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Title: Christuslegenden
Author: Lagerlöf, Selma
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
    Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
    fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Wortvarianten,
    wie z.B. ‚Knie‘ (Plural) und ‚Kniee‘, wurden nicht vereinheitlicht,
    sofern diese im Text mehrfach auftreten.

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      gesperrt:  +Pluszeichen+
      Antiqua:   ~Tilden~

  ####################################################################



                           Christuslegenden



                            Selma Lagerlöf

                           Christuslegenden

             Berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen

                                  von

                             Francis Maro

                          28. bis 30. Tausend

                            [Illustration]

                             Albert Langen
                    Verlag für Literatur und Kunst
                             München 1921



                  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
                 Einbände von E. A. Enders in Leipzig



Inhalt[A]


                                                       Seite

    Die heilige Nacht                                    VII

    Die Vision des Kaisers                                11

    Der Brunnen der weisen Männer                         23

    Das Kindlein von Bethlehem                            37

    Die Flucht nach Ägypten                               69

    In Nazareth                                           81

    Im Tempel                                             91

    Das Schweißtuch der heiligen Veronika                117

    Das Rotkehlchen                                      187

    Unser Herr und der heilige Petrus                    199

    Die Lichtflamme                                      215


[A] Die Legende „Die Vision des Kaisers“ ist dem Lagerlöfschen Romane
„Wunder des Antichrist“, die Legenden „Die Flucht nach Ägypten“ und
„Unser Herr und der heilige Petrus“ sind dem Buche „Legenden und
Erzählungen“ von Selma Lagerlöf entnommen. Autorisierte deutsche
Übersetzungen beider Werke erschienen im Verlage von Franz Kirchheim in
Mainz, der die Aufnahme der betreffenden drei Legenden in diesen Band
freundlich gestattete.



Die heilige Nacht


[Illustration]


Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß
kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe.

Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf
dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt.

Ich weiß es nicht anders, als daß Großmutter dasaß und erzählte, vom
Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten
zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut
ging wie uns.

Ich erinnere mich nicht an sehr viel von meiner Großmutter. Ich
erinnere mich, daß sie schönes, kreideweißes Haar hatte, und daß sie
sehr gebückt ging, und daß sie immer dasaß und an einem Strumpfe
strickte.

Dann erinnere ich mich auch, daß sie, wenn sie ein Märchen erzählt
hatte, ihre Hand auf meinen Kopf zu legen pflegte, und dann sagte sie:
„Und das alles ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst.“

Ich entsinne mich auch, daß sie schöne Lieder singen konnte, aber das
tat sie nicht alle Tage. Eines dieser Lieder handelte von einem Ritter
und einer Meerjungfrau, und es hatte den Kehrreim: „Es weht so kalt, es
weht so kalt, wohl über die weite See.“

Dann entsinne ich mich eines kleinen Gebets, das sie mich lehrte, und
eines Psalmverses.

Von allen den Geschichten, die sie mir erzählte, habe ich nur eine
schwache, unklare Erinnerung. Nur an eine einzige von ihnen erinnere
ich mich so gut, daß ich sie erzählen könnte. Es ist eine kleine
Geschichte von Jesu Geburt.

Seht, das ist beinah alles, was ich noch von meiner Großmutter weiß,
außer dem, woran ich mich am besten erinnere, nämlich dem großen
Schmerz, als sie dahinging.

Ich erinnere mich an den Morgen, an dem das Ecksofa leer stand und es
unmöglich war, zu begreifen, wie die Stunden des Tages zu Ende gehen
sollten Daran erinnere ich mich. Das vergesse ich nie.

Und ich erinnere mich, daß wir Kinder hingeführt wurden, um die Hand
der Toten zu küssen. Und wir hatten Angst, es zu tun, aber da sagte
uns jemand, daß wir nun zum letztenmal Großmutter für alle die Freude
danken könnten, die sie uns gebracht hatte.

Und ich erinnere mich, wie Märchen und Lieder vom Hause wegfuhren, in
einen langen, schwarzen Sarg gepackt, und niemals wiederkamen.

Ich erinnere mich, daß etwas aus dem Leben verschwunden war. Es war,
als hätte sich die Tür zu einer ganzen schönen, verzauberten Welt
geschlossen, in der wir früher frei aus- und eingehen durften. Und nun
gab es niemand mehr, der sich darauf verstand, diese Tür zu öffnen.

Und ich erinnere mich, daß wir Kinder so allmählich lernten, mit
Spielzeug und Puppen zu spielen und zu leben wie andere Kinder auch,
und da konnte es ja den Anschein haben, als vermißten wir Großmutter
nicht mehr, als erinnerten wir uns nicht mehr an sie.

Aber noch heute, nach vierzig Jahren, wie ich da sitze und die Legenden
über Christus sammle, die ich drüben im Morgenland gehört habe, wacht
die kleine Geschichte von Jesu Geburt, die meine Großmutter zu erzählen
pflegte, in mir auf. Und ich bekomme Lust, sie noch einmal zu erzählen
und sie auch in meine Sammlung mit aufzunehmen.

       *       *       *       *       *

Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer
Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein.
Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die
andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, daß wir nicht zum
Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.

Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu
erzählen an.

„Es war einmal ein Mann,“ sagte sie, „der in die dunkle Nacht
hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und
klopfte an. ‚Ihr lieben Leute, helft mir!‘ sagte er. ‚Mein Weib hat
eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, um sie und den
Kleinen zu erwärmen.‘

Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemand
antwortete ihm.

Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen
Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer
im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und
schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde.

Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er,
daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie
erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen
auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann
sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre
scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie
auf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen
schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle
hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen
wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten
Schaden.

Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte.
Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, daß
er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der
Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren
wachte auf oder regte sich.“

So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich
es nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht,
Großmutter?“ fragte ich. „Das wirst du nach einem Weilchen schon
erfahren,“ sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort.

„Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war
ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen
war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen,
spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine
Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade
auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste,
an ihm vorbei, weit über das Feld.“

Als Großmutter soweit gekommen war, unterbrach ich sie abermals.
„Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?“ Aber
Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr
mit ihrer Erzählung fort.

„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: ‚Guter Freund, hilf
mir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein
geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.‘

Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß
die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht
vor ihm davon gelaufen waren und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte,
da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das
abzuschlagen, was er begehrte.

‚Nimm, soviel du brauchst,‘ sagte er zu dem Manne.

Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und
Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde
hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen
können.

Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: ‚Nimm, soviel du brauchst!‘
Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der
Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der
Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen
seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel,
sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen
wären.“

Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen.
„Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?“

„Das wirst du schon hören,“ sagte Großmutter, und dann erzählte sie
weiter.

„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles
sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: ‚Was kann dies für
eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht
erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?‘ Er rief
den Fremden zurück und sagte zu ihm: ‚Was ist dies für eine Nacht? Und
woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?‘

Da sagte der Mann: ‚Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es
nicht siehst.‘ Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer
anzünden und Weib und Kind wärmen zu können.

Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht
verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand
auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war.

Da sah der Hirt, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin
zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte
liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.

Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort
in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war,
wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kinde zu helfen. Und er
löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes
Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das
Kind darauf betten.

Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig
sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher
nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.

Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen,
silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein
Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, daß in
dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden
erlösen solle.

Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie
niemand etwas zuleide tun wollten.

Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie
überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und
sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg
gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen
Blick auf das Kind.

Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das
alles sah er in der dunkeln Nacht, in der er früher nichts zu gewahren
vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren,
daß er auf die Kniee fiel und Gott dankte.“

Aber als Großmutter soweit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber
was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen
in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren
vermögen.“

Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies
sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und
du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt
nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben,
die Gottes Herrlichkeit sehen können.“

[Illustration]



[Illustration]



Die Vision des Kaisers


[Illustration]


Es war zu der Zeit, da Augustus Kaiser in Rom war und Herodes König in
Jerusalem.

Da geschah es einmal, daß eine sehr große und heilige Nacht sich auf
die Erde herabsenkte. Es war die dunkelste Nacht, die man noch je
gesehen hatte; man hätte glauben können, die ganze Erde sei unter
ein Kellergewölbe geraten. Es war unmöglich, Wasser von Land zu
unterscheiden, und man konnte sich auf dem vertrautesten Wege nicht
zurechtfinden. Und dies konnte nicht anders sein, denn vom Himmel kam
kein Lichtstrahl. Alle Sterne waren daheim in ihren Häusern geblieben,
und der liebliche Mond hielt sein Gesicht abgewendet.

Und ebenso tief wie die Dunkelheit war auch das Schweigen und die
Stille. Die Flüsse hatten in ihrem Laufe innegehalten, kein Lüftchen
regte sich, und selbst das Espenlaub hatte zu zittern aufgehört.
Wäre man dem Meere entlang gegangen, so hätte man gefunden, daß die
Welle nicht mehr an den Strand schlug, und wäre man durch die Wüste
gewandert, so hätte der Sand nicht unter dem Fuße geknirscht. Alles
war versteinert und regungslos, um nicht die heilige Nacht zu stören.
Das Gras vermaß sich nicht zu wachsen, der Tau konnte nicht fallen, und
die Blumen wagten nicht Wohlgeruch auszuhauchen.

In dieser Nacht jagten die Raubtiere nicht, bissen die Schlangen nicht,
bellten die Hunde nicht. Und was noch herrlicher war, keins von den
leblosen Dingen hätte die Weihe der Nacht dadurch stören wollen, daß es
sich zu einer bösen Tat hergab. Kein Dietrich hätte ein Schloß öffnen
können, und kein Messer wäre imstande gewesen, Blut zu vergießen.

Eben in dieser Nacht trat in Rom ein kleines Häuflein Menschen aus den
kaiserlichen Gemächern auf den Palatin und nahm seinen Weg über das
Forum hinauf zum Kapitol. An dem eben zur Neige gegangenen Tage hatten
nämlich die Räte den Kaiser gefragt, ob er etwas dagegen einzuwenden
habe, daß sie ihm auf Roms heiligem Berge einen Tempel errichteten.
Aber Augustus hatte nicht sogleich seine Zustimmung gegeben. Er wußte
nicht, ob es den Göttern wohlgefällig wäre, daß er einen Tempel
neben dem ihren besäße, und er hatte geantwortet, daß er erst seinem
Schutzgeist ein nächtliches Opfer bringen wolle, um dadurch ihren
Willen in dieser Sache zu erforschen. Er war es nun, der, von einigen
Vertrauten geleitet, daran ging, dieses Opfer darzubringen.

Augustus ließ sich in seiner Sänfte tragen, denn er war alt, und die
hohen Treppen des Kapitols fielen ihm beschwerlich. Er hielt selbst
den Käfig mit den Tauben, die er opfern wollte. Nicht Priester, noch
Soldaten oder Ratsherren begleiteten ihn, sondern nur seine nächsten
Freunde. Fackelträger gingen ihm voran, gleichsam um einen Weg in
das nächtliche Dunkel zu bahnen, und ihm folgten Sklaven, die den
dreifüßigen Altar trugen, die Kohlen, die Messer, das heilige Feuer und
alles andere, was für das Opfer erforderlich war.

Auf dem Wege plauderte der Kaiser fröhlich mit seinen Vertrauten, und
darum bemerkte niemand die unsägliche Stille und Verschwiegenheit der
Nacht. Erst als sie auf dem obersten Teile des Kapitols den leeren
Platz erreicht hatten, der für den neuen Tempel auserkoren war, wurde
ihnen offenbar, daß etwas Ungewöhnliches bevorstand.

Dies konnte nicht eine Nacht sein wie alle andern, denn oben auf dem
Rande des Felsens sahen sie das wunderbarste Wesen. Zuerst glaubten
sie, es sei ein alter, verwitterter Olivenstamm, dann meinten sie, ein
uraltes Steinbild vom Jupitertempel sei auf den Felsen hinausgewandert.
Endlich gewahrten sie, daß dies niemand sein konnte als die alte
Sibylle.

Etwas so Altes, so Wettergebräuntes und so Riesengroßes hatten sie
niemals gesehen. Diese alte Frau war schreckenerregend. Wäre der Kaiser
nicht gewesen, sie hätten sich alle heim in ihre Betten geflüchtet.
„Sie ist es,“ flüsterten sie einander zu, „die der Jahre so viele
zählt, wie es Sandkörner an der Küste ihres Heimatland gibt. Warum ist
sie gerade in dieser Nacht aus ihrer Höhle gekommen? Was kündet sie
dem Kaiser und dem Reiche, sie, die ihre Prophezeiungen auf die Blätter
der Bäume schreibt und weiß, daß der Wind das Orakelwort dem zuträgt,
für den es bestimmt ist?“

Sie waren so erschrocken, daß sie alle auf die Knie gesunken wären und
mit ihren Stirnen den Boden berührt hätten, wenn die Sibylle nur eine
Bewegung gemacht hätte. Aber sie saß so still, als wäre sie leblos. Sie
saß auf dem äußersten Rande des Felsens zusammengekauert, und die Augen
mit der Hand beschattend, spähte sie hinaus in die Nacht. Sie saß da,
als hätte sie den Hügel erstiegen, um etwas, was sich in weiter Ferne
zutrug, besser zu sehen. Sie konnte also etwas sehen, sie, in einer
solchen Nacht!

In demselben Augenblick merkten der Kaiser und alle in seinem Gefolge,
wie tief die Finsternis war. Keiner von ihnen konnte eine Handbreit
vor sich sehen. Und welche Stille, welches Schweigen! Nicht einmal das
dumpfe Gemurmel des Tiber konnten sie vernehmen. Aber die Luft wollte
sie ersticken, der kalte Schweiß trat ihnen auf die Stirn, und ihre
Hände waren starr und kraftlos. Sie dachten, es müsse etwas Furchtbares
bevorstehen.

Aber niemand wollte zeigen, daß er Angst hatte, sondern alle sagten dem
Kaiser, daß dies ein gutes Omen sei: die ganze Natur hielte den Atem
an, um einen neuen Gott zu grüßen.

Sie forderten Augustus auf, an das Opfer zu gehen und sagten, daß die
alte Sibylle wahrscheinlich aus ihrer Höhle gekommen wäre, um seinen
Genius zu grüßen.

Aber in Wahrheit war die alte Sibylle von einer Vision so gefesselt,
daß sie es nicht einmal wußte, daß Augustus auf das Kapitol gekommen
war. Sie war im Geiste in ein fernes Land versetzt, und dort meinte sie
über eine große Ebene zu wandern. In der Dunkelheit stieß sie mit dem
Fuße unablässig an etwas, was sie für Erdhügelchen hielt. Sie bückte
sich und tastete mit der Hand. Nein, es waren keine Erdhügelchen,
sondern Schafe. Sie wanderte zwischen großen schlafenden Schafherden.

Nun gewahrte sie das Feuer der Hirten. Es brannte mitten auf dem Felde,
und sie tastete sich hin. Die Hirten lagen um das Feuer und schliefen,
und neben sich hatten sie lange, spitzige Stäbe, mit denen sie die
Herden gegen wilde Tiere zu verteidigen pflegten. Aber die kleinen
Tiere mit den funkelnden Augen und den buschigen Schwänzen, die sich
zum Feuer schlichen, waren das nicht Schakale? Und doch schleuderten
ihnen die Hirten keine Stäbe nach, die Hunde schliefen weiter, die
Schafe flohen nicht, und die wilden Tiere legten sich an der Seite der
Menschen zur Ruhe.

Dies sah die Sibylle, aber sie wußte nichts von dem, was sich hinter
ihr auf der Bergeshöhe zutrug. Sie wußte nicht, daß man da einen Altar
errichtete, die Kohlen entzündete, das Räucherwerk ausstreute, und
daß der Kaiser die eine Taube aus dem Käfig nahm, um sie zu opfern.
Aber seine Hände waren so erstarrt, daß er den Vogel nicht zu halten
vermochte. Mit einem einzigen Flügelschlage befreite sich die Taube und
verschwand, hinauf in das nächtliche Dunkel.

Als dies geschah, blickten die Hofleute mißtrauisch zu der alten
Sibylle hin. Sie glaubten, daß sie es wäre, die das Unglück verschuldet
hätte.

Konnten sie wissen, daß die Sibylle noch immer an dem Kohlenfeuer
der Hirten zu stehen meinte und daß sie nun einem schwachen Klange
lauschte, der zitternd durch die totenstille Nacht drang? Sie hörte ihn
lange, ehe sie merkte, daß er nicht von der Erde kam, sondern aus den
Wolken. Endlich erhob sie das Haupt, und da sah sie lichte, schimmernde
Gehalten durch die Dunkelheit gleiten. Es waren kleine Engelscharen,
die gar holdselig singend und gleichsam suchend über der weiten Ebene
hin und wieder flogen.

Während die Sibylle so dem Engelgesange lauschte, bereitete sich der
Kaiser gerade zu einem neuen Opfer. Er wusch seine Hände, reinigte den
Altar und ließ sich die zweite Taube reichen. Aber obgleich er sich
jetzt bis zum Äußersten anstrengte, um sie festzuhalten, entglitt der
glatte Körper der Taube seiner Hand, und der Vogel schwang sich in die
undurchdringliche Nacht empor.

Den Kaiser faßte ein Grauen. Er stürzte vor dem leeren Altar auf die
Kniee und betete zu seinem Genius. Er rief ihn um Kraft an, das Unheil
abzuwenden, das diese Nacht zu künden schien.

Auch davon hatte die Sibylle nichts gehört. Sie lauschte mit ganzer
Seele dem Engelgesang, der immer stärker wurde. Schließlich wurde
er so mächtig, daß er die Hirten erweckte. Sie richteten sich auf
dem Ellenbogen empor und sahen leuchtende Scharen silberweißer Engel
in langen, wogenden Reihen gleich Zugvögeln droben durch das Dunkel
schweben. Einige hatten Lauten und Violinen in den Händen, andre hatten
Zithern und Harfen, und ihr Gesang klang fröhlich wie Kinderlachen und
sorglos wie Lerchenzwitschern. Als die Hirten dieses hörten, machten
sie sich auf, um zu dem Bergstädtlein zu gehen, wo sie daheim waren,
und von dem Wunder zu erzählen.

Sie wanderten über einen schmalen, geschlängelten Pfad, und die alte
Sibylle folgte ihnen. Mit einem Male wurde es oben auf dem Berge
hell. Ein großer klarer Stern flammte mitten darüber auf, und die
Stadt auf dem Berggipfel schimmerte wie Silber im Sternenlicht. Alle
die umherirrenden Engelscharen eilten unter Jubelrufen hin, und die
Hirten beschleunigten ihre Schritte, so daß sie beinahe liefen. Als sie
die Stadt erreicht hatten, fanden sie, daß die Engel sich über einem
niedrigen Stall in der Nähe des Stadttors gesammelt hatten. Es war ein
ärmlicher Bau mit einem Dache aus Stroh und dem nackten Felsen als
Rückwand. Darüber stand der Stern, und dahin scharten sich immer mehr
und mehr Engel. Einige setzten sich auf das Strohdach oder ließen sich
auf der steilen Felswand hinter dem Hause nieder, andere schwebten mit
flatternden Flügeln darüber. Hoch, hoch hinauf war die Luft von den
strahlenden Schwingen verklärt.

In demselben Augenblick, in dem der Stern über dem Bergstädtchen
aufflammte, erwachte die ganze Natur, und die Männer, die auf der Höhe
des Kapitols standen, mußten es auch merken. Sie fühlten frische,
aber kosende Winde den Raum durchwehen, süße Wohlgerüche strömten
rings um sie empor, Bäume rauschten, der Tiber begann zu murmeln, die
Sterne strahlten, und der Mond stand mit einem Male hoch am Himmel und
erleuchtete die Welt. Und aus den Wolken schwangen sich zwei Tauben
nieder und setzten sich dem Kaiser auf die Schultern.

Als dies Wunder geschah, richtete sich Augustus in stolzer Freude
empor, aber seine Freunde und Sklaven stürzten auf die Kniee. „~Ave
Caesar!~“ riefen sie. „Dein Genius hat dir geantwortet. Du bist der
Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden soll.“

Und die Huldigung, die die hingerissenen Männer dem Kaiser zujubelten,
war so laut, daß die alte Sibylle sie hörte. Sie wurde davon aus ihren
Gesichten erweckt. Sie erhob sich von ihrem Platze auf dem Felsenrand
und trat unter die Menschen. Es war, als hätte eine dunkle Wolke sich
aus dem Abgrund erhoben, um über die Bergeshöhe hinabzustürzen. Sie war
erschreckend in ihrem Alter. Wirres Haar hing in spärlichen Zotteln
um ihren Kopf, die Gelenke der Glieder waren vergrößert, und die
gedunkelte Haut überzog den Körper hart wie Baumrinde, Runzel an Runzel.

Aber gewaltig und ehrfurchtgebietend schritt sie auf den Kaiser zu. Mit
der einen Hand umfaßte sie sein Handgelenk, mit der andern wies sie
nach dem fernen Osten.

„Sieh!“ gebot sie ihm, und der Kaiser schlug die Augen auf und sah.
Der Raum tat sich vor seinen Blicken auf, und sie drangen ins ferne
Morgenland. Und er sah einen dürftigen Stall unter einer steilen
Felswand, und in der offenen Tür einige knieende Hirten. Im Stalle sah
er eine junge Mutter auf den Knieen vor einem kleinen Kindlein, das auf
einem Strohbündel am Boden lag.

Und die großen knochigen Finger der Sibylle wiesen auf diesem arme Kind.

„~Ave Caesar!~“ sagte die Sibylle mit einem Hohnlachen. „Da ist
der Gott, der auf der Höhe des Kapitols angebetet werden wird!“

Da prallte Augustus vor ihr zurück, wie vor einer Wahnsinnigen.

Aber über die Sibylle kam der mächtige Sehergeist. Ihre trüben Augen
begannen zu brennen, ihre Hände reckten sich zum Himmel empor, ihre
Stimme verwandelte sich, so daß sie nicht ihre eigne zu sein schien,
sondern solchen Klang und solche Kraft hatte, daß man sie über die
ganze Welt hin hätte hören können. Und sie sprach Worte, die sie oben
in den Sternen zu lesen schien.

„Anbeten wird man auf den Höhen des Kapitols den Welterneuerer, Christ
oder Antichrist, doch nicht hinfällige Menschen.“

Als sie dies gesagt hatte, schritt sie durch die Reihen der
schreckgelähmten Männer, ging langsam die Bergeshöhe hinunter und
verschwand.

Aber Augustus ließ am nächsten Tage dem Volke streng verbieten, ihm
einen Tempel auf dem Kapitol zu errichten. Anstatt dessen erbaute er
dort ein Heiligtum für das neugeborene Gotteskind und nannte es „Des
Himmels Altar“, ~Ara Coeli~.

[Illustration]



Der Brunnen der weisen Männer


[Illustration]


In dem alten Lande Juda zog die Dürre umher, hohläugig und herb
wanderte sie über gelbes Gras und verschrumpfte Disteln.

Es war Sommerzeit. Die Sonne brannte auf schattenlose Bergrücken,
und der leiseste Wind wirbelte dichte Wolken von Kalkstaub aus dem
weißgrauen Boden, die Herden standen in den Tälern um die versiegten
Bäche geschart.

Die Dürre ging umher und prüfte die Wasservorräte. Sie wanderte zu
Salomos Teichen und sah seufzend, daß ihre felsigen Ufer noch eine
Menge Wasser umschlossen. Dann ging sie hinunter zu dem berühmten
Davidsbrunnen bei Bethlehem und fand auch dort Wasser. Hierauf wanderte
sie mit schleppenden Schritten über die große Heerstraße, die von
Bethlehem nach Jerusalem führt.

Als sie ungefähr auf halbem Wege war, sah sie den Brunnen der weisen
Männer, der dicht am Wegsaume liegt, und sie merkte alsogleich, daß er
nahe am Versiegen war. Die Dürre setzte sich auf die Brunnenschale, die
aus einem einzigen großen ausgehöhlten Steine besteht, und sah in den
Brunnen hinunter. Der blanke Wasserspiegel, der sonst ganz nahe der
Öffnung sichtbar zu werden pflegte, war tief hinabgesunken, und Schlamm
und Morast vom Grunde machten ihn unrein und trübe.

Als der Brunnen das braungebrannte Gesicht der Dürre sich auf seinem
matten Spiegel malen sah, ließ er ein Plätschern der Angst hören.

„Ich möchte wohl wissen, wann es mit dir zu Ende gehen wird,“ sagte die
Dürre, „du kannst wohl dort unten in der Tiefe keine Wasserader finden,
die käme und dir neues Leben gäbe. Und von Regen kann Gott sei Dank vor
zwei, drei Monaten keine Rede sein.“

„Du magst ruhig sein,“ seufzte der Brunnen. „Nichts kann mir helfen. Da
wäre zum mindesten ein Quell vom Paradiese vonnöten.“

„Dann will ich dich nicht verlassen, bevor alles aus ist,“ sagte die
Dürre. Sie sah, daß der alte Brunnen in den letzten Zügen lag, und nun
wollte sie die Freude haben, ihn Tropfen für Tropfen sterben zu sehen.

Sie setzte sich wohlgemut auf dem Brunnenrande zurecht und freute sich
zu hören, wie der Brunnen in der Tiefe seufzte. Sie hatte auch großes
Wohlgefallen daran, durstige Wanderer herankommen zu sehen, zu sehen,
wie sie den Eimer hinuntersenkten und ihn mit nur wenigen Tropfen
schlammvermengten Wassers auf dem Grunde heraufzogen.

So verging der ganze Tag, und als die Dunkelheit anbrach, sah die Dürre
wieder in den Brunnen hinunter. Es blinkte noch ein wenig Wasser dort
unten. „Ich bleibe hier, die ganze Nacht über,“ rief sie, „spute dich
nur nicht. Wenn es so hell ist, daß ich wieder in dich hinabsehen kann,
ist es sicherlich zu Ende mit dir.“

Die Dürre kauerte sich auf dem Brunnendache zusammen, während die
heiße Nacht, die noch grausamer und qualvoller war als der Tag, sich
auf das Land Juda herniedersenkte. Hunde und Schakale heulten ohne
Unterlaß, und durstige Kühe und Esel antworteten ihnen aus ihren heißen
Ställen. Wenn sich zuweilen der Wind regte, brachte er keine Kühlung,
sondern war heiß und schwül wie die keuchenden Atemzüge eines großen
schlafenden Ungeheuers.

Aber die Sterne leuchteten im allerholdesten Glanz, und ein kleiner,
flimmernder Neumond warf ein schönes grünblaues Licht über die grauen
Hügel. Und in diesem Schein sah die Dürre eine große Karawane zum Hügel
heraufziehen, auf dem der Brunnen der weisen Männer lag.

Die Dürre saß und blickte auf den langen Zug und frohlockte aufs
neue bei dem Gedanken an allen den Durst, der zum Brunnen heraufzog
und keinen Tropfen Wasser finden würde, um gelöscht zu werden. Da
kamen so viele Tiere und Führer, daß sie den Brunnen hätten leeren
können, selbst wenn er ganz voll gewesen wäre. Plötzlich wollte es sie
bedünken, daß es etwas Ungewöhnliches, etwas Gespenstisches um diese
Karawane wäre, die durch die Nacht daherzog. Alle Kamele kamen erst
auf einem Hügel zum Vorschein, der gerade hinauf zum Horizonte ragte;
es war, als wären sie vom Himmel herniedergestiegen. Sie sahen im
Mondlicht größer aus als gewöhnliche Kamele und trugen allzu leicht die
ungeheuern Bürden, die auf ihnen lasteten.

Aber sie konnte doch nichts andres glauben, als daß sie ganz
wirklich wären, denn sie sah sie ja ganz deutlich. Sie konnte sogar
unterscheiden, daß die drei vordersten Tiere Dromedare waren, mit
grauem, glänzendem Fell, und daß sie reich gezäumt, mit befransten
Schabracken gesattelt waren und schöne, vornehme Reiter trugen.

Der ganze Zug machte beim Brunnen Halt, die Dromedare legten sich mit
dreimaligem scharfen Einknicken auf den Boden, und ihre Reiter stiegen
ab. Die Packkamele blieben stehen, und wie sich ihrer immer mehr
versammelten, schienen sie eine unübersehbare Wirrnis von hohen Hälsen
und Buckeln und wunderlich aufgestapelten Bepackungen zu bilden.

Die drei Dromedarreiter kamen sogleich auf die Dürre zu und begrüßten
sie, indem sie die Hand an Stirn und Brust legten. Sie sah, daß sie
blendend weiße Gewänder und ungeheure Turbane trugen, an deren oberm
Rand ein klar funkelnder Stern befestigt war, der leuchtete, als sei er
geradewegs vom Himmel genommen.

„Wir kommen aus einem fernen Lande,“ sagte der eine der Fremdlinge,
„und wir bitten dich, sag uns, ob dies wirklich der Brunnen der weisen
Männer ist.“

„Er wird heute so genannt,“ sagte die Dürre, „aber morgen gibt es hier
keinen Brunnen mehr. Er wird heute nacht sterben.“

„Das leuchtet mir wohl ein, da ich dich hier sehe,“ sagte der Mann.
„Aber ist dies denn nicht einer der heiligen Brunnen, die niemals
versiegen? Oder woher hat er sonst seinen Namen?“

„Ich weiß, daß er heilig ist,“ sagte die Dürre, „aber was kann das
helfen? Die drei Weisen sind im Paradiese.“

Die drei Wanderer sahen einander an. „Kennst du wirklich die Geschichte
des alten Brunnens?“ fragten sie.

„Ich kenne die Geschichte aller Brunnen und Flüsse und Bäche und
Quellen,“ sagte die Dürre stolz.

„Mach uns doch die Freude und erzähl sie uns,“ baten die Fremdlinge.
Und sie setzten sich um die alte Feindin alles Wachsenden und lauschten.

Die Dürre räusperte sich und rückte sich auf dem Brunnenrande zurecht
wie ein Märchenerzähler auf seinem Hochsitz; dann begann sie zu
erzählen.

„In Gabes in Medien, einer Stadt, die dicht am Rande der Wüste liegt
und die mir daher oft eine liebe Zuflucht war, lebten vor vielen Jahren
drei Männer, die ob ihrer Weisheit berühmt waren. Sie waren auch sehr
arm, und das war etwas sehr Ungewöhnliches, denn in Gabes wurde das
Wissen hoch in Ehren gehalten und reichlich bezahlt. Aber diesen drei
Männern konnte es kaum anders gehen, denn der eine von ihnen war über
die Maßen alt, einer war mit dem Aussatz behaftet, und der dritte war
ein schwarzer Neger mit wulstigen Lippen. Die Menschen hielten den
ersten für zu alt, um sie etwas lehren zu können, dem zweiten wichen
sie aus Furcht vor Ansteckung aus, und dem dritten wollten sie nicht
zuhören, weil sie zu wissen glaubten, daß noch niemals Weisheit aus
Äthiopien gekommen wäre.

„Die drei Weisen schlossen sich jedoch in ihrem Unglück aneinander.
Sie bettelten tagsüber an derselben Tempelpforte und schliefen nachts
auf demselben Dache. Auf diese Weise konnten sie sich wenigstens
dadurch die Zeit verkürzen, daß sie gemeinsam über alles Wunderbare
nachgrübelten, das sie an Dingen und Menschen bemerkten.

„Eines Nachts, als sie Seite an Seite auf einem Dache schliefen, das
dicht mit rotem, betäubendem Mohn bewachsen war, erwachte der älteste
von ihnen, und kaum hatte er einen Blick um sich geworfen, als er auch
die beiden andern weckte.

„‚Gepriesen sei unsere Armut, die uns nötigt, im Freien zu schlafen,‘
sprach er zu ihnen. ‚Wacht auf und erhebt eure Blicke zum Himmel.‘

„Nun wohl,“ sagte die Dürre mit etwas milderer Stimme, „dies war eine
Nacht, die keiner, der sie gesehen hat, vergessen kann. Der Raum war so
hell, daß der Himmel, der zumeist doch einem festen Gewölbe gleicht,
nun tief und durchsichtig erschien und mit Wogen erfüllt wie ein Meer.
Das Licht wallte droben auf und nieder, und die Sterne schienen in
verschiedenen Tiefen zu schwimmen, einzelne mitten in den Lichtwellen,
andre auf deren Oberfläche.

„Aber ganz fern, hoch oben sahen die drei Männer ein schwaches Dunkel
auftauchen. Und dieses Dunkel durcheilte den Raum wie ein Ball und kam
immer näher, und wie es so herankam, begann es sich zu erhellen, aber
es erhellte sich so, wie Rosen, -- möge Gott sie alle welken lassen
-- wenn sie aus der Knospe springen. Es wurde immer größer, und die
dunkle Hülle darum ward nach und nach gesprengt, und das Licht strahlte
in vier klaren Blättern zu seinen Seiten aus. Endlich, als es so tief
hernieder gekommen war wie der nächste der Sterne, machte es Halt.
Da bogen sich die dunkeln Enden ganz zur Seite, und Blatt um Blatt
entfaltete sich schönes, rosenfarbenes Licht, bis es gleich einem Stern
unter Sternen strahlte.

„Als die armen Männer dies sahen, sagte ihnen ihre Weisheit, daß in
dieser Stunde auf Erden ein mächtiger König geboren würde, einer,
dessen Macht höher steigen sollte, als die Cyrus oder Alexanders. Und
sie sagten zueinander: ‚Lasset uns zu den Eltern des Neugeborenen gehen
und ihnen sagen, was wir gesehen haben. Vielleicht lohnen sie es uns
mit einem Beutel Münzen oder einem Armband aus Gold.‘

„Sie ergriffen ihre langen Wanderstäbe und machten sich auf den Weg.
Sie wanderten durch die Stadt und hinaus zum Stadttor, aber da standen
sie einen Augenblick unschlüssig, denn jetzt breitete sich vor ihnen
die große Wüste, die die Menschen verabscheuen. Da sahen sie, wie der
neue Stern einen schmalen Lichtstreifen über den Wüstensand warf, und
sie wanderten voll Zuversicht weiter mit dem Stern als Wegweiser.

„Sie gingen die ganze Nacht über das weite Sandfeld, und auf ihrer
Wanderung sprachen sie von dem jungen neugeborenen Könige, den sie in
einer Wiege aus Gold schlafend finden würden, mit Edelsteinen spielend.
Sie kürzten die Stunden der Nacht, indem sie davon sprachen, wie sie
vor seinen Vater, den König, und seine Mutter, die Königin, treten
würden und ihnen sagen, daß der Himmel ihrem Sohne Macht und Stärke,
Schönheit und Glück verheiße, größer als Salomos Glück.

„Sie brüsteten sich damit, daß Gott sie erkoren hatte, den Stern zu
sehen. Sie sagten sich, daß die Eltern des Neugeborenen sie nicht mit
weniger als zwanzig Beuteln Gold entlohnen könnten, vielleicht würden
sie ihnen sogar so viel geben, daß sie niemals mehr die Qualen der
Armut zu fühlen brauchten.

„Ich lag wie ein Löwe in der Wüste auf der Lauer,“ fuhr die Dürre fort,
„um mich mit allen Qualen des Durstes auf diese Wandrer zu stürzen;
aber sie entkamen mir, die ganze Nacht führte der Stern sie, und am
Morgen, als der Himmel sich erhellte und die andern Sterne verblichen,
blieb dieser beharrlich und leuchtete über der Wüste, bis er sie zu
einer Oase geführt hatte, wo sie eine Quelle und Dattelbäume fanden.
Da ruhten sie den ganzen Tag, und erst mit sinkender Nacht, als sie den
Sternenstrahl wieder den Wüstensand umranden sahen, gingen sie weiter.

„Nach Menschenweise, zu sehen,“ fuhr die Dürre fort, „war es eine
schöne Wanderung. Der Stern geleitete sie, daß sie weder zu hungern
noch zu dürsten brauchten. Er führte sie an den scharfen Disteln
vorbei, er vermied den tiefen, losen Flugsand, sie entgingen dem
grellen Sonnenschein und den heißen Wüstenstürmen. Die drei Weisen
sagten beständig zueinander: ‚Gott schützt uns und segnet unsere
Wanderung. Wir sind seine Sendboten.‘

„Aber so allmählich gewann ich doch Macht über sie,“ erzählte die Dürre
weiter, „und in einigen Tagen waren die Herzen dieser Sternenwanderer
in eine Wüste verwandelt, ebenso trocken wie die, durch die sie
wanderten. Sie waren mit unfruchtbarem Stolz und versengender Gier
erfüllt.

„‚Wir sind Gottes Sendboten,‘ wiederholten die drei Weisen, ‚der Vater
des neugeborenen Königs belohnt uns nicht zu hoch, wenn er uns eine mit
Gold beladene Karawane schenkt.‘

„Endlich führte der Stern sie über den vielberühmten Jordanfluß und
hinauf zu den Hügeln des Landes Juda. Und eines Nachts blieb er über
der kleinen Stadt Bethlehem stehen, die unter grünen Olivenbäumen auf
einem felsigen Hügel hervorschimmert.

„Die drei Weisen sahen sich nach Schlössern und befestigten Türmen und
Mauern und allem dem andern um, was zu einer Königsstadt gehört, aber
davon sahen sie nichts. Und was noch schlimmer war, das Sternenlicht
leitete sie nicht einmal in die Stadt hinein, sondern blieb bei einer
Grotte am Wegsaum stehen. Da glitt das milde Licht durch die Öffnung
hinein und zeigte den drei Wanderern ein kleines Kind, das im Schoße
seiner Mutter lag und in Schlaf gesungen wurde.

„Aber ob auch die drei Weisen nun sahen, daß das Licht gleich einer
Krone das Haupt des Kindes umschloß, blieben sie vor der Grotte
stehen. Sie traten nicht ein, um dem Kleinen Ruhm und Königreiche zu
prophezeien. Sie wendeten sich, und ohne ihre Gegenwart zu verraten,
flohen sie vor dem Kinde und gingen wieder den Hügel hinan.

„‚Sind wir zu Bettlern ausgezogen, die ebenso arm und gering sind,
wie wir selber?‘ sagten sie. ‚Hat Gott uns hierher geführt, damit
wir unseren Scherz treiben und dem Sohn eines Schafhirten alle Ehren
weissagen? Dieses Kind wird nie etwas andres erreichen, als hier im
Tale seine Herden zu hüten.‘“

Die Dürre hielt inne und nickte ihren Zuhörern bekräftigend zu. Hab
ich nicht recht? schien sie sagen zu wollen. Es gibt mancherlei, was
dürrer ist als der Wüstensand. Aber nichts ist unfruchtbarer als das
Menschenherz.

