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Title: Das deutsche Wunder - Roman
Author: Stratz, Rudolph
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Das deutsche Wunder - Roman" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1916 erschienenen
    Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
    Ungewöhnliche, altertümliche und regional gefärbte Ausdrücke
    wurden nicht korrigiert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke
    wurden unverändert übernommen -- insbesondere wenn diese in
    ihrer ‚eingedeutschten' Form verwendet wurden --, sofern die
    Verständlichkeit dadurch nicht beeinträchtigt wird.

    Im Original wird als Vergleich zum russischen (kyrillischen)
    ‚N‘ der lateinische Buchstabe ‚I‘ bzw. ‚J‘ herangezogen, was
    faktisch nicht korrekt ist. Tatsächlich entspricht der lateinische
    Großbuchstabe ‚H‘ dem Aussehen nach dem kyrillischen ‚N‘ (Н).
    Die Passage auf S. 335 (vor dem Satz ‚In Wirklichkeit war es ein
    russisches „N“, ...‘) wurde dahingehend abgeändert.

    Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt. Besondere
    Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
    folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      gesperrt:  +Pluszeichen+
      Antiqua:   ~Tilden~

  ####################################################################



                          Das deutsche Wunder

                                 Roman
                                  von
                            Rudolph Stratz

                          26. bis 35. Tausend

                            [Illustration]

                                 1916

                 Verlag Ullstein & Co, Berlin und Wien



      Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
        Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.



Inhaltsverzeichnis.

                                 Seite
        Vorwort                      7
              I                     13
             II                     41
            III                     74
             IV                     86
              V                    112
             VI                    125
            VII                    155
           VIII                    171
             IX                    207
              X                    246
             XI                    285
            XII                    300
           XIII                    338
            XIV                    368
             XV                    402
            XVI                    426



Vorwort.


Darf der Dichter die Gegenwart schildern? Das, was erst anderthalb oder
zwei Jahre hinter uns liegt und noch bis in die Zeit des großen Kriegs
hineinreicht?

Oder soll man dem Ruf der Kunstrichter trauen: Nein! Die Zeit ist noch
zu nah. Zu groß. Ihr habt zu schweigen.

Geschwiegen haben wir Alle bisher von selbst! Vom Tage des
Kriegsausbruchs ab hat wohl Jeder die Feder aus der Hand gelegt.
Manche Schriftsteller kämpften im Felde. Anderen war es vergönnt, als
Johanniter, Krankenpfleger, Automobilisten, Kriegsberichterstatter,
überhaupt eben als zeitweilig zur Front zugelassen, in West und Ost das
ungeheure Schauspiel des ungeheuersten Kriegs aller Völker und Zeiten
in sich aufzunehmen. Zu den Letzteren gehörte auch ich.

Und daheim sah Jeder von uns das zweite, nicht minder riesige Bild:
die zweite deutsche Front, die Front der Frauen und der Gelehrten, der
Arbeiter und der Sparer.

Und draußen sehen wir den Feind: die schamloseste Lüge der
Weltgeschichte, die England, den schamlosesten Verrat der
Weltgeschichte, der Italien, die schamloseste Mordbrennerei, die
Rußland, die satanische Wut, die Frankreich heißt. Wir sehen den
Deutschen vogelfrei fast auf dem ganzen Erdball, wir hörten von
dem Massenhungertod, der an dem größten Kulturvolk der Welt das
Schlächterwerk des Senegalnegers vollenden sollte. Uns würgte der
Ekel an der Menschheit, von dem nur der Gedanke an Deutschland uns in
heiligem Grimm befreite.

Und von alledem sollen wir schweigen?

„Oh nein!“ sagt der kritische Germanist. „Nur laßt Euch Zeit! Distanz!
Distanz! In fünf Jahren -- oder in zehn -- oder in dreißig -- je
nachdem -- da wird der Abstand von den Dingen und Leidenschaften groß
genug sein, um ein gereiftes Kunstwerk zu schaffen!“

Ja, zum Donnerwetter, ist denn Abgeklärtheit allein der Zweck der
Kunst? Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe nichts? Das, was wir jetzt
Alle mit allen Fibern unserer Seele im Brausen der Völkerdämmerung und
Weltenwende in uns erleben, was draußen mit tausend feurigen Zungen
auf den Schlachtfeldern redet und daheim von tausend Kirchturmglocken
läutet? Das, woran Jeder denkt, wofür Jeder atmet, wovon Jeder spricht:
Nur der Dichter nicht?

Aber nehmen wir an: der Kunstrichter hätte Recht: Was sollen wir nun in
dieser Zwischenzeit bis zum richtigen literarischen Abstand tun?

„Inzwischen? Mein Gott -- sehr einfach: Wählt Eure Stoffe aus der Zeit
vor dem Krieg wie bisher!“

Die Zeit vor dem Krieg? Wann war das eigentlich? Man reibt sich die
Augen: Es kommt Einem wie ein Jahrhundert vor. Es ist eigentlich
gleich, wie lange es her war. Es ist ja Alles so anders geworden. So
neu. So gewaltig. Die Menschen jenseits des deutschen Jungbrunnens vom
4. August -- das sind nicht mehr wir! Wir sind weit über sie hinaus...

Mit anderen Worten: Wer die Zeit bis vor dem Jahr 1914 beschreibt,
der schreibt einen historischen Roman. Historische Romane sind nicht
Jedermanns Sache, zumal jetzt, wo vor Aller Augen die Historie selber
mit Donnerschritt über die Erde geht.

Also kommen wir wieder auf die Gegenwart zurück! In scheuer und
zögernder Ehrfurcht steht der Schriftsteller vor dem jedes Menschenmaß
des Auges und Geistes übersteigenden Rundbild des flammenden Erdballs
und sagt sich, wenn er versuchen will, ein Stück auf’s Bild zu bannen,
von vornherein:

„Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis!“

Ja gewiß: Unzulänglich, Stückwerk wird Alles sein, was der, der Zeit
und Krieg sehend miterlebte, jetzt schon gestalten kann. Er kann
nichts tun, als eben aus sich heraus sein Bestes zu geben. Er muß
versuchen, aus seinem Wesen, seiner Weltanschauung, seinen Eindrücken
den Beobachtungswinkel zu gewinnen, wo sich ihm, durch einen Strahl von
oben, die Welt draußen so deutlich widerspiegelt wie die feindliche
Stellung im Scheren-Fernrohr.

Die feindliche Stellung -- das ist es, von der ich ausgehen möchte. Ich
meine damit nicht den Krieg selbst. Von ihm und seinen Einzelheiten
darf jetzt aus naheliegenden Gründen noch nicht viel gesagt
werden. Und ist es späterhin militärisch möglich, so bleibt es ein
selbstverständliches Vorrecht derer, die ihn kämpfend miterlebten. So
liegt über meinem hier folgenden Werk der Krieg mehr als Stimmung denn
als Geschehnis.

Aber ein Anderes glaubte ich, jetzt schon schildern zu dürfen. Gerade
jetzt. Das, was vor uns Allen noch, inmitten aller Siege, als ein
unheimliches Rätsel steht: Wie kam es, daß auf einmal gegen uns der
Haß eines Irrenhauses über die ganze Erde aufflackerte? Wie kam
es, daß hysterische Lüge die Druckerschwärze der fünf Weltteile in
schwarzen Eiter verwandelte? Daß russische Große ihre Ehrenwörter
gegen uns wie Zahnstocher zerknickten? Daß ein Bandit nackt, mit dem
Dolch in der Faust, hervortrat und sich mit pathologischem Grinsen als
der Verbündete jenseits der Alpen vorstellte? Daß Japanese und Bur
einträchtig wie ein paar Schlächterhunde Deutschland an die Gurgel
sprangen? Daß die schwarze, weiße, braune und gelbe Menschheit sich
vor unsern Augen wie berauscht in einem Kotmeer von Eidbruch, Verrat,
Niedertracht und Blutdurst wälzte?

Zu unsern Feinden will ich den Leser führen, ihre Pläne belauschen,
ihren Zusammenkünften beiwohnen, bei denen überall wie Bankos Geist der
Schatten Eduards VII. unter den Verschwörern sitzt. Aus seinem Geist,
aus der Geistesverfassung -- oder Geistesverwirrung -- unserer Gegner
allein läßt sich der Ursprung und rächende Verlauf des Weltkriegs
erklären. Den wir nicht wollten. In dem wir siegen. Den unsere
Feinde bereuen werden. Dessen sich -- uns und unsere Bundesgenossen
ausgenommen -- die Menschheit noch nach Jahrhunderten schämen wird.

Unsere Feinde! Ich glaube, sie, nach dem Lauf meines Lebens, besser
zu kennen als Andere. Ich kenne Rußland vom Eismeer bis zur Krim.
Ich kenne Frankreich aus mannigfachen Beziehungen. Ich kenne ebenso
England. Ich habe mit immer wachsender Sorge in dem letzten Jahrzehnt
in London und Paris, in Belgrad und Moskau, in Brüssel und Rom, in
Kairo und Cettinje die Unterwelt gegen unser arbeit- und festfrohes
Deutschland emporsteigen sehen.

Ein garstig Lied -- pfui -- ein politisch Lied!

Ja, schön im alten Sinn friedlicher Gesittung ist die Welt
augenblicklich nicht. Daran sind wir Deutsche nicht schuld. Und doch
ist sie schön, hinreißend schön, denn sie ist groß!

Groß wie noch nie! Und Größe tat uns in Deutschland not. Größe!
Größe! Wir haben seit Jahren nach Größe gelechzt, ohne es zu
wissen. Nicht nach Größe des Kriegs, aber nach Größe der Menschen
und Dinge, in unserem innerpolitischen Kleinkampf, in unserer
liebevoll alles Kranke und Schwache hätschelnden Kunst, in unserem
uns selbst schon unbehaglichen Interesse für alle gleichgiltigen
Entartungserscheinungen des Auslands. Deutschland braucht zu seiner
Gesundheit Helden. Sie sind das Eisen in seinem Blut. Nun hat es
Helden! Hat, über sie alle hinaus, einen einzigen Helden: sich selbst!
Das erste und hehrste und älteste Vorrecht des Dichters ist es, den
Helden zu besingen. So sei es mir vergönnt, so gut ich es eben vermag,
von Deutschland zu sagen und wie es, als ein Wunder vor sich selbst
und mehr noch vor seinen Feinden im Kampf gegen die Menschheit der
Menschheit Würde wahrte.



I.


„Gott will den Krieg!“ sagte der russische Generalmajor Schiraj mit
seiner tiefen Stimme.

Sein Nachbar verstand ihn nicht. Es war zu viel Dröhnen um ihn. Alle
Glocken von Moskau läuteten, während der Zar an diesem Apriltag des
Jahres 1914 die Uspénsky-Kathedrale auf dem Kreml verließ. Es hallte
neben ihm von der Archangelsky- und Blagoweschtschensky-Kathedrale,
hoch vom Turm Iwan Weliki und aus dem heiligen Synod, von der
Kasanschen und Basileus-Kathedrale unten, von der Erlöser-Kirche
drüben, vom Wunderkloster bis zu den Zinnen des Jungfernklosters
fern vor der ungeheuren Stadt. Es war ein Sturmläuten wider einen
unsichtbaren Feind über den hundert goldenen Kuppeln, den Tausenden
von grünen Dächern. Und im Sturm flogen dicht darüber am niederen
Himmel die grauen Schneewolken, von Osten her über die moosfarbenen
Turmhauben der Kremlmauern aus Tatarenzeit, selbst dahinjagenden,
zusammengeballten Reitergeschwadern ähnlich, in ihrem endlosen Zug von
Asien nach Europa.

Nikolaus der Zweite hatte dem Gnadenbild der Muttergottes von Wladimir
seine Ehrfurcht bezeugt. Nun verblaßte hinter ihm der byzantinische
Goldglanz des Ikonostas, die weißbärtige Patriarchengestalt des
Metropoliten von Moskau, verhallten die Donnerbässe der Mönche:
„~Gospodi pomilui!~ Herr, erbarme Dich!“ Er durchschritt den
schmalen Platz zwischen der Kathedrale und der Löwentreppe des Kreml.
Ein unscheinbarer blonder Schatten in dunkelgrüner, russischer
Generalsuniform, sah er noch kleiner aus zwischen den schwarzbärtigen
Riesengestalten der Tscherkessen seines Leibgardeconvois, die in
ihren hohen Fellmützen alles überragend rechts und links von ihm und
seinem Trosse gingen. Vor ihm schritt, für alle Mordversuche der
Untertanen verantwortlich, der stellvertretende Generalgouverneur
von Moskau, dicht hinter dem Selbstherrscher, sonderbar inmitten der
Exzellenzen und Hohen Exzellenzen, ein einfacher, dunkelbärtiger
Matrose in reiferen Jahren, der Batka, der Gefährte des siechen kleinen
Thronfolgers, den er wie eine bleiche, in den langen Waffenrock der
Gardekosacken gesteckte Wachspuppe auf den Armen trug. Dem winzigen
Hetman aller Kosacken folgten in einer Reihe nebeneinander seine
vier Schwestern, alle in Weiß, mit weißen Pelzen um die Schultern,
dann, voll Orden und Bänder, in hohen Stiefeln und weiten Hosen, in
Lammfellmützen und grünen Röcken, die Großfürsten und Generale, in
Klapphut, Degen und goldgestickter Gala, breite goldene Borten an den
weißen Beinkleidern die hohen Tschinowniks in Zivilrang. Die ganze
Kremlstadt auf dem Hügel inmitten Moskaus war, solange der Zar sich
hier auf der Durchreise nach der Krim aufhielt, streng von Menschheit
und Außenwelt abgeschlossen. Aber aus der Uspénsky-Kathedrale strömten
immer noch zu Hunderten die Uniformen, zerstreuten sich, belebten die
toten Straßen und Plätze von der Stelle, wo der Großfürst Sergius in
die Luft gesprengt wurde, bis zum Denkmal des ermordeten Zar-Befreiers.
Im Innern der Kirche sangen immer noch die langhaarigen Mönche in
dumpfen Bässen ihr Kyrie Eleison, immer noch läuteten nah und fern
die Glocken, immer noch stöhnte der Steppenwind um die heiligen
altslawischen Stätten und stoben vom Himmel die stürmenden Hunnenwolken
gen Westen.

„Gott will den Krieg! Sonst hätte er nicht den Wunsch danach in unsere
Brust gelegt!“

Der Generalmajor Schiraj wiederholte es mit einer starken und
entschlossenen Stimme. Er war vom Äußeren des wahren Großrussen,
schwergebaut, mit breiten Backenknochen, geblähten Nasenflügeln,
dichtem, blondem Bart.

Sein Begleiter, der Hofmeister Morskoi, blieb stehen und schaute nach
der langen gelben Fensterfront des Kreml-Palais zurück, auf dessen
Zinnen die schwarz-gelb-weißen Zarenflaggen scheinbar hilflos im Sturme
hin- und herflatterten.

„Gott mag wollen! Aber ob der Gossudar will...“

„Er wird!“

„Oder er wird nicht! Wer kann das bei ihm wissen!“

Eine Gestalt tauchte im Geist vor Beiden auf, die sie vorhin gesehen.
Ein baumlanger, ältlicher General, mit seinem, von Leidenschaften
verwüsteten aristokratischen Geierkopf weit den kümmerlichen Neffen
überragend.

„Wenn Nicolai Nicolajewitsch...“

„Ist er schon Zar?“

„Pst! Pst! Still!“

Der General schaute besorgt umher. Mauern und Pflaster hatten hier
Ohren, plauderten wieder, was man von den Geheimnissen von Gatschina
und Livadia wußte... Der Höfling drehte sich eine neue Zigarette.

„Der Krieg ist eine Kleinigkeit, Pawel Antonowitsch! Das Schwere ist
vor ihm: der eine Federzug des Zaren!“

„Er muß!“

„...Wenn Alle um ihn einig wären! Aber diese Verdächtigen im Lande ...
ist da nicht Witte? Ist da nicht Rasputin?“

Die grobknochigen Züge des Generals verfinsterten sich bei dem Namen
des wundertätigen russischen Popen und Günstlings der vornehmen
Petersburger Damenwelt, der beim Zaren aus- und einging. Er sagte ruhig:

„Und doch ist der Stein im Rollen! Ich komme aus Bochara. Überall in
Zentral-Asien zieht man unsere Truppen auf Kriegsfuß zusammen. Im
Kaukasus rüstet man. Auf allen Bahnhöfen zwischen Wolga und Ural trifft
man Vorbereitungen. Aus dem östlichen Sibirien sind unsere Truppen
schon auf dem Marsch...“

„Von der Krim aus wird der Herrscher Paraden abhalten. In Odessa. In
Nicolajeff. In Cherson. Alle diese Divisionen kommen auf Kriegsstärke
und bleiben es! Aber gehen wir, Pawel Antonowitsch!“

Sie schritten die weite Kremlterrasse entlang. Unten rauchten
schmutziggraue Wasserflächen der Moskwa zwischen den morschen Resten
der Eisdecke. Bäche von Tauwasser durchfurchten den fußdicken
gefrorenen Straßenschlamm. Es triefte von den Dächern. Der kurze Kampf
zwischen russischem Sommer und Winter hatte begonnen, und der General
sagte:

„Die Zeit ist gekommen. Wir haben sie seit Jahren genutzt. Unsere
Kriegsausrüstung ist unermeßlich -- war noch nie da. Nichts wurde
diesmal verabsäumt. Nun -- was ist?“

Der Staatsrat und Kammerherr Morskoi neben ihm hatte den rechten
Handschuh abgestreift. Kurzatmig und wohlbeleibt, eilte er doch, so
rasch es die Pfützen gestatteten, quer über den Zarenplatz auf das
Kleine Palais zu, wo ihm vom Fußsteig her ein hellblonder schlanker
Mann in den Dreißigern lässig lächelnd mit der Rechten herüberwinkte.
Es war eine fast gönnerhafte Gebärde. Dabei trug der drüben nicht
einmal irgend eine Uniform des russischen Tschin, sondern eine
schwarze Krimmermütze, einen nach europäischer Art geschnittenen,
schwarzen Krimmer-Paletot, Pariser Bügelfaltenbeinkleider über den
Lackgaloschen. Auch sein Gesicht war westlicher geschnitten als das des
Andern: schmal, nervös, lebhaft, mit großen, grauen Augen. Der blonde
Schnurrbart war auf englische Weise gestutzt. Darunter das ironische
und liebenswürdige Lächeln eines Weltmanns. Der General Schiraj frug:

„Was ist das für ein Vogel da drüben?“

„Ein Vogel? Erbarmen Sie sich! Das ist doch Schjelting!“

„Schjelting?“

„Nun ja doch! Nicolai Wassiljewitsch Schjelting!“

„Nun weiß ich nicht mehr als vorher!“ sagte der General ruhig.

„Gott schütze Sie, Pawel Antonowitsch! Man merkt, daß Sie acht Jahre in
Transkaspien waren! Kommt zurück und hat nichts von Schjelting gehört!“

„Ein Russe?“

„Ein Russe durch und durch! Nehmen Sie sich in Acht: Sie stehen vor
einem der gefährlichsten Männer Rußlands!“

Nicolai von Schjelting nickte den Herankommenden lächelnd über
die Schulter zu. Er verabschiedete sich eben von einem baumlangen
Flügeladjutanten aus dem Militärstaat des Zaren. Dieser Petersburger,
auf dessen Antlitz der Asiatendünkel in breiten Lettern geschrieben
stand, verbeugte sich beim Händeschütteln vor ihm tief. Dann wandte
sich Schjelting zu den Andern und frug, sobald er den Namen des
Generals erfahren:

„Nun -- und die Afghanen? Sie stehen doch in Kuschk?“

„Ich befehligte dort! Aber vor zwei Jahren...“

„... kamen Sie als Älterer Gehilfe nach Bochara! Verzeihen Sie! Ich
vergaß...“

„Aber woher wissen Sie überhaupt...“

„Schjelting weiß Alles!“ sagte der Hofmeister Morskoi.

„Man verfolgt wenigstens die Taten unserer Helden draußen!“ versetzte
Nicolai Schjelting. Es klang beinahe bescheiden. Der General lächelte
geschmeichelt. Er frug: „Nun, und Sie nahmen nicht an dem Gottesdienst
in der Kathedrale teil?“ Und Schjelting zog, wie um Entschuldigung
bittend, die Schultern hoch:

„Ich fühlte mich heute früh nicht wohl. Die ganze Nacht war ich wach.
Morskoi da weiß es: ich kann seit Jahren nicht schlafen! Gott hat mich
damit gestraft. Wenn andere Menschen schnarchen, liege ich mit offenen
Augen, bis die Hähne krähen...“

„Sollten da nicht die Ärzte...?“

„Keiner kann mir helfen! Genug davon! Wie? Ob ich in Moskau bleibe?
Nein: ich reiste zufällig durch...“

‚Zufällig, weil der Zar hier ist‘... dachte sich der General.

„... und fahre heute Abend wieder ins Ausland! Nach Belgien. Zu meiner
Frau. Ich verabschiedete mich eben von einigen Freunden im Palais.“

Dies mächtige Palais da hinten, in dem, solange der purpurtragende
Schatten und sein siecher Sohn darin weilten, die unsichtbaren Fäden
aus Belgrad und Paris, aus Cettinje und London, aus Kopenhagen und
Tokio zusammenliefen, in dem spitze, diamantengeschmückte Damenfinger
die Schicksalsnetze der Völker knüpften und aufdröselten -- dies
Palais, das mit seinem Ränkegewirr der Vorzimmer, seinem Hauch von Blut
und Mord um die Kremlmauern an ein orientalisches Serail erinnerte...
Die drei Männer schritten nebeneinander dem nächsten Ausgang, der
Heiligen Pforte zu. Alle Drei entblößten vorher ihre Häupter, und
in dem schneidenden Sturmwind, der ihnen in der düsteren Wölbung
entgegenpfiff, raunte Morskoi dem General zu:

„Wissen Sie, was Schjelting ist?... Er ist einer der Vertrauten des
Großfürsten!“

„Nicolai Nicolajewitschs?“

„Nicolai Nicolajewitschs selber! Und ein Günstling der
Montenegrinerinnen!“

Nie wären vornehme Russen ihrer Art sonst so lange zu Fuß gegangen.
Aber in diesen Tagen war der Kreml für Fuhrwerk gesperrt. Erst unten
auf dem Roten Platz, nahe der Kathedrale Iwans des Gräßlichen, hielten
in langen Reihen die Wagen der Würdenträger. Nicolai Schjelting stieg
in den seinen. Die Zigarette zwischen den Lippen, meinte er dabei
in jener raschen und lächelnden Art, mit der er jeden Bekannten als
Vertrauten zu behandeln schien:

„In den Adelsklub? Erbarmen Sie sich! Dort ist heute das ganze
Gouvernement! Ich bekomme keinen Bissen in den Mund! Jeder redet mich
an! Ich speise in Ruhe bei mir, im Petrowski Dwor! Auf Wiedersehen
dort!“

Fast ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er davon. Die Aufforderung,
mit ihm gemeinsam das Gabelfrühstück einzunehmen, dünkte ihm offenbar
Auszeichnung genug. In der hinterher rasselnden Droschke schrie der
General Schiraj seinem Begleiter zu:

„Belieben Sie... Schjelting? Ist er Edelmann?“

„Vom Adel des Twer’schen Gouvernements. Er hat dort Güter.“

„Ich kannte die Familie bisher nicht!“

„Es sind nur Wenige! Sie sind ursprünglich -- glaube ich --
schwedischer Herkunft. Aber seit Peter dem Großen schon slawisch und
orthodox.“

„Er scheint klug zu sein!“

„Gott gab ihn uns. Hätten wir nur mehr! In dieser Zeit! Wir stehen vor
dem Kampf, der für ein Jahrhundert über Europa entscheidet.“

Der Generalmajor riß die schwarze Lammfellmütze vom Kopf. Rings auf
der Straße bekreuzigte sich das Volk und kniete nieder. Das Bild der
wundertätigen Iberischen Muttergottes zog in seiner vierspännigen, von
barhäuptigem Kutscher und Spitzenreiter gelenkten Glaskarosse vorbei.
Der Hofmeister sagte:

„Kennen Sie Krupensky? Den millionenreichen Holzhändler, der sich
den Wolkenkratzer in der Twerskaja gebaut hat? Er gibt der Kirche zu
verdienen. Jeden Tag läßt er sich das Bild an sein Krankenbett kommen!“

„Und geht es ihm schon besser?“

„Vorgestern lag er noch zwischen Tod und Leben. Auf alle Fälle hat er
sich außerdem einen berühmten deutschen Arzt für schweres Geld eigens
aus Wiesbaden hierher verschrieben!“

„Nun ... lassen wir ihn! Was ist dieser Schjelting denn eigentlich?“

„Nichts!“

„Nichts?“

„Das eben ist seine Stärke! Er hat keine Rangstufe. Keinen Titel. Keine
Orden. Keine Vorgesetzten. Ist Niemandem verantwortlich. Niemandem
Rechenschaft schuldig.“

„Was erstrebt er dann?“

„Wer kann es wissen? Vorläufig steht er im Dunkel. Hält sich bereit. Er
kann ja warten. Ist unabhängig... Sehr reich...“

„Sind seine Güter so groß?“

„Wie denn? Klein und verwahrlost. Aber seine Frau ist eine Belgierin.
Die Tochter des Hauses Lambert in Brüssel. Es ist da ein großes
Eisenwerk, das ihrem Vater gehört. Und dessen Schwiegervater wieder ist
der General de Rigolet in Paris. Uralt und lange außer Dienst. Aber
sein Name gilt noch viel in der französischen Armee!“

„Ich las erst neulich sein ‚~Manuel sur la tactique de
l’artillerie~‘ wieder,“ sagte der General Schiraj. Sie fuhren durch
die breite Twerskaja dahin. Kurze Zeit hindurch klang das Räderrasseln
gedämpft. Stroh lag auf dem Pflaster. Hier, in seinem zehn Stockwerke
hohen amerikanischen Geschäftspalast lag der ehemalige Bauer und
fünfzigfache Millionär Krupensky auf den Tod. Gleich darauf hielt die
Droschke vor dem Petrowski Dwor, dem altrussischen Gasthof zum Peter
dem Großen, in dem nichts an den Europäischen Westen erinnerte, in
dem man kein Wort außer Slawisch verstand und schlitzäugige Tataren
in weißen Kitteln bedienten. Hier war man unter sich. Nur russische
Militärs, Beamte, Edelleute vom Lande, russische Damen in grellen
Kleidern und Parfumwolken, russische Offiziersburschen und Diener in
kaukasischer Tracht im Flur. Außerdem aber waren da heute noch auf der
Treppe Menschen aller Stände und Schichten Moskaus. Langbärtige Bauern
in umgedrehten Schafpelzen, Handwerker im Gürtelrock, ein Gymnasiast
in Uniform mit seinen Eltern, ein wirrmähniger Pope mit seiner kranken
Frau, zwei blasse junge Cursistinnen, ein hustender Viertelsmeister in
schmutzigem Dienstmantel. Leidende Gesichter, emporgerichtete Augen,
die eine Tür im ersten Stockwerk suchten, vor der ein Kommissionär
des Gasthofs Wache hielt. Unten wandte sich Morskoi brüsk an einen
Geschäftsführer:

„Habt Ihr hier ein Nachtasyl eingerichtet -- he? Was will das Volk?“

„Zu dem deutschen Arzt, Euer Hochwohlgeboren! Gospodin Krupensky hat
unsere Paradezimmer für ihn gemietet, um ihn immer in der Nähe zu
haben. Seit in den Zeitungen stand, daß der deutsche Arzt da ist,
kommen die Kranken den ganzen Tag. Schon in aller Frühe um zehn Uhr
halten die ersten Equipagen vor dem Peterhof!“

„Equipagen -- gut! Aber jage dieses Volk weg!“

„Wie darf ich denn, Euer Hochwohlgeboren? Der Deutsche will es so!
Jeden Mittag hält er eine Sprechstunde für Arme!“

„Ein Narr! Kuriert Muschiks und Popen umsonst! Als ob es nicht genug
davon gäbe!“ sagte der General lachend und trat mit seinem Begleiter
in die schwere byzantinische Pracht des Speisesaals. Ein huschender
weißgekleideter Tatarenschwarm bediente da in einer Ecke Nicolai
Schjelting und einen anderen Herrn. Die Beiden waren in ein tiefernstes
Geraune verloren. Das glühend-heiße Weizenbrot erkaltete vor ihnen
unbeachtet neben der wasserhellen Wodkaflasche und dem eisgekühlten
Kaviarwännchen.

„Professor Korsakoff!“ sagte der Hofmeister. „Unser großer Panslawist!“

Der Moskauer Hochschullehrer trug heute auch die schwarze am Kragen
gestickte Uniform seiner Rangklasse. Er hatte ein slawisch-längliches
Gesicht mit dünnem Kinnbart. Zwei fanatische blaue Augen flammten
hinter der Goldbrille des schmächtigen Mannes. Seine Fingerspitzen
waren gelb vom Zigarettenrauchen, die Nägel schwarz. Man sah es, als er
nach russischem Brauch mit seiner eigenen Gabel in die Vorschmackbissen
auf den Frühstücksplatten fuhr.

„Korsakoff kommt eben von seiner Rundreise durch Serbien!“ erklärte
Nicolai Schjelting nach der Begrüßung. „Alles steht dort gut!“

„Ihr sagt das immer! Aber nichts geschieht!“

„Es wird geschehen!“

„Was?“

Korsakoff, der Fanatiker, antwortete nicht. Auch Schjeltings Mienen
waren undurchdringlich. Seltsame Dinge scheinen die Beiden zu wissen!
dachte sich der General und forschte weiter.

„Und wann?“

Jetzt hob der Professor den gelbsträhnigen Kopf.

„Was hilft das Reden! Gott liebt die Tat! Ehe das Korn von den Feldern
ist, heben wir die Welt aus den Angeln!“

Ein Schweigen. Am Nebentisch nahmen Gäste Platz. Ein Herr und eine
Dame. Nicolai Schjelting gähnte nervös.

„Vergeben Sie! Mein altes Übel -- die Schlaflosigkeit ... die wache
Nacht rächt sich! Kein Mittel hilft.“

„Nun, und jetzt eben ist doch hier über uns der deutsche Arzt...“

Plötzlich richtete sich Nicolai von Schjelting auf. Der Anfall von
Müdigkeit war vorbei.

„Der Deutsche!... Das eben ist’s: wo ist der Deutsche bei uns nicht?
Da: belieben Sie zu hören: der Alte am Tisch neben uns spricht Deutsch!
Wie kommt er hierher in diese Gostinitza?... Wir dulden es! Wir dulden
Alles! Unser Rubelkurs wird in Berlin gemacht. Unsere Hauptstadt trägt
einen deutschen Namen...“

„Selbst unser Herrscherhaus kam aus Deutschland!“ sagte herantretend
ein alter Herr mit hoher rechter Schulter, der mit seinem weißen
Henriquatre wie ein stutzerhafter kleiner Marquis aussah. Schjelting
reichte ihm im Sitzen flüchtig die Hand und sprach in einem weichen,
reinen Französisch:

„Sie wissen, Knjäs: man nimmt Sie nicht ernst!“

Der Fürst Bulagin setzte sich und zwinkerte mit der trockenen Skepsis
eines alten Parisers. Auch sein Französisch war wundervoll, so wie
man es sonst nur noch am Louvre von den Schauspielern der ~Comédie
Française~ hört.

„Eben ist der Colonel abgereist. Mit dem ersten Zug!“

Der ‚Colonel‘ hieß in diesem vertrauten Kreis der Zar, weil er es bei
seiner Thronbesteigung bis zum Obersten gebracht hatte. Die Stunde
seiner Abfahrt war stets geheim. Ebenso, in welchem der drei einander
folgenden Hofzüge er wirklich saß. Nun rollte er durch die Steppen
nach Süden. Ganze Armeekorps säumten hunderte von Kilometern weit
reihenweise die Geleise, zeigten ihrem Kriegsherrn den Rücken, wachten
schußbereit, daß kein Untertan sich nahte. Der Fürst Bulagin hatte noch
eine zweite Neuigkeit.

„Krupensky ist außer Lebensgefahr. Er hat vorhin schon dem
Stadthauptmann eine halbe Million Rubel für das Findelhaus geschickt,
um seine breite, russische Natur zu zeigen! Der Deutsche, der alte
Teufelskerl, hat ihn wahrhaftig gerettet!“

Bei dem Wort ‚Krupensky‘ hob der stille Herr am Nebentisch den
schlichten, graubärtigen Kopf und lächelte. Vor ihm und seiner Tochter
standen erwartungsvoll drei Tataren -- Großvater, Vater und Enkel. Aber
die Speisekarte war nur russisch. Für die Deutschen unverständlich.

„Was macht man nur, Inge?“

„Wie gestern! Ich tipp’ auf irgend was! Wir lassen uns überraschen!“

Der Tatar begriff die Zeichensprache des jungen Mädchens, murmelte:
„Ich höre!“ und verschwand. Nebenan kehrten die Russen, der Sicherheit
halber, zu ihrer Muttersprache zurück. Der Champagner begann ihre
Gesichter zu röten. Korsakoff entzündete sich nervös Papyrossen
zwischen den einzelnen Gängen und warf sie halb ausgeraucht hinter sich
auf den Boden. Nicolai Schjelting sprach rasch, in einer lebhaften und
einschmeichelnden Art, gewohnt, daß man ihm zuhörte.

„Zum Beispiel Morskoi führt den Titel ‚Gofmester!‘ Warum Hofmeister?
Ist die russische Sprache zu arm für einen Diener des Zaren? Müssen
wir immer die Lehrlinge dieses kleinen Deutschlands sein -- wir, die
Herren zweier Weltteile, die Überwinder Napoleons, die Erben von
Byzanz? Wie, Bulagin? Wir seien eher die Schuldknechte Frankreichs? Das
ist wieder das falsche Denken des Westens. Im Gegenteil: Borgen macht
stark! Wer ist stärker: wer Etwas hat oder wer Etwas will? Wir haben
das französische Geld. Also müssen die Franzosen tun, was wir wollen!“

Die Russen um ihn lachten und tranken. Schjelting fuhr fort und sah
dabei unwillkürlich das junge Mädchen am Nebentisch an.

„Es handelt sich um die Absetzung Europas. Europa ist ein überkommener
Irrtum. Europa ist geographisch nichts als eine Halbinsel Asiens. Asien
sind wir. Nach Europa kommen wir von dort des Abends müde heim, wie ein
Mann nach seiner Tagesarbeit. Da wollen wir unsere Ruhe. Aber giebt es
Ruhe mit Deutschland?...“

„Nein! Da Deutschland seit 1870 ständig nach allen Seiten Krieg
führt..,“ sagte der Knjäs Bulagin trocken. Schjelting überhörte es.

„Europa, in dem dies kleine Deutschland sich bläht, ist nur ein
Zwischenfall. Asien ist die Wiege der Welt. Alle großen Religionen
sind in ihm und an seinen Grenzen entstanden, alle Völkerstürme kamen
von dort. Wir halten die Schlüssel Asiens. Uns ist es beschieden, den
Westen auf sein winziges Maß zurecht zu rücken.“

„Der Westen ist faul!“ sagte der General Schiraj.

„Er ist faul! Aber stört uns ein bischen Hautgout? Polen stank auch
schon, als wir es tranchierten.“

„Haben wir es verdaut? Und die Finnen? Die Deutschen? Die Hebräer? Die
Letten? Die Esthen? Die Tataren? Die Kaukasier? Sie liegen uns wie
Steine im Magen.“

„Sie lieben den Widerspruch, Fürst Bulagin! Man kennt Sie! Da sehen Sie
eben einen russischen Kaukasier!“

Nach wahrhaft russischem Brauch wurde das Schaschlik vom Koch
selbst in Tscherkessentracht mit umgehängtem Säbel und aufgenähten
Patronentaschen dem Gast in den Saal gebracht. Die beiden Deutschen
musterten erstaunt den kriegerischen Kerl, der ihnen die Stäbe mit
aufgespießten gerösteten Hammelstückchen vorlegte. Das junge Mädchen
lachte vergnügt.

„Ein tolles Land!“ sagte sie.

Nicolai Schjelting hatte sich wieder nach ihr umgewandt. Sie hatte
freie und offene Züge und klare Augen. Schon an der reinen, frischen
Hautfarbe erkannte man die Ausländerin. Die Russinnen hatten die
Puderquaste immer zur Hand. Auch der verächtliche und lässige
Gesichtsausdruck slawischer Schönheiten fehlte ihrer lachenden
Unbefangenheit. Sie trug einen schwarz und weißgestreiften Reiserock
und eine ebensolche Jacke. Auch noch die preußischen Farben, dachte
Schjelting. Sie beachtete ihn nicht. Das ärgerte ihn. Er wußte nicht,
warum...

„Inge ... ob der Mann ein Trinkgeld nimmt?“

„Na, Vater ... ich möcht’ mal den Menschen in Rußland sehen, der keins
nimmt!“

Der bewaffnete Koch verbeugte sich tief und verschwand mit seinem
Rubel. Schjelting sah immer noch gereizt hinüber und sagte sich:
Eigentlich hat sie recht! Wir nehmen ja Alle! Der Geschäftsführer war
an den Nebentisch getreten und begrüßte den alten Herrn. Dabei klang
das russische Wort ‚Exzellenz‘ wiederholt von seinen Lippen. Morskoi
winkte ihn heran und frug halblaut:

„Wieso Exzellenz?“

„Der deutsche Arzt ist Exzellenz, Euer Hochwohlgeboren. Ich schickte
selbst seinen Paß zur Polizei.“

„Wie heißt er?“

„Geheimrat Tillesen!“

„Sie sehen schlecht aus, Schjelting!“ sagte der spöttische Fürst
Bulagin. „Wenn die hohen Damen Sie nach dem Weltkrieg zum Minister
machen, brauchen Sie Ihre Nerven! Lassen Sie sich rasch noch von dem
Deutschen da nebenan kurieren, ehe Sie ihn und alle anderen Deutschen
umbringen!“

„Ja, wahrlich, unsere Ärzte taugen nichts!“ versetzte der General in
seinem tiefen Baß.

„Und da ist wieder unser Kleinmut!“ Ein plötzliches hochfahrendes
Lächeln legte sich wie eine asiatische Tünche über Nicolai Schjeltings
unruhige Züge. „Wieder der Deutsche in Ihnen, Pawel Antonowitsch!
Die Deutschen verhexen die Welt. Sie erfüllen unsere Köpfe mit einem
Nebel, und sie selber üben inzwischen Parademarsch. Gott will da
endlich Klarheit. Wer groß ist, soll Großes tun. Wer klein ist, sich
bescheiden. Was ist größer als unser heiliges Rußland? Was war je
größer, seit es Menschen giebt, als dies Reich von der chinesischen
Mauer bis nahe an Berlin? Fünf Meere umspülen unsere Küsten.
Walfische blasen an der einen, Orangenbäume blühen an der andern.
Einhundertundsiebzig Millionen Menschen gehorchen dem Weißen Zaren.
Rußland und Unermeßlichkeit ist Eins. Der Muschik ist der Erderoberer.
‚Mir‘ heißt Dorfgemeinde und Welt.“

Außen, an einem der ebenerdigen Fenster des asiatischen Luxushotels
bewegten sich zwei bloße Armstumpfe. Dazwischen ein nasenloses Gesicht.
Das Wimmern der Bettler drang durch die Glasscheiben. Der Gelehrte aus
Wiesbaden sah prüfend auf dies Häuflein Aussatz und Ekel da draußen,
mit der Ruhe des deutschen Forschers, für den der Kolibri nicht
schön ist und die Kröte nicht häßlich, die Mücke nicht klein und die
Milchstraße nicht groß, sondern alle Dinge nur ein Weg zur Erkenntnis.
Auch das junge Mädchen zeigte keinen Widerwillen. Sie schien an derlei
gewöhnt, eine Gehilfin ihres Vaters. Sie sagte nur halb mitleidig:
„Gott ... ja: Rußland...“ Ihre Teilnahme machte Schjelting wütend.

„Schaffe dies Gesindel fort!“ herrschte er den nächsten Tataren an.
Dann zu den Anderen: „Belieben Sie einmal einen Blick auf die Landkarte
zu werfen: Wie groß ist denn dieses Preußen? Ein halb Dutzend von
unsern Gouvernements! Ein paar Ellen Küste, die ihm die Engländer
sperren. Nicht genug Brot ohne uns. Frankreich, dies furchtbare
Frankreich vor dem Tor. Ein solches Dreigespann von Großmächten...“ Er
verfiel plötzlich, mit einer blasierten Handbewegung in Französisch:
„~Quinze jours, mon prince! Je vous assure: pas plus!~“

„Und die Kultur, die da zu Grunde geht?“

„Kultur? Das ist wieder eine Suggestion des Westens! Werden Sie
von Kant satt? Schlafen Sie besser nach Bismarcks Reden? Was heißt
Kultur? Kann man sie essen? Kann man sie trinken? Schützt sie gegen
Winterkälte? Gegen Alter und Tod? Glücklich ist, wer nicht lesen und
schreiben kann -- keine anderen Bedürfnisse kennt, als die er zu
stillen vermag! Unser Muschik!“

„Nun -- da ist er ja!“

Draußen auf der Straße fuhr ein Leiterwagen vorbei. Ein Dutzend Bauern
lagen kreuz und quer wie die Mehlsäcke darauf, mit offenem Mund,
verglasten Augen, einer mit dunklem Blut im Bart.

„Unglaublich, diese Masse Betrunkener hierzulande, Vater, nicht?“

„Ja, Inge!“

Schjelting sagte sich ärgerlich: Die Polizei brauchte die Kerle auch
nicht grade vor den Augen der Deutschen zu sammeln und auf die Wache
zu führen. Dann verloren sich seine Gedanken: Eigentlich ist dies
Mädchen drüben hübsch... Es fiel ihm auf, wie er jetzt von der Seite
ihr schönes Profil mit dem dunkelblonden Haar sah. Er kam zu sich und
wandte sich jäh zu den Andern:

„Mag auch bei uns manches faul sein! Gut! Umsomehr brauchen wir den
Krieg. Zur Ableitung. Die Bombe, die über die Weichsel fliegt, platzt
nicht in Petersburg!“

Korsakoffs Augen glühten wie zwei blaue Kohlen. Er hob den gelblichen
Zeigefinger:

„So ist es! Und mehr: denkt nicht nur an uns, sondern an unsere
slawischen Brüder. Der Balkan ruft mit tausend Stimmen. Er ruft uns bei
Tag und Nacht...“

„Zum Spaziergang zur Adria!“ sprach der General Schiraj und reckte
sich in den breiten Schultern. Der Kellner schob die vierte
Champagnerflasche in den Eiskühler. Die zweite Likörflasche auf dem
Nachtisch war schon halbgeleert, jeder mit Ausnahme Schjeltings hatte
schon seine zehn, zwölf Schnäpse im Leibe. Auf der Straße entstand
ein wirres Geschrei ... Hufschläge ... ein paar Kosacken jagten
vorbei. Sie schleiften einen barhäuptigen, jungen Menschen in grüner
Studentenuniform neben sich durch den Straßenschmutz, schlugen auf ihn
ein, die rechte Seite seines herabhängenden Kopfes war scharlachrot.
Auf der langen Blutspur hinter ihm liefen andere Hochschüler und
junge Frauen und schrien und drohten mit geballten Fäusten und
leidenschaftlich verzerrten Gesichtern den Kosacken.

„Übelgesinnte, Euer Hochwohlgeboren!“ meldete der Tatar, den Champagner
in die Kelche füllend. „Sie versuchten, das Volk beim Durchzug der
‚Unglücklichen‘ aufzuwiegeln!“

Die Russen rauchten ruhig. Derlei gehörte zu Moskau und Petersburg wie
Schnee und Wind. Nur Schjelting vernahm nebenan ein helles, diesmal von
wirklichem Grauen erfülltes:

„Furchtbar...“

Dabei stand sie mit dem Geheimrat Tillesen auf. Nun sah er, daß sie
groß und schlank gewachsen war, wohl einen halben Kopf länger als der
unscheinbare, stille Gelehrte neben ihr. Eben wollten sie zahlen --
da nahte es da draußen, was Nicolai Schjelting schon die ganze letzte
Zeit unruhig von ihren Augen weggewünscht hatte: die ‚Unglücklichen‘
kamen, auf dem Weg nach Sibirien. Ein langer, langer Zug. Kerkerbleiche
Gesichter. Kettengeklirr unter den Sträflingskleidern. Alt und Jung.
Neben den Männern auch Frauen. Stumpfe Soldaten in schmutzigen Mänteln
und Mützen, rechts und links. Viele der Begegnenden bekreuzigten und
verbeugten sich, wateten auf die Straße und steckten den Gefangenen
Almosen zu. Dumpf klang ihr: „~z’bogóm! z’bogóm!~ Mit Gott!“
Wie eine graue Luftspiegelung unter dem grauen Himmel zog der Zug
der Verbannten vorbei, verschwand auf seinem weiten Weg bis zu den
Bergwerken und Einöden Asiens.

„Schade, daß das die unerlösten Brüder auf dem Balkan nicht auch
sehen!“ sagte der unverbesserliche Bulagin.

„Genug, Fürst! Sie sind kein echter Russe!“

„Nun -- ich bin aus Ruriks Stamm!“

„Dann vorwärts, Knjäs!“ Korsakoff stand auf und stürzte ein Glas Sekt
hinunter. „Rußland vom Stillen Ozean bis zur Adria!“

„Also wollt Ihr wirklich den Weltkrieg?“

Nicolai von Schjelting sah um sich. Die beiden Deutschen waren
verschwunden. Er sagte lächelnd:

„Vor hundert Jahren haben wir Moskau angezündet. Warum sollen wir nicht
auch einmal die Welt anzünden? Unser Mütterchen Moskau ist schöner
wieder auferstanden. Auch die Welt wird schöner auferstehen!“

„Und die Millionen von Menschenleben?“

„Einmal würden sie doch sterben!“

„Und die Milliarden von Geld?“

„Gehören sie uns? Wir haben ja nur Schulden!“

„Die Zerstörung von Hab und Gut!“

„... beim Feind, Fürst Bulagin!“

„Denken Sie an das Testament der Alten Katharina!“ schrie Korsakoff.
Auch der General sprang empor.

„Noch steht das Kreuz nicht auf der Hagia Sophia!“

„Aber der Weg nach Stambul führt über Wien!“ rief Morskoi.

„Nein. Über Berlin!“

Schjelting sagte es. Er war allein ruhig sitzen geblieben und reichte
so den Anderen die Hand zum Abschied. Der General Schiraj dachte
sich dabei: Nun, mein Lieber, dumm bist Du freilich nicht! Aber Dich
reitet der Ehrgeiz und Dein Pferdchen wiederum heißt Rußland! Und der
Hofmeister meinte, halb im Scherz, halb im Ernst: „Vergessen Sie uns,
Ihre Freunde, nicht, wenn Sie nach dem Sieg Minister sind!“

„Leben Sie wohl!“

„Grüßen Sie Paris!“

Allein geblieben, saß Nicolai Schjelting noch eine Weile da und
rauchte. Dabei fuhr er ein paarmal mit der Hand über die geschlossenen
Augen. Es war eine unwillkürliche Gebärde der Ermüdung. Nun kam der
Rückschlag nach der schlechten Nacht. Er dachte sich: Heute und morgen
und übermorgen wirst Du auf der Eisenbahn wieder nicht schlafen, bist
bei der Ankunft in Paris bei wichtigen Geschäften und Geheimnissen
matt und abgespannt. Bei den Boulevards fiel ihm Bulagin ein. Der
alte Bajazzo hatte recht: auf dem Weg über Leichen brauchte man seine
Nerven... Er schrieb zerstreut eine Depesche an seine Frau: ~A Mme
Ghislaine de Schjelting, née Lambert à Bruxelles, Boulevard du Régent
311~, meldete, daß er sich noch ein paar Tage an der Seine aufhalten
und dort auch ihren Großvater, den alten General de Rigolet, treffen
würde, ehe er nach Belgien käme, und unterschrieb mit dem gewohnten
kühlen und flüchtigen: ‚~Toujours à vous. Nicolai.~‘

Es war der Ton zwischen ihnen. Dann gähnte er und stand auf. Die Stühle
am Nebentisch waren leer. Da hatte dieser alte Deutsche gesessen. Eine
Exzellenz. Also sicher einer der ersten Ärzte seines Landes. Und für so
etwas waren diese Deutschen doch schließlich gut...

Die Treppe war jetzt frei von den Patienten, die vor ein paar Stunden
da wie die Bittsteller Reihen gebildet hatten. Jetzt traf man den
Alten allein. Das war wie ein Wink des Schicksals. Vielleicht wollte
er später, nach dem Krieg, keine Russen mehr behandeln. Man mußte die
Zeit nutzen. Nahm sich ein Rezept mit. Möglicherweise half es doch.
Schjelting klopfte kurz entschlossen und öffnete fast zugleich. Im
Vorzimmer saß nicht, wie er erwartet, ein Diener, sondern das junge
Mädchen von vorhin. Sie legte den Federhalter neben den angefangenen
Brief und hob die Hand.

„Pst!“

„Was denn?“

„Leise! Mein Vater schläft nebenan!“

Schjelting blieb ärgerlich stehen. Sie musterte ihn mit einer halb
fragenden Wendung des Halses.

„Was wünschen Sie, bitte?“

„Ich möchte den Doktor konsultieren!“

„Sie meinen Seine Exzellenz, Herrn Geheimrat Tillesen?“

„Nun ja -- die Exzellenz! Ich werde in einer Stunde wiederkommen!“

„Es tut mir leid! Heute ist es zu spät!“

„Wie denn: zu spät? Ein Arzt ist für die Kranken da!“

„In der Sprechstunde. Die ist von zehn bis zwölf.“

Überall im Zimmer standen Geschenke reicher russischer Patienten. Bunte
Tula-Arbeiten, silberne Becher, kaukasischer Zierrat.

„Und Schlag Eins mache ich auch mit der Poliklinik Schluß. Mein Vater
wird nächstens Sechzig. Er braucht seine Ruhe!“

Nicolai Schjelting liebte keinen Widerstand. Im Gegenteil: ‚dann
grade‘! Er sagte in seinem reinen, tadellosen Deutsch, in dem nur die
harte Aussprache den Russen verriet:

„Nun -- man wird mit mir eine Ausnahme machen!“

„Warum gerade mit Ihnen?“

„Weil ich in ein paar Stunden ins Ausland reise!“

„Dann müssen Sie das eben auf morgen verschieben!“

„Wie kann ich das? Äußerst wichtige Dinge rufen mich!“

Er dachte sich: ‚Dinge gegen Euch Deutsche! Dabei stehe ich hier vor
dieser Deutschen und bitte. Was ist das mit mir?‘

„So kommen Sie nach Wiesbaden! Dort steht mein Vater jedem Patienten
zur Verfügung.“

„So lange zu warten ist nicht meine Sache!“

„Dann vermag ich Ihnen zu meinem Bedauern nicht zu helfen.“

„Mit mir steht es aber schlimm! Belieben Sie zu begreifen: ich kann
nicht schlafen! Also bitte, melden Sie mich!“

„Mir ist es im Augenblick wichtiger, daß mein Vater schläft, als daß
Sie schlafen. Das können Sie mir als Tochter wirklich nicht übel
nehmen!“

Durch ihre Worte klang immer dieselbe freundliche Entschiedenheit, die
ihn so ärgerte. Er entnahm seiner Brieftasche fünf Regenbogenscheine
und legte sie auf den Tisch.

„Hier sind fünfhundert Rubel! Ist das genug?“

Nun stand das junge Mädchen auf. Er sah wieder, wie groß und schlank
sie war. Beinah so groß wie er. Eine feine Röte des Unmuts überflog
eine Sekunde ihre hübschen Züge. Aber sie blieb ganz gelassen:

„Also nicht wahr: Sie stecken das da wieder ein? Das hat doch gar
keinen Zweck! Das müssen Sie sich doch selber sagen!“

„Also tausend Rubel!“

„Herr Krupensky hat hunderttausend Mark auf der Bank hinterlegt, damit
mein Vater überhaupt nur hierherkam. Was denken Sie denn von uns?“

Nicolai Schjelting schwieg und schob die Scheine in die Hosentasche.
Nun kamen ihm, dem Mann von westlicher Bildung, doch wieder die Maße
zu Bewußtsein, in denen ein deutscher Fürst der Wissenschaft lebte.
Aber er war wütend auf das junge Mädchen, das zwischen ihm und der
Nebentür stand. Er ging, in der plötzlichen herrischen Aufwallung eines
vornehmen Russen einfach auf diese Türe zu, um sie zu öffnen. Aber
sofort trat sie davor und ihr ‚Bitte!‘ klang trotz aller Höflichkeit so
ernst und bestimmt, daß er wieder stehen blieb und die Achseln zuckte.
Eigentlich war es für ihn, Nicolai von Schjelting, unter seiner Würde,
hier zu streiten. Aber er konnte sich doch nicht enthalten zu sagen:

„Gut! Man hätte es wissen können! Wer mit Deutschen zu tun hat, stößt
überall auf dieselbe Kleinlichkeit. Überall auf der Welt machen sich
die Deutschen verhaßt. Sie werden’s noch einmal büßen!“

Er frug sich selber dabei: ‚Was sind das für Geschichten? Was schlage
ich mich hier mit einer beliebigen Deutschen herum? Ein Mann, wie ich?‘
Es machte auf sie auch gar keinen Eindruck. Sie lachte nur hell und sah
dabei reizend aus in ihrer blonden Jugend.

„So? Nun, wir fürchten uns nicht! Adieu!“

Als er mit der hochmütigen Andeutung einer Verbeugung das Zimmer
verlassen hatte, setzte sich Inge Tillesen wieder an den Tisch und
schrieb weiter:

„...Ich wurde eben unterbrochen. Ein Stück Halbasien kam herein. Die
Unkultur auf zwei Beinen, das heißt äußerlich natürlich höchst elegant
und also um so unverschämter. Ich mache eben das Fenster auf. Er hat
so einen merkwürdigen Geruch von Zigaretten, Kölnisch Wasser und ganz
feinem Juchten hinterlassen.

So! Also, lieber Freund, hier merkt man nicht das Geringste von
Truppenbewegungen. Überall Ruhe. Tiefster Friede. Aber sonst ein Land,
von dem man noch nach Jahren im Traum Alpdrücken kriegen kann. Es
bestärkt Einen zum Glück in seiner Anschauung. Es ist die Verläugnung
jeder Freiheit. Und Sie wissen, wie sehr ich für die Freiheit jedes
Menschen bin! Der Mensch ist, nach meiner Meinung, in erster Linie für
sich selber auf der Welt!

Das ist ja der alte, ewige Streit zwischen uns, seit ich aus Amerika
zurück bin. Ich hab’ so gar keine Hoffnung mehr, daß wir da je
zusammenkommen können! Sie schreiben: Im Wort ‚Pflicht‘ steckt das
Wort ‚Ich‘ darin. Ich schreibe wieder: Für mich fangen Freiheit und
Frau mit denselben Buchstaben an. Natürlich giebt es Pflichten. Aber
selbstgewählte. Keine überkommenen. Keinen Zwang. Da draußen reiten
eben wieder die Kosacken.

Über solchen Unterschied in der Weltanschauung kann man sich die Finger
wund schreiben und bleibt doch auf demselben Standpunkt: Sie auf Ihrem:
‚Ich dien‘! und ich auf meinem: ‚Ich bin ich!‘ Wir müssen uns jetzt
einmal endgiltig aussprechen, wenn Sie nach Ostern auf Urlaub zu Ihren
Eltern nach Wiesbaden kommen. Ich bestehe darauf. Es geht so nicht
weiter. Mit uns Beiden nicht. Für heut Schluß. Ich habe keine Zeit
mehr. Sie sehen, ich lade mir freiwillig Verantwortung genug auf. Ich
muß jetzt meinen Vater mobil machen, daß er nach seinem russischen
Krösus sieht. Wir haben ihn glücklich durchgebracht! Also bald auf
Wiedersehen in Wiesbaden.

    Ihre

    Inge Tillesen.“

Sie schrieb die Adresse: ‚Herrn Hauptmann Paul Isebrink, Berlin,
Alt-Moabit 330‘ und hielt das Schreiben in der Hand, während sie ihren
Vater zu dem nahen, über Hütten und Holzpalästen sich auftürmenden
Wolkenkratzer des Kaufmanns Erster Gilde Krupensky begleitete. Die
breite Twerskaja war noch zu Ehren der Anwesenheit des Zaren in der
von der Polizei vorgeschriebenen Zahl und Art der Fahnen beflaggt,
ebenso wie die Iljinka und Morossejka, die Warwarka und die anderen
Verkehrsadern, die Nicolaus II. auf dem Weg zum Nowgoroder Bahnhof
möglicherweise wählen konnte. Dazwischen waren große, ganz schmucklose
Straßenzüge. Der Befehl an die Dworniks zum Aushängen der Landesfarben
war wie immer strichweise gleich einem Hagelschlag gegangen. Wieder
läuteten nah und fern die Glocken der unzähligen Kirchen und Klöster
einen der unzähligen Feiertage ein. Beter knieten an den Straßenecken,
das bärtige Gesicht nach irgend einem unsichtbaren Heiligtum
gewendet, eine krankhafte byzantinische Frömmigkeit fieberte in der
sturmerfüllten kalten Frühlingsluft. Der Geheimrat Tillesen sah
gedankenvoll auf diese Kosacken und Popen, Tschinowniks und Muschiks.

„Wann waren wir eigentlich zuletzt unterwegs, Inge?“

„Vorigen Herbst, Vater. In Madrid!“

„War das nicht schon im Sommer?“

„Da waren wir doch in Stockholm!... Halt ... halt ... da ist doch schon
das Haus! Nun wärst Du doch richtig wieder in Deinen Gedanken ruhig
weitermarschiert ohne mich!“

Der Gelehrte blieb auf dem strohbelegten Bürgersteig stehen.
Ringsum war alles fremdartig, die Gesichter, die unverständlichen
Ladenaufschriften, die unlesbaren Straßennamen an den Ecken.

„Schließlich werd’ ich doch einmal ohne Dich gehen müssen, Inge!“

„Wieso?“

„Deine beiden Schwestern sind längst schon verheiratet. Nun bist Du
daran!“

„Oh, ich hab’ Zeit!“

„Du wirst doch fünfundzwanzig!“

„Sogar sechsundzwanzig! Das Alter Deiner Töchter merkst Du Dir nie!“

„Nun eben!“

Sie lachte. „Warum schaust Du mich denn so kummervoll an?“

„Das kommt davon, wenn man Witwer ist, Inge! Ich hätte Dich nicht so
lange nach Amerika lassen sollen. Die zwei Jahre in Boston waren für
Dich viel zu viel!“

„Ich finde, sie haben mir sehr gut getan!“

„Du bist innerlich viel zu unabhängig geworden!... Amerika ist nicht
Deutschland... Nun ... ich muß jetzt da hinauf...“

„Ich bringe unterdessen Deine Bestecke in Ordnung und schreib’ für Dich
Briefe. Auf Wiedersehen!“

„Barinja! Barinja!“ schrieen aufmunternd am Straßenrand die struppigen,
dick wattierten Droschkenkutscher. Sie begriffen nicht, daß eine
vornehme Dame zu Fuß ging, straff und flott, mit hochgehobenem blondem
Kopf, viel rascher als die schwerfällig stapfenden Russinnen.

„Herrin! Belieben Sie!“

Inge Tillesen lachte zu dem Gebrüll der Kerle und schritt elastisch
die kurze Strecke bis zu dem Hof Peters des Großen zurück. Im Vorraum
des Hotels lag ein kleiner Berg von Koffern, Kissen, Reisematratzen,
Decken. Nicolai von Schjelting stand dahinter, in Pelz und Mütze, die
Zigarette zwischen den Lippen, und jagte ungeduldig die silberbetreßten
Schweizer, die weißkitteligen Tataren und rothemdigen Hausknechte hin
und her. Erst schien es, als hielte er es für unnötig zu grüßen. Dann
tat er es plötzlich doch, mit einem zerstreuten Lächeln, und ärgerte
sich über ihre kühle Kopfneigung und dachte sich, während sie die
Treppe hinaufstieg: Nun -- was geht sie mich an?

Draußen hielt schon der Lichátsch, der Luxuskutscher. Im zweiten
Gefährt folgte der Kammerdiener mit dem Gepäck. Mit sausenden Rädern
ging es durch spritzenden Eisschlamm hinaus zum Smolensker Bahnhof.
Das eigene breite Abteil war schon bereitet, der Samowar brodelte
in der Gang-Nische, der Wagenwärter verbeugte sich tief. Der Zug
rollte hinaus in die bleichen Schneefelder, die weiß überfrorenen
Sümpfe, die silberstämmigen, niederen, endlosen Birkenwälder. Da
war das Schlachtfeld von Borodino. Man war damals mit dem ganzen
Westen fertig geworden -- wie jetzt nicht mit dem einen Nachbar?
Nicolai Schjelting liebte, als ein Mann von umfassender Bildung, die
geschichtlichen Belege seiner Weltanschauung, verdankte ihrer lebhaft
vorgetragenen Beweiskraft einen Teil des Einflusses, den er auf Andere,
und namentlich auf die politisierenden Petersburger Damen ausübte.
Er saß und rauchte, um die nervöse Ungeduld der langsamen Fahrt zu
beschwichtigen. Es dämmerte über den weiten Steppen. Der Oberkonduktor
klopfte ehrerbietig und überwachte persönlich das Anzünden der
Stearinkerzen. Nun war es draußen dunkle Nacht. Aber von Schlaf keine
Rede. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er dachte sich
grimmig: ‚Die Pest über diesen alten Deutschen! Einem Krupensky hilft
er, einem halben Vieh vom Ural, das noch den Zucker abbeißt und den Tee
aus der Untertasse schlürft. Mir nicht! Die Tochter verhindert es. Sie
hat ihm überhaupt nicht gesagt, daß ich da war!‘

In der langen Weile der schlaflosen Nacht sann er darüber nach, was
ihre Augen eigentlich für eine Farbe hatten. Komisch: sonst sah
er sie leibhaftig vor sich. Aber das wußte er nicht. Er warf die
Zigarette weg und frug sich: Was Teufel hast Du daran zu denken? Das
eintönige Rollen der Räder lullte doch ein. Aber bald fuhr er wieder
aus unruhigem Halbschlummer auf. Man hielt mitten in der Nacht auf
irgend einer Station. Es war ein Laufen auf den hohen Holzplanken
des Bahnsteigs. Auf dem Nebengeleise hielt ein endloser Zug, der
hier den Schnellzug nach Warschau an sich vorbeiließ. In hundert
matterleuchteten Wagen drängten sich Tausende von schlafenden Soldaten
in feldbraunen Mänteln. Stumpfe, breitknochige Gesichter. Typen des
fernen Ostens. Nicolai Schjelting lächelte befriedigt, während er im
Weiterrollen den Militärzug hinter sich ließ. Der fuhr nur des Nachts.
Die Bahngebäude lagen überall eine Stunde von den Städten entfernt.
Die Deutschen brauchten nicht Alles zu wissen, was im Heiligen Rußland
vorging. Hier und überall, wo das Eis brach und der Schnee schmolz,
rüsteten sich die Regimenter des Zaren zu den großen ‚Manövern‘ im
Westen. Bald war man aus den weitesten Weiten unterwegs, von den
Grenzen des Hindukusch und den Steppen der Mongolei, vom Fuß des Elbrus
und dem Nördlichen Eismeer, eine Völkerwanderung in Waffen, wie sie die
Welt noch nicht gesehen.

Über Nicolai Schjelting kam wieder der asiatische Rausch. Unruhig
drehte er sich eine neue Zigarette. Seine Augen flackerten. Er unter
Wenigen kannte die unwahrscheinliche Zahl von Millionen, die man
aufbot. Wer konnte dem Sturm widerstehen? Der Sturm blies dies morsche
Europa in Fetzen, trug die, die ihn entfesselt hatten, auf seinen
Schwingen empor zu den Sternen.

Ein neuer Tag. Wieder der Abend. Unendlich war dies Rußland. Die zweite
Nacht ohne Schlaf, dank diesem Deutschen und seiner Tochter Inge.
Ingeborg. Ein recht deutscher Name. Was sie blos für Augen hatte?...
Ein Auffahren: endlich Warschau. Im Mondschein der breite lehmfarbene
Schwall der Weichsel. Noch einige Stunden...

Helle, scharfe Rufe, wie auf dem Exerzierplatz, im Morgendämmern, ein
kurzes, sicheres Zugreifen der Gepäckträger, straff aufgerichtete
Beamte, ein Hauch von Befehlen und Gehorchen in der Luft: die deutsche
Grenze. Der Hauptbahnhof von Thorn. Noch jenseits der hochtürmigen
alten Stadt auf dem linken Stromufer.

Zwei Säbel klirrten draußen vorbei. Frische lachende preußische
Leutnantsstimmen:

„Na -- wo kommen denn Sie in aller Gottesfrühe her?“

„Nachtübungen auf dem Artillerieschießplatz. Und Sie?“

„Ronde! Vom Fort Ulrich von Jungingen!“

Ulrich von Jungingen, der Heermeister in der Schlacht bei Tannenberg.
Nicolai von Schjelting ging es durch den Kopf: Damals wurden die
Deutschen von den Polen bis zur Vernichtung geschlagen.

Er nahm in dem deutschen Abteil Platz und dachte sich im Weiterfahren:
Auch die Polen waren Slawen, wie wir. Vielleicht kommt auch für uns
einmal die Schlacht von Tannenberg...



II.


Man hätte glauben können, es sei der Zar, der an diesem heißen
Frühlingstag, zu Ende April, vom jungen Grün der Avenue Gabriel her,
umdonnert vom Jubelsturm eines schwarzen Menschenmeers über den
Concordienplatz seinen Einzug in Paris hielt. Aber es war nicht der
schattenhafte Selbstherrscher aller Reußen, sondern der zweite Herr der
Erde, sein gekrönter Vetter von Großbritannien, ihm zum Verwechseln
ähnlich, mit unbedeutenden Zügen über kurzem, blondem Vollbart, leerem
Lächeln, wie jener ein Fleisch gewordener Widerspruch zur Macht über
die halbe Menschheit.

~„Vive l’Angleterre!“~

Es rollte wie Donner über die weite Fläche. Von den Jahrtausenden
ihres Luxor-Obelisks sahen Ra und Thot, Anubis und Nephtat auf das
Schneeflockengewimmel wehender Tücher und weißer Menschengesichter.
Die Sonne funkelte im Silberspiel auf den Helmen und Kürassen der
Gepanzerten, die in langem Zug der vierspännigen Karosse des Kaisers
von Indien vorausritten. Er dankte verlegen freundlich rechts und links
den Huldigungen. Madame Poincaré saß neben ihm.

~„Vive Poincaré!“~

Im nächsten Wagen folgte der Präsident der Republik mit der Königin
von England. Sein kantiger Lothringer Kopf strahlte von befriedigter
Eitelkeit. Wie er sich da selbstgefällig in seiner Volkstümlichkeit
sonnte, verkörperte sich in ihm die Republik der Rechtsanwälte und
Kammerredner, das fünfzigjährige Reich der Phrase. Doppelreihen von
roten Käppis und Hosen und blauen Schwalbenschwänzen schieden seinen
Triumphzug von dem dahinter jubelnden Volk. ‚Die große Stumme‘, die
Armee, hielt Wacht.

„~Vive la Russie! Vive l’Angleterre!~“

Vergessen Krim und Beresina! Wo war jetzt Abukir und Trafalgar,
Waterloo und Faschoda! Aus allen Fenstern blähten sich nebeneinander
Union Jack und Tricolore, flatterten von den Dächern, grüßten mit
tausend Wimpeln über das Häusermeer an der Seine. Ein Fieberrausch von
Festfarben, Frühlingshitze, Zukunftshoffnung über Paris. Das aufgeregte
Summen und Wirren eines hitzigen, stechlustigen millionenfachen
Bienenschwarms. Drüben, auf der Vendôme-Säule, schaute hoch vom blauen
Himmel der kleine Erderoberer in Cäsarentracht hernieder auf sein
wimmelndes Reich.

Der Chef des Militärstaates des Präsidenten lenkte sein Roß auf
die Konkordienbrücke und führte den Zug hinüber nach dem rechten
Seine-Ufer. Auf dem Platz dahinter lösten sich die Spaliere. Die Menge
wogte um die glitzernden Springbrunnenstrahlen. Seitwärts, nahe der
englischen Botschaft, marschierte ein Regiment, von der Parade kommend,
vorbei. Ah -- diese braven 102ten von der Linie! Die Hüte hoben sich
vor der Fahne, die Frauen winkten gerührt und warfen ihr Kußhände
zu, der Taktstock zuckte über den Köpfen: in wildem schmetterndem
Jubel setzte es ein, riß die Herzen mit sich fort, der Traum der
Weltherrschaft rauschte aus dem Schreien der Hörner, dem Wirbeln der
Trommeln, dem Gellen der Trompeten, dem Donner des Paukenschlags:
„~Allons, enfants de la patrie!~“ Hunderte von Stimmen sangen es
mit:

    „Auf, Kinder Frankreichs, zu den Waffen!
    Der Tag des Ruhms ist wieder da!“

„Noch nicht da! Aber nah!“ sagte der General de Rigolet de Mezeyrac.
Er war ein starker Siebziger und schon lange nicht mehr im Dienst. Die
weiße Frühlingsweste wölbte sich, vom roten Bändchen der Ehrenlegion
im Knopfloch seines Schoßrocks überflimmert, über seinem kleinen,
gallisch-rundlichen Leib. Aber auch in seinen Augen glühte über dem
schneeweißen Henriquatre der Massenrausch der Marseillaise.

„Hoffentlich nahe, mein General!“

Er und der Oberstleutnant Grégoire standen an der Ecke des Platzes vor
einer Insel der Trauer inmitten des allgemeinen Festjubels. Kränze
mit schwarzen Schleifen türmten sich da vor einem Sockel, Herren in
Zylinder bückten sich stumm mit umflorten Blumen, Damen knüpften sich
mit theatralischer Pose das Veilchensträußchen von der Brust, führten
es an die Lippen und legten es schmerzlich nieder.

Auch der General de Rigolet de Mezeyrac schwenkte seinen Hut und
begrüßte mit einer großen Geste das Standbild der Stadt Straßburg,
dessen Elsässerhaube dunkel, beinahe unheimlich, die Franzosen unten
überschattete.

„Wo frühstücken Sie, mein General?“

„Im Cercle National! Ich erwarte dort den Mann meiner Enkelin, Nicolai
Schjelting!“

„Oh ... der Vielgenannte!“

„Er muß heute früh in Paris angekommen sein.“

„Mit den letzten Nachrichten unserer bewunderungswürdigen russischen
Freunde! Ich beglückwünsche Sie, mein General!“

„Leider mußte er einige Zeit unterwegs in Berlin Rast machen. Er fühlte
sich nicht wohl!“

„Wir werden ihn dies Berlin vergessen lassen! Er kommt grade noch zu
unseren Festen zurecht!“

„Er fährt, glaube ich, heute noch nach Brüssel zu seiner Frau und
ihren Eltern. Dieser gute Nicolai ist kein Mann der Feste und der
Öffentlichkeit. Er wirkt im Stillen!“

„... bis wir ihn eines Tages hier als Nachfolger Iswolskys begrüßen!“
sagte der Oberstleutnant Grégoire. Er war als Mitglied des mächtigen
zweiten Büros der administrativen Sektion des französischen
Generalstabs in manche Geheimnisse eingeweiht. Der General lächelte. Er
hörte es gern. Es war keine leere Schmeichelei. Es lag im Bereich der
Möglichkeit ... an jenem Tag, da keine Trauerkränze mehr zu den Füßen
der Stadt Straßburg lagen...

Sie gingen die Rue Royale hinauf, an den gepuderten Dirnen und
den übernächtigen Kellnerfratzen der Bar Maxim vorbei. An der
Madeleine-Kirche zog der General den Hut vor ein paar Priestern oben
auf den Stufen. Er war ein Mann der alten Schule und versäumte nie
seine Messe. Nicht nur die Altersgrenze, sondern auch die Freimaurer
in der Armee hatten ihm das Genick gebrochen. Er sprach das barsch
und offen aus, oft mitten in dem großen Offizierskasino der Armee und
Marine, in dem er jetzt nach dem Mann seiner Enkelin frug.

Nein! Monsieur de Schjelting war noch nicht dagewesen.

Das große Gebäude an der Ecke der Rue de la Paix war heute voll
Trubel und Leben. Viel mehr Uniformen unter dem Zivil als sonst.
Darunter auch fremdartige von England. Ein scharlachroter, baumlanger
Coldstream-Gardist mit einem Turm von einer Bärenmütze, neben dem
ein schwarzverschnürter, französischer Hauptmann winzig aussah, ein
milchbärtiger Lord von einem der schottischen Hochland-Regimenter mit
gewürfeltem Rock und nackten Knieen. Der alte Rigolet schmunzelte:

„Arme Burschen! Sie lieben sich und können es sich nicht sagen!“

Ein indischer Fürst in rotem Turban stand, von den Briten mitgebracht,
vor dem Araberscheich eines Spahi-Regiments mit dem Orden der
Ehrenlegion auf dem weißen Burnus. Der Afrikaner verstand nur
französisch, der Asiate nur englisch. Die beiden bräunlichen Männer
lächelten sich unsicher inmitten ihrer Zwingherren an. Ringsum ein
Stimmengeschwirr der Offiziere.

„Was war im Salon ausgestellt? Eine Büste Wilhelms II.?“

„Ah! Hört Ihr’s?“

„Erledigt! Die Direktion wich der Entrüstung und hat sie entfernt!“

„Bravo!“

„Befreit uns lieber von diesem Jaurès!“ sprach düster der
schwarzbärtige Kapitän Antonelli, ein Korse.

„Auch seine Zeit wird kommen!“

„Wie ist das eigentlich mit dem Pulver, Leblanc?“

„Es ist richtig! Wir haben große Bestellungen in Italien und Schweden
gemacht. Aber natürlich nur zum Vergleich mit unserm Nitroglycerin!“
sagte der Schiffsleutnant Leblanc lächelnd. Herr von Rigolet redete
daneben auf einen hageren straffen General vom ‚~commandement
supérieur de la défense~‘ ein, der das breite rote Band der
Ehrenlegion quer über der Uniform trug.

„Ah -- mein Alter -- mich wirst du nicht los! Frankreich -- das ist die
Freiheit! Ich folge Euch als Schlachtenbummler!“

„Wohin, mein General?“

„An die belgische Grenze! Übermorgen geht der ganze Generalstab
dorthin. Vierzehn Tage kriegsmäßige Übungen! Fünfundzwanzig Generale,
zweihundertfünfzig Offiziere! Eine blaue und rote Partei!“

Der englische Riese in Rot und der schottische Lord konnten gut
französisch. Bei der Erwähnung Belgiens zeigten sie verständnisvoll
ihre breiten, weißen Zähne. Man lächelte sich an. Gesprochen wurde
nichts. Man wußte ja Bescheid. War längst im Reinen. An einem der
Fenster drängte sich eine Gruppe Offiziere und schaute hinaus auf
Staub, Sonnenglut und Schmutz des fahnenumhangenen Opernplatzes,
zwischen dessen Automobilgewühl sich von beiden Seiten der Boulevards
her immer neue Menschenmassen ergossen. Der blonde Leutnant Schouman,
der wie ein deutscher Lehrer aussah, drehte sich plötzlich um und gab
dem Oberstleutnant Grégoire ein aufgeregtes Zeichen, heranzutreten.

„Da ist er!“

„Wer?“

Zugleich fuhr der Major Michelin auf, wie ein Jäger beim Anblick des
Wilds.

„Er geht quer über den Platz!“

„Kommt er hier herüber?“

„Ja!“

„Ah -- das ist dreist!“

„Wer denn nur?“ Grégoire schob ungestüm die gespannt lauernden jüngeren
Offiziere vom Zweiten Büro des Nachrichtendiensts beiseite. Er war
etwas kurzsichtig.

„Wer? Isebrink!“

„Isebrink! Erkennen Sie ihn nicht, mein Oberstleutnant?“

„Sapristi! Ja -- das ist Isebrink!“

Draußen auf der flaggenbunten Rue de la Paix wimmelten im Sonnenschein
die Pariser und ihre Gäste: Engländer, die zu vielen Tausenden
mit dem König über den Kanal herübergespritzt waren, Yankees in
Scharen. Nur durch seine straffe Haltung unterschied sich da einer
von den Hängeschultern der Angelsachsen. Er schlenderte langsam die
Diamantenstraße herab, mitten im Menschenstrom, und schaute harmlos
neugierig nach rechts und links.

„Zeigen Sie ihn mir doch, Schouman!“

„Herrgott --... da drüben! In dem grauen Frühlingsanzug!“

„Mit dem dunkelblonden Schnurrbart und dem sonnenverbrannten Gesicht?“

„... und dem Strohhut im Genick! Er hat doch wahrhaftig die Stirne und
sieht zu uns her und lächelt!“

„Er darf gar nicht nach Paris! Wilhelm hat es seinen Offizieren
verboten!“

„Das ist Spionage!“

„Leider nicht!“ sagte der Oberstleutnant Grégoire vom
Nachrichtendienst. „Es wurde uns von der Deutschen Botschaft amtlich
mitgeteilt, daß der Hauptmann Isebrink auf vierundzwanzig Stunden zum
Besuch eines Freundes Paris betreten würde!“

„Dann überwacht ihn wenigstens, parbleu!“

„Unbesorgt! Er hat schon sein Ehrengeleit, wo er geht und steht! Drei
Schatten mindestens. Der Camelot da neben ihm ist einer von unsern
Agenten, der Blusenmann hier auf unserer Straßenseite auch. Der alte
würdige Herr im Zylinder zehn Schritte hinter ihm kontrolliert den
Sicherheitsdienst!“

Paul Isebrink war draußen auf dem breiten Bürgersteig stehen geblieben,
wartete, bis der Greis herangekommen war, und lüftete vor ihm den Hut.
Eine Sekunde streifte dabei sein Blick die bunten Uniformen an den
Fenstern des ihm wohlbekannten Cercle National.

„Jetzt läßt er sich auch noch von unserem Spitzel Feuer geben!“

„Verfluchter Kerl! Er macht sich über uns lustig!“

„~Ah -- v’là un type!~“

„Ist er so gefährlich?“ frug der Schotte.

„Gefährlich? Mein Gott -- er ist im Großen Generalstab in Berlin!“

„Und bis vor ein paar Jahren war er Hauptmann in einer kleinen
Grenzgarnison in den Vogesen!“

„Ah -- wir kennen ihn wohl!“

„Wir verfolgen jeden seiner Schritte!“ sagte der Oberstleutnant vom
Zweiten Büro. „Er kam gestern aus Luxemburg. Er wohnt im Grandhotel
drüben. Er hat dort vorhin im Eisenbahnbüro eine Karte für den
Brüsseler Nachmittagsschnellzug genommen! Wir wissen Alles...“

Der lange rote Brite grinste.

„Im Königlichen Jachtgeschwader in Cowes haben wir auch manche
Sportcharaktere, die nirgends lieber als zwischen Emden und Brunsbüttel
kreuzen!“

Um ihn lachten die jungen Offiziere zu dem kleinen blonden Leutnant.

„Schouman macht auch nächstens wieder eine Geschäftsreise über den
Rhein!“

„Antonelli hat jetzt noch Schwielen an den Händen. Kein Spaß vier
Wochen lang als italienischer Erdarbeiter zu schippen!“

Der Korse schwieg. Es war die Wagelust des Wilderers, das Pirschen
an verbotener Grenze, bei den Offizieren, den Heeren in dem endlosen
Frieden.

„Nun -- da hat der General ihn ja gefunden!“ sagte der Oberstleutnant
Grégoire und blickte nach der Tür. Durch die kam Herr von Rigolet.
Er hielt einen schlanken, aristokratisch aussehenden Mann in den
Dreißigern mit unruhig belebten, schnurrbärtigen Zügen und klugen
grauen Augen freundschaftlich unter dem Arm gefaßt.

„Eh -- dieser Nicolai! Läßt den alten Großpapa warten! Macht nichts,
mein Bester! Man weiß, daß Du immer Wichtiges vorhast. Du warst, höre
ich, schon bei unsern hiesigen Großfürsten?“

„Ich brachte ihnen Briefe aus Petersburg!“ sagte Nicolai Schjelting.
„Ich war des Abends mit ihnen zusammen und -- natürlich -- zwei
~Mesdames telles et telles~. Sobald ich konnte, fuhr ich heim und
schlief eigentlich bis jetzt.“

Für die Liederlichkeit der vornehmen Russen in Paris hatte er, der Mann
des Ehrgeizes, nichts übrig. Das war nur Zeitverschwendung.

„Du kennst mich. Ich muß den Schlaf nehmen, wann ich ihn einmal finde!“
sagte er zu dem Großvater seiner Frau und wurde plötzlich erregt.
„Neulich bot sich mir in Moskau eine Gelegenheit. Da war ein berühmter
deutscher Arzt! Er hätte mir vielleicht geholfen!“

„Warum ließest Du ihn Dir nicht kommen?“

„Ich ging zu ihm. Stand da. Man ließ mich nicht vor.“

„Dich nicht vor?... Du scherzest!“

„Es war da irgend eine kleine Deutsche. Die wollte es nicht! Was willst
Du machen? Überall in der Welt stößt man ja auf die deutsche Barriere.
Wir Alle leiden darunter. Nicht ich allein!“

Nicolai Schjeltings nervöse und verdrossene Züge änderten sich
plötzlich zu liebenswürdigem Lächeln. Er verdankte seiner
Vielseitigkeit einen guten Teil seiner Erfolge im Leben. So, wie er
gleichmäßig deutsch, russisch, französisch und englisch sprach, so
schlüpfte er auch in jede dieser Nationalitäten, nicht anders, als wenn
er, je nach Wetter und Laune, dies oder jenes Paar Handschuhe anzog,
war drüben in Rußland lässig und breitlebend mit den Moskowitern, war
hier freimütig und herzlich mit den Briten, fand den französischen
Offizieren gegenüber die brüske, kurz angebundene Art, die sie unter
sich liebten. Oh -- er kannte Sir Edwin, den scharlachroten Gardisten!
Er hatte ihn vor zwei Jahren drüben an der Themse in Whitehall
getroffen. Er wußte auch von Oberstleutnant Grégoire und seinem Büro,
das den Tag vorbereitete, an den man immer dachte und von dem man
niemals sprach...

Dieser Tag ... doch: es war Zeit, von ihm zu sprechen. Schjelting
redete. Er war immer der Mittelpunkt.

„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die zu Schlüssen für
das Handeln führen! Was Riesen bauten, waren immer Kartenhäuser. Es
erlosch mit ihrem Geist. Selbst Napoleons Weltreich hieß schließlich
St. Helena, -- verzeihen Sie die Erwähnung hier im Dreiverband --
Friedrichs des Großen Grabschrift hieß Jena, für Bismarcks Werk fehlt
noch das Endwort! Wir werden es prägen!“

„Bravo!“

„Ich war jetzt wieder in Berlin! Es ist der Turmbau von Babel. Sie
machen die Nacht zum Tage. Aber dabei murren die Massen! Der Mann von
der Straße will eine andere Methode des Lebens. Die süddeutschen Könige
spähen nach Wien. Sie ahnen das Heraufziehen einer geschichtlichen
Notwendigkeit, der Preußen verfallen ist!“

„Sehr gut!“

Der Engländer und der Schotte tauschten einen Blick. Das machte ihnen
Spaß, wenn man sich auf dem Festland verdrosch. Es war der Traum
der City und alles verschuldeten blauen Bluts, das dort in Shares
spekulierte. Dann waren die Meere frei! Das Geschäft der Briten blühte.
Die Franzosen machten ernstere Gesichter.

„Immerhin: die preußische Armee!“

„Hat man seit fünfzig Jahren von ihr gehört?“

„Aber sie ist da!“

„Wo blieb sie, als wir in Rußland nach dem Japaner-Krieg fast wehrlos
waren?“ sagte Nicolai Schjelting nachlässig. „Nichts rührte sich an
unserer Grenze!“

„Und ebensowenig bei uns, als wir im Burenkrieg feststaken!“ sprach der
Brite in eisiger Ruhe. Der General de Rigolet pflichtete bei:

„Auch wir hatten Euch damals noch nicht zu Freunden! Auch unsere
Ostgrenze war schwer bedroht!“

„Das Schwert Hermanns des Cheruskers aber blieb in der Scheide!“
Schjelting stand auf. Die Funken seines Asiatenwillens sprühten von ihm
auf die Andern über. Die Augen ringsum leuchteten. Er lachte. „Vertraut
auf das Heilige Rußland, Messieurs und Gentlemen! Diesmal saufen wir
nicht! Diesmal stehlen wir nicht. Es wird ein Kreuzzug. Wir nahen zu
Millionen, wie das jüngste Gericht!“

Draußen flatterten im Frühlingswind die blau-weiß-roten, die
schwarz-weiß-gelben Fahnen, das rot-weiße Doppelkreuz im blauen Feld,
dazwischen, als Gäste von jenseits des Ozeans, die dreizehn Streifen
und achtundvierzig Sterne. Sie bauschten und blähten sich ineinander.
Ein heißes Fieber wehte aus ihren Falten.

„Wann kommt Ihr Russen... Hand auf’s Herz?“

„Wer weiß, wann die Stunde da ist?“ Auf Nicolai Schjeltings Zügen lag
einen Augenblick starr der Schatten von etwas Ungeheurem, von Etwas,
das wohl geschehen, aber nicht von Menschenlippen ausgesprochen werden
durfte. Um ihn war es still. Dann sagte er leichthin: „Übrigens fahre
ich in nächster Zeit wieder zu der Pulverkammer!“

„Wohin?“

„Nun, in den Balkan! Zur rechten Zeit schiebt dort die rechte Hand den
Riegel zurück!“

„Wir sollten noch zwei Jahre warten!“ murmelte nachdenklich der Major
Michelin.

„Und Elsaß-Lothringen?“

Nicolai Schjelting kannte das Geheimschloß zu der gallischen Seele. Es
zuckte verbissen zwischen dem schwarzen Knebelbart vor ihm.

„Ah! Wir sind bereit!“

„Das hofft Europa von seinen Tapferen!“

„Sie selbst haben nicht gedient, Herr von Schjelting?“

„Ich versuchte es als junger Mann bei den Chevalier-Garden in
Petersburg! Aber leider ließ es meine Gesundheit nicht zu!“

„Nun -- dafür ist er stark hinter der Stirne!“ sagte der alte gallische
Haudegen gutmütig. Über das, was er keinem Franzosen verziehen hätte,
sah er bei dem russischen Großschwiegersohn mit Stolz hinweg. „Du
willst schon fort? Ah -- man läßt Dich nicht!... Wie? Du mußt zu
Iswolsky!... Das ist freilich etwas Anderes...“

Weit draußen im Westen, noch hinter dem Invalidendom, lag wie eine
glimmende Kohle auf einem Pulverfaß die russische Botschaft. Schjelting
betrat den Palast des Mannes, der hier seit Jahren mit beiden Händen
Sturm säte und dabei den Sommer inmitten des Volkes, das er zu
verderben trachtete, friedlich auf seiner Besitzung am Tegernsee in
Oberbayern genoß. Er hatte eine längere Audienz bei dem gestürzten
Petersburger Minister des Äußeren. Dann rauchte er im Weggehen
eine Zigarette bei seinem Jugendfreund Wolkoff, der den langen,
schmächtigen, eleganten Großfürstentyp zur Schau trug, und hörte
lächelnd auf den Neid des Diplomaten.

„~Mon cher Nicolai!~ Du hast es besser als freier Mann! Es ist
nicht mehr das alte Metier! Sieh Dir doch diese Tiere an, mit denen
man hier umgehen muß! Hier auf unserem Seineufer sind ja noch einige
Häuser, wo man verkehren kann. Etwas Welt! Aber drüben... Wasche Dich,
so oft Du willst -- Du mußt doch gleich wieder einem Deputierten die
Hand geben! Diese Minister sind unmöglich! Ihre Frauen... ~Ah --
passons là-dessus!~“

„Sascha! Liebe diese Leute! Wir brauchen sie!“

„~Mais c’est dégoûtant!~ Im Sommer reist der Präsident der
Republik wieder nach Petersburg. Seine Majestät, der Zar, wird diesen
Advokaten auf die Wangen küssen...“

„Der Kaiser von Indien tut es heute auch!“

„Die Musik wird die Marseillaise spielen, die einen sonst bei uns an
den Galgen bringt. ~C’est une farce!~ Lüge -- gut! Dazu ist man
da. Aber dabei schlechte Manieren... Sie sind hier wie das Vieh am
Trog, wenn sie sich bereichern! Jeder nimmt! Alles stiehlt! Wir kämpfen
mit Scheckbuch und Kurszettel! Übrigens: Higgins ist in Paris!... Aber
Du hörst ja gar nicht zu!“

„Es ist merkwürdig, Sascha: kannst Du Dir vorstellen, daß man sich den
Kopf darüber zerbricht, was für eine Augenfarbe Jemand hat?“

„Wer? Higgins?“

Schjelting tat, als hätte er sich nicht längst mit dem Londoner
Zeitungskönig für diesen Nachmittag verabredet.

„Higgins? Wie kommst Du auf den? Higgins hat Augen wie ein toter
Schellfisch! Den meine ich nicht!“

„Wen denn? Einen Mann?“

„Einerlei!“

Alexander Wolkoff drehte sich listig lächelnd eine neue Zigarette.

„~Oh -- ce bon Nicolai!~ Ich bin entzückt! Ich begrüße Dich! Also
endlich einmal auch Du...“

„Blague!“

„Ich hätte es nicht mehr geglaubt...“

„Es ist auch ein unglückseliger Irrtum von Dir, mein guter Sascha!
Erstens bin ich seit sieben Jahren verheiratet. Zweitens hab ich gar
keine Zeit. Und drittens... ~enfin c’est ridicule!!~“ Er stand
auf. „Also ordnen wir die Affaire mit dem Crédit Lyonnais! Ich fahre in
den nächsten Wochen wieder nach dem Balkan. Man kommt nicht mit leeren
Händen nach Cettinje! Der Floh nimmt das übel!“

Der Floh war der König von Montenegro, so genannt, weil er ungefährlich
war, aber, einmal losgelassen, doch unangenehm biß.

„Leb wohl, mein Bester! Vergiß sie! Wohin jetzt?“

„~Les affaires sont les affaires!~ Ich frühstücke bei Macrî!“

Achille Macrî, der einstige levantinische Coulissier an der Pariser
Börse und jetzige Vertraute des russischen Handelsagenten, des
Geheimrats Raffalowitsch in Paris, selber und gleich ihm und den
Ephrussi ein Sohn der weizenreichen Stadt Odessa. Schreiende Pracht in
seinem Hotel in den Elysäischen Feldern. Gobelins und alte Niederländer
an den Wänden. Draußen fuhr ein Automobil nach dem andern vor. Ein
baumlanger Diener am Eingang des Empfangsaals rief die Namen:

~„Monsieur et Madame Bonvoisin!“~

Welche Menagerie ... sagte sich Nicolai Schjelting und betrachtete
diesen Deputierten, diesen kleinen, spitzbärtigen, dürftigen
Gewaltmenschen, mit dem goldenen Zwicker auf dem kalten
Geschäftsgesicht. Bei wem bist Du wohl Kostgänger? Für wen stimmst Du?
Wer zahlte Deine Wahl?

~„Monsieur et Madame Pollet!“~

Nun -- Dich kennt man! dachte Schjelting beim Anblick des grauköpfigen
Chefredakteurs der ‚~dernière heure~‘. Gamins und Spatzen pfeifen
es auf der Straße, wer Deinen dreistöckigen Zeitungspalast an den
Boulevards besoldet! Und einen zweiten in Petersburg. Das City-Geld
riecht nicht schlechter als anderes.

~„Le Chevalier de Massa!“~

De Massa ... de Massa ... ein langer, hagerer Südländer, der
wie ein ausgedienter Fechtmeister aussah... Richtig: einer
der Vertrauensmänner, die aus französischem Gold italienische
Druckerschwärze machten! Manches blieb auf dem Weg nach Rom und Mailand
hängen. ~Che volete? La mancia, Signore!~ Gesindel! dachte sich
Schjelting. Wolkoff, dieser Schwachkopf, hat recht. Sie mästen sich
wie die Schweine. Und er wandte sich, liebenswürdig lächelnd, zu dem
feurigen, wohlbeleibten, rosig rasierten und pechschwarz gefärbten
Gastgeber:

„Entzückend bei Ihnen, Monsieur Macrî! Wir armen Nordländer sind hier
im Land der Sehnsucht. Nur in Paris weiß man zu leben!“

Er saß zur Linken der Hausfrau. Die frühverblühte, diamantenübersäte
Griechin lebte auf, wurde warm und jung bei seinen lässig
hingeworfenen Histörchen aus der hohen Petersburger Welt. Oh --
sie liebte dies edelmütige Rußland! Sie war nie dort gewesen. Aber
wie bewunderungswürdig dies Volk, wie groß und gut der Zar! Rings
herum sprach man von Boulevard-Klatsch und Geschäften. Es gab nur
Zweierlei: Geld verdienen und es ausgeben. Die hier saßen, verdienten
alle an Rußland. Verdienten an den Emissionen der ewigen Anleihen,
verdienten an den Kursen, verdienten an den Eisenbahnen, verdienten
am Wechseldiskont, verdienten an den Maschinenlieferungen und der
Getreideausfuhr. Es war ein Schmatzen und Schlürfen die Tafel entlang,
wie von gutgenährten Tieren. Ihretwegen mochte es immer so bleiben!
Schjelting dachte an das Militär-Kasino an der Ecke der Opéra-Avenue.
Dort harrte die „Große Stumme“, harrte die Armee des großen Tags.
Aber diese Machthaber der Republik, diese Bourgeois, diese Jobber und
Geschäftspolitiker, gaben sicher dazu niemals das Zeichen. Gegen Ende
des Mahls sagte er plötzlich in seiner natürlichsten Art, einem kühlen
Dünkel:

„Einmal muß es ein Ende nehmen!“

„Mit diesem Menü? Ich stimme bei! Das Haus Macrî verwöhnt seine Gäste!“

„Sie nennen es Geschäfte! Unser Bauer nennt es Hunger. Er erntet den
Weizen. Das Brot ißt der Westen. Ihr kleiner Rentner in Frankreich hat
die Arbeitskraft unseres Muschik gepachtet.“

„Ah, mein teurer Monsieur de Schjelting! Gold gegen Korn. Beides ist
gelb!“

„Und wenn wir mit Beidem nicht mehr zahlen können?“

„Um Gotteswillen erschrecken Sie uns nicht!“

„Keine Angst, dann zahlt ein Dritter!“

„Wer?“

„~Vae victis~“, sagte Nicolai Schjelting wegwerfend. Einen
Augenblick erschien es über den Köpfen der steinern dastehenden Diener,
zwischen den alten Meistern im Goldrahmen, wie eine Flammenschrift
an der Wand. Die Gesichter wurden besorgt. Es war eine Stille. Nun
gewiß: man sprach davon... Jeder verlangte von dem Andern bei passender
Gelegenheit die große Geste. Man spielte damit. Aber Spiel war doch
nicht Ernst...

Nicolai Schjelting spuckte aus, als er draußen wieder im Wagen saß.
Päh -- dies Paris! Er spritzte sich etwas Kölnisch Wasser auf sein
Tuch. Dies Paris war eine Kloake. Sogar eine altmodische Kloake. Die
schmutzigen, papierübersäeten Boulevards, durch die er fuhr, wirkten
mit ihren Bierhäusern und Schundbazaren wie eine verstaubte Atrappe
von vorgestern, Theaterplunder, in dem die Fremden einander selbst
Komödie vorspielten. Briten und Yankees überall. Im Hotel Ritz, vor dem
sein Wagen zwischen hundert Luxuslimousinen hielt, hörte man jetzt zur
Teestunde durch das Fiedeln der Zigeuner mehr Englisch als Französisch.
Die Blüte der Londoner Gesellschaft wohnte hier und nebenan im Bristol.
Als ängstliche Schülerinnen saßen die Dollarprinzessinnen mit ihren
Eltern und äfften ehrfurchtsvoll die Frauen und Töchter der Lords
nach. Schjelting kümmerte sich nicht um dies New-York-Herald-Treiben.
Er fuhr in den ersten Stock hinauf und hatte dabei doch, in dieser
angelsächsischen Insel zu Füßen Napoleons, die Gewißheit: Nun bin ich
nahe den Nerven, die die Welt bewegen! Am Mittelpunkt aller Dinge.

Wie eine Kreuzspinne saß inmitten dieses Netzes, oben an seinem
Schreibtisch, Sir William Higgins, Mitglied des Unterhauses und einer
der Zeitungskönige der City. Glatt rasiert, hager, mit scharfen Zügen.
Schwer zu sagen, ob er dreißig oder fünfzig war. Hier gab es keine
gallischen Phrasen. Hier war alles Ruhe. Geschäft. Das größte Geschäft,
das je in der Weltgeschichte gemacht wurde und Weltkrieg hieß. Und
hoffentlich auch das beste.

Der ehrenwerte Higgins verfügte über ein herzliches Lächeln und einen
Händedruck, daß die Knochen krachten. Aber Nicolai kannte diese
Frische, diesen Freimut, der anscheinend gar keinen Zweifel aufkommen
ließ. Er schaute dem Andern kühl in die eisigen Augen.

„Also Ihr macht wirklich mit?“

„Ja.“

„Ihr laßt uns nicht im letzten Augenblick im Stich?“

William Higgins hatte für Alles eine Methode, wie der Franzose eine
Formel.

„Es giebt verschiedene Methoden zu leben!“ sagte er. „Unsere heißt:
wir sind zum Herrschen da! Die deutsche: wir sind zum Arbeiten da!
Sie befolgen sie so gründlich, daß auch wir arbeiten müßten, statt zu
herrschen. So zwingen sie uns zur rauhesten aller Arbeiten: dem Krieg!“

Er brach ab und fügte dann mit einem plötzlichen Sonnenschein des
Lächelns hinzu:

„Oder können Sie sich uns arbeiten denken, arbeiten wie die Deutschen?“

Auch Schjelting lachte.

„Nein!“ sagte er. „Da kämpft Ihr lieber. Aber unterschätzt die
Deutschen nicht. Ihr kennt sie viel zu wenig!“

„Ich doch! Mein eigener Bruder, der Professor in Oxford, hat leider
eine Deutsche zur Frau. Er hat leider in Deutschland studiert. So wurde
er leider der Schwiegersohn des deutschen Geheimrats Tillesen.“

„In Wiesbaden?... Sie ist doch nicht verheiratet!“

„Meine Schwägerin Hannah?“

„Oder ist das eine Schwester?“

„Ich kenne die Familie nicht!“ sagte William Higgins frostig. „Ich habe
es von vornherein abgelehnt. Beim Boxen reicht man sich vorher die
Hand. Aber dies wird ein Match bis zum bittern Ende. Nach den besten
Methoden der Untersuchung wird es acht bis zehn Wochen und fünfzig
Millionen Pfund kosten, bis wir unsere Hand auf Wilhelmshaven und
Helgoland haben!“

Er begleitete seinen Gast bis an die Türe.

„Es wäre weiser gewesen, die deutsche Flotte schon früher zu
vernichten. Wir steckten zuviel Geld in den Burenkrieg. Japan und die
Finanzierung des fernen Ostens waren auch teuer. Wir haben über den
ägyptischen Problemen und der Frage des Panama-Kanals Europa etwas
vernachlässigt. Keine Wahrheit ist ernster, als daß alles Versäumte
eine Guinea statt eines Shilling kostet. Nun -- die City wird das
Risiko übernehmen! ~Good bye!~“

Nicolai Schjelting verließ den Mann, für den die Welt ein einziges
großes Rechenbrett war. Er dachte sich: Wie klein ist dabei doch
die Welt! Dieser Mensch aus Holz und Leder weiß nichts von Moskau,
haßt Deutschland und ruft doch die Begegnung mit dieser Deutschen
in mir wach. Er fuhr sich ärgerlich mit der Hand über die Augen, um
das zu vergessen. Es war Zeit zur Bahn. In einem Buchladen kaufte
er sich für die kurze Reise noch ein paar Broschüren: „Die Teilung
Deutschlands“ -- „Preußens Ende“ -- „Das Lächeln des Elsaß“, wie sie
da, erst seit ein, zwei Jahren, reihenweise im Schaufenster hingen.
Aber am Nordbahnhof traf er Bekannte: den riesigen scharlachroten
Coldstream-Major vom Vormittag, der einen Freund in Zivil, den Captain
Nicholson vom Londoner Departement für militärische Operationen des
Kriegsamts, an den Zug brachte. Der Wagen war überfüllt. In Paris war
kein Bett mehr frei. So fuhren viele Fremde für die Nacht nach Brüssel.
Auch eine amerikanische Gesellschaft, die von diesem schläfrigen,
kleinen Nicholson vorgestellt wurde. Er gab sich kaum die Mühe, die
Geringschätzung der Yankees durch den Briten zu unterdrücken. Er
brachte beim Sprechen kaum die Lippen unter dem Zahnbürstenschnurrbart
auseinander. Aber sie lauschten ehrfurchtsvoll in dem vollgepfropften
Abteil dem Orakel, während der Zug durch das Hügelland Nordfrankreichs
dahinjagte.

La Fère... St. Quentin ... nahebei Laon -- weiter nach links Amiens...
Maubeuge ... jeder Name eine Schlacht ... mehrere am selben Ort im
Lauf der Zeiten... Immer waren die Deutschen da gewesen und hatten
die Franzosen geschlagen. Die Amerikaner staunten. Sie wußten das
nicht. Für sie fing die Weltgeschichte bei Georg Washington an.
Nicolai Schjelting löste in seiner lebhaften Art den langsamen Captain
Nicholson ab und belehrte die Dollarmenschheit.

„Wodurch Deutschland die beste Kalkulation des Kriegs besitzt? Durch
seine Barbarei. Es ist das bewaffnete Mittelalter inmitten der Kultur.
Voll von Königen, Herzögen, Ordensrittern, Marschällen, Edelleuten, wie
auf dem Theater. Das Volk hat zu gehorchen!“

„Oh!“

„Das ist ja schrecklich!“ sagte ein jüngerer Amerikaner mit
dunkelblondem Schnurrbart aus der Ecke.

„Ein allerhöchster Kriegsherr über Allen. Zahllose Gerichtsherren unter
ihm, mit Macht über Leben und Tod. Geheime Ehrengerichte, denen jeder
Gentleman untersteht. Blutige Zweikämpfe, selbst unter den Jünglingen
der Colleges! Säbelnarben auf den Gesichtern der Richter!“

„Da möchte ich nicht leben!“ meinte wieder in ehrlichem Abscheu der
junge Yankee in grauem Sommeranzug.

„Es ist der Militarismus. Der volle Gegensatz angelsächsischer Freiheit
und lateinischer Kultur. Er muß ausgerottet werden!“

„Sicherlich!“ sprach der alte fromme Petroleum-Jobber gegenüber von
Schjelting. Die belgische Grenze! War denn Belgien wirklich ein Land?
Eine Miß erkundigte sich. Es war doch wohl zu klein. Es gehörte sicher
noch zu Frankreich. Der Londoner Generalstabshauptmann belehrte sie:
dies hier war das große Kriegstheater Europas. Hier umging man Rhein
und Alpen. Der Weg durch Belgien war ein gutes Ding, wenn England auf
dem Kontinent Ordnung schaffte.

„Und wann werden Sie ihn gehen?“

„Ich schätze: bald!“

Nicolai Schjelting blätterte in „Die Teilung Deutschlands“. Auf der
Landkarte des Umschlags war Köln bereits holländisch. Frankreich
erstreckte sich bis Frankfurt a. Main. Alles östlich der Elbe war in
Rußland, Bayern und Württemberg in Österreich aufgegangen. Schweden
hatte seine Hand auf die Ostseeküste, Dänemark auf Schleswig-Holstein,
England auf Hannover gelegt. Es war Alles in Ordnung. Die Yankees
wunderten sich. Aber was ein Engländer bestätigte, war doch wahr. Nur
der gebräunte jüngere Herr mit dem Strohhut frug:

„Und was werden denn die Deutschen selbst zu der Bescherung sagen?“

„Die Geschäftsmänner, die Farmer, der Mann auf der Straße werden froh
sein, daß man sie befreit.“

Im Abenddämmern dehnte sich fern zur Rechten eine weite Ebene. Das
Schlachtfeld von Waterloo. Davon hatten sogar die Misses gehört. Waren
da nicht die Preußen gekommen?

„Wir werden ihnen kommen!“ sagte Nicholson zwischen den Zähnen.
Schjelting lachte.

„Die Deutschen werden sich an der französischen Grenze verbeißen.
Inzwischen rücken ihnen diese tapferen Briten unversehens durch Belgien
in die Flanke!“

Man war in Brüssel und verabschiedete sich von den Amerikanern. Ihr
Landsmann in Grau grüßte lächelnd und ging.

„Gehört er denn nicht zu Ihnen?“

„Ich kenne den Gentleman nicht!“ sagte der Alte von der Standard Oil
Company. Im Getümmel des Bahnhofs stand der belgische General Janssen
in Zivil, einem kleinen, weißköpfigen Wachtmeister ähnlich, und drückte
Schjelting, den schon als Gatten einer Belgierin Jedermann in Brüssel
kannte, die Hand.

„~Ah, ce gaillard!~ Sehen Sie ihn? Seit acht Tagen haben wir ihn
hier! Oh -- wir kennen ihn wohl!... Da geht er eben durch die Sperre ...
da ... der straffe Preuße in grauem Rock und Strohhut!“

„Das ist doch ein Amerikaner!“

„Haha!... Ein Amerikaner im preußischen Großen Generalstab!... So
dumm sind die Preußen nicht! Das ist Einer ihrer Schlauesten. Der
Hauptmann Isebrink. Eben dreht er sich noch einmal um und lächelt!...
Spitzbube... Was haben Sie denn, Herr von Schjelting?“

„Nichts! Nichts! Adieu, mein General!“

Im Auto, das ihn hinauf zum Quartier Leopold trug, biß sich Schjelting
wütend auf die Lippen, schlug sich mit der Hand an die Stirne, sagte
sich: Was ist denn das? Ich bin verhext... Seit Moskau. Ich habe nicht
mehr die leichte Hand. Den feinen Instinkt. Erzähle einem Soldaten
Wilhelms die Geheimnisse der Engländer. Er weiß sie ja längst. Aber
immerhin...

Auf dem vornehmen Boulevard du Régent, inmitten der Stätten der
Reichen, lag mit weitem Blick über den königlichen Park und auf die
Stadt da unten das Haus seiner Schwiegereltern. Das obere Stockwerk war
zur Hälfte ein für allemal der einzigen Tochter, Schjeltings Frau, und
ihm vorbehalten, wenn sie, wie gewöhnlich, einen Teil des Jahres in
Brüssel, der Vorstadt von Paris, verbrachten. Er stieg nervös und mit
umwölkter Stirne die Treppe hinauf.

„Hier bin ich, Ghislaine!“

„Ah -- willkommen, mein Freund!“

Er küßte ihr höflich die Hand, flüchtig und kühl die Lippen. Musterte
unwillkürlich ihre Erscheinung. Das war seine Bedingung und Forderung:
keine Frau in dem luxustollen Brüssel durfte besser angezogen gehen als
die schöne Madame de Schjelting. Sie war schön. Bereits für den Abend
gekleidet. Perlenglanz auf der mattweißen Haut des Robenausschnittes.
Feiner weißer Puderhauch auf den regelmäßigen, ovalen Zügen unter
dem kunstvoll erzeugten venetianischen Rotblond ihres Haars. Es war
ihr Ehrgeiz, einer Vollblut-Pariserin zu gleichen, die sie nur zur
Hälfte war. Sie hatte die feine Nase, die großen, dunklen, noch leicht
untermalten Augen, diesen amüsierten, unerlernbaren Ausdruck auf den
leichtbeweglichen Zügen.

