich terrassenförmig übereinander an die Berglehne
hinlagern. Diese steinernen Häuschen enthalten je eine Kapelle, einen
Eß- und einen Schlafraum. Davor ein Gärtchen zur Blumenzucht. Jeder
Mönch bewohnt eines dieser Gebäude für sich allein. Gemeinsamer Tisch
wird nicht gehalten, ebenso ist an den meisten Tagen das Reden und
jegliche Unterhaltung untersagt. Das Innere der Zellen ist sauber,
einfach, schmucklos. Den einzigen Aufwand auf Rua macht die Kirche,
die einige gute Altargemälde und kostbare Weihgefäße besitzt. Ihre
Hauptreliquie ist ein in die Wand eingelassenes bärtiges Marmorgesicht,
angeblich die Todtenmaske Johannes des Täufers. Sie wurde bei einer
Plünderung des Klosters Venda gerettet und hier herüber gebracht.

Die beste Zierde von Rua ist seine herrliche Fernsicht. Dicht
benachbart ragt der majestätische Venda empor und hinter ihm öffnet
sich in Schluchten und Hängen das grünende Bergland der Euganeen. Auf
der Nordseite schweift der Blick weit in die sonnige Ebene nach Padua,
nach Vicenza und Mestre. In silberne Schleier gehüllt leuchtet am
Horizonte das Adriatische Meer und darüber bauen sich die Kuppeln und
Thürme der wundersamen Lagunenstadt Venedig empor. Unser Landsmann von
Kattowitz ist gegen alle diese Reize gänzlich abgestumpft. Wenn man sie
sechs Jahre hindurch täglich vor Augen hat, ist es erklärlich, daß man
selbst solcher Schönheit müde wird.

Gern hätte ich noch gewußt, was unseren Landsmann veranlaßt hat, in so
jungen Jahren in diesen strengen Orden zu treten. Das Antlitz eines
religiösen Schwärmers hat er durchaus nicht. Aber als er der Frage
ausweicht, dränge ich nicht weiter in ihn. Vielleicht wären auch seine
Aufschlüsse nichts weniger als romanhaft interessant gewesen. Endlich
schieden wir von unserem freundlichen Führer, nachdem wir unsern Dank
noch mit einer kleinen Geldspende verstärkt hatten.

Hinunter geht es hurtig genug und bald saßen wir wieder im Wagen, der
uns nach Battaglia, dem größten Badeorte der Euganeen führte. Das
weit im Lande sichtbare Wahrzeichen von Battaglia ist das auf steilem
Trachytkegel thronende Schloß des Grafen Wimpffen dem auf Meilen im
Umkreise die Gegend gehört. Mächtige, breite Treppenterrassen, die
von der Ebene bis zum Gipfel steigen, ein prachtvoller Park, der sich
zu Füßen und an den Seiten des Schloßfelsens entlang zieht, geben der
Residenz ein besonders stolzes Gesicht. Die Fahne weht zum Zeichen
der Anwesenheit des Besitzers. Trotzdem steht der ganze Complex den
Kurgästen zur Benutzung frei. In den Dependenzen des Schlosses befinden
sich zahlreiche Badeanlagen, darunter die natürliche Dampfgrotte,
die eine Hitze von 50 Graden aufweist. Das Etablissement steht unter
gräflicher Administration, wird vortrefflich geleitet und ist vom
elegantesten Publicum besucht. Dennoch kostet in der Hochsaison die
volle erstklassige Pension nur 10 Lire = 8 Mk. pro Tag. Das ist so ein
kleiner Beweis für die außerordentliche Billigkeit von Ober-Italien,
von der freilich diejenigen Durchreisenden wenig merken, die
ausschließlich in den internationalen Karawansereien der Fremdenstädte
verkehren.

Von der Trefflichkeit der Verpflegung konnten wir uns selbst
überzeugen. Der riesige Speisesaal ist überfüllt, das Diner
ausgezeichnet. Oben an der Tafel präsidirt der joviale Badearzt
~Dr.~ Pezzolo durch seine Anwesenheit gewissermaßen die kurgemäße
Unschädlichkeit der aufgetragenen Genüsse verbürgend. Herr ~Dr.~
Pezzolo ist ein Feinschmecker. Das beweist er ebenso durch die
sorgfältige Auswahl der für seinen Teller bestimmten Stücke, als durch
die kluge Disposition, mit der er die beiden hübschesten Mädchen der
Badegesellschaft zu Nachbarinnen bekommen hat.

Nach dem Diner schlägt die Majorität der Kurgäste den Weg zum Theater
ein. Denn Battaglia hat in der ~Sala Marigo~ seine eigene Oper. Man
giebt den »Rigoletto« und so wandern auch wir zu dem Musentempel, der
zwar electrische Lampen, im übrigen aber das Aussehen eines ziemlich
primitiven Tanzsaales aufweist. Die Ausführung der Verdi'schen
Schauer-Oper war ähnlich disharmonisch, wie der Raum in dem sie sich
abspielte. Einzelne Leistungen strahlten wie electrisches Licht hervor,
der Rest war -- Schmiere.

Das Orchester, mit 25 Mann besetzt und tüchtig geleitet, wurde seiner
Aufgabe vollkommen gerecht. Ausgezeichnet war der Baß Campello.
Er mußte jeden Tact, den er sang, wiederholen. Sehr wacker hielt
sich der Vertreter der Titelrolle, Cesarotto, der, ein Schüler des
trefflichen venetianischen Gesangsmeisters Alberto Selva, eine
wohlgebildete, in der höheren Lage glanzvolle Stimme producirte.
Sein Vortrag vibrirte von echt italienischem ~slancio~. Damit war,
was der Abend an wirklicher Kunst bot, erschöpft. Die Gilda, des
Narren holdes Töchterlein, war so abnorm häßlich, daß der herzoglich
mantuanische Geschmack ganz unbegreiflich erschien. Leider fühlte das
Fräulein auch nicht die Notwendigkeit, ihre äußeren Mängel durch guten
Gesang vergessen zu machen. So empfand man bei Gildas entsetzlichen
Schicksalen nichts als eine gewisse Befriedigung darüber, daß es
der tremolirenden, falsch singenden Person so miserabel erging. Die
Duenna Gildas wurde durch eine ältere Dame von unheimlichem Umfang
vertreten. Später tänzelte dieser selbe Koloß plötzlich als zarter Page
in himmelblauen Tricots neckisch über die Bühne. Der Herr Herzog hatte
vielleicht einstmals in längst verschwundenen Tagen eine Stimme gehabt,
jetzt hatte er nur noch auf dem linken Tricot einen gesunden Fettfleck.
Die krampfhaften Versuche, dieses Malheur zu verbergen, schädigten
bisweilen die Würde der herzoglichen Haltung.

Bezeichnend für den geringen Ernst, den das italienische Publicum für
seine musikalischen Kunstwerke übrig hat, war die »Bereicherung«,
die der dritte Act erfuhr. Signor Cesarotto hatte nämlich seine
~serata d'onore~ (Benefiz) und anläßlich dieses Ereignisses erschien
er plötzlich im Gesellschaftsanzuge ohne Rigoletto-Maske im
Herzogspalaste, um aus dem vorgehaltenen Notenhefte einen unglaublich
sentimentalen Singsang anzustimmen, in dessen Refrain er stets
behauptete: ~la mia sposa sera la mia bandiera~ (Mein Weib wird meine
Fahne (!) sein«). Das schöne Lied stammt von Rotoli und ist noch
trivialer, als die Leierkastenmusik des Signor Tosti, neben dem für
einen richtigen Italiener kein anderer Lieder-Componist existirt. Aber
da die Nummer der hohen Stimmlage des Sängers beste Gelegenheit zur
Entfaltung gewährte, so mußte das schaurige Ding gleich mehrmals unter
den begeisterten ~Bis~-Rufen der Corona widerholt werden, worauf der
glückselig lächelnde Bariton abtrat und sich die Rigoletto-Maske wieder
anschminkte. Derlei Geschmacklosigkeiten werden hier absolut nicht
als solche empfunden. Im italienischen Zeitungsstil heißt das »eine
gelungene Episode«.

Trotz dieser unvorhergesehenen Zuthaten fanden auch die blutrünstigen
Morithaten Rigolettos ihr Ende und um einen Kunstgenuß reicher fuhren
wir durch die schweigende Campagna nach Padua zurück. Frau Luna, hell
am sternenklaren Nachthimmel schimmernd, versprach einen wunderschönen
Folgetag. Wie recht aber der Rigoletto-Textdichter mit seinem eben so
knappen, als wahren Ausspruche »~La donna e mobile~« hatte, sollte sich
hier wieder einmal zur Evidenz erweisen, denn Frau Luna hatte gelogen
und am nächsten Tage regnete es scheußlich.



Venetianische Feste.

    Die Venetianer als Fischmenschen. -- Das Seebad am Lido.
    -- Männliche Badefrauen. -- Herrenbesuche im Damenbad. --
    Die Restaurationsterrasse und Verlobungen bei Musik. --
    Der Gondeltenor und seine Potiphar. -- Volksfeste und die
    Polizei-Spritze. -- Heiliger Marcus, hilf!


Venedig im Sommer ist so recht geeignet, das in Deutschland herrschende
Vorurtheil zu widerlegen, Italien sei in der heißen Jahreszeit für den
Nordländer ungenießbar. Für Theile des südlichen Italiens, speciell
für Rom, sei gern zugegeben, daß ein Besuch im Frühjahr oder Herbst
empfehlenswerther ist, obgleich auch dort um diese Zeit das eigentliche
Volksleben auf der Gasse fehlt, das in seiner Art mindestens die
gleiche Aufmerksamkeit verdient, wie der überströmende Reichthum an
Kunstschätzen und Architectur-Schönheiten.

Venedig insbesondere belebt sich erst, wenn die Sonne heiß
herniederbrennt. Dann steckt die ganze Bevölkerung vor ihren Thüren
im Wasser. Der Venetianer wird zum Fischmenschen. Die Familie wandelt
innerhalb des Hauses im Badeanzug einher, und jede freie Minute wird
rasch zu einem Schwimmausflug vor das Haus benutzt. Eine Gondelfahrt
durch das Gewirre von Canälen und Canälchen gewährt gegen den Abend
hin einen sonderbar belustigenden Anblick. Pustend, schnaubend und
spritzend, wie eine Bande übermüthiger Wasserthiere, tummeln sich
Männer, Weiber und Kinder in dem belebenden Element. Aller Augenblicke
öffnet sich eine Thür, und heraus stürzt sich eine nothdürftig
bekleidete Menschengestalt im Kopfsprunge. Andere halten es noch
bequemer und springen gleich vom Fenster aus, ein paar Stockwerke
hoch, in die Fluth. Ein deutsches Schutzmannsherz würde sich umdrehen
Angesichts dieses ungebundenen Treibens. Die venetianische Polizei
erlaubt es sogar officiell und wünscht nur, daß ein gewisses Minimum
von Costüme stets vorhanden sei. Damit ist freilich nicht gesagt, daß
dieser Ukas überall und immer befolgt wird.

In dem nicht allzusauberen Canalwasser tummelt sich natürlich nur
das ärmere Volk. Der Wohlhabende an Zeit und Geld fährt hinaus nach
dem Lido. Venedig ist nicht blos eine große, mit Wundern aller
Art gesegnete Stadt, es ist auch das fashionable _Seebad_ für die
angrenzenden Provinzen Ober-Italiens. Dem eleganten Lombarden oder
Veneter ist die Saison zu Venedig ebenso ~de rigueur~, wie der Strand
von Heringsdorf oder Kolberg dem Berliner.

Die Dampfer, welche viertelstündlich den Verkehr zwischen der Riva
dei Schiavoni und dem Lido vermitteln, sind stets vollgepfropft
mit lustig schwatzendem Badevolke: Die Damen in hellen, lichten,
buntfarbigen Toiletten, die Herren in weißem Flanell und englischen
Strandmützen, die Knaben in kecken Matrosen-Anzügen, die das gesunde
Braun der nackten Waden freilassen, und die kleinen Mädchen in jenen
entsetzlichen langen Kleidchen, wie sie die Phantasie der Frau Kate
Grenaway und die Mode erdacht haben.

Kaum hat das Schiff an der Nordseite des Lido angelegt, so beginnt
der allgemeine Sturmlauf nach den Pferdebahnwagen. Der Tramway,
dessen Pferdepark die einzigen Exemplare dieser nützlichen Vierfüßler
im Bannkreise von Venedig umfaßt, durchfährt die villen- und
trattorienbesetzte Insel ihrer Breite nach in circa 5 Minuten und setzt
seine Gäste direct vor dem riesigen Bade-Etablissement ab. Das Gebäude
mit seinen Vergnügungs- und Bade-Anlagen, seinen zahllosen Zellen,
seinen Wäscheausgabe- und Werthaufbewahrungs-Stellen ist so zweckmäßig
eingerichtet, daß mancher deutsche Bade-Commissär hier mit großem
Nutzen längere Studien machen könnte.

Der eigentliche in der See abgegrenzte Baderaum zerfällt in zwei
benachbarte Theile, von denen der eine den Herren, der andere den Damen
reservirt ist. Die Absperrung ist aber nicht so ernst gemeint. Zunächst
hat das schönere Geschlecht officiellen Zutritt im Herrenbade, ein
Recht, das ebenso von den Damen der besseren Gesellschaft, wie von
den Vertreterinnen der pikanten Gattung benutzt wird. Ferner sind die
im Damenbad angestellten »Badefrauen« -- Männer, und das inmitten
der Abtheilung haltende Wachtboot ist ebenfalls bemannt und nicht
beweibt. Man kann sich denken, daß diese wackeren Leute nicht allzu
eifrig bestrebt sind, Herrenbesuche vom Gestade der Seligen fern zu
halten. Hie und da kommt es freilich vor, daß eine zornige Dame aus
jener Altersklasse, nach der sich die bösen Eindringlinge nicht mehr
umzusehen pflegen, so lange Lärm schlägt, bis die schläfrigen Wächter
in ihrem Boote zu ihrer Pflicht erwachen und die unterschiedlichen
Adams aus dem Paradiese treiben. Nach einer halben Stunde ist aber
regelmäßig der ~status quo ante~ wieder hergestellt, und der amüsante
Flirt im Wasser nimmt seinen ungestörten Fortgang.

Derartige Beobachtungen entschädigen reichlich für die Zahmheit des
Seebades selbst. Das Adriatische Meer weist im Sommer sehr hohe
Temperaturen (durchschnittlich 24--28 Grad Celsius) und zumeist wenig
oder gar keinen Wellenschlag auf. Besinnt es sich einmal darauf, daß
ihm als reputirlichem Meere eigentlich eine wildere Physiognomie
gebührt, so streikt alsbald das italienische Publicum. Bei etwas
kälterem Wasser oder einem mäßigen Wellentreiben, das einem Sylter oder
Helgoländer Stammgaste noch wie eitel Süßwasserspielerei erschiene,
geht kein Italiener in das balkenlose Element hinein. Dann ist es
leer am Lido, und von den wenigen Kühnen, die, von den Badedienern
angestaunt, den Kampf mit den Wellen wagen, hört man ausschließlich
englische oder deutsche Laute.

Nach dem Bade findet man sich auf dem in's Meer hineinragenden
Restaurationspavillon zusammen, wo man bei einem Glase Vermouth das
laute Treiben der Badenden, die dicht vor der Terrasse ihre schönsten
Künste steigen lassen, beobachten oder aber, wenn man Liebhaber einer
schlechten Musik ist, der concertirenden Kapelle seine Aufmerksamkeit
schenken kann. Für Junggesellen ist indessen diese Terrasse nicht
ungefährlich, denn auf ihr nehmen zahlreiche im Wasser angesponnene
Romane ein Ende mit Schrecken. Hier ist das Reich der Mütter, hier
verlobt man sich. Die Privatstatistik weiß Wunderdinge über die
Häufigkeit solcher Fälle zu berichten. Es ist recht sonderbar, daß
Paolo Mantegazza, der Feuilletonist unter den Medicinern, diese
seltsame Erscheinung bisher unbeachtet gelassen und noch kein Buch
geschrieben hat mit dem Titel: »Das Seewasser und sein Einfluß auf den
Verehelichungstrieb der Menschen.«

Mit allen diesen Attractionen sind aber die Reize des Lido keineswegs
erschöpft. Nicht blos der Naturfreund, der Sittenschilderer, der
Modeschriftsteller, der Gourmand und die -- Schwiegermutter, auch der
Theaterschwärmer kommt zu seinem Recht. Im großen Saale des Restaurants
ist meist eine Operntruppe installirt, die allerdings keine übermäßige
Anziehungskraft ausübt.

Die musikliebende Fremdencolonie findet man Abends auf dem
~Canale grande~ um die unterschiedlichen »Serenaten« der
Volkssänger-Gesellschaften Revue passiren zu lassen. Der beliebteste
Gondelsänger ist der Tenor Giacomelli, der mit weicher, schmachtender
Stimme seine Liebeslieder voller Verve und Inbrunst vorträgt. Die
in ihren Gondeln lauschenden Missis finden ihn ~very nice indeed~
und bedauern nur, daß er nicht an allen Abenden zu hören ist.
Bisweilen nämlich zuckt der Gondelier, dem man zuruft »~alla serenata
Giacomelli~«, die Achsel und meldet geheimnißvoll, das der Gesuchte
heute nicht sänge. Bei dringender Nachfrage erfährt man dann, daß
der arme Giacomelli das Schicksal der meisten Tenöre theile und von
Frauengunst stark umworben sei. Neuerdings habe ihm eine schöne
~principessa~ ihr Herz geschenkt, und dieser Giacomelli sei kein
venetianischer Joseph, der den Mantel bei seiner Potiphar lasse, um auf
den ~canalazzo~ singen zu gehen. Ist dieser Roman nur Reclame, so ist
sie gewiß nicht ungeschickt ersonnen. Denn läßt der glückliche Tenorist
an seinen ~principessa~-freien Abenden die Stimme erklingen, so
erscheint er allen Damen noch einmal so interessant als sonst. Rudert
nach beendetem Ständchen die bunt beleuchtete Sänger-Gondel heran, so
regnet es blankes Silber in den herumgehenden Sammelhut. Dem Geliebten
einer ~principessa~ kann man doch kein Kupfer geben. ~Noblesse oblige!~

Im Uebrigen verläßt sich die Stadt Venedig nicht allein auf
Privatunternehmer, wenn es gilt, den vergnügungssüchtigen Einheimischen
und den schaulustigen Fremden Unterhaltung zu bereiten. Drei große
»Nummern« pflegt das splendide Municipio allsommerlich loszulassen:
eine Riesen-Serenata, ein Wohlthätigkeits-Tombola und endlich, als
Culminationspunkt, die altbeliebte Gondel-Regatta.

Für die Serenate wird ein rundes Holzschiff erbaut und mit farbigen
Lampen reich geschmückt. Auf dieses schwimmende Podium postiren
sich ein Orchester von ca. 80 Mann, ein ebenso starker Chor und
mehrere Solisten. Die mannigfachen Vorträge bereiten einen wirklichen
Kunstgenuß, der im eigenartigsten Concertsaale der Welt mit dem Wasser
als Boden, den Gondeln als Logen und dem sternbesäten Himmel als Decke
empfangen wird.

Die Tombola mit ihren Tausenden von Loosen und drei Gewinnen (400, 500
und 1000 Lire) bietet ein Schauspiel, bei dem das Volk von Venedig
die Hauptacteure stellt. Zwei prächtig decorirte Pavillons, der eine
für die Ziehung, der andere für das Aufziehen der Nummern bestimmt,
werden auf dem Marcusplatze errichtet. Dieser einzige Platz, den
seine herrlichen Bauten wie eine steingewordene Märchenphantasie
erscheinen lassen, erstrahlt in festlicher Beleuchtung, der
gewaltig zum Nachthimmel sich reckende Campanile in bengalischem
Lichte. Der Steinboden der Piazza ist zum großen Theile mit Stühlen
bestellt, den übrigen Raum nehmen in fürchterlicher Enge stehende
Menschenmassen ein. Die zierlichen Tauben, des Marcusplatzes beliebte
Pensionärinnen, die doch von den Abendconcerten her an einen schönen
Durchschnittstrubel gewöhnt sind, schwingen sich aufgeregt in die Lüfte
empor. Im Handumdrehen haben sich mitten im Gewühle die landesüblichen
Klein-Industrien entwickelt. Eiswasser, Bleistifte, Cigaretten,
Citronen und ähnliche gangbare Artikel werden kreischend feilgeboten,
bis ein kräftiger Trompetenstoß den Beginn der Ziehung verkündet.
Dann lebt Alles nur noch den Ereignissen Fortunas. Mit athemloser
Spannung wird jede einzelne Nummer begrüßt. Um die Personen, deren
Loos-Zettel die Glückszahlen enthalten und die Besitzer dem ersehnten
Quaterno nähert, bilden sich erregt gesticulirende Gruppen. Ein Schrei
geht durch alle diese Menschen, als der erste vermeintliche Gewinner
im Laufschritt dem Lotteriepavillon zueilt, und schrilles Pfeifen
begrüßt den Unglücklichem der sich in einer Zahl geirrt hatte und darum
schleunigst wieder zum Vorschein kam. Als dann der wirkliche Eroberer
des Quaternos erschien und noch dazu ein waschechter Venetianer war, da
gab es einen tumultuösen Applaus.

