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Title: Der kleine Dämon
Author: Sologub, Fjodor
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                            Fjodor Ssologub
                                  Der
                              kleine Dämon



                                  Der
                              kleine Dämon


                                 Roman
                                  von
                            Fjodor Ssologub

              Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen
                        von Reinhold von Walter.

                            Dritte Auflage.


                          München und Leipzig
                            bei Georg Müller
                                  1909



                                   I


Der Festgottesdienst am Nachmittage war aus und die Kirchenbesucher
gingen auseinander. Innerhalb der steinernen, weißgetünchten Umfriedung
standen noch einige Leute unter den alten Linden und Ahornbäumen und
plauderten. Sie hatten Sonntagskleider an und blickten froh aus den
Augen. Es hatte den Anschein, als wäre das Leben in dieser Stadt ein
friedliches und freundliches, -- ja sogar ein fröhliches. Aber das
schien alles nur so.

Bei seinen Freunden stand der Gymnasiallehrer Peredonoff. Seine kleinen,
verquollenen Augen schielten verdrießlich durch die goldene Brille, und
er sagte:

»Sie selbst, die Fürstin Woltschanskaja, hat es der Warja versprochen;
das stimmt jedenfalls. Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werde
ich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.«

»Wie kannst du denn Warwara Dmitriewna heiraten?« fragte Falastoff; er
hatte ein rotes Gesicht, »sie ist doch verwandt mit dir! Gibt es so ein
neues Gesetz, daß Verwandte[1] heiraten dürfen?«

Alle lachten. Das frische, für gewöhnlich gleichmäßig schläfrige Gesicht
Peredonoffs wurde böse.

[Fußnote 1: Ein nicht wiederzugebendes Wortspiel, denn für »Schwester«
und »Cousine« gilt im Russischen ein Wort.]

»Kusine im dritten Grade,« fuhr er auf und stierte wütend an seinen
Freunden vorbei.

»Hat es die Fürstin dir persönlich versprochen?« fragte Rutiloff. Er war
groß, blaß und stutzerhaft gekleidet.

»Mir nicht, aber Warja,« antwortete Peredonoff.

»Sieh mal an, und das glaubst du?« sagte Rutiloff lebhaft. »Sagen kann
man alles. Und warum bist _du_ nicht bei der Fürstin gewesen?«

»Begreife doch, ich ging zusammen mit Warja hin, sie war aber nicht zu
Hause, nur um fünf Minuten kamen wir zu spät,« erzählte Peredonoff,
»aufs Land war sie gefahren und kommt erst nach drei Wochen zurück; ich
konnte ganz unmöglich so lange warten, mußte hierher zurück wegen der
Prüfungen.«

»Verdächtig ist es doch,« sagte Rutiloff und lachte; dabei sah man seine
angefaulten Zähne.

Peredonoff wurde nachdenklich. Die übrigen verabschiedeten sich, nur
Rutiloff blieb bei ihm stehn.

»Das ist selbstverständlich,« sagte Peredonoff, »jede könnte ich
heiraten, wenn ich nur wollte. Warwara ist nicht die einzige.«

»Natürlich, Ardalljon Borisowitsch, jede würde Sie nehmen,« bestätigte
Rutiloff.

Sie traten aus der Umfriedung heraus und gingen langsam über den
staubigen, ungepflasterten Platz.

Peredonoff sagte:

»Was nur die Fürstin sagen wird; sie wird sich ärgern, wenn ich Warwara
den Laufpaß gebe.«

»Ach was, die Fürstin,« sagte Rutiloff, »was hast du mit der zu
schaffen! Vor allem soll sie dir die Stelle besorgen, nachher kannst du
dich immer noch herauslügen. Wie stellst du dir das eigentlich vor, so
einfach ins Blaue herein, ohne jede Sicherheit!«

»Das ist richtig,« gab Peredonoff nachdenklich zu.

»So sag es auch der Warja,« beredete Rutiloff, »in erster Linie die
Stelle; weiß Gott, großes Vertrauen habe ich nicht zu der Sache. Hast du
aber die Stelle, dann heirate doch wen du willst. Nimm doch eine von
meinen Schwestern; drei sind da, wähle ganz nach Belieben. Es sind
gebildete, kluge Mädchen; ohne zu prahlen, aber so wie Warwara sind sie
nicht. _Die_ reicht ihnen nicht das Wasser!«

»So,« brummte Peredonoff.

»Freilich. Was ist an deiner Warwara? Hier, riech mal.«

Rutiloff bückte sich, pflückte ein behaartes Bilsenkraut, zerquetschte
die Blätter und die schmutzigweißen Blüten in seiner Hand, zerrieb alles
und hielt diesen Brei Peredonoff vor die Nase. Der schnitt eine
Grimasse, so unangenehm schwer war der Geruch. Rutiloff sagte:

»Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen, das ist die ganze Warwara. _Sie_
-- und meine Schwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltiger
Unterschied. Fesche Mädels durch und durch, -- gleichviel welche von den
dreien, schlafen wird dich keine lassen. Dabei jung, sogar die älteste
ist dreimal jünger als deine Warwara.«

Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach, schnell und fröhlich,
lächelnd; -- er machte einen schwindsüchtigen Eindruck: so
hochaufgeschossen, schmalbrüstig, zerbrechlich, wie er war und unter
seinem neumodischen Hute starrte fast traurig dünnes, kurzgeschorenes
Blondhaar hervor.

»Ach geh doch, dreimal jünger ...« sagte Peredonoff teilnahmlos. Er nahm
seine goldene Brille ab und wischte an den Gläsern.

»Freilich ist es so,« sagte Rutiloff lebhaft. »Sieh nur zu und schlaf
nicht, solange ich noch lebe, sonst -- du weißt, sie haben auch ihre
Ehre, -- dann wirst _du_ später wollen, nur zu spät. Allerdings weiß
ich, daß jede von ihnen dich mit größtem Vergnügen heiraten würde.«

»Ja, hier verlieben sich alle in mich,« prahlte Peredonoff.

»Nun sieh mal, ergreife den Augenblick,« überredete Rutiloff.

»Mir kommt es vor allem auf eines an: sie darf nicht mager sein,« sagte
Peredonoff mit einem leisen Ton von Schwermut, »ich möchte eine
dickere.«

»Da kannst du ruhig sein,« sagte Rutiloff eifrig. »Sie sind schon jetzt
ziemlich rundlich. Haben sie noch nicht den nötigen Umfang, so ist das
gewiß nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehen sie alle in die Breite.
Zum Beispiel die älteste: Larissa, du weißt ja, sie ist dick wie ein
gemästeter Karpfen.«

»Ich würde ja heiraten,« sagte Peredonoff, »ich bin nur bange vor dem
großen Skandal, den Warja inszenieren könnte.«

»Du fürchtest einen Skandal? Dann mach es so,« und Rutiloff lächelte
listig, »heirate gleich, heute noch, oder morgen: dann kommst du nach
Hause mit deiner jungen Frau, -- es ist so einfach. Nein -- wirklich, --
willst du, ich werde alles Nötige besorgen, zu morgen Abend,
meinetwegen? Welche willst du haben?«

Peredonoff lachte auf einmal aus vollem Halse, abgerissen und laut.

»Na, paßt es dir, -- bist du einverstanden -- ja?« fragte Rutiloff.

Ebenso plötzlich hörte Peredonoff zu lachen auf und sagte finster,
leise, fast flüsternd:

»Die Kanaille wird mich angeben.«

»Sie wird dich nicht angeben, da ist ja nichts zum Angeben,« beteuerte
Rutiloff.

»Oder vergiften,« flüsterte voller Angst Peredonoff.

»Ich sag dir doch, verlaß dich auf mich,« beredete Rutiloff, »ich werde
dir alles tadellos einrichten.«

»Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten,« schrie Peredonoff böse.

Rutiloff war nicht erstaunt über den neuen Gedankensprung seines
finstren Parten.

Immer gleich eifrig antwortete er:

»Merkwürdiger Mensch; glaubst du denn, daß sie ohne Mitgift sind! Also
-- ist es abgemacht -- ja? Hör -- ich werde laufen und alles einrichten.
Nur eins, merke wohl: keinem ein Sterbenswörtchen von der Sache! --
hörst du -- keinem einzigen!«

Er schüttelte Peredonoff die Hand und eilte davon. Peredonoff blickte
ihm schweigend nach. Er dachte an die Rutiloffschen Mädchen: so lustig
waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedanke wurde zu einem gemeinen
Lächeln auf seinen Lippen, -- aber nur für einen Augenblick, dann
verschwand es wieder. Eine dunkle Unruhe erfaßte ihn.

Was nur die Fürstin sagen wird, dachte er. Die da haben die Groschen,
aber keine Protektion, -- heirate ich Warwara, so erhalte ich den
Inspektorposten, später wird man mich zum Direktor ernennen. --

Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloff nach und dachte
schadenfroh: Mag er nur laufen! Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes
und schattenhaftes Vergnügen. Es wurde ihm langweilig, allein zu sein,
er drückte den Hut in die Stirn, runzelte die blonden Augenbrauen und
ging schnell nach Hause durch öde, ungepflasterte Straßen, auf denen
weißblumiges, kriechendes Mastkraut, Kresse und in Schmutz getretenes
Gras wucherten.

Jemand rief ihn schnell und leise.

»Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zu uns.«

Peredonoff blickte aus düstern Augen auf und sah böse über das Gitter.
Hinter einem Zaun im Garten stand Natalja Afanasjewna Werschina, eine
kleine, dürre, dunkelfarbige Person, ganz in Schwarz gekleidet und
schwarz waren auch ihre Augen und ihre Brauen. Sie rauchte eine
Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigen Weichselrohr und lächelte so
leichthin, als wüßte sie um Angelegenheiten, von denen man nicht
spricht, über die man aber lächelt. Weniger mit Worten, als mit
leichten, schnellen Bewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten; sie
öffnete das Pförtchen, trat zur Seite, lächelte bittend, fast
vertrauensvoll und bedeutete mit den Händen: Tritt doch ein, was stehst
du da.

Und Peredonoff trat ein: er fügte sich ihren magischen, lautlosen
Bewegungen. Dann blieb er sofort auf dem Kieswege stehen, auf dem
trocknes Reisig umherlag, -- und sah nach der Uhr.

»Es ist Frühstückszeit,« brummte er. Die Uhr gehörte ihm schon lange,
aber wie immer in Gegenwart anderer, blickte er voll Wohlgefallen auf
den großen, goldenen Doppeldeckel. Es war zwanzig Minuten vor zwölf.
Peredonoff entschloß sich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrießlich ging er
auf den Gartenwegen hinter der Werschina her, vorüber an kahlen
Johannisbeersträuchern, an Himbeerbüschen und Stachelbeerstauden. Reifes
Obst und späte Blumen ließen den Garten ganz bunt erscheinen. Da waren
verschiedene Fruchtbäume, Sträucher und Laub: niedrige weitverzweigte
Apfelstämme, rundblättrige Birnbäume, Linden, Kirschen mit ihren
glatten, glänzenden Blättern, Pflaumen und Je-länger-je-lieber. In den
Hollunderbüschen leuchteten rote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgesätes,
sibirisches Geranium: ganz kleine blaßrosa Blüten mit purpurfarbenem
Geäder. Silberdisteln reckten aus den Büschen ihre dunkelroten,
stachligen Köpfchen. Ganz hinten stand ein kleines, graues Holzhaus, ein
Einfamilienhaus, mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur. Es sah
lieb und wohnlich aus. Hinter dem Hause konnte man ein Stückchen vom
Gemüsegarten sehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapseln im Winde,
und große, gelblichweiße Maßliebchen; halbwelke Kronen gelber
Sonnenblumen nickten leise. Mitten unter Küchenkräutern streckten sich
weiße Schierlingsdolden und bleicher, purpurfarbener Storchschnabel. Da
blühte blaßgelber Hahnenfuß und niedriger Löwenzahn.

»Waren Sie im Vespergottesdienst,« fragte die Werschina.

»Ja,« antwortete Peredonoff ärgerlich.

»Eben kam auch Martha zurück,« erzählte die Werschina, »sie geht oft in
unsere Kirche. Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillen gehen Sie
eigentlich in _unsere_ Kirche, Martha? fragte ich. Sie wurde rot und
schwieg. Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen,« sagte sie
schnell und ohne jeden Uebergang.

Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumes stand eine ganz alte, graue
Laube, -- drei Stufen führten hinauf, -- es war nur eine bemooste Diele,
ein niedriges Geländer und sechs plumpe, geschnitzte Säulen, die das
sechsseitig abfallende Dach stützten.

In der Laube saß Martha, noch im Sonntagskleide. Es war hell, mit
Bändern verziert und stand ihr nicht. Kurze Aermel ließen ihre eckigen,
roten Ellenbogen und die großen, starken Hände frei. Martha war übrigens
nicht häßlich. Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Sie galt
sogar für recht hübsch, besonders unter den Polen, ihren Landsleuten,
und Polen gab es nicht wenige in der Stadt.

Martha drehte Zigaretten für die Werschina. Ungeduldig wartete sie
darauf, daß Peredonoff sie ansehen würde, und wie er dann entzückt sein
würde. Dieser Wunsch war in einer Miene unruhiger Liebenswürdigkeit auf
ihrem gutmütigen Gesichte zu lesen. Das hatte seinen einfachen Grund
darin, daß Martha in Peredonoff verliebt war. Die Werschina wollte sie
an den Mann bringen, denn Marthas Familie war groß. Schon vor einigen
Monaten, bald nach dem Begräbnis des altersschwachen Mannes der
Werschina, war Martha zu ihr gezogen. Sie wollte sich der Werschina
dankbar erweisen für alle erwiesene Freundlichkeit, auch für all das,
was für ihren Bruder getan wurde. Er war Gymnasiast und lebte ebenfalls
als Gast bei der Werschina.

Die Werschina und Peredonoff kamen in die Laube. Peredonoff grüßte
verdrießlich und setzte sich; er suchte sich einen Platz aus, der durch
eine der Säulen Schutz vor dem Winde bot, er wollte seine Ohren vor dem
Zugwinde schützen. Er blickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosa
Ponpons verziert waren und dachte dabei, daß man ihn zum Heiraten
einfangen wolle. Das dachte er aber immer, wenn er junge Damen sah, die
zu ihm liebenswürdig waren. An Martha sah er nur Nachteiliges, -- viele
Sommersprossen, große Hände, dazu noch die grobe Haut. Er wußte, daß ihr
Vater, ein kleiner polnischer Edelmann, sechs Werst vor der Stadt ein
Gesinde in Pacht hatte; kleine Einkünfte und viele Kinder; Martha hatte
das Progymnasium absolviert, der Sohn besuchte noch das Gymnasium und
die übrigen Kinder waren noch jünger.

»Kann ich Ihnen Bier anbieten?« fragte die Werschina.

Auf dem Tische standen Gläser, zwei Flaschen Bier, Grieszucker in einer
Blechdose und daneben lag ein vom Bier benetztes Löffelchen aus
Melchiormetall.

»Werde trinken,« sagte kurz angebunden Peredonoff. Die Werschina blickte
auf Martha. Martha füllte ein Glas, rückte es zu Peredonoff und dabei
spielte auf ihrem Gesicht ein merkwürdiges Lächeln, halb erschrocken,
halb freudig. Die Werschina sagte rasch -- so, als hätte sie die Worte
ausgestreut:

»Tun Sie Zucker ins Bier?«

Martha reichte Peredonoff die Blechdose mit dem Zucker. Aber Peredonoff
sagte ärgerlich:

»Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mit Zucker.«

»Nicht doch, es schmeckt sehr gut,« sprach eintönig und rasch die
Werschina.

»Sehr gut schmeckt es,« sagte Martha.

»Es ist eine Schweinerei«, wiederholte Peredonoff und blickte böse auf
den Zucker.

»Wie Sie wollen,« sagte die Werschina und im selben Tonfall, ohne eine
Pause zu machen, ohne jeden Uebergang redete sie von anderen Dingen:
»Tscherepin wird langweilig,« sagte sie und lachte.

Auch Martha lachte, Peredonoff blickte gleichgültig drein: er nahm
keinen Anteil an fremden Angelegenheiten, er liebte die Menschen nicht
und dachte nie anders an sie, als in Verbindung mit seinem eignen
Nutzen. Die Werschina lächelte selbstzufrieden und sagte:

»Er glaubt, ich würde ihn nehmen.«

»Er ist ungeheuer frech,« sagte Martha, nicht darum, weil sie das
dachte, sondern weil sie der Werschina etwas Schmeichelhaftes und
Angenehmes sagen wollte.

»Gestern lauerte er am Fenster,« erzählte die Werschina. »Er hatte sich
in den Garten geschlichen, als wir zu Abend speisten. Unter dem Fenster
stand eine Wassertonne; wir hatten sie in den Regen gestellt, und sie
war voll bis an den Rand. Obendrauf lagen Bretter, so daß man das Wasser
nicht sehen konnte. Er kriecht hinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns
brennt die Lampe, so daß er uns sah, wir ihn aber nicht. Auf einmal
hören wir ein Getöse. Ganz erschreckt laufen wir hinaus. Und das war er;
direkt ins Wasser gefallen. Aber noch bevor wir hingekommen waren, hatte
er, naß wie er war, das Weite gesucht, -- und nur auf dem Wege eine
feuchte Spur hinterlassen. Und außerdem erkannten wir ihn noch an seinem
Rücken.«

Martha lachte fein und fröhlich, so wie ein gut gesittetes Kind lachen
muß. Die Werschina hatte alles schnell und eintönig erzählt, als streute
sie die Worte, -- so pflegte sie immer zu sprechen, -- plötzlich schwieg
sie still, saß ganz ruhig da und lächelte mit dem einen Mundwinkel,
dabei legte sich ihr dürres, dunkles Gesicht in lauter Falten und ihre
vom Zigarettenrauchen geschwärzten Zahnreihen waren leicht geöffnet.
Peredonoff dachte nach und auf einmal lachte er. Das war immer so. Er
verstand einen Witz nie gleich, er war schwerfällig und stumpf für neue
Eindrücke.

Die Werschina rauchte eine Zigarette nach der andern. Ohne Zigaretten
konnte sie nicht leben.

»Wir werden bald Nachbarn sein,« erklärte Peredonoff.

Die Werschina warf einen schnellen Blick auf Martha. Diese wurde ein
wenig rot, blickte in banger Erwartung auf Peredonoff und sah dann
sofort wieder in den Garten.

»Sie ziehen um?« fragte die Werschina, »warum denn?«

»Ich lebe zu weit vom Gymnasium,« erklärte Peredonoff.

Die Werschina lächelte ungläubig. Sie dachte nämlich, daß Peredonoff in
die Nähe von Martha ziehen wolle.

»Aber Sie leben doch schon seit einigen Jahren in der Wohnung,« sagte
sie.

»Außerdem ist meine Wirtin ein Aas,« sagte Peredonoff wütend.

»Wirklich?« fragte die Werschina ungläubig und lächelte schief.

Peredonoff wurde lebendiger.

»Neue Tapeten hat sie angekleistert, ganz gemeine Tapeten,« berichtete
er, »kein Stück paßt zum andern. So ist im Speisezimmer über der Tür ein
ganz anderes Muster; -- überall im Zimmer sind gewundene Linien und
Blumen, über der Tür aber glatte Streifen mit Nelken darauf. Außerdem
eine ganz andere Farbe. Wir hatten es zuerst gar nicht bemerkt, da kam
eines Tages Falastoff und lacht. Jetzt lachen alle darüber.«

»Das glaub ich, so eine Gemeinheit,« stimmte die Werschina bei.

»Wir sagen ihr nichts davon, daß wir ausziehen,« sagte Peredonoff, und
ließ dabei seine Stimme sinken. »Sobald wir eine Wohnung finden, ziehen
wir um, aber sie darf es nicht wissen.«

»Das ist selbstverständlich,« sagte die Werschina.

»Sonst macht sie uns einen Skandal,« sagte Peredonoff, und seine Augen
blickten furchtsam. »Da soll man ihr noch für einen Monat den Zins
zahlen; für so ein Loch.«

Peredonoff lachte aus vollem Halse vor lauter Freude, daß er ausziehen
würde ohne den Zins bezahlt zu haben.

»Sie wird ihn eintreiben lassen,« bemerkte die Werschina.

»Mag sie, sie bekommt nichts,« sagte Peredonoff trotzig. »Wir waren nach
Petersburg gefahren und während der Zeit stand die Wohnung leer.«

»Ja, aber die Wohnung gehörte doch Ihnen,« sagte die Werschina.

»Was ist denn dabei. Sie mußte renoviert werden; sind wir denn
verpflichtet, für eine Zeit zu zahlen, in der wir die Wohnung gar nicht
benutzen konnten? Und dann vor allem, -- sie ist unglaublich frech.«

»Na, frech ist Ihre Wirtin darum, weil Ihr ... Schwesterchen ein etwas
zu heftiges Temperament hat,« sagte die Werschina mit einer leichten
Betonung auf dem Worte »Schwesterchen«.

Peredonoff runzelte die Stirn und blickte mit halbverschlafenen Augen
stumpf vor sich hin. Die Werschina fing von andern Dingen zu reden an.
Peredonoff zog aus seiner Tasche ein Bonbon, wickelte es aus der
Papierhülle und kaute es. Zufällig blickte er auf Martha und dachte
dabei, daß sie ihn beneide, und daß auch sie gern ein Bonbon essen
würde.

Soll ich ihr geben oder nicht, dachte Peredonoff, -- nein, wozu. Oder
soll ich ihr doch geben, sonst denken sie am Ende ich wäre geizig. Sie
werden denken: er hat so viele, seine Taschen sind ganz voll.

Und er zog eine Handvoll Bonbons aus der Tasche.

»Da haben Sie,« sagte er und reichte die Bonbons erst der Werschina,
dann Martha, »es sind gute Bonbons, sie sind teuer; dreißig Kopeken habe
ich für das Pfund gezahlt.«

Sie nahmen je ein Stück. Er sagte:

»Nehmen Sie doch mehr. Ich habe viele, und die Bonbons sind gut, --
etwas Schlechtes werde ich nicht essen.«

»Danke, ich will nicht mehr,« sagte die Werschina rasch und ohne
Ausdruck.

Und dasselbe wiederholte dann Martha, nur ein wenig unsicher. Peredonoff
blickte sie mißtrauisch an und sagte:

»Wie? -- Sie wollen nicht? Da -- nehmen Sie!«

Und von dem ganzen Haufen behielt er ein Bonbon für sich, und legte alle
andern vor Martha hin. Martha lächelte schweigend und neigte ihren Kopf.

Unhöfliche Person, dachte Peredonoff, sie versteht nicht einmal zu
danken.

Er wußte nicht, was er mit Martha sprechen sollte. Er hatte kein
Interesse für sie, ebensowenig wie für einen beliebigen Gegenstand, zu
dem er weder ein angenehmes noch ein unangenehmes persönliches
Verhältnis hatte.

Der Rest des Bieres wurde in Peredonoffs Glas gegossen. Die Werschina
blickte auf Martha.

»Ich werde Bier holen,« sagte Martha. Sie erriet immer, was die
Werschina wollte.

»Schicken Sie doch Wladja, er ist im Garten,« sagte die Werschina.

»Wladislaus!« rief Martha.

»Hier,« antwortete der Knabe, sofort aus nächster Nähe, als hätte er
gehorcht.

»Bring zwei Flaschen Bier,« sagte Martha, »es steht im Flur auf der
Truhe.«

Bald kam Wladislaus fast lautlos zur Laube gelaufen, reichte Martha die
zwei Flaschen durchs Fenster und machte eine Verbeugung vor Peredonoff.

»Guten Tag,« sagte Peredonoff rauh, »wieviel Flaschen Bier haben Sie
heute ausgepfiffen?«

Wladislaus lachte gezwungen und sagte:

»Ich trinke kein Bier.«

Er war ein Junge von vierzehn Jahren, hatte so wie Martha,
Sommersprossen im Gesicht und sah ihr auch sonst ähnlich; er hatte
ungewandte, eckige Bewegungen und trug eine Joppe aus grober Leinewand.

Martha flüsterte mit ihrem Bruder. Beide lachten. Peredonoff blickte
argwöhnisch nach ihnen. Wenn man in seiner Gegenwart lachte, ohne daß er
wußte worüber, so nahm er immer an, daß man sich über ihn lustig mache.
Die Werschina wurde unruhig. Schon wollte sie Martha berufen, als
Peredonoff gereizt fragte:

»Worüber lachen Sie?«

Martha zuckte zusammen, und wußte nicht, was sie sagen sollte.
Wladislaus lächelte, blickte auf Peredonoff und errötete.

»Es ist unhöflich, zu lachen, wenn Gäste dabei sind,« betonte
Peredonoff. »Lachen Sie über mich?« fragte er.

Martha wurde rot und Wladislaus erschrak.

»Verzeihen Sie,« sagte Martha, »wir haben gar nicht über Sie gelacht;
das waren so unsere Geschichten.«

»Wohl ein Geheimnis?« sagte Peredonoff aufgebracht. »In Gegenwart von
Gästen ist es unhöflich, Geheimnisse zu besprechen.«

»Nicht gerade ein Geheimnis,« sagte Martha, »wir lachten nur, weil
Wladja barfuß ist, und nicht hereinkommen will; er geniert sich.«

Peredonoff beruhigte sich, scherzte mit Wladja und schenkte ihm ein
Bonbon.

»Martha, bringen Sie mein schwarzes Tuch,« sagte die Werschina, »und
werfen Sie einen Blick in die Küche, wie es um die Pasteten steht.«

Gehorsam ging Martha hinaus. Sie begriff, daß die Werschina mit
Peredonoff reden wollte und war froh, daß sie sich nicht zu beeilen
brauchte. Sie war etwas träge.

»Und du gehst etwas weiter,« sagte die Werschina zu Wladja, »was hast du
dich hier herumzutreiben?«

Wladja lief fort, und man hörte, wie der Sand unter seinen Füßen
knirschte. Die Werschina blickte vorsichtig und rasch auf Peredonoff. Er
saß schweigend da, blickte trübe vor sich hin und kaute an einem Bonbon.
Es war ihm angenehm, daß die beiden fortgegangen waren, -- sonst hätten
sie vielleicht wieder gelacht. Obgleich er bestimmt wußte, daß nicht
über ihn gelacht worden war, empfand er doch ein stilles Unbehagen, so
wie man noch lange nachher einen unangenehm stechenden Schmerz verspürt,
wenn man sich an Nesseln verbrannt hat.

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte die Werschina plötzlich. »Worauf
warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch? Verzeihen Sie, wenn ich's grade
heraussage, Warwara paßt nicht zu Ihnen.«

Peredonoff strich mit der Hand über sein etwas in Unordnung geratenes,
braunes Haar und sagte unnahbar und selbstbewußt:

»Hier wird sich keine für mich finden.«

»Sagen Sie nicht,« antwortete die Werschina und lachte schief. »Hier
gibt es viele, die bei weitem besser sind, als diese Person. Und jede
wird Sie heiraten wollen.«

Mit einer energischen Bewegung strich sie die Asche von ihrer Zigarette,
als hätte sie irgendwo ein Ausrufungszeichen zu setzen.

»Jede ist mir aber noch lange nicht recht,« antwortete Peredonoff.

»Es ist ja auch nicht von jeder x-beliebigen die Rede,« entgegnete
schnell die Werschina. »Sie brauchen doch auf keine Mitgift zu rechnen,
und da wüßte ich ein feines Mädchen grade für Sie. Sie haben ja, Gott
sei Dank, ein gutes Auskommen.«

»Nein,« antwortete Peredonoff, »für mich ist es vorteilhafter, Warwara
zu heiraten. Die Fürstin hat ihr ihre Protektion versprochen. Sie wird
mir eine gute Stelle verschaffen.« Er sagte es mit trotziger Sicherheit.

Die Werschina lächelte leichthin. Ihr ganzes faltiges, dunkelfarbiges,
vom Zigarettendampf gleichsam durchräuchertes Gesichtchen drückte
herablassendes Mißtrauen aus:

»Hat sie Ihnen das gesagt, ich meine die Fürstin selber?« fragte sie,
mit Betonung auf dem Worte »Ihnen«.

»Nicht mir, aber Warwara,« gestand Peredonoff, »das ist doch ganz
dasselbe.«

»Sie verlassen sich zu sehr auf die Worte Ihres »Schwesterleins«,« sagte
die Werschina spöttisch. »Sagen Sie mal, ist sie viel älter als Sie? So
etwa um fünfzehn Jahre? Am Ende noch mehr? Sie muß doch an die fünfzig
sein.«

»Ach, gehen Sie doch,« sagte Peredonoff ärgerlich, »sie ist noch nicht
dreißig.«

Die Werschina lachte.

»Ach, wirklich,« redete sie weiter mit offenkundigem Spott in der
Stimme. »So, dem Aussehen nach ist sie viel älter als Sie. Allerdings,
es ist ja nicht meine Sache, immerhin: es täte mir leid, wenn so ein
charmanter junger Mann, wie Sie, nicht so leben kann, wie er es verdient
hätte, nicht allein seiner Schönheit wegen, sondern vor allem wegen
seiner reichen seelischen Veranlagung.«

Peredonoff blickte selbstgefällig an seiner Figur herunter. Aber sein
frisches Gesicht zeigte kein Lächeln, und es schien, als fühlte er sich
gekränkt, daß nicht alle Menschen ihm das gleiche Verständnis
entgegenbrächten, wie die Werschina. Die Werschina aber fuhr fort:

»Sie werden es auch ohne Protektion weit bringen. Wie sollen Ihre
Vorgesetzten Sie nicht richtig einschätzen! Was hängen Sie an der
Warwara? Ebenso die Rutiloffschen Damen, -- nehmen Sie keine von denen;
es sind leichtsinnige Mädchen, Sie brauchen aber eine gleichmäßige Frau.
Würden Sie doch beispielsweise Martha heiraten.«

Peredonoff sah nach der Uhr.

»Ich muß nach Hause,« sagte er und stand auf, um sich zu verabschieden.

Die Werschina glaubte, daß Peredonoff nur darum fortginge, weil sie an
einen wunden Punkt gerührt hätte, und daß er bloß aus Unentschlossenheit
im gegebenen Augenblick nicht von Martha sprechen wolle.



                                   II


Peredonoffs Konkubine, Warwara Dmitriewna Malochina, wartete auf ihn.
Sie war unordentlich gekleidet, dafür sorgfältig geschminkt und
gepudert.

Zum Frühstück wurde Peredonoffs Lieblingsgericht, kleine Pasteten mit
Saft, gebacken. Auf hohen Absätzen lief Warwara schwerfällig und
geschäftig in der Küche hin und her. Sie beeilte sich alles fertig zu
haben noch bevor er kam. Warwara fürchtete die Langfingrigkeit ihres
Dienstmädchens, einer pockennarbigen, dicken Person, Natalie mit Namen,
-- sie hätte z. B. einen Kuchen stehlen können, -- vielleicht sogar
einige. Darum getraute sie sich nicht die Küche zu verlassen und schalt
auf die Magd; aber das tat sie gewöhnlich. Ihr faltiges Gesicht, das die
Spuren vergangener »Hübschigkeit« trug, hatte immer und unveränderlich
einen mürrisch-habgierigen Zug.

Peredonoff war, wie gewöhnlich, wenn er nach Hause kam, gelangweilt und
unzufrieden. Sehr laut trat er ins Speisezimmer, warf seinen Hut auf die
Fensterbank, setzte sich an den Tisch und rief:

»Warja! bring das Essen!«

Warwara brachte das Essen aus der Küche; geschwind hinkte sie auf ihren
zu engen Schuhen heran und bediente Peredonoff. Als sie den Kaffee
gebracht hatte, beugte sich Peredonoff über das dampfende Glas und roch
daran. Warwara wurde unruhig und fragte erschrocken:

»Was ist los, Ardalljon Borisowitsch? Riecht der Kaffee?«

Peredonoff blickte sie finster an und sagte böse:

»Ich rieche, ob vielleicht Gift dabei ist.«

»Aber um Gotteswillen, Ardalljon Borisowitsch!« sagte Warwara
erschrocken, »was ist dir nur, wie kommst du auf solche Gedanken?«

»Du hast da einen Gifttrank gebraut!« brummte er.

»Was soll ich davon haben, dich zu vergiften,« beteuerte Warwara, »laß
doch die Possen!«

Peredonoff roch wiederholt am Kaffee, endlich beruhigte er sich und
sagte:

»Wenn Gift dabei ist, so kann man es gleich am schweren Geruch merken,
-- man muß nur aus nächster Nähe dran riechen, so am Dampf.«

Dann schwieg er einen Augenblick und fuhr bösartig höhnend auf:

»Die Fürstin!«

Warwara wurde aufgeregt.

»Die Fürstin? Was ist los mit der Fürstin?«

»Das ist los mit der Fürstin!« sagte Peredonoff, »mag sie mir erst die
Stelle verschaffen, dann werde ich meinethalben heiraten. Schreib ihr
das!«

»Du weißt doch, Ardalljon Borisowitsch,« überredete Warwara, »daß die
Fürstin ihr Versprechen nur unter der Bedingung gab, daß du mich
heiratest. Sonst ist es ihr unbequem, sich für dich zu verwenden.«

»Schreib ihr, daß wir schon verheiratet sind,« sagte Peredonoff rasch
und freute sich über den neuen Einfall.

Warwara kam für einen Augenblick aus der Fassung, dann fand sie sich und
sagte:

»Warum lügen? Die Fürstin könnte sich erkundigen. Viel besser wäre es,
wenn du den Hochzeitstag bestimmtest. Es ist sowieso an der Zeit, daß
ich mir ein neues Kleid anschaffe.«

»Was für ein Kleid?« fragte Peredonoff verdrießlich.

»Ja, soll ich mich denn in diesen Lumpen trauen lassen?« schrie Warwara.
»Gib doch endlich mal Geld für ein neues Kleid, Ardalljon Borisowitsch.«

»Willst wohl dein Leichenhemd nähen?« fragte Peredonoff boshaft.

»Du Rindvieh, das bist du, Ardalljon Borisowitsch!« zeterte Warwara.

Plötzlich fiel es Peredonoff ein, Warwara zu necken. Er fragte:

»Weißt du, Warwara, wo ich war?«

»Na, wo denn?« fragte Warwara unruhig.

»Bei der Werschina,« sagte er und lachte.

»Eine nette Gesellschaft für dich, jawohl,« rief Warwara böse.

»Ich habe Martha gesehen,« fuhr Peredonoff fort.

»Dies sommersprossige Weib, ein Maul bis an die Ohren, so ein richtiges
Froschmaul,« sagte Warwara wütend.

»Hübscher als du ist sie jedenfalls,« sagte Peredonoff. »Ich werde sie
heiraten, was ist denn dabei?«

»Ja, heirate sie nur,« schrie Warwara. Sie wurde ganz rot im Gesicht und
zitterte vor Wut, »ich spritze ihr Vitriol in die Augen.«

»Du bist grade zum Anspucken gut genug,« sagte Peredonoff ruhig.

»Du wirst dich nicht unterstehen!« schrie Warwara.

»Doch,« sagte Peredonoff.

Er stand auf und in gleichgültigem Stumpfsinn spuckte er ihr gerade ins
Gesicht.

»Du Schwein!« sagte Warwara ziemlich ruhig, als hätte sie sein Speichel
erfrischt.

Dann wischte sie mit der Serviette über ihr Gesicht. Peredonoff schwieg.
In der letzten Zeit behandelte er sie roher als sonst. Aber auch früher
hatte er sie schlecht genug behandelt. Durch sein Schweigen ermutigt,
sagte sie lauter:

»Wahrhaftig, du bist ein Schwein; grade ins Maul hast du getroffen.«

Im Vorhause ließ sich eine blökende, schafähnliche Stimme vernehmen.

»Brüll nicht,« sagte Peredonoff, »Gäste kommen.«

»Ach ja, das ist Pawluschka,« sagte Warwara schmunzelnd.

Laut und fröhlich lachend trat Pawel Wolodin ein. Es war ein junger
Mann, der im Gesicht und in seinen Bewegungen einem Schafe auffallend
ähnlich sah: sein Haar war wollig, wie bei einem Schafe, seine Augen
vortretend und dumm, wie bei einem lebenslustigen Lamm. Es war ein
dummer, junger Mensch. Er war Tischler, hatte früher eine
Handwerkerschule besucht, und war jetzt als Lehrer seines Handwerks in
der Volksschule angestellt.

»Bruderherz, Ardalljon Borisowitsch,« rief er erfreut, »du bist zu
Hause, und schlürfst Kaffee; da bin ich grade recht gekommen.«

»Nataschka, bring einen dritten Löffel,« rief Warwara.

Man konnte hören, wie Natalie in der Küche mit dem letzten
nachgebliebenen Löffel herumwirtschaftete; alles Silberzeug wurde
verschlossen.

»Iß doch, Pawluschka,« sagte Peredonoff und man konnte merken, daß er
die Absicht hatte, Wolodin ordentlich zu füttern, »weißt du, Freund, ich
werde bald Inspektor werden, die Fürstin hat es Warja versprochen.«

Wolodin strahlte und lachte.

»Aha, der Herr Inspektor _in spe_ trinkt seinen Kaffee,« sagte er laut
und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

»Glaubst du vielleicht, daß es so einfach ist, Inspektor zu werden?«
sagte Peredonoff, »man wird irgendwie verstänkert und dann ist es aus.«

»Was ließe sich denn zu deinen Ungunsten sagen?« fragte Warwara
schmunzelnd.

»Was weiß ich! Wenn man zum Beispiel erzählte, ich hätte den Pissareff
gelesen -- ich wäre geliefert.«

»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch, tun Sie doch den Pissareff in
irgend eine der hinteren Bücherreihen,« riet Wolodin kichernd.

Peredonoff schielte vorsichtig auf Wolodin und sagte:

»Den Pissareff, den habe ich am Ende niemals besessen. Willst du einen
Schnaps, Pawluschka?«

Wolodin reckte die Unterlippe vor, machte ein bedeutendes Gesicht, so
als verstände er es die Leute einzuschätzen und sagte, in seiner
Schafsmanier den Kopf vorbeugend:

»Zur Gesellschaft? es sei, da bin ich immer bereit; sonst, allein für
mich: keinen Tropfen.«

Auch Peredonoff war immer bereit, einen Schnaps zu trinken. Man trank
einen Schnaps und aß zum Aufbiß die süßen Pastetchen.

Auf einmal spritzte Peredonoff den Rest seines Kaffeeglases an die
Tapete. Wolodin glotzte erstaunt aus seinen schafigen Aeuglein und
blickte verwundert um sich. Die Tapeten waren schmierig und zerfetzt.

Wolodin sagte:

»Was haben Sie da für Tapeten?«

Peredonoff und Warwara grinsten.

»Das tun wir so, um die Wirtin zu ärgern,« sagte Warwara, »wir werden
bald ausziehen. Aber sprechen Sie nicht davon.«

»Ganz famos,« rief Wolodin und lachte ausgelassen.

Peredonoff ging dicht an die Wand heran und bearbeitete sie mit seinen
Absätzen. Wolodin folgte seinem Beispiel und begann auszuschlagen.
Peredonoff sagte:

»Wenn wir umziehen, machen wir es immer so; bedrecken einfach die Wände,
-- mag sie ein Andenken haben.«

»Was für wunderbare Muster Sie da hereingebracht haben,« rief Wolodin
begeistert.

»Irischka wird die Augen aufreißen,« sagte Warwara und lachte trocken
und boshaft.

Und alle drei stellten sich an die Wand, spuckten sie an, zerfetzten die
Tapete und bearbeiteten sie mit ihren Stiefelsohlen. Dann wurden sie
müde und gingen befriedigt an ihre Plätze.

Peredonoff bückte sich und nahm den Kater auf den Schoß. Der Kater war
dick, weiß und garstig. Peredonoff quälte ihn, zerrte ihn an den Ohren,
am Schwanz und schüttelte ihn am Halse. Wolodin lachte sehr fröhlich und
sagte Peredonoff, was sich noch alles anstellen ließe.

»Blasen sie ihm in die Augen, Ardalljon Borisowitsch; streicheln sie ihm
das Fell gegen den Strich.«

Der Kater prustete und bemühte sich, loszukommen, aber er wagte nicht
die Krallen zu zeigen, dafür kriegte er entsetzliche Prügel. Endlich
wurde diese Unterhaltung Peredonoff langweilig, und er warf den Kater in
die Ecke.

»Hör mal, Ardalljon Borisowitsch, was ich dir sagen wollte,« begann
Wolodin. »Den ganzen Weg über dachte ich daran, es nicht zu vergessen,
nun habe ich es fast ausgeschwitzt.«

»Was denn?« fragte Peredonoff gelangweilt.

»Ich weiß, du ißt gerne Süßigkeiten,« sagte Wolodin fröhlich, »da ist so
ein süßes Gericht, na, du wirst dir die Finger lecken.«

»Ich kenne alle süßen Gerichte,« sagte Peredonoff.

Wolodin setzte eine gekränkte Miene auf.

»Vielleicht,« sagte er, »freilich kennen Sie alle süßen Gerichte, welche
in Ihrer Heimat gegessen werden, aber wie sollten Sie alle die süßen
Gerichte kennen, die in meiner Heimat gekocht werden, denn Sie waren
doch niemals in meiner Heimat?«

Und zufrieden mit seiner überzeugenden Darlegung, lachte Wolodin und
meckerte.

»In deiner Heimat werden krepierte Katzen gefressen,« sagte Peredonoff
böse.

»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete Wolodin mit
pipsender, lachender Stimme, »das ist vielleicht in Ihrer Heimat so, daß
man krepierte Katzen zu essen pflegt; darüber wollen wir nicht streiten,
aber doch: Jerli's haben Sie sicher nicht gegessen.«

»Nein, die hab ich nicht gegessen,« gestand Peredonoff.

»Das ist was ganz Besonderes,« erklärte Wolodin, »wissen Sie, was
Kutja[2] ist?«

»Wer sollte das nicht wissen,« sagte Warwara schmunzelnd.

»Also merken Sie auf: Kutja aus Weizen, mit Rosinchen darin und Mandeln
und mit Zucker, -- das sind Jerli's.«

Und Wolodin berichtete ausführlich, wie in seiner Heimat Jerli's
zubereitet würden. Peredonoff hörte ihm gelangweilt zu. »Was will der
Pawluschka eigentlich, will er zu meinem Leichenschmaus Kutja essen?«

Wolodin machte einen Vorschlag:

»Wenn Sie wollen, daß es richtig zubereitet wird, so geben Sie mir das
nötige Material, und ich werde Ihnen Jerli's kochen.«

»Das wäre: den Bock zum Gärtner machen!« sagte Peredonoff mürrisch. Er
wird Gift dazuschütten, dachte er bei sich.

[Fußnote 2: Ein Gericht aus Graupen oder Reis mit Honig und Rosinen,
welches bei einer Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche gebracht und
später gegessen wird.]

Wolodin fühlte sich wieder gekränkt.

»Wenn Sie glauben, daß ich bei Ihnen Zucker klemmen will, Ardalljon
Borisowitsch, so irren Sie, Ihren Zucker brauche ich nicht.«

»Wozu die Albernheiten,« unterbrach Warwara, »Sie wissen doch, er hat
seine Launen. Kommen Sie nur und kochen Sie.«

»Dann mag er es selber fressen,« sagte Peredonoff.

»Warum denn das?« fragte mit gekränkter, zitternder Stimme, Wolodin.

»Darum, weil es eine Schweinerei ist.«

»Wie Sie wünschen, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin und zuckte die
Achseln, »ich wollte es Ihnen recht machen, aber wenn Sie nicht wollen,
dann tun Sie eben, was Sie wollen.«

»Und wie hat dich der General abfahren lassen?« fragte Peredonoff.

»Was für ein General?« fragte Wolodin zurück und wurde rot. Ganz
beleidigt schob er die Unterlippe vor.

»Wir haben doch davon gehört,« sagte Peredonoff.

Warwara schmunzelte.

»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin lebhaft, »Sie
haben davon gehört, ja freilich, aber es könnte sein, daß Sie nicht das
Richtige gehört haben. Ich will Ihnen erzählen, wie sich die ganze Sache
verhalten hat.«

»Also los,« sagte Peredonoff.

»Das war vorgestern,« erzählte Wolodin, »grade um dieselbe Stunde, wie
eben. Sie wissen, daß die Werkstatt in unserer Schule renoviert wird.
Nun, bitte merken Sie auf, kommt Weriga zusammen mit unsrem Inspektor
zur Besichtigung. Wir arbeiten grade in einem der hinteren Zimmer.
Schön. Ich kümmere mich gar nicht darum, weswegen der Weriga eigentlich
kommt; was er da zu suchen hat, geht mich nichts an. Freilich, ich wußte
ja, daß er Adelsmarschall ist; immerhin hat er gar keine Fühlung zu
unsrer Schule, -- aber daran will ich nicht rühren. Mag er kommen, wenn
er Lust hat. Wir störten sie nicht, und arbeiteten so ganz gemächlich.
Auf einmal treten die beiden bei uns ein, und der Weriga, -- ich bitte
das zu beachten, -- behält seine Mütze auf.«

»Damit wollte er dir seine Mißachtung bezeigen,« sagte mürrisch
Peredonoff.

Ganz erfreut griff Wolodin diese Bemerkung auf: »Nun sehen Sie, außerdem
hängt noch in unsrer Stube ein Heiligenbild, und wir alle waren ohne
Kopfbedeckung; er hingegen kommt herein, wie ein Heide. Also ich
erlaubte mir, zu bemerken, leise und ehrerbietig: Exzellenz, sage ich,
haben Sie die Güte, ihre Mütze abzunehmen, darum, sage ich, weil hier
das Heiligenbild hängt. War das nicht recht gesagt?« fragte Wolodin und
rollte die Augen vor.

»Sehr gewandt, Pawluschka,« bemerkte Peredonoff, »das war gut
getrumpft.«

»Natürlich,« pflichtete Warwara bei, »so was darf man nicht dulden. Sie
sind ein fixer Kerl, Pawel Wassiljewitsch!«

Wolodin fuhr mit der Miene eines schuldlos Gekränkten in seiner
Erzählung fort:

»Und daraufhin geruhte er nur zu sagen: Schuster, bleib bei deinem
Leisten, -- kehrte mir den Rücken und ging. Das ist die ganze
Geschichte. Weiter nichts!«

Wolodin fühlte sich immerhin als Held. Peredonoff gab ihm zur Beruhigung
ein Bonbon.

Dann kam noch ein Besuch: Sophja Jefimowna Prepolowenskaja, die Frau
eines Unterförsters. Sie war dick, hatte ein gutmütig-listiges Gesicht
und segelnde Bewegungen. Auch sie wurde genötigt, mitzuessen.
Hinterlistig bemerkte sie zu Wolodin:

»Sagen Sie doch, Pawel Wassiljewitsch, man sieht Sie ja recht oft bei
Warwara Dmitriewna?«

»Sie entschuldigen,« antwortete Wolodin, »ich bin keineswegs zu Warwara
Dmitriewna, sondern zu Ardalljon Borisowitsch gekommen.«

»Haben Sie sich verliebt?« spottete die Prepolowenskaja.

Alle wußten, daß Wolodin nach einer Braut mit größerer Mitgift suchte.
Er hatte schon oft angehalten, aber immer Körbe bekommen. Der Scherz der
Prepolowenskaja schien ihm unpassend zu sein. Mit bebender Stimme und in
seiner Wut ganz einem gekränktem Schafe gleichend, sagte er:

»Wenn ich mich verliebt haben sollte, Sophja Jefimowna, so geht das
keinen Menschen was an, ausgenommen mich und das betreffende Mädchen:
Sie hingegen sind in Ihrer Art und Weise zudringlich.«

Aber die Prepolowenskaja ließ nicht locker.

»Passen Sie nur auf,« sagte sie, »wenn Warwara Dmitriewna sich in Sie
verlieben wird, wer soll dann für Ardalljon Borisowitsch die süßen
Pastetchen backen?«

Wolodin reckte die Lippen vor, zog die Augenbrauen hoch und wußte nicht,
was er antworten sollte.

»Seien Sie doch nicht so schüchtern. Pawel Wassiljewitsch,« fuhr die
Prepolowenskaja fort, »warum sollten Sie nicht heiraten? Sie sind jung,
Sie sehen gut aus.«

»Aber vielleicht will Warwara Dmitriewna nicht,« sagte Wolodin und
kicherte.

»Wie sollte sie nicht«, antwortete die Prepolowenskaja, »Sie sind zu
unrechter Zeit bescheiden.«

»Aber wenn ich selber nicht wollen sollte,« sagte Wolodin ganz verlegen.
»Vielleicht ist es so, daß ich ein fremdes Schwesterchen gar nicht
heiraten will. Vielleicht gibt es in meiner Heimat irgend eine
heranwachsende Nichte zweiten Grades für mich.«

Schon fing er an zu glauben, daß Warwara nicht abgeneigt wäre, ihn zu
nehmen. Warwara wurde böse. Sie hielt Wolodin für einen ausgemachten
Esel; zudem hatte er ein viermal geringeres Einkommen als Peredonoff.
Die Prepolowenskaja ihrerseits wollte Peredonoff an ihre Schwester, eine
fette Popenwitwe, verkuppeln. Darum bemühte sie sich auch, Peredonoff
und Warwara zu entzweien.

»Warum wollen Sie mich verkuppeln,« fragte Warwara ärgerlich, »besorgen
Sie doch lieber die Heirat zwischen Pawel Wassiljewitsch und Ihrer
jüngsten Schwester.«

»Ich werde ihn Ihnen doch nicht abspenstig machen,« entgegnete scherzend
die Prepolowenskaja.

Die Scherze der Prepolowenskaja hatten dem langsamen Gedankengang
Peredonoffs eine andere Richtung gegeben. Die Erinnerung an die Jerli
war ihm fest haften geblieben. Was hatte Wolodin für einen Grund, von
dieser Speise zu erzählen? Peredonoff liebte es nicht, zu grübeln. Im
ersten Augenblick glaubte er alles, was man ihm sagte. So glaubte er
auch, daß Wolodin in Warwara verliebt wäre. Er überlegte so: sie wollen
mich umgarnen, dann, -- wenn es dazu kommt, daß ich in einer anderen
Stadt Inspektor werden soll, werden Sie mich unterwegs mit diesen Jerlis
vergiften, und an meine Stelle tritt dann Wolodin; man wird mich
beerdigen, und Wolodin wird Inspektor. Wahrhaftig! schlau haben sie sich
das ausgedacht.

Plötzlich hörte man im Vorzimmer Lärm. Peredonoff und Warwara
erschraken: Peredonoff richtete seine zusammengekniffenen Augen starr
auf die Tür, Warwara schlich zur Tür, die in den Saal führte, öffnete
sie ein wenig, blickte hinein, und dann kehrte sie ebenso leise auf den
Fußspitzen, mit den Händen balancierend und verlegen lächelnd zum Tisch
zurück. Aus dem Vorzimmer hörte man schrilles Rufen und Schreien, so als
wäre dort eine Prügelei. Warwara flüsterte:

»Es ist die Jerschicha -- vollständig betrunken --, Natascha läßt sie
nicht herein. Aber sie drängt mit aller Gewalt in den Saal.«

»Was sollen wir tun?« fragte Peredonoff ängstlich.

»Wir müssen in den Saal gehen,« entschied Warwara, »damit sie nicht
herkommt.«

Man ging in den Saal, und die Türe zum Speisezimmer wurde geschlossen.
Warwara ging ins Vorhaus. Sie hoffte im stillen die Hauswirtin dort
aufhalten zu können oder sie in die Küche zu expedieren. Aber das
niederträchtige Weib drängte nur so in den Saal herein. Sie stemmte ihre
Fäuste in die Seiten, blieb an der Schwelle stehen und begann als erste
allseitige Begrüßung zu schimpfen. Peredonoff und Warwara bemühten sich
um sie und versuchten sie auf einen Stuhl in der Nähe des Vorhauses und
weitab vom Speisezimmer festzunageln. Warwara brachte ihr aus der Küche
auf einem Teebrett Bier, Schnaps und Pasteten. Allein die Hauswirtin
setzte sich nicht, aß nichts und drängte mit Gewalt ins Speisezimmer;
nur die Türe konnte sie nicht finden. Sie war ganz rot im Gesicht,
zerzaust, schmutzig und roch schon von weitem nach Schnaps. Sie brüllte:

»Nein, du mußt mich an deinen Speisetisch führen. Warum bringst du mir
das Essen auf einem Teebrett. Ich will ein Tischtuch vor mir haben. Ja
-- ich bin die Hauswirtin! Du mußt mich in Ehren bewirten. Du -- sieh
mich nicht so an, weil ich besoffen bin. Dafür bin ich ein ehrliches
Weib! ich bin meinem Manne rechtmäßig angetraut.« Warwara lächelte
gemein und feig. Sie sagte:

»Das wissen wir schon.«

Die Jerschowa blinzelte Warwara an, lachte heiser und schwippte frivol
mit den Fingern. Sie wurde immer dreister und frecher.

»Seine Schwester?« schrie sie, »wir kennen das, -- schöne Schwester das!
Warum besucht dich die Frau des Direktors nicht? He! -- warum?«

»Du, brüll mal nicht,« sagte Warwara.

Aber die Jerschowa zeterte noch lauter:

»Was hast du mir zu befehlen? Hier in meinem Hause kann ich tun, was ich
will. Wenn es mir paßt, so werfe ich euch gleich hinaus, um euren
Dunstkreis loszusein. Ich will euch aber eine Gnade erweisen: lebt wie
ihr wollt, aber wagt es nur euch aufzuspielen!«

Wolodin und die Prepolowenskaja hatten sich indes ganz bescheiden an ein
Fenster gedrückt und verhielten sich still. Die Prepolowenskaja
schmunzelte ein wenig, schielte ab und zu auf das keifende Weib, stellte
sich aber so, als blickte sie auf die Straße.

Wolodin saß da mit einer Miene gekränkter Erhabenheit.

Die Jerschowa wurde für eine Zeit menschenfreundlich, grinste fröhlich
in trunkenem Mut, klopfte Warwara auf die Schulter und sagte
freundschaftlich:

»Du -- hör mal, was ich dir sagen will --, du mußt mich an deinen
Speisetisch führen und mich gebildet unterhalten. Du mußt mir etwas
Süßes zum Essen geben, du mußt deine Hauswirtin ehrenvoll bewirten! ja,
das mußt du, du mein liebes Mädchen.«

»Da hast du Pasteten,« sagte Warwara.

»Ich will keine Pasteten; ich will dasselbe essen, was die Herrschaften
essen,« schrie die Jerschowa, fuchtelte mit den Händen und lachte selig,
»so süßes Backwerk essen die Herrschaften -- ach, so süß!«

»Ich habe kein Backwerk für dich,« antwortete Warwara. Sie wurde
mutiger, weil die Hauswirtin lustig geworden war, »schau mal, man gibt
dir Pasteten, dann mußt du sie essen.«

Plötzlich hatte die Jerschowa die Tür zum Speisezimmer entdeckt. In
toller Wut heulte sie auf:

»Gib den Weg frei, du Schlange!«

Sie stieß Warwara zur Seite und stürmte zur Tür. Man konnte sie nicht
mehr aufhalten. Mit vorgebeugtem Kopf, die Fäuste geballt, brach sie
krachend die Türe auf und stürzte ins Speisezimmer. In der Nähe der
Schwelle blieb sie stehn, sah die beschmierten Tapeten und stieß einen
gellenden Pfiff aus. Sie stemmte die Arme in die Seiten, stellte den
einen Fuß verwegen vor und schrie wie eine Rasende:

»Also ihr wollt wirklich ausziehen!«

»Keine Spur, Irina Stepanowna, -- wir denken nicht daran, sei doch nicht
närrisch.«

»Wir werden gewiß nicht ausziehen,« bestätigte Peredonoff, »wir haben es
hier so gut.«

Die Wirtin hörte nicht, kam der bestürzten Warwara immer näher und
fuchtelte mit den Fäusten vor ihrem Gesicht. Peredonoff zog es vor,
hinter Warwaras Rücken zu bleiben. Er wäre gerne fortgelaufen,
andererseits war es interessant zu sehen, wie die Wirtin und Warwara
sich prügeln würden.

»Ich werde dir auf den einen Fuß drauftreten, am andern ziehn und dich
in zwei Hälften reißen!« schrie die Jerschowa wutentbrannt.

»Was fehlt dir nur, Irina Stepanowna,« beruhigte Warwara, »hör doch auf,
wir haben Gäste.«

»Zeig' sie mal, deine Gäste,« brüllte die Jerschowa, »deine Gäste kann
ich gerade brauchen.«

Schwankend taumelte die Jerschowa in den Saal. Mit einem Mal änderte sie
vollständig ihre Art zu reden und ihre Umgangsformen, verbeugte sich
tief vor der Prepolowenskaja, so tief, daß sie fast hinfiel und sagte
bescheiden:

»Gnädige Frau, liebe Sophja Jefimowna, verzeihen Sie mir, denn ich bin
ein besoffenes Weib. Aber eins muß ich Ihnen sagen, hören Sie bitte. Sie
besuchen diese Leute hier, aber wissen Sie auch, was die da von Ihrer
Schwester gesagt hat? Noch dazu wem? Mir -- der besoffenen Frau eines
Schusters! Und warum? Damit ich es allen weitererzählen soll, sehen Sie
-- darum!«

Warwara wurde dunkelrot und sagte:

»Nichts habe ich dir gesagt.«

»Du hast nichts gesagt? Du ekliges Ungeziefer!« tobte die Jerschowa, mit
geballten Fäusten an Warwara herantretend.

»Jetzt schweig aber still,« murmelte Warwara verlegen.

»Nein, ich werde nicht stillschweigen,« schrie die Jerschowa schadenfroh
und wandte sich wieder an die Prepolowenskaja. »Daß sie, -- Ihre
Schwester nämlich, -- ein Verhältnis mit Ihrem Manne unterhält; sehen
Sie, das hat sie mir gesagt, dieses verworfene Weib!«

Sophjas böse und verschlagene Augen blitzten zu Warwara hinüber. Sie
stand auf und sagte mit gezwungenem Lachen:

»Ich danke untertänigst, das habe ich nicht erwartet.«

»Du lügst«, quiekte Warwara wütend.

Die Jerschowa grunzte böse, stampfte mit dem Fuß auf und machte eine
abwehrende Handbewegung. Dann wandte sie sich sofort wieder an die
Prepolowenskaja:

»Und was der Herr dort von Ihnen sagt, allergnädigste Frau! Sie hätten
sich früher herumgetrieben und dann später geheiratet. Da sehen Sie, was
das für gemeine Leute sind! Spucken Sie Ihnen einfach ins Maul, liebste
gnädigste Frau, Sie sollten nicht mit diesem niederträchtigen Pack
verkehren.«

Die Prepolowenskaja wurde rot und ging schweigend ins Vorhaus.
Peredonoff lief ihr nach und rechtfertigte sich:

»Sie lügt, glauben Sie ihr nicht. Nur einmal habe ich in ihrer Gegenwart
gesagt, daß Sie dumm seien, und das sagte ich nur aus Wut. Weiter habe
ich -- weiß Gott -- nichts gesagt, alles hat sie gelogen.«

Die Prepolowenskaja antwortete ruhig:

»Lassen Sie doch, Ardalljon Borisowitsch, -- ich sehe doch, daß sie
betrunken ist; sie weiß ja nicht, was sie schwatzt. Nur eins: warum
gestatten Sie, daß so was in Ihrem Hause vorkommt?«

»Ja, sehen Sie,« antwortete Peredonoff, »was soll ich mit ihr anfangen?«

Die Prepolowenskaja war verwirrt und ärgerlich. Sie zog ihre Jacke an.
Peredonoff kam nicht darauf ihr zu helfen. Irgendetwas murmelte er noch,
aber sie hörte ihn nicht. Dann kehrte Peredonoff in den Saal zurück. Die
Jerschowa begann ihm in schreiendem Tone Vorwürfe zu machen.

Warwara lief auf den Flur hinaus, um die Prepolowenskaja zu versöhnen:

»Sie wissen doch, was er für ein Dummkopf ist, -- er weiß ja nicht, was
er sagt.«

»Ach lassen Sie doch; warum beunruhigen Sie sich?« antwortete auch ihr
die Prepolowenskaja. »Ich weiß doch, was so ein betrunkenes Weib alles
schwatzen kann.«

Die Haustür mündete auf einen Hof. In dichter Menge wuchsen dort am
Hause hochaufgeschossene Brennesseln. Die Prepolowenskaja lächelte kaum
merklich und der letzte Schatten von Unzufriedenheit schwand von ihrem
rosigen, vollen Gesicht. Sie wurde wieder liebenswürdig und höflich. Für
die Kränkung wollte sie auch ohne sich zu zanken Rache nehmen.

Beide gingen zusammen in den Garten, um dort die Szene mit der Wirtin
abzuwarten.

Fortwährend blickte die Prepolowenskaja auf die Nesseln, die auch im
Garten reichlich am Zaune wucherten. Endlich sagte sie:

»Wie viel Nesseln Sie haben! Haben Sie Verwendung dafür?«

Warwara lachte und sagte:

»Nanu, was sollte ich damit anfangen?«

»Wir haben nämlich keine,« sagte die Prepolowenskaja, »und wenn es Ihnen
nicht weiter leid tut, so will ich mir einige Handvoll ausraufen.«

»Ja -- aber wozu denn?« fragte Warwara verwundert.

»Ach, ich brauche sie halt,« sagte die Prepolowenskaja und lächelte
vielsagend.

»Liebes Herz, sagen Sie bitte -- wozu?« flehte Warwara neugierig.

Die Prepolowenskaja neigte sich dicht an Warwaras Ohr und flüsterte:

»Wenn man sich mit Nesseln abreibt, so wird man nicht mager. Das machen
die Nesseln, daß meine Genitschka so rundlich ist.«

Es war überall bekannt, daß Peredonoff die dickeren Frauen bevorzugte,
die mageren hingegen verschmähte. Warwara war ganz betrübt, daß sie
schlank war und immer mehr abmagerte. Was tue ich, um recht viel Fett
anzusetzen? -- das war eine ihrer größten Sorgen. Ueberall fragte sie:
»Wissen Sie nicht ein Mittel?« Und die Prepolowenskaja glaubte sicher,
daß Warwara sich jetzt nach ihrem Rezept mit Nesseln abreiben, und auf
diese Weise sich selber strafen würde.



                                  III


Peredonoff ging zusammen mit der Jerschowa auf den Hof. Er murmelte:

»Ach du Aas!«

Sie schrie aus vollem Halse und war sehr ausgelassen. Dann fingen sie
auf dem Hofe zu tanzen an. Die Prepolowenskaja und Warwara gingen durch
die Küche in die Wohnstube und setzten sich ans Fenster, um zu sehen,
was auf dem Hofe vorging.

Peredonoff und die Jerschowa hatten sich umarmt und tanzten auf dem
Rasen um einen Birnbaum herum. Peredonoffs Gesicht war wie sonst --
stumpf und ganz ohne Ausdruck. Wie auf etwas Leblosem hüpfte die goldene
Brille mechanisch auf seinem Nasenrücken hin und her, ebenso das
kurzgeschorene Haar auf seinem Kopf. Die Jerschowa quiekte, juchzte,
fuchtelte mit den Händen und schwankte. Durchs Fenster rief sie Warwara
zu:

»He da, hochnasige Person, komm doch heraus, -- wollen tanzen! Oder
ekelt dir vor unserer Gesellschaft?«

Warwara wandte sich ab.

»Hol' dich die Pest,« rief die Jerschowa, »ich bin halbtot.« Sie wälzte
sich auf den Rasen und zog Peredonoff nach sich.

So saßen sie und hielten sich umarmt, dann tanzten sie wieder. Das
wiederholte sich etlichemal: bald tanzten sie, bald ruhten sie sich auf
einer Bank unter dem Birnbaum oder einfach im Grase aus.

Wolodin sah aus dem Fenster auf die Tanzenden und amüsierte sich
königlich. Er schüttelte sich vor Lachen, schnitt allerhand Fratzen,
krümmte sich, zog die Knie hoch und frohlockte:

»Das ist ein Hauptspaß, -- zum Wälzen!«

»Verfluchtes Aas!« sagte Warwara geärgert.

»Ein Aas ist sie wohl,« gab Wolodin zu und lachte, »warte nur,
vielliebste Wirtin, ich werde dir schon einen Gefallen tun. Wollen wir
auch den Saal besauen! Jetzt ist es doch egal, heute wird sie nicht mehr
herkommen. Wird sich müdehopsen auf dem Rasen und dann schlafen gehen.«

Und er wälzte sich beinah vor Lachen und sprang wie ein Schaf umher. Die
Prepolowenskaja stachelte ihn an:

»Natürlich! Pawel Wassiljewitsch, Sie müssen jenes Zimmer auch
beschmieren. Was glotzen Sie nach ihr? Und wenn sie auch kommen sollte,
dann kann man ihr einfach sagen, daß sie alles selber in der
Betrunkenheit angerichtet hat.«

Wolodin lief, hüpfend und lachend, in den Saal und machte sich daran,
die Tapeten mit seinen Stiefelsohlen zu bearbeiten.

»Warwara Dmitriewna,« schrie er, »geben Sie doch bitte einen Bindfaden.«

Warwara wackelte wie eine Ente durch den Saal ins Schlafzimmer und
brachte ein verknotetes und zerfasertes Bindfadenendchen. Wolodin machte
eine Schlinge, stellte einen Stuhl mitten in den Saal und befestigte die
Schlinge an dem Lampenhaken in der Decke.

»Das ist für die Wirtin!« schrie er, »sie muß doch was haben, woran sie
sich vor Wut aufhängen kann, wenn Sie ausgezogen sind.«

Beide Damen schrieen vor Lachen.

»Geben Sie ein Stückchen Papier!« rief Wolodin, »und einen Bleistift.«

Warwara stöberte wieder im Schlafzimmer und brachte dann einen Fetzen
Papier und einen Bleistift. Wolodin schrieb: »Für die Wirtin« und
befestigte das Papier an der Schlinge. Dabei machte er die albernsten
Bewegungen. Dann bearbeitete er wieder wie ein Rasender die Wände mit
seinen Sohlen und sein Körper flog von der Erschütterung. Sein Gejohl
und sein blökendes Gelächter füllte das ganze Haus. Der weiße Kater
hatte ängstlich die Ohren angezogen, blinzelte aus dem Schlafzimmer
herüber und wußte augenscheinlich nicht, wohin er flüchten sollte.

