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Title: Zwei Städte
Author: Dickens, Charles
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Zwei Städte" ***

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  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1859/60 erschienenen
    Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
    Ungewöhnliche, altertümliche und regional gefärbte Ausdrücke
    wurden nicht korrigiert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke
    wurden unverändert übernommen, sofern die Verständlichkeit dadurch
    nicht beeinträchtigt wird. Inkonsistente Schreibweisen (z.B.
    erwidern/erwiedern; fünfzig/funfzig; gelegentliche Verwendung von
    Apostrophen vor dem ‚Plural-s‘) wurden nicht vereinheitlicht.

    In Zitaten innerhalb der wörtlichen Rede wurde ein doppelter
    Satz Anführungszeichen („„ ... ““) verwendet; in fortlaufenden
    Erzählsträngen wurden diese dabei nur einfach geschlossen. Umlaute
    in Großbuchstaben wurden in ihrer Umschreibung (Ae, Oe und Ue)
    dargestellt.

    Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um einen Roman in vier
    Teilen, welche ursprünglich in getrennten Büchern herausgegeben,
    schließlich aber zu einem Band zusammengefasst wurden. Die
    Seitennummerierung beginnt aber, entsprechned der ursprünglichen
    Textstruktur, in jedem Teil wieder von neuem. Sowohl das
    Inhaltsverzeichnis als auch das Verzeichnis der Illustrationen
    waren im Original im ersten Teil abgedruckt; in der vorliegenden
    Fassung wurden beide Verzeichnisse vor den gesamten Text gestellt,
    da diese auf alle vier Teile gleichermaßen verweisen.

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

        gesperrt: ~Tilden~
        Antiqua:  _Unterstriche_

  ####################################################################



[Illustration]



                              ZWEI STÄDTE

                                  von

                           CHARLES DICKENS.

                            [Illustration]

                                LEIPZIG

                        Verlag von J. J. Weber.



                             Zwei Städte.

                    Eine Erzählung in drei Büchern.

                                  Von

                        Boz (Charles Dickens).

                                  Mit

            Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

                 Aus dem Englischen von Julius Seybt.

                             Erster Theil.

                            [Illustration]

                                Leipzig

                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1859.



Inhalts-Verzeichniß.


Erster Theil.

Erstes Buch: Wiederauferstanden.

                                                       Seite

    1. Kapitel: Die Periode                                3

    2.  „   Die Postkutsche                                7

    3.  „   Die Schatten der Nacht                        16

    4.  „   Die Vorbereitung                              24

    5.  „   Der Weinschank                                43

    6.  „   Der Schuhmacher                               61


Zweites Buch: Das goldene Haar.

    1. Kapitel: Fünf Jahre später                         83

    2.  „   Ein Schauspiel                                93

    3.  „   Eine Enttäuschung                            104

    4.  „   Zum Glückwunsch                              127

    5.  „   Der Schakal                                  138

    6.  „   Hunderte von Leuten                          147


Zweiter Theil.

    7. Kapitel: Monsieur le Marquis in der Stadt           1

    8.  „  Monsieur le Marquis auf dem Lande              15

    9.  „  Das Medusenhaupt                               24

    10. „  Zwei Versprechen                               42

    11. „  Ein Seitenstück                                55

    12. „  Der Mann von Zartgefühl                        62

    13. „  Der Mann ohne Zartgefühl                       74

    14. „  Der ehrliche Gewerbsmann                       83

    15. „  Stricken                                      100

    16. „  Immer noch stricken                           117

    17. „  Eine Nacht                                    135

    18. „  Neun Tage                                     143


Dritter Theil.

    19. Kapitel: Eine Meinung                              1

    20.  „  Eine Bitte                                    13

    21.  „  Wiederhallende Schritte                       19

    22.  „  Die Fluth steigt immer noch                   37

    23.  „  Feuer!                                        46

    24.  „  Vom Magnetfelsen angezogen                    57


Drittes Buch. Des Sturmes Wüthen.

    1. Kapitel: Zu geheimer Haft                          79

    2.    „     Der Schleifstein                          98

    3. Kapitel: Der Schatten                             109

    4.  „  Eine Pause im Sturm                           117

    5.  „  Der Holzmacher                                126

    6.  „  Triumph                                       136

    7.  „   Ein Klopfen an der Thür                      147


Vierter Theil.

    8. Kapitel:   Gute Karte                               1

    9.   „   Das Spiel ist gemacht                        22

    10.  „   Das Wesen des Schattens                      43

    11.  „   Dämmerung                                    67

    12.  „   Nacht                                        74

    13.  „   Zweiundfünfzig                               88

    14.  „   Ausgestrickt                                108

    15.  „   Die Schritte verhallen für immer            128



Illustrationen-Verzeichniß.


Erster Theil.

                                                       Seite

    Titel und Titelbild                                    1

    Die Postkutsche                                       14

    Der Schuhmacher                                       73

    Die Aehnlichkeit                                     119

    Glückwünsche                                         129


Zweiter Theil.

    Der Aufenthalt am Brunnen                             11

    Mr. Stryver in Tellsons Comptoir                      64

    Das Leichenbegängniß des Spions                       87

    Der Weinschank                                       100


Dritter Theil.

    Die Mitschuldigen                                     12

    Der Sturm bricht los                                  34

    Zu geheimer Haft                                      87

    Das Klopfen an der Thür                              154


Vierter Theil.

    Zwiefaches Erkennen                                    3

    Nach der Verurtheilung                                70



Erstes Buch.

Wiederauferstanden.



Erstes Kapitel.

Die Periode.


Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das
Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Thorheit; es war die
Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es waren die
Tage des Lichts, es waren die Tage der Finsterniß; es war der Lenz
der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung. Wir hatten Alles zu
erwarten, wir hatten Nichts zu erwarten. Wir gingen Alle schnurstracks
dem Himmel zu, wir gingen Alle schnurstracks den andern Weg -- kurz,
die Zeit war insofern der gegenwärtigen gleich, als einige ihrer
lärmendsten Kenner behaupteten, es könnte im Guten oder Bösen nur in
Superlativen von ihr gesprochen werden.

Ein König mit einer großen Unterkiefer und eine Königin von
gewöhnlichem Aussehen saßen auf dem Throne von England; ein König mit
einer großen Unterkiefer und eine Königin mit einem schönen Gesicht
saßen auf dem Throne von Frankreich. In beiden Ländern erkannten die
Magnaten des Landes, für welche die Fische und Brote des Landes
aufbewahrt werden, auf das Klarste, daß Alles auf ewig in bester
Ordnung sei.

Es war das Jahr unseres Herrn 1775. England kamen in jener glücklichen
Zeit Enthüllungen aus der andern Welt zu, ebenso wie jetzt. Mrs.
Southcott hatte vor Kurzem ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag
gefeiert, dessen erhabenes Tagen ein prophetischer Gemeiner aus der
Leibgarde durch die Verkündigung gefeiert hatte, daß London und
Westminster auf dem Punkte stünden, von der Erde verschlungen zu
werden. Selbst das Cock-lane-Gespenst war seit einem vollen Dutzend
Jahren zur Ruhe gegangen, nachdem es seine Botschaften durch Klopfen
kundgethan, genau wie es die Geister des vorletzten Jahres thaten,
so übernatürlich war ihr Mangel an Originalität. Einfache irdische
Botschaften hatte neuerdings die englische Krone und das englische Volk
von einem Congreß britischer Unterthanen in Amerika bekommen, die,
seltsam genug, viel wichtiger für das Menschengeschlecht geworden sind,
als alle Botschaften, welche von Geistern aus dem Cock-lane-Gelichter
herstammen.

Frankreich, in Sachen der Geisterwelt weniger begünstigt, als ihre
Schwester mit dem Schilde und dem Dreizack, rutschte ganz gemächlich
bergab, machte Papiergeld und verthat es. Unter der Anleitung
seiner christlichen Seelenhirten unterhielt es sich außerdem mit
so menschenfreundlichen Thaten, wie z. B. mit dem Verurtheilen
eines Jünglings, daß ihm die Hände abgehackt, die Zunge mit Zangen
ausgerissen und er selbst lebendig verbrannt werde, weil er nicht vor
einer Prozession schmutziger Mönche, die in seinem Gesichtsbereich in
einer Entfernung von fünfzig bis sechszig Schritt vorbeigegangen, im
Regen niedergekniet war. Es ist wohl möglich, daß, während dieser arme
Junge hingerichtet ward, in den Waldungen Frankreichs und Norwegens
Bäume wuchsen, die der Holzfäller Verhängniß schon gezeichnet hatte,
um sie zu fällen und zu Brettern zu sägen, um daraus ein gewisses
in schrecklicher Erinnerung lebendes bewegliches Gerüst, mit einem
Sack und einem Messer daran, zu verfertigen. Es ist wohl möglich, daß
unter dem hinfälligen Schuppen einiger Bebauer des schweren Bodens um
Paris an demselben Tage unbehülfliche Karren standen, besprützt mit
Straßenschmutz, beschnüffelt von Schweinen und dem Federvieh als Sitz
dienend, welche der Pächter Tod bereits bestimmt hatte, seine Karren
in der Revolution zu sein. Aber dieser Holzfäller und dieser Pächter
arbeiteten zwar unaufhörlich, aber stumm, und Niemand hörte sie, wie
sie leisen Schrittes sich herumbewegten, um so mehr, da es reine
Gottlosigkeit und Hochverrath war, nur den Verdacht zu hegen, daß sie
thätig sein könnten.

In England war kaum so viel Ordnung und Schutz von Leben und Eigenthum,
daß die Nation sich sehr hätte dessen rühmen können. Verwegene
Hauseinbrüche von Bewaffneten und Straßenraub kamen allnächtlich in
der Hauptstadt selbst vor; Familien wurden öffentlich gewarnt, die
Stadt nicht zu verlassen, ohne ihren Hausrath der Sicherheit wegen dem
Möbelhändler zum Aufbewahren zu geben; der Straßenräuber im Dunkel
der Nacht war bei Tage ein ehrsamer Bürger der City, der, wenn er
von seinem Gevatter als „Capitain“ angehalten, erkannt und genannt
ward, diesem ohne Weiteres durch den Kopf schoß und davonritt; die
Postkutsche wurde von sieben Räubern angehalten, der Conducteur schoß
drei todt und die anderen vier schossen dann den Conducteur selbst
todt, „weil er alle seine Munition verschossen hatte“, worauf die
Plünderung der Postkutsche in Frieden vor sich ging; den gewaltigen
Potentaten, den Lord Mayor von London, hielt ein einziger Straßenräuber
auf Turnham Green an und nahm ihm Angesichts seines Gefolges die Börse
ab; in Londoner Gefängnissen kam es zu Gefechten zwischen Gefangenen
und Schließern und die Majestät des Gesetzes feuerte mit Donnerbüchsen,
geladen mit Schrot und Kugeln, unter die Gefangenen; Diebe schnitten
an Hofcourtagen Diamantkreuze von dem Halse edler Lords; Musketiere
marschirten nach St. Giles, um nach geschmuggelten Waaren zu suchen,
und das zusammengelaufene Volk feuerte auf die Musketiere, und die
Musketiere feuerten auf das zusammengelaufene Volk; und keines dieser
Ereignisse hielt irgend Jemand für etwas Ungewöhnliches. Während
sie vor sich gingen, war der Henker, immer geschäftig, und immer
schlimmer als nutzlos, in beständiger Arbeit; jetzt hing er ganze
Reihen von allerhand Verbrechern auf; dann richtete er Sonnabends einen
Hauseinbrecher hin, der Dienstag gefangen worden war; jetzt brandmarkte
er in Newgate Leute dutzendweise in die Hand und dann verbrannte er vor
der Thür der Westminster-Halle Flugschriften; heute brachte er einen
blutgierigen Mörder vom Leben zum Tode und morgen einen armseligen
Wicht, der einem Bauernknecht sechs Pence gestohlen hatte.

Alle diese Dinge und tausend ähnliche geschahen in und um das liebe
alte Jahr 1775. Von ihnen umgeben und während Holzfäller und Pächter
unbeirrt fortarbeiteten, machten die Beiden mit dem großen Unterkiefer
und die beiden Andern mit dem gewöhnlichen und dem schönen Gesicht Lärm
genug in der Welt und machten ihre göttlichen Rechte mit hochfahrendem
Sinne geltend. So führte das Jahr 1775 seine größten und Myriaden von
kleinen Geschöpfen -- die Geschöpfe dieser Geschichte unter den übrigen
-- die Straßen entlang, die vor ihnen lagen.



Zweites Kapitel.

Die Postkutsche.


Die Straße nach Dover war es, die in einer Freitagsnacht spät im
November vor der ersten der Personen lag, mit welchen diese Geschichte
zu thun hat. Die Straße nach Dover lag für diesen Mann vor der Dover
Postkutsche, wie sie Shooter’s Hill hinauf rumpelte. Er ging wie die
übrigen Passagiere bergab in dem Straßenschlamm, neben der Postkutsche
her; nicht, weil sie die mindeste Vorliebe für Spazierengehen unter
diesen Umständen hatten, sondern weil der Hügel so steil, der Schmutz
so tief, und das Geschirr und die Kutsche so schwer waren, daß die
Pferde schon dreimal stecken geblieben waren und einmal den Wagen quer
über die Straße gezogen hatten, in der meuterischen Absicht, nach
Blackheath umzukehren. Zügel und Peitsche und Kutsche und Conducteur
hatten jedoch im Verein den Kriegsartikel verlesen, welcher ein
sonst sehr zu Gunsten der Behauptung, daß einige Thiere mit Vernunft
ausgestattet sind, sprechendes Thuen verbot; und das Gespann hatte
capitulirt und war zu seiner Pflicht zurückgekehrt.

Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen wateten sie durch den
dicken Schlamm und stolperten und wankten zuweilen, als ob sie in den
größeren Gelenken in Stücke gehen wollten. So oft der Kutscher ihnen
eine kurze Rast gestattete und sie mit einem beruhigenden Brr! So, so!
anhielt, schüttelte das Handpferd von den beiden Stangenpferden heftig
den Kopf mit Allem, was darumhing -- als ein ungewöhnlich emphatisches
Pferd entschieden seine Meinung aussprechend, daß die Kutsche gar nicht
den Berg hinauf gebracht werden könnte. So oft das Stangenpferd sich
so klappernd schüttelte, fuhr der Passagier zusammen, wie es einem
nervenschwachen Passagier wohl geschehen mag und zeigte sich besorgt im
Gemüthe.

Ein dampfender Nebel lag in allen Tiefen, und er war in seiner
Verlassenheit den Hügel hinauf gewandert, wie ein böser Geist, der Ruhe
sucht und keine findet. Feucht und kalt kam er durch die Luft langsam
in kräuselnden Streifen herangezogen, die sichtbar einander folgten und
übereinander stürzten, wie die Wellen eines ungesunden Meeres. Er war
dick genug, um Alles, außer seinem eigenen Wirbel und ein Paar Ellen
von der Straße, von dem Lichte der Kutschenlaternen abzusperren; und
der Dunst von den sich abarbeitenden Pferden dampfte, als ob der Nebel
erst daraus entstanden wäre.

Zwei andere Passagiere außer dem einen erstiegen neben der Postkutsche
mühsam den Hügel. Alle drei waren bis an die Backen und über die Ohren
eingewickelt und trugen hohe Reitstiefel. Keiner von den dreien hätte
nach dem, was er sah, sagen können, wie die beiden andern aussahen, und
jeder war unter fast so vielen Verhüllungen vor den Augen des Geistes,
wie vor den Augen des Körpers seiner beiden Gefährten versteckt.
In jenen Tagen hüteten sich die Reisenden gar sehr, nach kurzer
Bekanntschaft einander Vertrauen zu schenken, denn Jeder, den man auf
der Straße traf, konnte ein Räuber oder im Bunde mit Räubern sein. Was
das Letztere betrifft, so war es das Allerwahrscheinlichste zu einer
Zeit, wo jede Poststation und jede Schenke Jemand aufweisen konnte,
der in des Capitains Sold stand; und diese Stufenleiter des Vertrauens
ging vom Wirth bis herunter zum niedrigsten Stalljungen. So dachte der
Conducteur der Dover-Postkutsche bei sich selbst in jener Freitagnacht
im November 1775, wie er auf seinem ihm angewiesenen Posten hinten auf
der Kutsche stand, in der eine geladene Donnerbüchse über sechs oder
acht geladenen Reiterpistolen und einigen Säbeln lag.

Die Dover-Postkutsche war in ihrer gewöhnlichen gemüthlichen Stimmung,
wo der Conducteur den Passagieren mißtraute, die Passagiere von
einander und von dem Conducteur Arges dachten, Alle auf die Uebrigen
einen Argwohn geworfen hatten und der Kutscher nur seiner Pferde sicher
war; in Bezug auf welche Pferde er mit reinem Gewissen auf beide
Testamente hätte schwören können, daß sie für die Reise nicht geeignet
waren.

„Brr!“ sagte der Kutscher. „Brr! noch einmal ins Geschirr gelegt und
ihr seid oben, und dann sollt ihr verdammt sein, denn es hat mir Mühe
genug gekostet, euch so weit zu bringen! -- Joe!“

„Heda“, erwiderte der Conducteur.

„Welche Zeit mag’s wohl sein, Joe?“

„Gute zehn Minuten über elf.“

„Teufel!“ rief ärgerlich der Kutscher aus, „und noch nicht auf der
Höhe! Vorwärts!“

Das emphatische Pferd, von der Peitsche in einer höchst entschiedenen
Verneinung unterbrochen, legte sich ins Geschirr und die drei anderen
Pferde folgten. Noch einmal rumpelte die Dover-Kutsche fort und die
hohen Reitstiefel der Passagiere wateten neben ihr her. Sie waren
stehen geblieben, wie die Kutsche stehen blieb und hielten sich dicht
bei einander. Wenn einer von den dreien keck genug gewesen wäre,
einem andern vorzuschlagen, im Nebel und in der Nacht ein Wenig
vorauszugehen, hätte er sich der nicht unwahrscheinlichen Gefahr
ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.

Die letzte Anstrengung brachte die Postkutsche bis auf die Höhe. Die
Pferde machten Halt, um zu verschnaufen, und der Conducteur stieg ab,
um das Rad für die Hinabfahrt zu hemmen, den Kutschenschlag aufzumachen
und die Passagiere einsteigen zu lassen.

„Heda, Joe! Horch, Joe!“ rief der Kutscher warnend vom Bock herunter.

„Was meint Ihr, Tom?“

Sie lauschten Beide.

„Ein Reiter kommt im Galopp uns nach, Joe.“

„S’ ist ein Reiter in gestrecktem Galopp, Tom“, gab der Conducteur
zurück, indem er die Kutschenthür losließ und rasch auf seinen Platz
kletterte. „Ihr Herren! In des Königs Namen, Alle für Einen!“

Nach dieser eiligen, aber eindringlichen Aufforderung spannte er den
Hahn seiner Donnerbüchse und stand kampfbereit da.

Der für diese Geschichte eingeschriebene Passagier stand auf dem
Kutschentritt, im Einsteigen begriffen; die beiden anderen Passagiere
waren dicht hinter ihm, um ihm zu folgen. Er blieb halb in der Kutsche
und halb außerhalb derselben auf seinem Platze; die andern blieben auf
der Straße unter ihm stehen. Sie alle sahen abwechselnd den Kutscher
und den Conducteur an und horchten.

Der Kutscher sah zurück und der Conducteur sah zurück, und selbst
das emphatische Handpferd spitzte die Ohren und sah zurück, ohne zu
widersprechen.

Das durch das Aufhören des Rumpelns und Polterns der Kutsche
eintretende Schweigen, verbunden mit dem Schweigen der Nacht, machte
es wirklich still. Das Keuchen der Pferde theilte der Kutsche eine
zitternde Bewegung mit, als ob sie sich in einem Zustande der Aufregung
befände. Die Herzen der Passagiere schlugen laut genug, um gehört zu
werden; aber jedenfalls die Ruhepause sprach hörbar von Leuten außer
Athem und Leuten, die den Athem anhalten und deren Blut vor Erwartung
rascher pulsirt.

Der Hufschlag eines scharf galoppirenden Pferdes kam den Hügel herauf
immer näher und näher.

„Halloh!“ rief der Conducteur, so laut er brüllen konnte. „Heda! Steht,
oder ich schieße!“

Das Pferd ward plötzlich angehalten und mit vielem Klatschen und
Stampfen hörte man eine Mannsstimme aus dem Nebel herauf tönen: „Ist
das die Dover-Post?“

„Kümmert Euch nicht drum, was es ist!“ erwiderte der Conducteur. „Wer
seid Ihr?“

„Ist das die Dover-Post?“

„Warum wollt Ihr’s wissen?“

„Ich suche einen Passagier, wenn sie’s ist.“

„Wie heißt der Passagier?“

„Mr. Jarvis Lorry.“

Der uns wohlbekannte Passagier gab sofort kund, daß dies sein Name sei.
Der Conducteur, der Kutscher und die beiden anderen Passagiere warfen
argwöhnische Blicke auf ihn.

„Bleibt, wo Ihr seid“, rief der Conducteur der Stimme im Nebel zu,
„weil, wenn ich einen Irrthum beginge, er während Eurer Lebenszeit
nicht wieder gut gemacht werden könnte. Der Herr, der Lorry heißt,
antworte auf der Stelle.“

„Was giebt’s?“ fragte darauf der Passagier, mit etwas zitternder
Stimme. „Wer fragt nach mir? Ist es Jerry?“

„Mir gefällt Jerry’s Stimme nicht, wenn es Jerry ist“, brummte der
Conducteur vor sich hin. „Er ist heiserer, als mir gefällt, der Jerry.“

„Ja, Mr. Lorry.“

„Was giebt’s?“

„Eine Depesche für Sie von drüben. Von T. u. Comp.“

„Ich kenne den Mann, Conducteur,“ sagte Mr. Lorry, indem er wieder
auf die Straße hinabtrat, wobei ihm die beiden anderen Passagiere
mehr rasch als höflich beistanden und darauf sofort in die Kutsche
kletterten, die Thür zumachten und das Fenster hinaufzogen. „Er kann
herankommen; es ist Alles in Ordnung.“

„Ich will das hoffen, gar zu sicher sieht es mir noch nicht aus“, sagte
der Conducteur, immer noch vor sich hinbrummend. „Heda, Mann!“

„Nun ja, hier bin ich!“ sagte Jerry, noch heiserer als vorher.

„Kommt im Schritt heran! Hört Ihr’s? Und wenn Ihr Halfter an Eurem
Sattel habt, so nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht mit der Hand ihnen zu
nahe kommt. Denn ich bin ein Teufel im Falschverstehen, und wenn ich
was falsch verstehe, so wird gleich Blei daraus. Nun wollen wir einmal
sehen, wen wir haben.“

Ein Pferd und ein Reiter kamen langsam aus dem wirbelnden Nebel und an
die Seite der Postkutsche, wo der Passagier stand. Der Reiter beugte
sich herab und übergab, indem er den Conducteur ansah, dem Passagier
ein kleines zusammengebrochenes Papier. Das Pferd des Reiters war außer
Athem, und sowohl Pferd wie Reiter waren von den Hufen des Pferdes bis
zu dem Hute des Mannes mit Koth bespritzt.

„Conducteur!“ sagte der Passagier in ruhigem und zuversichtlichem
Geschäftstone.

Der wachsame Conducteur, mit der rechten Hand am Kolben der halb
erhobenen Donnerbüchse, mit der linken am Rohr und mit dem Auge auf dem
Reiter, antwortete kurz: „Sir!“

„Es ist Nichts zu fürchten. Ich bin von Tellson’s Bank. Ihr müßt
Tellson’s Bank in London kennen. Ich reise in Geschäften nach Paris.
Eine Krone Trinkgeld. Ich kann dies lesen?“

„Wenn Ihr rasch macht, Sir!“

Er brach den Brief beim Lichte der Kutschenlampe auf und las, erst
für sich und dann laut: Warten Sie in Dover auf Mademoiselle. „Es ist
nicht lang, wie Ihr seht, Conducteur. Jerry, sagt, meine Antwort wäre:
~Wiederauferstanden~.“

Jerry fuhr im Sattel empor. „Das ist eine verwünscht seltsame Antwort“,
sagte er mit seiner heisersten Stimme.

„Meldet, was ich gesagt habe und sie werden wissen, daß ich diesen
Brief bekommen habe, so gut, als ob ich geschrieben hätte. Haltet Euch
möglichst dazu. Gute Nacht!“

[Illustration: ~Die Postkutsche.~]

Mit diesen Worten machte der Passagier die Kutschenthür auf und stieg
ein, ohne den mindesten Beistand von Seiten seiner Mitpassagiere
zu finden, welche eiligst ihre Uhren und Geldbeutel in den Stiefeln
versteckt hatten und sich jetzt alle schlafend stellten. Mit keiner
bestimmteren Absicht, als der Gefahr zu entgehen, sich zu einem andern
Verhalten entschließen zu müssen.

Die Kutsche rumpelte weiter und schwerere Wirbel Nebel umkräuselten
sie, wie sie bergab zu fahren begann. Der Conducteur legte die
Donnerbüchse bald wieder in die Waffenkiste, und nachdem er sich den
übrigen Inhalt derselben betrachtet und nach den Pistolen, die er im
Gürtel trug, gesehen hatte, sah er auch nach einem kleinern Kasten
unter seinem Sitz, in welchem sich Hammer und Zange, ein Paar Fackeln
und ein Feuerzeug befanden. Denn er war so vollständig ausgerüstet,
daß, wenn der Wind die Kutschenlaternen ausgeblasen hätte, was manchmal
geschah, er weiter Nichts zu thun brauchte, als sich einzuschließen,
sich zu hüten, die Funken von Stahl und Stein in Stroh fallen zu lassen
und mit leidlicher Sicherheit und Leichtigkeit (wenn er glücklich war)
in fünf Minuten Licht zu machen.

„Tom!“ klang es halblaut über das Dach des Wagens.

„Was giebt’s, Joe?“

„Hörtet Ihr, was er sagte?“

„Ja wohl, Joe.“

„Habt Ihr was davon verstanden, Tom?“

„Ne, Joe.“

„Das trifft sich merkwürdig zusammen“, sagte der Conducteur
nachdenklich vor sich hin, „denn ’s ist mir auch so gegangen.“

Jerry, im Nebel und in der Dunkelheit allein gelassen, stieg
unterdessen ab, nicht nur seinem todtmüden Pferde zu Liebe, sondern
auch, um sich die Kothflecken aus dem Gesicht zu wischen und den
angesammelten Regen aus dem Hutrande, der etwa eine halbe Gallone
halten mochte, zu schütteln. Nachdem er mit dem Zügel über dem Arm
dagestanden hatte, bis man die Räder der Postkutsche nicht länger hörte
und die Nacht wieder ganz still war, führte er langsam das Pferd den
Hügel hinab.

„Nach dem scharfen Galopp vom Templethor, Alter, will ich’s deinen
Vorderläufen nicht eher wieder zumuthen, als bis wir wieder auf ebenem
Wege sind,“ sagte der heisere Bote mit einem Blicke auf sein Roß.
„Wiederauferstanden. Das ist eine verteufelt seltsame Antwort. Das
würde dir nicht allzu gut passen, Jerry! Nicht wahr, Jerry, du wärst
verteufelt schlecht daran, wenn Wiederauferstehen Mode würde!“



Drittes Kapitel.

Die Schatten der Nacht.


Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werthe Thatsache, daß jedes
Menschen Wesen darnach angethan ist, ein tiefes Geheimniß und Räthsel
für jedes andere zu sein. Ein feierlicher Gedanke, wenn ich bei Nacht
in eine große Stadt komme, daß jedes dieser sich in dunkle Gruppen
zusammendrängenden Häuser sein eigenes Geheimniß in sich schließt; daß
jedes Zimmer in jedem derselben sein eigenes Geheimniß besitzt; daß
jedes pulsirende Herz in den Hunderttausenden von Menschenbusen in
einigen seiner Träume ein Geheimniß für das ihm am nächsten stehende
Herz ist! Etwas von dem erhabenen Grauen, das der Tod einflößt, ist
dem zuzuschreiben. Nicht mehr kann ich die Blätter dieses theuren
Buches umwenden, das ich liebte, und vergeblich war die Hoffnung, es
mit der Zeit ganz durchzulesen. Nicht mehr kann ich in die Tiefen
dieses unergründlichen Wassers schauen, in welchem ich, als flüchtige
Strahlen darauf fielen, einen Blick auf begrabene Schätze und andere
versunkene Herrlichkeiten erhaschte. Es war beschlossen, daß das Buch
sich auf immer und ewig verschließen sollte, als ich nur eine einzige
Seite gelesen hatte. Es war beschlossen, daß ein ewiger Winterfrost das
Wasser erstarren machen sollte, als das Licht noch auf seinem Spiegel
spielte und ich, ohne Arges zu ahnen, am Ufer stand. Mein Freund ist
todt, mein Nachbar ist todt, meine Geliebte, das Kleinod meiner Seele,
ist todt; es ist die unerbittliche Besiegelung des Geheimnisses,
welches immer in dieser Individualität war und welches ich bis an
meines Lebens Ende in mir tragen werde. Giebt es auf einem einzigen
der Friedhöfe der Stadt, durch welche ich gehe, einen Schlummernden,
der unerforschlicher wäre, als mir ihre geschäftigen Bewohner in ihrer
innersten Persönlichkeit sind, oder als ich ihnen bin?

Was nun dies, seine natürliche und nicht zu entfremdende Erbschaft
betrifft, so besaß der berittene Bote davon genau so viel, wie der
König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann in London.
Ebenso war’s mit den drei Passagieren, die in den engen Raum einer
schwerfälligen, alten Postkutsche eingesperrt waren; sie waren einander
so vollständig ein Geheimniß, als ob Jeder für sich in seiner eigenen
sechs- oder sechszigspännigen Kutsche gesessen hätte, durch die ganze
Breite einer Grafschaft von einander getrennt.

Der Bote ritt im bequemen Trab zurück und machte ziemlich oft bei
Schenken an der Straße Halt, um zu trinken, wo er aber immer eine
Neigung zeigte, seine Sache für sich und den Hut tief in die Stirn
gezogen zu behalten. Er hatte Augen, welche zu dieser Neigung sehr gut
paßten, schwarz, ohne Tiefe in Farbe oder Form, und viel zu nahe bei
einander -- als ob sie fürchteten, einzeln bei Etwas ertappt zu werden,
wenn sie zu weit auseinander blieben. Unter einem dreieckigen Hut,
gleich einem dreieckigen Spucknapf, und über einem großen Wickeltuch
für das Kinn und den Hals, das fast bis zu dem Knie des Reiters
herabfiel, hatten sie einen finstern Ausdruck. Wenn der Reiter anhielt,
um zu trinken, schob er mit der linken Hand das Wickeltuch zurück, aber
nur so lange, als er mit der rechten das Getränk hinuntergoß; sowie
dies geschehen war, hüllte er sich wieder ein.

„Nein, Jerry, nein“, sagte der Bote, immer noch mit diesem einen
Gegenstande beschäftigt. „Das paßte nicht für dich, Jerry. Jerry,
für einen so ehrsamen Bürgersmann paßte das nicht ins Geschäft!
Wiederauferstanden! Soll mich Der und Jener holen, wenn ich nicht
glaube, er hatte Eins getrunken.“

Die Botschaft verursachte ihm so viel Kopfzerbrechen, daß er mehrere
Male sich genöthigt sah, den Hut abzunehmen und sich hinter den
Ohren zu kratzen. Außer auf dem Scheitel, der fast kahl war, hatte
er steifes, schwarzes Haar, das in einzelnen Spitzen rund um ihn
herumstand und niederwärts fast bis an seine breite, stumpfe Nase
herabgewachsen war. Es war Schlosserarbeit so ähnlich und sah so viel
mehr dem Rande einer mit starken eisernen Spitzen besetzten Mauer, als
einem wohlbehaarten Kopfe ähnlich, daß der geschickteste Bockspringer
sich geweigert haben würde, einen Sprung über ihn zu wagen.

Während er mit der Botschaft, die er dem Nachtwächter in seinem
Schilderhaus an der Thür von Tellson’s Bank am Tempelthor übergeben
sollte, welcher sie höheren Behörden drinnen zu überbringen hatte,
zurücktrabte, nahmen die Schatten der Nacht vor ihm solche Gestalten
an, wie sie aus der Botschaft entstanden, und nahmen für das Pferd
Gestalten an, wie sie aus dessen Privatveranlassungen zur Unruhe
hervorgingen. Sie schienen zahlreich zu sein, denn es scheute vor jedem
Schatten auf der Straße.

Unterdessen rumpelte, polterte und ächzte die Postkutsche auf ihrem
langweiligen Wege mit ihren drei unerforschlichen Passagieren weiter.
Auch diesen zeigten sich die Schatten der Nacht in den Gestalten,
welche ihre halbschlummernden Augen und herumschweifenden Gedanken
ihnen eingaben.

Tellson’s Bank spielte in der Postkutsche eine große Rolle. Wie der
Bankpassagier -- den einen Arm in die lederne Schleife gelegt, welche
ihr Möglichstes that, ihn abzuhalten, auf den nächsten Passagier zu
fallen und ihn in eine Ecke zu schieben, so oft die Kutsche einen ganz
besondern Stoß erhielt -- auf seinem Platze mit halbgeschlossenen Augen
nickte, wurden die kleinen Kutschenfenster und die matt durch dieselben
schimmernden Kutschenlaternen und der in seinen Mantel gehüllte
Passagier gegenüber die Bank, die ganz gewaltige Geschäfte machte. Das
Klappern des Geschirres wurde zum Geldklimpern und binnen fünf Minuten
wurden mehr Tratten honorirt, als selbst Tellson’s Bank mit aller ihrer
Kundschaft im Auslande und im Inlande jemals in der dreifachen Zeit
bezahlt hatte. Alsdann thaten sich vor ihm die festen Keller unter der
Bank mit den kostbaren Vorräthen und Geheimnissen, welche der Passagier
wußte (und er wußte nicht wenige derselben), vor ihm auf, und er ging
mit großen Schlüsseln und dem schwach brennenden Lichte hinein und fand
Alles sicher und unbesehen und unverrathen, gerade, wie er es zuletzt
gefunden.

Aber obgleich die Bank ihm fast immer Gesellschaft leistete und
obgleich die Kutsche (in einer verwirrten Weise, wie das Schmerzgefühl
unter dem Einflusse eines Opiats) sich nie von ihm trennte, blieb
auch noch eine andere Reihe von Eindrücken die ganze Nacht hindurch
lebendig. Er war unterwegs, um Jemanden aus einer Gruft herauszuholen.

Welches von den vielen Gesichtern, die sich ihm zeigten, das wahre
Gesicht des Begrabenen sei, verriethen die Schatten der Nacht nicht;
aber sie waren alle Gesichter eines Mannes von fünfundvierzig Jahren
und unterschieden sich hauptsächlich in den Leidenschaften, welche
sie ausdrückten und in dem Grauenhaften ihres abgelebten und elenden
Aussehens. Stolz, Verachtung, Herausforderung, Trotz, Unterwürfigkeit,
Jammer folgten auf einander; ebenso viele Abstufungen von eingefallenen
Wangen, leichenhafter Farbe, abgezehrten Händen und Gesichtern. Aber
im Ganzen war das Gesicht ein Gesicht und jedes Haupt war vor der
Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der Passagier aus seinem
Halbschlummer heraus dieses Gespenst: „Wie lange begraben?“

Die Antwort war immer dieselbe: „Fast achtzehn Jahre.“

„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“

„Lange, lange schon.“

„Sie wissen, daß Sie wiederauferstanden sind?“

„So höre ich sagen.“

„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“

„Das weiß ich nicht.“

„Soll ich sie Ihnen zeigen?“

„Wollen Sie sie sehen?“

Die Antworten auf diese Fragen lauteten verschieden und widersprechend.
Manchmal lautete sie mit gebrochener Stimme: „Warten Sie! Es könnte
mein Tod sein, wenn ich sie zu früh sähe.“ Manchmal kam sie mit einem
Strom von rührenden Thränen und lautete dann: „Bringen Sie mich zu
ihr.“ Manchmal war sie von weitgeöffneten Augen und verwirrten Blicken
begleitet und war dann: „Ich kenne sie nicht. Ich weiß nicht, was Ihr
von mir wollt.“

Nach dieser Unterhaltung im Traum fing der Passagier in seinem
Weiterträumen an zu graben und zu graben und zu graben -- bald mit
einem Spaten oder mit einem großen Schlüssel, oder mit den Händen --
um den Unglücklichen auszugraben. Wie er endlich wieder, mit Erde um
Gesicht und Haar, herausgeholt war, zerfiel er urplötzlich in Staub.
Dann fuhr der Passagier aus seinem Halbschlummer auf und ließ das
Fenster herab, um die Wirklichkeit des Nebels und Regens auf seiner
Backe zu fühlen.

Aber selbst wenn seine wachen Augen den Nebel und Regen, den sich
vorwärts bewegenden Streifen Licht von der Laterne und die in Stößen
zurückweichenden Hecken an der Straße sahen, mischten sich die
Schatten der Nacht außerhalb der Kutsche in den Zug der Schatten der
Nacht innerhalb derselben. Das wirkliche Bankhaus am Tempelthor, das
wirkliche Geschäft des gestrigen Tages, die wirklichen Kassenräume,
der wirkliche Bote, der ihm nachgeschickt worden und die wirkliche
Botschaft, die er zurückgeschickt hatte, waren alle vorhanden. Aber
mitten unter ihnen tauchte das gespenstische Gesicht empor und er mußte
es wieder anreden.

„Wie lange begraben?“

„Fast achtzehn Jahre.“

„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“

„Das weiß ich nicht.“

Graben, graben, graben, bis eine ungeduldige Bewegung von einem der
Passagiere ihn ermahnte, das Fenster in die Höhe zu ziehen, den Arm
wieder fest und sicher in die lederne Schleife zu legen und über die
beiden schlummernden Gestalten zu speculiren, bis seine Gedanken
wieder von ihnen abkamen und sich wieder unmerklich der Bank und dem
Grabe zuwendeten.

„Wie lange begraben?“

„Fast achtzehn Jahre.“

„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“

„Lange, lange schon.“

Die Worte klangen ihm immer noch im Ohre, als ob sie eben erst
gesprochen worden -- so deutlich, als er jemals gesprochene Worte
hatte nachklingen hören --, als der müde Passagier zum Bewußtsein
des Tageslichtes aufwachte und fand, daß die Schatten der Nacht
verschwunden waren.

Er ließ das Fenster herab und sah hinaus auf die aufgehende Sonne. Vor
ihm lag ein Abhang Ackerland mit einem Pflug darauf, noch auf derselben
Stelle, wo die Pferde gestern Abend ausgespannt worden waren; darüber
ein stilles Niederholz, in welchem viele Blätter von brennendem Roth
und goldenem Gelb noch auf den Büschen hingen. Obgleich der Erdboden
kalt und feucht war, war doch der Himmel heiter und die Sonne ging
hell, ruhig und schön auf.

„Achtzehn Jahre!“ sagte der Passagier, die Augen der Sonne zugewendet.
„Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig
begraben!“



Viertes Kapitel.

Die Vorbereitung.


Als die Postkutsche im Laufe des Vormittags allmälig nach Dover
gelangt war, machte der Oberkellner des Hotels zum „König Georg“ den
Kutschenschlag auf, wie es seine Gewohnheit war. Er that es mit einer
gewissen Feierlichkeit, denn eine Reise in der Postkutsche von London
im Winter war eine Heldenthat, wegen der man einem kühnen Reisenden
gratuliren durfte.

Es war jetzt aber nur noch ein kühner Reisender zum Gratuliren
übrig; denn die beiden andern waren an verschiedenen Orten unterwegs
ausgestiegen. Das kellerartige Innere der Kutsche mit dem feuchten
und schmutzigen Stroh, dem unangenehmen Geruch und der Finsterniß sah
eher wie ein großer Hundestall aus. Mr. Lorry, der Passagier, sah,
wie er, mit einzelnen Strohhalmen behangen, das zottige Wickeltuch
nachschleppte und mit schlappem Hut und schmutzigen Stiefeln
herausstieg, eher wie ein großer Hund aus.

„Geht morgen ein Packetschiff nach Calais ab, Kellner?“

„Ja, Sir, wenn sich das Wetter hält und der Wind leidlich günstig wird.
Fluth wird ziemlich scharf gegen zwei Uhr Nachmittags eintreten, Sir.
Ein Bett, Sir?“

„Ich gehe nicht vor Nachts schlafen; aber ich will ein Schlafzimmer und
einen Barbier.“

„Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier herauf, Sir, wenn’s beliebt.
Nummer zwei! Den Mantelsack des Herrn und warmes Wasser nach Nummer
zwei. Zieht dem Herrn in Nummer zwei die Stiefeln aus. (Es brennt dort
schon ein gutes Steinkohlenfeuer, Sir.) Ein Barbier für Nummer zwei.
Rührt Euch, für Nummer zwei!“

Da Nummer zwei immer für Postpassagiere bestimmt war und Postpassagiere
immer vom Kopf bis zum Fuß dick eingewickelt waren, so hatte für die
Inwohner des Königs Georg dieses Zimmer das merkwürdig Interessante,
daß, obgleich man nur eine Art Mensch hineingehen sah, alle
verschiedenen Arten von Menschen wieder heraustraten. Daher hielten
sich auch ein anderer Kellner und zwei Portiers und verschiedene
Stubenmädchen und die Wirthin aus Zufall an verschiedenen Punkten des
Weges zwischen Nummer zwei und dem Frühstückszimmer auf, als ein Herr
von etwa sechszig Jahren in einem ziemlich getragenen, aber sehr gut
gehaltenen braunen Anzug mit großen Aufschlägen an den Armen und großen
Patten über den Taschen zum Frühstück wieder aus Nummer zwei kam.

Das Frühstückszimmer hatte an diesem Vormittag keinen andern Gast als
den Herrn im braunen Anzug. Sein Frühstückstisch stand vor dem Feuer
und wie er da saß, während der Schimmer der Flamme auf ihn fiel und
er auf das Frühstück wartete, saß er so still, daß man hätte glauben
können, er säße für sein Bild.

Er sah so ordentlich und methodisch aus, wie er dasaß, eine Hand auf
jedes Knie gelegt, während eine laute Uhr eine eintönige Predigt unter
seiner langen Schooßweste pickte, als ob sie ihren Ernst und ihre
Langlebigkeit gegen Leichtsinn und die Vergänglichkeit des raschen
Feuers einsetzte. Er hatte ein gutes Bein und war etwas eitel darauf,
denn seine braunen Strümpfe saßen glatt und knapp und waren von feinem
Gewebe; auch Schuhe und Schnallen waren, obgleich einfach, doch
schmuck. Er trug eine merkwürdige kleine, saubergehaltene, lockige,
flachsblonde Perrücke, die wohl von natürlichem Haar gemacht sein
mochte, aber weit mehr aussah, als wäre sie von Fäden aus Seide oder
Glas gesponnen. Seine Wäsche, obgleich nicht so fein, um mit seinen
Strümpfen übereinzustimmen, war so weiß wie der Kamm der Wellen,
welche an dem nahen Strande zerschellten, oder wie die Segel, die fern
draußen auf dem Meere im Sonnenschein glänzten. Das für gewöhnlich
gefaßte und ruhige Gesicht beleuchteten immer noch unter der seltsamen
Perrücke hervor ein Paar feuchte, glänzende Augen, deren Eigenthümer
in vergangenen Zeiten einige Mühe gehabt haben muß, ihnen den ruhigen
und zurückhaltenden Ausdruck von Tellsons Bank zu geben. Seine Wangen
hatten eine gesunde Farbe und das Gesicht, obgleich gefurcht, zeigte
wenig Spuren von Sorgen. Aber vielleicht waren die unverheiratheten
vertrauten Commis von Tellsons Bank vornehmlich von den Sorgen anderer
Leute in Anspruch genommen und vielleicht lassen sich Sorgen zweiter
Hand, wie Kleider zweiter Hand, besser an- und ablegen.

Um einem Mann, der für sein Bild sitzt, ganz ähnlich zu werden, schlief
jetzt Mr. Lorry ein. Das Erscheinen des Frühstücks weckte ihn wieder
auf und er sagte zum Kellner, als er den Stuhl näher an den Tisch
setzte:

„Halten Sie ein Zimmer bereit für eine junge Dame, die hier jede Stunde
eintreffen kann. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry oder
vielleicht auch nur nach einem Herrn von Tellsons Bank. Bitte, melden
Sie es mir.“

„Ja, Sir, Tellsons Bank in London, Sir.“

„Ja.“

„Ja, Sir. Wir haben oft die Ehre, Herren aus Ihrem Hause auf ihren
Reisen zwischen London und Paris zu beherbergen, Sir. Sehr viel
unterwegs, Sir, die Herren Tellson u. Comp.“

„Ja. Wir sind ebenso gut ein französisches wie ein englisches Haus.“

„Ja, Sir. Sie selbst reisen wohl nicht viel, Sir?“

„In der letzten Zeit nicht. Es sind fünfzehn Jahre, seitdem wir --
seitdem ich zum letzten Male von Frankreich herüber kam.“

„Wirklich, Sir. Das war vor meiner Zeit hier, Sir. Vor unseres Herrn
Zeit hier, Sir. Der „König Georg“ hatte damals einen andern Besitzer,
Sir.“

„Ich glaube, ja.“

„Aber ich möchte schon was Ordentliches wetten, Sir, daß ein Haus, wie
Tellson u. Comp., nicht vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren
geblüht hat?“

„Sie können das verdreifachen und hundertfünfzig Jahre sagen und nicht
weit von der Wahrheit sein.“

„Wirklich, Sir?“

Mit bewunderndem Gesicht trat der Kellner von dem Tisch zurück, legte
die Serviette von dem rechten Arm auf den linken, nahm eine behagliche
Stellung an und sah dem Gaste, wie er aß und trank, zu. Wie von einem
Observatorium oder Wartthurm. Ganz, wie es seit unvordenklichen Zeiten
bei Kellnern Gebrauch ist.

Als Mr. Lorry mit seinem Frühstück fertig war, machte er einen kleinen
Spatziergang nach dem Strande. Die kleine Stadt Dover mit ihren engen
und krummen Gäßchen versteckte sich allseits vor dem Strande und
steckte den Kopf in die Kreideklippen, wie ein Meerstrauß. Der Strand
war eine Wüste von Meereswellen und Steinen, die wild über einander
kollerten, und das Meer that, was ihm gefiel, und was ihm gefiel, war
Zerstörung. Es donnerte gegen die Stadt und es donnerte gegen die
Klippen und zertrümmerte durch seine wüthenden Schläge die Küste. Die
Luft zwischen den Häusern hatte einen so starken Fischgeruch, daß man
hätte glauben können, kranke Fische gingen darin baden, wie kranke
Menschen in das Meer baden gehen. Im Hafen beschäftigte man sich mit
etwas Fischerei und sehr viel Herumwandern bei Nacht und seewärts
Gucken: vorzüglich zu den Stunden, wo die Fluth fast ihren Höhepunkt
erreicht hatte. Kleine Handelsleute, deren Geschäft sehr still ging,
brachten es manchmal ganz unerklärlicherweise zu großem Reichthum und
es war merkwürdig, daß Niemand in der Nachbarschaft einen Laternenmann
ausstehen konnte.

Wie der Tag sich zum Abend neigte und die Luft, die zu Zeiten hell
genug gewesen war, um die französische Küste erblicken zu lassen,
sich wieder mit Dunst und Nebel füllte, schien sich auch Mr. Lorry’s
Stirn wieder zu umwölken. Als es dunkel war und er vor dem Feuer im
Frühstückszimmer saß und auf sein Essen wartete, wie er auf sein
Frühstück gewartet hatte, war sein Geist eifrig beschäftigt, in den
rothglühenden Kohlen zu graben, zu graben, zu graben.

Eine Flasche guten Rothweins nach dem Essen schadet einem in den
glühenden Kohlen Grabenden nichts, außer daß sie eine Neigung hat,
ihn seine Arbeit vergessen zu machen. Mr. Lorry war eine lange Zeit
unbeschäftigt geblieben und hatte soeben sein letztes Glas Wein mit
einer so vollständigen Befriedigung eingeschenkt, als man nur bei einem
ältlichen Herrn von lebhafter Gesichtsfarbe erwarten konnte, der seine
Flasche ausgetrunken hat, als ein Wagen die enge Straße heraufrasselte
und in den Hof des Gasthauses einfuhr.

Er setzte das Glas unberührt wieder hin. „Das ist Mamsell!“ sagte er.

Nach sehr wenig Minuten trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß
Manette von London angekommen sei und sich glücklich schätzen werde,
den Herrn von Tellsons zu sehen.

„So bald?“

Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen,
wollte jetzt Nichts essen und wünschte sehr angelegentlich, den Herrn
von Tellsons-Bank sofort zu sprechen, wenn es ihn nicht belästige.

Der Herr von Tellsons konnte weiter Nichts thun, als sein Glas mit
einer Miene hülfloser Verzweiflung austrinken, seine seltsame kleine
Flachsperrücke an den Ohren zurecht rücken und dem Kellner nach
Miß Manettens Zimmer folgen. Es war ein großes dunkles Zimmer, mit
schwarzen Roßhaarmöbeln ausgestattet und mit schweren dunkeln Tischen.
Diese waren so oft geölt und wieder geölt worden, bis die beiden hohen
Leuchter auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers sich düster von jedem
Blatte wiederspiegelten, als ob sie in tiefen Grüften von schwarzem
Mahagony begraben lägen und kein erwähnenswerthes Licht von ihnen
erwartet werden könnte, bis sie ausgegraben worden.

So dämmerig dunkel war das Zimmer, daß Mr. Lorry, während er vorsichtig
über den abgeschabten türkischen Teppich schritt, glaubte, Miß Manette
befinde sich für den Augenblick in einem Nebenzimmer, bis er die
beiden hohen Leuchter passirt hatte und an dem Tisch zwischen ihnen
und dem Feuer eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn Jahren in
einem Reitmantel, und den Reisestrohhut an seinem Bande immer noch in
der Hand haltend, stehen sah, zu seinem Empfange bereit. Wie seine
Augen auf die kleine hübsche Gestalt mit vollen goldenen Locken, einem
blauen Augenpaar, das dem seinen mit forschendem Blick begegnete und
einer Stirn von merkwürdiger Fähigkeit (wenn man ihre Jugend und ihre
Glätte bedenkt), sich in einem Ausdruck zusammenzuziehen, der nicht
ganz Verlegenheit, oder Verwunderung, oder Erschrecken, oder nur
aufgeweckte, gefesselte Aufmerksamkeit war, obgleich er alle diese vier
Ausdrücke in sich schloß -- als seine Augen auf alles Dieses fielen,
wurde plötzlich das Bild eines Kindes in ihm lebendig, das er in einer
kalten Nacht, wo der Hagel in schweren Schauern hernieder rauschte
und die See hoch ging, auf der Ueberfahrt über denselben Canal auf
den Armen getragen hatte. Das Bild schwand wieder, ungefähr wie ein
Hauch von der Fläche des hohen Pfeilerspiegels hinter ihr, auf dessen
Rahmen eine Procession von Mohren-Amoretten, mehrere ohne Kopf, und
alle Krüppel, schwarze Körbe mit Früchten vom todten Meer schwarzen
Göttinnen darboten, und er begrüßte Miß Manette mit einer förmlichen
Verbeugung.

„Bitte, nehmen Sie Platz, Sir,“ sagte sie mit einer sehr hellen und
angenehmen jugendlichen Stimme, und ein wenig, aber sehr wenig fremd im
Accent.

„Ich küsse Ihnen die Hand, Miß,“ sagte Mr. Lorry, mit der Höflichkeit
einer entschwundenen Zeit, während er seine förmliche Verbeugung
wiederholte und Platz nahm.

„Ich erhielt gestern einen Brief von der Bank, Sir, mit der Nachricht,
daß eine neue Kunde -- oder Entdeckung --“

„Das Wort ist unwesentlich, Miß; eins ist so gut wie das andere.“

„-- in Bezug auf das kleine Vermögen meines armen Vaters -- den ich nie
gesehen habe -- der schon so lange todt ist --“

Mr. Lorry rückte in seinem Stuhle hin und her und warf einen
beunruhigten Blick nach der Procession von Mohren-Amoretten. Als ob sie
mit ihren albernen Körben Jemandem Hülfe bringen könnten!

„-- für mich eine Reise nach Paris nothwendig machte, um mich dort in
Einvernehmen mit einem Herrn von der Bank zu setzen, der zu diesem
Zwecke nach Paris unterwegs ist.“

„Das bin ich selbst.“

„Das dacht’ ich mir, Sir.“

Sie machte ihm einen Knix. (Junge Damen knixten damals noch.) Mit einem
sich hübsch ausdrückenden Wunsch ihn merken zu lassen, daß sie fühle,
wie viel älter und weiser er sei, als sie.

Er antwortete abermals mit einer Verbeugung.

„Ich antwortete der Bank, Sir, daß, da diejenigen, die es wissen, und
die so gütig sind, mir mit ihrem Rathe beizustehen, eine Reise nach
Frankreich für nothwendig hielten, ich, als eine Waise und ohne einen
Freund, der mich begleiten könnte, mich sehr verpflichtet fühlen würde,
wenn ich mich während der Reise unter den Schutz dieses würdigen Herrn
stellen dürfte. Der Herr war bereits von London abgereist, aber ich
glaube, ein Bote wurde ihm nachgeschickt, ihn um die Gefälligkeit zu
bitten, mich hier zu erwarten.“

„Mir ist das Glück zu Theil geworden,“ sagte Mr. Lorry, „mit dem
Auftrage betraut zu werden. Ich werde mich noch glücklicher schätzen,
ihn auszuführen.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir. Ich danke Ihnen auf das Herzlichste.
Man sagte mir auf der Bank, der Herr werde mir die Einzelnheiten des
Geschäfts auseinandersetzen und ich müßte mich darauf gefaßt machen,
etwas sehr Ueberraschendes zu hören. Ich habe mein Möglichstes gethan,
mich darauf vorzubereiten und bin natürlich sehr begierig, das Nähere
zu erfahren.“

„Natürlich,“ sagte Mr. Lorry. „Ja -- ich --“

Nach einer Pause setzte er hinzu, während er sich die flachsblonde
Perrücke über den Ohren zurecht rückte:

„Der Anfang ist sehr schwer.“

Er fing nicht an, sondern begegnete in seiner Unentschiedenheit ihrem
Blick. Die jugendliche Stirn nahm wieder jenen eigenthümlichen Ausdruck
an -- aber er war nicht blos eigenthümlich, sondern auch hübsch und
charakteristisch -- und die Dame erhob die Hand, als ob sie mit einer
unwillkürlichen Bewegung einen vorübereilenden Schatten aufhielte.

„Habe ich Sie früher nie gekannt, Sir?“

„O nein,“ sagte Mr. Lorry, indem er die Hände mit einem ablehnenden
Lächeln ausbreitete.

Zwischen den Augenbrauen und gerade über dem Mädchennäschen, dessen
Umrisse so zart und fein waren, als man sich nur denken konnte,
vertiefte sich der Ausdruck, wie sie gedankenvoll auf dem Stuhle Platz
nahm, neben dem sie bisher gestanden hatte. Er beobachtete sie, wie sie
nachdachte, und fuhr in dem Augenblicke, wo sie wieder den Blick erhob,
fort:

„In Ihrem Adoptivvaterlande, glaube ich, kann ich nichts Besseres thun,
als Sie als eine junge englische Dame, Miß Manette anzureden?“

„Haben Sie die Güte, Sir!“

„Miß Manette, ich bin ein Geschäftsmann. Ich habe einen
Geschäftsauftrag auszuführen. Während Sie denselben anhören, bitte ich,
mich nur als eine Sprechmaschine zu betrachten, -- ich bin wahrhaftig
nicht viel mehr. Ich will Ihnen, mit Ihrer Erlaubniß, die Geschichte
eines unserer Kunden erzählen.“

„Geschichte!“

Er schien absichtlich das von ihr wiederholte Wort nicht zu verstehen,
als er eilig hinzusetzte: „Ja, von einem unserer Kunden; im
Banquiergeschäft nennen wir die Leute so, mit denen wir zu thun haben.
Er war ein französischer Herr; ein Gelehrter; ein Herr von vielen
Kenntnissen -- ein Arzt.“

„Nicht aus Beauvais?“

„Doch ja, aus Beauvais. Wie Monsieur Manette, Ihr Vater, war der Herr
aus Beauvais. Wie Monsieur Manette, Ihr Vater, hatte der Herr in Paris
großen Ruf und großes Ansehen. Ich hatte die Ehre, ihn dort zu kennen.
Wir standen in Geschäftsbeziehungen zu einander, aber in vertraulichen.
Ich war damals in unserm französischen Hause und zwar wohl -- ach,
schon seit zwanzig Jahren.“

„Damals -- darf ich fragen, wann das war, Sir?“

„Vor zwanzig Jahren, Miß. Er verheirathete sich mit einer englischen
Dame, für die ich mit als Vormund eintrat. Seine Angelegenheiten,
wie die Angelegenheiten vieler anderer französischer Herren und
französischer Familien, befanden sich ganz in Tellson’s Händen. In
einer ähnlichen Weise bin ich Vormund oder Curator in der einen oder
der andern Art für eine Menge, ach, eine Menge unserer Kunden gewesen.
Das sind reine Geschäftsverhältnisse, Miß; es ist keine Freundschaft
dabei, kein persönliches Interesse, kein Herz. Ich bin im Verlaufe
meines Geschäftslebens von Einem zum Andern gegangen, gerade wie ich
im Verlaufe meines Geschäftstages von einem unserer Kunden zum andern
gehe; mit Einem Worte, ich habe keine Gefühle; ich bin eine bloße
Maschine. Um fortzufahren --“

„Aber das ist meines Vaters Geschichte, Sir, und ich fange an zu
glauben,“ -- die merkwürdig nachdenkliche Stirne wendete sich ihm noch
nachdenklicher zu -- „daß, als ich als Waise zurückblieb, obgleich
meine Mutter meinen Vater nur zwei Jahre überlebte, Sie mich nach
England gebracht haben. Ich bin fast überzeugt, daß Sie es waren.“

Mr. Lorry nahm das zögernde Händchen, das sich ihm vertrauend
entgegenstreckte und drückte es mit einiger Förmlichkeit an seine
Lippen. Er führte die junge Dame dann wieder nach ihrem Stuhle, blieb
hinter demselben stehen, die Stuhllehne mit der linken Hand fassend und
die Rechte abwechselnd gebrauchend, um sich das Kinn zu streichen, die
Perrücke an den Ohren zurechtzurücken, oder seinen Worten Nachdruck zu
geben, und sah hernieder in ihr Gesicht, während sie zu dem seinigen
hinaufschaute.

„Miß Manette, ich weiß. Und Sie werden anerkennen, wie wahr ich
vorhin gesprochen habe, als ich sagte, ich hätte keine Gefühle und
alle Beziehungen, in denen ich zu meinen Mitmenschen stehe, seien
reine Geschäftsbeziehungen, wenn Sie bedenken, daß ich Sie seitdem
nie gesehen habe. Nein; Sie sind seitdem das Mündel von Tellsons Haus
gewesen und ich war seitdem in andern Geschäften von Tellsons Haus
beschäftigt. Gefühle! Ich habe keine Zeit und keine Gelegenheit dazu.
Ich verbringe mein ganzes Leben, Miß, mit dem Drehen einer ungeheuren
geldmachenden Drehrolle.“

Nachdem Mr. Lorry diese seltsame Beschreibung der täglichen Routine
seines Geschäftslebens gegeben, drückte er seine flachsblonde Perrücke
mit beiden Händen auf dem Kopfe fest, -- was ganz unnöthig war, denn
Nichts konnte fester und glatter sitzen, als die Perrücke -- und nahm
seine frühere Stellung wieder ein.

„Soweit also, Miß, wie Sie richtig bemerkt haben, wäre dies die
Geschichte Ihres vielbeklagten Vaters. Aber jetzt kommt der
Unterschied. Wenn Ihr Vater nicht gestorben wäre, als er starb --
erschrecken Sie nicht! wie Sie auffahren!“

Sie fuhr in der That auf. Und sie faßte seine Hand mit ihren beiden
Händen krampfhaft.

„Bitte,“ sagte Mr. Lorry in besänftigendem Tone, indem seine linke Hand
die Stuhllehne losließ und sich auf die bittenden Finger legte, welche
sich so heftig zitternd an ihn anklammerten. „Bitte, beruhigen Sie sich
-- eine reine Geschäftssache -- wie ich eben sagte.“

Der Ausdruck ihres Blickes brachte ihn so außer Fassung, daß er inne
hielt und erst nach einer verlegenen Pause wieder anfing:

„Wie ich eben sagte -- wenn Monsieur Manette nicht gestorben wäre;
wenn er plötzlich und spurlos verschwunden wäre; wenn man ihn entführt
hätte; wenn es schwer gewesen wäre, zu errathen, nach welchem
schrecklichen Ort, obgleich der größte Scharfsinn keine Spur von ihm
entdecken konnte; wenn er unter seinen Landsleuten irgend einen Feind
hatte, welcher ein Vorrecht ausüben konnte, von dem zu meiner Zeit
die kühnsten Leute drüben kaum in einem Flüstern zu sprechen wagten
-- z. B. das Vorrecht, unterzeichnete Verhaftsbefehle mit jedem Namen
nach Belieben auszufüllen und den so Verhafteten auf jede beliebige
Zeit der Vergessenheit eines Kerkers anheimzugeben; wenn seine Frau
den König, die Königin, den Hof, die Geistlichkeit um Nachrichten von
ihm angefleht hätte und Alles vergeblich; -- dann wäre die Geschichte
Ihres Vaters die Geschichte dieses unglücklichen Herrn, des Arztes von
Beauvais.“

„Ich bitte Sie angelegentlichst, mir mehr zu sagen, Sir.“

„Ich werde gleich fortfahren. Können Sie es ertragen?“

„Ich kann Alles eher ertragen, als die Ungewißheit, in der Sie mich
jetzt lassen.“

„Sie sprechen gefaßt und Sie sind wirklich gefaßt. Das ist gut!“
Obgleich sich in seinen Worten viel mehr Beruhigung aussprach, als in
seinen Mienen. „Eine reine Geschäftssache. Betrachten Sie es als eine
reine Geschäftssache -- als eine Sache, die abgewickelt werden muß.
Wenn die Gattin dieses Arztes, obgleich eine Dame von großem Muthe und
starkem Charakter, unter diesem Unglück so schwer gelitten hätte, ehe
ihr Kind geboren ward --“

„Das Kind war eine Tochter, Sir.“

„Eine Tochter. Eine -- eine reine Geschäftssache. Beunruhigen Sie sich
nicht, Miß, wenn die arme Dame vor der Geburt ihres Kindes so schwer
gelitten hätte, daß sie zu dem Entschlusse kam, das arme Kind mit der
Erbschaft nur des kleinsten Theils der Folter zu verschonen, deren
Qual sie gekannt hatte, indem sie die Tochter in dem Glauben erzog, ihr
Vater sei gestorben -- nein, knien Sie nicht! In des Himmels Namen,
knien Sie nicht vor mir.“

„Die Wahrheit. O guter, lieber Herr, wenn Sie ein Herz haben, die
Wahrheit!“

„-- reine Geschäftssache. Sie bringen mich ganz in Verwirrung, und
wie kann ich eine Geschäftssache verhandeln, wenn ich in Verwirrung
bin? Wir müssen ruhig und kaltblütig bleiben. Wenn Sie z. B. jetzt
gütigst sagen wollten, wie viel neun mal neun Pence sind oder wieviel
Schillinge zwanzig Guineen geben, so würde das für mich sehr erfreulich
sein. Ich würde dann viel ruhiger sein über Ihren Gemüthszustand.“

Ohne unmittelbar diese Ansprache zu beantworten, saß sie so still, als
er sie sehr sanft aufgehoben hatte, und die Hände, welche immer noch
krampfhaft die seinigen umklammerten, zitterten so viel weniger, als
vorhin, daß sich Mr. Jarvis Lorry etwas beruhigter fühlte.

„So ist’s recht, so ist’s recht. Muth! Geschäft! Sie haben ein Geschäft
zu verrichten; ein nützliches Geschäft. Miß Manette, Ihre Mutter machte
das so mit Ihnen. Und als sie starb -- ich glaube an gebrochenem Herzen
-- nachdem sie nie müde geworden war, ihre vergeblichen Nachforschungen
nach Ihrem Vater fortzusetzen, ließ sie Sie, ein zweijähriges Kind,
zurück, daß Sie zu einer blühenden, schönen und glücklichen Jungfrau
heranwüchsen, ohne die düstere Sorge, in beständiger Ungewißheit zu
leben, ob Ihr Vater bald im Gefängniß verkümmerte oder lange, lange
Jahre traurig dahinsiechte.“

Wie er diese Worte sprach, blickte er mit bewunderndem Mitleid auf das
reiche, goldene Haar herab, als ob er bei sich dächte, daß es schon
mit Grau durchzogen sein könnte. „Sie wissen, daß Ihre Eltern nicht
sehr reich waren und daß das, was sie hatten, Ihrer Mutter und Ihnen
gesichert wurde. Geld oder anderes Vermögen ist nicht entdeckt worden,
aber --“

Er fühlte, daß die Händchen sich krampfhafter schlossen und hielt inne.
Der Ausdruck auf der Stirn, der seine Aufmerksamkeit so sehr auf sich
gezogen hatte, hatte sich zu einem Ausdruck der Seelenqual und des
Schreckens vertieft.

„Aber er -- er ist gefunden worden. Er lebt. Sehr verändert, wie nur zu
wahrscheinlich ist; möglicherweise nur ein traurigster Rest von dem,
was er war, obgleich wir das Beste hoffen wollen. Aber er lebt doch
noch. Ihr Vater hat eine Zuflucht in dem Hause eines alten Dieners
in Paris gefunden und dorthin gehen wir: ich, um ihn womöglich zu
identificiren; Sie, um ihn dem Leben, der Liebe, der häuslichen Pflege
und dem häuslichen Glück wiederzugeben.“

Ein Schauer überlief ihren Körper und ging auf ihn über. Sie sagte mit
leiser, deutlicher, von feierlichem Grauen gedämpfter Stimme, als ob
sie es in einem Traume sagte:

„Ich soll seinen Geist sehen! Es wird sein Geist sein -- nicht er
selbst!“

Mr. Lorry rieb in stiller Fassung die Hände, welche sich an seinen
Arm klammerten. „So, so! Nur ruhig, nur ruhig! Sie wissen jetzt das
Beste und das Schlimmste. Sie sind unterwegs zu dem armen Dulder und
bei glücklicher See- und Landreise werden Sie bald an seiner geliebten
Seite sein.“

Sie wiederholte mit derselben, von feierlichem Grauen gedämpften
Stimme. „Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen, aber sein Geist hat
mich nie heimgesucht!“

„Nur noch Eins,“ sagte Mr. Lorry, mit besonderem Nachdruck, um damit
in wohlthuender Weise ihre Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken;
„man hat ihn unter einem andern Namen gefunden; sein eigener ist
seit langer Zeit vergessen oder verborgen gehalten worden. Es wäre
schlimmer als nutzlos, danach zu forschen; schlimmer als nutzlos,
zu fragen, ob er selbst seit Jahren vergessen oder absichtlich als
Gefangener festgehalten wurde. Es wäre schlimmer als nutzlos, jetzt
überhaupt Nachforschungen anzustellen, weil es gefährlich wäre. Besser
kein Wort weiter von der Sache zu sagen und ihn wenigstens auf einige
Zeit aus Frankreich zu entfernen. Selbst ich, so sicher ich als ein
Engländer bin und selbst Tellsons, so wichtig sie für den französischen
Credit sind, vermeiden, die Sache nur mit Einem Worte zu erwähnen.
Ich habe auch kein Zettelchen Schriftliches, was sich darauf bezieht,
bei mir. Es ist ganz und gar eine Sendung im geheimen Dienst. Meine
Beglaubigungsschreiben, Notizen und Aufzeichnungen sind alle in der
Einen Zeile zusammengefaßt „Wiederauferstanden“; was sonst wer weiß was
sagen kann. Aber was ist das! Sie hört kein Wort! Miß Manette!“

Ganz regungslos und stumm und nicht einmal in ihren Stuhl
zurückgesunken saß sie gänzlich gefühllos da, mit offenen und auf ihn
gehefteten Augen und mit dem letzten Ausdruck auf ihrer Stirn wie
eingeschnitten, oder wie eingebrannt. So krampfhaft hielt sie noch
seinen Arm umklammert, daß er aus Furcht, ihr wehe zu thun, gar nicht
wagte, sich von ihr los zu machen; deshalb rief er, ohne sich zu
bewegen, laut um Hülfe.

Eine wild aussehende Frau, von der Mr. Lorry sogar in seiner Aufregung
bemerkte, daß sie über und über roth war und rothes Haar hatte, und
nach einer merkwürdigen, knapp anliegenden Mode gekleidet war und auf
ihrem Kopf einen höchst wunderbaren Hut hatte, ungefähr von der Form
eines hölzernen Metzenmaßes, oder eines großen Stiltonkäses, kam der
Bedienung des Wirthshauses ein gut Stück voraus in das Zimmer gelaufen
und schlichtete bald die Frage seiner Loslösung von der armen jungen
Dame dadurch, daß sie eine muskulöse, sonnenverbrannte Hand auf seine
Brust legte und ihn mit einem Schub an die nächste Wand warf.

(„Ich denke wirklich, das muß ein Mann sein!“ sagte Mr. Lorry athemlos
bei sich, während er an die Wand flog.)

„Wo habt ihr denn die Augen!“ herrschte diese Gestalt die Bedienung
des Gasthauses an. „Warum lauft ihr nicht und holt das Nöthige,
anstatt hier zu stehen und mich anzustarren? Ich bin doch nichts so
Merkwürdiges? Warum lauft ihr nicht und holt, was nöthig ist? Ihr sollt
es schon kriegen, wenn ihr nicht auf der Stelle Riechsalz, kaltes
Wasser und Essig bringt, und rasch!“

Sofort zerstreute sich die Dienerschaft, um diese Wiederbelebungsmittel
herbeizuschaffen und sie legte sanft die Kranke auf ein Sopha und
behandelte sie mit großer Geschicklichkeit und Zärtlichkeit. Sie nannte
sie nur „mein Schäfchen!“ und „mein Täubchen!“ und breitete mit großem
Stolz und großer Sorglichkeit ihr goldnes Haar auf ihren Schultern aus.

„Und Sie Brauner da!“ sagte sie, sich voller Zorn gegen Mr. Lorry
wendend; „konnten Sie ihr nicht, was Sie ihr zu sagen hatten, sagen,
ohne sie zum Tod zu erschrecken? Sehen Sie sie nur an, mit ihrem
hübschen blassen Gesichtchen und ihren kalten Händen. Nennen Sie das
ein Banquier sein?“

Mr. Lorry kam so ganz außer Fassung durch eine so schwierig zu
beantwortende Frage, daß er nur von Weitem mit viel schwächerer
Theilnahme und Demuth zusehen konnte, während die starke Frau, nachdem
sie die Dienerschaft des Gasthauses durch die geheimnißvolle Androhung
„es sie kriegen zu lassen,“ wenn sie neugierig und unthätig dablieben,
davongescheucht hatte, durch ihre geschickten Bemühungen die Jungfrau
nach und nach wieder zu sich brachte und zuletzt liebkosend ihr mattes
Haupt an ihren Busen legte.

„Ich hoffe, sie wird sich jetzt erholen,“ sagte Mr. Lorry.

„Sie Braunem hat sie’s nicht zu danken, wenn sie sich wieder erholt.
Mein Herzensschatz!“

„Ich hoffe,“ sagte Mr. Lorry, nach einer neuen Pause schwacher
Theilnahme und Demuth, „daß Sie Miß Manette nach Frankreich begleiten?“

„Sehr wahrscheinlich, nicht wahr?“ entgegnete die starke Frau. „Wenn
es jemals beabsichtigt gewesen wäre, daß ich über’s Salzwasser gehen
sollte, glauben Sie dann, daß die Vorsehung mir meine Heimath auf einer
Insel angewiesen hätte?“

Da dies eine andere schwer zu beantwortende Frage war, so zog sich Mr.
Jarvis Lorry zurück, um sie sich zu überlegen.



Fünftes Kapitel.

Der Weinschank.


Ein großes Faß Wein war auf die Straße gefallen und geplatzt. Der
Unfall war beim Abladen geschehen; das Faß war mit großer Raschheit
heruntergerollt, die Reifen waren gesprungen und es lag auf dem
Pflaster, unmittelbar vor der Thür des Weinschanks, zertrümmert wie
eine zerknackte Nuß.

Alle Leute der Nachbarschaft hatten ihre Beschäftigung oder ihr
Nichtsthun unterbrochen, um herbeizueilen und den Wein zu trinken.
Das holprige, aus unregelmäßigen Steinen zusammengesetzte Pflaster
der Straße, das mit seinen nach allen Seiten gerichteten Spitzen, wie
man hätte meinen sollen, ausdrücklich bestimmt war, jedes lebendige
Wesen, das ihnen zu nahe kam, lahm zu machen, hatte den Wein in kleine
Pfützen vertheilt; und um diese standen, je nach der Größe, größere
oder kleinere Gruppen. Einige Männer knieten nieder, schöpften mit
beiden zusammengehaltenen Händen die Flüssigkeit auf, und schlürften
oder versuchten es, Frauen, die sich über ihre Achseln vorbeugten,
von dem Getränk mitzutheilen, ehe es ganz durch die Finger lief.
Andere Männer und Weiber tauchten in die Pfützen halbzerbrochene
Obertassen oder sogar Kopftücher der Weiber, die dann in dem Munde von
Säuglingen trocken ausgequetscht wurden; andere legten kleine Dämme
von Straßenschlamm an, um den Wein aufzuhalten; andere, von aus hohen
Fenstern Zuschauenden benachrichtigt, schossen hierhin und dorthin,
um kleinen Nebenströmen, die sich neue Richtungen eröffneten, den Weg
abzuschneiden; noch andere widmeten sich den von Wein gesättigten und
von Weinhefen gefärbten Dauben des Fasses und leckten oder zerkauten
selbst die am meisten durchfeuchteten Bruchstücke mit heißer Begierde.
Ein Abzugscanal, um den Wein ablaufen zu lassen, war nicht vorhanden,
aber dennoch ward er vollständig aufgeschlürft, freilich mit einer
tüchtigen Portion Straßenkoth vermischt.

Gellendes Lachen und fröhliches Plaudern -- Stimmen von Frauen,
Männern und Kindern durch einander -- durchschallte die Straße, so
lange dieser Weinscherz dauerte. Es war wenig Rohheit in dem Spiele
und viel gute Laune. Es war etwas besonders Gemüthliches darin, eine
sichtliche Neigung bei einem Jeden, sich zu einem Andern zu gesellen,
was vorzüglich bei den Glücklichern oder Leichtblütigern zu lustigen
Umarmungen, Händeschütteln und selbst Reihentänzen von einem Dutzend
auf einmal führte. Als der Wein aufgetrunken war und die Stellen, wo er
am reichlichsten geflossen hatte, von Fingern mit einem Gittermuster
durchzogen waren, hörten diese Demonstrationen ebenso plötzlich auf,
als sie angefangen hatten. Der Holzmacher, der seine Säge in dem
Brennholz, das er sägte, hatte stecken lassen, setzte sie wieder in
Bewegung; die Frau, die auf einer Hausthürstufe den Topf mit heißer
Asche hatte stehen lassen, mit dem sie versucht hatte, ihre abgezehrten
Hände oder Füße oder die ihres Kindes zu erwärmen, kehrte zu ihm
zurück; Männer mit nackten Armen, verwirrten Locken und leichenfarbigen
Gesichtern, die aus Kellern an das Wintertageslicht getreten waren,
suchten wieder ihre unterirdischen Wohnungen auf und ein Düster
verbreitete sich über die Umgebung, das ihr natürlicher zu sein schien,
als Sonnenschein.

Der Wein war Rothwein gewesen und hatte das Pflaster der engen Straße
in der Vorstadt St. Antoine in Paris, wo er vergossen worden, gefärbt.
Er hatte viele Hände und viele Gesichter und viele bloße Füße und
viele Holzschuhe gefärbt. Die Hand des Holzmachers ließ rothe Zeichen
auf den Scheiten, die er zersägte, zurück; und die Stirn der Frau,
die ihr Kind säugte, war gefärbt von dem alten Fetzen, den sie sich
wieder um den Kopf gewickelt hatte. Die gierig an den Dauben des
Fasses genagt hatten, hatten einen tigerhaften Blutmund; und ein so
beschmierter langer Lustigmacher, dessen Kopf mehr außerhalb eines
langen schmutzigen Sackes von einer Nachtmütze saß, als darin, malte
mit seinem in die schmutzigen Weinhefen getauchten Finger an eine Wand
-- ~Blut~.

Die Zeit war im Anzuge, wo auch dieser Wein auf dem Pflaster verspritzt
werden und die Flecken desselben manchen Stein röthen sollten.

Und jetzt, wo das Düster sich wieder über St. Antoine sammelte,
welches ein rasch vorübergehender Sonnenschein von seinem heiligen
Gesicht verjagt hatte, wurde die Finsterniß gar schwer und Kälte,
Schmutz, Krankheit, Unwissenheit und Mangel waren die Kammerherren,
die den hohen Heiligen bedienten -- lauter Edelleute von großer Macht,
vornehmlich aber der letztgenannte. Musterstücke von einem Volke, das
sich ein schreckliches Mahlen und wieder Mahlen in der Mühle hatte
gefallen lassen, aber gewiß nicht in der märchenhaften Mühle, welche
Alte wieder zu Jungen macht, standen vor Frost schüttelnd an jeder
Ecke, gingen in jedem Thorweg aus und ein, sahen aus jedem Fenster
heraus, flatterten in jedem Lumpenkleid, das der Wind in Bewegung
setzte. Die Mühle, welche sie zu Schanden gemahlen hatte, war die
Mühle, welche junge Leute alt mahlt; die Kinder hatten alte Gesichter
und ernste Stimmen; und auf den Gesichtern der Erwachsenen und tief
eingeprägt in jeder Falte des Alters war das Wort Hunger zu lesen. Es
herrschte überall vor. Hunger ragte aus den hohen Häusern hervor in den
jämmerlichen Kleidungsstücken, die auf Stangen und Stricken hingen;
Hunger war in die Häuser selbst mit Stroh und Lumpen und Holz und
Papier geflickt; Hunger wiederholte jedes Stückchen des Bettelrestes
Brennholz, welches der Holzmacher zersägte. Hunger stierte hernieder
von den rauchlosen Schornsteinen und sprang empor von der schmutzigen
Straße, unter deren Kehricht sich kein Abfall von etwas Eßbarem
befand. Hunger war die Firma des Bäckerladens, niedergeschrieben von
jedem kleinen Laib seines kärglichen Vorraths von schlechtem Brod
und in dem Wurstladen von jeder Zubereitung von Hundefleisch, das zum
Verkauf angeboten ward. Der Hunger klapperte mit seinen dürren Knochen
unter den Kastanien, die in dem Blechcylinder geröstet wurden; Hunger
wurde in kleine Theilchen in jeden Dreierteller Suppe, in winzigen
Kartoffelstückchen, geröstet von ein Paar widerwilligen Tropfen Oel,
hinein geschnitten.

Seine Heimath war in allen Dingen für ihn geeignet. Eine enge, krumme
Straße, voll ekelhaften Schmutz und Gestank, von der andere enge krumme
Straßen ausliefen, alle bevölkert von Lumpen und Nachtmützen, und alle
nach Lumpen und Nachtmützen riechend, und alle sichtbaren Dinge von
einem unheimlich brütenden Aussehen, das Unheil ahnen ließ. In der
abgehetzten Miene des Volkes lauerte noch ein Raubthiergedanke auf die
Möglichkeit, sich gegen den Verfolger zu stellen. Obgleich die Leute
gedrückt und gedemüthigt waren, fehlte es doch auch nicht an feurigen
Augen unter ihnen; noch an zusammengepreßten Lippen, weiß von dem, was
sie niederdrückten; oder an Stirnen, mit langen Runzeln, ähnlich den
Galgenstricken, von denen sie träumten, als Dulder oder als Rächer.
Die Schilder (und es gab deren fast so viele, als Läden waren) lauter
schauerliche Bilder der Noth. Der Fleischer malte nur die magersten
Knochenenden; der Bäcker die gröbsten, allerwinzigsten Brode. Die
rohgemalten Zecher in den Weinläden raisonnirten über ihr knappes
Maaß dünnen Weins oder Biers, und flüsterten unheimlich vertraulich
mit einander. Nichts war in gutem und blühendem Zustande dargestellt,
als Werkzeuge und Waffen; die Messer und Beile des Messerschmieds
waren scharf und funkelnd, die Hämmer des Schmieds waren schwer
und die Vorräthe des Büchsenmachers mörderisch. Die lahmmachenden
Steine des Pflasters mit ihren vielen kleinen Pfützen von Schlamm und
Wasser duldeten keine Bürgersteige, sondern gingen bis unmittelbar
an die Hausthüren. Um das wieder gut zu machen, lief die Gosse die
Mitte der Straße herab, wenn sie überhaupt lief, was aber nur nach
schwerem Regen geschah, und dann lief sie mit vielen launenhaften und
unberechenbaren Stößen in die Häuser. Quer über die Straße hingen in
weiten Zwischenräumen schwerfällige Laternen an einem Strick und einem
Flaschenzuge; Nachts, wenn der Laternenwärter diese heruntergelassen
und angezündet und wieder hinaufgewunden hatte, wackelte eine Reihe
düster brennender Dochte in schwächlicher, Schwindel erregender Weise
hoch oben, als ob sie auf dem Meere wären. Und sie waren auch wirklich
auf dem Meere und das Schiff und seine Mannschaft war von einem
schweren Sturme bedroht.

Denn die Zeit war im Anzuge, wo die abgezehrten Vogelscheuchen dieser
Region dem Laternenmann in ihrem Nichtsthun und ihrem Hunger so lange
zugesehen hatten, daß sie auf den Gedanken kamen, seine Methode zu
verbessern und an diesen Stricken und Flaschenzügen Menschenkinder
hinaufzuwinden, um ein grelles Licht auf die Finsterniß ihres Zustandes
zu werfen. Aber gekommen war die Zeit noch nicht, und jeder Wind, der
über Frankreich wehte, setzte vergebens die Lumpen der Vogelscheuchen
in Bewegung, denn die Vögel, gar schön von Gesang und Gefieder, ließen
sich nicht warnen.

Der Weinschank lag an einer Ecke und war seinem äußeren Ansehen und
seinen Gästen nach besser als die meisten andern, und der Herr des
Weinschanks stand in gelber Weste und grünen Beinkleidern vor seiner
Thür und sah dem Kämpfen um den verschütteten Wein zu. „S’ist nicht
meine Sache,“ sagte er zuletzt mit einem Achselzucken. „Die Leute vom
Markt haben’s verschüttet. Sie mögen ein anderes Faß bringen.“

Jetzt fielen seine Augen zufällig auf den langen Lustigmacher, der
seinen Spaß an die Wand schrieb und er rief ihm über die Straße zu:
„Heda, Gaspard, was machst Du da?“

Der Bursche wies mit prahlerischer Bedeutsamkeit, wie es Leute seines
Gelichters oft machen, auf seinen Witz. Aber er verfehlte sein Ziel
und machte gar keinen Eindruck, wie es ebenfalls oft Leuten seines
Gelichters geht.

„Was soll das heißen? Bist Du ein Candidat für’s Irrenhaus?“ sagte der
Weinwirth, indem er auf die andere Seite der Straße ging und den Witz
mit einer Hand voll Straßenschlamm, nach dem er sich zu diesem Zwecke
gebückt, auslöschte und überstrich. „Warum schreibst Du auf offener
Straße? Giebt es keinen andern Ort, um solche Worte zu schreiben, he?“

Während er so sprach, ließ er seine andere, reine Hand (vielleicht
zufällig, vielleicht nicht) auf das Herz des Spaßmachers fallen. Der
Spaßmacher schlug mit seiner Hand darauf, machte einen hurtigen
Luftsprung und kam wieder auf die Beine in einer phantastischen
Tänzerstellung, den einen seiner Schuhe, den er beim Springen vom Fuße
geschleudert, in der Hand und vor sich ausgestreckt haltend. Unter
diesen Umständen nahm er sich wie ein Spaßmacher von äußerst, um nicht
zu sagen grausam, praktischem Charakter aus.

„Ziehe ihn wieder an, ziehe ihn wieder an,“ sagte der Andere. „Nenne
Wein, Wein und mache der Sache ein Ende.“ Mit diesem Rath wischte er
sich seine schmutzige Hand auf dem Aermel des Spaßmachers ab -- ganz
überlegt, da er sich die Hand seinetwegen beschmutzt hatte; und ging
dann wieder über die Straße und trat in die Weinschenke.

Dieser Weinwirth war ein kriegerisch aussehender Mann von dreißig
Jahren mit einem Stiernacken, der heißes Blut haben mußte, denn
obgleich es bitter kalt war, hatte er doch keinen Rock an, sondern
hatte ihn über die Schulter geworfen. Auch die Hemdärmel hatte er
aufgestreift und die braunen Arme waren bis an die Ellbogen bloß.
Ebenso wenig trug er auf dem Kopfe etwas Anderes, als sein eigenes
kurzgelocktes und kurzgeschnittenes, schwarzes Haar. Er war überhaupt
ein schwarzer Mann mit guten Augen und einer guten offenen Breite
zwischen ihnen. Im Ganzen von gutmüthigem, aber auch unerbittlichem
Aussehen; offenbar ein Mann von starkem Entschluß und festem Willen;
ein Mann, dem man nicht begegnen möchte, wenn er durch einen engen
Paß, mit einem Abgrund an jeder Seite, eilt, denn Nichts würde ihn zum
Umkehren bewegen.

Madame Defarge, seine Frau, saß im Laden hinter dem Ladentisch, als
er eintrat. Madame Defarge war eine wohlbeleibte Frau von ungefähr
demselben Alter wie er, mit einem aufmerksamen Auge, das selten
etwas Bestimmtes anzusehen schien, einer großen, mit vielen Ringen
geschmückten Hand, einem gefaßten Gesicht, starken Zügen und großer
Ruhe im Benehmen. Aus dem Aussehen der Madame Defarge war man geneigt
zu prophezeien, daß sie sich sehr selten in den Rechnungen, die sie zu
besorgen hatte, zu ihrem Schaden irrte. Da Madame Defarge empfindlich
gegen Kälte war, war sie in Pelz eingewickelt und hatte einen großen
bunten Shawl um den Kopf gewunden, der aber immer noch ihre großen
Ohrringe sehen ließ. Ihr Strickzeug lag vor ihr, aber sie hatte es
weggelegt, um sich mit einem Zahnstocher die Zähne zu stochern. So
beschäftigt und den rechten Ellbogen in die linke Hand gestützt, sagte
Madame Defarge Nichts, als ihr Eheherr eintrat, sondern ließ nur ein
kaum hörbares Husten vernehmen. Dies und das kaum eine Linie breite
Emporziehen ihrer scharfgezeichneten schwarzen Augenbrauen sagten ihrem
Manne, daß er gut thun würde, sich im Laden unter den Gästen nach
etwaigen neuen Gästen umzusehen, welche gekommen waren, während er
draußen auf der Straße gestanden hatte.

Der Weinwirth ließ demgemäß seine Blicke umherschweifen, bis sie
auf einem ältlichen Herrn und einer jungen Dame haften blieben, die
in einer Ecke saßen. Auch noch andere Gesellschaft war da: zwei
Kartenspieler, zwei Dominospieler, drei, die am Ladentisch standen
und einen kleinen Rest Wein zögernd austranken. Als er hinter den
Ladentisch trat, bemerkte er, daß der ältliche Herr mit einem Blick zu
der jungen Dame sagte. „Das ist unser Mann.“

„Was zum Teufel wollt ihr in dieser Galeere!“ sagte Monsieur Defarge zu
sich; „ich kenne euch nicht.“

Aber er stellte sich, als ob er die beiden Fremden nicht beachtete
und ließ sich mit den drei Gästen, die am Ladentisch tranken, in ein
Gespräch ein.

„Wie geht es, Jacques?“ sagte einer von den Dreien zu Monsieur Defarge.
„Ist der verschüttete Wein alle aufgetrunken?“

„Bis auf den letzten Tropfen, Jacques“, antwortete Monsieur Defarge.
Als die Beiden mit diesem Austausch der Taufnamen fertig waren, ließ
Madame Defarge, die sich immer in den Zähnen stocherte, ein anderes
kaum hörbares Husten vernehmen und zog ihre Augenbrauen um eine andere
Linienbreite in die Höhe.

„Nur selten,“ sagte der Zweite von den Dreien zu Monsieur Defarge,
„haben diese elenden Lastthiere Gelegenheit, den Geschmack von Wein,
oder von etwas Anderem als schwarzem Brod und Tod kennen zu lernen.
Nicht wahr, Jacques?“

„Freilich, Jacques,“ entgegnete Monsieur Defarge.

Bei diesem zweiten Austausch des Taufnamens ließ Madame Defarge, immer
noch mit ruhigster Fassung ihren Zahnstocher gebrauchend, wieder einen
kaum hörbaren Husten vernehmen und zog ihre Augenbrauen noch um eine
Linie empor.

Der Letzte von den Dreien kam jetzt an die Reihe, zu sprechen, wie er
das leere Glas hinsetzte und mit den Lippen schmatzte.

„Ach, um so schlimmer! Ewig haben diese armseligen Lastthiere einen
bittern Geschmack im Maule und ein beschwerliches Leben müssen sie
führen. Nicht wahr, Jacques?“

„Freilich, Jacques“, war die Antwort Monsieur Defarge’s.

Dieser dritte Austausch des Taufnamens war eben vollzogen, als Madame
Defarge den Zahnstocher weglegte, die Augenbrauen noch weiter in die
Höhe zog und sich kaum merklich auf ihrem Stuhl bewegte.

„Ja so! Richtig!“ brummte der Mann vor sich hin. „Meine Herren -- meine
Frau --“

Die drei Gäste zogen vor Madame Defarge die Hüte ab und machten einen
Kratzfuß. Sie nahm die Huldigung durch ein Neigen des Kopfes an und
warf einen raschen Blick auf sie. Dann sah sie sich wie zufällig einmal
im Laden um und nahm mit großer Ruhe und Fassung ihr Strickzeug her und
vertiefte sich ganz in dasselbe.

„Guten Tag, meine Herren!“ sagte ihr Mann, der sie mit seinem hellen
Auge aufmerksam beobachtet hatte. „Das möblirte Zimmer für ledige
Herren, das Sie zu sehen wünschten und nach dem Sie sich erkundigten,
als ich hinausging, ist im fünften Stock. Der Thorweg zur Treppe ist
in dem kleinen Hofe, dicht nebenan, links -- er wies mit seiner Hand
nach dieser Richtung -- gleich bei dem Fenster meines Ladens. Aber ich
besinne mich jetzt, Einer von Ihnen ist schon dort gewesen und kann
den anderen Herren den Weg zeigen. Leben Sie wohl, meine Herren!“

Sie bezahlten ihren Wein und verließen den Laden. Die Augen Monsieur
Defarge’s beobachteten seine Frau beim Stricken, als der ältliche Herr
aus seiner Ecke hervorkam und ihn um ein paar Worte bat.

„Sehr gern“, sagte Monsieur Defarge und trat ohne Weiteres mit ihm an
die Thür.

Ihre Unterredung war sehr kurz, aber sehr entschieden. Fast bei
dem ersten Worte fuhr Monsieur Defarge auf und zeigte die tiefste
Aufmerksamkeit. Es hatte noch keine Minute gedauert, so nickte er und
ging hinaus. Der Herr winkte dann der jungen Dame und auch sie ging
hinaus. Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und unbeweglichen
Augenbrauen und sah Nichts.

Als Mr. Jarvis Lorry und Miß Manette in dieser Weise die Weinschenke
verlassen hatten, gesellten sie sich Monsieur Defarge in dem Thorweg
bei, nach welchem er soeben erst die anderen Gäste gewiesen hatte.
Es war der Ausgang eines stinkenden, kleinen, finstern Hofes und der
allgemeine Zugang zu einer großen Häusermasse, in der eine Unzahl Leute
wohnte. In dem dämmerdunkeln, mit Ziegeln gepflasterten Eingang zu der
dämmerdunkeln, mit Ziegeln gepflasterten Treppe ließ sich Monsieur
Defarge auf ein Knie vor dem Kinde seines alten Herrn nieder und
drückte ihre Hand an seine Lippen. Es war ein sanftes Beginnen, aber
durchaus nicht sanft gethan; binnen wenigen Secunden war eine sehr
merkwürdige Umwandlung mit ihm vorgegangen. Es war keine Gutmüthigkeit
oder Offenheit mehr in seinem Gesicht zu sehen, sondern er war ein
heimlicher, zorniger, gefährlicher Mann geworden.

„Es ist sehr hoch und schwer zu steigen. Besser, wir fangen langsam
an,“ so sprach Monsieur Defarge in hartem Tone zu Mr. Lorry, wie sie
anfingen, die Treppe zu ersteigen.

„Ist er allein?“ flüsterte Letzterer.

„Allein! Gott helfe ihm, wer sollte bei ihm sein?“ entgegnete der
Andere in demselben gedämpften Tone.

„Er ist also immer allein?“

„Ja.“

„Nach eigenem Wunsch?“

„Aus eigener Nothwendigkeit. Wie er damals war, als ich ihn zuerst sah,
nachdem sie mich aufgefunden und gefragt hatten, ob ich ihn zu mir
nehmen und auf meine Gefahr verschwiegen sein wollte -- so ist er jetzt
noch.“

„Hat er sich sehr verändert?“

„Verändert!“

Der Weinwirth blieb stehen, um mit der Hand an die Mauer zu schlagen
und einen fürchterlichen Fluch auszusprechen. Eine directe Antwort
hätte nicht denselben Eindruck gemacht. Mr. Lorry’s Gemüth fühlte sich
immer gedrückter, wie er und seine beiden Gefährten höher und höher
stiegen.

Eine solche Treppe mit ihren Beigaben in dem ältern und stärker
bevölkerten Theile von Paris wäre jetzt schlimm genug; aber damals war
sie für ungewohnte und nicht abgehärtete Sinne geradezu abscheulich.
Jede kleine Wohnung in diesem großen schmutzstrotzenden Haufen von
einer hohen Gebäudemasse -- das will sagen, das Zimmer oder die
Zimmer innerhalb jeder Thür, die sich auf die allgemeine Treppe
öffnete -- ließ ihrem eigenen Kehrichthaufen auf ihren eigenen
Treppen Platz, außer daß sie noch andern Kehricht zum Fenster
hinauswarfen. Die dadurch erzeugte, gar nicht mehr zu beherrschende
und hoffnungslose Fäulnißmasse hätte die Luft verpestet, selbst wenn
Armuth und Entbehrung sie nicht mit ihren unfaßbaren Unreinigkeiten
erfüllt hätten; diese beiden bösen Quellen im Verein machten sie
fast unerträglich. Durch eine solche Atmosphäre, einen steilen,
dunklen Schacht voll Schmutz und Gift hinauf, führte der Weg. Seiner
eigenen und seiner jungen Gefährtin Aufregung nachgebend, die mit
jedem Augenblicke größer wurde, machte Mr. Jarvis Lorry zweimal Halt,
um zu rasten. Bei jedem dieser Ruhepunkte öffnete sich ein enges
Fenstergitter, durch welches die wenigen guten Lüfte, die vielleicht
noch unverdorben vorhanden waren, zu entweichen und alle verdorbenen
und garstigen Dünste hereinzuschleichen schienen. Zwischen den
verrosteten Stäben konnte man in einzelnen Streifen den Anblick der in
wüster Unordnung übereinandergehäuften Gebäude erhaschen; und Nichts
im Bereich des Auges, das näher oder tiefer war, als die Spitzen der
beiden großen Thürme von Notredame, verrieth eine Spur von gesundem
Leben oder gedeihlicher Zukunft.

Endlich war die letzte Stufe der Treppe erreicht und sie ruhten zum
dritten Male aus. Noch eine Treppe, die noch steiler und schmäler
war, mußte erstiegen werden, ehe sie das Dachgeschoß erreichten. Der
Weinwirth, der immer ein Wenig vorausging, und immer auf der Seite, wo
sich Mr. Lorry befand, als ob er fürchtete, daß die junge Dame eine
Frage an ihn richten möchte, drehte sich hier um, fühlte in den Taschen
des Rockes herum, den er über die Achsel geworfen hatte, und brachte
einen Schlüssel heraus.

„Die Thür ist also verschlossen, Freund?“ sagte Mr. Lorry überrascht.

„Jawohl“, war die bitterernste Antwort Monsieur Defarge’s.

„Sie halten es für nothwendig, den Unglücklichen so einsam zu lassen?“

„Ich halte es für nothwendig, ihn einzuschließen.“ Monsieur Defarge
flüsterte es ihm, sich dichter an ihn andrängend, ins Ohr und zog
finster drohend die Stirne zusammen.

„Warum?“

„Warum! Weil er so lange eingeschlossen gelebt hat, daß er sich
fürchten -- wüthen -- sich in Stücke zerreißen -- sterben -- ich weiß
nicht, zu welchem Schaden kommen würde -- wenn man seine Thür aufließe.“

„Ist es möglich?“ rief Mr. Lorry aus.

„Ist es möglich?“ wiederholte Defarge mit Bitterkeit. „Ja, und in einer
schönen Welt leben wir, wenn es möglich ist und wenn viele andere
solche Dinge nicht nur möglich sind, sondern auch geschehen -- wirklich
geschehen! -- Unter diesem Himmel, und zwar jeden Tag. Lange lebe der
Teufel! Vorwärts!“

Dieses Zwiegespräch war in so leisem Flüstern gehalten worden,
daß kein Wort davon das Ohr der jungen Dame erreicht hatte. Aber
sie zitterte jetzt von so starker Aufregung, und auf ihrem Gesicht
drückte sich so tiefe Seelenangst aus und vor Allem solches Grauen und
Entsetzen, daß Mr. Lorry sich verpflichtet fühlte, ihr mit ein paar
Worten Beruhigung zuzusprechen.

„Muth, liebe Miß! Muth! Geschäft! Das Schlimmste wird in einem
Augenblick vorbei sein. Wir brauchen blos die Zimmerthür hinter uns
zu haben und das Schlimmste ist vorbei. Dann fängt alles Gute, aller
Trost, alles Glück an, das Sie ihm bringen. Unser guter Freund hier
wird Sie auf der andern Seite unterstützen. So ist’s recht, Freund
Defarge. Nun vorwärts. Geschäft! Geschäft!“

Sie stiegen langsam und vorsichtig hinauf. Die Treppe war kurz
und sie waren bald auf der letzten Stufe. Weil sie sich dort kurz
wendete, standen sie auf einmal vor drei Männern, deren Köpfe dicht
nebeneinander an eine Thür herabgebeugt waren und die durch ein paar
Spalten oder Löcher in der Wand mit gespannter Aufmerksamkeit in das
Zimmer blickten, zu welchem die Thür gehörte. Als sie dicht hinter
sich Fußtritte vernahmen, drehten sich die Drei um, richteten sich auf
und ließen sich als die drei Gäste Eines Namens erkennen, die unten im
Weinschank getrunken hatten.

„Ueber der Ueberraschung Ihres Besuches habe ich sie ganz vergessen“,
erklärte Monsieur Defarge. „Geht jetzt, Ihr guten Freunde, wir haben
Geschäfte hier.“

Die Drei glitten an ihnen vorüber und gingen still hinunter.

Da keine andere Thür auf diesem Flur zu erblicken war und der Besitzer
der Weinschenke gerade auf diese eine zuging, als sie wieder allein
waren, fragte ihn Mr. Lorry halblaut mit einiger Schärfe:

„Lassen Sie Monsieur Manette wie eine Merkwürdigkeit sehen?“

„Ich zeige ihn in der Weise, wie Sie gesehen haben, einigen wenigen
Auserwählten.“

„Ist das gut?“

„Ich glaube, es ist gut.“

„Wer sind die Wenigen? Wie wählen Sie sie aus?“

„Ich wähle sie als echte Männer meines Namens -- Jacques ist mein Name
--, denen das Schauspiel wahrscheinlich nützlich sein wird. Genug; Sie
sind Engländer; das ist etwas Anderes. Warten Sie gefälligst hier einen
Augenblick.“

Mit einer sie zum Zurückbleiben mahnenden Geberde bückte er sich und
guckte durch einen Spalt in der Mauer. Bald richtete er sich wieder auf
und schlug zwei- oder dreimal an die Thür -- offenbar zu keinem andern
Zweck, als ein Geräusch zu machen. In derselben Absicht strich er drei-
oder viermal mit dem Schlüssel darüber, ehe er ihn mit derber Hand in
das Schloß stieß und so geräuschvoll als möglich umdrehte.

Die Thür ging langsam nach innen auf, er blickte in das Zimmer hinein
und sagte Etwas. Eine schwache Stimme gab eine Antwort zurück. Wenig
mehr als eine einzige Silbe konnte von beiden Seiten gesprochen worden
sein.

Er blickte über die Achsel zurück und winkte den beiden Anderen,
einzutreten. Mr. Lorry umschlang die Tochter fest mit seinen Armen und
hielt sie; denn er fühlte, daß sie zusammensinken werde.

„Eh -- Eh -- Eh -- Geschäft -- Geschäft!“ sprach er ihr zu, mit einer
Feuchtigkeit auf den Wangen, die durchaus nicht geschäftsmäßig war.
„Treten Sie ein, treten Sie ein!“

„Ich fürchte mich“, antwortete sie zusammenschauernd.