Die Regatta endlich gestaltet sich zu einem Volksfeste ersten Ranges.
Der ~Canale grande~ belebt sich Stunden vor dem Beginn mit einer nicht
annähernd zu schätzenden Zuschauer-Corona. Die prächtigen alten Paläste
an diesem großen Wasser-Boulevard sind mit Gobelins und Teppichen
festlich geschmückt und von Neugierigen bis zum Dache gefüllt. Die
flankirenden Kais erscheinen mit Stühlen besetzt wie ein riesiges
Parterre. Die Hauptmenge aber bewegt sich auf dem Wasser. Neben dem
ganzen stattlichen Gondelaufgebot sind unzählige Barken und riesige
Familienboote zur Stelle, die durch Sessel zu schwimmenden Tribünen
umgewandelt werden. Ein wahrhaft lebensgefährliches Gewimmel herrscht
um die Zielgegend, am Palazzo Foscari zwischen der Rialto-Brücke und
dem Ponte Ferro. Hier haben die Schaulustigen sogar auf den aus dem
Wasser ragenden Gondelpfählen und auf den Häuserreihen Posto gefaßt.
Die Hüter des Gesetzes sind eifrig bei der schweren Aufgabe, in dem
Gewimmel von Fahrzeugen freie Bahn für die Rennenden zu machen. Da die
Polizei ebenfalls in Gondeln fährt, so ist ihre Actionsfreiheit sehr
gehemmt. Die Art, wie die Schutzleute dennoch ihren Anordnungen den
nöthigen Nachdruck verschaffen, ist ebenso drastisch wie originell.
In jeder Polizeigondel steht ein Feuerwehrmann, der eine direct aus
dem Canal gespeiste, riesige Spritze handhabt. Wird den Befehlen der
heiligen Hermandad nicht sofort Folge geleistet -- Platsch! ergießt
sich ein mächtiger Wasserstrahl auf Gondelführer und Insassen. Das
Mittel ist nicht fein, aber es hilft.

Ein farbenfroher und glänzender Umzug der städtischen Festordnergondeln
eröffnet die Regatta. Die Municipal-Fahrzeuge sind wundervoll mit
Peluche, Seide, Metallbehängen und phantastischem Figurenaufputze
decorirt. Ihre Lenker stecken in prächtigen mittelalterlichen Trachten
von Sammet- und Brocatstoffen, die mit den Bootsfarben harmoniren. Ein
Stück des alten Venetianer Glanzes aus den Blüthezeiten der mächtigen
Republik scheint in's Leben zurückgekehrt. Einigermaßen contrastirt mit
der wirklichen feenhaften Ausschmückung der Boote ein im Mitteltheile
jedes Schiffleins aufgepflanzter Weinzuber, aus dem die romantisch
gekleideten, mit blonden Pagenperrücken versehenen Ruderjünglinge bei
jeder Haltegelegenheit »Einen nehmen«. Je Einer trinkt, und drei
Andere halten das Ungethüm von Flasche, das ungefähr den Umfang eines
größeren Luftballons hat. Es ist leicht zu begreifen, daß gegen das
Ende des Umzuges der Ruderschlag an Präcision Einiges eingebüßt hat.

Die eigentliche Regatta ist kein allzu aufregendes Ding. Es concurriren
mehrere der Gondelform nachgebildete schmale, niedere Rennboote mit je
zwei stehend arbeitenden Ruderern. Da die zu durchmessende Strecke weit
über eine Wegstunde lang ist und von einem sportsgerechten Training der
Gondoliers keine Rede sein kann, so sind die Gestarteten vor dem Ziele
so erschöpft, daß ein ernstlicher Endkampf nicht stattfindet. In weiten
Abständen kommen die vier Ersten einher, um ihre Siegesfahnen, an die
ein stattlicher Geldpreis geknüpft ist, in Empfang zu nehmen. Dann
Tusch, und die Regatta ist zu Ende.

Unter den Zuschauern aber beginnt nun der Kampf um's Wegkommen. Die
Polizei und ihre Kanonenspritze wären jetzt vortrefflich am Platze,
aber Beide sind längst verschwunden. So muß jeder Einzelne sehen, wie
er dem Chaos entrinnt. Aller Augenblicke krachen die Boote aufeinander,
die Gondoliers fluchen, die Insassen halten bei den fortwährenden
Stößen mühsam Balance. Für zartbesaitete Gemüther ist dieses
Schlußvergnügen mäßig. Immerhin weiß der Festbericht am nächsten Morgen
nur von einem halben Dutzend zertrümmerter Boote und keinem einzigen
ernstlichen Unglücksfalle zu berichten. Wahrhaftig, diese Venetianer
haben an ihrem heiligen Marcus einen wackeren Schutzpatron.



Römische Momentbilder.

    Römische Rosselenker. -- In der Villa Borghese. -- König und
    Königin. -- Corso. -- Auf der Piazza Colonna. -- Ben Akiba und
    die capitolinische Venus.


Der _römische Droschkenkutscher_ hat mit seinem deutschen Collegen
fast Nichts gemein, als die -- Droschke. Geburt und Erziehung haben
gleichmäßig zu der Verschiedenheit der Arten beigetragen. Heißeres,
unruhigeres Blut rollt in den Adern des südländischen Rosselenkers,
und seine Erziehung hat die Polizei arg vernachlässigt. Der deutsche
Droschkenführer fühlt das strenge Auge des Gesetzes beständig auf sich
gerichtet. Er hält sich und sein Gefährt in vorschriftsmäßiger Ordnung,
kennt das paragraphenreiche Reglement auswendig und harrt auf seinem
Kutschbocke in stoischer Ruhe der Fahrgäste, die nicht immer kommen
wollen. Natürlich ist er, wie so Vieles in Deutschland, uniformirt.

Ganz anders sein Römischer Berufsgenosse. Ihm läßt die Polizei manche
Freiheit, und er benutzt sie redlich. Das Institut der Halteplätze
kennt man auch hier, aber der Kutscher, der keine Lust zur Geselligkeit
hat, stellt sich einfach hin, wo es ihm gerade gefällt. Und nun beginnt
die Hauptbeschäftigung des Römischen »Numerirten«: der Kampf um den
Fahrgast. Nähert sich seinem Standorte eine Person, die halbwegs
aussieht, als könne sie sich den Luxus einer Fahrt leisten, so erhebt
sich der Kutscher vom Bocke und winkt mit beiden Armen auf das
Lebhafteste, während ein freundliches Lächeln sein Antlitz überzieht.
In diesem Augenblicke macht er ganz den Eindruck, als habe er einen
alten, lieben Freund wiedergefunden und deute diesem pantomimisch an,
daß er leider den Bock nicht verlassen könne und daher um einen Besuch
bitte. Folgt der also Aufgeforderte der Einladung nicht, so stellt
der Kutscher die Diagnose auf Augenschwäche. Denn nunmehr nimmt er die
Peitsche und knallt so heftig, daß selbst die an solche Klänge gewöhnte
Rosinante unruhig die Ohren spitzt. Hilft auch dieses Mittel nicht,
so theilt der Unermüdliche dem unterdeß näher Gekommenen vorwurfsvoll
mit, daß hier eine ~carozza~ stehe, und frägt in schmeichlerischem Tone
»~vuole~?« (»Wollen Sie?«) Für gewöhnlich, d. h. in Stadtgegenden,
wo sich keine Sehenswürdigkeiten befinden, sind damit seine Künste
erschöpft. Glaubt er aber, einen ~forestiere~ vor sich zu haben,
dessen Schüchternheit einer besonderen Aufmunterung bedürfe, so
setzt er, ganz, wie wenn er gerufen worden wäre, seinen Gaul in Trab
und fährt dem Dahinschreitenden derart vor die Füße, daß diesen ein
Fortsetzen seines Weges unbedingt in den Wagen führen muß. Macht der
also Verfolgte geduldig einen Umweg und geht etwa auf eine in der
Nähe befindliche Omnibus- oder Pferdebahn-Haltestelle zu, so hat er
stets die Droschke zur Seite, deren Lenker jetzt allerhand mysteriöse
Zeichen zu machen beginnt. Er legt einen Finger quer über die Mitte
des anderen, d. h. zeigt seine Bereitwilligkeit an, für die Hälfte des
Tarifs zu fahren. Oder er unterbietet sich noch weiter und tritt mit
den Preisen der Pferdebahn in ernsthafte Concurrenz. Letztere Manöver
sind natürlich nur im Sommer, in den Monaten der Fremdendürre, üblich.
Zu den Zeiten, wo Rom von Bädekern überfluthet ist, versucht es der
Römische Automedon eher mit einer eigenmächtigen kleinen Erhöhung des
Tarifes.

An den Gefährten selbst, deren Form den Berliner Droschken erster Güte
gleicht, fällt eine merkwürdige Einrichtung auf. Rechts vom Kutscher
befindet sich die Bremse, die bei den 7 Hügeln, auf denen Rom, wie
jeder Klippschüler weiß, erbaut wurde, eine entschiedene Nothwendigkeit
ist. Zur Linken des Fahrers aber ragt eine dicke Holzstange von
Meterhöhe empor. Erst bei Regenwetter enthüllen sich die Zwecke
dieses geheimnißvollen Instrumentes. Auf ihm wird dann nämlich ein
riesiger Regenschirm aufgesteckt, gegen dessen Dimensionen sich die
umfangreichsten Regendächer unserer Hökerweiber wie zierliche Entoutcas
ausnehmen. Diese sinnreiche Einrichtung hat zweierlei Vortheile:
erstens schützt sie den Kutscher vor dem Regen, und zweitens wird der
Fahrgast noch weit nässer als sonst, denn er kommt buchstäblich aus dem
Regen in die Traufe.

Die äußere Erscheinung der Herren Droschkenkutscher bestätigt den
alten Satz: Wie der Herr, so's Geschirr. Auf den Kutschböcken solcher
Wagen, von denen sich der Gast mit Grausen wendet, sitzen Gestalten von
wahrhaft imponirender Schmutzigkeit. Daneben überwiegt, wie überall,
die Menge derer, die im Guten wie im Schlimmen den Mittelweg einhalten.
Endlich aber giebt es auch »Zeuge«, die von Sauberkeit und Frische
leuchten und deren Lenker ohne Weiteres als Typen des Bock-Gigerls zu
bezeichnen sind. Moderngelbe Schuhe, heller Sommeranzug, schwarzes
Künstlerhütchen und genial geschlungene Cravatte bewirken, daß der
Kutscher bisweilen eleganter ausschaut als sein Fahrgast. Diese
noblen Fiaker finden sich am häufigsten auf der Piazza di Spagna,
dem Mittelpunkte des Fremdenviertels. Sie befleißigen sich besonders
Damen gegenüber einer Höflichkeit, die beinahe an's Courschneiden
grenzt. Diese immerhin auffällige Erscheinung hat ihren guten Grund.
Vor wenigen Jahren nämlich hat sich eine schon etwas angejahrte, aber
um so reichere Engländerin in einen dieser Rosselenker verliebt und
den schwarzlockigen Jüngling als ihren Ehegemahl nach dem Inselreiche
entführt, wo der Glückliche, einem ~on dit~ unter seinen früheren
Collegen zufolge, nunmehr nur noch »mit Vieren lang« fährt. Seitdem
drängt sich die Elite der Römischen Droschken-Kutscher auf der Piazza
di Spagna, und mit schmachtenden Blicken verfolgen sie jedes weibliche
Wesen, welches große Füße hat und einen rotheingebundenen Bädeker
trägt. Ob solche Bemühungen eine zweite Auflage des eben skizzirten
Romans gezeitigt haben, darüber schweigt meine Quelle.

       *       *       *       *       *

Die Stätten, an denen der Römer am liebsten frische Luft schöpft,
sind die Villa Borghese und die Villa Doria-Pamfili. Die erstere,
deren fürstliche Besitzer arg verschuldet sind, steht jetzt unter
der Verwaltung der Stadt, die aber wenig für ihren Pflegling zu thun
scheint. Die riesigen Waldanlagen, die sich am Fuße des Monte Pincio
hinziehen, sind ziemlich verwildert, und nur das Casino, in dem sich
einige berühmte Rafaels, Tizians und Correggios befinden, prangt
in altem, unvermindertem Glanze. Weit vortheilhafter präsentiren
sich die Anlagen der Villa Doria, die, auf den Anhöhen jenseits des
Vatican gelegen, wundervolle Ausblicke nach außen und köstliche
Landschaftsbilder nach innen bietet. Sie ist jedoch schwerer zu
erreichen und seltener geöffnet, daher nicht so populär, wie die
Villa Borghese. Beide Parks beleben sich erst gegen Abend, wenn man
die Schaaren von Kindern ausnimmt, die auch tagsüber auf den Wiesen
ihr lautes, lustiges Wesen treiben. Zur Zeit des späten Nachmittags
rollen dann die Wagen in endloser Reihe heran. Die Villa »Borghese«
erhält vor der schöneren Rivalin schon deswegen den Vorzug, weil der
Weg zu ihr durch den Corso, die Hauptstraße Roms, führt. Kein größeres
Vergnügen für den Römer, der Equipage hält oder miethet, als dieser
Corso auf dem Corso. Nicht Jeder vermag dieses Vergnügen nachzufühlen,
denn der Corso ist eng, staubig und von beängstigendem Menschengewühl
erfüllt. Und dennoch ist der Ausflug nach den Alleen der Villa
eigentlich nur ein Vorwand, um ein halbes Dutzend Mal über den Corso
fahren zu dürfen. Das Equipagengedränge ist hier um die Abendstunden
oft so arg, daß die Wagen sich kaum im Schritt vorwärts bewegen können.
Dem Zuschauer dieses mondainen Schauspiels bleibt somit Zeit genug,
die Eleganz der Gefährte zu bewundern, die an Pracht der Anschirrung,
Correctheit der Dienerschaft und Trefflichkeit des Pferdematerials
durchaus mit Paris, ja beinahe mit London concurriren können. Dieser
Equipagenluxus fällt umsomehr auf, als man fortwährend von dem
finanziellen Ruin Roms hören und lesen muß. Als Erklärung solchen
Widerspruchs wird vorgebracht, daß die angesehenen Familien lieber an
Wohnung und sonstigem Haushalte sparen, ehe sie ihre Equipage aufgeben.
Die ungemessene Eitelkeit der Italiener, die Alles auf den äußeren
Schein zu berechnen pflegen, läßt diese verkehrte Handlungsweise wohl
glaublich erscheinen. Das Wagendefilé bietet aber noch ein anderes
Interesse. Im Fond der vorbeiziehenden Carrossen erblickt man die
vornehme Damenwelt Roms, die sonst nirgends zum Vorschein kommt. In der
That zeigt sich die elegante Römerin höchst selten auf der Straße. Man
kann von jeder distinguirten weiblichen Erscheinung, die man zu Fuße
lustwandelnd trifft, mit Sicherheit annehmen, daß sie eine Fremde ist.
So ist die abendliche Stunde der Ausfahrt die einzige, in der Rom seine
geburts- und finanzaristokratischen Schönheiten erblickt.

Regelmäßige Theilnehmer an diesen Gesellschaftsfahrten sind König
und Königin. Der Erstere erscheint in einer äußerst einfachen, aber
vortrefflich bespannten Halbkalesche. Die Einfachheit erstreckt sich
auch auf die dunkle Livrée der Dienerschaft. Der König trägt stets
Civil, während sein Begleiter in voller Adjutanten-Uniform prangt.
Deutsche, die sich gemeiniglich einen König ohne Uniform so wenig
vorstellen können, wie Kinder einen Herrscher ohne seine Krone, pflegen
nicht selten dem Adjutanten ihren ergebensten Gruß darzubringen und
scheiden darum von dem denkwürdigen Momente dieser Begegnung mit dem
Eindruck, daß der König seinen Bildern recht wenig ähnlich sieht. In
Wahrheit würde es aber selbst dem schlechtesten Photographen schwer
fallen, das charakteristische Antlitz Humbert's I. nicht zu treffen,
dessen mächtiger Schnurrbart nunmehr völlig ergraut ist.

Die Ankunft der Königin erfolgt weniger überraschend, als die ihres
Gemahls, da ihre Dienerschaft blutrothe, weithin leuchtende Livrée
trägt. Um so schlichter ist das Costüm der hohen Dame selbst, die meist
in dunkler Kleidung und schwarzem Capotehütchen erscheint. Königin
Margherita ist nicht mehr die blendende Schönheit, die sie einstens
war, aber immer noch eine anmuthige Frau mit edlen, ernsten Zügen. Ihre
Popularität ist von allen Stürmen der letzten Zeit unberührt geblieben.
Ist sie doch eine Fürstin, die sich von politischen und staatlichen
Angelegenheiten völlig abseits hält und nur in den Vordergrund tritt,
wenn es Werken der Wohlthätigkeit und der Kunstförderung gilt.

       *       *       *       *       *

Die ~piazza colonna~, die den Corso ziemlich genau halbirt, ist das
moderne Forum der Römer. Es hat seit einigen Jahren eine umfängliche
Erweiterung erfahren, nachdem die Stadt den die Ostseite des Platzes
einnehmenden Palast des Fürsten Piombino für einige Millionen angekauft
und dann niedergerissen hat. Niemand weiß, warum! Augenblicklich sind
Bestrebungen im Gange, diese Lücke wieder mit Bauten zu belegen. Aber
da nicht allzuviel Gelder, sehr viel sich widersprechende Ansichten und
recht mäßige Projecte vorhanden sind, so dürften diese Constructionen
noch manches Jahr auf sich warten lassen.

Auf der Piazza giebt es des Abends großes Concert. Bei der Vorliebe,
welche die Italiener für Musik im Allgemeinen und Gratismusik im
Besonderen haben, ist es selbstverständlich, daß der biedere, alte Marc
Aurel vor seiner stolzen, den Platz beherrschenden Säule allabendlich
auf ein riesiges Menschengetümmel herabsehen muß. Der Arbeiter wie der
Elegant, der Offizier wie der Rekrut promeniren um die Musiktribüne.
Auch lichtscheue Elemente giebt es genug im Haufen. Vor Taschendieben
wird gewarnt! Natürlich fehlen die ambulanten Verkäufer nicht. Mit
kreischender Stimme bieten sie Zeitungen, Hosenträger, Wachshölzer,
Spazierstöcke, Eiswasser und Pfirsiche, kurzum Alles an, was sich nur
irgend im Umherziehen transportiren läßt. Wer das Römische Volksleben
von heute an der Quelle studiren will, der begebe sich zum Abendconcert
nach der Piazza Colonna.

Meist concertirt hier die ~banda municipale~, das Musikcorps der
Stadt Rom. Die Kapelle ist vor einiger Zeit in Deutschland zu Gaste
gewesen und hat freundnachbarliche Erfolge geerntet. Die Truppe bildet
auch ein wackeres Ensemble, überragt aber keineswegs den Durchschnitt
unserer besseren Militärkapellen. Deutsche Musik spielt die »~banda~«
mit Vorliebe, besonders Wagner. Leider! Denn die »Fantasie« aus
»Valkiria«, »Siegfrido«, »Tristano« etc. sind Muster von Potpourris,
wie sie _nicht_ sein sollen, ein wahrer italienischer »Salat« von
allerlei wahllos zusammengestoppelten Leitmotiven. Dazu schlägt der
Dirigent, ~cavaliere Vessella~, einen mehr oder minder richtigen Tact.
Aber vom Geiste Wagners ist auch nicht ein Hauch zu spüren. Fremde und
Italiener athmen auf, wenn Vessella und seine »~banda~« sich wieder auf
vertrautes Gebiet zu Verdi und Ponchielli begeben.

       *       *       *       *       *

Seit Gutzkow seinen »Uriel Akosta« geschrieben hat, ist der gute
Rabbi Ben Akiba niemals wieder zur Ruhe gekommen. Fast täglich kann
man in den Zeitungen eine unerhörte, sensationelle Geschichte lesen,
der die Bemerkung angehängt ist, daß Derartiges, trotz des alten Ben
Akiba noch nicht dagewesen ist. Ebenso regelmäßig erscheint dann nach
wenigen Tagen der unumstößliche Nachweis, daß Ben Akiba doch Recht
habe und die betreffende Geschichte nicht ohne Präcedenzfall dastehe.
So ungern ich mich den Gegnern des wackeren Rabbis zugeselle, so kann
ich doch nicht umhin, nachfolgenden Vorfalles zu gedenken, zumal ich
damit auf eine Merkwürdigkeit ersten Ranges aufmerksam mache, die noch
in keinem Reisehandbuche verzeichnet steht. Am Sonntag ist in allen
staatlichen Galerien und Museen Italiens der Eintritt unentgeltlich.
Jüngst profitirte ich von dieser Liberalität der italienischen
Regierung, um der schönsten Frau Roms, der capitolinischen Venus,
wieder einmal meine Aufwartung zu machen. Als ich von dieser Visite
hochbefriedigt zurückkehrte, drückte ich dem Galeriediener, der meinen
Stock aufbewahrt hatte, das übliche Trinkgeld in die Hand. Aber welch
Unerhörtes begab sich -- mit einer stolzen Handbewegung gab mir der
Brave die gespendeten Soldi zurück. Ein italienischer Galeriediener,
der kein Trinkgeld nimmt, der ist -- alle Besucher dieses gesegneten
Landes werden es mir bestätigen -- wirklich noch nicht dagewesen.



~Napoli in festa.~

    ~Feste estive.~ -- Der Mercato. -- Konradin und Masaniello. --
    Neapolitanische Feuerwerkerei. -- Die Seebade-Saison. -- Die
    Gassenjungen und die Polizei. -- Die Cloaken als Schlupfwinkel.
    -- Am Schlosse der »Donna Anna«. -- Wie Luigia deutsch spricht.


Neapel im Festgewande ... Kein anderes Land ist so reich an Feiertagen,
kirchlichen und nationalen, allgemeinen und localen, wie Italien.
Trotzdem begnügt sich der aus Lärm und Lustbarkeit gerichtete Sinn des
Südländers keineswegs, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Wo sich
irgendwo eine größere Pause zwischen Feierdaten einschiebt, ist man
alsbald dabei, solch unziemliche Lücke auszufüllen. Für Neapel bringen
hauptsächlich Frühjahr und Herbst die traditionellen Vergnügungstage.
So würde der Sommer in dieser Hinsicht zur ~saison morte~, wenn eben
nicht die Neapolitaner ausgiebig vorsorgten. Da der Kalender keine
Feste ansagt, erfindet man welche. Um diese populäre Arbeit gleich
gründlich zu thun, constituirt sich ein Comité und eröffnet eine
Subscription. Die hier ansässige Fremdencolonie spendet einige nette
Summen, und auch die wenigen Italiener, die noch Etwas zu verschenken
haben, lassen sich nicht lumpen.

