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Title: Vom sterbenden Rokoko
Author: Bartsch, Rudolf Hans
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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                              Rudolf Hans
                                Bartsch.

                             Vom sterbenden
                                Rokoko.



                          Rudolf Hans Bartsch


                             Vom sterbenden
                                 Rokoko


                        Umschlag und Buchschmuck
                          von $Alfred Keller$

                      Sechstes bis achtes Tausend


                               =Leipzig=
                        Verlag von L. Staackmann
                                  1909



                        Alle Rechte vorbehalten.


                   Druck von C. Grumbach in Leipzig.



Inhaltsverzeichnis.


                                               Seite

  Die Schauer im Don Giovanni                      7

  Der frivole Vaudreuil                           29

  Der Liebestrank                                 65

  Die kleine Blanchefleure                       113

  Madame Dorette und die Natur                   149

  Der Salon der Frau von Vermillon, oder: Das    213
  Register



                      Die Schauer im Don Giovanni.



Es war einmal ein rasiges, wiesenhaftes Wien.

Um die Stadt hielten sich die grünen Basteien an den Händen: gar
kein eherner Reifen. Nein, wie ein Ringelreihen lachender Mädchen.
Bocksbart, violetter Salbei und sonnenfarbiger Löwenzahn wuchsen
sorglos, das Gras wehte jedem Wind zuliebe, ganz so wie das große
Kindervolk in jener Stadt, und ein hellgraublauer Invalidenfeldwebel
hütete die kleine Halmbrut vor den zahllosen Kindern, welche mit eben
dieser Zahllosigkeit schuld wurden, daß später graue Steine über die
liebliche Rasensanftheit wuchsen.

Die Vorstädte lagen ringsum auf Wiesenhügeln oder in Bachsenkungen.
Und die Wiese war Königin der Gegend. Unverwüstlich brach sie selbst
mitten in den heutigen inneren Bezirken aus der Erde, und alle Gassen
waren rasig, weil das jubelnde Grün sogar zwischen den Pflastersteinen
übermütig herauslachte. Die Natur neckte sich noch mit der Stadt; es
war eine Kinderei ohnegleichen, und rechte Kinder des weinsonnigen
Landes hatten auch diese Stadt gebaut.

Nicht hoch hinaus. Auf Zins und Miete wohnten damals so wenig Leute,
daß in der Vorstadt ein zweites Stockwerk schon als protzig galt. Dazu
vermochten diese hell lebendigen Menschen die Infamie der Baulinie
noch nicht zu erfinden. Die Häuschen lagen wie aus dem Ärmel des lieben
Gottes geschüttelt: Die einen über Eck, andere scheu in die Gartenferne
zurückweichend; da und dort griff ein weingetreues Wirtshaus hedarufend
mitten in den Fahrweg und zog die Langfront der Giebelstellung vor,
weil Fuhrleute Raum haben wollen. Und in den Straßen lag die Sonne, und
in den Straßen lag die Ruhe und die Bedächtigkeit. Der breite, volle
Spruch: „Heute bin ich, und das Morgen hat Zeit“. In unseren Tagen ist
es eine Kostbarkeit, wenn der Sonnenstrahl bis auf den Straßengrund
gelangt, eine Erstaunlichkeit, wenn sich dort ein Hund im warmen
Scheine blinzelnd streckt, und ein Märchen, wenn ein Kätzlein die
beneidenswerte Himmelsgnade auf seinen faulen Pelz brennen läßt. So ein
Kater, der sich sonnt, ist wie ein Symbol der guten alten Zeit.

Damals war die Stadt eine Versammlung heimtrauter Anwesen, und über die
Häuser hinweg grüßten sich winkend die Bäume der Nachbargärten. An der
Mauer hing reichlich die Rebe, die wunderkräftige Rebe, welche eines
ganzen Volkes Charakter bestimmen kann.

Damals war die Vorstadt Sommerfrische. Die beweglichen, reisegewohnten
Künstler sogar, die leichtlebigsten Naturkinder, welche sich für eine
Reise in den grünrauschenden Sommer Schulden aufzuladen vermochten,
zogen hier nicht weiter als bis in die Vorstadt. Meister Wolfgang Amadé
sogar, der nur zwei Werte kannte, den Tag und die Ewigkeit, der das
Morgen mitsamt seinen Reimen Borgen und Sorgen auslachte, dem war es
genug, wenn er für den Sommer in Vorstadt oder Vorort ein vom Rauschen
der Bäume ummusiziertes Gartenhäuschen hatte.

Dort schrieb er dann Sachen, über welche das Herz der ganzen Welt
hüpfte und lachte. Das wiesenreiche Wien schaute ihm dabei über die
Schulter. Jetzt im Herbst nahm er Abschied von der Wiese. Wenn er
wiederkam, lag Allerheiligenreif darüber. Es war schon hoher Oktober,
und er mußte nach Prag zu dem Volke, das fast besser zu singen und
zu klingen verstand als die Wiener, um ihnen dort seinen Don Giovanni
vorzustellen.

Wolfgang Amadé ging mit seinem Freunde, dem Geheimschreiber Gilovsky,
der von Paris gekommen war, über die Rasenhügel der Türkenschanze;
Wolfgang Amadé im schönsten Staatsfrack, der auf Kredit zu haben war,
in Strümpfen und Schnallenschuhen, Gilovsky in der Werthertracht.
Blauer Frack, gelbe Weste, Stiefel mit Stulpen. Ein wilder Junge, dem
die Haare wie Flammen auseinander standen; und seine Augen flackerten
wie Lichter im Winde.

In der Ferne brannten die roten Buchenwälder des Kahlenberges.

„Der eine kommt, der andere geht,“ lachte Mozart, dem es wohltat,
Plattheiten zu reden, wenn in seiner Seele der Aufruhr der Klänge
wühlte. „Was gibt's Neues in Paris, Bruderherz?“

„Schwerwuchtig Neues,“ sagte Gilovsky. „Es rührt sich eine andere Welt,
um zu entstehen. Die Franzosen werden ein anderes, eisernes Zeitalter
schaffen.“

„Die Franzosen? Ach Gott nein. Das sind bloß Österreicher mit einer
hübscher gefältelten Sprache. Ich glaube, die verklärten Seelen der
Wiener kommen in Paris wieder auf die Welt.“

„Nimm das nicht so leicht, Wolfgang. Was hast du von Paris gesehen? Die
Pompadour, Straußenschweif und Reiherbusch, Brokat und Parkett.“

„Und du?“

„Ich war anderswo. Bei den Winkelzeitungen, wo junge Bürgerliche,
glühend wie unterirdisches Feuer, für hundert Franken im Monat um
zehntausend Franken Genie verbrennen. Wo über den Freiheitskrieg in
Nordamerika gewispert wird, daß sich ihn Frankreich auf den eigenen
Schiffen, in den eigenen Regimentern importieren wird. Gib acht,
Wolfgang Amadé, -- ein Volk, in dem die ersten Siedebläschen steigen.“

Mozart blieb stehen und schaute zu Boden. Die Musik in ihm schwieg.
Nachhallend nur fielen ringsum von den goldenen Bäumen flüsternde
Blätter. Wie verrieselnde Noten eines Scherzo, welches zu Ende ging.

Der junge, wilde Gilovsky in seiner Werthertracht aber zog ihn mit
sich: „Hörst du, sie hassen dort das helle, frohe Genießen, und ich,
Wolfgang Amadé, ich hasse es auch. Denn ich bin einer von der neuen
Welt, das habe ich dort erfahren. Dort sind die Gassen eng, die Häuser
hoch. Dort brütet in Staub und Brodem der Stank der Sonnenlosigkeit.
Dort hockt die hohlwangige, skrofelfeuchte Wohnungsnot, das Elend
der Masse, der maschinenstarke Druck der Industrie über jeder Brust.
Hier in Wien gibt es das noch nicht, was sie in London Mob, in Paris
Pöbel nennen. Hier hat der unterste Stand seinen Stolz und der Stolz
seinen Grundbesitz. Dort aber hat ein böser Übermut den Menschen zur
Schachtelware gemacht. Gedrängt sitzt dort das blaßwangige Elend,
-- aber Wolfgang: es jammert nicht. Es brütet. Und das ist schön,
-- schön! Hier singt und leuchtet die Welt noch. Wien ist eine
große Wiese, voll Grillen und Heupferdchen, die alle im schläfrigen
Sonnenschein musizieren. Dort aber ist der Groll, das Stöhnen, der
Seufzer, die Sehnsucht. Dort erlebst du das Wunder, daß Flammen aus dem
Sumpfe steigen; die Flammen des Irrlichtes. Es ist schön, wunderschön,
geheimnisvoll schön!“

Wolfgang Amadé fieberte leise. In ihm hatte stets wie hinter einem
Vorhang ein kleiner, dunkler Raum gelegen, in dem Ähnliches träumte.
Nun fingen dort seltsame Stimmen zu rufen an, die ihn mit Angst
schüttelten. Stimmen, welche für seine Sonnenwelt das Jenseits
bedeuteten. Sie hatten schon vor Jahren aufgeschrien, als Graf Arco
ihn wie einen Halunken aus den Diensten des Erzbischofs gestoßen
hatte, und hatten von da ab stets einen leisen Unterton gesungen, wenn
übermütige Adelige ihn begönnerten. Aber er liebte so sehr das Lachen,
die bunten, schönen Kleider, die reichen, königlich frisierten Frauen,
den Champagner und den Luxus, daß diese Stimmen selten sangen. Nur dann
und wann schwang sich unendliche Wehmut wohllautvoll wie ein sterbender
Schwan über die Welt seiner Melodien empor. Es war das österreichische
Juchzen, von dem niemand sagen kann, ob es Lust bedeutet oder Weh, denn
trunkene Arbeiter und Rekruten können es am besten.

Auch der kleinen Zofe Despinetta, so übermütig sie ist, hat er solche
sehnsüchtige Töne gegeben, die wie geängstigte Lerchen über die
abendlich verdunkelte Welt in das Sonnenreich hinaus wollen.

„Bruder Wolfgang,“ mahnte Gilovsky, „hast du nicht einen Geheimverein
gründen wollen, mit dem Namen ‚Die Grotte’? Einen Verein, in dem der
Ernst des Lebens wie ein unterirdisches Wasser unter den Wiesenflächen
der Sonne raunt und murmelt? Ich wüßte dir Mitglieder -- -- -- --“

„Da muß ich dir gestehen,“ sagte Mozart, „daß wohl im Grunde meines
Wesens der Widersacher stets eine Unterstimme hat. Aber der Gedanke mit
der Grotte entstand nur aus der Angst, die unsereins, vom Menschenvolk,
hat, sich nicht bestätigt und bekräftigt zu fühlen. Siehst du, lieber
Gilovsky, man wünscht sich Mitschuldige. Aber freilich, wenn man dann
einen sieht und hört, dann erschrickt man vor ihm und vor sich selber.“
-- Und er lächelte: „Ich werde allein bleiben in meiner Grotte.“

„Das ist,“ rief Gilovsky unwillig, „weil du für nichts anderes ein Herz
hast, als für deine Noten!“

Und er sprach weiter von London und Paris und wiederholte, daß ihm
die düsteren Gassen, die Unzufriedenheit als Seele aller Menschengröße
tausendmal geliebter sei als alles _Te Deum laudamus_.

Mozart aber, das Kind, in welchem das Ja sonst lebendiger war als das
Nein, schwieg mit bangem Herzen. Denn zwei gleich starke Mächte standen
vor ihm und schauten ihn aus großen Augen an.

Er versuchte unter diesem Blicke abzulenken und spähte in die Ferne,
wo, in den Buchenwäldern des Kahlenberges, des Todes festlich rot und
gelbe Fahnen wehten; darüber lächelte der begütigt blaue Himmel. --

Wieder die beiden Mächte. Sie standen vor ihm und schauten ihn an.

Da schüttelte der geplagte Wolfgang Amadé die gepuderten Locken,
daß der Zopf die Schultern schlug und ein leises Reismehlwölkchen im
Herbsthauch davonflog. Er schüttelte sich wie ein Rößlein, das Bremsen
verjagen möchte.

„Ein Glas Wein, Bruder,“ rief er dann. „Lassen wir jedem das Seine und
vereinigen wir uns. Ich will vergessen, du =mußt= es. Ein Glas Wein,
hier, vor diesem Häuschen? Wie schön winkt es uns zu!“

Gilovsky schüttelte den Kopf: „Du Leichtsinn! Du Leichtsinn!“

Sie blieben vor der kleinen Heurigenschenke stehen. Das letzte Häuschen
von Währing. Eigentlich zwei aneinandergebaute; sie standen unter
einem Dache. Links eine Wirtshaustür mit dem Föhrenzweigbüschel,
des Herrgotts Zeigefinger, daß hier heuriger Wein zu haben sei. Zwei
laubüberfallene Tische im Freien, eine vormittagstille Wirtsstube.
Rechts eine Gärtnerei, und des Hauses ganze Hälfte überhangen
mit Kränzen für Allerheiligen. Tiefblutviolette Blattkränze oder
welschkorngelbe Reifchen, in denen mit schwarzen Samenkörnern eingefügt
stand: Ruhe sanft. Die Astern, die Enterbten des Sommers, hatten hier
ihren Beruf gefunden, und was sonst noch von der kinderfroh stehenden
Schar der Blumen den Herbst überdauert hatte, alles war hier als
Trödelkram des Totenfestes in Kränzen zusammengeschnürt.

Abermals standen vor ihnen die beiden gleichstarken Mächte und schauten
sie aus großen Augen an.

Wolfgang Amadé wehrte sich nicht mehr. Still und ergriffen trank er
seinen Wein und sah die Allerseelenkränze an. Und Gilovsky saß neben
ihm, -- Ossians Gesänge und die Leitartikel der Pariser Winkelzeitungen
wildbunt in einem Herzen zusammengepreßt.

„Wird dein blaßwangiges Elend voll Druck und Haß jemals bis in diese
Einsamkeit der Blumen und Reben heraufgreifen?“ fragte Mozart.

„Die neue Zeit wird ihre Hand auch um diese Vergessenheiten schließen.
Es wird eine Welt kommen, in welcher selbst die Armut Geist und Seele
haben wird.“

„Ich sehne mich,“ sagte Mozart, „mit zerspringendem Herzen nach jenen,
welche sich in dieser neuen Zeit nach mir sehnen werden!“

Dann trank er rasch und viel von dem neuen Weine, der ihnen vorgesetzt
worden war, und sprach den ganzen Tag kein vernünftiges Wort mehr.

Gilovsky trennte sich bald von ihm. 's ist ein Musikant, dachte er im
Fortschreiten; die Harmonie ist ihm wichtig und die endliche Auflösung
in Reinheit und Einheit notwendig. Niemals wird er den Sturm, die
Zerstörung und den Haß erkennen, welche viel notwendiger sind.

       *       *       *       *       *

Mozart fuhr nach Prag, um seinen Don Giovanni zu vollenden, Gilovsky
aber suchte in Wien die Freunde, welche ihm helfen sollten, die neue
Zeit mit dem Sturm, der Zerstörung und dem Haß auch im wiesenhaften
Wien zu gestalten.

Er wurde, zur Zeit der Revolution, Jakobiner und begann mit einem
Dutzend Menschen, welche unter Millionen von Österreichern allein
dachten wie er, jene Verschwörung, welche mit Kräften, die kaum
hingereicht hätten, den Bürgermeister einer Kleinstadt zu stürzen, den
Thron der Habsburger untergraben wollte.

Der Verhaftung hat er sich dann durch einen Pistolenschuß ins eigene
Herz entzogen. Er starb im Wertherstil, den er so sehr geliebt hatte.

Alles, was von diesem wilden Herzen übrigblieb, sollten die
ahnungsvollen Schauer sein, die er an jenem Herbsttage in Mozarts Seele
zum Tönen gebracht.

       *       *       *       *       *

Wolfgang Amadé aber schien sie bereits vergessen zu haben. Denn
vor Prag hatte Freund Duschek einen sonnenluftigen Weingarten. Dort
wohnte Wolfgang Amadé, schob Kegel und hatte dabei Herz und Kopf voll
Wohllaut.

Alles war zum Don Giovanni fertig. Die süßen Schmeicheleien Zerlinens
und die Weltfreude seines Helden, -- sogar der Bauernbursch; und
einzig noch fehlten der tote Komtur und die Ouvertüre. War es ihm denn
unbequem?

Sie tranken dort, tollten und neckten sich in der Villa vor dem
goldenen Prag; nur bänglich leise fragten manchmal die Freunde: „Was
ist mit der Ouvertüre? Die Oper soll in wenigen Tagen gegeben werden!“

Er aber lachte und sagte: „Laßt mir mein bißchen Freude.“

Und am Abend machte er nichts als Kindereien; es war ein prächtiges
Festmahl gerichtet worden, an dem sechs oder sieben Bewunderer Mozarts,
fast alles Herren vom Adel, teilnahmen. Leckereien, Champagner, der den
ganzen Tisch überströmte, Blumen -- -- --.

Und Wolfgang Amadé tollte und scherzte, während sich die Freunde in
leiser Unruhe ansahen.

Als das laute Mahl zu Ende gegangen war, fragte Duschek: „Was ist mit
der Ouvertüre?“

„Ich mache sie jetzt,“ lachte Mozart.

„Du wärst am Ende auch das imstande,“ sagte der Freund halb ungläubig
und bot ihm gute Nacht.

Im Saale stand ein Spinett, und der einsam Zurückgebliebene warf sich
in den Sessel davor und legte die wunderschönen, blassen Hände auf die
Tasten. Leise klirrten die Saiten, wie die einer alten Harfe.

Duschek hatte den Dienern gesagt: Laßt den Saal in Ruhe. So strahlten
noch sechzig Kerzen, und die großen, nachdenklichen, venezianischen
Spiegel reflektierten sie und wucherten mit dem Lichte.

Da sah sich Wolfgang Amadé im Saale um.

Hell schrien Lichter und Farben mitten in verlassener Mitternacht. Die
Blumen prahlten, aber schon lag die Welkheit überstandener Blüte in
ihrem Duft.

Es roch nach Blumen, nach Wachs, -- -- -- und die große, lange Tafel
stand da wie ein Katafalk.

Es ist ein überirdisches Sein, wenn man allein stehen muß in einem
Festsaal, und das Fest ist aus. --

Noch sind die Farben des Lebens alle da, und die Lichter rufen
Hosianna. Aber es riecht nach verschüttetem Schaumwein, und die hier
jubelten, sind alle fortgegangen.

Die Wachskerzen leben allein noch. Aber sie sind doch schon tief
heruntergebrannt. Und die Blumen neigen die müden, schönen Köpfe wie
unglückliche, gekrönte Frauen. Entwurzelt und mit dem Glanze betrogen.

Die große, schwere Tür aber war weit nach außen geöffnet. Draußen im
Korridor stand blindaugig die Nacht, und das weitaufgerissene schwarze
Viereck starrte schaurig in den grellen Saal des ausgelärmten Lebens.

Da schauten ihn abermals die beiden großen Gewalten an, aber dieses Mal
war die zweite stärker als die erste.

In leisem Grauen setzte er sich an das Spinett. Zuckend breiteten sich
die milden, schönheitspendenden Hände, und ein wohllautvoller Klageton
flog im Saale empor.

Wolfgang Amadé sah nach dem schwarzen, starrenden Viereck der Türe,
welche zur Nacht hinaus offen stand; leise rieselte ihm dieser Blick
aus dem Jenseits über den Rücken, und gehorsam bebten die Hände nach
dem Geheiß der großen Macht über die Tasten. Er war ein Kind, das auf
Befehl folgte.

So entstand das „Weit -- -- -- weit“ des steinernen Gastes mit seinen
Schauern.

       *       *       *       *       *

In ihren Betten aber hörten die adeligen Gäste eine Musik aus dem
Festsaal herüberbeben, welche damals unerhört war; -- -- so schön und
ergreifend wie die Liebe zum Leben, so mahnend und so schauerlich wie
das Gericht.

Diese Töne sangen den Druck der engen Gassen von Paris. Sie sangen
die Not und Angst des Kindes Wolfgang Amadé. Sie sangen den Wein von
Währing und die Allerseelenkränze. Den begütigt blauen Himmel und die
herbstloh brennenden Wälder.

Sie bebten wie die zitternden Kerzen in Brand und Helle, dufteten wie
welkende Blumen und rochen wie verschütteter Schaumwein.

Sie lockten und zogen sehnsüchtige Reihen mit festlichen Geigen und
waren Jubellieder übermütiger, graziöser Adelszeit, -- -- -- aber
hinein schaute nachtäugig die viereckige, große, schwarze Tür des
Jenseits, die zu einem Morgen führte, den sie noch nicht kannten.

Und sie schauerten und fröstelten in ihren Betten vor Entzücken und
Angst.

Drunten aber stand Wolfgang Amadé vom Spinett auf, die sonst so trüben
Augen fackellohend, aber das Antlitz leichenblaß und kalt.

Der verrieselnde Rausch fröstelte leise in ihm. Seine Ouvertüre war
fertig.

Er merkte sie sich gut. In der nächsten Nacht schrieb er sie wohl
nieder? Aber seine gute Frau müßte ihn wach erhalten. -- -- -- Denn
so einsamkeitgeschüttelt wie heute? -- -- -- Das war mehr Tod als
Leben....

Er ging fort, um zu ruhen. Hinter ihm flammte und strahlte ein leerer
Prunksaal.

Es war der Schwanengesang des Rokoko entstanden.



                         Der frivole Vaudreuil.


„Nun, Prospère? Verbündeter! Wie geht's? Was hat dein Herr mit unserem
Theaterstück ausgerichtet?“

„Herr von Beaumarchais, wir sind sehr betrübt, Ihnen nicht besser
gedient haben zu können,“ bedauerte der Kammerdiener. „Ich für meinen
Teil habe alles angestrengt, die ‚Hochzeit des Figaro’ zur Aufführung
zu bringen, die meinem Stande so viel Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Seit mein Herr dieses schöne Stück gelesen hat, behandelt er mich
sozusagen mit Achtung.“

„Ah,“ lachte Beaumarchais; „er bildet sich ein, auch du müßtest ein
Mensch sein? Ein Mensch mit eigenen Gedanken und selbstbedachten
Überzeugungen? Was für ein Schwärmer dein Graf; -- was für ein Poet!“

Den letzten seiner elliptischen Sätze sprach Herr Caron de
Beaumarchais in den Spiegel, durch den er des glänzenden Grafen von
Vaudreuil Exzellenz eintreten sah. Er sah auch noch das Lächeln des
geschmeichelten Herrn über solches Lob. Dann begrüßte er seinen Gönner.

Der Graf von Vaudreuil war noch von der Audienz im Trianon her in
großer Gala und leuchtete von Tressen, Seide und Edelsteinknöpfen
heller als ein Bischof im Prunkornat, nur daß diese flimmernden Sachen
hübsch, knapp und zierlich an ihm saßen. Er war ein Herr voll feinster
Eleganz, der nicht erst als Fünfziger in die Meisterjahre des guten
Tons eingetreten war, der bei der Königin alles galt und beim König so
viel als Marie Antoinette vermochte: also fast alles.

„Ach Caron,“ rief er müde. „Was soll man mit diesem König machen?
Wenn man ihm einen alleruntertänigsten Vortrag hält, so muß alles
gut und schön sein wie Gottes Schöpfung am siebenten Tage, da Er sich
selber Ruhe genehmigte. Was soll man mit diesem Herrn anfangen, der
einem den Rücken dreht, wenn man ihn etwa versichert: Sire, der Adel
Frankreichs ist so, wie ‚Figaros Hochzeit’ ihn schildert. Sie haben
einen lächerlich unnützen Adel, Sire. -- Eine öffentliche Aufführung
von ‚Figaros Hochzeit’ würde nur die elektrische Entladung sein, die,
nach Herrn Franklins neuester Theorie, die Lüfte im Kampfe ausgleicht,
beruhigt und reinigt.

Und der König dreht mir den Rücken und die Audienz ist aus! Er dreht
mir den Rücken, sage ich Ihnen, so: -- -- und die Audienz ist aus
...... Ist aus! Was doch soll man mit einem Herrn machen, der nur
angenehme Beruhigungen hören mag?“

„Ei so,“ seufzte Beaumarchais. „Er ist von jener Königsrasse, die
nur angenehme oberste Untergebene dulden mag. Noch Ludwig XIII. hielt
große Stücke auf unangenehme Kanzler. -- Richelieu! Und Frankreich war
groß und blieb es so lange, als sein Nachfolger sich von ähnlichen,
eigensinnigen Willenskräften beraten ließ. Als der Sonnenkönig damit
aufhörte, erging es Frankreich gar nicht mehr gut.

Die Herrscher mit den angenehmen Untergebenen zerstören ihre eigenen
Reiche. Unsere ruheliebende Majestät ist solch ein Mann. Sie geruht,
auf alle unbehaglichen Zumutungen so lange Nein zu sagen, bis sie Ja
sagen =muß=. Dadurch beraubt sie sich nur des Verdienstes, selber
zur rechten Zeit Ja gesagt zu haben. Diese Majestät wird auch zur
Aufführung der ‚Hochzeit des Figaro’ in Paris ihre Einwilligung erst
dann geben, wenn alle Welt das Stück schon heimlich kennt und wird
damit nur meinen Erfolg steigern.“

Der Herr Graf von Vaudreuil bejahte eifrig und fuhr dann in seinem
Berichte fort: „Übrigens, mein lieber Caron, war ich, gleich
nach meiner kurzen Audienz, -- bei Ihrer Majestät, der eigentlich
regierenden Königin. Sie hat unsere Sache mit ihren schönen Händen, die
sich in alle Dinge mischen, gleich ins Rollen gebracht: „Aber führen
Sie doch die hübsche Satire als Liebhabervorstellung auf Ihrem eigenen
Schloßtheater in Morfontaine auf,“ lachte sie mich an. „Die Erlaubnis
dazu gebe ich Ihnen, und, laden Sie _tout Paris_ ein! --

Nun, Caron, was sagen Sie?“

„Ah,“ rief Beaumarchais und schnellte fröhlich empor. „Das ist eine
entzückende Dame! Haben Sie denn, teuerster Graf, schon Vorbereitungen
zu unserer Aufführung getroffen?“

„Ei freilich,“ lächelte der Herr von Vaudreuil. „Für die Rolle des
Figaro habe ich den größten Philosophen und Charakter Frankreichs,
den neuen Schauspieler Crambon gewonnen. Ein Puritaner! Sittenrein und
natürlich bis zum Exzeß! Sie werden gleich seine Bekanntschaft machen.
Die Regie führen Sie selbst, teurer Dichter. Die Leseproben und die
Finessen des Dialogs leitet, wenn es Ihnen lieb ist, unser gemeinsamer
Freund, der Dichter Lebrun.“

„Sehr gut,“ bemerkte Beaumarchais. „Lebrun ist ein Medisant von
erprobtester Bissigkeit. Er wird die Unverschämtheiten im Dialog auf
das feinste herausarbeiten.“

„Der Chevalier von Coigny gibt den Jesuiten.“

„Ha, ha! Der Coigny, der berüchtigte Freigeist und Spötter steckt
sich in die Soutane! Mein lieber Graf, der Einfall ist besser als mein
ganzes Stück!“

„Die Gräfin,“ fuhr Vaudreuil überglücklich fort, „wird von der
elsässischen Demoiselle Klincker sehr rührend und unschuldig gegeben
werden. Demoiselle ist auch in den Stunden, wo sie mir ihre Liebe
schenkt, rührend und unschuldig. Diese deutschen Mädchen sind wie das
Blümchen Vergißmeinnicht. Sie schauen stets fromm in den Himmel, selbst
während man sie pflückt. Demoiselle Klincker wird die Unschuld und das
Gefühl in Person sein.“

„Wer gibt denn den Pagen?“ erkundigte sich Beaumarchais.

„Die kleine Cidronne, aus meiner Komödiantengesellschaft.“

„Und die Suzanne?“

„Hm,“ sagte Vaudreuil mit einer winzig kleinen, aber sehr
liebenswürdigen Verlegenheit: „Das ist eine sonderbare Sache. Denken
Sie sich, die Zofe meiner Frau, die reizende Lenore Oiseau, liegt mir
beständig an, ich solle sie einmal spielen lassen. Sie hat Ihr Stück
gelesen und mir die hübschesten Sachen aus der Rolle der Suzanne, die
sie auswendig kennt, entzückend rezitiert ....“

„Ah, da werde ich sie prüfen,“ freute sich Beaumarchais.

„Wenn ich bitten dürfte, so lassen Sie mich dabei sein,“ warf der Herr
von Vandreuil rasch ein. Dann flüsterte er: „Im Vertrauen, mein Freund:
Die kleine Lenore hat mir für diese Vergünstigung, die Rolle kreieren
zu dürfen, eine reizende Zusage gemacht ....“

„Sie sind indiskret, lieber Graf,“ schmunzelte Beaumarchais. „Immerhin
wird sie ihre Talentprobe abzulegen haben und ich werde sie strenge
prüfen, denn an der Rolle liegt viel. „Ah!“ schaute er überrascht
empor und starrte in die vom Kammerdiener geöffnete Tür. „Da kommt
ein Amerikaner?“ Er erhob sich, über die Maßen höflich: „Herr Benjamin
Franklin selbst, wenn ich nicht irre?!“

Vaudreuil lachte herzlich über diesen Irrtum, und der neue Ankömmling,
der, in sackgrobes Tuch gekleidet, mit Stiefeln, rundem Hut und
Knotenstock in seltsamen Kontrast zu den beiden leuchtenden Messieurs
trat, begann sogleich mit kurzen Worten: „Nein. Benjamin Franklin hat
nur die dumme Manier, sich so freiheitlich zu kleiden wie ich. Mein
Name ist Crambon, bester Dichter.“

„Ah.“ Beaumarchais verneigte sich belustigt. „Sie sind es, der meinen
Figaro geben soll?“

„Mhm,“ bestätigte Crambon, indem er mit den zusammengebissenen
Kinnbacken gegen die Brust knackte.

„Dann geben Sie ihn doch, bitte, nicht so ehrlich und rauh, wie Sie
auftreten, sondern als gewandte Schlange; nicht?“

„Ich werde ein feines Luder aus ihm machen, so ungern ich
Seidenstrümpfe trage,“ sagte Crambon. „Aber Ihre Philosophie ist so
tüchtig, daß ich die meine für einen Abend gern beiseite stelle.“

„Ach bitte, das tun Sie möglichst vollständig!“

„Wir werden, wir werden,“ murrte Crambon.

„Nehmen Sie das nicht so leicht,“ warnte Beaumarchais. „Es gehört viel
Genie zu einem gewandten Darsteller des Figaro!“

„Da müssen erst viele Halbwüchsigkeiten Genies genannt werden, bis
endlich ein wirkliches Genie -- -- übersehen wird,“ brummte Crambon
prachtvoll.

„Aber Sie =sollen= nicht übersehen werden,“ klagte Beaumarchais. Ihm
war sehr bange um den Erfolg dieses Figaro.

„Ich werde mich benehmen wie ein Schuft,“ versprach Crambon. „Ich werde
elegant und geschmeidig sein. Ich werde brillant und liebenswürdig
sein; ich werde eine weiche Stimme haben und spielen, wie die süßeste
Geige des Meisters Amati. Geben Sie nur acht, ich werde mich so reizend
benehmen, als ob ich ein Schuft wäre.“ Er schloß unerwartet, indem er
schrie: „Jetzt aber muß ich endlich zu essen kriegen!“

Herr von Vaudreuil rannte nur so nach seinem Kammerdiener, um den
Hunger des Bürgers Crambon nicht bis zu noch gefährlicheren Grobheiten
wachsen zu lassen. Nach drei Minuten schon klappte Prospère an der Tür
die feinen Beine zusammen und meldete:

„_M'sieur Crambon est servi._“

Herr Crambon stürzte gierig ab.