„Wovor? Vor wem?“

„Ich meine vor ihm. Vor meinem Vater.“

Durch ihren Zustand und durch die Mahnungen seines Führers
gewissermaßen zur Verzweiflung gebracht, legte er den Arm, der auf
seiner Schulter zitterte, sich um den Hals, hob sie empor und trug sie
in das Zimmer. Er setzte sie gleich innerhalb der Thür wieder hin und
unterstützte sie, während sie sich an ihn anklammerte.

Defarge zog den Schlüssel aus dem Schlosse, machte die Thür zu,
verschloß sie inwendig, zog den Schlüssel wieder heraus und behielt
ihn in der Hand. Alles dies that er methodisch und mit so lautem und
klirrendem Lärm, als ihm hervorzubringen nur möglich war. Zuletzt ging
er mit schwerem Tritt quer über die Stube nach dem Fenster hin. Dort
blieb er stehen und drehte sich um.

Die Dachkammer, zu einer trockenen Niederlage für Brennholz und
Aehnliches bestimmt, war eng und dunkel. Denn das Fenster, ein
Giebelfenster, war eigentlich eine Thür im Dache mit einem Krahnbalken
darüber, um das Holz von der Straße heraufzuwinden, ohne Glasscheiben
und in der Mitte mit zwei Flügeln schließend, wie andere Thüren nach
französischer Einrichtung. Um die kalte Luft hinauszusperren, war
der eine Flügel dieser Thür fest zugeschlossen und der andere stand
nur ein ganz klein Wenig auf. Ein so dürftiges Licht ward auf diese
Weise hereingelassen, daß es beim ersten Hereintreten schwierig war,
überhaupt Etwas zu sehen, und nur lange Gewohnheit konnte langsam in
einem Menschen die Fähigkeit ausbilden, in solcher Dunkelheit eine die
Augen in Anspruch nehmende Arbeit zu verrichten. Und doch wurde Arbeit
dieser Art in der Dachkammer verrichtet; denn mit dem Rücken gegen
die Thür und mit dem Gesicht nach dem Fenster, von wo der Besitzer
des Weinschankes ihm zusah, saß ein Mann mit weißem Haar auf einer
niedrigen Bank, über einen Schuh gebückt, an dem er fleißig nähte.



Sechstes Kapitel.

Der Schuhmacher.


„Guten Tag!“ sagte Monsieur Defarge, indem er auf den weißen Kopf
herabsah, der sich tief auf den Schuh herabbückte.

Er hob sich für einen Augenblick und eine sehr schwache Stimme
beantwortete den Gruß, als ob sie aus der Ferne käme:

„Guten Tag!“

„Ich sehe, Sie arbeiten immer noch angestrengt.“

Nach einer langen Pause hob der Kopf sich wieder und die Stimme
antwortete. „Ja -- ich arbeite.“ Diesmal hatten ein Paar hohle Augen
den Fragenden angeblickt, ehe das Gesicht sich wieder senkte.

Die Tonlosigkeit der Stimme war Mitleid erregend, und schrecklich.
Es war nicht die Tonlosigkeit physischer Schwäche, obgleich lange
Einsperrung und karge Kost jedenfalls ihren Theil daran hatten.
Ihre beklagenswerthe Eigenthümlichkeit war, daß es die Tonlosigkeit
der Einsamkeit und des Nichtgebrauchs war. Sie war wie das letzte
schwache Echo eines vor langer, langer Zeit erklungenen Tones. So
ganz vollständig hatte er das Leben und das Metall der menschlichen
Stimme verloren, daß er auf die Sinne denselben Eindruck machte,
wie eine ehedem schöne Farbe, die zu einem kaum sichtbaren fahlen
Flecken verblichen ist. So fahl und dumpf war sie, daß sie wie
eine unterirdische Stimme klang. So deutlich sprach sie von einem
hoffnungslosen und verlorenen Wesen, daß ein verhungerter Reisender,
vom langen einsamen Wandern in einer Wüste erschöpft, sich an Heimath
und Freunde in einem solchen Tone erinnert haben würde, ehe er sich zum
Sterben hinlegte.

Einige Minuten stiller Arbeit waren verstrichen und die hohlen Augen
hatten wieder aufgeschaut: nicht mit irgend einer Theilnahme oder
Neugier, sondern mit einer stumpfen, mechanischen Wahrnehmung, daß die
Stelle, wo der einzige Besuch, von dem sie Etwas wußten, gestanden
hatte, noch nicht leer sei.

„Ich möchte etwas mehr Licht herein lassen,“ sagte Defarge, der seinen
Blick nicht von dem Schuhmacher abgewendet hatte. „Sie können noch
etwas mehr ertragen?“

Der Schuhmacher hielt in seiner Arbeit inne; schaute dann mit dem
leeren Blick eines Menschen, der Worte vernimmt, ohne sie zu verstehen,
auf den Fußboden auf der einen Seite neben sich nieder; dann ebenso auf
die andere Seite; dann sah er den Sprechenden an.

„Was sagten Sie?“

„Sie können etwas mehr Licht ertragen?“

„Ich muß es ertragen, wenn Sie es hereinlassen.“ Er legte den
schwächsten Schatten eines Nachdrucks auf das zweite Wort.

Der geöffnete Flügel wurde noch ein Wenig mehr geöffnet und alsdann
befestigt. Ein breiter Streifen Licht fiel in die Dachkammer und
zeigte den Arbeiter, mit einem halbfertigen Schuh auf dem Schooße, in
seiner Beschäftigung innehaltend. Sein Arbeitszeug und verschiedene
Stückchen Leder lagen auf dem Fußboden und auf der Bank. Er hatte
einen weißen Bart, unordentlich geschnitten, aber nicht sehr lang,
hohle Wangen und ausnehmend glänzende Augen. Die Hohlheit seiner
Wangen und die Abgezehrtheit seines Gesichts hätten die Augen unter
seinen noch dunkeln Augenbrauen und seinem wirren, weißen Haar groß
aussehen lassen, wenn sie wirklich anders gewesen wären; aber sie
waren von Natur groß und sahen jetzt unnatürlich groß aus. Das gelbe,
zerrissene Hemd war vorn auf der Brust offen und zeigte, wie abgezehrt
und ausgemergelt sein Körper war. Er selbst und seine alte Jacke von
Segeltuch und seine herabhängenden Strümpfe und alle seine armseligen
Fetzen von Kleidern waren in der langen Absperrung von Tageslicht
und Tagesluft zu einer so stumpfen Eintönigkeit von Pergamentgelb
verblichen, daß es schwer war, eines von dem andern zu unterscheiden.

Er hielt die eine Hand zwischen seine Augen und das Licht, und sogar
die Knochen derselben schienen durchsichtig zu sein. So saß er da mit
starrem, leerem Blick und hatte seine Arbeit unterbrochen. Er sah die
vor ihm stehende Gestalt nie an, ohne vorher auf die eine und dann auf
die andere Seite neben sich auf den Fußboden zu blicken, als ob er die
Gewohnheit verloren, Oertlichkeit und Ton mit einander in Verbindung
zu bringen; er sprach niemals, ohne zu vergessen, erst auf diese Weise
zerstreut herumzuschweifen und zu sprechen.

„Wollen Sie heute noch die Schuhe fertig machen?“ fragte Defarge und
winkte Mr. Lorry, vorzukommen.

„Was sagten Sie?“

„Wollen Sie diese Schuhe heute noch fertig machen?“

„Ich kann nicht sagen, daß ich es will. Ich glaube. Ich weiß nicht.“

Aber die Frage erinnerte ihn an seine Arbeit und er bückte sich wieder
über dieselbe.

Mr. Lorry trat jetzt geräuschlos vor, ließ aber die Tochter an der
Thür. Als er eine oder zwei Minuten lang neben Defarge gestanden hatte,
blickte der Schuhmacher auf. Er verrieth kein Erstaunen über den
Anblick einer zweiten Gestalt, aber die unruhigen Finger einer seiner
Hände bewegten sich wie bewußtlos nach seinen Lippen, wie er den neuen
Ankömmling ansah (seine Lippen und seine Nägel waren von derselben
blassen Bleifarbe), und dann sank die Hand auf die Arbeit herab, und er
bückte sich wieder über den Schuh. Der Blick und die Handlung hatten
nur einen Augenblick in Anspruch genommen.

„Sie haben Besuch, wie Sie sehen,“ sagte Monsieur Defarge.

„Was sagten Sie?“

„Hier ist Besuch.“

Der Schuhmacher blickte wie vorhin auf, aber ohne eine Hand von der
Arbeit zu entfernen.

„Hören Sie doch!“ sagte Defarge. „Hier ist Monsieur, der einen
gutgemachten Schuh zu beurtheilen versteht, wenn er einen sieht. Zeigen
Sie ihm den Schuh, an dem Sie arbeiten. Nehmen Sie ihn, Monsieur.“

Mr. Lorry nahm den Schuh.

„Sagen Sie Monsieur, was für ein Schuh es ist und wie der Verfertiger
heißt.“

Es folgte eine längere Pause, als gewöhnlich, ehe der Schuhmacher
antwortete.

„Ich vergesse, was Sie mich gefragt haben. Was sagten Sie?“

„Ich sagte, können Sie nicht, um Monsieur zu unterrichten, näher
beschreiben, was das für ein Schuh ist?“

„Es ist ein Damenschuh. Es ist ein Promenadenschuh für eine junge Dame.
Er ist nach der neuesten Mode. Ich habe die Mode nie gesehen. Ich habe
ein Muster in der Hand gehabt.“ Er blickte mit einer vorübergehenden,
leisen Regung von Stolz nach dem Schuh hin.

„Und wie heißt der Verfertiger?“ fragte Defarge.

Jetzt, wo seine Hände von keiner Arbeit in Anspruch genommen waren,
legte er die Knöchel der rechten in die Hohle der linken, und dann die
Knöchel der linken in die Hohle der rechten und strich dann mit einer
Hand sich den Bart und so in regelmäßiger Aufeinanderfolge weiter, ohne
einen Augenblick Unterbrechung.

Die Aufgabe, ihn aus der Gedankenlosigkeit herauszureißen, in welche er
stets versank, nachdem er gesprochen hatte, war ziemlich dieselbe, wie
wenn man einen sehr Schwachen aus einer Ohnmacht zu erwecken hat oder
sich bemüht, in der Hoffnung, noch Etwas zu entdecken, die Seele eines
rasch Sterbenden aufzuhalten.

„Fragten Sie mich nach meinem Namen?“

„Ja, freilich.“

„Einhundert und Fünf, Nordthurm.“

„Weiter Nichts?“

„Einhundert und Fünf, Nordthurm.“

Mit einem matten Ton, der kein Seufzer und kein Gestöhn war, bückte er
sich wieder über seine Arbeit, bis das Schweigen abermals gebrochen
ward.

„Sie sind kein gelernter Schuhmacher?“ fragte Mr. Lorry, indem er ihn
mit festem Blicke ansah.

Seine hohlen Augen wendeten sich auf Defarge, als wollte er diesem die
Frage übertragen; aber da keine Hülfe von dorther kam, wendeten sie
sich wieder auf den Fragenden zurück, nachdem sie erst den Fußboden
gesucht hatten.

„Ob ich ein gelernter Schuhmacher bin? Nein, ich war kein gelernter
Schuhmacher. Ich -- ich habe es hier gelernt. Ich habe es mir selbst
gelehrt. Ich frug um Erlaubniß --“

Er bekam wieder seinen Anfall von Zerstreuung, der mehrere Minuten
dauerte und während dessen er ganz wie vorhin mit den Händen spielte.
Endlich wendeten sich seine Augen wieder langsam dem Gesichte zu, von
dem sie abgeschweift waren; als sie wieder darauf ruhten, zuckte er
zusammen und fing die abgebrochene Rede wieder an, ungefähr wie ein
eben Aufwachender auf einen Gegenstand von voriger Nacht zurückkommt.

„Ich fragte um Erlaubniß, es mir lehren zu dürfen und ich erhielt sie
nach langer Zeit und nach vielen Schwierigkeiten und ich habe seitdem
fortwährend Schuhe gemacht.“

Wie er die Hand nach dem Schuh ausstreckte, den man ihm abgenommen
hatte, sagte Mr. Lorry zu ihm, während er ihn immer noch fest ansah:

„Monsieur Manette, können Sie sich meiner nicht entsinnen?“

Der Schuh fiel dem Gefragten aus der Hand und dieser sah dem Fragenden
starr in’s Gesicht.

„Monsieur Manette;“ Mr. Lorry legte seine Hand auf Defarge’s Arm;
„können Sie sich nicht auf diesen Mann besinnen? Sehen Sie ihn an.
Sehen Sie mich an. Dämmert keine Erinnerung an einen alten Banquier,
ein altes Geschäft, an einen alten Diener, an eine alte Zeit in Ihrem
Geiste auf, Monsieur Manette?“

Wie der viele Jahre Gefangengehaltene abwechselnd mit starrem Blick Mr.
Lorry und Defarge ansah, drängten sich allmälig einige lange verlöschte
Zeichen eines lebhaft denkenden Verstandes auf der Mitte der Stirn
durch den schwarzen Nebel, der sich auf ihn gesenkt hatte. Sie waren
wiederum überwölkt, sie waren schwächer, sie verschwanden; aber sie
waren dagewesen. Und genau so wiederholte sich der Ausdruck auf dem
schönen jugendlichen Gesicht der Tochter, die an der Wand sich nach
einer Stelle hingeschlichen, wo sie ihn erblicken konnte und von wo sie
ihn jetzt ansah, anfangs die Hände nur in entsetztem Mitleid erhoben,
wenn nicht gar, um ihn entfernt zu halten und sich vor dem Anblick zu
bewahren; aber jetzt, nach ihm ausgestreckt und vor heißer Inbrunst
zitternd, das gespensterhafte Gesicht an ihre warme junge Brust zu
legen und es durch Liebe dem Leben und der Hoffnung wiederzugewinnen
-- so genau wiederholte sich der Ausdruck (obgleich in deutlicherem
Gepräge) auf ihrem schönen jugendlichen Gesicht, daß es aussah, als ob
er wie ein sich bewegendes Licht sich von ihm auf sie verpflanzt hätte.

Dafür umfing ihn wieder Finsterniß. Er sah die Beiden immer weniger
aufmerksam an und seine Augen suchten in düsterer Zerstreuung den
Fußboden und blickten in der alten Weise um sich. Endlich nahm er mit
einem tiefen, langen Seufzer wieder seinen Schuh her und ging von Neuem
an seine Arbeit.

„Haben Sie ihn wiedererkannt, Monsieur?“ fragte Defarge halblaut.

„Ja; für einen Augenblick. Anfangs hielt ich es für ganz hoffnungslos,
aber ich habe ohne alle Frage auf einen einzigen Augenblick das Gesicht
gesehen, das ich früher so gut kannte. Still! Wir wollen weiter
zurücktreten. Still.“

Sie war von der Wand der Dachkammer ganz nahe an die Bank
herangetreten, auf der er saß. Es lag etwas Grauenhaftes in seinem
Nichtswissen von der Gestalt, die ihre Hand hätte ausstrecken und ihn
berühren können, wie er sich über die Arbeit bückte.

Kein Wort ward gesprochen, kein Geräusch gemacht. Sie stand wie ein
Geist neben ihm, und er bückte sich über seine Arbeit.

Endlich traf es sich zufällig, daß er das Werkzeug, das er in der Hand
hatte, mit seinem Schusterkneif vertauschen mußte. Er lag auf der Seite
der Bank, wo sie nicht stand. Er hatte ihn hergenommen und bückte sich
eben wieder, um fortzuarbeiten, als sein Blick auf den Saum ihres
Kleides fiel. Er blickte empor und sah ihr Antlitz. Die beiden Andern
wollten vorspringen, aber sie winkte ihnen mit einer Bewegung ihrer
Hand. Sie hatte keine Angst, daß er mit dem Messer nach ihr stoßen
könnte, obgleich sie so Etwas befürchteten.

Er starrte sie mit furchterfülltem Blick an und nach einiger Zeit
fingen seine Lippen an, einige Worte zu bilden, obgleich man keinen
Laut hörte. Allmälig hörte man ihn im Brausen seines keuchenden und
mühsamen Athmens sagen:

„Was ist das?“

Während die Thränen ihre Wangen herabströmten, drückte sie ihre beiden
Hände an seine Lippen und warf ihm Küsse zu; dann legte sie dieselben
auf ihrer Brust zusammen, als ob sie seinen alten, schwachen Kopf
dorthin legte.

„Ihr seid nicht des Kerkermeisters Tochter?“

Sie machte eine verneinende Bewegung.

„Wer seid Ihr?“

Da sie dem Tone ihrer Stimme noch nicht genug zutraute, setzte sie sich
auf die Bank neben ihn. Er wich zurück, aber sie legte die Hand auf
seinen Arm. Ein seltsamer Schauer durchzuckte ihn, wie sie dies that
und man sah, wie er ihn überlief; er legte das Messer sanft hin, wie er
sie anstierend dasaß.

Ihr goldnes Haar, welches sie in langen Locken trug, hatte sie hastig
zurückgestrichen und es fiel jetzt über ihre Achseln herab. Schüchtern
und zögernd streckte er die Hand danach aus, nahm einige Locken davon
und musterte sie forschend. Noch während er dies that, verfiel er
wieder in seine Zerstreuung und begann mit einem neuen tiefen Seufzer
wieder, an seinem Schuh zu arbeiten.

Aber nicht lange. Sie ließ seinen Arm los und legte die Hand auf seine
Schulter. Nachdem er zwei- oder dreimal zweifelnd danach geblickt,
als ob er sich vergewissern wollte, daß er wirklich dort sei, legte
er seine Arbeit weg, griff nach seinem Halse und nahm eine von Alter
geschwärzte Schnur mit einem zusammengefalteten Lappen davon ab. Er
machte das Packetchen sorgfältig auf seinem Knie auf und brachte den
Inhalt heraus; nur eine oder zwei lange goldene Haare, die er vor
langer, langer Zeit auf seinem Finger aufgewunden hatte.

Er nahm ihr Haar wieder in die Hand und betrachtete es aufmerksam. „Es
ist dasselbe. Wie ist dies möglich? Wo war das? Wie war das!“

Wie der sich zusammenfassende Ausdruck auf seine Stirn zurückkehrte,
schien er sich bewußt zu werden, daß er auch auf ihrem Antlitz lag. Er
drehte sie voll nach dem Lichte und schaute sie an.

„An jenem Abend, wo man mich hinausrief, hatte sie ihren Kopf auf meine
Schulter gelegt, -- sie war besorgt über mein Ausgehen, ich jedoch
nicht, -- und als man mich nach dem Nordthurm brachte, fanden sie diese
auf meinem Aermel. „Die werdet Ihr mir doch lassen? Sie können nie die
Flucht meines Leibes unterstützen, wohl aber die meines Geistes.“ Das
waren die Worte, die ich sprach. Ich erinnere mich ihrer noch recht
gut.“

Er bildete die Worte dieser Rede viele Male mit den Lippen, ehe er
sie aussprechen konnte. Als er aber laute Worte dafür fand, kamen sie
zusammenhängend, obgleich langsam.

„Wie war das? ~Wart Ihr’s~?“

Abermals wollten die beiden Zuschauer vorspringen, wie er sich mit
erschreckender Plötzlichkeit gegen sie wendete. Aber sie blieb ganz
ruhig sitzen, während er sie fest packte, und sagte nur mit gedämpfter
Stimme:

„Ich bitt’Euch, gute Herren, kommt uns nicht zu nahe, sprecht nicht,
bewegt Euch nicht.“

„Hört!“ rief er aus. „Wessen Stimme war das?“

Seine Hände ließen sie los, wie er diesen Schrei ausstieß und fuhren
in sein weißes Haar, welches sie in wilder Wuth zerrissen. Der Schrei
verklang wieder, wie Alles, außer seinem Schuhmachen, sich wieder
verlor, und er faltete das kleine Packet wieder zusammen und versuchte
es wieder um seinen Hals zu hängen; aber er sah sie immer noch an und
schüttelte trübe den Kopf.

„Nein, nein, nein; Ihr seid zu jung, zu blühend. Es kann nicht sein.
Seht, was der Gefangene geworden ist. Das sind nicht die Hände, die sie
hatte, das ist nicht das Gesicht, das sie kannte, diese Stimme hat sie
nie gehört. Nein, nein. Sie war -- und er war vor den langsamen Jahren
des Nordthurms -- Jahrhunderte vorher. Wie heißt Ihr, holder Engel?“

Seinen sanfteren Ton und sein gemildertes Wesen als ein glückliches
Zeichen begrüßend, sank die Tochter vor ihm auf die Knie und legte ihm
die flehenden Hände auf die Brust.

„O Herr, zu einer andern Zeit sollt Ihr meinen Namen erfahren und
wer meine Mutter war und wer mein Vater, und wie ich ihre traurige
Geschichte nie gekannt habe. Aber ich kann es Euch jetzt nicht sagen
und nicht hier. Alles, was ich hier und jetzt sagen darf, ist, daß ich
Euch bitte, Eure Hände auf mein Haupt zu legen und mich zu segnen.
Küsset mich, küsset mich! O mein Geliebtester!“

Ueber sein winterlich weißes Haupt fielen ihre goldenen Locken, die es
erwärmten und erleuchteten, als glänze das Licht der Freiheit auf ihn
nieder.

[Illustration: ~Der Schuhmacher.~]

„Wenn Ihr in meiner Stimme -- ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich
hoffe, es ist so -- wenn Ihr in meiner Stimme eine Erinnerung an eine
Stimme hört, die Euch einst wie liebliche Musik in’s Ohr klang, so
weinet darüber! Wenn Ihr beim Befühlen meines Haares Etwas fühlt, was
Euch an ein geliebtes Haupt erinnert, das an Eurer Brust lag, als Ihr
jung und frei war’t, so weinet darüber! Wenn ich durch das Hindeuten
auf ein Heimwesen, das unser harrt, ein Heimwesen, wo ich Euer mit
aller meiner Pflicht und all meinem treuen Dienst gewärtig sein will,
die Erinnerung an ein Heimwesen zurückbringe, das verödet blieb,
während Euer armes Herz verschmachtete, so weinet darüber!“

Sie hielt ihn fester umschlungen und wiegte ihn an ihrer Brust wie ein
Kind.

„Wenn ich Dir, Geliebtester, sage, daß Deine Qual vorbei ist, und daß
ich hergekommen bin, um Dich von hier zu erlösen und daß wir nach
England gehen, um in Frieden und Ruhe zu leben, und wenn ich dadurch in
Dir den Gedanken hervorrufe, daß Dein nützliches Leben mit so frecher
Hand brach gelegt worden ist und daß Dein heimathliches Frankreich
so grausam an Dir gehandelt hat, so weine darüber! Und wenn ich Dir
sage, wie ich heiße und Dir von meinem noch lebenden Vater und meiner
verstorbenen Mutter erzähle und Du erfährst dabei, daß ich vor meinem
geehrten Vater niederknien und ihn um Verzeihung flehen muß, weil ich
nie um seinetwegen den ganzen Tag lang gerungen und die ganze Nacht
gewacht und geweint habe, weil die Liebe meiner armen Mutter diese Qual
vor mir verbarg, so weine darüber! Beweine sie und beweine mich! Dankt
Gott, Ihr guten Herren! Ich fühle seine heiligen Thränen auf meinem
Gesicht und sein Schluchzen trifft mich in’s Herz. O seht! Dankt Gott
für uns, dankt Gott!“

Er war in ihre Arme gesunken und verbarg das Antlitz an ihrer Brust:
ein so rührender Anblick und doch so schrecklich in dem ungeheuren
Unrecht und Leiden, das vor ihm her gegangen war, daß die beiden
Zuschauer sich das Gesicht verhüllten.

Als die Stille der Dachkammer lange ungestört geblieben war und die
stürmisch bewegte Brust und erschütterte Gestalt endlich die Ruhe
gewonnen hatte, die allen Unwettern folgen muß -- für die Menschheit
ein Sinnbild der Ruhe und des Schweigens, in welche der Sturm, genannt
Leben, sich schließlich verlieren muß -- traten sie heran, um den
Vater und die Tochter vom Boden aufzuheben. Er war allmälig auf die
Ziegelflur gesunken und lag da in müder Halberstarrung. Sie hatte sich
neben ihn gesetzt, so daß sein Haupt auf ihrem Arm liegen konnte und
ihre langen Locken ihn wie ein Vorhang vor dem Lichte schützten.

„Wenn wir es,“ sagte sie und reichte ihre Hand Mr. Lorry, wie er sich
über sie beugte, nachdem er sich mehrere Male geräuschvoll die Nase
geputzt hatte, „ohne ihn zu stören, einrichten könnten, Paris sogleich
zu verlassen, so daß er gleich vor der Hausthüre von hier wegführe --“

„Aber, bedenken Sie. Wird die Reise gut für ihn sein?“ fragte Mr. Lorry.

„Gewiß besser, glaube ich, als hier in dieser Stadt zu bleiben, die so
schrecklich für ihn ist.“

„Es ist wahr,“ sagte Defarge, der neben dem Alten kniete und zuhörte.
„Mehr als das, es ist aus allen Gründen das Beste für Monsieur Manette,
wenn er nicht mehr in Frankreich ist. Soll ich einen Wagen und
Postpferde miethen?“

„Das ist Geschäft,“ sagte Mr. Lorry und nahm auf der Stelle seine
methodischen Manieren wieder an; „und wenn Geschäfte zu verrichten
sind, so ist es am besten, ich nehme sie in die Hand.“

„Dann haben Sie die Güte, uns hier zu verlassen,“ drang Miß Manette in
ihn. „Sie sehen, wie ruhig er geworden ist und Sie brauchen Nichts zu
besorgen, wenn Sie mich mit ihm allein lassen. Warum auch? Wenn Sie
die Thür zuschließen wollen, damit wir nicht gestört werden, bezweifle
ich nicht, daß Sie ihn bei Ihrer Rückkehr so ruhig finden, wie Sie ihn
verlassen haben. Jedenfalls will ich ihn unter meine Obhut nehmen, bis
Sie wiederkommen und dann wollen wir ihn sogleich fortschaffen.“

Sowohl Mr. Lorry wie Defarge waren nicht recht geneigt, auf diesen
Vorschlag einzugehen und hätten es lieber gesehen, wenn einer von ihnen
zurückgeblieben wäre. Aber da nicht nur Pferde und Wagen, sondern
auch Reisepapiere zu besorgen waren, und da die Zeit drängte, denn der
Tag neigte sich seinem Ende zu, so einigte man sich schließlich dahin,
die zu besorgenden Geschäfte zu theilen und fortzueilen, um sie zu
verrichten.

Dann, wie der Abend anbrach, legte die Tochter ihr Haupt auf den harten
Fußboden dicht neben ihren Vater und bewachte ihn. Die Finsterniß wurde
dichter und dichter, und sie lagen Beide still da, bis ein Licht durch
die Risse in der Mauer glänzte.

Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten Alles zur Reise fertig gemacht
und außer Reisemänteln und Umhüllungen Brod und Fleisch, Wein und
heißen Kaffee besorgt. Monsieur Defarge setzte Speisen und Getränke und
die Lampe, die er mitgebracht, auf die Schuhmacherbank (es war sonst
Nichts in der Dachkammer, als eine Bettmatratze), und er und Mr. Lorry
weckten den Gefangenen und halfen ihm auf die Beine.

Kein menschlicher Verstand hätte in dem scheuen, leeren Staunen seines
Gesichts die Geheimnisse seiner Seele lesen können. Ob er wußte, was
geschehen war, ob er sich besann, was sie zu ihm gesagt hatten, ob er
wußte, daß er frei war, das waren Fragen, die kein Scharfsinn hätte
lösen können. Sie versuchten, ihn anzureden, aber er war so verlegen
und so außerordentlich langsam im Antworten, daß sie über seine
Verwirrung besorgt wurden und übereinkamen, vor der Hand keine weiteren
Versuche mit ihm zu machen. Er hatte eine heftige scheue Art, den Kopf
in die Hände zu nehmen, die man früher nicht an ihm bemerkt hatte. Aber
der bloße Klang der Stimme seiner Tochter machte ihm einige Freude und
so oft sie sprach, wendete er sich nach ihr hin.

In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der seit Langem gewohnt ist,
dem Zwange zu gehorchen, aß und trank er, was sie ihm zu essen und zu
trinken gaben und legte den Mantel und die andern Umhüllungen an, die
sie ihm hinreichten. Er ließ sich es gern gefallen, daß seine Tochter
ihren Arm durch den seinigen zog und nahm und behielt ihre Hand in
seinen beiden Händen.

Sie fingen an hinabzusteigen; Monsieur Defarge voran mit der Lampe, Mr.
Lorry zum Schluß der kleinen Procession. Sie waren noch nicht viele
Stufen die lange Haupttreppe hinuntergekommen, als er stehen blieb und
das Dach und ringsum die Wände anstarrte.

„Du erinnerst dich des Ortes, Vater? Du erinnerst Dich, hierhergekommen
zu sein?“

„Was sagtest Du?“

Aber ehe sie die Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort,
als ob er sie wiederholt hätte.

„Mich erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht daran. Es ist so lange
Zeit her.“

Daß er nicht das Mindeste davon wußte, aus seinem Gefängniß nach
diesem Hause gebracht worden zu sein, war offenbar. Sie hörten ihn vor
sich hinmurmeln: Einhundert und Fünf, Nordthurm; und wenn er sich
umsah, suchte er sichtlich die starken Festungsmauern, die ihn so
lange eingeschlossen hatten. Als sie den Hof erreichten, veränderte er
instinktmäßig seinen Schritt, als erwartete er, auf eine Zugbrücke zu
treten; und als keine Zugbrücke kam und er den Wagen auf offener Straße
warten sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und griff wieder
nach dem Kopfe.

Es stand kein Gedränge um die Thür; man bemerkte Niemand an den vielen
Fenstern; nicht einmal ein zufällig Vorübergehender befand sich auf der
Straße. Eine unnatürliche Stille und Verlassenheit herrschten daselbst.
Nur Eine Seele war zu sehen und das war Madame Defarge, die gegen das
Thürgewände lehnte, strickte und Nichts sah.

Der Gefangene war in den Wagen gestiegen und seine Tochter war
ihm gefolgt, als Mr. Lorry’s Fuß auf dem Wagentritt von der mit
kläglicher Stimme vorgebrachten Bitte aufgehalten ward, ihm das
Schuhmacherhandwerkszeug und die halbfertigen Schuhe mitzugeben. Madame
Defarge rief sogleich ihrem Mann zu, daß sie sie holen wolle und ging
strickend aus dem Laternenschein durch den Hof. Sie brachte sie sehr
bald herüber und reichte sie hinein; -- und unmittelbar darauf lehnte
sie wieder am Thürgewände, strickte und sah Nichts.

Defarge stieg auf den Bock und sagte dem Postillon: „Nach der
Barrière!“ Der Postillon klatschte mit der Peitsche und sie rasselten
unter den trübe brennenden, über ihnen sich schaukelnden Laternen hin.

Unter den über ihnen sich schaukelnden Laternen -- die immer heller in
den bessern Straßen und immer trüber in den schlechtern Straßen sich
schaukelten -- und vorbei an hellerleuchteten Läden und Kaffeehäusern,
fröhlichem Menschengewühl und Theaterthüren nach einem der Thore der
großen Stadt. Soldaten mit Laternen standen dort an der Wache. „Ihre
Papiere!“ „Hier sind sie, Herr Offizier!“ sagte Defarge, indem er
abstieg und ihn ernst bei Seite nahm. „Das sind die Papiere des Herrn,
dem mit dem weißen Kopf. Sie sind mir mit ihm übergeben worden im --“
er ließ seine Stimme sinken -- die militärischen Laternen bewegten sich
aufgeregt, eine von ihnen streckte sich mit einem Arm in Uniform in den
Wagen hinein und die zu dem Arm gehörenden Augen sahen sich nicht mit
einem alltäglichen oder allnächtlichen Blick Monsieur mit dem weißen
Kopf an. „Es ist gut. Kann passiren!“ von der Uniform. „Adieu!“ von
Defarge. Und so unter einer bald zurückgelegten Allee von schwächer und
schwächer brennenden, sich oben schaukelnden Laternen hinaus unter den
großen Sternenhain.

Unter diesem Gewölbe unbeweglicher und ewiger Sonnen, einige so
entfernt von dieser kleinen Erde, daß die Gelehrten uns erzählen, es
sei zweifelhaft, ob ihre Strahlen sie bis jetzt als einen Punkt im
Weltenraume, wo Etwas gethan oder gelitten wird, entdeckt hätten, waren
die Schatten der Nacht breit und schwarz. Durch den ganzen, kalten,
ruhelosen Zwischenraum bis zum Tagen flüsterten sie abermals Mr. Jarvis
Lorry -- der dem begrabenen und wiederausgegrabenen Manne gegenüber
saß und darüber grübelte, was für geistige Kräfte ihm für immer
verloren gegangen und welche der Wiederherstellung fähig sein möchten
-- die alte Frage zu:

„Ich hoffe, Sie treten gerne wieder in’s Leben ein?“

Und die alte Antwort:

„Das weiß ich nicht.“



Zweites Buch.


Das goldene Haar.



Erstes Kapitel.

Fünf Jahre später.


Tellsons Bank am Tempelthor war ein altmodischer Ort, selbst im
Jahre 1780. Es war ein sehr kleines, sehr dunkles, sehr häßliches,
sehr unbequemes Local. Es war auch altmodisch in der moralischen
Eigenschaft, daß die Compagnons des Hauses stolz auf seine Kleinheit,
stolz auf seine Dunkelheit, stolz auf seine Häßlichkeit, stolz auf
seine Unbequemlichkeit waren. Sie rühmten selbst seine ausgezeichneten
Leistungen nach diesen Seiten hin und waren von der tiefen Ueberzeugung
erfüllt, daß, wenn weniger an ihm auszusetzen wäre, es weniger
respectabel wäre. Das war kein passiver Glaube, sondern eine active
Waffe, welche sie gegen bequemer eingerichtete Geschäftslocale
schwangen. „Tellsons (sagten sie) brauchen keinen Platz, um sich
umzudrehen, Tellsons brauchen kein Licht, Tellsons brauchen keine
Verschönerung. Das wäre vielleicht bei Noakes u. Comp. der Fall, oder
bei Snooks Gebrüder; aber bei Tellsons Gott sei Dank nicht!“

Jeder der Compagnons hätte seinen Sohn enterbt, wenn er sich
unterfangen hätte, von dem Umbau von Tellsons Local zu sprechen. In
dieser Hinsicht war es mit dem Hause ziemlich ebenso, wie mit dem
Lande, welches sehr oft seine Söhne enterbte, weil sie Verbesserungen
in Gesetzen und Gebräuchen vorschlugen, die seit Langem zu den größten
Uebelständen gezählt hatten, aber deshalb nur um so respectabler waren.

So war es gekommen, daß Tellsons Geschäftslocal die Alles übertreffende
Vollkommenheit der Unbequemlichkeit war. Nachdem man eine Thür von
blödsinniger Halsstarrigkeit mit einem schwachen Geröchel in der Kehle
aufgebrochen, fiel man zwei Stufen hinab in das Local selbst und
kam in einem elenden kleinen Laden mit zwei kleinen Zahltischen zur
Besinnung, wo in der Hand der ältesten Männer die Anweisung zitterte,
als ob der Wind sie bewegte, während sie die Unterschrift am trübsten
aller Fenster, das ein beständiges Regenbad von Schmutz von Fleetstreet
auszuhalten hatte und noch dunkler wurde durch das dicke, schwere
Eisengitter vor demselben und den dunkeln Schatten des Tempelthors,
besichtigten. Verlangte das Geschäft, „unser Haus“ zu sehen, so wurde
man in eine Art Carcerzelle hinten hinaus gebracht, wo man über ein
übelangewendetes Leben nachdachte, bis „unser Haus“, die Hände in den
Taschen, hereintrat und man ihn in dem unheimlichen Zwielicht kaum mit
blinzelnden Augen ansehen konnte.

Das Geld, das man bekam, hielt sich in wurmzerfressenen, alten,
hölzernen Schubkästen auf, von denen Theilchen in die Nase oder in die
Kehle kamen, wenn man sie auf- oder zumachte. Die Banknoten hatten
einen dumpfigen Geruch, als ob sie schleunigst wieder zu Lumpen
vermoderten. Das Silberzeug, das man dem Hause anvertraut hatte,
war in Kellern mitten unter Senkgruben untergebracht und schlechte
Ausdünstungen verdarben seine gute Politur in ein oder zwei Tagen.
Die Documente fanden ihren Aufenthalt in aus Küchen und Waschhäusern
extemporirten Archiven und schwitzten vor Verdruß sämmtliches Fett aus
ihren Pergamenten in die Luft des Contors hinaus. Die leichteren Kästen
mit Familienpapieren kamen eine Treppe hoch in einen geräumigen Saal,
in welchem immer eine große Speisetafel stand und nie ein Diner war und
wo selbst noch im Jahre 1780 die Erstlingsbriefe deiner alten Geliebten
oder deiner kleinen Kinder vor Kurzem erst von dem Schrecken erlöst
waren, durch die Fenster von den mit einer Abyssiniens oder Ashanties
würdigen sinnlosen Brutalität auf dem Tempelthor aufgesteckten Köpfen
beliebäugelt zu werden.

Aber freilich war damals vom Leben zum Tode bringen ein in allen
Gewerben und Ständen, und nicht am Mindesten bei Tellsons, sehr
beliebtes Recept. Der Tod ist das Heilmittel der Natur für alle Dinge,
und warum nicht auch das der Gesetzgebung? Demnach ward der Fälscher
hingerichtet; wer eine falsche Banknote ausgab, wurde hingerichtet;
wer einen Brief unrechtmäßig aufbrach, wurde hingerichtet; wer vierzig
Schilling und sechs Pence entwendete, wurde hingerichtet; der, dem
ein Pferd vor Tellsons Thür zum Halten übergeben worden und der sich
damit aus dem Staube machte, wurde hingerichtet; der Falschmünzer, und
hatte er nur einen falschen Schilling geprägt, wurde hingerichtet;
drei Viertheile von denen, welche die Töne in der ganzen Scala des
Verbrechens anschlugen, wurden hingerichtet. Nicht etwa, daß damit im
Mindesten dem Verbrechen vorgebeugt wurde -- man hätte fast behaupten
können, daß das Gegentheil der Fall war -- aber man wurde dadurch
wenigstens für diese Welt die Mühe und Beschwerde jedes einzelnen
Falles los und schnitt jede weitere damit verbundene Sorge ab. So
hatten Tellsons in ihrer Zeit, wie andere größere Geschäfte unter ihren
Zeitgenossen, so oft dem Halsabschneiden obgelegen, daß, wenn die davon
betroffenen Köpfe, anstatt im Stillen beseitigt zu werden, auf dem
Tempelthore aufgesteckt worden wären, sie wahrscheinlich das wenige
Licht, welches das Erdgeschoß hatte, in einer ziemlich bedeutsamen
Weise abgesperrt hätten.

In allerlei Ställe und unbegreifliche Winkel eingepfercht, besorgten
bei Tellsons die ältesten aller Männer das Geschäft mit ernster Würde.
Bekam ein junger Mann eine Stelle in Tellsons Londoner Geschäft, so
versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt wurde. Sie hoben ihn an einem
finstern Orte auf, gleich einem Käse, bis er den echten Tellsonduft und
-Schimmel bekommen hatte. Erst dann durfte er sich sehen lassen, mit
großer Brille über großen Büchern brütend und mit seinen Kniehosen und
Gamaschen die allgemeine Würde der Firma erhöhend.

Vor Tellsons -- nie, um keinen Preis darin, außer wenn er gerufen
-- hatte ein Mann seinen Posten, der als gelegentlicher Ausläufer
und zugleich als das lebendige Schild des Hauses diente. Während der
Geschäftsstunden war er nie abwesend, außer wenn er ausgeschickt
worden, und dann war er durch seinen Sohn vertreten, einen unheimlichen
Gnomen von zwölf Jahren, der sein Ebenbild war. Die Leute erzählten
sich, daß Tellsons von ihrer Höhe herab den Ausläufer duldeten. Das
Haus hatte immer Jemanden dieses Berufs geduldet und der Verlauf der
Zeit hatte diesen Mann an die Stelle gebracht. Sein Geburtsname war
Cruncher, und als er in kindlicher Unschuld durch Stellvertreter in
der ostwärts gelegenen Pfarrkirche von Houndsditch den Werken des
Teufels entsagt hatte, hatte man diesem Namen noch den Taufnamen Jerry
beigefügt.

Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hanging-Sword-alley,
Whitefriars; die Zeit halb acht Uhr an einem windigen Maimorgen _anno
Domini_ 1780. (Mr. Cruncher nannte das Jahr unseres Herrn immer
_Anna Domino_, offenbar in der Meinung, daß die christliche
Zeitrechnung von der Erfindung eines beliebten Spieles durch eine Dame,
welche demselben ihren Namen gegeben, beginne.)

Mr. Crunchers Zimmer lagen in keiner saubern Nachbarschaft und waren
blos zwei der Zahl nach, selbst wenn man eine Kammer mit einer einzigen
Glasscheibe als eins zählte. Aber sie waren sehr reinlich gehalten. So
früh es noch am windigen Maimorgen war, war doch das Zimmer, in welchem
er im Bett lag, ganz sauber gefegt; und der schwerfällige, hölzerne
Tisch, auf dem die zum Frühstück geordneten Tassen standen, war mit
einem sehr reinen, weißen Tuch überbreitet.

Mr. Cruncher ruhte unter einer Decke von bunten Musterflecken wie
ein Harlekin im Schooße seiner Familie. Anfangs schlief er fest, aber
allmälig fing er an, sich im Bette herumzuwälzen, bis er sich, das
starre Haar so spitz in die Höhe stehend, als ob es die Bettlaken in
lauter Streifen zerreißen müßte, langsam erhob. Als er das gethan, rief
er im Tone äußerster Entrüstung aus:

„Verdammt will ich sein, wenn sie’s nicht schon wieder thut!“

Eine Frau von ordentlichem und sauberm Aussehen stand mit Hast und
Aufregung genug, um zu zeigen, daß sie die Gemeinte war, vom Knien in
einer Ecke auf.

„Was!“ sagte Mr. Cruncher, und sah sich nach seinem Stiefel um. „Du
thust es schon wieder. -- Du?“

Nachdem er dem Morgen diesen zweiten Gruß geweiht hatte, warf er als
dritten einen Stiefel nach der Frau. Es war ein sehr schmutziger
Stiefel, der zugleich den Leser mit der merkwürdigen Thatsache aus
Mr. Crunchers häuslicher Einrichtung bekannt machen mag, daß er sehr
oft nach dem Schluß des Contors mit reinen Stiefeln nach Hause kam
und doch, wenn er nächsten Morgen aufstand, dieselben Stiefeln sehr
schmutzig vorfand.

„Na!“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er das Ziel verfehlt hatte -- „was
treibst Du denn eigentlich, Du Teufelscreatur?“

„Ich sagte nur mein Morgengebet her.“

„Sagt ihr Morgengebet her. Du bist mir eine Schöne! Was willst Du damit
sagen, daß Du Dich hinwirfst und gegen mich betest?“

„Ich bete nicht gegen Dich, ich bete für Dich.“

„Das ist nicht wahr. Und wenn es wahr wäre, so ließ ich mir es nicht
gefallen. Sieh, Jerry! Deine Mutter ist eine schöne Creatur, wirft sich
auf die Knie hin und betet gegen Deines Vaters Glück. Du hast eine gute
Mutter, mein Sohn. Du hast eine fromme Mutter, mein Sohn; rutscht auf
ihren Knien herum und betet, daß der liebe Gott dem eigenen, einzigen
Kinde Brod und Butter aus dem Munde nehmen möge!“

Der kleine Cruncher, der noch im Hemd war, nahm dies sehr übel und
verbat sich sehr ernstlich bei seiner Mutter, daß sie ihm Etwas von
seiner Leibesnahrung wegbete.

„Und was denkst Du denn, Du eingebildetes Geschöpf,“ sagte Mr. Cruncher
mit unbewußter Inconsequenz, „was Deine Gebete werth sind? Sag’ mir
einmal, wie hoch Du Deine Gebete anschlägst!“

„Sie kommen nur aus dem Herzen, Jerry. Mehr sind sie nicht werth.“

„Mehr sind sie nicht werth,“ wiederholte Mr. Cruncher. „Dann sind sie
nicht viel werth. Aber mag dem sein, wie ihm wolle, ich sage Dir, ich
lasse nicht gegen mich beten. Meine Mittel erlauben mir das nicht. Ich
will mich nicht durch Dein Winseln unglücklich machen lassen; wenn Du
auf den Knien herumrutschen willst, so thue es für Deinen Mann und
Dein Kind, und nicht gegen sie. Hätte ich nur nicht eine unnatürliche
Frau und dieser Junge nur nicht eine unnatürliche Mutter, so hätte ich
vorige Woche was verdient, anstatt daß mir Dein frommer Firlefanz nur
Unglück gebracht hat. Verdammt will ich sein!“ sagte Mr. Cruncher, der
sich während dieser ganzen Zeit angezogen hatte, „ob mich nicht theils
das Beten, theils das oder jenes verwünschte Ding für die ganze vorige
Woche in das ärgste Pech gebracht hat, das jemals ein armer Teufel von
einem ehrlichen Gewerbsmann gehabt hat. Jerry, zieh Dich an, Junge, und
während ich mir die Stiefeln putze, hab’ ein Auge auf die Mutter und
rufe mich, wenn sie wieder Lust zeigt, auf den Knien herumzurutschen.
Denn ich sage Dir,“ sprach er weiter zu der Frau gewendet, „ich lasse
mir’s in dieser Weise nicht gefallen. Ich bin so zusammengeschüttelt,
wie ein Fiakerwagen, ich bin so schläfrig, wie Laudanum, und meine
Gliedmaßen sind so überarbeitet, daß ich ohne die Schmerzen darin gar
nicht wüßte, welche mir und welche einem Andern gehörten, und doch habe
ich deshalb keinen Dreier mehr in der Tasche; und ich will wetten, Du
hast vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend Alles gethan, um zu
verhindern, daß Etwas in meine Tasche kommt, und ich lasse es mir nicht
gefallen, Du Höllenbraten! Und was sagst Du jetzt?“

Weiter machte sich nun sein Zorn mit halblautem Vorsichhinbrummen
Luft. „Ja, ja, jawohl! Und fromm bist Du auch. Du willst Dich dem
Wohlergehen Deines Mannes und Kindes widersetzen, Du? Wirklich?“ und
mit ähnlichen sarkastischen Aeußerungen widmete sich Mr. Cruncher
wieder dem Stiefelputzen und den allgemeinen Vorbereitungen für das
Tagesgeschäft. Unterdeß hatte sein Sohn, dessen Haupt mit etwas
kleineren eisernen Spitzen besetzt war und dessen junge Augen dicht bei
einander standen, wie die seines Vaters, seine Mutter, wie befohlen,
wachsam im Auge behalten. Er erschreckte diese arme Frau von Zeit zu
Zeit höchlichst dadurch, daß er aus einer Schlafkammer, wo er seine
Toilette machte, mit einem unterdrückten Ausruf. „Du willst schon
wieder ’rumrutschen, Mutter -- heda, Vater!“ herausgeschossen kam und,
nachdem er diesen falschen Lärm gemacht, mit einem unkindlichen Grinsen
wieder hineinschoß.

Mr. Crunchers Laune hatte sich nicht im Mindesten verbessert, als
er zum Frühstück kam. Er rügte mit besonderer Bitterkeit, daß Mrs.
Cruncher im Stillen ein Tischgebet sprach.

„Was, Du Höllenbraten! Was machst Du da? Fängst Du schon wieder an!“

Seine Frau entschuldigte sich, daß sie blos ein Tischgebet gesprochen.

„Das lässest Du bleiben!“ sagte Mr. Cruncher und sah um sich, als ob er
eher erwartete, das Brod in Folge des Gebets seiner Frau verschwinden
zu sehen. „Ich lasse mir’s nicht gefallen, aus Haus und Hof gebetet zu
werden, ich lasse mir das bischen Brod nicht vom Tische wegbeten. Daß
du mir’s bleiben lässest!“

Ausnehmend roth und grimmig um die Augen, als ob er die ganze Nacht
in einer Gesellschaft gewesen, die durchaus kein gemüthliches Ende
genommen, zerzauselte Jerry Cruncher sein Frühstück mehr, als daß er
es aß und knurrte dabei wie der vierfüßige Inwohner einer Menagerie.
Gegen neun Uhr legte sich sein borstiges Wesen etwas und mit einem so
respectabeln und geschäftsmäßigen Aeußern, als er über sein wahres Ich
decken konnte, ging er seiner Tagesbeschäftigung nach.

Es konnte kaum ein Gewerbe genannt werden, trotzdem daß er sich so gern
„einen ehrlichen Gewerbsmann“ nannte. Sein Geschäftscapital bestand in
einem hölzernen Sessel, verfertigt aus einem Stuhle, von dem man die
zerbrochene Lehne abgesägt hatte, welchen Sessel der junge Jerry, neben
seinem Vater herlaufend, jeden Morgen unter das Contorfenster zunächst
dem Tempelthore stellte, wo er mit Hinzufügung der ersten Hand voll
Strohs, das von einem vorübergehenden Wagen geraubt werden konnte, um
die Füße des Ausläufers vor Kälte und Nässe zu bewahren, den Lagerplatz
für den Tag bildete. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher in
Fleetstreet und im Tempel ebenso bekannt, wie das Thor selbst und fast
ebenso häßlich von Aussehen.

Ein Viertel vor neun Uhr auf seinem Posten eingetroffen, noch zur
rechten Zeit, um vor den ältesten Männern, wie sie zu Tellsons
hineingingen, grüßend an den dreieckigen Hut zu fassen, saß Jerry
an diesem windigen Maimorgen auf seinem Sessel und der junge Jerry
stand neben ihm, wenn er es nicht vorzog, Streifzüge durch das
Thor zu machen, um vorübergehenden Jungen, die klein genug zu
diesem liebenswürdigen Zweck waren, körperliches und geistiges Leid
schmerzlichster Art zuzufügen. Vater und Sohn, die sich einander
außerordentlich ähnlich sahen, hatten, wie sie schweigend dem Verkehr
in Fleetstreet zusahen und dabei ihre beiden Köpfe so nahe an einander
brachten, wie die Augen bei Beiden waren, eine merkwürdige Aehnlichkeit
mit ein Paar boshaften Affen. Die Aehnlichkeit wurde durch den
zufälligen Umstand nicht vermindert, daß der ältere Jerry Stroh zerbiß
und ausspuckte, während die beweglichen Augen des jungen Jerry ihn so
ruhelos beobachteten, wie alles Andere in Fleetstreet.

Einer der angestellten Ausläufer in Tellsons Contor steckte jetzt auf
einmal den Kopf durch die Thür und rief:

„Heda, Jerry!“

„Hurrah, Vater! das fängt heute Morgen frühzeitig mit der Arbeit an!“

Nachdem sein Vater in das Contor hineingetreten war, setzte sich der
junge Jerry auf den Stuhl, trat die Erbschaft des Strohs an, das sein
Vater zerkaut hatte und dachte nach:

„Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!“ brummte der junge Jerry
vor sich hin. „Wo kriegt mein Vater all den Rost her? Hier kriegt er
doch keinen Rost an die Finger?“



Zweites Kapitel.

Ein Schauspiel.


„Ihr seid jedenfalls in Old Bailey wohlbekannt?“ sagte einer der
ältesten Contordiener zu Jerry, dem Ausläufer.

„Ja--a, Sir!“ entgegnete Jerry in etwas mürrisch-stockender Weise. „Ich
~bin~ in Bailey bekannt.“

„Richtig. Und Ihr kennt Mr. Lorry?“

„Ich kenne Mr. Lorry viel besser, als Old Bailey, Sir, viel besser,“
sagte Jerry, fast wie ein widerwilliger Zeuge in dem fraglichen
Gerichtslocal, „viel besser, als ich, ein ehrlicher Gewerbsmann, Old
Bailey zu kennen wünsche.“

„Sehr gut. Sucht also die Thür, wo die Zeugen hineingehen und zeigt dem
Thürsteher dieses Billet für Mr. Lorry. Er wird Euch dann hineinlassen.“

„In den Saal, Sir?“

„In den Saal.“

Mr. Crunchers Augen schienen noch ein Wenig näher zusammenzurücken und
mit einander die Frage zu tauschen: Was denkst du davon?

„Habe ich im Saale zu warten, Sir?“ fragte er als Ergebniß dieser
Conferenz.

„Das will ich Euch gleich sagen. Der Thürsteher schickt das Billet
zu Mr. Lorry und Ihr macht Euch durch irgend eine Geberde Mr. Lorry
bemerklich und zeigt ihm, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter Nichts zu
thun, als zu warten, bis er Euch braucht.“

„Ist das Alles, Sir?“

„Das ist Alles. Er wünschte einen Boten bei der Hand zu haben. Durch
dieses Billet wird er benachrichtigt, daß Ihr da seid.“

Als der alte Handlungsdiener überlegsam das Billet zusammenbrach
und mit der Adresse versah, bemerkte Mr. Cruncher, nachdem er ihm
stillschweigend zugesehen, bis er zum Abtrocknen auf dem Löschpapier
kam:

„Es wird sich wohl heute um Fälschung handeln?“

„Um Hochverrath!“

„Da steht Viertheilen drauf. Barbarei!“

„Es ist Gesetz und Recht,“ bemerkte der alte Diener und sah ihn
überrascht durch die Brille an.

„S’ist hart vom Gesetz, einen Menschen zu verunstalten, meine ich. Es
ist hart genug, ihm das Leben zu nehmen, aber es ist sehr hart, ihn zu
verunstalten, Sir.“

„Ganz und gar nicht,“ entgegnete der alte Diener. „Sprecht gut vom
Gesetz. Tragt Sorge für Eure Brust und Eure Stimme, guter Freund, und
laßt das Gesetz für sich selber Sorge tragen. Den Rath gebe ich Euch.“

„S’ist die Nässe, Sir, die sich mir auf Brust und Stimme legt,“ sagte
Jerry. „Daran können Sie selbst sehen, auf welchem nassen Wege ich mir
mein tägliches Brod verdienen muß.“

„Schon gut, schon gut,“ sagte der alte Diener; „jeder hat seinen
eigenen Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Manche thun es
auf nassem Wege und manche auf trockenem Wege. Hier ist der Brief.
Sputet Euch!“

Jerry nahm den Brief und sprach zu sich mit viel weniger innerer
Ehrerbietung, als er äußerlich zur Schau trug, „Ihr wollt ein
Geriebener sein,“ machte seine Verbeugung, unterrichtete seinen Sohn im
Vorbeigehen von seiner Bestimmung und ging seines Wegs.

Sie henkten zu jener Zeit in Tyburn. Die Straße vor dem Newgatekerker
vorüber hatte noch nicht jene gräßliche Notorität erlangt, die jetzt
an ihr haftet. Aber das Gefängniß war ein greuelvoller Ort, wo fast
jegliche Ausschweifung und Schlechtigkeit verübt ward und wo böse
Krankheiten sich erzeugten, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal
kamen und manchmal von der Verbrecherbank geraden Wegs auf den
Lord-Oberrichter losstürzten und ihn von seinem Sitz herunterzerrten.
Mehr als einmal war es geschehen, daß der Richter in der schwarzen
Mütze sein eigenes Urtheil so sicher wie das des Gefangenen sprach
und sogar noch vor ihm starb. Im Uebrigen war Old Bailey berühmt als
eine Art von Sterbestation, von wo leichenblasse Reisende beständig in
Karren und Kutschen eine gewaltsame Reise in die andere Welt antraten,
wobei sie zwei und eine halbe englische Meile Stadt- und Landstraße
durchfuhren, und wenn überhaupt, nur in wenigen guten Bürgern einen
heilsamen Abscheu erregten. So mächtig ist die Gewohnheit und so
wünschenswerth, daß sie von Anfang an gute Gewohnheit sei. Auch war Old
Bailey berühmt wegen des Prangers, eine weise und uralte Einrichtung,
welche eine Strafe verhängte, deren Schärfe Niemand ermessen konnte;
auch wegen des Prügelpfahls, eine andere liebe und altbewährte
Einrichtung, deren Wirksamkeit anzusehen sehr vermenschlichend und
mildernd auf das Gemüth wirkte; auch wegen ausgedehnter Geschäfte in
Blutgeld, ein anderes Bruchstück der Weisheit unserer Vorväter, das
systematisch zu den schrecklichsten für Geld begangenen Verbrechen
führte. Im Ganzen war zu jener Zeit Old Bailey eine auserlesene
Erläuterung des Spruchs: „Was ist, ist Recht“; ein Spruch, der ebenso
Alles abschließend sein würde, als er die Trägheit fördernd ist, wenn
er nicht die unangenehme Consequenz in sich schlösse, daß Nichts, was
jemals war, Unrecht sein könne.

Der Bote bahnte sich einen Weg durch das unsaubere Gedränge mit der
Geschicklichkeit eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Aufsehen zu machen
vorwärts zu kommen, fand die Thüre, welche er suchte und gab durch
eine Klappe in derselben seinen Brief hinein. Denn damals bezahlten
die Leute, um das Schauspiel in Old Bailey zu sehen, gerade wie sie
bezahlten, um das Schauspiel in Bedlam zu sehen -- nur daß die erstere
Unterhaltung viel theurer zu stehen kam. Deshalb waren alle Thüren von
Old Bailey gut bewacht, mit einziger Ausnahme der gefälligen Thüren,
durch welche die Gesellschaft die Verbrecher hinein ließ, denn diese
standen immer weit offen.

Nach einigen Worten und Besinnen ging die Thüre widerwillig ein
ganz klein Wenig auf und erlaubte Mr. Jerry Cruncher, sich in den
Gerichtssaal hineinzuquetschen.

„Was ist dran?“ fragte er flüsternd den Mann, der sein Nachbar geworden
war.

„Noch Nichts.“

„Was kommt dran?“

„Der Hochverrath.“

„Der zum Viertheilen, he?“

„Jawohl,“ entgegnete der Mann mit Gusto; „er wird auf einer Hürde
hinausgeschleift, um halb gehängt zu werden und dann wird man ihn
abschneiden und vor seinen eigenen Augen aufschlitzen und dann wird man
seine Eingeweide herausnehmen und verbrennen, während er zusieht und
dann wird man ihm den Kopf abhacken und sein Rumpf wird geviertheilt.
So lautet das Urtheil.“

„Wenn sie ihn schuldig finden, wollt Ihr sagen?“ setzte Jerry als
Vorbehalt hinzu.

„O! Sie werden ihn schuldig finden,“ sagte der Andere. „Da braucht Ihr
nicht zu sorgen.“

Mr. Crunchers Aufmerksamkeit zog jetzt der Thürsteher auf sich, der mit
dem Billet in der Hand auf Mr. Lorry zuging. Mr. Lorry saß an einem
Tisch unter den Herren in den Perrücken, nicht weit von einem Herrn
in der Perrücke, dem Vertheidiger des Angeklagten, der einen großen
Stoß Papiere vor sich hatte und fast gerade gegenüber einem andern
Herrn in der Perrücke, der beide Hände in den Hosentaschen hatte und
dessen ganze Aufmerksamkeit, wenn Mr. Cruncher ihn jetzt oder später
anblickte, von der Decke des Gerichtssaals in Anspruch genommen zu sein
schien. Nachdem Jerry einigemal mürrisch gehustet und sich das Kinn
gerieben und Zeichen mit der Hand gemacht hatte, zog er die Beobachtung
Mr. Lorry’s auf sich, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen
und ihm ruhig zunickte und sich wieder setzte.

„Was hat der in der Sache zu thun?“ fragte der Mann, mit dem er
gesprochen hatte.

„Das weiß ich nicht,“ sagte Jerry.

„Und was habt Ihr dabei zu thun, wenn man fragen darf?“

„Das weiß ich auch nicht,“ sagte Jerry.

Der Eintritt des Richters und eine darauf folgende große Bewegung und
allmäliges Beruhigen im Gerichtssaal unterbrachen das Zwiegespräch.
Im nächsten Augenblick wurde die Angeklagtenloge der Brennpunkt des
allgemeinen Interesses. Zwei Schließer, die dort gestanden hatten,
gingen hinaus und der Gefangene wurde hereingebracht und vor seine
Richter gestellt.

Alle Anwesenden, mit Ausnahme des einen Herrn in der Perrücke, der sich
die Decke betrachtete, hefteten neugierig ihre Augen auf ihn. All’ der
menschliche Athem in dem Saale rollte auf ihn zu wie ein Meer, oder ein
Wind, oder ein Feuer. Neugierige Gesichter sahen um Pfeiler und Ecken,
um einen Blick auf ihn zu werfen. Zuschauer in den hinteren Räumen
standen auf, um sich auch nicht ein Haar von ihm entgehen zu lassen;
Leute, die in der Mitte des Saals standen, legten ihre Hände auf die
Schultern der vor ihnen Stehenden, um sich auf irgend Jemandes Unkosten
einen Anblick von dem Manne zu verschaffen -- stellten sich auf die
Zehenspitzen, stiegen auf Simse, standen auf fast Nichts, um jeden
Zoll von ihm zu sehen. Besonders bemerklich unter diesen Letzteren
machte sich Jerry, welcher aussah wie ein lebendig gewordenes Stück
der mit eisernen Spitzen besetzten Mauer von Newgate. Er zielte nach
dem Angeklagten mit dem biergeschwängerten Duft eines Trunkes, den er
unterwegs zu sich genommen und hauchte ihn aus, daß er sich mit den
Wellen andern Bieres und Gins und Thee’s und Kaffee’s und was sonst
noch vermische, welche auf den Angeklagten zuflutheten und sich bereits
in einem schmutzigen Nebel und Regen an den großen Fenstern hinter ihm
brachen.

Der Zielpunkt aller dieser neugierig stierenden und aufgeregten Blicke
war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, von hübschem
Wuchs und hübschem Gesicht, mit sonnenverbrannten Wangen und dunklen
Augen. Dem Stande nach war er ein Gentleman. Er war einfach schwarz
oder sehr dunkel grau gekleidet, und sein langes und dunkles Haar war
hinten im Nacken mit einem Bande zusammengebunden, mehr um nicht zu
belästigen, als zur Zierde. Wie sich eine Gemüthsbewegung durch jede
körperliche Umhüllung ausdrückt, so machte sich die Blässe, welche
seine Lage rechtfertigte, durch das Braun seiner Wange erkennbar und
zeigte, daß die Seele stärker war, als die Sonne. Im Uebrigen war er
ganz unbefangen, er verbeugte sich vor dem Richter und blieb ruhig
stehen.

Die Theilnahme, mit welcher dieser Mann angestiert und angehaucht
ward, machte der Menschheit keine Ehre. Wäre er von einem weniger
entsetzlichen und grausenhaften Urtheil bedroht gewesen, -- wäre
eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß ihm eine einzige der
Scheußlichkeiten desselben erspart worden wäre -- so hätte er ebenso
viel an Anziehungskraft verloren. Die Gestalt, die verurtheilt werden
sollte, so gräßlich zerstückt zu werden, war der anziehende Anblick;
das unsterbliche Wesen, das geschlachtet und zerfleischt werden sollte,
rief die Aufregung hervor. Mit welchem Firniß auch die verschiedenen
Zuschauer diese, jenachdem sie in der Selbsttäuschung geschickt waren,
übertünchen mochten, im Grunde war es nur scheußliche Blutgier.

Schweigen im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte gestern „nicht
schuldig“ eingewendet gegen eine Anklage, die ihn (mit endlosem
unverständlichem Wortgeklingel) beschuldigte, ein falscher Verräther an
unserm erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unserm
Herrn, dem König, zu sein, indem er bei verschiedenen Gelegenheiten
und durch verschiedene Mittel und Wege Ludwig, König von Frankreich,
in seinen Kriegen gegen unsern gedachten erlauchten, erhabenen,
vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unsern Herrn, den König, Beistand
geleistet; indem er nämlich zwischen den Besitzungen unseres gedachten
erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unseres Herrn,
des Königs und denen des gedachten Ludwigs von Frankreich hin- und
hergereist, und boshafter, hinterlistiger, verrätherischer Weise (und
noch mit andern bösen Adverbien) dem gedachten Ludwig von Frankreich
verrathen habe, welche Streitkräfte unser gedachter erlauchter,
erhabener, vortrefflicher u. s. w. Fürst, unser Herr, der König, für
Canada und Nordamerika auszurüsten im Begriff stehe. Soviel verstand
Jerry, dessen Haar immer spitzer empor stieg, wie die juristischen
Worte sich häuften, zu seiner ungeheuren Befriedigung, und er kam
so allmälig zu dem Verständniß, daß der vorgenannte und wieder und
wieder vorgenannte Charles Darnay dort vor ihm stand, um sein Urtheil
zu empfangen; daß die Geschwornen vereidigt wurden; und daß der Herr
Generalanwalt sich bereit machte, zu sprechen.

Der Angeklagte, der im Geiste von jedem Einzelnen der Anwesenden
gehängt, geköpft und geviertheilt wurde und sich Alles recht wohl
bewußt war, ließ sich weder von dieser Umgebung einschüchtern, noch
trat er ihr mit einer theatralischen Miene entgegen. Er war ruhig und
aufmerksam; beobachtete die einleitenden Verhandlungen mit ernstem
Interesse und ließ seine Hände auf dem Bret vor sich so gefaßt ruhen,
daß sie auch nicht ein Blättchen von den Kräutern, mit denen es
bestreut war, von der Stelle rückten. Ueberhaupt war der ganze Saal
mit Kräutern bestreut und mit Essig besprengt, als Schutzmittel gegen
Kerkerluft und Kerkerfieber.

Ueber dem Haupte des Angeklagten hing ein Spiegel, um das Licht auf
ihn herabzuwerfen. Eine Unzahl von Verworfenen und Unglücklichen
hatten ihr Bild darin gesehen und waren von seiner Oberfläche und von
der Erde verschwunden. Von welch einer gräßlichen Gespensterschaar
müßte dieser Saal heimgesucht sein, wenn der Spiegel die Bilder, die
er auf seiner glatten Fläche gezeigt, jemals zurückgeben wollte, wie
das Meer seine Todten wieder von sich giebt. Ein flüchtiger Gedanke an
die Ehrlosigkeit und die Schmach, die das Glas widergespiegelt, mochte
dem Angeklagten in den Sinn kommen. Wie dem immer sein möge, eine
Veränderung seiner Stellung ließ ihn gewahr werden, daß ein Streifen
Licht auf sein Gesicht falle und er blickte in die Höhe, und als er den
Spiegel sah, röthete sich sein Gesicht und seine rechte Hand schob die
Kräuter weg.

Dabei geschah es zufällig, daß er das Gesicht nach der Seite des Saales
wendete, die sich ihm zur linken Hand befand. Fast auf einer Höhe mit
seinen Augen saßen in der Ecke der Richterbank zwei Personen, auf denen
sein Auge sofort haften blieb, so auffällig und mit einer solchen
Veränderung seines Gesichts, daß alle Augen, die sich auf ihn gewendet
hatten, sich auf diese Beiden wendeten.

Die Zuschauer sahen in den beiden Gestalten eine junge Dame von
kaum mehr als zwanzig Jahren und einen Herrn, der offenbar ihr
Vater war; einen Herrn von sehr merkwürdigem Aussehen, wegen seines
schlohweißen Haares und einer gewissen unbeschreiblichen Intensivität
des Gesichtsausdrucks; nicht der Außenwelt zugewendet, sondern grübelnd
und mit sich selbst beschäftigt. Wenn dieser Ausdruck auf seinem
Gesicht lag, sah er aus, als wäre er alt; verschwand er aber manchmal
vorübergehend, -- wie z. B. jetzt, wie er mit seiner Tochter sprach, so
wurde er ein schöner Mann, der noch nicht über das kräftige Mannesalter
hinaus ist.

Seine Tochter hatte die eine ihrer Hände durch seinen Arm gezogen,
wie sie neben ihm saß und die andere darauf gelegt. Eingeschüchtert
von dem Schauspiel, das sie vor sich sah, und voller Mitleid für den
Angeklagten, hatte sie sich dicht an den Vater herangedrängt. Auf ihrer
Stirn las man deutlich eine Alles vergessende Angst und ein Mitleid,
die für Nichts Sinn hatten, als für die Gefahr des Angeklagten. Dies
war so deutlich zu lesen, so natürlich und lebendig ausgedrückt, daß
Neugierige, die kein Mitleid mit ihm gehabt hatten, sich von ihrem
Anblick rühren ließen; und durch den Saal ging ein Geflüster, wer sind
sie?

Jerry, der Ausläufer, der seine Beobachtungen für sich in seiner Weise
gemacht hatte und der in seinem tiefen Nachdenken den Rost von seinen
Fingern gesogen hatte, machte den Hals lang, um zu hören, wer sie
wären. Das Gedränge um ihn hatte sich noch dichter zusammengedrängt und
die Anfrage an den nächsten Gerichtsdiener befördert und von diesem kam
die Antwort langsam zurück; endlich kam sie auch an Jerry:

„Zeugen.“

„Auf welcher Seite?“

„Gegen.“

„Gegen welche Seite?“

„Gegen den Angeklagten.“

Der Richter, dessen Auge der allgemeinen Richtung gefolgt war, sammelte
sich wieder, lehnte sich in seinem Sitz zurück und hielt sein Auge
auf den Mann geheftet, dessen Leben in seiner Hand lag, wie der Herr
Generalanwalt aufstand, um den Strick zu drehen, die Axt zu schärfen
und die Nägel in das Schaffot zu schlagen.



Drittes Kapitel.

Eine Enttäuschung.


Der Herr Generalanwalt hatte den Geschwornen mitzutheilen, daß der
Angeklagte vor ihnen, obgleich jung an Jahren, doch alt sei in den
hochverrätherischen Praktiken, wegen deren jetzt das Gesetz seinen
Kopf fordere. Daß sein Verkehr mit dem Landesfeinde nicht ein Verkehr
von heute oder von gestern oder nur vom vorigen oder vorvorigen Jahre
sei. Daß es unzweifelhaft sei, daß der Angeklagte schon seit längerer
Zeit als dieser zwischen Frankreich und England in geheimen Geschäften,
über die er keine ehrliche Auskunft geben könne, hin- und hergereist
sei. Daß, wenn es in der Natur hochverrätherischer Umtriebe liege,
zum Ziele zu führen (was glücklicher Weise nie der Fall sei), die
wirkliche Boshaftigkeit und Strafbarkeit dieses Unterfangens noch
unentdeckt sein könnte. Daß jedoch die Vorsehung es einer Person ohne
Furcht und ohne Tadel eingegeben habe, den verbrecherischen Plänen des
Angeklagten nachzuspüren und sie, erfüllt von Entsetzen, Sr. Majestät
oberstem Staatssecretär und höchst ehrenwerthem Geheimen Rath zu
enthüllen. Daß er diesen Patrioten ihnen vorführen werde. Daß seine
Stellung und Haltung in der That und im Ganzen erhaben sei. Daß er
des Angeklagten Freund gewesen, aber nachdem er in einer glücklichen
und einer bösen Stunde seine Niederträchtigkeit entdeckt, beschlossen
habe, den Verräther, den er nicht länger an seinem Busen wärmen
konnte, auf dem geheiligten Altar des Vaterlandes zu opfern. Daß, wenn
in Großbritannien wie im alten Griechenland und Rom Wohlthätern des
Gemeinwesens Bildsäulen errichtet würden, dieser ausgezeichnete Bürger
sicherlich durch eine geehrt werden würde. Daß dies aber wahrscheinlich
nicht der Fall sein würde, da es hier nicht Sitte sei. Daß die Tugend,
wie die Dichter sagten (in vielen Stellen, von denen er wüßte, daß die
Geschwornen sie Wort für Wort auswendig kännten; worauf die Gesichter
der Geschwornen ein Schuldbewußtsein, daß sie kein Wort von den Stellen
wüßten, verriethen), gewissermaßen ansteckend sei, vor Allem aber die
herrliche Tugend, welche man Patriotismus oder Vaterlandsliebe nenne.
Daß das erhabene Beispiel dieses fleckenreinen und untadelhaften Zeugen
für die Krone, von dem zu sprechen für Jeden eine Ehre sei, nicht
ohne Eindruck auf den Bedienten des Angeklagten geblieben sei und in
diesem einen heiligen Entschluß erzeugt habe, die Kästen und Taschen
seines Herrn zu durchsuchen und seine Papiere bei Seite zu schaffen.
Daß er (der Herr Generalanwalt) auf einen Versuch gefaßt sei, über
diesen bewundernswürdigen Bedienten tadelnde und geringschätzende
Bemerkungen zu machen; aber daß im Allgemeinen er ihn seinen (des
Herrn Generalanwalts) Brüdern und Schwestern vorziehe und ihn mehr
als seinen (des Herrn Generalanwalts) Vater und seiner Mutter ehre.
Daß er mit Zuversicht die Geschwornen auffordere, dasselbe zu thun.
Daß die Aussage dieser beiden Zeugen, verbunden mit den von ihnen
entdeckten, schriftlichen Beweisen, die ihnen vorgelegt werden würden,
beweisen könnten, daß der Angeklagte im Besitz von Standeslisten der
Streitkräfte Sr. Majestät und Nachweisen über ihre Standquartiere
und Ausrüstung, sowohl zu Wasser wie zu Lande gewesen, die keinen
Zweifel übrig lassen würden, daß er regelmäßig diese Nachweise einer
feindlichen Macht mitgetheilt habe. Daß nicht nachgewiesen werden
könne, daß diese Schriften von der Hand des Angeklagten seien; daß
dies aber ganz gleichgültig sei, oder vielmehr um so besser für die
Anklage, da daraus hervorgehe, wie schlau der Angeklagte in seinen
Vorsichtsmaßregeln sei. Daß die Beweise fünf Jahre zurückgehen und den
Angeklagten mit seinen strafbaren Plänen bereits wenige Wochen vor dem
allerersten Gefecht zwischen den englischen Truppen und den Amerikanern
beschäftigt zeigen würden. Daß aus diesen Gründen die Geschwornen, als
loyale Geschworne (als welche er sie kenne) und als verantwortliche
Geschworne (wie sie selbst wüßten) unbedingt den Unglücklichen schuldig
finden und mit ihm ein Ende machen müßten, ob sie wollten oder nicht.
Daß sie niemals ihr Haupt ruhig auf ihr Kissen legen könnten; daß sie
nie den Gedanken ertragen könnten, daß ihre Weiber den Kopf ruhig auf
ihre Kissen legten; daß es ihnen niemals in den Sinn kommen könnte, daß
ihre Kinder ruhig den Kopf auf das Kissen legten; mit Einem Worte, daß
sie und die Ihrigen in Zukunft nie auch nur eine Stunde ruhigen Schlafs
genießen würden, wenn dem Angeklagten nicht das Haupt abgeschlagen
würde. Diesen Kopf verlangte der Herr Generalanwalt schließlich von
ihnen im Namen von Allem mit einem vollen Klange was ihm einfiel, und
auf seine feierliche Versicherung hin, daß er den Angeklagten bereits
als einen todten Mann betrachte.

Als der Generalanwalt schwieg, ging ein Gesurre durch den Hof, als ob
den Angeklagten, in Vorausahnung dessen, was er bald sein werde, eine
Wolke von großen Schmeißfliegen umschwärme. Als es sich wieder legte,
erschien der fleckenreine Patriot auf der Zeugenbank.

Der Generalfiscal verhörte nun nach der Einleitung seines Vorgängers
den Patrioten. Name: John Barsad, Gentleman. Die Geschichte seiner
reinen Seele war genau so, wie der Herr Generalanwalt sie beschrieben
hatte -- vielleicht ein Wenig zu umständlich, wenn sie einen Fehler
hatte. Nachdem er seinen edlen Busen dieser Bürde entledigt, hätte er
sich gern bescheiden zurückgezogen, aber der Herr in der Perrücke mit
den Papieren vor sich, der nicht weit von Mr. Lorry saß, wünschte ihm
einige Fragen vorzulegen. Der Herr in der Perrücke gegenüber sah immer
noch die Decke des Saales an.

War er vielleicht selbst früher Spion gewesen! Nein, er wies diese
niedrige Verleumdung mit Entrüstung zurück. Wovon lebte er? Von seiner
Besitzung. Wo seine Besitzung liege? Das könne er so genau nicht sagen.
Worin sie bestehe? Das ginge Niemanden Etwas an. Ob er sie geerbt
habe? Ja. Von wem? Von einem entfernten Verwandten. Von einem sehr
entfernten? Von einem ziemlich entfernten. Jemals im Gefängniß gewesen?
Gewiß nicht. Nie im Schuldgefängniß gesessen? Wüßte nicht, daß das
hierher gehöre. Nie im Schuldgefängniß gesessen? Sprechen Sie. Niemals?
Ja. Wie viele Mal? Zwei oder drei Mal. Nicht fünf oder sechs Mal?
Vielleicht. Welchen Standes? Gentleman. Jemals mit Fußtritten regalirt?
Wäre vielleicht möglich. Häufig? Nein. Jemals einen Fußtritt bekommen
und die Treppe hinuntergeworfen worden? Ganz gewiß nicht; bekam
einmal einen Fußtritt oben an der Treppe und fiel aus eigenem Antrieb
hinunter. Damals hinuntergeworfen worden, weil er mit falschen Würfeln
gespielt? Etwas der Art habe der betrunkene Lügner gesagt, der sich der
Realinjurie schuldig gemacht, aber es sei nicht wahr. Ob er schwören
könne, daß es nicht wahr sei? Ganz bestimmt. Ob er jemals von falschem
Spiele gelebt? Niemals. Ob er vom Spielen gelebt? Nicht mehr als andere
Herren. Ob er von dem Angeklagten Geld geborgt? Ja. Ob er es ihm
wiederbezahlt? Nein. War nicht die Bekanntschaft mit dem Angeklagten,
die im Grunde eine sehr oberflächliche war, dem Angeklagten in
Postkutschen, Wirthshäusern und Packetschiffen aufgedrängt worden?
Nein. Weiß er bestimmt, daß er bei dem Angeklagten diese Musterrollen
gesehen? Gewiß. Wisse Nichts weiter von den Musterrollen? Nein. Hätte
sie z. B. nicht selbst herbeigeschafft? Nein. Erwarte nicht für sein
Auftreten als Zeuge bezahlt zu werden? Nein. Sei nicht im regelmäßigen
Sold und Anstellung der Regierung zum Schlingenlegen? O, bei Leibe
nicht. Oder sonst Etwas zu thun? O, bei Leibe nicht. Ob er das
beschwören könne? Noch zwei- und dreimal. Sei von keinen andern bewegt
und bestimmt, als von Beweggründen des reinen Patriotismus? Von keinen
andern.

Der tugendhafte Bediente, Roger Cly, schwur sich mit großer
Behendigkeit durch das Verhör. Er war in gutem Glauben und
Herzenseinfalt vor vier Jahren in die Dienste des Angeklagten getreten.
Er hatte den Angeklagten am Bord des Calais-Packetschiffs gefragt, ob
er einen gewandten Burschen brauche und der Angeklagte hatte ihn in
Dienst genommen. Er hatte den Angeklagten nicht gebeten, den gewandten
Burschen aus Barmherzigkeit in Dienst zu nehmen, -- hatte nie an so
Etwas gedacht. Bald darauf fing er an, Verdacht hinsichtlich des
Angeklagten zu schöpfen und ein Auge auf ihn zu haben. Beim Ordnen
seiner Kleider auf der Reise hatte er ähnliche Papiere wie diese
wiederholt in den Taschen des Angeklagten gesehen. Diese Papiere hatte
er aus dem Schubkasten in dem Pulte des Angeklagten genommen. Er hatte
sie nicht erst dorthin gelegt. Er hatte gesehen, wie der Angeklagte
dieselben Papiere französischen Herren in Calais zeigte, und ähnliche
Papiere französischen Herren in Calais und in Boulogne. Er liebe sein
Vaterland und hätte so Etwas nicht ertragen können und hätte Anzeige
gemacht. Er sei nie in Verdacht gewesen, eine silberne Theekanne
gestohlen zu haben; er sei hinsichtlich einer Senfbüchse verleumdet
worden, aber es hätte sich gefunden, daß sie nur plattirt gewesen sei.
Er kenne den vorigen Zeugen seit sieben oder acht Jahren; das sei
bloßes zufälliges Zusammentreffen. Er nenne es nicht ein merkwürdig
seltsames Zusammentreffen; die Zusammentreffen wären meistens
merkwürdig. Auch nenne er es kein merkwürdiges Zusammentreffen, daß
reine Vaterlandsliebe auch ~sein~ einziger Beweggrund sei. Er sei
ein echter Britte und hoffe, es gebe noch viele gleich ihm.

Die Schmeißfliegen summten wieder und der Generalanwalt rief Mr. Jarvis
Lorry auf.

„Mr. Jarvis Lorry, Sie sind Handlungsdiener in Tellsons Bank?“

„Ja.“

„Veranlaßten Sie an einem gewissen Freitag Nachts im November 1775
Geschäfte, von London nach Dover mit der Postkutsche zu reisen?“

„Ja.“

„Waren noch andere Passagiere in der Kutsche?“

„Zwei.“

„Stiegen sie unterwegs im Verlaufe der Nacht aus?“

„Allerdings.“

„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten an. War er einer der beiden
Passagiere?“

„Ich getraue mir nicht, Ja zu sagen.“

„Sieht er einem dieser beiden Passagiere ähnlich?“

„Beide waren so eingewickelt, und die Nacht war so finster, und wir
waren Alle so zurückhaltend, daß ich mir nicht einmal getrauen kann,
diese Frage zu beantworten.“

„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten noch einmal an. Denken Sie ihn
sich so eingewickelt, wie jene beiden Passagiere, würde dann sein
Aussehen oder sein Wuchs es unwahrscheinlich machen, daß er Einer
derselben gewesen wäre.“

„Nein.“

„Sie wollen nicht beschwören, Mr. Lorry, daß er keiner von den Beiden
gewesen sei?“

„Nein.“

„So sagen Sie wenigstens, er könnte Einer von den Beiden gewesen sein?“

„Ja. Ausgenommen, daß ich mich erinnere, daß die Beiden -- ebenso wie
ich -- sich vor Straßenräubern fürchteten und der Angeklagte sieht
nicht aus, als ob er sich fürchtete.“

„Haben Sie jemals ein Bild der Furchtsamkeit gesehen, Mr. Lorry?“

„Ei, gewiß.“

„Mr. Lorry, sehen Sie den Angeklagten noch einmal an. Wissen Sie mit
Bestimmtheit, ihn früher schon einmal gesehen zu haben?“

„Ja.“

„Wann?“

„Wenige Tage nach jener Reise kehrte ich aus Frankreich zurück und
in Calais kam der Angeklagte an Bord des Packetschiffs, auf dem ich
zurückfuhr und machte die Reise mit mir.“

„Um welche Zeit kam er an Bord?“

„Kurz nach Mitternacht.“

„Mitten in der Nacht. War er der einzige Passagier, der zu dieser
ungewöhnlichen Stunde an Bord kam?“

„Er war zufällig der einzige.“

„Das „zufällig“ ist hier gleichgültig, Mr. Lorry. Er war der einzige
Passagier, der mitten in der Nacht an Bord kam?“

„Ja.“

„Reisten Sie allein, Mr. Lorry, oder hatten Sie Begleitung?“

„Ich hatte zwei Begleiter. Einen Herrn und eine Dame. Sie sind hier.“

„Sie sind hier. Haben Sie mit dem Angeklagten gesprochen?“

„Kaum einige Worte. Das Wetter war stürmisch, die Ueberfahrt lang und
beschwerlich, und ich lag fast während der ganzen Zeit auf einem Sopha.“

„Miß Manette!“

Die junge Dame, auf welche sich vorhin alle Blicke gewendet hatten und
sich jetzt wieder wendeten, stand auf. Ihr Vater erhob sich mit ihr und
behielt ihre Hand unter seinem Arme.

„Miß Manette! Sehen Sie den Angeklagten an.“

Solchem Mitleid und so tief fühlender Jugend und Schönheit
gegenübergestellt zu werden, war eine viel härtere Prüfung für den
Angeklagten, als dem ganzen Gedränge gegenüber zu stehen. Er stand
mit ihr, so zu sagen, allein an dem Rande seines Grabes und alle die
neugierig starrenden Augen ringsum konnten ihm für den Augenblick
nicht die Kraft geben, ganz unbefangen zu bleiben. Seine unruhige
rechte Hand vertheilte die vor ihm gestreuten Kräuter in eingebildete
Blumenbeete in einem Garten; unter seinen Bemühungen, sein Athmen im
regelmäßigen Zuge zu erhalten, zitterten die Lippen, aus welchen das
Blut nach dem Herzen zurückströmte. Das Gesumme der Schmeißfliegen
erhob sich lauter als vorhin.

„Miß Manette, haben Sie den Angeklagten früher gesehen?“

„Ja, Sir.“

„Wo?“

„Am Bord des Packetschiffs, von dem eben gesprochen worden und bei
derselben Gelegenheit.“

„Sie sind die junge Dame, von der eben gesprochen worden?“

„O, unglücklicherweise bin ich es!“

Der klagende Ton ihres Mitleids verlor sich in die weniger wohltönende
Stimme des Richters, wie er ziemlich schroff sagte: „Beantworten Sie
die Fragen, die Ihnen vorgelegt werden und machen Sie keine Bemerkungen
dazu.“

„Miß Manette, haben Sie auf der Fahrt über den Canal mit dem
Angeklagten gesprochen?“

„Ja, Sir.“

„Was haben Sie mit ihm gesprochen?“

Während ringsum das tiefste Schweigen herrschte, begann sie mit
schwacher Stimme:

„Als der Herr an Bord kam --“

„Meinen Sie den Angeklagten?“ fragte der Richter mit gerunzelter Stirn.

„Ja, Mylord.“

„Dann sagen Sie, der Angeklagte.“

„Als der Angeklagte an Bord kam, bemerkte er, daß mein Vater“ -- sie
wendete ihm einen liebevollen Blick zu, wie er neben ihr stand -- „sehr
erschöpft und angegriffen war. Mein Vater war so angegriffen, daß ich
nicht wagte, ihn aus der freien Luft zu entfernen, und ich ließ auf dem
Deck, neben der Kajütentreppe, ein Bett für ihn machen und setzte mich
auf das Deck neben ihn, um auf ihn Acht zu haben. Es waren keine andern
Passagiere auf dem Schiffe, als wir vier. Der Angeklagte war so gütig,
um Erlaubniß zu bitten, mir einen Rath geben zu dürfen, wie ich meinen
Vater vor Wind und Wetter, besser als ich es gethan, schützen könnte.
Was ich gethan hatte, reichte nicht aus, da ich nicht wußte, wie der
Wind stehen würde, nachdem wir den Hafen verlassen hatten. Er half
mir dem Mangel abhelfen. Er sprach sich sehr theilnehmend und gütig
über meinen Vater aus und ich bin überzeugt, es kam ihm von Herzen. In
dieser Weise wurden wir mit einander bekannt.“

„Erlauben Sie mir, Sie einen Augenblick zu unterbrechen. War er allein
an Bord gekommen?“

„Nein.“

„Wie Viele kamen mit ihm?“

„Zwei französische Herren.“

„Sprachen sie viel mit einander?“

„Sie sprachen mit einander bis zum letzten Augenblick, wo die
französischen Herren wieder mit dem Boote an’s Land fahren mußten.“

„Machten sie sich unter einander mit Papieren zu thun, gleich diesen
Papieren hier?“

„Einige Papiere gingen bei ihnen von Hand zu Hand, aber ich weiß nicht,
was für Papiere es waren.“

„Sahen sie in Gestalt und Format wie diese aus?“

„Das ist wohl möglich, aber ich weiß es wahrhaftig nicht, obgleich sie
ganz in meiner Nähe flüsternd miteinander sprachen: weil sie oben an
der Kajütentreppe standen, um das Licht der dort hängenden Laterne zu
benutzen; die Laterne brannte trübe und sie sprachen sehr leise und ich
konnte nicht verstehen, was sie sprachen und sah nur, daß sie Papiere
durchgingen.“

„Was sprach der Angeklagte mit Ihnen, Miß Manette?“

„Der Angeklagte sprach sich ebenso offen gegen mich aus, wie er in
Folge meiner hülflosen Lage gütig und freundlich und meinem Vater
hülfreich war. Ich hoffe,“ sagte sie in Thränen ausbrechend, „daß ich
ihm nicht schlechten Dank zahle, indem ich ihn heute zu Schaden bringe.“

Großes Gesumme der Schmeißfliegen.

„Miß Manette, wenn der Angeklagte nicht klar erkennt, daß Sie die
Aussagen, welche zu machen Ihre Pflicht ist -- welche Sie machen müssen
-- und welchen Sie sich gar nicht entziehen können -- mit großem
Widerwillen abgeben, so steht er einzig unter den Anwesenden da. Bitte,
fahren Sie fort.“

„Er sagte mir, daß er in schwierigen und wichtigen Geschäften reise,
welche den Betheiligten leicht Ungelegenheiten verursachen könnten
und daß er deshalb unter falschem Namen reise. Er sagte, daß ihn sein
Geschäft veranlaßt habe, nach Frankreich zu reisen und daß es ihn
möglicherweise noch auf lange Zeit nöthigen werde, zu wiederholten
Malen zwischen Frankreich und England hin und her zu reisen.“

„Sagte er Nichts von Amerika, Miß Manette? Besinnen Sie sich genau.“

„Er versuchte, mir auseinanderzusetzen, wie der Streit entstanden
und sagte, daß, soweit er urtheilen könnte, es englischer Seits ein
ungerechter und thörichter Streit sei. In scherzendem Tone setzte er
hinzu, daß George Washington sich vielleicht in der Geschichte einen so
großen Namen erwerben werde, als Georg III. Aber er meinte das nicht
böse: er sagte es mit Lachen und um die Zeit zu vertreiben.“

Jeder stark ausgeprägte Gesichtsausdruck des Haupthandelnden in
einem Auftritt von großem Interesse, dem viele Augen zusehen, wird
unwillkürlich von dem Zuschauer nachgeahmt werden. Peinlich und
angstvoll gespannt war der Ausdruck ihrer Züge, wie sie ihr Zeugniß
abgab und während der Pausen, die sie machen mußte, um dem Richter Zeit
zu lassen, es niederzuschreiben, den Eindruck beobachtete, den ihre
Aussagen auf die Advocaten für und gegen die Anklage machten. Unter
den Zuschauern im ganzen Saale zeigte sich derselbe Gesichtsausdruck
und zwar in so hohem Grade, daß eine große Mehrzahl der Gesichter
Spiegelbilder der Zeugin hätten sein können, als der Richter von seinen
Notizen aufschaute, um mit einem fürchterlichen Blick die schreckliche
Ketzerei wegen George Washington zu bestrafen.

Der Generalanwalt erklärte jetzt dem Richter, daß er es der Vorsicht
und der Form wegen für nothwendig halte, den Vater der jungen Dame,
_Dr._ Manette, als Zeugen aufzurufen. Er wurde demnach aufgerufen.

„_Dr._ Manette, sehen Sie den Angeklagten an. Haben Sie ihn früher
einmal gesehen?“

„Einmal. Als er mich in meiner Wohnung in London besuchte. Es mag drei
oder drei und einhalb Jahr her sein.“

„Erkennen Sie ihn als Ihren Reisegefährten am Bord des Packetschiffs,
oder können Sie uns Etwas von seiner Unterhaltung mit Ihrer Tochter
sagen?“

„Nein, Sir, weder das Eine noch das Andere.“

„Ist ein eigenthümlicher und besonderer Grund vorhanden, daß Sie Keines
von Beiden thun können?“

Er gab mit gedämpfter Stimme zur Antwort. „Ja.“

„Sie haben das Unglück gehabt, in Ihrem Vaterlande ohne Proceß und
sogar ohne Anklage eine lange Haft zu erleiden, _Dr._ Manette?“

Er antwortete in einem Tone, der Jedem zu Herzen ging. „Eine lange
Haft.“

„Sie waren zu jener Zeit erst vor Kurzem frei geworden?“

„Das sagt man mir.“

„Können Sie sich aus jener Zeit an gar Nichts erinnern?“

„Nein. Mein Gedächtniß ist wie verschwunden von einem Zeitpunkt an --
ich kann nicht einmal sagen, welcher Zeitpunkt das war, wo ich mich in
meiner Gefangenschaft mit dem Verfertigen von Schuhen beschäftigte,
bis zu der Zeit, wo ich mich in London mit meiner guten Tochter hier
wiederfand. Sie war mir vertraut geworden, als ein gnädiger Gott mir
die Kräfte meines Geistes wiedergab; aber ich bin sogar außer Stande zu
sagen, wie sie mir vertraut geworden ist. Ich kann mich durchaus nicht
besinnen, wie es gegangen ist.“

Der Generalanwalt setzte sich nieder und Vater und Tochter nahmen
ebenfalls wieder Platz.

Ein merkwürdiger Zwischenfall trat jetzt ein. Das Ziel der
Beweisführung war, zu zeigen, daß der Angeklagte mit einem noch
unbekannten Mitschuldigen in jener Freitag-Nacht im November vor
fünf Jahren mit der Dover Postkutsche gereist und, um Entdeckung
zu vermeiden, des Nachts an einem Orte ausgestiegen sei, wo er
nicht geblieben, sondern von wo er einige Dutzend Meilen nach
einer Garnisons- und Hafenstadt zurückgereist sei, und daß er dort
Erkundigungen eingezogen habe. Ein Zeuge war da, welcher ihn zu der
erforderlichen Stunde im Frühstückszimmer eines Gasthauses in dieser
Garnisons- und Hafenstadt, wo er auf Jemanden wartete, gesehen haben
wollte. Die Kreuzfragen des Vertheidigers des Angeklagten lockten keine
andern Antworten hervor, als daß er den Angeklagten nie bei einer
andern Gelegenheit gesehen, als der Herr in der Perrücke, der die ganze
Zeit über die Decke des Saales angesehen hatte, ein oder zwei Worte
auf ein Zettelchen schrieb, es zusammendrehte und dem Vertheidiger
hinüberwarf. Dieser wickelte das Zettelchen in der nächsten Pause aus
einander und betrachtete den Angeklagten mit großer Aufmerksamkeit
und Neugier.

[Illustration: ~Die Aehnlichkeit.~]

„Sie bleiben also dabei, daß Sie ganz sicher sind, daß es der
Angeschuldigte gewesen?“

Der Zeuge war seiner Sache ganz gewiß.

„Haben Sie jemals Jemanden gesehen, der dem Angeklagten sehr ähnlich
sah?“

Nicht so ähnlich, sagte der Zeuge, daß er sie hätte verwechseln können.

„Sehen Sie sich genau jenen Herrn an, meinem gelehrten Freund
gegenüber,“ sagte er, indem er auf Denjenigen deutete, der ihm
das Zettelchen zugeworfen hatte, „und dann sehen Sie sich den
Angeschuldigten genau an. Was sagen Sie nun? Sehen sie sich einander
sehr ähnlich?“

Wenn man abzieht, daß der gelehrte Freund vernachlässigt und
verliederlicht, wenn nicht gar etwas verlumpt aussah, so waren
sie allerdings einander ähnlich genug, um nicht nur den Zeugen,
sondern auch alle Anwesenden zu überraschen, als sie einander so
gegenübergestellt wurden. Nachdem Mylord ersucht worden war, den
gelehrten Freund zu veranlassen, seine Perrücke abzulegen und er keine
sehr gnädige Einwilligung gegeben hatte, wurde die Aehnlichkeit noch
viel auffälliger. Mylord fragte Mr. Stryver (den Vertheidiger des
Angeklagten), ob nun zunächst Mr. Carton (Name des gelehrten Freundes)
wegen Hochverraths angeklagt werden solle? Nein, entgegnete Mr. Stryver
dem Oberrichter; aber er wollte den Zeugen fragen, ob nicht das, was
einmal geschehen sei, zweimal geschehen könne; ob er so zuversichtlich
gesprochen haben würde, wenn er einen solchen schlagenden Beweis für
seine Uebereilung eher gesehen hätte; ob er, nachdem er ihn gesehen,
noch so zuversichtlich sei, und Aehnliches mehr. Das Ergebniß von dem
Allen war, daß dieser Zeuge rein vernichtet war und dieser Theil der
Beweisführung vollständig in’s Wasser fiel.

Mr. Cruncher hatte um diese Zeit, während er den Zeugenaussagen
aufmerksam zuhörte, ein ganzes Frühstück von Rost von seinen Fingern
abgesaugt. Er hatte nun aufzumerken, wie Mr. Stryver die Sache des
Angeklagten den Geschwornen anpaßte, gleich einem vollständigen
Anzug, und ihnen zeigte, wie der Patriot Barsad ein bezahlter Spion
und Verräther, ein schamloser Seelenverkäufer und einer der größten
Schurken auf Erden seit Judas sei -- und in der That schien er dieses
Lob durch sein Aussehen zu rechtfertigen. Wie der tugendsame Diener
Cly sein Freund und Compagnon und dieser Stelle ganz würdig sei; wie
die Spüraugen dieser Fälscher und Meineidigen sich den Angeklagten
als Opfer ausersehen hätten, weil ihn, der von französischer Herkunft
sei, gewisse Familienangelegenheiten in Frankreich oft nöthigten,
Reisen über den Canal zu machen, -- obgleich Rücksichten auf Andere,
die seinem Herzen nahe stünden, ihm verböten, zu sagen, von welcher
Art diese Familienangelegenheiten wären, auch wenn er damit sein
Leben retten könnte. Wie die Aussagen, welche sie der jungen Dame
abgepreßt, deren Seelenangst dabei sie Alle gesehen, gar Nichts
bewiesen als daß die kleinen unschuldigen Galanterien und Höflichkeiten
zwischen den Beiden stattgefunden, welche zwischen einem jungen
Herrn und einer jungen Dame, die sich zufällig begegnen, vorzukommen
pflegen -- mit Ausnahme jener Hindeutung auf George Washington, die
gar zu ausschweifend und unmöglich sei, um für etwas Anderes als
einen colossalen Spaß gelten zu können. Wie es eine Schwäche für
die Regierung sein würde, mit diesem Versuch durch Ausbeutung der
niedrigsten Nationalantipathien und Besorgnisse nach Popularität zu
haschen, nicht zum Ziele zu gelangen und deshalb der Generalanwalt so
Viel daraus gemacht habe, als nur möglich sei; wie dessenungeachtet die
Anklage sich auf Nichts gründe, als auf Aussagen so niederträchtiger
und ehrloser Art, wie sie nur zu oft derartige Anklagen schändeten und
von welchen die Hochverrathsprocesse dieses Landes nur zu reichliche
Beispiele gäben. Aber hier unterbrach ihn Mylord mit einem so
ernsthaften Gesicht, als ob es nicht wahr gewesen wäre und sagte, daß
er nicht ruhig auf der Richterbank sitzen und derartige Anspielungen
anhören dürfe.

Mr. Stryver rief dann seine paar Zeugen auf, und Mr. Cruncher hatte
dann aufzupassen, wie der Herr Generalanwalt den ganzen Anzug, den Mr.
Stryver den Geschwornen angepaßt hatte, um und um wendete, und zeigte,
wie Barsad und Cly sogar noch hundert Mal besser wären, als er geglaubt
hätte und der Angeklagte noch hundert Mal schlechter. Zuletzt kam
Mylord selbst, der dem Anzug bald das Auswendige nach innen, bald das
Inwendige nach außen kehrte, aber doch im Ganzen sehr entschieden ein
Sterbekleid für den Angeklagten daraus zurecht schnitt.

Und jetzt traten die Geschwornen zusammen, um das Urtheil zu erwägen,
und die Schmeißfliegen fingen wieder an zu summen.

Mr. Carton, der so lange die Decke des Gerichtssaals angesehen hatte,
wechselte selbst in dieser Pause der Aufregung weder seinen Platz, noch
seine Haltung. Während sein gelehrter Freund Mr. Stryver seine Papiere
vor sich auf einen Stoß zusammenlegte, mit den in seiner Nähe Sitzenden
flüsternd sprach und von Zeit zu Zeit mit banger Erwartung nach den
Geschwornen hinblickte, während alle Zuhörer und Zuschauer sich mehr
oder minder bewegten und in neue Gruppen zusammentraten; während sogar
Mylord von seinem Sitz aufgestanden war und langsam auf der Estrade
auf- und abging, nicht ohne in dem Publicum den Verdacht zu erwecken,
daß er in einigermaßen fieberhafter Aufregung sei, saß dieser eine
Mann gleichgültig zurückgelehnt da, den zerrissenen Talar halb von der
Schulter gerissen, die ungekämmte Perrücke schief auf den Kopf gesetzt,
die Hände in den Taschen und die Augen an die Decke geheftet, wie den
ganzen Tag über. Ein Gebahren, das mit allen Rücksichten auf Welt und
Menschen gebrochen zu haben schien, gab ihm nicht nur etwas Abstoßendes
und Gemeines, sondern verminderte die große Aehnlichkeit, die zwischen
ihm und dem Angeklagten unzweifelhaft bestand (welche durch den
gesammelten Ernst, den er einen Augenblick angenommen, als sie mit
einander verglichen worden, noch vermehrt war), so sehr, daß mehrere
von dem Publikum, die ihn jetzt betrachteten, zu einander sagten,
sie hätten kaum geglaubt, daß die Beiden sich so ähnlich wären. Mr.
Cruncher theilte die Bemerkung seinem nächsten Nachbar mit und setzte
hinzu: „Ich wette eine halbe Guinee, daß der nicht viele Processe hat.
Sieht nicht aus wie ein Mann, dem sich viele anvertrauen, nicht wahr?“

Und doch war dieser Mr. Carton viel aufmerksamer auf das, was geschah,
als er zu sein schien; denn jetzt, als Miß Manette’s Köpfchen ihrem
Vater auf die Brust gesunken war, wurde er es zuerst gewahr und sagte
laut: „Thürsteher! Springen Sie der jungen Dame bei. Helfen Sie dem
Herrn, sie hinauszuführen. Sehen Sie nicht, daß sie gleich niedersinken
wird?“

Laut äußerte sich das Bedauern, wie sie hinausgebracht wurde und ebenso
lebhaft die Theilnahme für ihren Vater. Es hatte ihm offenbar großen
Schmerz verursacht, daß man ihn an die im Kerker verlebte Zeit erinnert
hatte. Während des Verhörs verrieth er starke innere Aufregung und
der sinnende oder brütende Gesichtsausdruck, der ihn alt machte, war
seitdem wie eine schwere Wolke auf seinem Antlitz liegen geblieben. Wie
er hinaus ging, sprachen die Geschwornen, die sich umgedreht und kurze
Zeit berathen hatten, durch ihren Vormann.