Das Resultat dieser Bemühungen ist zunächst ein sehr schönes buntes
Placat, dessen Mitte den feuerspeienden Vesuv zeigt, zu seinen Füßen
eine dürftig angezogene berittene Sirene aus dem Meere emportauchend.
Das Ganze trägt die Ueberschrift »~Feste estive~ (Sommerfeste)
~Napoli~« und verheißt der Menge Illuminationen und Feuerwerke,
Sängerfeste und Volkslieder-Concurrenzen, Militärkapellen-Wettstreit
und Bootsturniere, Regatten und Taubenschießen, Trab- und
Velociped-Rennen. Omnibusse, Pferdebahnen und Droschken schmücken sich
mit bunten Fahnen, und die Zeitungen meinen, daß nun für ganz Italien
und Europa Nichts mehr im Wege stände, nach Neapel zu kommen, der
schönsten, gastfreundlichsten (?) und saubersten (??) Stadt der Welt.
Man darf es den Gazetten nicht übelnehmen, wenn sie den Mund etwas voll
nehmen. Die Prahlerei liegt dem Italiener im Blute, und die Journale
lassen dabei wenigstens fremden Städten auch Etwas zu Gute kommen.

Die ~feste estive~ werden eröffnet mit einem großen Volksfeste auf
dem _Mercato_, dem an historischen Denkwürdigkeiten reichsten Platze
Neapels. Hier wurde Konradin von Schwaben hingerichtet, mit ihm der
treue Friedrich von Oesterreich. Hier nahmen alle Aufstände Neapels
ihren Anfang. Hier hat auch Masaniello, der kein ganz so eleganter und
tenorsingender Herr gewesen sein mag, als der er in der Auber'schen
Oper auftritt, dafür aber ein energischer wilder Volksmann, die Menge
zum Siege begeistert, um dann auf demselben Platze den Tod zu erleiden.
Der Mercato hängt auf seiner Ostseite eng zusammen mit der Piazza del
Carmine. Die Kirche, die diesem Platze den Namen giebt, ist von Karl
von Anjou, dem Hohenstaufenmörder, errichtet worden. In ihr haben
spätere Geschlechter -- o Ironie des Schicksals! -- den ursprünglich
im Mercato verscharrten Leichen Konradins und Friedrichs ein geweihtes
Plätzchen gegeben, und darüber erhebt sich eine von Maximilian II. von
Bayern gestiftete, von Schöpf nach Thorwaldsen ausgeführte Marmorstatue
des unglücklichen Hohenstaufensprossen.

Konradin und Masaniello, die Helden des Mercato, sind auch die Helden
des jüngsten Volksfestes. Den Musikpavillon auf dem Mercato überragt
eine Gypsimitation des Thorwaldsen-Monuments Konradins, und neben
dem Orchester auf dem Carmineplatze thronte ein großer Masaniello
aus Majolica, das Beil in der Hand, mit heroischer Geste zum Sturm
auffordernd. Zu ihren Füßen drängte sich eine nach Tausenden zählende
Menge, die sich an der geschmackvollen, bunten Lämpchen-Illumination
des Festraumes, an der elektrischen Beleuchtung, aus der sich der
ehrwürdige Glockenthurm der Carmine-Kirche phantastisch heraus hob,
an den Klängen der Musik, vor Allem aber am eigenen Thun und Treiben
ergötzte. An den Borden der Plätze waren unzählige Bänke und Tische
aufgestellt, und an ihnen schmauste man die vielgestaltigen Maccaroni,
die nicht immer appetitlich aussehenden ~frutta di mare~ (darunter
Meerspinnen und Tintenfische), am Feuer geröstete Maiskolben und
ähnliche Lieblingsspeisen der Neapolitaner. Das Alles war in Kesseln
und Tellern angehäuft, die von Schmutz und Oel trieften. Aber ein
bischen Schmutz, ein bischen viel Schmutz sogar, gehört nun einmal zur
neapolitanischen Gemüthlichkeit. Man spült ihn mit gutem Wein hinunter,
dem feurigen Rothen vom Posilipp und von Salerno. Da für diesen Abend
kein officielles Feuerwerk angesagt ist, so wird eines improvisirt.
Aller Orten läßt man kleine brennende Papierballons zum Nachthimmel
emporsteigen. Der Anblick ist schön, aber das Spiel ist nicht
ungefährlich. Der Wind treibt einen der Ballons in ein offenes Fenster
und verursacht einen kleinen Gardinenbrand. Abgesehen von solchem, hier
nicht ausrottbarem Unfug und von dem unerhörten, betäubenden Lärm, den
die vergnügte Menge veranstaltet, betragen sich die Massen musterhaft.
Betrunkene sieht man hier ebenso wenig wie sonst in Italien. Der Wein,
so gut und so billig er ist, wird überall in bescheidenen Quantitäten
genossen. Um so fleißiger ist die Zunft der Taschendiebe an der Arbeit.

Noch größeren Zulaufs erfreute sich das um wenige Tage später
stattfindende Feuerwerk auf der Piazza del Plebiscito. Dieser riesige
Raum ist der gegebene, vornehme Festplatz für Neapel. Seine imponirende
Fläche wird begrenzt von dem gewaltigen Königspalaste, der Präfectur
und der Kirche S. Francesco, die, im Innern dem römischen Pantheon
nachgebildet, sich hinter einem malerischen Colonnadenvorbau erhebt.
Die nach dem Platze führende Hauptstraße Neapels, der enge Toledo, war
prächtig illuminirt. Mit farbigen Lämpchen besetzte Bögen überspannten
in phantastischen Formen den Fahrweg. Selbst die Laternen haben ihr
nüchternes Aussehen verloren. Man hat sie mit bunten Transparenten
umzogen, in denen der Teufel und seine Großmutter eine große Rolle
spielen. Durch den Toledo wogt die unentwirrbare Volksmenge, Droschken
und Equipagen mitten im Knäuel, nach dem Platze, der, besät mit
Menschen, einem immensen Theatersaale gleicht. Die Ungeduld zu zügeln,
spielt dort ein Riesenorchester, aus sämmtlichen Militärkapellen
Neapels zusammengesetzt, rauschende Weisen. Endlich giebt ein
Kanonenschuß das Zeichen zum ersehnten Beginn. Auf den Dächern der
Kirche und den angrenzenden Colonnaden haben die Pyrotechniker ihr
Hauptquartier aufgeschlagen, und von dort her leuchtet es plötzlich
auf. Wohl eine Stunde hindurch schießen Raketen zum Himmel empor,
prasseln Feuerräder, schwirren allerlei Feuerwerkskörper durch die
Luft. Und als zum Schluß auf der Kuppel der Kirche die in allen
Farben strahlende Inschrift emporsteigt »Es lebe Neapel, die Sirene
des Südens« -- da bricht donnernder Applaus los, und oben auf der
Brüstung der Kirchenkuppel erscheint, winzig anzuschauen', der
Obrist-Feuerwerker und verneigt sich mit bewegter Geste vor seiner
dankbaren Zuschauerschaft. Kaum ist das pyrotechnische Schauspiel
beendet, als sich ein neuer dumpfer Knall vernehmen läßt. Diesmal ist
es der Vesuv, der eine dunkelrothe, mächtige Feuerlohe zum Nachthimmel
schickt, als wollte er ironisch sagen: Was plagt ihr euch mit eurer
armseligen Feuerwerkerei, ihr Menschen? Ich verstehe die Sache doch
besser, als ihr.

Neben diesen grandiosen Lustbarkeiten, an denen die ganze Stadt
theilnimmt, feiert man in einzelnen Vierteln eine Art von Localfesten,
meist mit Bezug auf den kirchlichen Patron des Bezirks. Die Gassen
sind dann auch hier mit Lampionbögen bunt decorirt, die Leute sitzen
schmausend und zechend vor ihren Thüren und ergötzen sich an einem aus
Privatmitteln beschafften Feuerwerke. Kurz, diese kleinen Vergnügungen
sehen den großen recht ähnlich. Originell an ihnen ist nur, daß eine
Musikbande von Thür zu Thür zieht, nach eingeholter Erkundigung die
Lieblingsstücke des Hausherrn spielt und zur Freude der umhertanzenden
Kinder nicht eher vom Platze weicht, bis sie für ihre musischen Thaten
entsprechend belohnt worden ist.

Ein sehr umfängliches Fest, das ununterbrochen vier Wochen dauert,
bedeutet die Seebadesaison. Der Neapolitaner beginnt mit seinen
Seebädern nie vor dem 15. Juli und beschließt sie unweigerlich mit dem
15. August. Einen Grund für diese Beschränkung weiß Niemand anzugeben.
Es ist eben eine Sitte, und kein Einheimischer weicht von ihr ab.
Dafür wird in diesem knappen Zeitraume mit vieler Lust und allem
Raffinement gebadet, und die kurze Stagione ist für den Neapolitaner
ein wirkliches Fest, das auch officiell von den vereinigten Besitzern
der Bade-Etablissements als solches bezeichnet wird. Die Anstalten,
lustige, elegante Holzbauten, erstrecken sich mit kurzen Abständen
vom Quai S. Lucia angefangen bis nach den Ausläufern des Posilipps,
den vornehmsten Theil Neapels in Länge einer halben Meile flankirend.
Am bequemsten zu erreichen sind die Stabilimenti längs der Villa
Nazionale, der öffentlichen Promenade Neapels. Sie haben nur einen
sehr großen Fehler für diejenigen, welche beim Baden die -- Sauberkeit
lieben. Unterhalb der Villa Nazionale münden nämlich die Kloaken der
Stadt und entladen dort ihren unappetitlichen Inhalt, das Meer auf
Meter hinaus verschlammend und verseuchend. Man sollte meinen, daß
kein vernünftiger Mensch eine Badeanstalt aufsuchen wird, die in
solch' zweifelhafter Fluth errichtet ist. Der Neapolitaner aber wird,
wie schon oben bemerkt, niemals in seinen Vergnügungen durch eine
Portion Schmutz gestört, und er tummelt sich in den trüben Wellen
mit unvermindertem Behagen. Wenn schon die Neapolitaner, die ihr Bad
bezahlen, wenig skrupulös sind, so sind es natürlich erst recht die
Unzähligen, die gratis dem Meere einen Besuch abstatten. Es wimmelt
tagsüber von Knaben und Jünglingen, welche die Kampen und Vorsprünge
zwischen den Anstalten zum Aus- und Ankleiden benutzen und die
Schwimmhose als ein höchst entbehrliches Kleidungsstück betrachten. Die
Neapolitanischen Gassenjungen sind nicht nur eine auffallend hübsche,
sondern auch überaus komische und stets urvergnügte Rasse. Dazu sind
sie alle kleine Schwimmkünstler, und so entwickeln sich die drolligsten
Scenen im Wasser, die am Lande regelmäßig sehr zahlreiche und sehr
dankbare Zuschauer versammeln, unter denen nicht selten die Maler und
ihre moderne Concurrenz, die Amateurphotographen, zu finden sind, um
einige Genrescenen per Stift oder Apparat zu fixiren.

Natürlich ist dieses ungenirte Treiben behördlich verboten, nicht weil
man überhaupt prüde ist -- denn die neapolitanische Bevölkerung läßt
ihre Kinder auch auf der Straße unbekleidet herumlaufen, ohne daß die
Polizei intervenirt -- sondern weil es sich in dem vornehmsten Theile
der Stadt entwickelt, in dem die großen Hôtels und die Fremdenpensionen
sich befinden. Verbote sind aber in Neapel noch weniger dazu da,
befolgt zu werden, als anderswo in Italien. Das Municipium hat
erst kürzlich wieder eine Bekanntmachung erlassen, in der allen
außerhalb der Anstalten Badenden mit Confiscation der Kleider und
anderen fürchterlichen Strafen gedroht wurde. Gefruchtet hat sie
aber Nichts, wenigstens nicht für die Tagesstunden. Die Polizei hat
nämlich auf eigene Faust einen Compromiß mit dem Badebedürfniß und der
Toilettenfeindseligkeit der Herren Jungens geschlossen. So lange die
Sonne ihre Strahlen auf die lustige Gesellschaft niedersendet, läßt
sich kein Polizist an Ort und Stelle blicken. Erst gegen sechs Uhr,
kurz vor Beginn des glänzenden Wagencorsos, der sich allabendlich auf
der Fahrstraße zwischen dem Meer und der Villa Nazionale abspielt,
debouchirt aus den Baumgängen der Villa eine Abtheilung Polizei gegen
das Meer, um die Missethäter zu verjagen. Aber auch dieser Angriff
geschieht mit einer Gemüthlichkeit, welche einen deutschen Schutzmann
höchlichst verblüffen würde. Die scherzhaften Versuche der Polizisten,
die am Ufer lagernden Kleiderbündel mitzunehmen, werden mit fröhlichem
Lachen oder energischen Wasserspritzern beantwortet. Ein sehr
beliebter Witz der lieben Jugend besteht darin, sich in die finsteren
Kloaken-Mündungen zurückzuziehen, wohin kein Schutzmann seine Nase --
zum Glück für die Nase -- stecken kann, und dann, nachdem die heilige
Hermandad sich entfernt hat, mit Jubelgeheul wieder zum Vorschein zu
kommen. So hat der Corso oben auf der Via Caracciolo oft schon längst
begonnen, ehe es den sanften »Hütern des Gesetzes« gelungen ist, alle
Badenden aus dem Gesichtskreis der vornehmen Equipagen-Insassen zu
vertreiben.

Draußen am Posilipp geht es ruhiger zu und vornehmer. Dort baden neben
denjenigen Neapolitanern, die sich in sauberem Wasser zu erfrischen
vorziehen, die zahlreichen Angehörigen der Fremdencolonie. Hier ist
nicht nur das Meer von durchsichtigster Klarheit, man genießt auch den
Blick auf eine Umgebung, deren sich kein zweites Seebad rühmen kann.
Zur Rechten hat man das zerfallene Schloß der »Donna Anna« (es war
dies eine spanische Vicekönigin, nicht etwa die Comthurstochter aus
dem »Don Juan«), hinter sich die imposant ansteigende, reich belebte
Fahrstraße und die wilden Felsklüfte des Posilipp. Vor sich erblickt
der Schwimmende das weite Meer, aus dem in bläulich-rothen Umrissen
Capri emportaucht, zur Linken aber das unvergleichlichste Panorama: die
amphitheatralisch hingelagerte gewaltige Stadt mit ihren zahllosen,
übereinander gethürmten Häusern, daneben die lichtfarbig schimmernden
Ortschaften von Portici, Resina und Torre del Greco, im dritten
Plane die Berge der Sorrentinischen Halbinsel und als beherrschenden
Mittelpunkt des Ganzen den majestätischen Vesuv.

In diesen Bädern am Posilipp hört man mehr deutsch reden, als
italienisch, und nicht nur von Deutschen allein. Die deutsche Sprache
ist jetzt modern hier zu Lande, und es gilt als unzweifelhaft chic, sie
zu sprechen. Täglich erscheinen in den nachmittäglichen Badestunden die
jugendlichen Zöglinge der am Posilipp zahlreich vertretenen, vornehmen
Mädchen-Pensionate, selbstverständlich gehütet und geleitet von ihren
respectiven Lehrerinnen. Die obligatorische Unterhaltungssprache im
Wasser ist deutsch. »Maria«, rief neulich solch eine kleine Wassernixe
ihrer Freundin zu, »ich abe serr gut geschwimmt auf das Rücken, und
abe geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt.« Leider hatte
die begleitende Gouvernante nicht blos große Füße, sondern auch lange
Ohren, denn sie antwortete statt der Angeredeten: »Sie machen so grobe
Fehler, Signorina Luigia, daß Sie heute Abend keinen Kaffee zum Pranzo
haben werden!« Mir that die arme Gemaßregelte herzlich leid trotz ihres
geringen Respects vor der deutschen Grammatik, denn erstens hatte die
kleine Luigia wunderschöne, nachtschwarze Augen, und dann ist man
versöhnlicher Stimmung, wenn man hat »serr gut geschwimmt auf das
Rücken und geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt«.



Wie man in Neapel fährt.

    Neapolitanische Fiaker und Tramways. -- Der Esel als
    »Rennthier«. -- Corso am Kai Caracciolo. -- Der Prinz von
    Neapel.


In einer früheren Skizze habe ich den Typus des römischen
Droschkenkutschers zu schildern versucht. Sollte dabei irgend etwas
Despectirliches gegen die Rosselenker des ewigen Roms gesagt worden
sein, so bitte ich sie inständigst um Verzeihung. Ich kannte damals
den neapolitanischen »Edlen vom Bock« noch nicht. Er fordert nicht,
wie sein römischer College, den Fußgänger auf, in seinem Wagen Platz
zu nehmen, er will ihn dazu zwingen. Das erste Stadium ist, daß er
dem Gehenden zuruft: »He, Sie, hier steht eine Carrozzelle. Steigen
Sie ein!« das zweite, daß er straßenlang so dicht neben dem fürbaß
Schreitenden einherfährt, daß er ihn fast an die Mauer drückt
(Trottoirs sind selten in Neapel), das dritte, daß er seine Peitsche
dem Hartnäckigen um die Ohren sausen läßt, daß Jenem Hören und Sehen
vergeht. Es fehlt nur noch, daß die Herren Rosselenker Alle, die nicht
fahren wollen, einfach durchprügeln. Selbst hanebüchene Grobheit hilft
nicht immer gegen solche Zudringlichkeit, und man sieht nicht selten
die geplagten Fremden zu Handgreiflichkeiten ihre Zuflucht nehmen. So
wurde neulich ein deutscher Herr, der aus seinem Hotel trat, durch die
Dreistigkeit eines Kutschers derart aufgebracht, daß er ihm seinen
Cigarrenstummel in's Gesicht warf. Der Effect war ein überraschender.
Schmunzelnd fing der Numerirte den Stummel auf, steckte ihn in den Mund
und verabschiedete sich mit den deutschen Worten: »Danke schön, auf
Wiedersehen!«

Natürlich wird der »Forestiere« weit mehr behelligt, als der
Einheimische. Von Letzterem nimmt der Kutscher ohne Weiteres an, daß
er, falls er überhaupt das nöthige Kleingeld besitzt, die Dienste
der Droschke beanspruchen wird. Denn ein Neapolitaner, der zu seinem
Vergnügen spazieren _ginge_, wäre eine unerhörte Erscheinung. Diese
Abneigung gegen die Benutzung von »Schusters Rappen« ist in ganz
Italien heimisch, und zu den Argumenten für die Ansicht des Italieners,
daß alle Fremden mehr oder minder verrückt seien, gehört in erster
Linie die Gewohnheit der Deutschen und Engländer, hie und da eine
Fußtour zu machen.

Der neapolitanische Droschkentarif ist ungemein niedrig. Er beträgt für
die oft sehr ausgedehnte und bergige Strecke innerhalb des Weichbildes
70 Centesimi (ungefähr 55 Pfennige). Aber innegehalten wird dieser Satz
so gut wie niemals. Besteigt man die Droschke, ohne vorher mit dem
Kutscher über den Preis zu unterhandeln, so ist sofort die Diagnose
auf »Fremd« gestellt und regelmäßig wird dann ein Zuschlag oder ein
Trinkgeld so laut und heftig gefordert, daß Viele, ums dem Scandal ein
Ende zu machen, das Verlangen erfüllen. Ganz anders, wenn man die
einschlägigen Gewohnheiten kennt und der italienischen Sprache mächtig
ist. Man fährt dann stets unter dem Tarif. Man ruft dem Kutscher zu:
»Halbe Taxe« und fast immer wird auf das Angebot eingegangen. So
widerlich das Handeln mit einem Kutscher um eine solche Lappalie ist,
so ist es doch kaum zu umgehen. Man wird durch das eben geschilderte
Gebahren der Leute einfach dazu gezwungen.

Man fährt also nirgends so billig, nirgends aber so unangenehm, wie in
Neapel. Das liegt an der Droschke selbst, am Pflaster, an der Eigenart
des Verkehrs. Die neapolitanische Carrozzelle ist ungewöhnlich hoch und
eng gebaut. Selbst Leute von Mittelwuchs wissen ihre Beine kaum anders
unterzubringen, als sie in Höhe des Kutschbockes an den Vorderbord
aufzustemmen. Da der Fahrgast ungefähr auf gleichem Niveau mit dem
Lenker und dicht hinter ihm sitzt, dieser aber, wie ein Besessener,
unaufhörlich mit der Peitsche knallt, so schwebt man in fortwährender
Gefahr, empfindlich getroffen zu werden. Das Straßenpflaster wird von
den Reisebüchern als eines der besten der Erde gepriesen. Es sieht mit
seinen breiten und glatten Lavaplatten in der That recht stattlich
aus und mag vortrefflich gewesen sein, als es noch neu war. Heute
aber haben sich längst riesige Löcher gebildet, an deren Reparatur
Niemand denkt. Da der Kutscher drauf los fährt, ohne eine Umgehung der
gefährlichen Stellen zu versuchen, so setzt es alle Augenblicke Stöße,
die den Wagen umzuwerfen drohen. Endlich bedingt die Eigenart der
bergigen Anlage Neapels, das nur wenig bequem fahrbare Straßen besitzt,
eine Ueberfüllung dieser Verkehrswege.

So ist der Kutscher, der, so wie er freie Bahn vor sich sieht, eine
tolle Pace vorlegt, häufig genöthigt, langsamen Schritt zu fahren.
Auch der öftere Wechsel zwischen diesen beiden Extremen ist keineswegs
erfreulich für den Insassen der Droschke.