„Da geht er hin, das aufrichtige Kind der Natur,“ sagte Vaudreuil in
andachtsvoller Ehrfurcht. „Er wird Filetstücke von der Größe einer
neugeborenen Katze in sich hineinschwingen, aber er wird Wasser dazu
trinken, in seiner rauhen Tugend. Es ist unglaublich, lieber Caron,
aber er hat sich jedes Bett verbeten -- und schläft auf einer Matratze
in der entlegensten Dachkammer. Er trinkt keinen Wein, er ist keusch,
er ist aufrichtig -- -- -- es ist unglaublich!“

„Und der soll meinen Figaro geben,“ jammerte Beaumarchais. „Ach, Herr
Graf, wo haben Sie Ihren sublimen Instinkt, Ihre Delikatesse, Ihre
klugen Augen gehabt!“

„Der Schein spricht gegen ihn, das gebe ich zu,“ gestand Herr von
Vaudreuil etwas bedrückt. „Und dennoch leistet er auf der Bühne
geradezu das Gegenteil dieses seines wahren Wesens! Es ist kaum
möglich, aber Sie selbst werden es erfahren.“

Beaumarchais blieb ungläubig.

       *       *       *       *       *

Immerhin: die Theaterprobe verlief entzückend.

Herr Crambon hatte seine rauhe Tugend abgelegt, wie ein galanter
Konnetable von Frankreich am Abende nach der Schlacht das ruppige
Kettenhemd. Er war nicht übel und verhieß nichts zu verderben. Die
zahlreichen Sentenzen, Malicen und Frechheiten, die er abzufeuern
hatte, sprach er etwas allzu ehrlich, aber das schadete nicht viel. Es
war eine angenehme Enttäuschung.

Wer von den erlauchten Gästen des Schlosses scherte sich übrigens um
Figaro, da eine solche Gräfin spielte! Demoiselle Klincker war ganz
weiche, leise gekränkte Unschuld. Ihr Elsässer Französisch erhöhte noch
den Eindruck naiver Betrogenheit. Demoiselle Klincker war zartfärbig,
wie eine Seele nach der Beichte; ihr kornblondes Haar leuchtete selbst
unter dem Puder der majestätischen Frisur durch und ihre süßen, blauen
Augen öffneten und schlossen sich langfransig wie die Portieren eines
Brautbettes. Der leise Zug von Lethargie, mit dem sie ihre resignierte
Rolle sprach, versetzte alle Intimen des Parketts in die süßeste
Schwermut, diesem armen Geschöpf nicht schon zwischen dem zweiten
und dritten Akt mit etwas Liebe beispringen zu dürfen. Wenn nicht der
kleine Teufel, die Suzanne, ein unglaublich leises Vibrieren behender
Sinnlichkeit fortwährend in das Stück hineingesprüht hätte, so hätte
sich der Erfolg des Herrn von Beaumarchais, ganz gegen dessen Willen,
nach der sentimentalen Seite hin verschoben.

Herr von Vaudreuil war außer sich vor Wonne. Alle Freunde, die
zur Generalprobe geladen waren, hatten sich in Demoiselle Klincker
verliebt. Alle machten ihr den Hof, als das Stück zu Ende war, und wenn
nicht der geistreiche Schloßkaplan, Abbé Lucien, der sich um die schöne
Klincker wenig kümmerte, dem Dichter die schönsten Komplimente gemacht
hätte, so hätte Beaumarchais eine Zeitlang so vergessen im Winkel
gestanden, wie ein Kamin im Sommer.

Die bildschöne Klincker nahm alle Komplimente und all die fiebernde
Verliebtheit der glänzenden jungen Herren stangensteif entgegen, gleich
einem präraffaelitischen Madonnenbilde. Sie, die mit Recht im Verdachte
stand, um ein volles Jahrhundert zu religiös zu sein, dankte bloß ruhig
dem Himmel für diesen neuen Sieg, und nur als ihr Gebieter, der Herr
von Vaudreuil, ihre schönen Hände küßte, erinnerte sie sich: Ach ja, da
muß ich einen Händedruck von mir geben.

Sie war von einer entzückenden Zurückhaltung. Sie war in ihrer
Art so unerhört an Tugend, wie Herr Crambon, der jetzt wieder ganz
Benjamin Franklin in rauherer Auflage war; alles staunte, woher dieser
gesträubte Pinienzapfen seine Glätte auf der Bühne genommen hätte.

Demoiselle Klincker bekam mehrere liebenswürdige Einladungen für diese
oder einer der nächsten Nächte, aber sie lehnte alle ab, und verwundert
und neidisch beglückwünschten die Herren den alternden Vaudreuil zu
solcher Tugend seiner Geliebten.

Herrn von Vaudreuil tanzten alle Nerven vor innerlichem Jubel ob
solchem Triumph.

Es stach ihn aber doch ein sehr feines Dörnlein, als Demoiselle
Klincker sich für heute von ihm frei bat, weil sie von der Generalprobe
sehr abgespannt sei und eine Nacht lang fest ausschlafen wollte.

Ach Gott, sie schlief ja auch bei ihm fest genug, dachte er seufzend,
als die unerschütterliche Tugend fortwandelte.

Es ließ ihm, als er dann auf seinem Zimmer allein war, keine Ruhe und
er rächte sich an ihr als echter, französischer Kavalier. Stundenlang
spazierte er, schon im Schlafrock, aber noch in Seidenstrümpfen, in der
einsamen Nacht des Schlafgemaches auf und ab, bis seine witzige Seele
endlich, endlich Erlösung in folgendem Epigramm gefunden hatte:

  Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein!
  Ich selbst drang manche Nacht / mit Liebe in sie ein; --
  Wo andre rasen, liegt / sie so voll Apathie
  Daß ich ihr sagen muß: / „Madam', ich meine =Sie=!“

Vaudreuil war sehr glücklich über diese Alexandriner, die ihm gelungen
schienen. Nach seiner Gewohnheit lief er sogleich zu einem seiner
feinsten Ehrengäste, dem Dichter Lebrun, der Bosheiten am besten zu
würdigen verstand, pochte an dessen Tür und weckte ihn. Lebrun, der
wußte, daß jede also gestörte Nacht am nächsten Morgen mit der holden
Sendung einiger Louisdors begütigt wurde, öffnete ihm in bester Laune
und bezeigte sich entzückt von dem Witz und der hübschen Formgebung
seines Schülers. Er sagte ihm, daß in zwei Tagen ganz Paris sich
hinter dem _oeil de boeuf_, auf den Boulevards und in den Garküchen
das reizende Bonmot in die Ohren flüstern würde und beging, da die
Gelegenheit gut war, schnell eine kleine Gemeinheit:

„Wir müssen diese reizend frivolen Verse augenblicklich dem Abbé Lucien
vorlesen. Der ist in solchen Dingen ein Feinschmecker, und wie ich
weiß, schläft er durchaus noch nicht.“

Abbé Lucien hatte in seiner Sorglosigkeit vergessen, die Türe seines
Zimmers zu verriegeln, und als der gute Vaudreuil hinter dem eiligen
Lebrun eintrat, indem er sein ungalantes Blättchen voll freudiger
Lesebereitschaft in Händen hielt, da mußte er Demoiselle Klincker bei
dem freisinnigen Abbé eingenistet entdecken.

Es war ein großer Schmerz; Vaudreuil ließ sein Stammbuchblatt fallen,
Lucien schnellte trotz mangelhafter Bekleidung überrascht in die Höhe,
Demoiselle Klincker zog in schweigsam-träger Scham die Decke so hoch
über den Kopf, daß unten die hübschen Füßlein herausguckten -- -- und
Lebrun lächelte.

Aber Vaudreuil blieb Edelmann.

„Bester Pater,“ begann er zum Räuber seiner Freuden, „ich bedauere
Demoiselle Klincker und mich, daß sie sich keinen anderen Herrn für
diese kleinen Vergnügungen zu wählen wußte. Ich bedauere Demoiselle
Klincker, weil sie durch den Wechsel ihres Liebhabers Einkünfte
verliert, die ihr der neue Besitzer ihrer Schönheit nicht so reichlich
wird zuwenden können. -- -- (Demoiselle Klincker unter der Decke
weinte.) -- -- Und mich bedauere ich, weil es mir nicht vergönnt
ist, einen ritterlichen Gegner für die mir zugefügte Beleidigung zur
Rechenschaft ziehen zu können.

„Oh!“ rief Lucien mit Lebhaftigkeit: „Was den zweiten Punkt betrifft,
so ist das leicht zu korrigieren. Sie werden die Güte haben, Herr Graf,
mir eine hübsche, gepuderte Zopfperücke, einen Tressenrock und einen
Degen zu leihen, an welchen Dingen ich Mangel leide. Was die übrigen
Bestandteile zu einem ritterlichen Gegner betrifft, so habe ich sie
zufällig bei mir.“

„Ah!“ rief Vaudreuil schon halb erheitert. „Auf Wiedersehen also morgen
um sieben Uhr früh im Garten bei der Ariadne, mein Pater.“

„Auf Wiedersehen!“ Der Abbé verbeugte sich höflich, und Vaudreuil
bemerkte noch: „Herr Lebrun wird die Güte haben, Ihnen die gewünschten
Requisiten zu überbringen und uns als Zeuge zu dienen.“

Eine tiefe Verbeugung der drei Herren und die Türe schloß sich
geräuschlos.

Abbé Lucien hob den Zettel des Grafen auf und las ihn der schluchzenden
Demoiselle Klincker lächelnd und mit anmutiger Betonung des
alexandrinischen Metrums vor:

  Ihr sagt's, und es ist wahr, / daß Phyllis engelrein .....

       *       *       *       *       *

Das interessante Duell im Garten bei der Ariadne nahm einen reizenden
Verlauf. Abbé Lucien focht wie eine Wespe und entwaffnete nach dem
dritten Gange seinen gräflichen Gegner. Ehrerbietig nahm er selbst den
davonklirrenden Degen vom Boden auf und überreichte ihn mit tiefer
Verneigung der Exzellenz des Herrn Grafen von Vaudreuil, der ihm
belustigt und versöhnt die Hand hinstreckte.

Chevalier de Coigny und Herr Lebrun, Herr von Beaumarchais und
ein Marquis Grouchy, die Zeugen, und Maitre Braçon, der Arzt,
applaudierten.

„Und nun gestatten Sie mir, teuerster Herr Graf,“ begann der Abbé,
indem er einen Zettel aus der Tasche zog, „Ihnen das gestern bei
mir verlorene Epigramm zu überreichen, im Verein mit meinen größten
Komplimenten über den Charme, über die zarte Zweideutigkeit und die
glückliche Form, in welcher Herr Graf eine Beobachtung eingeschlossen
haben, von der es Sie freuen wird zu hören, daß ich selbst sie ihrem
vollen Inhalte nach bekräftigt gefunden habe.“

Die Herren lächelten alle wie eine Reihe von Sonnenaufgängen.

„Ah!“ rief Vaudreuil erfreut. „Da Sie sich nicht schmeicheln dürfen,
Demoiselles Temperament in größere Schwingungen versetzt zu haben, als
dies mir glückte, so würden Sie meiner Neugierde einen großen Gefallen
tun, mir zu sagen, wie doch es gerade Ihnen gelingen konnte, die
Gunst Demoiselles zu erobern, um die sich so viele glänzende Kavaliere
vergebens bemühten?“

„Die Antwort steht schon,“ lächelte Abbé Lucien, „unter Ihren reizenden
Versen.“

Herr von Vaudreuil entfaltete den Zettel und las seinen Freunden vor:

  Ihr sagt's und es ist wahr / daß Phyllis engelrein.
  Nie füllte Leidenschaft / dies Herz mit Feuerpein;
  Zwei Schlüssel öffnen nur / des Himmels kleines Tor
  Genau so wie in Rom: / Beichtzettel und Louisd'or.

Die Herren applaudierten abermals entzückt und Vaudreuil umarmte seinen
geistvollen Gegner. Das war ein köstliches Erlebnis, an dem sich der
ganze Hof amüsieren würde.

„Sie müssen Mitleid mit mir haben, meine Herren,“ fügte Abbé Lucien in
betrübtem Tone hinzu, „wenn ich Ihnen verrate, daß Demoiselle Klincker
mein einziges Beichtkind von zweihundertneunundzwanzig auf Schloß
Vaudreuil und Dependancen anwesenden Personen ist. Sie ist sehr fromm.
Eine große Merkwürdigkeit, das,“ schloß er seufzend.

Die Herren lächelten alle wie eine Reihe von Sonnenaufgängen.

       *       *       *       *       *

Die Erstaufführung der „Hochzeit des Figaro“ hatte schon vor dem
Aufziehen des Vorhanges ungeheuern Erfolg. Die Blüte des Adels von
Frankreich füllte das Parterre des Schloßtheaters so reich, so bunt und
erregt, wie ein riesiges Blumenbeet, in dem der Wind plaudert.

Die Logen leuchteten von den herrlichsten Schultern und dem anderen
lebenden Elfenbein, das die Damen jener Zeit in so liebenswürdiger
Fülle ausstellten. Die hohen Frisuren nickten nervös und lebhaft, die
roten Mäulchen plapperten alle durcheinander, übereinander, und ein
erregtes Kichern rieselte durch das ganze Theater. Man freute sich der
reizenden Geschichte des glänzenden Vaudreuil mit der Klincker und dem
kleinen Abbé, der heute wie eine kostbare Berloque umhergereicht wurde
-- überall vorgestellt, überall angelächelt, überall eingeladen.

Beaumarchais hatte eine Stimmung für sein Werk, wie sie nicht
glücklicher sein konnte.

Und wie gespielt wurde! Herr Crambon schien durch die festliche
Lichterfreudigkeit des Abends wie verhext. Beaumarchais traute seinen
Ohren nicht, seinen Augen nicht, seiner Menschenkenntnis nicht.
Dieser Figaro war wie ein Federball: elastisch, luftig, graziös gab
und nahm er Stich und Intrige. Er war der vollendete Kammerdiener in
jeder Bewegung und hatte mehr Temperament und Beweglichkeit, als alle
Wasserkünste von Versailles.

Ach, und die zwei Frauenzimmer! Ach, die Gräfin und Suzanne!

Sie spielten um Herrschaft und Leben, die beiden kleinen Luder.
Demoiselle Klincker wußte: heut errang sie sich die Liebe des Herrn
von Vaudreuil und ihr hübsches Nadelgeld zurück, oder nie mehr wieder.
Die tiefe Wehmut und die passive Rolle der betrogenen Frau lag ihrem
trägen Temperamente, und sie war sentimental wie eine Herbstzeitlose im
Abendtau.

Das kleine Zöfchen, die Lenore Oiseau aber, die wußte: Heidi, heut
gibt's eine vakate Stelle zu erobern! Sie war schlank und graziös wie
eine Menuettfigur; sie schlang und schmeichelte sich um ihre Gräfin
wie ein Kätzlein. Sie sprühte vor entzückender Koketterie; sie duftete
leise und bestrickend nach verhohlener Sinnlichkeit, und die galanten
Herren nagten sich vor Appetit die Lippen wund, während sie spielte.

Über alles hin aber sprühte und flammte das Klingengezisch des
witzigen Meisterfechters, des Herrn von Beaumarchais. Der gesamte Adel
beglückwünschte mit hellrieselndem Gelächter den eleganten Angreifer
seiner eigenen Gesellschaft, und ein Applaus ohnegleichen wurde dem
unglaublichen Sieger von denen zuteil, die er hier hageldicht prickelnd
mit Witz und Hohn überraschte.

Jeder meinte, es gälte dem anderen und alle amüsierten sich köstlich.

Der Anstifter dieser Aufführung, welche ganz eigentlich der geistvolle
Prolog zur größten aller Revolutionen war, der ausgezeichnete Graf von
Vaudreuil, saß leuchtend vor Glück und blaß vor Wehmut in seiner Loge.

Er hatte dem Genie einen unerhörten Sieg erkämpft.

Er hatte eine schöne Geliebte verloren.

Er würde diese kleine, entzückend geschmeidige Katze, diese Lenore
Oiseau zur Geliebten nehmen, würde von ihr geherzt, gebissen und
verliebt umringelt werden, wie ihn das Glück und die Hofgunst herzte,
verliebt umringelte -- -- und biß. Und dennoch würde sie ihn betrügen,
wie die schöne, fromme, träge Klincker ihn betrogen hatte.

Die kleine Lenore hatte ihm für morgen im Garten ein Rendezvous
gegeben. Mit welcher Bedeutsamkeit füllte sich also für ihn ihre Rolle,
in der sie ihrem Grafen, ihrem gehänselten Grafen auf der Bühne, das
Billettchen annestelte, worin sie den Ort zu einem Stelldichein mit den
Versen eines scheinbar harmlosen Gedichtleins verdeckte:

  Sonne, die im Westen steht
  Läßt dich Süßes ahnen, -- -- --
  Abends, wenn sie untergeht -- -- --
  Hinter den Platanen.

Die Verse gingen ihm im Kopfe umher, er wußte nicht warum. Er wurde
alt. Sollte er dennoch nach der kleinen, heißen Lenore greifen? Sollte
er ein neues, ernsteres Leben beginnen? Die geistvolle Komödie seines
Protegés machte ihn sehr nachdenklich ....

Das Stück war zu Ende gespielt. Rollender Jubel, prasselnder Applaus,
donnernder Zuruf stürmte auf Beaumarchais, auf die Schauspieler, auf
den erlauchten Mäcen ein. Ja, Vaudreuil wurde aus seiner Loge geholt
und mußte mit Caron de Beaumarchais auf die Bühne treten. In seiner
Rechten hielt er die kühle Linke des witzigen Dichters, in seiner
Linken zuckte die kleine, heiße Hand Lenorens.

„Beaumarchais wurde gefeiert wie die Sonne, Vaudreuil wie Phöbus, der
sie am Himmel emporführt,“ schrieb Lebrun einer Freundin.

Es war betäubend und sogar für den Weltmann Vaudreuil zuviel des
Sieges. Der Jubelsturm solch erlauchter Gesellschaft, in der die
meisten Mitglieder der königlichen Familie vertreten waren, mußte den
Widerstand des Königs zerknicken, wie zügellose Rosse einen Hühnerzaun.

Jeder der Gäste fuhr mit dem stahlfesten Entschluß fort: das muß man in
Paris hören! Beaumarchais hatte gewonnen Spiel.

In der Nacht aber ging der erlauchte Dilettant Vaudreuil abermals
unruhig in seinem Schlafzimmer auf und ab. Er dachte an Crambon, der
trotz seiner glänzenden Beweglichkeit vorzöge, ein harter, reiner
Philosoph zu sein. Er dachte an Lenore, in die er sich verliebt hatte,
und an ihre Verse:

  Sonne, die im Westen steht,
  Läßt dich Süßes ahnen -- -- --
  Abends, wenn sie untergeht -- -- --
  Hinter den Platanen.

       *       *       *       *       *

Sonne, die im Westen steht!

Er betrachtete sein Antlitz im Spiegel. Noch blitzten die Augen, aber
zahllose, feine Runzeln umspannen sie mit den Buchstaben des nahenden
Alters. Der Puder deckte das Grau seiner Haare, graziöse Lebhaftigkeit
deckte die leisen Seufzer seines Herzens. Bei Hofe, bei den Dichtern
und Denkern Frankreichs galt er als einer der Besten ....

Bei den Frauen nicht mehr.

Und wieder summte er vor sich hin: „Sonne, die im Westen steht ....“

Auch der Dichtertriumph seines Freundes hatte ihn angesteckt. Gestern
war ihm eine reizende Sache gelungen. Er mußte heute wieder dichten. Er
war voll Gefühl; die beste Stunde war da.

Als einer von den richtigen Feinschmecker-Dilettanten, die äußere Form
und Technik am höchsten schätzen, weil sie solche am besten verstehen
und nachahmen können, versuchte er sich mit einem Ziseleurstückchen.
Einer Glosse. Er wollte ein Thema variieren; das Thema: „Sonne, die im
Westen steht.“

Alle vier Zeilen, jede in einer Strophe.

Nach manchem Seufzer, nach manchem Strich und einigen Änderungen hatte
er das kleine Kunststückchen zu seiner großen Genugtuung fertig:

  =Sonne, die im Westen steht=
  Hat das heit're Spiel verloren,
  Wird nur jenseits neu geboren.
  Welch bedeutsames Valet
  Ruft sie dir, o Philalet!
  Sonne, die im Westen steht!

  Nie mehr läßt sie heit're Nacht,
  =Läßt dich Süßes ahnen=,
  Graue Sorgenschatten mahnen,
  Daß dein Tagwerk bald vollbracht.
  Ach, verlaß' der Liebe Fahnen!
  Nur ein Leben neuer Bahnen
  Läßt dich Süßes ahnen.

  =Abends, wenn sie untergeht=,
  Weiß sie dennoch sich ein Morgen.
  Doch wie banne ich die Sorgen,
  Weil kein Trost mich süß umweht
  Wie die gold'ne Majestät
  Abends, wenn sie untergeht?

  Welkes Laub rauscht dort und hie
  =Unter den Platanen=;
  Alles singt das Lied des Schwanen!
  Hilf mir du, Philosophie,
  Eine neue Welt zu planen,
  Langsam wandelnd sie zu ahnen
  Unter den Platanen!

Herr von Vaudreuil las sein wehmütiges Gedicht in tiefer Rührung. Er
sagte es sich auswendig vor; er stand, seine Verse leise summend,
am offenen Fenster. In der Tiefe rauschten die Wasserkünste des
Schloßbrunnens und leise schmeichelte die Nachtluft um die Wangen des
glänzenden Herrn, der zum ersten Male in seinem Leben tief und schwer
nachdenklich war.

„Ei sieh,“ lächelte er wehmütig, „da habe ich nun nicht eine Seele
im ganzen Schlosse, die ich aufwecken könnte, um ihr dieses Gedicht
vorzulesen. Herr Lebrun würde nur schadenfroh grinsen, Herr von Coigny
mich verächtlich bedauern, Marquis Grouchy an ganz Paris berichten, ich
würde alt, und Herr Caron de Beaumarchais würde mich in ein Moralstück
bringen, so daß sich die Leute über den melancholischen Vikomte zu Tode
lachen müßten.

Niemand -- niemand!

Aber? Vielleicht! Dort, in der tugendreichen Dachstube des Crambon, da
ist noch Licht. Ja! Der herbe Philosoph wird mich verstehen.“

Und er wanderte durch hallenden Flur und Treppenhaus zum Philosophen
der Entsagung, der rauhen Tugend und der Weltabkehr.

Er hatte mit seinen Versen stets Unglück, denn bei Herrn Crambon fand
er die reizende Lenore Oiseau.

Still wie ein Bild stand Herr von Vaudreuil, obwohl sich das Zöfchen
ihm zu Füßen warf: „Ach, gnädigster Herr Graf, nehmen Sie mir die
kleine Pirouette nicht übel! Crambon war meine Jugendliebe. Ich war
ein armes, unbeachtetes Küchenmädchen von vierzehn Jahren, als er
der glänzende Kammerdiener des verstorbenen Herzogs Rohan war. Ich
liebte ihn, ich traf ihn erst jetzt wieder als den Liebling Ihrer
Bühne, und -- ach: da haben wir kleine Rocheforter Jugenderinnerungen
aufgefrischt.“

„Geh, mein Kind, du hast mir nicht wehe getan,“ sagte der Graf, und
das Kätzlein huschte ängstlich fort, den Reifrock unterm Arm, die
Pantöffelchen in der Hand.

„Sie aber, Mensch -- -- Sie haben mir alles genommen,“ sagte der Graf
zu Crambon, der bei der Enthüllung seiner Vergangenheit alle Fassung
völlig verloren hatte und ganz vergaß, daß er nicht mehr Kammerdiener
war. Er stand und wagte mit keiner Muskel zu zucken.

„Sie haben mich glauben machen, es gäbe Tugend. Sie haben mich
hoffen gemacht, es gäbe Mannesgröße. Sie haben mich eine Philosophie
lieben gemacht, deren Leerheit Sie mir nun zeigen. Ich wäre gerne
geworden, wie der, für den ich Sie hielt. Sie aber sind schlimmer
als der Charlatan Cagliostro, der den sehnsüchtigen Seelen nur einen
Wundertrank für tausendjähriges Leben aufband. Sie verhießen die
Ewigkeit; -- -- und lehren mich nun den Satz: Nur die Gemeinheit ist
ewig. Verlassen Sie mein Schloß!“

Und der erlauchte Graf von Vaudreuil ging auf sein Zimmer zurück und
weinte -- -- weinte so stillos, wie es im delikaten Rokoko nicht einmal
den Kindern erlaubt war!

       *       *       *       *       *

Crambon schied.

Vor dem Tore straffte sich seine Gestalt und mit rauhem Tugendgruß
wies er einen kleinen Marquis von sich hinweg, der ihm höflich wie
ein Schüler hatte nahen wollen. Es war ein schöner Morgen. Crambon war
wieder ganz Bürger, Philosoph und Cato.

„Das hat ihm dieser Vaudreuil nun übel genommen, statt sich daran
zu belustigen,“ rief Beaumarchais, der ihm nachsah, aus. „Dieser
Vaudreuil! Dieser Typus eines regierenden Standes, der sich weder
behaupten, noch entsagen kann. Dieses Paradestück des Adels, der
sich selber nicht mehr in der Höhe halten zu können glaubt, in die
er emporgeklettert ist und der seine eigene Strickleiter abschneidet,
indem er stolz tut auf solche Größe.

Was verdient diese Welt, die applaudiert, wenn sie gelästert wird,
Besseres, als gelästert zu werden?

Da seht mir doch die Juden an: Niemandem wurden so viel üble Dinge
vorgeworfen, als ihnen, aber sie behaupteten sich und behalten recht,
weil sie niemals müde wurden, zu behaupten, sie hätten recht.

Ich, was mich betrifft, wenn meine Dichterkraft je erlöschen sollte,
ich werde Werke über meine Werke schreiben, in denen ich der Welt meine
eigene Größe beweisen werde.

Das Leben will, daß seine Geschöpfe seine Gaben achten, und was sich
nicht selbst behaupten kann trägt den Tod in sich. Da hat dieser
Vaudreuil eine Erscheinung voll Glanz, einen erlauchten Namen, Geld,
Macht, Weiber -- -- und ist unglücklich, weil er kein hungriger
Philosoph und Dichter werden kann. Er protegiert mich, der seinen Stand
verhöhnt, und wird zum Spielball eines davongelaufenen Kammerdieners
und einer Gans.

Es ist frivol von diesem Vaudreuil; wirklich frivol!“



                            Der Liebestrank.


„Onkel Balsamo!“

„Fortunat, laß mich in Ruhe; wir sind schon an der Treppe. Hier bin ich
der Graf Cagliostro.“

„Onkel Giuseppe! Ich weiß, Sie haben von den Geheimnissen der Natur
nicht mehr erforscht, als die Geheimnisse menschlicher Schwäche.
Gestehen Sie mir das eine, das ich nicht zu ergründen vermag: Welches
ist das Geheimnis Ihres Liebestrankes?“

„Du sollst es gleich erfahren, mein Junge.“

„Wo?“

„Hier, jetzt in der Gesellschaft, beim Grafen Barrées. Ich weiß, daß
sie mir heute eine Falle stellen wollen. Sei still und benimm dich
unverschämt, aber vornehm. Wir sind am Ziel.“

       *       *       *       *       *

Der Saal ist weiß und gold, die Kerzen flammen, und die ganze
Gesellschaft steht regungslos wie buntes Wachsgebilde in einem
Krippenspiel. Denn der Graf von Cagliostro ist angekündigt und durch
den Salon des Grafen Barrées wehen die Schauer heiliger Erstarrung;
nur die ganz jungen Damen haben den Mut, sich auf die Zehenspitzen zu
stellen und die Hälse zu recken.

Er tritt ein: groß, hager, ernst, von erhaben-kalter Liebenswürdigkeit.
Alle sehen sie ihn schaudernd an: sie sehen ein von Leidenschaften
zerfurchtes Gesicht? Nein. Es sind die Runen der zehn Jahrhunderte, die
dieser Mann erlebte. Tausend Jahre alt .....

Die Herren lächeln, aber es graut ihnen. Den Damen graut, aber sie
lächeln. Für tausend Jahre ist er interessant genug.

Man flüstert oder man denkt: „Diese Gelbheit des Gesichtes!“

„Aber doch, im Ganzen, diese gefaßte Zusammengenommenheit?“

„Er ist wie ein Gebäude von vier oder fünf Stilarten. Es scheint
inkonsequent, aber es ist nur alt. Es entstand, wie es mußte.“

„Aber warum kleidet er sich nicht mehr nach der Art der alten Magier?
Er trägt gold-brokatne Weste, himmelblauen Frack und gleiche Kniehosen
und Strümpfe.“

„Er leuchtet darum doch gleichsam von innen heraus durch diesen
blauen Frack, wie eine Ampel aus Saphir. Wenn es dunkel wäre, er würde
phosphoreszieren.“

So gehen die ängstlich-leisen Gespräche umher, indes sich die
nahegedrängten, gepuderten, hohen Damenfrisuren verneigen, als ob der
Wind hinter einem vollblühenden Perückenstrauch anflöge. Sämtliche
linke Beine scharren nach rückwärts; leise klirren die Degen der
Herren. Sie sind fast alle besiegt; die heißen Herzen von ihrer eigenen
Glaubenskraft und ihrer Liebe zum Wunder, die kühlen Hohnköpfe vom
Erfolg.

Nur der mächtige Barrées begrüßt seinen Gast zwar mit fast so tiefer
Kopfneigung, als er sie den Größen Frankreichs erweist, aber doch leise
lächelnd. Er empfängt zum Dank die nachlässigen Worte: „Ja, lieber
Barrées, ich bin recht gerne gekommen.“

Um die Lippen des Hausherrn zuckt heimlich eine feine Bosheit und
er beginnt: „Ich werde Ihnen einige neue Verehrer Ihres Genies
vorzustellen die Ehre haben. Nur sagen Sie mir: Wann befreien Sie mich
von meiner verdammten Gicht?“

„Bei der nächsten Mondesfinsternis.“

Bis Barrées zu den nächsten Gästen und zurück gehumpelt war, flüsterte
ihm sein Neffe zu: Du wirst dir mit solch nachlässiger Behandlung den
Ärger und sehr bald den Haß des großen Herrn verdienen.“

„Geachtet wird, wer nicht achtet,“ sagte Cagliostro regungslos, mit
geradeblickenden Augen und geschlossenen Zähnen. Kaum, daß sich seine
Lippen bewegten. Er erwartete neue Tröpfe, da hieß es aufpassen und
beobachten.

Barrées stellte sie lächelnd vor. Sie und ihre Krankheiten. Es war
eine große, ärztliche Visite: „Gräfin des Fouches. Noch ziemlich jung,
aber immer noch verliebt. Demoiselle Chanzy d'Armagnac de Bracy.
Zu jung, kann aber schon nicht mehr lieben. Madame Sinisterre de
Solerol. Haßt die Kirche und sehnt sich nach wahrer Religion. Fürst
Ehrenbreitenstein-Metsch, hat eine Flintenkugel ins Schultergelenk
eingewachsen, Marquis Caval leidet an einem Nebenbuhler und einer
Schauspielerin, und endlich“ -- der Graf nahm all seine feine Bosheit
zusammen -- „Ehrendoktor Jakob Mignard, Mitglied und Abgesandter der
Akademie: Wissensdurst und Zweifel an Ihrer Kunst.“

Bisher hatte der Graf von Cagliostro ruhig gelächelt und mit
diesem Lächeln gesagt: „Wir werden helfen.“ Bei der Vorstellung
des berüchtigten, neidischen Gelehrten Mignard zuckte er in leiser
Nervosität auf, sammelte sich ungemein leicht und schnell und sagte:
„Ah! Doktor Mignard? Das ist ein interessanter Fall. Beginnen wir
also mit Ihnen? Nun: Sie begehren natürlich meine Kunst zu prüfen.
Wählen Sie, verehrter Doktor, nur kühnlich jenes Gebiet, das Ihnen am
zweifelwürdigsten erscheint.“

Die ganze Gesellschaft drängte sich um den Akademiker und den
göttlichen Schwindler. Mignard, der überraschen hatte wollen und dem es
nun viel zu geschwind hergegangen war, wurde rot, und Cagliostro wurde
noch verbindlicher. Er fuhr fort: „Es ist mir lieb, daß die Akademie
den exaktesten ihrer Köpfe zu mir gesandt hat. Es ist mir lieb, Herr
Professor, daß Sie mich prüfen, so strenge Sie es vermögen. Stellen
Sie mir jede Frage, jede Aufgabe. Was, zum Beispiel, bezweifeln Sie an
mir?“

Der leidenschaftliche Lehrling der Hochstapelei, Cagliostros Neffe
Fortunat, hatte sich hinter den Professor gedrängt und flüsterte ihm
mit dem ganzen Ausdruck seiner eigenen Ungeduld zu: „Den Liebestrank!“

Ach, der Professor hatte zwanzig Jahre lang Schule gesessen! Er war
fast ein Musterschüler gewesen, aber dennoch: Wo ihm etwas fehlte,
das hatte er sich von den Mitschülern zuflüsternd einblasen lassen.
Nun saß es im Blute, nun wirkte es, im Bunde mit der unwiderstehlichen
Gewohnheit des Gelehrten, der seiner ganzen Weisheit Beweiskraft nicht
in sich, sondern in enggeschlossenem Harst hinter seinem Rücken weiß.