Sie konnten nicht einig werden und wünschten abzutreten. Mylord (der
vielleicht immer noch nicht George Washington vergessen hatte) zeigte
sich etwas verwundert, daß sie nicht einig waren, aber er gab seine
huldvolle Einwilligung, daß sie unter Verschluß und Bewachung abtreten
könnten und trat selbst ab. Die Verhandlung hatte den ganzen Tag
gedauert und die Lampen im Saal wurden jetzt angebrannt. Es machte
sich die Meinung geltend, daß die Geschwornen lange ausbleiben würden.
Die Zuhörer verloren sich, um Erfrischungen zu sich zu nehmen und der
Angeklagte zog sich in den Hintergrund der Angeklagten-Loge zurück und
setzte sich.

Mr. Lorry, der der jungen Dame und ihrem Vater gefolgt war, erschien
jetzt wieder und winkte Jerry, der bei der verminderten Theilnahme des
Publikums leicht zu ihm kommen konnte.

„Jerry, wenn Ihr Etwas genießen wollt, so habt Ihr jetzt Zeit dazu.
Aber haltet Euch in der Nähe. Ihr hört jedenfalls, wenn die Geschwornen
wieder eintreten. Ihr müßt mit ihnen wieder hier sein, denn Ihr sollt
den Wahrspruch nach der Bank tragen. Ihr seid der rascheste Bote, den
ich kenne und könnt lange vor mir am Tempelthor sein!“

Jerry hatte gerade genug Stirn, um die Hand daran zu legen, und er
legte sie daran in Anerkennung dieser Mittheilung und eines Schillings.
Mr. Carton trat in diesem Augenblick zu den Beiden und legte die Hand
auf Mr. Lorry’s Arm.

„Was macht die junge Dame?“

„Sie ist sehr bekümmert, aber ihr Vater tröstet sie und sie fühlt sich
sehr erleichtert, seitdem sie nicht mehr im Saale ist.“

„Ich werde es dem Angeklagten sagen. Für einen respectabeln Herrn von
der Bank, wie Sie sind, schickt es sich natürlich nicht, mit ihm vor
Anderer Augen zu sprechen.“

Mr. Lorry wurde roth, als ob er sich bewußt wäre, dieses Bedenken bei
sich erwogen zu haben und Mr. Carton ging auf die Angeklagten-Loge zu.
Da der Ausgang aus dem Saale in derselben Richtung lag, so folgte ihm
Jerry, ganz Auge, Ohr und in Spitzen emporstehendes Haar.

„Mr. Darnay!“

Der Angeklagte trat sofort hervor.

„Es wird Ihnen natürlich daran gelegen sein, Etwas von dem Befinden der
Zeugin Miß Manette zu hören. Sie erholt sich rasch. Sie ist schon viel
besser geworden.“

„Es thut mir unendlich weh, die Ursache ihrer Aufregung zu sein. Können
Sie ihr das mit meinem innigsten Danke mittheilen?“

„Das könnte ich wohl. Ich werde es auch thun, wenn Sie es verlangen.“

Mr. Carton war in seinem Benehmen so gleichgültig und rücksichtslos,
daß es fast verletzte. Er stand da, dem Angeklagten halb den Rücken
zugekehrt, und stützte sich mit dem Ellbogen bequem auf die Schranke
vor der Anklagebank.

„Ich bitte Sie darum. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank dafür an.“

„Was erwarten Sie, Mr. Darnay?“ fragte Carton, immer noch halb von ihm
abgewendet.

„Das Schlimmste.“

„Das ist das Klügste, was Sie thun können und das Wahrscheinlichste,
was Ihnen widerfahren kann. Aber ich glaube, daß sie abgetreten sind
spricht zu Ihren Gunsten.“

Da Stehenbleiben während des Hinausgehens aus dem Saale nicht erlaubt
war, so hörte Jerry weiter Nichts, sondern verließ sie, wie sie Beide
unter dem ihre Gestalten zurückgebenden Spiegel neben einander standen,
einander so ähnlich im Gesicht, und so unähnlich im Wesen.

Anderthalb Stunden vergingen langsam in den von Dieben und Gesindel
erfüllten Gängen unten, obgleich Fleischpastetchen und Ale die Zeit
vertreiben halfen. Der heisere Bote, der unbequem auf einer Bank saß,
nachdem er dieses Erfrischungsmittel zu sich genommen, war eingeduselt,
als Stimmenbrausen und ein Strom von Menschen, welche die Richtung nach
der im Gerichtssaal hinaufführenden Treppe einschlugen, ihn mit sich
fortriß.

„Jerry, Jerry!“

Mr. Lorry rief ihn bereits an der Thür, als er dort eintrat.

„Hier, Sir! S’ist kaum zum Durchkommen. Hier bin ich, Sir!“

Mr. Lorry reichte ihm ein Papier über das Gedränge hinweg. „Rasch! Habt
Ihr’s?“

„Ja, Sir.“

Mit hastigen Zügen war auf das Papier geschrieben: „Freigesprochen.“

„Wenn Sie diesmal die Botschaft „Wiederauferstanden“ geschickt hätten,“
brummte Jerry im Fortgehen vor sich hin, „so würde ich dasmal gewußt
haben, was Sie meinten.“

Er hatte keine Gelegenheit, etwas Anderes zu sagen, oder nur zu denken,
bis er aus Old Bailey hinaus war; denn das Gebäude entleerte sich
mit einem Ungestüm, daß ihn der Menschenstrom fast umgerissen hätte
und ein lautes Gesumme verbreitete sich in der Straße, als ob die
getäuschten Schmeißfliegen sich zerstreuten, um anderes Aas aufzusuchen.



Viertes Kapitel.

Zum Glückwunsch.


Aus den schwach erleuchteten Gängen des Gerichtsgebäudes verliefen
sich die letzten Reste des Menschengedränges, das den ganzen Tag
über dort zusammengepreßt gewesen war, als _Dr._ Manette, Lucie
Manette, seine Tochter, der Sachwalter für die Vertheidigung und sein
Rechtsbeistand, Mr. Stryver, den eben freigelassenen Mr. Charles Darnay
umstanden und ihn zu seiner Rettung vom Tode beglückwünschten.

Es wäre bei viel hellerem Lichte schwierig gewesen, in _Dr._
Manette mit dem geistvollen Gesicht und der aufrechten Haltung den
Schuhmacher des Dachstübchens in Paris wiederzuerkennen. Aber Niemand
konnte ihn zweimal ansehen, ohne seine Aufmerksamkeit gefesselt zu
fühlen, selbst wer nicht Gelegenheit gehabt hatte, seine Beobachtung
auf den trauervollen Tonfall seiner gedämpften, ernsten Stimme und die
Zerstreutheit auszudehnen, deren Ausdruck sich mitunter ohne jeden
sichtbaren Grund unvorbereitet über sein Gesicht verbreitete. Während
ein äußerer Anlaß, und zwar eine Hindeutung auf seine langjährige
Qual, stets -- wie während der Gerichtsverhandlung -- diese Stimmung
aus den Tiefen seiner Seele heraufbeschwor, stellte sie sich auch von
selbst ein und verbreitete ein Düster über ihn, das denen, welche seine
Geschichte nicht kannten, so unbegreiflich war, als hätten sie den
Schatten der wirklichen Bastille im Sommersonnenschein auf ihn fallen
sehen, während der Körper der Bastille dreihundert Meilen weit entfernt
war.

Nur seine Tochter besaß die Fähigkeit, diesen schwarzen Schatten von
seinem Gemüth zu bannen. Sie war der goldene Faden, der ihn mit einer
Vergangenheit und mit einer Gegenwart verknüpfte, die beide auf der
andern Seite seines Leidenslebens lagen; und der Klang ihrer Stimme,
das Licht ihres Antlitzes, die Berührung ihrer Hand hatten fast immer
einen höchst wohlthätigen Einfluß auf ihn. Fast immer, denn sie konnte
sich einiger Fälle erinnern, wo ihre Macht wirkungslos geblieben war,
aber dies waren nur wenige und unbedeutende Fälle und sie glaubte, sie
würden nicht wiederkehren.

Mr. Darnay hatte ihr mit Inbrunst und dankbar die Hand geküßt, und sich
zu Mr. Stryver gewendet, dem er mit Wärme dankte. Mr. Stryver, ein
Mann von wenig mehr als dreißig Jahren, der aber zwanzig Jahre älter
aussah, als er war, wohlbeleibt, laut, roth, geradezu und frei von
jedem störenden Zartgefühl, hatte eine Art, sich moralisch und physisch
in Gesellschaften und Unterhaltungen vorzudrängen, die Bürgschaft dafür
gab, daß er sich auch seinen Weg in der Welt bahnen würde.

[Illustration: ~Glückwünsche.~]

Er hatte noch nicht die Perrücke und den Talar abgelegt und sagte,
indem er sich vor seinem Clienten so breit hinstellte, daß er
den unschuldigen Mr. Lorry ganz aus der Gruppe drängte: „Es freut
mich, Sie mit Ehren durchgebracht zu haben, Mr. Darnay. Es war eine
über die Maaßen schändliche und niederträchtige Anklage, die aber
nichtsdestoweniger leicht hätte zu einer Verurtheilung führen können.“

„Sie haben mich für mein Leben verpflichtet -- in zweifachem Sinne,“
sagte sein Client, indem er seine Hand ergriff.

„Ich habe mein Möglichstes für Sie gethan, Mr. Darnay; und mein
Möglichstes ist so gut wie das eines Andern, glaube ich.“

Da hier offenbar Jemand sagen mußte, viel besser, so sagte es
Mr. Lorry; vielleicht nicht ganz uneigennützig, sondern mit der
eigennützigen Absicht, wieder in die Gruppe hineinzukommen.

„Meinen Sie?“ sagte Mr. Stryver. „Nun, Sie sind den ganzen Tag dabei
gewesen und müssen’s wissen. Sie sind übrigens auch Geschäftsmann.“

„Und als solcher,“ sprach Mr. Lorry, den der Vertheidiger des
Angeklagten jetzt in die Gruppe zurückgedrängt hatte, wie er ihn vorher
hinausgedrängt, „als solcher bitte ich _Dr._ Manette, diese
Conferenz abzubrechen und uns Alle nach Hause zu schicken. Miß Lucie
sieht leidend aus, Mr. Darnay hat einen schrecklichen Tag gehabt, wir
sind Alle fertig.“

„Sprechen Sie für sich, Mr. Lorry,“ sagte Stryver; „ich habe noch die
Nacht zu arbeiten. Sprechen Sie für sich.“

„Ich spreche für mich,“ gab Mr. Lorry zur Antwort, „und für Mr. Darnay
und für Miß Lucie und -- Miß Lucie, meinen Sie nicht, daß ich für
uns Alle sprechen darf?“ Er legte einen Nachdruck auf die Frage und
begleitete sie mit einem Blick auf ihren Vater.

Auf seinem Antlitz war ein seltsamer Ausdruck, mit dem er Darnay ansah,
gewissermaßen festgefroren: Ein forschender Ausdruck, der sich allmälig
zu einem Ausdruck der Abneigung und des Mißtrauens vertiefte und in
welchen sich sogar Furcht mischte. Während dieser seltsame Ausdruck auf
seinem Gesicht lag, waren seine Gedanken in die Ferne geschweift.

„Vater,“ sagte Lucie, indem sie sanft die Hand auf seinen Arm legte.

Er schüttelte langsam den Schatten von sich ab und drehte sich nach ihr
um.

„Wollen wir nach Hause gehen, Vater?“

Mit einem langen, tiefen Athemzug gab er zur Antwort: „Ja.“

Die Freunde des freigesprochenen Angeklagten waren in der von ihm
selbst ausgegangenen Meinung fortgegangen, daß er diesen Abend noch
nicht werde in Freiheit gesetzt werden. Die Lampen in den Gängen
waren fast alle ausgelöscht, die eisernen Thüren wurden klappernd und
rasselnd zugeschlossen und der unheimliche Ort war verödet bis morgen
früh, wo Galgen, Pranger, Prügelpfahl und Brandmarkungseisen von Neuem
ihren Zehnten forderten.

Zwischen ihrem Vater und Mr. Darnay trat Lucie Manette hinaus in die
freie Luft. Man rief einen Fiacre und Vater und Tochter fuhren darin
von dannen.

Mr. Stryver war in den Gängen von ihnen geschieden, um die Garderobe
aufzusuchen. Noch eine Person, welche sich der Gruppe nicht zugesellt
und ebenso wenig mit einem von den Andern ein Wort getauscht hatte,
die sich aber an die Wand gelehnt hatte, wo der Schatten derselben
am dunkelsten war, war schweigend den Uebrigen gefolgt und hatte
zugesehen, bis der Wagen fortfuhr. Er trat nun zu Mr. Lorry und Mr.
Darnay, die auf der Straße stehen geblieben waren.

„Aha, Mr. Lorry! Geschäftsleute können jetzt mit Mr. Darnay sprechen.“

Niemand hatte ein anerkennendes Wort für Mr. Cartons Antheil an den
Verhandlungen des Tages gehabt; Niemand hatte darauf Acht gegeben.
Er hatte den Advocatentalar abgelegt, ohne daß sein Aussehen dadurch
besser geworden wäre.

„Wenn Sie wüßten, welche Kämpfe der Geschäftsmann zu bestehen hat,
wenn sein Inneres getheilt ist zwischen gutmüthigem Wollen und
Geschäftsrücksichten, so würden Sie lachen, Mr. Darnay.“

Mr. Lorry wurde roth und sagte mit Wärme: „Sie haben das schon einmal
gesagt, Sir. Wir Geschäftsleute, die einem Hause dienen, sind nicht
unsere eigenen Herren. Wir müssen an das Haus mehr als an uns selbst
denken.“

„Das weiß ich, das weiß ich,“ warf Mr. Carton gleichgültig ein. „Seien
Sie nicht ärgerlich, Mr. Lorry. Sie sind so gut wie die Andern, das
bezweifle ich nicht; besser, wage ich zu sagen.“

„Und ich muß wahrhaftig sagen, Sir,“ fuhr Mr. Lorry fort, ohne auf
ihn zu hören, „ich weiß eigentlich nicht, was Sie die Sache angeht.
Wenn Sie mir, der ich so viel älter bin als Sie, erlauben wollen, es
auszusprechen, so glaube ich kaum, daß dies Sache Ihres Geschäfts ist.“

„Meines Geschäfts! Mein Gott, ich habe kein Geschäft,“ sagte Mr. Carton.

„Es ist schade, daß Sie keins haben, Sir.“

„Das glaube ich auch.“

„Wenn Sie ein Geschäft hätten,“ fuhr Mr. Lorry fort, „so würden Sie
vielleicht sich demselben widmen.“

„Du meine Güte, nein! -- Ich gewiß nicht,“ sagte Mr. Carton.

„Ich sage Ihnen, Sir,“ sagte Mr. Lorry, ganz ärgerlich über seine
Gleichgültigkeit, „ein Geschäft ist eine sehr gute Sache und eine sehr
respectable Sache. Und ich sage Ihnen, Sir, wenn das Geschäft seine
Rücksichten fordert und manchen Zwang auflegt, so weiß Mr. Darnay, als
junger Mann von Herz, diesen Umstand zu berücksichtigen. Mr. Darnay,
gute Nacht. Gott segne Sie, Sir! Ich hoffe, Sie sind heute für ein
gedeihliches und glückliches Leben aufbewahrt worden. -- Heda, Sänfte!“

Vielleicht ein wenig ärgerlich über sich selbst, wie über den
Sachwalter, stieg Mr. Lorry hastig in die Sänfte und ließ sich nach
Tellsons Bank tragen. Carton, der nach Portwein roch und nicht ganz
nüchtern zu sein schien, lachte dann und sagte zu Darnay:

„Ein seltsamer Zufall ist’s, der Sie und mich zusammenführte. Es muß
eine seltsame Nacht für Sie sein, hier auf der Straße allein mit Ihrem
Doppelgänger zu stehen?“

„Es kommt mir noch gar nicht recht vor, als ob ich dieser Welt
angehörte,“ entgegnete Charles Darnay.

„Das wundert mich nicht; es ist nicht lange her, daß Sie ziemlich weit
auf Ihrem Wege nach einer andern waren. Nach Ihrer Sprache sind Sie
angegriffen.“

„Mir kommt es vor, als wäre ich sehr angegriffen.“

„Warum, zum Kukuk, gehen Sie dann nicht zu Tisch? Ich für meinen Theil
habe gegessen, während diese Strohköpfe mit einander zu Rathe gingen,
welcher Welt Sie angehören sollten -- dieser oder einer andern. Ich
will Ihnen aber wenigstens das nächste Gasthaus zeigen, wo man gut ißt.“

Er nahm ohne Umstände den Arm Darnay’s, führte ihn Ludgate-Hill hinab
nach Fleet-Street und dort durch einen langen, überbauten Gang in ein
Wirthshaus. Dort wies man sie in ein kleines Zimmer, wo Charles Darnay
sich bald bei einem guten, einfachen Diner und gutem Weine stärkte,
während Carton ihm gegenüber an demselben Tisch saß, seine besondere
Flasche Portwein vor sich hatte und ihm mit seiner halb insolenten
Manier zusah.

„Nun, fühlen Sie jetzt, daß Sie wieder diesem irdischen Schauplatz
angehören, Mr. Darnay?“

„Ich bin schrecklich verwirrt über Zeit und Ort; aber soweit bin ich
hergestellt, um das zu fühlen.“

„Es muß Ihnen zur unendlichen Befriedigung gereichen.“

Er sagte das mit Bitterkeit und schenkte sich sein Glas wieder voll,
das ziemlich groß war.

„Was mich betrifft, so ist mein größter Wunsch, zu vergessen, daß ich
zu dieser Welt gehöre! Sie hat nichts Gutes für mich -- außer Wein,
gleich diesem -- und ich habe nichts Gutes für sie. So gleichen wir uns
in diesem Punkte nicht sehr. In der That fange ich an zu glauben, daß
wir uns in keiner Einzelheit sehr ähnlich sind.“

Von der Aufregung des Tages noch verwirrt und von der Anwesenheit
seines Doppelgängers mit dem gemeinen Betragen wie von einem Traum
befangen, wußte Charles Darnay nicht, was er antworten sollte und
antwortete zuletzt gar nicht.

„Da Sie jetzt mit dem Essen fertig sind,“ fuhr Carton gleich darauf
fort, „so sollten Sie doch eine Gesundheit ausbringen, Mr. Darnay;
warum thun Sie es nicht?“

„Auf wen soll ich eine Gesundheit ausbringen?“

„Mein Gott, der Name schwebt Ihnen auf der Zunge. Es sollte wenigstens
und es muß der Fall sein, ich schwöre darauf.“

„Miß Manette also!“

„Gut, Miß Manette!“

Carton sah seinen Begleiter fest an, während er den Toast trank und
warf dann das Glas über die Schulter an die Wand, wo es in tausend
Stücke zerbrach; dann klingelte er und bestellte ein neues Glas.

„Eine schöne junge Dame, um sie im Dunkeln nach der Kutsche zu
geleiten, Mr. Darnay!“ sagte er und schenkte sich sein neues Glas voll.

Ein kaum merkbares Runzeln der Stirn und ein kurzes Ja war die Antwort.

„Und von einer so schönen jungen Dame bedauert und beweint zu werden!
Wie mag das wohl thun? Ich glaube, es ist werth, sich einen Proceß
um sein Leben machen zu lassen, wenn man dafür Gegenstand solchen
Erbarmens und Mitleids wird. Nicht wahr, Mr. Darnay?“

Abermals zog Darnay vor, keine Antwort zu geben.

„Ihre Botschaft machte ihr schreckliche Freude, als ich sie ihr
überbrachte. Nicht, daß sie dieselbe besonders an den Tag legte, aber
meiner Meinung nach war es entschieden der Fall.“

Die Anspielung erinnerte Darnay noch zur rechten Zeit, daß dieser
unangenehme Gesell ihm aus eigenem Antrieb im Laufe des Tages aus einer
Verlegenheit geholfen hatte. Er brachte das Gespräch darauf und dankte
ihm für seine Vermittelung.

„Ich verlange weder Ihren Dank, noch verdiene ich ihn,“ sagte der
Andere gleichgültig. „Erstens war keine Mühe dabei, und zweitens weiß
ich gar nicht, weshalb ich es eigentlich gethan habe. Mr. Darnay,
erlauben Sie mir eine Frage?“

„Mit Vergnügen, und die Antwort ist nur ein geringfügiger Dank für Ihre
freundlichen Dienste.“

„Glauben Sie, daß ich Sie besonders gern habe?“

„Wahrhaftig, Mr. Carton, ich habe mir diese Frage selbst noch nicht
vorgelegt,“ entgegnete der Andere, einigermaßen von der Anrede in
Verwirrung gebracht.

„Nun, so legen Sie sich jetzt einmal die Frage vor.“

„Sie haben gehandelt, als ob Sie mich gern hätten; aber ich glaube
nicht, daß es der Fall ist.“

„Ich glaube es auch nicht,“ sagte Carton. „Ich fange an, von Ihrem
Urtheil eine sehr gute Meinung zu bekommen.“

„Nichtsdestoweniger,“ fuhr Darnay fort, indem er aufstand, um zu
klingeln: „zürnen Sie nicht, hoffe ich, daß ich die Rechnung bestelle
und daß wir ohne böses Blut zwischen uns von einander scheiden.“

Carton erwiderte: „Durchaus nicht!“ Darnay klingelte. „Bezahlen Sie
die ganze Rechnung?“ sagte Carton. Auf seine bejahende Antwort fuhr er
fort: „Dann bringen Sie mir noch eine halbe Flasche von diesem Wein,
Kellner, und wecken Sie mich dann um 10 Uhr.“

Charles Darnay stand auf, nachdem er die Rechnung bezahlt hatte und
wünschte dem Andern gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand auch
Carton auf und sagte mit fast drohender oder herausfordernder Miene:
„Noch ein Wort, Mr. Darnay: Sie glauben, ich bin betrunken?“

„Ich glaube, Sie haben getrunken, Mr. Carton.“

„Sie glauben? Sie wissen, daß ich getrunken habe.“

„Da ich es einmal sagen muß, ja.“

„Dann sollen Sie auch wissen, warum. Ich bin ein blasirtes Plackholz,
Sir. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden und kein Mensch auf
Erden kümmert sich um mich.“

„Sehr zu bedauern. Sie hätten Ihre Talente besser benutzen können.“

„Vielleicht, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Seien Sie jedoch nicht
stolz auf Ihr nüchternes Gesicht; Sie wissen nicht, wozu Sie noch
kommen können. Gute Nacht!“

Als er allein war, nahm der seltsame Mann ein Licht, trat vor einen
Spiegel an der Wand und betrachtete sich in demselben genau.

„Findest Du besondern Gefallen an dem Menschen?“ redete er halblaut
sein Bild an; „warum solltest Du besondern Gefallen an einem Menschen
finden, der Dir ähnlich sieht? An Dir ist Nichts, was gefallen könnte,
das weißt Du. Hol Dich der Kukuk! Was Du aus Dir gemacht hast! Ein
guter Grund, Dich zu Jemand hingezogen zu fühlen, weil er Dir zeigt,
wie Du Dich heruntergebracht hast und was aus Dir hätte werden können!
Tausche den Platz mit ihm; würden dann diese blauen Augen Dich
angesehen haben, wie ihn und würde Dich dann dieses aufgeregte Gesicht
bemitleidet haben, wie ihn? Sei nicht blöde und sage es offen heraus.
Du hassest den Burschen.“

Er setzte sich, um Trost zu suchen, zu seiner halben Flasche Wein,
trank sie in wenigen Minuten aus, legte dann den Kopf auf den Tisch und
schlief ein, während sein Haar in wirren Locken auf seine Arme fiel und
ein großer Räuber im Lichte Unschlitttropfen auf ihn herabfallen ließ.



Fünftes Kapitel.

Der Schakal.


Jene Zeit war eine Zeit des Zechens, und die meisten Männer zechten
stark. So sehr hat sich dieses seitdem gebessert, daß eine mäßige
Angabe der Quantität Wein und Punsch, die damals ein Mann im Verlauf
einer Nacht hinuntertrinken konnte, ohne seinem Ruf als vollkommner
Gentleman im Mindesten Eintrag zu thun, heutzutage wie eine lächerliche
Uebertreibung erschiene. Der gelehrte Stand der Juristen blieb in
seinen bacchantischen Neigungen gewiß nicht hinter andern Ständen
zurück; und auch Mr. Stryver, der sich bereits auf dem raschen Wege zu
einer ausgedehnten und gewinnbringenden Praxis befand, gab in dieser
Hinsicht seinen Collegen ebenso wenig nach, wie in den trockneren
Zweigen der Jurisprudenz.

Beliebt in Old Bailey und auch in den Assisen, hatte Mr. Stryver
bereits begonnen, vorsichtig die untern Stufen der Leiter wegzuhauen,
auf welcher er emporstieg. Die Assisen und Old Bailey hatten jetzt
ihren Günstling ausdrücklich in ihre sehnsüchtigen Arme zu rufen, wenn
sie ihn sehen wollten und täglich konnte man das geröthete Gesicht
Mr. Stryvers dem Lord-Oberrichter in dem Gerichtshof der Kingsbench
gegenüber erblicken, wie er aus einem Perrückenbeet sich hervordrängte,
einer großen Sonnenblume gleich, die aus einem verwilderten Garten voll
grell bunter Blumen zur Sonne emporstrebt.

Die Collegen hatten früher von Mr. Stryver gesagt, daß er zwar
zungengeläufig sei und sich keine Bedenken mache und keck angreife,
was er in die Hand nehme, daß er aber nicht jene Fähigkeit besitze,
den wesentlichen Inhalt aus einem Haufen von Daten herauszuziehen,
welche einer der wesentlichsten und auffälligsten Züge advocatorischer
Begabung ist. Aber in dieser Hinsicht hatte er sich merkwürdig
gebessert. Je größer seine Praxis ward, desto größer schien seine
Fähigkeit zu werden, den Kern und das Mark jedes Geschäfts zu finden;
und so spät des Nachts er auch mit Sidney Carton poculirte, konnte
er doch am Morgen die Hauptpunkte seiner Rechtssache an den Fingern
herzählen.

Sidney Carton, der trägste und zukunftsloseste Mann aller Männer, war
Stryvers großer Verbündeter. Was die Beiden zwischen dem Hilariustag
und dem Michaelstag zusammen tranken, hätte ein königliches Schiff
flott machen können. Stryver hatte nie in einer Rechtssache zu thun,
ohne daß Carton dabei saß, die Hände in den Taschen und die Decke des
Gerichtssaales anstarrend; sie bereisten denselben Assisenbezirk und
verlängerten selbst da ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht,
und Manche wollten Carton am hellen lichten Tage verstohlen und nicht
ganz fest auf den Beinen gleich einer liederlichen Katze nach Hause
schleichen gesehen haben. Endlich wurde es unter denen, die an der
Sache Interesse nahmen, ruchbar, daß zwar Sidney Carton nie ein Löwe
werden würde, daß er aber ein erstaunlich guter Schakal sei, und daß er
in dieser bescheidenen Eigenschaft Stryver treue Dienste leiste.

„Zehn Uhr, Sir!“ sagte der Kellner, dem er aufgetragen hatte, ihn zu
wecken. -- „Zehn Uhr, Sir!“

„Was giebt’s?“

„Zehn Uhr, Sir!“

„Was soll das? Zehn Uhr Nachts?“

„Ja, Sir! Euer Ehren befahlen mir, Sie zu wecken.“

„Ah! ich besinne mich. Gut, gut.“

Nach ein Paar halben Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner
geschickt dadurch vereitelte, daß er fünf Minuten lang beständig das
Feuer schürte, stand er auf, warf den Hut auf den Kopf und ging fort.
Er ging in den Tempel, erfrischte sich einigermaßen, indem er zweimal
auf dem Pflaster von Kingsbench-walk und Paper-buildings auf und ab
ging und suchte Mr. Stryvers Expedition auf.

Stryvers Schreiber, der diesen Conferenzen nie beiwohnte, war nach
Hause gegangen und der Principal machte selbst die Thüre auf. Er
hatte Hausschuhe an und einen weiten Schlafrock, und der Hals war der
größeren Bequemlichkeit wegen bloß. Er hatte das etwas verstörte,
angegriffene Aussehen um die Augen, welches man bei allen flott
Lebenden, aber angestrengt Arbeitenden von Jeffries abwärts bemerkt,
und welches man unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch
die Portraits jedes zechenden Zeitalters verfolgen kann.

„Ihr kommt etwas spät, Gedächtniß,“ sagte Stryver.

„Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht eine Viertelstunde später.“

Sie gingen in ein schwarz geräuchertes Zimmer, dessen Wände von
Büchern und dessen Tische und Fußboden von Papieren bedeckt waren und
wo ein helles Feuer brannte. Ein Theekessel dampfte vor demselben und
mitten unter Stößen Akten stand ein Tisch mit mehreren Flaschen Wein
und Cognac und Rum und Zucker und Citrone.

„Ihr habt schon Eure Flasche getrunken, sehe ich, Sidney.“

„Zwei, glaube ich. Ich habe mit dem Clienten von heute gegessen; oder
ihm zugesehen -- s’ ist Alles Eins!“

„Das war ein schöner Einfall, Sidney, Eure Aehnlichkeit zu benutzen.
Wie kamt Ihr darauf? Wann ist es Euch aufgefallen?“

„Ich dachte, er wäre eigentlich ein hübscher Kerl und dachte mir, ich
wäre ungefähr auch so ein Bursch gewesen, wenn ich nur etwas Glück
gehabt hätte.“

Mr. Stryver lachte, bis sein frühgekommenes Bäuchlein wackelte. „Ihr
und Euer Glück, Sidney! Geht an die Arbeit, geht an die Arbeit!“

Mürrisch genug machte es sich der Schakal mit seinem Anzug bequem,
ging in ein anstoßendes Zimmer und trat mit einem großen Krug kaltem
Wasser, einem Waschbecken und ein oder zwei Handtüchern wieder heraus.
Er tauchte die Handtücher in das Wasser, rang sie wieder aus und legte
sie dann zusammengebrochen in einer scheußlich aussehenden Weise auf
den Kopf. So setzte er sich an den Tisch hin und sagte. „Jetzt bin ich
fertig.“

„Es ist nicht viel zu thun, Gedächtniß,“ sagte Mr. Stryver munter, wie
er sich unter seinen Papieren umsah.

„Wie viel?“

„Nur zwei Sachen.“

„Gebt mir die schwerste zuerst.“

„Hier ist sie, Sidney. Nun vorwärts!“

Der Löwe legte sich dann bequem auf das Sopha auf der einen Seite des
Tisches mit den Flaschen, während der Schakal an seinem besondern mit
Papieren bedeckten Tische auf der andern Seite saß, so daß er die
Flaschen und Gläser bei der Hand hatte. Mit letzteren beschäftigten
sich Beide fleißig, aber jeder auf eine andere Art; der Löwe lag
meistens sinnend da, die Hände im Hosenbund und in das Feuer blickend
oder gelegentlich ein leichteres Actenstück durchmusternd, wogegen der
Schakal mit gerunzelter Stirn und aufmerksamem Gesichte so vertieft
in seine Aufgabe war, daß seine Augen nicht einmal der Hand folgten,
die er nach dem Glase ausstreckte, sondern daß er oft eine oder zwei
Minuten lang umhertappte, ehe er das Glas fand.

Ein oder zweimal stieß der Schakal auf so schwierige Punkte, daß er
sich genöthigt sah, aufzustehen und die Handtücher von Neuem naß zu
machen. Von diesen Wanderungen nach dem Wasserkrug und dem Waschbecken
kam er mit so wunderbaren Variationen seines nassen Turbans zurück,
daß Worte sie nicht beschreiben können, und sein Aufzug wurde noch
lächerlicher durch das ernsthafte, in Gedanken vertiefte Gesicht.

Endlich hatte der Schakal ein tüchtiges Mahl für den Löwen und brachte
es ihm dar. Der Löwe nahm es mit Ueberlegung und Vorsicht, traf seine
Auswahl, machte seine Bemerkungen darüber und der Schakal unterstützte
ihn dabei. Als das Mahl verzehrt war, steckte der Löwe die Hände wieder
in den Hosenbund und streckte sich aus, um zu überlegen. Der Schakal
erfrischte dann die Kehle mit einem vollen Glase und den Kopf mit
frischgenäßten Handtüchern und beschäftigte sich mit der Zurechtmachung
eines zweiten Mahles; dieses wurde dem Löwen in derselben Weise
dargebracht und war nicht eher verzehrt, als bis die Glocken drei Uhr
früh verkündeten.

„Und jetzt, da wir fertig sind, Sidney, schenkt Euer Glas Punsch ein,“
sagte Mr. Stryver.

Der Schakal nahm die nassen Handtücher vom Kopf, die ihre Feuchtigkeit
ausdampften, schüttelte sich, gähnte, fröstelte und schenkte ein Glas
voll.

„Eure Rathschläge über das Verhör der Kronzeugen waren sehr solid
heute, Sidney. Jede Frage zog.“

„Meine Rathschläge sind immer solid, sollt’ ich meinen?“

„Das ziehe ich nicht in Zweifel. Was hat Euch übler Laune gemacht?
Trinkt ein Glas Punsch und spült die üble Laune hinunter.“

Mit einem entschuldigenden Brummen schenkte sich der Schakal abermals
das Glas voll.

„Der alte Sidney Carton von der alten Shrewsbury-Schule,“ sagte Stryver
und wiegte nachdenklich den Kopf, wie er sich den Schulkameraden in
der Gegenwart und in der Vergangenheit betrachtete. „Der alte grillige
Sidney. In einer Minute heiter und in der nächsten niedergeschlagen.“

„Ja wohl,“ entgegnete der Andere mit einem Seufzer, „derselbe Sidney,
mit demselben Glück. Selbst damals machte ich die Arbeiten für die
Andern und selten meine eigenen.“

„Und warum nicht?“

„Das weiß der Himmel. Es war meine Art so, vermuthe ich.“

Er saß da, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine vor sich
ausgestreckt und sah in das Feuer.

„Carton,“ sagte sein Freund und stellte sich mit herausfordernder Miene
vor ihn hin, als ob das Kamin der Ofen wäre, in welchem ausdauernder
Fleiß geschmiedet würde und das Beste, was man für den alten Sidney
Carton von der alten Shrewsbury-Schule thun könne, wäre, ihn
hineinzustoßen. „Eure Art ist und war immer eine lahme Art. Ihr bringt
keine Energie und kein Wollen mit. Seht mich an.“

„Ach, dummes Zeug!“ entgegnete Sidney mit einem unbefangenen und
gutmüthigen Lachen, „spielt nur nicht den Prediger.“

„Wie bin ich geworden, was ich geworden bin?“ sagte Stryver; „wie
bring’ ich zu Stande, was ich zu Stande bringe?“

„Zum Theil dadurch, daß Ihr mich bezahlt, um Euch zu helfen, glaube
ich. Aber es ist nicht der Mühe werth, mir oder der Luft darüber Reden
zu halten; was Ihr thun wollt, das thut Ihr. Ihr war’t immer in der
vordersten Reihe, und ich war immer in der letzten.“

„Ich mußte auch erst in die vorderste Reihe kommen; ich war nicht darin
geboren, sollt’ ich meinen.“

„Ich war bei dem wichtigen Vorfall nicht Zeuge; aber meiner Meinung
nach seid Ihr in der ersten Reihe geboren.“ Dabei lachte er wieder und
der Andere stimmte ein.

„Vor Shrewsbury und in Shrewsbury und seitdem wir aus Shrewsbury weg
sind,“ fuhr Carton fort, „habt Ihr von selbst Euren Platz gefunden und
ich den meinigen. Selbst als wir zusammen im Quartier latin wohnten und
Französisch lernten und französisches Recht und andere französische
Sachen, die uns nicht viel nutzten, wart Ihr immer am Platze und ich
war immer nirgends.“

„Und wessen Schuld war das?“

„Bei meiner Seele, ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht Eure Schuld
war. Ihr stießet und drängtet und triebt immer in einer so rastlosen
Weise vorwärts, daß mir nichts Anderes übrig blieb, als zu ruhen und
zu rosten. S’ist übrigens eine trübselige Sache, von der eigenen
Vergangenheit zu sprechen, wenn der Tag anfängt zu grauen. Bringt mich
auf etwas Anderes, ehe ich gehe.“

„Gut! Stoßt mit mir auf die hübsche Zeugin an,“ sagte Stryver und hielt
ihm das Glas hin. „Bringt Euch das nicht in gute Stimmung?“

Allem Anschein nach nicht, denn sein Gesicht verdüsterte sich wieder.

„Hübsche Zeugin,“ brummte er vor sich hin und sah in das Glas. „Ich
habe heute den ganzen Tag mit Zeugen zu thun gehabt; was für eine
hübsche Zeugin meint Ihr?“

„Des malerischen Doctors Tochter, Miß Manette.“

„Die hübsch!“

„Meint Ihr nicht?“

„Nein.“

„Aber, Mensch, sie war die Bewunderte des ganzen Gerichtshofes.“

„Zum Kukuk mit der Bewunderung des ganzen Gerichtshofes! Wer hat
Old Bailey zu einem Schönheitsrichter gemacht? Den blondgelockten
Puppenkopf meint Ihr?“

„Wißt Ihr was, Sidney,“ sagte Mr. Stryver, indem er ihn forschend ansah
und langsam mit der Hand über sein geröthetes Gesicht strich, „wißt
Ihr, daß ich fast glaubte, Ihr sympathisirtet mit dem blondgelockten
Puppenkopf und entdecktet sehr rasch, was dem blondgelockten Puppenkopf
zustieß?“

„Entdeckte rasch, was ihm zustieß! Wenn ein Mädchen, Puppenkopf oder
nicht, ein Paar Ellen vor eines Mannes Nase in Ohnmacht fällt, so kann
er es ohne Perspectiv sehen. Ich stoße mit Euch an, aber ich leugne die
Schönheit. Und jetzt mag ich nicht mehr trinken; ich gehe zu Bett.“

Als Stryver ihn mit einem Lichte hinausbegleitete, um ihm die Treppe
hinunter zu leuchten, sah der Morgen mit kaltem Schimmer durch die von
Staub und Ruß blind gewordenen Fenster. Als er aus dem Hause trat, war
die Luft kalt und still, der Himmel trübe, der Fluß dunkel und ohne
Leben, die ganze Umgebung wie eine menschenleere Wüste. Und Staubwirbel
kräuselten in dem Morgenwinde, als ob der Wüstensand in weiter Ferne
aufgewirbelt sei und die erste vorausgeschickte Welle desselben die
Stadt zu überschütten beginne.

Unbenutzte Kräfte in sich und eine Wüste ringsum, blieb dieser Mann
unterwegs stehen und sah einen Augenblick aus der Wüste vor sich eine
Fata morgana ehrenwerthen Strebens und selbstverleugnender Ausdauer
emporsteigen. In der schönen Stadt dieses Gesichtes waren luftige
Gallerien, von wo Liebe und Anmuth auf ihn herabsahen, Gärten, in
welchen die Lebensfrüchte reich am Baume hingen, Gewässer der Hoffnung,
die vor seinen Augen funkelten. Ein Augenblick -- und Alles war
verschwunden. Er kletterte eine hohe Treppe in einem Häuserhaufen
hinauf in sein Stübchen, warf sich in seinen Kleidern auf ein
verwahrlostes Bett und das Kissen wurde feucht von vergeblichen Thränen.

Traurig, traurig ging die Sonne auf, und sie sah kein traurigeres
Schauspiel, als den Mann von guten Fähigkeiten und guten Regungen,
unfähig, sie geregelt zu benutzen, unfähig, sich zu helfen und sein
Glück zu gründen, erfüllt von dem Bewußtsein seiner Schwächen und in
bitterer Verzweiflung sich in sein Loos ergebend.



Sechstes Kapitel.

Hunderte von Leuten.


Die stille Wohnung _Dr._ Manette’s lag in einem stillen
Straßenwinkel nicht weit von Soho-square. Am Nachmittag eines schönen
Sonntags, wo die Wellen von vier Monaten über die Verhandlungen wegen
der Hochverrathsanklage gerollt waren und sie, was das Interesse
und das Gedächtniß des Publikums betrifft, weit hinaus in das
Meer getragen hatten, wandelte Mr. Jarvis Lorry durch die sonnigen
Straßen, um von Clerkenwell, wo er wohnte, zu dem Doctor zu gehen,
bei dem er essen sollte. Nach verschiedenen Rückfällen in seine
Geschäftsgleichgültigkeit war Mr. Lorry des Doctors Freund geworden und
der stille Straßenwinkel war der sonnige Theil seines Lebens.

An diesem schönen Sonntag wandelte Mr. Lorry zeitig des Nachmittags
aus drei verschiedenen Gewohnheitsgründen Soho zu. Erstens weil er an
schönen Sonntagen vor dem Essen oft mit dem Doctor und Lucien spazieren
ging; zweitens weil er an nicht schönen Sonntagen gewohnt war, bei
ihnen als Hausfreund zu verweilen und mit Plaudern, Lesen, aus dem
Fenster Sehen und Aehnlichem den Tag zu verbringen; drittens trug er
sich mit gewissen kleinen Zweifeln und wußte, daß die Lebensweise des
Doctors diese Zeit zu der geeignetsten machte, wo er ihre Lösung finden
könnte.

Ein gemüthlicherer Winkel, als der Winkel, wo der Doctor wohnte, war in
London nicht zu finden. Es war eine Sackgasse, und die vordern Fenster
der Wohnung des Doctors hatten eine angenehme kleine Perspective einer
Straße vor sich, die etwas Abgeschiedenes hatte. Es standen damals
wenig Gebäude nördlich von Oxfordroad und Waldbäume gediehen und
Waldblumen und Hagedorn blühten in den jetzt verschwundenen Feldern. In
Folge davon wehte frische Landluft mit kräftiger Freiheit in Soho und
ganz in der Nähe gab es manche gegen Süden gewendete Mauer, an welcher
die Pfirsiche zu ihrer Zeit reif wurden.

Die Sommersonne traf in den frühen Stunden des Tages mit hellem Scheine
den Winkel; aber wenn die Straße heiß wurde, lag die Ecke im Schatten,
obgleich nicht so tief im Schatten, daß man nicht hätte in den hellen
Sonnenglanz hineinsehen können. Es war eine kühle Stelle, ruhig, aber
heiter, ein wunderbarer Ort für Echo’s und ein wahrer Rettungshafen vor
dem wüsten Straßenlärm.

Ein ruhiges Schiff gehörte auf einen solchen Ankerplatz und es war auch
vorhanden. Der Doctor bewohnte zwei Stockwerke eines großen, stillen
Hauses, wo der Sage nach bei Tage verschiedene Gewerbe betrieben
wurden, aber sehr wenig von sich hören ließen, während sie sich bei
Nacht ganz und gar fern hielten. In einem Hintergebäude, zu dem man
durch einen Hof gelangte, in welchem eine Platane mit ihren grünen
Blättern rauschte, sollten Orgeln gebaut und Silber getrieben und
Gold geschlagen werden, und zwar von einem geheimnißvollen Riesen,
der einen goldenen Arm aus der Mauer an der Vorderseite herausreckte
-- als ob er sich selbst zu Gold geschlagen hätte, und alle Besucher
mit einem ähnlichen Schicksal bedrohte. Von diesen Gewerben oder von
einem einsamen Miethsmann, der angeblich im dritten Stock wohnte,
oder von einem Fabrikanten von Kutschenbeschlag, der ein Contor im
Hofe haben sollte, wurde sehr wenig gehört oder gesehen. Gelegentlich
sah man einen vereinzelten Arbeitsmann, der den Rock anzog, durch
den Hof gehen, oder einen Fremden sich umsehen, oder man hörte ein
fernes Pochen von dem goldenen Riesen. Dies waren jedoch die einzigen
Ausnahmen, die zum Beweise der Regel erforderlich waren, daß die
Sperlinge in der Platane hinter dem Hause und die Echo’s in dem
Winkel vor demselben vom Sonntag Morgen bis zum Sonnabend Abend freie
Verfügung über den Ort hatten.

Doctor Manette empfing die Patienten, welche sein alter Ruf und das
Wiederaufleben desselben durch das Lautwerden seiner wunderbaren
Geschichte ihm verschaffte. Seine wissenschaftlichen Experimente
führten ihm ebenfalls einige Kunden zu und er verdiente so viel, als er
brauchte.

An alle diese Dinge dachte Mr. Jarvis Lorry, als er an der Thür des
stillen Hauses in der Ecke an dem schönen Sonntag Nachmittag klingelte.

„Ist _Dr._ Manette zu Hause?“

„Er muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Lucie zu Hause?“

„Sie muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Proß zu Hause?“

Möglicherweise zu Hause, aber jedenfalls unmöglich zu bestimmen, ob Miß
Proß wünsche, die Thatsache des Zuhauseseins zuzugeben oder nicht.

„Da ich selbst hier zu Hause bin,“ sagte Mr. Lorry, „will ich
hinaufgehen.“

Obgleich die Tochter des Doctors von dem Lande ihrer Geburt Nichts
gewußt hatte, schien sie doch von diesem die Fähigkeit geerbt zu haben,
Viel mit geringen Mitteln zu machen, welche eine der nützlichsten und
angenehmsten Eigenheiten der Franzosen ist. So einfach der Hausrath
war, so war derselbe durch viele kleine verzierende Zuthaten, die an
sich ohne Werth waren, aber von Geschmack und Empfindung zeugten,
gehoben, sodaß die Gesammtwirkung höchst angenehm war. Die Aufstellung
aller Gegenstände, von dem Größten bis zum Kleinsten, in den Zimmern,
der Zusammenklang der Farben, die anmuthige Verschiedenartigkeit
und die nicht minder anmuthigen Gegensätze, welche hier bei sehr
bescheidenen Mitteln durch geschickte Hände, urtheilende Augen und
verständigen Takt erreicht worden, waren zugleich so hübsch an sich und
erinnerten so lebhaft an die junge Dame, die sie hergestellt hatte, daß
es Mr. Lorry vorkam, als ob selbst die Stühle und Tische ihn mit einem
Anklang von dem Ausdrucke, den er jetzt so gut kannte, fragten, ob es
ihm auch so recht sei?

Drei Zimmer befanden sich in einem Stockwerk, und da die Zwischenthüren
alle offen standen, damit die Luft frei durch dieselben ziehen könne,
ging Mr. Lorry aus einem in’s andere und verfolgte mit einem stillen
Lächeln die Aehnlichkeit, die sich der ganzen Umgebung, wie er meinte,
aufgeprägt hatte. Das erste Zimmer war das Empfangszimmer und in ihm
befanden sich Luciens Vögel und Blumen und Bücher, ihr Arbeitstisch
und ihr Malkasten; das zweite war das Consultationszimmer des Doctors,
das zugleich als Speisezimmer diente; das dritte, abwechselnd licht
und dunkel bemalt von dem Schatten des Platanenbaumes im Hofe, war
das Schlafzimmer des Doctors -- und dort in einer Ecke stand die
nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug daneben,
ungefähr in demselben Zustand, wie ehedem in dem fünften Stockwerk des
unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt St. Antoine
in Paris.

„Ich wundere mich,“ sagte Mr. Lorry und blieb stehen, „daß er diese
Erinnerung an seine Leiden hier behält!“

„Und warum wundern Sie sich darüber?“ war die kurz angebundene Frage,
die ihn überraschte.

Sie kam aus dem Munde der Miß Proß, des wilden, rothen Frauenzimmers
mit der kräftigen Hand, dessen Bekanntschaft er zuerst in dem Gasthaus
„König Georg“ in Dover gemacht und seitdem cultivirt hatte.

„Ich sollte meinen,“ fing Mr. Lorry wieder an.

„Pah! Sie wollen meinen!“ sagte Miß Proß; und Mr. Lorry redete nicht
weiter.

„Wie gehts Ihnen?“ fragte dann die Dame mit einiger Schärfe und doch
so, als wollte sie ausdrücken, daß sie ihm nicht böse sei.

„Ich befinde mich ziemlich wohl, ich danke Ihnen,“ antwortete Mr. Lorry
bescheiden, „wie geht es Ihnen?“

„Nicht übermäßig gut,“ sagte Miß Proß.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich,“ sagte Miß Proß. „Mein Herzblättchen macht mir viel
Sorgen.“

„Wirklich?“

„Um des Himmels Willen, sagen Sie etwas Anderes, als Ihr ewiges
Wirklich, oder Sie peinigen mich zu Tode,“ sagte Miß Proß, deren
Charakter, abgesehen von ihrer Statur, äußerste Kürze war.

„Also in der That,“ sagte Mr. Lorry, der Veränderung wegen.

„In der That ist schlecht genug,“ entgegnete Miß Proß, „aber besser.
Ja, ich mache mir sehr viel Sorgen.“

„Darf ich nach der Ursache fragen!“

„Mir kann es nicht gleich sein, wenn Leute, die meines Herzblättchens
durchaus nicht werth sind, dutzendweise hierher kommen, um sie zu
sehen,“ sagte Miß Proß.

„Kommen Dutzende zu diesem Zwecke?“

„Hunderte,“ sagte Miß Proß.

Es war dieser Dame eigenthümlich (wie einigen andern Leuten vor ihrer
Zeit und seither), daß sie, so oft ihre ursprüngliche Behauptung in
Frage gestellt wurde, dieselbe übertrieb.

„Du meine Güte!“ bemerkte Mr. Lorry, als das Sicherste, was er thun
konnte.

„Ich habe mit dem guten Kinde zusammengewohnt -- oder das gute Kind hat
bei mir gewohnt und mich dafür bezahlt, was ich gewiß nicht verlangt
hätte, darauf können Sie schwören, wenn ich mir oder ihr mit Nichts das
Leben hätte fristen können, -- seitdem sie zehn Jahre alt war. Und es
ist wirklich sehr hart,“ sagte Miß Proß.

Da Mr. Lorry nicht mit Bestimmtheit errathen konnte, was sehr hart sei,
schüttelte er den Kopf, indem er diesen wichtigen Theil seines Selbst
als eine Art Feenmantel brauchte, der jeglichem Dinge paßte.

„Immer finden sich allerlei Leute, die nicht im Mindesten meines
Herzblättchens würdig sind,“ sagte Miß Proß. „Als Sie damit anfingen --“

„Ich soll damit angefangen haben, Miß Proß?“

„Nun, wer denn? Wer hat denn ihren Vater wieder lebendig gemacht?“

„Ach! Wenn das der Anfang war, --“ sagte Mr. Lorry.

„Nun, das Ende war es doch gewiß nicht, sollte ich meinen? Ich sage,
als Sie damit anfingen, war es hart genug; nicht daß ich an _Dr._
Manette Etwas auszusetzen habe, außer daß er einer solchen Tochter
nicht würdig ist, was keine Schande für ihn ist, denn es war unter
keinen Verhältnissen zu erwarten, daß Jemand ihrer würdig sein sollte.
Aber es ist wahrhaftig doppelt und dreifach hart, wenn nach ihm (dem
ich es hätte verzeihen können) noch eine Unzahl Leute kommen, um mir
meines Herzblättchens Liebe wegzunehmen.“

Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, aber er wußte
jetzt auch, daß sie unter der Decke ihrer Excentricität eins jener
selbstlosen Geschöpfe war, die man nur unter Frauen findet, die aus
reiner Liebe und Bewunderung sich der Jugend, die sie längst verloren,
der Schönheit, die sie nie besessen, Fähigkeiten, deren sie sich
nie rühmen konnten, schönen Hoffnungen, die ihrem düstern Leben nie
leuchteten, zum willenlosen Sclaven ergeben. Er kannte genug von der
Welt, um zu wissen, daß es nichts Köstlicheres giebt, als den treuen
Dienst des Herzens; und so, wie er hier geleistet ward und so frei,
wie er hier von jedem Schatten der Selbstsucht war, hatte er eine so
hohe Achtung davor, daß er in der Austheilung von Belohnungen, die
er innerlich vornahm, -- wir Alle beschäftigen uns oft mit solchen
Gedanken -- Miß Proß den Engeln viel näher stellte, als viele Damen,
für welche Natur und Kunst viel mehr gethan hatten und die ein Conto
bei Tellsons hatten.

„Es hat nie einen Mann gegeben und wird nie einen geben, der meines
Herzblättchens würdig ist, mit Ausnahme eines einzigen,“ sagte Miß
Proß, „und das war mein Bruder Salomo, wenn er nicht in seinem Leben
fehl gegangen wäre.“

Das war wieder ein Beispiel. Mr. Lorry’s Nachforschungen über Miß Proß’
Lebensgeschichte hatten die Thatsache festgestellt, daß ihr Bruder
Salomo ein herzloser Lump war, der ihr Alles, was sie hatte, genommen,
um damit zu speculiren und sie dann in ihrer Armuth, ohne das geringste
Mitleid zu fühlen, hatte sitzen lassen. Miß Proß’ fester Glaube an
Salomo (mit Abrechnung einer bloßen Kleinigkeit für diesen Irrthum) war
eine sehr ernsthafte Sache für Mr. Lorry, und trug nicht wenig dazu
bei, seine gute Meinung von ihr zu mehren.

„Da wir jetzt gerade für den Augenblick allein und Beide praktische
Leute sind,“ sagte er, als sie wieder in das Empfangszimmer
zurückgekehrt waren und freundschaftlich neben einander Platz genommen
hatten, „so erlauben Sie mir die Frage -- erwähnt der Doctor in seinen
Gesprächen mit Lucien niemals seiner Schuhmacherzeit?“

„Nie!“

„Und doch behält er diese Bank und das Handwerkszeug bei sich?“

„Ah!“ erwiderte Miß Proß mit Kopfschütteln. „Aber ich will nicht sagen,
daß er nicht bei sich selbst daran denkt.“

„Glauben Sie, daß er viel daran denkt?“

„Ja, gewiß,“ sagte Miß Proß.

„Können Sie sich einbilden --“ fing Mr. Lorry an, als Miß Proß ihn kurz
unterbrach.

„Bilden Sie sich nie Etwas ein?“

„Sie haben Recht; meinen Sie -- Sie meinen doch manchmal?“

„Dann und wann,“ sagte Miß Proß.

„Meinen Sie also,“ fuhr Mr. Lorry mit einem stillen Lächeln in seinen
hellen Augen fort, wie er sie wohlwollend anblickte, „daß _Dr._
Manette seine Meinung über die Ursache seines harten Schicksals und
vielleicht über den Namen seines Feindes hat?“

„Ich weiß Nichts davon, als was mir Herzblättchen davon sagt.“

„Und was sagt sie?“

„Daß sie glaubt, er hat seine Meinung.“

„Nun, seien Sie nur nicht böse, daß ich Ihnen alle diese Fragen
vorlege, weil ich ein einfacher, langweiliger, praktischer Mann bin und
Sie eine praktische Frau sind.“

„Langweilig?“ fragte Miß Proß ruhig.

Mr. Lorry hätte das bescheidene Beiwort gern ungesagt gemacht und
gab zur Antwort: „Nein, nein, nein. Gewiß nicht. Um wieder zur Sache
zu kommen: ist es nicht merkwürdig, daß _Dr._ Manette, der
jedenfalls, wie wir Alle überzeugt sind, kein Verbrechen begangen
hat, niemals diese Frage berührt? Ich will nicht sagen mir gegenüber,
obgleich er seit vielen Jahren mit mir Geschäftsbeziehungen hat und wir
jetzt mit einander befreundet sind; ich will sagen mit der Tochter,
die ihn so innig liebt und die er selbst so innig liebt? Glauben Sie
mir, Miß Proß, ich rege die Sache nicht aus Neugier an, sondern aus
aufrichtiger Theilnahme.“

„Nun, so viel ich weiß, und wenig genug ist das, werden Sie sagen,“
sagte Miß Proß, besänftigt durch seinen apologetischen Ton, „er
fürchtet sich vor der ganzen Sache.“

„Er fürchtet sich?“

„Ich sollte meinen, es wäre einfach genug, warum er sich fürchtet. Es
ist eine schreckliche Erinnerung. Außerdem verdankt er jener Zeit, daß
er sich selbst verloren hat. Da er nicht weiß, wie er sich verloren
oder wie er sich wiedergefunden hat, so ist er vielleicht niemals
sicher, ob er sich nicht wieder verliert. Das allein würde die Sache
nicht angenehm machen, sollte ich meinen.“

Das war eine tiefere Bemerkung, als Mr. Lorry erwartet hatte.
„Richtig,“ sagte er, „und es ist ein schrecklicher Gedanke. Dennoch
quält mich ein Zweifel, Miß Proß, ob es gut für _Dr._ Manette
ist, daß er darüber immer bei sich allein brütet. Der Zweifel und
die Unruhe, die mir dieser Gedanke verursacht, haben mich eigentlich
veranlaßt, mich Ihnen heute anzuvertrauen.“

„Es läßt sich dem nicht abhelfen,“ sagte Miß Proß kopfschüttelnd.
„Schlagen Sie diese Saite an, und es wird sofort schlimmer mit
ihm. Besser, Sie rühren sie gar nicht an. Mit Einem Worte, sie muß
unangerührt bleiben, mag man wollen oder nicht. Manchmal steht er
mitten in der Nacht auf, und wir hören ihn hier über uns in seinem
Zimmer auf- und abgehen, auf- und abgehen. Herzblättchen weiß, daß er
dann im Geiste in seinem alten Gefängniß auf- und abgeht, auf- und
abgeht. Sie eilt hinauf und sie gehen mit einander auf und ab, auf und
ab, bis er wieder ruhig ist. Aber er sagt ihr nie ein Wort von dem
wahren Grunde seiner Ruhelosigkeit, und sie hält es für das Beste,
gegen ihn Nichts davon zu erwähnen. Schweigend gehen sie auf und ab,
auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Anwesenheit ihn wieder zu sich
gebracht hat.“

Obgleich Miß Proß Nichts von Einbildungskraft wissen wollte, lag doch
in ihrem Wiederholen der Worte auf und ab ein Bewußtsein der Qual, ohne
Abwechslung von einem einzigen traurigen Gedanken verfolgt zu werden,
welches Zeugniß dafür ablegte, daß sie selbst Einbildungskraft besaß.

Wir haben schon erwähnt, daß der Straßenwinkel wunderbar im Besitz von
Echo’s war; der Widerhall kommender Schritte war so laut geworden, daß
es schien, als ob das bloße Erwähnen des müden Auf- und Abgehens ihn
geweckt hätte.

„Da sind sie!“ sagte Miß Proß, indem sie aufstand und das Gespräch
abbrach, „und jetzt werden wir bald Hunderte von Leuten hier haben.“

Es war ein so merkwürdiger Winkel in seinen akustischen Eigenschaften,
daß, wie Mr. Lorry an dem offenen Fenster stand, und dem Kommen von
Vater und Tochter, deren Schritte er hörte, entgegensah, er sich
einbildete, sie würden nie kommen. Nicht nur hörte der Widerhall auf,
als ob die Schritte vorübergegangen wären, sondern man vernahm statt
ihrer den Widerhall anderer Schritte, die nie kamen und die plötzlich
wieder verhallten, wenn sie ganz nahe zu sein schienen. Doch Vater und
Tochter erschienen endlich und Miß Proß stand an der Hausthür bereit,
sie zu empfangen.

Es sah gar hübsch aus, wie Miß Proß, sonst so wild und roth und
unwirsch, oben im Zimmer angekommen, ihrem Herzblatt den Hut abnahm
und ihn mit den Zipfeln ihres Taschentuchs wischte und den Staub davon
abblies und ihr den Mantel abnahm und diesen zusammenlegte, und ihr das
reiche Haar mit einem Stolze glatt strich, als ob das Haar ihr eigenes
und sie das eitelste und schönste aller Frauenzimmer wäre. Auch war
es gar hübsch anzusehen, wie Lucie sie umarmte und ihr dankte und gar
nicht dulden wollte, daß sie sich so um sie bemühte -- welches letztere
sie aber nur scherzender Weise sagen durfte, sonst hätte sich Miß Proß,
tief verletzt, auf ihr Zimmer zurückgezogen und hätte geweint.

Es war auch hübsch anzusehen, wie der Doctor ihnen zusah und zu Miß
Proß sagte, daß sie Lucien verziehe und dies mit einem Ton und mit
Blicken sagte, welche ebenso viel und mehr Verzeihendes in sich hatten,
als Miß Proß, wenn es möglich gewesen wäre. Auch Mr. Lorry war ein gar
hübscher Anblick, wie er in seiner kleinen Perrücke Alle wohlwollend
ansah und seinem Junggesellenstern dankte, daß er ihm in seinen alten
Tagen in ein solches Heimwesen geleuchtet. Aber keine Hunderte von
Leuten kamen, um zuzusehen und Mr. Lorry erwartete vergeblich die
Erfüllung von Miß Proß’ Voraussagung.

Essenszeit kam und immer noch keine Hunderte von Leuten.

In der Einrichtung des kleinen Haushaltes hatte Miß Proß die Aufsicht
über die untern Regionen übernommen und verrichtete stets Wunderdinge.
Ihre Diners, obgleich auf sehr bescheidenem Fuße, waren immer so gut
gekocht und so gut servirt, und so sinnreich in ihrer halb englischen,
halb französischen Einrichtung, daß Nichts besser sein konnte. Da Miß
Proß’ Freundschaft von ganz und gar praktischer Art war, hatte sie Soho
und die angrenzenden Provinzen nach verarmten Franzosen durchstöbert,
die, mit Schillingen und halben Kronen bestochen, ihre culinarischen
Geheimnisse verriethen. Von diesen versprengten Söhnen und Töchtern
Galliens hatte sie so wunderbare Künste gelernt, daß die Frau und das
Mädchen, welche ihren Küchenstab bildeten, sie für eine Zauberin oder
Aschenbrödels Pathe hielten, die ein Huhn, ein Kaninchen, oder etwas
Grünzeug aus dem Garten holen ließ und daraus machte, was sie wollte.

An Sonntagen aß Miß Proß mit am Tisch des Doctors, aber an andern
Tagen bestand sie darauf, ihr Mahl zu unbekannten Stunden entweder in
den untern Regionen, oder in ihrem Zimmer im zweiten Stock zu sich zu
nehmen, -- in einer blauen Stube, wo Niemand außer ihrem Herzblättchen
jemals Zutritt fand. Bei solchen Gelegenheiten wurde Miß Proß, durch
Herzblättchens freundliches Gesicht und freundliche Bemühungen, ihr
zu gefallen, erweicht, sehr gemüthlich und so verging das heutige
Sonntagessen auch sehr gemüthlich.

Es war ein schwüler Tag und nach dem Essen schlug Lucie vor, den Wein
hinaus unter die Platane zu tragen und dort im Freien zu sitzen.
Da sich Alles um sie drehte und bewegte, gingen sie hinaus unter
die Platane und sie trug den Wein zum besondern Besten Mr. Lorry’s
hinunter. Sie hatte sich seit einiger Zeit zu Mr. Lorry’s Mundschenk
gemacht und während sie unter der Platane saßen und mit einander
plauderten, sorgte sie dafür, daß sein Glas beständig voll war.
Geheimnißvolle Rückseiten und Enden von Häusern lugten herein, während
sie plauderten, und die Platane über ihren Häuptern flüsterte ihnen in
ihrer eigenen Weise zu.

Aber die Hunderte von Leuten stellten sich immer noch nicht ein. Mr.
Darnay erschien, während sie unter der Platane saßen, aber das war nur
Einer.

_Dr._ Manette empfing ihn freundlich, und das that auch Lucie.
Aber Miß Proß ward plötzlich von einem Zucken in ihrem Gesicht und
ihrem Körper befallen und zog sich in das Haus zurück. Sie war nicht
selten ein Opfer dieses Leidens, welches sie im vertrauten Gespräch
ihre Laune nannte.

Der Doctor war in seiner besten Stimmung und sah besonders jung aus.
Die Aehnlichkeit zwischen ihm und Lucie war bei solchen Gelegenheiten
besonders groß, und wie sie neben einander saßen und sie das Köpfchen
auf seine Schulter lehnte, während er den Arm auf die Lehne ihres
Stuhls gelegt hatte, war es sehr wohlthuend, die Aehnlichkeit zu
verfolgen.

Sie hatten den ganzen Tag über vielerlei Gegenstände und mit
ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen. „Sagen Sie, _Dr._
Manette,“ sagte Mr. Darnay, wie sie unter der Platane saßen -- und er
sagte es im natürlichen Verlauf des Gesprächs, das sich um die alten
Gebäude Londons drehte -- „haben Sie sich den Tower einmal von Innen
angesehen?“

„Lucie und ich sind dort gewesen; aber nur im Fluge. Wir haben jedoch
genug gesehen, um zu wissen, daß es ein sehr interessanter Ort ist;
wenig mehr.“

„Ich war dort, wie Sie wissen,“ sagte Darnay mit einem Lächeln, aber
doch dabei vor Entrüstung erröthend, „in einer andern Eigenschaft und
nicht in einer Eigenschaft, welche das Umsehen besonders begünstigt.
Sie erzählten mir aber eine seltsame Geschichte, als ich dort war.“

„Und die war?“ fragte Lucie.

„Bei einem Umbau stießen die Maurer auf einen alten Kerker, der seit
vielen Jahren zugemauert und vergessen war. Jeder Stein der innern
Wände war mit Inschriften bedeckt, welche Gefangene hineingeschrieben
hatten -- mit Jahreszahlen, Namen, Klagen und Gebeten. Auf einem
Eckstein in einem Winkel hatte ein Gefangener, wahrscheinlich ehe
er zur Hinrichtung geführt worden, als letztes Wort fünf Buchstaben
eingegraben. Das dazu verwendete Werkzeug war unvollkommen gewesen
und die Arbeit war hastig und mit unsicherer Hand verrichtet worden.
Anfangs las man die fünf Buchstaben _GRABJ_, aber als man genauer
hinsah, stellte sich der letzte Buchstabe als ein _T_ heraus.
Von einem Gefangenen mit diesem Anfangsbuchstaben war nirgends Etwas
verzeichnet, und man erschöpfte sich in Vermuthungen, wie er wohl
geheißen haben möchte. Endlich sprach Jemand die Meinung aus, die
Buchstaben wären keine Anfangsbuchstaben, sondern das vollständige
Wort „Grabt“. Man untersuchte sehr sorgfältig den Fußboden unter der
Inschrift und fand in der Erde unter einem Stein die Asche eines
Papiers, vermischt mit der Asche eines ledernen Beutels oder Gehäuses.
Was der unbekannte Gefangene geschrieben hatte, wird nie gelesen
werden; aber er hatte Etwas geschrieben und es vergraben, um es vor dem
Schließer zu verstecken.“

„Vater!“ rief Lucie aus. „Sie sind unwohl!“

Er war plötzlich aufgesprungen und hielt die Hand vor die Stirn. Sein
Aussehen und sein Blick erfüllten sie Alle mit Schrecken.

„Nein, Liebe, ich bin nicht unwohl. Es fallen große Regentropfen und
die haben mich erschreckt. Es ist besser, wir gehen hinein.“

Er erholte sich fast augenblicklich wieder. Der Regen fiel wirklich in
großen, schweren Tropfen und er zeigte, daß seine Hand davon benetzt
war. Aber er äußerte kein einziges Wort in Bezug auf die Entdeckung,
von der Darnay eben erzählt, und wie sie in das Haus gingen, wurde das
geschäftliche Auge Mr. Lorry’s auf seinem Gesicht, wie es sich gegen
Charles Darnay wendete, denselben eigenthümlichen Ausdruck, mit dem es
sich in den Gängen des Gerichtsgebäudes ihm zugewendet hatte, gewahr
oder glaubte es wenigstens.

Er erholte sich jedoch so rasch wieder, daß Mr. Lorry der Sicherheit
seines geschäftlichen Auges nicht ganz sicher war. Der Arm des goldenen
Riesen in der Halle war nicht ruhiger, als er selbst, als er unter
ihm stehen blieb, um zu äußern, daß er vor kleinen Schreckanfällen
noch nicht sicher sei, wenn er es je sein werde, und daß der Regen es
gewesen, was ihn erschreckt habe.

Es wurde Theezeit und Miß Proß bereitete den Thee mit einem andern
Anfall ihrer Laune, aber immer noch waren nicht Hunderte von Leuten da.
Mr. Carton hatte sich eingefunden, aber nun waren es blos Zwei.

Die Nacht war so drückend schwül, daß, obgleich sie bei offenen Thüren
und Fenstern saßen, die Wärme lästig wurde. Als sie mit dem Thee fertig
waren, rückten sie Alle an eins der Fenster heran und sahen hinaus in
die trübe Dämmerung. Lucie saß neben ihrem Vater; Darnay saß neben ihr;
Carton lehnte an einem Fenster. Die Vorhänge waren weiß und lang und
die Windstöße, die in dem Winkel wirbelten, machten sie bis zur Decke
hinauf fliegen und bewegten sie wie Gespensterflügel.

„Der Regen fällt immer noch in großen, schweren und seltenen Tropfen,“
sagte _Dr._ Manette. „Es kommt langsam.“

„Es kommt sicher,“ sagte Carton.

Sie sprachen leise, wie es Leute, die auf Etwas mit Spannung warten,
meistens thun; wie Leute, die in einem dunkeln Zimmer auf den Blitz
warten, immer thun.

Auf den Straßen war großes Laufen von Leuten, die nach Hause eilten,
um ein Obdach zu haben, ehe das Gewitter losbrach; der Winkel mit den
wunderbaren Echo’s hallte wider von dem Schalle kommender und gehender
Schritte, aber Niemand kam.

„Eine Unzahl Leute, und doch eine Einsamkeit!“ sagte Darnay, als sie
eine Weile gelauscht hatten.

„Macht es nicht einen bänglichen Eindruck, Mr. Darnay?“ äußerte Lucie.
„Manchmal habe ich hier Abends gesessen, bis es mir vorgekommen ist, --
aber selbst bei dem bloßen Schatten einer thörichten Einbildung wird
es mir heute, wo Alles so schwarz und feierlich ist, schauerlicher zu
Muthe --“

„Lassen Sie es uns auch schauerlich werden. Sie dürfen doch sagen, was
es ist?“

„Sie werden es für ein Nichts halten. Solche Einfälle machen nur auf
Den Eindruck, dem sie zuerst kommen, glaube ich; sie lassen sich
nicht mittheilen. Ich habe manchmal des Abends hier allein gesessen
und gelauscht, bis es mir klar war, daß die Echo’s nur der Widerhall
aller Schritte aller Menschen wären, die auf unser Leben Einfluß haben
würden.“

„Wenn dem so ist,“ warf Sidney Carton in seiner gleichgültig mürrischen
Weise ein, „so werden wir es einmal mit einer großen Menge zu thun
haben.“

Die Schritte hörten nicht auf und wurden immer rascher und rascher.
Der Winkel hallte von ihrem Schalle wider; einige, wie es schien, in
der Ferne; einige, wie es schien, in dem Zimmer; einige kamen, andere
gingen, einige wurden unterbrochen, andere standen ganz still; alle
aber in entfernteren Straßen und kein einziger im Bereich des Auges.

„Sind alle Schritte bestimmt, zu Jedem von uns zu kommen, Miß Manette,
oder haben wir sie unter uns zu theilen?“

„Das weiß ich nicht, Mr. Darnay, ich sagte Ihnen gleich, es sei eine
thörichte Einbildung, aber Sie verlangten es zu wissen. So oft ich mich
ihrem Eindrucke hingegeben habe, war ich allein und dann habe ich mir
eingebildet, es wären die Schritte der Leute, die auf mein Leben und
auf das meines Vaters Einfluß haben würden.“

„Sie mögen nur zu mir kommen,“ sagte Carton. „Ich lege ihnen keine
Fragen vor und stelle keine Bedingungen. Ein großer Menschenhaufe
wälzt sich auf uns zu, Miß Manette und ich sehe -- Beim Blitz!“ Er
setzte die letzten Worte hinzu, nachdem ein heller Strahl vom Himmel
heruntergeschossen war, der ihn, am Fenster lehnend, sehen ließ.

„Und ich höre ihn!“ setzte er hinzu, nachdem ein Donnerschlag verhallt
war. „Sie kommen in Hast, voll Wildheit und Wuth!“

Es war das laute Niederrauschen des Platzregens, das er damit bildlich
darstellte und es unterbrach ihn, denn es übertönte jede Stimme. Ein
heftiges Unwetter brach mit diesem Regenguß aus und Donner und Blitz
und Regen kannten keinen Augenblick Unterbrechung, bis der Mond um
Mitternacht aufgegangen war.

Die große Glocke der St. Paulskirche dröhnte Eins durch die kühl
und hell gewordene Luft, als Mr. Lorry, geleitet von Jerry in hohen
Stiefeln und mit einer Laterne versehen, den Rückweg nach Clerkenwell
antrat. Es gab einsame Stellen auf dem Wege zwischen Soho und
Clerkenwell und Mr. Lorry, ihrer Unsicherheit eingedenk, hatte Jerry
für diese Begleitung regelmäßig in Dienst genommen, obgleich dieser
Dienst gewöhnlich zwei gute Stunden früher geleistet wurde.

„Was das für eine Nacht war, Jerry! Fast eine Nacht,“ sagte Mr. Lorry,
„um die Todten aus ihren Gräbern aufstehen zu machen.“

„Ich habe nie ’was mit der Nacht zu schaffen, Master -- und hoffe es
auch in der Zukunft nicht -- sie geht mich Nichts an,“ gab Jerry zur
Antwort.

„Gute Nacht, Mr. Carton!“ sagte der Buchhalter. „Gute Nacht, Mr. Darnay.
Werden wir jemals eine solche Nacht zusammen durchleben?“

Vielleicht. Vielleicht, daß der große Menschenhaufe sich brausend und
brüllend auch auf sie zuwälzt.


                    ~Ende des ersten Theils.~


          Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.



                             Boz (Dickens)

                           Sämmtliche Werke.

                        Hundertundvierter Band.

                             Zwei Städte.

                            Zweiter Theil.

                                Leipzig
                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1859.



                             Zwei Städte.

                    Eine Erzählung in drei Büchern.

                                  Von

                        Boz (Charles Dickens).

                                  Mit

            Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

                 Aus dem Englischen von Julius Seybt.

                            Zweiter Theil.

                                Leipzig

                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1859.



Siebentes Kapitel.

Monsieur le Marquis in der Stadt.


Monseigneur, einer der großen Herren von Macht und Einfluß bei
Hofe, gab in seinem großen Hotel in Paris seine alle vierzehn Tage
wiederkehrende Audienz. Monseigneur befand sich in seinen innern
Gemächern, in dem Allerheiligsten für das Gedränge von Verehrern in
der Reihe der Vorzimmer. Monseigneur war im Begriff, seine Chocolade
zu sich zu nehmen. Monseigneur konnte mit Leichtigkeit gar Vielerlei
zu sich nehmen, und einige wenige Unzufriedene behaupteten, er zehre
ziemlich rasch Frankreich auf; aber die Morgen-Chocolade konnte nicht
einmal ohne die Hülfe von vier starken Männern, außer dem Koch, über
die Lippen Monseigneurs gelangen.

Ja. Es gehörten vier Männer dazu, alle vier von goldenen Treffen
strahlend und der Oberste derselben außer Stande, mit weniger als
zwei goldenen Uhren in der Tasche zu leben, nach dem schönen und
geschmackvollen Beispiel Monseigneurs, alle vier dazu angestellt, die
glückselige Chocolade bis an Monseigneurs Lippen zu bringen.

Ein Lakai brachte die Chocoladenkanne in die erhabene Gegenwart; ein
zweiter quirlte sie zu Schaum mit dem kleinen Instrument, das er zu
diesem Zwecke bei sich trug; ein dritter überreichte die Serviette;
ein vierter (der mit den beiden goldenen Uhren) schenkte die Chocolade
ein. Unmöglich konnte Monseigneur einen dieser Bedienten der Chocolade
entbehren und seine hohe Stellung unter dem bewundernden Himmelsgewölbe
behaupten. Einen schwarzen Flecken hätte es auf sein Wappenschild
geworfen, wenn seiner Chocolade schmählich genug nur drei Leute
aufgewartet hätten; von zweien wäre er gestorben.

Monseigneur war vergangene Nacht bei einem kleinen Souper gewesen,
wo das Lustspiel und die große Oper in reizender Weise vertreten
waren. Monseigneur war fast alle Nächte in bezaubernder Gesellschaft
bei kleinen Soupers. So höflich und empfänglich war Monseigneur, daß
Lustspiel und große Oper bei ihm viel mehr Einfluß auf die langweiligen
Geschichten von Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnissen
hatten, als die Bedürfnisse und Nöthen ganz Frankreichs. Ein
glückliches Verhältniß für Frankreich, wie das stets so ist bei allen
gleichbegünstigten Ländern! Wie es immer war für England (um ein
Beispiel zu nehmen) in den vielbeklagten Tagen des lustigen Stuarts,
der es verkaufte.

Monseigneur hatte einen wahrhaft edlen Begriff von allgemeinen
Staatsgeschäften und dieser war, Jegliches in seiner Weise seinen Weg
gehen zu lassen; und von besonderen Staatsgeschäften hatte Monseigneur
den andern edlen Begriff, daß sie alle seinetwegen dawären, zur
Vergrößerung seiner Macht und Bereicherung seiner Tasche. Von seinen
allgemeinen und besonderen Genüssen und Freuden hatte Monseigneur die
wahrhaft edle Meinung, daß die Welt ihretwegen dasei. Der Text seines
Buches (von dem Original nur in einem einzigen Worte abweichend, was
nicht viel bedeuten will) lautete: „die Erde und ihre Fülle sind mein,
sagt Monseigneur.“ Trotzdem entdeckte Monseigneur langsam, daß seine
Privat- und Staatsangelegenheiten in eine gemeine Verwirrung geriethen;
und er hatte sich für beide einen Generalpächter zum Compagnon
genommen. Für die Staatsfinanzen, weil Monseigneur durchaus Nichts mit
denselben ausrichten konnte und sie daher Jemandem verpachten mußte,
der mit ihnen fertig ward; für die Privatfinanzen, weil Generalpächter
reich waren und Monseigneur, nachdem Generationen in großem Luxus
und großer Verschwendung gelebt hatten, arm wurde. Demgemäß hatte
Monseigneur seine Schwester aus einem Kloster genommen, so lange es
noch Zeit war, dem Tod im Schleier, der billigsten Tracht, die sie
tragen konnte, zu entgehen, und hatte mit ihrer Hand einen sehr reichen
Generalpächter, der arm an Ahnen war, beglückt. Dieser Generalpächter,
ausgerüstet mit einem vorschriftsmäßigen Rohrstock, mit einem goldenen
Apfel oben darauf, befand sich jetzt unter den Wartenden in den
Vorzimmern; demüthig verehrt von den Menschen, -- immer mit Ausnahme
der höheren Menschen vom Geblüt Monseigneurs, der eben so wie die
eigene Gemahlin auf ihn mit der großartigsten Verachtung herabblickte.

Der Generalpächter war ein glanzvoller Mann. Dreißig Pferde standen
in seinen Ställen, vierundzwanzig Bediente saßen in seinem Palaste,
sechs Frauen bedienten seine Gemahlin. Als Einer, der keinen andern
Beruf vorschützte, als zu rauben und Beute zu machen, wo er konnte, war
der Generalpächter -- wie viel immer seine ehelichen Verhältnisse zur
Sittlichkeit im Allgemeinen beitragen mochten -- wenigstens die größte
Wirklichkeit unter allen den Personen, die heute im Hotel Monseigneurs
auf Audienz warteten.

Denn die Gemächer, obgleich sie einen schönen Anblick darboten und
mit jeder Verschiedenheit von Decoration ausgeschmückt waren, welche
Geschmack und Kunst jener Zeit ersinnen konnten, waren in Wahrheit
betrachtet keine gesunde Sache; in Bezug auf die Vogelscheuchen
in Lumpen und Nachtmützen anderswo (und nicht so weit weg, daß
die Wartthürme von Notre-Dame, von beiden Extremen fast gleich
weit entfernt, sie nicht beide hätten sehen können) wären sie eine
ausnehmend unbehagliche Sache gewesen -- wenn das in Monseigneurs
Palast überhaupt hätte Jemandes Sache sein können. Offiziere ohne
militärische Kenntnisse; Schiffscapitäne, die nie ein Schiff gesehen
hatten; Beamte, die keinen Begriff von Geschäften hatten; Geistliche
mit eherner Stirn in der schlimmsten Welt weltlich gesinnt, wollüstigen
Blicks, lockerer Zunge und noch lockerern Lebenswandels; Alle für
ihren Beruf vollständig unfähig, Alle der frechsten Lüge schuldig,
indem sie behaupteten, ihrem Berufe anzugehören, aber Alle in näherem
oder fernerem Grade Standesgenossen Monseigneurs und deshalb in alle
Staatsstellen gepfropft, bei denen Etwas zu verdienen war, konnten
dutzendweise abgezählt werden. Leute, die mit Monseigneur oder dem
Staat in keiner unmittelbaren Verbindung standen, aber ebenso wenig
mit irgend Etwas, was echt und wirklich war, und die nie in ihrem
Leben versucht hatten, ein wahres irdisches Ziel auf geradem Wege
zu erreichen, waren in Ueberfluß vorhanden. Aerzte, die sich große
Vermögen mit Geheimmitteln für eingebildete Krankheiten, die es
nicht gab, erworben, lächelten in den Vorzimmern Monseigneurs ihre
hochgebornen Patienten an. Projectenmacher, die jegliches Mittel zur
Heilung der kleinen Krankheiten, an welchen der Staat litt, erfunden
hatten, mit Ausnahme des Mittels, ernstlich an’s Werk zu gehen, um eine
einzige Sünde mit der Wurzel auszurotten, betäubten bei der Audienz
Monseigneurs mit ihrem bethörenden Geschwätz jedes Ohr, dessen sie
habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, welche die Welt mit
Worten neu erschufen und babylonische Thürme aus Karten erbauten, um
den Himmel damit zu erstürmen, sprachen in dieser glänzenden, bei
Monseigneur versammelten Gesellschaft mit ungläubigen Chemikern, die
sich mit Goldmachen beschäftigten. Feine Herren von der feinsten
Erziehung, welche in jener merkwürdigen Zeit -- wie auch jetzt noch
-- erkannt ward an ihren Früchten der Gleichgültigkeit gegen Alles,
was werth ist, die Theilnahme des menschlichen Herzens in Anspruch zu
nehmen, befanden sich in dem Hotel Monseigneurs in dem musterhaften
Zustande geistiger Erschöpfung. Was die Häuslichkeiten betrifft,
welche diese verschiedenen angesehenen Leute in der vornehmen Welt von
Paris verlassen hatten, so wäre es den Spionen unter den versammelten
Anbetern Monseigneurs -- die eine gute Hälfte der ganzen feinen
Gesellschaft ausmachten -- schwer geworden, unter den Engeln dieser
Sphäre ein einziges Weib zu entdecken, das sich durch ihr Aussehen oder
ihr Benehmen als Mutter bekannt hätte. Ueberhaupt war über den bloßen
Act hinaus, einem solchen kleinen Störenfried das Leben zu geben --
womit der Name Mutter lange noch nicht verdient ist -- in der modischen
Welt so Etwas gar nicht bekannt. Bauerfrauen behielten die unmodischen
Bälger bei sich und zogen sie auf, und reizende Großmütter von sechszig
Jahren kleideten sich und soupirten, als ob sie zwanzig wären.

Der Aussatz der Unwirklichkeit entstellte jedes Menschenkind, das bei
Monseigneur auf Audienz wartete. In den vordersten Vorzimmern befand
sich ein halbes Dutzend Ausnahmemenschen, welche seit einigen Jahren
eine unbestimmte Ahnung hatten, daß die Welt im Allgemeinen eher
schief ginge. Um sie wieder auf den geraden Weg zu bringen, waren die
Hälfte desselben Dutzend Mitglieder einer phantastischen Secte von
Convulsionären geworden und überlegten eben jetzt bei sich, ob sie
nicht auf der Stelle mit schäumendem Munde und Gebrüll in Epilepsie
verfallen sollten -- um damit zu Monseigneurs Leitung für die Zukunft
einen außerordentlich verständlichen Wegweiser zu setzen. Außer diesen
Derwischen gab es noch drei andere, Mitglieder einer andern Secte,
welche die Welt mit einem Kauderwälsch von dem „Centrum der Wahrheit“
bessern wollte und behauptete, die Menschheit wäre aus dem Centrum der
Wahrheit herausgekommen -- was nicht vielen Beweises bedurfte --, aber
noch nicht aus der Peripherie, und damit sie nicht über die Peripherie
hinausfliege und sogar wieder in den Mittelpunkt komme, müsse man
fasten und Geister citiren. Diese Leute hatten demnach einen lebhaften
Verkehr mit der andern Welt -- und verrichteten damit außerordentlich
viel Gutes, das man nur leider nie zu sehen bekam.

Aber der Haupttrost war, daß die ganze Gesellschaft im Hotel
Monseigneurs tadellos angezogen war. Wenn man nur hätte sicher sein
können, daß der Tag des Gerichts ein Gallatag sein werde, so hätte
jeder der Versammelten in alle Ewigkeit die Prüfung bestanden.
Ein solches Frisiren und Pudern und Pomadisiren des Haares und so
kunstvolles Schminken und Malen, so tapfere Degen für das Auge und so
zartes Huldigen des Geruchssinnes mußten sicherlich alles Mögliche
in alle Ewigkeit im besten Glanze erhalten. Die feinsten Herren von
der feinsten Erziehung trugen an ihren Uhren niedliche Kleinodien,
welche klimperten, wie sie sich schläfrig bewegten; diese goldenen
Fesseln läuteten wie liebliche Glöckchen; und mit diesem Läuten und dem
Rauschen von Brocat und Seide und feinem Linnen ging ein Regen durch
die Luft, welches St. Antoine und seinen nagenden Hunger weit hinweg
wehte.

Costüm war der eine unfehlbare Talisman und Zauber, der jegliches Ding
auf seinem Platze erhalten mußte. Jedermann war für eine Maskerade
costümirt, die nie aufhören sollte. Vom Tuilerienpalaste durch
Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtshöfe
und die ganze Gesellschaft (mit Ausnahme der Vogelscheuchen) stieg die
Maskerade bis zum Henker herab, der, um den Zauber nicht zu brechen,
frisirt, gepudert, in goldbetreßtem Rock, Schuhen und weißseidenen
Strümpfen sein Amt verrichten mußte. An Galgen und Rad -- das Beil
war eine Seltenheit -- verrichtete Monseigneur Paris, wie nach
bischöflichem Brauche seine Collegen aus der Provinz, Monsieur Orleans
und die Andern, ihn nannten, in diesem schmucken Aufzuge sein Amt.
Und wer unter der Gesellschaft an Monseigneurs Audienztag in diesem
1780sten Jahre unseres Herrn hätte zweifeln können, daß ein System, das
seine Wurzel in einem frisirten und gepuderten Henker im Tressenrock,
Schuhen und weißseidenen Strümpfen hatte, nicht selbst die Sterne
überdauern würde!

Nachdem Monseigneur seine vier Leute ihrer Lasten entledigt und
seine Chocolade zu sich genommen hatte, ließ er die Flügelthüren des
Allerheiligsten aufthun und trat hinaus. O, die Unterwürfigkeit, die
krummen Rücken und schmeichelnden Gesichter, die Servilität, die
niedere Kriecherei, die jetzt zu sehen waren! Was das Demüthigen,
körperlich und geistig, betrifft, so blieb in dieser Hinsicht Nichts
für den Himmel übrig -- was einer von den vielen Gründen gewesen sein
mag, warum die Anbeter Monseigneurs ihn niemals belästigten.

Mit einem Worte der Verheißung hierhin und einem Lächeln dorthin, einem
geflüsterten Wort für einen glücklichen Sclaven und einem Gruß mit
der Hand für einen andern, wandelte Monseigneur leutselig durch seine
Gemächer bis in die entlegene Region der Peripherie der Wahrheit. Dort
kehrte Monseigneur um und ging desselbigen Weges zurück und schloß sich
im gehörigen Verlauf der Zeit wieder ein in sein Allerheiligstes mit
den Chocoladengeistern und ward nicht mehr gesehn.

Nachdem das Schauspiel vorüber war, wurde das Regen in der Luft fast zu
einem kleinen Sturm und die lieblichen Glöckchen läuteten die Treppen
hinunter. Bald blieb von dem ganzen Gedränge nur ein einziger Herr
zurück und dieser, mit dem Hute unter dem Arm und der Tabaksdose in der
Hand, ging langsam an den Spiegeln vorüber hinaus.

„Ich widme Euch dem Teufel!“ sagte dieser Herr, indem er in der letzten
Thür stehen blieb und das Gesicht dem Allerheiligsten zukehrte.

Damit schüttelte er den Tabak von seinen Fingerspitzen, als ob er den
Staub von seinen Füßen geschüttelt hätte und ging ruhig die Treppe
hinab.

Er war ein Mann von ungefähr sechszig Jahren in schönen Kleidern, von
stolzem Benehmen und mit einem Gesicht, gleich einer schönen Maske.
Ein Gesicht von durchsichtiger Blässe; jeder Zug in demselben deutlich
ausgeprägt, ein feststehender Ausdruck auf demselben. Die Nase, sonst
tadellos geformt, hatte über jedem Nasenflügel eine kleine Vertiefung.
In diesen beiden Vertiefungen ging die einzige kleine Veränderung vor
sich, welche das Gesicht überhaupt jemals zeigte. Sie veränderten
manchmal die Farbe und sie erweiterten und zogen sich manchmal
zusammen durch Etwas wie ein schwaches Pulsiren; dann verliehen sie
dem ganzen Gesicht einen Ausdruck der Falschheit und Grausamkeit.
Betrachtete man es genauer, so entdeckte man, daß dieser Ausdruck durch
die Linien des Mundes und die viel zu gerade und dünne Abgrenzung der
Augäpfel unterstützt ward. Dennoch war das Gesicht in der Wirkung, die
es hervorbrachte, ein schönes Gesicht und ein merkwürdiges Gesicht.

Der Besitzer desselben ging die Treppe hinunter in den Hof, stieg in
seinen Wagen und fuhr fort. Während der Audienz hatten nicht Viele von
den Versammelten mit ihm gesprochen; er hatte einen kleinen freien Raum
um sich gehabt und Monseigneur hätte wärmer gegen ihn sein können.
Unter diesen Umständen that es ihm fast wohl, das gemeine Volk vor
seinen Pferden Platz machen und oft kaum dem Ueberfahrenwerden entgehen
zu sehen. Sein Kutscher fuhr, als ob er auf einen Feind losstürmte
und sein wüthendes Jagen vermochte den Herrn weder zu einer Miene
noch zu einem Worte des Tadels. Selbst in dieser tauben Stadt und in
diesem stummen Zeitalter war manchmal die Klage laut geworden, daß in
den engen Straßen ohne Fußweg die rücksichtslose Patriziergewohnheit
schnellen Fahrens das gewöhnlichere Volk in Gefahr brachte, die
gesunden Glieder oder gar das Leben zu verlieren. Aber Wenige kümmerten
sich so sehr darum, um ein zweites Mal daran zu denken und in dieser
Weise, wie in allen andern, überließ man es dem großen Haufen, sich aus
seiner Noth zu finden, so gut er konnte.

[Illustration: ~Der Aufenthalt am Brunnen.~]

Mit wildem Rasseln und Klappern und einer unmenschlichen
Rücksichtslosigkeit, die man heutzutage nicht gut begreift, jagte
der Wagen durch die Straßen und um Ecken herum, während Weiber laut
schreiend vor ihm aus einander stoben und Männer einander bei dem Arm
packten und Kinder aus dem Wege rissen. Endlich beim Umbiegen um eine
Straßenecke bei einem Brunnen kam einem der Räder Etwas in den Weg, ein
lauter Schrei ertönte aus dem Volke und die Pferde stiegen und schlugen
aus.

Wenn letzteres nicht gewesen wäre, hätte der Wagen wahrscheinlich
nicht gehalten; oft schon waren Wagen weiter gefahren und hatten ihre
Verwundeten liegen lassen, und warum auch nicht? Aber der erschrockene
Diener sprang hastig herunter und zwanzig Hände hatten die Zügel der
Pferde gefaßt.

„Was ist geschehen?“ sagte Monsieur und sah ruhig aus dem Wagen heraus.

Ein langer Mann in einer Nachtmütze hatte ein Bündel unter den Hufen
der Pferde hervorgerissen, hatte es auf den Unterbau des Brunnens
gelegt, kniete in dem Schmutze und der Nässe der Straße nieder und
heulte darüber wie ein wildes Thier.

„Pardon, Monsieur le Marquis!“ sagte ein zerlumpter Mann mit
unterwürfiger Geberde, „es ist ein Kind.“

„Wozu macht er diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?“

„Entschuldigen Sie, Monsieur le Marquis -- es ist recht traurig -- ja.“

Der Brunnen stand in einiger Entfernung; denn die Straße öffnete sich,
wo er stand, auf einen kleinen freien Platz von fünfzehn oder zwanzig
Schritten Breite. Wie der lange Mann plötzlich vom Erdboden aufsprang
und auf den Wagen zugelaufen kam, legte Monsieur le Marquis einen
Augenblick die Hand an den Degen.

„Todt!“ schrie der Mann in wilder Verzweiflung, indem er beide Arme gen
Himmel erhob und den vornehmen Mann mit starrem Blick ansah. „Todt!“

Die Menge drängte sich um den Wagen und heftete die Blicke auf Monsieur
le Marquis. In den vielen Augen, die ihn ansahen, zeigte sich Nichts,
als Neugier und Spannung; kein Drohen und kein Zorn. Das Volk sagte
auch Nichts; nach dem ersten Schrei war es stumm und blieb auch so. Die
Stimme des unterwürfigen Mannes, der gesprochen hatte, war in ihrer
übermäßigen Unterwürfigkeit tonlos und matt. Monsieur le Marquis ließ
seine Blicke über sie hinschweifen, als ob sie Alle Nichts als Ratten
wären, eben aus ihren Löchern hervorgekrochen.

Er zog die Börse.

„Ich kann mich nicht genug wundern,“ sagte er, „daß Ihr Leute Euch
selbst und Eure Kinder nicht mehr in Acht nehmt. Einer oder der Andere
von Euch ist immer im Wege. Wie kann ich wissen, welchen Schaden Ihr
meinen Pferden gethan habt? Hier, gebt ihm das.“

Er warf ein Goldstück hinaus, daß der Diener es auflese und alle Hälse
wurden lang, um zu sehen, wo es hinfiel. Der lange Mann schrie wieder
in einem Tone, der nicht aus einer Menschenbrust zu kommen schien.
„Todt!“

Die rasche Ankunft eines andern Mannes, dem die Uebrigen Platz machten,
unterbrach ihn. Als der Arme diesen sah, fiel er schluchzend und
weinend an seine Brust und wies auf den Brunnen, wo einige Frauen die
kleine Leiche umstanden und sich scheu und sanft darum bewegten. Aber
sie waren so stumm wie die Männer.

„Ich weiß Alles, ich weiß Alles,“ sagte der zuletzt Angekommene. „Faßt
Euch, mein Gaspard! Besser für das arme kleine Wesen, so zu sterben,
als zu leben. Es ist in einem Augenblick ohne Schmerz gestorben. Hätte
es eine Stunde so glücklich leben können?“

„Ihr seid ein Philosoph, Freund,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln.
„Wie heißt Ihr?“

„Ich heiße Defarges.“

„Was seid Ihr?“

„Monsieur le Marquis, Weinschenk.“

„Hier nehmt, Philosoph und Weinschenk,“ sagte der Marquis und warf ihm
ein Goldstück hin, „und verthut es nach Belieben. Kutscher, fahr’ zu!“

Ohne die versammelte Menge eines zweiten Blickes zu würdigen, lehnte
sich Monsieur le Marquis in den Wagen zurück und es sollte eben weiter
gefahren werden mit der Miene eines vornehmen Herrn, der zufällig etwas
ganz Gemeines zerbrochen und es bezahlt hatte und das Geld entbehren
konnte, als seine Seelenruhe plötzlich dadurch gestört wurde, daß ein
Geldstück in den Wagen flog und klimpernd auf den Boden fiel.

„Halt!“ sagte Monsieur le Marquis. „Halt, Kutscher: Wer hat geworfen?“

Er blickte nach der Stelle, wo Defarges, der Weinschenk, noch vor einer
Secunde gestanden hatte; aber der unglückliche Vater kniete auf dieser
Stelle suchend auf dem Pflaster, und die Gestalt, welche neben ihm
stand, war eine brunette, starke Frau, welche strickte.

„Ihr Hunde!“ sagte der Marquis, aber ruhig und mit unverändertem
Gesicht, außer um die Vertiefung über den Nasenflügeln. „Ich würde ohne
Anstand über Jeden von Euch wegfahren und ihn von der Erde vertilgen.
Wenn ich wüßte, welcher Lump geworfen hat, und wenn er nahe genug wäre,
wollte ich ihn mit den Rädern meines Wagens zermalmen.“

So gedrückt waren diese Menschen und so lange und so schlimme Erfahrung
hatten sie von dem, was ein solcher Mann innerhalb des Gesetzes und
über dasselbe hinaus ihnen anthun konnte, daß sich kein Mund, keine
Hand, nicht einmal ein Auge regte. Unter den Männern nicht bei einem
Einzigen. Aber die strickende Frau erhob die Augen und sah den Marquis
fest in’s Gesicht. Es war nicht seiner Würde gemäß, das zu beachten;
verachtungsvoll schweifte sein Blick über sie und alle die andern
Ratten weg, und er legte sich wieder in den Wagen zurück und gab wieder
den Befehl: „Fahr’ zu!“

Er fuhr fort und andere Kutschen fuhren ebenfalls in rascher
Aufeinanderfolge vorüber; der Minister, der Staatsprojectenmacher, der
Generalpächter, der Arzt, der Jurist, der Geistliche, die große Oper,
das Lustspiel, der ganze Maskenball im bunten, ununterbrochenen Zuge
fuhren vorüber. Die Ratten waren aus ihren Löchern hervorgekrochen,
um das Schauspiel anzusehen und sie sahen ihm stundenlang zu, wobei
Soldaten und Polizei oft zwischen sie und das Schauspiel traten und
eine Kette bildeten, hinter welche sie sich verkrochen und durch die
sie lugten. Der Vater hatte schon längst die kleine Leiche aufgehoben
und war damit davon geschlichen, als die Frauen, welche sie mitleidig
umstanden hatten, wie sie auf dem Unterbau des Brunnens lag, noch dort
saßen und dem Rieseln des Wassers und dem Vorbeifahren des Maskenballes
zusahen, -- als das eine Weib, das, vor allen andern bemerklich,
strickend dagestanden hatte, immer noch mit dem ruhigen Ausharren des
Schicksals fortstrickte. Das Wasser des Brunnens rinnt dahin, der
schnelle Fluß rinnt dahin, der Tag verrinnt in den Abend, so viel Leben
in der Stadt verrinnt in den Tod, nach der Regel, „Zeit und Fluth
warten auf Niemand.“ Die Ratten schliefen dicht zusammengedrängt wieder
in ihren dunkeln Löchern, der Maskenball saß im hellen Kerzenschein
beim Souper und jegliches Ding ging seines Weges.



Achtes Kapitel.

Monsieur le Marquis auf dem Lande.


Eine schöne Landschaft, von goldenen, aber nicht dichtbestandenen
Weizenfeldern unterbrochen, Fleckchen dünn stehenden Roggens, wo
Weizen hätte stehen sollen, Fleckchen kümmerlicher Bohnen und Erbsen,
Fleckchen anderer geringer Stellvertreter für Weizen. Die unbelebte
Natur war wie die Männer und Frauen, welche sie bewirthschafteten, mit
einer vorherrschenden Neigung behaftet, sich als widerwillig vegetirend
darzustellen,-- mit einer niedergedrückten Stimmung sich aufzugeben und
zu verwelken.

Monsieur le Marquis in seiner Reisekutsche (welche leichter hätte
sein können), gefahren von vier Postpferden und zwei Postillons,
fuhr langsam einen steilen Hügel hinauf. Ein rother Schimmer auf dem
Antlitze Monsieurs le Marquis konnte seiner Vornehmheit keinen Eintrag
thun; er kam nicht von inwendig; er rührte von einem außer seiner
Controle stehende äußeren Umstande her, von der untergehenden Sonne.

Der Sonnenuntergang schien so glänzend in die Reisekutsche, als sie
die Höhe erreichte, daß der darin Sitzende wie mit Purpur übergossen
war. „Es wird gleich vorbei sein,“ sagte Monsieur le Marquis, mit einem
Blick auf seine Hände.