„Was machen Allard und René?“

„Es geht ihnen gut! Sie schlafen schon!“

„Wolltest Du ausgehen?“

„Nur hinunter! Es ist Empfang bei den Eltern.“

„Hat sich etwas Neues ereignet?“

„Nichts, was Dich interessieren könnte, mein Freund!“

Er schritt unruhig durch die Zimmer und blieb vor der Alabasterschale
im Vorraum stehen und musterte die Visitenkarten. Er war eifersüchtig
wie ein Tiger und ließ dabei, in der Geschäftigkeit seines Ehrgeizes,
seine Frau oft viele Wochen allein. Er wußte, daß sie sich dann
rächte. Sie schaute ihm über die Schulter.

„Was suchst Du denn, Nicolai?“

„Wer war denn inzwischen wieder Alles da?“

„Du siehst es ja: Madame Daras. Madame Vaillant. Madame Thomas.
Madame...“

„Ah ... wer ist das hier -- dieser Monsieur de la Kéthulle?“

Sie wiegte tändelnd den hochfrisierten Kopf und sagte unschuldig:

„Armer Freund!... Das habe ich total vergessen!“

Er wurde wütend.

„Ich will es aber wissen! Du hast nicht zu lachen!“

„Soll ich denn jetzt, vor der Gesellschaft, weinen?“

Da war schon wieder der Streit. Ihre ganze Ehe war ein ewiger Zank. Sie
wußten es schon gar nicht anders. Heute war er doppelt heftig.

„Ich verbitte mir das!“

„Was denn, mein armer Nicolai? Erkläre Dich näher!“

Ghislaine Schjelting stand vor dem Spiegel und prüfte noch einmal mit
dem Ernst einer Frau von Welt das Gesamtbild ihrer Erscheinung. Dann
lachte sie wieder und wandte den Kopf über die weiße Schulter hinweg
ihm zu. Sie sah verführerisch aus in diesem Augenblick. Er legte
zögernd, wie unter einem Befehl, die Karte des Monsieur de Kéthulle
wieder in die Schale. Die Frauen konnten mit ihm machen, was sie
wollten. Es war seine alte Schwäche. Vielleicht auch ein Teil seiner
Erfolge im Leben durch die Frauen. Er frug versöhnlicher:

„Was hast Du denn die Zeit über gemacht?“

„Nun -- man amüsiert sich!“

Der harmlose Ton, das Achselzucken dabei, brachte ihn von Neuem in
Harnisch. Er bekam wieder seinen roten Kopf.

„Ich verbiete Dir, Dich über mich lustig zu machen, Ghislaine!“

„So streng, mein Freund?“

„Viel zu wenig streng! Dir zu Liebe verbringe ich das halbe Jahr hier
als Gast bei Deinen Eltern...“

„Du bist ja nie da!“

„Statt daß Du auf meinen Gütern bist...“

Sie machte eine Gebärde des Abscheus. Diese Güter, irgendwo fern hinter
Moskau, am Ende der Welt, Sumpf, Weide, Birkenwald, in dem noch Wölfe
und Bären hausten, flößten ihr Entsetzen ein... Man war da wie in
Sibirien, nach diesem vergnüglichen, lebenslustigen Belgien.

„Du bringst mich höchstens einmal im Winter nach Petersburg!“ sagte
sie. „Oh, ich bete diese Muschiks an! Es ist jetzt Stil in Paris!“

Er verzog spöttisch die Lippen bei dem Gedanken: dies verzärtelte,
schillernde und schimmernde, parfümierte Geschöpf neben einem dieser
fuseldünstenden, wildmähnigen ehemaligen Leibeigenen. Sein Lächeln
reizte nun wieder sie. Es ging bei ihnen immer reihum. Sie fuhr auf.

„Wünsche wird man doch noch aussprechen dürfen. Erfüllt werden sie
Einem ja doch nie!“

„Wie das?“

„Andere Männer führen ihre Frauen aus. Du reist in der Welt herum. Ich
sitze inzwischen als Strohwittwe bei meinen Eltern!“

„Ich habe wichtige Dinge zu tun!“

„Und wer hat den Lohn davon? Du nicht! Sie nutzen Dich aus! Deine
Großfürsten! Deine Montenegrinerinnen. Alle Deine Russen.“

„Das verstehst Du nicht!“

„Du bist zu eifrig! Es fängt schon an, komisch zu werden, mein Lieber!“

„Still!“

Seine Eitelkeit bäumte sich auf, eben weil er ein Körnchen Wahrheit
darin empfand. Er schrie es fast.

„Ah -- die Moskauer Manieren!... Ich beglückwünsche Dich!“

„Ich mich nicht!“

Sie fing an zu weinen.

„Ich möchte nur wissen, warum wir uns geheiratet haben!“

„Ich auch!“ sagte er erbittert. Dabei wußten sie es Beide ganz genau,
waren auch eigentlich an diese unvermeidlichen Auftritte zwischen ihnen
längst gewöhnt. Ghislaine schluchzte jetzt, lang auf die Ottomane
hingeworfen, wie ein verzogenes Kind. Er stand finster daneben. Nun kam
über ihn die Angst eines auf ihre Schönheit stolzen Gatten. Er dachte
sich: Sie wird sich Frisur und Robe zerdrücken. Sie bekommt verweinte
Augen und ein verwaschenes Gesicht. Man kann sie ja gar nicht zeigen da
unten!

„Ghislaine...“

Keine Antwort.

„Ghislaine, meine Freundin: Deine Geduld wird sich noch belohnen. Große
Dinge bereiten sich vor. Ich verspreche Dir: Du wirst noch einmal in
einem Botschafterpalais residieren. Du wirst die Erste unter den Damen
sein. Man wird Dich Exzellenz anreden...“

Das schmeichelte ihr. Seine weiche und sanfte Stimme beruhigte sie.
Sie richtete sich auf und begann stumm und energisch sich mit dem
Puderbausch die Thränenspuren wegzutupfen. Es klopfte. Ihre Mutter,
Madame Lambert, trat ein. Kleiner als ihre Tochter, zur Fülle neigend,
die gestickte Robe zu jugendlich für die verblühte Pariserin. Sie legte
die kleinen fetten, reichberingten Hände ineinander.

„Müßt Ihr Euch denn ewig streiten?“

„Es scheint so, meine Mutter!“

„Und warum denn?“

Schjelting wies grimmig auf die Visitenkarte. Die Schwiegermutter zog
die Augenbrauen hoch, sah erst ihn an, dann die elegante junge Frau.

„Aber diese Toilette ist doch ein Traum!“ sagte sie.

„Was hat das mit diesem Monsieur Khétulle zu tun?“

„Nun... Er ist doch der neue Schneider!“

Ghislaine fing an, wahnsinnig zu lachen, und ging, in einer leichten
Koketterie sich wiegend und den Charme des Kleides zeigend, durch das
Zimmer.

„Ah -- ich bin etwas nervös! Ich gebe zu!“ sagte Nicolai Schjelting.
„Besonders jetzt nach der Reise. Sie wissen, Mama: Ich vermag in
Gastbetten nie zu schlafen!“

„Und statt sich einmal vom Arzt Ruhe verschreiben zu lassen...“

„Ich hätte jetzt in Moskau Gelegenheit gehabt, einen der berühmtesten
Ärzte zu treffen...“

„Nun, und was meinte er?“

„Nichts!... Sein Assistent ließ mich nicht vor!... Dieser Deutsche...“

Er zog den Frack an und folgte mit umwölkter Stirne und unruhigem
Gemüt den vorausgegangenen Damen. Im Letzten des Herzens verachtete
sein asiatischer Hochmut diese reichen Kaufleute da unten. Er kannte
zu genau ihre Schwächen, stieß sich mit seinem kühlen und methodischen
Kopf fortwährend an dem inneren Widerspruch dieses Landes, das keine
Flotte, aber riesige Kolonien besaß, das kein eigentliches Heer
hatte, aber sich die stärksten Festungen der Welt baute, das ein
neutraler Kleinstaat war und trotzdem mit heimlichen Fingern an den
gefährlichsten Kanten der Weltgeschichte mitwob. Ihm schien Alles
zwischen Maas und Yser aus zweiter Hand, eine französische Legierung
mit englischem Stempel ohne eigenen Wert. Es hatte keinen Zweck,
vor diesen Herren Philipon und Termuylen, Andriot und de Meester,
Vandenbergh und Leroux sein Licht leuchten zu lassen. Sie waren gute
Kaufleute, aßen gern gut, tranken gern gut, behängten ihre Frauen mit
Diamanten und Perlen, ließen bei sich und Anderen fünf gerade sein und
im Übrigen ... man dachte in Belgien nicht gerne über den Tag hinaus.
Dazu war man zu leichtlebig und oberflächlich. Nicolai Schjelting
schwieg zwischen ihnen mit seinem rätselhaftesten Lächeln. Wenn er
einmal in seiner Eifersucht seine Frau aus den Augen ließ, fühlte er
von Neuem den Widerwillen gegen die innere Zuchtlosigkeit, die ihm die
Formel für Belgien zu sein schien. Kein Mensch hier ahnte eine irdische
Gewalt über sich. Man lebte in einem Königreich, aber man kümmerte sich
nicht um den König, man bildete einen Staat, aber man sprach und dachte
nur als Vlame oder Wallone, man hatte eine Hauptstadt, aber das Ziel
aller Sehnsucht war doch Paris.

Nur einmal wurde er lebhaft, als neben ihm Einer der Kaufherren auf
Französisch zu dem anderen versetzte:

„Warum ich Charles nach Köln auf die Handelshochschule geschickt habe?
Aus demselben Grunde wie Andriot seinen Sohn auf das Polytechnikum nach
Karlsruhe. Sie müssen von den Deutschen Etwas lernen. Sonst kommen sie
nicht mit... Die deutschen Kaufleute sind ja bei uns schon beinahe die
Herren der Stadt. Antwerpen ist ein deutscher Hafen!“

„Im Frieden!“ sagte Nicolai Schjelting. Die Belgier blinzelten sich
zu. Sie wußten wohl, warum die Geschütze der Maasfestungen gegen
Deutschland zielten, warum der Fortgürtel wohl zu Lande Antwerpen
umgab, aber die Einfahrt durch die Schelde den Briten freiließ. England
wollte das so. Keine Gummiladung kam ohne seinen Willen vom Kongo. Und
vom Kongo lebte man.

Krieg und Kriegsgeschrei. Madame Termuylen frug:

„Hat die große französische Generalstabsreise an unserer Grenze
eigentlich schon angefangen?“

Und der Hausherr wußte durch seinen Schwiegervater, den alten General
de Rigolet in Paris, Bescheid.

„In den nächsten Tagen! Beinahe dreihundert Offiziere. Sie bilden zwei
Parteien. General Ruffey führt die Roten. General Castelnau stellt die
Preußen dar. Er hat die Blauen unter sich!“

Herr Lambert war ein großer, starker, lebensfroher Mann mit rosigem
Gesicht und goldenem Vollbart, das Urbild eines Rembrandt-Deutschen,
wenn er auch kein Wort deutsch sprach. Er lenkte das Gespräch wieder
auf Weizen und Wolle ab. Wozu sich die Verdauung stören? Krieg -- was
war Krieg? Man spielte mit dem Krieg, weil man ihn nicht kannte, und
legte das Spielzeug wieder weg. Und vergaß es bis morgen. Schjelting
fühlte das und verstummte wieder unter den Kaufleuten.

Nie war Brüssel üppiger, glänzender, heiterer gewesen, als in diesem
jungen Grün zu Anfang Mai 1914. Längs der Blumenpracht der Place
Botanique sah man Schneiderträume von Toiletten wie in Paris, die
Limousinen in der Rue Royale zeigten französischen Luxus, über den
Boulevard Anspach unten flutete ein Leben wie an der Seine. Nicolai
Schjelting nur war mißvergnügt, unruhig, vereinsamt. Ihn drückte dieses
satte, gedankenlose Behagen, dies Sporttreiben, Flanieren, galanten
Abenteuern Nachgehen und Geldverdienen, als sollte ewig Friede auf
Erden bleiben.

Gottseidank! Nun wurde sein Traum wieder zu rothosiger, knebelbärtiger
martialischer Wirklichkeit. Er war mit seiner Frau und ihren Eltern
im Auto hinaus nach der französischen Grenze gefahren. Aufatmend sah
er wieder die Generale der Verbündeten, diese kleinen, energischen,
beweglichen Herren in goldenem Käppi, sah die Blüte des jüngeren
französischen Offizierskorps, das sie auf der großen Generalstabsreise
begleitete. Dazwischen als Zaungast in Zivil der greise Rigolet.
Der Haudegen von 1870 war hier im Widerschein des Krieges aufgelebt
wie ein alter Schwadronsgaul beim Attackensignal. Mit jugendlichem
Eifer erklärte er den Seinen die Lage. Blau und Rot rangen hier
zwischen Sambre und Maas. Der Oberstleutnant Grégoire war so nahe
herangeritten, daß die Vorderhufe seines Schimmels fast den weißen
belgischen Grenzstein rührten und wies, ein Auge zukneifend, mit dem
Reitstock nach Links. Dort lag das Schlachtfeld von Malplaquet. Dort
waren die Engländer schon früher einmal gewesen. Und der blonde,
gefährliche Leutnant Schouman, der bis dahin still mit Ghislaine
geliebäugelt, verriet es durch ein Lächeln: Man konnte sich auch
noch eine dritte Armee vorstellen, eine khaki-gelbe, die den Blauen
von der Nordsee her in die Flanke fiel. Aus ihren Reihen sang es:
‚~Are you down-hearted?~‘ und die Dudelsackpfeifer spielten die
Schottenmärsche ihres Clans.

Der General de Rigolet begleitete die Seinen zu einem kurzen Besuch
nach Brüssel. Er hatte noch Augen wie ein Luchs. Nah von Namur
veranlaßte er durch einen Zuruf den Chauffeur zu halten und lachte aus
vollem Hals.

„Ah ... auf der Schmetterlingsjagd, Mr. Nicholson?“

Der Hauptmann Nicholson vom Londoner Nachrichten-Departement, der
unvermutet aus dem Wiesengrund neben der Straße auftauchte, trug eine
grüne Botanisiertrommel über dem graugewürfelten Sportanzug und einen
Käscher in der Hand. Er sagte ganz ernst, nach der Begrüßung und
Vorstellung:

„Sollte man glauben, General, daß ~Sphinx nerii~ hier vorkommt? Es
müssen Oleanderbäume in der Nähe sein. Sonst sah ich diesen Schwärmer
am meisten bei Pola und Cattaro.“

„Verstehen Sie denn wirklich etwas davon?“

„Wissen ist Macht! Ich entsinne mich, daß ich einmal bei Wilhelmshaven
einem Gendarm den seltenen Apollo vorweisen konnte. Aus der Familie
Parnassus. Der Gendarm war sehr befriedigt. Immer besser, man hat ein
Ziel. Es war ja schimpflich: die Deutschen dachten anfangs, ich wollte
da spionieren.“

Der greise Troupier mußte lachen. Er klopfte dem Britten jovial auf die
Schulter.

„Und was machen Sie denn hier?“

„Er ist ein ganz harmloser Entomologe!“ erklärte Nicolai Schjelting.
Unter dem Zahnbürstenschnurrbart des Captain zuckte es von einer
freimüthigen Heiterkeit.

„Schmetterlingssammler sind wir schließlich alle!“ sagte er zu den
Andern. „Es ist eine liebliche Gegend! Ist sie’s nicht?... Nun, leben
Sie wohl!... Ich muß weiter...“

„Einen Augenblick!“

„Was denn?“

„Sie haben hier ein Blatt mit Ihren wissenschaftlichen Notizen
verloren!“ sagte Nicolai Schjelting. Er hatte es aus dem Staube
aufgehoben und scheinbar unwillkürlich lasen dabei seine Augen die
ersten Zeilen in englischer Sprache: „Vorwärts über Fosse bis Floreffe
65 Kilometer gute Straße. Kein Überblick mehr. Keine Gelegenheit,
Artillerie in Stellung zu bringen. Vorsicht vor der Steilfeuerwirkung
von Fort St. Heribert...“

„Oh -- geben Sie bitte!“

„... Fliegeraufklärung von Charleroi aus wegen der Luftwirbel im
Sambre-Thal schwieriger als über Givet-Dinant längs der Maas. Elf
Eisenbahnbrücken zwischen Namur und...“

„Oh -- geben Sie doch!... Danke! danke sehr!“

Der Naturfreund barg eilig das Blatt in seiner grün-lackierten Trommel.
General de Rigolet nickte.

„Ah -- ich kenne diese wertvollen Winke!“ sagte er befriedigt. „Es sind
Auszüge aus dem geheimen Handbuch über militärische Operationen in
Belgien, herausgegeben vom Englischen Nachrichtenamt! Ich hab’ es auch
daheim bei mir in Paris...“

„Hüten Sie es nur vor Unberufenen, General!“

„Parbleu -- ich lasse es nicht in fremde Hände fallen! Es ist streng
geheim! Ihr habts Euch sauer werden lassen -- Ihr da drüben! Eine
Riesenarbeit steckt darin!“

„Man sieht es!“ sagte Nicolai Schjelting mit einer leichtverbindlichen
und liebenswürdigen Kopfneigung gegen den Mann mit dem
Schmetterlingsnetz. Alle Drei, der Engländer, der Russe und der
Franzose lachten.

„Well! Gutes Jagdglück, Captain!“

„Angenehme Fahrt!“

Das Auto rollte dahin. Schjelting schaute dem schon wieder munter einen
Hügel hinaufkletternden kleinen Gentleman nach und frug:

„Ist denn hier an dieser simplen Thalecke wirklich etwas Besonderes
los?“

„Du bist ein Laie, mein teurer Nicolai! Von dieser Stelle aus sieht man
ja alles!“

„Was denn, zum Beispiel?“

Der alte General legte den Kopf zurück und wies auf einen steil
abfallenden, mit niederem Gestrüpp überwucherten Höhenrücken.

„Wo sich der Berg vom Himmel abhebt -- siehst Du da nicht, kaum
merklich, eine Wölbung im Erdreich?“

„Ja ... und was ist das?“

„Ein fast uneinnehmbarer Punkt: das Fort Malonne!“

„So?“

„Nichts Geringeres als das Fort Malonne! Hut ab! Du bist vor einer der
wichtigsten Stellen dieses bewunderungswürdigen kleinen Belgiens! Wir
Franzosen haben unsere Maaslinie bis an die Zähne verschanzt. Aber nach
unten, jenseits der französischen Grenze, war sie offen. Da sprangen
unsere heroischen Nachbarn für uns in die Lücke. Sie bauten ihren
Maasgürtel gegen die Teutonen! Das englische Heer kann unbehindert
dahinter aufmarschieren!“

Beide blickten befriedigt und wohlwollend lächelnd auf Monsieur
Lambert, in dem sich ihnen für diesen Augenblick Belgien verkörperte.
Der fuhr aus einem kleinen Schläfchen auf. Er war etwas verwirrt. Er
hatte sich nie viel um diese Dinge gekümmert. Festungsbau war nicht
sein Geschäft. Man zerbrach sich hier zu Lande nicht gern unnötig den
Kopf. Das war Sache der Regierung. Er saß zufrieden lächelnd da, selbst
in seinem rosigen und etwas feisten Blond ein Abbild der Blüte des
Landes, durch das sie dahinjagten. Sie umkreisten Namur, durchmaßen
die prachtvollen Buchenwälder von Ottigny, näherten sich Brüssel. Aus
fieberndem Menschen- und Autogewühl, dem Geschrei der Verkäufer, dem
Lichtglanz der Läden schlug ihnen der heiße Hauch von Klein-Paris
entgegen. Sie hielten vor dem Palasthotel am Bahnhof, um dort den
General abzusetzen. Dabei zuckte Nicolai von Schjelting nervös zusammen.

„Da ist er wieder!“ sagte er zwischen den Zähnen.

Ein Herr in den Dreißigern, in grauem Sommeranzug, den Strohhut auf dem
gebräunten Kopf, den leichten Sommermantel über dem Arm, ging rasch und
straff aufgerichtet über den Platz nach dem Bahnhof. Ein Hausdiener
trug ihm seinen Reisekoffer hinterher. Beim Anblick Schjeltings flog
ein Lächeln über sein schnurrbärtiges Gesicht. Die Andern schauten ihm
nach.

„Da geht er nun heim in das Land Wilhelms!“

„Je nun: Hier in Brüssel ist neutraler Boden! Hier trifft sich Freund
und Feind!“

„Das wissen wir, mein lieber Schwiegersohn! Ich wüßte lieber seinen
Namen!“

„Janssen hat ihn mir neulich genannt!“ sagte Nicolai von Schjelting
finster. „Ein Hauptmann Isebrink!“

„Ah -- der!“

„Kennst Du ihn?“

„Bei uns in Paris kennt man ihn wohl!“

„Sieh nur diese Haltung: Ein Preuße, wie er im Buch steht!“

Der General de Rigolet de Mezeyrac schwieg eine Weile. Dann sagte er:

„Ein Preuße -- ja ... aber ich wünschte, wir hätten noch mehr solche
Kerle auch bei uns!“



III.


„Heil Dir im Siegerkranz...“

Langsam neigten sich die Fahnen aus der langen Glitzerreihe
präsentierter Gewehre vor Kaiser Wilhelm II., der an diesem achten
Maitag des Jahres 1914 die Front seiner Truppen im Elsaß abritt.
Er hielt den Marschallstab in der Hand. Sein Auge blickte ernst.
Preußische Strenge furchte die federbuschumflatterten Generalsköpfe
seines Gefolges.

Tiefer senkten sich die Banner vor ihrem Kriegsherrn, berührten mit
ihrem meist noch unzerschossenen und unbefleckten Seidengebausch den
Rasen. Die Mehrzahl dieser Bataillone war noch jung. Der lange, nun
schon fast fünfzigjährige Frieden hatte sie entstehen sehen. Es war
nicht Erinnerung an Großtaten, sondern Hoffnung und Bereitschaft vor
den Schleiern der Zukunft, was feierlich und brausend aus allen diesen
Musikkapellen, zwischen diesem Wall von Mann und Roß aus Erz erklang:

    „Heil Dir im Siegerkranz,
    Herrscher des Vaterlands,
    Heil Kaiser, Dir!“

In weitem Bogen schauten von der Hochlandsburg bis Drei Ähren die
Schlösser und Hügel und blauen Höhen des Wasgenwaldes auf die Kolmarer
Ebene hernieder. Die Nacht hindurch, den ganzen Vormittag hatte es
in den Schluchten der Hochvogesen wie von einem Maigewitter geblitzt
und gegrollt. Noch jetzt war dort, gegen die französische Grenze
hin, die Manöverübung nicht ganz zu Ende. Da unten aber rückten
schon, von der Parade kommend, die Regimenter unter klingendem
Spiel in Kolmar ein. Rufacher- und Vauban-Straße, Rapp-Platz
und Marsfeld-Wall, Turenne-Straße und Judengasse wimmelten vom
bunten Farbenspiel der großen Garnison. Viele Stämme, viele Gauen
Deutschlands marschierten da zwischen den mittelalterlichen Häusern
der einstigen Freien Reichsstadt. Grüne Rheinische und Mecklenburger
Jäger, himmelblaue Kurmärkische Dragoner, blaurote Oberelsässische
Infanteristen, graugrüne Jäger zu Pferd, Badische Kanoniere, ernste
dunkle Hohenzoller’sche Fuß-Artillerie, Württemberger Fußvolk,
Festungs-Fernsprech-Kompagnien, Straßburger Pioniere, das Alles
flutete in die offenen Kasernentore, zog durch zum Bahnhof, bildete
lange Staubschlangen draußen im grünen Land, wo der Klotz von Breisach
trotzig den Übergang über den Rhein bewachte und fern sich das
Straßburger Münster hob.

„Donnerwetter, Isebrink!“

„Isebrink als Schlachtenbummler!“

Paul Isebrink trat an den Rundtisch heran, wo die Herren, noch bestaubt
vom Dienst, bei einem Mittagsschoppen saßen, und salutierte lachend mit
dem Spazierstock wie mit einem Säbel.

„Melde mich gehorsamst zur Stelle! Wie meinen der Herr Major? Zu
Befehl: Ich bin heute in aller Herrgottsfrühe aus Belgien in Metz
angekommen und benutze den halben freien Tag, um rasch zu meinem alten
Regiment herüberzuspritzen!“

„Er ist nämlich hier im fünfzehnten Armeekorps bekannt wie ein bunter
Hund!“ erklärte der Major einem frisch herversetzten Hauptmann.

„Na -- wo denn nicht?“

„Bei den Türken war er auch schon zwei Jahre!“

„Vielleicht gehe ich nächstens wieder hin!“

„Nanu!“

„Wenn ich will, kann ich jeden Augenblick! Und ich hab’ halb und halb
Lust!“

„Prost Isebrink!“

„Prost! Na Kinder -- Euch haben sie ja, scheint’s, heute die
Hammelbeine tüchtig langgezogen!“

„Vor allem Ihrem Regiment Weimar! Glauben Sie ja nicht, daß Sie das
hier unten treffen! Das sitzt noch friedlich an der Schlucht oben in
den Vogesen, biwakiert, glaub ich, auch dort!“

„Tut nichts! Vläming nimmt Sie mit! Er autelt doch am Abend hinauf!“

„Mit Vergnügen, Herr Hauptmann!“ sagte vom Nebentisch der lange, hagere
Fliegerleutnant, Graf Vläming.

„Haben Sie heute Kleinholz gemacht?“

„Ausnahmsweise: ja!“

„Was kommt dort von der Höh? Er ist nämlich unter furchtbarem Skandal
oben auf einer Tanne gelandet!“

„... weil einen die Grenze unsicher macht! Soll die der Kuckuck
von oben unterscheiden! Und wenn man sie überfliegt, giebt’s ein
Mordgeschrei!“

„Dabei tragen sie bei uns die französischen Zirkusflieger beinahe auf
den Schultern herum!“

„Und ein anderer Franzose zerhaut inzwischen die Denkmäler in der
Sieges-Allee!“

„Wir lassen uns ja Alles gefallen!“

„Übrigens: die Franzosen halten auch dicht hinter der Schlucht
eine Geländeübung ab“, sagte Graf Vläming. „Ich hab’ deutlich die
Tellermützen gesehen.“

„Alpenjäger?“

„Ja. Und bei den Roches du Diable drüben ... wenn sie da nicht in dem
Hotel Betten sonnten, dann waren das Rothosen!“

„Also 20. Armeekorps, 149. Regiment!“ sagte Paul Isebrink.

„Wie Sie das so im Kopf haben...“

„Der kennt alle Armeen auswendig!“

„Na -- nun laßt mich ’mal aus dem Spiel! Das ist nicht so interessant!“

„Das wissen Sie, Isebrink, daß die 99er neulich wieder mit Sang und
Klang in Zabern einmarschiert sind?“

„Und das Volk hat wohl mit faulen Äppeln geschmissen?“

„Hurrah haben sie geschrieen!“

„Verhetzt waren sie nur!“

„Ja, wer hetzt denn nicht?“ sagte der Hauptmann Isebrink.
„Herrschaften, die Welt ist ja längst wahnsinnig geworden! Ihr merkt
das nur nicht so, weil Ihr nicht so herauskommt!“

Draußen auf der Straße gingen einige Notabeln an dem offenen Fenster
vorüber. Sie sprachen laut und sichtlich betont Französisch.

„Giebts denn Krieg, Isebrink?“

„Wie soll ich’s wissen? Ich wundere mich jeden Tag, daß die Geschichte
immer noch hält! Also Graf Vläming, Sie rufen mich gütigst, wenn Sie
losgondeln wollen! Ich lasse mir unterdessen hier ein Zimmer geben und
erledige einen Brief.“

„Jawohl, Herr Hauptmann!“

Oben schrieb Paul Isebrink zunächst die Adresse: „Fräulein Ingeborg
Tillesen in Wiesbaden, Sonnebergerstraße 439.“ Dann weiter:

    „Meine liebe Freundin!

Ihren Brief aus Moskau kann ich erst heute beantworten. Unsere
deutschen Briefkästen sind blau und treu, wie unten unsere Soldaten.
Im Ausland giebt es schwarze Kabinette. Wir Beide teilen uns --
weiß Gott -- keine Staatsgeheimnisse mit. Aber es ist mir doch
ein widerwärtiger Gedanke, daß so ein Belgier oder Russe in dem
herumschnüffeln sollte, was wir uns schreiben...“

Auf dem Pflaster schütterte immer noch der Marschschritt, schrillten
die Querpfeifen, rasselten die Trommeln. Isebrink sah hinab... Aha --
die 30te Division, Straßburger Bataillone, die an der Ecke drüben zum
Bahnhof einschwenkten. Vielleicht die Brigade Ludendorff. Im Kaffeehaus
unter Isebrinks Fenster saßen an einem nach Pariser Art auf die Straße
gerückten Tischchen ein paar junge Französlinge mit blauer Hemdbrust,
weißem Stehkragen und roter Halsbinde, und zu den Farben der Tricolore
die blutrote Boulanger-Nelke im Knopfloch. Sie lachten, die Hüte im
Genick, frech zu den müden und verstaubten Truppen hinüber.

„Aber habe ich Ihnen überhaupt etwas zu schreiben, liebe Ingeborg? Man
kommt sich manchmal schon ganz dumm vor, als der getreue Eckart in
Uniform. Ihr glaubt Einem ja nicht. Sie wenigstens! Mit Ihrem Amerika!

Ich habe eben den Kaiser gesehen. Neulich Poincaré und den König
von England. Und gestern noch Albert von Belgien. Das muß man sich
gegenüber halten, wenn man sagt: Gottseidank, ich habe unsern Kaiser
gesehen! Wir sind ja in Deutschland nie zufrieden. Aber was sind
diese gekrönten Häupter da drüben gegen ihn? Diese Schwatzmichel von
Advokaten, die in Zylinder und Regenschirm Paraden abnehmen. Unser Heer
hat wirklich einen Herrn. Unsere Flotte auch. Er geht von hier nach
Metz, fährt nach Helgoland. Er ist immer im Dienst. Und wir mit ihm und
unter ihm. Das klingt ja in Ihrem Amerika sehr neckisch: ‚jeder für
sich!‘ Aber, liebes Kind, wenn wir das sagen wollten, mitten im Herzen
Europas, so hätten wir in Kurzem die Kosacken in Berlin und die Turkos
in Wiesbaden. Wir haben uns ja schon tausendmal darüber gestritten. Es
ist um die Wände hinaufzugehen, daß Sie das nicht einsehen!“

Die Straße unten war jetzt frei von Marschkolonnen, aber voll
Menschen. Durch das neugierige Gewoge schritt ein ältlicher Abbé im
Priestergewande, mit verkniffenen Zügen, lebhaft auf Französisch mit
seinen Begleitern plaudernd. Alles sah ihm voll Interesse nach. Manche
grüßten.

„Eben ging der alte, ehrliche Wetterlé unten vorbei. Der ist eigentlich
eine wandelnde Reklame für uns -- sozusagen die erste Schwalbe, die
den Krieg anzeigt! Möchten Sie es doch in letzter Stunde kapieren,
Ingeborg, daß ich nicht zum Spaß so ernst bin! Bald ist es vielleicht
zu spät! Ich bin doch wahrhaftig mit allen Hunden gehetzt. Ich weiß
mehr als Andere, Vieles, was ich nicht sagen darf. Eben wird mir das
Auto gemeldet. Ich darf die Herren nicht warten lassen. Auf Wiedersehen
in Wiesbaden! Ich habe immer noch Hoffnung, daß Einer von uns Beiden
nachgiebt. Ich sicher nicht. Aber Sie sind ja das, worauf Sie so stolz
sind: ein freier Mensch! Gebrauchen Sie diese Freiheit, um sie zu
opfern...“

„Herr Hauptmann stammen aus dem Regiment Bernhard von Weimar?“ frug
Graf Vläming, während der graue Kraftwagen knatternd das Münstertal
entlang schoß. „Eigentlich ’ne tolle Garnison... Dagegen sind ja
Mörchingen und Dieuze der reine Zucker!“

„Solche Drecknester haben auch ihr Gutes! Da setzt sich der Mensch
aus reinem Stumpfsinn hin und arbeitet. Wir waren da vier strebsame
Männerchen mit der versteckten Absicht auf die Kriegsakademie. Da
ließen wir uns mit vereinten Kräften einen russischen Studenten aus
Berlin als Lehrer für die Aussprache kommen und das nächste Jahr eine
englische Miß -- Nee, lachen Sie nicht -- ein richtiges Scheusal und
längst aus dem Schneider! Die brachte Einem nun so den Zungenschlag
bei! Na und Französisch, das lernt sich ja hier von selber. So kommt
der Mensch eben schließlich in den Generalstab!“

„Beneidenswert!“

„Gott... Glück!“

Der Kraftwagen hatte die Stadt Münster hinter sich gelassen und stieg
mit donnernder Auspuffklappe steil durch dunklen Hochwald in die
Vogesenschluchten empor. Mächtig wölbte sich zur Rechten das Sulzer
Belchen. Man war schon ganz nahe an der französischen Grenze.

„Sagen Sie ’mal: wo stecken denn nun eigentlich unsere Kriegsknechte?
Die sind doch nicht etwa in der Zerstreutheit nach Frankreich hinüber
geklettert? Wir wollen doch mal den Meldereiter da fragen! Gleich um
die Ecke lagert das Regiment? Na -- famos!“

Ein Halloh im Biwak auf der grünen Maienmatte, über der sich hoch
und kahl im Halbbogen der Grenzkamm der Vogesen wölbte. Graf Vläming
dachte sich: So möchte ich auch einmal von den alten Kameraden begrüßt
werden, als der Stolz des Truppenteils, von dem es in zwanzig oder
fünfundzwanzig Jahren heißt: General der Infanterie von Isebrink ging
aus dem Regiment Bernhard von Weimar hervor. Steht ~à la suite~.
Im Kasino hängt sein Bild. Die gestickten goldenen Eichenblätter am
Kragen, die schlichte hohe Hausnummer auf den Achselstücken...

„So... Bitte an meine grüne Seite!“ sprach der Oberst von Münzingen.
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört! Ihr Geist lebt sozusagen unter
uns Bernhardinern weiter! Na, Graf Vläming, wann holen Sie nun Ihre
Luftdroschke von den Bäumen runter?“

„Wenn der Vollmond aufgeht, Herr Oberst! Hoffentlich sind die Kerle
drüben bis dahin weg -- die brauchen auch nicht Alles zu sehen!“

„Na, wir fangen jetzt schon an, sachte abzubauen!“ sagte Hauptmann
Vierling von der Fußartillerie. „Ich hab’ eben schon runtertelefoniert!
Aber fein war’s -- was, Elsterburg?“

„Keine Katze hat uns entdeckt!“ meinte der Pionierleutnant stolz.
„Nicht einmal unsere eigenen Flieger!“

„Wo haben Sie denn nun eigentlich Ihre Brummer versteckt?“

„Suchen Sie sie doch! Sie sehen sie auf zehn Schritte nicht.“

„Ach, die Batteriestellung am Eck, hinter Stoßweier, zweihundert Meter
nördlich von der Mühle?“ frug Paul Isebrink. Die beiden Herren im
dunklen Sammtkragen entsetzten sich.

„Woher wissen +Sie+ denn das?“

„Ich hab’ im Vorbeifahren das künstliche Wäldchen gesehen. Wenn die
Bäume echt wären, könnte das Gras dahinter im Schatten eigentlich doch
nicht so dicht wachsen, nicht wahr?... Herrgott, Güldenpfennig! Sie
waren doch Einjähriger in meiner Kompagnie?“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann! Ich mache schon meine vierte
Offiziersübung!“

Der blonde Volksschullehrer stand dienstlich stramm und setzte
sich dann auf den freien Platz zwischen dem Grafen Vläming und dem
Kaiserlichen Regierungsrat und Hauptmann der Landwehr Lobegast. Männer
aller Stände und Berufe hielten hier in der Feldbinde des Offiziers am
Grenzwall die Wacht gegen Welschland. Dann erhob sich der Flieger und
reckte seine langen Beine, um nach seiner Taube zu sehen. Es war nun
schon spät am Abend. Der Vollmond stand hell am frostklaren Himmel. Die
Herren hatten sich in ihre Mäntel gewickelt und saßen bei einem Glase
Grogk um das flackernde Biwakfeuer. Der Major Fieser sagte:

„Wissen Sie, Isebrink, einen Fehler haben Sie immer noch: keine Frau!“

„Wie alt sind Sie denn?“

„Fünfunddreißig, Herr Oberst!“

„Na, da wird es aber Zeit!“

„Ja, woher nehmen und nicht stehlen!“ sagte Isebrink tiefsinnig und
schob ein Stück Reisig in die Glut. Der Feuerschein spielte über sein
gebräuntes Gesicht. Unten dämpfte der Hauptmann von Riedt seinen Baß
gegen den Landwehrhauptmann Lobegast:

„Der ist gar nicht so blöde --, ach nee! Aber er hat eine Geschichte in
Wiesbaden -- schon drei Jahre ... ich weiß nicht: will er nicht -- will
sie nicht -- man wird nicht klug draus!“

Es war eine Stille. In die fiel ganz von ferne der schwache
Manöverknall eines Schusses. Eine Bewegung unter den Herren.

„Aha -- sie stecken doch noch drüben!“

„Oder ein Jäger...“

„Auf was soll er denn schießen, Anfang Mai?“

„Wetten, daß sie’s sind!“

„Drei Flaschen Matthäus Müller!“

„Kolkt doch nicht! Wer soll denn das entscheiden?“

Jenseits des Vogesenkammes schoß ein Raketenstreifen in die Luft. Eine
grüne Leuchtkugel stand einige Sekunden vor den Sternen. Eine rote
erschien ganz hinten über schwarzem Tannenwipfelgezack. Die Franzosen
gaben sich Zeichen. Es war doch eine größere Übung. Ein leiser
Windschauer ging, wie eine Vorahnung von Krieg, durch die stille Nacht.
Eine Sternschnuppe schoß da herunter, gerade in der Richtung, in die
der Oberst mit seinen Offizieren schaute. Als er sich wieder nach dem
Platz zu seiner Linken umwandte, war der leer. Der Major Fieser sagte:

„Isebrink macht scheints noch eine Mondschein-Promenade längs der
Grenze. Da oben geht er!“

Paul Isebrink kannte von der Jagd her hier Weg und Steg. Er stieg
schnell die Hänge gegen den Hoheneck hinan, stand oben auf der
Hochfläche, auf der die Nachtnebel brauten. In regelmäßigen Abständen
schimmerten zwischen ihnen die weißen Grenzsteine. Er machte vor
ihnen, noch auf deutschem Boden, halt. Bäche sprudelten durch das
Mitternachtsschweigen der Mosel zu und plätscherten zu seinen Füßen.

Buschwald. Mondschein. Im Tal dicht unter ihm ein schwaches Licht. Es
bewegte sich, so als hielte jemand eine elektrische Taschenlaterne in
der Hand. Nun sah er auch die dunklen Gestalten in Käppi und Kapuze,
Offiziere um das glimmende Feuer. Dahinter im Dämmern Zeltbahnen, Gäule
mit hängendem Kopf, stumme Posten... Da unten schlief, scheinbar in der
Nacht sich in das Endlose verlierend, das französische Heer...

Wieder das Flimmern des Glühwurms über der Landkarte. Ein Lachen.

„Eh -- Le Fol: haben Sie den Weg nach dem Rhein gefunden?“

„Wir werden ihn finden, mein Kapitän!“

„Das denken wir schon lange -- was, Guyon?“

„Einmal entrollen sich unsere Banner!“

„Pst! Nicht so laut! Der Colonel schläft!“

„Hat da nicht eben ein Ast geknackt?“

„Mir schien es auch!“

Ein Horchen und Lauschen.

„Jetzt wieder! Aber hoch oben!“

„Man hört nichts mehr!“

„Pah! Ein Lapin! Wieviel Uhr, Le Fol?“

„Wenig nach Mitternacht, mein Kapitän!“

„Brr!... Es ist kalt! Nun: schließlich kommt der Tag!“

„Schließlich kommt der Tag!“

Paul Isebrink hatte sich umgedreht, um zurückzukehren, und hemmte, das
Gesicht dem Rhein zugewandt, nach ein paar Schritten im Heidekraut den
Schritt. Da unten im deutschen Wiesengrund lag schon wieder, bläulich
geisterhaft im grellen Mondschein, das schlafende Heer: Ein Rund von
Pickelhauben um ersterbende Glut, stumm glitzernde Gewehrpyramiden in
Reihen vor den Zelten, still im Stehen an ihren Pflöcken schlafende
Pferde, einsame Gestalten im Mantel, das Gewehr unter dem Arm, auf
Wacht.

Der oben stand zwischen den beiden Heeren. Auf seinen Zügen lag jetzt
der tiefste Ernst seines Wesens, den er selten Anderen zeigte, den
er hart und beinahe schamhaft in sich verschloß. Es ging ihm durch
den Kopf: da ruhen Mann und Roß, bis wieder einmal die Raben um
den Kyffhäuser fliegen. Und so wie hier schlafen überall in Europa
unterirdisch bis an die Zähne gerüstet die eisernen Männer. Oben ist
Sonnenschein. Da sieht man sie nicht. Hat andere Dinge im Kopf. Glaubt
kaum mehr an sie und ihr Erwachen. Wir, die Offiziere, wissen es
besser...

Wir wissen, was sich die Andern nicht mehr sagen: noch nie war ewiger
Friede auf Erden! Immer wieder steigt die Stunde auf, um die keiner
herumkommt, kein Mensch und kein Volk. Dann sei Gott mit Dir und Deiner
Kraft, mein deutsches Land...

Im Wiesengrund unten verloschen die letzten Feuerpünktchen. Die
Herren waren in die Klappe gekrochen. Wozu sie jetzt noch stören! Man
konnte ihnen ja in Münster den Ausgang ihrer Wette in ein paar Zeilen
hinterlassen. Dort fand man wohl schon den ersten Morgenzug zurück nach
Kolmar und weiter nach Berlin.

Es war ein stundenlanger Weg durch Tannenwald und totenstille Nacht
bergab. Ehe noch Isebrink das Tal erreichte, begann sich drüben über
dem Rhein der Himmel zu färben: Feurige Zeichen erschienen an ihm.
Unheimliche Flammenstreifen glühten auf, vergrößerten sich schnell,
flossen ineinander. Eine ungeheure düstere Röte wuchs reißend empor und
füllte, soweit ein Menschenauge reichte, die Himmelswölbung. Wie ein
Weltbrand. Wie ein Meer von Blut.

In der ahnenden Morgenfrühe hallten die Schritte des Hauptmanns
Isebrink auf der einsamen Straße wieder. Von Neuem dachte er an die
Zukunft und sagte sich: Was wir haben, schützen wir nur durch das, was
wir sind. Und nur das lebt, wofür man stirbt...



IV.


„Heute erwarte ich nun meinen Filius hier in Wiesbaden!“ sagte der
Generalmajor z. D. Isebrink, während er mit zwei anderen alten
Generalen in Zivil die Wilhelmstraße hinabging.

„Welchen denn von Ihren Vieren?“

„Wenn ich von ‚dem‘ Filius spreche, meine ich immer meinen
Generalstäbler, das Paulchen!“

„Na -- Ihr Vaterstolz ist nicht von Pappe!“

„...Habe auch allen Grund dazu!“

Ringsum Fahnen, Menschen, Musik. Die Bäderstadt feierte in dieser
grünen Maienmitte von 1914 den alljährlichen Frühlingsbesuch des
Kaisers. Eben klang von ferne die wohlbekannte Hupen-Fanfare.
Tausendstimmiges Hurrah hinterdrein. Tausend Hüte hoben sich. Weiße
Tücher winkten. Der Kaiser kehrte von einem Nachmittagsausflug nach der
Saalburg in das Stadtschloß zurück. Er dankte mit freundlichem Ernst.

„Hurrah! Hurrah! Hurrah!“

Es verklang. Die drei alten Soldaten hatten ehrfurchtsvoll Front
gemacht. Das schwarz-weiße Band von 1870 leuchtete, als sie
weiterschlenderten, auf ihren schlichten schwarzen Röcken. Sie grüßten
fortwährend einstige Waffenkameraden, Grauköpfe wie sie. Hunderte
dieser strengen, gefurchten Gesichter sah man in Wiesbaden. Sie hoben
sich aus dem Jubel und Trubel, dem Lachen der Kurgäste, dem Lärm der
Ausländer um sie her als stumme Zeugen einer ehernen, fernliegenden,
dem neuen Friedensgeschlecht schon halb unwahrscheinlich gewordenen
Zeit.

„Wo geht Majestät eigentlich von hier hin?“

„Nach Konopischt! Zum Erzherzog-Thronfolger von Österreich!“

„Bravo!“

Sie kamen in dem Gedränge an der Ecke der Museumsstraße kaum vorwärts.
Rings um sie wurde Französisch, Englisch, Russisch gesprochen.

„Ich weiß nicht: Soviel Ausländer waren doch noch nie da!“

„Seit gestern ist doch hier der große Internationale Kongreß!“ sagte
General Isebrink. „Ich glaube, die Mediziner. Oder die Physiologen.
Bei meinem Nachbar, dem Geheimrat Tillesen, ist jedenfalls ein
Riesenbetrieb!“

„Ja, an die Feste hier muß man sich gewöhnen!“

Die Sonne schien hell vom blauen Frühlingshimmel. Bunt bauschten
sich die Banner. Farbig leuchteten drüben durch das lichte Grün der
Parkanlagen die Damenkleider, die Sonnenschirme, die Blumenhüte und die
Blumenbeete. Die Kurkapelle schmetterte. Deutschland lud die Welt zu
sich zu Gast, wie ein fröhlicher, kraftstrotzender, arbeitsstarker Mann
am Feierabend die Nachbarn um sich versammelt und sich von ihnen keines
Bösen versieht, weil er selbst dem Nächsten ja nur Gutes wünscht, Gutes
erweist, Gutes aufdrängt.

Das war dies warmherzige, weichmütige Deutschland, das seine
Sparbüchsen für die Buren leerte und den hungernden Indern das
Scherflein der Witwe sandte, das liebevoll den Verschütteten von
Messina Asbesthäuser baute und die abgebrannten Russen mollig und warm
kleidete, das mit ganzen Schiffsladungen die notleidenden Norweger
nährte und bettete und dabei schon nachdachte, wie es Yankees und
Japanern eine Freude bereiten könne, dies Deutschland, dessen Herz so
groß war wie sein Geist, und das aus dieser Unendlichkeit heraus Alles
umfaßte, viel verstand und viel zu viel verzieh.

Ausländer überall. Sieche, durch Salvarsan genesende Russen in
Rollstühlen, durch Röntgenstrahlen geheilte Angelsachsen am Stock,
Italiener, in der Sonne sitzend, denen das Messer deutscher Chirurgen
das Leben gerettet. Sie Alle fühlten sich hier zu Hause, schwatzten und
lachten. Erst gegen die Bahnhofstraße hin wurde es allmählich um die
drei alten Herren mit dem Eisernen Kreuz leerer.

„Na ... Paul ... zum Donnerwetter ... Paul! Erkennste denn Deinen ollen
Vater nicht mehr?“

Der Generalstabshauptmann mit dem dunkelroten Kragen und dem breiten
dunkelroten Streifen an den Beinkleidern kam aus seinen Gedanken zu
sich und blieb stehen. Das grauköpfige Kleeblatt begrüßte ihn mit
Wohlwollen als eine kommende Leuchte der Armee.

„Was Neues aus Berlin, Herr Hauptmann?“

„Jawohl, Exzellenz! Die Russen haben drei Reservejahrgänge zu
sechswöchigen Übungen einberufen...“

„... und hier ist heute italienische Nacht!“

„Das sind zwei Millionen mehr auf den Beinen...“

„... morgen großes Feuerwerk im Kurpark.“

„Dabei, ich glaube schon der zehnte russische Spionageprozeß vor dem
Reichsgericht allein in diesem Jahr. Ich bewundere unsere Langmut
gegenüber der Gesellschaft!“

„Na -- Sie bringen eine andere Stimmung mit, Herr Hauptmann, als die
hier!“

Eine Sekunde legte sich ein Schatten über die Sonne und die bunte
Heiterkeit der Stadt und auch über die Gesichter der alten Herren.

„Auf Wiedersehen, Vater! Ich geh’ schnell voraus. Ich muß doch gleich
von zu Haus weiter!“

Der General schüttelte den Kopf. Als er heimkam, frug er seine Frau:

„Wo ist denn der Paul hin?“

„Na -- das kannst Du Dir doch denken!“

Neben der kleinen Generalsvilla lag weiß und mächtig, den Säuleneingang
dem Sumpfgrün des Kurparks zugewandt, in der Sonnebergerstraße
das schloßartige Haus des Geheimrats Tillesen mit seinen
Laboratoriums-Anbauten zwischen Teppichbeeten, Palmen und Zypressen.

„Vorhin ist sie da herausgekommen!“ sagte die kleine energische
Generalin Isebrink. „Ganz flott und fidel, Kopf im Genick. Kleid, Hut,
Schirm, Schuhe -- Alles weiß! Und er hier auch davon, als ob’s brennte!
Dann sind sie zusammen fort! Er wird noch ganz verdreht. Es muß ’mal
ein Ende nehmen mit der jahrelangen Katzbalgerei!“

Es gab da, in der Richtung nach der einsamen Villenkolonie Eigenheim
verlorene Wege zwischen Ackergrün und Obstblüte, auf die sich der
Fremdenstrom nicht verirrte. Paul Isebrink und Inge Tillesen kletterten
da vorsichtig einen steilen Kartoffelhang abwärts. Sie lehnte seine
dargebotene Hand ab.

„Natürlich!“

„Was denn: natürlich?“

„... daß Sie sich nicht helfen lassen! Immer die, die’s am nötigsten
haben!“

„Bleiben Sie nur nicht selber mit den Sporen in den Brombeeren hängen!“

Er sprang hinter ihr über den Graben auf die staubige Landstraße.

„...Also, was meinten Sie vorhin...“

„...Was ich meinte? Lieber Freund: Ich bin doch ein vernünftiger
Mensch...“

„Nee, ganz und gar nicht!“

„Ich bin doch nicht mehr ganz jung...“

„Grün sind Sie, Inge -- grün!“

„Ich hab’ Manches gesehen! War lang in Amerika!“

„Leider Gottes!“

„Sie waren jedenfalls nicht dort!“

„Ich kenne das Land nicht und möchte es nicht kennen lernen!
Militärisch ist da nichts zu holen, und im Übrigen sind mir diese
Dollarfritzen zuwider!“

Inge Tillesen blieb stehen, lang, schlank und weiß, und faltete zornig
die Hände über dem Griff des Sonnenschirms.

„Wenn man Ihnen nur beikäme... Wenn man Ihnen nur begreiflich machen
könnte... Aber Sie wollen ja nicht! Ums Totschlagen nicht...“

„Zum Totschlagen sind wir ja da!“

„Da haben wir’s! Das ist ja eben das Gräßliche!... Alle Ihre Gedanken
drehen sich immer nur darum, daß ein Mensch dem andern die Zähne
zeigen muß und ein Volk dem andern an die Gurgel springen. Wir leben
doch nicht im Raubtierkäfig. Aber das ist Ihnen so in Fleisch und Blut
übergegangen... Sie merken gar nicht mehr, daß Sie das mit neun Jahren
schon als Kadett in Ihr Kinderhirn eingetrommelt bekommen haben!“

„Dafür bin ich meinen militärischen Erziehern noch jetzt dankbar!“

„Wert hat doch nur die Weltanschauung, die man sich selbst erwirbt!“

„Wie Sie in Amerika...!“

„Ja. Gerade als Frau!... Daß man drüben anders denkt, das ist in erster
Linie dort der Einfluß der Frauen. Ich bin bei meinem Geschlecht gar
nicht so für das Wissen, als für die Charakterbildung. Ich habe nicht
studiert. Ich gehe meinem Vater nur so freiwillig zur Hand. Deswegen
hat mir die Stellung der Frau da drüben so wohlgetan. Sie ist ein
Mensch wie der Mann...“

„Das heißt, er steht, scheint’s, mordsmäßig unter dem Pantoffel!“

„Sie kann Demokratin sein und er Republikaner... Sie mag für
Silberwährung sein...“

„... und er verdient inzwischen das Gold...“

„Können Sie denn nicht ernsthaft bleiben?“

„Ach -- ich bin ernster, als es scheint, Inge!“

„Und die Folge: Reden Sie einmal mit einem Amerikaner über den Krieg!
Er versteht Sie einfach nicht!“

„Dann tut er mir leid!“

„Überall auf der Welt sagt man sich: Wozu denn Streit? Uns Alle umfängt
doch eine gemeinsame Kultur -- mein Vaterhaus da hinten ist auch ein
Stück davon und nicht das schlechteste! -- Krieg ist sinnwidrig, weil
er Kultur zerstört. Also geht er gegen alles moderne Denken!“

„...Na -- ich freue mich, daß die Menschen so viel besser geworden
sind, als früher!“

„Besser nicht. Aber vernünftiger. Sie sehen ein, daß der Krieg
keinen Vorteil bringt. Also leben sie miteinander in Frieden. Darin
liegt die menschliche Freiheit! Namentlich für die Frau. Krieg ist
Männerhandwerk. Er heißt Unterdrückung der Frau!“

„Er heißt Beschützung der Frau, liebes Kind! Beschützung vor dem Feind!“

„Ach -- ewig der Feind!“

„Warum stampfen Sie denn dabei so mit dem Fuß, Inge?“

„Das ist’s ja, was mich so erbittert. Das Leben ist so schön. So
reich. So friedlich. Es bietet einem so viel. Ich möchte es genießen.
Mich daran freuen. Kann ich denn das an der Seite eines Mannes, der
das ganze Leben, so wie ein frommer Christ als Vorbereitung auf das
Himmelreich, nur als Vorbereitung für den Krieg betrachtet? Dabei kommt
der Krieg nie mehr! Gottlob! Seit einem halben Jahrhundert ist Ruhe!“

„Warte nur, balde...“

„Das sagen Sie! Das sagt Ihr immer! Müßt Ihr ja sagen! Das ist ja eben
der Unterschied zwischen Ihnen und mir! Ihnen hat man von Jugend auf
eine düstere Vorstellung von dem ‚Erbfeind‘ beigebracht. Wenn ich,
seit meiner Backfischzeit, an Franzosen denke, so sind das freundliche
Gelehrte, die bei meinem Vater zu Gast waren und er bei ihnen...“

„Ihr werdet Euch noch über die Freundschaft wundern, Kinder!“

„Sie kriegen einen roten Kopf, wenn Sie ’was von Engländern hören!
Meine eigene Schwester ist an einen Engländer verheiratet. Es ist der
harmloseste Professor der Physiologie, den man sich denken kann. Er tut
in Oxford keiner Fliege etwas zu Leid!“

„Das sind Alles Gemütsmenschen, da drüben!“

„Ewig malen Sie Einem die Russen als Schreckgespenst an die Wand. Da
konnt’ ich es doch nun einmal feststellen, weil ich doch eben in Moskau
war. Die Russen denken an nichts Böses. Sie waren gutmütig wie die
Bären. Sie haben uns mit Geschenken überhäuft!“

„Besonders die Kosacken -- nicht?“

„Und so ging es meinem Vater immer und überall. Wie er noch
Universitätslehrer war, haben Inder und Japaner zu seinen Füßen
gesessen. Heute Abend versammeln sich bei ihm Gelehrte aus ganz Europa.
Auf der ganzen Erde hat er seine Schüler, bekommt Besuche von ihnen,
steht mit ihnen im Briefverkehr. Es ist wie eine große Familie!“

„In Familien ist immer der meiste Skandal!“

„Mein anderer Schwager, der Reichstagsabgeordnete, geht jetzt zum
internationalen Friedenskongreß... Alle Menschen wollen einander näher
kommen! Alle Menschen suchen sich zu verstehen! Nie war man sich so
nahe wie jetzt. Nur Ihr steht finster abseits! Ihr allein wollt von
nichts wissen. Das ist eine Härte und eine Enge und eine Armut -- ach,
du lieber Gott -- ich kann da doch nicht hinein! Ich kann nicht. Es
nimmt kein gutes En...“

„Ein Unteroffizier, dreizehn Mann sechster Kompagnie auf dem Rückmarsch
vom Felddienst!“

Der über und über verstaubte Sergeant meldete es, während er auf der
Landstraße stillstand, vorschriftsgemäß und dröhnend dem Hauptmann.

„Danke! Weiter!... Sehen Sie, Inge ... da ist Ihnen eben unvermutet
mitten auf der Chaussee der Krieg erschienen!“

„Warum schrie denn der Mann so furchtbar?“

„... weil Ihr taube Ohren habt!“

„Lieber Freund: die Bauern auf dem Feld schauen zu uns herüber!“

„Die können es auch hören! Jeder! Merken Sie es denn in des Geiers
Namen nicht, daß wir allein es Euch möglich machen, Euer wertes Ich und
Eure Freiheit zu kultivieren, wir, die Leute, die ohne viel Mucksen in
aller Stille ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit tun?“

„Es wird bald ganz ohne Soldaten gehen!“

„Es hat schon lange nicht gebrannt! Da kündige ich die Versicherung!
Ihr seid wirklich schlau!“

„Vielleicht klüger, als Sie glauben!“

„... müssen Sie das so wegwerfend sagen?“

„... genau mit dem Hochmut, an dem bei Ihnen Alles abprallt!“

„Liebe Inge! Wenn Jemand an geistigem Dünkel leidet, dann sind Sie’s!
Schlagen Sie doch schon diesen amerikanischen Deubel in sich tot!“

„Das müßten neun Zehntel der Menschheit tun. Sie und die Ihren -- das
sind ja nur eine Handvoll...“

„... aber die einzig vernünftigen Leute! Ja, weinen Sie nur, Inge! Das
ist sehr recht! Vielleicht kommen Ihnen dann bessere Gedanken!“

„Ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun, zu weinen!“

„Dabei laufen Ihnen schon die dicken Thränen herunter!“

„Höchstens aus Zorn, daß man so gar nicht... Es preßt Einem das Herz
zusammen... Es könnte Alles so schön und gut sein. Es ist eigentlich
nur ein großes Mißverständnis zwischen uns...“

„Mir scheint: überall auf der Welt, Inge!“

„Aber wenn Sie Einem so gar nicht entgegenkommen...“

„Nicht einen Zoll breit!“

„Sehen Sie -- da ist schon wieder dieses Schneidende. Das Herz wird
Einem kalt dabei!“

„Meins nicht! Im Gegenteil: Inge ... ich habe Sie von Berlin aus um
diese Unterredung gebeten. Das muß aber die letzte sein. Ich muß
wissen, woran ich bin. Vom Balkan aus geht es nicht mehr mit dem ewigen
Hin und Her zwischen uns... Es nimmt Einem auch auf die Dauer die
Nerven... Herrgott ... rennen Sie nicht auf einmal so!“

Sie gingen stumm eine Strecke und blieben wieder stehen.

„Inge: Es ist ein verwünscht ernster Augenblick... Ich bin doch auch
kein junger Dachs mehr! Seit drei Jahren stehe ich nun vor Ihnen und...
Sie passen doch auch nicht für Jeden. Sie haben doch gewiß einen Haufen
Leute heimgeschickt, in der Zeit! Nicht wahr? Na also! Das darf ich
doch auf mich beziehen... In aller Bescheidenheit!... Inge, fassen Sie
doch Mut! Wer wird sich denn so vor dem Leben fürchten? Es wird schon
gehen!...“

Inge Tillesen durchschritt die kurze Strecke bis zu dem Haus ihres
Vaters. Dort stellte er sich zwischen sie und das Gittertor des
Gartens.

„Ich will doch sehen, ob Sie an mir vorbeikommen!... Inge: Sie finden
nie wieder einen Mann, der Sie zugleich so kennt und so liebt wie
ich!... Und wenn’s anfangs eine Ehe mit Blitz und Donnerwetter giebt
-- na schön! Was sich liebt, das neckt sich! Wir sind Beide nicht von
Pappe! Wir halten schon einen Puff aus!“

Inge Tillesen öffnete das Tor. Es klirrte zu. Sie stand drüben im
Garten, durch das Gitter von ihm getrennt. Ein Schweigen.

„Gut, Inge -- das ist auch eine Antwort. Also ich gehe. Ich lasse uns
Beiden noch die letzte Möglichkeit: Ich bleibe bis morgen Mittag hier
bei meinen Eltern. Überlegen Sie es sich bis dahin, ob Sie mir noch
Etwas zu sagen haben!“

Ingeborg Tillesen trat in das Haus und ging in ihr Zimmer. Sie saß
stumm, die Hände im Schoß. Ihr gegenüber an der Wand stand der schöne
alte lübische Patrizierschrank. Auf dem Sims die Inschrift: „de Klock
-- de sleiht -- de Tied, de geiht! -- Ni so veel Quark -- Frisch Hand
an’t Wark.“

Die Stunde geht -- die Zeit verweht. Sie dachte sich: Nun ist’s
vorbei... Eigentlich sollte ich froh sein... Aber ihr war nicht leicht
ums Herz...

Dann kam ihre Schwester, Hannah Higgins, herein, eine kleine, frische,
rosige Frau, um ihr einen Brief ihrer zwei in Oxford zurückgelassenen
Jungen zu zeigen. Natürlich Englisch. Das „Fräulein“ hatte ihn für
den Acht- und Neunjährigen entworfen. Die Beiden waren in der Kirche
gewesen. Sie hatten einem Cricket-Match der Eton-Knaben beigewohnt und
guten Sport gesehen. Der ehrenwerte Talbot von Christ Church College,
dritter Mann des siegreichen Oxford-Boots im großen Themserennen gegen
Cambridge, hatte vorgestern ihnen Beiden in St. Giles Street die Hand
gegeben. Sie waren rot vor Stolz geworden.

„Sind sie denn immer noch so ungezogen?“ frug Inge zerstreut.

„Bill und Bob? Das sind kleine Gentlemen!“

„So? Na -- hier waren’s Lausbuben!“

„Ja, hier in Deutschland, da lassen sie sich leider gehen!“

Die kleine Frau Higgins hatte ganz krauses, aschblondes Haar, fidele
hellblaue Augen und Grübchen von Komik um die Mundwinkel. Sie setzte
sich der Schwester gegenüber.

„Ihr hier habt’s gut: Ihr nennt einen Lausbuben einen Lausbuben! Bei
uns drüben wäre das nicht respektabel! Du glaubst nicht, wie verlogen
sie sind! Bis in die Knochen. Es gehört zur guten Erziehung, sich
selber zu beschummeln. Bei meinen Jungen fängt’s auch schon an...“

„... wirklich?“

„Wenn der Eine einen Apfel vom Andern haben will, dann sagt er sich,
daß so viel Obst für den Bruder nicht gut sei. Und daß es andererseits
nicht weise sei, einen Apfel verderben zu lassen! Und dann opfert er
sich erst und frißt ihn! So sind sie Alle! -- Ich fasse sie in Gottes
Namen humoristisch auf...“

„Das ist noch ein Glück!“

„Sonst könnt’ man überschnappen! Behüte uns nur der Himmel vor einem
Krieg zwischen uns und ihnen! Dann wüßt’ ich wirklich nicht, was aus
mir wird!“

Der Krieg... Schon wieder. Immer Isebrinks Geist. De Klock -- de sleiht
-- de Tied, de geiht. -- Es summte und brummte in Inge Tillesens
Ohren wie von einem fernen Kirchturm durch die Lichterhelle, das
Menschengewühl, das Stimmengewirr des großen abendlichen Empfangs
der Kongreßgäste im Hause ihres Vaters. Eben hielt der kleine dicke
weißbärtige Professor Roussillon von der Pariser Sorbonne seine
Anrede an den Gastgeber, der gerade in diesen Tagen auch noch seinen
sechzigsten Geburtstag feierte.

„~Cher maître -- mon cher confrère...~“ Er breitete die kurzen
Ärmchen aus und fiel dem Geheimrat Tillesen beinahe um den Hals. Der
stand schlicht und einfach da, ein äußerlich unscheinbarer Gelehrter,
und lächelte still über Dinge und Menschen hinweg.

„~Eccellenza!~“

Professor Giovanelli aus Bologna warf sich in die Brust. Die Sprache
Dantes rollte von seinen schwarzumbuschten Lippen. Seine Augen
funkelten. Inge Tillesen setzte sich. Sie dachte: Jeder sagt dasselbe,
nur mit einer andern Zunge. Jetzt wieder Professor Burchardt aus der
Schweiz in einem rauhen und markigen Allemannisch...

„Guten Abend, mein Fräulein!“

Das klang in russisch gefärbtem Deutsch. Vor ihr war ein längliches,
unruhiges und kluges Gesicht mit kühlen grauen Augen und dunkelblondem
Schnurrbart. Eine vornehm-hagere Gestalt, den Kopf nach Slawenart
lächelnd ein wenig zur Seite geneigt. Erst wußte sie nicht, wo sie ihn
hintun sollte. Dann fiel ihr ein: Gott -- das ist ja dieser Mensch aus
Moskau! Und zugleich stellte er sich selbst vor: „von Schjelting!“

Dabei nahm er, ohne eine Aufforderung abzuwarten, neben ihr Platz. Sie
rückte unwillkürlich ein wenig von ihm ab und sagte sich:... ‚mein
Fräulein...‘ -- wahrscheinlich sparte er sich das ‚gnädige Fräulein‘
für den Gothaer Almanach auf! Der Dünkel leuchtete ihm aus allen Poren,
trotz seiner liebenswürdigen, weichen Art. Dabei -- komisch: Eine
gewisse Unsicherheit in den Augen. Die entging ihr nicht.

„Ich habe Sie heute Nachmittag schon einmal gesehen, Fräulein Tillesen!
Sie standen vor Ihrem Haus, mit einem Offizier!“

Die Stunde geht ... die Zeit verweht... Einmal ist es zu spät!... Dann
dachte sie sich: Nein! -- Er reist ja erst morgen Mittag ab!

„Die Welt ist doch klein: Zufällig sah ich denselben Herrn vor einiger
Zeit schon einmal in Belgien. Ich habe ihn sofort wieder erkannt.“

Dabei zuckte es nervös auf seinen Zügen. Er wandte plötzlich den Kopf
und sah sie starr an.

„Wissen Sie denn überhaupt noch, wer ich bin?“

Den Gefallen tat sie ihm nicht und machte nur ein zweifelndes Gesicht.

„Wir sind alte Bekannte aus Moskau! Das heißt... Sie haben mich da
eigentlich hinauskomplimentiert. Ihr Vater schlief...“

„So?“

„Nun -- und ich habe Ihren damaligen Rat befolgt, nach Wiesbaden
zu gehen! ~Me voilà!~ Heute Nachmittag war ich schon in der
Sprechstunde!“

Er beugte den blassen Kopf vor und sprach so leise und eindringlich,
als handelte es sich um ein Staatsgeheimnis.

„Und: ~imaginez-vous, quel hasard~... beim Weggehen treffe ich
zwischen Tür und Angel Professor Smoljanoff von der Universität in
Odessa -- den, der da eben die miserable deutsche Ansprache radebrecht
--. Seiner Vorstellung verdanke ich die Einladung für heute Abend...
~comme étranger de distinction~... als Eindringling in der
Wissenschaft...“

„Oh bitte -- Sie sind hier willkommen!“

Sie frug sich: Warum schaut er mich denn so sonderbar an? Nervös
und...? Na ja -- närrisch sind ja Vaters Patienten häufig! Ein leiser
Hauch von Zigaretten, Kölnisch Wasser und ganz feinem Juchten wehte
von ihm aus. Er rief in ihr wieder die Erinnerung an Moskau wach, an
Glockengeläute von hundert Goldkuppeln in weißglitzerndem Schnee, an
asiatische Weite.

„Kommen Sie jetzt aus Rußland?“

„Nein. Aus Belgien!“ sagte er hastig. „Wahrscheinlich reise ich von
hier nach Montenegro.“

Seine Augen gingen unstät im Kreis. Er war plötzlich irgendwo anders
mit seinen Gedanken. Dann kam er zu sich und schlug lächelnd die
Fingerspitzen aneinander. Sein Landsmann Smoljanoff hatte seine Rede
mit einem Hoch auf die deutsche Wissenschaft geschlossen. Nicolai
Schjelting frug:

„Wer ist denn der schlanke, blonde Herr, der jetzt das Wort ergreift?“

„Ein Schwede. Professor Solander aus Upsala!“

„Er kann vorzüglich Deutsch!“

„Er war jahrelang Assistent meines Vaters, ebenso wie mein Schwager
Higgins. Der Japaner auch, der nach ihm kommt!“

Der Asiate im Frack sah winzig neben dem langen Skandinavier aus. Inge
Tillesen sagte sich: Was soll ich den ganzen Abend neben dem Russen
sitzen? Sie stand plötzlich auf und überließ ihn, der sie verblüfft
ansah, sich selbst. Drüben, auf der anderen Seite des Saales, war
um sie ein Sprachengewirr des Turmbaus von Babel. Dann eine Stille.
Professor Schefik Bey, der bebrillte Osmane vom großen Militärhospital
in Stambul, pries in einem reinen und guten Deutsch als einstiger
Jünger der Ruperto-Carola und Georgia-Augusta vor diesen Männern vom
Fuß des Fusyama und der Pyramiden, vom Goldenen Horn und Goldenen Thor
die deutsche Wissenschaft.

Dann kam Professor Higgins aus Oxford, Hannah Tillesens Mann. Er sah
mit der goldenen Brille über den bartlosen, schwammigen Zügen wie
ein gelehrter Chinese aus. Er blinzelte gleich schalkhaft über sein
bartloses Gesicht. Er sprach mit trockenem Witz wie ein englischer
Klubredner. Er gestand es gleich zu Anfang: Er konnte doch nicht seinem
Schwiegervater Komplimente machen! Nein: Vorwürfe! In der Tat: Man war
ernstlich besorgt. Keine Frage war geeigneter, einen Mann schlaflos zu
machen, als diese: Was würde denn schließlich aus der Menschheit, wenn
man ihr das Sterben ganz abgewöhnte -- durch die deutschen Gelehrten.
‚~And his Excellency, my father in law~‘, an der Spitze! Sein
näselndes und bekümmertes Halb-Deutsch und Halb-Englisch klang so
komisch und zugleich so ungewollt freimütig und herzlich, daß Alles
lachte und klatschte. Halblaut sagte seine Frau zu ihrer Schwester Inge:

„Dabei haßt er Deutschland wie die Sünde!“

„Was, Hannah...“

„Ja, neuerdings! Früher mißachtete er es nur und riß bösartige Witze
über uns! Bob und Bill plappern sie ihm ja schon nach. Aber jetzt hat
er unter dem Einfluß seines Bruders, des großen Sir William Higgins,
auf Euch eine kalte Wut!“

„Und da schämt er sich nicht, hier so zu reden?“

„Ach, Inge -- Du kennst das People noch lange nicht!“

„Aber Lügen ist doch kein Gesellschaftsspiel!“

„Nein, Schatz: bei uns drüben eine Kunst. Ein höchst ernsthaftes Ding.
Eine Gemütsakrobatik, im gegebenen Augenblick erst sich zu belügen und
dann seinen Nächsten!“

„Darüber lachst Du auch noch, Hannah?“

„Weißt Du: wenn ich drüben einmal nicht mehr lachen kann, dann werd’
ich verrückt.“

De Klock -- de sleiht -- de Tied, -- de geiht... Plötzlich klang es
wieder wie die Warnung Isebrinks: Wir sind von Feinden umgeben! Dabei
überall frohe Gesichter, freundliche Worte in fremden Sprachen. Diener
gingen umher und boten ehrwürdigen Edelwein in geschliffenen Römern.
Deutschland verschwendete seinen goldenen Überfluß vom Rhein. Ringsum
ein Schmatzen, Schlürfen, Lachen. Es übertönte fast das sonderbare,
das ‚l‘ und ‚r‘ verwechselnde Englisch Li’s, des Mandarinen, der die
Grüße Pekings überbrachte. Auf einmal stand Nicolai Schjelting wieder
neben Inge. Er tat, als bemerkte er ihre etwas befremdete Zurückhaltung
nicht, oder übersah sie wirklich in einer inneren Erregung, die immer
wieder zuckend über sein Gesicht lief. Dabei bewahrte er doch sein
gewohntes hochmütiges und gewinnendes Lächeln.

„Deutschland hat zwei Gesichter!“ sagte er. „Hier ist der preußische
Janustempel geschlossen. Hier ist das Reich der Geister, das wir seit
Jahrhunderten kennen und schätzen!“

Sie schwieg. Er fuhr fort, im lässigen Ton eines Mannes, der gewohnt
ist, sich zu hören:

„Weimar... Bayreuth... Wissen Sie, was für mich eine der geweihtesten
Stätten ist: der kleine, rote Sandsteinbau hinter dem Wredeplatz in
Heidelberg, wo Bunsen und Kirchhoff die Spektral-Analyse entdeckten!
Das sind die wahren Welteroberungen des germanischen Genius: durch den
Weltenraum!“

Er war offenbar bemüht, ihr, der Tochter dieses Gelehrtenhauses,
etwas Verbindliches zu sagen. Dabei war für sie immer ein Klang von
Herablassung in seinem harten Deutsch. Ein Wink an das Volk der Dichter
und Denker: die Erde ist vergeben! Mond und Sterne sind für Euer
Fernrohr frei!

„Die Macht des Gedankens!“ sagte er mit seinem lächelnden Blick über
die festlich bewegte Menge aller Völker und Zonen. „Ich liebe dies
Deutschland. Alles, was bei Ihnen alt ist: die Burgen am Rhein ... den
Kölner Dom ... die Loreley ... die Romantik... Ah -- diese Höhenluft
tut wohl! Ich wünschte nur einmal die Feinde Deutschlands hier
herbei, damit sie erkennen, daß Deutschland nicht bloß an Krieg und
Welteroberung denkt!“

„Wir?... Kein Mensch bei uns!“

Nicolai Schjelting lächelte.

„Die deutsche Disziplin ist bewundernswürdig. Das Geheimnis der
Massenorganisation. Jeder will es. Aber Keiner giebt es zu.“

„Ich glaube, Sie träumen...“

„Wissen Sie, daß Sie darin den Japanern ähnlich sind? ~Ah -- ce
Grec-là.~“ In dem Stirnrunzeln gegen den in schallendem Französisch
seine Ansprache haltenden Professor Aristides Papadopoulo von der
Hochschule in Athen lag die Verachtung des russischen Beschützers gegen
das slawische Völkergemengsel auf dem Balkan. „Aber es hilft Ihnen
nichts, Fräulein Tillesen. Jedes Kind auf der Erde weiß, daß Bismarck
noch lebt!“

„Natürlich lebt er in uns!“

„... und daß sich Deutschland über kurz oder lang für Bismarck oder für
Goethe entscheiden muß. Beides zugleich kann man nicht sein. ~Les
esprits se rencontrent.~ Nun -- unter diesem Dach sind wir auf
Goethes Spuren!“

Schjelting merkte, daß seine Art, slawische Unbestimmtheit in gallische
Klarheit zu pressen -- dies geistreich-lässige Obenhin, dem er bei
den Weltdamen von Petersburg und Paris den Ruf eines bedeutenden
Kopfs verdankte, an Inge Tillesens ruhiger deutscher Sachlichkeit
abprallte. Sein Lächeln hatte auf einmal etwas Asiatisches. Erinnerte
sie an Moskau. Der ganze Mensch war ihr einen Augenblick unheimlich.
Sie ersah die Gelegenheit, da gerade Washington T. Walker vom Harvard
College in den Vereinigten Staaten sein Sprüchlein aufgesagt hatte, und
trat zu ihrem Vater. Er tauschte mit ihr einen lächelnden Blick. Sie
wußte: Für ihn waren diese Ansprachen nur Geduldproben, diese Ehrungen
nur Zeitverlust. Er erfüllte hier nur seine Pflicht als geistiger
Statthalter Deutschlands.

„Du Vater -- da hast Du einen komischen Patienten. Eben schaut er
wieder herüber. Er scheint mir reichlich verdreht!... Was fehlt ihm
denn?“

„Soweit ich heute sehen konnte, gar nichts. Er kommt morgen wieder.“

Ein zimmtbraunes, schwermütiges, von kohlschwarzem Vollbart umrahmtes
Gesicht: der Inder Aughudimalo brachte die Grüße Ceylons. Er redete
zuerst Englisch. Dann, zum Schluß, in klangvollem Sanskrit. Feierlich
hallten, in der Sprache Buddhas, die Urlaute der Menschheit durch Raum
und Zeit zu Ehren Deutschlands. Wie Quadern der Ewigkeit fügten sich,
in der Zunge Julius Cäsars die paar knappen lateinischen Sätze, die
Exzellenz Tillesen zur Antwort sprach. Die Völker vermählten sich. Die
Jahrhunderte flossen ineinander. Ein Bleibendes ragte aus dem Strom des
Seins. Die Erkenntnis. Und Deutschland der Hüter des Horts.

Nicolai Schjelting war aufgestanden. Es glückte ihm nicht mehr,
unauffällig in Inges Nähe zu kommen. Es schien ihm auch, daß sie ihn
absichtlich vermied. Auf einmal sagte er sich: Pah -- was tue ich
hier? und fand sich schon mit umgeworfenem Sommermantel draußen in
der Maikühle. In der fieberte er. Sein Herzschlag hämmerte. Er lief
hastig die Sonnebergerstraße hinab und merkte dabei an dem harten Hall
seiner Tritte, daß er seine Galoschen vergessen hatte, was ihm sonst
nie geschah. Durch das Parkgebüsch zur Linken blinkten Hunderte von
Glühwürmchen, die Lichter der italienischen Nacht. Die Wilhelmstraße
war belebt wie am Mittag. Auf dem Schloßplatz daneben standen Massen
vor dem Kaiserlichen Hoflager. Alle Fenster waren hell. Schwer
bauschten sich ringsum die Fahnen. Vor dem Kurhaus knatterte es mit
zischenden Raketen und dumpfen Donnerschlägen des Feuerwerks wie von
einer Schlacht. Ein tausendfaches Ah hinterher. Er verzog ironisch die
Lippen. Er dachte sich: Feiert nur Feste! Verplempert Euer Pulver! Wir
halten unseres trocken. Wir sind am Werk! Ihr wißt nicht, wie nah!...

Plötzlich machte er Halt. Er griff sich an die Herzgegend, in einem
Schrecken, wie er ihn noch nie in seinem Leben empfunden. Bei seiner
methodischen Art, sich über Alles Rechenschaft zu geben, mußte er
einmal klar darüber werden. Jetzt war der Augenblick da. Jetzt konnte
er nicht länger dagegen ankommen und sagte sich, bleich geworden:

Was ist das? Ich will Deutschland vernichten und habe mich in eine
Deutsche verliebt?...

Ich, ein verheirateter Mann. Und ein sehr wenig glücklich verheirateter
Mann dazu!

Er bemühte sich, spöttisch zu lachen. Er zündete sich eine Zigarette
an und sagte sich zwischen den zusammengebissenen Zähnen: Du träumst,
mein Lieber! Das sind die deutschen Nebel! ~Voyons! ce n’est qu’
une fantaisie!~ Er dachte auf französisch, seine Lieblingssprache,
um sich gegen Inge Tillesen zu wehren. Dabei stand er schon wieder
vor ihrem Haus. Drinnen war Musik. Der Schatten von Menschen an den
Fenstern. Die Straße lag dunkel und leer. Sporen klirrten auf ihr.
Ein Hauptmann in dunkelrotem Kragen kam des Wegs. Er ging langsamer
als sonst Offiziere. Sein Gesicht war sehr ernst. Er sah nicht nach
dem Lichterglanz des Festes hinüber, sondern gerade vor sich auf den
Boden, bis er Schjeltings Blick auf sich gerichtet fühlte. Eine Sekunde
waren die beiden Männer Aug’ in Auge, erkannten sich gegenseitig, von
der Begegnung in dem belgischen Eisenbahnabtheil her, maßen sich
mit einem spöttischen und feindlichen Lächeln. Dann fiel im nächsten
Haus das Tor ins Schloß. Nicolai Schjelting, der gefolgt war, las auf
dem Messingschild: ‚Isebrink‘. Wider seine kalte Natur flackerte ein
jäher Haß in ihm auf. Er gestand es sich, wie er die Straße wieder
hinunterlief: Eifersucht gegen diesen Mann. Er hatte ihn und Inge
Tillesen diesen Nachmittag vor dem Haus zusammen stehen sehen...

Und während er diese Nacht noch weniger als sonst schlafen konnte, ging
es ihm durch den Kopf: Schließlich stößt man in Deutschland immer auf
den, der den Säbel an der Seite trägt! Er ist der Erste und er ist der
Letzte. Der deutsche Säbel muß zerbrochen werden. Das gilt im Großen
wie im Kleinen. Für die Erde und für mich selbst.

Abgespannt und übernächtig saß er am nächsten Vormittag im Sprechzimmer
dem Geheimrat Tillesen gegenüber. Der wiederholte:

„Sie sind nicht krank! Nichts als Nervenüberlastung. Beseitigen Sie
deren Ursachen. Sie sind so verschieden wie die Menschen selber...
Familienverhältnisse...?“

„Ich lebe in einer ungetrübten Ehe.“

„Geldsorgen...“

„Ich bin reich.“

„Unpersönliche Affekte: religiöse Zweifel ... wissenschaftliche
Skrupel ... politischer Ehrgeiz...“

„Der ist mir nun ganz fremd, Exzellenz!“

„So? Da hat sich also Professor Burchardt gestern geirrt! Er erzählte
mir von Ihnen: Er hatte sich gerade auf dem Baseler Bahnhof Ihr
„~Essai contre le Teutonisme~“ gekauft. Da liegt es. Ich las noch
vor dem Einschlafen darin!“

Schjelting warf einen Blick auf die hellblaue Broschüre und schwieg
betreten.

„Sie sind ein guter Hasser, Herr von Schjelting. Das hindert Sie, wie
ich sehe, nicht, die Hilfe des Landes nachzusuchen, das Sie da in Ihrem
letzten Kapitel aus der Liste der Völker streichen wollen. Ich hätte
Ihnen auch gern geholfen...“

„Exzellenz ... ich...“

„Aber gegen die Reinkultur von Deutschenhaß, die Sie da in sich und
Anderen züchten, giebt es auch in meinem Laboratorium kein Mittel.
Nehmen Sie statt dessen eine Warnung von mir mit auf den Weg: Sie
laufen in Ihrem Büchlein Sturm gegen ein von Ihnen mechanisch
konstruiertes Deutschland. Sie ziehen an Schnüren Gliederpuppen von
Offizieren, Königen, unzufriedenen Arbeitern, Junkern, malen Kasernen
und Fabriken. Was dahinter steht, ahnen Sie nicht: den deutschen Geist!“

Der Gelehrte begleitete Schjelting bis zur Schwelle.

„Sie waren gestern in meinem Hause zu Gast. Vielleicht haben Sie da
einen Hauch davon gespürt. Ich könnte mir denken, daß das in Etwas Ihre
Ansichten über die Ausrottung Deutschlands mildert. Und daß Sie dann
auch besser schlafen... Ich wünsche es Ihnen. Leben Sie wohl!“

Nicolai Schjelting stand draußen auf dem Flur. Er lachte höhnisch auf
und schritt davon, ohne auf den Weg zu achten, und verfehlte ihn und
fand sich plötzlich in dem Seitengang zu dem Laboratorium.

Die Türe nach dem ersten Arbeitsraum stand offen. Drinnen war es groß,
kahl, hell. Tausende von Glasplättchen und Reagenzgläsern an den weißen
Wänden. Herren und Damen in weißen Kitteln an den weißen Tischen.
Haufen von weißen Mäusen lagen darauf, lebten noch in Käfigen, wurden
geimpft, gemessen, seziert, zu Hunderten in Tabellen eingetragen, in
Fieberkurven protokolliert.

„Ach, geben Sie mir doch mal schnell den Milzbrand rüber!“ sagte
~Dr.~ Käthe Cornelius. ~Dr.~ Irma Enderlin neben ihr meinte:

„Ich hab’ ihn nicht! Ich steck’ bis über die Ohren im Flecktyphus!
Katsura feixt so rätselhaft: wahrscheinlich hat der ihn annektiert.“

„Hier, bitte!“

Der quittengelbe Zwerg schob das Gläschen hinüber und kniff wieder
das rechte japanische Schlitzauge über dem schwärzlichen Aalgewimmel
der Cholera-Kommas im Wassertröpfchen des Mikroskops. An seiner Seite
präparierte Dr. Woinowitsch, der riesenhafte Sohn der Schwarzen
Berge, mit einer Hand, die gewohnt schien, den Yatagan zu führen, das
Kleinhirn eines chloroformierten Meerschweinchens in dünne Scheiben zum
Serum gegen die Hundswut.

Es war in dem Laboratorium kühl, wie in einer Kirche. Eine sonderbare
Luft, voll Äther und Zigarrenrauch, wehte zu Schjelting hinaus. Dann
hörte er plötzlich Inges Stimme:

„Hat Niemand das Radium gesehen?“

Inge Tillesen war von dem Nebenraum her hereingekommen. Sie trug nicht
wie die Andern den Assistentenkittel. Sie erschien von drüben nur im
Auftrag ihres Vaters. ~Dr.~ Pfeiffer hob den bärtigen Kopf von
einer Kartoffelscheibe voll Mäusepest.

„Das hat Exzellenz gestern hier auf dem Tisch liegen lassen!“

Inge umwickelte mit ihrem Taschentuch die kleine Kapsel, in deren
Glasgehäuse, einem kleinen Korkflöckchen ähnlich, das Geheimnis
der Welt unsichtbar und lautlos seine Energiemassen in die Weite
schleuderte. Draußen im Gang knatterte es heftig. Märchenhafte blaue
und grüne Flammen zuckten im Nebenraum aus dem Röntgenapparat. Davor
stand Schjelting.

„Sie suchen wohl meinen Vater?“

Er verneinte mit slawisch-schmiegsamer Verbeugung.

„Man hat mich bereits wieder weggeschickt. ~On m’a traité comme un
garçon~:... Ich bin kein Schuljunge, dem man politische Lektionen
giebt!“

„Mein Vater und Politik... Ach, Du lieber Gott!“

„Dann haben Andere ihm das suggeriert. Sie!“

„Was denn?“

„Sie haben ihn gegen mich aufgehetzt... Sie arbeiten gegen mich ...
schon in Moskau hielten Sie mich fern von ihm...“

„Ich verstehe Sie nicht!“ sagte Inge und schaute ihn kopfschüttelnd an.

„~C’est ridicule!~ Ich suche ärztliche Hilfe, und man giebt mir
eine pangermanistische Vorlesung. Das tat nicht not. Ich weiß es, daß
sich Deutschland überhebt!“

„So -- nun habe ich Sie bis zum richtigen Ausgang gebracht. Nun gehen
Sie mal heim und beruhigen Sie sich, Herr von Schjelting! Das ist doch
keine Art!“

„Deutschland überhebt sich... Aber es mag sich hüten. Es steht vor dem
Fall!...“

„Was...?“

„Ah: Was sag’ ich da?... ~Enfin~... Es macht nichts! Sie glauben
es mir ja doch nicht!... Ihr Alle nicht! Umso besser!“

„Was ist denn nur mit Ihnen? Was soll das höhnische Lachen? Man könnt’
sich ja fürchten!“

„Oh nichts!... ~Mes compliments!~“

Noch als Inge Tillesen wieder oben in ihrem Zimmer war, sah sie dies
verbissene und hochmütige Lächeln vor sich. Diesen vielwissenden
und grausamen, plötzlich halbasiatischen Gesichtsausdruck. Vor ihr
stand der alte Lübecker Schrank. De Klock -- de sleiht -- de Tied
-- de geiht... Nun war es höchste Zeit. Sie trat ans Fenster. Vor
dem Nachbarhaus lud der Diener des Generals Isebrink Offiziersgepäck
auf einen Handkarren und schob ihn in der Richtung nach dem Bahnhof.
Automobile tuteten an ihm vorbei, schossen fröhlich hinaus in den
grünen Rheingau. Die französische Tricolore flatterte über dem Kühler,
die Sterne und Streifen Amerikas, der britische Union Jack... Lautes
Russisch klang unter den bunten Sonnenschirmen vorübergehender Damen.
Der Maihimmel war wolkenlos blau. Ein leiser Wind bewegte den Wald von
schwarz-weiß-roten Fahnen. Inmitten dieser gastfrohen Lebensfreude war
in Inge Tillesen ein Grauen. So als sei irgendwo auf der Nordseite ein
Fenster offen, und es zöge Einem kalt und unsichtbar über den Rücken.
Sie dachte sich: Eigentlich sagen Beide dasselbe, Isebrink und dieser
unheimliche Russe... Sie sind wie zwei Geisterseher. Sie merken etwas,
was wir nicht merken. Vielleicht sehen sie auch nur Gespenster...

Aber ist es nicht seltsam, daß zwei Gegner genau der gleichen Meinung
sind? Daß bald Alles anders auf der Welt wird als bisher seit fast
undenklicher Zeit? Seit Menschenaltern kennen wir ja nur den Frieden,
lieben wir den Frieden, preisen wir den Frieden. Der Krieg ist uns ein
böser Traum unserer Vorfahren...

Unbestimmt regte sich in ihr ein Schutzbedürfnis. Etwas von der
Wehrlosigkeit der Frau in einer Welt voll Waffen. Es ging ihr durch
den Kopf: Wenn das möglich wäre -- es ist ja nicht so -- Aber wenn es
möglich wäre, wer stellt sich dann vor den Vater und mich und das Haus
hier und Wiesbaden und Deutschland?

Vor der Nebenvilla leuchteten die breiten, dunkelroten
Generalstabsstreifen. Der Hauptmann Isebrink verabschiedete sich
auf der Schwelle von seinen Eltern und ging fest und rasch die
Sonnebergerstraße hinab. Er wandte nicht den Kopf. Er schaute gerade
aus vor sich hin. Sie hätte ihn anrufen müssen, damit er sie am
Fenster sah. Sie kämpfte mit sich. Nun war er schon um die Ecke...
Fort. Auf dem Weg nach Berlin...

Sie war sehr ernst und sehr bleich geworden. Als sie an einem der
nächsten Tage im Getümmel vor dem Kurhaus Schjelting sah und er sie
lächelnd begrüßte, trat sie unvermittelt auf ihn zu.

„Ich möchte Sie gerne Etwas fragen!“

„Bitte!“

„Wollen Sie mir versprechen, es mir auch wirklich zu beantworten? Nicht
bloß mit irgend einer französischen Phrase?“

„Wenn ich kann...,“ sagte er lächelnd.

„Was meinten Sie vorgestern damit: Deutschland steht vor dem Fall?“

„Erbarmen Sie sich: Ein kleiner Scherz!“

„Damit scherzt man doch nicht!“

„Oh doch! Sie kennen mich nicht! Man nimmt mich nirgends ernst!“

„Ich glaube sehr!“

„Ah -- Sie schmeicheln!“ sagte er liebenswürdig und belustigt und wurde
plötzlich finster unter ihrem Blick. Den hielt er nicht recht aus.
Zwischen ihnen war ein sonderbares, schweres Schweigen.

„Herr von Schjelting: Was hieß das: Deutschlands Fall?“

Er lächelte wieder.

„Mißtrauen Sie mir doch! Ich lüge immer! ~Que voulez-vous? C’est mon
métier!~ Meine Art, die Wahrheit zu sagen!“

„Also soll man nun an Ihre Drohungen glauben oder nicht?“

Es zuckte spielerisch über sein undurchdringliches Gesicht. Er
erinnerte sie jetzt wirklich an ein lauerndes Raubtier.

„Ihr werdet Alle untergehen!“ sagte er sanft und dabei so nachlässig,
als spräche er vom Wetter.

„Was?“

„Aber Sie nicht mit! Das möchte ich nicht! Dafür werde ich sorgen! Sie
werden noch von mir hören!“

„Man glaubt, man träumt...“

„Aber erzählen Sie es nicht weiter!“ Er hob die Schultern. Der
affektierte Hochmut erschien auf seinen unruhigen Zügen. „Oder erzählen
Sie’s! Man glaubt es Ihnen ja doch nicht! Keiner von Euch glaubt daran!“

„Und ich am wenigsten!“

„~Qui vivra, verra!~ Meine Mission bei Ihnen ist erfüllt!“

„Soll ich mir denn einbilden, daß Sie eigens nach Wiesbaden gekommen
sind, um mir Ihre Staatsgeheimnisse zu verraten?“

„Natürlich bin ich Ihretwegen hierher gekommen!“

Inge Tillesen machte große Augen.

„Ihr Vater kann mir doch nicht helfen!“ sagte er. „Das wußte ich
vorher! ~C’était une farce!~ Ich bin und bleibe schlaflos. Aber
Sie wollte ich sehen und sprechen! Das will ich immerwährend! Seit
Moskau!“

Nun begriff sie auf einmal: Um Gotteswillen! Der Mensch ist in Dich
verliebt. Wahnsinnig verliebt. Diese Erkenntnis gab ihr einen solchen
Schrecken, daß sie sich umdrehte, ihn stehen ließ, mehr davonlief als
ging. Erst nach Hunderten von Schritten kam sie auf der Wilhelmstraße
zu sich.

„Halt, Fräulein Inge! Wo brennt’s denn?“

Sie blieb stehen. Vor ihr war der General Isebrink.

„Ja -- Sie haben immer zu tun!“ sagte er. „Bei Euch Tillesens -- da
jagen sich die Feste. Mein Haus ist wieder still. Mein Paulchen weg!
’runter in die Türkei!“

„Er ist doch nicht schon unterwegs?“

„Nee -- noch in Berlin! Aber in ’ner Woche fährt er!“

„Oh -- Aber ich halt’ Sie vom Mittagessen ab! Guten Tag, Herr General!“
Inge Tillesen gab dem alten Herrn die Hand und ging langsam weiter.



V.


Das war Berlin, die Stadt ohne Nacht. Berlin, der Riese in den
Flegeljahren, die genußsüchtige Hochburg der Arbeit, Berlin, das alle
seine Sünden und Schwächen frei auf der Friedrichstraße dem Auge der
Fremden preisgab und seinen Edelkern von Gesundheit und Jugendkraft
schamvoll in den Vorstädten barg.

Das war Berlin, die Stadt der Gegensätze, beinahe stolzer auf ihr
Nachtleben als auf ihr Tagewerk, nervös und nervenlos, das ehern
pochende Herz des Deutschen Reichs und bis zur Unkenntlichkeit
aufgeputzt mit grellem Flitter des Auslands. Von den Hausfronten,
Schaufenstern, Litfaßsäulen sprach es, während Inge Tillesen, eben
aus Wiesbaden angekommen, mit ihrer Schwester Phila durch die Straße
fuhr, in fremden Zungen zu der lichterhellen, brausenden, abendlich
wogenden Friedrichstadt. Slawische Lettern lockten die Russen,
englische Reklamen die Amerikaner. Gasthöfe und Kaffeehäuser trugen die
Namen britischer Städte, Schauspielhäuser die Namen Pariser Theater,
nächtliche Stätten der Lebewelt die Namen französischer Zuchtlosigkeit.
Es war ein Völkerjahrmarkt, eine Taghelle aus vierstöckigen
Bierpalästen, das Fieber der Stadt am Spreestrand, in der selbst das
Vergnügen sich mit der Hast eines Uhrwerks abrollte.

Dann hörte hinter dem Potsdamerplatz das Ausland auf. Nichts mehr von
Westminster, Bristol und Piccadilly, von Trianon und Folies-Caprices,
von Clou und Moulin Rouge, von Boncourt und Palais de Danse und
Pavillon Mascotte, von Messenger Boys, von Grand Gala. Man merkte: dies
stümperhafte Französisch und Englisch war nur eine bröckelige Tünche,
durch deren Lücken der festgefügte deutsche Quaderbau lugte.

Die zwei Schwestern hatten gar nicht darauf geachtet. Man nahm das in
Berlin als gegeben. Es mußte wohl so sein. Es war selbstverständlich,
daß in Deutschland Rennpferde und Briefpapier, Weinstuben und
Zigarettenschachteln, Männerkleider und Körperpflegemittel so hießen,
wie am Ufer der Seine, der Themse, des Hudson. Während sie durch die
Hitzigstraße fuhren, sagte Frau Theophile Martius:

„Also ... ich war einfach paff, wie auf einmal Dein Telegramm kam!“

„Ich habe mich auch ganz plötzlich entschlossen!“

Ringsum wurde es wieder taghell. Die Tauentzienstraße tauchte
menschenwimmelnd auf und verschwand. Dann hielt der Wagen vor einem der
Mietspaläste am Kurfürstendamm.

„Also willkommen, Schatz!“ sagte oben in ihrer Wohnung Frau Theophile
und küßte ihre Schwester. Sie mußte sich beinahe auf die Fußspitzen
stellen, um zu deren dunkelblonder, deutscher Frische hinaufzulangen.
Sie selbst war klein, zart und zierlich, wie eine Marquise der
Pompadourzeit. Nur ihr Haar war nicht weißgepudert, sondern ein
tiefbrünetter Botticellischeitel, darunter das Profil einer antiken
Gemme. Sie war ein kleines Kunstwerk. Und ebenso ihre Umwelt. An ihrer
Schwelle endete Berlin. Der Süden tat sich auf. Die deutsche Sehnsucht.
Alte Florentiner Meister dunkelten an den Wänden. Da war Dantes
lebensgroßer, strenger Marmorkopf. Da rahmte schweres Barockschnitzwerk
des Bücherschranks die Reihen italienischer, spanischer, französischer
Dichter. Die kleine Frau ging darin herum wie in einem Tempel, rückte
da und dort, staubte ab...

„Beppo und Carmen schlafen leider schon!“

„Na -- dann kriegen sie ihr Mitbringsel morgen!“ sagte Inge und dachte
sich: Ich würde die Würmer einfach Hans und Grete nennen! Aber sie
selber, die Mutter, hat ja bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr auch
ganz friedlich Luise geheißen und es dann erst durchgesetzt, daß wir
sie Alle Theophile nennen mußten!

„Nun, Inge...“

Die Schwester hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte ein eignes süßes
Lächeln, aus dem träumerische Schwermut sprach, obwohl es ihr im Leben
sehr gut ging.

„Inge ... hast Du mir nichts zu sagen? Dann lieber bald! Denn wenn erst
Hugo zum Abendessen heimkommt mit seinen Reichstagsgeschichten und
Arbeitersachen...“

Ein Schweigen.

„Los, Inge!“

„Ach, quäl’ mich doch nicht!“

„Hand aufs Herz: weswegen bist Du denn von Wiesbaden hierher
geschossen?“

„Gott -- weil’s dort langweilig ist! Ich wollte einmal andere Menschen
sehen!“

Die kleine dunkle Frau lächelte und schwieg. Sie dachte sich: Mir
scheint, Du möchtest +einen+ Menschen sehen! Endlich!... Sie stand
auf und sagte: „Ich muß nur rasch noch mal draußen Jemand telefonieren.“

„Hier Frau Martius! Ist Herr Hauptmann Isebrink selbst am Apparat?
Guten Abend! Nett, daß ich Sie erwische... Warum sieht und hört man
eigentlich nie etwas von Ihnen? Kommen Sie doch mal morgen Nachmittag!
Wie? Sie haben keine Zeit? Das wird meiner Schwester Inge sehr leid
tun. Sie ist zufällig grade hier. Was? Sie können es vielleicht doch
einrichten? Na eben! Es ist ja Sonntag. ~A rivederci!~“

Im Zimmer fand sie Inge zerstreuten Auges über einer Mappe mit
römischen Kupferstichen. Ihr zartes Gesichtchen durchgeistigte sich und
wurde schwärmerisch.

„Wundervoll -- nicht? Siehst Du hier: ~San Paolo fuori le mura~...
mein Traum draußen in der Campagna. Ach... Du mein ~bel paese~!...
Mensch ist man doch nur im Süden... Ende Juni fliege ich wieder über
die Alpen!“

„Im Sommer nach Italien?“

„Ach, wie ist das Land dann schön! Und die Menschen! Wenn die Fremden
fort sind, lernt man sie erst in ihrer naiven Liebenswürdigkeit kennen,
solch natürliche Grazie des Geistes und Körpers! Da möchte man mit
Nietzsche die Hände falten: Unschuld des Südens, nimm mich auf!“

„Ich weiß nicht: ich fand die Gesellschaft immer unausstehlich!“

„Es sind Kinder. Aber aus einer dreitausendjährigen Kinderstube. Selbst
in ihrem Mutwillen steckt uralte Kultur... Unterschreib’ Dich mal da
gleich als Mitglied!“

„Was ist das? ~Pro gen...?~“

„~Pro gentilezza!~“ sagte die kleine Frau stolz. „Neu gegründet!
Ein Bund zur Einbürgerung milder italienischer Sitten bei uns!“

„Ich erinnere mich nur, daß die Italiener immer in der Eisenbahn
spuckten und Orangenschalen herumschmissen!“

„Ihr seid eben lieblos! Und da unten lieben sie uns doch so!“

„Glaubst Du wirklich? Warum geben sie Einem dann immer falsches Geld
heraus?“

„Nein, nein, nein!“ sagte die kleine Frau mit einem Heiligenlächeln.
„Ich glaub’ an meinen Süden! Ich glaub’ an die Schönheit. Ich glaub
an die Kunst und Natur. Jeder hat sein Ideal. Du die angelsächsische
Freiheit, ich das blaue Mittelmeer! Ach, Ende Juli, wenn Hugo bei
seinem Friedenskongreß in Paris ist ... und ich als Zugvogel über die
Alpen ... immer mit so einem bischen Wehmut in der Freiheit... Immer
summt es mir hinterm Gotthard von Scheffel:

    O Jugendlust, wie wirst du älter!
    Bald ist auch mir die Stunde nah,
    Wo ich nicht mehr durch grüne Wälder
    Hinzieh’ ins Land Italia!

Ja, lach’ nur! Ich bin eine Schwärmerin. Ich weiß. Ich schäme mich
nicht!“

„Sonderbar, wenn man Dich so hört, dann ist alles wieder so anders!“
sagte Inge.

„Wieso?“

„Vielleicht hast Du auch recht. Nicht bloß die Andern, die so furchtbar
ernst und finster in die Zukunft schauen!“

„Gott -- laß’ sie!“

„Die behaupten, das dauert Alles nicht mehr lange, und es zieht ein
Unwetter herauf. Wenn Einem nur Jemand sagen könnte, wer Recht hat!“

„Da mußt Du Hugo fragen! Eben hör’ ich ihn draußen!“

~Dr.~ Hugo Martius trat herein. Groß, stattlich, klug, zu
Anfang der Vierzig, mit rötlich blondem Vollbart und starker, in den
Volksversammlungen und im Reichstag geschulter Stimme. Er begrüßte Frau
und Schwägerin.

„Ich komme ein bischen spät! Nichts zu machen! Sechs Stunden
Aufsichtsratssitzung... Neue Straßenbahnen in Argentinien. Schweinerei
in China mit den Engländern...“

„Hugo!“

„Ach was! Im Geschäft nehm’ ich kein Blatt vor den Mund! Da heißt’s nur
überall: raus mit den Engländern! In allem Frieden und Freundschaft
natürlich. Dafür lebt man im zwanzigsten Jahrhundert!“

„Hörst Du, Inge, Du Hans Huckebein: Frieden und Freundschaft!“

„Was hat denn die Inge?“

„Sie haben ihr scheint’s in Wiesbaden was von Krieg in den Kopf
gesetzt!“

„Schwager ... was hältst Du davon? Du bist doch so gescheit: Giebt’s
Krieg?“

„Es kann nicht erst Krieg geben!“ sagte ~Dr.~ Martius lächelnd.
„Weil der Krieg schon da ist! Auf der ganzen Erde!“

„Krieg?“

„Ja! Du, Frau -- schau doch, daß wir bald was zu essen bekommen! Ich
hab’ einen Mordshunger!... Krieg, Inge, wird der Mensch immer führen.
So ist er nun mal! Das tut er auch jetzt! Nur mit anderen Mitteln!“

„Das verstehe ich nicht!“

„Früher schlug man sich die Schädel ein. Jetzt nimmt man der City
die spanischen Hafenbauten vor der Nase weg, wie wir neulich! Krieg
führt man heutzutage mit dem Kopf, mit dem Reißbrett, mit dem großen
Portemonnaie, mit der chemischen Retorte. Unsere Marschälle heißen
Krupp und Ballin. Es sind wirtschaftliche Feldzüge!“

„Keine anderen mehr?“

„Nein. Denn im Kampf ums Dasein kommt es nicht mehr auf den dicken
Biceps an! Mein Hausknecht ist auch stärker als ich. Das Recht des
Stärkeren liegt heutzutage auf geistigem Gebiet. Sonst müßte man ja am
Fortschritt der Menschheit verzweifeln.“

„Du hast eben auch nie gedient, Schwager!“

„Dafür bin ich ein Vertrauensmann des Volks! Das Volk will nur den
Frieden!“

„Wir gewiß! Aber die Andern?“

„Alle, Inge! Die Menschen sind nicht so verschieden! Sie verlangen in
ihrer Mehrzahl gar nicht so große Sachen vom Leben. Wenn sie ihr Haus
und ihre Familie und ihr täglich Brot haben, hängen sie viel zu sehr
daran, als daß sie’s auf’s Spiel setzten.“

„Warum redet dann überhaupt noch Jemand vom Krieg?“

„Na: Kind, sehr einfach. Die, die durch den Frieden beschäftigungslos
werden: die Offiziere und zum Teil die Edelleute!“

Inge Tillesen dachte sich: Isebrink ist Offizier. Der Andere ein
russischer Edelmann. Für die stimmt es schon...

„Ich komme doch eben aus dem Haag, Inge! Ich habe Jaurès gesprochen.
Carnegie selber war leider nicht da. Aber Hunderte von Männern aus der
ganzen Welt und jeder Name hatte seinen Klang. Der Unterschied war
zwischen ihnen nur in der Sprache. Der gute Wille war sich überall
gleich. Da haben sich in meiner Gegenwart Buren und Japaner, weil sie
nicht miteinander reden konnten, wenigstens stumm die Hand geschüttelt.
Nee, Kind! Laß Dich nicht kopfscheu machen! Die Zeiten, an die Du
denkst, die sind vorbei! Unser altes Europa wenigstens ist glücklich
über das Schwabenalter hinaus! Das ist vernünftig und gesetzt geworden
und hat die Kriegstorheiten hinter sich.“

Leise Musik durchzitterte das Zimmer. Phila Martius schlug auf
dem Flügel träumerisch aus dem Kopf den Prolog der „Bajazzi“ an.
Geheimnisvoll verklang es in der Tiefe der Tasten: ‚Wir Alle auf Erden
wandeln im gleichen Licht...‘ und es war, als spülten die Tonwellen von
dieser kleinen Insel der Seligen allen Staub und Erdenrest hinweg --
als würde das deutsche Auge zur Sonne selbst. So klar und rein sah es
alles, selbst das Niedrigste der Welt.

In solchen Stunden war Phila Martius ganz sie selbst. Und am meisten
am Sonntag Nachmittag, ihrer Weltflucht vor Berlin, ihrem Jour.
Das war wie ein Spinnweb des Westens und sie die Arachne darin,
die darauf lauerte, daß keine durchreisende Berühmtheit ihrem Netz
entging. Zierlich, in schillernder Seide, wie ein aufgeregtes Meißener
Rokokopüppchen, rauschte sie den Gang entlang und streckte den dunkeln,
klassischen Kinderkopf durch den Türspalt.

„Wo steckst Du denn, Inge? Vorn ist schon Alles voll Leute!“

„Ach, ich hab’ keine Lust!“

„Warum bist Du denn dann eigentlich nach Berlin gekommen?“

„Ich weiß selber nicht. Am liebsten möcht’ ich wieder heim!“

„Was hast Du denn nur?“

„Nichts!“

„Na -- komm’ nur schon!“

„Warum drängst Du denn so?“

„Ich hab’ meine Gründe! Los!“

„Unter einer Bedingung...“

„Gott -- was bist Du umständlich... Also?“

„Wenn Isebrink Euch vielleicht in diesen Tagen seinen Abschiedsbesuch
machen sollte, dann sag’ ihm nicht gleich, daß ich da bin...“

„Was?“

„Ich will erst klar mit mir sein... Ich möchte erst überlegen... Ich
möchte nicht überrumpelt werden!“

„Aber Inge!“

„Nein! Nein!“

„Donnerwetter!“ sagte die kleine Frau und biß sich auf die Lippen. Es
war ein bei ihr ganz ungewohnter Naturlaut.