Und er sagte aufatmend: „Der Liebestrank.“

„Ah,“ freute sich das ganze Menschenblumenbeet und vibrierte vor lauter
Ereignisschauern.

„Wünschen Sie ein Experiment?“ gab ihm Cagliostro freundlich vor.

„Ja, ja!“ rief die entfachte Begeisterung der jungen Damen. Denn die
standen schon alle auf den Sesseln.

Welcher französische Akademiker widerstände dem hüpfenden Zurufe junger
Mädchen? „Ja,“ sagte also Herr Mignard. Und als die ganze Gesellschaft
Beifall klatschte, lächelte sogar Mignards Sohn, Olivier, ein junger
Marineoffizier, und kam freundlich näher heran.

„Recht streng, nicht wahr,“ fragte Cagliostro weiter.

Professor Mignard aber blieb Akademiker. Er sagte: „Streng wollen Sie?
Da bitte ich doch diese erlauchte Versammlung, zwei Objekte für das
Experiment des Liebestrankes zu wählen. Das wird Ihnen Ihre Aufgabe
sauer genug machen. Nebstbei frage ich, ob Sie der Akademie Kaution
erlegen wollen für den Fall, daß einer der sich zum Experiment bereit
erklärenden Teile an seiner Gesundheit Schaden litte?“

„Aber ja,“ lächelte Cagliostro, überlegte einen Augenblick, griff dann
in die Tasche und zog eine dicke Handvoll blendend schöner Brillanten
hervor, bei deren Anblick alles ergriffen stilleschwieg. Es mochte eine
kleine Million sein, die der rätselhafte Graf da nur so aus der Tasche
zog.

„Bitte, prüfen Sie, ob sie echt sind,“ sagte Cagliostro gleichgültig
und legte die Steine vor Mignard hin. Der Gelehrte hatte einen Rubin am
Finger, und an dem führte er mißtrauisch einen der Steine Cagliostros
ritzend entlang.

„O weh,“ rief er. Der Rubin hatte einen tüchtigen Riß weg, und
Cagliostro sah ihn strafend an. „Graf Barrées,“ bat er dann ruhig:
„Nähmen Sie diese Diamanten für die Akademie der Wissenschaften in
Verwahrung, bis ich rehabilitiert bin?“

Barrées kam langsam herbei. Es waren Steine von solcher Schönheit, daß
sogar er sie mit Ehrfurcht in Empfang nahm.

Das Parterre, das Cagliostro sich damit gebildet hatte, war präpariert.
Alle Haare sträubten sich vor Erregung.

Cagliostro war zufrieden. Kardinal Rohan hatte einem wucherischen
Juwelier die Diamanten zu einem verliebten Geschenk für die Königin
abgepumpt. Dem Kardinal wieder hatte eine Schwindlerin das herrliche
Halsband herausgelockt; ihr aber hatte es der Meister allen Betruges,
Cagliostro, abgegaukelt. Nun begann aber die Geschichte zum Himmel zu
stinken und Cagliostro war sehr froh, die aus ihren Fassungen gelösten
Steine beim Grafen Barrées hinterlegen zu dürfen. Hier suchte und
forderte sie niemand.

„Ich bitte Sie, Mesdames und Messieurs, Ihre Opfer zu wählen,“ sagte
Cagliostro so kalt, daß den galanten Gesellschaften ein Grausen über
den Rücken lief, denn Liebe als chemisches Experiment behandeln, hieß
sogar mit der Frivolität frivol umgehen. Das war stark; wirklich. Aber
es war eine aufregende Neuigkeit. Man war zum erstenmal seit seiner
Jugend in bänglichster Spannung.

Nun erstiegen auch die ersten Herren in den hintersten Reihen die
Stühle.

„Wie wär's mit dir, Clarisse?“ fragte der verwitwete Barrées seine
Tochter, und begeisterter Applaus lohnte dem kühnen Hausherrn.

„Oho; nein, ich danke!“ rief das Mädchen und hob abwehrend die Hand.

„Meine Tochter ist nämlich Künstlerin und will nichts anderes bleiben,
als Künstlerin. Sie singt eine prächtige Koloratur und glaubt durch
eine Heirat daran Schaden zu leiden. Sie kann nicht lieben. Bester
Herr Graf, wenn Sie sie etwa in irgendeinen jungen Adeligen von
guter Familie verliebt machen könnten, -- ich wäre Ihnen höchlich
verpflichtet.“

All das wurde gesprochen in jenem Tone, der aus Spaß und Ernst
gemischt war und aus dem nur ein Weltmann die Ingredienzien zu scheiden
vermochte.

„Ist solch ein junger Edelmann hier?“ fragte Cagliostro ruhig dagegen;
und wirklich verhinderte er damit den angeerbt taktvollen Barrées,
einen Mann seiner Wünsche zu nennen.

„Aber Herr Graf und Sie, Komtesse! Glauben Sie denn, er brächte es
fertig, mit sehenden Augen anzustiften, was sogar der Gott der klugen
Griechen nur mit verbundenen Augen vermochte?“ flüsterte der gereizte
Akademiker Mignard dem Gastgeber und seiner Tochter zu. „Herr Graf,
sind Sie noch der alte Freigeist? Und Sie, Komtesse, fürchten sich vor
einem Glase Kognak und etwas Hokuspokus? Habe ich Ihnen umsonst die
chemische Analyse seines Liebestrankes mitgeteilt?“

„Gut,“ sagte das mutige Mädchen beruhigt, „ich gebe mich zu dem
Experiment her.“

Es trat ein Augenblick der Ruhe ein. Alles hatte vernommen, um welchen
Preis der Kampf gehen sollte; es war wirklich viel. Sehr viel: für
Cagliostro, für Mignard, für Barrées und die Komtesse.

„Sie gäben sich her, mit wem immer die Gesellschaft Sie
zusammenbestimmte?“ fragte Cagliostro noch einmal in mitleidvoller
Warnung.

Dem Mädchen kam ein wenig die Angst. Aber lieben ist immer schön. „Mit
wem immer,“ lächelte sie großartig.

„Aber das ist ja frivol,“ rief halblaut der erzürnte Schiffsleutnant
Olivier.

„Wer ist der junge Offizier,“ fragte Cagliostro leise seinen Gastherrn.

„Der Sohn Mignards,“ lächelte dieser.

„Der junge Mignard: ah, das ist gut!“ rief Cagliostro, als sagte er
dies zu sich selbst.

Und wirklich; die ganze Gesellschaft wiederholte begeistert sein
hypnotisches Wort wie ein Orakel: „Der junge Mignard! Der junge
Mignard!“

Vater Mignard erbleichte, Barrées lachte laut auf, die Prinzessin warf
in trotzigem Übermut den Kopf zurück und Olivier schrie: „Das verbiete
ich mir!“

Aber die Gäste waren berauscht, als hätten sie Blut getrunken und
jubelten immerzu: „Der junge Mignard und Clarisse! Wir wollen keine
andern!“

Es war unwiderstehlich.

„Ja aber,“ sagte Clarisse ängstlich, „ich habe mir Herrn Olivier noch
gar nicht so genau angesehen.“

„Um so besser,“ lachten die Damen und klatschten in die Hände.

„Sie werden den Liebestrank vor unseren Augen bereiten?“ fragte der
starke Herr von Ehrenbreitenstein mit der gelähmten Schulter.

„Ja,“ erwiderte Cagliostro gleichgültig. Er hatte schon aus seinen
Taschen einige kleine Phiolen gezogen und damit zu arbeiten begonnen.
„Ein Glas Madeira,“ winkte er einem Bedienten.

Es wurde sehr still. Die Scherze zweier Gamins kitzelten niemand; da
wurde selbst jenen bang, die sonst die Fahnenschwinger des Gelächters
waren.

Cagliostro war rasch fertig. Er hatte eine grüne, eine rote, eine
braune Mixtur in je ein Gläschen getan, dann goß er alle drei mit
dem Madeirawein zusammen und wartete einige Sekunden, indem er kühl
und hart vor sich hinblickte. Dann teilte er den Trank, scheinbar
zerstreut, ungenau und gleichgültig in zwei andere Gläschen.

„Ich bitte rasch zu trinken; wo sind meine jungen Herrschaften?“

Clarisse kam zuerst heran. Sie war hübsch, nur etwas mager, und ihre
Nase war lang, die Figur beweglich, das Gesichtlein hatte traurige
Augen, die jetzt sehr ängstlich aussahen. Sie kostete und hustete.
„Hinunter!“ rief Cagliostro grob. Da erbleichte sie und wollte nicht
mehr.

„Trinken Sie,“ grollte er sie an. „Mignard bewies Ihnen ja die
Ungefährlichkeit in der chemischen Analyse.“

Da trank sie das Ganze gehorsam und erschrocken hinunter.

„Woher wissen Sie das von der chemischen Analyse,“ fragte das arme
Mädchen dann nach einer ganzen Schreckenspause, während derer ihm das
starke Getränk wie Feuer im Magen wühlte.

„Aus meinem Brennspiegel. Wo ist Herr Leutnant zur See, Olivier
Mignard?“

Mignard trat in prachtvoller Haltung vor und erhielt Applaus. Er
schlug den Zopf nach der Schulter wie eine Peitsche, als er rechts zur
Gesellschaft hinüber sah und warf sich dann ganz wie ein Soldat ins
Feuer: nach außen Entschlossenheit, Kraft und Halbgötterei, und innen
windet sich angstvoll das Würmlein Menschenschwäche zurück. Für seinen
Vater tat er alles. Messieurs und Mesdames waren aber auch hingerissen
und entzückt über das hübsche Opfertier und sehr neugierig.

Als er jedoch Clarisse ansah, die ihm etwas verlegen, etwas kläglich
und etwas empört entgegenblickte, da ward der Franzose in ihm stärker
als der Sohn, oder vielmehr schwächer.

Sie war so rührend, so adelig, der Kopf saß so hingegeben unter der
großen Last der Haartracht auf dem schlanken Halse; und er, er war
gekommen, um öffentlich darzutun, daß er dieses entzückende Geschöpf
nie und nimmermehr lieben wolle. Taktlos und vermessen!

„Madame,“ sagte er und stolperte mit seiner Rede sehr: „Nicht, weil es
Ihrem Reiz nicht gelingen könnte, mein Herz nicht klein und schwach zu
machen“ --

Clarisse lächelte ein wenig, wandte sich aber in kokettem Trotze von
ihm fort und wandte sich zum Gehen.

„-- oh Madame,“ vollendete der geängstigte Schiffsleutnant seine Rede,
indem er ihr nachsah; „das ist außer allem Zweifel, daß ich nicht Ihnen
widerstehen möchte; nur diesem Herrn hier --“

„Also trinken Sie,“ sagte Cagliostro mit kühlem Lächeln.

Da hob Olivier das Glas und rettete das Gehaben eines Seemanns, der
sich Trost gegen einen scharfen Nordnordwest zuführt, in diese bange
Stunde. Cagliostro hatte ihm viermal soviel zugedacht, als dem Mädchen.
Er aber setzte an: ein Schluck, ein Druck und ihm war wohl und warm im
Leibe.

„Ausgezeichnet,“ sagte er unwillkürlich.

Die Herren riefen dieser natürlichen Trinkermanier Beifall zu, die
Damen aber waren etwas gereizt; -- wie stets, wenn einer nicht recht
lieben will. Ja, eine alte, sonst heitere Stiftsdame nahm das Wort und
wandte sich ungeduldig an Herrn von Cagliostro: „Wie lange, mein Graf,
wird es nun wohl dauern, bis dieser junge Atheist seine Strafe für die
Vermessenheit, ein so entzückendes Geschöpf verschmähen zu wollen, in
seinem Herzen aufsteigen fühlen wird!?“

Mignard erschrak über den Unwillen der alten Dame, Cagliostro aber
räumte die Phiolen zusammen und übergab sie seinem Neffen. „Das ist,“
sagte er, „je nach der Anlage eines Menschen. Ich bedaure, daß Herr
Mignard Offizier zur See ist. Man ist als solcher schon gegen ein
bloßes Frauenlächeln schwach und hat in den Häfen einen Heidenrespekt
gegen die dort gänzlich fehlende Frauenreinheit und Feinheit erworben.
Ich hoffe übrigens, daß Herr Leutnant nicht kürzlich von einer langen
Seereise zurückgekehrt sind.“ Er schmunzelte diabolisch. „Sechs oder
sieben Monate ungebrochener Einatmung von Salzwasserluft, sowie die
lange Gewöhnung des Auges an nichts als Himmel und Meer ergeben eine
ungemein starke chemische Affinität zu meiner Mixtur. -- Ja. -- Aber
Herr Mignard, als Sohn, wird sich heldenmütig wehren.“

„Ach, und die Komtesse ist schon geflüchtet?“ rief ein junger Herr.

„O nein,“ erklang Clarisses Stimme aus einem Winkel. Sie hatte sich von
dort, sehr gereizt, den jungen, trotzig-schönen Soldaten angesehen,
der sie durchaus nicht lieben wollte. Sie hoffte, Olivier würde
sich wenigstens zu ihr begeben und ihr den ganzen Abend Gesellschaft
leisten, um den andern zu beweisen, daß er das Fluidum Cagliostros
verachte. Dann würde sie ihn zu strafen wissen.

Aber, ach nein, Herr Mignard vermied sie und sah nur sehr selten mit
schnellen, verbotenen Blicken nach ihr, als ob er stehlen wollte.

„Na wart',“ dachte sie. Sie war schwer gekränkt.

Kein Mensch hatte eine Ahnung, wie wunderbar singen sie gelernt
hatte. Trotz aller Eitelkeit hatte sie es verborgen, daß sie bei dem
ausgezeichneten Maestro Primavesi Singstunden nahm. Sie gedachte am
Hofe des Königs zum ersten Male hervorzutreten, als die vom Himmel
gefallene Meisterin. Aber nun hielt sie es nicht mehr aus. Man
verachtete sie, man beleidigte sie, man vermaß sich, sie samt einem
Zaubertrank im Leibe nicht reizend zu finden. Weil sie noch schlank
war? Weil ihre Nase nicht stumpf und rund war? Oh!

Bei Tische krampfte sie Tränen hinunter. Der junge Mignard saß
neben einer Frau, deren Kehle, Schultern und Brust sich herrlich
ausbreiteten, wie blühender Speck. Diese schöne, umfangreiche Dame war
eine Freundin von Oliviers Mutter, und Clarisse ahnte, daß sie mit den
Herren der _Academie française_ verschworen sein könnte, und von ihrem
ironischen Papa nur eingeladen war, um diesen ahnungslosen Leutnant
zur See gegen den Liebestrank zu immunisieren, ja wohl gar, ihn zu
verführen. Sie sah gar nicht hinüber, aber sie verachtete die ganze
Akademie in dieser Frau.

Ein Glück, daß Meister Primavesi neben ihr saß, der ihr seit einem
halben Jahr an jedem großen Gesellschaftsabend zuraunte: „Ach, nur eine
Generalprobe, Contessa; nur ein Pröbchen Ihrer liebenswürdigen Kunst
und meiner Schule. Ich hätte einige hoffnungsvolle Damen hier, die
unfehlbar meine Elevinnen würden, wenn sie Sie hörten.“

Heute entschloß sich Clarisse. „Gut,“ sagte sie. „Wenn Sie es geschickt
machen, daß man mich bittet, liebster Meister, so gebe ich Ihnen nach.“

Der Maestro wäre kein Italiener gewesen, wenn er nicht Komödie zu
spielen verstanden hätte. Als er nach aufgehobener Tafel ans Klavier
gebeten ward, schlug er vor, daß Signorina Ravolini singen dürfe.

„Die Ravolini,“ riefen alle Herrschaften begeistert, denn das war eine
beliebte junge Sängerin der heurigen Stagione. Aber die Ravolini war
gar nicht da und Barrées gestand bedauernd, daß er sich nicht erinnere,
sie eingeladen zu haben.

„Ach, wenn doch endlich Ihre Tochter, als meine beste Schülerin, die
Güte haben wollte, zu beweisen, daß ich Lehrer zu sein vermag,“ flehte
der Maestro den Gastherrn an.

Da stand, von der Begeisterung der gesamten Gesellschaft geschoben,
gezerrt, gehoben und von den Damen förmlich Schritt für Schritt nach
vorne geküßt, sehr bald Clarisse auf der Estrade.

Und sie sang. Sie sang die kleinen, altmodischen Hirtenlieder der
trefflichen italienischen Singspielkomponisten, die alle gleich
liebenswürdig, gleich talentvoll und gleich leuchtend waren und das
liebe achtzehnte Jahrhundert mit den entzückendsten musikalischen
Schelmereien versorgten. Sie sang eine Arie, dann eine Arietta, dann
einen Chanson, dann ein Madrigal und dann wieder eine Arietta. Sie
sang, und atemlos verliebt starrte alles sie an.

Ihre Stimme war mühelos, leicht und elastisch, wie ein Federball von
den Notenlinien wegprallend und wiederkehrend. Die Atemtechnik merkte
man gar nicht; es schien, als ob dieses Vöglein kaum der Luft bedürfe.
So stand sie und neigte sich nach der ersten Arie tief und wurde vor
Freude rot, denn ihre Gesellschaft raste vor Überraschung.

Die Arietta dann bäumte sich auf wie ein Wellchen im Bach, lockte,
floh, entfernte sich, neckte und träumte durch eine Stimme hindurch,
die zum Verzaubertsein leicht und zart, nein, zärtlich war.

Da begann der junge Mignard leise und glücklich in seinem Herzen zu
leiden.

Aber weiter und weiter lachte das heitere Rokoko aus kapriziösen
Liedchen ihn aus, und die fröhlich gewordene Clarisse wählte jenen
Chanson, der soeben den Siegeszug über ein ganzes Geselligkeitsjahr
anzutreten im Begriffe stand: das entzückende Grillenlied der
kleinen Schäferin aus den „_Sentiments du pauvre Robin_“. Dieses
Lied hatte einen Refrain, der mit dem französischen Wortstamm „ris“,
der Wurzel des Wortes Lachen, auf reizende Weise Fangball spielte,
indem er, zuerst als Grillengesang, dann als ernsthaft scheinendes
Studienmonstrum einer Übenden, und zuletzt in ein stockend anfangendes,
aber bis ins Unaufhaltsame weiterrollendes leises Gelächter ging, das
immer leichter, zarter und höher anstieg. Dieses Liedchen, das die
junge Schäferin unbekümmert, wie auf und ab gehend, zu singen anfing,
hatte als erste Strophe diese:

  Ich singe mein Liedchen, ein lächelndes Lied,
  Ich singe mein Lied auf der Wiese.
  Die kleinen Grillen zittern es mit,
  Man singt von der Halde bis an das Ried
  Als beliebteste Arie nur diese:
  Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......

Und dieses ris, ris i i i i, zuerst schüchtern, dann schnell und
zuletzt ein einziges, leises Forttrillern, war ein hinreißendes
zitterndes Grillengezirpe, welches, von dem heitern, leichten, koketten
Stimmchen nachgeahmt, jedes Zwerchfell vor Lust vibrieren machte, vor
Lust nach der Wiese. Dann aber ging es weiter:

  Und du mir zur Seite, du sehnst dich bis weit
  Wo sich Erde und Himmel verlieren.
  Ins Endlose willst du? da habe ich Zeit,
  Einstweilen das Lied dieser Endlosigkeit
  Den Heupferdchen abzustudieren:
  Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......

Fast ernsthaft mühte sie sich, den Ton dieser Heupferdchen abzufangen.
Sie begann in _do_, stieg über _mi_ und _sol_ immer höher und höher
und lächelte dabei ihren tapferen Gegner Olivier ein Momentlein ganz
versteckt an. Jedoch kümmerte sie sich während der letzten Strophe gar
nicht mehr um ihn, denn diese Strophe ging:

  O Freund, du mein Freund, so gelehrt und so dumm,
  Gehst endlos und gehst doch im Kreise.
  Zieh fort, o flieh nur und sieh dich nicht um ...
  Hier wart' ich auf jemand im Wiesengesumm
  Und das Lachen schüttelt mich leise:
  Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......

Und dieses Lachen, dieses leise anzitternde Lachen, das wie eine Lerche
in immer größere Heiterkeiten hinaufstieg, dieses ansteckende Kichern
bezwang in seiner unendlichen Liebenswürdigkeit eine Gesellschaft,
die so gerne, so gerne lachte dermaßen, daß es in sämtlichen
Hälsen, musikalischen und dürren, innerlich mitzuperlen begann,
als stiegen tausend entzückende Leichtigkeitsbläschen eilig aus den
Schaumweinkelchen der französischen Seelen empor; und als Clarisse in
der feinsten, lustigsten Höhe ihr Lachen ausgetrillert hatte, da brach
dieses selbe zitternde Rollen aus allen Kehlen mit Kinderfröhlichkeit
los, und alle, alle lachten sie, als ginge es über den geprellten
Schiffsleutnant her, der es unternommen hatte, dieses Geschöpf nicht zu
lieben.

Der arme Junge kam sehr schwierig durch die Gratulanten hindurch,
welche die junge Sängerin umringten, und rief ihr in der Schwäche der
ersten Hingerissenheit zu: „Komtesse, ich hielt große Stücke auf Ihre
Gaben, aber daß Sie solch ein kleiner Goldvogel seien, das, das -- --
--“

„Das ist ein um so schätzbareres Kompliment,“ sagte die schlanke
Clarisse strahlend vor Übermut, „als es aus einer seltenen Herbheit
und Unbestochenheit der Gesinnung erfließt.“ Und sie wandte sich neuen
Beglückwünschen zu und hatte ihn sogleich vergessen. Also war nun
Olivier der Gekränkte. -- -- --

       *       *       *       *       *

Die darauffolgende erste Hälfte der Nacht verbrachte er mit Versuchen,
jenes Grillenlied in Diskant, und als das mißlang, in Baß zu singen,
wobei er das Ris--ris--ris wunderbar gröhlte; die andere Hälfte der
Nacht verschwendete er auf Bemühungen, es =nicht= zu singen.

Am nächsten Tage haßte er es. Es sah aus, als ob man dieses Lied auf
ihn gedichtet hätte, und man begann es schon da und dort auf der Gasse
zu trällern.

Clarisses Vater hatte sich am vorigen Abend, nach einer energischen
Reklamation jener alten Stiftsdame, entschlossen, Mignard, Cagliostro,
und all die übrigen Gäste dieses Abends zu bitten, in vierzehn Tagen
wiederzukommen, um zu erfahren, ob der Liebestrank des Meisters der
Geheimnisse inzwischen gewirkt haben könnte. Vierzehn Tage, bis er sie
wiedersähe!

„Es ist ein hartes Ding,“ sagte er sich, „aber mein Vater darf nicht
der Besiegte dieses Charlatans werden. Bin ich denn so schwach?“

Und er war stark, wehrte sich und dachte infolge dieses Kampfes in
einemfort an die niedliche Clarisse.

Sie aber war empört, daß die Akademie solch einen ahnungslosen, rein
törichten jungen Menschen als Werkzeug ihres Hasses gegen Cagliostro
mißbrauchte. Ihr Vater war mit im Spiele. Sie hatte Angst vor seiner
Ironie, aber sie sagte sich, daß es ein Meisterstreich des kleinen
Gottes wäre, wenn eben diese kalte Ironie ein wenig bestraft würde.
Einem Edelmanne wollte er sie vermählen, einem Edelmanne! Nachdem
Herr Rousseau und Herr Voltaire längst so niedliche Dinge über die
Vorzüglichkeit und den Rang des Herzens und des Geistes geschrieben
hatten, welche die einzige Ungleichheit auf Erden ausmachten? O!

Ihr ganzes kleines Wesen hatte sich von jeher nur im Widerspruch
erfreut, denn sie war stets unmäßig verzogen worden. Übrigens aber
meinte sie, Olivier müsse gedemütigt werden. Sie glaubte zwar noch, daß
sie ihn nicht liebe, aber eine bedenkliche Angst vor der kalten Tücke
des Cagliostro saß in ihr. Der war so rätselhaft. Und die Akademie
hatte so viele Regeln, das Leben aber war so regellos. Wenn nun der
grauenhafte Mensch mit seinem Trank Recht behielte? Sie prüfte sich und
erschrak, wie viel sie sich schon an jenem ersten Abend in Gedanken mit
Mignard beschäftigt hatte, und wie viel nachsinnende Stunden inzwischen
dazugewachsen waren, -- alle voll von Olivier Mignard.

Es war schauderhaft; schauderhaft, aber süß. Denn wenn es bei ihr
wirkte, dann saß es wohl auch bei dem jungen Marineleutnant fest. Wo
der nur blieb?

Der? Der wehrte sich zehn Tage. Am Vorabend jenes Tages, der
Cagliostros Gewalt oder Beschämung offenkundig machen sollte, lief er
ihr in einem Gäßchen in den Weg.

„Komtesse, seit vier Tagen warte ich hier, wo Sie sonst täglich
durchkommen, auf Sie ....“

Sie erkannte den ehedem tiefbraunen Jungen gar nicht gleich. Er war
wirklich blaß.

„Was wollen Sie?“

„Komtesse, wir werden uns morgen sehen. Ich habe Angst, Sie zu
beleidigen, wenn ich abermals meinem Vater zuliebe als Verächter Ihrer
Holdseligkeit dort stünde.“

„Schweigen Sie, und lassen Sie mich, ich muß zu Primavesi,“ sagte sie
beleidigt.

„Aber haben Sie doch Erbarmen, Madame,“ rief er und hielt sie angstvoll
zurück. „Ich kam, Sie zu bitten, dieser Komödie ein Ende zu machen und
den Abend absagen zu lassen.“

„Wozu?“ lächelte sie frostig. „Ihr Herr Vater soll seinen Triumph
genießen; denn auch ich fühle keine Wirkungen von dem Tranke des Grafen
Cagliostro.“

„Ach, Komtesse,“ sagte der arme Junge traurig, „dann wäre ja alles
gut. Ich werde das meinem Vater berichten, er wird mit Ihrer gütigen
Zustimmung die Akademie von dem lächerlichen Schwindelversuch
benachrichtigen, dessen Mißlingen dem Ansehen des wunderlichen Grafen
übrigens kaum schaden kann, und ich, -- ich werde morgen nicht zu
erscheinen brauchen, um meinen guten Vater und mich keiner Demütigung
auszusetzen.“

„Ah, wie das?“

„Es ist nur, weil ich fürchte, Komtesse, daß nicht Graf Cagliostro,
wohl aber Ihr Reiz mich verzaubert hat.“

Clarisse stand über seine unerwartete Botschaft sehr erschrocken und
vermochte gar nichts zu sagen.

„Es ist so,“ bestätigte er betrübt: „Ich liebe Sie; aber,“ fügte
er verzweifelt hinzu, „wenn Sie morgen diesen abscheulichen
Schlächterabend eines Herzens zustande kommen lassen, so leugne ich
alles!“

Da lief sie ihm davon.

„Clarisse,“ rief er, „Clarisse!“

In den leeren Gassen klang der Ruf nach, aber auch in ihrem Herzen
vibrierte er weiter. Sie war fassungslos und kam sich ebenfalls
wie verzaubert vor; in ihr wühlten Seufzer, Mitleid, Neugierde
nach dem jungen Manne und stürmische Wünsche sehr; sie wehrte sich
in Heidenangst vor der Macht Cagliostros, fand es aber dennoch
schmerzvoll-schön, so sehr zu leiden.

       *       *       *       *       *

Der Abend, auf den die fröhlichen Zuhörer des Grillenliedes mit der
heitersten Spannung gewartet hatten, wurde für diesmal abgesagt und
abermals auf vierzehn Tage verschoben, denn Clarisse hatte sich krank
erklärt. Da lief denn durch die Gesellschaft von Paris der leise,
lustige Verdacht von einer Schlappe, die der ungläubige Graf Barrées
und die Akademie erlitten haben könnten, und Herr Cagliostro vergabte
in diesen Tagen dreiundeinhalb Maß Liebestrank an Bedürftige.

„Da habe ich sie mir,“ sagte er zu Fortunato. „Der alte spöttische
Kavalier zittert schon heute vor mir. Und siehst du: nicht die
gescheite, kleine Clarisse hat mein Trank bezwungen. Nein; all ihre
Vorfahren, deren Geschäft es seit tausend Jahren war, gläubig zu sein,
die haben in ihr vor dem Liebestrank jene Angst, der ihn so wirksam
macht. Tausend Jahre glaubten diese Barrées blindlings an alles,
was der Pfaff ihnen aufband. Der letzte Barrées und sein Töchterlein
leugnen. Aber in ihnen sitzt bauernfest die Glaubsucht. Und es zuckt
immer noch demütig in ihren Knien, so oft sie an einem geweihten
Öllämpchen vorübergehen, so wie es in dem Akademiker Mignard zuckt,
sich vor den Barrées tief zu verbeugen. Denn all seine Vorväter waren
katzbuckelnde Erwerbsleute. Der Glaube ist da, die Religion ist fort,
nun müssen sie an alles glauben, was ihnen in den Weg gerät.“

„Ich wollte lieber, Onkel Giuseppe, du hättest Unrecht,“ sagte Fortunat
bedrückt.

„Warum?“

„Ich fürchte, daß mir Clarisse selber gefiele.“

„Würdest du sie heiraten wollen?“

„Warum nicht?“

„Unmöglich,“ sagte Cagliostro kalt. „Eine Barrées. Es ist zwar alter
reicher Adel und bei Hofe von höchster Geltung, aber wie wir heute
dastehen, kann sich doch der Name Cagliostro nicht an eine Barrées
ketten. Ja, wenn es eine Rohan, eine Condé, oder eine Savoyen-Carignan
wäre! Laß sehen, es klopft.“

Cagliostro erhielt recht unerwarteten Besuch. Es war die Wache, die ihn
in die Bastille führen sollte. Der Offizier zeigte ihm achselzuckend
den _lettre de cachet_. Nun wäre es ihm sehr erwünscht gewesen, wenn
sein Neffe die Barrées mit ihrem Einfluß bekommen hätte können. Denn
sein Weg ging jählings bergab. Die Halsbandgeschichte war ruchbar
geworden, und man suchte die Diamanten. Freilich, Cagliostro hatte
dafür gesorgt, daß mehrere seiner Adepten Eide schworen, sie seien
in einer Säurelösung verdorben, und Fortunat, der frei geblieben war
und die Gerichtsbeamten beim Versiegeln der Gemächer seines Oheims
führen mußte, brach im Laboratorium des Schwindlers beim Anblick
einer fluoreszierenden Essenz in ein krokodilfalsches Gewimmer aus.
„O, meine Herren,“ schrie er, „welche Werte zerstören Sie hier!
Diese Essenz ist Diamantlösung und soll kristallisieren; mein Oheim
verbrachte sieben Stunden in jeder Nacht damit, um sie magnetisch zu
beeinflussen, und nun kommen Sie, verhindern sein Werk und stören den
Kristallisationsakt! Die Tinktur wird in zwei Tagen wertlos sein und
die darin gelösten Brillanten werden verrauchen, ich schwöre es Ihnen
beim Tempel der Rosenkreuzer!“

Die erschrockenen Beamten nahmen ein Protokoll mit ihm auf. Gerade
jene Brillanten waren es ja, die man suchte! Bis nun aber das Stück den
umständlichen Instanzenweg zum Könige durchgemacht hatte und Cagliostro
freigelassen wurde, um den großen Sammeldiamanten aus der Lösung
herauszukristallisieren, war es zu spät geworden!

Die Tinktur erwies sich wirklich als wertlos; sogar die Akademie mußte
es zugestehen. Herr Buffon, Herr Lavoisier selber zuckten die Achseln
bei der Analyse; alles war verloren.