In der That stand die Sonne so tief, daß sie gleich darauf unter den
Horizont versank. Als der schwere Hemmschuh an das Rad gelegt war und
der Wagen mit einem brenzlichen Geruch in einer Staubwolke den Berg
hinabrutschte, verschwand die rothe Gluth rasch; da die Sonne und der
Marquis mit einander bergunter gingen, war keine Gluth mehr vorhanden,
als der Hemmschuh wieder entfernt ward.

Aber es blieb noch eine wellenförmige Landschaft, malerisch und weit,
ein Dörfchen am Fuße eines Hügels, ein Abhang und Hügelrücken dahinter,
ein Kirchthurm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Fels
mit einer Burg auf der Spitze, die als Gefängniß diente. Auf alle diese
allmälig in der niedersinkenden Dämmerung verschwimmenden Gegenstände
blickte der Marquis mit der Miene eines Mannes, der sich der Heimath
nähert.

Das Dörfchen hatte eine einzige ärmliche Straße, mit einer ärmlichen
Brauerei, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einer
ärmlichen Stallung für die Relais der Postpferde, einem ärmlichen
Brunnen und allem andern gewöhnlichen ärmlichen Zubehör. Es hatte
auch seine armen Einwohner. Alle seine Bewohner waren arm und viele
derselben saßen vor ihren Hausthüren und schnitten Zwiebeln und
Aehnliches zum Abendessen, während viele an dem Brunnen standen und
Blätter und Gras und andere ähnliche Früchte der Erde, welche zur Noth
gegessen werden konnten, wuschen. Ausdrucksvolle Anzeichen von dem,
was sie arm machte, fehlten nicht; die Abgaben für den Staat, die
Abgaben für die Kirche, die Abgaben für den Grundherrn, Localabgaben
und Staatsabgaben mußten hier und dort bezahlt werden, wie ein großes
Schild im Dörfchen sagte, so daß man sich wunderte, wie vom Dörfchen
überhaupt noch Etwas übrig blieb.

Wenige Kinder waren sichtbar und keine Hunde. Was Männer und Weiber
betrifft, so war ihre Wahl auf Erden sehr beschränkt -- ein Leben unter
den niedrigsten Bedingungen, unter denen es erhalten werden konnte,
unten in dem Dörfchen unter der Mühle; oder Gefangenschaft und Tod in
dem dräuenden Gefängniß auf dem Felsen.

Verkündet durch einen vorausreitenden Courier und von dem Klatschen der
Peitschen seiner Postillone, die sich in der Abendluft schlangenartig
um ihre Köpfe bewegten, als ob die Furien ihn begleiteten, ließ
Monsieur le Marquis den Reisewagen an der Thür der Post anhalten. Sie
war dicht beim Brunnen und die Landleute unterbrachen neugierig ihre
Beschäftigung. Er ließ seine Blicke über sie wegschweifen und sah in
ihnen, ohne es zu wissen, das langsame und sichere Abzehren von Antlitz
und Gestalt durch Noth und Kummer, welches die Magerkeit der Franzosen
zu einem englischen Aberglauben machte, der die Wahrheit fast hundert
Jahre überleben sollte.

Monsieur le Marquis sah hinaus auf die unterwürfigen Gesichter, die
sich vor ihm beugten, wie er sich vor Monseigneur gebeugt hatte --
der einzige Unterschied war, daß diese Häupter sich nur beugten,
um zu dulden und nicht um zu schmeicheln, -- als ein ergrauter
Chausseearbeiter unter die Umstehenden trat.

„Bringt mir den Kerl her!“ sagte der Marquis zu dem Courier.

Der Kerl wurde mit der Mütze in der Hand hergebracht und die andern
Kerle drängten sich heran, um zuzuhören, ganz wie die Leute am Brunnen
in Paris.

„Ihr standet an der Straße, als ich vorüber fuhr?“

„Ja, Monseigneur. Ich hatte die Ehre zu sehen, wie Euer Gnaden fuhren
vorüber.“

„Wie ich die Höhe herauffuhr und oben auf der Höhe, nicht?“

„Ja, Monseigneur.“

„Wonach blicktet Ihr mit so starrem Auge?“

„Monseigneur, ich starrte den Mann an.“

Er bückte sich ein Wenig und wies mit seiner zerlumpten blauen Mütze
unter den Wagen. Alle die Andern bückten sich auch, um unter den Wagen
zu sehen.

„Was für ein Mann, Kerl? Und warum dorthin sehen?“

„Verzeihung, Monseigneur; er hing an der Kette des Hemmschuhs.“

„Wer?“ fragte der Reisende.

„Monseigneur, der Mann.“

„Der Teufel soll diese Esel holen! Wie hieß der Mann! Ihr kennt ja alle
Leute dieser Gegend. Wer war der Mann?“

„Verzeihen Sie, Monseigneur! Er war nicht aus dieser Gegend. In meinem
ganzen Leben habe ich ihn nie gesehen!“

„Er hing an der Kette? Um im Staube zu ersticken?“

„Mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, Monseigneur, das war eben das Wunder.
Der Kopf hing herunter. -- So!“

Er drehte sich halb um und bog sich zurück, so daß das Gesicht zum
Himmel gewendet war und der Kopf hinten über hing; dann stellte er
sich wieder gerade, zerdrückte die Mütze in der Hand und machte eine
Verbeugung.

„Wie sah er aus?“

„Monseigneur, er war weißer, als ein Müller. Ueber und über mit Staub
bedeckt, weiß wie ein Gespenst, groß wie ein Gespenst!“

Der Vergleich machte einen tiefen Eindruck auf die Umstehenden; aber
alle Augen, ohne sich erst mit andern Augen ins Einvernehmen zu
setzen, blickten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob
sein Gewissen ein Gespenst belästigte.

„Wahrhaftig, es war sehr gescheut von Euch,“ sagte der Marquis, in dem
glücklichen Bewußtsein, daß solches Gewürm ihn nicht ärgern dürfe,
„einen Dieb unten an meinem Wagen hängen zu sehen und Euer großes Maul
nicht aufzuthun. Bah! Laßt ihn gehen, Monsieur Gabelle.“

Monsieur Gabelle war Postmeister und zugleich Steuerbeamter; er war mit
großem Diensteifer herausgekommen, um dem Verhör beizuwohnen und hatte
mit strenger Amtsmiene den Verhörten am zerlumpten Aermel festgehalten.

„Bah! Laßt ihn gehen!“ sagte Monsieur Gabelle.

„Nehmt diesen unbekannten Mann fest, wenn er für die Nacht ein Obdach
hier im Dorfe suchen sollte, und versichert Euch, daß er ehrliche
Absichten hat, Gabelle.“

„Monseigneur, ich bin zu sehr geehrt, Ihre Befehle ausführen zu dürfen.“

„Lief der Kerl fort? -- Wo ist der Andere?“

Der Andere war bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde
unter dem Wagen und zeigte mit seiner blauen Mütze, wie der Mann an der
Kette gehangen hatte. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde
holte ihn rasch hervor und stellte ihn athemlos vor den Marquis hin.

„Lief der Mann fort, Kerl, als wir hielten, um zu hemmen?“

„Monseigneur, er stürzte kopfüber den Abhang hinunter, wie wenn sich
Jemand in einen Fluß wirft.“

„Erkundigt Euch weiter danach, Gabelle. Kutscher, fahr’ zu!“

Das halbe Dutzend, welches die Kette beguckte, war immer noch zwischen
den Rädern wie Schafe; die Räder drehten sich so rasch, daß sie sich
glücklich schätzen konnten, Haut und Knochen unverletzt davon zu
tragen; sie hatten wenig mehr davon zu tragen, sonst wären sie wohl
nicht so glücklich gewesen.

Der rasche Lauf, in welchem der Wagen das Dorf verließ und den Abhang
jenseits hinauf fuhr, wurde bald von der Steilheit des letztern
verlangsamt. Allmälig verfielen die Pferde in Schritt und schwankend
und polternd bewegte sich die Kutsche durch die vielen süßen Düfte
einer Sommernacht. Die Postillone, deren Köpfe jetzt anstatt der Furien
Tausende von Mücken umkreisten, flickten ruhig die Schwippen ihrer
Peitschen aus; der Lakai ging neben den Pferden; den Courier hörte man
in der dunkeln Ferne traben.

An der steilsten Stelle des Hügels befand sich ein kleiner Kirchhof
mit einem Kreuz und einem neuen großen Bilde unseres Heilands daran;
es war ein armseliges Holzbild, von einem ungeübten Holzschnitzer des
Dorfes verfertigt, der aber den Körper nach dem Leben studirt hatte --
vielleicht nach seinem eigenen Leben -- denn er war schrecklich mager
und abgezehrt.

Vor diesem traurigen Sinnbilde eines großen Elends, das seit vielen
Jahren immer schlimmer geworden und noch nicht seinen Höhepunkt
erreicht hatte, kniete eine Frau. Sie wendete den Kopf, als der Wagen
sie erreichte, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.

„Ach, Monseigneur! Monseigneur, eine Bittschrift.“

Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber mit seinem unveränderten Gesicht,
blickte der Marquis zum Wagenfenster hinaus.

„Was giebts! Immer Bittschriften!“

„Monseigneur. Um die Liebe des großen Gottes! Mein Mann, der Förster.“

„Was ist mit Eurem Manne, dem Förster? Es ist immer die alte Geschichte
mit Euch Leuten. Euer Mann kann Etwas nicht bezahlen?“

„Er hat Alles bezahlt, Monseigneur, er ist gestorben.“

„Gut, so hat er Ruhe. Ich kann ihn Euch nicht wiedergeben.“

„Ach Gott, nein, Monseigneur! Aber er liegt dort unter einem dürftigen
Rasenhügel.“

„Nun?“

„Monseigneur, es sind so viele dürftige Rasenhügel.“

„Was weiter?“

Sie sah alt aus, war aber jung. Sie geberdete sich in
leidenschaftlichem Schmerz; abwechselnd schlug sie ihre abgezehrten
Hände in wilder Leidenschaft zusammen und legte eine derselben auf den
Wagenschlag -- zärtlich und liebkosend, als hätte er ein menschliches
Herz und könnte die bittende Berührung fühlen.

„Monseigneur, hören Sie mich! Monseigneur, hören Sie meine Bitte! Mein
Mann starb aus Mangel; so Viele sterben aus Mangel; noch Viele werden
aus Mangel sterben.“

„Was dann! Kann ich sie füttern?“

„Monseigneur, das weiß der gute Gott, aber ich verlange es nicht.
Ich bitte nur, daß ein Stein oder Bret mit meines Mannes Namen auf
sein Grab gestellt werde, als Zeichen, wo er liegt. Sonst wird die
Stelle rasch vergessen, man findet sie nicht wieder, wenn ich an
derselben Krankheit sterbe und man legt mich an einen anderen dürftigen
Rasenhügel. Monseigneur! es sind ihrer so viele, sie vermehren sich so
rasch, es ist so wenig Platz. Monseigneur! Monseigneur!“

Der Lakai hatte sie von dem Kutschenschlage weggeschoben, die Kutsche
fuhr in raschem Trabe davon, die Postillone gaben den Pferden die
Peitsche, das Weib blieb weit zurück und der Marquis, wieder von Furien
geleitet, ließ rasch die ein oder zwei Stunden Entfernung, welche
zwischen ihnen und dem Schlosse noch lagen, hinter sich.

Die lieblichen Düfte der Sternennacht regten sich ringsum und kamen
so unparteiisch, wie der Regen fällt, auch der bestaubten, zerlumpten
und arbeitsmüden Gruppe am Brunnen in der Nähe zu Gute, welcher der
Straßenarbeiter mit Hülfe der blauen Mütze, ohne die er Nichts war,
immer noch von dem Manne wie von einem Gespenst erzählte, so lange sie
zuhören wollten. Allmälig, wie sie genug hatten, verlor sich Einer nach
dem Andern und Lichter funkelten in kleinen Fenstern, welche Lichter,
als die Fenster dunkel wurden und mehr Sterne sich zeigten, empor an
den Himmel gefahren schienen, anstatt ausgelöscht worden zu sein.

Der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen
überhängenden Bäumen lag zu dieser Stunde auf Monsieur le Marquis;
und an die Stelle des Schattens trat der Schein einer Fackel, wie die
Kutsche hielt und das große Thor des Schlosses sich vor dem Marquis
aufthat.

„Ist Monsieur Charles aus England angekommen?“

„Monseigneur, noch nicht!“



Neuntes Kapitel.

Das Medusenhaupt.


Es war eine schwere Gebäudemasse, dieses Schloß Monseigneurs, mit
einem großen, mit Steinen gepflasterten Hof davor und einer doppelten
steinernen Treppenflucht, welche hinauf zu der steinernen Terrasse vor
der Hauptthür führte. Es war überhaupt eine steinerne Geschichte mit
schweren Balustraden von Steinen und steinernen Urnen und steinernen
Blumen und steinernen Gesichtern und steinernen Löwenköpfen in allen
Richtungen. Als ob ein Medusenhaupt es angesehen, als es vor zwei
Jahrhunderten fertig geworden.

Monsieur le Marquis stieg die breite Treppenflucht von niedrigen
Stufen hinauf, während die Fackel ihm immer noch vorleuchtete, und
die Finsterniß genug störte, um eine Eule in dem Dache des großen
Stallgebäudes dort unter den Bäumen zu lauten Vorstellungen zu bewegen.
Im Uebrigen war Alles so still, daß die Fackel, die dem Marquis
vorleuchtete und die andere Fackel, die ein Lakai an der großen Thür
in die Höhe hielt, brannten, als ob sie in einem verschlossenen
Staatszimmer anstatt in der freien Nachtluft wären. Einen anderen Laut,
als den Ruf der Eule, vernahm man nicht, außer dem Plätschern eines
Springbrunnens in seinem steinernen Becken; denn es war eine jener
dunkeln Nächte, welche ihren Athem stundenlang anhalten und dann einen
langen leisen Seufzer vernehmen lassen, und ihren Athem wieder anhalten.

Die große Thür fiel schallend hinter ihm zu und Monsieur le Marquis
schritt durch eine Vorhalle, ausgeschmückt mit alten Schweinsspießen,
Hirschfängern und anderen Jagdgeräthen; aber auch mit schweren
Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher seitdem zu seinem
Wohlthäter Tod gegangene Landmann gefühlt hatte, wenn der gnädige Herr
schlechter Laune war.

Monsieur le Marquis mied die größeren Zimmer, die nicht erleuchtet
und für die Nacht schon zugeschlossen waren, und ging, während der
Fackelträger immer noch voranleuchtete, die Treppe hinauf bis zu einer
Thür auf einem Corridor. Diese ging auf und gestattete ihm Zutritt in
seine eigne Privatwohnung von drei Zimmern, einem Schlafgemach und zwei
anderen. Hohe gewölbte Räume ohne Teppiche auf dem Fußboden, mit großen
eisernen Unterlagen auf dem Heerde des Kamins, um während des Winters
mit Holz zu heizen, und allem einem Marquis gebührenden Luxus in einer
üppigen Zeit und einem üppigen Lande. Die Mode des letzten Ludwig von
dem Geschlechte, das nie ausgehen sollte -- des vierzehnten Ludwigs
-- war in der reichen Ausstattung der Gemächer vorherrschend; aber
es waren auch viele Gegenstände zu erblicken, die an alte Zeiten der
Geschichte von Frankreich erinnerten.

Ein Tisch war im dritten der Zimmer gedeckt. Es war ein rundes Zimmer
in einem der vier Thürme mit Dächern wie Lichtauslöscher; ein kleines
hohes Zimmer, dessen eines Fenster weit offen stand, während die
Jalousien geschlossen waren, so daß die finstere Nacht sich nur in
schmalen horizontalen schwarzen Streifen zeigte, die mit breiten
Streifen von Steinfarbe abwechselten.

„Mein Neffe ist noch nicht da, wie ich höre,“ sagte der Marquis mit
einem Blick auf die Vorbereitung zum Abendessen.

Er war noch nicht da; aber man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.

„Ah! Er wird wahrscheinlich heute Abend nicht kommen; aber laßt die
Tafel, wie sie ist. Ich werde in einer Viertelstunde fertig sein.“

In einer Viertelstunde war Monseigneur fertig und setzte sich allein zu
seinem üppigen und auserlesenen Mahle hin. Sein Stuhl stand dem Fenster
gegenüber und er hatte seine Suppe gegessen und brachte sein Glas
Bordeaux an den Mund, als er es wieder wegsetzte.

„Was ist das?“ fragte er ruhig und heftete aufmerksam den Blick auf die
horizontalen Streifen von schwarzer und Steinfarbe.

„Monseigneur? Was!“

„Draußen vor den Jalousien. Macht die Jalousien auf.“

Es geschah.

„Nun?“

„Monseigneur! Es ist Nichts. Die Bäume und die Nacht -- weiter ist
Nichts draußen --“

Der Bediente hatte die Jalousien weit geöffnet, in die leere Nacht
hinaus gesehen und drehte sich jetzt nach weiteren Verhaltungsbefehlen
um.

„Gut!“ sagte der nicht aus der Fassung zu bringende Herr. „Mach’ sie
wieder zu.“

Es geschah und der Marquis aß weiter. Er war halb fertig, als er
abermals das halb zum Munde geführte Glas wieder hinsetzte, denn er
hörte einen Wagen rollen. Er näherte sich rasch und machte vor dem
Schlosse Halt.

„Sieh zu, wer gekommen ist.“

Es war der Neffe Monseigneurs. Er war zeitig am Nachmittage, nur wenige
Stunden hinter Monseigneur, hergefahren. Er war rasch gefahren, aber
doch nicht rasch genug, um Monseigneur unterwegs einzuholen. Man hatte
ihm auf den Poststationen gesagt, daß Monseigneur vor ihm her fahre.

Man sollte ihm sagen, befahl Monseigneur, daß das Abendessen hier auf
ihn warte und er gebeten werde, daran theilzunehmen. Nach einer kleinen
Weile trat der Angekommene ein. In England hatte er Charles Darnay
geheißen.

Monseigneur empfing ihn höflich, aber sie reichten sich nicht die
Hände.

„Sie sind gestern von Paris abgereist, Sir?“ sagte er zu Monseigneur,
als er an der Tafel Platz nahm.

„Gestern. Und Sie?“

„Ich komme direct.“

„Von London?“

„Ja.“

„Sie haben lange gezögert,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln.

„Im Gegentheil, ich komme direct.“

„Verzeihen Sie! Ich glaube nicht, daß Sie unterwegs lange gezögert
haben, sondern mit dem Entschluß zu reisen.“

„Ich hatte Abhaltung --“, der Neffe stockte einen Augenblick in seiner
Antwort -- „in Folge von Geschäften.“

„Natürlich,“ sagte der höfliche Onkel.

So lange ein Bedienter anwesend war, ward kein Wort weiter zwischen den
Beiden gewechselt. Als Kaffee servirt war und sie sich wieder allein
befanden, begann der Neffe ein Gespräch, indem er den Onkel ansah und
den Augen des Gesichts begegnete, das wie eine schöne Maske aussah.

„Ich kehre zurück von einer Reise in Verfolg des Zieles, das Sie
kennen. Es hat mich in große, unerwartete Gefahr gebracht; aber es ist
ein heiliges Ziel und wenn es mich in den Tod geführt hätte, hätte es
mich, hoffe ich, aufrecht erhalten.“

„Nicht in den Tod,“ sagte der Onkel; „es ist nicht nothwendig zu sagen
in den Tod.“

„Ich bezweifle sehr,“ entgegnete der Neffe, „ob, wenn es mich bis an
den Rand des Grabes geführt hätte, Sie einen Finger aufgehoben hätten,
um mich zu retten.“

Das Vertiefen der Grübchen in der Nase und das Längerwerden der schönen
geraden Linien in dem grausamen Gesicht antworteten ominös genug
auf diese Vermuthung; der Onkel machte eine anmuthig protestirende
Handbewegung, welche so offenbar eine bloße Höflichkeit war, daß sie
nicht beruhigen konnte.

„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „nach dem, was ich weiß, können
Sie eben so gut ausdrücklich darauf hingewirkt haben, den verdächtigen
Verhältnissen, die mich umgaben, einen noch verdächtigeren Anstrich zu
geben.“

„O, nein, nein,“ sagte der Onkel mit freundlichem Lächeln.

„Sei dem, wie ihm wolle,“ fing der Neffe wieder an und sah ihn mit
tiefem Mißtrauen an, „ich weiß, daß Ihre Diplomatie mich durch jedes
Mittel hindern und sich in Betreff der Mittel kein Gewissen machen
würde.“

„Mein Bester, das habe ich Ihnen gesagt,“ sagte der Onkel mit einem
leisen Zittern über den Nasenflügeln. „Haben Sie die Güte, nicht zu
vergessen, daß ich Ihnen das vor langer Zeit gesagt habe.“

„Ich erinnere mich dessen wohl.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte der Marquis mit der liebenswürdigsten
Höflichkeit.

Der Klang seiner Stimme zitterte durch die Luft fast wie der Ton eines
musikalischen Instruments.

„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „ich glaube, es ist zu
gleicher Zeit Ihr Mißgeschick und mein Glück, was mir hier in
Frankreich die Freiheit läßt.“

„Ich verstehe nicht ganz,“ erwiderte der Onkel, seinen Kaffee
schlürfend. „Darf ich um nähere Erläuterung bitten?“

„Ich glaube, daß, wenn Sie nicht bei Hof in Ungnade wären und zwar
schon seit Jahren, mich längst ein Lettre de Cachet auf unbestimmte
Zeit auf eine Festung geschickt hätte.“

„Wohl möglich,“ sagte der Onkel mit großer Ruhe. „Um der Familienehre
willen könnte ich mich sogar entschließen, Ihnen diese Ungelegenheit zu
verursachen. Ich bitte es zu entschuldigen.“

„Ich bemerke, daß zu meinem Glücke der Empfang bei der vorgestrigen
Audienz wie gewöhnlich ein kalter gewesen ist,“ bemerkte der Neffe.

„Ich möchte nicht sagen zu Ihrem Glücke, mein Werthester,“ entgegnete
der Onkel mit der größten Höflichkeit; „ich bin dessen nicht so sicher.
Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, verbunden mit den Vortheilen der
Einsamkeit, würde vielleicht auf Ihr Schicksal mehr vortheilhaften
Einfluß haben, als Sie selbst haben können. Doch ist es unnütz,
darüber zu reden. Wie Sie sagen, bin ich darin im Nachtheil. Diese
kleinen Besserungsmittel, diese sanften Hülfen für Familienmacht und
Ehre, diese kleinen Begünstigungen, die Ihnen unbequem werden können,
sind jetzt nur durch Fürsprache und Zudringlichkeit zu erlangen. Sie
werden von so Vielen gesucht und verhältnißmäßig so Wenigen gewährt!
Es war sonst nicht so, aber Frankreich hat sich in allen diesen
Dingen verschlimmert. Unsere Vorväter hatten das Recht über Leben und
Tod der umwohnenden gemeinen Heerde. Aus diesem Zimmer sind viele
dieser Lumpen zum Galgen geführt worden; im nächsten Zimmer, in meinem
Schlafzimmer, wurde ein Bursche auf der Stelle niedergestoßen, weil er
ein unverschämtes Bedenken wegen seiner Tochter hatte -- ~seiner~
Tochter! -- Wir haben viele Vorrechte verloren; eine neue Philosophie
ist Mode geworden; und die Behauptung unserer Stellung könnte (ich gehe
nicht so weit zu sagen, würde, aber könnte) uns heutzutage wirkliche
Ungelegenheiten verursachen. Sehr traurig!“

Der Marquis nahm eine kleine Prise aus seiner Dose und schüttelte den
Kopf so graziös verzweifelnd, als er anständigerweise sein konnte,
verzweifelnd an einem Lande, das noch ihn besaß, dieses große Mittel
der Wiedererhebung.

„Wir haben unsere Stellung in alter und neuerer Zeit so behauptet,“
sagte der Neffe düster, „daß ich glaube, unser Name ist in Frankreich
mehr gehaßt, als jeder andere.“

„Das wollen wir hoffen,“ sagte der Onkel. „Haß der Großen ist die
unwillkürliche Huldigung der Kleinen.“

„In diesem ganzen Lande rings um uns,“ fuhr der Neffe in seinem
früheren Tone fort, „giebt es kein Gesicht, welches mich mit einem
anderen Gefühle ansieht, als dem der scheuen Unterwürfigkeit, der
Furcht und Sclaverei.“

„Ein Compliment für die Bedeutung der Familie,“ sagte der Marquis,
„verdient durch die Art und Weise, wie die Familie ihre Bedeutung
aufrecht erhalten hat. Ha!“ und er nahm wieder eine kleine Prise und
legte gleichgültig die Beine über einander.

Aber als der Neffe sich mit dem Ellbogen auf den Tisch stützte und
gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte,
blickte die schöne Maske ihn mit einem stärkeren Ausdruck von
Neugier, Mißtrauen und Abneigung an, als sich mit der angenommenen
Gleichgültigkeit des Mannes vertrug.

„Zwang und Gewalt ist die einzige dauernde Philosophie. Die scheue
Unterwürfigkeit der Furcht und Sclaverei, mein Bester,“ bemerkte der
Marquis, „erhält die Kerle der Peitsche gehorsam, so lange dieses Dach“
-- mit einem Blick in die Höhe -- „den Himmel hinaus sperrt.“

Das dauerte möglicherweise nicht so lange, als der Marquis meinte.
Wenn er diese Nacht ein Bild des Schlosses hätte sehen können,
wie es und fünfzig andere in ein Paar Jahren sein würde, so hätte
er wahrscheinlich kaum das seinige in den rauchgeschwärzten,
ausgeplünderten Trümmern erkannt. Und was das Dach betrifft, so
hätte er finden können, daß es den Himmel auf eine ganz neue Art
hinaussperrte -- nämlich für immer aus den Augen der Leichen, in welche
sein Blei aus hunderttausend Musketen gefeuert worden.

„Unterdessen,“ sagte der Marquis, „will ich die Ehre und Ruhe der
Familie wahren, wenn Sie es nicht thun wollen. Aber Sie müssen müde
sein. Wollen wir unsere Conferenz für heute schließen?“

„Noch einen Augenblick!“

„Eine Stunde, wenn Sie wünschen.“

„Sir!“ sagte der Neffe, „wir haben Unrecht gethan und ernten jetzt die
Früchte.“

„~Wir~ haben Unrecht gethan?“ wiederholte der Marquis mit einem
fragenden Lächeln und deutete erst höflich auf seinen Neffen, dann auf
sich.

„Unsere Familie; unsere ehrenreiche Familie, deren Ehre uns Beiden
so sehr und in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Selbst bei
meines Vaters Lebzeiten haben wir unendliches Unrecht gethan und jede
menschliche Creatur verletzt, die zwischen uns und unsere Laune trat.
Aber brauche ich von meines Vaters Zeit zu sprechen, da sie zugleich
die Ihrige war? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und
nächsten Erbfolger von ihm trennen?“

„Das hat der Tod besorgt,“ sagte der Marquis.

„Und hat mich hier gelassen,“ gab der Neffe zur Antwort, „gefesselt an
ein System, das mir entsetzlich ist, für das ich verantwortlich bin,
in welchem mir aber jede Macht fehlt, Etwas zu thun; beständig bemüht,
die letzte Bitte aus dem Munde meiner geliebten Mutter zu erfüllen
und dem letzten Blick meiner geliebten Mutter zu gehorchen, die mich
bat, Erbarmen zu haben und zu helfen; und fortwährend von dem Schmerz
gequält, Beistand und Macht zum Helfen vergebens zu suchen.“

„Wenn Sie sie bei mir suchen, lieber Neffe,“ sagte der Marquis, indem
er mit dem Zeigefinger seine Brust berührte, „so suchen Sie vergebens,
dessen können Sie sicher sein.“

Jede von den fein gezogenen Furchen in dem fleckenlosen weißen Gesicht
zog sich grausam und tückisch zusammen, wie er, die Dose in der Hand,
seinen Neffen ruhig ansah. Noch einmal tupfte er ihn auf die Brust, als
ob sein Finger die feine Spitze eines Degens wäre, welchen er ihm mit
gewandter Kunst durch das Herz stieße, und sagte:

„Verehrtester, ich werde sterben und das System, unter welchem ich
gelebt habe, Ihnen vermachen.“

Als er das gesagt hatte, nahm er noch eine letzte Prise und steckte die
Dose in die Tasche.

„Seien Sie lieber vernünftig,“ setzte er dann hinzu, nachdem er mit
einer kleinen Klingel auf dem Tische geschellt hatte, „und fügen Sie
sich in Ihr natürliches Schicksal. Aber Sie sind verloren, Monsieur
Charles.“

„Diese Besitzungen und Frankreich sind für mich verloren,“ sagte der
Neffe düster; „ich entsage ihnen.“

„Können Sie ihnen schon entsagen? Frankreich vielleicht, aber der
Besitzung? Es ist kaum der Mühe werth, es zu erwähnen; aber können Sie
jetzt schon darüber verfügen?“

„Diesen Sinn wollte ich meinen Worten nicht geben. Wenn sie morgen von
Ihnen an mich fielen --“

„Was, wie ich eitel genug bin zu hoffen, nicht wahrscheinlich ist --“

„-- oder in zwanzig Jahren --“

„Sie erweisen mir zu viel Ehre,“ sagte der Marquis; „dennoch ziehe ich
diese Annahme vor.“

„-- So würde ich sie aufgeben und anderswo und irgendwie leben. -- Ich
gäbe wenig hin, denn was ist es hier mehr als ein Labyrinth von Elend
und Verderben!“

„Ah?!“ sagte der Marquis und ließ seinen Blick durch das üppig
ausgestattete Zimmer streifen.

„Dem Auge erscheint es hier schön genug; aber bei Tageslicht und unter
freiem Himmel gesehen, ist es ein wüster Haufe von Verschwendung,
schlechter Wirthschaft, Erpressung, Ueberschuldung, Tyrannei, Hunger,
Nacktheit und Jammer.“

„Ah?!“ sagte der Marquis wieder in selbstzufriedener Weise.

„Wenn die Besitzung jemals mein Eigenthum wird, so gebe ich sie in
eine Hand, welche besser geeignet ist, sie langsam, wenn es überhaupt
möglich ist, von der Last zu befreien, die sie niederdrückt, so daß
die armen Leute, welche sie nicht verlassen können und bis zur letzten
Möglichkeit des Erduldens gedrückt worden sind, in einer andern
Generation Aussicht haben, weniger zu leiden; aber meine Arbeit kann
dies nicht sein. Es liegt ein Fluch darauf und auf diesem ganzen Lande.“

„Und Sie?“ fragte der Onkel. „Verzeihen Sie meine Neugier; gedenken Sie
mit Hülfe Ihrer neuen Philosophie zu leben?“

„Um zu leben, muß ich thun, was andere meiner Landsleute, trotz ihres
adeligen Wappens, vielleicht seiner Zeit werden thun müssen -- arbeiten
--“

„In England zum Beispiel?“

„Ja. Die Familienehre ist in diesem Lande sicher vor mir. Der
Familienname kann von mir in keinem andern Lande leiden, denn ich führe
ihn in keinem andern.“

Auf das Klingeln vorhin war das anstoßende Schlafzimmer erleuchtet
worden. Es schien jetzt von dort hell durch die Thür herein. Der
Marquis blickte nach dieser Richtung und lauschte den sich entfernenden
Schritten seines Leibdieners.

„England besitzt sehr viel Anziehungskraft für Sie, wenn man bedenkt,
daß Sie dort nicht besonders Ihr Glück gemacht haben,“ bemerkte er
alsdann, indem er mit einem Lächeln sein ruhiges Gesicht dem Neffen
zuwendete.

„Ich habe bereits gesagt, wie ich fühle, daß ich mein geringes Glück
dort vielleicht Ihnen zu verdanken habe. Im Uebrigen ist es mein Asyl.“

„Diese prahlerischen Engländer sagen, es sei das Asyl Vieler. Sie
kennen einen Landsmann, der einen Zufluchtsort dort gefunden hat? Einen
Arzt?“

„Ja!“

„Mit einer Tochter?“

„Ja!“

„Ja,“ sagte der Marquis. „Sie sind müde. Gute Nacht!“

Als er sich in seiner höflichsten Weise verneigte, wußte er seinem
lächelnden Gesicht und seinen Worten einen so geheimnißvollen Ausdruck
zu geben, daß sein Neffe davon betroffen wurde. Zugleich verzogen sich
die schmalen geraden Augenbrauen und die schmalen geraden Lippen und
die Grübchen über den Nasenflügeln mit einem Sarkasmus, der diabolisch
schön aussah.

„Ja,“ wiederholte der Marquis. „Ein Arzt mit einer Tochter. Ja. So
fängt die neue Philosophie an? Sie sind müde. Gute Nacht!“

Es hätte ebensoviel genützt, eines von den Steingesichtern draußen am
Schlosse zu befragen, als dieses Gesicht zu befragen. Der Neffe sah ihn
vergeblich an, als er an ihm vorbei nach der Thüre ging.

„Gute Nacht!“ sagte der Onkel. „Ich erwarte mit Vergnügen, Sie morgen
früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchte Monsieur nach seinem
Zimmer! -- und verbrenne Monsieur in seinem Bett, wenn Du Lust hast --“
setzte er zu sich selbst sprechend hinzu, ehe er wieder mit der Klingel
schellte und seinen Leibdiener in sein Schlafzimmer rief.

Der Leibdiener kam und ging, Monsieur le Marquis ging in seinem weiten
Schlafrock auf und ab, um sich in dieser schwülen, stillen Nacht
langsam auf den Schlaf vorzubereiten. Wie er sich in dem Zimmer, die
Füße in weiche Pantoffeln gesteckt, geräuschlos auf und ab bewegte,
nahm er sich fast aus, wie ein verfeinerter Tiger. Er sah aus wie ein
verzauberter Marquis von der unbußfertig verworfenen Art im Märchen,
dessen periodische Umwandlung in Tigergestalt entweder eben vorbei oder
im Anzuge war.

Er schritt in seinem üppig ausgestatteten Schlafzimmer auf und ab und
musterte die Erinnerungen an die heutige Reise, wie sie ihm ungeheißen
einfielen. Die langsame Fahrt den Hügel hinauf bei Sonnenuntergang,
die untergehende Sonne, die Hinabfahrt, die Mühle, den Kerker auf
den Felsen, das Dörfchen im Thale, die Landleute am Brunnen und den
Straßenarbeiter, wie er mit seiner blauen Mütze auf die Kette unter dem
Wagen wies.

Dieser Brunnen erinnerte ihn an den Brunnen von Paris, an die
kleine Leiche, die auf dem Unterbau lag, an die Frauen, die sich
darüberbückten, und an den Mann, der mit gen Himmel gestreckten Armen
ausrief: „Tod!“

„Ich bin jetzt abgekühlt,“ sagte Monsieur le Marquis, „und kann zu Bett
gehen.“

So, nachdem er nur eine Kerze auf dem großen Kamin brennend stehen
gelassen, zog er die leichten Gazevorhänge um das Bett zu und hörte die
Nacht ihr Schweigen mit einem langen Seufzer unterbrechen, als er sich
zum Schlafen auf das Pfühl streckte.

Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter draußen blind
in die schwarze Nacht hinaus; drei lange Stunden lang klapperten die
Pferde in den Ställen an ihren Raufen, bellten die Hunde und gab die
Eule einen Ton von sich, der sehr wenig mit demjenigen gemein hatte,
den ihr gewöhnlich die Poeten zuschreiben. Aber es ist die verstockte
Gewohnheit solcher Geschöpfe, kaum jemals das zu sagen, was ihnen
vorgeschrieben ist.

Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter des
Schlosses, Löwengesichter und Menschengesichter, blind in die Nacht
hinaus. Todte Finsterniß lag auf der ganzen Landschaft, todte
Finsterniß verwischte vollends, was der verwischende Staub auf allen
Straßen übrig ließ. Der Gottesacker war so weit gekommen, daß seine
dürftigen Rasenhügel nicht mehr von einander zu unterscheiden waren;
die Gestalt am Kreuze hätte herabgestiegen sein können, so wenig sah
man von ihr. In dem Dorfe schliefen Besteuerer und Besteuerte fest.
Vielleicht von Festgelagen träumend, wie es häufig bei Hungernden
geschieht, oder von Bequemlichkeit und Ruhe, wie der abgetriebene
Sclave und der eingespannte Ochs, schliefen die abgemagerten Bewohner
gesund und fühlten sich gesättigt und frei.

Drei dunkle Stunden hindurch floß der Brunnen im Dorfe ungesehen
und ungehört und der Brunnen im Schlosse plätscherte ungesehen und
ungestört -- beide flossen dahin wie die Minuten, die aus der Quelle
der Zeit entströmen. Dann wurde das graue Wasser beider gespenstig im
Morgenlichte, und die Augen der steinernen Gesichter des Schlosses
öffneten sich.

Es wurde heller und heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der
regungslosen Bäume vergoldete und ihren Glanz über den Hügel ausgoß. In
der Gluth schien das Wasser des Schloßbrunnens zu Blut zu werden, und
die steinernen Gesichter zu erröthen. Das Lied der Vögel klang laut und
hell, und auf dem Simse des großen Fensters im Schlafgemach Monsieur
le Marquis’ stimmte ein niedlicher Sänger aus voller Brust sein Lied
an. Darüber schien das nächste steinerne Gesicht erstaunt die Augen
aufzureißen und mit offenem Munde und heruntersinkender Unterkiefer
entsetzt auszusehen.

Jetzt war die Sonne vollständig aufgegangen und es begann sich im Dorfe
zu regen. Kleine Fenster wurden geöffnet, wacklige Thüren aufgeriegelt
und die Leute traten, noch fröstelnd in der frischen Morgenluft, zu
den Hütten heraus. Dann fing die selten erleichterte Tagesarbeit der
Dorfbewohner von vorn wieder an. Einige gingen an den Brunnen; einige
auf das Feld. Männer und Frauen dorthin, um zu hacken und zu graben;
Männer und Frauen dahin, um nach dem halb verhungerten Vieh zu sehen
und die knochendürren Kühe auf die dürftige Weide zu führen, welche
an den Straßenrändern zu finden war. In der Kirche und vor dem Kreuze
sah man die eine oder andere knieende Gestalt; und während vor dem
letzteren Eine ihr Gebet verrichtete, versuchte die am Stricke geführte
Kuh unter den paar Pflanzen am Fuße desselben ein Frühstück zu finden.

Das Schloß wachte später auf, wie sich’s für seinen vornehmeren
Stand gebührte, wachte aber allmälig und sicher auf. Zuerst waren
die einsamen Schweinsspieße und Hirschfänger roth geworden wie vor
Alters; dann hatten sie scharf und schneidig in der Morgensonne
geglänzt; jetzt wurden Thüren und Fenster geöffnet, die Pferde in
den Ställen sahen sich nach dem Lichte und der Morgenfrische um,
die zu den Thüren hereinströmten, Blätter glänzten und rauschten an
eisernen Fenstergittern, Hunde zerrten an ihren Ketten und bäumten sich
ungeduldig, um losgelassen zu werden.

Alle diese gewöhnlichen Vorfälle gehörten zu dem alltäglichen Treiben
und der Wiederkehr des Morgens. Aber gewiß nicht das Läuten der
großen Glocke des Schlosses, das treppauf und treppab Rennen, die in
verstörter Eile über die Terrasse laufenden Gestalten, die schweren
Tritte hier und dort und überall, das rasche Satteln von Pferden und
das Fortjagen?

Welcher Wind verrieth diese Hast dem staubbedeckten Straßenarbeiter,
der bereits auf der Höhe jenseit des Dorfes thätig war und sein
Mittagbrod (es war kaum so viel, daß es für eine Krähe der Mühe werth
war, danach zu hacken) auf einem Steinhaufen neben sich liegen hatte?

Hatten die Vögel, die ein paar Körnchen von der Kunde in die Ferne
trugen, Etwas davon fallen lassen, wie sie zufällig Samenkörner
ausstreuen? Sei dem, wie ihm wolle, der Straßenarbeiter lief an dem
schwülen Morgen, als ob es sein Leben gelte, knietief im Staube, den
Hügel hinab, und machte nicht eher Halt, als bis er am Brunnen war.

Sämmtliche Bewohner des Dorfes umstanden den Brunnen in ihrer
gedrückten Weise und flüsterten einander zu, zeigten aber keine andere
Gemüthsbewegung als gespannte Neugier und Staunen. Die auf die Weide
geführten Kühe, die hastig wieder hereingebracht und an das Erste
Beste angebunden waren, sahen mit stumpfer Gleichgültigkeit zu oder
hatten sich hingelegt und käuten die spärlichen Hälmchen wieder, die
sie auf ihrem Hin- und Herweg aufgelesen hatten. Einige von den Leuten
des Schlosses und des Posthauses und alle von der Steuerbehörde waren
mehr oder weniger bewaffnet und hatten sich auf der andern Seite der
Straße rathlos zusammengedrängt. Bereits war der Straßenarbeiter in die
Mitte einer Gruppe von fünfzig vertrauten Freunden vorgedrungen, und
schlug sich mit der blauen Mütze auf die Brust. Was hatte das Alles
zu bedeuten und was hatte es zu bedeuten, daß Monsieur Gabelle hastig
sich hinter einem Bedienten aufs Pferd heben ließ und mit dem doppelt
beladenen Rosse im Galopp davon jagte, wie eine neue Variation der
Bürgerschen Lenore?

Es hatte zu bedeuten, daß oben im Schlosse ein steinernes Gesicht zu
viel war.

Die Meduse hatte den Bau in der Nacht wieder angesehen, und das eine
noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt; das steinerne Gesicht, auf
welches sie ungefähr zweihundert Jahre gewartet hatte.

Es lag auf dem Kissen Monsieur le Marquis’. Er sah aus wie eine schöne
Maske, die plötzlich aufgeschreckt, zornig geworden und versteinert
worden ist. In das Herz der steinernen Gestalt, die dazu gehörte, war
ein Messer gestoßen. Um den Griff desselben war ein Papierstreifen
gewickelt, auf welchem man die Worte las:

„Fahrt ihn rasch nach seiner Gruft. Dies von Jacques.“



Zehntes Kapitel.

Zwei Versprechen.


Mehrere Monate, der Zahl nach zwölf, waren gekommen und gegangen und
Mr. Charles Darnay hatte sich als höherer Lehrer der französischen
Sprache, der zugleich mit der französischen Literatur vertraut war,
in England niedergelassen. Er las mit jungen Männern, die für das
Studium einer lebenden Sprache, die über die ganze Welt gesprochen
wird, Muße und Interesse finden konnten, und suchte einen Geschmack
für die von ihr dargebotenen Schätze von Wissenschaft und Poesie
zu wecken. Er konnte auch von ihnen in gutem Englisch berichten und
sie in gutes Englisch übersetzen. Solche Lehrer waren damals nicht
leicht zu finden; gewesene Prinzen und zukünftige Könige waren noch
nicht unter die Schulmeister gegangen und noch war kein zu Grunde
gerichteter Adel aus Tellson’s Hauptbüchern verschwunden, um Koch oder
Zimmermann zu werden. Als ein Lehrer, dessen Bildung und Kenntnisse das
Studium ungewöhnlich angenehm und nutzbar machten, und als eleganter
Uebersetzer, der etwas mehr zu seiner Arbeit mitbrachte, als bloße
Kenntniß des Wörtervorraths, wurde der junge Mr. Darnay bald bekannt
und beschäftigt. Er war auch vertraut mit den Verhältnissen seines
Vaterlandes und diese waren von täglich wachsendem Interesse. So kam er
mit großer Ausdauer und unermüdlichem Fleiße vorwärts.

In London hatte er weder auf goldenem Pflaster zu gehen, noch auf einem
Bett von Rosen zu ruhen gehofft; hätte er so hohe Erwartungen gehegt,
so wäre er nicht vorwärts gekommen. Er hatte Arbeit erwartet, und fand
sie und bewältigte sie mit aller seiner Kraft. Damit kam er vorwärts.

Einen gewissen Theil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er
Untergraduirte als eine Art geduldeter Schmuggler unterrichtete,
der einen Schleichhandel mit europäischen Sprachen trieb, anstatt
Griechisch und Lateinisch durch das vorschriftsmäßige Zollhaus
einzuführen. Den Rest seiner Zeit verbrachte er in London.

Nun ist von den Tagen, wo es im Paradiese immer Sommer war, bis zu
unseren Tagen, wo es in der Region der Gefallenen meistens Winter ist,
die Menschenwelt unabänderlich einen Weg gegangen -- Charles Darnay’s
Weg -- den Weg des Verliebens.

Er hatte Lucie Manette von der Stunde seiner Lebensgefahr an geliebt.
Er hatte nie einen so lieblichen und herzgewinnenden Ton vernommen, als
den Ton ihrer mitfühlenden Stimme; er hatte nie ein Gesicht gesehen,
in dessen Schönheit sich so viel zärtliche Empfindung ausgesprochen,
als in dem ihrigen, wie sie ihn ansah, als er an dem Rande des Grabes
stand, das für ihn bereitet war. Aber er hatte ihr noch kein Wort davon
gesagt: seit dem Mord in dem fernen verlassenen Schlosse mit dem Meere
dazwischen und den langen, langen staubigen Landstraßen -- in dem
festen steinernen Schlosse, das ihm selbst wie der Nebel eines Traumes
vorkam -- war ein Jahr vergangen und er hatte ihr auch noch nicht mit
einem einzigen Worte den Zustand seines Herzens verrathen.

Daß er seine Gründe dafür hatte, wußte er recht gut. Es war abermals
ein Sommertag, als er, vor Kurzem von Cambridge in London angekommen,
sich nach dem stillen Winkel in Soho begab, um eine Gelegenheit
zu suchen, Dr. Manette sein Herz zu öffnen. Es war der Abend des
Sommertages und er wußte, daß Lucie mit Miß Proß ausgegangen war.

Der Doctor las in seinem Lehnstuhle am Fenster. Die Energie, die
ihn zu gleicher Zeit in seinen langen Leiden aufrecht erhalten
und ihm dieselben doch auch fühlbarer gemacht hatte, hatte er
allmälig wiedergewonnen. Er war jetzt wirklich ein sehr energischer
Mann von großer Festigkeit, Willensstärke und Thatkraft. In seiner
wiedergewonnenen Energie war er zuweilen etwas launenhaft und
inconsequent, wie er sich auch in der Anwendung seiner andern
wiedergewonnenen Eigenschaften gezeigt hatte; aber dies war nie häufig
vorgekommen und war immer seltener geworden.

Er studirte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengungen mit
Leichtigkeit ertragen und war von immer sich gleichbleibender
Gemüthsheiterkeit. Zu ihm trat jetzt Charles Darnay ein, bei dessen
Anblick er das Buch weglegte und dem er die Hand darbot.

„Charles Darnay! Es freut mich, Sie zu sehen. Wir haben schon seit drei
oder vier Tagen auf Ihr Kommen gerechnet. Mr. Stryver und Sydney Carton
waren Beide gestern hier und waren darüber einig, daß Sie längst hätten
da sein sollen.“

„Ich bin Ihnen sehr verpflichtet für Ihre Theilnahme an mir,“ gab er
zur Antwort, ein wenig kalt in Bezug auf die beiden Genannten, obgleich
sehr warm gegen den Doctor. „Miß Manette --“

„Befindet sich wohl,“ sagte der Doctor, als er stockte, „und Ihre
Rückkehr wird uns Alle sehr freuen. Sie ist ausgegangen, um einige
Wirthschaftseinkäufe zu machen, wird aber bald zurück sein.“

„Doctor Manette, ich wußte, daß ich sie nicht zu Hause finden würde.
Ich benutzte die Gelegenheit, um mit Ihnen allein sprechen zu können.“

Es trat ein verlegenes Schweigen ein.

„Nun?“ sagte der Doctor, offenbar etwas gezwungen. „Rücken Sie Ihren
Stuhl her und sprechen Sie.“

Er gehorchte, was den Stuhl betrifft, schien aber das Sprechen weniger
leicht zu finden.

„Ich habe das Glück gehabt, _Dr._ Manette, seit etwa anderthalb
Jahren auf so vertrautem Fuße mit Ihrer Familie zu leben,“ fing er
endlich an, „daß ich hoffe, der Gegenstand, den ich berühren will, wird
nicht --“

Er ward unterbrochen von dem Doctor, der die Hand ausstreckte, wie um
ihn zu bitten, zu schweigen. Als er sie eine kleine Weile so gehalten,
zog er sie wieder ein und sagte:

„Ist von Lucien die Rede?“

„Ja.“

„Es wird mir zu allen Zeiten schwer, von ihr zu sprechen. Es fällt
mir sehr schwer, von ihr in diesem Tone sprechen zu hören, den Sie
anwenden, Charles Darnay.“

„Es ist der Ton innigster Bewunderung, echtester Huldigung und tiefster
Liebe, Doctor Manette,“ sagte er mit Ehrerbietung.

Es trat eine andere verlegene Pause ein, ehe der Vater eine Antwort gab.

„Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren; ich glaube
es.“

Das Gezwungene in seinem Wesen war so offenbar und es war außerdem
so offenbar, daß es aus einer Abneigung entstand, den angeregten
Gegenstand zur Sprache zu bringen, daß Charles Darnay zögerte.

„Soll ich fortfahren, Sir?“

Wieder eine Pause.

„Ja, fahren Sie fort.“

„Sie ahnen, was ich sagen wollte, obgleich Sie nicht wissen können, wie
ernst ich es meine und wie tief ich es fühle, ohne mein innerstes Herz
zu kennen und die Hoffnungen und die Befürchtungen und die Zweifel, die
es seit lange schon erfüllen. Lieber Doctor Manette, ich liebe Ihre
Tochter aufs Innigste, Uneigennützigste, Hingebendste. Wenn es jemals
Liebe auf der Welt gegeben hat, so liebe ich sie. Sie haben selbst
geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich sprechen!“

Der Doctor saß mit abgewendetem Gesicht und mit auf den Boden
gehefteten Augen da. Bei den letzten Worten streckte er wieder hastig
die Hand aus und rief:

„Nur das nicht! Schweigen Sie davon! Ich beschwöre Sie, erinnern Sie
mich nicht daran!“

In seinem Aufschrei sprach sich so viel wirklicher Schmerz aus, daß er
noch in Charles Darnay’s Ohren fortklang, lange nachdem er verhallt
war. Er winkte mit der ausgestreckten Hand, als wollte er Darnay bitten
inne zu halten. Letzterer legte es so aus und schwieg.

„Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte der Doctor nach einigen
Augenblicken in gedämpftem Tone. „Ich bezweifle nicht, daß Sie Lucien
lieben; darüber können Sie ruhig sein.“

Er wendete sich in seinem Stuhle gegen ihn, aber er sah ihn nicht an,
noch hob er den Blick zu ihm empor. Er ließ das Kinn auf die Hand
sinken und das weiße lange Haar über das Gesicht fallen.

„Haben Sie mit Lucien gesprochen?“

„Nein!“

„Auch nicht an sie geschrieben?“

„Niemals!“

„Es wäre ungroßmüthig, mich zu stellen, als ob ich nicht wüßte, daß
Ihre Selbstverleugnung von Ihrer Rücksichtnahme auf ihren Vater
herrührt. Ihr Vater dankt Ihnen.“

Er reichte ihm seine Hand hin; aber seine Augen blieben auf dem Boden
haften.

„Ich weiß,“ sagte Darnay voll Ehrerbietung, „und muß ich es nicht
wissen, _Dr._ Manette, da ich Sie Beide Tag für Tag beisammen
gesehen habe, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche,
so rührende, so innig mit den Verhältnissen, aus denen sie entstanden
ist, verbundene Zuneigung besteht, daß es wenige ihresgleichen geben
kann, selbst nicht in der Liebe zwischen Vater und Kind. Ich weiß,
_Dr._ Manette -- und wie könnte es anders sein -- daß, verwoben
mit der Liebe und dem Pflichtgefühle einer Tochter, die zur Jungfrau
herangewachsen ist, sie in ihrem Herzen für Sie die ganze Liebe und
das ganze Vertrauen des Kindes fühlt. Ich weiß, daß, wie sie in
ihrer Kindheit ohne Eltern gewesen ist, sie jetzt mit der ganzen
Beständigkeit und Innigkeit ihres gegenwärtigen Alters und Charakters,
verbunden mit der Vertrauensbedürftigkeit und der Anhänglichkeit
der Kinderjahre, in denen Sie ihr entrissen wurden, an Ihnen hängt.
Ich weiß recht wohl, daß, wenn Sie ihr aus jener Welt drüben wären
zurückgegeben worden, Sie in ihren Augen kaum mit einem heiligeren
Charakter, als den sie Ihnen beilegt, bekleidet sein könnten. Ich
weiß, daß, wenn sie Sie umarmt, die Hände des Kindes, des Mädchens und
der Jungfrau Sie gleichzeitig umschlingen. Ich weiß, daß sie in ihrer
Liebe für Sie ihre Mutter in ihrem eigenen Alter sieht und liebt,
sie in meinem Alter sieht und liebt, ihre mit gebrochenem Herzen
hinsiechende Mutter liebt, Sie während Ihrer schrecklichen Prüfung und
Ihrer gesegneten Rückkehr in’s Leben liebt. Ich habe dies Tag und Nacht
gewußt, seitdem ich Sie und Ihre Familie kenne.“

Ihr Vater saß stumm da, das Gesicht immer noch dem Boden zugewendet.
Sein Athem ging etwas rascher; aber er unterdrückte jede andere
Aufregung.

„Lieber Doctor Manette, da ich dies immer wußte und immer Ihre
Tochter und Sie von diesem geheiligten Lichte umgeben sah, habe ich
geschwiegen, so lange es in der Kraft des Menschenherzens liegt, zu
schweigen. Ich habe gefühlt und fühle selbst jetzt noch, daß wenn ich
meine Liebe -- selbst ~meine~ Liebe -- zwischen Sie Beide bringe,
ich in Ihre Geschichte ein weniger gutes Bestandtheil mische. Aber ich
liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe!“

„Ich glaube es,“ gab ihr Vater trauervoll zur Antwort. „Ich habe es
schon lange gedacht. Ich glaube es.“

„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Darnay, den der klagende Ton der
Stimme wie ein Vorwurf traf, „glauben Sie nicht, daß wenn meine
Lebensverhältnisse so wären, daß ich Sie Beide, vorausgesetzt, ich
wäre dereinst so glücklich, sie als Gattin zu besitzen, von einander
trennen müßte, ich nur ein Wort von dem sagen würde, was ich jetzt
geäußert habe. Außerdem daß ich wüßte, ein solches Beginnen wäre
hoffnungslos, würde ich auch wissen, daß es eine Niedrigkeit wäre.
Hätte ich eine solche Möglichkeit selbst für eine ferne Zeit in meinen
Gedanken gehegt und in meinem Herzen verborgen -- hätte ich sie jemals
hegen können -- so könnte ich jetzt nicht diese geehrte Hand anrühren.“

Bei diesen Worten legte er seine Hand auf die des Vaters.

„Nein, lieber _Dr._ Manette. Wie Sie ein aus Frankreich freiwillig
Verbannter; wie Sie aus dem Vaterland vertrieben durch seine
Zerrüttung, seinen Druck und seinen Jammer; wie Sie bemüht, in der
Fremde durch eigne Anstrengung meinen Lebensunterhalt zu erwerben und
auf eine glücklichere Zukunft hoffend, erwarte ich nur, Ihr Schicksal,
Ihr Leben und Ihr Obdach zu theilen und Ihnen treu zu sein bis zum
Tode. Nicht um mit Lucien ihr Vorrecht als Ihr Kind, Ihre Gefährtin
und Ihre Freundin zu theilen; sondern um sie in dieser Rolle zu
unterstützen und sie enger an Sie zu knüpfen, wenn dies möglich ist.“

Seine Hand ruhte immer noch auf der des Vaters. Indem er ihre Berührung
für einen Augenblick erwiederte, aber nicht kalt, ließ der Vater beide
Hände auf den Seitenlehnen des Stuhles ruhen und blickte zum ersten
Male seit dem Anfang der Unterredung auf. Man sah in seinem Gesicht,
daß er innerlich kämpfte; daß er kämpfte mit jenem gewöhnlichen
Ausdruck, welcher eine Neigung hatte, in argwöhnischen Zweifel und
scheue Furcht umzuschlagen.

„Sie sprechen mit so viel Gefühl und so männlich, Charles Darnay,
daß ich Ihnen von ganzem Herzen danke, und Ihnen mein ganzes Herz
ausschütten will -- wenigstens so weit ich kann. Haben Sie einen Grund
zu glauben, daß Lucie Sie liebt?“

„Nein. Bis jetzt nicht.“

„Hatten Sie als nächsten Zweck dieser vertraulichen Mittheilung den
Wunsch im Auge, sich dessen mit meinem Wissen zu versichern?“

„Auch das nicht. Vielleicht hätte mir die Zuversicht, es zu thun, vor
einigen Wochen gefehlt; vielleicht hätte ich (irrthümlich oder nicht)
diese Zuversicht morgen gehabt.“

„Verlangen Sie von mir Rath?“

„Nein, Sir. Aber ich hielt es für möglich, daß Sie im Stande sein
könnten, wenn Sie es für Recht hielten, mir einigen Rath zu ertheilen.“

„Wünschen Sie ein Versprechen von mir?“

„Allerdings.“

„Welches wäre das?“

„Ich weiß recht wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben könnte.
Ich sehe recht wohl ein, daß, selbst wenn Miß Manette mich in diesem
Augenblick in ihrem unschuldigen Herzen hegte -- glauben Sie nicht, daß
ich so anmaßend bin, so Viel vorauszusetzen -- ich diesen Platz nicht
behaupten könnte gegen ihre Liebe zu ihrem Vater.“

„Wenn dies der Fall ist, sehen Sie dann auf der andern Seite ein, was
dies nach sich zieht?“

„Ich sehe eben so gut ein, daß ein Wort ihres Vaters zu Gunsten eines
Bewerbers gegen ihre Ansicht und die ganze Welt entscheidend sein
würde. Aus diesem Grunde, _Dr._ Manette,“ sagte Darnay bescheiden,
aber fest, „möchte ich Sie nicht um dieses Wort bitten und wenn es mein
Leben gälte.“

„Ich bin dessen gewiß. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen ebenso gut
aus inniger Liebe, wie aus weiter Trennung; in ersterem Falle sind sie
tief und verwickelt und schwer zu durchdringen. Meine Tochter Lucie ist
in dieser einen Hinsicht ein solches Geheimniß für mich; ich habe über
den Zustand ihres Herzens nicht einmal eine Vermuthung.“

„Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, daß --“ da er stockte, setzte
der Vater den Satz fort.

„Sich ein Anderer um sie bewirbt?“

„Das wollte ich sagen.“

Der Vater überlegte ein wenig, ehe er eine Antwort gab:

„Sie haben selbst Mr. Carton hier gesehen. Auch Mr. Stryver ist
gelegentlich hier. Wenn überhaupt, könnte es nur einer von diesen
Beiden sein.“

„Oder Beide,“ sagte Darnay.

„Ich hatte nicht an Beide gedacht; ich halte es bei keinem von Beiden
für wahrscheinlich. Sie wünschen ein Versprechen von mir zu haben.
Sagen Sie, welches?“

„Blos das Versprechen, daß, wenn Miß Manette ihrerseits Ihnen eine
solche vertrauliche Mittheilung machen sollte, wie ich Ihnen jetzt
vorzulegen gewagt habe, Sie Zeugniß von dem, was ich Ihnen gesagt habe
und von Ihrem Glauben daran geben. Ich hoffe, Sie werden im Stande
sein, so gut von mir zu denken, daß Sie Nichts gegen mich sagen. Ich
spreche nicht mehr von dem hohen Werthe, den ich darauf lege; dies ist
das Einzige, um was ich bitte. Der Bedingung, unter der ich darum bitte
und deren Erfüllung Sie ein unbezweifeltes Recht haben zu fordern,
werde ich pünktlich nachkommen.“

„Ich gebe das Versprechen ohne jede Bedingung,“ sagte der Doctor. „Ich
glaube, Ihr Ziel ist einfach und wahrhaftig, wie Sie es angegeben
haben. Ich glaube, Ihre Absicht ist, das Band zwischen mir und meinem
anderen und vielgeliebteren Ich fester zu knüpfen und nicht zu lockern.
Wenn sie mir jemals sagt, daß Sie ihr wesentlich sind zu ihrem
vollkommnen Glück, so werde ich sie Ihnen geben. Wenn, Charles Darnay
--“

Der junge Mann hatte die Hand des Anderen dankbar ergriffen; und die
beiden Hände lagen noch in einander, als der Doctor fortfuhr:

„Wenn Einbildung, Gründe, Befürchtungen oder sonst Etwas aus alter oder
neuer Zeit gegen den Mann sprechen sollten, den sie wirklich liebt, und
die unmittelbare Verantwortlichkeit dafür nicht auf sein Haupt fiele,
so sollten sie alle um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir Alles;
sie wiegt mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht,
mehr als -- doch das sind leere Worte!“

So seltsam war die Art, wie er sich in Schweigen verlor, und so seltsam
sein starrer Blick, als er aufgehört hatte zu sprechen, daß Darnay
seine eigene Hand kalt in der Hand werden fühlte, welche langsam die
seinige fallen ließ.

„Sie sagten Etwas zu mir,“ sagte _Dr._ Manette, während ein
Lächeln sein Gesicht überflog. „Was war es doch gleich?“

Darnay wußte nicht, was er antworten sollte, bis er sich erinnerte,
von einer Bedingung gesprochen zu haben. Deshalb antwortete er jetzt
erleichtert:

„Das Vertrauen, das Sie mir schenken, verdient auch von meiner Seite
mit den vollständigsten Vertrauen erwidert zu werden. Der Name, den
ich jetzt trage, ist, obgleich nur mit geringer Veränderung der meiner
Mutter, nicht mein wahrer Name. Ich wünsche Ihnen diesen zu nennen und
ihnen zu sagen, warum ich in England bin.“

„Halt!“ sagte der Doctor.

„Ich möchte es, damit ich um so besser Ihr Vertrauen verdiene und kein
Geheimniß vor Ihnen habe.“

„Halt!“

In einem Augenblicke hatte der Doctor mit beiden Händen die Ohren
zugehalten; im nächsten hatte er beide Hände auf Darnay’s Mund gelegt.

„Sagen Sie ihn, wenn ich Sie darnach frage, nicht jetzt. Wenn Sie in
Ihrer Werbung glücklich sind, wenn Lucie Sie liebt, mögen Sie mir ihn
an Ihrem Hochzeitsmorgen sagen. Versprechen Sie mir das?“

„Gern.“

„Geben Sie mir Ihre Hand. Sie wird gleich nach Hause kommen und es ist
besser, sie sieht uns heute Abend nicht beisammen. Gehen Sie! Schenke
Gott Ihnen seinen Segen!“

Es war finster, als Charles Darnay ihn verließ und eine Stunde später
noch finsterer, als Lucie nach Hause kam; sie eilte allein in das
Zimmer -- denn Miß Proß war ohne sich aufzuhalten in das obere Stock
gegangen -- und fand zu ihrer Verwunderung seinen gewöhnlichen Stuhl
unbesetzt.

„Vater!“ rief sie ihn. „Lieber Vater!“

Sie erhielt keine Antwort, hörte aber ein dumpfes Hämmern aus seinem
Schlafzimmer. Leichten Schrittes ging sie durch das Zwischenzimmer,
blickte zur Thür hinein und kam erschrocken zurückgeeilt, halblaut vor
sich hinjammernd, „was soll ich anfangen? was soll ich anfangen?“

Ihre Ungewißheit dauerte nur einen Augenblick, dann eilte sie zurück,
klopfte an die Schlafzimmerthür und rief ihn mit sanfter Stimme. Das
Hämmern hörte auf, sowie er ihre Stimme vernahm, und er kam sogleich
heraus zu ihr und sie gingen lange Zeit mit einander auf und ab.

Sie kam mitten in der Nacht herunter aus ihrem Bett, um zu
sehen, ob er schlafe. Er schlief einen schweren Schlaf und sein
Schuhmacherhandwerkszeug und seine alte halbfertige Arbeit lagen da wie
gewöhnlich.



Elftes Kapitel.

Ein Seitenstück.


„Sydney,“ sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder an demselben Morgen
zu seinem Schakal; „braut noch eine Bowle Punsch; ich habe Euch Etwas
zu sagen.“

Sydney hatte diese Nacht und vorige Nacht und vorvorige Nacht und
viele Nächte hintereinander doppelt und dreifach gearbeitet und vor
dem Beginn der langen Gerichtsferien unter Mr. Stryvers Acten tüchtig
aufgeräumt. Endlich war er damit fertig; die Stryverschen Rückstände
waren alle nachgeholt; Alles war erledigt, bis der November wieder mit
seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und neues Korn auf
die Mühle schüttete.

Sydney war in Folge so großer Anstrengung nicht munterer und nicht
nüchterner geworden. Er hatte viel Extrahandtücher gebraucht, um sich
durch die Nacht zu schleppen; eine Extraquantität Wein war den nassen
Handtüchern vorausgegangen; und er war in einem sehr angegriffenen
Zustande, wie er jetzt den Turban abriß und in das Waschbecken warf,
in welchem er ihn während der letzten sechs Stunden von Zeit zu Zeit
getränkt hatte.

„Braut Ihr die andere Bowle Punsch?“ sagte Stryver, der behäbig mit den
Händen im Hosenbunde vom Sopha aufschaute, auf dem er ausgestreckt lag.

„Ja.“

„Nun, so hört mal! Ich will Euch Etwas sagen, was Euch vielleicht
überraschen und Euch vielleicht sagen machen wird, daß ich doch nicht
so gescheut sei, als Ihr gewöhnlich geglaubt hättet. Ich gedenke zu
heirathen.“

„Wirklich?“

„Ja. Und nicht nach Geld. Was sagt Ihr nun?“

„Ich wüßte eben nicht, was ich sagen sollte. Wer ist es?“

„Rathet mal.“

„Kenne ich sie?“

„Rathet mal.“

„Um fünf Uhr früh, wo mein Kopf von der Arbeit und vom Weine brennt,
habe ich keine Lust zu rathen. Wenn ich rathen soll, müßt Ihr mich zu
Tische einladen.“

„Nun, so will ich’s Euch sagen,“ sagte Stryver, indem er sich langsam
aufrichtete, bis er zum Sitzen kam. „Sydney, ich zweifle fast an
der Möglichkeit, mich Euch verständlich zu machen, weil Ihr ein so
entsetzlich herzloser Mensch seid.“

„Und Ihr,“ gab der mit dem Punschbrauen Beschäftigte zurück, „seid ein
gefühlvolles und poetisches Gemüth.“

„Ha, ha,“ entgegnete Stryver mit prahlerischem Lachen, „obgleich ich
keinen Anspruch darauf mache, eine Perle der Poesie zu sein (denn das,
hoffe ich, weiß ich besser), so habe ich doch mehr Herz als Ihr.“

„Ihr habt mehr Glück, das ist Alles.“

„Das will ich nicht sagen. Ich meine, ich bin ein Mann von mehr --“

„Sagt Galanterie, weil Ihr einmal dabei seid,“ half ihm Carton ein.

„Gut! Ich will sagen Galanterie. Ich wollte sagen, daß ich ein Mann
bin,“ sagte Stryver und blies sich seinem punschbrauenden Freunde
gegenüber auf, „der mehr als Ihr darauf giebt, in Damengesellschaft
angenehm zu sein, der sich mehr Mühe giebt, angenehm zu sein und der es
besser versteht, angenehm zu sein.“

„Weiter,“ sagte Sydney Carton.

„Nein; aber ehe ich fortfahre,“ sagte Stryver und schüttelte in seiner
polternden Weise den Kopf, „muß ich das aus Euch heraus haben. Ihr seid
bei _Dr._ Manette aus- und eingegangen, so gut wie ich und mehr
als ich. Aber wahrhaftig, ich habe mich geschämt wegen Eures mürrischen
Wesens dort! Ihr habt Euch dort so verstockt und ingrimmig gezeigt, daß
ich auf Seele und Ehre mich Eurer geschämt habe, Sydney.“

„Einem Mann mit Eurer Praxis vor Gericht müßte es sehr wohlthätig sein,
sich wegen Etwas zu schämen,“ entgegnete Sydney; „Ihr solltet mir dafür
sehr verbunden sein.“

„So kommt Ihr mir nicht los,“ gab ihm Stryver zur Antwort; „nein,
Sydney, es ist meine Pflicht, Euch zu sagen -- und ich sage es Euch
in’s Gesicht zu Eurem Besten, daß Ihr in Gesellschaft verteufelt
schlecht paßt. Ihr macht Euch geradezu unangenehm.“

Sydney trank ein volles Glas von dem Punsche aus, den er gebraut hatte
und lachte.

„Seht mich an!“ sagte Stryver, indem er sich gerade richtete; „ich
brauche mir weniger Mühe zu geben als Ihr, weil ich unabhängiger
gestellt bin. Warum mache ich mich angenehm?“

„Das habe ich noch nie von Euch gesehen,“ brummte Carton.

„Weil es politisch ist; ich thue es aus Grundsatz. Und seht mich an!
Ich komme vorwärts.“

„Ihr kommt aber gar nicht vorwärts mit der Auseinandersetzung Eurer
Heirathspläne,“ gab Carton mit gleichgültiger Miene zur Antwort. „Ich
wollte, Ihr bliebt dabei. Was mich betrifft, so müßt Ihr doch endlich
einsehen, daß ich unverbesserlich bin.“

Er sagte dies, nicht ohne daß den Ton seiner Stimme Etwas von
Bitterkeit durchklang.

„Ihr habt nicht den Beruf, unverbesserlich zu sein,“ gab sein Freund in
keinem sehr besänftigenden Tone zur Antwort.

„Ich habe überhaupt keinen Beruf, zu sein,“ sagte Sydney Carton. „Wer
ist die Dame?“

„Laßt Euch von der Nennung des Namens nicht unangenehm berühren,
Sydney,“ sagte Mr. Stryver, mit prahlerischer Freundschaftlichkeit ihn
auf die Enthüllung vorbereitend, „weil ich weiß, daß Ihr nicht die
Hälfte von dem meint, was Ihr sagt; und wenn Ihr Alles meintet, so
hätte es nicht Viel zu sagen. Ich mache diese kleine Vorrede, weil Ihr
früher einmal von dieser jungen Dame in geringschätzigen Ausdrücken
gesprochen habt.“

„Ich?“

„Gewiß; und in diesem Zimmer.“

Sydney Carton sah in sein Punschglas und sah seinen selbstgefälligen
Freund an; trank seinen Punsch und sah wieder seinen selbstgefälligen
Freund an.

„Ihr nanntet die junge Dame einen blondgelockten Puppenkopf. Die junge
Dame ist Miß Manette. Wenn Ihr ein Kerl von Herz oder Zartgefühl oder
überhaupt von Gefühl in dieser Richtung wäret, Sydney, so hätte ich
Euch grollen können für diesen Ausdruck; aber das seid Ihr nicht. Euch
fehlt dieses Gefühl ganz und gar, deshalb verletzt mich diese Aeußerung
nicht mehr, als mich das Urtheil eines Mannes über eins meiner
Bilder verletzen würde, der kein Auge für Malerei hat; oder über ein
Musikstück von mir, wenn er kein Ohr für Musik hat.“

Sydney Carton trank mit großem Eifer Punsch; trank ihn in ganzen
Gläsern und sah dabei seinen Freund an.

„Nun habe ich Euch Alles gesagt, Sydney,“ sagte Mr. Stryver. „Nach Geld
frage ich nicht; sie ist ein reizendes Geschöpf und ich habe mir einmal
in den Kopf gesetzt, nach meinem Geschmack zu wählen; im Ganzen glaube
ich, kann ich es haben, nach meinem Geschmack zu wählen. Sie bekommt
einen Mann, der so ziemlich wohlhabend ist, einen Mann, der rasch reich
wird und einen Mann von einiger Auszeichnung; es ist ein ordentliches
Glück für sie, aber sie verdient es. Wundert Ihr Euch, oder seid Ihr
überrascht?“

Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum
sollte ich überrascht sein?“

„Ihr seid damit einverstanden?“

Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum
sollte ich nicht damit einverstanden sein?“

„Na,“ sagte sein Freund Stryver, „Ihr nehmt es leichter als ich
glaubte und zeigt Euch weniger selbstsüchtig in Bezug auf mich, als
ich erwartete; obgleich Ihr jetzt gut genug wißt, daß Euer alter
Schulkamerad ein Mann von ziemlich starkem Willen ist. Ja, Sydney,
ich habe dieses Leben satt, wenn gar keine Abwechslung dabei ist; ich
fühle, daß es doch hübsch ist für einen Mann, eine Familie zu haben, in
deren Kreise er verweilen kann, wenn er Lust dazu hat (wenn er keine
hat, kann er wegbleiben), und ich fühle, daß Miß Manette sich in jeder
Stellung gut ausnehmen und mir immer Ehre machen wird. So habe ich denn
meinen Entschluß gefaßt. Und jetzt, Sydney, alter Knabe, möchte ich
auch noch ein Wörtchen mit Euch über Eure Zukunft sprechen. Ihr seid
auf einem schlimmen Wege; Ihr seid wahrhaftig auf einem schlimmen Wege.
Ihr kennt den Werth des Geldes nicht, Ihr lebt mehr als flott und an
einem schönen Tage werdet Ihr auf einmal daliegen, krank und ohne Geld.
Ihr müßt Euch wahrhaftig nach einer Pflege umsehen.“

Die behäbige Gönnermiene, mit der er dies sagte, machte, daß er noch
zweimal so dick und viermal so verletzend aussah, als er war.

„Ich sage Euch, faßt das wohl in’s Auge,“ fuhr Stryver fort. „Ich habe
das in meiner Weise in’s Auge gefaßt, faßt das in Eurer andern Weise
in’s Auge. Heirathet. Sorgt für Jemand, der Euch pflegt. Kümmert Euch
nicht darum, daß Ihr keinen Geschmack, keinen Sinn und keinen Takt für
Frauenumgang habt. Sucht Euch Jemanden, sucht Euch eine anständige Frau
mit etwas Vermögen aus -- eine Wirthin oder so Etwas -- und heirathet
sie, ehe schlimme Zeiten kommen. Das ist’s, was für Euch paßt. Das
überlegt Euch, Sydney.“

„Ich werde es mir überlegen,“ sagte Sydney.



Zwölftes Kapitel.

Der Mann von Zartgefühl.


Nachdem Mr. Stryver einmal den Entschluß gefaßt hatte, mit großmüthiger
Freigebigkeit der Tochter des Arztes seine Hand zu reichen, beschloß er
auch, ihr das ihr bevorstehende Glück anzukündigen, bevor er die Stadt
für die langen Gerichtsferien verließ. Nachdem er die Sache lange bei
sich durchgesprochen, kam er zu dem Schluß, daß es das Beste sei, alle
Präliminarien abzumachen und es dann in Muße zu überlegen, ob er ihr
eine oder zwei Wochen vor den Michaelisassisen oder während der kurzen
Weihnachtsferien vor den Hilariusassisen die Hand reichen solle.

Ueber die Stärke seiner Sache hatte er nicht den geringsten Zweifel,
sondern sah das Verdict klar vor Augen. Den Geschwornen als
solide Geld- und Vermögensfrage auseinandergesetzt, dem einzigen
Gesichtspunkt, unter dem sie zu betrachten war -- war es ein ganz
einfacher Fall, der nicht die kleinste schwache Stelle hatte. Er
rief sich für den Kläger auf, es war über seine Beweise nicht
hinwegzukommen, der Advocat für den Beklagten gab die Sache auf und die
Geschwornen traten nicht einmal zusammen, um das Verdict zu besprechen.
Nachdem Mr. Stryver den Rechtsfall in correctester Form erprobt hatte,
war er überzeugt, daß es keine einfachere Sache geben konnte.

Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Ferienzeit damit ein, daß er Miß
Manette in bester Form nach Vauxhall einlud; da dies keinen Anklang
fand, schlug er Ranelagh vor; da das unerklärlicher Weise auch keinen
Anklang fand, geruhte er sich selbst in Soho vorstellen und dort sein
großmüthiges Vorhaben erklären zu wollen.

Nach Soho lenkte daher Mr. Stryver seine Schritte vom Tempel, während
die Blüthe der Ferienkindheit noch auf demselben lag. Jeder, der ihn
sah, wie er einer aufgeblühten Pfingstrose gleich über den Bürgersteig
schritt und alle schwächeren Leute aus dem Wege schob, konnte sehen,
wie solid und stark er war.

Da er bei Tellsons vorbei ging und er ein Conto bei Tellsons hatte und
zugleich Mr. Lorry als vertrauten Freund der Familie Manette kannte,
kam Mr. Stryver auf den Gedanken einen Besuch im Contor zu machen und
Mr. Lorry zu verrathen, welch glänzendes Gestirn heute noch über dem
Horizont von Soho aufgehen werde. So stieß er die Thür auf, in deren
Kehle das schwache Röcheln stak, stolperte die beiden Stufen hinunter,
kam an den beiden alten Cassirern vorbei und trat in das dumpfige
Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen für Zahlen liniirten Büchern an
einem Fenster saß mit senkrechten eisernen Stäben davor, als ob es auch
für Zahlen liniirt und jegliches Ding unter der Sonne eine Ziffer wäre.

„Wie geht’s Ihnen?“ sagte Mr. Stryver. „Ich hoffe, Sie befinden sich
wohl!“

Es war Stryvers größte Eigenthümlichkeit, daß er für jeden Ort, oder
für jeden Raum zu massig erschien. Er war um so viel zu massig für
Tellsons, daß alte Commis in fernen Ecken mit flehenden Blicken
aufschauten, als ob er sie gegen die Wand quetschte. Selbst „unser
Haus“ -- das in fernster Perspective in großartiger Ruhe die Zeitung
las, zog mißliebig die Augenbrauen zusammen, als ob der Stryversche
Kopf in seine hoch verantwortliche Schooßweste gefahren wäre.

Der discrete Mr. Lorry sagte in einem Musterton der Stimme, die er
unter den Umständen empfehlen würde, „wie geht es Ihnen, Mr. Stryver?
Wie geht es Ihnen, Sir?“ und reichte ihm die Hand. Die Art, wie er dem
Andern die Hand schüttelte, hatte etwas Eigenthümliches, was man bei
jedem Commis Tellsons bemerkte, so oft er einem Kunden während der
Anwesenheit des Hauses im Geschäft die Hand schüttelte. Er schüttelte
sie in einer sich selbst wegleugnenden Weise, als ob er es für Tellson
u. Comp. thäte.

„Was wünschen Sie, Mr. Stryver?“ fragte Mr. Lorry in seinem
Geschäftstone.

„Nein, ich danke Ihnen; mein Besuch gilt Ihnen persönlich, Mr. Lorry;
ich möchte ein vertrauliches Wort mit Ihnen sprechen.“

„O, wirklich,“ sagte Mr. Lorry und neigte dem Andern das Ohr zu,
während sein Blick nach „unserm Hause“ hinüberschweifte.

„Ich bin im Begriff,“ sagte Mr. Stryver, indem er seine Ellbogen
vertraulich auf das Pult legte, worauf es, obgleich es ein großes
Doppelpult war, nicht halb genug Pult für ihn zu sein schien. „Ich
stehe im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette,
einen Heirathsantrag zu machen, Mr. Lorry.“

[Illustration: ~Mr. Stryver in Tellsons Comptoir~.]

„O, du meine Güte!“ rief Mr. Lorry, indem er sich das Kinn rieb und
seinen Besuch zweifelnd ansah.

„O, du meine Güte, Sir?“ wiederholte Stryver und trat zurück. „O, du
meine Güte, Sir? was meinen Sie damit, Mr. Lorry?“

„Was ich damit meine?“ antwortete der Geschäftsmann, „natürlich nur
Freundschaftliches und Anerkennendes und daß es Ihnen die größte Ehre
macht, und -- kurz ich meine Alles, was Sie sich nur wünschen können.
Aber -- wahrhaftig, Sie wissen, Mr. Stryver --“ Mr. Lorry hielt inne
und schüttelte auf die wunderlichste Weise den Kopf, als ob er wider
seinen Willen bei sich hinzusetzen müßte, „Sie wissen, daß Sie wirklich
viel zu viel sind.“

„Na!“ sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das
Pult schlug, die Augen weit aufmachte und einen langen Athemzug that,
„wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich gehängt sein.“

Mr. Lorry zupfte sich seine kleine Perrücke über beiden Ohren zurecht,
wie um das gewünschte Ziel besser zu erreichen, und biß in die Fahne
einer Feder.

„Zum Teufel, Sir!“ sagte Stryver und sah ihn groß an, „bin ich nicht
annehmbar?“

„Mein Gott, ja! Ja wohl. O, ja wohl, Sie sind annehmbar!“ sagte Mr.
Lorry. „Wenn Sie sagen annehmbar, sind Sie annehmbar.“

„Bin ich nicht ein vermögender Mann?“ fragte Stryver.

„O! Wenn Sie von Vermögen sprechen, so sind Sie ein vermögender Mann,“
sagte Mr. Lorry.

„Und komme ich nicht vorwärts?“

„Wenn Sie vorwärts kommen wollen, müssen Sie vorwärts kommen,“ sagte
Mr. Lorry, froh noch etwas zugestehen zu können, „Niemand kann daran
zweifeln.“

„Was zum Kukuk meinen Sie aber denn, Mr. Lorry?“ fragte Mr. Stryver
sichtbar entmuthigt.

„Hm! Ich -- wollen Sie jetzt hingehen?“ fragte Mr. Lorry.

„Geraden Wegs!“ sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult.

„Dann glaube ich, ginge ich nicht hin, wenn ich wie Sie wäre.“

„Warum?“ sagte Stryver „Jetzt will ich Sie in die Enge treiben,“ und
er drohte ihm, wie vor den Geschwornen, mit dem Finger. „Sie sind ein
Geschäftsmann und müssen einen Grund haben. Geben Sie Ihren Grund an.
Warum würden Sie nicht geben?“

„Weil ich in einer solchen Absicht nicht gehen würde, ohne einigen
Grund zu dem Glauben zu haben, daß ich Erfolg haben würde.“

„Hol mich der und jener!“ rief Stryver aus, „aber das geht mir über
Alles!“

Mr. Lorry warf einen Blick auf „unser Haus“ im Hintergrunde, einen
andern auf den erzürnten Stryver.

„Hier ist ein Geschäftsmann -- ein Mann von Jahren -- ein Mann von
Erfahrung -- in einem Bankhaus,“ sagte Stryver; „und nachdem ich drei
Hauptgründe eines vollständigen Erfolgs angeführt habe, ist kein Grund
da! und er sagt’s mit dem Kopf auf dem Halse!“ Mr. Stryvers Bemerkung
klang fast als ob er es weniger merkwürdig gefunden hätte, wenn er es
mit abgeschlagenem Kopfe gesagt hätte.

„Wenn ich von Erfolg spreche, so spreche ich von Erfolg bei der jungen
Dame; und wenn ich von Ursachen und Gründen spreche, die den Erfolg
wahrscheinlich machen, so spreche ich von Ursachen und Gründen, die auf
die junge Dame wirken würden. Die junge Dame, guter Herr,“ sagte Mr.
Lorry, indem er sanft Stryvers Arm berührte, „die junge Dame. Die junge
Dame ist vor Allem zu berücksichtigen.“

„Sie wollen also sagen, Mr. Lorry,“ sagte Stryver und stemmte die Arme
wieder auf den Tisch, „daß es Ihre wohlüberlegte Meinung sei, die
fragliche junge Dame sei ein coquettes Gänschen?“

„Das eben nicht. Ich will Ihnen blos sagen, Mr. Stryver,“ sagte
Mr. Lorry mit geröthetem Gesicht, „daß ich von Niemanden ein
geringschätziges Wort über diese junge Dame dulde, und daß, wenn
ich einen Mann kennte -- was ich nicht hoffe -- dessen Bildung so
gering und dessen Sinn so gemein und hochfahrend sein sollte, daß er
sich nicht enthalten könnte von dieser jungen Dame an diesem Pulte
unehrerbietig zu sprechen, selbst Tellsons mich nicht hindern sollten,
ihm ordentlich meine Meinung zu sagen.“

Die Nothwendigkeit seinen Aerger nieder zu halten, hatten Mr. Stryvers
Blutgefäße in einen gefährlichen Zustand versetzt, als an ihm die Reihe
war, ärgerlich zu sein. Mr. Lorrys Adern, so methodisch sonst das Blut
in ihnen floß, waren in keinem bessern Zustand als jetzt die Reihe an
ihm war.

„Das war es, was ich Ihnen sagen wollte,“ sagte Mr. Lorry. „Es war
nothwendig, damit kein Irrthum zwischen uns obwalte.“

Mr. Stryver kaute eine kleine Weile an dem Ende eines Lineals und
schlug dann damit nach dem Tacte einer Melodie an seine Zähne, wovon er
wahrscheinlich Zahnschmerzen bekam. Endlich unterbrach er die verlegene
Pause mit den Worten:

„Das ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie rathen mir in allem Ernste an,
nicht nach Soho zu gehen und ihr meine Hand anzubieten -- meine Hand,
die Hand Stryvers von Kings Bench Bar?“

„Fragen Sie mich um Rath, Mr. Stryver?“

„Allerdings.“

„Gut. Dann haben Sie ihn gehört und ihn buchstäblich wiederholt.“

„Ich kann weiter nichts sagen,“ lachte Stryver mit geärgerter Miene,
„als daß Nichts -- ha, ha! -- in der Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft darüber gehen kann.“

„Verstehen Sie mich wohl,“ fuhr Mr. Lorry fort. „Als Geschäftsmann habe
ich nicht das Recht überhaupt Etwas in dieser Sache zu sagen, denn
als Geschäftsmann weiß ich nichts davon. Aber als alter Mann, der Miß
Manette auf den Armen getragen hat, der vertrauter Freund Miß Manettes
und auch ihres Vaters ist und sie Beide sehr lieb hat, habe ich
gesprochen. Ich habe nicht zum Vertrauen aufgefordert, das vergessen
Sie nicht. Sie glauben also jetzt, ich hätte unrecht?“

„Ich nicht!“ sagte Stryver und pfiff vor sich hin. „Ich kann es nicht
übernehmen für dritte Personen gesunden Menschenverstand zu finden; ich
kann ihn nur für mich finden. Ich setze gesunden Menschenverstand bei
gewissen Leuten voraus; Sie setzen sentimentalen Firlefanz voraus. Es
ist mir neu, aber Sie haben vielleicht recht.“

„Was ich voraussetzte, Mr. Stryver, beanspruche ich selbst zu
qualificiren. Und verstehen Sie mich recht, Sir,“ sagte Mr. Lorry,
während abermals eine rasche Röthe über sein Gesicht flog. „Ich dulde
nicht -- selbst nicht bei Tellsons -- daß es ein Anderer, wer es auch
sei, für mich qualificire.“

„Na! dann bitte ich um Verzeihung,“ sagte Stryver.

„Ich gewähre sie mit Vergnügen. Und danke Ihnen. Also, Mr. Stryver, was
ich sagen wollte: -- es könnte Ihnen schmerzlich sein Ihren Irrthum
zu entdecken, es könnte _Dr._ Manette schmerzlich sein, Ihnen
die Sache auseinandersetzen zu müssen, es könnte Miß Manette sehr
schmerzlich sein, Ihnen die Sache auseinandersetzen zu müssen. Sie
wissen, daß ich die Ehre und das Glück habe, auf vertrautem Fuß mit
der Familie zu stehen. Wenn Sie wünschen, will ich ohne Sie irgendwie
zu binden oder zu vertreten, recht gern versuchen, die Beobachtungen,
auf die mein Rathschlag gegründet war, durch einige neue eigens zu
diesem Zweck angestellte Beobachtungen zu berichtigen. Wenn Sie dann
noch nicht befriedigt sind, so können Sie nur noch den Versuch machen
selbst zu sehen und zu hören; wenn Sie dagegen zufriedengestellt sind
und mein Rath lautet eben noch so wie heute, so wären alle Betheiligte
da geschont, wo am meisten zu schonen ist. Was meinen Sie dazu?“

„Wie lange würden Sie mich in der Stadt festhalten?“

„O! Es ist nur eine Frage von ein Paar Stunden. Ich könnte heute Abend
nach Soho gehen und dann später zu Ihnen kommen.“

„Nun gut, dann wollen wir es so machen,“ sagte Stryver; „ich werde also
jetzt nicht hingehen, denn so hitzig bin ich nicht für die Geschichte.
Ich erwarte Sie also heute Abend bei mir. Guten Morgen.“

Damit verließ Mr. Stryver mit vielem Geräusch das Bankhaus.

Der Advocat war scharfblickend genug, zu errathen, daß der alte
Buchhalter sich nicht so bestimmt ausgedrückt haben würde, wenn er
einen weniger soliden Grund, als moralische Gewißheit gehabt hätte. So
unvorbereitet er für die große Pille war, die er zu verschlucken hatte,
brachte er sie doch hinunter. „Und jetzt,“ sagte Mr. Stryver und drohte
mit seinem Advocatenfinger dem Tempel im Allgemeinen, als sie hinunter
war, „jetzt kommt es darauf an, euch Alle ins Unrecht zu bringen.“

Es war ein Stück von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, in welchem
er große Erleichterung fand. „Ihr sollt mich nicht ins Unrecht bringen,
junge Dame,“ sagte Mr. Stryver. „Das will ich für Euch besorgen.“

Als daher Mr. Lorry noch den Abend um zehn Uhr sich bei Mr. Stryver
einstellte, saß dieser mitten in einem Haufen von Büchern und Papieren,
der besonders zu diesem Zweck aufgethürmt worden war und schien an
nichts weniger als den Gegenstand der heutigen Morgenunterhaltung zu
denken. Er verrieth sogar Ueberraschung, als er Mr. Lorry erblickte und
war ganz und gar zerstreut und von Anderem in Anspruch genommen.

„Ich war also in Soho,“ sagte der gutmüthige Abgesandte, nachdem er
sich eine gute halbe Stunde vergeblich abgemüht hatte, den Andern zu
bewegen, das Gespräch auf den fraglichen Gegenstand zu bringen.

„In Soho?“ wiederholte Mr. Stryver gleichgültig. „Ja so! Woran denke
ich nur?“

„Und ich bezweifle nicht, daß ich heute früh vollkommen Recht hatte,“
sagte Mr. Lorry. „Ich bin in meiner Meinung bestärkt worden und
wiederhole meinen Rath.“

„Ich versichere Ihnen,“ entgegnete Mr. Stryver in der wohlwollendsten
Weise, „daß es mir Ihretwegen leid thut und auch wegen des armen
Vaters. Ich begreife wohl, daß dies immer ein wunder Fleck für die
Familie bleiben wird; daher wollen wir nicht weiter davon sprechen.“

„Ich verstehe Sie nicht,“ sagte Mr. Lorry.

„Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete Stryver, indem er ihn
besänftigend und als wollte er die Sache ein für allemal zum Abschluß
bringen, zunickte; „thut nichts, thut nichts.“

„Doch es thut Etwas,“ wandte Mr. Lorry ein.

„Nein, es thut nichts; ich versichere es Ihnen, es thut nichts. Da ich
geglaubt habe gesunden Sinn zu finden, wo kein gesunder Sinn vorhanden
ist und einen lobenswerthen Ehrgeiz, wo kein lobenswerther Ehrgeiz
vorhanden ist, so kann ich mir gratuliren, daß ich meinen Irrthum los
bin und kein Schaden dabei geschehen ist. Junge Mädchen haben schon oft
ähnliche Thorheiten begangen und haben sie oft genug schon in Armuth
und Verlassenheit bereut. Von ganz unselbstsüchtigem Standpunkte aus
thut es mir leid, daß aus der Sache nichts geworden ist, weil es in
jeder materiellen Hinsicht für Andere ein Glück gewesen wäre; von
einem selbstsüchtigen Standpunkte aus bin ich froh, daß Nichts d’raus
geworden ist, weil ich in jeder materiellen Hinsicht schlecht dabei
weggekommen wäre -- es ist kaum nöthig, Ihnen zu sagen, daß ich gar
nichts dabei gewinnen konnte. Es ist kein Schade geschehen. Ich habe um
die junge Dame nicht angehalten und unter uns gesagt, ich weiß durchaus
nicht ob ich bei näherer Ueberlegung jemals so weit gegangen wäre. Mr.
Lorry, die thörichten Launen und nichtigen Coquetterien eines leeren
Mädchenkopfes können Sie nie berechnen; das können Sie gar nicht von
sich erwarten und immer werden Sie sich darin täuschen. Also lassen
wir die Sache ruhen. Ich sage Ihnen, es thut mir leid, anderer Leute
wegen, aber ich bin froh meinetwegen. Und ich bin Ihnen wirklich sehr
verbunden, daß Sie mir erlaubten Sie zu sondiren und daß Sie mir Ihren
Rath ertheilten; Sie kennen die junge Dame besser als ich; Sie hatten
recht, es wäre niemals etwas für mich gewesen.“

Mr. Lorry war so verblüfft, daß er sich von Mr. Stryver ganz ruhig
mit einer Miene, als ob dieser Edelmuth, Nachsicht und mitleidiges
Wohlwollen auf sein irrendes Haupt herabschüttete, moralisch zur Thür
hinausschieben ließ. „Sie müssen sich darüber zu trösten wissen, bester
Herr,“ sagte Stryver; „sprechen Sie nicht weiter davon; ich danke Ihnen
nochmals, daß Sie mir erlaubt haben, Sie zu sondiren: gute Nacht!“

Mr. Lorry stand draußen auf der Straße, ehe er wußte wo er war. Mr.
Stryver lag ausgestreckt auf seinem Sopha und zog der Zimmerdecke eine
schlaue Grimasse.



Dreizehntes Kapitel.

Der Mann ohne Zartgefühl.


Wenn Sydney Carton jemals irgendwo glänzte, so glänzte er jedenfalls
nicht in dem Hause _Dr._ Manettes. Er war ein ganzes Jahr lang oft
dort gewesen und war dort immer derselbe mürrische und übelgelaunte
Gesell gewesen. Wenn ihm daran lag zu sprechen, sprach er gut; aber
durch die Wolke der Gleichgültigkeit gegen Alles, die ihn mit so
verhängnißvoller Nacht überschattete, drang nur sehr selten das Licht
in ihn.

Und doch lag ihm Etwas an den Straßen der Nachbarschaft jenes Hauses
und den bewußtlosen Steinen, welche ihr Pflaster bildeten. Manche Nacht
wanderte er dort zwecklos und unglücklich herum, wenn der Wein ihn
in keine vorübergehende frohe Laune versetzte; manches Morgengrauen
zeigte seine einsame Gestalt, die immer noch dort verweilte, wenn die
ersten Strahlen der Sonne sonst selten sichtbare architektonische
Schönheiten an Kirchthürmen und hohen Gebäuden in starkes Relief
brachten, wie vielleicht die stille Stunde ein Gefühl für bessere,
aber sonst vergessene und unerreichbare Dinge in seine Seele brachte.
In der letzten Zeit hatte das vernachlässigte Bett im Tempelhof ihn
noch seltener gesehen, als früher; und oft, wenn er sich nur ein
paar Minuten darauf geworfen hatte, sprang er wieder auf, denn mit
dämonischer Gewalt zog es ihn nach jener Nachbarschaft.

An einem Augusttage, als Mr. Stryver (nachdem er seinem Schakal
mitgetheilt hatte, daß er sich die Heirathsgeschichte noch einmal
überlegt habe) mit seinem Zartgefühl nach Devonshire gefahren war,
zu einer Zeit, wo der Anblick und Geruch von Blumen in den Straßen
der City eine Ahnung vom Guten dem Schlechtesten, von Gesundheit dem
Kränksten und von Jugend dem Aeltesten brachte, wanderte Sydney immer
noch über dieses Pflaster. Anfangs unentschlossen und ziellos, wurden
seine Schritte plötzlich von einem Vorsatz belebt und diesen Vorsatz
nachkommend, brachten sie ihn an die Thür des Doctors.

Man wies ihn in das erste Stockwerk und dort fand er Lucien allein bei
ihrer Arbeit. Sie war ihm gegenüber nie ganz unbefangen gewesen, und
empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er unweit von ihrem Tische
Platz nahm. Aber als sie ihm im Austausch der ersten paar Gemeinplätze
ansah, bemerkte sie, daß er sich verändert hatte.

„Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton!“

„Das Leben, welches ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit nicht
zuträglich. Was können solche Wüstlinge erwarten?“

„Ist es nicht -- verzeihen Sie mir; ich habe die Frage angefangen und
kann sie nicht mehr zurückhalten -- ist es nicht jammerschade, kein
besseres Leben zu führen?“

„Gott weiß, daß es eine Schande ist!“

„Warum führen Sie denn kein anderes?“

Als sie den Blick sanft zu ihm erhob, sah sie zu ihrem Erstaunen und
ihrem Schmerz, daß Thränen in seinem Auge standen. Thränen klangen auch
aus seiner Stimme, als er zur Antwort gab:

„Es ist schon zu spät dazu. Ich werde nie besser sein, als ich bin. Ich
werde tiefer sinken und schlechter sein.“

Er stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und deckte die Augen mit der
Hand zu.

Der Tisch zitterte in der Pause, welche jetzt folgte.

Sie hatte ihn noch nie so weich gesehen und es schmerzte sie sehr. Er
wußte das, ohne daß er sie ansah und sagte:

„Bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich komme aus aller Fassung,
wenn ich denke, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?“

„Wenn es gut für Sie ist? Mr. Carton, wenn ich Sie glücklicher machen
könnte, würde ich Sie mit Freuden anhören!“

„Gott segne Sie, für Ihr Erbarmen!“

Er nahm auf eine kleine Weile die Hand von den Augen und sprach in
ruhigerem Tone.

„Fürchten Sie nicht, mich anzuhören. Weisen Sie nichts zurück von dem,
was ich sage. Ich bin wie Einer der schon gestorben ist. Mein ganzes
Leben könnte gewesen sein.“

„Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Theil noch kommen
könnte; ich bin überzeugt, daß Sie noch Ihrer viel, viel würdiger
werden können.“

„Sagen Sie, Ihrer würdig, Miß Manette, und obgleich ich es besser weiß,
obgleich ich es in dem Geheimniß meines eigenen elenden Herzens besser
weiß -- werde ich es nie vergessen!“

Sie zitterte und war blaß geworden. Er kam ihr mit einer feststehenden
Verzweiflung an sich selbst zu Hülfe, welche der Unterredung einen
anderen Charakter gab als sie bei jedem Andern auf der Welt hätte haben
können.

„Wenn es möglich gewesen wäre, Miß Manette, daß Sie die Liebe des
Mannes hätten erwidern können, den Sie jetzt vor sich sehen -- dieser
verwüsteten und verlotterten Creatur, die sich selbst aufgegeben und
sich selbst weggeworfen hat -- so wäre er sich an diesem Tage und
zu dieser Stunde trotz seines Glückes bewußt, daß er Sie in Elend
und Noth, in Kummer und Reue bringen und mit sich selbst herunter in
Schmutz und Schande ziehen würde. Ich weiß recht wohl, daß Sie keine
Liebe für mich fühlen; ich verlange keine; ich danke sogar Gott, daß
ich keine beanspruchen kann.“

„Kann ich Sie nicht ohne diese retten, Mr. Carton? Kann ich Sie nicht
-- verzeihen Sie mir wieder! -- zu einem bessern Leben zurückführen?
Kann ich in keiner Weise Ihr Vertrauen vergelten? Ich weiß, daß dies
eine vertrauliche Mittheilung ist,“ sagte sie bescheiden, nach einigem
Zögern und mit aufrichtigen Thränen, „ich weiß, daß Sie das Niemandem
anders sagen würden. Kann ich es in keiner Weise zu Ihrem Besten
wenden, Mr. Carton?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Miß Manette, in keiner Weise. Wenn Sie
mich noch ein wenig länger anhören wollen, so ist Alles geschehen,
was Sie für mich thun können. Sie sollen wissen, daß Sie der letzte
Traum meiner Seele gewesen sind. In meiner Gesunkenheit bin ich nicht
so gesunken, daß der Anblick von Ihnen und Ihrem Vater und dieses
Heimwesens und wie Sie es zu dem gemacht haben, was es ist, nicht
in mir alte Schatten geweckt hätte, die ich längst für gestorben
hielt. Seit ich Sie gekannt habe, hat mich eine Reue gequält, die ich
für immer verlernt zu haben glaubte und habe ich alte Stimmen mir
zurufen hören, mich zu erheben, von denen ich längst meinte, sie wären
verstummt. Es kamen mir halbfertige Gedanken vom Frischen zu streben,
neu anzufangen, Trägheit und Sinnlichkeit abzuschütteln, und mich
wieder in den aufgegebenen Kampf zu stürzen. Träume, nichts als Träume,
die in Nichts enden, aber ich hege den Wunsch, Sie wüßten, daß Sie
dieselben in mir veranlaßt hätten.“

„Werden sie keine andere Frucht tragen? O, Mr. Carton, versuchen Sie es
noch einmal!“

„Nein, Miß Manette, die ganze Zeit über habe ich gefühlt, daß ich es
nicht verdiente. Und doch war ich schwach genug und bin es noch, den
Wunsch zu hegen, daß Sie erfahren, mit welchem plötzlichen Einfluß Sie
in mir, dem ausgebrannten Aschenhaufen, ein Feuer entzündet haben, aber
ein Feuer, das, in seinem Wesen unzertrennlich von mir, Nichts lebendig
macht, Nichts entzündet, keinen Dienst leistet und unnütz verbrennt.“

„Da ich das Unglück habe, Mr. Carton, Sie unglücklicher gemacht zu
haben, als Sie waren, bevor ich Sie kannte --.“

„Sagen Sie das nicht, Miß Manette, denn Sie hätten mich gerettet, wenn
es Jemand hätte thun können. Sie können nicht die Ursache sein, daß es
schlimmer mit mir wird.“

„Da der Zustand, von dem Sie sprechen, jedenfalls durch meinen Einfluß
mit entstanden ist -- das meine ich -- wenn ich es klar machen kann --
kann ich dann Nichts thun, um Ihnen zu dienen? Geht mir jede Macht ab
zum Guten auf Sie einzuwirken?“

„Das einzige Gute, dessen ich noch fähig bin, Miß Manette, auszuführen,
bin ich hierher gekommen. Ich möchte für den Rest meines verfehlten
Lebens die Erinnerung besitzen, daß ich Ihnen als den letzten Menschen
auf der Welt mein Herz eröffnet habe, und daß Sie noch Etwas darin
gefunden haben, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.“

„Was, wie ich Sie auf’s Innigste, aus ganzem Herzen gebeten habe zu
glauben, besserer Dinge fähig war, Mr. Carton!“

„Bitten Sie mich nicht mehr, es zu glauben, Miß Manette. Ich habe
mich geprüft und ich weiß es besser. Ich thue Ihnen weh; ich bin bald
fertig. Wollen Sie mir zu glauben erlauben, wenn ich an diesen Tag
zurückdenke, daß ich das letzte Vertrauen in meinem Leben Ihrem reinen
unschuldigen Herzen geschenkt habe, und daß es dort allein ruht und von
Niemandem getheilt werden wird?“

„Wenn das ein Trost für Sie ist, ja!“

„Auch nicht dem Herzen, das Ihnen dereinst am Liebsten sein wird?“

„Mr. Carton,“ gab sie nach einer aufgeregten Pause zur Antwort, „es ist
Ihr Geheimniß, nicht meines, und ich verspreche Ihnen es zu achten.“

„Ich danke Ihnen. Und noch einmal, Gott segne Sie.“

Er führte ihre Hand an seine Lippen und bewegte sich nach der Thür.