„Die drei Weisen waren nicht lange gegangen, als es ihnen einfiel, daß
sie sich wohl verirrt hätten, dem Sterne nicht richtig gefolgt wären,“
fuhr die Dürre fort, „und sie hoben ihre Augen empor, um den Stern
und den rechten Weg wiederzufinden. Aber da war der Stern, dem sie vom
Morgenland her gefolgt waren, vom Himmel verschwunden.“

Die drei Fremdlinge machten eine heftige Bewegung, ihre Gesichter
drückten tiefes Leiden aus.

„Was sich nun begab,“ begann die Sprecherin von neuem, „ist, nach
Menschenart, zu urteilen, vielleicht etwas Erfreuliches. Gewiß ist,
daß die drei Männer, als sie den Stern nicht mehr sahen, sogleich
begriffen, daß sie gegen Gott gesündigt hatten. Und es geschah mit
ihnen,“ fuhr die Dürre schaudernd fort, „was mit dem Boden im Herbste
geschieht, wenn die Regenzeit beginnt. Sie zitterten vor Schrecken wie
die Erde vor Blitz und Donner, ihr Wesen erweichte sich, die Demut
sproßte wie grünes Gras in ihren Sinnen empor.

„Drei Tage und drei Nächte wanderten sie im Lande umher, um das Kind
zu finden, das sie anbeten sollten. Aber der Stern zeigte sich ihnen
nicht, sie verirrten sich immer mehr und fühlten die größte Trauer und
Betrübnis. In der dritten Nacht langten sie bei diesem Brunnen an, um
zu trinken. Und da hatte Gott ihnen ihre Sünde verziehen, so daß sie,
als sie sich über das Wasser beugten, dort tief unten das Spiegelbild
des Sternes sahen, der sie aus Morgenland hergeführt hatte.

„Sogleich gewahrten sie ihn auch am Himmelszelt, und er führte sie
aufs neue zur Grotte in Bethlehem, und sie fielen vor dem Kinde auf
die Kniee und sagten: ‚Wir bringen dir Goldschalen voll Räucherwerk
und köstlicher Gewürze. Du wirst der größte König werden, der auf
Erden gelebt hat und leben wird von ihrer Erschaffung bis zu ihrem
Untergange.‘ Da legte das Kind seine Hand auf ihre gesenkten Köpfe, und
als sie sich erhoben -- siehe, da hatte es ihnen Gaben gegeben, größer,
als ein König sie hätte schenken können. Denn der alte Bettler war jung
geworden, und der Aussätzige gesund, und der Schwarze war ein schöner,
weißer Mann. Und man sagt, sie waren so herrlich, daß sie von dannen
zogen und Könige wurden, jeder in seinem Reich.“

Die Dürre hielt in ihrer Erzählung inne, und die drei Fremdlinge
priesen sie. „Du hast gut erzählt,“ sagten sie. „Aber es wundert mich,
daß die drei Weisen nichts für den Brunnen tun, der ihnen den Stern
zeigte. Sollten sie eine solche Wohltat ganz vergessen haben?“

„Muß nicht dieser Brunnen immer da sein,“ sagte der zweite Fremdling,
„um die Menschen daran zu erinnern, daß sich das Glück, das auf den
Höhen des Stolzes entschwindet, in den Tiefen der Demut wiederfinden
läßt?“

„Sind die Dahingeschiedenen schlechter als die Lebenden?“ sagte der
dritte. „Stirbt die Dankbarkeit bei denen, die im Paradiese leben?“

Aber als sie dieses sagten, fuhr die Dürre mit einem Schrei empor. Sie
hatte die Fremdlinge erkannt, sie sah, wer die Wanderer waren. Und sie
entfloh wie eine Rasende, um nicht sehen zu müssen, wie die drei weisen
Männer ihre Diener riefen und ihre Kamele, die alle mit Wassersäcken
beladen waren, herbeiführten und den armen sterbenden Brunnen mit
Wasser füllten, das sie aus dem Paradiese gebracht hatten.

[Illustration]



[Illustration]



Das Kindlein von Bethlehem


[Illustration]


Vor dem Stadttor in Bethlehem stand ein römischer Kriegsknecht Wache.
Er trug Harnisch und Helm, er hatte ein kurzes Schwert an der Seite und
hielt eine lange Lanze in der Hand. Den ganzen Tag stand er beinahe
regungslos, so daß man ihn wirklich für einen Mann aus Eisen halten
konnte. Die Stadtleute gingen durch das Tor aus und ein, Bettler
ließen sich im Schatten unter dem Torbogen nieder, Obstverkäufer und
Weinhändler stellten ihre Körbe und Gefäße auf den Boden neben den
Kriegsknecht hin, aber er gab sich kaum die Mühe, den Kopf zu wenden,
um ihnen nachzusehen.

Das ist doch nichts, um es zu betrachten, schien er sagen zu wollen.
Was kümmere ich mich um euch, die ihr arbeitet und Handel treibt
und mit Ölkrügen und Weinschläuchen angezogen kommt! Laßt mich ein
Kriegsheer sehen, das sich aufstellt, um dem Feinde entgegenzuziehen!
Laßt mich das Gewühl sehen und den heißen Streit, wenn ein Reitertrupp
sich auf eine Schar Fußvolk stürzt! Laßt mich die Tapfern sehen, die
mit Sturmleitern vorwärts eilen, um die Mauern einer belagerten Stadt
zu ersteigen! Nichts andres kann mein Auge erfreuen als der Krieg. Ich
sehne mich danach, Roms Adler in der Luft blinken zu sehen. Ich sehne
mich nach dem Schmettern der Kupferhörner, nach schimmernden Waffen,
nach rot verspritzendem Blut.

Gerade vor dem Stadttor erstreckte sich ein prächtiges Feld, das
ganz mit Lilien bewachsen war. Der Kriegsknecht stand jeden Tag da,
die Blicke gerade auf dieses Feld gerichtet, aber es kam ihm keinen
Augenblick in den Sinn, die außerordentliche Schönheit der Blumen zu
bewundern. Zuweilen merkte er, daß die Vorübergehenden stehen blieben
und sich an den Lilien freuten, und dann staunte er, daß sie ihre
Wanderung verzögerten, um etwas so Unbedeutendes anzuschauen. Diese
Menschen wissen nicht, was schön ist, dachte er.

Und wie er so dachte, sah er nicht mehr die grünenden Felder und die
Olivenhügel rings um Bethlehem vor seinen Augen, sondern er träumte
sich fort in eine glühend heiße Wüste in dem sonnenreichen Libyen. Er
sah eine Legion Soldaten in einer langen geraden Linie über den gelben
Sand ziehen. Nirgends gab es Schutz vor den Sonnenstrahlen, nirgends
einen labenden Quell, nirgends war eine Grenze der Wüste oder ein
Ziel der Wanderung zu erblicken. Er sah die Soldaten, von Hunger und
Durst ermattet, mit schwankenden Schritten vorwärts wandern. Er sah
einen nach dem andern zu Boden stürzen, von der glühenden Sonnenhitze
gefällt. Aber trotz allem zog die Truppe stetig vorwärts, ohne zu
zaudern, ohne daran zu denken, den Feldherrn im Stich zu lassen und
umzukehren.

Sehet hier, was schön ist! dachte der Kriegsknecht. Seht, was den Blick
eines tapfern Mannes verdient!

Während der Kriegsknecht Tag für Tag an demselben Platze auf seinem
Posten stand, hatte er die beste Gelegenheit, die schönen Kinder zu
betrachten, die rings um ihn spielten. Aber es war mit den Kindern wie
mit den Blumen. Er begriff nicht, daß es der Mühe wert sein könnte, sie
zu betrachten. Was ist dies, um sich daran zu freuen? dachte er, als er
die Menschen lächeln sah, wenn sie den Spielen der Kinder zusahen. Es
ist seltsam, daß sich jemand über ein Nichts freuen kann.

Eines Tages, als der Kriegsknecht wie gewöhnlich auf seinem Posten vor
dem Stadttore stand, sah er ein kleines Knäblein, das ungefähr drei
Jahre alt sein mochte, auf die Wiese kommen, um zu spielen. Es war ein
armes Kind, das in ein kleines Schaffell gekleidet war und ganz allein
spielte. Der Soldat stand und beobachtete den kleinen Ankömmling,
beinahe ohne es selbst zu merken. Das erste, was ihm auffiel, war, daß
der Kleine so leicht über das Feld lief, daß er auf den Spitzen der
Grashalme zu schweben schien. Aber als er dann anfing, seine Spiele zu
verfolgen, da staunte er noch mehr. „Bei meinem Schwerte,“ sagte er
schließlich, „dieses Kind spielt nicht wie andre! Was kann das sein,
womit es sich da ergötzt?“

Das Kind spielte nur wenige Schritte von dem Kriegsknecht entfernt, so
daß er darauf achten konnte, was es vornahm. Er sah, wie es die Hand
ausstreckte, um eine Biene einzufangen, die auf dem Rande einer Blume
saß und so schwer mit Blütenstaub beladen war, daß sie kaum die Flügel
zum Fluge zu heben vermochte. Er sah zu seiner großen Verwunderung
daß die Biene sich ohne einen Versuch zu entfliehen, und ohne ihren
Stachel zu gebrauchen, fangen ließ. Aber als der Kleine die Biene
sicher zwischen seinen Fingern hielt, lief er fort zu einer Spalte in
der Stadtmauer, wo ein Schwarm Bienen seine Wohnstatt hatte, und setzte
das Tierchen dort ab. Und sowie er auf diese Weise einer Biene geholfen
hatte, eilte er sogleich von dannen, um einer andern beizustehen. Den
ganzen Tag sah ihn der Soldat Bienen einfangen und sie in ihr Heim
tragen.

Dieses Knäblein ist wahrlich törichter als irgend jemand, den ich bis
heute gesehen habe, dachte der Kriegsknecht. Wie kann es ihm einfallen,
zu versuchen, diesen Bienen beizustehen, die sich so gut ohne ihn
helfen und die ihn obendrein mit ihrem Stachel stechen können? Was für
ein Mensch soll aus ihm werden, wenn er am Leben bleibt?

Der Kleine kam Tag für Tag wieder und spielte draußen auf der Wiese,
und der Kriegsknecht konnte es nicht lassen, sich über ihn und seine
Spiele zu wundern. Es ist recht seltsam, dachte er, nun habe ich volle
drei Jahre an diesem Tor Wache gestanden, und noch niemals habe ich
etwas zu Gesicht bekommen, was meine Gedanken beschäftigt hätte, außer
diesem Kinde.

Aber der Kriegsknecht hatte durchaus keine Freude an dem Kinde. Im
Gegenteil, der Kleine erinnerte ihn an eine furchtbare Weissagung eines
alten jüdischen Sehers. Dieser hatte nämlich prophezeit, daß einmal
eine Zeit des Friedens sich auf die Erde senken würde. Während eines
Zeitraums von tausend Jahren würde kein Blut vergossen, kein Krieg
geführt werden, sondern die Menschen würden einander lieben wie Brüder.
Wenn der Kriegsknecht daran dachte, daß etwas so Entsetzliches wirklich
eintreffen könnte, dann durcheilte seinen Körper ein Schauder, und er
umklammerte hart seine Lanze, gleichsam um eine Stütze zu suchen.

Und je mehr nun der Kriegsknecht von dem Kleinen und seinen Spielen
sah, desto häufiger mußte er an das Reich des tausendjährigen Friedens
denken. Zwar fürchtete er nicht, daß es schon angebrochen sein könnte,
aber er liebte es nicht, an etwas so Verabscheuungswürdiges auch nur
denken zu müssen.

Eines Tages, als der Kleine zwischen den Blumen auf dem schönen
Felde spielte, kam ein sehr heftiger Regenschauer aus den Wolken
herniedergeprasselt. Als er merkte, wie groß und schwer die Tropfen
waren, die auf die zarten Lilien niederschlugen, schien er für seine
schönen Freundinnen besorgt zu werden. Er eilte zu der schönsten und
größten unter ihnen und beugte den steifen Stengel, der die Blüten
trug, zur Erde, so daß die Regentropfen die untere Seite der Kelche
trafen. Und sowie er mit einer Blumenstaude in dieser Weise verfahren
war, eilte er zu einer anderen und beugte ihren Stengel in gleicher
Weise, so daß die Blumenkelche sich der Erde zuwendeten. Und dann zu
einer dritten und vierten, bis alle Blumen der Flur gegen den heftigen
Regen geschützt waren.

Der Kriegsknecht mußte bei sich lächeln, als er die Arbeit des Knaben
sah. „Ich fürchte, die Lilien werden ihm keinen Dank dafür wissen,“
sagte er. „Alle Stengel sind natürlich abgebrochen. Es geht nicht an,
die steifen Pflanzen auf diese Art zu beugen.“

Aber als der Regenschauer endlich aufhörte, sah der Kriegsknecht
das Knäblein zu den Lilien eilen und sie aufrichten. Und zu seinem
unbeschreiblichen Staunen richtete das Kind ohne die mindeste Mühe die
steifen Stengel gerade. Es zeigte sich, daß kein einziger von ihnen
gebrochen oder beschädigt war. Es eilte von Blume zu Blume, und alle
geretteten Lilien strahlten bald in vollem Glanze auf der Flur.

Als der Kriegsknecht dies sah, bemächtigte sich seiner ein seltsamer
Groll. Sieh doch an, welch ein Kind! dachte er. Es ist kaum zu glauben,
daß es etwas so Törichtes beginnen kann. Was für ein Mann soll aus
diesem Kleinen werden, der es nicht einmal ertragen kann, eine Lilie
zerstört zu sehen? Wie würde es ablaufen, wenn so einer in den Krieg
müßte? Was würde er anfangen, wenn man ihm den Befehl gäbe, ein Haus
anzuzünden, das voller Frauen und Kinder wäre, oder ein Schiff in Grund
zu bohren, das mit seiner ganzen Besatzung über die Wellen führe?

Wieder mußte er an die alte Prophezeiung denken, und er begann zu
fürchten, daß die Zeit wirklich angebrochen sein könnte, zu der sie in
Erfüllung gehen sollte. Sintemalen ein Kind gekommen ist wie dieses,
ist diese fürchterliche Zeit vielleicht ganz nahe. Schon jetzt herrscht
Friede auf der ganzen Welt, und sicherlich wird der Tag des Krieges
niemals mehr anbrechen. Von nun an werden alle Menschen von derselben
Gemütsart sein wie dieses Kind. Sie werden fürchten, einander zu
schaden, ja, sie werden es nicht einmal übers Herz bringen, eine Biene
oder eine Blume zu zerstören. Keine großen Heldentaten werden mehr
vollbracht werden. Keine herrlichen Siege wird man erringen, und kein
glänzender Triumphator wird zum Kapitol hinanziehen. Es wird für einen
tapfern Mann nichts mehr geben, was er ersehnen könnte.

Und der Kriegsknecht, der noch immer hoffte, neue Kriege zu erleben und
sich durch Heldentaten zu Macht und Reichtum aufzuschwingen, war so
ergrimmt gegen den kleinen Dreijährigen, daß er drohend die Lanze nach
ihm ausstreckte, als er das nächstemal an ihm vorbeilief.

An einem andern Tage jedoch waren es weder die Bienen noch die Lilien,
denen der Kleine beizustehen suchte, sondern er tat etwas, was den
Kriegsknecht noch viel unnötiger und undankbarer däuchte.

Es war ein furchtbar heißer Tag, und die Sonnenstrahlen, die auf den
Helm und die Rüstung des Soldaten fielen, erhitzten sie so, daß ihm
war, als trüge er ein Kleid aus Feuer. Für die Vorübergehenden hatte
es den Anschein, als müßte er schrecklich unter der Wärme leiden.
Seine Augen traten blutunterlaufen aus dem Kopfe, und die Haut seiner
Lippen verschrumpfte, aber dem Kriegsknechte, der gestählt war und die
brennende Hitze in Afrikas Sandwüsten ertragen hatte, däuchte es, daß
dies eine geringe Sache wäre, und er ließ es sich nicht einfallen,
seinen gewohnten Platz zu verlassen. Er fand im Gegenteil Gefallen
daran, den Vorübergehenden zu zeigen, daß er so stark und ausdauernd
war und nicht Schutz vor der Sonne zu suchen brauchte.

Während er so dastand und sich beinahe lebendig braten ließ, kam der
kleine Knabe, der auf dem Felde zu spielen pflegte, plötzlich auf ihn
zu. Er wußte wohl, daß der Legionär nicht zu seinen Freunden gehörte,
und er pflegte sich zu hüten, in den Bereich seiner Lanze zu kommen,
aber nun trat er dicht an ihn heran, betrachtete ihn lange und genau
und eilte dann in vollem Laufe über den Weg. Als er nach einer Weile
zurückkam, hielt er beide Hände ausgebreitet wie eine Schale und
brachte auf diese Weise ein paar Tropfen Wasser mit.

Ist dies Kind jetzt gar auf den Einfall gekommen, fortzulaufen und für
mich Wasser zu holen? dachte der Soldat. Das ist doch wirklich ohne
allen Verstand. Sollte ein römischer Legionär nicht ein bißchen Wärme
ertragen können? Was braucht dieser Kleine herumzulaufen, um denen zu
helfen, die keiner Hilfe bedürfen! Mich gelüstet nicht nach seiner
Barmherzigkeit. Ich wünschte, daß er und alle, die ihm gleichen, nicht
mehr auf dieser Welt wären.

Der Kleine kam sehr behutsam heran. Er hielt seine Finger fest
zusammengepreßt, damit nichts verschüttet werde oder überlaufe. Während
er sich dem Kriegsknecht näherte, hielt er die Augen ängstlich auf das
klein bißchen Wasser geheftet, das er mitbrachte, und sah also nicht,
daß dieser mit tief gerunzelter Stirn und abweisenden Blicken dastand.
Endlich blieb er dicht vor dem Legionär stehen und bot ihm das Wasser.

Im Gehen waren seine schweren, lichten Locken ihm immer tiefer in die
Stirn und die Augen gefallen. Er schüttelte ein paarmal den Kopf,
um das Haar zurückzuwerfen, damit er aufblicken könnte. Als ihm
dies endlich gelang und er den harten Ausdruck in dem Gesichte des
Kriegsknechts gewahrte, erschrak er gar nicht, sondern blieb stehen und
lud ihn mit einem bezaubernden Lächeln ein, von dem Wasser zu trinken,
das er mitbrachte. Aber der Kriegsknecht hatte keine Lust, eine Wohltat
von diesem Kinde zu empfangen, das er als seinen Feind betrachtete.
Er sah nicht hinab in sein schönes Gesicht, sondern stand starr und
regungslos und machte nicht Miene, als verstünde er, was das Kind für
ihn tun wollte.

Aber das Knäblein konnte gar nicht fassen, daß der andre es abweisen
wollte. Es lächelte noch immer ebenso vertrauensvoll, stellte sich auf
die Zehenspitzen und streckte die Hände so hoch in die Höhe, als es
vermochte, damit der großgewachsene Soldat das Wasser leichter erreiche.

Der Legionär fühlte sich jedoch so verunglimpft dadurch, daß ein Kind
ihm helfen wollte, daß er nach seiner Lanze griff, um den Kleinen in
die Flucht zu jagen.

Aber nun begab es sich, daß gerade in demselben Augenblick die Hitze
und der Sonnenschein mit solcher Heftigkeit auf den Kriegsknecht
hereinbrachen, daß er rote Flammen vor seinen Augen lodern sah und
fühlte, wie sein Gehirn im Kopfe schmolz. Er fürchtete, daß die Sonne
ihn morden würde, wenn er nicht augenblicklich Linderung fände.

Und außer sich vor Schrecken über die Gefahr, in der er schwebte,
schleuderte er die Lanze zu Boden, umfaßte mit beiden Händen das Kind,
hob es empor und schlürfte soviel er konnte von dem Wasser, das es in
den Händen hielt.

Es waren freilich nur ein paar Tropfen, die seine Zunge benetzten, aber
mehr waren auch nicht vonnöten. Sowie er das Wasser gekostet hatte,
durchrieselte wohlige Erquickung seinen Körper, und er fühlte Helm und
Harnisch nicht mehr lasten und brennen. Die Sonnenstrahlen hatten ihre
tödliche Macht verloren. Seine trockenen Lippen wurden wieder weich,
und die roten Flammen tanzten nicht mehr vor seinen Augen.

Bevor er noch Zeit hatte, dies alles zu merken, hatte er das Kind schon
zu Boden gestellt, und es lief wieder fort und spielte auf der Flur.
Nun begann er erstaunt zu sich selber zu sagen: Was war dies für ein
Wasser, das das Kind mir bot? Es war ein herrlicher Trank. Ich muß ihm
wahrlich meine Dankbarkeit zeigen.

Aber da er den Kleinen haßte, schlug er sich diese Gedanken alsobald
aus dem Sinn. Es ist ja nur ein Kind, dachte er, es weiß nicht, warum
es so oder so handelt. Es spielt nur das Spiel, das ihm am besten
gefällt. Findet es vielleicht Dankbarkeit bei den Bienen oder bei den
Lilien? Um dieses Knäbleins willen brauche ich mir keinerlei Ungemach
zu bereiten. Es weiß nicht einmal, daß es mir beigestanden hat.

Und er empfand womöglich noch mehr Groll gegen das Kind, als er ein
paar Augenblicke später den Anführer der römischen Soldaten, die in
Bethlehem lagen, durch das Tor kommen sah. Man sehe nur, dachte er, in
welcher Gefahr ich durch den Einfall des Kleinen geschwebt habe! Wäre
Voltigius nur um ein weniges früher gekommen, er hätte mich mit einem
Kinde in den Armen dastehen sehen.

Der Hauptmann schritt jedoch gerade auf den Kriegsknecht zu und fragte
ihn, ob sie hier miteinander sprechen könnten, ohne daß jemand sie
belauschte. Er hätte ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. „Wenn wir uns nur
zehn Schritte von dem Tore entfernen,“ antwortete der Kriegsknecht, „so
kann uns niemand hören.“

„Du weißt,“ sagte der Hauptmann, „daß König Herodes einmal ums
andre versucht hat, sich eines Kindleins zu bemächtigen, das hier
in Bethlehem aufwächst. Seine Seher und Priester haben ihm gesagt,
daß dieses Kind seinen Thron besteigen werde, und außerdem haben sie
prophezeit, daß der neue König ein tausendjähriges Reich des Friedens
und der Heiligkeit gründen werde. Du begreifst also, daß Herodes ihn
gerne unschädlich machen will.“

„Freilich begreife ich es,“ sagte der Kriegsknecht eifrig, „aber das
muß doch das Leichteste auf der Welt sein.“

„Es wäre allerdings sehr leicht,“ sagte der Hauptmann, „wenn der König
nur wüßte, welches von allen den Kindern hier in Bethlehem gemeint ist.“

Die Stirne des Kriegsknechts legte sich in tiefe Falten. „Es ist
bedauerlich, daß seine Wahrsager ihm hierüber keinen Aufschluß geben
können.“

„Jetzt aber hat Herodes eine List gefunden, durch die er glaubt,
den jungen Friedensfürsten unschädlich machen zu können,“ fuhr der
Hauptmann fort. „Er verspricht jedem eine herrliche Gabe, der ihm
hierin beistehen will.“

„Was immer Voltigius befehlen mag, es wird auch ohne Lohn oder Gabe
vollbracht werden,“ sagte der Soldat.

„Habe Dank,“ sagte der Hauptmann. „Höre nun des Königs Plan! Er will
den Jahrestag der Geburt seines jüngsten Sohnes durch ein Fest feiern,
zu dem alle Knaben in Bethlehem, die zwischen zwei und drei Jahren alt
sind, mit ihren Müttern geladen werden sollen. Und bei diesem Feste
-- -- --“

Er unterbrach sich und lachte, als er den Ausdruck des Abscheus sah,
der sich auf dem Gesichte des Soldaten malte.

„Guter Freund,“ fuhr er fort, „du brauchst nicht zu befürchten, daß
Herodes uns als Kinderwärter verwenden will. Neige nun dein Ohr zu
meinem Munde, so will ich dir seine Absichten anvertrauen.“

Der Hauptmann flüsterte lange mit dem Kriegsknecht, und als er ihm
alles mitgeteilt hatte, fügte er hinzu:

„Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß die strengste
Verschwiegenheit nötig ist, wenn nicht das ganze Vorhaben mißlingen
soll.“

„Du weißt, Voltigius, daß du dich auf mich verlassen kannst,“ sagte der
Kriegsknecht.

Als der Anführer sich entfernt hatte und der Kriegsknecht wieder allein
auf seinem Posten stand, sah er sich nach dem Kinde um. Das spielte
noch immer unter den Blumen, und er ertappte sich bei dem Gedanken, daß
es sie so leicht und anmutsvoll umschwebe wie ein Schmetterling.

Auf einmal fing der Krieger zu lachen an. „Ja richtig,“ sagte er,
„dieses Kind wird mir nicht lange mehr ein Dorn im Auge sein. Es wird
ja auch an jenem Abende zum Fest des Herodes geladen werden.“

Der Kriegsknecht harrte den ganzen Tag auf seinem Posten aus, bis
der Abend anbrach und es Zeit wurde, die Stadttore für die Nacht zu
schließen.

Als dies geschehen war, wanderte er durch schmale, dunkle Gäßchen zu
einem prächtigen Palaste, den Herodes in Bethlehem besaß.

Im Innern dieses gewaltigen Palastes befand sich ein großer,
steingepflasterter Hof, der von Gebäuden umkränzt war, an denen entlang
drei offene Galerien liefen, eine über der anderen. Auf der obersten
dieser Galerien sollte, so hatte es der König bestimmt, das Fest für
die bethlehemitischen Kinder stattfinden.

Diese Galerie war, gleichfalls auf den ausdrücklichen Befehl des
Königs, so umgewandelt, daß sie einem gedeckten Gange in einem
herrlichen Lustgarten glich. Über die Decke schlangen sich Weinranken,
von denen üppige Trauben herabhingen, und den Wänden und Säulen entlang
standen kleine Granat- und Orangenbäumchen, die über und über mit
reifen Früchten bedeckt waren. Der Fußboden war mit Rosenblättern
bestreut, die dicht und weich lagen wie ein Teppich, und entlang
der Balustrade, den Deckengesimsen, den Tischen und den niedrigen
Ruhebetten, überall erstreckten sich Girlanden von weißen strahlenden
Lilien.

In diesem Blumenhain standen hier und da große Marmorbassins, wo gold-
und silberglitzernde Fischlein in durchsichtigem Wasser spielten. Auf
den Bäumen saßen bunte Vögel aus fernen Ländern, und in einem Käfig
hockte ein alter Rabe, der ohne Unterlaß sprach.

Zu Beginn des Festes zogen Kinder und Mütter in die Galerie ein. Die
Kinder waren gleich beim Betreten des Palastes in weiße Gewänder mit
Purpurborten gekleidet worden, und man hatte ihnen Rosenkränze auf die
dunkellockigen Köpfchen gedrückt. Die Frauen kamen stattlich heran in
ihren roten und blauen Gewändern und ihren weißen Schleiern, die von
hohen kegelförmigen Kopfbedeckungen, mit Goldmünzen und Ketten besetzt,
herniederwallten. Einige trugen ihr Kind hoch auf der Schulter sitzend,
andere führten ihr Söhnlein an der Hand, und einige wieder, deren
Kinder scheu und verschüchtert waren, hatten sie auf ihre Arme gehoben.

Die Frauen ließen sich auf dem Boden der Galerie nieder. Sowie sie
Platz genommen hatten, kamen Sklaven herbei und stellten niedrige
Tischchen vor sie hin, worauf sie auserlesene Speisen und Getränke
stellten, so wie es sich bei dem Feste eines Königs geziemt. Und
alle diese glücklichen Mütter begannen zu essen und zu trinken, ohne
jene stolze anmutvolle Würde abzulegen, die die schönste Zier der
bethlehemitischen Frauen ist.

Der Wand der Galerie entlang und beinahe von Blumengirlanden
und fruchtbeladenen Bäumen verdeckt, waren doppelte Reihen von
Kriegsknechten in voller Rüstung aufgestellt. Sie standen vollkommen
regungslos, als hätten sie nichts mit dem zu schaffen, was rund um
sie vorging. Die Frauen konnten es nicht lassen, bisweilen einen
verwunderten Blick auf diese Schar von Geharnischten zu werfen. „Wozu
bedarf es ihrer?“ flüsterten sie. „Meint Herodes, daß wir uns nicht zu
betragen wüßten? Glaubt er, daß es einer solchen Menge Kriegsknechte
bedürfte, um uns im Zaume zu halten?“

Aber andre flüsterten zurück, daß es so wäre, wie es bei einem König
sein müßte. Herodes selbst gäbe niemals ein Fest, ohne daß sein ganzes
Haus von Kriegsknechten erfüllt wäre. Um sie zu ehren, stünden die
bewaffneten Legionäre da und hielten Wacht.

Zu Beginn des Festes waren die kleinen Kinder scheu und unsicher und
hielten sich still zu ihren Müttern. Aber bald begannen sie sich in
Bewegung zu setzen und von den Herrlichkeiten Besitz zu ergreifen, die
Herodes ihnen bot.

Es war ein Zauberland, das der König für seine kleinen Gäste geschaffen
hatte. Als sie die Galerie durchwanderten, fanden sie Bienenkörbe,
deren Honig sie plündern konnten, ohne daß eine einzige erzürnte
Biene sie daran hinderte. Sie fanden Bäume, die mit sanftem Neigen
ihre fruchtbeladenen Zweige zu ihnen heruntersenkten. Sie fanden in
einer Ecke Zauberkünstler, die in einem Nu ihre Taschen voll Spielzeug
zauberten, und in einem andern Winkel der Galerie einen Tierbändiger,
der ihnen ein paar Tiger zeigte so zahm, daß sie auf ihrem Rücken
reiten konnten.

Aber in diesem Paradiese mit allen seinen Wonnen gab es doch nichts,
was den Sinn der Kleinen so angezogen hätte wie die lange Reihe von
Kriegsknechten, die unbeweglich an der einen Seite der Galerie
standen. Ihre Blicke wurden von den glänzenden Helmen gefesselt, von
den strengen, stolzen Gesichtern, von den kurzen Schwertern, die in
reichverzierten Scheiden staken.

Während sie miteinander spielten und tollten, dachten sie doch
unablässig an die Kriegsknechte. Sie hielten sich noch fern von ihnen,
aber sie sehnten sich danach, ihnen nahezukommen, zu sehen, ob sie
lebendig wären und sich wirklich bewegen könnten.

Das Spiel und die Festesfreude steigerten sich mit jedem Augenblicke,
aber die Soldaten standen noch immer regungslos. Es erschien den
Kleinen unfaßlich, daß Menschen so nah bei diesen Trauben und allen
diesen Leckerbissen stehen konnten, ohne die Hand auszustrecken und
danach zu greifen.

Endlich konnte einer der Knaben seine Neugierde nicht länger
bemeistern. Er näherte sich behutsam, zu rascher Flucht bereit, einem
der Geharnischten, und da der Soldat noch immer regungslos blieb, kam
er immer näher. Schließlich war er ihm so nahe, daß er nach seinen
Sandalenriemen und seinen Beinschienen tasten konnte.

Da, als wäre dies ein unerhörtes Verbrechen gewesen, setzten sich mit
einem Male alle diese Eisenmänner in Bewegung. In unbeschreiblicher
Raserei stürzten sie sich auf die Kinder und packten sie. Einige
schwangen sie über ihre Köpfe wie Wurfgeschosse und schleuderten sie
zwischen den Lampen und Girlanden über die Balustrade der Galerie
hinunter zu Boden, wo sie auf den Marmorfliesen zerschellten. Einige
zogen ihr Schwert und durchbohrten die Herzen der Kinder, andere wieder
zerschmetterten ihre Köpfe an der Wand, ehe sie sie auf den nächtlich
dunkeln Hof warfen.

Im ersten Augenblicke nach dem Vorfall herrschte Totenstille.
Die kleinen Körper schwebten noch in der Luft, die Frauen waren
vor Entsetzen versteinert. Aber auf einmal erwachten alle diese
Unglücklichen zum Verständnis dessen, was geschehen war, und mit einem
einzigen entsetzten Schrei stürzten sie auf die Schergen.

Auf der Galerie waren noch Kinder, die beim ersten Anfall nicht
eingefangen worden waren. Die Kriegsknechte jagten sie, und ihre Mütter
warfen sich vor ihnen nieder und umfaßten mit bloßen Händen die blanken
Schwerter, um den Todesstreich abzuwenden. Einige Frauen, deren Kinder
schon tot waren, stürzten sich auf die Kriegsknechte, packten sie an
der Kehle und versuchten Rache für ihre Kleinen zu nehmen, indem sie
deren Mörder erdrosselten.

In dieser wilden Verwirrung, während grauenvolle Schreie durch den
Palast hallten und die grausamsten Bluttaten verübt wurden, stand
der Kriegsknecht, der am Stadttor Wache zu halten pflegte, ohne
sich zu regen, am obersten Absatz der Treppe, die von der Galerie
hinunterführte. Er nahm nicht am Kampfe und am Morden teil; nur gegen
die Frauen, denen es gelungen war, ihre Kinder an sich zu reißen und
die nun versuchten, mit ihnen die Treppe hinunterzufliehen, erhob er
das Schwert, und sein bloßer Anblick, wie er da düster und unerbittlich
stand, war so schrecklich, daß die Fliehenden sich lieber die
Balustrade hinunterstürzten oder in das Streitgewühl zurückkehrten, als
daß sie sich der Gefahr abgesetzt hätten, sich an ihm vorbeizudrängen.

Voltigius hat wahrlich recht daran getan, mir diesen Posten zuzuweisen,
dachte der Kriegsknecht. Ein junger, unbedachter Krieger hätte seinen
Posten verlassen und sich in das Gewühl gestürzt. Hätte ich mich
von hier fortlocken lassen, so wären mindestens ein Dutzend Kinder
entwischt.

Während er so dachte, fiel sein Blick auf ein junges Weib, das sein
Kind an sich gerissen hatte und jetzt in eiliger Flucht auf ihn
zugestürzt kam. Keiner der Legionäre, an denen sie vorübereilen mußte,
konnte ihr den Weg versperren, weil sich alle in vollem Kampfe mit
andern Frauen befanden, und so war sie bis zum Ende der Galerie gelangt.

Sieh da, eine, die drauf und dran ist, glücklich zu entwischen! dachte
der Kriegsknecht. Weder sie noch das Kind ist verwundet. Stünd ich
jetzt nicht hier -- -- --

Die Frau stürzte so rasch auf den Kriegsknecht zu, als ob sie flöge,
und er hatte nicht Zeit, ihr Gesicht oder das des Kindes deutlich zu
sehen. Er streckte nur das Schwert gegen sie aus, und mit dem Kinde
in ihren Armen stürzte sie darauf zu. Er erwartete, sie im nächsten
Augenblicke mit dem Kinde durchbohrt zu Boden sinken zu sehen.

Doch in demselben Augenblick hörte der Soldat ein zorniges Summen über
seinem Haupte, und gleich darauf fühlte er einen heftigen Schmerz in
einem Auge. Der war so scharf und peinvoll, daß er ganz verwirrt und
betäubt ward, und das Schwert fiel aus seiner Hand auf den Boden.

Er griff mit der Hand ans Auge, faßte eine Biene und begriff, daß,
was ihm den entsetzlichen Schmerz verursacht hatte, nur der Stachel
des kleinen Tieres gewesen war. Blitzschnell bückte er sich nach
dem Schwerte, in der Hoffnung, daß es noch nicht zu spät wäre, die
Fliehenden aufzuhalten.

Aber das kleine Bienlein hatte seine Sache sehr gut gemacht. In der
kurzen Zeit, für die es den Kriegsknecht geblendet hatte, war es der
jungen Mutter gelungen, an ihm vorüber die Treppe hinunterzustürzen,
und obschon er ihr in aller Hast nacheilte, konnte er sie nicht mehr
finden. Sie war verschwunden, und in dem ganzen großen Palaste konnte
niemand sie entdecken.

       *       *       *       *       *

An nächsten Morgen stand der Kriegsknecht mit einigen seiner Kameraden
dicht vor dem Stadttore Wache. Es war früh am Tage, und die schweren
Tore waren eben erst geöffnet worden. Aber es war, als ob niemand
darauf gewartet hätte, daß sie sich an diesem Morgen auftun sollten,
denn keine Scharen von Feldarbeitern strömten aus der Stadt, wie es
sonst am Morgen der Brauch war. Alle Einwohner von Bethlehem waren so
starr vor Entsetzen über das Blutbad der Nacht, daß niemand sein Heim
zu verlassen wagte.

„Bei meinem Schwerte,“ sagte der Soldat, wie er da stand und in die
enge Gasse hinunterblickte, die zu dem Tore führte, „ich glaube, daß
Voltigius einen unklugen Beschluß gefaßt hat. Es wäre besser gewesen,
die Tore zu verschließen und jedes Haus der Stadt durchsuchen zu
lassen, bis er den Knaben gefunden hätte, dem es gelang, bei dem Feste
zu entkommen. Voltigius rechnet darauf, daß seine Eltern versuchen
werden, ihn von hier fortzuführen, sobald sie erfahren, daß die Tore
offen stehen, und er hofft auch, daß ich ihn gerade hier im Tore fangen
werde. Aber ich fürchte, daß dies keine kluge Berechnung ist. Wie
leicht kann es ihnen gelingen, ein Kind zu verstecken!“

Und er erwog, ob sie wohl versuchen würden, das Kind in dem Obstkorb
eines Esels zu verbergen oder in einem ungeheuern Ölkrug oder unter den
Kornballen einer Karawane.

Während er so stand und wartete, daß man versuche, ihn dergestalt zu
überlisten, erblickte er einen Mann und eine Frau, die eilig die Gasse
heraufschritten und sich dem Tore näherten. Sie gingen rasch und warfen
ängstliche Blicke hinter sich, als wären sie auf der Flucht vor irgend
einer Gefahr. Der Mann hielt eine Axt in der Hand und umklammerte sie
mit festem Griff, als wäre er entschlossen, sich mit Gewalt seinen Weg
zu bahnen, wenn jemand sich ihm entgegenstellte.