Warum Cagliostro so jählings verhaftet worden war?

Der junge Mignard hatte seinen Vater gebeten, für ihn um die Hand
der kleinen Barrées anzuhalten. Da brachte Mignard alle Kräfte dieser
Erde, als da waren zwei Hofdamen, einen Erzbischof und einen jüdischen
Generalpächter, gegen Cagliostro in die Schlacht. Seinem Sohne drohte
er mit Enterbung.

Und die junge Clarisse war bei ihrem Vater gewesen: „Der junge Mignard
liebt mich.“

„Und du, du liebst ihn?“ fuhr der Graf empor.

„Seine Demut rührt mich tief, lieber Vater, er ist sehr schmerzlich für
seinen Mangel an galanter Rücksicht bestraft worden, und er fürchtet,
daß eine Barrées niemals an einen Bürgerlichen weggegeben werden
könnte.“

„Nein,“ lachte der Graf nervös, „niemals!“

„Niemals?“ horchte sein verzogenes Töchterchen empor. Durch ihr Herz
fuhr ein Stich von Schreck und Trotz. „Und wenn ich ihn liebte!“

„Wenn du ihn liebst, mein Kind, dann werden wir in der Wahl deines
Gatten rücksichtsvoll sein,“ sagte der alte Herr zartfühlend.

„Ah, wieso? Und wer sollte mir, =mir= einen anderen Gatten diktieren.
Sie am Ende? Und welchen Gatten?“

„Vielleicht den Marquis von Chateauvert; hm? Er ist neunundsechzig
Jahre alt, reich, mächtig und dabei freidenkend, zart und
=rücksichtsvoll=.“

„Ach so,“ sagte das junge Mädchen, und wurde tief dunkelrot. Dann faßte
sie sich. „Das ist alte Mode, teuerster Herr Papa,“ sagte sie. „Das
galt zu einer Zeit, wo man die herrlichen Gefühle der Natürlichkeit und
der Herren Rousseau und Diderot noch nicht kannte. Ja, Herr Papa,“ rief
sie mit edelglühenden Wangen aus, „die Welt ist anderen Sinnes geworden
und ich sage Ihnen, sie verachtet jene Galanterien einer gänzlich
abgetanen Zeit. Man heiratet wieder, Herr Papa!“

„Aber Kind, die Logik! Handelt es sich um Liebe oder Matrimonium? Die
Logik!“

„Man kennt auch keine Logik mehr,“ sagte Clarisse kühn. „Sie ist eine
Spielerei alter Leute. Man folgt den Instinkten der redlichen Natur,
Herr Papa -- -- --“

„Clarisse,“ sagte der alte Edelmann. „In meinen Fingern zuckt es.
Preise dein Glück, daß dein alter Vater den Instinkten der redlichen
Natur diesmal nicht folgt, sondern begib dich auf dein Zimmer, das du
in drei Tagen nicht verlassen wirst.“

So hatte denn eine verbotene Liebe bei all den günstigen Vorbedingungen
noch drei Tage Gelegenheit zu tiefer Wühlerei im Herzen eines
eigensinnigen Mädchens.

In seinem Ärger schloß sich der Graf den Bemühungen Mignards an,
und es gelang beiden, den Widerstand des Herzogs von Orléans und
anderer einflußreicher Gönner zu brechen. Diese Herren, die bisher die
Verhaftung Cagliostros in Sachen der Halsbandgeschichte hintertrieben
hatten, ließen nun dem Groll des Königs freien Lauf, und der
fortschrittliche und sehr freigeistige Graf Barrées wünschte jetzt
die Zeit der Hexenprozesse zurück, um Cagliostro verbrennen lassen zu
können. Denn nun glaubte auch er an den verfluchten Trank.

Wie stark dieser Trank gewesen sein mußte, leuchtete ihm nach den drei
Tagen, in denen er seine Tochter nicht gesehen hatte, ein. Das Mädchen
war fort und dem Vater blieb von ihr nichts als ein Billettchen in der
Hand: sie habe sich ihren Mann selber gesucht.

Die Komtesse war durchgegangen, der junge Mignard desertiert.
Nun wohnten sie zusammen in einer kleinen Dachkammer am Rande von
Batignolles. Graf Barrées und Mignard mußten mit zusammengebissenen
Zähnen schweigen, weil der eine die Ehre seines Standes und der andere
die seines Chemikerberufes zu wahren hatte.

Cagliostro aber schrieb aus dem Gefängnis einen Brief an den Grafen,
in dem er drohte, die Wirkung seines Trankes an den Tag zu bringen,
wenn er nicht seine Freiheit und jene Diamanten wieder erhielte, die
er an Barrées um des Liebestrankes willen verpfändet hatte. Diese
Diamanten! Barrées hatte sie schon triumphierend zur Lösung der ganzen
Halsbandgeschichte ausliefern wollen. Nun mußte er allen seinen
Bekannten erzählen, daß Mignard sie bei der chemischen Analyse als
wertlose Komposition erklärt hätte, und Mignard, der froh war, dem Rufe
Cagliostros wenigstens hier schaden zu können, schimpfte mit ihm auf
den Schwindel.

Cagliostro erhielt also vom Grafen seine schwer ergaunerten Brillanten
zurück und das Versprechen der Freiheit, wenn er die beiden Verrückten,
die weiß Gott wohin durchgegangen wären, ausfindig machte und durch ein
Gegengift von ihrer entsetzlichen, taktlosen und gänzlich unmodernen
Leidenschaft kurierte.

Ohne die brennende Eifersucht des jungen Fortunat wären die Verliebten
nicht zu finden gewesen. Der aber erspähte ihr enges Nest in zwei
Tagen und überbrachte ihnen einen Brief Cagliostros, gerade in dem
Augenblick, als sie vier Artischocken, die ihr ganzes Mittagsmahl
ausmachten, verspeist hatten und den letzten Fond unter sich
aufteilten, wobei jedes wollte, daß das andere den ganzen Leckerbissen
bekäme. Sie waren bettelarm, alle beide, und hatten fast gar nichts
mehr zu leben.

Fortunat überbrachte den beiden jungen Leuten das Gegengift
Cagliostros, das in folgendem Briefe bestand:

„Madame! Der Liebestrank, den Sie und Herr Leutnant zur See Olivier
Mignard mitsammen geleert haben, bestand aus altem Kognak, der sehr
zu brennen vermag, etwas Rosenöl, das poetische Gefühle erweckt, und
einer ganz nichtigen Spur von Kantharidenspiritus, aber nur genau
so viel, um die Herren von der Akademie bei der Analyse ein wenig
bedenklich zu machen. Ich hoffe nicht, daß er bei Madame gewirkt haben
könnte. Die übrigen Ingredienzien sind etwas Saft von der verbotenen
Frucht, geheimer Aberglaube, und schließlich die alte Lust Adams und
Evas an der ganzen Sache überhaupt, der jede Gelegenheit recht ist,
um lieben zu dürfen. Ich weiß, daß nach dieser Ernüchterung Ihre sehr
verehrten Herren Eltern mit ihrer Vernunft wieder zu Rechte gelangen
werden und Sie ob des kleinen und gar nicht unangenehmen Spaßes nicht
zürnen werden Ihrem in Entzücken über Ihre Schönheit, Jugend und
Unerfahrenheit versunkenen Grafen Cagliostro.“

Da wurde die kleine, gänzlich illegitime Gattin des jungen Mignard
abermals dunkelrot vor Scham und Zorn. Sie stand auf, machte dem jungen
Fortunat einen Knicks, kurz und ungeduldig wie eine aufschnellende
Fauteuilfeder: „Wohlan,“ rief sie mit dem ganzen Stolz ihres alten
Geschlechtes und ihrer jungen Großtat: „Verkündigen Sie den Grafen
Cagliostro und Barrées, daß ich mich glücklich schätze und ihnen
dankbar bin, erfahren zu haben, daß diese Liebe, um deretwillen wir
hier darben, uns nicht aus den Händen eines Charlatans, sondern aus den
Händen der göttlichen Natur gegeben wurde. Sagen Sie diesen Herren und
Herrn Doktor Mignard, daß wir uns fortab nicht mehr als vergängliche
chemische Verbindung, sondern als das Urelement alles Entstehens fühlen
und daß wir nun erst recht beisammen zu bleiben gesonnen sind. Nicht
wahr, Olivier?“

„Ja,“ sagte Mignard erfreut und kleinlaut zugleich. Er war sehr hungrig.

„Oh,“ rief Fortunat, der den Unterton bemerkte, „und wovon wollen Sie
leben?“

„Glauben Sie nicht,“ lächelte Clarisse, „daß jene Sängerin, die mit dem
kleinen Grillenliedchen eine ganze Versammlung wirbeln machte, wenig
Sorge um ihren Unterhalt haben dürfte? Glauben Sie nicht, daß der Name
Barrées meiner Stimme in den Theatern von London oder Wien nur noch
mehr Wohlklang geben dürfte? Und glauben Sie, Maestro Primavesi hätte
die große Gelegenheit, Furore für seine Schule zu erregen, nicht längst
schon benützt und mir kein Engagement verschafft? Ah, wir haben unsere
Zukunft in der Tasche! Nicht wahr, Olivier?“

„Ja,“ sagte Mignard gerührt und betreten. Denn dem ritterlichen Jungen
war es entsetzlich, seine Zukunft der Arbeit seiner Frau verdanken zu
sollen.

Da stürzte Fortunat voll Verzweiflung zu seinem Onkel, zu dessen Kerker
ihm die Bemühungen Barrées und Mignards Zutritt verschafft hatten.
„Onkel Balsamo,“ sagte er, „ich gehe hin, um mich aufzuhängen. Diese
Menschen sind unerträglich! Wir verhöhnen sie, wir betrügen sie,
wir geben ihnen Kognak und Kantharidensaft statt des heiligen Atems
Gottes zu trinken, und aus all diesem Betrug und Schwindel erwächst
eine Liebe, so mutig, so opfervoll und so leidend, so süß und göttlich
schön, als sei ein Rosenstrauch aus dem Dreck des Teufels erblüht!“

Da schrieb Cagliostro einen zweiten Brief an den Grafen von Barrées:

    „Teurer Graf! Daß Ihre Tochter nicht Sängerin werden und den
  Skandal nicht auch noch mit Trillern vor der Welt verkünden
  darf, darüber sind wir beide einig. Ein solcher Beruf wäre zwar
  das allersicherste Mittel, sie recht bald aus dem Besitze Herrn
  Mignards in einen anderen gelangen zu lassen, aber nicht leicht
  in den Besitz einer Grafenkrone. Versorgen Sie das junge Paar
  mit derart reichen Zuschüssen, daß es sich gedemütigt fühlt,
  keine Sorgen mehr hat und in seiner Verstecktheit Langeweile
  bekommt. Richten Sie Ihre Briefe mit dem Innentitel nur mehr an
  die Maitresse des Herrn Mignard und geben Sie Ihre Einwilligung
  zu ihrem Treiben unter der Bedingung, daß es geheim und versteckt
  bleibe, was bei dem augenblicklich so starken politischen Lärm
  leicht geschehen kann. Sie glauben nicht, Herr Graf, wie demütig
  Langeweile einen Menschen machen kann, Langeweile von der Art, wie
  ich sie hier in der Bastille kennen lerne. Es ist eine Qual, von
  der zu befreien Clarisse Sie bald ebenso bitten wird, wie Sie um
  diese Vergünstigung gebeten sind, von Ihrem ergebensten Diener

                                                Cagliostro.“

       *       *       *       *       *

Vierzehn Tage nachher war Graf Cagliostro mit seinem Neffen auf der
Flucht nach Italien, und in den Salons ging die Nachricht von der
Verlobung des Marquis von Chateauvert und der kleinen Clarisse de
Barrées umher und war so selbstverständlich und langweilig, daß man nur
mehr auf den nächsten Liebhaber der jungen Frau riet.

Mignard trat wieder in die Marine ein und besuchte Madame de
Chateauvert nur mehr in den Pausen zwischen zwei seiner Seereisen,
wodurch ein Verhältnis entstand, ein Verhältnis, welches auch nach
der Revolution durchaus nicht altmodisch gescholten wurde und welches
sowohl in jener flüchtigen und leichtfertigen Zeit, als auch in den
etwas kräftigeren Tagen, die ihr folgten, als das rührendste, schönste
und dauerhafteste in dem ganzen riesenhaften Dreieck zwischen Calais,
Toulon und Bordeaux galt. In dem Dreieck, dessen Schwerpunkt den Namen
Paris trägt. --



                       Die kleine Blanchefleure.


Mein Freund Fräneli Thaller aus Solothurn erzählte mir vor einem alten
Bilde:

„Vom Trödler Hirschl am Hafnersteg habe ich das Bild der kleinen
Marquise Blanchefleure gekauft, die mit dem größten Teile des
französischen Adels im Jahre 1792 taktlosen Angedenkens ihren reizenden
Kaprizenkopf verlor. Hier auf dem Bilde hat sie ihn noch; hat eine hohe
Frisur und hohe, drollige erstaunte Augenbrauen; -- wie mit Watteaus
Pinsel gezogen -- und ein belustigt schauendes Gesichtlein. Sie ist
reizend und ich sehne mich nach ihr.

Sie wissen noch nichts von der kleinen Marquise Blanchefleure, die in
allen Dingen recht hatte? Sie wissen noch nichts von der ridikülen
Leidenschaft meines Urgroßvaters, des Schweizers Thaller, dessen
Emailbild jetzt unter dem ihren hängt, und nichts von der Taktlosigkeit
der Jakobiner, dieser Menschen ohne Geschmack und Grazie! Nicht?

Nun, Marquise Blanchefleure hatte in allen Dingen recht. Sie hatte
recht, daß sie als Ducheßlein auf die Welt kam: entfernt savoyisches
Blut, also etwas weit hinten in der Rangliste von Versailles, aber doch
eine kleine Herzogin, welche dereinst des Königs lächelndsten Marquis
erhaschen würde. Sie hatte recht, daß sie ein besseres Wesen war, wie
alle übrigen Geschöpfe auf ihres Vaters Schloß, Dorf und Landschaft:
Musik- und Tanzlehrer, Verwalter, Bauer, Magd, Esel, Ochs, Knecht
und alles, was sein war. Sie hatte recht, von der tiefgedrückten Not
leibeigener Bauern zu leben. Denn sie lebte lächelnd und trällernd
und alle Welt verneigte sich tief vor ihr, ihrem Glanz und ihrer
Schönheit. Wie wenn der Wind über Kornfelder geht, so neigten sich
große Versammlungen voll Menschen vor ihr: _compliments en mille_.
Und sie hatte recht, den Marquis Massimel de la Réole de Courtroy zu
heiraten, über dessen Beschränktheit der Hof so sehr lachte, daß er
dem Könige unentbehrlich wurde und bei jedem Lever, zur Erzeugung guter
Morgenlaune, aufwarten mußte. Liebhaber wußte sie genug, aber Männer,
welche so reich waren, sich eine Blanchefleure mit allen ihren Wünschen
und Launen zu gönnen, davon gab es sehr wenige. So kam sie an den Hof
und auch da behielt sie, wie gewohnt, sogar vor dem Könige recht.

Ihre lächelnde Kommandogewalt zeigt am schönsten folgender Fall:

Man weiß, daß es in der französischen Armee verboten war, bei
Todesstrafe! -- in Schweizer Regimentern den Kuhreihen zu blasen oder
zu singen; weil dann die ungeschickten Kinder der deutschen Alpen
herdenweise davonliefen oder vor Heimweh starben.

  Zu Straßburg auf der Schanz,
  Da ging mein Trau'ren an ...
  Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,
  Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, --
  Das ging nicht an.

Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in
Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden,
im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich
zum Ausgang in die Stadt rüsteten. Zugegangen war das auf solche
Weise: Er hatte von seinem, um sechs Jahre jüngeren Bruder Quintus,
Tambour beim Regiment „Prince d'Orléans“, einen Brief aus Amerika
erhalten, den Brief eines achtzehnjährigen Jungen, der von Lafayette,
Washington, Freiheit, Bürgertrotz und Bürgerstolz schrieb, so schön
und dumm und heilig, wie das überhaupt nur ein achtzehnjähriger Junge
zustande bringt. Der junge Quintus schrieb, daß die Regimenter der
Lilie heimkehren würden; über ihren Häuptern aber würden unsichtbar
feurige Zungen mitfahren, welche in Frankreich mit riesigem Loderbrande
emporflammen müßten; große Flammenzungen, große Worte:

Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!

Große Worte? Freiheit, Gleichheit? -- Da gedachte mein armer,
sehnsüchtiger Großvater, daß da und dort in seiner Heimat dergleichen
schon seit Jahrhunderten ohne große Worte zu Hause war ... in
Appenzell etwa, von wo er gekommen war, um Ehre und Geld zu verdienen.
Und er gedachte, daß man aus Amerika als gewaltig neue Sache die
Menschensatzung wie eine Welterstaunlichkeit über das Meer bringen
mußte, da sie doch zu Hause lange still und ganz vernünftlich ihr
verständiges Blütchen getrieben hatte. Es könnten sie doch nur jene
brauchen, denen sie eingewachsen war: stille Leute mit Schranken
ringsum. Das große Menschengesetz ist weder Rausch noch großer Jubilo:
es ist ein ehrlich kramendes Abwägen; es soll für die unendliche
Menge sein, die Fleisch, Brot, Zimmer, Kammer und Küche, ein bißchen
Sonne und ein bißchen Grünzeug, aber viel Arbeit braucht, damit die
Mordbestie gut und tüchtig schlafe.

Warum diese Genies ihre Gesetze nur immer wieder für Genies machen?

In Appenzell zu Hause hatten sie schon lange das, wovon in Paris erst
jetzt scheuheimlich geraunt wurde. Er dachte an seine bedächtigen
Onkel, an ihre Kühe und Kälber, an ihre Felder und Alpen. Es ist doch
der Menschheit naturangemessenes Paradies, meine liebe Schwyz, hatte
der Sergeant gedacht -- -- -- und, ganz in tiefen Gedanken verloren,
den Kuhreihen gesungen.

Da war es aus und geschehen.

Denn die amerikanische Kunde hatte viel ärger in den Herzen gehauset,
als mein braver Urgroßvater Primus -- vorn Ehrlichkeit und hinten Zopf
-- sich geträumt, und wenn's nicht schlimmere Leute getan hätten,
so hätte die Pariser weibliche Dienstbotenschaft allein schon ihre
Liebschaft aus der Schweizer Kaserne verdorben. Die Dienstbotenschaft
war ein gutes Teil der großen Hefe, durch welche die große Revolution
gärte.

Die Disziplin hatte längst schon gelitten. Es waren Landsknechtsnaturen
im Regiment und ein Dutzend davon fielen in das sehnsuchtsvolle Piano
meines Urgroßvaters mit trotzigen Kräften ein, so daß der Kuhreihen
weithin erscholl. Es hatte ihn schon seit Jahrzehnten keiner mehr
gesungen und war also auch keiner bestraft worden. Nun aber war
er ganz anders erklungen als ehedem. Nicht als der große Reißaus!
Nicht als das allmächtige Heimweh! Nein, bloß als Trutzlied auf ein
zopfiges Verbot. Sie jubelten und jauchzten den Kuhreihen, sie ahmten
das Almhorn durch Nase und Kehle nach und hatten großen Jux: zehn
oder zwölfe. Aber obgleich mein Großvater davongeschlichen war, als
er sah, daß man ihm die Stimmung verdarb, und obgleich nur ein paar
dumme Unterwaldner, Schwyzer und Appenzeller Kühbuben Heimweh davon
bekamen und desertierten, -- er war doch der erste gewesen und mußte
als dreizehnter gelten. Man sperrte ihn ein; nach dem Gesetz war er dem
Tode verfallen.

Nun war die Todesstrafe so ziemlich das einzige, was den entferntesten
Untertan sogleich und direktement mit dem Könige verband -- -- ich weiß
nicht recht, ob es heute nicht am Ende in euern Monarchien auch so ist?

Der König sollte das seltsame, veraltete, kriegsrechtliche Urteil
bestätigen. Er war dick, behäbig und ehrlich und dachte bei einer
der nachdenklichen Handlungen, welche zum _lever_ gehörten, ernsthaft
über das Schicksal meines Urgroßvaters Primus nach. Als ihm dabei der
Marquis Massimel de la Réole de Courtroy glückselig lächelnd nahe kam,
fragte er ihn ziemlich einsilbig: Was soll man nun mit diesem Primus
machen? Hat eine alte Vieherei (_bêtise_) neu zur Mode gebracht ...

Der Marquis wußte gar nicht, worum es sich handelte, sagte also
geistesschnell: Wollen Sire mir, da es sich um Modesachen handelt,
gestatten, meine Frau zu befragen?

Der ganze Hof lachte und Seine bequeme Majestät lächelte; sie hatte
Aufschub, daher war es ihr genehm und so wurde das Schicksal meines
Urgroßvaters in die reizenden Hände der Marquise Blanchefleure
gelegt, welche zur gleichen Zeit an der Morgenhaube Marie Antoinettes
nestelten. Das Lever der entzückend leichtfertigen Königin begann eine
ganze Stunde später, aber der Marquis wurde als Mann seiner Frau und
Bote des Königs sogleich vorgelassen. Er hatte sich inzwischen über den
Fall Primus Thaller orientiert und trug ihn den beiden Damen vor.

Madame Blanchefleure klatschte entzückt in die Hände. Ein Schweizer!
Wie reizend! Ich erbitte ihn mir von der schönen Majestät Frankreichs,
damit er mir auf meinem Gut in La Réole eine Alpe mit scheckigen Kühen
herrichtet.

Die Königin lachte und sagte zu.

„Er wird echte Kuhglocken besorgen müssen und einen grauen Tuchrock
mit roter Weste, blauen Strümpfen, Schäferhut und himmelblauen Bändern
tragen müssen. Im Juni besucht unsere königliche Majestät unser Gut
und da wird er uns auf einer reizenden Alpe, die wir inzwischen erbaut
haben werden, den fatalen Kuhreihen zu aller Vergnügen vorsingen
müssen. Nicht wahr, schöne Majestät?“

Wieder lachte die fröhliche, leichtsinnige Königin, stimmte zu und der
König begnadigte meinen Urgroßvater mit aller Gravität, welche zu einer
so erfreulichen Angelegenheit von Gerichts wegen gehört.

Dann hatte Herr Primus Audienz bei Madame Blanchefleure, um sich für
Leben und Freiheit zu bedanken.

Zum Soldaten hatte er sich unbrauchbar erwiesen, der Verführer aus
spießbürgerlicher Sehnsucht; er war ausgestoßen worden und kam schon in
appenzellerisch angehauchtem Bürgerkleide mit rundem Hut zu ihr. Madame
Blanchefleure hatte vor Neugierde und Aufregung über die Sensation
kalte Hände und heiße Wangen bekommen. Als das erbärmlich schlichte,
graue Ereignis in Gestalt des armen Jungen eingelassen wurde, stand
ihr der Atem still. Sie hatte sich, weiß Gott was für einen Gewaltigen
vorgestellt, einen Aufrührer und Verführer des Volkes, dem die Rede
in Flammenströmen aus dem Munde fuhr, und nun kam ein Gesetzbuch
bürgerlicher Rechte herein: brav, still und ehrlich, ein rechter: Gib
mir das, so hast du das.

Ahnt Ihr aber, was ihm Madame Blanchefleure gab?

Als er eintrat und ihr treuherzig sagte: Es war schön von Ihnen,
Gnädigste, daß Sie einem wildfremden armen Kerl Ihr gutes Herz
zuwandten, da betrachtete sie, indem an seiner Kleidung und Gestalt
wenig Erstaunliches war, sein Antlitz: er hatte unsere grauen, scharfen
Augen, ein schmales, ehrliches Gesicht, hohe Schläfen, Hagernase,
und nur die Jugend vermochte etwas Weichheit über diese unbequeme
Catohaftigkeit zu gießen. Vor allem aber hatte er jenes ruhige Zentrum
der Welt mitten in sich, welches den rechten Mann nicht einmal mit neun
Maß Wein schwanken läßt, -- nicht einmal im Verliebtsein, nicht einmal
im politischen Kampf gewaltiger Zeiten. Es ist wahr, er stand wie das
Symbol der Sicherheit vor ihr auf beiden gespreizten Beinen zugleich.
Alte Gewohnheit der Schweizer, vererbt durch vieles Raufen.

Sie aber sah sich dieses unendlich sichere Antlitz an und dachte bei
sich: Ich werde ihn dazu bringen, von mir zu sagen: _elle me fait
troubler_.

Das war der Standpunkt, von dem aus sie Männer behandelte.

„Aber hören Sie,“ begann sie verwundert. „Sie? Sie haben gesungen? Sie
sehen doch ganz anders aus.“

„Ich kann auch nicht singen. Ich wollte mich nur bei Ihnen bedanken.“

„Wie haben Sie dann Ihren _ranz de vache_ singen können?“

„Das war nur so -- von innen!“

„Aus Heimweh wohl?“

„Ich hatte nur daran gedacht, daß Appenzell besser sei als Paris.“

„Mein Gott, und Sie wollen fort von hier? Was haben wir Ihnen getan?
Es ist kränkend. Wir, wir lieben die Schweizer, sie sind uns wie ein
ehrlicher Spiegel, in dem wir uns sehen können, wie wir sind. O bitte,
sagen Sie mir eine Grobheit!“

„Ich kann nicht. Ich kenne Sie nicht näher.“

„O, so kennen Sie auch Paris nicht näher. Wie ist das nur möglich,
daß man Sie hier nicht geliebt hat? In Paris wird jedermann von irgend
jemand geliebt. Sogar die Soldaten haben ihre Mädchen. Wie konnte es
geschehen, daß unsere hübschen Kinder und nun gar unsere Frauen bei
Ihnen noch nicht für Paris gebeten haben? Sie mußten doch einen Schatz
haben? Oder mehrere? Zuviele wohl gar?“

Ach, mein guter Großvater hatte in Paris noch keinen Schatz, trotzdem,
daß er Sergeant war. Er hatte sich immer eine mit recht lichtem
Angesicht gewünscht und die gab es dort nicht; denn es mußte ein
einziger Sonnenschein sein. Die Augen der Pariserinnen sind zwinkernde
Sternlein bei Nacht über verstohlenen Gassenwinkeln; sie locken um die
Ecke. Mein Urahn Primus ging immer geradeaus.

Das sagte er ihr; freilich in der viel besseren Sprache, die mein
ehrlicher Urgroßvater sprach.

„Ja mein Gott,“ sagte Blanchefleure, „wie soll man's Ihnen recht
machen? Ich hätte es vielleicht versucht, aber ich bin verheiratet.“

Da hob der arme Primus seine verwunderten grauen Augen empor, um sich
einmal hinter all den erstaunlichen Dingen, Seide, Straußenfeder,
Reifrock und dem vergoldeten Schnörkelstuhl das Frauenzimmer anzusehen,
das dahinter steckte und also sprach. Und er schaute tief, ehrlich und
ahnungslos in ein zärtliches, leuchtendes Gesichtlein voll ungetrübter
Freude an der hübschen Opernszene, die es da hervorgeplaudert hatte.

Er wurde ganz traurig, daß sie schon verheiratet war. Denn sie war
wirklich ein einziger Sonnenschein.

„Sagen Sie denn gar nichts?“ bat Blanchefleure.

„Krüzigts Herrgöttli,“ staunte der arme Primus. „Die hättets just mit
mir versuchen wollen?“

„Wie?“ fragte sie belustigt.

Da sprach er wieder französisch. Sie möge keinen Spaß mit einem armen
Teufel machen.

„Aber nein,“ lachte sie. „Ich habe nur sagen wollen, daß es ein rechtes
Unglück mit uns beiden ist. Denken Sie sich, ich habe auch noch keinen
Geliebten und bin ganz so verlassen wie Sie.“

„Aber Sie haben doch den lustigen Marquis?“

„An den bin ich verheiratet worden,“ weinte sie beinahe, so sehr
glaubte sie selbst an ihr Unglück. „Ahnen Sie denn, Sie aus der
Schweiz, wo jeder nach dem Herzen wählen kann, was es heißt, als
savoyische Prinzessin mühsam, aber genau nach Taxwert losgeschlagen zu
werden?“

„Ei, ja;“ meinte Primus Thaller. „Bei uns in Appenzell gibt kein Bauer
von fünfzig Kühen seine Dirn einem schlechtern. Das ist Notwehr der
Familie.“

„Gegen wen denn?“

„Gegens Armwerden.“

„Sie sind wohl sehr arm?“

„Ich wäre sonst nicht zu den Soldaten gelaufen.“

Das war der Augenblick, wo das Marquiselein die Bitte vorbrachte, Herr
Primus möge ihr die Stallwirtschaft in La Réole nach Appenzeller Muster
einrichten.

Mein Großvater drehte den runden Hut in den Händen und kämpfte den
schwersten Kampf seines Lebens. Sein wackeres Schweizergemüt lag ganz
und gar in der Frage, wieviel Lohn er bekommen sollte. Zweimal setzte
er an, schaute in das Sonnengesichtlein und brachte die Geldfrage, die
einzig ehrliche in der Welt, nicht über die Lippen. Rundweg sagte er
zu.

Sogar die Schweizer Rechenkunst hatte er in dieser süßen Audienz
verlernt.

Er war in einer Viertelstunde verdorben worden, zu Paris, am 1. Mai des
Jahres 1789.

       *       *       *       *       *

Es war ein Glück, daß er niemals nach La Réole kam. Dort wäre eine
stille Tragödie über ihn hinweggeschritten, an der niemand Freude
gehabt hätte, als Madame Blanchefleure.

Die abscheulich große Revolution verhinderte Madames reizenden kleinen
Plan.

Herr Marquis Massimel de la Réole de Courtroy genoß die chevalereske
Ehre, daß ihm unmittelbar nach Seiner bequemen Majestät der Kopf
abgeschlagen wurde, welcher Umstand ihn trotz aller Zweifel der Spötter
das Leben kostete, -- womit ein tiefer Beweis für die Gleichheit aller
Menschen erbracht war --: und das wollte die Revolution.

Madame Blanchefleure wurde trotz der süßesten Tränen mit hundert
Freunden und Freundinnen des goldenen Gnadenbrunnens von Versailles
zur Untersuchungshaft in die Keller des Temple eingeschlossen, wo
außer unglaublich zahlreicher Adelsgesellschaft das erfolgreichste
geistige Frankreich versammelt war: Professoren, Akademiker, Modemaler
und entzückende Dichter. Das erlesenste Frankreich. Ein Heer von guter
Geburt, von Karriere, gefährlicher Herrschaftskunde, aber auch (wenn
die Revolution Augen für so etwas gehabt hätte) eine Versammlung fast
sämtlichen in Frankreich zurzeit aufbringbaren Geistes, von Grazie,
Lebensart, feiner Liebenswürdigkeit und göttlicher Lebensüberlegenheit.

Es war ein leuchtender Sieg über den Nationalkonvent, wie man sich hier
unterhielt und wie man sterben ging. Da war Madame Blanchefleure nun
zu Hause wie ein Schmetterling, den man bloß aus kalter Wintersnot ins
Gewächshaus gebracht hätte. Sie war der Stolz, die Erhebung und das
Entzücken der gesamten Adelswelt, welche hier das Unglaubliche zuwege
brachte, mit graziöser Heiterkeit mutig zu sein, -- was sonst wenigen
gelingt. Der Todesmut verwandelt den gewöhnlichen Menschen immer gleich
in eine Tragödienfigur. Jene feinst konstruierten Leute aller Zeiten
aber blieben beim geliebten Lustspiel. Sie starben stilgerecht, _en
rococo_, wie sie gelebt.

Und nun mein Urahn Primus Thaller!

Der hatte seit jenem 1. Mai die kleine Blanchefleure mit ihrem
besonnten Blumenantlitz nicht vergessen können. Zuerst dachte
er, es sei Dankbarkeit und trug ihr Bild in sich herum, wie ein
selbstübertäuschter Mönch jenes der Himmelsjungfrau.