Endlich war es Peredonoff gelungen, die Jerschowa abzuschütteln. Er kam
allein zurück. -- Die Jerschowa war in der Tat ganz ermattet schlafen
gegangen und Wolodin empfing Peredonoff mit Schreien und Lachen:

»Jetzt haben wir auch den Saal besaut. Hurra!«

»Hurra!« brüllte Peredonoff und lachte dröhnend und abgerissen, wie aus
der Pistole geschossen.

Auch die Damen schrieen »Hurra«. Die Heiterkeit wurde allgemein.
Peredonoff rief:

»Pawluschka, komm tanzen!«

»Los, Ardalljoscha,« antwortete dummerhaft kichernd Wolodin.

Sie tanzten unter der Schlinge und beide warfen ihre Beine plump in die
Luft. Der Fußboden zitterte unter Peredonoffs schweren Tritten.

»Ardalljon Borisowitsch beliebt zu tanzen,« bemerkte die Prepolowenskaja
und lächelte.

»Es lohnt nicht davon zu sprechen; bei ihm ist alles Laune,« antwortete
Warwara mürrisch, aber sie fand Gefallen an Peredonoff.

Es war ihre aufrichtige Ueberzeugung, daß er hübsch und flott wäre.
Selbst das Dümmste was er tat, schien ihr nachahmenswert.

Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lächerlich.

»Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen!« schrie Wolodin. »Geben
Sie ein Kissen!«

»Was der sich alles ausdenkt!« sagte Warwara und lachte.

Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug
heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin
vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die
Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mußte die Drehorgel spielen,
während alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine
Quadrille tanzten.

Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine düstre, trotzige
Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fühlte
sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, -- vielleicht
infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche
hervor, zählte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit
selbstgefälliger, stolzer Miene.

»Da hast du, Warwara,« rief er, »näh dir das Hochzeitskleid.«

Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf.
Diese Art und Weise beschenkt zu werden, kränkte sie nicht. Die
Prepolowenskaja dachte wütend bei sich: »Das wollen wir noch abwarten,
wer siegen wird«, und lächelte perfid. Wolodin kam natürlich nicht
darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein.

Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen
Besuch zusammen; es war die Gruschina.

Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein
frühzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, -- und ihre trockene Haut
hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fältchen gelegt. Ihr
Gesicht war nicht unsympathisch, dafür ihre Zähne schmutzig und schwarz.
Sie hatte schmale Hände, lange spinnartige Finger und unsaubre Nägel.
Wenn man sie flüchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus,
machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und würde darum
gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich
leicht vorstellen, daß eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt
wäre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet hätte. Die
Kleider schlotterten an ihr in geknüllten Falten, so als wären sie eben
erst aus einem sehr fest verschnürten Packen, in dem sie lange
zusammengepreßt gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von
einer Rente und erwarb sich den übrigen Unterhalt durch kleinere
Kommissionsgeschäfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie
redete gewöhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um
einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war ständig an
irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet.

Warwara begrüßte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein
Geschäft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, über
Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der
neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff saß
einsam und verdrossen am Tisch und verknüllte mit den Händen einen
Zipfel des Tischtuchs.

Warwara beklagte sich bei der Gruschina über ihre Natalie. Die Gruschina
schlug ihr eine andere Magd vor, die sie sehr zu loben wußte, eine
gewisse Klawdija. Man beschloß, gleich hinzufahren an den
Ssamorodina-Bach. Dort lebte sie nämlich bei einem Akzisebeamten, der in
diesen Tagen in eine andere Stadt versetzt worden war. Warwara zögerte
nur noch des Namens wegen. Ratlos fragte sie:

»Klawdija? Aber wie soll ich sie denn rufen? Etwa Klaschka?«

Die Gruschina riet:

»Rufen Sie sie doch einfach Klawdjuschka!«

Warwara gefiel das. Sie wiederholte:

»Klawdjuschka, djuschka!« und lachte heiser. Es muß nämlich bemerkt
werden, daß man die Schweine in unserer Stadt »Djuschki« zu nennen
pflegt. Wolodin grunzte und alle lachten.

»Djuschka, Djuschenka,« flüsterte Wolodin zwischen lauten Lachanfällen.
Er machte ein dummes Gesicht und reckte die Lippen vor.

Dann grunzte er und betrug sich so lange läppisch, bis man ihm sagte,
daß er langweilig würde. Dann fühlte er sich gekränkt und stand auf, um
sich neben Peredonoff zu setzen. Just wie ein Schaf beugte er seine
rundgewölbte Stirn vor und stierte andauernd auf das befleckte
Tischtuch.

Warwara beschloß gleich auf dem Wege zum Ssamorodina-Bach Stoff für ihr
Hochzeitskleid zu kaufen. In die Kaufläden ging sie immer zusammen mit
der Gruschina; die half ihr beim Treffen der endgültigen Wahl und bei
dem unvermeidlichen Feilschen.

Als Warwara von Peredonoff fortschlich, stopfte sie in die tiefen
Taschen der Gruschina für deren Kinder allerlei Leckerbissen, süße
Pastetchen und Bonbons. Die Gruschina erriet, daß Warwara ihrer Dienste
dringend bedürfe.

Warwara konnte nicht weit gehen wegen ihrer zu engen Schuhe mit den
hohen Absätzen. Sie wurde rasch müde. Daher benutzte sie gewöhnlich eine
Droschke, obwohl die Entfernungen in unserer Stadt nur geringe waren. In
letzter Zeit war sie besonders häufig bei der Gruschina gewesen. Das
hatten die Droschkenkutscher schon gemerkt: ihrer gab es nicht viele,
vielleicht an die zwanzig. Wenn Warwara einstieg, fragten sie garnicht
mehr, wohin sie fahren sollten.

Sie setzten sich in den Wagen und fuhren zu den Herrschaften, bei denen
Klawdija diente, um sich nach ihr zu erkundigen. Die Straßen waren fast
durchweg mit Schmutz bedeckt, obwohl es schon gestern abend aufgehört
hatte zu regnen. Nur selten ratterte die Droschke über kurze,
gepflasterte Straßen, dann versanken die Räder wieder im zähen Schmutz
grundloser Wege. Umso mehr zitterte ununterbrochen Warwaras Stimme,
begleitet vom teilnehmenden Geschwätz der Gruschina.

»Mein Gänserich war schon wieder bei Marfuschka,[3]« erzählte Warwara.

[Fußnote 3: Kosename für »Martha«.]

In teilnehmender Empörung antwortete die Gruschina:

»Sie suchen ihn einzufangen. Will es gerne glauben. Das wäre just ein
Ehemann für dieses Mädel, die Marfuschka. So einen kann sie sich im
Traume wünschen.«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen soll,« klagte Warwara, »er
ist jetzt so widerhaarig, -- gar nicht zu sagen wie. Glauben Sie, es
wirbelt mir im Kopf. Fällt es ihm ein, zu heiraten, dann kann ich auf
die Straße gehen.«

»Nicht doch, liebste Warwara Dmitriewna,« beruhigte die Gruschina,
»glauben Sie das nicht. Nie wird er eine andere heiraten als Sie. Er hat
sich doch an Sie gewöhnt.«

»Manchmal geht er in der Nacht aus, dann kann ich nicht einschlafen,«
erzählte Warwara, »Gott weiß, vielleicht läßt er sich irgendwo trauen.
Manchmal sorge ich mich die ganze Nacht. Alle haben es auf ihn abgesehen
-- die drei Rutiloffschen Stuten, -- sie hängen sich ja an jeden, -- und
Jenkja mit der gedunsenen Fratze.«

Noch lange klagte Warwara, und aus ihrem ganzen Gespräch ersah die
Gruschina, daß sie eine besondere Bitte auf dem Herzen hatte, und schon
im voraus freute sie sich auf eine neue Einnahme.

Klawdija gefiel. Die Frau des Akzisebeamten hatte sie gelobt. So wurde
sie denn engagiert und man sagte ihr, sie hätte noch am selben Abend zu
erscheinen, da der Akzisebeamte schon heute abreisen mußte.

Endlich langten sie bei der Gruschina an. Sie lebte in ihrem eigenen
Häuschen, ziemlich unordentlich, zusammen mit ihren drei kleinen Göhren.
Die waren zerzaust, dreckig, dumm und bösartig wie begossene Welpen. Die
eigentliche Aussprache folgte erst jetzt.

Warwara begann zu erzählen: »Mein Ardalljoschka, der Dummkopf, verlangt,
ich soll wieder an die Fürstin schreiben. Was soll ich ihr denn so mir
nichts dir nichts schreiben; entweder wird sie überhaupt nicht
antworten, oder etwas antworten, was nicht in meinen Kram paßt. Die
Freundschaft ist nicht von weitem her.«

Die Fürstin Woltschanskaja, -- Warwara hatte gelegentlich als
Schneiderin für einfachere Arbeit bei ihr gearbeitet, -- hätte
Peredonoff allerdings nützlich sein können: ihre Tochter war nämlich an
den Geheimen Rat Tschtepkin verheiratet, ein Mann, der im Schulressort
viel zu bedeuten hatte. Schon im vorigen Jahre hatte sie an Warwara als
Antwort auf ihre Bitten geschrieben, daß sie für Warwaras »Bräutigam«
ein gutes Wort einzulegen nicht gewillt wäre; anders verhielte es sich,
wenn sie heiraten würde, dann könnte sie vielleicht gelegentlich ein
Wörtchen zu seinen Gunsten fallen lassen. Peredonoff hatte jener Brief
nicht befriedigt: damit war eigentlich nur eine unbestimmte Hoffnung
gegeben, es war aber nicht direkt gesagt, daß die Fürstin ganz unbedingt
Warwaras Manne den Posten eines Inspektors verschaffen würde. Um diese
Ungewißheit zu klären, waren sie kürzlich nach St. Petersburg gefahren.
Warwara hatte die Fürstin aufgesucht und dann führte sie auch Peredonoff
hin, hatte aber diesen Besuch mit Absicht so lange hinausgeschoben, bis
sie die Fürstin nicht mehr zu Hause trafen: Warwara begriff, daß sich
die Fürstin im besten Fall auf den Rat beschränken würde, sie möchten so
bald als möglich heiraten, vielleicht noch einige unbestimmte
Versprechungen hinzufügen würde, daß sie bei Gelegenheit ein gutes Wort
einlegen wolle, kurz -- Versprechungen, die Peredonoff keineswegs
genügen konnten. So beschloß denn Warwara, Peredonoff die Fürstin nicht
zu zeigen.

»Ich verlasse mich felsenfest auf Sie,« sagte Warwara, »helfen Sie mir,
teuerste Marja Ossipowna.«

»Wie soll ich Ihnen denn helfen, liebes Herz?« fragte die Gruschina,
»Sie wissen doch, Warwara Dmitriewna, daß ich für Sie bereit bin, alles
zu tun, was in meiner Kraft liegt. Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen?«

»Ich weiß doch, was an Ihrer Wahrsagerei dran ist,« sagte Warwara
lachend, »nein, ganz anders müssen Sie mir helfen.«

»Wie denn?« fragte in freudig-reger Erwartung die Gruschina.

»Ganz einfach,« sagte schmunzelnd Warwara, »schreiben Sie einen Brief an
mich, als käme er von der Fürstin. Fälschen Sie ihre Handschrift; ich
werde ihn dann Ardalljon Borisowitsch zeigen.«

»Aber was denken Sie nur, Teuerste! Das geht doch nicht,« beteuerte die
Gruschina und stellte sich empört, »wenn die Geschichte herauskommt, was
soll dann aus mir werden?«

Warwara ließ sich durch diese Antwort keineswegs aus der Fassung
bringen, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche und sagte:

»Da habe ich Ihnen gleich den Brief der Fürstin als Mustervorlage
gebracht.«

Die Gruschina sträubte sich lange. Warwara sah klar, daß die Gruschina
ihr Einverständnis geben würde, daß sie nur für diesen Dienst mehr
beanspruchen wolle. Warwara ihrerseits wollte gerade weniger zahlen. Und
nur ganz allmählich erhöhte sie den Bestechungspreis, versprach
verschiedene kleinere Geschenke, ein altes Seidenkleid, und endlich sah
die Gruschina ein, daß Warwara in keinem Fall mehr geben würde. Klagende
Worte ergossen sich aus Warwaras Munde. Die Gruschina tat, als wäre sie
nur aus Mitleid bereit, die Sache zu übernehmen und nahm den Brief.



                                   IV


Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff,
Falastoff, Wolodin und Murin -- ein Gutsherr von hünenhaftem Wuchse und
dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, außerdem ein
kapitalkräftiger, unternehmungslustiger Mann --, alle diese fünf hatten
das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg.

Es dämmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte
Bierflaschen. Die Spieler, welche während des Spieles viel getrunken
hatten, hatten rote Köpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der
einzige, der wie sonst schwindsüchtig-blaß aussah. Er trank auch weniger
als die andern und hätte bei stärkerem Trinken gewiß noch blasser
ausgesehen.

Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fühlte sich gekränkt:
man war eben unter Freunden.

Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard.
Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust
bezahlte er seine Spielschuld.

Murin rief laut:

»Feuer!«

und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck
und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke
gekommen, Murin wolle ihn totschießen. Alle fingen an zu lachen.
Peredonoff brummte ärgerlich:

»Ich kann solche Späße nicht leiden.«

Murin tat es schon leid, daß er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn
war nämlich Gymnasiast, und da hielt er es für seine Pflicht, auf alle
nur mögliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt
entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und
Selters. Peredonoff sagte finster:

»Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor
nicht zufrieden.«

»Der künftige Inspektor hat Unglück im Spiel,« schrie mit blökender
Stimme Wolodin, »schade um das Geld.«

»Unglück im Spiel, Glück in der Liebe,« sagte Rutiloff lächelnd und wies
seine angefaulten Zähne.

Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff
sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem
Verhältnis zu Warwara zu necken. Er rief:

»Ich werde heiraten und Warjka muß hinaus.«

Die Freunde lachten und stichelten:

»Du wirst nicht dürfen.«

»So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.«

»Was gilt die Wette?« schlug Falastoff vor, »ich setze zehn Rubel.«

Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so
hätte er zahlen müssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster.

Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff
und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort
eine seiner Schwestern zu heiraten.

»Ich habe alles in Ordnung gebracht,« wiederholte er, »sei ganz
unbesorgt.«

»Das Aufgebot ist noch nicht gewesen,« schützte Peredonoff vor.

»Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung,« beteuerte Rutiloff. »Ich habe
einen Popen ausfindig gemacht; der weiß, daß ihr nicht verwandt seid.«

»Es sind keine Marschälle da,« sagte Peredonoff.

»Ach was, es sind keine da! Die Marschälle haben wir im Nu zusammen, ich
schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen.
Oder ich werde sie selbst holen gehen. Früher konnte man doch nicht gut,
-- dein »Schwesterchen« hätte Wind gekriegt und uns gestört.«

Peredonoff schwieg still und blickte trübselig zur Seite. Hin und her
sah man im Schatten schweigsame Häuser in träumenden, kleinen Gärtchen
mit morschen Zäunen davor.

»Warte ein wenig an der Pforte,« sagte Rutiloff überredend, »ich werde
dir jede vorführen, welche du nur magst. So hör doch, ich will es dir
gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?«

»Jawohl, vier,« antwortete Peredonoff.

»Also: zwei mal zwei ist vier, darum mußt du eine von meinen Schwestern
heiraten.«

Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so;
natürlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den
klugen Rutiloff. Ich werde heiraten müssen! Mit ihm ist nicht gut
Kirschen essen.

Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor
der Pforte stehen.

»Man kann doch nicht so per Gewalt,« sagte Peredonoff böse.

»Sonderling, sie warten ja nur darauf,« rief Rutiloff.

»Aber ich selber will vielleicht nicht.«

»Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang
Junggeselle bleiben?« antwortete Rutiloff sicher, »oder willst du ins
Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden?
Bedenke nur -- ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins
Haus führst.«

Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder
finster und sagte:

»Und außerdem, _sie_ wollen vielleicht garnicht!«

»Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,« antwortete
Rutiloff. »Ich gebe dir mein Wort darauf.«

»Sie sind stolz,« sagte Peredonoff.

»Was geht dich das an; noch besser.«

»Sie machen sich über alles lustig.«

»Aber doch nicht über dich,« beteuerte Rutiloff.

»Woher soll ich das wissen.«

»So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du
bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.«

»Ja, dir soll man glauben,« sagte Peredonoff mißtrauisch. »Nein, erst
will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.«

»Merkwürdiger Mensch,« sagte Rutiloff verwundert, »wie sollten sie sich
überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?«

Peredonoff dachte nach und sagte:

»Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.«

»Meinetwegen, das geht,« sagte Rutiloff.

»Alle drei auf einmal,« fuhr Peredonoff fort.

»Meinetwegen.«

»Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu
erregen.«

»Wozu denn das?« fragte Rutiloff erstaunt.

»Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich
am Ende an der Nase herumführen,« erklärte Peredonoff.

»Niemand will dich an der Nase herumführen.«

»Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,« erklärte
Peredonoff, »laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu
lachen, dann werde ich sie auslachen.«

Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder
in die Stirn und sagte endlich:

»Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du
komm inzwischen in den Hof, sonst -- der Teufel mag wissen -- kommt noch
jemand gegangen und wird alles sehen.«

»Es ist doch einerlei,« sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff
durch die Pforte.

Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete
unterdessen auf dem Hof.

Im Salon -- einem Eckzimmer -- mit den Fenstern zur Pforte, saßen die
vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem
Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete
Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja,
sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer
lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem
Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen
aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in
Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich
außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig.

Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es
erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und
die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so
als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich
rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den
Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein
Sterbenswörtchen zu sagen wußten, -- schon allein dieser Umstand bewies
zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel
im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.

»Ich hab ihn hergelockt!« erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den
Salon, »er steht an der Pforte.«

Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu
schwatzen und zu lachen an.

»Da ist nur ein Haken dabei,« sagte Rutiloff und lächelte vielsagend.

»Was denn, was denn?« fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen,
schwarzen Augenbrauen zusammen.

»Jetzt weiß ich nicht, ob ich's sagen soll?« fragte Rutiloff.

»Nur schneller, schneller,« drängte Darja.

Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen
Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff.
Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.

Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:

»_So_ wartet er an der Pforte.«

Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten
durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief:

»Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?«

Als Antwort hörte man ihn brummen:

»Nein.«

Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut
und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins
Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden.

Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen
und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde
einfach durch einen Scherz gelöst.

Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein
unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen,
aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne
hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die
Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle,
stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft
werden.

Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er
stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor.
Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, --
warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig
an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn
allen Reiz.

Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und
Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im
Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen
fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum
Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im
Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens
unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man
irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte.
Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand
überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte
sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu
werden.

Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man
hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.

Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die
schönen Schwestern in seinem Hirn, -- tierische Ausgeburten einer
spärlichen Phantasie.

Die Schwestern warteten auf dem Flur.

Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe
wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören.

»Die Luft ist rein,« flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als
Sprachrohr benutzend.

Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm
hinausgegangen.

»Sie werden es gleich sagen,« sagte Rutiloff.

Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte
zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast
erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle
dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.

Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte.

»Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?« fragte sie.

Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:

»Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße
Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.«

Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:

»Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle
Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist
außerordentlich lustig.«

Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für
einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein
feines Stimmchen rief:

»Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen
es erraten.«

Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen
verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht
ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind
fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses
Stehen und Warten dauerte zu lange.

»Hast du sie dir angesehen?« fragte Rutiloff, »welche willst du haben?«

Peredonoff dachte nach. Natürlich, -- entschloß er sich endlich, --
nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen.

»Führ Valerie her,« sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und
Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.

Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie
sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem
Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen
da. Rutiloff trat ein und verkündete:

»Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.«

Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß.

»Das ist gut, das ist gut,« wiederholte sie, »ich will ihn schon gerne
nehmen, ich brauche so einen Mann.«

Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, -- alle drei Schwestern
bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die
Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten
sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt.
Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte.

»Hast du schon eine Droschke besorgt?« fragte Darja.

Rutiloff antwortete aufgebracht:

»Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara
hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.«

»Und wie sollen wir fortkommen?«

»Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort
Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem
Bräutigam, -- aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der
Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die
fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.«

Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie
beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren
geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:

»Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint,
dann will ich überhaupt nicht.«

Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und
versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen.

»Was weinst du denn, Dummerchen,« sprach Darja, »wir scherzen doch nur.«

Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton:

»Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst
geheiratet hat.«

Allmählich wurde Valerie ruhiger.

Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er
träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich
in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ...

Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus
seiner Tasche zog und daran lutschte.

Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja
Toilette machen wollen -- überlegte er -- und überhaupt Aufwand treiben.
Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die
Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau
wird Launen zeigen, und -- womöglich -- nicht einen Fuß in die Küche
setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn
Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist
sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie
man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht
stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und
wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, -- es ist unheimlich, sich
mit ihr einzulassen.

Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat
ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer
halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.

»Was willst du?« fragte er beunruhigt.

»Ich habe mich bedacht,« brummte Peredonoff.

Rutiloff trat vom Fenster zurück.

»Satan rundgeborner!« murmelte er und ging zu seinen Schwestern.

Valerie freute sich sehr.

»Es ist dein Glück, Ludmilla,« sagte sie fröhlich.

Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte,
lachte, bis ihr der Atem ausging.

»Was soll ich ihm sagen?« fragte Rutiloff, »willst du ihn überhaupt?«

Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen.

»Natürlich will sie,« sagte Darja für sie, »sag's ihm nur schnell, sonst
sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.«

Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster:

»Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.«

»Aber etwas flinker,« sagte Peredonoff ärgerlich, »was trödeln sie so
lange.«

Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig.

Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie
liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist
freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es
ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.

»Er klopft wieder,« sagte Larissa, »am Ende gilt es jetzt dir, Darja!«

»So ein Teufel,« schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.

»Was willst du noch?« fragte er böse, »hast du dich wieder bedacht, he?«

»Bring Darja her,« antwortete Peredonoff.

»Das will ich dir eintränken,« flüsterte Rutiloff wütend.

Peredonoff stand und dachte an Darja -- und wieder kam an Stelle des
sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu
dreist, sie wird mich quälen. -- Und was steh' ich hier, worauf warte
ich eigentlich -- dachte er. -- Ich werde mich erkälten. Dort im Graben
am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der
springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große
Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche
Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin
klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.

Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt
mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff
behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas
dagegen tun.

Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten
und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam,
als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und
glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch
klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei:

»Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?«

Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.

»Ich will heute nicht heiraten,« erklärte Peredonoff.

»Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig«
versuchte ihn Rutiloff zu überreden.

»Ich will nicht,« sagte Peredonoff energisch, »komm zu mir nach Hause
Karten spielen.«

»Verdammter Teufel!« schimpfte Rutiloff. »Er will nicht heiraten,«
erklärte er den Schwestern, »er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen
Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.«

Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.

»Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?« fragte Valerie
aufgebracht.

»Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er
von uns doch nicht loskommen,« redete Rutiloff und bemühte sich dabei,
sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte.

Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in
große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans
Fenster.

»Ardalljon Borisowitsch!« rief Darja, »warum sind Sie so unentschlossen!
Das geht doch nicht!«

»Herr Sauerampfer!« rief Ludmilla und lachte laut.

Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die
Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, -- _er_ hatte sie doch
sitzen lassen. »Sie verstellen sich nur,« dachte er und ging schweigend
zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur
Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in
der Dunkelheit verschwunden war.



                                   V


Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons
mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete
fast die ganze Zeit über allein, -- er sprach noch immer in Tönen der
Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein
Gerede. Er fragte ärgerlich:

»Hat der Stier Hörner?«

»Freilich, und was weiter?« fragte Rutiloff erstaunt.

»Na, ich will eben nicht Stier sein,« erklärte Peredonoff.

Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte:

»Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden,
weil du ein komplettes Schwein bist!«

»Lüge!« grunzte Peredonoff.

»Nein, ich lüge nicht und ich kann's beweisen,« sagte schadenfroh
Rutiloff.

»Beweis' doch,« verlangte Peredonoff.

»Wart nur, ich will es schon beweisen,« höhnte Rutiloff. Beide
schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf
Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff.

»Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?«

»Ja, aber du kriegst ihn nicht,« antwortete Peredonoff böse.

Rutiloff lachte aus vollem Halse.

»Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,« rief
er vergnügt.

Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.

»Du lügst,« brummte er, »ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz
gewöhnliche Fratze.«

Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und
sagte:

»Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast
mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe.
Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal
heiraten.«

»Wie du merkwürdig bist,« sagte Rutiloff, »wie kommt es denn, daß das
Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?«

»Du kennst die Gegenmittel,« sagte Peredonoff, »vielleicht hast du mit
dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du
irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie
man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich
war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen
sicherte.«

Rutiloff lachte.

»Was hast du denn getan«, fragte er.

Aber Peredonoff schwieg bereits.

»Warum hast du dich an die Warwara gekettet?« sagte Rutiloff. »Glaubst
du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine
Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.«

[Fußnote 4: Der Fünfer ist eine große russische Kupfermünze. Der
abgeflachte Rüssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.]

Peredonoff verstand das nicht.

Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge -- dachte er, -- sie wird es doch
besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und
mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet,
nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als
sonst mit irgend einer Person.

Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm
begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum
Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht
einmal auf Bestellung bekommen.

Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen
Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab.

Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina -- Warwaras alltäglicher Gast --,
Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein
stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze
Haare. Warwara hatte sich schön gemacht -- sie trug ein weißes Kleid.
Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange
ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich
meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein
Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.

Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und
dummen, zotigen Scherzen empfangen.

»Wo ist der Schnaps?« herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf,
lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer
grobgeschliffenen Karaffe.

»Prost«, brummte Peredonoff.

»Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,« sagte Warwara, »he,
Faultier, etwas flinker,« rief sie in die Küche.

Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:

»Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.«

Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten.

Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten
bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, -- man hatte den Tee noch
nicht getrunken, -- also blieb der Schnaps.

Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken.
Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff
wurde unruhig.

»Ewig ist die Tür sperrangelweit auf«, schimpfte er.

Er fürchtete den Zugwind, -- man hätte sich erkälten können. Daher war
es in der Wohnung stets dumpf.

Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.

»Prachtvolle Eier,« sagte sie, »wo kaufen Sie ein?«

Peredonoff antwortete:

»Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte
tagaus tagein zwei große Eier.«

»Große Herrlichkeit,« antwortete die Prepolowenskaja, »als wäre das was
Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne,
die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.«

»Akkurat wie bei uns,« sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen.
»Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne
war sehr ergiebig.«

Warwara lachte.

»Dumme Witze«, sagte sie.

»Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,« sagte die Gruschina.

Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort:

»Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.«

Die Gruschina wurde verlegen.

»Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie
sowas!« meinte sie schüchtern.

Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte
die Stirn und erklärte:

»Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja
komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.«

Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her
schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an:

»Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.«

Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde:

»Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei
sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich
keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten
sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie
Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.«

»So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,« ermunterte ihn lachend
Rutiloff.

»Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,« sagte die
Prepolowenskaja und lächelte spöttisch.

Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der
Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die
Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, -- wie,
wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief:

»Warwara, leg das Messer fort!«

Warwara zuckte zusammen.

»Was schreist du so,« sagte sie und legte das Messer beiseite. »Wissen
Sie, er sieht immer Gespenster,« erklärte sie dem schweigsamen
Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu
sagen.

»Das kommt vor«, begann er mit traurig-weicher Stimme, »ich hatte einen
Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand
würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und
stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...«

Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte
immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand
unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich
wieder in tiefes Schweigen.

Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von
der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen
hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine
hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf
der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten
Tag, Jeannot! -- Das auf offener Straße! -- erzählte sie.

»Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten«, sagte Peredonoff ärgerlich,
»wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten
zu verbreiten!«

Die Gruschina murmelte erschreckt:

»Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur
weiter.«

Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und
trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause
eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe
Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam
ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor _in
spe_. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:

»Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor
bringen, ich wohl.«

Hierauf hatte Wolodin entgegnet, -- und er gab seinem Gesicht ein
überzeugendes Aussehen:

»Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch -- Sie sind Spezialist auf
_diesem_ Gebiet, ich auf _meinem_.«

»Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in
Dienst gegangen,« berichtete Warwara.

Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich.

»Du lügst wieder!« sagte er halb fragend.

»Nanu, warum soll ich lügen,« antwortete Warwara, »geh zu ihm hin und
frag ihn doch.«

Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen.
Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der
Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium
Bericht erstatten. Wie fatal!

Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der
Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von
Pissareff und etwas dickere -- »Vaterländische Memoiren«. Peredonoff
erbleichte und sagte:

»Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.«

Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine
liberale Gesinnung zu zeigen, -- in der Tat war er vollständig
gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem
nachzugehen. Außerdem _standen_ diese Bücher nur bei ihm, er las sie
garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen
hatte -- zum Lesen hatte er keine Zeit, -- aber auch Zeitungen ließ er
nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen
gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt
interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es
wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm
jede Minute kostbar war.

Er ging zum Bücherbrett und flüsterte:

»Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf
doch, Pawel Wassiljewitsch,« sagte er zu Wolodin.

Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und
nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst
behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den
größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.

»Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?«
fragte er.

»Das wirst du sehen,« antwortete Peredonoff verdrießlich.

Die Prepolowenskaja fragte:

»Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?«

Im Fortgehen antwortete Peredonoff:

»Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.«

Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den
Boden -- Wolodin tat dasselbe -- und schob ein Buch nach dem andern
durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die
Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem
Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine
rundgewölbte Stirn in Falten legte.

Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte:

»Du bist ein ganzer Narr!«

Aber die Gruschina verwies ihr das:

»Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten
Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen
Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr,
die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.«

Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben
setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig,
aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte
zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner
Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen
und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand
hielten.

Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze
zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich,
seine Karten zu halten.

»Pawluschka, sag an,« rief Peredonoff ungeduldig.

Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er
machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:

»Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?«

»Freundschaftlich, freundschaftlich,« entgegnete Peredonoff gedankenlos,
»sag nur schneller an!«

»Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,« redete
Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, »du
bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig
lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es
ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich
hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,« sagte Wolodin und
spielte Trumpf.

Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er
wieder. Geärgert sagte er:

»Du gabst mir ein Aß, aber ich kann's nicht brauchen, du betrügst,«
brummte er, »ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang
ich mit Pik-Aß an?«

Rutiloff wurde witzig:

»Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.«

Wolodin meckerte und kicherte:

»Der Inspektor _in spe_ macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.«

Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und
Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern,
versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders
jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und
stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina
bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein
besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die
Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der
Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz
Peredonoffs Fürsprache, -- denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf.
Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in
Pension hatten.

»Sie bestechen den Direktor,« erklärte sie. »Solche Frauen gehören zum
Gesindel,« sagte Wolodin mit Nachdruck, »beispielsweise meine Wirtin.
Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend
drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles
in Ordnung.«

»Hast du dich nicht besoffen?« fragte Rutiloff lachend.

»Warum sollte ich mich besaufen?« entgegnete Wolodin gekränkt. »Milch
ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran
gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei
Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna
Michailowna -- sagte sie -- läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber
ihre Kuh -- sagt sie -- gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an!
Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt
überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich,
wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein
Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei
Glas sind mir zu wenig.«

»Pawluschka ist ein Held,« sagte Peredonoff, »erzähl' doch deine
Geschichte mit dem General.«

Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde
er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor.

Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die
Frauen.

Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten.
Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten
sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten
wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren
Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte
kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage.
Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen -- wer
die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die
Prepolowenskjis anderthalb Rubel.

Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit
wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein
vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust
zur Erde weisend:

»Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich
doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur
in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine
Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in
Kronsinstitute gesteckt.«

»Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen
lassen,« sagte die Prepolowenskaja.

Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:

»Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, -- es ist ein Hundeleben.
Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?«

Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken.

»Aha,« dachte er bei sich, »er klagt seine Mutter an, warum sie ihn
geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein.
So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt
mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,«
so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin.

Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen?

                   *       *       *       *       *

Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu
Peredonoff:

»Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind
schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als
sie alle.«

Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen
Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen,
elastischen Körper.

Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger
Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß
doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen
Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen
Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu
haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen,
schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu
stillen.

So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die
Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden.

Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen
sah.

Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern.

                   *       *       *       *       *

Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den
Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien
ihr, als sei sie plötzlich voller geworden.

Alle ihre Bekannten fragte sie:

»Nicht wahr, ich nehme doch zu?«

Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten
würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er
außerdem den gefälschten Brief erhalten.

Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß
der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre -- und in der Tat der Direktor
des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer.
Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern
Instruktionen, ihn zu mißachten, -- das war natürlich Peredonoffs eigene
grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die
Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus
Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen
Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das.

Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm
dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.

Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre
Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel
nicht ungefährlich.

Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten
begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine
Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten.

Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor
_in spe_. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde
Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.

Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem
Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen
Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen
Menschen in acht zu nehmen.

Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid
Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das
anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und
erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch.

So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine
Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er
sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.

Eines schönen Tages fragte er Wolodin:

»Willst du -- ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder
trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen
Gram zu stillen.«

»Warum soll ich um Martha trauern,« antwortete Wolodin, »ich habe ihr
einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das
nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich
tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man
doch an jeder Straßenecke.«

»Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,« neckte Peredonoff.

»Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,« sagte Wolodin
beleidigt. »Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so --! .. Sie
hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.«

Peredonoff gab ihm einen Rat:

»An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.«[5]

Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:

»Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.«

[Fußnote 5: Bedeutet, daß in dem betr. Hause ein Mädchen lebt, das noch
zu haben ist. Im Bilde: die Männer sollen am Teer kleben bleiben.]

»Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,«
sagte Peredonoff.

»Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,« sagte Wolodin begeistert,
»denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber
bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, -- so hört doch
alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.«



                                   VI


Am nächsten Tage machte sich Peredonoff mit Wolodin auf den Weg zu
Fräulein Adamenko. Wolodin hatte sich schön gemacht, er trug seinen
neuen, ein wenig zu engen Bratenrock, ein reines Plätthemd, einen bunten
Schlips; er hatte seine Haare mit Pomade eingerieben, sich parfümiert
und war in gehobener Stimmung.

Nadeschda Wassiljewna Adamenko lebte mit ihrem Bruder in einem eigenen
roten Ziegelhäuschen; nicht weit von der Stadt hatte sie ein Gut,
welches verpachtet wurde. Vor zwei Jahren hatte sie die höhere
Töchterschule absolviert und beschäftigte sich jetzt damit, auf der
Ottomane zu liegen, allerhand Bücher zu lesen und ihren Bruder, einen
elfjährigen Gymnasiasten, zu berufen. Dieser rettete sich vor der
strengen Schwester mit der kurzen Bemerkung: »Mama war viel besser als
du. Mama stellte einfach den Regenschirm in die Ecke, nicht mich.«

Bei Nadeschda Wassiljewna lebte noch ihre Tante, ein wesenloses,
unselbständiges Geschöpf. Im Haushalt hatte sie nichts zu bedeuten.
Nadeschda Wassiljewnas Bekanntenkreis war eng begrenzt. Peredonoff
besuchte sie selten und nur der Umstand, daß er sie fast garnicht
kannte, entschuldigte seinen Plan, dieses Fräulein mit Wolodin zu
verheiraten.

Sie war sichtlich erstaunt über den unerwarteten Besuch, doch empfing
sie ihre Gäste immerhin liebenswürdig. Gäste wollen unterhalten sein und
Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß ein Lehrer der russischen Sprache am
liebsten über Pädagogik, über die bevorstehende Schulreform,
Kindererziehung, Literatur, Symbolismus, russisches Zeitungswesen reden
würde. Sie berührte gesprächsweise alle diese Fragen, erhielt aber so
merkwürdige Antworten, daß es ihr erstaunlich klar wurde, wie
vollständig gleichgültig ihren Gästen all diese Dinge waren. Sie
erkannte, daß nur ein Gesprächsthema möglich war, nämlich
Klatschgeschichten. Trotzdem machte Nadeschda Wassiljewna noch einen
Versuch:

»Haben Sie Tschechoffs »Menschen im Futteral« gelesen?« fragte sie.
»Nicht wahr, ein vortreffliches Buch?«

Sie hatte diese Frage an Wolodin gerichtet. Der fletschte die Zähne und
fragte:

»Was ist denn das, eine Novelle oder ein Roman?«

»Eine Erzählung,« erklärte Nadeschda Wassiljewna.

»Von Herrn Tschechoff, wenn ich fragen darf?« erkundigte sich Wolodin.

»Ja, von Tschechoff,« sagte Nadeschda Wassiljewna und lächelte.

»Wo ist es denn erschienen?« fragte Wolodin neugierig weiter.

»Im >Russischen Gedanken<« antwortete das Fräulein sehr liebenswürdig.

»In welcher Nummer?« erkundigte sich Wolodin.

»Ich weiß nicht recht, ich glaube, es war im Sommer,« antwortete
Nadeschda Wassiljewna immer noch liebenswürdig, aber sehr erstaunt.

Der kleine Gymnasiast rief durch die Türspalte:

»Im Maiheft war die Erzählung gedruckt,« er hielt sich mit den Händen an
der Tür und blickte mit seinen fröhlichen, blauen Augen von den Gästen
zur Schwester.

»Es ist viel zu früh für Sie Romane zu lesen,« sagte Peredonoff streng.
»Sie würden besser daran tun, zu lernen, statt Geschichten zweifelhaften
Inhalts zu lesen.«

Nadeschda Wassiljewna sah ihren Bruder vorwurfsvoll an.

»Das ist ja reizend. Man steht hinter der Tür und horcht,« sagte sie,
hob beide Hände auf und legte die kleinen Finger im rechten Winkel
aneinander.

Der Gymnasiast wurde verlegen und verschwand. Er ging in sein Zimmer,
stellte sich in den Winkel und blickte auf die Uhr. Die kleinen Finger
im rechten Winkel aneinander gelegt bedeuteten zehn Minuten
Winkelstehen. »Nein,« dachte er ärgerlich, »bei Mama war es besser; Mama
stellte nur den Regenschirm in den Winkel.«

Unterdessen suchte Wolodin im Salon das Fräulein mit dem Versprechen zu
beruhigen, er würde sich das Maiheft des »Russischen Gedankens«
verschaffen und die Erzählung des Herrn Tschechoff lesen. Peredonoff
hörte gelangweilt zu. Endlich sagte er:

»Ich habe das Ding auch nicht gelesen. Ich lese keine Dummheiten.
Erzählungen und Romane sind immer dumm.«

Nadeschda Wassiljewna lächelte liebenswürdig und sagte:

»Sie urteilen sehr hart über die moderne Literatur. Es werden doch auch
gute Bücher geschrieben.«

»Die guten Bücher habe ich schon längst gelesen,« erklärte Peredonoff.
»Ich werde doch nicht Sachen lesen, welche eben erst verfaßt worden
sind.«

Wolodin blickte voll Ehrfurcht auf Peredonoff. Nadeschda seufzte leicht
auf und -- es war nichts zu machen -- begann zu schwatzen und
Klatschgeschichten zu erzählen, so gut es gehen wollte. Obgleich sie
diese Gespräche keineswegs liebte, so verstand sie doch als
wohlerzogene, junge Dame, die Unterhaltung in Fluß zu halten. Sie
langweilte sich entsetzlich, die beiden aber dachten, daß sie ganz
besonders liebenswürdig wäre und schrieben das dem berückenden Aeußern
Wolodins zu.

Als sie sich verabschiedet hatten und auf der Straße waren,
beglückwünschte Peredonoff Wolodin zum Erfolge. Wolodin lachte und
hüpfte vor lauter Freude. Schon hatte er all die erhaltenen Körbe
vergessen.

»Schlag nicht aus,« sagte ihm Peredonoff. »Du springst so wie ein junger
Bock. Warte nur, du wirst schon mit einer Nase abfahren.«

Das sagte er nur im Scherz, denn er war fest davon überzeugt, daß seine
Werbung für Wolodin erfolgreich sein würde.

                   *       *       *       *       *

Die Gruschina war beinahe jeden Tag bei Warwara. Warwara kam noch öfter
zu ihr, sodaß sie sich fast garnicht trennten. Warwara regte sich auf
und die Gruschina zögerte, versicherte, daß es sehr schwer sei, die
Buchstaben genau so nachzuschreiben, bis sie ganz ähnlich würden.

Peredonoff wollte immer nicht den Tag der Trauung bestimmen. Wieder
verlangte er, man möge ihm zuerst den Inspektorposten verschaffen. Er
hatte es nur zu gut behalten, wie viele heiratslustige Bräute ihn
ersehnten und damit drohte er öfters Warwara, gerade so wie im
vergangenen Winter.

»Ich gehe sofort, mich trauen lassen. Am Morgen kehre ich mit meiner
Frau heim und jage dich zum Teufel. Es ist das letzte Mal, daß du hier
über Nacht bleibst.«

Mit diesen Worten ging er ins Restaurant Billard spielen. Manchmal
kehrte er abends heim; öfter jedoch zechte er die ganze Nacht durch mit
Rutiloff und Wolodin in irgend einer verrufenen Kneipe. In solchen
Nächten konnte Warwara nicht schlafen. Nachher hatte sie entsetzliche
Migräne. Gut, wenn er um ein oder zwei Uhr in der Nacht nach Hause kam,
dann atmete sie erleichtert auf. Wenn er aber erst in den Morgenstunden
erschien, so war sie tagsüber ganz krank. Endlich hatte die Gruschina
den Brief fertiggestellt und brachte ihn Warwara. Lange prüften sie ihn,
verglichen ihn mit einem alten Briefe, welcher tatsächlich von der
Fürstin stammte. Die Gruschina versicherte: er ist so täuschend ähnlich,
daß nicht einmal die Fürstin ihn für eine Fälschung halten würde. In der
Tat war die Aehnlichkeit nur gering, doch Warwara war leichtgläubig.
Außerdem war es doch ganz sicher, daß Peredonoff sich ganz unmöglich an
die ihm nur wenig bekannten Schriftzüge so deutlich erinnern konnte, um
die Fälschung als solche zu erkennen.

»Gott sei Dank,« sagte sie erfreut, »endlich einmal! Ich hatte schon
alle Geduld verloren, so lange habe ich warten müssen. Wie wird es nur
mit dem Briefumschlag -- wenn er danach fragt, was soll ich ihm sagen?«

»Den Umschlag kann man nicht fälschen,« sagte die Gruschina lächelnd und
schielte spöttisch auf Warwara, »Poststempel lassen sich nicht
nachmachen.«

»Ja, was soll man denn tun?«

»Liebste Warwara Dmitriewna, sagen Sie doch einfach, Sie hätten das
Kouvert verbrannt. Was fängt man sonst mit Kouverts an.«

Warwara begann wieder zu hoffen. Sie sagte der Gruschina:

»Wenn er nur heiraten wollte, ich würde keinen Finger mehr für ihn
rühren. Nein, ich werde mich dann ausruhen, mag er für mich laufen.«

                   *       *       *       *       *

Am Sonnabend ging Peredonoff nach dem Mittagessen zum Billardspielen.
Seine Gedanken waren sorgenvoll und trübe.

Er dachte:

Es ist eine Qual unter neidischen, feindlich gesinnten Menschen leben zu
müssen. Man muß es ertragen, -- alle können nicht Inspektor werden. Das
ist der Kampf ums Dasein!

An einer Straßenecke traf er den Gendarmerieoberst. Eine peinliche
Begegnung.

Der Oberstleutnant Nikolai Wladimirowitsch Rubowskji war nicht besonders
groß, untersetzt, er hatte dichte Brauen, fröhliche graue Augen und
hinkte ein wenig. Daher klirrten seine Sporen unregelmäßig. Er war sehr
liebenswürdig und in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. Er kannte
alle Leute in der Stadt und ihre geschäftlichen Beziehungen; er liebte
es, kleine Klatschgeschichten zu hören, war aber selbst bescheiden und
verschwiegen wie ein Grab und bereitete niemandem unnützerweise
Unannehmlichkeiten. Man blieb stehen, begrüßte sich, plauderte.
Peredonoff machte ein verdrießliches Gesicht, hielt vorsichtig Umschau
und sagte dann:

»Ich höre, unsere Natascha ist bei Ihnen im Dienst; ich bitte, glauben
Sie ihr nicht, wenn sie etwas über uns erzählen sollte; das lügt sie.«

»Dienstbotenklatsch ist mir zuwider,« sagte Rubowskji voll Würde.

»Sie ist eine gemeine Person,« fuhr Peredonoff fort, ohne die Entgegnung
Rubowskjis zu beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen.
Vielleicht ist sie nur darum zu Ihnen gegangen, um irgendwelche geheime
Akten zu stehlen.«

»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« versetzte trocken der
Oberstleutnant, »Festungspläne habe ich nicht in Verwahrung.«

Diese Erwähnung von Festungen überraschte Peredonoff. Es schien ihm, als
spiele Rubowskji darauf an, daß er es bewirken könne, ihn hinter Schloß
und Riegel zu bringen.

»Ach was, Festungen,« murmelte er, »so war es nicht gemeint. Ich wollte
nur im allgemeinen bemerken, daß über mich allerlei dumme Gerüchte
umlaufen. Das hat seinen Grund im Neid. Glauben Sie, bitte, nichts
Derartiges. Man denunziert mich, um den Verdacht von sich selber
abzulenken. Uebrigens bin auch ich in der Lage, zu denunzieren.«

Rubowskji verstand nicht recht.

»Ich gebe Ihnen die Versicherung,« sagte er, mit den Achseln zuckend und
sporenklirrend, »mir sind gar keine Anzeigen gemacht worden. Irgend
jemand hat Ihnen wohl im Scherze damit gedroht, aber man redet oft mehr,
als man verantworten kann.«

Peredonoff traute ihm nicht. Er glaubte, daß der Gendarmerieoberst etwas
vor ihm verheimliche, und ihm wurde sehr bange.

Jedesmal, wenn Peredonoff an dem Garten der Werschina vorbeiging, redete
sie ihn an und lockte ihn mit beinah magischen Bewegungen in den Garten.
Und er trat ein, ohne es zu wollen, ihrem stillen Einfluß gehorchend.
Vielleicht würde es ihr gelingen, schneller als die Rutiloffs ans Ziel
zu kommen, dachte sie, denn Peredonoff stand allen Menschen gleich fremd
gegenüber und warum hätte er nicht Martha heiraten sollen?

Doch der Sumpf, in dem Peredonoff steckte, war schlammig und zäh, und
kein Mittel verfing, ihn da heraus in einen anderen zu zerren.

Auch heute gelang es der Werschina, als Peredonoff nach der Unterredung
mit Rubowskji vorüberging, ihn hereinzulocken. Sie war wie immer ganz in
Schwarz.

»Martha und Wladja fahren auf einen Tag nach Hause,« sagte sie und sah
zärtlich aus ihren braunen Augen durch den Rauch ihrer Zigarette auf
Peredonoff, »Sie sollten zusammen mit den beiden einen Tag im Dorfe
zubringen. Ein Knecht ist mit einem Wägelchen gekommen, sie abzuholen.«

»Es wird eng sein,« sagte Peredonoff verdrießlich.

»Ach was, zu eng,« entgegnete die Werschina. »Sie werden ausgezeichnet
Platz haben. Und wenn es auch etwas eng sein sollte, das ist kein
Unglück; es ist ja nicht weit, eine halbe Stunde Fahrt.«

In diesem Augenblick kam Martha aus dem Hause gelaufen, um sich bei der
Werschina nach etwas zu erkundigen. Die Freude an der bevorstehenden
Fahrt hatte ihre Trägheit verdrängt und ihr Gesicht war lebhafter und
fröhlicher als wie gewöhnlich. Nun fingen sie beide an, Peredonoff zur
Fahrt ins Dorf zu überreden.

»Sie werden ganz bequem sitzen können,« beteuerte die Werschina, »Sie
neben Martha auf dem Rücksitz und Wladislaus neben Ignaz auf dem Bock.
Sehen Sie doch selber, da steht das Wägelchen im Hof.«

Peredonoff ging mit der Werschina und Martha in den Hof; da stand der
Wagen. Wladja machte sich daran zu schaffen und verpackte etwas. Der
Wagen war ziemlich geräumig. Aber Peredonoff erklärte, nachdem er ihn
besichtigt hatte:

»Nein, ich fahre nicht. Es ist zu eng für vier Menschen, außerdem noch
allerhand Sachen.«

»Na, wenn Sie meinen, daß es zu eng ist,« sagte die Werschina, »so kann
ja der Junge zu Fuß gehen.«

»Natürlich,« sagte Wladja und lächelte freundlich, »zu Fuß bin ich in
anderthalb Stunden da. Ich werde mich gleich aufmachen, da komme ich
noch vor Ihnen an.«

Hierauf erklärte Peredonoff, der Wagen würde rütteln und das könne er
nicht vertragen. Man ging in die Laube. Alles war schon fix und fertig
zur Abfahrt, nur der Knecht Ignaz aß noch in der Küche und dieses
Geschäft besorgte er nachdrücklich und ohne sich zu übereilen.

»Wie lernt mein Bruder?« fragte Martha. Ein anderes Gesprächsthema fiel
ihr nicht ein, und die Werschina hatte ihr schon wiederholt Vorwürfe
darüber gemacht, daß sie es nicht verstände, Peredonoff zu unterhalten.

»Schlecht,« sagte Peredonoff, »er ist faul und gehorcht nicht.«

Die Werschina liebte es, zu schelten. Sie machte Wladja Vorwürfe. Wladja
wurde rot und lächelte, zog die Schultern zusammen, als habe er es kalt
und hob, wie es seine Gewohnheit war, eine Schulter höher als die
andere.

»Das Semester hat eben erst begonnen,« sagte er, »es wird schon gehen.«

»Man muß gleich von Anfang an lernen,« sagte Martha im Tone der älteren
Schwester und wurde rot.

»Außerdem macht er Unsinn,« klagte Peredonoff, »gestern betrugen sie
sich gerade wie Straßenjungen. Und außerdem ist er frech; noch
Donnerstag sagte er mir irgend eine Ungezogenheit.«

Wladja wurde heftig, ganz eifrig erzählte er, immer ein Lächeln auf den
Lippen:

»Garnicht frech, ich redete nur die Wahrheit, daß Sie in den anderen
Heften an fünf Fehler übersehen haben, bei mir aber alle Fehler
angestrichen und mir eine schlechte Note gegeben haben. Ich hatte aber
schöner geschrieben als jene mit den guten Noten.«

»Noch eine andere Frechheit haben Sie mir gesagt,« beharrte Peredonoff.

»Gar keine Frechheit, ich habe nur gesagt, ich würde es dem Inspektor
sagen,« sagte Wladja trotzig, »warum soll ich immer schlechte Noten
bekommen?«

»Wladja, vergiß nicht, mit wem du sprichst,« sagte die Werschina streng,
»statt daß du dich entschuldigst, wiederholst du noch deine
Ungezogenheiten.«

Plötzlich fiel Wladja ein, daß man Peredonoff nicht reizen dürfe, weil
er doch vielleicht sich mit Martha verloben könnte. Er wurde ganz rot,
spielte verlegen an seiner Gürtelschnalle und sagte bescheiden:

»Verzeihen Sie. Ich wollte nur bitten, ob sich das nicht ummachen
ließe.«

»Schweig doch still, ich bitte dich,« unterbrach ihn die Werschina, »ich
kann so was nicht leiden,« wiederholte sie und zitterte kaum merklich am
ganzen Körper. »Wenn dir ein Verweis erteilt wird, so hast du still zu
sein.«

Und die Werschina überschüttete den Jungen mit Vorwürfen, rauchte ihre
Zigarette und lächelte schief, wie sie immer lächelte, gleichviel wovon
die Rede war.

»Man muß es dem Vater sagen, er wird dich bestrafen,« schloß sie.

»Man muß ihn durchprügeln,« sagte Peredonoff und blickte böse auf den
Jungen, der es gewagt hatte, ihn zu kränken.

»Natürlich,« bestätigte die Werschina, »man muß ihn durchprügeln.«

»Man muß ihn durchprügeln,« sagte auch Martha und errötete.

»Ich werde heute zu Ihrem Vater fahren,« sagte Peredonoff, »und werde
ihm sagen, er soll Sie ordentlich in meiner Gegenwart durchprügeln.«

Wladja schwieg, blickte auf seine Peiniger, zog die Schultern zusammen
und lächelte, während ihm die Tränen in den Augen standen. Sein Vater
war sehr hart. Wladja versuchte sich zu beruhigen; er dachte, das seien
nur Drohungen. Es war doch nicht möglich, daß man ihm so den Feiertag
verderben wollte. Ein Feiertag ist etwas ganz Besonderes, ein
fröhlicher, schöner Tag und dieses Festliche ist garnicht vereinbar mit
dem Alltäglichen, mit dem Leben in der Schule.

Peredonoff fand aber Gefallen daran, wenn Kinder weinten, -- besonders
wenn er selber den Anlaß zu Tränen und Zerknirschung gab. Wladjas
Verlegenheit, seine verhaltenen Tränen und sein schuldbewußtes,
schüchternes Lächeln, alles das freute Peredonoff. Er entschloß sich,
zusammen mit Martha und Wladja hinauszufahren.

»Na meinethalben, ich werde mitkommen,« sagte er zu Martha.

Martha freute sich, war aber doch ein wenig erschreckt. Natürlich
wünschte sie es, daß Peredonoff mitkäme, -- richtiger, die Werschina
hatte es für sie gewünscht und ihr diesen Wunsch eingegeben durch einige
schnelle Worte. Jetzt aber, wie Peredonoff erklärte, er wolle mitkommen,
tat es ihr leid um Wladja.

Auch Wladja fühlte sich unbehaglich. War es möglich, daß Peredonoff nur
um seinetwillen mitkam? Er wollte Peredonoff freundlicher stimmen und
sagte:

»Wenn Sie meinen, Ardalljon Borisowitsch, daß es zu eng sein wird, so
will ich gerne zu Fuß gehen.«

Peredonoff sah ihn argwöhnisch an und sagte:

»Das kennen wir. Wenn man Sie allein läßt, werden Sie das Weite suchen.
Nein, nein, wir werden Sie schon hinbringen zu Ihrem Vater, er wird Sie
schon strafen.«

Wladja wurde rot und seufzte tief auf. Die Gegenwart dieses brutalen,
finstren Mannes war ihm unleidlich und widerwärtig. Um Peredonoff zu
erweichen, beschloß er, dessen Sitz im Wagen so bequem wie möglich
herzurichten.

»Ich werde es schon so machen,« sagte er, »daß Sie ganz vorzüglich
sitzen sollen.«

Und eilig lief er an den Wagen. Die Werschina sah ihm nach, lächelte
schief, paffte und sagte leise zu Peredonoff:

»Sie haben große Angst vor ihrem Vater. Er ist sehr streng.«

Martha wurde rot.

Wladja wollte eigentlich eine neue englische Angel mitnehmen, welche er
für sein Taschengeld gekauft hatte, und noch allerhand andere Dinge,
aber sie nahm zu viel Platz fort. Und der Junge trug alles wieder ins
Haus zurück.

Es war nicht heiß. Die Sonne neigte sich zum Westen. Der Weg war noch
feucht vom Regen, welcher am Morgen gefallen war und staubfrei. Der
Wagen mit seinen vier Insassen rollte gleichmäßig über den Schotter; das
gutgefütterte, graue Pferdchen trabte munter, als hätte es gar keine
Last zu ziehen, und der faule schweigsame Knecht lenkte es mit nur den
Erfahrenen bemerkbaren Bewegungen der Zügel.

Peredonoff saß neben Martha. Ihm war so viel Platz eingeräumt worden,
daß Martha es sehr unbequem hatte. Das bemerkte er aber nicht. Und wenn
er es auch bemerkt hätte, so hätte er gedacht, daß das ganz in der
Ordnung sei: er war doch der Gast.

Peredonoff fühlte sich sehr gemütlich. Er beschloß, liebenswürdig mit
Martha zu reden, etwas zu scherzen, sie zu erheitern. Er begann so:

»Wird Ihre Revolution bald anfangen?«

»Wieso?« fragte Martha.

»Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; es wird nur
vergebens sein.«

»Ich mache mir gar keine Gedanken darüber,« sagte Martha, »außerdem
denkt niemand bei uns an Revolution.«

»Das sagt man wohl so. Ihr haßt doch die Russen.«

»Wir denken nicht daran,« sagte Wladja, indem er sich Peredonoff
zuwandte. Er mußte sich umkehren, weil er auf dem Bock neben Ignaz saß.

»Das kennt man: wir denken nicht daran. Wir werden euch euer Polen
niemals zurückgeben. Wir haben es erobert. Wir haben euch so viel
Wohltaten erwiesen; aber da sieht man es wieder, wenn man den Wolf noch
so sehr füttert, er will immer in den Wald zurück.«

Martha antwortete nichts. Peredonoff schwieg ein wenig, dann sagte er:

»Die Polen sind blödsinnig.«

Martha wurde rot.

»Das gibt es überall bei den Polen und bei den Russen,« sagte sie.

»Nein, nein, es ist schon so,« beharrte Peredonoff, »die Polen sind
dumm. Protzig sind sie. Die Juden -- das sind kluge Leute.«

»Die Juden sind Schufte, garnicht klug,« sagte Wladja.

»Nein, die Juden sind ein sehr kluges Volk. Der Jude wird einen Russen
immer nasführen, aber niemals ein Russe den Juden.«

»Es ist ja auch garnicht nötig, zu hintergehen,« sagte Wladja, »besteht
denn die Klugheit nur darin, zu betrügen und zu übervorteilen?«

Peredonoff blickte den Jungen zornig an.

»Die Klugheit besteht im Lernen,« sagte er, »Sie zum Beispiel sind
faul.«

Wladja seufzte auf und kehrte sich wieder um und sah dem gleichmäßigen
Traben des Pferdes zu. Peredonoff aber fuhr fort:

»Die Juden sind klug, im Lernen und überhaupt in allen Dingen. Würde es
den Juden erlaubt sein, Professoren zu werden, so würden sämtliche
Professoren Juden sein. Die Polinnen sind alle schlampig.«

Er blickte auf Martha, und mit Behagen bemerkend, daß sie sehr rot
wurde, sagte er liebenswürdig:

»Denken Sie nicht, ich hätte Sie damit gemeint. Ich weiß, daß Sie eine
vorzügliche Hausfrau abgeben.«

»Alle Polinnen sind gute Hausfrauen,« entgegnete Martha.

»Na ja,« antwortete Peredonoff, »von außen sehen sie sauber aus, aber
ihre Unterröcke sind dreckig. Dafür haben sie auch einen Mizkewizsch
gehabt. Ich schätze ihn höher als Puschkin. Ich habe ein Porträt an der
Wand hängen; erst hing der Puschkin da, jetzt habe ich ihn ins Klosett
gehängt, -- er war ein simpler Hoflakai.«

»Sie sind doch ein Russe,« sagte Wladja, »wozu brauchen Sie unsern
Mizkewizsch. Puschkin schreibt wunderschön und Mizkewizsch auch.«

»Mizkewizsch steht höher,« wiederholte Peredonoff. »Die Russen sind
Dummköpfe. Nur die Teemaschine haben sie erfunden, weiter nichts.«

Peredonoff blickte auf Martha, kniff die Augen zusammen und sagte:

»Sie haben viele Sommersprossen. Das ist nicht hübsch.«

»Dafür kann ich nichts,« flüsterte Martha lächelnd.

»Ich habe auch Sommersprossen,« sagte Wladja und kehrte sich auf seinem
engen Sitz um, wobei er den schweigsamen Ignaz anstieß.

»Sie sind ein Junge,« sagte Peredonoff, »da macht es nichts. Ein Mann
braucht nicht hübsch zu sein. Ihnen hingegen,« er wandte sich zu Martha,
»schadet es. Niemand wird Sie heiraten wollen. Sie müssen Ihr Gesicht
mit Gurkensaft waschen.«

Martha dankte für den Rat.

Wladja lächelte und blickte Peredonoff an.

»Warum lachen Sie?« sagte Peredonoff, »passen Sie auf, wenn wir erst an
Ort und Stelle sind, werden Sie Prügel bekommen.«

Wladja hatte sich wieder umgekehrt und fixierte Peredonoff; er wollte
erraten, ob es ihm ernst wäre, oder ob er nur scherze. Peredonoff konnte
es nicht ertragen, fixiert zu werden.

»Was starren Sie mich so an?« fragte er grob. »Ich habe keine besonderen
Verzierungen im Gesicht. Oder haben Sie am Ende den bösen Blick?«

Wladja erschrak und blickte zur Seite.

»Verzeihen Sie,« sagte er bescheiden, »ich dachte mir nichts dabei.«

»Glauben Sie an den bösen Blick?« fragte Martha.

»Nein, das ist ein dummer Aberglaube,« sagte Peredonoff zornig, »es ist
nur sehr unhöflich, einen so anzustarren.«

Einige Minuten herrschte verlegenes Schweigen.

»Sie sind ganz arm?« unterbrach Peredonoff die Stille.

»Reich sind wir nicht,« entgegnete Martha, »immerhin ganz arm auch
nicht. Wir werden alle eine Kleinigkeit erben.«

Peredonoff sah sie ungläubig an und sagte:

»Ich weiß schon, Sie sind ganz arm. Sie gehen an Wochentagen barfuß.«

»Nicht darum, weil wir arm sind,« versetzte Wladja lebhaft.

»Ach so, wohl darum, weil Sie reich sind?« fragte Peredonoff und lachte
kurz auf.

»Jedenfalls nicht, weil wir arm sind,« sagte Wladja und wurde rot, »es
ist sehr gesund barfuß zu gehen, man härtet sich ab und im Sommer ist es
sehr angenehm.«

»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Wohlhabende Leute gehen niemals
barfuß. Ihr Vater hat viele Kinder und zählt seine Einnahmen nach
Groschen. Dafür lassen sich keine Stiefel kaufen.«



                                  VII


Warwara hatte keine Ahnung, wohin Peredonoff gegangen sein könnte. Sie
hatte eine entsetzlich unruhige Nacht.

Als Peredonoff am Morgen in die Stadt zurückkam, ging er nicht nach
Hause, sondern befahl dem Kutscher zur Kirche zu fahren, denn um diese
Zeit begann der Frühdienst. Es schien ihm gefährlich zu sein, nur selten
in die Kirche zu gehen -- man hätte das gegen ihn ausnützen können.

Am Kirchentor traf er einen hübschen, rotbackigen, kleinen Gymnasiasten.
Er sah sehr nett aus, hatte ein harmloses Gesicht und unschuldige blaue
Augen. Peredonoff sagte:

»Guten Tag, Maschenka[6], kleines Mädchen.«

Mischa Kudrjawzeff wurde purpurrot. Peredonoff hatte ihn schon etliche
Male so geneckt und ihn Maschenka genannt. Kudrjawzeff begriff gar nicht
warum und konnte sich nicht entschließen, zu klagen. Einige dumme
Jungen, welche da herumstanden, lachten über Peredonoffs Anrede. Auch
sie liebten es sehr, den kleinen Mischa zu necken.

Die Eliaskirche war sehr alt; sie war noch zu Zeiten des Kaisers Michael
erbaut worden und stand auf einem großen freien Platz gegenüber dem
Gymnasium.

Zum Frühgottesdienst und zur Vesper waren die Gymnasiasten verpflichtet
an Feiertagen in diese Kirche zu gehen. Sie mußten links stehen, in
Reihen, am Altar der heiligen Märtyrerin Katharina; hinter ihnen pflegte
sich ein Ordinarius aufzuhalten, um auf Ordnung zu sehen. Etwas mehr in
der Mitte des Kirchenschiffes standen die Lehrer des Gymnasiums, der
Inspektor und der Direktor mit ihren Familien. In der Regel pflegten
sämtliche Schüler griechischer Konfession hier zusammenzukommen, mit
Ausnahme einiger, welchen es gestattet war, zusammen mit ihren Eltern
die vorstädtischen Kirchen zu besuchen.

[Fußnote 6: Ein russischer Mädchenname.]

Der Schülerchor sang vortrefflich, daher gingen die Kaufleute erster
Gilde, die Beamten und die Gutsbesitzer mit ihren Familien in diese
Kirche. Einfache Leute sah man nur selten. Um so mehr, als dem Wunsche
des Direktors entsprechend der Gottesdienst später als in den anderen
Kirchen abgehalten wurde.

Peredonoff stellte sich auf seinen gewohnten Platz. Von hier aus konnte
er den ganzen Chor überblicken. Mit den Augen zwinkernd sah er auf die
Reihen der Sänger und dachte, daß sie unordentlich stünden und daß er
schon Ordnung schaffen wolle, wenn er Inspektor wäre. Zum Beispiel der
brünette Kramarenko. Er war klein, schmächtig und beweglich und wandte
sich bald hierher, bald dorthin, bald flüsterte er seinen Nachbarn etwas
ins Ohr oder lachte und keiner berief ihn. Als wäre es vollständig
gleichgültig.

»Das ist Unfug,« dachte Peredonoff; »diese Sänger sind immer
Taugenichtse; jener schwarzhaarige Bengel hat einen schönen, reinen
Diskant, -- da denkt er gleich, er kann in der Kirche nach Herzenslust
schwatzen und lachen.«

Und Peredonoff ärgerte sich.

Neben ihm stand der ein wenig zu spät gekommene Inspektor der
Volksschulen, Sergius Protapowitsch Bogdanoff, ein alter Mann mit
braunem, dummerhaften Gesicht, welches stets so aussah, als wünschte er
jemandem etwas zu erklären, was er selber absolut nicht begreifen
konnte. Man konnte diesen Bogdanoff sehr leicht in Erstaunen setzen oder
erschrecken: wenn ihm etwas Neues oder Aufregendes zu Ohren kam, so
furchte sich seine Stirn in krankhafter Aufregung und seinem Munde
entfuhren unverständliche, sinnlose Worte.

Peredonoff beugte sich zu ihm und flüsterte:

»Eine Ihrer Lehrerinnen trägt rote Blusen.«

Bogdanoff erschrak. Sein Kinn zitterte vor Angst.

»Was sagen Sie da?« flüsterte er heiser, »wer tut das?«

»Na jene mit dem dicken Hals, diese unförmliche Person da. Ich weiß ja
nicht, wie sie heißt,« flüsterte Peredonoff.

»Mit dem dicken Hals, mit dem Hals,« wiederholte Bogdanoff fassungslos,
»das ist die Skobotschkina.«

»Na also,« sagte Peredonoff.

»Ja, wie ist das nur möglich!« zischelte Bogdanoff erregt, »die
Skobotschkina trägt rote Blusen! Haben Sie das gesehen?«

»Jawohl, außerdem soll sie auch in der Schule so herumlaufen. Manchmal
noch schlimmer, dann trägt sie einen Sarafan,[7] ganz wie ein
Bauernweib.«

»Nein, das ist ja unglaublich! Das muß festgestellt werden. Das geht
nicht, das geht auf keinen Fall. Man muß sie entlassen, ja entlassen,«
flüsterte Bogdanoff, »sie war schon immer so.«

Der Gottesdienst war zu Ende. Man ging aus der Kirche. Peredonoff sagte
zu Kramarenko:

[Fußnote 7: Russisches Nationalkostüm.]