Aber der Kriegsknecht sah nicht so sehr den Mann an als die Frau. Er
sah, daß sie ebenso hochgewachsen war wie die junge Mutter, die ihm am
Abend vorher entkommen war. Er bemerkte auch, daß sie ihren Rock über
den Kopf geworfen trug. Sie trägt ihn vielleicht so, dachte er, um zu
verbergen, daß sie ein Kind im Arm hält.

Je näher sie kamen, desto deutlicher sah der Kriegsknecht das Kind, das
die Frau auf dem Arme trug, sich unter dem gehobenen Kleide abzeichnen.
Ich bin sicher, daß sie es ist, die mir gestern abend entschlüpfte,
dachte er. Ich konnte ihr Gesicht freilich nicht sehen, aber ich
erkenne die hohe Gestalt wieder. Und da kommt sie nun mit dem Kinde auf
dem Arm, ohne auch nur zu versuchen, es verborgen zu halten. Wahrlich,
ich hatte nicht gewagt, auf einen solchen Glücksfall zu hoffen.

Der Mann und die Frau setzten ihre hurtige Wanderung bis zum Stadttor
fort. Sie hatten offenbar nicht erwartet, daß man sie hier aufhalten
würde, sie zuckten vor Schrecken zusammen, als der Kriegsknecht seine
Lanze vor ihnen fällte und ihnen den Weg versperrte.

„Warum verwehrst du uns, ins Feld hinaus an unsre Arbeit zu gehen?“
fragte der Mann.

„Du kannst gleich gehen,“ sagte der Soldat, „ich muß vorher nur sehen,
was dein Weib unter dem Kleide verborgen hält?“

„Was ist daran zu sehen?“ sagte der Mann. „Es ist nur Brot und Wein,
wovon wir den Tag über leben müssen.“

„Du sprichst vielleicht die Wahrheit,“ sagte der Soldat, „aber wenn es
so ist, warum läßt sie mich nicht gutwillig sehen, was sie trägt?“

„Ich will nicht, daß du es siehst,“ sagte der Mann. „Und ich rate dir,
daß du uns vorbei läßt.“

Damit erhob der Mann die Axt, aber die Frau legte die Hand auf seinen
Arm.

„Lasse dich nicht in Streit ein!“ bat sie. „Ich will etwas andres
versuchen. Ich will ihn sehen lassen, was ich trage, und ich bin gewiß,
daß er ihm nichts zuleide tun kann.“

Und mit einem stolzen und vertrauenden Lächeln wendete sie sich dem
Soldaten zu und lüftete einen Zipfel ihres Kleides.

In demselben Augenblick prallte der Soldat zurück und schloß die Augen,
wie von einem starken Glanze geblendet. Was die Frau unter ihrem Kleide
verborgen hielt, strahlte ihm so blendendweiß entgegen, daß er zuerst
gar nicht wußte, was er sah.

„Ich glaubte, du hieltest ein Kind im Arme,“ sagte er.

„Du siehst, was ich trage,“ erwiderte die Frau.

Da endlich sah der Soldat, daß, was so blendete und leuchtete, nur ein
Büschel weißer Lilien war, von derselben Art, wie sie draußen auf dem
Felde wuchsen. Aber ihr Glanz war viel reicher und strahlender. Er
konnte es kaum ertragen, sie anzusehen.

Er steckte seine Hand zwischen die Blumen. Er konnte den Gedanken nicht
loswerden, daß es ein Kind sein müsse, was die Frau da trug, aber er
fühlte nur die weichen Blumenblätter.

Er war bitter enttäuscht und hätte in seinem Zornesmute gern den Mann
und auch die Frau gefangen genommen, aber er sah ein, daß er für ein
solches Verfahren keinen Grund ins Treffen führen konnte.

Als die Frau seine Verwirrung sah, sagte sie: „Willst du uns nicht
ziehen lassen?“

Der Kriegsknecht zog stumm die Lanze zurück, die er vor die Toröffnung
gehalten hatte, und trat zur Seite.

Aber die Frau zog ihr Kleid wieder über die Blumen und betrachtete
gleichzeitig, was sie auf ihrem Arme trug, mit einem holdseligen
Lächeln. „Ich wußte, du würdest ihm nichts zuleide tun können, wenn du
es nur sähest,“ sagte sie zu dem Kriegsknechte.

Hierauf eilten sie von dannen, aber der Kriegsknecht blieb stehen und
blickte ihnen nach, so lange sie noch zu sehen waren.

Und während er ihnen so mit den Blicken folgte, däuchte es ihn wieder
ganz sicher, daß sie kein Büschel Lilien im Arm trüge, sondern ein
wirkliches, lebendiges Kind.

Indes er noch so stand und den beiden Wanderern nachsah, hörte er
von der Straße her laute Rufe. Es waren Voltigius und einige seiner
Mannen, die herbeigeeilt kamen.

„Halte sie auf!“ riefen sie. „Schließe das Tor vor ihnen! Lasse sie
nicht entkommen!“

Und als sie bei dem Kriegsknecht angelangt waren, erzählten sie, daß
sie die Spur des entronnenen Knaben gefunden hätten. Sie hätten ihn
nun in seiner Behausung gesucht, aber da wäre er wieder entflohen.
Sie hätten seine Eltern mit ihm forteilen sehen. Der Vater wäre ein
starker, graubärtiger Mann, der eine Axt trüge, die Mutter eine
hochgewachsene Frau, die das Kind unter den hinaufgenommenen Rockfalten
verborgen hielte.

In demselben Augenblick, wo Voltigius dies erzählte, kam ein Beduine
auf einem guten Pferde zum Tore hereingeritten. Ohne ein Wort zu sagen,
stürzte der Kriegsknecht auf den Reiter zu. Er riß ihn mit Gewalt vom
Pferde herunter und warf ihn zu Boden. Und mit einem Satze war er
selbst auf dem Pferde und sprengte den Weg entlang.

       *       *       *       *       *

Ein paar Tage darauf ritt der Kriegsknecht durch die furchtbare
Bergwüste, die sich über den südlichen Teil von Judäa erstreckt. Er
verfolgte noch immer die drei Flüchtlinge aus Bethlehem, und er war
außer sich, daß diese fruchtlose Jagd niemals ein Ende nahm.

„Es sieht wahrlich aus, als wenn diese Menschen die Gabe hätten, in
den Erdboden zu versinken,“ murrte er. „Wie viele Male bin ich ihnen
in diesen Tagen so nah gewesen, daß ich dem Kinde gerade meine Lanze
nachschleudern wollte, und dennoch sind sie mir entkommen! Ich fange zu
glauben an, daß ich sie nun und nimmer einholen werde.“

Er fühlte sich mutlos wie einer, der zu merken glaubt, daß er gegen
etwas Übermächtiges ankämpfe. Er fragte sich, ob es möglich sei, daß
die Götter diese Menschen vor ihm beschützten.

„Es ist alles vergebliche Mühe. Besser, ich kehre um, ehe ich vor
Hunger und Durst in dieser öden Wildnis vergehe!“ sagte er einmal ums
andere zu sich selber.

Aber dann packte ihn die Furcht davor, was ihn bei der Heimkehr
erwartete, wenn er unverrichteter Dinge zurückkäme. Er war es, der
nun schon zweimal das Kind hatte entkommen lassen. Es war nicht
wahrscheinlich, daß Voltigius oder Herodes ihm so etwas verzeihen
würden.

„Solange Herodes weiß, daß eins von Bethlehems Kindern noch lebt, wird
er immer unter derselben Angst leiden,“ sagte der Kriegsknecht. „Das
wahrscheinlichste ist, daß er versuchen wird, seine Qualen dadurch zu
lindern, daß er mich ans Kreuz schlagen läßt.“

Es war eine heiße Mittagstunde, und er litt furchtbar auf dem Ritt
durch diese baumlose Felsgegend, auf einem Wege, der sich durch tiefe
Talklüfte schlängelte, wo kein Lüftchen sich regte. Pferd und Reiter
waren dem Umstürzen nahe.

Seit mehreren Stunden hatte der Kriegsknecht jede Spur von den
Fliehenden verloren, und er fühlte sich mutloser denn je.

Ich muß es aufgeben, dachte er. Wahrlich, ich glaube nicht, daß es der
Mühe lohnt, sie weiter zu verfolgen. Sie müssen in dieser furchtbaren
Wüstenei ja so oder so zugrunde gehen.

Während er diesen Gedanken nachhing, gewahrte er in einer Felswand, die
sich nahe dem Wege erhob, den gewölbten Eingang einer Grotte.

Sogleich lenkte er sein Pferd zu der Grottenöffnung. Ich will ein
Weilchen in der kühlen Felshöhle rasten, dachte er. Vielleicht kann ich
dann die Verfolgung mit frischer Kraft aufnehmen.

Als er gerade in die Grotte treten wollte, wurde er von etwas
Seltsamem überrascht. Zu den Seiten des Eingangs wuchsen zwei schöne
Lilienstauden. Sie standen hoch und aufrecht, voller Blüten. Sie
verbreiteten einen berauschenden Honigduft, und eine Menge Bienen
umschwärmten sie.

Dies war ein so ungewohnter Anblick in dieser Wüste, daß der
Kriegsknecht etwas Wunderliches tat. Er brach eine große weiße Blume
und nahm sie in die Felshöhle mit.

Die Grotte war weder tief noch dunkel, und sowie er unter ihre Wölbung
trat, sah er, daß schon drei Wanderer da weilten. Es waren ein Mann,
eine Frau und ein Kind, die ausgestreckt auf dem Boden lagen, in tiefen
Schlummer gesunken.

Niemals hatte der Kriegsknecht sein Herz so pochen fühlen wie bei
diesem Anblick. Es waren gerade die drei Flüchtlinge, denen er so
lange nachgejagt war. Er erkannte sie alsogleich. Und hier lagen sie
schlafend, außerstande, sich zu verteidigen, ganz und gar in seiner
Gewalt.

Sein Schwert fuhr rasselnd aus der Scheide, und er beugte sich hinunter
über das schlummernde Kind.

Behutsam senkte er das Schwert zu seinem Herzen und zielte genau, um es
mit einem einzigen Stoße aus der Welt schaffen zu können.

Mitten im Zustoßen hielt er einen Augenblick inne, um das Gesicht des
Kindes zu sehen. Nun er sich des Sieges sicher wußte, war es ihm eine
grausame Wollust, sein Opfer zu betrachten.

Aber als er das Kind sah, da war seine Freude womöglich noch größer,
denn er erkannte das kleine Knäblein wieder, das er mit Bienen und
Lilien auf dem Felde vor dem Stadttor hatte spielen sehen.

Ja, gewiß, dachte er, das hätte ich schon längst begreifen sollen.
Darum habe ich dieses Kind immer gehaßt. Es ist der verheißene
Friedensfürst.

Er senkte das Schwert wieder, indes er dachte: Wenn ich den Kopf
dieses Kindes vor Herodes niederlege, wird er mich zum Anführer seiner
Leibwache machen.

Während er die Schwertspitze dem Schlafenden immer näher brachte,
sprach er voll Freude zu sich selber: „Diesmal wenigstens wird niemand
dazwischen kommen und ihn meiner Gewalt entreißen!“

Aber der Kriegsknecht hielt noch die Lilie in der Hand, die er am
Eingang der Grotte gepflückt hatte, und während er so dachte, flog
eine Biene, die in ihrem Kelch verborgen gewesen war, zu ihm auf und
umkreiste summend einmal ums andre seinen Kopf.

Der Kriegsknecht zuckte zusammen. Er erinnerte sich auf einmal der
Bienen, denen das Knäblein beigestanden hatte, und ihm fiel ein, daß es
eine Biene gewesen war, die dem Kinde geholfen hatte, vom Gastmahl des
Herodes zu entrinnen.

Dieser Gedanke versetzte ihn in Staunen. Er hielt das Schwert still und
blieb stehen und horchte auf die Biene.

Nun hörte er das Summen des kleinen Tierchens nicht mehr. Aber während
er so ganz still stand, atmete er den starken süßen Duft ein, der von
der Lilie ausströmte, die er in der Hand hielt.

Da mußte er an die Lilien denken, denen das Knäblein beigestanden
hatte, und er erinnerte sich, daß es ein Büschel Lilien war, die das
Kind vor seinen Blicken verborgen und ihm geholfen hatten, durch das
Stadttor zu entkommen.

Er wurde immer gedankenvoller, und er zog das Schwert an sich.

„Die Bienen und die Lilien haben ihm seine Wohltaten vergolten“
flüsterte er sich selber zu.

Er mußte daran denken, daß der Kleine einmal auch ihm eine Wohltat
erwiesen hatte, und eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. „Kann ein
römischer Legionär vergessen, einen empfangenen Dienst zu vergelten?“
flüsterte er.

Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich selbst. Er dachte an Herodes und
an seine eigene Lust, den jungen Friedensfürsten zu vernichten.

„Es steht mir nicht wohl an, dieses Kind zu töten, das mir das Leben
gerettet hat,“ sagte er schließlich.

Und er beugte sich nieder und legte sein Schwert neben das Kind, damit
die Flüchtlinge beim Erwachen erführen, welcher Gefahr sie entgangen
waren.

Da sah er, daß das Kind wach war. Es lag und sah ihn mit seinen schönen
Augen an, die gleich Sternen leuchteten.

Und der Kriegsknecht beugte sein Knie vor dem Kinde.

„Herr, du bist der Mächtige,“ sagte er. „Du bist der starke Sieger. Du
bist der, den die Götter lieben. Du bist der, der auf Schlangen und
Skorpione treten kann.“

Er küßte seine Füße und ging dann sacht aus der Grotte, indes der
Kleine dalag und ihm mit großen, erstaunten Kinderaugen nachsah.

[Illustration]



Die Flucht nach Ägypten


[Illustration]


Fern in einer der Wüsten des Morgenlandes wuchs vor vielen, vielen
Jahren eine Palme, die ungeheuer alt und ungeheuer hoch war. Alle, die
durch die Wüste zogen, mußten stehen bleiben und sie betrachten, denn
sie war viel größer als andre Palmen, und man pflegte von ihr zu sagen,
daß sie sicherlich höher werden würde als Obeliske und Pyramiden.

Wie nun diese große Palme in ihrer Einsamkeit dastand und hinaus über
die Wüste schaute, sah sie eines Tages etwas, was sie dazu brachte,
ihre gewaltige Blätterkrone vor Staunen auf dem schmalen Stamme hin-
und herzuwiegen. Dort am Wüstenrande kamen zwei einsame Menschen
herangewandert. Sie waren noch in der Entfernung, in der Kamele so
klein wie Ameisen erscheinen, aber es waren sicherlich zwei Menschen.
Zwei, die Fremdlinge in der Wüste waren, denn die Palme kannte das
Wüstenvolk, ein Mann und ein Weib, die weder Wegweiser noch Lasttiere
hatten, weder Zelte noch Wassersäcke.

„Wahrlich,“ sagte die Palme zu sich selbst „diese beiden sind
hergekommen, um zu sterben.“

Die Palme warf rasche Blicke um sich.

„Es wundert mich,“ fuhr sie fort, „daß die Löwen nicht schon zur Stelle
sind, um diese Beute zu erjagen. Aber ich sehe keinen einzigen in
Bewegung. Auch keinen Räuber der Wüste sehe ich. Aber sie kommen wohl
noch.“

„Ihrer harret ein siebenfältiger Tod,“ dachte die Palme weiter. „Die
Löwen werden sie verschlingen, die Schlangen sie stechen, der Durst
wird sie vertrocknen, der Sandsturm sie begraben, die Räuber werden sie
fällen, der Sonnenstich wird sie verbrennen, die Furcht sie vernichten.“

Und sie versuchte, an etwas andres zu denken. Dieser Menschen Schicksal
stimmte sie wehmütig.

Aber im ganzen Umkreis der Wüste, die unter der Palme ausgebreitet lag,
fand sie nichts, was sie nicht schon seit Tausenden von Jahren gekannt
und betrachtet hätte. Nichts konnte ihre Aufmerksamkeit fesseln. Sie
mußte wieder an die beiden Wandrer denken.

„Bei der Dürre und dem Sturme!“ sagte sie, des Lebens gefährlichste
Feinde anrufend, „was ist es, was dieses Weib auf dem Arme trägt? Ich
glaube gar, diese Toren führen auch ein kleines Kind mit sich.“

Die Palme, die weitsichtig war, wie es die Alten zu sein pflegen, sah
wirklich richtig. Die Frau trug auf dem Arme ein Kind, das den Kopf an
ihre Schulter gelehnt hatte und schlief.

„Das Kind ist nicht einmal hinlänglich bekleidet,“ fuhr die Palme fort.
„Ich sehe, daß die Mutter ihren Rock aufgehoben und es damit eingehüllt
hat. Sie hat es in großer Hast aus seinem Bette gerissen und ist
mit ihm fortgestürzt. Jetzt verstehe ich alles: Diese Menschen sind
Flüchtlinge --

„Aber dennoch sind sie Toren,“ fuhr die Palme fort. „Wenn nicht ein
Engel sie beschützt, hätten sie lieber die Feinde ihr Schlimmstes tun
lassen sollen, statt sich hinaus in die Wüste zu begeben.

„Ich kann mir denken, wie alles zugegangen ist. Der Mann stand bei der
Arbeit, das Kind schlief in der Wiege, die Frau war abgegangen, um
Wasser zu holen. Als sie zwei Schritte vor die Tür gemacht hatte, sah
sie die Feinde angestürmt kommen. Sie ist zurückgestürzt, sie hat das
Kind an sich gerissen, dem Manne zugerufen, er solle ihr folgen, und
ist aufgebrochen. Dann sind sie tagelang auf der Flucht gewesen, sie
haben ganz gewiß keinen Augenblick geruht. Ja, so ist alles zugegangen,
aber ich sage dennoch, wenn nicht ein Engel sie beschützt -- -- --

„Sie sind so erschrocken, daß sie weder Müdigkeit noch andere Leiden
fühlen können, aber ich sehe, wie der Durst aus ihren Augen leuchtet.
Ich kenne doch wohl das Gesicht eines dürstenden Menschen.“

Und als die Palme an den Durst dachte, ging ein krampfhaftes Zucken
durch ihren langen Stamm, und die zahllosen Spitzen ihrer langen
Blätter rollten sich zusammen, als würden sie über ein Feuer gehalten.

„Wäre ich ein Mensch,“ sagte sie, „ich würde mich nie in die Wüste
hinaus wagen. Der ist gar mutig, der sich hierher wagt, ohne Wurzeln zu
haben, die hinunter zu den niemals versiegenden Wasseradern dringen.
Hier kann es gefährlich sein, selbst für Palmen. Selbst für eine solche
Palme wie mich.

„Wenn ich ihnen raten könnte, ich würde sie bitten, umzukehren.
Ihre Feinde können niemals so grausam gegen sie sein wie die Wüste.
Vielleicht glauben sie, daß es leicht sei, in der Wüste zu leben. Aber
ich weiß, daß es selbst mir zuweilen schwer gefallen ist, am Leben
zu bleiben. Ich weiß noch, wie einmal in meiner Jugend ein Sturmwind
einen ganzen Berg von Sand über mich schüttete. Ich war nahe daran, zu
ersticken. Wenn ich hätte sterben können, wäre dies meine letzte Stunde
gewesen.“

Die Palme fuhr fort, laut zu denken, wie alte Einsiedler zu tun pflegen.

„Ich höre ein wunderbar melodisches Rauschen durch meine Krone eilen,“
sagte sie. „Die Spitze aller meiner Blätter müssen in Schwingungen
beben. Ich weiß nicht, was mich beim Anblick dieser armen Fremdlinge
durchfährt. Aber dieses betrübte Weib ist so schön. Sie bringt mir das
Wunderbarste, das ich erlebt, wieder in Erinnerung.“

Und während die Blätter fortfuhren, sich in einer rauschenden Melodie
zu regen, dachte die Palme daran, wie einmal, vor sehr langer Zeit,
zwei strahlende Menschen Gäste der Oase gewesen waren. Es war die
Königin von Saba, die hierher gekommen war, mit ihr der weise Salomo.
Die schöne Königin wollte wieder heimkehren in ihr Land, der König
hatte sie ein Stück Weges geleitet, und nun wollten sie sich trennen.
-- „Zur Erinnerung an diese Stunde,“ sagte da die Königin, „pflanze
ich einen Dattelkern in die Erde, und ich will, daß daraus eine Palme
werde, die wachsen und leben soll, bis im Lande Juda ein König ersteht,
der größer ist als Salomo.“ Und als sie dieses gesagt hatte, senkte sie
den Kern in die Erde, und ihre Tränen netzten ihn.

„Woher mag es kommen, daß ich just heute daran denke?“ fragte sich
die Palme. „Sollte diese Frau so schön sein, daß sie mich an die
herrlichste der Königinnen erinnert, an sie, auf deren Wort ich
erwachsen bin und gelebt habe bis zum heutigen Tage?

„Ich höre meine Blätter immer stärker rauschen,“ sagte die Palme, „und
es klingt wehmütig wie ein Totengesang. Es ist, als weissagten sie, daß
jemand bald aus dem Leben scheiden müsse. Es ist gut, zu wissen, daß es
nicht mir gilt, da ich nicht sterben kann.“

Die Palme nahm an, daß das Todesrauschen in ihren Blättern den beiden
einsamen Wanderern gelten müsse. Sicherlich glaubten auch diese
selbst, daß ihre letzte Stunde nahe. Man sah es an dem Ausdruck
ihrer Züge, als sie an einem der Kamelskelette vorüberwanderten,
die den Weg umgrenzten. Man sah es an den Blicken, die sie ein paar
vorbeifliegenden Geiern nachsandten. Es konnte ja nicht anders sein.
Sie waren verloren.

Sie hatten die Palme und die Oase erblickt und eilten nun darauf zu,
um Wasser zu finden. Aber als sie endlich herankamen, sanken sie
in Verzweiflung zusammen, denn die Quelle war ausgetrocknet. Das
ermattete Weib legte das Kind nieder und setzte sich weinend an den
Rand der Quelle. Der Mann warf sich neben ihr hin, er lag und hämmerte
mit beiden Fäusten auf die trockene Erde. Die Palme hörte, wie sie
miteinander davon sprachen, daß sie sterben müßten.

Sie hörte auch aus ihren Reden, daß König Herodes alle Kindlein im
Alter von zwei und drei Jahren hatte töten lassen, aus Furcht, daß der
große, erwartete König der Juden geboren sein könnte.

„Es rauscht immer mächtiger in meinen Blättern,“ dachte die Palme.
„Diesen armen Flüchtlingen schlägt bald ihr letztes Stündlein.“

Sie vernahm auch, daß die beiden die Wüste fürchteten. Der Mann sagte,
es wäre besser gewesen, zu bleiben und mit den Kriegsknechten zu
kämpfen, statt zu fliehen. Sie hätten so einen leichteren Tod gefunden.

„Gott wird uns beistehen,“ sagte die Frau.

„Wir sind einsam unter Raubtieren und Schlangen,“ sagte der Mann. „Wir
haben nicht Speise und Trank. Wie sollte Gott uns beistehen können?“

Er zerriß seine Kleider in Verzweiflung und drückte sein Gesicht auf
den Boden. Er war hoffnungslos, wie ein Mann mit einer Todeswunde im
Herzen.

Die Frau saß aufrecht, die Hände über den Knieen gefaltet. Doch die
Blicke, die sie über die Wüste warf, sprachen von einer Trostlosigkeit
ohne Grenzen.

Die Palme hörte, wie das wehmütige Rauschen in ihren Blättern immer
stärker wurde. Die Frau mußte es auch gehört haben, denn sie hob die
Augen zur Baumkrone auf. Und zugleich erhob sie unwillkürlich ihre Arme
und Hände.

„O, Datteln, Datteln!“ rief sie.

Es lag so große Sehnsucht in der Stimme, daß die alte Palme wünschte,
sie wäre nicht höher als der Ginsterbusch, und ihre Datteln so leicht
erreichbar wie die Hagebutten des Dornenstrauchs. Sie wußte wohl, daß
ihre Krone voll von Dattelbüscheln hing, aber wie sollten wohl Menschen
zu so schwindelnder Höhe hinaufreichen?

Der Mann hatte schon gesehen, wie unerreichbar hoch die Datteln hingen.
Er hob nicht einmal den Kopf. Er bat nur die Frau, sich nicht nach dem
Unmöglichen zu sehnen.

Aber das Kind, das für sich selbst umhergetrippelt war und mit Hälmchen
und Gräsern gespielt hatte, hatte den Ausruf der Mutter gehört.

Der Kleine konnte sich wohl nicht denken, daß seine Mutter nicht
alles bekommen könnte, was sie sich wünschte. Sowie man von Datteln
sprach, begann er den Baum anzugucken. Er sann und grübelte, wie er
die Datteln herunterbekommen sollte. Seine Stirn legte sich beinah in
Falten unter dem hellen Gelock. Endlich huschte ein Lächeln über sein
Antlitz. Er hatte das Mittel herausgefunden. Er ging auf die Palme zu
und streichelte sie mit seiner kleinen Hand und sagte mit einer süßen
Kinderstimme:

„Palme, beuge dich! Palme, beuge dich!“

Aber, was war das nur? Was war das? Die Palmenblätter rauschten, als
wäre ein Orkan durch sie gefahren, und den langen Palmenstamm hinauf
lief Schauer um Schauer. Und die Palme fühlte, daß der Kleine Macht
über sie hatte. Sie konnte ihm nicht widerstehen.

Und sie beugte sich mit ihrem hohen Stamme vor dem Kinde, wie Menschen
sich vor Fürsten beugen. In einem gewaltigen Bogen senkte sie sich zur
Erde und kam endlich so tief hinunter, daß die große Krone mit den
bebenden Blättern über den Wüstensand fegte.

Das Kind schien weder erschrocken noch erstaunt zu sein, sondern mit
einem Freudenrufe kam es und pflückte Traube um Traube aus der Krone
der alten Palme.

Als das Kind genug genommen hatte und der Baum noch immer auf der Erde
lag, ging es wieder heran und liebkoste ihn und sagte mit der holdesten
Stimme:

„Palme, erhebe dich, Palme, erhebe dich!“

Und der große Baum erhob sich still und ehrfürchtig auf seinem
biegsamen Stamm, indes die Blätter gleich Harfen spielten.

„Jetzt weiß ich, für wen sie die Todesmelodie spielen,“ sagte die alte
Palme zu sich selbst, als sie wieder aufrecht stand. „Nicht für einen
von diesen Menschen.“

Aber der Mann und das Weib lagen auf den Knieen und lobten Gott.

„Du hast unsre Angst gesehen und sie von uns genommen. Du bist der
Starke, der den Stamm der Palme beugt wie schwankes Rohr. Vor welchem
Feinde sollten wir erbeben, wenn deine Stärke uns schützt?“

Als die nächste Karawane durch die Wüste zog, sahen die Reisenden, daß
die Blätterkrone der großen Palme verwelkt war.

„Wie kann das zugehen?“ sagte ein Wanderer. „Diese Palme sollte ja
nicht sterben, bevor sie einen König gesehen hätte, der größer wäre als
Salomo.“

„Vielleicht hat sie ihn gesehen,“ antwortete ein andrer von den
Wüstenfahrern.

[Illustration]



[Illustration]



In Nazareth


[Illustration]


Einmal zu der Zeit, da Jesus erst fünf Jahre alt war, saß er auf
der Schwelle vor seines Vaters Werkstatt in Nazareth und war damit
beschäftigt, aus einem Klümpchen geschmeidigen Tons, das er von dem
Töpfer auf der anderen Seite der Straße erhalten hatte, Tonkuckucke
zu verfertigen. Er war so glücklich wie nie zuvor, denn alle Kinder
des Viertels hatten Jesus gesagt, daß der Töpfer ein mürrischer Mann
sei, der sich weder durch freundliche Blicke noch durch honigsüße
Worte erweichen ließe, und er hatte niemals gewagt, etwas von ihm zu
verlangen. Aber siehe da, er wußte kaum, wie es zugegangen war: er
hatte nur auf seiner Schwelle gestanden und sehnsüchtig den Nachbar
betrachtet, wie er da an seinen Formen arbeitete, und da war der aus
seinem Laden gekommen und hatte ihm so viel Ton geschenkt daß er
gereicht hätte, um einen Weinkrug daraus zu fertigen.

Auf der Treppenstufe vor dem nächsten Hause saß Judas, der häßlich und
rothaarig war und das Gesicht voller blauer Flecke und die Kleider
voller Risse hatte, die er sich bei seinen beständigen Kämpfen mit
den Gassenjungen zugezogen hatte. Für den Augenblick war er still, er
reizte niemand und balgte sich nicht, sondern arbeitete an einem Stück
Ton, in gleicher Weise wie Jesus. Aber diesen Ton hatte er sich nicht
selbst verschaffen können: er traute sich kaum, dem Töpfer unter die
Augen zu treten, denn dieser beschuldigte ihn, daß er Steine auf sein
zerbrechliches Gut zu werfen pflege, und hätte ihn mit Stockhieben
verjagt; Jesus war es, der seinen Vorrat mit ihm geteilt hatte.

Wie die zwei Kinder ihre Tonkuckucke fertig machten, stellten sie sie
in einem Kreise vor sich auf. Sie sahen so aus, wie Tonkuckucke zu
allen Zeiten ausgesehen haben, sie hatten einen großen roten Klumpen
als Füße, um darauf zu stehen, kurze Schwänze, keinen Hals und kaum
sichtbare Flügel.

Aber wie das auch sein mochte, alsbald zeigte sich ein Unterschied
in der Arbeit der kleinen Kameraden. Judas Vögel waren so schief,
daß sie immer umpurzelten, und wie er sich auch mit seinen kleinen
harten Fingern mühte, er konnte ihre Körper doch nicht niedlich und
wohlgeformt machen. Er sah zuweilen verstohlen zu Jesus hinüber, um zu
sehen, wie der es anstellte, daß seine Vögel so gleichmäßig und glatt
wurden wie die Eichenblätter in den Wäldern auf dem Berge Tabor.

Mit jedem Vogel, den Jesus fertig hatte, wurde er glücklicher. Einer
däuchte ihn schöner als der andre, und er betrachtete sie alle mit
Stolz und Liebe. Sie sollten seine Spielgefährten werden, seine
kleinen Geschwister, sie sollten in seinem Bette schlafen, mit ihm
Zwiesprach halten, ihm ihre Lieder singen, wenn seine Mutter ihn allein
ließ. Er hatte sich nie so reich gedünkt, niemals mehr würde er sich
einsam oder verlassen fühlen können.

Der hochgewachsene Wasserträger ging vorbei, gebeugt unter seinem
schweren Sack, und gleich nach ihm kam der Gemüsehändler, der mitten
zwischen den großen leeren Weidenkörben auf dem Rücken seines Esels
baumelte. Der Wasserträger legte seine Hand auf Jesus blondlockigen
Kopf und fragte ihn nach seinen Vögeln, und Jesus erzählte, daß sie
Namen hätten und daß sie singen könnten. Alle seine kleinen Vögelchen
wären aus fremden Ländern zu ihm gekommen und erzählten ihm Dinge, von
denen nur sie und er wüßten. Und Jesus sprach so, daß der Wasserträger
wie der Gemüsehändler lange ihre Verrichtungen vergaßen, um ihm zu
lauschen.

Als sie weiterziehen wollten, wies Jesus auf Judas. „Seht, was für
schöne Vögel Judas macht!“ sagte er.

Da hielt der Gemüsehändler gutmütig seinen Esel an und fragte Judas,
ob auch seine Vögel Namen hätten und singen könnten. Aber Judas wußte
nichts hierüber, er schwieg eigensinnig und hob die Augen nicht von
seiner Arbeit; der Gemüsehändler stieß ärgerlich einen seiner Vögel mit
dem Fuße weg und ritt weiter.

So verstrich der Nachmittag und die Sonne sank so tief, daß ihr
Schein durch das niedrige Stadttor hereinschreiten konnte, das sich,
mit einem römischen Adler geschmückt, am Ende der Straße erhob. Dieses
Sonnenlicht, das um die Neige des Tages kam, war ganz rosenrot, und
als wäre es aus Blut gemischt, gab es seine Farben allem, was ihm in
den Weg kam, während es durch das schmale Gäßchen rieselte. Es malte
die Gefäße des Töpfers ebenso wie die Planke, die unter der Säge des
Zimmermanns knirschte, und das weiße Tuch, das Marias Gesicht umgab.

Aber am allerschönsten blinkte der Sonnenschein in den kleinen
Wasserpfützen, die sich zwischen den großen holprigen Steinfliesen, die
die Straße bedeckten, angesammelt hatten. Und plötzlich steckte Jesus
seine Hand in die Pfütze, die ihm zunächst war. Es war ihm eingefallen,
daß er seine grauen Vögel mit dem glitzernden Sonnenschein anmalen
wollte, der dem Wasser, den Hausmauern, kurz allem ringsum eine so
schöne Farbe verliehen hatte.

Da war es dem Sonnenlicht eine Freude, sich auffangen zu lassen wie
die Farbe aus einem Malertiegel, und als Jesus es über die kleinen
Tonvögelchen strich, da lag es still und bedeckte sie vom Kopfe bis zum
Fuße mit diamantenähnlichem Glanze.

Judas, der hie und da einen Blick hinüber zu Jesus warf, um zu sehen,
ob dieser mehr und schönere Vögel mache als er, stieß einen Ausruf
des Entzückens aus, als er sah, wie Jesus seine Tonkuckucke mit
Sonnenschein bemalte, den er aus den Wassertümpeln der Gasse auffing.
Und Judas tauchte seine Hand auch in das leuchtende Wasser und suchte
das Sonnenlicht aufzufangen.

Aber das Sonnenlicht ließ sich nicht von ihm fangen. Es glitt zwischen
seinen Fingern hindurch, und wie hurtig er sich auch mühte, die Hände
zu regen, um es zu greifen, es entschlüpfte ihm doch, und er konnte
seinen armen Vögeln kein bißchen Farbe schaffen.

„Warte, Judas!“ sagte Jesus. „Ich will kommen und deine Vögel malen.“

„Nein,“ sagte Judas, „du darfst sie nicht anrühren. Sie sind gut genug,
wie sie sind.“

Er stand auf, während seine Stirn sich furchte und seine Lippen sich
aufeinander preßten. Und er setzte seinen breiten Fuß auf die Vögel
und verwandelte sie einen nach dem andern in kleine abgeplattete
Lehmklumpen.

Als seine Vögel alle zerstört waren, ging er auf Jesus zu, der dasaß
und seine kleinen Tonvögel streichelte, die wie Juwelen funkelten.
Judas betrachtete sie eine Weile schweigend, aber dann hob er den Fuß
und trat einen von ihnen nieder.

Als Judas den Fuß zurückzog und den ganzen kleinen Vogel in grauen
Lehm verwandelt sah, empfand er eine solche Wollust, daß er zu lachen
begann, und er hob den Fuß, um noch einen zu zertreten.

„Judas,“ rief Jesus, „was tust du? Weißt du nicht, sie sind lebendig
und können singen?“

Aber Judas lachte und zertrat noch einen Vogel.

Jesus sah sich nach Hilfe um. Judas war groß, und Jesus hatte nicht die
Kraft, ihn zurückzuhalten. Er schaute nach seiner Mutter aus. Sie war
nicht weit weg, aber ehe sie herankäme, konnte Judas schon alle seine
Vögel zerstört haben. Die Tränen traten Jesus in die Augen. Judas hatte
schon vier seiner Vögel zertreten, es waren nur noch drei.

Er war seinen Vögeln gram, daß sie so stille standen und sich
niedertreten ließen, ohne auf die Gefahr zu achten. Jesus klatschte in
die Hände, um sie zu wecken, und rief ihnen zu: „Fliegt, fliegt!“

Da begannen die drei Vögel ihre kleinen Flügel zu regen, und ängstlich
flatternd vermochten sie sich auf den Rand des Daches zu schwingen, wo
sie geborgen waren.

Aber als Judas sah, daß die Vögel auf Jesus Wort die Flügel regten und
flogen, da fing er zu weinen an. Er raufte sein Haar, wie er es die
Alten hatte tun sehen, wenn sie in großer Angst und Sorge waren, und
warf sich Jesus zu Füßen.

Und da lag Judas und wälzte sich vor Jesus im Staube wie ein Hund
und küßte seine Füße und bat, daß er seinen Fuß erheben und ihn
niedertreten möge, wie er mit den Tonvögeln getan hatte.

Denn Judas liebte Jesus und bewunderte ihn und betete ihn an und haßte
ihn zugleich.

Aber Maria, die die ganze Zeit über das Spiel der Kinder mit angesehen
hatte, stand jetzt auf und hob Judas empor und setzte ihn auf ihren
Schoß und liebkoste ihn.

„Du armes Kind!“ sagte sie zu ihm. „Du weißt nicht, daß du etwas
versucht hast, was kein Geschöpf vermag. Vermiß dich nicht mehr,
solches zu tun, wenn du nicht der unglücklichste aller Menschen werden
willst! Wie sollte es wohl dem von uns ergehen, der es unternähme, mit
ihm zu wetteifern, der mit Sonnenschein malt und dem toten Lehm den
Odem des Lebens einhaucht?“

[Illustration]



[Illustration]



Im Tempel


[Illustration]


Es waren einmal ein paar arme Leute, ein Mann, eine Frau und ihr
kleines Söhnlein, die gingen in dem großen Tempel in Jerusalem umher.
Der Sohn war ein bildschönes Kind. Er hatte Haare, die in weichen
Locken lagen, und Augen, die ganz wie Sterne leuchteten.

Der Sohn war nicht im Tempel gewesen, seit er so groß war, daß er
verstehen konnte, was er sah; und jetzt gingen seine Eltern mit ihm
umher und zeigten ihm alle Herrlichkeiten. Da waren lange Säulenreihen,
da waren vergoldete Altäre, da waren heilige Männer, die saßen und ihre
Schüler unterwiesen, da war der oberste Priester mit seinem Brustschild
aus Edelsteinen, da waren Vorhänge aus Babylon, die mit Goldrosen
durchwebt waren, da waren die großen Kupfertore, die so schwer waren,
daß es eine Arbeit für dreißig Männer war, sie in ihren Angeln hin und
her zu schwingen.