Höchst merkwürdig ist die Adjustirung der Droschkengäule, die sich
zumeist aus der kleinen, zähen Rasse der Apenninenpferde rekrutiren und
im Klettern auf den glatten Hügelstraßen Neapels eine bewundernswerthe
Ausdauer und Sicherheit entwickeln. Das Geschirr ist derart mit Kupfer-
und Messingplatten überladen, daß das Lederzeug völlig dadurch verdeckt
wird. Außerdem trägt das Pferd eine Art Sattel mit einem riesigen
Messingaufsatz, der equestrische Scenen darstellt. Die Scheuklappen
sind mit bunten Rosetten und Fähnchen verziert, und zwischen den
Ohren der Rosinanten ragt ein roth eingebundenes Federbüschel in die
Höhe, wie es die kupferfarbigen Helden der Lederstrumpf-Erzählungen
zu tragen pflegen, wenn sie skalplüstern den Kriegspfad beschreiten.
Man sollte meinen, daß der Kutscher sein Pferd, das er so sorgfältig
schmückt, sehr lieb hat. Weit gefehlt: der Neapolitaner ist der
rücksichtsloseste Thierquäler, den man sich vorstellen kann. Alle diese
Metall- und Bandzierrathen sollen lediglich den Schutz bilden gegen das
»~mal'occhio~«, den bösen Blick, vor dem der Neapolitaner, selbst der
gebildete, in beständiger Furcht lebt und dem er alles ihm zustoßende
Unheil auf das Conto schreibt.

Eine weitere Specialität ist das eigentliche Zaumzeug der
Droschkenpferde. Sie tragen nämlich kein Gebiß -- Trense oder Kandare
-- sondern das Maul bleibt völlig frei. Die Leitzügel münden in große
Messingösen, die horizontal zu beiden Seiten der Backenstücke in Höhe
des Nasenriemens abstehen. Es ist wunderbar genug, daß der Kutscher
trotz dieser primitiven Lenkvorrichtung sein Roß fest in der Hand hält
und es sicher durch das Gewimmel des Straßentreibens zu leiten im
Stande ist.

Ist es kein Vergnügen, sich einer hiesigen Droschke anzuvertrauen,
so ist die neapolitanische Pferdebahn ebenfalls kein ideales
Beförderungs-Institut. Sie versieht ihren Betrieb nicht nur mit
Pferden, sondern mehr noch mit Mauleseln. Diese zähe Mischrasse dient
zumeist als Vorspann, und es gewährt einen seltsamen Anblick, wenn
an den Stellen, wo die Trace schlimme Steigungen zu überwinden hat,
wie bei dem Anstiege vom Quai S. Lucia zur Piazza del plebiscito die
Viererbespannung zur Hälfte aus Pferden, zur Hälfte aus Mauleseln
besteht. Die Wagen des Tramway führen hier zwei Klassen. Der Tarif
richtet sich nach »Sectionen« (eingetheilte Wegstrecken) und die
zweite Klasse ist durchschnittlich um 1--2 Soldi billiger, als die
erste. Letztere bietet gepolsterte Sitze, die erstere bloße Holzbänke.
Vorzuziehen wäre die ungepolsterte Sitzgelegenheit, da die in Neapel
so zahlreichen, blutgierigen Hüpfer -- ~vulgo~ Flöhe genannt -- ein
ungestörtes Dasein in den Kissen führen und mit Vorliebe dem Passagier
einen kleinen Besuch abstatten, wenn nicht andererseits das Publikum
zweiter Klasse so reich mit diesen Parasiten versehen wäre, daß es
ebenfalls gern von seinem Ueberfluß an Bedürftige abgiebt. Nicht
minder lästig sind die zahlreichen Bettler, die sich überall, wo die
Pferdebahn Schritt zu fahren durch die Terrain-Verhältnisse gezwungen
ist, aufhalten und die Wagen so lange mit Winseln und Heulen begleiten,
bis der Kutscher seine Gäule wieder in Trab setzen kann. Die fliegenden
Händler finden sich selbstverständlich auch auf den Trittbrettern der
Pferdebahnwagen ein und verstärken durch ihr mißtönendes Gekreisch den
ungeheueren Wirrwarr.

Die naive Unhöflichkeit des Neapolitaners zeigt sich am deutlichsten
auf der Trambahn. Die Bänke der Sommerwagen sind auf vier Personen
berechnet. Niemals aber werden drei Leute, die es sich bequem gemacht
haben, dem aufsteigenden Vierten aus freien Stücken Platz machen. Das
einzige Mittel ist, sich energisch auf die Kniee eines der Fahrenden
fallen zu lassen und so sein Wegrücken zu erzwingen. Das Unleidlichste
aber ist die Einrichtung, daß nicht nur an den Haltestellen, sondern
überall auf Verlangen gehalten wird. Der Neapolitaner steigt
principiell nur vor seinem Hause auf, resp. läßt sich bis dorthin
fahren. Ob eine Haltestelle zwei Schritte entfernt ist, ob eben eines
Anderen wegen gehalten worden ist, das ist ihm sehr gleichgiltig.
Niemals nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Wagen einen Stillstand
zu ersparen, sondern giebt, kaum daß dieser sich wieder mühsam in
Bewegung gesetzt hat, das Zeichen zu erneutem Aufenthalt. So braucht
man zu einer Strecke, die unter normalen Verhältnissen in fünf Minuten
zu bewältigen wäre, oft das Drei- und Vierfache. Dabei macht die
Pferdebahn glänzende Geschäfte. Trotz ihres hohen Tarifes, trotz der
Concurrenz der Droschkenkutscher, die oft zu Pferdebahnpreisen fahren,
sind die Tramwagen überfüllt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.

Das Zug- und Lastthier des kleinen Mannes von Neapel ist der Esel.
Dieses bei uns als störrisch und widerwillig bekannte Vieh ist hier
das fleißigste und anspruchsloseste Geschöpf unter der Sonne, es
leistet Alles, was man von ihm verlangt, und man verlangt nicht wenig
von ihm. Oft verschwindet sein Körper unter der ihm aufgebürdeten
Riesenlast, aber er schleppt sie tapfer zum Ziele. An dem Tragsattel
befinden sich weit hinausragende breite Querbalken, auf denen sich
allerlei Körbe mit Waaren schaukeln. So gleicht das arme Eselein, von
dem man nur die melancholisch wackelnden Ohren hervorschauen sieht,
einem wandelnden Laden. Ist es vor einen zweirädrigen Karren gespannt,
so liegen auf diesem außer der eigentlichen Last meist noch ein
viertel Dutzend mangelhaft bekleideter Leute spazieren, eines süßen
Schlafes im Sonnenbrande pflegend. Auch als Reitthier dient der brave
~Asinus~. Er bekommt dann einen Strick in's Maul, ein brauner Bengel,
mit einem Hemde, oder auch mit »gar Nichts« angethan, schwingt sich
auf Esels Rücken, und fort geht's im Galopp. Findet sich ein zweites
Paar hinzu, so wird ein kleines Wettrennen veranstaltet. Bei einer
solchen Gelegenheit habe ich sogar das Phänomen eines durchgehenden
Esels beobachten können. Er fühlte sich seinem Reiter, einem höchstens
fünfjährigen Bürschchen, überlegen, »nahm ihm die Hand,« brach auf
der »geraden Bahn« aus und setzte »über die Barrière« mitten in die
Körbe und in die Conversation einiger Gemüse- und Fischweiber hinein.
Ueber diese schweren Hindernisse kam er mit großer Eleganz, bis er
endlich seinen Jockey mit einer regelrechten Lançade in einen Fischtrog
placirte und dann geduldig wartete, bis der kleine Held wieder aus dem
unfreiwilligen Bade emporgestrampelt war und die Prügel der erzürnten
Damen der Halle geerntet hatte. Abgesehen von solchen Ausnahmefällen
ist jedoch das wackere Grauthier geduldig und beklagt sich über sein
schweres Loos nur durch ein langgezogenes Gestöhne, das mit dem »I--ah«
seiner deutschen Eselsvettern nicht die mindeste Aehnlichkeit hat und
darum alle mit der italienischen Eselssprache noch nicht Vertrauten
weidlich erschreckt, weil sie glauben, es sei ein Schwerverwundeter in
der Nähe, der um Hülfe schreit.

Zu Luxuszwecken dient der Esel nur, wenn humoristische Zwecke
beabsichtigt werden. So erscheinen auf dem Corso, den die elegante
Welt Neapels allabendlich auf dem herrlichen Quai Caracciolo längs
der Via Nazionale abhält, niedliche Miniaturgefährte, angefüllt mit
reizenden Kindergestalten und gezogen von winzigen Eseln. Im Uebrigen
geht es sehr vornehm zu bei diesem Corso, der, was die landschaftliche
Umgebung betrifft, nicht seines Gleichen auf dieser Erde hat. Wollte
man von der Zahl und Ausstattung der Equipagen Schlüsse auf die
Wohlhabenheit ihrer Besitzer ziehen, so wäre Neapel die Stadt der
Millionäre. Nichts aber wäre falscher, als eine derartige Meinung.
Mancher dieser Equipagenbesitzer begnügt sich mit einer Wohnung und
einer Nahrung, die bei uns der Kleinbürger verschmähen würde. Um so
besser werden Pferde, Dienerschaft und Wagen gehalten, damit man Abends
beim Corso gute Figur mache. Man sieht denn auch wirklich correcte und
vornehme Gespanne in Menge, die den Vergleich mit den besten Mustern
aus dem Bois de Boulogne oder dem Hyde-Park aushalten können. Herren
wie Damen führen häufig in Person die Zügel, und die Aufgabe, ein
feuriges Gespann durch das Gewimmel und den Lärm des Corsos zu bringen,
ist wahrlich keine leichte.

Auch der in Neapel residirende Kronprinz von Italien, der Abend
für Abend an den Gesellschaftsfahrten Theil nimmt, lenkt seine
Rosse selbst. Er ist ein kleiner, schmächtiger junger Mann mit
ernsten Gesichtszügen und aufgewirbeltem, röthlichem Schnurrbart.
Er trägt stets Uniform, und die Neapolitaner, die keine besonderen
Militärfreunde sind, wollen daraus einen bewußten Gegensatz zu seinem
Vater construiren, der sich mit Vorliebe in Civil kleidet. Natürlich
ist das heller Unsinn. Der Kronprinz ist activer General und übt
die Functionen eines solchen mit voller Pflichttreue aus. Da es den
italienischen Offizieren so streng, wie den deutschen, verboten ist,
außerhalb des Dienstes die Uniform zu verlassen, so geht der Kronprinz
seinen Untergebenen einfach mit gutem Beispiel voran. Für solche
militärische Erwägungen sind aber die Neapolitaner nicht zu haben, und
sie beginnen immer von Neuem ihre sehr ungerechtfertigten Raisonnements
über die »Uniformschwärmerei« ihres künftigen Königs. Wenn sie gegen
die prinzlichen Equipagen Einwendungen erhöben, so wäre das eher zu
begreifen. Unter den luxuriösen Gespannen, die den Prinzen rings
umgeben, fällt die geringe Eleganz seiner Wagen und Pferde doppelt
auf. Nun ist er ja junger Ehemann. Vielleicht wird Prinzessin Helene
dafür sorgen, daß ihre Equipagen nicht hinter denen ihrer Unterthanen
an Vornehmheit zurückstehen.



Vom Eiland des Tiberius.

    Abfahrt von Neapel. -- Der Landsmann mit dem Jägerhemde. --
    Die blaue Grotte und der heilige Constantin. -- Korallen in
    der Suppe. -- Völkerpsychologie einer kleinen Capresin. --
    Das Deutschthum auf Capri. -- Ein Besuch bei »Don Timberio«
    und des Cäsaren Geschichte in localer Beleuchtung. -- Ein
    Gentleman-Eremit. -- »Hiddigeigei's« Nachkommen.


Das Dampfboot, das den Verkehr vermittelt zwischen Neapel und Capri,
liegt Morgens 9 Uhr am Quai Santa Lucia zur Abfahrt bereit, so heißt
es nämlich in den betreffenden Anzeigen. Trotzdem es aber an besagtem
Quai sehr hübsche Stellen giebt, wo ein Dampfer anlegen könnte, hat er
doch weit draußen im Hafen Posto gefaßt. Man muß sich also zunächst
einem Ruderboote anvertrauen. Der unverhältnismäßig hohe Preis, der für
die kurze Bootsfahrt gefordert wird, bildet eine Nebeneinnahme der
Dampfergesellschaft, deren Forderungen für die eigentliche Ueberfahrt
im Uebrigen ebenfalls nicht an Bescheidenheit kranken.

Auch die auf 9 Uhr festgesetzte Abfahrtszeit wird selbstverständlich
nicht innegehalten. Es wird reichlich ein Stündchen später, aber der
erfinderische Sinn der Neapolitaner sorgt für Unterhaltung. Zwei
schwimmend das Boot umkreisende Knaben ersuchen ein verehrliches
Publicum, Soldistücke in's Meer zu werfen. Durch das lichte Wasser, in
dem man die Bewegungen der nackten Körper bis in die Tiefe verfolgen
kann, tauchen sie zum Grunde und holen die Geldmünzen herauf. Der
glückliche Finder macht dann eine dankende Verbeugung und steckt
das Geld, in Ermanglung anderer Taschen, in die Backentasche. Das
artige Taucherstücklein findet mehr Anklang als der Schwarm von
Händlern, die an Bord Lava, Cameen, Schildpatt u. s. w. anbieten.
Bevor man die knappe Hälfte der Offerten zurückgewiesen hat, ist
die Verspätungsstunde verstrichen. Auf einen älteren Herrn, den der
unmögliche Loofah-Hut, das seit längerer Zeit im Dienst befindliche
Jägerhemde und die riesigen Stiefel auf hundert Schritte als
provinzdeutschen Touristen erkennen lassen, hat es das zudringliche
Händlervolk besonders abgesehen. Da er noch neu ist auf italienischem
Boden, fehlt ihm die nöthige Partie gediegener Grobheit, ohne die es
unmöglich ist, diese Kletten los zu werden. Aus Dank für geleistete
Hilfe erzählt mir der Befreite im schönsten, sächsischen Dialekte
seine bisher auf der Südlandsreise gewonnenen Eindrücke. Italien wäre
so weit ganz schön, aber es hätte auch arge Fehler. Die Kopfkissen
der Hotelbetten wären zu klein, das Bier zu theuer, und die meisten
Menschen verständen nicht Deutsch. Ich mußte diese Bemerkungen als
unzweifelhaft richtig zugeben und fügte noch mit einem Blick auf das
Jägerhemde des biederen Sachsen als weiteren Uebelstand hinzu, daß sich
auch die Wäscherinnen hier zu Lande viel zu gut bezahlen ließen. Das
wäre ihm noch nicht aufgefallen, meinte der Wackere. Ich glaubte ihm
das auf's Wort.

Endlich setzt sich der Dampfer in Bewegung. Sein Cours geht zunächst
nach Sorrent, an Vico Equense vorüber. Vico Equense wurde in der
letzten Zeit viel genannt, weil hier im Jahre 1885 jener Knabenmord
passirte, den die Geschworenen von _Bourges_ zum Unglücksfall
erklärten, als sie zehn Jahre später den _Marquis de Nayves_
freisprachen.

In Sorrent, das bei den Italienern als Badeort in hoher Beliebtheit
steht, verlassen unseren Dampfer die wenigen Einheimischen, die er mit
sich führte. Der Steamer nähert sich jetzt den Felsenkolossen Capris,
zwischen die hineingeschmiegt die ~grande marina~ (der große Hafen) und
darüber auf waldiger Kuppe das Städtchen Capri liegen. Vorerst dampfen
wir stolz daran vorüber zur »blauen Grotte«, deren Besuch für jeden
Caprineuling obligatorisch ist. Die »blaue Grotte« ist, wie bekannt,
im Jahre 1826 von dem deutschen Maler Kopisch, als er um Capris
Felsenküsten schwamm, wieder entdeckt worden. Den größten Gefallen hat
Kopisch damit dem Municipium von Capri erwiesen, in dessen Säckel
bisweilen solche Ebbe herrschte, daß es den Schutzheiligen der Insel,
den heiligen Constantin, dessen silberne Statue sich in der Hauptkirche
befindet, bei neapolitanischen Geldmännern versetzen mußte. Jetzt zieht
die Stadtverwaltung von der blauen Grotte eine stattliche Einnahme. Man
hat eine schwimmende Kasse vor dem Zugange etablirt. Gegen Erlegung
von 1½ Francs erwirbt man das Recht, sich auf den Boden eines sehr
schmutzigen Kahnes lang auszustrecken und auf diese Weise durch die
kaum über das Meeresniveau emporragende Grottenöffnung hineinbefördern
zu lassen. Die Grotte selbst gehört zu den wenigen italienischen
Sehenswürdigkeiten, die schlechter sind als ihr Ruf. Die Dichter
und Maler, die das Lob der Höhle sangen und pinselten, dürften ihre
Phantasie arg strapazirt haben. Wirklich malerisch schön ist nur der
fluctuirende Boden, das Wasser, das noch um einige Nuancen blauer und
durchsichtiger ist als draußen im freien Meere.

Höhlenbewohner, natürlich nur zur Zeit des Fremdenbesuches, ist ein
halbwüchsiger Knabe, der, wenn sich genügende Entlohnung für ihn
findet, zum Grunde taucht, um zu zeigen, wie das Wasser den Körper
versilbert. Die diesmaligen Besucher der Grotte waren offenbar Anhänger
der Goldwährung, denn der nöthige Garantiefonds für dieses im Bädeker
gepriesene bimetallistische Experiment wollte nicht zu Stande kommen.

Die kleine Enttäuschung war rasch verwunden, als der Anker angesichts
der großen Marina in's Wasser rasselte. Einige Herren, die bisher
auf dem Dampfer promenirten und ganz gegen italienische Gewohnheit
freiwillige und höfliche Auskunft über allerlei Wissenswerthes gegeben
hatten, ohne ein Trinkgeld zu verlangen, entpuppten sich jetzt im
entscheidenden Momente als Geschäftsführer capresischer Hotels, deren
Vorzüge und Billigkeit sie in lichtesten Contouren erscheinen ließen.
Der alterprobte Grundsatz, in Italien _vorher_ nach allen Preisen
zu fragen und dann principiell höchstens die Hälfte zu bieten, that
auch hier seine Schuldigkeit. Die ursprünglich ziemlich insolenten
Forderungen gingen auf ein bescheidenes Maß herunter, und bald saßen
wir bei einem auf dem Balcon des Hotels »Grande Bretagne« servirten
Dejeuner. Die unten auf der Straße versammelten Vertreter der
capresischen Bevölkerung verfehlten nicht, uns das Mahl durch kleine
Scherze zu würzen. Einige Damen reiferen Alters, die in Begleitung
mehrerer melancholisch dreinschauender Esel erschienen waren, priesen
uns ihre Schützlinge als die besten und edelsten Esel unter der Sonne,
liebe Thierchen, auf deren Rücken eine kleine Excursion die reinste
Wonne sei. Die anwesenden Droschkenkutscher behaupteten dagegen, daß
es miserable, traurige Esel wären, während ihre Carozzellen und die
davor gespannten Pferdchen uns mit Windeseile nach jedem gewünschten
Punkte befördern würden. Diese Soli wurden durch einen Chor weiblicher
Wesen fundirt, die in allen Tonarten Korallen feilboten. Wir nahmen
alle diese Offerten mit größerer Gemüthsruhe als sonst entgegen, da
wir uns auf hohem Balcone sicher vor allzu heftiger Zudringlichkeit
wähnten. Die Enttäuschung folgte alsbald. Da wir uns zu theilnahmslos
verhielten, eröffneten die guten Capresinnen ein kleines Bombardement
mit Korallenketten. Diese flogen auf Tische und Stühle, eine begab sich
sogar in die Suppenterrine. Sofort war auch die geschickte Schützin zur
Stelle mit der Behauptung, wir müßten wenigstens die im Suppentopfe
verunglückte Kette kaufen. Erst als wir in aller Ruhe den Spieß
umdrehten und ihr bemerkten, sie müsse die Suppe bezahlen, da diese
durch das Hineinfliegen der Korallen verdorben sei, verschwand die
übereifrige Handelsfrau aus dem Süden und ward nicht mehr gesehen.

Unten lockt das Meer zu erfrischendem Bade. Freundliche Badehütten,
den verschiedenen Hôtels zugehörig, stehen zu diesem Zwecke bereit.
Eine kleine Capresin, die das Aufschließen und die Wäsche besorgt,
hockt sich als Wächterin vor den in der Hütte deponirten Schätzen
am Meeresufer nieder. Zwischen zwei Schwimmtouren sonnt man sich
behaglich, halb auf dem Strande, halb im Wasser liegend. Das kleine
Bade-Fräulein nimmt die Gelegenheit wahr, eine Conversation zu
eröffnen. Sie beginnt: »Die Franzosen sind sehr gute Leute.« Ich bin
zu wenig Chauvinist, um diesem Satze zu widersprechen, habe aber
auch keine Ursache, das Gegentheil zu thun. Ich schweige also. Schon
weniger sicher erfolgt nun die zweite Behauptung: »Die Engländer sind
auch ausgezeichnete Menschen.« Meinerseits wieder stummes Spiel. »Was
ist denn der Signor für ein Landsmann?« kommt endlich die längst
erwartete Frage. »Holländer,« sage ich, mir die Nationalität meines
Reisegefährten auf einige Minuten ausleihend. »Die Holländer,« meint
die Kleine, von ihrer Ungewißheit befreit, aber sehr schwer an dem
ungewohnten Worte kauend, »sind besonders vortreffliche Leute, ebenso
wie die Capresen. Nur die Neapolitaner sind schlechtes Volk. Sie
stehlen Taschentücher und Uhren und sagen den Fremden, daß sie nicht
nach Capri kommen sollen. Hier in Capri können Sie ein Taschentuch --
dieses Nasen-Instrument dünkte ihr offenbar eine besondere Kostbarkeit
-- mitten auf den Weg legen und Sie bekommen es zurück.« Ich war
natürlich entzückt von diesem Beweise capresischer Ehrlichkeit, hegte
aber im Stillen meine Zweifel, ob solche Tugend sich ebenso bewähren
möchte, wenn man statt des Taschentuches etwa einen 100 Lire-Schein
verlieren würde. Nachdem die kleine Volkspsychologin genug von ihrer
Wissenschaft zum Besten gegeben, wandte sie sich ihrer eigenen
Persönlichkeit zu und berichtete, daß ihr deutsche Maler schon viel
Geld geboten hätten, wenn sie ihnen Modell stehen wollte. Sie habe
ja auch Lust dazu gehabt, aber der Papa habe es nicht erlaubt. »Und
wissen Sie,« fügte sie naiv hinzu, »_jetzt_ commandirt noch der Papa.«
Nach diesem einen tröstlichen Ausblick in die Zukunft eröffnenden
Worte hob sie in begreiflicher Ideenverbindung an, einige Romane aus
der capresischen ~chronique amoureuse~ zu erzählen, von der Bella
Margherita, die einen reichen deutschen Fabrikanten geheirathet habe,
von der lustigen Santina, die jetzt mit einem berühmten Maler in Rom
lebe, von der armen Luigia, die sich in's Meer gestürzt habe, weil der
Engländer, den sie geliebt, Capri verließ. Es ist selbstverständlich,
daß ich, theils aus Dankbarkeit für so interessante Unterhaltung,
theils aus Rücksicht auf mein holländisches Adoptiv-Vaterland,
das Trinkgeld besonders reichlich bemaß. So schieden beide Theile
befriedigt von einander: Ich mit dem Eindrucke, daß die Capresinnen
ebenso schwatzhaft sind, wie die Damen bei -- uns zu Hause; die kleine
Plaudertasche mit der bestärkten Ansicht, daß die Holländer wirklich
»ganz ausgezeichnete Leute« sind.