»Du kleiner, schwarzer Taugenichts, warum lachst du in der Kirche? Warte
nur, ich werde es deinem Vater sagen.«

Peredonoff redete die nichtadeligen Schüler manchmal mit »Du« an; zu den
Adeligen sagte er immer »Sie«. In der Schulkanzlei erkundigte er sich
nach dem Stande des Einzelnen und sein Gedächtnis ließ ihn in solchen
Dingen niemals im Stich.

Kramarenko sah Peredonoff erstaunt an und lief schweigend davon. Er
gehörte zu jenen Schülern, welche Peredonoff für grob, dumm und
ungerecht hielten und ihn deswegen verachteten und haßten. So dachte die
Mehrzahl. Peredonoff glaubte, das wären jene, welche der Direktor gegen
ihn aufgestachelt habe, wenn auch nicht in eigener Person, so doch durch
seine Söhne.

Schon außerhalb der Umfriedung trat Wolodin fröhlich kichernd auf
Peredonoff zu, er machte ein salbungsvolles Gesicht, als hätte er
Geburtstag, sein steifer Hut saß ihm im Nacken, und er fuchtelte mit
seinem Spazierstöckchen.

»Weißt du was, Ardalljon Borisowitsch,« flüsterte er freudig erregt,
»ich habe den Tscherepin herumgekriegt, er wird in diesen Tagen das Tor
von Marthas Haus mit Teer einschmieren.«

Peredonoff schwieg ein wenig und bedachte sich. Dann lachte er
schadenfroh. Wolodin hörte alsbald zu grinsen auf, machte ein
bescheidenes Gesicht, rückte seinen Hut zurecht und mit dem Stöckchen
schlenkernd, sagte er:

»Schönes Wetter heute, am Abend werden wir wohl Regen haben. Mag es nur
regnen, wir werden mit dem Inspektor _in spe_ zu Hause sitzen.«

»Ich kann eigentlich nicht zu Hause bleiben,« sagte Peredonoff, »ich
habe verschiedne Gänge vor und muß in die Stadt gehen.«

Wolodin machte ein verständnisvolles Gesicht, obgleich er natürlich
garnicht wußte, was Peredonoff so plötzlich für Gänge vorhaben konnte.
Peredonoff überlegte aber, daß es dringend notwendig wäre, einige
Visiten zu machen. Sein zufälliges Zusammentreffen mit dem
Gendarmerieoberst hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, dessen
Ausführung ihm nützlich erschien: er wollte alle Honoratioren der Stadt
besuchen, um sie von seiner Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sollte das
gelingen, so hätte er für alle Fälle angesehne Leute in der Stadt,
welche für seine korrekte Gesinnung bürgen würden.

»Wohin wollen Sie gehen, Ardalljon Borisowitsch?« fragte Wolodin, als er
bemerkte, daß Peredonoff einen anderen als den gewohnten Weg einschlug,
»gehen Sie nicht nach Hause?«

»Nein, ich gehe nach Haus,« antwortete Peredonoff, »ich fürchte mich
bloß, den alten Weg zu gehen.«

»Warum denn?«

»Da wächst so viel Bilsenkraut, der Geruch ist so schwer; er wirkt auf
mich betäubend. Meine Nerven sind schwach, wegen der vielen
Unannehmlichkeiten.«

Wolodin machte wieder ein verständnisvolles, teilnehmendes Gesicht.

Unterwegs riß Peredonoff einige Kletten ab und steckte sie in die
Tasche.

»Wozu sammeln Sie das?« fragte Wolodin grinsend.

»Für den Kater,« gab Peredonoff traurig zur Antwort.

»Werden Sie sein Fell mit Kletten bewerfen?« erkundigte sich Wolodin
sachgemäß.

»Ja.«

Wolodin kicherte.

»Bitte, warten Sie bis ich komme; das wird sehr lustig werden,« sagte
er.

Peredonoff lud ihn ein, doch gleich mitzukommen, aber Wolodin sagte, daß
er was vorhabe: es war ihm auf einmal zum Bewußtsein gekommen, daß es
unanständig wäre, niemals was vorzuhaben. Peredonoffs Worte hatten ihn
darauf gebracht und er überlegte, daß es für ihn ganz angebracht wäre,
auf eigene Faust Fräulein Adamenko zu besuchen und ihr zu erzählen, daß
er neue sehr hübsche Entwürfe für Bilderrahmen gezeichnet hätte und ob
sie die sich nicht ansehen wolle. Außerdem glaubte er, daß ihm Nadeschda
Wassiljewna Kaffee anbieten würde.

Wie gedacht so getan. Dann hatte er sich noch etwas ausgedacht, etwas
sehr Schlaues; er würde Nadeschda Wassiljewna den Vorschlag machen,
ihrem Bruder Unterricht in der Tischlerei zu erteilen. Nadeschda
Wassiljewna glaubte, daß es Wolodin um einen Verdienst zu tun sei und
erklärte sich sofort einverstanden. Es wurde beschlossen, daß er für 30
Rubel monatlich in der Woche je zwei Stunden zu geben habe. Wolodin war
entzückt, -- sowohl über den Verdienst, als über die Möglichkeit,
Nadeschda Wassiljewna oft zu sehen.

Peredonoff kam wie immer mürrisch nach Hause. Warwara war bleich von der
durchwachten Nacht und brummte:

»Du hättest gestern sagen können, daß du nicht kommen würdest.«

Peredonoff wollte sie ärgern und erzählte, daß er bei Martha gewesen
sei. Warwara schwieg still. Sie hatte ja den Brief der Fürstin in
Händen. Wenn er auch gefälscht war, immerhin ....

Beim Frühstück sagte sie schmunzelnd:

»Während du dich mit der Martha herumgetrieben hast, habe ich in deiner
Abwesenheit eine Antwort von der Fürstin erhalten.«

»Was hast du ihr denn geschrieben?« fragte Peredonoff.

Sein Gesicht wurde lebhaft vor lauter Erwartung.

Warwara sagte lachend:

»Sei doch kein Narr, du hast mir doch selber befohlen, ihr zu
schreiben.«

»Was schreibt sie denn?« fragte Peredonoff erregt.

»Da ist der Brief; lies ihn selber.«

Warwara wühlte in allen Taschen, als suchte sie den irgendwohin
gesteckten Brief. Endlich hatte sie ihn und gab ihn Peredonoff. Er schob
seinen Teller beiseite und verschlang gierig jede Zeile des Briefes.
Jetzt hatte er ihn durchgelesen und wurde sehr froh. Endlich ein klares
und bestimmtes Versprechen. Irgendwelche Zweifel kamen ihm nicht. Er aß
schnell zu Ende und ging den Brief seinen Bekannten und Freunden zu
zeigen.

Schnell und lebhaft ging er zum Garten der Werschina. Diese stand wie
fast immer am Pförtchen und rauchte. Sie war sichtlich erfreut: früher
mußte man ihn immer hereinbitten, jetzt kam er ohne Aufforderung. Die
Werschina dachte bei sich:

»Da sieht man es, er ist mit der Martha spazieren gefahren, mit ihr
längere Zeit zusammengewesen und kommt schon wieder gelaufen. Vielleicht
will er um sie anhalten?« dachte sie freudig erregt.

Peredonoff enttäuschte sie sofort, er zeigte ihr den Brief.

»Sehen Sie,« sagte er, »Sie haben immer gezweifelt. Die Fürstin hat doch
geschrieben. Bitte, lesen Sie doch!«

Die Werschina blickte mißtrauisch auf den Brief, blies einige Male Rauch
darauf, lächelte schief und fragte schnell und leise:

»Wo ist der Umschlag?«

Peredonoff erschrak. Er überlegte, daß Warwara ihn mit dem Brief hätte
betrügen können, wenn sie ihn ganz einfach selbst geschrieben hatte. Man
mußte sich so schnell als möglich nach dem Umschlag erkundigen.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ich will nachfragen.«

Er verabschiedete sich eilig von der Werschina und kehrte schnell nach
Hause zurück. Er mußte so bald als möglich über den Ursprung dieses
Briefes Klarheit haben; der plötzliche Zweifel quälte ihn entsetzlich.

Die Werschina blieb an der Pforte stehen und blickte ihm nach; sie
lächelte schief und rauchte eifrig ihre Zigarette, so als hätte sie eine
Arbeit bis zu einem bestimmten Termin zu vollenden.

Peredonoff sah erschreckt und verstört aus, als er nach Hause kam. Schon
im Vorzimmer schrie er mit heiserer, aufgeregter Stimme:

»Warwara, wo ist der Umschlag?«

»Was für ein Umschlag?« fragte Warwara und ihre Stimme zitterte.

Sie blickte ihn niederträchtig an, und wäre rot geworden, wenn sie sich
nicht geschminkt hätte.

»Der Umschlag zu dem Brief von der Fürstin,« erklärte Peredonoff und sah
erschreckt und wütend auf Warwara.

Warwara lachte gezwungen.

»Ich habe ihn verbrannt,« sagte sie, »was sollte ich sonst mit ihm
anfangen. Soll ich die Umschläge aufbewahren und mir eine große Sammlung
anlegen? Für Umschläge gibt keiner einen Groschen. Nur für leere
Bierflaschen bekommt man in den Wirtschaften Geld.«

Peredonoff ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und knurrte:

»Es gibt allerhand Fürstinnen. Das kennt man. Vielleicht wohnt diese
Fürstin hier.«

Warwara stellte sich so, als könne sie garnicht verstehen, woran er
eigentlich zweifelte. Doch war ihr recht unbehaglich zumute.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff am Abend am Garten der Werschina vorbeiging, hielt diese
ihn an.

»Hat sich der Umschlag gefunden?« fragte sie.

»Ja,« antwortete Peredonoff, »Warja sagt, sie hätte ihn verbrannt.«

Die Werschina lachte und die grauen, leichten Rauchwölkchen ihrer
Zigarette zitterten leise in der stillen Abendluft.

»Merkwürdig, wie unvorsichtig Ihr Schwesterchen ist,« sagte sie, »so ein
wichtiger Brief und ohne Umschlag. Man hätte doch am Poststempel sehen
können, woher der Brief kommt und wann er abgeschickt wurde.«

Peredonoff war sehr ärgerlich. Vergebens bat ihn die Werschina,
hereinzukommen, vergebens versprach sie ihm, aus den Karten wahrzusagen,
-- Peredonoff ging.

Dennoch zeigte er seinen Freunden den Brief und prahlte damit. Seine
Freunde glaubten ihm.

Er selber wußte nicht recht, sollte er glauben oder nicht. Für jeden
Fall beschloß er, am Dienstag mit seinen Rechtfertigungsvisiten bei den
Honoratioren der Stadt zu beginnen, denn am Montag soll man nichts Neues
unternehmen, weil es ein Unglückstag ist.



                                  VIII


Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon
Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die
Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte,
daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung
konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und
wieder zurückzubefördern.

Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht
übernehmen. Aber sie stellte sich nur so.

»Liebste Warwara Dmitriewna,« sagte sie, »schon dieser erste Brief
lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich
den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen
Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis
abführen wollte!«

Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr
Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die
Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara
erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu
danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder
nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch
deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man
sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur
schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die
Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn
kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen
zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in
Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als
ihn in einen Briefkasten zu werfen.

Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung
ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges
Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier
genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und
man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt,
um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu
können.

Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den
Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun
parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten
sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen.

Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in
den Postkasten zu werfen hatte, -- er sollte an einem Sonntage ankommen:
der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das
wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes.

Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium
fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in
_jener_ Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von
der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver
Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte.
Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und
stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor -- niemand hatte es bemerkt.

Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst
spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor.

»Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,« sagte er böse
und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.

Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden
und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der
Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch
hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, -- sogar Falastoff von
der Volksschule, -- nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die
Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen.
Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht
verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn
die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen
können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen
sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke
wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße
wird sehen können, daß er Staatsrat ist.

»Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,« dachte Peredonoff.

Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle.

Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der
Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er
zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien
ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga -- ein General, der binnen
kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt --
diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht.

»Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen«, dachte Peredonoff,
»und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man
von mir hält, wie man über mich redet.« So beschloß er denn, den
Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und
bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle
kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und
hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme
Bekannte.

Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des
Bürgermeisters.

Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den
Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.

Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und
noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im
Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch
(»Ich halte ihnen eine Gouvernante,« pflegte der Vater zu sagen)
verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und
fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem,
außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen.

Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt.
Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu
sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme
Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so
war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der
melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und
schien sich sehr wohlzufühlen.

Der Archimandrit -- ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters --
pflegte diese Sessel und Sofas »Seelenretter« zu nennen. Hierauf
entgegnete das Stadthaupt:

»Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden
werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach
unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind
auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.«

Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf
der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte
kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch
gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu
Leuten mit geringem Einkommen.

Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die
einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:

»Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.«

»Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?«
erkundigte sich der Hausherr.

In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen.
Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er
beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze
Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen
schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück,
verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das
erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des
Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.

Peredonoff sagte: »Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit
der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit
Ihnen zu sprechen.«

Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte
Verbeugung.

»Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene
Klatschgeschichten verbreitet,« sagte Peredonoff mürrisch.

»Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,« sagte der Hausherr, »und dann,
was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre
Zunge zu rühren.«

»Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,«
fuhr Peredonoff fort, »denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum
Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.«

»Es stimmt,« bestätigte der Hausherr, »dafür kann ich stehen, habe ich
Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich
nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine
Familiensitte bei uns.«

»Auch sonst klatscht man allerlei,« sagte Peredonoff, »z. B. soll ich
meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es
kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den
Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen
etwa derartiges erzählt?«

»Es stimmt,« sagte Skutschaeff, »sowas hat er mir nie erzählt. Die
Bengel sind zwar sehr schlau, -- was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch
nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus
purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie
von ihm gehört.«

»Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,«
sagte Peredonoff, »aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in
den Mund.«

»Das versteht sich,« antwortete Skutschaeff, »das Gymnasium ist kein
Jahrmarkt.«

»Bei uns sind die Leute aber so,« klagte Peredonoff, »was nie gewesen
ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde
bin ich zu Ihnen gekommen, -- Sie sind der Bürgermeister.«

Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte.
Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er
dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles
vollständig klar.

»Und dann ist da noch eine andere Geschichte,« fuhr Peredonoff fort, »es
wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht
verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist
meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich
werde sie heiraten.«

»So, so, unbedingt,« sagte Skutschaeff, »die Hochzeit macht allem
Klatsch ein Ende.«

»Früher konnte ich nicht,« sagte Peredonoff, »es war ganz unmöglich;
sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.«

Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem
weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:

»Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein
ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es
berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so
auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen,
daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie
sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während
das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte
mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich
an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß
Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und
habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen
in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister
geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren
Kreisen unserer Stadt.«

Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es
schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da
brach er kurz ab und dachte betrübt:

»Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es
ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,« dachte er, »absolut nicht
zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist
ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen
sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.«

Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine
sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von
einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische
Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis.

Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des
Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig
trübselig aussah, und meinte:

»Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles
erlogen ist.«

»Das heißt, was meinen Sie eigentlich?« fragte Skutschaeff vorsichtig.

»Eben dieses,« erklärte Peredonoff, »wenn zum Beispiel gegen mich
Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und
man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.«

»Das läßt sich machen,« sagte der Bürgermeister, »da können Sie sich
unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie
einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir
können Ihnen zum Beispiel -- wenn es nötig sein sollte -- eine
Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder
wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, --
warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.«

»Ich kann mich also auf Sie verlassen,« sagte Peredonoff dumpf, als habe
er auf eine peinliche Frage zu antworten, »es ist nämlich wegen des
Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.«

»Was Sie nicht sagen!« ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig
mit dem Kopf, »das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm
verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst
gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das
sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter
Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem
Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat
Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?«

»Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,« erklärte Peredonoff,
»außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst
aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir
eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.«

»So, so,« sagte Skutschaeff zurückhaltend, »übrigens ist es nicht gut,
bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und
ein Schnäpschen dazu trinken?«

Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke.

»Famose Einrichtung das,« sagte er zu Peredonoff, »Sie sollten einen
andern Beruf wählen.«

Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person.
Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie
lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im
Verhältnis zu ihrer Körperfülle.

»Einen anderen Beruf,« wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff.
»Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so
müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben.
Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte
in der höheren Geistlichkeit.«

Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher
Würdenträger.

»Nein, ich will nicht Priester werden,« antwortete Peredonoff, »mir ist
der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.«

»In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,«
riet Skutschaeff, »werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren,
welchen Rang Sie bekleiden?«

»Ich bin Staatsrat!« sagte Peredonoff mit Würde.

»Was nicht gar!« rief Skutschaeff aus, »sagen Sie doch bitte, so weit
kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die
Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der
Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung
vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich
bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine
bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen;
mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von
selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat
sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern
und führe ihn ans Fenster, -- von dort sieht man die Birken in unserem
Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe,
Papachen, -- sagt er -- ich will's nicht wieder tun. Und in der Tat, das
hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht
Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!« seufzte Skutschaeff und
schloß damit seine Rede.

Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der
geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück
eingenommen.

Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es
sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall
suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in
großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte
ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn
fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte.

»Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,« erklärte
er.

Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen.
Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige
Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel
Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr
zufrieden mit sich zu sein.

Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete
sich.

»Warum so eilig?« sagte der Hausherr, »bleiben Sie noch ein wenig.«

»Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,« sagte
Tischkoff.

»Nein, ich muß gehen«, antwortete Peredonoff geschäftig.

»Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,« sagte Tischkoff und zwinkerte
mit den Augen.

»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff.

»Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,« entgegnete Tischkoff
ohne zu zögern.

Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten
und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.

»Der Bürgermeister hält meine Kante,« dachte er und fühlte sich viel
sicherer.

                   *       *       *       *       *

Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte:

»Es wird viel geklatscht über den Mann.«

»Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,« reimte
Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.

Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die
Worte nur auf, um sie zu reimen.

»Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,« fuhr
Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu
achten.

»Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,« rief
Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.

»Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!« meinte
Skutschaeff.

»Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,« antwortete
Tischkoff.

»Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.«

»Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.«

»Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.«

»Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.«

Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die
ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden,
doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz
garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen
vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder
nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen
Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines
aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen
beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit
einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon
längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der
ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.



                                   IX


Am nächsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji.

Das Wetter war noch immer trübe. Der Wind wehte in heftigen Stößen und
wirbelte große Staubmassen durch die Straßen. Es dämmerte, und es war
so, als käme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetönte
Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straßen waren wie tot,
nichts rührte sich und man konnte glauben, daß die baufälligen Häuser
ganz ohne Sinn und nutzlos daständen, so hoffnungslos verfallen waren
sie und so schüchtern erzählten sie vom bettelhaften, traurigen Leben
innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, -- sie gingen
ganz langsam, als hätten sie kein Ziel vor sich, als wären sie kaum
imstande eine dumpfe Müdigkeit zu überwinden, welche nur nach bleiernem
Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefäße
göttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten
sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trägheit
befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren
Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch
die öden Straßen, vorbei an den verfallenen Häusern ging Peredonoff. Der
Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine
unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen
keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wußte die Welt
nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dämon,
welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer
zu Tode quält.

Seine Gefühle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlöschendes,
glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewußtsein kam, wandelte sich in
unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben,
bemerkte er nur das Unregelmäßige und daran hatte er seine Freude. Wenn
er an einem geraden, saubern Straßenpfosten vorbeiging, so bekam er
Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor
Vergnügen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber
gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er
pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm
eher verständlich. Er hatte keine Beschäftigung, welche er besonders
liebte und für keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, daß
die Natur nur einseitig auf sein Gefühlsleben wirken konnte; sie
knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er
verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so
ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glücklich sein bedeutete für
ihn nichts tun, sich ganz zurückziehen und den Leib mästen. -- Und jetzt
muß ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und
Erklärungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn
man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzählen könnte, aber
nicht einmal das war möglich.

Das Haus des Staatsanwaltes schürte und kräftigte Peredonoffs dumpfe,
quälende Angst. Und in der Tat -- das Haus sah böse und drohend aus. Das
spitze Dach hing düster über den Fenstern, welche dicht über dem Boden
angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten
einmal fröhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter
und Wind düster und grau geworden. Die Pforte war massig und
unverhältnismäßig groß, sie überragte das Haus, als sollte sie ein
Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt.
Eine klirrende eiserne Kette diente als Schloß und ein wütender Hund im
Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorübergehenden an. Rings um das
Haus waren unbebaute Plätze, Gemüsegärten und weiterhin einige elende
Hütten. Das Haus selbst lag an einem sehr großen sechseckigen,
ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor
dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze.

Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen
zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach
gedeckt war, und faßte einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht
über ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hörte man schleichende
Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tür
und blieb da stehen. Er spähte wohl durch irgend eine von außen nicht
sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schloß gerasselt, die Tür tat sich auf
und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mürrisches Weib mit
argwöhnisch lauernden Augen.

»Was wünschen Sie?« fragte sie.

Peredonoff antwortete, er hätte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch.
Das Weib ließ ihn eintreten. Als er die Schwelle überschritt, murmelte
er schnell eine Beschwörungsformel. Es war gut, daß er sich damit beeilt
hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hörte man
schon im Gastzimmer die scharfe, wütende Stimme Awinowitzkjis. Die
Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschütternd, -- anders redete er
überhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer
mit seiner bösen, scheltenden Stimme einige Begrüßungsworte -- er freue
sich sehr, daß Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre.

Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein düsterer Mensch, als hätte
er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und
Anklagen. Obwohl sein Körper von einer ans Wunderbare grenzenden
Widerstandskraft war, -- Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem
Eisgang bis zum andern zu baden, -- schien er doch schmächtig zu sein.
Ein sehr dichter, bläulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch
erhöhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefürchtet, so fühlte
man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, daß
er unermüdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und
Zwangsarbeit drohte.

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen,« sagte Peredonoff verlegen.

»Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post
beraubt?« schrie Awinowitzkji böse und ließ Peredonoff in den Saal
eintreten. »Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als
möglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die
Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, daß hier auf dem
Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie
sich! Also was führt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer
eines Verbrechens?«

»Nein,« sagte Peredonoff, »ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen.
Der Direktor würde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu können, aber
ich habe nichts verschuldet.«

»Sie kommen also mit keiner Anklage?« fragte Awinowitzkji.

»Nein, keineswegs,« murmelte Peredonoff ängstlich.

»Nun, wenn es nichts Derartiges ist,« sagte der Staatsanwalt mit
geradezu wütender Betonung der einzelnen Worte, »so kann ich Ihnen wohl
einen kleinen Imbiß anbieten.«

Er nahm die Tischglocke und schellte. Niemand kam. Awinowitzkji packte
die Glocke mit beiden Händen und läutete wie ein Unsinniger, dann warf
er die Glocke auf den Boden, trampelte mit den Füßen und brüllte dazu
mit wütender Stimme:

»Malanja, Malanja! Rindvieh! Teufel! Bestie!«

Man hörte jemand langsam herankommen; der Sohn Awinowitzkjis, ein
Gymnasiast, trat ein. Es war ein kräftiger, schwarzhaariger Junge von
etwa 13 Jahren. Sein Auftreten machte einen sichern und selbständigen
Eindruck. Er verbeugte sich leicht vor Peredonoff, hob die Glocke auf,
stellte sie auf den Tisch und erst dann sagte er ruhig:

»Malanja ist im Gemüsegarten.«

Awinowitzkji beruhigte sich sofort. Er blickte seinen Sohn zärtlich an,
was eigentlich garnicht zu seinem bärtigen, bösen Gesicht passen wollte,
und sagte:

»Sei so gut, liebes Kind, lauf zu ihr und bestell einen kleinen Imbiß.«

Der Knabe ging fort, ohne sich zu beeilen. Der Vater blickte ihm nach.
Ein stolzes, freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. Erst als der
Junge über die Schwelle ging, verdüsterte sich Awinowitzkjis Gesicht
wieder, und er brüllte mit fürchterlicher Stimme, so daß Peredonoff
zusammenfuhr:

»Schneller!«

Der Junge begann zu laufen. Man hörte, wie er die Türen aufriß und
hinter sich zuschlug. Der Vater horchte und lächelte freudig mit seinen
dicken roten Lippen, dann begann er zu reden und seine Stimme klang hart
und böse:

»Mein Erbprinz. Strammer Junge, was? Wie weit wird er's bringen, he? Was
meinen Sie? Ein Dummkopf kann er sein, aber niemals ein Feigling, ein
Lappen, ein Schurke -- niemals.«

»Ja, was denn,« murmelte Peredonoff.

»Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche
Geschlecht,« tobte Awinowitzkji, »Gesundsein halten sie für eine
Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen
würde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein
Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer über läuft er im Dorf barfuß
und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem
Schwitzbad nackt im härtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee
zu wälzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschläge
sollte man jenem Deutschen aufzählen.« -- Von diesem Deutschen, der das
Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab.

»Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei,« schrie er. »Die
Wissenschaft hat nachgewiesen, daß es Leute gibt, welche als Verbrecher
geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man muß sie
vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein
Verbrecher! Fürs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus
gesichert! Er hat gemordet, Häuser angesteckt, genotzüchtigt, -- nun muß
der steuerzahlende Bürger für den Unterhalt dieses Schurken sorgen!
Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hängen und außerdem ist es
billiger.«

                   *       *       *       *       *

Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weißen,
roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Würsten und
anderen gesalzenen, geräucherten und marinierten Gerichten; dann waren
da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Größe und
Form, gefüllt mit allerhand Schnäpsen und Likören. Alles das war ganz
nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der
ganzen Einrichtung behagte ihm.

Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknüpfend,
gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhändler und redete dann, Gott
weiß warum, über die Erbfolge.

»Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung!« schrie er darauf
los. »Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lächerlich, unsittlich und
sinnlos! Das Land liegt brach, die Städte füllen sich mit Geldgierigen;
Mißernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, -- gefällt
Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur
lassen Sie ihn nicht im Stande aufrücken. Die Landbevölkerung verliert
sonst ihre besten Leute und wird immer ein niederträchtiges Pack
bleiben, während der Adel andererseits durch den Zufluß dieser
unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als
die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem,
Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er für den Erwerb, für
seine alltäglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten
waren eine weise Einrichtung.«

»Ja,« sagte Peredonoff böse, »auch unser Direktor ermöglicht jedem
Lümmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern,
gar nicht zu reden von der Unmenge von Bürgerlichen.«

»Das hört sich ja nett an!« rief der Hausherr.

»Es gibt so eine Bestimmung, daß man nicht jeden beliebigen aufnehmen
soll; er tut doch was er will,« klagte Peredonoff, »fast ohne Ausnahme
nimmt er jeden auf. >Das Leben bei uns in der Stadt,< sagt er, >ist
billig, und wir haben sowieso wenig Schüler.< Was ist denn dabei, daß es
wenig sind. Es wäre besser, wenn es noch weniger wären. Mit der
Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernünftiges
Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die
knifflichsten Worte an, -- immerwährend muß ich im orthographischen
Wörterbuch nachschlagen.«

»Trinken Sie einen Schnaps,« schlug Awinowitzkji vor, »was wollen Sie
eigentlich mit mir besprechen?«

»Ich habe Feinde,« murmelte Peredonoff und betrachtete traurig sein
Gläschen mit dem gelben Schnaps, statt es auszutrinken.

»Das Schwein hier hatte keine Feinde,« antwortete Awinowitzkji, »doch
ist es geschlachtet worden. Greifen Sie zu, es war ein vortreffliches
Schwein.«

Peredonoff langte sich ein Stück Schinken und sagte:

»Ueber mich werden allerlei Gerüchte in Umlauf gesetzt.«

»Das kennen wir, was Klatschgeschichten anlangt, gibt es keine
schlimmere Stadt!« rief der Hausherr aufgebracht. »Eine nette Stadt das!
Man kann ja tun was man will, gleich grunzen es alle Schweine.«

»Die Fürstin Woltschanskaja hat versprochen, mir eine Inspektorstelle zu
verschaffen, und hier setzt der Klatsch ein. Das kann mir doch schaden.
Und alles aus purem Neid. So auch der Direktor, er hält keine Disziplin
im Gymnasium, -- die Schüler von auswärts, welche in Pensionen leben,
rauchen, trinken, laufen jeder Schürze nach, und die Kinder unserer
Stadt sind um nichts besser. Er selbst ist schuld an dieser
Zuchtlosigkeit, aber er macht mich verantwortlich dafür. Es ist
möglich, daß man mich bei ihm angeschwärzt hat. Aber wenn diese
Klatschgeschichten weitere Verbreitung finden, wenn sie der Fürstin zu
Ohren kommen!«

Peredonoff teilte in langer, verworrener Rede seine Befürchtungen mit.
Awinowitzkji hörte zu und rief manchmal wütend dazwischen:

»Halunken sind sie! -- Schufte! Idioten!«

»Ich bin wirklich nicht Nihilist,« sagte Peredonoff, »es wäre doch
komisch. Ich habe eine Dienstmütze mit der Kokarde, nur pflege ich sie
nicht immer zu tragen, -- aber er trägt bisweilen auch einen Hut. Daß
das Porträt Mizkewizschs bei mir hängt, ist begründet durch meine
Vorliebe für seine Verse, nicht aber für seine revolutionäre Tätigkeit.
Außerdem habe ich sein Journal, die Glocke, gar nicht gelesen.«

»Sie haben gründlich vorbeigehauen,« sagte Awinowitzkji rücksichtslos,
»Herzen war der Herausgeber der Glocke, nicht Mizkewizsch.«

»Das ist wieder was anderes,« sagte Peredonoff, »Mizkewizsch hat auch
eine Glocke herausgegeben.«

»Ich weiß es nicht. Sie müssen es drucken lassen. Eine wissenschaftliche
Entdeckung. Sie werden berühmt werden.«

»Das darf man nicht drucken,« sagte Peredonoff ärgerlich, »und ich darf
keine verbotenen Bücher lesen. Außerdem lese ich sie auch nicht. Ich bin
Patriot!«

Nach endlosen Beschwerden, in denen Peredonoff sein Herz ausschüttete,
begriff Awinowitzkji so viel, daß irgend jemand bestrebt sein müsse,
Peredonoff auszunützen, und zu diesem Zweck allerhand Gerüchte über ihn
verbreitete, um ihn dadurch einzuschüchtern und so den Boden allmählich
für einen Erpressungsversuch vorzubereiten. Daß diese Gerüchte ihm, dem
Staatsanwalt, noch nicht zu Ohren gekommen waren, erklärte er sich
daraus, daß der Erpresser äußerst geschickt nur in Peredonoffs nächstem
Bekanntenkreise zu wirken wußte, -- denn er bezweckte ja nur, Peredonoff
allein auszubeuten. Awinowitzkji fragte:

»Haben Sie Verdacht auf jemanden?«

Peredonoff dachte nach. Ganz zufällig fiel ihm die Gruschina ein; dunkel
erinnerte er sich an jenes kürzlich geführte Gespräch, welches er mit
der Drohung abbrach, er werde sie denunzieren. Daß _er_ eigentlich der
Gruschina gedroht hatte, verwirrte sich in ihm zu einer düstern
Vorstellung von Denunziation im allgemeinen. Sollte er jemanden angeben,
oder sollte er selber angegeben werden, -- das war ihm nicht klar, und
er machte auch gar keine Anstrengung, sich genauer daran zu erinnern, --
so viel stand fest: die Gruschina war ihm feind. Schlimm genug war es,
daß sie dabei gewesen war, als er den Pissareff versteckt hatte. Jetzt
mußte er ihn wo anders hintun.

Peredonoff sagte:

»Es gibt hier eine gewisse Frau Gruschina.«

»Ich weiß, ein erstklassiges Luder,« entschied Awinowitzkji kurz.

»Immerwährend kommt sie zu uns,« klagte Peredonoff, »überall schnüffelt
sie. Sie ist geizig und will alles haben. Vielleicht möchte sie Geld von
mir dafür, daß sie mich nicht angibt wegen des Pissareff. Oder
vielleicht will sie mich heiraten. Ich will ihr aber nichts zahlen, und
ich habe eine andere Braut; mag sie immerhin denunzieren, ich bin
unschuldig. Es ist nur unangenehm, wenn daraus eine Geschichte entstehen
sollte, denn das könnte mir bei der Ernennung schaden.«

»Sie ist eine bekannte Gaunerin,« sagte der Staatsanwalt. »Sie fing hier
an gewerbsmäßig zu wahrsagen und es gab Dumme genug, welche zu ihr
gingen. Da sagte ich der Polizei, sie möchte ihr das Handwerk legen.
Dieses eine Mal waren sie ausnahmsweise klug und befolgten meinen Rat.«

»Sie wahrsagt auch jetzt noch,« sagte Peredonoff, »noch neulich hat sie
mir Karten ausgelegt, sie redete von einem weiten Weg und von einem
Kronsbrief.«

»Sie weiß genau, wem sie was sagt. Warten Sie nur, jetzt knüpft sie die
Schlingen und wird später Geld fordern. Kommen Sie dann direkt zu mir.
Ich werde ihr hundert aufzählen lassen,« schloß Awinowitzkji mit seiner
beliebten Redensart. Doch durfte man dies nicht wörtlich nehmen; dieser
Ausdruck bedeutete nur: einen scharfen Verweis erteilen.

So versprach Awinowitzkji Peredonoff beizustehen; dennoch war dieser,
als er vom Staatsanwalt fortging, von einem dumpfen Angstgefühl
beherrscht, welches durch die lauten drohenden Reden Awinowitzkjis nur
bestärkt worden war.

                   *       *       *       *       *

Nun machte Peredonoff täglich vor dem Mittagessen eine Visite, -- mehr
als eine konnte er wegen der ausführlichen Erklärungen, die er jedesmal
geben mußte, nicht erledigen. Am Abend ging er in der Regel Billard
spielen.

Wie immer pflegte er den einladenden Handbewegungen der Werschina zu
folgen, und wie immer mußte er anhören, wie Rutiloff seine Schwestern
lobte. Zu Hause suchte ihn Warwara zu bereden, die Trauung zu
beschleunigen, -- aber er konnte keinen festen Entschluß fassen.

Natürlich, so dachte er manchmal, wäre es vorteilhaft, Warwara zu
heiraten, -- wie aber, wenn mich die Fürstin plötzlich im Stich läßt? In
der Stadt, dachte er, wird man dann auf meine Kosten lachen, -- und
dieses Bedenken hielt ihn vom entscheidenden Schritt zurück.

Der Neid seiner Kollegen, welcher eher in seiner Einbildung als
tatsächlich vorhanden war, die Intrigen irgend eines Unbekannten und der
Umstand, daß ihm die unverheirateten Frauen nachstellten, alles das
gestaltete sein Leben traurig und kummervoll; und auch das Wetter war
ganz danach: mehrere Tage hindurch war es trübe, kalt und regnerisch.
Peredonoff fühlte, wie mißlich sich sein Leben gestaltete, -- aber dann
dachte er an den in Aussicht stehenden Inspektorposten und damit mußte
sich alles zum besten wenden.



                                   X


Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung.
Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den
Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden
konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuriös, doch
schienen manche Gegenstände allzu neu und ein wenig überflüssig zu sein.

Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett.
Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wäre
er bloß durch einen Zufall daran verhindert worden.

Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, daß
er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, daß er
ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmäßig gerötet,
als hätte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, -- ein
bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren
grau, liebenswürdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle äußerst
zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen
Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und außerdem kleine
Hinweise darauf, daß er Gouverneur zu werden beabsichtigte.

Peredonoff saß ihm gegenüber am eichengeschnitzten Schreibtisch und
berichtete:

»Ueber mich werden allerhand Gerüchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich
mich als Edelmann an Sie. Man erzählt über mich Dinge, Exzellenz, welche
absolut unwahr sind.«

»Ich habe nichts Derartiges gehört,« antwortete Weriga und
liebenswürdig-erwartungsvoll lächelnd, richtete er seine grauen,
aufmerksamen Augen auf Peredonoff.

Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete:

»Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, daß
ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genüge damit
entschuldigt, daß ein jeder junge Mensch mal über die Stränge schlägt.
Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.«

»Sie waren also sehr liberal?« fragte Weriga mit einem liebenswürdigen
Lächeln, »nicht wahr, auch Sie wünschten eine Konstitution. Wir alle
wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?«

Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkästchen hin. Peredonoff war zu
schüchtern, um »Ja« zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine
Zigarre an.

»Natürlich, Exzellenz,« gestand Peredonoff, »hatte auch ich als Student
meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution
als im üblichen Sinne des Wortes zu tun.«

»Nämlich?« fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone.

»Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament,« erklärte
Peredonoff, »im Parlament zanken sie sich doch nur.«

Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzücken.

»Eine Konstitution ohne Parlament!« sagte er sinnend. »Wissen Sie, das
ist praktisch!«

»Aber auch das ist lange her,« sagte Peredonoff, »jetzt wünsche ich
nichts Derartiges.«

Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dünne Rauchwolke
durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen:

»Sie sind Pädagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen
unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte
aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?«

Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff
liebenswürdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen,
stierte in die Ecke und sagte:

»Die Bezirksschulen müssen stramm gehalten werden.«

»Ja, ja, strammer,« sagte Weriga abwartend.

Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor,
einer langen Erörterung zuzuhören.

»Die Lehrer dort sind Nihilisten,« sagte Peredonoff, »und die
Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der
Kirche.«

Weriga blickte schnell auf und sagte lächelnd:

»Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.«

»Ja, aber manche trompeten geradezu, so daß alle Sänger lachen,« meinte
Peredonoff böse. »Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so
eine Person, läuft in einer roten Bluse herum. Manchmal trägt sie sogar
einen Sarafan.«[8]

»Das ist freilich nicht schön,« sagte Weriga. »Doch tut sie es eher aus
Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat
absolut keine Manieren, ist aber eine tüchtige Lehrkraft. In jedem Fall
ist das, was Sie sagen, nicht schön von ihr. Man muß es ihr zu wissen
geben.«

»Dort in den Schulen geht es sehr frei zu,« fuhr Peredonoff fort, »ohne
jede Zucht. Gestraft wird überhaupt nicht und Bauernkinder kann man
nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprügelt müssen
sie werden.«

Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die
Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er
seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:

[Fußnote 8: Russische Nationaltracht.]

»Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen
vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel,
daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft
ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der
Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob
zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das
Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig
entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu
bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft
erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es
natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu
lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf
alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit
Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu
wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem -- _à propos_ sehr
interessanten Buch -- Sie kennen es doch? ...«

»Nein, Exzellenz,« sagte Peredonoff verlegen, »ich fand noch keine Zeit
dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.«

»Nun, das ist nicht so dringend notwendig,« sagte Weriga liebenswürdig
lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu
lesen. »Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer
Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher
Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und --
beachten Sie wohl -- wir alle hätten uns gequält, solange diese
schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das
Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte
ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten:
stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie
Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da
schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel
können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte
doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht
anerkennt.«

Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich
gleich wieder und setzte sich.

»Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten
aufziehen,« sagte Peredonoff.

»Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga.

»Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.«

Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht.

»Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle
nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.«

»Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, -- es
ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen
könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich
unschuldig.«

»Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?«
fragte Weriga.

Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:

»Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so.
Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden
können.«

Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede
ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die
Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff
ängstlich und niedergeschlagen anhörte:

»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um
meine Vermittlung (Weriga wollte sagen »Schutz«, aber er enthielt sich
dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu
nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen
nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist
mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die
Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen
Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein -- um mich so auszudrücken --
in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie,
-- wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, -- dennoch gleichzeitig
auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen,
und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend,
eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser
kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und
unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt
Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als
Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des
Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl
Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.«

Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er
sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des
Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem
nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie
man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine
wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war
aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte
verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach:

»Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben,
weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht
erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen
eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit
zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit
verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus
ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in
Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im
Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit
Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels
vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in
kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte
Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung
und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in
edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das
allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden
wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in
dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.«

»Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,« sagte Peredonoff, »so darf
ich denn auf Ihren Beistand rechnen.«

Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an,
daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er
plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff
nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein
Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn
mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen
seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.

Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer
wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, daß das Leben in
diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschätzten. »Er
will es zum Gouverneur bringen,« dachte Peredonoff mit ehrfürchtiger und
neidischer Bewunderung.

Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei
Söhnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff
betrachtete sie mit stumpfer Neugierde.

Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein
Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf
Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprügelt.

Und Peredonoff sah ihnen böse nach, während sie geschwind die Treppe
hinaufstiegen und fröhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff,
daß der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht
und schrie sie nicht an.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff nach Hause kam, saß Warwara im Gastzimmer und las ein
Buch. Das kam selten vor. Sie blätterte in einem Kochbuch, das einzige,
was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und
hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in
die Augen und verstimmte ihn.

»Was liest du da?« fragte er böse.

»Was? Als ob du nicht weißt was, -- das Kochbuch,« antwortete Warwara.
»Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.«

»Warum liest du im Kochbuch?« fragte Peredonoff entsetzt.

»Was heißt -- warum? Ich will kochen, für dich natürlich, du mäkelst ja
immer,« sagte Warwara und lächelte stolz und selbstbewußt.

»Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen!« erklärte Peredonoff
bestimmt, riß das Buch aus Warwaras Händen und trug es ins Schlafzimmer.

Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das
fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch
behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne
auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten.

                   *       *       *       *       *

Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.

Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht
leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe
von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu
betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und
kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen
hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als
Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem
Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen
Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem
Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man
Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im
Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit
nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf
dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte,
Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und
kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch
Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits
liebenswürdig -- europäisch liebenswürdig -- zu erscheinen, ohne doch
andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu
vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus
zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß
er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man
glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur
vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab
davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine
lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so,
als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten
gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe
eingetauscht.

Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig,
daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen
Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu
betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch.
Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und
viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner
tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen
können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus
Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene
Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch
seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich:
er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches
Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung
erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder
ruhig und zurückhaltend höflich.

Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als
er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das
Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene
Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade
geordnet, -- immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee
getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer
Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht.

Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, --
aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte
mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt
hätte.

Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann
-- er war noch kleiner als Kiriloff -- mit einem finnigen, unbedeutenden
Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den
Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber
anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige
Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen:
kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch
beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er
für einen hellen Kopf -- wie auch Kiriloff --, wiewohl er nur wenig
wußte und als Arzt untüchtig war.

Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu
gestalten; -- zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der
Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken
den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, -- die
endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den
nächsten Sommer.

Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig
gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche
seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich
im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte.
Er sagte:

»Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe
immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest
zusammenzuschließen, -- und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis
gekommen sind.«

Trepetoff grunzte böse. Kiriloff sah ihn ängstlich an. Trepetoff sagte
verächtlich: »Denkende Menschen!« und grunzte wieder. Dann -- nach einem
kurzen Schweigen -- sprach er mit hoher, gekränkter Stimme:

»Ich wußte nicht, daß denkende Menschen Anhänger des Klassensystems sein
können.«

»Aber Georgi Sjemenowitsch,« sagte Kiriloff unsicher, »Sie ziehen nicht
in Betracht, daß es nicht immer vom Menschen selber abhängt, welchen
Beruf er wählt.«

Trepetoff grunzte verächtlich, wodurch er den liebenswürdigen Kiriloff
ganz aus der Fassung brachte und hüllte sich in unnahbares Schweigen.

Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem
Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als
ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im
Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu
kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewählt und vom Ministerium der
Volksaufklärung bestätigt werden sollte.

In diesem Falle wäre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken
vorstand, in eine der benachbarten Städte übergesiedelt und die Leitung
der Schulen dieses Bezirkes wäre einem neuen Inspektor anvertraut
worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars
der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen.

»Ich habe glücklich eine Protektion,« redete Peredonoff, »nun sucht mir
der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mögliche
verbreiten sie über mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen
sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, daß diese Gerüchte Lügen sind
und ich bitte auch, diesen Lügen keinen Glauben zu schenken.«

Kiriloff antwortete rasch:

»Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den
Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, daß
ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Würde mir meine Frau nicht
helfen, so könnte ich die Arbeit einfach nicht bewältigen. Ich komme
nirgends hin, sehe niemanden und höre nichts. Doch bin ich fest davon
überzeugt, daß all das, was über Sie geredet wird, -- ich habe, wie
gesagt, nichts Derartiges gehört --, daß das elender Klatsch ist. Die
Besetzung des in Frage stehenden Postens hängt indes nicht von mir ab.«

»Man wird sich bei Ihnen erkundigen,« sagte Peredonoff.

Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte:

»Natürlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, daß
wir ....«

In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte:

»Bitte auf einen Augenblick!« Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie
flüsterte besorgt:

»Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, daß
wir Krassilnikoff wünschen. Dieser Kerl kommt mir verdächtig vor, er
wird noch Geschichten machen.«

»Glaubst du?« flüsterte Kiriloff eilig. »Es könnte sein. Fatale Sache!«

Er griff mit den Händen an den Kopf. Seine Frau sah ihn
besorgt-teilnehmend an und sagte:

»Es ist vielleicht besser, ihm überhaupt nichts zu sagen, -- als wäre
gar keine Stelle vakant.«

»Ja, ja, du hast recht,« flüsterte Kiriloff, »es ist so peinlich, aber
ich muß hin.«

Er lief ins Gastzimmer zurück, machte ununterbrochen Kratzfüße und
überhäufte Peredonoff mit Liebenswürdigkeiten.

»Im Falle also, wenn .....« begann Peredonoff.

»Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken,« sagte Kiriloff
schnell; »außerdem ist diese Frage noch nicht endgültig entschieden.«

Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte
und fühlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort:

»Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir
uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer über haben wir
gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es muß alles zum Landtag
vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt, -- alle
Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind berücksichtigt
worden.«

Und Kiriloff erzählte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der
Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in
jedem, daß die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe
war. Peredonoff begriff nichts, und seine düsteren Gedanken verfingen
sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser
gewandt vor ihm ausbreitete.

Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig
von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen,
nicht einmal anhören. Der Hausherr redet von unverständlichen Sachen.
Trepetoff grunzt böse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die
geringste Beachtung zu schenken. Merkwürdige Leute leben in diesem
Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag!



                                   XI


Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar
hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte
Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch
wieder -- wenn er nur will -- einem beistehen mit seinen Aussagen bei
der vorgesetzten Behörde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung.

Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmütze. Er beschloß,
fortan nur diese Mütze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit
einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben,
er aber -- Peredonoff -- muß sich seine Beförderung zum Inspektor erst
erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen,
man muß auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen.
Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die
Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm,
rein zufällig, der alte Hut unter die Hände geraten. Jetzt ergriff er
Gegenmaßregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, -- so war es
ausgeschlossen, daß er ihn wieder aufsetzte.

Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmädchen, wusch die Fußböden
in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Küche, um sich die Hände
zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdüte, aus der einige
Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden,
um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen,
nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das
ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der
Tür um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die
Papierdüte sorgfältig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das
Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie später
auf der Straße fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging.
Sehr bald vermißte Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie überall und
fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hörte von den verschwundenen
Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwürfe: es stand ihr fest,
daß das Mädchen die Rosinen aufgegessen hatte.

                   *       *       *       *       *

Auf der Straße war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken
verdeckten die Sonne. Die Pfützen begannen zu trocknen. Der Himmel
leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig.

Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine
neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen.

Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mütze ab und
bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfällig als möglich,
damit alle Vorübergehenden sehen sollten, wie der künftige Inspektor an
der Kirche vorbeiging. Früher hatte er das nie getan, jetzt empfand er
es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder
irgend jemand steht an der Straßenecke oder hinter einem Baum und
beobachtet ihn.

Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der
Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine
Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfüllte. Auf
dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewöhnlich
aus, sie waren so merkwürdig still und schweigsam. Der Hof war
schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher.
Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmächtiger
Mensch, der pflichtbewußt und betrübt aussah. Er stand regungslos da und
hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes
Mädchen kam barfuß aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus
seinem Ueberzieher und führte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie
immerfort wiederholte:

»Bitte treten Sie ein. Sjemön Grigorjewitsch wird gleich kommen.«

Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fühlte sich bedrückt.
Die Möbel waren dicht an die Wände gerückt. Der Fußboden war mit
schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wänden hörte
man Geflüster und verschiedene Geräusche. An der Tür standen blasse
Frauen und skrophulöse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen.
Manchmal konnte man einige Worte der geflüsterten Unterhaltung
verstehen:

»Hast du gebracht ...«

»Wohin soll ich's tragen?«

»Wohin befehlen Sie, daß ich es hinlege?«

»Von Sidor Petrowitsch Jermoschkin.«

Der Polizeichef kam. Er knöpfte an seinem Uniformrock und lächelte
süßlich.

»Verzeihen Sie, daß ich auf mich warten ließ,« sagte er und umfaßte
Peredonoffs Rechte mit seinen mächtigen Fäusten, »ich hatte einige
Geschäfte zu erledigen. So ist unser Dienst, da gibt's kein
Aufschieben.«

Sjemön Grigorjewitsch Mintschukoff war ein großer, starkknochiger,
schwarzhaariger Mann; er hatte eine unbedeutende Glatze, hielt sich ein
wenig krumm; und die Hände hingen ihm herunter, wie zwei Bretter. Er
lächelte oft und machte dabei ein Gesicht, als hätte er etwas
Verbotenes, doch Schmackhaftes gegessen, das er just verdaute. Seine
Lippen waren sehr rot und schwulstig, seine Nase massiv, sein
Gesichtsausdruck sinnlich und aufmerksam, aber dumm.

Die ganze Umgebung hier machte Peredonoff befangen. Er murmelte
unzusammenhängende Worte, saß in seinem Sessel und war bemüht, seine
Mütze so zu drehen, daß der Polizeichef die Kokarde daran bemerken
mußte. Mintschukoff saß kerzengrade ihm gegenüber an der andern Seite
des Tisches, er lächelte süßlich, und seine riesigen Hände glitten
langsam über die Kniee, schlossen sich und öffneten sich wieder.

»Man schwatzt Gott weiß welchen Unsinn,« sagte Peredonoff, »nichts
Derartiges ist vorgekommen. Ich selber könnte denunzieren. Ich habe
nichts auf dem Gewissen, aber von ihnen wüßte ich Dinge zu berichten.
Ich will nur nicht. Hinter dem Rücken wird man verleumdet und ins
Gesicht lachen sie einem. Sie werden zugeben, daß das bei meiner
Stellung äußerst peinlich ist. Ich habe Protektionen, da wirft man mir
Steine in den Weg. Man beobachtet mich durchaus überflüssiger Weise, man
verliert Zeit dabei und belästigt mich. Wohin ich nicht gehe, die ganze
Stadt spricht davon. Ich hoffe sehr, daß Sie im Falle einer Anfrage auf
meiner Seite stehen werden.«

»Aber gewiß, das ist doch natürlich, mit dem größten Vergnügen will ich
das,« sagte Mintschukoff und streckte seine Fäuste vor; »wir in der
Polizei müssen das doch am besten wissen, ob Grund zu Verdächtigungen
vorliegt oder nicht.«

»Mir kann es natürlich Wurst sein,« sagte Peredonoff böse, »mögen sie
schwatzen, ich fürchte nur, daß es mir im Dienst schaden könnte. Die
Leute sind schlau. Achten Sie nicht darauf, was man so redet, zum
Beispiel der Rutiloff. Was kann man wissen, er gräbt vielleicht einen
Gang unter die Sparbank. Das wäre doch ein Frevel sondergleichen.«

Mintschukoff dachte zuerst, Peredonoff wäre betrunken und schwatze
einfach Unsinn. Nach einigem Anhören begriff er jedoch, daß Peredonoff
irgend jemanden anklage, der ihn verleumdet hätte, und Gegenmaßregeln zu
ergreifen bittet.

»Grünschnäbel sind sie,« fuhr Peredonoff fort, dabei dachte er an
Wolodin, »und halten große Stücke von sich. Andern stellen sie nach und
haben die schmutzigsten Geschichten auf dem Gewissen. Man sagt wohl,
Jugend kennt keine Tugend. Manche sind auch Angestellte der Polizei und
tun doch genau dasselbe.«

Und er redete lange von den dummen, grünen Jungen, scheute sich aber,
Wolodins Namen zu nennen. Die bei der Polizei Angestellten hatte er aber
erwähnt, um Mintschukoff damit anzudeuten, daß er auch von ihnen
Ungünstiges berichten könne. Mintschukoff verstand das so, als rede
Peredonoff von zwei jungen Polizeibeamten, von denen er wußte, daß sie
jungen Mädchen den Hof machten. Die Verlegenheit und die Angst
Peredonoffs wirkten unwillkürlich ansteckend auf Mintschukoff.

»Ich will die Sache in die Hand nehmen,« sagte er besorgt, dachte einen
Augenblick nach und lächelte dann wieder süßlich. »Da hab ich zwei junge
Beamte, sie sind noch ganz grün. Glauben Sie mir auf Ehre und Gewissen,
den einen stellt seine Mama noch in den Winkel.«

Peredonoff lachte abgerissen.

                   *       *       *       *       *

Inzwischen war Warwara bei der Gruschina gewesen. Da erfuhr sie eine
sensationelle Neuigkeit.

»Liebste Warwara Dmitriewna,« begann die Gruschina eifrig, als Warwara
kaum über die Schwelle ihres Hauses getreten war, »ich habe eine
Neuigkeit für Sie, -- Sie werden starr sein.«

»Was für eine Neuigkeit?« fragte Warwara schmunzelnd.

»Nein, denken Sie nur, was für elende Geschöpfe auf der Welt
herumlaufen! Was die sich für Sachen ausdenken, um ihr Ziel zu
erreichen.«

»Ja, worum handelt es sich denn?«

»Na, warten Sie, ich will es erzählen.«

Die schlaue Gruschina bewirtete indes Warwara zuvor mit Kaffee, dann
trieb sie ihre Kinder auf die Straße hinaus. Die Aelteste war
eigensinnig und wollte nicht gehen.

»Du verdammtes Luder!« schrie die Gruschina.

»Selbst Luder!« antwortete das freche Göhr und stampfte mit den Füßen.

Die Gruschina packte das Mädchen an den Haaren, zerrte es auf den Hof
und verschloß die Haustür.

»Ein eigensinniges Balg,« beklagte sie sich, »es ist ein Elend mit
diesen Kindern. Ich kann mit ihnen nicht fertig werden. Einen Vater
müßten sie haben.«

»Heiraten Sie, dann ist auch der Vater da,« meinte Warwara.

»Gott weiß, liebste Warwara Dmitriewna, wen man da auf den Hals bekommt.
Er wird die Kinder noch mißhandeln.«

Das Mädchen war inzwischen auf die Straße gelaufen und warf von dort aus
eine Handvoll Sand auf die Mutter, deren Haar und Kleider ganz
beschmutzt wurden. Die Gruschina steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus
und schrie:

»Wart du nur, Satansbalg, Prügel sollst du kriegen. Komm nur nach Hause.
Ich will dich lehren, verdammtes Luder.«

»Selbst Luder! Böses Vieh!« schrie das Mädchen auf der Straße, hüpfte
auf einem Bein und drohte der Mutter mit ihren kleinen, schmutzigen
Fäusten.

Die Gruschina schrie sie an:

»Wart du nur!« und schloß das Fenster. Dann setzte sie sich ruhig hin,
als wäre nichts geschehen und sagte:

»Ach richtig, ich wollte Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Ich habe es
total vergessen. Beunruhigen Sie sich nicht, teuerste Freundin, es wird
nichts aus der Geschichte.«

»Ja, was denn eigentlich?« fragte Warwara erschreckt, und die
Kaffeetasse klirrte in ihrer Hand.

»Wissen Sie, im Gymnasium wurde in die fünfte Klasse ein Schüler
aufgenommen, Pjilnikoff mit Namen. Er soll aus Ruban stammen, und man
sagt, seine Tante hätte in unserem Kreis ein Gut gekauft.«

»Das weiß ich,« sagte Warwara, »ich habe ihn gesehen. Er kam mit der
Tante zu uns. Er ist so geschniegelt und sieht wie ein Mädchen aus, und
wird immerwährend rot.«

»Liebste Warwara Dmitriewna, das ist es ja gerade, wie sollte er nicht
wie ein Mädchen aussehen, -- es ist ja ein verkleidetes Fräulein!«

»Nein, was Sie sagen!« rief Warwara.

»Das ist mit Absicht so eingefädelt, um Ardalljon Borisowitsch
einzufangen,« sprach die Gruschina eilig, mit den Händen fuchtelnd und
froh erregt, daß sie eine so wichtige Neuigkeit weitergeben konnte.
»Wissen Sie, dieses Fräulein hat einen Vetter, ein Waisenkind; der war
tatsächlich Schüler in Ruban. Die Mutter des Fräuleins nun ließ ihn aus
der Schule austreten und dem Fräulein wurden seine Papiere gegeben, um
in unser Gymnasium eintreten zu können. Ist es nicht verdächtig, daß man
ihn zu einer Frau in Pension gegeben hat, wo keine andern Schüler sind?
Da lebt er so schön für sich, und man dachte wohl, daß die Sache nicht
herauskommen wird.«

»Und wie haben Sie es erfahren?« fragte Warwara ungläubig.

»Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Plötzlich wurde
Verdacht geschöpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so
still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein
Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so
vollbrüstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon
bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein
Spitzname: Mädchen. Sie wollen sich über ihn nur lustig machen und
wissen gar nicht, daß es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie
schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter weiß etwas.«

»Woher haben Sie es denn?« wiederholte Warwara.

»Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch
jedermann. Das wissen doch alle, daß dort im Hause ein Junge lebt, der
ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium
eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer über krank gewesen, müsse sich
ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist
alles Unsinn, -- das ist ja gerade der bewußte Gymnasiast. Und
andrerseits ist bekannt, daß dort ein junges Mädchen war. Man erzählt,
sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lüge,
sie ist überhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe
verkleidet.«

»Mir ist die Berechnung dabei unklar!« meinte Warwara.

»Wie, was für eine Berechnung!« sagte die Gruschina lebhaft, »einen von
den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug
darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die
einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und weiß Gott was alles
tun.«

Warwara sagte erschreckt:

»Ein abgelecktes Mädel!«

»Und wie noch!« pflichtete die Gruschina bei, »schön wie ein Bild. Nur
jetzt im Anfang tut sie so schüchtern; das wird sich geben mit der Zeit;
sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie
schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte
ich sofort mit seiner -- soll heißen mit ihrer -- Pensionsmutter zu
sprechen; man weiß ja schon gar nicht, wie man sich ausdrücken soll.«

»Pfui Deibel -- Gott verzeih mir -- welche Gemeinheit!« sagte Warwara.

»Zur Vesper ging ich in die Kirche, sie ist nämlich sehr fromm. Olga
Wassiljewna -- sag ich -- warum haben Sie denn heuer nur einen
Pensionär? Da kommen Sie doch nicht auf Ihre Kosten -- sage ich. Sie
antwortet: wozu brauche ich mehr. Es ist so eine Wirtschaft mit
mehreren. Ich sage darauf: aber Sie haben doch früher immer zwei, drei
Jungen gehabt. Darauf sie -- stellen Sie sich nur vor, liebste Warwara
Dmitriewna -- ja, sagt sie, sie hätten schon so eine Vereinbarung
getroffen, daß Saschenka allein bei ihr leben solle. Sie sind nicht arm
-- sagt sie --, haben etwas mehr gezahlt; sie fürchten nämlich, daß er
mit andern Jungen zusammen verwildern würde. Wie finden Sie das?«

»So ein Pack!« sagte Warwara aufgebracht. »Haben Sie ihr denn gesagt,
daß er ein Mädchen ist?«

»Ich sagte ihr also --, passen Sie nur auf -- sage ich -- Olga
Wassiljewna, daß man Ihnen kein Mädchen für einen Knaben unterschiebt.«

»Und was sagte sie?«

»O, sie dachte, daß ich nur scherze und lachte. Dann sagte ich
eindringlicher, -- liebste Olga Wassiljewna, sag ich, wissen Sie auch,
daß es tatsächlich ein Mädchen sein soll. Aber sie glaubt nicht, --
Unsinn -- sagt sie -- wie soll das ein Mädchen sein; ich bin doch Gott
sei Dank nicht blind, sagt sie.«

Diese Geschichte beunruhigte Warwara. Sie war der festen Ueberzeugung,
daß es sich so verhielte und daß man ihr ihren Geliebten wegpaschen
wolle. Sie hielt es für dringend notwendig, das verkleidete Fräulein so
schnell als möglich zu entlarven. Lange berieten sie, wie sich das wohl
am besten machen ließe, kamen aber vorläufig zu keinem Entschluß.

                   *       *       *       *       *

Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen Rosinen endgültig
Warwaras Laune.

Als Peredonoff kam, erzählte sie ihm eilig und aufgeregt, daß Klawdja
ein Pfund Rosinen gestohlen hätte, es aber nicht gestehen wolle.

»Und sie versucht sich noch herauszureden,« sagte Warwara gereizt;
»vielleicht sagt sie, hat der Herr die Rosinen aufgegessen. Du seiest
aus irgend einem Grunde in die Küche gegangen, während sie die Dielen
scheuerte, und habest dich dort ungewöhnlich lange aufgehalten.«

»Durchaus nicht lange,« sagte Peredonoff böse; »ich wusch mir nur die
Hände und habe die Rosinen nicht einmal gesehen.«

»Klawdjuschka, Klawdjuschka!« schrie Warwara, »der Herr sagt, daß er die
Rosinen überhaupt nicht gesehen hat, -- also hattest du sie schon früher
irgendwohin versteckt.«

Klawdjas vom Weinen gerötetes Gesicht erschien in der Türspalte.

»Ich habe Ihre Rosinen nicht genommen,« schrie sie weinend; »ich werde
andere kaufen, aber genommen habe ich sie nicht.«

»Kauf nur, kauf nur!« rief Warwara böse, »ich habe keine Lust, dich mit
Rosinen zu füttern.«

Peredonoff fing an zu lachen und rief:

»Djuschka hat ein Pfund Rosinen geklommen.«

»Man tut mir unrecht!« schrie Klawdja und schlug die Tür zu.

Beim Essen konnte Warwara nicht umhin, die Geschichte von Pjilnikoff zu
erzählen. Sie überlegte garnicht, ob es ihr schaden oder nützen könnte,
wie Peredonoff die Sache aufnehmen würde, sondern redete einfach aus
Bosheit.

Peredonoff war bemüht, sich Pjilnikoffs Erscheinung zu vergegenwärtigen,
konnte sich aber nicht recht an ihn erinnern. Er hatte bisher diesem
neuen Schüler nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt und verachtete ihn,
weil er stets sauber gekleidet und in den Stunden aufmerksam war, auch
lernte er gut und war dem Alter nach der jüngste in der fünften Klasse.
Warwaras Erzählung rief in ihm eine häßliche Neugierde wach. Unkeusche
Gedanken regten sich in seinem langsam arbeitenden Hirn ...

Ich werde zur Vesper in die Kirche gehen, dachte er, und mir dies
verkleidete Mädchen ansehen.

Plötzlich kam Klawdja hereingelaufen, warf triumphierend die
zusammengefaltete blaue Papierdüte auf den Tisch und rief:

»Sie haben mich beschuldigt, ich hätte die Rosinen gegessen. Und _das_
hier? Ich brauche Ihre Rosinen garnicht!«

Peredonoff erriet sofort, worum es sich handelte; er hatte ganz
vergessen, die Düte auf der Straße fortzuwerfen, und Klawdja hatte sie
jetzt in seiner Manteltasche gefunden.

»Teufel auch!« entfuhr es seinen Lippen.

»Was soll das, woher kommt das?« fragte Warwara.

»Das habe ich in des Herrn Manteltasche gefunden,« antwortete Klawdja
schadenfroh. »Er selber hat die Rosinen gegessen und lenkt den Verdacht
auf mich. Man weiß doch, daß der Herr zu naschen liebt, aber warum wälzt
er die Schuld auf andere, wenn er selber ...«

»Jetzt hör aber auf,« sagte Peredonoff ärgerlich. »Warum lügst du so? Du
hast mir die Düte in die Tasche gesteckt, ich habe nichts genommen.«

»Wie sollte ich sie Ihnen in die Tasche stecken, da sei Gott vor!« sagte
Klawdja verwirrt.

»Wie durftest du fremde Taschen untersuchen?« fuhr Warwara auf. »Du
suchtest da wohl nach Geld?«

»Ich untersuche garnicht fremde Taschen,« sagte Klawdja grob. »Ich
wollte den Mantel bürsten, weil er ganz beschmutzt war.«

»Und was hattest du in der Tasche zu suchen?«

»Die Düte ist von selber herausgefallen, ich habe nicht in den Taschen
gesucht,« rechtfertigte sich Klawdja.

»Du lügst, Djuschka,« sagte Peredonoff.

»Ich heiße nicht Djuschka, was habt Ihr Euch über mich lustig zu
machen!« schrie Klawdja. »Der Teufel hol Euch! Ich werde die Rosinen
kaufen, dann könnt Ihr daran ersticken! Selbst freßt Ihr sie auf, und
ich muß sie ersetzen. Und ich werde sie ersetzen, -- Ihr habt,
scheint's, kein Gewissen und keine Ehre im Leibe, und sowas nennt sich
Herrschaft!«

Klawdja ging weinend und schimpfend in die Küche. Peredonoff lachte
abgerissen und sagte:

»Die ist mal wütend.«

»Laß sie nur kaufen,« sagte Warwara; »wenn man ihnen durch die Finger
sieht, fressen einen diese verhungerten Bestien kapp und kahl.«

Und noch lange nachher wurde Klawdja damit geneckt, daß sie ein ganzes
Pfund Rosinen aufgegessen hätte. Das Geld dafür wurde ihr vom Lohne
abgezogen und allen Gästen die Geschichte als Kuriosum erzählt.

Der Kater, als hätte ihn das Geschrei angelockt, kam längs den Wänden
aus der Küche herangeschlichen, setzte sich zu Peredonoffs Füßen und
starrte ihn mit bösen, gierigen Augen an. Peredonoff bückte sich, um ihn
zu fangen. Der Kater fauchte wütend, zerkratzte Peredonoffs Hand und
verkroch sich unter den Schrank. Von dort schielte er hervor, und seine
länglich-grünen Pupillen funkelten.

Wie ein Gespenst, dachte Peredonoff mit Grauen.

Warwara dachte die ganze Zeit über an Pjilnikoff und sagte:

»Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schüler, die in
Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau,
daß die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr
überhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben,
Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten
Mädchen. Aber erst wenn es spät ist und sie voraussichtlich zu Bett
geht; du kannst sie dann entlarven.«

Peredonoff überlegte sich die Sache und lachte laut auf.

Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen.