Die Revolution fegte mit dem impertinent heiteren Versailles und
dem Großadelsbesitz jede Hoffnung hinweg, in La Réole Milchmaier zu
werden; aber sie erinnerte sich des guten Bürgers Primus Thaller, der
beinahe den Tod durch die königlichen Kriegsartikel erlitten hätte.
So wurde er Offizier; Kapitän vom Fleck weg. Er kam in ein Regiment,
dessen gesamtes adeliges Korps zerstoben war und in dem an den
Offiziersstellen Branntweinschänker, Laufburschen oder sonst welche
Gamins, kurz die ganzen talentierten Nichtsnutzigkeiten festsaßen,
welche, durch die Revolution emporgewühlt, die großen Siege der
Republik erfochten.

Es behagte ihm nicht sehr, aber er verzehrte seine Gage und das gefiel
ihm. Immer aber gedachte er: wo mag die kleine Blanchefleure sein?

Da erfuhr er, daß man ihren Herrn Marquis-Gemahl geköpft habe und daß
die kleine Witwe im Temple vielleicht gar auf ein ähnliches Ende warte.

Ach, ging da ein Frühlingsausbruch von Freiheiten in seiner Brust
empor! Gleich wußte er jetzt, daß er verliebt war. Jetzt ist sie
Wittib, jetzt ist sie ärmer als eine Appenzeller Kuhdirn, jetzt kannst
du sie heiraten. Diese Logik stieß sich so überraschend in ihm empor,
wie ein Maulwurfshaufen in beruhigt summender Wiese.

Sein Bruder vom ehemaligen Regiment Prince d'Orléans hatte Wache im
Temple; zu dem lief er hin. „Du Quinteli! Ist bei euch nicht ein junges
Frauenzimmer eingesperrt, mit einem geblümten Seidenrock, so breit wie
ein Imblikorb, und drei Straußfedern in den Haaren?“

„Nein,“ sagte der Leutnant Quintus, früher Tambour. „So welche haben
wir nicht, sie müßte das Röckli am End ausgezogen haben. Wie heißt sie
denn?“

Da sagte Primus den Namen und Quintus ärgerte sich. „Dieselbe kenn
ich gar wohl“, schimpfte er. „Ein mudelsauberes Frauenzimmer, die mir
neulich gesagt hätt', die Amerikaner verstünden nichts von unseren
Feinheiten, und wie ich ihr unter das Kinn habe greifen wollen und
gemeint habe, wir verstünden doch ein bißchen davon, hat sie gesagt:
Der Mensch hat Augen, um sich zu freuen; selbst der Hund hat noch seine
Nase, ich sei noch viel weiter dahinter: ein grauslicher Schneck, wenn
ich überall nur gleich hintasten müsse, um was Hübsches zu begreifen.
Aus Amerika käme nichts Feines.“

Eben wurde ein Herr Vicque d'Azyr in den Temple gebracht. Ganz
nachdenklich hatte er sich von den Soldaten bis hierher führen lassen,
jetzt hörte er das Gespräch der beiden Brüder und sagte: „Das war
richtig und geht noch tiefer. Man kann herzlich diese französische
Revolution verachten, aber vor der amerikanischen, vernünftigen
Bürgerkälte darf man Angst haben. Ein feiner Instinkt könnte
prophezeien, meine Herren: Die Kultur Europas stirbt soeben an der
Vernunft der Vereinigten Staaten. Wir werden seit eurer mißglückten
Nachahmung eine geistige Kolonie Amerikas sein; nicht viel besser, als
Griechenland seit Mummius dem unfeinen Rom gehörte. Unsere Künstler
werden wie jene alten nur mehr zerbrochene, sehnsüchtige Flügel regen,
aber nichts wird ihnen mehr glücken. Die Amerikaner aber werden mit
heiliger Scheu die Ruinen unserer Kultur besuchen, die viel zu fein für
sie ist.

Europa war zum letzten Male originell vor dem Mai 1789.“

So sagte er und dann stießen die Soldaten Herrn Vicque d'Azyr vorwärts.
„Ich gehe schon ohne Hausknechtwink, meine Freunde,“ sagte er mild und
verschwand in dem Keller des Temple.

„Was meint der Narr?“ fragte Quintus.

Primus grübelte, begriff aber auch nichts Rechtes. Dann bat er den
Bruder, ihm Zwiesprach mit der kleinen Bürgerin Witwe Massimel zu
verschaffen.

„Du kannst hinuntergehen und sie im Keller besuchen,“ lachte Quintus.
„Herauslassen darf ich niemand.“ Und Primus Thaller stieg zu den
Gewölben hinab; die Wachen ließen ihn in den großen, feuchten Saal, in
dem sich nur Kröten und Kellerasseln wohl zu fühlen vermocht hätten.

Er aber stand in Staunen gebannt, denn alle Phantasie ward aufs Haupt
geschlagen bei dem, was hier geschah.

Eine ganz geheime, leise Musik von Violine, Flöte, Kniegeige und Baß
schmeichelte sich an den schimmelfeuchten Wölbungen empor wie ein
Kätzlein an seidenen Kleidern. Man spielte auf eingeschmuggelten
Instrumenten! Die Violine hatte Herr Miradoux, erster Geiger des
königlichen Opernhauses, die Flöte der Vicomte Chantigny, dessen Atem
so viel Wunder zaubern konnte wie der Hauch des Westwindes. Mit der
Bratsche war der Straßburger Domherr Avenarius verwachsen und den
Kontrabaß spielte mit nachdenklicher Grundgriffigkeit der berühmte
Abbé Mervioli aus Florenz. Silberne Bestechung vermochte selbst in
den Zeiten der Republik goldenen Wohllaut in die Keller des Temple zu
bringen.

Mozarts kleine Nachtmusik!!

Sie wirkte Wunder, hier in dämmerndem Dunkel ..... Die alten
Schloßbrunnen quollen und schluchzten in der Fliedernacht, die
Paläste standen in alter, reicher Pracht und lauschten gnädig auf den
liebenswürdigen Einfall des Salzburger Herrn Musikus. Die alte, stolze
Zeit war hier versammelt, neu hervorgezaubert trotz Carmagnole und
Marseillaise.

Rundum saßen Herren in Seidenstrümpfen und Damen mit Spitzentüchern,
elegant in all der entsetzlichen Notdurft dessen, was man ihnen,
den gefangenen Opfern der Volksrache, gelassen hatte. Knie über Knie
geschlagen die Herren, graziöse Köpfchen in schlanke Hände gelegt die
Damen, eine einzige große Erlauchtheit.

Und darüber hin schmeichelte wie Weihrauchwolken Wolfgang Amadés
wundervolle Grazie.

Es kommt gegen das Ende des Allegro eine Stelle ganz unvermittelt,
lieblicher als aller bisheriger Fluß süßer Melodie, ganz wider Schule
und Hergang, als dächte plötzlich einer der Spieler an ein leises
Zofenhändchen, das ihm hinterrücks neckisch zärtelnd über die Wange
streichelte. Als diese Stelle kam, hörte Herr Primus hinter sich ein
wohlgefällig leises: Ah!

Er drehte sich um -- Blanchefleure. Sie hatte ihn erkannt, hob aber
sachte die Hand, nicht zu stören. Bald danach war der Satz zu Ende und
während die Herren und Damen vom Adel entzückt zu den Spielern traten,
reichte Herr Kapitän Thaller der armen, reizend blassen Blanchefleure
seine ehrlichen Hände, um ihr seinen Antrag zu machen.

Sie hörte ihn mit hochgezogenen erstaunten Augenbrauen an, als er
begann: „Sie sind jetzt Witwe und arm wie eine Appenzeller Kuhdirn,
Gott sei Dank.“

„Oh!“ zweifelte sie: „Ah?“

„In jetziger Zeit aber sind wir Soldaten alles. Die Revolution glaubt
den Offizier zu vernichten und macht ihn zum Herrgott. Unsereins
krabbelt es in den Händen, so stark sind wir jetzt! Ich werde Sie also
aus dem Höhlenloch herausholen: wie, das werden Quintus und ich schon
zuwege bringen.“

„Warten Sie,“ sagte Blanchefleure, „da kommt eine Menuett.“

Wirklich begannen die vier Musikanten einen jener reizenden Tänze der
eleganten Zeit zu spielen, bei dem man sich mit Augen und Fingerspitzen
Dinge sagte, für die sich der plebejisch umschlingende Walzer keinen
Rat weiß. Und die ganz leichtsinnigen von den Herren und Damen ordneten
sich zum Antritt.

„Es ist vielleicht die letzte Menuett,“ entschuldigte Blanchefleure mit
reizendem Lächeln; „und ich würde es sehr beklagen, sie nicht getanzt
zu haben: -- mit Ihnen, Herr Kapitän,“ fügte sie herzbezwingend hinzu,
als der arme Junge tiefbetrübt zurücktrat, und sie nahm ihn bei der
Hand. „Scheuen Sie sich doch nicht,“ fuhr sie fort. „Wir haben doch
Egalité, Fraternité. Was, Sie glauben auch nicht recht daran? Immerhin;
ich tanze gern mit Ihnen.“

Und der süße, schwermütig kokette Tanz des todesnahen Leichtsinns
begann. Kein Totentanz war so wie der. So voll leichtfertiger Absage
an das Ende. Es war die Melodie der Menuett aus dem Don Giovanni und
sie spielte wie diese kurz vor dem ersten Zuschlagen des Schicksals;
übermütig frivol und graziös wie diese.

Im Annähern fuhr Primus Thaller mit seiner ehrlich heißen Werbung fort.
„Ich habe Sie lieb wie keine andere und Sie sollen meine Frau sein.“

Das neckische Zurückweichen des Tanzes der Koketterie führte
Blanchefleure von ihm weg. Ihre Augen lachten, aber sie sagte: „Was
Ihnen nicht einfällt. Sie sind geschmacklos, mein Freund.“

Wieder schwemmten sie die weichen Wogen des Tanzrhythmus zu ihm; ihre
Hände umschlangen sich. „Mein Geliebter wären Sie vielleicht worden,
dort unten in La Réole, wo die Herdenglocken süße, befreite Natur
predigen. Ich hatte immer meine Saison der Naturrückkehr.“

Und sie neigte sich zurück und schritt im neckenden Taktschritt davon,
während das Herz des armen Primus in Flammen tobte, gebändigt vom
Tanzgesetz, von der allgemeinen Grazie, innerlich aber unbändig, als
ob die ganze Revolution in ihm gefesselt läge und gefoppt würde. Und
wieder kam sie zurück: „Aber Madame Thaller zu werden -- mein lieber,
ehrlicher Freund aus Appenzell! Was denken Sie? Man könnte Sie küssen
für so viel Naivetät! Ach, daß wir nicht mehr in La Réole unsere
Komödie haben durften. Welche Bêtise! Nun müssen wir sogar auf den Kuß
verzichten! Außer Sie wollten mit einem Handkuß vorlieb nehmen?“

Es kam nun die Stelle in der Menuett, da auf dem Theater der Wehschrei
Zerlinens den süßen Leichtsinn zerreißt. Und obwohl die galanten
Herren Miradoux, Vicomte Chantigny, Avenarius und Abbé Mervioli die
Noten für eine kleine ununterbrochene Rückkehr zu einem fröhlichen
Dacapo überarbeitet hatten, gebot doch das Schicksal den Originalsatz.
Die Tür wurde aufgerissen und eine arge Branntweinstimme zerriß das
Blumengewinde eines kurzen Traumes.

„Ihr da, Bürger und Bürgerinnen! Ruhe im Namen der Republik!“

Der Reigen erstarrte zu Eis, hinhorchten Herren und Damen, denn jene
Unterbrechung kannten sie. Es war die alltägliche Verlesung der
Namen jener, welche vor Gericht geladen waren, um -- recht oft --
verurteilt zu werden. Aus dem Temple ging der Weg besonders leicht in
die Sackgasse mit dem einzigen Fenster nach der Ewigkeit, dem Loch der
Guillotine.

Diesmal wurde auch der Name der kleinen Bürgerin Massimel verlesen.
„Hier,“ rief sie, aber sie war erbleicht.

„Denken Sie jetzt an meinen Antrag?“ fragte Primus Thaller, angstvoll
hinter sie tretend.

Die arme, blasse Blanchefleure sah ihn mit ihren erschrockenen Augen
an, über denen verwunderte Augenbrauen standen. „Ach Gott, mein
Freund,“ sagte sie kläglich. „Ihre Republikaner lassen einem nicht
einmal sein bißchen Tanzfreude. Dort in der Ecke steht meine kleine
Zofe, die sich mit mir einsperren hat lassen. Zénobe! Du darfst mit
diesem Herrn weitertanzen. Bitte, entschuldigen Sie mich wegen dieser
fatalen Verhinderung und nehmen Sie mit ihr vorlieb; sie ist ein
reizendes Kind.

Adieu, mein Freund!“

Und Herr Miradoux, der Unverbesserliche des _ancien régime_, begann
von neuem auf der Geige die Schmeichelweise Mozarts zu streichen, ganz
piano ....., leise lachend ordneten sich etliche Paare, wie früher.
Aber die kleine Zénobe wagte nicht, mit anzutreten. Sie weinte vor
Schreck und meinem Großvater war es gar nicht um den Tanz mit der Zofe.
Er drehte ihnen allen, schwerblütig fortwandelnd, den Rücken.

Das war die denkwürdige Menuett gewesen, die der bürgerliche Kapitän
Primus Thaller in einer Reihe mit einem hochansehnlichen Adel getanzt
hatte.

Es war die letzte Menuett des Rokoko gewesen, mitten in ihrer graziösen
Süßigkeit zerrissen durch den Ruf des Jakobinertribunals. In eigenartig
gemischter Betrübtheit stieg Herr Kapitän Primus wieder in den Tag
hinauf und auch die kleine Blanchefleure verließ ihr Gefängnis, um vor
Gericht zu treten.

Dessen Barriere glich einem Branntweinschanktisch. Vier oder fünf
unordentliche Rohlinge lauerten dort, schmutzig und bösartig wie
gesträubte Bauernhunde.

„Bürgerin Blanchefleure Massimel? Witwe?“ knurrte sie einer an.

„Da Sie es so wünschen -- -- --“

„Vom ehemaligen Hofstaat der Bürgerin Antoinette Capet?“

„Wessen? Der Königin, wollen Sie sagen?“

„Ach, so? Notieren Sie das genau, Bürger Pouprac! Königin sagte sie.“

„Ich denke, das genügt schon,“ murrte Pouprac gleichmütig. Dann aber
sah er boshaft auf. „Warum lächeln Sie, Bürgerin? Sie beleidigen das
Gericht damit! Warum lächeln Sie?“

„Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!“ platzte die arme Blanchefleure
tiefrot im ganzen Antlitz hervor. „Wenn man solche Pantalons anhat wie
Sie!“ Und sie drückte die Hände vors Gesicht und lachte wie ein dummer
Backfisch.

Pouprac warf einen Blick auf seine Hosen aus blau-weiß-rotgestreiftem
Kattun, auf diese stolze Flagge und Schaustellung seiner
republikanischen Gesinnung. Dann sprang er wütend auf seine beiden
nationalgetigerten Beine: „Sie sind des Todes schuldig, Bürgerin
Massimel,“ brüllte er. „Des Todes wegen Beleidigung der französischen
Nationalfahne!“

Da zog die kleine Marquise die Hände von ihrem Antlitz und sah ihn an,
hohe, erstaunte, drollige Augenbrauen, gerümpfte Nase: „Sie, Sie wollen
mich richten! Waschen Sie sich und ziehen Sie Strümpfe an, bevor Sie
mich nur bedienen wollen!“

Und sie ging. Sie hatte sich auf das Schafott gelacht.

       *       *       *       *       *

Mein Großvater hörte nur noch von ihr, wie sie nicht zulassen
wollte, daß man ihr die Haare abschneide. „Meinen Sie,“ hatte sie den
Gerichtsbeamten gefragt, „daß das unbedingt nötig ist? Der Mann auf dem
Gerüst kann sie gebrauchen, um das Haupt daran in die Höhe zu heben: --
nachher; wie das so eine Ihrer Gewohnheiten sein soll.“

Und als der Sansculotte mit grober Kürze darauf bestand, hatte sie die
lieblichen Schultern gezuckt: „Meinetwegen. Ich wußte schon, als Sie
kamen, mich zu köpfen, daß Sie keinen ästhetischen Sinn haben. Und ich
habe recht behalten.“

Nach diesen letzten, befreit geistigen Worten starb sie aber dennoch
als armes, zitterndes Weib.

Sie starben und alle, die um sie hätten weinen können, waren tot oder
hatten an das eigene Sterben zu denken. So verstand keine Seele, was
mit der schönen Blanchefleure zu Ende gegangen war, die ihr Lebelang
recht behalten hatte.

Auch mein armer Großvater hat sie nie verstanden.

Nur ich, nur ich! Ich verstehe sie, der ich ihr Bild erst vom Trödler
loskaufen mußte, wie zur Rache des Nachgebornen an der, die durchaus
nicht seine Urgroßmutter werden wollte.

Gut, daß sie es nicht wurde. Sie ist dabei jung geblieben, ewig jung
und begehrenswert.

Und ich darf sie lieben, wie der ehrliche Primus Thaller sie liebte,
nur besser noch: Verständiger, luxuriöser.

Sie hatte in allem recht und ich sehne mich nach ihr ...



                     Madame Dorette und die Natur.


Es bedurfte in der Geschichte der Kultur des Herrn Chevalier von
Landry, um zu beweisen, daß man, vom Königshofe Frankreichs an die
frische Vogesenluft versetzt, sterben müßte.

Nur das Vorbild seines Oheims, des Kardinals und Erzbischofs von
Straßburg, Rohan, hatte ihm vorläufig das Leben gerettet, jedoch nur
auf kurze Zeit.

Rohan und der Chevalier waren vom Hofe weg nach dem Elsaß, dem
ihrer Meinung nach brutalsten Lande der Welt, verbannt worden, in
dem man kaum erst das Französische zu erlernen begann, geschweige
denn die Sprache von Versailles. Die berüchtigte Halsbandgeschichte
war schuld gewesen. Der Kardinal und der Chevalier hatten beide die
entzückend leichtfertige Königin sehr geliebt, und der Chevalier
hatte gehofft, bald der Nachfolger des beschränkten Rohan in der
Gunst Marie Antoinettes zu werden. Die reizende Geschichte war mit dem
ärgerlichsten Skandalprozeß zu Ende gegangen, und weil der Kardinal
in Bergzabern das Schloß seiner Väter aus größter Langeweile von neuem
aufzubauen begann, folgte der Chevalier seinem Beispiel, den gewaltigen
Versuch zu wagen, aus einem Stück Elsaß ein Stück Versailles zu machen.

Es war entsetzlich, zu Beginn der Verbannung!

Die Landry hatten ihren Stammsitz seit drei Generationen nicht gesehen.
Großvater Landry, Vater Landry und Landry Sohn hatten, ähnlich den
Seligen des Himmelreichs, im Angesicht des Königs Zeit und Ewigkeit
vergessen. _Louis quatorze_, _Louis quinze_, _Louis seize_, vor jedem
lächelte ein Landry, hinter jedem flüsterte ein Landry. Die Landry
waren erbangesessen hinter dem _oeil de boeuf_. Alles, was ihnen
von ihrem Vogesenbesitz bewußt war, bildeten die hunderttausend Ecus
jährlich: Hunderttausend fröhliche, leichtfertige Taler, die dem Elsaß
gänzlich unnötig waren und die darauf brannten, an Karossen, Puder,
Pferde, Sängerinnen, Samt, Tressen, Jagdpartien, Festschmäuse und
Trinkgelder verwendet zu werden.

Und nun saß er, der erste Landry seit fast einem Jahrhundert, wieder
auf dem Schlosse. Von der Wasserscheide der Vogesen bis weit ins ebene
Land hinein gehörte ein Stück Erde ihm, schön, mild, reich und still
wie eine Insel der Seligen. Er aber starb beinahe daran.

Er taufte sein Schloß um; er nannte es Schloß Patmos, weil Jean
Evangeliste de Landry hier verbannt saß. Er, der niemals einen Berg
erstiegen, ächzte dreimal die Woche zum Kamm der Vogesen empor, schaute
nach Westen und wünschte im Graben der einzigen Straße Frankreichs sein
Leben zu beschließen, der Straße von Paris nach Versailles.

Er sah sie: ein beständiger, leuchtender Königszug. Karosse an Karosse.
Die hochfrisierten Damen mußten sich oft weit vorbeugen, lachend oder
vor Schreck aufschreiend, weil zwei Pferdehäupter hinter ihnen über dem
Fond des Wagens nickten. So voll, so rauschend war der Verkehr. -- Die
ganze Straße war ein Trab, ein Geplauder, ein Lächeln, Winken, Nicken,
sie war Frankreichs Salon, Stelldichein und einziger Ausflug ins Freie
zugleich.

Nach einiger Zeit lernte Herr von Landry infolge der vielen Seufzer die
Bergluft atmen und sie machte ihn etwas stärker. Er sagte mit einem
Teil jenes Trotzes, der die Landry vor über hundert Jahren geziert
hatte: Schön: Kann ich nicht nach Versailles kommen, so soll Versailles
zu mir kommen. Hunderttausend Taler Rente bedeuten hier mitten in
der Naivetät dieser Gegend das Dreifache. Ich will mir meine eigene
Hofhaltung schaffen.

Nach einem Jahr stand Schloß Patmos da, wie aus Zucker und Tragant
gebildet. Herr von Landry lud ein, was jemals im Leben einen Strahl von
Versailles erhascht hatte, und ein unendlicher Jubel entstand unter
dem französischen Pfründenadel zu Straßburg. Ach, wie atmeten diese
Franzosen auf! Mit den Elsässern war keine Anspielung und kein Lächeln
zu tauschen. Sie verstanden kein Parfüm, keinen Schnitt, keine Mode,
kein Kompliment und keine Bosheit. Eine reich bezahlte Stelle und ein
sorgenloses Amt hatte viel entzückende Leute nach diesem Straßburg
gelockt. Voll tanzender Hoffnung waren sie gekommen und sahen hier
Menschen mit Rosetten an den Hosen, mit ungepudertem Haar, ja sogar
Menschen in Stiefeln, Menschen, die den Hut dazu mißbrauchten, ihn auf
den Kopf zu stülpen, statt ihn unter dem Arme zu tragen. Es waren hier
Leute, die nicht einmal wußten, den Spazierstock graziös auf den Boden
zu setzen, geschweige denn ihre Beine. Alles war aus!

Da eröffnete ihnen dieser schwermütige Halbgott Landry sein neu
umgebautes, zuckernes, filigranes und brokatnes Patmos. Ein kleines
Versailles, neuester Mode. Ach, die Welt war wieder wohnlich!

Es kamen in Scharen, die es mit Grazie verstanden, unnütz zu sein.
Nicht ein Zimmer im Schlosse war unbesetzt, und was von den Bewohnern
nicht dem Adel angehörte, war mindestens Blumenstaub aus der feinsten
Blüte des geistigen Frankreich. -- Dichter, Musiker, Philosophen
und zwei Maler waren von Paris verschrieben worden. Das leichte
Geistesvolk weilte gern in Patmos. In Paris war große Rivalität und
allzuviel Angebot; hier schmückte es Schloß und Park wie Halbgötter auf
ehrfurchtsvollen Postamenten.

Nun hatte man schon das zweite Jahr im ältern Versailler Stil
Konversation gemacht, hatte musiziert, getanzt, Komödie gespielt,
gejagt und geliebt, da fuhr der Schreck in Herrn von Landry, ob man in
Paris und Versailles nicht inzwischen längst eine neue Mode hätte?

Es war ein großes Wagnis; er fuhr trotz des königlichen Verbots in
einer sehr vollkommenen Verkleidung nach Paris; als ein deutscher
Gelehrter, um dort von den Intimsten seines Briefwechsels zu erfahren,
wie man inzwischen seine Kleider, seinen Geist, seine Perücke und seine
Gefühle trug.

Da ward ihm eine große Überraschung. Schon seit Herr Benjamin Franklin
dagewesen war, versuchte man sich ein wenig in Aufrichtigkeit; nun
aber war Herr Jean Jacques Rousseau unwiderstehlich in Mode gekommen,
und man spielte geradezu Natur! Man versuchte die Natur genau so zu
sehen wie Herr Rousseau und entdeckte hiedurch mehr als ein Dutzend
ungeahnte, gänzlich neue Gefühle. Ganz Paris und Versailles waren
entzückt. Der König schob eigenhändig einen Bauernkarren aus dem Dreck,
die Königin buk eine Omelette, ja Madame de France spielte einmal den
guten, aufrichtigen Bauern unter der Dorflinde auf der Geige zum Tanz
auf. In allen Salons bewunderten sie das Gefühlsleben der Kohlenbrenner
und Wilddiebe, und der Herzog von Orléans brach in Freudentränen aus,
als er in dem Dorfe Saint Léger ein bäurisches Ehepaar streiten fand
und hierbei die erste Ohrfeige sah und hörte.

Mit einem köstlichen Gefühl eilte Chevalier Landry nach dem Elsaß
zurück und brachte der reizendsten aller Gastgesellschaften den
unerhörten Vorsatz mit, sie werde sich von nun an der Natur gemäß zu
verhalten und zu unterhalten haben.

Herren und Damen überboten sich von da ab in Erfindungen und
Entdeckungen, aber vollkommen wurde man erst, als der Chevalier zur
größten Ergötzung der erlauchten Gesellschaft ein Naturkind eingeladen
hatte, das die Feinheiten der übrigen vergangnen Moden noch gar nicht
erst kennen gelernt hatte.

Das war ein deutscher Jüngling.

Hans Georg von Hirschbach kam aus dem Thüringer Walde und hatte soeben
in Straßburg die Philosophie zu Ende studiert. Er war ein Prachtjunge,
aber nur für Deutschland. Aufmerksam und nachdenklich, von einer
zusammengehaltenen Resolutheit, etwas schweigsam, etwas einsam, etwas
holperig. Er hatte eine warme, tiefe, herzliche Stimme, lachte stets
nur aus Freude und nie über Bosheiten, schlug und balgte sich ein wenig
gern, scheute sehr die Damen, war hellbraun, krausköpfig, stämmig und
hatte einen festen Nacken, schiefgeneigten Kopf, starke Stirne und
starke Kinnbacken. Sein Teint war kräftig wie Roggenbrot, sein Gang
etwas werfend und schleuderhaft, wenn er allein die Landstraße maß, und
höchst befangen und stolperbedroht in Gesellschaft.

Er hatte zu Hause nichts getrieben als Vogelfang und Pirschjagd.
In Straßburg war er ein bißchen im Fechten, Schießen und Reiten
fortgefahren, hatte das Zechen, das Singen und Radaumachen erlernt,
war dann über die Bücher geraten und hatte sich mit seiner ganzen
Waldburschenseele dem Shakespeare verschrieben.

Und gerade Hans Georg geriet in die diskrete, lächelnde, wespenboshafte
und bis zum Überschwang liebenswürdige Gesellschaft im Schlosse des
Chevaliers Landry!

Er geriet mit Wissen und Willen seiner Mama hinein, die außerordentlich
viel auf die feingeschliffene Kultur von Versailles gab. Hans Georgs
Mama war zärtlich, geistvoll, belesen und sprach das delikateste
Französisch, alles mitten im Thüringer Wald. Sie wünschte sehr, daß ihr
Sohn diese Eigenschaften von ihr geerbt haben möchte, die er an einer
bessern Stelle verwerten sollte. Ihr Bittgesuch hatte der alte Freund
der Familie, ein Straßburger Gelehrter und Gast Landrys, dem Hausherrn
von Schloß Patmos gebracht und eine Einladung voll Honigseim erfloß
nach Straßburg „an den Chevalier Jean de Hirsbac“.

In der Fahrpost, in welcher der junge Thüringer nach dem Schlosse
fuhr, saß nur noch eine Reisende, nebst unermeßlich vielen Koffern und
Schachteln. Diese Dame war so jung, so graziös, so schön und in jeder
Bewegung so sicher, daß Hans Georg vor Scheu fast die Beine unter sich
auf den Sitz gezogen hätte. Denn es waren Beine, die in Stulpenstiefeln
steckten, was ihn zum erstenmal sehr genierte. Wenn man zierlich sein
wollte, dann trug man ohne Nachsicht Kniehosen und Seidenstrümpfe.

Er fürchtete sich vor ihrer Bekanntschaft. Er betrachtete sie lange
Zeit nur ganz versteckt, gelegentlich aus dem Profil hinüberhuschend.
Sie war königlich blaß, hatte eine kapitale Frisur, breiten Hut à la
Schäferin, eine wunderbar reine Stirn, und der Mund wie das Profil
waren fein und von gefaßtem Schwung. Die Augen hatte sie durch die
stolz und nachlässig geschlossenen Lider verdeckt, aber man sah durch
diese zarten Lider, daß sie tief und groß und braun waren.

Das wird eine respektvolle, traurige Reise werden, dachte der junge
Hirschbach, zog die Füße nach hinten, legte die Hände gleichmäßig auf
die Knie und schaute den wundervollen, bläulich violetten Lichtreflex
auf dem ungepuderten schwarzen Haar der jungen Dame an, der direkt
vom Himmel durch das Fenster auf sie kam, bei jeder Pappel am Weg
aufhüpfte, bei jeder Sonnenbiegung mit Goldbraun tauschte und langsam
unter dem puderfeinen Straßenstaub erstickte.

In Molsheim fragte er den Postmeister, ob er über Schloß Patmos etwas
wisse.

„Wir nennen es anders,“ sagte der Postmeister mürrisch. Der Herr von
Landry war bei Bürger und Bauer gleich unbeliebt. Alles Geld ging nach
Paris, die Handhabung der Gerichte war von den ärgsten Mißbräuchen
begleitet, und die Bauern wurden von den Pächtern auf das empörendste
ausgesogen, denn Landry brauchte entsetzlich viel Geld und kümmerte
sich trotz seines weichen Herzens ganz und gar nicht darum, woher es
kam. Er wußte gar nicht, daß Geld manchmal sehr schwer wog, Lebenskraft
und Blut bedeutete. Für ihn war der Louisdor eine Spielmarke.

Die Dame im Fond des Wagens blickte auf. „Ah, Sie wollen nach Patmos?“

„Ja, Madame,“ sagte der gute Junge ängstlich, da er soeben für den
Postmeister eine Grobheit fertig hatte und nun nicht wußte, wohin
damit.

„Als Gast?“

„Ja, Madame.“

„Da sind wir Kameraden.“

„Sie auch, Madame?“ Und Johann Georg Freiherr von Hirschbach übersetzte
sich, seinen Namen und Titel ins Französische und stellte sich vor.

„Ei, Herr Baron. Und Ihr Alter?“

„Vierundzwanzig.“

„Nur?“ sagte die schöne Dame bedauernd. „Ich bin schon zwanzig. Ich
habe auch schon sehr viel erlebt, denn ich bin Witwe.“

„Ach, gnädigste Frau,“ rief der gute Georg in vorwurfsvollem Bedauern.

Sie erzählte kurz und ruhig ein wenig von ihrem Mann, der sehr alt,
sehr elegant und graziös gewesen war. Herr Vicomte de Maintignon.
Sie selbst heiße Dorette. Der Vicomte war stets leise parfümiert,
stets zärtlich, von immer gleich gelassener Heiterkeit, zeigte es
nie, wenn er krank war, liebte die Fröhlichkeit und sagte ihr einmal
sehr unvermittelt: „Mein Kind, lebe lang und amüsiere dich,“ neigte
sich danach hinten in seinen Stuhl und starb lächelnd, die letzte
Prise Schnupftabak noch in der herabsinkenden Hand, welche von den
zierlichsten Manschetten umrahmt war, die man in jenem Jahre trug.

Der junge Hirschbach stieß einen leisen Ruf der Hochachtung vor solcher
Kultur aus und meinte, daß er selbst sich wie ein Wilder vorkäme. Die
Dame lächelte und die weitere Fahrt ward sehr angenehm, da der junge
Thüringer sehr schnell seine Scheu verlor. Es war das die Schuld ihrer
Stimme; früher, beim Betrachten ihrer klar geschwungenen Linien hatte
er eine metallkühle, klavierharte Altstimme von ihr erwartet. Aber
nein. Ihr Organ war weich, verdeckt und zutraulich; nicht hoch, aber
warm.

Als zwei gute Freunde kamen sie in Patmos an und brachten den
Kammerdiener des leichtfertigen Grafen in siedend heiße Verlegenheit.
Es stand nämlich nur mehr ein Mansardenzimmer frei.