Aber der kleine Knabe, der erst zwölf Jahre zählte, kümmerte sich nicht
viel um das alles. Seine Mutter erzählte ihm, daß, was sie ihm zeigten,
das Merkwürdigste auf der Welt sei. Sie sagte ihm, daß es wohl lange
dauern würde, ehe er noch einmal so etwas zu sehen bekäme. In dem armen
Nazareth, wo sie daheim waren, gab es nichts anderes anzugucken als die
grauen Gassen.

Ihre Ermahnungen fruchteten aber nicht viel. Der kleine Knabe sah aus,
als wäre er gerne aus dem herrlichen Tempel fortgelaufen, wenn er dafür
in der engen Gasse in Nazareth hätte spielen dürfen.

Aber es war wunderlich: je gleichgültiger der Knabe sich zeigte, desto
froher und vergnügter wurden die Eltern. Sie nickten einander über
seinen Kopf hinweg zu und waren eitel Zufriedenheit.

Endlich sah der Kleine so müde und erschöpft aus, daß er der Mutter
leid tat. „Wir sind zu weit mit dir gegangen,“ sagte sie. „Komm, du
sollst dich ein Weilchen ausruhen!“

Sie ließ sich neben einer Säule nieder und sagte ihm, er solle sich auf
den Boden legen und den Kopf in ihren Schoß betten. Und er tat es und
schlummerte sogleich ein.

Kaum war er eingeschlafen, da sagte die Frau zu dem Manne: „Ich habe
nichts so gefürchtet wie die Stunde, da er Jerusalems Tempel betreten
würde. Ich glaubte, wenn er dieses Haus Gottes erblickte, würde er für
alle Zeit hier bleiben wollen.“

„Auch mir hat vor dieser Fahrt gebangt,“ sagte der Mann. „Zur Zeit, da
er geboren wurde, geschahen mancherlei Zeichen, die darauf deuteten,
daß er ein großer Herrscher werden würde. Aber was sollte ihm die
Königswürde bringen als Sorgen und Gefahren? Ich habe immer gesagt, daß
es das beste für ihn wie für uns wäre, wenn er niemals etwas andres
würde, als ein Zimmermann in Nazareth.“

„Seit seinem fünften Jahre,“ sagte die Mutter nachdenklich, „sind
keine Wunder um ihn geschehen. Und er selber erinnert sich an nichts
von dem, was sich in seiner frühesten Kindheit zugetragen hat. Er ist
jetzt ganz wie ein Kind unter andern Kindern. Gottes Wille möge vor
allem geschehen, aber ich habe fast zu hoffen begonnen, daß der Herr in
seiner Gnade einen andern für die großen Schicksale erwählen und mir
meinen Sohn lassen werde.“

„Was mich betrifft,“ sagte der Mann, „so bin ich gewiß, daß alles gut
gehen wird, wenn er gar nichts von den Zeichen und Wundern erfährt, die
sich in seinen ersten Lebensjahren begeben haben.“

„Ich spreche nie mit ihm über etwas von diesem Wunderbaren,“ sagte die
Frau. „Aber ich fürchte immer, daß ohne mein Hinzutun etwas geschehen
könnte, was ihn erkennen läßt, wer er ist. Vor allem hatte ich Angst,
ihn in diesen Tempel zu führen.“

„Du kannst froh sein, daß die Gefahr nun vorüber ist,“ sagte der Mann.
„Bald haben wir ihn wieder daheim in Nazareth.“

„Ich habe mich vor den Schriftgelehrten im Tempel gefürchtet,“ sagte
die Frau. „Ich fürchtete mich vor den Wahrsagern, die hier auf ihren
Matten sitzen. Ich glaubte, wenn er ihnen unter die Augen träte,
würden sie aufstehen und sich vor dem Kinde beugen und es als den
König der Juden grüßen. Es ist seltsam, daß sie seiner Herrlichkeit
nicht gewahr werden. Ein solches Kind ist ihnen noch niemals vor Augen
gekommen.“

Sie saß eine Weile schweigend und betrachtete das Kind. „Ich kann es
kaum verstehen,“ sagte sie. „Ich glaubte, wenn er diese Richter sehen
würde, die in dem heiligen Hause sitzen und die Zwiste des Volkes
schlichten, und diese Lehrer, die zu ihren Jüngern sprechen, und diese
Priester, die dem Herrn dienen, so würde er erwachen und rufen: ‚Hier
unter diesen Richtern, diesen Lehrern, diesen Priestern zu leben bin
ich geboren.‘“

„Was sollte dies wohl für ein Glück sein, zwischen diesen Säulengängen
eingesperrt zu sitzen?“ fiel der Mann ein. „Es ist besser für ihn, auf
den Hügeln und Bergen rings um Nazareth umherzuwandern.“

Die Mutter seufzte ein wenig. „Er ist so glücklich bei uns daheim,“
sagte sie. „Wie zufrieden ist er, wenn er die Schafherden auf ihren
einsamen Wanderungen begleiten darf, oder wenn er über die Felder geht
und der Arbeit der Landleute zusieht! Ich kann nicht glauben, daß wir
unrecht gegen ihn handeln, wenn wir versuchen, ihn für uns zu behalten.“

„Wir ersparen ihm nur das größte Leid,“ sagte der Mann.

Sie fuhren fort, so miteinander zu sprechen, bis das Kind aus seinem
Schlummer erwachte.

„Sieh da,“ sagte die Mutter, „hast du dich jetzt ausgeruht? Stehe nun
auf, denn der Abend bricht an, und wir müssen heim zum Lagerplatz.“

Sie befanden sich in dem entferntesten Teil des Gebäudes, als sie die
Wanderung zum Ausgang antraten.

Nach einigen Augenblicken hatten sie ein altes Gewölbe zu
durchschreiten, das sich noch aus der Zeit erhalten hatte, als zum
ersten Male ein Tempel an dieser Stelle errichtet worden war, und da,
an eine Wand gelehnt, stand ein altes Kupferhorn von ungeheurer Länge
und Schwere gleich einer Säule da, damit man es an den Mund führe und
darauf blase. Es stand da, bucklig und verschrammt, innen und außen
voll Staub und Spinngeweben, und von einer kaum sichtbaren Schlinge von
altertümlichen Buchstaben umgeben. Tausend Jahre mochten wohl vergangen
sein, seit jemand versucht hatte, ihm einen Ton zu entlocken.

Aber als der kleine Knabe das ungeheure Horn erblickte, blieb er
verwundert stehen. „Was ist das?“ fragte er.

„Das ist das große Horn, das die Stimme des Weltenfürsten genannt
wird,“ antwortete die Mutter. „Mit ihm rief Moses die Kinder Israels
zusammen, als sie in der Wüste zerstreut waren. Nach seiner Zeit hat
niemand es vermocht, ihm auch nur einen einzigen Ton zu entlocken.
Aber wer dies vermag, wird alle Völker der Erde unter seiner Gewalt
sammeln.“

Sie lächelte über dies, was sie für ein altes Märchen hielt, aber der
kleine Knabe blieb vor dem großen Horn stehen, bis sie ihn fortrief.
Von allem, was er in dem Tempel gesehen, war dieses Horn das erste, was
ihm wohlgefiel. Er hätte gern verweilt, um es lange und genau anzusehen.

Sie waren nicht lange gegangen, als sie in einen großen, weiten
Tempelhof kamen. Hier befand sich im Berggrunde selbst eine Kluft,
tief und weit, so wie sie von Urzeit an gewesen war. Diese Spalte
hatte König Salomo nicht ausfüllen wollen, als er den Tempel baute.
Keine Brücke hatte er darüber geschlagen, kein Gitter hatte er vor dem
schwindelnden Abgrund errichtet. Statt dessen hatte er über die Kluft
eine mehrere Ellen lange Klinge aus Stahl gespannt, scharfgeschliffen,
mit der Schneide nach oben. Und nach einer Unendlichkeit von Jahren
und Wechselfällen lag die Klinge noch über dem Abgrund. Jetzt war sie
doch beinahe verrostet, sie war nicht mehr sicher an ihren Endpunkten
befestigt, sondern zitterte und schaukelte sich, sowie jemand mit
schweren Schritten über den Tempelhof ging.

Als die Mutter den Knaben über einen Umweg an der Kluft vorbeiführte,
fragte er sie: „Was ist dies für eine Brücke?“

„Die ist von König Salomo hingelegt worden,“ antwortete die Mutter,
„und wir nennen sie die Paradiesbrücke. Wenn du diese Kluft auf dieser
zitternden Brücke zu überschreiten vermagst, deren Schneide dünner ist
als ein Sonnenstrahl, so kannst du gewiß sein, ins Paradies zu kommen.“

Und sie lächelte und eilte weiter, aber der Knabe blieb stehen und
betrachtete die schmale, bebende Stahlklinge, bis die Mutter nach ihm
rief.

Als er ihr gehorchte, seufzte er, weil sie ihm diese zwei wunderbaren
Dinge nicht früher gezeigt hatte, so daß er vollauf Zeit gehabt hätte,
sie zu betrachten.

Sie gingen nun ohne Aufenthalt, bis sie den großen Eingangsportikus
mit seinen fünffachen Säulenreihen erreichten. Hier standen in einer
Ecke ein paar Säulen aus schwarzem Marmor, auf demselben Fußgestell so
nahe aneinander aufgerichtet, daß man kaum einen Strohhalm dazwischen
durchzuschieben vermochte. Sie waren hoch und majestätisch, mit
reichgeschmückten Kapitälen, um die eine Reihe seltsam geformter
Tierköpfe lief. Aber nicht ein Zoll breit dieser schönen Säulen war
ohne Risse und Schrammen, sie waren beschädigt und abgenützt wie nichts
andres im Tempel. Sogar der Boden rings um sie war blankgescheuert und
ein wenig ausgehöhlt von den Tritten vieler Füße.

Wieder hielt der Knabe seine Mutter an und fragte sie: „Was sind dies
für Säulen?“

„Es sind Säulen, die unser Vater Abraham aus dem fernen Chaldäa hierher
nach Palästina gebracht hat und die er die Pforte der Gerechtigkeit
nannte. Wer sich zwischen ihnen durchdrängen kann, der ist gerecht vor
Gott und hat niemals eine Sünde begangen.“

Der Knabe blieb stehen und sah mit großen Augen die Säulen an.

„Du willst wohl nicht versuchen, dich zwischen ihnen durchzuzwängen?“
sagte die Mutter und lachte. „Du siehst, wie ausgetreten der Boden
rings um sie ist, von den vielen, die versucht haben, sich durch den
schmalen Spalt zu drängen, aber du kannst es mir glauben, es ist keinem
gelungen. Spute dich nun! Ich höre das Donnern der Kupfertore, an die
die dreißig Tempeldiener ihre Schultern stemmen, um sie in Bewegung zu
setzen.“

Aber die ganze Nacht lag der kleine Knabe im Zelte wach, und er sah
nichts andres vor sich als die Pforte der Gerechtigkeit und die
Paradiesesbrücke und die Stimme des Weltenfürsten. Von so wunderbaren
Dingen hatte er nie zuvor gehört. Und er konnte sie sich nicht aus dem
Kopfe schlagen.

Und am Morgen des nächsten Tages erging es ihm ebenso. Er konnte an
nichts andres denken. An diesem Morgen sollten sie die Heimreise
antreten. Die Eltern hatten viel zu tun, bis sie das Zelt abgebrochen
und einem großen Kamel aufgeladen hatten und bis alles andere in
Ordnung kam. Sie sollten nicht allein fahren, sondern in Gesellschaft
von vielen Verwandten und Nachbarn, und da soviel Leute fortziehen
sollten, ging das Einpacken natürlich sehr langsam vonstatten.

Der kleine Knabe half nicht bei der Arbeit mit, sondern mitten in dem
Hasten und Eilen saß er still da und dachte an die drei wunderbaren
Dinge.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er noch Zeit hatte, in den Tempel zu gehen
und sie noch einmal anzusehen. Da war noch viel, was aufgeladen werden
mußte. Er könnte wohl noch vor dem Aufbruch vom Tempel zurückkommen.

Er eilte von dannen, ohne jemand zu sagen, wohin er sich begab. Er
glaubte nicht, daß dies nötig sei. Er wollte ja bald wieder da sein.

Es währte nicht lange, so erreichte er den Tempel und trat in die
Säulenhalle, wo die zwei schwarzen Geschwistersäulen aufgestellt waren.

Sowie er sie erblickte, begannen seine Augen vor Freude zu leuchten. Er
setzte sich auf den Boden neben sie und starrte zu ihnen empor. Wenn
er daran dachte, daß wer sich zwischen diesen zwei Säulen durchdrängen
könnte, gerecht vor Gott wäre und niemals eine Sünde begangen hätte, da
däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Wunderbares geschaut hätte.

Er dachte, wie herrlich es sein müsse, sich zwischen diesen zwei Säulen
durchdrängen zu können, aber sie standen so nah nebeneinander, daß es
unmöglich war, es auch nur zu versuchen. So saß er wohl eine Stunde
regungslos vor den Säulen, aber davon wußte er nichts. Er glaubte, daß
er sie nur ein paar Augenblicke betrachtet hätte.

Aber es begab sich, daß in der prächtigen Säulenhalle, in der der Knabe
saß, die Richter des Hohen Rats versammelt waren, um dem Volke bei
seinen Zwistigkeiten zurechtzuhelfen. Der ganze Portikus war voller
Menschen, die wegen Grenzmarken klagten, die man verschoben hatte, über
Schafe, die aus der Herde geraubt und mit falschen Zeichen versehen
worden waren, über Schuldner, die ihre Schulden nicht bezahlen wollten.

Unter allen den andern kam auch ein reicher Mann, der in schleppende
Purpurgewänder gekleidet war und eine arme Witwe vor den Richterstuhl
führte, die ihm einige Sekel Silber schuldig sein sollte. Die arme
Witwe jammerte und sagte, daß der Reiche unrecht an ihr handele. Sie
hätte ihm schon einmal ihre Schuld bezahlt, nun wolle er sie zwingen,
es noch einmal zu tun, aber das vermöge sie nicht. Sie wäre so arm, daß
sie, wenn die Richter sie verurteilten, zu bezahlen, gezwungen wäre,
dem Reichen ihre Töchter als Sklavinnen zu geben.

Der zuhöchst auf dem Richterstuhle saß, wendete sich an den reichen
Mann und sprach zu ihm: „Wagst du einen Eid darauf zu leisten, daß
diese arme Frau dir das Geld noch nicht bezahlt hat?“

Da antwortete der Reiche: „Herr, ich bin ein reicher Mann. Sollte ich
mir die Mühe machen, mein Geld von dieser armen Witwe zu fordern, wenn
ich nicht das Recht dazu hätte? Ich schwöre dir, so gewiß niemand je
durch die Pforte der Gerechtigkeit wandern wird, so gewiß ist mir
diese Frau die Summe schuldig, die ich begehre.“

Als die Richter diesen Eid vernahmen, glaubten sie seinen Worten und
fällten den Spruch, daß die arme Witwe ihre Töchter als Sklavinnen
hingeben solle.

Aber der kleine Knabe saß dicht daneben und hörte das alles. Er dachte
bei sich selbst: Wie gut wäre es doch, wenn jemand sich durch die
Pforte der Gerechtigkeit drängen könnte! Dieser Reiche hat sicherlich
nicht die Wahrheit gesprochen. Wie jammert mich die alte Frau, die ihre
Töchter als Sklavinnen hingeben muß.

Er sprang auf das Fußgestell, von dem die beiden Säulen in die Höhe
strebten und blickte durch die Spalte.

Ach, daß es doch nicht so ganz unmöglich wäre! dachte er.

Er war so betrübt um der armen Frau willen. Nun dachte er gar nicht
daran, daß wer sich durch dieses Tor zu drängen vermöchte, gerecht
und ohne Sünde wäre. Er wollte nur um des armen Weibes willen
hindurchkommen.

Er stemmte seine Schulter in die Vertiefung zwischen den Säulen,
gleichsam, um sich einen Weg zu bahnen.

In diesem Augenblicke sahen alle Menschen, die in der Säulenhalle
standen, zur Pforte der Gerechtigkeit hin. Denn es donnerte in den
Gewölben, und es rauschte in den alten Säulen, und sie schoben sich
zur Seite, eine nach rechts und eine nach links, und ließen einen so
großen Raum frei, daß der schlanke Körper des Knaben zwischen ihnen
durchschlüpfen konnte.

Da entstand großes Staunen und Aufsehen. Im ersten Augenblick wußte
niemand, was er sagen sollte. Die Leute standen nur und starrten den
kleinen Knaben an, der ein so großes Wunder vollbracht hatte. Der
erste, der seine Fassung wieder erlangte, war der älteste unter den
Richtern. Er rief, man solle den reichen Kaufmann ergreifen und ihn vor
den Richterstuhl führen. Und er verurteilte ihn, sein ganzes Hab und
Gut der armen Witwe zu geben, weil er falsch geschworen hatte in Gottes
Tempel.

Als dies abgetan war, fragte der Richter nach dem Knaben, der die
Pforte der Gerechtigkeit durchschritten hatte, aber da die Menschen
sich nach ihm umsahen, war er verschwunden. Denn in demselben
Augenblick, wo die Säulen auseinanderglitten, war er wie aus einem
Traum erwacht, und er hatte sich an seine Eltern und die Heimreise
erinnert. Jetzt muß ich von hier forteilen, damit meine Eltern nicht
auf mich warten, dachte er.

Aber er wußte gar nicht, daß er eine volle Stunde vor der Pforte der
Gerechtigkeit zugebracht hatte, sondern er wähnte, nur ein paar Minuten
dort verweilt zu haben, darum meinte er, daß er wohl noch Zeit hätte,
einen Blick auf die Paradiesesbrücke zu werfen, ehe er den Tempel
verließe.

Und auf leichten Füßen glitt er durch die Volksmenge und kam auf die
Paradiesesbrücke, die in einem ganz andern Teile des großen Tempels
gelegen war.

Aber als er die scharfe Stahlklinge sah, die sich über die Kluft
spannte, und daran dachte, daß der Mensch, der über diese Brücke
wandern könnte, gewiß wäre, ins Paradies zu kommen, da däuchte es ihn,
daß dies das Merkwürdigste wäre, was er je geschaut hätte, und er
setzte sich an den Rand der Kluft, um die Stahlklinge zu betrachten.

Da saß er und dachte, wie lieblich es sein müßte, ins Paradies zu
kommen und wie gern er über diese Brücke gehen wolle. Aber zugleich sah
er, daß es ganz unmöglich war, dies auch nur zu versuchen.

So saß er zwei Stunden und grübelte, aber er wußte nicht, daß soviel
Zeit vergangen war. Er saß nur und dachte an das Paradies.

Aber es war so, daß auf dem Hofe, wo die tiefe Kluft sich befand,
ein großer Opferaltar stand, und um ihn herum gingen weißgekleidete
Priester, die das Feuer auf dem Altar hüteten und Opfergaben in Empfang
nahmen. Auf dem Hofe standen auch viele, die opferten, und eine große
Menge, die dem Gottesdienste nur zusah.

Kam da auch ein armer, alter Mann gegangen, der ein Lämmchen trug, das
sehr klein und mager war und obendrein noch von einem Hunde gebissen
worden war, so daß es eine große Wunde hatte.

Der Mann ging mit diesem Lamme zu den Priestern und bat sie, es opfern
zu dürfen, aber sie schlugen es ihm ab. Sie sagten ihm, eine so
armselige Gabe könne er dem Herrn nicht darbringen. Der Alte bat, sie
möchten doch um der Barmherzigkeit willen das Lamm annehmen, denn sein
Sohn liege krank auf den Tod, und er besitze nichts andres, was er Gott
für seine Genesung opfern könnte. „Ihr müßt es mich opfern lassen,“
sagte er, „sonst kommt mein Gebet nicht vor Gottes Angesicht, und mein
Sohn stirbt.“

„Du kannst mir glauben, daß ich Mitleid mit dir habe,“ sagte der
Priester, „aber das Gesetz verbietet uns, ein verletztes Tier zu
opfern. Es ist ebenso unmöglich, deiner Bitte zu willfahren, wie es
unmöglich ist, die Paradiesesbrücke zu überschreiten.“

Der kleine Knabe saß so nah, daß er das alles hörte. Er dachte gleich,
wie schade es doch wäre, daß niemand die Brücke zu überschreiten
vermochte. Vielleicht könnte der Arme seinen Sohn behalten, wenn das
Lamm geopfert würde.

Der alte Mann ging betrübt vom Tempelhofe fort, aber der Knabe erhob
sich, schritt auf die zitternde Brücke zu und setzte seinen Fuß darauf.

Er dachte gar nicht daran, hinübergehen zu wollen, um des Paradieses
gewiß zu sein. Seine Gedanken weilten bei dem Armen, dem er zu helfen
wünschte.

Aber er zog den Fuß wieder zurück, denn er dachte: es ist unmöglich.
Sie ist gar zu alt und rostig, sie könnte mich nicht einmal tragen.

Aber noch einmal schweiften seine Gedanken zu dem Armen, dessen Sohn
krank auf den Tod lag. Wieder setzte er den Fuß auf die Schwertklinge.

Da merkte er, daß sie zu zittern aufhörte und sich unter seinem Fuße
breit und fest anfühlte.

Und als er den nächsten Schritt darauf machte, fühlte er, daß die Luft
rings umher ihn unterstützte, so daß er nicht fallen konnte. Sie trug
ihn, als wenn er ein Vogel wäre und Flügel hätte.

Aber aus der gespannten Klinge löste sich zitternd ein holder Ton, wie
der Knabe darüber hinschritt, und einer von denen, die auf dem Hofe
standen, wendete sich um, da er den Ton vernahm. Er stieß einen Ruf
aus, und jetzt wendeten sich auch alle die andern, und sie gewahrten
den kleinen Knaben, der über die Stahlklinge geschritten kam.

Da gerieten alle, die da standen, in große Verwunderung und Bestürzung.
Die ersten, die sich faßten, waren die Priester. Sie sendeten sogleich
einen Boten nach dem Armen, und als dieser zurückkam, sagten sie zu
ihm: „Gott hat ein Wunder getan, um uns zu zeigen, daß er deine Gabe
empfangen will. Gib dein Lamm her, wir wollen es opfern!“

Als dies geschehen war, fragten sie nach dem kleinen Knaben, der über
die Kluft gewandert war. Aber als sie sich nach ihm umsahen, konnten
sie ihn nicht finden.

Denn gerade, als der Knabe die Kluft überschritten hatte, hatte er an
die Heimreise und die Eltern denken müssen. Er wußte nicht, daß der
Morgen und der Vormittag schon verstrichen waren, sondern er dachte:
Ich muß mich jetzt sputen, heimzukommen, damit sie nicht zu warten
brauchen. Ich will nur erst noch forteilen und einen Blick auf die
Stimme des Weltenfürsten werfen.

Und er schlich sich zwischen dem Volke durch und eilte auf leichten
Sohlen nach dem halbdunkeln Säulengang, wo das Kupferhorn an die Wand
gelehnt stand.

Als er es sah und bedachte, daß wer ihm einen Ton entlocken konnte,
alle Völker der Erde unter seiner Herrschaft versammeln würde, da
däuchte es ihn, daß er niemals etwas so Merkwürdiges gesehen hätte, und
er setzte sich daneben nieder und betrachtete es.

Er dachte, wie groß es sein müßte, alle Menschen der Erde zu gewinnen,
und wie sehnlich er sich wünschte, in das alte Horn blasen zu können.
Aber er sah ein, daß dies unmöglich wäre, und so wagte er nicht einmal
den Versuch.

So saß er mehrere Stunden, aber er wußte nicht, daß die Zeit verstrich.
Er dachte nur daran, was für ein Gefühl es sein müßte, alle Menschen
der Erde unter seiner Herrschaft zu sammeln.

Aber es war so, daß in diesem kühlen Säulengang ein heiliger Mann
saß und seine Schüler unterwies. Und er wendete sich jetzt an einen
der Jünglinge, die zu seinen Füßen saßen, und sagte ihm, daß er ein
Betrüger sei. Der Geist hätte ihm verraten, sagte der Heilige, daß
dieser Jüngling ein Fremder sei und kein Israelit. Und nun fragte ihn
der Heilige, warum er sich unter einem falschen Namen unter seine
Jünger eingeschlichen hätte.

Da erhob sich der fremde Jüngling und sagte, er sei durch Wüsten
gepilgert und über große Meere gezogen, um die wahre Weisheit und
die Lehre des einzigen Gottes verkünden zu hören. „Meine Seele
verschmachtete vor Sehnsucht,“ sagte er zu dem Heiligen. „Aber ich
wußte, daß du mich nicht unterrichten würdest, wenn ich nicht sagte,
daß ich ein Israelit sei. Darum belog ich dich, auf daß meine Sehnsucht
gestillt würde. Und ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben.“

Aber der Heilige stand auf und streckte die Arme zum Himmel empor.
„Ebensowenig sollst du bei mir bleiben, als jemand auferstehen wird und
auf dem großen Kupferhorn blasen, das wir die Stimme des Weltenfürsten
nennen. Es ist dir nicht einmal gestattet, diese Stelle des Tempels zu
betreten, weil du ein Heide bist. Eile von hinnen, sonst werden meine
andern Schüler sich auf dich stürzen und dich in Stücke reißen, denn
deine Gegenwart schändet den Tempel.“

Aber der Jüngling stand still und sprach: „Ich will nirgends hingehen,
wo meine Seele keine Nahrung findet. Lieber will ich hier zu deinen
Füßen sterben.“

Kaum hatte er dies gesagt, als die Schüler des Heiligen aufsprangen, um
ihn zu vertreiben. Und als er sich zur Wehr setzte, warfen sie ihn zu
Boden und wollten ihn töten.

Aber der Knabe saß ganz nahe, so daß er alles sah und hörte, und er
dachte: Dies ist eine große Hartherzigkeit. Ach, könnte ich doch in das
Kupferhorn blasen, dann wäre ihm geholfen.

Er stand auf und legte seine Hand auf das Horn. In diesem Augenblick
wünschte er nicht mehr, es an seine Lippen heben zu können, weil wer
dies vermöchte, ein großer Herrscher werden würde, sondern weil er
hoffte, einem beistehen zu können, dessen Leben in Gefahr war.

Und er umklammerte das Kupferhorn mit seinen kleinen Händchen und
versuchte es zu heben.

Da fühlte er, daß das ungeheure Horn sich von selbst zu seinen Lippen
hob. Und wie er nur atmete, drang ein starker, klingender Ton aus dem
Horn und schallte durch den ganzen großen Tempelraum.

Da wandten alle ihre Blicke hin, und sie sahen, daß es ein kleiner
Knabe war, der mit dem Horn an seinen Lippen dastand und ihm Töne
entlockte, die die Wölbungen und Säulen erzittern ließen.

Allsogleich senkten sich da alle Hände, die sich erhoben hatten, um den
fremden Jüngling zu schlagen, und der heilige Lehrer sprach zu ihm:

„Komm und setz dich hier zu meinen Füßen, wo du früher gesessen hast!
Gott hat ein Wunder getan, um mir zu zeigen, daß es sein Wunsch ist,
daß du in seine Anbetung eingeweiht werdest.“

       *       *       *       *       *

Als der Tag zur Neige ging, wanderten ein Mann und ein Weib mit eiligen
Schritten auf Jerusalem zu. Sie sahen erschrocken und unruhig aus, und
sie riefen jedem, den sie trafen, zu: „Wir haben unseren Sohn verloren.
Wir glaubten, er sei mit unsern Verwandten und Nachbarn gegangen, aber
keiner von ihnen hat ihn gesehen. Ist jemand von euch unterwegs an
einem einsamen Kinde vorbeigekommen?“

Die Leute, die von Jerusalem kamen, antworteten ihnen: „Nein, euern
Sohn haben wir nicht gesehen, aber im Tempel haben wir das schönste
Kind geschaut. Es war wie ein Engel des Himmels, und es ist durch die
Pforte der Gerechtigkeit gewandelt.“

Sie hätten gern dies alles haarklein erzählt, doch die Eltern hatten
nicht Zeit, ihnen zuzuhören.

Als sie ein Stück weit gegangen waren, trafen sie andre Menschen und
befragten diese.

Aber die von Jerusalem kamen, wollten nur von dem allerschönsten Kinde
erzählen, das aussehe, als wäre es vom Himmel herabgestiegen, und das
die Paradiesesbrücke überschritten hätte.

Sie wären gern stehen geblieben und hätten bis zum späten Abend davon
gesprochen, allein der Mann und die Frau hatten nicht Zeit, ihnen zu
lauschen, sondern sie eilten in die Stadt.

Sie gingen straßauf und straßab, ohne das Kind zu finden. Endlich kamen
sie zum Tempel.

Als sie dort vorbeigingen, sagte die Frau: „Da wir nun hier sind, so
laß uns doch eintreten und sehen, was für ein Kind das ist, von dem sie
sagen, es sei vom Himmel herabgestiegen!“ Sie traten ein und fragten,
wo sie das Kind sehen könnten.

„Geht geradeaus, dorthin, wo die heiligen Lehrer mit ihren Schülern
sitzen. Dort ist das Kind. Die alten Männer haben ihn in ihre Mitte
gesetzt, sie fragen ihn, und er fragt sie, und sie verwundern sich alle
über ihn. Aber alles Volk steht unten auf dem Tempelhofe, um nur einen
Schimmer dessen zu sehen, der die Stimme des Weltenfürsten an seine
Lippen geführt hat.“

Der Mann und die Frau bahnten sich einen Weg durch den Volkshaufen, und
sie sahen, daß das Kind, das unter den weisen Lehrern saß, ihr Sohn war.

Aber sowie die Frau das Kind wiedererkannte, fing sie zu weinen an.

Und der Knabe, der unter den weisen Männern saß, hörte, daß jemand
weinte, und er erkannte, daß es seine Mutter war. Da stand er auf und
kam zu seiner Mutter, und Vater und Mutter nahmen ihn in ihre Mitte und
wanderten mit ihm aus dem Tempel fort.

Aber die ganze Zeit hörte die Mutter nicht auf zu weinen, und das Kind
fragte sie: „Warum weinest du? Ich kam ja zu dir, wie ich nur deine
Stimme hörte.“

„Wie sollte ich nicht weinen?“ sagte die Mutter. „Ich glaubte, du seist
für mich verloren.“

Sie gingen aus der Stadt, und die Dunkelheit brach an, und noch immer
weinte die Mutter.

„Warum weinst du?“ sagte das Kind. „Ich wußte nichts davon, daß der Tag
verstrichen war. Ich glaubte, es sei noch Morgen, und ich kam zu dir,
wie ich nur deine Stimme hörte.“

„Wie sollte ich nicht weinen?“ sagte die Mutter. „Ich habe dich den
ganzen Tag gesucht. Ich glaubte, du seist für mich verloren.“

Sie wanderten die ganze Nacht, und immer weinte die Mutter.

Da der Morgen zu grauen begann, sagte das Kind: „Warum weinst du? Ich
habe nicht nach eignem Ruhm getrachtet, aber Gott hat mich das Wunder
vollbringen lassen, weil er diesen drei armen Menschen helfen wollte.
Und wie ich nur deine Stimme hörte, kam ich wieder zu dir.“

„Mein Sohn,“ antwortete die Mutter, „ich weine, weil du gleichwohl für
mich verloren bist. Du wirst mir nie mehr angehören. Von Stund an wird
deines Daseins Streben Gerechtigkeit sein, und deine Sehnsucht das
Paradies, und deine Liebe wird alle die armen Menschen umfassen, die
die Erde erfüllen.“

[Illustration]



[Illustration]



Das Schweißtuch der heiligen Veronika


[Illustration]


I

In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es
sich, daß ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Hütte
hoch oben in den Sabiner Bergen niederließen. Sie waren Fremdlinge und
lebten in der größten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu
empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Türe öffnete,
fand er zu seinem Staunen, daß eine alte Frau zusammengekauert auf der
Schwelle saß. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehüllt und
sah aus, als wäre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie
sich erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, daß er daran
denken mußte, was die Sagen von Göttinnen erzählen, die in der Gestalt
einer alten Frau die Menschen heimsuchen.

„Mein Freund,“ sagte die Alte zu dem Winzer, „wundere dich nicht
darüber, daß ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine
Eltern haben in dieser Hütte gewohnt, und hier wurde ich vor fast
neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer und verlassen zu
finden. Ich wußte nicht, daß aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen
hatten.“

„Ich wundre mich nicht, daß du glaubtest, daß eine Hütte, die so hoch
zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen
würde,“ sagte der Winzer. „Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem
fernen Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnstätte
finden können. Und dir, die nach der langen Wandrung, die du in deinem
hohen Alter unternommen hast, müde und hungrig sein muß, dürfte es
willkommener sein, daß die Hütte von Menschen bewohnt ist, anstatt von
den Wölfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen,
um darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot,
wenn du damit vorlieb nehmen willst.“

Die Alte lächelte ein wenig, aber dieses Lächeln war so flüchtig, daß
es den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der
auf ihrem Gesicht ruhte. „Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den
Bergen verlebt,“ sagte sie. „Ich habe die Kunst noch nicht verlernt,
einen Wolf aus seiner Höhle zu vertreiben.“

Und sie sah wirklich so stark und kräftig aus, daß der Arbeiter nicht
daran zweifelte, daß sie trotz ihres hohen Alters noch Stärke genug
besäße, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen.

Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Hütte
ein. Sie ließ sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne
Zögern daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien,
grobes in Milch aufgeweichtes Brot essen zu dürfen, dachten doch der
Mann und die Frau: Woher kann diese alte Wandrerin kommen? Sie hat
gewiß öfter Fasane von Silberschüsseln gespeist, als Ziegenmilch aus
irdnen Schalen getrunken.

Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle
sie versuchen, sich wieder in der Hütte zurechtzufinden. Die dürftige
Behausung mit den nackten Lehmwänden und dem gestampften Boden war
sicherlich nicht sehr verändert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten,
daß an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar
waren, die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen
Kindern eine Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte
sie die Scherben eines Tongefäßes zu sehen, in das sie selbst einst
Milch zu melken pflegte.

Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich
wahr sein, daß sie in dieser Hütte geboren ist, aber sie hat doch im
Leben so manches andre zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter
und Käse bereiten.

Sie merkten auch, daß sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und daß
sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurückkam, schwer und
kummervoll seufzte.

Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich für die
Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tür zu.

Aber da däuchte sie den Winzer so beklagenswert einsam und arm, daß er
ausrief: „Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht,
als du gestern Nacht heraufstiegst, diese Hütte so bald zu verlassen.
Wenn du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es
wohl deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben
hast, hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib
und ich, schon von der Hütte Besitz genommen haben.“

Die Alte leugnete nicht, daß er richtig geraten hatte. „Aber diese
Hütte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehört dir ebensogut
wie mir,“ sagte sie. „Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.“

„Es ist aber doch deiner Eltern Hütte,“ sagte der Winzer, „und du hast
sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind überdies jung, und du
bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.“

Als die Alte diese Worte hörte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete
sich auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht
verstünde, was er mit seinen Worten meinte.

Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gespräch.

„Wenn ich mitzureden hätte,“ sagte sie zu dem Manne, „würde ich dich
bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder
ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen.
Welchen Nutzen hätte sie davon, wenn wir ihr diese elende Hütte
schenkten und sie dann allein ließen? Es wäre furchtbar für sie,
einsam in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wäre
dasselbe, als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.“

Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie
prüfend. „Warum sprecht ihr so?“ fragte sie. „Warum beweist ihr mir
Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.“

Da antwortete ihr die junge Frau: „Darum, weil uns selbst einmal die
große Barmherzigkeit begegnet ist.“


II

So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie
faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte
sie ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen,
daß sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt
hätten.

Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr
Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
heranstieg.

Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie
ein Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn
ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
mit raschen Bewegungen.

Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald
er ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen
Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
seiner Heimat begriffen ist.

Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines
Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und
rief ihm zu: „Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu
dieser Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier
heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von
uns, die wir hier wohnen.“

Während er so fragte, trat der Fremdling näher. „Ja, es ist so, wie
du sagst,“ antwortete er, „ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß
ich nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um
zu einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.“

Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen
zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und
ihrer Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos.

Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
auszufragen: „Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,“ sagte
er. „Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten
und Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgend einem
Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?“

Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die
Alte ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen
machte, das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was
man sage.

Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: „Ich sehe, daß du
mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz
unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns
Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das
war die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts andres im Sinn, als
sich vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon,
daß er vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den
Senator Titius greifen und hinrichten ließ.“

„Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,“ rief die junge Frau.
Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt.

„Du hast wirklich recht,“ sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster
Düsterkeit über sein Gesicht ging. „Tiberius weiß, daß alle Menschen
ihn hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.“

„Was sagst du da?“ rief die Frau. „Warum sollten wir ihn hassen? Wir
beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am
Anfang seiner Regierung.“

„Du irrst dich,“ sagte der Fremde. „Alle Menschen verachten und hassen
Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch
unverbesserlicher sein wird als bisher.“

„Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer
machen könnte, als er schon ist?“ fragte der Mann.

Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein
warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen
konnte.

Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
eigentümliches Lächeln um seine Lippen.

„Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer
die Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind
Glücksjäger und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen
ebenso preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch,
wie gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu
lassen, was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger
war als Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.“

„Jawohl, ich habe von ihr reden hören,“ sagte der Arbeiter. „Man sagte
mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.“

„Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er
hat diese arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den
Sabinerbergen kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst
in Rom weilte, ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um
sie immer in seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen
ist es besser ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die
Straße getragen, und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der
Kaiser nach Capreae übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ
ihr dort ein Landhaus voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.“

„Sie hat es wahrlich gut gehabt,“ sagte der Mann.

Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte.
Die Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit
der Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein
Wort gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliche Aussehen ganz
verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr
und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.

„Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben
genieße,“ sagte der Fremdling. „Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
nun auch sie ihn verlassen.“

Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
warmen, milden Stimme zu sprechen. „Ich kann doch nicht glauben, daß
die alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,“
sagte sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. „Ich bin gewiß,
daß sie Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigner Sohn wäre. Ich
kann mir denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und
ich kann auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich
in seinem Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat
ihn sicherlich jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie
gewesen, immer vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr
ertragen können, ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.“

Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte
vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
niederschlagen und sprach sehr leise und demütig.

„Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,“
antwortete er. „Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen.
Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter
verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt
hatte.“

„Was sagst du da?“ rief der Mann. „Hat die alte Faustina den Kaiser
verlassen?“

„Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae
weggeschlichen,“ sagte der Fremde. „Sie ist ebenso arm gegangen, wie
sie gekommen war. Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.“

„Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?“ fragte
die junge Frau mit ihrer sanften Stimme.

„Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte
eingeschlagen hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre
Zuflucht in ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.“

„Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?“
fragte die junge Frau.

„Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß
sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß
er niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer
noch, daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß
besser als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.“

„Ich kenne sie nicht,“ sagte das junge Weib, „aber ich glaube doch,
daß ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte
Frau ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen
worden, und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte
sie dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt
hätte. Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage
bald zu Ende gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst
zu denken. Wenn ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich
vermutlich ebenso gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich
genug getan hätte, wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient
habe. Ich wäre schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen,
um meine Seele Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich
von mir scheidet, um die lange Fahrt anzutreten.“

Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. „Du
bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn
Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir
dies,“ fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des
jungen Weibes, „in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.“

Als er diese Worte bitterer Verzweigung aussprach, machte die Alte eine
hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest
in die Augen und antwortete: „Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm
kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre
alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen
müssen.“

Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und
seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen.

Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
fragenden Blicken. Ist das auch +dein+ letztes Wort? schien er
sagen zu wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten
sich nicht von ihnen lösen.

„Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch
die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,“ sagte die junge Frau.

Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres
Gesicht. „Meine Freunde,“ sagte er, „was man auch von Tiberius sagen
mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andre, und das
ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese
alte Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte,
so nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr
beisteht.“

Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
den er gekommen war.


III

Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der
alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darüber, daß
sie in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum
und der Macht zu entsagen, an die sie gewohnt war. Ob sie nicht
doch bald zu Tiberius zurückkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt
ihn sicherlich noch. In der Hoffnung, daß dies ihn zur Besinnung
bringen und ihn bewegen werde, sich von seiner bösen Handlungsweise zu
bekehren, hat sie ihn verlassen.

„Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben
beginnen,“ sagte der Arbeiter. „Wie willst du seine große Verachtung
der Menschen von ihm nehmen? Wer könnte vor ihn hintreten und ihn
lehren, sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem
Argwohn und seiner Grausamkeit geheilt werden.“

„Du weißt, daß es einen gibt, der dies in Wahrheit vermöchte,“ sagte
die Frau. „Ich denke oft daran, wie es wäre, wenn diese Beiden sich
begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.“

Die alte Frau schien ihr früheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach
einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses
zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, daß man glauben
konnte, sie hätte alle ihre Sorgen vergessen.

Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel
zu hüllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine
Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie
vor einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des
herrlich geschmückten Platzes erhob.

Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem außergewöhnlich großen
Altar, der unter offnem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe
stand. Auf der Höhe des Altars tronte Fortuna, die Göttin des Glücks,
und an seinem Fuße sah man eine Bildsäule des Tiberius. Rund um den Hof
erhoben sich Gebäude für die Priester, Vorratskammern für Brennholz und
Ställe für die Opfertiere.

Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als
bis zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glück für
Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen
hatte, daß die Göttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekränzt waren,
daß das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfürchtiger Anbeter vor dem
Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, daß die leisen
Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab
sich wieder in die Berge.

So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu müssen, daß Tiberius noch
unter den Lebenden weilte und daß es ihm wohl erging.

Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine
Überraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel näherte, fand sie ihn
verödet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger
Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockne Kränze hingen noch an
der einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner
früheren Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die
Kaiserstatue, die ohne Hüter dastand, war beschädigt und mit Schmutz
beworfen.

Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorüberging. „Was
hat dies zu bedeuten?“ fragte sie. „Ist Tiberius tot? Haben wir einen
andern Kaiser?“

„Nein,“ antwortete der Römer, „Tiberius ist noch Kaiser, aber wir
haben aufgehört, für ihn zu beten. Unsere Gebete können ihm nicht mehr
frommen.“

„Mein Freund,“ sagte die Alte, „ich wohne weit von hier in den Bergen,
wo man nichts davon erfährt, was sich draußen in der Welt zuträgt.
Willst du mir nicht sagen, welches Unglück den Kaiser getroffen hat?“

„Das furchtbarste Unglück,“ erwiderte der Mann. „Er ist von einer
Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die
aber im Morgenlande häufig sein soll. Seit diese Seuche über den Kaiser
gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie
die Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden
zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man
glaubt, daß er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht
stirbt, so muß man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann
nicht weiter regieren. Du begreifst also, daß sein Schicksal besiegelt
ist. Es nützt nichts, die Götter um Glück für ihn anzuflehen. Und es
lohnt sich auch nicht,“ fügte er mit leisem Lächeln hinzu. „Niemand hat
von ihm noch etwas zu fürchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns
also um seinetwillen Mühe machen?“

Er grüßte und ging, doch die Alte blieb wie betäubt stehen.

Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie
eine, die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rücken und
zitterndem Kopfe da, und mit Händen, die kraftlos in der Luft tasteten.

Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Füße
nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwärts. Sie sah sich um, um
etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen könnte.

Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer
Willensanstrengung die Mattigkeit zurückzudrängen. Sie richtete
sich wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die
menschenerfüllten Gassen zu gehen.


IV

Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der
Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl
des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die
geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm,
die zu der Villa des Tiberius führten.

Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
sich alles während der Zeit, die sie fern gewesen war, verändert
hatte. Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen
hinauf und heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt,
die sich von riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus
den Provinzen, die von langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von
Stellensuchenden und von vornehmen Männern, die eingeladen waren, an
den Festen des Kaisers teilzunehmen.

Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen
Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf
ihrem Wege bemerkte.

Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar
Stellen die Balustrade niedergebrochen.

Aber am allerseltsamsten däuchte sie doch die völlige Menschenleere.
Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von
Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
Haushalt des Kaisers gehörten.

Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein
paar alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als
sie sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.

„Sei gegrüßt, Faustina,“ sagte der eine. „Ein Gott schickt dich, um
unser Unglück zu lindern.“

„Was ist dies, Milo?“ fragte Faustina. „Warum ist es hier so öde? Man
hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?“

„Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito
fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und
du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
Mutter gedient haben.“

„Ich frage nicht nur nach Sklaven,“ sagte Faustina. „Wo sind die
Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
schmeichelnden Speichellecker?“

„Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,“ sagte der Sklave.
„Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden
Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
nahen.“

Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten.
Der Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:

„Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?“

„Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir
sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert,
Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte.
Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet
zu werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es
dir vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit
kannst du sein Leben um viele Tage verlängern.“

Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer
Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen.

Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen
mit aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und
Füße waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Binden kamen halb
abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war,
aufrecht zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen.
Er lag mit geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und
regte sich nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina
flüsterte dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: „Aber, Milo, wie kann
sich ein solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile
dich, ihn von hier fortzuschaffen!“

Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.

„Cäsar Tiberius,“ sagte er, „endlich habe ich dir frohe Kunde zu
bringen.“

Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen.

Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stark ausgesehen
hatte, daß man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer
Sibylle gleichkommen. In diesem Augenblick war sie in kraftloser
Greisenhaftigkeit zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes
Mütterchen mit trübem Blick und tastenden Händen vor sich.

Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert
sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als
den kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das
letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese
Krankheit langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen
zu verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten,
daß sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.

Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
stand stumm neben ihm und weinte.

„Bist du endlich gekommen, Faustina?“ sagte er, ohne die Augen zu
öffnen. „Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über
mich. Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein
Trugbild gewesen sein könnte.“

Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und
bettete ihn in ihren Schoß.

Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen
Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in
ruhigen Schlummer.


V

Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der
einsamen Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der
Winzer und seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im
fernen Westen sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und
grüßte sie. Dann zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel
stak und legte ihn dem Manne in die Hand.

„Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
erwiesen hast,“ sagte der Sklave. „Sie läßt dir sagen, du mögest dir
für dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung
erbauen, die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der
Adler.“

„Die alte Faustina lebt also wirklich noch?“ sagte der Mann. „Wir
haben sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns
zurückkehrte, glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod
gefunden.“

„Erinnerst du dich nicht,“ fiel die Frau ein, „daß ich nicht glauben
wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum
Kaiser zurückgekehrt sein?“

„Ja,“ gab der Mann zu, „so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß
du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
armen Kaisers willen.“

Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden
zu erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die
beiden Eheleute nicht zu. „Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,“
sagten sie, „wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles
erzählt hast, was Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser
zurückgekehrt? Wie war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie
wieder vereint sind?“

Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und
beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
Rückkehr.

Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
die Frau regungslos und staunend sitzen blieben. Ihre Blicke waren zu
Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die
sich ihrer bemächtigt hatte.

Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: „Glaubst du nicht,
daß dies eine Fügung Gottes ist?“

„Ja,“ sagte die Frau, „sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen
über das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht,
als er die alte Frau an unsre Tür führte.“

Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
wieder an den Sklaven.

„Freund,“ sagte er zu ihm. „Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund,
der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in
Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
gelitten, die nun Tiberius befallen hat.“

Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
immer größerm Nachdruck fort.

„Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so
sag ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem
Lande, wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß
die Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden
Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen
müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in
einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
Krankheit befallen.“

Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd
das Haupt und sagte zu ihm: „Wie willst du, daß Faustina dies glaube?
Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie
weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.“

Doch der Mann erwiderte: „Es wäre das beste für sie, wenn sie mir
glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge
Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder
Mensch meine Aussage bestätigen!“

„Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgend eines Gottes
geheilt worden?“ fragte der Sklave.

„Ja,“ antwortete der Arbeiter, „wie du sagst, so ist es. Eines Tages
verbreitete sich ein Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis
wohnten: ‚Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt
Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er
kann eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn
legt.‘ Aber die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht
glauben, daß dieses Gerücht Wahrheit sei. ‚Uns kann niemand heilen,‘
sagten sie. ‚Seit den Tagen der großen Propheten hat niemand einen von
uns aus seinem Unglück retten können.‘

Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine
Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt
Nazareth zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie
über weite Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen
war und ein bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken,
schwarzen Locken lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen
und zogen sie zu ihm hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief
sie ihm zu: ‚Komm mir nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage
mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?‘ Aber der Mann fuhr
fort, ihr entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: --
‚Warum suchest du den Propheten aus Nazareth?‘ -- ‚Ich suche ihn, auf
daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit
heile.‘ Da trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. --
Aber sie sprach zu ihm: ‚Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine
Stirn legst? Du bist doch kein Prophet?‘ -- Da lächelte er ihr zu und
sagte: ‚Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und
zeige dich den Priestern.‘

Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir,
weil ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht
erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah
sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als
er ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu:
‚Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo
ich den Propheten aus Nazareth finden kann?‘ -- ‚Was willst du von
dem Propheten?‘ fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. --
‚Ich will nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund
mache von meiner Krankheit.‘ Aber der Mann ritt noch näher. -- ‚Von
welcher Krankheit willst du geheilt werden?‘ sagte er. ‚Du bedarfst
doch keines Arztes.‘ -- ‚Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?‘
sagte sie. ‚Ich stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle
geboren.‘ Aber der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten,
denn sie war hold und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. -- ‚Du
bist die schönste Jungfrau im Lande Juda,‘ rief er. -- ‚Treibe nicht
auch du deinen Spott mit mir,‘ sagte sie. ‚Ich weiß, daß meine Züge
zerfressen sind und meine Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres
klingt.‘ Aber er sah ihr tief in die Augen und sprach zu ihr: ‚Deine
Stimme ist klingend wie die Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es
über Kieselsteine rieselt, und dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus
weicher Seide.‘

Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den
blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. ‚Du sollst
dich hier spiegeln,‘ sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das
zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. --
‚Was ist dies, was ich sehe?‘ sagte sie. ‚Das ist nicht mein Gesicht.‘
‚Doch, es ist dein Gesicht,‘ sagte der Reiter. -- ‚Aber meine Stimme,
klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über einen
steinigen Weg gezogen werden?‘ -- ‚Nein, sie klingt wie die süßesten
Weisen eines Harfenspielers,‘ sagte der Reiter.

Sie wendete sich und wies über den Weg. ‚Weißt du, wer der Mann ist,
der eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?‘ fragte sie
den Reiter. ‚Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus
Nazareth,‘ sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen,
und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ‚Oh, du Heiliger! Oh, du Träger
von Gottes Macht!‘ rief sie. ‚Du hast mich geheilt!‘

Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf
dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und
berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau
nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von
kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie
geheilt sei. ‚Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,‘ sagten
sie. ‚Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben.
Du sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner
Krankheit anzustecken!‘

Sie sagte zu ihnen: ‚Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus
Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.‘

Als sie dies hörten, riefen sie: ‚Wer ist er, daß er die Unreinen rein
machen könnte? Alles dies ist ein Blendwerk böser Geister. Kehre
zurück zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!‘

Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in
der Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz
gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde.

Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau
zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: ‚Wohin soll
ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?‘

Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: ‚Nein
wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen,
sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land,
wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.‘ Und sie -- --“

Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob
sich der Sklave und fiel ihm in die Rede. „Du brauchst mir nichts mehr
zu erzählen,“ sagte er. „Stehe lieber auf und führe mich ein Stück
Weges, du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine
Heimfahrt antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der
Kaiser und Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu
früh erfahren.“

Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die
Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach.

„Ich kann nicht schlafen,“ sagte sie, „ich denke daran, daß diese
beiden sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der
sie haßt. Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn
schleudern.“


VI

Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach
Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu
suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut
werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem
fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch
durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn
jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser
befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht
die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst.

Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau
verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe
überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht
eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise
ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die
Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.

Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau
mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und
die Ebne von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten
hatten, war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf
der Fahrt des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen,
verließen die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen
denen der Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt,
die in reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden,
die weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten,
konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub
ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen
Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können
meinte.

Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich.
Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die
an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen
und Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene
kamen Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten,
schlossen sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und
zogen unter frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf
einem schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine
Eidame und Schwiegertöchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so
großes Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte
Mutter, die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre
Arme gehoben, und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite
weichenden Scharen tragen.

Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit
Freude erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern
mit einer dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der
Wandrer kam es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz
der Sonne gedämpft war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten
die Wohlgerüche der blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so
rasch wie sonst in den weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen
und Fluren. Und dieser schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht
und seinen reglosen Winden an die Ruhe und den Frieden der Nacht
gemahnte, schien allen den vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von
seinem Wesen mitzuteilen, so daß sie fröhlich, aber doch weihevoll
weiterzogen, mit gedämpfter Stimme uralte Hymnen singend, oder auf
seltsamen, altertümlichen Instrumenten spielend, aus denen Töne kamen,
die gleich dem Summen der Mücken oder dem Zirpen der Heimchen waren.

Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde
auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren
Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich
an ihrer Seite hielt, sagte: „Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius
sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade
heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine
Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen
hinzuwandern.“

Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines
langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich
an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen
umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich
der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.

Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen einem
krönenden Geschmeide gleich auf der flachen Höhe des Felsens lag,
war an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das
Tal ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von
Menschen bedeckt.

Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in
Jerusalem sammelte, um irgend ein großes Fest zu feiern. Die entfernter
Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen.
Die hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im
Anzuge. Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen,
gleich einem ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und
Festesfreude.

Lange überschaute die alte Frau diese heranströmenden Menschenmengen
und die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an
ihrer Seite ritt:

„Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.“

„Es ist in Wirklichkeit so,“ antwortete der Römer, der von Tiberius
ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang
in Judäa gelebt hatte. „Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und
da ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.“

Faustina besann sich einen Augenblick. „Ich freue mich, daß wir an dem
Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,“
sagte sie. „Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere
Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den
wir suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist,
um an dem Feste teilzunehmen?“

„Du hast wirklich recht, Faustina,“ sagte der Römer. „Er ist vermutlich
hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So
stark und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen,
wenn du nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen
mußt.“

Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und
fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in
Jerusalem befinde.

„Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen,“ antwortete
einer der Wandersleute. „Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen,
denn er ist ein frommer und gerechter Mann.“

Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich
von der Stadt lag. „Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen
bewachsen ist?“ sagte sie. „Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte
aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den,
den du suchst.“

Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales
hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt
auf seinem Gipfel zu erreichen.

Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und
auf ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die
die Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.

Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina
zu. „Sieh dort,“ sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der
Mauer saß, „dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn
unter den Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo
der zu finden ist, den du suchst.“

Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.
Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein
Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren
schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien
im Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er
nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah.

Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte
seine Frage ein paarmal wiederholen.

„Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte
dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?“

Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er
endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn,
in den sich Entsetzen mischte. „Was sagst du da?“ brach er los. „Warum
fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein
Galiläer.“

Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. „Ich habe dich doch
mit ihm gesehen,“ fiel sie ein. „Hege keine Furcht, sondern sage dieser
vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell
finden kann.“

Aber der erschrockene Jünger wurde immer erbitterter. „Sind heute alle
Menschen wahnsinnig geworden?“ rief er. „Sind sie von einem bösen
Geiste besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem
Manne fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich
den Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich
habe ihn niemals gesehen.“

Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler,
die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu
bestreiten.

„Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,“ sagten sie. „Wir wissen
alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.“

Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: „Ich habe
es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen,
und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern
in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß
ich ihn nie gesehen habe?“

Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. „Laß uns
weiterziehen,“ sagte sie. „Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm
können wir nichts erfahren.“

Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als
zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die
ihr hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie
solle sich in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor
den Füßen der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube
ausgestreckt lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte,
mußte man es ein Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder
Menschen niedergetreten war.

Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen
Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren
Füße dicht neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und
überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über
sich geschüttet, daß es aussah, als suche er sich zu verbergen, um
leichter überritten oder niedergetreten zu werden.

„Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?“ fragte
Faustina.

In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden
anzurufen. „Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet
eure Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus!
Zertretet mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet
mich zu Staub!“

Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. „Das
ist ein Sünder, der Buße tun will,“ sagte er. „Lasse dich dadurch nicht
aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen
Wege gehen lassen.“

Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: „Setzet eure Fersen auf mein
Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe
in meine Augen versenken!“

Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden
vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte,
aufzustehen. Sie hielt noch immer neben ihm.

Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,
drängte sich jetzt wieder an sie heran. „Dieser Mann hat auch zu den
Jüngern des Propheten gehört,“ sagte sie. „Willst du, daß ich ihn nach
seinem Meister frage?“

Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden.

„Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?“
fragte sie. „Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn
sehe ich nirgends.“

Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube
lag, auf seine Kniee empor. „Was für ein böser Geist hat dir
eingegeben, mich nach ihm zu fragen?“ sagte er mit einer Stimme, die
voll Verzweiflung war. „Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub
geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du
noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?“

„Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,“ sagte die Frau. „Ich wollte
ja nur wissen, wo dein Meister ist.“

Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide
Zeigefinger in die Ohren.

„Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,“ rief
er. Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore
drängte, und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine
zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.

„Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen
sind,“ sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch
den Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte
ein Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande
sein, etwas für den Kaiser zu tun?

Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit
großem Ernste zu Faustina: „Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen,
den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen,
da seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden
zu hören.“

Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen
in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe
unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die
Reiter Halt machen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen
Weg zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und
unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.

„Wahrlich,“ sagte die alte Frau zu Sulpicius, „Roms Straßen sind stille
Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.“

Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer
harrten.

„In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu
reiten,“ sagte er. „Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten,
zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit
weg, aber wenn wir hin reiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor
Mitternacht ans Ziel.“

Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und
überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer
die Stadt zu Fuß zu durchwandern.

Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum
Herzen der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine
halbwegs breite Straße, die sie bald erreichen mußten.

„Sieh dort, Faustina,“ sagte er, „wenn wir erst in dieser Straße sind,
sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.“

Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen
das größte Hindernis.

Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße
erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte
der Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener
vorbeigeführt wurde, der gekreuzigt werden sollte.

Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung
mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die
Straße, streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein
unverständliches Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie
nicht alle Tage zu sehen bekamen.

Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu
den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen
wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten.
Eine Anzahl Arme und Krüppel schritten vorbei und stießen Schreie aus,
die in die Ohren gellten.

„O Gott!“ riefen sie, „rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!
Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!“

Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie
wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze
oder ihn zu befreien versuche.

Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der
gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes,
schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu
schwach für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden
gebeugt wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein
Gesicht sehen konnte.

Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die
schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß
er einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt
gedrückt war.

„Wer ist dieser Mann?“ fragte sie.

Einer der Umstehenden erwiderte: „Das ist einer, der sich zum Kaiser
machen wollte.“

„Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig
erstrebenswert ist,“ sagte die alte Frau wehmütig.

Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer langsamer schritt
er vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile
anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
blieb mit dem Kreuze über sich liegen.

Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte
Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen
ein paar Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten
bemüht waren. Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße
zu zwingen, daß er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen
des Kreuzes. Endlich ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es
fortzuheben.

Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von
seiner Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und
Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten,
als kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten
tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.

Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit
herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward
plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung
dieses fremden Mannes ergriffen.

„O du armer Mensch, was hat man dir getan?“ rief sie und trat ihm einen
Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie
vergaß ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not.
Ihr war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich
den andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen.

Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie
heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Kniee. Er schmiegte sich an
sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.

Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte
sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz
gesucht hatte. Sie legte ihren einen Arm um seinen Hals, und so wie
eine Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet,
so legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein
Gesicht, um die Tränen und das Blut fortzuwischen.

Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben
des Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich.
Ungeduldig wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast
fort. Der Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt
wurde, die er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.

Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre
schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah,
war es ihr, als hätte ihr jemand ihr eignes Kind entrissen, und sie
rief: „Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf
nicht!“

Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
kämpfen und ihn ihnen entreißen.

Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.

Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden,
und dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der
Kaufmann war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und
bereitete der Alten ein Lager auf dem Steinboden.

Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
niederlegen mußte.

„Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das
Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,“ sagte Sulpicius zu
dem Kaufmanne. „Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das
Alter ihn nicht schließlich niederwerfen könnte.“

„Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag,“ sagte
der Kaufmann. „Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich
nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.“

Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und
schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der
Gemütsbewegung.

Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu
beobachten, während er auf ihr Erwachen wartete.


VII

Der römische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der
Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und
träumte.

Sie träumte, daß sie auf dem Dache ihres Hauses stünde und auf den
großen, schönen Hofplan niedersähe, der nach der Sitte des Morgenlandes
mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewächsen bepflanzt war.

Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen
versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich,
mit beulengeschwollenen Körpern, die Aussätzigen mit zerfressenen
Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rühren vermochten, sondern
hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und
Schmerzen krümmten.

Und sie drängten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen,
und einige der Vordersten klopften mit harten Schlägen an die Tür des
Palastes.

Endlich sah sie, daß ein Sklave die Türe öffnete und auf die Schwelle
trat, und sie hörte, wie er fragte, was sie wollten.

Da antworteten sie ihm und sprachen: „Wir suchen den großen Propheten,
den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er,
der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden
erlösen kann?“

Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgiltigem Tone, so wie
Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.

„Es hilft euch nichts, nach dem großen Propheten zu suchen. Pilatus hat
ihn getötet.“

Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und
Zähneknirschen, so daß sie nicht ertragen konnte, es zu hören. Ihr Herz
wurde von Mitleid zerrissen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Aber
wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.

Wieder war sie eingeschlummert, und wieder träumte sie, daß sie auf dem
Dache ihres Hauses stünde und auf den großen Hof hinabsähe, der so weit
war wie ein Marktplatz.

Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig
und toll waren und von bösen Geistern besessen. Und sie sah solche,
die nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hüllten, und
solche, die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mäntel aus
Gras, und sich für Könige hielten, und solche, die auf dem Boden
krochen und Tiere zu sein wähnten, und solche, die beständig über einen
Kummer weinten, den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die
schwere Steine heranschleppten, die sie für Gold ausgaben, und solche,
die glaubten, daß die bösen Dämonen aus ihrem Munde sprächen.

Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drängten; und
die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einlaß zu finden.

Endlich tat sich die Tür auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und
fragte sie: „Was ist euer Begehr?“

Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: „Wo ist der große Prophet
aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der uns unsre Seele und
unsre Vernunft wiedergeben soll?“

Sie hörte, wie der Sklave ihnen im gleichgiltigsten Tone antwortete:

„Es führt zu nichts, daß ihr nach dem großen Propheten sucht. Pilatus
hat ihn getötet.“

Als dies Wort gesprochen war, stießen alle die Wahnsinnigen einen
Schrei aus, der dem Brüllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer
Verzweiflung begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, daß das Blut
auf die Steine floß. Und da sie, die träumte, all ihr Elend sah, begann
sie die Hände zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte
sie aufgeweckt.

Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im
Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saßen ihre
Sklavinnen, die ihr auf der Cymbel und der Laute vorspielten, und die
Mandelbäume streuten ihre weißen Blütenblätter über sie hin, und die
Blumen der Kletterrosen dufteten.

Während sie da saß, sprach eine Stimme zu ihr: „Geh zu der Balustrade,
die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.“

Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: „Ich will nicht noch mehr
von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drängen.“

In demselben Augenblick hörte sie von dort ein Rasseln von Ketten und
ein Pochen schwerer Hämmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz
schlug. Ihre Sklavinnen hörten zu singen und zu spielen auf und eilten
zum Dachgeländer und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still
sitzen bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.

Da sah sie, daß der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfüllt
war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln
Kerkerlöchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die
Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hämmer schleppend,
herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen
mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt
waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und
die, die geköpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah
die, die als Sklaven nach fremden Ländern geführt worden waren und
deren Augen vor Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die
gleich Lasttieren arbeiten mußten und deren Rücken blutig waren von
Geißelhieben.

Alle diese unglücklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde
und sprachen: „Öffne, öffne!“

Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tür hinaus, und er
fragte sie: „Was ist euer Begehr?“

Und sie antworteten wie die andern: „Wir suchen den großen Propheten
aus Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre
Freiheit und den Sklaven ihr Glück wiederzugeben.“

Der Sklave antwortete ihnen in müdem und gleichgiltigem Tone: „Ihr
könnt ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn getötet.“

Als dies Wort gesprochen war, däuchte es sie, die träumte, daß sich
unter allen diesen Unglücklichen ein solcher Ausbruch der Lästerung und
des Hohnes erhebe, daß sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten.
Sie selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr
ihren Körper, daß sie erwachte.

Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich
selbst: Ich will nicht mehr träumen. Jetzt will ich mich die ganze
Nacht wach halten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu
müssen.

Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte
der Schlummer sie aufs neue überwältigt, und sie hatte ihren Kopf auf
das Kissen gelegt und war eingeschlummert.

Wieder träumte sie, daß sie auf dem Dache ihres Hauses säße, und ihr
kleines Söhnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.

Da hörte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: „Geh zur Balustrade, die
das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und
warten.“

Aber sie, die träumte, sagte zu sich selbst: „Ich habe in dieser Nacht
genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo
ich bin.“

In demselben Augenblick warf ihr Söhnlein seinen Ball so, daß er über
die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das
Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfaßte das Kind.

Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, daß
der Hof voller Menschen war.

Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege
verwundet worden waren. Sie kamen mit verstümmelten Körpern, mit
abgehauenen Gliedern und großen, offnen Wunden, aus denen das Blut
strömte, so daß der ganze Hof davon überschwemmt wurde.

Und neben ihnen drängten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre
Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen,
die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren
Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Söhnen seufzten.

Die vordersten von ihnen drängten zur Tür, und der Türsteher kam wie
früher und öffnete.

Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kämpfen verwundet worden
waren: „Was sucht ihr in diesem Hause?“

Und sie antworteten: „Wir suchen den großen Propheten aus Nazareth,
der Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir
suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu
Rebenmessern.“

Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: „Kommt doch nicht mehr,
um mich zu quälen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der große
Prophet ist nicht hier. Pilatus hat ihn getötet.“

Damit schloß er das Tor. Aber sie, die träumte, dachte an allen den
Jammer, der nun ausbrechen mußte. „Ich will ihn nicht hören,“ sagte sie
und stürzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie
erwacht. Und da hatte sie gesehen, daß sie in ihrer Angst aus dem Bette
gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden.

Wieder hatte sie gedacht, daß sie in dieser Nacht nicht mehr träumen
wollte, und wieder hatte der Schlummer sie überwältigt, so daß sie die
Augen schloß und zu träumen begann.

Noch einmal saß sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr
Mann. Und sie erzählte ihm von ihren Träumen, und er trieb seinen Spott
mit ihr. Da hörte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: „Geh und
sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.“

Aber sie dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug
Unglückliche gesehen.

In demselben Augenblick hörte sie drei harte Schläge an das Tor, und
ihr Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wäre, der Einlaß in
sein Haus begehrte.

Aber kaum hatte er sich über das Geländer gebeugt, als er auch schon
seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.

„Kennst du diesen Mann nicht?“ sagte er und wies hinunter.

Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, daß er von Reitern und
Pferden erfüllt war. Sklaven waren damit beschäftigt, Eseln und Kamelen
ihre Bürden abzuladen. Es sah aus, als wäre ein vornehmer Reisender
angekommen.

An der Eingangstür stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter
Mann mit breiten Schultern und trüber, düstrer Miene.

Die Träumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flüsterte ihrem
Manne zu: „Das ist Cäsar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es
kann kein andrer sein.“

„Auch ich glaube ihn zu erkennen,“ sagte ihr Mann und legte
gleichzeitig den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie
stillschweigen und darauf horchen solle, was unten auf dem Hofe
gesprochen würde.

Sie sahen, daß der Türhüter herauskam und den Fremden fragte: „Wer ist
es, den du suchst?“

Und der Reisende antwortete: „Ich suche den großen Propheten aus
Nazareth, der mit Gottes wundertätiger Kraft begabt ist. Kaiser
Tiberius ruft ihn, auf daß er ihn von einer entsetzlichen Krankheit
befreie, die kein anderer Arzt zu heilen vermag.“

Als er ausgesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demütig, und
sagte: „Herr, zürne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfüllt werden.“

Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe
warteten, und gab ihnen einen Befehl.

Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hände voll Geschmeide,
andre hielten Schalen voll Perlen, wieder andre schleppten Säcke mit
Goldmünzen.

Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und
sagte: „Dies alles soll ihm gehören, wenn er Tiberius beisteht. Damit
kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.“

Aber der Türhüter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: „Herr,
zürne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfüllt
werden.“

Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von
ihnen eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein
Brustschild aus Juwelen erglänzte.

Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: „Sieh hier: was ich ihm biete,
ist die Macht über das Judenland. Er soll sein Volk als der höchste
Richter lenken. Möge er mir nur zuerst folgen und Tiberius heilen.“

Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: „Herr, es
steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!“

Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem
goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.

„Sieh,“ sagte er, „dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem
Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft über die Welt zu geben. Er
soll die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes
zu regieren. Möge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius
heilen!“

Da warf sich der Sklave vor den Füßen des Kaisers zu Boden und sagte
mit wehklagender Stimme: „Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu
gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn getötet.“


VIII

Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre
Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu
sein.

Sie war sehr schweigsam, während sie sich anziehen ließ, aber endlich
fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strählte, ob ihr Mann schon
aufgestanden sei. Da erfuhr sie, daß er gerufen worden war, um über
einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.

„Ich würde gern mit ihm sprechen,“ sagte die junge Frau.

„Herrin,“ sagte die Sklavin, „dies wird sich mitten in der Untersuchung
schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie
sie beendigt ist.“

Sie saß nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte
sie: „Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen
hören?“

„Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jüdischer Wundertäter,“
antwortete eine der Sklavinnen sogleich.

„Es ist seltsam, Gebieterin, daß du gerade heute nach ihm fragst,“
sagte eine andere der Sklavinnen. „Er ist es eben, den die Juden
hierher in den Palast geführt haben, damit der Landpfleger ihn verhöre.“

Sie bat sie, allsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er
angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie
zurückkehrte, sagte sie: „Sie beschuldigen ihn, daß er sich zum König
über dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er
möge ihn kreuzigen lassen.“

Aber als des Landpflegers Frau dies hörte, erschrak sie gar sehr und
sagte: „Ich muß mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier
ein furchtbares Unglück.“

Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, daß dies unmöglich sei, da
begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerührt
und sagte: „Wenn du dem Landpfleger eine geschriebne Botschaft senden
willst, so will ich versuchen, sie ihm zu überbringen.“

Da nahm sie allsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein
Wachstäfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.

Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag über nicht allein, denn als er
die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz
führten, war die Stunde für die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser
hatte Pilatus einige von den Römern eingeladen, die sich zu dieser Zeit
in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anführer der Truppen und ein
junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.

Dieses Mahl war nicht sehr fröhlich, denn die Frau des Landpflegers saß
die ganze Zeit über stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gespräche
teilzunehmen.

Als die Tischgäste fragten, ob sie krank oder betrübt sei, erzählte der
Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt
hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein römischer
Landpfleger würde sich in seinen Urteilen von den Träumen eines Weibes
lenken lassen.

Sie antwortete still und traurig: „Wahrlich, dies war kein Traum,
sondern eine Warnung, die von den Göttern kam. Du hättest den Mann
wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.“

Sie sahen, daß sie ernstlich betrübt war. Sie wollte sich nicht trösten
lassen, wie sehr sich die Tafelgäste auch bemühten, sie durch ein
unterhaltendes Gespräch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.

Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: „Was
ist dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, daß der Tag schon zur
Neige gegangen ist?“

Alle sahen nun auf, und sie merkten, daß eine schwache Dämmerung sich
über die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze
bunte Farbenspiel, das über allen Dingen und Wesen gebreitet liegt,
sacht erlosch, so daß alles einfarbig grau erschien.

Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe.
„Wir sehen wirklich wie Tote aus,“ sagte der junge Schönredner mit
einem Schauer. „Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.“

Während diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen
der jungen Frau zu. „Ach, mein Freund,“ rief sie schließlich, „erkennst
du auch jetzt nicht, daß die Unsterblichen dich warnen wollen?
Sie zürnen, weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode
verurteilt hast. Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz
geschlagen sein muß, kann er doch sicherlich noch nicht verblichen
sein. Laß ihn vom Kreuze nehmen! Ich will mit meinen eignen Händen
seiner Wunden pflegen. Erlaube nur, daß er ins Leben zurückgerufen
werde.“

Aber Pilatus antwortete lachend: „Sicherlich hast du recht damit, daß
dies ein Zeichen der Götter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne
ihren Schein verlieren, weil ein jüdischer Irrlehrer zum Kreuzestode
verurteilt ist. Vielmehr können wir erwarten, daß wichtige Ereignisse
eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie
lange der alte Tiberius -- -- --“

Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden,
daß er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er
unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar
Lampen hereinzubringen.

Als es so hell geworden war, daß er die Gesichter seiner Gäste sehen
konnte, mußte er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemächtigt
hatte.

„Sieh doch,“ sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, „nun scheint
es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Träumen zu
verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein muß, daß du heute an
nichts andres denken kannst, dann laß uns lieber hören, was du geträumt
hast. Erzähl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!“

Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und während sie Traumgesicht
auf Traumgesicht erzählte, wurden die Gäste immer ernster. Sie hörten
auf, ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der
einzige, der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der
Landpfleger selbst.

Als die Erzählung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: „Wahrlich, dies
ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser,
aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt
mich nur wunder, daß sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers
gezeigt hat.“

„Es geht ja wirklich das Gerücht, daß der Kaiser von einer
entsetzlichen Krankheit befallen sei,“ bemerkte der Anführer der
Truppen. „Es scheint auch mir möglich, daß der Traum deiner Gattin eine
Warnung von den Göttern sein kann.“

„Es liegt nichts Unglaubliches darin, daß Tiberius einen Boten nach
dem Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen,“
stimmte der junge Rhetor ein.

Der Anführer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: „Wenn der Kaiser
wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertäter zu sich rufen zu
lassen, dann wäre es besser für dich und für uns alle, wenn er ihn
lebend träfe.“

Pilatus antwortete halb zürnend: „Ist es diese Dunkelheit, die euch zu
Kindern gemacht hat? Man könnte glauben, ihr wäret alle in Traumdeuter
und Propheten verwandelt.“

Aber der Hauptmann ließ nicht ab, in ihn zu dringen: „Es wäre
vielleicht nicht so unmöglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du
einen eiligen Boten abschicktest.“

„Ihr wollt mich wohl zum Gespött der Leute machen,“ antwortete der
Landpfleger. „Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und
Ordnung werden, wenn man erführe, daß der Landpfleger einen Verbrecher
begnadigt, weil seine Frau einen bösen Traum geträumt hat?“

„Es ist doch Wahrheit und kein Traum, daß ich Faustina in Jerusalem
gesehen habe,“ sagte der junge Rhetor.

„Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,“
sagte Pilatus. „Er wird begreifen, daß dieser Schwärmer, der sich
widerstandlos von meinen Knechten mißhandeln ließ, nicht die Macht
gehabt hätte, ihm zu helfen.“

In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde
das Haus von einem Getöse erschüttert, das wie heftig grollender
Donner klang, und ein Erdbeben ließ den Boden erzittern. Der Palast
des Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem
Erdbeben vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflößende Krachen
von einstürzenden Häusern und fallenden Säulen.

Sowie eine Menschenstimme sich Gehör verschaffen konnte, rief der
Landpfleger einen Sklaven zu sich.

„Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, daß der Prophet aus
Nazareth vom Kreuze genommen werde!“

Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom
Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das
Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen,
während sie der Rückkehr des Sklaven harrten.

Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.

„Du hast ihn am Leben gefunden?“ fragte dieser.

„Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen
Geist aufgab, geschah das Erdbeben.“

Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schläge am äußeren Tor
ertönten. Als sie diese Schläge hörten, zuckten alle zusammen und
sprangen empor, als wäre wieder ein Erdbeben losgebrochen.

Gleich darauf erschien ein Sklave.

„Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie
sind gekommen, um dich zu bitten, du mögest ihnen helfen, den Propheten
aus Nazareth zu finden.“

Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte
wurden hörbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, daß seine
Freunde von ihm zurückgewichen waren, wie von einem, der dem Unglück
verfallen ist.


IX

Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den
Kaiser aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie
sprach, wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte
die Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich
selbst: „Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie
mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen
mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.“

Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten
Gleichgiltigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am
selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte,
und wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter
der Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: „Du
grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben
in Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht
benommen, den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen
hast.“

Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus
Nazareth erwartet hatte.

„Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn
du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?“

„Du bist mein einziger Freund,“ sagte der Kaiser. „Warum sollte ich dir
eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu
gewähren?“

Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum
Besten gehalten hatte.

„Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,“ sagte sie aufbrausend. „Das
ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.“

„Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,“ sagte Tiberius. „Du
hättest in deinen Bergen bleiben müssen.“

Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft
aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der
Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie
ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme
wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu
behalten, abstehen.

„Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,“ sagte sie. „Ich habe ihn
gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein
Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.“

„Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,“ sagte Tiberius. „Er war ein
Majestätsverbrecher und Aufrührer.“

Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.

„Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,“
sagte sie. „Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt
wurde.“

„Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er
doch darum gewiß nicht besser als irgend ein andrer,“ sagte der Kaiser
müde. „Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod
verdient hätte?“

Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun,
weswegen sie bis dahin unschlüssig gewesen war. „Ich will dir doch eine
Probe seiner Macht geben,“ sagte sie. „Ich sagte dir vorhin, daß ich
mein Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich
jetzt in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?“

Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den
schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.

Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: „Dieser
Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er
imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen
sich mit Tränen, da ich es sehe.“

Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut
und Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien.
So allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das
Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die
stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den
Mund, dessen Lippen in Leid zu beben schienen.

Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat
das Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male
die Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu
ihm von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine
Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.

Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. „Ist
dies ein Mensch?“ fragte er sacht und leise. „Ist dies ein Mensch?“

Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über
seine Wangen zu strömen. „Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,“
flüsterte er.

„Faustina,“ rief er endlich, „warum ließest du diesen Mann sterben? Er
hätte mich geheilt.“

Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.

„Du Mensch,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn ich nicht mein Heil von
dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird
schwer auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.“

Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden
gleiten und sank vor dem Bilde auf die Kniee.

„Du bist der Mensch,“ sagte er. „Du bist, was ich nie zu sehen gehofft
habe.“ Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und
seine zerfressenen Hände. „Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere
und Ungeheuer, aber du bist der Mensch.“

Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.
„Erbarme dich meiner, du Unbekannter!“ sagte er, und seine Tränen
benetzten die Steine.

„Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich
geheilt,“ sagte er.

Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre
klüger gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie
hatte von Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde,
wenn er es sähe.

Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild
an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.

Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren
verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es
war, als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der
Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten; und sie
hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und
Mitleid gefühlt hatte.

       *       *       *       *       *

Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.

Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine
Untersuchung anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt
verwalte, und ihn bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das
Volk unterdrücke und Unschuldige zum Tode verurteile.

Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen
zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben
hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als
sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann
sagte: „Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde,
was geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.“ Aber die
Frau erwiderte: „Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer
Gedanke, daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte,
daß die Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.“

Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von
Jesu Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu
verkünden, die der Gekreuzigte gepredigt hatte.

Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem
Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin
des großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie
Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das
wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.

[Illustration]



Das Rotkehlchen


[Illustration]


Es war zu der Zeit, da unser Herr die Welt erschuf, da er nicht nur
Himmel und Erde schuf, sondern auch alle Tiere und Pflanzen, und ihnen
zugleich ihre Namen gab.

Es gibt viele Geschichten aus jener Zeit; und wüßte man sie alle, so
wüßte man auch die Erklärung für alles in der Welt, was man jetzt nicht
verstehen kann.

Damals war es, daß es sich eines Tages begab, als unser Herr im
Paradiese saß und die Vögel malte, daß die Farbe in unsers Herrn
Farbenschalen ausging, so daß der Stieglitz ohne Farbe geblieben wäre,
wenn unser Herr nicht alle Pinsel an seinen Federn abgewischt hätte.

Und damals geschah es, daß der Esel seine langen Ohren bekam, weil er
sich nicht merkte, welchen Namen er bekommen hatte. Er vergaß es, sowie
er nur ein paar Schritte auf den Fluren des Paradieses gemacht hatte,
und dreimal kam er zurück und fragte, wie er heiße, bis unser Herr ein
klein wenig ungeduldig wurde, ihn bei beiden Ohren nahm und sagte:
„Dein Name ist Esel, Esel, Esel.“

Und während er so sprach, zog er seine Ohren lang, damit er ein
besseres Gehör bekäme und sich merke, was man ihm sagte.

An demselben Tage geschah es auch, daß die Biene bestraft wurde. Denn
als die Biene erschaffen war, begann sie sogleich Honig zu sammeln,
und Tiere und Menschen, die merkten, wie süß der Honig duftete, kamen
und wollten ihn kosten. Aber die Biene wollte alles für sich behalten
und jagte mit ihren giftigen Stichen alle fort, die sich der Honigwabe
näherten. Dies sah unser Herr und alsogleich rief er die Biene zu sich
und strafte sie. „Ich verlieh dir die Gabe, Honig zu sammeln, der das
Süßeste in der Schöpfung ist,“ sagte unser Herr, „aber damit gab ich
dir nicht das Recht, hart gegen deinen Nächsten zu sein. Merke dir nun,
jedesmal, wenn du jemand stichst, der deinen Honig kosten will, mußt du
sterben!“

Ach ja, damals geschah es, daß die Grille blind wurde und die Ameise
ihre Flügel verlor; es begab sich so viel Wunderliches an diesem Tage.

Unser Herr saß den ganzen Tag groß und mild da und schuf und erweckte
zum Leben, und gegen Abend kam es ihm in den Sinn, einen kleinen grauen
Vogel zu erschaffen.

„Merke dir, daß dein Name Rotkehlchen ist!“ sagte unser Herr zu dem
Vogel, als er fertig war. Und er setzte ihn auf seine flache Hand und
ließ ihn fliegen.

Aber als der Vogel ein Weilchen umhergeflogen war und sich die schöne
Erde besehen hatte, auf der er leben sollte, bekam er auch Lust, sich
selbst zu betrachten. Da sah er, daß er ganz grau war, und seine Kehle
war ebenso grau wie alles andre. Das Rotkehlchen wendete und drehte
sich und spiegelte sich im Wasser, aber es konnte keine einzige rote
Feder entdecken.

Da flog der Vogel zu unserm Herrn zurück.

Unser Herr thronte gut und milde, aus seinen Händen gingen
Schmetterlinge hervor, die um sein Haupt flatterten, Tauben gurrten auf
seinen Schultern, und aus dem Boden rings um ihn sproßten die Rose, die
Lilie und das Tausendschönchen.

Das Herz des kleinen Vogels pochte heftig vor Bangigkeit, aber in
leichten Bogen flog er doch immer näher und näher zu unserm Herrn, und
schließlich ließ er sich auf seiner Hand nieder.

Da fragte unser Herr, was sein Begehr wäre.

„Ich möchte dich nur um eines fragen,“ sagte der kleine Vogel.

„Was willst du denn wissen?“ fragte unser Herr.

„Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich doch ganz grau bin vom
Schnabel bis zum Schwanze? Warum werde ich Rotkehlchen genannt, wenn
ich keine einzige rote Feder mein eigen nenne?“

Und der Vogel sah unsern Herrn mit seinen kleinen schwarzen Äuglein
flehend an und wendete das Köpfchen. Ringsum sah er Fasanen, ganz rot
unter einem leichten Goldstaub, Papageien mit reichen roten Halskragen,
Hähne mit roten Kämmen, ganz zu schweigen von den Schmetterlingen,
den Goldfischen und den Rosen. Und natürlich dachte er sich, wie wenig
vonnöten wäre, nur ein einziger kleiner Tropfen Farbe auf seiner Brust,
und er wäre ein schöner Vogel, und sein Name schicke sich für ihn.

„Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich ganz grau bin,“ fragte der
Vogel abermals und wartete, daß unser Herr sagen würde:

„Ach, Freundchen, ich sehe, ich habe ganz vergessen, deine Brustfedern
rot zu malen, aber wart nur einen Augenblick, dann wird es geschehen.“

Aber unser Herr lächelte nur still und sagte:

„Ich habe dich Rotkehlchen genannt, und Rotkehlchen sollst du heißen,
aber du mußt selbst zusehen, daß du dir deine roten Brustfedern
verdienst.“

Und damit erhob unser Herr die Hand und ließ den Vogel aufs neue in die
Welt hinausfliegen.

Der Vogel flog sehr nachdenklich ins Paradies hinunter. Was sollte
wohl ein kleiner Vogel, wie er, tun können, um sich rote Federn zu
verschaffen?

Das einzige, was ihm einfiel, war, daß er sein Nest in einen
Dornenbusch baute. Er nistete zwischen den Stacheln in dem dichten
Dornengestrüpp. Es war, als erwarte er, daß ein Rosenblatt an seiner
Kehle haften bliebe und ihr seine Farbe gäbe.

       *       *       *       *       *

Eine unendliche Menge von Jahren war seit diesem Tage verflossen, der
der fröhlichste der Erde war. Seit dieser Zeit hatten sowohl die Tiere
als auch die Menschen das Paradies verlassen und sich über die Erde
verbreitet. Und die Menschen hatten es soweit gebracht, daß sie gelernt
hatten, den Boden zu bebauen und das Meer zu befahren, sie hatten sich
Kleider und Zierrat geschaffen, ja, sie hatten längst gelernt, große
Tempel und mächtige Städte zu bauen, wie Theben, Rom und Jerusalem.

Da brach ein neuer Tag an, der auch in der Geschichte der Erde lange
nicht vergessen werden sollte, und am Morgen dieses Tages saß das
Rotkehlchen auf einem kleinen nackten Hügel vor den Mauern Jerusalems
und sang seinen Jungen vor, die in dem kleinen Nest in einem niedrigen
Dornenbusch lagen.

Das Rotkehlchen erzählte seinen Kleinen von dem wunderbaren
Schöpfungstage und von der Namengebung, wie jedes Rotkehlchen es seinen
Kindern erzählt hatte, von dem ersten an, das Gottes Wort gehört hatte
und aus Gottes Hand hervorgegangen war.

„Und seht nun,“ schloß es betrübt, „so viele Jahre sind seit dem
Schöpfungstage verflossen, so viele Rosen haben geblüht, so viele junge
Vögel sind aus ihren Eiern gekrochen, so viele, daß keiner sie zählen
kann, aber das Rotkehlchen ist noch immer ein kleiner, grauer Vogel, es
ist ihm noch nicht gelungen, die roten Brustfedern zu erringen.“

Die kleinen Jungen rissen ihre Schnäbel weit auf und fragten, ob ihre
Vorfahren nicht versucht hätten irgend eine Großtat zu vollbringen, um
die unschätzbare rote Farbe zu erringen.

„Wir haben alle getan, was wir konnten,“ sagte der kleine Vogel, „aber
es ist uns allen mißlungen. Schon das erste Rotkehlchen traf einmal
einen andern Vogel, der ihm völlig glich, und es begann sogleich, ihn
mit so heftiger Liebe zu lieben, daß es seine Brust erglühen fühlte.
Ach, dachte es da, nun verstehe ich es: der liebe Gott will, daß ich
so heiß liebe, daß meine Brustfedern sich von der Liebesglut, die in
meinem Herzen wohnt, rot färben. Aber es mißlang ihm, wie es allen nach
ihm mißlungen ist, und wie es auch euch mißlingen wird.“

Die kleinen Jungen zwitscherten betrübt, sie begannen schon darüber zu
trauern, daß die rote Farbe ihre kleine flaumige Kehle nicht schmücken
sollte.

„Wir hofften auch auf den Gesang,“ sagte der alte Vogel, in
langgezognen Tönen sprechend. „Schon das erste Rotkehlchen sang so, daß
seine Brust vor Begeisterung schwoll, und es wagte wieder zu hoffen.
Ach, dachte es, die Sangesglut, die in meiner Seele wohnt, wird meine
Brustfedern rot färben. Aber es täuschte sich, wie alle nach ihm sich
getäuscht haben, und wie auch ihr euch täuschen werdet.“

Wieder hörte man ein trübseliges Piepsen aus den halbnackten Kehlen der
Jungen.

„Wir hofften auch auf unsern Mut und unsre Tapferkeit,“ sagte der
Vogel. „Schon das erste Rotkehlchen kämpfte tapfer mit andern
Vögeln, und seine Brust glühte von Kampflust. Ach, dachte es, meine
Brustfedern werden sich rot färben von der Kampflust, die in meinem
Herzen flammt. Aber es scheiterte, wie alle nach ihm scheiterten, und
wie auch ihr scheitern werdet.“

Die winzigen Jungen piepsten mutig, daß sie es doch versuchen wollten,
den erstrebten Preis zu gewinnen, aber der alte Vogel antwortete ihnen
betrübt, daß dies unmöglich sei. Was könnten sie hoffen, wenn so viele
ausgezeichnete Vorfahren das Ziel nicht erreicht hätten? Was könnten
sie mehr tun als lieben, singen und kämpfen? Was könnten -- -- --

Der Vogel hielt mitten im Satze inne, denn aus einem Tore Jerusalems
kam eine Menschenmenge gezogen, und die ganze Schar eilte den Hügel
hinan, wo der Vogel sein Nest hatte.

Da waren Reiter auf stolzen Rossen, Krieger mit langen Lanzen,
Henkersknechte mit Nägeln und Hämmern, da waren würdig
einherschreitende Priester und Richter, weinende Frauen, und allen
voran eine Menge wildumherlaufendes Volk, ein gräuliches, heulendes
Geleite von Landstreichern.

Der kleine graue Vogel saß zitternd auf dem Rande seines Nestes. Er
fürchtete jeden Augenblick, daß der kleine Dornenbusch niedergetreten
und seine kleinen Jungen getötet werden würden. „Nehmt euch in acht,“
rief er den kleinen schutzlosen Jungen zu, „kriecht dicht zusammen
und verhaltet euch still! Hier kommt ein Pferd, das gerade über uns
hingeht! Hier kommt ein Krieger mit eisenbeschlagenen Sandalen! Hier
kommt die ganze wilde Schar herangestürmt!“

Mit einem Male hörte der Vogel mit seinen Warnungsrufen auf, er wurde
still und stumm. Er vergaß beinahe die Gefahr, in der er schwebte.

Plötzlich hüpfte er in das Nest hinunter und breitete die Flügel über
seine Jungen.

„Nein, das ist zu entsetzlich,“ sagte er. „Ich will nicht, daß ihr
diesen Anblick seht -- da sind drei Missetäter, die gekreuzigt werden
sollen.“

Und er breitete ängstlich die Flügel aus, so daß die Kleinen nichts
sehen konnten. Sie vernahmen nur donnernde Hammerschläge, Klagerufe und
das wilde Geschrei des Volkes.

Das Rotkehlchen folgte dem ganzen Schauspiel mit Augen, die sich
vor Entsetzen weiteten. Es konnte die Blicke nicht von den drei
Unglücklichen wenden.

„Wie grausam die Menschen sind!“ sagte der Vogel nach einem Weilchen.
„Es ist ihnen nicht genug, daß sie diese armen Wesen ans Kreuz nageln,
nein, auf dem Kopfe des einen haben sie noch eine Krone aus stechenden
Dornen befestigt.“

„Ich sehe, daß die Dornen seine Stirn verwundet haben und das Blut
fließt,“ fuhr es fort. „Und dieser Mann ist so schön und sieht mit so
milden Blicken um sich, daß jeder ihn lieben müßte. Mir ist, als ginge
eine Pfeilspitze durch mein Herz, wenn ich ihn leiden sehe.“

Der kleine Vogel begann ein immer stärkeres Mitleid mit dem
Dornengekrönten zu fühlen. „Wenn ich mein Bruder, der Adler, wäre,“
dachte er, „würde ich die Nägel aus seinen Händen reißen und mit meinen
starken Klauen alle die Leute verscheuchen, die ihn peinigen.“

Es sah, wie das Blut auf die Stirn des Gekreuzigten tropfte, und da
vermochte es nicht mehr still in seinem Neste zu bleiben.

„Wenn ich auch nur klein und schwach bin, so muß ich doch etwas für
diesen armen Gequälten tun können,“ dachte der Vogel, und er verließ
sein Nest und flog hinaus in die Luft, weite Kreise um den Gekreuzigten
beschreibend.

Er umkreiste ihn mehrere Male, ohne daß er sich näherzukommen traute,
denn er war ein scheuer kleiner Vogel, der es nie gewagt hatte, sich
einem Menschen zu nähern. Aber allmählich faßte er Mut, flog ganz nah
hinzu und zog mit seinem Schnabel einen Dorn aus, der in die Stirn des
Gekreuzigten gedrungen war.

Aber während er dies tat, fiel ein Tropfen von dem Blute des
Gekreuzigten auf die Kehle des Vogels. Der verbreitete sich rasch und
färbte alle die kleinen zarten Brustfedern.

Wie der Vogel wieder in sein Nest kam, riefen ihm seine kleinen Jungen
zu:

„Deine Brust ist rot, deine Brustfedern sind roter als Rosen!“

„Es ist nur ein Bluttropfen von der Stirn des armen Mannes,“ sagte der
Vogel. „Er verschwindet, sobald ich in einem Bach bade oder in einer
klaren Quelle.“

Aber soviel der kleine Vogel auch badete, die rote Farbe verschwand
nicht von seiner Kehle, und als seine Kleinen herangewachsen waren,
leuchtete die blutrote Farbe auch von ihren Brustfedern, wie sie auf
jedes Rotkehlchens Brust und Kehle leuchtet, bis auf den heutigen Tag.

[Illustration]



Unser Herr und der heil. Petrus


[Illustration]


Es war um die Zeit, als unser Herr und der heilige Petrus eben ins
Paradies gekommen waren, nachdem sie während vieler Jahre der Betrübnis
auf Erden umhergewandert waren und manches erlitten hatten.

Man kann sich denken, daß dies eine Freude für Sankt Petrus war. Man
kann denken, daß es ein ander Ding war, auf dem Berge des Paradieses zu
sitzen und über die Welt hinaus zu sehen, denn als Bettler von Tür zu
Tür zu wandern. Es war ein ander Ding, in den Lustgärten des Paradieses
umherzuschlendern, als auf Erden einherzugehen und nicht zu wissen,
ob man in stürmischer Nacht Obdach bekäme, oder ob man genötigt sein
würde, draußen auf der Landstraße in Kälte und Dunkel weiterzuwandern.

Man muß nur bedenken, welche Freude es gewesen sein muß, nach solcher
Reise endlich an den rechten Ort zu kommen. Er hatte wohl nicht immer
so sicher sein können, daß alles ein gutes Ende nehmen würde. Er hatte
es nicht lassen können, bisweilen zu zweifeln und unruhig zu sein,
denn es war ja für Sankt Petrus, den Armen, beinahe unmöglich gewesen,
zu begreifen, wozu es dienen solle, daß sie ein so schweres Dasein
hatten, wenn unser Herr und Heiland der Herr der Welt war.

Und nun sollte nie mehr die Sehnsucht kommen und ihn quälen. Man darf
wohl glauben, daß er froh darüber war.

Nun konnte er förmlich darüber lachen, wieviel Betrübnis er und unser
Herr hatten erdulden und mit wie wenig sie sich hatten begnügen müssen.

Einmal, als es ihnen so übel ergangen war, daß er gemeint hatte, es
kaum länger ertragen zu können, hatte unser Herr ihn mit sich genommen
und begonnen, einen hohen Berg hinanzusteigen, ohne ihm zu sagen, was
sie dort oben zu tun hätten.

Sie waren an den Städten vorübergewandert, die am Fuße des Berges
lagen, und an den Schlössern, die höher oben waren. Sie waren über
die Bauernhöfe und Sennhütten hinausgekommen, und sie hatten die
Steingrotte des letzten Holzhauers hinter sich gelassen.

Sie waren endlich dorthin gekommen, wo der Berg nackt, ohne Pflanzen
und Bäume stand, und wo ein Eremit sich eine Hütte erbaut hatte, um in
Not geratnen Wandersleuten beispringen zu können.

Dann waren sie über die Schneefelder gegangen, wo die Murmeltiere
schlafen, und hinauf zu den wilden, zusammengetürmten Eismassen
gelangt, bis zu denen kaum ein Steinbock vordringen kann.

Dort oben hatte unser Herr einen kleinen Vogel mit roter Brust
gefunden, der erfroren auf dem Eise lag, und er hatte den kleinen
Dompfaffen aufgehoben und eingesteckt. Und Sankt Petrus erinnerte sich,
daß er neugierig gewesen war, ob dieser Vogel ihr Mittagbrot sein würde.

Sie waren eine lange Strecke über die schlüpfrigen Eisstücke gewandert,
und es wollte Sankt Peter bedünken, als wäre er dem Totenreiche nie
so nah gewesen, denn ein todeskalter Wind und ein todesdunkler Nebel
hüllten sie ein, und weit und breit fand sich nichts Lebendes. Und doch
waren sie nicht höher gekommen, als bis zur Mitte des Berges. Da hatte
er unsern Herrn gebeten, umkehren zu dürfen.

„Noch nicht,“ sagte unser Herr, „denn ich will dir etwas weisen, was
dir den Mut geben wird, alle Sorgen zu tragen.“

Und sie waren durch Nebel und Kälte weiter gewandert, bis sie eine
unendlich hohe Mauer erreicht hatten, die sie nicht weiterkommen ließ.

„Diese Mauer geht rings um den Berg,“ sagte unser Herr, „und du kannst
sie an keinem Punkte übersteigen. Auch kann kein Mensch etwas von
dem erblicken, was dahinter liegt, denn hier ist es, wo das Paradies
anfängt, und hier wohnen die seligen Toten den ganzen Berghang hinauf.“

Da hatte der heilige Petrus es nicht lassen können, ein mißtrauisches
Gesicht zu machen. „Dort drinnen ist nicht Dunkel und Kälte wie hier,“
sagte unser Herr, „sondern dort ist grüner Sommer und heller Schein
von Sonnen und Sternen.“ Aber Sankt Petrus vermochte ihm nicht zu
glauben.

Da nahm unser Herr den kleinen Vogel, den er vorhin auf dem Eisfelde
gefunden hatte, und bog sich zurück und warf ihn über die Mauer, so daß
er ins Paradies hineinfiel.

Und gleich darauf hörte der heilige Petrus ein jubelndes, fröhliches
Zwitschern und erkannte den Gesang eines Dompfaffen und verwunderte
sich höchlich.

Er wendete sich an unsern Herrn und sagte: „Laß uns wieder auf die Erde
hinuntergehen und alles dulden, was erduldet werden muß, denn nun sehe
ich, daß du wahr gesprochen hast, und daß es einen Ort gibt, wo das
Leben den Tod überwindet.“

Und sie waren den Berg hinuntergestiegen und hatten ihre Wandrung aufs
neue begonnen.

Dann hatte Sankt Petrus lange Jahre nichts mehr vom Paradiese gesehen,
sondern war nur einher gegangen und hatte sich nach dem Lande hinter
der Mauer gesehnt. Und jetzt war er endlich dort und brauchte sich
nicht mehr zu sehnen, sondern konnte den ganzen Tag mit vollen Händen
Freude aus niemals versiegenden Quellen schöpfen.

Aber der heilige Petrus war kaum vierzehn Tage im Paradiese, als es
geschah, daß ein Engel zu unserm Herrn kam, der auf seinem Stuhle saß,
sich siebenmal vor ihm neigte und ihm sagte, es müsse ein schweres
Unglück über Sankt Petrus gekommen sein. Er wolle weder essen und
trinken, und seine Augen wären rotgerändert, als hätte er seit
mehreren Nächten nicht geschlafen.

Sobald unser Herr dies vernahm, erhob er sich und ging und suchte Sankt
Petrus auf.

Er fand ihn fern an der äußersten Grenze des Paradieses. Er lag auf dem
Boden, als wäre er zu ermattet, um stehen zu können, und hatte seine
Kleider zerrissen und Asche auf sein Haupt gestreut.

Als unser Herr ihn so betrübt sah, setzte er sich neben ihm auf den
Boden und sprach zu ihm, wie er getan hätte, wenn sie noch in der
Betrübnis dieser Welt umhergewandert wären.

„Was ist es, was dich so traurig macht, Sankt Petrus?“ fragte unser
Herr. Aber der Schmerz übermannte Sankt Petrus so sehr, daß er nichts
zu antworten vermochte.

„Was ist es, was dich so traurig macht, Sankt Petrus?“ fragte unser
Herr abermals. Als unser Herr die Frage wiederholte, nahm Sankt Petrus
seine Goldkrone vom Kopfe und warf sie unserm Herrn zu Füßen, als
wollte er sagen, daß er fürderhin keinen Teil mehr haben wolle an
seiner Ehre und Herrlichkeit.

Aber unser Herr begriff wohl, daß Sankt Petrus zu verzweifelt war, um
zu wissen, was er tat, und so zeigte er ihm keinen Zorn. „Du mußt mir
doch endlich sagen, was dich quält,“ sagte er ebenso sanftmütig wie
zuvor und mit noch größrer Liebe in der Stimme.

Jetzt aber sprang Sankt Petrus auf, und da sah unser Herr, daß er nicht
nur betrübt war, sondern auch zornig.

„Ich will Urlaub aus deinen Diensten haben,“ sagte Sankt Petrus. „Ich
kann nicht einen Tag länger im Paradiese bleiben.“

Aber unser Herr suchte ihn zu beschwichtigen, was er früher oft hatte
tun müssen, wenn Sankt Petrus aufgebraust war.

„Ich will dich wahrlich nicht hindern, zu gehen,“ sagte er, „aber erst
mußt du mir sagen, was dir hier nicht gefällt.“

„Ich kann dir sagen, daß ich mir bessern Lohn versprach, als wir beide
drunten auf Erden jede Art Elend erduldeten,“ sagte Sankt Petrus. Unser
Herr sah, daß Sankt Petrus Seele von Bitterkeit erfüllt war, und er
fühlte keinen Groll gegen ihn.

„Ich sage dir, daß du frei bist, zu ziehen, wohin du willst,“ sagte er,
„wenn du mich nur wissen läßt, was dich betrübt.“

Da endlich erzählte Sankt Petrus, warum er unglücklich war. „Ich hatte
eine alte Mutter,“ sagte er, „und sie ist vor ein paar Tagen gestorben.“

„Jetzt weiß ich, was dich quält,“ sagte unser Herr. „Du leidest, weil
deine Mutter nicht hierher ins Paradies gekommen ist.“

„So ist es,“ sagte Sankt Petrus, und zugleich überwältigte ihn der
Schmerz so sehr, daß er zu jammern und zu schluchzen anfing.

„Ich meine doch, ich hätte es wohl verdient, daß sie herkommen dürfte,“
sagte er.

Als aber unser Herr erfahren hatte, was es war, worüber der heilige
Petrus trauerte, wurde er gleichfalls betrübt. Denn Sankt Petrus Mutter
war nicht so gewesen, daß sie ins Himmelreich hätte kommen können.
Sie hatte nie an etwas andres gedacht, als Geld zu sammeln; und armen
Leuten, die vor ihre Türe gekommen waren, hatte sie niemals auch nur
einen Groschen oder einen Bissen Brot gegeben. Aber unser Herr verstand
es wohl: Sankt Petrus konnte es unmöglich wünschen, daß seine Mutter so
geizig gewesen war, daß sie die Seligkeit nicht genießen konnte.

„Sankt Petrus,“ sagte er, „woher weißt du, daß deine Mutter sich bei
uns glücklich fühlen würde?“

„Sieh, das sagst du nur, damit du mich nicht zu erhören brauchst,“
sagte Sankt Petrus. „Wer sollte sich im Paradiese nicht glücklich
fühlen?“

„Wer nicht Freude über die Freude andrer fühlt, kann hier nicht
glücklich sein,“ sagte unser Herr.

„Dann sind noch andre hier als meine Mutter, die nicht hereinpassen,“
sagte Sankt Petrus, und unser Herr merkte, daß er damit ihn im Sinne
hatte.

Und er war tief betrübt, weil Sankt Petrus von einem so schweren Kummer
getroffen war, daß er nicht mehr wußte, was er sagte. Er blieb eine
Weile stehen und wartete, ob Sankt Petrus nicht bereute und einsähe,
daß seine Mutter nicht ins Paradies gehörte, aber der wollte gar nicht
zu Vernunft kommen.

Da rief unser Herr einen Engel zu sich und befahl ihm, zur Hölle
hinunter zu fahren und die Mutter des heiligen Petrus ins Paradies
heraufzuholen.

„Laß mich dann auch sehen, wie er sie herausholt,“ sagte Sankt Petrus.
Unser Herr nahm Sankt Petrus an der Hand und führte ihn auf einen
Felsen hinaus, der auf der einen Seite kerzengerade und jäh abfiel. Und
er zeigte ihm, daß er sich nur ein klein wenig über den Rand zu beugen
brauchte, um gerade in die Hölle hinunter zu sehen.

Als Sankt Petrus hinunterschaute, konnte er im Anfang nicht mehr
unterscheiden, als wenn er in einen Brunnen hinabgesehen hätte. Es
war, als öffne sich ein unendlicher, schwarzer Schlund unter ihm. Das
erste, was er undeutlich unterschied, war der Engel, der sich schon
auf den Weg in den Abgrund gemacht hatte. Er sah, wie er ohne jede
Furcht in das große Dunkel hinunter eilte und nur die Flügel ein wenig
ausbreitete, um nicht zu heftig zu fallen.

Aber als Sankt Petrus seine Augen ein bißchen daran gewöhnt hatte,
fing er an, mehr und immer mehr zu sehen. Er begriff zunächst, daß das
Paradies auf einem Ringberge lag, der eine weite Kluft einschloß, und
in der Tiefe dieser Kluft hatten die Verdammten ihre Wohnstatt. Er
sah, wie der Engel eine lange Weile fiel und fiel, ohne in die Tiefe
hinunter zu kommen. Er war ganz erschrocken darüber, daß es ein so
weiter Weg war.

„Möchte er doch nur wieder mit meiner Mutter heraufkommen können,“
sagte er.

Unser Heiland blickte nur mit großen, traurigen Augen auf Sankt Petrus.
„Es gibt keine Last, die mein Engel nicht heben könnte,“ sagte er.

Es ging so tief hinein in den Abgrund, daß kein Sonnenstrahl dorthin
dringen konnte, sondern schwarze Schatten dort herrschten. Aber nun war
es, als hätte der Engel mit seinem Fluge ein wenig Klarheit und Licht
hingebracht, so daß es Sankt Petrus möglich wurde, zu unterscheiden,
wie es dort unten aussah.

Da war eine unendliche, schwarze Felsenwüste, scharfe, spitzige Klippen
deckten den ganzen Grund, und zwischen ihnen blinkten Tümpel von
schwarzem Wasser. Kein grünes Hälmchen, kein Baum, kein Zeichen des
Lebens fand sich da.

Aber überall auf die scharfen Felsen waren die unseligen Toten
hinaufgeklettert. Sie hingen über den Felsenspitzen, die sie in
der Hoffnung erklettert hatten, sich aus der Kluft emporschwingen
zu können, und als sie gesehen hatten, daß sie nirgend hinzukommen
vermochten, waren sie dort oben verblieben, vor Verzweiflung
versteinert.

Sankt Petrus sah einige von ihnen sitzen oder liegen, die Arme
in ewiger Sehnsucht ausgestreckt, die Augen unverwandt nach oben
gerichtet. Andre hatten die Hände vors Gesicht geschlagen, wie um das
hoffnungslose Grauen um sich nicht sehen zu müssen. Sie waren alle
reglos, keiner von ihnen bewegte sich. Manche lagen, ohne sich zu
rühren, in den Wassertümpeln, ohne zu versuchen, herauszukommen.

Das Entsetzlichste war, daß ihrer eine solche Menge waren. Es war, als
bestünde der Grund der Kluft aus nichts anderm, als aus Leibern und
Köpfen.

Und Sankt Petrus ward von einer neuen Unruhe gepackt. „Du wirst sehen,
er findet sie nicht,“ sagte er zu unserm Herrn.

Unser Herr sah ihn nur mit demselben betrübten Blick an wie zuvor. Er
wußte wohl, daß Sankt Petrus sich wegen des Engels nicht zu beunruhigen
brauchte.

Aber für Sankt Petrus hatte es noch immer den Anschein, als ob der
Engel seine Mutter unter der großen Menge von Unseligen nicht gleich
finden könnte. Er breitete die Flügel aus und schwebte über dem Abgrund
hin und her, indes er sie suchte.

Auf einmal gewahrte einer der unseligen Verdammten unten im Abgrunde
den Engel. Und er sprang auf und streckte die Arme zu ihm empor und
rief: „Nimm mich mit, nimm mich mit!“

Da kam auf einmal Leben in die ganze Schar. Alle Millionen und
Millionen, die unten in der Hölle verschmachteten, sprangen in
demselben Augenblick auf und hoben ihre Arme und riefen den Engel an,
er möchte sie hinauf zu dem seligen Paradiese führen.

Ihre Schreie drangen bis zu unserm Herrn und Sankt Petrus hinauf, und
ihre Herzen bebten vor Schmerz, als sie es hörten.

Der Engel hielt sich schwebend hoch über den Verdammten, aber wie er
hin und her glitt, um die zu entdecken, die er suchte, stürmten sie
alle ihm nach, daß es aussah, als würden sie von einer Windsbraut
dahingefegt.

Endlich hatte der Engel die erblickt, die er holen sollte. Er faltete
die Flügel auf dem Rücken zusammen und schoß hinab wie ein Pfeil. Und
Sankt Petrus schrie in frohem Erstaunen auf, als er ihn den Arm um
seine Mutter schlingen und sie emporheben sah.

„Selig seist du, der mir die Mutter zuführt!“ sagte er.

Unser Herr legte seine Hand warnend auf des heiligen Petrus Schultern,
als wollte er ihn abhalten sich zu früh der Freude hinzugeben.

Aber Sankt Petrus war nahe daran, vor Glück zu weinen, weil seine
Mutter gerettet war, und er konnte nicht verstehen, daß sie noch etwas
trennen könnte. Und noch größere Freude bereitete es ihm, zu sehen,
daß einige der Verdammten, so hurtig der Engel auch gewesen war, als
er seine Mutter emporhob, doch noch behender waren, so daß sie sich
an sie, die erlöst werden sollte, hängten, um zugleich mit ihr ins
Paradies geführt zu werden.

Es waren ihrer etwa ein Dutzend, die sich an die alte Frau gehängt
hatten, und Sankt Petrus dachte, daß es eine große Ehre für seine
Mutter wäre, so vielen Unglücklichen aus der Verdammnis zu helfen.

Der Engel tat auch nichts, um sie zu hindern. Er schien von der Bürde
gar nicht beschwert, sondern stieg nur und stieg, und er regte die
Schwingen nicht mühsamer, als wenn er ein totes Vögelchen zum Himmel
getragen hätte.

Aber da sah Sankt Petrus, wie seine Mutter anfing, die Unseligen von
sich loszureißen, die an ihr festhingen. Sie packte ihre Hände und
löste deren Griff, so daß einer nach dem andern hinuntertaumelte in die
Hölle.

Sankt Petrus konnte hören, wie sie baten und sie anflehten, aber die
alte Frau schien es nicht dulden zu wollen, daß ein andrer außer ihr
selbst selig werde. Sie machte sich von einem nach dem andern frei und
ließ sie hinab ins Elend stürzen. Und wie sie stürzten, wurde der ganze
Raum von Wehrufen und Verwünschungen erfüllt.

Da rief Sankt Petrus und bat seine Mutter, sie solle doch
Barmherzigkeit zeigen, aber sie wollte nichts hören, sondern fuhr fort,
wie sie begonnen hatte.

Und Sankt Petrus sah, wie der Engel immer langsamer und langsamer flog,
je leichter seine Bürde wurde, und da wurde Sankt Petrus von solcher
Angst gepackt, daß ihm seine Beine den Dienst versagten und er auf die
Knie sinken mußte.

Endlich war nur eine einzige übrig, die sich an Sankt Petrus Mutter
festhielt. Es war eine junge Frau, die ihr am Halse hing und dicht an
ihrem Ohr flehte und bat, sie möchte sie mit in das gesegnete Paradies
lassen. Da war der Engel mit seiner Bürde so weit gekommen, daß Sankt
Petrus schon die Arme ausstreckte, um die Mutter zu empfangen. Es
däuchte ihn, der Engel brauchte nur noch ein paar Flügelschläge zu
machen, um oben auf dem Berge zu sein.

Aber da hielt der Engel auf einmal die Schwingen ganz still, und sein
Gesicht wurde düster wie die Nacht.

Denn jetzt streckte die alte Frau die Hände nach rückwärts und ergriff
die andre, die an ihrem Halse hing, bei den Armen und riß und zerrte,
bis es ihr glückte, die verschlungenen Hände zu trennen, so daß sie
auch von der letzten befreit wurde.

Als die Unselige fiel, sank der Engel mehrere Klafter tiefer, und es
sah aus, als vermöchte er nicht mehr, die Schwingen zu heben.

Mit tief betrübten Blicken sah er auf die alte Frau hinunter, sein
Griff um ihren Leib lockerte sich, und er ließ sie fallen, als sei sie
eine allzuschwere Bürde für ihn, jetzt, da sie allein geblieben war.

Dann schwang er sich mit einem einzigen Flügelschlage ins Paradies
hinauf.

Aber Sankt Petrus blieb lange auf derselben Stelle liegen und
schluchzte, und unser Herr stand still neben ihm.

„Sankt Petrus,“ sagte unser Herr endlich, „nimmer hätte ich geglaubt,
daß du so weinen würdest, nachdem du ins Paradies gekommen warst.“

Da erhob Gottes alter Diener sein Haupt und antwortete: „Was ist das
für ein Paradies, wo ich meiner Liebsten Jammer höre und meiner
Mitmenschen Leiden sehe.“

Aber unsres Herrn Angesicht verdüsterte sich in tiefstem Schmerze. „Was
wollte ich lieber, als euch allen ein Paradies von eitel hellem Glück
bereiten?“ sagte er. „Begreifst du nicht, daß ich um dessentwillen zu
den Menschen hinunterging und sie lehrte, ihre Nächsten zu lieben wie
sich selbst. Solange sie dies nicht tun, gibt es keine Freistatt, weder
im Himmel noch auf Erden, wo Schmerz und Betrübnis sie nicht zu ereilen
vermöchten.“

[Illustration]



Die Lichtflamme


[Illustration]


I

Vor vielen, vielen Jahren, als die Stadt Florenz sich vor ganz kurzer
Zeit zur Republik gemacht hatte, lebte dort ein Mann, der Raniero di
Ranieri hieß. Er war der Sohn eines Waffenschmieds und hatte seines
Vaters Gewerbe erlernt, aber er übte es nicht sonderlich gern aus.