„Also, versprich es mir, Phila! Was machst Du denn für ein
sophistisches Gesicht...?“

„Ach gar nicht! Gut, wenn ich ihn von jetzt ab wiederseh’, sag ich ihm
kein Wort!“

„Also dann in Gottesnamen!“ sagte Inge und folgte der Schwester. Im
Studio, im Eßsaal, im Musikzimmer, im Flur sogar wimmelte es von
Menschen. Eine einzige Uniform darunter. Einsam am Fenster. Das Erste,
was sie sah, war Paul Isebrink. Er betrachtete das Treiben um sich mit
einem nachsichtigen Lächeln, wie ein Menageriebesucher die Affensprünge
und das Kakadugeflatter.

„Aber Phila!“ sagte Inge Tillesen empört und machte auf der Schwelle
Halt.

„Ach, nun bist Du mal hier! Er wird Dich schon nicht beißen!“

„Pst! Pst!“

Bitte um Stille ringsum. Lebauld de Temple, der Pariser Conférencier,
sprach mitten im Zimmer, lässig im Stehen an einen Armstuhl gelehnt,
in schallendem, scharf die Endsilben betonenden Französisch, über das
Wesen der Eleganz. Als der Beifall am Schluß die andächtige Stille
unterbrach, kam Isebrink auf die beiden Schwestern zu. Er war vergnügt
wie ein Schuljunge und gab Inge, als sei nichts geschehen, die Hand.

„Ein toller Komiker -- nicht? An dem Kerl ist alles zu lang! Die Haare,
die Rockschöße -- der Kragen... Haben Sie nicht ’ne Scheere, gnädige
Frau?“

„Ist das der Dank, daß ich Sie eingeladen hab’?“

Isebrink lachte nur, mit einem warmen und glücklichen Schein in den
Augen, der seine innere Aufregung verriet. Inge dachte sich: Er muß ja
glauben, daß ich ihn hab rufen lassen. Ihre Züge wurden unwillkürlich
hart. Ihre Schwester entsann sich plötzlich ihrer Gastgeberpflichten,
entschlüpfte den Beiden, tauchte drüben wieder auf, breitete strahlend
die Arme aus.

„~Eccolo!... In fine!... Sia il benvenuto, maëstro!... Signore e
Signori -- mi permette de presentarle il compositore dell’ opera
‚Truffatori‘!~“

Sie war stolz auf die Reinheit ihrer Aussprache nach dem Volkswort:
~Lingua Toscana in bocca Romana.~ Toskanerzunge in Römermund.
Der Komponist der ‚Gauner‘ lächelte herablassend. Alle Laster Neapels
wohnten auf seinem blaurasierten Mittelmeergesicht. Er winkte
gönnerhaft mit der großen, weißen, reichberingten Frauenhand einigen
Bekannten zu.

„So toll war’s hier noch nie!“ sagte Paul Isebrink und lachte. Alles
stimmte ihn heiter. Er und Inge standen jetzt allein. Nun wurde seine
Stimme leise, weich, von einem halb fragenden Jubel belebt.

„Na Inge...“

„Was denn?“

Es klang schroff, abweisend. Die erste Entfremdung kam zwischen sie.

„Ich bin Ihnen so dankbar!...“

„Warum?“

„... daß Sie hier sind!“

Und in ihr nur die eine Angst: Er soll nur nicht glauben, daß ich ihm
nachgereist bin!

„Ich bin schweren Herzens neulich aus Wiesbaden weg. Nun bin ich
doppelt froh!“

Keine Antwort. Sie sagte sich: Nur das nicht! Nur das nicht, daß er
sich einbildet, ich lauf ihm nach!

„Wie lange bleiben Sie denn hier?“

„Bis morgen früh!“

Die kurze Zeit machte ihn stutzig. Unruhe erschien auf seinem Gesicht.
Sie sagte knapp:

„Ich hatte hier etwas für den Vater zu besorgen!“

„Weiter nichts?“

„Nein.“

„Pst! Pst!“

Stimmen mahnten zur Ruhe. Mialkowitsch, der serbische Geigerkönig,
äußerlich einem dicken Zigeuner-Primas ähnlich, strich die Saiten
seiner Violine. Miß Cooper, eine Amerikanerin vom Charlottenburger
Musik-Konservatorium, sang dazu mit englischer Betonung. Frau
Mialkowitsch spielte das Klavier. Isebrink wartete stirnrunzelnd und
ungeduldig das Ende ab. Noch im Beifallgeklatsch wandte er sich, viel
schroffer als bisher, an Inge.

„Sie sind nicht gekommen, damit wir uns noch einmal sehen?“

Ein Schweigen.

„Sie haben mir nichts mehr zu sagen?“

„Wir haben uns doch, weiß Gott, ausgesprochen!“

„Warum haben Sie mich denn dann eigentlich herzitiert?“

„Da fragen Sie bitte meine Schwester! Ich hab nichts davon gewußt.“

Er suchte mit zornigen Augen nach ihr, hörte neben sich ein serbisches
Gespräch und sagte dem Ehepaar Mialkowitsch plötzlich halblaut ein
paar russische Worte. Der Geigerkönig wurde blutrot. Seine Frau blaß.
Beide packten eilig ihre Noten zusammen. Die Frau des Hauses schoß
erschrocken heran und faltete flehend die Hände.

„Eine Zugabe, Meister! Bitte! Bitte!“

„Aber nicht die, von der Sie eben zu Ihrer Frau Gemahlin auf Serbisch
meinten, sie sei für die Schwaben noch lange gut genug!“ sagte Paul
Isebrink. Ein peinliches Schweigen entstand. Frau Phila Martius war
nervös über die Störung.

„Oh... Aber... Aber so ’was straft man doch am Besten durch
Nichtachtung, Herr Hauptmann...“

„Warum denn?...“

Frau Phila Martius war empört. Mit ihrem Jour verstand sie keinen
Spaß. Dies kleine, kunstvoll gepflegte Gärtchen des Geistes sollte man
ihr nicht mit Nagelschuhen betreten. Sie hob sich kampflustig auf den
Fußspitzen und sagte gedämpft:

„Bitte ... nehmen Sie doch ein bischen mehr Rücksicht!... Die ersten
Geister des Auslands...“

„Warum kommen denn die alle zu uns? Offenbar, weil sich daheim kein
Kuckuck um sie kümmert!“

Darauf wußte Frau Phila nicht gleich eine Antwort. Sie wehte sich
erbittert mit ihrer seidenen Pezzuola Kühlung zu.

„Und warum kommen Sie, wenn Sie hier nur Unfrieden stiften?“

„... weil Sie mich hierherbefohlen haben, meine gnädigste Frau... Ich
weiß auch nicht, weshalb.“

Nun hatte er die schneidende Höflichkeit des Exerzierplatzes. Inge war
hinter ihnen in das blaue Nebenzimmer getreten und sagte ruhig:

„Also, Phila. Du hast eine Dummheit gemacht! -- Und nun schau, daß Du
zu den Gästen kommst! Sonst geht Dir Dein ~maëstro~ durch die
Lappen!“

Die kleine Frau stürzte in das Studio. Zu spät. Der Göttliche hatte
gefunden, daß man sich zu wenig um ihn kümmerte, und sich ohne Abschied
empfohlen. Auch die Serben waren verschwunden. Die Yankeemiß. Der Salon
wies klaffende Lücken wie von einer Schlacht. Ein fremder, unheimlicher
Geist war durch ihn gegangen. Ein preußischer Geist, hart, spröde,
scharf. Er stand nebenan in Offiziersuniform.

„Meine Geduld ist zu Ende, Inge!“

„Ich will ja auch keinen Anfang wieder!“

„So spielt man nicht mit mir!“

„Mir ist’s auch Ernst!“

„Ich gehe jetzt in türkische Dienste und mache einen Strich unter
Alles! Ich hab’ es gründlich satt!“

„Ich muß mich endlich auch ganz frei machen. Man verliert seine Jahre!“

„Also leben Sie wohl!“

„Leben Sie wohl!“

Im Studio war noch eine einzige lachende Gruppe um Christian Hansen,
den nordischen Karikaturisten. Er zeigte schmunzelnd seine Mappe. Eben
ein Blatt: Deutschland und Frankreich sich als Nachbarinnen über den
Zaun küssend. Marianne mit der phrygischen Mütze hielt dabei kokett die
Hände auf dem Rücken. Sie war schlank und zierlich und trug niedliche
Schühchen. Germania in Panzer und Helm war semmelblond mit dicken
Backen, gleich einer plumpen Magd. Isebrink sah es im Vorübergehen. Er
machte Halt und frug den Ausländer:

„Leben Sie in Deutschland?“

„Gewiß!“

„Schon lange?“

„Sieben Jahre!“

„Na -- einmal wird auch unsere Geduld reißen!“ sagte der Hauptmann
und ging. Hinter ihm war es still. Alle sahen sich an. Diese Art
Deutschland kannten sie nicht.



VI.


    „Meine liebe Schwester Inge!

Nun liegt Deutschland schon wieder drei Wochen hinter mir! Die alte
Hannah Tillesen ist wieder einmal tot, und die höchst respektable Mrs.
Higgins sitzt statt ihrer hier bei Mann und Boys auf dieser ehrenwerten
Insel.

Ach, Inge... Seit ich wieder hier bin, ist mir Etwas Gräßliches
passiert! Stell’ Dir vor: ich finde die Engländer nicht mehr komisch!
Ja, Kerlchen, Du lachst! Aber für mich ist’s traurig! Ich habe die
Gebrauchsanweisung für das People verloren! Nun fängt es an, mir
fürchterlich zu werden...

Inge... Inge... Was mache ich, wenn es Krieg zwischen uns giebt? Ihr
drüben denkt natürlich nicht daran. Ihr habt ein reines Gewissen wie
die Waisenkinder am Samstag Abend. Liebste Maus, über so was ist man
hier weit erhaben. Die Gesellschaft hier ist nachgerade zu Allem fähig.
Es ist schamlos, wie sie gegen Euch hetzen. Namentlich mein großer
Schwager Higgins in seinen Zeitungen. Dabei ist es so glorreich, einen
Baronet zum Verwandten zu haben. Wir liegen vor ihm auf dem Bauch.
Dafür sind wir freie Briten. Augenblicklich sitzen wir und lauern
wahrhaft angstvoll, ob er uns vielleicht zum nächsten Wochenende nach
London einlädt, um einen Blick in die Season zu tun. Oder gar auf
seine Yacht zur Kieler Woche? Aber das wär’ zu viel! Der Reverend hat
erst in seiner letzten Predigt vor irdischer Vermessenheit gewarnt.

Inge -- was stelle ich denn nur hier mit den Engländern an? Wenn man
sie erst richtig erkannt hat, wird man an ihnen direkt elend. Drüben im
College sitzt mein Mann in seinem Studiencabinet. Er hat augenblicklich
eine Laus unter der Lupe, ein ganz verschmitztes Tier, das, ohne selbst
dabei krank zu werden, irgend eine Unannehmlichkeit von einem Lebewesen
zum andern überträgt. Du, im Vertrauen, die Engländer sind auch nicht
viel anders.

Sie verhetzen die ganze Welt gegen Euch! Jeden Tag wird es schlimmer.
Manchmal frag’ ich mich: Wo soll denn das hinaus? Warum merkt Ihr denn
nichts? Sie hassen uns wie die Sünde, weil wir die Arbeit erfunden
haben. Nämlich die eigene Arbeit, statt daß die Nigger für Einen
schuften. Gegen einen Weißen, der arbeiten will, ist uns, den Christen,
jede Notwehr erlaubt. Frag’ nur meinen Schwager Higgins. Dieses
herrliche M. P. kriegt jeden Morgen das Lügen, wie ich das Nießen. Auf
die Weise entsteht ein Penny-Abendblatt. Sie sind voll blödwitzigem
Dünkel, und dabei haben sie vor uns eine Heidenangst. Nun reim das mal
zusammen. Sie sind eigentlich alle wie ihre alten Jungfern, die hier
rudelweise herumrennen. Ganze Kerle sind nur ihre Suffragettes. Du, die
hab’ ich gern, weil sie das People so piesacken! Neulich haben sie erst
wieder unter gräßlichem Geschrei sieben Bilder in der Nationalgalerie
mit Beilen kaput gemacht. Einen Minister haben sie auch geohrfeigt!
Famos! Denk’ Dir nur: einfach so Klatsch mitten in die steifleinene
Visage! Hurrah! Da möcht’ ich immer gleich mit! Aber Jerôme K. Higgins
findet, das sei nicht ladylike. Er hat leider Gottseidank Recht. Hier
in Oxford weht ja noch eine mildere Luft. Hier sind wir gebildet und
haben wenigstens einen schwachen Schimmer von Etwas außerhalb von
England und seinen Kolonien. Aber sonst ... ach, Inge... Es wird doch
keinen Krieg geben...? Sie reden hier immer ganz friedlich davon, wie
vom Wetter. Ich bin ja dann wie der Frosch zwischen den beiden Enten.

Ich mag gar nicht nach Kiel, so sehr es mich auch freuen würde, Dich
da vielleicht von Lübeck aus zu treffen. Ich mag nicht mehr nach
Deutschland. Es hat etwas Närrisches, wenn wir uns da verbrüdern und
uns die biedere Männerrechte schütteln und dabei die linke Faust im
Hosensack ballen! Inge: Sie leimen Euch! Sie kommen auch nur zu dem
Zweck nach Kiel! Paß’ auf!“

Die Sonne schien durch das Blätterdach vor den Fenstern in goldenen
Lichtern auf den Blondkopf, den Mrs. Hannah Higgins über die
Tischplatte neigte, während sie den Brief an ihre Schwester Inge
Tillesen vollendete: „Fertig, Inge! Und nun verbrenn’ den Wisch. Du
brauchst mir nicht zu antworten. Schicke mir lieber endlich einmal
Deine Verlobungsanzeige. Aber bleib’ im Lande! Verheirate Dich dort
redlich. Glaub’ der Stimme überm Meer: Es ist besser!“

Das Higginssche Haus lag, die kleinen Fenster von wildem Grün
umsponnen, mitten in den Mauerresten der mittelalterlichen
Stadtumwallung von Oxford. Nach rückwärts sah man auf die saftigen
Wiesengründe und hundertjährigen Eichen des Parks von St. Paul’s
College, an dem Professor Higgins lehrte. Zahmes weißes Damwild äste
da in Rudeln inmitten der Stadt. Der riesige Angora-Kater des College
dehnte sich süffisant wie ein Lord unter den Tieren in der Sonne.
Dahinter wölbten sich die Kreuzbogengänge und Spitzfenster, hoben
sich die uralten Mauern und Glockentürme, Erker, Nischen und Kapellen
der einstigen Klosterschule, einer der vielen der Universität, alle
im Äußern noch aus der Zeit, da die Wissenschaft sich scheu wie ein
Küchlein unter die wärmenden Fittiche der Kirche duckte. Aus jeder
dieser ehemaligen Mönchzellen hätte jetzt noch Dr. Faust mit seinem
Famulus zum Oster-Spaziergang heraustreten können. Nun hauste dort
in drei reichen Räumen je ein glattrasierter jüngerer, angeblich
studierender Sportathlet aus der Gentry des Vereinigten Königreichs.
Den Luxus, der ihn hier umgab, war er von Klein auf aus seinem
elterlichen Tudor-Hall oder Castle auf hohem Hügel in grüner Landschaft
gewohnt. Wozu gab es sonst die Hunderte von Millionen dunkelhäutiger
Menschen auf der Welt als zur Frohnde für dies fröhliche Alt-England?

Der Higginssche Garten stieß an den Park des College. Zwei kleine
Jungen von acht und neun Jahren, aber schon in schwarzen Röckchen und
weißen Umlegkragen spielten darin. Sie stürmten der Mutter entgegen.
Bob, der Ältere, strahlte. Er hatte Sommersprossen im Gesicht, einen
breiten Mund und eine kleine Nase. Er war ein ganz verschmitzter Boy.

„~Mother!~ Die deutsche Flotte kommt!“ schrie er aus
Leibeskräften. Hannah Higgins erschrak wirklich einen Augenblick. Dann
ärgerte sie sich über die Dummheit.

„Bist Du denn ganz verdreht? Die deutsche Flotte!... Und noch dazu hier
mitten im Land!“

„Die deutsche Flotte!“ verkündete atemlos jetzt auch der jüngere Knirps.

„Wo denn?“

Durch den Garten floß ein Bächlein. Drei winzige Papierschiffchen
schwammen auf ihm herab, und Bob wies sie triumphierend:

„Da ist sie, ~mother~!“

Das Wasser spritzte. Sein kleiner Bruder versenkte mit einem
wohlgezielten Gertenstreich den ersten Nachen, den zweiten, den
dritten. „Päh!“ sagte er dann verächtlich und spuckte hinterher in die
Flut.

„Ihr Lausbuben -- wer hat Euch denn wieder diesen dummen Witz gelehrt?“

„Mr. Ferguson vom Corpus-Christi-College, ~mother~! Er giebt jedem
Boy Sixpence, wenn er sein Lied kann!“

Und Bill, der Kleinere, trompetete mit seiner schrillen Jungenstimme:

    „~We have the men,
    We have the ships,
    We have the money too!~“

„Die Kinder sind in einer Weise ungezogen!“ sagte herankommend das
deutsche Fräulein, eine helläugige, lebhafte junge Rheinländerin. „Sie
werden fortgesetzt von anderen Jungen und Erwachsenen aufgehetzt. Auf
der Straße und überall! Wenn ich sie noch so oft deutsch anrede, sie
antworten englisch! Da, bitte!“

Bob zog eine gräßliche Grimasse und streckte dabei die Zunge heraus.
Bill versenkte herausfordernd die Fäuste in den Hosentaschen und stand
breitbeinig wie ein Matrose.

„Ich fühle mich den Aufregungen nicht mehr gewachsen. Ich bitte gnädige
Frau, mich lieber nach Deutschland zurückkehren zu lassen!“

„Nun, nun -- wir werden sehen, Fräulein Rohmüller! Gehen Sie jetzt nur
auf Ihr Zimmer und beruhigen Sie sich!“

Das „Fräulein“ verschwand. Hannah Higgins wandte sich strafend an ihre
Söhne.

„Seht Ihr wohl, Ihr bösen kleinen Burschen! Sie hat Tränen in den
Augen!“

„Schad’t nichts, ~mother~!“

„So? -- Wie heißt der Spruch: ‚~Show me, Bobby, if you can -- be a
little gentleman!~‘ Bist Du ein kleiner Gentleman?“

„~Well, mother!~“

„Nun: Ein Gentleman bringt nie eine Lady zum Weinen!“

„Ach, das ist ja gar keine Engländerin, ~mother~!“

Hannah Higgins hätte ihm am liebsten Eins hinter seine großen,
abstehenden Ohren gegeben. Aber Professor Higgins hatte das ein für
allemal verboten. Er war ein Feind jeder Gewalt des Menschen gegen
den Menschen, bei seinen Söhnen wie auf der ganzen Erde. Es waren die
Gesetze der Humanität und Kirchlichkeit, die er ehrte und bei jeder
Gelegenheit öffentlich vertrat. Wenn trotzdem Wilde niedergeschossen
oder zwei Boys durchgehauen werden mußten, dann hatte das wenigstens so
zu geschehen, daß er es nicht zu sehen brauchte. Jetzt aber stand er
drüben an einem der gothischen Fenster des großen Saals von St. Pauls
College, dieses ehrwürdigen Raums, von dessen Wänden die lebensgroßen
Ölbilder aller berühmten, aus dieser Schule hervorgegangenen Engländer
und Schotten, Admirale, Parlamentsmitglieder, Gelehrte, auf die
uralten eichenen, von Hunderten von Inschriften gekerbten Eßtische
hinabschauten, und sprach mit einem der Fellows. Seine Frau ging ihm
entgegen. Sie wollte sich einmal ernstlich über die Bengel beschweren.
Bobs Flottenlied haftete ihr im Kopf.

    „Wir haben die Männer und Schiffe,
    und das nötige Kleingeld dazu!“

Und wieder die Todesangst: Schließlich fangen sie wirklich an, mit
ihren Männern und Schiffen!... Was wird denn dann aus mir?

Professor Jerôme K. Higgins’ wulstiges, bartloses Gesicht lächelte
wohlwollend wie das eines gelehrten Mandarinen in Peking unter der
goldenen Brille. Er war tief befriedigt. Er hielt einen Brief in der
Hand. Die Einladung nach London war gekommen? Nein, zwei Fliegen auf
einen Schlag: Auch gleich die nach Kiel.

„William schreibt, er habe gerade für uns Platz bei sich in London
zum Wochenende reserviert!“ versetzte er, und seine Frau dachte:
‚Das heißt: Es hat im letzten Augenblick sonst Jemand abgesagt!‘ Ihr
Mann fuhr fort: „Er hofft ernstlich, daß Du zufrieden sein würdest,
in Kiel wieder deutschen Boden zu betreten!“ und sie sagte sich:
Mit anderen Worten: Ich soll den Ladies und Gentlemen auf der Yacht
als landeskundige Vermittlerin in Germany dienen! Kinder, was seid
Ihr verlogen! Kein wahres Wort fährt aus Eurem Munde! Professor
Higgins neben ihr rieb sich vergnügt die Hände. An sich hatte er, der
kurzsichtige Stubengelehrte, der beim Hindernisreiten nie die Gräben
vor sich sah, wenig von dem großen Jahrmarkt der Eitelkeit am Strand
der Themse. Aber es war der Kitzel der Gesellschafts-Heuchelei. Man
gehörte zur ‚Society‘ und die ‚Society‘ zur Season.

Die Londoner Season im Mai und Juni, wenn es der Frühsommersonne
gelang, selbst durch die Rauch- und Nebelmassen zwischen Hampton und
Plumstead, zwischen Tottenham und Croydon zu dringen und das sonst
nie in seinem ganzen Umfang geschaute steinerne Meer von Häusern und
Schornsteinen endlos bis an den fern verschwimmenden Horizont zu
enthüllen -- die Season zur Zeit, wenn die weiten Rasenflächen von
Green Park und St. James, von Kensington Gardens und Regents-Park noch
frischer grünten als sonst in der feuchten Seeluft des ganzen Jahres,
-- die Season, in der der Sturmwind, der sonst ewig das Inselreich
durchbrauste, zum Mailüftchen wurde und das Land rings um London
bis zur Irischen See ein einziger, gepflegter Park, ohne störende
Getreidefelder, ohne häßliche Kartoffeläcker, nur Hammelherden auf
friedlicher Weide unter schattigen Bäumen und darüber auf hohem Hügel
das Schloß des Lords.

Die Season, das Fest der Lords. Keine Saison wie anderswo, wo gleiches
Geld gleiche Rechte gab. Eine Frühjahrsparade aller fremden Völker, der
Yankees und der Japanesen, der Argentinier und der Südafrikaner, der
Australier und der Portugiesen vor ihren angelsächsischen Herren. Sie
kamen scheinbar als Gäste. In den Herzogsschlössern von Hydepark und
St. James flammten jeden Abend die hellen Scheiben, stauten sich die
Automobilreihen, blendete unerhörter, seit Römerzeiten nicht gesehener
Reichtum, von den Rembrandts und Rubens an der Wand bis zu den Scharen
sechs Fuß langer Lakaien, die Geladenen, bot an der Schwelle des
Palastes der Halbgott selbst und seine Gemahlin freimütig lächelnd
linkischen Amerikanern und gelbhäutigen Asiaten den Händedruck, den
sie einem der Geringeren unter ihren eigenen Landsleuten niemals
gewährt hätten. Von den Zinnen des Buckingham-Palastes flatterte
das königliche Banner. Mit Herzklopfen drängten sich vor den Stufen
des Throns die tiefausgeschnittenen Töchter der Schweinemetzger von
Chikago und die vor einem Jahr aus der Klosterschule gekommenen schönen
Frauen der dreifachen Granden Castiliens und Navarras, stießen sich
die Maharadschas vom Ganges mit dem Schwertadel Japans, stand der
Minenkönig aus Transvaal mit schwarzen Goldgräbernägeln hinter dem
Fabrikarbeiter und Enkel deportierter Verbrecher, den Neuseeland zum
Minister ernannt, scharten sich ägyptische Prinzen und kanadische
Männer des Volks, Araberscheichs und chinesische Dynasten, bestaunten
das riesige Ausstattungsstück und merkten nicht, daß sie es selber
spielten und sich gegenseitig den Sand in die Augen streuten, den ihnen
die lächelnden britischen Gastgeber lieferten.

Und draußen, auf der blauen Rhede von Spithead, soweit ein Menschenauge
sehen konnte, ein buntbewimpelter Kriegspanzer neben dem anderen.
Die ‚Victory‘, Nelsons altes, weißgebordetes Schlachtschiff, tat
den ersten Schuß des Königssaluts. Der Donner brüllte durch die
ganze Linie, rollte über die ganze Erde mit dem trügerischen Lärm
seiner leeren Manöverkartuschen, blendete die Menschen mit den
Taschenspielerkunststücken des Inselreichs bis zu der willenlosen
Hypnose: England ist groß. England ist stark. Was England sagt, ist
wahr. Was England will, ist Gesetz.

Das war der Zauberspiegel der Gaukler an der Themse, in der großen
Völkerkirmes der Season. Sie versteckten dahinter ihre eigenen
steinernen Züge, und wem sie das Trugglas vorhielten, dem Rajah und
dem Emir, dem Squatter und dem Trustkönig, dem Mandarinen und dem
Samurai, dem Principe und dem Woiwoden, der lächelte und sah sich in
dem Spiegel frei, reich und groß und empfand sein Helotentum als Lust,
sobald mit dem ersten Frühlingsgrün der Vorhang von der Fata Morgana
von London emporrollte und ihren Bildern von verwirrender Buntheit und
Zahl: das Tosen der Hunderttausende beim Ringen um das blaue Band auf
dem grünen Rasen von Epsom, die verständnislos-feierliche Stille der
oberen Zehntausend, wenn Hans Richter in Coventgarden den Taktstock zum
Nibelungenring hob, die Farbenpracht des Adels in den geschichtlichen
Trachten seiner eigenen Vorfahren auf den abgeschlossenen Kostümbällen
des Westens, das Gedränge von drei-, viertausend Gästen zugleich
beim Nachmittagsgartenempfang des Herzogs im Park eines turmreichen
Shakespeareschlosses, das allnachmittägliche Gewühl von Reitern,
Viererzügen, Spaziergängern im Hydepark, diesen wimmelnden und
flimmernden Orgien des Nichtstuns zwischen Serpentine, Rotten Row und
Ladies Mile.

Hannah Higgins saß da mit ihrem Mann in einem Kreise anderer
Engländer. Es war Montag um fünf Uhr Nachmittags. Die Heuchelei der
Sabbatheiligung war wieder einmal vorüber, die Season neu belebt,
neidloser Sklavensinn auf den Gesichtern aller Zuschauer. Man hatte
ja nicht selbst vier kastanienbraune Stuten im Stall, aber man sah
doch, wie der Earl da drüben sie majestätisch, den grauen Zylinder auf
dem Haupt, vom hohen Kutschbock aus lenkte. Man besaß selbst nicht
dreißigtausend Acres Land, aber dort fuhr in ihrem Elektromobil die
Marchioneß, die noch mehr ihr Eigen nannte. Man war ja selbst nicht
Mitglied der Royal Yacht Squadron oder des Marlborough-Clubs, aber
dicht vor Einem tummelten ja, wie im Zirkus, die vornehmsten Männer
des Königreichs ihr englisches Vollblut. Man freute sich, wie Andern
das Leben schmeckte. Hatte man doch selbst auch satt zu essen und
fand: die Erde war ein gutes Ding und vom lieben Gott eigens für die
Bequemlichkeit der Menschheit zwischen Aberdeen und Falmouth erschaffen.

Und doch mischte sich in dies Schwatzen und Lachen und Flirten
ein Unterton und klang immer wieder von schnurrbärtigen, wie von
rosigen Lippen, von Alt und Jung, von nah und fern, beharrlich wie
grollender Tropfenfall, ein Wort: ~Germany~ -- ~Germany~
-- ~Germany~ --... der dunkle Punkt -- -- Nein, mehr schon: die
schwarze Wolke, der Alp mit der Pickelhaube, zu dem man keine rechte
Stellung mehr fand, sondern nur noch ein nervöses Schwanken, von
lächelnder Verachtung bis zur blinden Angst, vom erzwungenen Gleichmut
bis zum vierschrötigen Haß.

Die drei alten Jungfern in dem Higgins’schen Kreis hatten jetzt eben
auf der Rückkehr von einem Winteraufenthalt in Ceylon und einem
Frühlingsspritzer nach Damaskus Deutschland besucht. Sie schüttelten
sich vor Heiterkeit. Oh! was für ein Land! Wahnsinnig komisch! Sie
nahmen sich kichernd das Wort vom Mund. Ihre Berichte waren durch die
tägliche Wiederholung ins Kraut geschossen, wie die Dschungeln unter
Indiens Glut. Es gab auf jeder Straße in Deutschland drei Wege: einen
für die Herren, einen für die Damen, einen dritten für die Ehepaare.
Wer über die Straße wollte, mußte vorher den Schutzmann um Erlaubnis
fragen. Jeder Herr grüßte jeden Schutzmann an jeder Straßenecke durch
Hutabnehmen. Eigentlich hatten die Deutschen immer den Hut in der
Hand. ~Oh -- how ridiculous!~ Wieder wanden sich die Spinsters
vor Lachen. Ja, aber die Unzufriedenen? Oh, es gab überall große,
befestigte Plätze. Da sperrte man sie ein. Viele Tausende. Bei Brot
und Bier. Soldaten standen davor. Überall Soldaten. Jeder junge Mann
lernte zunächst das Gewehr präsentieren. Dann schrieb er sein Buch über
den ‚Faust‘ und widmete sich den Rest seines Lebens der chemischen
Industrie. ~Yes!~ Es war schon interessant, in acht Tagen das
‚~Fatherland~‘ gründlich kennen gelernt zu haben.

„Nun -- es ist doch Mrs. Higgins’ frühere Heimat!“ sagte eine ältere
Lady, die sich etwas mehr Feingefühl bewahrt hatte. „Sie gehen ja jetzt
auch nach Kiel, nicht wahr?“

Hannah Higgins fuhr aus ihren Gedanken auf. Sie hatte absichtlich nicht
mehr zugehört und bejahte.

„Oh -- oh -- Kiel!“

Der alte, hagere, in Zivil gekleidete Commander a. D. brummte es
grimmig zwischen den Zähnen.

„~Oh, dear Mr. Bowle~ -- wir schicken sechs unserer besten Panzer
durch den Kaiser Wilhelm-Kanal!“

„... nachdem wir den Deutschen glücklich Zeit gelassen haben, den
Kanal um das Doppelte zu vergrößern. Nun sind sie fertig! Oh -- es ist
schimpflich!“

Die alten Jungfern kicherten wieder.

„Die Deutschen ... oh, Mr. Bowle ... mit denen hat es nichts auf sich.
Da war am Rhein ein grober Eisenbahnbeamter...“

Der alte Seebär schnitt ihnen gegen britische Höflichkeit das Wort ab.
Er stand steifbeinig auf.

„Meine Familie war immer auf dem Wasser. Wir haben schon auf der
Doggerbank mitgekämpft und zuletzt bei Sebastopol. Da ist keine Flotte
eines Landes, die wir nicht mitgeholfen hätten zu versenken. Wir
hielten die Meere rein. Aber als ich neulich einmal wieder um die Erde
fuhr, sah ich mehr fremde Flaggen als den Union Jack. Und vor allem das
Eiserne Kreuz in vielen vielen Flaggen! Wir haben das Alles wachsen
lassen und inzwischen Jagden geritten... Ich habe fünfundfünfzig Jahre
gedient und nur einmal auf den Feind geschossen. Und da schossen wir
in Alexandrien unsere eigenen Häuser entzwei. Aber bald werden desto
rauhere Zeiten kommen. Nun -- ~good bye~!“

Da war wieder der Krieg. Fern an Marble Arch blinkten rote Fähnchen.
Dort hielten Anarchisten ein Meeting. Weiter drüben predigte ein Oberst
der Heilsarmee vom Stuhl herab zur Menge. Längs von Park Lane zog eine
Schar von Suffragetten mit ihren regenbogenfarbenen Bannern. Das störte
hier Niemand. Aber da drüben -- über der Nordsee -- diese kommende
dumpfe Notwendigkeit, die man hier immer wieder zugleich mit der linden
Mailuft einatmete...

„~Well~ -- Du bist so schweigsam, Hannah?“ sagte Professor Higgins.

„Ich habe Angst!“

„Wovor?“

„Ach -- sprich es nicht aus. Es ist so furchtbar. Es kommt immer wieder
über Einen...“

„Ich weiß nicht, was Du meinst!“

„Ihr denkt auch immer daran, auch wenn Ihr davon still seid.“

Jerôme K. Higgins verstummte. Über die deutsche Gefahr sprach man nach
Tisch, wenn man die Damen in den Drawing-Room hinaufgeführt hatte,
beim Glase Portwein unter den Herren. Er stand in einem Gastzimmer
im Hause seines Bruders in Mayfair vor dem Spiegel und knüpfte sich
die weiße Binde zum Abendanzug. Unten fuhren schon fortgesetzt
Automobile vor, kamen Ladies und Gentlemen in Gesellschaftskleidern
nachbarlich über die Straße. Bei dem ehrenwerten Sir William Higgins
war heute einer der großen Empfänge der Season. Er und seine Frau
standen auf der Schwelle und begrüßten liebenswürdig jeden Ankommenden
mit einem Händedruck und der herzlichen Freude, grade ihn zu sehen.
Sie wiederholten das ein paar hundertmal. Das Haus des Londoner
Zeitungsherrschers und Parlamentsabgeordneten war größer als sonst
die Absteigequartiere des Landadels. Aber geladen waren nach Londoner
Brauch doppelt so viel Leute, als darin Platz hatten.

Machte nichts! Heute war Sir William Higgins nicht der eisige
Geschäftsmann der City bei Tag, der nüchterne Unterhaus-Debatter von
Westminster bei Nacht. Jetzt war er ein ~jolly good fellow~...
alle Geister schalkhaften Britentums und trockenen Humors um die dünnen
Lippen. Nichts konnte freimütiger sein als deren Lächeln, nichts
vertraulicher als seine dargebotene Rechte. Nur in den Augen blieb
etwas, das nicht zu der Unschuldsmiene stimmte. Sie überflogen immer
wieder das Dienerspalier im Hausflur. Sie suchten. Seine Schwägerin
Hannah, die ihn von innen aus dem Menschengedränge heraus beobachtete,
wußte, was das hieß. Es fehlte noch etwas: der Löwe des Abends. Irgend
ein Tüpfelchen auf dem I der Society-Eitelkeit.

Dann ein freundlicher Schein auf seinen pergamentenen Zügen. Er
streckte die Arme aus und ging einem Gast drei Schritte entgegen. Das
war das Höchste, was er tun konnte. Der Neuangekommene überragte ihn,
trotz seiner lässigen Haltung, mit den abfallenden Schultern seiner
hageren aristokratischen Gestalt. Sein Frackschnitt und Hosensitz hätte
den ersten Schneider Londons mit Neid erfüllt. Auf seinem lebhaften und
länglichen Gesicht mit den grauen klugen Augen war ein geschmeidiges
Lächeln. Neben ihm seine schöne junge Frau. Eine Vollblut-Pariserin,
dachte sich Hannah Higgins. Man sah es schon an dem spielerisch
treffsicheren Wunder ihrer Toilette gegenüber den barbarisch bunten, an
Indiens Grellheit erinnernden Kleidern der Engländerinnen.

„~La belle Madame de Schjelting!~“ sagte Jemand neben Hannah. Es
schien ihr ein vornehmer Rumäne zu sein. Neben ihm, auf Englisch, ein
säbelbeiniger Japanese.

„Und ihr Mann? Ein Russe?“

„Ein Petersburger ~de pur sang~!“

„Sehen Sie doch, wie man sich um ihn drängt. Oh -- der Herzog von
Woodford selbst steht auf und tritt auf ihn zu!“

„Merken Sie sich diesen Russen, Vicomte Osako! Er trägt Krieg und
Frieden unter den Klappen seines Fracks!“

„Ist er vom Tschin?“

„Sein Vater war der bekannte Minister, der vor zehn Jahren in
Petersburg starb. Er selbst trat bald aus dem Staatsdienst. Seitdem
ist er der gefährlichste Außenseiter der russischen Politik, vom
Winterpalais bis zum Cettinjer Konak.“

Nicolai Schjelting kam langsam näher. Fortwährend waren neue
Menschen um ihn. Er drückte rechts und links Hände, winkte Bekannten
zu, wechselte bei jedem Satz die Sprache, französisch, englisch,
italienisch, auch, besonders laut und verbindlich, deutsch zu einem
deutschen Diplomaten, dann einmal obenhin, schnell, kaum hörbar, auf
russisch, zu einem Landsmann:

„Noch nichts Neues aus Serbien?“

„Nichts!“

Er lächelte wieder. Etwas von Asiatendünkel schimmerte, für Hannah
Higgins’ Augen, durch den spiegelglatten Kulturschliff seines Wesens.
Er sah in der Nähe bleich und nervös aus.

„Sind Sie krank, Herr von Schjelting?“

„~Ah -- ce bon Nicolas!~ Er reibt sich auf!“

„Ich?“ Nicolai Schjelting zuckte nachlässig die Achseln. „Erbarmen Sie
sich! Was hat denn ein armer Privatmann, wie ich, zu tun?“

Und wieder neben Hannah Higgins die gedämpfte Stimme des Rumänen zu dem
Japanesen:

„Dabei kennt er alle Geheimnisse der Kriegspartei drüben!“

„Ich wähnte Sie schon in Montenegro, Herr von Schjelting?“

Nicolai von Schjelting schüttelte ahnungslos den Kopf.

„Ich? Ich bin ein friedlicher Mensch. Jetzt ist mir zu viel Pulverdampf
da unten.“

„Wieso? Die Albanesen?“

„Ach nein! die bosnischen Manöver! Der Erzherzog-Thronfolger besichtigt
doch die K. und K. Truppen. Ich kann das Schießen nicht vertragen. Ich
warte, bis es auf dem Balkan wieder ländlich-still ist!“

Der Balkan und Ruhe! Man lachte. Auch Schjelting. Eine Sekunde war
etwas Freches darin. Moskauer Hochmut. Wenigstens für Hannah Higgins.
Dann sah sie, wie er sich zu ihrem Schwager wandte. Beide sprachen und
blickten dabei auf sie. Sonderbar...

Plötzlich machte er sich von seinen Verehrern los, kam mit der
lächelnden Sicherheit eines Mannes von Welt auf sie zu, stellte sich
selbst vor, und setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, neben
sie. So war er, in dem Gedränge und Geschiebe der Menschheit zum
Buffet, vorläufig unsichtbar und ungestört.

„Sie entsinnen sich meiner nicht mehr, gnädige Frau!“ sagte er rasch
und lebhaft in seinem harten Petersburger Deutsch. „Ich war kürzlich
mit Ihnen zusammen, in Wiesbaden, im Hause Ihres Vaters. Ich muß
gestehen: ich wußte nicht, daß Sie da waren, obwohl Sir William mir
schon in Paris von Ihnen erzählt hatte. Erlauben Sie mir, daß ich nun
mein Versehen gut mache!“

Er sprach leise und höflich. Er war ganz bescheiden. Verändert gegen
vorhin. Hannah Higgins dachte sich: Was will er denn von mir, dies
große Tier? Sie frug:

„Aber da waren doch nur Gelehrte? Sie sind doch nicht Arzt?“

„Im Gegenteil: Patient!“

„Bei meinem Vater?“

„Leider nein. ~Il m’a mis à la porte!~“

Nicolai Schjelting sagte das mit einer malenden Geste des Hinauswurfs
in das freie Feld. Er machte dabei ein harmloses und rätselhaftes
Gesicht.

„Mein Vater wollte Ihnen nicht helfen? Das sieht ihm doch gar nicht
ähnlich!“

„Ihm vielleicht nicht. Aber Ihrem Fräulein Schwester!“

„Meiner Schwester Ingeborg?“

Er rückte näher zu ihr heran. Beugte sich vor, redete schnell,
vertraulich. Die bebänderte Lackschuhspitze seines linken Fußes wippte
dabei nervös über dem Perserteppich auf und nieder.

„Der Cherub mit dem flammenden Schwert! ~Voilà!~ Schon in Moskau!
Ich soll weiter leiden! Ich kann nun einmal nicht schlafen! So wünscht
es Ihr Fräulein Schwester!“

„Was bilden Sie sich da nur ein? Was sollte denn meine Schwester Inge
gegen Sie haben? Sie kennt Sie doch jedenfalls kaum!“

Nicolai Schjelting sah sie fest aus seinen ernsten grauen Augen an.
Jetzt erschien ihr der Leidenszug um die Mundwinkel plötzlich echt.

„Ja -- warum sind die Menschen so böse gegeneinander, gnädige Frau?
Das frage ich mich auch oft! ~Soyons amis, Cinna!~ Aber wir
vergessen’s! Sagen Sie: Ist denn Ihr Fräulein Schwester immer bei Ihrem
Vater?“

Hannah Higgins lachte.

„Ja. Wenigstens, bis sie endlich mal heiratet!“

„Ach so -- ich verstehe: sie ist verlobt?“

„Nicht, daß ich wüßte!“

Es war ihr, als ob der sonderbare Mensch neben ihr erleichtert
aufatmete. Sie hatte wieder eine unbestimmte Angst vor ihm. Sie dachte,
er könnte nun gehen. Es war ja auffallend, daß er hier bei ihr im
Winkel saß, während man ihn wahrscheinlich in allen Zimmern und Sälen
suchte. Statt dessen hub er unvermittelt, stoßweise wieder an:

„Bleibt Ihr Fräulein Schwester den Sommer über in Wiesbaden?“

„Das hängt davon ab, ob mein Vater irgendwohin berufen wird. Dann
begleitet sie ihn. In nächster Zeit wahrscheinlich einmal nach Lübeck.“

„Oh!“ sagte Nicolai Schjelting und versank in ein stummes Sinnen. Sein
Gesicht war dabei düster und unruhig. Sie wollte ihm helfen. Sie nahm
es von der komischen Seite.

„Ich werd’ es meinem Vater melden, daß gegen Sie eine Verschwörung in
der Sonnebergerstraße besteht. Die Schuldigen werden kaltgestellt.
Verlassen Sie sich darauf!“

Aber das war ihm zu ihrem Erstaunen wieder nicht recht, daß er dort
Ingeborg Tillesen nicht begegnen sollte. Er winkte nur ab, mit einer
Handbewegung, deren zerstreute und nachlässige Ungeduld sie ärgerte,
und blieb stumm... Es war ihm etwas eingefallen, mit Schrecken über
seine eigene Gemütsverfassung: Wo ist denn meine Frau? Oder vielmehr:
wo ist denn meine Eifersucht geblieben? Sonst hatte er Ghislaine
bei einer solchen Gelegenheit nicht aus den Augen gelassen, jedes
Kopfnicken, jeden Handkuß, jede Schleppenbewegung düster verfolgt.
Jetzt sagte er sich: So weit ist es mit mir schon gekommen! Ich muß
schon nachdenken, wann wir uns getrennt haben. Vor einer halben Stunde.
Da sind wir zusammen hereingetreten. Sie hat sich dann nach links
gewandt -- glaub’ ich!... Irgend eine Lady nahm sie unter den Arm. Er
hob das Haupt und schaute umher. Da merkte er plötzlich, zuerst an
einem ganz feinen Hauch ihres Parfums: Mein Gott -- Ghislaine stand ja
dicht hinter ihm, stand vielleicht schon die längste Zeit, im Gespräch
mit einem dürftigen und engbrüstigen Jüngling von den Boulevards oder
aus Brüssel. Dieser halbausgebackene Stutzer war ihr nicht gefährlich.
Das wußte er. Er entwickelte ihr in einem rasend-raschen, französischen
Geratter seine Thesen über den Sâr Peladân. Ihre reizvollen, leicht
gepuderten Züge trugen auch nur die leere und liebenswürdige
Aufmerksamkeit der Weltdame. Ihrem Mann schwante es, als hätte sie
eher auf das gehört, was er da unten, auf seinem Sessel inmitten des
Gedränges, redete. Deutsch genug, um es zu verstehen, konnte sie, vom
Kloster her und durch die flämischen Verwandten ihres Vaters, wenn sie
es auch nicht sprach.

Diese Vorstellung beunruhigte ihn. Er stand brüsk auf. Zugleich trat
der Herr des Hauses heran. Er hatte sich die neuesten spätabendlichen
Reuter- und Sondermeldungen von seinem Generalsekretär telefonieren
lassen. Rasch und heimlich! Nur nicht zeigen, daß man arbeitete! Man
hatte Geld. Aber man verdiente es nicht.

„Nun, Sir William?“

„Ihr Zar und die Seinen sind noch wohlbehalten bei den Festen in
Rumänien, ~my dear Mr. de Schjelting~!“

„Sonst nichts Neues vom Balkan?“

„Griechenland hat sich bei der Türkei beschwert!“

„Weiter nichts vom Balkan?“

William Higgins, ~M. P.~, schüttelte den gefurchten,
glattrasierten Kopf und schaute, erstaunt über die zweimalige
Wiederholung der Frage, sein Gegenüber forschend an. Aber dessen Züge
blieben undurchdringlich.

„Halloah! Nehmen Sie auch Ihr Zivil mit nach Kiel?“

Der junge Mann neben ihnen wurde es scherzend gefragt. Niemand hätte
seinem kleinen, brünetten Wallisertyp den Briten angesehen. Er zeigte
nur lachend die weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht. Irgend Jemand
sagte:

„Lord Cowley ist ein zäher Sportcharakter! Er geht nun einmal nicht mit
seiner Yacht aus der deutschen Nordsee hinaus!“

„... oder er ist Kurgast auf den friesischen Inseln! Das ist er seiner
Gesundheit schuldig!“

„Nehmen Sie sich nur in Acht, daß es Ihnen nicht geht wie
Clément-Bayard!“

Rasche Blicke ringsum. Nein -- es war kein Deutscher zur Stelle. Man
konnte ruhig von den Heldentaten des Vorsitzenden des französischen
Aëroklubs reden!

„Er hat alle deutschen Luftschiffhallen besucht!“

„Er hat den Flugplatz Fuhlsbüttel photographiert!“

„Aber dann haben sie ihn in Köln festgenommen...“

„... und freigelassen! Er ist schon wieder in Paris!“

Die Franzosen lachten über die deutsche Gutmütigkeit, die Engländer,
die Schotten, die Yankees. Selbst über das Gelbgesicht des kleinen
japanesischen Schwertritters flog das rätselhafte Greinen der
ostasiatischen Sphinx. Nicolai Schjelting hatte die Gelegenheit
benutzt, unbemerkt mit seiner Frau zu verschwinden. Es war schon
spät am Abend. Trotzdem wollte er mit ihr noch zu einer dritten
‚~Reception~‘. Während der Londoner Season mußte man die Zeit
nutzen. Aber kaum in der Limousine, versetzte sie mit ungewohnter
Härte: „Ich will nach Hause!“ Dann schwieg sie, bis der Wagen vor dem
Ritz-Hotel in Piccadilly hielt.

Das war ihm neu. Sonst stand ihr der Mund nicht still. Gerade in
letzter Zeit hatte es mehr Auftritte in ihrer unglücklichen Ehe gegeben
als je. Ihr fliegendes, messerscharfes Pariserisch hallte ihm noch in
den Ohren. Jetzt brach sie oben in ihrer Suit, ihrer Zimmerflucht,
auf einmal los, nachdem sie die Zofe hatte schlafengehen heißen. Sie
stand in einem weißseidenen Frisiermantel, die Elfenbeinbürste wie eine
Waffe in der Hand, das rötliche Haar in losen Wellen um Wangen und
Schultern. Ihre Nasenflügel bebten. Die rot getönten Lippen spielten
und zuckten in atemlosem Redefluß. Ihr Gesicht verlor jetzt, wo nicht
mehr trällernde Lebenslust darauf lächelte, an Reiz. Ihre Stimme bekam
in der Erregung einen heiseren, welschen Klang.

„Ah -- mein Freund: das ist zu viel!... Es ist genug!... Ich habe Alles
geduldet! Ich habe meine Zeit und meine Jugend verloren! Aber ich
bin dieser Opfer satt! Sie führen ja zu nichts ... zu nichts ... zu
nichts...“

Er hatte seinen Frack mit der bastfarbenen Verschnürung einer
Pyjama-Jacke vertauscht. Er nahm übernächtig und übellaunig das Glas
Whisky mit Soda von den Lippen.

„Was denn?... Verzeihung: Ich gestehe, daß ich Deine Aufregung nicht
begreife!“

„Ich habe Dir hunderttausend Francs Rente mitgebracht!“

„Ich danke, meine Teure! Das weiß ich!“

„...Und was habe ich durch Dich gewonnen? Seit sieben Jahren bin ich
Madame de Schjelting! Weiter nichts! Ich sitze in Brüssel in meinem
Elternhaus, als hätte ich es nie verlassen! Meine Cousine Blanche
ist Komtesse! Meine Freundin Germaine ist Exzellenz, als Frau eines
deutschen Diplomaten, und dabei ein Jahr jünger als ich... Sie macht
ein glänzendes Haus... Désirées Mann ist jetzt in Paris Minister. Sie
ist die erste Dame. Wohnt in einem Palais der Regierung. Du bist aus
dem russischen Staatsdienst ausgetreten...“

„Meine Zeit wird kommen!“

„Wann?“

„Vielleicht schneller als Ihr Alle denkt!“

„Wieso?“

„Mehr kann ich nicht sagen!“

„Und +das+ sagst Du dafür seit Jahr und Tag! Es fängt an,
langweilig zu werden, mein Freund, weil es sich nie erfüllt!
Augenblicklich bist Du den Leuten noch interessant. Das Mysterium ist
noch nicht gelüftet. Um Dich ist noch der Hauch der großen Affären. In
ein paar Jahren wird man über Dich lächeln...“

„Das lasse meine Sorge sein!“

„... sich fragen: Mein Gott, wer hat denn eigentlich diese leere Nuß
ins Rollen gebracht?“

„Nein!“

Er schrie sie wütend an. Sie ebenso, Funkelaugen im vorgestreckten
Haupt:

„Doch!“

„Warte, wie die Welt in wenigen Wochen aussieht!“

„Ja -- warte -- warte!“ Sie äffte ihm nach. „Man kennt Deine Weisheit!
Aber sie verfängt nicht mehr. Du bist ein Blinder, mein Freund!“

„Ich!“ sagte Nicolai Schjelting nur, lächelnden Dünkel auf dem fahlen
Gesicht.

„Jetzt fange ich es erst an, zu merken, ich, Deine Frau! Später werden
es auch die Andern merken! Mein Lieber: wir werden eine Mode von
vorgestern sein und ich inzwischen die Dreißig überschritten haben! Das
ist Alles!“

„Ein Achselzucken, meine Beste, ist auch eine Antwort!“

„Eine Antwort, aber keine Widerlegung!“

„Diese Szenen...,“ sprach Nicolai Schjelting leise und nervös und
fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann wandte er sich wieder zu
seiner schönen jungen Frau. „Sehr gut!... +In+ der Tat! Und unser
Eintritt in jeden Salon? Ist es nicht ein Ereignis, wenn der Diener
ruft: Monsieur und Madame de Schjelting?“

„Wie lange noch? Sie nutzen Dich aus und lachen Dich aus! Die
Großfürsten lassen Dich laufen wie ihre Troikapferde. Du bist
ihr Galopin für ganz Europa!... Kein Balkankönig, wo Du nicht
antichambrierst!“

„Du wirst dreist, meine Freundin!“

„Man nennt Dich schon den Rubel auf Reisen! Ein schönes Metier, die
ganze Welt zu bestechen -- französische Deputierte, italienische
Zeitungsschreiber, serbische Minister, Leute, die kein Mensch sonst
mit der Feuerzange anrührt! Dafür bist Du der Montenegriner-Partei in
Petersburg gut genug! Wenn Du erst die Schwindsucht hast, wird man Dich
vergessen!“

„Genug davon!“ sagte Nicolai Schjelting müde und ein Gähnen
unterdrückend. Ghislaine hatte ihren Toilettenspiegel auf die
Marmorplatte geworfen, daß das Glas zersprang. Sie trat drohend, mit
geballten Fäusten auf ihn zu, erbittert durch sein nachsichtiges
Lächeln, als sei sie ein ungezogenes Kind.

„Inzwischen vergißt Du mich! Ich habe Dir hunderttausend Francs Rente
mitgebracht...“

„Still davon!“

„... und bin dafür die Strohwitwe von Brüssel. Jedes Kind kennt mich
schon. Man lächelt. Man fragt mich längst nicht mehr nach Dir. Man
weiß, Du bist ja doch nicht da. Man wundert sich, mein Lieber!... Man
schüttelt den Kopf, daß Du nicht mehr Sorge um mich hast, eine Frau wie
mich...“

Zum ersten Mal jetzt kam ihm der Schrecken: diese Veränderung stammt
nicht aus ihr selbst ... aus dem flachen Leichtsinn ihres rasch
bewegten, rasch gestillten Pariser Seelchens. Hinter so viel Zittern
und Zorn steckt fremder Einfluß! Steckt irgend ein Mann! Es ist wahr:
ich habe nicht mehr auf sie aufgepaßt in diesen letzten Monaten. Ich
war wie verhext...

„Schließlich: Jeder nach seinem Geschmack!“ sagte Ghislaine Schjelting
verächtlich. „Wenn es Dir besser da unten gefällt, wo sich Floh und
Wanze gute Nacht sagen, unter bewaffneten Räubern statt bei mir und in
dem schönen Brüssel: Ich beglückwünsche Dich zu so viel Entsagung, mein
Lieber, aber ich beklage mich nicht!“

„Nun also!“

Er trat rasch zurück. Er dachte wirklich einen Moment, sie würde ihm
in die Augen fahren, so schoß sie auf ihn los. Ihr heißer, junger Atem
wehte ihn an.

„Auf Flöhe und Räuber bin ich nicht eifersüchtig. Von Politik verstehe
ich nichts. Ich ließ Dich ruhig kommen und gehen! Ich habe mich nie
gefragt, was Du in der Fremde treibst! Ich habe nachsichtig gelächelt,
wenn Du in den Pariser und Petersburger Salons vor den Damen Deine
Künste spielen ließest! Meine Eltern sagten mir, der Abbé, Alle: Solch
Blendwerk gehört mit dazu!“

„Sehr richtig!“ versetzte Nicolai Schjelting.

„Die Frauen gehören mit dazu! Wohl verstanden! Aber nicht +eine+
Frau, mein Lieber!... Siehst Du: Jetzt kannst sogar Du Dich nicht
verstellen! Du wirst blaß! Du weichst meinem Blick aus!“

„Nicht weiter! Seien wir darüber einig: die Lächerlichkeit tötet!“

„Glaubst Du denn, ich kennte Dich nicht! Ich merkte nicht, wie Du Dich
seit vier oder sechs Wochen verändert hast!... Du, -- der weiße Othello
-- hattest ja unter Menschen keinen Blick mehr für mich...“

„War es etwa nötig?“

„Ich konnte reden, mit wem ich wollte -- tanzen, mit wem ich wollte ...
flirten, mit wem ich wollte... Archibald Cowley +ist+ ein
Ladykiller, mein Lieber. Jedermann weiß es!... Ich habe heute Abend
eine halbe Stunde Ellbogen an Ellbogen mit ihm gesessen. Dir war es
ganz gleich!“

Sie drehte sich weg und sagte über die Schulter, kurz und kalt wie ein
Dolchstich.

„+Er+ ist es übrigens nicht...“

Wieder in ihm der Schrecken:

„Wer denn also? Wer spricht denn aus Dir? Was heißt das?“

„Das frage ich Dich! Nein: Ich frage Dich nicht! Es ist unter meiner
Würde. Geh’ nur zu Deiner Deutschen. Ich halte Dich nicht!“

Ein Schweigen.

„Welch lächerlicher Irrtum...,“ sagte Nicolai Schjelting endlich
langsam.

„Geh nur zu Deiner Deutschen!“

„Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß...“

„Geh’ nur zu Deiner Deutschen! Du wolltest nach Cettinje! Liegt
Wiesbaden auf dem Balkan? Mein Freund: Man hat Dich ja dort in ihrem
Hause gesehen...“

„Beim Arzt!“

„Man hat Dich mit ihr dort auf der Straße gesehen...“

„Ein Zufall!“

„Du warst mit ihr bereits in Moskau zusammen!“

„Woher weißt Du das?“

„Ihr wollt Euch wieder in Lübeck treffen!“

„Ich glaube, Du träumst!“

„Nein... Aber ich habe gute Ohren. Ich stand hinter Dir, wie Du
vorhin mit ihrer Schwester oder Verwandten das neue Stelldichein
verabredetest! Ich war schon vorher gewarnt. Du bist zu bekannt in
Europa, mein Lieber! Es giebt zu viel Augen, die Dich verfolgen...“

„Aber nichts finden!“

Ghislaine von Schjelting lachte.

„Ich gestehe: Ihr seid originell: Du und diese Deutsche! Ihr spielt
nicht Heinrich und Gretchen, sondern das Gegenteil. Aus reinem Haß
trefft Ihr Euch, bald da, bald dort! Es hat Stil! Schade, daß nur grade
ich nicht dazu Beifall klatschen kann!“

„Ghislaine -- -- -- so höre mich einmal ruhig an.“

„Mein Freund: ich bin in Brüssel geboren. Aber ich fühle ganz als
Pariserin. Ich habe das in den Fingerspitzen. Ich sehe es Dir an den
Augen an. Ich rieche förmlich ein fremdes Parfum. Und wenn ich gar
nichts von dieser Deutschen wüßte, ich würde es Dir doch ins Gesicht
sagen: Du bist in eine andere Frau verliebt!... Und siehst Du: Nun bist
Du still und findest kein Wort mehr!“

...Das war die tiefe, dunkle Londoner Nacht, durch die Nicolai
Schjelting schlaflos und ziellos dahinschlenderte. Er hatte in dem
schweren Schweigen zwischen ihm und seiner Frau den Pyjamarock
mechanisch wieder mit dem Frack vertauscht, den Mantel wieder
umgehängt, den Hut aufgesetzt. An einsame Spaziergänge durch die
Dunkelheit war er gewöhnt, er, den so oft der Schlummer floh.

Das war die dunkle Nacht, das Kehrbild Londons bei Tage, kein
lärmendes, lichterhelltes Babel wie in Berlin. Schweigen und Leere.
Die ehrenwerte Welt war längst zu Hause und in den Federn. Alle
Restaurants geschlossen. Was sich jetzt auf die Straße wagte, waren
Schatten wie die Nacht selbst. Große Federhüte, heiseres Lachen an den
Ecken, daneben, als Freunde und Zuhälter, in scharlachroten Jacken,
das Spazierstöckchen unter dem Arm, die Garden Seiner britischen
Majestät. In zerrissene Kohlensäcke gehüllte, halbnackte, kaum mehr
menschenähnliche Lumpensammler in den Gossen. Quer über die Straßen
hingestreckt, wie schmutzige Kleiderbündel, zwei, drei grauhaarige
Frauen. Ein Fuselgeruch jetzt noch um die Betrunkenen. Ein wachsgelber
verhungernder junger Mensch, der sich mühsam an die Hausmauer, an
den Anschlag einer Bibelgesellschaft zur Bekleidung der Maoris auf
Neuseeland stützte. Das alles kroch jetzt lautlos aus der Finsternis
hervor, wie die Tiere des Waldes. Diese Stunden zwischen Mitternacht
und Morgen waren von der Weisheit der Vorsehung für sie vorbehalten.
Bei Tag wäre ihr Anblick den Ladies und den Reverends ernstlich
peinlich gewesen.

Das war die Londoner Nacht. Das runde helle Cyklopenauge auf dem
Uhrturm des Big Ben glotzte über sie hin. Nicolai Schjelting hörte den
Wiederhall seiner Schritte auf dem langen leeren Embankment. Zu seiner
Rechten flutete die Themse, scheinbar unendlich breit in dem Dämmern,
in dem das andere Ufer sich verlor. An der Nadel der Kleopatra blieb er
stehen. Schlank schoß der Obelisk zu dem rauchigen Nachthimmel empor.
Runen der Jahrtausende zwischen Nil und Themse rankten sich auf seinen
Flächen. Runzeln des Nachdenkens furchten sich auf Nicolai Schjeltings
Stirne. Sonst lagen in seinem Kopf die Lebensziele einzeln nach ihrer
Wichtigkeit geordnet nüchtern nebeneinander. Jetzt sah er einmal sein
Leben im Ganzen vor sich.

In seinen jüngeren Jahren, ehe der Ehrgeiz alles Andere in ihm
erstickte, war er ein leidenschaftlicher Spieler gewesen. Es war
ein altes, abgedroschenes Gleichnis, daß man alles auf eine Karte
setzte. Aber wer nicht wagte, der gewann auch nicht. Er sagte sich im
Zurückgehen: Es wird Zeit, daß ich gewinne! Seit sieben Jahren spiele
ich! Nicht mehr mit Kartenkönigen, sondern mit Balkankönigen, nicht
mehr mit Kartendamen, sondern mit Damen von Petersburg und Paris,
nicht mit Pique-Buben, sondern mit allerhand Buben in französischen
Ministerien und römischen Redaktionen. Aber der große Schlag bleibt
aus. Drei-, viermal haben wir schon Feuer gelegt. Auf dem Balkan. In
Libyen. Im Ägäischen Meer. Es ist immer wieder verflackert. Ehe es zum
Weltbrand wurde. Heute ist die Erde wieder so still und friedlich, wie
diese Juninacht. Unter mir aber wankt der Erdboden. Man beginnt an mir
zu zweifeln. Meine Frau macht den Anfang. Sie kennt mich schließlich am
besten. Bald folgen Andere. Meine Karte muß bald kommen. Ich brauche
den Krieg...

Er erschien sich wie ein Geist des Kriegs, während er mit unruhigen
Augen, die Zigarette nervös zwischen den Lippen, die Hände in den
Taschen, den Mantelkragen fröstelnd hochgeschlagen, unhörbar in seinen
Gummigaloschen durch die unermeßliche, schlafende Nacht schritt. Hinter
ihm im Osten über Tower und India Docks wurde es allmählich hell. Er
wiederholte sich: Ich brauche den Krieg. Er trägt mich an die Sterne.
Will Ghislaine nicht mit -- nun gut: dann bin ich frei, wenn wir Europa
verteilen. Ich kann dann andere Partieen machen -- ich, ~le comte
Nicolai de Schjelting, ambassadeur et ministre plénipotentiaire~,
der gefeierte diplomatische Vertreter des siegreichen Rossijskaja
Imperija. Es wurde ihm warm bei dem feierlichen Wort. Dann eine Glut
im kalten Herzen: oder ich kann mir den höchsten Luxus meines Lebens
leisten und die heiraten, die ich will! Und die dann muß, weil alles um
sie verloren ist...

Und im Weitergehen sagte er sich, in einer fixen Idee: Ich fahre nicht
wieder nach Wiesbaden. Es hat jetzt keinen Zweck. Aber ich werde ihr
schreiben. Sie wieder warnen. Sie darf mich nicht vergessen.

Da war die leere Weite zwischen den Palästen und Ministerien von
Whitehall. An der Ecke von Downing-Street waren einige Fenster im
Auswärtigen Amt jetzt noch im Morgengrauen hell. Dort oben saßen
sie auch und rechneten und addierten die Summen der Welt und
multiplizierten Menschen mit Millionen Pfund und dem Tonnengehalt
von Schiffen und fanden sich selber kaum mehr zurecht in der Wirrnis
heimlicher Verträge, mit denen sie seit Eduards VII. Tagen Deutschland
von allen Seiten umsponnen hatten.

Nicolai Schjelting sah von unten zu den Seelenfängern hinauf. Er dachte
sich: Spieler sind wir Alle. Nicht ich allein. Spieler seid auch Ihr
da oben, Ihr Minister und Steuerleute an Englands Ruder. Spieler seid
Ihr Advokaten an der Seine, im Elysée und Palais Bourbon. Spieler seid
Ihr, König Peter und Paschitsch, und Du, Albert von Antwerpen. Spieler
bist Du selbst, mein großer Gönner Nicolai, und Alles, was um Dich
ist, und Dein Schwiegervater in den Schwarzen Bergen. Wir Alle sind es
müde, daß Deutschland in Frieden die Welt erobert. Wir wollen es ihm im
Krieg wieder abnehmen. Wir werfen die Würfel. Mögen sie endlich fallen!
Ein Gedanke durchzuckte ihn. Es konnte eigentlich nichts Neues in den
Blättern stehen, was nicht der Zeitungskönig Higgins schon diese Nacht
gewußt. Trotzdem eilte er nach Victoria-Station. Da waren schon Jungen
mit den ersten, noch feuchten und nach Druckerschwärze riechenden
Morgenausgaben.

Der Balkan... Albanien... Der Mbret... Kämpfe seiner Truppen bei
Tirana -- Oberst Thomson bei Durazzo gefallen -- -- Ach was, das war
die Selbstverständlichkeit von Mord und Blut da unten! Weiter: Sitzung
der serbischen Skuptschina. Österreichische Manöver in Bosnien....
Der Erzherzog-Thronfolger in Illidze. Illidze war ein hübscher, still
und geschützt in weitem Park gelegener Kurort. Eine Viertelstunde
Eisenbahnfahrt von Sarajewo. Nicolai Schjelting kannte den Platz wohl..

Er steckte düster das Zeitungsblatt in die Tasche. Neben dem
bereitstehenden Frühzug fuhren schon die ersten Cabs und Taxis vor.
Plötzlich erkannte er unter den Abreisenden Professor Higgins und Frau.
Er trat so jäh auf sie zu, daß Inges Schwester durch eine Kopfneigung
ihm die Erlaubnis geben mußte, sie zu grüßen. Er lüftete lächelnd den
Hut und frug auf Deutsch:

„So früh auf, gnädige Frau?“

Hannah Higgins lachte. Sie war morgenfrisch, rosig und lustig. Ärger
und Sorgen vom Abend mit einemmal weg.

„Auch so’ne miserable deutsche Angewohnheit. Ich bin immer gern früh
auf! Mr. Higgins auch -- nicht wahr?“

„Oh ja!“ sagte der Oxforder Physiologe. Er hätte viel lieber bis acht
Uhr Morgens geschlafen, statt dieser unchristlichen Zeit, und den
zweiten Frühstückszug benutzt.

„Und wohin, gnädige Frau?“

„Auf ein paar Tage nach Cowes. Von da mit der Yacht meines Schwagers zu
den Festlichkeiten nach Kiel.“

„Werden Sie dort Ihr Fräulein Schwester sehen?“

Sie stutzte, daß er schon wieder von Inge anfing. Sie erwiderte
zögernd:

„Kann sein, daß sie von Lübeck herüberrutscht! Soll ich ihr vielleicht
bestellen, daß Sie ihr sehr böse sind?“

„Oh Gott -- ich kenne sie ja kaum!“ sagte Nicolai Schjelting hastig und
abwehrend, verbeugte sich und eilte davon.

Hannah Higgins schaute ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich vor ihm
gefürchtet gehabt. Noch als sie mit ihrem Mann am nächsten Tag, von der
Mündung der Medina her, die Rhede von Cowes entlang schritt, sagte sie:

„Denke Dir, ich kriege diesen Russen von gestern früh nicht aus dem
Kopf. Er war mir direkt unheimlich. Ich weiß nicht warum. Dabei muß
das Geschöpf die ganze Nacht durchgebummelt haben. Er hatte noch
eine schiefsitzende, weiße Binde um, und unterm Mantel guckten die
Frackzipfelchen raus.“

Professor Higgins hörte nur zerstreut zu. Ein Ausländer interessierte
ihn nicht. Er war belebt, wie nur ein richtiger Brite bei Seebrise und
Salzluft. Auf der Terrasse des Yacht-Clubs, am Ende der Marine, saßen
in blauen Mützen und Jacken die Admirale und Sportsmen. Auf dem blauen
Becken des Solent schossen wie weiße Sturmvögel die Segelyachten der
Lords, in der Ferne qualmten Dreadnoughts-Geschwader vor Portsmouth,
Mittags gab es zum Lunch noch Hummern -- was wollte der Mensch mehr?
Er rieb sich befriedigt die Hände: „~Well~, Hannah!“ sagte er.
„Übermorgen stechen wir nach Kiel in See!“



VII.


Es war das animalische Behagen Old Englands unter den Gästen von Sir
Higgins’ Dampfyacht während der Überfahrt durch die junistille Nordsee
nach Deutschland. Die Heiterkeit von zwei Dutzend Menschen, die alle
gleichmäßig gut schliefen, tüchtig aßen, pünktlich verdauten. Sie
waren wunderbar einig. Ihre Unterhaltung harmlos wie die der Kinder,
ihre Späße und Gesellschaftsspiele die von halbwüchsigen Jungen.
Es war schwer, unter ihnen nicht vom Wetter zu sprechen, nicht jäh
aufzuspringen, wenn sich ein Segel zeigte, sich nicht träge auf den
Bordplanken in der Sonne zu kuscheln wie eine Katze: Hannah Higgins
kannte sie und wunderte sich doch wieder, wie wenig diese Ladies und
Gentlemen, von denen doch die Hälfte schon die Erde umsegelt hatte,
sich zu sagen wußten oder sagen wollten. Sie dachte sich: Innerlich
feige und selbstsüchtig sind sie doch auch da. Sie heucheln sich
lieber ihr ewiges ~oh yes~, als daß sie sich einmal zanken. Denn
Aufregungen vor dem Mittagessen sind nicht weise! Aber trotzdem lullte
das ein. Es war ein träumerischer, behaglich schaukelnder Stumpfsinn
auf blauer See, bis das rote Feuerschiff aus den Wogen tauchte und sich
da vorn die Kieler Föhrde auftat.

„Oah -- ein feiner Platz!“

„~Well!~ Ein gut Ding -- dieser Hafen!“

Die Wasserratten an Bord, männliche wie weibliche, waren elektrisiert.
Sie standen in langer Reihe von blauen Bordjacken und weißem Flanell
links und rechts von Hannah Higgins, hielten sich an der immer noch
leise schwankenden Reeling fest, starrten sachverständig auf die grünen
Hügel von Holtenau, auf die bewimpelten Uferbauten und Schleusenmauern.
Wieder sagte Einer halblaut wie neulich in Hydepark:

„Nichts ist gefährlicher für uns, als das Stück Wasser, das sie da
verbreitert haben!“

Aber Hannah Higgins wußte von der englischen Kunst, das, was man nicht
wollte, nicht zu hören und nicht zu sehen. Es war manchmal ihr einziger
Trost, daß sie sich sagte: die Christenmenschen, die von ihnen am
raffiniertesten betrogen werden, das sind sie selber! Jetzt wollten
sie fidel sein, ohne Störung. Da war die graue Bucht in silberfarbener
Luft, im Hintergrund die Türme von Kiel, die glitzernde Wasserfläche
bedeckt mit den dunklen britischen, den lichtgrauen deutschen Panzern.
Zwischen den über und über bewimpelten schwimmenden Festungen schossen
die schwarzen Torpedoboote, wiegten sich seitlings die Schwärme der
Segelyachten, lag in der Mitte, weiß, schlank, majestätisch, die
Kaiserstandarte am Großmast, die „Hohenzollern“. Flaggen rings unter
dem grauen Himmel. Drüben am Land ein windbewegtes Fahnenmeer. Musik
an Bord der Panzer. Helle Damenkleider unter den langen Schlünden der
Geschütze. Auf dem Strandweg ein Gewimmel von Menschenmassen bis zum
Schloß. Hannah Higgins dachte sich: Wenn ich nach Deutschland komm’ und
wohin ich komme, so hängen die Fahnen aus den Fenstern und feiern sie
Feste. Bei der Arbeit sieht uns Keiner...

Old England um sie herum war vergnügt wie ein losgelassener Schuljunge.
Der kleine Hobson trällerte das Tipperarylied von der Sehnsucht des
dummen Iren nach seiner grünen Insel:

    „~It’s a long way to Tipperary,
    it’s a long way to go.
    It’s a long way to Tipperary,
    to the sweetest girl I know!~“

und die ganze Gesellschaft fiel lachend in den Kehrreim des neuesten
Gassenhauers von Paddy und Dolly ein:

    „~Good bye, Piccadilly!
    Fare well, Leicester Square!
    It’s a long, long way to Tipperary,
    But my heart’s right there!~“

Von den wie Ameisenhaufen von Menschen wimmelnden, gleich riesigen
Bügeleisen im Wasser liegenden Britenpanzern winkte man herüber. Die
Yacht fuhr am „Georg V.“ vorbei, der die Flagge des Deutschen Kaisers
als Großadmirals der englischen Flotte gesetzt hatte, am „Centurion“.
Auf einem der nächsten Ungetüme hielt ein Offizier die Hände an den
Mund, um seine Stimme zu verstärken.

„Halloah -- was für ein Schiff, Gratwick?“

„Audacious!“

Seiner britischen Majestät Dreadnought „Audacious“! Man musterte ihn
sachverständig. Und was meldete der Gentleman drüben? Er wiederholte
es. Ein Sturm der Entrüstung. ~Oh -- poor old Lord Brassey!~

„Was ist denn geschehen?“ frug Hannah Higgins trocken.

Oh -- es war schimpflich! Die Deutschen hatten den Earl verhaften
wollen, weil er in einem kleinen Nachen allein zur Dämmerzeit in den
verbotensten Gewässern der Kaiserlichen Werft herumruderte.

„Na -- da hat er eben umsonst zu spionieren versucht!“

Stummes Entsetzen rings um Mrs. Higgins. Strafende Blicke, auch von
ihrem Mann. Es war peinlich, derlei zu hören! Seine Herrlichkeit und
spionieren! Ein Mann, der auf seiner Yacht ‚Sunbeam‘ der Auszeichnung
eines Besuches des Kaisers gewürdigt wurde! Und außerdem -- man hatte
doch genug andere Augen mit nach Kiel gebracht. Der kleine Hobson
verriet es:

„Auf jedem Schiff sind ein paar mehr, als wir zeigen! Damit sie
ungestört spazieren gehen können -- verstehen Sie? Es ist eine
liebliche Gegend! Was, Mr. Turner?“

Der blonde Reverend, den sie mit an Bord hatten, starrte, ohne zu
antworten oder sich zu rühren, nach dem Ufer. Seit der Vorbeifahrt
an Friedrichsort verschlang er stumm mit den Augen die Küste und
holte sich mit dem Fernrohr jeden Hügel und jede Erdwölbung heran,
um sie auf etwaige Panzerkuppelungen zu untersuchen. Im Vereinigten
Königreich drüben konnte man den athletischen Gottesmann täglich in
der Informations-Abteilung des Marinekriegsstabs als Hilfsarbeiter
sehen. Man setzte dort in Whitehall große Hoffnungen auf den jungen
Seeoffizier.

Vor der Seebadeanstalt und dem Kaiserlichen Yachtklub wiegten sich die
Yachten der internationalen Sonderklasse auf den Wellen. Alle Segler
der Meere trafen sich hier, dänische Lehensgrafen und französische
Schokoladenfabrikanten, englische Admirale a. D. und die Dollarjäger
New-Yorks. Weiterhin ankerte der Spielbankfürst von Monte-Carlo.
Deutschland sah wieder einmal die ganze Welt zu Gast, arglos und mit
herzlichem Handschlag, so wie da unten Jan Maat von der Waterkant und
die Sailors von Portsmouth und Sheerneß sich begrüßten. Hannah Higgins
blickte vom Fenster des Logierzimmers auf den Strandweg hinab. Ihr
Schwager hatte schon Tags zuvor, nach der Ankunft in Kiel, seine Gäste
an Land untergebracht. Sie dachte sich wieder: Ewiger Feiertag! Dann
schrak sie zusammen. Im Gewühl oben surrten Propeller. Ein Zeppelin
überflog in majestätischer Runde den Hafen, die Menschen, die Schiffe.
Und Hannah Higgins fröstelte in ihrer Stimmung beim Anblick des
grauen Riesen, der wie ein Verhängnis von oben über Fahnenpracht und
Festesfreude schwebte, als wollte er die stummen, langen Stahlschlangen
da unten grüßen, die paarweise über die blumengeschmückten, zum
Ballsaal gewandelten Verdecke aus den Panzertürmen herausstarrten.

„Herrgott: Inge!“

Ingeborg Tillesen war in Reisemantel und Strohhut hereingekommen. Sie
sah blaß aus. Aber sie hatte sich in der Gewalt und fiel lachend, mit
ausgebreiteten Armen, der Schwester um den Hals.

„Man muß sich förmlich bücken, wenn man Dich lieb haben will, Du
kleiner Pussel!“ sagte sie, sich nach den Begrüßungsküssen in ihrem
hohen Wuchs wieder aufrichtend. „Wie geht’s Dir denn? Und Deinem Mann
und Deinen greulichen Rangen?... Ich bin nur auf einen Sprung von
Lübeck herüber. Der Vater doktert dort herum. Na -- was macht Ihr denn
hier?“

„Du siehst es ja: Wir verbrüdern uns wieder ’mal! Die deutsch-englische
Freundschaft wird jeden Tag neu geleimt!“

„Wenn wir nur nicht dabei die Geleimten sind...“

„Wem sagst Du das? Aber Ihr wollt ja hier von nichts hören!“

„Was ist denn da unten für eine Musik?“

„Die Düppelkämpfer von 64! Sie haben eine Paradeaufstellung vor dem
Kaiser!“

„...Und die himmelblauen Bayern!“

„Regimentsabordnungen! Die waren auch bei Düppel.“

„Gott, die Massen englische Matrosen...“

„Es war, glaub’ ich, ein großes Sportfest zwischen ihnen und den
Deutschen!“

„Und Studenten in vollem Wichs!...“

„... die bringen abends den Veteranen einen Fackelzug! Es steht Alles
hier im Blättchen.“

Von ferne klang der Düppeler Sturmmarsch. Inge setzte sich.

„Störe ich Dich, Hannah? Du hast sicher für heute noch was vor?“

„Großer Ball in der Admiralität. Aber die ist ganz nahebei. Vorläufig
flirtet meine Jungfer noch irgendwo in der Stadt herum!“

„Mit unseren Matrosen?“

„Da kennst Du eine freie Britin schlecht. Die sieht keinen Deutschen
an! Die hält sich nur an ihre Landsleute.“

„Weißt Du: eigentlich sind wir Deutsche doch zu geduldig! Es ist
merkwürdig!“

„Es ist Vieles merkwürdig!“ sagte die kleine blonde Mrs. Higgins.
„...Ich greife mir immer an den Kopf ... ich weiß nicht: bin ich allein
so dumm oder kommt es, weil ich mit einem Bein in jedem Land stehe --
da in Deutschland und da in England... Aber sag’ selbst: Zur großen
Verbrüderung kommen die Einen auf Mordmaschinen angeschwommen, und die
Anderen stellen ihre Schlachtenveteranen am Ufer auf... Zwischen den
Kanonen wird auf dem Wasser getanzt, zu Land sitzen sie bei Tisch mit
dem Säbel an der Seite. Und wenn sie sich beim Einlaufen freundlich mit
Breitseiten einen gesegneten guten Morgen wünschen, dann zittert das
ganze Ufer. Das ist doch Krieg im Frieden oder Frieden im Krieg. Aber:
eines von Beiden kann doch nur richtig sein!“

„Sonderbar...“

„Wie ich jetzt in dem Jubel und Trubel hier hereingekommen bin, hab’
ich mich wieder gefragt: haben wir denn ein Recht, ewig Feste zu
feiern? Wo um uns Alles voll Gefahren ist? Siehst Du ... da drüben
improvisieren sie ein Tänzchen auf dem Verdeck... Nein ... links vom
‚Ajax‘! Da -- ja! Aber wir waren gestern an Bord von so einem Kasten.
Unten ist alles voll von Munition und die Torpedos liegen im Kühlen.
Ein Funken und... Und oben tanzen sie eben! Aber wielange noch?“

„Hannah! So hab’ ich Dich noch nie gesehen!“

„Also hör’ mal!“ Die kleine Frau rückte näher an die Schwester heran
und barg sich an ihrer Schulter. „Ich war seekrank auf der Überfahrt!“

„Das wirst Du ja immer!“

„Ich hab nicht die Pferdenerven, wie das People. Gut also, ich lag da
und konnte nicht schlafen. Und oben, an Deck, grade über mir, sprachen
noch ein paar Herren... Es war tote See, weißt Du. Da klatscht es nur
alle Minute einmal. Aber sonst ist’s still!“

„Na und --?“

„Und ich erkannte die Stimme meines Schwagers, des großen Higgins. Er
nölt doch so. Genau wie ’ne verrostete Türangel. Der Andere -- Du, wir
haben einen ganz gefährlichen Kunden mitgebracht. Du denkst natürlich,
er wäre Reverend, aber -- Ja so -- das darf ich ja auch wieder nicht
sagen... Also die Beiden saßen oben. Und mein Schwager William sagte:
Nein, Captain! Die russische Probe-Mobilmachung diesen Herbst ist nicht
weise! 1916 ist ein gutes Jahr zum Krieg!“

„Das hast Du gehört?“

„Dann sagte der Cap... Ich wollte sagen der Reverend -- etwas, was ich
nicht verstand... Und wieder Higgins: Der Verrat Italiens -- schön!
Aber der Verrat Italiens geht seit zehn Jahren!“

„Was erzählst Du da?“

„Dann sprachen sie was vom Balkan und von Japan und lachten.... Da kam
gerade eine Welle ... und dann sagte mein Schwager: Ich glaube nicht,
daß wir vor 1916 den Krieg gegen Deutschland eröffnen können!“

„Um Gotteswillen!“

„Dann standen sie auf und gingen schlafen. Ich werd’ die Geschichte
nicht los ... es ist mir seitdem immer, als hinge eine dunkle Wolke über
allem...“

Durch das Fenster wehte eine laue Abendbrise. Sie brachte die
Menschenstimmen von unten mit sich. Lachen und Schwatzen in drei, vier
Sprachen auf der Strandpromenade. Ferne Musik. Wieder ein Windhauch von
der See. Es war wie friedliche Atemzüge der ganzen großen Menschheit
auf Erden. Völkerverbrüderung. Das goldene Zeitalter im bunten
Festgewand. Silberne Lichter über Meer und Land. Der Tag schwand. Ein
wohliges Dämmern breitete sich über den Fahnenprunk der Stadt.

„Ach, Inge, mir ist das Herz schwer!“ sagte Hannah Higgins. „Es ist
alles so unheimlich um Einen her. Ich bin froh, daß Du gekommen bist ...
vielleicht bringst Du mir ein bischen Ruhe...“

„Die wollte ich mir grade bei Dir holen!“

„Was ist denn mit Dir geschehen?...“

„Ach ... es ist ein Mensch in mein Leben getreten... Höchst ungerufen
und unerbeten... Unheimlich!... Er ist mir gräßlich... Aber, wenn ich
denke, ich bin ihn los, dann meldet er sich wieder! Sag’: Du hast doch
durch Deinen Schwager Einblick in Vieles! Hast Du einmal zufällig Etwas
von einem Herrn von Schjelting gehört?“

„Nicolai Schjelting?“

„Ja.“

„Aus Petersburg?“

„Ja. Um Himmelswillen, Hannah, ist der Mensch denn so bekannt?“

„Wie ein bunter Hund!“

„Auch bei Euch drüben?“

„Überall, wo gegen Deutschland gehetzt wird. Mein großer Schwager liebt
ihn zärtlich. Dieser Schjelting hat mich ja gerade bei Higgins neulich
Abends aufdringlich nach Dir gefragt.“

„Das glaub’ ich...“

„... und wo Du jetzt wärst?“

„Um mich auch noch brieflich zu verfolgen... Da! Das kriegt’ ich
vorgestern von ihm!“

„Zeig’ her!“

„Lies gleich da, von dem Absatz an...“

„Ich sagte es Ihnen früher schon, Fräulein Tillesen: es wird bald
die Zeit kommen, wo man Freunde braucht. Ich gebe Ihnen anbei meine
Adresse: St. Petersburg, Bolwar Italianskja, Haus Schjelting. Oder
~Bruxelles, Boulevard du Régent 417, chez Mr. Lambert~, oder
Gutsverwaltung Kulinowo über Kortschewa, Gouvernement Twer, Russie.
Doch auf meinen Gütern bin ich fast nie. Schreiben Sie die Adresse mit
lateinischen Buchstaben. Sollten besondere Ereignisse den Verkehr mit
diesen Ländern unmöglich machen, so bleibt immer noch die Schweiz. Ein
Telegramm nach Bern, ~Chancellerie de l’Ambassade de Russie~,
erreicht mich immer, wenn auch auf Umwegen. Die Schweiz ist überhaupt
am sichersten. Dort kann ich stets zur Verfügung stehen, was auch
kommt! Bitte rechnen Sie auf mich und erinnern Sie sich zur gegebenen
Zeit daran, daß Niemand auf Erden besorgter als ich um Ihr Schicksal
sein kann...“

„Gieb her!“ sagte Inge und zerriß in einer jähen Aufwallung den Brief.
„Ich kann nichts dafür, daß der Mensch so ist, Hannah. Ich hab’ ihm
weiß Gott keinen Anlaß gegeben! Ich war wie vom Donner gerührt, wie
ich merkte, daß er... Gott, ’s ist ja an sich egal!... Aber es ist
dasselbe, was Du eben erzählst. Es ist wie ein Vorzeichen, als läge
Etwas in der Luft... Irgend etwas Furchtbares...“

„Weißt Du, was ganz sonderbar ist? Auch wie eine Warnung? Der letzte
Mensch, den ich jetzt bei der Abreise von London gesehen und gesprochen
hab’, das war wieder Herr von Schjelting! Er stand in aller Gottesfrühe
vor Victoriastation und erkundigte sich nach Dir...“

„Er soll mich in Ruhe lassen!“ sprach Inge Tillesen erbittert. Ihr
Schwager trat ein. Hinter ihm schlüpfte die Jungfer ins Zimmer. Es war
Zeit für Mrs. Higgins, Toilette zu machen. Inzwischen saßen ihr Mann
und ihre Schwester nebenan beisammen. Der Oxforder Professor war in
bester Laune. Sein schwammiges, bebrilltes Chinesengesicht strahlte.
Nicht nur, weil er dem Herzog von Huntingdon begegnet war und Seine
Gnaden, ein alter Undergraduate von Christ Church, ihn erkannt und
angesprochen hatte -- oh ja -- auch das tat einem Britenherzen wohl. Er
zerkaute das ‚His Grace‘ wohlgefällig zwischen den bartlosen Lippen.
Aber dann war er in dem Universitätsgebäude gewesen, hatte wieder
die Vorlesungszettel am Schwarzen Brett gesehen, die Studenten, die
Hörsäle, war in winkeligen niederdeutschen Gäßchen des alten Kiel
umhergewandert, hatte an seine Jugend und an seine Studentenzeit in
Deutschland, an Heidelberg und Göttingen, gedacht.

Das war das Deutschland, an dem Professor Jerôme K. Higgins in
seiner Weise hing. Ein Gegensatz zu Englands Nebel, Nüchternheit,
Geschäftssinn, Weltherrschaft. Der Zwerg Perkeo und das Große Faß, der
Rodensteiner und Auerbachs Keller, die Wartburg und die Rittersitze am
Rhein, das Goethehaus in Weimar und das Münchner Hofbräu, Posthornklang
und Mondenstrahl über verschlafenen Landstädtchen -- so sah er
Deutschland und wollte es nicht anders sehen, und wurde dabei förmlich
warm. Plötzlich hob Inge Tillesen den Kopf.

„Ach was, der Römer in Frankfurt! Bist Du auch einmal in Höchst draußen
gewesen, in unseren Fabriken?“

„Wie?“

„Warst Du mal bei uns auf einem Exerzierplatz?“

„Gottseidank, nein!“

„Hast Du den Hamburger Hafen gesehen?“

Professor Higgins lehnte ab. Er kannte den Hamburger Hafen nicht und
wünschte ihn auch nicht kennen zu lernen. Wenn er Häfen betreten
wollte, gab es genug in England. Und jedenfalls größere.

„Ja, sag’ mal: was kennst Du denn dann eigentlich von Deutschland?“

Der Oxforder Physiologe schaute sie verwundert durch seine
Brillengläser an.

„Oh -- das wirkliche Deutschland kenne ich, meine Liebe!“

„Das heißt, das Deutschland von dazumal. Das Deutschland vor 1870 war
Euch bequem. Also sind wir’s 1914 auch noch! Komische Leute!“

„Ich bin wahrhaft betrübt! Wenn die Tochter eines Gelehrtenhauses schon
so spricht...“

„Man muß ja so sprechen, wenn man Euch hört! Ihr reizt einen ja dazu!“

„... bisher kannte ich Dich nicht so! Nichts war früher erfreulicher,
als Deine Vorliebe für das Angelsachsentum!“

„Ach!“

„Du warst durch die schöne Schule amerikanischer Freiheit gegangen...“

„So?... Na ja...“ „Aber jetzt trägst Du ja förmlich die Pickelhaube auf
dem Kopf! Der Militarismus redet aus Dir!“

„Nein. Aber die gesunde Vernunft!“ sagte Inge schroff, trat zum
Fenster, wandte ihm den Rücken und blieb stumm. Jerôme K. Higgins
saß unbehaglich da. Seine mitleidige und gönnerhafte Vorliebe für
verträumte deutsche Winkel und verstaubte Ecken war wieder einmal
erschüttert. Immer, wenn er über den Kanal kam, fühlte er mißbilligend
die Zeichen einer neuen Zeit, ahnte sie sogar unbestimmt bei seiner
frischen, kleinen, blonden Frau, die eben fertig zum Abendfest
hereinkam. Es war in ihrer Lebhaftigkeit wie in ihrer Versunkenheit
etwas Fremdes, anders als bei ihm und selbst bei den kleinen Söhnen.
Das ‚Fatherland‘ wirkte nach. So weiches Wachs, wie er bei seiner
Heirat gedacht, war solch ein deutsches Herz doch nicht mehr.

Unter dem Laubdach der Düsterbrookerstraße rollten Autos und Wagen
vorbei, schimmerten Marineuniformen und Damenkleider, wurden nach der
Stadt zu immer mehr. Plötzlich kam ein Kraftwagen von dort zurück.
Raste um die Ecke, die Reventlou-Allee hinauf, zwei Offiziere darin.

„Die haben ’was vergessen!“ sagte Inge Tillesen, die, auf dem Weg nach
dem Bahnhof zurück, das Ehepaar zu Fuß bis zur Marinestation begleitete.

„Da brauchten sie doch nicht so furchtbar ernst auszusehen! Ich bin
ganz erschrocken!“

Schon zwei Tage vorher war ein Militärflieger tötlich verunglückt.
Hannah Higgins dachte daran. Sie wies ängstlich mit der Hand:

„Wieder ein Auto!“

Es schoß ungestüm dahin. Sein Insasse war ein hoher Beamter in
Zivilfrack und Dreispitz. Auch er hatte dies starre Gesicht.

„~Well~ -- was diese Telegraphenboys strampeln!“ meinte der
Oxforder Professor kopfschüttelnd und zeigte auf einen atemlos
vorbeiradelnden Depeschenboten.

„Da kommen ja Gäste von der Admiralität zurück!“

„Dort auch!“

„Du, Hannah: mir scheint, das Fest fällt aus!“

„Da dreht ein Leutnant um und ruft den Damen drüben was zu!“

„Hast Du’s verstanden?“

„Nein! Der Straßenbahnwagen rasselte zu sehr!“

Der Wagen fuhr vollgepackt mit fröhlichen und ahnungslosen Menschen
vorbei. Aber an der Haltestelle zehn Schritte weiter änderten sich die
Mienen. Selbst Jerôme K. Higgins vergaß seine britische Zurückhaltung.

„Ist denn ein Unglück geschehen?“

„Ist Jemand krank geworden?“

„Ach, krank! Tot!...“

„Dort ziehen sie ja schon eine Fahne auf Halbmast!“

„Dort auch!“

„Überall...“

Ein Menschengewirr um sie her.

„Sie sprechen von einer Mordtat!“

„In Serajewo! Heute Nachmittag!“

„Der Erzherzog Thronfolger und seine Gemahlin...“

„Beide!“...

„Serben waren’s!“

„Da kommen schon die ersten Extrablätter!“

„Der Mord von Serajewo!“

Serajewo... Serajewo... Wer kümmerte sich sonst viel um die
Hauptstadt Bosniens? An diesem Abend des 28. Juni 1914 klang ihr Name
vielhundertmillionenfach auf der bewohnten Erde, hallte im Telefon,
zitterte im Telegrafendraht, lief im Kabel auf dem Meeresgrund, dröhnte
im Stampfen der Druckereimaschinen, gellte mit der Lungenkraft der
Zeitungsverkäufer in allen Hauptstädten der Welt, lag auf den Lippen
der Menschheit von Lissabon bis Tokio, von Washington bis Melbourne.

Und dann die große Stille...

Hannah Higgins saß am nächsten Tag allein in ihrem Zimmer. Nun wehten
überall in Stadt und Hafen, auf Schiffen und Häusern die Flaggen und
Fahnen auf Halbstock. Was noch an Festschmuck vergangener Tage da
und dort hing, wirkte wie Hohn in dieser bleiernen, stummen Schwüle.
Vom Strandweg her hörte sie die halblauten Mitteilungen der sich
Begegnenden.

„Seine Majestät reist eben ab. Nach Potsdam.“

„Das englische Geschwader fährt morgen nach Hause.“

Hannah Higgins sah hinüber nach der Rhede. Da lagen noch die britischen
Kolosse. Aber sie hatten nicht mehr über die Toppen geflaggt. Kein
Gewimmel von Gästen belebte sie mehr. Kein fröhlicher Empfang mehr am
Fallreep, kein Flirten unter den lang starrenden Geschützrohren, kein
Tänzchen auf dem Deck. Diese Verdecke wurden jetzt von Hunderten von
barfüßigen Matrosen gesäubert, Alles zur Abfahrt gerichtet. „Georg V.“
und die Seinen waren aus schwimmenden Festsälen wieder zu schwimmenden
Festungen geworden.

Zwei deutsche Marineoffiziere gingen unten vorbei. Der Eine sagte zum
Andern:

„Seit gestern sind die Engländer wie ausgewechselt! Die reinen
steinernen Gäste!“

„Die Kälte ist schon beinahe feindselig.“

Professor Higgins trat herein. Er hatte von seinem Bruder Abschied
genommen. Sir William ließ seine Yachtgäste im Stich und fuhr mit dem
nächsten Schnellzug nach London zurück.

„Ach Jerôme!“ sagte seine Frau auf Englisch. „Welch ein schimpfliches,
schmähliches Verbrechen!“

Zu ihrem Befremden antwortete der Professor nicht. Sie frug sich: Um
Gotteswillen, hat ihm am Ende sein großer Bruder gesagt, es sei in
diesem Falle weise für einen Engländer, beide Augen zuzumachen?

„Findest Du denn als Brite kein Wort gegen diese elenden Mörder,
Jerôme?“

„Die gerechte Strafe wird sie ereilen!“ sprach Jerôme K. Higgins
salbungsvoll. „Uns geht diese Tat nichts an. Wir haben nur die Folgen
ins Auge zu fassen!“

„Was für Folgen?“

„Nichts wäre verfrühter, als darüber jetzt schon zu reden!“

Ein dumpfer Donnerschlag vom Wasser her -- ein zweiter -- ein dritter
-- nun ein einziges betäubendes Krachen und Rollen. Die Scheiben
klirrten. Die Wände schienen zu zittern. Hannah Higgins fuhr mit einem
unterdrückten Angstlaut empor. Ihr Mann nahm ihr die Hand vom Ohr und
schrie hinein:

„Warum erschrickst Du denn so?“

„Sie schießen ja da draußen! Alle Schiffe!“

„Nun ja! Der Trauersalut für den Erzherzog Thronfolger!“

Grauer Pulverdampf umqualmte außen auf der Föhrde die langen Reihen
der verankerten Schlachtkolosse bis zu den Mastspitzen. In ihm zuckten
die kurzen Feuerstrahlen, füllten Luft, Erde und Meer mit ihrem
schmetternden Widerhall. Nahe dabei lagen die deutschen Kriegsschiffe.
Es war, als kämpften die beiden Geschwader miteinander auf Tod und
Leben, beinahe unsichtbar in dem donnernden Dampf, der sie umwob.
Nur den „Audacious“ vorn erkannte man deutlich, wie er aus seinen
Feuerschlünden Blitze schnob und sie unschädlich, wütend in geballten
Rauchwirbeln gegen die Ufer Deutschlands schleuderte.

„Wie lange feuern sie denn noch?“

„Einundzwanzig Schuß. Solange weht auf jedem Schiff die österreichische
Kriegsflagge halbstock!“

Es schien Hannah Higgins das Bild einer Seeschlacht. Sie sah
schweigend, mit bangen Augen, daraufhin. Endlich, nach einer langen,
bangen Stunde verhallte das Gebrüll. Der Rauch lichtete sich. Aber noch
war ihr, als bebte der Boden unter den Füßen und als liefe ein dumpfes
Grollen über die ganze Erde.



VIII.


Die Jahre hatten die Schultern König Nicolaus I. von Montenegro
gebeugt. Wie er an einem dieser ersten glühenden Julitage 1914 in
seiner getreuen, im tiefsten Innern der Schwarzen Berge weltverlorenen
Stadt Niksitsch dem abseits und höher gelegenen Palais zuschritt,
überragte ihn sein riesenhaftes Gefolge von Woiwoden, Ministern,
Brigadiers und Staatsräten, trotz seiner stattlichen Gestalt, um
Haupteslänge. Sein Gesicht mit den Hängebacken und den schlauen Augen
zeigte nur andeutungsweise die kriegerischen, hochmütigen Züge dieser
bunten Kolosse. Viel mehr glich es einem sehr geschäftstüchtigen
und in allen Geldfragen erfahrenen Börsenmakler irgendwo in Europa,
obwohl er, wie die Großen seines Zaunkönigreichs, die phantastische,
papageienhafte goldgestickte Nationaltracht und ein Waffenarsenal im
Gürtel trug.

Hier in Niksitsch, wo man unter sich war, wo fast niemals ein Europäer
hinkam, wo in der Ferne der riesenhafte Dormitor die dritte und letzte
der sich überstufenden Kornebenen im Herzen Montenegros überragte,
hier besaß der Fürst aus dem Stamm Njegus ebenso wie in dem noch
näher an Albanien gelegenen Podgoritza ein prunkendes Heim neben
der Goldkuppel der orthodoxen Kathedrale, anders als jener berühmte
Konak in dem fernen Cettinje, dessen rührende Schlichtheit alle
Touristen bestaunten. Vor dem Portal des an ein Luxushotel erinnernden
Baues klappten der König und seine Helden ihre mächtigen schwarzen
Sonnenschirme zu. Irgend ein Martinowitsch oder Wukotitsch aus dem
Hofstaat frug den Offizier der Perjankenwache:

„Ist der Russe schon da?“

Ja: Gospodin Schjelting aus Petersburg wartete bereits. Ihm war die
Einladung zur Hoftafel zu Teil geworden. Ein paar Minuten später
verbeugte er sich vor dem Duodezkönig mit der Ehrerbietung des Fremden
von Distinktion und zugleich mit dem Lächeln des Vertrauten. Er
kannte die montenegrinischen Großfürstinnen am Zarenhof an der Newa,
er kannte die faulenzenden Woiwoden von Cettinje, er kannte diese
ganze bettelarme, bettelstolze Steinwüste, die man das Königreich der
Schwarzen Berge nannte. Er hatte in einem leichten Gebirgsautomobil den
Weg hierher gefunden. Aber er wußte: am schnellsten und besten ritt man
auf dem goldbeladenen Esel über den Balkan.

„Was werden sie nun tun?“

„Wo, Gospodin?“

„Nun, in Wien!“

Ein Schweigen. Der Erzherzog Thronfolger und seine Gemahlin schliefen
nun schon in der Gruft zu Artstetten den ewigen Schlaf. Die Welt
ging ruhig ihren Gang weiter. Standrecht in Serajewo. Bürgerkrieg in
Albanien. Derlei war hier das tägliche Brot. Aber sonst...

„Prenk Bibdoda steht mit tausend Mann in Durazzo!“

„~Ah -- ces bêtes-là!~“ sagte Nicolai von Schjelting mit einer
wegwerfenden Handbewegung. Er sprach mit dem Fürsten französisch. Er
wußte: Man haßte hier die Mirditen, weil sie katholisch waren, noch
mehr, als die muselmanischen Albanier.

„Die Epiroten marschieren auf Valona!“

„Und Essad?“

Man wußte nichts Neues von dem Condottiere und dem Mbret. Aber dessen
Ministerpräsident, Turkhan Pascha war in Wien...

Den bewaffneten Helden am Tisch schien dies wichtig. Nicolai Schjelting
zog hochmütig die Brauen über den kühlen grauen Augen empor. Sein
längliches, nervös bewegliches Gesicht verhehlte kaum den Petersburger
Dünkel gegenüber diesem Frosch-Mäuse-Krieg von Blutrache und
Hammeldiebstahl. Jetzt galt es größere Dinge. Er griff wieder das Wort
Wien auf.

„Kaiser Franz Josef ist nach Ischl zurück, Sir!“

Ein nachdenkliches Kopfschütteln.

„Und Kaiser Wilhelm trat ruhig seine Nordlandreise an!“

Sollte der Frieden erhalten bleiben? Sorgenvolle Gesichter. Einer der
bewaffneten Staatsräte meinte:

„Vielleicht will Gott, daß wir noch Zeit gewinnen. Wir sind noch
erschöpft vom letzten Krieg!“

Nicolai Schjelting lächelte verbindlich. Er kam sich wieder einmal vor,
wie der Tierbändiger im Käfig. Er benutzte die Frage, wohin er von hier
ginge?

„Zunächst nach Skutari!“ sagte er harmlos.

In den Augen der orthodoxen Woiwoden glomm es wild auf. Da unten,
in der Weite, jenseits der grünen Wellen, lag Skutari -- das reiche
Skutari, das Ziel der Sehnsucht und Habsucht. Man hatte Monde lang
davor gelegen und gestürmt. Der König hatte jeden Verwundeten umarmt
und geküßt. Umsonst. Mohammeds Streiter hatten das Feld behauptet.
Von den Moscheen sangen die Muezzin. Nicolai Schjelting sah, daß der
krieghetzende Stoß saß. Er lächelte.

„Oder -- um ernsthaft zu reden -- möchte ich morgen mit Euer Majestät
Erlaubnis und Geleit auf dem kürzesten Weg über Novibazar und Staratz
nach Belgrad!“

„Eine beschwerliche Fahrt! Oder gar Ritt!“

„~Enfin, c’est le métier!~ Es lohnt die Mühe. Noch vor dem Fest
des Heiligen Alexander Newski werden wir große Dinge sehen!“

„Und schon morgen wollen Sie reisen?“

Nicolai Schjelting beugte sich zu dem sieben Fuß langen,
regenbogenfarbenen Minister ihm gegenüber vor.

„Wie denn, Exzellenz? Habe ich Zeit? Die Zeit drängt! Ich muß den
Balkan durchfliegen! Ich eile von Belgrad nach Konstantinopel! Wo etwa
noch zögernde Intelligenzen sind, müssen wir sie in letzter Stunde mit
den Richtlinien der russischen Politik vertraut machen!“

Er dachte sich dabei: So viel Rubel wie diesmal reisten noch nie mit
mir! „Wir müssen mit allen Hilfskräften des slawischen Genius die klare
Analyse des Balkanproblems verbreiten!“ Und er dachte sich wieder:
Schlimmsten Falls schicke ich ein paar von den Zähesten nach Rom, damit
sie sich von dem faulen Westen bestechen lassen. In der französischen
Botschaft giebt’s Geld wie Heu! „Ich werde Serbien von dem verwandten
Brudervolk grüßen! Es braucht jetzt den Heldenmut der Cernagora!“

„Belgrad ist jetzt der Sturmbock der slawischen Welt!“

„Serbien ist nicht groß!“ murmelte wieder der Staatsrat mit den
glühenden Augen und der furchtbaren Narbe eines Türkensäbels von der
Schläfe bis zum Hals. Nicolai Schjelting hob feierlich die Hand.

„Hinter Serbien steht ein Größerer... Dessen Namen zu nennen mir die
Ehrfurcht verbietet. Er wird Serbien nicht verlassen. ~Je vous le
jure!~“

Zu seiner hageren und lässigen Gestalt paßte nichts besser als der
mit allen Künsten eines Pariser Clubschneiders sitzende Frack, ohne
den der König von Montenegro keinen Gast empfing. Das Schwarz sah
seltsam aus in der grellen Sonnenwüste, während Schjelting langsam,
den schwarzen Zylinder auf dem Haupt, zu Fuß die paar Hundert Schritte
zu dem Städtchen zurückging. Die schönen Montenegriner Mädchen an
den Cisternen schauten ihm neugierig nach, die heimkehrenden Ziegen-
und Schafherden überpuderten ihn mit Staub, die Leutnants der
montenegrinischen Lehrbatterie, die ihm, die ganze Brust voll Orden,
begegneten, musterten ihn finster, weil sie ihn für einen Österreicher
hielten.

„~Attendez, mes amis!~ Man wird Euch schon gegen Österreich
führen!“ Nicolai Schjelting lächelte brutal und befriedigt vor sich
hin, während er die Treppen seiner Herberge emporstieg. Diesen
Balkanslawen gegenüber fühlte er sich als Träger des großen heiligen
Rußland. Er war hier nicht mehr der Petersburger Europäer, sondern
der Moskowiter. Er zündete sich eine Papyros an, ging unruhig auf und
nieder, blähte die Nasenflügel, als atmete er ferne Gewitterluft. Vor
zwei Tagen, unten in Podgoritza hatte es die ganze Nacht hindurch von
der nahen albanischen Grenze her geschossen. Räuberei oder Blutrache...
Grenzgeplänkel ... aber immerhin Schüsse, wie die ersten Regentropfen
vor dem Wolkenbruch. ~Ah -- c’est ma guerre!~ Dann frug er sich:
Warum denke ich als Russe immer auf Französisch? Vielleicht wegen
meiner Frau, dieser Halbpariserin?

Pah -- Ghislaine... Er warf die glimmende Zigarette in die Ecke und sie
im Geiste mit. Mag sie tun, was sie will. Mag sie sich von mir scheiden
lassen -- das Schiff in dem Augenblick verlassen, nicht, wo es sinkt,
sondern der Sturm seine Segel schwellt! Sie hat ihre Schuldigkeit
getan. Wenn sie nicht will, ich brauche sie nicht mehr... Mit Gott!...
Leb’ wohl!... An meine zweite Frau verkaufe ich mich nicht. Die hole
ich mir, mit dem Recht des Stärkeren, mitten aus dem Feind, mitten aus
Deutschland, aus Wiesbaden heraus. Sie wird nicht lang gefragt! Es tut
auch nicht not. Sie wird sich in ihrer Angst an mich klammern, wird
mir danken, daß ich sie aus dem Weltuntergang an den Ufern des Rheins
rette...

In diesem Höhenrausch der Zukunft verschwamm ihm Inge Tillesen und
ganz Deutschland in Einem. Er lachte in dem Blutgeruch der Schwarzen
Berge um ihn her wild auf: Man wird Euch Beide besiegen, Dich und Deine
Heimat! Bald läutet Iwan Weliki auf dem Kreml Sturm...

„~Eccellenza!... Eccellenza!~“

Unten stand der Cavaliere di San Vittorio, der verdächtige
schwarzbärtige und olivengelbe Balkanagent, von dem man nie wußte,
ob er Österreich an Rußland oder umgekehrt, oder -- was das
Wahrscheinlichste war -- Beide an Italien verriet, und schwenkte den
Panama.