„Fürchten Sie nicht, Miß Manette, daß ich jemals dieses Gespräch auch
nur durch eine Anspielung wieder aufnehme. Ich werde nie wieder darauf
zurückkommen. Wenn ich todt wäre, könnten Sie dessen nicht sicherer
sein. In meiner Sterbestunde werde ich die eine gute Erinnerung heilig
halten -- und ich werde Ihnen dafür danken und Sie dafür segnen --
daß ich mein letztes Selbstbekenntniß Ihnen abgelegt habe und daß Sie
meinen Namen, meine Fehler und mein Unglück mitleidvoll in Ihrem Herzen
tragen. Möge es im Uebrigen leicht und glücklich sein!“

Er war so ganz anders als er sich sonst gezeigt hatte und es war
so traurig zu denken, wie viel er weggeworfen und wie viel er jeden
Tag brach liegen ließ und zu falschen Zwecken verwendete, daß Lucie
Manette bekümmert um ihn weinte, als er in der Thür stand und auf sie
zurückblickte.

„Trösten Sie sich!“ sagte er, „ich bin dieses Mitleid nicht werth,
Miß Manette. Noch ein oder zwei Stunden und die gemeine Gesellschaft
und ihre Gewohnheiten, die ich verachte, denen ich mich aber hingebe,
werden mich solcher Thränen weniger würdig machen, als der erste beste
Elende ist, der durch die Straßen kriecht. Trösten Sie sich! Aber
in meinem Herzen werde ich immer gegen Sie sein, wie ich jetzt bin,
obgleich ich äußerlich nicht anders erscheinen werde, als Sie mich
bisher gekannt haben. Die vorletzte Bitte, die ich an Sie habe, ist,
daß Sie mir dies glauben wollen.“

„Ich will es, Mr. Carton.“

„Meine letzte Bitte ist folgende; und mit ihr will ich Sie von einem
Besuche erlösen, mit dem, wie ich wohl weiß, Sie nichts gemein haben
und zwischen dem und Ihnen eine unüberschreitbare Kluft liegt. Ich
weiß, es ist unnütz, sie auszusprechen, aber sie drängt sich mir aus
der Seele. Für Sie und für jedes Herz, daß Ihnen theuer ist, würde
ich Alles thun. Wäre meine Laufbahn von der bessern Art, daß ich
darin Gelegenheit oder Fähigkeit zur Aufopferung hätte, so würde ich
Ihnen und denen, welche Ihnen am Herzen liegen, jedes Opfer bringen.
Versuchen Sie in ruhigen Stunden mich in diesem Einen für aufrichtig
und bereit zu halten. Die Zeit wird kommen, die Zeit wird sehr bald
kommen, wo Sie neue Bande geknüpft haben werden -- Bande, die Sie
noch inniger und fester an das Heimwesen knüpfen, dessen Zierde Sie
sind -- die theuersten Bande, die Sie jemals schmücken und erfreuen
werden. O, Miß Manette, wenn das kleine Abbild des Gesichts eines
glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie sich in Ihrer eigenen
Schönheitsblüthe von Neuem neben sich aufsprossen sehen, so denken Sie
dann und wann, daß es einen Mann giebt, der sein Leben hingeben würde
um ein Leben, das Sie lieben, zu erhalten.“

Er sagte „leben Sie wohl,“ sagte „ein letztes Gott segne Sie!“ und
verließ sie.



Vierzehntes Kapitel.

Der ehrliche Gewerbsmann.


Vor den Augen Mr. Jeremiah Cruncher’s, wie er neben seinem gnomenhaften
Sohn am Ausgange von Fleetstreet saß, bewegte sich jeden Tag eine
endlose Verschiedenheit und Zahl von Gegenständen vorüber. Wer
konnte überhaupt in Fleetstreet während der geschäftigen Stunden des
Tages sitzen und nicht betäubt und verwirrt werden von zwei endlosen
Prozessionen, von denen die eine beständig westwärts mit der Sonne, die
andere ostwärts von der Sonne wegging, beide aber den Gefilden jenseits
der rothen und goldenen Wolken, wo die Sonne untergeht, zustrebten!

Mit seinem Strohhalm im Munde sah Mr. Cruncher den beiden Strömen
zu gleich dem alten Heiden der Sage, der seit mehrern Jahrhunderten
einen Strom beobachten muß -- nur daß Jerry nicht erwartete, daß seine
Ströme sich jemals verlaufen würden. Auch wäre diese Aussicht nicht
sehr hoffnungsvoll gewesen, da er einen kleinen Theil seines Einkommens
der ihm von diesen Strömen gebotenen Gelegenheit verdankt, furchtsame
Frauen (ziemlich wohlbeleibt und über die mittlern Jahre des Lebens
hinaus), von Tellson’s Seite nach der gegenüberliegenden zu lootsen.
Wenn Mr. Cruncher in jedem besondern Falle den auf diese Weise von ihm
Geschützten auch nur ganz kurze Gesellschaft leistete, so gewann er
doch stets so viel Interesse an der Dame, daß er den lebhaften Wunsch
ausdrückte, die Ehre haben zu können, auf ihre Gesundheit zu trinken.
Und mit den Gaben die er zur Erfüllung dieses wohlwollenden Wunsches
erhielt, half er seinen Finanzen auf, wie eben bemerkt worden.

Es gab eine Zeit, wo ein Dichter auf einem Stuhl auf der Straße saß und
Angesichts der Menschen träumte. Mr. Cruncher saß auch auf einem Stuhl
auf der Straße; da er aber kein Dichter war, träumte er so wenig als
möglich und schaute um sich.

Es war gerade um eine Zeit, wo die Stadt menschenleerer als gewöhnlich
war, seiner Führung bedürftige Frauen sich weniger als gewöhnlich
fanden und seine Angelegenheiten im Allgemeinen so wenig gediehen,
daß in seiner Brust ein starker Verdacht aufkeimte, Mrs. Cruncher
müsse irgendwo recht inbrünstig gebetet haben, als ein ungewöhnliches
Gedränge Fleetstreet herabkam, und seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Mr. Cruncher erkannte bald, daß es ein Leichenbegängniß war, und daß
das Volk diesem Leichenbegängniß hemmend entgegentrat, wodurch ein
Auflauf entstand.

„Junge,“ sagte Mr. Cruncher zu seinem Sprößling „’s ist eine Leiche.“

„Hurrah, Vater!“ schrie der junge Jerry.

Der junge Herr sprach diesen frohlockenden Ruf mit geheimnißvoller
Bedeutsamkeit aus. Der ältere Herr nahm den Ruf so übel, daß er seine
Gelegenheit abpaßte und dem jungen Herrn Eins hinter die Ohren gab.

„Was soll das heißen? Wozu schreist Du Hurrah? Was willst Du damit
Deinem eigenen Vater sagen, Du junger Spitzbube? Der Junge fängt an
mir zu viel zu werden!“ -- sagte Mr. Cruncher und betrachtete den
hoffnungsvollen Sohn, „er und seine Hurrahs! daß ich nicht wieder so
etwas von Dir höre, sonst sollst Du etwas von mir fühlen. Verstehst Du
mich?“

„Ich meinte es nicht böse“ protestirte der junge Jerry, während er sich
die Backe rieb.

„Nun so sei still,“ sagte Mr. Cruncher; „ich mag nichts von Deinem
Nichtbösemeinen wissen. Hier steig’ auf den Stuhl und sieh Dir’s
Gedränge an.“

Der Sohn gehorchte und der Menschenhaufe wälzte sich heran; er umgab
brüllend und zischend einen Leichenwagen und eine Trauerkutsche von
verschossenem Schwarz, in welcher letzterer ein einziger Leidtragender
saß, angethan mit dem vielgebrauchten und halbverschossenen Flor und
Trauermantel, welche man für eine solche Gelegenheit für unentbehrlich
hielt. Dem Leidtragenden schien jedoch seine Rolle durchaus nicht
zu gefallen; denn ein beständig sich vermehrender Pöbelhaufen umgab
die Kutsche, verhöhnte ihn, schnitt ihm Gesichter und heulte und
schrie fortwährend: „Hallo! Spione! Hurrah! Spione!“ und fügte dazu
noch Beiworte, die zu zahlreich und zu kräftig waren, um sie hier
wiederholen zu können.

Die Leichenbegängnisse besaßen zu allen Zeiten eine merkwürdige
Anziehungskraft für Mr. Cruncher; er gerieth stets in große Aufregung,
wenn eine Leiche vor Tellson’s vorbeigetragen ward. Natürlich mußte ein
Leichenbegängniß mit dieser ungewöhnlichen Leichenbegleitung ihn in
doppelte Aufregung versetzen und er fragte den Ersten, der gegen ihn
anrannte: „Was ist los, Bruder? Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht“ sagte der Mann. „Spione, Hallo -- oh! Spione!“

Er fragte einen Andern. „Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht“ entgegnete auch dieser, legte aber nichts
destoweniger beide Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und brüllte mit
dem größten Eifer: „Spione! Hallo--oh! Spio--one!“

Endlich rannte eine über die Sache besser unterrichtete Person gegen
ihn an und von dieser Person erfuhr er, daß das Leichenbegängniß einem
gewissen Roger Cly gelte.

„War er ein Spion?“ fragte Mr. Cruncher.

„Ein Old-Baily-Spion“ gab der Andere zur Antwort.

„Hallo--oh! Hallo--oh! Old-Baily-Spio--o--on!“

„Jetzt weiß ich!“ rief Jerry aus, indem er an die Gerichtsverhandlung
dachte, der er beigewohnt hatte. „Den kenne ich. Er ist todt?“

„Mausetodt“ entgegnete der Andere, „und er kann nicht todt genug sein.
Holt ihn heraus! Spione! Holt sie heraus! Spione!“

Bei der vorherrschenden Abwesenheit irgend eines Gedankens war dieser
Einfall so annehmbar, daß der Volkshaufe sogleich darauf einging und
laut den Rath wiederholend, sie heraus zu holen, die beiden Wagen so
dicht umdrängte, daß sie nicht weiterfahren konnten. Als dann Viele auf
einmal die Kutschenthüren aufrissen, sprang der eine Leidtragende von
selbst heraus und war für einen Augenblick in schlimmen Händen; aber
er war so gewandt und benutzte seine Zeit so gut, daß er im nächsten
Augenblick eine Nebenstraße hinablief, nachdem er den Trauermantel, den
Hut, das lange Florband, das weiße Taschentuch und andere symbolische
Thränen von sich geworfen hatte.

[Illustration: ~Das Leichenbegängniß des Spions.~]

Mit großem Jubel und Genuß zerriß diese das Volk in Stücke und
zerstreute sie weit und breit, während die Gewerbsleute eilig ihre
Läden zuschlossen; denn ein Auflauf scheute in jener Zeit vor Nichts
zurück und war ein vielgefürchtetes Ungeheuer. Man machte bereits
Anstalt, den Sarg heraus zu holen, als ein besonders erfinderisches
Genie vorschlug, ihn lieber unter allgemeinem Jubel nach seinem
Bestimmungsorte zu bringen. Da es sehr an praktischen Rathschlägen
fehlte, nahm man auch diesen Rathschlag mit Beifall auf und die Kutsche
füllte sich sofort mit acht Personen inwendig und einem Dutzend auf
dem Dache, während auf den Leichenwagen so Viele kletterten, als
dort nur irgend Platz finden konnten. Unter den ersten war Jerry
Cruncher selbst, der bescheiden sein Haupt in der tiefsten Ecke der
Trauerkutsche vor der Beobachtung Tellsons verbarg.

Die begleitenden Leichenbesorger legten zwar Verwahrung ein gegen
diese Abänderungen in den Ceremonien; da aber der Fluß besorglich
nahe war und verschiedene Stimmen von der Angemessenheit eines kalten
Bades sprachen, um Widerspenstige zur Vernunft zu bringen, so war
die Verwahrung wenig energisch. Der umgestaltete Leichenzug setzte
sich wieder Bewegung. Ein Schornsteinfeger fuhr den Leichenwagen,
berathen von dessen eigentlichem Kutscher, der zu diesem Zwecke unter
strenger Aufsicht neben ihm sitzen blieb. Ein Obsthöker, ebenfalls
von seinem Cabinetsminister begleitet, lenkte die Trauerkutsche. Ein
Bärenführer, damals ein gern gesehener Gast auf der Straße, ward
als neue Verschönerung gepreßt, ehe der Zug weit den Strand hinab
gekommen war; und sein Bär, der schwarz und sehr schäbig war, gab
dem Theil der Procession, in welchem er sich befand, ein ächtes
Leichenbesorger-Aussehen.

So ging biertrinkend, rauchend, brüllend und die Trauer in endloser
Abwechselung karrikirend, der wilde Haufe seinen Weg und wuchs mit
jedem Schritte, während sich die Läden bei seinem Herannahen schlossen.
Sein Ziel war die alte Pankratius-Kirche weit draußen vor der Stadt. Im
Verlauf der Zeit langte er auch dort an, erzwang sich den Eingang in
den Friedhof und setzte es schließlich durch, den verstorbenen Roger
Cly nach seinem Sinn und gar sehr zu seiner Befriedigung zu begraben.

Mit dem Leichenbegängniß war man fertig und der Volkshaufe fing an, ein
Bedürfniß nach neuer Unterhaltung zu fühlen. Da kam ein erfinderisches
Genie, vielleicht dasselbe wie vorhin, auf den Einfall, zufällig
Vorübergehende als Old-Baily-Spione zu denunziren und Rache an ihnen
zu nehmen. Im Verfolg dieses humoristischen Einfalls wurde auf ein
paar Dutzend harmlose Leute, die nie in ihrem Leben Old-Baily zu nahe
gekommen waren, Jagd gemacht und sie wurden dann mit rauhen Händen
herumgezerrt und mißhandelt. Der Uebergang von dieser Unterhaltung
zum Fenstereinwerfen und weiter zum Demoliren von Bierhäusern war
leicht und natürlich. Endlich nach mehreren Stunden, als verschiedene
Pavillons zerstört und einige Gitter vor den Häusern ausgerissen worden
waren, um die Kampflustigern unter dem Haufen zu bewaffnen, verbreitete
sich das Gerücht, daß die Garde im Anzuge wäre. Vor diesem Gerücht
schmolz der Volkshaufe allmählich zusammen und vielleicht kam die
Garde, vielleicht kam sie nicht, und das war der gewöhnliche Verlauf
eines Volksauflaufs.

Mr. Cruncher hatte der Schlußscene nicht beigewohnt, sondern war
auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um sich mit Leichenbesorgern zu
unterhalten. Der Ort übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Er
verschaffte sich eine Pfeife aus einem nahen Bierhause und rauchte sie,
während er durch die Gitter blickte und seinen Gedanken nachhing.

„Jerry“ sagte Mr. Cruncher, in seiner gewöhnlichen Weise sich selbst
anredend, „du hast heute diesen Cly gesehen und hast mit eignen Augen
gesehn, daß er jung und gerade gewachsen ist.“

Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine kleine Weile seinen
Gedanken nachgehangen hatte, wendete er seine Schritte heimwärts,
damit er vor Ladenschluß seinen Posten vor Tellsons einnehmen könnte.
Ob sein Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen seine Leber
angegriffen hatte oder ob es mit seiner Gesundheit im Allgemeinen nicht
ganz richtig war oder ob er einen ausgezeichneten Mann eine kleine
Aufmerksamkeit erweisen wollte, geht uns hier weniger an, als daß er
auf seinem Heimwege seinem ärztlichen Beistand -- einem Chirurgen von
großem Rufe -- einen kurzen Besuch abstattete.

Der junge Jerry, nun von seinem Vater abgelöst, meldete, daß während
seiner Abwesenheit nichts vorgefallen sei. Die Bank wurde geschlossen,
die alten Commis kamen heraus, der Wächter erschien auf seinem Posten
und Mr. Cruncher und sein Sohn gingen nach Hause zum Thee.

„Nun will ich Dir sagen, wie es ist“ sagte Mr. Cruncher zu seiner Frau,
wie er in die Stube trat. „Wenn es heute Nacht mit meiner Spekulation
schief geht, so will ich schon herausbringen, daß Du gegen mich gebetet
hast und werde Dich dann bearbeiten, als ob ich’s gesehen hätte.“

Die niedergedrückte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.

„Was, Du willst’s vor meinen Augen thun?“ -- sagte Mr. Cruncher mit
allen Anzeigen zorniger Besorgniß.

„Ich sage nichts.“

„Nun dann denke aber auch nichts. Du könntest eben so gut auf den
Knieen herumrutschen, als denken. Das Eine ist so gut gegen mich, wie
das Andere. Laß es ganz sein.“

„Ja, Jerry.“

„Ja, Jerry“ wiederholte Mr. Cruncher, indem er sich zum Thee hinsetzte.
„Ha! immer heißt’s: Ja Jerry. Ja wohl, ’s ist schon gut, ja Jerry!“

Mr. Cruncher verband keine besondere Meinung mit diesen mürrischen
Wiederholungen, sondern drückte damit nur, wie es andre Leute nicht
selten auch thun, allgemeine ironische Unzufriedenheit aus.

„Du und Deine Ja, Jerry“ sagte Mr. Cruncher und biß ein derbes
Stück aus seinem Butterschnitt, das er mit einem tüchtigen Schluck
hinunterspülte. „Ha! ich sollte es meinen. Ich glaube Dir.“

„Du gehst heute Nacht aus?“ fragte seine Frau, als er wieder ein Stück
abbiß.

„Ja!“

„Darf ich mitgehen, Vater?“ fragte sein Sohn rasch.

„Nein, das geht nicht! Ich gehe -- wie Deine Mutter weiß -- fischen. So
ist es. Fischen gehe ich.“

„Deine Angel wird aber recht rostig; nicht wahr, Vater?“

„Das laß Du gut sein.“

„Bringst Du uns Fische mit, Vater?“

„Wenn ich keine mitbringe, wirst Du morgen fasten müssen,“ gab der
Andere mit einem Kopfschütteln zur Antwort; „das ist Antwort genug für
Dich; ich gehe erst aus, wenn Du längst zu Bett bist.“

Den Rest des Abends verbrachte er damit, ein scharfes Auge auf Mrs.
Cruncher zu haben, und sie beständig im Gespräch zu erhalten, damit
sie an keine Gebete zu seinem Nachtheile denken konnte. Zu diesem
Zwecke trieb er auch seinen Sohn an, sie nicht aus dem Gespräch zu
lassen und die Arme mußte mit ihm jede Beschwerde, die er gegen sie
hatte, durchsprechen, damit sie nur nicht einen einzigen Augenblick
ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Der frömmste Mensch hätte
für die Wirksamkeit eines aufrichtig gemeinten Gebets nicht kräftiger
Zeugniß ablegen können, als er es durch dieses immer wache Mißtrauen
in seine Frau that. Es war als ob Einer, der sich laut rühmte an keine
Gespenster zu glauben, sich von einer Gespenstergeschichte Furcht
einflößen ließe.

„Und vergiß es nicht,“ sagte Mr. Cruncher. „Daß Du mir morgen keine
Geschichten machst! Wenn es mir als ehrlichem Gewerbsmann gelingt, ein
gut Stück Fleisch auf den Tisch zu schaffen, so komme mir nicht mit
Deiner Komödie, es nicht anrühren und nur Brod essen zu wollen. Wenn
ich als ehrlicher Gewerbsmann für ein Glas Bier sorge, so sprich mir
nicht von Wassertrinken. Wenn Du nach Rom gehst, mußt Du es machen wie
die Leute in Rom. Rom wird es Dir noch schön anstreichen, wenn Du es
nicht thust. Ich bin Dein Rom -- weißt Du!“

Dann fing er wieder an zu brummen:

„Mit Deinem Wirthschaften gegen Deine eigne Speise und Trank! Ich weiß
nicht, wie selten Du Speise und Trank Dir machen könntest mit Deinem
Herumrutschen und herzlosen Benehmen. Sieh Deinen Jungen an: Er ist
Dein Kind, nicht wahr? Er ist so dürr, wie eine Latte. Du willst eine
Mutter sein und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer
Mutter ist, ihrem Sohn zu Fleisch zu verhelfen!“

Dies berührte den jungen Jerry auf einer empfindlichen Stelle. Er
beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch
sonst thäte und unterließe, vor allen Dingen besondere Sorge zu tragen,
dieser von seinem Vater so rührend und zartfühlend beschriebenen
Mutterpflicht nach zu kommen.

So verging der Abend in der Familie Cruncher, bis der Vater den Sohn
zu Bett gehen hieß und die Mutter, der er denselben Befehl ertheilte,
ihm gehorchte. Mr. Cruncher vertrieb sich die ersten Stunden der Nacht
mit einsamem Pfeifen und traf erst Anstalten zum Aufbruch, als es fast
ein Uhr war. Wie diese Geisterstunde herankam, stand er von seinem
Stuhle auf, holte einen Schlüssel aus seiner Tasche, schloß einen
Wandschrank auf und nahm einen Sack, ein Brecheisen von angemessener
Größe, einen Strick, eine Kette und anderes Angelgeräthe ähnlicher Art
heraus. Nachdem er diese Gegenstände in geschickter Weise an seinem
Leibe untergebracht hatte, bedachte er Mrs. Cruncher noch mit einem
Abschiedsfluch, löschte das Licht aus und ging.

Der junge Jerry, der sich gar nicht ausgezogen hatte, als er zu Bett
ging, folgte sehr bald seinem Vater. Unter dem Schutze der Finsterniß
folgte er ihm aus dem Zimmer die Treppe hinab in den Hof hinunter bis
auf die Straße. Wieder in das Haus zu kommen machte ihm keine Sorge,
denn es wohnten viel Leute darin und die Thür blieb die ganze Nacht
angelehnt.

Getrieben von einem lobenswerthen Ehrgeiz, die Kunst und das Geheimniß
des ehrlichen Gewerbes seines Vaters kennen zu lernen, behielt
der junge Jerry, immer dicht an den Häusern, Mauern und Thorwegen
hinschleichend, seinen ehrenwerthen Vater fortwährend im Auge. Der
ehrenwerthe Vater schlug eine nördliche Richtung ein und war noch nicht
weit gegangen, als sich ein anderer Schüler Isaak Waltons zu ihm fand
und Beide nun in Gesellschaft weiter gingen.

Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch hatten sie die trübe brennenden
Laternen und die schlafenden Nachtwächter hinter sich und befanden
sich auf einer einsamen Landstraße. Hier fand sich noch ein Liebhaber
des Angelns zu ihnen und zwar so in aller Stille, daß, wenn der junge
Jerry abergläubisch gewesen wäre, er hätte glauben können, der zweite
Verehrer des edeln Zeitvertreibs hätte sich auf einmal in zwei Männer
gespalten.

Die Drei gingen weiter und der junge Jerry ebenfalls bis die Drei an
einer Stelle stehen blieben, wo die Straße durch einen Hohlweg lief.
Oben auf dem Hohlweg sah man eine niedrige Mauer von Ziegelsteinen mit
einem eisernen Gitter darüber. Im Schatten des Hohlwegs und der Mauer
verließen alle Drei die Landstraße und lenkten in einen Seitenweg ein,
dessen eine Seite die hier acht bis zehn Fuß hohe Mauer bildete. Das
Nächste, was der junge Jerry, der sich in eine Ecke gekauert hatte,
sah, war die Gestalt seines ehrenwerthen Vaters, der rasch ein eisernes
Gitterthor hinaufkletternd sich ziemlich deutlich gegen den von einem
Hof umgebenen und durch Wolken schwimmenden Mond abzeichnete. Er war
bald auf der andern Seite und dann folgte der zweite Angler und der
dritte. Sie alle ließen sich vorsichtig auf den Boden hinunter und
blieben dort eine Weile liegen -- vielleicht um zu horchen. Dann
krochen sie auf Händen und Knien weiter.

Jetzt kam an den jungen Jerry die Reihe, sich der Gitterpforte zu
nähern und er that es mit angehaltenem Athem. Er kauerte sich dort
wieder in eine Ecke und sah, wie die drei Angler durch hohes struppiges
Gras krochen, während alle Grabsteine auf dem Friedhofe -- denn sie
befanden sich auf einem großen Friedhofe -- wie weiß gekleidete
Gespenster zusahen und der Kirchthurm selbst wie das Gespenst eines
ungeheuren Riesen herniederschaute. Sie waren noch nicht weit
gekrochen, als sie Halt machten und sich aufrichteten. Und nun fingen
sie an zu fischen.

Sie fischten zuerst mit einem Spaten. Gleich darauf machte der
ehrenwerthe Vater ein Werkzeug, ungefähr gleich einem großen Korkzieher
zurecht. Aber mit welchen Werkzeugen sie immer arbeiteten -- sie
arbeiteten mit Anstrengung, bis der dumpfe Schlag der Thurmglocke den
jungen Jerry so erschreckte, daß er mit zu Berge stehendem Haar davon
lief.

Doch sein lange gehegter Wunsch, mehr von diesen Sachen zu erfahren,
hemmte nicht nur seinen Lauf, sondern bewog ihn auch, wieder um zu
kehren. Sie fischten immer noch mit großer Ausdauer, als er zum zweiten
Male zur Pforte hereinguckte; aber jetzt schien ein Fisch gebissen zu
haben. Man hörte einen rumpelnden und ächzenden Ton unten in der Erde
und die gekrümmten Rücken der Fischer strengten sich mächtig an, als
wollten sie eine schwere Last heben. Langsam und allmählig brachten sie
dieselbe auch aus der Erde heraus. Der junge Jerry wußte recht gut, was
es sein würde; aber als er es erblickte und seinen ehrenwerthen Vater
Anstalten machen sah es aufzubrechen, bemächtigte sich seiner bei dem
noch neuen Anblick eine solche Angst, daß er wieder fortlief und nicht
eher stehen blieb, als bis er wol eine halbe Stunde Wegs gelaufen war.

Auch jetzt wäre er nicht stehen geblieben, wenn er nicht unbedingt
hätte Athem schöpfen müssen; denn er lief ein Gespensterwettrennen und
wünschte sehnlichst, damit fertig zu sein. Er konnte sich nicht von
dem Gedanken losmachen, daß der Sarg, den er gesehen, ihm nachlaufe,
und wie er sich ihn dachte, wie er immer auf seinem schmalen Ende
stehend ihm nachhoppe und stets auf dem Punkte stand, ihn einzuholen
und an ihn heran zu hoppen -- vielleicht gar seinen Arm zu nehmen --
wurde es ihm fürchterlich zu Muthe. Es war auch ein allgegenwärtiger
Dämon; denn während er die ganze Nacht hinter ihm zu einem Entsetzen
machte, lief Jerry auf die Fahrstraße hinüber, um dunkeln Seitenwegen
fern zu bleiben, aus denen der gespenstige Sarg ja hervorgehoppt kommen
konnte -- gleich einem wassersüchtigen Papierdrachen ohne Schweif und
Flügel. Er versteckte sich auch in Thorwegen, wo er seine gräßlichen
Schultern an den Thüren rieb und sie bis zu den Ohren heraufzog, als ob
er lachte. Er lauerte in dunkeln Stellen auf der Straße und legte sich
hinterlistig auf den Boden, daß der Laufende über ihn wegfalle. Die
ganze Zeit über hoppte er ihm unaufhörlich hinten nach und kam immer
näher, sodaß der Knabe halbtodt war, als er seine Hausthüre erreichte.
Aber auch hier wollte er ihn nicht verlassen, sondern folgte ihm die
Treppe hinauf mit einem dumpfklingenden Aufstoßen auf jeder Stufe,
kletterte mit ihm in’s Bett und fiel todt und schwer auf seine Brust,
wie er einschlief.

Aus schwerem Schlummer fand sich der junge Jerry in seiner Kammer
nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines
Vaters in der Familienstube erweckt. Etwas mußte ihm schief gegangen
sein; wenigstens schloß dies der junge Jerry aus dem Umstande, daß er
Mrs. Cruncher bei den Ohren hielt und sie mit dem Hinterkopf gegen das
Kopfbrett des Bettes stieß.

„Ich hab’ Dir’s vorausgesagt“ sagte Mr. Cruncher „und jetzt
geschieht’s.“

„Jerry, Jerry, Jerry!“ bat seine Frau.

„Du raubst uns den Gewinn des Geschäfts“ sagte Jerry, „und ich und
meine Compagnons leiden darunter. Du sollst ehren und gehorchen, warum
zum Teufel thust Du es nicht?“

„Ich versuche eine gute Frau zu sein, Jerry“ betheuerte die Arme unter
Thränen.

„Heißt das eine gute Frau sein, wenn Du Deinem Mann das Geschäft
verdirbst? Heißt es, Deinen Mann ehren, wenn Du ihm Unehre auf sein
Geschäft bringst? Heißt es Deinem Manne gehorchen, wenn Du ihm in den
Hauptsachen seines Geschäfts nicht folgst?“

„Du hattest damals mit dem schrecklichen Geschäfte noch nichts zu thun,
Jerry.“

„Es muß Dir genug sein, die Frau eines ehrenwerthen Gewerbsmannes zu
sein,“ entgegnete Mr. Cruncher. „Du brauchst Dir deinen dummen Kopf
nicht mit Rechnen zu zerbrechen, wann er sein Geschäft angefangen hat
oder nicht. Ein ehrendes und gehorchendes Weib würde sich gar nicht
um sein Geschäft kümmern. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn Du
eine fromme Frau bist, so will ich eine gottlose haben, Du hast nicht
mehr natürliches Pflichtgefühl als in dem Bette der Themse hier Pfähle
wachsen, und selbigermaßen muß es in Dich hineingeschlagen werden.“

Der Wortwechsel ging in halblautem Tone herüber und hinüber, und der
Schluß desselben war, daß der ehrenwerthe Gewerbsmann seine mit Lehm
beschmutzten Stiefeln von den Füßen schleuderte, und sich der Länge
nach auf den Fußboden legte. Nachdem sein Sohn auf ihn, wie er, die
schmutzigen Hände als Kissen benutzend, auf dem Rücken dalag, einen
schüchternen Blick geworfen, streckte auch er sich aus, und schlief
wieder ein.

Es gab keinen Fisch zum Frühstück, und auch sonst nicht viel. Mr.
Cruncher war böser Laune, und hatte neben sich einen eisernen
Topfdeckel liegen als Wurfgeschoß zur Züchtigung Mrs. Crunchers, wenn
es ihr nur von fern einfallen sollte, an ein Tischgebet zu denken. Er
bürstete und wusch sich zur gewöhnlichen Stunde, und ging mit seinem
Sohne fort, um sich seinem Tagesgeschäft zu widmen.

Der junge Jerry, mit dem Stuhle unter dem Arme neben seinem Vater
durch die lange und menschengedrängte Fleetstreet hertrabend, war ein
ganz anderer junger Jerry als in der vergangenen Nacht, wie er durch
die einsame Finsterniß vor seinem grausigen Verfolger ausriß. Seine
Schlauheit war mit dem Tage wieder aufgewacht, und seine Gewissensbisse
mit der Nacht verschwunden, mit welcher Eigenthümlichkeit er
wahrscheinlich an diesem schönen Morgen weder in Fleetstreet noch in
der City von London allein stand.

„Vater,“ fing der junge Jerry unterwegs an, vorsorglich außer
Armbereich tretend, und den Stuhl zum pariren bereit haltend, „was ist
ein Auferstehungsmann?“

Ueberrascht blieb Cruncher stehen, ehe er antwortete: „Wie soll ich das
wissen?“

„Ich glaubte Du wüßtest Alles, Vater?“ meinte voll Unschuld der Knabe.

„Hm, nun ja,“ entgegnete Mr. Cruncher, indem er wieder weiterging, und
den Hut abnahm, um seinen starr emporstehenden Haaren freien Spielraum
zu geben, „’s ist ein Handelsmann.“

„Mit was für Waaren handelt er?“ fragte der Junge lebhaft weiter.

„Seine Waaren,“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er es sich eine Weile
überlegt hatte, „sind Artikel der Wissenschaft.“

„Leichen, nicht wahr, Vater?“ rieth mit rascher Auffassungsgabe der
Knabe.

„Ich glaube, s’ist was der Art,“ sagte Mr. Cruncher.

„Ach Vater, ich möchte Auferstehungsmann werden, wenn ich groß genug
dazu bin!“

Mr. Cruncher war besänftigt, aber schüttelte bedenklich den Kopf.
„Das hängt ganz davon ab, wie Du Deine Talente entwickelst. Gieb Dir
Mühe Deine Talente auszubilden, und sprich zu andern Leuten nie ein
Wort mehr als Du mußt, dann aber kann man wirklich noch nicht wissen,
wozu Du es einmal noch bringen kannst.“ Wie der junge Jerry, so
ermuthigt, ein paar Schritte voraus ging, um den Stuhl in den Schatten
des Tempelthors zu stellen, sagte Mr. Cruncher zu sich: „Jerry, du
rechtschaffener Gewerbsmann, du hast Hoffnung, daß dieser Junge ein
Segen wird, und eine Entschädigung für seine Mutter!“



Fünfzehntes Kapitel.

Stricken.


Das Trinken im Weinschank Monsieur Defarges hatte heute früher als
gewöhnlich begonnen. Schon sechs Uhr Morgens sahen bleiche Gesichter,
die durch die vergitterten Fenster blickten, drinnen andre Gesichter
hinter ihrem Maße Wein sitzen. Monsieur Defarge schenkte in den besten
Zeiten einen sehr dünnen Wein, aber heute schien er ungewöhnlich dünn
zu sein. Uebrigens sauer oder säuernd, denn er brachte in den Gästen
eine melancholische Stimmung hervor. Keine lustige bachanalische Flamme
sprang aus den gekelterten Trauben Monsieur Defarges hervor, wol aber
lag in den Hefen ein im dunkeln fortglimmendes Feuer versteckt.

Es war schon der dritte Morgen, seitdem das frühe Trinken in
dem Weinschank Monsieur Defarges angefangen hatte. Begonnen
hatte es Montag, und heute war Mittwoch. Es war aber mehr frühes
Kopfzusammenstecken als Trinken gewesen, denn Viele hatten seit dem
Oeffnen des Ladens dort zugehört und geflüstert und herumgestanden,
die um ihre Seele zu retten nicht das kleinste Stück Geld auf den
Ladentisch hätten legen können. Sie galten jedoch ebenso viel an dem
Orte, als ob sie ganze Fässer Wein hätten bestellen können, und sie
schlichen von einem Platz und von einer Ecke zur andern, Worte anstatt
Wein mit gierigen Blicken verzehrend.

[Illustration: ~Der Weinschank.~]

Trotz ungewöhnlich zahlreichen Besuchs war der Besitzer des Weinschanks
nicht sichtbar. Er ward nicht vermißt, denn Niemand der über die
Schwelle kam sah sich nach ihm um, Niemand fragte nach ihm, Niemand
wunderte sich, nur Madame Defarge auf ihrem Platz zu sehen, neben
sich einen Teller voll abgegriffener kleiner Münzen, so sehr ihres
ursprünglichen Gepräges verlustig geworden, als die Menschen, aus deren
zerrissenen Taschen sie gekommen waren.

Die Spione, die in den Weinschank hineinguckten, wie sie jeden Ort,
hoch oder niedrig, vom Königspalast bis zum Kerker beguckten, bemerkten
vielleicht ein gespanntes Warten und eine vorherrschende Zerstreutheit.
Das Kartenspiel ging nicht flott, die Dominospieler bauten nachdenklich
Thürme mit den Steinen, Gäste malten mit vergossenem Wein Figuren auf
den Tisch, und selbst Madame Defarge stach mit ihrem Zahnstocher in dem
Muster auf ihrem Aermel herum, und sah und hörte etwas Unhörbares und
Unsichtbares, was noch in weiter Ferne war.

So war St. Antoine in dieser Weinangelegenheit bis Mittag. Es war
hoher Mittag, als zwei bestaubte Männer durch seine Straßen und unter
seinen baumelnden Laternen hingingen. Der Eine war Monsieur Defarge,
der Andere ein Straßenarbeiter in einer blauen Mütze. Ueber und über
mit Staub bedeckt und verdurstet traten die Beiden in den Weinschank.
Ihre Ankunft hatte eine Art Feuer in der Brust St. Antoines angezündet,
das sich rasch weiter verbreitete wie sie durch die Straßen gingen,
und in Augen und auf Gesichtern an den meisten Thüren und Fenstern
glänzte. Aber Niemand folgte ihnen, und Niemand sprach, als sie in den
Weinschank traten, obgleich die Augen eines Jeden auf ihnen ruhten.

„Guten Tag, ihr Herren!“ sagte Monsieur Defarge.

Das war vielleicht ein Signal, um das allgemeine Schweigen zu brechen.
Denn im Chor antworteten die Anwesenden „Guten Tag!“

„Es ist schlechtes Wetter, ihr Herren!“ sagte Defarge kopfschüttelnd.

Darauf sah Jedermann seinen Nachbar an, und dann schlugen Alle die
Augen nieder und blieben stumm sitzen. Nur Einer nicht, der aufstand
und hinausging.

„Frau,“ sagte Defarge laut zu Madame Defarge. „Ich bin eine Anzahl
Meilen mit diesem guten Straßenarbeiter, Namens Jacques, gewandert.
Ich traf ihn -- zufällig -- anderthalb Tagereise von Paris. Er ist
ein guter Mensch, dieser Straßenarbeiter, dieser Jacques. Gieb ihm zu
trinken, Frau!“

Ein Zweiter stand auf und ging hinaus. Madame schenkte dem
Straßenarbeiter, Namens Jacques ein, der eine blaue Mütze vor der
Gesellschaft abnahm und trank. Aus der Brust seiner Blouse holte er
ein Stück großes schwarzes Brod; von diesem biß er von Zeit zu Zeit
ein Stück ab, und kaute und trank vor Madame Defarges Ladentisch. Ein
Dritter stand auf und ging hinaus.

Defarge trank ebenfalls ein paar Schluck Wein -- aber weniger als
der Fremde, als ein Mann, dem das Getränk keine Seltenheit ist --
und wartete bis der Andere gefrühstückt hatte. Er sah Niemand von
den Anwesenden an, und Niemand sah ihn jetzt an; nicht einmal Madame
Defarge, die ihren Strickstrumpf wieder genommen und strickte.

„Seid Ihr fertig mit Eurem Frühstück, Freund?“ fragte er dann.

„Ja, ich danke Euch.“

„Nun so kommt! Ich will Euch das Zimmer zeigen, das für Euch bestimmt
ist. Es wird Euch vortrefflich passen.“

Aus dem Weinschank auf die Straße, von der Straße in einen Hof, vom
Hofe eine steile Treppe hinauf, von der Treppe in eine Dachkammer
-- dieselbe Dachkammer, wo vormals ein weißköpfiger Mann auf einer
niedrigen Bank gesessen, emsig mit Schuhmacherarbeit beschäftigt.

Jetzt war kein weißköpfiger Mann dort; aber wol die drei Männer, welche
einzeln den Weinschank verlassen hatten. Doch zwischen ihnen und dem
weißköpfigen Mann in der Fremde bestand die eine Verbindung, daß sie
durch die Spalten in der Wand ihn einmal betrachtet hatten.

Defarge machte die Thür sorgfältig zu, und sprach in gedämpften Tone:

„Jacques Eins, Jacques zwei, Jacques drei! Dies ist der Zeuge, den
ich, Jacques Nummer vier, bestellt habe. Er wird euch Alles erzählen.
Sprecht, Jacques fünf!“

Der Straßenarbeiter mit der blauen Mütze in der Hand, wischte seine
sonnenverbrannte Stirn damit und sagte: „Wo soll ich anfangen,
Monsieur?“

„Fange bei’m Anfang an“ war Defarge’s nicht unverständige Antwort.

„Ich sah ihn also“ fing der Straßenarbeiter an, „vor einem Jahr im
Sommer unter dem Wagen des Marquis an der Kette hängen. Sehet wie es
war. Ich lasse meine Arbeit an der Straße liegen, die Sonne geht unter,
der Wagen des Marquis fährt langsam die Höhe hinauf, er hängt an der
Kette -- so!“

Abermals gab der Straßenarbeiter die alte Vorstellung in welcher
er jetzt von rechtswegen sicher sein mußte, da sie ein ganzes Jahr
hindurch die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltung seines Dorfes
gewesen war.

Jacques Nummer Eins unterbrach ihn und fragte, ob er den Mann schon
früher einmal gesehen hätte?

„Nie“ gab der Straßenarbeiter zur Antwort, indem er sich wieder
aufrichtete.

Jacques Nummer Drei fragte, wie er ihn dann später erkannt habe?

„An seiner langen Gestalt“ sagte der Straßenarbeiter halblaut und legte
den Finger an die Nase. „Als Monsieur le Marquis am Abend fragte: „Wie
sah er aus?“ gab ich zur Antwort: Lang wie ein Gespenst.“

„Ihr hättet sagen sollen: Klein wie ein Zwerg“ belehrte ihn Jacques
Nummer Zwei.

„Ja was wußte ich! Die That war damals noch nicht gethan und er hat
mir auch nichts anvertraut. Merkt wohl! Unter diesen Umständen biete
ich mein Zeugniß nicht an. Monsieur le Marquis zeigte auf mich mit dem
Finger, wie ich bei unserm kleinen Brunnen stand und sagte: „Bringt
den Kerl dort her!“ Bei meinem Wort, Ihr Herren, ich biete mich nicht
an.“

„Er hat recht darin, Jacques“ sagte Defarge zu dem, welcher ihn im
Sprechen unterbrochen hatte. „Fahrt fort.“

„Gut!“ sagte der Straßenarbeiter mit geheimnißvoller Miene. „Der lange
Mann ist verschwunden und wird gesucht -- wie viele Monate? Neun, zehn,
eilf?“

„Die Zahl ist gleichgiltig“ sagte Defarge. „Er war gut versteckt; aber
das Unglück wollte zuletzt, daß er gefunden ward. Weiter.“

„Ich arbeite wieder an derselben Stelle an der Straße und die Sonne
geht abermals zur Rüste. Ich nehme mein Arbeitszeug zusammen, um
hinunter in mein Dorf zu gehen, wo es schon dunkel ist, als ich
aufblicke und über die Höhe sechs Soldaten kommen sehe. In ihrer Mitte
geht ein langer Mann mit gebundenen Armen -- an die Seite gebunden --
so!“

Mit Hilfe seiner unentbehrlichen Mütze stellte er einen Mann dar,
dessen Ellenbogen hinten mit zusammengebundenen Stricken an den Hüften
befestigt sind.

„Ich bleibe bei meinem Steinhaufen stehen, um die Soldaten und ihren
Gefangenen vorbeigehen zu sehen (denn es ist eine einsame Straße, wo
Alles, was vorbeikommt, des Ansehens werth ist), und zuerst -- wie sie
näher kommen -- sehe ich weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind
mit einem gebundenen langen Mann und daß sie fast schwarz aussehen --
außer an der Seite, wo die Sonne zu Bett geht, wo sie einen rothen
Rand haben, Messieurs. Auch sehe ich ihre langen Schatten auf der
andern Seite der Straße gleich den Schatten von Riesen. Auch gewahre
ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß sich der Staub mit ihnen
fortbewegt, wie sie herankommen, tramp, tramp! Aber wie sie ganz nahe
kommen, erkenne ich den langen Mann und er erkennt mich. O wie gerne
würde er den Abhang hinuntergesprungen sein wie an dem Abend, wo er und
ich zuerst uns sahen dicht bei demselben Fleck!“

Er beschrieb es als ob er dort wäre und es war offenbar, daß er Alles
lebendig vor sich sah; vielleicht hatte er in seinem Leben nicht viel
gesehn.

„Ich verrathe den Soldaten nicht, daß ich den langen Mann kenne; er
verräth den Soldaten nicht, daß er mich erkennt: wir sprechen mit den
Augen mit einander. „„Vorwärts““ sagt der Anführer der Soldaten und
wies auf das Dorf, „„bringt ihn rasch in sein Grab!““ Und sie trieben
ihn rascher vorwärts. Seine Arme sind geschwollen, weil sie fest
zusammengeschnürt sind; seine Holzschuhe sind groß und schwer und er
geht lahm. Weil er lahm geht und daher langsam, stoßen sie ihn mit
ihren Flinten vorwärts -- so!“

Er macht die Bewegung eines Mannes nach, der von Flintenkolben
fortgestoßen wird.

„Wie sie -- wie toll -- den Abhang hinunterlaufen, fällt er. Sie
lachen und heben ihn wieder auf. Sein Gesicht ist blutig und mit Staub
bedeckt, aber er kann es nicht abwischen; darauf lachen sie wieder.
Sie bringen ihn in das Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen; sie führen
ihn an der Mühle vorbei und hinauf nach dem Gefängniß; das ganze Dorf
sieht das Gefängnißthor in der dunkeln Nacht sich aufthun und ihn
verschlingen -- so!“

Er sperrt den Mund auf, so weit er kann und macht ihn wieder zu, daß
die Zähne auf einander klappen. Als er keine Lust zeigte, den Effect
dadurch zu verderben, daß er den Mund wieder aufmachte, sagte Defarge
zu ihm: „Weiter, Jacques!“

„Das ganze Dorf geht wieder heim“ fährt der Straßenarbeiter mit
gedämpfter Stimme weiter fort; „das ganze Dorf flüstert sich am Brunnen
in die Ohren; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem
Unglücklichen hinter den Schlössern und Riegeln des Gefängnisses auf
dem Felsen, das er nie wieder verlassen soll, außer um zu sterben. Des
Morgens mache ich, mit meinem Arbeitszeug auf der Schulter und im Gehen
einen Bissen schwarzes Brod essend wie ich auf die Arbeit gehe, einen
Umweg an dem Gefängniß vorbei. Dort sehe ich ihn hoch oben hinter dem
eisernen Gitter eines Fensters mit blutigem und bestaubtem Gesicht wie
den Abend vorher. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken; ich wage
nicht ihn anzurufen; er sieht mich an wie ein todter Mann.“

Defarge und die drei Andern sahen sich finster an. Die Gesichter von
allen Vieren hatten einen finstern, ingrimmigen, rachedürstenden
Ausdruck, wie sie der Erzählung des Landmanns zuhörten. Sie benahmen
sich dabei mit einem heimlichen Wesen, das doch zugleich etwas von
einer Amtsmiene hatte. Sie hatten fast das Aussehen eines Gerichts;
Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett, das Kinn auf die
Hand gestützt und die Augen gespannt auf den Straßenarbeiter geheftet;
Jacques Drei hinter ihnen, mit einem Knie auf das Bett gestützt und mit
seiner aufgeregten Hand beständig über Mund und Nase fahrend; Defarge
zwischen ihnen und dem Erzähler stehend, den er in das Licht an das
Fenster postirt hatte, und abwechselnd diesen und die drei Andern
ansehend.

„Weiter, Jacques,“ sagte Defarge.

„Dort oben in seinem Käfig bleibt er einige Tage. Das Dorf sieht
verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es sieht von
Weitem beständig zu dem Gefängniß auf dem Felsen hinauf; und des Abends
wenn die Tagesarbeit gethan ist und es sich um den Brunnen versammelt,
um zu plaudern, wendeten sich alle Gesichter dem Gefängniß zu. Früher
wendeten sie sich dem Posthause zu; jetzt blicken sie nach dem
Gefängniß. Halblaut flüstern sie sich am Brunnen zu, daß er, obgleich
zum Tode verurtheilt, nicht hingerichtet werden würde; sie erzählen
sich, daß Bittschriften nach Paris gegangen sind, um vorzustellen, daß
er durch den Tod seines Kindes wahnsinnig geworden; sie sagen, daß man
dem König selbst eine solche Bittschrift überreicht habe. Was weiß ich?
Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht nein.“

„So hört denn, Jacques“ unterbrach Nummer Eins dieses Namens mit
finsterem Ernste. „Wißt, daß eine Bittschrift dem König und der Königin
überreicht wurde. Wir alle hier, Ihr selbst ausgenommen, haben gesehen,
wie der König in seinem Wagen neben der Königin sitzend sie auf der
Straße entgegennahm. Defarge, der hier steht, sprang auf Gefahr seines
Lebens mit der Bittschrift in der Hand vor die Pferde.“

„Und hört noch weiter, Jacques!“ sagte der dahinterkniende von den
Dreien; seine Finger glitten immer noch über das Gesicht mit einer
auffällig gierigen Miene, als ob er nach etwas hungerte -- was weder
Speise noch Trank war. „Die Leibwache zu Fuß und zu Pferd umringte den
Bittsteller und schlug ihn. Hört Ihr!“

„Ich höre, Messieurs.“

„Weiter also,“ sagte Defarge.

„Auf der andern Seite flüstern sie sich an den Brunnen zu“ fuhr der
Erzähler fort, „daß er her zu uns geschafft worden ist, um an Ort und
Stelle hingerichtet zu werden und daß er ganz gewißlich hingerichtet
werden würde. Sie flüstern sich sogar einander zu, daß, weil er
Monseigneur ermordet hat und weil Monseigneur der Vater seiner
Unterthanen war, er als Vatermörder hingerichtet werden soll. Ein
alter Mann sagt am Brunnen, daß man einem solchen die rechte Hand
mit dem Messer verbrennt; daß man ihn in Einschnitte, welche man in
seine Brust, in seine Beine und seine Arme macht, siedendes Oel,
geschmolzenes Blei, brennendes Harz und brennenden Schwefel gießt, und
daß man ihn endlich von vier starken Pferden in Stücke zerreißen läßt.
Dieser alte Mann sagt, daß man dieß alles wirklich einem Missethäter
zufügte, der einen Mordversuch auf den vorigen König, Ludwig XV.
gemacht hatte. Aber wie kann ich wissen, ob er lügt oder nicht? Ich bin
kein Gelehrter.“

„So merkt noch einmal wohl auf, Jacques!“ sagte der Mann mit der
ruhelosen Hand und der gierigen Miene. „Der Name dieses Missethäters
war Damiens und es geschah Alles bei hellem Tage und auf offener
Straße in dieser Stadt Paris; und nichts fiel unter der unermeßlichen
Menschenmenge, welche zusah, mehr auf, als die vielen vornehmen Damen,
welche voll heißer Neugier bis zuletzt aushielten -- Jacques, bei
sinkender Nacht, wo ihm die Beine und ein Arm ausgerissen waren und er
immer noch athmete! Und das geschah -- wie alt seid Ihr?“

„Fünf und dreißig“ sagte der Straßenarbeiter, der wie sechszig aussah.

„Es geschah, als Ihr mehr als zehn Jahre alt waret; Ihr hättet es also
sehen können.“

„Genug!“ sagte Defarge mit ingrimmiger Ungeduld. „Es lebe der Teufel!
Weiter!“

„Weiter also! Einige flüstern Dieß, Andere flüstern Jenes; sie sprechen
von nichts Anderem; selbst der Brunnen scheint nach dieser Melodie zu
plätschern. Endlich eines Sonntags Nachts, als das ganze Dorf schlief,
kamen Soldaten den Weg vom Gefängniß herab und ihre Gewehre klirrten
auf den Steinen der Dorfgasse. Arbeitsleute graben und hämmern,
Soldaten lachen und singen, und des Morgens steht an dem Brunnen ein
Galgen vierzig Fuß hoch und vergiftet das Wasser.“

Der Straßenarbeiter sah mehr durch die niedrige Decke als zu derselben
hinauf und wies mit dem Finger, als ob er den Galgen irgendwo im Himmel
sähe.

„Alle Arbeit hört auf, Alle sammeln sich dort, Niemand treibt
die Kühe aus, die Kühe sind mit den Uebrigen dort. Des Mittags
hört man Trommelwirbel. Des Nachts sind Soldaten zu dem Gefängniß
hinaufmarschirt und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist
gebunden wie früher und in seinem Munde steckt ein Knebel -- mit
einer straffen Schnur so festgemacht, daß es fast aussah, als ob er
lachte.“ Er machte es nach, indem er mit den beiden Daumen von den
Mundwinkeln bis zum Ohre die Backen in zwei lange Falten legte. „Oben
auf dem Galgen steckt das blanke Messer, mit der Spitze gen Himmel
gerichtet. Dort wird er vierzig Fuß hoch gehenkt -- und bleibt hängen
und vergiftet das Wasser.“

Sie sahen sich einander an, wie er sich mit seiner blauen Mütze das
Gesicht abwischte, aus dem der Schweiß in großen Tropfen hervordrang,
wie er sich das Schauspiel zurückrief.

„Es ist entsetzlich, Messieurs. Wie können die Frauen und Kinder Wasser
holen? Wer kann des Abends unter diesem Schatten plaudern! -- Unter dem
Schatten habe ich gesagt? Als ich das Dorf verließ am Montag Abend als
die Sonne zu Bett ging, und ich mich noch einmal von der Höhe umsah, da
fiel der Schatten quer über die Kirche, quer über die Mühle, quer über
das Gefängniß -- schien wie ein gerader Strich über die Erde zu gehen
bis dahin, wo der Himmel auf ihr ruht.“

Der hungerige Mann zerbiß einen seiner Finger, während er die drei
Andern ansah, und der Finger zitterte ihm vor Gier.

„Das ist Alles, Messieurs. Ich verließ das Dorf mit Sonnenuntergang
(wie mir gesagt worden war) und bin diesen und den nächsten halben Tag
marschirt, bis ich diesen Kameraden traf (was mir auch gesagt worden
war). Mit ihm setzte ich meinen Weg fort, bald zu Fuß und bald zu
Wagen, gestern Nachmittag und diese Nacht, und hier bin ich nun!“.

Nach einem düstern Schweigen sagte Jacques Eins: „Gut! Ihr habt
getreulich gethan und berichtet. Wollt Ihr draußen vor der Thür ein
Weilchen warten?“

„Sehr gern“ sagte der Straßenarbeiter, worauf Defarge ihn hinausbrachte
und dann wieder zurückkehrte.

Die Drei waren aufgestanden und hatten die Köpfe zusammengesteckt, wie
er wieder in die Dachkammer trat.

„Was sagt Ihr, Jacques?“ fragte Nummer Eins. „Kommt er in’s Register?“

„Er kommt in’s Register als dem Verderben geweiht“ gab Defarge zurück.

„Prächtig!“ krächzte der Mann mit dem gierigen Gesichte.

„Das Schloß und das ganze Geschlecht?“ fragte der Erste.

„Das Schloß und das ganze Geschlecht!“ entgegnete Defarge.
„Ausgerottet!“

Der Hungrige wiederholte mit befriedigtem Krächzen: „Prächtig!“ und
fing an einem andern Finger zu kauen an.

„Seid Ihr sicher“ sagte Nummer Zwei zu Defarge „daß aus der Art und
Weise, wie wir unser Register führen keine Ungelegenheiten entstehen
werden? Doch unbezweifelt ist es sicher; denn Niemand als wir kann es
entziffern; aber werden wir immer im Stande sein, es zu entziffern --
oder, ich darf es nicht unerwähnt lassen, wird sie es immer entziffern
können?“

„Jacques,“ sagte Defarge und richtete sich empor „selbst wenn meine
Frau das Register nur in ihrem Gedächtniß behielte, würde sie kein
Wort davon verlieren -- nicht eine Sylbe. Mit ihren eigenen Maschen
und ihren eignen Zeichen gestrickt wird es ihr immer so klar sein wie
die Sonne. Verlaßt Euch auf Madame Defarge. Dem größten Feigling,
welcher auf Erden lebt, wäre es leichter, sich aus dem Lebensbuch
auszustreichen, als einen Buchstaben seines Lebens oder seiner
Verbrechen aus dem gestrickten Register Madame Defarge’s.“

Die Drei ließen ein Gemurmel des Vertrauens und der Billigung hören und
dann fragte der Hungrige: „Soll dieser Mann bald wieder zurückgeschickt
werden? Ich hoffe es. Er ist sehr simpel; dürfte er nicht ein wenig
gefährlich sein?“

„Er weiß nichts“ sagte Defarge, „wenigstens nicht mehr, als was ihn
leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen kann. Ich nehme ihn
auf mich; laßt ihn bei mir bleiben; ich nehme ihn unter meine Obhut und
schaffe ihn seiner Zeit fort. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen --
den König, die Königin, den Hof; er soll sie Sonntags sehen.“

„Was?“ rief der Hungerige mit weit offenen Augen aus. „Ist es ein gutes
Zeichen, daß er Königthum und Adel zu sehen wünscht?“

„Jacques“ sagte Defarge „zeige in der rechten Weise einer Katze Milch,
wenn Du wünschest, daß sie Appetit darnach bekommen soll. Zeige in der
rechten Weise einem Hund seine natürliche Beute, wenn Du wünschest,
daß er sie, wenn die Zeit kommt -- niederhetzt.“

Weiter ward nichts gesagt und dem Straßenarbeiter, der bereits auf der
obersten Stufe halb eingeschlummert war, ward bedeutet, sich auf das
Lotterbett zu legen und sich dort auszuruhen. Er ließ sich das nicht
zwei Mal sagen und war bald eingeschlafen.

Ein so niedriger Sklave aus der Provinz hätte in Paris leicht
schlechteres Quartier finden können, als in Defarge’s Weinschank.
Außer daß ihn eine geheimnißvolle Scheu vor Madame beständig quälte,
führte er ein ganz neues und angenehmes Leben. Aber Madame saß den
ganzen Tag hinter ihrem Ladentisch, so offenbar nichts von ihm wissend
und so besonders gewillt nicht zu bemerken, daß sein Hiersein in der
geringsten Verbindung mit irgend einem Geheimniß stand, daß er in
seinen Holzschuhen zitterte, so oft ihr Auge auf ihn fiel; denn er
sagte sich innerlich, daß man unmöglich voraussehen könne, was diese
Dame zunächst vornehmen werde, und er fühlte sich überzeugt, daß, wenn
sie sich in ihren schön geschmückten Kopf setzte zu behaupten, sie habe
ihn einen Mord verüben und alsdann seine Opfer schinden sehen, sie auch
diese Rolle bis zu Ende spielen werde.

Als daher der Sonntag kam, war der Straßenarbeiter nicht von der
Entdeckung bezaubert (obgleich er es sagte), daß Madame Monsieur und
ihn nach Versailles begleiten sollte. Es war auch sehr störend, daß
Madame auf dem ganzen Hinwege in dem Wagen strickte; eben so störend
war es, daß Madame des Nachmittags unter dem versammelten Volk,
welches wartete, um den Wagen des Königs und der Königin zu sehen,
immer noch strickte.

„Sie sind sehr fleißig, Madame,“ sagte ein Nebenstehender zu ihr.

„Ja“ gab Madame Defarge zur Antwort; „ich habe viel zu thun.“

„Was stricken Sie, Madame?“

„Vielerlei.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel Leichentücher“ gab Mad. Defarge ruhig zurück.

Sobald als möglich suchte sich der Mann einen andern Platz und der
Straßenarbeiter wehte sich mit seiner blauen Mütze frische Luft zu,
denn es kam ihm schrecklich schwül und drückend vor. Wenn er zu seiner
Erfrischung einen König und eine Königin brauchte, so war er so
glücklich, das Mittel bei der Hand zu haben; denn sehr bald kam der
König mit dem großen Gesicht und die Königin mit dem schönen Gesicht in
ihrer goldenen Kutsche heraus, begleitet von dem _oeil de boeuf_
ihres glänzenden Hofes, einer Schaar lachender Damen und feiner Herren;
und in Juwelen, Seide, Puder, Glanz und stolzen auf die ganze Welt
herabsehenden schönen Gesichtern von Männern und Frauen schwelgte der
Straßenarbeiter und berauschte sich so davon, daß er schrie. „Lange
lebe der König! Lange lebe die Königin! Lange lebe Alles und Jedes!“
-- als ob er nie ein Wort von dem allgegenwärtigen Jacques vernommen
hätte. Dann kamen Gärten, Höfe, Terrassen, Springbrunnen, Rasenplätze,
wiederum König und Königin, wiederum _oeil de boeuf_, noch mehr
feine Herren und Damen, noch mehr Vivats, bis er vor lauter Schwärmerei
weinte. Während dieser ganzen langen Zeit, wol drei Stunden lang,
war Alles um ihn Vivatrufen und Freudenthränen und Defarge hielt ihn
am Kragen fest, wie um ihn abzuhalten, auf die Gegenstände seiner
kurzlebigen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu zerreißen.

„Bravo!“ sagte Defarge, als es vorbei war, indem er ihn mit Gönnermiene
auf den Rücken klopfte; „Ihr seid ein guter Junge!“

Der Straßenarbeiter kam jetzt wieder zu sich und glaubte fast, er habe
sich mit seinen Freudenbezeigungen eines Fehlers schuldig gemacht; aber
nein!

„Ihr seid der Bursche, den wir brauchen“ sagte Defarge ihm in’s Ohr.
„Ihr verleitet diese Thoren zu dem Glauben, daß es ewig dauern werde.
Dann sind sie um so anmaßender und das Ende kommt um so eher.“

„Ha!“ rief der Straßenarbeiter nach einigem Besinnen aus; „das ist
wahr!“

„Diese Thoren wissen nichts. Während sie Euren Athem verachten und
lieber Euch oder Hunderte, wie Euch ersticken sehen möchten, als einen
ihrer Hunde oder Pferde, wissen sie blos, was ihnen Euer Athem sagt. So
mögen sie sich dann noch eine kleine Weile täuschen; sie können sich
nicht genug täuschen.“

Madame Defarge sah den Clienten geringschätzig an und nickte
bestätigend.

„Was Euch betrifft“ sagte sie, „so würdet Ihr für Alles, wenn es nur
mit Prunk und Lärm auftritt, Freudenthränen vergießen. Nicht wahr, das
würdet Ihr thun?“

„Ich glaube wol, Madame. Für den Augenblick.“

„Wenn man Euch einen großen Haufen Puppen zeigte, die Ihr zu Eurem
Nutzen auseinander nehmen und ausziehen solltet, so würdet Ihr die
größte und prächtigste nehmen. Nicht wahr?“

„Ja!“

„Und wenn man Euch eine Schaar Vögel zeigte, die nicht fortfliegen
könnte und Euch hieße, sie zu Eurem Nutzen ihrer Federn zu berauben, so
würdet Ihr nach den Vögeln mit dem glänzendsten Gefieder greifen; nicht
wahr?“

„Gewiß, Madame.“

„Ihr habt heute Puppen und Vögel gesehen,“ sagte Madame Defarge und
schwenkte die Hand nach dem Orte, wo sie zuletzt gewesen waren. „Jetzt
geht nach Hause!“



Sechszehntes Kapitel.

Immer noch stricken.


Madame Defarge und ihr Gemahl kehrten einträchtiglich nach Saint
Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze sich durch die
Finsterniß und den Staub und die langweiligen Meilen von Alleen an
der Landstraße hinab langsam auf den Punkt des Compasses zu bewegte,
wo das Schloß des jetzt im Grabe liegenden Monsieur le Marquis den
flüsternden Bäumen zuhörte. So reichliche Muße hatten jetzt die
steinernen Gesichter, den Bäumen und den Springbrunnen zu lauschen,
daß die wenigen Vogelscheuchen aus dem Dorfe, welche in ihrem Suchen
nach eßbaren Kräutern und dürrem Holz zum Heizen in den Gesichtsbereich
des großen Schloßhofes und der Terrasse kamen, in ihrer ausgehungerten
Phantasie den Gedanken faßten, daß der Ausdruck der Gesichter sich
verändert habe. Ein Gerücht war in dem Dorfe gerade noch lebendig --
es hatte ein schwaches und dürftiges Dasein gerade wie seine Bewohner
-- daß, als das Messer in das Herz fuhr, die Gesichter ihren Ausdruck
des Zorns in Schmerz verwandelt hätten; daß als die baumelnde Gestalt
vierzig Fuß über den Brunnen hinaufgezogen ward, sie sich wieder
verändert und den harten Ausdruck befriedigter Rache angenommen hätten,
den sie von da an immer tragen würden. In dem steinernen Gesicht über
dem Fenster des großen Schlafzimmers, wo der Mord geschehen, zeigte man
zwei kleine Grübchen in der steinernen Nase, die Jedermann erkannte und
die Niemand vorher gesehen hatte; und bei den seltenen Gelegenheiten,
wo zwei oder drei zerlumpte Landleute sich von der Menge trennten,
um einen hastigen Blick auf den versteinerten Monsieur le Marquis zu
werfen, dauerte es nicht lange, daß sie alle wieder unter dem Moos und
den Blättern verschwanden, wie die glücklicheren Hasen die dort ihren
Lebensunterhalt fanden.

Schloß und Hütte, steinernes Gesicht und baumelnde Gestalt, der rothe
Fleck auf der steinernen Flur und das reine Wasser in dem Dorfbrunnen
-- tausende Acker Land -- eine ganze Provinz von Frankreich --
ganz Frankreich selbst -- lagen unter dem Nachthimmel in einem kaum
sichtbaren haarbreiten Streifen concentrirt. So ruht eine ganze Welt
mit allen ihren Größen und Kleinheiten in einem funkelnden Stern. Und
wie bloße menschliche Wissenschaft einen Lichtstrahl spalten und seine
Zusammensetzung analysiren kann, so können erhabenere Geisteskräfte in
dem schwachen Schimmer unserer Erde jeden Gedanken und jede Handlung,
jegliches Laster und jegliche Tugend, jedwedes auf ihr lebenden
verantwortlichen Geschöpfes lesen.

Die Defarge’s, Mann und Weib, erreichten beim Sternenschein in ihrem
schwerfälligen Wagen das Thor von Paris, welches das natürliche Ziel
ihrer Fahrt war. An dem Wachthause desselben ward -- wie gewöhnlich --
angehalten und wie gewöhnlich kamen Laternen heraus, um wie gewöhnlich
zu fragen und zu examiniren. Monsieur Defarge stieg aus, denn er kannte
dort einen oder zwei von den Wache habenden Soldaten und Einen von
der Polizei. Letzterer war sein vertrauter Freund und er umarmte ihn
zärtlich.

Als Saint Antoine die Defarges wieder in seinem Schooß aufgenommen
und sie aus der Kutsche ausgestiegen, um ihren Weg zu Fuß durch den
schwarzen Schlamm und den Unrath seiner Straßen sorgsam fortzusetzen,
fragte Madame Defarge ihren Mann: „Sage, mein Freund, was hat Dir
Jacques von der Polizei mitgetheilt?“

„Diesmal sehr wenig, aber Alles, was er weiß. Es ist ein neuer Spion
für unser Quartier angestellt. Es können noch viele andere sein, aber
er weiß nur von einem.“

„Gut!“ sagte Madame Defarge und zog die Augenbrauen mit kühler
Geschäftsmiene in die Höhe. „So müssen wir ihn in unser Register
aufnehmen. Wie heißt der Mann?“

„Es ist ein Engländer.“

„Um so besser. Wie heißt er?“

„Barsad,“ sagte Defarge mit französischer Aussprache. Aber er hatte
ihn sich so genau vorsagen lassen, daß er ihn alsdann ganz richtig
buchstabirte.

„Barsad,“ wiederholte Madame. „Gut. Taufname?“

„John.“

„John Barsad“, wiederholte Madame, nachdem sie den Namen noch einmal
halb laut vor sich hingesprochen. „Gut. Wie sieht er aus? Weiß man es?“

„Alter ungefähr 40 Jahre; Größe ungefähr 5 Fuß 9 Zoll; Haar schwarz;
Gesichtsfarbe dunkel; Aussehen im Allgemeinen hübsch; Augen dunkel;
Gesicht lang und schmal; Adlernase, aber nicht gerade, sondern etwas
nach der linken Backe zu gebogen; der Gesichtsausdruck dadurch lauernd.“

„Meiner Treu! Wie abgemalt!“ sagte Madame lachend. „Ich werde ihn
morgen in das Register eintragen.“

Sie trat in den Weinschank, der bereits geschlossen war (denn es war
Mitternacht) wo Madame Defarge sofort ihren Posten am Ladentisch
einnahm, das während ihrer Abwesenheit eingegangene kleine Geld zählte,
die Flaschen nachsah, die im Buche eingetragenen Posten prüfte,
selbst Posten eintrug, den Dienstboten in jeder nur möglichen Weise
controlirte und ihn schließlich zu Bett schickte. Dann schüttete sie
zum zweiten Male den Teller mit dem Gelde aus und fing an, die Münzen
in einer Kette einzelner Knoten in ihr Taschentuch einzuknüpfen, um sie
für die Nacht aufzubewahren. In dieser ganzen Zeit ging Defarge mit der
Pfeife im Munde auf und ab und bewunderte seine Frau im Stillen, ohne
sich in die Geschäfte zu mischen; überhaupt ging er in dieser Stimmung,
was Geschäfts- und häusliche Angelegenheiten betrifft, durch das Leben.

Die Nacht war schwül und in dem fest verschlossenen und in einer so
unreinlichen Nachbarschaft liegenden Laden roch es unangenehm. Monsieur
Defarge’s Geruchsnerven waren keineswegs sehr empfindlich, aber der
Weinvorrath roch viel stärker, als er jemals schmeckte, und das war
auch mit dem Rum und mit dem Branntwein und dem Anis der Fall. Er blies
den vermischten Geruch von seiner Nase weg, wie er die ausgerauchte
Pfeife weglegte.

„Du bist müde“ sagte Madame und blickte von den Knoten auf, die sie in
das Taschentuch knüpfte. „Es sind nur die gewöhnlichen Gerüche.“

„Ich bin etwas müde“ gab ihr Mann zu.

„Du bist auch ein wenig gedrückt“ sagte Madame, deren rasches Auge nie
mit den Rechnungen beschäftigt war, ohne auch einen Blick für ihn zu
haben. „Ach! die Männer! die Männer!“

„Aber meine Liebe,“ fing Defarge an.

„Aber, mein Lieber!“ wiederholte Madame und nickte entschieden; „aber
mein Lieber! Du bist entmuthigt heute Abend, mein Lieber!“

„Nun ja,“ sagte Defarge als ob ihm ein Gedanke aus dem Herzen
herausgepreßt würde. „Es ist noch so lange hin.“

„Es ist noch lange hin!“ wiederholte seine Frau; „und was dauert nicht
lange? Rache und Vergeltung fordern viele Zeit; es ist die Regel.“

„Es fordert keine lange Zeit, Jemanden mit dem Blitz zu treffen“ sagte
Defarge.

„Wie viel Zeit gehört aber dazu, den Blitz zu machen und
aufzubewahren?“ -- fragte Madame ruhig. „Nun?“

Defarge blickte gedankenvoll auf, als ob darin allerdings etwas läge.

„Ein Erdbeben braucht keine lange Zeit, um eine Stadt zu zerstören“
sagte Madame. „Nun sage mir wie lange dauert es, ein Erdbeben
vorzubereiten?“

„Ich vermuthe, sehr lange.“

„Aber wenn es fertig ist, bricht es los und zermalmt Alles vor sich.
Unterdessen gährt es immer fort, obgleich man es nicht sieht oder hört.
Das sei Dein Trost. Vergiß ihn nicht.“

Sie zog mit funkelnden Augen einen Knoten zu, als ob sie einen Feind
erdrosselte.

„Ich sage Dir“ fuhr Madame fort, indem sie, um ihrer Rede Nachdruck zu
geben, die rechte Hand ausstreckte, „daß, obgleich es lange unterwegs
ist, es doch unterwegs und im Anzuge ist. Ich sage Dir, es zieht sich
nie zurück und steht nie still. Ich sage Dir, es kommt immer näher.
Sieh um Dich und bedenke, welches Leben die Welt -- so weit wir sie
kennen -- führt; bedenke die Wuth und die Unzufriedenheit zu welcher
die Jacquerie stündlich mit sicherer Aussicht auf Erfolg spricht. Kann
so etwas ewig dauern? Bah! Ich möchte lachen.“

„Mein starkes Weib!“ entgegnete Defarge, der vor ihr mit etwas
gesenktem Haupt und auf dem Rücken gelegten Händen stand, wie ein
gelehriger und aufmerksamer Schüler vor seinem Lehrer. „Alles das ziehe
ich nicht in Zweifel. Aber es hat schon lange Zeit gedauert und es ist
möglich -- Du weißt recht gut, Frau, es ist möglich -- daß es während
unserer Lebenszeit nicht kommt.“

„Nun gut, was dann?“ fragte Madame und knüpfte einen andern Knoten, als
ob sie einen andern Feind erwürge.

„Nun ja!“ sagte Defarge mit einem halbklagenden und halb um Verzeihung
bittenden Achselzucken. „Wir sehen dann den Sieg nicht.“

„Wir haben aber mit dazu geholfen“ entgegnete Madame und streckte ihre
Hand mit energischer Geberde aus. „Nichts, was wir thun, geschieht
vergebens. Ich glaube von ganzer Seele, daß wir den Sieg erblicken
werden. Aber selbst wenn nicht, selbst wenn ich es gewiß wüßte, so
zeige mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen und ich wollte doch
--“

Hier knüpfte Madame mit festgeschlossenen Zähnen einen wirklich recht
festen Knoten.

„Halt!“ rief Defarge ein wenig erröthend, als ob man ihn der Feigheit
beschuldigte; „auch ich, Frau, werde vor Nichts zurückschrecken.“

„Ja! aber es ist Deine Schwäche, daß Du manchmal Dein Opfer und Deine
Gelegenheit sehen willst, um frischen Muths zu bleiben. Behalte
frischen Muth ohne das. Wenn die Zeit kommt laß einen Teufel und einen
Tiger los; aber warte auf die Zeit, mit dem Tiger und dem Teufel an der
Kette -- Niemand sichtbar -- aber immer bereit.“

Madame gab dem Schlußwort dieses Rathes dadurch Nachdruck, daß sie mit
ihrer Kette von eingeknüpftem Geld auf den kleinen Ladentisch schlug,
als ob sie dessen Gehirn ausschlüge und dann das Taschentuch mit
unbefangener Miene unter den Arm nahm und bemerkte, daß es Zeit zum
Schlafengehen sei.

Der nächste Mittag sah die wunderbare Frau auf ihrem gewöhnlichen
Platze im Weinschanke fleißig mit Stricken beschäftigt. Eine Rose
lag neben ihr und wenn sie manchmal einen Blick auf die Blume warf,
so verlor sie dabei ihr gewöhnliches nachdenkliches Aussehen nicht.
Im Laden waren wenig Gäste, welche tranken oder nicht tranken, saßen
oder standen. Es war sehr heiß und Haufen von Fliegen, welche ihre
neugierigen und abentheuerlichen Forschungen bis in die klebrigen
Gläschen neben Madame ausdehnten, fielen todt auf den Boden. Ihr
Untergang machte keinen Eindruck auf die andern spazierengehenden
Fliegen, welche ihnen in der unbefangensten Weise zusahen (als ob
sie selbst Elephanten oder etwas anderes den Fliegen eben so wenig
Aehnliches wären), bis sie dasselbe Schicksal traf. Seltsam, wie
leichtsinnig Fliegen sind! -- Vielleicht dachten sie an diesem sonnigen
Sommertage an dem Hof eben so.

Eine eben eintretende Gestalt warf einen Schatten auf Madame Defarge,
von dem sie fühlte, daß er ein neuer war. Sie legte ihr Strickzeug hin
und steckte die Rose mit einer Nadel in ihrem Kopftuche fest, ehe sie
die Gestalt ansah.

Es war merkwürdig. In dem Augenblick, wo Madame Defarge die Rose in die
Hand nahm, hörten die Gäste auf zu sprechen und fingen allmählig an,
den Laden zu verlassen.

„Guten Tag, Madame,“ sagte der neue Ankömmling.

„Guten Tag, Monsieur!“

Sie sagte es laut, sprach aber zu sich selbst, wie sie ihr Strickzeug
in die Hand nahm: „Ha! Alter ungefähr 40 Jahre; Größe ungefähr 5 Fuß
9 Zoll; Haar schwarz, Gesichtsfarbe dunkel; Aussehen im Allgemeinen
hübsch; Augen dunkel; Gesicht lang und schmal; Adlernase, aber
nicht gerade, sondern etwas nach der linken Backe zu gebogen; der
Gesichtsausdruck dadurch lauernd! Guten Tag, Einer und Alle!“

„Haben Sie die Güte, mir ein Gläschen alten Cognac und einen Mundvoll
kaltes frisches Wasser zu geben, Madame.“

Madame entsprach seinem Wunsche mit höflicher Miene.

„Süperber Cognac das, Madame!“

Es war das erste Mal, daß er so gelobt wurde, aber Madame Defarge
kannte genug von seiner Entwickelungsgeschichte, um es besser zu
wissen. Sie sagte jedoch, daß sich der Cognac geschmeichelt fühle, und
nahm ihr Strickzeug wieder her. Der Gast betrachtete ihre geschäftigen
Finger ein paar Augenblicke und benutzte dann die Gelegenheit, sich
verstohlen in dem Laden umzusehen.

„Sie sind sehr geschickt im Stricken, Madame!“

„Ich bin daran gewöhnt.“

„Und auch ein hübsches Muster!“

„Meinen Sie wirklich?“ fragte Madame und sah ihn lächelnd an.

„Gewiß. Darf ich fragen, zu welchem Zweck Sie stricken?“

„Zur Zerstreuung“ sagte Madame immer noch mit freundlich lächelndem
Gesicht, während ihre Finger behend sich bewegten.

„Nicht zum Gebrauch?“

„Das kommt darauf an. Vielleicht finde ich einmal eine Verwendung
dafür. Wenn das der Fall ist,“ sagte Madame mit einem starken Athemzuge
und indem sie kokett ernst mit dem Kopf nickte, „werde ich es
verwenden.“

Es war merkwürdig; aber der Geschmack Saint Antoine’s schien ganz
entschieden von einer Rose in ihrem Kopftuch verletzt zu werden. Zwei
Männer waren eingetreten und im Begriff, sich etwas zu trinken zu
bestellen, als sie bei’m Anblick der Blume stockten, vorgaben einen
Freund zu suchen, der nicht da war, und wieder gingen. Auch von denen,
welche dagewesen waren, als der fremde Gast eintrat, war Niemand
mehr vorhanden. Einer nach dem Andern hatte den Laden verlassen. Der
Spion hatte gut aufgepaßt, aber kein Zeichen entdecken können. Sie
hatten sich in einer armuthbedrückten, ziellosen, zufälligen Weise
weggeschlichen, die ganz natürlich und unverdächtig war.

„John“ markirte Madame, während sie weiter strickte und ihre Augen auf
dem Fremden ruhten: „Bleibe noch und ich stricke auch „Barsad,“ ehe Du
gehst.“

„Sie sind verheirathet, Madame?“

„Ja.“

„Haben auch Kinder?“

„Nein.“

„Das Geschäft scheint schlecht zu gehen?“

„Das Geschäft geht sehr schlecht; die Leute sind so sehr arm.“

„Ach das arme unglückliche Volk! Und so bedrückt -- wie Sie sagen.“

„Wie ~Sie~ sagen,“ gab Madame berichtigend zurück und strickte
dabei hurtig ein Extrazeichen in seinen Namen, das ihm nichts Gutes
verhieß.

„Verzeihen Sie; gewiß brauchte ich den Ausdruck, aber natürlich denken
Sie so. Das versteht sich von selbst.“

„Ich -- denken?“ -- entgegnete Madame mit gehobener Stimme. „Ich und
mein Mann haben ohne Denken genug zu thun, diesen Weinschank offen zu
halten. Unser einziger Gedanke hier ist, wie wir uns das Leben fristen
sollen. Das ist’s, woran wir denken und es giebt uns von früh Morgens
bis zum Abend genug zu denken, ohne daß wir uns Gedanken über Andere
machen können. Ich -- für Andere denken? Nein! Nein!“

Der Spion, welcher gekommen war, jeden Brosamen, den er finden oder
erfinden konnte, aufzulesen, ließ in seinem lauernden Gesichte nicht
durchblicken, daß er bis dahin umsonst gekommen war, sondern blieb --
den Ellenbogen auf Madame Defarges kleinen Ladentisch gelegt -- mit
einer Miene herablassender Galanterie stehen und nahm dann und wann ein
Schlückchen Cognac.

„Eine schlimme Geschichte, Madame, diese Hinrichtung Gaspard’s. Ach der
arme Gaspard!“ sagte er mit einem Seufzer tiefsten Mitleids.

„Mein Gott!“ entgegnete Madame leichthin. „Wenn Leute Messer zu solchen
Zwecken verwenden, so müssen sie dafür büßen. Er wußte im Voraus, was
der Preis für seine Liebhaberei war. Er hat den Preis bezahlt.“

„Ich glaube,“ sagte der Spion im vertraulichsten Tone und in
jeder Muskel seines arglistigen Gesichts verletzte revolutionäre
Empfindlichkeit ausdrückend; „ich glaube, das Schicksal des armen
Mannes hat in diesem Quartier viel Mitleid erregt und viel Aufregung
verursacht? Ganz unter uns!“

„Wirklich?“ fragte Madame gleichgiltig.

„Nicht?“

„Hier ist mein Mann!“ sagte Madame Defarge.

Als der Inhaber des Weinschanks zur Thür hereintrat, griff der Spion
grüßend an den Hut und sagte mit zuvorkommendem Lächeln: „Guten Tag,
Jacques!“ Defarge blieb stehen und sah ihn verwundert an.

„Guten Tag, Jacques!“ wiederholte der Spion weder ganz so
zuversichtlich noch mit einem so unbefangenen Lächeln wie das erste Mal.

„Sie irren sich, Monsieur,“ gab der Inhaber des Weinschanks zur
Antwort. „Sie nehmen mich für einen Andern. Das ist nicht mein Name.
Ich heiße Ernest Defarge.“

„Es ist ganz einerlei“ sagte der Spion leichthin, aber doch geschlagen;
„guten Tag!“

„Guten Tag!“ antwortete Defarge trocken.

„Ich sagte eben zu Madame, mit der ich das Vergnügen hatte mich zu
unterhalten, als Sie eintraten, daß ich gehört, das unglückliche
Schicksal des armen Gaspard habe in Saint Antoine viele Theilnahme und
große Aufregung hervorgerufen, und ein Wunder ist es nicht.“

„Ich habe nichts davon gehört“ sagte Defarge kopfschüttelnd; „ich weiß
gar nichts.“

Nachdem er dies gesagt, trat er hinter den kleinen Ladentisch und blieb
dort stehen, die Hand auf die Lehne des Stuhles seiner Frau gelegt.
Ueber diese Schranke sah er den Mann an, dessen Gegner sie Beide waren
und den Jedes von den Beiden mit dem größten Genuß hätte niederschießen
können.

Der Spion, wohl geübt in seinem Gewerbe, veränderte nicht seine
unbefangene Haltung, sondern trank sein Gläschen Cognac aus, nahm einen
Schluck frisches Wasser und bat um ein andres Glas Cognac. Madame
Defarge schenkte es ihm ein, nahm ihr Strickzeug wieder zur Hand und
summte ein Liedchen vor sich hin.

„Sie scheinen in diesem Quartier gut bekannt zu sein, ich meine, besser
als ich?“ bemerkte Defarge.

„Durchaus nicht; aber ich hoffe hier besser bekannt zu werden. Ich
fühle so viel Theilnahme für die unglücklichen Bewohner.“

„Ha!“ brummte Defarge vor sich hin.

„Das Vergnügen Ihrer Unterhaltung, Monsieur Defarge“ fuhr der Spion
fort, „erinnert mich daran, daß ich eigentlich die Ehre habe, Sie schon
zu kennen -- wenigstens dem Namen nach.“

„Wirklich?“ sagte Defarge sehr gleichgiltig.

„Ja wirklich. Als _Dr._ Manette freigelassen ward, übernahmen Sie
-- sein alter Diener -- die Obhut über ihn, weiß ich. Er wurde Ihnen
übergeben. Sie sehen, ich kenne die ganze Geschichte.“

„Es scheint so,“ sagte Defarge. Eine zufällige Berührung von dem
Ellenbogen seiner Frau, wie sie strickte und vor sich hin sang, hatte
ihn bedeutet, daß es das Beste sei zu antworten, aber mit möglichster
Kürze.

„Zu Ihnen“ fuhr der Spion fort „kam seine Tochter; und aus Ihrer Pflege
übernahm ihn seine Tochter begleitet von einem sauber gekleideten
braunen Herrn; wie hieß er doch? -- er trug eine kleine Perrücke --
Lorry -- von dem Bankierhause Tellson u. Comp. -- und brachte ihn
hinüber nach England.“

„Ganz richtig“ bestätigte Defarge.

„Sehr interessante Erinnerungen!“ sagte der Spion. „Ich habe _Dr._
Manette und seine Tochter in England gekannt.“

„Wirklich?“ sagte fragend Defarge.

„Sie hören jetzt selten von ihnen?“ sagte der Spion.

„Nur selten,“ erwiederte Defarge.

„Im Grunde hören wir jetzt gar nichts von ihnen“ fiel Madame ein,
indem sie von ihrer Arbeit aufsah und ihr Liedchen abbrach. „Wir haben
Nachricht von ihrer sicheren Ankunft und vielleicht noch einen oder
zwei Briefe empfangen; aber seitdem sind sie allmählich ihren Lebensweg
gegangen und wir den unsrigen und wir haben keinen Verkehr mit einander
gehabt.“

„So ist es, Madame“ entgegnete der Spion. „Sie steht im Begriff sich zu
verheirathen.“

„Sie steht im Begriff?“ wiederholte Madame. „Sie war hübsch genug,
längst verheirathet zu sein. Ihr Engländer seid kaltherzig, wie mir
scheint.“

„O! Sie wissen, daß ich Engländer bin?“

„Ihre Zunge ist englisch“ entgegnete Madame; „und wie die Zunge ist,
muß meiner Ansicht nach auch der Mann sein!“

Er nahm die Erkennung nicht als ein Compliment auf; aber er schickte
sich hinein und brach mit einem Lachen ab. Nachdem er seinen Cognac
ausgenippt hatte, setzte er hinzu:

„Ja, Miß Manette steht im Begriff zu heirathen; aber keinen Engländer,
sondern einen gebornen Franzosen. Und da wir von Gaspard sprachen (ach
der arme Gaspard! es war grausam! grausam!) so ist es doch seltsam,
daß sie den Neffen des Marquis heirathet, dessentwegen Gaspard so hoch
hängen mußte; mit andern Worten -- den gegenwärtigen Marquis. Aber er
lebt unbekannt in England, er ist kein Marquis dort, sondern einfach
Mr. Charles Darnay. D’Aulnais ist der Familienname seiner Mutter.“

Madame Defarge strickte ruhig weiter, aber auf ihren Mann brachte
die Nachricht einen sichtbaren Eindruck hervor. Mochte er hinter
dem kleinen Ladentische thun was er wollte, Feuer machen oder seine
Pfeife anbrennen -- er zeigte sich gefangen und seine Hand war unruhig.
Der Spion wäre kein Spion gewesen, wenn er das nicht gesehen und das
Gesehene sich nicht gemerkt hätte.

Nachdem er wenigstens diesen einen Treffer gehabt, dessen endgiltiger
Werth freilich noch ungewiß war, und da außerdem keine Gäste
erschienen, die ihm zu Entdeckungen verhelfen konnten, bezahlte
Mr. Barsad seine Zeche und verabschiedete sich, nicht ohne auf die
höflichste Weise zu bemerken, daß er das Vergnügen zu haben hoffe,
Monsieur und Madame Defarge wieder zu sehen. Einige Minuten, nachdem er
sie verlassen hatte, blieben Mann und Frau genau in der Stellung wie
sie waren, im Fall er etwa zurückkehren sollte.

„Kann das, was er von Mademoiselle Manette sagt, wahr sein?“ sagte
Defarge mit gedämpfter Stimme, während er immer noch rauchend und die
Hand auf die Stuhllehne gelegt hinter seiner Frau stand.

„Da er es gesagt hat, ist es wahrscheinlich eine Lüge,“ erwiederte
Madame, und zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe. „Aber es kann
wahr sein.“

„Wenn es wahr ist --“ fing Defarge an und stockte.

„Wenn es wahr ist?“ wiederholte seine Frau.

-- „Und wenn es geschieht und wir bei seinem Triumph noch am Leben sind
-- hoffe ich um ihretwillen, daß das Schicksal ihren Mann fern von
Frankreich halten wird.“

„Ihres Mannes Schicksal,“ sagte Madame Defarge mit ihrer gewöhnlich
ruhigen Fassung, „wird ihn hinführen, wo er hingehen soll und wird ihn
zu dem Ende bringen, das ihm bestimmt ist. Das ist Alles, was ich weiß.“

„Aber ist es nicht sehr seltsam -- ist es jetzt nicht wenigstens sehr
seltsam“ -- sagte Defarge, als ob er mehr einen Versuch machte, seine
Frau zu bewegen, so viel zuzugeben, „daß nach aller unsrer Theilnahme
für ihren Vater und für sie selber der Name ihres Gatten gerade jetzt
neben dem des Höllenhundes, der uns eben verlassen hat, von Deiner Hand
geächtet sein muß?“

„Seltsamere Dinge als diese werden geschehen, wenn es kommt“ gab Madame
zur Antwort. „Sie sind jedenfalls Beide gezeichnet; und sie verdienen
es Beide; das genügt.“

Sie wickelte das Strickzeug zusammen, als sie dies gesagt hatte und
nahm gleich darauf die Rose aus dem Taschentuch, das um ihren Kopf
gewunden war. Entweder hatte Saint Antoine einen geheimen Instinkt,
daß die anstößige Zier entfernt war oder Saint Antoine lauerte auf
ihr Verschwinden; wie dem immer sein möge -- es faßte Muth, nach sehr
kurzer Zeit sich wieder einzufinden und der Weinschank nahm sein
gewöhnliches Aussehen wieder an.

Des Abends, zu welcher Zeit vor allen andern Saint Antoine das
Inwendige auswendig kehrte und auf Thürstufen und Fensterbrettern saß
und an die Ecken schmutziger Straßen und Höfe trat, um einen Mund
voll frische Luft zu schöpfen, war Madame Defarge gewohnt, mit ihrem
Strickzeug in der Hand, von Ort zu Ort und von Gruppe zu Gruppe zu
gehn, als ein Sendbote -- es gab viele ihres Gleichen -- wie wir nicht
wünschten, daß die Welt sie wieder erzeuge. Die Frauen strickten alle.
Sie strickten unnütze Kleinigkeiten; aber die mechanische Arbeit war
ein mechanischer Ersatz für Essen und Trinken; die Hände bewegten sich
für die Kinnbacken und die Verdauungswerke; wenn die knochigen Finger
stillgestanden hätten, hätten die Magen mehr die Qualen des Hungers
gefühlt.

Aber wie die Finger sich bewegten, bewegten sich auch die Augen und
die Gedanken. Und wie Madame Defarge von einer Gruppe zur andern ging,
bewegten sich alle drei rascher und zorniger in jeder kleinen Gruppe
Frauen, mit der sie gesprochen und die sie dann wieder verlassen hatte.

Ihr Mann stand rauchend vor seiner Thür und sah ihr mit bewundernden
Blicken nach.

„Eine große Frau,“ sagte er, „eine starke Frau, eine gewaltige Frau,
eine fürchterlich gewaltige Frau!“

Die Nacht stellte sich ein und dann vernahm man das Läuten von
Kirchenglocken und das ferne Trommeln der königlichen Garde und immer
noch saßen die Frauen dort und strickten. Nacht umfing sie. Noch
eine andre Nacht kam eben so sicher, wo die Thurmglocken, die jetzt
so schön in so manchen schlanken Thurme Frankreichs läuteten, zu
donnernden Kanonen umgeschmolzen sein und die Trommeln eine schwache
Stimme übertönen würden, welche diese Nacht allmächtig als die Stimme
der Herrschaft und des Ueberflusses, der Freiheit und des Lebens war.
So viel schloß sich um die Frauen zusammen, die immer noch strickten
und strickten, daß sie sich selbst um einen noch ungebauten Bau
herumschlossen, wo sie stricken und stricken sollten und fallende Köpfe
zählen.



Siebenzehntes Kapitel.

Eine Nacht.


Nie ging die Sonne mit schönerem Glanze über der stillen Ecke in Soho
unter, als an einem denkwürdigen Abend, wo der Doctor und seine Tochter
zusammen unter der Platane saßen. Nie ging der Mond mit milderem
Schimmer über dem großen London auf, als in jener Nacht, wo er sie
immer noch unter dem Baume sitzend fand und durch dessen Blätter auf
ihre Gesichter schien.

Lucie sollte morgen getraut werden. Sie hatte diesen letzten Abend für
ihren Vater aufgespart und sie saßen allein unter dem Platanenbaum.

„Du bist glücklich, lieber Vater?“

„Ganz glücklich, mein Kind!“

Sie hatten wenig gesprochen, obgleich sie schon lange dort gesessen
hatten. Als es noch hell genug gewesen war, um zu arbeiten und
zu lesen, hatte sie sich weder mit ihrer gewöhnlichen Handarbeit
beschäftigt, noch ihm vorgelesen. Viele, viele Male hatte sie unter
dem Schatten des Baumes neben ihm genäht oder ihm vorgelesen; aber der
heutige Tag war nicht wie ein anderer, und nichts konnte ihn einem
andern gleich machen.

„Und auch ich fühle mich sehr glücklich heute Abend, lieber Vater. Ich
fühle mich aufs Tiefste beglückt von der Liebe, mit der mich der Himmel
gesegnet hat -- von meiner Liebe zu Charles und Charles Liebe zu mir.
Aber wenn mein Leben Dir nicht mehr geweiht sein sollte oder wenn ich
durch meine Heirath nur um ein paar Straßen von dir getrennt würde,
so würde ich mich unglücklicher fühlen und mir selbst mehr Vorwürfe
machen, als ich dir sagen kann. Selbst so wie es ist --“

Selbst so wie es war, versagte ihr die Stimme.

In dem melancholischen Mondschein umarmte sie ihn und legte ihr Gesicht
an seine Brust. In dem Mondschein, der immer melancholisch ist (wie
es ja auch das Licht der Sonne ist -- und das Licht, welches man das
menschliche Leben nennt bei seinem Kommen und Gehen).

„Theuerster der Theuren! kannst Du mir dies letzte Mal sagen, daß Du
Dich ganz fest überzeugt fühltest, daß niemals neue Neigungen, die ich
fühle, oder neue Pflichten, die ich zu erfüllen habe, zwischen uns
beide treten werden? ich weiß es wohl, aber weißt auch Du es? Fühlst Du
Dich in Deinem innersten Herzen dessen fest überzeugt?“

Ihr Vater gab mit einer heitern Zuversicht, die kaum eine angenommene
sein konnte, zur Antwort: „Ganz fest überzeugt, mein Herzenskind! Mehr
als das,“ setzte er hinzu und küßte sie zärtlich. „Meine Zukunft liegt
durch Deine Heirath, Lucie, viel heller vor mir, als sie ohne dieselbe
jemals sein könnte oder war.“

„Wenn ich das hoffen könnte, Vater!“ --

„Glaube es mir, Liebe! Es ist in der That so. Bedenke, wie natürlich
und einfach es ist, mein Herz, daß es so ist. Du mit Deiner Hingebung
und mit Deiner Jugend kannst nicht recht die bange Sorge fühlen, die
mich erfüllt hat, daß Dein Leben nicht etwa verbittert würde --“

Sie bewegte die Hand nach seinen Lippen, aber er nahm sie in die
seinige und wiederholte das Wort.

-- „Verbittert, mein Kind! verbittert meinetwegen und aus seiner
natürlichen Bahn gedrängt. Deine Selbstlosigkeit kann nicht ganz
begreifen, wie viel mir dieß Sorge gemacht hat; aber frage dich nur
selbst, wie konnte mein Glück vollkommen sein, so lange das Deine
unvollkommen blieb?“

„Wenn ich Charles nie gesehen hätte, Vater, wäre ich mit Dir ganz
glücklich gewesen.“

Er lächelte über ihr unbewußtes Zugeständniß, daß sie ohne Charles
unglücklich sein würde, da sie ihn gesehen hatte und gab zur Antwort:
„Kind, Du hast ihn gesehen und es ist Charles. Wäre es nicht Charles
gewesen, so würde es ein Andrer sein. Oder, wenn es kein Andrer wäre,
so wäre ich die Ursache und dann hätte der dunkle Theil meines Lebens
seinen Schatten über mich hinausgeworfen und wäre auf Dich gefallen.“

Es war zum ersten Male, außer bei der Gerichtsverhandlung, daß sie ihn
auf seine Leidenszeit hindeuten hörte. Es brachte ein seltsames Gefühl
in ihr hervor, während seine Worte ihr in dem Ohre klangen; und nach
Jahren dachte sie noch daran.

„Sieh!“ sagte der Arzt von Beauvais und deutete mit der Hand nach dem
Monde. „Ich habe ihn angesehen von meinem Kerker aus, als ich sein
Licht nicht ertragen konnte. Ich habe ihn angesehen, wo der Gedanke,
daß er auf das herniederschiene, was ich verloren, mir solche Qual war,
daß ich meinen Kopf an den Wänden meines Kerkers hätte zerschmettern
mögen. Ich habe ihn in einem so dumpfen und lethargischen Zustande
angesehn, daß ich an nichts dachte, als an die Zahl von horizontalen
Linien, die ich über den Vollmond ziehen, und an die Anzahl senkrechter
Linien, mit denen ich sie kreuzen könnte.“ Er setzte in seiner in
sich gekehrten und brütenden Weise hinzu, wie er den Mond anblickte:
„Es waren zwanzig nach jeder Seite, weiß ich noch, und die zwanzigste
konnte ich kaum hineinbringen.“

Das bange Gefühl, mit welchem sie ihn an diese Zeit zurückdenken
hörte, ward stärker, als sie dabei verweilte; aber sonst war nichts
beunruhigendes in seiner Weise. Er schien nur die Heiterkeit und das
Glück seiner Gegenwart mit dem harten Leiden, welches vorbei war, zu
vergleichen.

„Ich habe ihn angesehen und mir viel tausend Mal Gedanken über das
ungeborne Kind gemacht, von dem ich weggerissen worden. Ob es am Leben
sei, ob es lebendig zur Welt gekommen oder ob der Schreck, den die
arme Mutter gehabt, es getödtet habe! Ob es ein Sohn sei, der seinen
Vater eines Tages rächen könnte. (Es gab eine Zeit meines Kerkerlebens,
wo mein Durst nach Rache ganz unerträglich war). Ob es ein Sohn sei,
der nie seines Vaters Gesicht kennen würde; der dereinst selbst die
Möglichkeit erwägen könnte, ob an dem Verschwinden seines Vaters
nicht dessen eigner Wille und dessen eigne That schuld sei. Ob es eine
Tochter sei, die zur Jungfrau heranwachsen würde!“

Sie drängte sich näher an ihn heran und küßte ihm Wange und Hand.

„Ich habe mir meine Tochter vorgemalt, wie sie mich ganz und gar
vergessen oder vielmehr nie etwas von mir gewußt. Ich habe Jahr für
Jahr ihr Lebensalter berechnet. Ich habe sie mir gedacht als Gattin
eines Mannes, der nichts von meinem Schicksal wußte. Ich bin gänzlich
verschwunden aus der Erinnerung der Lebendigen und in der nächsten
Generation war mein Platz leer.“

„Ach Vater! blos zu hören, daß Du so von einer Tochter dachtest, die
nie gelebt, preßt mir das Herz zusammen, als ob ich dieses Kind gewesen
wäre.“

„Du, Lucie? Gerade aus der Tröstung und Rettung, die ich dir verdanke,
entstehen diese Erinnerungen und treten jetzt in dieser letzten Nacht
zwischen uns und den Mond. -- Was sagt ich eben?“

„Sie wußte nichts von Dir. Sie kümmerte sich nicht um Dich.“

„Ja! Aber in andern mondhellen Nächten, wo die Melancholie und das
Schweigen mich in andrer Weise berührt hatten, -- wo sie mich mit einem
Gefühl gleich einer bekümmerten Empfindung von Frieden erfüllten,
soweit es eine Bewegung thun konnte, die Schmerz zu ihrer Grundlage hat
-- habe ich mir eingebildet, wie sie in meine Zelle kam und mich hinaus
in die Freiheit draußen vor der Festung führte. Ich habe ihr Bild oft
im Mondschein gesehen, wie ich Dich jetzt sehe; nur daß ich es nie in
meinen Armen hielt; es stand zwischen dem kleinen vergitterten Fenster
und der Thür. Aber Du verstehst, daß dieß nicht das Kind war, von dem
ich spreche?“

„Die Gestalt war es nicht; das -- das -- Bild; die Einbildung?“

„Nein. Das war etwas Anderes. Es stand vor meinem gestörten
Gesichtssinn, aber es bewegte sich nie. Das Phantom, welchem mein
Geist nachging, war ein anderes und mehr der Wirklichkeit angehörendes
Kind. Von seiner äußern Erscheinung weiß ich weiter nichts, als daß es
ein Ebenbild seiner Mutter war. Die andere Gestalt sah eben so aus --
wie du auch -- aber sie war nicht dieselbe. Kannst Du mich begreifen,
Lucie? Wohl kaum? Ich glaube fast, du hättest ein einsamer Gefangener
sein müssen, um diese subtilen Unterschiede zu verstehen.“

Sein gesammeltes und ruhiges Wesen konnte nicht verhindern, daß sie
ein Schauer überlief, wie er so versuchte, seine alten Stimmungen zu
zergliedern.