                                  XII


Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter
den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige --
so schien es ihm, -- schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten
und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß
es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich
über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und
Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es
weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu
beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren
Frauen und Kindern in der Kirche waren.

In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden,
-- manche bekreuzigten sich gedankenlos, -- sie dachten vielleicht an
Dinge, welche der Kirche fernliegen, -- andere wieder beteten andächtig.
Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte,
zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, -- und jener
antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine
Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte.
Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden
Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs
erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn
Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht -- wie übrigens alle
groben Menschen -- scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten:
entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu
große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig
erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich
wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und
böser Erscheinungsformen.

Aber auch früher, -- was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht
mehr als eine umständliche Vorrichtung möglichst viel Papier
vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die
vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu
werden.

Während seiner ganzen pädagogischen Tätigkeit hatte es Peredonoff in der
Tat nie erfaßt, -- und er hatte auch nie daran gedacht, -- daß auch die
Schüler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur
jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach
geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt
an.

Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige
Eindrücke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz
am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andächtig und kniete
oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude
bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wäre er bestraft,
und auf die glänzenden Altartüren schaute mit einem sorgenvollen,
bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von
langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war bräunlich und
schön gewachsen, -- dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so
ruhig und grade kniete, als wüßte er, daß ihn jemand scharf beobachtete.
Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit
annehmen zu können, daß Pjilnikoff ein Mädchen sei.

Nun beschloß Peredonoff endgültig, heute noch nach der Vesper in die
Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte.

                   *       *       *       *       *

Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, daß Peredonoff nicht
wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmütze mit der Kokarde trug.
Rutiloff fragte lachend:

»Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon
Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Beförderung zum
Inspektor erstrebt.«

»Müssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen?« fragte Valerie mit
geheuchelter Einfalt.

»Was für Dummheiten!« sagte Peredonoff böse.

»Du begreifst auch gar nichts,« sagte Darja, »doch nicht die Soldaten!
-- Die Schüler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel höher achten als
früher.«

Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen,
um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen.

Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er
nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er
noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in
manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und
da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und
man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen
wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von
ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn -- den
Lehrer Peredonoff.

Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß
Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin
er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm
herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine
Schritte und ging ziellos weiter.

Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und
alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten,
sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich
noch erinnern.

Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen,
dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.

Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in
Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann
hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war
ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es,
besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so
gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten
und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In
den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge
Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher
über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten.

Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war
groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich
aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter,
wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe
an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und
den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als
Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen
blitzten dabei vor Freude.

Es läutete, -- und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer.
Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch.

»Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,« sagte er, »wie er hier
lebt, was er treibt.«

Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war
ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum
wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme.
Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina
blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg
trotzig.

Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich.

Die Magd bat die Kokowkina, für einen Augenblick herauszukommen. Sie
ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die
langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart
dieses vergrämten Menschen war ihm äußerst peinlich. Peredonoff setzte
sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne
den Gesichtsausdruck zu verändern, fragte er:

»Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?«

Sascha blickte verschämt und ängstlich auf Peredonoff, wurde rot und
schwieg.

»Warum antworten Sie denn nicht?« erkundigte sich Peredonoff.

»Ja!« sagte Sascha nach langer Pause.

»Sieh mal an, was für rote Backen du hast,« sagte Peredonoff. »Du bist
ein Mädchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!«

»Ich bin kein Mädchen,« sagte Sascha und ärgerte sich über sein
bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: »Worin
sollte ich einem Mädchen ähnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld
daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund
nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar
keinen Grund, Schweinereien zu reden, und außerdem gehört das nicht zu
meinen Gewohnheiten.«

»Die Mama bestraft dich dann?« fragte Peredonoff.

»Ich habe keine Mama,« sagte Sascha, »meine Mama ist schon lange tot;
ich habe eine Tante.«

»Na also die Tante wird dich bestrafen?«

»Natürlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist
doch nicht gut!«

»Woher soll es aber die Tante erfahren?«

»Ich will ja selber nicht,« sagte Sascha ruhig, »die Tante kann es weiß
Gott woher erfahren. Ich könnte mich zum Beispiel versprechen.«

»Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanständige Worte?« fragte
Peredonoff.

Sascha wurde wieder rot und schwieg.

»Na -- sagen Sie's doch,« bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, »Sie
sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.«

»Ach -- niemand,« sagte Sascha verlegen.

»Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!«

»Ich habe mich nicht beklagt.«

»Ja -- wie können Sie das nur leugnen,« sagte Peredonoff böse.

Sascha fühlte, daß er elend in die Falle gegangen war. Er sagte:

»Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich von einigen Kameraden Mädchen
genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.«

»Oho, warum denn nicht?« fragte Peredonoff wütend.

»Es ist nicht anständig,« sagte Sascha und lächelte gezwungen.

»Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man
Sie zum Reden zwingen,« sagte Peredonoff schadenfroh.

Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig.

»Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht,« bat er.

Seine Stimme klang abgerissen und hart, so daß man heraushören konnte,
wie schwer ihm das Bitten wurde und daß er lieber freche, drohende Worte
gerufen hätte.

»Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heißt,
Schweinereien zu verheimlichen. Sie hätten sofort klagen sollen. Warten
Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.«

Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschüchtert an seinem
Gürtel. Die Kokowkina erschien.

»Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da!« sagte Peredonoff böse, »nichts zu
sagen!«

Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn
(denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ängstlich:

»Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?«

»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Peredonoff mit verhaltener Wut.

»Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan?« fragte die
Kokowkina und berührte Saschas Ellbogen.

»Ich weiß nicht,« sagte Sascha und weinte.

»Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du?« fragte die
Kokowkina.

Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und
bemerkte gar nicht, daß ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben,
hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklärte:

»Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht
sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch
selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.«

»Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schämst
du dich garnicht!« sagte die Kokowkina verwirrt und ließ den Jungen los.

»Ich habe nichts Schlimmes getan,« schluchzte Sascha, »dafür neckt man
mich grade, daß ich niemals häßliche Worte sage.«

»Wer tut denn das?« wiederholte Peredonoff seine Frage.

»Niemand tut das,« rief Sascha verzweifelt.

»Sehen Sie, wie er lügt!« sagte Peredonoff; »er muß gründlich bestraft
werden. Er muß sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze
Schule in Verruf und uns sind die Hände gebunden.«

»Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch,« sagte die Kokowkina;
»er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr
man ihm das verübeln würde.«

»Er ist dazu verpflichtet,« sagte Peredonoff böse, »nur so läßt sich was
dagegen tun, nur so können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.«

»Die Jungen werden ihn verprügeln,« sagte die Kokowkina unsicher.

»Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im
Vertrauen sagen.«

»Lieber Junge, sag's ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, daß du es
gesagt hast.«

Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn
und flüsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schüttelte nur den Kopf.

»Er will nicht,« sagte die Kokowkina.

»Ruten muß er kriegen, dann wird er schon wollen,« sagte Peredonoff
zornig, »bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.«

»Aber wofür denn!« rief Sascha.

Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn.

»Jetzt hast du genug geheult,« sagte sie freundlich, aber ernst,
»niemand tut dir was zuleide.«

»Wie Sie wünschen,« sagte Peredonoff, »in diesem Fall muß ich mit dem
Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wäre
für ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen
Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich >Mädchen<
genannt wird, -- vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund.
Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.«

Peredonoff verließ das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus.
Sie sagte vorwurfsvoll:

»Wie können Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit
bringen. Es ist nur gut, daß er Ihre Worte gar nicht begreift.«

»Adieu, adieu,« sagte Peredonoff böse, »ich werde mit dem Direktor
sprechen. Der Sache muß man auf den Grund kommen.«

Er ging. Die Kokowkina kehrte zurück, um Sascha zu trösten. Er saß
traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen
blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina
streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen.

»Ich bin selbst schuld daran,« sagte er, »ich habe mich verschwatzt, und
er hält jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schüler liebt
ihn.«

                   *       *       *       *       *

Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue
Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Kräften
auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff
hielt sich hinter dem Möbelwagen versteckt.

In der neuen Wohnung mußte ein Priester gleich beim Einzug ein
feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es für unerläßlich,
seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach außen hin zu zeigen.
Während der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geräuchert, und der
schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrückte, fast feierliche
Stimmung.

Etwas sehr Merkwürdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam
plötzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen
gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen,
zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand
danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tür oder unter
einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose,
gespenstische Geschöpf und zitterte und machte Männchen.

Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich
Peredonoff und flüsterte eifrig Beschwörungsformeln. Das unheimliche
Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand
hinter der Tür. Peredonoff atmete erleichtert auf.

Wie gut, wenn es für immer verschwunden wäre. Aber vielleicht lebt es
ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fußboden und dann wird es
wiederkommen und wird ihn quälen. Peredonoff schauerte.

Warum gibt es diese dämonischen Wesen? dachte er.

Als das Gebet zu Ende war, und als die Gäste sich schon verabschiedet
hatten, mußte Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische
Tier sich versteckt haben könnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da
machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwühlte alle ihre Sachen.

Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte
er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort
warten, bis seine Zeit gekommen ist.

Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es
war ganz mit Spitzen und Bändern benäht und förmlich dazu geschaffen, um
etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und
untersuchte es, dann schnitt und riß er mit Hilfe eines Messers die
Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und
zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stücke. Dumpfe, absonderliche
Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerriß sein
Herz.

Warwara kehrte bald zurück. Peredonoff machte sich noch mit den
Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte
ihn. Peredonoff hörte lange zu, endlich sagte er:

»Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner
Tasche, und ich muß wissen, was hier vorgeht.«

Warwara schäumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte
eilig nach seiner Mütze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara
lief ihm ins Vorhaus nach und während Peredonoff seinen Mantel anzog,
schrie sie:

»Du selber trägst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe überhaupt
keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter
Nachnahme verschreiben!«

                   *       *       *       *       *

Der recht jugendliche Beamte Tscherepin -- just derselbe, von dem die
Werschina erzählt hatte, unter welch merkwürdigen Begleiterscheinungen
er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, -- machte der
Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt,
ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu
unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit
Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit
Teer zu beschmieren.

Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man
ihn ertappte! Das wäre peinlich, er gehörte doch immerhin zum
Beamtenstande. Er beschloß, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu
betrauen. So kam es, daß er zwei Halbwüchslinge zweifelhaften Rufes mit
je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von
je 15 Kopeken zusicherte; -- in einer dunklen Nacht war die Sache
geschehen.

Hätte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster
geöffnet, so hätte er hören können, wie Leute barfuß über das Pflaster
liefen, wie sie ganz leise flüsterten -- und dann ein merkwürdig weiches
Geräusch, als würde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises
Klirren, dieselben Füße laufen eilig davon, immer schneller, immer
schneller, in der Ferne ein unterdrücktes Lachen und lautes Hundegebell.

Aber niemand hatte ein Fenster geöffnet. Und am Morgen ... Die Pforte,
der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem
Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben,
unanständige Worte. Alle Vorübergehenden staunten und lachten; die
Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strömten
herbei.

Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lächelte noch
schiefer als sonst und brummte böse. Martha kam garnicht zum Vorschein,
blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemüht, das Pech
abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die
gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Täter
genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzählt. Sie beide
kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berüchtigt waren.

Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina
auf. Es war ein trüber Tag. Die Werschina und Martha saßen im Salon.

»Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt --« begann Peredonoff.

Martha wurde rot. Die Werschina erzählte hastig, wie sie am Morgen
aufgestanden wären und bemerkt hätten, daß die Leute über ihren Zaun
lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert hätte. Peredonoff
sagte:

»Ich weiß, wer es gemacht hat.«

Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht.

»Woher wissen Sie das?« fragte sie.

»Ich habe so meine Quellen.«

»Wer ist es denn, sagen Sie doch,« fragte Martha erregt.

Sie sah ganz häßlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen
rot und geschwollen. Peredonoff antwortete:

»Schön, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese
Halunken müssen exemplarisch gezüchtigt werden. Sie müssen mir nur
versprechen, daß Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt
hat.«

»Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?« fragte die
Werschina erstaunt.

Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklärung:

»Es sind solche Schufte, daß sie mir den Hals umdrehen würden, wenn sie
hören sollten, daß ich sie angegeben habe.«

Die Werschina versprach zu schweigen.

»Und Sie dürfen auch nicht sagen, daß Sie es von mir haben,« wandte er
sich an Martha.

»Gut, gut, ich werde schweigen,« rief Martha schnell; denn es lag ihr
daran, die Namen der Uebeltäter zu erfahren. Es schien ihr, daß man sie
zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mußte.

»Nein, schwören Sie lieber,« sagte Peredonoff vorsorglich.

»Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen!« beteuerte Martha,
»sagen Sie nur schneller wer es war.«

Hinter der Tür aber horchte Wladja. Er war froh, daß er nicht ins
Gastzimmer gegangen war: man hätte ihn sonst zum Stillschweigen
verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzählen. Und er
lächelte vor Freude, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot an
Peredonoff Rache zu nehmen.

»Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Straße nach Hause,«
erzählte Peredonoff; »plötzlich höre ich, jemand macht sich an Ihrer
Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wären Diebe. Was soll ich
anfangen! Aber schon höre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich
los. Ich drückte mich an die Wand, daß sie mich nicht bemerken konnten.
Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere
einen Eimer. Es waren berüchtigte Schurken, die Söhne des Schlossers
Ardejeff. Während sie vorbeilaufen, höre ich, wie der eine zum andern
sagt: >Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.<
Schon wollte ich einen packen, aber ich fürchtete mich, weil sie mir die
Fratze mit Pech besudelt hätten, und außerdem hatte ich neue Kleider
an.«

                   *       *       *       *       *

Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum
Polizeichef, um zu klagen.

Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und
dessen Söhnen.

Die Jungen traten keck herein; sie dachten, daß man sie wegen früherer
Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war
von vornherein davon überzeugt, daß seine Söhne wieder irgend eine
Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzählte Ardejeff, was
seinen Söhnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte:

»Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was
Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fäuste an ihnen lahmgeschlagen.«

»Wir sind ganz unschuldig,« sagte der ältere, Nil mit Namen, ein
zerzauster rothaariger Bursche.

»Alles wälzt man auf uns, wenn so was passiert,« sagte der jüngere
weinerlich, er hieß Ilja, war auch zerzaust, aber blond; »einmal haben
wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.«

Mintschukoff lächelte süßlich, schüttelte den Kopf und sagte:

»Gesteht lieber!«

»Keine Spur,« sagte Nil grob.

»Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken für die Arbeit gegeben, he?«

Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, daß sie die
Schuldigen waren, und er sagte der Werschina:

»Natürlich sind sie es gewesen!«

Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine
Kammer und gab ihnen eine Tracht Prügel. Da gestanden sie. Aber den
Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten.

»Wir selber haben es uns ausgedacht.«

Man prügelte sie umschichtig, mit Muße; schließlich sagten sie,
Tscherepin hätte sie bestochen. Dann überantwortete man sie ihrem Vater.

Der Polizeichef sagte zur Werschina:

»Nun haben wir sie gezüchtigt, soll heißen: der Vater hat sie
gezüchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.«

»Das laß ich dem Tscherepin nicht durchgehen,« sagte die Werschina; »ich
werde ihn verklagen.«

»Dazu kann ich nicht raten,« sagte Mintschukoff bescheiden, »lassen Sie
die Sache auf sich beruhen.«

»Nein,« rief die Werschina, »diese Gemeinheit darf nicht ungestraft
bleiben. Auf keinen Fall!«

»Vor allen Dingen haben wir keine Indizien,« sagte der Polizeichef
ruhig.

»Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.«

»Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort
wird man sie nicht prügeln.«

»Wie können sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen,« sagte die
Werschina schon etwas weniger sicher.

»Was sind das für Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell über die
Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es
sind natürlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das
Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.«

Mintschukoff lächelte süß und blickte die Werschina ruhig an.

So ging sie denn höchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem
Nachdenken zum gleichen Resultat, daß es nämlich sehr gewagt wäre
Tscherepin zu verklagen, und daß dadurch nur überflüssiges Gerede und
ein großer Skandal entstehen würden.



                                  XIII


Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit.

Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe
von Prinzipien, die außerordentlich bequem in sein Leben paßten. Darum
fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfüllte er mit Würde
alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte
Behörde diktierte, oder die vom allgemein gültigen, gemäßigten
Liberalismus verlangt werden. So kam es, daß Eltern, Schüler und
Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Fälle,
Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann
sich doch stets entweder an Bestimmungen des pädagogischen Konseils oder
an Vorschriften der vorgesetzten Behörde halten. Ebenso regelmäßig und
ruhig war er im persönlichen Verkehr. Schon seine äußere Erscheinung
zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht groß, untersetzt,
lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewußt und sicher; kurz, er
war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und
nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem
Schreibzimmer standen sehr viele Bücher auf den Bücherbrettern; aus
einigen fertigte er Auszüge an. Hatte er eine hinreichende Menge von
Auszügen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen
Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und
verkauft; zwar nicht in übermäßig vielen Auflagen, aber immer noch recht
günstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen über im Ausland
erschienene Bücher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum
Abdruck, waren allgemein geschätzt, aber durchaus überflüssig.

Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mädchen,
verfügte über irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes
zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der
Musik.

Peredonoff sagte gereizt:

»Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen.
Es ist möglich, daß man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber
garnichts auf dem Gewissen.«

»Entschuldigen Sie,« unterbrach ihn der Direktor, »ich verstehe nicht,
von was für Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir
anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu
machen, und ich hoffe doch annehmen zu dürfen, daß meine praktische
Erfahrung ausreicht, um gerecht schätzen zu können, was ich höre und
sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und
aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin,« sprach
Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und
klar, fast wie das Geräusch von Blechstangen, die gebrochen werden. »Was
aber meine persönliche Ansicht über _Ihre_ Leistungsfähigkeit betrifft,
so kann ich nur wieder konstatieren, daß Sie Ihren dienstlichen
Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.«

»Ja,« sagte Peredonoff verdrießlich, »Sie haben sich's mal in den Kopf
gesetzt, daß ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das
Gymnasium.«

Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff.

»Sie bemerken zum Beispiel nicht,« fuhr Peredonoff fort, »daß sich ein
großer Skandal im Gymnasium vorbereitet, -- und keiner bemerkt das; ich
allein bin der Sache auf die Spur gekommen.«

»Was für ein Skandal?« fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im
Schreibzimmer auf und ab. »Das irritiert mich, obgleich ich, offen
gestanden, nicht an die Möglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium
glaube.«

»Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,«
sagte Peredonoff so schadenfroh, daß Chripatsch stehen blieb und ihn
aufmerksam betrachtete.

»Die Neuaufgenommenen kenne ich alle,« sagte er trocken. »Diejenigen,
welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern
Gymnasium relegiert worden und der einzige Schüler, der in die fünfte
Klasse kam, hat so vorzügliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht,
daß eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.«

»Wohl, man hätte ihn bloß nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt
geben sollen,« sagte Peredonoff böse und scheinbar widerwillig.

»Ich bitte um eine Erklärung, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch.
»Ich hoffe, daß Sie damit nicht sagen wollen, daß Pjilnikoff in eine
Korrektionsanstalt für minderjährige Verbrecher gehört.«

»Nein; man sollte vielmehr dies Geschöpf in ein Pensionat stecken, wo
die alten Sprachen nicht gelehrt werden,« sagte Peredonoff zornig und
seine Augen funkelten böse.

Chripatsch steckte die Hände in die Taschen seines Hausrockes und
blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff.

»Was für ein Pensionat?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, welche
Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie dürfen Sie es wagen,
eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!«

Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner
und härter als gewöhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden
Zornesausbruches Peredonoff einzuschüchtern. Heute machte er sich nichts
daraus.

»Sie glauben immer noch, daß es ein Knabe ist,« sagte er und zwinkerte
spöttisch mit den Augen, »es ist aber kein Knabe, sondern ein Mädchen,
noch dazu was für eins.«

Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang
gezwungen, aber er lachte immer so.

»Ha-ha-ha!« stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich
in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust
nicht bezwingen. »Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie
setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und
teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht
etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein
Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!«

Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und
berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina.
Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches
Lachen hervor.

»Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon
Borisowitsch,« sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die
Schulter, »viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber
habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie
wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten
könnten?«

»Nun verhalten Sie sich _so_ zu der Sache. Wenn aber was dahinter
steckt, wer wird die Verantwortung tragen?« fragte Peredonoff.

»Ha-ha-ha!« lachte Chripatsch, »was für Folgen befürchten Sie denn?«

»Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,« sagte Peredonoff.

Chripatsch wurde ernst und sagte:

»Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht
die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.«

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen
seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der
Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes
Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber
doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer
glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.

Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule,
daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es
nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und
beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen
fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu
widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die
Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des
Direktors gehört, -- er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit,
seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige
Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten
und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.

Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer --
ein Priester -- und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand
in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an
über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und
herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß
alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes
Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über
sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten
Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz
harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg
gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff
unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht.
Dann lachte Chripatsch und sagte:

»In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der
Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu
unterrichten, und stellen Sie sich vor, -- ständig lachen seine Jungen.
Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist,
und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.«

Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes
Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung
über Peredonoff etwas antwortete.

Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr
viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht
hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er
konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende
Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald
neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab
es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können,
-- und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.

Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm
seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem
Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen
Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie
sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der
Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder
jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen
während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die
Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten
ausnahm.

Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des
Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle
sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden
Gang, daß er Kopfweh hatte.

Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in
eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des
örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er
aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte
ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:

»Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden
sie nicht?«

Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele,
denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill
und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte
er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande
lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über
die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er
verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und
sagte:

»O ja, stramme Jungens!«

Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er
wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele
es ihm just ein:

»Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er
sich zusammen? Wird er leicht müde?« fragte er nachlässig und
mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.

Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem
überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und
sagte:

»Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.«

Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich
aus dem Saal.

Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer
halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür
und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei
Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des
Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand
ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah.
Chripatsch trat auf sie zu:

»Aber Pjilnikoff,« sagte er, »warum lehnen Sie so nachlässig an der
Wand?«

Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.

»Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie
überhaupt nicht turnen,« fragte Chripatsch streng.

»Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!« sagte Sascha
erschreckt.

»Eins von beiden,« fuhr Chripatsch fort, »entweder Sie bleiben überhaupt
von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß
der Stunden in mein Arbeitszimmer.«

Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.

»Hereingefallen,« sagten ihm die Kameraden, »er wird dir bis zum Abend
die Leviten lesen.«

Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und
die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins
Arbeitszimmer.

Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch
empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf
seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend
an und fragte:

»Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich?
Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt
bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht
gut, daß Sie turnen?«

»Nein, Herr Direktor,« antwortete Sascha -- und er wurde ganz rot und
verlegen, »ich bin vollständig gesund.«

»Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,« entgegnete Chripatsch,
»daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich
selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen.
Sollte ich mich versehen haben?«

Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick
des Direktors. Er stammelte verlegen:

»Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin
wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.«

Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.

»Sehen Sie,« sagte Chripatsch, »Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als
hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich
doch!«

Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:

»Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern
um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie
sind sehr müde.«

Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte
schnell:

»Ich bin wirklich nicht müde.«

»Setzen Sie sich, setzen Sie sich,« wiederholte Chripatsch und schob ihm
einen Stuhl hin.

»Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,« beteuerte Sascha.

Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte
sich ihm gegenüber und sagte:

»Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über
Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht
ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen
begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen.
Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich
mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich
untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete
er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.

Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein
kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über
Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht
gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu
seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor
und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.

Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu
Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während
Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen
sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese
ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der
Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes
Zeugnis ausstellen können.

Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:

»Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei
Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.«

                   *       *       *       *       *

Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten
Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm
außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung
spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu
achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch,
nur spärlich wurde das Billard besucht, -- und so blieb ihm nichts
anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren,
ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten.
Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien
besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt
Prügel, -- und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph
Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, -- er hatte
erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug
treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe
Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er
glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er
überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der
Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in
dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf
Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den
Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach
grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau
Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte
auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff,
gehörig durch.

In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff
dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die
unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues
Wesen.



                                  XIV


Das Gerücht, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen, eilte auf
Windesflügeln durch die Stadt. Die Rutiloffsche Familie erfuhr ganz
zuerst davon. Ludmilla -- sie war sehr neugierig -- bemühte sich, jede
Neuigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Eine brennende Neugierde plagte
sie Pjilnikoff kennen zu lernen. Es war unbedingt notwendig, sie mußte
diesen verkleideten Schelm sehen. Mit der Kokowkina war sie bekannt.
Eines schönen Abends sagte sie zu den Schwestern:

»Ich gehe mir das Fräulein ansehen!«

»Alles mußt du begaffen!« rief Darja böse.

»Sie hat sich schön gemacht,« bemerkte Valerie und lachte verhalten.

Es ärgerte die beiden anderen, daß _sie_ nicht auf diesen Gedanken
gekommen waren: zu dritt konnten sie unmöglich hin. Ludmilla hatte sich
feiner angekleidet als sonst, -- warum eigentlich, wußte sie selber
nicht. Uebrigens hatte sie es gern, hübsche Kleider zu tragen und war in
dieser Beziehung freimütiger als die Schwestern: die Arme ließ sie bloß,
hatte einen tieferen Halsausschnitt, ihr Rock war kürzer, ihr Schuhwerk
eleganter, die fleischfarbenen Strümpfe dünner und durchsichtiger. Zu
Hause ging sie mit Vorliebe im Unterrock herum, trug ihre Schuhe über
den bloßen Füßen, -- und sowohl ihr Hemd als ihr Unterrock waren fast zu
elegant.

Draußen war es kalt und windig, welke Blätter schwammen in allen
Pfützen. Ludmilla ging schnell und spürte die Kälte kaum trotz ihres
leichten Mantels.

Die Kokowkina und Sascha tranken Tee. Ludmilla musterte sie mit
blitzenden Augen, -- aber da gab es wenig zu sehen, sie saßen hübsch
bescheiden am Tisch, tranken ihren Tee, aßen Weißbrot dazu und
plauderten. Ludmilla küßte die Kokowkina und sagte:

»Ich komme in einer besonderen Angelegenheit zu Ihnen, liebste Olga
Wassiljewna. Aber davon später. Erst möchte ich etwas Tee trinken um
mich zu erwärmen. O -- was sitzt denn da für ein Jüngling!«

Sascha errötete und machte eine ungeschickte Verbeugung; die Kokowkina
stellte ihn vor. Ludmilla setzte sich an den Tisch und erzählte lebhaft
einige Neuigkeiten. In der Stadt wurde sie gerade deswegen geschätzt,
denn sie wußte alles und verstand nett und bescheiden zu erzählen. Die
Kokowkina saß fast immer zu Hause, freute sich daher über diesen Besuch
und machte die liebenswürdige Wirtin. Ludmilla plauderte lustig, lachte,
sprang auf, um diesen oder jenen nachzumachen, und streifte dabei
Sascha. Sie sagte:

»Sie müssen es doch einsam haben, liebste Freundin, immer nur zu Hause
sitzen mit diesem kleinen Gymnasiasten. Besuchen Sie uns doch einmal.«

»O, das kann ich nicht,« antwortete die Kokowkina; »ich bin viel zu alt,
um Besuche zu machen.«

»Es handelt sich doch nicht um einen feierlichen Besuch,« sagte Ludmilla
zärtlich; »kommen Sie und bleiben Sie ein wenig, ganz wie zu Hause, das
ist alles. Dieser Jüngling hier ist ja Gott sei Dank den Windeln
entwachsen.«

Sascha machte ein gekränktes Gesicht und wurde rot.

»So ein Bengel!« neckte Ludmilla und stieß ihn ein wenig in die Seite;
»warum unterhalten Sie mich garnicht?«

»Er ist noch jung,« sagte die Kokowkina, »und sehr schüchtern.«

Ludmilla sah sie an und lächelte:

»Ich bin auch verlegen,« sagte sie.

Sascha lachte und sagte einfach:

»Was nicht gar, sind Sie verlegen?« Ludmilla lachte aus vollem Halse.
Ihr Lachen klang stets wie süße, leidenschaftliche Freude. Wenn sie
lachte, wurde sie immer rot, ihre Augen blickten schelmisch und fast
schuldbewußt und vermieden es, irgend einen aus der Gesellschaft
anzusehen. Sascha verlor ein wenig die Fassung, dann rechtfertigte er
sich:

»Nein doch, ich wollte damit nur sagen, daß Sie so fröhlich sind und
nicht bescheiden, ich meine nicht, daß Sie unbescheiden sind.«

Aber er fühlte, daß sich das in Worten nicht so leicht wie etwa in einem
Brief ausdrücken ließ, und das verwirrte ihn. Er wurde rot.

»Was er mir für Ungezogenheiten sagt!« rief Ludmilla -- und lachte, und
wurde rot, »das ist doch wirklich allerliebst!«

»Sie haben meinen Sascha ganz verlegen gemacht,« sagte die Kokowkina und
blickte sowohl Sascha als Ludmilla freundlich an.

Ludmilla machte eine katzenartig wiegende Bewegung und streichelte
Saschas Haar. Er lachte trotzig und hell, stieß ihre Hand leicht zurück
und lief in sein Zimmer.

»Liebste Freundin, wissen Sie nicht einen Mann für mich?« sagte Ludmilla
ohne jeden Uebergang.

»Ich bin doch keine Kupplerin!« antwortete die Kokowkina; aber man
konnte an ihrem Gesicht sehen, daß sie mit größtem Vergnügen eine Heirat
vermittelt hätte.

»Ja, was tut denn das?« entgegnete Ludmilla, »bin ich etwa keine schöne
Braut? Sie brauchen sich garnicht zu schämen, mich zu verheiraten.«

Ludmilla stemmte die Hände in die Seiten und tanzte vergnügt vor der
Hausfrau.

»Gehen Sie zu!« sagte die Kokowkina, »ein rechter Windbeutel sind Sie!«

Ludmilla lachte und sagte:

»Und wenn es nur vor lauter Langeweile wäre, suchen Sie mir einen Mann!«

»Was für einen wollen Sie denn haben?« fragte die Kokowkina und
lächelte.

»Er muß brünett sein, liebste Freundin, unbedingt muß er brünett sein,«
sagte sie schnell, »tief brünett. So tief wie ein Teich. Da haben Sie
gleich eine Vorlage: -- wie Ihr Pensionär, er muß ebenso schwarze
Augenbrauen haben und ebensolche Augen, sein Haar muß bläulichschwarz
sein und seine Wimpern ganz dicht, ganz dunkelschwarze Wimpern. Er ist
ein hübscher, ein sehr, sehr hübscher Junge! Sehen Sie, -- verschaffen
Sie mir so einen.«

Bald darauf verabschiedete sich Ludmilla. Es wurde schon dunkel. Sascha
begleitete sie.

»Aber nur bis zur Droschke!« bat Ludmilla mit weicher Stimme und blickte
Sascha zärtlich an. Er wurde rot und verlegen.

Auf der Straße wurde Ludmilla wieder lustig und begann den Jungen
auszufragen:

»Sind Sie auch hübsch fleißig? Lesen Sie auch bisweilen?«

»Das tue ich wohl,« antwortete Sascha, »weil ich sehr gerne lese.«

»Andersens Märchen?«

»Ueberhaupt keine Märchen, sondern allerlei andere Bücher. Ich liebe die
Weltgeschichte und Gedichte.«

»Also Gedichte! Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter?« fragte Ludmilla
streng.

»Natürlich Nadson,« sagte Sascha aus tiefster Ueberzeugung, als wäre
eine andere Antwort überhaupt nicht möglich gewesen.

»So, so!« sagte Ludmilla aufmunternd. »Ich liebe auch Nadson, aber nur
am Morgen, am Abend lieb' ich es, mich schön zu machen. Und was ist Ihre
liebste Beschäftigung?«

Sascha blickte sie freundlich an, plötzlich kamen Tränen in seine Augen,
und er sagte ganz leise:

»Ich liebe so sehr zärtlich zu sein!«

»So ein zartes Pflänzchen,« sagte Ludmilla und umfaßte seine Schultern,
»er will zärtlich sein! Lieben Sie auch zu baden?«

Sascha lachte auf. Ludmilla forschte weiter:

»In warmem Wasser?«

»Ganz einerlei -- in warmem und in kaltem,« sagte der Junge verschämt.

»Und was für eine Seife lieben Sie?«

»Glyzerinseife.«

»Essen Sie gerne Weintrauben?«

Sascha lachte:

»Wie komisch Sie sind. Das sind doch ganz verschiedene Sachen und Sie
fragen so, als wäre eins so gut wie das andere. Ich laß mich nicht so
leicht hinters Licht führen.«

»Was hätte ich auch davon!« sagte Ludmilla lächelnd.

»Ich weiß schon, daß Sie es lieben, einen zu necken.«

»Woher wissen Sie das?«

»Alle sagen es,« meinte Sascha.

»Sieh mal an, Sie lieben also zu klatschen!« sagte Ludmilla streng.

Sascha wurde rot.

»Da ist schon eine Droschke! -- Droschke!« rief sie laut.

»Droschke!« rief auch Sascha.

Die Droschke holperte über das Pflaster und fuhr vor. Ludmilla nannte
ihre Adresse. Der Kutscher dachte nach und verlangte 40 Kopeken.
Ludmilla sagte:

»Wo denken Sie hin! Es ist doch ganz nah. Sie scheinen den Weg nicht zu
kennen.«

»Wieviel wollen Sie geben?« fragte der Kutscher.

»Just die Hälfte. Wählen Sie welche Sie wollen!«

Sascha lachte.

»Ein lustiges Fräulein!« sagte der Kutscher und grinste, »legen Sie noch
einen Fünfer zu.«

»Danke für die Begleitung, lieber Junge,« sagte Ludmilla, drückte fest
Saschas Hand und setzte sich in die Droschke.

Sascha lief nach Hause und dachte fröhlich an das fröhliche Mädchen.

Ludmilla kam sehr vergnügt nach Hause, sie lächelte und schien an etwas
Lustiges zu denken. Die Schwestern erwarteten sie. Sie saßen im
Speisezimmer an dem runden Tisch, über dem eine Hängelampe brannte. Auf
dem weißen Tischtuch blinkte eine braune Flasche Sherry-Brandy aus
Kopenhagen und hell glänzte ihr mit süßer Flüssigkeit behafteter Hals.
Rings um die Flasche standen Teller mit Aepfeln, Nüssen und türkischer
Marmelade.

Darja hatte einen kleinen Strich; ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar
zerzaust und sie war nur halb angekleidet. Sie sang sehr laut. Ludmilla
hörte schon von weitem den vorletzten Vers des bekannten Liedchens:

   Wo blieb die Flöte, wo das Kleid?
   Die Lippen sind zum Kuß bereit.
   Scham weicht der Furcht, Furcht weicht der Scham --
   Das Hirtenmädchen schluchzt vor Gram:
   Vergiß, was du gesehn!

Auch Larissa saß am Tisch, -- vornehm und ruhig-freundlich, sie aß einen
Apfel, den sie zuvor mit einem Fruchtmesser in Scheiben geschnitten
hatte. Sie lachte:

»Nun, hast du sie gesehen,« fragte sie.

Darja hörte auf zu singen und sah Ludmilla an. Valerie stützte ihren
Kopf auf den Arm, steckte den kleinen Finger vor, neigte den Kopf und
versuchte Larissas Lächeln nachzuahmen. Es gelang ihr schlecht, denn sie
war schmächtig, subtil, und ihr Lächeln war unruhig. Ludmilla goß sich
roten Kirschlikör in ein Gläschen und sagte:

»Dummheiten! Ein echter Bengel wie er sein muß, und er ist sehr
sympathisch. Tief brünett, blitzende Augen, dabei unschuldig wie ein
neugebornes Kind.«

Und plötzlich lachte sie hell auf. Die Schwestern sahen sie an, und dann
lachten alle.

»Ach, es lohnt sich ja gar nicht zu sprechen, das ist so eine von
Peredonoffs Verrücktheiten,« sagte Darja, winkte mit der Hand und dachte
dann eine Weile nach. Sie hatte ihre Arme auf den Tisch gestützt und
hielt den Kopf gesenkt. »Wollen wir singen,« sagte sie und begann mit
durchdringender Stimme zu singen.

Aus ihrem Geschrei klang eine dumpfe, erzwungene Begeisterung. Hätte man
einen Toten unter der Bedingung zum Leben erweckt, daß er immer nur
singen dürfe, so hätte er ein ähnliches Geheul angestimmt. Die
Schwestern waren schon längst an diese Art Musik gewöhnt; wenn Darja
nicht mehr nüchtern war, sang sie immer so, und manchmal fielen die
Schwestern ein und schrien mit Absicht recht laut und durchdringend.

»Die ist ins Heulen reingekommen!« sagte Ludmilla spöttisch.

Nicht etwa, daß es ihr mißfiel, vielmehr wollte sie ihre Erlebnisse
erzählen, und die Schwestern sollten zuhören. Darja unterbrach ihren
Gesang und schrie sie an:

»Was geht es dich an, ich stör' dich nicht.«

Und dann sang sie weiter gerade von derselben Stelle an, wo sie stehen
geblieben war. Larissa sagte freundlich:

»Laß sie doch singen.«

   »Meine wilden Leidenschaften
   Finden nirgends ihre Ruh' --«

sang Darja in den höchsten Lagen, wobei sie die Töne dehnte und
hinauszog, wie etwa die gewöhnlichen Bänkelsänger es zu tun pflegen, um
recht viel Rührung ins Lied zu legen. Es kam ungefähr so heraus:

Mei--ei--n--e--e wi----i--ild--e--en
Lei--ei--ei--d--e--e--en--sch--a--a--ft--e--en.

Bei dieser Art zu singen wurden jene Silben ganz besonders betont, auf
denen von Rechts wegen kein Ton lag. Die Wirkung war jedenfalls eine
hervorragende: eine tödliche Schwermut hätte jeden uneingeweihten
Zuhörer befallen.

O Schwermut, die du über Feld und Wald und über die gewaltige
heimatliche Ebene einherziehst! O Schwermut, die du tausendfach im
wilden Echo der Berge widerhallst, die du in matter, glühender Flamme
das lebendige Lied in ein sinnbetörendes Seufzen wandelst! O tödliche
Schwermut! O ihr geliebten, alten, russischen Gesänge! werdet auch ihr
dahinsterben? ...

Plötzlich sprang Darja auf, stemmte die Hände in die Seiten und
schmetterte ein fröhliches Tanzliedchen aus voller Kehle. Dazu tanzte
sie und klatschte in die Hände:

   »Geh, du Ritter, in den Wind, --
   Ich bin eines Räubers Kind.
   Bist so fein und säuberlich,
   Geb dir einen Messerstich.
   Brauche keinen stolzen Herrn --
   Hab ein armes Blut so gern.«

Darja sang und tanzte, und ihre Augen starrten unbeweglich und schienen,
wie der tote Mond, rings um sie Kreise zu ziehen. Ludmilla lachte aus
vollem Hals, aber es war ihr unendlich schwer ums Herz, und sie zitterte
vor Aufregung. War es verhaltene Freude oder die Wirkung des starken und
süßen Likörs? Valerie lachte leise, -- ihr Lachen klang gläsern --, und
blickte neidisch auf die Schwestern: auch sie wäre gern lustig gewesen,
und es war ihr doch gar nicht lustig zumute, -- sie dachte, das sei so,
weil sie die Jüngste, ein Nesthäkchen, ein Nachzügler sei, und darum
wäre sie schwächlich und unglücklich. Und sie lachte so als müßte sie
gleich weinen.

Larissa sah sie an und zwinkerte ihr zu, und da wurde Valerie plötzlich
fröhlich und guter Dinge. Larissa stand auf, drehte die Schultern und im
Nu drehten sich die vier Schwestern in tollem Wirbel bewußtloser Freude,
plötzlich von toller, ausgelassener Lust ergriffen, und Darja sang dazu
ein Tanzlied nach dem andern, eins dreister und frecher als das andere.
Die Schwestern waren jung und schön -- und ihre Stimmen klangen wild und
hell; -- die Hexen eines verzauberten Berges hätten ihre Freude an
diesem Reigen gehabt.

                   *       *       *       *       *

Die ganze Nacht über hatte Ludmilla heiße, sinnliche Träume.

Bald träumte sie, sie läge in einem stark überheizten Zimmer, ihre
Bettdecke gleitet auf den Fußboden und ihr fieberheißer Körper liegt
nackt da, -- und eine gleißende, ungeheure Schlange kriecht in das
Gemach, kommt näher, näher, gleitet längs dem Holz in ihr Bett und
umwindet ihre nackten, wunderschönen Beine ...

Dann wieder träumte sie von einem See; -- und es war eine schwüle
Sommernacht, schwarze Gewitterwolken krochen erdrückend langsam über den
Himmel, -- und sie lag nackt am Ufer des Sees und hatte einen glatten,
goldnen Stirnreif im Haar. Es roch nach warmem, stehendem Wasser, nach
Tang und stark duftendem Heu; und auf dem dunklen, unheimlich ruhigen
Wasserspiegel schwamm majestätisch ein weißer, gewaltiger, königlich
schöner Schwan. Er schlug das Wasser mit den Flügeln, zischte laut, kam
heran und umfaßte sie, -- es war so süß, so unsagbar wunderlich und tief
...

Und die Schlange und der Schwan, beide beugten ihre Gesichter über das
ihre, und es war Saschas Gesicht, aber so bleich, so bleich mit seinen
dunklen traurigen Augen, und die schwarzen Wimpern verdeckten
eifersüchtig die Schönheit seines wunderbaren Blicks und sanken tief und
schwer herab. Ihr schauderte ...

Dann träumte Ludmilla von einem prachtvollen Palast mit erdrückend
niedrigen Gewölben, -- starke, schöne nackte Männer drängten sich in den
Hallen, aber herrlicher als sie alle war Sascha. Sie saß hoch auf einem
Thron, und die nackten Männer kamen der Reihe nach und schlugen einander
mit scharfen Peitschen. Und als man Sascha vor den Thron legte mit dem
Kopf zu ihr gekehrt und als man ihn hart schlug, da lachte er hell und
weinte, -- und sie lachte auch, wie man manchmal im Traume lacht, wenn
das Herz unruhig schlägt, -- dann lacht man lange, ohne Aufhören, und es
ist das Lachen des Selbstvergessens und des Todes ...

Als Ludmilla am Morgen nach diesen Träumen erwachte, fühlte sie, daß sie
leidenschaftlich in Sascha verliebt war. Ein unbezwingliches Verlangen
ergriff sie, zu ihm zu gehen, aber der Gedanke ihn in Kleidern zu sehen,
war ihr unerträglich. Wie dumm, daß die Knaben nicht nackt herumlaufen!
Wenigstens barfuß, wie die Gassenbuben im Sommer! Ludmilla sah sie gerne
und nur deswegen, weil sie barfuß waren und weil auch ihre Beine
manchmal bis hoch hinauf entblößt waren.

»Als wäre es eine Schande, einen Körper zu haben --,« dachte sie, »daß
sogar die Knaben ihn verdecken müssen.«



                                   XV


Wolodin gab regelmäßig seinen Unterricht im Hause des Fräulein Adamenko.
Seine Hoffnungen, das Fräulein würde ihn gelegentlich zum Kaffee
einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner
Ankunft in die Stube geleitet, die für den Unterricht im Tischlern
hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schürze um und wartete in der
Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles für
die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam
alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der
Sache. Um weniger arbeiten zu müssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin
zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte
gewissenhaft sein. Er sagte:

»Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit
genug zum Plaudern. Dann -- soviel Sie wollen, jetzt -- an die Arbeit:
die Arbeit steht an erster Stelle.«

Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so
hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schützte Schulaufgaben vor.

Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen
ob Mischa fleißig war. Mischa bemerkte, daß Wolodin dann eher geneigt
war, Gespräche zu führen, und zog daraus die entsprechenden Schlüsse.
Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, daß Mischa nichts tat, sagte
sie sofort:

»Mischa, sei nicht faul!«

Dann ging sie gleich und sagte im Vorübergehen zu Wolodin:

»Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe. Er ist nicht abgeneigt, sich
bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.«

Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berührte Wolodin
zunächst peinlich. Dann aber tröstete er sich damit, daß es ihr unbequem
sein mußte, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten
hätten entstehen können. Ferner, überlegte er, brauchte sie überhaupt
nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein
Zeichen dafür, daß sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand
erklärte Wolodin zu seinen Gunsten, daß Nadeschda Wassiljewna sofort
damit einverstanden war, daß er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und
außerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprüchen gleich
einverstanden erklärt. Peredonoff und Warwara ihrerseits unterstützten
ihn in diesen Vermutungen.

»Es ist doch klar, daß sie in dich verliebt ist,« sagte Peredonoff.

»Und wo könnte sie einen besseren Bräutigam finden,« ergänzte Warwara.

Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich über seine
Erfolge.

Eines schönen Tages meinte Peredonoff:

»Du gehst auf Freiersfüßen einher und hast eine schäbige Krawatte
umgebunden.«

»Ich bin noch nicht verlobt,« antwortete Wolodin überlegen, innerlich
aber zitterte er vor freudiger Erwartung; »ich kann mir eine neue
Krawatte kaufen.«

»Eine im Jugendstil,« rief Peredonoff, »man muß sehen können, daß du es
mit der Liebe hast.«

»Eine rote Krawatte,« sagte Warwara, »recht bauschig muß sie sein und
eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit
Steinen, -- fein wird das sein.«

Peredonoff dachte, daß Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben
hätte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen
Schlips kaufen. Das wäre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein
vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie
anhalten geht, so wird sie sich gekränkt fühlen und ihm einen Korb
geben.

Peredonoff sagte:

»Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir
gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig
Kopeken?«

»Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit,« sagte Wolodin
grinsend, »nur waren es zwei Rubel und nicht einer.«

Peredonoff wußte genau, daß es zwei Rubel waren, es wäre ihm aber
angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte:

»Du lügst, woher zwei Rubel?«

»Warwara Dmitriewna kann es bezeugen,« beteuerte Wolodin.

Warwara sagte kichernd:

»Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, -- ich
erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.«

Peredonoff dachte, daß Warwara jetzt für Wolodin eintrete, also --
meinte er -- steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrießlich,
nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte:

»Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du
bist ein armer Teufel, Pawluschka, da -- nimm!«

Wolodin nahm das Geld, zählte es nach, machte dann ein gekränktes
Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und
sagte mit blökender, zitternder Stimme:

»Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie
auch zu zahlen; daß ich aber arm bin, gehört garnicht hierher. Ich habe
bisher noch keinen um ein Stück Brot gebeten, und Sie wissen, daß nur
der Teufel arm ist, denn er ißt kein Brot; weil ich aber Brot esse,
sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.«

Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergnügen, daß er so gelungen
geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend.

Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu
stellen. Sie hatten sich so vornehm als möglich angezogen und sahen
feierlicher und dümmer als gewöhnlich aus. Peredonoff trug eine weiße
Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grünen Streifen. Peredonoff
überlegte so:

»Ich halte für dich an, meine Stellung ist also die solidere, die
Gelegenheit ist äußerst festlich, so muß ich denn eine weiße Binde
tragen; du bist der Bräutigam, also mußt du flammende Gefühle zur Schau
tragen.«

Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von
Fräulein Adamenko Platz. Peredonoff saß auf dem Sofa, Wolodin in einem
Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gäste. Die
Gäste aber plauderten über das Wetter, über die neuesten Neuigkeiten und
machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen
Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen.
Endlich räusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte:

»Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.«

»Ein Anliegen,« sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und
streckte die Lippen vor.

»Es handelt sich um ihn,« sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf
Wolodin.

»Um mich,« bestätigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die
eigene Brust.

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

»Wenn ich bitten darf,« sagte sie.

»Ich werde für ihn sprechen,« erklärte Peredonoff, »er ist bescheiden
und kann keinen rechten Entschluß fassen. Aber er ist ein würdiger
Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein
geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was
braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum
schweigst du denn,« wandte er sich an Wolodin, »sag doch etwas.«

Wolodin neigte den Kopf und stieß mit zitternder Stimme hervor, geradeso
wie ein Schaf blökt:

»Gewiß, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer
noch langen. Gewiß, ich habe nicht studiert, bin aber so glücklich, daß
ich jedem nur das gleiche Los wünschen kann, und etwas Schlechtes weiß
ich mir nicht nachzusagen, -- übrigens, da mag jeder selbst urteilen.
Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.«

Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als hätte er die Absicht
zuzustoßen und schwieg still.

»Also, das ist es,« sagte Peredonoff, »er ist ein junger Mann und soll
nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es
immer besser.«

»Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,«
bestätigte Wolodin.

»Und auch Sie sind unverheiratet,« fuhr Peredonoff fort. »Auch Sie
müssen heiraten.«

Hinter der Tür hörte man ein leises Geräusch, kurze verhaltene Laute, --
als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den
Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tür und sagte kalt:

»Sie sind wirklich zu besorgt um mich,« mit einer verletzenden Betonung
des Wortes »zu«.

»Sie brauchen keinen reichen Mann,« sagte Peredonoff, »Sie haben ja Geld
genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu
Gefallen ist. Außerdem kennen Sie ihn und müßten ihn verstehen. Sie sind
ihm nicht gleichgültig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also
die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll
heißen: Sie selber sind die Ware.«

Nadeschda Wassiljewna wurde rot und biß sich auf die Lippen, um nicht
laut auflachen zu müssen. Hinter der Tür hörte man wieder dieselben
Töne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, daß
alles nach Wunsch ginge.

»Was für eine Ware?« fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, »verzeihen
Sie, ich verstehe Sie nicht recht.«

»Wie, Sie verstehen nicht!« sagte Peredonoff ungläubig. »Nun, ich will
es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz.
Und auch ich bitte für ihn.«

Hinter der Tür fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und
stöhnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen,
blickte ihre Gäste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech
zugleich.

»Ja,« sagte auch Wolodin, »Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand
und Herz.«

Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfuß auf dem
Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte
die Hand aufs Herz und sagte, das Fräulein schmachtend anblickend:

»Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, daß ich eine Erklärung abgebe. Da
ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, daß Sie
diesen Gefühlen nicht entgegenkommen sollten.«

Er stürzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und küßte ihre
Hand.

»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwöre!« rief er, hob eine
Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, daß es
laut knallte.

»Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf!« sagte Nadeschda Wassiljewna
verlegen; »was soll das?«

Wolodin stand auf und kehrte mit gekränktem Gesicht auf seinen Platz
zurück. Dort angelangt, preßte er beide Hände gegen die Brust und rief:

»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit
ganzer Seele der Ihre!«

»Entschuldigen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »aber ich kann
wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hören Sie nur, wie
er da hinter der Tür weint.«

»Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein
Hinderungsgrund zu sein,« erklärte Wolodin und streckte in gekränktem
Stolz seine Unterlippe vor.

»Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden,« sagte Nadeschda Wassiljewna
und stand eilig auf, »ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen
Augenblick.«

Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid
rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tür stand, an der Schulter,
lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom
verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tür stehen und sagte mit
abgerissener Stimme:

»Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist
es wirklich nötig, zu den allerstrengsten Maßregeln zu greifen!«

Mischa hatte ihre Taille umfaßt, preßte seinen Kopf in ihr Kleid und
lachte und schüttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu
unterdrücken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich
auf einen Stuhl neben der Tür und lachte.

»Hast du gehört, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel
Wassiljewitsch,« fragte sie; »komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh
dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst
nicht >Ja< sagen. Hast du verstanden?«

»Ha--ha--ha,« machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in
den Mund, um nicht lachen zu müssen, aber es half nur wenig.

»Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mußt,« riet die
Schwester und führte ihn an der Schulter ins Gastzimmer.

Dort drückte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl
dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekränktes Gesicht und saß da mit
gesenkter Stirn, just wie ein Schaf.

»Sehen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder,
»der arme Junge! Ich konnte kaum seine Tränen stillen. Ich vertrete bei
ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich würde ihn verlassen.«

Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Körper
bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los:

»Hu--hu--hu!«

Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und
sagte:

»Wein doch nicht, Brüderchen, wein nicht so!«

Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Tränen in die Augen. Er ließ das
Tuch fallen und blickte seine Schwester böse an.

»Wie, wenn der Junge wütend wird,« dachte Peredonoff, »und plötzlich
beißt. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.«

Er rückte näher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm
verstecken zu können. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder:

»Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.«

»Um Hand und Herz,« verbesserte Peredonoff.

»Und Herz --« wiederholte Wolodin leise, aber mit Würde.

Mischa benützte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte
er:

»Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?«

Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie Ihren kleinen Bruder um
Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmündiges Kind. Und
wäre er auch erwachsen, so könnten Sie auch in diesem Fall sich
selbständig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, daß
Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur,
sondern setzt mich auch in Erstaunen.«

»Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,«
sagte Peredonoff verdrießlich.

»Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgültig; ihn muß ich
aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten können? Sie
könnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du
fürchtest dich doch vor diesem harten Mann?«

»Nein,« sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch
hervor, »ich fürchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich
fürchte nur, daß Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwöhnen wird und
dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.«

»Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna,« sagte Wolodin und legte die
Hand ans Herz, »ich werde ihn nicht verwöhnen. Ich denke so: einen
Jungen soll man überhaupt nicht verwöhnen! Ist er satt und sauber
gekleidet, so genügt das. Von Verwöhnen keine Spur. Ich kann ihn doch
auch in den Winkel stellen und würde nicht daran denken, ihn zu
verwöhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaßen eine Jungfrau, d.
h. ein Fräulein, da ist es Ihnen naturgemäß unbequem, ich kann aber auch
mitunter das Stöcklein zu Hilfe nehmen.«

»Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen,« sagte Mischa weinerlich
und benutzte wieder sein Taschentuch. »Seid Ihr so! und noch dazu mit
dem Stöckchen! nein, das paßt mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn
nicht heiraten.«

»Da hören Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht,« sagte
Nadeschda Wassiljewna.

»Ihr Vorgehen kommt mir äußerst merkwürdig vor,« sagte Wolodin, »ich
komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit
flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen
»nein« zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der
Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann,
Gott weiß, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten
wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.«

»Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,«
sagte Nadeschda Wassiljewna, »bisher hat noch keine derartige Gefahr für
die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung
heiraten, und wie Sie bereits gehört haben, ist er nicht einverstanden.
Es ist auch einigermaßen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich
mit den ersten Worten Prügel. Da könnten Sie mich am Ende auch
schlagen!«

»Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna,« rief Wolodin
verzweiflungsvoll, »unmöglich glauben Sie, daß ich mir solche Roheiten
werde zuschulden kommen lassen.«

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

»Ich selbst habe keinerlei Bedürfnisse zu heiraten,« sagte sie.

»Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn?« fragte Wolodin mit gekränkter
Stimme.

»Oder in Tolstois Sekte und Mist führen,« verbesserte Peredonoff.

»Warum sollte ich irgendwohin gehen?« sagte Nadeschda Wassiljewna streng
und erhob sich, »ich hab es hier sehr gut.«

Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte:

»Da nun Mischa aus seinen Gefühlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da
ferner Sie -- wie es zutage liegt -- ihn um Erlaubnis bitten, so kommt
es folgerichtig heraus, daß ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben
muß, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schüler so zu
mir verhält!«

»Nein, warum denn?« entgegnete Nadeschda Wassiljewna, »das ist wieder
eine Sache für sich.«

Peredonoff dachte, es wäre vielleicht doch noch möglich das Fräulein
umzustimmen und sie würde schließlich ihr Jawort geben. Er sagte
finster:

»Nadeschda Wassiljewna, überlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht
gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er ist ein guter Mensch, er
ist mein Freund!«

»Nein,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »da gibt's nichts weiter zu
bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch für den ehrenvollen Antrag,
kann ihn aber nicht annehmen.«

Peredonoff blickte böse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: »Wolodin
ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein
Fräulein in sich verliebt zu machen.«

Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte
vorwurfsvoll:

»So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es
sich so verhält,« -- er machte eine Handbewegung -- »dann wünsche ich
Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jüngling
liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott weiß es! Nichts zu
machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.«

»Einen tüchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer weiß, auf
wen Sie hereinfallen werden,« sagte Peredonoff belehrend.

»O weh,« rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tür gehen. Dann besann
er sich eines andern, beschloß großmütig zu sein und kehrte zurück, um
dem Fräulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den
Unglücksstifter Mischa bedachte er mit einem versöhnlichen Händedruck.

                   *       *       *       *       *

Auf der Straße brummte Peredonoff böse. Wolodin räsonierte
ununterbrochen mit gekränkter, blökender Stimme.

»Warum hast du die Stunden aufgegeben?« brummte Peredonoff. »Du bist
wohl zu reich!«

»Ich habe doch nur gesagt, daß, wenn es sich so verhielte, ich
zurücktreten müsse, und darauf hat sie geantwortet, daß das nicht nötig
wäre. Da ich nun meinerseits nicht widersprochen habe, so kommt es
heraus, daß sie mich gebeten hat zu bleiben. Und jetzt hängt es von mir
allein ab; will ich, so kann ich »Nein« sagen, will ich, so kann ich
bleiben.«

»Unsinn »Nein« zu sagen,« sagte Peredonoff, »geh hin und mach so als
wäre nichts gewesen.«

»Mag er wenigstens hier einen Vorteil haben,« dachte Peredonoff, »er hat
dann weniger Grund mich zu beneiden.«

Peredonoff war das Herz sehr schwer.

Wolodin schien ihm nicht recht geheuer, er mußte ihn auf Schritt und
Tritt beobachten, daß er sich nicht mit Warwara zusammentäte. Dann war
es auch nicht ausgeschlossen, daß die Adamenko sich über ihn geärgert
hatte wegen seiner Vermittelung. Sie hatte Verwandte in Petersburg,
denen könnte sie schreiben, und das hätte ihm vielleicht geschadet.

Und auch das Wetter war unfreundlich. Der Himmel war mit Wolken bedeckt,
Krähen flatterten unruhig und schrieen so häßlich. Grade über
Peredonoffs Kopf flogen sie und schrieen, als wollten sie ihn ärgern und
ihm noch schlimmeres Unglück prophezeien. Peredonoff wickelte einen
Schal um den Hals und dachte, daß es bei solchem Wetter leicht wäre sich
zu erkälten.

»Was sind das für Blumen, Pawluschka?« fragte er und zeigte dabei auf
kleine, gelbe Blümchen, die hinter dem Zaun in einem Garten wuchsen.

»Das sind Eisenhütchen, Ardascha,« antwortete Wolodin traurig.

Peredonoff fiel es ein, daß in seinem Garten sehr viele solcher Blumen
wuchsen. So einen schrecklichen Namen hatten sie! Vielleicht sind sie
giftig! Warwara wird eine Handvoll nehmen, sie als Tee aufkochen, um ihn
damit zu vergiften, d. h. erst dann zu vergiften, wenn seine Ernennung
bereits erfolgt ist, um dann mit Wolodin auf und davon zu gehen.
Vielleicht hatten die beiden das schon längst verabredet. Woher sollte
Wolodin sonst wissen, wie diese Blumen hießen.

Wolodin aber sagte:

»Gott mag sie richten! Warum hat sie mich beleidigt? Sie wartet
wahrscheinlich auf einen Aristokraten und überlegt gar nicht, daß es
auch unter den Aristokraten schlimme Leute gibt; sie wird einen
heiraten, der sie unglücklich machen wird, und ein schlichter braver
Mensch hätte sie so glücklich machen können. Ich werde in die Kirche
gehen und eine Kerze für ihr Seelenheil stiften und für sie beten: füge
es, Vater im Himmel, daß sie einen Trunkenbold heiratet, der sie
prügelt, der bankerott macht und sie dann sitzen läßt. Dann wird sie
sich meiner erinnern, aber es wird zu spät sein. Sie wird sich die
Tränen aus den Augen reiben und sagen: dumm war ich, dem Pawel
Wassiljewitsch einen Korb zu geben, er war ein prächtiger Mensch.«

Seine eignen Worte rührten ihn; er mußte weinen und trocknete mit dem
Handrücken die Tränen, die aus seinen vorstehenden, schafigen Augen
quollen.

»Schlag ihr in der Nacht die Fensterscheiben ein!« riet Peredonoff.

»Ach nein, Gott sei mit ihr,« sagte Wolodin traurig, »man könnte mich
ertappen. Und dieser Satansbengel Gott erbarme dich, was habe ich ihm
getan, daß er mir so den Weg vertritt. Habe ich mir nicht alle
erdenkliche Mühe mit ihm gegeben, und er -- Sie haben es ja selber
erlebt -- macht solche Sachen. Was ist das für eine Kreatur, was soll
aus ihm werden, erbarmen Sie sich, sagen Sie doch?«

»Ja,« sagte Peredonoff böse, »nicht einmal mit diesem Bengel konntest du
fertig werden. Schöner Freier das!«

»Warum denn nicht,« antwortete Wolodin, »natürlich ein Freier. Ich finde
schon eine andre Braut. Sie soll nicht glauben, daß ich um sie trauern
werde.«

»Ja, ein Freier,« neckte Peredonoff, »noch dazu mit einer Krawatte.
Wieviel Körbe hast du denn schon auf dem Buckel, Freier du!«

»Bin ich der Freier, so bist du der Brautwerber,« sagte Wolodin
überlegen, »du selber machtest mir ja Hoffnungen, aber die Braut hast du
mir nicht verschafft; schöner Brautwerber das!«

So neckten sie sich gegenseitig; jeder versuchte dem anderen
zuvorzukommen und gab sich den Anschein, als handle es sich um die
wichtigste Sache von der Welt.

                   *       *       *       *       *

Nadeschda Wassiljewna hatte die Gäste hinausbegleitet und kehrte ins
Gastzimmer zurück. Mischa wälzte sich auf dem Sofa und lachte. Die
Schwester packte ihn an den Schultern, zog ihn an sich und sagte:

»Hast du ganz vergessen, daß es verboten ist zu horchen?«

Sie hob die Hände, um die kleinen Finger aneinanderzulegen, dann lachte
sie laut auf, und die Finger fuhren wieder auseinander. Mischa stürzte
auf sie zu, sie umfaßten sich und lachten sehr lange.

»Aber doch,« sagte sie, »fürs Horchen mußt du in den Winkel.«

»Ach nein,« sagte Mischa, »du mußt mir noch danken, weil ich dich von
diesem Bewerber befreit habe.«

»Und wer hat wen noch befreit? Hörtest du nicht, wie jemand sich
vornahm, dich mit dem Stöckchen zu schlagen! Marsch in den Winkel!«

»Nein, dann will ich schon lieber hier stehen,« sagte Mischa.

Er stellte sich vor der Schwester auf die Knie und legte seinen Kopf auf
ihren Schoß. Sie streichelte ihn und kitzelte ihn ein wenig. Mischa
lachte und rutschte auf den Knien hin und her. Plötzlich rückte die
Schwester weit fort und setzte sich aufs Sofa. Mischa blieb allein.
Einige Zeit blieb er ruhig auf den Knien stehen und sah seine Schwester
fragend an. Sie machte es sich bequem, nahm vom Bücherbrett ein Buch,
als wolle sie lesen, und schielte auf den Bruder.

»Ich bin schon müde,« sagte er kläglich.

»O, ich halte dich nicht, du hast dich von selber hingestellt,«
antwortete die Schwester und lächelte ihn an über den Rand des Buches.

»Du hast mich doch bestraft, verzeih bitte,« sagte Mischa.

»Habe ich dir denn gesagt, daß du auf den Knien stehn sollst?« sagte
Nadeschda Wassiljewna und machte so, als wäre es ihr ganz gleichgültig,
»was bettelst du denn in einem fort?«

»Ich werde nicht aufstehn, bevor du nicht verziehen hast.«

Nadeschda Wassiljewna lachte, legte das Buch zur Seite und zog Mischa an
den Schultern zu sich heran. Er schrie auf und warf sich ihr entgegen,
umarmte sie und rief:

»Pawluschkas Braut!«



                                  XVI


Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzäugigen Knaben. Sie redete
oft mit Verwandten und Bekannten über ihn, -- manchmal zur unrechten
Zeit. Fast in jeder Nacht träumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie
er wirklich im Leben war -- bescheiden und schüchtern, öfter jedoch in
einer märchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Träumen pflegte
sie zu erzählen, und bald kam es so weit, daß die Schwestern jeden
Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume
erschienen wäre.

Ihre Gedanken waren immer bei ihm.

Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie möchten die Kokowkina aus
der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha
allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. »Sagt ihr, ich hätte mich
verschlafen,« trug sie den Schwestern auf.

Diese lachten über den Streich, waren aber natürlich mit allem
einverstanden. Sie vertrugen sich überhaupt gut. Es konnte ihnen nur
gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben
die wirklichen Freier ihnen allein.

Sie taten, wie sie versprochen hatten, -- und baten die Kokowkina nach
dem Gottesdienst zu sich.

Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hübsches,
fröhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder
parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes
Odeurfläschchen, in die andere einen kleinen Zerstäuber; dann stellte
sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu
beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich käme. Schon früher hatte sie
beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er
sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der
Schule überhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie
sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende
Blumen. Ihr Zimmer strömte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder
roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und
frischem Birkengrün.

Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen.

Fröhlich lief Ludmilla zur Küche hinaus, durch den Gemüsegarten, durch
das Pförtchen und von dort weiter durch ein Nebengäßchen, -- um von der
Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lächelte schelmisch, während sie
eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergnügt mit ihrem
weißen Sonnenschirm. Sie war froh über das schöne, warme Herbstwetter,
und es schien, als verbreite sich ihre Fröhlichkeit überall wohin sie
kam.

Das Dienstmädchen der Kokowkina öffnete ihr die Tür und meldete, die
gnädige Frau wäre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit
dem rotbackigen Ding.

»Vielleicht ist es gar nicht wahr,« sagte sie, »vielleicht versteckt
sich die gnädige Frau vor mir.«

»Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken!« grinste das Mädchen, »gehen
Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht
glauben.«

Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch:

»Gibt's hier überhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!«

Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und
Ludmillas fröhliche Augen machten ihn noch vergnügter.

»Wo ist denn Olga Wassiljewna?« fragte sie.

»Sie ist nicht zu Hause,« sagte er, »sie ist noch nicht heimgekommen.
Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst
vor kurzem zurück, -- aber sie ist noch nicht da.«

Ludmilla tat so, als wäre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem
Sonnenschirm und sagte überrascht:

»Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurück aus der Kirche. Sonst
sitzt sie immer zu Hause, und plötzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich
machen Sie so viel Lärm, mein Jüngling, daß sie es zu Hause nicht mehr
aushält.«

Sascha schwieg und lächelte. Er freute sich über Ludmillas Stimme und
über ihr helles Lachen. Er überlegte, wie er es am geschicktesten
anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu
veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben.

Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha
schelmisch an und sagte:

»Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswürdiger
junger Mann Sie? Ich bin ganz müde geworden. Darf ich mich ein
Augenblickchen erholen?«

Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zärtlichen Augen
schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, --
sie wollte bleiben!

»Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen,« fragte Ludmilla rasch, »wollen
Sie?«

»Oho,« sagte Sascha, »sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so
grausam?«

Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel.

»Bespritzen!« rief sie, »der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden.
Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.«

Sascha sagte komisch:

»O! mit Parfum! Ja warum denn?«

Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstäuber; sie ließ das dunkelrote,
goldverzierte Fläschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte:

»Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstäuber gekauft.«

Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein großes Flakon mit einer bunten
Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte:

»Ihre Taschen sind aber tief!«

Ludmilla antwortete fröhlich:

»Na, mehr dürfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht
mitgebracht.«

»Leckereien,« wiederholte Sascha neckend.

Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche öffnete, und fragte:

»Wie gießt man das ohne Trichter herein?«

Ludmilla sagte fröhlich:

»Den Trichter müssen Sie mir geben.«

»Ich habe doch keinen,« sagte er verlegen.

»Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,«
sagte Ludmilla eigensinnig.

»Ich könnte einen aus der Küche holen, der riecht aber nach Petroleum,«
sagte Sascha.

Ludmilla lachte herzlich.

»Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn
Ihnen das Papier nicht leid tut, -- dann haben wir einen Trichter.«

»O in der Tat!« rief Sascha fröhlich, »man kann ja einen Trichter aus
Papier drehen. Ich will's gleich holen.«

Sascha lief in seine Stube.

»Darf es aus einem Heft sein,« rief er von dort.

»Ganz egal,« antwortete Ludmilla fröhlich. »meinetwegen aus einem Buch,
z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir würde es nicht leid tun.«

Sascha lachte und rief:

»Nein, nein -- lieber aus einem Heft.«

Er fand ein noch unbenutztes Heft, riß die mittlere Seite aus und wollte
schnell wieder in den Salon laufen, -- aber Ludmilla stand schon auf der
Schwelle.

»Darf man eintreten, Herr Gastgeber?« fragte sie schelmisch.

»Aber bitte, ich bin sehr erfreut!« rief Sascha fröhlich.

Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier
und goß das Parfum mit besorgt geschäftiger Miene aus dem Flakon in den
Zerstäuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die
Flüssigkeit berührt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam floß die
Flüssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, süßer Rosenduft gemischt mit
scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer.

Ludmilla hatte die Hälfte des Flakons in den Zerstäuber gegossen und
sagte:

»So, es wird langen.«

Dann schraubte sie den Zerstäuber zu, knüllte das feuchte Papier
zusammen und rieb es zwischen den Handflächen.

»Riech doch,« sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handfläche vor die
Nase.

Sascha bückte sich, schloß die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug
ihn leicht mit der Handfläche auf den Mund und ließ die Hand auf seinen
Lippen liegen. Sascha wurde rot und küßte ihre warme, duftende
Handfläche, sie zärtlich mit bebenden Lippen berührend. Ludmilla seufzte
auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde für einen Augenblick
verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck
glücklicher Freude an.

»Jetzt paß aber auf, wie ich dich bespritzen werde,« sagte sie und
drückte den Gummiball.

Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der
Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich
gehorsam, wenn Ludmilla ihn stieß.

»Riecht's gut,« fragte sie.

»Sehr angenehm,« antwortete er fröhlich. »Wie nennt man dieses Parfum?«

»So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies,« neckte sie ihn.

Sascha las die Etikette und sagte:

»Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenöl roch.«

»Oel!« sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die
Schulter.

Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor.

Ludmilla war aufgestanden und wühlte in Saschas Büchern und Heften.

»Darf man sehen?« fragte sie.

»Aber gewiß,« sagte er.

»Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.«[9]

Sascha antwortete gekränkt:

»So was habe ich bisher überhaupt nicht gehabt.«

»Na, das lügst du wohl,« sagte Ludmilla bestimmt, »das ist einmal euer
Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh's!«

Sascha lächelte und schwieg.

»Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges,« sagte Ludmilla.

»Nicht sonderlich,« antwortete er; aber es war ihm anzumerken, daß ihn
schon allein das Gespräch über Schulangelegenheiten langweilte.

»Es ist so langweilig zu ochsen,« gestand er, »macht nichts, ich habe
ein gutes Gedächtnis. Aber Rechenaufgaben zu lösen liebe ich.«

»Komm morgen nach dem Mittag zu mir,« sagte Ludmilla.

[Fußnote 9: Null ist die schlechteste Note, fünf die beste.]

»Danke, ich werde kommen,« sagte Sascha errötend.

Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein.

»Weißt du auch, wo ich wohne? Willst du kommen,« fragte Ludmilla.

»Ich weiß. Schon recht, ich werde kommen,« sagte er fröhlich.

»Aber komm bestimmt,« wiederholte Ludmilla streng, »ich werde dich
erwarten, hörst du?«

»Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte?« sagte Sascha, mehr
aus Gewissenhaftigkeit, als daß er tatsächlich um der Aufgaben willen
nicht gekommen wäre.

»Ach, Dummheiten, komm nur,« drängte Ludmilla, »man wird dir nicht das
Fell über die Ohren ziehen.«

»Aber warum soll ich kommen?« fragte Sascha lächelnd.

»Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzählen und zu
zeigen,« sagte Ludmilla, hüpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Röckchen
und spreizte ihre rosigen Fingerchen, »komm du mein Lieber, mein
Goldner, mein Süßer.«

Sascha lachte.

»Erzählen Sie schon heute,« bat er.

»Heute geht es nicht. Wie könnte ich heute erzählen? Dann wirst du
morgen nicht kommen und sagen, du hättest keinen Grund gehabt, um zu
kommen.«

»Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.«

»Das fehlte noch! Natürlich wird man erlauben! Man hält dich doch nicht
an der Kette.«

Als Ludmilla sich verabschiedete, küßte sie Sascha auf die Stirn und hob
ihre Hand an seine Lippen, so daß er sie küssen mußte. Und es war ihm
angenehm, die weiße, feine Hand noch einmal küssen zu dürfen, -- und
doch schämte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden.

Als Ludmilla fortging, lächelte sie zärtlich und schelmisch. Sie kehrte
sich einigemal um.

Wie lieb sie ist! dachte er.

Sascha war allein.

Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Plötzlich hatte sie sich
aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wäre sie noch ein
Augenblickchen geblieben! -- dachte er und schämte sich, daß er es
vergessen hatte, sie zu begleiten.

Könnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie
einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe,
hole ich sie noch ein.

Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich
sie stören.

So konnte er sich nicht entschließen, ihr nachzulaufen. Ihm war es
traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zärtliche Berührung ihrer
Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Kuß.

Sie küßt so süß, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen!

Seine Wangen brannten. Er schämte sich und doch war ihm so leicht.
Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf.

Wäre sie doch meine Schwester, träumte er, könnte ich zu ihr hin, sie
umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder
sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, -- z. B. Buba oder
Heuschrecke. Und sie würde darauf antworten. O -- wäre das schön!

Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb,
aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewiß nicht mehr an mich.
Nur ein süßer Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die
Berührung der Lippen von zwei zärtlichen Küssen; -- das Herz zittert,
wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schönen Traum, schön wie
Aphrodite den Wellen entstieg.

                   *       *       *       *       *

Bald darauf kam die Kokowkina heim.

»Wonach riecht es so stark?« sagte sie.

Sascha wurde rot.

»Millachen war hier,« sagte er. »Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb
sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.«

»Was für Zärtlichkeiten!« sagte die Alte verwundert, »>Millachen< zu
sagen!«

Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei
sich, die Rutiloffschen Mädchen wären ganz besonders liebenswürdige
junge Damen, alt und jung verständen sie zu bezaubern.

                   *       *       *       *       *

Gleich am Morgen des nächsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken
daran, ausgehen zu dürfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen.
Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu
Rutiloffs gehen zu dürfen. Die Kokowkina war erstaunt, ließ ihn aber
gehen.

Sascha lief fröhlich davon. Er hatte sich sorgfältig gekämmt und sogar
Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig
aufgeregt, als hätte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schönes vor.
Besonders angenehm war ihm der Gedanke daß er gleich bei der Begrüßung
Ludmillas Hand küssen würde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er
wieder nach Hause müßte, würden sie sich wieder küssen. Es ließ sich so
wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Händen träumen.

Alle drei Schwestern begrüßten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten
gerne am Fenster zu sitzen und auf die Straße zu sehen. So kam es,
daß sie ihn schon von weitem kommen sahen. In stürmischer
Fröhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut
durcheinandersprechenden Damen, -- und er fühlte sich gleich wohl in
ihrer Mitte.

»Da ist er ja -- der geheimnisvolle, junge Mann!« rief Ludmilla
fröhlich.

Sascha küßte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem
Vergnügen. Gleich in eins küßte er auch den beiden andern Schwestern die
Hand, -- er konnte sie doch nicht übergehen, -- und fand, daß auch
dieses nicht unangenehm wäre, um so mehr, als ihn alle drei auf die
Wange küßten; -- Darja tat es laut und gleichmütig, als hätte sie ein
Brett vor sich; Valerie küßte zart, -- sie hatte die Augen gesenkt -- es
waren schlaue Aeuglein, -- kicherte verschämt und berührte kaum mit
ihren durstigen, fröhlichen Lippen die Wange, -- ihr Kuß schwebte nieder
wie eine zarte, duftige Apfelblüte; -- Ludmilla küßte ihn glücklich,
fröhlich und fest auf die Wange.

»Das ist _mein_ Gast,« erklärte sie mit Bestimmtheit und führte Sascha
in ihr Zimmer.

Darja ärgerte sich darüber.

»Ist es dein Gast, so küß ihn auch allein,« rief sie böse. »Hast da
einen schönen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.«

Valerie sagte nichts, sie lächelte nur, -- was konnte es für ein
Vergnügen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja
nichts begreifen?

Ludmillas Zimmer war geräumig, hell und freundlich. Vor den zwei großen
Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe
Tüllvorhänge. Im Zimmer duftete es süß. Alle Gegenstände waren elegant
und hell. Die Stühle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem
weißen Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall
standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine
Kristallschälchen und Körbchen, Fächer und einige russische und
französische Bücher.

»Heute Nacht habe ich von dir geträumt,« erzählte Ludmilla lachend, »ich
sah dich im Fluß bei der Stadtbrücke schwimmen; ich selber saß auf der
Brücke und angelte dich.«

»Und sperrten mich dann in ein Glas?« neckte Sascha.

»Warum in ein Glas?«

»Wohin denn sonst?«

»Wohin? Ich zauste dich gründlich an den Ohren und warf dich wieder
zurück in den Fluß.«

Und Ludmilla lachte hell auf.

»_So_ sind Sie also!« sagte Sascha. »Und was wollten Sie mir heute
erzählen?«

Ludmilla lachte nur und sagte nichts.

»Sie haben mich also betrogen,« erriet er, »und außerdem versprachen
Sie, mir etwas zu zeigen,« sagte er vorwurfsvoll.

»Ich werde dir zeigen! Willst du was essen?« fragte sie.

»Ich komme eben vom Mittag,« sagte er. »So betrügen Sie einen!«

»Ich hab' es gerade nötig, dich zu betrügen. Aber du riechst ja nach
Pomade?« fragte sie plötzlich.

Sascha wurde rot.

»Ich kann Pomade nicht leiden!« sagte Ludmilla geärgert. »So was
Weibisches!«

Sie strich mit der Hand über sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen
Handfläche einen kleinen Klaps auf die Backe.

»Das darfst du nie wieder tun!« sagte sie.

Sascha wurde verlegen.

»Gut, ich will's nicht wieder tun,« sagte er, »Sie sind furchtbar streng
und parfumieren sich doch selber!«

»Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein großer Unterschied, dummer
Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen,« sagte Ludmilla belehrend,
»ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben!
Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren.
Willst du? Mit etwas Flieder, -- willst du?«

»Ich will,« sagte Sascha und lächelte.

Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen würde, wenn er
wieder parfumiert nach Hause kommen würde.

»Wer will?« fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in
die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an.

»Ich will,« wiederholte Sascha.

»Will? Will, well -- bell? Du bellst also?« neckte Ludmilla.

Beide lachten fröhlich.

»Fürchtest du dich noch vor dem Spritzen?« fragte Ludmilla, »weißt du
noch, wie du gestern Angst hattest?«

»Ich hatte gewiß keine Angst,« verteidigte sich Sascha eifrig.

Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit
Flieder. Sascha bedankte sich und küßte ihr die Hand.

»Außerdem laß dir die Haare schneiden!« sagte Ludmilla streng, »was soll
diese Lockenperücke! Willst du die Pferde auf der Straße scheu machen?«

»Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen,« erklärte Sascha, »aber
warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare,
kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts
darüber gesagt.«

»Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,«
sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; »ich bin nicht dein
Inspektor, und mir muß gehorcht werden.«

                   *       *       *       *       *

Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen.
Besonders in der ersten Zeit bemühte sie sich, nur dann zu kommen, wenn
die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wußte sie es besonders schlau
einzurichten -- und lockte die alte Frau von Hause fort.

Einmal sagte ihr Darja:

»Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin,
wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.«

Ludmilla merkte sich den Rat, -- und ging nun hin, wann es ihr paßte.
War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging
dann mit Sascha spazieren, -- in solchen Fällen pflegte sie ihn jedoch
nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen.

Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, -- allein ihre
Freundschaft war unruhiger, wenn auch zärtlicher Natur. Ohne sich dessen
bewußt zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frühreifes und unklares
Verlangen und Begehren.

Es kam oft vor, daß Sascha Ludmillas Hände küßte, -- ihre schmalen,
schönen Hände, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren,
durch deren blaßrosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten.
Und dann höher hinauf. Es war so leicht ihren graziösen, schlanken Arm
zu küssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen
hinaufzustreifen.

Mitunter erzählte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen
war. Er log zwar nicht, -- aber er verschwieg es. Und wie hätte er auch
lügen sollen, -- das Dienstmädchen hätte plaudern können. Es wurde ihm
nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen
klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, -- es
war so unbequem.

Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er küßte
ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka,
Millachen, Vallichen.



                                  XVII


Ludmilla traf Sascha eines Nachmittags auf der Straße. Sie sagte:

»Morgen hat die älteste Tochter des Direktors Geburtstag, -- wird deine
Pflegemutter hingehen?«

»Ich weiß nicht,« sagte Sascha.

Und schon regte sich die freudige Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht
war es weniger Hoffnung als Wunsch, daß die Kokowkina ausgehen und
Ludmilla gerade dann kommen würde, um mit ihm allein zu sein ...

Am Abend erinnerte er die Kokowkina an den Geburtstag.

»Fast hätte ich es vergessen,« sagte die Kokowkina. »Ich werde hingehen.
Es ist ein sehr liebes Mädchen.«

Und gerade, wie Sascha aus der Schule heimkam, machte sich die Kokowkina
auf den Weg. Er freute sich beim Gedanken, daß er diesmal mit geholfen
hatte, die Kokowkina zu entfernen. Und er war fest davon überzeugt, daß
Ludmilla Zeit finden würde zu kommen.

So war es auch; -- Ludmilla kam. Sie küßte ihn auf die Wange und reichte
ihm ihre Hand zum Kusse. Sie lachte fröhlich, und er wurde rot.
Ludmillas Kleider dufteten heute nach Rosa-Iris, ein schwerer, süßer
Blumenduft: die sinnbetörende, lüsterne Iris -- gelöst in zart duftenden
Rosen.

Ludmilla hatte eine schmale in Seidenpapier gewickelte Schachtel
mitgebracht. Durch das Papier schimmerte eine gelbe Reklamezeichnung.
Sie setzte sich, legte die Schachtel auf ihre Knie und blickte Sascha
schelmisch an.

»Magst du Datteln?« fragte sie.

»Furchtbar,« sagte Sascha und machte eine komische Grimasse.

»So, dann werde ich dich bewirten,« sagte sie wichtig.

Sie öffnete die Schachtel.

»Iß!« befahl sie.

Sie selber nahm eine Frucht nach der anderen aus der Schachtel und
steckte sie Sascha in den Mund; und jedesmal mußte er ihr die Hand
küssen. Sascha sagte:

»Aber meine Lippen sind ganz klebrig.«

»Das tut nichts, küß nur immer zu,« antwortete Ludmilla fröhlich, »es
kränkt mich nicht.«

»Dann küß ich doch lieber mit einem Mal,« sagte Sascha und lachte.

Schon streckte er seine Hand nach den Früchten.

»Du wirst mich betrügen,« rief Ludmilla, klappte rasch die Schachtel zu
und gab ihm einen Klaps auf die Finger.

»Ach nein, ich bin ganz ehrlich, ich werde gewiß nicht betrügen,«
beteuerte Sascha.

»Ich glaub' es nicht, ich glaub' es nicht,« wiederholte Ludmilla.

»Dann darf ich im voraus küssen,« schlug er vor.

»Das geht eher,« sagte Ludmilla fröhlich, »küß nur.«

Sie reichte Sascha ihre Hand. Er ergriff ihre schlanken Finger, küßte
sie einmal und fragte, ohne die Hand loszulassen, schlau lächelnd:

»Werden Sie mich auch nicht betrügen, Millachen?«

»Bin ich denn eine unehrliche Person,« sagte Ludmilla fröhlich, »ich
werde dich nicht betrügen, küß nur zu! -- unbedenklich.«

Sascha beugte sich über ihre Hand und küßte sie eifrig; gleichmäßig
bedeckte er ihre ganze Handfläche mit Küssen, wobei er seine Lippen weit
offen hielt, und es war ihm angenehm, sich einmal sattküssen zu dürfen.
Aufmerksam zählte Ludmilla die Küsse. Beim zehnten sagte sie:

»Es ist gewiß unbequem im Stehen zu küssen; du muß dich bücken.«

»Dann will ich es mir bequemer machen,« sagte er.

Er kniete nieder und fuhr ebenso eifrig in seiner Beschäftigung fort.

Sascha liebte zu naschen. Es hatte ihm sehr gefallen, daß Ludmilla ihm
was mitgebracht hatte. Dafür liebte er sie noch inniger.

Ludmilla hatte Sascha mit sinnerregendem, süßem Odeur parfumiert. Dieser
Duft setzte ihn in Erstaunen. Er war so eigen, aufregend, dunkel und
doch hell, wie ein goldiges, frühes, sündiges Morgenrot hinter einer
fahlen Dämmerung. Sascha sagte:

»Der Duft ist so merkwürdig!«

»Gieß dir mal auf die Hand davon,« riet Ludmilla.

Sie reichte ihm ein häßliches, vierkantiges, grobgeschliffenes
Fläschchen. Sascha sah sich die Farbe an, -- es war eine grell-gelbe,
lebhafte Flüssigkeit. Eine grobe, häßliche Etikette mit französischer
Aufschrift, aus der Fabrik von Puiver. Sascha nahm den flachen
Glasstöpsel, zog ihn heraus und roch. Dann tat er so wie er es bei
Ludmilla gesehen hatte, -- er legte die Handfläche fest auf die Oeffnung
des Fläschchens, kehrte es geschwind um und stellte es dann wieder mit
dem Boden nach unten beiseite; dann verrieb er die wenigen Tropfen der
Flüssigkeit auf der Handfläche und roch daran, -- der Spiritus war bald
verflogen, nur der reine Duft war geblieben. Ludmilla blickte auf ihn in
gespannter, erregter Erwartung. Sascha sagte unsicher:

»Es riecht ein wenig nach verzuckerten Wanzen!«

»Lüg doch nicht, ich bitte,« sagte Ludmilla ärgerlich.

Auch sie schüttete sich einige Tropfen auf die Hand und roch daran.
Sascha wiederholte:

»Wirklich, es riecht nach Wanzen.«

Ludmilla brauste zornig auf; ihr traten die Tränen in die Augen, -- gab
Sascha einen Schlag ins Gesicht und rief:

»Du unverschämter Bengel! Da, nimm das für die Wanzen.«

»Gut getroffen!« sagte Sascha, lachte und küßte ihre Hand. »Was hat Sie
so gekränkt, liebstes Millachen? Wonach riecht es denn, Ihrer Meinung
nach.«

Ueber den Schlag ärgerte er sich nicht, -- er war ganz bezaubert von
ihrem Wesen.

»Wonach?« fragte Ludmilla und faßte ihn am Ohrläppchen, »das will ich
dir gleich sagen wonach, erst will ich dich gründlich am Ohr zausen.«

»O weh, o weh, Millachen, Liebste, ich werde nie mehr!« flehte Sascha
und krümmte sich vor Schmerz.

Ludmilla ließ das stark gerötete Ohr los, zog den Jungen zärtlich heran,
nahm ihn auf den Schoß und sagte:

»Merk auf, -- im Zyklamen lebt ein dreifacher Hauch, -- das arme
Blümlein duftet nach süßer Ambrosia, -- das ist für die fleißigen
Bienen. Du weißt doch, man nennt's auch Schweinsbrod.«

»Schweinsbrod,« wiederholte Sascha und lachte, »wie komisch!«

»Lach nicht, Wildfang,« sagte Ludmilla, packte ihn am andern Ohr und
fuhr fort: »Süße Ambrosia, über ihr summen die Bienen; -- das ist des
Blümleins Freude. Dann riecht es ganz zart nach Vanille; das ist aber
nicht für die Bienen, sondern es ist für solche Dinge, die wir
erträumen. Dies ist sein Wunsch: eine Blume und das Gold der Sonne über
ihr. Und der dritte Hauch ist dieser: es ist der zärtliche, süße Duft
des Körpers. Er ist für jene da, welche lieben, und dieses ist seine
Liebe: das arme Blümlein in der glühenden Hitze des Mittags. Biene,
Sonne und Glut, -- verstehst du mich, Liebster?«

Sascha nickte schweigend. Sein ganzes Gesicht flammte, und die langen,
dunkeln Wimpern zitterten. Ludmilla blickte träumend in die Ferne, ihre
Wangen waren leicht gerötet. Sie fuhr fort:

»Das zarte und sonnige Zyklamen erfreut uns; es erregt in uns ein
Verlangen, welches süß ist und davor wir erschrecken; es macht unser
Blut flammend. Begreif es wohl, mein Sonnenprinz, es ist so tief, und
süß, und weh; es ist, daß man weinen möchte. Begreifst du das? So ist
dieses Blümlein.«

Und ihre Lippen neigten sich zu einem langen Kuß auf Saschas Mund.

                   *       *       *       *       *

Ludmilla blickte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich zuckte ein
schelmisches Lächeln um ihre Lippen. Ganz leise stieß sie Sascha fort
und fragte:

»Liebst du rote Rosen?«

Sascha seufzte tief, öffnete die Augen, lächelte und flüsterte:

»Ja, ich liebe sie.«

»Die großen, roten?« fragte Ludmilla.

»Alle liebe ich, die großen und kleinen,« sagte er keck und sprang mit
einer geschickten knabenhaften Bewegung von ihrem Schoß.

»Wirklich auch die roten?« fragte Ludmilla zärtlich, und ihre helle
Stimme zitterte vor verhaltenem Lachen.

»Ja, ich liebe sie,« sagte er rasch.

Ludmilla lachte und wurde rot.

»Du liebst also die roten; du liebst Ruten, -- o du dummer Junge; schade
nur, daß niemand da ist, der dich verprügeln könnte,« rief sie.

Beide lachten und wurden rot.

Diese notwendigerweise noch harmlosen Gefühlswallungen waren Ludmillas
ganze Freude in ihrer Freundschaft zu Sascha. Sie erregten, -- und waren
doch so ganz anders als die groben und widerlichen Annäherungsversuche
der Männer ...

                   *       *       *       *       *

Sie stritten, wer von ihnen der Stärkere wäre. Ludmilla sagte:

»Meinetwegen bist du der Stärkere. Es kommt aber nur darauf an, wer
gewandter ist.«

»Ich bin auch gewandt,« renommierte Sascha.

»Ach geh, du und gewandt!« neckte Ludmilla.

Lange stritten sie noch. Endlich schlug Ludmilla vor:

»Wollen wir ringen!«

Sascha lachte und sagte selbstgefällig:

»Sie können nicht mit mir fertig werden!«

Ludmilla kitzelte ihn.

»Sind Sie so!« rief er lachend, machte sich mit einem Ruck frei und
faßte sie um die Hüften.

So kam es zu einer Balgerei. Ludmilla merkte sofort, daß Sascha stärker
war. Mit Kraft allein konnte sie nicht gegen ihn aufkommen, daher
wartete sie auf einen günstigen Augenblick und stellte ihm ein Bein, --
er stürzte und zog Ludmilla im Fallen nach sich. Doch Ludmilla wußte
sich geschickt zu befreien und drückte ihn zu Boden. Sascha rief
verzweifelt:

»Das ist unehrlich!«

Aber Ludmilla kniete auf seiner Brust und drückte ihn mit den Händen zu
Boden. Sascha suchte mit Gewalt freizukommen, doch Ludmilla kitzelte ihn
wieder. Beide lachten unbändig. Vor lauter Lachen mußte sie ihn
schließlich loslassen und blieb auf dem Boden liegen. Sascha sprang auf.
Er war ganz rot geworden und sehr enttäuscht.

»Nixe!« rief er.

Und die Nixe lag auf dem Boden und lachte aus vollem Halse.

                   *       *       *       *       *

Ludmilla nahm Sascha zu sich auf den Schoß. Das Ringen hatte sie
erschöpft, jetzt blickten sie einander fröhlich in die Augen und
lächelten.

»Ich bin zu schwer für Sie,« sagte Sascha, »ich werde Ihre Knie
plattdrücken, lassen Sie mich lieber neben Ihnen sitzen.«

»Das macht nichts, bleib nur,« antwortete Ludmilla sanft, »du hast doch
selber gesagt, daß du es liebtest zärtlich zu sein.«

Sie streichelte seine Stirn. Er schmiegte sich dicht an sie. Sie sagte:

»Du bist sehr hübsch.«

Sascha wurde rot und lachte.

»Was nicht gar!« sagte er.

Dieses Gespräch über die Schönheit in Anwendung auf ihn selber verwirrte
ihn; er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob die Menschen ihn für
hübsch oder für häßlich hielten.

Ludmilla kniff ihn in die Wange. Sascha lächelte. Auf der Wange war ein
roter Fleck geblieben. Das sah hübsch aus. Ludmilla kniff auch die
andere Backe. Sascha wehrte sich nicht. Er nahm nur ihre Hand, küßte sie
und sagte:

»Kneifen Sie nicht mehr, es schmerzt doch, und auch Ihre Fingerchen
werden hart werden.«

»Ach, es schmerzt ja gar nicht,« sagte Ludmilla gedehnt, »seit wann
schneidest du denn Komplimente?«

»Ich habe keine Zeit mehr, ich muß noch lernen. Seien Sie noch ein wenig
lieb zu mir. Das wird mir Glück bringen, und ich werde im Griechischen
die Note Fünf erhalten.«

»Du willst mich wohl forthaben!« sagte Ludmilla.

Sie nahm seine Hand und streifte den Aermel seiner Jacke über den
Ellenbogen hinauf.

»Wollen Sie mich schlagen?« fragte Sascha verlegen und errötete
schuldbewußt.

Aber Ludmilla war ganz in Betrachtung des Armes versunken; sie drehte
ihn hin und her.

»Du hast sehr schöne Arme,« sagte sie laut und fröhlich und küßte den
Arm.

Sascha wurde ganz rot. Er wollte den Arm fortreißen, aber Ludmilla hielt
ihn sehr fest und küßte ihn noch einigemale. Sascha wurde ganz still,
und ein merkwürdiger Ausdruck legte sich um seine halblächelnden,
purpurnen Lippen, -- und eine Blässe flog über seine von dichten Wimpern
beschatteten, glühenden Wangen.

Sie verabschiedete sich. Sascha hatte Ludmilla bis zum Gartenpförtchen
begleitet. Er wäre auch weiter gegangen, aber sie erlaubte es nicht. Er
blieb am Pförtchen stehen und sagte:

»Liebste, komm öfter zu mir, und bring mir was recht Schönes, Süßes
mit.«

Dieses erste »Du« aus seinem Munde klang Ludmilla wie ein zartes
Liebesgeständnis. Sie umarmte ihn stürmisch, sie küßte ihn und lief
davon. Sascha blieb wie betäubt stehen.

                   *       *       *       *       *

Sascha hatte versprochen zu kommen. Die verabredete Stunde war schon
längst vorüber, -- er kam nicht. Ludmilla wartete ungeduldig,
sehnsüchtig -- bange. Immer wieder lief sie ans Fenster, wenn sie
draußen Schritte hörte. Die Schwestern lachten sie aus. Sie antwortete
gereizt und erregt:

»Laßt mich in Frieden!«

Und dann machte sie ihnen die heftigsten Vorwürfe, weil sie lachten.
Jetzt war es klar, -- Sascha würde nicht kommen. Sie weinte vor Kummer
und Enttäuschung.

»O weh, o weh, o der Kummer!« neckte sie Darja.

Ludmilla flüsterte schluchzend, -- und vergaß vor lauter Gram sich
darüber zu ärgern, daß man sie neckte:

»Die alte, eklige Schachtel hält ihn fest; sie bindet ihn an ihre Röcke,
damit er fleißig lernt.«

Darja sagte mitfühlend:

»Und er ist auch dumm genug und weiß sich nicht freizumachen.«

»Mit einem Baby sich einzulassen,« murmelte Valerie verächtlich.

Beide Schwestern verhielten sich teilnehmend zu Ludmillas Kummer,
obgleich sie sie neckten. Sie liebten alle einander, wenn auch nicht
herzlich, so doch zärtlich: eine oberflächliche, teilnehmende Liebe!
Darja sagte:

»Laß doch das Weinen; wegen eines grünen Jungen verdirbt man sich nicht
die Augen. Es ist doch wirklich beinah, als steckte der Satan hinter dem
Bengel.«

»Wer ist der Satan?« rief Ludmilla heftig und wurde dunkelrot vor Zorn.

»Liebes Kind,« antwortete Darja gelassen, »was hilft's, daß du jung
bist, nur ...«

Darja ließ den Satz unbeendet und pfiff schrill durch die Zähne.

»Unsinn!« sagte Ludmilla und ihre Stimme hatte einen merkwürdig
metallenen Klang.

Ein eigentümlich hartes Lächeln huschte trotz der Tränen über ihr
Gesicht; ein Lächeln ähnlich einem grell auffahrenden Strahl der
untergehenden Sonne durch letzte, müde Regenschauer.

Darja fragte empfindlich:

»Sag mir bitte, was ist an ihm interessant?«

Ludmilla antwortete nachdenklich und gemessen, -- und dasselbe
wunderliche Lächeln spielte um ihr Gesicht:

»Er ist schön! Und dann schlummert vieles in ihm, was noch nicht
verausgabt ist!«

»Gott, wie billig!« sagte Darja spöttisch. »Das dürfte bei allen Jungen
zutreffen.«

»Es ist nicht billig,« antwortete Ludmilla gereizt, »es gibt auch
gemeine Jungen.«

»Ist er vielleicht rein?« fragte Valerie; das Wort »rein« sagte sie
nachlässig und verächtlich.

»Du verstehst viel davon!« rief Ludmilla heftig, aber sie faßte sich
gleich und sagte leise und verträumt:

»Er ist unschuldig!«

»Was nicht gar!« sagte Darja höhnisch.

»Er ist im schönsten Alter,« sagte Ludmilla, »zwischen vierzehn und
fünfzehn. Noch kann er gar nichts und versteht auch nichts, aber er ahnt
alles, wirklich alles. Außerdem hat er keinen scheußlichen Bart.«

»Auch ein Vergnügen!« sagte Valerie verächtlich die Achseln zuckend.

Sie wurde traurig. Sie kam sich selber schwach, klein und zerbrechlich
vor, und beneidete die Schwestern, -- Darja wegen ihres fröhlichen
Lachens, und Ludmilla wegen ihres Kummers. Ludmilla sagte:

»Ihr wollt nicht begreifen! Ich liebe ihn nicht so, wie ihr es glaubt.
Es ist besser einen Knaben zu lieben als sich in eine gemeine, bärtige
Fratze zu vergaffen. Ich liebe ihn unschuldig. Ich will nichts von ihm.«

»Wenn du nichts von ihm willst, so laß ihn doch in Gottes Namen laufen!«
antwortete Darja grob.

Ludmilla wurde rot und etwas wie Schuldbewußtsein grub schwere Falten in
ihre Stirn. Darja taten ihre Worte leid. Sie trat auf Ludmilla zu,
umarmte sie und sagte:

»Sei nicht böse! wir wollten dich nicht kränken.«

Ludmilla brach in Tränen aus, schmiegte sich an Darjas Schulter und
sagte traurig:

»Ich weiß, daß ich nichts zu erhoffen habe. Er soll nur lieb zu mir
sein, ganz klein wenig lieb.«

»Wozu der Kummer!« sagte Darja hart, ging in die Mitte des Zimmers,
stemmte die Arme in die Seiten und sang laut:

   »Diese Nacht, diese Nacht
   Kam mein Liebster
   Ins Kämmerlein ...«

Valerie schüttelte sich vor Lachen. Und auch Ludmillas Augen blickten
fröhlicher und schelmisch. Sie lief schnell in ihr Zimmer, und
parfümierte sich mit einem lüsternen, betäubenden Parfüm, dessen Duft
sie sinnlich erregte.

Sie ging auf die Straße, ein wenig erregt, elegant und etwas
aufdringlich in ihrer leichten, duftigen Toilette. Vielleicht treffe ich
ihn, dachte sie. Und sie traf ihn.

»Halloh!« rief sie vorwurfsvoll und freudig.

Sascha wurde verlegen.

»Ich hatte wirklich keine Zeit,« sagte er bedrückt, »immer diese
Aufgaben, immer dies Lernen; wirklich, ich habe keine Zeit.«

»Du lügst, mein Junge, -- komm gleich mit!«

Er weigerte sich lachend, aber es war ihm anzusehen, daß er froh war,
mitkommen zu dürfen. So brachte ihn Ludmilla glücklich nach Hause.

»Da ist er!« rief sie triumphierend und führte Sascha in ihr Zimmer.

»Warte nur, jetzt will ich mit dir abrechnen,« drohte sie und
verriegelte die Tür, »niemand wird dich jetzt in Schutz nehmen.«

Sascha hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand verlegen in der
Mitte des Zimmers, ihm war sehr eigentümlich zumute. Es roch nach einem
ihm unbekannten, schweren Parfum. Alles schien so feierlich und süß, und
doch war etwas in diesem Geruch, das ihm zuwider war, das die Nerven
erregte, wie etwa die Berührung von kleinen, flinken, glatten Schlangen.



                                 XVIII


Peredonoff hatte eine Schülerwohnung besichtigt und kehrte jetzt heim.
Ein plötzlicher Regenschauer überraschte ihn. Er überlegte, wohin er am
besten gehen könne, um seinen neuen, seidenen Regenschirm der Nässe
nicht auszusetzen. Jenseits der Straße erblickte er an einem kleinen,
zweistöckigen Hause ein Schild mit der Aufschrift: Kontor. Notar
Gudajewskji. Der Sohn des Notars war in der zweiten Klasse des
Gymnasiums. Da beschloß Peredonoff hinzugehen und gleichzeitig den
Schüler bei seinen Eltern zu verklagen.

Beide, Vater und Mutter waren zu Hause. Man empfing ihn sehr aufgeregt
und geschäftig. Aber alles in diesem Hause wurde so betrieben.

Nikolai Michailowitsch Gudajewskji war nicht groß von Wuchs, kräftig
gebaut, schwarzhaarig, mit einer Glatze auf dem Kopf, und trug einen
langen, schwarzen Bart. Seine Bewegungen waren stets lebhaft und
überraschend: er ging nicht, man konnte fast sagen: er kam wie ein
Sperling angeschwirrt, und weder aus seinem Gesichtsausdruck noch aus
seiner jeweiligen Stellung ließ sich entnehmen, was er im allernächsten
Augenblick tun würde. So kam es z. B. vor, daß er mitten in einem
Geschäftsgespräch ein Bein in die Luft schnellte, was weniger komisch
wirkte, als daß es durch seine absolute Grundlosigkeit verblüffte. Zu
Hause, oder wenn er zu Besuch war, pflegte er lange Zeit ganz ruhig zu
sitzen, sprang dann plötzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund auf,
und ging eilig im Zimmer auf und ab, schrie, und stampfte mit dem Fuß.
Wenn er auf der Straße ging, so kam es vor, daß er plötzlich stehen
blieb, niederhuckte, sich setzte, oder einen Ausfall machte, oder sonst
eine turnerische Bewegung ausführte, und dann wieder weiterging. Er
liebte es in seinen Aktenstücken und Zeugnissen komische Randbemerkungen
zu machen: z. B. statt einfach -- Iwan Iwanowitsch Iwanoff wohnhaft am
Moskauer Platz, im Hause der Frau Jermiloff -- zu schreiben, wußte er
von Iwan Iwanowitsch Iwanoff, welcher am Bazarplatze wohnhaft ist, also
in jenem Stadtteil, der einem das Leben durch unerträglichen Gestank
unmöglich macht usw. -- zu berichten; mitunter erinnerte er daran, daß
jener Mann, dessen Unterschrift er hierdurch bestätige, Besitzer von so
und so viel Hühnern und Gänsen wäre.

Julia Petrowna Gudajewskaja war eine hochaufgeschossene, magere, dürre
Person; sie war sehr leidenschaftlich, sehr sentimental und erinnerte in
ihren Bewegungen, trotz der so ganz anders gearteten Größenverhältnisse,
an ihren Mann: auch ihre Bewegungen waren unvermittelt, und gar nicht zu
vergleichen mit den Bewegungen gewöhnlicher Leute. Sie pflegte sich sehr
jugendlich und farbenfreudig zu kleiden, und bei ihren geschwinden
Bewegungen wehten stets allerlei bunte Bänder mit denen sie ihre Frisur
und ihre Kleider verschwenderisch zu schmücken liebte, in alle
Richtungen.

Anton, -- ihr Sohn, -- ein flinker, hochaufgeschossener Junge, machte
eine artige Verbeugung. Man führte Peredonoff in den Salon und er begann
gleich gegen Anton Klage zu führen: er wäre faul, unaufmerksam, schwatze
und lache während des Unterrichts mit seinen Kameraden, und mache
während der Pausen dumme Streiche. Anton war sehr verwundert, -- er
hatte nicht geglaubt, ein so hartes Urteil zu verdienen, -- und
verteidigte sich mit Feuereifer. Auch die Eltern waren sehr erregt.

»Erlauben Sie mal,« schrie der Vater, »sagen Sie ganz genau, was seine
Unarten sind?«

»Nimm ihn nicht in Schutz,« schrie die Mutter, »er hat sich anständig zu
betragen.«

»Was hat er nun eigentlich verbrochen?« fragte der Vater; dabei rannte
er im Zimmer hin und her; rollte förmlich auf seinen kurzen Beinchen.

»So überhaupt,« sagte Peredonoff finster, »er treibt allerhand Unsinn,
balgt sich und hat es faustdick hinter den Ohren.«

»Ich habe mich nie gebalgt,« rief Anton kläglich, »fragen Sie wen Sie
wollen, -- ich habe mich nie gebalgt.«

»Er vertritt einem den Weg,« sagte Peredonoff.

»Schön,« sagte Gudajewskji energisch, »ich werde ins Gymnasium gehn und
den Inspektor fragen.«

»O Nikolaij, warum glaubst du denn nicht?« schrie Julia Petrowna,
»willst du, daß dein Sohn zum Verbrecher wird? Prügeln muß man ihn.«

»Unsinn! Unsinn!« schrie der Vater.

»Ich werde ihn züchtigen, ja das werde ich!« schrie die Mutter, packte
Anton an der Schulter und wollte ihn fortschleppen: »komm nur, komm,
mein Söhnchen, -- in der Küche will ich dich züchtigen.«

»Du wirst es nicht tun!« brüllte der Vater, und entriß ihr den Jungen.

Allein die Mutter gab nicht nach, Anton schrie verzweifelt, die Eltern
stießen einander.

»Helfen Sie mir, Ardalljon Borisowitsch,« schrie Julia Petrowna, »halten
Sie diesen Lumpen fest, bis ich mit Anton abgerechnet habe.«

Peredonoff kam ihr zu Hilfe. Aber Gudajewskji befreite seinen Sohn mit
einem starken Ruck, stieß seine Frau heftig zur Seite, stellte sich vor
Peredonoff hin und rief drohend:

»Kommen Sie nicht näher! Wenn zwei Hunde sich beißen, mag der dritte
fernbleiben! Unterstehn Sie sich!«

Der Schweiß floß ihm von der Stirn, seine Haare waren zerzaust, sein
Gesicht ganz rot vor Zorn, und mit geballter Faust fuchtelte er in der
Luft.

Peredonoff wich zurück und murmelte einige unverständliche Worte. Julia
Petrowna lief wie ein Kreisel um ihren Mann herum und bemühte sich Anton
zu fassen; der Vater deckte ihn mit seinem Rücken, zog ihn an den Händen
bald nach rechts bald nach links. Julia Petrownas Augen funkelten und
sie schrie:

»Ein Verbrecher wird er werden! Ins Zuchthaus wird er kommen! Nach
Sibirien wird man ihn schicken.«

»Halt's Maul!« schrie Gudajewskji, »bell nicht, böses Scheusal!«

»O, der Tyrann!« schrillte Julia Petrownas Stimme; sie sprang an den
Mann heran und schlug ihn mit der Faust auf den Rücken, dann stürzte sie
aus dem Zimmer.

Gudajewskji ballte die Fäuste und sprang gegen Peredonoff an.

»Sie sind hergekommen, um Zwietracht zu säen,« schrie er, »Anton macht
Dummheiten, -- was? Sie lügen, er macht keine Dummheiten. Würde er sich
schlecht betragen, so hätte ich es ohne Ihre Vermittlung längst
erfahren. Mit Ihnen wünsche ich überhaupt nicht mehr zu reden. Sie
schleichen durch die Stadt, und verstehen es vortrefflich, jeden dummen
Esel zu betrügen und die Jungen zu prügeln. Wollen wohl Prügelmeister
werden, -- he! Hier sind Sie an den Unrechten gekommen. Sehr geehrter
Herr, ich ersuche Sie, mein Haus zu verlassen!«

Während er so sprach, rückte er Peredonoff immer näher auf den Leib und
hatte ihn schließlich in eine Ecke gedrängt. Peredonoff war sehr
erschrocken und wäre froh gewesen, wenn er sich aus dem Staube hätte
machen können. Im Eifer des Gefechts hatte Gudajewskji nicht bemerkt,
daß er ihm den Weg vertrat. Anton hatte den Vater an den Rockschößen
gepackt und versuchte ihn fortzuziehen. Der Vater schrie ihn an und
schlug aus. Anton sprang geschickt zur Seite, ließ aber die Rockschöße
nicht los.

»Loslassen!« rief Gudajewskji, »Anton, hörst du!«

»Papachen,« rief Anton und fuhr fort, den Vater zurückzuziehen, »du
versperrst ihm den Weg.«

Gudajewskji sprang sofort zur Seite, -- Anton hatte kaum Zeit,
auszuweichen.

»Verzeihen Sie,« sagte Gudajewskji auf die Türe weisend, »hier ist die
Tür. Es liegt mir ferne, Sie zurückhalten zu wollen.«

Peredonoff schritt eilig aus dem Salon. Gudajewskji machte eine lange
Nase hinter ihm her und hob ein Bein in die Luft, als hätte er ihn
hinausgeworfen. Anton kicherte. Gudajewskji berief ihn zornig:

»Vergiß dich nicht Anton! Morgen noch fahre ich ins Gymnasium und sollte
er die Wahrheit gesagt haben, übergebe ich dich der Mutter zur
Züchtigung.«

»Ich habe nichts getan, er lügt,« sagte Anton kläglich.

»Vergiß dich nicht, Anton!« rief der Vater, »du darfst nicht sagen: er
lügt, sondern: er hat sich versehen. Nur kleine Jungen lügen; erwachsene
Leute können sich höchstens versehen.«

Unterdessen hatte Peredonoff in das halbdunkle Vorzimmer hinausgefunden,
hatte seinen Mantel genommen, und war gerade bemüht, ihn anzuziehen. In
der Erregung und Angst konnte er die Aermel nicht finden. Keiner kam ihm
zu Hilfe.

Plötzlich öffnete sich eine Seitentür und Julia Petrowna kam
hereingestürzt. Ihre Bänder rauschten und wehten, sie gestikulierte mit
den Händen, hüpfte auf den Fußspitzen und flüsterte leidenschaftlich.
Peredonoff konnte nicht gleich verstehen, was sie sagen wollte. »Ich bin
Ihnen dankbar,« begriff er endlich, »es war vornehm von Ihnen, daß Sie
kamen, und Ihre Teilnahme ist vornehm. Sonst sind alle Menschen so
gleichgültig, aber Sie haben es verstanden einem armen Mutterherzen
nachzufühlen. Es ist unendlich schwer, Kinder zu erziehen; unendlich
schwer! Sie haben gar keine Vorstellung davon, wie schwer es ist. Ich
habe zwei Kinder und weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Er ist ein
Tyrann, ein fürchterlicher, entsetzlicher Mensch, nicht wahr? Sie haben
ja selber gesehn?«

»Ja,« brummte Peredonoff, »es war sehr eigentümlich von Ihrem Mann. Das
geht doch nicht, ich bemühe mich um das Kind, und er ...«

»O reden Sie nicht,« flüsterte Julia Petrowna, »er ist ein
fürchterlicher Mensch. Er will mich unter die Erde bringen, würde sich
freuen darüber. Meine Kinder will er ins Verderben stürzen, meinen
lieben, guten Anton. Aber ich, -- ich bin die Mutter, das kann ich nicht
dulden, und ich werde ihn doch züchtigen.«

»Er wird es verbieten,« sagte Peredonoff, und machte mit dem Kopf eine
Bewegung zum Salon hin.

»Aber er wird in den Klub gehen. Da kann er den Anton nicht mitnehmen.
Ich werde so lange schweigen, -- als wäre ich mit allem einverstanden,
-- bis er sich aufgemacht hat. Ist er fort, so werde ich den Jungen
züchtigen und Sie werden mir dabei helfen. Nicht wahr, Sie werden mir
doch helfen?«

Peredonoff dachte nach. Dann sagte er:

»Gut, aber wie soll ich wissen -- wann?«

»Ich werde nach Ihnen schicken,« zischelte Julia Petrowna freudig
erregt, »verlassen Sie sich darauf, kaum ist er in den Klub gegangen,
werde ich es Sie wissen lassen.«

                   *       *       *       *       *

Am Abend erhielt Peredonoff ein Briefchen von der Gudajewskaja. Er las:

   »Verehrter Ardalljon Borisowitsch!

   Mein Mann ist soeben in den Klub gegangen und bis ein Uhr nachts
   bin ich den Tyrannen los. Seien Sie so liebenswürdig und kommen
   Sie so schnell als möglich um mir bei der Züchtigung meines
   mißratenen Kindes beizustehen. Ich muß es in vollem Umfange
   anerkennen, daß man ihn aus erzieherischen Gründen strafen
   muß, solange er noch jung ist; später dürfte es erfolglos sein.

                                    Ihre Sie aufrichtig hochschätzende
                                                   Julia Gudajewskaja.

   P. S. Bitte kommen Sie recht bald, sonst geht der Junge zu Bett,
   und wir müßten ihn wecken.«

Peredonoff machte sich eilig auf den Weg. Um den Hals legte er sich
einen warmen Schal und ging.

»Wohin gehst du bei nachtschlafender Zeit?« fragte Warwara.

»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff finster und stampfte hinaus.

Warwara überlegte betrübt, daß sie wieder eine unruhige Nacht haben
würde. Könnte man ihn doch dazu bewegen, recht bald zu heiraten. Dann
würde sie schlafen können in der Nacht, am Tage -- wann sie nur wollte.
Wie wundervoll wäre das.

                   *       *       *       *       *

Auf der Straße kamen Peredonoff Bedenken. Vielleicht ist das ganze nur
eine Falle. Gudajewskji ist zu Hause. Beide werden mich packen und mich
schlagen. Vielleicht ist es besser, ich kehre wieder um? Doch nein, bis
zu ihrem Hause will ich gehen, -- das Weitere wird sich dann finden!

Die Nacht war still, kühl und sehr dunkel. Sie umhüllte einen von allen
Seiten, und man wagte seinen Fuß nur zögernd vorwärts zu setzen. Ein
frischer Duft wehte von den Feldern herüber. Im Grase an den Zäunen
raschelte es verstohlen und wisperte; alles ringsum war gespenstisch und
unheimlich. Vielleicht verfolgte ihn jemand, schlich ihm nach? Alle
Gegenstände verbargen sich im nächtlichen Grauen, als wäre in ihnen ein
neues, dunkles Leben erwacht, das der Mensch nicht zu begreifen vermag
und das ihm feindlich begegnet.

Peredonoff ging leise durch die Straßen und flüsterte:

»Es ist nichts zu sehen. Doch ich habe nichts Unrechtes vor. Was ich
tue, tue ich aus Pflichtgefühl. So ist es.«

Endlich stand er vor dem Hause des Notars. Nur in einem Fenster war
Licht, -- sonst war alles dunkel. Ganz leise und vorsichtig stieg er die
wenigen Stufen empor, die zum Flur führten. Er blieb stehen, legte sein
Ohr an die Tür und horchte, -- alles blieb still. Ganz leicht berührte
er den Messinggriff der Glocke, -- in der Ferne hörte man einen
schwachen, zitternden Laut. Aber so schwach er auch war, -- er erfüllte
Peredonoff mit Entsetzen, als müßten alle feindlichen Mächte von diesem
Laut erwachen, und dieser einen Tür, vor der er stand, zueilen.
Peredonoff lief geschwind die Stufen hinab und drückte sich an die
Mauer.

Einige Augenblicke vergingen. Sein Herz krampfte sich zusammen und
arbeitete schwer.

Dann hörte man leise Schritte und das Geräusch einer geöffneten Tür, --
Julia Petrowna spähte vorsichtig auf die Straße und in der Dunkelheit
schienen ihre schwarzen, lüsternen Augen zu funkeln.

»Wer ist da?« fragte sie laut flüsternd.

Peredonoff trat ein wenig vor und versuchte von unten durch den schmalen
Türspalt zu blicken. Alles war dunkel und still. Dann fragte er ebenso
flüsternd, -- und seine Stimme zitterte:

»Ist Nikolaij Michailowitsch fort?«

»Er ist fort, er ist fort!« flüsterte Julia Petrowna und nickte mit dem
Kopf.

Peredonoff blickte sich ängstlich um und folgte ihr ins dunkle Vorhaus.

»Verzeihen Sie,« flüsterte Julia Petrowna, »ich nahm kein Licht mit. Man
hätte uns sehen können. Gerüchte verbreiten sich schnell.«

Sie ging voran und Peredonoff folgte ihr über einige Stufen in den Gang.
Dort brannte ein kleines Lämpchen und beleuchtete matt die obersten
Stufen. Julia Petrowna kicherte froh und leise, und ihre Bänder
zitterten und raschelten von diesem Lachen.

»Er ist fort,« flüsterte sie freudig, sah sich um und warf Peredonoff
einen heißen, lüsternen Blick zu. »Ich fürchtete schon, er würde zu
Hause bleiben, aus lauter Wut. Dann hielt er es nicht aus ohne sein
Whistspiel. Auch das Dienstmädchen habe ich fortgeschickt, -- nur
Lieschens Kindermädchen ist geblieben, -- sonst stört uns noch jemand!
Die Menschen von heute sind ja so! ...«

Von Julia Petrowna wehte es heiß, und sie selber war heiß und dürr, wie
ein glimmender Span. Sie faßte Peredonoff einigemal am Arm, und von
dieser raschen, flackernden Bewegung schienen flinke, flackernde
Flämmchen über seinen Körper zu gleiten.

Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlichen sie durch den Gang vorbei, an
einigen geschlossenen Türen und vor der letzten blieben sie stehen ...

                   *       *       *       *       *

Um Mitternacht ging Peredonoff heim. Jeden Augenblick konnte ihr Mann
zurückkommen. Verdrießlich und traurig ging er durch die dunklen
Straßen. Es schien ihm als hätte die ganze Zeit über jemand vor dem
Hause gestanden, der ihm jetzt folgte. Er murmelte:

»Ich war da in dienstlicher Angelegenheit. Ich bin unschuldig. Sie
selber wollte es so. Mich wirst du nicht hintergehn, -- da bist du an
den Unrechten geraten.«

Warwara schlief noch nicht, als er heimkam. Vor ihr lagen Karten
ausgebreitet.

Peredonoff schien es, als hätte jemand durch die Tür schlüpfen können,
während er eingetreten war ... Vielleicht hatte Warwara selber einen
Feind eintreten lassen ... Peredonoff sagte:

»Du willst Karten legen, während ich schlafe? Das paßt mir nicht, gib
die Karten her; du willst mich behexen!«

Er nahm die Karten und versteckte sie unter seinem Kopfkissen. Warwara
grinste und sagte:

»Hanswurst! Ich versteh ja gar nicht zu hexen, wozu auch!«

Ihr Lachen ärgerte ihn und machte ihn bange: es bedeutet, dachte er, daß
sie auch ohne Karten hexen kann. Dort unter dem Bett reckt sich der
Kater und seine grünen Augen funkeln. Hexen kann man, wenn man im
Dunkeln über sein Fell streicht, daß die Funken stieben. Dort unter dem
Schrank treibt sich das schreckliche, graue gespenstische Tierchen um,
vielleicht versteht Warwara es anzulocken, wenn sie in den Nächten so
leise pfeift, daß man fast glauben könnte, sie schnarche nur.

Peredonoff hatte einen fürchterlichen, drückenden Traum: Pjilnikoff war
gekommen, stand auf der Schwelle, winkte ihm und lächelte. Eine geheime
Kraft trieb ihn zu ihm hin; er folgte ihm und Pjilnikoff führte ihn
durch dunkle, schmutzige Straßen, der Kater lief ihm zur Seite und seine
grünen, bösen Augen leuchteten ...



                                  XIX


Die Absonderlichkeiten in Peredonoffs Benehmen machten den Direktor
Chripatsch von Tag zu Tag besorgter. Er fragte den Schularzt ernstlich,
ob Peredonoff nicht den Verstand verloren hätte. Der Arzt antwortete
lachend, Peredonoff besäße überhaupt nichts, was sich verrücken ließe
und aus purer Dummheit triebe er allerlei Merkwürdiges. Dann liefen
Klagen ein. Erst vom Fräulein Adamenko: sie übersandte dem Direktor ein
Heft ihres Bruders mit der schlechtesten Note für eine gutgeschriebene
Arbeit.

Während einer Pause bat der Direktor Peredonoff in sein Sprechzimmer.

Wahrhaftig, man könnte meinen, er ist verrückt, dachte Chripatsch, als
er die Spuren von Angst und Entsetzen in Peredonoffs stumpfem, finsterem
Gesichte sah.

»Ich habe ein Anliegen an Sie,« sagte er kalt und schnell. »Jedesmal
dröhnt mir der Kopf, wenn ich neben Ihnen Unterricht zu erteilen habe,
-- weil in Ihrer Klasse so übermäßig gelacht wird. Darf ich Sie
vielleicht ersuchen, Unterricht nicht vorwiegend heiteren Inhalts zu
erteilen. Scherzen und nur scherzen, ja wie soll das enden?«

»Ich bin nicht schuld daran,« sagte Peredonoff böse, »sie lachen von
selber. Außerdem kann man nicht nur über das Tüpfelchen auf dem I und
über Kantemirs Satyren reden; dann sagt man wohl ein überflüssiges
Wörtchen und die ganze Bande grinst. Man hält sie zu locker. Strammer
sollte man sie anfassen.«

»Es ist wünschenswert und sogar unbedingt erforderlich, daß die Arbeiten
im Gymnasium mit Ernst betrieben werden,« sagte Chripatsch trocken.
»Dann noch eins.«

Er zeigte Peredonoff zwei Hefte und fuhr fort:

»Hier sind zwei Arbeiten zweier Ihrer Schüler aus ein und derselben
Klasse, -- die eine wurde von meinem Sohn geliefert, die andere -- von
Adamenko. Ich nahm Gelegenheit, die beiden Arbeiten zu vergleichen, und
kann nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß Sie sich nicht aufmerksam
zu Ihren Pflichten verhalten. Adamenkos Arbeit, die durchaus
befriedigend ist, haben Sie mit der schlechtesten Note zensiert, während
meines Sohnes Arbeit, die bedeutend schlechter ist, eine gute Note
erhalten hat. Augenscheinlich haben Sie sich versehen, -- dem einen
Schüler die Note des andern gegeben und umgekehrt. Irren ist zwar
menschlich, doch bitte ich in Zukunft, solche Versehen tunlichst zu
vermeiden, denn sie erregen eine sehr begründete Unzufriedenheit, sowohl
bei den Eltern, als bei den Schülern.«

Peredonoff murmelte einige unverständliche Worte ...

Aus Wut behandelte er seine Schüler in den darauffolgenden Stunden sehr
schlecht, insbesondere die Jüngeren, die auf seine Klagen hin bestraft
worden waren, so z. B. den Kramarenko. Der schwieg und wurde bleich --
trotz seiner dunklen Gesichtsfarbe, -- und seine Augen blitzten.

Kramarenko beeilte sich nicht nach Hause zu kommen, als die Stunden um
waren. Er stand an der Pforte und sah sich die Leute an, die hinaus
gingen. Als Peredonoff kam, folgte ihm der Junge in größerem Abstande,
und wartete, bis die wenigen Passanten vorübergegangen waren.

Peredonoff ging langsam. Das trübe Wetter stimmte ihn traurig. Der
Ausdruck seines Gesichtes wurde von Tag zu Tage stumpfer. Sein Auge
schien bald etwas in der Ferne Liegendes zu suchen, bald irrte es unstät
umher. Es schien so als suchte er etwas, das hinter den Dingen läge und
darum verdoppelten sich diese Dinge in seinen Augen, wurden trübe und
gespenstisch.

Wonach suchten seine Augen?

Nach Spionen. Sie waren überall versteckt, zischelten, lachten. Seine
Feinde hatten ihm eine ganze Armee von Spionen auf die Fersen gehetzt.
Manchmal bemühte er sich, sie alle abzufangen. Aber sie fanden immer
noch Zeit zu entfliehen, -- in einem Augenblick waren sie alle davon,
als hätte sie die Erde verschluckt ...

Peredonoff hörte, wie ein fester, kühner Schritt auf dem Bürgersteige
ihm nacheilte; er sah sich erschreckt um, -- Kramarenko ging jetzt hart
neben ihm und blickte ihn entschlossen und böse mit seinen flammenden
Augen an. Er war bleich und schmächtig, und wie ein kleiner Wilder, der
sich bereit macht, einen Feind zu überfallen.

Peredonoff zitterte vor seinem Blick.

Er wird mich beißen! -- dachte er.

Er ging schneller, -- Kramarenko blieb an seiner Seite; -- er ging
langsamer, -- auch Kramarenko ging langsamer. Da blieb er stehen und
knurrte ärgerlich:

»Was willst du von mir, Satansbengel! Warte nur, ich werde dich gleich
zum Vater führen.«

Auch Kramarenko war stehen geblieben und hörte nicht auf Peredonoff
anzublicken. Jetzt standen die beiden einander gegenüber auf dem
Brettersteig einer menschenleeren Straße, dicht an einem grauen, zu
allem Lebendigen sich jedenfalls sehr gleichgültig verhaltenden Zaune.
Kramarenko zischte, am ganzen Leibe bebend:

»Schuft!«

Dann lachte er auf und wandte sich, um fortzugehen. Er machte etwa drei
Schritte, blieb dann wieder stehen und wiederholte lauter:

»Schuft! Schweinehund!«

Dann spuckte er aus und ging seiner Wege. Peredonoff sah ihm böse nach
und machte sich dann auf den Heimweg. Verworrene, trübe Gedanken quälten
ihn.

Die Werschina rief ihn an. Sie stand hinter dem Zaun in ihrem Garten,
hatte sich ein großes, schwarzes Tuch umgebunden und rauchte. Peredonoff
erkannte sie nicht gleich. Im ersten Augenblick schien ihm ihre Gestalt
drohend und unheilverkündend, -- eine schwarze Hexe stand da, dunkler
Rauch stieg von ihr auf, und sie murmelte Beschwörungsformeln. Er
spuckte aus und schlug ein Kreuz. Die Werschina lachte und fragte:

»Was haben Sie nur, Ardalljon Borisowitsch?«

Peredonoff blickte sie stumpf an und sagte endlich:

»Ach, Sie sind es! Ich hatte Sie gar nicht erkannt.«

»Das ist von guter Vorbedeutung: Ich werde bald reich werden,« sagte die
Werschina.

Peredonoff gefiel das nicht: er wollte selber reich werden.

»Na ja,« sagte er böse, »wozu brauchen Sie Reichtümer. Es langt schon,
was Sie haben.«

»Ich werde das große Los gewinnen,« sagte die Werschina und lächelte
schief.

»O nein, _ich_ werde es gewinnen,« behauptete Peredonoff.

»Dann werde ich in der ersten Ziehung gewinnen, und Sie in der zweiten,«
sagte die Werschina.

»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Das kommt überhaupt nicht vor,
daß zwei Leute in derselben Stadt gewinnen. Ich sagte schon, daß _ich_
gewinnen werde.«

Die Werschina merkte, daß er sich ärgerte, und hörte auf zu
widersprechen. Sie öffnete das Pförtchen und lockte ihn herein:

»Warum stehen wir eigentlich hier. Kommen Sie doch herein. Murin ist
eben da.«

Der Name Murin erinnerte Peredonoff an etwas sehr Angenehmes: Imbiß und
Schnaps. Darum ging er mit.

Im Salon war es halbdunkel wegen der Bäume, die draußen dicht vor dem
Hause wuchsen. Außer Martha, die heute besonders gut aufgelegt schien
und sich ein seidenes Tüchlein mit einem roten Bande um den Hals
gebunden hatte, war noch Murin da, -- auch er schien gut gelaunt, --
sein Haar war noch zerzauster, als es sonst zu sein pflegte, -- und der
schon ziemlich erwachsene Gymnasiast Witkewitsch: er machte der
Werschina den Hof, weil er glaubte, daß sie in ihn verliebt wäre.
Außerdem ging er mit dem Gedanken um das Gymnasium zu verlassen, die
Werschina zu heiraten und dann ihr kleines Gut zu bewirtschaften.

Murin stand auf, um Peredonoff zu begrüßen. Er ging ihm mit
übertriebener Höflichkeit entgegen, sein Gesicht strahlte, die kleinen
Aeuglein blinkten vergnügt, -- und das alles paßte durchaus nicht zu
seiner ungeschlachten Figur, zu den zerzausten Haaren in denen hie und
da kleine Strohhalme hängen geblieben waren.

»In Geschäften bin ich da,« sagte er laut und heiser, »überall habe ich
zu tun; bei dieser Gelegenheit verwöhnten mich die Damen hier mit einem
Täßchen Tee.«

»Ach was, Geschäfte,« sagte Peredonoff gereizt, »was haben Sie für
Geschäfte? Sie sind nicht im Staatsdienst und verdienen sich das Geld
einfach so. Da könnte ich ein anderes Liedchen singen.«

»Geschäfte sind eben nichts anderes als fremdes Geld,« sagte Murin laut
lachend.

Die Werschina lächelte schief und bat Peredonoff, Platz zu nehmen. Der
Tisch vor dem Sofa war dicht bestellt mit Gläsern, Teetassen,
Saftschalen und Tellern. Außerdem stand darauf ein silberner
Filigrankorb, dessen Boden mit einer kleinen, weißen Serviette bedeckt
war, auf der süßes Gebäck und Mandelkuchen lagen, -- und eine Flasche
Rum.

Witkewitsch hatte sich auf ein kleines, muschelförmiges Glastellerchen
eine umfangreiche Portion Saft gelegt. Mit sichtlichem Vergnügen aß
Martha ein Stück Kuchen nach dem andern; Murins Teeglas roch stark nach
Rum und die Werschina bewirtete Peredonoff, doch er wollte nicht Tee
trinken.

»Sie wollen mich vergiften,« dachte er. »Es ist am bequemsten, einen so
aus der Welt zu schaffen. Man trinkt und merkt nichts; es gibt ja auch
süße Gifte, -- dann kommt man nach Hause und verreckt.«

Er ärgerte sich darüber, daß man für Murin Saft gebracht hatte, und es
nicht für nötig gehalten hatte, als er gekommen war, eine bessere Sorte
auf den Tisch zu stellen. Denn, überlegte er, -- sie haben allerhand
Saft auf Lager, nicht nur Schellbeeren.

Es verhielt sich in der Tat so, daß die Werschina gegen Murin ganz
besonders zuvorkommend war. Sie war zu der Erkenntnis gekommen, daß von
Peredonoff nicht mehr viel zu erwarten wäre, und suchte daher schon seit
einiger Zeit nach einem andern passenden Freier für Martha. Der
halbverwilderte Gutsbesitzer war es müde geworden, sich um junge Damen
zu bewerben, die ihm gar nicht entgegenkommen wollten und, weil ihm
Martha gefiel, so folgte er den Aufforderungen der Werschina gerne.

Auch Martha war froh; -- war es doch ihr einziger Gedanke, sich zu
verloben, dann zu heiraten und ihren eigenen Hausstand zu haben. Darum
machte sie verliebte Augen, wenn sie Murin sah. Dieser vierzigjährige
Riese mit seiner groben Stimme und dem ein wenig einfältigen Gesicht,
schien ihr das Vorbild aller männlichen Kraft, Schönheit, Güte und
Ritterlichkeit zu sein.

Peredonoff bemerkte die verliebten Blicke, die Murin und Martha
wechselten; er bemerkte es einfach aus dem Grunde, weil er erwartet
hatte, daß Martha ihre Aufmerksamkeit ihm selber zuwenden würde.

Aergerlich sagte er:

»Da sitzt er, als wäre er ein Bräutigam und strahlt übers ganze
Gesicht.«

»Vor lauter Freude,« sagte Murin fröhlich und lebhaft, »weil ich meine
Geschäfte so gut geregelt habe.«

Er warf den Damen einen verständnisvollen Blick zu. Beide lächelten
freundlich. Peredonoff zwinkerte verächtlich mit den Augen und fragte:

»Du hast dich wohl verlobt? Wie groß ist die Mitgift?«

Murin sagte, ohne diese Fragen zu beachten:

»Natalie Aphanassjewna wird meinen Buben zu sich in Pension nehmen, Gott
möge sie dafür segnen. Er wird hier wie in Abrahams Schoß leben und ich
kann ganz ruhig sein, daß er nicht verdorben wird.«

»Er wird zusammen mit Wladja dumme Streiche machen,« sagte Peredonoff
mürrisch, »sie werden das Haus anzünden.«

»Er soll sich nur unterstehn!« rief Murin energisch, »seien Sie ganz
unbesorgt, verehrte Natalie Aphanassjewna: er wird sich so betragen, als
wäre er auf Draht gezogen.«

Die Werschina wollte diesem Gespräch ein Ende machen, lächelte schief
und sagte:

»Ich habe so ein Verlangen nach etwas Saurem.«

»Wollen Sie Preiselbeeren mit Aepfeln? Soll ich bringen?« fragte Martha
und sprang eilig auf.