Dieser Raniero war ein sehr starker Mann. Es hieß von ihm, daß er eine
schwere Eisenrüstung ebenso leicht trüge wie ein andrer ein Seidenhemd.
Er war ein noch junger Mann, aber er hatte schon viele Proben seiner
Kraft gezeigt. Einmal war er in einem Hause gewesen, wo sie Korn
auf den Dachboden gelegt hatten. Aber es war dort oben zu viel Korn
aufgehäuft, und während Raniero sich in dem Hause befand, brach einer
der Dachbalken, und das ganze Dach war im Begriff einzustürzen. Da
waren alle fortgeeilt bis auf Raniero. Er hatte die Arme emporgereckt
und sie gegen das Dach gestemmt, bis die Leute Balken und Pfähle geholt
hatten, um es zu stützen.

Es hieß von Raniero auch, daß er der tapferste Mann wäre, den es
jemals in Florenz gegeben hätte, und daß er am Kampfe niemals genug
haben könnte. Sobald er von der Straße irgend einen Lärm hörte,
stürzte er aus der Werkstatt, in der Hoffnung, daß eine Schlägerei
entstanden sei, an der er teilnehmen könne. Wenn er nur vom Leder
ziehen konnte, kämpfte er ebenso gern mit schlichten Landleuten, wie
mit eisengepanzerten Rittern. Er stürzte sich wie ein Rasender in den
Kampf, ohne seine Gegner zu zählen.

Nun war Florenz zu dieser Zeit nicht besonders mächtig. Die Bevölkerung
bestand zum größten Teil aus Wollspinnern und Tuchwebern, und diese
begehrten nichts andres, als in Frieden ihre Arbeit zu verrichten. Es
gab tüchtige Kerle genug, aber sie waren nicht kampflustig, sondern
setzten eine Ehre darein, daß in ihrer Stadt bessere Ordnung herrsche
als anderswo. Raniero klagte oft darüber, daß er nicht in einem Lande
geboren war, wo ein König herrschte, der tapfere Männer um sich
scharte, und er sagte, daß er in diesem Falle zu hohen Ehren und Würden
gekommen wäre.

Raniero war großsprecherisch und laut, grausam gegen Tiere, hart gegen
seine Frau; es war nicht gut mit ihm leben. Er wäre ein schöner Mann
gewesen, wenn er nicht quer über das Gesicht mehrere tiefe Narben
gehabt hätte, die ihn entstellten. Er war rasch von Entschlüssen, und
seine Art zu handeln war groß, wenn auch oft gewaltsam.

Raniero war mit Francesca vermählt, die die Tochter Jacopo degli
Ubertis war, eines weisen und mächtigen Mannes. Jacopo hatte sich
nicht gern dazu verstanden, seine Tochter einem solchen Raufbold wie
Raniero zu geben, sondern er hatte sich der Heirat so lange wie möglich
widersetzt. Aber Francesca hatte ihn gezwungen, nachzugeben, indem sie
sagte, sie würde niemals einen andern heiraten. Als Jacopo endlich
seine Einwilligung gab, sagte er zu Raniero: „Ich glaube erfahren zu
haben, daß Männer wie du die Liebe einer Frau leichter gewinnen als
behalten, darum will ich dir ein Versprechen abnehmen: wenn meine
Tochter bei dir ein so schweres Leben haben sollte, daß sie zu mir
zurückkehren will, darfst du sie nicht daran hindern.“ Francesca sagte,
es sei unnötig, ihm ein solches Versprechen abzunehmen, denn sie habe
Raniero so lieb, daß nichts sie von ihm trennen könne. Aber Raniero gab
das Versprechen sogleich. „Dessen kannst du sicher sein, Jacopo,“ sagte
er, „daß ich nicht versuchen werde, ein Weib zurückzuhalten, das mir
entfliehen will.“

Francesca zog nun zu Raniero, und alles zwischen ihnen war gut. Als
sie ein paar Wochen verheiratet waren, kam es Raniero in den Sinn,
sich im Scheibenschießen zu üben. Er schoß ein paar Tage lang auf eine
Tafel, die an einer Mauer hing. Er wurde bald sehr geschickt und traf
jedesmal ins Schwarze. Schließlich wollte er jedoch versuchen, nach
einem schwerern Ziel zu schießen. Er sah sich nach etwas Geeignetem um,
entdeckte aber nichts außer einer Wachtel, die in einem Bauer über der
Hoftür saß. Der Vogel gehörte Francesca, und sie hatte ihn sehr lieb,
aber Raniero schickte gleichwohl einen Knecht hin, damit er den Käfig
öffne, und schoß die Wachtel, als sie sich in die Luft schwang.

Dies däuchte ihn ein guter Schuß, und er rühmte sich seiner vor jedem,
der es hören wollte.

Als Francesca erfuhr, daß Raniero ihren Vogel totgeschossen hatte,
erblaßte sie und sah ihn groß an. Sie wunderte sich, daß er etwas hatte
tun mögen, was ihr Schmerz verursachen mußte. Aber sie verzieh ihm
sogleich und liebte ihn wie zuvor.

Wieder ging eine Zeitlang alles gut.

Ranieros Schwiegervater Jacopo war Leinenweber. Er hatte eine große
Werkstatt, wo es viel zu tun gab. Raniero glaubte herausgefunden zu
haben, daß in Jacopos Werkstatt Hanf in den Flachs gemischt werde, und
behielt das nicht für sich, sondern sprach hier und dort in der ganzen
Stadt davon. Endlich kam dieses Gerede auch Jacopo zu Ohren, und er
suchte ihm sogleich ein Ende zu machen. Er ließ von mehreren andern
Leinenwebern sein Garn und seine Gewebe untersuchen, und sie fanden,
daß alles der feinste Flachs war. Nur in einem Packen, der außerhalb
der Stadt Florenz verkauft werden sollte, fanden sie eine kleine
Beimischung. Da sagte Jacopo, daß die Betrügerei ohne sein Wissen und
seinen Willen von irgend einem seiner Gesellen begangen worden sein
müsse. Er sah jedoch selber ein, daß es ihm schwer fallen würde, die
Leute zu bewegen, dies zu glauben. Er hatte immer im Rufe großer
Redlichkeit gestanden und empfand es schwer, daß seine Ehre befleckt
worden war.

Raniero hingegen brüstete sich, daß es ihm gelungen war, einen Betrug
zu entlarven, und prahlte damit, auch wenn Francesca es hörte.

Sie fühlte großen Kummer und zugleich große Verwundrung, wie damals,
als er den Vogel totschoß. Während sie noch daran dachte, war es ihr
plötzlich, als sähe sie ihre Liebe vor sich, und sie war wie ein großes
Stück leuchtenden Goldstoffes. Sie konnte sehen, wie groß die Liebe
war und wie schimmernd. Aber aus der einen Ecke war ein Zipfelchen
fortgeschnitten, so daß sie nicht mehr so groß und herrlich war, wie
anfangs.

Immerhin war sie noch so wenig beschädigt, daß Francesca dachte: Sie
wird schon so lange reichen, wie ich lebe. Sie ist so groß, daß sie nie
ein Ende nehmen kann.

Wieder verging eine Zeit, in der sie und Raniero ebenso glücklich
waren, wie zu Anfang.

Francesca hatte einen Bruder, der Taddeo hieß. Der war auf einer
Geschäftsreise in Venedig gewesen, und dort hatte er sich Kleider aus
Samt und Seide gekauft. Als er heimkam, ging er herum und prahlte
damit, aber in Florenz war es nicht der Brauch, kostbar gekleidet zu
gehen, so daß ihrer viele waren, die sich darüber lustig machten.

Eines Nachts waren Taddeo und Raniero in einer Weinschenke. Taddeo
hatte einen grünen Mantel mit Zobelfutter und ein violettes Wams an.
Raniero verlockte ihn nun, so viel Wein zu trinken, daß er einschlief,
dann nahm er ihm seinen Mantel ab und hängte ihn einer Vogelscheuche
um, die in einem Kohlbeet stand.

Als Francesca dies erfuhr, grollte sie Raniero wieder. Und zu gleicher
Zeit sah sie das große Stück Goldstoff vor sich, das ihre Liebe war,
und sie vermeinte zu sehen, wie es kleiner wurde, weil Raniero Stück
für Stück abschnitt.

Darnach wurde es zwischen ihnen wieder für eine Zeit gut, aber
Francesca war nicht mehr so glücklich wie zuvor, weil sie immer
erwartete, Raniero würde eine Tat begehen, die ihrer Liebe schaden
könnte.

Das ließ auch nicht lange auf sich warten, denn Raniero konnte sich
nicht lange ruhig verhalten. Er wollte, daß die Menschen immer von ihm
sprächen und seinen Mut und seine Unerschrockenheit rühmten.

An der Domkirche, die damals in Florenz stand und die viel kleiner war
als die jetzige, hing hoch oben auf dem einen Turm ein großer, schwerer
Schild; der war von einem der Vorfahren Francescas dort aufgehängt
worden. Es soll der schwerste Schild gewesen sein, den ein Mann in
Florenz zu tragen vermochte, und das ganze Geschlecht der Uberti war
stolz darauf, daß einer von den ihren es vermocht hatte, den Turm zu
erklettern und ihn dort aufzuhängen.

Aber nun klomm Raniero eines Tages zu dem Schilde hinauf, hängte ihn
sich auf den Rücken und kam damit herunter.

Als Francesca dies vernahm, sprach sie zum ersten Male mit Raniero
darüber, was sie quälte, und bat ihn, er solle nicht versuchen,
solchermaßen den Stamm zu demütigen, dem sie angehörte. Raniero, der
erwartet hatte, daß sie ihn ob seiner Heldentat rühmen würde, wurde
sehr zornig. Er sagte, er merke schon lange, daß sie sich seiner
Erfolge nicht freue, sondern nur an ihr eignes Geschlecht denke. --
„Ich denke an etwas andres,“ sagte Francesca, „das ist meine Liebe. Ich
weiß nicht, wie es ihr ergehen soll, wenn du so fortfährst.“

Von da ab wechselten sie oftmals böse Worte, denn es zeigte sich, daß
Raniero fast immer gerade das tat, was Francesca am wenigsten ertragen
konnte.

Es gab in Ranieros Werkstatt einen Gesellen, der klein und hinkend war.
Dieser Bursche hatte Francesca geliebt, bevor sie sich verheiratete,
und er fuhr auch nach ihrer Heirat fort, sie zu lieben. Raniero, der
darum wußte, ließ es sich angelegen sein, ihn zu hänseln, zumal wenn
sie bei Tische saßen. Es kam schließlich dazu, daß sich dieser Mann,
der es nicht ertragen konnte, in Francescas Gegenwart zum Gespött
gemacht zu werden, einmal auf Raniero stürzte und mit ihm kämpfen
wollte. Aber Raniero hohnlachte nur und stieß ihn beiseite. Da wollte
der Arme nicht länger leben, sondern ging hin und erhenkte sich.

Als dies geschah, waren Raniero und Francesca ungefähr ein Jahr
verheiratet. Francesca däuchte es noch immer, daß sie ihre Liebe als
ein schimmerndes Stück Stoff vor sich sah, aber auf allen Seiten waren
große Stücke weggeschnitten, so daß es kaum halb so groß war, als es
anfangs gewesen war.

Sie erschrak sehr, als sie dies sah, und dachte: Bleibe ich noch ein
Jahr bei Raniero, so wird er meine Liebe zerstört haben. Ich werde
ebenso arm sein, wie ich bisher reich gewesen bin.

Da entschloß sie sich, Ranieros Haus zu verlassen und zu ihrem Vater zu
gehen und bei ihm zu leben. Auf daß nicht einmal der Tag käme, an dem
sie Raniero ebensosehr haßte, wie sie ihn jetzt liebte!

Jacopo degli Uberti saß an seinem Webstuhl, und alle seine Gesellen
arbeiteten um ihn her, als er sie kommen sah. Er sagte, nun sei
das eingetroffen, was er schon lange erwartet hätte, und hieß sie
willkommen. Er ließ seine Leute sogleich die Arbeit unterbrechen und
befahl ihnen, sich zu bewaffnen und das Haus zu verschließen.

Dann begab sich Jacopo zu Raniero. Er traf ihn in der Werkstatt. „Meine
Tochter ist heute zu mir zurückgekehrt und hat mich gebeten, wieder
unter meinem Dache leben zu dürfen,“ sagte er zu seinem Eidam. „Und
jetzt erwarte ich, daß du sie nicht zwingst, zu dir zurückzukehren,
getreu dem Versprechen, das du mir gegeben hast.“

Raniero schien das nicht sehr ernst zu nehmen, sondern antwortete
gleichmütig: „Auch wenn ich dir kein Versprechen gegeben hätte, würde
ich nicht verlangen, eine Frau zurückzubekommen, die mir nicht
angehören will.“

Er wußte, wie sehr Francesca ihn liebte, und sagte zu sich selbst: Ehe
der Abend anbricht, ist sie wieder bei mir.

Sie ließ sich jedoch weder an diesem Tage noch am folgenden blicken.

Am dritten Tage zog Raniero aus und verfolgte ein paar Räuber, die die
florentinischen Kaufleute seit lange beunruhigt hatten. Es gelang ihm,
sie zu überwinden, und er brachte sie als Gefangene nach Florenz.

Ein paar Tage verhielt er sich still, bis er gewiß sein konnte, daß
diese Heldentat in der ganzen Stadt bekannt wäre. Es kam aber nicht
so, wie er erwartet hatte und auch dies führte Francesca nicht zu ihm
zurück.

Raniero hätte nun die größte Lust gehabt, sie durch Gesetz und Recht
zu zwingen, zu ihm zurückzukehren, aber er glaubte, daß er dies seines
Versprechens wegen nicht tun könne. Es däuchte ihn aber unmöglich, in
derselben Stadt mit einer Frau zu leben, die ihn verlassen hatte, und
er zog von Florenz fort.

Er wurde zuerst Söldner, und gar bald machte er sich zum Anführer einer
Freischar. Er war immer im Kriege und diente vielen Herren.

Er gewann viel Ehre als Krieger, wie er von jeher vorausgesagt hatte.
Er wurde vom Kaiser zum Ritter geschlagen und wurde zu den mächtigen
Männern gezählt.

Bevor er Florenz verließ, hatte er vor einem heiligen Madonnenbild in
der Domkirche das Gelöbnis abgelegt, der heiligen Jungfrau das beste
und vornehmste zu schenken, was er in jedem Kampf erbeuten würde. Vor
diesem Bilde sah man immer kostbare Gaben, die von Raniero gespendet
waren.

Raniero wußte also, daß alle seine Heldentaten in seiner Geburtsstadt
bekannt waren. Er wunderte sich sehr, daß Francesca degli Uberti nicht
zu ihm zurückkam, obgleich sie alle seine Erfolge kannte.

Um diese Zeit wurde zu einem Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Grabes
gepredigt, und Raniero nahm das Kreuz und zog ins Morgenland. Denn
einmal erwartete er, daß er dort Schlösser und Land gewinnen würde, um
darüber zu regieren, und dann dachte er, daß er dadurch in die Lage
käme, so glänzende Heldentaten zu vollbringen, daß sein Weib ihn wieder
lieb gewänne und zu ihm zurückkehrte.


II

In der Nacht nach dem Tage, an dem Jerusalem erobert worden war,
herrschte in dem Lager der Kreuzfahrer vor der Stadt große Freude. Fast
in jedem Zelte wurden Trinkgelage abgehalten, und das Lachen und Lärmen
wurde weit im Umkreise gehört.

Raniero di Ranieri saß mit einigen Kampfgenossen beim Weine, und bei
ihm ging es fast noch wilder zu als sonst irgendwo. Die Knappen hatten
die Becher kaum gefüllt, als sie auch schon wieder leer waren. Aber
Raniero hatte auch die meiste Ursache, ein großes Fest zu feiern, denn
er hatte an diesem Tage höhere Ehre gewonnen denn je zuvor. Am Morgen,
als die Stadt gestürmt wurde, war er nächst Gottfried von Bouillon der
erste gewesen, der die Mauern erstiegen hatte, und am Abend war er für
seine Tapferkeit vor dem ganzen Heere geehrt worden.

Als das Plündern und Morden ein Ende genommen hatte und die Kreuzfahrer
in Büßermänteln mit unentzündeten Wachskerzen in den Händen in die
heilige Grabeskirche eingezogen waren, war ihm nämlich von Gottfried
verkündet worden, daß er der erste sein solle, der seine Kerze an den
heiligen Flammen entzünden dürfe, die vor Christi Grab brennen. Es
däuchte Raniero, daß Gottfried ihm damit zeigen wolle, daß er ihn für
den Tapfersten im ganzen Heere ansehe; und er freute sich sehr über die
Art, wie er für seine Heldentaten belohnt worden war.

Bei einbrechender Nacht, als Raniero und seine Gäste in bester Laune
waren, kamen ein Narr und ein paar Spielleute, die überall im Lager
umhergewandert waren und alle mit ihren Einfällen ergötzt hatten,
in Ranieros Zelt, und der Narr bat um die Erlaubnis, ein spaßhaftes
Abenteuer erzählen zu dürfen.

Raniero wußte, daß dieser Narr im Rufe großer Lustigkeit stand, und
versprach seiner Erzählung Gehör zu schenken.

„Es begab sich einmal,“ sagte der Narr, „daß unser Herr und der
heilige Petrus einen ganzen Tag auf dem höchsten Turme der Burg des
Paradieses gesessen und auf die Erde hinuntergesehen hatten. Sie hatten
so viel anzugucken gehabt, daß sie kaum Zeit gefunden hatten, ein Wort
miteinander zu wechseln. Unser Herr hatte sich die ganze Zeit still
verhalten, aber der heilige Petrus hatte bald vor Freude in die Hände
geklatscht und bald wieder den Kopf mit Abscheu abgewendet. Bald hatte
er gelächelt und gejubelt, und bald hatte er geweint und gejammert.
Endlich, als der Tag zur Neige ging und die Abenddämmerung sich auf
das Paradies senkte, wendete sich unser Heiland an den heiligen Petrus
und sagte, nun müsse er wohl froh und zufrieden sein. ‚Womit sollte
ich wohl zufrieden sein?‘ fragte da Sankt Petrus in heftigem Tone. --
‚Je nun,‘ sagte unser Herr sanftmütig, ‚ich glaubte, du würdest mit
dem, was du heute gesehen hast, zufrieden sein.‘ -- Aber der heilige
Petrus wollte sich nicht besänftigen lassen. -- ‚Es ist ja wahr,‘ sagte
er, ‚daß ich so manches liebe Jahr darüber geklagt habe, daß Jerusalem
in der Gewalt der Ungläubigen ist, aber nach allem, was sich heute
zugetragen hat, meine ich, daß es ebensogut hätte bleiben können, wie
es war‘.“

Raniero begriff nun, daß der Narr davon sprach, was im Laufe des Tages
geschehen war. Er und die andern Ritter begannen nun mit größerer
Teilnahme zuzuhören als im Anfang.

„Als der heilige Petrus dies gesagt hatte,“ fuhr der Narr fort, indem
er einen pfiffigen Blick auf die Ritter warf, „beugte er sich über die
Zinnen des Turmes und wies zur Erde hinunter. Er zeigte unserm Herrn
eine Stadt, die auf einem großen einsamen Felsen lag, der aus einem
Gebirgstal aufragte. ‚Siehst du diese Leichenhaufen?‘ sagte er, ‚und
siehst du das Blut, das über die Straßen strömt, und siehst du die
nackten elenden Gefangnen, die in der Nachtkälte jammern, und siehst
du alle die rauchenden Brandstätten?‘ Unser Herr schien ihm nichts
erwidern zu wollen, und der heilige Petrus fuhr mit seinem Gejammer
fort. Er sagte, wohl habe er dieser Stadt oft gezürnt, aber so übel
habe er ihr doch nicht gewollt, daß es dort einmal so aussehen solle.
Da endlich antwortete unser Herr und versuchte einen Einwand. -- ‚Du
kannst doch nicht leugnen, daß die christlichen Ritter ihr Leben mit
der größten Unerschrockenheit gewagt haben,‘ sagte er.“

Hier wurde der Narr von Beifallsrufen unterbrochen, aber er beeilte
sich fortzufahren.

„Nein, stört mich nicht,“ bat er. „Jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich
geblieben war. Ja, richtig, ich wollte eben sagen, daß der heilige
Petrus sich ein paar Tränen wegwischte, die ihm in die Augen getreten
waren und ihn am Sehen hinderten. ‚Nie hätte ich geglaubt, daß sie
solche wilde Tiere sein würden,‘ sagte er. ‚Sie haben ja den ganzen
Tag gemordet und geplündert. Ich verstehe gar nicht, daß du es dir
beifallen lassen konntest, dich kreuzigen zu lassen, um dir solche
Bekenner zu schaffen.‘“

Die Ritter nahmen den Scherz gut auf. Sie begannen laut und fröhlich
zu lachen. „Was, Narr, der heilige Petrus ist wirklich so böse auf
uns?“ rief einer von ihnen.

„Sei jetzt still und laß uns hören, ob unser Herr uns nicht in Schutz
genommen hat!“ fiel ein andrer ein.

„Nein, unser Herr schwieg fürs erste still,“ sagte der Narr. „Er wußte
von altersher: wenn Sankt Petrus so recht in Eifer gekommen war, war es
vergebliche Mühe, ihm zu widersprechen. Er eiferte weiter und sagte,
unser Herr möge nicht einwenden, daß sie sich schließlich doch erinnert
hätten, in welche Stadt sie gekommen waren, und auf bloßen Füßen im
Büßergewand in die Kirche gegangen wären. Diese Andacht hätte ja gar
nicht so lange gedauert, daß es überhaupt lohnte, davon zu sprechen.
Und dann beugte er sich noch einmal über die Brüstung hinaus und wies
auf Jerusalem hinunter. Er deutete auf das Lager der Christen davor.
‚Siehst du, wie deine Ritter ihren Sieg feiern?‘ fragte er. Und unser
Herr sah, daß überall im Lager Trinkgelage gefeiert wurden. Ritter und
Knechte saßen da und sahen syrischen Tänzerinnen zu. Gefüllte Becher
kreisten, man würfelte um die Kriegsbeute, und -- --“

„Man hörte Narren an, die alberne Geschichten erzählten,“ fiel Raniero
ein. „War das nicht auch eine große Sünde?“

Der Narr lachte und nickte Raniero zu, als wollte er sagen: Na, warte
nur, ich zahl dir's schon heim.

„Nein, unterbrecht mich nicht,“ bat er abermals, „ein armer Narr
vergißt so leicht, was er sagen wollte. Ja, richtig, der heilige
Petrus fragte unsern Herrn mit der strengsten Stimme, ob er meine, daß
ihm dieses Volk große Ehre mache. Darauf mußte unser Herr natürlich
antworten, daß er das nicht meine. ‚Sie waren Räuber und Mörder, ehe
sie von daheim auszogen,‘ sagte Sankt Petrus, ‚und Räuber und Mörder
sind sie auch heute noch. Dieses Unternehmen hättest du ebensogut
ungeschehen lassen können. Es kommt nichts Gutes dabei heraus‘.“

„Na, na, Narr!“ sagte Raniero mit warnender Stimme.

Aber der Narr schien eine Ehre darein zu setzen, zu probieren, wie weit
er gehen könne, ohne daß jemand aufspränge und ihn hinauswürfe, und er
fuhr unerschrocken fort:

„Unser Herr neigte nur den Kopf wie einer, der zugesteht, daß er
gerecht gestraft wird. Aber beinahe in demselben Augenblick beugte er
sich eifrig vor und sah mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher
hinunter. Da guckte Sankt Petrus ebenfalls hin. ‚Wonach blickst du denn
aus?‘ fragte er.“

Der Narr erzählte dies mit sehr lebhaftem Mienenspiel. Alle Ritter
sahen sowohl unsern Herrn als auch Sankt Petrus vor Augen, und sie
waren begierig was es wohl sein mochte, was unser Herr erblickt haben
sollte.

„Unser Herr antwortete, es sei nichts besonders“, sagte der Narr,
„aber er ließ auf jeden Fall nicht davon ab, hinabzublicken. Sankt
Petrus folgte der Richtung der Blicke unsres Herrn, und er konnte
nichts andres finden, als daß unser Herr dasaß und in ein großes Zelt
hinuntersah, vor dem ein paar Sarazenenköpfe auf lange Lanzen gespießt
waren, und wo eine Menge prächtiger Teppiche, goldner Tischgefäße
und kostbarer Waffen, die in der heiligen Stadt erbeutet waren,
aufgestapelt lagen. In diesem Zelte ging es ebenso zu wie sonst überall
im Lager. Da saß eine Schar Ritter und leerte die Becher. Der einzige
Unterschied mochte sein, daß hier noch mehr gelärmt und gezecht wurde
als an irgend einem andern Orte. Der heilige Petrus konnte nicht
verstehen, warum unser Herr, als er dorthin blickte, so vergnügt war,
daß ihm die Freude förmlich aus den Augen leuchtete. So viele strenge
und furchtbare Gesichter, wie er dort erblickte, glaubte er kaum je
um einen Zechtisch versammelt gesehen zu haben. Und der Wirt bei dem
Gastmahl, der am obern Tischende saß, war der entsetzlichste von allen.
Es war ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann, furchtbar groß und grob,
mit einem roten Gesicht, das von Narben und Schrammen durchkreuzt war,
mit harten Fäusten und einer starken, polternden Stimme.“

Hier hielt der Narr einen Augenblick inne, als fürchte er,
weiterzugehen, aber Raniero und den andern machte es Spaß, von sich
selbst sprechen zu hören, und sie lachten nur über seine Dreistigkeit.

„Du bist ein kecker Bursche,“ sagte Raniero, „laß uns nun sehen, wo du
hinaus willst!“

„Endlich,“ fuhr der Narr fort, „sagte unser Herr ein paar Worte, aus
denen Sankt Petrus erriet, was der Grund seiner Freude war. Er fragte
Sankt Petrus, ob er fehl sähe oder ob es wirklich so wäre, daß einer
der Ritter ein brennendes Licht neben sich hätte.“

Raniero zuckte bei diesen Worten zusammen. Erst jetzt wurde er böse
auf den Narren und streckte die Hand nach einem schweren Trinkhumpen
aus, um ihn ihm ins Gesicht zu schleudern, aber er bezwang sich, um zu
hören, ob der Bursche zu seiner Ehre oder zu seiner Schande sprechen
wollte.

„Sankt Petrus sah nun,“ erzählte der Narr, „daß das Zelt im übrigen
zwar mit Fackeln beleuchtet war, daß aber einer der Ritter wirklich
eine brennende Wachskerze neben sich stehen hatte. Es war eine große
dicke Kerze, eine Kerze, die bestimmt war, einen ganzen Tag und eine
ganze Nacht zu brennen. Der Ritter, der keinen Leuchter hatte, worein
er sie hätte stecken können, hatte eine ganze Menge Steine ringsherum
aufgehäuft, damit das Licht stehen könnte.“

Die Tischgesellschaft brach bei diesen Worten in lautes Gelächter aus.
Alle wiesen auf ein Licht, das neben Raniero auf dem Tische stand und
ganz so aussah, wie der Narr es beschrieben hatte. Aber Raniero stieg
das Blut zu Kopfe, denn dies war das Licht, das er vor ein paar Stunden
am heiligen Grabe hatte anzünden dürfen. Er hatte es nicht über sich
gebracht, es auszulöschen.

„Als der heilige Petrus dieses Licht sah,“ sagte der Narr, „wurde es
ihm freilich klar, woran unser Herr seine Freude gehabt hatte, aber
zugleich konnte er es nicht lassen, ihn ein wenig zu bemitleiden.
‚Jaso,‘ sagte er, ‚das ist der Ritter, der heute morgen hinter Herrn
Gottfried von Bouillon auf die Mauer sprang und am Abend sein Licht vor
allen andern am heiligen Grabe anzünden durfte.‘ -- ‚Ja, so ist es,‘
sagte unser Herr, ‚und wie du siehst, hat er sein Licht noch brennen.‘“

Der Narr sprach jetzt sehr rasch, während er ab und zu einen lauernden
Blick auf Raniero warf: „Der heilige Petrus konnte es noch immer nicht
lassen, unsern Herrn ein ganz klein wenig zu bemitleiden. ‚Verstehst du
denn nicht, warum er dieses Licht brennen hat?‘ sagte er. ‚Du glaubst
wohl, daß er an deine Qual und deinen Tod denke, wenn er es sieht. Aber
er denkt an nichts anderes, als an den Ruhm, den er errang, als er als
der Tapferste im ganzen Heere nach Gottfried von Bouillon anerkannt
wurde.‘“

Bei diesen Worten lachten alle Gäste Ranieros. Raniero war sehr zornig,
aber er zwang sich, gleichfalls zu lachen. Er wußte, daß alle es
lächerlich gefunden hätten, wenn er nicht ein bißchen Spaß vertragen
hätte.

„Aber unser Herr widersprach dem heiligen Petrus,“ sagte der Narr.
„‚Siehst du nicht, wie ängstlich er um das Licht besorgt ist?‘ fragte
er. ‚Er hält die Hand vor die Flamme, sobald jemand das Zelttuch
lüftet, aus Furcht, daß die Zugluft es ausblasen könnte. Und er hat
vollauf damit zu tun, die Nachtschmetterlinge zu verscheuchen, die
herumfliegen und es zu verlöschen drohen.‘“

Es wurde immer herzlicher gelacht, denn was der Narr sagte, war die
reine Wahrheit. Raniero fiel es immer schwerer, sich zu beherrschen. Es
war ihm, als könne er es nicht ertragen, daß jemand mit der heiligen
Lichtflamme seinen Scherz trieb.

„Der heilige Petrus war jedoch mißtrauisch,“ fuhr der Narr fort. „Er
fragte unseren Herrn, ob er diesen Ritter kenne. ‚Er ist nicht gerade
einer, der häufig zur Messe ginge oder den Betschemel abnützte,‘ sagte
er. Aber unser Herr ließ sich von seiner Meinung nicht abbringen.
‚Sankt Petrus, Sankt Petrus!‘ sagte er feierlich. ‚Merke dir, daß der
Ritter hier fortan frommer werden wird als Gottfried! Von wo gehen
Milde und Frömmigkeit aus, wenn nicht von meinem Grabe? Du wirst
Raniero di Ranieri Witwen und notleidenden Gefangnen zu Hilfe kommen
sehen. Du wirst sehen, wie er Kranke und Betrübte in seine Hut nimmt,
so wie er jetzt die heilige Lichtflamme hütet.‘“

Darüber erhob sich ein ungeheures Gelächter. Es däuchte alle, die
Ranieros Laune und Leben kannten, sehr spaßhaft. Aber ihm selbst waren
der Scherz und das Gelächter ganz unleidlich. Er sprang auf und wollte
den Narren zurechtweisen. Dabei stieß er so heftig an den Tisch, der
nichts andres war als eine auf lose Böcke gelegte Tür, daß er wackelte
und das Licht umfiel. Es zeigte sich nun, wie sehr es Raniero am Herzen
lag, das Licht brennend zu erhalten. Er dämpfte seinen Groll und nahm
sich Zeit, das Licht aufzuheben und die Flamme anzufachen, bevor er
sich auf den Narren stürzte. Aber als er mit dem Lichte fertig war, war
der Narr schon aus dem Zelte geeilt, und Raniero sah ein, daß es nicht
der Mühe lohne, ihn im nächtlichen Dunkel zu verfolgen. Ich treffe ihn
wohl noch ein andermal, dachte er und setzte sich wieder.

Die Tischgäste hatten inzwischen weidlich gelacht, und einer von ihnen
wollte den Spaß fortsetzen und wendete sich an Raniero. „Eins steht
aber fest, Raniero, und das ist, daß du diesmal der Madonna in Florenz
nicht das Kostbarste schicken kannst, was du im Kampfe errungen hast,“
sagte er.

Raniero fragte, warum er glaube, daß er diesmal seinem alten Brauche
nicht treu bleiben würde.

„Aus keinem anderen Grunde,“ sagte der Ritter, „als weil das
Kostbarste, was du errungen hast, diese Lichtflamme ist, die du
angesichts des ganzen Heeres in der heiligen Grabeskirche entzünden
durftest. Und die nach Florenz zu schicken, wirst du wohl nicht
imstande sein.“

Wieder lachten die anderen Ritter, aber Raniero war jetzt in einer
Laune, daß er das Verwegenste unternommen hätte, nur um ihrem Gelächter
ein Ende zu machen. Er faßte rasch seinen Entschluß, rief einen alten
Waffenträger zu sich und sagte zu ihm: „Mache dich zu langer Fahrt
bereit, Giovanni! Morgen sollst du mit dieser heiligen Lichtflamme nach
Florenz ziehen.“

Aber der Waffenträger weigerte sich schlankweg, diesen Befehl
auszuführen. „Dies ist etwas, was ich nicht auf mich nehmen will,“
sagte er. „Wie sollte es möglich sein, mit einer Lichtflamme nach
Florenz zu reiten? Sie würde erlöschen, ehe ich noch das Lager
verlasse.“

Raniero fragte einen seiner Mannen nach dem andern. Er erhielt von
allen dieselbe Antwort. Sie schienen seinen Befehl kaum ernst zu nehmen.

Natürlich lachten die fremden Ritter, die seine Gäste waren, immer
lauter und fröhlicher, je deutlicher es sich zeigte, daß keiner von den
Mannen Ranieros Befehl ausführen wollte.

Raniero geriet in immer größere Erregung. Schließlich verlor er die
Geduld und rief: „Diese Lichtflamme wird dennoch nach Florenz gebracht
werden, und da kein andrer damit hinreiten will, werde ich es selbst
tun.“

„Bedenke dich, bevor du so etwas versprichst!“ sagte ein Ritter. „Du
reitest von einem Fürstentum fort!“

„Ich schwöre euch, daß ich diese Lichtflamme nach Florenz bringen
werde!“ rief Raniero. „Ich werde tun, was kein anderer auf sich nehmen
wollte.“

Der alte Waffenträger verteidigte sich: „Herr, für dich ist es ein
ander Ding. Du kannst ein großes Gefolge mitnehmen, aber mich wolltest
du allein ausschicken.“

Raniero jedoch war ganz außer sich und überlegte seine Worte nicht.
„Ich werde auch allein ziehen,“ sagte er.

Aber damit hatte Raniero sein Ziel erreicht. Alle im Zelte hatten zu
lachen aufgehört. Sie saßen erschrocken da und starrten ihn an.

„Warum lacht ihr nicht mehr?“ fragte Raniero. „Für einen tapfern Mann
ist dies Beginnen wohl für nichts mehr zu achten als ein Kinderspiel.“


III

Am nächsten Morgen, bei Tagesgrauen, bestieg Raniero sein Pferd. Er
trug die volle Rüstung, aber darüber hatte er einen groben Pilgermantel
geworfen, damit das Eisenkleid von den Sonnenstrahlen nicht allzusehr
erhitzt werde. Er war mit einem Schwert und einer Streitaxt bewaffnet
und ritt ein gutes Pferd. Ein brennendes Licht hielt er in der Hand,
und am Sattel hatte er ein paar große Bündel langer Wachskerzen
befestigt, damit die Flamme nicht aus Mangel an Nahrung sterbe.

Raniero ritt langsam durch die überfüllte Zeltstraße, und so lange
ging alles gut. Es war noch so früh, daß die Nebel, die aus den tiefen
Tälern rings um Jerusalem aufgestiegen waren, sich nicht zerstreut
hatten, und Raniero ritt wie durch eine weiße Nacht. Das ganze Lager
schlief, und Raniero kam leicht an den Wachposten vorbei. Keiner von
ihnen rief ihn an, denn durch den dichten Nebel konnten sie ihn nicht
sehen, und auf den Wegen lag fußhoher Staub, der die Schritte des
Pferdes unhörbar machte.

Raniero war bald aus dem Bereiche des Lagers und schlug die Straße ein,
die nach Joppe führte. Er hatte nun einen bessern Weg, aber er ritt
noch immer ganz langsam, der Lichtflamme wegen. Die brannte schlecht
in dem dichten Nebel, mit einem rötlichen, zitternden Schein. Und
immer wieder kamen große Insekten, die mit knatternden Flügelschlägen
gerade ins Licht stürzten. Raniero hatte vollauf damit zu tun, es zu
hüten, aber er war guten Mutes und meinte noch immer, daß die Aufgabe,
die er sich gestellt hätte, nicht schwerer wäre, als daß ein Kind sie
bewältigen könnte.

Doch das Pferd ermüdete bei dem langsamen Trott und setzte sich in
Trab. Da begann die Lichtflamme in der Zugluft zu zucken. Es half
nichts, daß Raniero sie mit der Hand und mit dem Mantel zu schützen
suchte. Er sah, daß sie ganz nahe daran war, zu erlöschen.

Aber er war durchaus nicht gewillt, sein Vorhaben so bald aufzugeben.
Er hielt das Pferd an und saß ein Weilchen still und grübelte.
Schließlich sprang er aus dem Sattel und versuchte, sich rücklings
daraufzusetzen, so daß er die Flamme mit seinem Körper vor Wind und Zug
schützte. So gelang es ihm, sie brennend zu erhalten, aber er merkte
jetzt, daß die Reise sich beschwerlicher gestalten würde, als er
anfangs geglaubt hatte.

Als er die Berge, die Jerusalem umgeben, hinter sich gelassen hatte,
hörte der Nebel auf. Er ritt nun durch die tiefste Einsamkeit. Es gab
weder Menschen, noch Häuser, noch grüne Bäume oder Pflanzen, nur kahle
Höhen.

Hier wurde Raniero von Räubern angefallen. Es war loses Gesindel, das
dem Heere ohne Erlaubnis folgte und vom Rauben und Plündern lebte.
Sie hatten hinter einem Hügel im Hinterhalt gelegen, und Raniero, der
rücklings ritt, sah sie erst, als sie ihn schon umringt hatten und ihre
Schwerter gegen ihn zückten.