„In dieser friedlichern Stimmung habe ich mir sie im Mondschein
gedacht, wie sie zu mir kam und mich fortführte, um mir zu zeigen, daß
ihr häusliches Leben als Gattin voll liebreicher Erinnerungen an ihren
Vater war. Mein Bildniß hing in ihrem Zimmer und sie schloß mich in ihr
Gebet ein. Sie führte ein thätiges, freudiges und nützliches Leben;
aber mein unglückliches Schicksal ward darüber nie vergessen.“

„Ich war dieses Kind, lieber Vater. Ich war nicht halb so gut; aber in
meiner Liebe war ich es.“

„Und sie zeigte mir ihre Kinder,“ sagte der Arzt von Bauveais, „und
sie hatten von mir erzählen hören, und man hatte sie gelehrt, mich
zu bemitleiden. Wenn sie vor einem Staatsgefängniß vorbeigingen,
hielten sie sich fern von seinen dräuenden Mauern und blickten zu dem
vergitterten Fenster hinauf und sprachen nur flüsternd. Sie konnte mich
nie befreien; ich bildete mir immer ein, daß sie mich zurückbrächte,
nachdem sie mir alle diese Dinge gezeigt hatte, aber alsdann sank ich,
durch heiße Thränen erleichtert, auf meine Knie und segnete sie.“

„Ich bin das Kind, hoffe ich, geliebter Vater. Ach Herzensvater, willst
du mich eben so innig für den morgenden Tag segnen?“

„Lucie! ich rufe diese alten Stimmungen zurück, weil ich heute Grund
habe, dich inniger zu lieben, als Worte sagen können, und Gott für mein
großes Glück zu danken. Meine Gedanken, auch wenn sie sich am höchsten
verstiegen, sind nie dem Glücke nahe gekommen, das ich bei Dir gekannt
habe und das unsrer wartet.“

Er umarmte sie, empfahl sie feierlichst dem Himmel und dankte diesem
demüthig, daß er sie ihm geschenkt habe. Bald darauf gingen sie in’s
Haus.

Es war Niemand zur Trauung eingeladen als Mr. Lorry; es war nicht
einmal eine andere Brautjungfer da, als die unschöne Miß Proß. Die
Verheirathung sollte keine Veränderung in ihrem Wohnorte nach sich
ziehen; durch Miethung der obern Räume, die früher dem apokryphischen
unsichtbaren Miethsmann gehörten, hatten sie sich im Stande gesehen,
die Wohnung zu vergrößern und mehr wünschten sie nicht.

_Dr._ Manette war während des bescheidenen Abendessens sehr
heiter. Nur drei Personen waren bei Tisch und Miß Proß war die dritte.
Er bedauerte, daß Charles nicht da war; war mehr als halb geneigt,
Einwendungen gegen die wohlgemeinte kleine Verschwörung, welche ihn
fernhielt, zu machen, und trank liebevoll auf seine Gesundheit.

So kam für ihn die Zeit, Lucien gute Nacht zu sagen, und sie trennten
sich. Aber in der Stille der dritten Morgenstunde kam Lucie wieder
herunter und schlich sich in sein Zimmer -- nicht frei von unbestimmten
Besorgnissen. Alles war ruhig; und er schlummerte, das weiße Haar
malerisch über das Kissen ausgebreitet und die Hände ruhig auf der
Decke liegend. Das Licht, welches sie nicht brauchte, stellte sie in
eine ferne Ecke in den Schatten, trat dann an das Bett und drückte ihm
einen Kuß auf die Lippen; dann blieb sie über ihn gebeugt stehen und
betrachtete ihn.

In seinem schönen Gesicht hatten die bittern Thränen der Gefangenschaft
Spuren zurückgelassen; aber er deckte sie mit so entschiedenem
Willen zu, daß sie sich selbst in seinem Schlummer nicht verriethen.
Ein merkwürdigeres Gesicht in seinem ruhigen, entschlossenen und
vorsichtigen Kampf mit einem unsichtbaren Gegner war in den ganzen
weiten Reichen des Schlummers in dieser Nacht nicht zu finden.

Sie legte schüchtern ihre Hand auf die geliebte Brust und sprach ein
Gebet, daß sie immer so treu an ihm halten möchte, als ihre Liebe sich
sehnte und seine Leiden verdienten. Dann zog sie ihre Hand zurück,
küßte ihn noch einmal auf den Mund und ging. So kam der Sonnenaufgang
und die Schatten von dem Laube der Platane bewegten sich auf seinem
Gesicht so leise, wie sich ihre Lippen für ihn betend bewegt hatten.



Achtzehntes Kapitel.

Neun Tage.


Der Hochzeitstag fing mit hellem Sonnenschein an und sie standen Alle
fertig vor der geschlossenen Thür von dem Zimmer des Doctors, wo er
mit Charles Darney sprach. Sie standen im Begriff, nach der Kirche zu
gehen; die schöne Braut, Mr. Lorry und Miß Proß -- für welche Letztere
das Ereigniß durch ein allmähliches Aussöhnen mit dem Unvermeidlichen
unbedingte Seligkeit gewesen wäre, ohne die im Hintergrund ihres
Geistes lauernde Erwägung, daß ihr Bruder Salomo der Bräutigam hätte
sein sollen.

„Also dazu,“ sagte Mr. Lorry, welcher die Braut nicht genug bewundern
konnte und um sie herumgegangen war, um sie in ihrem einfachen hübschen
Anzuge von jeder Seite recht ordentlich anzusehen -- „also dazu,
meine liebe Lucie, habe ich Sie als ganz kleines Kind über den Kanal
gebracht! Du meine Güte! Wie wenig dachte ich mir damals, was ich that.
Wie wenig ahnete ich das hohe Verdienst, welches ich mir um meinen
Freund, Mr. Charles, erwarb.“

„Sie beabsichtigten es nicht,“ bemerkte die prosaische Miß Proß, „und
wie konnten Sie es wissen? Unsinn!“

„Wirklich? Gut denn; aber weinen Sie nicht,“ sagte der sanfte Mr. Lorry.

„Ich weine nicht,“ sagte Miß Proß; „Sie weinen.“

„Ich, meine gute Proß?“ (Mr. Lorry war jetzt so weit gekommen,
gelegentlich mit ihr scherzen zu dürfen).

„Sie weinten eben noch; ich habe es gesehen und wundere mich nicht
darüber; ein solches Geschenk von Silberzeug -- wie Ihres -- reicht
hin, um in jedes Auge Thränen zu bringen. Es ist keine Gabel und kein
Löffel im Kasten,“ meinte Miß Proß, „über den ich gestern Abend, wie
das Silberzeug ankam, nicht geweint hätte, bis ich nicht mehr sehen
konnte.“

„Ich fühle mich sehr geschmeichelt,“ sagte Mr. Lorry, „obgleich ich --
auf Ehre! -- nicht die Absicht hatte, diese kleinen Erinnerungszeichen
irgend Jemandem unsichtbar zu machen. Mein Gott! das ist eine
Gelegenheit, welche Einen über Alles, was man verloren hat, nachdenken
macht. Gott, Gott, Gott! zu denken, daß es jeden Tag seit fast funfzig
Jahren eine Mrs. Lorry hätte geben können!“

„Durchaus nicht!“ warf Miß Proß ein.

„Sie meinen, es hätte nie eine Mrs. Lorry geben können?“ fragte der
Herr dieses Namens.

„Bah!“ entgegnete Miß Proß; „Sie waren schon in der Wiege ein
Hagestolz.“

„Na, auch das klingt wahrscheinlich,“ bemerkte Mr. Lorry, indem er die
Perrücke über dem freundlichen Gesicht zurecht rückte.

„Und Sie waren zum Hagestolz bestimmt“ fuhr Miß Proß fort, „ehe Sie in
die Wiege gelegt wurden.“

„Dann meine ich“ sagte Mr. Lorry, „bin ich höchst schäbig behandelt
worden, und hätte man mir doch wenigstens eine Stimme bei der Wahl
meiner zukünftigen Stellung gestatten sollen. Genug! Nun, meine liebe
Lucie“ sagte er, indem er beruhigend den Arm um sie legte, „ich höre
im nächsten Zimmer, daß sie kommen und Miß Proß und ich, als zwei
förmliche Geschäftsleute, möchten gern die letzte Gelegenheit benutzen,
um Ihnen etwas zu sagen, was Ihrem Herzen gut thun wird. Sie lassen
Ihren guten Vater in Händen zurück, welche für sein Wohl so ernstlich
und liebevoll, wie Sie selbst, sorgen werden; es soll alle mögliche
Rücksicht auf ihn genommen werden; während der nächsten vierzehn
Tagen, wo Sie in Warwickshire, oder dessen Nachbarschaft sind, müssen
selbst Tellsons vergleichsweise vor Ihnen zurücktreten. Und wenn nach
Ablauf dieser vierzehn Tage er zu Ihnen und zu Ihrem geliebten Gatten
kommt, um Ihnen während der andern vierzehn Tage in Wales Gesellschaft
zu leisten, sollen Sie sagen, daß wir Ihnen denselben in der besten
Gesundheit und der glücklichsten Stimmung geschickt haben. Jetzt höre
ich Jemandes Schritt sich der Thüre nähern. Gestatten Sie mir, ein
geliebtes Kind mit einem altmodischen Hagestolzsegen zu küssen, bevor
dieser Jemand Sie für sich in Anspruch nimmt.“

Einen Augenblick lang hielt er das liebliche Gesicht zwischen den
beiden Händen, um sich noch einmal den wohlbekannten Ausdruck auf
der Stirn zu betrachten, und legte dann das schöne goldne Haar an
seine kleine braune Perrücke mit einer ächt innigen Liebe und einem
Zartgefühl, welche, wenn solche Dinge altmodisch sind, so alt waren wie
Adam.

Die Thür von des Doctors Zimmer ging auf und er trat mit Charles Darnay
heraus. Er war so todtenbleich -- was nicht der Fall gewesen war, als
sie mit einander in das Zimmer gegangen waren -- daß man auf seinem
Gesichte auch keine Spur von Farbe sah. Aber in der Gefaßtheit seines
Wesens war er unverändert, außer daß dem scharfen Blick Mr. Lorry’s
eine schattenhafte Andeutung nicht unbemerkt blieb, daß der alte
Ausdruck scheuen Zurückweichens und bangen Grauens vor Kurzem über ihn
hinweggegangen war wie ein kalter Wind.

Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab an den
Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemiethet hatte. Die Uebrigen
folgten Alle in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer nahen
Kirche, wo keine fremden Augen neugierig zuschauten, Charles Darnay und
Lucie Manette zu einem glücklichen Ehepaare vereint.

Außer den herben Thränen, welche durch das Lächeln der wenigen
Versammelten glänzten, als die Ceremonie vorbei war, funkelten einige
schöne Juwelen -- kaum erlöst aus der finstern Nacht einer der Taschen
Mr. Lorry’s -- an der Hand der Braut. Sie kehrten zum Frühstück nach
Hause zurück und Alles ging gut, und im gehörigen Verlauf der Zeit
mischte sich das goldne Haar, das sich in der Dachstube in Paris unter
die silbernen Locken des Schuhmachers gemengt hatte, wieder mit ihnen
im Morgensonnenschein auf der Thürschwelle bei’m Scheidegruß.

Es war ein schwerer Abschied, obgleich nicht auf lange Zeit. Aber ihr
Vater tröstete sie und sagte endlich, indem er sich sanft aus ihren
Armen losmachte: „Nehmen Sie sie, Charles! Sie ist die Ihrige!“ Und
aufgeregt winkte ihm ihre Hand noch aus dem Kutschenfenster zu -- und
sie war fort!

Da die stille Ecke kein Sammelplatz der Unbeschäftigten und Neugierigen
war und die Vorbereitungen sehr einfach gewesen waren, blieben der
Doctor, Mr. Lorry und Miß Proß ganz allein zurück. Als sie in den
willkommenen Schatten der kühlen alten Halle zurückkehrten, bemerkte
Mr. Lorry, daß eine große Veränderung in dem Doctor vorgegangen, als
ob der dort emporgehobene goldene Arm ihm einen vergifteten Streich
versetzt hätte.

Er hatte sich natürlich großen Zwang angethan und darauf war ein
Rückschlag nur zu erwarten. Aber es war der alte scheue verlorene
Blick, der Mr. Lorry beunruhigte; und als sie oben angekommen waren
und der Doctor in zerstreuter Weise sich an den Kopf griff und
niedergedrückt und schlaff in sein Zimmer schlich, mußte Mr. Lorry an
Defarge, den Weinschenken, und die Fahrt durch die sternenhelle Nacht
denken.

„Ich glaube“ flüsterte er Miß Proß nach reiflicher und sorgenerfüllter
Ueberlegung zu, „ich glaube, es ist das Beste, wir reden ihn jetzt gar
nicht an und stören ihn überhaupt nicht. Ich muß einmal nach Tellsons
sehen; ich werde daher jetzt hingehen und gleich wieder da sein. Dann
machen wir eine Spazierfahrt auf’s Land, essen dort und Alles wird
wieder gut sein.“

Es war leichter für Mr. Lorry zu Tellsons hin zu gehen, als wieder
von ihnen weg zu kommen. Er wurde zwei Stunden dort festgehalten. Als
er zurückkehrte, ging er allein die alte Treppe hinauf ohne sich mit
Nachfragen bei dem Diener aufzuhalten, trat in das Zimmer des Doctors
und blieb erschrocken stehn, als er ein dumpfes Klopfen hörte.

„Guter Gott!“ sagte er, „was ist das?“

Mit bleichem Gesicht stand Miß Proß neben ihm. „O Gott! o Gott!
Alles ist verloren!“ -- rief sie händeringend. „Was soll ich meinem
Herzblättchen sagen? Er kennt mich nicht und macht Schuhe!“

Mr. Lorry bemühte sich, sie zu beruhigen und ging selbst in das nächste
Zimmer. Die Bank war dem Lichte zugekehrt wie damals, wo er zuerst den
Schuhmacher hatte arbeiten gesehen. Er hatte den Kopf über die Arbeit
gebeugt und war sehr fleißig.

„_Dr._ Manette! Lieber Freund! _Dr._ Manette!“

Der Doctor sah einen Augenblick zu ihm auf -- halb fragend, halb als
ob es ihn ärgerte, angeredet zu werden -- und beugte sich wieder
über seine Arbeit. Er hatte Rock und Weste abgelegt; das Hemd war
vorn offen, wie immer, wenn er sich mit dieser Arbeit beschäftigte,
und selbst das alte hohlwangige welke Gesicht war wieder da. Er
arbeitete angestrengt -- ungeduldig -- als ob er einigermaßen fühlte,
unterbrochen worden zu sein.

Mr. Lorry warf einen Blick auf die Arbeit, die er unter der Hand hatte,
und bemerkte, daß es ein Schuh von der alten Größe und Form war. Er
nahm den andern, der neben dem Arbeitenden lag und fragte diesen was es
sei.

„Ein Promenadenschuh für eine junge Dame“ brummte er vor sich hin ohne
aufzublicken. „Er sollte längst fertig sein. Lassen Sie ihn liegen.“

„Aber _Dr._ Manette! -- Sehen Sie mich an.“

Er gehorchte in der alten mechanischen unterwürfigen Weise, ohne sich
in der Arbeit zu unterbrechen.

„Sie kennen mich, bester Freund? Besinnen Sie sich. Dies ist nicht Ihre
wahre Beschäftigung. Besinnen Sie sich, werther Freund!“

Nichts konnte ihn bewegen, wieder zu sprechen. Er blickte auf, aber nur
eine Sekunde lang, wenn man es verlangte; aber keine Ueberredungskunst
vermochte ihm ein Wort abzupressen. Er arbeitete, arbeitete und
arbeitete stumm fort; Worte machten auf ihn denselben Eindruck,
wie auf einen Menschen ohne Gehör oder auf die Luft. Der einzige
Hoffnungsstrahl, den Mr. Lorry entdecken konnte, war, daß er manchmal
verstohlen aufblickte ohne aufgefordert zu werden. Darin schien sich
eine schwache Regung von Neugier und Verlegenheit auszudrücken -- als
ob er versuchte, einige innerliche Zweifel mit einander zu versöhnen.

Zweierlei prägte sich Mr. Lorry sofort vor allem Andern ein; erstens,
daß dies vor Lucien geheim gehalten werde, und zweitens, daß es Allen
seinen Bekannten ein Geheimniß bleiben müsse. Im Verein mit Miß Proß
that er sofort Schritte, um für letzteres zu sorgen, indem er den
Nachfragenden sagen ließ, der Doctor sei nicht wohl, und bedürfe
einige Tage vollständigste Ruhe. Um den gutgemeinten Betrug, der an
der Tochter verübt werden sollte, zu unterstützen, sollte Miß Proß ihr
melden, daß er zu einer Consultation auf einige Tage verreist sei,
und sich dabei auf einen fingirten Brief von zwei oder drei Zeilen
beziehen, den er selbst mit derselben Post an sie abgeschickt.

Diese Maßregeln, die in jedem Falle rathsam waren, ergriff Mr. Lorry
in der Hoffnung, daß er sich wieder erholte. Geschah dies bald, so
hatte er noch einen andern Ausweg im Rückhalte, nämlich eine gewisse
Autorität die er für die beste hielt, über des Doctors Fall zu Rathe zu
ziehen.

In der Hoffnung auf seine Genesung, und weil alsdann der dritte Weg
möglich ward, beschloß Mr. Lorry ihn sorgfältig, mit so wenig Aufsehen
als dabei möglich war, zu beobachten. Er traf daher Einrichtung, zum
ersten Mal in seinem Leben von Tellsons wegbleiben zu können, und bezog
seinen Posten bei dem Fenster in demselben Zimmer.

Die Entdeckung ließ nicht lange auf sich warten, daß es schlimmer und
unnütz war, ihn anzureden, da er, wenn man ihn drängte, unruhig und
ärgerlich wurde. Er gab schon den ersten Tag diesen Versuch auf und
beschloß, für alle Fälle fortwährend vor seinen Augen zu bleiben, als
stummer Verwahrung gegen die Täuschung, in die er verfallen, oder
verfiel. Er blieb daher auf seinem Platz in der Nähe des Fensters,
mit Lesen und Schreiben beschäftigt, und in so mannichfaltiger und
natürlicher Weise als er ersinnen konnte, zu verstehen gebend, daß er
sich an einem Jedermann zugänglichen Ort befinde.

_Dr._ Manette nahm an diesem ersten Tage Speise und Trank an,
wie sie ihm gereicht wurden, und arbeitete fort bis es zu finster
ward um zu sehen -- arbeitete noch als schon seit einer halben Stunde
Mr. Lorry um keinen Preis im Stande gewesen wäre, noch zu lesen oder
zu schreiben. Als er sein Handwerkszeug als nutzlos bis zum Morgen
hinlegte, stand Mr. Lorry auf und sagte zu ihm:

„Wollen Sie ausgehen?“

Er blickte rechts und links neben sich auf den Fußboden, blickte auf,
und wiederholte mit gedämpfter Stimme, alles in der alten Weise:

„Ausgehen!“

„Ja; wir wollen zusammen spazieren gehen; warum nicht?“

Er machte keine Anstrengung zu sagen warum nicht, und sprach kein
Wort weiter. Aber Mr. Lorry glaubte zu bemerken, wie er sich in der
Dämmerung, mit dem Ellenbogen auf den Knien und mit dem Kopfe in den
Händen auf seiner Bank vorbeugte, und in einer verwirrten Weise fragte:
„Warum nicht?“ Der Scharfblick des Geschäftsmanns bemerkte hier einen
Vortheil und beschloß weiter darauf zu bauen.

Miß Proß und er theilten die Nacht in zwei Wachen und beobachteten ihn
von Zeit zu Zeit von dem anstoßenden Zimmer aus. Er ging lange Zeit,
ehe er sich hinlegte, auf und ab, aber als er sich niederlegte, schlief
er ein. Des Morgens stand er frühzeitig auf, ging geraden Wegs nach
seiner Bank und arbeitete.

An diesem zweiten Tage grüßte ihn Mr. Lorry beim Namen, und redete zu
ihm von Gegenständen, die ihm in der letzten Zeit geläufig gewesen.
Er gab keine Antwort, aber es war klar, daß er hörte was man sagte,
und daß er darüber nachdachte, wenn auch verwirrt. Dies ermuthigte
Mr. Lorry, mehrere Mal des Tags auch Miß Proß mit ihrer Arbeit in
der Stube anwesend sein zu lassen, wo sie dann von Lucien und ihrem
anwesenden Vater ganz ruhig und als ob nichts geschehen wäre, sprachen.
Dies geschah still, und frei von aller Auffälligkeit, welche ihn hätte
etwa beunruhigen können; und es erleichterte Mr. Lorry’s wohlwollendes
Herz zu glauben, daß er öfters aufschaute, und daß ihm dabei
einige Unverträglichkeiten der Umgebung mit den ihn beherrschenden
Vorstellungen aufzufallen schienen.

Als es wieder dunkel ward, fragte ihn Mr. Lorry wie am Tage vorher:

„Wollen Sie ausgehen?“

Wie früher gab er zur Antwort: „Ausgehen?“

„Ja, wir wollen zusammen spazieren gehen. Warum nicht?“

Da auch diesmal Mr. Lorry keine Antwort bekommen konnte, stellte er
sich als ob er ausginge, und kehrte erst nach einer Stunde zurück.
Unterdessen hatte der Doctor Platz im Fenster genommen, und dort
hinunter auf die Platane gesehen; aber als Mr. Lorry wieder kam,
schlich er wieder nach der Bank.

Die Zeit verging sehr langsam, Mr. Lorry’s Hoffnung verdüsterte sich,
und sein Herz wurde wieder schwerer, und wurde schwerer jeden Tag. Der
dritte Tag kam und ging, der vierte, der fünfte. Fünf Tage vergingen,
sechs Tage, sieben Tage, acht Tage, neun Tage.

Mit immer mehr schwindender Hoffnung und immer schwerer werdenden
Herzen verlebte Mr. Lorry diese sorgenvolle Zeit. Das Geheimniß ward
gut bewahrt, Lucie wußte nichts und war glücklich; aber er konnte sich
nicht verbergen, daß der Schuhmacher, dessen Hand anfangs etwas aus der
Uebung gekommen zu sein schien, schrecklich geschickt wurde, und daß er
nie auf seine Arbeit so aufmerksam, daß seine Hände nie so flink und
sicher gewesen, als in der Dämmerung des neunten Abends.


                    ~Ende des zweiten Theils.~


          Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.



                             Boz (Dickens)

                           Sämmtliche Werke.

                        Hundertundfünfter Band.

                             Zwei Städte.

                            Dritter Theil.

                                Leipzig

                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1859.



                             Zwei Städte.

                    Eine Erzählung in drei Büchern.

                                  Von

                        Boz (Charles Dickens).

                                  Mit

            Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

                 Aus dem Englischen von Julius Seybt.

                            Dritter Theil.

                                Leipzig

                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1859.



Neunzehntes Kapitel.

Eine Meinung.


Von sorgenvollem Wachen erschöpft schlief Mr. Lorry auf seinem Posten
ein. Am zehnten Morgen seines Harrens erweckte ihn der helle Schein
der Sonne, welcher in die Stube fiel, wo ihn während dunkler Nacht ein
schwerer Schlummer überfallen hatte.

Er rieb sich die Augen und sah um sich; aber als er dies that, konnte
er nicht klar werden, ob er nicht noch schlafe. Denn wie er an die
Thüre des Zimmers des Doctors trat und hineinblickte, bemerkte er, daß
die Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug bei Seite gestellt war und
daß der Doctor lesend am Fenster saß. Er hatte seinen gewöhnlichen
Morgenrock an und sein Antlitz (das Mr. Lorry deutlich sehen konnte)
-- obgleich noch sehr blaß -- trug den Ausdruck der Aufmerksamkeit und
ruhigen Vertieftheit.

Als Mr. Lorry gewiß geworden war, er wache, belästigten ihn einige
Augenblicke noch Zweifel, ob das Schuhmachen der letzten Tage nicht
bei ihm ein unruhiger Traum gewesen; denn sahen nicht seine Augen den
Freund vor sich in seiner gewöhnlichen Tracht und seinem gewöhnlichen
Ansehen und beschäftigt wie gewöhnlich? Und sahen sie irgend ein
Zeichen, daß die Veränderung, die seiner Erinnerung so bestimmt
eingeprägt war, wirklich vor sich gegangen war?

Dies fragte er sich blos in seiner ersten Verwirrung und in seinem
ersten Erstaunen; denn die Antwort lag auf der Hand. Wenn die
Erinnerung nicht die Folge eines wirklich entsprechenden und genügenden
Vorfalls war, wie kam er -- Charles Lorry -- denn hierher? Wie ging es
zu, daß er in seinen Kleidern auf dem Sopha in _Dr._ Manette’s
Consultationszimmer eingeschlafen war und jetzt am frühen Morgen an der
Thür des Schlafzimmers des Doctors mit sich über alle diese Zweifel zu
Rathe ging?

Nach ein paar Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wenn
ihn noch der Rest eines Zweifels gequält hätte, so hätte er vor ihrem
Reden verschwinden müssen; aber er war sich jetzt klar geworden
und hegte keinen Zweifel mehr. Er rieth an, die Zeit hingehen zu
lassen, bis zur gewöhnlichen Frühstücksstunde und dann mit den Doctor
zusammenzutreffen, als ob nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Wenn er
sich dann in seiner gewöhnlichen Gemüthsverfassung zeigte, wollte sich
Mr. Lorry vorsichtig Raths bei der Autorität erholen, die zu befragen
er sich in seiner Sorge so sehr gesehnt hatte.

Miß Proß fügte sich seinen Rathschlägen und der Plan ward mit
aller Sorgfalt vorbereitet. Da Mr. Lorry Ueberfluß von Zeit für
seine gewöhnliche methodische Toilette hatte, erschien er zur
Frühstücksstunde schmuck und nett wie immer. Der Doctor war wie üblich
gerufen worden und kam zum Frühstück.

So weit sich gewahr werden ließ, ohne über die vorsichtige und
allmälige Annäherung hinauszugehen, auf welche Mr. Lorry sich
beschränken mußte, glaubte er Anfangs seiner Tochter Hochzeit wäre
gestern gewesen. Eine vorsätzlich hingeworfene Erwähnung des Wochen-
und des Monatstages veranlaßte ihn nachzudenken und zu zählen und
machte ihn offenbar unruhig. In jeder andern Hinsicht war er jedoch so
sehr Herr seiner selbst, daß Mr. Lorry sich entschloß, sich bei der
erwähnten Autorität Raths zu erholen. Und diese Autorität war er selbst.

Als sie daher mit dem Frühstück zu Ende und Alles weggeräumt worden
und er und der Doctor wieder allein waren, sagte Mr. Lorry mit Gefühl:
„Lieber Manette, ich möchte im Vertrauen Ihre Meinung über einen sehr
merkwürdigen Fall hören, bei dem ich das tiefste Interesse fühle;
das will sagen, er erscheint mir sehr merkwürdig; bei Ihrer größeren
Erfahrung ist dies vielleicht nicht der Fall.“

Der Doctor blickte seine Hände an, an denen noch Spuren der frühern
Beschäftigung zu bemerken waren, machte ein beunruhigtes Gesicht
und hörte aufmerksam zu. Er hatte schon mehr als einmal seine Hände
angesehen.

„_Dr._ Manette,“ sagte Mr. Lorry, indem er liebreich die Hand auf
seinen Arm legte, „der Fall ist einem mir besonders werthen Freunde
passirt. Bitte, schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit und rathen Sie mir
um seinetwillen -- und vor Allem wegen seiner Tochter -- wegen seiner
Tochter, lieber Manette.“

„Wenn ich recht verstehe,“ sagte der Doctor mit gedämpfter Stimme, „so
ist es eine Erschütterung des Geistes?“ --

„Ja.“

„Erzählen Sie ausführlich,“ sagte der Doctor, „geben Sie alle
Einzelnheiten.“

Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden und fuhr fort: „Lieber
Manette, es handelt sich um eine alte und sehr lange Erschütterung,
welche das Gemüth oder -- wie Sie es nennen, der Geist erlitten hat,
-- man weiß nicht wie lange, weil ich glaube, er selbst kann die Zeit
nicht berechnen, und es giebt kein anderes Mittel, sie zu erfahren. Es
handelt sich um eine Erschütterung, von der sich der Betreffende durch
einen Proceß erholt hat, von dem er sich keine Rechenschaft ablegen
kann -- wie ich ihn einmal öffentlich sehr eindringlich erzählen hörte.
Es handelt sich um eine Erschütterung, von der er sich so vollständig
erholt hat, daß er ein sehr geistvoller Mann ist, fähig, alle seine
Seelen- und Körperkräfte anzustrengen und beständig seine Kenntnisse,
die schon sehr bedeutend waren, zu vermehren. Aber leider! (er hielt
inne und holte tief Athem) hat er einen kurzen Rückfall gehabt.“

Der Doctor fragte mit gedämpfter Stimme. „Wie lange hat er gedauert?“

„Neun Tage und Nächte.“

„Wodurch zeigte er sich? Ich vermuthe,“ sagte er mit einem Blick auf
seine Hände, „in der Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung aus
jener Zeit der Gemüthserschütterung?“

„So ist es.“

„Sagen Sie mir,“ fragte der Doctor bestimmt und gefaßt, obgleich in
demselben gedämpften Tone, „haben Sie ihn jemals früher bei dieser
Beschäftigung gesehen?“

„Einmal.“

„Und als er den Rückfall hatte, war er da in vielfacher oder in jeder
Hinsicht wie früher?“

„Ich glaube, in jeder Hinsicht.“

„Sie sprachen von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von diesem
Rückfall?“

„Nein. Er ist ihr verhehlt worden und ich hoffe, er wird ihr immer
verhehlt bleiben. Er ist nur mir bekannt und einer andern Person, der
ganz zu vertrauen ist.“

Der Doctor ergriff seine Hand und sagte halblaut: „Das war sehr gütig.
Das war sehr rücksichtsvoll!“

Mr. Lorry drückte ihm wieder die Hand und Beide schwiegen auf eine
Weile.

„Nun wissen Sie, lieber Manette,“ fuhr endlich Mr. Lorry in seiner
liebreichsten und schonendsten Weise fort, „ich bin ein bloßer
Geschäftsmann und unfähig, solche verwickelte und schwierige Sachen zu
beurtheilen. Ich besitze nicht die dazu nöthigen Kenntnisse und nicht
die nöthige Einsicht; ich bedarf des Rathes. Es giebt keinen Mann in
der Welt, bei dem ich auf guten Rath so sehr rechnen kann, wie bei
Ihnen. Sagen Sie mir, wie kommt dieser Rückfall? Ist ein zweiter zu
fürchten? Könnte eine Wiederholung verhindert werden? Wie ist ein
neuer Rückfall zu behandeln? Was sind überhaupt die Ursachen eines
solchen? Was kann ich für meinen Freund thun? Nie kann es Jemandem
mehr am Herzen gelegen haben, einem Freunde einen Dienst zu leisten,
als jetzt mir; wenn ich nur wüßte -- wie? Aber bei einem solchen Falle
tappe ich ganz im Dunkeln. Wenn Ihr Scharfblick, Ihre Kenntniß und Ihre
Erfahrung mir den rechten Weg zeigen könnte, so könnte ich vielleicht
viel thun; ohne Leitung und ohne Rath kann ich nur wenig thun. Bitte,
sprechen Sie mit mir die Sache durch; bitte, setzen Sie mich in Stand,
ein wenig klarer zu sehen und lehren Sie mich ein wenig nützlicher zu
sein.“

_Dr._ Manette saß nachdenklich da, als diese eindringlichen Worte
gesprochen worden und Mr. Lorry drängte ihn nicht.

„Ich halte es für wahrscheinlich,“ sagte der Doctor mit sichtlicher
Anstrengung, „daß der von Ihnen, werther Freund, beschriebene Rückfall
dem Betroffenen nicht ganz unvorhergesehen gekommen ist.“

„Hat er ihn gefürchtet?“ -- wagte Mr. Lorry zu fragen.

„Gar sehr.“ Er sagte dies mit einem unwillkürlichen Schauder. „Sie
haben keinen Begriff, wie schwer eine solche Befürchtung auf dem Gemüth
des Betreffenden lastet und wie schwer es ihm ist -- ja fast unmöglich
-- sich zu zwingen -- nur ein Wort über das, was ihn bedrückt, fallen
zu lassen.“

„Würde es ihn nicht sehr erleichtern,“ fragte Mr. Lorry, „wenn er es
über sich gewinnen könnte, sich während dieses heimlichen Brütens
Jemandem anzuvertrauen?“

„Ich glaube wohl. Aber wie ich Ihnen schon sagte, es ist fast
unmöglich. Ich glaube sogar, es ist in einigen Fällen ganz unmöglich.“

„Sagen Sie mir,“ sagte Mr. Lorry, indem er, nachdem Beide eine kleine
Weile geschwiegen hatten, wieder liebreich die Hand auf den Arm des
Doctors legte, „welcher Ursache würden Sie den Anfall zuschreiben?“

„Ich glaube,“ gab _Dr._ Manette zur Antwort, „die Ursache ist, daß
der Gedankengang und die Erinnerung, durch welche die Krankheit zuerst
entstanden ist, in ungewöhnlicher Weise wieder erweckt worden sind. Ich
glaube, daß Rückerinnerungen von der schmerzlichsten Art mit großer
Lebhaftigkeit wieder vor seine Seele getreten sind. Wahrscheinlich ist
sein Gemüth schon seit langer Zeit von einer dunkeln Furcht behaftet
gewesen, daß diese Erinnerungen wieder wach werden würden -- ich meine,
unter gewissen Umständen, bei einer gewissen Veranlassung. Er hat
versucht, sich darauf vorzubereiten, aber vergeblich; vielleicht hat
die Anstrengung, die er bei diesem Versuch gemacht hat, ihn weniger
befähigt, dem Anfall zu widerstehen.“

„Ob er wohl weiß, was während des Rückfalls geschehen ist?“ -- fragte
Mr. Lorry mit natürlichem Zögern.

Der Doctor sah sich rathlos im Zimmer um, schüttelte den Kopf und
antwortete mit gedämpfter Stimme: „Durchaus nicht!“

„Was nun die Zukunft betrifft,“ fing Mr. Lorry an.

„Was die Zukunft betrifft,“ sagte der Doctor, die Fassung wieder
gewinnend, „so habe ich große Hoffnung. Da es dem Himmel in
seiner Barmherzigkeit gefallen hat, ihn in so kurzer Frist wieder
herzustellen, so möchte ich die beste Hoffnung haben. Ich sollte
meinen, daß das Schlimmste vorbei sei.“

„Schön! Schön! Das ist guter Trost. Ich danke dem Himmel!“ -- sagte Mr.
Lorry.

„Ich danke dem Himmel!“ -- wiederholte der Doctor mit von Andacht
durchdrungenem Tone.

„Noch über zwei andere Punkte möchte ich unterrichtet sein,“ sagte Mr.
Lorry. „Darf ich fortfahren?“

„Sie können Ihrem Freunde keinen besseren Dienst leisten.“ Der Doctor
reichte ihm die Hand.

„Also der erste Punkt. Er liebt die Wissenschaften und ist von
ungewöhnlicher Energie; mit großem Eifer widmet er sich der Erwerbung
von Kenntnissen, dem Experimentiren und vielen andern Sachen. Sollte er
darin vielleicht zu viel thun?“

„Ich glaube nicht. Es ist vielleicht gerade bei ihm das
Charakteristische, beständig einer Beschäftigung zu bedürfen. Zum
Theil ist es ihm vielleicht angeboren, zum Theil eine Folge des
Seelenschmerzes. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigte,
desto größer war die Gefahr, in eine ungesunde Richtung einzulenken. Er
hat es vielleicht selbst beobachtet und die Entdeckung gemacht.“

„Sie sind überzeugt, daß er sich nicht zu sehr anstrengt?“

„Ich glaube dessen ganz gewiß zu sein.“

„Lieber Manette, wenn er sich jetzt zu sehr anstrengte?“ --

„Lieber Lorry, ich bezweifle, daß dies leicht der Fall sein kann. Es
ist ein heftiger Zug nach einer Richtung gewesen und dieser bedarf
eines Gegengewichtes.“

„Entschuldigen Sie mich als zudringlichen Geschäftsmann. Nehmen wir für
einen Augenblick an, ~daß~ er sich zu sehr anstrengte; würde eine
Wiederkehr des Anfalls die Folge sein?“

„Ich glaube nicht... ich glaube nicht,“ sagte _Dr._ Manette mit
der Entschiedenheit des Ueberzeugtseins, „daß etwas Anderes als diese
eine Reihe von Ideenverbindungen ihn erneuern könnte. Ich glaube, daß
in Zukunft nur ein ganz ungewöhnliches Anschlagen dieser Saite ihn
erneuern kann. Nach dem, was geschehen ist, und nach seiner Genesung
kann ich mir nur sehr schwer eine so heftige Berührung dieser Saite
denken. Ich vertraue und glaube fast, daß die Umstände, unter denen der
Anfall wiederkehren könnte, erschöpft sind.“

Er sprach mit der Zurückhaltung eines Mannes, welcher weiß, welche
Kleinigkeit den künstlichen Organismus unseres Geistes in Unordnung
bringen kann, und doch mit der Zuversicht eines Mannes, der seine
Ueberzeugung langsam durch persönliche Leiden gewonnen hat. Es konnte
seinem Freunde nicht einfallen, diese Ueberzeugung zu erschüttern.
Er stellte sich getrösteter und ermuthigter, als er in Wirklichkeit
war, und kam jetzt auf den zweiten und letzten Punkt. Er fühlte, daß
es der schwierigste von allen war. Aber indem er sich an seine alte
Sonntagsmorgen-Unterredung und an Alles, was er in den letzten neun
Tagen gesehen, erinnerte, fühlte er, daß er ihn in Anregung bringen
~mußte~.

„Die Beschäftigung, der er sich unter der Herrschaft dieses so
glücklich geheilten Seelenleidens widmete,“ sagte Mr. Lorry mit einem
Räuspern, „war Schmiedearbeit, wollen wir sagen, Schmiedearbeit. Wir
wollen annehmen, um die Sache deutlich zu machen, daß er sich in seiner
schlimmen Zeit gewöhnt hatte, an einer kleinen Schmiede zu arbeiten.
Wir wollen sagen, daß man ihn unerwartet wieder an seiner Schmiede
gefunden. Ist es nicht zu beklagen, daß er sie bei sich behält?“

Der Doctor hielt die Hand vor die Augen und klopfte unruhig mit dem
Fuße auf den Boden.

„Er hat sie immer bei sich behalten,“ sagte Mr. Lorry mit einem bangen
Blick auf seinen Freund. „Wäre es aber nun nicht besser, wenn er sie
fortschaffte?“

Immer noch hielt der Doctor die Hand vor die Augen und klopfte mit dem
Fuß unruhig auf den Boden.

„Sie finden es nicht leicht, mir einen Rath zu ertheilen?“ sagte Mr.
Lorry. „Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch
meine ich“ -- und hier schüttelte er den Kopf und hielt inne.

„Sie sehen,“ sagte _Dr._ Manette nach einer Pause, „es ist sehr
schwierig, die Bewegungen zu erklären, welche im innersten Gemüthe
dieses armen Mannes sich geregt haben. Er sehnte sich mit so heißer
Leidenschaft nach dieser Beschäftigung und sie war ihm so willkommen
als sie kam; sie erleichterte jedenfalls seinen Schmerz so sehr
dadurch, daß sie ihn von der Qual des Nachdenkens über Vergangenheit
und Zukunft ablenkte, daß er seitdem den Gedanken nicht hat ertragen
können, sich ganz von ihr zu trennen. Selbst jetzt, wo -- wie ich
glaube -- er seine Sache für hoffnungsvoller hält, als je zuvor und von
sich sogar mit einer Art Zuversicht spricht, erfüllt ihn der Gedanke,
daß er die alte Beschäftigung brauchen und nicht bei der Hand haben
könnte mit einem plötzlichen Gefühl des Entsetzens gleich demjenigen,
was -- wie man sich vorstellen kann -- ein im Walde verirrtes Kind
empfindet.“

Er sah aus wie das Gleichniß, das er brauchte, als er die Augen erhob,
um Mr. Lorry anzusehen.

„Aber kann nicht -- bedenken Sie wohl, ich frage, um mich zu
unterrichten als ein einfacher Geschäftsmann, der nur mit so
materiellen Gegenständen wie Guineen, Schillingen und Banknoten zu thun
hat -- kann nicht das Beisichbehalten der Sache das Festhalten an dem
Gedanken nach sich ziehen? Wenn die Sache fortwäre, lieber Manette,
könnte da nicht auch die alte Furcht mit weichen? Kurz -- ist es nicht
eine Nachgiebigkeit an die Furcht, die Schmiede zu behalten?“

Es folgte eine andere Pause.

„Sie müssen auch wissen,“ sagte der Doctor mit zitternder Stimme, „daß
sie eine so alte Gefährtin ist.“

„Ich würde sie nicht behalten,“ sagte Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn
er wurde um so fester, jemehr er sah, daß der Doctor unruhig wurde.
„Ich würde rathen, sie zu opfern. Mir fehlt nur Ihre Erlaubniß. Ich bin
überzeugt, daß es nicht gut thut. Ich bitte Sie, geben Sie mir Ihre
Erlaubniß! -- Um seiner Tochter willen, lieber Manette.“

Es war sehr seltsam anzusehn, welch’ ein innerlicher Kampf ihn
erschütterte.

„Gut, so mag es in Ihrem Namen geschehen; ich gebe meine Einwilligung.
Aber ich würde sie nicht wegnehmen während seiner Anwesenheit. Ich
rathe, sie zu entfernen, wenn er nicht da ist; das Beste ist, er
vermißt seine alte Begleiterin, wenn er von einer Reise wiederkehrt.“

Mr. Lorry machte sich dazu verbindlich und die Conferenz hatte ein
Ende. Sie verbrachten den Tag auf dem Lande und der Doctor war ganz
wieder hergestellt. An den drei folgenden Tagen blieb er ganz derselbe
und am vierzehnten Tage reiste er ab, um sich zu Lucien und ihrem
Gatten zu begeben. Mr. Lorry hatte ihm vorher auseinandergesetzt,
welche kleine Täuschung er sich erlaubt hatte, um sein Schweigen zu
erklären und er schrieb in diesem Sinne an Lucie und sie schöpfte
keinen Verdacht.

Am Abend des Tags seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem
Hackmesser, einer Säge, einem Meißel und einem Hammer, begleitet von
Miß Proß mit einer brennenden Kerze, in des Doctors Zimmers. Dort bei
geschlossenen Thüren und in geheimnißvoller und schuldbewußter Weise
zerhackte Mr. Lorry die Schusterbank, während Miß Proß die Kerze hielt,
als ob sie Gehülfin bei einem Morde wäre -- wozu in der That ihr
grimmiges Gesicht nicht schlecht paßte. Darauf schritt man ohne Verzug
zum Verbrennen der Stücke an’s Küchenfeuer, und das Arbeitszeug, die
Schuhe und das Leder wurden im Garten begraben. So böse erscheinen
Zerstörungen und Geheimthun ehrlichen Gemüthern, daß Mr. Lorry und
Miß Proß während der Ausführung ihrer That und des Wegschaffens ihrer
Spuren fast wie Theilnehmer an einem schrecklichen Verbrechen sich
fühlten und auch so aussahen.

[Illustration: ~Die Mitschuldigen.~]



Zwanzigstes Kapitel.

Eine Bitte.


Als das junge Ehepaar von seiner Reise zurückkehrte, war der Erste,
der mit seinen Glückwünschen sich einstellte, Sydney Carton. Sie waren
noch nicht viele Stunden zu Hause, als er erschien. Weder in seinen
Lebensgewohnheiten, noch in seinem Aussehen, noch in seinen Manieren
hatte er sich gebessert; aber er hatte ein gewisses Aussehen rauher
Treue, welches Charles Darnay noch nicht an ihm beobachtet hatte. Er
benutzte eine Gelegenheit, um Darnay bei Seite in ein Fenster zu nehmen
und mit ihm zu reden, wo es Niemand hörte.

„Mr. Darnay,“ sagte Carton, „ich wünschte, wir wären Freunde.“

„Wir sind schon Freunde, hoffe ich.“

„Sie sind gütig genug, dies als bloße Redeformel zu sagen; aber ich
meine keine Redeform. In der That aber, wenn ich sage, ich wünschte wir
wären Freunde, so meine ich eigentlich auch das nicht so ganz.“

Charles Darnay, wie das nur natürlich war, fragte ihn in aller
Freundlichkeit, was er meine?

„Wahrhaftig,“ sagte Carton mit einem Lächeln, „ich finde viel leichter
das selbst zu begreifen, als es Ihnen begreiflich zu machen. Aber
ich will es versuchen. Sie erinnern sich an eine gewisse famose
Gelegenheit, wo ich betrunkener war, als -- als gewöhnlich.“

„Ich erinnere mich an eine gewisse famose Gelegenheit, wo Sie mich
zwangen zu gestehen, daß Sie getrunken hatten.“

„Ich erinnere mich auch daran. Der Fluch dieser Gelegenheit liegt
schwer auf mir, denn ich denke immer daran zurück. Ich hoffe, es wird
mir eines Tages, wenn alle Tage für mich zu Ende sind, angerechnet
werden! -- Werden Sie nicht unruhig; ich will keine Predigt halten.“

„Ich werde gar nicht unruhig. Es kann mich durchaus nicht beunruhigen,
wenn Sie Etwas ernst auffassen.“

„Ach!“ sagte Carton mit einer gleichgültigen Bewegung der Hand, als
ob er dies wegstreifte. „Bei der fraglichen Gelegenheit (eine von
einer langen Reihe -- wie Sie wissen) war ich unerträglich mit einem
Geschwätz von: Sie gern haben und nicht gern haben. Ich wünschte, Sie
könnten es vergessen.“

„Ich habe es längst vergessen.“

„Wieder eine bloße Redeform! Aber, Mr. Darnay, mir fällt das Vergessen
nicht so leicht, wie Sie es bei sich darstellen wollen. Ich habe es
keineswegs vergessen und eine meine Worte leicht hinnehmende Antwort
trägt nichts dazu bei, es mich vergessen zu machen.“

„Wenn Sie meine Antwort für leichthin gegeben halten, so bitte ich
um Verzeihung,“ sagte Darnay. „Ich wollte nur von einer Kleinigkeit
abkommen, die Ihnen zu meiner Verwunderung zu schwer auf der Seele
liegt. Ich erkläre Ihnen auf das Wort eines Gentleman, daß ich die
Sache längst vergessen habe. Guter Gott! was war dabei zu vergessen?
Hatte ich in dem großen Dienste, den Sie mir an jenem Tage leisteten,
nichts Wichtigeres zu behalten?“

„Was den großen Dienst betrifft,“ sagte Carton, „so fühle ich mich
verpflichtet, Ihnen zu gestehen, wenn Sie in dieser Weise davon reden,
daß es ein bloßer Advocaten-Effect war. Ich weiß nicht, daß ich mich
bekümmerte was aus Ihnen würde, als ich Ihnen diesen Dienst leistete.
-- Merken Sie wohl! Ich sage: Als ich ihn leistete; ich spreche von der
Vergangenheit.“

„Sie stellen die Verpflichtung als sehr leicht dar; aber ich will nicht
über Ihre Antwort böse sein.“

„Die reine Wahrheit, Mr. Darnay, glauben Sie mir! Doch ich bin von
meinem Zwecke abgekommen; ich sagte: ich wünschte, wir möchten Freunde
sein; nun kennen Sie mich: Sie wissen, daß ich aller höheren und
besseren Bestrebungen unfähig bin. Wenn Sie es bezweifeln, so fragen
Sie Stryver und er wird es Ihnen sagen.“

„Ich ziehe vor, mir meine eigene Meinung zu bilden, ohne ihn zu Hülfe
zu nehmen.“

„Gut! Jedenfalls wissen Sie, daß ich ein liederlicher Mensch bin, der
nie zu etwas Gutem nütze gewesen ist und sein wird.“

„Ich weiß nicht, was Sie ~sein werden~.“

„Aber ich weiß es und Sie müssen mein Wort dafür nehmen. Gut: Wenn es
Ihnen Nichts ausmacht, einen so nutzlosen Kerl und einen Kerl von so
zweideutigem Rufe gelegentlich hier ab- und zugehen zu sehen, so bitte
ich, mir zu erlauben, daß ich als privilegirte Person hier kommen und
gehen darf; daß man mich als ein nutzloses (und ich würde hinzusetzen,
wenn ich nicht eine Aehnlichkeit zwischen mir und Ihnen entdeckt hätte:
als ein nicht zur Zierde gereichendes) Stück Möbel betrachtete, das
alter Dienste wegen geduldet und nicht weiter beachtet wird. Ich glaube
nicht, daß ich die Erlaubniß mißbrauchen werde. Ich wette hundert gegen
Eins, daß ich sie schwerlich viermal des Jahres benutze. Aber ich
gestehe, es würde mir eine Befriedigung sein zu wissen, daß ich sie
hätte.“

„Wollen Sie’s versuchen?“

„Das heißt mit andern Worten: daß Sie mich ganz so betrachten wollen,
wie ich’s wünsche. Ich danke Ihnen, Darnay. Ich darf mir diese Freiheit
mit Ihrem Namen erlauben?“

„Ich sollte meinen, Carton.“

Sie schüttelten sich darauf die Hand und Sydney wendete sich weg. Eine
Minute später war er allem äußeren Anschein nach so sehr ein bloßes
Nebenstück wie je. Als er fort war und im Verlauf eines mit Miß Proß,
dem Doctor und Mr. Lorry zugebrachten Abends erwähnte Charles Darnay
diese Unterredung in allgemeinen Andeutungen und sprach von Sydney
Carton als ein Räthsel der Sorglosigkeit und Unbekümmertheit um die
Zukunft. Er sprach nicht von ihm in bitteren oder tadelnden Ausdrücken,
sondern wie Jemand, der ihn sah, wie er sich zeigte.

Er hatte keine Ahnung, daß seine hübsche junge Gattin sich darüber
Gedanken machen würde; aber als er später in ihr Zimmer zu ihr kam,
wartete sie auf ihn mit dem alten hübschen sinnenden Ausdruck auf der
Stirn.

„Wir machen uns heute Abend Gedanken?“ -- sagte Darnay, indem er seinen
Arm um sie legte.

„Ja, liebster Charles,“ gab sie ihm zur Antwort, indem sie ihn fragend
und aufmerksam ansah; „wir sind ziemlich nachdenklich heute Abend, denn
wir haben Etwas auf dem Herzen.“

„Was ist es, liebe Lucie!“

„Willst Du mir versprechen, mich nicht mit einer Frage zu bedrängen,
wenn ich Dich bitte, sie nicht zu stellen?“

„Ob ich es versprechen will? Was würde ich nicht meiner Lucie
versprechen?“

Ja, wahrhaftig! was hätte er ihr versagen können, wie er ihr mit der
einen Hand das goldne Haar von der Wange zurückstrich und die andere
auf das Herz legte, das für ihn schlug!

„Ich glaube, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und
Achtung, als sich in den Worten, die Du heute von ihm brauchtest,
aussprach.“

„Wahrhaftig, mein Herz? Wie so?“

„Das ist eben das, was Du mich nicht fragen sollst. Aber ich glaube --
ich weiß, er verdient es.“

„Wenn Du es weißt, so genügt es. Was verlangst Du von mir, mein Leben?“

„Ich wollte Dich bitten, Liebster, immer sehr entgegenkommend gegen ihn
zu sein und sehr nachsichtig mit seinen Fehlern, wenn er nicht dabei
ist. Ich wollte Dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, das er
selten, sehr selten zeigt und daß tiefe Wunden darin sind. Geliebter,
ich habe es bluten sehen.“

„Es schmerzt mich tief,“ sagte Charles ganz erstaunt, „daß ich ihm
irgendwie Unrecht gethan habe. Ich habe dies nie von ihm gedacht.“

„Lieber Mann, es ist so. Ich fürchte, er ist nicht anders zu machen;
es ist kaum zu hoffen, daß in seinem Charakter oder in seinen
Vermögensverhältnissen noch etwas zu bessern ist. Aber ich bin
überzeugt, daß er des Guten und selbst des Edeln und Großherzigen fähig
ist.“

Sie sah in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlornen Menschen so
schön aus, daß ihr Gatte sie jetzt stundenlang hätte anblicken können.

„Und ach! mein Herz,“ bat sie, indem sie ihn fester umschlang, das
Köpfchen an seine Brust legte und zu ihm emporblickte, „vergiß nicht,
wie stark wir sind in unserem Glück und wie schwach er ist in seinem
Elend.“

Die Bitte drang ihm in’s Herz.

„Ich werde es nie vergessen, liebes Herz! Ich werde es nie vergessen,
so lange ich lebe.“

Er beugte sich zu ihr hernieder, küßte den rosigen Mund und schloß
sie fest in seine Arme. Wenn ein einsamer Wanderer durch die dunkeln
Straßen jetzt ihr unschuldiges Bekenntniß hätte hören und die
Mitleidsthränen hätte sehen können, welche ihr Gemahl von dem sanften
blauen Auge wegküßte, die ihn so liebevoll ansahen, so hätte nicht zum
erstenmale sein Mund die Worte gesprochen:

„Gott segne sie ihres holdseligen Mitleids willen!“



Einundzwanzigstes Kapitel.

Wiederhallende Schritte.


Wie schon gesagt, war es eine wunderbare Ecke für Echo’s -- die Ecke,
wo der Doctor wohnte. Immer geschäftig den goldnen Faden aufrollend,
der ihren Gatten und ihren Vater und sie und ihre alte Haushälterin
und Gefährtin zu einem Leben ruhigen Glücks verband, saß Lucie in dem
stillen Hause in der gedämpft wiederhallenden Ecke und lauschte dem
Wiederhalle der Schritte von Jahren.

Zuerst gab es Zeiten, wo ihr -- obgleich sie sich vollkommen glücklich
als junge Gattin fühlte -- langsam die Arbeit aus den Händen sank und
ihre Augen sich trübten; denn es kam etwas in Echo’s, ein leichtes
Trippeln aus weiter Ferne -- fast noch nicht hörbar, was ihr Herz zu
sehr erzittern machte. Aufgeregte Hoffnungen und Zweifel -- Hoffnungen
auf eine Liebe, wie sie ihr noch unbekannt war, -- Zweifel, ob sie auf
der Erde bleiben würde, um dieses neue Glück zu genießen, stritten sich
in ihrer Brust. Unter den Echo’s klang es dann manchmal wie der Schall
von Schritten an ihrem eignen frühen Grabe, und der Gedanke an den
Gatten, der alsdann so allein zurückbleiben und sie so sehr bedauern
würde, füllte ihre Augen mit heißen Thränen.

Diese Zeit ging vorüber und eine kleine Lucie lag an ihrer Brust.
Dann vernahm man unter den nahenden Echo’s den Schall ihrer kleinen
Füßchen und ihrer kindlich plaudernden Stimme. Mögen stärkere Echo’s
noch so voll erschallen, -- diese hörte die junge Mutter an der Wiege
immer kommen. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig von dem
fröhlichen Lachen des Kindes und der göttliche Kinderfreund, dem sie
in ihren Sorgen das ihrige anvertraut hatte, schien das Kind in seine
Arme zu nehmen, wie er die Kinder vor Zeiten nahm, und machte es ihr zu
einer heiligen Freude.

Immer geschäftig den goldenen Faden aufrollend, der sie Alle
zusammenband, und freundliches Glück überall verbreitend, wohin sie
blickte, hörte Lucie in den Echo’s von Jahren nur wohlthuende und
tröstende Klänge. Der Schritt ihres Mannes klang kräftig und glücklich
unter ihnen; der ihres Vaters fest und gleichmäßig; ja selbst Miß
Proß, im Geschirr von Bindfaden, weckt den Wiederhall als feuriges Roß
mit der Peitsche gezüchtigt, schnaubend und die Erde stampfend, unter
der Platane im Garten! Selbst wenn man unter den übrigen Klänge des
Schmerzes vernahm, waren sie nicht bitter und verzweifelnd. Selbst wenn
goldenes Haar, wie ihr eigenes, wie ein Glorienschein auf einem Kissen
um das abgezehrte Gesicht eines Knaben lag und er mit strahlendem
Lächeln sagte: „Lieber Papa und liebe Mama! es schmerzt mich sehr, Euch
Beide zu verlassen und meine hübsche Schwester; aber man ruft mich
und ich muß fort!“ -- so waren es nicht lauter Thränen des Schmerzes,
welche die Wangen der jungen Mutter benetzten, als die kindliche Seele
von ihr schied. Man dulde sie und verbiete sie nicht. „Sie sehen meines
Vaters Antlitz.“ O Vater! gesegnete Worte!

So mischte sich das Rauschen der Flügel eines Engels unter die andern
Echo’s und sie waren nicht ganz von dieser Erde, sondern unter ihnen
war dieser Hauch vom Himmel. Auch Seufzer des Windes, die über ein
kleines Gartengrab wehten, mischten sich darunter und Lucie vernahm
sie durch die stille Luft, wie die kleine Lucie mit komischem Ernst
sich ihrer Morgenaufgabe widmend oder zu Füßen ihrer Mutter eine Puppe
anputzend in den Zungen der beiden Städte plauderte, in deren Leben das
ihrige verwebt war.

Selten gaben die Echo’s die Schritte Sydney Cartons zurück. Höchstens
ein halb Dutzendmal des Jahres machte er von seinem Vorrechte Gebrauch,
uneingeladen zu kommen, und saß unter ihnen den ganzen Abend lang. Er
kommt nie von Wein erhitzt. Und etwas Anderes flüstern von ihm die
Echo’s, was ächte Echo’s zu allen Zeiten geflüstert haben.

Hat ein Mann wirklich ein Weib geliebt, sie verloren und sie dann
tadellos -- obgleich unverändert -- als Gattin und Mutter gekannt, so
werden ihre Kinder stets eine seltsame Sympathie mit ihm haben -- ein
instinctartiges zartes Mitleiden mit ihm. Welch verborgene Fiber in der
Seele dabei angerührt werde, kann kein Echo verkünden; aber es ist an
dem und es war auch hier der Fall. Carton war der erste Fremde, welchen
die kleine Lucie ihre runden Aermchen entgegenstreckte, und wie sie
heranwuchs, behauptete er seinen Platz bei ihr. Der Kleine hatte fast
noch zuletzt von ihm gesprochen. „Der arme Carton! Küßt ihn von mir!“

Mr. Stryver machte sich Platz unter den Juristen wie eine große
Maschine, die sich durch trübes Wasser vorwärts arbeitet, und zog
seinen nützlichen Freund hinter sich her wie ein in’s Schlepptau
genommenes Boot. Da ein in solcher Lage befindliches Boot gewöhnlich
sehr hin- und hergeworfen wird und meistens unter Wasser ist, so hatte
auch Sydney ein feuchtes Leben zu führen, aber leichte und starke
Gewohnheit, die leider in ihm viel leichter und stärker war als das
anstachelnde Gefühl von Ehre oder Schande, machte es für ihn zum
rechten Leben; und er dachte nicht mehr daran aufzuhören, des Löwen
Schakal zu sein, als ein wirklicher Schakal daran denken würde ein Löwe
zu werden. Stryver war reich, hatte eine blühende Wittwe mit Vermögen
und drei Knaben geheirathet, die nichts besonderes Glänzendes an sich
hatten, als das glatte Haar ihrer runden Köpfe.

Diese drei jungen Herren hatte Mr. Stryver, aus jeder Hautpore
Gönnerschaft der beleidigendsten Art ausschwitzend, vor sich her wie
drei Schafe nach der stillen Ecke in Soho getrieben und sie Luciens
Gatten als Schüler angeboten mit den zartfühlenden Worten: „Heda, hier
sind drei Portionen Butterbrod und Käse für Ihr eheliches Pickenick,
Darnay!“ Die höfliche Zurückweisung dieser drei Portionen Butterbrod
und Käse hatte Mr. Stryver mit großer Entrüstung erfüllt, von der er
später bei der Erziehung der jungen Herren Nutzen zog, indem er ihnen
einprägte, sich vor dem Stolze von Bettlern, gleich jenem Schulmeister,
zu hüten. Auch pflegte er bei seinem schweren Wein Mrs. Stryver von
den Künsten zu erzählen, mit welcher Mrs. Darnay ihn voreinst zu
fangen versucht und wie er durch seine Schlauheit und Festigkeit
dieses Gefangenwerden verhindert habe. Einige seiner Bekannten vom
Kings-Benchgericht, die gelegentlich seinen schweren Wein und die Lüge
zu kosten bekommen, entschuldigten die letztere damit, daß er sie
so oft erzählt habe, daß er sie selbst glaube -- jedenfalls eine so
unverbesserliche Erschwerung eines ohnedies schon schweren Verbrechens,
daß sie rechtfertigen würde, einen solchen Verbrecher an einen
angemessenen abgelegenen Ort zu schaffen und ihn dort abseits zu hängen.

Diese waren unter den Echo’s, welche Lucie manchmal nachdenklich,
manchmal lachend und ergötzt, aber immer im Genuß stillen Glückes
in der wiederhallenden Ecke hörte, bis der sechste Geburtstag ihres
Töchterchens kam. Aber auch andere Echo’s hatten während dieser ganzen
Zeit aus der Ferne drohend herübergerollt, und gerade jetzt um die Zeit
dieses Geburtstags nahmen sie einen grauenhaften Ton an, als bräche in
Frankreich ein schweres Unwetter mit fürchterlich stürmischer See los.

Eines Abends, Mitte Juli 1789, kam Mr. Lorry noch spät von Tellsons
und setzte sich neben Lucie und ihren Gatten in das dunkle Fenster.
Es war eine schwüle wetterdrohende Nacht und sie dachten alle Drei an
die längstvergangene Sonntagsnacht, wo sie an demselben Fenster den
Blitzen zugesehen hatten.

„Ich fing schon an zu denken, daß ich die Nacht bei Tellsons würde
zubringen müssen,“ sagte Mr. Lorry, indem er die braune Perrücke von
der Stirn zurückschob. „Wir haben heute so viel zu thun gehabt, daß wir
gar nicht wußten, was wir zuerst anfangen oder wohin wir uns wenden
sollten. Es herrschen solche Besorgnisse in Paris, daß man uns mit
Vertrauen geradezu überläuft! Unsere Kunden drüben scheinen nicht im
Stande zu sein, uns ihr Vermögen schnell genug anzuvertrauen. Es ist
offenbar unter ihnen eine Manie ausgebrochen, es herüber nach England
zu senden.“

„Das hat ein schlimmes Aussehn,“ sagte Darnay.

„Ein schlimmes Aussehn, sagen Sie, lieber Darnay? Ja! aber wir wissen
nicht, welcher Grund dafür vorhanden ist. Die Menschen sind so
unverständig! Einige von uns bei Tellsons werden alt und wir können uns
wirklich nicht ohne gehörige Veranlassung aus dem gewöhnlichen Schritt
bringen lassen.“

„Aber Sie wissen, wie düster und drohend der Horizont aussieht,“ sagte
Darnay.

„Das weiß ich recht wohl,“ stimmte Mr. Lorry bei, bemüht sich zu
überreden, daß seine gewöhnliche Gutmüthigkeit für diesen Abend zur
Säure geworden sei. „Aber ich bin entschlossen, nach dieses langen
Tages Last übler Laune zu sein. Wo ist Manette?“

„Hier ist er!“ sagte der Doctor, der gerade jetzt in das dunkle Zimmer
trat.

„Es freut mich, daß Sie zu Hause sind; denn diese übereilten Geschäfte
und die schlimmen Gerüchte, mit welchen ich den ganzen Tag zu thun
gehabt habe, haben mich ohne Grund ängstlich gemacht. Sie gehen doch
nicht aus -- hoff’ ich?“

„Nein; ich will eine Partie Triktrak mit Ihnen spielen, wenn Sie Lust
haben,“ sagte der Doctor.

„Ich glaube nicht, daß ich Lust habe, wenn ich aufrichtig sein darf.
Ich bin heute Abend nicht in Verfassung, es mit Ihnen aufzunehmen. Ist
die Theestunde noch nicht vorüber, Lucie?“

„Natürlich haben wir auf Sie gewartet.“

„Ich danke Ihnen, meine Gute. Ist das liebe Kind schon zu Bett?“

„Es ist zu Bett und schläft ruhig.“

„Das ist recht; Alles gesund und wohl! Ich weiß nicht, weshalb hier
etwas Anderes als Gesundheit und Wohlsein sein sollte -- Gott sei Dank!
Aber ich habe mich den ganzen Tag über so geärgert und ich bin nicht
mehr so jung, wie ich war! Thee, meine Gute? Danke Ihnen. Jetzt nehmen
Sie Ihren Platz in dem Kreise ein und dann wollen wir stillsitzen und
den Echo’s zuhören, über die Sie Ihre Theorie haben.“

„Keine Theorie; es war eine Phantasie.“

„Eine Phantasie denn, mein kluges Weibchen,“ sagte Mr. Lorry und klopfte
ihr liebkosend auf die Hand. „Aber es sind ihrer sehr viele und sie
sind sehr laut -- nicht wahr? Hören Sie nur!“

Ungestüm, toll und gefährlich sind die Schritte, wenn sie sich in
Jemandes Leben drängen -- Schritte, die, einmal roth gefärbt, nicht
leicht wieder rein zu machen sind, -- die Schritte, wie sie weit weg in
St. Antoine toben, während der kleine Kreis an dem dunkeln Fenster in
London sitzt.

St. Antoine war an diesem Morgen ein ungeheures schwarzes Hin- und
Herwogen von Vogelscheuchen gewesen und über den Wogen dieses Meeres
funkelte es häufig hell, wie Klingen und Bayonnette von Stahl in der
Sonne glänzen. Ein fürchterliches Gebrüll erscholl aus der Kehle
St. Antoine’s und ein Wald nackter Arme regte sich in der Luft, wie
verdorrte Baumäste in einem Wintersturm und jede Hand hielt krampfhaft
eine Waffe oder den Schein einer Waffe gepackt, welche die Tiefe
ausspie, Niemand konnte sagen wie weit her.

Wer die Waffen vertheilte, woher sie kamen, durch wessen Vermittelung
sie zu Dutzenden auf einmal wie eine Art Blitze über die Köpfe des
Gewühles hinfuhren, hätte Niemand in dem Gedränge sagen können;
aber Flinten wurden vertheilt und auch Patronen, Pulver und Kugeln,
Stangen von Eisen und Holz, Messer, Aexte, Piken, jede Waffe, welche
zornwüthender Scharfsinn entdecken oder ersinnen konnte. Leute, die
nichts anderes finden konnten, mühten sich mit blutenden Händen ab,
Steine und Ziegel aus der Mauer zu reißen. Jeder Puls und jedes Herz in
St. Antoine war in hoher Fieberhitze. Jedes lebendige Geschöpf daselbst
hielt das Leben für nichts und war mit einer wahnwitzigen Leidenschaft
erfüllt, es hinzuopfern.

Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so bewegt sich
alles dieses Gewühl im Kreise um Defarge’s Weinladen herum und jeder
Menschentropfen in dem Kessel zeigt eine Neigung, nach dem Mittelpunkte
hingezogen zu werden, wo Defarge, schon ganz schwarz von Pulver und
Schweiß, Befehle gab, Waffen vertheilte, diesen Mann zurückstieß, einen
Andern hervorzog, Einen entwaffnete, um den Andern zu bewaffnen und in
dem dichtesten Gewühl thätig war.

„Bleib in meiner Nähe, Jacques Drei!“ rief Defarge; „und Ihr Beide,
Jacques Eins und Zwei, stellt euch Jeder an die Spitze von so viel
Patrioten als Ihr zusammenbringen könnt. Wo ist meine Frau?“

„Hier bin ich!“ -- sagte Madame ruhig wie immer, aber für heute nicht
mit dem Strickstrumpf beschäftigt. Die entschlossene rechte Hand
Madames hielt eine Axt anstatt der friedlichen Stricknadeln und in
ihrem Gürtel stak ein Pistol und ein langes scharfes Messer.

„Wo gehst Du hin, Frau?“

„Vor der Hand mit Dir,“ sagte Madame. „Bald wirst Du mich an der Spitze
von Frauen sehen.“

„Vorwärts also!“ -- rief Defarge mit weithin hallender Stimme.
„Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Nach der Bastille!“

Mit einem Gebrüll, welches klang, als ob der Athem von ganz Frankreich
das verabscheute Wort gesprochen, erhob sich das lebendige Meer Welle
für Welle bis in die tiefsten Tiefen und fluthete hin nach jenem
Punkte. Die Sturmglocke läutete, Trommeln schallten, das Meer wüthete
und donnerte an seinen neuen Strand und der Angriff begann.

Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht
große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Durch das Feuer
und durch den Rauch -- in dem Feuer und in dem Rauch (denn das Meer
warf ihn gegen eine Kanone und in dem Augenblick war er ein Kanonier
geworden) arbeitete Defarge aus dem Weinschank wie ein mannhafter
Soldat zwei heiße Stunden lang.

Tiefer Graben, eine Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht
große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Eine Zugbrücke
gewonnen! „An’s Werk, Kameraden, an’s Werk! An’s Werk, Jacques
Eins, Jacques Zwei, Jacques Tausend, Jacques Zweitausend, Jacques
Zweihundertfünfzigtausend! Im Namen aller Engel und Teufel -- was Ihr
lieber habt --; an’s Werk!“ -- So rief Defarge aus dem Weinschank immer
noch an seiner Kanone, die längst heiß geworden war.

„Mir nach, Weiber!“ -- rief Madame, seine Frau. „Was? wir können so
gut todtschlagen, wie die Männer, wenn der Platz einmal genommen ist.“
Und um sie schaarten sich mit schrillem blutdürstigen Geschrei Haufen
von Frauen, verschiedenartig bewaffnet, aber alle gleichbewaffnet mit
Hunger und Rachedurst.

Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch; aber immer noch der tiefe Graben,
die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen
Thürme. Leichte Störungen in dem wüthenden Meer entstanden durch
die hinstürzenden Verwundeten. Blinkende Waffen, lodernde Fackeln,
qualmende Wagenladungen, feuchtes Stroh, harte Arbeit an Barrikaden
in allen Richtungen, Geheul, Gewehrsalven, Verwünschungen, Tapferkeit
ohne Ende, Kanonendonner und Flintengeknatter und das wüthende Toben
des lebendigen Meeres; aber immer noch der tiefe Graben und die letzte
Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme und
immer noch Defarge aus dem Weinschank an seiner Kanone, die durch den
Dienst von vier heißen Stunden doppelt heiß geworden ist.

Eine weiße Fahne auf der Festung und eine Verhandlung -- das läßt
sich undeutlich erkennen durch den wüthenden Sturm, der nichts hörbar
werden läßt, -- und plötzlich steigt das Meer höher und höher und spült
Defarge aus dem Weinschank über die heruntergelassene Zugbrücke an den
festen steinernen Außenmauern vorbei und mitten unter die acht großen
Thürme, die sich ergeben haben.

So unwiderstehlich war die Gewalt des ihn vorwärtstragenden Oceans,
daß er eben so wenig Athem schöpfen oder den Kopf umdrehen konnte,
als ob er in der Brandung des Südmeeres gekämpft hätte, bis er in dem
vorderen Hofe der Bastille wieder festen Fuß faßt. Hier erkämpft er
seinen Platz an einer Mauerecke und schaut um sich. Jacques Drei stand
fast unmittelbar neben ihm; Madame Defarge, immer noch an der Spitze
einiger ihrer Frauen, war weiter voraus sichtbar, das Messer in der
Hand. Ueberall Tumult, Jauchzen, betäubende und wahnwitzige Verwirrung,
rasendes Toben und doch eine wüthende stumme Pantomime.

„Die Gefangenen!“

„Die Acten!“

„Die geheimen Kerker!“

„Die Marterwerkzeuge!“

„Die Gefangenen!“

Von allen diesen Rufen und tausend unzusammenhängenden anderen
hörte man; „Die Gefangenen!“ -- am öftersten und deutlichsten
heraus aus dem Meere, das hereintoste als gäbe es eine Ewigkeit von
Menschen eben so gut wie von Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen
vorüberschossen und die Gefangenwärter mit fortrissen und sie alle
mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn nur ein einziger geheimster
Winkel unaufgeschlossen bliebe, legte Defarge seine starke Hand auf die
Brust eines dieser Männer -- eines Mannes mit einem grauen Kopf, der
eine brennende Fackel in der Hand hatte -- sonderte ihn von den übrigen
und brachte ihn zwischen sich und die Mauer.

„Zeigt mir den Nordthurm!“ -- sagte Defarge. „Rasch!“

„Ich will Euch getreulich hinführen,“ entgegnete der Mann. „Aber es ist
Niemand dort.“

„Was heißt Einhundert und Fünf, Nordthurm?“ -- fragte Defarge. „Rasch!“

„Was es heißt, Monsieur?“

„Ist damit ein Gefangener bezeichnet oder ein Kerker? Oder wollt Ihr,
daß ich Euch todtschlage?“

„Schlagt ihn todt!“ -- krächzte Jacques Drei, der dicht herangetreten
war.

„Monsieur! es ist ein Gefängniß.“

„Führt mich hin!“

„So kommen Sie diesen Weg.“

Jacques Drei, mit dem gewöhnlichen gierigen Ausdruck um Mund und Augen
und offenbar darüber getäuscht, daß das Zwiegespräch eine Wendung nahm,
die kein Blut versprach, hielt Defarge’s Arm gepackt, wie dieser den
Arm des Gefangenwärters gepackt hielt. Sie hatten während des Gesprächs
ihre drei Köpfe dicht zusammengesteckt und selbst so konnten sie kaum
einander verstehen -- so fürchterlich war das Toben des lebendigen
Meeres, wie es in die Festung eingebrochen war und die Höfe, Gänge
und Treppen überschwemmt hatte. Auch draußen rings herum schlug es
an die Mauern mit dumpfem Donner, aus welchem gelegentlich ein paar
vereinzelte Jubelrufe hervorbrachen und wie Wellenstaub in die Luft
flogen.

Durch düstere Gewölbe, wohin das Tageslicht nie gedrungen war, vorbei
an unheimlichen Thüren finsterer Löcher und Käfige, gruftartige Treppen
hinab und steile beschwerliche Stiegen von Stein und Ziegeln wieder
hinauf, die ausgetrockneten Wasserfällen ähnlicher waren als Treppen,
gingen Defarge, der Gefangenwärter und Jacques Drei festgeschlossen
Arm in Arm mit aller möglichen Eile. Hie und da, vorzüglich zu Anfang,
jagten einzelne Wogen der Ueberschwemmung an ihnen vorbei, aber als das
Abwärtssteigen vorbei war und sie auf steinerner Wendeltreppe einen
Thurm hinaufklimmten, waren sie allein. Hier eingeschlossen von den
dicken Mauern und Gewölben hörten sie von dem Sturm in der Festung
draußen nur ein fernes gedämpftes Rauschen, als ob das Getöse, in dem
sie sich eben noch befunden, fast ihren Gehörsinn vernichtet hätte.

Der Gefangenwärter machte an einer niedrigen Thüre Halt, steckte einen
Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete die Thüre langsam und
sagte, als sie sich Alle bückten und hineintraten:

„Einhundert und Fünf, Nordthurm!“

Hoch oben in der Mauer befand sich eine kleine mit einem schweren
Eisengitter verschlossene Oeffnung mit einem gemauerten Schirm
davor, sodaß man nur den Himmel erblicken konnte, wenn man sich tief
bückte und dann hinaufsah. Ein kleines nur wenige Fuß tiefes Kamin
mit schweren eisernen Stäben davor; ein Haufen alter weißgrauer
Holzasche auf dem Herde; ein Stuhl, ein Tisch und ein Strohlager: vier
geschwärzte Wände und ein verrosteter Eisenring in einer derselben.

„Leuchtet langsam an den Wänden hin, daß ich sie sehen kann,“ sagte
Defarge zu dem Gefangenwärter.

Der Mann gehorchte und Defarge folgte dem hellen Scheine sorgsam mit
den Augen.

„Halt! -- Sieh her, Jacques!“

„A -- M,“ krächzte Jacques Drei, wie er gierig las.

„Alexander Manette,“ sagte ihm Defarge in’s Ohr, indem er den
Buchstaben mit seinem von Pulver geschwärzten Zeigefinger folgte. „Und
hier hat er geschrieben: Ein armer Arzt. Und jedenfalls hat er auch
diesen Kalender in den Stein gekritzelt. Was habt Ihr in der Hand? Ein
Brecheisen? Gebt her!“

Er hatte immer noch den Ladestock seiner Kanone in der Hand. Jetzt
vertauschte er ihn rasch gegen das Brecheisen und schmetterte mit
wenigen Schlägen den wurmzerfressenen Stuhl und Tisch in Stücke.

„Haltet die Fackel höher!“ -- sagte er zornig zu dem Gefangenwärter.
„Jacques, suche sorgfältig unter diesen Stücken nach. Und wart! Hier
ist mein Messer! (Er warf es ihm hin.) Schneide das Bett auf und suche
im Stroh. Ihr da! Haltet die Fackel höher!“

Mit einem drohenden Blick auf den Gefangenwärter kroch er auf den Herd,
sah den Schornstein hinauf, klopfte an seine Wände mit dem Brecheisen
und schüttelte an den eisernen Stäben davor. Nach einigen Minuten fiel
etwas Kalk und Staub herab, dem er mit dem Kopfe auswich; und darin und
in der alten Holzasche und in vier Spalten im Schornstein, welche seine
Waffe gefunden oder gemacht hatte, suchte seine Hand sorgfältig.

„Nichts im Holze und nichts im Stroh, Jacques?“

„Nichts!“

„So wollen wir sie in der Mitte der Zelle auf einen Haufen sammeln. So!
Ihr da -- zündet ihn an!“

Der Gefangenwärter zündete den kleinen Haufen an, der hoch und heiß
emporloderte. Sie ließen es fortbrennen, bückten sich wieder, um
durch die niedrig gewölbte Thür zu kommen und kehrten nach dem Hofe
zurück. Erst allmälig auf dem Rückweg schienen sie das Gehör wieder zu
bekommen, bis sie wieder mitten in dem tosenden Meere waren.

Das Meer brandete und wogte hoch auf und wollte Defarge wieder haben.
St. Antoine rief laut nach seinem Weinschenken, damit er der Hauptmann
der Wache über den Commandanten sei, der die Bastille vertheidigt und
das Volk todtgeschossen hatte. Anders konnte der Commandant nicht
nach dem Stadthaus vor Gericht gebracht werden. Anders würde der
Commandant entweichen und das Blut des Volkes (das nach vieljähriger
Werthlosigkeit plötzlich einigen Werth bekommen hatte) ungerächt
bleiben.

In dem heulenden Meer von Leidenschaft und Wuth, das der finstere
alte Officier in seinem grauen Rock mit rothen Aufschlägen ganz
einzuschließen schien, gab es blos eine ganz ruhige Gestalt und dieß
war die Gestalt eines Weibes. „Seht -- dort ist mein Mann!“ rief
die Frau aus und wies auf ihn mit der Hand. „Seht Defarge!“ Sie
stand unbeweglich dicht neben dem finstern alten Officier und blieb
unbeweglich neben ihm stehen; blieb unbeweglich dicht neben ihm durch
die Straßen, wie Defarge und die Uebrigen ihn fortschleppten; blieb
unbeweglich dicht neben ihm, wie er seinem Ziele nahe war und Einer ihm
von hinten einen Schlag versetzte; blieb unbeweglich dicht neben ihm,
als der seit Langem gesammelte Regen von Stößen und Schlägen schwer
niederfiel; war so dicht neben ihm, als er todt zusammensank, daß sie
plötzlich lebendig geworden ihren Fuß auf sein Genick setzte und ihn
mit dem scharfen lange bereit gehaltenen Messer den Kopf abschnitt.

[Illustration: ~Der Sturm bricht los.~]

Die Stunde war gekommen, wo St. Antoine seine schreckliche Idee zur
Ausführung brachte, Menschen als Laternen in die Höhe zu ziehen,
um zu zeigen, was er sein und thun konnte. St. Antoines Blut war in
Wallung gekommen und das Blut der Tyrannei und der Herrschaft mit
eiserner Hand war geflossen -- geflossen die Stufen des Stadthauses
hinab, wo der Leichnam des Commandanten lag -- geflossen unter dem
Schuh der Madame Defarge, wo sie ihn auf die Leiche gesetzt hatte,
um diese besser köpfen zu können. „Laßt die Laterne herunter!“ rief
St. Antoine, nach dem er sich mit wildem Blick nach einer neuen
Todesart umgesehen; „hier müssen wir einen seiner Soldaten als Wache
zurücklassen!“ Die hängende Schildwache war an ihrem Posten und das
wüthende Meer wogte weiter....

Das Meer von schwarzen und drohenden Wassern und zerstörendem
Gegeneinanderwogen, dessen Tiefe noch unergründet und dessen Kräfte
noch unbekannt sind. Das erbarmungslose Meer von leidenschaftlich
bewegten Gestalten, Stimmen der Rache und Gesichtern, die in Leiden so
hart geworden sind, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr
auf sie machen kann.

Aber in dem Ocean von Gesichtern, auf welchen sich jede wilde und
grimmige Leidenschaft im lebendigsten Ausdruck zeigte, befanden sich
zwei Gruppen von Gesichtern -- von sieben Gesichtern jede -- die so
grell von den übrigen abstachen, daß noch kein Meer merkwürdigere
Wraks auf seinen Wogen getragen hat. Sieben Gesichter von Gefangenen,
plötzlich befreit von dem Sturme, der ihre Gruft gesprengt, wurden
hoch über den übrigen getragen; Alle erschrocken, verwirrt, verwundert
und erstaunt, als ob der jüngste Tag gekommen wäre und die rings um
sie Jauchzenden verlorne Seelen wären. Andere sieben Gesichter wurden
noch höher getragen -- sieben Leichengesichter, deren niedergesunkene
Augenlider und halb sichtbare Augen den jüngsten Tag erwarteten.
Gefühl- und regungslose Gesichter, aber mit einem etwas versteckten
Ausdruck -- nicht ganz ohne Ausdruck; Gesichter, die aussahen, als ob
sie jetzt nur in grauenhaften Schweigen verharrten, um seiner Zeit
wieder die heruntersinkenden Augenlider aufzuschlagen und mit blutlosen
Lippen Zeugniß abzulegen: ~Du hast es gethan!~

Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die
Schlüssel der von einem ganzen Volke verfluchten Festung mit den
acht starken Thüren, einige entdeckte Briefe und andere Andenken an
Gefangene aus alter Zeit, die längst an gebrochenem Herz gestorben
sind -- Solches und Aehnliches tragen die lauthallenden Schritte
St. Antoines durch die Straßen von Paris Mitte Juli Eintausend
siebenhundert und neunundachtzig. Möge der Himmel die Phantasie Lucie
Darnay’s täuschen und diese Schritte fern -- fern von ihrem Leben
halten! Denn sie sind ungestüm, wahnwitzig und gefährlich; und in den
Jahren, so lange nach dem Auseinandergehen des Fasses vor Defarge’s
Weinschank, sind sie nicht so leicht wieder rein zu waschen, wenn sie
einmal roth gefärbt sind.



Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Fluth steigt immer noch.


Der hohläugige St. Antoine hatte nur eine Jubelwoche gehabt, in welcher
er seine karge Portion von kargem und bittern Brode -- so weit möglich
-- mit brüderlichen Umarmungen und Beglückwünschungen gewürzt hatte,
als Madame Defarge wie gewöhnlich wieder hinter dem Ladentisch saß und
über die Gäste die Aufsicht führte. Madame Defarge trug keine Rose im
Kopftuch; denn die große Brüderschaft der Spione war in dieser einen
kurzen Woche ausnehmend scheu geworden, sich der Barmherzigkeit des
Heiligen anzuvertrauen. Die über die Straße hängenden Laternen hatten
sich einen unheimlich elastischen Schwung angewöhnt.

Madame Defarge saß mit über einander geschlagenen Armen im
Morgensonnenschein und schaute in den Weinladen und in die Straße
hinein. In beiden standen verschiedene Gruppen von ärmlichem und
schmutzigem Aussehen herum, aus deren Gesichtern aber zugleich
das Bewußtsein, etwas zu gelten, herausblickte. Die zerlumpteste
Nachtmütze, die schief über dem von Kummer und Noth todtbleichen
Gesichte hing, sprach deutlich genug: Ich weiß, wie schwer es mir, dem
Träger dieser Mütze, geworden ist, das Leben zu erhalten; aber weißt
du auch, wie leicht es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, dir
das Leben zu nehmen? Jeder nackte magere Arm, der bisher ohne Arbeit
gewesen ist, kann jetzt jeden Augenblick zu dieser Arbeit greifen,
wenn er nur will. Die Finger der strickenden Weiber zucken krampfhaft
mit dem Bewußtsein, daß sie zerreißen können. St. Antoine hat ein
anderes Aussehen gewonnen; hunderte von Jahren war es ihm eingehämmert
worden und die letzten vollendeten Schläge hatten den richtigen
Ausdruck mit gewaltiger Deutlichkeit herausgebracht.

Madame Defarge war sich dessen bewußt mit der unterdrückten Billigung,
wie sie bei der Führung der Frauen von St. Antoine zu wünschen war.
Eine von der Schwesterschaft strickte neben ihr. Die kleine, eher
runde Frau eines heruntergekommenen Gewürzhändlers und Mutter von zwei
Kindern hatte sich als zweite Führerin bereits den Ehrennamen des
Racheengels erworben.

„Horch!“ -- sagte der Racheengel. „Horch! Wer kommt?“

Als ob ein Pulverfaden von der äußersten Grenze des St.
Antoine-Viertels bis an den Weinschank gelegt und jetzt plötzlich
angezündet worden wäre, fliegt ein sich rasch verbreitendes Gemurmel
heran.

„Es ist Defarge,“ sagt Madame. „Still Patrioten!“

Defarge tritt athemlos herein, nimmt die rothe Mütze vom Kopfe und
sieht sich um.

„Hört -- Ihr Alle!“ -- sagt Madame. „Hört auf ihn!“

Defarge stand keuchend vor einem Hintergrund neugieriger Augen und
offener Mäuler, der sich draußen vor der Thür gebildet hatte; alle
Gäste im Weinschank waren aufgesprungen.

„Sprich, Mann! Was giebt es?“

„Neues aus der andern Welt!“

„Wie so?“ -- rief Madame verachtungsvoll. „Aus der andern Welt?“

„Erinnert Ihr Euch Alle an den alten Foulon, der den Hungernden sagte,
sie könnten Gras essen -- und der gestorben und zur Hölle gefahren ist?“

„Wir Alle,“ tönte es aus allen Kehlen.

„Die Nachrichten sind von ihm. Er ist unter uns!“

„Unter uns?“ -- tönte es wieder aus der allgemeinen Kehle. „Und todt?“

„Nicht todt! Er fürchtete sich so sehr vor uns -- und mit Grund -- daß
er sich für todt ausgeben und für sich ein großes Leichenbegängniß
ausrichten ließ. Aber sie haben ihn lebendig in einem Versteck in der
Provinz aufgefunden und ihn hergebracht. Ich habe ihn eben jetzt als
Gefangenen auf dem Wege nach dem Stadthause gesehen. Ich habe gesagt,
daß er Grund hatte uns zu fürchten. Sprecht Alle: hat er Grund?“

Armer alter Sünder von mehr als siebzig Jahren, wenn du es nie gewußt
hättest, so hättest du es jetzt gefühlt in deinem innersten Herzen,
wenn du das antwortende Geheul vernommen hättest!

Eine Pause tiefen Schweigens folgte. Defarge und seine Frau sahen
einander fest an. Der Racheengel bückte sich und man hörte eine Trommel
klappern, wie sie dieselbe unter dem Ladentische hervorholte.

„Patrioten!“ rief Defarge mit entschlossener Stimme, „sind wir fertig?“

Augenblicklich stak das Messer der Madame Defarge in ihrem Gürtel; die
Trommel rasselte auf der Straße, als ob sie und ein Trommler durch
Zauberei zu einander geflogen wären; und der Racheengel eilte mit
entsetzlichem Geschrei und ihre Arme um den Kopf bewegend wie vierzig
Furien auf einmal von Haus zu Haus, um die Kameradinnen zu rufen.

Die Männer waren schrecklich anzusehn in dem blutdürstigen Zorn, mit
welchem sie aus den Fenstern heraussahen, zu den Waffen griffen, die
Jeder bei der Hand hatte, und auf die Straße stürzten; aber der Anblick
der Frauen machte das Blut der Kühnsten gerinnen. Sie verließen die
häuslichen Beschäftigungen, zu denen sie in ihrer Entblößung und
bittern Armuth noch Veranlassung hatten, ließen ihre Kinder, ihre Alten
und ihre Kranken auf dem bloßen Fußboden halb verhungert und nackt
kauern und eilten hinaus mit fliegendem Haar und reizten mit wildestem
Geschrei und wildesten Geberden sich und Andere zum Wahnsinn. „Der
Schurke Foulon gefangen, Schwester! Der alte Foulon gefangen, Mutter!
Der Schuft Foulon gefangen, Tochter!“ Dann brach ein anderer Haufe in
die Mitte von diesen, schlug sich die Brüste, raufte sich das Haar aus
und kreischte: „Foulon am Leben, Foulon, der den Hungernden rieth, Gras
zu essen? Foulon, der meinem alten Vater sagte: Er könnte Gras essen,
als ich ihm kein Brod geben konnte! Foulon, der meinem Säugling sagte:
Er könnte Gras trinken, als diese Brüste vom Darben vertrocknet waren!
O Mutter Gottes -- dieser Foulon! O Himmel, unsre Noth! Höre mich,
mein verhungertes Kind! Höre mich, mein todter Vater: Ich schwöre auf
meinen Knieen hier auf diesem Steine, Euch an Foulon zu rächen! Gatten,
Brüder und Söhne, gebt uns das Blut Foulons! Gebt uns den Kopf Foulons!
Gebt uns das Herz Foulons! Gebt uns Leib und Seele Foulons! Zerreißt
Foulon in Stücke und scharrt ihn ein, damit Gras aus ihm wachsen möge!“

Mit diesem Geschrei wirbelten Schaaren von Frauen zu blinder Wuth
gereizt herum, schlugen -- ohne Unterschied zwischen Freund und Feind
zu machen -- um sich, bis sie vor Leidenschaft in Ohnmacht sanken und
vor dem Zertretenwerden nur von den Männern gerettet wurden, die zu
ihnen gehörten.

Dessenungeachtet ward kein Augenblick verloren; -- kein Augenblick!
Dieser Foulon befand sich auf dem Stadthaus und konnte freigelassen
werden. Niemals, wenn St. Antoine wußte, was für Noth, Unrecht und
Schmach er selbst hatte erdulden müssen! Bewaffnete Männer und Frauen
strömten so rasch aus dem Quartier und nahmen selbst die letzte Hefe
mit solcher Anziehungskraft mit sich fort, daß nach einer Viertelstunde
kein menschliches Geschöpf mehr in St. Antoine’s Schooß zu sehen war,
als ein paar alte Mütterchen und die schreienden Kinder.

Nein. Sie machten jetzt Alle den Gerichtssaal gepreßt voll, wo dieser
böse und häßliche alte Mann jetzt war, und flossen über in den freien
Platz und in die Straße in der Nachbarschaft. Die beiden Defarge’s,
Mann und Frau, der der Racheengel und Jacques Drei waren unter den
Vordersten und nicht weit von ihm im Gerichtssaal.

„Seht!“ rief Madame und wies mit dem Messer auf ihn. „Seht den alten
Schurken mit Stricken gebunden. Das war ein schöner Einfall, ihm einen
Büschel Gras auf den Rücken zu binden. Haha! Das war ein schöner
Einfall. Er mag es jetzt fressen!“ Madame nahm ihr Messer unter den Arm
und klatschte in die Hände, wie im Theater.

Da die Leute unmittelbar hinter Madame Defarge die Ursache ihrer
Befriedigung den hinter ihnen Stehenden mittheilten und diese
sie wieder Andern verkündeten und diese Anderen noch Anderen,
so durchhallte alsbald alle benachbarte Straßen ein rauschendes
Händeklatschen. In ähnlicher Weise wurden während zwei bis drei Stunden
langweiliger Gerichtsverhandlungen, in welchen mancher Scheffel voll
Wörterspreu geworfelt wurde, Madame Defarge’s häufige Aeußerungen der
Ungeduld mit wunderbarer Schnelligkeit in die Ferne getragen. Dies
war um so leichter, als verschiedene Leute, die mit erstaunlicher
Gewandtheit an der Außenseite des Gebäudes heraufgeklimmt waren und
zu den Fenstern hereinsahen, Madame Defarge recht gut kannten und als
Telegraph zwischen ihr und den Menschenmassen draußen dienten.

Endlich stieg die Sonne so hoch, daß sie einen freundlichen Strahl, wie
ein Zeichen der Hoffnung oder des Schutzes, unmittelbar auf das Haupt
des greisen Gefangenen warf. Das war zu viel; in einem Augenblick war
die Schranke von Staub und Spreu, die so lange gehalten hatte, in alle
vier Winde zerstreut und Saint Antoine hatte ihn!

Man wußte es sogleich bis an die äußersten Grenzen des Gewühles.
Defarge war blos über eine Schranke und einen Tisch gesprungen und
hatte den Unglücklichen in eine tödtliche Umarmung geschlossen --
Madame Defarge war gefolgt und hatte einen der Stricke, mit denen
er gebunden war, um ihre Hand geschlungen -- der Racheengel und
Jacques Drei waren noch nicht heran und die Männer an den Fenstern
noch nicht in den Gerichtssaal heruntergeschossen wie Raubvögel von
ihrem hohen Horste -- als schon durch die ganze Stadt das Geschrei zu
erschallen schien: „Bringt ihn heraus! An die Laterne!“ Niedergeworfen
und emporgerissen, den Kopf zuvorderst auf die Stufen des Gebäudes,
jetzt auf den Knieen, jetzt auf den Beinen, jetzt auf dem Rücken,
geschleift und geschlagen und halb erstickt von den Bündeln Gras und
Stroh, die hunderte von Händen ihm in’s Gesicht stießen, -- zerrissen,
zerschlagen, keuchend, blutbedeckt, aber immer um Gnade bittend und
flehend; -- jetzt sich leidenschaftlich gegen sein Schicksal wehrend
mit einem kleinen freien Raume ringsum, wie die Leute sich einander
rückwärts zogen, um ihn besser sehen zu können; -- dann als ein
todter Klotz durch einen Wald von Beinen gezogen, schleppte man ihn
nach der nächsten Straßenecke, wo eine der verhängnißvollen Laternen
hing und hier ließ ihn Madame Defarge los -- wie eine Katze eine
Maus losläßt -- und sah ihn still und gefaßt an, während die Andern
Alles fertig machten und er sie um Erbarmen anflehte. Die ganze Zeit
über kreischten ihn die Weiber voller Leidenschaft an und die Männer
forderten voller Grimm, ihn mit Gras im Munde zu hängen. Einmal zogen
sie ihn hinauf und der Strick riß und sie fingen ihn mit Geheul in den
Armen auf; zum zweiten Male zogen sie ihn hinauf und der Strick riß und
sie fingen ihn mit Geheul in den Armen auf; dann war der Strick gnädig
und hielt ihn und sein Kopf stak bald auf einer Pike mit Gras genug im
Munde für St. Antoine, -- um bei dem Anblick desselben zu tanzen.

Das war noch nicht das Ende von der Arbeit dieses Tages, denn St.
Antoine brüllte und tanzte sein zorniges Blut so in die Hitze, daß es
wieder aufkochte, als er gegen Abend vernahm, daß der Schwiegersohn
des Ermordeten, auch ein Bedrücker und Feind des Volkes, mit einer
Wache von fünfhundert Mann blos an Reiterei nach Paris gekommen. Saint
Antoine schrieb seine Verbrechen auf große Papierbogen, bemächtigte
sich seiner -- hätte ihn aus dem Herzen einer Armee gerissen, um Foulon
Gesellschaft zu leisten! -- setzte seinen Kopf und sein Herz auf Piken
und trug die drei Eroberungen des Tages mit entmenschtem Geheul durch
die Straßen.

Nicht vor dunkler Nacht kehrten die Männer und Frauen zu den
schreienden und ohne Brod gelassenen Kindern zurück. Dann wurden die
ärmlichen Bäckerladen von langen Reihen belagert, die Alle geduldig
warteten, um schlechtes Brod zu kaufen; und während sie mit leeren
Magen warteten, vertrieben sie sich die Zeit mit beglückwünschenden
Umarmungen wegen der Siege des Tages und mit wiederholtem Genusse durch
Erzählen derselben. Allmälig verloren sich diese Gruppen zerlumpter
Leute, und dann begannen dürftige Lichter in hohen Fenstern zu scheinen
und dürftige Feuer wurden auf der Straße angemacht, an welchen Nachbarn
in Gemeinschaft kochten und dann vor der Thüre zu Abend aßen.

Es war ein kärgliches und ungenügendes Abendessen ohne Ahnung von
Fleisch oder der meisten andern Zuthat, als schlechtes Brod. Aber
menschliche Gemeinschaft flößte den steinharten Lebensmitteln
einigen Nahrungsstoff ein und wußte einige Funken von Heiterkeit
herauszulocken. Väter und Mütter, die ihren vollen Antheil an den
schlimmsten Blutthaten gehabt hatten, spielten gemüthlich mit ihren
abgemagerten Kindern, und Liebende mit einer solchen Welt um sich und
vor sich liebten und hofften.

Es war fast Morgen, als die letzte Gruppe Gäste Defarge’s Weinschank
verließ und Mr. Defarge zu Madame, seiner Frau, mit heiserer Stimme
sagte, als er die Thür verriegelte: „Endlich ist es gekommen, Frau!“

„Nun ja!“ -- entgegnete Madame. „Beinahe.“

St. Antoine schlief; die Defarge’s schliefen; selbst der Racheengel
schlief mit seinem heruntergekommenen Gewürzkrämer und die Trommel
ruhte. Die Stimme der Trommel war die einzige Stimme in St. Antoine,
welche Sturm und Blutvergießen nicht ermüdet hatte. Der Racheengel, als
Hüter der Trommel, hätte sie wecken und ihr dieselben Töne entlocken
können, wie vor der Einnahme der Bastille und vor dem Tode des alten
Foulon; aber anders war es mit den heiseren Stimmen der Männer und
Frauen von St. Antoine.



Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Feuer!


Es war eine Veränderung über das Dorf gekommen, wo der Brunnen
plätscherte und wo der Straßenarbeiter täglich hinausging, um aus
den Steinen auf der Landstraße die paar Bissen Brod herauszuklopfen,
welche seine arme unwissende Seele und seinen armen abgezehrten Körper
nothdürftig zusammenhielten. Das Gefängniß auf der Klippe sah nicht
mehr so herrisch wie früher darein. Es waren Soldaten als Wache darin,
aber nicht viele; es waren Officiere da, um die Soldaten zu bewachen,
aber keiner wußte, was seine Leute thun würden -- außer etwa, daß sie
wahrscheinlich nicht thun würden, was er ihnen beföhle.

Weit und breit sah man zu Grunde gerichtetes Land, das nichts als
Wüstenei war. Jedes grüne Blatt, jeder Gras- und Getreidehalm war so
zusammengeschrumpft und dürftig, wie die elende Bevölkerung. Alles war
entnervt, entmuthigt, gedrückt und gebrochen. Wohnungen, Einzäunungen,
Hausthiere, Männer, Weiber und Kinder und der Boden, der sie trug --
Alles ausgesogen und unfruchtbar geworden.

Monseigneur (oft als Individuum ein sehr würdiger Herr) war ein
Segen für die Nation, gab Allem einen ritterlichen Ton, war ein
elegantes Beispiel eines üppigen und glänzenden Lebens und noch viel
mehr ähnlicher Art; dessenungeachtet hatte Monseigneur als Stand auf
die eine oder andere Weise die Sachen auf diesen Punkt gebracht.
Merkwürdig daß die Schöpfung, ausdrücklich für Monseigneur gemacht,
sich so bald so ganz und gar ausquetschen läßt! Es muß doch etwas
Kurzsichtiges in den Anordnungen des Ewigen sein! So war es aber
doch; und da der letzte Tropfen Blut aus den Steinen herausgepreßt
und die letzte Schraube der Folter so oft gedreht worden war, daß sie
zu Schanden ging und sich drehte und drehte, ohne Etwas zu drücken,
so fing Monseigneur an, vor einer so gemeinen und unerklärlichen
Erscheinung davon zu laufen.