„~Eccellenza!~ Kanonendonner in Südalbanien! Die Epiroten
marschieren auf Argyrocastro!“

„Freiwillige?“

„~S’intende, signore!~“

Der Welsche lachte. Natürlich staken unter dem Czako mit dem Totenkreuz
und in dem kurzen weißen Ballettröckchen richtige griechische Soldaten.
Das wußte jedes Kind. Nicolai Schjelting nickte. Gut so! Zuckt nur, Ihr
Flämmchen. Da und dort. Ihr seid noch klein. Aber wir wollen Euch schon
anblasen. Besser als vor zwei Jahren. Er ging wieder vor die Gostinitza
hinunter. Dort, auf der Straße, stand jetzt ein neuangekommener
Montenegriner, groß und schlank wie Alle, aber in europäischer Tracht.
Er trug nur das Cerevis mit dem eingestickten Namenszug des Königs auf
dem Kopf und griff in kaltem Stolz daran, während er sich Schjelting
näherte.

„Sie entsinnen sich meiner, Gospodin Schjelting?“

„Wie denn nicht?“ sagte Nicolai Schjelting ebenso hochfahrend höflich.
Er hatte keine Ahnung.

„Dr. Woinowitsch! Wir trafen uns schon vor sechs Wochen auf dem
Wiesbadener Internationalen Kongreß im Hause des Geheimrats Tillesen!“

Sofort fiel bei der plötzlichen Erwähnung Europas von Nicolai
Schjelting die asiatische Tünche. Er war wieder der Petersburger
Weltmann des Westens. Er sagte lebhaft: „Nun -- in der Tat ... ich
vergaß ... ich war nicht Kongressist!“

„Ich auch nicht! Ich machte vier Jahre unter Tillesen Studien in der
Serumtherapie!“

„Das wird Ihnen aber hier wenig helfen!“

„Ich kann auch Verwundete verbinden!“ sagte der junge Arzt. „Ich hab’
es in Deutschland gelernt.“

Die beiden Männer lächelten. Sie verstanden sich.

„Sie hielten es für besser, heimzureisen, Dr. Woinowitsch?“

„Ich melde mich morgen hier als zurückgekehrt bei Seiner Majestät. Ich
bin mit ihm verwandt!“

Der Alte mag wieder schön an der Wiener Börse spekulieren, dachte sich
Nicolai Schjelting, und dann weiter, ganz unvermittelt: Wie ist die
Welt doch klein. Dieser Mensch da kennt Inge Tillesen seit Jahren. Weiß
jedenfalls viel von ihr. Er konnte sich nicht enthalten. Er frug im
Laufe des Gesprächs:

„Verkehrten Sie auch im Hause des Geheimrats?“

„Wenig.“

„Er ist Witwer, nicht wahr?“

„Ja. Eine Tochter führt ihm den Haushalt!“

„Ich entsinne mich ihrer flüchtig. Wird sie denn nicht auch einmal
heiraten?“

„Ich glaube, sie ist verlobt. Schon lange. Mit einem preußischen
Hauptmann!“

Der Montenegriner sagte es gleichgiltig. Er hatte andere Dinge in
seinem kriegerisch wilden Gelehrtenkopf. Nicolai Schjelting frug nicht
weiter. Sein Herz klopfte. Schlug wieder stürmisch im vollsten Dünkel
des Herren des halben asiatischen und europäischen Erdteils, während
er am nächsten Morgen im offenen Wägelchen dem einstigen Sandschak
Novibazar zufuhr. Dieser Isebrink... Ein Offizierchen!... Pah!...
Nicht einmal in der Garde!... Nicht einmal ein Edelmann! Was galt in
Rußland ein bürgerlicher Hauptmann von der Linieninfanterie? Er gehörte
halb zum Volk! Nicolai Schjelting lächelte hochfahrend unter seinem
Sonnenschirm. Er sagte sich: Mit Dir wird man noch fertig werden, mein
Brüderchen, mit Euch Deutschen Allen!

Überall in der grauen, glühenden Felseneinsamkeit schwangen längs des
Saumpfades die Männer die Spitzhacke, klopften Frauen und Mädchen
Steine, schleppten Kinder in Körben Schotter herbei. Die freien
Cernagoren bauten neue Militärstraßen für den kommenden Krieg.
Schjelting sah es mit Wohlgefallen. Dankte sogar hier in Montenegro
auf die Grüße des Volks: Arbeitet nur für Moskau, die große Mutter,
die Euch von dem apokalyptischen Tier erlösen wird! Schanzt nur
fleißig gegen den Antichrist! Ihr kostet uns Geld genug, Ihr Flöhe der
Schwarzen Berge.

Ihr Serben auch! Er liebte die Serben, aber er herrschte sie an wie
seine eigenen Bedienten, während er, der große Herr aus Petersburg,
auf der Bahn nach Belgrad fuhr. Da ragte schon draußen im grünen
Bergwald das kleine steinerne Kreuz: die Stelle, wo Fürst Milosch von
seinen Untertanen ermordet worden war. Man näherte sich der serbischen
Hauptstadt, dem Hexenkessel Europas, auf langgestrecktem, schmalen
Höhenrücken, äußerlich einer unkultivierten Mittelstadt mit steinernen
Gassen und modernen Regierungsgebäuden ähnlich. Auf dem Bahnhof
wartete Professor Korsakoff, der Panslawist. Der schmächtige Mann
mit den fanatischen Blauaugen über den vorspringenden mongolischen
Backenknochen, den breiten Nüstern, dem schütteren blonden Vollbart,
stand da wie ein russisches Urbild inmitten der Serben. Er und
Schjelting umarmten sich und küßten sich dreimal auf die Wangen. Hier
war man ja unter sich. Schon auf slawischer Erde. Der faule Westen
hörte hinter der Save auf.

Von der Gesandtschaft war niemand da. Das wunderte Schjelting.

„Nun -- und Sie sind so gedrückt, Wladimir Timoféitsch? Was ist
geschehen?“

„Erbarmen Sie sich -- Sie wissen noch nicht, daß Hartwig tot ist?“

„Unser Gesandter?“

„Am Herzschlag gestorben! Und wo?: In der Studinitza!“

„Bei dem österreichischen Gesandten?“

„So ist es! Im Gespräch mit ihm!“

„Was haben sie sich erzählt?“

„Niemand weiß es!“

Ungarisch war eine der wenigen Sprachen, die Nicolai Schjelting
nicht beherrschte. So verstand er es nicht, daß neben ihm am Ausgang
ein reisender Magyare zu seinem Landsmann sagte: „In Kragujewatz im
Staatsarsenal haben sie die Bombe für Serajewo gefüllt. Sie wußten Alle
darum, die Schufte!“ Professor Korsakoff fuhr fort:

„Die Erbitterung gegen Österreich ist groß. Ein Teil der Schwaben
verbringt die Nächte schon in der Gesandtschaft!“

„Gut so! Zeigt ihnen die breite slawische Brust!“

„Und eine bessere Nachricht. Soeben aus Petersburg. Rasputin ist durch
Dolchstiche auf den Tod verwundet.“

„Ah -- Pascholl! Dieser Muschik hat uns lange genug geärgert!“

Rasputin, der in ganz Rußland bekannte Wunderpope, der Ratgeber des
Zaren, der Freund des Friedens und der Frauen. Fort mit ihm! Mit Allen!
Der Panslawist drehte sich nervös eine neue Papyros. Er hatte wieder
gelbe Fingerspitzen und schwarze Nägel. Schjelting dachte sich: Ein
Tier! Er sagte halblaut durch das Rasseln des Wagens:

„Es giebt jetzt eine Schwarze Liste von Totgeweihten in Petersburg,
Wladimir Timoféitsch! Ein Kreuz hinter jedem Namen. Man staunt, welche
Namen da stehen!“

„Ich sah die Liste!“

„Nun: Gott wird helfen!“

Korsakoff, der Panslawist, war draußen in der Neustadt bei einem
befreundeten Popen abgestiegen. Den ganzen Nachmittag gingen da die
südslawischen Agitatoren ein und aus, raschelten die Banknotenbündel
in Schjeltings Händen, erzählte Vater Dimitrij vom Kloster Ostrog
von seinen Erlebnissen in Istrien, den Kämpfen der kaisertreuen
Küstenkroaten mit den Italianissimi der Adria.

„Unser Dampfschiff war weiß gestrichen! Großer Gott -- nach dem
dritten, vierten Hafen hatte es schwarze Streifen von oben bis unten...
Sie begreifen doch! Auch auf dem Deck bekam man Tintenflecke!“...

„Wie denn Tinte?“

„Nun -- man hatte alle Tintenflaschen in den örtlichen Magazinen
gekauft und warf sie über die Köpfe der Soldaten am Landungssteg weg
auf das Schiff! Es gab Handgemenge zwischen Morlaken und Welschen...“

Nicolai Schjelting lachte.

„Bald wird die Weltgeschichte nicht mehr mit Tinte, sondern mit
Blut geschrieben werden,“ sagte er, während er mit dem Moskauer
Hochschullehrer seinem Hotel zuschritt. Dann durchfuhr ihn wieder jäh
die Erinnerung: „Entsinnen Sie sich, wann wir zuletzt zusammen waren,
Wladimir Timoféitsch?“

„Vor der Butterwoche. In Moskau.“

„In Moskau. Im Petrowski Dwor. Wir tranken auf den Kreuzzug gegen die
Deutschen!“

„Rußland wartet!“

„Hinter uns saß ein alter Deutscher!“

„So?“

„Ein alter Teufel von Arzt. Er hatte eine schöne Tochter bei sich.
Wahrhaftig: ein schönes Mädchen!“

„Ich weiß es nicht mehr!“ sagte der Slawenapostel zerstreut. Nicolai
Schjelting verstummte, ärgerlich, daß er sich wieder hatte gehen
lassen, und musterte von der Seite die Schmutzflecken auf Korsakoffs
Rock, den von den langen ungepflegten Haaren schwärzlich gefärbten
Hemdkragen. ~Quel animal -- enfin~... Er frug sich: Warum fange
ich denn schon wieder von ihr an? Vor diesem Professor, der wie ein
Holigan aussieht?... Ja, Bruder, für Dich freilich wäre eine Zigeunerin
noch gut genug! Mein Siegespreis soll edler sein! Nun -- Du hast nichts
gemerkt!

Nein. Der Professor fing, lebhaft die Hände bewegend, von den
Kutzowalachen an. Er hatte beunruhigende Meldungen über die Kämpfe
dieser rumänischen Zinzaren auf dem Pindar mit den benachbarten
Griechen. An der neuen serbischen Wardargrenze hatte es Feuergefechte
mit makedonischen Komitatschis gegeben.

„Viel Menschen tot?“

„Nein. Höchstens hundert!“

„Nun -- und wie war es in Agram?“

Der Panslawist zuckte fatalistisch die abfallenden Schultern. Nichts zu
machen. Die Zeiten waren vorbei, da man sich auf dem Jellachichplatz
an dem Vicebanus vergriff. Gott schlug die Slawenbrüder dort mit
Blindheit. Sie hingen an dem König von Ungarn, schauten, statt nach
dem Kreml, nach der Ofener Hofburg. Die Schwaben hätten sogar ihn,
Korsakoff, verhaftet, wenn er sich nicht als Mitglied der Reichsduma
ausgewiesen hätte. Die Beiden gingen die Alexanderstraße entlang. Am
Eingang zum alten Friedhof standen zwei elende, kleine Holzkreuze
frei auf dem zertretenen Rasen. Menschen und Tiere zogen achtlos an
der Stelle vorbei, wo der König und die Königin von Serbien, von
ihren Untertanen ermordet und aus dem Fenster des Konaks gestürzt,
eingescharrt worden waren. In der Terasiastraße fuhr der neue
Herrscher, Peter der Erste, nach seinem Palais. Die Wenigsten kümmerten
sich um den gekrönten Schatten oder um seinen liederlichen Sohn. Die
Herren dieses Landes waren die Offiziere. Die Säbel rasselten, die
Uniformen blinkten. Auf denen, in deren Mitte Nicolai Schjelting
des Abends saß, waren vielfach die Abzeichen von Regimentern ferner
Standorte, aus Laskowatz und Schabatz. Und doch waren diese Obersten
hier und gehörten auch nach ihrem Äußeren vielmehr unter den Belgrader
Convoi Leibgarde als unter die struppigen und ruppigen serbischen
Linienmilitärs der Provinz. Das waren die Verschwörer von einst. Man
zeigte die Königsmörder immer noch nicht gern an vorderster Stelle. Das
hätte das Feingefühl des englischen Gesandten verletzt. Aber wo sie
waren, war Serbien.

Die gepaschten Virginias qualmten über den Krügeln mit Dreher’schem
Bier. Die Zeitungsjungen schrieen die „Neue Freie Presse“ aus. Die
Erbschaft des toten Erzherzog Thronfolgers. Die blutbefleckten Soldaten
lachten sich zu. Sie wußten Bescheid -- nicht nur wie man den eigenen
Kriegsherrn beseitigt, sondern auch, wie man, jetzt eben, benachbarte
Große der Erde mit dem Revolver aus dem Wege räumt... Ihre Augen
funkelten. Ihre Gespräche waren der Krieg. Der Sieg. Sieg über die
Türken. Sieg über die Bulgaren. Sieg über ... pst ... noch nicht davon
sprechen... Ein Rausch von Blut lag über der Runde, ein Triumphgefühl
des Mords, ein Fieber: Was werden sie da drüben machen, in den k. u. k.
Landen? Und es war, als brächte der heiße Sommerwind von der Save her
als Antwort die Klänge eines langverwehten Lieds:

    „Prinz Eugen, der edle Ritter,
    Wollt’ dem Kaiser wiederum kriegen
    Stadt und Festung Belgerad!“

Ei was -- mögen die Schwaben kommen und die Ungarn dazu! Uns darf
nichts geschehen! Wir dürfen tun, was wir wollen! Hinter uns steht das
heilige Rußland. Heiße Blicke wie die gezähmter Raubtiere richteten
sich auf Nicolai Schjelting.

„Ihr Ehrenwort, Gospodin Schjelting: was wird nun?“

„Schon einmal, vor fünf Jahren, mußten wir zurück!“

„Man tritt zurück, um einen Anlauf zu gewinnen!“ sagte Schjelting in
lächelnder Ruhe.

„Aber die Tage drängen...“

„Und übermorgen begiebt sich der Präsident der französischen Republik
nach Petersburg zu Seiner Majestät, dem Zaren! Ahnt Ihr, was das heißt?“

Wieder wehte es über die Tische: Der Krieg...

„Gott schütze den Zaren!“

„Laßt uns nicht im Stich! Sonst sind wir verloren!“

Der Serbengeneral Bratschinatz sagte es. Der alte Fuchs drehte, trotz
der Hitze in einen verschlissenen grauen Feldmantel gewickelt, unruhig
den weißen Spitzbart unter dem verschlagenen Gesicht. Ein langes
Ordensband zog sich über seine Brust. Er kannte die Ungewißheit des
Kriegs wie nur je ein Landsknechthauptmann. Nicolai Schjelting, der nie
gedient hatte, musterte ihn mit einem hochfahrenden Lächeln.

„Belieben Sie sich zu entsinnen? Wie hieß zur Osmanenzeit die Stadt, in
der wir slawischen Brüder hier beisammen sitzen? Dar el Dschihad!...
Das Thor des Kriegs!“

„Es lebe der Krieg!“

„Mehr als einmal schon wurde der Krieg von hier über die Save getragen!
Bis unter die Wälle von Wien!“

„Morgen bis in den Stephansdom hinein!“

„Nach Budapest!“

„Und an die Adria!“

„Wir sind bereit!“

„Ihr seid die Bannerträger der orthodoxen Welt, Ihr serbischen Helden!
Gestattet, daß ich, der Petersburger, Euch die Schwüre unseres großen
Rußlands bringe! Diesmal stehen wir hinter Euch und weichen keinen
Zoll! Beim Wundertäter Nikolaus, bei allen Heiligen der Lawra: Im
Sommer 1914, so werden noch unsere spätesten Enkel sprechen, ward nach
Gottes Wille die slawische Idee zur Tat!“

„Hoch das Heilige Rußland!“

„Lasse Dich küssen, Bruder!“

Ein Sturm der Begeisterung hob die Runde säbelklirrend von den Sitzen.
Aus wilden Augen fieberte der Größenwahn des kleinen Barbarenstaats,
der im letzten halben Jahrzehnt zweimal schon die Menschheit bis dicht
an den Abgrund des Weltkriegs gedrängt hatte. Skuptschinamitglieder
und Journalisten am Nebentisch klatschten fanatisch Beifall. In
ihren Taschen knisterten die Tausendrubelscheine, die Schjelting am
Nachmittag wie welkes Laub verstreut hatte. Er lächelte gerührt beim
Bruderkuß der bärtigen, nach mancherlei Schnäpsen duftenden Lippen. Er
dachte sich dabei: ~Enfin... Rien à faire...!~... Nur jetzt diese
Wilden bei guter Laune erhalten!

Aber als er am nächsten Tag im Orient-Expreß weiter nach Osten fuhr,
sagte er sich: Es ist doch gut, daß es Eau de Cologne giebt, um die
Liebesbezeugungen dieser Bären abzuwaschen. Tanzt nur, Brüderchen,
tanzt! Wir an der Newa pfeifen!... der Zug war wie gewöhnlich
überfüllt. Schjelting hatte den letzten freien Platz in dem Salonwagen
gefunden. Draußen flogen die Kukuruzfelder Serbiens vorbei... Auf
freiem Feld eine Kapelle.

„Ah -- Tschela Kula!“

Der Schädelturm... Aus vielen hundert serbischen Totenköpfen von den
Türken als Siegeszeichen vor einem Jahrhundert errichtet. Nicolai
Schjelting dachte sich zerstreut: Wozu die Mühe? Der ganze Balkan
ist ein großer Schädelturm. Im Lehnsessel neben ihm ließ sich Salim
Pascha, der greise osmanische Würdenträger, von einem der Effendi
seines Gefolges die letzten Nachrichten des „Pester Lloyd“ auf türkisch
vorlesen. Schjelting kannte den gefürchteten Diplomaten der Hohen
Pforte wohl, ohne ihn zu grüßen. Der Pascha war schon sehr alt. Aber
die hellen, haselnußbraunen Augen in seinem feinen, kleinen Gesicht
blinkten noch so klug und aufmerksam wie je unter dem dunkelroten
Tarbusch des Zivil. Der schlanke, junge Effendi, der ihm vorlas, trug
zum Europäischen Anzug den Scharlach-Fez des Heeres. In sein Türkisch
fielen im Gespräch deutsche Worte: Etwas von Militärmission.. Halblaut
deutsche Namen von Offizieren... Kesselberg ... von Enkel... Boß...
Isebrink...

Nicolai Schjelting horchte auf. Isebrink... Hauptmann Isebrink... Ein
höhnischer Sonnenschein überflutete seine nervösen Züge. Siehe da!
Nicht auf Freierfüßen, sondern auf dem Weg zu den Ungläubigen! Oder
vielmehr: mit den anderen Mitgliedern der neuen Militärmission wohl
schon dort! ~Ah -- je vous félicite, mon cher!~ Nein: Ich wünsche
mir Glück! Wenn ich wieder nach Wiesbaden komme, werde ich vor einem
gewissen Haus keinem Störenfried begegnen. Der Weg ist frei...

Jäh klirrte eine Scheibe. Die Reisenden fuhren auf. Ein Durcheinander:

„Ein Steinwurf!“

„Ein Flintenschuß!“

„Sind wir noch in Serbien? Dann war es eine Kugel!“ sagte auf
Französisch Einer der Türken. „An dieser Stelle hat man schon auf dem
Hinweg auf Seine Exzellenz geschossen!“

Der Pascha verlor keinen Augenblick seine Würde. Er setzte sich jetzt
nur so, daß man von außen seinen weißen Kopf aus Tausendundeiner
Nacht mit dem Purpurfez nicht sah. Einer der Effendis bückte sich
und schaute unter die Sessel. Da lag im Dunkeln ein verdächtiges
Körbchen. Vielleicht auch eine Höllenmaschine serbischer Komitatschis.
Moise Kabyljo, der in Nisch hinzugekommene Importeur aus Saloniki,
fuhr entsetzt in die Höhe. Die weißgepuderte und schwarzbemalte,
alleinreisende Französin drängte sich an dem Spaniolen vorbei und
griff schützend nach dem Korb. ~Mon Dieu!~ Darin war ja nur Bibi,
das eingeschmuggelte Schoßhündchen. Ein Aufatmen der Heiterkeit. Ein
neuer Wortwechsel nebenan. Der hinter Pirot eingestiegene bulgarische
Hauptmann mit dem brünetten, knebelbärtigen, an Wallensteins Lager
erinnernden Wallonenkopf, weigerte sich entschieden, mit einem Serben
an einem Tisch zu sitzen. Beide, Bulgare und Serbe, hatten die Hand an
die Säbelgriffe gelegt. Der Haß von 1913 leuchtete aus ihren Zügen.
Ein bleicher und verlebter junger rumänischer Bojar machte belustigt
ganz leise: Kß... Kß ... so wie wenn man zwei große Doggen auf einander
hetzt. Aber der kleine, runde Levantiner am Nebentisch rettete die
Lage. „~Changeons, messieurs!~“ Er wechselte seinen Platz mit dem
des Serben, und der kam wieder neben den breitschulterigen blonden
deutschen Geschäftsreisenden zu sitzen.

Immer die Deutschen -- dachte sich Nicolai Schjelting. Diesmal nicht
mit Haß, sondern mit Schadenfreude. Dieser Deutsche, dieser Hauptmann
Isebrink war aus dem Weg. Wer konnte wissen, wie lange? Er sagte sich,
in Unruhe und Tatendrang: Ich sollte die Zeit in Wiesbaden nutzen! Eine
Entscheidung suchen, jetzt, wo sich Alles entscheidet...

Es dämmerte. Man zeigte sich durch das Fenster die Stelle, wo vor
Jahren der Räuberhauptmann Athanas den Orient-Expreß überfallen
hatte. Aristidos Papadaki, der nach Pera heimkehrende Fanariote und
Millionär, erwachte aus seinem Halbschlummer und winkte ab: „~Ah
bah! Monsieur Athanas s’est retiré des affaires!~“... Weiter
rollte der Orient-Expreß und trug diesen Balkan im Kleinen gleich
einem züngelnden Nattern-Nest voll Haß und Zwiespalt durch das
Dunkel. Als Nicolai Schjelting nach einer schlaflosen Nacht, in der
er mit einem verpariserten alten ägyptischen Prinzen dieselbe Koje
geteilt hatte, an das Fenster trat, war draußen schon die feierliche
Leere der türkischen Steppe. Aber da noch Etwas, hinter Hirt und
Hund und Büffeln: Ein rauchgeschwärztes, zertrümmertes Haus. Da die
menschenleeren Mauerreste eines ganzen Dorfs. Riesenkoffern gleichende
viereckige Erdhügel: Massengräber. Die Namen von Gefechtsorten
gingen von Mund zu Mund. Man fuhr über die frischen Schlachtfelder
von 1912. Die Moscheenkuppeln von Adrianopel tauchten in der Ferne
auf. Die Umrisse der Tschataldschalinien. Neue Ruinen am Bahndamm
mahnten: Das ist der Krieg! Und Nicolai Schjelting atmete am offenen
Fenster den Lokomotivqualm wie Pulverdampf ein und dachte sich in
ungeduldiger Siegestrunkenheit: Der Krieg... Mein Krieg... Nicht das
Balkan-Kinderspiel von gestern, sondern das, was morgen kommt...

Türkische Offiziere stiegen auf der letzten Station ein. Fern am
staubflimmernden Horizont erschien eine Wolken- und Märchenstadt mit
Hunderten von Kuppeln und nadelschlanken Türmen über der öden Steppe.
Nicolai Schjelting kannte Konstantinopel in- und auswendig. Mit der
Kälte eines von Nützlichkeitszwecken beherrschten Mannes sah er auf
das graue Jahrtausend der byzantinischen Stadtmauer, das ewige Blau
des Marmara-Meers, das feierliche Cypressengrün der Serailspitze. Für
ihn waren Stambul und Pera die große Arena der russischen Politik.
Alle die „Väter der Lüge“, die erfolgreichen Petersburger Diplomaten,
hatten sich hier ihre Sporen verdient, von Ignatjeff bis Iswolsky. Er
fuhr an der Säule von San Stefano vorbei und dachte sich: da standen
schon einmal unsere Heere! Er sah hoch über dem flachen Dächermeer die
Riesenwölbung der Hagia Sofia und sah da oben im Geist schon das Kreuz
Katharina der Großen, er tauchte vor dem Bahnhof in jenes Geschrei
in dreißig Sprachen der Erde, in jene zum wimmelnden Ameisenhaufen
gewordene farbige Malerpalette unter, die das Goldene Horn hieß, und
sagte zu dem Fürsten Tschewadse von der russischen Botschaft, der ihn
mit allem Prunk bewaffneter Kawassen als ~étranger de distinction~
empfing:

„~Ah -- ça fait chaud!~ Wann geht Ihr nach Bujukderè?“

Fürst Tschewadses Großvater schon war als Geißel der Tscherkessenkriege
orthodox im Petersburger Pagenkorps erzogen. Nichts an ihm selbst
verriet äußerlich noch seine kaukasische Abstammung. Er war mager,
bräunlich wie ein Zigeuner, mit schwermütigen Augen. Aber seine
Instinkte waren noch dem Geist des Morgenlandes nahe. Er war hier, in
dem wütenden Kampfe Peras um die Seele Stambuls, an seinem Platz. Für
Schjelting bedeutete er nach Korsakoff, diesem „wahrhaften Russen“,
nach diesen Vierhändern von Serben und Cernagoren den Träger von
Petersburg-Pariser Kultur. Hier, seinesgleichen gegenüber, wurde er
sofort wieder doktrinär.

„Wie denn, Fürst?“ sagte er, während sie im offnen Phaëton, einen mit
dem Karabiner bewaffneten Wächter neben dem Kutscher auf dem Bock,
durch den Turmbau von Babel dahinfuhren. „Die österreichische Note --
nun -- was wird sie enthalten? Einerlei -- wir werden antworten -- man
wird diskutieren -- bis es uns beliebt, loszuschlagen. Wir haben Zeit.
Ich richte mich hier am Bosporus auf Wochen ein!“

„Wenn aber doch...“

Eine abwehrende Handbewegung Schjeltings.

„Sie wissen, ich halte nicht viel vom diplomatischen Metier.
Ich untersuche lieber als einfacher ~homme d’esprit~ die
Vorbedingungen der Geschehnisse. Nehmen wir das Nächste: Unsere
Mutter Erde! Niemand, außer dem Vater Iwan von Kronstadt oder sonst
einem Wundertäter, kann zugleich mähen und schießen. Also kann der
Balkan erst nach der Ernte in den Krieg. Der Oktober brachte uns vor
zwei Jahren kein Heil. Also sagen wir September. Den Tag von Kreuzes
Erhöhung!“

„Aber auch wir Russen müssen bereit sein...“

„Zeit... Zeit...! Zeigt, wozu Eure ~procès verbaux~ und
Collectivnoten gut sind! Inzwischen marschiert Mütterchen Rußland vom
Amur und Pamir ab auf allen Wegen. Stehen wir erst gleichzeitig mit den
Westlichen an der Grenze, so ist die Welt unser!“

„Ha!... Da ist er!“

Mitten auf der Brücke ritt ihnen ein jugendlicher Pascha mit kühnem
Antlitz und aufgedrehtem Schnurrbart entgegen. Die Moslim führten vor
ihm die Hand an die Stirn und Brust, die Levantiner lüfteten die Hüte.
Ein großes Gefolge von Offizieren war hinter ihm. Darunter ein paar
unverkennbare deutsche Militärgesichter.

„Wenn nur Enver Pascha nicht wäre!“

Nicolai Schjelting hörte die Worte des Fürsten nicht. Da kamen nochmals
zwei zu Pferd. Der Eine trug türkische Uniform, der Zweite Zivil,
Beide den Fez auf dem Kopf. Aber sie saßen straff mit langen Bügeln
im Sattel. Sie sprachen laut deutsch miteinander und lachten über die
sonnverbrannten Gesichter. Schjelting erkannte in dem im Reitanzug
den Hauptmann Isebrink. Er dachte sich schadenfroh: Da haben wir Dich
ja!... Nun... Was macht Wiesbaden?

„Die Deutschen vermehren sich hier wie die Heuschrecken!“ sagte neben
ihm der Fürst Tschewadse. „Jeder Tag bringt uns neue. Gott straft uns
mit ihnen. Unser Spiel hier steht nicht gut!“

„... weil wir unsere Trümpfe noch nicht zeigen! Wir haben zehn
Millionen Trümpfe. Gebt nur jedem sein Gewehr in die Hand! -- ~Ah --
j’adore le moushik!~... Ich bete den russischen Bauern an!“

Das hinderte ihn freilich nicht, im Vorhof der russischen Botschaft
die dort in Massen wartenden, barhäuptig in Schafpelze und Bastschuhe
gekleideten russischen Jerusalempilger rücksichtslos mit der Faust
bei Seite zu knuffen: „Willst Du wohl einem Barin Platz machen, Du
Hundesohn -- he!“ Innen in der Botschaft war es kühl. Der Lärm von Pera
drang nur unbestimmt herein.

„Und Limpus?“

Der Fürst Tschewadse hob vielsagend die Achseln. Der Britenadmiral, dem
die osmanische Flotte anvertraut war, tat ja, was er konnte. Wichtige
Bestandteile der Geschütze und Maschinen waren in Galata und Tophana
versteckt, kein Schiff war kriegsbereit. Und sollte eines doch in See
gehen, so sorgte die geheime drahtlose Station auf dem Hausdach des
Admirals für den Verrat.

„Sehr gut! Ein tüchtiger Kerl!“

„Was hilft es gegen die Deutschen zu Lande? Wie -- -- Sie wollen schon
wieder aus? Und die Reisemütze auf dem Kopf?“

„Nun: ich promeniere ein wenig! Mit Gott!“

Nicolai Schjelting behielt seine Angelegenheiten für sich. Er hatte
seine Londoner Aufträge und dazu die nötigen Sterlingwechsel in der
Tasche. Er wußte, was ihm der große Higgins vor der Abreise gesagt:

‚Nichts täte uns jetzt mehr not als christliche Entrüstung. Ich brauche
Türkengreuel für die öffentliche Meinung. Es wäre weise, sie mir so
bald wie möglich zu verschaffen.‘

In einem halbdunklen Hausgang der Perastraße vertauschte Nicolai
Schjelting seine seidene Mütze mit einem Fez, den er aus der Tasche
zog. Als er wieder heraustrat, war er im Straßengewimmel einfach
ein beliebiger Franke mehr, der zwischen dem Genueserturm und dem
Hafen seinen Geschäften nachging. Er winkte einem Fiaker: „Rue
Mahmud Pascha!“ Dort drüben in Stambul stieg er aus. Er war da unter
grünen Turbanen, kamelfarbenen Derwisch-Zuckerhüten und schwarzen
Persermützen wieder ganz im Morgenland. Er ging durch ein regelloses
Gäßchengewirr bis zu einem der armenischen Hans. Das mächtige
Gebäudeviereck war angefüllt mit Warenlagern, Geschäftsräumen und
Schreibstuben. Alle Welt lief da achtlos ein und aus. Er konnte ganz
gut ein Messerschalen-Fabrikant aus dem Riesengebirge sein, wie er
in ein mit Haufen von Hirschgeweihen gefülltes Zimmer trat, und der
breitschulterige, fleischige Armenier mit dem schwarzen Bart um die
bleichen Hängebacken, der ihn empfing, ein schlichter Hornhändler aus
Kaisarea in Anatolien und nicht der Hadschi Hassanhusseindian selbst,
einer der Führer der armenischen Bewegung und dem Patriarchen aller
Gregorianer in Konstantinopel nahe.

Nicolai Schjelting gehörte zu den Wenigen, die das Wirrsal all dieser
christlichen Glaubenskulte der Melchiten und Maroniten, der Chaldäer
und Jacobiten und ihre gegenseitigen Streitigkeiten beherrschte.
Aber jetzt ging es gegen den eigentlichen und Erbfeind der Armenier,
den Türken. Zu seinem Erstaunen zeigte der christliche Hadschi, der
Wallfahrer zum Heiligen Grab, große Kühle und Zurückhaltung: Geld? War
es das? Geld, so viel Ihr wollt! Bitte! Hier! Aber seltsam: sogar das
verfing nicht bei einem Armenier, dem habgierigsten aller Menschen.

„Vor fünfzehn Jahren wart Ihr andere Kerle!“ sagte Schjelting
erbittert. „Da stürmtet Ihr mit Dynamitbomben die ottomanische Bank.
Die Rue Woywoda war in Euren Händen! Fast schon die Stadt!“

„Und was geschah, Herr? Die türkischen Hausdiener erschlugen uns, die
Kurden zündeten drüben unsere Dörfer an...“

„... und in ganz Europa war ein Schrei der Entrüstung!“

„Macht ein Schrei Tote lebendig, Herr? Sonst hörten wir von Europa
nichts!“

Sie konnten unbesorgt laut sprechen. Durch das offene Fenster drangen
die gellen Rufe der Straßenverkäufer und nebenan rasselte ein halbes
Dutzend Schreibmaschinen. Trotzdem dämpfte Schjelting seine lockende
Stimme:

„Diesmal ist es etwas Anderes! Das ist nicht mehr das alte
Osmanenreich! Von allen Seiten stehen seine Feinde auf!“

„Es hat auch Freunde!“

„Wen?“

„Deutschland... Es ist besser, wir halten uns still!“

Draußen wallten, als Nicolai Schjelting ärgerlich in das
Sonnengeflimmer trat, riesige grüne Fahnen durch den Öl- und
Fischgeruch und Staubdunst der Gassen. Derwische zogen mit entrolltem
Banner des Propheten hinauf zum Seraskierat. Ihr wildes „Huk! Huk!...
Er!... Er!... Allah!“ schmetterte durch das aufgeregte Brausen der
Tausende auf dem weiten taubenüberflatterten Platz... Man wußte hier
im Morgenland nie: War wirklich etwas los? Waren es nur lärmende
Lungenübungen, zu denen Hassan den Ali mit sich riß und Sliman den
M’hammed. Aber der Igumen Agathangel von einem der orthodoxen Klöster
des Berges Athos, der in Geschäften zum ökumenischen Patriarchen von
Konstantinopel gekommen war, machte bei der Begegnung mit Schjelting
jene kennzeichnende Slawenbewegung mit den Schultern, die Zweifel,
Besorgnis, Fatalismus ausdrückt. Man hatte auf dem Weg über die
Sinaiklöster Nachrichten vom südlichen Arabien. Die Beziehungen des
Großscherifs von Mekka zum Goldenen Horn gestalteten sich freundlicher,
die Wüstenkönige da unten bis Maskat gehorchten neuerdings ihrem
Khalifen in Stambul. Ein Zeichen, daß sich etwas Großes im Islam
vorbereitete. Seien wir auf der Hut...

„Man wird schon Sorge tragen!“ sagte Schjelting. Die Haltung der
Jungtürken beunruhigte ihn, während er eben an dem großen Exerzierplatz
inmitten des Häusermeeres vorüberschritt. Tausende von Soldaten übten
da um den mächtigen Mahmudturm. Es erinnerte ihn an den Aufzug der
Wachen in Berlin, den er oft genug spöttisch lächelnd mitangesehen.
So stramm standen diese sehnigen, braunen Burschen aus Anatolien, so
scharf und preußisch hallten in türkischer Sprache die Befehle. Nahe
der Moschee Mohammeds des Eroberers, im Stadtteil Jani Bagtsche, stand
der Konak Ali Fuad Beys. Er schien Schjelting der Letzte, bei dem
man noch einen Besuch und Versuch machen konnte. Drei Menschenalter
hindurch waren die Beys dieses Hauses und der jeweilige englische
Botschafter drüben in Pera ein Herz und eine Seele gewesen. Hier
fuhr Nicolai Schjelting am nächsten Tag mit Dienern und donnernden
Rappen und aller Würde eines großen, fränkischen Effendi vor. Die
kriegerischen, tscherkessischen Leibwächter auf der Schwelle verbeugten
sich tief. Er trat ein. Da hörte er im kühlen Halbdunkel der Halle, von
der Treppe her, zwei Männerstimmen. Deutsche Laute.

„Wann gehen Sie denn nun nach Mesopotamien, Isebrink?“

„Sobald meine Anstellungsverhältnisse geordnet sind! Ich denke, in
vierzehn Tagen!“

„Um die Zeit rutsche ich gerade wieder nach Berlin!“

„Na -- grüßen Sie das sechste Garderegiment!“

Es klirrte von Sporen und Säbeln. Die beiden jungen Offiziere schritten
kameradschaftlich an Schjelting vorbei.

„Bringen Sie ein bischen Leben an den Euphrat, Isebrink!“

„Lassen Sie sich’s gut gehen, Halim Bey!“

Erbittert trat Schjelting bei dem graubärtigen Hausherrn ein. Oh --
er kannte diese vornehme Höflichkeit des Orientalen. Diese feierliche
Handbewegung, Platz zur Rechten zu nehmen. Diese geschäftigen, kleinen
Diener mit den Kaffeetäßchen und dem Eingemachten. Er schob das brüsk
zurück. Ali Fuad Bey lächelte unter kaum merklichem Stirnrunzeln.
Verstöße gegen die Form waren ihm wie jedem Morgenländer ein Greuel.

„Wie ist das, Bey: Ihr Sohn dient in der deutschen Armee?“

„So ist es.“

„Warum nicht in der englischen Flotte?“

„Als vor vier Jahren die Italiener uns überfielen und unsere Inseln
besetzten, sah ich vergebens nach der englischen Flotte aus!“

„Nun -- das war damals!“

„Als vor zwei Jahren die Balkanvölker gegen Stambul drängten, sah
ich jeden Morgen nach dem Marmara-Meer. Es war leer bis zu den
Prinzeninseln. Die englische Flotte war nicht da. Vielleicht ist sie
überhaupt nicht mehr da. Gott allein weiß es!“

„Aber...“

„Aber die Deutschen waren da. Die Offiziere, die sie uns sandten, haben
mit uns gekämpft und geblutet. Dem Kaiser tausend Jahre!“

„So? Nun wartet nur, was kommt!“

Der Hausherr stand auf.

„Effendi! Wir werden es bestehen!“

Noch im Landauer war Schjeltings Antlitz gelb vor Galle. Er warf seine
angerauchte Papyros einem bettelnden Syrerknirps, der sich auf das
Trittbrett geschwungen, an den Kopf. Steht es so um Euch, ~messieurs
les Turcs~? ~Eh bien!~... Unerhört: Ein Bey -- ~rien qu’un
simple bey~... der mich verabschiedet ... mich ... Nicolai von
Schjelting... Das ist ja schon fast der Krieg...

Dann erhellte mit einem Schlag das gewohnte, hochmütige und
selbstzufriedene Lächeln sein unruhiges Gesicht. Er mußte sogar über
den kaffeebraunen Bengel lachen, der das Wurfgeschoß, die Zigarette
von vorhin, grinsend weiterpaffte. Recht so! Jedes Ding hat seine gute
Seite. Jetzt erst fiel ihm wieder ein, was der Hauptmann Halim Bey
zwischen Tür und Angel den Hauptmann Isebrink gefragt: „Wann gehen Sie
nach Mesopotamien?“

Nach Mesopotamien ging man nicht als glücklicher Freier. Dorthin
ließ man auch keine Frau nachkommen. Nicolai Schjelting setzte sich
behaglich in der Wagenecke zurecht und dachte: Also bist Du abgeblitzt,
mein Lieber! Gründlich abgeblitzt in Wiesbaden!... Haha --! Umso besser
für mich! Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte! Das ist ein Sieg! Ein
Sieg vor der Schlacht!

Es war ihm, als hätte er persönlich einen Triumph davongetragen. Es
schien ihm eine gute Vorbedeutung für die große, allgemeine Kraftprobe
der Zukunft. Er konnte Beides nicht mehr trennen: sich und das heilige
Rußland. Er vermengte es in dem gemeinsamen Ziel: Deutschland besiegen
-- Deutschland erobern. Er sagte sich: Ich darf nicht warten, bis der
Krieg aufflammt. Ich muß als Einzelner dem Ganzen vorauseilen. Mein
Eisen muß ich vorher schmieden. Sowie ich hier fertig bin, fahre ich
nach Wiesbaden...

Nordwind vom Bosporus her kühlte an diesem Abend die Glut der beiden
Weltteile an seinen Ufern. Das Perapalasthotel war noch offen. Nicolai
Schjelting speiste da mit dem Fürsten Tschewadse und anderen Freunden.
Sie tranken reichlich den lauwarmen französischen Champagner. Auch
Schjelting, gegen seine Gewohnheit. Der Sekt hob seine Siegesstimmung.

„Neues aus Wien, Fürst?“

Nein. Auf der russischen Botschaft war noch nichts bekannt. Man
entzifferte dort eben Depeschen aus Belgrad. Dicht daneben, in der
österreichischen Botschaft, war auffallendes Leben. Viel Verkehr nach
dem Boulevard Ayas Pascha, dem Sitz der deutschen Botschaft. Nun --
mochten sie... Als man aufbrach, um hinüber in den Cercle d’Orient
zu gehen, fühlte Nicolai Schjelting, daß sein Kopf heiß war. Das
hinderte ihn nicht, im Klub eine Gruppe jüngerer Diplomaten um sich zu
versammeln und sie in seinem weichen, leise lispelnden und affektierten
Französisch durch seine Antithesen zu verblüffen. Es waren allerdings
nur die Kleinen von den Seinen: ein Portugiese, ein Argentinier, ein
Brasilianer -- einerlei -- er hörte sich sprechen...

„Die Wurzel des Übels heißt Preußen!“ sagte er. „Belieben Sie, das
Wappen Preußens zu betrachten! Es führt als Schildhalter einen wilden
Mann. Einen nackten Barbaren. Geben Sie ihm eine Pickelhaube zu seiner
Keule, so haben Sie den Militarismus!“

Die Südamerikaner ließen sich mit offenem Mund belehren. Schjelting
machte eine wegwerfende Handbewegung in der Richtung nach Stambul.

„Daher die Seelenfreundschaft mit dem Halbmond da drüben. Der Wilde
Mann und der Kranke Mann gehören zusammen. Der Lahme trägt den Blinden.
Ein edles Paar. Aber die Menschheit wird sich dagegen erheben. Unser
Muschik, in dem die Seele Rußlands schlummert, wird der Vollstrecker
ihres heiligen Willens sein!“

Staunende Stille um ihn.

„Wir Russen vertreten den allslawischen Gedanken. Er reicht von der
Adria bis zum Amur... Seit drei Jahrtausenden erfüllt die romanische
Mittelmeerkultur Europa und giebt auch Ihren edlen lateinischen Staaten
in Süd-Amerika, meine Herren, Sprache und Geist. Den Rest der Erde
beherrscht das Angelsachsentum. Beglückwünschen wir uns dazu! Aller
guten Dinge sind drei.“

„Sehr interessant!“ sagte andächtig der Argentinier zu dem Portugiesen.

„Gestatten Sie mir einen Blick auf die Geodäsie, meine Herren
Diplomaten! Sand oder Stein -- das ist politisch dieselbe Formel.
Montenegro -- das ist die Mark Brandenburg. Ein kleines Land, das
seine Bewohner zu Eroberern erzieht, weil es sie nicht ernährt! Können
Sie sich Montenegro als führenden Staat des Balkans denken? Nein. Im
Deutschen Reich ist es der Fall. Das märkische Montenegro herrscht.
Beachten Sie, meine Herren: ich gebe keine Meinungen. Ich gebe
Tatsachen!“

„Man fängt an, zu begreifen!“ sprach der Brasilianer zum Portugiesen.

„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die von selbst zu
wichtigen Schlüssen führen. Aus einer Sandwüste ohne Küste kann
logischerweise keine Weltmacht werden. Preußen ist ein geschichtlicher
Irrtum. ~Winowat!~... Ich schlage hier vor Ihnen, als Vertreter
des russischen Geistes, reuig an meine Brust. Wir und England haben das
Potsdamer Monstrum gezüchtet, weil wir es gegen Frankreich brauchten.
Aber jetzt ist der Hecht im Europäischen Karpfenteich zu groß und
gefräßig geworden. Man wird ihn fangen und zerlegen!“

Einer der Zuhörer machte ihm mit den Augenbrauen ein warnendes
Zeichen. Nicolai Schjelting drehte sich um. Hinter ihm hatten zwei neu
eingetretene Herren Platz genommen. Ein Osmane in Uniform, den Zwicker
vor dem feinen Generalstabsgesicht. An seiner Seite der Hauptmann
Isebrink. Er war im Abendfrack wie die anderen Herren hier. Aber sein
sonnengebräuntes preußisches Soldatenantlitz strafte förmlich das Weiß
der Hemdbrust Lügen.

Der Argentinier kannte Mahmud Kiazim Bey. Er glaubte, seine
Berufsgenossen mit dem einflußreichen türkischen Abteilungschef bekannt
machen zu sollen. Der Hauptmann Isebrink sagte dabei lachend und
harmlos zu Nicolai Schjelting:

„Na -- wir kennen uns ja schon! Erinnern Sie sich an unsere Begegnung
in der Eisenbahn in Belgien? Sie fuhren damals im selben Abteil mit Mr.
Nicholson.“

„Ich entsinne mich nicht!“

„Wissen Sie nicht, daß Mr. Nicholson jetzt hier ist? Er sammelt
Schmetterlinge! Und wo? An den Tschataldschalinien. Zeigen Sie doch
mal, Kiazim Bey!“

Er wies das prächtig, beinahe handgroß in bunten Wasserfarben
ausgeführte Bild eines Falters.

„Das ist doch harmlos!“

„Gewiß. Wenn man nicht merkt, daß es die Fortlinie bei Tschokandsche
darstellt. Hier, diese kobaltblauen Punkte auf den Flügeldecken sind
die Geschützstände, die feuerroten Schlängellinien die gedeckten Gänge,
das Datum oben enfiliert artilleristisch die ganze Stellung. Zum Glück
kenne ich den Schmetterlingsfreund von früher. Unsere Zaptiehs haben
ihm seine Pinseleien abgenommen!“

„Oh!“ Ein wahrer Schrecken unter den Südländern. Man wagte es, sich an
einem Briten zu vergreifen.

„...Und Admiral Limpus ist ersucht, dahin zu wirken, daß der ihm
zugeteilte Oberstleutnant Nicholson von dem Londoner Kriegs-Departement
künftig an harmloseren Orten seinen Käscher schwingt!“

„Der Admiral weiß wohl selber, was er zu tun hat“, sagte Schjelting
nachlässig.

„Gewiß! Er verrät seit Monaten das Land, dem er dient!“

„Ah... Sie erlauben sich...“

„Hört...“

„Ich bin noch nicht in türkischen Diensten! Ich gestatte mir diese
Äußerung mit dem Recht des einfachen Privatmanns!“

Es war ein Schweigen. Die Worte klangen in ihm nach wie ein erster
Trompetenstoß zur Schlacht um die Völkerstraße von Byzanz. In Nicolai
Schjeltings Kopf perlte der Sekt. Er frug sich: Was ist das mit diesem
Preußen? Wie kommt er zu dieser Sprache? Es ist solch ein entschlossen
kaltblütiger Ausdruck in seinen Augen: Weiß er vielleicht Etwas? Etwas,
was wir noch nicht wissen?

Dann kehrte der alte Hochmut zurück. Pah -- wer war denn der Sieger?
Jener dort, der aus Wiesbaden Abgereiste, wahrhaftig nicht. Dieser
kleine Hauptmann erschien ihm jetzt wie das Sinnbild Deutschlands
selbst. Er war schon vor dem Krieg geschlagen. Schjelting wandte ihm,
mit einer Drehung des Klubsessels, fast den Rücken und sagte halblaut
und lebhaft:

„Wir sprachen von geschichtlichen Richtlinien zur Methode der
Erkenntnis. Messen wir daran Preußen! Nun: Preußen ist ein Widerspruch.
Etwas, was nach den natürlichen Entwicklungsgesetzen nicht hätte
entstehen können. Dieser Widerspruch wurde zuerst im Siebenjährigen
Krieg erkannt. Damals bemühte sich ganz Europa, ihn zu beseitigen!“

„... und bezog bei der Gelegenheit kolossale Dresche!“ ergänzte von
drüben der Hauptmann Isebrink. Nicolai von Schjelting fuhr herum:

„Verzeihung ... ich glaubte, zu leise zu sprechen, als daß Sie...“

„Oh ... ich habe tadellose Ohren!“

Schjelting dämpfte seine Stimme, so daß Jener nun wirklich nichts mehr
verstehen konnte:

„Auf diese Zeiten müssen wir zurückgreifen. Wir müssen Preußen seine
organische Stellung anweisen. Öffnet man den Hecht, so findet man
zahllose, unverdaute Dinge in seinem Magen: In Preußen ebenso. Fort
damit! Deutschland braucht noch viel mehr Kleinstaaten! Es ist von
Natur zu einem lockeren Staatenbündel geschaffen. Das ist seine
Geschichte.“

Während er sprach, tat es ihm leid, daß Isebrink das nicht hörte.
Wieder kochte in seinem champagnerheißen Hirn die Eifersucht. Er
lächelte ironisch, um sich zu besänftigen. Dabei sagte er sich: Wie
denn? Er ist ungefährlich. Erledigt. Kanonenfutter. Mehr nicht! Da
wirst Du noch viel Tausend Brüder haben, mein Lieber...

Ungefährlich ... ja ... das hieß... Als er sich unwillkürlich wieder
umwandte und mit seinem Blick von nervöser Intelligenz dem stählernen
Auge Isebrinks begegnete, fühlte er ein plötzliches und körperliches
Unbehagen. Es fiel ihm ein: diese Abgüsse des Militarismus hielten
die Pistole wie er die Papyros, handhabten den Degen wie Andere den
Regenschirm. Der Raum von ihm zu Jenem schien von elektrischer Spannung
erfüllt, eine Spannung wie über der ganzen Welt. Nicolai Schjelting
erhob sich. Er war doch froh, daß ihm ein Diener meldete, ein Herr
wünsche ihn dringend draußen zu sprechen.

Da stand Achille Macrî, der Pariser Finanzagent. Seine schwarzen
Rattenaugen liefen glänzend und unruhig hin und her.

„Verzeihung, Herr von Schjelting... Haben Sie Nachrichten?“

„Ich verstehe nicht!“

„Ich würde Sie gerne an etwaigen Spekulationen beteiligen!“

„...Was giebt’s?“

„Eben bekam ich diese dringende Depesche aus Paris!“

Schjelting las: „~Madame Audouin revient soir.~“ Er gab dem
Levantiner das Blatt zurück.

„Was geht mich dies Frauenzimmer an?“

„Herr von Schjelting...“

„Ich kenne sie nicht! Mag sie nach Paris zurückkehren, wann sie will!“

„Herr von Schjelting ... soll ich es erst sagen?... Es ist doch eine
verabredete Geheimdepesche! Lesen Sie die Anfangsbuchstaben!“

„Wie denn: M...... A... Mars...“

„Der Krieg!... Herr von Schjelting ... der Krieg...“

Nicolai Schjelting zeigte seine undurchdringlichste Miene. Vor diesem
Coulissier wahrte er seine Allwissenheit.

„Ich weiß von nichts!“ sagte er mit einem Lächeln, hinter dem man Alles
lesen konnte, und kehrte mit pochendem Herzen in den Club zurück. Dort
war er im Begriff, sich von dem Diener den Sommermantel umhängen zu
lassen, um rasch einmal nach der russischen Botschaft hinüberzugehen
und zu fragen. Dann dachte er sich: Man wird glauben, ich hätte mich
vor diesem Preußen zurückgezogen! Er hörte von oben die Stimme der
Ausländer. Er runzelte verächtlich die Stirne und betrat wieder den
Raum. Eben sagte da Isebrink:

„Zum Beispiel: das dritte sibirische Armeecorps!... Nach dem amtlichen
russischen Ausweis sitzt es nach wie vor friedlich in Irkutsk!“

Nicolai Schjelting warf sich in einen Klubsessel, legte ein Bein über
das andere und versetzte scharf:

„Es steht allerdings in Sibirien! Wie denn nicht?“

„... weil die siebte und achte Schützendivision schon lange in Polen
angekommen sind! Glauben Sie, wir wüßten das nicht?“

„Sie täuschen sich...“

„Ich bin Soldat! Sie nicht! Also bitte! Die sibirischen
Reservedivisionen sind schon seit Mai auf dem Weg nach Westen. Ebenso
die turkestanischen Schützenbrigaden. Das dritte kaukasische Armeecorps
hat längst seinen Standort Wladikawkas verlassen. Es gefällt ihm,
scheint’s, an der galizischen Grenze viel besser!“

„Woher wissen Sie das?“

„Werden Sie mir in Abrede stellen, Herr von Schjelting, daß im Odessaer
Militärbezirk große Teile des siebten und achten Corps längst auf
Kriegsfuß stehen?...“

„In der Tat: ich leugne es!“

„Auch die bevorstehende Mobilisierung der drei Reserve-Jahrgänge der
Armee?“

„Wenn es des Imperators Wille ist, wird man sie einberufen! Niemand hat
dem Zaren etwas vorzuschreiben!“

„Es ist nur, damit Sie Bescheid wissen, meine Herren, falls aus
Versehen einmal die Gewehre losgehen sollten!“ sagte Isebrink zu
den Kleinstaat-Diplomaten. Dann wandte er sich um und sah Nicolai
Schjelting an. Es war eine unangenehme Pause. Dieser Blick hieß: Und
wenn Du vorher auf eigene Faust Händel haben willst -- bitte: da bin
ich!

Schjelting war verwirrt. Das widerfuhr ihm, dem Selbstsicheren, sonst
nie. Er entschloß sich, mit einem kühlen Lächeln zu schweigen. Er
atmete auf. Da kam der ehrenwerte Arbuthnot über die Schwelle, ein
blonder junger Riese, der noch etwas Knabenhaftes an sich hatte. Er
war als Kings Messenger zusammen mit einem preußischen reitenden
Feldjäger und den Kabinetskurieren anderer Großmächte heute Mittag mit
dem Orient-Expreß angekommen. Er brachte die letzten Nachrichten aus
Europa. Neuigkeiten?... Nicht daß er wüßte!... Seine britische Majestät
war in Windsor, ~the Kaiser~ irgendwo in Norwegen, der Kaiser
Franz Josef in Ischl. In Paris, von wo er kam, sprach man von nichts
als von dem Prozeß der Madame Caillaux. Der Wojwode Putnik befand sich
ruhig außerhalb Serbiens: die Welt lag im tiefsten Sommerfrieden.
Nicolai Schjelting strich sich nervös mit der Hand über die Stirne.
Er frug sich: Was ist das nun Alles? Was haben sie in Wien vor? Man
versteht nicht mehr recht... Dabei hatte er das Gefühl, diesem Preußen
vorhin die Antwort schuldig geblieben zu sein. Pah... Ein Bluff eines
dieser Säbelrasseler. Er versetzte süffisant:

„Man sieht mit Dank gegen Gott: Frieden überall. Nach Allerhöchstem
Willen: Wer stampfte den Friedenstempel im Haag aus dem Boden? Seine
Majestät der Zar!“

„Und seitdem hören die Kriege nicht mehr auf!“

„Wer rief die internationalen Schiedsgerichte statt der Kriege ins
Leben? Wieder seine erhabene Person!“

„Eine Viertelmillion Menschen ist mindestens in der Mandschurei tot
geblieben!“ sagte Isebrink trocken zu dem Argentinier.

„So wird das große, heilige Rußland auch diesmal der Soldatenfaust die
Waffe entwinden...“

„... um die Mörderfaust zu schützen!“

Die Herren standen mit großen Augen auf und schauten auf Schjelting,
der sich mit ihnen erhob. Er spürte ein sonderbares Zittern in der
Herzgegend. Er dachte sich: he -- wie ist das? Ehe noch die Gewehre
losgehen, soll ich mich hier vor die Pistole stellen? Nicht so ist es
gemeint! Ich bin der Träger russischer Intelligenz! Mein Platz ist
nicht die vorderste Linie...

Paul Isebrink war allein sitzengeblieben. Er sagte kalt und scharf, mit
Worten wie gehacktes Eisen:

„Eine schamlose, hundsgemeine Mordtat ist in Serajewo geschehen! Wer
zwischen die Mörder und die verdiente Strafe tritt, macht sich zum
Mitschuldigen...“

„Bestraft die Mörder! Aber nicht ihr Land!“

„Ganz Serbien ist der Mörder!“

„Ruhe, meine Herren...“

„Entfernt doch die Diener!“

Nun hatte sich auch Isebrink erhoben.

„Serbische Offiziere haben den Mordanschlag geleitet! Serbische Beamte
öffneten den Mördern die Grenzen! Die Mordwerkzeuge stammten aus dem
serbischen Regierungs-Arsenal in Kragujewatz!“

„Woher wissen Sie das?“

„Bald werden auch Sie es wissen, Herr von Schjelting, falls es Ihnen
wirklich noch nicht bekannt sein sollte!“

Ein Kanzleibeamter der russischen Botschaft drängte sich an den Dienern
vorbei in den Raum zu dem Fürsten Tschewadse.

„Euer Erlaucht werden ersucht, sich sofort auf die Mission zu bemühen!“

„Was ist geschehen?“

„Ich weiß es nicht! Seine Hohe Exzellenz sandte nach vielen Herren!“

Nicolai Schjelting hörte es. Vor ihm flackerte wieder die
Börsendepesche: „Mars“! Der erste Sturmvogel. Nun kamen sie von allen
Seiten. Es legte sich ihm in einem roten Siegesrauschen vor die Augen,
der Boden hob sich unter ihm, trug ihn zu einem ungläubigen Jubel
empor: der Krieg! Der Krieg kommt!... Mein Krieg...

„Kommen Sie mit, zur Botschaft!“ Der Knjäs Tschewadse nahm ihn unter
den Arm. Schjelting widerstrebte:

„Noch habe ich diesem Deutschen nicht geantwortet!“

„Nicht dazu ist die Zeit! Er sprach von Serbien. Rußland nannte er
nicht!“

„Aber das große Rußland steht hinter Serbien!“

Nicolai Schjelting sagte es so laut, daß man es im ganzen Raum hören
mußte. So! Nun konnte er gehen. Da eilte der Vicomte de la Motte
herein, ein französischer Attaché.

„Wissen Sie schon?“

„Nein! Was?“

„Hier! Das Ultimatum Österreichs an Serbien! Es ist kein Geheimnis
mehr! Wahrscheinlich sind jetzt schon in Wien die Extrablätter!“

„Ich wußte es schon seit heute Nachmittag!“ sagte Isebrink drüben
zu dem Argentinier. „Sonst hätte ich nicht so auf gut deutsch meine
Meinung ausgesprochen. Aber jetzt geht’s in Einem!“

Nicolai Schjelting hatte mit heißen Augen die Depesche überflogen. Er
ballte die Faust. Er war bleich geworden.

„Nie wird Rußland das zugeben!“ sprach er beinahe feierlich.

„Und Österreich steht vielleicht allein!“

Irgend Jemand hatte es hämisch gemurmelt. Paul Isebrink trat in die
Mitte.

„Neben Österreich steht Deutschland. Wie damals -- Wer in Europa Lust
hat -- bitte!... Nun, Herr von Schjelting: Sie lächeln?“

„Ich freue mich, das von Ihnen zu hören! Es eröffnet mir den Ausblick
auf die Stunde der großen Abrechnung, die die slawische Seele ersehnt!“

„... und vor dem Ernst des Augenblicks verschwinden diese kleinen
persönlichen Differenzen!“ versetzte vermittelnd der Argentinier
mit einem Blick auf den Hauptmann Isebrink. Der ließ sich schon,
freundschaftlich neben Mahmud Kiazim Bey stehend, von dem Diener Hut
und Handschuhe reichen.

„Ich hab’ jetzt wirklich Wichtigeres zu tun!“ sagte er. „Meine Herren:
jetzt kommt das große Reinemachen! Weiß Gott: Es tat Not!“



IX.


In diesen Juli-Tagen hielt die Welt den Atem an. Dies Europa, das ganze
Menschenalter des Friedens nicht mehr als Geschenk jedes neuen Morgens,
sondern längst als selbstverständliche Pflicht der Vorsehung hinnahm,
und dabei doch seit einem halben Jahrhundert von Waffen starrte, in
Erwartung des Kriegs, des schon halb schattenhaft gewordenen Riesen der
Urzeit.

Es ging ein Zittern durch die Mutter Erde. In ihr erwachten die
schlafenden Heere. Tief im Süden stand eine pinienförmige Rauchwolke
düster über dem Krater des Vesuv. Unten auf der Marina des
Städtchens, gegenüber dem fernen Neapel, eine Gruppe Bersaglieri am
Kaffeehaustisch. Die Hahnenfedern flatterten in der Seebrise. Listige
Augen. Weiße Zähne. Das Händespiel von Jahrmarktsgauklern.

„~Che c’e di nuovo?~“

„~Tuttavia niente!~“

Was werden wir tun? Ein Zwinkern auf den braunen Gesichtern...

Was wir tun? „~Far vista di...~“ Ein Mund am Ohr des Andern. Ein
Lazzaronenlachen. Nur Geduld...

Sturmstöße vom Schneemantel der Maladetta über die grauen Steinhütten
des Pyrenäendorfs nahe der spanischen Grenze. Blutrotes Weingeträufel
aus dem Zickleinschlauch an der Decke der Schmugglerherberge in die
Becher der französischen Offiziere der Gebirgsartillerie. Finstere
Blicke nach Osten. Wie weit von hier die Vogesen! Der Rhein, wie weit...

„~Ah -- ça commence!~“

„Und ohne uns!“

„Man wird uns rufen, mein Capitän!“

„Frankreich braucht jeden Mann!“

Dort im Osten wie weißes Pilzgewucher auf der grauen Steppe das
russische Sommerlager. Ein ausgestopfter Zottelbär mit Dreispitz und
Pförtnerstab als Schweizer vor der hölzernen Messe der Offiziere.

„Nun, Ossip Gregorowitsch?“

Ein Kranz weißer Schirmmützen um den Stabsrittmeister, der eben mit
Hühnern und Gemüsekorb in rasselndem Wägelchen aus der Kreisstadt
zurückkam. Er war in der Sobranje. Der Adelsmarschall hatte die besten
Beziehungen zum fernen Petersburg.

„Nicolai Nicolajewitsch trägt den Mobilmachungsbefehl in der Tasche!“

„Vom Imperator unterschrieben!“

„Schon wieder Schnaps?“

„Trinken wir auf Serbiens Wohl!“

Sonnenschein über London. Rote Riesen zu Roß als Doppelposten vor
Whitehall. Im Durchgang durch die Kaserne der Horse-Guards nach dem
Paradeplatz von St. James Park eine Gruppe säbelrasselnder Gentlemen in
Scharlach und Schuppenkette.

„~Have you news?~“

Jawohl. Nebenan, in Downing Street, ein schweres Wetterzeichen für
das Schicksal der Welt: Bis zu dieser Stunde, Sonnabend Nachmittag um
Drei, hatte der ehrenwerte Edward Grey London noch nicht verlassen, um
Forellen zu fangen...

Noch ging die Menschheit auf Erden überall ruhig ihrem Tagewerk
nach, läuteten die Sonntagsglocken von der Isaaks-Kathedrale
und Notredame, vom Stephansdom und Lateran, von St. Paul’s und
der Kaiser-Wilhelm-Kirche das Friedensgebet vieler Jahrzehnte
ein: „Unser täglich Brot gieb uns heute!“ Nur durch die Welt der
Waffen lief ein erstes, leises Raunen. Es war, als bewegten sich
unruhig die Mannlicher-Gewehre in ihren Stutzen in der Hoch-
und Deutschmeister-Kaserne der Wiener Edelknaben, als klirrten
kaum merklich in Paris und Lyon die Pallasche der Kürassiere von
Reichshofen, als summten schwach in Schottland die Dudelsäcke der
Schwarzen Wache und der Gordon-Hochländer die alten Weisen ihrer
Clans, als neigten sich in der Potsdamer Garnisonskirche stumm die
zerschossenen Siegesfahnen über die Gruft Friedrichs des Großen, als
wehe ein Erwachen durch die Heere -- ein Zurück in jene Zeit, da es
noch Schlachten gab...

Nur in Belgien nicht. Zwischen Maas und Yser hatte man keine
kriegerischen Erinnerungen. Erst seit wenigen Jahren dienten die
Söhne aus gutem Hause, statt daß ihnen der Staat für tausend Francs
einen Ersatzmann aus den Arbeitslosen der Straße auflas. Man trug
die zwei Jahre mit gutem Humor. Man nahm überhaupt das Leben leicht.
Dachte nicht unnütz über die Dinge nach. Die Saison in Ostende nahm
ihren glänzenden Anfang. Brüssel amüsierte sich auch im Sommer. Man
war galant. Man aß und trank gut. Man verdiente Geld. Man haßte jeden
Zwang außer dem der Mode. Man war Klein-Paris -- jenes Paris, das
übrig blieb, wenn man sich aus ihm alles hinwegdachte: Invalidendom
und Bastillenplatz, Pantheon und Triumphbogen, Louvre und Sorbonne,
die Gräber Voltaires und Rousseaus, Alles, was von geistiger und
kriegerischer Welteroberung früherer Zeiten zeugte. Was für Brüssel
davon übrig blieb, das war die Stadt oberflächlichen Genusses,
gleißender Fäulnis. Ein „Morgen wieder lustig!“ im Gewühl der
buntgeputzten Spaziergänger, dem Fluten der Massen zu den Sportplätzen,
dem Tuten der Autos auf den breiten Boulevards.

Nicolai von Schjelting war ohne Aufenthalt von Konstantinopel nach
Brüssel durchgefahren. Nicht unter seinem Namen, sondern als Lincoln
J. Ley aus New-Orleans in den Vereinigten Staaten. Er hatte stets
verschiedene Pässe bei der Hand. Man brauchte nicht immer und überall
zu wissen, wo er gerade war. Er schrieb sich auch unter dem Yankeenamen
in dem Hotelpalast am Bahnhof ein. Der Geschäftsführer verbeugte
sich mit diskreter Zurückhaltung. Er kannte natürlich genau diesen
berühmten Russen, der oft genug mit seiner schönen Frau bei ihm unten
im Luxusrestaurant diniert hatte. Aber er wußte auch so gut wie halb
Brüssel, daß der lang erwartete Bruch zwischen Monsieur und Madame de
Schjelting dicht bevorstand. Er wußte auch noch mehr...

Und auch Nicolai Schjelting selbst erfuhr das. Er ging vom Hotel,
lautlos, auf Gummischuhen trotz des schönen Wetters, zur oberen
Stadt empor. Da hielt unten, noch vor dem Botanischen Garten,
ein Renn-Automobil in Form eines elfenbeinfarbigen, in der Mitte
durchgeschnittenen Eis. Der Oberbau bestand eigentlich nur aus einem
mächtigen Benzintank und einem engen muschelförmigen Sitz für zwei
Personen. Der Führer des Wagens war ausgestiegen, um die neueste
Ausgabe der „Indépendance“ zu kaufen. Er war ein hagerer, langer
Geselle, die Lederhaube bis an die Wurzel der verwegenen Hakennase in
die Stirne gezogen. Er kehrte zu der schönen, jungen Frau zurück, die
im Wagen auf ihn wartete.

„Ah -- papperlapapp... ~c’était pour rien~!“

„Nichts Neues, mein Freund?“

„Nichts!“

Dabei setzte er sich neben sie, kurbelte elektrisch an und sauste den
steilen Boulevard hinauf. Nicolai Schjelting schaute den Beiden nach.
Es wetterleuchtete wild über seine nervösen Züge. Er dachte sich: Ah --
meine gute Ghislaine -- steht es schon so? Du zeigst Dich bereits mit
meinem künftigen Nachfolger vor aller Welt, um mir Deine Verachtung zu
bekunden!... Nun: Täuschen wir uns nicht, meine Beste! Ich bin keine
~quantité négligeable~! Ich kenne die, die bald lachen und die,
die bald weinen werden!

Er warf die Zigarette in weitem Bogen hinter sich. Es war wie eine
sinnbildliche Handlung. Eigentlich frohlockte die Spielernatur in ihm:
Meine Glückwünsche! Meinen Dank! Je freier, je besser. Nichts hinter
mir. Die Küste schwindet. Der Sturm von Osten schwellt meine Segel in
ungemessene Weiten...

Oben im Quartier Léopold stieß Nicolai Schjelting in einem der
vornehmen Mietshäuser die Schreiber im Vorzimmer bei Seite und drang
brüsk, fast ohne anzuklopfen, in das Allerheiligste des Maître Nicolas.
Der grauköpfige Advokat erhob sich mit der glattrasierten Würde seines
Standes. Er wollte seinen Klienten begrüßen. Aber der schnitt ihm, die
Hände in den Taschen mitten im Zimmer stehend, das Wort ab.

„He: was ist das für ein Kerl?“

„Wen meinen Sie, Herr von Schjelting?“

„Wen soll ich wohl meinen? Diesen Barsoî -- diesen Windhund da unten --
diesen Narren in der weißen Nußschale von Automobil.“

„Ach so! Baron de Ridder!“

„Was ist er? Was treibt er?“

„Nichts!“

„Also Sport?“

„Ja!“

„Geld?“

„Eine Menge!“

Schjelting ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich sagte er:

„Ich hätte gedacht, der Mensch sei klein und dunkel!“

Der berühmte Brüsseler Rechtsanwalt lächelte diplomatisch. Gewiß: Er
war auch einmal von brünettem Äußeren gewesen. Er hatte auch schon
einmal eine Glatze gehabt. Auch schon einmal friesisch gelbe Haare. Das
wechselte. Die Brüsseler Skandalchronik war groß. Man kam kaum mit.
Aber -- gestehen wir es ein: -- diese entzückende Madame de Schjelting
war unvorsichtiger als ihre Freundinnen. War es wenigstens im Lauf der
letzten Zeit geworden...

Das spielte um Maître Nicolas’ nachsichtig gekniffene Mundwinkel. Er
sagte, immer noch lächelnd:

„Niemand kann zwei Herren dienen, Herr von Schjelting! Ihre Göttin ist
die Politik! Ich verneige mich vor Ihrem Ehrgeiz. Aber er führte Sie zu
oft auf Reisen...“

„Ah ... im Dienste Rußlands! Im Auftrag des Großfürsten!“

„Ich bewundere den Pflichteifer, den Sie seiner erhabenen Person
zollen. Aber man soll eine Frau von Welt nicht zu lange allein lassen,
Herr von Schjelting!“

Nicolai Schjelting fuhr sich, die blauen Schatten der Schlaflosigkeit
unter den Augen, mit der Hand über die Stirne und machte dann eine
Bewegung, als verscheuchte er eine Fliege.

„Gut! -- Wie’s beliebt...! Gott mit ihr! Kommen wir zur Sache! Wie
steht es mit der Scheidung?“

„Monsieur und Madame Lambert und ihre Tochter sind einverstanden!“

„Pah -- diese Krämer...,“ sagte Schjelting. Ein höhnischer Dünkel
kommender Vergeltung leuchtete über sein Gesicht.

„Die Schwierigkeit liegt nur in der Form. Die Söhnchen, dieser kleine
Allard und dieser kleine René, sind orthodox getauft!“

Nicolai Schjelting durchmaß wieder zerstreut den Raum.

„Man wird das ordnen! Überlassen Sie das mir! Ich stehe gut genug mit
dem Heiligen Synod. Ich erreiche am Petersplatz, was ich will. Ich
brauche nur Zeit...“

„Madame de Schjelting wünscht im Gegenteil, so bald wie möglich...“

„Sie hat sich zu gedulden! Nicht darauf kommt es jetzt an. Nicht solche
Händel liegen jetzt in Gottes Wille!“

„Mein Gott: Sie erschrecken mich!... Woher diese plötzliche Wildheit...“

„Ah ... ich bin Russe! Ich habe jetzt wichtigere Dinge im Kopf als Euch!
Ich gebiete Schweigen. Nach dem Krieg wird man entscheiden!“

„Nach dem Krieg... Sie glauben doch nicht an Krieg...“

„Eh, Maître Nicolas?... Gut: dann glaube ich auch nicht an die Heilige
Dreifaltigkeit und die Mutter Gottes von Kasan!“

„Je nun: Man glaubt, was man wünscht!“

Der Advokat lehnte sich in einer höflichen und lächelnden Abwehr
zurück. Er sah kraft seines Amts in viele Brüsseler Herzen und
Häuser. Er kannte seine Belgier. Er war selber Einer. Gewiß: Man
war ein neutraler Kleinstaat und baute dabei mitten im Lande die
größten Festungen der Erde gegen Deutschland. Man lehnte sich an den
französischen Panzergürtel an; man unterschrieb geheime Abmachungen
in London; man spielte mit dem Feuer und erzählte sich davon bei
Gelegenheit auf der Getreidebörse in Antwerpen oder im Justizpalast zu
Brüssel. Aber man spielte eben nur damit. Man nahm den Krieg so wenig
ernst als sonst Etwas außer Geld und Liebe. Man konnte sich auch, in
diesem durch und durch unmilitärischen Land, gar nichts Rechtes unter
einem Krieg vorstellen.

„Nun, Maître Nicolas -- ich gehe! Ich habe jetzt mehr zu tun! Nur, um
dies zu ordnen, kam ich in Eile auf ein paar Stunden nach Brüssel.
Sehen Sie meinen Schwiegervater...?“

„Er sucht mich fast täglich in dieser Angelegenheit hier auf!“

„Dann bestellen Sie ihm, daß ich...“

Da öffnete sich die Türe und Herr Lambert trat ein. Groß,
breitschulterig, blond, ein Rembrandt-Deutscher mit feiner, rosiger
Haut und grau-goldenem, krausem Vollbart. Er hatte Schjeltings Stimme
gehört. Er wollte ihm, vor dem Dritten, Aug’ in Auge als schroffer
Schwiegervater gegenübertreten. Aber da sprudelte es schon von dort
auf ihn hernieder, in nervösem Hin und Her durch das Zimmer, mit
verächtlich zurückgeworfenem Kopf, mit einer wegwerfenden Armbewegung
durch die Luft...

„Nun, wie denn, Monsieur Lambert? Wie ist es doch mit diesem Windhund
da?... Gottlob entfiel mir sein Name!... Das ist schlechter Geschmack!
Mag sie wählen, wen sie will. Man heiratet. Aber man kompromittiert
sich nicht vorher! Nicht sich und nicht Andere. Bitte bestellen Sie
das Madame! Ich wiederhole: Es ist schlechter Geschmack. Es zeugt von
unkultivierter Erziehung!“ Plötzlich wandte er sich zu dem Anwalt und
sagte lässig und vertraulich: „Aber was wollen Sie? Woher sollte sie
es haben? Diese Kaufleute kommen ja alle von unten herauf! Bei uns in
Moskau können Sie oft nicht lesen und schreiben!“

„Ah -- das ist ein wenig stark!“ Monsieur Lambert und der Advokat
Nicolas tauschten einen Blick: da sieh: der Moskowiter!... Die Maske
fällt...

„Ich bin ein russischer Edelmann! Ich könnte Adelsmarschall von Twer
sein, wenn ich wollte! Ich fordere Ehrfurcht vor meinem Namen, so lange
Ihre Tochter ihn noch trägt!“

„So? Und was Sie in Wiesbaden treiben...“

„Nichts, Du alter Vogel!“ sagte Nicolai Schjelting. Er verfiel, mit
einem brutalen Lächeln, in das breite, hier der französischen Sprache
ungewohnte, russische Du. „Du hast es nötig, mich zu verdächtigen,
mich, der, bei meinem Ehrenwort, nichts in Wiesbaden tat, als einen
alten Teufel von Deutschen wegen seiner Leiden zu befragen! Hingegen
hier... Monsieur Lambert.... Wie ist es denn mit Ihrer Fahrt zur
Pariser Börse an jedem Dienstag und Freitag? Geht es dieser niedlichen
Madame Turlet noch gut, in ihrem Nest an der Ecke der Rue Soufflot und
des Boulevard St. Michel? Man sagt, Sie hätten es entzückend möbliert!“

„Ah...“

„Nicht diese Intimitäten, Herr von Schjelting...“

„Pah... Ihr seid Einer wie der Andere! Auch Ihre Schwächen kennt man,
Maître Nicolas!“ sagte Nicolai Schjelting. Es klang hochfahrend, als
spräche er daheim auf schwarzer russischer Erde zu seinen ehemals
leibeigenen Bauern. „Der Westen ist faul und hier bei Euch am faulsten.
Ich bin anders! Ich spiele mit den Frauen. Sie sind für mich die
Leitersprossen zum Erfolg. Aber ich liebe es nicht, daß man mit mir
spielt! Merken Sie sich das, Monsieur Lambert!“

„Diese Sprache ... in der Tat... Wer sind Sie denn ... ohne Rang ...
ohne Reichtum ... ohne...“

„Ich bin Rußland. Rußland steht hinter mir! Wir kommen. Der Krieg ist
vor der Türe!“

„Nein ... nein!“

„Doch, Nicolas!“

Léon Lambert, der Großkaufmann, war von Paris her durch ein
Ferngespräch besser unterrichtet als der Advokat. Diese kleine Madame
Turlet hatte Beziehungen zu einem Minister der Republik. Man erfuhr da
auf Umwegen mancherlei.

„Wenn sie kommen“... sagte er matt und angstvoll. „-- man glaubt es
in Paris noch nicht recht -- aber wenn sie kommen, so lassen wir sie
in Gottesnamen unten im Süden durchmarschieren! Ah -- wir werden klug
sein! Wir ziehen unsere Regimenter zurück. Wir erheben Protest! Wozu
Blutvergießen?“

Nicolai Schjelting zuckte geringschätzig die Achseln. Er dachte
sich: diese Art Seelen sind doch immer gleich im Mauseloch. Er sagte
nachlässig:

„Sie werden nicht soweit kommen! Immerhin... Vielleicht geht Madame
für einige Wochen, bis der Rhein von unseren Verbündeten überschritten
ist, ein wenig an die See. Nach Ostende. Dort wird die Saison dies Jahr
besonders glänzend. Viel Amerikaner und Engländer. Vom Krieg wird man
da nichts merken, außer den Siegesfahnen längs der Digue!“

„Monsieur, die Kurse!“

Ein Angestellter überbrachte die letzten schwarzen Ziffern der
Handelsdepeschen auf blauem Seidenpapier. Die beiden Belgier suchten
instinktiv darauf die Stammplätze ihrer Lieblingswerte. Dann
schauten sie sich an. Die Haare standen ihnen zu Berge: War das
noch französische Rente? Belgische Staatsanleihe? Ein Sturm in den
Papierwäldern aller Börsen Europas. Die stolz in Menschenaltern des
Friedens emporgeschossenen Kursbäume bogen sich vor brüllenden Stößen
aus allen vier Windrichtungen zugleich... Nirgends ein Halt. Die
einzelnen Plätze rissen einander mit sich wie die Regimenter eines
fliehenden Heeres.

Das war die Sprache, die Vlame wie Wallone verstanden. Nun merkte man
erst ... klammerte sich an...

„England -- was macht nur England?“

„Ja -- wer das wüßte!“

Nicolai Schjelting hatte den beiden entsetzten Geschäftsmännern so
gleichgiltig den Rücken gedreht, als wären es zwei Kassenschränke.
Unten vor dem Haus traf er einen hohen belgischen Militär, dessen
Weißkopf in anderen Heeren auf einen jovialen Feldwebel gewiesen hätte.
Der General Janssen hielt ihn fest.

„Wie steht es, Herr von Schjelting: Krieg oder Frieden?“

„Macht nur mobil!“

„Aber es ist ja nichts vorbereitet!... Nichts in Ordnung!“

„Sehr gut! Wozu habt Ihr denn Euren großen Brialmont gehabt? Wozu habt
Ihr denn Eure Riesenfestungen gebaut? Rußland selbst hat kaum Plätze
wie Lüttich und Antwerpen!“

Ein Raunen hinter der hohlen Hand.

„Für die Engländer!“

„Die Engländer werden rechtzeitig da sein!“

„Das sagt Jeder, der die Geheimverträge kennt! Aber immerhin... Herr
von Schjelting ... ich bin ein alter Soldat! Ich kenne die Preußen!...
Sie müssen ja schließlich da unten durch!... Ich täte es auch! Stellen
wir uns da entgegen, so tragen wir unsere Haut zu Markte!“

In seiner, vom Hause Lambert blutig verwundeten Eigenliebe haßte
Nicolai Schjelting augenblicklich die Belgier so, daß er ihnen ganz
gegen seine Gewohnheit brutal die Wahrheit sagte:

„Ja, tut das nur! Dafür seid Ihr da!“

„Ah -- Monsieur ... diese Sprache...“

„Ah bah: Ihr habt unterschrieben!... Schon vor Jahren... Ihr hattet
Zeit genug, es Euch zu überlegen! Man wird Euch jetzt nicht lange
fragen!“

Im Weitergehen dachte sich Schjelting: die Engländer schmeißen dies
kleine Belgien in den Krieg, wie einen Pudel ins Wasser! Mag es
schwimmen! Unser Hühnerhund heißt Serbien! Der kann’s besser... Er
lächelte schadenfroh. Serbien liebte er. Aber Belgien war die Heimat
seiner Frau...

In seiner Hotelwohnung erhob sich bei seinem Eintritt ein kleiner,
wohlbeleibter Franzose mit blitzenden Augen und schneeweißem
Henriquatre, das rote Bändchen im Knopfloch. Der General de Rigolet de
Mezeyrac war schon ein hoher Siebziger. Aber das gallische Temperament
sträubte ihm förmlich den weißen Haarschopf wie einem alten Kampfhahn.

„Ah, Nicolai ... in welcher Zeit leben wir! Im Großen wie im Kleinen!
Ich bin direkt von Trouville hierhergefahren. Es ist meine Pflicht, als
der Großvater Ghislaines! Es muß vermittelt werden, zwischen ihr und
Ihnen. Jetzt ist nicht die Zeit, die heiligen Bande zwischen Frankreich
und Rußland zu sprengen!“

„Nun ... diese gute Ghislaine ist da anderer Meinung als Seine Majestät
der Zar und Monsieur Poincaré!“ sagte Schjelting kalt. „Sie hat aus
eigenem Antrieb die Trennung unserer Ehe beantragt...“

„... während Sie mit einer Deutschen in Wiesbaden ... oh ... auch
Pariser Freunde haben Sie dort gesehen! Man kennt jetzt Ihre
diplomatischen Reisen!“

„Nichts geschah in Wiesbaden, mein General!... Während hier Ghislaine
mit einem Windhund ... ich vergaß seinen Namen...“

„Ah bah! Lassen wir’s!... Die Laune einer hübschen Frau!“

„Ein Zeichen menschlicher Verblendung! Ghislaine verläßt mich am
Vorabend der großen Stunde, die uns zu Herren Europas macht! Sie
verzichtet auf den Exzellenzenrang, den Gräfinnentitel, die Würde
einer Botschafterin, die Gnade des Petersburger Hofs. Ein nach Benzin
riechender Taugenichts ist ihr lieber...“

„Ah ... kränken Sie nicht diese erbarmungswürdige Frau!“

„Gott mit ihr und diesem Chauffeur! Es ist unter meiner Würde! Kein
Wort mehr!“

„Hören Sie zwei Worte...“

„Nichts! Ich gehöre nicht mehr mir, sondern der russischen
Gesellschaft! Mich erfüllt der Geist Peters des Großen und der Alten
Katharina! Der Schwur Minins und Posharskis. Riechen Sie noch nicht
Pulverdampf, mein General?“

„Ich bin alt. Sehr alt!“

„Sie haben siebzig mitgemacht!...“

„Mitgemacht!... ha ... verwundet war ich ... kriegsgefangen ...
entwichen ... ein Bein im Schnee erfroren..... unter Bourbaki haben sie
mich wieder verwundet über die Schweizer Grenze getragen... Sie wissen
es doch...“

„Und jetzt, Großvater -- Wollen Sie nicht vor Ihrem achtzigsten
Lebensjahr noch einmal die Glocken von Metz und Straßburg läuten hören?“

Die blauen Augen des alten Generals leuchteten. Er zog sich
nachdenklich den Zipfel des weißen Schnurrbarts durch die Zähne und
ließ ihn verzweifelt fahren.

„Sie sind zu stark!... Sie haben ihre Zeit nicht verloren. Ich verfolge
ihre Friedensarbeit. Erst vorige Woche schrieb ich in der ‚France
militaire‘....“

„Und unsere Vorbereitungen: dies heilige Slawenheer, vor dessen
ungezählten Millionen die menschliche Einbildungskraft von Schwindel
erfaßt wird und die Augen schließt? Eh -- was sage ich: ein Heer!
Sie kennen die geheimen Zahlen. Es ist die Sprengung aller Maße und
Begriffe. Es ist die politische Festlegung Europas für Jahrhunderte.
Es ist die Weltgeschichte selber auf dem Marsch!“

„Euer Aufmarsch aber dauert drei Monate!“

„Drei Monate!“

„Und bis dahin müssen wir allein... Es kommt uns über Hals und Kopf!
Wir hatten keine Zeit, uns vorzubereiten...“

„Fünfzig Jahre hattet Ihr Zeit! Auf dem Papier wart Ihr immer bereit!
Da, auf dem Tisch liegen Eure letzten Flugschriften. Man hat sie mir
vorhin aus Paris geschickt!“

„Ich kenne sie!... ‚Die Teilung Deutschlands!‘... ‚Das Ende Preußens!‘“

„Dies las ich schon früher!... Oh nein, die neuesten, die
allerneuesten: Vom Geist dieser Monate: da, Generalstabs-Capitain
Becker: „Der Schlacht entgegen!“ -- Da: Oberstleutnant Montaigne:
„Siegen!“ Da: Reinach: „Die Armee bereit!“... Lassen Sie die Bücher nur
ruhig vom Tisch herunterfallen, mein General!... Da: General Cherfils:
„Bereitet Euch zum Sieg vor!“...“

„Genug! Genug!“

„Da: Oberst Piaron de Mondésir: „Sonne -- wann gehst Du im Osten auf?“
Jetzt geht sie auf!“

„Genug...“

„Da: Oberstleutnant d’André: „Die Banner Frankreichs!“ Da: Oberst
Arthur de Boucher: „Deutschland in Gefahr.“ Wie denn? Deutschland ist
in Gefahr. In der furchtbarsten, in der je ein Land war! -- -- Und Ihr
jauchzt nicht, Ihr Franzosen?“

„Es kommt so plötzlich! Und der Senator Humbert mahnte vor vierzehn
Tagen in der Kammer...“

„Jagt diese Kammerschwätzer zum Teufel! Man wird sie überhaupt überall
aufknüpfen müssen, wenn erst die Freiheit errungen ist!“

„Ah -- gut! Aber ein Waffengang mit Deutschland ist kein Picnic!“

In Nicolai Schjelting schäumte die Ungeduld über. Er stellte sich
breitbeinig vor den kleinen General hin. Er wiegte den Oberkörper hin
und her. Er warf verächtlich den Kopf zurück. Er war jetzt verkörpertes
Moskowitertum. Hochfahrende Herrschsucht.

„...Warum redet und schreibt Ihr dann seit fünfzig Jahren davon -- he?“

„... weil wir uns die Schicksalsstunde Frankreichs selber wählen
wollen! Man hat uns zu fragen!“

„Wir werden nach Berlin marschieren und Ihr werdet Eure Bündnispflicht
erfüllen!... Belieben Sie, mein General: Wozu denn sonst überhaupt dies
Bündnis?... Wozu küßt mein erhabener Herrscher seit Jahren diese dicken
Advokaten, die Ihr Euch zu Präsidenten wählt? Wozu beleidigt man an
solchen Tagen unsere allrussischen Ohren mit Eurer Marseillaise...?“

„Ah bah...“

„Wozu habt Ihr uns im Lauf der Zeiten fünfundzwanzig Milliarden Francs
geborgt? Ah... Solche Summen giebt man nicht umsonst... Die legen Euch
Verpflichtungen auf!“

„Uns?“

„Ein Schuldner wie Rußland kann verlangen, daß man sich für ihn
opfert!... Für ihn ist kein Opfer zu groß!“

„Das ist stark!“

„Vertrauen gegen Vertrauen! Wir haben uns immer nur an Euch gewandt,
wenn wir Geld brauchten...“

„Und dafür sollen wir uns für Euch schlagen?“

„Ja -- was wird denn sonst aus Euren fünfundzwanzig Milliarden?“

Nicolai Schjelting sagte es gleichgiltig. Er stand in lässiger
russischer Haltung, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, die Papyros
schief im Mund.

„Dann machen wir Staatsbankerott, mein General! Atmen auf! Denn Gott
hat uns dann von unserer Schuldenlast befreit. Aber erwägen Sie:
Frankreich ohne seine Zinsen! Man jagt Eure Regierung davon. Eure
Advokaten, Eure Deputierten, Eure Spekulanten, alles! Die Blusenmänner
werden vom Montmartre hinabsteigen!... Sie haben die Commune
mitgemacht, mein General! Sie pflegen zu erzählen, daß Sie neben
Gallifet...“

„Ah -- genug davon!“

„Wollen Sie dies schöne Frankreich im Bürgerkrieg sehen statt im Krieg
gegen Wilhelm?... Unsere breite, russische Natur erträgt viel. Aber nun
habt Ihr uns lange genug ausgesogen!“

Der General griff sich an den weißen Kopf.

„Wir Euch ausgesogen mit unserem guten Geld? Mit den Ersparnissen
Frankreichs?“

„Auch Rußlands Opferwilligkeit hat seine Grenzen!“

„Mein Gott: ist das die Sprache gegenüber seinen Verbündeten?“

Schjelting lachte und legte dem kleinen, zornroten Soldaten von oben
die Hand auf die Schulter.

„Ich spreche jetzt als ein freier Slawe! Ich bin ein Sohn des großen
Rußlands, das sich anschickt, seine geschichtliche Sendung zu
vollbringen! Ihr habt zu folgen!“

„Befiehlt man unter Freunden?“

„Wie ist es denn mit dieser Freundschaft? In der Tat: Man hat in
Kronstadt und Reval Champagner getrunken. Ihr habt Eure Mole in
Cherbourg in Trümmer gerannt, weil unser Väterchen zu seekrank war, um
zu landen... Es wurden Depeschen gewechselt und Geschäfte gemacht. Es
wurde gestohlen...“

„Vielleicht bei Euch!“

„Es wurde grimmig gestohlen, unmenschlich gestohlen, in Petersburg wie
in Paris. Euer Geschäftssinn hat selbst unsere Tschinowniks beschämt...“

„Diese Sprache voll barbarischer Instinkte... Sie sehen mich
erschüttert ... das ist Rußland -- dies große Rußland, das wir zärtlich
lieben!“

„Ihr habt es nie geliebt!“ sagte Nicolai von Schjelting. „Ihr habt es
nie gekannt. Ihr habt Euch nie Mühe gegeben, es kennen zu lernen. Nie
kommt Ihr anders zu uns, als um uns zu bewuchern. Man erkannte Euch an
Euren Zylinderhüten und dem roten Bändchen. Man wußte: nun lassen sie
unser Mütterchen Rußland wieder zur Ader!“

„Wenn Frankreich das hörte...“

„Nie seid Ihr in die slawische Seele eingedrungen. Seht doch diese
Deutschen! Ihre Intellektuellen bewundern diesen abtrünnigen Tolstoi!
Sie kennen Repnin. Sie schrieen, als man bei uns den Holigan
Gorki festsetzte! Sie klatschten sich für die dritte Garnitur des
Kaiserlichen Ballets die Hände wund. Viele Berliner Magazine führen
russische Firmeninschriften...“

„Wir haben das nicht nötig!“

„Nein. Ihr laßt uns für Euch arbeiten. Ihr gebt uns Geld. Wir zahlen
die Zinsen mit Weizen. Unser Bauer hungert, damit Ihr satt werdet.
Jeder kleine Rentner bei Euch hält sich vier Muschiks. Er kennt sie
nicht. Er sieht sie nicht. Er liebt sie nicht! Er weiß nichts von
ihnen, als daß sie seinetwegen schwitzen! Er schneidet die Coupons ...
schneidet in seinem Gärtchen die Rosen. Nicht darum hat man die
Leibeigenschaft aufgehoben, mein Lieber, daß das Ausland die freien
russischen Seelen kauft!“

„Armes Frankreich!“

„Wie denn arm? Dreißig Jahre trug der Muschik die Sklaverei. Nun haben
wir ihn bewaffnet. Er erhebt sich. Statt des Korns wachsen Soldaten
aus unserer schwarzen Erde. Sie marschieren mit sicherem Schritt nach
Berlin. Ihre einfachen und gläubigen Herzen hoffen, dort die Enkel der
Sieger von Jena zu treffen!“

„Ah!“

„Bei uns in Rußland bietet man dem Freund auf einem hölzernen Teller
‚~chleb i sol~‘ -- Brot und Salz. Wir tragen Euch Elsaß und
Lothringen entgegen...“

„Es ist zu viel!“

„Hören Sie nicht schon die Trompeten von Solferino schmettern, mein
General? Sehen Sie nicht schon wieder die Adler Frankreichs von Palikao
bis Veracruz die Welt durchfliegen? Mein Gott: In welcher Schlacht des
zweiten Kaiserreichs kämpften Sie denn nicht? Sie standen als Milchbart
unter den Ersten auf dem Malakoff...“

„Ah -- Erinnern Sie mich nicht!“

„Vernehmen Sie nicht diese Schreie jenseits der Vogesen? Die Tücher
wehen! Diese Frauen und Mädchen in ihren schwarzen Flügelhauben
strecken die Hände aus. Die Menschheit ruft nach Frankreich!“

„Mein Gott ... mein Gott...“ Der General de Rigolet sank erschöpft auf
einen Stuhl. „Nichts mehr, mein Freund! In Ihnen wohnt eine gefährliche
Macht. Sie sind ein Seelenfänger. Sie spielen mit den Menschen...“

„Wie denn? Was bin ich denn?... Ein einfacher Russe!“

„Aber Sie kriechen in die gallische Haut! Sie sprechen wie ein
Franzose!“

„Weil ich dies edelmütige Frankreich und sein Recht auf die Zukunft
liebe!“

Der General de Rigolet kämpfte, in dem Sessel zusammengesunken, mit
sich einen schweren Kampf. Aber das kriegerische Feuer in seinen alten
Augen versprühte. Er machte eine entsagungsvolle, matte Handbewegung in
der Richtung nach Osten.

„Das Alles mögen Sie einem Patrioten sagen, der nicht zugleich Fachmann
ist wie ich! Sie sind zu viel -- die Preußen da drüben -- Sie sind zu
stark. Und Ihr seid fern!“

Er stand mühsam auf. Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Nein. Nein. Wir brauchen mehr. Wir hier im Westen. Wir hier im
Anfang.“

„Ich verstehe Sie, mein General!“

„Schafft uns England!“

„Wir werden es!“

„Bringt das Wunder fertig, diese Leute vom Rennplatz und aus der City
wegzuschleppen...“

„Es ist kein solches Kunststück, mein General.“

„Ah bah: Ich kenne sie. Ich habe mit ihnen Schulter an Schulter
gefochten. In der Krim. Damals war ich achtzehn... Jetzt bin ich
achtundsiebzig!“

„Ihr weißes Haar in Ehren! Aber was beweist das?“

„Daß sie seit zwei Menschenaltern keinen großen Krieg mehr geführt
haben -- das beweist es! Parbleu -- Sie waren früher anders! Aber sie
sind faul geworden, auf ihren Inseln, blutscheu, Jobber, vom Herzog ab!
Sie wollen nur noch Geld verdienen!“

„Und eben darum müssen sie sich schlagen!“ sagte Schjelting lächelnd.
„Warum fassen Sie meine Hände?“

„Lassen Sie das wahr sein... England an unserer Seite ... es wäre ...
dies Frankreich, das wie ein Phönix aus der Asche steigt ... oh
Gott ... mein altes Soldatenblut ... mir klopft das Herz... Ich möchte
selber noch der Trommel folgen!... pah ... umso grausamer nachher die
Enttäuschung! Wenden wir uns mit einem Seufzer ab! Es wird ja doch
nichts mit Englands Hilfe. Wie oft haben wir es schon gehofft. Noch vor
drei Jahren, bei Agadir... Doch Englands Geschütze blieben stumm!“

„~Good morning! How do you do?~“

Sir William Higgins, ~M. P.~, stand hinten im Reiseanzug auf
der Schwelle. Er sah gesund und wohl aus. Sein glattrasiertes,
faltiges Gesicht zeigte trotz der kalten Augen um die Mundwinkel
ein humoristisches Zucken von guter Laune. Ein nervenloser,
angelsächsischer Frohsinn, der auf der Stelle die erregten Seelen auf
dem Festland beruhigte und mit Zuversicht erfüllte. Er schüttelte
Schjelting herzlich die Hand und sagte einfach: „Ich suche Sie!“ Dann
entsann er sich des Herrn de Rigolet. Oh -- man hatte sich auf der
Redaktion des „Matin“ in Paris getroffen. Er, Higgins, der König der
britischen Hetzpresse, war wahrhaft froh, daß der General, dieser
hervorragende Pariser Militärschriftsteller, so gut sein helles,
näselndes Englisch verstand.

„Ein schöner Tag heute!“ sagte er und rieb sich vergnüglich die Hände.
„Ich hoffe ernstlich, daß wir dies gute Wetter noch einige Zeit
behalten!“

„Und der Krieg...“

„Als ich heute früh aus London wegfuhr, war da noch Nebel! Aber ich
möchte doch auf fünf, sechs Stunden Sonnenschein dort rechnen!“

„Sehr wohl! Aber der Krieg, Sir William! Der Krieg!“

„Oh ja ... der Krieg!“ sagte der sehr ehrenwerte Higgins und fuhr
sich über die gläsernen Augen, als habe er ein verdrießliches, aber
unaufschiebbares Geschäft vergessen. „Man war gestern Abend in allen
Clubs der Meinung, daß er sich diesmal nicht vermeiden lassen wird!“

Daß diese Clubs in Londons Mayfair und Piccadilly lagen, erwähnte er
nicht erst. Es war selbstverständlich, daß England nach dem Dinner, in
Frack und weißer Binde, bei Whisky und Soda, die Weltgeschichte für
die anderen Völker machte. Er streckte nachdenklich die langen, dünnen
Beine und fuhr fort:

„Es wird ein rauhes Werk von drei Monaten. Aber die City hat es bereits
escomptiert. Das Geschäft geht wie gewöhnlich. Es wird sich durch die
Beseitigung des deutschen Handels bald sehr beleben! Nie wird Nizza und
Kairo eine glänzendere Season haben als diesen Winter!“

Die Augen des Generals de Rigolet begannen zu leuchten.

„Gestern noch erklärten mir in London manche prominente Amerikaner,
den Winter über in Europa zu bleiben. Sie wollen von Paris aus die
Kriegsvorgänge am Rhein beobachten. Es ist etwas Neues für die Ladies,
wissen Sie...“

„Ah bah -- die Weiber! Wir Männer führen den Krieg! Man kommt nicht so
leicht über den Rhein, Sir William!“

„Nein. Man umgeht ihn!“ sagte William Higgins lächelnd. „Wir landen, wo
wir wollen! In Antwerpen. In Holstein. In Pommern!“

„Also kommt Ihr wirklich, Ihr Engländer?“

„Es ist entschieden, so traurig wir auch sind, Blut zu vergießen. Viele
Bischöfe und Reverends meinen, daß wir auch während des Kriegs für
unsere Feinde beten sollen!“

„Mit wieviel kommt Ihr?... Verzeihen Sie meine Aufregung ... mit
wieviel?“

„Zunächst mit einer Viertelmillion! Die nächsten zwei oder drei
Millionen Männer folgen aus den anderen Erdteilen nach Bedarf!“

„Großer Gott...“

„Inzwischen nehmen wir Helgoland, zerstören Wilhelmshaven und die
Anlagen der Mrs. Krupp...“

„Ah...“

„...Während von Osten sich russische Heere heranwälzen, deren Millionen
Sie nicht mehr an Ihren Fingern abzählen können!“

„Mir schwindelt...“

„Wir treffen uns Alle, nach Versenkung der deutschen Flotte, in Berlin!
Es wird ein heiterer Christmas-Abend!“

Der ehrenwerte Higgins, ~M. P.~, war auch als Tafelredner berühmt.
Er hatte eine schalkhafte Art, bei unverbrüchlich ernstem Gesicht ein
Auge zuzukneifen und trockene Witze zwischen den Zähnen zu kauen. So
sprach er auch jetzt. Es war Alles so einfach, als gälte es einen
Wochenende-Ausflug an die Seeseite. Es nahm dem Abenteuer jede Gefahr.

„Vergessen Sie nicht, daß wir Italien verpflichtet haben, seinen
Verbündeten in den Rücken zu fallen...“

„Ah -- Ihr seid Meister, Ihr Engländer!“

„... daß wir Japan loslassen...“

„Auch das!“

„... daß wir Amerika hinter uns haben...“

„Ja. Ihr seid groß!“

„Von Portugal und den anderen Kleinstaaten nicht zu sprechen...“

„Man kann auch sie brauchen...“

„Mit anderen Worten...“ William Higgins zündete sich seine
Stummelpfeife an und entsandte gleichgiltig eine Wolke von Taback
zwischen den dünnen Lippen... „Verzeihung ... stört Sie der blaue
Dunst...?“

„Oh ... ich liebe ihn, Sir William...“

„Mit einem Wort: die Männer der fünf Erdteile stehen bereit zu Potsdams
Ende. Viel nützliche Arbeit in Bergwerken und Fabriken wird in nächster
Zeit ungetan bleiben. Aber dieser Krieg muß bis Neujahr abgewickelt
sein. Es ist schmerzlich für einen Christen...“

„Ei was... Ich bin Franzose!... Ich bin ein alter Troupier... Mir
jauchzt das Herz!“

„Ich vergaß die Balkanvölker, die auch manches brauchbare Werk für
uns im Feld leisten werden. Darüber wollte ich eben noch mit unserem
vortrefflichen, russischen Freunde hier, Herrn von Schjelting,
sprechen!“

Der General de Rigolet begriff, daß die beiden Herren allein sein
wollten. Er war so erregt, daß er nur etwas Unverständliches zum
Abschied stammelte... Er warf sich unten in ein Automobil. Er platzte
erhitzt, keuchend wie eine Bombe oben in der Rue Royale in die
Wohnräume seines Schwiegersohnes, des graublonden, rosigen Vlamen Léon
Lambert. Madame Lambert, seine Tochter, war da, der alte Hausfreund,
General Janssen, viele andere Belgier... Großkaufleute, Bankiers,
Bergwerk- und Mühlenbesitzer. Das aufgeregte Französisch schwirrte. Es
hatte sich schon, von hundert Seiten zugleich, herumgesprochen: England
kam. England war der Retter. Brüssel und Antwerpen war plötzlich voll
von Engländern, die Jeden, den sie kannten, den sie sahen und sprachen,
bearbeiteten.

„Ah -- wir sind unter Englands Schutz!“

„Wir werden die Deutschen schon empfangen!“

Was wußte man in diesem unmilitärischsten aller Kleinstaaten von dem
furchtbaren, seit fast einem halben Jahrhundert schlafenden Kriegsheer
jenseits der Grenze. Es war längst hier und in den Niederlanden guter
Ton geworden, über die Muffs zu witzeln. Pickelhaube und Paradedrill
von gestern!... Wie anders England! Seine Flotte schwamm und donnerte
auf allen Meeren.

Der General de Rigolet war gleich nach seiner Ankunft an den
Fernsprecher gerufen worden. Paris meldete sich. Er hatte eine lange,
aufgeregte Unterhaltung. Der kleine, dicke Mann lief mit funkelnden
Augen und gesträubtem weißem Haar in die Zimmer zurück.

„Das Neueste! Direkt aus dem Palais Bourbon. Der Deputierte Bonvoisin,
mein guter Freund...“

Oh -- dieser berühmte Bonvoisin ... der Nationalist. Der Vertreter des
Herzens des Seine-Departements. „Nun... Nun?...“

„Paris ist seit heute früh voll von den hervorragendsten englischen
Politikern...“

„Von der Regierungsseite?“

„Und mehr noch von den Tories! Viele Lords! Exminister! Zwei frühere
Vizekönige von Indien. Die ernsthaftesten Geldmänner des Vereinigten
Königreichs... Alles ist in Paris!“

„Und was sagen sie?“

„Krieg! Krieg! Sie steifen Frankreich den Nacken! Diese
bewunderungswürdigen Briten stehen hinter uns! Sie zeigen sich bereit,
den Genius der Menschheit zu verteidigen. Ha: Nun wird er losschlagen
müssen -- dieser viereckige Lothringer im Elysée!... Meine Herren: der
große Morgen graut! Ich höre das Krähen des gallischen Hahns!“

Es war, als flammte auf diesem trunkenen weißen Kopf die blutrote
phrygische Mütze, als rauschten um ihn die Wirbel der Marseillaise:

    „Auf, Kinder Frankreichs, zu den Waffen,
    Der Tag des Ruhms ist wieder da...“

England ist da... Wirft lachend Volk auf Volk in den Weltbrand. Reißt
im Sturm die Erde hinter sich her. So wie der alte General seine
Tochter und deren Mann in ein Nebenzimmer schleifte, wo sie allein
waren. Dort kanzelte er sie puterrot und atemlos ab.

„Sehen wir zu: das ist mehr als eine Dummheit! Das ist ein Verbrechen,
was in diesem Hause vorgeht!“

„Was meinen Sie, mein Vater?“

„Gottlob kam ich vielleicht noch zurecht, von einer bösen Ahnung
getrieben. Seid Ihr denn von Sinnen? Wollt Ihr Euer Kind morden?“

„Wir verstehen nicht...“

„Ist denn dies der Augenblick für Ghislaine, sich von ihrem Mann
zu trennen -- gerade wo er im Begriff steht, die Früchte seiner
unermüdlichen Opfer für Frankreich zu pflücken! Er liebt unser
Frankreich. In seiner Art. Er gesteht es frei. Auf russische Weise. Man
wird es ihm überschwänglich lohnen, nach dem Krieg!“

„Sollte denn wirklich der Krieg...“

„Er liebt auch immer noch diese übelberatene junge Frau, Eure Tochter!
Ich merkte es an der zärtlichen Sanftmut seiner Stimme. Noch giebt es
ein Zurück. Denkt an die Siegestrophäen nach dem Krieg. Wir werden
diesen edelmütigen russischen Freund umarmen, die Frauen von Paris
werden ihn dankbar küssen. Nur seine eigene Frau steht abseits. Eine
Geschiedene. Aus freiem Willen. Eine Baronin ~telle et telle~!...
Und er wird inzwischen vielleicht Fürst...“

„Fürst?... Vater... Sie scherzen...“

„Die Zeit, die heraufsteigt, ist so groß, daß in ihr die Wunder zum
Polichinellspiel werden! Nichts ist mehr unmöglich, außer einer
Niederlage! Dieser unerschrockene Schjelting ist jetzt schon ein
Günstling des Großfürsten, um dessen Fahnen der Sieg weht. Der Zar
schaltet in den eroberten Ländern und verteilt die Würden... ~Madame
la Princesse~ ... ah ... das klingt anders, meine Guten...“

„Es klingt wie ein Märchen, mein Vater!“

„Sapristi: Wir werden aus dem Märchen Wirklichkeit machen -- wir! Wir
mit den Waffen! Und Ihr habt die erbarmungswürdige Kurzsichtigkeit,
diesem Mann den Stuhl vor die Türe zu setzen!... Parbleu... Dann jagt
doch auch gleich mich, Euren alten Vater, auf die Straße!“

„Mein Gott, beruhigen Sie sich, Schwiegervater!“

„Setzen Sie sich auf Ihre Kaffeesäcke, mein teuerer Léon! Von
Valorisation und brasilianischen Kursen mögen Sie Etwas verstehen. Aber
mahnen Sie jetzt nicht einen alten Soldaten des Kaiserreichs zur Ruhe!
Hoho! Und wenn ich auch bald Achtzig bin: ich reibe mir die Hände! Die
Welt wird höllisch unruhig werden, mein Lieber! Man wird Euch Epiciers
nicht fragen!“

Léon Lambert schwieg verschüchtert, innerlich unsicher, nur in Einem
fest: der Sorge um Geld und Gut. Seine Frau, die Pariserin, wiederholte
kopfschüttelnd:

„~Madame la Princesse de Schjelting~...“

Der Alte lachte.