»Ja vielleicht bringen Sie, bitte!«

Martha lief hinaus. Die Werschina sah ihr nicht einmal nach, -- sie
hatte sich daran gewöhnt, Marthas Diensteifer als etwas ganz
Selbstverständliches hinzunehmen. Sie saß still und ganz zurückgelehnt
auf dem Sofa, rauchte in dichten, blauen Wolken und verglich die beiden
Männer miteinander, den mürrischen, stumpfen Peredonoff und den
fröhlichen, lebhaften Murin.

Murin gefiel ihr bei weitem mehr. Er hatte ein gutmütiges Gesicht,
Peredonoff konnte nicht einmal freundlich lächeln. Murin gefiel ihr
überhaupt in allen Stücken: er war groß, kräftig gebaut, zuvorkommend,
hatte eine angenehme, tiefe Stimme und begegnete ihr mit größter
Ehrerbietung. Mitunter überlegte die Werschina, ob es nicht vorteilhaft
wäre, wenn sie selber Murin heiraten würde. Solche Gedanken endeten aber
immer mit einem großmütigen Verzicht ihrerseits zu Marthas Gunsten.

»Jeder wird mich zur Frau nehmen,« dachte sie, vor allem, weil ich Geld
habe, da kann ich wählen, wen ich will. Diesen jungen Mann da z. B.
könnte ich ganz gut heiraten, und ihr Blick streifte wohlwollend das
bleiche und gemeine, doch aber nicht unschöne Gesicht Witkewitschs. Der
saß da, redete nur wenig, aß viel, blickte die Werschina an und lächelte
gemein.

Martha brachte den Preiselbeersaft mit Aepfeln in einem irdenen Gefäß.
Dann erzählte sie von einem Traum, den sie in der vergangenen Nacht
gehabt hätte: sie wäre auf der Hochzeit einer Freundin gewesen; hätte
Ananas und Pfannkuchen mit Honig gegessen und in dem einen Pfannkuchen
einen Hundertrubelschein gefunden. Man hätte ihr aber das Geld
fortgenommen, und sie wäre darüber in Tränen ausgebrochen. Dann wäre sie
aufgewacht.

»Sie hätten das Geld unauffällig beiseite schieben müssen,« sagte
Peredonoff verdrießlich, »wenn Sie nicht einmal im Traum ihr Geld zu
halten wissen, wie wollen Sie dann überhaupt wirtschaften?«

»Na an dem Gelde ist nicht viel verloren,« sagte die Werschina, »träumen
kann man doch weiß Gott von allem Möglichen.«

»Aber es tut mir so furchtbar leid, daß ich das Geld nicht behalten
durfte,« sagte Martha treuherzig, »denken Sie nur, ganze hundert Rubel!«

Ihr traten die Tränen in die Augen, und sie lachte gezwungen, um nicht
weinen zu müssen. Murin suchte eifrig in seinen Taschen und rief:

»Es soll Ihnen nicht leid tun, teuerste Martha Stanislawowna, es soll
Ihnen nicht leid tun. Wir wollen es gleich wieder gut machen.«

Er nahm einen Hundertrubelschein aus seiner Brieftasche, legte ihn vor
Martha hin, schlug mit der Hand darauf und rief:

»Wenn ich bitten darf! Den soll Ihnen keiner fortnehmen.«

Martha freute sich, dann wurde sie plötzlich sehr rot und sagte
verlegen:

»Aber Wladimir Iwanowitsch, ich bitte Sie; so war es doch gar nicht
gemeint. Ich kann es nicht annehmen; wirklich nicht!«

»Tun Sie mir den Gefallen, und zürnen Sie mir nicht,« sagte Murin
lächelnd und ließ das Geld liegen, »lassen Sie doch den Traum zur
Wahrheit werden.«

»Nein, nein; es geht wirklich nicht; ich schäme mich so, ich kann es
unter gar keinen Umständen annehmen,« weigerte sich Martha und blickte
gierig auf die Banknote.

»Was zieren Sie sich, wenn man's Ihnen doch gibt,« sagte Witkewitsch,
»es ist doch wirklich so, als wenn das Glück den Menschen in den Schoß
fällt,« und neidisch blickte er auf das Geld.

Murin hatte sich vor Martha hingestellt und bat sehr herzlich:

»Liebste Martha Stanislawowna, glauben Sie doch nur, ich geb's von
Herzen gerne; bitte, bitte nehmen Sie es doch. Und wollen Sie es nicht
geschenkt haben, -- so sei es dafür, daß Sie auf meinen Jungen acht
geben werden. Was ich mit Natalie Aphanassjewna besprochen habe, bleibt
so wie es ist, und dieses hier ist dann für _Ihre_ Bemühungen um den
Jungen.«

»Aber es ist doch viel zu viel,« sagte Martha unsicher.

»Fürs erste Halbjahr,« sagte Murin und machte eine sehr tiefe
Verbeugung, »nehmen Sie es doch und bringen Sie meinem Jungen viel Liebe
entgegen.«

»Nun, Martha, nehmen Sie es doch,« sagte die Werschina, »und bedanken
Sie sich bei Wladimir Iwanowitsch.«

Martha wurde rot vor Freude und nahm das Geld.

Murin dankte ihr zu wiederholten Malen.

»Machen Sie nur gleich Hochzeit,« sagte Peredonoff wütend, »das wird
billiger sein. So das Geld zum Fenster hinauszuwerfen!«

Witkewitsch mußte lachen, die andern taten, als hätten sie nichts
gehört. Dann fing die Werschina an, von Träumen zu erzählen, -- aber
Peredonoff wollte nichts mehr hören und verabschiedete sich. Murin lud
ihn zum Abendessen ein.

»Ich muß zum Abendgottesdienst in die Kirche,« sagte Peredonoff.

»Ardalljon Borisowitsch ist neuerdings so eifrig im Kirchenbesuch,«
sagte die Werschina und lachte trocken.

»Das war immer der Fall,« antwortete er, »ich glaube an Gott, nicht so
wie andere Leute. Es ist möglich, daß ich im Gymnasium der einzige bin.
Darum verfolgt man mich auch. Der Direktor ist ein Atheist.«

»Aber kommen Sie doch, wenn Sie einen freien Abend haben,« sagte Murin.

Peredonoff knüllte seine Mütze und sagte böse:

»Ich habe überhaupt keine Zeit.«

Dann aber erinnerte er sich an die vorzüglichen Getränke und Speisen bei
Murin und sagte:

»Am Montag kann ich kommen.«

Murin war entzückt und forderte auch die Werschina und Martha auf.
Peredonoff sagte aber:

»Die Frauenzimmer sollen zu Hause bleiben. Sonst betrinkt man sich noch
und läßt ein Wörtchen fallen, das die Zensur nicht passiert hat, und das
ist unbequem in Gegenwart von Damen.«

Als Peredonoff gegangen war, sagte die Werschina schmunzelnd:

»Ein merkwürdiger Kauz, dieser Ardalljon Borisowitsch. Er möchte um
alles Inspektor werden, doch scheint ihn Warwara an der Nase zu führen.
Darum beträgt er sich so läppisch.«

Wladja kam heraus, -- solange Peredonoff da war hielt er sich versteckt,
-- und sagte schadenfroh:

»Des Schlossers Söhne haben irgendwo erfahren, daß Peredonoff sie
angegeben hat.«

»Sie werden ihm die Fensterscheiben einwerfen!« meinte Witkewitsch und
lachte.

                   *       *       *       *       *

Alles auf der Straße erschien Peredonoff feindlich und drohend. Ein
Hammel stand an einem Kreuzwege und glotzte ihn stumpfsinnig an. Dieser
Hammel erinnerte so auffallend an Wolodin, daß Peredonoff erschrak. Er
dachte, Wolodin hätte sich in den Hammel verwandelt, um ihn zu
verfolgen.

»Warum sollte das nicht möglich sein,« dachte er, »woher können wir das
wissen. Es könnte wohl möglich sein. Die Wissenschaft ist noch nicht so
weit, aber dieser oder jener weiß es doch. Die Franzosen z. B. sind ein
gebildetes Volk, und doch gibt es in Paris Zauberer und Magier.«

Ihm wurde bange.

Dieser Hammel da könnte ausschlagen, dachte er.

Das Tier blökte. Das klang gerade so wie Wolodins Lachen: häßlich,
durchdringend, abgerissen.

Ein wenig weiter traf er den Gendarmerieoberst. Peredonoff trat auf ihn
zu und sagte flüsternd:

»Geben Sie acht auf die Adamenko. Sie korrespondiert mit Sozialisten;
sie ist vielleicht selber eine.«

Rubowskji schwieg und sah ihn erstaunt an.

Peredonoff ging weiter und dachte traurig: »Was läuft er mir immer in
den Weg? Er beobachtet mich wohl, -- und überall hat er Schutzleute
aufgestellt.«

Die schmutzigen Straßen, die zerfallenen Häuser, der bewölkte Himmel,
die bleichen, in Lumpen gehüllten Kinder -- das alles mußte traurig
stimmen. Eine tiefe Schwermut lastete auf ihm.

»Ein miserables Nest,« dachte er, »und die Menschen hier sind böse und
gemein; ich muß mich in eine andere Stadt versetzen lassen; da werden
sich alle Lehrer demütig vor mir verbeugen, und die Schüler werden vor
mir zittern und flüstern: der Inspektor kommt. Es ist eine ganz andere
Sache, wenn man erst Vorgesetzter ist.«

»Der Herr Inspektor des zweiten Bezirkes im Gouvernement Ruban,«
flüsterte er, »der Herr Staatsrat Peredonoff, hochwohlgeboren.« -- Und
weiter, -- »man muß die Menschen nur zu nehmen wissen: Seine Exzellenz
der Herr Direktor sämtlicher Volksschulen im Gouvernement Ruban, der
wirkliche Staatsrat Peredonoff. Hut ab! Den Abschied einreichen! Fort!
Wartet nur, ich will euch dressieren!«

Peredonoffs Gesicht wurde gemein und herrisch. In seiner spärlichen
Einbildung hielt er sich für einen großen, mächtigen Herren.

                   *       *       *       *       *

Als er nach Hause kam und seinen Ueberzieher im Vorhause ablegte, hörte
er im Speisezimmer das abgerissene, schneidende Gelächter Wolodins. Da
wurde er mutlos.

»Er ist schon wieder da,« dachte er, »vielleicht beredet er mit Warwara,
wie sie mich umbringen sollen. Darum lacht er auch, er freut sich, daß
Warwara mit ihm einer Meinung ist.«

Gereizt und traurig ging er ins Eßzimmer. Der Tisch war schon gedeckt.
Warwara kam ihm besorgt entgegen.

»Bei uns ist was passiert,« rief sie, »der Kater ist verschwunden.«

»Nanu!« entfuhr es Peredonoff und Entsetzen packte ihn. »Warum habt ihr
ihn laufen lassen?«

»Ich kann ihn doch nicht mit dem Schwanz an meinen Rock binden!« sagte
Warwara ärgerlich.

Wolodin kicherte. Peredonoff dachte, daß der Kater vielleicht zum
Gendarmerieoberst gelaufen wäre und dort alles, was er über ihn wußte,
herschnurren würde, alles, z. B. wohin und warum er des Nachts
ausgegangen war, -- davon wird er schnurren und noch von anderen Dingen,
die nie geschehen sind. Schrecklich! Peredonoff setzte sich an den
Tisch, er hielt den Kopf gebeugt und zerknitterte das Tischtuch. Was er
dachte war traurig und unheimlich.

»Es ist eine alte Geschichte, daß die Katzen aus der neuen Wohnung in
die frühere zurücklaufen,« sagte Wolodin, »weil die Katzen sich an das
Haus gewöhnen, aber nicht an ihre Herren. Man muß eine Katze schwindelig
drehen, wenn man sie in die neue Wohnung bringt, und den Weg darf man
ihr auch nicht zeigen, sonst läuft sie unbedingt fort.«

Das beruhigte Peredonoff.

»Du glaubst also, daß er in die alte Wohnung zurückgelaufen ist?« fragte
er.

»Unbedingt, unbedingt,« antwortete Wolodin.

Peredonoff erhob sich und rief:

»Darauf trinken wir eins, Pawluschka!«

Wolodin kicherte.

»Trinken wir eins,« wiederholte er, »trinken kann man stets und gerne.«

»Aber der Kater muß wieder hergeschafft werden,« bestimmte Peredonoff.

»So ein Schatz!« antwortete Warwara lachend; »nach dem Essen will ich
das Mädchen hinüberschicken.«

Das Essen wurde aufgetragen. Wolodin war ausgelassen, lachte und
schwatzte. Sein Lachen klang Peredonoff genau so wie das Blöken jenes
Hammels, den er auf der Straße getroffen hatte.

Warum führt er Böses gegen mich im Schilde? dachte Peredonoff. Was hat
er nur davon?

Dann kam es ihm in den Sinn, Wolodin würde sich besänftigen lassen.

»Hör mal, Pawluschka,« sagte er, »wenn du versprichst, nichts gegen mich
zu unternehmen, werde ich dir wöchentlich ein Pfund Bonbons schenken;
von der feinsten Sorte! Lutsch daran auf mein Wohl!«

Wolodin lachte auf; dann wurde er gleich wieder ernst, machte ein
gekränktes Gesicht und sagte:

»Ich habe keineswegs im Sinne, dir zu schaden, Ardalljon Borisowitsch;
außerdem will ich keine Bonbons, weil ich sie gar nicht mag.«

Peredonoff ließ den Mut sinken. Warwara sagte lachend:

»Laß doch die Dummheiten, Ardalljon Borisowitsch! Wodurch sollte er dir
denn schaden?«

»Jeder Idiot kann einem was anhaben!« sagte Peredonoff gedehnt.

Wolodin streckte seine Unterlippe vor, schüttelte den Kopf und sagte:

»Wenn Sie, Ardalljon Borisowitsch, so über mich zu denken belieben, so
kann ich darauf nur erwidern: ich danke Ihnen bestens! Wenn Sie so über
mich denken, was bleibt mir dann zu tun übrig? Wie habe ich das zu
verstehen und in welchem Sinne?«

»Sauf Schnaps, Pawluschka, und gib mir auch einen,« sagte Peredonoff.

»Nehmen Sie es ihm nicht übel, Pawel Wassiljewitsch,« versuchte Warwara
Wolodin zu beruhigen, »er redet nur so in den Tag herein. Er weiß ja
selber nicht, was er spricht.«

Wolodin schwieg still, machte immer noch ein gekränktes Gesicht und goß
Schnaps aus der Flasche in die Gläser. Warwara sagte:

»Wie kommt es nur, Ardalljon Borisowitsch, daß du den Schnaps trinkst,
den er dir eingeschenkt hat? Er könnte ihn doch z. B. behext haben, --
siehst du nicht, er murmelt etwas, seine Lippen bewegen sich.«

Peredonoff erschrak. Er ergriff das Glas, in welches Wolodin eben erst
eingeschenkt hatte, spritzte den Inhalt gegen die Wand und murmelte
hastig eine Beschwörungsformel.

Dann wandte er sich zu Wolodin, drohte ihm mit der Faust und sagte
wütend:

»Ich bin schlauer als du!«

Warwara lachte aus vollem Halse. Wolodin sagte mit gekränkter,
zitternder Stimme, -- es klang tatsächlich wie ein Blöken:

»_Sie_ kennen allerhand Zaubersprüche, Ardalljon Borisowitsch, und
benutzen sie auch; ich habe mich aber niemals mit der Magie abgegeben.
Ich bin weder gewillt noch imstande, Ihren Schnaps und gleichviel was
für Dinge zu behexen; hingegen scheint es mir nicht unmöglich, daß Sie
selber mir alle Bräute forthexen.«

»Noch was,« sagte Peredonoff böse, »was mach ich mit deinen Bräuten, da
kann ich mir schon was Besseres aussuchen.«

»Geben Sie acht,« fuhr Wolodin fort, »Sie sitzen im Glashause und werfen
mit Steinen!«

Peredonoff faßte erschreckt nach seiner Brille:

»Was redest du da,« brummte er, »deine Zunge geht wie ein Mühlrad.«

Warwara blickte Wolodin vorwurfsvoll an und sagte ärgerlich:

»Reden Sie keinen Unsinn, Pawel Wassiljewitsch; essen Sie Ihre Suppe,
sonst wird sie kalt. Ein Schwätzer sind Sie!«

Im stillen dachte sie, daß Ardalljon Borisowitsch vielleicht recht daran
getan hätte, sich zu verschwören. Wolodin schwieg still und aß seine
Suppe. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Wolodin mit gekränkter
Stimme:

»Ich habe heute nicht umsonst geträumt, daß man mich mit Honig
zuschmierte. Sie, Ardalljon Borisowitsch, haben mich beschmutzt.«

»Ihnen muß man noch ganz anders kommen,« sagte Warwara böse.

»Was habe ich denn getan? Ich möchte es doch gerne erfahren. Mir
scheint, ich bin durchaus unschuldig,« sagte Wolodin.

»Sie haben ein niederträchtiges Maulwerk,« erklärte Warwara. »Man soll
nicht alles aussprechen, was einem auf die Zunge kommt: -- alles zu
seiner Zeit.«



                                   XX


Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer
Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe
über dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe
Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn
sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte
sich wieder.

Man spielte lange und trank viel. Es war schon spät in der Nacht, als
Gudajewskji plötzlich auf Peredonoff zustürzte, ihn ohne weitere
Erklärung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille
zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso plötzlich und verließ das
Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich
betrunken, ließ sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rüttelte ihn
auf und brachte ihn nach Hause.

Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affäre.

Am selben Abend hatte Warwara endlich eine günstige Gelegenheit
gefunden, um von Peredonoff den ersten gefälschten Brief zu entwenden.
Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei
einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden
wären. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, --
heute aber hatte er ihn ganz zufällig vergessen: als er sich umkleidete,
hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf
die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben.

Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina.

Als Peredonoff spät in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die
zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Gläser wären von selber
geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die böse Zunge Wolodins wäre schuld
daran. Auch Peredonoff glaubte an die böse Zunge Wolodins.

Uebrigens hörte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle
Einzelheiten über die Prügelei im Klub.

Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er
konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung
schrie er:

»Warwara, wo ist der Brief?«

Warwara verlor die Fassung.

»Was für ein Brief?« fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und
böse an.

»Von der Fürstin!« schrie Peredonoff.

Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lächelte gemein und
sagte:

»Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen
und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht
steckt er irgendwo.«

Peredonoff ging in trübster Stimmung in das Gymnasium. Die
Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an
Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschämte Bengel unterstehen, ihn
einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der
Schüler hat keinen Respekt vor ihm -- dem Lehrer. Vielleicht hatte der
Junge etwas Schlimmes über ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte
er ihn angeben.

Während des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und
lächelte. Das erregte Peredonoff noch mehr.

Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts
Gutes, aber er ging.

Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute
morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub
erzählt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schüler Wolodja
Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich über Peredonoff zu beschweren: auf
Peredonoffs Angaben hin hätte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun
fürchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit ähnlichen
Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt.

Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff
Mitteilung von den Gerüchten, die zu ihm gedrungen waren, »es sind
zuverlässige Quellen,« fügte er hinzu, nämlich, daß Peredonoff die
Schüler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern
durchaus unzuverlässige Angaben mache über Betragen und Fortschritte der
Kinder und außerdem verlange, man solle den Jungen züchtigen. Hieraus
ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern,
wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji.

Peredonoff hörte wütend und doch geängstigt zu. Jetzt schwieg
Chripatsch.

»Nun, was ist denn dabei,« sagte Peredonoff böse, »er geht mit den
Fäusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste
Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche,
glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man
muß ihn denunzieren, -- er ist Sozialist.«

Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich:

»Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was
Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung »an einen Affen glauben«
zu meinen belieben. Ich glaube, man täte gut daran, die
Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern.
Bezüglich der Ihnen widerfahrenen Kränkung aber würde ich es für ratsam
erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im übrigen täten Sie
vielleicht gut daran, -- Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben.
Das wäre der beste Ausweg, -- sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in
dem des Gymnasiums.«

»Ich will Inspektor werden,« entgegnete Peredonoff böse.

»Bis zu jenem Zeitpunkte aber,« fuhr Chripatsch fort, »haben Sie Ihre
merkwürdigen Spaziergänge einzustellen. Sie müssen doch zugeben, daß ein
solches Betragen einem Pädagogen nicht geziemt, außerdem aber die
Autorität der Lehrer bei den Schülern untergräbt. In die
Schülerwohnungen gehn, um die Jungen zu prügeln, -- das ...«

Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern.

»Was ist denn dabei?« entgegnete Peredonoff wiederum, »ich tue es doch
zu ihrem Besten.«

»Ich bitte, wir wollen nicht streiten,« unterbrach ihn Chripatsch
schroff, »ich verlange von Ihnen ein für allemal, daß solche Sachen sich
nicht wiederholen.«

Peredonoff blickte den Direktor böse an.

Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung
festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch
die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob
nirgend Dinge wären, deretwegen man ihn hätte denunzieren können.

»Es scheint, alles ist in Ordnung,« dachte er: »verbotene Bücher sind
nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die
Kaiserbilder hängen am Ehrenplatze an der Wand.«

Plötzlich fiel es ihm ein, daß das Porträt Mizkewizschs an der Wand
hing.

Da hätte ich schön hereinfallen können, dachte er erschreckt, nahm das
Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das
Porträt Puschkins, welches nun wieder in das Eßzimmer aufrückte.

Puschkin war immerhin hoffähig, dachte er, während er das Bild am Nagel
befestigte.

Dann fiel es ihm ein, daß man am Abend Karten spielen würde, und er
beschloß, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur
einmal benutzt worden war und blätterte es durch, als suche er nach
etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so
merkwürdige Augen.

In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, daß die Karten
so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine
nichtswürdige Pik-sechs sah so unverschämt drein und watschelte
unanständig daher.

Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den
Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr
so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann
öffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese
Arbeit verrichtete er ängstlich umherspähend, als fürchte er von jemand
ertappt zu werden.

Zu seinem Glück hatte Warwara in der Küche zu tun und ließ sich im
Wohnzimmer nicht blicken, -- wie hätte sie auch eine solche Menge von
Speisen unbeaufsichtigt lassen können: Klawdja hätte es sofort
ausgenutzt. Wenn sie etwas im Eßzimmer brauchte, so schickte sie
Klawdja. Jedesmal wenn das Mädchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen,
versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wäre er eifrig
dabei, eine Patience zu legen.

Während nun Peredonoff auf diese Weise bemüht war, die Könige und Damen
ihres Sehvermögens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein
peinliches Ereignis.

Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen
hatte, um ihn ein für allemal loszusein, -- hatte die Jerschowa
gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, daß man den Hut mit Absicht
dagelassen hatte: ihre früheren Mieter haßten sie, und da ist es doch
sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, daß jene, um sich zu rächen,
etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, daß
sich keine Mieter für die leerstehende Wohnung mehr fänden. Aergerlich
und geängstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der
Zauberei stand.

Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle,
düstere Worte, spuckte kräftig und sagte:

»Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein
mächtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, -- und will seine
Kraft zähmen, daß er sich krümmen soll.«

Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schönes Geldgeschenk
von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten
rothaarigen Jungen, den sie treffen würde, mit der Weisung zu übergeben,
ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn
davonzulaufen.

Es traf sich so, daß der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf,
einer der beiden Schlossersöhne war, die etwas gegen Peredonoff im
Schilde führten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge
erhielt einen Fünfer und machte sich ein Vergnügen daraus, dem Auftrage
nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse
unterwegs den Hut gehörig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei
Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so
geschwind davon, daß sie ihn nicht erkennen konnte.

Während nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat
Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung
zitternder Stimme:

»Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!«

Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen.
Denselben Hut, den er glaubte für immer losgeworden zu sein, sah er in
Warwaras Händen, -- bestaubt, verknüllt und in einem Zustande, der seine
frühere Herrlichkeit nur ahnen ließ. Starr vor Entsetzen konnte er nur
stammeln:

»Woher? woher?«

Warwara erzählte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem
flinken Jungen erhalten hatte, der plötzlich vor ihr aufgetaucht war, um
dann ebenso plötzlich zu verschwinden. Sie sagte:

»Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen
lassen. Bestimmt!«

Peredonoff murmelte unverständliche Worte und seine Zähne schlugen
hörbar aneinander. Die trübsten Befürchtungen und Vorahnungen quälten
ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen
lief flink hin und her, hin und her, und kicherte.

                   *       *       *       *       *

Die Gäste waren frühzeitig gekommen. Sie hatten viele Kuchen, Aepfel und
Birnen mitgebracht.[10] Warwara empfing alles freudestrahlend, und nur
um der guten Sitte zu genügen, sagte sie ein Mal ums andere:

»Aber ich bitte! Warum haben Sie sich so bemüht?«

Schien es ihr aber, als hätte dieser oder jener etwas Billiges oder
Schlechtes gebracht, so ärgerte sie sich. Auch gefiel es ihr nicht, wenn
zwei Gäste ein und dasselbe brachten.

[Fußnote 10: Es ist in Rußland Sitte, Bekannten, die in eine neue
Wohnung gezogen sind, ein Gastgeschenk zu machen.]

Ohne viel Zeit zu verlieren, setzte man sich an die Kartentische. Man
spielte an beiden Tischen das Pochspiel.

»Was ist denn das!« rief die Gruschina, »mein König ist blind.«

»Und auch meine Dame ist geblendet,« sagte die Prepolowenskaja und
betrachtete aufmerksam ihre Karten, »und der Bube auch.«

Nun machten sich alle daran, ihre Karten zu untersuchen. Prepolowenskji
sagte:

»Also darum schien es mir die ganze Zeit so, als wären die Karten rauh.
Ich fühle und denke -- hat der Kerl aber ein rauhes Hemd an, und nun
kommt es heraus, daß es von diesen Löchern ist. Da hat er nun
tatsächlich ein rauhes Hemd an.«

Alles lachte; nur Peredonoff blieb finster. Warwara sagte schmunzelnd:

»Sie wissen doch, -- Ardalljon Borisowitsch hat immer so merkwürdige
Einfälle!«

»Warum hast du es getan?« fragte Rutiloff laut lachend.

»Wozu brauchen sie Augen?« sagte Peredonoff bedrückt, »sie sollen nicht
sehen.«

Alle lachten, nur Peredonoff blieb traurig und schweigsam. Es schien
ihm, als schmunzelten und zwinkerten die geblendeten Bilder aus ihren
Löchern, die sie statt der Augen hatten.

»Vielleicht,« dachte er, »sehen sie jetzt mit den Nasenlöchern.«

Auch heute war ihm das Glück nicht hold, und die Gesichter der Könige,
Damen und Buben schienen ihn höhnisch und böse anzustarren; die Pik-Dame
knirschte sogar mit den Zähnen; wahrscheinlich war sie ungehalten
darüber, daß er sie geblendet hatte.

Und als Peredonoff einmal vollständig verloren hatte, packte er das
ganze Spiel und zerriß es wütend in lauter kleine Fetzen. Die Gäste
wälzten sich vor Lachen. Warwara sagte schmunzelnd:

»So ist er immer; wenn er getrunken hat, wird er absonderlich.«

»Mit anderen Worten: wenn er besoffen ist?« sagte die Prepolowenskaja
giftig, »hören Sie nur, Ardalljon Borisowitsch, was Ihr Schwesterchen
von Ihnen sagt.«

Warwara wurde rot und antwortete gereizt:

»Das ist Wortklauberei!«

Die Prepolowenskaja lächelte und schwieg.

Man nahm ein neues Spiel und spielte weiter. Plötzlich ertönte ein
lautes Krachen, -- eine Fensterscheibe sprang klirrend und ein Stein
schlug hart vor Peredonoff zu Boden.

Unter dem Fenster hörte man leises Flüstern, Lachen und dann Schritte,
die sich eilig entfernten. Alle sprangen erregt von ihren Plätzen; die
Frauen kreischten, -- wie sie es gewöhnlich immer in solchen Fällen zu
tun pflegen. Man hob den Stein auf, betrachtete ihn sorgfältig und
ängstlich, keiner aber wagte es, ans Fenster zu gehen; -- erst schickte
man Klawdja auf die Straße und als sie mitgeteilt hatte, daß kein Mensch
zu sehen wäre, begaben sich alle ans Fenster und besahen die
zerschlagene Scheibe. Wolodin sprach die Vermutung aus, ein Gymnasiast
hätte den Stein geworfen. Das schien allen wahrscheinlich zu sein und
man blickte Peredonoff bedeutungsvoll an. Peredonoff machte ein
mürrisches Gesicht und brummte in den Bart. Die Gäste sprachen dann
darüber, wie ungezogen und verwildert die Kinder von heute wären.

Die eigentlichen Schuldigen waren natürlich nicht Gymnasiasten, sondern
die Söhne des Schlossers.

»Der Direktor hat sie dazu angestiftet,« erklärte Peredonoff plötzlich,
»er sucht ewig nach Händeln und weiß gar nicht mehr, was er sich
ausdenken soll, um mir was anzuhaben.«

»Das hast du dir wunderbar ausgedacht,« rief Rutiloff laut lachend.

Alle lachten, aber die Gruschina sagte:

»Ja, was denken Sie denn; er ist ein so boshafter und schlechter Mensch,
daß man ihm alles zutrauen kann. Natürlich tut er es nicht selber, aber
so beiläufig, durch seine Söhne z. B. gibt er einen kleinen Wink ...«

»Und daß er adelig ist, besagt noch nichts,« blökte Wolodin dazwischen,
»gerade von den Adeligen lassen sich solche Stückchen erwarten.«

Manche von den Gästen hielten das nicht für unmöglich, -- und hörten auf
zu lachen.

»Du hast Unglück mit Glas, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff,
»bald wird dir die Brille zerschlagen, bald ein Fenster zertrümmert.«

Dieser Witz hatte einen neuen Heiterkeitsausbruch zur Folge.

»Scherben bedeuten Glück,« sagte die Prepolowenskaja verhalten lächelnd.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff und Warwara zu Bett gingen, glaubte er, daß sie gegen ihn
etwas im Schilde führe; er nahm alle Gabeln und Messer und versteckte
sie unter dem Bett. Er lallte schon halb im Schlafe:

»Ich kenne dich; du willst mich heiraten und mich denunzieren, um mich
dann los zu sein. Dann wirst du eine Pension erhalten und mich wird man
in der Festungsmühle zu Brei zermahlen.«

In der Nacht träumte er unruhig. Lautlos neckten ihn fürchterliche
Gestalten, -- es waren lauter Könige und Buben, und sie schwangen
drohend ihre Keulen. Sie flüsterten und suchten sich vor ihm zu
verstecken. Ganz leise krochen sie unter sein Kopfkissen.

Aber dann wurden sie kühner und kamen wieder hervor. In unzähligen
Mengen liefen sie immer rings um ihn herum und sprangen vom Bett auf das
Kopfkissen, vom Kopfkissen auf den Boden und dann wieder aufs Bett. Sie
zischelten und neckten ihn, schnitten entsetzliche, unheimliche Fratzen
und verzogen den garstigen Mund zu widerlichem Grinsen. Peredonoff sah,
daß sie alle nur klein und schmächtig waren; sie konnten ihn nicht
töten; aber sie machten sich über ihn lustig, und ihr Erscheinen
bedeutete Unglück. Darum fürchtete er sich und murmelte einige
unzusammenhängende Sätze aus Beschwörungsformeln, die er als Kind beim
Spielen gelernt hatte; dann fuchtelte er mit den Händen, um sie zu
vertreiben, er schrie sie an mit heiserer, befehlender Stimme.

Davon erwachte Warwara und fragte ärgerlich:

»Warum brüllst du so; du läßt mich nicht schlafen?«

»Die Pikdame hat ein Zwillichtuch um und läßt nicht ab von mir,«
flüsterte er.

Warwara stand brummig auf und gab ihm einige Tropfen zur Beruhigung.

                   *       *       *       *       *

Im Lokalanzeiger des Städtchens erschien ein Aufsatz des Inhaltes, daß
Madame K... die kleinen Gymnasiasten, die bei ihr in Pension lebten,
Söhne aus den besten Adelsfamilien des Landes, zu schlagen pflege. Der
Notar Gudajewskji trug diese Nachricht grollend von Haus zu Haus.

Dann tauchten auch andere, geradezu unglaubliche Gerüchte über das
städtische Gymnasium auf: man erzählte von einem jungen Fräulein, das
sich als Schüler verkleidet hätte, -- und ganz allmählich kam es so
weit, daß Pjilnikoff und Ludmilla zusammen genannt wurden.

Sascha wurde von seinen Kameraden damit geneckt; er machte sich nicht
viel daraus, dann verteidigte er Ludmilla mit Eifer und versicherte, nie
wäre etwas Derartiges vorgefallen, wie man ihr und ihm nachsagte.

Einerseits hatte das zur Folge, daß er sich schämte, Ludmilla zu
besuchen, andererseits zog es ihn um so stärker hin: ein merkwürdiges
Gefühl brennender Scham und höchster Lust erregte ihn, und erfüllte alle
seine Gedanken mit verschwommenen, leidenschaftlichen Vorstellungen.



                                  XXI


Peredonoff und Warwara aßen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam
ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tür und guckte durchs Schlüsselloch.
Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flüsterte:

»Der Briefträger. Man muß ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen
Brief.«

Peredonoff nickte schweigend, -- wahrhaftig -- um ein Gläschen Schnaps
sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief:

»Kommen Sie herein, Briefträger!«

Er kam ins Eßzimmer, wühlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er
nach einem Brief. Warwara goß Schnaps in ein großes Glas und schnitt ein
Stück von der Pastete ab. Der Briefträger schielte gierig danach.
Peredonoff überlegte unterdessen, wem dieser Mensch so außerordentlich
ähnlich sähe. Endlich fiel es ihm ein, -- es war ja derselbe rothaarige,
finnige Kerl, der ihm neulich noch über den Weg gelaufen war.

»Eine schlechte Vorbedeutung,« dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in
der Tasche und drohte dem Briefträger heimlich.

Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara.

»Für Sie,« sagte er ehrerbietig, dankte für den Schnaps, leerte das Glas
auf einen Zug, räusperte sich, nahm das Stück Pastete und ging.

Warwara drehte den Brief in ihren Händen und reichte ihn dann ungeöffnet
Peredonoff.

»Lies; ich glaube, er ist wieder von der Fürstin,« sagte sie
schmunzelnd, »sie ist ins Schreiben reingekommen. Würde sie dir lieber
eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.«

Peredonoffs Hände zitterten. Er zerriß den Umschlag und überflog den
Brief. Dann sprang er auf und brüllte:

»Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu wählen. Hurra,
Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!«

Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot,
seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine
merkwürdig große, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu.
Er rief:

»Nun kann's losgehen, -- wir machen Hochzeit!«

Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch
herum und stampfte.

»Den Russischen!« rief er.

Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff
hockte nieder und tanzte vor ihr her.

Wolodin trat ein und blökte fröhlich:

»Der Herr Inspektor _in spe_ beliebt sich im Nationaltanze zu
versuchen.«

»Tanz, Pawluschka!« rief Peredonoff.

Klawdja stand an der Tür und sah zu. Wolodin rief laut lachend:

»Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will
unterhalten sein!«

Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte
flott vor ihr her, -- bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er
auf und klatschte in die Hände. Besonders fein gelang es ihm, die Knie
vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hände zu klatschen. Der Fußboden
dröhnte unter seinen Absätzen. Klawdja freute sich einen so geschickten
Tänzer zu haben.

Man war müde geworden und setzte sich an den Tisch, während Klawdja
fröhlich lachend in die Küche lief. Man trank Schnaps und Bier,
zerschlug Gläser und Flaschen, schrie, lachte, küßte und umarmte
einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, --
Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen.

Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen
den Brief. Ohne Zweifel -- der Brief machte großen Eindruck. Man besah
ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde blaß, murmelte etwas und spie aus.

»Ich war dabei, als ihn der Briefträger brachte!« sagte Peredonoff. »Ich
selber habe ihn geöffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.«

In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der
Fürstin!

Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmäßig
und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein
Gesicht war ganz ausdruckslos, -- so ausdruckslos wie das einer Puppe,
-- nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer.

                   *       *       *       *       *

Der Tag war heiß und klar. Martha saß in der Laube und strickte an einem
Strumpf. Unklare, gottesfürchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mußte
sie an ihre Sünden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf
erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden
traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Maße, als die Möglichkeit sie
in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im
Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als große, weißgekleidete
Puppen, die schön und glänzend waren, und ihr Belohnungen versprachen.
In den Händen hielten sie klappernde Schlüsselbünde; sie waren mit
Brauttüchern bekleidet.

Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur
wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen
bewegten sich, als stießen sie lautlose Drohungen aus; es schien, daß,
wenn sie ein Wort aussprechen würde, etwas Schreckliches geschehen
müßte. Martha erriet, daß diese Gestalt das Gewissen war. Diese
merkwürdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte
schwarze Augen, schwarzes Haar, -- und nun begann sie zu sprechen, --
schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer ähnlicher.
Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie
gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf -- und wieder
umfingen sie Träume.

War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenüber saß und
schnell, deutlich, aber doch unverständlich erzählte und an etwas
merkwürdig Duftendem rauchte, -- dieses entschlossene, ruhige Wesen, das
zu erwarten schien, daß alles nach ihrem Willen geschähe? Martha
versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, --
und jene lächelte eigentümlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und
her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha
Angst hatte.

Eine laute Unterhaltung weckte sie.

In der Laube stand Peredonoff und begrüßte sich laut mit der Werschina.
Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten
nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das
Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es überhaupt nicht da zu
sein?

»Sie haben sozusagen geschlummert,« sagte ihr Peredonoff, »Sie haben aus
vollen Nüstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.«

Martha verstand diesen Kalauer nicht, lächelte aber, denn sie hatte an
dem Lächeln der Werschina gemerkt, daß von etwas gesprochen wurde, was
komisch sein sollte.

»Man müßte Sie Lotte nennen und nicht Martha,« fuhr Peredonoff fort.

»Warum denn?« fragte Martha.

»Weil Sie so >laut< schnarchen.«

Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte:

»Ich weiß eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.«

»Was für eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, näheres darüber zu
erfahren,« sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um
die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was
denn? zu verkleiden.

»Raten Sie,« sagte Peredonoff düster, triumphierend.

»Wie soll ich es erraten,« antwortete die Werschina. »Sagen Sie es
einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.«

Peredonoff war es unangenehm, daß man nicht raten wollte. Er schwieg und
saß stumpf und schwerfällig da, in ungeschickter Haltung, und blickte
starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lächelte schief, dabei
bleckte sie ihre gelben Zähne.

»Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten,« sagte sie nach kurzem
Stillschweigen, »ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen.
Martha, holen Sie geschwind die Karten.«

Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie böse zurück.

»Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht nötig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie
sich selber und lassen Sie mich in Ruh'. Auf Ihren Leisten werden Sie
mich doch nicht umschlagen. Na -- ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie
werden die Mäuler aufsperren.«

Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte
Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus
der Hand zu geben.

»Sehen Sie,« sagte er, »hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.«

Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen
blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina
schäumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte
mit der Fürstin geglaubt, und nun mußte sie einsehen, daß Marthas
Angelegenheit endgültig verspielt war. Sie lächelte schief und gezwungen
und sagte:

»Nun, -- es ist Ihr Glück.«

Martha saß da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht
und lächelte fassungslos.

»Hab' ich's gewonnen?« sagte Peredonoff schadenfroh. »Sie hielten mich
für einen Idioten, nun erweist es sich, daß ich der Klügere war. Sie
redeten z. B. vom Kuvert, -- da ist es. Nein, nein -- die Sache hat ihre
Richtigkeit.«

Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut,
-- und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwürdig
gleichgültig, als wäre er ein Fremder -- und ganz teilnahmlos für seine
eigenen Angelegenheiten.

Die Werschina und Martha wechselten spöttisch-verlegene Blicke.

»Was sehen Sie einander so an!« sagte Peredonoff grob, »da gibt es
nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele
junge Dämchen haben mir nachgestellt.«

Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, -- und Martha war froh,
daß sie fort konnte. Als sie über die Kieswege lief, die mit buntem,
herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In
der Nähe des Hauses traf sie Wladja, der barfuß ging, -- da wurde sie
noch fröhlicher und vergnügter.

»Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher,« sagte sie lebhaft mit
gedämpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses.

Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rückkehr zu warten, verabschiedete
sich plötzlich.

»Ich habe keine Zeit,« sagte er, »ich muß heiraten, und nicht etwa
Bastschuhe flechten.«

Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und
verabschiedete sich sehr kühl. Sie war außerordentlich aufgebracht:
immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, daß
Peredonoff Martha nehmen würde. In dem Falle hätte sie Murin geheiratet.
Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen.

Martha mußte es büßen! An diesem Tage weinte sie viel.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette
anstecken. Plötzlich sah er einen Schutzmann, -- der stand an einer
Straßenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig.

»Wieder so ein Spitzel,« dachte er, »die suchen nur, wo sie einem am
Zeuge flicken können.«

Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann
heran und fragte schüchtern:

»Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf -- ist das Rauchen hier erlaubt?«

Der Schutzmann grüßte mit der Hand an der Mütze und erkundigte sich
zuvorkommend:

»Das heißt, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?«

»Ein Zigarettchen,« erklärte Peredonoff, »ich meine: ist es erlaubt, ein
Zigarettchen zu rauchen?«

»Diesbezüglich haben wir keinerlei Vorschriften,« antwortete der
Schutzmann ausweichend.

»Wirklich nicht?« fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang
traurig.

»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heißen, es ist nicht befohlen,
Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und daß eine diesbezügliche
Vorschrift erlassen wäre, ist mir unbekannt.«

»Falls dem so ist, laß ich es lieber bleiben,« sagte Peredonoff
unterwürfig. »Ich bin durchaus politisch unverdächtig. Ich werfe sogar
die Zigarette fort. Ich bin nämlich Staatsrat.«

Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der
Befürchtung, er hätte vielleicht doch ein überflüssiges Wort gesagt,
ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschüttelnd
nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr hätte wohl eins über
den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder
friedlich an seinen Sonnenblumensamen.

»Die Straße hat sich auf den Kopf gestellt,« murmelte Peredonoff.

Die Straße führte bergan auf einen kleinen Hügel, dann senkte sie sich
wieder und diese Biegung der Straße zwischen zwei kleinen Hütten
zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein
Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne
Hoffnung.

Die Aeste der Bäume hingen tief über die Zäune, drohend und spöttisch.
An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf
Peredonoff.

Plötzlich erschallte hinter einer Straßenecke Wolodins meckerndes
Gelächter, er trat vor, um Peredonoff zu begrüßen. Dieser blickte ihn
düster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und
plötzlich verschwunden war.

»Natürlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock,« dachte er. -- »Woher
sonst die Aehnlichkeit, und außerdem kann man nicht unterscheiden, ob er
meckert oder lacht.«

Diese Gedanken beschäftigten ihn so sehr, daß er gar nicht darauf hörte,
was Wolodin erzählte.

»Warum schlägst du aus, Pawluschka,« fragte er traurig.

Wolodin wies die Zähne, meckerte und antwortete:

»Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrüßte
ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat üblich,
mit den Händen auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit
den Füßen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu
bemerken, nur die Pferdchen.«

»Du stößt vielleicht mit Hörnern,« brummte Peredonoff.

Wolodin fühlte sich gekränkt und sagte mit zitternder Stimme:

»Noch sind mir keine Hörner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es
ist möglich, daß Ihnen früher als mir Hörner wachsen werden.«

»Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los,« sagte
Peredonoff böse.

»Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete
Wolodin eifrig, »so kann ich auch schweigen.«

Er trug eine gekränkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem
blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag
gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu können:
man hatte ihn nämlich am Morgen, in der ersten Freude über den Brief,
eingeladen.

Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon
im Vorhause merkte man, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, --
denn in den Zimmern hörte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe.
Peredonoff glaubte, das Essen wäre noch nicht gerichtet: man hätte ihn
kommen sehn, wäre erschrocken über die Verzögerung und beeilte sich nun.
Es berührte ihn angenehm, daß man sich vor ihm fürchtete. Es erwies sich
aber, daß etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus
gelaufen und schrie:

»Der Kater ist wieder da!«

Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie
gewöhnlich unordentlich gekleidet: -- eine fleckige Bluse über einem
grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen;
das Haar zerzaust und schlecht gekämmt. Aufgeregt erzählte sie:

»Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam
irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der
Kater hat Schellen am Schwanz, -- die bimmeln und lärmen. Jetzt ist er
unter dem Sofa und will nicht heraus.«

Peredonoff zitterte.

»Was soll man da tun?« fragte er.

»Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch,« bat Warwara, »stochern Sie ihn unter
dem Sofa heraus.«

»Wird besorgt, wird besorgt,« kicherte Wolodin und ging in den Saal.

Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen
vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den
Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wütend und lief in die Küche.

Peredonoff war müde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte
sich in den Sessel, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen
auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet, die Beine übereinander
geschlagen, das Gesicht verdrießlich und unbeweglich.

Den zweiten Brief der Fürstin bewahrte Peredonoff mit größerer Sorgfalt
als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn
aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete
scharf darauf, daß keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn
niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte,
sorgfältig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines
Rockes steckte, den er dann fest zuknöpfte. Dabei blickte er streng und
von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach.

»Warum trägst du ihn immer bei dir?« fragte Rutiloff zuweilen lachend.

»Für alle Fälle,« erklärte Peredonoff finster, »wer kennt sich aus! Ihr
stehlt ihn noch.«

»Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien,« sagte Rutiloff, lachte
und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu störende, hochmütige
Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als
gewöhnlich. Oft prahlte er:

»Nun werde ich Inspektor. Ihr könnt hier versauern; ich aber werde zwei
Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!«

Er war fest davon überzeugt, daß er in kürzester Zeit die neue Stelle
antreten würde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal
versprochen:

»Ich werde dich schon herausreißen, Freund!«

Das hatte zur Folge, daß der Lehrer Falastoff mit außerordentlicher
Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte.



                                  XXII


Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen
sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel öfter, als notwendig
war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin.
Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Säulen:
von dort guckten sie vor und bemühten sich, ihn zum Lachen zu bringen.
Er aber widerstand der Versuchung.

Das Lachen, -- das leise Lachen, Gekicher und Geflüster der
Rutiloffschen Mädchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal
ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mädchen dicht vor
seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, -- ihn so zu
vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff.

Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es
aus dem Weihrauch hervorschoß; seine kleinen Aeuglein blitzten in
Flammen, und mit einem leisen Pfeifen schoß es durch die Luft, dann aber
glitt es zu Boden und tummelte sich zu Füßen der Kirchenbesucher, machte
sich über Peredonoff lustig und quälte ihn unablässig. Natürlich wollte
es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schluß des
Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese
hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung.

Die gottesdienstlichen Verrichtungen, -- die nicht etwa allein dem
Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen,
innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, -- waren Peredonoff ganz
unverständlich. Darum fürchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch
erschreckte ihn, -- er sah nur die rätselhaften Rauchgebilde.

»Warum schwenkt er das Rauchfaß?« -- dachte er.

Die Gewänder der Geistlichen hielt er für grobe, lästig-bunte Lappen,
und wenn er auf den reichgeschmückten Priester blickte, so ärgerte er
sich, und ihn kam die Lust an, das Meßgewand zu zerreißen, die heiligen
Gefäße zu zerschlagen. Die wirklichen Gebräuche und Mysterien schienen
ihm böse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu
betören, zu knechten.

»Er hat die Hostie in den Wein gebrockt,« -- dachte er böse über den
Priester, -- »ein billiges Weinchen, sie betrügen das Volk, um mehr Geld
für ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.«

Das ewige Mysterium der Verwandlung gewöhnlichen Weines und Brotes zu
einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm für immer
verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines
Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben
an die Zauberei!

Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein
einfältiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mädchen, lächelte
und plauderte flott. Peredonoff überlegte, daß es unpassend wäre, wie
sich dieser junge Mann in Gegenwart des künftigen Inspektors gehen
ließe. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich,
ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er
eine Dienstmütze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschloß, dies zur
Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch der Inspektor
Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte:

»Ihr Matschigin da trägt eine Dienstmütze mit der Kokarde. Er will den
Herren spielen.«

Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Bärtchen erbebte.

»Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun,« sagte er bekümmert und
zwinkerte mit den roten Aeuglein.

»Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er's,« beklagte sich
Peredonoff. »Man muß sie stramm halten, ich hab es Ihnen längst gesagt.
Jeder klotzfüßige Bauer könnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte
dabei herauskommen.«

Bogdanoff, dem Peredonoff schon früher einen Schreck eingejagt hatte,
kam ganz aus der Fassung.

»Wie untersteht er sich nur!« sagte er weinerlich. »Ich werde ihn sofort
zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.«

Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschüchtert nach
Hause.

Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder
Stimme:

»Er trägt eine Kokarde. Hat man schon so was gehört! Als ob er einen
Rang hätte! Es ist unerhört!«

»Auch du darfst keine Kokarde tragen,« sagte Peredonoff.

»Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht,« entgegnete Wolodin.
»Das heißt, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich weiß doch, wo
und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege
ich sie an. Mir macht es Vergnügen, und niemand kann es verbieten.
Treffe ich aber ein Bäuerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.«

»Die Kokarde paßt nicht zu deiner Schnauze,« sagte Peredonoff. »Außerdem
pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.«

Wolodin schwieg gekränkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte
besorgt:

»Auch die Rutiloffschen Göhren müßte man angeben. Die kommen nur in die
Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren
sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und
fabrizieren daraus ihre Parfums, -- es riecht immer so verdächtig von
ihnen.«

»Nein! Ist es möglich!« sagte Wolodin, schüttelte den Kopf und glotzte
stumpf vor sich hin.

Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff fürchtete
sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische
Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff
das Tierchen liefe da durch, dann biß es ihn und verschwand wieder.

»Warum wächst das Gras auf den Straßen?« dachte er. »Das ist Unordnung.
Man muß es ausjäten.«

Der Ast eines Baumes bewegte sich, krümmte sich, wurde schwarz, krächzte
und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach
Hause. Wolodin folgte ihm ängstlich. Seine Augen quollen vor und
blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der
andern fuchtelte er mit seinem Stöckchen.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage ließ Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin
in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Straße stehen, den
Rücken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fünf Fingern das Haar zu
glätten, den eignen Schatten gewissermaßen als Spiegel benutzend.

»Junger Mann, was fällt Ihnen ein? Was tun Sie da für Sachen?« legte
Bogdanoff los.

»Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf,« fragte Matschigin
zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit
dem linken Bein.

Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die
Absicht, ihn gehörig vorzunehmen.

»Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde?
Wie konnten Sie nur den Diensteid schwören? Was?« fragte er, sich zu
einem strengen Ton zwingend und das graue Bärtchen böse schüttelnd.

Matschigin wurde rot, antwortete aber keck:

»Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?«

»Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter?« ereiferte sich Bogdanoff.
»Ein schöner Beamter -- das! Was? Der Abc-Registrator! Was?«

»Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs,« sagte Matschigin keck und
lächelte plötzlich süß, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum
Bewußtsein kam.

»Nehmen Sie ein Stöckchen in die Hand, ein Stöckchen; da haben Sie ein
Abzeichen Ihres Berufs,« riet ihm Bogdanoff und schüttelte mißbilligend
den Kopf.

»Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch,« sagte Matschigin mit
gekränkter Stimme, »was ist denn ein Stöckchen! Jedermann kann ein
Stöckchen tragen, die Kokarde aber fördert das Prestige.«

»Was für ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was für ein
Prestige?« wetterte Bogdanoff, »wozu brauchen Sie ein Prestige, was?
Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?«

»Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch,« bewies Matschigin
eindringlich, »bei der Dorfbevölkerung, die doch nur geringe Kultur
besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, -- in
diesem Jahr grüßten sie alle viel tiefer.«

Matschigin streichelte selbstgefällig sein rothaariges Schnurrbärtchen.

»Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht,« sagte
Bogdanoff wehmütig und schüttelte den Kopf.

»Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist
dasselbe wie der britische Löwe ohne Schwanz,« versicherte Matschigin;
»einfach eine Karikatur.«

»Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz?
Was?« redete Bogdanoff aufgeregt. »Die Politik gehört nicht hierher,
was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kümmern? Was! Um
Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die
Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhüte es, daß
jemand davon erfährt.«

Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber
Bogdanoff ließ ihn nicht zu Worte kommen, -- denn seiner Ansicht nach
war ihm etwas Glänzendes eingefallen.

»Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, -- was! --
ohne Kokarde. Sie fühlten also selber, daß es sich nicht schickt.«

Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und
sagte:

»Da wir Dorfschullehrer sind, so bedürfen wir auch eines Privilegiums
für das Dorf, in der Stadt zählen wir sowieso zur Intelligenz.«

»Nein, junger Mann, es geht nicht; daß Sie es wissen!« sagte Bogdanoff
ärgerlich. »Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon höre, so sind
Sie entlassen.«

                   *       *       *       *       *

Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen
für junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus
Anstandsrücksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein.

Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gäste waren schon
früh erschienen.

Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wänden, die mit
einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhängt waren. Uebrigens waren
es keineswegs unanständige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem
verschlagenen, lüsternen Lächeln die leichten Vorhänge lüftete, konnten
die Gäste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberfluß noch schlecht
gezeichnet waren.

»Was gibt es da zu sehen, -- ein verwachsenes Weib,« sagte Peredonoff
verdrießlich.

»Absolut nicht verwachsen,« verteidigte die Gruschina das Bild, »sie
nimmt so eine Stellung ein.«

»Sie ist verwachsen,« wiederholte Peredonoff. »Außerdem hat sie
schielende Augen, ganz so wie Sie.«

»Sie verstehen nichts von der Kunst!« sagte die Gruschina gekränkt; »es
sind ausgezeichnet teure Gemälde. Die Künstler malen das mit Vorliebe.«

Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was für einen Rat er
Wladja in diesen Tagen gegeben hatte.

»Warum wiehern Sie?« fragte die Gruschina.

»Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid
ansengen,« erklärte er, »ich habe es ihm geraten.«

»Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf!« entgegnete die
Gruschina.

»Natürlich wird er es tun,« versicherte Peredonoff nachdrücklich!
»Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war,
unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, -- die
kleineren prügelte ich und den älteren verdarb ich die Kleider.«

»Das ist nicht überall so,« sagte Rutiloff, »ich zanke mich nie mit
meinen Schwestern.«

»Was tust du denn mit ihnen, -- du küßt sie wohl?« fragte Peredonoff.

»Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde
dich ohrfeigen,« sagte Rutiloff sehr ruhig.

»Ich kann solche Scherze nicht leiden,« antwortete Peredonoff und rückte
zur Seite.

»Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen,« dachte Peredonoff. »Er
hat so ein boshaftes Gesicht.«

»Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid,« fuhr er fort von Martha zu
erzählen.

»Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen,« sagte Warwara mit
neidischer Bosheit. »Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer
herrichten. Eine Schönheit, vor der die Pferde scheu werden,« murmelte
sie leise und blickte schadenfroh auf Murin.

»Auch für Sie ist es höchste Zeit, Hochzeit zu machen,« sagte die
Prepolowenskaja. »Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?«

Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, daß Peredonoff nach
dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber
aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, daß sie immer
auf Warwaras Seite gestanden hätten. Es hatte für sie keinen Zweck, sich
mit Peredonoff zu entzweien, -- denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten
zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mußte eben warten, --
bis sich ein anderer Freier finden würde.

»Natürlich müssen Sie sich trauen lassen,« sagte Prepolowenskji, »das
ist ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen. Es wird der Fürstin
angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen,
sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung.
Und -- man nehme die Sache wie man will -- es ist immer ein gutes Werk
und wird der Fürstin gefallen.«

»Ich bin ganz derselben Meinung,« sagte die Prepolowenskaja.

Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich
halten, weil er aber bemerkte, daß alle nach und nach von ihm
fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und
erklärte ihm dieselbe Sache.

»Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen,« sagte Peredonoff, »wir
wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas muß doch
geschehen, ich weiß nur nicht was.«

»Da ist nichts besonders dabei,« sagte die Prepolowenskaja, »wollen Sie,
ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um
gar nichts zu kümmern.«

»Gut,« sagte Peredonoff, »ich bin einverstanden. Es muß nur alles
reichlich und anständig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht
leid tun.«

»Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein,« sagte die
Prepolowenskaja.

Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen:

»Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will
das aber nicht, es müssen echt goldene sein. Und ich möchte sogar statt
der Trauringe Trauarmbänder bestellen, -- denn das ist teurer und
vornehmer.«

Alle lachten.

»Armbänder gehen nicht,« sagte die Prepolowenskaja flüchtig lächelnd,
»es müssen Ringe sein.«

»Warum denn?« fragte Peredonoff geärgert.

»Man tut es eben nicht.«

»Man tut es vielleicht doch,« sagte Peredonoff ungläubig. »Ich werde den
Popen fragen. Der muß es besser wissen.«

Rutiloff kicherte und gab den Rat:

»Bestell dir doch Traugürtel, Ardalljon Borisowitsch.«

»So viel Geld habe ich doch nicht,« antwortete Peredonoff und merkte
nicht, daß man sich über ihn lustig machte. »Ich bin kein Bankier. Ich
träumte bloß vor einiger Zeit, daß ich in einem Atlasfrack getraut
wurde, und wir beide trugen goldene Armbänder. Und hinter uns standen
zwei Schuldirektoren, die hielten die Kränze über uns und sangen
Halleluja.«

»Ich habe heute auch etwas Interessantes geträumt,« erklärte Wolodin,
»ich weiß nur nicht, was es bedeuten soll. Ich saß auf einem Thron und
hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase
weideten Lämmer, lauter Lämmer, lauter Lämmer, bäh--bäh--bäh. Und die
Lämmer gingen hin und her, schüttelten so mit den Köpfen und machten
immerzu: bäh--bäh--bäh.«

Wolodin ging durch die Zimmer, schüttelte den Kopf, warf die Lippen auf
und meckerte. Die Gäste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte
alle fromm an, zwinkerte vor Vergnügen mit den Augen und lachte, wie er
es immer tat, mit seiner blökenden, schafsähnlichen Stimme.

»Nun, und was weiter?« fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gästen
zu.

»Nun, es waren eben lauter Lämmer, lauter Lämmer, und ich wachte auf,«
schloß Wolodin.

»Ein Schaf hat die Träume eines Schafes,« brummte Peredonoff, »ein
gefundenes Fressen für dich: Hammelkönig.«

»Ich aber hatte einen Traum,« sagte Warwara mit einem schmutzigen
Lächeln auf den Lippen, »der läßt sich in Gegenwart von Herren nicht
erzählen; -- Ihnen allein will ich ihn erzählen.«

»O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall,« antwortete
die Gruschina, lächelte und zwinkerte allen zu.

»Erzählen Sie ungeniert,« sagte Rutiloff, »wir sind bescheidne Leute,
genau so wie Damen.«

Auch die übrigen, anwesenden Herren bestürmten Warwara und die
Gruschina, sie sollten erzählen; die beiden aber sahen einander an,
lachten gemein und erzählten nichts.

Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, daß
Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber
heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darüber
war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewöhnlich.

Das graue, gespenstische Tierchen quälte Peredonoff. Es versteckte sich
irgendwo ganz in seiner Nähe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem
Tisch oder hinter dem Rücken eines der Anwesenden und versteckte sich
wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich.

Sogar vor den Bildern auf den Karten fürchtete sich Peredonoff. Die
Damen immer zu zweit nebeneinander.

Wo ist denn die dritte? -- dachte er.

Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, --
denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben.

Rutiloff sagte:

»Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.«

Alle lachten laut.

Zwei ganz junge Polizeibeamte saßen etwas abseits und spielten
Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte
vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber
ärgerte sich.

Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gäste in das
Eßzimmer. Alle gingen hinüber, stießen einander und genierten sich.
Irgendwie nahm man Platz.

»Essen Sie, meine Herrschaften,« bewirtete die Gruschina, »essen Sie,
meine Freunde, schlagen Sie sich die Bäuchlein voll, bis zum Halse
hinauf.«

»Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird,« rief
Murin fröhlich.

Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, daß
er im Spiel gewonnen hatte.

Eifriger als alle andern aßen Wolodin und zwei junge Beamte, -- sie
suchten sich die besten und größten Stücke aus und verschlangen den
Kaviar mit wahrem Heißhunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte:

»Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er läßt das
Brot liegen und macht sich an die Pastete.«

Als hätte sie für ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie
müsse die Damen mit diesen schönen Sachen bewirten, stellte sie sie
recht weit von ihm fort. Wolodin aber ließ sich die Laune nicht
verderben und begnügte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er
hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen,
so daß ihm jetzt alles gleich sein konnte.

Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, daß alle über
ihn lachten. Warum denn? Worüber denn? Wütend aß er alles, was ihm
gerade unter die Finger kam; er aß unappetitlich und gierig.

Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff
langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte:

»Daß euch der Teufel hole! Ich habe kein Glück! Wie langweilig! Warwara,
komm, -- wir gehen nach Hause.«

Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern.

Im Vorhaus bemerkte Wolodin, daß Peredonoff einen neuen Spazierstock
hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte:

»Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was
bedeutet das?«

Peredonoff nahm ihm ärgerlich den Stock aus den Händen, hielt den Griff,
der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und
sagte:

»Du verdientest eine saftige Ohrfeige.«

Wolodin machte ein gekränktes Gesicht.

»Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch,« sagte er, »ich pflege Brot mit
Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.«

Peredonoff hörte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um
den Hals und knöpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend:

»Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.«

»Gesundheit geht über alles,« antwortete Peredonoff.

Auf der Straße war es still; die Straße hatte sich zur Nacht gleichsam
niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht
und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte:

»Die Dunkelheit! und wozu?«

Er fürchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein.

Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender
Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend
etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, --
undeutliche, traurige und langweilige Sachen.

Peredonoff fühlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit,
seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber für
jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer äußerlichen Bestimmung
nicht unterliegen kann, für jenes Leben, das allein imstande ist, eine
tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen
und der Natur herzustellen, für dieses Leben hatte er kein Gefühl. Darum
erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen,
menschlichen Gefühlen. Verblendet durch Selbsttäuschungen, durch seine
verschlossene Lebensführung, hatte er kein Verständnis für das
dionysische, elementare Entzücken, das sich an der Natur berauscht, sie
einsaugt. Er war blind und jämmerlich, wie es viele von uns sind.



                                 XXIII


Das Ehepaar Prepolowenskji hatte es auf sich genommen, die
Hochzeitsfeierlichkeiten auszurichten. Die Trauung sollte in einem Dorfe
stattfinden, das etwa 6 Werst vor der Stadt lag: denn für Warwara mußte
es peinlich sein, sich in der Stadt trauen zu lassen, nachdem sie schon
so viele Jahre mit Peredonoff zusammengelebt hatte, unter dem Vorwand,
sie wäre seine Kousine. Der Tag der Trauung wurde geheim gehalten: die
Prepolowenskjis hatten das Gerücht verbreitet, die Trauung würde am
Freitag stattfinden; in der Tat aber sollten die beiden am Mittwoch im
Laufe des Tages getraut werden. Man hatte das getan, damit die
neugierigen Städter nicht hinauskämen. Warwara schärfte es Peredonoff
immer wieder ein:

»Versprich dich nicht, Ardalljon Borisowitsch, wegen der Trauung, sonst
kommen sie noch und werden die Feier stören.«

Das zu den Feierlichkeiten erforderliche Geld gab Peredonoff nur
widerwillig und sich über Warwara lustig machend. Bisweilen holte er
seinen Stock, dessen Griff die geballte Faust darstellte und sagte zu
Warwara:

»Küß diese Faust, dann sollst du Geld haben. Küßt du sie nicht -- so
gibt's kein Geld.«

Warwara küßte die Faust.

»Was ist denn dabei; die Lippen werden davon nicht platzen,« sagte sie.

Der Termin der Trauung wurde bis kurz vor dem festgesetzten Tage sogar
vor den Marschälen geheim gehalten, damit sie davon nicht weiter
sprächen. Zuerst wurden Rutiloff und Wolodin gebeten Marschäle zu sein,
-- beide erklärten sich mit Vergnügen einverstanden. Rutiloff erwartete,
eine amüsante Anekdote zu erleben, und Wolodin schmeichelte es
außerordentlich, eine so hervorragende Rolle bei einem so wichtigen
Ereignis spielen zu dürfen. Dann aber kam Peredonoff der Gedanke --
_ein_ Marschal wäre für ihn zu wenig. Er sagte:

»Für dich, Warwara, langt einer; ich aber brauche zwei, einer wäre zu
wenig, -- denn es ist schwer, über mir die Hochzeitskrone zu halten; ich
bin ein großer Mensch.«

So bat Peredonoff noch Falastoff Marschal zu sein. Warwara knurrte:

»Was Teufel soll denn der? Zwei sind schon da.«

»Er trägt eine goldene Brille; so ist es vornehmer,« sagte Peredonoff.

Am Morgen des Hochzeitstages wusch sich Peredonoff, wie gewöhnlich, mit
warmem Wasser, um sich nicht zu erkälten, und dann verlangte er
Schminke:

»Ich muß mich jetzt jeden Tag schminken, sonst wird man noch denken, ich
wäre hinfällig, und wird mich nicht zum Inspektor ernennen.«

Warwara tat es um ihre Schminke leid, doch mußte sie sie hergeben, --
und Peredonoff färbte sich die Backen. Er murmelte:

»Auch Weriga schminkt sich, um jünger auszusehen. Ich kann mich doch
nicht mit weißen Backen trauen lassen.«

Hierauf sperrte er sich im Schlafzimmer ein und beschloß -- sich zu
zeichnen, damit Wolodin sich nicht unterschieben konnte. Auf die Brust,
auf den Bauch, auf die Ellenbogen, und sonst auf verschiedene
Körperteile schmierte er mit Tinte den Buchstaben »P«.

Man müßte auch Wolodin zeichnen, aber wie soll man das anfangen? Wenn er
es bemerkt, wird er es wieder abreiben, dachte Peredonoff bekümmert.