Der Weg von der großen Marina zur Stadt Capri führte über einen
schön angelegten, sanft ansteigenden Fahrweg zwischen hellen Villen
und üppigen Gärten empor, überall findet man deutsche Firmen und
Inschriften. Auch lebende Beweise von dem Einflusse des Deutschthums
fehlen nicht. Unter der lustig lärmenden Kinderschaar, die gerade
die Schule der französischen Mönche verläßt, tummeln sich zahlreiche
Blondköpfe. Man nennt die so aus der Art Geschlagenen bezeichnender
Weise »Deutschenkinder«. Die in Wort und Bild oft gepriesene Anmuth
des capresischen Menschenschlages ist übrigens zum Glück keine
Legende. Während man sonst im Süden gar oft nach den traditionellen
»schönen Italienerinnen« suchen muß, ohne sie zu finden, sieht man
hier bildhübsche Mädchen, deren frische Lieblichkeit es begreiflich
erscheinen läßt, daß so mancher Fremdling hier sein Herz verloren hat.

Nicht nur an der heranwachsenden Bevölkerung, auch an dem Städtchen
Capri selbst kann man germanische Einwirkung verfolgen. Es ist da so
sauber, so still, so gemüthlich, kurz so ganz anders, wie sonst in
italienischen Orten, daß man sich in einem deutschen Gebirgsneste
wähnen könnte, wären nicht zur Rechten und zur Linken die weiten
Fernsichten in die schimmernde See, die in einer Farbengluth erstrahlt,
wie sie nur südlichen Meeren zu eigen ist. Der beliebteste Ausflug geht
nach der »Villa des Tiberius«, den Trümmern des alten Kaiserpalastes,
welcher einst das Ostkap der Insel, Sorrent gegenüber, krönte. Der
Weg dahin ist steil, langgedehnt und sonnig. Wir unterliegen also den
wiederholten Offerten einer ihre Esel anpreisenden Vermietherin, und
auf dem Rücken dieser in Deutschland so verrufenen, in Italien so
beliebten Thiere geht es munter durch die engen Straßen und Thorbögen
der Stadt. Wir stören allerlei häusliche Verrichtungen, die sich auf
der Gasse abspielen, denn das Reitthier nimmt gerade die ganze Breite
des Verkehrsweges ein. Aber alle diese Leute weichen höflich aus und
grüßen freundlich dazu. Bald liegt das Städtchen hinter uns, und der
Weg zieht sich zwischen Landhäusern und Vignen in die Höhe. Die meinen
Esel begleitende Matrone führt einen Stecken in der Hand, und wenn
Grauchen auf den landesüblichen Antreibungslaut »Aaah!« nicht genügend
reagirt, so bekommt er den Stock zu fühlen. Im Allgemeinen aber
trottet er mit seiner gewichtigen Last munter vorwärts, die kleinen,
elastischen Beinchen fest zwischen Geröll und Treppenstufen aufsetzend.
Nur wenn am Wege Orangenschalen liegen, bleibt er einen Moment stehen
und frißt sie. Orangenschalen sind nun einmal seine Leibspeise.

Nach dieser einleitenden Bemerkung über die verfeinerte
Geschmacksrichtung des Eseleins gedenkt die Führerin keineswegs, die so
nett begonnene Unterhaltung wieder einschlafen zu lassen. Da es stets
erfreulich ist, ein Stückchen Geschichte in volksthümlicher Beleuchtung
zu genießen, so gestatte ich mir die Frage, wer denn eigentlich der
Signor Tiberio gewesen sei, nach dessen Villa wir uns begeben. Ein
mißtrauischer Blick der Alten sänftigt sich, als sie mein wißbegieriges
Antlitz sieht, und sie beginnt ihre Vorlesung. Don Timberio (so
verstümmelt der capresische Dialekt den Namen des Cäsaren) war kein
einfacher Signor, sondern ein reicher König von Neapel. Als er alt
wurde, kriegte er das Regieren satt -- denn die Neapolitaner sind ein
häßliches, schlimmes Volk -- und kam hierher, weil er so viel gehört
hatte von der Nettigkeit und Höflichkeit der Capresen. Er erbaute sich
auf der Felsenspitze ein Schloß, ganz aus Marmor und Mosaik. Bald
begann er sich aber trotz der herrlichen Aussicht zu langweilen und
wurde so grausam, daß er sich zahllose Sklaven kaufte, um sie zu Tode
zu martern. Der Herr Pfarrer warnte ihn oft genug vor diesem sündigen
Treiben, aber wer nicht hören will, muß fühlen. Der Teufel wartete
nur, bis Don Timberio mal einen Ausflug auf's Festland machte -- denn
nach Capri wagt sich der Teufel nicht -- und flugs war er in Timberios
Schlafzimmer und erstickte den alten Herrn mit seinem Kopfkissen. Unter
so lehrreichen Erzählungen waren wir zu einer freundlichen Osteria
gelangt, die den Eingang bildet zum »Salto di Tiberio«, der Localität,
wo Tiberius seine Schandthaten mit Vorliebe ausübte. Wenigstens
behauptet die französische Inschrift, daß hier der Ort sei, »wo man
eine schöne Aussicht genießt und Tiberius seine Verurtheilten in's Meer
stürzen ließ.« Da gerade keine Sklaven zur Hand waren, so machte die
führende Wirthin das Experiment mit einem großen Steine, den sie über
die Brüstung hinabwarf. Es dauerte eine unheimliche Weile, bis man
das Aufklatschen des Steines im Meere hörte. Die armen Gemarterten
hatten also während des Hinabfallens noch genügende Zeit, die »schöne
Aussicht« zu genießen.

Die trüben Eindrücke zu verwischen, schlug die Wirthin vor, wir sollten
uns von zwei »zufällig« anwesenden jungen Mädchen die Tarantella
vortanzen lassen. Da die beiden »jungen Mädchen« jedoch in zu
ehrwürdigem Alter standen, als daß wir ihnen die Anstrengungen eines so
lebhaften Tanzes zumuthen wollten, so verzichteten wir mit Enthusiasmus.

Dann ging es bis zur eigentlichen Villa empor, von der nur noch
traurige Reste stehen. Ein Theil der Unterbauten ist zu Ställen und
Schuppen eingerichtet. Das Uebrige ist verschwunden oder zerfallen.
Nur hier und da sieht man noch Theile eines kostbaren Mosaikfußbodens.
Was aber der berüchtigte »Zahn der Zeit« nicht zerstören konnte, das
ist der überwältigende Fernblick auf die Golfe von Neapel und Salerno,
den man von der Terrasse genießt. Hier auf der Stätte, wo Tiberius
einst seinen heidnischen Unfug trieb, steht gleichsam zur Sühne eine
einfache, lichte Kapelle. Ein Eremit haust dabei und sorgt für den
kirchlichen Dienst. Für gewöhnlich stellt man sich einen Eremiten
als einen verwitterten, wildbärtigen Mann in geflickter, schäbiger
Mönchskutte vor. Dieser hier ist aber ein Gentleman-Eremit mit sauber
rasirtem Antlitz, und tadelloser, eleganter Soutane. Im Uebrigen läßt
er sich den Wein, den er credenzt, ganz nett bezahlen, und auch für
das Einschreiben in das Fremdenbuch erhebt er eine kleine Taxe. Die
Eremitage hier oben ist also gar kein übles Geschäft.

Beim Salto di Tiberio besteigen wir wieder die harrenden Esel, deren
Aufgabe, uns über die abschüssigen Treppenstufen hinabzutragen, noch
schwieriger ist, als der Anstieg. Aber die braven Thiere liefern uns
wohlbehalten am Hôtel Tiberio zum Souper ab, wo wir die ziemlich
primitiven culinarischen Genüsse mit einem Dutzend zierlicher Katzen
theilen, deren Bettelhaftigkeit bisweilen einen etwas zudringlichen
Charakter annimmt. Wir verzeihen ihnen gern die schlechte Erziehung
in der Hoffnung, einigen directen Nachkommen oder wenigstens nahen
Blutsverwandten des Scheffel'schen »Hiddigeigei« eine Gefälligkeit
erwiesen zu haben. »Hiddigeigei« selbst genießt auf der Insel
verdienten Nachruhm. Das Hauptrestaurant neben dem Hôtel Pagano nennt
sich stolz nach dem philosophischen Kater »Café Hiddigeigei«. Weibliche
Hände credenzen hier Löwenbräu, das bedeutend zu warm, dafür aber
entsprechend theurer ist. Das hindert uns natürlich nicht, dem Andenken
Tiberii einen kräftigen Verachtungsfetzen und den Manen Scheffels einen
ausgiebigen Hochachtungsschluck darzubringen.

Am nächsten Morgen besuchen wir Anacapri, die zweite Stadt auf Capri,
die nicht ganz so schön gelegen und fremdenreich ist, wie die »besser
situirte« Schwester. Eine neue, kunstvoll in den Felsen gehauene
Fahrstraße, die überraschende Ausblicke bietet, verbindet Capri mit
Anacapri. Eine Bootsexcursion führt uns nach der »grünen Grotte«,
die nicht gleich berühmt, aber mindestens ebenso schön ist, wie die
blaue, und nach der »~grotta del matrimonio~«, dem Orte, wo Tiberius
jene Bäder genommen haben soll, von denen Suetonius so Erbauliches zu
berichten weiß. Als wir zur großen Marina wiederkehren, liegt schon der
Dampfer bereit, der uns aus dieser köstlichen Idylle, zu der sich Fels,
Meer und Himmel in höchster Schönheit vereinigen, entführen soll nach
dem staubigen, lärmvollen Neapel.



Ein Ausflug nach Tunis.


I. Von Neapel bis Tunis.

    Im Bureau Florio-Rubattino. -- Neapolitanische Barkenführer bei
    Nacht. -- Der Herr aus Mailand im Damensalon. -- Addio, Napoli!
    -- Die »Afrika« und ihr Kapitän. -- Wie man in Cagliari Feste
    feiert. -- Der Witzbold von Cagliari und der »nervöse Herr«.
    -- Die weißen Handschuhe des Stewart. -- Afrika in Sicht. --
    Ankunftsscherze.

Nach Rom führen bekanntlich alle Wege, von Rom nach Tunis aber
nur zwei. Und diese beiden Wasserstraßen sind Monopol der großen
italienischen Schifffahrtsgesellschaft Florio-Rubattino. Ihr muß
man sich anvertrauen, ob man über Cagliari oder über Palermo der
tunesischen Küste zustrebt. Das erweckt dem, der die italienischen
Beförderungsmittel und ihre zweifelhafte Sauberkeit kennen gelernt
hat, zunächst keine angenehmen Empfindungen. Und die ersten Schritte,
die man thut, um sich für die Ueberfahrt einen Platz zu sichern, sind
keineswegs geeignet, diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die Bureaubeamten
der Gesellschaft Florio-Rubattino ähneln an Schwerfälligkeit und
begrenztem Auskunftsvermögen ihren Collegen von der Eisenbahn. Auf
der Agentur in Rom befindet sich zwar ein Schalter mit der schönen
Aufschrift »Informationen«, und dahinter sitzt ein sorgfältig frisirter
junger Mann. Aber da er bei meinem Besuche gerade die »Riforma« las
und sein Nachbar den »Don Chisciotte«, so konnte es nicht ausbleiben,
daß erst ein längerer Meinungsaustausch in politischen Dingen, ein
Rede-Duell »hie Cavallotti, hie Crispi«, stattfinden mußte, ehe der
Mann der Informationen für das Publicum Zeit hatte. Dann wußte er
nicht, wann der Dampfer für Cagliari aus Neapel abging, auch nicht,
ob überhaupt ein Fahrplan der verschiedenen Linien existirte oder
wieviel die Ueberfahrt kosten würde, sondern er wußte nur, daß man
diese nützlichen Dinge »vielleicht« auf der Direction wissen würde.
Ein um 11 Uhr nach dieser Centralstelle angetretener Gang bereicherte
zunächst die allgemeinen Erfahrungen dahin, daß die directorialen
Localitäten nur von 2 bis 6 Uhr geöffnet sind, offenbar um eine
Ueberarbeitung der Betheiligten zu vermeiden. Der vierstündige
Normal-Arbeitstag -- welch' ein Ziel auf's Innigste zu wünschen --
hier ist er eingeführt. Von 2--6 Uhr aber war man wirklich vorhanden.
Nur war Genaues auch hier nicht zu hören. Dagegen kam ein riesiger
Fahrplan zum Vorschein, groß genug, um eine Zimmerwand zu tapeziren.
Leider verlor das kostbare Schriftstück einigermaßen an Werth durch die
bei der Uebergabe ausgesprochene Bemerkung, man möge sich auf diesen
Fahrplan nicht verlassen, denn Aenderungen seien sehr häufig. Endlich
an der dritten Stelle, in Neapel, erlangt man nach einiger Mühe und
unterschiedlichen Formalitäten Auskunft und Billet. Ein neuer Scherz
steht erst bei der Bezahlung bevor. Der Beamte verweigert die Annahme
italienischen Papiergeldes. Er verlangt Gold! Also eine italienische
Gesellschaft, die von der Regierung mit jährlich 10 Millionen Lire
subventionirt wird, schlägt die einzig gangbare italienische Münze
aus und verlangt Gold, trotzdem man Jahre in Italien leben kann, ohne
jemals ein italienisches Goldstück zu sehen. Französisches Gold, das
bereitwilligst acceptirt wird, beseitigt auch diese Schwierigkeit, und
endlich hat man die Bescheinigung in Händen, daß sich die Gesellschaft
Florio-Rubattino verpflichtet, den Passagier bis nach Tunis zu
befördern und zu beköstigen. In aller Eile leistet sich der Herr
hinter dem Schalter noch die unwahre Mittheilung, daß die Gesellschaft
für Ein- und Ausbarkirung der Passagiere und Bagagen Sorge trägt. Es
fällt der Gesellschaft natürlich gar nicht ein, den Reisenden dieses
mühevolle und kostspielige Geschäft abzunehmen.

Der nach Cagliari bestimmte Dampfer »Afrika« liegt im Hafen in
respectvoller Entfernung vom Quai. Die Abfahrt erfolgt um Mitternacht.
Irgend ein Grund zur Wahl dieser höchst unbequemen Stunde liegt
selbstverständlich nicht vor, es sei denn der, daß man der
Unverschämtheit der neapolitanischen Barkenführer gestatten will, sich
in ihrer ganzen Glorie zu zeigen. Wie eine Horde Wilder stürzt das
Gesindel dem nächtlichen Ankömmling entgegen. Es dauert eine Weile, ehe
man sich auf einen einigermaßen entsprechenden Preis einigen kann. Kaum
ist man auf halber Fahrt zwischen Quai und Schiff, als die Bootsleute
unter Androhung der Umkehr das Dreifache des Ausbedungenen fordern. Auf
geraden Wegen kommt man mit dieser Gesellschaft nicht vorwärts. Ich
verspreche also Alles, was Jene wollen, werde dafür mit »Excellenza«
angeredet und mit rührender Vorsorge sammt Gepäck an Bord befördert.
Dort erweist sich die »Excellenza« für die plötzliche Standeserhöhung
wenig dankbar, denn sie zahlt zur Strafe für begangenen Treubruch
nur den ursprünglichen Tarif und nicht einen Soldo des mit Recht so
beliebten Trinkgeldes. Darauf retirire ich schleunigst in die Kajüte.
Hier ist man sicher, denn jetzt ist man die Beute des Stewarts, und der
läßt _andere_ Trinkgeldheischende nicht in seinen Bereich. Nach einem
Wuthgeheul ziehen die neapolitanischen Hafenpiraten ab, und das Deck
ist zu einer Orientirungspromenade frei. Groß ist die Passagierliste
der »Afrika« nicht. Außer mir befindet sich nur noch ein deutsches
Ehepaar an Bord, das ebenfalls nach Tunis will, und ein mailändischer
Handlungsreisender, der mit der eigenthümlichen Rührigkeit dieser
Gesellschaftsklasse bereits Mittel und Wege gefunden hat, sich den --
Damensalon reserviren zu lassen.

Zauberisch schön ist der Blick vom Verdeck auf das nächtliche Neapel.
Gedämpft klingt das nervenerschütternde Geräusch der lärmvollsten
Großstadt herüber, in der, wie im Pariser Café Jacques Offenbachs,
erst um Mitternacht das Leben beginnt. Feurigen Schlangen gleich,
bergauf und bergab, durchziehen die langen Reihen der elektrischen und
Gaslaternen die sich zu Bergeshöhe emporstreckende Stadt, in einige
lichte Vorposten auslaufend am weit vorspringenden Posilipp. Schweigend
und düster, ohne äußere Zeichen des im Innern wüthenden Feuers,
überragt der Vesuv das wundervolle Nachtbild. Da schießen Raketen auf
am Mercato, und bunte Feuersäulen antworten aus den höheren Theilen der
Stadt, vom Capodimonte und vom Vomero. Man vergnügt sich in Neapel,
wie fast allnächtlich, mit Feuerwerk. Während es drüben knattert und
blitzt, während Leuchtkugeln und Schwärmer prasselnd zum Himmel fahren,
setzt sich die »Afrika« langsam in Bewegung. Und bald versinkt Neapel
mit seinem Lichterglanz und seinem fröhlichen Lärmen in's schweigende
Meer, auf das der Mond seine zitternden Streifen breitet. ~Addio, bella
Napoli!~ Es ist Zeit, die Cabine aufzusuchen.

Am andern Morgen ist die Toilette mit ungewohnten Schwierigkeiten
verknüpft. Auf den Fußboden ist kein Verlaß, und das Waschbecken
vollführt mit den Gläsern einen Contre-Tanz. Draußen bläst eine
tüchtige Mütze voll Wind, und die »Afrika«, ein ziemlich kleines
Schiff, läßt sich von den aufgeregten Wellen tüchtig werfen. Aus den
übrigen Cabinen dringen seltsam stöhnende Laute, ein Beweis, daß man
dort bereits an Neptun Tribut zahlt. Als die Schiffsglocke melodisch
zum Frühstück ruft, versammelt sich der Herr Kapitän ganz allein
am schwankenden Tische und läßt es sich stillvergnügt schmecken.
Erst gegen Abend sieht der grimme Meergott, klüger, als mancher
Finanzminister ein, daß Mägen, die immerfort hergeben sollen, auch
Etwas einnehmen müssen, und zum Diner wird der liebenswürdige Lenker
des Schiffes von der gesammten Vierzahl seiner Kajüten-Passagiere
umgeben. Mit lebhafter Unterhaltung würzt er das Mahl. Zunächst betont
er, daß er sich nur ausnahmsweise auf dem »Mittelländischen« bewege.
Seine gewöhnliche Tour sei die transatlantische nach Buenos-Ayres und
Rio de Janeiro. Nachdem wir hiervon mit gebührendem Respect Notiz
genommen, entschuldigte er sich, daß er uns nicht in Neapel auf Deck
begrüßt habe. Aber er könne Neapel nicht ausstehen und bleibe stets
so lange in seiner Kajüte, als das Schiff im dortigen Hafen ankere.
Ihm, dem Genuesen, sind die Neapolitaner die verhaßteste, greulichste
»Rasse«. Er erklärte die Einwohner der ~bella Napoli~ kurzweg für
die ärgsten Briganten der civilisirten Welt. Und wir können diesem
landsmännischen Urtheile trotz seiner Schroffheit nicht ganz Unrecht
geben. Jedenfalls ist das Gespräch ein Beweis für die Tiefe der Kluft,
die sich in Italien zwischen Nord und Süd öffnet.

Das Diner an Bord ist im Uebrigen ausgezeichnet. Zum Schluß giebt es
einen Marsala, der das Entzücken der Kenner erregt. Er stammt aus den
Kellern Florio's, des sicilianischen Mitbegründers der Gesellschaft,
der nicht nur Schiffsrheder, sondern auch Weinhändler ist. Eine seiner
besten Marken wird auf den Schiffen gewissermaßen als Reclame-Weine
credenzt. Es ist überhaupt an der Zeit, der Compagnie Florio-Rubattino
eine Ehrenerklärung zu machen. Ihre Comptoirs am Lande mögen nicht
tadellos eingerichtet sein, ihre Schiffe aber lassen Nichts zu wünschen
übrig. Tadellose Sauberkeit, aufmerksame Bedienung, zweckmäßig
eingerichtete Cabinen und brillante Verpflegung machen den Aufenthalt
auf den Florio-Rubattino-Dampfern zu einem durchaus angenehmen.