„Vielleicht ist es nur ein Bonmot, meine Tochter! Ich weiß es nicht.
Vielleicht bin ich nicht mehr dabei, wenn die Welt verteilt wird. Aber
ein guter Brocken fällt für Jeden ab, der den Mut hatte, sie aus den
Angeln zu heben. Das ist sicher. Nun: Ihr wischt Euch den Mund! Ihr
verzichtet. Ich bemitleide Euch! Oder vielmehr dies verblendete Kind!
Ja, Dich meine ich, meine Enkelin Ghislaine!“

Zwischen den auseinandergeschlagenen Falten des Vorhangs zum Nebenraum
stand Ghislaine de Schjelting.

„Ist er in Brüssel?“

„Ich traf ihn vorhin beim Rechtsanwalt!“ sagte ihr Vater. Und ihr
Großvater:

„Und ich eben im Hotel!“

„Ich möchte ihn sprechen!“

„Du weißt schon...“

„Mein Gott... Ich war hier im Nebenzimmer. Sie reden laut genug,
Großpapa, wenn Sie erhitzt sind!“

„Umso besser! Es spart mir nur Worte, die ich sonst an Dich gerichtet
hätte, mein Kind! Ermahnungen wegen Deines Mannes!“

„Er soll zu mir kommen!“

„Von selbst kommt er nicht!“

„So holen Sie ihn!“

„Und dann?“

Ghislaine von Schjelting hob nachdenklich die schmalen Schultern. Ihre
weißen Zähne nagten an der Unterlippe. Sie sah aus wie ein ratloses
Kind.

„Sie haben mich verwirrt, Großpapa, mit dem, was Sie vorhin durch das
Haus schrieen!“

„Aha!“

„Vielleicht ist es nicht die Zeit zu überstürzten Entschlüssen!“

„Das meine ich auch!“

„Er wird mich besuchen! Man wird sich unterhalten!“

„Gut so!“

„Ich möchte keinen falschen Schritt tun! Die Reue kommt zu spät! Helfen
Sie mir, Großpapa!“

„Ich werde sehen, was sich tun läßt!“ sagte der Greis. Er fuhr nach
dem Hotelpalast am Nordbahnhof zurück. Es schien ihm unterwegs, als
fiebere dies ewig heiß brodelnde Brüsseler Gassengewühl in den letzten
Stunden noch mehr wie sonst. Die nach vorne offenen Kaffeehäuser
waren überfüllt. Zwischen erregten Geberden und lebhaftem Mienenspiel
unter Zylinderhüten blinkte an den Straßenecken das Weiß der neuesten
Zeitungsblätter. Und doch war dieser alte französische General, der
da durch die Straßen der belgischen Hauptstadt fuhr, vielleicht der
einzige Mensch, der tiefernst darein schaute. Die Brüsseler selber
-- ah bah -- das Leben floß leicht dahin ... man würde ja sehen ...
morgen war auch noch ein Tag... Es gab an den Kursstürzen der Börse zu
verdienen... Herr von Rigolet sah ärgerliche, unruhige, neugierige,
selbst belustigte Gesichter -- aber keines unter den Tausenden, auf
dem das Gefühl der Verantwortung für das große Ganze lag. Kein Belgier
hätte ihn auch, wenn er ihn gefragt hätte, begriffen. Jeder für sich
und Gott für Alle! Wer dachte an die Folgen der Dinge? Man war doch
frei! Und England schützte diese Freiheit...

General de Rigolet kam gerade noch zurecht. Die Beiden, der Russe und
der Brite, waren eben im Begriff, das Hotel zu verlassen, ein Paar,
in dessen Eintracht sich der Wille von Dreiviertel der Erdoberfläche
verkörperte. Wer von den Staatsmännern, den Deputierten, den Notabeln,
den Redakteuren des kleinen Landes Belgien wagte noch zu atmen,
wenn das Zarenreich und das britische Imperium Arm in Arm leutselig
lächelnd bei ihm eintrat? Zum Erstaunen des alten Franzosen war Nicolai
Schjelting sofort bereit, seine Frau zu besuchen. Es war nur die Frage,
ob Sir William geneigt sein würde, hier noch eine Viertelstunde zu
verziehen?

Oh -- mit wahrem Vergnügen! Der sehr ehrenwerte Higgins war jetzt gegen
Ausländer die aufrichtige und schlichte Liebenswürdigkeit selbst.
England brauchte in dieser Stunde alle Völker des Erdballs. Und nun
gar den Arm der dritten Republik. Nichts konnte ihm angenehmer sein,
als von Herrn von Rigolet, diesem hervorragenden Militär-Theoretiker
Frankreichs, Aufschlüsse über den Aufmarsch gegen den Rhein zu
gewinnen. Sie ließen sich Beide in der Wandelhalle des Hotels an einem
Tischchen nieder. Der General war Feuer und Flamme. Seine zitterige
Greisenhand malte mit einem Bleistift rasch und geübt die Ostgrenze auf
die Marmorplatte. Er dämpfte seine Stimme, damit die ringsherum sich
räkelnden Yankees und nägelkauenden Misses aus Arizona nichts hörten.
Pah ... keine Sorge! Hierher kamen die Deutschen nicht. Hierher nach
Belgien nicht!...

„Täten sie denn von Ihrem Standpunkt nicht weise, nach Belgien zu
gehen?“

„Sie müssen! Sie müssen! Ihre Generale begingen ein Verbrechen, wenn
sie die Blüte ihrer Mannschaft vor unseren Sperrforts niedermähen
ließen, während der Weg nebenan in seiner ganzen Breite von Trier bis
Aachen frei ist!“

„Nun also...“

„Haha -- -- wenn sie nicht, zum Glück, Doktrinäre wären -- diese
Teutonen! Ihre Professoren werden sich den Kopf zerbrechen, ob es
auch erlaubt ist, durch Belgien zu gehen! Sie werden es sich so lange
überlegen...“

‚Bis wir von der anderen Seite kommen!‘ dachte sich der Brite. Er
brauchte es nicht erst zu sagen. Er und der Franzose verstanden sich
schon. Der Alte kritzelte eifrig auf dem Marmortischchen den Süden
seiner Schlachtlinie.

„Oh -- wir werden nicht müßig gehen unterdessen ... wir Franzosen! Hier
die Trouée von Belfort!... Der Rhein... Der Idsteiner Klotz ... die
Hüninger Linien ... man wird sie überwinden!...“

„Und dies hier?“

Der General war entsetzt über diese bodenlose, britisch-insulare
Unwissenheit in militärischen Dingen. Eine Sekunde stutzte er in dem
Gedanken: Und dabei fangen sie einen Weltkrieg an!...

„Dies hier, Mylord, ist die Grenze der Rheinpfalz! Die große Lücke
zwischen Hardt und Vogesen! Von hier geht der Stoß bis Stuttgart.
Dort werden unsere Braven sich verschnaufen und auf den russischen
Kanonendonner von Wien her warten!“

„In der Tat ... sehr interessant!“ sagte der Londoner Zeitungsmann kalt.
Beide beugten sich wieder über die zukunftsschweren Bleistiftlinien.
Nicolai Schjelting stieg inzwischen die Treppe im Hause seiner
Schwiegereltern empor. Den Weg zu dem kleinen Boudoir seiner Frau.
Er kannte diese seelenlosen, weißgoldenen Empiremöbel. Er haßte sie,
während er auf Ghislaine wartete. Er dachte sich: Werden sie in dieser
Familie einmal nicht eine Pendule unter einem Glassturz auf den Kamin
stellen? Eher stürzt die Welt ein. Sie sind tötend für einen Mann von
Geist, diese Krämer! Langweilig. Einer dem anderen gleich wie die
Heuschrecken! Ihre Frauen auch. Drahtpuppen ohne Seele. Kein Wille.
Kein Widerstand. Ah ... genug davon...

Er schnupperte in der Luft ... dies wohlbekannte Parfum ... das hatte
sie immer noch... Es war, als atmete man Paris ... süßlich ... ein wenig
welk ... da lag der ‚Gaulois‘... Alles Paris ... auch sie selbst, wie
sie in einem flüsternden Froufrou von weißer Seide, beinahe lautlos,
eintrat -- dieser weiße Puderhauch auf dem schönen Kindergesicht mit
den leise bewegten Nasenflügeln, diese schwermütigen Augen, deren
dunkle Tiefe so viel versprach und so wenig hielt. Diese müden und
weichen Bewegungen einer Schauspielerin vom Gymnase oder Vaudeville.
Sie hatte das Seelenvolle eines leidenden und schmerzlichen Lächelns
an sich. Sie blieb mitten im Zimmer stehen, da, wo sie das Licht der
Fenster am besten auf sich ruhend wußte, und sagte sanft:

„Ich danke Ihnen, mein Freund, daß Sie gekommen sind!“

Schjelting schwieg, mit einem boshaft-geschmeidigen Gesichtsausdruck.
Asien war in seinem Blick.

„Nun, Nicolai: warum sehen Sie mich an?“

„Ich bin erstaunt und betrübt: Sie sind doch sonst eine Frau von
Geschmack. Dies Schwarz-weiß steht Ihnen nicht... Erstens sind es die
Farben Preußens! Nun, wir werden Wilhelms Schilderhäuser verbrennen...“

„Aber: dies Kleid ist doch rein weiß!“

„Nicht von ihm spricht man. Sondern von dem Automantel...“

„Welchem Automantel?“

„Den Sie vorhin in dieser lackierten Eierschale trugen. Es ist
schlechter Geschmack... Man merkt, daß ich nicht mehr da bin! Es ist
Alles schlechter Geschmack... Auch dieser Windhund selber... Nun,
meinetwegen, Madame! Wie’s beliebt!“

„Sie erschrecken mich...“

„Warum denn? Ich tue Ihnen nichts. Sie wissen, ich bin ein Mensch wie
ein Kind...“

„Sie sind mir unheimlich!“

„Wieso, meine Liebe? Sie sehen, ich lächele. Ich bin Philosoph!“

„Sie spielen mit mir! Das dulde ich nicht!“

„Ich spiele noch mit ganz anderen Leuten!“ sagte Nicolai Schjelting
schroff, setzte sich und drehte sich gleichmütig eine Zigarette. „Mit
Ihnen ist es kein Kunststück. Denn Sie waren unvorsichtig, viel zu
unvorsichtig...“

„Sind Sie nur erschienen, um mir das zu sagen?“

„Da Sie es offenbar hören wollten -- ja!“

„Und Sie wagen es, den Sittenrichter zu spielen -- Sie?“

„Nicht wahr -- es ist gegen meine Art? Ich war immer gegen Sie zu
nachsichtig!“

„Gegen sich! Oh ja -- ich gestehe es! Wann waren Sie denn zuletzt in
Wiesbaden?“

„Wiesbaden?“ sagte Nicolai Schjelting mit einem kühlen und überlegenen
Lächeln. „Wie kommen Sie gerade auf Wiesbaden, meine Teure?“

„Wir unterhielten uns schon einmal über diesen Gegenstand! Glauben Sie,
daß ein solcher Badeort nicht tausend Augen und Ohren hat? Inzwischen
habe ich Näheres erfahren. Die Beauforts erzählten es mir. Sie hörten
es von Holländern, den de Vries van Aaken, die dort ständig wohnen!“

„Die Welt ist klein!“

„Sie lächeln? Nun: Sie haben ja allen Grund! Ich beglückwünsche Sie zu
Ihren Erfolgen...“

„Wollen Sie mir nicht erst diese Erfolge selbst nennen?“

„Spielen Sie den Unschuldigen? Man sagt, daß diese Dame bereits verlobt
war, als Sie auftauchten! Daß sie Ihretwegen diesen preußischen
Offizier verabschiedete. Er soll sich nach der Türkei gewandt haben.
Aha ... nun röten sich Ihre Wangen...“

Nicolai Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er fühlte
das Blut heiß zu Kopf steigen. Diese Worte, die wie Nadelstiche von
den geschminkten Lippen dort kamen, diese Worte schenkten ihm ein
Atemholen befriedigter Eitelkeit, wie sie selbst er, der Selbstbewußte,
der Petersburger, noch kaum empfunden. Es war vielleicht nicht wahr.
Er hatte sich in seinen eigenen Träumen nicht so weit verstiegen. Aber
wenn es Anderen schon so schien... Zum ersten Mal in seinem Leben
dachte er sich: Gut... -- ich war vielleicht zu bescheiden...

„Sie schweigen...?“ sagte seine Frau spöttisch nach einer Weile.

Er machte eine Kopfbewegung, als wehrte er eine Fliege ab. Alles
zitterte in ihm. Er sagte sich: Noch hat der Kampf nicht begonnen,
und ich habe für mein Teil schon gesiegt! Den Deutschen aus dem Feld
geschlagen! Ein Glück, wenn man abergläubisch ist! Da geben Einem
solche Schicksalszeichen Mut!

„Also: Wann reisen Sie denn wieder nach Wiesbaden?“

„Sie bringen mich auf eine gute Idee: Morgen!“

„Ah -- das ist stark!“

„Was wollen Sie?... Man muß die Zeit nutzen!“

„Und das sagen Sie mir leichten Herzens ins Gesicht?“

„Ich weiß Sie ja hier in guter Obhut. Sie haben Ihre Freunde. Oder,
seien wir korrekt: Ihren Freund!“

„Und Sie dort! In dieser tragischen Zeit? Hat diese Deutsche Sie
verhext? Sie, der Sie sonst noch nicht eine Birne ohne Berechnung
schälen.“

Nicolai Schjelting stand mit einem grausamen und triumphierenden
Gesichtsausdruck auf.

„Vielleicht habe ich mir auch einmal den Luxus gestattet, mich zu
verlieben!“ sagte er.

„Ah...“

„Warum soll das nur Ihr Vorrecht oder das Anderer sein? Belieben Sie:
Auch ich bin ein Mensch!“

„Unerhört...“

„Mit Dank gegen Gott kann ich mir das jetzt erlauben!“

„Sie wagen auch noch, zu spotten...“

„... weil ich Euch Alle nicht mehr brauche! Ich brauche Euer Geld nicht
mehr! Es stinkt mir in der Tasche...“

„Man wird Sie davon befreien...“

„Ihr habt mir Euren Dienst getan! Genug davon! Grüßen Sie mir diesen
beschränkten Papa Léon! Auch Maman! Die Beiden haben Ihnen einen
schlechten Gefallen erwiesen, meine arme Ghislaine! Klagen Sie Ihre
Eltern an und Ihre ganze Umgebung!“

„Ich weiß selbst, was ich tue!“

„Wozu denn die Tränen in Ihren schönen Augen? Dämmert es Ihnen jetzt,
daß Sie Einsatz und Gewinn Ihres Lebens zugleich verlieren? Seien wir
offen: Es war nicht klug! Man erhebt sich nicht vom Spieltisch eine
Minute, bevor Zéro schlägt!“

„Gehen Sie...“

„Ich bestimme den Zeitpunkt selbst, an dem ich mich von Ihnen
verabschiede und vor meinem Nachfolger verneige! Vielleicht gewinnt er
doch einmal einen dritten Preis in einer Automobil-Wettfahrt irgendwo
da unten, unter diesen guten Leuten der Provinz! Ich werde das leider
nicht verfolgen können. Meine Zeit werden nach dem Krieg die mir
anvertrauten Geschäfte des Ministeriums oder der Botschaft allzusehr in
Anspruch nehmen!“

„Pah...“

„Und mein einziger Schmerz wird sein, daß ich diese Ehren nicht mehr
mit Ihnen teilen kann! Aber Sie haben es so gewollt. Sie sind eine
schlichte Natur. Allem Äußerlichen abhold! Der Glanz des Hofes von St.
James würde Sie als Botschafterin verwirren!“

„Hören Sie auf...“

„Hören Sie auf, zu weinen! Es schadet dem Schmelz Ihrer Augen und hilft
nichts! Ihre Reue kommt zu spät, meine arme Freundin! Senf nach der
Mahlzeit! Ah -- man hat nicht mehr darauf gewartet. Man ist inzwischen
fortgeschritten!“

„Sind Sie zu Ende? Sie sehen, daß Sie mich ermüden!“

„Nur noch zwei Worte! Sie erwähnen mit einer bewundernswerten
Beharrlichkeit das Wort Wiesbaden. Nun -- Frauenwille ist Gotteswille!
Plaudern wir darüber!“

„Genug! Ah ... diese Deutsche...“

„Diese Deutsche wird ernten, was Sie, meine Teure, kurzsichtig
verschmähten! Sie wird auf die Stelle emporsteigen, die ich in
jahrelanger, unermüdlicher Arbeit für meine erste Frau vorbereitet
hatte. Von da wird sie auf Sie hinabsehen!“

„Unerhört...“

„Sie wird an meiner Seite den Schmerz ihres Vaterlandes vergessen.
Sie wird späterhin mit meiner Erlaubnis und mit zarten Händen jene
Beziehungen zu ihrer Heimat wieder anknüpfen, wie sie den inzwischen
geregelten Machtverhältnissen Europas entsprechen. Sie wird zwischen
Siegern und Besiegten vermitteln...“

„Kein Wort mehr von ihr!“

„Ich fürchte, Sie werden meinen und ihren Namen noch häufig genug
im Cirkel der großen Ereignisse hören und lesen! Das ist ja der
Unterschied zwischen uns: Sie hören auf! Ich fange an!“

„Und nur deshalb haben Sie mich noch einmal aufgesucht...?“

„Ich bin untröstlich! Aber ich muß gestehen: Ja!“

„Sie sind ein Elender!“

„Jahrelang haben Sie Ihr Spiel mit mir getrieben, Ghislaine! Ich war
schwach. Leider. Ich bin immer schwach gegenüber den Frauen. Oft
wehrlos!“

„Man sah es in Wiesbaden!“

„Es ist ein Fehler. Ich weiß es. Aber keine Frau hat meine Schwäche
so bar gemünzt, wie Sie! Sie haben die zartesten Regungen meiner
Eifersucht mißbraucht...“

„... in der Sie Vasen und Spiegelscheiben mit Ihrem silbernen
Tula-Stock zertrümmerten...“

„Sie hatten kein Mitleid mit mir... Ich mußte oft abwesend sein!
Wichtige Dinge, die sich jetzt erfüllen, riefen mich. Sie amüsierten
sich, was ich unterwegs bei dem Gedanken an die Möglichkeiten litt, die
unterdessen hier in Brüssel...“

„Sie wußten Manches ganz genau! Sie wollten es nur nicht wissen!“

„Gut! Decken wir alle Karten auf! Wenn dem so ist, so habe ich eben mit
der Vergeltung gewartet! Erlauben Sie, daß ich mich jetzt revanchiere!
Ich erhebe Ihre Nebenbuhlerin zur Königin. Ich entlasse Sie wieder in
die Niederungen der Kaffeeröster und Weizenwucherer zurück, aus denen
Sie stammen! Glückliche Reise!“

Ein zuckender Vorstoß des hochfrisierten Kopfes drüben wie von einer
Schlange:

„Und das befürchten Sie nicht, daß Jene Ihnen ebenso den Laufpaß giebt
wie ich?“

„Mir?!...“ sagte Nicolai Schjelting mit unergründlichem Lächeln.

„Nun -- ich tat es!“

„Pardon! Ich habe die Brücken abgebrochen. Sie waren zur Versöhnung
bereit! Und nun Schluß! Das Übrige zwischen uns ordnet Maître Nicolas.
Auch wegen der Erziehung der Knaben. Sie weinen noch immer? Sie
erweisen mir zu viel Ehre! Nun, mit Gott!“

Nicolai Schjelting stand vor der in sich zusammengesunkenen und
krampfhaft schluchzenden Pariserin mit der Beruhigung der genommenen
Rache: mit den Instinkten des Ostens, wie ein Mann des Morgenlands,
der seinem Weib den Scheidebrief schrieb, um eine Andere zu ehelichen.
Eine brutale Verachtung: Ich verstoße Dich! Nimm Deine Mitgift und geh’!

Vor dem Haustor drehte er sich grausam lächelnd eine Zigarette. Und
doch klopfte sein Herz. Leuchteten seine Augen. Er dachte an Wiesbaden.
Er dachte an die Welt. Beides verschwamm ihm im Rausch dieser Tage zu
Einem. Er sagte sich: Ja. Ich stehe in vollem Brand. Während er dann
das Streichholz entzündete, dachte er weiter: Und so setzt man die Welt
in Brand! Eines trägt das Andere...

Und heute ist die Antwort Serbiens auf das Wiener Ultimatum fällig...

Er kannte sie schon. Ihn beunruhigte sie nicht. Er ging zu Fuß
die glänzenden Straßenzüge hinunter. Die geputzten Menschen umher
erschienen ihm ahnungslos wie Schafe auf grüner Wiese. Er verachtete
sie. Selbst die hübschen Frauen langweilten ihn durch ihren Anblick. Er
war der Kultur und ihrer Schranken überdrüssig. Er sah Kosackenfackeln
vor sich. Hörte von den Steppen des Ostens das ferne, wilde,
zehntausendfache ‚Urrahâ!‘ Eine nervöse Blutgier belebte ihn bis in die
Fingerspitzen. Eine zurückflutende Welle aus grauer Vorzeit, da man
den Häuptling des Feindesstammes mit der Steinaxt erschlug und seine
Tochter als Siegesbeute auf starken Armen heimtrug. Er dachte sich: So
hole ich mir meine zweite Frau aus den Flammen Deutschlands heraus...

Unten, am Platz Charles Rogier, saßen der General de Rigolet und der
sehr ehrenwerte Higgins noch an den Geheimzeichen des Marmortischchens.
Sie hatten inzwischen auch Budapest erobert und sich im Norden
siegreich mit den durch Westfalen vorrückenden Engländern vereinigt.
Hannover war bereits wieder ein Teil des Vereinigten Königreichs. Das
Schicksal Bayerns noch nicht entschieden.

Die Beiden, der Franzose und der Engländer, reichten dem herantretenden
Russen herzlich die Hand. Sir William Higgins tauchte eine Serviette
in das Wasserglas neben der Kaffeetasse und rieb sorgfältig alle
Bleistiftspuren ab. Sein bartloses Antlitz, dessen steinerne und doch
gesunde Falten ebensogut auf einen Mann von fünfunddreißig wie von
fünfzig Jahren schließen lassen konnten, zeigte einen trockenen Ernst.
Er saß, das linke Bein über das rechte Knie gezogen, die Stummelpfeife
im Mund, gedankenvoll wie ein Geschäftsmann in Erwartung wichtiger
Kabelkurse. Dann runzelte er die Stirne, sah auf die Uhr und versetzte
plötzlich und halblaut:

„Well! In Kurzem bringen alle Abendblätter Europas die serbische
Antwort. Ihr Wortlaut ist mir seit gestern bekannt. Ich kann ihn Ihnen
jetzt mitteilen.“

Der Weißkopf des Generals senkte jäh ein Ohr gegen die dünnen Lippen
des Anderen.

„Und was sagt die Note?“

„In allen wesentlichen Punkten: Nein!“

„Oh -- dies unerschrockene kleine Serbien! Sein heldenmütiges Beispiel
wird die Zögernden in dem großen Frankreich mit sich reißen!“

„Das tut allerdings not!“ sagte Higgins kalt.

„Sapristi: den letzten Mann werden wir aufbieten zur Rettung der
Kultur. Wir holen unsere bewunderungswürdige, schwarze Armee über das
Meer. Unsere Turkos und Senegalneger werden im Hafen von Marseille Eure
Sikhs und Gurkhas bejubeln...“

„Wir rufen von London aus alle Männer der Erde bis zu den Basutos und
Maoris zu den Waffen!“

„Unsere tapferen Kosacken des Zaren werden Euch nach Potsdam
entgegenreiten! Das heilige Rußland verbrüdert sich mit Euch zum Kampf
für die Zivilisation!“

„Ja. Alles hängt jetzt von Rußland ab!“ versetzte William Higgins und
sah Schjelting forschend an.

„An dem Willen des Zaren hängt das Schicksal der Welt!“ sagte atemlos
der alte Rigolet. „An diesem einen Namenszug: ‚Nicolai‘!“

„Sie schweigen immer noch, Herr von Schjelting! Sie entsetzen mich.
Sollte wirklich Ihr erhabener Herrscher noch zögern?“

Über den Platz kam rasch sich näherndes, wildes Geschrei. Die
Zeitungsverkäufer rannten, ließen hinter sich einen Wirbel von Blättern
in den Händen, auf dem Boden wie von Schneeflocken. In der Wandelhalle
waren die Gäste aufgesprungen und rissen den Kellnern die Nummern aus
der Hand. Ein Stimmengewirr: „~Voilà!~... ~Belgrade!~...
~La réponse ... ah ... voyons~...“ Nur die Yankees blieben
begriffstutzig sitzen. Was wußten sie von Serbien und dem Balkan? Von
Europa überhaupt, außer ihren beiden Jahrmärkten der Eitelkeit: Paris
und London?

Die Antwort Serbiens auf das Ultimatum... Serbien leistete Widerstand.
Serbien lud seine Geschütze. Woher kam ihm dieser Mut zum Spiel um Sein
und Nichtsein? Nicolai von Schjelting zog ein Notizblatt aus der Tasche.

„Auch ich kannte die Antwort!“ sagte er zu dem Zeitungskönig aus
Oxfordstreet. „Aber auch ihren Ursprung...“

„Man frug von Belgrad aus in Petersburg an, was tun? Ich weiß...“

„Nun: hier die urkundliche Erwiderung Rußlands!“

William Higgins las:

„Bitte zu mobilisieren!“

Ein Schweigen. Dann versetzte er, das Blättchen hinlegend:

„Das ist der Weltkrieg!“

„Der Weltkrieg nach Rußlands Wille!“ sagte Nicolai von Schjelting.
Ein unheimliches Leuchten glomm in seinen Pupillen. Im Geist sah er,
fern da unten, den Strand der Donau, da, wo an der großen und kleinen
Kriegsinsel die Save sich in sie ergießt. Es dämmerte nun wohl schon
dort im Südosten über Belgrad. Mit ausgelöschten Lichtern graute
die Teufelsstadt durch die Nacht, hinüber nach Semlin und über die
breite Wasserfläche nach dem ungarischen Nordufer. Und in dem Dunkel
dieser Nacht regte es sich vielleicht jetzt schon geheimnisvoll zu
beiden Seiten der beiden Ströme, ratterten Automobile, knarrten
Räder, klirrten Waffen, raunten Stimmen. Plötzlich ein kurzer, lauter
Befehl: ‚Erstes Geschütz Feuer!‘ Ein Purpurzucken durch das Schwarz.
Der Doppelklang von Abschuß und Einschlag. In der finsteren Weite von
Wasser, Luft und Land verrollte der Widerhall des ersten Schusses...



X.


Nie segnete die Sonne liebevoller das deutsche Land als in diesen drei
letzten Julitagen des Jahres 1914. Nie war unter dem blauen Himmel
mehr Fruchtbarkeit, Fröhlichkeit und Frieden zwischen Maas und Memel.
Es brauste im Gewühl der großen Städte: Unser täglich Brot gieb uns
heute! Das Dorfkirchlein läutete hinaus ins Ackerland: Im Schweiß
des Angesichts sollst Du Dein Brot essen! Tausend Wimpel wehten in
den Häfen: Mein Feld ist die Welt! Hunderttausend Treibriemen und
Maschinen sangen: Rast’ ich, so rost’ ich! Und Alles, was an Gütern
der Gesittung täglich aus deutscher Hand entstand und über die Erde
ging, blickte zurück zu den Stätten deutschen Geistes, zu den Retorten
und Reißbrettern, den Kontorpulten und Kathedern: Ich bin die Tat von
Deinen Gedanken!

Nie war Deutschland so arbeitsfreudig, so festefroh gewesen. Feiern und
Reden überall im neuen Reich. Aus den Fenstern Wiesbadens grüßten die
Fahnen. Es tagte wieder ein Kongreß in der Bäderstadt. Aber die Flaggen
hingen schwer und unbewegt zu Boden, wie erschöpft von der bleiernen
Schwüle, der unheimlichen Stille des Mittags, die nur vom Kurpark her
das Jauchzen spielender Kinder unterbrach.

Gegenüber, in der Sonnebergerstraße, saß der Geheimrat Tillesen nach
Tisch mit seinem Schwiegersohn, dem Großindustriellen Martius, im
Schatten der Veranda. Der Reichstagsabgeordnete hielt die glimmende
Havannah schräg in dem mächtigen, rotbraunen Vollbart. Ein großer,
schöner Mann zu Anfang der Vierzig, hatte er die starke Stimme und die
ungestümen Bewegungen des Volksredners.

„Nee, Schwiegervater -- ich bin doch auch nicht gerade ein Waisenknabe
-- nicht wahr? Ich stehe doch mitten im praktischen Leben. Ich bin,
wie ich da geh’ und steh’, täglich fünfhundert Aktionären, zweitausend
Arbeitern und fünfzigtausend Reichstagswählern Rechenschaft für mein
Tun und Lassen schuldig! Auch ’n Vergnügen, besonders das Letztere! Na
-- was tut der Mensch schließlich nicht Alles freiwillig, wenn er muß?“

„Wer zwingt Dich denn?“

„Ich mich selber! Ich brauche Umtrieb um mich! Wo ich hinkomm’, da
kriegen die Leute Beine! Das ist komisch!“

Er lachte tief und stark, mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, dem
das Leben durch Erfolge über Erfolge, im Hause wie auf dem Markt, Recht
gab.

„Die Phila, die jammert auch immer, daß ich mich wieder hab’ wählen
lassen! Das sei so roh -- unsere innere Politik! Ich sag’ ihr: Zum
Deubel auch! Teures Weib: Ich muß mich ’rumschlagen, das bin ich meiner
Gesundheit schuldig!“

Exzellenz Tillesen lächelte einen Augenblick. Dann wurde sein stilles,
graubärtiges Gelehrtengesicht wieder tiefernst. Er hatte die Brille
abgenommen. Goldene Sonnenlichter spielten durch das Buchenlaub auf
seiner mächtigen, hochgewölbten Stirne. Er unterbrach den Schwiegersohn
nicht. Er wußte: der hörte lieber sich selber reden als Andere.

„Kampf war, ist, wird immer sein! Die Menschen sind nu ’mal eine
verwünschte Rasse! Das hat der alte Fritz schon richtig erkannt! Aber
die Mittel, wie sie sich verkeilen, wechseln. Heutzutage führt man den
Krieg im Frieden. Es braucht doch nicht ewig der olle Schießprügel zu
sein, um zu ermitteln, wer der Stärkere ist. Der synthetische Indigo
tut’s unter Kulturmenschen schließlich auch.“

„Also glaubst Du wirklich nicht an die Möglichkeit eines Weltkriegs,
Hugo?“

„Weißt Du, was die Geschichte unter Brüdern kosten würde --
Einhundertfünfzig Millionen täglich! Fünf Milliarden Mark in jedem
Monat! So viel Geld giebt’s ja gar nicht. Das weiß jeder Fachmann. In
einem Vierteljahr ist der Erdball pleite!“

„Ja -- davon verstehe ich nichts!“

„Weiter: die Menschenkräfte! Zwanzig Millionen Männer in Europa unter
Waffen! Ja, zum Kuckuck! Wer pflügt denn für sie? Wer steht denn für
sie am Heizkessel? Hinterm Ladentisch? In der Werkstatt? Frag’ die ’mal
Alle! Die wollen bei ihrer Arbeit bleiben und ihre Familien ernähren
und nicht über Andere herfallen!“

„Wir Deutsche gewiß nicht!“

„Und ebensowenig die Übrigen! Glaubst Du, daß ein Bergmann in Wales
oder ein Winzer in Frankreich oder ein Bauer in Rußland Krieg will?...
Die denken nicht daran!“

„Die nicht, aber Andere!“

„Ja -- zum Donnerwetter -- verzeih’, Schwiegervater, wenn ich ’mal auf
den Tisch haue -- wo stecken sie denn, diese verfluchten Kerle, diese
Massenmörder, diese...“

„Bei uns sicher nicht!“

„...’Raus mit der Bande!... An’s Tageslicht, daß man diese
gottverlassenen Visagen ’mal sieht! Für die Gesellschaft würde sich ja
die Verbrechergallerie in Kastans Panoptikum bedanken!“

„Höre, Hugo...“

„Und endlich die Herrscher selbst! Sonst überlegen sie es sich, ob
sie ein Todesurteil gegen einen Verbrecher unterzeichnen sollen! Bei
der Unterzeichnung des Mobilmachungsbefehls handelt es sich um das
Todesurteil gegen Hunderttausend, die nichts verbrochen haben! Das kann
doch Keiner von ihnen! Da sträubt sich ihm ja die Hand...“

„Und doch hat der Zar die Mobilmachung der russischen Armee befohlen!“

„Wer sagt das?“

„Ein Balte, einer meiner Patienten, der sich heute morgen in aller Eile
von mir verabschiedet hat. Der Mann hatte Tränen in den Augen!“

„Die Mobilmachung gegen Österreich?“

„Nein! das ganze russische Heer!“

„Auch gegen uns?“

„Auch gegen uns!“

Die Männer schwiegen. Aus dem Parkgrün gegenüber jauchzten die Kinder.
Von fern klang der dumpfe Paukenschlag der Kurmusik. Endlich sagte Hugo
Martius entschlossen:

„Dein Balte in Ehren! Aber das glaub’ ich einfach nicht! Er hat
irgendwas läuten hören und nicht schlagen...“

„Es ist ein Graf, mit vielen Beziehungen scheint’s, in Petersburg!“

„Na eben!... Was mag dort jetzt Alles gemunkelt und gestänkert werden,
was nachher ... nein ... ich glaub’ es nicht! In acht Tagen lachen wir
darüber!“

„Geb’ es Gott!“

„Geht Deine Uhr richtig, Schwiegerpapa? In fünf Minuten halb Vier?...
Na, dann wird’s Zeit!“

„Du willst doch nicht wirklich heute Nacht nach Paris!“

„Da unsere internationale Gruppe von Friedensfreunden sich zu Ende Juli
zu einer Sitzung dorthin verabredet hat...“

„... aber doch unter anderen Voraussetzungen...“

„... so würde das Fernbleiben eines Deutschen eben jetzt doppelt
mißdeutet werden! Gerade in dieser kritischen Zeit ist es meine
Pflicht, nach Paris zu gehen! Ich sehe Jaurès morgen früh, gleich nach
meiner Ankunft. Sein Wort ist in Frankreich eine Macht! Man muß ihn und
alle vernünftigen Menschen draußen in ihrer Überzeugung bestärken, daß
Niemand in Deutschland den Krieg will!“

„Nun ... das weiß der Himmel!“ sagte der Geheimrat. Wieder verstummten
die Beiden. Durch das Gebüsch blinkte von der Nachbarvilla des
Generals z. D. Isebrink her ein scharlachroter Schein. Ein Diener
hängte einen funkelnagelneuen Waffenrock über die Stange und begann
ihn auszubürsten. Er hatte bei der Kavallerie gedient. Man merkte es
daran, daß er, in seiner blauweiß gestreiften Jacke, abwechselnd den
Finnischen Reitermarsch und „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs
Pferd!“ vor sich hinpfiff.

„Und Phila läßt Du vorläufig auch ruhig in Italien?“

„Na, Du kennst doch Deine Tochter, Schwiegerpapa! Die kriegen doch zehn
Pferde nicht aus ihrem geliebten ~bel paese~, wenn sie ’mal wieder
glücklich da unten sitzt!“

„Vielleicht kommt sie von selbst auf den Gedanken...“

„Phila und in Italien denken! Da wandelt sie Mond mit offenen Augen.
Ißt und trinkt nicht, sondern wird vom Süden satt und kriecht friedlich
unter ihr Moskitonetz. Flöhe? Oh bitte: das ist kein Floh! Das ist
~una pulce~! Hut ab vor dem Vieh. Es ist klassisch!“

„Nun ja... Schließlich ist das auch ein Stück unseres Wesens!“

„In Deutschland sollten ’mal in so ’nem finsteren Stinkgäßchen mit
darüber gespannten Lumpen solche schmutzigen Bälge sie am Rock zupfen.
Die hätten gleich eins hinter’m Ohr. Aber dort... ~Oh -- questa
ragazzaglia!... prenda! prenda!~... Da habt Ihr, Kinder! Rein
närrisch!“

Hugo Martius hatte gelacht. Jetzt wurde er doch wieder sehr ernst.
Er sagte, unwillkürlich und halb in Gedanken: „Der Zar, der den
Friedenstempel im Haag gebaut hat ... ach wo... Es ist einfach ein
Petersburger Bluff... Darin sind die Herren Russen Meister...“ und
dann, sich ablenkend: „Wo steckt denn eigentlich Inge?“

„Drüben, im Hotel, bei ihrer amerikanischen Freundin!“

„Der berühmten Ethel, mit der sie uns früher nach ihrer Rückkehr aus
den ~States~ zur Verzweiflung brachte?“

„Ja, eben der... Sie ist zum Besuch hier...“

„Na -- dann wird Deine Tochter wohl wieder ganz verdreht...“

„Ich weiß nicht ... sie ist anders... Es wird Niemand mehr aus ihr
klug...“

„...Sie sieht blaß aus! Du solltest ihr Eisen verschreiben,
Schwiegervater!“

„Wenn die Zeit uns nicht Allen Eisen verschreibt... Die Inge ist doch
eigentlich so ganz ein Kind unserer Zeit. Aber sie findet sich in ihr
nicht mehr zurecht...“

„Ach ... heiraten soll sie...“

„Sie hat ja eben ihr Schicksal aus der Hand gegeben. Manchmal kommt es
mir vor, als bereute sie’s und wollte es zurückrufen... Es kämpft Etwas
in ihr ... so wie da draußen Krieg und Frieden miteinander kämpften. Ich
merke es wohl, wenn sie auch nie mit mir darüber spricht!“

„Kannst Du denn da nicht vermitteln?“

„Nein, Hugo! Sie muß selber sehen, wo sie bleibt. Im Krieg oder im
Frieden!“

Hugo Martius stand auf.

„Also nochmals: ich glaube an den Frieden!“ versetzte er. „Wir können
mit mehr Recht als der kleine Napoleon sagen: ‚Das Kaiserreich ist der
Frieden!‘ Seit Versailles hat Europa Ruhe! Das verdankt es uns!“

„... wenn es uns das dankt!“

„Na bitte: Wen reizen wir denn? Wen verletzen wir denn? Wen schädigen
wir denn? Wir sind doch mit aller Welt Freund! Wir haben ein offenes
Herz für Hinz und Kunz. Wir sind doch nun ’mal Idealisten. Ich glaub’
an die Menschheit. Das ist nun ’mal deutsche Art!“

„Und soll es bleiben...“

„... soll es bleiben ... in ehrlicher Friedensarbeit ... die sollen
sie uns nicht stören, die verfluchten Kerle... Es brennt mir auf den
Nägeln, so hab’ ich zu tun! Du hast zu tun! Jeder hat bei uns zu tun!
Keiner hat Zeit! So ... nun kurbeln Sie ’mal an, Mann Gottes! In sieben
Minuten muß ich am Bahnhof sein!... Adieu... Adieu!“

Geheimrat Tillesen kehrte von dem Parkgitter, bis zu dem er seinen
Schwiegersohn geleitet hatte, in das Haus zurück. Das war still und
leer. Auch in dem Laboratorium, in das er hinüberschritt, empfing ihn
nicht die halblaute Unterhaltung in fünf, sechs Sprachen wie sonst.
Feiner Staub lag schon auf dem Platz, wo früher der Montenegriner Dr.
Woinowitsch seine betäubten Frösche präpariert hatte. Nur eine Karte an
einen Kollegen war von ihm aus den Schwarzen Bergen gekommen. Er hoffe,
in Kurzem im Kampf gegen die Schwaben seine Pflicht zu tun...

Der Gelehrte schüttelte still den Kopf. Er trat an den Nebentisch und
frug dort den bartlosen jungen Amerikaner Washington J. Parker, der
mehr wie ein Baseball-Athlet als wie ein Physiologe aussah:

„Nun -- nicht bei der Arbeit?“

„~Oh -- I beg your pardon, Excellency -- but...~“

„Wollen Sie nicht Deutsch in meinen Räumen mit mir reden? Was heißt
denn das?“

„~Well.~... daß ich abreisen möchte! Ich schätze: Es giebt Krieg
und man braucht mich drüben!“

„Doch nicht in Amerika?“

„~Oh no!~ In England! Ich bekam heute Kabel-Neuigkeiten
aus New-York. Manche meiner Freunde wollen einen freiwilligen
Sanitätsdienst mit Automobilen einrichten. An der englischen Front. Da
tun modern geschulte, junge Ärzte not...“

„Mit dem, was Sie hier gelernt haben...?“

„Oh -- ich kämpfe doch nicht! Ich helfe doch nur -- wenn es welche
geben sollte!... den Verwundeten!“

„... auf der Seite unserer Feinde?“

„~Yes, Sir!~“

Der Amerikaner hatte vor Erstaunen ganz runde Augen. Natürlich half
man den Engländern. Das war doch selbstverständlich. Ehrenpflicht des
Erdenrunds. Es gehörte zu den Sonderbarkeiten der Deutschen, das nicht
einzusehen. Immerhin: die zwei Jahre hier waren nicht verloren. Er
drückte seinem bisherigen Lehrer kraftvoll zum Dank die Hand, zeigte
freundlich lächelnd die goldplombierten Zähne und ging. Exzellenz
Tillesen zuckte gelassen die Achseln und trat in den Nebenraum. Da
hörte er die laute Stimme der Besobrasowa zu den beiden deutschen
Assistentinnen:

„Läbben Sie wohl! Ich gähe!“

„Tun Sie’s oder ich melde es Exzellenz, was Sie hier für
Ungezogenheiten vorbringen!“

„Umso bässer! Ich habe genug bei ihm gelärnt. Oh -- Ihr seid dumme
Mänschen!“

„Sie ist so frech, Exzellenz!“ sagte Dr. Käthe Cornelius. Und Dr. Irma
Enderlin, mit rotem Kopf über dem weißen Kittel:

„Ich möchte sie am liebsten ’rausschmeißen!“

Die kleine, dicke Russin zog höhnend den Mund von einem Ohr bis zum
andern.

„Oh -- Vor Ihnen habe ich Aehrfurcht, Exzellenz! Ihnen wird man auch
nichts tun!“

„Sehr gütig!“ sagte der Geheimrat. „Und uns Andern!“

„~Pomiluite!~.... Die Wurstfrässer wollen uns Gesätze
vorschreiben! Nun: man wird sähen! Wir wärden kommen!“

„Den ganzen Nachmittag nennt sie uns Wurstfresser, Exzellenz!“

„’raus!“ schrie Irma Enderlin wütend und schwenkte ein Reagenzglas.

„Ich glaub’ wahrhaftig, sie hat draußen noch die Zunge ’rausgestreckt!“

„Bleiben wir bei der Sache, Fräulein Cornelius. Wie steht es mit den
Tabellen?“

„Wir kommen nicht vorwärts, Exzellenz! Die Ausländer sind ja über Nacht
alle ausgerückt. Es ist zu viel!“

Die beiden Damen saßen vor einem kleinen Berg toter weißer Mäuse.
Andere huschten oder wankten, je nach ihrem Impfungsstadium, in kleinen
Käfigen um sie herum.

„Ja, da sollte aber Katsura doch selber so vernünftig sein und Ihnen
ein bischen zur Hand gehen? Wo steckt er denn?“

Niemand wußte, wo der Japaner geblieben war, der seit sieben Jahren in
diesem Hause ganze Assistentengeschlechter überdauert hatte und in alle
Forschungsgeheimnisse des Laboratoriums eingeweiht war.

„Da kommt eben der Mathes zurück!“ sagte Fräulein Cornelius. „Der hat,
glaub’ ich, nach dem Kerlchen geschaut!“

Der Laboratoriumsdiener trat ein. Er war in der Großen Kirchstraße
gewesen. Die Wohnung des Dr. Katsura stand leer. Er war ganz
heimlich und plötzlich mitten in der Nacht abgereist. Weder Miete
noch Rechnungen hatte er in der Eile bezahlt. Auch keine Zeile
zurückgelassen.

„Seltsam ... sehr seltsam... Nun, mein lieber Dr. Pfeiffer ... dann
werden Sie jetzt für die Hauptarbeit einspringen müssen...“

„Für die nächsten Tage gern, Exzellenz!“

„Und dann?“

„Ich bin dienstpflichtig, Exzellenz!“

„Ach so -- ja --“

Exzellenz Tillesen erschienen seine eigenen, durch die Gewohnheit
langer Jahre vertrauten Forschungsräume plötzlich verändert. So still.
So leer. Eine unsichtbare, unbekannte Macht griff herein, holte sich
die Menschen nach anderen Orten, zu anderen Zwecken...

„Wir müssen mit der Arbeit fertig werden!“ sagte er. „Ich brauche
die Grundlagen für meinen Vortrag im August, auf dem Internationalen
Kongreß in Kopenhagen.“

Dabei fiel ihm wieder ein: Was sprichst Du da? Vielleicht werden die
internationalen Begegnungen bis dahin anders und furchtbarer. Es war so
schwer, sich aus dem Geleis der Gewohnheiten loszulösen. Fast fünfzig
Jahre Frieden. Frieden und Lebensluft war fast dasselbe.

Er machte seinen gewohnten Nachmittags-Spaziergang die Höhen hinter
Wiesbaden hinauf und sein Herz war schwer. Er dachte sich: habe ich
richtig mit meinem Pfund gewuchert oder tat ich zu viel, indem ich
Jedem, der da kam, den deutschen Überfluß bot, dem Weißen wie dem
Gelben, dem Amerikaner wie dem Asiaten?

Von oben konnte er sein Laboratorium sehen. Das war nun verlassen wie
ein sinkendes Schiff. Alles fort in der Stunde der Not. War das der
Dank? Er war sechzig Jahre alt und kannte die Welt. Darum ging es ihm
durch den Kopf: Zuviel Dankesschuld verkehrt sich in Haß. Bei dem
Einzelnen wie bei den Völkern. Wir waren zu arglos. Wir waren zu reich.
Wir gaben zu viel... Und zu Vielen...

Die Straßen der Bäderstadt unten waren jetzt, gegen Abend, wieder
wimmelnd belebt. Aber anders als sonst. An allen Ecken und Plätzen
weiße Punkte und schwarze Flecken. Die Extrablätter und die
Menschengruppen vor ihnen. Darüber, müde hängend, wie welk, die
Festfahnen.

Und wieder dachte er sich: Nein. Es kann ja nicht sein! Die Welt wider
Deutschland!... Die Welt ohne Deutschland! Ein Körper ohne Herz und
ohne Hirn!...

Mit dem geistigen Auge sah er von seiner Waldwarte oben weit über das
gesegnete deutsche Land und seine Ströme und seine Städte. Er sagte
sich: Dort in Mainz haben Deutsche die erste Bibel gedruckt, dort in
Freiburg haben sie das Pulver erfunden, dort am Bodensee erfüllten sie
den tausendjährigen Traum der Menschheit und lenkten ihr Schiff durch
die Lüfte, dort in Heidelberg entdeckten sie die Spektral-Analyse,
dort in Heilbronn das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Dort in Jena
lüfteten sie die Welträtsel. Dort in Frankfurt, dort in Marburg, dort
in Berlin ersannen sie die Gegengifte gegen die Geißeln der Menschheit.
Dort in Würzburg die Röntgenstrahlen. Dort in Mannheim und Stuttgart
den Explosionsmotor?. Und er dachte sich: Ja -- was wollt Ihr denn noch
von uns, Ihr Anderen? Von uns, den ewig Gebenden?

Und dies Alles war nur sein eigenes Feld, die exakte Wissenschaft.
Und er übersann es im Weiterwandeln: Ein Deutscher schlug dort in
Wittenberg seine Thesen ans Domtor. Ein Deutscher lehrte dort in
Königsberg der Menschheit den kategorischen Imperativ. Deutsche prägten
den Arbeitern aller Länder die Gesetze des vierten Standes und seiner
Zukunft...

In der Stadt unten ging etwas Seltsames vor: die schwarzen Flecken
schienen sich aus sich selbst heraus zu vergrößern, schwammen
auseinander, bedeckten Kopf an Kopf die Straßen und Plätze, lösten sich
in Gruppen, in laufende Punkte... überall dazwischen, immer neu, die
weißen Extrablätter...

Exzellenz Tillesen oben sah es mit einem eigenen stillen Gram um die
Menschheit. Er glaubte immer noch nicht daran. Es kam zu rasch. Es
widersprach Allem, was sein Leben geleitet hatte. Er ging weiter und
dachte sich: Wissenschaft ist Stückwerk! Taten wir Deutsche denn nicht
noch viel mehr? Schenkten wir der Welt nicht das Wunder von Weimar? Den
Zauber von Bayreuth? Gaben wir ihr nicht die Bibel wieder, begnadeten
wir sie nicht mit dem Faust, der Neunten Symphonie?...

Und das der Dank?... Und das der Dank?

Es wollte dem Geheimrat Tillesen nicht in den Kopf, der sonst Alles in
der Natur, vom Regenbogen bis zum Regenwurm, mit gleicher Liebe begriff
und umfaßte. Man mußte dazu umdenken -- ganz von vorn anfangen, bei
den primitiven Instinkten der Steinzeit und ihres noch halbtierischen
Hasses... Er frug sich wieder: Woher der Haß? Wir schenkten doch nur!
Spendeten mit vollen Händen! Gaben mehr, als ich übersehen kann,
in Technik, Handel und Verkehr. Unser Schutz der Alten und Kranken
war vorbildlich für die anderen Staaten, unsere Offiziere waren die
Waffenmeister fremder Völker, unsere Tore der Erkenntnis standen Jedem
offen, vom Balkan bis nach Japan. Unser Herz auch. Die Hälfte aller
ausländischen Menschen, die bei ihrem Volk berühmt sind, sind es,
weil wir sie dazu machten, sie besser verstanden, als ihre eigenen
Landsleute. Und wir waren so froh, daß wir neidlos geben konnten.
Da unten im Tal hingen die Fahnen und sprachen: Wir feierten Feste.
Bunte Wimpel überall. Kein Flecken ohne ein Jahrhundertgedächtnis,
keine Stadt ohne Ausstellung. Noch ist auch heute der Himmel über
uns blau, scheint golden die sinkende Sonne, singen die Vögel im
Grün ihr Abendlied. Aber es geht ein Ahnen durch die Welt... Etwas
Ungeheuerliches...

„Der Kaiser ist schon unterwegs aus Norwegen!“ sagte in eiligem
Vorbeischreiten ein Herr zu einem Anderen. „Zwanzig Panzerschiffe
fahren ihm durch die Nordsee entgegen!“

Und der Zweite, etwas atemlos, nebenher:

„Kaiser Franz Josef ist schon in Wien!“

Der Geheimrat Tillesen setzte seinen Weg fort, in einem wunderlichen,
ungläubigen Schmerz. Jahrzehnte der Kopfarbeit hatten ihn gelehrt, die
Menschheit als eine große geistige Gemeinschaft aufzufassen. Es gab
einmal Zank, wie in jeder Familie, man sprach verschiedene Sprachen,
wie ja auch von zwei Brüdern der Eine blaue, der Andere braune Augen
hatte, aber in Sinn und Ziel des Seins war man doch einig von Melbourne
bis Hammerfest, von Shanghai bis Lissabon. Er konnte sich nicht
vorstellen, daß der Dieselmotor nur den Deutschen, der Kehlkopfspiegel
nur den Portugiesen, die Marconistrahlen nur den Italienern, der
Fernsprecher nur den Amerikanern, die Schutzimpfung nur den Engländern,
das Radium nur den Polen gehören sollte. Jeder gab und Jeder nahm.
Jeder brachte seinen Baustein und fügte ihn zu dem des Nachbarn. Mein
Gott -- was hatte der Weltlauf denn sonst für einen Wert?

Er blieb stehen. Da war eine Erinnerung, durch den Schleier ferner,
ferner Zeiten. Er wußte nicht, woher sie ihm plötzlich kam und das
Herz rascher schlagen machte. Es war nichts Besonderes umher. Nur eine
kleine, schwarz-weiß-rote Fahne bewegte sich den Hang hinauf. Sie
war ziemlich schmutzig und an einem einfachen Stecken befestigt. Ein
Junge aus dem Volk trug sie. Ein ganzer Haufen hinterher. Die hellen
Bubenstimmen schrieen aus Leibeskräften:

    „Lieb Vaterland, magst ruhig sein!
    Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“

Sie zogen vorbei. Exzellenz Tillesen sah ihnen nach. Er dachte sich:
Ich war ungefähr so alt, wie Ihr jetzt, da sang ich auch, an einem
ebenso heißen Julitag im Jahr siebzig, die Wacht am Rhein. Jetzt, wo
ich sechzig bin, steigt die neue Weltenwende auf. Dazwischen liegt ein
Leben. Ich glaubte das Leben ganz zu kennen und zu nutzen. Aber man
lernt nie aus. Mein Leben war nur die eine Hälfte der Dinge. Nun kommt
die andere...

Auf seinen schlichten, graubärtigen Zügen lag die tiefe und ernste
Ruhe des Forschers, für den Alles, was sinnfällig in die Erscheinung
trat, nur ein Gleichnis ewiger Gesetze war. Noch zögerte er, von dieser
hohen geistigen Warte leidenschaftsloser Erkenntnis hinabzusteigen in
den Lärm des Tages, diesen Lärm, der bald zum Brüllen der Geschütze
anzuschwellen drohte. Noch schwindelte ihm bei dem Gedanken. Noch stand
er einsam auf ragender Wacht. Noch war es nicht so weit. Vielleicht
war es nur ein Fieberschauer der Erde, von dem sie in einigen Tagen
genas. Während er in die Stadt zurückkehrte, stand er im Geist vor
der zitternden Menschheit dieser letzten Julitage wie der Arzt am
Krankenbett...

„Na ... na ... na... Exzellenz! Nu aber ’mal ’runter vom Mond! Nu wird’s
hier nächstens höchst prosaisch!... Das geht nun nicht mehr so, daß Sie
in Gedanken an Ihren alten Freunden vorbeilaufen!“

Sein Nachbar, der Generalmajor z. D. Isebrink, stand vor seiner Villa.
Er war in voller Uniform. Sein weißer Schnurrbart sträubte sich
kampflustig über dem breiten Scharlach der Aufschläge. Auf seinem Helm
blinkten Preußenaar und Gardestern. Die Eisernen Kreuze Erster und
Zweiter Klasse im Knopfloch und auf dem Herzen stammten ihm von St.
Privat und der Lisaine. Seine Augen blitzten wie die eines Leutnants.
Er lachte und schlug dem Gelehrten freundschaftlich auf die Schulter.

„Warum denn so sorgenvoll, mein Guter? Nu hilft das nichts! Nu heißt’s
durch! Donnerwetter ja... Nu ziehen wir endlich der Gesellschaft die
Hammelbeine lang!“

„Und das sagen Sie so strahlend, Herr General?“

„Jawoll, Exzellenz! Tu’ ich!... Ganz gehorsamst!... Ich bin ja wie
erlöst... Endlich ... endlich... Lieber, verehrter Nachbar: Sie und Ihr
Alle ahnen ja gar nicht, was wir alten Soldaten gelitten haben, in
diesen letzten zehn Jahren!“

„Man kann doch nicht wegen Euch Weltkrieg führen!“ sagte der Gelehrte
beinahe unwillig.

„Wir! Wir!... Die Anderen sind die Karnickel!... Seit Jahren rüsten sie
wie besessen, im Osten, im Westen... überall... Wir ollen Kriegsknechte
merken doch so ’was! Im Generalstab in Berlin wissen sie’s natürlich
längst!... Aber wir Anderen in Deutschland taten, als wäre nichts!
Priesen nur immer rastlos den Frieden! So, als ob es blos auf uns
ankäme...“

„Meinen Sie wirklich...?“

„Meinen?... Mein bester Geheimrat. Ich bin ein ganz fideler alter
Knabe -- nicht wahr? Verzehre hier meine Pension mit Anstand, laufe
täglich dreimal die Wilhelmstraße ’rauf und ’runter, spiele meinen
Whist im Klub -- gut! Aber wieviel Nächte ich wach gelegen hab’ und an
Deutschland gedacht -- das weiß Keiner außer mir, Exzellenz!“

„Das taten Sie wirklich?“

„Nicht ich allein. So mancher von uns Ausgedienten hier! Wir haben uns
oft des Morgens sorgenvoll angesehen... Wozu reden?... Der Soldat hält
den Rand, -- besonders wenn er schon abgehalftert ist. Aber denken kann
man sich sein Teil! In den Fingerspitzen tut’s Einen kribbeln. Aus den
Tisch hab’ ich gehauen... Immer bei uns Alles in Liebe und Güte, Herr
Nachbar... Immer waren wir die sanften Heinriche, während ringsum die
ganze Schwefelbande schon dabei war, ihre Donnerbüchsen zu laden...“

„Wenn das wirklich...“

„Soll ich da erst warten, wenn mich im Wald so ein Lausekerl überfällt,
bis er mit seiner Knarre schußfertig ist!“ schrie der alte Herr
grimmig, unbekümmert, daß ein Haufe vorbeikommender Ausländer ihn
mißbilligend anstarrte. „Nee -- danke...! Da hole ich meinen Browning
aus dem Hosensack und knalle ihm bei Zeiten in den Bauch...“

„Ja. Ein Räuber...“

„Die Russen sind Räuber! Sie überfallen uns! Alle Bahnen bei ihnen sind
seit vorgestern voll mit Militärzügen!“

„Wissen Sie das auch?“

„Jawoll! Exzellenz! Wissen wir! Sie wollen Hiebe! Alle zusammen! Können
sie haben! Hiebe wie noch nie! Donnerwetter ja...“

„Daß Sie dabei lachen können...“

„Aber wie!... Liebster, Bester...“ Er faßte ungestüm die Hände des
Geheimrats und preßte sie zwischen die seinen. „Ich hab’ gleich nach
Berlin telegrafiert. Eben hab’ ich Antwort! Stellen Sie sich vor: Ich
krieg’ ein Kommando! Sie können mich alten Kerl noch brauchen! Und ich
bin doch vor fünf Jahren schon ’raus! Ach, ich bin ja so glücklich wie
ein Kind... Und erst meine Frau!“

„Hat sie denn nicht Sorge, daß Ihnen Etwas...“

„Na -- dann holt mich eben der Deubel! Dann hab’ ich diese Carcasse da
lang genug in dem guten Wiesbaden spazieren geführt! Aber erst wollen
wir sie verbimsen! Wichse... Wichse... Wichse...“

Der alte General hieb zornwütig mit dem Arm durch die Luft.

„Drei von meinen Jungens gehen gleich am dritten Tag mit ’raus! Mein
Schwiegersohn auch! Blos der Älteste, der Paul, sitzt noch bei den
Türken...“

„Ja. Ich weiß...“

„Zum Glück hat er sich dort noch nicht gebunden. Es stand gerade vor
dem Abschluß mit seiner Anstellung. Ich hoffe immer, er ist schon auf
dem Weg hierher. Dann ist Alles mobil, was von uns Isebrinks Beine hat!
Famos!“

„Ich beneide Sie!“

„Ich freue mich vorläufig blos auf die ersten roten Hosen! Die haben
sie nämlich immer noch, die dummen Kerle, genau wie vor ’nem halben
Jahrhundert, wie wir den Napoleon fingen. Halten Sie nur blos den
Daumen, lieber Freund, daß ich eine Verwendung vor dem Feind kriege und
nicht das Herumgepeter hinter der Front! Das kann ich nicht leiden! Ich
bin doch rüstig -- was?“

„Heute sind Sie ein Jüngling in weißem Haar!“ sagte der Gelehrte. „Und
dabei, glaub’ ich, rund vier Jahre älter wie ich! Ich danke Ihnen...“

„Bitte gehorsamst! Gerne geschehen! Wofür denn eigentlich?“

„Nun: Man lernt nie zu Ende!“

Die beiden Männer, die des Kriegs und die des Friedens, trennten
sich. Geheimrat Tillesen legte die paar Schritte bis zu seinem Haus
zurück. Er sagte sich, in einer neuen Offenbarung: Ich hab’ die Nächte
schlaflos im Laboratorium zugebracht und für die ganze Welt gearbeitet
und der dort hat wach gelegen und an Deutschland gedacht. Ich habe die
Bacillen vor mir gesehen und er die Kosacken. Ich habe den Frieden für
selbstverständlich gehalten und er den Krieg. Wir hatten Beide Recht.
Das wußte ich nicht. Jeder hatte seine Zeit. Die meine ist jetzt um.
Die seine kommt.

Durch einen plötzlichen Riß der Erkenntnis sah er in diesem Augenblick
die zweite, im Wirken der Wissenschaft ihm bisher verborgen gebliebene,
nie beachtete Hälfte deutschen Wesens. Die Denker, die Dichter, die
Erfinder verschwanden, mit denen vorhin sein Sinnen von der Waldwarte
hinab die deutschen Lande vergeistigt hatte. An ihre Stelle traten
eisengepanzert, in zweitausendjähriger Reihe, die Helden, die Krieger.
Und obwohl er von ihnen viel weniger wußte als von jenen Anderen,
schien ihm ihre Zahl noch größer. Ein Gewimmel von Recken, Rittern,
Fürsten, Generalen vom Teutoburger Wald bis Sedan. Ein Zusammenbruch
der Weltreiche vor ihrem Ansturm, von den Cäsaren bis zu den
Napoleoniden.

Er dachte sich, während er das Tor öffnete: Der Alte hat vier Söhne für
das Waffenhandwerk bestimmt und zieht mit ihnen ins Feld. Meine eine
Tochter ist in Italien. Ihr Mann reist eben nach Paris. Meine zweite
Tochter habe ich an einen Engländer verheiratet. Meine dritte, die
Inge, ließ ich nach Amerika gehen. Ich selbst bin überall zu Hause.
In Tokio und Columbia lehren meine Schüler, in Capstadt und Buenos
Aires leben meine Patienten, in Irkutsk und Coimbra liest man meine
Handbücher...

Er ging durch die verödeten Räume, in denen er so oft das ganze
Ausland bei sich zu Gast gesehen. Seit ein paar Tagen war auch seine
Sprechstunde von Fremden leer. Die vornehmen Russen waren, ohne ihn zu
zahlen, abgereist. Es hatte eine Flucht vor Deutschland begonnen. Er
begriff es immer noch nicht recht. Er stand am Fenster und dachte sich:
Ja, wir haben uns tausendfach, mit den feinsten Saugwurzeln, über die
ganze Erde hin verästelt. Da war kein Boden, aus dem wir nicht geduldig
Nahrung zogen. Aber der alte Soldat da nebenan hat Recht, ohne es zu
wissen: die Pfahlwurzel, die den ganzen Stamm trägt und hält, die geht
steif und strack wie ein Preußenrückgrat, senkrecht hinunter in die
tiefsten deutschen Tiefen..

Unten, auf der Sonnebergerstraße, gingen zwei Damen vorbei. Er war so
in Gedanken an die Beiden, mit denen er zuletzt gesprochen: seinen
Schwiegersohn, der sich des Friedens, seinen Nachbar, der sich des
Kriegs freute, daß er Inge und ihre amerikanische Freundin erst
erkannte, als sie ihm auf dem Weg zur Stadt von unten zuwinkten.
Ethel Lawrence war lang und laut. Sie wirkte durch ihre Pariser
Toilette und ihre sorgfältige Haut- und Haarpflege viel jünger als
ihre vierunddreißig Jahre. Eigentlich war sie hübsch, trotz des zu
großen Mundes, den ein oberflächliches und liebenswürdiges Lächeln kaum
verließ. Sie schwatzte unaufhörlich. Man hörte ihr durchdringendes,
näselndes Englisch noch auf fünfzig Schritte. Es fiel dem Geheimrat
auf, daß Inge sehr still daneben ging, den Blick mit einem hartnäckigen
und zurückhaltenden Ausdruck am Boden.

„Oh -- Dein Vater sieht sorgenvoll aus, Inge!“

„Ist das ein Wunder, jetzt -- zwischen Krieg und Frieden?“

„Er befürchtet wohl große Geldverluste im Krieg?“

„Geldverluste?“

„Nun ja! Wann ich den alten Gentleman sehe, ist er doch so ernstlich
tätig!“

„Aber doch nicht blos wegen des Gelds!“

„Ja, wofür denn sonst? Warum antwortest Du denn nicht?“

„Weil Du es doch nicht verstehen würdest!... Früher schon! Für
gewöhnlich schon! Aber jetzt ... die Zeit ist so furchtbar ernst...“

„Oh ja! Nichts kann ernster sein!... Ach,... sieh’ ’mal da den hübschen
Hut... So ähnlich habe ich in Paris...“

„Laß jetzt die Schaufenster! Sieh lieber, wie die Leute da zu Tausenden
auf der Wilhelmstraße stehen... Wie sie die Extrablätter lesen ... da
pappen sie eben das Neueste an... Belgrad wird bombardiert!“

Ein dumpfes, ungeheures Summen und Brausen von Menschenstimmen ging
über die weiten Straßenflächen und hinüber zum Kurhaus. Die Gesichter
der Deutschen waren einander plötzlich alle ähnlich geworden. Auf Jedem
lag der gleiche feierliche Ernst.

„Lache doch nicht so laut, Ethel!“

„Oh -- warum denn?“

„Die Deutschen drehen sich nach Dir um!“

„Ach -- laß sie...“

„Aber wir sind jetzt nicht in der Stimmung, Ethel! Wir verbitten uns
das ... so nahe vor dem Krieg...“

„Oh ja: Krieg!“ sagte Ethel Lawrence gefällig. „Wir hatten vor siebzehn
Jahren auch Krieg. Auf den Philippinen. Es war zu drollig!“

„Drollig...“

„Ja. Mr. Sandford. Ein Leutnant von der Flotte. Er hatte sich bei San
Jago ausgezeichnet. Jede Miß mußte ihm einen Kuß geben. Ich auch. Dafür
schnitt ihm Jede einen Uniformknopf ab. Er hatte nie Knöpfe. Ach, was
mußten wir lachen... Warum siehst Du mich denn so an?“

„Ihr seid wirklich große Kinder! Ich drücke es höflich aus, Ethel!“

Miß Lawrence verstand das nicht.

„Damals machte Vater viel Geld mit Kriegslieferungen!“ sagte sie.
„Vielleicht diesmal auch. Ach, ich möchte es ihm so wünschen!“

„Lieferungen?... Für wen?“

„Nun -- wer es zahlt...“

„Weiter denkt Ihr an nichts?“

„Oh, Kriege sind sehr teuer! Ihr werdet das auch merken. Die Soldaten
sind wahrhaft anspruchsvoll. Sie verlangen sehr hohen Lohn und gute
Verpflegung. Sonst entschließen sie sich nicht, sich anwerben zu
lassen. Wir rechneten damals den Tag an Dollars etwa...“

„Höre endlich auf mit Deinen Dollars! Siehst Du denn nicht, daß das
etwas Anderes ist? Siehst Du denn nicht all die Gesichter... Ich habe
noch nie auf Menschengesichtern so eine Spannung gesehen!“

„Da solltest Du ’mal Wallstreet zur Börsenzeit sehen, wenn die Londoner
Kabeldepeschen kommen!“

„Ich war ja mit Dir in Wallstreet, Ethel! Aber mir ist es, als sei es
ein Jahrhundert her und nicht drei Jahre!“

„Sage das nicht! Die Prosperität hält an! Es hat sich dort nichts
geändert!“

„Aber ich habe mich geändert...“

Miß Lawrence hatte wieder englische Bekannte getroffen. Sie sprach
ein paar Worte mit den Damen. Eine von diesen, eine ältliche Jungfer,
drückte im Weitergehen Inge, die sie gar nicht kannte, mit einem
bedauernden Lächeln die Hand.

„Ethel: Was soll denn das bedeuten?“

„Sie sagte mir, Du tätest ihr so leid!“

„Ich?“

„Ganz Deutschland tut ihr so leid! Sie fürchtet, daß England Euch den
Krieg erklären wird. Sie wollte Dir ihr Mitgefühl am Unglück Deines
Vaterlands ausdrücken!“

„Ja, hör’ ’mal ... seid Ihr denn Alle verrückt? Oder war ich es bisher?“

„Oh -- was sprichst Du da?... So aufgeregt sollte eine Lady nie sein!“

„Ich pfeife auf Eure Ladies... Ethel: Mache Dir doch klar, was für
uns auf dem Spiel steht! Unsere Feinde sind Zehn gegen Einen... Wir
werden kämpfen müssen wie noch nie ein Volk!... Was soll denn dieser
freundschaftliche Ellbogenstoß in die Seite?“

„Gestehe nur...“

„Was denn?“

„Dein Vater ist alt. Du hast keine Brüder, die sich einreihen lassen
könnten! Also hast Du einen Herzensfreund, und er will durchaus mit
hinaus...“

„Großer Gott ... kannst Du Dir nichts Anderes vorstellen?“

„Ich an Deiner Stelle würde es ihm nicht erlauben! Ich sicherlich
nicht! Rede es ihm aus! Wozu denn?“

„Ethel ... fehlt Dir denn jedes Verständnis dafür, daß es jetzt gar
nicht auf mich ankommt oder auf einen Herzensfreund, sogar wenn ich
Einen hätte, oder sonst auf irgend einen Menschen in Deutschland,
sondern nur auf Deutschland selbst! Betrachte nur die Männer und Frauen
um uns! Das sonderbare Leuchten auf allen Gesichtern. Man ist sich
auf einmal so nah. Man braucht gar keine Worte mehr! Es kommt etwas
Unerhörtes über uns!... Aber wir fürchten uns nicht!... Glaubt nur das
nicht! Auch wir Frauen nicht! Kein Mensch in Deutschland fürchtet sich
vor dem Krieg. Das lesen wir Einer dem Anderen aus den Augen.“

„Oh -- der Krieg wird sehr interessant! Noch nie sah ich einen aus der
Nähe!“

„Euch zum Spaß führen wir ihn nicht!“

„Du bist ja ganz atemlos, Inge!“

„Gottseidank bin ich eine Deutsche!“

„Oh ja, der Krieg!... Ich weiß nur noch nicht, wo ich hingehen soll,
wenn die Heere den Rhein überschwemmen!“

„Unseren Rhein?“

„Oh ja! Was machst Du denn für Augen?“

„Die Feinde sollen zu uns ins Land herein?“

„Oh sicher! Wer hier englisch spricht, wird es Dir sagen!“

„Ja, was denkt Ihr denn von uns? Was habt Ihr denn die ganze Zeit über
von uns gedacht? Ich bin ganz entsetzt! Und da ging man unter Euch
drüben herum ... bei Euch ging ich in die Schule... Es fällt Einem wie
Schuppen von den Augen!“

„Vielleicht reise ich nach Wien! Sage: gehört Wien zu Deutschland?“

„Nein. Zu China!“

„Oder nach Luzern! Oh ja: Luzern! Da sind ~First rate Hotels~! Da
werden viele prominente Amerikaner sein!“

„Ja, macht nur, daß Ihr Alle dahinkommt!“

„Weißt Du was: Komm mit!“

„Ich? Jetzt?“

„Nun ja!... Da bist Du aus der Unruhe hier heraus! In guter Luft! Wir
machen Ausflüge...“

„Man möchte sich wirklich an den Kopf greifen!“ sagte Inge.

„Berede doch Deinen Vater, so zu tun! Der alte Herr hat da auch seinen
Frieden. Es wird ihm gut sein!“

„Jetzt Deutschland verlassen...?“

„Was willst Du denn hier, wo überall so viele Soldaten sein werden oder
womöglich gar Verwundete und Kranke? Du bist eine unabhängige junge
Lady. Du kannst doch Deine Rente verzehren, wo Du willst!“

„Jetzt geht mir allmählich ein Licht auf, wer Ihr seid und wer wir
sind...“

„Ich bin so betrübt, daß Du wieder in Rätseln redest! Wir waren immer
freundlich zu Dir, drüben, so als wärst Du Eine von uns!“

„Ich bin mehr und hab’s nicht gewußt!“

„Oh...“

„Der New-York-Herald!“ Ein Händler bot die neueste Nummer der Pariser
Ausgabe an. Die Miß kaufte sie und studierte mit brennendem Interesse
die Liste der in den dortigen Luxushotels eingetroffenen Amerikaner.
„Heißes Wetter in Paris!“ verkündete sie dann. „Oh -- wieviel Volk ist
nach Trouville abgereist! Sieh nur hier die Namen...“

Inge hörte nicht mehr darauf. Rings um sie knitterten andere deutsche
Zeitungen, verfolgten gespannte Augen den Fettdruck der Riesenlettern
der letzten Nachrichten. Ganz Europa fieberte in diesen kurzen,
schwarzen Zeilen. Noch einmal drahteten sich in letzter Stunde die
Großen dieser Erde vom Hohenzollernschloß zum Winterpalais, vom
Buckinghampalast zur Hofburg, schossen die Automobile der Diplomaten
nach Downingstreet und dem Ballplatz, nach der Wilhelmstraße und dem
Quai d’Orsay, zitterten die Telefondrähte und Telegrafenkabel von den
letzten Zuckungen des Friedens. Und doch war dies das Letzte, worin,
auf lange Zeit hinaus, die Menschen dieses Weltenrunds einig waren: Es
war zu spät! Das Schicksal schon im Gang.

Ringsum lachten und spaßten unbekümmert die Yankees. Für sie war
Europa eine große „Schau“. Auch der Krieg war eine ganz neue Schau.
Sie schoben der Miß Lawrence strahlend einen blatternarbigen,
breitschulterigen jungen Mann entgegen. „Fighting Bob“ -- der
Millionärsohn und Amateurboxer! Fighting Bob hatte Lust, den Krieg auf
ein paar Wochen mitzumachen! Die Deutschen mochten sich hüten! Hinter
seinem Knockabout wuchs kein Gras...

Das letzte Extrablatt! Eine Depesche des Deutschen Kaisers. Er
beschwor den Zaren im Namen der Menschheit, seine Völkerwanderung
abzurüsten, die von den Wolgaufern und den Steppen Asiens heranzog. Um
Inge Tillesen schwirrten fremdartige Stimmen in einem halben Dutzend
Sprachen. Schrilles Welsch. Lautes Russisch. Gekäutes Englisch.
Ratterndes Französisch. Sonderbar, sie lebte seit acht Jahren
mit ihrem Vater in Wiesbaden. Sie war in dieser Zeit fast täglich
durch das Gedränge vor dem Kurhaus gegangen, ohne sich beim Anblick
der vielen Ausländer Etwas zu denken. Heute auf einmal traten die
Trennungslinien der Menschheit hervor, die ewigen Grenzen der Völker.
Ein Ahnen. Beinahe ein Grauen... Dann ein Jubel: Drüben wurden Hunderte
von Hüten geschwungen, Hunderte von Stimmen sangen. Das waren nicht
mehr die Unmündigen wie in den Tagen bisher. Das war ein langer Zug
junger, waffenfähiger Männer, Primaner, Handwerker, Bürgersöhne. Sie
marschierten zu Viert und Fünft, Arm in Arm, nebeneinander. Ihre
Gesichter waren begeistert.

„Heil Dir im Siegerkranz!“...

Hurrah! Es winkte aus den Fenstern. Tücher wehten. Inge Tillesen
überlief ein Schauer. Ihre Augen wurden feucht. Sie wandte sich um. Sie
sah wieder die vergnüglichen Zahnreihen der Yankees. Die spöttische
Neugier der Italiener, das stechende Auge der Franzosen, das freche und
belustigte Lächeln einiger junger Lawn-Tennis-Engländer. Auf einmal
durchzuckte es sie: Das sind ja Alles unsere Feinde! Alle... Alle! Die
ganze Welt! Und war es schon lange...

„Lachen Sie nicht!“

Sie sagte es mit so wildsprühenden Augen, daß der Boxer-Millionär sie
fassungslos anstarrte. Man war doch in Deutschland, dem geduldigsten
und gutmütigsten aller Völker! Man hätte in Rußland, bei der Zarenhymne
das Haupt entblößt, man wäre in England ehrfurchtvoll bei „~God save
the King~“ aufgestanden. Aber hier...

„Lachen Sie nicht über Dinge, die für Euch viel zu hoch sind! Ihr
werdet das Lachen noch verlieren! Ihr Alle zusammen!“

„Oh... Inge...“

„Was hat denn die Lady?“

„Sie war früher nicht so!“ erklärte Miß Lawrence. „Sie war eine
aufrichtige Kosmopolitin!“

„So? War ich das?“

„... aber jetzt ... Inge ... ich bin so bang... Jetzt spricht sogar aus
Dir der Militarismus!“

„... wenn Ihr das Militarismus nennt, daß alle Welt über uns herfällt
-- -- na gut -- aber da könnt Ihr ’was erleben!“

„Oh, Inge... Wie kannst Du das sagen?“

„Das fühlt jetzt Jeder bei uns! Einer wie der Andere. Der
Droschkenkutscher da ... oder die Frau da ... oder der Briefträger da
... siehst Du: Ich brauche ihm blos zuzunicken! Da verstehen wir uns
schon!“

„Oh -- laß doch den Mann aus dem Volke, Inge! Rege Dich nicht auf! Sieh
hier! Ich habe eben von Miß Cooper zwei Karten für Bayreuth bekommen!
Für übermorgen! Willst Du den Trip nicht mitmachen? Es wird Deiner
Konstitution gut tun!“

„Du wirst bald andere Zeichen und Wunder erleben als in Bayreuth!...
Leb’ wohl, Ethel!“

Der Händedruck mit der erstaunten Freundin aus Amerika schien Inge wie
ein Sinnbild des Abschieds von Vielem in ihr und außer ihr. Sie lachte
dabei und hielt den Kopf hoch im Nacken. Es war eine Bewegung von
Stolz und Kampflust. Der Ausdruck eines allgemeinen und unermeßlichen
Kraftgefühls, das sie jählings auch in sich spürte. Sie ging langsam
und straff aufgerichtet durch die Ausländer, die ihr nachstarrten.
Daheim setzte sie sich zu ihrem Vater in dessen Arbeitszimmer.
Exzellenz Tillesen hatte sonst nie Zeit. Aber jetzt war die große,
lähmende Stille vor dem Gewitter. Jedes Wort schien zu viel. Endlich
sagte Inge:

„Was ist das nur, Vater?“

„Was denn, Kind?“

„Es ist alles so anders! Die Menschen draußen... Du ... ich...“

„Ja, Inge!“

„Aber wie geschieht denn das?... Es ist sonderbar... Man fühlt sich so
leicht ... so befreit... Und dabei schlägt Einem doch das Herz und die
Zeit ist doch so furchtbar ernst!“

„Man ist von sich befreit, Inge! Das ist’s!“

„Was meinst Du damit, Vater?“

„Vielleicht haben wir Alle zu sehr an uns und unser bischen Eigenes
gedacht...“

„Ach so...“

„... und das war uns eine Last und wir wußten es nicht, daß wir an uns
selber litten!“

„So ist es mir, glaub’ ich, gegangen.“

„... das merke auch ich jetzt, Kind, und vielleicht ein Jeder! Wir
kannten uns nicht mehr und waren darum ungerecht gegen einander. Es ist
nun einmal deutsche Art, seinen eigenen Weg zu gehen!“

„Das hab’ ich auch viel zu sehr getan!“

„Laß es gut sein, Inge! Es rinnen viele Wasser in Deutschland. Aber
schließlich wird es doch der eine große Strom!“

„Ich mache mir doch Vorwürfe, daß ich das nicht früher verstand. Ich
hätte mir und einem Anderen Manches erspart! Er hat das gewußt. Er hat
mir immer gesagt: ‚Nicht das Ich, sondern die Pflicht, die das ‚ich‘
in sich schließt!‘ Ich hab’s in den Wind geschlagen. Und was ist das
jetzt? Was ist man denn selbst? Es ist ja so gleichgiltig, ob man da
ist oder nicht und wie es Einem geht und was man will!“

„Ja. Nun geht Alles weit darüber hinaus!“

„Aber warum erkennen wir das erst jetzt?“

„Liebes Kind!“ sagte der Gelehrte und stand auf. „In Jedem von uns
steckt ein Stück Deutschland mit seinen Rätseln und seinen Tiefen. Wer
kennt sich ganz und wer kennt Deutschland aus? Nun kommt uns vielleicht
die Lösung des Rätsels von außen. Das Wunder geschieht nicht zum ersten
Mal... Nun Inge... Ich geh’ jetzt wieder an die Arbeit!“

Ganz Deutschland ging an diesem Tag mit Exzellenz Tillesen noch einmal
an die Arbeit, das schaffenfreudigste, das gewissenhafteste, das
gründlichste aller Völker. Es war jetzt noch, in der Gewohnheit vieler
Jahrzehnte des Friedens, mit frohem Eifer am Werk des Tages, während
unter ihm die Erde schon bebte. Es riß sich schwer, zögernd, ungläubig
von der liebgewordenen Beschäftigung am Schreibpult und Schraubstock,
an Pflugschar und Ambos, an Hauptbuch und Heizkessel los, es schaltete
langsam seine Gedanken um, bis zu der letzten Erkenntnis: Auch der
Krieg ist deutsche Arbeit! Durch Jahrtausende bewährte deutsche Arbeit,
so stark und gründlich wie die des Friedens.

Inge Tillesen stand am Fenster. Draußen warfen die Bäume schon ihre
abendlichen Schatten über das heiße Pflaster. Karl, der Diener, lief
eben in bloßem Kopf und weißer Schürze aus dem Haus. Er war alter 80er
Füsilier. Er rannte alle Augenblicke bis zur nächsten Straßenecke, um
nach Extrablättern zu schauen. Inge achtete nicht auf ihn. Sie fuhr
zusammen und sagte halblaut zu sich:

„Herrgott ... da ist er ja wieder!“

Nicolai Schjelting stand auf der anderen Seite der Straße, gerade der
Villa gegenüber. Stand nachlässig wie gewöhnlich, blendend angezogen,
den Strohhut auf Pariser Art nach hinten geschoben, die Hände auf dem
Rücken. Er schaute unausgesetzt, mit einem gespannten Gesichtsausdruck,
nach dem Hause hin...

„Ach ... mag er schon...“

Inge Tillesen hob unwillig die Schultern hoch, trat in das Innere des
Zimmers zurück und klingelte, um dem Diener den Herrn da draußen zu
zeigen und ihm einzuschärfen, daß man für ihn unbedingt nicht zu Hause
sei. Niemand kam. Sie wartete eine Weile. Dann öffnete sie die Tür und
rief ungeduldig in die dämmerige Eingangshalle:

„Karl, wo stecken Sie denn, wenn man Sie braucht?“

„Guten Abend, Fräulein Tillesen!“

„Um Gotteswillen ... wer steht denn da?... Wer sind Sie denn?“

„Erlauben Sie mir, in den Salon zu treten! Ich bin kein Mann der
Antichambre.“

„Ja, wie kommen Sie denn hier herein?“

„Ich kam zufällig an Ihrem Hause vorbei. Ich sah Sie am Fenster. Ich
fand das Haustor offen. -- Ihr Diener hatte die Güte, es nicht zu
schließen, während er um die Ecke lief -- -- ~Et me voilà!~“

Nicolai von Schjelting sagte es lächelnd, als sei heute ein Tag wie
jeder andere. Er stand mitten im Zimmer, so hell im Abendlicht, daß
sie deutlich die Schatten der Schlaflosigkeit unter seinen großen,
grauen Augen, die tiefgefurchten Linien nervöser Unruhe auf seinen
lebhaften länglichen Zügen erkannte. In der Art, wie er den Kopf etwas
zur Seite legte und sie verbindlich ansah, war ein Gemisch von Dünkel
und Schmiegsamkeit, fast Unterwürfigkeit. Der wohlbekannte leise
Petersburger Hauch von feinstem Beßarabischen Tabak und Kölnisch Wasser
ging wieder von ihm aus.

„Sagen Sie um Gotteswillen: Was suchen Sie eigentlich hier?“

„Sie.“

„Was...?“

„Wie denn nicht? Deswegen bin ich in Wiesbaden. Ich muß mich eilen,
wenn ich mich Ihnen noch erklären soll! Denn in Kurzem...“

„Bitte! Ich wünsche nicht das Geringste von Ihnen zu hören!“

„Denn in Kurzem...“ sagte Schjelting lächelnd. „Nun -- unser
Kriegsminister Suchomlinoff hat ja gestern Eurem Militärattaché sein
Ehrenwort gegeben, daß er nichts von einer Mobilmachung weiß! Aber,
unter uns, dies Ehrenwort taugt nicht viel!“

„Das glaub’ ich!“

„~C’est la guerre! Ou -- pas encore la guerre, mais~... Gestatten
Sie mir, daß ich mich setze! Ich stehe schon seit einer halben Stunde
vor Ihrem Haus!“

„Ich kann Sie nicht daran hindern!“

„Setzen Sie sich doch auch! Erbarmen Sie sich: Sie können doch nicht
hier vor mir stehen! Erweisen Sie mir die Gnade! Plaudern wir ein
wenig...“

„Was tun Sie denn noch in Deutschland, angesichts des Kriegs?“

„Noch ist nicht Krieg. Auch bin ich nicht wehrpflichtig. Ein ganz
friedlicher Mensch. ~Un vrai philanthrope~...“

„Ich würde Ihnen doch raten, sich aus dem Staub zu machen!“

„Ich habe Zeit! Ich reise, wenn es so weit ist, entweder nach Westen,
den einrückenden Franzosen entgegen oder -- da mich meine Familie in
Belgien nicht mehr weiter interessiert -- ich gehe, ~en attendant~,
nach Bayern.“

„Dort nimmt man Sie gerade so gut fest!“

„Pardon! Ich weiß das besser! Mich täuscht man nicht: Süddeutschland
wird auf alle Fälle eine abwartende Haltung einnehmen! Man ist dort so
sicher ~comme au sein de sa famille~!“

„Das ist verrückt, so was zu glauben...“

„Wir haben unsere Thesen!“ sagte Nicolai Schjelting und sah sie
aufmerksam an. „Diese Formeln gründen sich auf eine Analyse der
geschichtlichen Vorgänge in Deutschland, die sich nach gewissen
Gesetzen wiederholen...“

„Wenn die Zeit nicht so ernst wäre, müßte man wirklich lachen!“

„... und außerdem hat man bei uns Deutschland im letzten Jahrzehnt
genauer studiert! Früher schien es uns und den Engländern nicht so der
Mühe wert!... Aber jetzt weiß man überall im Ausland mit Euch Bescheid.
Deswegen bin ich ja hier, Fräulein Tillesen, weil die Gefahr für Sie so
unmittelbar und dringend ist!“

„Ich fürcht’ mich nicht!“

„Ich schrieb es Ihnen ja schon! Wo wollen Sie denn eigentlich hin? Hier
am Rhein donnern ja bald die Geschütze...“

„Am Rhein...?“

„Weiter ins Innere? Die großen Städte und die Industriebezirke werden
bald ein Spielball Eurer Arbeitersyndikate sein...“

„Wessen Spielball?“

„Ach, stellen Sie sich nicht unwissend! Die Methoden des Europäischen
Individualismus werden in Euren Vorstädten triumphieren: Eure
Blusenmänner lehnen mit entschlossener Geste die Pickelhaube ab! Es
wird ein Schrei aus der Tiefe der Bergwerke tönen: Kämpft Eure Kriege
selbst!“

„Reden Sie eigentlich von China oder von uns?“

„Flüchten Sie weiter nach Osten -- ~enfin~ -- ich gebe zu, daß
Ihre Muschiks da unter der Faust der Junker sich schlagen werden. Aber
dort, an der Elbe, sind ja inzwischen schon wir, die Russen...“

„Es steht Einem wirklich der Verstand still!“

„Und bis zu unserem Einzug in Berlin wird auch Ihre Hauptstadt kein
Aufenthaltsort für Damen mehr sein. Alles bricht dort in sich
zusammen. Ich kenne dies hektische Nachtleben -- diese engbrüstige
Décadence der zu schnell Reichgewordenen!...“

Er zuckte mit einer beinahe müden Bewegung der Überlegenheit seine
schmalen und hängenden Schultern und zog die Augenbrauen hoch.

„Aus diesem Euch feindlichen Europa flüchten? Erwägen Sie, Fräulein
Tillesen: Die Engländer verbieten Euch die Meere! Sie sperren Euch auch
die Nahrungszufuhr! Sie haben den General Hunger wie wir den General
Winter. Beide sind unwiderstehlich. Selbst der große Napoleon wurde von
uns besiegt!“

„Ich wollte blos, ich wär’ ein Mann!“ sagte Inge.

„Und endlich: Gott will es, daß zu allen Dingen dieser Welt Geld
gehört! Nun ... sehen wir zu: Ihr Vater ist wohlhabend! Ich weiß es!
Aber was hilft ihm das jetzt? Er wird sich umsonst in die Reihen der
Verzweifelten stellen, die vor den verschlossenen Banken Spalier
bilden. Diese Tore werden sich seinem angstvollen Pochen nicht
öffnen... Warum lachen Sie denn?“

„Mein guter Vater und nach Geld hämmern... Da drüben hat er gerade
wieder ’mal sein Portemonnaie auf dem Diwan liegen lassen!“

„~Enfin~: Euer wirtschaftlicher Zusammenbruch ist unvermeidlich.
Als ein Teil der allgemeinen Katastrophe! -- ~une débâcle~ -- Ich
bemitleide Sie!“

„Sind Sie nun fertig? Ich bewundere meine eigene Geduld, Herr von
Schjelting, mit der ich die ganze Zeit diese bösartige Phantastik mit
angehört hab’! Wir sind immer viel zu höflich mit Ausländern!“

„Wie denn? Ich rede zu Ihnen, nicht wie zu einer Moskauer
Kaufmannsfrau, sondern zu einer europäischen Intellektuellen, die den
Zusammenhang der Dinge übersieht! Bitte, nehmen Sie meine Worte ernst!“

„Ich hab’ davon Eines begriffen: Wenn der Krieg wirklich kommt, dann
kommt er, weil Ihr keine blasse Ahnung habt, wer wir sind und was wir
können!“

„Armes Mädchen...,“ sagte Nicolai Schjelting mit einem sonderbaren,
beinahe leidenden Mitgefühl.

„Wahrscheinlich haben wir es dumm angefangen und Euch eine falsche
Meinung von uns beigebracht, aus reiner Gutmütigkeit ... aus viel zu
viel Anstand... Dadurch habt Ihr den Größenwahn gekriegt!... Und nun
bitte: Schluß!“

Nicolai von Schjelting war sitzen geblieben, obwohl sie zornig
aufstand. Er griff nach seiner silbernen Tulaer Tabakdose, rollte sich
mechanisch eine Papyros, hielt inne.

„Vergeben Sie! Ich war in Gedanken... Der Rauch beruhigt meine
Nerven...“

„Meinetwegen...“

Es klang wie: ‚Benimm Dich nun schon ganz als Asiate!‘ Nicolai
Schjelting saß träumerisch da, stieß eine blaue Wolke durch die
geblähten Nasenflügel und versetzte unvermittelt:

„Ich lasse mich jetzt von meiner Frau scheiden!“

„Was? Eine Frau haben Sie auch?“

„Nun wie? Man muß doch verheiratet sein!“ sagte er beinahe
melancholisch. „Ich sprach vorhin schon von meiner Familie. Gott mit
ihr!“

Der schwere Sessel rollte mit einem Ruck beinahe bis an die Wand
zurück, so ungestüm sprang er plötzlich von ihm in die Höhe.

„Das sind Dinge... über die wird man später sprechen... Man wird das
Alles ordnen... Der heilige Synod tut, was ich will... Sabler ist für
mich jeder Zeit...“

„Was geht das mich an?“

„Ich habe Ihnen geschrieben... Noch nie gab mir Gott die Gelegenheit,
mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen, so wie jetzt...“

„Kommen Sie mir nicht so nahe...“

„Bleiben Sie stehen! Wie werde ich Ihnen Etwas tun?... Ich will ja nur
Ihr Bestes! Ich will Sie befreien!“

„Ja bitte, gehen Sie!“

„Sie wissen genau, wie das mit mir ist... Sie merkten es schon bei der
ersten Begegnung in Moskau...“

„Ich hab’ Sie kaum angesehen...“

„Und doch sagt unser Sprüchwort: ‚Mit einem Dreierlicht setzte man
Moskau in Brand!‘ Nun, so geschah es mit mir, in diesem Vorzimmer da
oben im Petrowski Dwor...“

„Das war, weiß Gott, nicht mein Wunsch...“

„Moskau brannte. Morgen brennt die Welt. Warum soll ein armer,
einzelner Mensch nicht auch in Flammen stehen? Es ist jetzt nicht die
Zeit für kalte Charaktere!“

„Bleiben Sie mir vom Leibe oder...“

„Ich bin keine sibirische Natur. Mein Herz ist weich. Viele Frauen
haben schon Eindruck auf mich gemacht...“

„Das glaub’ ich...“

„Aber Keine wie Sie!... Es ist ganz anders wie sonst... Ich bin
wehrlos. Es ist Gottes Wille. Denn zu verstehen ist es nicht.“

„Wenn Sie mich jetzt nicht auf der Stelle verlassen, rufe ich meinen
Vater...“

„Niemand hat Etwas gegen Ihren Vater! Nicht gegen die deutsche
Gelehrsamkeit führen wir Krieg. Auch nicht gegen Frauen. In dem Frieden
zu Potsdam wird seinerzeit das befreite Europa auch ihm die Ruhe seiner
Studien wiedergeben...“

„Sehr gütig...“

„...Doch während des Krieges ... während dieser Zerschmetterung des
preußischen Militarismus ... die russische Seele ist sanft ... aber
immerhin ... ich kenne unsere Kosacken... Ich flehe Sie an: Flüchten
Sie aus dieser allgemeinen Verwirrung in Deutschland...“

„Wer ist denn hier verwirrt? Wir sind Alle ruhig und klar! Einer wie
der Andere!“

„Fliehen Sie lieber nicht in die Schweiz -- das ist für mich zu weit
-- sondern nach Schweden! Ich schaffe Ihnen und Ihrem Vater Unterkunft
im Hotel Royal in Stockholm. Das wird jetzt eine unserer Haupt-Etappen
auf dem Wege von Rußland nach dem verbündeten Westen. Ich komme da oft
durch. Ich kann Sie sehen! Mit Ihnen über die Zukunft sprechen!“

„Zum letzten Mal: Gehen Sie! Reisen Sie lieber selber schleunigst nach
Schweden, ehe man Sie bei Kriegsausbruch hier verhaftet!“

„Der Krieg bricht aus, wann wir es bestimmen!“ sagte Nicolai von
Schjelting hochmütig. „Noch sind wir nicht so weit! Bei Euch wird man
verhandeln und telegrafieren! Das wissen wir!“

„Gottseidank, da höre ich endlich draußen den Karl im Garten! Soll ich
Ihnen wirklich von dem Diener Hut und Stock bringen lassen, Herr von
Schjelting?“

Nicolai Schjelting legte mit einem grausamen Augenblinzeln den Kopf
zurück. Ein heißes und wildes Lächeln entblößte seine Zähne. Inge
Tillesen trat wieder ein paar Schritte zurück: Nun stand der wahre
Moskowiter vor ihr, der begehrliche Barbar. Siegestrunken, im Taumel
der Zukunft.

„Mich entläßt man nicht wie einen Dwornik! Die Zeit ist vorbei, da
man einen Russen hinausschickte! Wir werden Euch Deutschen kommen!
Wir führen uns selber ein, ~sans être invités~! Wir sind zehn
Millionen ungebetene Gäste!... Pah ... was ist denn dies kleine
Deutschland...“

„Karl...“

„Es liegt in der Freiheit unseres allrussischen Herzens, was wir
zertreten und was wir verschonen! Jeder nimmt sich, was er will!“

„Unterstehen Sie sich, mich anzufassen!“

„Ah ... man wird Euch jetzt noch lange fragen...“

„Sind Sie denn von Sinnen...?“

„Und wenn ich es bin...“

„Karl!... Karl!“

Er warf sich gegen sie und packte mit einem jähen Griff ihre Hände.
Sie konnte nicht weiter zurück. Hinter ihr war der Tisch an der Wand.
Sie bog sich, soweit sie konnte, nach hinten und kämpfte mit ihm,
der blind ihre Lippen suchte. Sie mühte sich, sich seiner Gewalt zu
entwinden. Wieder keuchte er, sie an sich zu ziehen. Dicht vor sich
sah sie seine grauen Augen, die jetzt wie die eines Raubtiers glühten.
Eines asiatischen Raubtiers. Das war schon wie das Vorspiel des großen
Kampfes gegen die Horden des Ostens, dies kurze, atemlose Ringen mit
einem von Sinnen geratenen Menschen. Dabei lachte er ihr noch ins
Gesicht, heiß, herrisch, mit einem blendend weißen Wolfsgebiß. Der
Grimm darüber verdoppelte ihre Kräfte. Sie riß sich los und versetzte
ihm einen Stoß gegen die Brust und traf blindlings gut. Nicolai von
Schjelting taumelte ein paar Schritte zurück, preßte die Hand auf die
Herzgrube, rang nach Luft. Sie standen sich gegenüber.

„So! Das war nur die Antwort einer Frau! Unsere Männer haben andere
Fäuste!... Karl ... hier!“...

Der Diener stürzte in das Zimmer. Er hörte sie nicht, in seiner
atemlosen Meldung:

„Sie trommeln, gnädiges Fräulein! In zwölf Stunden müssen die Russen
nachgeben oder...“

„Du lügst, Kerl...“

„Und in achtzehn Stunden die Franzosen!“

„Das wagt Ihr?“ sagte Nicolai von Schjelting langsam und fuhr sich mit
der Hand über die Augen, als träumte er. „+Ihr+ fangt an?“

„Hurrah! Hurrah!“

„Hören gnädiges Fräulein? Da kommen sie die Straße herunter. Alles
schwarz von Menschen!“

Draußen brausten Hunderte von Stimmen. Die Fenster dröhnten vom
Trommelwirbel. In scharfem Kommandoton wurde durch die jähe Stille
etwas verlesen. Etwas von drohender Kriegsgefahr. Als Inge Tillesen
sich wieder umdrehte, war das Zimmer leer. Nicolai Schjelting war fort.
Verschwunden draußen in der wieder strudelnden und jubelnden Menge, dem
Hurrahrufen, dem Massengesang. Dann hörte sie hinter sich die heisere,
aber glückliche Stimme des zu ihrem Vater in das Haus geeilten Generals
Isebrink. Er mußte schreien, um das Jauchzen draußen zu übertönen.

„Uff!... Endlich!... Endlich!... Endlich hat’s ein Ende mit der
verfluchten Zucht! Jeder Mistfink von außerhalb durfte frech gegen uns
werden... Verzeihen Sie, Fräulein Inge...“

„Ach ... nur immer zu, Herr General!“

„Aber nu wird Deutsch geredet! Hol’s der Deubel! Nu hat’s sich
ausgeglückwünscht! Nu hat sich’s ausgebiedert und Hände geschüttelt!
Liebster... Bester... Ich möchte ja die Wände hochgehen vor Freude: Ich
hab’ eben telegrafisch meine Ordre! An die Front -- wo’s am vordersten
ist! Übermorgen früh meld’ ich mich schon hinterm Gießhaus in Berlin!“

„Herzlichen Glückwunsch!“...

„Ja, das wäre ja nun Alles schön und gut. Aber nun sehen Sie ’mal!
Depesche Nummer zwei von meinem Filius Paul aus Konstantinopel! Das
heißt nicht mehr aus Konstantinopel! Inzwischen ist er schon auf dem
Weg nach Deutschland! Der Bengel ist verrückt!“

„Was?“

„Bildet sich ein: Ich hockte jetzt hinter dem Ofen! Drahtet mir in
aller Unschuld seines Herzens: ‚Eintreffe ersten August‘ -- das ist
übermorgen -- also, ‚ersten August München zu sofortiger Weiterfahrt
und Verwendung im Osten!‘...“

„Nun -- das ist ja schön!“

„Ja, und gefälligst weiter: ‚Bitte erwarte mich dort Hauptbahnhof mit
Geldern für Pferdeankauf und Equipierung und Kartenmaterial!‘ Ja, was
glaubt denn das Paulchen?... Ich bin übermorgen in Berlin! Aber kriegen
muß er seine Moneten! Meine Frau liegt an ihrem Asthma...“

„Schicken Sie mich!“

„Sie, Fräulein Inge?“

„Na warum denn nicht?“

„Sie wollten wirklich diesen Liebesdienst...“

„Ach, reden wir doch nicht lange! Geben Sie mir schon die Siebensachen!
Ich reis’ noch heute Abend!“

Die beiden Andern schauten sich an. Sie waren Beide alt. Aber sie waren
auch einmal jung gewesen. Darum dämmerte es in ihnen.

„Wie soll ich Ihnen denn das danken, Fräulein Inge?“

„Gar nicht! Das geschieht fürs Vaterland! Ja, was lachen Sie denn?...“

„Sie lachen ja selber...“

Inge Tillesen wurde über und über rot. Aber sie lachte wirklich und
herzhaft. Der alte Isebrink breitete die Arme aus.

„Kommen Sie, Kind!“ sagte er. „Geben Sie mir ’nen Kuß! Er geht ja nicht
an die richtige Adresse! Aber doch so nahebei! Nicht?“

„Ja.“

„Na, Gottes Segen!... Halt!... Wohin denn auf einmal?“

Aber Inge Tillesen war schon die Treppenstufen der Halle hinauf und
weg. Unten sagte der alte Isebrink zu dem Geheimrat:

„Na -- da geben wir uns die Hand, Exzellenz! So geht’s! Nu erfüllen
sich die Zeiten! Es hat ein Ende mit Vielem und viel Besseres fängt
an!“



XI.


„Sagen Sie mir doch um Gotteswillen: Wann kommt der Zug aus Wien?“

Keine Antwort. Jeder hatte mit sich zu tun. Es war nur ein
tausendfaches, wirres, abgerissenes Stimmengeschwirr unter der
glühenden Glaswölbung des Münchner Hauptbahnhofs. Die Luft trüb von
Staub. Unten das Gewühl eines durcheinanderwimmelnden Ameisenhaufens
gleich dem Bild des aufgestörten Erdballs im Kleinen.

Inge Tillesen wurde hin- und hergestoßen. Sie wehrte sich mit dem
rechten Arm gegen einen langen Bergstock und ein daran befestigtes
Alpenrosenbüschel. Überall waren auf einmal Bergstöcke, saß Gamsbart
und Lodenhut schief auf erregten Gesichtern. Die kamen vom Brenner.
Aufgescheuchte Tiroler Sommerfrischler. Immer neue Tausende. Tag und
Nacht. Sie erwischte glücklich einen atemlosen Beamten am Arm.

„Wann kommt denn wieder ein Zug aus Wien?“

„Ja, i woaß net!“

„Aber ich steh’ nun schon seit gestern hier! Ich muß doch...“

Der Mann war irgendwo und sie zehn Schritt weiter, eingekeilt in
eine neue Menschenmasse. Nun waren plötzlich ringsum weiße Hauben,
stille Gesichter, niedergeschlagene Augen. Ein ganzes Nonnenkloster,
paarweise, die Köfferchen in der Hand, auf dem Weg von Oberbayern nach
den Vogesen. Inge Tillesen dachte sich: die gehen schon an die Front!
Er auch. Ich verfehle ihn noch hier!

„Bitte, wissen Sie nicht, wann der nächste Zug aus Wien...“

Aber nun war sie mitten unter Angelsachsen. Flüchtende Bayreuther
und Münchner Festspielgäste. Engländer und Amerikaner. Sie saßen
ratlos, wie die Schiffbrüchigen, auf ihren Koffern. Soldaten rollten
Handwägen mit Kaffeesäcken, Gepäckträger schoben eine kranke Dame
im Fahrstuhl. Neue Menschenstrudel hinterher, auseinandergerissene
Familien, die sich zuschrien und winkten, Offiziere, Papiere in der
Hand. Aber alle bayrisch hellblau. Von Paul Isebrink keine Spur.
Sie dachte: Wahrscheinlich ist er auch noch in Zivil! Sie wurde
von der Menschenmauer mitgepreßt. Dort in der Ecke stürmte man die
Züge nach Berlin. Vielleicht saß er darin. Aber wie ihn finden? Es
hatte keinen Zweck. Sie drehte sich um und arbeitete sich gegen die
beiden Bajonettspitzen der Bahnhofwachen durch, die den Ausgang
anzeigten. Draußen in der Vorhalle, die immer noch ein brausendes
Menschengewoge erfüllte, machte sie mutlos Halt. Sie war erschöpft.
Sie sagte sich, was sie sich schon den ganzen Tag bis in diese späten
Nachmittagsstunden hinein gesagt hatte: Den Orient-Expreß hab’ ich
glücklich verpaßt! Bis Mitternacht hab’ ich mir die Beine in den Leib
gestanden. Bei Tagesanbruch soll er mit Gott weiß wieviel Stunden
Verspätung angekommen sein. Behaupten sie wenigstens! Andre meinen, er
wäre überhaupt noch nicht da...

Dann hatte sie noch eine Hoffnung: Wenn er vernünftig ist, geht er da
draußen auf und ab, damit ihn sein Vater sieht! Sie trat ins Freie,
schritt suchend bis zu dem Karlsplatz. Die Sonne brannte, die Luft
flimmerte, die Menschen fieberten. Das Bild des Kriegs, wie es im
Frieden nur der Süden bot. Tausende und aber Tausende, die scheinbar
untätig auf Straßen und Plätzen beisammen standen, halblaut sprachen,
sich um die Extrablätter drängten. Ein unterirdisches Brodeln und
Kochen. Ab und zu ein jäher Ausbruch. Spione im Land... Spione...
„Fangt’s die Schlawiner!“

Inge Tillesen konnte gerade noch zur Seite springen. An ihr vorbei
stürmte es von überall nach dem vom Schutzmannspfiff aufgehaltenen
Auto. Ein Handgemenge drinnen mit der wild um sich hauenden
Mannsgestalt in Frauenkleidern ... fort ins Polizeipräsidium ... wieder
ein Serbe weniger...

Das erste Aufzucken der seit Menschenaltern schlafenden Ur-Instinkte
der Schöpfung. Der Kampf ums Dasein. Wie in der Urzeit. Auge um Auge.
Leben um Leben. Vergiftetes Wasser... Französische Flieger über
Nürnberg... Goldtransporte im Auto auf der Landstraße... Und wieder
Sturmgesang um eine schwarz-weiß-rote Fahne: „Fest steht und treu die
Wacht am Rhein!“ Es brandete und brauste um Inge Tillesens Ohren.
Sie ging weiter. Sie suchte. Und dachte sich: Wie oft konnte ich das
eine ‚Ja‘ sagen, das ich jetzt nicht anbringe! Damals war mir das
Schicksal nah. Ich brauchte es nur zu rufen. Jetzt ist es zu groß
geworden und ich zu klein. Es kümmert sich nicht mehr um Einzelne. Ich
mag noch so sehr laufen -- ich hol’ es nicht mehr ein... Es geht mit
Siebenmeilenstiefeln...

Vor dem großen gelben Eckgebäude des General-Kommandos hielten Reihen
von Kraftwagen. Es war ein Hasten hin und her durch das Tor. Auf
dem Bürgersteig davor standen Offiziere in Gruppen. Alle noch in
bayrischen Friedensuniformen. Inge sah das Himmelblau des Fußvolks,
das Grün der Chevauxlegers, die breiten, roten Beinkleidstreifen der
Artillerie. Aber dann tauchte da aus dem Dunkel des Torwegs ein
bisher in Deutschland nicht geschautes Waffenkleid auf. Alle Offiziere
musterten es, während sie grüßten, und hatten dabei ein leuchtendes und
kampflustiges Lächeln, alle Vorüberkommenden blieben stehen und wandten
die Köpfe mit einem überraschten und oft ehrerbietigen Ausdruck: Es
war etwas Feierliches um dies erste Feldgrau, diese gelbledernen
Gamaschen, diesen staubfarben überzogenen Helm. Es war, im Fortfall
alles Friedensprunks und aller Farbenfreude, die erste Verkörperung der
ungeheuren Schicksalsstunde, das erste wandelnde Sinnbild des größten
Krieges aller Völker und Zeiten.