Dann kam ihm der Gedanke, es wäre so übel nicht, wenn er sich ein
Korsett anzöge, denn möglicherweise würde man ihn für einen Greis
halten, wenn er zufällig gebeugt dastehen würde. Er verlangte von
Warwara ein Korsett. Doch erwies sich, daß Warwaras sämtliche Korsetts
ihm zu eng waren, -- kein einziges ließ sich schließen.

»Man hätte es früher kaufen müssen,« brummte er ärgerlich. »An nichts
denken sie.«

»Welcher Mann trägt denn ein Korsett,« antwortete Warwara, »keiner tut
es.«

»Weriga trägt eins,« sagte Peredonoff.

»Weriga ist eben ein Greis; aber du, Ardalljon Borisowitsch, bist
gottlob ein vollblütiger Mann.«

Peredonoff lächelte selbstgefällig, blickte in den Spiegel und sagte:

»Natürlich, ich werde noch anderthalb Jahrhunderte leben.«

Der Kater nieste unter dem Bett. Warwara sagte lächelnd:

»Auch der Kater niest, das heißt also: es stimmt.«

Doch Peredonoff wurde plötzlich verdrießlich: Er fürchtete sich vor dem
Kater, und sein Niesen erschien ihm als eine böse List.

Das fehlte noch, daß er mir etwas vorniest, dachte er und kroch unter
das Bett, um den Kater zu verjagen. Dieser miaute wild, schmiegte sich
an die Wand und plötzlich schlüpfte er mit einem lauten Miauen unter
Peredonoffs Händen durch, aus dem Zimmer hinaus.

»Holländischer Teufel!« schimpfte Peredonoff böse.

»Das ist er: ein Teufel,« rief auch Warwara, »er ist ganz verwildert, er
läßt sich nicht einmal streicheln, -- als wäre der Teufel in ihn
gefahren.«

Die Prepolowenskjis hatten schon früh am Morgen die Marschäle
benachrichtigt. Gegen zehn Uhr versammelten sich alle bei Peredonoff.
Die Gruschina war gekommen und Sophie mit ihrem Mann. Ein Schnaps und
Imbiß wurde gereicht. Peredonoff aß nur wenig und überlegte traurig, wie
er es anstellen sollte, um sich noch mehr von Wolodin zu unterscheiden.

Er hat sich Locken brennen lassen wie ein Schaf, dachte er gereizt und
plötzlich fiel es ihm ein, daß auch er sich auf eine besondere Art
frisieren lassen könnte. Er stand auf und sagte:

»Trinkt und eßt, mir soll's nicht leid tun; ich werde unterdessen zum
Friseur gehen und mich spanisch frisieren lassen.«

»Wie ist denn das -- spanisch?« fragte Rutiloff.

»Du wirst ja schon sehen.«

Als Peredonoff gegangen war, sagte Warwara:

»Immer hat er neue Einfälle! Ueberall sieht er Teufel. Er sollte weniger
Schnaps trinken, der verfluchte Säufer!«

Die Prepolowenskaja lächelte verschmitzt und sagte:

»Wenn ihr getraut seid, wird Ardalljon Borisowitsch eine Stelle bekommen
und dann wird er sich beruhigen.«

Die Gruschina kicherte. Sie amüsierte sich über das Geheimnisvolle
dieser Hochzeit und brannte darauf, irgend einen großen Skandal in Szene
zu setzen, nur ohne sich selber dabei die Finger zu verbrennen. Unter
der Hand hatte sie gestern abend einigen ihrer Freunde Ort und Stunde
der Trauung genannt. Und heute in aller Frühe hatte sie den jüngsten
Sohn des Schlossers kommen lassen, ihm einen Fünfer gegeben und ihm
aufgetragen, am Abend vor der Stadt zu warten, bis die Neuvermählten
angefahren kommen würden, um dann in ihren Wagen Schmutz und
Papierfetzen zu werfen. Der Schlossersohn war zu allem bereit und
schwor, er würde nichts verraten. Die Gruschina aber erinnerte ihn:

»Den Tscherepin habt ihr doch verraten, als man euch Prügel gab.«

»Wir waren halt Esel,« sagte der Schlossersohn, »aber jetzt könnte man
uns aufhängen, ganz egal.«

Und zur Bekräftigung seines Eides aß der Junge ein Häufchen Erde. Dafür
gab ihm die Gruschina noch drei Kopeken.

Im Frisiersalon wünschte Peredonoff den Inhaber selber zu sprechen. Es
war ein junger Mensch, der vor kurzem die städtische Schule absolviert
hatte und oft Bücher aus der Volksbibliothek lieh. Er war gerade dabei,
einem Gutsbesitzer, den Peredonoff nicht kannte, das Haar zu schneiden.
Als er mit seiner Arbeit fertig war, trat er an Peredonoff heran.

»Laß ihn erst gehen!« sagte Peredonoff böse.

Der Gutsbesitzer zahlte und ging.

Peredonoff setzte sich vor den Spiegel.

»Haarschneiden und frisieren,« sagte er. »Ich habe heute eine wichtige
Sache vor, eine besonders wichtige, -- und darum sollst du mich spanisch
frisieren.«

Der Lehrjunge, er stand an der Tür, platzte aus. Der Meister blickte ihn
streng an. Er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, spanisch zu frisieren
und er wußte auch nicht, was eine spanische Friseur sei, ob es die
überhaupt gäbe. Wenn der Herr es aber verlangte, so mußte man annehmen,
daß er weiß, was er will. Der junge Friseur wollte seine Unbildung nicht
verraten. Er sagte höflich:

»Bei Ihrem Haarwuchs, mein Herr, ist das unmöglich.«

»Warum ist es unmöglich?« fragte Peredonoff beleidigt.

»Ihre Haare haben eine schlechte Nährung,« erklärte der Friseur.

»Soll ich sie etwa mit Bier begießen?« brummte Peredonoff.

»Aber, ich bitte Sie, warum denn mit Bier!« antwortete der Friseur und
lächelte liebenswürdig, »Sie müssen es in Betracht ziehen, daß, wenn man
sie nur ein wenig schneiden soll und da außerdem sich eine gewisse
Solidität auf Ihrem Haupte kund tut, es keineswegs zur spanischen Frisur
langen dürfte.«

Peredonoff war ganz niedergeschlagen, daß er nicht spanisch frisiert
werden konnte. Er sagte betrübt:

»So schneide mir die Haare wie du willst.«

Vielleicht, dachte er, hat man es dem Friseur gesteckt, daß er mich
nicht auf diese besondere Art frisieren soll. Ich hätte zu Hause nicht
davon sprechen sollen. Wahrscheinlich war Wolodin, während er würdig und
gemessen durch die Straßen gegangen war, als Hammel durch die
Hintergäßchen gelaufen, und hatte sich mit dem Friseur »berochen«.

»Befehlen der Herr zu spritzen?« fragte der Friseur, als er die Haare
geschnitten hatte.

»Mit Reseda und recht viel,« forderte Peredonoff, »hast du mich
irgendwie zurechtgestutzt, so mach es wenigstens mit Reseda wieder gut.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Reseda führen wir nicht,« sagte der
Friseur verlegen, »aber vielleicht ist Ihnen Opoponax gefällig?«

»Nichts kannst du ordentlich tun,« sagte Peredonoff traurig, »so spritz
denn ganz gleich womit.«

Gereizt kam er nach Hause. Es war ein windiger Tag. Die Pforte wurde vom
Winde auf und zu geschlagen, gähnte und lachte. Peredonoff sah das und
wurde traurig. Wie sollte man hier durchfahren? Indes, alles machte sich
von selbst.

Drei Wagen waren vorgefahren, man mußte sich rasch hineinsetzen und
abfahren, sonst hätten die Fuhrwerke Neugierige angelockt, die hätten
sich gleich versammelt und wären nachgefahren, um sich die Trauung mit
anzusehen. Man setzte sich und fuhr ab: Peredonoff und Warwara, die
Prepolowenskjis und Rutiloff, die Gruschina mit den beiden anderen
Marschälen.

Auf dem Stadtplatz wirbelte der Staub. Peredonoff hörte Geräusche,
gleichsam Axtschläge. Kaum sichtbar erhob sich, wuchs aus dem Staube
eine hölzerne Wand. Eine Festung wurde gebaut. Bauern in roten Hemden
liefen still und drohend hin und her.

Die Wagen sausten vorüber, -- die furchtbare Erscheinung blieb weit
zurück und verschwand. Peredonoff sah sich entsetzt um, aber es war
nichts mehr zu sehen, -- und er konnte sich nicht entschließen, zu
jemand von dieser Erscheinung zu sprechen.

Den ganzen Weg über fühlte sich Peredonoff tief bedrückt. Alles starrte
ihm feindlich entgegen, überall erhoben sich die drohenden Vorzeichen.
Der Himmel umwölkte sich. Der Wind stürmte entgegen und seufzte schwer.
Die Bäume wollten keinen Schatten geben, hatten den ganzen Schatten in
sich gesogen. Dafür wirbelte der Staub längs der Straße, wie eine lange,
durchsichtig-graue Schlange. Die Sonne verkroch sich aus einem
unbekannten Grunde hinter den Wolken, -- wollte sie etwa heimlich
beobachten?

Der Weg schlängelte sich durch hügeliges Land, -- unerwartet tauchten
hinter den Hügeln Sträucher, Wälder, Felder und Bäche auf. Ueber die
Bäche führten dröhnende, hölzerne Brücken.

»Der Vogel Auge flog vorüber,« sagte Peredonoff verdrießlich und starrte
in die blendende, neblige Ferne des Himmels. »Er hat ein Auge und zwei
Flügel, und weiter hat er nichts.«

Warwara schmunzelte. Sie glaubte, Peredonoff wäre schon am frühen Morgen
betrunken. Aber sie widersprach ihm nicht, sonst -- dachte sie, --
könnte er sich ärgern und wird sich nicht trauen lassen.

In der Kirche standen, versteckt hinter einer Säule, die vier Schwestern
Rutiloff. Peredonoff hatte sie zuerst nicht bemerkt, später aber, schon
während der Trauung, als sie ihren Hinterhalt verlassen hatten und
vorgetreten waren, sah er sie und erschrak. Sie taten übrigens nichts
Schlimmes, verlangten nicht -- er hatte das befürchtet, -- er solle
Warwara fortjagen und eine von ihnen nehmen. Sie lachten nur die ganze
Zeit. Und ihr anfangs leises Gelächter wurde immer lauter, klang immer
drohender in seine Ohren, wie das Gelächter der wütenden Furien.

Außer zwei, drei alten Weibern, die von irgendwoher gekommen waren,
waren keine fremden Leute in der Kirche. Es war gut so, denn Peredonoff
betrug sich läppisch und sonderbar. Er gähnte, murmelte vor sich hin,
stieß Warwara, beklagte sich, daß es nach Bauern röche, und über den
Gestank des Weihrauchs und der Wachslichter.

»Deine Schwestern lachen die ganze Zeit,« brummte er zu Rutiloff
gewandt, »sie durchbohren einem die Leber mit ihrem Gelächter.«

Außerdem beunruhigte ihn das graue, gespenstische Tierchen. Es war
schmutzig, ganz bestaubt und versteckte sich immer unter den Gewändern
des Priesters.

Der Gruschina und Warwara erschienen die kirchlichen Gebräuche
lächerlich. Sie kicherten ununterbrochen. Die biblischen Worte, die Frau
müsse ihrem Manne anhangen, gaben ihnen Anlaß zu besondrer Lustigkeit.
Auch Rutiloff kicherte, -- er hielt es für seine Pflicht immer und
überall die Damen zum Lachen zu bringen. Wolodin hingegen betrug sich
gemessen und würdig; er bekreuzigte sich und bewahrte im Gesicht einen
tiefsinnigen Ausdruck. Die kirchlichen Gebräuche waren für ihn nichts
anderes, als Bestimmungen, die erfüllt werden mußten, er glaubte, daß
die Erfüllung dieser Bestimmungen eine gewisse innerliche Bequemlichkeit
förderte: man geht an Feiertagen zur Kirche, betet, -- und ist gerecht;
man sündigt, bereut -- und ist wiederum gerecht. Wie gut und bequem! Um
so bequemer, als man durch nichts verpflichtet war, außerhalb der Kirche
sich um kirchliche Angelegenheiten zu kümmern, vielmehr sich an ganz
andere, praktische Lebensregeln halten mußte.

Die Trauungszeremonien waren eben beendet, man war noch nicht aus der
Kirche heraus, -- da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Lärmend
drang in die Kirche eine betrunkene Gesellschaft, Murin mit seinen
Freunden.

Murin, wie gewöhnlich, zerzaust und schmutzig, umarmte Peredonoff und
schrie:

»Bruder! Uns bleibt nichts verborgen. Wir sind doch Freunde, die kein
Wasser trennen kann, und du -- Kerl -- hast uns nichts gesagt.«

Man hörte Ausrufe:

»Der Lump, -- er hat uns nicht eingeladen!«

»Jetzt sind wir doch hier!«

»Wir haben es doch erfahren!«

Die Neuangekommenen umarmten und beglückwünschten Peredonoff. Murin
sagte:

»Wir haben etwas zu lange gesoffen, sonst hätten wir euch von Anfang an
beehrt.«

Peredonoff stierte finster vor sich hin und antwortete nicht auf die
Glückwünsche. Wut und Furcht schnürten ihm die Kehle.

Alles spionieren sie aus, dachte er betrübt.

»Ihr solltet euch wenigstens die Stirn bekreuzigen,« sagte er wütend.
»Sonst, -- wer mag es wissen, -- habt ihr noch böse Hintergedanken.«

Die Gäste bekreuzigten sich, lachten und spotteten gotteslästerlich. Die
jungen Beamten taten sich darin ganz besonders hervor. Der Küster
verwies es ihnen vorwurfsvoll.

Unter den Gästen befand sich einer mit einem roten Schnurrbart, ein
junger Mensch, den Peredonoff nicht einmal kannte. Er erinnerte ganz
außerordentlich an einen Kater. Vielleicht hatte sich ihr Kater in
diesen Menschen verwandelt? Nicht umsonst prustete dieser junge Mann so
auffällig, -- er konnte seine tierischen Gewohnheiten nicht lassen.

»Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte Warwara die ungebetenen Gäste böse.

»Gute Leute taten es, junge Frau,« antwortete Murin, »aber wer es
eigentlich war, das haben wir schon vergessen.«

Die Gruschina bewegte sich unruhig hin und her und zwinkerte mit den
Augen. Die Gäste lachten nur, verrieten sie aber nicht. Murin sagte:

»Ganz egal, Ardalljon Borisowitsch, wir fahren alle zu dir und du wirst
Sekt schmeißen, sei kein Filz. Das geht doch nicht, -- Freunde die kein
Wasser trennt, -- und du wolltest alles so hinterrücks abmachen.«

Als Peredonoffs nach der Trauung aus der Kirche kamen, ging die Sonne
unter, und der ganze Himmel stand in Feuer und Gold. Das gefiel
Peredonoff nicht. Er murmelte:

»Da hat man Gold draufgepappt, ganze Stücke, daß es beinah
herunterfällt. Hat man je so eine Verschwendung gesehen!«

Vor der Stadt erwarteten sie die Schlossersöhne mit einer Bande von
Straßenjungen, sie liefen und brüllten. Peredonoff zitterte vor Angst.
Warwara schimpfte, spuckte auf die Jungen, drohte ihnen mit der Faust.
Die Gäste und Marschäle lachten.

Man kam angefahren. Die ganze Gesellschaft wälzte sich mit lärmendem
Johlen und Schreien in die Wohnung Peredonoffs. Man trank erst Sekt,
dann Schnaps, und dann setzte man sich an die Karten. Die ganze Nacht
durch wurde getrunken. Warwara war betrunken, tanzte und jubelte. Auch
Peredonoff triumphierte, -- es war ihnen doch nicht gelungen, ihn mit
Wolodin zu vertauschen.

Wie immer wurde Warwara von den Gästen zynisch und ohne Achtung
behandelt; sie glaubte, es wäre so in der Ordnung.

                   *       *       *       *       *

Nach der Hochzeit änderte sich das häusliche Leben bei Peredonoffs nur
wenig. Nur, daß Warwara sicherer und unabhängiger mit ihrem Mann
verkehrte. Es schien, als hätte sie nicht mehr den Respekt vor ihm, --
doch fürchtete sie ihn aus alter Gewohnheit. Auch Peredonoff schrie sie
mitunter an, wie er es von früher gewohnt war, zuweilen prügelte er sie
sogar. Aber auch er begann ihre größere Sicherheit ihm gegenüber zu
spüren. Das erfüllte ihn mit bittrer Traurigkeit. Es schien ihm, daß,
wenn sie ihn nicht mehr so wie früher fürchtete, dies daher käme, daß in
ihr der verbrecherische Vorsatz erstarkt war, ihn abzuschütteln, um ihn
dann mit Wolodin zu vertauschen.

Man muß auf der Hut sein, dachte er.

Warwara triumphierte. Zusammen mit ihrem Mann, machten sie Besuche bei
den Damen der Stadt, sogar bei den weniger Bekannten. Bei dieser
Gelegenheit entfaltete sie einen komischen Stolz und sonderbare
Ungeschicklichkeit. Ueberall wurde sie empfangen, in vielen Häusern
allerdings mit großer Verwunderung.

Für die Besuche hatte sie sich rechtzeitig einen Hut machen lassen bei
der tüchtigsten Hutmacherin des Ortes aus der Hauptstadt. Die grellen,
großen Blumen, in aufdringlicher Fülle angebracht, entzückten Warwara.

Ihren ersten Besuch machten Peredonoffs bei der Frau des Direktors. Von
dort fuhren sie zur Frau des Adelsmarschalls.

Am selben Tage, als Peredonoffs sich anschickten, ihre Besuche zu machen
(das war bei Rutiloffs natürlich schon längst bekannt), -- machten sich
die Schwestern auf den Weg zu Warwara Nikolajewna Chripatsch, einfach
aus Neugierde, um zu sehen, wie Warwara sich benehmen würde.

Bald darauf kamen Peredonoffs. Warwara knixte tief vor der Frau
Direktor, und ihre Stimme zitterte mehr als gewöhnlich, als sie sagte:

»So sind wir denn gekommen. Ich bitte um Ihre Gunst und Freundschaft.«

»Sehr angenehm,« sagte die Frau Direktor gezwungen und bat Warwara, auf
dem Sofa Platz zu nehmen.

Warwara setzte sich mit sichtlichem Behagen auf den ihr zugewiesenen
Platz, breitete ihr rauschendes, grünes Kleid weit aus und begann zu
reden, bemüht, ihre Verlegenheit hinter einer übergroßen Herzlichkeit zu
verbergen:

»Ich war die ganze Zeit über eine Mamsell, da bin ich nun eine Dame
geworden. Wir sind Namensbasen, -- Sie heißen Warwara und ich heiße
Warwara, -- und wir haben nicht miteinander verkehrt. Als Mamsell saß
ich meist zu Hause, -- aber warum soll man immer hinter dem Ofen hocken.
Nun werden ich und Ardalljon Borisowitsch offener leben. Wir bitten, uns
die Ehre zu geben, -- wir waren bei Ihnen, Sie werden zu uns kommen, der
Musjö zum Musjö, die Madame zur Madame.«

»Aber man spricht davon, daß Sie nicht mehr lange hier bleiben werden,«
sagte die Frau Direktor. »Ich ließ mir sagen, daß Ihr Mann versetzt
werden wird.«

»Ja, bald wird ein Papier kommen, dann werden wir fahren,« antwortete
Warwara. »Bevor das Papier nicht gekommen ist, müssen wir hierbleiben
und uns des Lebens freuen.«

Warwara hoffte selber auf den Inspektorposten. Nach der Trauung hatte
sie der Fürstin einen Brief geschrieben. Eine Antwort war noch nicht
gekommen. Sie hatte beschlossen zu Neujahr noch einmal zu schreiben.

Ludmilla sagte:

»Wir dachten alle, Ardalljon Borisowitsch, Sie würden das Fräulein
Pjilnikoff heiraten.«

»Ach was,« sagte Peredonoff böse, »wie sollte ich jede beliebige
heiraten. Ich brauche Protektionen.«

»Aber immerhin, wie verhält es sich denn mit Mademoiselle Pjilnikoff?«
neckte Ludmilla. »Sie haben ihr doch den Hof gemacht. Hat sie Ihnen
einen Korb gegeben?«

»Ich werde sie noch aufs Glatteis führen,« brummte Peredonoff
verdrießlich.

»Das ist die _Idée fixe_ von Ardalljon Borisowitsch,« sagte der Direktor
und lachte trocken.



                                  XXIV


Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man
ihn rief, -- und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich
vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln.

Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke
Elektrizität im Fell, -- das ist eben das Unglück.

Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.

Gedacht -- getan. Warwara war nicht zu Hause, -- sie war zur Gruschina
gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche
gesteckt, -- so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an
eine Schnur, -- aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, -- und
führte ihn zum Friseur.

Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich
entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff,
-- aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die
Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die
Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster
hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch
nichts aus der Fassung bringen.

Endlich war er beim Friseur und sagte:

»He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.«

Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten
sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, --
und seine Stimme zitterte leise:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe
ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode
sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.«

Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief:

»Charlatan! Sag lieber -- ich kann es nicht!«

Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich
herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt
über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte
ihm die Brust.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den »Garten« gekommen um
Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:

»Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.«

»Und warum nicht?« fragte Peredonoff gereizt, »_wir_ -- sollen nicht
spielen dürfen.«

»Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine
Bälle da sind,« sagte der Marqueur.

»Hast sie durchgebracht, Halunke,« hörte man hinter der Lette den
Buffetier schreien.

Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren,
gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte:

»Man hat sie gestohlen.«

Peredonoff rief erschreckt:

»Nanu! wer hat sie gestohlen?«

»Unbekannt -- wer, --« meldete der Marqueur. »Es ist kein Mensch da
gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.«

Rutiloff kicherte und rief:

»Nette Anekdote -- das!«

Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe:

»Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich
unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also
sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt,
unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir
kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, -- womit
sollen wir dann spielen?«

»Schwatz nicht, Pawluschka,« sagte Peredonoff, »einem wird auch ohne
dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen;
unterdessen bring zwei Pullen Bier.«

Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht
finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg
schuldbewußt.

Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu
müssen.

Warum? dachte er betrübt und verstand nicht.

Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche
stand, -- hier hatte er noch nie gesessen, -- und stierte stumpfsinnig
auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn,
teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.

»Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?« fragte
Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.

Wolodin bleckte die Zähne und sagte:

»Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben
windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus,
als läge hier ein Spiegel.«

Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von
der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder:

»Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?«

Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:

»Er war, er ist nicht mehr.«

Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, -- ein Kater
mit weitaufgerissenen, grünen Augen, -- sein verschlagener,
unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken.

Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie
aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, -- dachte er. -- Es
hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt.

Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im
Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, -- Wolken
gehen so leise, -- hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein
rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und
Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie
flüsterten, suchten irgend jemand.

Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten
nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen
Feindseligkeit gegen Peredonoff, -- die Hunde lachten ihn aus, und die
Menschen kläfften ihn an.

Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus
fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in
ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr
verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, -- so zum Beispiel die
Werschina.

Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und
zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig
erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten
sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs überhaupt nicht
kämen!

Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und
schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte
Stimmung.

Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und
manchmal schien es -- es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose
Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich
plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende
Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem
Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.

Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man könnte
zufällig in ein Messer rennen.

»Wozu hat man Messer?« sagte er zu Warwara. »Die Chinesen essen doch mit
Stäbchen.«

Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man
begnügte sich mit Kohl und Grütze.

Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu
rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß
seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele
Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte?
Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert
und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt
hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.

Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm
unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild,
noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen
verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er
Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben
den Klatsch, -- man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges
ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine
Stelle verschaffen.

Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben,
auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald
vergaß er diesen Einfall.

Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz
billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira
für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas
außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur
den Gästen und sagte:

»Für den Direktor.«

Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen
den Madeira.

»Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,« sagte Rutiloff kichernd. --
»Gib uns lieber davon zu trinken.«

»Was nicht gar!« antwortete Peredonoff böse. »Was soll ich dann dem
Direktor anbieten?«

»Der Direktor wird Schnaps trinken,« sagte Rutiloff.

»Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich,
Madeira zu trinken,« sagte Peredonoff nachdrücklich.

»Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,« beharrte Rutiloff.

»Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,« sagte Peredonoff
sicher.

»Immerhin, gib nur her,« drängte Rutiloff.

Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß
am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder
zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte
verdrießlich:

»Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und
den Fürsten geködert.«

Rutiloff lachte laut und sagte:

»Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?«

»Einerlei. Sie hat ihn angelockt,« sagte Peredonoff.

»Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,« widersprach Rutiloff.
»Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.«

Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er
steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie
auch noch so weit von hier fort ist.

Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos
und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte
Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um
und flüsterte:

»In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht
in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der
Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht
stracks zum Gendarmerieoffizier.«

»Warum denn in Uniform?« erkundigte sich Wolodin sachlich.

»Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,«
erklärte Peredonoff.

Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:

»Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein
simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man
nichts verbergen, er hört und hört alles.«

                   *       *       *       *       *

Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren
Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schön gekleidet,
liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne,
angefahren, -- für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs
aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet.
Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in
der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff
die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst
aufgewacht ist.

»Warwara kommt gleich,« murmelte er, »sie kleidet sich um. Sie kochte
gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine
dumme Gans.«

Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und
erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach
mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, -- wir wußten nicht, daß Sie an
einem Wochentage kommen würden.«

»An Feiertagen fahre ich nur selten aus,« sagte Madame Chripatsch, »da
sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen
Tag für sich haben.«

Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die
Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die
Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich,
-- wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an
der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige
Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur
gesprächsweise.

Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre
roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das
genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu
sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes
Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer
Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr
zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im
Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.

Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich
ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu
verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um
diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen
Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war
aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander
feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.

Sie blieben nicht lange.

Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind
bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:

»Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen
sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man
gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.«

Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht
eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:

»Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese
Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich
Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b
sagen.«

                   *       *       *       *       *

Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:

»Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist
ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr
entspricht ihrer sozialen Stellung.«

Chripatsch antwortete:

»Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit
Ungeduld, daß er versetzt wird.«

Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank
mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war
gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, --
verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht
alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der
schlauen Sophie genügte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von
den Augen.

Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den
stillen Vorwurf.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den
gefälschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die
Stadt.

Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn
wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:

»Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.«

»Ich bin nicht einfältig,« antwortete er, »ich bin Kandidat der
Universität[11].«

»Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers
Ohr.«

»Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,« verteidigte sich
Peredonoff.

Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte
nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er,
alle Menschen sind mir feind.

Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.

Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.

Aber die Angst quälte ihn.

Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig.
Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte
ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie
anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber
Peredonoff verstand noch immer nicht.

[Fußnote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.]

Einmal schrieb sie ihm:

»Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat,
nicht hier am Orte lebt.«

Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu
beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich
Warwara abspenstig machen.

Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:

»Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.«

Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen,
feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit
falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt
und auf kein Vertrauen rechnen kann:

»Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.«

»Du lügst! Du weißt es!« sagte Peredonoff ganz entsetzt.

Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem
verräterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ängstigte ihn, wie
alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:

»Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat
mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.«

»Aber vielleicht ist sie wirklich hier?« fragte Peredonoff
eingeschüchtert.

»Vielleicht ist sie wirklich hier,« ahmte ihn Warwara nach. »Sie hat
sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.«

Peredonoff rief:

»Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?«

Warwara lachte laut und boshaft.

Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht
irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte
sie durch die Tür oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht
auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.

                   *       *       *       *       *

Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung
Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten
Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte
es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte
ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das
Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen,
wenn _er_ es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht,
was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber
gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:

»Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles,
was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das
kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre!
sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.«

Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die
Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer
Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter
Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara
geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir
überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht
habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.

Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten.
Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen,
und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.

»Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen!
Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu
zahlen. Aber sie hat mich betrogen.«

»Hättest du das angenommen?« fragte Rutiloff und kicherte.

Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete
Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:

»Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr
Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.«

»Wenn sie noch schön wäre!« sagte Peredonoff betrübt. »Sie ist aber
sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut
zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies
Luder anzuspucken. Sie _muß_ meine Bitte erfüllen.«

»Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff.

»Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich
hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum
verschafft sie mir nicht die Stelle.«

Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die
Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und
merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich
verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer
keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der
Fürstin gehabt.

»Sie ist älter als der Köter eines Popen,« sagte Peredonoff
zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; »erzählt es nur
keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie
schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man
sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert
Jahre alt.«

Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte
alles.

Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse
die Krjiloffsche Fabel »Der Lügner« lesen lassen. Und einige Tage
hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, -- mietete
ein Boot und ließ sich hinüberfahren, -- die Brücke hätte ja unter ihm
einstürzen können. Er erklärte Wolodin:

»Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es
nicht glauben und wird darüber einstürzen.«



                                  XXV


Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt.
Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd.
Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen
worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten
hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt.

Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl
Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff
verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt,
Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja
hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und
freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war,
daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen
darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so
glänzend »hereingelegt« worden war. Außerdem hatte sich in den letzten
Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor
dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr
zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet
werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen.

Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe
Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die
Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte
sich aber auch nicht.

Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft
an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr
Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara
sagte schmunzelnd:

»Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.«

»Woher weiß man es denn?« fragte die Gruschina heftig. »Ich bin doch
nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.«

»Auch ich habe es nirgends erzählt,« beteuerte Warwara unverschämt.

»Geben Sie mir den Brief zurück,« verlangte die Gruschina. »Fängt er
erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß
es eine Fälschung ist.«

»Mag er's doch wissen!« sagte Warwara ärgerlich. »Was soll ich mich mit
dem Esel abgeben.«

Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:

»Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber
ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich muß den Brief
zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.«

»Ach, lassen Sie doch!« antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme
in die Hüften, »meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der
Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.«

»O, wenn Sie _das_ glauben!« schrie die Gruschina, »so ein Gesetz gibt
es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon
Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und
bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.«

Warwara erschrak und sagte:

»Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen.
Da gibt es nichts zu fürchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich
denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.«

»Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!« sagte die Gruschina grob, »beim Hunde
und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange
man lebt, solange ist man.«

Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel.
Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief
zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam
er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die
allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten.

                   *       *       *       *       *

Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die
neuen Bälle waren »begossen« worden. Von seiner Brieftasche trennte er
sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte
er sie unter das Kopfkissen.

Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er
im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem.
Warwara war in tausend Aengsten.

Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht.

Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, -- er
brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.

Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht
Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf
und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche
lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern.
Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das
Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, böse Teufel trieben ihr
Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach
abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des
Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein
wirklich gewordener, schwerer Alp.

Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob
diese wieder an ihren alten Platz.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht
finden, erschrak und schrie:

»Wo ist der Brief, Warja?«

Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:

»Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller
Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren.
Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit
denen du die Nächte durch trinkst.«

Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am
ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich
alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden,
und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange
Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die
Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es
ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese
Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.

Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz,
in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen,
wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff
dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die
Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den
Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man
merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße
die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und
glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er
ging, so log er, -- außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit
seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.

Er erklärte Rubowskji:

»Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie
wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von
ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.«

Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich
ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so
tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den
Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger
Gestörtheit bemerkbar machten.

Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche,
höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara:

»Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- überall treiben
sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.«

Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte
sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte
ängstlich und gereizt:

»Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.«

Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie
schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf
etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube,
der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und
durchdringend.

Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede
Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er
unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu
überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff
vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.

Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle
Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und
stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um
seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu
sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es
da, -- ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles
sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; --
bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein
Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die
Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach,
-- ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden,
unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend
einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat
keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau
sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.

Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte
das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und
Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen
rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen.
Warwara schimpfte böse ...

                   *       *       *       *       *

Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen
Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in
die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an
seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.

Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er
sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und
anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach
Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um
Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade
zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die
Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende
gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und
so verbrachte er einen Abend nach dem andern.

Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie,
-- die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten.
Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß -- ist
ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal
verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und
diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer
Vorstellung.

Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht
und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt
wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine
fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue,
gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch
oder hinter die Tür zu blicken.

Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, -- das waren
verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen
Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren
bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen
ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und
quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische
Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit
dieser Achten.

Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen
sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen.

Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden
es mit ihren Besen hinaustreiben.

Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des
Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und
zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich
und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.

Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in
einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden.
Nicht für lange ...

Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bösen,
haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser
die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige
zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn
dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese
Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue
Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.

Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten.
Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter
polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man
mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig.

Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und
leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der
Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.

Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so
lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige
Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von
früher her.

Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich
hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer
Pfrieme oder mit einem Dolch?

Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten
sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, -- der Spion fühlte die
Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten
flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.

Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in
die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte
triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand
schwingend. Warwara kam herein.

»Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?« fragte sie, mit dem
gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen.

»Ich schlug eine Wanze tot,« erklärte Peredonoff verdrießlich.

Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch
so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete.
Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind
erschlagen.

Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der
eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich
geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in
ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in
den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung
von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser
Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen
Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom
Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und
Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im
Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte,
damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser
Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen
Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen
Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen
fürchterlichster Qualen vor dem Tode.

Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und
quälten ihn.

Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an
die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme.
Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und
fand Warwara.

»Mit wem flüsterst du?« fragte er sie bedrückt.

Warwara schmunzelte und sagte:

»Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!«

»Alles kann mir doch nicht nur scheinen,« murmelte er traurig, »es gibt
doch eine Wahrheit in der Welt.«

Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der
Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte
ihn. _Ihm_ war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der
Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster.
Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und
kam um.

                   *       *       *       *       *

Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit
der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber
sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.

Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd:

»Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon
Borisowitsch?«

Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut:

»Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.«

Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:

Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.

                   *       *       *       *       *

Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus
der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein
schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer
schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus,
auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen
hatte.

Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein
Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest,
und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff
technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich
von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte,
glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das
erschreckte ihn wieder.

Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu
Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, -- und stöberte
bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte,
nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm
widerlich und ekelhaft.

Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend.

Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem
Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm
und riecht ein bißchen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor
und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern.

Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen.
Soll ich ihr einen Brief schreiben?

Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an
die Fürstin. Er schrieb:

»Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist
heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen.
Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und
entsprechen Sie meinen Wünschen.«

Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen?
Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich
warten, bis die Fürstin selber kommt.

Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig
tat, -- wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese
Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine
Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen.

Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte
sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn
immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen
Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, -- das böse,
zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe.
Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute
unverschämt und drohend.

Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff
plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah.

Vielleicht in diesem Kartenspiel.

Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht
versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und
wer sie ist, -- man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff
sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie würde
doch lügen.

Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie
alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen,
so sind sie auch allein an allem schuld.

Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als
der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel,
-- in den Ofen.

Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, -- und
brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller
Entsetzen auf diese flammenden Blumen.

Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie
aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb
auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich
erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, -- die
Fürstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von
erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen
Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.

Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit
umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.



                                  XXVI


Sascha war ganz entzückt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn
daran, der Kokowkina von ihr zu erzählen. Als schämte er sich.

Manchmal fürchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und
unwillkürlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut für
Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie
erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen
war. Die widersprechendsten Gefühle bewegten ihn, -- dunkle, unklare
Gefühle, -- sie waren sündhaft, denn sie waren frühreif, -- und sie
waren süß, weil sie sündhaft waren.

Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerquälte sich in
Erwartung und hatte schon aufgehört zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte;
er lief ihr stürmisch entgegen und küßte ihre Hände.

»Wo steckten Sie nur so lange?« warf er ihr brummig vor, »zwei ganze
Tage habe ich Sie nicht gesehen.«

Sie lachte und freute sich. Der süße, matte, würzige Duft japanischer
Nelken strömte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden
Locken.

                   *       *       *       *       *

Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die
Kokowkina aufgefordert mitzukommen, -- sie wollte nicht.

»Ich alte Frau soll spazieren gehen,« sagte sie, »mit euch kann ich
nicht Schritt halten. Geht allein.«

»Wir werden dumme Streiche machen,« lachte Ludmilla.

Die Luft war warm, still, erdrückend-zärtlich und erinnerte an
Unwiderbringliches. Die Sonne, als wäre sie krank, flammte trübe und
purpurn auf dem bleichen, müden Himmel. Welke Blätter lagen starr auf
der dunklen Erde, tot ..

Ludmilla und Sascha stiegen abwärts in eine Schlucht. Da war es frisch,
kühl, fast feucht, -- zärtliche, herbstliche Müdigkeit breitete sich
zwischen den schräg abfallenden Hängen.

Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschürzt. Man sah ihre kleinen
Schuhe und die fleischfarbenen Strümpfe. Sascha blickte zu Boden, um
nicht über die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strümpfe. Ihm schien es,
als hätte sie nur Schuhe an, ohne Strümpfe. Ein heißes Gefühl und Scham
wallten in ihm auf. Er wurde über und über rot. Der Kopf schwindelte
ihm.

Wie im Versehen hinfallen zu ihren Füßen, dachte er, ihr den Schuh
abziehen und das zarte Füßchen küssen.

Als fühlte sie Saschas heiße Blicke und seine ungeduldige Erwartung,
kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm:

»Du siehst auf meine Strümpfe?« fragte sie.

»Nein, nur so,« murmelte er verlegen.

»Ach, ich habe so furchtbar komische Strümpfe,« sagte Ludmilla lachend,
ohne auf ihn zu hören. »Man könnte denken, ich trage meine Schuhe auf
dem nackten Fuß, -- ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die
Strümpfe sind sehr komisch?«

Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider.

»Sind sie komisch?« fragte sie.

»Nein, sie sind schön,« sagte Sascha, rot vor Verlegenheit.

Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief:

»Sag doch einer! Wohin der die Schönheit verlegt!«

Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte
allaugenblicklich und wußte nicht wohin vor Verlegenheit.

Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom
Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte:

»Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.«

Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha.

»Ein schönes Füßchen?« fragte sie.

Sascha wurde noch röter und wußte gar nicht, was er sagen sollte.

Ludmilla zog den Strumpf vom Fuß.

»Ein weißes Füßchen?« fragte sie wieder, eigentümlich und schelmisch
lächelnd. »Auf die Kniee! Küssen!« sagte sie streng, und eine
bezwingende Härte breitete sich über ihr Gesicht.

Sascha kniete schnell nieder und küßte ihren Fuß.

»Es ist angenehmer ohne Strümpfe,« sagte Ludmilla, schob die Strümpfe in
ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloßen Füße.

Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und fröhlich, als hätte Sascha nicht
vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Füße geküßt.
Sascha fragte:

»Liebste, wirst du dich nicht erkälten?«

Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf.

»Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewöhnt; ich bin nicht so
verzärtelt.«

                   *       *       *       *       *

Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha:

»Komm zu mir; du mußt mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.«

Sascha liebte es, Nägel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann
versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute
war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu
haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas säuerliche
Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blaßgrünem Kleide wehte,
beruhigte ihn.

                   *       *       *       *       *

Für die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun
trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Röckchen, ihre
Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, -- die Schuhe trug sie an den
bloßen Füßen, -- parfumiert mit dem süßen, matten, würzigen Dufte
japanischer Nelken.

»Oh, wie du elegant bist!« sagte Sascha.

»Ach was, -- elegant!« sagte Ludmilla und zeigte lächelnd auf ihre Füße,
»ich bin doch barfuß,« sie sprach diese Worte gedehnt, verführerisch,
verschämt.

Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte:

»Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Nägel?«
fragte er rührig.

»Warte doch ein wenig,« antwortete Ludmilla, »sitz doch nur ein
Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kämest du nur in
Geschäften, und als wäre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.«

Sascha wurde rot.

»Liebste,« sagte er weich, »wie lange Sie nur wollen sitze ich neben
Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine
Schulaufgaben vor.«

Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam:

»Du wirst immer schöner, Sascha.«

Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor.

»Was Sie sich ausdenken,« sagte er. »Ich bin doch kein Fräulein, daß ich
schöner werde.«

»Dein Gesicht ist wunderschön. Aber der Körper. Zeig ihn mir, -- nur bis
zum Gürtel,« bat Ludmilla zärtlich und umfaßte seine Schultern.

»Was Sie sich ausdenken!« sagte Sascha verschämt und empfindlich.

»Was ist denn dabei?« fragte Ludmilla leichthin, »was hast du denn für
Geheimnisse?«

»Jemand könnte hereinkommen,« sagte Sascha.

»Wer denn?« sagte sie ebenso leicht und sorglos. »Wir verschließen die
Tür. Da kann niemand herein.«

Ludmilla lief rasch an die Tür und schob den Riegel vor. Sascha erriet,
daß es ihr Ernst war. Kleine Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er
sagte ganz aufgeregt:

»Nein, nein, tun Sie es nicht.«

»Dummchen! warum denn nicht?« fragte sie dringend.

Sie zog Sascha an sich und knöpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich
und griff nach ihren Händen. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des
Schreckens, -- und ein, dem Schreck ähnliches Gefühl der Scham überkam
ihn. Und davon wurde er plötzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn
in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Gürtel ab
und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer
verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten
über Tische und Stühle. Ein süßer, reizender Duft wehte von Ludmilla,
machte Sascha trunken und schwach.

Mit einem geschickten Stoß in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen.
Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein
Knopf riß ab. Schnell entblößte sie seine Schulter und wollte den Aermel
vom Arm ziehen.

Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins
Gesicht. Er wollte sie natürlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste
aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla
erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, ließ aber nicht los.

»Böser, böser Junge! Du schlägst!« rief sie atemlos.

Sascha war bestürzt, er ließ die Arme sinken und blickte schuldbewußt
auf die weißen Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner
Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd
von beiden Schultern, daß es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam
wieder zur Besinnung, riß sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer,
-- Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Gürtel
herunter. Sascha fühlte die Kälte, und wieder stieg in ihm das
unerbittliche Schamgefühl auf, daß ihm der Kopf schwindelte. Er war
nackt bis an die Hüften.

Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie
seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den
dichten, schwarzen Wimpern merkwürdig flackernden Augen.

Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer
lächerlich-kindischen Grimasse, -- und plötzlich weinte und schluchzte
er.

»Lassen Sie mich!« rief er schluchzend. »Sie sind frech!«

»Das Baby klöhnt!« sagte sie ärgerlich und verlegen und stieß ihn fort.

Sascha kehrte ihr den Rücken und wischte sich mit den Händen die Tränen
aus den Augen. Er schämte sich, daß er geweint hatte. Er bemühte sich,
an sich zu halten.

Ludmilla blickte heiß auf seinen nackten Rücken.

All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schönheit
verbergen die Menschen voreinander -- warum, warum?

Sascha krümmte verschämt den nackten Rücken, er bemühte sich, das Hemd
anzuziehen, aber er verknüllte es nur; es krachte in den Nähten unter
seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise möglich, mit
den Armen durch die Aermel zu schlüpfen. Dann nahm er die Bluse, --
mochte das Hemd einstweilen so bleiben.

»O, Sie fürchten wohl für Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,«
sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang böse vor verhaltenen Tränen.

Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was
sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine
widerliche Zierpuppe!

Sascha schlüpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in
Ordnung und blickte schüchtern, unsicher und verschämt auf Ludmilla. Er
sah, daß sie sich mit den Händen die Augen rieb. Leise trat er zu ihr
und blickte ihr ins Gesicht. Und die Tränen, die über ihre Wangen
rollten, lösten in ihm plötzlich das Gefühl zärtlichen Mitleids und
vergifteten ihn. Er schämte sich nicht mehr, und er ärgerte sich nicht.

»Warum weinen Sie, liebste Ludmilla?« fragte er leise.

Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde plötzlich rot.

»Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab' es nicht mit
Absicht getan,« sagte er bescheiden.

»Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,«
sagte Ludmilla anklagend. »Du fürchtest dich wohl vor der Leidenschaft!
Schönheit und Unschuld werden welken.«

»Warum ist denn das nötig?« fragte Sascha mit verlegener Miene.

»Warum?« sagte sie leidenschaftlich. »Ich lieb die Schönheit. Ich bin
eine Heidin, eine Sünderin. Im alten Athen hätte ich geboren werden
müssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewänder, den
nackten Körper. Man sagt, es gäbe eine Seele. Ich weiß es nicht. Ich
habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich möchte sterben wie
eine Nixe, möchte hinschwinden wie ein Wölkchen vor der Sonne. Ich liebe
den Körper, -- den starken, geschmeidigen, nackten Körper, der den Genuß
sucht.«

»Auch leiden kann er,« sagte Sascha leise.

»Auch leiden! Auch das ist gut!« flüsterte sie heiß. »Süß ist es,
Schmerz zu haben -- der Körper muß es nur fühlen; sehen muß man das
Nackte und die Schönheit des Leibes.«

»Aber man schämt sich doch ohne Kleider!« sagte Sascha schüchtern.

Ludmilla stürzte vor ihm auf die Knie.

»Lieber, mein Abgott, Knabe -- göttlicher!« flüsterte sie atemlos und
bedeckte seine Hände mit Küssen, »für eine Minute, für eine Minute nur
laß mich an deinen Schultern mich satt sehen!«

Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er
die Bluse vom Körper.

Mit fiebernden Händen umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden
Küssen seine vor Scham bebenden Schultern.

»Siehst du, -- wie gehorsam ich bin!« sagte er und lächelte gezwungen,
wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen.

Ludmilla küßte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den
Fingerspitzen, und Sascha -- erregt und ganz versunken in wollüstigen,
quälenden Gedanken -- wehrte ihr nicht. Ihre Küsse waren wie eine heiße
Anbetung, als küßten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern
den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen
erblühenden Leib.

Hinter der Tür standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd,
einander ungeduldig stoßend, durch das Schlüsselloch und erstarben in
heißen, wollüstigen Schauern.

                   *       *       *       *       *

»Es ist Zeit, daß ich mich ankleide,« sagte Sascha endlich.

Ludmilla seufzte, -- und mit demselben andächtigen Ausdruck in den Augen
zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfürchtig und
vorsichtig.

»So bist du eine Heidin?« fragte Sascha zweifelnd.

Ludmilla lachte fröhlich.

»Und du?« fragte sie.

»Das fehlte noch!« antwortete Sascha fest, »ich kenne den ganzen
Katechismus auswendig.«

Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lächelnd an und
fragte:

»Warum gehst du denn in die Kirche?«

Ludmilla hörte auf zu lachen und wurde nachdenklich.

»Ja,« sagte sie, »man muß doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine
Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, --
Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Meßgewänder, Gesang, -- wenn die Sänger gut
singen, -- die Heiligenbilder in den schönen, mit Bändern geschmückten
Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch
... Ihn ... weißt du .. den Gekreuzigten ...«

Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flüsternd; sie wurde
rot, als wäre sie schuldig und senkte die Augen.

»Weißt du, manchmal träume ich von ihm -- er hängt am Kreuze, auf seinem
Körper schimmern kleine Blutstropfen.«

                   *       *       *       *       *

Seit jenem Tage kam es oft vor, daß Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer
entkleidete. Erst schämte er sich bis zu Tränen, -- doch gewöhnte er
sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn
Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblößte, ihn
streichelte und auf den Rücken klopfte. Und dann endlich entkleidete er
sich selber.

Für Ludmilla war es ein angenehmes Gefühl, ihn halbnackt auf ihren Knien
zu haben, ihn zu umarmen und zu küssen.

                   *       *       *       *       *

Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heiße Blicke,
wenn sie seinen Körper betrachtete.

Was will sie nur? dachte er.

Und plötzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so
weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und fröhlich. Er warf den Stuhl zur
Seite, schlug einige Purzelbäume, warf sich auf den Boden, sprang auf
die Möbel, -- und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer
Ecke des Zimmers in die andere. Sein fröhliches, helles Gelächter
schallte durchs ganze Haus.

In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hörte den
ungewohnten Lärm und trat in Saschas Zimmer. Verständnislos blieb sie
auf der Schwelle stehen und schüttelte nur den Kopf.

»Was ist in dich gefahren, Saschenka!« sagte sie, »toll doch mit deinen
Freunden herum, aber nicht allein. Schäm dich, mein Lieber, -- du bist
kein Kind mehr.«

Sascha stand still, -- vor Verlegenheit schienen ihm die Hände zu
ersterben, -- sie waren so schwer und ungelenk, -- aber sein ganzer
Körper zitterte vor Erregung.

                   *       *       *       *       *

Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons
fütterte.

»Sie verwöhnen ihn,« sagte sie freundlich. »Er liebt sehr zu naschen.«

»Ja, und er schilt mich, -- ich wäre ein freches Ding,« beklagte sich
Ludmilla.

»Das darfst du doch nicht, Saschenka,« tadelte die Kokowkina zärtlich.
»Warum schiltst du sie denn?«

»Ja -- sie läßt mir keine Ruhe,« sagte Sascha stockend.

Er blickte Ludmilla böse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut.

»Klatschbase,« flüsterte ihr Sascha zu.

»Du sollst nicht schimpfen, Saschenka,« verwies ihn die Kokowkina. »Man
darf nicht grob werden.«

Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise:

»Ich tu's nicht wieder.«

                   *       *       *       *       *

Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschloß sich Ludmilla mit ihm in ihrem
Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten
Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre süße Scham.

Zuweilen schnürte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im
Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine
vollen Schultern sehr schön aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber --
was selten vorkommt: sie war gleichmäßig und zart in der Färbung.
Ludmillas Röcke, Schuhe und Strümpfe, -- alles paßte ihm vorzüglich und
stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte
er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fächer. So sah er tatsächlich
einem Mädchen täuschend ähnlich, und er bemühte sich auch, sich
dementsprechend zu geben.

Nur eins war lästig -- Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine
Perücke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, -- das kam ihr
widerlich vor.

Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich
unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natürliche Grazie, wenn sich
auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewöhnen ließen.
Errötend und lachend lernte er fleißig zu knixen und unsinnig zu
kokettieren.

Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hände und küßte sie.
Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt
er ihr die Hände an die Lippen und sagte:

»Küß.«

Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla
selber für ihn erfunden hatte: im Fischerkostüm mit nackten Beinen, oder
barfuß im Chiton eines athenischen Jünglings.

Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so blaß und
traurig.

Sascha saß auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und
baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein
glückseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht.

»Wie dumm du bist!« sagte Sascha.

»In meiner Dummheit ist so viel Glück!« flüsterte Ludmilla erbleichend;
sie weinte und küßte Saschas Hände.

»Warum weinst du denn?« fragte er sorglos lächelnd.

»Mein Herz ist erfüllt von Freude. Die sieben Schwerter der
Glückseligkeit durchbohrten meine Brust; -- wie sollte ich nicht
weinen?«

»Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen!« sagte Sascha lachend.

»Und du bist klug!« sagte Ludmilla plötzlich gereizt; sie trocknete ihre
Tränen und seufzte schwer. »Begreif denn, dummer Junge,« sprach sie mit
leiser, überzeugender Stimme, »nur in der Sinnlosigkeit ist Glück und
Weisheit.«

»Nun ja!« sagte Sascha ungläubig.

»Man muß vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles
verstehen,« flüsterte Ludmilla. »Glaubst du etwa, die weisen Leute
brauchten zu denken?«

»Wie denn sonst?«

»Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles
ist vor ihnen enthüllt.«

                   *       *       *       *       *

Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige
der Bäume strich, hörte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen.

Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit
rosa Seide angezogen; er war barfuß und lag auf einem niedrigen
Ruhebett. Sie saß ihm zu Füßen, war selber barfuß und hatte nur ein Hemd
an. Sie hatte Saschas Körper und sein Kleid parfumiert, es war ein
schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser
Geist, der in die Berge und ins fremdblühende Tal gebannt ist.

An ihrem Halse blitzten große, grelle Perlengeschmeide, goldene
Filigran-Armbänder klirrten an ihren Händen. Ihr Körper duftete nach
Iris, -- ein atemraubender, körperlicher, erregender Duft, der träge
Träume gebar und gesättigt war von langsam fließenden, verdunstenden
Wassern.

Sie zerquälte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und
auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nächtigen Augen. Sie legte
ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten über
die bräunliche Haut. Sie küßte seinen Körper und der Kopf schwindelte
ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen
Leibes mischte.

Sascha lag da und lächelte mit einem stillen, falschen Lächeln. Ein
unklares Verlangen wurde in ihm groß und quälte ihn so süß. Und als
Ludmilla seine Kniee und seine Füße küßte, erweckten diese zärtlichen
Küsse in ihm quälende, träumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun,
etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich
schämt, -- aber er wußte nicht was. Sollte er ihre Füße küssen? Sollte
er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte
lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz.

Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwünscht, aber
es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt,
und ihren durch nichts gebundenen Körpern verbindet sich ein Verlangen
und eine schützende Scham, -- wo liegt nun das Geheimnis des Körpers?
Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wünschen und der eigenen
Scham zum süßen Opfer?

Aber Ludmilla quälte sich und wand sich zu seinen Füßen, erbleichend
unter ihren unmöglichen Wünschen, daß es ihr heiß und kalt wurde. Sie
flüsterte voller Leidenschaft:

»Bin ich nicht schön? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken
nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, reiß die Geschmeide von mir,
zerbrich meine Reifen!«

Sascha fürchtete sich, und unmögliche Verlangen marterten und quälten
ihn.



                                 XXVII


Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus
riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff.
Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst.

Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen
quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen.
Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.

In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor,
die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu.
Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre
Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre
Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur
böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor
sich hin.

In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden
Auseinandersetzungen.

Man hatte die Verse Puschkins gelesen:

   »Die Dämmerung ist kühl entglommen,
   Der Sense Rauschen ist verhallt;
   Der Wolf und seine Wölfin kommen, --
   So gierig schleicht sie aus dem Wald.«

»Warten Sie,« sagte Peredonoff, »das muß man richtig verstehen. Hier
haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die
gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, _sie_ ist hungrig. Die Frau muß immer
_nach_ dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne
unterordnen.«

Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus
seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte
und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem
tückischen Lächeln.

Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und
Schwester, und es ist nicht herauszubringen -- wer wo ist. Vielleicht
kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht
umsonst ist er immer so sauber, -- denn um sich zu verwandeln, mußte er
sich in allerhand Wässerchen waschen, -- anders ging es doch nicht.
Außerdem roch er immer nach Parfums.

»Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?« fragte Peredonoff, »etwa
mit Patschuli?«

Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg.

Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, --
konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und
sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer
sich gut kleidete, der hatte -- davon war er überzeugt -- nur den einen
Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut
kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm
zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog
er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn -- so glaubte er
-- das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber
halten, sich waschen, -- das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der
Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie
schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen --
nur das!

                   *       *       *       *       *

Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli
parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf
und antwortete heftig, -- sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich
Peredonoff einfach ausgedacht; er -- Peredonoff -- hätte um Ludmilla
angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, -- darum wäre er jetzt
wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden
glaubten ihm, -- man kannte doch Peredonoff! -- aber sie hörten nicht
auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt
Pjilnikoff wäre.

»Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,« sagte er. »Sie küssen sich so
eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen
schwanger geht.«

Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben
in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige
Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff
hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken --
und deren gab es viele in unserer Stadt, -- sagten Ludmilla:

»Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung
für unsere erwachsenen jungen Leute.«

Ludmilla lachte und sagte:

»Dummheiten!«

Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach.

Die Witwe des Generals Polujanoff, -- sie war reich und stammte aus
Kaufmannskreisen, -- erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er
noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten
können, um zu seiner Erziehung beizutragen.

Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte.
Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell
und fröhlich.

                   *       *       *       *       *

Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf
nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche
Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig
gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der
Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs
brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben.

In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen
Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an
Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen
und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt
eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare
Fortschritte mache.

                   *       *       *       *       *

Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen.
Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen
stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften,
so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit
entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen,
um durchzusehen.

Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose
Drohungen aus:

»Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!«

Und Warwara horchte und schmunzelte:

»Aergere dich nur!« dachte sie schadenfroh.

Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und
ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, -- denn ein Dummkopf
hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, --
was ist dabei! -- Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen.

»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch einmal, »Sie
sehen sehr krank aus.«

»Der Kopf tut mir weh,« sagte Peredonoff finster.

»Wissen Sie, Verehrtester,« fuhr der Direktor vorsichtig fort, »ich
würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie
sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen
sind, etwas Ruhe gönnen.«

Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins
Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken
gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben
und abzuwarten, was werden würde.

»Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,« sagte er erfreut zu
Chripatsch.

                   *       *       *       *       *

Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk
geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte
zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es
Beamte.

Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu
erwarten.

In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er
fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin
wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er
aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?

Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine
Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf
dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen
entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen
schneidend und durch die Luft springend.

Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb
hätte und ohne ihn nicht leben könnte.

»Warwara hat ihn betrogen,« sagte Wolodin, »er sieht aber, daß ich ihm
ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.«

Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm
dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein
Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd.

»Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?« fragte ihn
Peredonoff einmal.

»Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?«
entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig.
»Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder
aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das
nicht an.«

»Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,« sagte Peredonoff
verdrießlich.

Wolodin kicherte.

Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.

»Wieviel Schritte man machen muß,« sagte Peredonoff ärgerlich.

»Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,«
versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, »arbeiten, spazieren gehn, essen,
-- dann bleibt man gesund.«

»Nun ja,« entgegnete Peredonoff, »du glaubst wohl, daß die Leute nach
zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?«

»Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld
und das Geld muß man verdienen.«

»Ich will kein Brot.«

»Dann gibt's auch keine Semmeln, keine Pastetchen,« kicherte Wolodin,
»und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts
haben um dir ein Likörchen zu brauen.«

»Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,« sagte Peredonoff,
»Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten,
und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.«

Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.

»Ja,« sagte er grüblerisch, »das wird sehr schön sein. Nur werden wir
das nicht mehr erleben.«

Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte:

»Du wirst es nicht erleben, -- ich wohl.«

»Das gebe Gott,« sagte Wolodin vergnügt, »daß Sie zweihundert Jahre alt
werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.«

Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, --
mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die
Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben!

Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff
begann von der Fürstin zu erzählen.

In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre
älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer
und war sehr böse.

»Sie ist zweihundert Jahre alt,« sagte Peredonoff und blickte sonderbar
traurig vor sich hin. »Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr
beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.«

»Sag doch einer, was _die_ nicht alles will!« sagte Wolodin
kopfschüttelnd. »So ein altes Weib!«

                   *       *       *       *       *

Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die
Brauen runzelnd:

»Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde
ich aber unter dem Fußboden vernageln.«

Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte.

»Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?« fragte Peredonoff.

»Nein, ich rieche nichts,« sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich
vor Lachen.

»Deine Nase ist verstopft,« sagte Peredonoff. »Nicht umsonst hast du
eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.«

»Die Wanze!« rief Warwara und lachte auf.

Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder.

Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfähiger, schrieb Denunziationen
gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den
Hammel, -- er, der Hammel, wäre ein Usurpator, hätte sich für Wolodin
ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wäre doch nur ein
simpler Hammel; gegen die Waldschänder, -- sie hätten alle Birken
ausgerodet, es gäbe keine Birkenquasten mehr fürs Dampfbad, und ohne
Ruten wäre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen hätten sie aber
stehen lassen, -- und wozu wären die Espen gut?

Wenn Peredonoff auf der Straße Gymnasiasten traf, so erschreckte er die
kleineren und brachte die größeren zum Lachen durch unflätige, schamlose
Worte. Die größeren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus
dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, -- die kleineren
liefen vor ihm davon.

Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen
entsetzten ihn in dem Maße, daß sich seiner Brust ein tolles, stöhnendes
Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald
blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brüllte, und sein
Gebrüll dröhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater
schwoll an zu einer fürchterlichen Größe; er stampfte mit seinen
Absätzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbärtigen Ungetüm.



                                 XXVIII


Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit,
um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig:
wollte Gott es verhüten, daß er zu dieser verbotenen Stunde einem der
Lehrer auf der Straße begegnete. Man würde ihn bestrafen, und ihr wäre
das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die
sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die
Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs.

Ludmilla hatte, -- als mußte es gerade heute sein, -- es vergessen, die
Tür zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie?

Sascha steht vor dem Spiegel und fächelt sich mit einem Fächer. Ludmilla
lacht aus vollem Halse und zupft die Bänder an seinem grellfarbigen
Gürtel zurecht.

»Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe!« rief die Kokowkina entsetzt,
»was sind das für Geschichten! Ich bin ganz aus dem Häuschen, suche ihn
überall, und er führt hier eine Komödie auf: Schande, Schande -- sich in
Weiberröcke zu kleiden! Und wie, schämen Sie sich nicht, Ludmilla
Platonowna!«

Ludmilla -- ganz überrumpelt -- wurde im ersten Augenblick verlegen;
aber sie faßte sich schnell. Fröhlich lachend umarmte sie die Kokowkina,
setzte sie in einen Sessel und erzählte ihr eine rasch erfundene
Geschichte:

»Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, -- ich werde ein Junge
sein, und er ein Mädchen, und das wird furchtbar lustig werden.«

Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Tränen traten ihm in
die Augen.

»Was für Dummheiten!« sagte die Kokowkina ärgerlich, »er muß seine
Aufgaben lernen und hat keine Zeit für Maskeraden. Was Sie sich
ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und
marsch -- nach Hause.«

Ludmilla lachte fröhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte
Frau dachte, daß das fröhliche Mädchen noch kindisch wie ein Backfisch
wäre, und daß Sascha aus Dummheit froh wäre, allen ihren Launen
gehorchen zu können. Ludmillas fröhliches Gelächter ließ die ganze Sache
so kindisch und harmlos erscheinen, daß man darüber schlimmstenfalls
etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein böses und
unzufriedenes Gesicht, -- aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig.

Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina
ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg über auf ihn. Er schämte
sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung.
Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ängstlich.

Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er
mußte sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fünf Minuten hatte sie
Mitleid mit seinem kläglichen, schuldbewußten Gesicht und er durfte
wieder aufstehen.

»So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums,« sagte sie
brummig.

Sascha machte einen geschickten Kratzfuß und küßte ihr die Hand; die
Liebenswürdigkeit des bestraften Knaben rührte sie noch mehr.

                   *       *       *       *       *

Unterdessen drohte ein Unwetter über Sascha hereinzubrechen. Warwara und
die Gruschina verfaßten einen anonymen Brief und schickten ihn an
Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wäre von
Fräulein Rutiloff verführt worden; er brächte ganze Abende bei ihr zu
und wäre dem Laster ergeben.

Der Direktor mußte an eine kurz vorher geführte Unterhaltung denken. Vor
einigen Tagen hatte jemand auf einer Soirée beim Adelsmarschall die von
niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame hätte sich in
einen Halbwüchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen
gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem
stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, für außerordentlich
peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wäre
es unbequem, darüber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als
wäre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwürdig. Chripatsch
merkte das natürlich; er war aber nicht so einfältig, um sich bei jemand
zu erkundigen. Er war vollständig überzeugt, daß er bald alles erfahren
würde, und daß auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig,
eine Nachricht ihm zu Ohren kommen würde. Da kam dieser Brief, und das
war die erwartete Nachricht.

Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs,
oder daß sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten
überschritte.

Das alles, -- dachte er, -- hat seinen Grund in der dummen Erfindung
Peredonoffs und wird genährt von der neidischen Bosheit der Gruschina.
Dieser Brief aber, -- dachte er, -- beweist, daß unerwünschte Gerüchte
in Umlauf sind; sie könnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen
des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum müssen Maßnahmen getroffen
werden.

Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr über die
Tatsachen zu sprechen, die diese unerwünschten Gerüchte veranlaßt haben
konnten.

Die Kokowkina wußte schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch
deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte
sie auf der Straße erwartet, ein Gespräch mit ihr angeknüpft und
erzählt, Ludmilla hätte Sascha von Grund aus verdorben.

Die Kokowkina war überrascht. Zu Hause überschüttete sie Sascha mit
Vorwürfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles
sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem
Einverständnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstünde
er nichts und fragte:

»Was habe ich denn Schlimmes getan?«

Die Kokowkina kam in Verlegenheit.

»Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weißt du es nicht mehr? Ist es lange
her, daß ich dich in Weiberröcken getroffen habe? Hast du es vergessen,
du Schlingel?«

»Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafür
haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, -- als hätte
ich einen gestohlenen Rock angehabt!«

»Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet!« sagte die
Kokowkina fassungslos. »Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu
wenig.«

»Dann bestrafen Sie mich mehr,« sagte Sascha trotzig, mit der Miene
eines unschuldig Gekränkten. »Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es
zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, -- ich hätte den
ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch
Vorwürfe!«

»Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner
Ludmilla,« sagte die Kokowkina.

»Was wird denn geredet?« fragte Sascha treuherzig-neugierig.

Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit.

»Was geredet wird, -- man weiß doch was! Du weißt es genau, was man über
euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit
deiner Ludmilla, -- das redet man.«

»Ich werde nicht mehr Unfug treiben,« versprach Sascha so ruhig, als
unterhielte man sich über das Hasch-hasch-Spiel.

Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er
versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet würde,
und fürchtete sich, vielleicht grobe Worte hören zu müssen. Was konnte
nur über sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer
gingen in den Garten, von der Straße aus konnte man nichts sehen, und
außerdem ließ Ludmilla immer die Vorhänge herunter. Und wenn jemand
zugesehn hatte, _wie_ hatte er es erzählt? Vielleicht mit peinlichen,
rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, daß er oft hinging?

Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum
Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie
kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg.
Chripatsch machte ihr sehr liebenswürdig und schonend Mitteilung von dem
erhaltenen Brief. Sie brach in Tränen aus.

»Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht,« sagte Chripatsch, »wir
kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn künftighin strenger
beaufsichtigen müssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich
vorgefallen ist.«

Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurückkehrte, überschüttete
sie Sascha mit neuen Vorwürfen.

»Ich werde es der Tante schreiben,« sagte sie weinend.

»Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich fürchte mich nicht,«
sagte Sascha und weinte ebenfalls.

Am nächsten Tage ließ der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn
kalt und streng:

»Ich wünsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.«

Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an.

»Mit wem ich verkehre?« sagte er, »Olga Wassiljewna weiß es; ich besuche
nur meine Kameraden und Rutiloffs.«

»Das ist es eben,« setzte der Direktor sein Verhör fort, »was treiben
Sie bei Rutiloffs?«

»Nichts Besonderes; nur so!« antwortete Sascha unschuldig,
»hauptsächlich lesen wir zusammen. Fräulein Rutiloffs lieben Gedichte
sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.«

»Vielleicht doch nicht immer?« fragte Chripatsch und richtete auf Sascha
einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte.

»Ja, einmal habe ich mich verspätet,« sagte Sascha mit der ruhigen
Offenheit eines harmlosen Knaben, »aber dafür bekam ich Schelte von Olga
Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spät gekommen.«

Chripatsch mußte schweigen. Saschas ruhige Antworten verblüfften ihn. In
jedem Fall mußte er ihn rügen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie
sollte er es tun und wofür? -- ohne den Knaben auf böse Gedanken zu
bringen, die er früher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, --
ohne den Knaben zu kränken, -- andererseits doch so, daß alles geschah,
um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem
Verkehr erwachsen konnten.

Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die
Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer
Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die
Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine
erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und
langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören:

»... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist -- zu arbeiten ... man darf
sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr
angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt
werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist ..
Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ...
Endlich, -- ich sage es Ihnen geradeheraus, -- habe ich Grund zu der
Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu
großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft
ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht
entspricht.«

Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla
denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig
und frei verkehren konnte.

»Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,« beteuerte er,
»wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, --
nun ja -- haben getollt, -- und weiter sind gar keine Freiheiten
vorgekommen.«

Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die
herzlich klingen sollte und traurig klang:

»Hören Sie mal, Pjilnikoff ...«

(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und
eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!)

»Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten
Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, --
es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und
Vorgesetzter, sondern auch als Freund.«

Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu
bedanken -- und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn
Minuten gelaufen, -- bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage
aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können,
-- und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft
vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß
er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen.

                   *       *       *       *       *

Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten
in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die
schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die
übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde
eine Kuh erhalten, der Herr -- ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die
Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll
Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich
nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne,
damit die »glänzende Idee« nicht vorweggenommen würde.

Als das gedruckte Programm über das Kostümfest erschien, -- riesige
Affichen, die an alle Zäune geklebt und jedem angesehenen Bürger ins
Haus geschickt wurden, -- erwies es sich, daß man weder eine Kuh, noch
ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fächer,
der Herr nur ein Album bekommen. Das enttäuschte und verstimmte alle,
die sich zum Kostümfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte:

»Es lohnte sich Geld auszugeben!«

»Es ist einfach lächerlich -- solche Preise.«

»Man hätte es von Anfang an sagen müssen.«

»Nur bei uns kann man _so_ mit dem Publikum umspringen.«

Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch
miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten.

Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch später ein Interesse an
der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fächer
etwas Besonderes! Und wer würden die Preisrichter sein? Was für einen
Geschmack konnten sie -- die Richter -- entwickeln! Aber beide
Schwestern waren entzückt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das
Kostümfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu
betreiben, daß er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den
Anschein, als wäre sie einverstanden. Eifersüchtig und schwächlich wie
ein Kind, ärgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, --
aber sie wagte es nicht, mit den beiden älteren Schwestern Streit
anzufangen. Sie sagte nur verächtlich lächelnd:

»Er wird es nicht wagen.«

»Das fehlte noch,« sagte Darja resolut, »wir werden es so einrichten,
daß niemand davon erfährt.«

Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla
sagte:

»Wir werden dich als Japanerin verkleiden,« da sprang und quiekte er vor
Vergnügen. Mochte kommen was wollte, -- und besonders, wenn keiner davon
erfährt, -- ihm sollte es recht sein, -- wie sollte er nicht
einverstanden sein! -- das ist doch so furchtbar lustig, -- alle hinters
Licht zu führen.

Man beschloß auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die
Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, -- nicht
einmal Larissa oder der Bruder wußten darum. Das Geishakostüm schnitt
Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisfläschchen zu: ein
Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefüttert, sehr lang und weit,
wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, --
große Blumen in sonderbaren Linien.

Auch Schirm und Fächer fertigten die jungen Damen selber an, -- der
Fächer war aus dünnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstäbchen
gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr.
An die Füße zogen sie ihm rosa Strümpfe und hölzerne Pantoffelchen auf
kleinen Brettern.

Auch die Maske für die Geisha bemalte die Künstlerin Ludmilla: ein
gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten,
starren Lächeln auf den Lippen, schrägliegende Schlitze für die Augen,
und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Perücke mußte man sich aus
Petersburg kommen lassen, -- schwarze, glatt aufgekämmte Haare.

Man brauchte Zeit, um das Kostüm anzuprobieren, und Sascha konnte immer
nur für Augenblicke kommen, nicht einmal täglich. Aber alles fand sich:
Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs
Fenster. Alles ging glatt.

                   *       *       *       *       *

Auch Warwara rüstete sich zum Kostümfest. Sie kaufte eine Maske, die
irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostüm kümmerte sie sich
nicht viel, -- sie kleidete sich als Köchin, an die Schürze hängte sie
sich einen Kochlöffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weißes Häubchen,
die Arme ließ sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie gründlich --
kurz sie war eine Köchin wie vom Herde gekommen, -- und ihr Kostüm war
fertig. Gibt man ihr den Preis -- ihr soll's recht sein, erhält sie
keinen -- auch gut.

Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostümieren. Warwara
mußte lachen und fragte:

»Werden Sie auch ein Halsband tragen?«

»Warum denn ein Halsband?« fragte die Gruschina erstaunt.

»Aber wie denn,« erklärte Warwara, »Sie haben doch beschlossen, als Hund
zu kommen.«

»Welcher Unsinn!« antwortete die Gruschina lachend, »doch nicht als
Hund, sondern als die Göttin Diana.«

Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der
Gruschina zum Feste an. Das Kostüm der Gruschina war außerordentlich
oberflächlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rücken, kahle Brust, die
Füße steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien bloß;
im übrigen trug sie ein leichtes Gewand aus weißer Leinwand mit einem
roten Besatz, auf dem nackten Körper, -- ein kurzes Röckchen, dafür aber
sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd:

»Nackicht!«

Die Gruschina antwortete gemein lächelnd:

»Dafür werden alle Mannsleute mir nachziehen.«

»Wozu denn die vielen Falten?« fragte Warwara.

»Um darin Süßigkeiten für meine Göhren zu verstauen,« erklärte die
Gruschina.

Alles was die Gruschina so kühn den Blicken freilegte -- war schön; --
aber welche Widersprüche! Auf der Haut -- Flohstiche, grobe Manieren,
Worte von unerträglicher Gemeinheit. Auch hier -- die in den Staub
gezerrte Schönheit des Körpers.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff glaubte, das ganze Fest fände nur statt, um ihn auf irgend
etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, -- aber ohne Kostüm, im
gewöhnlichen Rock, -- um selber zu sehen, was für böse Dinge man gegen
ihn vorhätte.

Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten
sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders
jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im
Gymnasium erfährt: man würde ihn sofort exmittieren.

Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, -- ein junger Mensch, der so
liberal dachte, daß er es nicht über die Lippen brachte, einen Kater
einfach Wassjka zu rufen, dafür aber: der Kater Basil sagte, --
bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt:

»Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.«

»Ich habe keine einzige Zwei,« hatte Sascha sorglos geantwortet.

Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was würde er noch sagen? Nein,
nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an.

Am Tage des Festes schien es Sascha, daß er nicht den Mut finden würde,
hinzugehen. Es war doch schrecklich.

Nur dieses ein, -- das fertige Kostüm, das bei Rutiloffs lag, -- sollte
es wirklich umsonst genäht worden sein? All die Mühe und Arbeit, --
sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla würde weinen. Nein,
man muß gehn.

Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu
verheimlichen, machte es ihm möglich, der Kokowkina seine Aufregung zu
verbergen. Zum Glück ging die Alte früh zu Bett. Auch Sascha legte sich
früh nieder, -- vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider
auf einen Stuhl vor die Tür und stellte seine Stiefel daneben.

Nun blieb noch das Schwerste, -- unbemerkt sich aus dem Staube zu
machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von früher her vertraut, als noch
die Anproben stattfanden.

Er zog sich eine helle Sommerbluse an, -- sie hing im Kleiderschrank in
seinem Zimmer, -- leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch
Fenster auf die Straße, nachdem er einen günstigen Augenblick abgewartet
hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nähe zu hören.

Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Straße war es schmutzig, kalt
und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt müßte ihn erkennen. Er warf
Mütze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich
die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfuß über die vom Regen
glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht
schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn,
wenn er jemand treffen sollte, für einen einfachen Jungen halten, den
man in einen Laden geschickt hat.

                   *       *       *       *       *

Valerie und Ludmilla hatten für sich selber nicht gerade originelle,
doch aber farbenfreudige Kostüme angefertigt; Ludmilla war eine
Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken
aus Seide und Samt; die schmächtige, zerbrechliche Valerie schwarze
Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfächer.
Darja hatte für sich nichts Neues genäht, -- noch vom vorigen Jahre
hatte sie das Kostüm einer Türkin; das legte sie an.

»Es lohnt nicht sich was auszudenken!« sagte sie entschieden.

Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn
herzurichten. Die größte Sorge machte ihm seine Perücke.

»Wenn sie herunterfällt,« wiederholte er ängstlich.

Man befestigte sie ihm mit Bändern unter dem Kinn ...



                                  XXIX


Das Kostümfest fand in der Bürgermuße statt; das war ein zweistöckiges,
ziegelrot gestrichenes, kasernenartiges Steingebäude auf dem Bazarplatz.
Gromoff-Tschistoplotskji, Regisseur und Schauspieler am städtischen
Theater, war der Veranstalter des Festes.

Vor der Auffahrt, über die ein Kalikodach gespannt war, brannten
Lämpchen. Das Volk auf der Straße kritisierte die zum Feste Anfahrenden
oder zu Fuß Kommenden meist abfällig; dies war verständlich, denn auf
der Straße konnte man von den Kostümen unter den Oberkleidern fast
nichts sehn, und man urteilte in der Regel aufs Geratewohl. Die
Schutzleute sorgten hinreichend für Ordnung auf der Straße; im Saale
befanden sich aber als Gäste der Chef der Landpolizei und der
Polizeileutnant.

Jeder Teilnehmer erhielt am Eingang zwei kleine Billette: das eine war
rosa und galt dem schönsten Damenkostüm, das andere grüne -- dem
Herrenkostüm. Diese Billette konnte man den Würdigsten übergeben. Manche
erkundigten sich:

»Darf man es für sich selber behalten?«

Anfangs fragte der Kassierer ganz erstaunt:

»Warum für sich selber?«

»Aber wenn ich nun mein Kostüm für das schönste halte,« antwortete der
Festteilnehmer.

Später wunderte sich der Kassierer nicht mehr über diese Fragen, sagte
vielmehr mit sarkastischem Lächeln (es war ein spöttischer junger Mann):

»Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide für
sich.«

Die Säle waren nicht sehr sauber, und ein großer Teil der Anwesenden war
schon zu Anfang betrunken.

In den engen Räumen, mit ihren verräucherten Wänden und Decken, brannten
schiefe Lüster; sie waren übermäßig groß, schwer und schienen einem die
Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Türen sahen so aus,
daß es widerlich war, sie zu streifen.

Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hörte Ausrufe und
Gelächter, -- es galt jenen, die so kostümiert waren, daß sie die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten.

Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er
Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grüne, sinnlose Tätowierungen
auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewürfeltes Plaid und
hohe, lederne Stiefel, mit grünen Troddeln. Er fuchtelte mit den Händen,
sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark
gebogenen Kniee weit vorwarf.

Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid,
das aus grünen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten
starrte sie von Aehren, die sie überallhin gesteckt hatte. Diese
kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nähe kam. Man zupfte und
kniff sie. Sie schimpfte wütend:

»Ich werde kratzen!« quiekte sie.

Ringsherum lachte man.

»Woher hat sie all die Aehren?« fragte jemand.

»Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt,« antwortete man ihm, »jeden Tag war
sie im Felde und hat gemaust.«

Einige bartlose Beamte, -- die in die Gudajewskaja verliebt waren und
denen darum schon früher mitgeteilt worden war, was sie anhaben würde,
-- begleiteten sie. Sie sammelten für sie Billette, -- fast mit Gewalt,
mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbständig waren, nahmen sie die
Billette einfach aus der Hand.

Aber es gab auch andere kostümierte Damen, die durch ihre Herren
Billette für sich sammeln ließen. Andere wieder blickten gierig auf die
noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete
ihnen mit Grobheiten.

Eine verzagte Dame, die als »Nacht« gekleidet war, -- sie trug ein
blaues Kleid und hatte ein gläsernes Sternchen und einen papierenen
Halbmond an der Stirn, -- sagte schüchtern zu Murin:

»Geben Sie mir Ihr Billettchen!«

Murin antwortete grob:

»Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul -- du!«

Die »Nacht« brummte böse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder
drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, -- die hat man _mir_
gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos.

Die Lehrerin Skobotschkina war als Bärin erschienen, d. h. sie hatte
sich einfach ein Bärenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des
Bären wie einen Helm auf ihren Kopf über die gewöhnliche Halbmaske
gestülpt. Im allgemeinen war das natürlich läppisch; ihrer massiven
Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Bärin
schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal,
daß die Flammen in den Kronleuchtern zitterten.

Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand
es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die
andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht,
aus lauter Mitgefühl für ihre Fähigkeit das Gebaren eines Bären so gut
nachzuahmen. Man schrie:

»Seht nur, die Bärin säuft Schnaps.«

Die Skobotschkina konnte sich nicht entschließen, den Schnaps dankend
abzulehnen. Sie glaubte eine Bärin müsse Schnaps trinken, wenn er ihr
angeboten würde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und
Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hälfte ihrer Billette und gaben sie
Sascha.

Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel
es, daß er so kräftig gebaut war und daß man seine Arme sehen konnte,
gewaltige Arme mit einer vorzüglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten
hauptsächlich Damen, und rings um ihn tönte lobendes, wohlwollendes
Geflüster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu
erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man
folgerte so:

»Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine
Schauspielerin haben. Erhält ihn einer aus unserer Gesellschaft, so
quält er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.«

Auch das Kostüm der Gruschina fand Beifall, -- wie eben etwas
Skandalöses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Männer;
sie lachten und machten unflätige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab
und waren empört. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und
sagte, süß schmunzelnd:

»Gnädigste, Sie werden sich bedecken müssen.«

»Was gibt's denn da? Man sieht nichts Unanständiges an mir,« antwortete
die Gruschina frech.

»Gnädigste, die Damen fühlen sich beleidigt,« sagte Mintschukoff.

»Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte die Gruschina.

»Nein, bitte, Gnädigste,« bat Mintschukoff, »haben Sie die
Liebenswürdigkeit, wenigstens Ihre Brüstchen und Ihr Rückchen mit einem
Taschentüchlein zu bedecken.«

»Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist?« antwortete die
Gruschina gemein lachend.

Mintschukoff aber beharrte:

»Wie es Ihnen beliebt, Gnädigste. Nur, -- wenn Sie sich nicht bedecken,
sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.«

Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und
breitete, mit Hilfe eines Dienstmädchens, einige Falten ihres Kleides
über Rücken und Brust. Als sie in den Saal zurückkehrte, wenn auch etwas
bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach
Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Männern. Als deren
Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins
Buffetzimmer, um Süßigkeiten zu stehlen.

Bald kehrte sie wieder in den Saal zurück, zeigte Wolodin zwei
Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte:

»Darauf bin ich selber gekommen.«

Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres
Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zähne.

»Nun,« sagte er, »dann gehe auch ich, -- wenn es sich _so_ verhält.«

Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich außerordentlich laut,
-- sie schrie, fuchtelte mit den Händen, spuckte.

»Eine muntere Dame -- die Diana,« sagte man von ihr.

Das war das Kostümfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den
leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen
die drei Schwestern und Sascha schon recht spät angefahren, --
seinetwegen hatten sie sich verspätet.

Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es
ging das Gerücht, die Schauspielerin Kaschtanowa, -- besonders der
männliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe für sie, -- wäre als
Geisha kostümiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette.

Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, -- am Vorabend war ihr
kleiner Sohn schwer erkrankt.

Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz
unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha
häuften, desto fröhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der
koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske.

Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit
verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fächer, klopfte damit diesem oder
jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem
Fächer, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und
zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, -- jedenfalls genügten sie, um
alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten.

»Ich gebe mein Papier, -- der Allerschönsten -- dir!« sagte Tischkoff
und überreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfuß der Geisha.

Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen
Lächeln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer
Puppe ähnlich. Und immer reimte er.

Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie hätte es zu gern
gesehn, daß man sie erkannt hätte, daß ihr Kostüm und ihre schmale,
schlanke Gestalt allen gefiele, und daß sie den Preis erhielte. Gleich
fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, daß das ganz ausgeschlossen war:
die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur für die Geisha
aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen
sollten, ebenfalls der Geisha zu geben.

Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den
Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte
fröhlich-gehorsam:

»Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.«

Zwei Bürger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak
tanzten, wünschten, nicht nachzugeben:

»Mit welchem Recht? Für _meinen_ Fünfziger!« riefen sie, wurden aber
hinausgeführt.

Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zähne und
hopste dazu.

                   *       *       *       *       *

Fräulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich über
ihn lustig zu machen. Er saß allein, an einem Fenster und blickte mit
irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstände schienen ihm sinnlos
und aufgelöst, doch aber ihm feindlich zu sein.

[Fußnote 12: Russischer Nationaltanz; wird in sitzender Stellung
getanzt, -- die Beine werden vorgeworfen.]

Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter,
tiefer Stimme:

»Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.«

»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.

Das plötzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt.

»Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an
deinem Gesicht, -- du wirst reich werden, du wirst ein hoher
Vorgesetzter werden,« bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs
Hand.

»Sieh zu, daß du mir nur Gutes sagst,« brummte Peredonoff.

»O, du mein diamantner Herr,« wahrsagte Ludmilla, »du hast viele Feinde,
man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du
sterben.«

»Ach du Luder!« schrie Peredonoff und riß seine Hand los.

Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie löste sie
ab, -- sie setzte sich neben Peredonoff und flüsterte zärtlich:

   »Ich bin eine span'sche Dirne,
   Liebe dich wie nie zuvor, --
   Dumm ist deine Frau im Hirne,
   Mein geliebtester Signor.«

»Du lügst, dumme Gans,« knurrte Peredonoff.

Valerie flüsterte:

   »Heiß wie Tage, süß wie Nächte
   Ist mein Sevillaner-Kuß --
   Spucke deiner Frau -- der schlechten
   In die Augen Speichelfluß.
   Deine Frau -- sie heißt Barbare,
   Du bist schön, mein Ardalljon.
   Du und sie seid schlecht im Paare --
   Du bist klug, wie Salomon.«

»Das ist richtig,« sagte Peredonoff, »wie soll ich ihr aber in die Augen
spucken? Sie wird sich bei der Fürstin beklagen, und die wird mir keine
Stelle verschaffen.«

»Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,«
sagte Valerie.

»Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt,« sagte
Peredonoff mutlos.

                   *       *       *       *       *

Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate
verklebt war. Erfreut meckernd öffnete Wolodin das Kuvert und las den
Brief; er wurde nachdenklich, -- dann warf er sich in die Brust und es
schien, als hätte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar
stand geschrieben:

»Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die
Militärbadstube. Deine dir ganz fremde J.«

Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es
fragte sich nur, -- lohnte es überhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J?
Eine Jenny vielleicht? Oder fängt ihr Familienname mit dem Buchstaben J
an?

Wolodin zeigte Rutiloff den Brief.

»Geh hin, natürlich geh hin!« überredete ihn Rutiloff. »Sieh zu, was
dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in
dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben
mit dir aussprechen.«

Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschloß, daß es nicht der
Mühe wert wäre hinzugehen. Er sagte stolz:

»Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mädchen liebe
ich nicht.«

Er fürchtete sich, dort verprügelt zu werden: die Militärbadstube war in
einer ganz verrufenen Gegend, am äußersten Ende der Stadt.

                   *       *       *       *       *

Als die dichtgedrängte Menge sich in allen Räumen der Muße verteilt
hatte, schreiend, übertrieben lustig, -- hörte man an der Eingangstür
des Saales lauten Lärm, Gelächter, ermunternde Zurufe. Alles drängte
dahin. Es ging von Mund zu Munde, -- eine furchtbar originelle Maske
wäre erschienen.

Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug
einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter
dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton
geschnitten, -- eine dumme Fratze mit einem spärlichen Backenbärtchen,
auf dem Kopf trug er aber eine Mütze mit der Beamten-Kokarde des
Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwährend:

»Man sagte mir, hier wäre ein Maskenfest, und kein Mensch wäscht sich.«

[Fußnote 13: Ein kleines, hölzernes Schöpfgefäß; wird in russischen
Badstuben gebraucht, ebenso der Birkenquast.]

Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem
Staunen nicht heraus und freute sich harmlos über den gelungenen Scherz.

»Der bekommt den Preis,« sagte Wolodin neidisch.

Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaßen gedankenlos,
unmittelbar, -- er selber war gar nicht kostümiert; was also, sollte man
meinen, hatte er für einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen
war in einem seligen Entzücken: besonders die Kokarde freute ihn. Er
lachte froh, klatschte in die Hände und sagte zu Bekannten und
Unbekannten:

»Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von
sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie
nun die Kritik; -- wirklich sehr geschickt!«

Als es heiß wurde, fächelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem
Birkenquast Kühlung zu und rief:

»Die wahre Badstube!«

Alles lachte fröhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe.

Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wäre
das graue, gespenstische Tierchen.

Es ist grün geworden -- das Vieh! dachte er entsetzt.



                                  XXX


Endlich begann man, die für die Kostüme verteilten Zettelchen zu zählen.
Die Mußenvorsteher bildeten das Komitee. An der Tür des
Schiedsgerichtszimmers versammelte sich eine gespannt wartende Menge. In
den Sälen wurde es für kurze Zeit still und langweilig. Die Musik hatte
aufgehört zu spielen. Die Gäste waren verstummt. Peredonoff wurde es
unheimlich.

Aber bald fing man wieder an zu sprechen, man murrte ungeduldig, man
lärmte. Jemand versichert, beide Preise kämen in die Hände von
Schauspielern.

»Sie werden es sehen!« hörte man jemandes entrüstete, zischende Stimme.

Viele glaubten es. Man war erregt. Jene, die nur wenig Zettel erhalten
hatten, ärgerten sich schon darüber. Jene, die viele erhalten hatten,
erregte die Möglichkeit einer vielleicht zu erwartenden Ungerechtigkeit.

Plötzlich bimmelte gell und durchdringend ein Glöckchen. Die
Preisrichter kamen heraus: Weriga, Awinowitzkji, Kiriloff und die
übrigen Vorstände. Wellenartig verbreitete sich eine verlegene Stille im
ganzen Saal, -- plötzlich war alles verstummt.

Awinowitzkji verkündete mit lautschallender Stimme:

»Das Album, als Preis für das beste Herrenkostüm, erhält, der größten
Zettelanzahl zufolge, der Herr im Kostüm eines alten Germanen.«

Awinowitzkji hob das Album hoch und blickte böse auf die sich stauende
Menge. Der urwüchsige Germane bahnte sich einen Weg. Er begegnete nur
feindlichen Blicken. Man wollte ihm den Weg nicht freigeben.

»Stoßen Sie mich nicht, ich muß doch bitten!« schrie weinerlich die
zaghafte Dame in Blau mit dem gläsernen Sternchen und dem Papiermond an
der Stirn, -- die Nacht.

»Er hat den Preis erhalten und bildet sich ein, daß die Damen vor ihm
auseinandertreten müssen,« hörte man jemand böse zischen.

»Wenn Ihr mich doch selber nicht durchlaßt,« antwortete der Germane mit
verhaltenem Zorn.

Endlich war er irgendwie bis zu den Preisrichtern vorgedrungen und
empfing das Album aus Werigas Händen. Die Musik spielte einen Tusch.
Aber die Töne gingen unter in einem wüsten Gelärm.

Man hörte Schimpfworte. Man umringte den Germanen, stieß ihn und schrie:

»Die Maske herunter!«

Der Germane schwieg. Es wäre ihm ein kleines gewesen, sich durch die
Menge durchzuschlagen, -- aber augenscheinlich scheute er sich davor,
seine Kräfte handgreiflich anzuwenden. Gudajewskji packte das Album, und
im selben Augenblick riß jemand dem Germanen die Maske vom Gesicht. Die
Menge brüllte auf:

»Es _ist_ ein Schauspieler!«

Die Vermutung hatte sich bewahrheitet: es war der Schauspieler
Bengalskji. Er rief ärgerlich:

»Nun ein Schauspieler! ist denn was dabei? Ihr selber gabt mir doch eure
Zettel.«

Als Antwort ertönte wütendes Geschrei:

»Betrug!«

»_Ihr_ drucktet die Billette!«

»Soviel Leute sind gar nicht da, als Zettel verteilt wurden.«

»Er hat ein halbes Hundert in der Tasche gehabt.«

Bengalskji wurde feuerrot und schrie:

»Es ist gemein, das zu behaupten. Jedermann kann die Zettel nachzählen,
-- nach der Anzahl der Teilnehmer läßt es sich bestimmen.«

Unterdessen sprach Weriga zu den ihm zunächst Stehenden:

»Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist kein Betrug vorgekommen;
ich hafte dafür: die Zahl der Billette wurde beim Eingang kontrolliert.«

Endlich gelang es den Vorständen, zusammen mit einigen vernünftigen
Gästen, die Menge zu beruhigen. Alles war gespannt, wer den Fächer
erhalten würde. Weriga verkündete:

»Meine Herrschaften, die meisten Zettel für das Damenkostüm hat die Dame
im Kostüm einer Geisha erhalten; ihr wurde der Preis zuerkannt, --
nämlich ein Fächer. Geisha, ich ersuche Sie, vorzutreten, der Fächer
gehört Ihnen. Meine Herrschaften, ich ersuche Sie um die
Liebenswürdigkeit, der Geisha den Weg freizugeben.«

Die Musik spielte zum zweiten Mal einen Tusch. Die erschreckte Geisha
wäre froh gewesen, wenn sie hätte davonlaufen können. Man stieß sie aber
vor, ließ ihr den Weg und führte sie vor die Preisrichter.

Weriga überreichte ihr mit liebenswürdigem Lächeln den Fächer. Vor
Saschas von Angst und Verlegenheit verschleierten Augen blinkte etwas
Buntes und Reizendes. Man muß sich bedanken, -- ging es ihm durch den
Kopf. Er murmelte die gewohnten Höflichkeitsformeln eines gesitteten
Jungen.

Die Geisha hockte nieder, sagte ein paar unverständliche Worte,
kicherte, hob ihre Fingerchen, -- und wieder ertönte ein wüstes Gejohl
durch den Saal, es wurde gepfiffen, geschimpft. Alles drängte und
stürmte zur Geisha.

»Hock nieder, gemeine Dirne!« schrie die Aehre wütend und sträubte ihre
Stacheln, »hock nieder!«

Die Geisha wollte zur Tür hinaus; man vertrat ihr den Weg. In der Menge,
die die Geisha umtoste, hörte man böses Geschrei:

»Sie muß ihre Maske abnehmen!«

»Die Maske herunter!«

»Haltet sie! Fangt sie!«

»Nieder -- die Maske!«

»Reißt ihr den Fächer fort!«

Die Aehre schrie:

»Wißt ihr auch, wer den Preis erhalten hat? Die Schauspielerin
Kaschtanowa. Sie hat einen fremden Mann abspenstig gemacht, und erhält
den Preis! Die rechtschaffenen Frauen bekommen nichts; eine feile Dirne
erhält ihn!«

Sie warf sich auf die Geisha, quiekte durchdringend und ballte die
mageren Fäustchen. Viele andere folgten ihrem Beispiel, -- hauptsächlich
ihre Begleiter.

Die Geisha schlug verzweifelt um sich. Es war eine wilde Hetze. Der
Fächer wurde ihr entrissen, zerbrochen, auf den Boden geworfen,
zerstampft. Wie besessen rannte die Menge -- die Geisha mitten darin --
durch den Saal; Zuschauer wurden über den Haufen gerannt. Weder
Rutiloffs noch die Vorstände konnten bis zur Geisha vordringen. Die
Geisha, kräftig und gelenkig, kratzte, biß, kreischte durchdringend. Die
Maske hielt sie fest vor dem Gesicht, bald mit der rechten, bald mit der
linken Hand.

»Man muß sie alle niederschlagen,« winselte irgend ein besonders
wütendes Dämchen.

Die betrunkene Gruschina versteckte sich hinter den andern, hetzte
Wolodin und ihre übrigen Bekannten.

Matschigin hielt sich die blutende Nase mit der Hand, sprang vor und
jammerte:

»Direkt mit der Faust in die Nase!«

Ein besonders wütender junger Mensch packte einen Aermel der Geisha mit
den Zähnen und riß ihn zur Hälfte entzwei. Die Geisha rief:

»Hilfe! Hilfe!«

Auch die andern zerfetzten ihr Kleid. Hier und da sah man ihren bloßen
Körper. Darja und Ludmilla machten verzweifelte Versuche, sich bis zur
Geisha durchzudrängen, aber vergeblich. Wolodin hielt mit solchem
Feuereifer die Geisha umklammert, -- dabei kreischte er und verrenkte
die Gliedmaßen, -- daß er den andern, die weniger betrunken und weniger
erbittert waren, hinderlich wurde: eigentlich strengte er sich gar nicht
aus Bosheit an, nur aus Uebermut; er dachte nämlich, das ganze wäre ein
gelungener Scherz. Den Aermel vom Kostüm der Geisha hatte er glücklich
ganz abgerissen; er wand ihn sich um den Kopf.

»Das kann man brauchen,« rief er kreischend, schnitt Fratzen und krümmte
sich vor Lachen.

Mitten unter den vielen Leuten wurde ihm zu heiß; er sprang zur Seite,
gebärdete sich wie ein Toller und mit wildem Geschrei tanzte er, von
niemand behindert, auf den Ueberresten des Fächers.

Niemand war da, der ihn zur Vernunft hätte rufen können.

Peredonoff blickte voller Entsetzen auf ihn und dachte:

Er tanzt. Er freut sich über irgend etwas. So wird er auch auf meinem
Grabe tanzen.

Endlich gelang es der Geisha, sich loszureißen, -- die Männer, die sie
umringten, konnten ihren geschickten Fäusten und scharfen Zähnen nicht
standhalten. Wie ein Wind fegte sie aus dem Saal.

Im Gang stürzte sich die Aehre wieder auf die Japanerin und zerrte sie
am Kleid. Die Geisha riß sich los, aber schon war sie wieder umringt.
Die Hetze wurde fortgesetzt.

»Man zaust sie an den Ohren! An den Ohren!« schrie jemand.

Irgend ein Dämchen hatte die Geisha am Ohr gepackt, zauste sie und ließ
ein lautes, triumphierendes Geschrei ertönen. Die Geisha kreischte auf,
hieb mit der Faust auf die Arme des bösen Dämchens und riß sich mit Mühe
los. Endlich gelang es Bengalskji, der sich unterdessen in seine
gewöhnlichen Kleider geworfen hatte, mit Gewalt bis zur Geisha
vorzudringen. Er nahm die zitternde Japanerin auf den Arm, schützte sie
mit seinem riesigen Körper und mit seinen Fäusten, so gut es gehen
wollte, und -- die Menge gewandt mit Ellenbogen und Beinen
auseinanderschiebend -- trug er sie hinaus. Man brüllte:

»Schurke, gemeiner Kerl!«

Man zupfte und schlug auf seinen Rücken ein. Er schrie:

»Ich erlaube es nicht, einer Frau die Maske abzureißen. Tut, was ihr
wollt -- ich erlaube es nicht.«

So trug er die Geisha durch den ganzen Gang. Der Gang mündete durch eine
schmale Tür ins Eßzimmer. Hier gelang es Weriga, für einige Zeit die
Nachstürmenden aufzuhalten. Mit der Entschlossenheit eines alten
Militärs faßte er vor der Tür Posten, sie mit seinem Rücken deckend und
sagte:

»Keinen Schritt weiter, meine Herrschaften.«

Die Gudajewskaja, raschelnd von den Ueberresten ihrer zerzausten Aehren,
hüpfte gegen Weriga an, drohte ihm mit ihren Fäustchen und keifte:

»Fort von da! Durchlassen!«

Aber das bitterkalte Gesicht des Generals und seine entschlossenen
grauen Augen hielten sie von Tätlichkeiten ab. In blinder Wut schrie sie
ihren Mann an:

»Hättest du ihr wenigstens eine Ohrfeige heruntergehauen, -- du hast
geschlafen, Idiot.«

»Es war unbequem anzukommen,« verteidigte sich der Indianer und
fuchtelte sinnlos mit den Händen, »Pawluschka drehte sich mir immer
unter die Arme.«

»In die Zähne hättest du ihr hauen sollen, aufs Ohr; geniertest dich
wohl!« schrie die Gudajewskaja.

Man drängte gegen Weriga. Gemeine Schimpfworte wurden laut. Weriga stand
mutig vor der Tür und überredete die Zunächststehenden, ihr unwürdiges
Betragen zu lassen.

Der Küchenjunge öffnete hinter Werigas Rücken die Tür und flüsterte:

»Sie sind fortgefahren, Ew. Exzellenz.«

Weriga trat zur Seite. Alles stürmte in das Eßzimmer, von dort in die
Küche, -- man suchte die Geisha, konnte sie aber nicht finden.

Bengalskji war, die Geisha auf den Armen, durch das Eßzimmer und durch
die Küche gelaufen. Sie lag ganz ruhig an seiner Brust und sagte kein
Wort. Bengalskji schien es, als hörte er ihr Herz stark schlagen. Ihre
nackten Arme waren fest verschlungen; an ihnen bemerkte er einige
Kratzwunden und in der Nähe des Ellbogens einen blau-gelben Fleck, der
von einem Schlage herrührte.

Mit erregter Stimme rief Bengalskji der sich drängenden Dienerschaft zu:

»Rascher, einen Mantel, einen Schlafrock, ein Laken, irgend etwas -- man
muß die gnädige Frau retten.«

Irgend jemandes Mantel wurde Sascha über die Schultern geworfen,
Bengalskji hüllte ihn notdürftig ein, und fort ging es über die enge
Stiege, die spärlich von schwelenden Petroleumlampen erleuchtet war,
hinaus auf den Hof, durch ein Pförtchen in eine Nebengasse.

»Demaskieren Sie sich; in der Maske wird man Sie eher erkennen; hier in
der Dunkelheit ist es doch einerlei,« sagte er recht unzusammenhängend,
»ich werde es keinem Menschen sagen.«

Er war neugierig. Er wußte genau, daß es nicht die Kaschtanowa war, --
aber wer war es denn?

Die Japanerin gehorchte. Bengalskji sah ein unbekanntes, brünettes
Gesicht, in dem die Angst einem Ausdruck der Freude, der Gefahr
entronnen zu sein, gewichen war. Mutwillige, schon vergnügte Augen
blickten ihm entgegen.

»Wie soll ich Ihnen danken!« sagte die Geisha mit klangvoller Stimme.
»Was wäre mit mir geschehen, wenn Sie mich nicht herausgehauen hätten!«

Ein keckes Frauenzimmer, ein interessantes Weibsbild! dachte der
Schauspieler, -- aber wer ist sie? Offenbar eine Zugereiste, -- denn
Bengalskji kannte alle Damen der Stadt. Er sagte leise:

»Ich muß Sie so schnell als möglich nach Hause bringen. Nennen Sie mir
Ihre Adresse, ich werde eine Droschke rufen.«

Das Gesicht der Japanerin wurde ängstlich.

»Es ist unmöglich! Es ist ganz unmöglich!« flüsterte sie, »lassen Sie
mich, ich finde den Weg allein.«

»Wie wollen Sie denn auf Ihren Bretterchen allein heimfinden, bei diesem
schlüpfrigen Wetter; -- man muß eine Droschke nehmen,« entgegnete der
Schauspieler fest.

»Nein, ich lauf schon allein; um Gotteswillen, lassen Sie mich,« flehte
die Geisha.

»Ich schwöre bei meiner Ehre, kein Mensch soll es erfahren,« beteuerte
Bengalskji. »Ich kann Sie nicht allein lassen; Sie werden sich erkälten.
Ich habe die Verantwortung für Sie übernommen und kann einfach nicht.
Sagen Sie schnell! -- man könnte auch hier über Sie herfallen. Sie haben
doch gesehen, -- es sind ganz wilde Leute. Sie sind zu allem fähig.«

Die Geisha zitterte. Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen.

»Furchtbar, furchtbar böse Menschen!« sagte sie schluchzend. »Bringen
Sie mich einstweilen zu Rutiloffs; ich werde bei ihnen übernachten.«

Bengalskji rief eine Droschke. Man setzte sich ein und fuhr davon. Der
Schauspieler betrachtete genauer das bräunliche Gesicht der Geisha. Ein
flüchtiger Gedanke blitzte in ihm auf.

Er erinnerte sich an den Stadtklatsch über die Rutiloffschen Damen, über
Ludmilla und ihren Gymnasiasten.

»Oho, du bist ja ein Bengel!« sagte er flüsternd, damit der Kutscher es
nicht hören sollte.

»Um Gotteswillen,« flehte Sascha kreidebleich.

Und seine bräunlichen Arme streckten sich unter dem nachlässig
umgeworfenen Mantel mit flehentlicher Gebärde Bengalskji entgegen.

Dieser lachte leise und sagte immer noch flüsternd:

»Hab' keine Angst, ich sag's keinem. _Meine_ Sache ist nur -- dich in
Sicherheit zu bringen, und weiter weiß ich von nichts. Allein, du bist
ein ganz verzweifelter Bengel. Wird man zu Hause nichts erfahren?«

»Wenn Sie es nicht verraten, wird es niemand erfahren,« sagte Sascha
versöhnlich-zärtlich.

»Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin stumm, wie ein Grab,«
antwortete der Schauspieler. »War selber ein Junge; habe auch dumme
Streiche gemacht.«

                   *       *       *       *       *

In der Muße beruhigte man sich allmählich -- aber ein neues Unglück
setzte allem die Krone auf.

Während im Gang die Hetzjagd auf die Geisha stattfand, sprang das
flammende, gespenstische Tierchen über die Kronleuchter, lachte und
flüsterte Peredonoff eindringlich zu, er müsse ein Streichholz
entzünden, müsse es -- das flammende aber unfreie Tierchen -- über die
düstren, schmutzigen Wände laufen lassen, und dann, wenn es sich an der
Zerstörung gesättigt, das Haus, in dem so fürchterliche und
unverständliche Dinge vorgingen, aufgefressen hätte, -- dann würde es
ihn -- Peredonoff -- ganz in Ruhe lassen. Und Peredonoff konnte seiner
zudringlichen Versuchung nicht widerstehen.

Er ging in den kleinen Salon, der neben dem Tanzsaal war. Kein Mensch
war zu sehen. Peredonoff blickte sich um, zündete ein Streichholz an,
hielt es tief an den untersten Rand eines Fenstervorhanges und wartete,
bis der Vorhang in Flammen stand. Das flammende Tierchen kroch
geschmeidig, wie eine Schlange, an dem Vorhang empor; es piepte leise
und fröhlich. Peredonoff ging aus dem Salon und schloß die Tür hinter
sich. Keiner hatte die Brandstiftung gesehen.

Erst von der Straße aus sah man das Feuer, als das ganze Zimmer schon in
Flammen stand. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen
konnten sich retten, -- aber das Haus brannte nieder.

Am nächsten Tage sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderm als
vom Skandal mit der Geisha und vom Feuerschaden. Bengalskji hielt Wort
und verriet nicht, daß die Geisha ein Knabe gewesen war.

Sascha lief noch in derselben Nacht, nachdem er sich bei Rutiloffs
umgekleidet und sich wieder in einen einfachen, barfüßigen Jungen
verwandelt hatte, nach Hause, kletterte durchs Fenster und schlief ruhig
ein. In der Stadt, die nur vom Klatsch lebte, in der Stadt, in der man
über jedermann alles in Erfahrung brachte, blieb Saschas nächtliches
Abenteuer ein Geheimnis. Für lange Zeit; natürlich nicht für immer.



                                  XXXI


Katharina Iwanowna Pjilnikowa, Saschas Tante und Erzieherin, erhielt
gleichzeitig zwei Briefe über ihn, -- vom Direktor den einen, von der
Kokowkina den andern. Diese Briefe regten sie fürchterlich auf. Sie ließ
alles liegen und fuhr sofort, trotz der im Herbst grundlosen Wege, von
ihrem Gute in die Stadt.

Sascha war sehr froh, als sie kam, -- er liebte sie. Die Tante hegte
aber einen tiefen Groll gegen ihn. Er umarmte sie jedoch so selig, küßte
ihr so froh die Hände, daß sie im ersten Augenblick nicht den nötigen
strengen Ton finden konnte.

»Liebes Tantchen, wie ist es doch so gut, daß du gekommen bist!« sagte
Sascha und blickte ihr vergnügt in das volle, frische Gesicht, mit den
so gutmütigen Grübchen in den Wangen, mit den geschäftig-strengen,
braunen Augen.

»Warte nur mit deiner Freude; ich muß die Saiten straffer ziehen,« sagte
die Tante mit unbestimmbarer Stimme.

»Das macht nichts,« sagte Sascha sorglos, »zieh sie straffer; wenn ich
nur wüßte wofür; aber ich freue mich doch fürchterlich.«

»Fürchterlich?« wiederholte die Tante unzufrieden, »über _dich_ habe ich
fürchterliche Dinge hören müssen.«

Sascha hob die Augen und blickte die Tante aus unschuldigen, erstaunten
Augen an. Er klagte:

»Hier hat sich ein Lehrer Peredonoff ausgedacht, ich wäre ein Mädchen;
er verfolgt mich damit; -- außerdem hat mir der Direktor den Kopf
gewaschen, weil ich mit Fräulein Rutiloffs verkehre. Als ginge ich hin,
um zu stehlen. Was geht ihn das an?«

Genau so ein Kind wie früher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er
schon so verdorben, daß er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann?

Sie schloß sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit
ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr später zum Direktor. Ganz
verstimmt und traurig kehrte sie heim.

Sascha mußte die härtesten Vorwürfe über sich ergehen lassen. Er weinte,
beteuerte aber mit Feuereifer, alles wären nur Klatschereien und er habe
sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Fräulein
Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie
schalt und schalt, weinte, drohte, sie würde ihn prügeln, gründlich
prügeln, heute noch, -- nur müsse sie zuvor diese jungen Damen
gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wäre
wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles hätte man unglaublich
übertrieben und erfunden.

Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs.

                   *       *       *       *       *

Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf.
Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwürfe
machen; böse, gehässige Worte brannten ihr auf der Zunge, -- allein der
gemütliche, hübsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf
friedlichere Gedanken und beruhigte sie.

Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigürchen, gute Gravüren an den
Wänden, sorgfältig gepflegte Blumen auf den Fensterbänken, nirgends ein
Stäubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem
Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausständen niemals vorkommt,
und von Hausfrauen außerordentlich geschätzt wird, -- war es denn
wirklich möglich, daß in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener
Junge von den jungen Mädchen verführt worden war? Alle die
Verdächtigungen, die sie über Sascha hatte lesen und hören müssen,
schienen Katharina Iwanowna plötzlich so unglaublich töricht zu sein, --
und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklärungen
darüber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen,
geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, -- man wollte im
Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna
hatte es nicht erlaubt.

Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehörigen Schrecken gekriegt.
Sie wußten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostümfest bekannt
geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand für die
andre ein. Das ließ sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in
Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flüsternd. Valerie sagte:

»Man muß doch hingehen, -- sie wartet. Wie unhöflich.«

»Das tut nichts. Mag sie sich abkühlen,« antwortete Darja sorglos,
»sonst fährt sie gleich wütend auf uns los.«

Alle drei hatten sich mit feucht-süßem Klematis parfumiert; -- hübsch
angezogen, ruhig, fröhlich, reizend wie immer, kamen sie in das
Gastzimmer und erfüllten es mit ihrem liebenswürdigen Geplauder, mit
ihrer Anmut und Fröhlichkeit.

Katharina Iwanowna war gleich bezaubert von ihrem netten, anständigen
Aussehen.

Die haben wieder was entdeckt! dachte sie ärgerlich von den Pädagogen am
Gymnasium. Dann überlegte sie, daß die Dämchen sich vielleicht
verstellten und nahm sich vor, ihren Reizen nicht zu erliegen.

»Entschuldigen Sie, meine Damen, ich muß mich ernstlich mit Ihnen
auseinandersetzen,« sagte sie, bemüht, ihrer Stimme einen
sachlich-trocknen Klang zu geben.

Die Schwestern baten sie Platz zu nehmen und schwatzten fröhlich
durcheinander.

»Welche von Ihnen ist es denn? ...« begann Katharina Iwanowna unsicher.

Ludmilla sagte fröhlich, mit der Miene einer liebenswürdigen Hausfrau,
die sich bemüht, einem Gaste über eine Verlegenheit hinwegzuhelfen:

»Ich habe mich hauptsächlich mit Ihrem Neffen abgegeben. Wir haben in
vielen Dingen dieselben Ansichten und denselben Geschmack.«

»Ihr Neffe ist ein sehr lieber Junge,« sagte Darja, wie überzeugt, daß
ihr Lob der Tante gefallen mußte.

»Wirklich, er ist sehr lieb, und so amüsant,« sagte Ludmilla.

Katharina Iwanowna fühlte sich mit jedem Augenblicke unsicherer. Sie
begriff mit einem Mal, daß sie eigentlich nur die geringsten Handhaben
hatte, um Vorwürfe zu machen. Darüber ärgerte sie sich, -- und Ludmillas
letzte Worte gaben ihr Anlaß, ihrem Aerger Luft zu machen. Gereizt sagte
sie:

»Sie amüsieren sich ... und er ...«

Aber Darja unterbrach sie:

»O, wir merken schon, -- Peredonoffs alberne Erfindungen sind Ihnen zu
Ohren gekommen,« sagte sie mitleidig. »Aber wissen Sie denn nicht, daß
er ganz verrückt ist. Der Direktor läßt ihn nicht ins Gymnasium. Man
wartet auf einen Psychiater zur Untersuchung, dann wird er sofort vom
Gymnasium entfernt.«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach sie ihrerseits Katharina Iwanowna, immer
gereizter werdend, »mich interessiert nicht dieser Lehrer, sondern mein
Neffe. Ich hörte, -- bitte um Verzeihung, -- daß sie ihn sittlich
verderben.«

Und im selben Augenblick, nachdem sie den Schwestern im Jähzorn diesen
entschiedenen Satz zugeschleudert hatte, dachte sie schon, -- sie wäre
zu weit gegangen. Die Schwestern blickten einander an mit der Miene so
gut gespielter Empörung, so vollständigen Nichtverstehenkönnens, daß
nicht Katharina Iwanowna allein sich hätte täuschen lassen, -- sie
wurden rot, und riefen alle gleichzeitig:

»Das ist nett!«

»Wie scheußlich!«

»Was für Neuigkeiten!«

»Gnädige Frau,« sagte Darja kalt, »Sie wählen Ihre Worte nicht. Bevor
Sie sich grober Redewendungen bedienen, wäre es angezeigt, in Erfahrung
zu bringen, wie weit diese Wendungen angebracht sind.«

»Oh, das ist _so_ verständlich!« sagte Ludmilla lebhaft, mit der Miene
eines gesitteten Mädchens, das gekränkt wurde und die Kränkung verziehen
hat, »er ist Ihnen doch kein Fremder. Wie sollten diese dummen Gerüchte
Sie nicht aufregen. Uns, -- den Fernstehenden, -- tat er leid, darum
luden wir ihn ein. Hier in unserer Stadt macht man aus allem gleich ein
Verbrechen. Die Leute hier, wenn Sie es nur wüßten, sind schrecklich,
ganz schrecklich!«

»Schreckliche Leute!« wiederholte Valerie leise mit ihrer klangvollen,
zerbrechlichen Stimme und schüttelte sich, als hätte sie etwas
Unsauberes berührt.

»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Darja, »sehen Sie ihn sich an: ist
er nicht ein ganzes Kind! Vielleicht sind Sie an seine Einfalt zu sehr
gewöhnt, aber wir -- die ihm Fernstehenden sehen es, -- er ist noch ein
vollständig, vollständig unverdorbener Knabe.«

Die Schwestern logen so sicher und ruhig, daß es nicht möglich war,
ihnen nicht zu glauben. Und wie hätte es anders sein können, -- ist doch
die Lüge sehr oft der Wahrheit ähnlicher als die Wahrheit. Fast immer.
Die Wahrheit kann doch unmöglich der Wahrheit ähnlich sehen.

»Natürlich, es ist wahr, er ist zu häufig bei uns gewesen,« sagte Darja.
»Aber wenn Sie es wünschen, lassen wir ihn nicht mehr über die
Schwelle.«

»Heute noch gehe ich zu Chripatsch,« sagte Ludmilla. »Was fällt ihm ein!
Unmöglich glaubt er selber an diesen Blödsinn.«

»Nein, er scheint nicht daran zu glauben,« gestand Katharina Iwanowna,
»er sagt nur, es wären verschiedene böse Gerüchte im Umlauf.«

»Sehen Sie! Sehen Sie!« rief Ludmilla erfreut, »natürlich kann er nicht
daran glauben. Wozu denn die ganze Aufregung?«

Ludmillas fröhliche Stimme umstrickte Katharina Iwanowna. Sie dachte:

Es ist doch wirklich nichts passiert. Sogar der Direktor sagt, er glaube
das alles nicht.

Lange noch zwitscherten die Schwestern um die Wette, um Katharina
Iwanowna zu überzeugen, daß ihr Verkehr mit Sascha ganz harmlos wäre.
Zur größeren Bekräftigung begannen sie ganz ausführlich zu erzählen, was
sie zusammen mit Sascha getrieben hatten, -- bei dieser Aufzählung kamen
sie bald in die Brüche, -- es handelte sich doch um so harmlose,
einfache Dinge, daß es unmöglich war, sich an alles und jedes zu
erinnern. Schließlich war Katharina Iwanowna ganz fest davon überzeugt,
daß ihr Sascha und die liebenswürdigen jungen Mädchen unverschuldet
einem dummen Klatsch zum Opfer gefallen waren.

Als Katharina Iwanowna sich verabschiedete, küßte sie alle drei
Schwestern und sagte:

»Sie sind liebe, schlichte Mädchen. Anfangs dachte ich, -- verzeihen Sie
das grobe Wort, -- Sie wären freche, zänkische Personen.«

Die Schwestern lachten fröhlich:

»Nein,« sagte Ludmilla, »wir sind nur lustig und haben spitze Zungen;
darum lieben uns hier manche Gänse nicht.«

Die Tante sagte zu Sascha kein Wort, als sie von Rutiloffs zurückkehrte.
Er kam ihr ängstlich und verstört entgegen und blickte sie vorsichtig
und aufmerksam an. Die Tante ging zur Kokowkina. Lange redeten sie,
endlich beschloß die Tante:

»Ich gehe noch einmal zum Direktor.«

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage ging Ludmilla zu Chripatsch. Erst plauderte sie im
Salon ein wenig mit Warwara Nikolajewna, dann erklärte, sie, sie hätte
ein Anliegen an Nikolaij Wassiljewitsch.

In Chripatschs Schreibzimmer wurde ein lebhaftes Gespräch geführt, --
nicht darum eigentlich, weil die beiden einander viel zu sagen hatten,
sondern weil beide zu sprechen liebten. Sie überschütteten einander mit
schnell hingeworfenen Sätzen: Chripatsch mit seiner trocknen, knarrenden
Schnellrednerei, Ludmilla mit ihrem zärtlich klingenden Geflüster.
Fließend, mit der unwiderlegbaren Sicherheit einer Lüge, ergoß sich über
Chripatsch ihre zur Hälfte erfundene Erzählung über ihr Verhältnis zu
Sascha Pjilnikoff. Was sie hauptsächlich dazu getrieben hätte, wäre
natürlich ihr Mitleid zu dem Knaben, den man mit so groben
Verdächtigungen beleidigte, ihr Wunsch, Sascha die abwesende Familie zu
ersetzen, -- und, schließlich, er wäre so ein prächtiger, lustiger,
einfältiger Junge.

Ludmilla weinte sogar; schnell und wunderbar reizend kullerten die
kleinen Tränchen über die frischen Wangen, auf die verlegen lächelnden
Lippen.

»Wirklich, ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Bruder. Er ist so
prächtig und gut; er weiß Güte so sehr zu schätzen; er hat mir die Hände
geküßt.«

»Das ist natürlich sehr, sehr lieb von Ihnen,« sagte Chripatsch
einigermaßen verlegen, »und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber
der einfache Umstand, daß ich es für nötig hielt, die Verwandten des
Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerüchte zu benachrichtigen,
geht Ihnen überflüssigerweise so nahe.«

Ludmilla überhörte, was er sagte und flüsterte weiter, aber schon im
Tone eines bescheidenen Vorwurfs:

»Was ist denn dabei Schlimmes, -- sagen Sie es mir bitte, -- daß wir für
einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrückter
Peredonoff gestürzt hat, -- wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt
entfernen! Sehen Sie es denn nicht, daß dieser Ihr Pjilnikoff noch ein
ganzes Kind ist, -- wirklich, ein ganzes Kind!«

Sie schlug ihre kleinen, hübschen Händchen zusammen, ihr goldnes
Armbändchen klirrte, sie lachte zärtlich; -- als müßte sie weinen, --
nahm sie ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und ein süßer Duft
strömte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwürdig zumut; er wollte
ihr sagen, sie wäre »wie ein Engel vom Himmel, -- so schön«, und dieser
ganze betrübliche Zwischenfall »ist unwert eines Augenblicks, des über
alles teuren Grams«. Aber er hielt an sich.

Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflüster plätscherte und
plätscherte, und zerstäubte das schimärische Lügengebäude Peredonoffs.
Man mußte nur vergleichen, -- der irrsinnige, grobe, schmutzige
Peredonoff, -- und die lustige, elegante, freundliche, duftende
Ludmilla.

Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu
dichtete, -- das war Chripatsch ganz gleichgültig, -- er fühlte aber,
wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche
Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen würde, -- daß er dann in
die Klemme geraten würde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wäre. Um so
mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als
Peredonoff natürlich allgemein für unzurechnungsfähig galt. Und
liebenswürdig lächelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla:

»Es tut mir aufrichtig leid, daß das alles Sie so erregt hat. Ich habe
mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs
Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schätze Ihre freundlichen
und gütigen Gefühle, die Sie zu Ihren Schritten veranlaßt haben, sehr
hoch, -- und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt
verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerüchte anders als wie eine
dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste empört hat. Ich hielt
mich um so mehr für verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu
benachrichtigen, als es möglich war, daß ihr viel entstelltere
Mitteilungen gemacht werden konnten, -- niemals beabsichtigte ich aber,
-- Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, daß Madame
Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben würde, um Ihnen Vorwürfe zu machen.«

»Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollständig ausgesprochen,« sagte
Ludmilla fröhlich, »lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn
unser Haus für Gymnasiasten so gefährlich ist, so werden wir ihn, wenn
Sie es wünschen, nicht mehr einladen.«

»Sie sind sehr freundlich zu ihm,« sagte Chripatsch unbestimmt. »Wir
können nichts dagegen einwenden, daß er mit Erlaubnis seiner Tante in
der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern,
die Schülerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor übrigens die
Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es
besser sein, wenn Pjilnikoff überhaupt zu Hause bleibt.«

                   *       *       *       *       *

Bald wurde die sicher vorgebrachte Lüge der Rutiloffs und Saschas durch
ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekräftigt. Es
überzeugte die Bürger endgültig davon, daß alle Gerüchte über Sascha und
die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren.



                                 XXXII


Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine
niederdrückende Angst quälte ihn.

Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte
er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die
feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch
es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit
seinen geschlossenen Fenstern.

»Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« murmelte die Werschina,
blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich
wieder zur Seite.

Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt;
zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes
Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.

»Ich spucke auf Ihre Wahrheit,« antwortete Peredonoff, »in hohem Maße
spucke ich darauf.«

Die Werschina lächelte schief und antwortete:

»Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, -- man hat Sie betrogen.«

Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den
Lippen. Sie sprach:

»Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig.
Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann
kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit _wem_ Sie es zu tun
haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische
Persönlichkeit.«

Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer
verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden.
Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie
es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und
es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal
nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, -- so würde Peredonoff
wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm
einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es
nicht.

Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht
gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise
darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die
Fürstin selber betröge ihn, -- führte ihn an der Nase herum.

Endlich sagte die Werschina gerade heraus:

»Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es
aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im
Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie
wollen; alle wissen es, -- sie selber haben sich verplappert. Und dann
hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit
es keine Beweisstücke gibt.«

Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff
nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht
wissen sollte, -- nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus
dem Feuer hervorgegangen.

»Das von der Fürstin lügen Sie,« sagte er, »ich wollte die Fürstin
verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.«

Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild
hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne
sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina
nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen
Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.

Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine
quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen.

Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht,
-- ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug
er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, -- bis zu seinem
frühen Mittagessen, -- saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener
arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß
Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig.

Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um
Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz
zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn
ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine
Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:

»Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.«

Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten.

»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.

Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen.

                   *       *       *       *       *

Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer
Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den
Fenstern war alles ganz schwarz.

Wolodin war bei Peredonoffs, -- Peredonoff hatte ihn noch am Morgen
gebeten, zum Tee zu kommen.

»Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?« schrie Peredonoff.

[Fußnote 14: Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot mit Malz.]

Warwara schmunzelte. Er brummte:

»Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir
ins Schlafzimmer gedrängt, -- wollte sich als Köchin verdingen. Aber
wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.«

Wolodin lachte, meckerte und sagte:

»Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die
geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch
heranlassen.«

Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen
dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.

Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend,
plötzlich, -- wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine
Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, -- Wolodin war sein Feind. Sie
wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß
Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen
Listen offenbar werden.

Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas
Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten.

Peredonoff war erregt.

»Jemand kommt da,« murmelte er. »Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre
fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.«

Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten
sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu,
gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:

»Ist der General Peredonoff zu Hause?«

»Dem General Peredonoff -- der Stern mit Brillanten.«

Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.

»Nicht hereinlassen!« schrie er. »Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen
früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.«

Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden.
Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto
sicherer umzubringen.

»Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,« sagte
Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.

Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte:

»Bist du mein Freund oder mein Feind?«

»Dein Freund, dein Freund, Ardascha!« antwortete Wolodin.

»Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,« sagte
Warwara.

»Nicht Schabe, sondern Schaf,« verbesserte Peredonoff. »Wollen wir
trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, -- trink;
wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.«

Wolodin kicherte.

»Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu
zweit, sondern zu dritt,« erklärte er.

»Zu zweit,« wiederholte Peredonoff mürrisch.

»Mann und Frau: eine Sau,« sagte Warwara und lachte laut.

Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn
ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch,
brachte Warwara zum Lachen.

Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin
oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer
verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, -- sie sollten fortgehen.
Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:

»Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen
wirst.«

Warwara und Wolodin lachten.

»Kreischen kann ich immer, Ardascha,« sagte Wolodin, »kräh, kräh! Es ist
sogar sehr einfach!«

Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine
Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff
umzugehen.

»Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,« sagte er
wegwerfend-mitleidig.

»_Ich_ hau dich übers Ohr!« brüllte Peredonoff auf.

Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen.

Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn
in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.

Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.

Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war
ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und
die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er
und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner
Brust, als käme er an Atem zu kurz, -- dann wurde er still. Vor
Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, -- nach ihm, -- Warwara.

Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte,
zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen
verglasten.

Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara
stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen.

»Herr des Himmels! Mord! Mord!« kreischte sie.

Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer
hinaus.

Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn
versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner,
ins Eßzimmer zu gehen.

Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf
den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst
schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.

Endlich faßte man Mut, man trat ein, -- Peredonoff saß mürrisch da und
murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte.


                                 Ende.


                       Im gleichen Verlage erschien:

                              M. Artzibaschew


                                  Ssanin

                                   Roman

               Einzig autorisierte deutsche Übersetzung von
                        André Villard und S. Bugow

                             -- 8. Auflage --

                       Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50

   Dieser Roman, der in Rußland eine sexuelle Revolution auslöste
   und bei Erscheinen der 2. Auflage wegen seiner beispiellosen
   Wirkungen konfisziert wurde, erregte auch in Deutschland
   gewaltiges Aufsehen. Fast einstimmig erkannte die deutsche
   Presse, und darunter namhafte Kritiker, den literarischen Wert
   und die außerordentlich hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des
   Werkes an.

   _Kurt Aram_ schrieb in der »Frankfurter Ztg.«:

   »Es wirkt fast wie tragische Ironie, daß dem Prediger der
   Kreutzersonate gerade in diesen Tagen dieser Gegner erwuchs,
   dessen »Ssanin« die schärfste Reaktion gegen Tolstois
   Weltanschauung bedeutet. Gleich sind beide nur in ihrer
   leidenschaftlichen Einseitigkeit. Verdammt Tolstoi den
   Geschlechtsgenuß und rückt er um seinetwillen sogar der Ehe zu
   Leibe, so bedeutet für den jungen Ssanin der Geschlechtsgenuß
   das einzige, um dessentwillen zu leben sich lohnt. Darüber wird
   in unserem Roman sehr viel disputiert, und zwar durchaus nicht in
   frivoler Weise, sondern mit fast fanatischem, echt russischem
   Ernst. ... ein Buch von guter literarischer Qualität, dessen
   größter Wert jedoch sicherlich darin besteht, _ein wichtiges
   Dokument zum Verständnis für den völligen Umschwung im Leben,
   Fühlen und Handeln der russischen Intelligenz abzugeben_.«

   _Willy Rath_ urteilt im »Kunstwart«:

   »Es zeigt sich, daß »Ssanin« bestimmt keine Pornographie enthält,
   daß das Sexuelle darin nicht einmal gedanklich die
   Alleinherrschaft übt, sondern eine weitere, ganz geistige
   Anschauung den Ursprung bildet. Freilich bringt diese es mit
   sich, daß auch die Frage der Geschlechtsliebe höchst
   rücksichtslos erörtert und verwegen beantwortet wird; das Buch
   ist nur reifen Menschen in die Hand zu geben.«

   _Robert Saudek_ sagt in einem »Eine neue Kreutzersonate«
   überschriebenen Feuilleton:

   »_Seit Tolstois Kreutzersonate hat kein belletristisches Werk in
   Rußland eine ähnliche Wirkung ausgeübt._ Bei der Lektüre
   dieses Buches, bei seiner Schilderung der Frauen hat man das
   Gefühl, als ob man am ersten Frühlingstag nach einem düstern
   Winter auf die Straße träte.«

   Der Kritiker der »Berliner Morgenpost« schrieb:

   »Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Dichtern, deren
   Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist.
   Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu
   _einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur
   Rußlands_ geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe
   bleibende Bedeutung gegeben. _Man wird die gegenwärtige
   Epoche_, also die, welche die revolutionäre ablöste,
   _psychologisch und sozialistisch nicht beurteilen können, ohne
   den Ssanin_ als ihren charakteristischen Niederschlag in den
   Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen ... Die Personen und
   Charaktere gehen weit über das Einzelinteresse hinaus: sie
   stellen Menschheitstypen dar, deren äußere Charakterformen sich
   in jeweiligen Epochen anders spiegeln mögen, deren innere
   Wahrhaftigkeit und Treue aber unvergänglich bleiben wird ...
   Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten
   Werke der Weltliteratur geworden.«


                   Ferner erschien im gleichen Verlage:

                              M. Artzibaschew


                                 Millionen
                            und andere Novellen

               Einzig autorisierte deutsche Übertragung von
                        André Villard und S. Bugow

                             -- 3. Auflage --

                       Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50

   Schon vor Erscheinen des »Ssanin« trat Artzibaschew durch seine
   Novellen an die Spitze der jungrussischen Literatur. Er war der
   erste, der rein erotische Probleme zum Ausgangspunkt seines
   dichterischen Schaffens nahm. Mit tiefem psychologischen
   Verständnis zergliedert er die geistige Entwicklung der modernen
   Russen und baut dann auf der Grundlage seiner seelischen Analysen
   seine starke überschäumende Handlung auf. Prächtige Arbeiten
   dieser Art sind die beiden Novellen dieses Bandes: »Millionen«
   und »Der Tod des Iwan Lande«. Mit gleichem Beifall wie Ssanin
   wurde dieser Novellenband aufgenommen, ja es mag Artzibaschews
   Künstlertum in diesen Erzählungen einen noch gesteigerten
   Ausdruck gefunden haben.

   _Ludwig Bauer_ schrieb u. a. in einer sehr anerkennenden
   Besprechung in den »Münchener Neuesten Nachrichten«: »Die erste
   Erzählung schildert uns die Leiden des Millionärs Mishujew, die
   zweite jene des Iwan Lande, eines wahren Christen, der an die
   Menschen glaubt. Diese beiden Seelen werden vor uns mit so
   behutsamer Hand ausgebreitet, wie nur Dichterhände es vermögen
   ... Die beiden Erzählungen könnten literarisch Anlaß zu noch
   manchem Tadel geben. Aber -- was ist Literatur? Hier ist
   Besseres: Seele.«


                 Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes,
sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 53]:
   ... Oder ist dir die Warja nach immer nicht ...
   ... Oder ist dir die Warja noch immer nicht ...

   [S. 67]:
   ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug da ...
   ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da ...

   [S. 72]:
   ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamten zu reden. ...
   ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. ...

   [S. 90]:
   ... beachten, »sie hat einen Geliebten einen Polen. ...
   ... beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen. ...

   [S. 97]:
   ... »Ja, ihr Polen, seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...
   ... »Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...

   [S. 104]:
   ... lachst du in der Kirche. Warte nur, ich werde ...
   ... lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde ...

   [S. 105]:
   ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause.« ...
   ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause?« ...

   [S. 143]:
   ... »Haben Sie etwas in Aussicht,« fragte Weriga. ...
   ... »Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga. ...

   [S. 166]:
   ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundene ...
   ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen ...

   [S. 186]:
   ... Schurken, die Söhne des Schlossers Andrejeff. ...
   ... Schurken, die Söhne des Schlossers Ardejeff. ...

   [S. 187]:
   ... schließlich sagten sie, Tscherepnikoff hätte sie bestochen. ...
   ... schließlich sagten sie, Tscherepin hätte sie bestochen. ...

   [S. 201]:
   ... bei dessen Vater, einem Bierbauer, verklagt, ...
   ... bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, ...

   [S. 234]:
   ... Augen machten ihn nach vergnügter. ...
   ... Augen machten ihn noch vergnügter. ...

   [S. 286]:
   ... lassen.« ...
   ... lassen?« ...

   [S. 317]:
   ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung wiederstand ...
   ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand ...

   [S. 347]:
   ... Sapierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...
   ... Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...

   [S. 371]:
   ... bewachsen und hatten Hufen statt der Füße. Anstelle ...
   ... bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle ...

   [S. 374]:
   ... Verwirrung, der morsche Chaos, während die ...
   ... Verwirrung, das morsche Chaos, während die ...

   [S. 374]:
   ... Entsetzen wiederspiegelten, nur vergleichbar dem ...
   ... Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem ...

   [S. 376]:
   ... wichtige Papiere gestohlen hätte. ...
   ... wichtigen Papiere gestohlen hätte. ...

   [S. 407]:
   ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenen ...
   ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenem ...

   [S. 425]:
   ... »Deu Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ...
   ... »Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ...

   [S. 443]:
   ... Das Feuer machte rasche Fortschritt. Die Menschen ...
   ... Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen ...





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der kleine Dämon" ***

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