Am Morgen des nächsten Tages kommt die Südküste Sardiniens und
Cagliari, die Hauptstadt der Insel, in Sicht. Die Stadt ist malerisch
auf schroff aus dem Golf emporstrebendem Hügel gelagert, zu dessen
Füßen sich weite, öde Ebenen ziehen, die Salzsümpfe Cagliaris.
Die Stadt ist sauber und nett. Abgesehen von einigen Bauten aus
der Pisaner-Zeit giebt es eine hübsche, dem Fels abgerungene
Terrassen-Promenade mit schöner Aussicht auf das Meer und die gelblich
schimmernden Salzläger. Um so interessanter ist unser Spaziergang,
zu dem ich mich den deutschen Reisegefährten angeschlossen habe, für
die Einheimischen. Fremde scheinen hier noch ein seltener Artikel zu
sein, denn halb Cagliari ist uns auf den Fersen, um die Inglesi zu
bewundern. Als wir die Cagliaresen dahin aufklären, daß wir keine
Engländer, sondern Deutsche seien, giebt es ein ungeheueres Staunen,
daß diese klugen Prussiani ein verständliches Italienisch reden. Der
Enthusiasmus hierüber setzt sich in eine feierliche Einladung um, ein
abendliches Wohlthätigkeitsfest mit unserer Gegenwart zu verschönen.
Trotzdem uns der Hauptgewinn der Tombola, ein sardisches Nationalcostüm
und eine Büchse Sardinen so gut wie sicher versprochen wird, müssen
wir doch mit schmerzlichem Bedauern ablehnen. Die »Asia«, ein anderer
größerer Florio-Dampfer, der uns nach Tunis bringen soll, ruft die
Säumigen mit greller Stimme an Bord.

Hier giebt es noch Manches zu beobachten, ehe die Schraube des Dampfers
sich zu drehen beginnt. Zum Hafen steigt eine große Procession, unter
Entfaltung vielen Pompes, hernieder. Musik, Pistolenschüsse, Feuerwerk,
kurz Alles, was zu einem richtigen italienischen Rummel gehört, läßt
sich vernehmen. Man feiert das Fest des heiligen Antonius von Padua.
Wir schreiben den 16. Juni, und das Fest des Heiligen ist am 13.
Auf meine bezügliche Frage kommt eine reizende Aufklärung. Cagliari
zerfällt nämlich in vier Bezirke. Jeder Bezirk feiert seinen Festtag
für sich, während jeweilig die drei anderen daran Theil nehmen. Auf
diese höchst ingeniöse Art vervierfachen sich die Feiertage in Cagliari.

Unter den neu eingetroffenen Passagieren befindet sich ein behäbiger,
junger Mann, der von einer ganzen Cohorte Abschied nehmender Freunde
begleitet ist. Er macht furchtbaren Lärm, redet die Gepäckträger »meine
Herren Cavaliere« an, drückt ihnen, als sie ihren Lohn heischen,
gerührt die ausgestreckten Hände, wirft sich zur Begrüßung vor dem
Kapitän auf den Bauch und läßt beim Abschied von den Gefährten
klatschende Knallerbsen anstatt der Thränen auf das Verdeck fallen.
Die Corona der cagliaresischen ~jeunesse dorée~ heult bei jedem
dieser Impromptus vor Vergnügen. Kein Zweifel, wir haben einen der
gefürchtetsten Witzbolde Cagliari's an Bord. Weniger vergnügt ist ein
anderer Jüngling, der die Mütze tief in die Stirne gezogen hat und mit
nervöser Hast, fortwährend sich erkundigend, ob man noch nicht abfährt,
auf dem Verdeck herumläuft. Gerade als das Signal zur Reise gegeben
wird, erfolgt unmittelbar Contreordre; denn vom Lande stößt ein Boot
ab, das zwei lebhaft winkende Carabinieri enthält. Bei ihrem Anblick
ist der nervöse junge Mann plötzlich verschwunden. Die Beamten der
öffentlichen Ordnung klettern an Bord und schicken sich an, das Schiff
zu durchsuchen, da man glaubt, daß ein seit Monaten aus dem Gefängniß
ausgebrochener Gauner sich auf dem Dampfer befinde. Sehr schlau fangen
die Herren Carabinieri ihre Nachforschung nicht an. Sie steigen in die
verschiedenen Kajüten hinab und lassen die zahllosen Schlupfwinkel, die
solch ein großer Dampfer bietet, undurchforscht. Ohne Resultat kehren
die Carabinieri in ihr Boot zurück, und die »Asia« beginnt endlich ihre
Fahrt gen Süden.

Unten in seiner Cabine liegt der nervöse Herr, läßt sich Eisumschläge
machen und hat das »sardinische Fieber«. Auch zu Tische erscheint er
nicht, dafür setzt sich der Witzbold, geladen mit angenehm zur Tafel
passenden Scherzen, neben den Kapitän. Aber der erwartete Beifall
bleibt vollständig aus. Ist es nun diese schmerzliche Enttäuschung
oder der Umstand, daß die »Asia« die hohe See erreicht hat und in
weichem Rhythmus sich zu heben und zu senken beginnt -- plötzlich wird
der Witzbold bleich, murmelt ein paar Worte, stürzt nach seiner Koje
und wird nicht mehr gesehen.

Die vorhin gerühmten Vorzüge der »Afrika« finden sich in verstärktem
Maße auf der »Asia« wieder. Letztere, ein Steamer, der bisher die Route
Genua-Bombay befuhr, ist ein mächtiges Schiff mit eleganter Einrichtung
und elektrischer Beleuchtung. Der Kapitän, ebenfalls Genuese, ein
schmales, feines Männchen, gebietet über einen unversiegbaren
Redestrom, dem es ganz gleich ist, ob er sich über die Klippen der
Politik, der Philosophie oder des Klatsches ergießt. Küche und Keller
sind wiederum vorzüglich, und der Stewart bedient bei Tische sogar in
weißen Handschuhen. Dieser Luxus wirkt um so beruhigender, als der
Ganymed die entschiedene Neigung hat, beim Serviren den Daumen in
die Suppe zu stecken. Dem Stewart sei diese angenehme Manier nicht
abzugewöhnen, versichert der Kapitän, und deshalb habe er einen
täglichen Wechsel der Handschuhe angeordnet. Man könnte sonst im
Consommé am Ende die Spargelsuppe von gestern schmecken. Der Kapitän
ist ein Gourmet. Jedenfalls nimmt er hier seinen Ausgangspunkt zu einem
halbstündigen Speech über die Macht der Gewohnheit. Dazu schaukeln
von der Salondecke herab einige Orchideenkästen, leise den weichen
Bewegungen des Schiffes folgend. Kein Wunder, daß sich bald allgemeine
Müdigkeit einstellt und die Cabinen frühzeitig aufgesucht werden.
Der Kapitän stopft sich ein frisches Pfeifchen und steigt, über eine
Gesellschaft kopfschüttelnd, die seine Unterhaltung genießt und dennoch
müde werden kann, langsam zum Deck empor.

Am andern Morgen frühzeitig kommt die afrikanische Küste in Sicht.
Zuerst erscheint ein kahles Inselchen mit einem kleinen Leuchtthurm,
dann, als man in den Golf von Tunis einläuft, das Vorgebirge von
Karthago mit den weißschimmernden Häusern des Dorfes Sidi bou Saïd, und
bald darauf zeigen sich die schlanken Thürme der Kathedrale, die auf
den Trümmern Karthagos errichtet ist. Man nähert sich La Goulette, der
früheren Hafenstadt von Tunis, und plötzlich weicht der frische Seewind
dem glühenden Hauche, der vom Lande herüberweht. Das ist der heiße
Athem Afrikas, der Scirocco.

Während früher die Dampfer in La Goulette anlegten und die Passagiere
mit einer kleinen Bahn, die sich im Besitz von Florio-Rubattino
befindet, nach Tunis befördert wurden, haben die Franzosen seit zwei
Jahren einen Kanal eröffnet, der in Länge von einer Stunde die Lagune
von Tunis, den See El Bahira durchschneidet. Für die Reisenden ist
dadurch eine große Bequemlichkeit geschaffen, denn sie fahren jetzt
unmittelbar bis an den Quai von Tunis. Den Schaden hat La Goulette und
vor allen Dingen die italienische Eisenbahn.

Bevor wir im Kanal einlaufen, nehmen wir den Lootsen an Bord, der in
einem mit vier Negern bemannten Boote herankommt. Gleichzeitig betreten
die Postbeamten, nacktfüßige Araber in malerischen Gewändern, mit
ihnen schwarze Gepäckträger und zudringliche Hôtelführer das Schiff.
Man hat jetzt den vollen Blick auf das grellweiße Häusermeer von
Tunis, das sich vom Strande bis zu einer Hügelkette, von welcher die
Stadt im Süden umschlossen wird, emporzieht. Die »Asia« legt an, eine
Treppe stellt die Communication mit dem festen Lande her, arabische
und schwarze Träger ergreifen die Bagage und schleppen sie zur Douane,
die höflich und ohne große Peinlichkeit geübt wird. Am bequemsten ist
es, sich dann einem Hôtel anzuvertrauen, dessen Beamter das Nöthige
besorgt. Meine deutschen Reisegefährten wollen Privatlogis aufsuchen,
und im Nu haben sich sämmtliche anwesende Droschkenkutscher der
verschiedenen Gepäckstücke bemächtigt und führen einen erbitterten
Faustkampf um die Beute. Rathlos steht das Ehepaar mitten in dem tollen
Gewühl, das sich zu einer allgemeinen Hauerei entwickelt, an der alle
am Hafen Anwesenden vergnügt theilnehmen. Ich sehe nur noch, wie der
Handkoffer von Madame als Wurfgeschoß benutzt wird und einem stämmigen
Neger an den Kopf fliegt, wobei jedenfalls der Handkoffer mehr Schaden
nimmt als der wollige Dickschädel. Dann führt mich der Omnibus zu den
gastlichen Pforten des Grand-Hôtel.


II.

Stadt und Bevölkerung.

    Culturbild auf der Trambahn. -- Markthallen und Bazare. --
    Palast des Bey. -- Der Herr Oberst nimmt Bakschisch. --
    Tunesisch-französische Sittlichkeit. -- Sadok Bey und seine
    Getreuen. -- Die »Ritter vom Zähringer Löwen«.

Der dem Hafen und der Lagune El Bahira zunächst gelegene Theil von
Tunis macht durchaus den Eindruck einer mittleren, französischen
Provinzstadt. Unmittelbar neben der Hafendouane klingelt dem Ankömmling
die Pferdebahn entgegen, und wenige Schritte weiter steht ein Grand
Café de Paris. Ein breiter, baumbepflanzter Boulevard führt geradlinig
bis nach dem Mittelpunkt des europäischen Verkehrs, der Avenue de
France. Elegante Läden mit Pariser Novitäten, zahllose Cafés und
Restaurants nehmen diese Straße ein. Man würde sich in Europa wähnen,
wenn sich nicht hie und da über einer Hofmauer der schlanke Hals eines
Kameels erhöbe oder auf flüchtigem Roß ein Araber mit nachflatterndem
weißen Burnus über den Weg dahingaloppirte. Ein frappantes Beispiel,
wie in Tunis Orient und Occident einander berühren, bieten die
vorbeirollenden Sommerwagen des Tramway. Die Conducteure sind meist
Malteser, die Kutscher pechrabenschwarze Neger. Im Passagierraum sitzt
neben dem tadellos gekleideten französischen Beamten ein schmutzig
brauner Berber, neben der eleganten Modedame, deren riesige Ballonärmel
sich im Winde blähen, die breithüftige Jüdin in ihren engen, um das
Knie zusammengeschnürten Hosen, die zuckerhutförmige, spitze Behauptung
auf dem Kopfe. Ein junger Lieutenant der Chasseurs d'Afrique klemmt
das Monocle ein und fixirt ein Araberweib, aus deren schwarzer, das
Antlitz dicht verhüllender Gesichtsmaske die dunklen Augen lebhaft
hervorleuchten. Ein ganzes Culturbild -- solch' ein tunesischer
Pferdebahnwagen.

Im modernen Theile der Stadt liegen die Bahnhöfe: der italienische
für La Goulette, La Marsa (Residenz des Beys) und Carthago; der
französische für Hammann el Lîf, Biserta und Algier. In der
Rue d'Allemagne erhebt sich ein prachtvolles, sehr zweckmäßig
eingerichtetes neues Postgebäude und nicht weit davon das umfängliche
Viereck der Markthallen. Diese, wie alle europäischen Markthallen, sind
im Grunde nichts Anderes, als eine solidere Nachahmung der türkischen
Bazare, Sûks genannt, in denen sich die Läden an überwölbten Wegen
zusammendrängen. Das Leben und Treiben in diesen vornehmlich der
europäischen Colonie dienenden Räumen ist besonders zur Vormittagszeit
eigenartig. Zunächst fällt dem Beschauer auf, daß alle Verkaufsstände
von Männern eingenommen werden. In Tunis giebt es also keine
Hökerweiber, sondern nur Hökermänner. Die Geschwätzigkeit scheint aber
nicht am Geschlecht, sondern am Gewerbe zu hängen, denn die Verkäufer
vom männlichen Stamme reden mindestens eben so viel, wie ihre
deutschen Colleginnen. In der Mitte des weiten Hofes erhebt sich der im
maurischen Stil kokettirende Fisch-Pavillon. Dort herrscht der meiste
Lärm -- wiederum ~tout comme chez nous~. Im Hofe lagern nachlässig
dahingestreckt schmutzige Kameele, und in dichten Reihen drängen sich
mißmuthige Esel aneinander, die riesigen Marktkörbe auf dem Rücken.
Zwischen der Thierwelt hocken Araber und Juden, zanken, feilschen und
gerathen sich einander in die Haare. Der französische Polizist, correct
und scheinbar waffenlos -- er trägt einen Revolver unter dem Rocke
-- mischt sich nur ein, wenn der freundschaftliche Streit in allzu
grobe Thätlichkeiten ausartet. Durch all diesen Wirrwarr schreiten
mit der Ruhe der Gewohnheit die Damen der europäischen Colonie und
machen ihre Einkäufe. Jede hat einen braunen, barfüßigen Berberjungen
hinter sich, in dessen seltsam geformten, runden Tragekorb die Waaren
gelegt werden. Die kleinen Kerle, die sich bescheiden an den Thoren der
Markthalle mit den Worten »~Madame, moi porter~«, anbieten, tragen
eine sackartige Kapuze über Kopf und Rücken. Ueber diese Kapuze ziehen
sie die Schnur des Korbes um die Stirn und schleppen so mit dem Kopfe
oft ganz beträchtliche Lasten. Kostspielig sind diese kleinen, hübschen
und stets vergnügten Dienstmänner nicht; denn sie geben sich mit ein
paar Sous zufrieden, die dann das Capital bilden für ein am Nachmittag
mit einigen Collegen zu entrirendes kleines Jeu. Sie spielen mit sehr
schmutzigen Karten und ungeheurem Eifer ein Hazardspiel, das mit Poker
eine gewisse Aehnlichkeit zu haben scheint.

Der europäische Theil der Stadt reicht bis zur Porte de France, die
architektonisch sehr wirksam die Avenue de France abschließt. Dies
war früher die streng verschlossene Hauptpforte von Tunis, und ihre
jetzt Tag und Nacht weit offen stehenden Thürflügel, über denen die
stolze Chiffre ~R. F.~ (République Française) prangt, bezeichnen den
Weg, durch den die abendländische Cultur ihren Einzug gehalten hat.
Von der kleinen Place de la Bourse, die sich hinter dem Thore rundet,
streben fächerförmig vier Straßen nach den verschiedenen Quartieren, in
denen sich die Hauptstämme der Bevölkerung, die Araber und Mauren, die
Malteser und Juden, zusammengeschlossen haben. Die wichtigste dieser
Verkehrsadern, die schmale Rue de la Kasbah, führt in unablässigem
Zickzack durch das Herz des arabischen Quartiers nach der Kasbah,
der Citadelle von Tunis. Ein Gang durch diese Gasse versetzt den
Spaziergänger sofort in die bunte Welt des Orients. In malerische,
weite weiße Gewänder gehüllt, den Turban oder den Fez auf dem Haupte,
sitzen würdevolle Araber mit gekreuzten Beinen in ihren winzigen
Lädchen und Werkstätten und harren geduldig eines Käufers. Behutsam
watscheln voluminöse Jüdinnen vorbei, deren gassenfüllender Corpulenz
schwer auszuweichen ist, und, stummen Schatten gleich, huschen
vermummte Araberfrauen scheu die Mauer entlang. Rechts und links öffnen
sich Ausblicke in die dem Fremden untersagten Thorbögen einer Moschee
oder in majolicagepflasterte Höfe, in denen sich buntgekleidete,
lustige Kinder tummeln. Das Alles giebt ein Bild, das, so oft es
auch geschildert worden ist, seinen ganzen, geheimnißvollen Reiz
erst ausübt, wenn man es selbst erschaut. Was gerade dem aus Italien
kommenden Fremdling sehr angenehm auffällt, das ist die Ruhe auf der
Straße, das zurückhaltende Benehmen der Bevölkerung, die Sauberkeit
der Häuser. Kein überflüssiges Geschrei der Verkäufer, keine kindisch
belästigende Neugier und alberne Zudringlichkeit, keine ekelerregenden
Schmutzhöhlen. Man sagte mir einmal als Entschuldigung für das
widerwärtige Treiben, das in den schmutz- und lärmerfüllten Straßen
Neapels herrscht, Neapel wäre schon mehr eine afrikanische, als eine
europäische Stadt. Man hat mit diesem leichtsinnigen Ausspruche Afrika
schweres Unrecht gethan. Das unsauberste und übelriechendste Quartier
von Tunis ist denn auch richtig das der Malteser und Italiener.

Nur in den tunesischen Bazars oder Sûks gebrauche man dieselbe
Vorsicht, die in den Läden Neapels und Venedigs angebracht ist. In
den engen Abtheilen dieser an bedeckten Straßengängen sich entlang
ziehenden Verkaufshallen liegen wahrhafte Schätze an Schmucksachen,
kostbaren Essenzen, prachtvollen Teppichen und Seidenstoffen
verborgen. Aber schon der Einkauf einer Kleinigkeit gehört zu den
zeitraubendsten und unangenehmsten Aufgaben. Die meisten Händler
sprechen und verstehen nicht Französisch. Man ist also auf einen
Dolmetsch oder Führer angewiesen und diesen Herrschaften, die mit
den Kaufleuten unter einer Decke stecken, ist erst recht nicht zu
trauen. Die wenigen, fremde Sprachen beherrschenden Verkäufer wollen
aus diesem Vorzuge besonderes Capital schlagen und verlangen enorme
Preise. Wer unbedingte Sachkenntniß besitzt -- es wimmelt von allerlei
gefälschten Kostbarkeiten! -- wer die Geduld hat, drei- bis viermal den
Laden zu verlassen und sich eben so oft wieder zurückholen zu lassen,
wer so zäh ist, daß er ungefähr den fünften Theil des ursprünglich
Verlangten bietet und an diesem Standpunkte stundenlang annähernd
festhält, der wird vielleicht in den Sûks kaufen können, ohne allzu arg
übervortheilt zu werden. Wer aber diese Sachkenntniß nicht besitzt
oder aber ungeduldigen Temperamentes ist, der verzichtet besser auf die
zweifelhaften Freuden eines Einkaufes.

Verläßt man die Bazare und wandelt bis an's Ende der Rue de la Kasbah,
so erreicht man einen baumgeschmückten Platz, der von der alten
Citadelle, der jetzigen Kaserne des französischen Zuaven-Regiments,
dominirt wird. Zu ihr im rechten Winkel steht das Schloß des Beys, das
jedem Besucher zugänglich ist. Allzu viel ist freilich darin nicht zu
sehen. Man zeigt einige Säle mit schönen Stuckfiligran-Plafonds, dann
die Privatzimmer des Bey mit wurmstichigen Möbeln, endlich den früheren
Berathungs-Saal mit dem sehr wackeligen Thron -- wohl symbolisch
aufzufassen! -- und einer den Ministertisch überziehenden, ehemals
rothen Decke, die so fleckenbesät ist, als hätten die dereinstigen
Würdenträger von Tunis ihre ganze Wuth über den Tractat mit den
Franzosen in Tinte verspritzt.

Als Führer durch alle diese Sehenswürdigkeiten dient ein beleibter,
uniformirter Herr, dessen stolze Brust mit Orden bedeckt ist und vor
dem die tunesischen Wachen präsentiren. Es ist der »Schloßhauptmann«,
der den martialischen Titel »Oberst« führt. Mit Würde geleitet er mich
wieder zur Pforte und hält dann die Hand hin. Sollte der Herr Oberst
etwa ein »Backschisch« wollen? Bädeker sagt in seiner mit Recht so
beliebten Kürze: Trinkgeld 1 Franc. Es ist auch mehr als genug in
Anbetracht der mäßigen Wunderdinge, die der Palast enthält. Aber einem
Herrn, der so hoch auf der tunesischen Rangliste hält und so viele
schöne Orden besitzt, einen Franc zu geben, ist mißlich. Ich wage es
dennoch, in der Befürchtung, daß der gekränkte Würdenträger mir die
Münze vor die Füße werfen oder mich auf krumme Türkensäbel fordern
wird. Nichts von alledem. Der Herr Oberst macht einen tiefen Bückling,
sagt ein gerührtes »~Merci~« und murmelt ein paar arabische Worte, die
nach Aussage meines Dolmetschers bedeuten: Beehren Sie mich bald wieder.