Die beiden unten im Flur hörten die Stimme des sorglosen Landry auf dem
Balkon über der Einfahrt, von dem er ihnen schon entgegengewinkt hatte:
„Aber dieses Mansardenzimmer hat ohnehin zwei Betten!“

„Gewiß,“ zögerte der Kammerdiener, „jedoch Madame de Maintignon und
dieser junge Deutsche ...“

„Seht doch, sind sie nicht einen Tag lang in derselben Postkutsche
gefahren?“ fragte der Graf.

„Allerdings, aber --“

„Vor dem Auge der Natur sind Tag und Nacht gleich. Wir dürfen hier in
Patmos der Natur keine Schande machen.“

Von den beiden Leuten unten war eines tief dunkelrot geworden, und das
hieß Johann Georg. Er sah nach Dorette hinüber und nach ihrem ruhigen
Lächeln.

„Madame!“ flehte er.

Dorette zuckte die Achseln. „Man hat jetzt diese Sitte, natürlich zu
sein,“ sagte sie. „Ich, ich fürchte viel zu sehr, mich lächerlich zu
machen, und finde überdies nichts Arges an dem Gedanken des Herrn
von Landry. Hören Sie doch nur, daß man Kammerdiener sein muß, um
Einwendungen zu machen.“

In der Tat erklang nochmals die verschüchterte Stimme des Dieners: „Ob
aber die Dame einverstanden sein möchte?“

„Daß ihr beschränkten Tölpel auch gleich immer an das Schlimmste denken
müßt,“ rief Landry. „Geh hinunter und du wirst sehen, daß sie sich als
Leute von Welt gar nicht zieren werden.“

Wirklich machten weder die Dame noch der junge Baron aus Deutschland
eine Einwendung. Sie begrüßten bald danach den Grafen, der sich mit
der Abendtoilette etwas verspätet hatte, im großen Salon und trafen
ein Bürschlein von etwa zwölf Jahren bei ihm, sorgfältig frisiert,
gepudert, Hut und Degen auf einem Tisch und ein aufgeschlagenes Buch
vor sich. Es war ein außerehelicher Sohn des Kardinals Rohan, den
Landry bei sich hatte.

Da Madame de Maintignon an ihrem Reifrock einen Schaden bemerkte, der
beim Aussteigen durch Darauftreten eines Hirschbachschen Stiefels
entstanden war, stellte Landry seinen Cousin dem jungen Deutschen
zuerst vor.

Das kleine Herrlein machte eine Verbeugung, schlank, biegsam, fein und
weltmännisch zum Staunen. „Sie beehren mich zur besten Stunde, mein
Herr,“ hub er an, „da ich gerade des Tacitus Germania las und Sie mir
also Gelegenheit gewähren, Ihnen meine Bewunderung für Ihre Vorfahren
auszusprechen, und Ihren Vorfahren meine größten und entzücktesten
Komplimente über einen Erben ihrer Tugenden zu machen, wie Sie es sind,
mein Herr!“

Der gute Johann Georg stand wie vor einem Mirakel. Wenn ein
zwölfjähriger Knabe also mit ihm begann, wie würde er den Erwachsenen
antworten müssen? Dorette war es, die ihn durch eine rasche
Zwischenfrage des Stammelns und Suchens überhob.

Sie kam herbei und sagte freundlich: „Wie glücklich sind Sie, mein
Herr, die Gedanken der alten Klassiker Ihr eigen nennen zu können. Darf
ich fragen, welche von jenen bewundernswerten Dichtern sich schon Ihr
Herz zu gewinnen verstanden?“

„Seit Sie vor mir stehen, Madame,“ sagte der Knabe mit einer reizend
gespielten Verlegenheit und einem zärtlich schüchternen Blick, „weiß
ich mich an keinen mehr zu entsinnen; es -- es müßte denn Anakreon
sein.“

Johann Georg machte, daß er davon kam. Er hatte eine Heidenangst vor
den Überirdischen dieses Schlosses bekommen, die er noch kennen lernen
würde.

Aber nein; es wurde reizend.

Johann Georg ward noch am selben Abend von den Damen umdrängt wie ein
reifes Obstbäumlein, und sie hätten ihm sehr heiß gemacht, wenn nicht
die großen Reifröcke gebieterisch einen weiten Kreis bedingten, so
oft nur vier oder fünf der reizenden Geschöpfe sich um ihn gruppieren
wollten.

Herr von Landry hatte ihn als Meister in der Natur vorgestellt, und
Johann Georg war überglücklich, den entzückten Schönen von den Köhlern
des Thüringer Waldes, vom Hörselberg und vom Vogelfang mit Sprenkel und
Dohne erzählen zu können. Alles war vor solchen Neuigkeiten außer sich:
Johann Georg kam aus einer gänzlich andern Welt.

An diesem Abend standen herrlich getürmte Wolken fern über den Auen des
Rheins, und die verliebte Abschiedsglut des Untergangshimmels jenseits
vom Wasgau warf ihnen Rosen über Rosen hinüber. Formvoll und massig
standen sie, ein Gekröse von Blaßblau, Veilchenhauch, Pfirsichblüte und
zartem Fraise.

„Dort oben ist Traumburg und Schloß Glück. Dort wohnen die Seelen aller
Gefangenen, und um die Taubenschläge dieser Luftschlösser fliegen als
Vögel die Seufzer der Liebe, des Heimwehs und der Freiheit.“ Hans Georg
hatte es leise zu Demoiselle Eliante gesagt und dabei sehnsuchtsvoll
nach Madame Maintignon geblickt, die heute Nacht mit ihm das Zimmer
teilen würde. Aber die lebhafte Eliante schlug einen silbernen Jubel
auf, rief das ganze Schloß herbei und erzählte ihnen, Wort für Wort,
die wunderbaren Sätze des wilden, schwermütigen Waldjungen, der sich
für einsame Stunden solchen Stil als eine Mischung von Shakespeare und
Ossian angewöhnt hatte.

Die schöne Heloise brach in Tränen aus, die stolze Amante mit der
stählernen Stimme rief „herrlich“, die zärtliche Céleste warf ihm einen
süßen, schmachtenden Blick zu, und Glycère, die leise Zweideutige,
flüsterte: „Ich gestatte Ihnen, Herr Baron, für dieses entzückende
Gedicht noch kühnere Träume, als dort oben in den Wolken möglich sind.“

Frau Dorette neigte ganz reizend den hochfrisierten Kopf, der jetzt
blühweiß vor Puder wallte, und sah ihn links an und sah ihn rechts an.
Dem armen Jungen schwoll das Herz im Leib zu unerträglicher Größe an.

Nach Mitternacht dann führte er seine Dame mit zitternden Knien und
würgender Kehle in ihr Gemach.

Dort sah es inzwischen seltsam aus. Mitten durch das Zimmer war eine
starke Kordel in Mannshöhe gespannt und daran hingen Reifröcke: fünf
Reifröcke, einer hart an dem andern. Sie bildeten eine Mauer von sechs
Fuß Dicke und waren undurchdringlich für jeden Blick. Madame Dorette
schlüpfte dahinter und sagte dann: „Adieu, mein Freund. Erzählen Sie
mir, bis ich eingeschlafen bin, hübsche Geschichten, und sodann gute
Nacht.“

Der arme Georg setzte sich auf sein Bett, zog die Strümpfe herab und
begann von Tannhäuser zu berichten, der im Venusberge mehr schöne Dinge
erlebte, als ihm angenehm war. Er hörte hinter der Rockwand ein leises
Schlürfen, ein Knistern von Seide, ein Rascheln von Wäsche und das
Knicken eines Bettes. Als er eben Beziehungen zwischen dem glücklichen
Sänger und seiner eignen, unfruchtbaren Lage beginnen wollte, hörte er
den leisen, schnellen Atem der schönen Dorette. Sie war eingeschlafen.

Er zerwarf und zerwühlte noch lange Zeit sein Lager. Endlich strafte er
seinen bangen Durst, verehrte Dorettens Reinheit, verhielt sich still,
dachte, sie ist ein Engel; ich will ihrer würdig sein, und schlief ein.

Am anderen Tage verzog er sich leise und schnell aus dem Zimmer, um
Dorette bei den heiligen, langen Stunden der Toilette nicht zu stören.
Im Garten weilte noch keine Seele, denn sie standen im Schlosse vor
zehn Uhr nicht auf. Da setzte er sich auf die wölbige Rasenbank vor
dem Bassin bei der arkadischen Tempelruine und horchte dem Rieseln
des Wasserfädchens zu, das aus der moosgrünen Urne eines verliebten
Götterpaares lief. Da seine Nachtruhe kurz gewesen war, schlief er
wieder ein und wurde erst von dem verwunderten Gelächter eines ganzen
Taubenflugs junger Damen und Herren geweckt, die eine halbe Stunde vor
Mittag den schattigen Weg daherkamen.

„Reizend,“ sagte Landry. „Er hat recht, auch wir halten von heute ab
nach dem Frühstück eine Siesta im Grünen.“

Georg war sehr froh, daß sie ihn überrascht hatten. Wie, wenn er etwa
gar mit Dorette am Arm vor die Gesellschaft hintreten hätte müssen? Nun
hielten sie doch alle Dorette für seine Geliebte!

Aber kein Mensch schien sich viel um das kleine Ereignis zu kümmern;
kaum daß ihn die zweideutige Glycère mit einem leisen Blitzlein unter
seinen Augen prüfte. Der Deutsche erkannte bald, daß es überhaupt nur
Pärchen gab auf Schloß Patmos. Diese behandelten sich zart und fein
wie höfliche Fremde und nannten sich mit solch milder Ruhe „Sie“ und
„Freund“ und „Freundin“, daß nur eine starke Neugierde vermocht hätte,
hier mehr als bloße Kameradschaft zu erkennen. Aber es schien niemand
neugierig; vielleicht, weil man genau wußte: Alles ist, wie ich bin.

Nur dieser Deutsche ahnte nicht, was die Mode über Menschen vermag.
Das Kind Shakespeares glaubte wahrlich selbst hier noch an originale
Charaktere und an Individualitäten!

Der heitere Landry nahm ihn ein wenig beiseite und ließ Glycère, seine
Freundin, mit der schönen Dorette in den Park ausschwärmen. „Heute
nachmittag ist ländliches Fest,“ sagte er zu seinem Gast. „Besitzen Sie
irgendein bukolisches Kostüm? Bauer, Schäfer oder ähnliches?“

„Ich habe meine deutsche Jägertracht,“ gestand der junge Baron zögernd.

Landry lachte. „Wo denken Sie hin, mein Freund? Ein Galarock, das geht
doch nicht!“

„Ach, da ist nichts von Frack und Parforcepeitsche dran,“ erklärte ihm
Georg. „Sehen Sie, teurer Chevalier, die französische Jagd, das ist
die Jagd der Geselligkeit. Die deutsche Pirsch, das ist die Jagd des
einsamen Träumers. Wir sind gekleidet wie das schattenleise, graue
Wild, wie der tausendjährige Baumgreis, wie der uralte Fels. Wir
fühlen uns am geselligsten, wenn wir allein sind; denn dann sind wir
den stillen Geschwistern nahe; dem Busch und dem Stein, dem kleinen
Waldestümpel, diesem dunklen Auge der träumenden Berghöhe, um das die
scheuen, nächtigen Wildfährten geschrieben sind, die wir lesen als
die Schrift der Natur. Wir wissen alles, von der leisen, huschenden
Dämmerungsvogelliebe in den Nächten Oculi und Lätare, bis zu den
verschwiegenen Winternächten des Fuchses, von der Erregung des Rehs
bis zu dem wilden Aufschrei des eifersüchtigen Hirsches. Wir hegen
und pflegen diese Liebe und töten nur zögernd, als Bevollmächtige
des großen Zeugers und Zerstörers allen Lebens. Bis in die Seele des
Wildes schleichen wir, in sein geheimstes Weben. So sind wir einsam und
dennoch reich gesellt.“

„Ach,“ rief der eifrige Landry, „das ist köstlich, das müssen Sie uns
lehren. Bitte, zeigen Sie mir doch jenes waldfarbene Kostüm!“

Der junge Hirschbach nahm seinen Wirt mit sich, und während Landry
schwermütig in den Anblick des Walles von aufgehängten Reifröcken
versank, hinter dem sein junger Freund so glücklich sein mußte, packte
der junge Deutsche sein graugrünes Jägerkleid aus.

„Wenn Sie gestatteten, daß ich mich darin sähe?“ bat Landry.

Lachend half ihm Georg beim Anlegen jener Stücke.

Landry war ein schöner Kerl, und das schlichte Grau und Grün mit dem
Federgesteck saß ihm keck und fein zugleich. Es ließ ihn frischer und
dennoch nachdenklicher erscheinen, und mit unverhohlener Liebe besah
sich der Chevalier in seiner Verkleidung vor dem Spiegel. Dann ging er
in den Park, um von seinen Gästen lauten Jubel zu ernten. Er verkündete
die entzückende Neuheit der deutschen Jagd. „Denken Sie sich, meine
Freundinnen, es gibt da eine Methode, die heißt ‚der Anstand’. Diese
werden wir üben, in den Vogesen. Jeder von den Messieurs nimmt sich die
Dame, der es gefällig sein wird, und übt mit ihr in den stillen Hainen
den Anstand. Sie sehen,“ wandte er sich zu dem entsetzten Hirschbach,
„welche Reize wir Ihren Jagdmethoden abzugewinnen verstehen.“

„Aber so wird die Methode ganz erfolglos sein, ohne jede Beute,“ rief
Georg.

„Meinen Sie,“ lächelte Landry.

Der arme Junge errötete. „Ich meinte, vom Wilde werden wir nichts
sehen, noch hören,“ verbesserte er sich.

„Ach, das ist doch Sache der gemeinen Jägerei,“ tröstete der Schloßherr.

       *       *       *       *       *

So wurde entzückend viel Natur getrieben in den Waldhöhen über Schloß
Patmos. Landry selbst war unerschöpflich in neuen Entdeckungen und
sorgte eifrig, daß man dem lieblichen, schuldlosen Urzustande, wie er
sagte, möglichst nahe kam.

„Die Urnatur ist weder lieblich, noch schuldlos,“ seufzte Georg bei
solch einem Geplauder ernst; aber da kam er schön an. Herren und Damen
bewiesen ihm an der Hand Rousseaus, daß die Kinderjahre der Menschheit
in rührendster Eintracht und Reinheit hingeflossen seien. „Sehen Sie
doch unsere guten, demütigen, redlichen und einfachen Bauern an,“
riefen sie ihm zu. „Wie sind sie glücklich, wie naiv, zufrieden, fromm
und dankbar!“

„Und wer wagt es, Ihnen das zu sagen?“ staunte der Deutsche, der
einzige von der ganzen Versammlung, der die Bauern heimgesucht,
beobachtet und ehrlich mit ihnen gesprochen hatte.

„Aber mein Gott, sie selber,“ hieß es.

Zum erstenmal fühlte sich der Deutsche nicht mehr klein und
bedeutungslos vor dieser leuchtenden Gesellschaft. Er schwieg und
dachte sich sein Teil.

Den Nachmittag verbrachte er mit Madame Dorette allein im Walde. Sie
verzagte vor jeder Wurzel und fürchtete jedes Bächlein. Er mußte sie
heben, stützen, tragen, und nur sehr langsam erlernten die kleinen
Füßlein auf ihren hohen Absätzen im weichen Grunde das Gehen.

Sie hatte Angst; sie schalt, daß diese Natur ungefällig,
unverständlich, rauh, verschlossen und dornig sei wie ein Deutscher.
Nur wenn er sagte: „Aber Madame, sie ist jetzt modern,“ dann seufzte
sie, nahm sich glatt zusammen und sagte wieder aufgerichtet: „Es ist
wahr, Sie haben recht, lieber Baron.“

Als sie müde war, nahm er behutsam ihr Köpflein in seinen Schoß und
ließ sie da schlummern. Ach, er liebte sie schon ein wenig. Aber seine
scheue Art wagte keine Kühnheit.

Beim Schlafengehen war es wie gestern. Er berichtete von den Tieren
des Waldes und brachte sie mit der köstlichen Fabel von Reineke Fuchs
dreimal, viermal zum Lachen. Aber als er erzählte, wie Reineke die
Wölfin im Eise festfrieren und an der Wehrlosen seine Liebe ausließ,
da tat sie empört, obwohl sie hinter ihren Reifröcken vor Lachen fast
erstickte.

„So etwas konnte auch nur ein Deutscher erfinden,“ rief die drollig
zornige Stimme aus ihrem Versteck.

„Dorette,“ bat Georg.

„Ach, gehen Sie mir.“

„Dorette!“ flehte Georg.

Sie schwieg.

„Schönste Dorette!“

„Gut Nacht,“ sagte sie kurz. Bald darauf schlief sie, und der
aufgewühlte Junge atmete sich vor Verlangen nahezu die Brust in Stücke.

Allen bekam die neue Mode der Natur in den nächsten Tagen sehr gut, nur
der Deutsche wurde blaß und übernächtig.

Landry glaubte ihn warnen zu müssen, sich mit Maß an der Güte der Natur
zu freuen, und Georg hätte beinahe vor Schmerz aufgeschrien. Jedoch
schwieg er und überlegte: Was hat nur diese Dorette? Sie wußte, daß
alle Welt sie für seine Geliebte hielt, und wurde es nicht.

Er machte sie darauf aufmerksam, was man von ihnen beiden dächte.

„Ach ja,“ lächelte sie, „aber man findet es äußerst nett, und ich hatte
nie etwas dagegen, für nett gehalten zu werden.“

„Man, man, man!“ rief er verzweifelt. „Das ist ein Wort, das ich nur
in Frankreich hörte und das mich tötet! Ich habe noch nie von einem
so unheimlichen Tyrannen und Dämon aller Welt gehört, wie Ihr Begriff
‚man’ es ist.“

„=Man= schreit eine Dame auch nicht so an,“ sagte Dorette ruhig. „Sie
sind gar nicht mehr nett, mein Freund. =Man= erträgt alles mit heiterer
Gelassenheit; auch die Liebe. =Man= verbirgt es, wenn =man= erregt ist,
und schließlich tröstet =man= sich anderswo.“

„Der erste gute Gedanke, den dieses ‚man’ hat,“ fuhr Georg wild heraus.

Und er begann der schwärmerischen, kleinen Heloise den Hof zu machen.
Aber wie ein Schatten glitt deren bisheriger Freund, der kleine Vicomte
Bareilles, zu der schönen Dorette hinüber. Er dachte, Georg wolle
tauschen, und war hierüber sehr zufrieden.

Nun hatte der arme Junge es obendrein mit der Eifersucht zu tun.

Inzwischen lief die ganze Gesellschaft fröhlich weiter auf den Fährten
der Natur. Landry vergötterte seinen naiven Gast, dessen seltsames
Wesen er für feinste Berechnung und künstliche Mode hielt.

„Ich bin so glücklich,“ gestand er ihm. „Sie reißen mich bis zu den
originellsten Entdeckungen und Erfindungen hin. Wir schmausen und
tafeln im Grünen, wir tanzen im Mondschein wie die Elfen ihres _maître
Chequespire_, wir leben gesellig wie die wilden Kaninchen. Nach dem
Mahle schlummern wir im Rauschen der Bäume und Quellen und beenden
unsere Verdauung im trauten Busch, zwischen nickenden Wiesenhalmen
und auf dem von Mohnblumen errötenden Feldrain, bis in ihre letzten
Konsequenzen. Es ist das meine glücklichste Erfindung. Weiter kann man
sie doch nicht treiben, die Natur. Nicht wahr, Freund meiner Seele!?“

Zum ersten Male seit langen Tagen lachte Georg aus vollem Herzen über
die Bemühungen seines Wirtes, der Natur näher zu kommen.

Und Landry lachte eitel, silbern und glücklich mit ihm.

Dann aber kamen trotz des Juli lange Regentage über Schloß Patmos, und
mit der Natur war es aus für alle, außer für den einsamen Deutschen.
Der stieg hinauf in die eintönig rauschenden Bergwälder und schaute
nach versiegtem Regen mit einer Seele voll Brudergrüßen über die stille
Landschaft, über Waldberge hinter Waldbergen, aus deren Falten sich
der geisterstille Wolkenrauch erhob und langsam über die Fichtenhöhen
hinstreifend rückkehrte zu den ziehenden, grauen und weißen
Geschwistern der Luft.

Da fragte er auch wohl bei den Bauern umher und fand nichts vom „_bon
villageois_“, von dem die lächelnden Damen schwärmten. Finsterer Groll,
abwartende Tücke, verhaltene Drohung, das war die Stimmung gegen die
Gesellschaft in Schloß Patmos. Dieselbe schlichte, fast bürgerliche
Kleidung, die dort unten Madame Dorette über ihn die reizenden Achseln
zucken machte, führte ihn hier näher an das Geheimnis der Volksseele.

Furchtbares brütete da.

Er warnte oft seinen Gastherrn, warnte Dorette und die andern, aber
man schalt ihn: „Sie Geisterseher, Sie Mondbewohner, wollen Sie nicht
schweigen und mit aller Welt vergnügt sein, wie es sich schickt?“

Da schwieg er, aber er ließ sich Zeitungen kommen. In dieser ganzen
Gegend von Straßburg bis Metz, bis Toul, Verdun und Nancy umher gab es
kein Dutzend Zeitungen. Wozu auch?

Wie hätte es Zeitungen geben sollen, wenn keine Ereignisse da waren,
sie zu füllen! Man amüsierte sich allerorten auf gleiche Weise;
das wußte jedermann ohnedas. Zwar war die Nationalversammlung schon
einberufen, und der Volkszorn begann dumpf aufzugrollen. Aber solange
die Revolution nur theoretisch blieb, wurden die Journale sehr
langweilig gefunden. Man wußte ohnehin besser über Menschenrechte zu
plaudern als darüber geschrieben werden konnte.

Erst die abgeschlagenen Köpfe machten Zeitungen notwendig.

Und während der junge Hirschbach in tiefer Bewegung von der Erstürmung
der Bastille las, zupften die Damen in der Langeweile der grauen
Regentage Goldscharpie. Es war das ein beliebter Zeitvertreib und
zugleich eine angenehme Gelegenheit für junge Mädchen, sich ein kleines
Nadelgeld zu schaffen. Jeder Herr hatte die Pflicht, alle Goldtressen
von veralteten Garderobestücken letzter und vorletzter Mode an die
Freundin abzuliefern, und den ganzen Tag über zerrten die kleinen
Händchen an den feinen Golddrähten und häuften ganze Hügel von der
edlen, graulich gekräuselten Metallwolle, aus der die hellgebliebenen
Fädchen blitzten, wie feine Kinderhaare.

Georgs Erzählung von der Erstürmung der Bastille erregte nur lebhafte
Genugtuung.

„Ach Gott,“ sagte Dorette, „nun endlich können diese Ärmsten auch etwas
modern werden, und den Wald und das Land genießen.“

Die schöne Heloise schluchzte vor Rührung, und die Herren applaudierten
vor Freude über die vielen erlösten Opfer der Tyrannei.

Als ihnen dann Georg von den Aufständen der Bauern, von erstürmten
Schlössern, von Adelsmorden und rauchenden Feudaltrümmern erzählte,
meinten sie allesamt: „Gott, müssen die es arg getrieben haben, daß sie
den gutmütigen Landmann so schwer zu reizen vermochten!“

„Und Sie, Chevalier,“ fragte Georg den guten Landry, „fürchten Sie denn
nichts?“

„Mein Gott, ich tat doch niemandem etwas,“ lächelte der glänzende
Seigneur beruhigt, „und überdies muß man mit den Tugenden der Menschen
rechnen.“

Als zu Paris die Menschenrechte verkündigt waren, gab man den Bauern
der Gegend ein prachtvolles Fest mit Feuerwerk und warf nach dem Gelage
Konfekt, Obst und Geld zum Fenster hinaus unter das Volk.

Georg war nicht beim Bankett. Er beobachtete das Bauernzeug, das sich
um den Abfall der übermütigen Tafel balgte.

„So gut haben die's da oben,“ murrte der eine.

Und ein andrer summte: „Wir werden das alles bald besitzen. Das Schloß
ist nicht so fest wie die Bastille.“

       *       *       *       *       *

Diese ganzen drei Wochen mußte der ärmste junge Baron in einem Zimmer
mit der blassen Dorette schlafen. Seine Hoffnung und seine Verzweiflung
stiegen und fielen in regelmäßigen Gezeiten; nur seine Liebe wuchs
beständig.

Dorette, die hatte gar wohl bemerkt, daß die zärtliche Heloise in süß
schmachtender Neigung zu dem hübschen Deutschen entglommen sei und
bangte ein wenig um ihren braven Schlafkameraden, so hoch sie auch
sonst auf ihn herabsah, als auf das Kind einer minderwertigen Rasse.
Nur Georg merkte nichts. An einem milden, dampfenden Abende stand er
mit Dorette und Heloise an einem Fenster und hörte, wie auf den Dächern
der Ställe ein Kater inbrünstig um Liebe sang.

Das Mädchen, der Georg sehr gut gefiel, brach in Tränen aus.

„Was ist Ihnen nur, liebste Heloise?“ fragte der arme Hirschbach
bestürzt.

„Ach die Natur, diese Natur! Sie ist zu erschütternd,“ schluchzte
Heloise.

„Ja, die Natur,“ seufzte der junge Deutsche und sah mit dem sanftesten
Vorwurf die feine, kühle Dorette an. Der Kater sang weiter, und Dorette
lächelte.

Am Abend dann, als sie wieder hinter ihrer Festung von Reifröcken zu
Bette gegangen war, bat er innigst, sie in allen Ehren besuchen zu
dürfen.

„Da Sie mir das Wort eines Edelmanns verpfänden, nun denn, kommen Sie,
mein Freund.“

Dorette in ihren Kissen, den Arm auf dem Herzen, im milden Rot der
Ampel war schöner als je, und schluchzend fiel der arme Junge vor ihrem
Lager auf die Knie.

„Ach, Madame, ich liebe Sie derart, daß es mich verbrennt und auffrißt;
und Sie, Sie machen sich gar nichts aus mir. Sie sehen mich wie einen
Knaben an und darum, ja nur darum lassen Sie mich auch hier sein. Was
ist es, das Sie so kühl gegen mich sein läßt!?“

„Sie sind so unmodern, wenn Sie erlauben, daß ich eine so schwere Sache
ausspreche,“ seufzte Dorette und sah die Amoretten und Schäfer auf dem
Plafond an, die sich geradezu frei benahmen.

„Aber Landry ruft mich doch als neueste Mode aus.“

„Ja, das ist im Wald und auf der Flur. Aber im Salon, mein Lieber!
Diese drei Wochen Regen taten Ihnen sehr viel Schaden. Ich hätte
Sie fast ein wenig lieb gewonnen, weil es wirklich schien, als seien
Sie der Neueste des neuen Tages. Aber, mein Freund, Sie tragen eine
Kleidung wie ein tüchtiger Kaufmannssohn, -- die Locken sind nur lose
gewickelt, das Haar zu schwach gepudert, und Sie erfinden eine Sprache,
als ob die _Académie française_ sich seit 1750 umsonst bemüht hätte; --
eine Sprache voll altertümlicher Kraftworte, wie ein Musketier Ludwigs
des Dreizehnten. Mein Freund, das tut man nicht. Sie kompromittieren
geradezu mich.“

„Soll ich Sie denn wirklich jenem Vicomte Bareilles überlassen und mein
Glück bei Heloise versuchen?“ verzweifelte Hirschbach.

Dorette stützte sich plötzlich auf den schönen Arm und sah ihn tief und
reizvoll an. „Wenn Sie es vermögen?“ sagte sie mit dunklem, warmen Ton.

Nun warf der Ärmste alle Fassung von sich, drückte den heißen Kopf, der
voll tobender Gedanken war, gegen die Decke seiner Freundin und begann
haltlos und erbärmlich zu weinen.

Sein Schluchzen und sein Zucken durchrieselten Madame als ein
ungeheures Kompliment. Sie hatte einen Hauch, eine Ahnung von
Zärtlichkeit für diesen Jungen, und sein Schmerz tat ihr unendlich
wohl.

„Ah,“ sagte sie. „Hier dürfen Sie weinen. Hier dürfen Sie es, da
niemand Ihnen eine Fassungslosigkeit zu verzeihen hat.“

Und die feinnervige Frau fing mit allen Poren den süßen Schmerz ihres
jungen Freundes auf und trank ihn, endlos geöffnet, in dürstender
Schweigsamkeit. Sie zitterte leise vor rieselndem Wohlsein, und es
war ein narkotischer Zauber, köstlich wie kein zweiter. Nie hatte ihr
Liebe so gut getan, und sie ließ den Glühenden und Fiebernden über sich
weinen, bis leise Lähmung über beide kam.

Halb in Zorn, halb in Hoffnung richtete sich Georg auf, als sie ganz
still blieb. Schlief sie oder verstellte sie sich? O, wenn sie sich
verstellte, dann war es ein Glück ohnegleichen. Angstvoll betrachtete
er ihre durchscheinenden Lider und die wundervollen Wimpern. Zuckte sie
nur einmal, so war sie wach.

Aber nein; Madame Dorette schlief. Süß und vertrauensvoll.

Da bettete er sich zu ihren Füßen wie ein Hund.

Am nächsten Morgen erlaubte sie ihm einen leisen, flüchtigen Kuß, und
das war alles. Auch durfte er nie mehr zu ihr kommen. Er hatte sie das
Gruseln gelehrt.

Nach dieser Lektion bemühte er sich, einen vollendeten Kavalier aus
sich zu machen. Als nach einigen Tagen die liebe Sonne wieder so
innig aus blauem Himmel lachte, als wäre sie froh, nun endlich wieder
das wunderliche grüne Erdensternlein zu küssen, da erschien der Herr
Baron Johann Georg von Hirschbach in gänzlich neuer Verfassung auf dem
Blumenparterre vor dem Schlosse. Er war angetan wie des Königs feinster
Hofmann und strahlte vor Seide schöner als ein Nußhäher im Brautkleid.
Gottes allerblaueste Seidenstrümpfe, die himmelfarbigsten Culots und
die gelbbrokatenste Weste der ganzen Schöpfung umschlossen ihn; er war
frisiert wie ein Dauphin, und sein Frack warf nach allen Seiten die
stolzen Lichter verschwendungsjubelreicher Goldtressen.

Alle Damen brachen in ein entzücktes „Ah!“ aus, und Dorette blieb
lächelnd stehen und sah ihn an wie eine neue, allergnädigst begrüßte
Bekanntschaft.

Die kleine Heloise wäre beinahe abermals in Tränen ausgebrochen. Zur
Unzeit aber geriet Eliante, es war die mit dem perlenden Lachen, auf
eine reizende Idee. Kein Mensch wußte, woher sie so schnell ihren
Arbeitsbeutel hatte, aber sie wischte eilig mit ihrer Schere hervor und
trennte dem Herrn Baron die schönste Tresse vom Rocksaum.

„Goldscharpie, Goldscharpie! Wie reizend!“ riefen alle jungen Damen
durcheinander und stürzten sich auf Hans Georg. Ihre Reifröcke bogen
sich aneinander und knickten, aber jede wollte die erste sein. Wie
ein Gnadentum von heilwütigen Pilgern, so ward er am Kragen, an den
Schultern, Schößen und Taschenklappen erfaßt und begeistert hin und her
gezerrt. Die kleinen Scheren knippten behende, und in einem Hui war der
Herr von Hirschbach tressenlos. Wie ein Flug Vöglein um einen Bussard
waren sie herangezwitschert gekommen und wieder verflattert, -- und
kahl und gerupft stand der gute Deutsche da.

Dorette hatte die Arme sinken lassen, als die reizenden Freundinnen
sich ihres Kameraden bemächtigten und hatte untätig und lächelnd
zugesehen. Nun bekam sie den ersten, verlegenen Blick des Beraubten,
der über die Gnade der jungen Damen sehr glücklich schien. Lang schaute
sie zu ihm hinüber mit willenlos gesenkten Armen.