Es waren etwa zwölf Männer, sie sahen recht jämmerlich aus und ritten
auf erbärmlichen Pferden. Raniero sah gleich, daß es ihm nicht schwer
fallen konnte, sich einen Weg durch die Schar zu bahnen und von dannen
zu reiten. Aber er begriff, daß dies sich nicht tun ließe, ohne daß er
das Licht von sich werfe. Und er wollte nach den stolzen Worten, die
er heute Nacht gesprochen hatte, nicht so leicht von seinem Vorsatz
abstehen.

Er sah daher keinen anderen Ausweg, als mit den Räubern ein
Übereinkommen zu schließen. Er sagte, daß es ihnen, da er wohl
bewaffnet sei und ein gutes Pferd reite, schwer fallen würde, ihn zu
überwinden, wenn er sich verteidige. Aber da er durch ein Gelöbnis
gebunden sei, wolle er ihnen keinen Widerstand leisten, sondern sie
dürften ohne Kampf alles nehmen, was sie begehrten, wenn sie nur
versprächen, sein Licht nicht auszulöschen.

Die Räuber hatten sich auf einen harten Strauß gefaßt gemacht. Sie
waren über Ranieros Vorschlag sehr erfreut und machten sich sogleich
daran, ihn auszuplündern. Sie nahmen ihm Rüstung und Roß, Waffen und
Geld. Das einzige, was sie ihm ließen, waren der grobe Mantel und die
beiden Kerzenbündel. Sie hielten auch ehrlich ihr Versprechen, die
Lichtflamme nicht zu löschen.

Einer von ihnen hatte sich auf Ranieros Pferd geschwungen. Als er
merkte, wie gut es war, schien er ein wenig Mitleid mit dem Ritter zu
empfinden. Er rief ihm zu: „Siehst du, wir wollen nicht gar zu hart
gegen einen Christenmenschen sein. Du sollst mein altes Pferd haben, um
darauf zu reiten.“

Es war eine elende Schindmähre und bewegte sich so starr und steif, als
wenn es aus Holz wäre.

Als die Räuber endlich verschwunden waren und Raniero daran ging, sich
auf den elenden Klepper zu setzen, sagte er zu sich selbst: „Ich muß
wohl von dieser Lichtflamme verhext sein. Um ihretwillen reite ich nun
wie ein toller Bettler meinen Weg.“

Er sah ein, daß es das klügste gewesen wäre, umzukehren, weil das
Vorhaben wirklich unausführbar war. Aber ein so heftiges Verlangen,
es zu vollbringen, war über ihn gekommen, daß er der Lust nicht
widerstehen konnte, auszuharren.

Er zog also weiter. Noch immer sah er dieselben kahlen, lichtgelben
Höhen um sich. Nach einer Weile ritt er an einem jungen Hirten vorbei,
der vier Ziegen hütete. Als Raniero die Tiere auf dem nackten Boden
weiden sah, fragte er sich, ob sie wohl Erde äßen.

Dieser Hirte hatte wahrscheinlich früher eine größere Herde besessen,
die ihm von den Kreuzfahrern gestohlen worden war. Als er nun einen
einsamen Christen heranreiten sah, suchte er ihm alles böse zu tun,
was er nur konnte. Er stürzte auf ihn zu und schlug mit einem Stab
nach seinem Lichte. Raniero war von der Lichtflamme so gefesselt,
daß er sich nicht einmal gegen einen Hirten verteidigen konnte. Er
zog nur das Licht an sich, um es zu schützen. Der Hirte schlug noch
ein paarmal danach, aber dann blieb er erstaunt stehen und hörte zu
schlagen auf. Er sah, daß Ranieros Mantel in Brand geraten war, aber
Raniero tat nichts, um das Feuer zu ersticken, so lange die Lichtflamme
in Gefahr war. Man sah es dem Hirten an, daß er sich schämte. Er folgte
Raniero lange nach, und an einer Stelle, wo der Weg sehr schmal an zwei
Abgründen vorüberging, kam er heran und führte sein Pferd.

Raniero lächelte und dachte, daß der Hirte ihn sicherlich für einen
heiligen Mann halte, der eine Bußübung vornehme.

Gegen Abend begannen Raniero Menschen entgegenzukommen. Es war nämlich
so, daß das Gerücht vom Falle Jerusalems sich schon während der Nacht
die Küste entlang verbreitet hatte, und eine Menge Leute hatten sich
sogleich bereit gemacht, hinzuziehen. Es waren Pilger, die schon
jahrelang auf die Gelegenheit warteten, Jerusalem zu betreten, es
waren nachgesendete Truppen, und vor allem waren es Kaufleute, die mit
Wagenladungen von Lebensmitteln hineilten.

Als diese Scharen Raniero begegneten, der rücklings mit einem
brennenden Lichte in der Hand geritten kam, riefen sie: „Ein Toller,
ein Toller!“

Die meinen waren Italiener, und Raniero hörte wie sie in seiner eigenen
Zunge riefen: ~pazzo, pazzo!~ was: ein Toller, ein Toller!
bedeutet.

Raniero, der sich den ganzen Tag so wohl im Zaum zu halten verstanden
hatte, wurde durch diese sich stets wiederholenden Rufe heftig gereizt.
Mit einem Male sprang er aus dem Sattel und begann mit seinen harten
Fäusten die Rufenden zu züchtigen. Als die Leute merkten, wie schwer
die Schläge waren, die da fielen, entstand eine allgemeine Flucht, und
er stand bald allein auf dem Wege.

Nun kam Raniero wieder zu sich selbst. „Wahrlich, sie hatten recht,
als sie dich einen Tollen nannten,“ sagte er, indem er sich nach dem
Lichte umsah, denn er wußte nicht, was er damit angefangen hatte.
Endlich sah er, daß es vom Wege in einen Graben gekollert war. Die
Flamme war erloschen, aber er sah Feuer in einem trocknen Grasbüschel
dicht daneben glimmen und begriff, daß das Glück ihn nicht verlassen
hatte, denn das Licht mußte das Gras in Brand gesetzt haben, bevor es
erloschen war.

„Dies hätte leicht ein trauriges Ende großer Mühsal werden können,“
dachte er, während er das Licht entzündete und sich wieder in den
Sattel schwang. Er fühlte sich recht gedemütigt. Es kam ihm jetzt nicht
sehr wahrscheinlich vor, daß seine Fahrt gelingen würde.

Gegen Abend kam Raniero nach Ramle und ritt dort zu einem Hause, wo
Karawanen Herberge für die Nacht zu suchen pflegten. Es war ein großer
überbauter Hof. Ringsrum waren kleine Verschläge, wo die Reisenden ihre
Pferde einstellen konnten. Es gab keine Stuben, sondern die Menschen
schliefen neben den Tieren.

Es war schon eine große Menschenmenge da, aber der Wirt schaffte doch
Raum für Raniero und sein Pferd. Er gab auch dem Pferde Futter und dem
Reiter Nahrung.

Als Raniero merkte, daß er so gut behandelt wurde, dachte er: „Ich
fange fast zu glauben an, daß die Räuber mir einen Dienst erwiesen
haben, als sie mir meine Rüstung und mein Pferd raubten. Sicherlich
komme ich mit meiner Bürde leichter durchs Land, wenn man mich für
einen Wahnsinnigen hält.“

Als Raniero das Pferd in den Stand geführt hatte, setzte er sich auf
ein Bund Stroh und behielt das Licht in den Händen. Es war seine
Absicht, nicht zu schlafen, sondern die ganze Nacht wach zu bleiben.

Doch kaum hatte sich Raniero niedergesetzt, als er auch schon
einschlummerte. Er war furchtbar müde, er streckte sich im Schlafe aus,
so lang er war, und schlief bis zum Morgen.

Als er erwachte, sah er weder die Lichtflamme noch die Kerze. Er suchte
im Stroh danach, aber fand sie nirgends.

„Jemand wird sie mir weggenommen und ausgelöscht haben,“ sagte er. Und
er versuchte zu glauben, daß er sich freue, weil alles aus war und er
ein unmögliches Vorhaben nicht zu verfolgen brauchte.

Aber während er so dachte, empfand er zugleich eine innere Leere und
Trauer. Es war ihm, als hätte er sich das Gelingen eines Vorsatzes nie
sehnlicher gewünscht als eben diesmal.

Er führte das Pferd aus dem Stande, striegelte es und legte den Sattel
auf.

Als er fertig war, kam der Wirt, dem die Karawanserei gehörte, mit
einem brennenden Lichte auf ihn zu. Er sagte auf fränkisch: „Ich mußte
dir gestern dein Licht nehmen, als du einschliefst, aber hier hast du
es wieder.“

Raniero ließ sich nichts anmerken, sondern sagte ganz gelassen: „Es war
klug von dir, daß du es ausgelöscht hast.“

„Ich habe es nicht ausgelöscht,“ sagte der Mann. „Ich sah, daß du es
brennen hattest, als du kamst, und ich glaubte, es sei von Gewicht
für dich, daß es weiter brenne. Wenn du siehst, um wie viel es sich
verringert hat, wirst du begreifen, daß es die ganze Nacht gebrannt
hat.“

Raniero strahlte vor Freude. Er rühmte den Wirt sehr und ritt in bester
Laune weiter.


IV

Als Raniero von Jerusalem aufbrach, hatte er den Seeweg von Joppe nach
Italien nehmen wollen. Aber er änderte diesen Entschluß, als die Räuber
ihn um sein Geld plünderten, und beschloß über Land zu ziehen.

Es war eine lange Reise. Er zog von Joppe nördlich, der Küste Syriens
entlang. Dann ging die Fahrt nach Westen, längs der Halbinsel von
Kleinasien. Dann wieder nördlich bis hinauf nach Konstantinopel. Und
von dort hatte er noch eine ansehnliche Strecke Wegs bis Florenz.

Während dieser ganzen Zeit lebte Raniero von frommen Gaben. Meistens
waren es die Pilger, die nun in Massen nach Jerusalem strömten, die ihr
Brot mit ihm teilten.

Obgleich Raniero fast immer allein ritt, waren seine Tage weder lang
noch einförmig. Er hatte allezeit die Lichtflamme zu hüten und konnte
sich um ihretwillen niemals ruhig fühlen. Es brauchte nur ein Wind, nur
ein Regentropfen zu kommen, und es war um sie geschehen.

Während Raniero einsame Wege ritt und nur daran dachte, die Lichtflamme
am Leben zu erhalten, kam es ihm in den Sinn, daß er schon einmal
zuvor etwas Ähnliches erlebt hatte. Er hatte schon einmal zuvor einen
Menschen über etwas wachen sehen, was ebenso verletzlich war wie eine
Lichtflamme.

Dies schwebte ihm anfangs so undeutlich vor, daß er nicht recht wußte,
ob es etwas war, was er geträumt hätte.

Aber während er einsam durch das Land zog, kam der Gedanke, daß er
schon einmal etwas Ähnliches mit erlebt habe, unablässig wieder.

„Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben lang von nichts anderm
gehört,“ sagte er.

Eines Abends ritt Raniero in eine Stadt ein. Es dunkelte, und die
Frauen standen in den Türen und schauten nach ihren Männern aus. Da
sah Raniero eine, die hoch und schlank war und ernste Augen hatte. Sie
erinnerte ihn an Francesca degli Uberti.

In demselben Augenblick gelangte Raniero zur Klarheit, worüber er
nachgegrübelt hatte. Er dachte, daß für Francesca ihre Liebe sicherlich
wie eine Lichtflamme gewesen war, die sie immer brennend hatte erhalten
wollen, und von der sie stets gefürchtet hatte, daß Raniero sie
verlöschen würde. Er wunderte sich über diesen Gedanken, aber immer
mehr ward es ihm zur Gewißheit, daß es sich so verhielt. Zum ersten
Male begann er zu verstehen, warum Francesca ihn verlassen hatte und
daß er sie nicht durch Waffentaten wiedererobern konnte.

       *       *       *       *       *

Ranieros Reise wurde sehr langwierig. Und dies nicht zum wenigsten
darum, weil er sie nicht fortsetzen konnte, wenn das Wetter ungünstig
war. Dann saß er in der Karawanserei und bewachte die Lichtflamme. Das
waren sehr harte Tage.

Eines Tages, als Raniero über den Berg Libanon ritt, sah er, daß
sich die Wolken zu einem Unwetter zusammenzogen. Er war da hoch
oben zwischen furchtbaren Klüften und Abstürzen, fern von allen
menschlichen Behausungen. Endlich erblickte er auf einer Felsspitze ein
sarazenisches Heiligengrab. Es war ein kleiner viereckiger Steinbau mit
gewölbtem Dache. Es däuchte ihn am besten, seine Zuflucht dorthin zu
nehmen.

Kaum war Raniero hineingekommen, als ein Schneesturm losbrach, der zwei
Tage raste. Zugleich kam eine so furchtbare Kälte, daß er nahe daran
war zu erfrieren.

Raniero wußte, daß es draußen auf dem Berge genug Zweige und Reisig
gab, so daß es ein leichtes für ihn gewesen wäre, Brennstoff zu einem
Feuer zu sammeln. Allein er hielt die Lichtflamme, die er trug, sehr
heilig, und wollte mit ihr nichts andres entzünden als die Lichter vor
dem Altar der heiligen Jungfrau.

Das Unwetter wurde immer ärger, und schließlich hörte er heftiges
Donnern und sah Blitze.

Und ein Blitz schlug auf dem Berge dicht vor dem Grabe ein und
entzündete einen Baum. Und so hatte Raniero eine Flamme, ohne daß er
das heilige Feuer anzutasten brauchte.

       *       *       *       *       *

Als Raniero durch einen öden Teil der Berggegend von Cilicien ritt,
ging sein Licht zur Neige. Die Kerzenbündel, die er von Jerusalem
mitgebracht hatte, waren längst aufgebraucht, aber er hatte sich doch
weiterhelfen können, weil auf dem ganzen Wege christliche Gemeinden
gewesen waren, wo er sich neue Lichter erbetteln konnte.

Aber nun war sein Vorrat zu Ende, und er glaubte, daß dies das Ende
seiner Fahrt sein würde.

Als das Licht so tief herabgebrannt war, daß die Flamme seine Hand
versengte, sprang er vom Pferde, sammelte Reisig und trockenes Gras und
entzündete dies mit dem letzten Überbleibsel der Flamme. Aber auf dem
Berge fand sich nicht viel, was brennen konnte, und das Feuer mußte
bald verlöschen.

Wie Raniero so saß und sich darüber betrübte, daß die heilige Flamme
sterben mußte, hörte er vom Wege her Gesang, und eine Prozession von
Wallfahrern kam mit Kerzen in den Händen den Pfad herangezogen. Sie
waren auf dem Wege zu einer Grotte, in der ein heiliger Mann gelebt
hatte, und Raniero schloß sich ihnen an. Unter ihnen befand sich auch
eine Frau, die alt war und nur schwer gehen konnte, und Raniero half
ihr und schleppte sie den Berg hinauf.

Als sie ihm dann dankte, machte er ihr ein Zeichen, daß sie ihm ihre
Kerze geben möge. Und sie tat es, und auch mehrere andre schenkten ihm
die Kerzen, die sie trugen.

Er löschte die Lichter und eilte den Pfad hinunter und entzündete eines
von ihnen an der letzten Glut des Feuers, das von der heiligen Flamme
entzündet war.

       *       *       *       *       *

Einmal um die Mittagstunde war es sehr heiß, und Raniero hatte sich
in ein Gebüsch schlafen gelegt. Er schlief tief, und das Licht stand
zwischen ein paar Steinen neben ihm. Aber als Raniero ein Weilchen
geschlafen hatte, begann es zu regnen, und dies dauerte ziemlich lange
an, ohne daß er erwachte. Als er endlich aus dem Schlummer auffuhr, war
der Boden ringsum ihn naß, und er wagte kaum zu dem Lichte hinzusehen,
aus Furcht, daß es erloschen sein könnte.

Aber das Licht brannte still und ruhig mitten im Regen, und Raniero
sah, daß dies daher kam, daß zwei kleine Vögelchen über der Flamme
flogen und flatterten. Sie schnäbelten sich und hielten die Flügel
ausgebreitet, und so hatten sie die Lichtflamme vor dem Regen geschützt.

Raniero nahm sogleich seine Kapuze ab und hing sie über das Licht. Dann
streckte er die Hand nach den kleinen Vögeln aus, denn er hatte Lust,
sie zu liebkosen. Und sieh da, keiner von ihnen flog von ihm fort,
sondern er konnte sie einfangen.

Raniero staunte sehr, daß die Vögel keine Angst vor ihm hatten. Aber er
dachte: das kommt daher, daß sie wissen, daß ich keinen andern Gedanken
habe, als das zu schützen, was das schutzbedürftigste ist, darum
fürchten sie mich nicht.

       *       *       *       *       *

Raniero ritt in der Nähe von Nicea. Da begegnete er ein paar
abendländischen Rittern, die ein Entsatzheer ins heilige Land führten.
In dieser Schar befand sich auch Robert Taillefer, der ein wandernder
Ritter und Troubadour war.

Raniero kam in seinem fadenscheinigen Mantel mit dem Lichte in der Hand
herangeritten, und die Krieger begannen wie gewöhnlich zu rufen: „Ein
Toller, ein Toller!“ Aber Robert hieß sie schweigen und sprach den
Reiter an:

„Bist du lange so gezogen?“ fragte er ihn.

„Ich bin so von Jerusalem hergeritten,“ antwortete Raniero.

„Ist dein Licht unterwegs nicht oftmals erloschen?“

„An meiner Kerze brennt noch dieselbe Flamme, wie da ich von Jerusalem
auszog,“ sagte Raniero.

Da sprach Robert Taillefer zu ihm: „Ich bin auch einer von denen,
die eine Flamme tragen, und ich wollte, daß sie ewig brennen könnte.
Aber vielleicht kannst du, der du dein Licht brennend von Jerusalem
hergebracht hast, mir sagen, was ich tun soll, auf daß sie nicht
erlösche.“

Da erwiderte Raniero: „Herr, das ist ein schweres Beginnen, obgleich
es von geringem Gewichte scheint. Ich will euch wahrlich nicht zu
solch einem Vorhaben raten. Denn diese kleine Flamme verlangt von euch,
daß ihr ganz aufhört, an etwas andres zu denken. Sie gestattet euch
nicht, eine Liebste zu haben, falls ihr zu derlei geneigt sein solltet,
auch dürft ihr es um dieser Flamme willen nicht wagen, euch bei einem
Trinkgelage niederzulassen. Ihr dürft nichts andres im Sinne haben als
eben diese Flamme, und keine andre Freude darf euch eigen sein. Aber
warum ich euch vor allem abrate, dieselbe Fahrt zu tun, die ich nun
versucht habe, das ist, weil ihr euch keinen Augenblick sicher fühlen
könnt. Aus wie vielen Gefahren ihr auch die Flamme gerettet haben mögt,
ihr dürft euch doch keinen Augenblick geborgen wähnen, sondern ihr
müßt darauf gefaßt sein, daß sie euch im nächsten Augenblick entrissen
werde.“

Aber Robert Taillefer warf den Kopf stolz zurück und sagte: „Was du für
deine Lichtflamme getan hast, das werde ich auch für die meine zu tun
wissen.“

       *       *       *       *       *

Raniero war nach Italien gekommen. Er ritt eines Tages auf einsamen
Pfaden durch das Gebirge. Da kam ihm eine Frau nachgeeilt und bat ihn
um Feuer von seinem Lichte. „Bei mir ist das Feuer erloschen,“ sagte
sie, „meine Kinder hungern. Leihe mir Feuer, damit ich meinen Ofen
wärmen und ihnen Brot backen kann!“

Sie streckte die Hand nach dem Lichte aus, aber Raniero entzog es
ihr, weil er nicht zulassen wollte, daß etwas andres an dieser Flamme
entzündet werde, als die Lichter vor dem Bilde der Heiligen Jungfrau.

Da sagte die Frau zu ihm: „Gib mir Feuer, Pilger, denn meiner Kinder
Leben ist die Flamme, die brennend zu bewahren mir auferlegt ist!“ Und
um dieser Worte willen ließ Raniero sie den Docht ihrer Lampe an seiner
Flamme entzünden.

Einige Stunden später ritt Raniero in ein Dorf. Es lag hoch oben auf
dem Berge, so daß bittre Kälte dort herrschte. Ein junger Bauer stand
am Wege und sah den armen Mann, der in seinem fadenscheinigen Rocke
geritten kam. Rasch nahm er den kurzen Mantel ab, den er trug und
warf ihn dem Reiter zu. Aber der Mantel fiel gerade auf das Licht und
löschte die Flamme.

Da erinnerte sich Raniero an die Frau, die Feuer von ihm geliehen
hatte. Er kehrte zu ihr zurück und entzündete sein Licht wiederum mit
heiligem Feuer.

Als er weiter reiten wollte, sagte er zu ihr: „Du sagst, die
Lichtflamme, die du zu hüten hast, sei das Leben deiner Kinder. Kannst
du mir sagen, welchen Namen die Lichtflamme trägt, die ich so weither
bringe?“

„Wo wurde deine Lichtflamme entzündet?“ fragte die Frau.

„Sie wurde an Christi Grab entzündet.“

„Dann kann sie wohl nicht anders heißen als Milde und Menschenliebe,“
sagte sie.

Raniero mußte über die Antwort lachen. Er däuchte sich ein seltsamer
Apostel für solche Tugenden.

       *       *       *       *       *

Raniero ritt zwischen blauen Hügeln von schöner Gestalt. Er sah, daß er
sich in der Nähe von Florenz befand.

Er dachte daran, daß er nun bald von der Lichtflamme befreit sein
würde. Er erinnerte sich an sein Zelt in Jerusalem, das er voll
Kriegsbeute zurückgelassen hatte, und an die tapferen Krieger, die
er noch in Palästina hatte und die sich freuen wurden, wenn er das
Kriegerhandwerk wieder aufnähme und sie zu Siegen und Eroberungen
führte.

Da merkte Raniero, daß er keineswegs Freude empfand, wenn er daran
dachte, sondern, daß seine Gedanken lieber eine andre Richtung nahmen.

Raniero sah zum ersten Male ein, daß er nicht mehr derselbe Mann war,
als der er Jerusalem verlassen hatte. Dieser Ritt mit der Lichtflamme
hatte ihn gezwungen, sich an allen zu freuen, die friedfertig und
klug und barmherzig waren, und die Wilden und Streitsüchtigen zu
verabscheuen.

Er wurde jedesmal froh, wenn er an Menschen dachte, die friedlich in
ihrem Heim arbeiteten, und es ging ihm durch den Sinn, daß er gern
in seine alte Werkstatt in Florenz einziehen und schöne, kunstreiche
Arbeit verfertigen wolle.

„Wahrlich, diese Flamme hat mich umgewandelt,“ dachte er. „Ich glaube,
sie hat einen andern Menschen aus mir gemacht.“


V

Es war Ostern, als Raniero in Florenz einritt.

Kaum war er durch das Stadttor gekommen, rücklings reitend, die Kapuze
über das Gesicht gezogen und das brennende Licht in der Hand, als auch
schon ein Bettler aufsprang und das gewohnte: „~Pazzo, pazzo!~“
rief.

Auf diesen Ruf stürzte ein Gassenjunge aus einem Torweg, und ein
Tagedieb, der die längste Zeit nichts andres zu tun gehabt hatte, als
dazuliegen und den Himmel anzugucken, sprang auf seine Füße. Und beide
begannen dasselbe zu rufen: „~Pazzo, pazzo!~“

Da ihrer nun drei waren, die schrien, so machten sie Lärm genug, um
alle Burschen aus der ganzen Straße aufzuscheuchen. Diese kamen aus
Ecken und Winkeln herbeigestürzt, und sowie sie Raniero in seinem
fadenscheinigen Mantel auf seinem elenden Klepper gewahrten, riefen
sie: „~Pazzo, pazzo!~“

Aber dies war nichts andres, als woran Raniero schon gewöhnt war. Er
ritt still durch die Gasse ohne die Schreier zu beachten.

Sie begnügten sich jedoch nicht damit, zu rufen, sondern einer von
ihnen sprang in die Höhe und versuchte das Licht auszublasen.

Raniero hob das Licht empor. Zugleich versuchte er, das Pferd
anzutreiben, um den Jungen zu entkommen.

Doch die hielten gleichen Schritt mit ihm und taten alles, was sie
konnten, um das Licht auszulöschen.

Je mehr Raniero sich anstrengte, die Flamme zu behüten, desto eifriger
wurden sie. Sie sprangen einander auf den Rücken, sie bliesen die
Backen auf und pusteten. Sie warfen ihre Mützen nach dem Licht. Nur
weil ihrer so viele waren und sie einander wegdrängten, gelang es ihnen
nicht, die Lichtflamme zu töten.

Auf der Gasse herrschte das fröhlichste Treiben. An den Fenstern
standen Leute und lachten. Niemand fühlte Mitleid mit dem Verrückten,
der seine Lichtflamme verteidigen wollte. Es war Kirchenzeit, und viele
Kirchenbesucher waren auf dem Wege zur Messe. Auch sie blieben stehen
und lachten über den Spaß.

Aber nun stand Raniero aufrecht im Sattel, um das Licht zu bergen. Er
sah wild aus. Die Kapuze war hinabgesunken, und man sah sein Gesicht,
das bleich und abgezehrt war wie das eines Märtyrers. Das Licht hielt
er erhoben, so hoch er vermochte.

Die ganze Gasse war ein einzige Gewühl. Auch die Eltern begannen an
dem Spiele teilzunehmen. Die Frauen wehten mit ihren Kopftüchern, und
die Männer schwenkten die Barette. Alle arbeiteten daran, das Licht zu
verlöschen.

Raniero ritt nun an einem Hause vorbei, das einen Altan hatte. In
diesem stand eine Frau. Sie beugte sich über das Geländer, riß das
Licht an sich und eilte damit hinein.

Das ganze Volk brach in schallendes Gelächter und Jubel aus, aber
Raniero wankte im Sattel und stürzte auf die Straße.

Aber wie er da ohnmächtig und geschlagen lag, wurde die Straße sogleich
menschenleer.

Keiner wollte sich des Gefallenen annehmen. Sein Pferd allein blieb
neben ihm stehen.

Sowie die Volksmenge sich von der Straße zurückgezogen hatte, kam
Francesca degli Uberti mit einem brennenden Lichte in der Hand aus
ihrem Hause. Sie war noch schön, ihre Züge waren sanft, und ihre Augen
ernst und tief.

Sie ging auf Raniero zu und beugte sich über ihn. Raniero lag
bewußtlos, aber in dem Augenblick, in dem der Lichtschein auf sein
Antlitz fiel, machte er eine Bewegung und fuhr auf. Es sah aus, als ob
die Lichtflamme alle Macht über ihn hätte. Als Francesca sah, daß er
zur Besinnung erwacht war, sagte sie: „Hier hast du dein Licht. Ich
entriß es dir, weil ich sah, wie sehr es dir am Herzen lag, es brennend
zu erhalten. Ich wußte keinen andern Weg, um dir zu helfen.“

Raniero hatte sich beim Fallen übel zugerichtet. Aber nun konnte
niemand ihn halten. Er begann sich langsam aufzurichten. Er wollte
gehen, schwankte aber und war nahe daran, wieder zu fallen. Da
versuchte er sein Pferd zu besteigen. Francesca half ihm. „Wo willst
du hin?“ fragte sie, als er wieder im Sattel saß. „Ich will zur
Domkirche,“ sagte er. „Dann will ich dich geleiten,“ sagte sie, „denn
ich gehe zur Messe.“ Und sie nahm den Zügel und führte sein Pferd.

Francesca hatte Raniero vom ersten Augenblick an erkannt. Aber Raniero
sah nicht, wer sie war, denn er gönnte sich nicht die Zeit, sie zu
betrachten. Er hielt den Blick nur auf die Lichtflamme geheftet.

Auf dem Wege sprachen sie kein Wort. Raniero dachte nur an die
Lichtflamme, daran, sie in diesen letzten Augenblicken wohl zu hüten.
Francesca konnte nicht sprechen, weil es sie däuchte, daß sie nicht
klaren Bescheid über das haben wolle, was sie fürchtete. Sie konnte
nichts andres glauben, als daß Raniero wahnsinnig heimgekommen wäre.
Aber obgleich sie beinahe davon überzeugt war, wollte sie doch lieber
nicht mit ihm sprechen, um nicht volle Gewißheit zu erlangen.

Nach einer Weile hörte Raniero, wie jemand neben ihm weinte. Er sah
sich um und merkte, daß es Francesca degli Uberti war, die neben ihm
ging, und wie sie so ging, weinte sie. Aber Raniero sah sie nur einen
Augenblick und sagte nichts zu ihr. Er wollte nur an die Lichtflamme
denken.

Raniero ließ sich zur Sakristei führen. Da stieg er vom Pferde. Er
dankte Francesca für ihre Hilfe, sah aber noch immer nicht sie an,
sondern das Licht. Er ging allein in die Sakristei zu den Geistlichen.

Francesca trat in die Kirche. Es war Karsamstagabend, und alle Lichter
in der Kirche standen unentzündet auf ihren Altären, zum Zeichen
der Trauer. Francesca däuchte es, daß auch bei ihr jede Flamme der
Hoffnung, die einst in ihr gebrannt hatte, erloschen wäre.

In der Kirche ging es sehr feierlich zu. Vor dem Altare standen viele
Priester. Zahlreiche Domherren saßen im Chore, und der Bischof zu
oberst unter ihnen.

Nach einer Weile merkte Francesca, daß unter den Geistlichen eine
Bewegung entstand. Beinahe alle, die nicht bei der Messe anwesend sein
mußten, erhoben sich und gingen in die Sakristei. Schließlich ging auch
der Bischof.

Als die Messe zu Ende war, betrat ein Geistlicher den Chor und begann
zum Volke zu sprechen. Er erzählte, daß Raniero di Ranieri mit heiligem
Feuer aus Jerusalem nach Florenz gekommen war. Er erzählte, was der
Ritter auf dem Wege geduldet und erlitten hatte. Und er pries ihn über
alle Maßen.

Die Menschen saßen staunend da und hörten dies. Francesca hatte nie
eine so selige Stunde erlebt. „Oh, Gott,“ seufzte sie, „dies ist mehr
Glück, als ich tragen kann.“ Ihre Tränen strömten, während sie lauschte.

Der Priester sprach lange und beredt. Zum Schlusse sagte er mit
mächtiger Stimme: „Nun kann es gewißlich eine geringe Sache scheinen,
daß eine Lichtflamme hierher nach Florenz gebracht wurde. Aber ich sage
euch: Betet zu Gott, daß er Florenz viele Träger des ewigen Feuers
schenke, dann wird es eine große Macht werden und gebenedeit unter den
Städten!“

Als der Priester zu Ende gesprochen hatte, wurden die Haupttore der
Domkirche weit geöffnet, und eine Prozession, so gut sie sich in aller
Eile hatte ordnen können, zog herein. Da gingen Domherren und Mönche
und Geistliche, und sie zogen durch den Mittelgang zum Altare. Zu
allerletzt ging der Bischof und an seiner Seite Raniero in demselben
Mantel, den er auf dem ganzen Wege getragen hatte.

Aber als Raniero über die Schwelle der Kirche trat, stand ein alter
Mann auf und ging auf ihn zu. Es war Oddo, der Vater eines Gesellen,
den Raniero in seiner Werkstatt gehabt hatte, und der sich um
seinetwillen erhängt hatte.

Als dieser Mann zum Bischof und zu Raniero gekommen war, neigte er
sich vor ihnen. Hierauf sagte er mit so lauter Stimme, daß alle in der
Kirche ihn hörten: „Es ist eine große Sache für Florenz, daß Raniero
mit heiligem Feuer von Jerusalem gekommen ist. Solches ist nie zuvor
vernommen worden. Vielleicht, daß darum auch manche sagen werden, es
sei unmöglich. Darum bitte ich, daß man das ganze Volk wissen lasse,
welche Beweise und Zeugen Raniero dafür gebracht hat, daß dies wirklich
Feuer ist, das in Jerusalem entzündet wurde.“

Als Raniero diese Worte vernahm, sagte er: „Nun helfe mir Gott. Wie
könnte ich Zeugen haben? Ich habe den Weg allein gemacht. Wüsten und
Wildnisse mögen kommen und für mich zeugen.“

„Raniero ist ein ehrlicher Ritter,“ sagte der Bischof, „und wir glauben
ihm auf sein Wort.“

„Raniero hätte wohl selbst wissen können, daß hierüber Zweifel
entstehen würden,“ sagte Oddo. „Er wird wohl nicht ganz allein geritten
sein. Seine Knappen können wohl für ihn zeugen.“

Da trat Francesca degli Uberti aus der Volksmenge und eilte auf Raniero
zu. „Was braucht es Zeugen?“ rief sie. „Alle Frauen von Florenz wollen
einen Eid darauf ablegen, daß Raniero die Wahrheit spricht.“

Da lächelte Raniero, und sein Gesicht erhellte sich für einen
Augenblick. Aber dann wendete er seine Blicke und seine Gedanken wieder
der Lichtflamme zu.

In der Kirche entstand ein großer Aufruhr. Einige sagten, daß Raniero
die Lichter auf dem Altar nicht entzünden dürfe, ehe seine Sache
bewiesen war. Zu diesen gesellten sich viele seiner alten Feinde.

Da erhob sich Jacopo degli Uberti und sprach für Ranieros Sache. „Ich
denke, daß alle hier wissen, daß zwischen mir und meinem Eidam nicht
allzugroße Freundschaft geherrscht hat,“ sagte er, „aber jetzt wollen
sowohl ich wie meine Söhne uns für ihn verbürgen. Wir glauben, daß
er die Tat vollbracht hat, und wir wissen, daß der, der es vermocht
hat, ein solches Unternehmen auszuführen, ein weiser, behutsamer
und edelgesinnter Mann ist, den wir uns freuen, in unsrer Mitte
aufzunehmen.“

Aber Oddo und viele andre waren nicht gesonnen, Raniero das Glück, das
er erstrebte, zu gönnen. Sie sammelten sich in einem dichten Haufen,
und es war leicht zu sehen, daß sie von ihrer Forderung nicht abstehen
wollten.

Raniero begriff, daß sie, wenn es nun zum Kampfe käme, sie gleich
versuchen würden, nach der Lichtflamme zu trachten. Während er die
Blicke fest auf seine Widersacher geheftet hielt, hob er das Licht so
hoch empor, als er nur konnte.

Er sah todmüde und verzweifelt aus. Man sah ihm an, daß er, wenn er
auch so lange wie möglich aushalten wollte, doch nur eine Niederlage
erwartete. Was frommte es ihm nun, wenn er die Flamme entzünden dürfte!
Oddos Worte waren ein Todesstreich gewesen. Wenn der Zweifel einmal
geweckt war, dann mußte er sich verbreiten und wachsen. Es däuchte ihn,
daß Oddo schon die Lichtflamme für alle Zeit gelöscht hätte.

Ein kleines Vöglein flatterte durch die großen geöffneten Tore in die
Kirche. Es flog geradewegs auf Ranieros Licht zu. Dieser konnte es
nicht so rasch zurückziehen, der Vogel stieß daran und löschte die
Flamme.

Ranieros Arm sank herunter, und die Tränen traten ihm in die Augen.
Aber im ersten Augenblick empfand er dies als eine Erleichterung. Es
war besser, als daß Menschen sie getötet hätten.

Das kleine Vöglein setzte seinen Flug in die Kirche fort, verwirrt
hin und her flatternd, wie Vögel zu tun pflegen, wenn sie in einen
geschlossenen Raum kommen.

Da brauste mit einem Male durch die ganze Kirche der laute Ruf: „Der
Vogel brennt! Die heilige Lichtflamme hat seine Flügel entzündet!“

Der kleine Vogel piepste ängstlich. Er flog ein paar Augenblicke wie
eine flatternde Flamme unter den hohen Wölbungen des Chors umher. Dann
sank er rasch und fiel tot vor dem Altar der Madonna nieder.

Aber in demselben Augenblick, wo der Vogel auf den Altar niederfiel,
stand Raniero da. Er hatte sich einen Weg durch die Kirche gebahnt,
nichts hatte ihn halten können. Und an den Flammen, die die Schwingen
des Vogels verzehrten, entzündete er die Kerzen vor dem Altar der
heiligen Jungfrau.

Da erhob der Bischof seinen Stab und rief: „Gott wollte es! Gott hat
für ihn gezeugt!“

Und alles Volk in der Kirche, seine Freunde wie seine Widersacher,
hörten auf zu zweifeln und zu staunen. Sie riefen alle, von Gottes
Wunder hingerissen: „Gott wollte es! Gott hat für ihn gezeugt!“

       *       *       *       *       *

Von Raniero ist noch zu berichten, daß er hinfort seiner Lebtag großes
Glück genoß und weise, behutsam und barmherzig war. Aber das Volk von
Florenz nannte ihn immer Pazzo di Raniero, zur Erinnerung daran, daß
man ihn für toll gehalten hatte. Und dies ward ein Ehrentitel für ihn.
Er gründete ein edles Geschlecht, und dieses nahm den Namen Pazzo an,
und so nennt es sich noch heute.

Es mag weiter berichtet werden, daß es in Florenz Sitte wurde, jedes
Jahr am Karsamstagabend ein Fest zur Erinnerung an Ranieros Heimkunft
mit dem heiligen Feuer zu feiern, und daß man dabei immer einen
künstlichen Vogel mit Feuer durch den Dom fliegen läßt. Und so wird
dieses Fest wohl auch noch in diesem Jahre begangen worden sein, wenn
nicht ganz vor kurzem eine Änderung eingetreten ist.

Aber ob es wahr ist, wie viele meinen, daß die Träger heiligen Feuers,
die in Florenz gelebt und die Stadt zu einer der herrlichsten der Erde
gemacht haben, ihr Vorbild in Raniero fanden und dadurch ermutigt
wurden, zu opfern, zu leiden und auszuharren, dies mag hier unausgesagt
bleiben.

Denn was von dem Lichte bewirkt wurde, das in dunkeln Zeiten von
Jerusalem ausgegangen ist, läßt sich weder messen noch zählen.

[Illustration]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Christuslegenden" ***

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