Aber das war nicht die Veränderung, die über dieses Dorf und viele
andere ähnliche Dörfer gekommen war. Seit zwanzig Jahren und länger
hatte Monseigneur es gedrückt und aufgesogen und es selten mit seiner
Gegenwart beehrt, als um die Freuden der Jagd zu genießen, die
bald im Hetzen der Leute, bald im Hetzen des Wildes bestanden, zu
dessen Erhaltung Monseigneur -- sehr erbaulich -- weite Strecken zur
unbebauten Wüstenei werden ließ. Nein. Die Veränderung bestand mehr in
dem Erscheinen fremder Gesichter gemeiner Art, als in dem Verschwinden
der vornehmen classischen und auch anderweitig seligen und beseligenden
Gesichtszüge Monseigneurs.

Denn in diesen Zeiten sah wohl der Straßenarbeiter, wie er einsam
im Staube arbeitete und sich selten mit dem Gedanken quälte, daß er
Staub sei und wieder Staub werden müsse, sondern viel häufiger mit dem
Gedanken beschäftigt war, wie wenig er zum Abendessen habe und wie viel
mehr er essen würde, wenn er es hätte -- in diesen Zeiten sah wohl
der Straßenarbeiter, wie er die Augen von seiner einsamen Arbeit erhob
und in die Landschaft hinausblickte, eine rauhe Gestalt zu Fuße sich
nähern, wie sie früher selten in diesen Gegenden gesehen wurde, jetzt
aber häufig war. Wie sie noch näher kam, bemerkte der Straßenarbeiter
ohne Verwunderung, daß es ein zottelhaariger Mann von fast barbarischem
Aussehen war, lang, in hölzernen Schuhen, die sogar dem Straßenarbeiter
zu plump vorkamen, mit finstern schwarzgebranntem Gesicht, beschmutzt
von dem Schlamm und Staub vieler Landstraßen, feucht von den sumpfigen
Ausdünstungen vieler tiefen Gründe, bestreut mit den Dornen und
Blättern und dem Moos vieler Schleichpfade durch die Wälder.

Ein solcher Mann kam über ihn wie ein Gespenst in der Mittagsstunde des
Julitages, wie er auf einem Steinhaufen unter einem Erdrücken saß, der
ihm einigen Schutz vor einem Hagelschauer gewährte.

Der Mann sah ihn an, sah das Dorf in der Tiefe an, die Mühle und das
Gefängniß auf der Klippe. Als er diese Gegenstände in sich aufgenommen,
sagte er in einem Dialekt, der eben noch verständlich war:

„Wie gehts, Jacques?“

„Alles wohl, Jacques!“

„Die Hand her!“

Sie gaben sich die Hände und der Mann setzte sich auf den Steinhaufen.

„Kein Mittagsessen?“

„Nichts als Abendessen jetzt!“ sagte der Straßenarbeiter mit hungrigem
Gesicht.

„Es ist die Mode,“ grollte der Andere. „Ich finde nirgends ein
Mittagsessen.“

Er holte eine schwarzgerauchte Pfeife hervor, stopfte sie, machte Feuer
mit Stahl, Stein und Schwamm und zog an der Pfeife, bis sie in heller
Gluth war. Dann hielt er sie plötzlich vor sich hin und ließ etwas
hineinfallen, was er zwischen Zeigefinger und Daumen hatte und was
aufflammte und mit einem Rauchwölkchen verpuffte.

„Die Hand her!“ Der Straßenarbeiter mußte es diesmal sagen, nachdem er
die ganze Manipulation beobachtet hatte. Sie reichten sich wieder die
Hände.

„Heute Nacht?“ sagte der Straßenarbeiter.

„Heute Nacht!“ sagte der Mann, indem er die Pfeife in den Mund steckte.

„Wo?“

„Hier!“

Er und der Straßenarbeiter saßen auf dem Steinhaufen und sahen sich
schweigend einander an, während der Hagel zwischen ihnen durchfuhr, bis
der Himmel über dem Dorfe wieder hell wurde.

„Zeigt mir’s!“ -- sagte nun der Reisende, indem er nach dem Kamm des
Hügels ging.

„Seht hin!“ -- entgegnete der Straßenarbeiter mit ausgestreckter Hand.
„Ihr geht hier hinab und gerade durch die Straße und am Brunnen
vorbei“ --

„Zum Teufel mit alle dem!“ unterbrach ihn der Andere und ließ sein
Auge über die Landschaft schweifen. „~Ich~ gehe durch keine Straße
und an keinem Brunnen vorbei. Also weiter!“

„Weiter also! Ungefähr zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels
hinter dem Dorfe.“

„Gut. Wann hört Ihr auf zu arbeiten?“

„Mit Sonnenuntergang.“

„Wollt Ihr mich wecken ehe Ihr nach Hause geht? Ich bin zwei Nächte
gewandert, ohne zu schlafen. Ich rauche meine Pfeife aus und werde dann
schlafen wie ein Kind. Wollt Ihr mich wecken?“

„Gewiß!“

Der Wanderer rauchte seine Pfeife aus, steckte sie in die Brust,
zog die schweren Holzschuhe aus und legte sich rücklings auf den
Steinhaufen. Einen Augenblick darauf lag er in tiefem Schlafe.

Während der Straßenarbeiter seine staubige Arbeit fortsetzte und die
weiter ziehenden Hagelwolken Streifen von hellem Himmel durchblicken
ließen, denen silberne Streifen auf der Landschaft entsprachen,
schien der kleine Mann (der jetzt eine rothe Mütze trug anstatt der
frühern blauen) von der Gestalt auf dem Steinhaufen ganz verzaubert
zu sein. Seine Augen wendeten sich so oft dorthin, daß er seinen
Hammer nur mechanisch gebrauchte und sehr wenig von Statten brachte.
Das sonnenverbrannte Gesicht, Haar und Bart so zottig und schwarz,
die grobwollene Mütze, der fremdartige Anzug von selbst gesponnenen
wollenen Stoff und rauhen Fellen, die ursprünglich mächtige aber von
schmaler Kost abgezehrte Gestalt und das mürrische und verzweifelte
Zusammenpressen der Lippen im Schlafe flößte den Straßenarbeiter ein
Grauen ein. Der Wanderer war weit gereist und seine Füße waren wund
und seine Knöchel blutig gerieben; seine großen Schuhe, mit Blättern
und Gras gestopft, hatten ihm den langen Weg schwer gemacht und in
seine Kleider waren Löcher gerathen. Der Straßenarbeiter bückte sich
über ihn und versuchte zu sehen, ob er Waffen versteckt in der Brust
oder sonst wo trage; aber vergebens, denn er schlief mit Armen, die
eben so entschlossen über seine Brust gekreuzt waren, als er den Mund
geschlossen hielt. Befestigte Städte mit ihren Palisaden, Wachthäusern,
Thoren, Gräben und Zugbrücken erschienen dem Straßenarbeiter als so
viel Luft gegenüber dieser Gestalt. Und wie er seine Augen von ihr zu
dem Horizonte emporhob und sich umschaute, sah seine Phantasie ähnliche
Gestalten, von keinem Hindernisse aufgehalten, über ganz Frankreich
nach gemeinsamem Mittelpunkte wandern.

Der Mann schlief fort, gleichgültig gegen Hagelschauer und schönes
Wetter dazwischen, gegen Sonnenschein auf sein Gesicht und Schatten,
gegen die ihn schlagenden Klümpchen von trübem Eis und gegen die
Diamanten, in welcher die Sonne sich verwandelte, bis die Sonne tief in
Westen stand und der Himmel glühte. Nun nahm der Straßenarbeiter sein
Arbeitszeug zusammen, um in das Dorf hinunter zu gehen und weckte den
Andern.

„Gut!“ sagte der Wanderer und lehnte sich auf seinen Ellenbogen in die
Höhe. „Zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels?“

„Ungefähr.“

„Ungefähr. Gut!“

Der Straßenarbeiter ging nach Hause, begleitet von dem Staube vor oder
hinter ihm, je nachdem der Wind sich wendete und war bald am Brunnen,
wo er sich unter die magern Kühe mischte, die dorthin zum Tränken
gebracht wurden und denen er sogar mit zuzuflüstern schien, während
er dem ganzen Dorfe halblaut erzählte. Als das Dorf sein kärgliches
Abendmahl genossen, schlich es sich nicht zu Bett wie gewöhnlich,
sondern trat wieder vor die Thür und blieb dort. Das Flüstern steckte
auf eine merkwürdige Weise an, und als das Dorf nach Dunkelwerden sich
um den Brunnen versammelte, zeigte es sich auch seltsam angesteckt
von der Leidenschaft, nur nach einer Richtung erwartungsvoll an den
Himmel zu blicken. Mr. Gabelle, Hauptbeamter des Ortes, wurde unruhig,
trat allein hinaus auf sein Hausdach und blickte nur nach dieser einen
Richtung, betrachtete hinter den Schornsteinen hervor die finster
werdenden Gesichter unten am Brunnen und ließ den Küster, der die
Kirchenschlüssel in Verwahrung hatte, sagen: es dürfte bald vielleicht
Veranlassung kommen, die Sturmglocke zu läuten.

Die Nacht wurde dunkler. Die Bäume und das alte Château, die es von der
gemeinen Welt abschlossen, rauschten in einem sich erhebenden Winde,
als ob sie den schweren dunkeln Steinmassen drohten. Der Regen lief
ungestüm die steinernen Stufen der beiden Treppenfluchten hinauf und
schlug an die große Pforte wie ein schneller Bote, der die darinnen
wecken will; einzelne Windstöße fuhren durch die Halle unter den alten
Jagdspießen und Messern herum und eilten klagend die Treppen hinauf und
schüttelte die Vorhänge des Bettes, in welchem der verstorbene Marquis
geschlafen hatte. Von Osten, Westen, Norden und Süden, durch die Wälder
kamen vier schwer einherschreitende ungekämmte Gestalten, das hohe
Gras niedertretend und durch die Zweige brechend und traten vorsichtig
in den Hof, wo sie sich begegneten. Vier Lichter zeigten sich dort
plötzlich und bewegten sich in verschiedenen Richtungen fort und Alles
war wieder finster.

Aber nicht lange. Gleich darauf fing das Château in seltsamer Weise an
bei seinem eigenen Schimmer sichtbar zu werden, als ob es leuchtend
würde. Dann spielte ein züngelndes Flämmchen hinter der Vordermauer,
suchte sich durchsichtige Stellen aus und zeigte sich, wo Balustraden,
Bogen und Fenster waren. Dann loderte es empor und wurde breiter und
heller. Bald brachen die Flammen aus einem Dutzend der großen Fenster
hervor und die aus starrem Schlaf erweckten steinernen Gesichter
stierten aus Feuersgluth heraus.

Stimmen wurden um das Haus laut von den wenigen Leuten, die dort
geblieben waren, und ein Pferd wurde gesattelt, auf dem ein Reiter in
die Nacht hinaussprengte. Er ritt in wilder Hast durch die Finsterniß
und machte erst Halt am Brunnen im Dorfe und das schaumbedeckte
Roß stand vor Mr. Gabelle’s Thür. „Hülfe, Gabelle! Hülfe, Hülfe!“
Ungeduldig läutete die Sturmglocke; aber andere Hülfe (wenn das eine
war) gab es nicht. Der Straßenarbeiter und zweihundertundfunfzig
vertraute Freunde von ihm standen mit übereinander geschlagenen Armen
am Brunnen und sahen sich die Feuersäule am Himmel an. „Das muß
vierzig Fuß hoch sein,“ sagten sie mit ingrimmigem Frohlocken, und
Keiner bewegte nur einen Finger.

Der Reiter vom Château und das schaumbespritzte Roß sprengten weiter
durch das Dorf und den felsigen Abhang hinan zu dem Gefängniß auf der
Klippe. An dem Thore stand eine Gruppe von Offizieren und sah dem
Feuer zu, abseits von ihnen eine Gruppe Soldaten. „Hülfe, Ihr Herren
Offiziere! das Château brennt; werthvolle Gegenstände können noch durch
rechtzeitige Hülfe gerettet werden. Hülfe! Hülfe!“

Die Offiziere blickten hin nach den Soldaten, welche dem Feuer zusahen,
ertheilten keine Befehle und gaben achselzuckend und sich ärgerlich in
die Lippen beißend zur Antwort: „Es muß brennen!“

Wie der Reiter hinaus durch das Dorf und durch die Straße
sprengte, illuminirte man im Dorfe. Der Straßenarbeiter und die
zweihundertundfunfzig vertrauten Freunde faßten den Gedanken zu
illuminiren wie ~ein~ Mann, liefen in alle Häuser hinein und
stellten Lichter hinter jede trübe Fensterscheibe. Der allgemeine
Mangel an Allem verursachte, daß man in einer etwas gebieterischen
Weise Lichter von Mr. Gabelle borgte; und als dieser Beamte einen
kurzen Augenblick sich widerwillig und säumig zeigte, bemerkte der
Straßenarbeiter, sonst so ehrerbietig gegen jede Autorität, daß
Kutschen gut wären, um Freudenfeuer anzuzünden und Postpferde gebraten
werden könnten.

Das Château blieb sich selbst überlassen und brannte fort. Ein
glühender Wind, geradewegs aus den höllischen Regionen kommend, fuhr
in die wilde Lohe hinein und schien das Gebäude wegzublasen. In dem
Auflodern und Niedergehen der Gluth sahen die steinernen Gesichter
aus, als verzögen sie sich vor Schmerz. Wie große Massen von Stein und
Balken niederstürzten, verdunkelte Qualm das Gesicht mit den beiden
Grübchen; dann trat es wieder aus dem Rauch hervor als wäre es das
Gesicht des hartherzigen Marquis, der auf dem Scheiterhaufen brannte
und mit den Flammen kämpfte.

Das Schloß brannte; die nächsten Bäume, von den Flammen ergriffen,
wurden versengt und schrumpften zusammen; ferner stehende Bäume, von
den vier wilden Gestalten angezündet, umgaben den brennenden Bau mit
einem neuen Wald von Rauch. Geschmolzenes Blei und Eisen kochte in dem
Marmorbecken des Brunnens; das Wasser vertrocknete, die Löschhorndächer
der Thürme verschwanden wie Eis in der Gluth und rannen in vier
gezackten Flammenbächen an der Wand herunter. Große Risse und Spalten
schossen in den festen Mauern ihre Zweige nach allen Richtungen, wie
eben entstandene Krystallisationen; betäubte Vögel flatterten herum
und stürzten in die Gluth; vier wilde Gestalten wanderten weiter nach
Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden die rauchumhüllten
Straßen entlang, geleitet von der Flamme, die sie angezündet, ihrem
nächsten Ziele zu. Das erleuchtete Dorf hatte sich der Sturmglocke
bemächtigt und läutete nach Beseitigung des rechtmäßigen Thürmers vor
Freuden.

Nicht nur das, sondern das Dorf, durch Hunger, durch das Feuer und
Glockengeläute einigermaßen verwirrt geworden, besann sich auf einmal,
daß Mr. Gabelle mit der Einsammlung von Pachtgeldern und Steuern zu
thun hatte -- obgleich Gabelle in der neuesten Zeit selbst sehr kleine
Abzahlungen von Steuern und Pachtgeldern gar nicht bekommen hatte --
und verlangte ungeduldig mit ihm zu sprechen. Als Mr. Gabelle den
wilden brüllenden Haufen sah, der sich vor seinem Hause versammelt
hatte, verriegelte er seine Thüre fest und zog sich zurück, um bei
sich Rath zu halten. Das Ergebniß dieser Conferenz war, daß Gabelle
sich abermals auf das Dach hinter den Schornstein zurückzog, diesmal
entschlossen, wenn man seine Thüre aufbräche (er war ein kleiner Mann
aus dem Süden von rachsüchtigem Temperament) sich kopfüber hinunter zu
stürzen und so ein oder zwei Mann todt zu schlagen.

Wahrscheinlich verbrachte Mr. Gabelle eine lange Nacht daselbst mit
der Aussicht auf das Schloß als Feuer und Licht, und dem Anschlagen an
seine Thür -- verbunden mit dem frohlockenden Geläute, als Musik, nicht
zu gedenken, daß ihm gegenüber vor dem Postgebäude eine Laterne hing,
die zu seinen Gunsten von ihrem Platze zu entfernen, das Dorf ungemein
viel Neigung zeigte. Ein prüfungsvoller Zustand, eine ganze Sommernacht
hindurch an dem Rande eines finstern Meeres zu stehen, bereit, den
Sprung hineinzuthun, auf den sich Mr. Gabelle gefaßt gemacht hatte.
Aber der Morgen, des Menschen Freund, graute endlich und die Lichter im
Dorfe waren ausgegangen und nun zerstreute sich glücklicher Weise das
Volk. Jetzt stieg auch Mr. Gabelle herunter, diesmal noch mit dem Leben
glücklich davon gekommen.

Im Umkreise von hundert Meilen und bei dem Schein anderer Feuer waren
in dieser Nacht und in andern Nächten andere Beamte weniger glücklich,
denn die aufgehende Sonne fand sie in voreinst friedlichen Straßen,
wo sie geboren und erzogen worden, erhenkt; und andere Dorf- und
Stadtbewohner waren weniger glücklich, als der Straßenarbeiter und
seine Genossen, denn die Beamten und Truppen wendeten sich mit Erfolg
gegen sie und henkten nun diese Partei. Aber die wilden Gestalten
gingen nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden festen
Schrittes, mochte geschehen was da wolle; und Wer immer aufgehängt ward
-- Feuer loderte. Die Höhe der Galgen, die es in Wasser verwandelt und
gelöscht hätten, konnte kein Beamter mit aller Kunst der Mathematik mit
Erfolg berechnen.



Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vom Magnetfelsen angezogen.


In solchem wilden Treiben voll Mord und Brand waren drei stürmische
Jahre vergangen. Drei neue Geburtstage der kleinen Lucie hatte der
goldne Faden in das friedliche Gewebe ihres Lebens zu Hause gewoben.

Manche Nacht und manchen Tag hatten die Bewohner dieses stillen Hauses
den Echo’s in der Ecke mit Herzen gelauscht, welche ihnen sanken, als
sie die stürmischen Schritte vernahmen; denn die Schritte klangen
ihnen wie die Schritte eines Volkes unter einem rothen Banner und mit
dem Rufe: „Das Vaterland ist in Gefahr!“ zu wildem Wahnsinn bewegt
und von schrecklichem, zu lange anhaltendem Zauberbann in reißende
Thiere verwandelt. Monseigneur als Stand hatte sich losgesagt von der
merkwürdigen Erscheinung, nicht gehörig gewürdigt und in Frankreich so
wenig gebraucht zu werden, daß er beträchtliche Gefahr lief, dort fort
und zugleich aus dem Leben geschickt zu werden. Wie der Bauer in den
Mährchen, der mit unendlicher Mühe den Teufel citirt hat und bei seinem
Anblick so erschrickt, daß er dem ewigen Feinde keine Frage vorlegen
kann, sondern sofort ausreißt, so hatte auch Monseigneur, nachdem er
viele, viele Jahre lang kühnlich das Vaterunser rückwärts gelesen und
manchen andern mächtigen Zaubersegen gesprochen, um den Gottseibeiuns
heraufzubeschwören, ihn kaum in seinen Schrecken gesehen, als er in
seinem hochadeligen Selbst sich aus dem Staube machte.

Das glänzende _Oeil de boeuf_ war verschwunden oder es wäre der
Zielpunkt eines Orkans von nationalen Kugeln geworden. Es war nie ein
gutes Auge zum Sehen gewesen -- hatte lange in sich den Splitter von
Lucifers Stolz, Sardanapals Ueppigkeit und eines Maulwurfs Blindheit
gelitten -- aber es war ausgefallen und verschwunden. Der Hof von dem
exclusivsten innersten Kreis bis zu dem äußersten verrotteten Kreise,
von Intrigue, Feilheit und Heuchelei -- war ebenfalls verschwunden.
Das Königthum war weg, war in seinem Palast belagert und „suspendirt“
worden, als die letzten Nachrichten herüberkamen.

Der August des Jahres Eintausend siebenhundert und zweiundneunzig war
gekommen und Monseigneur war um diese Zeit nach allen vier Weltgegenden
zerstreut.

In London war natürlich das Hauptquartier und der große Sammelplatz für
Monseigneur Tellsons Bank. Geister sollen die Orte heimsuchen, wo ihre
Körper am meisten verkehrten, und Monseigneur, ohne eine Guinee, suchte
das Haus heim, wo ehedem seine Guineen zu sein pflegten. Außerdem war
es der Ort, wohin die zuverlässigsten Nachrichten aus Frankreich am
schnellsten kamen. Außerdem waren Tellsons ein nobles Haus und zeigten
sich sehr großmüthig gegen alte Kunden, die von ihrer hohen Stellung
herabgekommen waren. Ferner waren die Edelleute, welche noch bei Zeiten
das kommende Unwetter gewahr geworden und in Voraussicht von Plünderung
oder Confiscation vorsorglich Tellsons Rimessen gemacht hatten, dort
für ihre dürftigen Standesgenossen immer zu erfragen. Dazu kommt noch,
daß jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten
-- fast als verstände es sich von selbst -- bei Tellsons meldete.
Aus diesen vielen Gründen waren Tellsons damals -- was französische
Nachrichten betrifft -- eine Art von Hauptbörse; und dies war im
Publikum sowohl bekannt und es kamen dem zu Folge so häufig Nachfragen,
daß Tellsons manchmal die neuesten Nachrichten auf einen Zettel
schrieben und ihn in das Comptoirfenster steckten, damit Alle, welche
durch das Tempelthor kamen, sie lesen konnten.

An einem nebelfeuchten Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pulte und
Charles Darnay stand neben ihm und unterhielt sich mit ihm halblaut.
Die Strafzelle, in welcher früher die Conferenzen mit dem „Hause“
stattfanden, war jetzt die Nachrichtenbörse und zum Ueberfließen voll.
Es war eine halbe Stunde ungefähr vor Schlußzeit.

„Aber wenn Sie auch der jüngste Mann unter den Lebenden wären,“ sagte
Charles Darnay mit einigen Zögern, „so müßte ich doch einwenden --“

„Ich verstehe. Daß ich zu alt bin?“ sagte Mr. Lorry.

„Schlechtes Wetter, eine lange Reise, Unsicherheit der Transportmittel,
Anarchie im Lande, eine Hauptstadt, die vielleicht selbst für Sie nicht
sicher ist --“

„Lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversicht, „Sie
erwähnen einige Gründe gegen mein Hinreisen, nicht gegen mein
Hierbleiben. Es ist sicher genug für mich; Niemand wird sich um einen
alten Kerl von nahe an die Achtzig kümmern, wo es so viele Leute giebt,
um die sich zu kümmern es mehr der Mühe verlohnt. Was die Anarchie
in der Hauptstadt betrifft, so wäre ohne diese Anarchie eben keine
Veranlassung, Jemanden von unserm Hause hier an unser Haus dort zu
schicken, der die Stadt und das Geschäft von Alters her kennt und
Tellsons Vertrauen besitzt. Was die Unsicherheit und die Länge der
Reise und das Winterwetter betrifft, so möchte ich wissen, wer sich ein
paar Unbequemlichkeiten für Tellsons aussetzen soll, wenn ich es nach
so vieljährigem Dienste nicht thue?“

„Ich wollte, ich könnte selbst gehen,“ sagte Charles Darnay voller
Unruhe wie Einer, welcher laut denkt.

„Wahrhaftig! Sie sind mir ein seltsamer Rathgeber!“ rief Mr. Lorry aus.
„Sie möchten selbst hinübergehen? und Sie -- ein geborner Franzose? Das
nenne ich einen gescheidten Einfall!“

„Mein lieber Mr. Lorry! -- eben weil ich ein geborner Franzose bin,
ist mir der Gedanke (den ich jedoch hier nicht aussprechen wollte)
oft durch den Kopf gegangen. Man kann nicht umhin zu glauben, wenn
man einiges Mitgefühl mit diesem armen Volke gehabt und ihm einige
Opfer gebracht hat“ -- er sprach jetzt in seiner vorigen in Gedanken
versunkener Weise -- „daß man Gehör finden und so viel Einfluß gewinnen
könnte, um manches Schlimme zu verhindern. Erst gestern Abend, nachdem
Sie uns verlassen hatten und ich mit Lucien sprach.“ --

„Als Sie mit Lucien sprachen,“ wiederholte Mr. Lorry. „Ja. Ich wundere
mich, daß Sie sich nicht schämen, Lucien beim Namen zu nennen! Sie
möchten in einer solchen Zeit in Frankreich sein?!“

„Nun ich reise ja doch nicht hin,“ sagte Charles Darnay mit einem
Lächeln. „Es ist mehr am Platze, wenn Sie sagen: Sie wollen reisen.“

„Ich werde auch reisen; im vollen Ernste. Die Wahrheit ist, mein lieber
Charles,“ (Mr. Lorry warf einen Blick auf das „Haus“ im Hintergrunde
und sprach mit gedämpfter Stimme) -- „Sie können sich keinen Begriff
machen von der Schwierigkeit, mit welcher unser Geschäft arbeitet, und
von der Gefahr, in welcher unsere Papiere und Bücher drüben sind. Der
Himmel weiß, wie viele Leute schwer compromittirt werden könnten, wenn
einige unserer Documente in fremde Hände kämen oder vernichtet würden;
und das kann in jedem Augenblick geschehen, wie Sie wissen; denn wer
kann sagen, daß Paris heute nicht in Brand gesteckt oder morgen nicht
geplündert wird? Nun kann kaum Jemand anders als ich (ohne Verlust
kostbarer Zeit) eine einsichtige Auswahl unter ihnen vornehmen und sie
vergraben oder sie auf andere Weise in Sicherheit bringen. Und ich soll
still sitzen, wo Tellsons dies wissen und sagen -- Tellsons, deren
Brod ich diese sechszig Jahre gegessen habe -- weil meine Gelenke ein
bischen steif geworden sind? Was, Herr? Ich bin noch ein junger Bursch
im Vergleich mit einem halben Dutzend alter Knackse hier!“

„Wie ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische bewundere, Mr. Lorry!“

„Ach -- Unsinn! Und lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry wieder mit einem
Blick auf das Haus, „Sie müssen bedenken, daß es fast unmöglich ist,
gegenwärtig Etwas aus Paris herauszuschaffen -- gleichgültig was es
ist. Papiere und Kostbarkeiten wurden uns heute noch (ich spreche im
strengsten Vertrauen, ich darf es kaum Ihnen sagen) von den seltsamsten
Boten überbracht, die Sie sich denken können, und das Haupt eines jeden
derselben hing an einem einzigen Haar, wie er durch die Barrière ging.
Zu andern Zeiten gehen und kommen unsere Sachen so unbehindert, wie im
geschäftsmäßigen Alt-England. Aber jetzt wird Alles angehalten.“

„Und reisen Sie wirklich heute Nacht?“

„Ich reise wirklich heute Nacht; denn die Sache ist zu dringlich
geworden, um längern Verzug zu gestatten.“

„Und nehmen Sie keinen Begleiter mit?“

„Allerlei Leute sind mir vorgeschlagen worden; aber ich mag mit keinem
von ihnen etwas zu thun haben. Ich denke Jerry mitzunehmen. Jerry ist
seit langer Zeit regelmäßig Sonntag Abends meine Leibwache gewesen und
ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas
Anderes zu sein, als ein englischer Bulldogg oder eine andere Absicht
zu hegen, als auf Jeden loszufahren, der Hand an seinen Herrn legt.“

„Ich muß nochmals sagen, daß ich Ihren Muth und Ihre jugendliche
Frische von Herzen bewundere.“

„Ich muß nochmals sagen: Unsinn! Unsinn! Wenn ich diesen kleinen
Auftrag ausgeführt habe, so werde ich vielleicht Tellsons Vorschlag
annehmen, abzugehen und nach meiner Bequemlichkeit zu leben. Dann ist
Zeit genug, an’s Altwerden zu denken.“

Das Zwiegespräch hatten Beide an Mr. Lorry’s gewöhnlichem Pulte
geführt, wenige Schritte vor welchem Monseigneur voller Prahlerei über
die Art, wie er sich binnen Kurzem an dem Lumpenvolk rächen werde, in
dichtem Haufen stand. Es war zu sehr die Art Monseigneurs, in der Noth
als politischer Flüchtling -- und es war zu sehr die Art eingeborner
britischer Rechtgläubigkeit, von dieser schrecklichen Revolution zu
sprechen, als wäre sie die einzige Ernte unter dem Himmel, die nicht
gesäet worden wäre -- als ob nie etwas geschehen oder unterlassen
worden wäre, was dazu geführt hätte -- als ob Beobachter des Elends
von Millionen in Frankreich und der mißbrauchten und in unrechte Canäle
geleitete Hülfsquellen, die das Land hätte glücklich machen sollen, es
vor Jahren nicht schon unausweichlich hätte kommen gesehen und nicht
mit deutlichen Worten gesagt hätten, was sie sahen. Dieses Prahlen,
verbunden mit den ausschweifenden Plänen Monseigneurs, einen Zustand
der Dinge wieder herzustellen, der sich selbst zu Grunde gerichtet und
die Geduld von Himmel und Erde erschöpft hatte, war von einem jeden
Mann von gesundem Sinne, der die Wahrheit kannte, schwer zu ertragen,
ohne sich dagegen zu verwahren. Und solches Prahlen, das in seine Ohren
drang, wie eine störende Congestion des Bluts nach dem Kopfe, und eine
auf seine Seele drückende Sorge hatte Charles Darnay bereits unruhig
gemacht und erhielten ihn in diesem Zustande.

Unter den Sprechenden war Stryver von Kings-Bench-Bar nahe daran, vom
Staate mit hohem Amte betraut zu werden, und daher besonders laut. Er
erläuterte Monseigneur seine Pläne, das Volk in die Luft zu sprengen
und es vom Angesicht der Erde zu vertilgen und überhaupt ohne es
auszukommen, und noch viele andere Pläne zu ähnlichem Zweck, die in
ihrer Natur alle verwandt mit dem Plane waren, das Geschlecht der Adler
dadurch auszurotten, daß man ihnen Salz auf den Schwanz streute. Ihm
hörte Darnay mit besonderem Widerwillen zu; und Darnay war noch in
Zweifel, ob er gehen sollte, um nichts mehr zu hören, oder dableiben,
um seinen Protest einzulegen, als das, was geschehen sollte, allmälig
seine Gestalt annahm. Das „Haus“ trat zu Mr. Lorry und legte einen
beschmutzten und unerbrochenen Brief vor ihn auf das Pult mit der
Frage, ob er noch keine Spuren von der Person, an die er gerichtet,
entdeckt habe? Das „Haus“ legte den Brief so dicht vor Darnay hin,
daß er die Adresse sehen, um so rascher, als es sein eigner wahrer
Name war. Die Adresse lautete übersetzt: „Sehr dringlich. An Mr. den
ehemaligen Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung an die
Herren Tellson u. Comp., Bankiers in London. England.“

Am Hochzeitsmorgen hatte _Dr._ Manette an Charles Darnay die
einzige dringendste und ausdrücklichste Bitte gestellt, das Geheimniß
dieses Namens -- außer wenn er, der Doctor, ihn dieser Verpflichtung
entbinde, ein unverbrüchliches zwischen ihnen sein zu lassen. Niemand
sonst wußte, daß dies sein Name war, selbst seine Frau ahnte nichts;
Mr. Lorry konnte keine Ahnung haben.

„Nein,“ gab Mr. Lorry dem „Hause“ zur Antwort, „ich habe, glaube ich,
ihn Jedem der hier anwesenden Herren gezeigt, und Niemand kann mir
sagen, wo der Herr zu finden ist.“

Da die Zeiger der Uhr sich der Schlußstunde des Comptoirs näherten,
nahm der Strom der Gehenden die Richtung an Mr. Lorry’s Pult vorbei. Er
hielt den Brief fragend empor, und Monseigneur sah ihn an in der Person
dieses und jenes complottirenden und entrüsteten Refugiès; und Dieser
und Jener, und die Anderen alle hatten von dem nicht aufzufindenden
Marquis, englisch wie französisch etwas Geringschätziges zu sagen.

„Neffe, glaube ich, -- aber jedenfalls entarteter Nachfolger -- des
hochgeehrten Marquis, der ermordet wurde,“ sagte Einer. „Ich schätze
mich glücklich sagen zu können, daß ich ihn nie gekannt habe.“

„Eine Memme, die schon vor mehreren Jahren ihren Posten verlassen hat,“
sagte ein Anderer -- ein Monseigneur, der sich die Beine zu oberst und
halb erstickt in einem Heuwagen aus Paris hatte herausschaffen lassen.

„Von den neuen Lehren inficirt,“ sagte ein Dritter; -- „stand dann in
Opposition mit dem erlauchten Marquis, gab die Besitzungen auf als er
sie erbte, und überließ sie dem Lumpengesindel. Und das wird ihn jetzt
belohnen, wie er’s verdient, hoffe ich.“

„Was?“ tönte Stryvers kreischende Stimme. „Wirklich? Wäre es so ein
Kerl? Seht seinen niederträchtigen Namen an. Verdammt soll er sein!“

Darnay, außer Stand sich länger zu halten, legte Mr. Stryver die Hand
auf die Schulter und sagte:

„Ich kenne den Kerl.“

„Wirkich, beim Zeus?“ sagte Stryver. „Dann thun Sie mir leid.“

„Warum?“

„Warum, Mr. Darnay? Hören Sie nicht was er gethan hat? Fragen Sie nicht
warum in solchen Zeiten.“

„Aber ich frage, warum?“

„Dann sage ich Ihnen noch einmal, Mr. Darnay, Sie thun mir leid.
Es thut mir leid, Sie so außerordentliche Fragen stellen zu
hören. Hier ist ein Kerl der, von der pestilenzialistischen und
gotteslästerlichsten Teufelslehre inficirt, seine Besitzungen dem
elendesten Abschaum der jemals _en gros_ gemordet hat, überläßt,
und Sie fragen, warum es mir leid thut, daß ein Mann, der die Jugend
unterrichtet, ihn kennt? Nun, so will ich es Ihnen sagen. Ich beklage
es, weil ich glaube, ein solcher Lump kann ansteckend sein. Das ist
das, was ich meine.“

Seines Versprechens eingedenk, konnte Darnay sich nur mit größter Mühe
halten, und sagte. „Sie verstehen den Gentleman vielleicht nicht.“

„Ich verstehe ~Sie~ in die Ecke zu treiben, Mr. Darnay,“ sagte
Mr. Stryver, „und es soll geschehen. Wenn dieser Kerl ein Gentleman
ist, so verstehe ich ihn ~nicht~. Das können Sie ihm von mir
sagen mit meinem Compliment. Sie können ihm auch von mir sagen, daß
es mich wundert, warum er, nachdem er sein irdisches Hab und Gut und
seine Stellung diesem Mordgesindel überlassen bat, nicht an dessen
Spitze steht. Aber nein, Ihr Herren,“ sagte Mr. Stryver, indem er
sich im Kreise umsah und mit den Fingern schnalzte, „ich kenne die
Menschen einigermaßen, und sage Ihnen, daß Sie nie finden werden, daß
ein Kerl wie dieser Kerl sich der Barmherzigkeit so kostbarer Protegés
anvertrauen wird. Nein, meine Herren, nein, er wird sich so früh als
möglich aus dem Staube machen.“

Mit diesen Worten, und mehrmals mit den Fingern schnalzend,
bramarbasirte Mr. Stryver mit dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer
auf die Straße hinaus. Mr. Lorry und Charles Darnay blieben bei dem
allgemeinen Aufbruch in dem Comptoir allein an dem Pulte.

„Wollen Sie den Brief übernehmen?“ fragte Mr. Lorry. „Sie wissen wo er
abzugeben ist?“

„Ja wohl.“

„Wollen Sie dem Herrn auseinandersetzen, daß wir vermuthen, er sei auf
den bloßen Zufall, daß wir ihn befördern könnten, an uns geschickt
worden, und daß er einige Zeit hier gelegen hat?“

„Das will ich thun. Reisen Sie von hier aus nach Paris ab?“

„Von hier aus, um acht Uhr.“

„Ich komme noch einmal her, um von Ihnen Abschied zu nehmen.“

Sehr unzufrieden mit sich, und mit Stryver und den meisten andern
Menschen suchte Darnay so schnell als möglich die stillen Gegenden des
Tempels auf, wo er den Brief aufbrach und las. Er lautete wie folgt:

    „Gefängniß der Abbaye, Paris, 21. Juni 1792.

    Monsieur, ehemaliger Herr Marquis!

    Nachdem ich lange unter den Bewohnern des Dorfes in Lebensgefahr
    geschwebt habe, hat man mich mit groben Mißhandlungen und
    Schmähungen festgenommen, und den ganzen langen Weg zu Fuß nach
    Paris gebracht. Unterwegs habe ich viel gelitten. Das ist noch
    nicht Alles; mein Haus ist zerstört -- dem Erdboden gleich gemacht
    worden.

    Das Verbrechen, wegen dessen ich eingekerkert bin, Monsieur, früher
    Herr Marquis und wegen dessen ich vor Gericht erscheine und (ohne
    Ihre großmüthige Hülfe) das Leben verlieren soll, ist, wie sie mir
    sagen, Verrath an der Majestät des Volkes, insofern ich für einen
    Emigranten thätig gewesen bin. Vergebens stellte ich ihnen vor,
    daß ich, Ihren Befehlen gemäß, für das Volk und nicht gegen das
    Volk thätig gewesen sei. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich
    vor der Beschlagnahme der Besitzungen der Emigranten die Steuern,
    welche die Leute aufgehört hatten zu zahlen, erlassen habe, daß ich
    keine Pachtgelder eingezogen, daß ich keine Klage angestrengt. Die
    einzige Antwort ist, daß ich für einen Emigranten thätig gewesen
    bin, und wer ist dieser Emigrant?

    Ach, mein gnädigster Herr, früher Marquis, wo ist dieser Emigrant!
    Ich rufe im Schlafe, wo ist er? Ich frage den Himmel, ob er nicht
    kommen wird, um mich zu befreien! Keine Antwort. Ach mein Herr,
    früher Marquis, ich lasse meinen Ruf über das Meer erschallen in
    der Hoffnung, daß er vielleicht durch das große Bankierhaus Tellson
    Ihr Ohr erreiche!

    Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der
    Großmuth, der Ehre Ihres edlen Namens willen beschwöre ich Sie,
    Monsieur, früher Herr Marquis, mir zu Hülfe zu kommen und mich zu
    befreien. Mein Verbrechen ist, daß ich Ihnen treu gewesen bin. Ach,
    gnädigster Herr, verlassen Sie mich nicht!

    Aus diesem gräulichen Kerker, wo jede Stunde mich dem Tode
    näher und näher bringt, übersende ich Ihnen, Monsieur, früher
    Herr Marquis, die Versicherung meiner schmerzerfülltesten und
    unglücklichen Dienstwilligkeit.

    Ihr tiefbetrübter
    ~Gabelle~.“

Die in Darnay’s Gemüth schlummernde Unruhe wurde von diesem Brief
zum kräftigsten Leben geweckt. Die Gefahr eines alten und bewährten
Dieners, dessen einziges Verbrechen seine Treue gegen ihn und seine
Familie war, starrte ihn so vorwurfsvoll in’s Gesicht, daß er, wie er
überlegend im Tempelgarten auf und ab ging, fast sein Antlitz vor den
Vorübergehenden hätte verbergen mögen.

Er wußte recht gut, daß er in seinem Entsetzen über die That, mit
welcher die schlimmere That und der schlimme Ruf seines alten
Geschlechts geprunkt hatte, in seinem Argwohn gegen seinen Onkel und
in dem Abscheu mit welchem sein Gewissen den zusammenfallenden Bau
betrachtet hatte, den man ihm zumuthete zu stützen, halb gehandelt
hatte. Er wußte recht gut, daß in seiner Liebe zu Lucien sein
Zurücktreten von seiner gesellschaftlichen Stellung -- obgleich seinem
Geiste keineswegs etwas Neues -- übereilt und unverständig gewesen war.
Er wußte, daß er systematischer und umsichtiger hätte verfahren sollen
und daß er dies beabsichtigt hatte, daß es aber nie dazu gekommen war.

Das Glück des englischen Heimwesens, das er sich begründet; die
Nothwendigkeit, immer beschäftigt zu sein; die raschen Veränderungen
und Unruhen der Zeit, die sich so hastig drängten, daß die Ereignisse
dieser Woche die unreifen Pläne der vorigen vernichteten und die
Ereignisse der folgenden Woche Alles neu gestalteten, waren -- wie er
recht gut wußte -- die Verhältnisse, denen er eben nachgegeben hatte
-- nicht ohne Sorge, aber doch ohne beständigen und nachhaltigen
Widerstand. Daß er auf einen Augenblick zum thätigen Eingreifen
gewartet und daß im Wirbel der Ereignisse die Zeit vorübergegangen
war und der Adel Frankreich in Schaaren verließ, sein Eigenthum mit
Beschlag belegt und zerstört und sein Namen abgeschafft wurde, war ihm
so gut bekannt, wie es nur der neuen Gewalt in Frankreich bekannt sein
konnte, die ihn vielleicht deshalb anklagte.

Aber er hatte Niemanden gedrückt, er hatte Niemanden eingekerkert;
so wenig er mit Härte auf die Zahlung dessen, was ihm zugestanden,
gedrungen, daß er alles dies freiwillig aufgegeben und sich durch eigne
Kraft eine neue Stellung in der Welt erobert hatte, die ihm Brod gab.
Mr. Gabelle hatte die heruntergekommene und überschuldete Besitzung
nach schriftlichen Verhaltungsbefehlen verwaltet, die ihn anwiesen, die
armen Leute zu schonen, ihnen das Wenige zu geben, was zu geben war --
im Winter so viel Brennholz und im Sommer so viel Getreide, als die
drängenden Gläubiger übrig ließen -- und jedenfalls hatte er seiner
Sicherheit wegen diesen Umstand documentarisch festgestellt, so daß er
jetzt zu Tage kommen mußte.

Diese Rücksichten begünstigten den verzweifelten Entschluß, den
Charles Darnay zu fassen begonnen hatte, nämlich nach Paris zu reisen.

Ja. Wie den Schiffer in der alten Sage hatten die Winde und Strömungen
ihn in den Bereich des Magnetfelsens getrieben und dieser zog ihn
an und er mußte folgen. Alles, was vor seine Seele trat, trieb ihn
rascher und rascher und mit immer steigender Kraft der erschrecklichen
Anziehungskraft in die Arme. Die in seiner Seele schlummernde Unruhe
war gewesen, daß in seinem unglücklichen Vaterlande schlechte Werkzeuge
für schlechte Ziele arbeiteten und daß Derjenige, welcher nicht
umhin konnte zu wissen: er sei besser als Jene, nicht dort war um zu
versuchen, ob er etwas thun könnte, dem Blutvergießen Einhalt zu thun
und die Forderungen der Barmherzigkeit und Menschlichkeit zur Geltung
zu bringen. Diese halb unterdrückte und halb ihm Vorwürfe machende
Sorge hatte ihn dazu gebracht, einen Vergleich zwischen sich und dem
wackern alten Herrn anzustellen, in dem das Pflichtgefühl so stark war;
und unmittelbar auf diesen ihm so nachtheiligen Vergleich waren die
geringschätzigen Aeußerungen Monseigneurs, die ihn tief verletzten,
und die Stryvers, die aus alten Gründen doppelt verletzend für ihn
waren, gefolgt. Darauf war Gabelle’s Brief gekommen, der Anruf an seine
Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen von Seiten eines
unschuldigen in Todesgefahr schwebenden Gefangenen.

Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.

Ja. Der Magnetfelsen zog ihn an und er mußte vorwärts segeln bis er
auf die Klippe lief. Er wußte von keinem Felsen; er sah kaum eine
Gefahr. Die Beweggründe, aus denen er gehandelt hatte, wie er gethan,
selbst wenn er es nur halb gethan, zeigten ihm sein Thun in einem
Lichte, das ihn über die möglichen Folgen beruhigte. Dann erschien vor
seinen Augen der herrliche Traum, Gutes thun zu können, der so oft die
sanguinische Täuschung guter Menschen ist, und er sah sich sogar im
Besitz von genügendem Einfluß, um diese wild gewordene Revolution, die
so stürmische Pfade wandelte, zu leiten.

Wie er mit bereits gefaßtem Entschluß auf- und abging, überlegte er,
daß weder Lucie noch ihr Vater vor seiner Abreise etwas erfahren
durften. Lucien mußte der Trennungsschmerz erspart bleiben; und ihr
Vater -- immer abgeneigt, sich mit den gefährlichen Erinnerungen aus
alter Zeit zu beschäftigen -- durfte den Schritt erst als einen bereits
geschehenen, über den jeder Zweifel beseitigt ist, erfahren. Wie viel
von der Halbheit seiner Lage ihrem Vater in Folge der Abgeneigtheit
desselben, alte Erinnerungen an Frankreich in seiner Seele zu wecken,
zuzuschreiben war, besprach er jetzt nicht bei sich. Aber auch dieser
Umstand hatte Einfluß auf seinen Entschluß.

Er ging, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, auf und ab bis es Zeit
war, wieder zu Tellsons zu gehen und von Mr. Lorry Abschied zu nehmen.
Gleich nach seiner Ankunft in Paris wollte er seinen alten Freund
aufsuchen; aber jetzt durfte er von seiner Absicht nichts wissen.

Ein Wagen mit Postpferden stand vor der Thür des Geschäfts und Jerry
reisefertig daneben.

„Ich habe den Brief abgegeben,“ sagte Charles Darney zu Mr. Lorry.
„Ich konnte nicht einwilligen, Sie mit einer schriftlichen Antwort zu
belästigen, aber vielleicht nehmen Sie eine mündliche mit.“

„Das will ich -- und gern, wenn es nicht gefährlich ist.“

„Durchaus nicht, obgleich Sie an einen Gefangenen in der Abbaye
gerichtet ist.“

„Wie heißt er?“ fragte Mr. Lorry mit dem geöffneten Taschenbuche in der
Hand.

„Gabelle.“

„Gabelle. Und was habe ich an den armen Gabelle im Gefängniß
auszurichten?“

„Einfach: „„daß er den Brief empfangen hat und kommen wird.““

„Eine Zeit genannt?“

„Er wird morgen Abend seine Reise antreten.“

„Jemandes Namen zu nennen?“

„Nein.“

Er half Mr. Lorry, sich in eine Anzahl Ueberröcke und Mäntel einhüllen
und begleitete ihn aus der warmen Atmosphäre des alten Comptoirs hinaus
in die neblige Luft von Fleetstreet.

„Lucien und der kleinen Lucie meinen zärtlichsten Gruß!“ sagte Mr.
Lorry beim Abschied; „und nehmen Sie sich ja recht in Acht bis ich
wieder komme.“ Charles Darnay schüttelte den Kopf und lächelte
zweifelnd wie der Wagen von dannen fuhr.

Diese Nacht (es war der 14. August) blieb er spät auf und schrieb
zwei Briefe voller Innigkeit; -- den einen an Lucien, in welchem er
ihr auseinandersetzte, welch eine unumgängliche Pflicht ihn nach
Paris treibe und warum er fest vertraue, dort für seine Person keine
Gefahr zu laufen; -- den andern an den Doctor, welcher Lucien und
ihr geliebtes Kind seiner Obhut anempfahl und mit den stärksten
Versicherungen von denselben Gegenständen sprach. Beiden schrieb er,
daß er unmittelbar nach seiner Ankunft zum Beweis seiner Sicherheit
Briefe abschicken werde.

Es war ein schwerer Tag -- dieser Tag, zum erstenmal mit einem
Geheimniß vor seinen Lieben unter ihnen zu verweilen. Es hielt schwer,
den unschuldigen Betrug aufrecht zu erhalten, von dem sie auch nicht
das Mindeste ahneten. Aber ein zärtlicher Blick auf seine glückliche
und geschäftige Gattin befestigte ihn in dem Entschluß, ihr von dem
Bevorstehenden nichts zu sagen (er war halb dazu geneigt gewesen, so
seltsam erschien es ihm, etwas ohne ihre stille Beihülfe zu thun)
und der Tag ging rasch vorüber. Zu zeitiger Abendstunde umarmte er
sie und ihre kaum weniger geliebte Namensschwester, nahm unter dem
Vorwand baldiger Rückkehr flüchtigen Abschied und trat dann mit
schwerem Herzen in den dicken Nebel der Straße hinaus. Die unsichtbare
Kraft zog ihn jetzt rasch an sich heran und alle Strömungen und Winde
gingen entschieden in dieser Richtung. Er übergab seine beiden Briefe
einem zuverlässigen Boten mit dem Befehl, sie eine halbe Stunde vor
Mitternacht -- und nicht eher -- abzugeben, nahm Postpferde nach Dover
und trat seine Reise an.

„Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth,
der Ehre Ihres adeligen Namens willen!“ Mit diesem Ausruf des armen
Gefangenen stärkte er manchmal seinen sinkenden Muth, als er Alles,
was ihm auf Erden theuer war, verließ und widerstandslos auf den
Magnetfelsen zutrieb.



Drittes Buch.

Des Sturmes Wüthen.



Erstes Kapitel.

Zu geheimer Haft.


Der Reisende der im Jahre 1792 von England nach Paris sich begab, kam
langsam vorwärts. Mehr als zur Genüge schlechte Wege, schlechte Wagen
und schlechte Pferde hätten ihn aufgehalten, wenn auch der gestürzte
und unglückliche König von Frankreich noch in allem seinem Prunk auf
dem Throne gesessen hätte; aber der Wechsel der Zeiten hatte noch
andere Verhältnisse als diese geschaffen. In jedem Thor der Städte und
in jedem Einnahmehause der Dörfer stand eine Schaar von Bürgern und
Patrioten mit ihren Nationalgewehren in höchst schußbereitem Zustand,
die alle Kommenden und Gehenden anhielt, sie der Kreuz und der Quer
fragte, ihre Papiere besichtigte, nach ihren Namen in selbst angelegten
Verzeichnissen suchte, sie zurückschickte oder gehen ließ, oder sie
anhielt und in’s Gefängniß steckte, wie es ihr launenhaftes Urtheil
oder ihre Einbildung zum Besten der einen und untheilbaren Republik und
für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! für gut fand.

Charles Darnay hatte nur wenige Meilen auf seiner Reise in Frankreich
zurückgelegt, als er zu bemerken anfing, daß auch ihm in diesem Lande
keine Hoffnung auf Rückkehr mehr leuchtete, bevor er nicht in Paris
als guter Bürger anerkannt worden. Was jetzt immer geschehen mochte,
er mußte seine Reise zum Ziele führen. Kein ärmliches Dorf schloß sich
hinter ihm, kein gewöhnlicher Schlagbaum senkte sich hinter ihm über
den Weg, von denen er nicht wußte, daß sie neue eiserne Thore in der
Reihe derer waren, welche sich zwischen ihm und England schlossen. Die
allgemeine Wachsamkeit umgab ihn so vollkommen, daß wenn er in einem
Netz gefangen gewesen oder nach dem Orte seiner Bestimmung in einen
Käfig geschafft worden wäre, er sich des Verlustes seiner Freiheit
nicht vollständiger hätte bewußt sein können.

Diese allgemeine Wachsamkeit hielt ihn nicht nur auf der
Landstraße zwanzigmal auf einer Station an, sondern hemmte auch
sein Vorwärtskommen zwanzigmal dadurch, daß man ihm nachritt und
zurückholte, ihm vorausritt und für sein Angehaltenwerden sorgte, oder
mit ihm ritt und über ihn Wache hielt. Er hatte bereits mehrere Tage
unterwegs in Frankreich zugebracht, als er in einer kleinen Stadt an
der Landstraße, immer noch weit von Paris, todtmüde zu Bett ging.

Nichts als die Vorzeigung von Gabelles betrübten Brief aus seinem
Gefängniß in der Abbaye hätte ihn so weit bringen können. An der
Thorwache dieses kleinen Ortes hatten sie so viel Schwierigkeiten
gemacht, daß er fühlte, in seiner Reise mußte jetzt ein kritischer
Wendepunkt eintreten. Und es überraschte ihn daher verhältnißmäßig sehr
wenig, als er in dem kleinen Gasthaus, wohin man ihn bis zum Morgen
gewiesen hatte, in der Mitte der Nacht geweckt wurde; geweckt von einem
schüchternen Mitglied der Ortsbehörde und drei bewaffneten Patrioten in
grobwollenen rothen Mützen und mit Pfeifen im Munde, die sich auf das
Bett setzten.

„Emigrant,“ sagte der Beamte, „ich werde Sie unter Escorte nach Paris
schicken.“

„Bürger, ich verlange nichts mehr als nach Paris zu gelangen, obgleich
ich die Escorte entbehren könnte.“

„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem
Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“

„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte.
„Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben -- und müssen
dafür bezahlen.“

„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.

„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze
wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu
finden!“

„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte.
„Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“

Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere
Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken
und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und
mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten
Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten
in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit
Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten
Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume
desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand
geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während
der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem
Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die
Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel
als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die
Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.

Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach
Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden
Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten
Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten,
um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen
Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für
die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten
chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging,
ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche
Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies
nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen
Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die,
bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.

Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten -- es war gegen Abend und
die Straßen waren voller Leute -- konnte er sich nicht verhehlen,
daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil
verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg,
und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem
Emigranten!“

Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als
den sichersten Platz und sagte:

„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus
eignem freien Willen?“

„Ihr seid ein verfluchter Emigrant,“ schrie ein Hufschmidt und drängte
sich mit dem Hammer in der Hand wüthend in den Vordergrund; „und Ihr
seid ein verfluchter Aristokrat!“

Der Postmeister stellte sich zwischen diesen Mann und den Zaum des
Reiters (den jener offenbar im Auge hatte) und sagte besänftigend:
„Laßt ihn; laßt ihn! er wird in Paris gerichtet.“

„Gerichtet!“ wiederholte der Hufschmidt und schwang den Hammer. „Ja!
und verurtheilt als Verräther.“ Ein diesen Worten beistimmendes Geheul
ertönte aus der Menge.

Dem Postmeister wehrend, welcher das Pferd in den Hof lenken wollte
(der betrunkene Patriot saß ruhig im Sattel und sah zu, den Strick um
die Hand gewickelt) sagte Darnay, sowie er seine Stimme vernehmbar
machen konnte:

„Ihr täuscht euch oder ihr seid getäuscht worden, gute Freunde. Ich bin
kein Verräther.“

„Er lügt!“ rief der Schmidt. „Er ist ein Verräther seit dem Decret.
Sein Leben ist dem Volke verfallen. Sein verfluchtes Leben ist nicht
mehr sein!“ In dem Augenblick, wo Darnay in den Augen der Menge sah,
daß sie im Begriff stand auf ihn loszustürzen, lenkte der Postmeister
sein Pferd in den Hof, die Escorte schloß sich ihm dicht an, und der
Postmeister verschloß und verriegelte die wackeligen Thorflügel. Der
Hufschmidt schlug mit dem Hammer dagegen und der Volkshaufen heulte,
aber weiter geschah nichts.

„Was ist das für ein Decret, von dem der Schmidt sprach?“ fragte Darnay
den Postmeister als er ihm gedankt hatte und im Hofe neben ihm stand.

„Ein Decret welches den Verkauf des Emigranteneigenthums anordnet.“

„Wann erlassen?“

„Am Vierzehnten.“

„Den Tag meiner Abreise von England!“

„Jedermann sagt, es wäre blos eins von mehreren und andere würden
nachfolgen -- wenn sie nicht schon da sind -- welche alle Emigranten
verbannen und die zurückkehrenden zum Tode verurtheilen. Das war es was
er meinte, als er sagte, Ihr Leben gehörte nicht mehr Ihnen.“

„Aber diese Decrete sind noch nicht da?“

„Was weiß ich!“ sagte der Postmeister mit einem Achselzucken; „sie
können da sein oder auch nicht. Es ist alles einerlei. Was wollen Sie
mehr?“

Sie schliefen auf einer Streu unter dem Dach bis Mitternacht und
brachen dann wieder auf als die ganze Stadt im Schlafe lag.

Unter den vielen an gewöhnlichen Dingen zu bemerkenden seltsamen
Veränderungen, welche diesem seltsamen Ritt einen traumartigen
Charakter gaben war nicht die mindeste, daß fast Niemand zu schlafen
schien. Nachdem sie lange und einsam öde Landschaften entlang
geritten waren, erreichten sie eine Gruppe armseliger Hütten, nicht
in Dunkel gehüllt, sondern von Lichtern erglänzend, deren Bewohner
mitten in der stillen Nacht in gespensterhafter Weise um einen
verdorrten Freiheitsbaum tanzten, oder sich aufgestellt hatten und
ein Freiheitslied sangen. Zum Glück jedoch schlief man diese Nacht in
Beauvais so fest, daß sie sicher aus dem Thor gelangen konnten und
sie befanden sich bald von Neuem auf der einsamen Landstraße. Sie
ritten durch die frühzeitig eingetretene Nässe und Kälte dahin, an
ausgesogenen Feldern vorbei, welche dieses Jahr keine Frucht getragen,
und an rauchgeschwärzten Trümmern ausgebrannter Häuser vorüber und
der einsame Ritt erhielt eine gelegentliche Abwechselung durch das
plötzliche Hervorbrechen von Patriotenpatrouillen, welche auf allen
Straßen Wache hielten und mit allen Vorüberreisenden ein Verhör
anstellten. Mit Tagesanbruch standen sie endlich vor den Mauern von
Paris. Das Thor war geschlossen und stark bewacht, als sie an dasselbe
heranritten.

„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte ein entschlossen
aussehender Mann, dem Ansehen nach ein Vorgesetzter, den die Wache
herausgerufen hatte.

Charles Darnay, dem das unangenehme Wort natürlich auffiel, machte dem
Sprechenden bemerklich, daß er ein freier Reisender und französischer
Bürger sei, geleitet von einer Escorte, welche ihm der anarchische
Zustand des Landes aufgezwungen und die er bezahlt habe.

„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte dieselbe Person ohne im
mindesten auf ihn zu achten.

Der betrunkene Patriot hatte sie in der Mütze und gab sie hin. Als
der Andere Gabelle’s Brief überlas, zeigte er einige Verwirrung und
Ueberraschung und sah Darnay mit großer Aufmerksamkeit an.

Er verließ jedoch Escorte und Escortirten ohne ein Wort zu verlieren,
und ging in die Wachtstube; unterdessen hielten sie immer noch im
Sattel draußen vor dem Thore.

Charles Darnay sah sich während dieser Pause um und bemerkte, daß das
Thor von einer gemischten Wache von Soldaten und Patrioten besetzt
war, von denen jedoch die letzteren an Zahl bedeutend überwogen; auch
fiel ihm auf, daß, während Wagen vom Lande mit Lebensmitteln und
für ähnlichen Verkehr leicht genug Einlaß fanden, das Hinauskommen
selbst für die harmlosesten Leute sehr schwer war. Ein bunter Haufen
von Männern und Weibern, zu geschweigen von Thieren und Fuhrwerken
mancherlei Art, wartete auf das Oeffnen des Thores; aber so genau wurde
nach Namen und Herkunft der Personen gefragt, daß sie nur einzeln und
sehr langsam hinaus gelangten. Einige dieser Leute wußten, daß sie noch
so lange würden warten müssen, ehe man sie in’s Verhör nahm, daß sie
sich auf die Erde ausstreckten, um zu schlafen oder zu rauchen, während
andere mit einander sprachen oder herumstanden. Die rothe Mütze und
die dreifarbige Cocarde waren allgemein sowohl bei Männern wie bei
Frauen.

[Illustration: ~Zu geheimer Haft.~]

Als Darnay auf diese Weise wohl eine halbe Stunde gewartet hatte, trat
wieder die vorige Autoritätsperson heraus und befahl der Wache das Thor
zu öffnen. Dann übergab er der Escorte einen Empfangsschein für den
Escortirten und forderte ihn auf abzusteigen. Das that Darnay, und die
beiden Patrioten, sein müdes Pferd am Zügel führend, machten kehrt und
ritten von dannen, ohne einen Fuß in die Stadt zu setzen.

Darnay folgte seinem Führer in eine nach schlechtem Wein und Tabak
riechende Wachtstube, wo verschiedene Soldaten und Patrioten,
schlafend oder wachend, betrunken oder nüchtern, oder in verschiedenen
neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Trunkenheit und
Nüchternheit, herumstanden und lagen. Die Erleuchtung der Wache, halb
von den verlöschenden Oellampen der Nacht und halb von dem trüben Tage
herrührend, war von entsprechend ungewissem Character. Einige Register
lagen auf einem Pulte und ein Offizier von gemeinem finstern Aussehen
saß vor denselben.

„Bürger Defarge,“ sagte er zu Darnay’s Begleiter, als er einen Zettel
nahm, um darauf zu schreiben, „ist dies der Emigrant Evrémonde?“

„Das ist er.“

„Ihr Alter, Evrémonde?“

„Siebenunddreißig.“

„Verheirathet, Evrémonde?“

„Ja.“

„Wo verheirathet?“

„In England.“

„Richtig. Wo ist Ihre Frau, Evrémonde?“

„In England.“

„Richtig.“

„Sie sind in das Gefängniß La Force consignirt, Evrémonde.“

„Gerechter Himmel!“ rief Darnay. „Nach welchem Gesetz und wegen welchen
Vergehens?“

Der Offizier sah einen Augenblick von seinem Zettel auf.

„Wir haben neue Gesetze, Evrémonde, und neue Vergehen seitdem Sie hier
waren.“ Er sagte das mit einem harten Lächeln und schrieb weiter.

„Ich bitte Sie zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin,
veranlaßt durch diese schriftliche Bitte eines Landsmannes, die vor
Ihnen liegt. Ich verlange weiter nichts als Gelegenheit ihm ohne
Aufschub zu Hülfe zu kommen. Ist das nicht mein Recht?“

„Emigranten haben keine Rechte, Evrémonde,“ lautete die gleichgültige
Antwort. Der Offizier schrieb bis er fertig war, überlas noch einmal
was er geschrieben, streute Sand darauf, und übergab den Zettel Defarge
mit den Worten „zu geheimer Haft.“

Defarge winkte dem Gefangenen mit dem Papier, ihn zu begleiten. Der
Gefangene gehorchte und eine Wache von zwei Patrioten begleitete ihn.

„Sind Sie es,“ fragte Defarge mit gedämpfter Stimme als sie die Stufen
vor der Wache herab und nach der Stadt hineingingen, „der die Tochter
Doctor Manette’s, ehemaligen Gefangenen in der Bastille, die nicht mehr
ist, geheirathet hat?“

„Ja,“ gab Darnay mit überraschtem Blick zur Antwort.

„Ich heiße Defarge und besitze einen Weinschank im Quartier Saint
Antoine. Vielleicht haben Sie von mir gehört.“

„Meine Frau kam in Ihr Haus, um ihren Vater abzuholen. Ja!“

Das Wort Frau schien in Defarge eine düstere Erinnerung zu wecken,
und er fuhr mit plötzlicher Ungeduld auf: „Im Namen des scharfen
Frauenzimmers das eben geboren und _La Guillotine_ getauft worden
ist, warum kommen Sie nach Frankreich?“

„Sie haben eben erst gehört warum. Glauben Sie nicht daß es wahr ist?“

„Schlimm genug für Sie, wenn es wahr ist,“ sagte Defarge, der während
er sprach die Stirn runzelte und gerade vor sich hinsah.

„Ich sehe wohl, ich bin hier verloren. Alles ist hier so völlig anders
geworden und geschieht so plötzlich und in so unbilliger Weise, daß ich
unbedingt verloren bin. Wollen Sie mir eine kleine Hülfe leisten?“

„Nein.“ Defarge sprach immer noch, während er gerade vor sich hinsah.

„Wollen Sie mir eine einzige Frage beantworten?“

„Vielleicht. Je nachdem sie ist. Fragen Sie nur.“

„Werde ich in dem Gefängniß, in welches man mich so ungerechter Weise
wirft, noch einigen freien Verkehr mit der Außenwelt haben?“

„Das werden Sie sehen.“

„Soll ich darin, im Voraus verurtheilt, und jedes Rechts zu meiner
Vertheidigung beraubt, begraben liegen?“

„Das werden Sie sehen. Aber was liegt daran? Andere Leute haben in
ähnlicher Weise in früheren Zeiten in schlimmeren Gefängnissen gelegen.“

„Aber nicht durch meine Schuld, Bürger Defarge.“

Defarge sah ihn blos finster an, und ging in hartnäckigem Schweigen
neben ihm her. Je tiefer er in dieses Schweigen versank, desto
schwächer wurde die Hoffnung -- so dachte Darnay wenigstens -- daß er
sich erweichen lassen würde. Er beeilte sich daher fortzufahren.

„Es ist für mich von der größten Wichtigkeit (Sie wissen, Bürger,
sogar besser als ich, von welcher Wichtigkeit) daß ich Gelegenheit
bekomme, Mr. Lorry von Tellsons Bank, einem Herrn aus England, der
gegenwärtig in Paris ist, die einfache Thatsache ohne weitere Bemerkung
mitzutheilen, daß ich im Gefängniß La Force sitze. Wollen Sie das für
mich thun?“

„Ich will nichts für Sie thun,“ gab Defarge mit mürrischem Trotz zur
Antwort. „Meine Pflicht gehört dem Vaterlande und dem Volke. Ich bin
der geschworne Diener Beider, gegen Sie. Ich mag nichts für Sie thun.“

Charles Darnay fühlte wie nutzlos es war weiter in ihn zu dringen, und
außerdem war sein Stolz verletzt. Wie sie schweigend neben einander
herschritten, konnte er nicht umhin zu bemerken, wie sehr das Volk
daran gewöhnt war Gefangene durch die Straßen führen zu sehen. Selbst
die Kinder beachteten ihn kaum. Ein paar Vorübergehende sahen sich
um und einige drohten ihm mit der Faust als einem Aristokraten; im
Uebrigen war es nicht merkwürdiger, einen gut gekleideten Mann in’s
Gefängniß führen, als einen Arbeiter in seiner Arbeitsjacke auf Arbeit
gehen zu sehen. In einer engen, dunkeln und schmutzigen Straße, durch
welche sie kamen, sprach ein aufgeregter Redner von einem Stuhl zu
einer aufgeregten Zuhörerschaft von den Verbrechen des Königs und der
königlichen Familie gegen das Volk. Aus ein paar Worten, die er von den
Lippen dieses Mannes im Vorbeigehen erhaschte, erfuhr Charles Darnay
zuerst, daß der König eingekerkert sei, und die fremden Gesandten
sämmtlich Paris verlassen hätten. Auf der Reise (außer in Beauvais)
hatte er buchstäblich gar nichts erfahren. Die Escorte und die
allgemeine Wachsamkeit hatten ihn vollkommen isolirt.

Daß er jetzt von viel größeren Gefahren umringt war als sich entwickelt
hatten, wie er von England abreiste, wußte er natürlich jetzt. Daß
diese Gefahren sich rasch um ihn vermehrt hatten, und sich noch rascher
und rascher vermehren konnten, wußte er nun ebenso. Er konnte nicht
umhin, sich zu sagen, daß er diese Reise nicht angetreten haben würde,
wenn er die Ereignisse einiger wenigen Tage hätte voraussehen können.
Und dennoch waren seine bösen Ahnungen nicht so düster, wie sie bei dem
Lichte unserer spätern Zeit betrachtet, aussehen würden. So trübe die
Zukunft war, war sie doch eine unbekannte Zukunft und ihre Dunkelheit
erlaubte noch die Hoffnung der Ungewißheit. Von der entsetzlichen
Metzelei mehrerer Tage und Nächte, welche, bevor noch der Zeiger viele
Male das Zifferblatt umkreist hatte, ein großes blutiges Zeichen auf
die gesegnete Erntezeit setzen sollte, wußte er ebenso wenig, als
hätte sie erst in hunderttausend Jahren sein sollen. Das „scharfe
Frauenzimmer, vor Kurzem geboren und _La Guillotine_ getauft,“
war ihm oder der Masse des Volks kaum den Namen nach bekannt. Die
Greuelthaten, die bald verübt werden sollten, waren vielleicht nicht
einmal in den Köpfen derer, die sie verübten, geboren. Wie konnten sie
einen Platz finden in den Vorahnungen eines sanften Gemüthes?

Daß er in langer Haft und harter Behandlung und in grausamer
Trennung von Frau und Kind Unrecht werde erdulden müssen, sah er als
wahrscheinlich oder gewiß voraus, aber darüber hinaus fürchtete er
nichts Bestimmtes. Mit diesen Sorgen auf seiner Seele, schwer genug,
sie in einen unheimlichen Gefängnißhof mitzunehmen, kam er im Gefängniß
La Force an.

Ein Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht öffnete das schwere Pförtchen,
welchem Defarge „den Emigranten Evrémonde“ vorstellte.

„Was der Teufel! wie viele sollen noch kommen!“ rief der Mann mit dem
aufgedunsenen Gesicht aus.

Defarge nahm den Empfangschein ohne den Ausruf zu beachten und
entfernte sich mit seinen beiden Patrioten.

„Was der Teufel, sag ich noch einmal!“ rief der Kerkermeister aus, der
jetzt mit seiner Frau allein war. „Wie viele sollen noch kommen!“

Die Frau des Kerkermeisters, die keine Antwort auf diese Frage hatte,
erwiederte blos: „Man muß Geduld haben, mein Guter!“ Drei Schließer,
welche auf ein Klingeln hereintraten, wiederholten den Rath und Einer
setzte hinzu „um der Liebe zur Freiheit willen“; was an diesem Ort wie
ein unpassender Schluß klang.

Das Gefängniß La Force war ein schauerliches Gefängniß, finster
und schmutzig, und mit einem schrecklichen Geruch von ungesundem
Schlaf darin. Es ist merkwürdig, wie bald sich der ekelhafte Dunst
eingekerkerten Schlafs in allen solchen Orten, die nicht gut gehalten
werden, bemerklich macht.

„Obenein zu geheimer Haft,“ murrte der Kerkermeister, wie er einen
Blick auf den Zettel warf. „Als ob es nicht schon zum Ueberlaufen voll
wäre.“

Uebellaunig reihete er das Papier zu vielen andern auf eine Nadel auf,
und Charles Darnay erwartete sein weiteres Belieben wohl eine halbe
Stunde lang, während welcher Zeit er abwechselnd in dem hochgewölbten
Raume auf und ab ging oder auf einer steinernen Bank ausruhte, denn
er wurde mit Absicht aufgehalten, damit der Oberschließer und dessen
Untergebene sich sein Aussehen gehörig einprägten.

„Folgen Sie mir, Emigrant,“ sagte der Kerkermeister endlich, indem er
nach einem Bund Schlüssel langte.

Durch das unheimliche Kerkerzwielicht folgte ihm der Gefangene durch
Corridore und mehrere Treppen hinauf, und mehrere Thüren schlugen
rasselnd hinter ihm zu, und wurden verschlossen, bis sie in ein
großes niedriges gewölbtes Zimmer kamen, gedrängt voll von Gefangenen
beiderlei Geschlechts. Die Frauen saßen an einem langen Tisch, lasen
und schrieben, strickten, näheten und stickten; die Männer standen
meistens hinter ihren Stühlen oder bewegten sich im Zimmer umher.

In dem unwillkürlichen Zusammendenken von Gefangenen mit entehrenden
Verbrechen und Schande fühlte sich der neue Ankömmling von dieser
Gesellschaft abgestoßen. Aber die alles übertreffende Unwirklichkeit
seines langen fast dem Traumleben angehörenden Rittes war, daß sie alle
auf einmal aufstanden und ihn mit aller Feinheit der damaligen Zeit und
mit der ganzen gewinnenden Anmuth und Höflichkeit der vornehmen Welt
begrüßten.

So seltsam getrübt war dieses Wesen durch das Kerkerleben und das
Kerkerdüster, so gespenstig wurde es in dem dagegen schreienden Schmutz
und Jammer, von dem es begleitet war, daß Charles Darnay sich vorkam,
als ob er in einer Gesellschaft von Todten stände. Lauter Gespenster!
das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Vornehmheit, das Gespenst
der Anmuth, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Frivolität, das
Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters,
sie warteten Alle auf ihre Entfernung von dem unwirthlichen Strande und
sahen ihn an mit Augen, welche der Tod verändert hatte, den sie beim
Eintritt in diesem Raum gestorben waren.

Er blieb erstarrt stehen. Der neben ihm wartende Kerkermeister und
die andern sich im Zimmer herum bewegenden Schließer, die in der
gewöhnlichen Ausübung ihres Amtes gut genug ausgesehen haben würden,
sah so entsetzlich gemein aus neben den hier anwesenden bekümmerten
Müttern und blühenden Töchtern -- neben der Coquette, der jungen
Schönheit und der gereiftern vornehm erzogenen Frau -- daß die
Verkehrung aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, welche dieses Bild
aus dem Schattenreich darstellte, den höchsten Grad erreichte. Gewiß
lauter Gespenster! Gewiß war der lange traumhafte Ritt eine Krankheit
gewesen, die ihn unter diese düstern Schatten gebracht!

„Im Namen der versammelten Leidensgefährten,“ sagte ein Herr von
höfischem Aussehen und Benehmen, indem er vortrat, „habe ich die Ehre
Sie in La Force willkommen zu heißen und mit Ihnen das Unglück zu
beklagen, das Sie zu uns gebracht hat. Möge es von kurzer Dauer sein!
Es wäre anderwärts eine Unhöflichkeit, ist es aber hier nicht, nach
Ihrem Namen und Stand zu fragen?“

Charles Darnay raffte sich auf und beantwortete die gestellte Frage in
so angemessenen Worten als er finden konnte.

„Aber ich hoffe,“ sagte der Herr, indem er den Oberschließer, welcher
nach dem anderen Ende des Zimmers ging, mit den Augen folgte, „Sie sind
nicht in geheimer Haft?“

„Ich weiß nicht was dieses Wort zu bedeuten hat, aber ich habe so sagen
hören.“

„O, wie schade! wir beklagen das so sehr! aber fassen Sie Muth;
verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft sind Anfangs in geheimer
Haft gewesen, aber es hat nur kurze Zeit gedauert.“ Dann, setzte
er mit lauterer Stimme hinzu: „es thut mir leid die Gesellschaft
benachrichtigen zu müssen -- in geheimer Haft.“

Ein Gemurmel der Theilnahme ließ sich vernehmen, als Charles Darnay
durch das Zimmer nach einer Gitterthür ging, wo der Schließer seiner
harrte und viele Stimmen -- aus denen die sanften und mitleidigen
Frauenstimmen vor allen hervorklangen -- gaben ihm gute Wünsche und
Trost mit. Er kehrte sich an der Gitterthür um, den innigsten Dank
seines Herzens auszusprechen; sie schloß sich hinter dem Kerkermeister
und die Erscheinungen verschwanden vor seinen Augen für immer.

Die Thür öffnete sich auf eine steinerne aufwärts führende Treppe. Als
sie vierzig Stufen gestiegen waren (der Gefangene von einer halben
Stunde zählte sie bereits), schloß der Kerkermeister eine niedrige
schwarze Thür auf und sie traten in eine leere Zelle. Die Luft war kalt
und feucht, aber der Raum war nicht finster.

„Ihre Zelle,“ sagte der Schließer.

„Warum werde ich allein eingesperrt?“

„Was weiß ich!“

„Kann ich Feder, Tinte und Papier kaufen?“

„Das steht nicht in meiner Instruction. Der Inspector wird Sie
besuchen, und den können Sie fragen. Vor der Hand können Sie sich Ihr
Essen kaufen und weiter nichts.“

Ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze befanden sich in der Zelle.
Als der Schließer vor dem Fortgehen einen musternden Blick auf diese
Gegenstände und die vier Wände warf, kam eine wirre Phantasie über den
an die kalte Mauer sich lehnenden Gefangenen, daß dieser Schließer in
Gesicht und Leib so unnatürlich geschwollen wäre, daß er aussähe wie
ein Mann der ertrunken und mit Wasser angefüllt sei. Als der Schließer
fort war, dachte er in derselben wirren Weise, „nun bin ich allein als
wäre ich todt.“ Wie er dann stehen blieb, um die Matratze zu besehen,
wendete er sich mit Ekel davon ab und dachte: „Und hier in diesem
kriechenden Gewürm spukt der Zustand des Körpers nach dem Tode vor.“

„Fünf Schritte lang und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang
und viereinhalb Schritt breit, fünf Schritt lang und viereinhalb
Schritt breit.“ Der Gefangene ging auf und ab in seiner Zelle, maß sie
aus und das Brausen der Stadt tönte wie gedämpfte Trommeln, untermischt
mit einem wilden Geheul von Stimmen. „Er machte Schuhe, er machte
Schuhe, er machte Schuhe.“ Der Gefangene zählte wieder die Schritte und
schritt schneller, um seine Gedanken von dieser letzten Wiederholung
abzulenken. Die Gespenster, welche verschwanden, als das Pförtchen
sich schloß. Eine Gestalt war darunter, eine schwarz gekleidete Dame,
welche in einer Fenstervertiefung lehnte, und ein Sonnenstrahl fiel auf
ihr goldenes Haar und sie sah aus wie **. Um Gottes willen, laßt uns
weiter reisen durch die erleuchteten Dörfer, wo die Leute alle wach
sind! ** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. ** Fünf
Schritt lang und viereinhalb Schritt breit. Während solche abgerissene
Vorstellungen aus den Tiefen seines Geistes emporstiegen und in seinem
Kopfe wirbelten, schritt der Gefangene schneller und schneller auf
und ab, und zählte und zählte hartnäckig; und das Brausen der Stadt
veränderte sich so, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln,
aber das Rauschen und Brausen durchzogen klagende Stimmen die er kannte.



Zweites Kapitel.

Der Schleifstein.


Tellsons Bank im Quartier Saint Germain von Paris befand sich in dem
Flügel eines großen Hauses, zu dem man über einen von der Straße durch
eine hohe Mauer und ein starkes Thor abgeschlossenen Vorhof gelangte.
Das Haus gehörte einem großen Herrn, der darin gewohnt hatte bis er vor
den bösen Zeiten in den Kleidern seines eigenen Koches flüchtete und
glücklich über die Grenze kam. Ein vor Jägern fliehendes gehetztes Wild
war er immer noch in seiner Metempsychosis derselbe Monseigneur, der,
bevor er seine Chocolade an die hohen Lippen brachte, dazu die Kräfte
von drei starken Männern in Anspruch nahm, ohne den Koch zu rechnen.

Als Monseigneur fort war, und die drei starken Männer für die Sünde,
von ihm hohen Lohn bezogen zu haben, sich damit Absolution gaben,
daß sie mehr als bereit und willig waren, ihm auf dem Altar der
kommenden einen und untheilbaren Republik von Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit oder Tod, den Hals abzuschneiden, war Monseigneurs
Haus erst sequestrirt und dann confiscirt worden. Denn alles ging so
schnell und Decret folgte auf Decret mit so wilder Hast, daß jetzt am
dritten Abend des Herbstmonates September patriotische Gerichtspersonen
Monseigneurs Haus in Besitz genommen und es mit der dreifarbigen Fahne
bezeichnet hatten und in seinen Staatszimmern Branntwein tranken.

Ein Geschäftslocal in London wie Tellsons Geschäft in Paris hätte
das Haus bald von Sinnen und auf das Verzeichniß der Fallirten
gebracht. Denn was würde gesetzte englische Verantwortlichkeit und
Respectabilität gesagt haben zu Orangenbäumen in Kübeln in dem Vorhof
einer Bank, oder gar zu einem Cupido über dem Zähltisch? Und doch
gab es solche Dinge. Tellsons hatten den Cupido übertüncht, aber er
war immer noch erkennbar in der Decke, wo er, auf das sparsamste mit
Leinenzeug bedacht, von Früh bis Abends mit seinem Pfeil auf Gold
zielte -- wie er es ja sehr oft macht. In Lombardstreet in London
hätte dieser junge Heide unvermeidlich Bankerot zur Folge gehabt, und
dieselbe traurige Wirkung hätte ein verhangener Alkoven hinter dem
unsterblichen Knaben und ein in die Wand eingelassener Spiegel, und
endlich die durchaus nicht alten Commis hervorgebracht, welche auf die
leiseste Aufforderung öffentlich tanzten. Jedoch französische Tellson’s
konnten bei allen diesen Dingen vortrefflich bestehen, und so lange die
Zeit überhaupt zu ertragen war, hatte sich Niemand darüber entsetzt und
sein Geld aus der Bank gezogen.

Wie viel Geld in Zukunft aus Tellsons Bank gezogen und wie viel dort
verloren und vergessen liegen bleiben würde; was für Silberzeug und
Juwelen in Tellsons versteckten Koffern blind werden würden, während
die, welche sie dort niedergelegt hatten, im Gefängnisse schmachteten,
oder bald eines gewaltsamen Todes sterben sollten; wie viele Conti
bei Tellsons in dieser Welt nie abgeschlossen werden konnten und in
die andere Welt übertragen werden mußten, das konnte an diesem Abend
Niemand sagen, ebenso wenig wie Mr. Jarvis Lorry, obgleich er über
diese Fragen besorgt nachdachte. Er saß vor einem frisch angebrannten
Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war vor der Zeit kalt)
und auf seinem ehrlichen und muthvollen Gesicht lag ein trüberer
Schatten, als die Hängelampe werfen oder ein Gegenstand im Zimmer
verzerrt wiedergeben konnte -- ein Schatten des Grausens.

Er bewohnte in seiner Treue für das Haus, von dem er ein Theil geworden
war, wie tief gewurzelter Epheu, Zimmer in der Bank. Sie erfreuten
sich in Folge der patriotischen Besitznahme des Hauptgebäudes einer
gewissen Art von Sicherheit, aber der wackere alte Herr dachte nie
daran. Alle solche Nebensachen waren ihm gleichgültig, wenn er nur
seine Pflicht that. Am anderen Ende des Vorhofes unter einer Colonade
befand sich ein Wagenschuppen, und es standen sogar noch einige
Kutschen Monseigneurs dort. An zwei von den Pfeilern waren zwei große
helllodernde Fackeln befestigt, und im Schimmer derselben stand unter
freiem Himmel ein großer Schleifstein: eine roh zugerichtete Maschine,
welche man aus einer nahen Schmiede oder anderen Werkstatt in Hast
hieher geschafft zu haben schien. Mr. Lorry war aufgestanden und hatte
aus dem Fenster einen Blick auf diese harmlosen Gegenstände geworfen;
aber ein Schauder überlief ihn und er kehrte wieder auf seinen Sitz vor
seinem Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch
die Jalousien davor geöffnet, und sie beide wieder zugemacht, und ein
Schauer überlief seinen ganzen Körper.

Von den Straßen jenseits der hohen Mauer und des festen Thores tönte
das gewöhnliche nächtliche Brausen der großen Stadt herüber, in welches
sich dann und wann ein unbeschreiblich unirdischer Ton mischte, als ob
ungewohnte Klänge haarsträubender Art hinauf zum Himmel tönten.

„Gott sei Dank,“ sagte Mr. Lorry und faltete die Hände, „daß Niemand
von denen, die meinem Herzen nahe stehen, heute Nacht in dieser
schrecklichen Stadt ist. Möge er sich aller derer erbarmen, die in
Gefahr sind!“

Bald darauf läutete die Glocke an dem großen Thor und er dachte „sie
sind wieder da!“ und lauschte. Aber es brach kein lärmender Haufe
in den Vorhof, wie er erwartet hatte, und er hörte das Thor wieder
zufallen und alles war still.

Die Unruhe und Bangigkeit, welche ihn befingen, erzeugten jene
unbestimmte Sorge um die Bank, die bei so hochgespannten Gefühlen eine
große Verantwortlichkeit von selbst zur Folge hat. Sie war wohl bewacht
und er stand auf, um die zuverlässigen Leute zu besuchen, welche
Wache hielten, als seine Thür plötzlich aufging und zwei Gestalten
hereinstürzten, deren Anblick ihm vor Erstaunen zurücktreten machte.

Lucie und ihr Vater! Lucie, die Arme ihm entgegenstreckend und mit
jenem alten Aussehen tiefen Ernstes so verstärkt, daß es schien als ob
es ihrem Gesicht ausdrücklich aufgeprägt wäre, um ihm in dieser einen
schweren Stunde ihres Lebens Kraft und Ausdruck zu verleihen.

„Was ist das!“ rief Mr. Lorry verwirrt und athemlos aus. „Was giebt es?
Lucie! Manette! was ist vorgefallen? was bringt Euch hierher? Was giebt
es?“

Mit starr auf ihn geheftetem Auge und bleichem und verstörtem Gesicht
stöhnte sie flehend in seinen Armen „ach, mein Freund! mein Gatte!“

„Ihr Gatte, Lucie?“

„Charles.“

„Was ist mit Charles?“

„Er ist hier.“

„Hier in Paris?“

„Er ist hier seit einigen Tagen -- seit dreien oder vieren -- ich
weiß nicht wie viel es sind -- ich kann meine Gedanken nicht sammeln.
Ein edelmüthiges Unternehmen hat ihn zu der Reise bewogen, ohne daß
ich davon wußte; man hat ihn am Thore angehalten und in’s Gefängniß
geschickt.“

Unwillkürlich schrie der Alte laut auf. Fast in demselben Augenblick
läutete die Glocke an dem großen Thore von Neuem und schreiend und
tobend hörte man einen Menschenhaufen sich in den Vorhof wälzen.

„Was ist das für ein Lärm?“ fragte der Doctor und stand auf, um an das
Fenster zu treten.

„Sehen Sie nicht hinaus!“ rief Mr. Lorry. „Sehen Sie nicht hinaus!
Manette, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, öffnen Sie das Fenster nicht!“

Der Doctor wendete sich um, mit der Hand auf dem Fensterwirbel und
sagte mit einem kühlen muthigen Lächeln:

„Lieber Freund, in dieser Stadt habe ich ein gefeites Leben. Ich bin
Gefangener in der Bastille gewesen. Es giebt keinen Patrioten in ganz
Paris -- in ganz Paris sage ich? in Frankreich, der, wenn er erfährt,
daß ich Gefangener in der Bastille gewesen bin, mich nur anrühren
würde, außer um mich mit Umarmungen halb zu ersticken, oder mich
im Triumphe auf den Schultern zu tragen. Mein altes Leiden hat mir
eine Macht verliehen, die uns zum Thore hereingebracht und uns dort
Nachrichten von Charles verschafft, und uns hierher geführt hat. Ich
wußte, daß es so sein würde; ich wußte, daß ich Charles aus aller
Gefahr retten könnte; ich sagte dies Lucie. Was ist das für ein Lärm?“
Er legte wieder die Hand an den Fensterwirbel.

„Sehen Sie nicht hinaus,“ rief Mr. Lorry in vollster Verzweiflung.
„Nein, gute Lucie, auch Sie nicht!“ Er umschlang sie mit seinen Armen
und hielt sie zurück. „Erschrecken Sie nicht so, Gute. Ich schwöre
Ihnen auf das Heiligste, daß ich von nichts Schlimmen weiß, was Charles
zugestoßen ist; daß ich nicht einmal eine Ahnung von seiner Anwesenheit
in dieser unseligen Stadt hatte. In welchem Gefängnisse ist er?“

„In La Force!“

„In La Force! liebe, liebe Lucie, wenn Sie jemals in Ihrem Leben ein
Mädchen von Herz und Brauchbarkeit gewesen sind -- und Sie waren
immer beides -- so müssen Sie sich jetzt fassen und genau so thun wie
ich Ihnen heiße; denn vielmehr hängt davon ab, als Sie sich denken
können oder ich Ihnen zu sagen vermag. Mit eigner Thätigkeit können Sie
heute Nacht für Charles nichts ausrichten; Sie dürfen um keinen Preis
ausgehen. Ich sage Ihnen dies, weil das, was ich von Ihnen um Charles
Willen verlangen muß, das Schwerste von Allem ist. Sie müssen von
diesem Augenblick an gehorsam und stumm sein, und sich still verhalten.
Sie müssen mir erlauben, Ihnen ein Hinterzimmer in diesem Hause
anzuweisen. Sie müssen Ihren Vater und mich auf zwei Minuten allein
lassen und dürfen, da es Leben und Tod giebt in der Welt, nicht zögern.“

„Ich will Ihnen unbedingt gehorchen. Ich sehe in Ihren Gesicht, daß Sie
wissen, es bleibt mir nichts anderes zu thun übrig. Ich weiß, daß Sie
es gut meinen.“

Der Alte küßte sie und schob sie in sein Zimmer und drehte den
Schlüssel hinter ihr um; dann eilte er zu dem Doctor zurück, öffnete
das Fenster und zum Theil die Jalousie, legte die Hand auf den Arm des
Doctors und sah mit ihm auf den Hof hinaus.

Sah hinaus auf einen Haufen Männer und Frauen; nicht zahlreich genug,
noch lange nicht, um den Hof zu füllen, nicht mehr als vierzig oder
fünfzig in Allem. Die, welche das Haus in Besitz genommen, hatten sie
zum Thorweg hereingelassen und sie waren hereingeströmt, um an dem
Schleifstein zu arbeiten, der offenbar für ihren Gebrauch hier als an
einem passenden und vom Gewühl entlegenen Ort aufgestellt war.

Aber solche entsetzliche Arbeiter und solche entsetzliche Arbeit!

Der Schleifstein hatte eine doppelte Kurbel, und diese drehten in
wahnwitziger Hast zwei Männer, deren Gesichter, wie ihr langes Haar
zurückflog, so oft das Drehen des Schleifsteins die Gesichter empor
brachte, einen gräßlicheren und wilderen Ausdruck trugen, als die
Gesichter der wildesten Wilden in ihrer gräulichsten Verkleidung.
Falsche Augenbrauen und falsche Schnurrbärte hatten sie sich aufgeklebt
und ihre scheußlichen Gesichter waren ganz von Blut und Schweiß bedeckt
und krampfhaft verzerrt von wüstem Heulen, und die von viehischer
Aufregung und Mangel an Schlaf aus dem Kopfe tretenden Augen leuchteten
in unheimlicher Gluth. Wie diese Wüthriche den Stein drehten und
drehten und ihre verfilzten Locken bald nach vorn über die Augen, bald
rückwärts auf die Schultern fielen, hielten einige Frauen ihnen Wein
an die Lippen, daß sie trinken möchten, und von dem niedertropfenden
Blut und dem niedertropfenden Wein, und dem Funkenregen, der aus dem
drehenden Stein herausstob, schien die ganze Atmosphäre Blut und
Feuer zu sein. Kein menschliches Wesen konnte das Auge in dem Haufen
entdecken, das unbefleckt von Blut war. Einer den Andern drängend,
um an den Schleifstein zu gelangen, standen bis an die Hüften nackte
Männer, denen Arm und Brust mit Blut beschmiert waren; Männer in
allerlei Lumpen, mit Blut auf diesen Lumpen; Männer, in teuflischer
Lust geputzt mit Spitzen und Seidenzeug und Band von Frauenkleidern,
alles befleckt und getränkt mit Blut. Aexte, Messer, Bayonnette, Säbel,
die alle zum Schärfen an den Schleifstein gebracht wurden, waren roth
von Blut. Einige hatten sich die schartigen Säbelklingen mit Streifen
Leinwand oder Fetzen von Kleidungsstücken an die Hand fest gebunden,
und auch diese Bänder, so verschieden sie waren, waren alle in dieselbe
Farbe getaucht. Und wie die von Tollwuth erfüllten Besitzer dieser
Waffen sie aus dem Funkenregen herausrissen und fort auf die Straße
stürzten, glänzte dieselbe rothe Farbe in ihren tollwüthigen Augen; --
Augen, welche mit einer gut gezielten Kugel zu versteinern jeder noch
nicht entmenschte Zuschauer zwanzig Jahre seines Lebens gegeben hätte.

Alles dieses sahen sie in einem Augenblick, wie ein Ertrinkender oder
jedes Menschenkind in jacher Todesgefahr eine Welt sehen könnte, wenn
sie da wäre. Sie traten von dem Fenster zurück und der Doctor blickte
fragend in seines Freundes todtenbleiches Gesicht.

„Sie ermorden die Gefangenen,“ flüsterte Mr. Lorry ihm zu, während er
einen scheuen Blick auf die verschlossene Thür warf. „Wenn Sie Ihrer
Sache sicher sind; wenn Sie wirklich die Macht haben, welche Sie zu
besitzen glauben -- und ich glaube Sie haben sie -- so nennen Sie sich
diesen Teufeln und lassen sie sich von ihnen nach La Force bringen.
Es ist vielleicht zu spät, ich weiß das nicht, aber warten Sie keine
Minute länger!“

Doctor Manette drückte ihm die Hand, eilte baarhäuptig aus dem Zimmer
und war schon im Hofe, als Mr. Lorry wieder an das Fenster trat.

Sein langes weißes Haar, sein eigenthümliches Gesicht und die ungestüme
Zuversicht, mit der er die Waffen bei Seite schob, brachten ihn in
einem Augenblick bis mitten in den Haufen, wo der Schleifstein stand.
Ein paar Secunden lang war eine Pause, dann entstand ein Drängen,
und man vernahm ein Gemurmel und den unverständlichen Klang seiner
Stimme; und dann sah Mr. Lorry, wie er inmitten des dichten Haufens
mit dem Rufe „Hoch der Bastillengefangene! Hülfe für den Verwandten
des Bastillengefangenen in La Force! Platz dort vorn für den
Bastillengefangenen! Rettet den Gefangenen Evrémonde in La Force.“ und
tausend antwortenden Rufen hinausgetragen ward.

Er schloß die Jalousien wieder mit bangem Herzen, machte das Fenster
und den Vorhang zu, eilte zu Lucien und theilte ihr mit, daß ihr Vater
Beistand bei dem Volke gefunden habe und fort sei, um ihren Gatten zu
suchen. Er fand ihr Kind und Miß Proß bei ihr; aber es fiel ihm gar
nicht ein über ihren Anblick zu erstaunen, bis lange Zeit nachher, wie
er in solcher Stille, als dieser Nacht gestattet war, sie beobachtend
dasaß.

Unterdessen war Lucie in dumpfer Betäubung vor ihm auf den Fußboden
gefallen und hielt krampfhaft seine Hand fest. Miß Proß hatte das Kind
auf Mr. Lorry’s Bett gelegt und ihr Kopf war allmälig auf das Kissen
neben ihren kleinen Schützling gesunken. Ach die lange, lange Nacht,
mit dem Gestöhn der armen Lucie! Und ach, die lange, lange Nacht, ohne
daß ihr Vater mit Nachrichten zurück kam!

Noch zweimal in der Finsterniß läutete die Glocke und wieder strömten
Volkshaufen herein und der Schleifstein drehte sich und sprühte Funken.
„Was ist das?“ rief Lucie erschreckt. „Still! die Soldaten schleifen
ihre Säbel,“ sagte Mr. Lorry. „Das Haus ist jetzt Nationaleigenthum und
wird gewissermaßen als Waffenschmiede benutzt.“

Noch zweimal und nicht mehr, und das letzte Mal ging die Arbeit matt
und unterbrochen vor sich. Bald darauf begann der Tag zu grauen, und
er machte sich sanft von der ihn immer noch krampfhaft festhaltenden
Hand los und schaute wieder vorsichtig hinaus. Ein Mann, so mit Blut
befleckt, daß er ein schwer verwundeter Soldat hätte sein können, der
unter den Leichen auf einer Wahlstatt wieder zum Bewußtsein kommt,
stand von dem Pflaster neben dem Schleifstein auf und sah sich mit
verstörtem Blick um. Gleich darauf wurde der thatenmüde Mörder im
ungewissen Dämmerschein des Morgens eine der Kutschen Monseigneurs
gewahr, wankte auf die Prachtcarosse zu, stieg hinein und machte die
Thür hinter sich zu, um auf ihren üppigen Polstern auszuschlafen.

Der große Schleifstein, die Erde, hatte sich gedreht als Mr. Lorry
wieder hinaus sah, und die Sonne schien roth in den Hof. Aber der
kleinere Schleifstein stand dort einsam in der stillen Morgenluft mit
einem Roth darauf, welches die Sonne ihm nicht gegeben hatte und nicht
wegnehmen konnte.



Drittes Kapitel.

Der Schatten.


Eine der ersten Erwägungen, welche mit den Geschäftsstunden in dem
Geschäftsmanne Mr. Lorry sich geltend machte, war, daß er kein Recht
habe, Tellsons Geschäft durch Aufnahme der Gattin eines eingekerkerten
Emigranten unter dem Dache der Bank in Gefahr zu bringen. Sein
eignes Vermögen, seine Sicherheit und sein Leben hätte er ohne einen
Augenblick zu zögern für Lucien und ihr Kind auf’s Spiel gesetzt;
aber hier handelte es sich nicht um sein Eigenthum, und in dieser
Geschäftsangelegenheit war er im strengsten Sinne ein Geschäftsmann.

Zuerst dachte er an Defarge, den er in dem Weinschank aufsuchen und
über den sichersten Aufenthalt bei dem ungeordneten Zustand der Stadt
zu Rathe ziehen wollte. Aber dieselbe Erwägung, welche ihn auf diesen
Mann brachte, rieth auch wieder von ihm ab; denn er wohnte in dem am
meisten fanatisirten Viertel und war jedenfalls dort von großem Einfluß
und tief verstrickt in seine gefährlichen Umtriebe.

Da der Mittag kam und der Doctor noch nicht zurückkehrte und jede
Minute Verzug Tellsons mehr gefährden konnte, ging Mr. Lorry mit
Lucie zu Rathe. Sie sagte, daß ihr Vater davon gesprochen habe, in
diesem Viertel in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung auf kurze Zeit
zu miethen. Da vom Geschäftsstandpunkte nichts dagegen einzuwenden
war und Mr. Lorry voraus sah, daß, selbst wenn alles mit Charles
gut ging und er wieder frei wurde, er doch keinesfalls die Stadt
verlassen könnte, so ging er aus, um eine solche Wohnung zu suchen
und fand eine passende weit hinten in einer abgelegenen Nebenstraße,
wo die geschlossenen Jalousien aller andern Fenster eines hohen
melancholischen Häuserblocks verkündeten, daß alles verlassen sei.

Nach dieser Wohnung brachte er sofort Lucien und ihr Kind und Miß
Proß, und richtete sie dort so comfortabel ein, als ihm selbst mit
Aufopferung seines eigenen Comforts möglich war. Er ließ ihnen Jerry,
als einen Mann zum Ausfüllen des Thorwegs, der einen tüchtigen Schlag
auf den Kopf aushalten konnte, und kehrte dann zu seinen eigenen
Geschäften zurück. Vielfach zogen Unruhe und schwere Sorgen seine
Aufmerksamkeit davon ab und langsam verstrich ihm der Tag.

Der Tag war zu Ende und mit ihm Mr. Lorry’s Arbeitsfähigkeit, als die
Bank geschlossen ward. Er war abermals in demselben Zimmer wie gestern
Abend allein, und überlegte was zunächst zu thun sei, als er Jemanden
die Treppe herauf kommen hörte. Wenige Augenblicke darauf stand ein
Mann vor ihm, der ihn mit einem scharf beobachtenden Blick beim Namen
nannte.

„Ihr Diener,“ sagte Mr. Lorry. „Kennen Sie mich?“

Es war ein kräftig gebauter Mann mit dunklem Lockenhaar, fünfundvierzig
bis fünfzig Jahre alt. Als Antwort wiederholte er ohne den Ton zu
verändern:

„Kennen Sie mich?“

„Ich habe Sie irgend wo gesehen.“

„Vielleicht in meinem Weinschank?“

Voller Spannung und Aufregung sagte Mr. Lorry „Sie kommen von Doctor
Manette?“

„Ja. Ich komme von Doctor Manette.“

„Und was sagt er? was schickt er mir?“

Defarge legte einen offenen Zettel in die ihm entgegengestreckte Hand.
Es stand darauf von des Doctors Hand geschrieben:

„Charles ist sicher, aber ich kann diesen Ort noch nicht mit Sicherheit
verlassen. Es ist mir die Vergünstigung zugestanden worden, dem
Ueberbringer ein paar Zeilen von Charles an seine Frau mitgeben zu
dürfen. Lassen Sie den Ueberbringer seine Frau sehen.“

Der Zettel war von La Force datirt vor einer Stunde.

„Wollen Sie mich nach der Wohnung seiner Frau begleiten,“ sagte Mr.
Lorry mit erleichtertem Herzen als er den Zettel laut gelesen hatte.

„Ja,“ entgegnete Defarge.

Mr. Lorry beachtete kaum bis dahin, in welch seltsam zurückhaltendem
und mechanischem Tone Defarge sprach, sondern setzte seinen Hut auf und
ging mit ihm hinunter auf den Hof. Dort fanden sie zwei Frauen; eine
mit Stricken beschäftigt.

„Wahrhaftig, Madame Defarge!“ sagte Mr. Lorry, der sie genau in
derselben Stellung vor ungefähr siebzehn Jahren verlassen hatte.

„Sie ist’s,“ bemerkte ihr Gatte.

„Geht Madame mit uns?“ fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie sich
ebenfalls in Bewegung setzte.

„Ja. Damit sie die Gesichter sehen und die Personen anerkennen kann. Es
geschieht ihrer Sicherheit wegen.“

Dem Buchhalter fing Defarge’s Art und Weise an aufzufallen, und er
heftete einen zweifelnden Blick auf ihn und ging voraus. Die beiden
Frauen folgten; die andere war der Racheengel.

Sie gingen durch die dazwischen liegenden Straßen so rasch als
möglich, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinauf, wurden von Jerry
eingelassen und fanden Lucien allein und in Thränen. Sie gerieth fast
außer sich über die Nachricht, welche Mr. Lorry ihr von ihrem Gatten
gab, und drückte mit Wärme die Hand, die ihr den Zettel brachte, nicht
ahnend was sie in der Nacht in der Nähe ihres Gatten gethan, und ohne
einen bloßen Zufall ihm hätte anthun können.