Links davon ging, auch als ein Vorbote des kommenden Gewimmels
feldgrauer Millionen, ein langer, hagerer Leutnant. Er trug in
der Herzgegend ein Abzeichen auf dem Waffenrock, das Inge nicht
kannte. Dahinter kam, noch in preußischer Friedensuniform des Großen
Generalstabs der Armee, ein kleiner, eleganter Hauptmann. Zwei Damen
begleiteten ihn, Mutter und Tochter. Man sah es an der Ähnlichkeit.

Paul Isebrink war in ein Gespräch mit dem anderen Generalstäbler
vertieft. Aber seine scharfen Augen waren gewohnheitsmäßig überall.
Ihn überraschte man nicht. Schon auf hundert Schritte Entfernung
erkannte er Inge, die da unschlüssig mit umgehängtem Geldtäschchen,
das Kartenpaket in der Hand, stand, sagte hastig dem Kameraden ein
paar Worte und eilte allein auf sie zu. Ihr schien, als hätte er nie
so gut ausgesehen wie in diesem Augenblick. Noch straffer, abgemagert
und gebräunt von der Sonne des Südens, schon in Kriegstracht, und
Kriegslust in den verwegenen Augen und um den lachenden Mund. Und
eine ungläubige Freude, die ihr galt, die sie plötzlich stolz machte
vor den Blicken all der Leute, die ringsum stehen geblieben waren und
wohlgefällig auf ihn und sie schauten. Die dachten sich schon ihr
Teil, während er auf sie zustürmte und ihre freie Hand zu fassen bekam
und schüttelte, daß er ihr beinahe weh tat.

„Herrgott, Inge!... Das ist ja ein tolles Zus...“

Er wollte noch Etwas vom Zufall eines Zusammentreffens reden. Aber er
kannte doch die Mappe, die sie in der Linken hatte.

„Das sind doch meine Karten...“

„Ja. Da!“

„Und ein Brief von Mutter!“

„Auch! Da!“

„Danke...“

In dieser Sekunde war er, der mit allen Hunden Gehetzte, in allen
Sätteln Gerechte, fassungslos. Es wogte in ihm durcheinander, von
Zweifel und Jubel. Sie schlug mit der freigewordenen Hand an das
Täschchen.

„Und da ist auch’s Geld...“

„Von meinem Vater?“

„Ja. Er ist jetzt schon in Berlin. Sie brauchen ihn! An der Front!“

Sie stockte, schöpfte tief Atem und redete entschlossen, während sie
sehr blaß wurde:

„Na -- und da hab’ ich mich nützlich gemacht und es Dir gebracht!“

Sie wußte, daß sie mit dem Wörtchen ‚Dir‘ ihr Lebensschicksal
aussprach, und er verstand es auf der Stelle so wie sie. Sie sah es
an seinem Gesicht, auf dem schon, in strengen Linien, der Ernst des
Krieges lag, und darüber hin jetzt eine jähe Welle von Glück.

Küssen konnten sie sich, vor den Leuten, nicht. Er nahm nur ihre beiden
Hände in die seinen und sagte:

„Endlich...“

Und sie, noch halb im Trotz und doch schon ganz ergeben:

„Na ja...“

„Ich dank’ Dir, Inge...“

Nun war sie sehr rot geworden. Jeder mußte es sehen. Auch der lange,
feldgraue Leutnant und der Generalstabshauptmann mit den beiden Damen,
die inzwischen herankamen. Paul Isebrink stellte hastig und verwirrt
vor:

„Flieger Graf Vläming! Herr von Hellfried... Gestatten die Damen...“

Inge Tillesen verstand die Namen von Mutter und Tochter nicht. Sie war
zu erregt. Sie hörte nur, daß Isebrink sie seine Braut nannte, daß man
sie beglückwünschte und ihr die Hand reichte und ihm. Dann sagte er,
schon mit einem Anflug von dem alten Übermut im Ton, auf den kleinen
Generalstäbler und die junge Dame weisend:

„Die haben’s gut! Die werden morgen kriegsgetraut. Eben kommen sie vom
Pfarrer!“

Dort hatten sie Alles für morgen beredet. Auch den Spruch der Trauung:
‚So gehen wir hin, nicht zu sterben, sondern zu leben!‘... Sie hatte
feuchte Augen. Aber sie hielt sich tapfer. Sie war die Waise eines vor
zwei Jahren verstorbenen Regimentskommandeurs. Sie frug Inge, eine
Braut die andere:

„Lassen Sie sich denn nicht auch kriegstrauen?“

Ehe Inge Tillesen antworten konnte, fuhr Paul Isebrink in einem
plötzlichen Zorn auf.

„Ja, das kommt davon! Wer konnte denn das ahnen, wenn man da unten bei
den Türken sitzt!“

Er wies mit einer entrüsteten Bewegung auf das preußische Dunkelblau
mit Carmoisin des kleinen, patenten Hauptmanns.

„Wenn man noch halb in Zivil herumläuft wie der Hellfried ... so’n
Friedenssoldat, der erst am dritten Tag mit seinem A. O. K. hinausgeht,
der kann sich das leisten! Aber ich muß doch in ’ner Stunde auf der
Walze sein ... ich muß!“

Er wandte sich verzweifelt an Inge.

„Ich hatte ja keine Ahnung... Schon unterwegs bekam ich die
Drahtbefehle. Vläming und ich und noch zwei Preußen und ein Haufen
bayrische Herren -- wir sausen Tag und Nacht durch, mit hundert
Kilometern, bis an die Ostgrenze! Es geht jetzt um Spitze und Knopf.“

„Tu Du nur Deine Pflicht!“ sagte Inge.

„Aber sowie ich ein bischen Luft kriege -- spätestens in ein paar
Wochen -- ich mache es schon irgendwie ... ich telegrafiere Dir...
Gottseidank hab’ ich ja die Strippe ständig zur Verfügung... Richte nur
inzwischen Alles und halte Dich zur sofortigen Abreise bereit!“

„Ja.“

Der Pilot Graf Vläming befestigte das Einglas in der Augenhöhle seines
hageren Rassekopfs und sagte zu dem Hauptmann von Hellfried und dessen
Damen:

„Nu schlag’ ich aber vor: Wir gehen! Erstens sind wir hier total
überflüssig! Zweitens hab’ ich einen kolossalen Hunger und drittens nur
noch fünfzig Minuten Zeit. Isebrink ... Isebrink... Mensch... Wachen
Sie doch auf!“

„Ja -- was ist denn?“

„Wir ziehen uns jetzt verständnisvoll zurück. Aber vorher vergleichen
wir unsere Uhren! So!... Schlag acht Uhr fährt die Benzindroschke
vom Freiwilligen Automobilkorps vor -- Sie wissen ja: dort drüben...
Anderthalb Minuten vorher müssen Sie da sein! Da wird nicht gefackelt!“

„Eine halbe Minute ist auch genug!“

„Also schön! Ich bin großmütig! Sagen wir fünfundzwanzig Sekunden!
Kommen Sie, Hellfried! Mit Euch Bräutigamen muß man aufpassen! Ihr seid
nicht ganz zurechnungsfähig!“

Der späte Augustabend webte im Dämmergrün des Maximilianplatzes. In
ihm das Gewirr von Tausenden von Stimmen, das Glühen der Luft, das
Zittern der Seelen. Ein plötzliches Anschwellen des Menschenbrausens
da zu den feierlichen Klängen der „Wacht am Rhein“, dort zu wildem
Getümmel, geschwungenen Stöcken, Schutzmannshelmen im Gewühl um einen
neu ertappten Spion. Hurrah, erhobene Hüte und wehende Tücher beim
Anblick von Generalen und von Offizieren in polizeiwidrig sausenden
Autos. Isebrink und Inge gingen im Strom dieser Massen. In ihnen und
dem Zwielicht verschwand sein Feldgrau, wurde nicht mehr so beachtet.
Sie waren ungestört und schwiegen eine Weile, wie Menschen, die sich zu
viel zu sagen haben. Oder nichts mehr. Es lag ja alles hinter Einem.
Die Flammen dieses August löschten überall, was an Irrtümern und
Mißverständnissen in der Vergangenheit aufgestapelt lag, im Großen wie
im Kleinen. Es war nicht der Mühe wert, davon noch zu reden, und Inge
Tillesen sagte schließlich nur:

„Ja. Du brauchst nicht umzulernen. Du hast Recht behalten. In Allem!“

Dann fiel ihr wieder ein, was ihr die junge Hauptmannsbraut
kameradschaftlich zum Abschied gesagt. „Gottseidank! Unsere künftigen
Männer sind im Generalstab lange nicht so exponiert wie die ganz da
vorn in der Front!“ Da dachte sie doch wieder mitten im Donnergang der
Zeit an ihr eigenes bischen Schicksal. Sie merkte jetzt, an der Angst
um ihn, wie lieb sie ihn hatte. Und wie sie ihn schon früher hätte
haben können. Und sie sagte, sich fest an seinen Arm schmiegend:

„Ja! Ich war dumm!“

Er lachte.

„Du Schlaukopf -- Du?“

„Aber wir waren’s Alle! Es ging uns zu gut! Wir haben nicht mehr
gewußt, was uns nottat!“

Sie schritten Arm in Arm weiter, umbrandet und umbraust von dem
Rauschen eines uferlosen Meeres. Tausend Töne lebten darin, Gesang
und Geschrei, Lachen und Grollen, und es war doch nur ein einziger
unermeßlicher Gleichklang, das Atmen einer einzigen Brust. Alle
Gesichter umher schienen einander ähnlich, leuchtende Blicke in
unerschütterlich ernsten Mienen, ein großes Geheimnis über Jedem und
Allem, eine trunkene und doch feierlich erhobene Stimmung, wie das
letzte Abendrot dort über den Dächern oder wie das Morgenrot des
kommenden, ungeheuren Tags.

Inge blieb stehen.

„Du... Was war das nur mit uns bisher?... Warum waren wir nur so
verblendet...?“

„... weil wir Deutsche sind, Kind! Wir vertragen uns immer erst, wenn
wir müssen! Aber dann auch gründlich!“

„Ach Gott ja -- was hat Jeder aus sich für ein Wesen gemacht!“ sagte
Inge, während sie weitergingen. „Da dachte man, es käme auf Einen an
und kam sich wichtig vor -- und nun sieh’ mal hier die Menge...“

„Ja, heut’ gefallen mir die Leute, durch die Bank!“

„Wer wußte denn auch, daß wir seit Jahren am Rand des Verderbens
hingegangen sind...“

„Wir haben’s Euch ewig gepredigt!“

Die Leute umher machten unwillkürlich dem Hauptmann in Feldgrau Platz.
Junge Männer schauten ihn ernst an, mit dem Gedanken: Also so Einer
wird uns führen! Mütter betrachteten ihn, und es lag in ihrem Blick:
Euch vertrauen wir unsere Söhne an! Ein vornehm gekleideter Herr sagte
zu seiner Frau: „Siehst Du die roten Streifen? Das ist der Kopf! Wir
von der Landwehr sind bloß die Faust...“

„Deutschland, Deutschland über Alles!“ Wieder klang das Lied. Ein Trupp
Studenten in bunten Mützen zog vorbei. Auf dem Weg zum Generalkommando.
Zur Meldung als Kriegsfreiwillige. Geschlossen, das ganze Corps. Sie
riefen es lachend dem Hauptmann Isebrink zu. Er lachte und winkte ihnen
mit der Hand zurück, schon wie jungen Kameraden! Eine Sekunde flackerte
das Kriegswetter in seinen Augen. Es war Inge, als leuchteten all diese
Menschen von innen heraus, als wären sie gar nicht mehr sie selbst.
Sie dachte wieder an das Trauungswort der jungen Hauptmannsbraut von
vorhin. Es war wie dessen Widerschein auf den tausend Gesichtern, in
den tausend Augenpaaren umher: Unser Keiner lebt sich selber und Keiner
stirbt sich selber! Sie hing sich fester an Isebrinks Arm und sagte:

„Weißt Du ... eigentlich ist das Alles ja ein einziges Wunder...“

Er lachte unbekümmert.

„Ein Wunder ist jedenfalls schon geschehen: Ich halt’ Dich! Und nun
kommst Du mir nicht mehr aus!“

Und während sie umdrehten und den Weg zurückgingen, war ihr zu Mut,
als hätten nicht nur sie Zwei sich gefunden, sondern so wie sie und in
ihnen Beiden ganz Deutschland, als wäre das Alles miteinander eins, als
gäbe es keine Grenze mehr zwischen Mensch und Menge, jeder Einzelne
klein und doch groß und, was deutsch hieß, eine einzige Kraft, zu
wagen, zu schlagen, zu tragen.

Zögernd legte sie mit Paul Isebrink die letzten Schritte zu der
hellerleuchteten, offenen Veranda des Restaurants am Lenbachplatz
zurück. Innen war es gedrängt voll. Uniformen, farbige Damenkleider,
helles Sommerzivil der Herren. Die Musikkapelle spielte die
Nationalhymne. An einem langen Tisch, zwischen Blumen und Sektflaschen,
saßen abfahrtbereit die preußischen und die bayerischen Offiziere mit
ihren Kameraden und ihren Damen. Der Flieger Graf Vläming war lang und
ernst auf einen Stuhl gestiegen und spähte durch das Monocle auf den
Platz.

„Na endlich! Immer unpünktlich, Isebrink! Nur noch zwanzig Sekunden.
Los!“

Draußen auf der Straße war neuer Jubel. Ein mächtiges, kanariengelbes,
offenes Reise-Automobil war vorgefahren. In Friedenszeiten beförderte
es wohl zähnestochernde amerikanische Krösusse von den Münchner
Hotelpalästen zwischen Breakfast und Dinner nach Hohenschwangau und
zurück. Jetzt war es mit Feldkoffern und Ersatzreifen vollgepackt,
Aushilfs-Benzinkanister für ununterbrochene Eilfahrt füllten den Boden,
auf dem Wagenschlag stand mit schwarzer Farbe: „Nach Petersburg!“
Der Herrenfahrer in der Uniform des Freiwilligen-Automobilcorps, den
Hirschfänger an der Seite, kurbelte eigenhändig die schwere Maschine
an. Graf Vläming stand neben dem bayrischen Fürsten und schrie durch
das Donnergerassel:

„...’rin in die Hochzeitskutsche, wenn ich gehorsamst bitten darf!“

„Hurrah!“ „Gute Reise!“ „Kriegsheil!“ Die Musik spielte:

    „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd...“

Und wenn es auch kein Pferd, sondern ein Auto war, so sang doch der
Pilot Graf Vläming begeistert mit. Er lehnte, über die Menschheit
erhaben, breitbeinig hoch auf dem Führersitz des Autos an der
Windscheibe und sang:

    „Da tritt kein Anderer für ihn ein!
    Auf sich selber steht er da ganz allein!“

Und dann:

„Los, Isebrink!“

Paul Isebrink zog Inge an sich. Jetzt durften sich, auch vor den
Leuten, Jeder und Jede küssen, zum Abschied, fast schon vor dem Feind.
Endlich klatschte der lange Junggeselle mit dem Einglas oben ungeduldig
in die Hände. Da drückte er ihr noch einmal die Hand und sprang mit
einem Turnersatz in den schon vollbesetzten Wagen.

„Also halt’ Dich bereit! Sowie eine Depesche kommt, los! In vierzehn
Tagen ist Trauung!“

Sie nickte und lachte tapfer. Und ebenso die anderen Damen um sie. Vorn
hallte die Doppelfanfare des Oberkommando-Rufs. Der Kraftwagen setzte
sich in Bewegung und schoß durch die menschenwimmelnden Straßen, durch
Hüteschwenken und Zurufe hinaus in die Nacht, dem Osten zu...

Die Damen waren eine Weile ganz still, wie betäubt. Sie hatten noch das
Abschiedlachen auf den Lippen und feuchte Augen. Es war so plötzlich
gegangen. Nun war auf einmal die große Leere da. Das Frösteln der
Verlassenheit. Die Männer fort, die Verlobten, hinaus ins Unbekannte.
Die Angst und Liebe und Stille in Einem. Und ringsherum wie bisher, die
vaterländischen Weisen der Musik, Kellnergelaufe, Stimmengeschwirr an
dicht besetzten Tischen.

Von einem dieser Tische, an dem nur zwei Herren saßen, flog ein Blick
zu Inge Tillesen hinüber. Ihre noch nassen Augen trafen sich mit den
großen, grauen dort drüben, weiteten sich in ungläubigem Zorn. Sie war
auf einmal völlig bei sich. Eine rasche Röte lief über ihre Wangen.

„Das ist also doch zu toll!“ sagte sie zu der Hauptmannsbraut neben
ihr. „Können Sie sich vorstellen, daß sich ein Russe, ein richtiger
Russe, ganz ruhig hier mitten ins Lokal setzt?“

„Ein Russe?“

„Ein Herr von Schjelting. Dort hinten an dem Tisch. Den Andern kenn’
ich nicht!“

„Ist er denn verrückt?“

„Ich glaube, er hat die wahnsinnige Idee, daß die Bayern neutral
bleiben! Wenigstens sagte er vorgestern so Etwas in Wiesbaden!“

„Sind Sie auch ganz sicher, Fräulein Tillesen?“

„Gott ... ich kenn’ doch den Menschen! Sehen Sie doch nur das
dünkelhafte Gesicht!“

„Aber er trägt doch das amerikanische Abzeichen im Knopfloch!“

An den Tischen um Schjelting herum betrachtete man wohlwollend die
Sterne und Streifchen des kleinen eingenähten Fähnchens auf seiner
Brust. All die Tausende von Yankees in München und ihre Frauen und
Töchter hatten es. Der Münchener Bürgersmann freute sich, wenn er sie
sah und ihnen irgendwie gefällig sein konnte.

„Damit kann er freilich noch lange hier ungestört herumlaufen!“ sagte
Inge Tillesen entschlossen. „Wo ist denn Ihr Bräutigam?“

„Im Saal drinnen! Er hat sich zu den Schweren Reitern gesetzt!“

„Bitte holen Sie ihn! Ich verliere inzwischen den Russen nicht aus dem
Auge!“

„Und dann...?“

„Dann lassen wir ihn verhaften! Ganz einfach!“

Das junge Mädchen drängte sich nach dem Saal. Sie kam nur langsam
vorwärts. Inge blieb am Eingang auf Posten. Auf Nicolai Schjeltings
länglichen, nervösen Zügen bemerkte sie, während er wieder einen
blitzschnellen Seitenblick herüber warf, eine plötzliche Unruhe, dann
sah er wieder schweigend und brütend in den deutschen Jubel um sich,
die wild erwachte Lust der Lieder und der Waffen, mit einem ungläubigen
Staunen im Blick, wie es Inge nie an ihm beobachtet hatte. Sie zitterte
vor Ungeduld. Vor ihr schwatzten zwei biedere Münchner beim Bier von
den Buren.

„Drüben, auf dem Balkon vom Bayerischen Hof, hat er dazumal gestanden,
der Botha. Geweint hat er, der dicke, große Mann! Zweiunddreißigtausend
Markl haben’s ihm an dem einen Nachmittag ins Hotel gebracht, die
Münchner... Sie, Herr Nachbar, dös haut! Dös war damals um Gottes Lohn.
Aber keine Guttat is umsonst: Wenn’s jetzt wirklich mit den Engländern
auch losgeht, nachher reden der Botha und die Buren auch ein Wörtel
mit!“

„Ich hab’ mehr Fiduz auf die Japaner!“ sprach der Andere. „Die haben’s
eh schon im Schwung, wie man d’ Russen drescht! Die haben ’was bei uns
gelernt! Klein san’s, aber a Schneid haben’s schon. Na, zur Gesundheit!“

Er hob sein Glas und trank freundlich lächelnd zweien der vielen
japanesischen Studenten Münchens am Nebentisch zu. Die gelben Geschöpfe
wußten, was sich gehörte. Sie kamen grinsend nach deutscher Art nach.
Draußen war wieder Lärm und Jubel. Ein Zug begeisterter junger Leute
marschierte vorbei. Sie kamen vom italienischen Generalkonsulat,
wo sie Hochrufe auf den Verbündeten jenseits der Alpen ausgebracht
hatten. Nicolai Schjelting wandte nachlässig den Kopf nach ihnen. Sein
spöttisches, sonderbares Lächeln machte Inge wütend. Wieder spähte sie
nach dem Hauptmann. Da ... endlich...!

„Wo ist denn der Verbrecher, Gnädigste?“

Der kleine, elegante Herr von Hellfried hatte sich zu ihr
durchgearbeitet. Ein paar andere Offiziere und ein Herr in Zivil hinter
ihm.

„Dort am Tisch!“

Sie wies es unauffällig mit dem Kopf. Zugleich schoben sich neue
Menschenwellen dazwischen und sperrten den Ausblick. Studenten von dem
Demonstrationszug zu Ehren Italiens draußen. Die Musik empfing sie mit
der Marcia reale, der italienischen Königshymne. Der Hauptmann wurde
ungeduldig.

„Man kann ja nichts sehen! So: jetzt. Welches ist der Tisch?“

„Ganz in der Ecke!“

„Ja aber...“

„Herrgott ... der Tisch ist leer!“

Nicolai Schjelting und sein Begleiter waren in dem Gedräng
verschwunden. Unauffällig hinaus in die wimmelnde, fiebernde,
brausende, von Zehntausenden belebte Sommernacht, in der sich ihre
Spuren verloren...



XII.


Nicolai von Schjelting’s Genosse an diesem Abend war ein Moskauer Däne,
einer jener Finanzmänner, die sich den mächtigen Schutz der Kaiserin
Mutter und der Kopenhager Clique für ihre Geschäfte im Zarenreich,
im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu Nutze machten. Er war
klein, brünett und hager. Er hatte seine Freunde in dem Petersburger
Minister-Komité, im Reichsrat und in der Gossudarstwennaja Duma. Mit
Schjelting einte ihn der Deutschenhaß. Sie hätten sich trotzdem am
leichtesten deutsch miteinander verständigt. Aber, um nicht durch
dessen fremdartigen Klang aufzufallen, sprachen sie englisch.

„Nun -- Sie brachen so plötzlich auf, Herr von Schjelting?“

Sie gingen in der lauen Sommernacht durch die Ottostraße dahin. Nicolai
Schjelting hatte seine Sicherheit wieder. Etwas gönnerhaften Hochmut
gegen den ~homme d’affaires~ neben ihm.

„Ja wie? Man kann doch nicht ewig sitzen bleiben! Diese Deutschen...“

Herr Niels Poulsen war noch dänischer Staatsangehöriger und also
neutral. Es war ihm, seit dem fluchtartigen Rückzug, in Gegenwart des
Russen mit der Yankee-Schleife nicht mehr ganz behaglich zu Mut.
Schjelting achtete nicht auf das betretene Schweigen des Andern. Er
sagte wieder nachdenklich vor sich hin:

„Diese Deutschen...“

Und dann, in jähem slawischen Stimmungswechsel, seinen Begleiter am Arm
packend.

„Wie ist das? Verstehen Sie das?“

„Was denn?“

„Haben Sie gesehen, wie dies gelbe Automobil vorhin abging? Diese
Offiziere lachten und scherzten. Sie hatten sich mit Blumensträußchen
bestecken lassen. Sie hatten Eichenlaub am Helm und am Wagen. Sie
fuhren in den Krieg mit uns, mit Frankreich, mit England, mit der
halben Welt, so wie man Sonntags auf die Datsche fährt! Belieben Sie!
Was heißt das?“

„Es sind Soldaten!“

„Nun -- und ihre Frauen? Haben Sie bemerkt, daß keine von ihnen beim
Abschied weinte? Auch die jungen Mädchen nicht? Die Bräute? Wie machen
sie das? Sind diese Deutschen von Stein?“

„Vielleicht waren es nur entfernte Verwandte...“

„Es war schon eine Braut unter ihnen!“ sagte Nicolai Schjelting
mit einem sonderbaren Lächeln. „Ich weiß es. Und auch, wem dieses
Gretchen-Herz gehört!“

Er warf den Kopf höhnisch in den Nacken.

„Aber die letzte Stunde des preußischen Militarismus hat geschlagen.
Der Krieg wird diese Kriegskaste verschlingen. Es ist ja nur eine
Handvoll Menschen. Das deutsche Volk hat nichts mit ihr gemein!“

Um die Ecke der Briennerstraße wälzte es sich uferlos, tosend, im
Sturm flutend, wie ein von Blitz und Donner der Berge angeschwollener
Alpenstrom, in der Nacht verschwimmend, von Fackeln erhellt, von Fahnen
überflattert, von geschwungenen Hüten und Tüchern, von Hurrah und
Massengesang überbraust. Der Däne riß Schjelting zur Seite.

„Passen Sie auf! Das Volk reißt Sie mit!“

„Das Volk? Wie denn das Volk?“

„Nun, was ist denn das da?“ Der Andere mußte schreien, um sich in der
tausendfach erschütterten Luft verständlich zu machen, und deutete auf
die endlos in Schritt und Tritt über das zitternde Pflaster ziehenden
Reihen. „Da marschieren junge Fabrikarbeiter und Studenten Arm in Arm,
Handwerker, Ladenverkäufer, Lehrlinge, Mädchen, Frauen aus dem Volk...
Alle aus dem Volk! Wo kämen denn sonst die Tausende her?“

Schjelting nickte.

„Ganz richtig!“ sagte er lächelnd. „Meine These! Sie demonstrieren!
Gegen den Krieg! Gegen den Militarismus!“

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Alle die vorüberzogen, sangen es
aus voller Kehle. Schjelting zuckte zusammen. Er wollte es nicht hören.

„Sie demonstrieren!“ wiederholte er. „Sie rufen die Rechte des Volks
gegen die Machthaber aus!“

Der Däne hatte sich höflich auf Deutsch an einen Herrn im Zylinderhut
gewandt.

„Bitte! Wohin wollen diese Mengen von Menschen?“

„Dort, zum Wittelsbacher Palais, -- den König begrüßen!“

Nicolai von Schjelting drehte mit einer hochfahrenden Bewegung den Kopf
zur Seite.

„Gehen wir!“ sagte er. „Gott mag wissen, was das für Leute sind!
Der Polizeiminister hat diesen Aufzug bestellt. Man hat die Fahnen
geliefert. Die Schreier. Die wahre Stimmung ist anders. Wir haben sie
studiert. Wir wissen die Ergebnisse der Wahlen in Deutschland. Wir
kennen die Unzufriedenheit des Handarbeiters, die Mutlosigkeit der
Intelligenz. Beide gingen bisher nebeneinander her. Nun werden sie sich
gegen den Militarismus vermählen! Ah da ... sehen Sie: da stürmen sie
die Kasernen der Garde.“

Vor den langen blumengeschmückten Fensterreihen des Leibregiments in
der Türkenstraße drängten sich lärmende Haufen. Fast nur junge Männer.
Viele in bloßem Kopf. Im Schurzfell. So, wie sie von der Arbeit kamen.
Sie hoben die Hände. Pochten an die Tore. Riefen. Schutzmannshelme
dazwischen. Nicolai Schjelting trat triumphierend näher. Er hörte, wie
ein dicker Polizist beruhigend sagte.

„San S’ doch stad! Es kommt a Jeds dran! Morgen früh um Acht!“

„Ja -- dös kennt ma! Nachher is wieder alles kumplett!“

„I steh’ seit heut Mittag und wart’, daß S’ mi nehme, bal Einer drin’
schlapp macht!“

„Da kannst nix machen! Es müssen ja net grad die Leiber sein! I fahr’
noch heut’ Nacht nach Nürnberg!“

„Hat’s dort Platz?“

„Dös glaabst!“

„Wart, i kumm mit!“

Ein paar junge Gesellen liefen in langen Sprüngen über die Straße, dem
Bahnhof zu. Ein junger Kaufmann schüttelte den Kopf.

„Nürnberg nimmt seit heute Mittag nichts mehr. Alle Regimenter besetzt.
Ich hab’s telefonisch. Ich reis’ morgen früh nach Metz, zur bayrischen
Brigade!“

„Warum nöt gleich, Herr Nachbar?“

„Ich hab’ net Geld genug! Ich muß erst meine Uhr versetzen!“

„Jetzt i tät’ mi doch schämen, so zu drängen!“ sagte der Schutzmann.
Und dann, auf die Frage des Dänen:

„Bald man sie hier los wird, ziehe sie vor’s Generalkommando oder zu
den Schwollescheh’s!“

„Was wollen sie denn?“

„Aufbegehren tun’s, weil sie nöt glei’ alle als Kriegsfreiwillige
eingestellt werden! Ja, lieber Gott, wann’s immer glei’ zu Zehntausend
ang’ruckt kommen...“

Nicolai Schjeltings Züge zwinkerten unruhig. Er wandte sich jäh ab.

„Kommen Sie, Mr. Poulsen!“

Er schritt hastig die nächste Straße hinab. Zu seiner Rechten, in der
Richtung gegen Nymphenburg, lagen die industriellen Vorstädte Münchens.
Arbeiterviertel. Fabriken. Mietskasernen. Er horchte in die Nacht
hinaus. Sein Gesicht verklärte sich.

„Hören Sie diese fernen, wilden Schreie?“

„Ja. Seltsam.“

„Sie kommen näher. Schreie der Verzweiflung! Nein, der Wut!... Der
Schlachtruf des Volks... Endlich! Ah... Da naht der Aufruhr...“

„Juhu!!“

Es klang wie der Schrei des Steinadlers über Karwendel und Werdenfelser
Land, wie der Ruf des Wanderfalken über Wildem Kaiser und Steinernem
Meer. Weißer Adlerflaum wehte trotzig von den Berghüten. Braungebrannte
Gesichter voll lachenden Schneids darunter, Holzhacker, Jäger, Senner,
Bauernburschen, in grüner Jacke und kurzen Gamslederhosen an gestickten
Trägern, mit nackten Knieen und Wadenstutzen und Nagelschuhen.

Die ersten Kriegsfreiwilligen aus dem Bayerischen Hochland. Die
Vorboten von vielen Tausenden. Schjelting hörte, wie ein Bürger es dem
andern ins Ohr schrie, und dann der, mit einem strahlenden Blick auf
die wilden, stutzengeübten Burschen:

„Wo die Bub’n hinschiassen, da möcht’ i nöt an Franzosen machen!“

Sie sprangen und schuhplattelten im Marsch, klatschten mit der flachen
Hand auf die Schenkel.

„Juhu! Juhu!“ Die ganze Menge jubelte mit, sang, schrie, riß Nicolai
Schjelting in ihrem Brausen fort. Es klang wie eine Stimme. Es war, als
schritte da ein unsichtbarer Riese neben ihm und brüllte ihm in die
Ohren: ‚Ihr habt mich gerufen! Ich bin gekommen. Da bin ich!‘

„Nun -- was sagen Sie dazu, Herr von Schjelting?“

Sie hatten sich aus dem Gedräng herausgearbeitet. Schjelting war etwas
bleich geworden.

„In der Tat: es ist anders, als ich... Ich war oft in München. Man traf
sich hier. Man hatte seine Formeln und Schlüsse für die Stimmung...
In Preußen sieht es jedenfalls ganz anders aus. Berlin ist in dieser
Stunde unzweifelhaft schon in der Hand der Blusenmänner!“

„Oh...?“

„Ich kenne die wahre Seele Deutschlands. Man wird in dieser Nacht
in Württemberg weinen, man wird in Sachsen die Faust gegen die
Militaristen ballen!“

„Meinen Sie?“

„Man wird am Rhein zittern und an der Oder verzweifelt die Kirchen
füllen.“

„Nun -- ich weiß nicht ... ich würde an Ihrer Stelle machen, daß ich
hier nicht festgenommen werde!“

„Wie kann man das? Ich bin nicht wehrpflichtig -- meiner Gesundheit
wegen. Man kann mich höchstens ausweisen!“

„Glauben Sie wirklich, daß man so viel Rücksicht nimmt?“

„Wir nicht! Aber Karl Karlowitsch wohl!“

„Der Deutsche?“

„Ja, er ist doch so pedantisch.“

Sie standen unter der Wölbung des Neuhausertors. Unheimlich ragten
neben ihm die Trümmer des am Abend vorher der Volkswut gegen die
Ausländer zum Opfer gefallenen Kaffeehauses. Drei Stockwerke hoch
war alles, bis auf die Mauern, zerschmettert. Selbst die armdicken,
gußeisernen Kandelaber davor von einer Riesenfaust krummgebogen. Es war
wie der erste rasende, noch blind gegangene und irre geleitete Ausbruch
fürchterlicher deutscher Kraft, die noch kein rechtes Ziel gefunden.
Der Däne betrachtete es unbehaglich. Dann sagte er:

„Gestatten Sie, daß ich es Ihnen als Freund gestehe: es wird mir etwas
unheimlich in Ihrer Nähe... Dies Volk hier... Kann ich Ihnen noch mit
Etwas dienen?“

„~Da swidanje!~“

Zwei Fingerspitzen, die Hutkrempe einen Zoll hoch vom Scheitel. Dann
ließ Nicolai Schjelting den Andern stehen. Ihn verabschiedete man
nicht. Das tat er selbst. Er sagte sich, während er allein weiterging,
verächtlich: Wie soll er nicht Angst haben? Eine Krämerseele... Ein
Rubelraffer... Päh! Ein halber Ausländer außerdem...

Aber dann gab er sich mit einem Frösteln zu: Dieser Mensch aus der
Antichambre des Finanzministers hat mich angesteckt! Wie ist das?...
Man kennt doch die Deutschen!... Man belächelt sie!... Sind sie denn
das noch, diese Menschen hier um Einen...? Sonst waren sie ruhig.
Friedlich. Übertrieben höflich gegen Ausländer. Man machte unter
ihnen, was man wollte. Deutschland war so recht der Ort, um sich gehen
zu lassen. Eben hier in Bayern. Nicht umsonst hatte Iswolsky seinen
ständigen Sommersitz in Tegernsee, Sonnino in Marquardtstein. Aber
jetzt?

Er warf nervös seine Papyros weg. Lieber die Koffer gepackt und davon!
Nein: am besten gleich, so, wie man ging und stand! Er hatte auf
einmal Angst vor München, vor diesem tosenden, brausenden, erbitterten
Bienenschwarm um ihn her. Arbeitsbienen -- ja. Aber sie stachen. Besser
nach Berlin. Dort war man sicher. Wo man ohnedies bald dort einrückte,
wo inzwischen schon der Mann der Straße, dieser aufgeklärte, mit den
Zielen der europäischen Demokratie vertraute Mann des Vierten Standes
sein Veto gesprochen und den örtlichen Machthabern die Gewalt entwunden
hatte...

Er fand sich plötzlich in einem der vollgepfropften Nachtzüge nach
Berlin. Auch draußen auf dem Gang stauten sich noch die Menschen. Um
ihn herum waren lauter junge Männer. Er antwortete englisch auf ihre
Frage, ob er sich bei der zweistündigen Ablösung von Sitzen und Stehen
beteiligen wolle. Ein eleganter, junger, mit Schmissen bedeckter
Student neben ihm sagte:

„Kinder ... quält nie einen Amerikaner zum Scherz! Der hat ja keinen
Schimmer von deutsch! Der Fremdling bleibt sitzen!“

Nicolai Schjelting drückte sich in die Ecke. Er blinzelte nur zwischen
den halbgeschlossenen Lidern. Er dachte sich: Ich habe jetzt keine
Zunge. Nur Augen und Ohren. Aber die werde ich brauchen. Jetzt werdet
Ihr ahnungslosen Deutschen mir Eure geheimsten Gedanken offenbaren...
Eure dumpfe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung...

Unter denen, die hereinkamen und mit den Anderen die Plätze tauschten,
war ein blondbärtiger Dreißiger. Er ließ sich hinfallen:

„Donnerwetter ja... Das tut gut!“

„Kommen Sie weither?“

„Es geht! Aus Marokko.“

„Bei der Hitze!“

„Ich hatte als Ingenieur für meine Firma zu tun. Urlaub schon
angetreten. Nun komm’ ich grade zurecht. Kolossales Glück!“

„Infanterie?“

„Regiment Elisabeth!“

„Ich bin Ulan!“ sagte der junge Graf. „Aber erst Unteroffizier der
Reserve. Mein Bruder da, mit dem ich eben vom Tiroler Ferienbummel
komm’, hat’s besser. Der ist schon Rittmeister!“

„Aktiv?“

„Nein. Im Hauptamt: Privatdozent der Assyriologie,“ sagte der ernste,
bärtige Herr lächelnd. „Aber ich freue mich recht! Meine Familie hat
durch vier Generationen das Eiserne Kreuz. Nun holen wir’s uns in der
fünften!“

„Was der Amerikaner da ’rüberglupscht! Dabei versteht er doch nicht ’ne
Bohne!“

Nicolai von Schjelting schloß die Augen. Er frug sich: Wie denn? Dieser
deutsche Adel erkennt doch nichts neben sich an. Und doch trinkt da der
Graf mit dem Ingenieur aus einer Flasche! Die deutsche Wissenschaft ist
doch international. Und doch träumt dieser Assyriologe vom Eisernen
Kreuz! Die teutonische Verschwörung geht weiter, als man in der
europäischen Intelligenz dachte...

„Wohin denn, Herr Landgerichtsrat... Verzeihung, Herr Hauptmann?“

Ein großer, breitschultriger Herr war aufgestanden.

„Ich will mir ’mal den Mann da draußen hereinholen, der sieht ja elend
aus! So kommen Sie doch schon!“

„Ich hab’ dritte Klass’!“

„Ach was! Hier giebt’s keine Deutschen erster, zweiter und dritter
Klasse! Hingesetzt. So!“

„Danke, Ihr Herre!... ’s isch so saumäßig heiß...“

„Na, Sie Wüschteberger! Wollen Sie denn nach Berlin?“

„Ja. Ich meld’ mich bei den Preißen!“

Der Neuangekommene war ein einfacher Mann. Schon über die Mitte der
Vierzig. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.

„Mei alter Hauptmann, unter dem ich in Weingarte Unteroffizier war, hat
jetzt ein Regiment in Spandau. Ich hab’s meiner Frau g’sagt: ’s isch so
und bleibt dabei! Ich geh zu mei’m alten Hauptmann!“

„Wie lange ist denn das in Weingarten her?“

„Fünfzehn Jahr! Ich bin schon lang Rentamtsbote im Sigmaring’schen!“

„Der Amerikaner ist gottvoll! Der macht ’n Gesicht, wie ’ne Katze,
wenn’s donnert!“ sagte der kleine Graf halblaut. Nicolai Schjelting
stellte sich schlafend. Er dachte sich: Immer hat man gehört, die
Deutschen werden in den Kasernen geknechtet. Und da kommen sie, nach
langen Jahren, von weit her zu ihren früheren Offizieren... Wieder
Stimmen um ihn:

„Sie sind gewiß ein Frankfurter, Herr Doktor, nach Ihrer Sprache?“

„Nicht weit davon! Ein Offenbächer! Aber hören Sie ’mal den da draußen:
wenn das kein Pälzer ist...“

„M’r wird doch noch kreische derfe... Wie?... Ha, freilich bin ich
schon im Landsturm!“

„Der ist ja noch gar nicht einberufen!“

Aber der Metzgermeister und Kriegervereins-Vorstand aus der Pfalz
verstärkte seine Lungenkraft.

„Jo -- do könnt’ ich lange warte! Ich will nix, als norr zu mein’m
alten Regiment nach Nürreberg. Bei sellerer Artillerie hab’ ich als
junger Borsch g’stanne. Do gehör’ ich nei!“

Und wieder frug sich Nicolai Schjelting: Das Volk ... ja aber da ist
doch das Volk ... es drängt sich herein -- -- setzt sich zwischen seine
Bedrücker, ist mit ihnen ein Herz und eine Seele... Wenn ich wirklich
Amerikaner wäre, wofür sie mich halten -- ich müßte mich wie zu Hause
fühlen, so gleich ist Einer dem Andern. Wo bleibt der Aufschrei der
Massen!... Ah -- da endlich ein Weinen!

Der junge, kaum achtzehnjährige Mensch vor ihm kämpfte wirklich mit
bitteren Tränen. Er war sauber gekleidet, guter Leute Kind, und hatte
eine Pappschachtel mit seinen Habseligkeiten unter dem Arm. An dem
schüttelte ihn Einer:

„Zum Donnerwetter -- wer flennt denn da? Sind Sie denn schon
einberufen?“

„Sie wollen mich ja nirgends haben! Bei sieben Regimentern hab’ ich
mich schon gemeldet. Immer sprechen sie, das wär’ noch nichts mit
meinem Brustumfang...“

Er schaute kummervoll mit nassen Augen auf. Es zeigte sich, daß er
ein Kaufmannslehrling aus Kassel war. Nun hatte er seine Stellung
aufgegeben und reiste überall herum mit seinem Pappbündelchen unter dem
Arm, und sie mochten ihn nicht. Seine Hoffnung war jetzt die Marine. Er
war auf dem Weg nach Wilhelmshaven. Man tröstete ihn. Der Student gab
ihm eine Karte:

„Mein alter Herr ist Staatsminister! Schlimmstenfalls kann er ’was für
Sie tun! Aber eilen Sie sich. Er rückt zugleich mit mir und meinen
Brüdern aus!“

Und vom Gang her rief es aufmunternd wie ein Hauch von Salz und See:

„Jong... Jong... Kopf hoch... Dich können wir bruken!“

Ein blonder Siegfried von einem deutschen Seemann war es, auf dem Weg
von seinem Handelsschiff in Genua zu seinem Gestellungsort in Kiel. Er
stand mit ein paar deutschen Köchen und Kellnern, die aus der Schweiz
zu ihren Regimentern eilten. Er trug Bürgerkleid wie sie und all die
Andern. Aber es war Nicolai Schjelting in seiner Ecke, als hätten sie
alle zusammen schon denselben Waffenrock, denselben Willen, den die
Pickelhaube krönte. Er begriff das nicht. Er versuchte, es sich zu
analysieren. Er frug sich: Wie können die Deutschen denn jetzt auf
einmal einig sein? Fröhlich? Herzlich wie Brüder. Der Alkohol? Er ist
ja auf allen Bahnhöfen gesperrt. Nein: dieser Rausch kommt ihnen von
Innen...

Dieses neue Fiebern und Brausen. Dieses tausendstimmige ‚Deutschland,
Deutschland über Alles!‘ über strudelndem Menschengewoge. Es war
wieder wie das grimme Lachen eines unsichtbaren Riesen unter der
Bahnhofswölbung von Nürnberg. Dann fuhr der Zug wieder in die Nacht
hinaus. Man schlief. Aber die draußen auf dem Gang Stehenden hatten
kleine elektrische Taschenlampen, sahen nach der Uhr, lösten auf die
Minute alle zwei Stunden die Innensitzenden ab wie die Schildwachen.
Das war im Handumdrehen organisiert. Nicolai Schjelting saß wach.
Er sann: Was haben diese Leute für Nerven? Sie haben ihre Heimat
verlassen, Abschied von ihren Eltern und Familien genommen, ziehen in
einen furchtbaren, aussichtslosen Krieg gegen die halbe Erde, und dabei
schlafen sie! Und wenn sie aufwachen, machen sie womöglich im Dunkeln
miteinander Witze... Wahrlich -- wenn sie nicht so verblendet wären,
könnte man sich vor ihnen fürchten...

Ein Frösteln der Seele überlief ihn in der glühend heißen Augustnacht.
Er prüfte sich mit gerunzelter Stirne. Er liebte es, immer mit sich
und über sich im Klaren zu sein. Das war sein Vorsprung vor der
Verschwommenheit allrussischen Denkens. Und er gestand sich: Das war
etwas, was er noch gestern für unmöglich und lächerlich gehalten hatte.
Das war Angst vor Deutschland! Unbegreifliche Angst...

Er wollte sich beruhigen: Das sind die Nerven. Die schlechte Luft. Die
Enge zwischen diesen schnarchenden Teutonen. Man ist im Gefängnis.
Wehrlos. Wenn sie mich entdecken, schlagen sie mich tot, oder werfen
mich aus dem Zug. Diese lachenden Leute sind zu Allem fähig...

Nicolai von Schjelting schluckte ein paar mal heftig. Er hätte
gewünscht, im Freien zu sein. In der schützenden Finsternis draußen.
Seine Angst stieg und stieg. Er hielt es kaum mehr aus. Er wollte sich
mechanisch eine Papyros drehen und zuckte im letzten Augenblick zurück.
Um Gotteswillen -- dadurch verriet er sich wieder als Russen! Bei
jeder Gelegenheit! Nur fort von hier ... fort... Das da um Einen -- das
war nicht mehr der Deutsche Michel...

Der Zug hielt. Noch vor einer Station, die keine Einfahrt gab. Es
schien ein Vorort von Leipzig zu sein. Man hörte es aus den Gesprächen
von Menschen draußen, die aus den Wagen kletterten. Offenbar wohnten
sie in der Nähe und legten die kurze Strecke lieber zu Fuß zurück.
Nicolai Schjelting sprang auf, drängte sich zwischen den vielen
verschränkten Beinpaaren durch, atmete auf dem Bahnsteig die kühle
Morgenluft ... ah ... man war gerettet... Er fand sich allein auf
einer der äußersten Randstraßen des rings um Leipzig gelagerten
Fabrikgürtels, im Dämmergrauen, halb auf freiem Feld, halb zwischen
den letzten Häusern. Und doch war ihm plötzlich jubelnd ums Herz.
Er sagte sich: Hierhin hat mich das Schicksal geführt. Dies ist die
Stelle, wo Deutschland sterblich ist. Ich habe dieses Problem studiert.
Ich habe in meinem „~Essai contre le Teutonisme~“ geschrieben:
Industrialismus und Militarismus heben sich in Wilhelms Landen
gegenseitig auf. So wird uns in der Stunde der Entscheidung dort kein
Bismarck, sondern ein Hamlet gegenüberstehen. Die Pangermanisten kennen
sie wohl, diese Hymne: ‚Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm
es will!‘ Sie wissen, daß dann allüberall eine schwielige Faust den
ehernen Riegel des Volkswillens vor die Fabriktore legt!

Es glühte noch kaum das erste Morgenrot im Osten, und doch war ringsum
im Zwielicht eine geheimnisvolle Helle, ein rotflackerndes Atemholen
der Schlote, purpurnes Funkensprühen, ein summendes Stampfen von Nah
und Fern. Im Zwielicht lebten die Wege. Waren erfüllt von langen
Zügen dunkler, rüstig schreitender Männer. Reihen von Radfahrern
schossen an ihnen vorbei. Die ersten Straßenbahnen klingelten. Nicolai
Schjelting fuhr sich über die Stirne und sah im dumpfen Staunen:
Deutschland ging, als wäre nichts geschehen, auch heute morgen mitten
im aufziehenden Weltkrieg an die Arbeit...

Es fiel ihm schwer, das zu glauben. Wo blieben die roten Fahnen? Es
wurde hell. Nichts war zu erblicken als Ordnung und Ruhe. Schjelting
schritt nach der Stadt... Er sagte sich zum Trost: Man hat diese
Enterbten unter die Waffen gerufen. Sie werden da innen irgendwo
zusammenströmen, um zu protestieren! Ah -- da biegt es um die Ecke --
es nimmt kein Ende -- ein vielhundertköpfiger Zug. -- Sie marschieren
in Schritt und Tritt, diese jungen Männer -- sie singen -- aber sie
singen ein Schlachtlied des Trotzes! Das Pflaster zittert unter dem
Tritt der Arbeiter-Bataillone... Die Kriegspartei zittert vor ihnen...

Er drängte sich heran. Er beugte atemlos, mit aufgerissenen Augen,
den Kopf vor, um die Worte des brausenden Massenchors aufzufangen.
Hunderte, die Bündel unter dem Arm, auf dem Marsch zur Kaserne sangen
es in Schritt und Tritt:

    „Mit Herz und Hand
    für’s Vaterland...“

Nicolai Schjelting eilte davon, blindlings die Straßen hinab, durch
das immer wildere Gewimmel der Innenstadt, die Fahnen, das Hurrah, die
Umzüge, alles, was er nun schon kannte. Er erreichte den Hauptbahnhof.
Auch da, trotz des frühen Morgens, ein unabsehbares Gewühl. Aber
sonderbar: ein unsichtbares Uhrwerk regelte das Chaos. Für jeden war
gesorgt. Auch er fand seinen Stehplatz im Gang eines Wagens nach
Berlin. Eben als man abfuhr, sprang noch ein kleiner, behender Sachse
auf und drängte sich neben ihn.

„Gottvertimmich! Ich mächte doch ooch mitgommen!“

Dann winkte er, noch atemlos, seinen Freunden draußen:

„Adche Leipz’g! Mir wärsch lieber, ich wär schon in Johannisthal! Nu --
ich schreib’ Eich von dort ne Garte!“

Er erzählte unaufgefordert denen um ihn, daß er Optiker von Profession
sei und sich als Flieger ausbilden lassen wolle. Ein stämmiger Maurer,
in der zweiten Hälfte der Zwanzig, neben ihm, meinte trocken:

„Aujust -- fall nich’ von’s Jerüste!“

Und der Zweite, mit Vollbart, sein Arbeitskollege, sagte in tiefem Baß:

„Mensch: woher nimmste denn den Zimmt?“

„Hären Se -- ich hab doch mei’ Erspartes! Machen Sie ooch nach Berlin?“

„Ja, wat jloobste denn, daß die Jardepioniere ohne mir anfangen?“ sagte
der Maurer geringschätzig. Und der Zweite mit dem heiseren Baß:

„Wat der Nicolajewitsch is, da wär’s doch jut, wenn der seine Knochen
beizeiten numerieren tät’! Nachher will es wieder Keiner jewesen sind!“

„Pst! Wat schaut denn der da neben uns so ’rüber?“

„Der? Det is nur ein janz entfernter Fremder von außerhalb! Der kann
nur Amerikanisch! Da kannste schreien wie Du willst -- der versteht Dir
nich!“

Die beiden Berliner trugen rote Federchen am Schlapphut, der Leipziger
eine blutrote Kravatte. Sie erkannten sich als Genossen. Der im Bart
frug:

„Sind Sie ooch orjanisiert?“

„Nu freilich! Was dänken Sie denn?“

Und es ging Nicolai Schjelting durch den Kopf: Wie ist denn das mit
Euch? Ihr seid doch die Unzufriedenen. Der eigene Hemmschuh der
Teutobarbarei. Der Kummer Potsdams. Auf Euch steht unsere Hoffnung. Und
nun?... Der Maurer neben ihm brannte sich eine Zigarre an.

„Ich war lange jenug im Osten uff Arbet, nah bei die Russen. Ich kenne
die Brieder. Senge muß der Blutzar besehen, daß er denkt, Ostern und
Pfingsten fällt uff eenen Tach!“

„Nieder mit dem russischen Despotismus!“ sprach der Andere. Er lachte
nicht mehr. Jetzt war ein heißer und starker Haß in seiner tiefen
Stimme. Nicolai Schjelting fuhr sich unwillkürlich mit der Rechten über
die Augen, als lüftete sich da eine Binde. Also so war das?... Er frug
sich: Ja, aber wo bleiben denn da die Methoden unseres experimentellen
Denkens? Deutschland war doch für uns ein Präparat unter dem Mikroskop.
Die pathologischen Resultate waren festgestellt, an der Seine und
Themse, wie an der Newa. Und nun auf einmal... Ah, wir täuschen uns
nicht. Diese Deutschen täuschen sich. Sie sind in einem Fieber!

„Morjen, Morjen, Herr Karfunkelstein! Immer flott auf der Tour bei die
Zeiten?“

„Wie heißt auf der Tour, Herr Krause?“

„Na -- reisen Sie in Bettfedern oder nicht?“

„Zu meinen Eltern reise ich, nach Berlin. Um adieu zu sagen. Morgen
werd’ ich in Zittau eingekleidet!“

„Nanu! Ich denk’, Sie hat man nicht brauchen können, voriges Jahr bei
der Musterung!“

„Jetzt hab’ ich mich aber doch als Kriegsfreiwilliger
durchgeschmuggelt!“ sagte der blasse junge Handelsbeflissene
triumphierend. „Mein Vetter Sally auch! Und der kleine Lesser von Boas
und Kompagnie, wenn Sie den kennen!“

Das wurde hinter Nicolai Schjelting gesprochen. Vor ihm sagte im
Gedränge ein Achtzehnjähriger aus gutem Hause zu einem weißhaarigen
Herrn:

„Es wird fein! Unsere halbe Prima geht ’raus mit dem Ordinarius
zusammen!“

„Nun, Gott mit Euch Allen!“

„Ach, auf uns junge Leute kommt’s ja nicht so an! Besser wir fallen,
als die Verheirateten!“

Wieder dachte sich Nicolai Schjelting: Die Deutschen fiebern! Sie
lachen, aber sie sehen sich dabei an, als hätte Jeder über Nacht
Ehrfurcht vor dem Andern bekommen. Einer wächst durch den Nächsten!
Irgend etwas trägt sie empor. Sie verlieren den Boden unter den Füßen.
Sie schweben über den Dingen. Das sind Symptome, die sich nicht so
rasch analysieren lassen... Nun: wir nähern uns Berlin! ~Voilà le
revers de la médaille!~

Er hatte sich angewöhnt gehabt, in seinen Petersburger Damenzirkeln im
Salon Ignatjeff an der Newa, von Berlin nachlässig im Ton eines höheren
Nachtasyls zu sprechen. Schlecht angezogene Leute und Dollar-Jagd bei
Tag, Vergnügungstaumel, die Friedrichstraße bei Nacht, halb Chikago,
halb Babel. Jetzt schätzte er es in seinen Gedanken höher ein. Es war
die ragende Hochburg der Verneinung für ganz Deutschland. In der Spree
floß nicht Wasser, sondern Lauge. Die geschmacklosen Zinspaläste an
ihren Ufern waren die steingewordene Unzufriedenheit der preußischen
Bürgerseele. Ah, nun würden die Steine reden! Die Steine von Berlin...

Sein Herz jubelte, als er, in Eile durch Koffer und Wäsche-Ankauf neu
ausgerüstet, am Fenster seines Hotels am Brandenburger Tor auf die
Linden hinausschaute. Da unten war endlich das Volk! Das wirkliche
deutsche Volk. Ein Meer von Köpfen und Hüten. Eine unabsehbare
schwarze Masse. Nicht mehr nach Tausenden, nur noch nach Zehntausenden
zu zählen, vom Brandenburger Tor bis zur Spreebrücke. Es grollte
und rauschte unheimlich aus diesen Tiefen wie der Donner zürnender
Brandung. Auf Nicolai Schjeltings abgespannte Züge kehrte die lächelnde
Ironie zurück. Er eilte hinunter, das Sternenbannerchen im Knopfloch.
Hier im Hotel war alles voll Yankees und reisefertiger Briten. Der
Krieg von England noch nicht erklärt. Er fühlte sich wieder ganz
sicher inmitten der guten Deutschen. Er trat Unter den Linden auf
einen Schutzmann zu, dem dienstfertige deutsche Gastfreundschaft das
englische Dolmetscher-Zeichen verliehen, und frug:

„Wohin wollen diese Bürger Alle?“

„Zum Kaiser!“

Der Schutzmann wies nach dem fernen Grau des Hohenzollernschlosses. Ein
kaum sichtbares Blinken von Uniformpünktchen war da auf einem Balkon.
Helle Damenkleider. Eine Stille. Dann ein Brausen, wie wenn der Sturm
über die Meeresfläche fegte. Das Auffliegen von Tausenden von Hüten und
weißen Tüchern gleich den Schaumspritzern über den Wellen. Hoch oben
von den Dächern wie Flaggenflattern am Schiffsmast die Reichsbanner mit
dem Eisernen Kriegskreuz, der schmetternde Pariser Einzugsmarsch vor
der verlassen daliegenden französischen Botschaft. Und dann weiterhin,
die Linden hinauf, das Sturmlied von Blut und Eisen: „Ich bin ein
Preuße! Kennt Ihr meine Farben?“ Tausende sangen es mit. Schjelting
wandte sich wieder zu einem Schutzmann:

„Wo sind denn nun die Unzufriedenen?“

„Was für Unzufriedene?“

„Giebt es denn keine?“

„Höchstens als wie ich!“ sagte der Schutzmann Nr. 20103. „Daß ich nicht
mit ’raus darf! Unabkömmlich! Aber ich werd’ denen was husten! Ich
komm’ schon noch mit!“

Nicolai Schjelting stand wieder im Hotel. Er befahl geistesabwesend:

„Eine Fahrkarte. Zum nächsten Zug nach Kopenhagen!“

„Bedaure! Es geht keiner mehr! Um Mitternacht schließt in ganz
Deutschland der Eisenbahnverkehr!“

„Auf wie lange?“

„Mindestens für Wochen. Vielleicht für Monate!“

Er suchte sein Zimmer auf, setzte sich hin, starrte verstört vor sich
nieder. Gefangen! Was war denn das? Das hatte er nicht erwartet. In
Deutschland wurde Einem doch sonst alles so bequem gemacht. Namentlich
einem Amerikaner, für den er galt. Mit etwas Dünkel kam ein Ausländer
da immer durch. Er frug unten am nächsten Morgen noch einmal:

„Die Fremden müssen doch abreisen! Früher nahm man doch auf sie jede
Rücksicht.“

„Gewiß!“

„Warum nun auf einmal nicht mehr?“

„Ja, jetzt befehlen unsere Offiziere!“

Draußen wimmelte es von Offizieren. Viele nun schon in Feldgrau. Die
Menge machte ihnen überall Platz. Die Massen schienen Schjelting noch
gewachsen, die Stimmung noch gehoben. Ein feierliches Leuchten auf
allen Gesichtern. Deutschland rüstete sich zum vierten August. Er,
der Russe, verstand den deutschen Auferstehungstag nicht. Er hatte in
der Verklärung draußen plötzlich noch eine letzte Hoffnung. Er sagte
sich im Lauf der nächsten Tage: Wie war denn das mit Deutschland? Es
trug in letzter Zeit nicht mehr die Pickelhaube, sondern kam mit dem
Musterkoffer über die russische Grenze. Nicht mehr aus Potsdam, sondern
aus Essen. Es nutzte nicht die heilige Allianz, sondern den neuen
Handelsvertrag. Es war überall. Auf der ganzen Welt hatte es sich sein
windiges Gerüst industrieller Unternehmungen gebaut. Nun kommt der
Orkan. Wirft seine Kartenhäuser über den Haufen. Das Ende ist da...

Er lief hinüber in die Behrenstraße. Die dehnte sich still und
friedlich. Nicht mehr Menschen als sonst gingen durch die Portale
der Banken aus und ein. Er bog um die Ecke der Französischen Straße.
Dasselbe Bild. Er stand auf dem Opernplatz vor der Dresdener Bank.
Wieder das Gleiche. Diese deutschen Finanzpaläste ragten stumm und
unerschütterlich, Schulter an Schulter, wie von Kopf bis zu Fuß
gepanzerte Ritter.

Er bemäntelte sein hartes Russisch-deutsch, indem er am Bankeingang
sagte:

„Ich komme aus Ostpreußen! Kann man da bei Ihnen herein?“

„Nu jewiß!“

„Ich meine, weil man so wenig Leute sieht...“

„Na, die Börse is doch jeschlossen!“

„Aber die vielen Tausende, die um jeden Preis jetzt ihr Erspartes
wiederhaben wollen!“

Der Pförtner sah kopfschüttelnd den Herrn aus Ostpreußen an.

„Davon ist hier nischt bekannt!“

Und ein herauskommender Kassenbote ergänzte:

„Immer kalt Blut und warm anjezogen!“

Nicolai Schjelting schritt durch die Säle. Menschen genug. Geschäftiges
Hin und Her. Gedränge und Wortwechsel an einzelnen Schaltern. Aber wenn
man näher trat, hörte man meist Englisch, Spanisch, slawische Laute vom
Balkan. Ausländer, die in Eile ihre Beglaubigungsbriefe zu Geld machen
wollten. Die Deutschen, die verzweifelten, geängstigten Deutschen, die
er mit grausamer Neugier suchte, fand sein Auge nicht. Die Deutschen
waren draußen. Ein ungeheures Brausen klang vor den Fenstern, aus dem
schwarzen Menschengewimmel der Linden. Sturmstöße von Hurrah über dem
Meer von Köpfen, zu den grauen Zinnen jenseits der Spree empor, auf
denen das Kaiserbanner purpur-golden vor dem tiefblauen Sommerhimmel
wallte.

Auch dies ist anders als ich dachte, sagte Schjelting zu sich. Er stand
immer noch, in Gedanken versunken, vor der Bank. Ein kleiner, dicker,
brünetter Herr, mit pechschwarzen Rattenaugen in dem pfiffigen Gesicht
kam heraus, stutzte und grüßte ihn. Er erkannte Achille Macrî, den
Petersburg-Pariser Finanzagenten, den er zuletzt in Konstantinopel
gesehen. Er frug den Levantiner halblaut auf Französisch von obenher:

„Nun... Sie noch hier?“

„Ich bin doch griechischer Staatsangehöriger. Ein Neutraler! Aber Sie,
Herr von Schjelting?“

„Ich kann doch nicht mehr fort. Sie müssen mir helfen!“

„Unmöglich!“

„Nun: Im September werden hier in Berlin unsere Ussuri-Kosacken die
Stirnringe der Gurkhas küssen! Man wird sich dann in Petersburg
erinnern, wer am Vorabend des Siegs einen Sohn des großen Rußland im
Stich ließ!“

Seltsam, in dem Augenblick, wo er das sagte, glaubte er nicht mehr
so fest an den Sieg, wie sonst. Das schien ihm selbst unbegreiflich
und unmöglich. Aber es war so. Auf Achille Macrî indessen machte die
Drohung Eindruck. Er rollte unruhig die schwarzen Augen:

„Es fährt ein Amerikaner in dieser Woche im Auto nach Holland. Man hat
es ihm erlaubt. Ich kenne ihn... Haben Sie gefälschte Pässe?“

„Wie denn nicht? Eben einen amerikanischen! Von einem unserer ersten
Moskauer Spezialisten!“

„Dann halten Sie sich bereit!“

Als er einige Zeit später früh Morgens von Achille Macrî abgeholt
wurde, lächelte er geringschätzig und warf die glimmende Zigarette im
Hinabsteigen auf die Teppichecke.

„Haben Sie vor ein paar Tagen diesen Lärm Unter den Linden gehört?
Diesen Jubel?... Diese Teutonen sind doch wie die Kinder! Sie lassen
sich allen Ernstes aufbinden, Lüttich sei gefallen!“

Die beiden Ausländer sahen sich an und platzten gleichzeitig heraus.
Schjelting war plötzlich guter Laune. Er lachte ebenso herzlich wie der
Andere.

„Da sieht man, was man den bebrillten germanischen Augen bieten kann!
Lüttich -- diese uneinnehmbare Panzerfestung, von Brialmont selbst
erbaut, auf einem Nachmittagsspaziergang mit dem Bajonett genommen! Und
sie glauben’s. Sie glauben’s!“

„Es sind Spaßmacher, diese Deutschen!... Da ist das Auto. Gestatten die
Gentlemen: Mr. Ley...“

„Mr. Frank!“

Es war ein schweigsamer, älterer Amerikaner, mit einem faltigen,
steinernen und sorgenvollen Gesicht. Er schwieg und sah nur zuweilen
ungeduldig auf die Uhr. Schon nach einer halben Stunde Fahrt frug er:

„Was ist das für ein Platz?“

„Potsdam.“

Das preußische Sparta lebte von Soldaten. Trotzige Kreideinschriften
an den Kasernentoren verkündeten: ‚Hier werden noch Kriegserklärungen
entgegengenommen!‘

Schjelting zuckte die Achseln. Nun ja -- die Garde! Nun ja -- Potsdam!
Nun ja -- Berlin! Das war nicht Deutschland! Deutschland, in seiner
Not und seinem Bangen jedes Einzelnen und Kleinen, seiner Verzweiflung
in Haus und Hütte, das würde man jetzt erst sehen! Man fuhr ja mitten
durch Deutschland, bis an den Rhein.

Da schon ein Stück: Ein märkischer Edelhof, einstöckig, langgestreckt,
im grünen Park. Der alte Junker auf der Freitreppe, mit Frau und
blonder Töchterschar, Mamsellen und Mägden. Vor ihnen im Sattel ein
junger Ulanen-Leutnant.

„Gott befohlen!“

„Kriegsheil!“

Galopp! Weg. Und der alte Herr grimmig zu dem Frauenvolk:

„Nu mal Kopp hoch! Alle Viere werden sie wohl nicht wiederkommen,
Mutter! Na ... dann ist’s eben Zeit, daß wieder ’mal ’n Kalck für den
König stirbt!“

„Können wir nicht rascher fahren?“ frug Schjelting nach einer Weile
des Schweigens. Der Chauffeur zuckte die Achseln. Man wurde ja
alle Augenblicke, so wie eben an dem Schloß, von den Schutzwachen
angehalten, die Papiere durchbuchstabiert. Nie fehlte einer der
bärtigen Männer auf seinem Posten.

„Es sind Pedanten der Pünktlichkeit, diese Deutschen,“ sagte
Schjelting. Sie hielten wieder in einem Dorf. Die bekränzte Kirchentüre
war weit offen. Ein weißhaariger, greiser Emeritus auf der Kanzel. Der
Gesang der Gemeinde:

    „Wir treten zum Beten
    Vor Gott den Gerechten...“

Er segnete eine Anzahl junger Männer, die vor ihm knieten. An ihrer
Spitze ein vollbärtiger Reserveleutnant in Uniform.

„Es ist sein Sohn, der jetzige Ortsgeistliche. Er zieht als Offizier
mit seinen Pfarrkindern ins Feld.“

„Der Pfarrer selbst?“

„Ja.“

Schjelting hörte es. Der Amerikaner frug ihn im Weiterfahren:

„Friert Sie’s?“

„Der Morgen ist kühl!“ sagte er und wickelte sich fröstelnd in seinen
Mantel. Der Andere seufzte und rechnete:

„Morgen Nacht am Hook van Holland! Ich erreiche in Liverpool noch die
Mauretania.“

„Haben Sie es so eilig?“

„Ich sollte längst drüben sein. Ich hatte hier eine Operation. Die
deutschen Ärzte haben mir das Leben gerettet.“

Deutschland ringsum in Sommerfrieden und Erntesegen! Ährengold unter
dem Himmelsblau. Die weißen Kopftücher der Frauen und Mädchen, die
mit der Sichel die Garben schnitten, die grauen Schlapphüte der
Wehrkraftjungen, die sie zu den kuhbespannten Leiterwägen schleppten.

Wo die Pferde? Sie füllten in langen Zügen die Landstraßen. Sie quollen
in Massen aus allen Dörfern, von Knechten geführt. Schjelting dachte:
Man sollte gar nicht glauben, daß es so viel Pferde auf der Welt gäbe...

Wo die Männer? Sie kamen aus jeder Hütte und aus jedem Haus. Sie
wanderten auf allen Ackerpfaden, einzeln und in Gruppen. Sie nahten
sich aus entlegenen Forsthäusern und Windmühlen. Es gab keine Schwelle,
wo nicht Einer stand und Abschied nahm. Jeder hatte die gleiche
Haltung. Jeder schritt rüstig, in wortkarger norddeutscher Art, der
Station, der Kreisstadt in der Ferne zu. Nicolai Schjelting warf den
Kopf zu dem Amerikaner herum.

„Können Sie begreifen? Diese Leute kommen von selbst! Niemand holt sie.
Kein Kosack treibt sie. Wie ist das möglich? Dabei sind es nicht mehr
die ganz Jungen. Sie lassen Weib und Kind zuhaus.“

„Bei uns verdient ein Arbeiter Dollars fünf den Tag!“ sagte der Yankee.
„In den Zeiten der Prosperität läßt er sich nicht leicht anwerben!“
Dann plötzlich, unvermittelt, mit einem Seufzer: „Meine Mutter war noch
eine Deutsche! Sie kam mit sieben Jahren hinüber!“

Sonderbarer Mensch! dachte Schjelting. Sie hielten auf dem Marktplatz
einer kleinen altmärkischen Stadt. Wieder die Ausweise. Nebenan war
das Bezirkskommando. Das Klappern der Schreibmaschinen durch das
offene Fenster. Junge Mädchen zur Aushilfe. Und ihre geschäftsmäßigen
Stimmen: „Zweihundert Doppelachsen Preßheu um 2 Uhr 20 an Rampe II
des Güterbahnhofs.“... „Fräulein Runge -- geben Sie mir doch mal
die Benzin-Beschlagnahme-Liste herüber!“... „Heute Abend noch diese
Verfügung ins Amtsblatt, betreffend Erdarbeiter für Pommern.“ Und
im Nebenraum saßen die Unteroffiziere in ihren blauen Litewken wie
sonst, fertigten die Wehrpflichtigen ab, die sich draußen auf dem
Hof vor dem Bezirksoffizier aufreihten. Und in dem nächsten Zimmer
telefonierte eben der Bezirkskommandeur selbst nachdrücklich und
langsam an die Bahnhofswache: „Also punkt 12 Uhr 35 fassen 1018 Mann
hier Mittagessen... Von Nachmittags 4 Uhr ab abgestandenes Wasser in
Eimern zum Tränken der durchkommenden Kavallerietransporte. Nicht
frisch vom Brunnen. Sonst holt den Betreffenden der Deubel. Für Kaffee
sorgt das Rote Kreuz!“ Und dann, das Hörrohr abhängend, zu der Dame
hinter ihm: „Aber ununterbrochen, wenn ich gehorsamst bitten darf,
gnädige Frau. Die Züge folgen sich nach wie vor mit fünf Minuten
Abstand!“ Und die frische Landrätin hinter ihm lachte. „Na -- auf meine
Helferinnen-Organisation können Sie sich verlassen. Die Mädels sollen
nur springen!“

Die Telegrafen-Apparate tackten rastlos. Radfahrer in Uniform flitzten
davon. Bestaubte Ledergestalten sprangen vom Motor ab. Stadträte,
Ärzte, Lieferanten gingen aus und ein. Aber Alles erfüllte sich in
Ruhe wie das Walten eines Naturgesetzes. Im Weiterfahren schleuderte
Schjelting jäh die Zigarette aus dem Wagen:

„Das ist kein Land -- das ist ein Mechanismus! Es hat keine Seele! Wo
bleibt die allgemeine Unordnung? Sie ist doch unvermeidlich, wenn man
Millionen aufruft! Aber hier ist alles zur Stelle. Jeder Mensch ist
numeriert. Jedes Ding hat seinen Stempel. Das begreife, wer mag!...“

„Ich habe von Deutschland nur Gutes erfahren!“ sagte der Amerikaner
langsam. „Es rettet mir jetzt mein Vermögen, indem es mir die Ausreise
erlaubt!“

Es klang bedrückt. Er hörte kaum, wie Schjelting fortfuhr, mit einer
Hoffnung in der Stimme:

„Aber vielleicht endet diese Maschine mit dem eigentlichen Preußen. Wir
haben die Elbe hinter uns!“

Niederdeutschland begann, mit seinen fruchtbaren Ebenen und dem Dämmern
der Harzberge im Süden, den mächtigen Dächern seiner Bauernhöfe, den
mittelalterlichen Fachwerkbauten der Welfenstädte. Aber das Bild
blieb das gleiche. Nur die Pferde, in ihren zusammengetriebenen,
endlosen Zügen auf der Landstraße, scheuten jäher als bisher vor dem
der sinkenden Sonne nachrasenden Kraftwagen. Denn sie waren hier von
edlerem Schlag. Dann grüßte plötzlich zwischen wilden Heckenrosen
ein Muttergottesbild am Wege. Nicolai Schjelting war orthodox. In
seinem Byzantiner-Glauben trat die Jungfrau Maria hinter die Taube des
Heiligen Geistes zurück. Trotzdem lächelte er mit neuer Zuversicht beim
Anblick der sieben Schwerter im Herzen der Dolorosa. Nun verblich der
harte Luthersche Norden. Der weichere deutsche Süden und Westen hub an.
Klöster auf den Hügeln. Heiligenbilder und Blumensträußchen hinter Glas
im Steinschrein am Weg. Nun würden auch die Menschen anders werden...
Gedankenvolle, träumerische Deutsche, wie er sie liebte...

„Halten Sie s--till, nich?“ Da standen jetzt blonde, blauäugige Riesen
der roten Erde statt des weißen märkischen Sands und hemmten das Auto.
Es war unter den Mauern eines großen Klosters. Aber dieses Kloster lag
leer mit gähnend offenen Zellenfenstern. Der eine Niedersachse erklärte
es dem Chauffeur, die Papiere zurückgebend.

„Die hochwürdigen Herren haben sich zur Verfügung der Militär-Behörden
ges--tellt! Der Prior, der Subprior, die Patres, die Fratres, die
Novizen, alles ist im Feld!“

Am Dorfeingang stand noch ein bärtiger, kräftiger Mönch. Er war
gestiefelt und gespornt, trug Schlapphut und Reitgamaschen und über dem
violetten Feldbesatz der Kutte ein großes Kruzifix. Er nahm Abschied
und schüttelte rechts und links die Hände seiner Beichtkinder. Der
Kraftwagen schoß dahin. Nach einer Weile sagte Schjelting erbittert:

„Erklären Sie mir! Wir fahren seit vierzehn Stunden durch halb
Deutschland. Warum findet man denn nirgends ein erschrockenes Gesicht?
Warum verzagt denn Niemand? Wo sind denn die Kleinmütigen? Hat die
Polizei sie eingesperrt? Man sieht sie nicht.“

„Ich schätze: es giebt keine!“ versetzte der Yankee trocken.

Nicolai Schjelting zog wieder, mit einem leichten Schauer, den
dicken Mantel fester um die Schultern. Sie hatten einen Bogen
um das Ruhr-Kohlengebiet gemacht, durch dessen zusammenhängende
Industriedörfer man nach der Versicherung des Chauffeurs nicht
vorwärts kam. Nun stand da ein mächtiger Dom mit himmelsuchendem,
gothischem Steingerank vor der Abendglut des Westens. In silbernen
Lichtern blinkte feierlich der Rhein. Das alte heilige Köln nahm sie
auf. Ein schwarzes, stürmisches Menschengewimmel zwischen Bahnhof und
Fettenhennen. Heißes rheinisches Leben. In schweren Klängen von oben
das Geläute der Domglocken. Nicolai von Schjelting rieb sich die Augen,
kam wie aus einem Traum zu sich und sagte tonlos:

„Das versteh’ ich nun schon gar nicht...“

„Was denn?“

„Die Engländer...“

„Welche Engländer?“

„Die englischen Garden. Ihre Schotten. Ihre Rifles. Ihre Lancers. Sie
müßten doch längst hier sein... Oder in der Nähe...“

„Es scheint nicht.“

„Niemand erwartet sie hier am Rhein. Niemand fürchtet sich. Was soll
nur dies bedeuten?“

„Da kommen Offiziere auf uns zu. Aber es sind Deutsche!“

„Was sind Sie? Amerikaner? Ja, hier in der Festung können wir keine
Ausländer brauchen! Fahren Sie schleunigst über Grevenbroich-Gladbach
nach Holland weiter! Wie, Chauffeur? Sie müssen Benzin fassen? Na denn
’mal fix!“

In der Zwischenzeit betrat Nicolai Schjelting den Dom. In
geheimnisvollem Licht dämmerte ganz dort hinten der Hochaltar,
feierlich hallten in den Steinwölbungen die Responsorien. Kopf an
Kopf die Schiffe füllend, stand und kniete die Menge. Viele Soldaten
darunter. Offiziere mit ihren Frauen. Da vorn ein hoher General mit
schlohweißem Haupt und Schnurrbart. Feldbereite Nonnen in weißen
Flügelhauben. Maltheserritter. Ärzte. Nicolai Schjelting sah diese
andächtigen Gesichter, diese Hände, die sich aus dem Weihwasserkessel
heiligten, die ernsten Reihen harrender, barhäuptiger, feldgrauer
Männer vor den Beichtstühlen. Er frug sich: Wie? Dies ist doch nicht
mehr Potsdam, von dem man die Welt erlösen will?... Dies ist... Ja, was
ist das Alles? Er gab sich keine Antwort. Er lief hinaus.

„Können wir noch nicht fort?“

Und auch der Yankee drängte.

„Vorwärts! Ich bin es unsern Shareholders schuldig!“

Als sie nach kurzer Zeit die Grenze der Niederlande hinter sich hatten,
brach er in hoffnungsvollem Ton das Schweigen.

„Voriges Jahr zahlte die Kanaan-Steel-Company Dollars fünfundvierzig
auf den Share. Aber dies Jahr will ich eine Rekord-Dividende erzielen!“

„Womit machen Sie Ihr Geld?“

„Granaten, Sir! Von jetzt ab Granaten!“

Nun begriff Schjelting, woher Achille Macrî den Mann aus den
Vereinigten Staaten kannte.

„Granaten für die Engländer?“

„Von allen Sorten. Auch mit Dynamit und mit giftigen Gasen. Manche
Engländer hielten das im Burenkrieg für weise!“

Er schaute nach dem letzten deutschen Haus zurück, das friedlich in
der nächtigen Ferne im Schein des schwindenden Mondes lag. Seine Läden
waren geschlossen wie im Schlaf. Ein sauber gepflegtes Blumengärtchen
umduftete das stille Stückchen deutscher Welt.

„Ein Treffer und dies ganze Ding dort und was darin ist, wird zu
Staub,“ sagte er und preßte die dünnen Lippen zusammen. Dann, nach
einer Weile: „Und dabei ist heute Sonntag...“

„Stört Sie das?“

„Ich habe die Kirche versäumt. Ich tue das sonst nie!“

Der Mond war gesunken. Die Nacht dunkel. Der Wagen suchte sich
langsam und vorsichtig mit seinem weißglühenden Augenpaar den Weg.
In den Limburgschen Dörfern standen noch viele aufgeregte Leute auf
den Straßen. Aber man verstand ihre holländischen Wegweisungen nur
schwer. Dann verloren sich auch sie. Man fuhr in Finsternis und Leere.
Schließlich schon ins Ungewisse. Stunde auf Stunde verrann. Endlich
hielt der Chauffeur ratlos an. Rings tiefes Schweigen.

„Wieviel Uhr?“

„Halb drei Uhr Morgens. Ich kann nicht weiter!“

„Wir müssen weiter! Wir müssen doch schließlich an die Maas kommen!“

„Dort ist sie ja! Dort drüben!... Nun immer nur am Ufer entlang!“

Der Wagen rannte wieder in die Nacht hinein, folgte dem Fluß, dann
über eine Brücke, durch eine ausgestorbene Stadt. Immer weiter mit dem
Lauf der Wellen. Der Yankee saß mit der Taschenuhr in der Hand und
entzündete zuweilen ein Streichholz. Dann tat es nicht mehr not. Der
neue Morgen graute. Ein Mensch stand am nebeligen Rain.

„Geht es bald ab nach Nymwegen?“

„~Que voulez-vous, monsieur?~“

„Er spricht Französisch!“

„Wir sind doch in Holland?“

„In Belgien, mein Herr!“

Der Mann sah sie tückisch wie Feinde an und war plötzlich verschwunden.

„Unmöglich! Wir hatten doch die Maas zur Linken. Also fuhren wir nach
Norden!“

„Aber vorher über eine Brücke! Also maasaufwärts nach Süden!“

„Umso besser!“ sagte Schjelting. Aus einer Hecke hinter ihnen krachte
es kurz und scharf. Auf der Chaussee wirbelten Staubwölkchen im Hagel
des kleingehackten Bleis.

„Der Kerl schießt auf uns!“

„Er hält uns für verirrte Deutsche!“

„Schnell los, eh’ er wieder ladet!“

Sie sausten dahin, sahen sich um, waren in Sicherheit... Bis zu irgend
einem neuen Schuß... Weiter ... nur immer weiter ... unter Menschen...
Schjelting, der von dem Knall etwas bleich geworden war, sprang jäh im
Wagen auf und schwenkte verbindlich mit slawischem Lächeln seine Kappe.

„Die Engländer! Die Engländer! Ich sehe dort hinter der Mauer
ihre Bärenmützen!... Ah -- diese tapferen Söhne Marlboroughs und
Wellingtons! ~Good morning, Sir --... good morning!~“

Aber der Husarenleutnant zu Pferde vor ihnen sagte auf Deutsch, durch
sein Monocle die Yankee-Abzeichen der Beiden betrachtend:

„Ja -- wo kommen Sie denn her?“ Und dann zum Chauffeur: „Merken Sie
denn nicht, daß Sie hier zwischen den Forts spazieren fahren, Sie
Transuse!?“

Die Forts... Was für Forts? Es war nichts davon auf dieser sanft
gewellten, gegen Westen ansteigenden Saat- und Ackerfläche zu sehen.
Nur ein sonderbarer, endloser Erdeinschnitt, so schmal und tief, daß
ein Mann gerade in ihm stehen, aber sich kaum umwenden konnte. Der
junge Leutnant warf einen Blick auf die ersten, in fliegender Hast, in
der Not der Stunde ausgescharrten Feldbefestigungen und sagte:

„Diese Schützengräben sind gar nichts für Neutrale! Bitte los...
Richtung Herstall! Ulekamp, fahren Sie mit und melden Sie unten, die
Herren kämen aus dem Abschnitt Pontisse-Liers!“

Der Wagen rollte davon. Der Husar auf dem Bock drehte sich um und
deutete nach rechts in die Ferne. Dort flatterte, scheinbar über dem
gewellten Erdboden, eine kleine, schwarz-weiß-rote Fahne.

„Fort Loncin!“ sagte er befriedigt. Der Amerikaner frug mit trockener
Kehle:

„Wo sind wir denn?“

Und Schjelting, ebenso heiser:

„Wir sind offenbar auf einen kleinen deutschen Streiftrupp gestoßen!“

„Einen Streiftrupp..?“

Eben waren es noch ein Dutzend Lanzenreiter vor ihnen auf der Chaussee
gewesen. Jetzt waren es hundert, wurden zu einem nickenden Wald von
weiß-schwarzen Wimpeln. Pickelhauben tauchten dahinter auf. Erst
einzeln, auf Rädern, zu Pferd, dann Klumpen, Bäche, Massen, eine graue
Flut von Trommelwirbel und Piccoligeschrill, Paukenschlag und Musik,
dumpfem Kollern der Geschütze. „Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Die
Häuser der Stadt, durch die das Auto fuhr, hallten von dem Gesang
von tausend Kehlen. Tausend Gesichter lachten unter laubbestecktem
Helmgrau, machten Witze: „Jongs, da kommen die Unparteiischen!“

Nicolai von Schjelting saß wie im Traum. Er frug sich: Was ist das für
eine Stadt? Was ist das da vor uns für ein Platz, wie ein kochendes,
graues Meer? Was sind das für Geräte, diese plumpen, aufglotzenden,
ungeheuerlichen Geschöpfe der Urzeit, scheußlich seitlich und unten
von kleinen Nebenschlünden umquollen, auf einem grotesken Räder-Rund
abgestufter breiter Bretter? Was sind diese halbmannslangen, drehbaren
Bulldogg-Revolver auf fauchendem Motor, diese fahrenden Trommeln
mit Schornstein und Erbsensuppen-Geruch... Platz... Platz... Da
donnern Ungetüme, lächerlich zwitschernd wie die Spatzen um die
Ecke -- -- -- ein Lastauto nach dem andern... Warenhaus Tietz...
Nordseebäderdienst... Aktienbrauerei zum Storchen... Rheinische
Zeitung ... was wollen diese Leute denn hier? Dort schleppen sie
Reihen sonderbarer, riesiger, eiserner Waschtröge auf Wagen ... dort
fahren sie den Vogel Rock spazieren, ein Ding, wie eine zwanzig Fuß
lange, leinenverhüllte Taube, dort wachsen geheimnisvolle Masten und
Drahtgewirr und Räderkasten empor... Immer neue graue Massen entstehen
aus dem Morgengrauen. Es ist Alles ein Traum! Ein grauer Traum. Es ist
Alles nicht wahr...

„Also bitte, über die Maas! Und das Vesdrethal entlang. Der fußkranke
Unteroffizier fährt bis Herbesthal mit! Los!“

Der Generalstabsoffizier war trotz der frühen Stunde im Feld so
tadellos angezogen, rasiert und manikürt, als ginge er zum Ball. Er
setzte hinzu:

„Hier können wir Sie nicht brauchen! Hier ist nämlich Krieg!“

Er lachte dabei. Und Schjelting hätte am liebsten mitgelacht.
Alles herum lachte ja. Viele Tausende von Männern, diese ganze
unwahrscheinliche Luftspiegelung einer grauen Springflut lachte.

„Verzeihen Sie eine Frage: Wo sind wir eigentlich?“

„Na, in Lüttich!“

„In Lüttich?“

„Ja, was dachten Sie denn?“

„Lüttich ist doch uneinnehmbar.“

„Gewiß!“ sagte der Generalstäbler trocken. Und die um ihn lachten
wieder, als er’s übersetzte. Und die Heiterkeit rollte weithin. Und
hinter dem davonfahrenden Auto her. Und Schjelting dachte sich, fahl
geworden vor Schrecken: Was hat man mir denn in Paris gesagt? In
London? Alle Sachverständigen? Auch der Großpapa Rigolet: Hinter der
Maas sollte doch das englische Flankenheer aufmarschieren! Nun steht
da mitten auf dem Platz ein Deutscher. Hält seine Morgenzigarre in der
Hand. Empfängt Einen, als müsse das so sein!

„Der Fall der Festung hat Sie erschüttert?...“ sagte der steinerne
Yankee. Schjelting wollte antworten: „Meine Frau ist eine Belgierin!“
und machte doch nur eine stumme Handbewegung. Ghislaine ... das lag so
fern. War ohne Bedeutung. Alles. Man wurde mitgerissen. Die Dinge um
Einen verloren Farbe und Wert. Feldgrau und blutrot wurde die Welt.
Er sagte sich, beinahe mechanisch: „~Ah, c’est ma guerre!~“ Der
Amerikaner neben ihm fuhr plötzlich auf und wies nach vorn. Ein Zucken
ging über seine Züge. Da vorn kam erst endlos aus dem flimmernden
Staubschleier auftauchend die eigentliche Völkerwanderung in Waffen.
Ein Heerwurm von Pickelhauben wälzte sich ihnen in den Krümmungen des
steilen Flußbetts entgegen. Soweit man blickte, solange man fuhr, er
nahm kein Ende. Staubwolken standen über dem Brausen seines Gesangs.
Staubwolken zogen sich seitlings über das Land. Staubwolken brauten
noch am fernen Horizont. Ohne Anfang und Ende rollte dazwischen und
hinterher das Fuhrwerk. Die Doppelgestelle der Munitionskolonnen,
die Leinwandplane der Proviantwagen, die Feldschmieden und die
Feldbäckereien, die schweren Parke auf dem Marsch. Schjelting sah das
Stund’ um Stunde und fragte sich: Wo bleibt die Verwirrung? Es muß
doch ein Chaos von Rädern, Pferdebeinen, Menschen geben. Aber nein:
dies deutsche Uhrwerk läuft und schlägt... Von der ersten Stunde ab
pünktlich auf die Minute...

Und nun begriff er und sagte sich: Was man gestern auf der Fahrt
durch Deutschland sah, vom Klappern des Schreibmaschinenfräuleins im
Bezirkskommando bis zur bärtigen Wache an irgend einer einsamen Brücke
-- das da hinten war die Wolke. Hier zuckt der Blitz!

Und schlug ein. Ihn beschlich jenes seltsame erste Gefühl der
Sinnlosigkeit beim Anblick der langsam auftauchenden Kriegszerstörung.
Jenes weiße Schloß, mit seinen weißen Brücken im Wasserpark -- warum
lagen da innen in den Zimmern so unordentlich verkohlte Balken auf
den seidenen Möbeln? Eine alte Dame, ein Ölbild im Rahmen, lächelte
liebenswürdig durch das zerschossene Fenster. Warum baute man
eigentlich den Vordergiebel eines Hauses mit Gardinen und Blumentöpfen
und dahinter weiter nichts als schwarzes Steingerümpel? Warum dies
Bauernhaus da hinten nur zur Hälfte? Warum errichtete man eine Gruppe
Schornsteine auf freiem Feld und grade auf so einer häßlichen,
versengten Stelle? Hatte es einen Zweck, eine verbogene eiserne Veranda
verkehrt an eine freistehende Brandmauer zu hängen, ein Dreieck von
einem verbogenen Blitzableiter davor, und dann darunter zu schreiben:
‚~Hotel des familles~‘? Was sollte der halbe Hühnerhund auf der
Straße? Die vordere Hälfte. Wo war die andere? Wer hatte jetzt die
Zeit gefunden, aus dem mannshohen Pappelstumpf eine schöne Fächerpalme
von weißem Splitterholz zu schnitzen? Jagte denn Niemand das sonderbar
dicke Pferd aus dem Rosenbeet, in dem es so behaglich und still in
der Sonne lag. Ein Hinterbein vergnügt nach oben? Der Kies zur Seite
dunkelbraun. Da und dort breite, rostrote, fliegenumsummte Flecken...

Nicolai Schjelting schluckte heftig: Was hat sich dieser bärtige
Kerl dort drüben mitten in der Prallsonne auf freiem Feld schlafen
gelegt, um sieben Uhr Morgens -- liegt verkrümmt, mit geballter Faust,
rührt sich nicht?... Päh -- wieder dieser bittre Rauchgeruch in der
Nase... Geruch von etwas Angebranntem? Wer brät denn da die Ochsen
ganz, wie bei der Kaiserkrönung des Mittelalters, und noch dazu im
eigenen Stall und mit dem eigenen Stroh des Dachs? Rasch eine Papyros
an die Lippen... Was war das im Vorbeiwehen für ein furchtbarer
Verwesungsdunst am Weg aus verschütteten Kellerluken? Was bedeutete
dies Kanapee mitten im Kartoffelacker?... Die drei leeren Stühle am
Kreuzweg?... Waschbecken und blutbeflecktes Handtuch auf einem?...
Weshalb räumte man das nicht auf? Die Deutschen waren doch sonst so
ordentlich...

‚Vorsicht! Marie ist krank!‘ Warum hebt der Unteroffizier vor der
Kreideinschrift an der Wegbiegung warnend die Hand zum Chauffeur?
Warum reißt der den Wagen zur Seite? Da ist die kranke Marie. Eine
abgestürzte Lokomotive mit zerschelltem eisernen Eingeweide. Warum
räkeln sich denn überall diese Lokomotiven neben der Bahn, statt daß
sie auf ihr stehen, und strecken wie die Maikäfer auf dem Rücken ihre
drei Räderpaare in die Luft? Welcher kirchturmlange Riese hat denn
alle tausend Schritt so dumm gespaßt und Reihen von Eisenbahnwagen
von den Schienen in die Tiefe gefegt und zu einem Brei von Stahl
und Holz zertreten, auf dem noch steht: ‚~Défense de fumer~‘?
Warum hat das unsichtbare Ungetüm, weil es grade dabei war, im
Weiterbummeln die Telegrafenstangen bündelweise wie Streichhölzer
geknickt und die stählernen Brücken in der Mitte mit einem Handgriff
auseinandergebogen, daß die Schnörkel zierlich in die Luft starren?
Warum hat es im Wasser unten die vielen Autos ertränkt? Die Kette
von Lowrys drüben am andern Ufer mit einem herausgerissenen Eichbaum
erschlagen und liegen lassen?

Wer hat das Zweirad an den Baum gelehnt und ist weggegangen, Gott
weiß wohin? Was sind das für viele, kleine frische weiße Holzkreuze
mit Pickelhauben und verwelktem Laubkranz mitten in zertretener Saat?
Warum haben sich diese deutschen Eisenbahnbeamten in dem entgleisten
Schlafwagen vor dem Tunnel eingerichtet wie die Biber im Bau, kochen
da, schlafen auf Stroh, telefonieren in die dunkle Nacht der Wölbung
hinein, aus der Pioniere kommen, der kalte Luftzug Stimmen und
Hammerschläge mit sich trägt? In seinem Hauch tanzen dicht davor am
aufgehängten Faßreif die drei lebensgroßen, ausgestopften Puppen:
Albert von Antwerpen, der Zar, Poincaré! Der dicke Landwehrmann
schreibt bedächtig, wie daheim als Gastwirt seine Speisekarte, unter
die drei wirbelnden Schächer: ‚Mit unserer Macht ist nichts getan! Wir
sind gar bald verloren!‘...

Wer ist nur der unsichtbare Riese, der hier Alles so
durcheinanderwirrt? Der dem Kirchturm da vorsichtig seine Stützmauern
wegzieht, daß die Uhr oben wie ein Vogel beinahe in freier Luft
schlägt? Warum liegt die ganze Dorfstraße vor dem Schulhaus voll von
Uniformstücken, lehmigen Stiefeln, weißen und dunkelroten Lappen? Die
Genfer Kreuz-Fahne über dem Eingang. Eine bleiche Krankenschwester
tritt auf einen Augenblick heraus, schöpft hastig frische Luft, geht
wieder hinein. Schjelting und sein Begleiter folgten ihr mit den Augen,
fuhren zusammen, wurden stumm und gelb, wünschten, daß das Auto Flügel
hätte, um dem Anblick zu entfliehen...

Und Nicolai Schjelting dachte sich: Das ist der Krieg. Nein. Sein
erstes Aufdämmern nur. Sein schwacher Anfang. Der Krieg, an dem ich
in meinem „~Essai contre le Teutonisme~“ den Geist in tausend
Fazetten schliff, den unsere politischen Petersburgerinnen auf den
lächelnden Lippen führten, wenn sie nicht grade verzuckerte Kronsbeeren
dazwischen schoben. Der Krieg, den dicke Männer in Frack und
blau-weiß-roter Schärpe beim Ehrenpunsch der Patrioten-Liga in Paris
mit einer großen Geste begrüßten. Der Krieg, über den die belgische
goldene Jugend in den Kaffeehäusern Witze riß, weil sie nichts von
ihm wußte. Der Krieg, der in der City nur die eine Seite des großen
Hauptbuchs der Gewinn- und Verlustrechnung war. Nicolai Schjelting
fuhr empor, in einem Zorn, in einer Angst, in einer Handbewegung der
Abwehr: Nicht um Euch geht es mehr! Nicht um Jobber und Mondänen, um
Stutzer und Festschwätzer dreht sich mehr die Welt. Sie wurde anders
über Nacht. Wurde finster. Wurde furchtbar. Die Wirklichkeit ist da.
Unsere Gedanken wurden zur Tat. Wir ließen den unbekannten Riesen von
der Kette...

Um ihn herum donnerte, lachte, lärmte, befahl, pfiff, sang,
wirtschaftete mit tausend Zungen, Kehlen, Händen, Beinen, qualmenden
Lokomotivschloten, fauchenden Motoren, rollenden Rädern, wiehernden
Pferden, brüllenden Ochsen, schrillen Signaltrillern, schmetternden
Trompetenfanfaren, lief, sprang, drängte sich in grauem Gewimmel
der unsichtbare Riese. Nicolai Schjelting stand vor dem Bahnhof in
Herbesthal. Er sah den stürmenden, mit rastlosem Schlagen hämmernden
Pulsschlag der Etappe hinter der Front. Er sah, wie die endlosen
bekränzten Züge einliefen, wie auf den Hornstoß: ‚Geht langsam vor!‘
feldgraue Sturzbäche aus den Abteilen sich ergossen, Bahnsteige und
Schienen weit überschwemmten. Er sah, wie ein Güterwagen sich in
endloser Reihe an den andern schob. Vorsichtig -- ohne Stoß. In jedem
schlief tausendfach, in Granaten- und Schrapnell-Wölbung gebannt,
der Feindestod. Er sah das langsame, feierliche Zurückrollen langer
Reihen weißer Wagen mit dem roten Kreuz. Sah um sich immer wieder diese
furchtbaren, lachenden, jungen Mienen, die wild blitzenden Augen,
hörte wieder den ehernen, tausendstimmigen Vollklang: ‚Deutschland,
Deutschland über Alles!‘ Drüben winkten die Verwundeten, Einzelne
richteten sich auf und sangen mit. Ein ungeheurer Höhenrausch hob all
die Menschen umher empor über Tod und Leben und Ich und Vergangenheit.
Und Nicolai Schjelting stand vor einem fliegersicher eingedeckten
Benzintank und las mechanisch das Verbot, die oberste, noch gefährliche
Wassertröpfchen enthaltende Benzinschicht an die Luftfahrer statt an
die Kraftfahrer abzugeben, und dachte sich dumpf: die Deutschen denken
an das Kleinste! Aber was ist klein und was ist groß?

„Ihre Papiere sind in Ordnung!“ sagte neben ihm eine Stimme. „Nun
fahren Sie unverzüglich wieder über Moresnet nach Holland!“

Es waren nur wenige Kilometer. Dann war man zum zweitenmal über der
Grenze. Dahinten lag Deutschland. Nicolai von Schjelting blickte
bleich, mit eingesunkenen Augen, zurück. Und nun sah er da plötzlich
den unsichtbaren Riesen. Seine Füße ruhten auf dem Horizont, sein
Haupt ragte in den Himmel, seine Stimme war wie der ferne Donner der
Geschütze und seine Augen wie deren Blitz: „Ihr habt mich gewollt!
Ihr habt mich gerufen! Da bin ich. Die Menschen kennen mich. Ich bin
zweitausend Jahre alt. Wenn ich erwache, bebt die Erde und bersten die
Reiche. Ich bin der ~furor Teutonicus~.“



XIII.


Eine Ohrfeige klatschte. Eine zweite. Der kleine, dicke russische
General von ausgesprochenem Mongolentypus kniff schmerzlich die
Schlitzaugen zusammen. Seine Hamsterwangen brannten unter dem krausen,
aschblonden Backenbart.

„Kaiserliche Hoheit...“

„Das nächste Mal wird man Dich davonjagen!... Genug! Hinaus mit Dir!“

Der Großfürst Nicolai Nicolajewitsch überragte ihn hager und baumlang,
mit seinem grimmig funkelnden Geierkopf.

„Kaiserliche Hoheit... Diese Deutschen haben vier Füße! Sonst hätten
sie nicht plötzlich meinen Rücken...“

„...Weil Du beim Stehlen warst... Man kennt Dich!“

„...Unsere Soldaten wurden verwirrt. Wer konnte die Preußen von hinten
vermuten?“

„Geplündert habt Ihr! Man sah den Brandschein in Deinem Sektor bis
hierher!“

„Kaiserliche Hoheit... Majestät...“

Der Generalissimus stampfte mit dem Fuß.

„Pascholl! An die Front!“

„Ich höre!“

Die geohrfeigte Exzellenz zog sich rückwärts gehend in das Vorzimmer
zurück. Jetzt erst kam die Wut. Er schritt finster an den anderen
Generalen und ihren älteren Gehilfen, an den Flügeladjutanten und
Generalstabsoffizieren des Kaiserlich Russischen Hauptquartiers
hindurch. Er hörte nur, wie der Eine der Machthaber durch den
Zigarettenqualm, über sein Teeglas weg, einen andern frug:

„Sind die ostpreußischen Förster erschossen?“

„Erschossen, Euer Hohe Exzellenz!“

„Die Gestüte angezündet?“

„Angezündet, Euer Hohe Exzellenz!“

„Die Domänen niedergebrannt?“

„Niedergebrannt, Euer Hohe Exzellenz!“

Der kleine, mongolische General stieg grimmig an dem Garde
à Cheval-Posten an der Türe vorbei, die winklige Holztreppe
des Rheinischen Hofs in Insterburg hinab. Draußen brütete die
Septembersonne auf dem durch feldbraune Posten weithin abgesperrten
Marktplatz. In der offenen Glasveranda saßen viele russische Offiziere.
Er wollte jetzt, in seiner Bekümmernis, nicht mit ihnen sprechen. Er
warnte nur den Zivilisten mit der weißen Schirmmütze und dem eleganten
Sommer-Raglan von Pariser Schnitt, der da eben aus der Droschke stieg.

„Gehen Sie jetzt nicht hinauf! Ich rate es Ihnen als Freund! Das ‚liebe
Biest‘ ist böse!“

Sie umarmten sich und küßten sich nach Moskowiterart rechts und links
auf die Wangen. Nicolai von Schjelting dachte dabei: ‚Was er für heiße
Backen hat!‘ Dann erriet er den Zusammenhang und sagte sich beim
Anblick des brutalen, dicken Kerls: ‚Nun -- der Generalissimus sieht
sich seine Leute an! Er weiß, wen er prügelt und wen nicht!‘

„‚Er‘sitzt hier in Insterburg und ist damit beschäftigt, Ostpreußen
unserem Mütterchen Rußland einzuverleiben!“ sprach die Exzellenz in
der schmutzigen weißen Sommeruniform bitter. „Weiter sieht und hört er
nichts. Und man hört es doch deutlich genug!“

Jetzt, wo es einen Augenblick still war, grollte dumpf aus weiter,
weiter Ferne ein Rollen.

„Ein Gewitter!“ sagte Schjelting zerstreut und fuhr sich nervös mit der
Hand über die Augen. „Gut. So bekommt Ihr Wasser. Man erzählte mir, die
Wasserleitung hier sei in die Luft geflogen...“

„Ja. Ein Gewitter... Es scheint, es gibt viele Gewitter in diesen
Tagen... In Gilgenburg ... in Ortelsburg ... bis Johannisburg hin... Du
hörst es von Nikolaiken bis Tapiau, Bruder!... Freilich! Wie sollten es
nicht Gewitter sein? Der September ist heiß!“

Ein Flügeladjutant kam sporenklirrend den Gang neben dem
Wirtschaftsvorraum entlang. Er war wie aus dem Ei gepellt und legte den
Kopf nach Petersburger Art etwas zur Seite, während er lächelnd und,
aus Ehrfurcht vor der höchsten Person lispelnd, zu Schjelting sagte:

„Sie haben das Glück, von Seiner Kaiserlichen Hoheit empfangen zu
werden!“

„Ich danke, Knjäs!“

„Nun ja... Sie zählen zu den hohen Günstlingen!“ Der General winkte
einer Droschke. „He... Fuhrmann ... fahre hier vor!... Mich behandelt
man wie einen Dwornik! Aber kommt solch Petersburger Herrchen... Nun --
mit Gott!“

Er schnaubte sich kummervoll mit der Hand, murmelte: „Gott hat mich
gestraft!“ und fuhr in dem rasselnden Wagen nach dem Artillerie-Kasino.
Dort speiste jetzt der Stab der Rennenkampf’schen Armee. Der
Tisch-Älteste war ein General mit Bartkoteletten und einem fröhlichen,
rohen und gesunden Gesicht. Er ließ sich eben von der Kasino-Wirtin,
die vor ihm stand, die Speisen vorkosten. Der Generaladjutant seiner
kaiserlichen Majestät von Rennenkampf hatte stets Angst, vergiftet zu
werden.

Der kleine Front-General nahm Platz, langte unwillkürlich nach dem
Schnapsglas, als Begleitung des Vorschmacks, und seufzte. Es gab
kein Wässerchen. Der Alkohol war verboten. Wenigstens hier. Anderswo
verschaffte man sich wohl Likör und trank ihn gewandter Weise „auf
deutsche Art“ aus Kaffeetassen, um kein Aufsehen zu erregen.

„Nun -- es ist ja Einer von unsern Bismarcks eingetroffen!“ sagte der
General mit heiserer Stimme. „Schjelting. Er wurde eben gewürdigt, sich
bei ‚ihm‘ vorstellen zu dürfen!“

„Schjelting!“

Viele dieser weltläufigen, den Petersburger und Moskauer
Fürstengeschlechtern und dem baltischen Adel entstammenden Offiziere
kannten ihn.

„Ah... Schjelting ... von woher kommt er?“

„Wie ist es mit ihm? Was sagt er?“

„Er ist wie ein Träumer ... sieht an Euch vorbei ... hört kaum, was man
spricht...“

Ein bebrillter Adjutant war dienstlich oben an den Tisch getreten,
Papiere in der Hand. Der Oberbefehlshaber überlas die Todesurteile
gegen den Unteroffizier Babikoff und die Gemeinen Tupik und Mokrij
wegen Plünderns und unterzeichnete.

„Heute Nachmittag zu vollstrecken! Das schuldige Regiment wird an den
Leichen vorbeidefilieren.“

„Die nach uns kommen, werden nicht so streng sein!“ sagte ein
Rittmeister von den vornehmen Grodnoer Husaren, der den Arm in der
Schlinge trug, halblaut zu seinem Nachbar. Sie kannten ihre slawischen
Brüder, diese dumpfen, ungezählten Massen, die jetzt erst fern im
Inneren des Zarenreichs von Omsk und von Turkestan und vom Amur, wie
ein lehmfarbig trüber, angeschwollener Strom von auf Erden noch nicht
erlebter Größe sich gen Westen wälzten.

„Da kommt ja Schjelting!“

Man schaute durch die Fenster. Nicolai von Schjelting überschritt eben
die Straße. Zu Fuß. Seltsam. Das tat ein russischer Edelmann nur, wenn
er nicht richtig im Kopf war. Den hielt er vornübergesenkt, blickte in
Gedanken vor sich auf das holperige Pflaster.

„Du sprachst wahr, Andrej Konstantinowitsch... Er sieht wunderlich aus!“

„Wie ein Träumer!“

„Er sollte doch froh sein! Seine Ziele sind es doch, die sich jetzt
erfüllen! Zehn Jahre sah man ihn tätig. Er war unser Windhund auf dem
Balkan...“

„... und verdarb sich den Magen bei den Engländern...“

„... war mit diesen Eintagsfliegen von Pariser Ministern ~ami et
cochon~...“

„... und küßte den kleinen Bürgersfrauen, ihren Gattinnen, die Hand!“
sagte ein Anderer lachend, der das blauweiße Band des Andreas-Ordens
trug.

„... und nahm sich selber diese schöne Belgierin als ~amie et
alliée~...“

„Ein Glückspilz! Ein Hauptkerl!... Nun: willkommen!... Nun hört man
doch Etwas aus der großen Welt... Was bringen Sie Gutes...?“

Nicolai Schjelting hatte sich gesetzt und sagte unvermittelt:

„Was habt Ihr Euch hier für eine gewitterreiche Gegend ausgesucht...“

„Wie denn Gewitter...?“

„Es ist schwül draußen. Es donnert überall im Südwesten und Süden!“

Die im weißen Waffenrock lachten. Hier, im Stimmengewirr hinter
geschlossenen Fenstern hörte man nichts. Und auch, wenn man draußen
fuhr, übertönte das Rasseln der Räder jeden anderen Lärm. Schjelting
hob unruhig die großen und klugen grauen Augen.

„Belieben Sie mir zu sagen: Wo stehen eigentlich die Deutschen?“

Sein Nachbar zur Linken, ein General mit einem Bart, der so lang war,
wie der eines Moskauer Mönchs, wies unbestimmt in die Ferne und meinte
mit tiefem Kirchensängerbaß:

„Gott allein weiß, bis wohin sie zurückweichen! Sie liefern nur noch
Nachhutgefechte!“

„Wilhelm hat ihnen einen neuen General geschickt!“ rief lachend Einer
oben am Tisch.

„Wie heißt er?“

„Chindenburg...“

Chindenburg..? Chindenburg..? Nun gut! Man beruhigte sich über
Chindenburg, lächelte, frug Schjelting:

„Und wo waren Sie in diesen Tagen der allrussischen Sammlung?“

„In Deutschland.“

Allgemeines Erstaunen.

„In Deutschland?... Wie ist es möglich?... erklären Sie...“

„Ich habe dort die Mobilmachung erlebt...,“ sagte Nicolai von
Schjelting mit einem dumpfen und sonderbaren Ernst.

„Man hat Dich nicht aufgehängt, Freundchen?“

„Lacht nicht ... laßt ihn doch...“

„Man ließ mich über die Grenze nach Holland. Ich wollte von da nach
Belgien. Unmöglich. Überall die Deutschen.“

„An allen Straßenecken Insterburgs klebt eine Krons-Depesche!“ sagte
der General mit dem weichen singenden Baß. „Die Deutschen gehen zurück.
Sie ließen allein vor Namur zehntausend Tote liegen.“

„Namur ist in ihrer Hand!“

„Wie das?“

„Ein Leutnant nahm es mit vier Mann!“

Ein Leutnant mit vier Mann eine Panzerfestung... Schjelting sah
besorgte Blicke auf sich gerichtet. Man zweifelte an seinem
Geisteszustand.