Der Bey und seine Getreuen sind nämlich sehr knapp bei Kasse. Dahin
sind die schönen Zeiten, wo der Fürst und seine Minister ungezählte
Millionen von ihren lieben Unterthanen erpreßten. Die Franzosen haben
die Verwaltung in die Hand genommen, Seiner Hoheit die Schulden
bezahlt und ihm außerdem eine jährliche Rente von einer Million Francs
ausgesetzt. Davon muß der zur Ruhe gesetzte Ali Bey seine Hofhaltung
und seine Armee (250 Mann stark) bestreiten. Kein Wunder, daß der Sold
nicht immer prompt gezahlt wird. Und man versichert glaubwürdig, daß
der Herr Oberst, der Commandirende des Schlosses, lediglich auf die
Fremden-Trinkgelder angewiesen sei. Der Bey, ein alter Herr von 80
Jahren, residirt in seiner Villa zu La Marsa, die dicht am Meer und
wenige Minuten von den »Trümmern Carthago's« entfernt liegt. Dort hat
er seinen Marstall und seinen stark besetzten Harem, der freilich,
Angesichts des hohen Alters des Fürsten, mehr decorativen Zwecken dient.

Die einzige Herrscherthätigkeit, die der Bey noch ausübt, ist die
Rechtsprechung. Bei wichtigeren Criminalfällen, besonders zu solchen,
auf denen Todesstrafe steht, begiebt der Bey sich nach der Stadt und
sitzt zu Gericht. Doch giebt es einen Recurs gegen seinen Richterspruch
an den obersten Kadi. Auch sonst ist die Jurisdiction über die
Eingeborenen in den Händen der tunesischen Richter geblieben, während
in allem Uebrigen das französische »Protectorat« in Wahrheit die
französische Herrschaft bedeutet.

Die hiesige französische Garnison, deren Commandant zugleich
tunesischer Kriegsminister ist, besteht aus je einem Regiment Zuaven,
Chasseurs d'Afrique und Spahis. Besonders die Zuaven sind ein
brillantes Corps. Schlanke Leute mit kühnen, gebräunten Gesichtern,
denen die im türkischen Stile gehaltene Uniform -- man kennt sie in
Deutschland von 1870 her -- vortrefflich steht. Wenn die Schaarwache
der Zuaven des Abends im Laufschritt, Trompetengeschmetter vorauf,
und die Mannschaft mit Fackeln in der Hand, die Straßen der Stadt
durcheilt, begleitet von Neugierigen in den buntscheckigsten
Gewändern, so bietet dieser Aufzug einen Anblick von ganz besonderen
phantastischen Contouren.

Die Araber von Tunis sind im Allgemeinen von weit friedlicherer
Art, als ihre Stammesgenossen in Marokko. Sie lassen sich ruhig das
französische Regiment gefallen, ohne es freilich zu lieben. Wenigstens
sind sie der ewigen Steuererpressungen ledig, unter denen sie früher zu
leiden hatten. Die Franzosen sind auch klug genug, die Gewohnheiten und
Eigenthümlichkeiten der Eingeborenen zu respectiren. Z. B. darf kein
Europäer die Moscheen betreten, während jene von Algier dem Besucher
freigegeben sind. Nur im Punkte der öffentlichen Sittlichkeit sind
die neuen Herrscher energisch vorgegangen und mit dem Erfolge, daß
in dieser Beziehung Tunis den meisten europäischen Großstädten zum
leuchtenden Muster dienen konnte. Selbst in der Nacht sind die Straßen
rein von zweifelhaften Elementen, und der Fremde, der nach Tunis geht,
um »Sittenstudien« zu machen, kommt nicht auf seine Kosten.

Das hier Erreichte ist um so bemerkenswerther, als in Tunis in den
siebziger Jahren die zügellosesten Zustände herrschten. Sadok Bey,
Ali's Vorgänger, gab seinen Unterthanen nicht die besten Beispiele
in seiner persönlichen Führung. An seinem Hofe machte sich die
ausgesprochenste Günstlingswirthschaft breit, ja die sämmtlichen
Minister und Vertrauensmänner des Fürsten verdankten ihre Stellungen
weniger ihrer Tüchtigkeit, als -- anderen Eigenschaften. So war der
allmächtige Vezier, Mustapha ben Ismaïl, ursprünglich Barbiergehilfe
gewesen, ehe er es verstanden hatte, dem Bey durch seine Schönheit
aufzufallen. Seitdem leitete er die Geschicke des Reiches, dessen
Kasse er nicht selten mit der seinigen verwechselte. Als seine
Herrlichkeit zu Ende ging, konnte er wohlgezählte 80 Millionen Francs
redlich gestohlener Gelder mit auf den Weg des Ruhestandes nehmen. Der
schnöde Mammon ist freilich nicht bei ihm geblieben. Der gute Mustapha
ging nach Frankreich, und dort haben ihm die freundlichen Damen von
Paris und die Croupiers von Monte-Carlo seinen Reichthum allmählich
wieder abgenommen. Der Reichskanzler und Millionär a. D. lebt jetzt
in Konstantinopel von einem Gnadengehalt, das ihm der Sultan zahlt.
Mustapha ben Ismaïl war allerdings der Hauptspitzbube, aber er hatte
zahlreiche Genossen, die mit ihm um die Wette raubten und plünderten.
Man kann sich kaum einen Begriff machen, woher diese Blutsauger die
Unsummen genommen haben, denn Tunis, arm an Industrie und Handel, ist
keineswegs ein reiches Land.

Die Erinnerung an diese saubere Gesellschaft wurde kürzlich auf eine
für Deutschland nicht gerade rühmliche Weise aufgefrischt. Von Baden
aus recherchirte man zu irgend einem statistischen Zwecke nach dem
Verbleib der tunesischen -- Ritter vom Zähringer Löwen. Es waren,
wenn ich recht berichtet wurde, drei Würdenträger des Sadok Bey,
die wahrscheinlich bei einem fürstlichen Besuch den hohen Orden
erhalten hatten. Die Schicksale des einen Decorirten, eben jenes
Mustapha ben Ismaïl, habe ich eben erzählt, der zweite ist gestorben
oder verschollen, der dritte heißt Elias Chaloum und war früher
Kriegsminister. Jetzt ist er etwas bescheidener geworden und fungirt
als -- Steuereinnehmer an der Bab el Kadrah mit einem Gehalte von
3 Francs täglich. Ob er bei seinem jetzigen Geschäfte immer den
»Zähringer Löwen« trägt?


III.

Tunesische Vergnügungslocale.

    Zuaven-Concerte. -- Der Bauchtanz. -- Die »Beuglants«. -- Die
    Riesendame haut. -- Mr. Rheyal und der Moralist von Tunis.
    -- Auf den Trümmern von Carthago. -- Bjil Kader. -- Ein
    afrikanisches Seebad.

Es mangelt nicht an abendlichen Vergnügungen in Tunis. Zwar die
Theater, von denen eines den für Schaubühnen nicht ganz gewöhnlichen
Namen Teatro Cohn führt, spielen im Sommer nicht. Dafür giebt es
Zuaven-Musik, arabische Cafés und französische Tingel-Tangels, nach
Pariser Muster »Beuglants« genannt.

Die Zuaven-Kapelle läßt sich wöchentlich drei Mal auf der kleinen
Promenade der Avenue de la Marine hören. Dort sitzen die Musiker
auf eleganten Gartenstühlen, und in weiter Corona um sie herum
das lauschende Publicum. Das Programm ist jedenfalls nicht vom
chauvinistischem Standpunkte aus aufgestellt. Seine Haupt- und
Paradestücke bilden eine Phantasie aus der »~cavalleria rusticana~«
-- selbst in Tunis kann man den Wimmertönen des Intermezzos nicht
entgehen -- Weber's »Aufforderung zum Tanz« und Beethovens »Adagio
aus der ~Cis-Moll~-Sonate«. Die Leute spielen ganz brav, aber das
Beethoven'sche Adagio von einem kriegerischen Trompeter-Corps
vorgetragen zu hören, bleibt ein zweifelhafter Genuß, zumal, wenn man
ihn öfters hat. Und da die Zuaven immer dasselbe Programm executiren,
mit kleinen Variationen nur in den Nebenstücken, so sind die Verdienste
des Dirigenten um die tunesische Musikpflege keine ganz unbestrittenen.

Die großen arabischen Cafés, die von den Fremden hauptsächlich
besucht wurden, des dort gezeigten _Bauchtanzes_ wegen, der seit
der Weltausstellung auch in Paris heimisch ist, gruppiren sich um
den viereckigen Platz Halfa-Ouïne. Seit einiger Zeit ist jedoch den
dortigen Etablissements die Erlaubniß zur Production des Bauchtanzes
entzogen worden, und die Cafés von Halfa-Ouïne dienen jetzt nur noch
zur Erholung für die arabischen Elegants, die sich allabendlich in
dichten Schaaren einfinden und mit Andacht ihren »Kaoua« schlürfen.
Der Bauchtanz hat sich in die Stadt zurückgezogen und kann dort von
kunstsinnigen Interessenten aufgesucht werden. Sehr comfortabel
sind die betreffenden Locale nicht. Eine Bretterbude mit Segeltuch
bedeckt und mit langen Holztischen ausgestattet, an denen die Gäste
sitzen. Im Hintergrunde erhebt sich die kleine bühnenmäßige Estrade,
auf der das Tänzerinnen-Corps Platz nimmt. Es sind Mauresken oder
Jüdinnen, mit interessanten, scharfgeschnittenen Gesichtern, die
sie häufig durch eine kinnbartartige Tätowirung entstellen. Die
obligate Musik besteht aus Clavier, Mandoline und Flöte. Sie ist von
hervorragender Eintönigkeit. Die ersten beiden Instrumente bewegen
sich unausgesetzt auf Mitteltönen, und dazu wirft die Flöte, alle
drei Tacte etwa, ein paar gellende Quietscher ein. Der »Bauchtanz«,
der zu dieser nervenreizenden Musik geleistet wird, besteht in einem
eigenthümlichen, halb wiegenden, halb watschelnden Schreiten, das von
heftigen, krampfartigen Zuckungen der mittleren Körpertheile begleitet
wird. Hat sich die Tänzerin bis zu einem gewissen Grade begeistert,
so feuert sie ein schaurig-schöner Chorgesang der Gefährtinnen zu
weiterem Thun an. Die Bewegungen werden immer heftiger und wilder,
bis die tunesische Balleteuse erschöpft innehält und -- sammeln geht.
Die Dame, deren Bauchkünste zu schauen mir vergönnt war, hatte dabei
ihren besonderen Truc. Von den einheimischen Gästen nahm sie ruhig
den üblichen Sou entgegen, bei den Fremden aber wies sie das Kupfer
zurück und verlangte Silber. Als diesem Verlangen nicht entsprochen
wurde, schmollte die Schöne und erklärte, ihre anregende Thätigkeit
nicht eher wieder aufnehmen zu wollen, bis sie Silber gesehen habe. Um
diesem »Bauchtanz-Strike« ein Ende zu machen, zogen wir es vor, das
Local zu räumen. Noch ehe wir die Schwelle erreicht hatten, war die
strikende Tänzerin bei uns, erklärte sich jetzt bereit, auch Kupfer zu
acceptiren, und streckte das mit Hennah roth gefärbte Händchen hin. Ich
begnügte mich, der jungen Dame freundschaftlich die Hand zu drücken.
Die Undankbare aber bewies keinen Sinn für civile Umgangsformen, denn
sie überhäufte mich mit einer Fluth nationaler Schimpfworte.

Durchaus im europäisch-pariserischen Stile gehalten sind die
»Beuglants«. Es giebt deren in unmittelbarer Nähe der kurzen Avenue de
France nahezu ein Dutzend, die sich durchweg mit dem Namen der großen
Pariser Tingel-Tangels brüsten. Man trifft da eine »~Horloge~«, ein
»~Café des Ambassadeurs~«, ein »~Grand Eden~« u. s. w. Gepflegt wird
hauptsächlich das französische Chanson und der Pariser Cancan. Die
Leistungen sind fast durchweg gräßliche. Es muß ein ungelöstes Räthsel
bleiben, wie es den artistischen Leitern der besagten Etablissements
gelungen ist, eine solche Menge ältlicher, häßlicher und total
stimmloser Damen aufzutreiben. Die Eintrittspreise sind freilich sehr
niedrig bemessen, aber der Besuch einer Vorstellung wird trotzdem
ziemlich kostspielig durch die Sitte des Einsammelns seitens der
»Künstler«. Wie eine Fußnote des Programms ausdrücklich mittheilt,
erhalten die Artisten seitens der Direction nur die Beköstigung und
sind im Uebrigen auf die Erträgnisse des Sammelganges angewiesen. Sowie
also die Chansonnette ihre Nummer erledigt hat, schlägt sie ein Tuch
um die entblößten Schultern und steigt zum Volke herab. Sie ist dabei
bescheidener als ihre arabische Collegin, denn der übliche Obolus im
Betrage von einem Sou wird stets mit Dank in Empfang genommen. Da aber
ungefähr 20 Damen an der Vorstellung theilnehmen, deren Jede bei der
Kürze ihrer Nummern zwei- bis dreimal zum Sammeln kommt, so ergiebt
sich ein ganz nettes Sümmchen, das der Besucher für die zweifelhaften
Genüsse aufzuwenden hat. Das Hübscheste an den Vorstellungen sind
allerlei Episoden, die nicht auf dem Programm stehen. So geschah es
eines Abends im ~Grand Eden~, daß ein mißmuthiger Araber sich nicht nur
weigerte, seinen Sou zu spenden, sondern der drängenden Sängerin noch
einen Fußtritt versetzte. Auf der Stelle erhielt er von zarter Hand
eine so kolossale Ohrfeige, daß er buchstäblich vom Stuhle fiel. Als
das Publicum dieser muskulösen Vertreterin des schwachen Geschlechts
Ovationen brachte, lehnte sie diese bescheiden mit dem Bemerken ab, sie
sei früher -- »Kraftdame« gewesen.

Ein anderes Intermezzo ereignete sich in den »~Ambassadeurs~«, wo Mr.
Rheyal de Paris, »~diseur des chansons rabelaisiennes~« auftrat. Das
Chantant befindet sich in einem offenen Garten, und als Mr. Rheyal sich
gerade mitten in einem seiner saftigsten Vorträge befand, erscholl
plötzlich vom Dache eines Nachbarhauses der liebenswürdige Ruf: »Sie
Possenreißer, hören Sie doch endlich auf mit ihren Schw...! Ganz
verblüfft antwortete Mr. Rheyal: »Aber das Lied ist von Béranger.«
»Mir gleich,« klang es zurück, »Schw... sind es doch.« Man sieht, es
giebt noch streng moralische Leute in Tunis.

Die Umgebung der Stadt bietet manche Gelegenheit zu Ausflügen.
Obligatorisch sozusagen ist natürlich die Fahrt nach Carthago. Man
benutzt hierzu die italienische Eisenbahn von Florio-Rubattino, eine
höchst merkwürdige Anlage. Sie verbindet Tunis mit La Goulette und
La Marsa in einem regelrechten Dreieck. Da die Station für Carthago
zwischen den beiden letztgenannten Orten liegt, so differirt die
Fahrtdauer zwischen 30 Minuten und 1½ Stunden, je nachdem man eine oder
mehrere Seiten des Dreiecks absolviren muß. Um sich in dem verzwickten
Fahrplan dieser Kleinbahn zurecht zu finden, dazu gehört an sich schon
ein beträchtliches Orientirungsvermögen.

Man verläßt den Waggon in La Malka, einem kleinen schmutzigen
Berberdorfe, in dem das Vieh in innigster Gemeinschaft mit dem Menschen
lebt. Der triste Ort verdient aber doch eine eingehendere Besichtigung.
Er ist nämlich auf den Cisternen Carthagos erbaut, die verhältnißmäßig
gut erhalten sind. Die Bewohner benutzen diese Baulichkeiten als
Keller, Ställe oder Sommerfrische. Als ich mich in eine der mächtigen
unterirdischen Wölbungen wagte, störte ich zunächst das Wochenbett
einer Katze, dann traf ich einen ehrwürdigen älteren Herrn, der Wein
pantschte, und endlich drei wild blickende Berber, die bei Fackelschein
einen arabischen Dreimänner-Skat klopften.

Von La Malka aus sind es nur wenige Schritte bis zur Byrsa, dem
Burghügel von Carthago. Er war der Mittelpunkt des wüthenden
Schlachtens, als Scipio seine Legionen gegen die verzweifelten
Carthager führte. Jetzt liegt der niedere Hügel freundlich im
Sonnenlichte, und sein Plateau krönt eine gewaltige, im orientalischen
Stil erbaute Kathedrale, deren impertinent weißer Anstrich das Auge
blendet. Die Kirche verdankt ihr Entstehen dem bekannten Cardinal
Lavigerie, der bei seinem 1892 erfolgten Tode hier beigesetzt wurde.
Außer dieser Grabstätte bietet das in großen Dimensionen gehaltene
Innere nichts Sehenswerthes. Hinter der Kathedrale liegt ein
freundlicher Garten, der einige minderwerthige Antiken, ein kleines
Museum und die Kapelle mit der angeblichen Grabstätte des heiligen
Ludwig beherbergt. Sein Standbild überragt den Altar.

Von den ursprünglichen Riesenbauten der Byrsa ist Nichts erhalten
geblieben. Am östlichen Abhange hat man einige Gräber- und
Häuser-Ueberreste bloßgelegt. Diese stammen aber ersichtlich aus der
späteren, römischen Zeit. Verläßt man den Garten und tritt an den
Nordrand des Hügels, so hat man den vollständigsten Ueberblick über
das Gesammtterrain der alten Carthager-Stadt. Tief unten zur Rechten
erblickt man die beiden in ihrer Form wohl conservirten, kreisrunden
Häfen, den Militär- und den Handels-Hafen. Beide sind durch eine
schmale Landzunge getrennt, über die einst die starke Umfassungsmauer
hinweglief, die den Militärhafen einschloß. Zur Linken erstreckt sich
eine breite, hügelige Einsenkung dreiviertel Stunden weit bis zu
dem steil in's Meer abfallenden Cap Carthago, auf dessen Vorsprüngen
sich ein Leuchtthurm und das stattliche Araberdorf Sidi bou Saïd
erheben. Zwischen der Byrsa und dem Cap lag der Haupttheil der alten
Stadt. Heute sieht man auf diesem Terrain nur ein paar vereinzelte
Häuser, darunter eine der Bruderschaft vom heiligen Ludwig gehörige
Missionsschule. An Ausgrabungen werden gezeigt die Reste einer
römischen Basilika, eine angeblich punische Nekropole mit zahlreichen
unterirdischen Grabgängen, endlich die sogenannten »kleinen Cisternen«,
die von der französischen Verwaltung vollkommen restaurirt worden und
zur Wasserversorgung der Umgegend bereit sind.

Einige authentische Ueberreste des ältesten Carthago finden sich hart
am Ufer des Meeres. Es sind die gewaltigen Unterbauten einer antiken
Construction, wahrhaftige Riesenblöcke, die den Stürmen der Römer
und den Verheerungen der Jahrtausende getrotzt haben. Im Schatten
dieser Trümmer läßt es sich gut ruhen, vor sich das tiefblaue Meer,
über das hie und da ein weißes Segel zieht. Plötzlich wird die
Idylle unterbrochen durch ein langgezogenes, in unmittelbarer Nähe
erklingendes Trompetensignal. Es kommt vom nahen Fort Bordj Djdid. Bjil
Kader, mein kleiner Führer, ein strammer Berberjunge aus der Malka,
meint in seinem gebrochenen, aber ganz passablen Französisch: »Ich
möchte jetzt Zuave sein, denn es bläst zum Essen.« Der kleine Kerl
hat überhaupt schnurrige Einfälle und waltet seines Führeramtes mit
solchem Eifer, daß er mir einen vorbeifahrenden, älteren Herrn als den
(seit Jahren verstorbenen) Cardinal Lavigerie bezeichnet. Es ist Zeit
zur Rückkehr nach der Station. Dort ist der Zug bereits eingetroffen,
aber da der Zugführer gehört hat, daß sich ein Fremder auf Carthago
befinde, so kommt es ihm auf ein paar Minuten Wartens nicht an. Bjil
Kader steckt mit seligem Lächeln die beiden als Extragabe erhaltenen
Cigaretten auf einmal in den Mund und behauptet, daß er jetzt weit
besser dampfe als die Locomotive. Dann leistet sich das Dampfrößlein
einen dünnen Pfiff, und bald sind die öden und doch so reizvollen
Gefilde, auf denen sich einstens eine der größten Culturstätten des
Alterthums befand, dem Blicke entschwunden.

Ein anderer, landschaftlich genußreicher Ausflug führt nach dem am
Ostrande des Golfes von Tunis gelegenen Hammam el Lîf. Die Verbindung
nach dort vermittelt ein Secundärstrang der französischen Eisenbahn.
Schon die kurze Fahrt bietet prächtige Ausblicke. Zur Linken breitet
sich das Meer, zur Rechten läuft eine Hügelreihe, die mit malerischen
Forts, Dörfern und Heiligengräbern besetzt ist. Die Bahntrace führt
geradenwegs auf den seltsam geformten Bou Kornin zu, einen Berg, der
mit seinem lang hingestreckten Vorgelände und seinem Doppelgipfel
einem riesigen, in der Ruhe versteinerten Kameel auf's Haar gleicht.
Am Südhange des Bou Kornin liegt Hammam el Lîf, seit langer Zeit
wegen seiner heißen Schwefelquellen der beliebteste Badeort für die
wohlhabende jüdische und arabische Bevölkerung von Tunis. Neuerdings
hat sich ein französisches Unternehmer-Consortium gebildet, das die
kühne Absicht hegt, Hammam el Lîf zu einem fashionablen Seebade zu
gestalten. Sehr viele Umstände begünstigen die Ausführung des Planes.
Der Strand hat weichen Sandboden, und die Tiefe des Meeres nimmt nur
ganz allmählich zu. Der Wellenschlag ist für südliche Verhältnisse
kräftig, die Lage des Ganzen zauberhaft und die Temperatur angenehm
und milde. Die Gesellschaft hat bereits Straßen abgesteckt, einige
luftige freundliche Villen errichtet und ein imposantes Casino mit
Restaurationsterrasse, Spielsälen, Garten und Sommertheater geschaffen.
Das provisorische Bade-Etablissement ist dagegen ziemlich primitiv. Es
wird trotzdem, hauptsächlich Sonntags, von der französischen Colonie
stark frequentirt.