Dann sagte sie nach tiefem und langsamem Atemzug: „Es ist Ihr
Schicksal, mein Herr Baron, schlicht zu bleiben, in alle Ewigkeit.“

Und wahrlich, der Baron von Hirschbach blieb fortan schlicht und
gut. Er verehrte die klare Dorette, die vor aller Augen als seine
Geliebte galt, fortab so keusch und gefaßt und demütig, wie es kaum ein
deutscher Herr in den blumenreinen Tagen des Herrn Walter Vogelweide
vermocht hätte. Er bewachte ihren leichten, leisen Atemzug, wenn sie
schlief, und war in entlegenster Waldeinsamkeit wie ein goldenes,
zutrauliches Kind mit ihr.

Keine Bitte sagte er mehr und träumte auch keine. Sie war ihm durch
ihre verständigen Worte tief heilig geworden: „Es ist Ihr Schicksal,
schlicht zu bleiben.“

Die ganze Gesellschaft amüsierte sich also köstlich an ihrem
Naturburschen. Er aber, nachdem es ihm mißglückt war, einem
hochbegnadeten Adel die Augen für den trotzigen Blick der Bauern und
die Ohren für das unterirdische Volksgrollen zu öffnen, versuchte
ihnen die Schönheit der ewig jungen Wiese und des ernsten, greisen
Waldes, des seelenvoll bewegten Wassers und der ambrosischen Wolken zu
erschließen.

Aber es verstanden ihn fast nur Heloise und Dorette. Heloise brach
zumeist in Tränen aus, und Dorette schwieg lächelnd, aber ihre kleine
Seele wuchs und wurde ernst und nachdenklich.

       *       *       *       *       *

Dann, an einem Herbsttage bekam der Chevalier Landry einen sehr
unerwarteten Brief.

Dieser Brief war von seiner Gattin aus Paris verfaßt, die dort, zum
eignen Amüsement und dem ihrer Freunde, zurückgeblieben war. Herr von
Landry hatte diese, seiner würdige Gattin seit der Halsbandgeschichte
der Königin, seit über drei Jahren also, nicht gesehen!

Madame Landry schrieb, sie fürchte sehr, ihrem Herrn Gemahl ein
Geständnis zuflüstern zu müssen. Was Herr von Landry darüber denke?

Herr von Landry sagte sich: Ei, wenn das Geständnis nur flüstert
und noch nicht selber schreit, dann ist alles gut, schmunzelte über
die Unvorsichtigkeit seiner Frau Gemahlin, setzte sich mit graziöser
Unbefangenheit an den Tisch und schrieb, ein Paladin der Galanterie bis
in die Fingerspitzen, folgenden Brief:

    „Meine Teure! Ich freue mich unendlich, von Ihnen zu
  vernehmen, daß die gütige Vorsehung endlich unsern Bund
  gesegnet hat! Ich werde mir die Ehre nehmen, Ihnen, Madame,
  noch in diesen Tagen meine Aufwartung zu machen in der
  Überzeugung, daß Sie die Güte gehabt haben werden, mich zu
  solch richtiger Zeit von der mir widerfahrenen Freude zu
  benachrichtigen, daß der künftige Erbe des Namens Landry
  das Wappen dieser Familie an seinem Coupé wird führen
  dürfen, ohne ein Lächeln zu erregen.

    Beten wir zur Mutter Natur, Madame, daß es ein Sohn sei.

    Tausend entzückte Grüße meinerseits. Bis dahin Ihr

                   ergebenster Diener
                           Jean Ch. de Landry.“

Und der Chevalier rüstete sich von neuem zur Abreise nach Paris,
indem er sich bei seinen Gästen entschuldigte, die neue Mode der
Menschenrechte dort zu studieren. Er versprach, sie mitzubringen. Er
bat seine Gäste, sich bis dahin gut zu unterhalten, und empfahl Glycère
inzwischen der Zärtlichkeit seines jungen Freundes „_'ans ioeurgue_“,
wie sämtliche Damen den Thüringer nannten, da sie den Namen Hirschbach
nicht aussprechen konnten.

       *       *       *       *       *

Herr von Landry kam nicht mehr zurück. Man hatte ihn in Paris erkannt,
als einen der Mitwisser der Halsbandgeschichte in der Wohnung seiner
Frau eingefangen, und tat ihm der König nichts, so köpften ihn die
Jakobiner.

Er aber lächelte.

Es hieß, die Liebe zu seiner Gattin hätte ihn nach Paris getrieben, und
der Name Landry war der Zukunft gerettet.

In Patmos wartete man vergebens auf den Bringer origineller Neuheiten.
Statt seiner kamen unversehens die Bauern. Die brachten noch ganz
andere Überraschungen mit sich, als der delikate Chevalier.

Es geschah solches mitten in einem Schäferspiel, das die verwaisten
Gäste arrangiert hatten, am Abend eines schönen Septembertages, nachdem
soeben für dreihundert Taler bengalisches Licht verbrannt war.

Das Stück spielte im Freien, im Blumenparterre vor dem Schlosse, und
von der Terrasse sah die übrige Gesellschaft zu.

Dorette gab sehr überzeugend eine Prinzessin, die Perlenstaat
und Seidenrobe ablegt, um ihrem Schäfer in die Blumengefilde der
schuldlosen Natur zu folgen, wie es in den hübschen Versen hieß.

Der Herr von Bareilles gab den Schäfer wie aus Zucker und Biskuit.

Hans Georg spielte den bösen Jägersmann, der des Schäfers Hündlein
erschossen hatte und die süßen Tauben des Myrtenhaines bedrohte.

Heloise hinwiderum hatte diesen Jägersmann zärtlich zu zähmen.

In der dichtverhangenen Laube, wo sich Dorette zum zweiten Akt als
Bauernmädchen umkleiden sollte, ertappte sie den Hans Georg, der eben
zwei Pistolen aus dem Dickicht hervorzog und zu sich steckte.

„Haben Sie denn mit Ihrer Flinte noch nicht genug?“

„Leider nein,“ sagte ihr Freund wortkarg und ernst. „Wir werden bald
ein etwas wahrheitsgetreueres Spiel durchzumachen haben.“

Vom Schlosse her drang unbestimmter Lärm. Es war, als trampelten
zahlreiche Menschen durch die Korridore.

„Sie wollen sich doch nicht schießen!?“ schrie Dorette.

„Still,“ herrschte der Thüringer.

Im Schlosse wurden erregte Stimmen laut, dann Hilferufe.

Die Darsteller des Schäferspieles, die der Terrasse näher standen,
scharten sich zu einem Klumpen und schrien ihren Zuschauern Warnungen
hinauf. Aber als ob sich die wunderlich verschnittenen Bux- und
Taxusgetüme plötzlich in lebende Wesen verwandelt hätten, sprangen
aus dem Dunkel des Parks Hunderte von brüllenden Bauern auf die kleine
Gruppe los. Dorette sah, wie der Vicomte von Bareilles nach einem Degen
lief, jedoch nur, um ihn mit elegantem Achselzucken einem Lümmel zu
überreichen, der dies Zeichen ritterlicher Ergebung mit einer immensen
Maulschelle beantwortete.

Zwei ältere Herren und jener geistvolle Junge, der Tacitus und Anakreon
kannte, waren die einzigen, die sich in elegante Fechterstellung
warfen; aber im Nu waren ihre Degen zerknickt, und Prügelei und Roheit
wären bis zum Totschlag angewachsen, wenn nicht über einen dieser
Bauern, die im Parterre die Schauspieltruppe mißhandelten, starke
Angst gekommen wäre, daß ihre tapferen Freunde, die das Schloß erstürmt
hatten, ihnen alle schönen Dinge wegplünderten.

Er schrie: „Halt, halt! Die andern sind schon drin und stehlen uns
alles vor dem Maul weg!“ Seine Kumpane brüllten laut auf vor Zorn
und Angst, und nur einige verzweifelte Schlaumeier trieben die ganze
Adelsgesellschaft: Damen, Herren mit ritterlicher Verteidigung und
Herren mit ritterlicher Übergabe, wie eine Herde Schafe hinweg, um ein
erfreuliches Lösegeld von ihnen zu erpressen. Sie wußten, diese Leute
hatten mehr Geld bei ihren Bankiers als in den Strümpfen verwahrt.

Inzwischen half Georg der fassungslosen Dorette sehr tatkräftig beim
Umkleiden.

„Schnell in die Bauernkleider,“ rief er; und weil der Reifrock nicht
sofort von den Hüften seiner Dame glitt, half er mit dem Hirschfänger
nach. Sein ganzer Haß gegen das Gezücht der Reifröcke, deren sechs
ihm so lange Zeit das Glück versperrt hatten, erwachte. Knack und ach,
krachte das Fischbein, und umsonst schrie die weinende Dorette in Zorn
und Weh über ihr Prachtstück. Sie mußte in ein Elsässerinnenkostüm
hinein, und Hans Georg riß sie eilig mit sich.

Sie hastete und stolperte. Da verwies er ihr mit derben Worten ihre
lächerlichen Stöckelschuhe. Mitten in der Halbnacht des Parks knirschte
sein Hirschfänger durch die hohen Absätze, hob ein paar Lederschichten
ab, und als die grobe Schusterarbeit geschehen war, konnte Dorette
laufen wie eine vernünftige Frau, die sich sehr fürchtet.

Sie wollte den Weg nach Straßburg einschlagen, aber Herr Georg zog sie
etwas gewaltsam nach dem einsamen Bergwald.

„Die Bauern sind nicht so dumm wie Sie,“ rief er zornig. „Die bewachen
alle Wege nach den nächsten Garnisonen, damit sie hier ungestört
stehlen und sengen können.“

Ein seltsames, rötliches Licht überzog den Himmel über den Bäumen des
Waldes, und da diese bräunliche Dämmerung Dorette zu sehen gestattete,
gewann sie ihre Fassung wieder. Sie fiel aus ihrem Schreck in großen,
ehrlichen Zorn.

„Herr, mein Herr,“ rief sie ihren eiligen Begleiter an. „Laufen Sie
nicht so. Sie sind davongelaufen, Sie allein, während die andern als
Edelleute fochten oder sich als Edelleute ergaben.“

„-- aber nicht als solche behandelt wurden,“ lachte er.

„Sie sind davongelaufen, Sie waren grob gegen eine Dame, ja Sie haben
sich an meiner Krinoline und meinen Stöckelschuhen vergriffen. Wie,
mein Herr, vermögen Sie diese Handlungsweise zu rechtfertigen?“

„Ei, das war Natur,“ lachte Georg, der sich oben im Walde sicher wußte.

„Natur, Natur, Sie Ungezogener,“ rief Dorette. „Beleidigen Sie nicht
diesen erhabenen Namen.“

„Madame, noch ein paar Schritte bis zu jener Lichtung,“ bat Georg,
„und nun, da wir auf der Höhe sind, bitte: sehen Sie dort unten die
Bescherung an!“

Dorette erstarrte. Über den Nachthimmel krochen die roten Brandwolken
eilig dahin, und als Dorette den Aussichtspunkt erreichte, sah sie
das Schloß unter gierigen, grellen Flammen stehen. Düster ragten
noch die Dachbalken in die blendende, bewegliche Zackenkrone über dem
Gemäuer hinein, und aus zahlreichen Fenstern brachen die wahnsinnig
emporstrebenden Feuerfahnen.

Bis zu ihnen aber drang das Jubelgebrüll und das Gekreisch von
Tausenden entfesselter Bauern und Weiber. Sie füllten das ganze
Blumenparterre so dicht, in so zusammengedrängter Menge, daß Dorette
zuerst glaubte, der ungeheure Raum vor dem Schlosse sei mit rosa
Mohnblumen bepflanzt, bis sie erkannte, daß die zahllosen leuchtenden
Halbkugeln Menschengesichter waren, die alle in die Glut starrten, wie
in ein Weltenschauspiel.

So oft ein Dachsparren fiel, ging das ferne Gebrüll unten los, als
würde ein Schotterkarren ausgeleert.

Georg lachte grimmig: „Da haben Sie die Natur, die plötzlich erwacht
und auf ihre beiden Füße gesprungen ist. Da unten!

„Sie haben gewußt, daß diese Natur den Krieg, die Krankheit, den
Haß und das Feuer, daß sie den Molch, die Otter, den Tiger und den
Mörder schuf. Sie haben gewußt, daß die Menschen Schnaps brennen und
im Schmutz leben. Sie sind im Wagen gesessen und fuhren an Häusern
vorbei, deren Elend zum Himmel stank, und an den Betrunkenen des
Straßengrabens, und Sie haben mit den Tugenden gerechnet? Sie?

„Da unten, da! In Brand und Rauch, in Schnapsdunst und Mordlust, da ist
die enthüllte Natur!“

Der junge Deutsche war fast begeistert; er war mehr erhoben und von
trunkener Erkenntnisfreude erfüllt als zornig.

Der armen Dorette aber graute entsetzlich. Sie hatte stets nur
Schäferspiele gelesen, Shakespeare verachtet, und nun bat sie
fassungslos: „Mein Lieber, schweigen Sie! Retten Sie mich, mein
Teurer!“

Da mußte die arme Dorette auf weitem Umwege gegen Bergzabern durch
die Waldnacht hasten, und dennoch stießen sie am nächsten Fahrweg auf
entgegendrohendes Geschrei, auf Fackeln, auf einen Posten der Bauern;
denn in der Nähe brannte schon wieder ein Schloß.

„Halt! Ein Förster? Ein Herrenhund? Erschlagt ihn!“

Knüttel, Spieße und Sensen fegten auf sie los, aber da blieb der junge
Deutsche stehen, legte die Büchse an, und vor dem herausknallenden
Feuerstrahl schlug der schwerste von den rohen Burschen gewaltig auf
den Rücken hin, mit hoch empor schnellenden Beinen. Aufschreiend flohen
die Bauern, denn tödliche Gegenwehr waren sie von den verweichlichten
Herrschaften nicht gewohnt, und Dorette stand wie gelähmt in der
Finsternis. Aber vor ihre geblendeten Augen war noch immer Strahl,
Knall und Fall gebrannt, und das Überschlagen eines hinschmetternden
Menschenleibes unter strampelnden Beinen. In der Nähe lag jetzt ein
Toter.

„Nun haben Sie auch noch gemordet,“ sagte sie müd.

„Alles zu rechter Zeit,“ atmete er auf. „Was wollen Sie, Madame: der
Tod im Kampf? -- Natur!“

„Ach, das ist eine abscheuliche Pointe, Ihre Natur. Wir werden sie nun
selbst mitmachen; wir werden sterben hier im Walde.“

„Was fällt Ihnen ein, ich mag nicht,“ rief er und zog sie mit sich.

Gegen Morgen war sie so müde, daß er sie im Dickicht schlafen ließ,
indes er sich entfernte. Schon mit dem grauenden Tage kam er zurück,
weckte sie und bot ihr Milch, Brot und Eier. Freilich mußte sie die
letzteren roh austrinken.

„Natur!“ sagte er lachend.

„Woher haben Sie das?“ fragte sie, als sie satt war.

„Gestohlen.“

„Gott behüte mich!“ Sie saß voll Abscheu auf der Erde.

„Natur!“ sagte er und zuckte die Achseln.

Den ganzen Tag mußte sie mausestill sein, sich ängstigen und
langweilen. Ein Glück, daß er sie zum Schlafen nötigte. Ohne Umstände
zu machen, streckte er sich neben sie aus und schlief ihr ein Stück
vor, wie ein Bauer. Da legte auch sie sich weinend ins Gras, schlief
ein, und er erhob sich und wachte.

In der zweiten Nacht durchquerten sie die Ebene bei Hagenau und
erreichten den Rhein gegenüber von Rastatt. Diesmal hatte er gewagt,
in Sesenheim ein wenig warme Kost für sich und die arme Flüchtige zu
bestellen; den Tag über verbrachten sie in den Auen des Rheins, wo
Dorette bis zur Verzweiflung von den Stechmücken litt.

In der Nacht verübte dann Johann Georg seinen letzten Diebstahl. Er
band einen Fischernachen los, zwang Dorette in das am Boden mit Wasser
gefüllte Fahrzeug, stieß ab und biß sich zäh und langsam durch die
ziehenden schluchzenden, eilig drängenden Wellen hindurch.

Dorette schwindelte vor Schwäche, Angst und Kälte. Sie war beleidigt,
mißhandelt und gequält worden. Das sollte eine romantische Rettung
sein? Nichts als widrige Kleinigkeiten: Hunger, Staub, Schweiß,
schlechte Nahrung, Müdigkeit, Grobheiten, Stechmücken, nasse Schuhe,
schmutzige Hände! Das einzige Artige war, daß er ihr am zweiten Tag im
Felde scherzend das Haar in Zöpfe geflochten hatte; solche hatte sie
noch nie getragen und so hatte sie ein bißchen gelacht, aber nur ein
Augenblicklein lang. Dann hatte sie über die Sonne gescholten, die ihr
den Teint verbrannte.

Und bei jeder Unritterlichkeit, bei Müdigkeit, Hunger, harten Eiern
und schimmlichem Räucherfleisch, bei den Stechmücken, dem Schweiß,
den nassen Schuhen und dem Schmutz an Händen und Haar hatte er gesagt:
„Natur!“

Sogar als er den Kahn stahl: „Natur!“

„Das ist die abscheulichste Pointe, die ich im Leben hörte,“ rief sie
zehnmal und zwanzigmal, aber ebensooft schwieg sie und seufzte. Dann
lachte er und sagte: „Ich gebrauche mein Lieblingswort dennoch nicht so
oft, als Sie das Ihre.“

„Das meine?“

„‚Man’. Hätten Sie das vergessen?“

Da weinte sie bitterlich. Ach, diese selige, befreite, göttliche
Gesellschaft, welche ‚man’ sagte. Wohin war sie zerstoben?

Das Boot ritt wie ein Pferd gegen die Wellen an. Die Nacht war
sternlos, der Rhein tintenschwarz und voll tückischer Wirbel.

„Und das ist Ihr besungener Rhein!“

„Natur.“

Endlich, endlich stieß das Boot ans Ufer. Georg trug die arme Dorette
ans Land, und nun durften sie sich wieder am hellen Tage zeigen.
Sie waren auf deutschem Boden, und in Rastatt wurde der Herr von
Hirschbach, nach dem ersten drohenden Anruf des mißtrauischen Postens
und nachdem er sich ausgewiesen, wahrhaftig aufgenommen wie ein
deutscher Baron in der guten alten Zeit, und Dorette wie eine vornehme
Emigrantin.

Der junge Hirschbach sorgte nun, daß sein armer Schützling alles bekam,
was dessen Herz ersehnte. Ein herrliches Bett in einem gelb-tapetnen
Zimmer, das hell war wie eine Ringelblume im Sonnenschein; Wasser,
Seife, Parfüm, Toiletten, Schuhe, alles so gut und so schlecht man es
eben in Deutschland hatte. Und lachend sah Dorette diese Nachahmungen
an.

Sie war schon wieder getröstet.

Über den Rhein wollte sie nicht mehr zurück. In Frankreich drüben ging
es wüst zu. Die Menschenrechte wurden sehr unangenehm ausgelegt, und
der junge Hirschbach wagte viel, als er mit Briefen zum Straßburger
Bankier reiste, um das Vermögen seiner Dame in Sicherheit zu bringen.

Da blieb denn die graziöse Gesellschaftsdame zum erstenmal in ihrem
Leben allein und las die Zeitungen, die Georg ihr schicken ließ. Sie
las von dem Kampf ums Dasein, von der Sünde des Reichtums und dem Elend
der Welt. Sie las Krieg, Irrtum und Haß; sie las vom großen Aufstand
des Volkes, von brüllenden, trunkenen Sturmrotten, von der Not einer
Königsfamilie und dem blutberauschten Jubel der Sanskülotten, und ihr
armes, schwaches Herz lag ohnmächtig da, wie ein kleiner Nestvogel bei
Schloßensturm.

Ach, wie so plötzlich hatte sich die Welt um sie verändert!

Ach, und wie war sie so plötzlich allein in solcher Welt!

Und sie dachte an den verachteten Bauernjunker aus dem Thüringer Wald,
der für sie um sein Leben gelaufen, sie gezerrt und bedroht hatte, der
für sie mordete, stahl, sich im Kot der Straße beschmutzte und ihr,
selber todmüde, die treuen Knie zum Kopfkissen bot.

Was war, wenn er nicht wiederkehrte?

Aus den Tagen wurde eine Woche. Sie bebte nach ihm, sie weinte um ihn,
sie rief aus der ganzen Macht eines angstvoll liebenden Herzens seinen
Namen. Er blieb fern.

Aus der Woche wurden zwei, aus den vierzehn Tagen ein Monat. Sie
bequemte sich, das Deutsche zu erlernen, ihm eine Freude zu machen.

Endlich kam er und berichtete, wie er alle Behörden, zuletzt aber
Drohung und Gewalt aufbieten hätte müssen, um den treulosen Bankier
zur Herausgabe des Vermögens der Witwe Maintignon zu zwingen. In der
Verwirrung dieser Zeitläufte hatte der Mann einen hübschen Gewinn zu
machen gedacht. „Es ist in der Wildnis gerade so. Den kranken Hasen
packt der Fuchs zuerst. Natur,“ schloß er wehmütig lächelnd, als er der
glücklichen Dorette das Ihre einhändigte.

Dann, dann küßte er ihr die Hände, empfahl sich und ging fort; mit
zuckendem Herzen und schweren, widerwilligen Knien.

Dorette lauerte, bis er die Türklinke erfaßte, und das dauerte eine
ganze Zeit, obwohl er sich nicht mehr nach ihr umsah.

Dann aber lief sie ihm nach und warf sich ihm an den Hals.

Die Sonne ging unter und wieder auf. --

In der goldgelb tapezierten Stube trennte kein Wall von Reifröcken mehr
zwei Glückliche.

In der seligen Ruhe, die über beide kam, als sie sich endlich Geliebter
und Geliebte nennen durften, lachte dann Dorette in seinen Armen sehr
leise.

„O du Schönste, du!“ rief er und küßte sie. „Beginnst du schon wieder
mich zu verspotten?“

„Ei freilick,“ lächelte sie. „Denn diesmal 'ast du vergeß' zu
wieder'olen dein' Pointe.“



                           Der Salon der Frau
                             von Vermillon,

                                 oder:

                             Das Register.


Diese Blätter bilden einen Teil der Memoiren, welche die
Gesellschaftsdame der Admiralin Madame Reinezabelle de Vermillon
hinterlassen hat. Es geht aus diesen Blättern hervor, daß Madame
de Vermillon eine Freundin brauchte, die den Ruf guter Moral mit
christlicher Duldung vereinigte und das Französische nicht weitgehend
genug verstand, um allerfeinste Anspielungen, verdeckte Bitten, Zusagen
und Versprechungen zu durchschauen. Demoiselle Babette Strüntzel aus
Straßburg scheint all diesen Anforderungen entsprochen zu haben. Sie
schreibt:

„Meine liebe Frau Admiralin war beständig Strohwitwe. Warum nur?
Admiral Graf Vermillon, der in Marseille Hafenkommandant war,
hätte sich Urlaub genug verschaffen können, um nach dem allgemein
begehrten Paris zu kommen. Jedoch er kam nur selten. War er bei
Hofe übel angeschrieben? Weiß Gott! Er muß ein prächtiger Mann von
großer Keuschheit gewesen sein, denn man hörte keineswegs von ihm
jene Geschichten, durch welche die Herren des _ancien régime_ in den
Verdacht der Frivolität geraten sind. Im Gegenteil. Er fühlte sich
nur wohl in der übermütigen Gesellschaft seiner jüngsten Kameraden und
wurde von den Kadetten zur See geradezu angebetet.

Ich wünschte sehr, von Madame Reinezabelle de Vermillon erzählen zu
können, wie auch sie nur in Gesellschaft junger Mädchen ihr Glück
gesucht hätte. Aber nein. Madame vermied weiblichen Umgang -- bis auf
den meinen -- nach Möglichkeit, und lud ihre hübschen Freundinnen nur
ein, wenn sie, wie ich erst jetzt einsehe, sich von einer allzulange
währenden Freundschaft eines ihrer liebenswürdigen Herren Gäste zu
befreien wünschte.

Wenn man undankbar aus treuen Diensten entlassen wird, so ist das, wie
wenn man sich fortab einer schärferen Brillennummer bediente. Man sieht
trotz der Milde eines guten Christen bedeutend mehr. Interessant.

Ach, wie ich in Madames Salon eintrat? Wären doch die Zeiten noch da!
Wahrlich, es war lasterhaft, aber man benahm sich gut. Herr Phébus de
Lagival las ein Novellchen aus dem Nachlaß von Crébillon fils in einem
Manuskript vor, dessen Abdruck der tugendhafte König verboten hatte.
Wir schämten uns sehr, Madame und ich. Das heißt, Madame benützte
ihren Fächer, um dahinter vergnügt zu sein, und ich den meinen, um
zu verdecken, daß ich nicht zu erröten vermochte, weil ich die zarte
Sprache noch nicht gänzlich beherrschte.

Jedoch lernte ich dabei die Feinheit mehrdeutigen Ausdruckes ein wenig
kennen und fürchten.

Am Schlusse jener Erzählung stand Madame in reizender Empörung auf. Sie
liebte es, ihr lichtblondes Haar nur leise zu pudern, so daß Gold und
Silber im Scheine des Kronleuchters übereinander rieselten, als sie das
helle Antlitz weit, weit weg nach seitwärts und nach hinten bog: sehr
ablehnend, aber lächelnd.

„Es ist gänzlich unmöglich, die Verlegenheit einer Dame, die einer
Erzählung zuhört, ärger zu steigern,“ rief sie aus. „Und es ist ebenso
unmöglich, ihre gerechte Entrüstung darüber besser in Lachreiz zu
verwandeln. Herr Crébillon fils hatte wenig Moral. Das vergäbe ich ihm
ja, gestattete jedoch nicht, daß man solche Dinge vor mir lesen dürfte.
Aber daß er uns dabei noch zum Lachen bringt, ist unverzeihlich, ist
empörend, ist .... Er war eben einzig, dieser jüngere Crébillon. Keiner
macht ihm das nach!“

„O, doch, Madame,“ lächelte Herr Phébus de Lavigal.

„Und wer, wenn ich Sie um das Recht der Anfrage bitten darf?“

„Ich.“

„Schämen Sie sich. Nicht wegen des Stils. Wegen Ihrer Vermessenheit, so
reizend sein zu wollen!“

„Und wenn ich wette?“

„Dann hielte ich diese Wette.“

„Was wollten Sie opfern?“ fragte Herr Phébus in jener leisen Art von
Liebe, die damals bei der guten Gesellschaft gangbar war und von der
man nie recht wußte, ob es nicht bloß leise Freundschaft war.

Madame neigte in tiefem Nachdenken die hohe Frisur über das
hellblühende Antlitz und prüfte ihn unter den halbverdeckenden
Augenlidern. Ich fürchte heute zu erraten, was sie Herrn Phébus
antworten wollte. Aber Herr Obolon, der Hausarzt, rief dazwischen:

„Ein Diner!“

„Und ich will nach dem Herrn Chevalier ein Souper verdienen,“ rief der
Marquis Armand Blancheron, ein Freigeist von größter Ruchlosigkeit der
Gedanken, der es nur seiner großen Delikatesse und Liebenswürdigkeit
gegen mich verdankte, daß ich ihn nicht haßte.

„Ah, auch Sie wollen mit Crébillon fils in Rivalität treten?“

„Für ein Souper, gern.“

„Gut. Meldet sich noch jemand?“

Wirklich! Es meldete sich ein geistlicher Herr. Der Abbé
Lecocq-Choisel. Er verkaufte allerdings seine geistliche Würde nur
gegen ein Diner =und= ein Souper.

„Das wird reizend,“ lächelte meine schöne Herrin. „Wann wollen Sie mir
Ihren mißlungenen Versuch bringen, Herr von Lavigal?“

„Wenn es eine Novelle sein darf, in drei Tagen.“

„Ah! Ei! In drei Tagen! Sie müssen mit dem Geiste solcher Dinge sehr
stark gesegnet sein, Herr von Lavigal. Auf Wiedersehen also in drei
Tagen, meine Herren! Bringen Sie Ihre Freunde mit.“

Es war eine liebenswürdige, intime Gesellschaft, die sich
verabschiedete; alle freuten sich sehr.

Selbst ich freute mich halb und halb. Zur anderen Hälfte war mir bange.
Bange, wie ich mich benehmen sollte. Und bange um das Heil meiner
Seele; wirklich.

       *       *       *       *       *

Es war reizend anzusehen, wie meine Gräfin ihre Wette verlor, und
sie verlor sie an alle drei Herren. Denn jeder brachte es zustande,
nichtsnutziger zu schreiben, als das von Herrn von Crébillon fils
in die Schreibtischlade gelegte und nachher vom König unterdrückte
Werk war. Die Vorlesung des Herrn von Lagival verlief derart, daß die
Frau Admiralin ehrlich rot wurde und dennoch vor innerlichem Lachen
zitterte, wie ein Bäumchen, an dem die Säge frißt. Sie schenkte dem
Sieger des Abends für kurze Zeit ihre Freundschaft. Aber Herr von
Lagival war zu sehr geistreicher Plauderer, als daß meine hübsche,
ränkevolle Dame längere Zeit an den einsamen Stunden Gefallen
gefunden hätte, zu denen sie seinen Besuch erlaubte. „Er schwätzt
auch da,“ sagte sie zu mir; „denken Sie, liebe Freundin, er ist auch
da geistreich. Es heißt doch sonst stets: Vor das Publikum gehört die
Theorie, vor die Tatsachen aber -- -- -- Kurz und gut, Herr von Lagival
weiß seine Verdienste nicht zu placieren.“

Ich verstehe heute noch nicht genau, was sie damit meinte.

Zur Vorlesung des Freigeistes Armand Marquis Blancheron ward Madame des
Eucareilles geladen, die von einer süßen, ich möchte sagen, zum Himmel
singenden, jedoch tief und schüchtern zur Erde geneigten Schönheit war.

Madame des Eucareilles war mutig genug, mit ihrem Gebetbüchlein zu
erscheinen. Sie hatte mir gesagt: „Wird's zu arg, so lese ich hier
drinnen weiter und das Lachen einer Hölle soll mich nicht stören,
ewige Harmonien zu hören, während die anderen sich am Tand eines
leichtverwesbaren Frühlings ergötzen.“

Mein Gott, es wurde so arg, daß Madame des Eucareilles ihr Gebetbuch
vergaß, das ich ihr am nächsten Tage bringen mußte; es wurde so arg,
daß Herr von Lagival sie nach Hause begleitete, und daß mir am nächsten
Tage die Demütigung widerfuhr, das Brevier ihrer Zofe einhändigen zu
müssen, weil die des Eucareilles noch nicht in der Lage war, mir ihre
Stirn zu zeigen -- und mir in die Augen zu sehen.

Wenn ich nicht behaupte, daß Madame Reinezabelle an Blancheron mehr
verlor als ein Souper, so hat dies seinen Grund in der einzigen Tugend
dieses entsetzlichen Freigeistes: er scheute sich zwar nicht, mit
dem, was wir alle glauben und hoffen, der Religion, zu verfahren, wie
mit dem Tabak, den ein Pächter in seine Pfeife stopft, um Rauchringel
damit zu blasen, aber -- Herrn von Blancheron meine ich -- er schonte
in jeder Weise die Unantastbarkeit einer Tugend (ich habe es an mir
selbst erlebt) und begnügte sich bloß damit, in seiner heiteren Weise
der Gegenstand des beständigen Entsetzens aller Damen zu werden. So
wenigstens kannte ich ihn. Oder sollte ich hier verblendet gewesen
sein?

Schade um ihn. Er wurde guillotiniert, noch ehe er daran dachte, sich
zu bekehren, während Herr Phébus emigrierte und selbst in Deutschland
bei lebendigem Leibe als nichtsnutzig verharrte -- bis in sein hohes
Alter.