„Ob ich den Umsturz in Berlin miterlebt habe?...“ sagte er, immer halb
geistesabwesend, „... oder wo sonst den allgemeinen Zusammenbruch
Deutschlands?... Nichts davon... Es ist Alles anders, als man... Wozu
davon reden...“

„Sie sehen so bleich aus wie die Heiligen in der Lawra. Waren Sie
krank?“

„Ich war. In Kopenhagen warf mich auf der Reise hierher die Aufregung
nieder. Vierzehn Tage lag ich. Dann fuhr ich über Schweden nach
Finnland weiter.“

Sonst gab es in einer Gesellschaft, in der Schjelting war, sofort
Leben. Widerspruch, erregte Gesichter, Stimmengeschwirr, wenn er die
bunten Leuchtkugeln seiner Doktrinen steigen ließ. Jetzt schwieg er
wieder und starrte vor sich hin.

„Gott gab uns die Zunge zum Reden!“ sagte der Stabsrittmeister
Kudriascheff. „Wie ist’s? Meine Frau schickte mir englische Zeitungen
aus Petrograd. Fanden Sie das überall in Deutschland, daß sich die
Reservisten weigerten, einzurücken? Warum lachen Sie denn?“

„Nun -- erlauben Sie mir doch zu lachen!“ sagte Nicolai von Schjelting.

„... daß die Krupp’schen Werke von den Arbeitern angezündet sind?“
forschte Fürst Donskoi.

„Schjelting lacht immer nur, dieser Spitzbube!“

„Er weiß mehr, als er verrät!“

„... daß Bayern seine Neutralität erklärt hat...?“ erkundigte sich der
Generalarzt Professor Dr. Moskwin, der selbst seine wissenschaftlichen
Kenntnisse München und Heidelberg verdankte.

Schjelting fuhr aus seinem Brüten auf und machte eine unruhige,
abwehrende Handbewegung.

„Beliebt, mir das Erzählen zu erlassen!... Ich kann nichts sagen... Ich
weiß es selbst nicht, was da war...“

Ein Schweigen. Dann rief der Generalstabs-Major Prokofjeff:

„Die Deutschen haben ihm Etwas eingegeben! Er ist wie vertauscht!“

„Macht nichts! Wir werden bald selbst sehen... Am ersten Oktober alten
Stils sind wir in Berlin...“

„Ich habe mit Winogradoff von den Chevaliergarden gewettet. Er meint,
erst am fünfzehnten!“

„Er ist mattherzig, weil die Gardekavallerie so viel Verluste hatte!“

„Wer hieß sie auch, die preußische Artillerie von vorn zu attakieren?“

„Höre doch: Man dachte...“

„Man dachte nichts! Jetzt ist von der ersten Kürassierbrigade nichts
mehr übrig... Der Großfürst Oleg tot. Da hast Du’s!“

Man war eine Sekunde nachdenklich, in Erinnerung an diese Verheerung
unter der Blüte des russischen Adels. Dann meinte der Major Prokofjeff:

„Wenn uns nur die Engländer nicht schon an der Elbe empfangen!“

„Zuzutrauen ist es ihnen, diesen Teufelskerlen!“

„Ein Engländer gilt für zehn Deutsche! Kein Deutscher hält vor den
fixen Jungen, den Tommys, Stand!“

„Woher wißt Ihr das?“ frug Schjelting.

„Die Engländer sagen es selbst!“ rief der Stabsrittmeister Kudriascheff
frohlockend. „Es steht in den ‚Times‘! Hier... Bitte...“

Nicolai von Schjelting seufzte und stand mit umdüsterter Miene auf.

„Es tut nicht not! Ich werde bald die ‚Times‘ auf der Straße kaufen.
Ich gehe in den nächsten Tagen wieder in besonderem Auftrag nach London
und Paris...“

Man kannte seine hohen Gönner. Er war der kommende Mann, wenn er
auch jetzt sehr leidend schien. Man sah ihn schon, nach dem nahen
Triumph, aus dem Salonwagen auf die hölzerne Plattform des Bahnhofes
von Gatschina steigen, ehrerbietig auf dem Weg zum Zaren von allen
Beamten und Gensdarmen begrüßt, man sah ihn im Auto, von Sebastopol
her, in sausender Fahrt die Windungen hinter Baidar Thor hinab zum
blauen Glyciniengerank des Kaiserschlosses Livadia am Krim’schen
Meer. Man verabschiedete sich achtungsvoll von ihm und schüttelte
erst hinterher den Kopf, als er in die Stadt hineinging. Wieder zu
Fuß. Da hörte man dies unaufhörliche ferne Brüllen der Sommergewitter
besser. Sie schienen sich immer weiter nach Süden zu ziehen. Hier
störte das Niemanden. Die russischen Soldaten von dem baltischen
dritten Armeecorps in Wilna, von denen viele Letten Deutsch konnten,
standen in den Läden und feilschten so hartnäckig, wie sie es bei ihrem
Generalissimus Nicolai selbst gesehen, um Tabak und Ansichtskarten.
Nach der Bahnhofstraße zog eine Schwadron der Grodnoer Husaren auf
ihren weißen Pferden. Schjelting rief einen der Schimmelreiter an:

„Seid Ihr auf dem Marsch zum Regiment?“

„Dies ist das Regiment!“

„Und die Anderen?“

„Alle tot!“

„Und Ihr?“

„Man ruft uns nach Petrograd zurück!“

Nicolai von Schjelting ging weiter. Er dachte sich: dieser Bauer
zu Pferd hat etwas Gottergebenes. Sein... Nichtsein... Sieg...
Niederlage.... Wie Gott will... Alles gleich... Was ist das Leben? Es
ward befohlen, zu kämpfen, zu bluten, zu sterben!... Gewiß ... dafür
bist Du ein Muschik. Ein Stück geduldige, russische Erde... Aber
vor seinen Augen stand ein wildtosendes, grimmsprühendes feldgraues
Gewimmel statt dieser feldbraunen Ergebung in das Schicksal, in seinen
Ohren hallte ein eherner Trutzgesang von Zehntausenden statt dieses
slawischen Schweigens, in dem die endlose Winterstille verschneiter
Dörfer in weltfernen Steppen wohnte. Er fröstelte, als sei es Winter,
trotz der Septemberhitze und der Glut der schwälenden Brandstätte
gegenüber. Gensdarmen wachten und verhinderten das Löschen. Die
Brasche’sche Fabrik war auf Befehl des Gouvernements angezündet worden.
Weiter zum Bahnhof hin, an der langen Seitenmauer, klebte ein Aufruf
des Generalissimus an die Polen. Nicolai Schjelting stellte sich davor
und übersetzte es sich aus dem Polnischen: „...Mit offenem Herzen, mit
brüderlich ausgestreckter Hand kommt Großrußland Euch entgegen. Der
Morgenstern eines neuen Lebens geht für Euch auf...“

„So? Das ist mir ein feiner Vogel ... lacht vor den allerhöchsten
Erlassen...“

Eine Hand zupfte ihn scherzhaft am Ohr. Der Staatsrat und Hofmeister
Morskoi stand neben ihm. Der wohlbeleibte Herr trug die kleine Uniform
eines hohen Zivil-Tschinowniks. Er wischte sich den Schweiß aus dem
roten, vom schwarzgefärbten Kinnbart umrahmten Gesicht.

„Trifft man Sie endlich!... Man sagt mir, Sie sind da ... kommen aus
Deutschland ... ich gestern aus Dwinsk. Man fährt ja nun schon mit der
Bahn bis hierher nach Insterburg... Lange sahen wir uns nicht, Nicolai
Wassiljewitsch!“

„Zuletzt in diesem April in Moskau.“

„In Kiew.“

„Im Petrowski-Dwor in Moskau!“ sagte Schjelting hartnäckig. „Dieser
alte Teufel, dieser Deutsche, saß noch hinter uns.... Mit seiner
Tochter...“

Es ging ihm durch den Kopf: Wie lang ist das her und doch nicht ein
halbes Jahr ... da fing es an ... warf mich aus der Bahn ... man wird
willenlos ... wird mitgerissen ... ich habe keine Frau mehr ... habe
noch nicht sie, die Andere... Mein Reichtum ist mit den Belgiern hin
... mein Boden ist die große Zukunft... Aber was soll dies Zittern
unter den Füßen?... dieser plötzliche Schwindel? ... so als ob Alles um
Einen schwankte?...

Der Hofmeister rieb sich befriedigt die großen weißen Hände.

„Alles steht gut, durch Gottes Gnade!... Sie sollten unser Petrograd
sehen!... Diese Macht des slawischen Gedankens, für den Sie und ich und
wir Allrussen seit Jahren stritten... Wehe, wer auf dem Newski noch
ein Wort Deutsch spricht! Man reißt die deutschen Firmentafeln ab...
Man schließt die deutschen Läden ... man verhaftet alle Deutschen ...
schickt sie nach Sibirien, Männer, Frauen, Kinder... Zehntausende sind
schon unterwegs...“

„Auch die deutsche Botschaft wurde gestürmt?“

„Sie wurde von Grund aus zerstört und der örtliche Beamte erschlagen...
Beklagenswert... Aber wer zügelt die russische Kraft?... Nun erst
erkennen wir sie ... sehen, wieviel Freunde wir haben... Man küßt in
Petrograd die Franzosen, man schüttelt den Engländern die Hand, man
grüßt die Amerikanski, man ist in einem Rausch... Ohne ein Tröpfchen
Wodka ... wie durch ein Wunder der Heiligen Dreifaltigkeit...“

„Man merkt es Ihnen an, Wassili Andréitsch!“

„Jedem im Mütterchen Rußland, vom Gossudar bis zum letzten Barfüßler!
Nur Ihnen nicht! Was ist Ihnen?“

„Etwas fehlt!“

„Nennen Sie es! Ich werde Sorge tragen! Man wird es anschaffen!“

„Es hat keinen Namen...“

„Wie das?“

„Es ist Alles da! Sehen Sie den Soldaten da ... dieses Lederzeug ...
diese Schuhe... Nichts wurde diesmal vernachlässigt... Niemals wurden
solche Anstrengungen gemacht. Wir haben beinahe mehr Offiziere als
Napoleon vor Moskau Soldaten...“

„Drum vorwärts mit Gott!“

„Aber Etwas fehlt...“

„Sie sind sehr klug, Nicolai Wassiljewitsch. Das brauche ich Ihnen
nicht zu sagen. Man bewundert Sie. Aber vielleicht sind Sie jetzt zu
klug. Sie denken zu viel!“

Nicolai Schjelting scheuchte mit dem Fuß eine Taube, die vor ihm auf
dem Pflaster Körner pickte.

„Da fliegt das Sinnbild unseres Glaubens!“ sagte er. „Der Heilige
Geist. Ihn suche ich!“

„Nun...“

„Es geht nicht ohne ihn. Nicht ohne den Heiligen Geist. Das ward mir
klar.“

„Nun -- diese Stadt hier ist voll von Balten, Fürsten, Garde. Das ist
nicht echte russische Luft. Das echte, das heilige Rußland, unser
Rußland, liegt dort draußen vor dem Feind...“

„Das hoffe ich...“

„Ich bin im Begriff, an die Front zu fahren und unseren Freund aus
Moskau, den General Schiraj, zu begrüßen. Kommen Sie mit? Da wird sich
Ihnen die weite russische Seele offenbaren!“

Die heilige russische Erde, aus der diese Soldaten selbst geformt
zu sein schienen, die da drüben in ihrer seltsamen, halblauten,
fatalistischen Ruhe den Bahnhof erfüllten, diese Muschiks in
Waffen und die vielen Millionen ihrer Brüder, in ihrer erdfahlen
Uniform, ihren erdfarbenen Bärten, ihren erdbraun gebrannten
Gesichtern. Schjelting atmete etwas hoffnungsvoller auf und stieg
ein. Der russische Infanteriehauptmann, der ihm und Morskoi im Auto
gegenübersaß, zeigte auch eine jener fünf, sechs Massentypen, mit denen
die russische Natur ihre sonst nicht zu bewältigenden Menschenmengen
roh und oberflächlich abstempelte und schied. Er hatte eine kleine,
knollige Nase, kleine tiefliegende Augen, war klein von Wuchs. Er
lächelte fortwährend. Warum? Schjelting reizte das. Er frug schließlich:

„Wir fahren schon durch das dritte verbrannte Dorf. Nichts blieb, außer
dem Kriegerdenkmal. Ist es überall so?“

„Es wird wohl so sein... Ich weiß nicht...“

Sie überholten einen Trupp Infanterie. Köpfe tief, tief aus dem
Inneren, zwischen Wolga und Ural. Im Marschieren brachen sie mit einem
mechanischen Handgriff jedes Obstbäumchen am Weg entzwei. Die Chaussee
hinter ihnen war gesäumt von geknickten Stämmchen mit rotbäckigen
Äpfeln. Schjelting schüttelte finster den Kopf. Der Hauptmann lächelte.

Schwerer schwarzer Qualm wälzte sich drüben am Walde. Millionen
roter Funken tanzten in ihm. Darüber das angstvolle Todesflattern
weißer Tauben. Ein großer Herrschaftshof stand da in vollen Flammen.
Dragoner trugen noch armvoll Betten, Leinenzeug, Puppen, Matratzen,
Damenkleider, Schaukelstühle, Wasserstiefel aus dem Hause und
verstauten sie auf den Leiterwagen. Ein paar galoppierten den Weg
heran, zwischen ihnen in langen, flüchtigen Sprüngen ein Dutzend edler
ostpreußischer Remonten. Der vierschrötige kleine Hauptmann lachte aus
vollem Hals...

„Krieg!“ sagte er, wie ein Naturkind, das sich an Etwas ergötzt.

„Gehen Sie gern in den Krieg?“

Der halbasiatische Hauptmann zündete sich eine Zigarre an und schnitt
eine Grimasse. Er war nur an Papyrossen gewohnt. Dann spuckte er aus.

„Man dachte nur an Österreich und Serbien. Wir sollten inzwischen
Deutschland in Angst halten. Unseren dicken Stabsoffizieren wäre es
recht gewesen. Die schönen Mobilmachungs-Rubelchen ohne Strapazen...
Sie verstehen?...“

„Und jetzt?...“

„Jetzt?... Es ist befohlen. Es ist auch so recht...“

Und wieder sagte Schjelting unvermittelt, nach langem Schweigen, zu
Morskoi:

„Es fehlt Etwas...“

„Petró ... paß auf, Du!... He!“

Der Hauptmann hatte es zu dem Wagenführer hinaufgerufen. Die
schnurgerade Chaussee nach Nordenburg lag vor ihnen plötzlich voll von
Baumstämmen. Hunderte und Tausende von russischen Soldaten arbeiteten
in fiebernder Hast am Fällen der prachtvollen Ulmen. Da waren sie in
ihrem Element. So waren sie oft genug im roten Hemd, die Axt im Gürtel,
als Bauern in den Wald gegangen. Sie hieben die Zweige ab, bauten
kunstvolle Astverhaue längs des Straßengrabens.

„Das sieht ja nach Verteidigung aus!“ sagte der Moskauer Staatsrat
stirnerunzelnd. „Wie das? Man erwartet doch nicht den Feind?“

„Ich weiß es nicht...“ sagte der Hauptmann.

Und Schjelting dachte sich: Ja ... ich weiß es nicht... Wo hört man es
nicht bei uns ... dies: ich weiß es nicht! Niemand weiß Etwas... Alles
ist unbestimmt... Alles verschwimmt... Von irgendwo wird befohlen...

Sie machten einen scharfen Bogen und fuhren gegen Gerdauen weiter,
nunmehr genau in die Richtung nach Deutschland hinein. Das dumpfe,
schwere Grollen umher wurde jetzt mit jedem Kilometer stärker. Wenn
das Auto hielt, hörte man es vor sich, rechts, noch heftiger links,
scheinbar von allen Seiten. Schjelting und Morskoi hatten nie gedient.
Aber sie sahen sich trotzdem fragend und besorgt an. Der Hauptmann vor
ihnen lächelte und rauchte. Träumerisches Asien war in seinem Blick.

Der Bahnhof von Gerdauen lag vor der Stadt. Ihm gegenüber flammte das
große Kreishaus, das Landratsamt, die Reichspost... Die Güterschuppen
längs der Schienenstränge standen in Brand. Glühende Getreidewirbel
hoben sich knatternd gleich Raketen in die Luft, verkohlten noch im
Fallen das verhungerte Vieh, das draußen in den Sumpfwiesen lag. Es war
eine Hitze wie in einem Backofen. Mitten darin stand ein nagelneuer
Petersburger Sanitätszug, weißlackiert, mit rotem Kreuz. Die Soldaten
liefen und schleppten und stopften ihn im Schweiß ihres Angesichts
voll mit Pflügen, Eggen, Heuwendern, Weinkisten, Zuckerhüten,
Kleiderbündeln. Der Offizier, der dabei stand, strahlte. Er kannte den
Hauptmann im Auto und reichte ihm die Hand.

„Wie wird sich meine Fenitschka freuen! Ich schicke ihr eine ganze
Ausstattung für unsere Datsche bei Jekaterinoslaw. Sogar ein Klavier
fand sich! Da steht es in der Ecke unter den Kopfkissen. Sie kann doch
spielen. Sie lernte es in dem Pensionat in Odessa. Tafelgeschirr. Ein
amerikanischer Lederstuhl. Selbst eine Spieluhr für meinen kleinen
Fedka. In Öl gemalte Bilder. Hübsche Hörnerchen von Waldziegen.
Ein Photographie-Album... Ich nahm nur die Bilder dieser deutschen
Windhunde heraus. Nichts ist vergessen.“

„Und das nehmt Ihr Alles mit?“ frug Schjelting.

„Wie denn? Es ist doch Krieg!“

Naive Genugtuung lag in seinen Worten. Da waren tausend Dinge. Die
hatte man bisher nicht. Nun durfte man sie nehmen. Sie gehörten ja den
Deutschen. Endlich erlaubte es der Zar. Schjelting dachte sich: Für
Euch da ist das Alles nur ein Europäischer Pogrom. Mehr begreift Ihr
nicht. Jeder sackt ein, was ihm Gott beschert! Und der Offizier auf dem
Bahnsteig bestätigte das auch, nicht ohne Neid, indem er sich zu dem
Hauptmann wandte.

„Prjanikoff... Du weißt: Der Lange ... der mit dem Ziegenbart ... der
kann lachen! Er kommt in ein verlassenes Adelshaus... Man zündet
es an... Was findet er, schon im Weggehen?... Ein ganzes silbernes
Tafelgeschirr, der Glückspilz...“

„...Und das Alles stopft Ihr in die Wagen mit dem roten Kreuz?“
forschte Schjelting finster.

„... auf sie allein schießen die Deutschen nicht. Sie sind ja so
dumm!... Bald fahren wir ab!...“

„Warum denn? Kommt denn der Feind...?“

„Man weiß es nicht...“

Sie sausten weiter. Umgestürzte Flüchtlingswagen lagen am Weg.
Zerwühlter, ärmlicher Hausrat. Große Blutlachen. Schjelting dachte
sich: Kaum eine Stunde Fahrt liegt zwischen Insterburg und Asien --
da, wo Ihr nicht seid, Nicolai und Rennenkampf ... liegt zwischen Euren
Garden und der breiten russischen Seele hier. Von ihr und ihrer Art des
Kampfs seht Ihr nur, was Ihr wollt...

Immer wieder rauchende Scheunen, die Brandmauern von Domänen, eine in
die Luft gesprengte Kirche... Ein betäubender Gestank von faulenden
Karpfenmassen im Schlamm des nutzlos abgelassenen Teichs. In einem
leergeplünderten Entenweiher schwimmend ein halbaufgelöstes Ding
wie eine Mumie, das die Kosacken aus der Ahnengruft gerissen und
hineingeworfen hatten. Schjelting schlug sich zornig auf das Knie:

„Was soll das Alles?“

Der Hauptmann lächelte ein Lächeln, nun schon mehr vom Amur als von der
Wolga.

„Krieg heißt nicht, daß wir uns wie die Schweine benehmen!“... sagte
Nicolai von Schjelting. Der Andere warf ihm einen tückischen Blick
zu. Darin hob sich Etwas empor, von Asien, aus Tatarensteppen --
gegen diese feinen Petrograder Herrchen -- -- gegen diese Westlichen
... oh -- wartet nur! Auch Eure Zeit wird kommen! Auch Euch wird man
verjagen ... später... Alles, was nicht Rothemd und Bastschuhe trägt...

Die Straße entlang galoppierten Dragoner, krumm wie die Fiedelbogen,
mit hohen Knieen, die struppigen Klepper ihre Sternguckerköpfe steil in
der Luft. Die Kerle sahen aufgeregt und unruhig aus. Man konnte nichts
Rechtes von ihnen erfahren. Auf der Bahn da vorne, die von Gerdauen
gegen Allenstein hinführte, rollte langsam, dichthintereinander,
Zug auf Zug, gegen Norden, rückwärts. Es lag Etwas in der Luft,
eine Unbestimmtheit ... eine Ungewißheit ... ferner Donner durch die
Schwüle... Schjelting sagte sich wieder: Kaum eine Stunde zwischen
Insterburg und hier... Wißt Ihr denn wirklich, Ihr dort hinten, Nicolai
und Rennenkampf, was hier vorne vorgeht...? Und nicht nur in der
russischen Seele?

Seltsam, daß die Tauben sich nicht von ihren Schlägen in den
brennenden Giebeln trennen konnten. Da kreiste wieder eine über dem
flackernden Gelb und Purpur, stürzte flügellahm hinein. Das rief eine
Gedankenverbindung in Schjelting wach.

„Ja -- wo ist der Heilige Geist?“

„An der Front!“ sagte der Staatsrat mit seiner starken, russischen
Stimme. „Bald sind wir dort!“

Der General Schiraj lag noch vorwärts von Barten in einem Gutshof im
Quartier. Er war nicht da. Er war mit seinem ganzen Stab nach vorn
gefahren. Ostrussische Infanterie und Kosacken, die nicht zu seinen
Truppen gehörten, waren nachgerückt und richteten sich eben ein.
Ein riesengroßer, weißblonder Major stand mit offener Hemdbrust auf
der Schwelle. Sein Gesicht war fröhlich und gerötet. Er war stark
angetrunken. Er streckte stürmisch den beiden Ankömmlingen, obwohl er
sie gar nicht kannte, die Arme entgegen.

„Gott brachte Euch, Brüderchen! Beliebt einzutreten!... Was ist das für
ein Land! Warum nehmen wir es erst jetzt?... Alles in Fülle! Was das
Herz begehrt... Traubenwein!... Man trinkt Sekt, Bordeaux, Kognak...
Unten ist der ganze Keller voll...“

„Man merkt es...“

„Man raucht Zigarren! Schläft unter Seidendecken!... Schweine, Hühner,
Gänse ... man ißt, soviel man kann... Man bekreuzigt sich und ißt
wieder... Ihr bleibt zum Nachtessen da, Brüder! Meine Kosacken sind
eben Hühner kaufen gegangen! Sie sind darin gewandter als unsere
Burschen...“

Draußen sah man die roten Hosenstreifen der Kosacken. Sie umstellten
die flatternden Hennen wie der Jäger das Wild, klatschten in die Hände,
fingen die Tiere aus der Luft. Der Major schluckte ein paarmal und
zeigte selig auf die Kiesfläche der Auffahrt vor dem Herrenhaus. Da war
aus Hühnerköpfen im Sand riesengroß ein Schnörkel gebildet, der wie
der Buchstabe H aussah. In Wirklichkeit war es ein russisches ‚N‘, der
Namenszug des Zaren Nikolaus.

„Die Kaiserkrone kommt aus Gänseköpfen darüber! Es sind Spaßvögel!...
Schleppt es dort hinüber, Kinder! Setzt es vorsichtig auf freiem Felde
nieder, damit kein Unglück geschieht...“

„Was tragen die vier Leute? Einen Sarg?“ frug der kurzsichtige
Staatsrat.

„Nein. Ein deutsches Ding. Ich kenne es nicht. Besser fort damit, ehe
es explodiert!“

„Es ist der Schokoladen-Automat aus der Ausspannung gegenüber!“ sagte
Schjelting zu Morskoi, während sie eintraten. „Welch ein Gestank!...
Sind denn die Schweineställe hier im Hause?“

Die altpreußischen Ahnenbilder der Halle schauten durchstochen und
durchlöchert auf eine halbmannshoch das Parkett bedeckende Schicht von
Stroh, Roßdünger, Bettfedern aus aufgeschnittenen Matratzen, zerfetzten
Kleidungsstücken, Kohlstrunken, Knochen, Suppenresten, Stuhlbeinen,
Hirschgeweihen, zerrissenen Briefen und Aktenbündeln, zertretenen
Damenfederhüten, Sofakissen, Lappen, Straßenschmutz. Zersäbelte Sofas
und Plüschsessel ragten nur noch mit den Lehnen aus der weichen, wie
ein Misthaufen dünstenden Masse, durch die der mächtige und feierliche
Saal des alten Grafenhauses weit niedriger als sonst erschien. Viele
Soldaten hatten sich in das warme Nest eingewühlt und schnarchten. Man
unterschied sie kaum von dem Schmutze selber. Dazwischen standen die
Pferde. Die Luftmischung schwankte zwischen dem scharfen, säuerlichen
Brodem des Schweinekobens und dem Aasgestank vor einem Fuchsbau. In
der Ecke lehnte schief, mit aufgeklapptem Deckel und zerschmetterten
Beinen, das Klavier. Der Bechsteinflügel diente als Abort wie auch
sonst jeder Perserteppich, jede Bronzevase, jeder Zylinderhut,
jeder Winkel im Haus. Der Major musterte, mühsam in dem federnden
Trümmerhaufen sich auf den Beinen haltend, befriedigt die eine leere
Wand.

„Seit vielen Stunden bestreichen sie sie mit Honig!“ sagte er. „Von
oben bis unten!... Seht die hundert leeren Gläser!... Gut!... Munter
sind sie, die Seelchen!“

„Und warum tut Ihr das?“ frug Schjelting einen der Kerle, dem ebenso
wie seinem Kameraden der Schweiß der ungewohnten Arbeit von der Stirne
rann. Der überlegte und sagte dann, mit einer plötzlichen slawischen
Entmutigung in den wasserblauen Augen:

„Man weiß es nicht, Herr!“

„Woher kommst Du?“

„Aus Samara, Euer Wohlgeboren!“

„Bist Du gern im Krieg?“

„Gern, Euer Wohlgeboren!“

„Warum?“

„Ich weiß es nicht, Euer Wohlgeboren!“

„Haßt Ihr die Deutschen?“

„Man haßt sie, Euer Wohlgeboren!“

„Und warum?“

„Ich weiß es nicht, Euer Wohlgeboren.“

„Weißt Du, wo Du jetzt bist?“

„Nein, Euer Wohlgeboren!“

„Weißt Du, wohin Ihr geht?“

„Nein, Euer Wohlgeboren!“

„Kannst Du lesen und schreiben?“

„Nein, Euer Wohlgeboren!“

„Was denkst Du Dir also bei dem Krieg?“

„Es ist befohlen, Euer Wohlgeboren!“

„Nun genug der Fragerei!“ schrie der Major. Er war plötzlich zornig
geworden. „Euch Monumente vom Newski-Prospekt braucht man hier nicht!
Dort ist Gott und die Türe.“

Er stapfte schwerfällig in den Raum gegenüber, setzte sich vor die
halbleere Kognakflasche und brütete vor sich hin. Während die Beiden
vor das Haus traten, schrie er ihnen noch nach:

„Nicht ausleben soll man sich! Ihr seid mir schöne Vögel! So ist’s hier
überall! Wenn’s Euch nicht gefällt, geht zu den Deutschen!“

„Ja -- so ist’s hier überall!“ sagte Schjelting. Er hatte mit dem
Hofmeister in einer Laube im Garten Platz genommen. Bis hierher waren
noch nicht einmal die Kosacken gedrungen. Angefangene Handarbeiten
lagen da, Bücher, ein Band Tauchnitz-Edition, ein französischer
Roman, eine Übersetzung von Tolstois ‚Auferstehung‘, die indischen
Gedichte des Rabindranath... Er setzte sich. Er wollte nicht sprechen.
Er zog finster die Nummer der ‚Times‘ heraus, die ihm vorher der
Stabsrittmeister Kudriascheff gegeben, begann zu lesen. Die engen
Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Er warf das Blatt zornig zur Seite.

„Eine nette Sprache gegen Verbündete!“

„Wie das?“

„Nun -- da ist von den modernen Hunnen die Rede -- von den Barbaren...“

Der Staatsrat nahm das Blatt und lachte:

„Das sollen doch nicht wir sein, sondern die Deutschen!“

„Ach so ... ich war zerstreut...“

„Kinder, laßt Euch nicht durch diese Weißhändigen verwirren!“ schrie im
Hause der Major. „Wo stehen wir? Dicht vor Berlin!“

„Urraha! Vor Berlin, Euer Hochwohlgeboren!“

Es grollte dumpf in der Ferne. Dazwischen in Abständen ein schweres,
dröhnendes Aufpoltern. Fast nur ein einziger Schlag.

„Die Deutschen schießen schon mit Batterielagen,...“ sagte ein
staubbedeckter Dragoner-Unteroffizier vor der Laube zu einem Burschen.
„Wo ist Dein General?“

„Eben kommt er, Herr Wachtmeester!“

Der General Schiraj fuhr im Landauer des geflüchteten Gutsherrn heran.
Die Gäule keuchten. Das Handpferd blutete von einem Granatsplitter.
Das Wappen am Kutschenschlag war von einem Sprengstück geborsten.
Der General stieg aus, finster wie seine Begleiter, drückte stumm
den beiden Gästen die Hand, fertigte den Dragoner ab, schritt dann
unruhig auf und nieder, schaute nach allen Seiten, witterte förmlich
in der Abendluft, die voll war von fernen, unbestimmten, murmelnden,
schütternden, sausenden, heulenden, hämmernden Tönen, wandte sich
nach dem Herrenhaus. Dort war ein zorniger Wortwechsel. Er jagte den
Major mit seinen Leuten nach hinten in die Scheunen, setzte sich an
das Feldtelefon, sprach immer wieder hinein, mit ernstem Gesicht, kam
plötzlich wieder angeritten, vollbärtig und stattlich, den Feldstecher
in der Hand.

„Ich muß noch einmal nach vorn... Es ist soeben... Wie?... Ihr
wollt fort? Bleibt lieber hier! Da sind ja Fremdenzimmer genug
im ersten Stock... Wie es steht? Gut ... gut... Aber es finden
Truppenverschiebungen in der Nacht statt ... man gruppiert um... Ihr
kämt da in der Dunkelheit mitten hinein... Auf Wiedersehen!“

Schjelting konnte nicht schlafen. Er lag mit offenen Augen in der
Giebelstube des Herrenhauses. Sonderbar... Er war mit seinen Gedanken
immer in Deutschland ... in einem Brausen von Massen, einem feldgrauen
Gewimmel, einem Stürmen der Glocken, einem ehernen Gesang... Er sagte
sich: Ich bin ja in Deutschland. Als Eroberer. In einem deutschen Bett.
Alles hier fängt gut an... Freue Dich...

Dabei stand er voll Unruhe, mit überwachten Augen auf, kleidete sich
an -- mochte Einer schlummern bei diesem ewigen Scheibenklirren und
Bodenzittern von dem schon viel näher gekommenen Erdbeben draußen in
der Runde -- trat in das Freie, machte jäh Halt...

Die Nacht war dunkel und doch hell. Wohin er sah, brannte Ostpreußen.
Rechts, links, nah, fern, überall flackerte es wie von Scheiterhaufen
im Schwarz, rötete den Himmel fleckenweise mit einem unheimlichen
Widerschein. Die Feuersbrünste all dieser Dörfer und Domänen, dieser
Mühlen und Weiler, dieser Schlösser und Höfe schienen zu leben, in
Flammen zu atmen, zu schwinden, in neuen Funkengarben aufzusprühen.
Darüber zogen sich am Horizont sonderbare feurige Bogen wie von zu
niedrig gehenden Raketen...

Schjelting sah stumm auf das Schauspiel. Er dachte an die Brandfackeln
der Kosacken, die er am Tag vorher gesehen, so wie sie sie fertig aus
Rußland mitgebracht -- Dinger, die man auf die Erde werfen, mit dem
Fuße treten, ins Wasser halten konnte, ohne daß sie verlöschten. Dann
sagte er sich: Aber wenn wir Alles einäschern, dann bedeutet das doch
den Rückzug...?

Neben sich hörte er ein Seufzen. Da saßen im Halbdunkel der General
Schiraj und der Hofmeister, Beide wach wie er, schwiegen und rauchten.
Er nahm neben ihnen Platz. Eine Weile hörten alle Drei stumm auf den
Kanonendonner. Dann sagte Schjelting:

„Es fehlt Etwas...“

Morskoi wandte sich an den General.

„Das ist seine stehende Rede!“

„Was denn?“

„Wer kann es nennen? Sie wollten es mir an der Front zeigen. Aber es
ist nicht da...“

„Wahrlich -- wir haben uns bemüht, Alles zu schaffen!“ sagte der
General Schiraj mit seiner ruhigen Stimme.

„Alles haben wir geschaffen! Nur ... sehen Sie ... da treiben
Feuerfunken durch die Nacht vorbei! Vielleicht mangelt uns dieser eine
Funke...“

„Anderswo aber ist das anders?“

„Anderswo -- ja...“

„In Deutschland?“

„Was heißt das für uns... Deutschland?...“

„Sie kommen doch von dort, Nicolai Wassiljewitsch?“

„Nein.“

„Wie denn nicht? Sie erzählten doch selbst...“

„Ich war in einem Land, das wir nicht kennen!“ sagte Nicolai von
Schjelting. „Sie werden es auch auf keiner Karte finden!“

„Er spricht in Rätseln...“

„Kurz ... es existiert nur für den, der es erlebte.“

Dann, nach einem Schweigen:

„Viel haben wir vor dem Krieg erwogen! Aber vielleicht das Letzte
nicht!“

Um sie die fremdartig rotgefleckte, unheimlich wie ein Raubtier
murrende Nacht. Morskois Stimme:

„Wie steht’s in Wahrheit? Ist unsere Lage gefährlich?“

„Ja -- wenn wir Japaner vor uns hätten!“ sagte der General langsam.
„Aber die Deutschen...“

Er stand auf.

„Damals vor zehn Jahren ... in Mukden... Einerlei... Gehen wir schlafen!
Wir haben noch ein paar Stunden bis Sonnenaufgang!“

Und nun war Nicolai von Schjelting doch so ermüdet, daß er den
Schlummer fand. Träumte. Er stand in der großen Dorfschmiede seines
Guts im Twer’schen Gouvernement. Inge Tillesen neben ihm. Es schien,
daß sie jetzt seine Frau war. Sie trug nun auch russische Züge. Sie
sagte ihm Etwas oder schrie es ihm vielmehr in die Ohren. Er verstand
es nicht. Der Schmied machte einen so furchtbaren Lärm beim Beschlag
der kleinen Bauernpferde. Es waren mehrere Schmiede. Sie hämmerten
durcheinander. Die Ambosse dröhnten, schmetterten, knallten...

Schjelting fuhr empor, angekleidet wie er war, stürzte an das Fenster,
riß es auf. Es war ein klarer, blauer Septembermorgen. Und in dieser
milden Spätsommerluft zwischen Himmel und Erde ein unsichtbares,
stürmisches Leben wie von tausend Geistern. Ein langgezogenes Heulen,
zorniges Hämmern, wie von einer Riesenfaust an eine Haustüre, heiseres,
metallenes Gelächter, das Gepolter von Fässern, peitschenknallähnliche
Töne. Dabei erblickten seine Augen nichts. Die weite Landschaft lag
völlig menschenleer, wie ausgestorben, im hellen Sonnenschein. Auch die
Züge auf der Eisenbahn verkehrten nicht mehr. Nichts regte sich. Nur
da jagte ein reiterloser Gaul die Straße entlang. Er schleifte seine
Eingeweide zehn Fuß lang hinter sich her, verschwand taumelnd um die
Ecke. Schjelting überwand einen Anfall von Übelkeit... Er nahm seine
Mütze, rannte die Treppe hinab. Durch das gespenstig leere Haus. Traf
vor ihm Morskoi.

„Wo ist der General?“

„Längst nach vorne geritten!“

„Und dieses Viehstück von gestern Abend...“

„Weg, mit seinem Bataillon...“

„Und unser kleiner Hauptmann...“

„Auch verschwunden...“

„Ja -- was ist denn?...“

„Sie sind doch klug! Begreifen Sie’s noch nicht...? Gott hat uns
verlassen... Schon seit Tagen... Nur wußte man es nicht... Er strafte
uns schon dort vorn, im Süden von Ostpreußen...“

„Dort steht doch unsere Narew-Armee...“

„Nichts steht dort! Nichts ist da! Nichts mehr!“ Morskoi schien beinahe
zornig, daß man seinen Nachrichten widersprach. Er badete sich förmlich
in diesem Worte ‚Nichts‘.

Fern in der Luft entstand ein weißes Wattebäuschchen und stand wie mit
der Scheere ausgeschnitten vor dem blauen Himmel. Plötzlich waren dort
überall am Horizont diese zarten Federwölkchen.

„Eile Dich, Wanja!“

„Bemühe Du Dich auch!“

Zwei Kosacken kauerten da am Bach, die Zottelgäule frei neben sich.
Der Eine war im Hemd. Er hielt seine Hose auf den Knieen und riß in
Eile den breiten, roten Besatz, der ihn als Kosacken verriet, herunter.
Der Andere steckte die Füße in das Wasser und rieb das gleiche
verräterische Rot von ihnen herunter.

„Seid Ihr verrückt, Euch jetzt die Füße zu waschen!“

Der Eine der beiden Kerle blinzelte stumpfsinnig aus seinem bartlosen,
rohen Gesicht zu Schjelting hinauf.

„Es ist besser, Herr...“

„Wie das: besser?“

„... falls man uns gefangen nimmt! Sie sind ja schon überall...“

„Die Deutschen?... Lüge nicht!“

„Man sieht ja weit und breit keinen Deutschen!“ sagte Morskoi und
zündete sich mit zitternden Fingern eine Papyros an.

...Er lag vor Schrecken auf der Erde. Er wußte nicht wie. Die Andern
kugelten sich über ihn, um ihn. Um sie wirbelte die Luft von einem
jäh herangeflogenen, nervenzerreißenden Heulen, der Boden tat sich,
vierzig, fünfzig Schritte von ihnen entfernt, donnernd auf, spie einen
schwarzen Pinienbaum von Rauch, Erde, Steinen und sausenden Splittern
über sich in die Höhe. Über Schjeltings Kopf war das helle Klirren
der getroffenen Dachziegel. Sie fielen langsam, stückweise herunter.
Die jäh bloßgelegten weißen Sparren lugten neugierig in das Freie und
fingen dann rasch an zu kohlen. Das war das Erste, was er sah, als er,
betäubt aufstehend, sich mechanisch den Staub von den Kleidern klopfte.
Ein Gardeoffizier ritt in Karriere vorbei. Ein Petersburger Beau. Sein
keuchendes Tier wies die deutschen Farben. Auf sammetschwarzem Fell
weiße Schaumflecken und in den Flanken das rote Blut der Sporenstiche.
Morskoi rief ihn an: „Was geschieht?“ -- Der Andere wies mit der Hand
atemlos hinter sich...

„...Chindenburg...“

Es verhallte im Hufschlag und dem letzten Nachgrollen der Granate.
Da stand das Auto. Der Chauffeur, ein Pole, geängstigt daneben. Sie
sprangen hinein. Sausten blind hinter dem Petersburger Adjutanten her.
Immer näher schob sich der Donner. Rauch- und Brandwolken in der Ferne.

„Wir fahren ja nach Süden!“ schrie Morskoi, sich im Wagen aufrichtend.
„Das ist ja Torheit. Dort eben ist ja Chindenburg ... hört doch nur!“

Zurück. Hinauf nordwärts in der Richtung nach Gerdauen, woher sie tags
zuvor gekommen. Schjelting biß die Lippen zusammen.

„Wir fahren ja abermals in den Kanonendonner hinein!“

Eine Gruppe Offiziere, abgesessen hinter einem Haus und um ein
Fernrohrgestell herum. Ein abwehrendes Winken.

„Hier kann man nicht weiter. Die Straße liegt unter Feuer!“

„Wohin?“

„Nach Osten! Über Drengfurth! Sputet Euch!“

Sie fuhren dahin, kreuzten am Seeufer wieder eine Eisenbahn. Eine
Lokomotive schoß mit Volldampf vorbei, der Tender dicht gedrängt
voll von Rotekreuzdamen und Popen mit flatternden Haaren und Bärten.
Der Pole steuerte das Auto wieder angesichts der Wasserfläche gen
Norden, verirrte sich in den Wäldern, arbeitete sich stundenlang
durch Sandwege, blieb stecken ... weiter ... da endlich die Türme von
Insterburg. Vor der Stadt trafen sie den Generalstabsmajor Prokofjeff,
bemüht, Ordnung in ein staubbedecktes Gewirr von Fuhrwerken zu bringen.

„Fahrt nicht erst in die Stadt. Es steckt alles voll von Truppen und
Kolonnen!“ schrie er. „Fahrt außen herum, nach Gumbinnen. Der Großfürst
ist schon dorthin voraus!“

Der Großfürst auf der Flucht!... Schjelting und Morskoi schauten sich
bleich und stumm an, während sie zwischen den Teichen durch und an der
mächtigen Brandstätte des Gestüts Georgenhof vorbeiflogen. Nun lag
schon die Flußniederung der Angerapp in ihrem Rücken. Der Staatsrat
atmete auf.

„Wir sind in Sicherheit!“ sagte er.

„Was kommt uns denn da auf der Chaussee entgegen?... Ein ganzer Zug
Automobile...“

„Sie rasen nur so...“

„Es sitzen Zivilisten darin!... Was heißt denn das?...“

„Sehen Sie den Langen, Hageren... Mutter Gottes von Kasan: der
Generalissimus in Zivil ... bin ich denn wahnsinnig geworden?...“

„Dreh’ um, Chauffeur ... dreh’ um...“

Dadurch zwangen sie den nächsten, heranflüchtenden Wagen, langsam zu
fahren. Zornige Rufe:

„Macht Platz, Ihr da! Wir haben keine Lust, gefangen zu werden!“

„Wie denn -- -- in Gumbinnen?...“

„Sie sind schon hinter Gumbinnen...“

„Die Unsern?“

„Die Deutschen!“

„In unserm Rücken?...“

„Chindenburg in Gumbinnen...“

„Chauffeur ... zurück, was der Wagen kann...“

Eine Sturmfahrt durch Staubwirbel. Wildes Gedränge vor dem Bahnhof in
Insterburg. Trotz des strengen Verbotes standen schon die Einwohner
auf den Dächern, riefen, winkten zum Himmel hinauf. Dort zog ein
Eindecker als Vorbote des deutschen Heeres seine Bahn. Das Eiserne
Kreuz schimmerte von seinen Tragflächen. Aus dem ‚Dessauer Hof‘, der
mit seinem hohen graugetünchten Aufbau und Turm die Stationsgebäude
gegenüber überragte, rannte ein Herr in Zivil mit ausrasiertem
Backenbart und hochmütig-brutalem Gesicht und kletterte in ein Auto.
Ein Kellner hinterher.

„Exzellenz ... die Wochenrechnung...“

„Ich komme in vierzehn Tagen wieder!“

Rennenkampf fuhr davon. Nur seine hohen Stiefel aus feinstem Juchten
standen noch oben vor seiner Tür. Die beiden Russen sahen dumpf den
Generaladjutanten des Zaren und Führer der Njemen-Armee im Bürgergewand
fliehen. Um sie herum waren Rufe. Deutsche jubelnde Stimmen. Sie
pflanzten sich fort. Man wußte nicht, woher sie kamen. Es flog durch
die Luft, von Haus zu Haus...

„Ulanen...“

„Preußische Ulanen...“

„Man sieht schon einzelne Garde-Ulanen vor der Stadt...“

Morskoi faßte einen russischen Heeresintendanten an der Schulter und
frug heiser:

„Wohin floh Seine Hohe Exzellenz!“

„In der Richtung nach Tilsit! Dort ist der Weg noch frei...“

„Dort allein ist Chindenburg noch nicht!“

„Mit Gott! Über Skaisgirren! Fahre wie der Teufel.... Du dort oben!“

Sie rasten dahin, durch Tilsit hindurch, über die Königin-Luisenbrücke
auf das Nordufer der Memel. Nun trennte sie der breite Strom von den
Verfolgern. Fern vergrollte das Ungewitter. Wie weit es nach Süden hin
noch seine Verheerungen erstreckte, wußte Keiner.

„Auch bei Lyck wird gefochten!“ sagte neben dem haltenden Auto ein
sibirischer Schützenoberst aus tiefer Brust, und ein Anderer neben ihm,
mit einem fatalistischen Zug um die bärtigen Lippen:

„Diese Tage kosten uns viel... Die Deutschen sind anders als man
dachte...“

„Uns Beide hat Gott bewahrt!“ versetzte der Hofmeister Morskoi zu
Schjelting. „Doch was nun?“

„Zurück nach Kowno!“

„Und dann?...“

„Dann gehe ich gleich mit meinen Aufträgen nach dem Westen!“ sagte
Nicolai von Schjelting. „Dort ist unsere Hoffnung. Denn das Eine habe
ich nun schon erkannt, Wassili Andréitsch: Wir hier allein, mit der
Kraft der russischen Erde, erreichen es nicht...“



XIV.


Der schlampige französische Polizeikommissar stand auf und schloß trotz
der Oktoberglut des Mittelmeers die Fensterscheiben. Nun brauchte
man wenigstens nicht mehr den tausendfältigen Lärm des Hafens von
Marseille, sein Sirenengeheul und Peitschengeknall, sein Wagengerassel
und Kranengeklirr zu überschreien, um das Verhör fortzusetzen.

„Schreiben Sie, Panard! ‚Es erscheint der Zivilgefangene aus dem
bisherigen Konzentrationslager bei Château Borély, Hugo Martius,
Groß-Industrieller aus Deutschland‘...“

„... und Mitglied des Reichstags...“

„Ah -- -- das wird Ihnen wenig helfen, mein Herr Deputierter, im
Gegenteil ... schreiben Sie, Panard:... ‚zu nochmaliger Vernehmung auf
Antrag des amerikanischen General-Konsulats!‘... Wie kommt der dazu?“

„Meine Frau hat, soviel ich vom Vertreter des Konsulats bei seinem
Besuch hörte, alle Hebel in Bewegung gesetzt. Sie hält sich seit
Kriegsbeginn an der französisch-italienischen Grenze auf...“

„Es wird Madame nichts nützen! Hein? Sie haben nie gedient? Sie sind
vierzig Jahre alt. Ein großer, kräftiger Mann... Deutschland würde
auch Ihnen die Muskete in die Hand drücken -- -- Jedem, um seinen
unvermeidlichen Untergang um einige Tage zu verschieben! Wir stehen
bereits am Rhein, mein Herr, unter dem Beifallsklatschen der gesitteten
Welt. Diese tapferen Kosacken haben Breslau erstürmt -- Breslau, eine
der glänzendsten Residenzen Ihres verbündeten Österreichs! -- --
Helgoland verneigte sich vor dem Donner der britischen Geschütze...
Ihre Flotte ist da unten, bei den Fischen...“

„Es ist nicht wahr...“

„Hier die letzten französischen und englischen Zeitungen! Lesen Sie!“

„Ich danke!“

„Kurzum: Ihr Schicksal ist entschieden! Warum kamen Sie kurz vor
Kriegsausbruch nach Frankreich? Niemand lud Sie ein!“

„Doch!... Jaurès selbst!“

„Monsieur Jaurès ist tot!“

„Ein Pro-Boche!“ sprach verächtlich der kleine, dicke, schwarzhaarige
Hauptmann. Er hatte bisher als Beisitzer nur Zigaretten geraucht und
teilnahmlos auf den Hafen hinausgeblickt.

Hugo Martius richtete seine stattliche, vollbärtige Erscheinung auf.
Die französische Sprache gehorchte nicht so dem Wohllaut seiner
Beredsamkeit, wie ihm sonst das Deutsch von den Lippen floß, aber es
klang doch stark und überzeugend, als er sagte:

„Die Sache des Völkerfriedens führte mich mit Gleichgesinnten aller
Nationen in Paris zusammen...“

„Deutschland und der Frieden...“

Der Schreiber lachte. Der Kommissar. Selbst der Hauptmann.

„Beinahe ein halbes Jahrhundert, meine Herren, hielt Deutschland den
Frieden. Rußland bekriegte die Türkei und Japan. Italien bekriegte
die Türkei und Abessinien. Die Balkanstaaten bekriegten die Türkei
und einander selbst. Amerika bekriegte Spanien. England bekriegte die
Buren, nahm Ägypten und den Sudan. Frankreich ging nach Tonking und
Tunis, nach Madagaskar und Marokko. Deutschland allein zog in zwei
Menschenaltern nicht das Schwert gegen seine Nachbarn!“

„Deutschland und der Friede! Ich beglückwünsche Sie, mein Herr
Deputierter, daß Ihnen der Humor noch nicht ausging!“

„Es hätte das Schwert oft genug furchtbar ziehen können. Es konnte sich
am Tage von Faschoda im Bund mit England vernichtend auf Frankreich
stürzen. Es tat es nicht. Es konnte sich vor zehn Jahren auf das durch
Niederlagen und Aufruhr wehrlose Rußland werfen. Es tat es nicht. Es
konnte im Burenkrieg Englands Macht für immer brechen. Es tat es nicht!“

„Genug, mein Herr!“ Der Kommissar gähnte und stand auf. „Man wird die
Erde jetzt für immer von der Kampflust der Pickelhaube befreien! Ihr
Fall ist erledigt. Sie schließen sich morgen mit den drei Anderen, zur
Nachprüfung Zurückgehaltenen, dem Transport nach Korsika an...“

„Nun gut!“ sagte Hugo Martius. „Ich bitte nicht für mich! Aber Sie
haben unter den Zivilgefangenen, die Sie dorthin senden wollen, Männer
von sechzig Jahren...“

„Oh, noch ältere, mein Herr!“

„Das Fieberklima dieser Insel wird sie hinraffen!“

„Es ist nicht so ungesund wie das der Sümpfe von Dahomey!“ sagte der
Kommissar lächelnd. „Und auch dort sitzen schon Ihre Landsleute!“

„Und das können Sie verantworten?“

„Ah ... wenn der Zar Euch zu Zehntausenden nach Sibirien schickt!... Bei
uns herrschen nicht Seuchen und Hungersnot in den Konzentrationslagern
wie in England ... man erschlägt Euch nicht wie in diesem heldenmütigen
Belgien...“

„Nun gut ... die Männer!... Aber ich sah unterwegs die Gefangenenlager
mit Tausenden von deutschen Frauen und kranken Kindern!... Was haben
sie verbrochen? Seit der Steinzeit steht die Frau außerhalb des
Krieges...“

„... weil man Euch ausrotten wird...,“ sagte der Hauptmann plötzlich
leise und ruhig. Nur in seinen pechschwarzen Augen funkelte die kalte
Wut. „Ich bin ein Corse. Ein Landsmann Bonapartes. Jetzt ist die Zeit,
sich seiner zu erinnern. Jahrzehntelang haben wir Euch ertragen. Eure
Liebenswürdigkeiten waren uns noch verhaßter als Eure Drohungen. Nun
jauchzen wir, indem wir Euch den Todesstoß versetzen. Panard, man führe
diesen Herrn ab! Zu den drei Anderen, die morgen nachträglich auf das
Schiff gebracht werden!“

Die Fenster einer kahlen Zelle im Fort St. Nicolas am Eingang des
Hafens von Marseille gingen auf das Meer hinaus. Durch die Eisengitter
sah man fernhin seinen strahlend blauen Glanz, mehr nach rechts das
Mastengewirr und Schlotqualmen der Häfen, und weiter über Hügel und
Täler die Dächermassen der großen Mittelmeerstadt. An den Luken lehnten
drei deutsche Zivilgefangene. Sie hörten in dem Lärm von draußen den
Eintritt des neuen Ankömmlings nicht und drehten ihm den Rücken zu. Der
Eine, ein älterer Mann, sagte müde im österreichischen Tonfall:

„Aber ich bitte: Nehmen diese Wilden denn kein Ende?“

Und der neben ihm, der den Arm in der Schlinge trug und sich auf einen
Stock stützte, mit Zwicker und Studentenschmissen auf seinem Gesicht:

„Das ist seit heute früh der vierte Dampfer allein mit dem roten
Kroppzeug!“

Das Deck des schmalen, langen, von Algier kommenden Passagierdampfers
„General Chanzy“ schien auf den ersten Blick vollbesetzt mit vielen
Hunderten von mittelalterlichen Henkern. So unheimlich wirkten die
Gestalten der Wüsten-Spahis in ihren bis zu den Füßen reichenden
blutroten Mänteln. Erst in der Nähe unterschied man die wilden,
kaffeebraunen Gesichter im Schatten der Scharlach-Turbane. Der
Dritte der Deutschen, ein verwegener junger Geselle, bartlos und
sonnverbrannt, in verschossenem Matrosenwams, lachte:

„Jongs, Jongs -- wenn Ihr wüßtet, wat die Klock’ geslagen hat!“

„Und da dieselbe Couleur in Blau!“ sagte neben ihm der Arzt mit dem
Zwicker und wies auf die im Kielwasser des „General Chanzy“ steuernde
„Ville d’Oran“. Bei diesem Dampfer schien es, als hätte er aus dem
Azurblau des Mittelmeers einen Haufen auf Deck geschöpft. So dicht
war das Gewimmel der langen blauen Mäntel der Oasen-Spahis, die mit
ihren Tausenden von Schimmeln auf der Überfahrt nach Europa waren.
Das Schiff glitt langsam dahin. Dicht vor ihm lag, gegenüber dem
Joliette-Leuchtturm stoppend, schon von dem geschäftigen Gewimmel der
kleinen Schlepper umgeben, ein mächtiger Ostindienfahrer. Hunderte
von roten Kopftüchern, weißen Hemden, farbigen Flecken leuchteten
auf. Zimmtbraune Männer mit seidenschwarzen Vollbärten kletterten wie
die Katzen auf und nieder oder schauten gleichgiltig hinüber auf die
Schiffsbecken von Marseille. Das war eine Hafenstadt der Engländer
mehr, so gut wie Bombay oder Calcutta, von wo sie kamen. Den Engländern
gehörte See und Welt.

Der Dampfer zog weiter. Seitwärts, gegen die Medizinschule hin, lag ein
anderer verankert. Es sah aus, als hätte man seine Bordwand mit den
schwarzlackierten, holzgeschnitzten Mohrenköpfen aus dem Aushang von
Hunderten von Tabackläden und Gewürzkrämereien besteckt, so fletschten
sie reihenweise die weißen Gebisse in pechschwarzen Zügen.

„Turkos!“

„Ich glaube eher Senegal-Neger! Ich habe mich als Arzt da draußen ein
wenig mit Völkerkunde beschäftigt...“

„Ich bitte: Weshalb lassen sie denn die nicht an Land...?“

„Wahrscheinlich fürchten sie sich selber vor den swarten Düwels...“

Es war schon gegen Sonnenuntergang. Die Abendblätter waren erschienen.
Die Stimmen der kleinen Zeitungsverkäufer gellten durch den Hafen- und
Straßenlärm: „~Le petit Marseillais!... Le sémaphore...~“

„~Le soleil du midi!~... Sir Grey im Unterhaus: die Basutos
bitten, Steine auf die Deutschen werfen zu dürfen!“

„~Le petit Provençal~... Die Maoris auf Neuseeland schiffen sich
ein. Der König von Nepal bewilligt dreißigtausend Gurkhas mehr!“

„~Le Radical!~ -- Clemenceau gegen die deutsche Barbarei!“

„~Le Niçois~... Die Deutschen fliehen, wo sie den Feind sehen!
Die Generale Wilhelms stürzen sich weinend in die Maas. Ihre Frauen
plündern die belgischen Schlösser!“

„So geht das von Tokio bis hierher!“ sagte der junge Arzt zu Hugo
Martius, mit dem er sich bekannt gemacht hatte. „In jedem Hafen, den
wir anliefen, derselbe irrsinnige Dreck von Druckerschwärze!“

„Aber man glaubt es doch nicht?“

„... wenn die Engländer Etwas kabeln? Ganz Asien schwört darauf, vom
Mikado bis zum Kuli!“

„Der Mikado? Die Japaner sind doch unsere Freunde!“

„So? Na -- ich kam gerade noch weg, ehe sie uns den Krieg erklärten!“

Hugo Martius schwieg.

„Und kurz vor dem Hafen hier haben mich dann die Mynheers auf dem
Maatschappij-Schiff an die Engländer ausgeliefert.“

„Ja warum denn?“

„... weil die sie sonst nicht an Gibraltar vorbeigelassen hätten.“

„Da sollten Sie ’mal erst Südafrika sehen!“ versetzte der
österreichische Diamantenhändler. „Kein Haus in Johannisburg mehr ganz,
wo ein Deutscher wohnt!“

„Ja -- was sagen denn unsere Freunde, die Buren, dazu?“

„Die ziehen ja schon zu vielen Tausenden unter Botha gegen uns zu Feld.“

„Gegen uns?“

„Na ja... -- die hassen uns doch!“

Hugo Martius verstummte wieder.

„Ich hab’ gemacht, daß ich wegkam. Aber bei Cap Spartel kriegte ein
französischer Kreuzer unseren Norwegischen Dampfer zu fassen!“

„Und die Norweger lieferten Sie aus?“

„Ja -- was sollen die wohl gegen die Engländer machen!“

Hugo Martius schüttelte den Kopf.

„Ich war die ganze Zeit in Einzelhaft!“ sagte er. „Ich erfuhr von
nichts. Ich kann es kaum glauben!“

„Na -- dann belernen Sie sich ’mal da -- nich?“ Der junge Seemann gab
ihm ein paar illustrierte Zeitungen. „Die hab’ ich noch von Buenos
Aires her bei mir. -- So sieht es in ganz Südamerika aus!“

Hugo Martius sah die Bilder: die deutschen Fürsten, einander aus
Totenschädeln Blut zutrinkend, Reihen gespießter belgischer Kinder auf
Ulanenlanzen, preußische Generale in Photographenpose auf Leichenhaufen
von Frauen, nackte Wilde mit Pfeil und Bogen und der portugiesischen
Unterschrift: Verhungernde Bayern auf der Eidechsenjagd!

„Auf der ganzen Erde holen sie die Deutschen von den Schiffen
herunter und lassen dafür solche Ansichtspostkarten da!“ sagte der
von der Wasserkante, während er sich fortwährend dabei an dem einen
Zellengitter zu schaffen machte. „Wie? Ob man das glaubt?... Na -- wenn
es die Engländer sagen!... Und so, wie man uns in ganz Süd-Amerika
haßt...“

„Ja, ist denn die ganze Erde wahnsinnig geworden?“

„Aber nich zu knapp! Bis New-York hinauf, da kam ich ja nun noch als
Mexikaner durch...“ Er sah, mit seinem braungebrannten, verwegenen
Gesicht in der Tat einem Gaucho ähnlich. „Aber nu? Jeden Tag
marschierten die französischen Reservisten hinunter auf ihre Schiffe
und sangen die Marseillaise?... Und die Engländer zogen Arm in Arm an
und gröhlten den Tipperary. Aber, wenn die Deutschen kamen, da hieß
es: Zurück! Erst versucht’ ich es bei einer dänischen Linie. Ja woll!
German? Back!... nich?“

„Warum denn?“

„Die Dänen dürfen doch nicht anders -- nich? Da schmuggelte ich mich
als Trimmer bei ’nem Griechen ein. Aber da haben sie mich an der
Tätowierung auf dem Arm erkannt und gesagt: ‚Anker und Schlüssel --
das ist doch der Bremer Lloyd‘... nich?... und mich den Engländern
ausgeliefert!“

„Die Griechen auch...?“

„Na -- die Engländer wollen es doch so -- nich?...“

„Aber die Amerikaner sind doch deutschfreundlich... Konnten die Ihnen
nicht helfen?“

„Die Deutsch-Amerikaner beim besten Willen nicht. Und die richtigen
Yankees -- na, die hassen uns doch -- nich?“

„Auch die...?“

„Jetzt ändern sie ja wohl nun erst ihre Fabriken um. Aber von
Weihnachten ab, da schicken sie den Engländern die Granaten in
Schiffsladungen hinüber. Wo hat man Sie denn eigentlich abgeklappt?“

„Ich war auf einem internationalen Friedenskongreß in Paris!“

Die drei Anderen lachten. Sie glaubten, er hätte einen Witz gemacht,
und Hugo Martius lachte selber mit. Der junge Bremer Seemann bastelte
wieder an dem einen eisernen Fensterkreuz. Es drehte sich sonderbar
leicht in seiner Hand.

„Nun wart’ ich nur noch auf die Gorillas!“ sagte er.

Ein Transportdampfer hatte nahebei auf dem Exerzierplatz hinter dem
Pasteur-Institut seine Ladung von marokkanischen Hilfsvölkern an
Land gesetzt. Sechs Fuß lange, blauschwarze Menschenaffen kauerten
nackt am Strand. Wildblickende, nußbraune Scheichs und Scherifs in
breitkrämpigen Sonnenhüten und grünbesetzten, weißen Mänteln standen
dazwischen. Von einem vorbeifahrenden Dampfer winkten Hunderte von
roten Käppis, blinkten krepprote Hosen unter den blauen Tuniken.
Er brachte die Eiterbeule der Erde, den Abschaum der Menschheit
in Soldatengestalt, das erste Regiment der Fremdenlegion aus
Sidi-bel-Abbés zum Kampf gegen Deutschland.

„‚~Le soleil!~‘ Glückwünsche des Zaren an Monsieur Poincaré zur
Verteidigung der Zivilisation gegen den Teutonismus!“

Und eine zweite schrille Jungenstimme von der Gasse: „‚~Le petit
Marseillais~‘.. Aufruf des Poeten Kipling! Deutschland der tolle
Hund Europas! Ehrenpflicht, ihn zu erschlagen!“

„Mr. Roosevelt gegen die Wilden in der Pickelhaube...“

„Alt werd’ ich hier nich!“ sagte der Seemann. „Wenn man das Kroppzeug
sieht, das sie gegen Deutschland loslassen, da muß man sich in die
Hände spucken, um noch zurechtzukommen!“

Er schraubte plötzlich mit einem Griff die von ihm längst durchfeilten
Eisenstangen aus ihrer Höhlung und steckte sie lose wieder hinein. Hugo
Martius faßte ihn hart am Arm.

„Nehmen Sie mich mit!“

„Na -- Sie mit Ihrem Frieden...“

„Nur handeln ... nur dreinschlagen ... sich von diesem erstickenden Ekel
vor der Menschheit befreien...“

„Ja ... zu Zweit wär’s schon besser -- nich?... Der Doktor hat ’nen
kaputten Arm. Den haben sie auf dem Bahnhof hier lynchen wollen, weil
er verwundeten deutschen Gefangenen half. Mit Mühe haben ihn die
französischen Offiziere gerettet. Und der Andere ist alt und krank. Die
schlafen auch schon Beide auf ihren Strohsäcken. Aber Sie... Können Sie
denn zur Not ’nen Menschen umbringen?“

„Ja. Ja. Ja.“

„... auf die Gefahr hin, daß die uns so an die Wand stellen -- nich?“

„Ja. Ja. Ja.“

„Die Wache muß ja wohl eins von hinten auf den Kopf kriegen! Dann gehen
wir ruhig ins Freie. Wir sind nicht im Fort selbst, sondern in einem
Verwaltungsgebäude daneben für die eine Nacht eingelocht.“

„Und dann?“

„Dann weiß ich schon Bescheid. Dunkel genug ist es auch. Wir müssen
nur warten, bis der Posten abgelöst wird. Dann kommt die Schlafmütze
von vor vier Stunden. Den kenn’ ich schon. Da ... nehmen Sie ’mal die
Friedensflöte!“

Er drückte Hugo Martius den einen Eisenstab in die Hand und frug etwas
besorgt:

„Na -- wie fühlen Sie sich denn mit dem Ding in der Faust?“

„Ich fühl’ nichts ... ich denk’ nichts ... mag meine Frau zur Witwe
werden und meine Kinder zu Waisen... Es ist mir Alles gleich! Ich will
nur zuschlagen... Der Grimm erstickt mich...“

„Dann ist’s gut ... pst ... da draußen sind sie... Sie wechseln den
Posten...“

„~Rangez-vous!~“

„~En avant...~“

Die Schritte der Ablösung verhallten.

„Nu durchs Fenster. Herz in die Hand! Um die Ecke!.. Die Stangen hoch
... so ... man fixing damit an die Mauer! Igitt ... igitt!... Der Hof
ist ja leer...“

„Wo ist er denn?“

„Drin im Pförtnerhäuschen, bei so’ner lütten Deern!... Lacht nur,
Kinnings... Immer ruhig daran vorbei. Sprechen Sie ’mal recht laut
Französisch -- -- nich?... So -- das machen Sie ja wunderschön... Sie
hätten Volksredner werden sollen... Uff...“

Sie waren im Freien. Es schien Hugo Martius wie ein Traum, daß sie
durch das schwüle Abendgrauen der Gassen hingingen, auf einmal auf
einer Schwebebrücke hoch durch die Luft über dem Eingang zum alten
Hafen hinschwammen, sich drüben im Ameisengewimmel und Mastengewirr der
Joliette verloren.

„Ich kenn’ mich doch in so ’nem Hafen aus!“ sagte der Seemann. „Sie
haben Geld bei sich? Geben Sie mir ’mal!“

Er handelte in einem abenteuerlichen Spanisch Wurst, Brot und ein
paar Flaschen Wein ein und steckte sie sich in die Taschen. Hier
fiel keine Sprache außer der deutschen auf. Der Turmbau von Babel
wogte durcheinander. Die indischen Söldner Asiens schritten hochmütig
an den bewaffneten Negern Afrikas vorüber. Kanadische Offiziere
Amerikas erwiderten kaum den lallenden Gruß betrunkener Quartiermacher
der australischen Miliz. Die Mittelmeermenschen Europas schrieen
dazwischen, und hoch oben von ihrem Hügel schaute als riesenhafter
goldener Schatten die Heilige Jungfrau, Notre Dame de la Garde,
auf diese Anglikaner und Buddhisten, diese Moslim und Hindus und
Fetischdiener, diese weißen, gelben, braunen und schwarzen Menschen in
Tropenhelm und Turban, in Käppi und Panama, die einander nie gesehen
hatten, nicht kannten, nicht ansprechen konnten, einander haßten und
fürchteten, sich vor einander ekelten und nur in dem Einen einig waren,
Deutschland aus der Reihe der Christenheit auszurotten.

„Hier muß es doch irgendwo sein!“ sagte der von der Wasserkante.
„Ich hab’ doch gute Augen. Ich hab’ es bei Tag deutlich von drüben
gesehen... Aha ... da!“

Im bläulichen elektrischen Licht der Bogenlampen, dem Pfeifen der
Hafenbahn, dem Rasseln der Kranenketten lag am Lazaret-Kai ein
großes Handelsfahrzeug schon unter Dampfgekräusel aus den gelben
Schloten. Der lange blaue Heimatwimpel spielte in der lauen Nacht.
Die grün-weiß-roten Querstreifen der italienischen Handelsflagge, die
tagsüber daneben geweht, waren eingezogen. Aber der Name des Dampfers
an der Bordwand: „Città di Ravenna“ zeigte den neutralen Boden dieser
Schiffsplanken, die der Bremer Seemann über eine Laufbrücke bestieg,
als ob sich das von selbst verstünde.

„Nehmen Sie einige Papiere in die Hand... So!“ Und er begann plötzlich
sprudelnd, mit den Handbewegungen des Südländers, spanisch zu reden:
„~Le dije que se fuera sennor! Yo qensaba: Cuanto màs se da, màs
piden! No puede ser... Eso no va asi corne tú piensas!~“...

Die herumhantierenden Schiffsleute schauten kaum auf. Der Dampfer
war voll von Maklern mit ihren Konnossementen. Daß Jemand auf
kastilianisch die Mehrforderungen irgend eines Kommissionärs ablehnte,
geschah alle Tage.

„Hier herunter ... schnell!“

Sie waren schon im Schiffsraum. Noch standen die Deck-Luken offen. Ein
Frachtstück nach dem anderen sank klirrend am Hebelarm in den eisernen
Bauch. Dessen vorderer Teil schien schon ganz gefüllt.

„Noch ein Stockwerk tiefer! Fix, eh’ man uns sieht... So... In die Ecke
kommt nichts mehr hin... Das ist ein ganz hübsches Plätzchen -- nich?“

Der Hanseate knipste vorsichtig in der hohlen Hand eine elektrische
Taschenlaterne auf und las die Aufschriften auf den Kistenstapeln
umher: Fratelli Ghirardini, Genova... Wieder die Fratelli ...
nagelneues, würzig duftendes Holz... Überall auf französisch und
italienisch darauf die Theerpinselzüge. ‚Vorsicht!... Leicht
entzündlich! Nicht werfen!‘

„Das wird Alles in Genua ausgeladen -- nich? Wir mit! Lütte
Küstenfahrt! Nur schade, daß man nich ein bischen smoken kann. Aber
dann fliegen wir mit in die Luft...“

„Was ist denn in den Kisten?“

Ein Blitz der Taschenlaterne: „~Poudre. Polvere. Attenzione!~“

„Wie denn? Die Italiener holen sich da aus Frankreich Munition?“

„Aber nich zu knapp! Der ganze Steamer ist voll!“

„Aber gegen wen denn?“

„Ich werd ’nen Priem kauen -- das geht!... Na ... gegen uns und die
Österreicher!“

„Ihre Verbündeten!“

„Na -- die Italiener hassen uns doch -- nich?“

Das Wort, das immer wiederkam, wie draußen, als der Dampfer längst die
hohe See gewonnen hatte, der Wellenschlag an die Schiffswand. Das
schwache, eintönige Gefühl des Hin- und Herschwankens im tiefen Dunkel.
Haß. Haß. Haß. Haß überall. Haß der Menschen aller Farben und Erdteile,
jedes Glaubens und jeder Sprache. Haß, bisher huschend im Dunkeln wie
die leise pfeifenden Ratten zu Füßen. Haß, sorgfältig vorbereitet
und zur Entscheidung aufbewahrt wie die stummen, todbringenden
Kistengebirge um Einen. Giftiger, verpestender, brütender Haß, wie der
ekle Gestank des faulenden Grundwassers im Schiffsbauch.

Und in dieser achtundvierzigstündigen Nacht, bis zum ersten Schimmer
des Tageslichts von Genua durch die wieder geöffneten Luken, dachte
sich Hugo Martius immer wieder und grub es in seine Seele und in seinen
Willen ein: Nie ward Menschen ihre Liebe zur Menschheit so gedankt
wie uns Deutschen. Nie empfing ein Volk eine so furchtbare Lehre. Ist
+das+ wirklich die Menschheit und ihr Sinn, die mit Senegalnegern
das Land Luthers und Goethes überfällt, nun, dann sind wir Deutsche
zu gut für diese Erde. Dann wollen wir auf ihr nicht weiterleben,
aus Ekel an ihr. Aber die Menschheit ist nur krank durch unsere Güte
und Schwäche. Die Menschheit muß durch Blut und Feuer an Deutschland
genesen. An uns und unserer Faust.

Er dachte es, und sein Herz wurde heiß von heiligem Zorn, und draußen
sangen es die wandernden Wellen: ‚Wir haben lang genug geliebt -- wir
wollen endlich hassen!‘ Und Hugo Martius sah in der Finsternis einen
der ehrwürdigen deutschen Dome vor sich, aus deren Giebeln von allen
Seiten der böse Feind, in Affen- und Bocksgestalt, als Basilisk und
Fledermaus hinausschießt, und sagte sich: So verjagen wir jetzt die
unsauberen Geister der Fremde aus unseren Herzen und Häusern, wie einen
Spuk dieser Nacht um mich: Deutschland, Deutschland -- werde hart!

Der Seemann neben ihm pfiff sich ganz leise eins.

„Ich bin erst wieder froh, wenn ich in der Nordsee bin,“ sagte er,
„und wir den lieben Kusängs auf den Kopf s--pucken! Aber nu still!
Wir müssen noch warten. Das passiert den Maccaronis auch nich so bald
wieder, daß sie Jemanden um Gottes Lohn s--pazieren fahren!“

Es war im Hafen von Genua ein noch wilderes Geschrei und Durcheinander
wie in dem von Marseille. Mit dem Löschen der Ladung schien man,
unberufener Augen wegen, erst in der Nacht beginnen zu wollen. So war
es ein Leichtes, in der Dämmerung das fast menschenleer daliegende
Schiff zu verlassen. Tiefaufatmend standen die Beiden auf der Ponte
Adolfo Parrodi. Gingen hinüber nach dem Bahnhof. Der Seemann setzte
sich unter die Palmen des Columbus-Denkmals.

„Ich warte bei dem ollen Vadding hier, bis Sie vom deutschen Konsulat
zurückkommen!“ sagte er und dann, nach kaum einer halben Stunde: „Nun?
Sie strahlen ja!“

„Ich habe die Adresse meiner Frau! Sie ist in Mailand. Wir erreichen
noch den Zug! Und mit Deutschland steht es gut!“

Während sie durch den Apennin dahinfuhren, erzählte er das Nähere
dem Seemann. Der wunderte sich nicht. In ihm war die Überzeugung von
Deutschlands Sieg so klar, wie sich das Meer in seinen blauen Augen
spiegelte.

„Die englischen Geschichten -- die sind immer lügenhaft zu
vertellen...!“ sagte er gelassen. „Jongs -- warum schreit Ihr denn so?“

„Das ist schon Mailand!“

„Da ist eine Dame und winkt Ihnen!“

„Ja. Ich hab’ meiner Frau vom Konsulat telefonieren lassen!“

„Oh -- da will ich nich weiter stören -- nich?“ Der Matrose und der
Millionär drückten sich fest die Hand, und Hugo Martius drängte sich
durch das Gebrüll der Facchini auf die kleine, zierliche Gestalt mit
dem schwarzen Gemmenköpfchen zu, die die Arme ausstreckte und ihm
entgegenstürzte.

Als sie sich nach einer Viertelstunde das Nötigste gesagt hatten und
den Bahnhof verließen, fuhren ihnen die Droschken quer über den Weg.

„~Signore!... Signorina!~“

Aber Phila Martius hatte nicht wie sonst das nachsichtige südländische
Lächeln auf dem zarten, klassisch geschnittenen Gesicht. Sie sagte so
scharf und ungeduldig wie nur irgend sonst eine Norddeutsche:

„Belästigen Sie Einen doch nicht ewig! Das ist ja gräßlich!...“

Das alte Geschöpf auf dem Bock begriff, daß das Deutsch war.

„~Abbasso la Germania!~“ brüllte es hinter ihnen her. Und noch aus
der Ferne: „~Evviva la Francia! Evviva l’Inghilterra!~“

Zu Martius’ Erstaunen machte das ‚Nieder mit Deutschland!‘ auf seine
Frau gar keinen Eindruck.

„Wenn ich mich darüber noch ärgern wollte!“ sagte sie. „Das ist das
tägliche Brot in den sechs Wochen, daß ich hier und in der Westschweiz
an der Grenze nach Dir bangte!“ Sie gab einem Bettelbuben einen Stoß:
„Willst Du mich gleich loslassen, infamer Bengel?“

„Aber das sind ja Deine geliebten ~Ragazzi~!“

„Dreckspatzen sind’s!... Nein -- lieber nicht durch die enge Gasse!...
Der Gestank ist ja ekelhaft! Alles voll Orangenschalen und Schmutz...“

„Nun ja: die Unschuld des Südens...“

„Und wie diese Frauen kreischen! Ich kann diese schrillen, heiseren
Stimmen gar nicht mehr hören! Ob Eine von den Trinen sich jemals
ordentlich kämmt und ihre schwarzen Haarwuscheln nicht so liederlich
aufsteckt...“

„Aber Phila...“

„Liederlich sind sie... Betrügerisch ... niederträchtig... Es ist ein
widerwärtiges Volk!“

„~Il Secolo!~“ Ein Zeitungsverkäufer stürmte vorbei. „Neue
Niederlagen der Deutschen! Die Preise für Hundefleisch in Berlin schon
unerschwinglich!... Die Russen rücken mit sicherem Schritt nach Berlin!“

„Ah -- der Ekel schüttelt Einen!“ sagte die kleine Frau. Sie war ganz
bleich geworden.

„Dich auch?“

„Kennst Du das Märchen von Einem, der die Sprache der Vögel verstand?
So ungefähr ging es die Zeit über jetzt mir! Fast alle Fremden sind
doch weg! Ich sehe aus wie eine Italienerin, spreche es wie eine
Toskanerin. Da glauben sie überall, ich gehörte zu ihnen, legen sich in
meiner Gegenwart keinen Zwang auf ... ich höre Alles ... schaue in ihre
Seelen ... wie in einen Abgrund von Gemeinheit...“

Sie gingen über den Mercanti-Platz. Viele Hunderte von dunklen
Gestalten standen in der Nacht wie die Verschwörer beisammen. Ihr
dumpfes Gemurmel glich dem Summen eines Bienenschwarms. Es war das alte
italienische Bild. Aber Theophile Martius zog fröstelnd die Schultern
hoch.

„Nur fort von hier! Nur nach Deutschland zurück! Wenn Du mir eine Liebe
tun willst, reisen wir gleich! Wenigstens die paar Stunden bis Lugano!
Daß wir nur aus Italien heraus sind!“

Als sie bald darauf reisefertig und auf den Omnibus wartend vor dem
Eingang des Gasthofs standen, kam noch einmal, zum Abschied, die alte,
deutsche Sehnsucht über sie. Da waren noch die silbergrauen Paläste,
da hallte träumerisch der Glockenklang vom Campanile. Im Mondschein
glitzerten fern die Wellen der Marina. Die Gondeln Venedigs, die Wolke
des Vesuv, die Palmen und Veilchenhaine der Riviera -- Rom... Du ewiges
Rom...

„~Il Corriere della Sera!~“ Die heisere Stimme durchschnitt wie
mit einem rostigen Messer die Luft. „Neue deutsche Geldpreise für die
Tötung belgischer Kinder unter drei Jahren! Die Bewohner der Erde
zerfallen in Menschen und in Deutsche! Ein erhabener englischer Dichter
sagt es!“

„~A l’eau les boches!~“ heulte es um die Ecke auf Französisch. Der
Schutzmann in der Mitte der Straße hörte es und lachte.

Theophile Martius warf noch einen Blick umher.

„Leb wohl, Du entzaubertes Land!“ sagte sie. „Leb wohl für immer!
Wir haben Dich verloren. Aber ich glaube, Du wirst auch selbst bald
verloren sein!“

Dann wiederholte sie, langsam und deutlich:

„Ihr spielt ~palle o santi~! Aber Ihr werdet keines von Beiden
gewinnen -- nicht die Heiligen und nicht die Kugeln -- nur Schimpf und
Schande!“

„Warum so laut, Phila?“

„Der Ausländer soll es nur hören, der da den Kopf nach mir dreht... Der
mit den großen, grauen Augen und dem unruhigen Gesicht, der da mit den
beiden Italienern steht... Er kann Deutsch! Man merkt es ihm an!“

Innen, im Restaurant des vornehmen Mailänder Hotels, setzten sich
inzwischen zwei der Herren an den gedeckten Tisch.

„Nochmals: Ihr sollt Euch rascher entscheiden! Warum warten? Ihr macht
sie nur mißtrauisch...“

Der Deputierte di Barocelli wies, als er das hörte, heiter die Zähne
über dem schwarzen Spitzbart und bewegte den Zeigefinger verneinend hin
und her...

„Die ~Tedeschi~?... Niemals! Für sie ist Italien eine
Theaterkulisse mit Hochzeitspärchen davor! Unser Lächeln ist das der
Sphinx, Signore di Schjelting!“

„Aber man befestigt die Alpen!“ sagte Nicolai von Schjelting brüsker
als es sonst seine Art war. „Im nächsten Frühjahr habt Ihr es schwerer!“

„Dafür zahlt man uns vielleicht auch mehr...“

Ein verständnisinniger Blick des Deputierten über die Oliven- und
Sardinenschüsselchen. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die
Stirne. Er sah bleich aus. Er sagte verbindlich und konnte dabei doch
kaum einen Anklang von Verachtung unterdrücken:

„Man zahlt schon jetzt! Ich habe Vollmacht aus Petrograd! Wieviel...?“

„~Zitto!~“ Der Onorevole legte ihm warnend die Hand auf den Arm,
während sein Landsmann, der Herausgeber des „~Avvenire Italiano~“,
herantrat. „Vorsicht! Unter vier Augen!... Corsi darf davon nichts
hören!“

„Warum nicht?“

„Er ist längst von Barrère in Rom für die Politik der Westmächte
gewonnen. Er arbeitet heimlich auf dem Balkan gegen Serben und
Griechen! Schade um das Geld!... Nun, setze Dich, Agostino, mein
Bruder! Was macht Donna Giacinta?“

Der Cavaliere dankte mit einer anmutigen Handbewegung. Ein
Ordenskettchen schimmerte in seiner Frackklappe. Seine Lackschuhe
glänzten ebenso wie seine spitzen Nägel. Ein geschmeidiges Lächeln
übersonnte sein faltiges und hageres Gesicht.

„Wir sprachen von unseren Feinden!“ sagte Schjelting. „Ich komme von
der russischen Front. Überall ist der Weltkrieg im Gang. Nur Ihr fehlt.
Wie lange noch? Eine ‚Hülfe von Pisa‘ nutzt uns nichts!“

„Geduld, Signor -- Geduld!“

„Ich war jetzt in Lemberg beim Generalissimus! Ehrlich gestanden:
Man hat Euch im Verdacht, daß Ihr es heimlich mit Euren Verbündeten
haltet!“

Der Cavaliere legte mit einer Miene der gekränkten Unschuld seine
lange, knochige Rechte auf die Herzgegend. Der Onorevole spreizte beide
Hände in schmeichlerischer Abwehr.

„Beweist, daß es nicht der Fall ist!... Werft die Masken ab!“

Die Beiden lächelten einander, wie Geheimbündler, in die Augen und dann
zu ihm. Sie erinnerten ihn plötzlich an die leblosen, weltmännischen
Wachsköpfe in den Schaufenstern der Friseure. Er dachte sich
ungeduldig: Was sphinxt Ihr Euch hier überall an, Jeder den Nächsten?
Wozu jetzt noch diese ölige Glätte? Die Welt ward rauh. Braucht Taten.
Ich will für Rußland nicht Aale kaufen, sondern Vipern! Laut sagte er:

„Diese kleine brünette deutsche Schönheit, die da vorhin in den Omnibus
stieg...“

„Eine Deutsche und schön...“ Der Abgeordnete lächelte. Ein Lächeln vom
Capitol herab. Ein Lächeln des Größenwahns. Dann fuhr er zusammen. So
grimmig herrschte ihn plötzlich Schjelting an.

„Waren Sie je in Deutschland?“

Eine hoffnungslose Schulterbewegung als Antwort. Es hieß etwa: Frage
mich doch lieber gleich, ob ich schon in Eurem Sibirien war! Ich,
ein Sprosse latinischer Kultur im Schnee bei Bier und Sauerkraut in
Bettlerhütten...

„... sonst würden Sie wissen, Signore, daß Gottes Wille selbst den
Deutschen schöne Frauen gab ... groß ... blond und schlank ... wie die
Königinnen...“

Eine Sekunde stieg Inge Tillesens Bild vor ihm auf. Er preßte unter dem
Tisch die Faust wie in einem körperlichen Schmerz, einem Krampf von Wut
und Grimm. Seine nervösen, länglichen Züge glätteten sich gleich wieder
zu einer beinahe höhnischen und brutalen slawischen Gelassenheit. Er
blies den Rauch der Papyros, die er zwischen den einzelnen Gängen des
Diners rauchte, durch die geblähten Nasenflügel.

„Ich verstehe deutsch!“ sagte er. „Diese deutsche Dame vorhin, die ich
nicht kenne, nannte Euch offen Verräter!“

Es machte gar keine Wirkung. Die Italiener lachten nur gutmütig. Er
merkte: sie glaubten ihm kein Wort von der Geschichte. So wenig wie sie
sich untereinander etwas glaubten. Ein tiefes, unbesiegbares Mißtrauen
wohnte bei ihnen ganz hinten in jedem Blick, klang im Unterton jedes
Wortes. Dann meinte der Onorevole di Barocelli, zärtlich in der
Schüssel voll gebratener deutscher Singvögel auf Risotto wählend:

„Unser Gewissen ist so rein wie nach dem Stabstreich des Beichtvaters
in St. Peter. Kann man dem Blinden die Madonna zeigen? Seit zwanzig
Jahren bekämpfen wir Deutschland und Österreich bei jeder Gelegenheit.
Wenn sie es nicht sehen wollen, so trifft sie allein die Schuld!“

Ein Kellner rief ihn an den Fernsprecher. Turin. In dringendster
Angelegenheit. Kaum war er weg, so raunte der Cavaliere, an seinem
Nachtigallenflügel nagend:

„Vorsicht!...“

„Wie denn?“

„Bieten Sie ihm nicht zu viel! Es ist umsonst! Er bezieht bereits
dreitausend Lire monatlich vom englischen Botschafter in Rom. Er
intriguiert in der Dardanellen-Frage gegen Rußland!“

„Danke.“

„Unterstützen Sie lieber unsere Gruppe. Ich werde Ihnen eine Liste
meiner Freunde geben. Ich habe auch Verbindungen mit Bukarest! Nun...
Paolo ... was war?“

„Ah -- es ist schamlos... Es geht eigentlich Dich an... Es heißt, die
‚~Stampa~‘ wolle eine Liste aller von der französischen Regierung
unterstützten Zeitungen in Rom und Mailand veröffentlichen.“

„Aha... Giolitti ... warte nur...“

Draußen eine helle Knabenstimme:

„Der ‚~Avanti~‘! Verzeichnis aller bestochenen Deputierten!... Das
Volk will den Frieden!“

„Es wird noch ein Handgemenge in der Kammer geben!“ sagte zornrot der
Onorevole.

„Man wird sie hindern, zu erscheinen. Man wird die Straße organisieren.
Tausende...“

„Aber jeder fünf Lire den Tag...“

„Wir brauchen Geld...“

„Geld, Signore di Schjelting... Ihr Zar ist ja so reich...“

„Und was tut Ihr für das Geld?“ Nicolai Schjelting war aufgestanden. Er
verhandelte jetzt mit ihnen wie mit Neapolitaner Droschkenkutschern.

„Wir bereiten uns auf den großen Augenblick des Vaterlands vor!“

Das heißt: Ihr wollt bis auf weiteres von allen Seiten erpressen!
dachte sich Schjelting und sagte:

„Das sind Phrasen!“

„Das ist heiliger Egoismus, Signore!“

„Jetzt solltet Ihr Farbe bekennen! Weshalb dies Versteckspiel bis zum
Frühjahr?... Man wird aus Euch nicht klug...“

Ein pfiffiges, blitzschnelles Lächeln auf den Gesichtern drüben.

„Sie sind im Lande Macchiavells, Signore!... Wie... Sie wollen uns
schon verlassen?...“

Nicolai von Schjelting gab dem Zeitungs-Politiker und dem Deputierten
nachlässig die Hand.

„Eine Villa und einen Sack Lire kann ein Vater seinen Söhnen
hinterlassen. Seine Klugheit nicht immer!“

„Was heißt das, Signore?“

„Das heißt: nichts schlimmer als ein +dummer+ Macchiavell!...
Nun ... schlafen Sie wohl!“

Draußen war die laue Sommernacht noch voll von Menschen. Es war kein
Murmeln der Menge mehr. Zornige Schreie, heiseres Stimmengewirr,
Getümmel. Zwei nächtliche Demonstrationszüge waren aufeinander
gestoßen. Der Führer des einen in phantastischem Garibaldi-Aufputz und
der aus der Eisenbahnwerkstatt kommende Schlosser an der Spitze des
anderen knufften und ohrfeigten sich. Um das rote Hemd und die blaue
Bluse herum wogten geschwungene Stöcke, Realschüler schleuderten Steine
gegen messerbewehrte junge Arbeiter, Frauen kreischten, eine Gruppe von
Priestern stand mißbilligend und kopfschüttelnd als Friedensfreunde
auf den roten Granit-Treppen des Domportals. Schjelting hielt es für
besser, in sein Hotelzimmer zurückzukehren. Von da sah er durch das
offene Fenster auf den wirren Kampf Aller gegen Alle. Aber er hörte
nicht den wildzerrissenen Lärm da unten. In seinem Ohr klang wieder
die eine ungeheure Stimme jenseits der Alpen, der Ruf des Riesen von
Millionen Lippen, die eine Glut in vielen Millionen von Augen, diese
furchtbare, selbstvergessene, erdentrückte Ähnlichkeit aller deutschen
Menschen miteinander, diese Gleichheit in Allem, was sie dachten,
wollten, sagten, taten. Und von ferne scholl es noch immer heiser:
~Aiuto!~... Zu Hilfe!... Gelle Schreie... Schrille Pfiffe...

Und wieder dachte sich Nicolai von Schjelting mit schwerem Herzen: Es
fehlt Etwas!... Noch viel mehr als im heiligen Rußland. Wenn irgendwo,
fehlt hier in diesem Land des heiligen Egoismus der heilige Geist...

Dann eine neue Hoffnung: Bald bin ich in Paris. Im Herzen Frankreichs.
Dies Herz schlägt stark und kühn. An seinem Mut werden wir Alle uns
beleben...

Im April war er zuletzt in Paris gewesen. Es war noch nicht ein halbes
Jahr her und schien doch eine Ewigkeit. In weiter Ferne lag das Bild
des Einzugs des Britenkönigs an der Seine und, im Sechsspänner hinter
ihm, des eitel lächelnden Präsidenten der Republik. Ein Menschenalter
war vergangen, seit damals die Frühlingssonne ihre goldenen Lichter
durch das Grün der Elysäischen Felder auf jubelnde Menschenmassen
geworfen. Nicolai von Schjelting hatte Zeit genug, daran zu denken. Die
Züge in Frankreich fuhren noch langsam und unregelmäßig, mit langem
Aufenthalt auf den Knotenpunkten, dann wieder, auf anderen Strecken,
in wilder Hast, daß die Stationen wie Farbenflecken vorüberflogen,
mit ihrem bunten soldatischen Gewimmel, den roßschweifbesetzten
Stahlhelmen, den verschnürten schwarzen Attilas, den schiefen
graublauen Tellermützen der Alpenjäger, dem schreienden Krepprot der
Käppis und Hosen, ein Stück malerisches Theater für den, der draußen
schon das eintönige feldgraue und feldbraune Gewimmel der deutschen und
russischen Millionen gesehen.

Dann dämmerte es wieder. Die Lichter im Zug wurden gelöscht.
„Warum?“ -- -- -- „~Ah -- le ‚Taube‘, monsieur!~“ Die kleine
französische Offiziersfrau neben Nicolai Schjelting steckte seufzend
den Liebes-Socken ein, an dem sie bisher, ohne aufzusehen, gestrickt,
und saß stumm, die Hände im Schoß. Der dicke belgische Major gegenüber
klappte sein „~Dressage de l’infanterie française~“ zu, in dem
er bisher stirnerunzelnd gelesen, der junge südfranzösische Rekrut
ihm gegenüber zündete sich, ohne sich viel um ihn zu kümmern, eine
neue Zigarette an. Paris... Endlich Paris... Eine zögernde Einfahrt
in tiefer Dunkelheit ... immer nur neben den Scheiben das rote Kreuz
in weißem Feld. Der Verwundetenzug, der da auf den Schienen hielt,
nahm kein Ende. Innen rührte sich nichts. Rote-Kreuz-Damen und ein
Arzt schritten die Wagenreihe entlang. Ihre Tritte und Stimmen waren
das Einzige, was in dem Todesschweigen unter der mächtig gähnenden,
menschenleeren Riesenwölbung des Bahnhofs wiederhallte.

Paris... War das noch Paris -- diese Stadt ohne Licht, mit gelöschten
Bogenlampen, schwachem Schimmer durch festverschlossene Läden,
flüchtigen, zuckenden Mondscheinbahnen der zeppelinsuchenden
Scheinwerfer am düsteren Herbsthimmel? Nicolai Schjelting fuhr sich mit
der Hand über die Augen, während er durch die sonderbar fremdartigen
Straßen zum Hotel am Vendômeplatz fuhr. Es war beinahe das einzige,
das nach der Flucht der Regierung noch offen war. Ein Manager begrüßte
den Stammgast. „~Ah, c’est triste, monsieur!~“ Das Wort klang
überall. Es lag auf allen Lippen. Es raunte aus der Brettervernagelung
der Juwelierläden in der Rue de la Paix. Es raschelte aus den
Zeitungsblättern, die, statt der Menschenfluten, jetzt, um neun Uhr
Abends, im Wind über den verödeten Boulevard des Italiens dahinflogen,
es war, als murmelte selbst der kleine Korporal da oben auf seiner
Säule ein: ‚~c’est triste!~‘

Eine Hoffnung nur... Der Manager plauderte sie aus und schwatzte...
Jetzt waren ja nur wenig Gäste im Haus, Engländer im Dienst und in
Geschäften, ein paar vorwitzige Amerikaner mit ihren Ladies, die
ihren Generalkonsul so lange plagten, bis sie einen Passierschein für
ihre Autos vor die Bannmeile hinaus bekamen, so weit, daß man den
Kanonendonner vom Oisethal her hören konnte. Aber das waren ja nur die
ersten Schwalben. Im Frühjahr, wenn die Deutschen endgiltig vertrieben
waren, würde halb Amerika herüberkommen, um die Spuren der Barbaren und
ihrer Schlachtfelder zu sehen. Oh -- die Saison 1915 -- die würde die
glanzvollste seit lange werden. Die Welt ohne Boches! Ein Jubel auf der
ganzen Erde!

„Also, Ihr werdet die Deutschen verjagen?“

„Wir halten hier aus, mein Herr, bis diese unwiderstehlichen russischen
Millionen Berlin besetzt haben...“

Nicolai von Schjelting schloß nervös die Augen, erwiderte nichts und
suchte sein Zimmer und die Ruhe. Aber am nächsten Morgen sagte ihm der
greise General de Rigolet de Mezeyrac das Gleiche. Er stand mit ihm,
nahe seiner Wohnung in einer der Querstraßen des Sterns, am Eingang
des Bois de Boulogne. Wenn das noch das Boulogner Gehölz war --
diese Weidefläche für Tausende von Rindern und Hammeln da, wo sonst,
auf der Fahrt zu den Rennen von Auteuil, der letzte Luxus der Erde
seine höchsten Blüten getrieben. Gefällte Bäume vor den schimmernden
Seeflächen, ein breiter Schützengraben quer über das aufgerissene
Pflaster der Avenue du Bois de Boulogne, ihre Häuser zu beiden Seiten,
so weit man sah, tot, mit geschlossenen Läden, auf der Promenade keine
phantastischen Hüte und Trotteurkleider mehr, keine zweibeinigen
Modejournale von Stutzern, keine Schoßhündchen, keine Halbwelt, keine
Arche Noah von Fremden aller Völker ... nur ab und zu Frauen... Viele in
Schwarz ... immer nur Frauen oder ganz alte Männer wie der General de
Rigolet.

Der kleine dicke Achtzigjährige mit dem schneeweißen Knebelbart und
den feurigen Augen trug wieder die französische Generalsuniform. Er
hatte darauf bestanden, sich irgendwie im Kriegsministerium nützlich zu
machen. Von seiner Tochter in Brüssel und von seiner Enkelin Ghislaine
hatte er seit dem Kriegsausbruch nur Weniges und Unbestimmtes auf dem
Umwege über England erfahren. Er wußte noch nichts von dem endgiltigen
Bruch der Schjelting’schen Ehe.

„Hoho -- dieser Papa Lambert!“ sagte er kampflustig und voll Verachtung
seines Schwiegersohns. „Er ist feige, nach Art der Krämer. Erst blieb
er bei seinem Geldschrank in Brüssel, weil er nicht glaubte, daß die
Preußen kämen. Dann, als sie da waren, floh er nur bis Antwerpen, um
gleich mit den Engländern nach Brüssel zurückzukehren...“

„Nun gut...“

„Mein Freund! Antwerpen ist vorgestern gefallen. Die Öffentlichkeit
darf es nicht wissen. Es ist streng verboten. Aber die Lage ist
ernst... Sapristi...“

Nicolai von Schjelting biß sich finster auf die Lippen und schwieg.

„Zum Glück sind die Lamberts mit Ghislaine und Deinen Kindern schon in
der Woche vorher über die Schelde hinüber nach Holland. Da sind sie nun
in Sicherheit. Weiter hab’ ich nichts mehr von ihnen vernommen!“

Schjelting machte eine Handbewegung. Genug davon... Es handelte sich um
die großen Dinge.

„Wie steht’s draußen?“

„Man kämpft!“

„Schwer?“

„Napoleon selber würde in Verwirrung geraten. Leipzig war dagegen eine
kleine Affäre. Siebzig ein Aderlaß unter Freunden.“

„Aber es geht gut?...“

„Wie siebzig...,“ sagte der alte Kämpe des zweiten Kaiserreichs
statt einer unmittelbaren Antwort. „Alles wiederholt sich. Sie sind
wieder unversehens da! Sie stehen wieder nahe vor Paris. Wir laufen
wieder gegen sie an, mit denselben roten Hosen, wie vor einem halben
Jahrhundert. Ah -- dies Rot ist ein Verbrechen... Ich war draußen...
Meilenweit, am Abend, diese Mohnfelder...“

„Trotzdem werdet Ihr siegen?“

Ein Achselzucken des alten Kommandeurs der Ehrenlegion.

„Sie haben nichts vergessen... Parbleu ... die drüben. Aber wir werden
uns schon gegen Euch behaupten, meine Herren Pickelhauben...“

„Nicht mehr?“

„... bis der Einzug des Zaren in Berlin uns Luft macht! Ihr seid jetzt
in Breslau -- nicht wahr?“

„Ja!“ sagte Nicolai Schjelting kurz.

„Bemüht Euch, daß Ihr von jetzt ab schneller vorwärts kommt. Habt Ihr
schon Küstrin? Wir warten mit Ungeduld! Wir bluten! Ich habe seit dem
Krimkrieg alle Feldzüge Europas mitgemacht. Aber es waren Spaziergänge
gegen das da draußen...“

Sie drehten um und schritten zurück. Schjelting horchte.

„Kanonendonner!“ sagte er dumpf. Aber der Alte lachte. Der Pulvergeruch
vor den Toren belebte ihn, trotz aller Sorgen.

„Die Untergrundbahn, mein Freund! Seit Jahrzehnten lebe ich hier und
höre sie jetzt zum erstenmal. So totenstill ist Paris geworden!...
Hoho ... halt da! Man passiert nicht an seinem alten General vorbei!“

Sie standen am Triumphbogen. Von Westen her jagte über die Avenue
der Großen Armee ein offenes Auto heran. Es war über und über mit
Kot bespritzt. Ebenso die französischen Offiziere in ihm. Ihre
Käppis waren zerknittert, ihre Goldstickerei von Wind und Wetter
gebleicht. Auf ihren hageren Gesichtern wohnte noch die Front: der
allen Soldaten aller Heere eigentümliche Ausdruck des wochenlangen
Schützengrabenkriegs -- die stete, forschende Spannung um die hart
entschlossenen Lippen, die angestrengte Erwartung in dem starren, fast
leidenden Blick. Herr de Rigolet begrüßte sie.

„Was Neues?“

„Man kämpft, mein General!“

„Dumenil ist gefallen. Ihr alter Freund Ayéma!...“

„Bernard.“

„Kergoleys zweiter Sohn. Armer Junge!“

Der alte General lüftete stumm sein Käppi. Aus dem Auto heraus sagte
der Oberstleutnant Grégoire zu Schjelting:

„He ... wann seid Ihr endlich in Berlin, Ihr Russen?“

„Bald!...“

Es klang fast mechanisch.

„Schont Euch nicht ... hört Ihr! Frankreich streitet mit der letzten
Energie der Nation. Ein Glück, daß Krakau sich Euch gestern ergeben
hat...“

„Und wo kämpft dieser sympathische Leutnant Schouman?“ frug Schjelting,
um abzulenken.

„Bei Mülhausen gefallen!“

„Und unser Freund, Major Michelin?“

„Er liegt bei Mörchingen begraben...“

Schjelting forschte nicht weiter. Der Oberstleutnant Grégoire beugte
den gebräunten Kopf über den von Kugelspuren durchstanzten Blechrand
des Wagens und sagte halblaut, damit es die Chauffeure vorne nicht
hörten:

„Ihr habt es gut im Osten! Hinter Euch steht Euer allmächtiger Zar.
Hinter diesen Deutschen ihr nationales Symbol, Wilhelm der Zweite
im Lohengrin-Helm. Selbst die Belgier begrüßen ihren König im
Schützengraben. Aber wir: Wo sind die hinter uns?... Wo sind sie --
diese Advokaten -- diese Minister -- diese Kammerschwätzer -- dieser
vierkantige Lothringer selbst? Ausgekniffen nach Bordeaux...“

„Joffre befahl es!“

„Sehen wir zu: Er ist der Feldherr! Wir hier sind Frankreichs Arm. Aber
hinter der Faust muß das Herz Frankreichs schlagen, so stark wie sie!
Schauen Sie sich um: Ist dies noch Paris oder ist es Pompeji? Eine tote
Stadt! Woher soll da uns die Wärme kommen? Vor zwei Stunden war ich
noch im Feuer. Zu frösteln beginne ich erst hier!“

Der General de Rigolet de Mezeyrac blickte hinüber nach der fernen
Kuppel des Invalidendoms.

„~Vive l’empereur!~“ sprach er. „Meinetwegen jetzt selbst: ~Vive
le roi!~“

„Ein Banner, um das sich Frankreich sammelt ... seien es die Lilien oder
die Bienen!“

„Nur nicht diese tauben Nüsse von Bordeaux!“

„Diese Geschäftsmänner!“ murmelte Einer der Generalstäbler, fiebernd in
seinen Mantel gewickelt.

„Diese Hasenfüße...“

Und wieder ging es durch Nicolai von Schjeltings Kopf: Es fehlt
Etwas... Es fehlt Etwas, auch hier ... trotz Mut und Zähigkeit...
Etwas, was drüben, überm Rhein, mir jetzt noch wie ferner Donner
nachhallt. Dort ist das Volk die Wetterwolke. Sein Heer der Blitz. Der
Oberstleutnant Grégoire frug ihn:

„Kommen Sie mit? Wir fahren gleich wieder an die Front!“

Und seltsam: im selben Augenblick hatte Schjelting weniger eine
Anwandlung von Kanonenfieber als einen Anhauch von Grauen ... von
Entsetzen... Nur nicht wieder den Krieg sehen ... nicht wieder dies
unvernünftige Gewirtschafte des tollgewordenen, trampelnden Riesen mit
Menschen und Wäldern, Städten und Kirchen, dieser Brei von Eisenbahnen
und Brücken, dies Versteckspiel in donnernder und grollender Leere,
dies Geheul unsichtbarer Geister in der Luft, dieses Aufwirbeln
knallender schwarzer Dreckfontänen in verräterisch friedlicher,
niederträchtig im Sonnenschein lächelnder Sonntagvormittaglandschaft.
Er sagte sich: Es ist doch +Dein+ Krieg! Wie hast Du ihn ersehnt.
Dein Lebenlang an ihm gearbeitet. Nun ist er da. Über Erwarten erfüllt
sich Dein Wunsch: Man schlägt sich am Ganges und am Sinai, in der
Kalahariwüste und am chinesischen Strand, im indischen Ozean und
im afrikanischen Urwald. Man schlägt sich in ganz Europa. Tausend
Millionen Menschen sind miteinander im Krieg, mehr als die Hälfte
dessen, was auf Erden atmet. Das Blut fließt in Meeren. Und das ist nur
der Anfang...

Nicolai Schjelting schluckte unwillkürlich ein paarmal.

„Ich bin untröstlich...“

„Ah bah... Sie werden es nicht bereuen. Ich zeige Ihnen auch durch das
Scheren-Fernrohr die Preußen!“

„Wie gerne folgte ich! Aber ich muß heute noch nach Bordeaux!“

„Das ist etwas Anderes! Viel Glück! Adieu!“

Paris... Du totes Paris... Nein. Es war nicht tot. Es war nur wo
anders. Ausgewandert. Nicolai Schjelting fand es wieder, als er,
nach endloser Fahrt vom Bahnhof die Garonne entlang die krummen,
altertümlichen Straßen des inneren Bordeaux erreichte. Das war nicht
mehr das verstaubte und verknöcherte Schattenleben französischer
Provinzstädte. Zwischen dem Komödienplatz und den Alleen von Tourny
waren auf einmal die Boulevards mit ihren skeptischen, trockenen
Pariser Gesichtern unter Zylinderhüten, auf dem Richelieu- und
Börsenplatz standen jene pfiffigen, rundlichen, die Renten Frankreichs
in ihren weiten Taschen verwaltenden Gestalten, die man sonst an der
Seine zwischen dem Boulevard Sebastopol und der Rue du Louvre sah,
vor den altersgrauen, in engen Straßen gelegenen Palästen, in denen
sich die hohen Würdenträger der Republik bleich und abgespannt vor der
Außenwelt abschlossen, hielten wie in der Lichtstadt selbst die Reihen
von Autos, liefen geschäftige Politiker aus und ein, verhandelten
Deputierte achselzuckend und händefuchtelnd in der Vorhalle, umdrängten
Journalisten am Eingang die herauskommenden Diplomaten. Selbst die
weite, einsame Sandwüste der Quinconces war belebt. Paris überall.
Der Komet hatte seinen Schweif nach sich gezogen. Die Kleinen waren
nahrungsuchend den Großen in die Verbannung gefolgt. Der fette Kellner
von Henry an der Madeleine lächelte einem an der Ecke entgegen, die
Galgengesichter der Camelots schrieen hier den „Mann in Ketten“ aus
wie sonst die zweite Ausgabe des „Soir“, die Spieler der nächtlichen
Privatcirkel, die Schlepper, die sonst vor dem „Grand Hotel“ auf die
Fremden warteten, die Glücksritter, die Buchmacher, Alles war da. Die
kleinen Frauen zu Tausenden. Es amüsierte sie auch jetzt noch, die
ehrsame Bürgerschaft von Bordeaux durch ihre Hüte und Toiletten zu
verblüffen. Die großen Mimen promenierten majestätisch zur „grünen
Stunde“, wenn die Cinémas aufzuleuchten begannen, die Bohémiens zeigten
die übernächtigen Züge ihrer bis zum Morgengrauen geöffneten Cabarets
-- selbst die Uniform schien hier nur ein blau-rotes Wappenschild des
allgemeinen Leben und Lebenlassens. Nicolai Schjelting hörte, auf
seiner Rundfahrt bei den Ministerien und Missionen, wie im Nebensaal
ein Abgeordneter erschöpft sagte:

„Sie sind heute allein der Vierzehnte, dessen Sohn ich vor der
Einstellung in die Front bewahren soll! Mein Gott: Man kann doch nicht
alle jungen Leute als Schreiber in den Bureaux verwenden!“

Und der Dicke vor ihm, halblaut und bestimmt:

„Aber ich habe dreißigtausend Francs für Ihre Wahl gegeben, mein Herr
Deputierter!“

„Nun -- ich werde sehen, mein Freund, was sich tun läßt!“

Und im Warteraum eines anderen Würdenträgers ein zorniger vornehmer
alter Herr:

„Bei Kriegsausbruch wurde mir mein Automobil genommen. Ich gab es dem
Vaterland umsonst. Ich gehe seitdem mit meiner Frau zu Fuß!“

„Vortrefflich, Herr Marquis! Und weiter?...“

„Weiter? Ich komme nach Bordeaux! Täglich sehe ich hier meinen Wagen!
Ein junger Mensch in Zivil fährt eine dieser Damen darin spazieren! Ah,
das ist zu viel!“

„Ein junger Mensch?...“

„Klein und blond. Seine Begleiterin nennt ihn Gaston!“

„Pst! -- das ist der Neffe des Herrn Ministers! Nichts zu machen!“

Und in einer der Botschaften ein steinerner Yankee, um ihn ein Kreis
aufgeregter Finanzmänner.