Der Besuch des Casinos hat allerdings seit vorigem Jahre Rückschritte
gemacht. Damals waren die Spielsäle Abend für Abend überfüllt, denn man
fand dort all die netten, kleinen Spielgelegenheiten, durch die sich
Monaco so vortheilhaft auszeichnet. Vornehmlich die arabisch-jüdische
~jeunesse dorée~ oblag hier mit rühmlichem Eifer dem Roulette. Der
neue französische Gouverneur hat diesem Treiben zur geringen Freude
der Casinogesellschaft ein Ende gemacht, und jetzt beherbergt der
Spielsaal nur noch die zahmen ~petits chevaux~, eine Unterhaltung, die
immerhin in Ermangelung einer besseren lebhaft gewürdigt wird. Es ist
entschieden ersprießlicher, den heißen Raum zu verlassen und sich den
Sonnenuntergang zu betrachten, der Berg und Meer mit den herrlichsten,
fast könnte man sagen unwahrscheinlichsten Farben-Reflexen vergoldet.
Es ist ein selten schönes Fleckchen Erde, dieses Hammam el Lîf, und
es könnte eine gefährliche Concurrenz werden für die heimatlichen
Seebäder, wenn es -- etwas näher zu Berlin läge.


IV.

Vom tunesischen Judenthum.

    Werk der ~alliance israélite~ in Tunis. -- Schulen und Schüler.
    -- Parienti's Ackerbaucolonie. -- Eine orthodoxe Hochzeit. --
    Die genudelte Braut und ihr Toilettenwechsel. -- ~Povero sposo!~

Ein großartiges Unternehmen hat die ~Alliance israélite~ durch die
Begründung ihrer hiesigen Schulen in's Leben gerufen. Die jüdische
Bevölkerung von Tunis beträgt über 40000 Seelen. Für die Kinder
dieser Gemeinde gab es bis in die neueste Zeit nur die primitiven
Rabbinatsschulen, in denen ausschließlich hebräischer Religions-
und Leseunterricht ertheilt wurde. Auf Betreiben des Barons de
Castelnuovo, eines italienischen Philanthropen, richtete die
Alliance ihr Augenmerk hierher und eröffnete 1878 in einem zu diesem
Zwecke erworbenen Hause zuvörderst eine Knabenschule. Trotz des
Mißtrauens, das die Rabbiner und der überwiegende Theil der jüdischen
Bevölkerung gegen die abendländische Neuerung hegten, betrug dennoch
schon die Anfangsfrequenz 750 Schüler, ein Erfolg, der in erster
Reihe dem Umstande zu danken war, daß nicht nur der Unterricht
gratis ertheilt, sondern auch allen Kindern, die darauf Anspruch
machten, freie Beköstigung gewährt wurde. Auch sonst wurde des guten
Zweckes wegen diplomatisch vorgegangen, indem man für den Anfang
den Lehrkörper hauptsächlich mit Rabbinern besetzte und nur einige
wenige Elementarlehrer anstellte. Allmählich mit dem Erstarken des
Unternehmens wurde hierin Wandel geschaffen. Zur Zeit sind die Rabbiner
lediglich auf den Religionsunterricht beschränkt. Alle übrigen Fächer:
Französisch, Arabisch, Arithmetik, Geschichte und Geographie, werden
von wissenschaftlich gebildeten Lehrern ertheilt.

Im Jahre 1880 wurde dann eine Mädchenschule gegründet, die mit
22 Zöglingen begann. Hier war als einzige Bedingung der Aufnahme
europäische Kleidung der Mädchen vorgesehen. Bald darauf eröffnete
man ein drittes Werk, eine Art Vorschule (~école maternelle~), in der
die ganz Kleinen, und zwar Mädchen und Knaben zusammen, die ersten
Weisheitslehren empfangen. Die Entwickelung dieser Schulen von ihren
Anfängen bis zur Gegenwart ist eine ganz außerordentliche. Sie umfassen
jetzt 1200 Knaben, 600 Mädchen und 400 Vorschüler. Daneben ist ein
ausgedehnter Handwerksunterricht eingerichtet, verbunden mit einem
Abendcursus, der es den Handwerksschülern ermöglicht, ihre Schulstudien
fortzusetzen. Mit besonderer Vorliebe wird seitens der Schüler das
Buchdruckerei-Gewerbe erlernt. Aber auch Wagenbauer, Marmorarbeiter,
Kunstschmiede etc. werden ausgebildet.

Die Schulen der Alliance sind nunmehr in zwei Häusern untergebracht,
von denen besonders das den Mädchen reservirte ein stattliches,
freundliches Gebäude ist. Die Einnahmen des Unternehmens bestehen aus
einer den Schulen überwiesenen Fleischsteuer, einer baaren, von der
Regierung gezahlten Subvention, Ueberschüssen aus den Miethserträgen
der Häuser und den Zuschüssen der Alliance. Die Ausgaben für
Beköstigung und Bekleidung der Zöglinge haben sich vermindert. Man
hat nicht mehr nöthig, diese Vergünstigungen als Lockmittel für den
Schulbesuch auszuwerfen, nachdem die Eltern allmählich eingesehen
haben, welche Vortheile ihren Kindern durch einen geregelten
Unterricht zuwachsen. Nur den wirklich Bedürftigen wird noch der
Freitisch gewährt. Weniger erfolgreich ist man mit der Einführung
eines entsprechenden Schulgeldes gewesen. Kaum acht Procent der
Unterrichteten zahlen Schulgeld, aber man hofft mit der Zeit auch hier
eine Besserung zu erzielen.

Als vortrefflich sind die wissenschaftlichen Resultate der Schule zu
bezeichnen. Sie besitzt das Recht, ihren nach bestandenem Schluß-Examen
abgehenden Schülern das ~brévet élementaire~ auszustellen, das
zum Ertheilen von Unterricht an jeder französischen Normalschule
berechtigt, und verleiht dieser Diplome jährlich ungefähr zehn. Die
Abiturienten ohne Schluß-Examen erhalten ein »Studienzeugniß«, das
ihnen bei der Erlangung von Stellen, insbesondere bei der französischen
Administration, von großem Nutzen ist. Von derartigen Zeugnissen
werden durchschnittlich siebzig pro Jahr ausgestellt. Ein gleiches
Certificat erhalten die Mädchen, wenn sie die Schule verlassen. Der
beste Beweis für die Leistungen des Instituts ist wohl die Thatsache,
daß bei dem letzten Schul-Wettbewerbe die israelitische Schule die
höchste Auszeichnung erhielt. Sie wurde ~hors concours~ gestellt.

Der Lehrkörper besteht aus dem Director, einigen Rabbinern und circa
zwanzig Elementarlehrern, von denen mehrere aus der Anstalt selbst
hervorgegangen sind. An der Mädchenschule unterrichten eine Vorsteherin
und zehn Unterlehrerinnen. Darunter befanden sich noch vor Kurzem zwei
deutsche Damen, die Vorsteherin, Frl. Ungar, und die Lehrerin, Frl.
Braun. Beide wirken gegenwärtig in Adrianopel.

Bemerkenswerth ist, daß der Lehrplan nur sogenannte »moralische«
Strafmittel kennt. Schläge, Einsperren, Strafarbeiten etc. sind
ausgeschlossen. Man bewirkt dadurch, daß die Kinder mit Freuden die
Schule besuchen, und ein Nachtheil für die Disciplin ist durch diese
Milde noch nirgends erwachsen. Ueberhaupt ist der moralische Einfluß
der Schule sehr hoch anzuschlagen. Tausende von Kindern, die früher der
Straße oder der einseitigen, orthodoxen Erziehung unwissender Eltern
überantwortet waren, wachsen nun unter der sicheren Obhut der Schule
zu gebildeten, gesitteten Menschen heran. Noch unberechenbarer ist der
Nutzen für den weiblichen Theil der Schüler. Die Lehren, welche die
Mädchen hier im jahrelangen Unterricht empfangen, verhindern sie, sich
später wieder dem haremartigen, unwürdigen Scheinleben der tunesischen
Jüdinnen anzupassen, und so ist die stetig wachsende Zahl der
weiblichen Zöglinge die beste Gewähr für die allmähliche Ermöglichung
einer Emancipation von den bisherigen erniedrigenden Gewohnheiten.

Ich verdanke die bezüglichen Mittheilungen der Freundlichkeit des
gegenwärtigen Directors der Schulen, Herrn Parienti. Herr Parienti,
trotz seines italienischen Namens ein Franzose, ist eine sympathische
Erscheinung mit energischen Gesichtszügen und scharfblickenden Augen.
Er wurde erst vor Kurzem nach Tunis berufen, nachdem er bis dahin
für die Alliance in Rußland thätig gewesen war. Herrn Parienti's
eigenster Initiative ist ein weiterer Schritt nach Vorwärts zu
verdanken. Anläßlich einer Urlaubsreise nach Paris erwirkte nämlich
Herr Parienti beim Präsidium der Alliance Erlaubniß und Mittel zur
Gründung einer _Ackerbauschule_. Bereits wurde ein geeignetes Terrain
von 1550 Hektar erworben, dreiviertel Stunden von Tunis entfernt bei
Djédéida gelegen. Im October 1895 ist die Besitzung mit einem halben
Hundert Knaben belegt worden, die bei vollkommen freier Station unter
fachmännischer Leitung praktisch und theoretisch den Ackerbau erlernen
werden. Zum ersten Mal seit Bestehen der Schule in Tunis hat sich
anläßlich dieses agricolen Unternehmens auf französischer Seite eine
gewisse Opposition bemerkbar gemacht, die darauf hindeutet, daß man die
jüdische Concurrenz im Ackerbaufache fürchtet. Herr Parienti hat als
einzige Antwort darauf die Mittheilung ergehen lassen, daß er bereit
sei, bis zu einem bestimmten Procentsatze auch Knaben katholischen
wie mohamedanischen Glaubens kostenfrei in seine Ackerbaucolonie
aufzunehmen.

Ein Rundgang durch die Schulen, auf dem Herr Parienti mich in
liebenswürdigster Weise geleitete, zeigte ein sehr freundliches
Bild. Die Knabenschule ist in einem Gebäude der ~rue Malta Strida~
untergebracht, in dessem Vordertracte sich elegante Miethwohnungen
befinden, deren eine der Director inne hat. Durch den Hausflur gelangt
man in einen langen, viereckigen Hof, der mit schattenspendenden Bäumen
bepflanzt ist. In einer zweistöckigen Veranda, die diesen Hof umgiebt,
befinden sich die ca. 20 Schulzimmer, die sich durchweg lustig und hell
präsentiren. An den Hof schließt sich ein Garten, der für die Spiele in
den Pausen freigegeben ist. Ein großer Gartensaal dient als Refectorium
für die von der Anstalt Beköstigten. Das Haus, in dem die Mädchen und
die ganz Kleinen lernen, liegt im arabischen Viertel in der Nähe der
~place Carthagéna~. Es hat den Typus eines italienischen Palazzo und
birgt hohe, geräumige Säle, deren Fußböden und Wände mit Porzellan
ausgelegt sind. Hier befindet sich auch eine vielbenutzte, kleine
Schülerbibliothek.

Während unseres Rundganges war Unterrichtszeit, und ich konnte mich
von dem guten Aussehen und der Sauberkeit der Schüler, ihrer frischen,
intelligenten Art, zu antworten, selbst überzeugen. In Geschichte
und Geographie hörte ich durchweg tadellose Antworten. Sogar in
Deutschlands Geographie zeigte sich eine höhere Klasse vortrefflich
beschlagen. Hier sah ich auch Aufsätze über schwierige, meist
historische Themata, die stilistisch wie orthographisch fehlerlos
waren. Wenn man bedenkt, daß das Französische den tunesischen Kindern
im Grunde eine fremde Sprache ist, so ist das hier Erreichte als ganz
außerordentlich zu rühmen. In der Mädchenschule entwickelte sich das
Frage- und Antwortspiel weniger im gewohnten Gleise, denn die jungen
Damen bewiesen dem unerwarteten Besuche so viele Neugier, daß die
Aufmerksamkeit ganz erheblich darunter litt. Auch die hier vorgelegten
Hefte wiesen häufigere orthographische Mängel auf. Doch soll ja
auch außerhalb Tunis die Orthographie nicht die stärkste Seite der
weiblichen Bildung sein.

Ich verließ die Anstalt mit herzlichem Danke für Herrn Parienti und
mit hohem Respect vor dem schönen, humanen Culturwerke, das die
Opferwilligkeit der Alliance und der beharrliche, zielbewußte Eifer der
Lehrkräfte auf diesem schwierigen Terrain errichtet haben.

Wenige Tage später hatte ich Gelegenheit, zur rechten Contrastwirkung
einen Blick in die fremde Welt des orthodoxen, tunesischen Judenthums
zu thun. Durch Vermittelung des Hotelführers, der in seinen Mußestunden
übrigens »College« des Herrn Parienti, nämlich Vorsteher einer
kleinen Rabbinatsschule ist, erhielt ich Zutritt zu einer jüdischen
Hochzeit. Die dabei erscheinenden Sitten und Gebräuche ähneln in
mancher Hinsicht sehr stark den arabischen, wie denn auch die Stellung
der jüdisch-tunesischen Frau sich um Weniges über das Niveau des
Haremdaseins erhebt. Selbst die Vielweiberei soll unter den Juden
von Tunis im Gebrauche sein. Herr Parienti verneint dies zwar,
sondern giebt blos einen außerordentlichen Leichtsinn im Scheiden und
Wiederverheirathen zu, von anderer Seite aber wurde auf's Bestimmteste
versichert, daß eine ganze Reihe von Haushaltungen mit mehreren
Herrscherinnen besetzt sei, von denen freilich nur die Erste völlige
Legitimitätsrechte habe.

Der traditionelle Hochzeitstag ist der Mittwoch, die Zeit für den
Beginn der Ceremonie der späte Nachmittag. Gegen 5 Uhr ist der enge
Zugang zur Synagoge, die im Souterrain eines unscheinbaren Hauses
liegt, mit Kindern und Bettlern reich besetzt. Aus den Gitterfenstern
und von den flachen Dächern der benachbarten Häuser sehen unzählige,
grell bunt gekleidete Mädchen, darunter reizende Typen, auf die Straße
hinab. Der Hochzeitszug des Bräutigams läßt nicht lange auf sich
warten. Ihm schreitet eine Schaar von Knaben voraus, die unter der
Aegide eines blinden Cantors einen schrecklich mißtönenden Singsang
vollführen. Der Bräutigam, ein hochgewachsener, stattlicher Mann,
Apotheker seines Zeichens, hat tadellosen schwarzen Salonanzug, Gehrock
und runden Hut angelegt. Seine Verwandten und Freunde tragen sich
dagegen höchst zwanglos. Einige sind nach europäischer Manier, die
meisten orientalisch gekleidet.

Das Innere der Synagoge, der größten, die Tunis besitzt, bietet wenig
Besonderes. Es ist ein niederer, ziemlich beschränkter Raum. In der
Mitte steht die Kanzel und ringsumher im regellosen Durcheinander
ziehen sich Holzbänke, die mit Matten bedeckt sind. Die Frauen besuchen
hier die Synagoge nicht, beanspruchen also auch keinen besonderen
Raum für sich. Die Ceremonie ist rasch erledigt. Der Rabbi psalmodirt
einige Gebete, die von der Gemeinde wiederholt und durch Wippen mit den
Füßen begleitet werden. Die kleinen Sänger von vorhin treiben in einem
Winkel Unfug. Mein Führer fühlt den Schuldirector in sich erwachen.
Er kneift den Haupträdelsführer in's Ohr und verspricht den übrigen
die Bastonnade, wofür jede Rabbinatsschule eine besondere Maschinerie
besitzt. Kurz, es geht nicht übermäßig andächtig zu im tunesischen
Gotteshause.

Nach erledigter Andacht begiebt sich der Zug zum Hause der Braut.
Der kleine Hof, sauber mit blauweißen Majolikaplatten gepflastert,
wird von der Gefolgschaft des Bräutigams eingenommen, an den engen
Gitterfenstern der Wohnräume pressen sich Verwandtschaft und
Freundinnen der Braut und über die hohe Hofmauer hinweg schauen die
neugierigen Nachbarinnen, von denen man nur die Köpfe sieht, die sich
scharf gegen den tiefblauen Himmel abheben. Ein seltsames Bild von fast
beängstigender Farbenfülle!

Die Brautführer verschwinden über eine halsbrecherische, schmale Stiege
im Inneren des Hauses. Der Eine kehrt alsbald mit einer Stange wieder,
aus der eine riesige weiße Hand mit Fackeln statt der Finger befestigt
ist. Nach einigen Minuten erscheint, von Vater, Mutter und Verwandten
sorglich geleitet, die 16jährige Braut. Es ist keine Kleinigkeit, das
junge Mädchen ungefährdet die steile Treppe herabzubringen, denn die
Verlobte ist von einer unglaublichen Corpulenz. Bei ihrem Erscheinen
bricht Alles in den gellenden, nervenzerreißenden Ruf: Girigirigi
aus. Dieses im Laufe der Ceremonie fortwährend wiederholte Zauberwort
soll ganz vortreffliche Eigenschaften für den guten Verlauf der Ehe
besitzen. Man befördert die Braut glücklich durch den Hof, setzt
sie auf einen Stuhl und lehnt sie an die Mauer. Stehend nimmt der
Bräutigam neben ihr seinen Platz. Die Braut trägt ein orientalisches
außerordentlich reiches Gewand aus himmelblauem Atlas dicht mit Gold
besetzt. Von der hohen, zuckerhutförmigen Haube hängen kostbare Münzen
herab, die unförmigen, roth gefärbten Finger sind mit Ringen besteckt.
Ein langer, weißer Schleier verhüllt die Gesichtszüge nur wenig. Sie
sind regelmäßig, aber schlaff, aufgequollen und apathisch. Wie das
junge Mädchen, ohne sich zu rühren, dasitzt, als ob die ganze Sache sie
gar Nichts anginge, während die Fackeln phantastische Lichter über ihre
goldstrotzenden Kleider werfen, gleicht es einem exotischen Götzenbilde
auf ein Haar.

Diese dumpfe Apathie der Verlobten ist übrigens kein Wunder. Ganz
nach mohamedanischer Anschauung gilt auch dem tunesischen Juden die
_dickste_ Braut für die schönste. Darum werden die unglücklichen
Geschöpfe vom Momente ihrer Verlobung an regelrecht _genudelt_. Sie
dürfen sich keine Bewegung machen, müssen Unmengen von Kouß-Kouß essen,
eine mit gepfeffertem, durstreizendem Fleisch gefüllte Mehlspeise, und
so schwellen die armen Wesen oft zum Doppelten und Dreifachen ihres
bisherigen Umfanges auf.

Der Rabbi spricht nunmehr den Segen über das Paar, der Bräutigam steckt
einen Ring an die fleischige Hand der Erkorenen, Beide nippen an einem
Glase Rothwein, das dann zu Boden geworfen wird, und die religiöse
Feier ist zu Ende. Die Herrenwelt beginnt sich in gierigster Weise
um die Weinreste in der für das Ehepaar benutzten Flasche zu balgen,
da der Aberglaube diesem Weine eine besonders glückbringende Kraft
zuspricht. Dann wird die Braut in ihre Gemächer zurücktransportirt,
denn erst am nächsten Morgen zu Beginn der zweitägigen Schmauserei
betritt sie ihr künftiges Heim.

Schon in der Frühe beginnt das Gelage. Die Tafel ist schmucklos,
aber mit Speisen in verschwenderischem Maße überladen. Das oben
geschilderte Nationalgericht Kouß-Kouß bildet auch hier die ~pièce de
résistance~. Getrunken wird hauptsächlich Schnaps, besonders ein in
Tunis fabricirter süßlich-scharfer Anisette. Mehrere Gäste berauschen
sich sehr rasch, indem sie die diversen Schnäpse mischen. Toaste,
die Schrecken europäischer Hochzeitstafeln, kennt man hier zum Glück
nicht. Wer das Bedürfniß fühlt, seinem überquellenden Gefühle für die
Verehelichten Luft zu machen, der geht hin und küßt das Paar auf die
Wangen. Schon dachte ich an einen geordneten Rückzug vor den immer
neu anstürmenden Massen von Speisen und Getränken, als sich mir ein
Brautführer mit geheimnißvoller Miene nähert und mir mittheilt, daß mir
als dem Ehrengaste mit zwei anderen Honoratioren die Ehre zugedacht
worden sei, der Braut bei ihrem demnächstigen Toilettenwechsel --
sie trägt während der Festesdauer sieben verschiedene Costümes -- zu
helfen. Ein Blick auf die in ihren Strapazen lieblich schwitzende Dame,
und ich erkläre mich sehr geehrt von dieser besonderen Gunst, aber ich
wäre ein wenig unwohl und müßte mich auf kurze Zeit entfernen. »So
bleibt der Toilettenwechsel bis zu Ihrer Rückkehr,« meint höflich der
junge Mann. Ich aber ergreife schleunigst die Flucht und hoffe nur,
daß man nicht bis zum heutigen Tage auf meine Rückkunft wartete. Im
Interesse des verliebten Bräutigams wäre das sehr bedauerlich.

[Illustration]



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

    Korrekturen:

    S. 21: Appenninen → Apenninen
      die ersten Vorläufer der {Apenninen} darstellt

    S. 33: Cefarotto → Cesarotto
      Titelrolle, {Cesarotto}, der, ein Schüler





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