Madame sprach seit jener Vorlesung lange Zeit nicht mehr über Herrn von
Blancheron. Er schien für sie ausgetilgt zu sein; hoffentlich! Erst an
dem Abende, als der Herr Abbé Pierre Lecocq-Choisel den dritten Preis
für leichtsinnige Lektüre gewann, erst dann sagte sie: „Finden Sie
nicht, daß dieser Blancheron bloß ein helles Blech hinter dem Lichte
ist? Einer, der schlimmer aussehen möchte, als er zu sein vermag? Sehen
Sie: dieser Geistliche Lecocq, der ist das Gegenstück. Er sieht aus wie
eine feierliche Wachskerze. Er ist es sicherlich, und er ruft dennoch
beständig: Ich bin Unschlitt; nicht mehr als Unschlitt, glauben Sie
mir, meine Damen! Es ist doch der Gipfelpunkt der Duckmäuserei, den
Duckmäuser so vollkommen zu verstecken! Dahinter müßte man kommen.“

Seine Würden Lecocq hatte sich wahrhaftiglich ein wenig anders
benommen, als es seinem Stande zukam. Mit gespreizten Beinen saß er an
jenem Abende nach seiner Vorlesung da und kanzelte die Herren Phébus
und Armand ab, den Kopf ziemlich kahl, die Perücke in der Hand um den
Zeigefinger kreiselnd.

Er bewies ihnen, daß man derlei Dinge in zwei verschiedenen Zeitläuften
schriebe; vor und nach der schönsten Lebenszeit. Seine beiden Vorgänger
hätten die platonische Liebe zur Zweideutigkeit schon wieder, wie die
Veilchen im Herbste abermals blühen. Das Gelöbnis der Enthaltsamkeit
aber sichere ewigen Frühling.

Es wurde stark widersprochen, und an diesem Abend benützte die für
Herrn von Blancheron geladene Dame, die kleine Caçolles, den Fächer
sehr eifrig. Aber nur weil sie allzu heftig lachen mußte und ihr ein
Backenzähnchen fehlte.

Immerhin erreichte der Abbé, daß Madame Reinezabelle sich für ihn eine
Zeitlang interessierte.

Aber es war damals die Soutane keineswegs modern. Die Bemühungen der
Herren Rousseau, Voltaire und Diderot hatten bewirkt, daß man in jenen
Jahren die Philosophie über alles andere stellte, was sonst in den
Salons Geltung genoß, und wahrlich, es muß eine vorzügliche Philosophie
gewesen sein, die sich ihren Weg über die dicksten Teppiche und in die
ersten Salons der damaligen Zeit zu erobern vermochte! Kein deutscher
Philosoph erreichte je Salonfähigkeit. Man bedenke!

Die Herren Rousseau, Voltaire und Diderot waren nun aber schon
gestorben und vergessen, und zu unserer Zeit galt in Paris und mehr
noch in Versailles Herr Jacques Lagratte für den erfolgreichsten
Philosophen auf sämtlichen, in Betracht kommenden Teppichen von
Frankreich.

Madame Reinezabelle hatte sich's unendliche Mühe kosten lassen, den
vor Berühmtheit leuchtenden Herrn an sich zu bringen. Endlich aber
vermochte sie ihn zu sich einzuladen, und ich sehe heute noch den
kostbar abgewogenen Hofknix, mit dem Madame ihn ehrte, als er eintrat.
Sie war wegen dieser Art, sich zu verneigen, berühmt: als die einzige
nach ihrer Lehrerin, der Marschallin von Luxembourg, in Betracht
kommende Dame, und sie hatte diesen Knix dem Zeitgeiste angepaßt,
erneuert und verfeinert. Ich hatte leider nicht Gelegenheit, ein
solches Kunstwerk bei Hofe mitanzusehen, aber man versicherte mir
von allen Seiten, daß Herr Jacques Lagratte sich des vollendetsten
Komplimentes rühmen dürfte, daß Madame je knixte -- die erlauchte
Familie von Frankreich mit eingerechnet.

Und ich gehe an die Schilderung dieses Ereignisses.

Es brannten hiezu sechshundert Wachskerzen in dem Empfangszimmer
Madames, und über dreißig Herren waren versammelt, nebst einem kleinen
Dutzend Damen, die Madame diesmal als Freundinnen eingeladen hatte,
um Zeugen zu sein, daß Herr Lagratte in Fleisch und Blut ihren Salon
beträte.

Herr Lagratte kam von allen Gästen zuletzt, aber er kam genau zu jener
Zeit, da sich die Spannung der Gesellschaft so hoch gesteigert hatte,
daß in den Herzen der Damen die erste, kleine schadenfrohe Hoffnung
aufzischelte, er würde überhaupt nicht kommen. Diese richtige Erwägung
der Minute seines Auftrittes allein würde hinreichen, die Größe seiner
Philosophie zu beweisen.

Als die Türen aufflogen und die Diener schrien: „Jacques Lagratte“ --
denn er hatte sich überall streng das Monsieur verboten -- da zwang
es uns allen die Herzen zur Kehle empor. Nur Madames schöne Augen
strahlten in sanftester Heiterkeit gegen die Türe, durch die ein
mittelgroßer, vorgeneigter, sehr magerer und etwas an sich gehaltener
Herr eintrat, dessen Haar eine leichte Unordnung bewies und ein wenig
an den Schläfen flatterte; es war nur schwach gepudert. Das Antlitz
war unsagbar schmal und bestand eigentlich, außer einer großen Nase
und den prächtig grauen, groß und festblickenden Augen, nur aus zwei
senkrechten Falten, die zu beiden Seiten von Nase und Mund bis unter
das Kinn spannten.

Es lief ein Schauer durch die Gesellschaft. „Er ist ganz, wie Friedrich
der Große aussah,“ hieß es.

Da trat ihm Madame entgegen. Auf eine Entfernung von ihm, daß sie sich
kaum die Fingerspitzen zu reichen vermocht hätten, blieb sie stehen,
die Augen demütig und anmutreich gesenkt. Sie bog die Knie, so daß sie
fast um die Höhe ihrer golden und silbrig schimmernden Frisur kleiner
wurde, und hielt leise ihren Reifrock mit den Handspitzen berührt. Im
Augenblick danach griff sie mit dem rechten Füßchen langsam nach hinten
aus und zog so ihre ganze junge Pracht leise rücklings mit sich fort,
indem sie jetzt dem Gelehrten unendlich bescheiden und schmachtend in
die Augen blickte, während sie sich wieder aufrichtete.

Herr Lagratte war ein ganzer Philosoph. Er wußte so viel Grazie,
guten Ton und Feinheit nicht anders zu schätzen, als indem er
Fassungslosigkeit spielte. Ich glaube, er verliebte sich in diesem
Augenblick in sie, als sie sich vor ihm mit solch olympischem
Kompliment verneigte.

Madame stellte ihn sofort der Gesellschaft vor. „Ah, meine Freunde,“
sagte sie, „was werden Sie von mir denken! In meiner Freude vergaß ich
den Namen, den der kleinste Küchenjunge von Paris kennt. Wie soll ich
ihn nennen? Unser Philosoph, unsere Girandole, mein Kronleuchter? Nein.
Die Sonne dieses Erdballs, heute eingefangen, um unserem Salon allein
zu leuchten.“

Nun muß ich weiter berichten. Herr Lagratte war sicherlich ein großer
Philosoph, da sich ihm sonst die Salons nicht geöffnet hätten -- aber
er war selbst für die damalige Zeit etwas stark modern ... sagen wir
einfach atheistisch.

Schon als das Eis, von Künstlerhand zur Gestalt des Liebesgottes
formiert, kam, war er dabei, niemand Geringeren als den lieben Gott auf
die niedlichste Art aus der Welt fort zu beweisen, und am Zerfließen
der vergänglichen Creme demonstrierte er die Unsterblichkeit der Seele.

„Hier, meine Verehrtesten,“ rief er aus und deutete auf seine
Eisschale, „hier sehen Sie das Bild des Lebens ins Negative übersetzt.
Ja, übrigens, was ist negativ? Was positiv? Dem Eisbären ist die Kälte
das Positive.

„Dieses Eis war noch vor kurzem Formung; es stellte Amor dar. Es
war Leben, so lange es Eis war. Ja, was ist Eis? Was ist Leben? Ein
beliebig angepaßter Temperaturgrad der Natur, energisch genug, um
einen Körper, das heißt, eine Körperschaft zusammenzuhalten. Laßt
einen Zephyr wehen -- der notwendige Grad entflieht, und die Teile
sagen sich auseinanderfließend genau so Adieu, wie hier bei diesem
weiland reizenden, zu Eiscreme verkrusteten Amor, den mir unsere
liebliche Wirtin zugedacht hatte und über dessen Kälte mich nur seine
Vergänglichkeit zu trösten vermag.

Zu rechter Zeit genießen, das ist alles; -- die Temperatur
wahrzunehmen, das ist die Aufgabe.“

So bewies der berühmte Herr Lagratte seine Philosophie, die lächelnden,
großen, klar grauen Augen auf Madame gerichtet, die Stimme von hoch
herab, als käme sie von Gottes Thron, und die Eisschale in der Hand.
Man sagte allgemein, daß der Grad seiner Neigung zu Frau Reinezabelle
von Vermillon ein hoher gewesen sein müßte, da er schon seit langem
nicht mehr so hinreißende und reizvolle Beweise auf den Teppich
gebracht hätte.

Immerhin: die Ewigkeit siegt stets; auch über ihre geistvollsten
Leugner. Das Verhältnis Madames zu dem Philosophen war nicht von langer
Dauer. „Ähnlich wie es das Verhältnis der Völker zu den Philosophien zu
sein pflegt,“ sagte sein Nachfolger, ein exakter Chemiker.

Ich entsinne mich nicht mehr genau der Jahreszahlen, aber mir ist,
als sei jener unwiderlegbare Chemiker zur Zeit aufgetaucht, als
der Graf von Cagliostro hier seine Wunder wirkte: kurz vor der
Halsbandgeschichte der Königin. Auch wir hatten solch eine kleine
Halsbandgeschichte mit ihm, mit Herrn Theophil Bouffler nämlich.

Man wußte damals nicht, ob der Diamant schmelzbar sei. Nun war es
Madames Lieblingswunsch, die vierundzwanzig mittelgroßen Rauten
ihres Halsschmucks zu einem großen Stein ineinander zu schmelzen und
einen Brillanten daraus zu schleifen, der dann, wie Herr Bouffler
versicherte, das Vierundzwanzigfache des Halsbandpreises zum Quadrat
erhoben, wert sein würde.

Nun weiß ich nicht: mißlang das Experiment wirklich oder hatten später
die bösen Zungen recht, die behaupteten, Herr Theophil Bouffler hätte
die Diamanten in Wechsel auf die Bank von London umgeschmolzen -- kurz,
Herr Bouffler stürzte eines Tages in größter Aufregung zu Madame und
schrie sie an: „Das Halsband verflüchtigte sich!“

„Wer! Wo! Wie?“

„Das Halsband! Zu Feuer! Zu magnetischer Luft!“

„Mein Halsband! Mein schönes Halsband?“

„Denken Sie sich, Madame: Was die Wissenschaft bisher noch gar nicht
ahnte: daß der Diamant nicht schmelzbar wäre, das habe ich, ich
entdeckt. Flüchtig ist er! Flüchtig! Haben Sie einen Brillantbouton?
Geben Sie her. Begeben wir uns in unser Laboratorium.“

In dem kleinen Zimmer, das Madame dem Chemiker eingerichtet hatte,
bewies Bouffler der unglücklichen Reinezabelle, daß der Diamant unter
dem Brennspiegel vollständig verlodere. Herr Bouffler wollte in seinem
Experimenteifer auch noch Madames andern Ohrknopf verbrennen, aber sie
weinte sehr und gab ihn nicht mehr her.

„Trösten Sie sich, Verehrte,“ sagte ihr der Chemiker. „Ihr Halsband
ist ebensogut dem Äther zugeschwebt, wie es etwa der Seele Ihres Herrn
Gemahls oder der meinen in jedem Augenblick ähnlich widerfahren kann.
Das sind Erscheinungen dieser armseligen Zeitlichkeit ...“

„Armselig?“ rief die schwergeprüfte Reinezabelle. „Es kostete
zehntausend Franks!“

„... aber Sie haben sich die Ewigkeit damit erkauft -- Madame,“ fuhr
Bouffler unbeirrt fort. „Ich werde der Akademie der Wissenschaften
berichten, daß ich durch Ihre Munifizenz die weltbewegende Entdeckung
machen und den Beweis erbringen konnte, daß der Diamant verbrennlich
ist, und ich werde vorschlagen, daß man diese seltene und kostbare Art
der Verflüchtigung für ewige Zeiten ‚vermillionisieren’ nennen solle.“

Meine gütige, junge Herrin lächelte schon wieder ein wenig.

„Sie haben recht,“ sagte sie. „‚Reinezabellisieren’ klänge lange nicht
so gut.“

       *       *       *       *       *

Freilich fiel uns nachher ein, daß Herr Bouffler wiederholt die
Taktlosigkeit begangen hatte, unsere Herrin um ein Darlehen zu bitten,
um dessen Rückerstattung er sich niemals bekümmert hatte. Nun, wer Geld
braucht, kann auch Diamanten brauchen, schlossen wir. Aber es war zu
spät. Herr Bouffler und vielleicht auch das Halsband waren schon in
England.

       *       *       *       *       *

Dennoch versuchte Madame es noch einmal mit der Wissenschaft. Denn,
Gott hat es angesehen: Als die Lebenskundigen und die Herren von Esprit
und die Freigeister ihre Walze in den Salons abgespielt hatten, als
selbst der Zynismus nicht mehr verfing und die Philosophie all ihre
Prismen verspiegelt hatte, da hielt sich die Wissenschaft merkwürdig
lange Zeit fest in den Gemütern, und wer modern sein wollte, mußte
wenigstens in den Volkswirtschaften irgendwie werkgeübt sein. Sogar der
König feilte und schlosserte. Es war zwar keine Wissenschaft, aber was
ähnliches.

Nun kam Madame mit Maitre Pierre Savonnard zusammen, und endlich fand
es sich, daß sie mit einem Manne etwas Besseres gemeinsam hatte als den
Geschlechtsunterschied. Denn die Freude am Experimentieren, die meine
schöne Gräfin zum Chemiker gedrängt hatte, verriet damals schon die
Neugierde eines Kindes. Und dieselbe kindliche Begierde zur Forschung,
ja ich möchte sagen, dieselbe Kinderei des ganzen Wesens, trieb unseren
guten Doktor an. Es war rührend zu sehen, wie diese beiden Leute,
meine Herrin, klar und schön wie eine Lilie, und der lebhafte Doktor,
stark, ansehnlich und frisch, diese Leute, die so leicht Geliebter und
Geliebte sein hätten können, sich nur als Kinder fanden.

Ach und wie glücklich waren sie dabei! Alles, was sie als große Leute
tun gelernt hatten, vergaßen sie aneinander und lebten wie Kameraden
von neun Jahren, denen vom Leben noch nichts anderes gehört -- als die
ganze Welt, mit Ausnahme ihrer Unruhe. Wie steckten sie die Köpfe über
ihrem Mikroskop -- nein: über ihrem Spielzeug, zusammen und riefen mich
zu sich hin! Die, die dachten nicht daran, sich zu küssen! Aber sie
liebten sich viel längere Zeit, als Madame mit den fünf anderen Herren
verloren hatte, die ich seit meinem Dienstantritte kommen und gehen zu
sehen die Ehre gehabt hatte. Pierre war ein Kind wie sie; das war es.

Wer weiß, wie lange und wohin sich dieses wahrhaft paradiesische
Verhältnis fortgespielt hätte, wenn nicht so ein Idealist vom Beginn
der Neunzigerjahre hinzugetreten wäre.

Robert Ducrac kam und griff erst Madames vorvergangenen, aber noch
immer berühmten Freund Lagratte an. Es waren gewaltige Lufthiebe,
die er tat, aber sie freuten uns sehr, weil er auf einen Abgetanen
eifersüchtig war; also auf einen Unbesieglichen.

„Darf es für einen Philosophen, der das Leid der Welt durchschaut, das
Ereignis seiner Tage bilden, im Kreise von Modeleuten zu regieren und
jeden Abend anderswo zum Speisen eingeladen zu sein? Herr Lagratte wird
mir antworten, er erzöge Menschen. Was für Menschen, wenn ich bitten
darf? Sie sind auf alles neugierig und zu nichts herangebildet. Sie
kümmern sich gar nicht um unsere Gedanken: Sie leben in den Tag hinein
und reden nicht der Philosophie zuliebe, sondern philosophieren, um zu
plaudern.“

„Aber man lebt doch, um zu plaudern; nicht?“ fragte ihn Reinezabelle.

„Sie verdienen nicht, um besserer Dinge willen zu leben,“ schrie sie
Ducrac mit seinem dicken Gesichte an. Er war ein großer Idealist,
aber kurz, fest, rot, fett und heftig. Er war böse wie ein Luchs, war
gefährlich und stets zum Zuschlagen gespannt, wie ein Tellereisen,
liebte niemand als sich selber, und das nicht einmal genügend, daß
er seine Hände und Haare in Ordnung gehalten hätte. Er ging seit
der Erstürmung der Bastille in langen Hosen, nannte Madame und mich
Bürgerin und war entsetzlich grob.

Aber was tun? Vor einem Jahre noch mußte jeder Salon von Geltung
seinen Hausphilosophen haben, nun waren die Republikaner Sensation,
und wer nicht lächerlich oder gar gefährdet sein wollte, hielt große
Stücke auf einen Hausrevolutionär. Der unsere war sehr unangenehm zu
ertragen, denn es hatte ihn, wie alle unsere Gäste, die Neigung zu
Frau Reinezabelle ergriffen. Was aber bei den anderen infolge bester
Erziehung oder großer Kühle der Gemütsart ein leichtes Spielchen war,
wurde bei ihm gleich zur Sache der Republik, und als Madame nicht
augenblicklich der Stimme der Natur folgen wollte, wie er ihr zumutete,
ward er auf Herrn Savonnard wolfsböse.

Zu allem Unglück ertappte er den armen Pierre mit Reinezabelle in dem
Augenblick, als er ihren schönen Amazonenpapagei, der eingegangen
war, mit ihr sezierte, nachdem er dessen Ende auf das innigste mit
ihr betrauert hatte. Madame glaubte, er sei an gebrochenem Herzen
gestorben, weil seit einigen Monaten der allgemeine Umgangston lauter
und kreischender geworden sei, als seine eigenen Stimmmittel ihm
nachzuahmen gestatteten.

Pierre legte mit dem Skalpell das kleine Herz des Vogels bloß und löste
es heraus. Er zeigte ihr, daß dieses leidenschaftliche Geschöpf nur
drei Herzkammern gehabt habe, während der Mensch deren vier besäße.

Als nun meine schöne Herrin bei der Erwähnung dieses kleinen,
unvollkommenen Herzens zu weinen begann, weil es sie an ihr eigenes
erinnerte, und Savonnard ihr wie ein guter Kamerad tröstend den Arm
über den Rücken legte, trat Ducrac unangemeldet ein. Er hatte mich im
Nebenzimmer einfach an die Wand gerannt, sah die beiden zornerfüllt an
und schrie: „Bürger Savonnard, Sie konspirieren mit dem Adel!“

Dann drehte er sich um und fuhr polternd ab wie ein Schotterkarren.

Madame lachte sehr und Savonnard auch. „Nun sind wir kompromittiert,“
rief sie fröhlich, und er schmunzelte: „Ja, wirklich, das hätte ich mir
wahrhaftig nicht träumen lassen!“

So harmlos nahmen sie es; aber mir bangte, denn ich hatte vom
Blutdurste Ducracs schon üble Dinge gehört.

Um diese Zeit, als die französische Tagesliteratur sich in
unglaublicher Weise verschlechtert hatte, brachte ich Reinezabelle
endlich dazu, auch einmal einen der deutschen Dichter zu lesen, von
denen sie eine sehr geringe Meinung hatte. Ich hatte schon vor über
einem Jahrzehnt den „Werther“ in der Sprache meiner Straßburger Heimat
gelesen, und er lag mindestens ebenso lange in einer vortrefflichen
Übersetzung vor. Ich hatte diesen Band wiederholt meiner schönen jungen
Frau Admiral auf das Taburett neben das Sofa gelegt, aber sie hatte ihn
gar nicht aufgeschlagen.

Damals nun sollte Madame einen Ball besuchen, der um 10 Uhr abends
begann. Durch die einfachere Tracht jener Saison wurde sie um eine
halbe Stunde früher fertig und langweilte sich nun, während ihr Wagen
unten erst aus der Remise gezogen und hergerichtet wurde.

Da entdeckte sie den „Werther“, setzte sich zum Licht und begann zu
lesen.

Der Kutscher ließ melden, es sei angeschirrt. Sie sagte: „Gleich,
gleich!“ und las weiter.

Die Pferde standen und scharrten, der Portier brummte, der Kutscher
schlief auf dem Sitze ein, sie oben hatte alles vergessen. Ball und
Wagen, Bediente und mich, die ich mit meiner Stickerei hinter ihr
saß und nichts hörte als ihren jähen, schnellen Atem, das hastige
Herumreißen der gelesenen Blätter und immer wieder das leichte
Aufschlagen einer Träne auf das Papier. Es klang, wie wenn der Föhnwind
mit einzelnen verirrten Regentropfen gegen ein Fenster tippt.

Und zwei- oder dreimal hörte ich sie ganz leise und innerlich
schluchzen, wobei die liebe Stimme so hoch und rein dahinzog wie der
Ton einer Geige.

Gegen Mitternacht ließ sie den Wagen abschirren. Sie las weiter bis
2 oder 3 Uhr; bis zur letzten Seite und war dann so erregt, blaß und
unglücklich, und doch so beseligt und schön, daß ich mich wunderte,
warum noch kein Mann um dieser Frau willen gestorben sei.

„Ach,“ sagte sie mir unter Tränen. „Ich habe ja bis heute niemals
gewußt, was Liebe ist! O könnte ich leiden um der Liebe willen! O
gebenedeiter Monsieur Werther, o beneidenswerte Lotte! Seliges Unheil!
Wie geheiligt ich bin! Sagen Sie doch: Wie sieht dieser Monsieur Goethe
aus? Was erzählt man sich von ihm?“

Seit jener Nacht wünschte Madame dringlichst, einmal in ihrem Leben
eine wirkliche Liebe zu erleiden.

       *       *       *       *       *

Und es kam, wie sie wünschte.

Unter ihre Gäste hatten sich in jener Zeit viele jüngere Leute
gefunden, die ihre Augen sicherlich nicht zu der schönen Herrin des
Salons zu erheben wagten. Es waren beflissene und ehrgeizige Menschen,
die bei dem einflußreichen Bekanntenkreise Madames Gelegenheit zu
einer erfolgreichen Karriere zu finden gedachten. Zu diesen Leuten
gehörte auch ein junger Artillerieleutnant, der eine recht armselige
Uniform trug; ein Mensch mit gelbem, magerem Gesicht, wirren Haaren und
wirren Reden, die er, stets aufgeregt, in einem nicht sehr gewählten
Französisch von stark italienischer Aussprache hervorstieß.

Da sein Taufname ungemein fremdartig war und durch die korsische
Aussprache noch viel lächerlicher klang, so nannte ihn die stets
lachlustige Reinezabelle nie anders als mit diesem Namen: Leutnant
Naboulione.

Der arme Teufel war wegen eigenmächtiger Entfernung aus der Armeeliste
gestrichen worden, besaß nicht mehr als seine Uniform und lebte von
den Soupers, zu denen man ihn einlud und die er eifrig besuchte. Er war
erst seit kurzem in Paris und wünschte sehr, ein wenig in die Höhe zu
kommen.

Ducrac, um dessen Freundschaft er sich neben jener des jüngeren
Robespierre eifrig bewarb, versicherte mir: „Glauben Sie nur nicht,
daß Leutnant Naboulione, für dessen Armut und Originalität sich
die sentimentale Reinezabelle so sehr interessiert, um ihretwillen
diesen Salon besucht. Ihr Mann, der Admiral, ist Hafenkommandant von
Marseille, und der verabschiedete Leutnant benötigt dort dringend eine
Stelle. Verweigert sie ihm, und er wirft euch seinen Hut ins Gesicht
und geht anderswohin. Sagen Sie das der Bürgerin.“

Ich tat es; Reinezabelle lachte sehr und sagte:

„Nun ist Ducrac auch auf Naboulione eifersüchtig. Ich muß mir den doch
genauer ansehen.“ Und sie begann den gelben, ungeschliffenen Knirps mit
dem zerrauften Haar zu bevorzugen, was diesem nur selbstverständlich
schien. Er wurde nicht sehr viel wärmer, außer wenn er Madame von dem
Glück erzählte, das ein Oberst der Artillerie in Marseille genösse.

Sie aber lachte und sagte: „Nein, wir wollen Sie in Paris haben.“

„Madame wüßten eine Stelle für mich?“

„Die beste. Alle Abend hier in meinem Salon.“

Naboulione lächelte sauer, bemühte sich aber sehr, es in verbindlicher
Weise zu tun. Damals fragte ich mich empört: „Wo hat der Kerl nur seine
Augen?“

Heute weiß ich freilich, wo er sie hatte.

       *       *       *       *       *

Eines Abends war man ungemein aufgeregt. Der König war hingerichtet
worden, und Ducrac gab im Salon, Frau v. Vermillon zuliebe, die
Generalprobe zu einer fürchterlichen Rede, die er kommenden Tages im
Parlament zugunsten weiterer Adelsguillotinierungen halten wollte. Es
war schaurig schön; alles applaudierte und prophezeite seiner Rede den
besten Erfolg.

Naboulione stand tiefbefriedigt nebenbei. In manchen Dingen erwies
er sich schon damals als der geniale Mensch, der später auch den
praktischen Erfindungen seiner Zeit weit vorauseilte. Damals hatte
er, im stürmischen Drang, seinen Hunger zu stillen und dennoch
den Gaumen mit all den reizvollen Genüssen zu bedienen, die man
hier als Erfrischungen umherbot, auf einem Brötchen folgende Dinge
zusammengestopft: ein Stückchen Käse, ein Stück Salmen vom Schwanzteil,
einen Essigpilz, etwas Räucherfleisch, eine Olive und ein wenig
Butter[1].

 [1] Er war also auch der Erfinder der Sandwiches. Anm. d. Herausgebers.

Daran fraß er, beständig abbeißend. Nur die Revolution machte solche
Unsitten salonmöglich.

Als nun Herr Ducrac seine Rede beendet hatte, versicherte Madame
mit großer Lebhaftigkeit, es sei die höchste Zeit, daß die Adeligen
ihre Stellen räumten, um sie den unverbrauchten Kräften der Republik
abzutreten. Sie selbst habe, teils aus Überzeugung, teils aus Sorge um
den Kopf ihres Mannes, den Admiral de Vermillon bewogen, seine Stelle
niederzulegen und sich ins Privatleben zurückzuziehen.

„Unmöglich!“ schrie entsetzt Leutnant Naboulione dazwischen.

Reinezabelle fragte ihn, warum er so böse sei?

„Weil ein Mann auf seinen Posten gehört. Weil es von einem Kommandanten
schändlich ist, aus Sorge um seinen Kopf sich den Pflichten zu
entziehen, die er noch nicht einmal erfüllt hat! Marseille ist schlecht
armiert. Es mangelt dort an Artillerieoffizieren. In Marseille
ist Admiral Vermillon notwendig, in Paris als Privatier höchst
überflüssig!“

„Aber =mir= ist er nicht überflüssig,“ sagte Madame, der es Freude
machte, ihn mit ihrem Manne zu necken, in schuldlosem Ton. „Ich habe
ihm selbst geschrieben, zu mir zu eilen in einer Zeit, wo Liebe, Treue
und zartes Gefühl teuer zu werden beginnen. Ich habe ihm heute bei
der Nationalversammlung sein Entlassungsdekret erwirkt. Aber, Herr
Leutnant! Sehen Sie mich nicht so böse an. Sie werden mein täglicher
Freund bleiben, auch wenn der Admiral zu Hause ist.“

„Sie zerreißen das Entlassungsdekret! Nicht wahr, Ducrac, es ist doch
zu annullieren?“ bat der tolle, kleine Mensch.

„Aber im Gegenteil,“ rief Reinezabelle. „Ich habe es heute mit der
Eilpost abgeschickt und ...“

Naboulione schnitt ihr das Wort auf eine Weise ab, wie sie unmöglich in
Korsika, ja nicht einmal auf den Südseeinseln üblich sein konnte! Er
warf ihr die noch unverzehrte Hälfte seines belegten Brötchens an den
Kopf.

Reinezabelle schrie laut auf vor Schreck, und wir waren alle
zerdonnert, ja geradezu in Salzsäulen verflucht.

Dieses war die ungeheuerlichste Tat der Republik. Der Kopf des Königs
wog nicht so schwer als diese brutale Mißhandlung einer schönen Frau.

Naboulione entfernte sich in großer Bewegung, und mit einem Ausdruck
voll Schreck, Sorge und ausbrechender Liebe sah ihm Reinezabelle nach.
Im blonden Haar steckte ihr das Schweifstück des Salmen, am Ohrgehänge
hatte sich ein Bissen Räucherfleisch verfangen, und die Butter
befleckte ihr sonst stets lächelndes Grübchenkinn. Aber sie machte
keine Bewegung, sich zu reinigen.

Es war ein entsetztes Stillschweigen hinter dem wilden kleinen
Artilleristen. Erst als Ducrac die Roheit hatte, Bravo zu sagen, ging
das Gezeter über Naboulione los. Man fand, das Maß der Schrecken habe
seinen Höhepunkt erreicht, und während ich Madame abputzte, sagte ein
Orientalist, daß solches bei den Türken unmöglich wäre, und zitierte
einen arabischen Spruch hierzu:

  Mit einer Blume nur zu schlagen
  Ein Frauenbild sollst du nicht wagen.

Reinezabelle aber sagte, während ich sie abwischte, nur immer verklärt:
„Welche Leidenschaft! Welche Leidenschaft! Und bloß, weil mein Mann
zu mir kommen soll. Nein, diese Leidenschaft! Das ist korsisch, meine
Liebe!“

Ich glaube, sie hätte den kleinen, schlimmen Leutnant in allen Gassen
von Paris suchen lassen, wenn sich nicht am nächsten Tage Ducrac
ebenso abscheulich benommen hätte. Er hatte seine Rede gehalten.
Ein brüllender Aufruhr fegte durch die Gassen; aus dem wimmelnden
Volkstrott ragten auf Stangen gespießte Köpfe. Eben zog sich
Reinezabelle, die neugierig ans Fenster geeilt war, mit den Worten
zurück: „Kommen Sie, liebe Babette, ich sehe dergleichen immer noch
nicht gerne,“ da flog ein abgeschlagenes Menschenhaupt auf den Balkon
herauf, kollerte in das Zimmer und eine Stimme rief: „Besuch von Herrn
Savonnard! Souvenir der Revolution!“

Madame war leichenblaß geworden. „Nein,“ sagte sie dann, „das wird
zu arg! Diese Leute beginnen geschmacklos zu werden mit ihren Köpfen.
Räumen Sie das hinaus und lassen Sie sofort meine Koffer packen.

Wir wandern aus. Die Sitten sind hier zu frei. Nicht wegen dem belegten
Brötchen, o nein. Aber an die Art dieses Ducrac werde ich mich niemals
gewöhnen. Er hat mir alle Freude an Paris verdorben.“

Im Exil zu Köln verbrachte sie sehnsuchtsvolle Jahre. Sie konnte den
kleinen, rohen Naboulione seit seiner Schandtat nicht mehr vergessen.
Als dann der kleine Leutnant bei Lodi und Novi, bei den Pyramiden
und bei Marengo zum großen General wurde und die Welt auch am Konsul
Bonaparte noch immer nicht genug erlebt hatte, als er, der Kaiser,
seinen drolligen Taufnamen wieder hervorsuchte, nur daß er ihn jetzt
in besserem Französisch zu nennen wußte, da weinte die unglückliche,
einsame Frau vor leidenschaftlicher Liebe nach ihm, dem sie nie mehr
wieder nahetreten sollte.

„Ach,“ klagte sie. „Ich hatte die ganze Geschichte des Rokoko und der
Revolution in Gestalt von Freunden durchgeliebt und sie gaben sich
in allen Nüancen dieser wechselreichen Zeit; aber mißhandelt hat mich
keiner.

Er aber, er hat Völker, Könige, Ideen, Religionen, Philosophien und
Gelehrte geschlagen. Alle mit anderen Mitteln, mich aber, allein von
allen, durch den Schwung seiner zornigen Hand. Mir bestätigte er seine
Eigenart am persönlichsten.

Und nun ist er Kaiser; er heiratet diese Marie Louise und ich hätte ihn
so gut verstanden.

Schade! O schade!“





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Vom sterbenden Rokoko" ***

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