„Sie müssen den Russen den Kredit eröffnen. Wir garantieren ihnen doch
den Betrag der Gegenbestellung in Gold!“

„Well! Fünfundzwanzig Prozent Anzahlung!“

„Und zehn Prozent Provision für uns!“

„Keinen Dollar!“

„Sapristi! Man lebt nicht von der Luft, mein Herr!“

„Aber von den Russen! Ihr nehmt von ihnen zwanzig Prozent!“

„Kein Streit unter Freunden! Siebeneinhalb!“

„Fünf Prozent! Sie verdienen noch genug!“

Ein Lachen. Schjelting ging. Unten hörte er die zornmütige Stimme eines
Abgeordneten in einer Gruppe:

„Diese Generale!... Diese Censur!... Da, statt eines Artikels in der
Zeitung eine weiße Wüste!... Man tötet den gallischen Geist...“

„Du bist zu scharf gegen Deine eigene Partei!“

„... weil man mich zurücksetzt! Man intriguiert. Man verläumdet. Was
soll ich meinen Wählern sagen? Das nächste Mal lassen sie mich fallen!
Dann bin ich ruiniert, mein Freund! Denn der Advokatenrobe bin ich
schon zu lange entwöhnt!“

Nicolai Schjelting kehrte in das Südbahnhotel an der Station zurück. Er
saß schon stundenlang in dumpfem Sinnen, als es klopfte, und de Massa,
der große Pressemann und Ministervertraute zwischen Paris und Rom,
eintrat, lang, hager, grauköpfig, mit lauter Stimme.

„Nun -- findet man Sie hier draußen! Ich habe die Reise nicht
gescheut!... Man sehnt sich, von Ihnen Näheres von dem Marsch dieser
unbesiegbaren Russen nach Berlin zu hören!“

„Wer?“

„Nun -- ganz Paris ist ja hier versammelt! Sie werden zufrieden sein!
Wir sind ~en petit comité~ -- unter Leuten von Welt! In der
‚Fetten Poularde‘. Drollig -- was? Es ist die Vorschrift des Tags, dort
zu dinieren -- nicht weit vom Gambetta-Denkmal!“

„Schade, daß Gambetta selber Euch fehlt!“

„Wohl verstanden: Madame de Marly wird da sein! Ferner diese reizende,
kleine...“

„Pascholl!“

„Was?“

Schjelting stand, die Hände in den Taschen, vor dem Besucher und blies
ihm brutal den Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Aber er war dabei
bleich vor Zorn.

„Pascholl!... Ich hab’ genug gehört!“

„Ah -- Sie sind nicht in Rußland! Spricht man so zu Verbündeten?“

„Mit Euch sich zu verbünden wäre nicht der Mühe wert! Euer Heer ist
tapfer, Euer Bürger patriotisch -- Aber Ihr da oben taugt nicht mehr
als unsre Tschinowniks. Ihr seid faul bis in die Knochen. Da ist
drüben, jenseits der Vogesen, ein anderer Geist!“

„Mein Glückwunsch! Sie sind Pro-Boche, Monsieur?“

„Im Gegenteil!“ sagte Nicolai Schjelting. „Ich suche den Geist, der
allein im Stande ist, den Deutschen zu überwinden. Auf dem Festland ist
er nicht. Aber in England werde ich ihn finden!“



XV.


Der Herbststurm brüllte über dem nächtlichen, schwer donnernden
Wellensturz des Kanals. Man hörte nur dies Heulen und Schwappen. Man
fühlte fliegenden Gischt wie von Eiswedeln im Gesicht, schmeckte Salz
auf den Lippen. Aber man sah nichts. Himmel, Erde, Meer waren Schwarz
in Schwarz. Alle Leuchttürme gelöscht. Alle Schiffsluken abgeblendet.
Man ahnte das Tappen von anderen dunklen mitreisenden Gestalten
auf dem schwankenden und glitschrigen Deck, vernahm Stimmen, die
flüchtigen Belgiern zu gehören schienen, Yankee-Genäsel, schnelles
Pariser Französisch, englisch gekaute Worte. Alles Verbündete. Aber
das Mißtrauen der Nacht machte dies Unsichtbare zum Feind, und wenn
vor der Abfahrt in Boulogne die Pässe auch zehnmal von den Briten, den
neuen Herren der gallischen Kalkküste, geprüft worden waren. Nicolai
Schjelting vermied es, mit Jemandem zu sprechen. Er stand, mit der
Linken sich an dem Stahlgestrick einer Wante festhaltend und schaute
unverwandt vor sich in das undurchdringliche Dunkel, als wäre es die
Zukunft selbst.

Er dachte sich: Sonderbar -- man sehnt sich nach den Ufern Englands
wie der Schiffbrüchige nach der rettenden Insel -- dieses England,
das doch nur ein Stein im Petersburger Schachspiel sein sollte! Wie
oft habe ich an der Newa meine These entwickelt: das umgedrehte
Problem Napoleon. Vor hundert Jahren verband man sich mit England, um
Frankreich zu schlagen. Jetzt, um es zu retten. Das Rätsel von Waterloo
hieß drei zu eins. Das Geheimnis von 1914 würde fünf zu eins heißen.
Eine sichere Methode bot nur die Zahl. Auf Zahlen verstand man sich in
der City...

Ein greller, prüfender Scheinwerferstrahl von hohem Mast im Finstern.
Undeutlich drüben Etwas wie ein schwer in den Wogen rollender Saurier
der Urzeit. Grimmige Fühlerpaare von Kanonenrohren. Wieder Dunkel. Zum
zwanzigsten Mal. Diese ganze Nacht lebte von fliegenden Holländern. Man
fühlte die Geisterschiffe der Briten rings um sich. Dutzende. Groß und
Klein. Keine Maus kam ungesichtet durch dies Schwarz, das man mit dem
Messer schneiden konnte.

Da endlich ferne, ängstliche Glühwürmchen in dem rauschenden und
pfeifenden Nichts, zwei, drei, in weiter Ferne. Die Lichter von
Folkestone. Ein Gedränge einer nassen, nächtigen Hammelherde von
Menschen auf dem Landungssteg, der Schein elektrischer Lämpchen auf
entfalteten Pässen, ein Waten im Sand durch Sturm zum nahen Strandhotel
der Burlington-Gesellschaft. Wahrlich ... unbehaglich und unwirtlich
empfangen mich diese Inseln der Freiheit, dachte sich Schjelting. Er
hatte sonst immer die Abwehr des Nervenmenschen, des Intellektuellen,
des nachtlebigen Slawen gegen diese gesunden Siebenschläfer mit ihren
Straußenmägen, ihren strahlenden Wolfszähnen, ihrer Freude an Fußbällen
und Pferdehufen, an Pfund-Shares und Portweinflaschen, an eisigem
Morgen-Tub und Kirchengesang gehabt. Er fröstelte auch jetzt in den
Luftwirbeln zwischen flackernder Kaminglut und kalt durch das Fenster
sprühender Salzbrise. Diese Zugluft war überall in England. Man konnte
ihr nicht entgehen. Alle Türen zwischen den Orkney- und Scilly-Inseln
standen jahraus, jahrein offen. Man ging mit bloßem Kopf im Regen.
Man fand es scherzhaft, wenn es in die Badewanne schneite. Es war ein
furchtbares Land.

Dann aber sagte er sich: Gerade recht! So muß ein Land sein, um die
da drüben zu überwinden. Diese Angelsachsen, die keine Pelze und
Gummischuhe kennen, keine Hamletstimmungen und kein Zahnweh, das sind
die wahren Widersacher der Teutonen. Sie werden diesen Riesen da drüben
zwischen Maas und Njemen besiegen. Denn sie sind seines Stammes und
Bluts. Wir werden sie zum Schluß am Bosporus und Amur nicht so übers
Ohr hauen können, wie es sich die breite russische Seele vorgesetzt
hat. Dafür nehmen sie uns die schwerste Arbeit ab. Sie haben den langen
Atem, die zähen Nerven, den stierstarken Willen. Sie werden ihr Bestes
und ihr Alles tun, um ~the Kaisers~ Macht zu zerschmettern.

Und nun freute er sich auf das gewaltige Schauspiel, das ihm die
nächsten Tage bieten würden, dies Gegenstück zu dem deutschen Vulkan,
dies sich Aufbäumen des ganzen, see- und weltbeherrschenden Inselvolks,
ein einziger Schrei, ein Wille, ein Schlag, daß es aus dem Erdenrund
durch die Jahrhunderte wiederhallte...

Da unten, im Frühstücksraum des Burlington-Hotels, saß schon trotz der
frühen Morgenstunde ein junger Gentleman. Offenbar ein Offizier. Das
Antlitz gebräunt von der Front und bleich von Strapazen, aber freimütig
und fröhlich. Er erzählte den Ladies um ihn seine Abenteuer:

„Ein kolossales Trompeten ... ein betäubendes Krachen -- da stand er auf
zehn Schritte vor mir ... weiß Gott, ein stattlicher Bursche ... stürzte
sich wie ein Dämon auf mich...“

„Oh ... oh...“

„Aber ich kam noch zum Schuß. Mitten in die Stirne. Er lag da...“

„... oh ... in der Tat...“

„Seine Zähne stehen in meinem Rauchzimmer!“

„Sind sie lang?“

„Sechs Fuß. Es war einer der größten Elefanten, der je in Nairobi
erlegt wurde.“

„Und was machen Sie jetzt, Mr. Jackson?“

„Ich denke, ich gehe für den Winter nach Ägypten.“

Am Nebentisch rieb sich Schjelting die Augen. Der Saal füllte sich
allmählich mit Frühstücksgästen. Ausgeschlafenen, zufriedenen und
hungerigen Menschen. Man brachte Haferbrei und Hummern, gebackene
Weißfische und Schinken mit Eiern. Man aß und trank. Ein alter Herr in
Reithosen meinte heiter:

„Schlechtes Wetter heute!“

„In Torquay waren gestern anderthalb Stunden Sonnenschein!“

„In Ventnor zwei!“

„Ich glaube, daß es Mittags eine Stunde hell wird!“

„Oh -- sagen Sie das nicht, Mr. Thompson!“

„Wir haben seit acht Tagen rauhes Wetter hier an der Südseite ... etwas
Jam bitte ... danke...“

Wenige warfen einen Blick in die Zeitung. Nur ein junger Mann sagte
zwischen zwei gerösteten Brotschnitten zum andern: ‚Goldgeränderte
Werte flau!‘ und legte das Blatt wieder weg. Nicolai Schjelting stand
auf, zahlte und fuhr nach London. Vor den Wagenscheiben war das
friedliche Bild des endlosen englischen Parks. Grüne Wiesenflächen
unter entblätterten Eichengruppen, weidende Herden, Schlösser und
Städtchen, und, trotz der Vormittagsstunden schon überall Alt und Jung,
Groß und Klein, Hoch und Niedrig auf den Hunderten von Spielplätzen bei
Golf und Cricket und Fußball. Überall zufriedene, sorglose Gesichter.
Tiefste Ruhe. Schjelting erschien es wie ein böser Traum. Da endlich
riefen auf einer Junction die Zeitungsjungen: „Großer englischer Sieg!“
Er griff hastig nach der Nummer.

„Wo?“

„In Australien, Sir! Zwei Pence, Sir! Danke, Sir!“

In Australien? Er entfaltete und las: „Die Birmingham Mannschaft schlug
im Fußball-Match den Melbourne-Team mit 6:2.“ Er zündete sich nervös
eine Zigarette an und frug den einzigen Mitreisenden:

„Vergebung, Sir: Kümmert man sich denn eigentlich hier gar nicht um den
Krieg?“

Sein Gefährte war ein Londoner Geschäftsmann mit einem glattrasierten,
roten Bulldogg-Gesicht, dem man es förmlich ansah, daß er noch nie aus
England herausgekommen war. Ein richtiger Cockney von der Surrey-Seite.
Er sagte:

„Wohl: der Krieg wird nicht lange dauern!“

„Meinen Sie das?“

„Man wird sie aus ihren Löchern herausgraben ... haha ... lassen Sie nur
Mr. Churchill gewähren!“

„Gewiß ... aber...“

„Man wird Wilhelmshaven besetzen, die Anlagen der Mrs. Krupp in die
Luft sprengen. Der Frieden wird in Berlin diktiert. Der gute, alte Lord
Beresford wünscht das ausdrücklich!“

„So?...“

„Unsere Sikhs und Gurkhas werden sich auf den Bänken von Potsdam
sonnen...“

„Wer sagt das?“

„Lord Curzon, Sir, der frühere Vizekönig von Indien!“

„Und Sie sind davon überzeugt, Sir?“

„Ich möchte nicht klüger sein als die Lords, Sir!“

Der Geschäftsmann nahm sich ein Notizbuch vor. Es schien keine
Handelseintragungen zu enthalten, sondern die Monats-Abrechnung
seiner Rennwetten mit einem Buchmacher, die er stirnrunzelnd prüfte.
Zwei athletische junge Männer stiegen ein. Offenbar aus einem der
nahen Schlösser. Sie lachten. Sie hatten miteinander gewettet, ob
Nevermore II väterlicherseite eine Enkelin von ‚Black Prince‘ oder des
Derbysiegers ‚Primrose‘ sei. Sie reisten jetzt nach London, um das
festzustellen, und sprachen davon die ganze, zwei Stunden lange Fahrt.

Auf der Waterloo-Station in London änderte sich jäh das Bild. Es
erinnerte plötzlich an das fiebernde Festland. Schjelting atmete
aus. Da waren endlich wieder die tausendköpfigen Menschenmassen
auf dem Bahnhof, das wilde Stimmengeschwirr und Geschrei der
Extrablatt-Verkäufer unter der rußigen Glaswölbung, da tauchten endlich
Khaki-Uniformen auf -- eine Gruppe Offiziere, ärgerlich und aufgeregt
im Wortwechsel mit dem Betriebsleiter:

„Sie müssen uns Durchgang zu unserm Zug verschaffen!“

„Unmöglich...“

„Er fährt sonst ohne uns ab! Wir müssen hinüber nach Frankreich! Wir
müssen an die Front!“

„Wie soll ich es machen? Ich bin dafür verantwortlich, fünfzigtausend
Menschen innerhalb einer Stunde hinaus zu dem Fußball-Match zu
befördern! Urteilen Sie selbst, ob ich mich da noch um Einzelne kümmern
kann!“

Nicolai von Schjelting hatte genug gehört. Er fuhr über die
Themse in den Westen. Es war da und in der City das alte London.
Geschäftsgewimmel bis zum Temple, Vergnügungsbummel am Strand, vornehme
Ruhe vom Trafalgar-Platz bis zum Hyde-Park. Jeder ging seiner Arbeit,
seinem Nichtstun, seinem Sport nach wie sonst. Nur zuweilen erinnerten
große bunte Werbetafeln und Aufrufe an den Krieg. Irgend einen Krieg
da draußen. England führte ja immer an einer Ecke der Welt Krieg --
den Krieg, den es seit achthundert Jahren im eigenen Lande nicht mehr
gesehen.

Aber Lord Kitcheners brutaler Landsknechtkopf konnte lange lebensgroß
von den Straßenecken herniederblicken und sein Zeigefinger auf den
Beschauer weisen: „Kitchener braucht +Sie+!“ Niemand ließ
sich dadurch in seiner Ruhe stören... Schjelting merkte das wieder
Nachmittags in dem Klub in Piccadilly, dessen Mitglied er war. Ein
alter, ausgedienter Oberst der indischen Armee schnitt da barsch jede
Erörterung ab.

„England gewinnt! Fertig!“

„Sind Sie dessen sicher?“

„Ich denke britisch, Sir!... Haben Sie von dem köstlichen Gymkhana des
Malva Bhil-Corps gelesen, Macdonald?... Hier... Unter den indischen
Neuigkeiten...“

Und Nicolai Schjelting dachte sich: dieser vertrocknete, alte
Junggeselle gehört nicht zu Europa, hat nie dazu gehört. Er ist mit
achtzehn Jahren nach Indien gegangen, hat seine Zeit dort abgedient,
gegen Afghanen, Aschanti, Boxer, Mahdisten gefochten. Er ist mit seinem
engen Kopf auf der ganzen Erdkugel zu Hause. Ihn beschäftigen die
Fragen des Stillen Oceans, Süd-Afrikas, des Panama-Kanals. Europa kennt
er nur von einem gelegentlichen Aufenthalt in der Schweiz. Europa ist
ihm ein staubiger, altmodischer Winkel. Ein unbeträchtliches Ding. Man
betritt die Rumpelkammer nur gelegentlich, um die Ratten zu scheuchen,
damit sie Einen draußen nicht stören... Ein kurzer Lärm. Nicht der Rede
wert...

Dieser Anglo-Inder schien vor Schjeltings Augen plötzlich hundertfach
in den Klubsesseln zu sitzen, durch Mayfair zu promenieren, er
verwandelte sich in jeden zweiten Menschen in London und im Vereinigten
Königreich, er war der Geist dieser Inseln selbst. Nicolai von
Schjelting verließ schweigend den Klub. Er zitterte, während ihm der
Diener in den Mantel half, er sagte sich in einer grauenerfüllten
Ungeduld: Es muß Etwas geschehen! Man muß sie aufschrecken! Sie
dämmern in ihrem Dünkel. Der Weltbrand vor ihren Toren ist für sie ein
Kolonial-Krieg -- einmal ein wenig näher, einmal ferner... Sie kommen
zu spät zur Erkenntnis ... sie kommen für uns zu spät...

Zu spät... Es war Freitag Abend. Wo er vorfuhr, waren Würdenträger und
Machthaber schon zum langen Wochenende hinaus aufs Land. Bis Dienstag
früh stockten jetzt alle Geschäfte. Stand die Welt still... Auch Sir
Higgins, der Pressekönig, war nicht mehr in seinem Zeitungs-Palast in
Oxford Street zu treffen. Er hatte, als leidenschaftlicher Yacht-Mann,
seinen Ruheplatz auf der Seeseite des Ostens, zwischen Felixstowe und
Harwich, dicht am Meer.

Es war das alte, englische Bild. Ganz England setzte sich aus
fünfzehn oder zwanzig solcher Bilder zusammen. Eine ehemalige, zum
Herrensitz umgewandelte Abtei, vor der man im Park, wenn der Mond aus
den zerrissenen, über die nahe See jagenden Wolken heraustrat, das
zahme Damwild auf breiten Wiesenflächen äsen sah, grüne Efeuteppiche
über die verwitterten grauen Mönchsmauern und drinnen, im grellen
Gegensatz des britischen Lebens von Zopfigkeit und ~up to date~,
die glänzendhelle Dinnertafel, die weißen Frackwesten und Hemdeinsätze
der Gentlemen, die weißen Schultern der Ladies, lächelnde Gesichter,
heitere Stimmen, Orchideensträuße, altes Silber. Man sprach lachend, im
frischen Frohsinn des Sports vom Segelwetter morgen. Es war das Erste,
was Nicolai von Schjelting hörte, als er am Tische Platz nahm. Er war
zu spät angekommen und hatte sich erst umkleiden müssen.

„Rauhes Wetter in Sicht...“

„Umso besser!“

„Lord Pierrepont ging heute Abend in See!“

„Oh ... ist er?“

Allgemeine Teilnahme. Wieder dieses Frösteln des Grauens bei
Schjelting, als wäre er unter Verrückten. Und seltsam: Im selben
Augenblick wandte sich die Lady links vor ihm, die bisher mit ihrem
anderen Nachbar gesprochen, von dem ab, und sagte halblaut auf englisch
vor sich hin: „Ein wahnsinniges Volk...“

Sie war mittelgroß, hellblond, von zarten Farben und sah doch nicht
ganz englisch aus. Schjelting zuckte zusammen. Dann lächelte er.

„Oh... Mrs. Higgins... Entsinnen Sie sich unseres letzten
Zusammentreffens? Vor Victoria Station?...“

Hannah Higgins, die Schwägerin des Hausherrn, schaute ihn unsicher
an. Sie war etwas kurzsichtig. Ihre Züge zeigten nichts mehr von
ihrem früheren Humor, sondern einen sonderbar starren Ausdruck. Er
dachte sich: Nun ja. Eine Deutsche -- oder eine gewesene Deutsche --
jetzt hier als Frau eines Engländers und im Kreise der Engländer.
Diese Menschen wissen ja nicht, was sie in dieser Zeit tun und sind.
Plötzlich schien es ihm, als ob er und diese Fremde aus dem feindlichen
Volk allein in dieser Tafelrunde das Skelett im britischen Weltschrank
erblickten.

„Sie fuhren damals zur Kieler Woche!“ sagte er. „Auch ich ging später
nach Deutschland. Ich traf Ihren Vater. Auch Ihre Schwester!...“

„So...“

„Wie geht es Fräulein Tillesen?“

„Ganz gut... Aber sie ist nicht mehr Fräulein Tillesen. Sie ist vor
zwei Wochen in Königsberg getraut. Wir korrespondieren über Schweden.“

Er schwieg. Dann frug er:

„Wo ist sie jetzt?“

„Wieder in Wiesbaden. Aber mein Vater wird voraussichtlich bald als
beratender Hygieniker einer Armee tätig sein. Natürlich hinter der
Front, bei seinem Alter. Da wird sie ihn wohl wieder begleiten!“

Um sie ein heiterer Streit. Eine Miß hob beschwörend die Hand.

„Oh -- ~dear~ Mrs. Clarke ... welch häßlicher Gedanke: Sie wollen
nicht mit nach Spanien?“

„Wir reisen morgen Abend von Liverpool, um den Indianersommer bei
unseren amerikanischen Freunden zu haben. Wir wollen dann bis zur
Baumblüte in Japan Halt machen!“

„Wenn Sie Mrs. Isebrink schreiben!“ sagte Schjelting mit einem
sonderbaren Lächeln, „dann grüßen Sie sie von mir! Es ist ihr nicht
gelungen, mich in München verhaften zu lassen. Sie tat ihr Bestes.“

Es sollte nur blasiert und ironisch klingen, aber er fühlte, daß
auch auf seinem angegriffenen und abgezehrten Gesicht Etwas von dem
leidenden Ausdruck seiner Nachbarin lag. Man litt unter diesem ewig
heiteren Volk dieser fröhlichen alten Insel. Er dachte sich: Wenn ich
der Mann dieser Deutschen a. D. wäre, so würde mich die Starrheit ihrer
Mienen besorgt machen. Aber er, dieser Oxforder Professor, sitzt da
unten mit seinem glattrasierten, schwammigen Chinesengesicht und der
goldenen Brille und glänzt von Wohlwollen und guter Laune.

Ein Aufschrei:

„Oh -- das wäre schimpflich!“

„Was denn, Miß Lilian?“

„Keine Regatta in Cowes im nächsten Jahr!“

„Großer Gott! Warum nicht!“

„Hier -- der russische Gentleman aus Petrograd sagt es: wegen des
Kriegs!“

Eine allgemeine stürmische Heiterkeit. Sir William Higgins, der
Hausherr, strahlte wie ein Schuljunge über das zerknitterte, faltige
Gesicht. Er, der trockene, wortkarge Zeitungskönig der City, war hier
draußen am Abend der liebenswürdigste und schalkhafteste Wirt. Er
drohte aufgeräumt mit dem Zeigefinger:

„Die Regatta wird sein. Glorreicher denn je. Man wird da kaum mehr an
den Krieg zurückdenken. Vor Weihnachten ist er zu Ende!“

„Oh... Oh...“

„Wir werden Alle hinkommen. Auch die Deutschen werden kommen, als sei
nichts geschehen!“

„Hört! Hört!“

„Sie haben bis dahin ihre Lehre empfangen. Wir haben ihre Kolonieen
zwischen uns und Frankreich geteilt, und ihre Flotte samt Helgoland in
Verwahrung genommen. Es wird ihnen so gut sein... Sie werden uns noch
dankbar sein, daß wir ihnen ihren Platz in der Welt anwiesen...“

„... ohne dies unchristliche Schwarz-weiß-rot auf allen Meeren!“ sagte
empört ein alter Herr. Der Professor Higgins neben ihm rückte an seiner
Brille.

„Sie meinen, es sei ein rauhes Werk, Mr. de Schjelting? Oh -- wahrlich
nicht! Nichts wäre kurzsichtiger, als das Säbelrasseln der preußischen
Militärkaste zu überschätzen. Der Deutsche selbst ist weich und
sanft...“

„Ihr werdet ihn kennen lernen!“ sagte seine Frau wieder halblaut vor
sich hin, und es war Schjelting neben ihr plötzlich unheimlich zu Mut.
In diesen halblauten, eisern ruhigen Worten aus Frauenmund klang seinem
Ohr Etwas nach wie der letzte, äußerste Widerhall jener furchtbaren
millionenfachen Stimme jenseits der Nordsee, die hier Keiner vernommen.

„Der Deutsche liebt seine Ruhe, sein Bier, seine Musik. Wir werden sie
ihm wiedergeben. Er wird gern Potsdam missen, wenn man ihm Bayreuth
läßt. Wilhelmshaven für Weimar. Essen für Göttingen. Er wird, wie vor
dem Fehler von 1870, glücklich bei den wahren Methoden seines Lebens
sein, dem Ackerbau für das Volk, der Philosophie für die höheren
Stände.“

„Dabei hast Du in Deutschland gelebt und eine Deutsche zur Frau!“ sagte
Hannah Higgins zu ihrem Mann laut auf Deutsch über den Tisch. Es war
ein peinliches Schweigen. Frostige Gleichgiltigkeit der Gentlemen,
mißbilligende Augenbrauen der Ladies bei diesen fremden Lauten,
die wie aus feindlicher Weite, aus fernen, fernen Schlachtfeldern
herüberklangen. Und noch mehr:

„Ihr habt ja keine Ahnung, was Deutschland ist. Es wird sich rächen.
Ihr werdet es furchtbar erkennen!“

„Was sagt die Lady?“

Man übersetzte es der alten Dame. Sie tat sofort, als sei sie taub,
und bat um etwas mehr Haddock. Jerôme K. Higgins fühlte das Bedürfnis,
seine Frau zu entschuldigen.

„Mrs. Higgins ist seit Beginn des Kriegs ernstlich leidend!“ sagte er.
„Sie legt mir Schweres auf. Sie sehen es. Täglich mehr!“

„Oh -- oh... Mrs. Higgins...“

„Ihre Nerven versagen, weil meine Vernunftgründe versagen! Nichts ist
schwieriger, als Mrs. Higgins begreiflich zu machen, daß dieser Krieg
gar kein Ding von ernstlicher Bedeutung ist! Eine kleine Lektion für
ihr Land. Weiter nichts!“

„Oh bitte -- hören Sie es doch, Mrs. Higgins!“

„Tun Sie es uns zu Liebe! Bald ist ja Alles vorbei!“

„Sie brauchen doch keine Schiffe und nicht so viel Soldaten!“

„Ihre Landsleute werden viel ruhiger leben ohne die Sorgen der Seefahrt
und die Plage mit den Kolonieen!“

„Wie gut von Ihnen, wenn Sie das einsähen!“

Hannah Higgins schaute mit einem sonderbaren Ausdruck auf die
lächelnden Gesichter.

„Schauderhaft ... diese Heuchelei...,“ sagte sie wieder auf Deutsch.
„Alles Andere könnte ich eher ertragen!“

„Was?... Was?“

Aber die paar, die es verstanden, hatten keine Lust, es zu übersetzen,
und nun wurde auch der Hausherr nachdrücklich.

„Ich hege ernstliche Zweifel, ob man sich zur Zeit in Deutschland
in englischer Sprache unterhält! Ich wünsche in meinem Hause kein
Deutsch mehr zu hören! Wenigstens nicht bis zum Einmarsch dieser
unwiderstehlichen russischen Riesen in Berlin! Wollen Sie mir das
Vergnügen machen, ein Glas Wein mit mir zu trinken, Mr. Schjelting?“

Er hob lächelnd sein Glas. Nicolai Schjelting tat ihm Bescheid. Er
wurde dabei den Gedanken nicht los: Ich und diese blonde junge Frau
neben mir -- wir bilden hier einen Geheimbund. Sie, die Deutsche, ahnt
mit der Seele, wie es in Deutschland steht. Ich, sein Todfeind, sah
es mit Augen. Und um uns das frohe Alt-England. Er konnte sich nicht
halten. Er frug -- und bei den ersten Worten des vornehmen Verbündeten
aus Rußland trat Stille am Tisch ein.

„Immerhin: die Heere Wilhelms II. sind zahlreich!“

„Die Euren noch mehr!“

„Wir brauchen große Anstrengungen!“

„Wir machen sie! Wir sind bereit, bis zu fünfhundert Millionen Pfund
auf diesen Krieg zu verwenden!“

„Silberne Kugeln...,“ sprach der alte Gentleman von vorhin beifällig,
und ein Anderer: „Wir und Deutschland im Kampf um die letzte Million!
Das ist ein Rennen zwischen einem Derby-Crack und einem Youngster!“

„Der prominente Australier, den ich gestern traf, hatte Recht!“ sagte
Sir William. „Der Match wird im Wesentlichen durch die Kontrolle über
Kupfer und Baumwolle entschieden!“

„Sie hätten das glorreiche Bankett in der Guildhall mitmachen sollen,
Mr. de Schjelting! Da war ein wahrer Jubel: ‚Geschäft wie immer!‘...“

„Die Versicherungen bei Lloyds sind um 7⅜...“

Schjelting unterbrach, mit einer ungeduldigen Handbewegung, den
achtungswerten Stock-Broker. Man sah nur ihm, dem Russen, den Verstoß
gegen Britensitte nach.

„Niemand kann zweifeln, daß man auf mechanischem Weg zu unumstößlichen
Formeln des Erfolgs gelangt!“ sagte er. „Aber ich bin bekümmert, ob
dieser Weg nicht doch weiter ist, als man denkt! In der Tat: wir
brauchen mehr!“

„Wir haben es!“

„Wieso?“

Sir William Higgins sah strahlend umher.

„Wohl: Soll ich das große Geheimnis verraten?“

Ein Händeklatschen.

„Ja! Ja!“

„Es ist ja gar keines mehr, Sir William! Man spricht ja davon schon in
allen Klubs!“

„Oh ... bitte!... bitte!“

Die Damen bogen sich neugierig vor. Der Hausherr zerlegte das mächtige
Roastbeef und bat um die Wünsche der einzelnen Gäste.

„Der Gedanke ist nicht neu und wahrhaft einfach!“ sagte er. „Wir
hungern Deutschland aus!“

„Hört!... Hört!“

„Eine magere Scheibe, Mr. Ash?... Deutschland hat wenig Korn im Land.
Wir sperren ihm jede Zufuhr. Binnen Kurzem wird der letzte teutonische
Laib Brot ein Schaustück für Barnum sein!“

Er strahlte und legte der alten tauben Dame auf ihre Bitte ein
besonders braungebratenes Stück vor.

„Sie werden morgen in meinen Blättern bereits einen Artikel finden:
‚~The Hungerkur in Germany!~‘ Er ist spaßhaft zu lesen...“

Die Herren lachten herzlich. Die Misses kicherten. Ein mit ihnen
flirtender, athletenhafter junger Gentleman meinte hoffnungsvoll:

„So ist bis zur Season Alles im Rechten?“

„Längst! Wenn die letzte Krume verzehrt ist, -- was sollen dann
Wilhelms Grenadiere machen?“

„Die Daheimgebliebenen werden mit ihnen ihr Brot teilen!“ sagte
plötzlich Hannah Higgins auf Englisch. „Die Greise. Die Frauen. Die
Kinder...“

„Die haben doch selbst nichts!“ Ihr Schwager lächelte freundlich.
Er stand vor dem Braten, das blutige Messer in der Hand. „Noch ein
Stückchen, Mr. Lumley? Bitte?“

„Die sollen mithungern?“

„Anders geht es leider nicht!“

„Mitverhungern?“

„Deutschland braucht sich nur zu unterwerfen!“

„Und wenn es das nicht tut? Wenn es lieber stirbt?“

„... das mögen die Teutonen unter sich entscheiden!“

„... dann sterben doch zuerst die kleinen Kinder ... die zarten
Frauen ... die alten Leute...“

„Ja. Der Gedanke ist wahrhaft betrübend...“

„Und Ihr könnt das vor Gott verantworten? Ihr habt die Bibel neben
Eurem Bett und sprecht hier mit vollen Backen vom Hungertod von siebzig
Millionen Christen! Könnt Ihr den Aschanti-Negern noch in die Augen
schauen? Denkt an den bethlehemitischen Kindermord...“

Jerôme Higgins erhob sich halb.

„Ich verbiete Ihnen, weiter zu reden, Hannah!“ sagte er scharf zu
seiner Frau. „Diese Sprache ist nicht britisch. Sie gehört sich hier
nicht!“

„Also auch Du billigst das?“

„Vollkommen! Genug!“

Sobald es ging, gab die Dame des Hauses den anderen Ladies einen Wink.
Alle erhoben sich. Die Herren überließen sie oben im Drawing-Room sich
selbst und rückten an der Tafel beim Portwein zusammen. Sir William
sagte halblaut zu seinem Bruder:

„Ich bin ängstlich, zu sehen, ob Hannah in dieser Stimmung bleibt!...
Es wäre eine ernste Sorge für uns Alle, Jerôme!“

„Sie hat einen Briten zum Mann! Sie soll britisch sein!“

„Aber ihr Bestes, es zu werden, tut sie nicht!“

„Sie wird es schon, je mehr das ‚Vaterland‘ zusammenbricht! Sie wird
den Herrn preisen, hier in Sicherheit und Freiheit zu sitzen, wenn
drüben die Kosacken und Turkos in Deutschland hausen! Es wird ein
trauriges Schauspiel. Auch unsere Gurkhas und Australier möchte ich
lieber nicht am Werk sehen! Es ist höchst schmerzlich, daran zu denken!“

Jerôme K. Higgins sprach das, die Zigarre in der Hand, mit zürnender
Strenge. Sein früheres, gönnerhaftes Wohlwollen für das Land Goethes
und Beethovens war geschwunden. Erst mußte da Ordnung geschaffen
werden. Er hatte den Ausdruck eines respektablen Hausvaters, der mit
der Rute in der Hand den Erdball mustert. Er seufzte und trank einen
Schluck Port. Es war ein unter Kennern seit einem halben Jahrhundert
berühmtes Faß, das schon oft die Reise um die Erde gemacht hatte,
häufiger noch als die, die es austranken. Sie waren schon wieder beim
Yachting. Der Wind war stärker geworden. Man hörte sein stöhnendes
Heulen über der noch dunklen See. Schjelting schwieg. Sein Blut war
erstarrt. Er dachte sich: da draußen jagen die apokalyptischen Reiter
über Länder und Meere. Wir haben sie entfesselt. Wir haben einen
Weltensturm beschworen, von dem die Menschheit noch nach tausend Jahren
sich mit Schrecken erzählen wird... Und diese Geister sind stärker als
ihre Meister. Sie wachsen uns kirchturmsgleich über den Kopf... Ihr
aber sitzt da im brennenden Hause ... schwatzt ... lacht...

„Sie waren auf der ‚Sunbeam‘, Mr. Lumley?“

„Sicherlich! Wir hatten den Tee bei Seiner Herrlichkeit!“

„Wie glorreich!“

„Gentlemen!... Die Ladies...“

Sir William Higgins, ~M. P.~, mahnte zum Aufbruch. Man stieg
hinauf zu den Damen. Setzte sich mit ihnen um das knisternde
Kaminfeuer, genoß das warme Behagen des großen hellen Raums in dunkler
Nacht, der die Unangreifbarkeit der alten englischen Insel selber
inmitten der Stürme draußen in seiner Flackerglut widerzuspiegeln
schien. Hannah Higgins war nicht da. Die anderen Damen hatten nicht auf
sie geachtet. Sie vermuteten, daß sie schon vor einer halben Stunde,
gleich nach Tisch, gegangen sei, um nach Bob und Bill, ihren beiden
Boys, zu sehen.

Sie kam nicht wieder. Vielleicht hatte sie es als Pro-Deutsche für
besser befunden, sich an diesem Abend überhaupt zurückzuziehen. Man
begriff das. Auch der Professor. Er unterhielt sich lebhaft mit einem
weißhaarigen Reverend über die wahren Methoden der Lachsfischerei
in den norwegischen Flüssen. Es gab da verschiedene, sich ernstlich
befehdende Schulen. Nach einer Stunde ließ er das Angeln sein und
stutzte:

„Ich muß doch einmal nach Mrs. Higgins schauen!“

Zehn Minuten verstrichen. Man hörte seine Stimme im Hause. Treppauf,
treppab. Erst leise, dann immer lauter, angstvoller, fragender.
Antworten der Dienerschaft. Rufe durcheinander. Aus dem Garten.
Sir William hob stirnerunzelnd die dürre befrackte Gestalt aus den
Abgründen des Klubsessels. Da stürzte sein Bruder herein, außer
Atem, die Brille über die Stirn geschoben, mit schreckensstarren,
kurzsichtigen Augen.

„Sie ist weg...“

„Wer?“

„Bill und Bob sind weg! Alle Drei!“

„Wann?“

„Vor zwei Stunden schon. Zu Fuß durch den Park!“

„Wohin?“

„Auf die Straße nach Harwich! Die Gärtner sahen sie!“

Sir William riß die Taschenuhr aus der Westentasche.

„Zehn Minuten nach zehn!“ sagte er und dann halblaut, vor sich hin: „Um
zehn Uhr fährt der Dampfer nach Holland!“

Der würdevolle Haushofmeister in Kniehosen und Halskette wand sich
durch die Gruppen. Er trug einen Brief auf silberner Schale.

„Soeben abgegeben, Sir! Ein Mann brachte ihn zu Rad. Von Harwich!“

Jerôme K. Higgins griff darnach, riß den Umschlag aus, las:

„An Bord der City of Vienna, 9.55 p. m.“

„Bis heute habe ich es ausgehalten. Ich kann es nicht mehr, seit ich
Euch heute Abend bei Wein und Braten über die Hungersnot deutscher
Frauen und Kinder lachen sah. Ich glaubte, Euch zu kennen, aber ich
erkannte Euch erst in dieser Stunde. Ich gehe jetzt mit Bob und Bill,
um in Deutschland mitzuhungern. Und mitzuverhungern, wenn es so sein
sollte! Aber Ihr werdet uns nicht besiegen!

    Hannah.“

Professor Higgins zerknitterte das Blatt. Er sprang auf. Er schrie in
Todesangst:

„Um Jesu Willen! Meine Frau ... meine Kinder...“

„Komm’ zu Dir!“

„Helft mir! Rettet!“

„Jerôme ... sei ein Mann!“

„Haltet sie zurück!... Sie fahren ja nach Deutschland... Es giebt ja
dort nichts zu essen... Sie kommen ja um...“

„Oh armer Mr. Higgins!“

„Erbarmt Euch!... Telefoniert nach Harwich!“

„Zu spät!“

Ein bläulicher Mondstrahl zuckte suchend über das Meer. Er kam von den
Scheinwerfern des Hafens, an dem sonst alle Küstenlichter gelöscht
waren. In seiner Helle sah man draußen auf der See gleich einem
Geisterschiff einen mächtigen Dampfer. Er stampfte schwer in den grauen
Wellen. Schwarze Zerstörer umhuschten ihn wie Ratten der Nacht. Ein
grüner Stern stieg auf...

„Die ‚City of Vienna‘...“ sagte Jemand halblaut. Es wurde draußen
wieder dunkel. Jerôme K. Higgins umklammerte das Fensterkreuz. Er
lallte vor Schrecken:

„Meine Frau ... meine Kinder... Sie fahren nach Deutschland ... dort
sind ja die Kosacken. Sie morden und brennen!“

„Oh ... sagen Sie das nicht vor Mr. Schjelting!“

„Dorthin kommen ja die Senegalneger ... die Marokkaner... Die Turkos...“

„Beruhigt ihn doch!“

„Ich werde ja wahnsinnig! Das sind ja Bestien! Die läßt man doch nicht
gegen Weiße los! Man läßt doch Frauen und Kinder nicht verhungern!“

„Oh -- the Hungerkur in Germany!“ Im Nebenraum lachte die aus der
Nachbarschaft zum Besuch herübergekommene Miß herzlich. Ein junger Herr
hatte ihr den Spaß erzählt.

„Sie kommen ja erst in acht Stunden nach dem Hook! Ein Funkenspruch
nach Holland ... rasch ... rasch... Sir Francis Oppenheimer aus
Frankfurt tut dort für uns Alles, um die Deutschen zu schädigen!“

„Er wird nichts machen können!“ sagte Sir William kalt. „Eine freie
Britin in einem neutralen Staat kann gehen, wohin sie will!“

Jerôme K. Higgins brach auf einem Sessel zusammen. Er warf das Gesicht
auf die Kniee und schluchzte laut und hell. Die Miß von nebenan stand
mit großen Augen auf der Schwelle. Sie frug verdutzt:

„Oh -- was ist das?“

„Ein Echowort aus Deutschland!“ sagte Nicolai von Schjelting. Die
Engländer schauten ihn an. Sie verstanden ihn nicht. Er setzte hinzu:

„Ihr wißt hier nicht, gegen wen wir kämpfen! Und wenn Ihr es wißt, wird
es zu spät sein für uns Alle!“

Wieder ein Kopfschütteln. Was wollte nur dieser bleiche Geisterseher
aus Petrograd? Ein neuer Mondstrahl glitt draußen über die Wasserwüste.
Die ‚City of Vienna‘ war schon weit hinaus. Das Licht um sie schwand,
und sie arbeitete sich weiter durch Wind und Finsternis dem Festland
zu...

Zwei Tage später sagte Hannah Higgins im Abenddämmern des deutschen
Eisenbahn-Abteils zu Bill und Bob:

„Da schaut!“

„~What’s the matter?~“

„Wer Englisch spricht, kriegt einen Klaps!... Da fließt der Rhein!“

„Buh -- der ist zu schmal zum Segeln!“

„Er ist nicht zum Segeln. Er ist ein heiliger Strom.“

„...Kann man in ihm Fische fangen?“

„... und die große Stadt dort drüben -- die heißt das goldene Mainz...“

„Ist sie englisch oder schottisch, Mutter?“

„Sie ist nicht britisch, sondern deutsch!“

„Es ist doch Alles britisch, Mutter! Ist es nicht?“

„Da irrt Ihr Euch gründlich, Ihr Bengels!“ sagte Hannah Higgins schon
mit einem Anflug ihrer alten Tatkraft. „Das werdet Ihr schon merken!
Ihr heißt von jetzt ab überhaupt nicht mehr Bob und Bill, sondern Max
und Moritz. Verstanden?“

„Oh -- wird das Vater recht sein?“

„... wenn es nur mir recht ist... Ihr werdet deutsche Jungen!
Verstanden?... Und nun macht Euch zurecht. Wir sind gleich in
Wiesbaden!“

In der Halle des Hauses Tillesen in der Sonneberger Straße standen
gepackte Koffer und Kisten mit wissenschaftlichen Instrumenten. Das
Mädchen meldete, Exzellenz reise als beratender Hygieniker morgen zum
Heer. Ein bärtiger Landwehrmann kam hinter ihr lachend auf Hannah
Higgins zu. Es war die letzte Abbröckelung englischer Gewohnheit an
ihr, daß sie unwillkürlich bei der Annäherung eines gemeinen Soldaten
erschrak, bis sie in ihm ihren Schwager, den Reichstagsabgeordneten und
Kriegsfreiwilligen Hugo Martius erkannte.

„Alt werde ich hier beim Ersatztruppenteil nicht!“ sagte er. „Man ist
ja eigentlich gar nicht mehr Mensch, eh’ man nicht im Schützengraben
war!... Dein Vater ist im Laboratorium!“

In einem sonst zu Versuchszwecken dienenden Ofen brannte ein Feuer.
Geheimrat Tillesen saß davor und legte, ehe er morgen sein Haus
verließ, langsam die Dokumente in die Flammen, die ihm seine Töchter
Inge und Phila reichten. Es waren die Ehrenmitgliedsdiplome all der
wissenschaftlichen Vereinigungen der Welt, die jetzt die Deutschen
aus ihren Reihen ausgestoßen hatten. Sein stilles, graubärtiges
Gelehrtenantlitz, über das der Flackerschein spielte, war sachlich
und ruhig wie immer, während er von der Grundlage seines Lebens und
Forschens, der Gleichheit aller Menschen vor der Wissenschaft, Abschied
nahm. Nur einmal sagte er durch die Stille dieser Räume, in denen sonst
die Vertreter aller Völker als Jünger und Gäste geweilt hatten, alle
Sprachen des Erdballs erklungen waren: „...Röntgen, Ehrlich und Behring
von der Pariser Akademie ausgeschlossen...“ und lächelte. Es war ein
deutsches Lächeln.

Dann steckte seine eine Assistentin, Dr. Käthe Cornelius, den Kopf
durch die Nebentüre.

„Wir sind so weit, Exzellenz!“

Er erhob sich und ging in den anstoßenden Raum. Da standen zwei
Offiziere und ein Chemiker im Bürgerkleid. In einem Glaskäfig saß leise
winselnd ein dreibeiniger Spitz. Die eine Hinterpfote war ihm von einem
Lastwagen abgefahren. Dr. Irma Enderlin kniete davor. Sie trug einen
Respirator vor dem Mund und leitete den Inhalt eines Gasschlauchs in
den Kasten. Die Luft innen färbte sich grünlich. Das Tierchen begann zu
taumeln, fiel um...

„Tot!“ sagte der Geheimrat ruhig. Von den Wandregalen blinkten Reihen
von Gläsern mit Reinkulturen. Auf den Tischen lagen die Glasplättchen
unter den Mikroskopen, die Tabellen der geimpften Versuchstiere. Die
unsichtbaren Schädlinge des Seins wurden hier erkannt, Gift fand sein
Gegengift. Eine Zwergschlacht zwischen Angreifern und Schutztruppen der
Menschenzelle hatte da im Stillen getobt, wie jetzt draußen in Europa
die Riesenschlachten der Menschen selbst. Viele Gelehrte aller Völker
der Erde, Slawen, Angelsachsen, Romanen, gelbe Asiaten, braune Inder
hatten hier gesessen und gelernt. Was sie hier als Gäste aus goldenem
deutschen Überfluß geschöpft, bannte jetzt draußen in ihrer Hand die
tausendjährigen Furien der Menschheit, Seuchen und Pestilenz.

Auf einem Stuhl lag eine englische Zeitung. Sie war anonym aus der
Westschweiz gekommen. Ein Bild im Text blau angestrichen: Alle Völker
des Erdballs, bis zum winzigen Japanesen und vierschrötigen Buren hin
schlugen blindwütend auf eine zähnefletschende Dogge ein, die eine
Pickelhaube trug. Darunter stand: „Halloah: Alle Mann ans Werk! Man muß
den deutschen Wehrwolf niederknütteln!“

Und es war, als spräche aus diesen Retorten und Reagenzgläsern und
Mikroskopen eine Geisterstimme zur Antwort: ‚Der Erde geschehe, wie
sie gewollt! Deutschland war das Licht der Welt. Es kann auch seine
Nacht sein. Deutschland gab den fremden Völkern blühendes Leben. Nun
sendet es ihnen ebenso den Tod. Es ist stark in Einem wie im Andern.
Schöpfung, Sein und Vernichtung, die geheimnisvoll dreifache Gottheit
vom Ganges, wohnt auch hier am deutschen Rhein, in der angewandten
Wissenschaft, die hinter dem ~furor Teutonicus~ steht...‘

„Menschen werden durch diese chemischen Mischungen selbstverständlich
nur betäubt, nicht erstickt!“ sagte Geheimrat Tillesen ruhig, auf den
toten Spitz weisend. „Genügt Ihnen diese Gasentwicklung so?“

„Ich denke, ja, Exzellenz!“

„Wir werden weiter daran arbeiten. Man muß praktische Versuche in
leeren Schützengräben machen. Ich schreibe Ihnen noch. Oder vielmehr:
ich diktiere es meiner Tochter. Sie begleitet mich nach Posen.“

„Sehr wohl, Exzellenz!“

Nun erst, nachdem die Versuchskommission sich verabschiedet, kam
Geheimrat Tillesen aus der Wissenschaft zur Gegenwart zurück und sah,
daß da auch seine dritte Tochter mit ausgebreiteten Armen stand. Und
die sagte nach der ersten Begrüßung nur:

„England liegt hinter mir!“

Ihr Vater nickte. Es war wie ein:

„Und hinter mir die internationale Gelehrtenrepublik!“

Und ebenso lag es auf dem Antlitz seines Schwiegersohns:

„Und hinter mir das Traumland des ewigen Friedens!“

Und auf dem seiner Frau:

„Und hinter mir die alte deutsche Sehnsucht, die Insel der Seligen im
Süden!“

Und auf dem ihrer Schwester Inge:

„Und hinter mir die Luftspiegelung angelsächsischer Freiheit überm
Meer!“

„Du kannst Dich nützlich machen, Phila, und während des Kriegs auch auf
meine beiden Bengel aufpassen!“ sagte Hannah Higgins. „Ich melde mich
morgen als Pflegerin!“

„Morgen ist das Haus hier leer...“

Und doch fühlten Alle: Wir sind in unser Haus zurück. Was Deutsch war,
giebt die Fremde wieder. Alles kehrt heim. Von allen Seiten rauschen
die Wasser. Tausend Bäche sprudeln und eilen. Fluß an Fluß flutet dahin
und ergießt sich in den einen heiligen Strom. Feierlich, in mächtigem
Schwall, wälzt dort drüben der deutsche Rhein seine Wogen zum fernen
Ziel.



XVI.


Die Schneeflocken, die strömend dicht in diesen letzten Januartagen des
Jahres 1915 von dem eisgrauen Himmel des östlichen Ostpreußen herunter
wirbelten, erreichten kaum die breiig fließende, mit verschlammten
Laufbrettern belegte Sohle der russischen Schützengräben. Sie schmolzen
schon beinahe in der Luft zu Wasser, so heiß war der stinkende Brodem,
der aus den holzüberdachten und warm überschneiten Unterstand-Tunnels
in die offenen Laufgräben quoll. Es war in diesen geschützten
Unterkünften dämmerig wie in einem Bärenlager zur Winterzeit. Pelzig
behaarte Gestalten tappten aufrecht im Zwielicht, brummten tief,
schnarchten in den sargähnlichen Seitenverschlägen. Ein scharfer,
süßlicher tierischer Geruch lastete zäh unter dem Balkengewölb, das die
Axt feldbrauner russischer Muschiks gezimmert. Der Staatsrat Morskoi
blies, um sich davor zu schützen, ein Papyros-Gewirbel durch die
Nasenlöcher, blieb kurzatmig und wohlbeleibt, wie er war, stehen und
sagte:

„Feldwebel!... Fragen Sie wieder, wo der General eigentlich ist!“

Er war in der Uniform eines hohen Zivil-Tschinowniks mit übergehängtem
Mantel. Sein Begleiter, der Panslawist Korsakoff, trug die Genfer Binde
auf dem Ärmel seines Waschbär-Pelzes. Eine Ottermütze bis über die
Ohren. Filzstiefel bis über die Kniee. Man sah von dem hageren, blonden
Mann wenig mehr als die fanatisch starren, hellblauen Augen unter der
angelaufenen Brille.

„Der General Schiraj? Weiter vorn!... In der ersten
Schützengrabenstellung!...“

Ein kalmückisch ausschauender Hauptmann murmelte es. Er saß auf einem
Empire-Sofa, das schon halb eingesunken war, und hatte die Füße auf den
Seidendamast hinaufgezogen, um sie vor dem Urbrei von Wasser, Schlamm,
Kohlstrunken, Hühnerfedern, Knochen und menschlichen Auswurfstoffen am
Boden zu schützen.

„~Ah -- voilà un courant d’air!~“ Der Hofmeister Morskoi atmete
draußen zwischen den engen Wänden des nach vorn führenden Sappengangs
auf, und wehte sich mit der Hand Luft in das rote, von schwarzen
Bartkoteletten umrahmte Gesicht. „Daß sie nicht krank werden, in diesen
verpesteten Höhlen...“

„Sie sind’s gewohnt, die Seelchen!... Diese Falken. Sie haben es im
Winter in ihren Dörfern auch nicht anders!“

Der Professor Korsakoff hatte, während er das sagte, keinen weiteren
Ausblick als dicht vor sich die steten Winkel des Wegs und über
sich, zwischen den verschneiten Grabenkämmen, einen Streifen
flockenwimmelnden Himmels. Der Feldwebel, der den beiden Moskauer
Politikern als Führer diente, drehte sich mit breitem Lachen um:

„Belieben Sie, Herren!... Dies ist doch kein Winter... Für uns
Sibirier!...“

Auf dem Auftritt des Schützengrabens, in den sie eintraten, hielten die
langen, sehnigen Kerle dieses sibirischen Corps Wacht. Ihre Pelzmützen
-- daheim in den Urwäldern erbeutet oder Liebesgaben aus den Muffen der
vornehmen Petersburger Damenwelt, -- waren so hoch, daß sie bei einer
unvorsichtigen Bewegung des Trägers bis über die Brüstung ragten.
Aber es hatte keine Not. Es war überflüssig, daß man die eingebauten
Maschinengewehre durch Decken gegen Sicht schützte. Der Schnee besorgte
das selbst. Er fiel immer noch in dichten Strähnen. Man konnte kaum
hundert Schritte weit sehen. Kein Schuß fiel in diesem zähen Grau
und Weiß der Luft. Der Krieg schlief. Weithin längs der endlosen
Front hörte man nichts als ab und zu das Gekrächze der Krähen. Der
General Schiraj war, wie er selbst von sich sagte, keiner von diesen
Petersburger Herrchen. Er war ein Feldsoldat. Er hatte im Frieden im
Kaukasus und in Transkaspien gestanden. Er paßte auch jetzt zu seiner
Brigade von Sibiriaken. Die beiden Besucher trafen ihn am Fernsprecher
in einem vorn in den äußersten Schützengraben hineingebauten
Bretter-Unterstand. Er redete selbst mit seinem ruhigen, tief durch
seinen verschneiten Vollbart grollenden Baß nach hinten, mit der
Division seines Abschnitts. Neben ihm stand sein Adjutant. Auf einem
Bänkchen hockte ein blasser, jüdisch-russischer Einjähriger, mit um die
Ohren festgeschnallten Hörrohren, die ihn mit der Beobachtungsstelle
verbanden. Ein Unteroffizier saß neben ihm, bereit, durch das zweite
Telefon Anfragen nach dorthin zu übermitteln.

„Nein, Exzellenz! Gar nichts Neues! Drüben Alles ruhig wie immer!“
sprach der General in den Apparat. „Aber ich bin in Unruhe... Unsere
Gräben füllen sich mit Schnee... Wie?... Beim Feinde auch...?... Ach
so... Ja ... wenn +wir+ etwa anzugreifen gedenken...“

Er lachte tief und befriedigt, hängte ab und begrüßte mit Wangenküssen
die beiden Gesinnungsgenossen.

„Nun, Ihr hier?... das deutet auf wichtige Dinge ... solch seltener
Besuch...“

„Sie werden heute noch einen anderen Besuch erhalten, Pawel
Antonowitsch!“

„Und wen das?“

„Schjelting!“

„Vortrefflich! Warum habt Ihr ihn nicht gleich mitgebracht?“

„Wir kommen lieber allein!“

„Und er auch!“

Korsakoff hatte, während er das sagte, die Brille abgenommen. Nun
war der Glanz seiner blauen Augen noch unheimlicher. Unerbittlicher.
Schiraj dachte sich, wie schon oft bei seinem Anblick: Gut, daß du
Panslawist bist, Bruder! Sonst wärst Du Nihilist geworden, mit Deinem
Fanatismus! Er schaute von dem Einen zum Andern.

„Ihr seid so seltsam... Was ist?...“

„Man kann es nicht hier sagen! Gehen wir hinaus!“

„Einen Augenblick!“

Der sibirische General erledigte noch einige Dienstbefehle. Als sie
dann aus dem Dämmern in das Freie traten, hatte das Schneetreiben
aufgehört. Die Luft war für einen Augenblick dieses Spätnachmittags
hell. Sofort zwitscherte es oben in ihr von den huschenden,
unsichtbaren Vögelchen. Schiraj hielt das schwere Schweigen seiner
Freunde für Kanonenfieber.

„Es kann Euch nichts geschehen!“ sagte er. „Sie sind mehr als eine
halbe Werst von hier! Steckt nur nicht den Kopf über den Graben!“

Der Hofmeister lehnte mit einer Schulterbewegung ab.

„Nicht das!... Du glaubst, der Feind sei eine halbe Werst von Dir.
Nein: Er ist hinter uns...“

Schiraj wandte unwillkürlich seine breitschulterige Pelzgestalt in
jähem Schrecken nach rückwärts. Er dachte an die masurischen Seen.

„Schon wieder?... Chindenburg?...“

„Nicht Chindenburg!... Der Feind, von dem ich spreche, ist ein
russischer, Bruder...“

„Erbarme Dich...“

„... und heißt Nicolai Wassiljewitsch Schjelting!“

Über ihnen, hoch im Grau, zog ein durchdringendes Heulen, verlor sich.
Dumpf trug die Winterluft den Knall des Abschusses hinterher, dann, wie
ein Echo von irgendwo hinten, den Einschlag.

„Gleich fangen sie doch an...,“ sagte der General vor sich hin. An der
Front begann es zu plackern. Es tönte in unregelmäßigen Raumabständen
und Zwischenzeiten von hüben und drüben: ‚Peng‘, und wieder kurz und
scharf: ‚Peng‘, wie bei einer Treibjagd im Winter. Dann wandelte sich
Schiraj wieder vom Militär zum Allrussen.

„Schjelting ... sagt Ihr...?“

„Ja. Er.“

„Er ist doch Einer der Unseren...“

„Nicht mehr.“

„Jeder schenkte ihm doch sein Vertrauen... öffnete ihm sein Herz...“

„Das eben ist ja die Gefahr...“

„Wie denn Gefahr?...“

„Er weiß zu viel!“ sprach Korsakoff zwischen den Zähnen.

„Viel zu viel...“

„Er hat unser Aller Freundschaft mißbraucht!“

Der General Schiraj schüttelte den Kopf.

„Traurig ist es!... Um mir das zu melden, seid Ihr gekommen?...“

„Um Schjeltings Ankunft zu melden...“

„Was machen Sie für ein Gesicht, Wladimir Timoféitsch?“

Korsakoffs hageres, von der Kälte bleiches und echt russisches Antlitz
mit den vorstehenden Backenknochen, den weiten Nasenflügeln, dem wirren
und dünnen, blonden Bart war leidend vor Entschlossenheit. Kränklich,
unruhig, aber fanatisch starr. Er versetzte:

„Sie sagten eben selbst, daß es hier gefährlich ist. Mancher geht an
die Front, aber er kehrt nicht zurück!“

„So ist es! Gott allein weiß das.“

„Zuweilen auch der sündige Mensch...“

„Ich verstehe nicht, Wassili Andréitsch!“

„Er meint,“ sagte Korsakoff halblaut an Stelle des Hofmeisters,
„Mancher bestimmt sich selbst sein Schicksal! Wer heißt Schjelting,
sich hier heraus zu begeben? Er ist nicht dumm. Er weiß recht wohl, daß
hier überall der Tod ist...“

„Aber nicht für ihn!... Ich werde ihn schon schützen...“

Morskoi sah sich um, ob Niemand in nächster Nähe sei, trat dicht an den
General heran und murmelte ihm etwas ins Ohr. Der prallte zurück und
bekreuzigte sich rasch zwei-, dreimal über der Brust, wo er, unter der
Uniform, das Heiligenbild trug, das ihm seine Frau mitgegeben.

„Wie denn?... Wassili Andréitsch...“

Wieder ein paar geflüsterte Worte. Schiraj’s gesundes und derbes
Antlitz wurde bleich. Er streckte abwehrend die Hände aus.

„Laßt mich... Mit Gott: Geht!“

„Höre doch!“

„Ich hab’s vergessen! Es ist genug gesprochen!“

Das schwärzliche Gewimmel der Krähen hob sich hundertfach von dem
Schnee des Bodens und flatterte krächzend zu dem schützenden Geäst des
Kiefernwaldes. Schiraj kannte die Flucht der Tiere vor dem, was sie
für einen fürchterlichen, riesengroßen Vogel Greif hielten. Er schaute
rasch zum Himmel. An dessen Nebelwölbung entstanden kurz hintereinander
zarte, weiße Federwölkchen, bildeten ein unregelmäßiges, rasch
heraufsteigendes Zickzack.

„Kaum ist die Luft rein, da ist er schon da...,“ sagte er und musterte
finster die surrende Libelle. Man mußte geübte Augen haben, um sie und
das Kreuz auf ihren Tragflächen zu erkennen. Dann lächelte er grimmig.
Er spürte die ersten neuen Schneeflocken im Gesicht. Immer mehr...
‚Kehr’ Du nur um, Du Verwegener da oben -- sonst findest Du trotz roter
und grüner Lichter nicht mehr Heimweg und Landungsplatz ... aha... Er
dreht ab ... steigt ... verschwindet... Aber gesehen hat er doch wieder
genug...‘

„Nochmals...: Mit Gott...“

„Pawel Antonowitsch: Das Mütterchen Rußland will es!“

„Aber nicht von mir...“

„Gerade Sie wählte Gott...“

„Ich bin Soldat. Ich stehe im Feld...“

„... gegen alle Feinde russischer Erde! Auch hinter uns steht das
apokalyptische Tier...“

„Der Antichrist des Kleinmuts...“

„Des Verrats!“

„Schjelting weiß zu viel!“

„Viel zu viel!“

„... weil er Gönner hat ... bis hoch ... hoch da oben... Hütet Euch...
Schjelting ist gefährlich...“

„Gerade den Höchsten wurde er lästig...“

„Denen, die zu belohnen wissen, Pawel Antonowitsch...“

In der Ferne hämmerte es noch einmal kurz und wütend: Tak ... tak ...
tak ... tak ... tak... Der deutsche Flieger mußte noch für einen
Augenblick in die Sicht von Maschinengewehren gekommen sein. Dann
wurde es wieder überall still. Der Schnee fiel eintönig herunter. Die
Dämmerung kam. Der General Schiraj wandte sich ab.

„Gehen wir heim!“ sagte er. „Hier ist nicht der Ort...“

Sie schritten wieder durch das endlose Grabengewirr des unterirdischen
russischen Misthaufens, stiegen ins Abendlicht hinauf, wanderten im
Gänsemarsch und, der Vorsicht halber, mit zwanzig Schritt Abstand,
eine halbe Stunde lang finster und stumm durch den Schnee bis zu
einem einsamen Bauernhaus. Da wohnte der General. Die Stube eines
geflüchteten ostpreußischen Besitzers mit einem Bett, einem Gottesbild
in der Ecke und einem Kartentisch genügte ihm. Er wusch sich zuweilen
an der Pumpe draußen im Hof. Er setzte sich schwer und müde und sagte:

„Erzählt!“

„Da ist nicht viel zu erzählen, Pawel Antonowitsch! Die Deutschen haben
Schjelting verhext!“

„Eine Deutsche!“ sprach Korsakoff höhnisch. „In Wiesbaden. Man weiß es
jetzt!“

„Nicht sie! Was gehen uns jetzt die Weiber an? Nein: die Deutschen --
begreifen Sie wohl: alle Deutschen zusammen haben Schjelting verhext.
Er war während ihrer Mobilmachung in Deutschland, entkam...“

„Ich weiß es...,“ sagte der General. „Nun entsinn’ ich mich: Schon
damals, im September, erschien er mir verändert...“

„Er wurde tiefsinnig, zog sich auf seine Güter im Twer’schen zurück.
Wir dachten: Bleibe Du da! Es geht auch ohne Dich!... Aber als nun um
Weihnachten die gefährliche Schwenkung in unserem heiligen Rußland
kam...“

„Ah ... die Friedensfreunde ... diese Westlichen...,“ sprach Schiraj
grollend.

„... da taucht er plötzlich wieder auf ... gesellt sich eben zu ihnen
... entwickelt neue Thesen ... verwirrt die Köpfe der Unwissenden ...
macht die Gutgesinnten irre ... nun... Ihr kennt ja seine glänzende
Art...“

„... und was predigt er nun?“

„Deutschland ist anders, als wir dachten!... Verstehst Du wohl, Bruder!
Nie werden wir es schlagen, ehe wir nicht selber anders werden!... Es
sind dort Mächte, die uns fehlen...“

„Das begreife, wer mag...“

„Diese Mächte sollen wir in uns gewinnen. Ohne sie stürzen wir in den
Abgrund. Bis wir sie besitzen, sollen Eure siegreichen Heere aus dem
eroberten Feindesland zurück...“

„Ah...“

„Man wird sich vertragen ... man wird Euch verabschieden...“

„Das erlaubt Gott nicht...“

„Erwägen Sie, wie gefährlich solch ein Mensch ist... Er hat viele
Anhänger ... er kennt alle Wege ... bis hoch hinauf...“

„Wahrlich...“

„Er verrät Euren Eifer. Alle russischen Mühen. Ein deutscher Teufel
wohnt in ihm...“

„Und doch kann man nicht wissen...,“ sagte der General Schiraj langsam
mit seiner tiefen Stimme.

„...Was denn?...“

„... wie es oben aussieht ... ganz oben...“

„Unbesorgt!“

„Vielleicht ist er klüger als wir! Vielleicht weiß er besser, was man
neuerdings hoch da oben beliebt!“

„Ich werde Ihnen zeigen, was man oben will!“

Morskoi zog ein Blatt Papier hervor und hielt es dem General im
Halbdunkel vor die Augen. Der las die Unterschrift. Diesen Namen kannte
er. Den kannte Jeder im Heere des Zaren. Unwillkürlich wurde seine
Haltung straff und dienstlich, und er sagte dumpf, als wäre Jener
selber anwesend:

„Ich höre...“

Es war schon gegen Mitternacht, als der Staatsrat Morskoi weit
hinter der Front auf dem verschneiten Marktplatz des ostpreußischen
Städtchens stand, in dem die hohen Stäbe der vorne kämpfenden
russischen Armee lagen. Im Schein der elektrischen Straßenlaternen
ragten rechts und links die Giebel und Brandmauern rauchgeschwärzter
Ruinen. Das eingeäscherte Landratsgebäude. Das zerstörte Postamt. Ein
zuckerhutartiger Kirchturmstumpf in dunkler Nacht. Granatenlöcher in
den oberen Stockwerken von Häusern, in deren Erdgeschoß noch Menschen
wohnten und Kaufmannswaren hinter den Schaufenstern feilhielten.
Dazwischen unversehrte Straßenzeilen mit lichthellen Scheiben. Geschrei
und Gelächter, Klaviergeklimper und Geigenspiel. Gesang von russischen
Zigeunerinnen aus einem Hinterzimmer des Gasthauses.

An den Fenstern daneben waren die Läden geschlossen. Aber man sah
durch die Spalten russische Offiziere um einen Tisch. Alte und junge.
Alle ernst und gespannt. Auf dem Tisch die Spielkarten. Der Hofmeister
runzelte die Stirne. Er stieg die Treppe hinauf und dachte sich:
‚Nun -- man hat den Schnaps verboten! Man kann nicht alle Laster
unterdrücken‘. Oben öffnete er die Türe zu einem Vorraum und schlug dem
Soldaten, der ihn im Halbdunkel daran hindern wollte, mit der Faust ins
Gesicht.

„Pascholl, Du Hundesohn!... Siehst Du versoffenes Viehstück nicht, daß
Du einen vornehmen Herrn vor Dir hast?“

„Ich bin schuldig, Euer Hochwohlgeboren!“

Der Staatsrat Morskoi trat ein. Innen in dem Zimmer brauten dicke
Papyrossenwolken über den Teegläsern und Sektkelchen. Russische Stimmen
lärmten erregt durcheinander. Erhitzte slawische Gesichter. Ein Gedräng
von Gestalten in Uniform und Zivil um einen Einzigen in der Ecke herum.

„Du kommst gerade zurecht!“ sagte mit der trockenen Skepsis eines
alten Parisers der kleine, hagere, selbst hier im Felde stutzerhaft
gekleidete Fürst Bulagin und zog die rechte Schulter noch höher, als
sie von Natur schon war. „Sie haben diesen Schjelting, diesen Fuchs,
in die Enge getrieben!... ~Il ne faut jurer de rien~... ich glaube
doch sonst an nichts, aber an ihn hätte ich geglaubt!“

Nicolai von Schjelting stand, die Hände in den Taschen, vor dem
schreienden Halbkreis, an die Tischkante gelehnt. Er war sehr bleich,
mit tiefliegenden Augen. Aber er sprach gelassen wie sonst und hielt
dabei die Zigarette schief zwischen den Zähnen.

„Wer +wir+ sind, braucht man mir nicht zu sagen. Wie sollte ich es
nicht wissen? Aber wer Jene sind, das wißt Ihr nicht!“

„Wilhelms Windhunde sind es!“ brüllte ein riesiger Gardeoberst. „Man
wird sie schon verjagen!“

„Ich aber weiß es! Denn ich war unter ihnen, als dies Volk aufstand!
Man trieb es nicht -- begreift es nur -- wie wir die Muschiks in die
Viehwagen treiben. Es kam von selbst...“

„Das verstehe ich nun schon gar nicht...,“ brummte ein dicker, brutaler
Petersburger Flügeladjutant neben ihm in den Bart.

„Es war da ein Geist... überall war er... ~comme le
Saint-Esprit~...“

„Lästere nicht!“ grollte es dumpf hinter ihm.

„Wir hatten ihn nicht erkannt! Ihn können wir nicht schlagen...“

„Er ist übergeschnappt!“ sagte Bulagin seelenruhig zu Morskoi.

„Ich fürchte es schon seit Wochen, Knjäs!“

„... und darum sollten wir es zügeln, unser feuriges, russisches
Dreigespann, ehe wir am Abgrund sind!“

„Er hält es mit Witte!“

„Mit Witte! Mit Witte!“

Viele Stimmen riefen den verhaßten Namen. Schjelting zuckte die
Achseln.

„Beliebt zu antworten: Ist Graf Witte Einer der Übelwollenden oder ist
er durch die Gnade des Gossudar Senator und...“

„Pah... Senator...“ Die Anderen lachten. Man wußte: der einst
Allmächtige war in Ungnade.

„Wann ward es verboten, mit ihm zu sprechen?“

„Das tatst Du also?“

„Ich trat in Konversationen mit ihm ein,“ sagte Schjelting kaltblütig.
Ein neuer Aufschrei folgte seinen Worten.

„Witte will den Frieden mit Deutschland!“

„Ich auch!“

„Aha ... da hat man Dich!“

„Wie ist es denn mit Eurer Zusammenkunft in Wilna, nächsten Monat..?
Ja, leugnen Sie nur, Nicolai Wassiljewitsch... Wir wissen Alles!“

„Wie sollte ich es leugnen! Wir werden uns in Wilna versammeln! Wir
wollen Rußland retten...“

„... indem Ihr es verratet...“

„Witte verwirrt die breite russische Seele...“

„Aber nicht mehr lange...,“ sagte eine tiefe Stimme. Man wußte nicht,
woher sie kam. Man drehte sich um. Keiner gab sich den Anschein, als
habe er gesprochen. Nur ein Nachhall blieb -- eine Erinnerung ...
das Bild einer Petersburger Liste, die den Eingeweihten hier von
Augenschein vertraut war. Eine lange Reihe von Namen. Und hinter vielen
Verdächtigen ein Kreuz: das Todesurteil, von unbekannter Hand...

„...In der Tat... Nichts wird Rußland auf seinem Siegeszug hemmen!“
sagte nach langer Pause der Hofmeister Morskoi. Ein schweres Schweigen
antwortete ihm. Es war die Stille der Zustimmung. Schjelting war jetzt
ganz fahl geworden. Er nahm die Papyros aus den Lippen, um lauter zu
reden.

„Tun wir es aus Liebe zu Deutschland? Wahrlich nicht! Wir hassen es!“

Morskoi sah ihn rasch und zweifelnd an und dachte sich: Solltest Du
doch noch am Leben bleiben, Bruder?

„Ich bin klüger, als die Meisten unter Euch!“ sagte Schjelting
hochmütig. „Ich sehe sechs Monate weiter! Schreit nur! Ich weiß es.
Deutschland ist unser Feind. Aber wir haben einen Schlimmeren!“

„Wo?... Wo?“

„Soll ich ihn Euch nennen? Aber erschreckt nicht...“

Die Türe ging auf. Baumlang, in Khaki, mit frischem Lächeln um die
blendend weißen Zähne, glattrasiert, guter Dinge stand da der britische
Major der Coldstream-Garde, den Schjelting vom April her aus Paris
kannte. Hinter ihm her schlüpfte wie der Mephisto hinter seinem Herrn
ein gelbliches, steinern grinsendes Männlein in Feldgelb, der Japaner.

Der Lord drückte den Russen die Hand, daß ihnen die Finger krachten. Er
strahlte von aufmunterndem Freimut.

„Gute Nachrichten!“ sagte er herzlich. „Die Hungersnot in Deutschland
wächst! Ernstliche Unruhen in Berlin!“

„Ah ... ah...“

„Die deutsche Flotte entscheidend geschlagen. Helgoland vor dem Fall!“

„Gott hilft!“

„Ernstliche Anzeichen deuten auf die Räumung Belgiens...“

„Es ist nicht wahr...“ sagte Schjelting. „Ich müßte es doch wissen, als
Mann einer Belgierin...“

„Still...“

„Es ist Alles nicht wahr! Ihr meint, die Deutschen hätten mich verhext.
Nein -- die da verzaubern die ganze Welt...“

Er wies auf den Briten, der ihn freundlich anlächelte, weil er sein
Russisch nicht verstand.

„Nicolai Wassiljewitsch ... dort ist Gott und die Türe... Fort mit
Ihnen!“

„Es sind Lügner. Sie Alle. Sie belügen Gott im Himmel und die Menschen
auf Erden. Sie belügen auch Euch und unser heiliges Rußland...“

„Geh...“

„Hört mich, Brüder...“

„Man will Dich nicht hören ... fort...“

„Was will der Gentleman?“ frug der Brite und rieb sich lächelnd die
vor Kälte starren Hände. Der Hofmeister Morskoi suchte sein Englisch
zusammen. Er folgte mit starrem Blick der Gestalt Schjeltings.

„Nichts von Bedeutung, Eure Lordschaft. Unser Landsmann erkennt selber,
daß er hier zu viel ist. Draußen reichen ihm schon die Soldaten den
Pelz.“

Nicolai von Schjelting trat vor den Gasthof. In der Nacht hielt da ein
Schlitten. Ein Unteroffizier mit hoher sibirischer Kegelmütze stand
daneben und grüßte.

„Schickt Dich der General Schiraj?“

„Der General Schiraj, Euer Hochwohlgeboren!“

„Dann setze Dich neben den Fuhrmann und sage ihm Bescheid!“

Der Schlitten fuhr in das sternenlose Dunkel der Winternacht hinaus.
Die letzten Haustrümmer blieben zurück. Baumstümpfe und aufrechte
Ulmen säumten die zerfahrene Straße. In schwarzer Ferne flackerten ein
paar purpurne Irrlichter, blähten sich auf, duckten sich, spielten und
blieben doch auf einer Stelle...

„Unteroffizier ... brennen dort Dörfer?“

„Dörfer, Euer Hochwohlgeboren!“

„So geht Ihr zurück, weil Ihr sie anzündet?“

„Man sagt, es sei eine List, Euer Hochwohlgeboren! Wir würden nächstens
angreifen!“

Um sie herum lebte die Chaussee. Ein brauner Heerwurm kroch auf ihr
hin, stumm, stumpf und dumpf. Kein lautes Wort fiel zwischen den
starrenden Gewehren. Es war, als hätte sich die russische Erde selbst
auf die Wanderschaft begeben und riesele da in Gestalt von tausenden
und tausenden von lehmfarbenen Menschenbrocken durch die Nacht. Es nahm
kein Ende. Schjelting dachte sich, in seine Decken gewickelt: Seit
Stunden fahre ich an der Infanterie vorbei. Wie viele mögen es sein?
Zehntausend? Fünfzigtausend? Wer kann es wissen? Wer kennt Rußlands
Größe? Und doch ... und doch...

Er fröstelte. Der Schein der Schlittenlichter fiel auf Reihen
von rollenden Kesseln und Schornsteinen. Struppige Ponys vor
den Feldküchen. Dann Wagen ... zwölf ... hundert ... fünfhundert
hintereinander ... man konnte sie nicht mehr zählen... Es knarrte und
ächzte durch das Dunkel. Es schien, als würden sie von angespannten
Rauchwolken gezogen, so dampften die Pferde in der eisigen Nacht. Man
hörte ihr Keuchen. Niemand sprach...

„Was ist das, Unteroffizier?“

„Munitions-Kolonnen, Euer Hochwohlgeboren!“

Und immer weiter dies sonderbare Wandern der Schatten, dies
geheimnisvolle Stampfen und Waten und Murmeln der Nacht, dies
Vorübergleiten von Umrissen, die der Tag nicht kannte, diese Kälte, die
immer schneidender durch die Hüllen drang und die die da draußen nicht
zu spüren schienen. Es war etwas Seelenloses und Körperloses in ihrem
unbestimmten Geisterzug nach vorn, etwas von einer blinden Naturgewalt,
als flögen Wolken am Himmel dahin, lösten sich beim Morgengrauen,
schwänden. Und jener einsame Offizier da am Grabenrand würde im
Tageslicht zum Weidenstumpf und jene Massen von Menschen dort auf dem
Feld zum Binsenröhricht und diese Reitergruppe mit dem Blinken der
elektrischen Laterne auf der Generalstabskarte zu einem Granitblock am
Weg.

Unheimlich war das... Besser der Tag als die Nacht. Aber der
Unteroffizier auf dem Bock drehte sich um und sagte:

„Die Nacht ist gut! Niemand schießt. Man kommt leicht nach vorn...“

Und Schjelting dachte sich: ‚Wer bist Du eigentlich da oben, der meine
Gedanken errät?... Du hast so eine sonderbare Stimme...‘

Der Schlitten hielt an. Denn nun kam ihm auch von links ein Zug von
Planwagen entgegen. Sie fuhren ganz langsam. Ihre Laternen schaukelten.

„Was ist in den Karren, Unteroffizier?“

„Verwundete, Euer Hochwohlgeboren!“

Hundert Karren ... zweihundert ... dreihundert... Schjelting sagte sich:
Still seid Ihr da drinnen ... seltsam still...

Weiter ... weiter... Im Lichtstreifen der Laterne Grabkreuze auf den
Feldern. Immer mehr und mehr. Rehwild huschte zwischen den verwitterten
Pickelhauben, den vergilbten Tannenkränzen auf den Russengräbern.
Jetzt ganze Reihen da, wo man die Gefallenen früherer Kämpfe in
zugeschütteten Schützengräben beerdigt hatte. Die ganze Leere umher
schien auf einmal ein weiter Kirchhof. Die Straße war öde geworden.
Nur ein Licht. Ein Leiterwagen wankte heran. Vorn, auf dem Stroh, ein
Pope und eine Frauengestalt. Dahinter ein Sarg. Auf ihm ein Säbel und
eine russische Generalsmütze. Vorbei. Der Schlitten schwenkte plötzlich
wie erschrocken von der Hauptstraße ab und glitt seitwärts auf einen
schmalen Weg in den Tannenwald hinein. Nun war es stockdunkel. Kein
Laut umher. Dann ein Ruck. Ein Halt.

„Belieben Sie, die Leiter hinunterzusteigen!“

Eine Luke in dem beschneiten Boden öffnete sich. Ein vorsündflutliches
Ungetüm wohnte in dem unterirdischen, elektrisch beleuchteten
Raum. Ein Riesenmörser mit seiner dreifachen Auswölbung und seinen
Schaufelrädern, das glotzende Maul steil aus seinem Versteck nach der
Decke von verschneiten Fichtenzweigen gerichtet, die den Lindwurm vor
Feindesaugen schützte und zurückgeschoben wurde, wenn er den Inhalt
der halbmannslangen Geschoßkörbe neben ihm brüllend über die Wipfel
des Tannenwalds in den Himmel hinaufspie. Ein Offizier saß auf einem
Schemel, an die Lafette angelehnt. Schjelting hielt ihn für den General
Schiraj und trat auf ihn zu.

Aber das Gesicht, das sich langsam nach ihm wandte, kannte er nicht.
Es hatte den länglichen Schnitt der Ukräne, war abgezehrt bis auf die
Knochen, mit in den Höhlen eingesunkenen Augen. Schjelting dachte sich:
‚Der sieht ja aus wie der Tod!‘ Er reichte dem bleichen, unbekannten
Offizier die Hand. Die des Anderen war kalt und bleiern.

„Der General Schiraj erwartet Sie vorne in der Stellung...“

Der Offizier sagte es dumpf und teilnahmlos.

„Ist es weit bis dahin?“

„Sie sind hier dicht hinter der Front. Eine halbe Stunde zu Fuß.“

„Kann ich nicht fahren?“

„Man wird sie umwerfen! Es sind überall frische Granatlöcher im Schnee.
Man muß den Fußstapfen dazwischen folgen.“

„Und wie kommt man bei Tag zurück? Bald graut der Morgen...“

„Zurück? Nun ... irgendwie ... macht nichts...“

Der Artillerie-Offizier sagte es mit tiefer Gleichgiltigkeit und
schaute, den Rücken an die eine Auswulstung des Mörserschlunds
gelehnt, geistesabwesend vor sich hin. Schjelting fröstelte.

„Man kann dabei fallen...“

„Man fällt ... man lebt ... einerlei...“

„... wie denn einerlei?... Nun ja ... wenn man nur siegt...“

„Man siegt ... man siegt nicht... Gott allein weiß es...“

Schjelting dachte sich: ‚Nun, Du Bruder mit dem Totenkopf ... hast
Du Furcht...?‘ Da sah er auf dessen Brust das Georgskreuz, die
Auszeichnung für Tapferkeit.

„Wie lange sind Sie im Felde?...“

„Seit Mitte Juli alten Stils!“ sagte der fahle Artillerist und
blickte stumpf nach dem stählernen Götzen neben ihm, der, einem
kleinen Elefanten an Größe nah, fast bis an die Decke aus beschneitem
Tannenreisig reichte. „Wir haben viel zusammen durchgemacht ...
der Spitzbube da und ich...“ Er horchte jäh mit seinem gespannten
Geistergesicht in die Nacht und machte dann eine matte Handbewegung.
„Noch ist es ja dunkel ... ich höre immer die Flieger brummen... Macht
nichts...“

Und Schjelting sagte sich:... ‚Der Krieg..! In Petersburg ... in den
Salons meiner Freundinnen ... hatten wir ihn seit Jahren auf den
Lippen... ~c’est ma guerre~... der Krieg... Das war der Einzug in
Berlin ... Mütterchen Moskau in Fahnenpracht... Glockenklang von der
Isaak-Kathedrale... Das waren Orden ... Gelder ... Exzellenzentitel...
Nun ist dies hier der Krieg ... dieses unbestimmte Schwarz ... diese
Grabkreuze ... diese weite Leere ... diese furchtbare, erwartungsvolle
Stille wie vor etwas Ungeheurem ... dieser Mann da mit den
niedergebrochenen Nerven...‘ Er mußte sich zusammennehmen, um einen
Schauer zu unterdrücken.

„Nun denn ... ich gehe...“

„Mit Gott!“

Der Unteroffizier schritt im Finstern voraus, schwer, bärtig, im Pelz,
aufrecht wie ein Bär durch den Schnee. Schjelting folgte ihm. Er sagte
sich: Wir führen Rußland nicht mehr! Ich folge diesem Stück russischer
Erde da vor mir, die wir aufstehen und wandeln hießen, -- folge ihr in
das dunkle Land vor mir hinein...

Ein Aufstöhnen des Winterwinds. Er hielt die Pelzärmel schützend vor
Mund und Nase. Ihm wurde beinahe übel. Das war wieder der belgische
Geruch...

„Unteroffizier ... liegen hier irgendwo Leichen?“

„Überall, Euer Hochwohlgeboren!“

„Warum bergt Ihr sie nicht?“

„Man findet sie nicht im Wald und Schnee, Euer Hochwohlgeboren...“

In der Ferne, über den deutschen Stellungen, stieg eine Rakete auf.
Eine märchenhafte, zauberweiße Lichtkugel stand am Himmel, erhellte
mild die ganze Gegend...

„Unteroffizier ... halt ... halt...“

„Was denn, Euer Hochwohlgeboren?“

„Der Hochwald da neben uns ist ja voll Menschen ... da ... sie sitzen um
das Loch im Schnee ... ein Hauptmann vorne...“

„Die Unsern, Euer Hochwohlgeboren!“

„Erfrieren die denn nicht?“

„Wie sollten sie frieren? Sie sind doch alle tot. Die Granate... Man
wird sie morgen holen...“

Ah... ~c’est ma guerre~... Schjelting dachte sich: Dein Leben war
dieser Nachtwanderung durch den Schnee geweiht. Durch ganz Europa bist
Du gefahren, in allen Zungen hast Du gesprochen, an Menschen aller Art
hast Du Rubel verteilt, Du kauftest die Seelen, die Druckerschwärze
und die Telegrafendrähte ... prägtest, was da kommen sollte, in Formeln
und Methoden. Gut... Aber wer findet sie jetzt wieder, die große
Rechenmaschine -- wer bedient sie in dieser furchtbaren, bleiernen
Nacht über Europa?

Er blieb stehen. Durch das Dunkel kam ein Laut, der ihm die Haare
sträuben machte. Nicht von Menschenstimmen...

„Unteroffizier... Was ist das?... Nie vernahm ich es...“

„Der Schrei eines sterbenden Pferds, Euer Hochwohlgeboren!“

Der Riese im Pelz vor ihm ging weiter, bückte sich plötzlich an einer
dunkleren Stelle des Bodens, bekreuzigte sich, las etwas auf und legte
es vorsichtig zur Seite. Es war ein abgerissener Menschenarm...

„Unteroffizier...“

„Vorwärts, Euer Hochwohlgeboren! Es wird schon hell!“

„Unteroffizier ... ich will lieber umkehren...“

„Nein, Euer Hochwohlgeboren...“

„Wie denn...“

„Man befahl mir, Euer Hochwohlgeboren nach vorn zu bringen...“

„Doch nicht mit Gewalt...“

„Man befahl mir, Euer Hochwohlgeboren!“

Im ersten Morgengrauen stand der bärtige, finstere Riese vor ihm
wie das heilige Rußland selber. An Stelle der Axt, die er sonst als
Waldarbeiter im weißen, heimischen Birkensumpf über dem roten Hemd
getragen, hatte er jetzt das vollgeladene Magazingewehr über den Pelz
gehängt. Er sah düster und drohend aus. Schjelting dachte sich: Wenn
ich umdrehe, ist er im Stande und schickt mir, dem Zivilisten, den er
vor den General führen soll, aus mißverstandenem Diensteifer eine Kugel
nach. Auf einmal begriff er, daß er in Lebensgefahr war -- nach hinten
sowohl, wo der Tag aufstieg, wie nach vorne, wo der Deutsche war. Er
spürte kalten Schweiß unter dem Rand seiner Pelzmütze. Er merkte, daß
seine Nerven ihn verließen. Er hatte keinen Willen mehr. Er tat, was
dieser Bauer in Feldbraun von ihm wollte. Er ging weiter und sagte
sich: Die Welt verkehrt sich. Ich dachte, den Muschik gegen den Feind
zu schicken. Statt dessen führt der Muschik jetzt mich an die Front...

Man sah nun schon weithin die verschneite, leichtgewellte Ebene.
Sie lag völlig tot und leer. Eine ausgestorbene Öde wie die Tundren
Sibiriens. Ein paar Krähen das Einzige, was sich regte. Ihr Krächzen
der einzige Laut. Schjelting dachte sich: dabei hausen da, soweit das
Auge reicht, tausende und zehntausende menschliche Maulwürfe in ihren
unterirdischen Gängen, huschen geschäftig hin und her, graben, wühlen,
scharren sich immer tiefer gegeneinander ein ... leben in Löchern ...
das leise Rauchgekräusel aus den gemauerten Kaminen ihrer Unterstände
allein verrät das Dasein der Höhlenbewohner...

„Heute sind sie ganz still ... die Deutschen ...,“ sagte der
Unteroffizier in seinem rauhen Brummbaß durch das Todesschweigen.

„Werden sie nicht noch schießen?“

„Warum schießen? Es ist Winter. Sie schlafen. Wie wir...“

Sie gingen durch den Schlammpfuhl des russischen Labyrinths von
Schützengräben, immer weiter im Zickzack, ganz nach vorn. Der Tag
wollte nicht recht kommen. Nebelschwaden strichen wieder über die
unterirdische Stadt hin und hüllten sie in zähes Grau.

„Wo ist der General?“

„Bald, Euer Hochwohlgeboren!“

Schjelting biß die Zähne zusammen. Er dachte sich: Was ist das Alles?
Wohin geh’ ich?... Hier hat nun doch die Welt ein Ende... Da, wo
der Sanitätssoldat mit dem Genfer Kreuz am Pelzärmel im Schutz des
äußersten Grabens steht... Was hast Du mich an der Schulter zu
fassen?... Packe Dich, Kerl...

Er sah zwei fanatische blaue Augen auf sich gerichtet und erkannte im
Nebel den Professor Korsakoff. Der zog ihn zwei Schritte zur Seite.

„Sie suchen Schiraj, Nicolai Wassiljewitsch?“

„Ja. Ihn.“

„Sie wollen auch ihn für Eure Wilnaer Pläne gewinnen?“

„Jeden, der noch in letzter Stunde auf mich hört!“

„Kehren Sie um, Nicolai Wassiljewitsch...“

„Wie?“

„Man wird Sie geleiten!... Gehen Sie auf Ihre Güter! Warten Sie dort
innen in Rußland den Gang der Dinge ab!“

Über Schjelting kam der Zorn. Er richtete sich in seinem früheren
Hochmut auf.

„Habt Ihr ein Recht, mich zu verschicken -- he?“

„Man warnt Sie!... Sie sind uns hier im Wege...“

„Euch frage ich nicht! Wo ist der General?“

„Sie wollen trotzdem zu ihm?“

„Ja!“

„Nun denn, mit Gott! Ich begleite Sie!“ sagte Korsakoff ruhig. „Kommen
Sie! Wir steigen hier herauf...!“

„Wie das? Vor den Schützengraben...?“

„Man sieht ja nicht zehn Fuß weit im Nebel! Wie sollte der Feind uns
bemerken! Vorwärts...“

„Belieben Euer Hochwohlgeboren gut Acht zu geben. Der Weg durch den
Drahtverhau ist eng...“

Der riesenhafte Unteroffizier stapfte voraus. Es ging quer wie durch
einen schmalen, tief verschneiten Weinberg, dessen Pfähle kahl aus dem
Schnee ragten. Schnee hing auch an den Drähten, die sie kreuz und quer
verbanden. Dies seltsame, verstrickte Band verlor sich zu beiden Seiten
ins Wesenlose des Nebels. Unwillkürlich dachte sich Schjelting: Es
reicht vom Njemen bis zu den Karpathen. Es spannt sich von der Schweiz
bis zur Nordsee. Nie sah die Welt etwas Ähnliches... Und dann ein
Schrecken in ihm: Was tue ich außerhalb von ihm ... da draußen ... im
unbetretenen Land ... im schweigenden Reich des Todes zwischen Freund
und Feind...?

Und ist da der Platz für einen General...?

Sie waren einen Abhang hinabgestiegen. Hinter ihnen, auf der Höhe des
Kammes, zeichnete sich noch unbestimmt der Rand des Schützengrabens ab.
Ein paar Pelzzipfel von hohen Mützen bewegten sich unruhig dahinter,
als lauerten da Wölfe. Vor ihnen endete die Böschung jäh, in einem
senkrecht an der Rückwand einer verlassenen Kiesgrube zehn Fuß tief
abstürzenden toten Winkel. Schjelting stand allein mit dem Panslawisten
und dem bewaffneten, finsteren Muschik hart an dem Abgrund in dem
dicken, totenstillen Nebel. Es schien ihm, als seien die drei die
letzten Menschen auf der vom Krieg in Nichts verwandelten Welt. Seine
Stimme war plötzlich heiser vor Schrecken.

„Wo ist Schiraj?“

„Geduld! Blicken Sie nach vorn, Euer Hochwohlgeboren!...“

„Er kann doch nicht vom Feind her kommen...“

„Er ist überall...“

Schjelting hob das verzerrte Gesicht.

„Ich höre seine Stimme ganz deutlich da hinten ... im Schützengraben...“

„Sie täuschen sich, Nicolai Wassiljewitsch...“

„Und Morskois Baß!... Wie kommt er hierher?“

„Er ist es nicht...“

„Er muß im Automobil an mir vorbeigefahren sein ... laßt mich zurück...“

„Still... Erbarmen Sie sich ... der Feind hört uns ja...“

„Zurück...“

„Beruhigen sich Euer Hochwohlgeboren...“

„Warum machst Du Dich schußfertig ... um Gotteswillen ...?“

„Um den General zu schützen!... Da kommt er ja auf uns zu...“

„Wo denn ... wo?“

„Da vor uns ... vom Feinde her... Er ist ein Falke... Ihm tun die Kugeln
nichts...“

„Ich kann ihn nicht sehen...“

„Der Nebel ist zu dicht... Beugen sich Euer Hochwohlgeboren nur noch
etwas mehr vor...“

„Da ist kein General... Ihr lügt...“

Nicolai von Schjelting wollte sich umwenden. Vor sich sah er Korsakoffs
entschlossenes und beinahe leidendes Fanatikergesicht. Ein jäher,
schlenkernder Handwink des Panslawisten zu dem Unteroffizier hin, so,
als scheuche er eine Fliege:

„Nun, Bruder: Mit Gott!“

In den Schützengräben hinten drehten sich einen Augenblick horchend
bärtige Köpfe. Das kurze, scharfe ‚Peng‘ vor dem Drahtverhau war der
erste Schuß dieses Morgens. Die Posten auf dem Auftritt spähten durch
den Spalt der Schutzschilder:

„Wer schießt denn da vorn?“

„Kommen die Deutschen?“

„Nein. Es ist nichts!“

„Es ist ja alles dick voll Nebel, Brüder...“

„Noch ist Nebel. Aber er löst sich. Bald haben wir hellen Tag.“

Das Licht kam. Ein grauer Winterhimmel wölbte sich über der Welt.
Nicolai von Schjelting schaute noch einmal zu ihm auf, allein lang
hingestreckt am Fuß des Kieshangs, wo ihn Niemand sah, einsam im
leeren Todesland zwischen den beiden Linien, und das war seine letzte
Erkenntnis: Der Krieg ... mein Krieg ... ich habe ihn gerufen ... da ist
er ... geht über mich hinweg ... und all das hinter mir...

Im russischen Schützengraben, vierzig, fünfzig Schritte entfernt,
raunte es: Er glaubte, den Baß Schirajs zu unterscheiden, die Stimmen
der Anderen, während seine Augen sich in dem fahlen Nichts über ihm
erlöschend verloren. Durch diese Leere senkte sich ein pfeilschnelles
Heulen wie ein Raubvogel auf die Russenschanze dahinten, krallte
sich ein, schleuderte mit einem Donnerschlag Schnee, Erde, Gasqualm,
Bretter, Draht und Menschen kirchturmhoch in die Luft, spielte da oben
mit dem Kopf des Generals Schiraj, mit dem Rumpf des Hofmeisters, den
Gliedern des Unteroffiziers, den Fetzen des Panslawisten und hüllte
vergrollend den Greuel in schmutzigen Rauch. Aber schon raste der
nächste der stählernen Stoßvögel heran. Schwärme von ihnen schwirrten
unsichtbar aus unbekannter deutscher Ferne. Es waren die Donner des
jüngsten Gerichts, unter denen an diesem Februarmorgen Nicolai von
Schjelting beim Beginn der Winterschlacht von Masuren in das Nichts
hinüberging. Ungeheure Leiterwagen rasselten am Himmel, Walfische
durchzischten das Luftmeer, Riesen gurgelten sich und wieherten in
den Wolken, Schiffssirenen heulten, Gassenjungen pfiffen schrill
durch die Finger, Teufel johlten, Zyklopen hämmerten in wildem Takt
auf dröhnendem Ambos und drüben, in den Russenlinien, verwandelte
sich jäh das Toben des unsichtbaren wütenden Heers in aufspritzenden
weißen Schnee und auffliegenden schwarzen Qualm und aufschießende rote
Feuerzungen und stille feldbraune Hügel von Menschen, in einstürzende
Erdhöhlen, klaffende Krater, betrunken umkippende Mammuth-Kanonen,
sich langsam verneigende Kirchtürme, in der Luft tanzende Bäume,
rasch, wie beim Untergang von Pompeji, zu Steinbrüchen sich wandelnde
Städtchen.

Tagelang und tageweit, von Lasdehnen bis hinter Lyck, donnerte die
Winterschlacht. Schjelting hörte es nicht mehr. Er hörte nicht mehr
das Hurrah, mit dem sie Alle durch den Schnee herankamen, die er in
Nord und Süd in Deutschland geschaut, grau, unermeßlich, unaufhaltsam
anschwellend wie das graue Meer zur Stunde der Flut, und über ihn und
den Schanzenbrei dahinter wegwogten, gen Osten, den Russen nach.

Dann, viel später, sagte eine Stimme:

„Die Kiesgrube da kommt uns gerade zu paß! Da liegt ohnedies schon
Einer drin!“

Es waren deutsche Landsturm-Männer. Sie hatten ihre Gewehre
in Pyramiden gestellt und die Pfeifen im Bart. Sie trugen die
steifgefrorenen toten Russen aus den Schützengräben und senkten sie
auf den Grund des Abhangs, auf dem Schjelting lag. Die Muschiks kamen
zu ihm herab und leisteten ihm, der sie in den Krieg geführt, im Tode
Gesellschaft. Einer nach dem andern legte sich auf ihn. Sie bedeckten
ihn, türmten sich über ihn mit ihren feierlichen und starren, groben
Gesichtern. Die menschgewordene und wieder erstorbene breite russische
Erde wurde sein Grab. Die Unzähligen machten auch ihn zur Zahl. Die
Namenlosen löschten seinen Namen, schieden ihn aus der Erinnerung aus,
als einen Verschollenen, von dem Niemand wußte, wo und wie er sein Ende
gefunden.

„...’Morgen, Leute!“

„Guten Morgen, Exzellenz!“

Der weißhaarige, blitzäugige Preußengeneral, der, die Zigarre im Mund,
die Autobrille über dem Mützenrand, die Hände in den Manteltaschen, von
der Chaussee her mit seinem Stab über das Feld kam, war sehr guter
Dinge. In seinem Abschnitt hatte die Geschichte geklappt. Überall.
Fern, gegen Süden hin, tönten noch in langen Abständen die letzten
Donnerschläge des verhallenden Wintergewitters.

„Ach, hören Sie ’mal, lieber Isebrink...“

„Exzellenz...“

Der Generalstabs-Major Isebrink trat, die Rechte an dem Helm, an den
Kommandierenden heran.

„Haben Sie die Tagebücher bei sich, die man da oben in dem
Mörsertrichter bei dem russischen General ohne Kopf gefunden hat?“

„Jawohl, Exzellenz!“

„Das Zeug scheint mir doch sehr wichtig. Namentlich auch in politischer
Hinsicht. Am besten ist es, Sie fahren ’mal selbst rasch zurück und
bringen es dem A. O. K. In ein paar Stunden sind Sie ja wieder da!“

„Zu Befehl, Exzellenz!“

Der Major Isebrink jagte in offenem, feldgrauen Rennwagen gegen Westen.
Leichtverwundete Offiziere fuhren, soviel Platz war, dichtgedrängt mit
verbundenen Köpfen und Armen mit. Der Chauffeur vorn in seinem langen
Mantel von chinesischem Ziegenhaar blies auf dem Horn unaufhörlich das
Oberkommando-Signal: Straße frei. Nur so kam man, rechts den nicht
endenden Kolonnen entgegen, links an dem ebenso endlosen Strom der
Gefangenen vorbei. Stund’ um Stunde, über Hügel und Täler floß die
fahlbraune, pelzmützige Flut. Sie wanderte auf allen Wegen, soweit nur
rechts und links das Auge reichte. Fern am Horizont noch spann sich,
in unwahrscheinlicher Länge, der entwaffnete, russische Heerwurm.
Die Wälder lebten und entsandten aus ihrem Dickicht tausendköpfige,
hohläugige, von fern schon die Hände hochhaltende Herden brauner
Hungerleider. Armeestäbe stiegen unvermutet aus den Sümpfen und kamen,
die Säbel in der Hand, heran, die Einen düster den Blick am Boden,
die Andern froh lachend und schwatzend. Batterienweise standen mit
zerschmetterten Schutzschilden und verbeulten Lafetten die genommenen
Geschütze am Weg. Nahe der Stadt wurde das Gewimmel der Gefangenen
zu einem braunen Meer. Die Offiziere fuhren fast als die einzigen
Deutschen durch diese Tausende von struppigen Köpfen und Kerlen, von
denen Keiner an Widerstand dachte. Nur ein stilles Gewinsel:

„Bissele Brot ... bissele Brot...“

„Maul halten! Pratzen weg...“

Am Weg stand eine von den Russen in die Luft gesprengte Kirche.
Aufgebrochene Särge davor, deren sterblichen Inhalt sie in den Teich
des sinnlos eingeäscherten Dorfs geworfen hatten. Ostpreußischer
Landsturm zog vorbei, sah die Greuel der Kosacken. Frisch und grimmig
klang sein Gesang:

    „Oh Hindenburg, oh Hindenburg,
    wie schön sind Deine Hiebe...“

und ferne noch, in der Eile des Marsches hinter dem Sieg her:

    „Dein Lorbeer grünt zu jeder Zeit,
    im Winter auch, wenn’s friert und schneit...“

In der Stadt hingen zwischen zerschossenen Häusern und verkohltem
Gebälk die schwarz-weiß-roten und die schwarz-weißen Siegesfahnen. Von
allen Türmen läuteten die Glocken die letzte Befreiung Ostpreußens ein.
Der Quartiermeister mußte lauter als gewöhnlich sprechen, während er
die russischen Schriftstücke in Empfang nahm.

„Danke sehr! Sonst noch Etwas?“

„Nein, Herr General!“

„Fahren Sie gleich zurück?“

„Zu Befehl!“

Der Major Isebrink sprang wieder in das Auto, sah nach der Uhr:

„Na los, Mann Gottes! Warum nicht über den Marktplatz?“

Aber da sah er selbst: da war kein Durchkommen. Den füllte an den
Häusern rechts und links ein brauner, stumpfer, stiller Sumpf von
gefangenen Russen, in der Mitte ein grauer, brausender, jubelnder
Wildbach von deutschen Kriegern. Sie umstrudelten Etwas, sie hoben
die Hände, sie sangen, sie jauchzten... Isebrink sprang im Wagen auf
und auch über sein feldgebräuntes Gesicht glitt plötzlich eine wilde,
strahlende Freude. Die Autoreihe da vorn wies am Kühler nicht die vier
schwarz-weißen rotgerahmten Würfel des Oberkommando-Fähnchens, nicht
einmal die Anfangsbuchstaben des Oberbefehlshaber Ost, sonst hier, bei
der Wacht an der Weichsel, das Sinnbild höchster Kommandogewalt. Eine
Purpurstandarte flatterte über den grauen Helmen, dem tausendstimmigen
Hurrah. Kaiser Wilhelm stand inmitten der Seinen, der Kriegsherr
inmitten des herrlichsten Heers aller Völker und Zeiten.

Lange schaute der Major Isebrink hinüber. Dann besann er sich, daß
es für ihn höchste Zeit war, weiterzukommen. Er fuhr durch eine
Nebengasse. Aber auch da standen die Menschen und schwenkten die Hüte
und drängten sich, um von ferne den Kaiser zu sehen. Er beugte sich
stehend in dem Wagen vor. Und da die Ostpreußen in ihrem Jubel der
Befreiung nicht auf ihn achteten, sprach er, ohne es zu wissen, das
Geheimnis seiner Zeit und seines Volks und seiner Siege aus:

„Bitte, lassen Sie mich durch: Ich muß in den Dienst!“


+Ende+



Von +Rudolph Stratz+ erschienen ferner im Verlage Ullstein & Co, Berlin:


Arme Thea

Roman. 221.-230. Tausend

Preis 1 Mark

Das Schicksal der armen Mädchen, die schutz- und haltlos im Leben
stehen, bis es ihnen gelingt, sich zur Höhe emporzuschwingen und in der
Liebe und in der Arbeit ihr volles Glück zu finden, hat hier Rudolph
Stratz seinem feinsinnigen Roman zugrunde gelegt. Ein froher und
gesunder Optimismus spricht aus dem prächtigen und fesselnden Werke.


Lieb Vaterland

Roman. 226.-235. Tausend

Preis 1 Mark

(31. Tausend, Preis 3 Mark, vergriffen)

Die Erzählung führt in die unruhigen Jahre des Marokkokonfliktes, in
die Zeit, die den Gegensatz Deutschlands zu Frankreich zum ersten Male
verstärkte. Ein Buch von Deutschlands Kraft und Größe ist dieser Roman
mit dem Titel des ehernen Schlachtliedes, ein Buch, das die deutsche
Tüchtigkeit verherrlicht.



Von +Rudolph Stratz+ erschienen in anderen Verlagen:


                                                         brosch.    geb.
                                                          Mark      Mark

    =Der weiße Tod.= Roman aus der Gletscherwelt.
    25. Auflage                                           3.--      4.--

    =Herzblut.= Roman. 23. Auflage                        4.--      5.--

    =Für dich.= Roman. 25. Auflage                        4.--      5.--

    =Liebestrank.= Roman. 20. Auflage                     4.--      5.--

    =Du bist die Ruh.= Roman aus dem
    deutschen Leben Moskaus. 10. Auflage                  3.50      4.50

    =Gib mir die Hand.= Odessaer Roman.
    14. Auflage                                           4.--      5.--

    =Du Schwert zu meiner Linken.= Ein Roman
    aus der deutschen Armee. 45. Aufl.                    4.50      5.50

    =Seine englische Frau.= Roman. 40. Aufl.              4.50      5.50

    =Stark wie die Mark.= Roman. 30. Aufl.                5.--      6.--

    =Ich harr’ des Glücks.= Novellen. 6. Aufl.            3.50      4.50

    =Es war ein Traum.= Berliner Novellen.
    5. Auflage                                            3.50      4.50

    =Die zwölfte Stunde.= Novellen. 5. Aufl.              2.--      3.--

    =König und Kärrner.= Roman                            4.--      5.--



Männer und Völker


Bismarcks Erbe

Von Professor Hans Delbrück


Das englische Gesicht


Die Welt des Islam

Von Professor Friedrich Delitzsch


Moltke

Von A. v. Janson, General d. I. z. D.


Afrikanische Köpfe Von ~Dr.~ Carl Peters


Ägypten

Von Professor Georg Steindorff


Die Träger des deutschen Idealismus

Von Professor Rudolf Eucken


Jeder Band 1 Mark


Verlag Ullstein & Co, Berlin



Männer und Völker


Weltpolitik und Weltkatastrophe 1890-1915

Von Professor Paul Herre


Französische Staatsmänner

Von Max Nordau


Die Kolonialreiche der Großmächte

Von Legationsrat ~Dr.~ Zimmermann


Russische Köpfe

Von Professor ~Dr.~ Theodor Schiemann


Deutschlands wirtschaftliche Widerstandskraft

Von Professor Gustaf Cassel

Englische Staatsmänner

Von Sil-Vara


Amerika

Von C. A. Bratter


Jeder Band 1 Mark


Verlag Ullstein & Co, Berlin



                            [Illustration]

                             Ullstein & Co
                             Berlin SW 68





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