„Geliebteste -- fasse Muth. Ich befinde mich wohl und Dein Vater hat
Einfluß in meiner Umgebung. Du kannst hierauf nicht antworten. Küsse
unser Kind für mich.“

Weiter stand nichts auf dem Zettel. Es war jedoch so viel für die
Empfängerin, daß sie sich von Defarge an seine Frau wendete und eine
der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, dankbare,
aus dem Herzen kommende Handlung, aber die Hand gab keine Antwort,
sondern fiel kalt und schwer wieder herunter und fing von Neuem an zu
stricken.

Es war etwas in der Berührung der Hand, was Lucien auffiel. Sie
wollte eben den Zettel in ihren Busen stecken und hielt inne, um
mit aufgescheuchtem Blick Madame Defarge anzusehen. Madame Defarge
erwiederte ihren Blick mit kaltem gleichgültigen Gesicht.

„Liebe Lucie,“ mischte sich Mr. Lorry erklärend ein, „es sind häufig
Volksaufläufe auf den Straßen; und obgleich es nicht wahrscheinlich
ist, daß sie jemals Sie beunruhigen werden, so wünscht doch Madame
Defarge diejenigen zu sehen, welche sie durch ihren Einfluß in solchen
Zeiten beschützen kann, um sie zu kennen. Ich glaube,“ sagte Mr. Lorry,
der in seinen beruhigenden Worten unsicher stecken blieb, als das
gleichgültig harte Wesen der drei Andern ihm mehr und mehr auffiel,
„ich glaube so verhält es sich, Bürger Defarge?“

Defarge warf einen finstern Blick auf seine Frau und gab keine andere
Antwort als ein mürrisch zustimmendes Brummen.

„Es wäre besser, liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, um nichts zu versäumen
was gewinnen oder versöhnen konnte, „wenn Sie auch die Kleine
hereinkommen ließen, und unsere gute Proß. Unsere gute Proß, Defarge,
ist eine englische Dame und versteht nicht französisch.“

Die fragliche Dame, deren tief eingewurzelte Ueberzeugung es mit jedem
Ausländer mehr als aufnehmen zu können, nicht durch Noth oder Gefahr
zu erschüttern war, trat mit über einander geschlagenen Armen ein
und sagte auf englisch zu dem Racheengel, auf den ihre Blicke zuerst
fielen: „Du mit dem frechen Gesicht könntest mir wohl gefallen! ich
hoffe Du befindest Dich recht wohl!“ Sie bedachte auch Madame Defarge
mit einem britischen Husten, aber keine von Beiden beachtete sie
besonders.

„Ist das sein Kind?“ fragte Madame Defarge, indem sie zum ersten Male
in ihrer Arbeit inne hielt und mit der Stricknadel auf die kleine Lucie
deutete, als wäre sie der Finger des Schicksals.

„Ja, Madame,“ gab Mr. Lorry zur Antwort; „dies ist unseres armen
Gefangenen geliebte Tochter und einziges Kind.“

Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten schien so
düster und drohend auf das Kind zu fallen, daß die Mutter unwillkürlich
neben dasselbe auf den Fußboden niederkniete, und es an die Brust
drückte. Der Madame Defarge und ihren Begleitern folgende Schatten
schien dann düster und drohend auf Mutter und Kind zu fallen.

„Es genügt, Defarge,“ sagte Madame Defarge. „Ich habe sie gesehen. Wir
können gehen.“

Aber das zurückhaltende Wesen hatte drohendes genug -- nicht sichtbar
und zur Schau getragen, sondern undeutlich und mehr zu ahnen -- um
Lucien zu veranlassen zu sagen, während sie mit ihrer bittenden Hand
Madame Defarge’s Kleid anfaßte:

„Sie werden gut sein gegen meinen armen Gatten? Sie werden ihm nichts
Böses zufügen? Sie werden mich zu ihm bringen, wenn Sie können?“

„Mit Ihrem Gatten habe ich hier Nichts zu thun,“ entgegnete Madame
Defarge und sah mit einer nicht aus dem Gleichgewicht zu bringenden
Ruhe auf sie herab. „Blos die Tochter Ihres Vaters ist es, die mich
hieher führte.“

„So haben Sie um meinetwillen Erbarmen mit meinem Gatten. Um meines
Kindes willen! Es soll seine Händchen falten und Sie bitten, Erbarmen
zu haben. Wir fürchten Sie mehr als jene Andern.“

Madame Defarge nahm dies als eine Schmeichelei auf und sah ihren Mann
an. Defarge, der sich verlegen den Daumennagel zerbissen und sie
angesehen hatte, zog sein Gesicht in strengere Falten zusammen.

„Was schreibt Ihr Mann auf dem Zettel?“ fragte Madame Defarge mit einem
lauernden Lächeln. „Einfluß? Er sagt etwas von Einfluß?“

„Daß mein Vater in seiner Umgebung viel Einfluß hat,“ sagte Lucie,
indem sie den Zettel hastig aus den Busen hervorholte, aber ihre
besorgten Blicke nicht auf das Papier, sondern auf die Fragende heftete.

„Das wird ihn schon frei machen!“ sagte Madame Defarge. „Ganz gewiß.“

„Als Weib und Mutter,“ flehte Lucie sie aus tiefsten Herzen an, „bitte
ich Sie, Erbarmen mit mir zu haben, und die Macht, die Sie besitzen,
nicht gegen meinen schuldlosen Gatten, sondern für ihn zu verwenden!
O, denken Sie als ein Kind desselben großen Vaters an mich, denken Sie
meiner als Weib und als Mutter!“

Madame Defarge sah die Flehende so kalt wie vorhin an, und sagte dann
zu ihrer Freundin, dem Racheengel:

„Die Frauen und Mütter, die wir gesehen haben, seit wir so klein waren
wie dieses Kind, und kleiner noch, sind nicht sehr berücksichtigt
worden, wie ~ihre~ Männer und Väter in den Kerker geworfen wurden
und dort lange bleiben mußten? Haben wir nicht unser ganzes Leben lang
unsere Schwestern in sich und ihren Kindern Armuth, Nacktheit, Hunger,
Durst, Krankheit, Elend, Bedrückung und Vernachlässigung jeder Art
erleiden sehen?“

„Wir haben nichts anderes gesehen,“ entgegnete der Racheengel.

„Wir haben dies lange getragen,“ sagte Madame Defarge, zu Lucien
gewendet. „Urtheilen Sie selbst! Ist es wahrscheinlich, daß der Kummer
einer Frau und Mutter jetzt bei uns von vielem Gewicht sein würde?“

Sie begann wieder zu stricken, und ging hinaus; der Racheengel folgte.
Defarge bildete den Schluß und machte die Thüre zu.

„Muth, meine liebe Lucie,“ sagte Mr. Lorry, wie er sie aufhob. „Muth!
Muth! so weit geht alles gut -- viel, viel besser als es in letzter
Zeit vielen Armen gegangen ist. Fassen Sie Muth und danken Sie Gott.“

„Ich vergesse nicht Gott zu danken, hoffe ich, aber dieses schreckliche
Weib scheint einen Schatten auf mich und auf alle meine Hoffnungen zu
werfen.“

„Beruhigen Sie sich,“ sagte Mr. Lorry. „Woher die Muthlosigkeit in
diesem tapfern Herzchen? Es ist in der That ein Schatten! kein Wesen
darin, Lucie.“

Aber der Schatten, den das Benehmen dieser Defarges verbreitete, fiel
trotz alledem auch auf ihn, und in seinem innersten Herzen war er sehr
besorgt darüber.



Viertes Kapitel.

Eine Pause im Sturm.


_Dr._ Manette kehrte erst am Morgen des vierten Tages seiner
Abwesenheit zurück. So viel von dem was in jener schrecklichen Zeit
geschehen, als Lucien nur verschwiegen werden konnte, blieb ihr so
vollkommen fremd, daß sie erst viel später, als Frankreich und sie weit
von einander getrennt waren, erfuhr, daß elf hundert wehrlose Gefangene
beider Geschlechter und jedes Alters von dem Volke ermordet, vier Tage
und Nächte mit dieser Schreckensthat geschändet worden waren, und daß
die Luft, die sie einathmete, die letzten Seufzer der Erschlagenen
aufgenommen hatte. Sie wußte nur, daß ein Angriff auf die Gefängnisse
stattgefunden, daß alle politischen Gefangene in Gefahr gewesen waren,
und daß der Pöbel einige herausgeschleppt und ermordet hatte.

Mr. Lorry erzählte dem Doctor unter der Bedingung strengsten
Schweigens, auf der er nicht mit Nachdruck zu verweilen brauchte,
daß ihn der Menschenhaufe mitten durch das mordende Gewühl nach dem
Gefängniß La Force gebracht hatte. Dort im Gefängniß fand er ein
selbsternanntes Gericht sitzen, welchem man die Gefangenen einzeln
vorführte, und welches in rascher Folge Befehle ertheilte, sie
fortzuschaffen, um sie niederzumetzeln oder sie frei zu lassen, oder
(in seltenen Fällen) sie in ihre Zellen zurückzubringen. Von seinen
Führern vor dieses Gericht gebracht, hatte er sich demselben als
denjenigen genannt, der achtzehn Jahre lang im Geheimen und unverhört
Gefangener in der Bastille gewesen; und einer von den zu Gericht
Sitzenden war aufgestanden und hatte ihn recognoscirt, und dieser eine
war Defarge gewesen.

Darauf hatte er sich in den auf dem Tische liegenden Verzeichnissen
versichert, daß sein Schwiegersohn noch unter den lebenden Gefangenen
war, und hatte dem Gericht -- von welchem einige Mitglieder schliefen,
einige wachten, einige befleckt von Mord und einige rein, einige
nüchtern waren, und andere nicht -- die dringendsten Vorstellungen
gemacht, ihm Leben und Freiheit zu schenken. In den ersten tollen
Demonstrationen, mit denen er als ein ausgezeichnetes Opfer des
gestürzten Systems begrüßt worden war, hatte man ihm die Vorführung
und das Verhör Charles Darnay’s vor dem selbst eingesetzten Gericht
zugestanden. Er hatte auf dem Punkte gestanden, freigelassen zu werden,
als in der zu seinen Gunsten herrschenden Stimmung plötzlich eine dem
Doctor nicht verständliche Wendung eingetreten war, welche zu einer
kurzen geheimen Berathung geführt hatte. Der Vorsitzende hatte dann
Doctor Manette mitgetheilt, daß der Gefangene verhaftet bleiben müßte,
aber um seinetwillen für unverletzlich erklärt werden solle. Gleich
darauf war auf ein Zeichen der Gefangene wieder in das Innere des
Gefängnisses geschafft worden; aber der Doctor hatte so nachdrücklich
um Erlaubniß gebeten, da bleiben und sich versichern zu dürfen, daß
sein Schwiegersohn weder durch bösen Willen noch durch bösen Zufall
den Mordgesellen überliefert würde, deren Geheul vor dem Thore oft die
Verhandlungen übertönte, daß er die Erlaubniß erlangte und in der Nähe
des Blutgerichts verweilt hatte, bis alle Gefahr vorüber war.

Was er dort neben den kurzen Unterbrechungen von Essen und Schlafen
gesehen, soll unerzählt bleiben. Die wahnwitzige Freude über die
geretteten Gefangenen hatte ihn kaum weniger in Erstaunen gesetzt, als
die wahnwitzige Grausamkeit, mit der die anderen in Stücke zerhackt
wurden. Von einem Gefangenen erzählte er, der als frei von dem Gericht
entlassen wurde, den aber aus Irrthum ein Wüthrich beim Hinausgehen mit
der Pike verwundet hatte. Gebeten ihm beizuspringen und die Wunde zu
verbinden, war der Doctor zu demselben Thor hinausgegangen und hatte
ihn in den Armen einer Gesellschaft Samariter gefunden, die auf den
Leichen ihrer Opfer saßen. Mit einer Inconsequenz, die so ungeheuerlich
wie alles andere in dieser wie ein böser Traum verschwimmenden Nacht
war, hatten sie dem Arzt geholfen und den Verwundeten mit sanfter Hand
gepflegt -- hatten eine Tragbahre für ihn gemacht und ihn sorglich von
dannen getragen -- und dann wieder zu ihren Waffen gegriffen, und von
Neuem eine so gräßliche Metzelei begonnen, daß der Doctor sich die
Augen mit den Händen zugedeckt hatte und in Ohnmacht gesunken war.

Wie Mr. Lorry sich dieses erzählen ließ, und das Gesicht seines jetzt
zweiundsechzig Jahre alten Freundes beobachtete, entstand in ihm
eine bange Besorgniß, daß so schaudererregende Erlebnisse die alte
Gefahr zurückbringen könnten. Aber er hatte seinen Freund noch nie in
seiner gegenwärtigen Erscheinung gesehen; er hatte ihn nie in seinem
gegenwärtigen Charakter gekannt. Zum erstenmale fühlte jetzt der
Doctor, daß sein Leiden Stärke und Macht war. Zum erstenmale fühlte er,
daß er in diesem scharfen Feuer langsam das Eisen geschmiedet hatte,
womit er die Kerkerthür des Gatten seiner Tochter aufbrechen und ihn
befreien konnte. „Es hat alles zu einem guten Ziele geführt, mein
Freund; es war nicht alles rein verloren. Wie mein geliebtes Kind mir
geholfen hat, mich selbst wieder zu finden, will ich ihr jetzt helfen,
ihr das liebste was sie hat zurückzugeben; mit Gottes Hülfe will ich
es ausführen!“ so sprach _Dr._ Manette. Und als Jarvis Lorry die
funkelnden Augen, das entschlossene Gesicht, die ruhige selbstbewußte
Haltung des Mannes sah, dessen Leben, wie es ihm immer schien, wie eine
Uhr so viele Jahre still gestanden, und dann wieder mit einer Energie
zu gehen angefangen, die, während sein nützliches Wirken unterbrochen
war, geschlummert hatte, da glaubte er es.

Größeres als dem Doctor damals zu bekämpfen oblag, hätte vor seiner
Ausdauer nachgegeben. Während er an seinem Posten blieb als ein Arzt,
der mit Menschen jeder Art, mit Gefangenen und Freien, mit Reichen und
Armen, Guten und Schlimmen zu thun hat, benutzte er seinen persönlichen
Einfluß so klug, daß er sehr bald der inspicirende Arzt von drei
Gefängnissen und unter diesen von La Force war. Er konnte jetzt Lucien
versichern, daß ihr Gatte nicht länger allein saß, sondern sich unter
der allgemeinen Gesellschaft der Gefangenen befand; er sah ihren
Gatten allwöchentlich und überbrachte ihr unmittelbar von seinem Munde
zärtliche Botschaften; manchmal schickte er ihr einen Brief (obgleich
nie durch Vermittelung des Doctors), aber sie durfte ihm nicht wieder
schreiben; denn unter den vielen abenteuerlichen Besorgnissen vor
Verschwörungen in den Gefängnissen, wiesen die allerabenteuerlichsten
auf Emigranten hin, die Freunde und dauernde Verbindungen im Auslande
hatten.

Dies neue Leben des Doctors war allerdings ein sorgenvolles Leben; aber
der scharfblickende Mr. Lorry erkannte, daß ein neuer ihn aufrecht
erhaltender Stolz damit verbunden war. Nichts unzukömmliches hatte
dieser Stolz; es war ein natürliches und würdiges Gefühl; aber er
beobachtete ihn als eine Merkwürdigkeit. Der Doctor wußte, daß bisher
in den Gedanken seiner Tochter und seines Freundes seine Einkerkerung
sich nicht von seinen persönlichen Leiden und Schwächen hatte trennen
lassen. Jetzt war dies anders geworden und er wußte sich durch diese
alte Prüfung mit Kräften ausgestattet, von welchen sie Beide für
Charles Sicherheit und Freiheit erwarteten, und diese Veränderung hob
seinen Geist so, daß er die Anführung und Leitung übernahm und von
ihnen, als den Schwachen, verlangte ihm, als den Starken, zu vertrauen.
Die Stellung, welche er und Lucie früher gegen einander einnahmen,
war umgekehrt, aber nur wie die lebhafteste Dankbarkeit und Liebe
sie umkehren konnten, denn er hätte sich nur erhoben fühlen können,
ihr einen Dienst zu leisten, die ihm so viel geleistet hatte. „Ein
merkwürdiges Schauspiel,“ dachte Mr. Lorry in seiner liebenswürdig
schlauen Weise, „aber ganz natürlich und richtig; also übernehmen Sie
die Führung, bester Freund, und behalten Sie dieselbe; sie könnte nicht
in bessern Händen sein.“

Aber obgleich der Doctor keine Anstrengungen sparte, und nie zu
versuchen aufhörte Charles Darnay die Freiheit zu verschaffen, oder ihn
wenigstens vor Gericht zu bringen, so ging doch die allgemeine Strömung
der Zeit zu schnell und stark gegen ihn. Die neue Aera begann; der
König war gerichtet, verurtheilt und enthauptet; die Republik Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, stand für Sieg oder Tod gegen die
Welt in Waffen; die schwarze Fahne wehete Tag und Nacht von den großen
Thürmen von Notre-Dame; dreihunderttausend Mann, aufgerufen sich gegen
die Tyrannen zu erheben, erhoben sich aus allen den verschiedenen
Landstrichen Frankreichs, als ob die Drachenzähne mit voller Hand
ausgesäet worden und überall, im Thal und auf den Bergen, auf dem Fels,
im Sand und im Schlamm, unter dem lächelnden Himmel des Südens, und
unter den Wolken des Nordens, in Wald und Haide, in Weinbergen und
Olivengärten, unter dem verkümmerten Gras und den Stoppeln, auf den
fruchtbaren Ufern der breiten Ströme, und dem Geröll des Seestrandes
Frucht getragen hätten. Welche Privatsorge konnte gegen die Sündfluth
des Jahres Eins der Freiheit Stand halten -- gegen die Sündfluth,
die von unten in die Höhe stieg, und nicht von oben kam, vor der die
Fenster des Himmels geschlossen waren, nicht offen standen!

Es war kein Stillstand, kein Erbarmen, kein Friede, kein Zwischenraum
abspannender Rast, kein Abmessen der Zeit. Obgleich Tage und Nächte so
regelmäßig ihren Kreislauf verfolgten, als damals, wo die Zeit noch
jung war und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, gab es doch keine
andere Zeitrechnung. Der Sinn dafür ging in dem rasenden Fieber eines
ganzen Volkes verloren, ganz so wie es in dem Fieber eines einzelnen
Kranken geschieht. Jetzt ward das unnatürliche Schweigen einer ganzen
Stadt unterbrochen, und der Scharfrichter zeigte dem Volke den Kopf
des Königs -- und jetzt, es schien fast in demselben Athemzuge, den
Kopf seiner schönen Gemahlin, deren Haar in acht langen Monaten
eingekerkerter Wittwenschaft voller Jammer und Noth grau geworden war.

Und dennoch, gehorsam dem seltsamen Gesetz des Widerspruchs, welches
in allen solchen Fällen herrscht, war die Zeit lang, während sie so
rasch vorbei sauste. Ein Revolutionsgericht in der Hauptstadt und
vierzig oder fünfzigtausend Revolutionsausschüsse über das ganze
Land verbreitet; ein Verdächtigengesetz, welches alle Sicherheit für
Freiheit oder Leben wegnahm, und jeden Guten und Unschuldigen in die
Hand jedes Schlechten und Schuldigen gab; Gefängnisse, vollgestopft
von Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und kein Gehör erlangen
konnten; alles dieses wurde festbegründete Ordnung und sich von selbst
verstehendes Herkommen, und schien alter Brauch zu sein, bevor es
viele Wochen alt war. Vor allem wurde das Auge mit einem scheußlichen
Anblick so vertraut, als hätte es ihn vom Anfang der Welt an alle Tage
gesehen -- mit dem Anblick des scharfen Frauenzimmers, genannt _La
Guillotine_!

Es war der allgemein beliebte Gegenstand für Scherze; sie war das beste
Mittel für Zahnweh, sie war ein unfehlbarer Schutz vor dem Grauwerden
der Haare, sie gab der Gesichtsfarbe eine eigenthümliche Zartheit, sie
war das Nationalrasirmesser, welches sehr glatt rasirte; wer _La
Guillotine_ küßte, gukte durch das Fensterchen, und nießte in den
Sack. Sie war das Zeichen der Wiedergeburt des Menschengeschlechts. Sie
trat an die Stelle des Kreuzes. Kleine Guillotinen trugen Leute auf der
Brust, von welchen das Kreuz verschwunden war, und man beugte sich vor
der Guillotine und glaubte an sie, wo man das Kreuz verleugnete.

Sie hatte so viele Köpfe abgeschlagen, daß ihr Gestell und die Stelle,
wo sie am meisten wüthete, von Blut durchtränkt war. Sie wurde
auseinander genommen, wie ein künstliches Spielzeug für einen jungen
Teufel, und wieder zusammengesetzt, wo man sie brauchte. Sie brachte
den Beredtsamen zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder, vernichtete
die Schönen und Guten. Zweiundzwanzig Freunden von hohem Ansehen im
öffentlichen Leben, einundzwanzig Lebendigen und einem Todten, hatte
sie an einem Morgen in ebenso viel Minuten die Köpfe abgeschlagen. Der
oberste Beamte, der sie in Bewegung setzte, hatte den Namen des starken
Mannes im alten Testament geerbt; aber so bewaffnet war er stärker als
sein Namensvetter und blinder, und trug alltäglich die Thore von Gottes
eignem Tempel fort.

Unter diesem Schrecken und dem Gezücht, das davon lebte, wandelte der
Doctor in ruhiger Fassung einher -- voller Vertrauen in seine Macht,
vorsichtig ausdauernd in seinem Ziel, nie bezweifelnd, daß er Luciens
Gatten schließlich retten werde. Aber der Strom der Zeit schoß so
stark und tief vorbei, und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß
Charles bereits ein Jahr und drei Monate im Gefängniß schmachtete,
als der Doctor immer noch so voll ruhiger Zuversicht war. So viel
bösartiger und wüthender war die Revolution in diesem Decembermonat
geworden, daß die Flüsse im Süden sich von den Leichen der während
der Nacht gewaltsam Ertränkten verstopften, und unter der südlichen
Wintersonne Gefangene in Reihen und Vierecken niedergeschossen
wurden. Immer noch wandelte der Doctor unter den Greueln mit ruhiger
Fassung dahin. In dem Paris jener Zeit war Niemand besser als er
bekannt; Niemand war in einer seltsameren Stellung. Schweigsam,
menschenfreundlich, unentbehrlich im Hospital und Gefängniß, seine
Kunst gleichmäßig unter Mördern und Opfern ausübend, war er ein Mann
für sich. In der Ausübung seiner Kunst schied ihn das Aussehen und die
Geschichte des Bastillegefangenen weit von allen andern Menschen. Er
wurde nicht verdächtig oder in Frage gestellt, ebenso wenig als ob er
vor etwa achtzehn Jahren auferstanden wäre, oder als Geist sich unter
den Sterblichen bewegte.



Fünftes Kapitel.

Der Holzmacher.


Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie jede
Stunde jedes Tages nicht sicher, ob nicht am nächsten Morgen das Haupt
ihres Gatten unter der Guillotine fallen würde. Jeden Tag rollten durch
die gepflasterten Straßen schwerfällig die Karren mit Verurtheilten
angefüllt. Schöne Mädchen, glänzende Frauen mit braunen, schwarzen
und grauen Locken; Jünglinge; kräftige Männer und Greise; Edelleute
und Bauern; lauter rother Wein für _La Guillotine_, alltäglich
an’s Tageslicht gebracht aus den dunkeln Kellern der scheußlichsten
Gefängnisse und ihr durch die Straßen zugeführt, damit sie ihren
verzehrenden Durst lösche. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder
Tod; -- letzterer am allerleichtesten von dir zu schaffen, o Guillotine!

Wenn das plötzliche Eintreten des Unglücks und die brausenden Räder der
Zeit die Tochter des Doctors so betäubt hätten, daß sie den Ausgang
in thatloser Verzweiflung abgewartet hätte, so wäre es ihr wie vielen
andern gegangen. Aber von der Stunde an, wo sie in der Dachkammer
Saint Antoine das weiße Haupt an ihren frischen Busen gedrückt, war
sie ihren Pflichten treu geblieben. Sie war ihnen am treuesten in der
Prüfungszeit, wie es bei allen im Stillen guten und loyalen Herzen
immer sein wird.

Sobald sie in ihrer neuen Wohnung sich eingerichtet hatten, und ihr
Vater von Neuem alltäglich seinem Berufe lebte, ordnete sie den kleinen
Haushalt genau so als ob ihr Gatte bei ihnen sei. Alles hatte seinen
bestimmten Ort und seine bestimmte Zeit. Der kleinen Lucie gab sie so
regelmäßig Unterricht, als wären sie alle in ihrem englischen Heimwesen
vereinigt. Die kleinen Kunstgriffe, mit welchen sie sich selbst in
einen Schein des Glaubens hineinheuchelte, daß sie bald wieder bei
einander sein würden -- die kleinen Vorbereitungen für seine baldige
Wiederkehr, das Hinsetzen seines Stuhles, und das Hinlegen seiner
Bücher -- diese und Abends das inbrünstige Gebet für einen geliebten
Gefangenen insbesondere unter den vielen Unglücklichen im Kerker und
im Schatten des Todes -- waren fast die einzigen ausgesprochenen
Erleichterungen, die sie ihrem schweren Herzen gönnte.

In ihrem Aussehen veränderte sie sich wenig. Die einfachen dunkeln
Kleider, fast wie Trauertracht, in welchen sie und ihr Kind
einhergingen, waren so schmuck und gut gehalten, wie die prächtigern
Kleider glücklicherer Tage. Sie verlor an Farbe, und der alte Ausdruck
der Spannung war fortwährend und nicht gelegentlich auf ihrem Gesicht
zu sehen, im Uebrigen blieb sie sehr hübsch und anmuthig. Manchmal,
wenn sie des Nachts den Vater küßte, brach der Schmerz hervor, den
sie den ganzen Tag unterdrückt hatte, und sie sagte ihm, daß er unter
dem Himmel ihr einziger Verlaß sei. Er antwortete immer entschlossen:
„Nichts kann ihm geschehen, ohne daß ich es weiß, und ich weiß daß ich
ihn retten kann, Lucie.“

Sie hatten noch nicht viele Wochen ihr neues Leben geführt, als ihr
Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:

„Meine Gute, es ist im Gefängniß ein hohes Fenster, zu welchem Charles
um drei Uhr Nachmittags manchmal Zutritt finden kann. Wenn er hin
gelangen kann -- was von vielen Ungewißheiten und Zufälligkeiten
abhängt, -- könnte er, glaubt er, Dich auf der Straße sehen, wenn Du
Dich an einen gewissen Ort stellst, den ich Dir zeigen kann. Aber,
meine arme Lucie, Du wirst ihn nicht sehen können, und selbst wenn es
der Fall wäre, wäre es gefährlich für Dich ein Erkennungszeichen zu
geben.“

„O, zeige mir die Stelle, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.“

Von dieser Zeit an wartete sie dort in jeder Witterung zwei Stunden.
Mit dem Glockenschlag Zwei war sie dort, und um Vier ging sie
resignirten Gemüthes nach Hause. Wenn es nicht zu naß oder zu kalt für
ihr Kind war, nahm sie es mit, zu andern Zeiten war sie allein; aber
sie blieb keinen einzigen Tag aus.

Die Stelle war die dunkle und schmutzige Ecke eines krummen Gäßchens.
Die Hütte eines Mannes, der Brennholz zersägte, war das einzige Haus an
diesem Ende; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage ihres Hinkommens
nahm er Notiz von ihr.

„Guten Tag, Bürgerin.“

„Guten Tag, Bürger.“

Diese Form der Anrede war jetzt durch Decret vorgeschrieben. Sie
war schon vor einiger Zeit unter den gesinnungstüchtigen Patrioten
freiwillig eingeführt worden, war aber jetzt für Jedermann Gesetz.

„Gehen wieder hier spatzieren, Bürgerin?“

„Wie Sie sehen, Bürger!“

Der Holzmacher, der ein kleiner Mann von lebhaftem Geberdenspiel war
(er war früher einmal Straßenarbeiter gewesen), sah hinauf nach dem
Gefängniß, deutete mit dem Finger hin, hielt dann seine zehn Finger vor
das Gesicht, um Eisenstäbe darzustellen, und blickte lachend hindurch.

„Aber es ist nicht meine Sache,“ sagte er und sägte weiter.

Am nächsten Tag erwartete er sie, und redete sie an sowie sie kam.

„Was! wieder hier spatzieren gehen, Bürgerin?“

„Ja, Bürger!“

„Ah! und mit einem Kinde. Deine Mutter, nicht wahr, kleine Bürgerin?“

„Soll ich ja sagen, Mama?“ flüsterte die kleine Lucie, und drängte sich
dichter an die Mutter.

„Ja, liebes Kind.“

„Ja, Bürger.“

„Ach! aber es ist nicht meine Sache. Meine Arbeit ist meine Sache.
Sehen Sie meine Säge! Ich nenne sie meine kleine Guillotine. La la la!
la la la! und runter ist sein Kopf!“

Das abgesägte Stück Holz fiel zu Boden, wie er sprach, und er warf es
in einen Korb.

„Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Sehen Sie wieder
her! Lu lu lu; lu lu lu! und runter ist ~ihr~ Kopf! Jetzt ein
Kind. La la la; la la la! und runter ist ~sein~ Kopf. Die ganze
Familie!“

Lucien überlief ein Schauder, wie er noch zwei Holzstücke in den Korb
warf, aber wenn sie überhaupt herkommen wollte, während der Holzmacher
arbeitete, mußte sie in seinem Gesichtsbereich sein. Daher redete sie
ihn von nun an stets zuerst an, und gab ihm oft ein Trinkgeld, das er
gern annahm, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten.

Er war ein neugieriger Bursch, und manchmal, wenn sie ihn über dem
Hinsehen auf die Gefängnißdächer und Gitter und im Erheben ihres
Herzens zu ihrem Gatten ganz und gar vergessen hatte, entdeckte sie
plötzlich, daß er, die Knie auf die Bank gestützt und die Säge ruhen
lassend, sie betrachtete. „Aber es ist nicht meine Sache!“ sagte er
meistens bei diesen Gelegenheiten, und fing rasch wieder zu sägen an.

In jedem Wetter, im Schnee und in der Kälte des Winters, in den
schneidenden Winden des Frühlings, im heißen Sonnenschein des Sommers,
im Regen des Herbstes, und wieder im Schnee und in der Kälte des
Winters, verbrachte Lucie alltäglich zwei Stunden auf dieser Stelle;
und jeden Tag beim Fortgehen küßte sie die Gefängnißmauer. Ihr Gatte
sah sie (wie sie von ihrem Vater erfuhr) vielleicht alle fünf- bis
sechsmale; zuweilen zwei- oder dreimal hintereinander; zuweilen aber
auch eine Woche oder vierzehn Tage gar nicht. Es war genug, daß er sie,
wenn alles gut ging, sehen konnte und sah, und auf diese Möglichkeit
hin hätte sie die ganze Woche lang jeden Tag bis zum Abend ausgeharrt.

So verging die Zeit bis zum December, unter dessen Schrecken ihr
Vater ruhigen Muthes einher ging. Eines Nachmittags als es ein wenig
schneiete, traf sie an ihrer gewöhnlichen Ecke ein. Es war ein Tag
wilden Jubels und ein Festtag. Auf dem Hinweg hatte sie die Häuser
mit kleinen Piken, auf welche kleine rothe Mützen gesteckt waren,
geschmückt gesehen; auch mit dreifarbigen Bändern und mit der überall
sichtbaren Inschrift (dreifarbige Buchstaben waren die beliebtesten)
„Eine und untheilbare Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
oder Tod!“

Die elende Bude des Holzmachers war so klein, daß ihre ganze Fläche
für diese Inschrift sehr kärglichen Raum darbot. Er hatte sie jedoch
sich von Jemanden schreiben lassen, der „Tod“ mit höchst unangemessener
Schwierigkeit hineingequetscht hatte. Auf dem Dache prangte Pike und
Mütze, wie es sich für einen guten Bürger geziemte, und in einem
Fenster stand seine Säge, von der Aufschrift seine „kleine heilige
Guillotine“ genannt -- denn das Volk hatte jetzt das große scharfe
Frauenzimmer kanonisirt. Sein Laden war geschlossen, und er war nicht
da, was eine Erleichterung für Lucien war, und ihr gestattete allein zu
bleiben.

Aber er war nicht weit weg, denn gleich darauf hörte sie das Lärmen
und Brüllen eines sich nähernden Menschenhaufens, das sie mit Bangen
erfüllte. Einen Augenblick später strömte ein wildes Gewühl um die
Ecke der Gefängnißmauer, und in der Mitte desselben sah man den
Holzmacher mit dem Racheengel Hand in Hand. Es konnten nicht weniger
als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten wie fünftausend Dämonen.
Sie hatten keine andere Musik, als ihren eigenen Gesang. Sie tanzten
nach dem beliebten Revolutionslied in einem wilden Takt, der einem
Zähneknirschen im Einklange glich. Männer und Frauen tanzten mit
einander, Frauen tanzten mit einander, Männer tanzten mit einander, wie
der Zufall sie zusammengeführt hatte. Anfangs war es blos ein Gewühl
von rothen Mützen und schlechten wollenen Lumpen, aber wie die Straße
voll wurde und der Tanz sich Lucien näherte, wurde das schauerliche
Gespenst einer toll gewordenen Tanztour unter dem Haufen sichtbar. Die
Einzelnen avancirten, retirirten, schlugen sich einander an die Hände,
packten einander bei dem Kopfe, drehten sich allein im Kreise, faßten
einander und drehten sich paarweise, bis viele von ihnen erschöpft
hinsanken. Während diese liegen blieben, gaben sich die Uebrigen die
Hand, und alle tanzten im Kreise herum; dann löste sich der Reigen,
und in besonderen Kreisen von Zweien und Vieren drehten sie sich
weiter, bis alle auf einmal still standen, wieder anfingen, in die
Hände klatschten, sich packten und fortrissen, und dann in umgekehrter
Richtung fortwirbelten. Plötzlich blieben sie wieder stehen, fingen mit
einem neuen Takt an, bildeten Reihen die Straße entlang, und schossen
mit tiefgesenkten Köpfen, und hoch in die Luft gehobenen Händen, wild
heulend von dannen. Es war so in vollstem Sinne ein gefallener Tanz
-- ein ehedem unschuldiges Ding, das jetzt jeder Teufelei anheim
gegeben war -- eine ehedem gesunde Zerstreuung, jetzt zu einem Mittel
geworden, das Blut zu entzünden, die Sinne zu verwirren, und das Herz
zu verhärten. Die Grazie, die sich dabei noch zeigte, machte es nur
um so häßlicher, denn sie verrieth, wie verkehrt und verderbt alle
von Natur guten Dinge werden können. Der in diesen Tanz entblößte
Jungfrauenbusen, der fast noch dem Kindesalter angehörige hübsche
Kopf, der sich in dem Wahnwitz erhitzte, der zarte Fuß, der in diesem
Sumpf von Blut und Schmutz tänzelte, waren Typen der aus den Gliedern
gerenkten Zeit.

Das war die Carmagnole. Wie sie vorübersauste und Lucie mit Schrecken
erfüllt und verwirrt in der Thür des Holzmachers stehen blieb,
schwebten die Schneeflocken so ruhig herunter, und lagen so weich und
weiß da, als ob das Ding nie gewesen wäre.

„Ach, mein Vater!“ denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder
aufschlug, die sie eine Secunde mit der Hand zugedeckt hatte, „ein so
entsetzliches, schlimmes Schauspiel.“

„Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ich habe es viele Male gesehen.
Beruhige Dich! keiner von ihnen würde Dir ein Leid zufügen.“

„Ich bin meinetwegen nicht unruhig, Vater. Aber wenn ich an meinen
Gatten denke, und an die Barmherzigkeit dieser Leute --“

„Er wird sehr bald von ihrer Barmherzigkeit absehen können. Ich verließ
ihn, als er zum Fenster hinaufkletterte, und ich komme es Dir zu sagen.
Es kann uns hier Niemand sehen. Du kannst dort nach jenem höchsten
schrägen Dach eine Kußhand schicken.“

„Ich thue es, Vater, und schicke ihm meine Seele mit hinauf!“

„Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Lucie?“

„Nein. Vater,“ sagte Lucie mit heißen Thränen ihre Hand küßend, „nein.“

Schritte im Schnee. Madame Defarge. „Ich grüße Sie, Bürgerin,“ vom
Doctor. „Ich grüße Sie, Bürger.“ Dies im Vorbeigehen. Nichts weiter.
Madame Defarge ist verschwunden wie ein Schatten über den weißen Weg.

„Gieb mir den Arm, liebe Lucie. Geh seinetwegen mit heiterem und
muthigem Gesicht von hier fort. Das war gut gemacht!“ Sie hatten
den Ort verlassen; „es ist nicht umsonst. Charles ist für Morgen
vorgeladen.“

„Für Morgen!“

„Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet, aber es sind
Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die nicht ergriffen werden konnten,
bevor er nicht wirklich vor Gericht gefordert war. Er hat die Ladung
nicht bekommen, aber ich weiß, daß er sie noch in dieser Stunde
erhalten, und nach der Conciergerie gebracht werden wird; ich habe
frühzeitige Nachrichten. Du fürchtest Dich nicht?“

Sie konnte kaum antworten, „ich vertraue auf Dich.“

„Du kannst das unbedingt thun. Die Ungewißheit ist nun bald vorüber,
mein Herz; Du wirst ihn binnen wenigen Stunden wiedersehen; ich habe
ihn mit jedem möglichen Schutz umgeben. Ich muß Lorry sprechen.“

Er hielt inne. Man hörte ein dumpfes Rollen von Wagen in der Nähe.
Beide wußten nur zu gut, was es bedeutete. Eins. Zwei. Drei. Drei
Karren fuhren dahin über den weichen Schnee, mit ihrer dem Tode
geweiheten Ladung.

„Ich muß Lorry sprechen;“ wiederholte der Doctor, indem er mit ihr in
einer andern Richtung fortging.

Der wackere alte Herr war immer noch auf seinem Vertrauensposten,
hatte ihn überhaupt nie verlassen. Er und seine Bücher wurden häufig
über confiscirtes und zum Nationalgut geschlagenes Eigenthum zu Rathe
gezogen. Was er den Eigenthümern retten konnte, rettete er. Es gab
keinen unter den Lebenden, der besser bei dem aushielt, was Tellsons in
Verwahrung hatten, und zu schweigen verstand.

Ein trüber roth und gelber Himmel, und ein von der Seine aufsteigender
Nebel verkündete die nahende Dunkelheit. Es war fast Nacht, als sie die
Bank erreichten. Der stattliche Palast Monseigneurs war ganz und gar
verödet und verlassen. Ueber einem Haufen Staub und Asche im Hofe las
man die Inschrift: „National-Eigenthum. Eine und untheilbare Republik.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.“

Wer mochte das sein bei Mr. Lorry -- der Besitzer des Reitüberrockes
auf dem Stuhle -- der nicht gesehen werden durfte? Von welchem neuen
Ankömmling kam er heraus, aufgeregt und überrascht, um seinen Liebling
in die Arme zu schließen? Wem wiederholte er ihre gestammelten Worte,
als er mit gehobener Stimme, und den Kopf nach der Thür des Zimmers
wendend, aus dem er gekommen war, sagte: „Nach der Conciergerie
gebracht und für Morgen vorgeladen!“



Sechstes Kapitel.

Triumph.


Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, dem öffentlichen Ankläger
und den kurz weg sich entschließenden Geschworenen, saß jeden Tag.
Jeden Abend erließen sie ihr Requisitionsverzeichniß, das von den
Schließern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen
ward. Der stehende Schließerwitz war: „Ihr da drinnen, kommt heraus,
und hört die Abendzeitung vorlesen!“

„Charles Evrémonde, genannt Darnay!“

So begann endlich die Abendzeitung in La Force.

So wie ein Name gerufen war, stellte sich sein Besitzer auf eine
Denjenigen vorbehaltene Stelle, welche auf der verhängnißvollen Liste
verzeichnet standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, hatte Grund
die Sitte zu kennen; er hatte Hunderte so verschwinden sehen.

Der Schließer von aufgedunsenem Aussehen, der zum Lesen eine Brille
trug, sah über dieselbe hinweg, um sich zu vergewissern, daß er
auf seinen Platz getreten war, und las das Verzeichniß zu Ende,
wobei er bei jedem Namen eine ähnliche kurze Pause machte. Es waren
dreiundzwanzig Namen, aber nur zwanzig meldeten sich dazu; denn einer
von den vorgeladenen Gefangenen war in dem Gefängniß gestorben und
vergessen worden, und zwei waren bereits guillotinirt und ebenfalls
vergessen. Das Verzeichniß wurde in dem gewölbten Raume verlesen,
wo Darnay in der Nacht seiner Ankunft die versammelten Gefangenen
gesehen hatte. Diese waren sämmtlich in der Metzelei umgekommen; jedes
Menschenkind, um das er sich seither gekümmert, und das er seither
hatte scheiden sehen, war auf dem Schaffot gestorben.

Es wurden einige Worte des Lebewohls und der Freundschaft gewechselt,
aber der Abschied war bald vorüber. Es war ein alltägliches Ereigniß,
und die Gesellschaft von La Force war mit Vorbereitungen zu
Pfänderspielen und einem kleinen Concert für diesen Abend beschäftigt.
Sie drängten sich an die Gitter und vergossen dort Thränen, aber es
waren zwanzig Rollen in der beabsichtigten Abendunterhaltung neu zu
besetzen, und die Zeit war nur kurz bis zur Schlußstunde, wo die
gemeinsamen Zimmer und Corridore den großen Hunden überlassen wurden,
welche dort während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren
durchaus nicht gefühllos oder hartherzig; ihr Benehmen entstand nur in
Folge der Bedingungen des Lebens jener Zeit. Ebenso, obgleich mit einem
feinen Unterschied, war eine Art Begeisterung oder Rausch, der einige,
wie wohl bekannt ist, verlockt hat, unnöthiger Weise die Guillotine
herauszufordern, und durch sie zu sterben, nicht bloße Prahlerei,
sondern manchmal Ansteckung der merkwürdig erschütterten öffentlichen
Stimmung. In Pestzeiten fühlen sich manche Menschen im geheimen von der
Krankheit angezogen, und fühlen einen entsetzlichen Drang, daran zu
sterben. Und wir alle haben in unserer Brust ähnliche Wunder verborgen,
die nur auf die geeigneten Umstände warten, um geweckt zu werden.

Der Weg nach der Conciergerie war kurz und dunkel; die Nacht in ihren
von Ungeziefer behafteten Zellen war lang und kalt. Am andern Morgen
erschienen funfzehn Gefangene vor den Schranken, ehe Charles Darnay
aufgerufen ward. Alle Funfzehn wurden verurtheilt, und ihr Proceß hatte
keine anderthalb Stunde gedauert.

Charles Evrémonde, genannt Darnay, erschien endlich vor Gericht.

Seine Richter saßen in Federhüten auf der Bank; aber die grobwollene
rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren der im Uebrigen
vorherrschende Kopfputz. Wenn er die Geschwornen und die lärmende
Zuhörerschaft betrachtete, hätte er meinen können, daß die gewöhnliche
Ordnung der Dinge verkehrt sei, und die Verbrecher über die ehrlichen
Leute zu Gericht säßen. Der niedrigste und grausamste Pöbel einer
Stadt, die nie ohne eine Masse von niedrigen, grausamen und bösartigen
Elementen ist, spielte die Hauptrolle, mischte sich lärmend in die
Verhandlung, theilte Beifall und Tadel aus, und beschleunigte das
Resultat ohne daß ihm Jemand hemmend in den Weg trat. Von den Männern
war der größte Theil auf verschiedene Weise bewaffnet: von den Frauen
trugen einige Messer, andere Dolche, einige aßen und tranken, während
sie zusahen, viele strickten. Unter diesen letztern befand sich eine,
die, während sie arbeitete, ein Stück gestricktes Zeug in Vorrath unter
dem Arme hatte. Sie saß in der vordersten Reihe neben einem Manne,
den er seit seiner Ankunft im Thore nicht wieder gesehen, den er aber
sogleich als Defarge erkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder
zweimal in’s Ohr flüsterte, und daß sie seine Frau zu sein schien;
aber was ihm an den beiden Gestalten am meisten auffiel, war, daß sie,
obgleich sie in seiner nächsten Nähe saßen, ihn niemals anblickten.
Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf Etwas zu warten, und
sahen die Geschwornen an, aber sonst Niemanden. Unter dem Präsidenten
saß Doctor Manette in seiner gewöhnlichen einfachen Tracht. So weit der
Gefangene sehen konnte, waren er und Mr. Lorry außer dem zum Gericht
gehörigen Personen die Einzigen, welche ihre gewöhnlichen Kleider
trugen, und nicht in der Carmagnolentracht einhergingen.

Charles Evrémonde, genannt Darnay, ward von den öffentlichen Anklägern
vor Gericht gestellt als Emigrant, dessen Leben kraft des Decretes,
welches alle Emigranten bei Todesstrafe verbannte, der Republik
verfallen war. Es war gleichgültig, daß das Decret nach seiner Rückkehr
nach Frankreich erlassen war. Hier war er, und dort war das Decret; er
war in Frankreich festgenommen worden, und man verlangte seinen Kopf.

„Schlagt ihm den Kopf ab!“ brüllte die Zuhörerschaft. „Er ist ein Feind
der Republik!“

Der Präsident klingelte, um das Geschrei zu beschwichtigen, und fragte
den Gefangenen, „ob es nicht wahr sei, daß er viele Jahre in England
gelebt habe?“

„Allerdings war dies der Fall.“

„Ob er nicht damals ein Emigrant gewesen? Wie er sich genannt habe?“

„Nicht Emigrant im Sinne und Geiste des Gesetzes, hoffe er.“

„Warum nicht?“ wünschte der Präsident zu wissen.

„Weil er freiwillig einen Titel und eine Stellung aufgegeben, die ihm
Abneigung eingeflößt, und sein Vaterland verlassen habe -- er erlaube
sich zu bemerken, bevor das Wort Emigrant in seinem gegenwärtig von dem
Gericht angenommenen Sinne in Gebrauch gewesen sei -- um lieber von
seiner eignen Arbeit in England, als von der Arbeit eines überbürdeten
Volkes in Frankreich zu leben.“

„Welche Beweise er dafür habe?“

Er nannte die Namen von zwei Zeugen. Theophil Gabelle und Alexander
Manette.

„Aber er habe sich in England verheirathet?“ erinnerte ihn der
Präsident.

„Allerdings, aber nicht mit einer Engländerin.“

„Mit einer Bürgerin von Frankreich?“

„Ja, von Geburt.“

„Ihr Name und ihre Familie!“

„Lucie Manette, einzige Tochter des Doctor Manette, des guten Arztes,
der dort sitzt.“

Diese Antwort machte einen glücklichen Eindruck auf die Versammlung.
Ausrufe zum Wohle des wohlbekannten guten Arztes erschütterten den
Gerichtssaal. So launenhaft war das Volk bewegt, daß sofort Thränen aus
mehreren grausamen Augen rollten, die eben noch den Gefangenen wüthend
angestiert hatten, als brennten sie vor Ungeduld, ihn auf die Straße
hinauszuschleppen und todt zu schlagen.

Auf diesen wenigen Schritten seines gefährlichen Weges hatte
Charles Darnay seinen Fuß genau nach Doctor Manette’s wiederholten
Verhaltungsbefehlen gesetzt. Derselbe vorsichtige Rathgeber lenkte
jeden Schritt, der noch vor ihm lag, und hatte jeden Zoll seines Weges
vorbereitet.

Der Präsident fragte „warum er nach Frankreich, gerade zu diesem
Zeitpunkte, und nicht früher zurückgekehrt sei?“

„Er sei nicht eher zurückgekehrt,“ gab er zur Antwort, „einfach
weil er keine andern Subsistenzmittel, außer den aufgegebenen in
Frankreich, besessen habe; während er in England sich durch Unterricht
ertheilen in der französischen Sprache und Literatur ernährt habe.
Er sei zurückgekehrt auf die dringende und schriftliche Bitte eines
französischen Bürgers, der ihm gemeldet habe, sein Leben sei durch
seine Abwesenheit gefährdet. Er sei zurückgekehrt, um das Leben eines
Bürgers zu retten, und auf jede persönliche Gefahr hin Zeugniß für die
Wahrheit abzulegen. Sei dies ein Verbrechen in den Augen der Republik?“

Der Pöbel rief voller Begeisterung „nein“ und der Vorsitzende schellte,
um Schweigen zu erlangen, was ihm nicht gelang, denn er fuhr fort zu
schreien „nein“ bis er nach eigenem Belieben aufhörte.

Der Präsident verlangte den Namen dieses Bürgers zu wissen? Der
Angeklagte erklärte dieser Bürger sei sein erster Zeuge. Er berief
sich auch zuversichtlich auf den Brief des Bürgers, den man ihn am
Thore abgenommen und den man jedenfalls unter den vor dem Vorsitzenden
liegenden Papieren finden werde.

Der Doctor hatte Sorge getragen und sich versichert, daß er dort
war -- und in diesem Stadium der Verhandlung wurde er vorgelegt und
verlesen. Der Vorsitzende rief den Bürger Gabelle auf, damit er sich
zu dem Briefe bekenne, und er that es. Bürger Gabelle deutete mit
außerordentlicher Zartheit und Höflichkeit an, daß er in Folge des
Geschäftsdranges, unter welchem das Gericht in Folge der großen Zahl
der von ihm zu verurtheilenden Feinde der Republik lebe, einigermaßen
in seinem Gefängnisse in der Abtei vergessen worden -- thatsächlich
fast ganz aus den patriotischen Erinnerungen des Gerichts verschwunden
sei -- bis vor drei Tagen, wo man ihn vorgeladen und ihn auf die
Erklärung der Geschwornen, daß nach ihrer Ansicht die Anklage, soweit
sie ihm gelte, durch die freiwillige Stellung des Bürgers Evrémonde,
genannt Darnay, beantwortet sei, in Freiheit gesetzt habe.

Die Reihe im Verhör kam zunächst an _Dr._ Manette. Seine große
persönliche Beliebtheit und die Bestimmtheit seiner Antworten machten
einen bedeutenden Eindruck; aber als er fortfuhr, als er erzählte, daß
der Angeklagte nach seiner Befreiung aus so langer Kerkerhaft sein
erster Freund gewesen, daß der Angeklagte in England geblieben sei,
und seine Tochter und ihn während ihrer Verbannung mit aufopfernder
Liebe unterstützt habe; daß er, weit entfernt von der aristokratischen
Regierung dieses Landes mit wohlwollenden Augen betrachtet zu werden,
von derselben als ein Feind Englands und ein Freund der vereinigten
Staaten vor Gericht gestellt worden -- wie er diese Umstände mit
dem größten Takt und der unmittelbaren Kraft der Aufrichtigkeit und
Wahrheit darstellte, wurden die Geschwornen und das versammelte Volk
eines Sinnes. Endlich, als er sich mit Namen auf Monsieur Lorry,
einen mitanwesenden Herrn aus England, bezog, der gleich ihm Zeuge
bei dieser englischen Gerichtsverhandlung gewesen und seine Aussage
darüber bestätigen könne, erklärten die Geschwornen, sie hätten genug
gehört und seien bereit abzustimmen, wenn der Vorsitzende ihre Stimmen
entgegen nehmen wolle.

Jede Abstimmung (die Geschwornen stimmten laut und einzeln ab) begrüßte
der Pöbel mit jauchzendem Beifall. Alle Stimmen waren zu Gunsten des
Angeklagten und der Vorsitzende erklärte ihn für frei.

Jetzt begann einer jener außerordentlichen Auftritte, in welchen
der Pöbel zuweilen seiner Launenhaftigkeit oder seinen bessern
Regungen der Großmuth und Barmherzigkeit Genüge that, oder die es
als eine Art Gegenrechnung gegen sein hoch aufgelaufenes Conto von
blutiger Grausamkeit betrachtete. Niemand kann jetzt entscheiden,
welchen Beweggründen solche außerordentliche Auftritte zuzuschreiben
waren; wahrscheinlich ein Gemisch von allen dreien, wobei der zweite
vorherrschte. Kaum war das freisprechende Urtheil ausgesprochen,
als Thränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut und der
Gefangene so viel brüderliche Umarmungen von so vielen Personen
beiderlei Geschlechts als ihn erreichen konnten, auszuhalten hatte,
daß er nach so langer und angreifender Einkerkerung in Gefahr kam vor
Erschöpfung in Ohnmacht zu sinken; deshalb nicht weniger, weil er recht
gut wußte, daß dieselben Leute unter dem Einfluß einer andern Strömung
mit derselben Wuth auf ihn losgestürzt wären, um ihn in Stücke zu
zerreißen und diese in den Straßen zu verstreuen.

Erst als man ihn entfernte, um den andern Angeklagten Platz zu
machen, sah er sich von diesen Liebkosungen für den Augenblick
befreit. Zunächst erschienen fünf zusammen vor Gericht, angeklagt als
Feinde der Republik, weil sie derselben nicht durch Wort oder That
beigestanden hatten. So eilig war das Gericht, sich und die Nation für
die verlorne Gelegenheit zu entschädigen, daß diese fünf, verurtheilt
binnen vierundzwanzig Stunden zu sterben, herunterkamen, ehe er den
Ort verlassen hatte. Der erste derselben sagte es ihm mit den in den
Gefängnissen üblichen Zeichen für den Tod -- einem erhobenen Finger --
und sie setzten alle laut hinzu „lange lebe die Republik!“

Bei diesen fünf hatte allerdings keine Zuhörerschaft die Verhandlungen
verlängert; denn als er und Doctor Manette aus dem Thorwege
heraustraten, war dort ein großer Volkshaufe versammelt, unter dem sich
jedes Gesicht, das er im Gerichtssaal gesehen, zu befinden schien --
mit Ausnahme von zweien, nach denen er sich vergeblich umschaute. Als
er heraustrat, stürzte der Haufen wieder auf ihn zu, weinte, umarmte
und jauchzte vor Wahnwitz, bis sogar der Strom, an dessen Ufer das
tolle Schauspiel vor sich ging, toll zu werden schien, wie das Volk an
seinem Gestade.

Sie setzten ihn auf einen Lehnsessel, den sie entweder aus dem
Gerichtssaal selbst oder aus einem der Zimmer oder Gänge des Gebäudes
geholt hatten. Ueber den Sessel hatten sie eine rothe Fahne geworfen
und an die Rückenlehne eine Pike mit einer rothen Mütze darangebunden.
Selbst des Doctors Bitte konnte nicht verhindern, daß er in diesem
Triumphsessel auf den Schultern der Menge nach Hause getragen ward,
während ein wildes Meer rother Mützen ihn umwogte und aus den
stürmischen Wogen zuweilen solche Gesichter emporwarf, daß er sich mehr
als einmal fragte, ob er etwa nicht recht bei Sinnen sei und in dem
Karren nach der Guillotine fahre.

Wie im Traume fühlte er sich von dannen getragen, während sie jeden,
dem sie begegneten umarmten und triumphirend auf den vom Tode
Geretteten wiesen. So trugen sie ihn in den Hof des Gebäudes, wo er
wohnte. Ihr Vater war vorausgeeilt, um Lucie vorzubereiten und als ihr
Gatte vor sie trat, sank sie ihm bewußtlos in die Arme.

Als er sie an sein Herz drückte und ihr schönes Antlitz abwendete von
den lärmenden Volkshaufen, daß seine Thränen und ihre Lippen sich
ungesehen mit einander verschmelzen könnten, fingen einige von den
Untenstehenden zu tanzen an. Augenblicks fielen auch alle Uebrigen
in den Tanz ein und in dem ganzen Hofe wirbelte die Carmagnole. Dann
setzten sie in den leeren Stuhl ein junges Mädchen aus dem Gewühl, um
sie als Freiheitsgöttin von dannen zu tragen und dann, wie der Haufe
sich in die benachbarten Straßen ergoß und das Gestade des Flusses
entlang und über die Brücke, zog die Carmagnole sie alle in ihren
Wirbel und riß sie mit fort.

Nachdem Charles Darnay des Doctors Hand gedrückt, wie er siegesbewußt
und stolz vor ihm stand, nachdem er Mr. Lorry die Hand gedrückt,
der von dem Kampf gegen die wüthende Fluth der Carmagnole athemlos
hereintrat; nachdem er die kleine Lucie geküßt, die man zu ihm
hinaufgehoben, damit sie die Aermchen um seinen Hals lege; und
nachdem er die immer eifrige und getreue Proß umarmt, die das Kind
emporgehoben, nahm er seine Gattin in seine Arme und trug sie hinauf in
ihre Zimmer.

„Lucie! geliebtes Herz! ich bin in Sicherheit.“

„O, geliebter Charles, laß uns Gott dafür danken auf meinen Knieen, wie
ich ihn darum gebeten habe.“

Voller Ehrfurcht beugten sie sich vor dem Herrn. Als sie wieder in
seinen Armen lag sagte er zu ihr:

„Und jetzt rede mit deinem Vater, Geliebteste. Kein anderer Mann in
ganz Frankreich hätte thun können, was er für mich gethan hat.“

Sie legte ihr Köpfchen an die Brust ihres Vaters, wie vor langer,
langer Zeit sein greises Haupt an ihrem Busen geruht hatte. Er fühlte
sich glücklich, daß er ihr so hatte vergelten können, er war belohnt
für sein Leiden, er war stolz auf seine Kraft. „Du darfst nicht so
schwach sein, liebes Herz,“ nickte er ihr zu; „Du darfst nicht so
zittern. Ich habe ihn gerettet.“



Siebentes Kapitel.

Ein Klopfen an der Thür.


„Ich habe ihn gerettet.“ Das war keiner von den Träumen in die er sich
oft wieder verirrt hatte; es war Wirklichkeit. Und doch zitterte seine
Gattin und eine unbestimmte aber schwere Angst bedrückte sie.

Die ganze Luft ringsum war so schwül und finster, die Massen waren
so leidenschaftlich rachgierig und launisch, Unschuldige mußten so
fortwährend auf unbestimmten Verdacht oder durch tückische Bosheit den
Tod erleiden, es war so unmöglich zu vergessen, daß viele, die eben so
schuldlos waren, wie ihr Gatte, und anderen eben so theuer als er ihr
war, Tag für Tag dem Schicksal verfielen, von dem er gerettet worden,
daß ihr Herz sich nicht so erleichtert fühlen konnte, als es eigentlich
hätte der Fall sein sollen. Die Dämmerung des Winternachmittags trat
schon ein und selbst jetzt noch rollten die schauerlichen Todtenkarren
dumpf durch die Straßen. Sie folgte ihnen mit dem Auge des Geistes und
suchte ihn unter den Verurtheilten; und dann drängte sie sich dichter
an ihn, den sie mit ihren Armen umschlungen hielt, und zitterte nur um
so mehr.

Ihr Vater, wenn er ihr Trost zusprach, zeigte eine mitleidige
Ueberlegenheit über dieses schwache Frauenherz, die wunderbar zu sehen
war. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmacher, kein Einhundertfünf,
Nordthurm! Er hatte die Aufgabe gelöst, die er sich gestellt hatte,
sein Versprechen war erfüllt, er hatte Charles gerettet. Nun konnten
sich alle auf ihn stützen.

Ihr Haushalt war in der bescheidensten Art: nicht nur weil dies in
diesen Zeiten das Sicherste war, sondern auch weil sie nicht reich
waren und Charles während seiner Haft für sein schlechtes Essen und
für seine Bewachung und zum Unterhalt der ärmeren Gefangenen viel
Geld hatte bezahlen müssen. Theils deshalb und theils um keinen Spion
im Hause zu haben, hielten sie keine Bedienung; der Bürger und die
Bürgerin, die an dem großen Thorweg Pförtnerstelle vertraten, halfen
gelegentlich aus; und Jerry -- ihnen von Mr. Lorry fast ganz überlassen
-- gehörte so gut wie zum Haushalt und schlief jede Nacht dort.

Es war eine Verordnung der einen und untheilbaren Republik mit dem
Motto: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod,“ daß an der
Thür oder Thürpfoste jedes Hauses der Name jedes Inwohners lesbar in
Buchstaben von einer gewissen Größe in einer gewissen, angemessenen
Höhe vom Fußboden angeschrieben stehen müsse. So verzierte denn auch
Mr. Jerry Crunchers Name die Thürpfoste unten, und wie der Nachmittag
sich dem Abend zuneigte, erschien der Besitzer dieses Namens selbst,
nachdem er einem Maler zugesehen, von dem _Dr._ Manette den Namen
Charles Evrémonde, genannt Darnay, zu den übrigen hatte hinzufügen
lassen.

Bei dem Mißtrauen und der Furcht, die damals Jedermann beherrschte, war
man in den unschuldigsten Dingen vorsichtig. In dem kleinen Haushalt
des Doctors wurden wie in vielen andern die Lebensbedürfnisse für den
nächsten Tag jeden Abend in kleinen Quantitäten und in verschiedenen
kleinen Läden gekauft. Keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so
wenig als möglich Gelegenheit zu geben, von sich reden zu machen und
beneidet zu werden, war Jedermanns Wunsch.

Seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher gemeinschaftlich
die Einkäufe besorgt, wobei erstere das Geld unter ihrer Obhut hatte,
Letzterer den Korb trug. Jeden Nachmittag um die Zeit, wo man die
Straßenlaternen anbrannte, traten sie diesen Dienstgang an und brachten
die nöthigen Einkäufe mit nach Hause. Obgleich Miß Proß durch ihr
langes Verweilen in einer französischen Familie die französische
Sprache hätte so gut verstehen können, wie ihre eigene, wenn sie Lust
dazu gehabt hätte, so hatte sie doch eben nicht Lust dazu; demnach
verstand sie nicht mehr von „dem Unsinn“ (wie sie es zu nennen
beliebte) als Mr. Cruncher. Daher pflegte sie, wenn sie etwas einkaufen
wollte, dem Verkäufer ein Substantiv ohne die mindeste Rücksicht auf
die Natur des gewünschten Artikels an den Kopf zu werfen und wenn es
zufälligerweise nicht der Name der verlangten Waare war, sich darnach
umzusehen, sich des Gegenstandes zu bemächtigen und daran festzuhalten,
bis der Handel geschlossen war. Um das Geschäft zu Ende zu führen,
hielt sie stets als Gegengebot für den verlangten Preis einen Finger
weniger in die Höhe als der Kaufmann, ohne die mindeste Rücksicht
darauf zu nehmen, ob er viel oder wenig forderte.

„Nun, Mr. Cruncher,“ sagte Miß Proß, deren Augen vor Glückseligkeit
roth waren: „wenn Sie fertig sind, bin ich auch fertig.“

Mit heiserer Stimme stellte sich Jerry Miß Proß zu Diensten. Sein
Rost war schon längst ganz und gar abgeschliffen, aber die starrenden
Spitzen seines Haares hatte nichts abfeilen können.

„Wir brauchen heute Alles mögliche,“ sagte Miß Proß, „und werden viel
zu thun haben. Unter andern brauchen wir Wein. Schöne Toaste mögen
diese Rothköpfe trinken, was für Wein wir ihnen immer einschenken
mögen.“

„Sie werden ziemlich ebenso viel wissen, Miß, sollte ich meinen, ob sie
Ihre Gesundheit trinken oder die des Schwarzen.“

„Wer ist das?“ fragte Miß Proß.

Mit einiger Schüchternheit erklärte Mr. Cruncher ihr, daß er den Gott
sei bei uns meine.

„Ach,“ sagte Miß Proß, „man braucht gar keinen Dolmetscher, um zu
wissen was diese Kerle meinen. Sie meinen nur Eines, und das ist
Mauserei und mitternächtiger Mord.“

„Still, gute Proß! ich bitte Sie, seien Sie vorsichtig!“ sprach Lucie.

„Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein,“ sagte Miß Proß; „aber unter uns
kann ich doch wohl sagen, daß ich hoffe, sie werden uns nicht mit ihren
nach Zwiebeln und Tabak riechenden Umarmungen auf der Straße ersticken.
Herzblättchen, rühren Sie sich ja nicht von dem Feuer, bis ich zurück
bin! Nehmen Sie den lieben Mann in Acht, den Sie wieder gewonnen haben
und entfernen Sie Ihr hübsches Köpfchen nicht von seiner Schulter, bis
Sie mich wieder sehen! Darf ich mir eine Frage erlauben, _Dr._
Manette, ehe ich gehe?“

„Ich glaube Sie können sich diese Freiheit nehmen,“ gab der Doctor
lächelnd zur Antwort.

„Um Gottes Willen sprechen Sie mir nicht von Freiheit; wir haben gerade
genug davon,“ sagte Miß Proß.

„Still, gute Proß! Schon wieder?“ bat Lucie.

„Nun mein Herz,“ sagte Miß Proß mit emphatischem Kopfnicken, „das
Kurze und das Lange davon ist, daß ich eine Unterthanin seiner
allergnädigsten Majestät König Georg III. bin;“ Miß Proß machte bei dem
Namen einen Knix; „und als solche habe ich den Grundsatz: Verwirr ihr
tückisch Sinnen, ihr mörderisch Beginnen, Damit wir ihn gewinnen, Heil,
unserm König, Heil.“

Mr. Cruncher wiederholte in einem Anfall von Loyalität in heiserem Baß
Miß Proß Worte, wie in der Kirche.

„Es freut mich, daß Sie so viel vom Engländer in sich haben, obgleich
ich wünschte, Sie hätten sich nicht durch Erkältung die Stimme
verdorben,“ sagte Miß Proß beifällig. „Aber die Frage, _Dr._
Manette: Ist Aussicht vorhanden“ -- das gute Geschöpf pflegte stets zu
thun, als ob es das, was ihnen Allen große Sorge machte, sehr leicht
nehme und brachte es so gelegentlich zur Sprache -- „ist Aussicht
vorhanden?“

„Ich fürchte, noch nicht. Es wäre noch gefährlich für Charles.“

„Hm, hm, hm!“ sagte Miß Proß und unterdrückte mit heiterem Gesicht
einen Seufzer, wie sie einen Blick auf ihres Lieblings goldenes Haar
warf, das im Feuerschein glänzte, „dann müssen wir Geduld haben und
warten; das ist Alles. Wir müssen den Kopf hoch halten und vorsichtig
kämpfen, wie mein Bruder Salomo zu sagen pflegte. Nun Mr. Cruncher! --
Nicht von der Stelle, Herzblättchen!“

Sie gingen und ließen Lucien und ihren Gatten, ihren Vater und das
Kind bei einem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde binnen Kurzem
vom Comptoir erwartet. Miß Proß hatte die Lampe angezündet, aber sie
abseits in eine Ecke gestellt, damit sie ungestört den Feuerschein
genießen könnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte
die Händchen um seinen Arm geschlungen und er fing eben an ihr in einem
Tone, der sich nicht viel über ein Flüstern erhob, eine Geschichte von
einer großen mächtigen Fee zu erzählen, die eine Kerkermauer aufgethan
und einen Gefangenen befreit hatte, der einmal der Fee einen Dienst
geleistet. Alles war still und heimlich und Lucie fühlte sich ruhiger,
als sie seit langer Zeit gewesen.

„Was ist das!“ rief sie auf einmal aus.

„Liebes Kind!“ sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und
seine Hand beruhigend auf die ihrige legte, „beherrsche dich. In welch
aufgeregtem Zustande Du bist! Die geringste Sache -- ein Nichts --
erschreckt Dich. ~Dich~, Deines Vaters Tochter?“

„Vater, ich glaubte fremde Schritte auf der Treppe zu vernehmen,“
entschuldigte sich Lucie mit blassem Gesicht und unsicherer Stimme.

„Liebes Kind, es ist todtenstill auf der Treppe.“

Wie er dies sagte schlug man heftig an die Thür.

„Ach, Vater, Vater. Was kann das sein! Verstecke Charles. Rette ihn!“

„Aber Kind,“ sagte der Doctor, indem er aufstand und seine Hand auf
ihre Schulter legte, „ich ~habe~ ihn gerettet. Wie schwach Du bist
Lucie! Laß mich hinausgehen.“

Er nahm die Lampe, ging durch die zwei dazwischenliegenden Zimmer und
machte die Thüre auf. Man vernahm Waffengerassel und laute Schritte und
vier rauhe Männer in rothen Mützen mit Säbel und Pistolen bewaffnet,
traten ein.

„Bürger Evrémonde, genannt Darnay,“ sagte der Erste.

„Was sucht ihr?“ gab Darnay zur Antwort.

„Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich habe
Euch heute vor Gericht gesehen. Ihr seid von Neuem der Gefangene der
Republik.“

Die Vier umringten ihn wie er dastand und Frau und Tochter ihn
umschlungen hielten.

„Sagt mir wie und warum ich wieder verhaftet sein soll?“

„Ihr habt nur nach der Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen
erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.“

Doctor Manette, den dieser Besuch so versteinert hatte, daß er mit
der Lampe in der Hand da stand, wie eine Statue, bestimmt sie zu
halten, wurde nach diesen Worten wieder lebendig, stellte die Lampe
hin, trat vor den Sprechenden, faßte ihn nicht unsanft vorn an seinem
rothwollenen Hemd an und sagte:

„Ihr kennt ihn, sagt Ihr. Kennt Ihr mich?“

„Ja, ich kenne Euch, Bürger Doctor.“

„Wir kennen Euch alle, Bürger Doctor,“ sagten die andern Drei.

Er sah sie zerstreut nach der Reihe an und sprach nach einer Pause mit
halbgedämpfter Stimme:

„Wollt Ihr dann mir eine Frage beantworten? Wie geht es zu?“

„Bürger Doctor,“ sagte der Erste zögernd; „er ist von der Section St.
Antoine angeklagt. Dieser Bürger,“ setzte er hinzu, auf den Zweiten der
Eingetretenen deutend, „ist aus St. Antoine.“

[Illustration: ~Das Klopfen an der Thür.~]

Der Bezeichnete nickte mit dem Kopfe und wiederholte:

„Er ist von St. Antoine angeklagt.“

„Welches Vergehens wegen?“ fragte der Doctor.

„Bürger Doctor,“ sagte der Erste so zögernd wie vorher, „fragt nicht
weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch verlangt, so werdet Ihr als
guter Patriot Euch gewiß glücklich schätzen, sie zu bringen. Die
Republik geht Allem vor, der Wille des Volks ist Gesetz. Evrémonde, wir
haben Eile.“

„Noch ein Wort,“ bat der Doctor. „Wollt Ihr mir sagen, wer ihn
angeklagt hat?“

„Es ist gegen die Vorschrift,“ entgegnete der Erste; „aber Ihr könnt
den von St. Antoine dort fragen.“

Der Doctor sah diesen an, der unruhig die Füße bewegte, sich den Bart
rieb und endlich sagte:

„Eigentlich ist es gegen die Vorschrift, aber er ist angeklagt --
und schwer -- von dem Bürger und der Bürgerin Defarge. Und noch von
Jemandem.“

„Wer ist das?“

„Fragt ~Ihr~, Bürger Doctor?“

„Ja.“

„Dann,“ sagte der von St. Antoine mit einem seltsamen Blick, „werdet
Ihr morgen Antwort erhalten. Jetzt bin ich stumm.“


                   ~Ende des dritten Theiles.~


          Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.



                             Boz (Dickens)

                           Sämmtliche Werke.

                       Hundertundsechster Band.

                             Zwei Städte.

                            Vierter Theil.

                                Leipzig

                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1860.



                             Zwei Städte.

                    Eine Erzählung in drei Büchern.

                                  Von

                        Boz (Charles Dickens).

                                  Mit

            Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

                 Ans dem Englischen von Julius Seybt.

                            Vierter Theil.

                                Leipzig

                 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

                                 1860.



Achtes Kapitel.

~Gute Karte.~


In glücklicher Unbekanntschaft mit dem neuen Schicksalsschlag zu
Hause, ging Miß Proß durch sehr enge Straßen auf der neuen Brücke
über den Fluß, während sie beständig innerlich die verschiedenen
Einkäufe herzählte, die sie zu machen hatte. Mr. Cruncher mit dem Korb
ging neben ihr. Sie blickten beide rechts und links in die meisten
der Läden, an denen sie vorbeigingen, beobachteten mit vorsichtigem
Auge alle Volkshaufen, und wichen jeder allzu aufgeregten Gruppe von
Sprechenden aus. Die Abendluft war rauh und kaum verstattete der Nebel
über dem Flusse, auf welchem flackernde Lichter schimmerten und lautes
Getöse erdröhnte, die Boote zu erkennen, die den Gewehre für die Armee
der Republik anfertigenden Schmieden zur Werkstätte dienten. Wehe dem
Manne, der dieser Armee Streiche spielte oder unverdiente Beförderung
darin erlangte! Besser für ihn, wenn sein Bart niemals gewachsen wäre,
denn das Nationalrasirmesser rasirte ihn glatt weg.

Fertig mit dem Ankauf einer kleinen Anzahl Küchenbedürfnisse und eines
Maßes Oel für die Lampe, dachte Miß Proß an den Wein den sie brauchte.
Nachdem sie einen forschenden Blick in verschiedene Weinläden geworfen,
blieb sie vor dem Schild „des guten Republikaners Brutus“ stehen, nicht
weit vom Nationalpalast, ehedem und später wieder die Tuilerien, das
ihr seinem Aussehen nach so ziemlich gefiel. Der Laden sah stiller
aus als die anderen, an denen sie bisher vorbeigekommen und war,
obgleich roth genug von Patriotenmützen, doch nicht so roth wie die
Uebrigen. Nachdem Miß Proß Mr. Cruncher zu Rathe gezogen und ihn von
gleicher Meinung gefunden, trat sie in seiner Begleitung in den „guten
Republikaner Brutus“ ein.

Nicht ohne einen forschenden Blick auf die qualmenden Kerzen, auf die
mit der Pfeife im Munde mit schmierigen Karten und gelben Dominosteinen
Spielenden, auf den rußgeschwärzten Arbeiter mit nackter Brust und
nackten Armen, der eine Zeitung vorlas, während die anderen zuhörten;
auf die Waffen die viele im Gürtel trugen, andere einstweilen
abgelegt hatten; auf die zwei oder drei mit dem Kopfe auf den Tische
Schlafenden, die in dem damals üblichen hochschultrigen kurzen,
zottigen, schwarzen Spenzer, in dieser Stellung wie schlafende Bären
oder Hunde aussahen, näherten sich die beiden Fremden dem Ladentisch um
zu kaufen was sie brauchten.

Als ihr Wein ausgemessen ward, verabschiedete sich ein Mann von einem
andern in einer Ecke und stand auf um zu gehen. Er mußte an Miß Proß
vorbei. Kaum hatte diese sein Gesicht erblickt, so stieß sie einen
Schrei aus und schlug die Hände zusammen.

[Illustration: ~Zwiefaches Erkennen.~]

In einem Augenblicke war die ganze Gesellschaft aufgesprungen. Daß
Jemand ermordet worden, weil er einem Andern nicht hatte recht geben
wollen, war das Wahrscheinlichste. Jedermann erwartete Jemanden auf den
Boden sinken zu sehen, sah aber nur einen Mann und eine Frau, die sich
mit weitaufgerissenen Augen anstarrten; der Mann dem ganzen äußeren
Ansehen nach ein Franzose und ein gesinnungstüchtiger Republikaner; die
Frau eine Vollblutengländerin.

Was die Zöglinge des „guten Republikaners Brutus“, als sie sich so
enttäuscht sahen, sagten, hätte für Miß Proß und ihren Beschützer
ebenso gut hebräisch oder chaldäisch sein können und wenn sie ganz Ohr
gewesen wären. Aber sie hatten in ihrem Erstaunen für Nichts Gehör.
Denn es muß hervorgehoben werden, daß nicht blos Miß Proß vor Erstaunen
und Aufregung außer sich war; sondern daß auch Mr. Cruncher -- obgleich
wie es schien auf seine eigene und besondere Rechnung -- sich vor
Verwunderung nicht fassen konnte.

„Was giebt’s?“ sagte der junge Mann, der Miß Proß gegenüber stand, in
ärgerlichem schroffem Tone (obgleich leise) und auf englisch.

„Ach Salomo, lieber Salomo!“ rief Miß Proß und schlug ihre Hände wieder
zusammen; „nachdem ich so viele Jahre nichts von Dir gesehen oder
gehört habe, Dich endlich hier zu finden!“

„Nenne mich nicht Salomo. Willst Du mir den Tod auf den Hals
schicken?“ fragte der Mann in verstohlener und verschüchterter Weise.

„Bruder, Bruder!“ rief Miß Proß mit hellen Thränen aus; „bin ich jemals
so hartherzig gegen Dich gewesen, daß Du mir so Etwas zutrauen kannst?“

„Dann halte Dein geschwätziges Maul,“ gebot Salomo, „und komm auf die
Straße hinaus, wenn Du mit mir sprechen willst? Bezahle Deinen Wein und
komm. Wer ist der da?“

Miß Proß schüttelte ihr liebendes und bekümmertes Haupt über ihren
keineswegs liebreichen Bruder und gab durch Thränen zur Antwort: „Mr.
Cruncher.“

„Er mag auch mit herauskommen,“ sagte Salomo. „Hält er mich für ein
Gespenst?“

Allem Anschein nach war Mr. Cruncher dieser Meinung, wenigstens nach
seinem Aussehen zu urtheilen. Er sagte jedoch kein Wort und Miß Proß,
die Tiefen ihres Strickbeutels mit großer Beschwerde durch ihre
Thränen durchforschend, bezahlte den Wein. Während sie dies that,
wendete sich Salomo an die Zöglinge des guten Republikaners Brutus und
sprach auf französisch einige erklärende Worte zu ihnen, die sie Alle
veranlaßten ihre früheren Plätze wieder einzunehmen und sich ihren eben
unterbrochenen Beschäftigungen von Neuem zu widmen.

„Nun, was willst Du von mir?“ fragte Salomo, als er an der dunkeln
Straßenecke stehen blieb.

„Wie hart von einem Bruder, von dem ich nie meine Liebe abgewendet
habe,“ rief Miß Proß aus, „mich so zu bewillkommnen und so kalt zu
bleiben.“

„Da. Hols der Kukuk! Da,“ sagte Salomo, und stieß mit seinem Mund auf
die Lippen der Schwester. „Bist Du nun zufrieden?“

Miß Proß schüttelte nur den Kopf und weinte stille Thränen.

„Wenn Du erwartest, daß ich überrascht sein soll,“ sagte ihr Bruder
Salomo, „so täuschest Du Dich; ich wußte daß Du hier warst; ich erfahre
nur von wenigen nicht, wenn sie nach Paris kommen. Wenn Du wirklich
nicht wünschest, mein Leben zu gefährden -- was ich halb für möglich
halten könnte -- so geh’ so bald als möglich Deinen Weg und laß mich
meinen gehen. Ich habe viel zu thun. Ich bin Beamter.“

„Mein englischer Bruder Salomo,“ sagte Miß Proß mit einem trauervollen
Aufblick ihrer thränenschweren Augen gen Himmel, „der in sich das Zeug
hatte einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden,
ein Beamter unter Ausländern, und solchen Ausländern! Fast lieber hätte
ich den lieben Jungen in seinem --“

„Sagte ich’s nicht!“ unterbrach sie ihr Bruder heftig. „Ich wußte
es ja! Du willst mein Tod sein. Meine eigene Schwester wird mich
verdächtig machen. Gerade wie es mir anfängt besser zu gehen!“

„Der gnädige und barmherzige Himmel verhüte das!“ rief Miß Proß aus.
„Viel lieber möchte ich Dich nicht wiedersehen, lieber Salomo, obgleich
ich Dir immer von Herzen gut gewesen bin und es immer bleiben werde.
Sage mir nur ein liebreiches Wort und gieb mir nur die Versicherung,
daß keine Entfremdung zwischen uns herrscht und ich will Dich nicht
länger aufhalten.“

Gute Miß Proß! als ob die Entfremdung zwischen ihnen ihre Schuld
gewesen wäre. Als ob Mr. Lorry es nicht schon vor Jahren in der
stillen Ecke in Soho gewußt hätte, daß dieser kostbare Bruder ihr Geld
durchgebracht und sie dann sitzen gelassen hatte!

Er sagte jedoch das liebreiche Wort mit einer viel trotzigeren
Herablassung und Gönnermiene, als er hätte zeigen können, wenn das
thatsächliche Verhältniß zwischen den beiden gerade umgekehrt gewesen
wäre, so wie es stets überall geschieht, so groß die Welt ist, als Mr.
Cruncher die Hand auf seine Schulter legte und mit heiserer Stimme die
unerwartete und eigenthümliche Frage stellte:

„Hört ’mal! mit Verlaub! Heißt ihr eigentlich John Salomo, oder Salomo
John?“

Der Beamte wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Er hatte
vorher kein Wort gesprochen.

„Na, sprecht nur!“ sagte Mr. Cruncher. „John Salomo oder Salomo John?
Sie nennt Euch Salomo und sie muß es wissen, da sie Eure Schwester ist.
Und ich weiß, daß Ihr John heißt, wißt Ihr. Welcher von den beiden
Namen kommt zuerst? und wie steht es mit dem Namen Proß? So hießt Ihr
nicht über dem Wasser.“

„Was meint Ihr?“

„Na ich weiß nicht alles, was ich meine; denn ich kann mich nicht
besinnen, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.“

„Nicht?“

„Nein. Aber ich will schwören es war ein Name von zwei Sylben.“

„Wirklich?“

„Ja. Der andere Name war einsylbig. Ich kenne Euch. Ihr waret als Spion
Zeuge in Old Bailey. Wie hießt Ihr nur damals im Namen des Lügenvaters,
der Euer eigener Vater ist?“

„Barsad,“ fiel eine andere Stimme ein.

„Das ist der Name für eintausend Pfund!“ rief Jerry.

Der eben gesprochen hatte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände
unter den Schößen seines Reitrocks auf den Rücken gelegt und stand so
nachlässig neben Mr. Cruncher, wie er sich in Old Bailey zu zeigen
pflegte.

„Erschrecken Sie nicht, meine gute Miß Proß. Ich überraschte gestern
Abend Mr. Lorry mit meiner Ankunft; wir kamen überein, daß ich mich
nirgendwo zeigen sollte bis Alles in Ordnung war oder bis ich mich
nützlich machen könnte; ich komme hierher, um ein paar Worte mit
Ihrem Bruder zu sprechen. Ich wollte Ihr Bruder betriebe ein besseres
Geschäft als dieser Mr. Barsad. Ihretwegen wünschte ich, Mr. Barsad
wäre kein Schaf der Gefängnisse.“

„Schaf der Gefängnisse“ war damals unter den Kerkermeistern ein
Spitzname für einen Spion. Der Spion, der blaß war, wurde noch blässer
und fragte ihn wie er wagen könnte --

„Das will ich Ihnen erklären,“ sagte Sydney. „Ich sah Sie zufällig, Mr.
Barsad, aus dem Conciergerie-Gefängnisse kommen, während ich mir vor
ein oder zwei Stunden die Mauern betrachtete. Sie haben ein Gesicht,
das auffällt, und ich habe ein gutes Gedächtniß für Gesichter. Daß
ich Sie dort sah, erweckte meine Neugier und da ich einen Grund habe
(der Ihnen nicht unbekannt ist), Sie mit dem Unglück eines jetzt sehr
unglücklichen Freundes in Verbindung zu bringen, so ging ich Ihnen
nach. Ich trat gleich hinter Ihnen in den Weinschank hier und setzte
mich in Ihre Nähe. Aus Ihrer ganz rückhaltlosen Unterhaltung und dem,
was unter Ihren Bewunderern von Mund zu Mund ging, ward es mir nicht
schwer zu errathen, womit Sie sich beschäftigen. Und allmälich bekam
das, was ich auf’s Geradewohl gethan hatte, einen gewissen Zweck, Mr.
Barsad.“

„Was für einen Zweck?“ fragte der Spion.

„Es wäre beschwerlich und vielleicht gefährlich ihn hier auf der Straße
auseinander zu setzen. Können Sie mir nicht ein paar Minuten zu einer
vertraulichen Unterredung schenken -- in Tellsons Bank vielleicht?“

„Drohen Sie?“

„O, sollte ich das gethan haben?“

„Warum soll ich also mit Ihnen gehen?“

„Wahrhaftig, Mr. Barsad, das kann ich Ihnen nicht sagen, wenn Sie es
nicht thun können.“

„Sie wollen es mir nicht sagen, Sir?“ fragte der Spion unentschlossen.

„Sie haben ganz das Richtige getroffen, Mr. Barsad. Ich will es Ihnen
nicht sagen.“

Cartons nachlässiges und doch bestimmtes Wesen kam seiner Raschheit und
Gewandtheit bei dem, was er im Geheimen vorhatte und bei einem solchen
Manne wie dieser war, mächtig zu Hülfe. Sein geübtes Auge sah es und
beutete es auf das Beste aus.

„Na, ich sagte Dir’s gleich,“ sagte der Spion mit einem vorwurfsvollen
Blick auf seine Schwester; „wenn mir daraus ein Unglück erwächst, so
bist Du daran schuld.“

„Ach kommen Sie nur, Mr. Barsad!“ rief Sydney aus. „Seien Sie nicht
undankbar. Ohne meine Achtung für Ihre Schwester, hätte ich vielleicht
nicht auf so angenehme Weise einen kleinen Vorschlag eingeleitet, den
ich Ihnen zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu machen gedenke.
Gehen Sie mit mir nach der Bank?“

„Ich will hören was Sie zu sagen haben. Ja, ich will Sie begleiten.“

„Ich schlage vor erst Ihre Schwester bis an die Ecke Ihrer Straße zu
bringen. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Proß. Es ist für Sie nicht
gerathen um diese Zeit in dieser Stadt ohne Schutz auszugehen, und da
Ihr Begleiter Mr. Barsad kennt, will ich ihn mit zu Mr. Lorry nehmen.
Sind wir fertig? So wollen wir gehen!“

Nicht viel später, und noch bis an das Ende ihres Lebens erinnerte
sich Miß Proß, daß, wie sie ihre Hand auf Sydney’s Arm legte, und ihn
mit einem bittenden Blick ansah Salomo nichts zu Leide zu thun, ein
energischer Wille in seinem Arm und eine Art Begeisterung in den Augen
lag, die nicht nur im Widerspruch mit seinem sorglosen Wesen stand,
sondern auch den Mann veränderten und erhoben. Sie war damals mit
Besorgnissen um ihren Bruder, der ~ihre~ Liebe so wenig verdiente
und mit Sydney’s beruhigenden Versicherungen zu sehr beschäftigt, um
das, was sie sah, gehörig zu beachten.

Sie verließen sie an der Ecke der Straße und Carton schlug dann den Weg
nach Mr. Lorry’s Comptoir ein, das nur noch wenige Minuten entfernt
war. John Barsad oder Salomo Proß ging neben ihm.

Mr. Lorry hatte eben gegessen und saß vor einem gemüthlichen kleinen
Holzfeuer. Vielleicht sah er in den Flackern der Flamme das Bild des
jüngeren ältlichen Herrn von Tellsons, der nun vor vielen Jahren in die
glühenden Kohlen im König Georg in Dover geschaut hatte. Er sah sich
um als sie eintraten und zeigte sich überrascht, als er einen Fremden
erblickte.

„Miß Proß’ Bruder, Sir,“ sagte Sydney. „Mr. Barsad.“

„Barsad?“ wiederholte der alte Herr, „Barsad? ich muß den Namen kennen
-- und das Gesicht.“

„Ich sagte Ihnen Sie hätten ein Gesicht, das man nicht leicht vergißt,
Mr. Barsad,“ bemerkte Carton kühl. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Als er selbst einen Stuhl nahm, half er Mr. Lorry’s Gedächtniß dadurch
nach, daß er zu Mr. Lorry mit gerunzelter Stirn sagte: „Zeuge bei
jener Gerichtsverhandlung.“ Mr. Lorry erinnerte sich nun sofort und
betrachtete seinen neuen Gast mit unverholenem Abscheu.

„Miß Proß hat Mr. Barsad als den zärtlichen Bruder erkannt, von dem Sie
gehört haben,“ sagte Carton, „und er hat die Verwandtschaft anerkannt.
Ich habe noch eine schlimmere Nachricht. Darnay ist von Neuem
verhaftet.“

Voll Bestürzung rief der alte Herr aus: „Was sagen Sie da! Ich verließ
ihn vor zwei Stunden in Sicherheit und frei, und will jetzt wieder zu
ihm gehen!“

„Trotzdem verhaftet. Wann ist es geschehen, Mr. Barsad?“

„Jetzt eben, wenn überhaupt.“

„Mr. Barsad ist die beste Autorität die man haben kann, Sir,“ sagte
Sydney, „und ich erfuhr es aus Mr. Barsad’s Aeußerungen gegen einen
Freund und Mitspion, bei einer Flasche Wein, daß die Verhaftung
stattgefunden. Er verließ die Gerichtsboten an der Thür und sah wie
der Portier sie einließ. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß er wieder
verhaftet ist.“

Mr. Lorry’s geschäftsmännisches Auge las in dem Gesichte des
Sprechenden, daß es reiner Zeitverlust sei bei diesem Punkte zu
verweilen. Verwirrt, aber sofort fühlend, daß Etwas auf seine
Geistesgegenwart ankommen könnte, beherrschte er sich und hörte in
schweigender Aufmerksamkeit zu.

„Nun will ich hoffen,“ sagte Sydney zu ihm, „daß der Name und Einfluß
_Dr._ Manette’s ihm ebenso hülfreich sei morgen -- Sie sagten er
würde morgen vor Gericht erscheinen, Mr. Barsad?“ --

„Ja; ich glaube.“

„-- Ihm ebenso hülfreich sein wird, wie heute. Aber vielleicht ist
es nicht der Fall. Ich gestehe Ihnen, Mr. Lorry, ich bin in meiner
Zuversicht dadurch wankend geworden, daß _Dr._ Manette nicht die
Macht gehabt hat, seine Verhaftung zu verhindern.“

„Er hat vielleicht vorher Nichts davon gewußt,“ sagte Mr. Lorry.

„Gerade das ist sehr beunruhigend, wenn wir die eigenthümlichen
Verhältnisse bedenken, in denen er zu seinem Schwiegersohne steht.“

„Das ist wahr,“ mußte Mr. Lorry anerkennen, während er die Hand unruhig
an das Kinn legte und die Augen voller Unruhe und Sorge auf Carton
heftete.

„Mit einem Worte,“ sagte Sydney, „es ist eine verzweifelte Zeit,
wo verzweifelte Partien um verzweifelte Einsätze gespielt werden.
Der Doctor mag auf die Gewinnchance spielen; ich spiele auf die
Verlustchance. Keines Mannes Leben ist des Kaufens werth. Wer heute im
Triumph vom Volke nach Hause getragen wird, kann morgen verurtheilt
sein. Der Einsatz um den ich im schlimmsten Falle zu spielen
entschlossen bin ist ein Freund in der Conciergerie. Und der Freund,
den ich mir selbst zu gewinnen hoffe, ist Mr. Barsad.“

„Da müssen Sie gute Karten haben, Sir,“ sagte der Spion.

„Ich will sie einmal ansehen. -- Mr. Lorry, Sie kennen meine Schwäche;
geben Sie mir einen Schluck Branntwein.“

Er wurde gebracht und er trank ein Glas -- noch ein Glas -- und schob
dann die Flasche gedankenvoll bei Seite.

„Mr. Barsad,“ fuhr er in dem Tone eines Mannes fort, der wirklich das
Spiel, das er in der Hand hat, durchmustert; „Schaf der Gefängnisse,
Emissär republikanischer Ausschüsse, bald Schließer, bald Gefangener,
immer Spion und geheimer Angeber, hier um so werthvoller als Engländer,
da ein Engländer weniger den Verdacht der Bestechung in einem solchen
Charakter ausgesetzt ist, als ein Franzose, stellt sich seinen
Brodherren unter einem falschen Namen vor. Das ist ein sehr guter
Trumpf. Mr. Barsad, jetzt von der republikanischen französischen
Regierung angestellt, stand früher im Dienste der aristokratischen
englischen Regierung, des Feindes Frankreichs und der Freiheit. Das
ist ein sehr hoher Trumpf. Die Sache ist klar wie der Tag in diesem
Lande des Mißtrauens, daß Mr. Barsad, immer noch bezahlt von der
aristokratischen englischen Regierung, der Spion Pitts ist, der
verrätherische, an ihrem Busen sich wärmende Feind der Republik,
der englische Verräther und Anstifter alles Unheils, von dem soviel
gesprochen wird und der so schwer zu finden ist. Das ist ein Trumpf,
der gar nicht zu überstechen ist. Kennen Sie nun meine Karte, Mr.
Barsad?“

„Ich weiß nicht wie Sie sie spielen werden,“ entgegnete der Spion etwas
unruhig.

„Ich spiele mein As, Denunciation Mr. Barsads bei dem nächsten
Sectionscomité. Sehen Sie sich Ihre Karten an, Mr. Barsad, was Sie
dagegen haben. Nehmen Sie sich Zeit.“

Er griff nach der Flasche, schenkte sich abermals ein Glas Branntwein
ein und trank es. Er sah, daß der Spion zu fürchten anfing, er könnte
sich in eine Aufregung trinken, die ihn bewöge seine Anzeige sofort zu
machen. Wie er dies bemerkte, schenkte er sich noch ein anderes Glas
ein und trank es.

„Sehen Sie sich Ihre Karten genau an, Mr. Barsad. Nehmen Sie sich Zeit.“

Die Karten waren schlechter, als selbst Carton glaubte. Mr. Barsad
sah Verlustkarten, von denen Sydney Carton Nichts wußte. Gezwungen
sein ehrenhaftes Gewerbe in England aufzugeben, weil er gar zu
zuversichtlich und zu oft falsch geschworen, -- nicht weil man ihn
nicht mehr brauchte; unsere englischen Gründe uns der Oeffentlichkeit
und der Abwesenheit von Spionen zu rühmen, sind neuern Ursprungs --
war er über den Canal gegangen und hatte eine Anstellung in Frankreich
angenommen; zuerst als Versucher und Aushorcher unter seinen dortigen
Landsleuten; allmälich auch als Versucher und Aushorcher unter den
Eingeborenen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung als
geheimer Agent zum Spioniren in St. Antoine und dem Weinschank
Defarge’s gedient hatte; daß er von der wachsamen Polizei soviel
Einzelnheiten über _Dr._ Manette’s Einkerkerung, Befreiung
und Geschichte mitgetheilt erhalten, als er zur Anknüpfung einer
vertraulichen Unterhaltung mit den Defarges brauchte; daß er bei Madame
Defarge den Versuch gemacht und in glänzendster Weise abgefallen war.
Er erinnerte sich immer mit Furcht und Zittern, daß dieses schreckliche
Weib gestrickt hatte, während sie mit ihm sprach und ihn Unheil
verkündend angesehen hatte, wie sich ihre Finger bewegten. Er hatte
sie seitdem in der Section St. Antoine gesehen, wie sie immer und
immer wieder ihre gestrickten Register vorbrachte und Leute anklagte,
die dann unwiderruflich der Guillotine verfielen. Er wußte, daß jeder
der gleich ihm beschäftigt war, nie sicher war; daß Flucht unmöglich
sei; daß er unter den Schatten des Beiles festgebunden, und trotz
der niederträchtigsten Gefügigkeit und des schwärzesten Verrathes im
Dienste des herrschenden Schreckensregiments ein einziges Wort das Beil
zum Fallen bringen könnte. Einmal angeklagt und auf so schwere Gründe
hin, wie sie ihm jetzt einfielen, sah er voraus, daß das schreckliche
Weib, von deren erbarmungslosem Charakter er so viele Beweise gesehen,
gegen ihn das verhängnißvolle Register vorlegen und die letzte
Möglichkeit seiner Rettung vernichten würde. Abgesehen davon, daß alle,
die ihr Wesen im Heimlichen treiben, leicht einzuschüchtern sind,
hatte er schlechte Karten genug in seinem Spiele, um Grund zu haben
einigermaßen blaß zu werden, als er sie durchging.

„Ihre Karten scheinen Ihnen nicht besonders zu gefallen,“ sagte Sydney
mit der größten Ruhe. „Halten Sie die Partie?“

„Ich glaube, Sir,“ sagte der Spion kriechend, indem er sich an Mr.
Lorry wendete, „ich darf einen Herrn von Ihren Jahren und Ihrem
Wohlwollen bitten, diesem andern viel jüngeren Herrn vorzustellen, ob
er es unter irgend welchen Verhältnissen für seine Stellung passend
finden kann das erwähnte As zu spielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion
bin und daß spioniren als ein unehrenhafter Beruf betrachtet wird --
obgleich sich ihm Jemand widmen muß; aber dieser Herr ist kein Spion
und warum sollte er sich so weit erniedrigen, freiwillig die Rolle zu
übernehmen?“

„Ich spiele mein As, Mr. Barsad,“ sagte Carton, indem er die Antwort
auf sich nahm und nach der Uhr sah, „ohne mich im Mindesten zu bedenken
und in wenigen Minuten.“

„Ich hätte gehofft,“ sagte der Spion immer noch mit einem Blick auf Mr.
Lorry, um ihn womöglich in das Gespräch zu ziehen, „daß die Achtung,
welche sie beide Herren für meine Schwester fühlen“ --

„Ich könnte Ihrer Schwester keinen besseren Beweis von meiner Achtung
für sie geben, als wenn ich sie von ihrem Bruder endlich erlöste,“
sagte Sydney Carton.

„Meinen Sie wirklich, Sir?“

„Ich bin in diesem Punkte fest entschlossen.“

Das geschmeidige Wesen des Spions, das so seltsam von der zur Schau
getragenen Grobheit seiner Kleider und wahrscheinlich auch von seinem
gewöhnlichen Benehmen abstach, sah sich so vollständig geschlagen von
der Undurchdringlichkeit Cartons -- der ein Geheimniß für ehrlichere
und weisere Männer war -- daß er ganz und gar unsicher ward. Während er
noch unentschlossen dasaß fing Carton wieder an, immer noch als ob er
sein Spiel durchmusterte:

„Und wahrhaftig, wenn ich mir es näher überlege, sollte ich fast
meinen, ich hätte noch eine andere gute Karte hier, die ich noch nicht
aufgezählt habe. Dieser Freund und Mitspion, der wie wir sagten in der
Provinz angestellt ist; wer war das?“

„Ein Franzose. Sie kennen ihn nicht,“ sagte der Spion rasch.

„Ein Franzose?“ wiederholte Carton nachdenklich und als ob er gar nicht
auf ihn hörte, obgleich er das Wort wiederholte. „Hm; wohl möglich.“

„Er ist ein Franzose, auf mein Wort,“ sagte der Spion; „obgleich es
nicht von Wichtigkeit ist.“

„Obgleich es nicht von Wichtigkeit ist,“ wiederholte Carton in
derselben mechanischen Weise -- „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist
-- nein, es ist nicht von Wichtigkeit. Nein. Und doch kenne ich das
Gesicht.“

„Ich glaube nicht. Ganz gewiß nicht. Es ist unmöglich,“ sagte der Spion.

„Unmöglich,“ sagte Sydney Carton, halblaut und nachdenklich vor sich
hin, während er sich noch ein Glas (es war zum Glück ein kleines)
einschenkte. „Unmöglich! Sprach gut Französisch. Aber doch mit einem
fremden Accent, wie mir vorkam.“

„Mit einem Accent aus der Provinz,“ sagte der Spion.

„Nein. Mit einem fremden Accent!“ rief Carton aus und schlug mit der
offenen Hand auf den Tisch, wie es auf einmal hell in ihm wurde. „Cly!
verkleidet, aber derselbe Mann. Wir hatten den Menschen in Old-Bailey
vor.“

„Diesmal übereilen Sie sich, Sir,“ sagte Barsad mit einem Lächeln, das
seiner Adlernase eine Extrawendung nach einer Seite gab; „hier räumen
Sie mir wirklich einen Vortheil über Sie ein. Cly (von dem ich jetzt,
da es so lange her ist, unverholen sagen kann, daß er mein Compagnon
war) ist seit mehreren Jahren todt. Ich habe ihn in seiner letzten
Krankheit gepflegt. Er ist in London begraben, auf dem Kirchhofe von
St. Pancratz im Felde. Seine damalige Unpopularität bei dem ungezogenen
Pöbel hielt mich ab seiner Leiche zu folgen, aber ich habe ihn mit in
den Sarg gelegt.“

Hier bemerkte Mr. Lorry von seinem Sitz aus einen höchst merkwürdigen,
spukhaften Schatten an der Wand. Seiner Entstehung nachgebend,
entdeckte er daß sein Ursprung ein plötzliches, außerordentliches
Emporsträuben und Steiferwerden aller ohne dies schon emporgesträubten
und steifen Haare auf Mr. Crunchers Haupt war.

„Lassen Sie uns verständig und billig sein,“ sagte der Spion. „Um Ihnen
zu zeigen wie sehr Sie sich irren und wie unbegründet Ihre Annahme ist,
will ich Ihnen ein Certificat über Cly’s Beerdigung vorlegen, das ich
zufällig in meinem Taschenbuche habe“ -- er holte es mit unruhiger Eile
aus der Tasche und machte es auf. „Da ist es, o sehen Sie es an, sehen
Sie es an! Sie können es in die Hand nehmen; es ist keine Fälschung.“

Hier sah Mr. Lorry, wie der Schatten an der Wand länger wurde und Mr.
Cruncher aufstand und vortrat.

Ungesehen von dem Spion stand er neben demselben und legte wie ein
Polizeidienergespenst die Hand auf seine Schulter.

„Diesen Roger Cly, Master,“ sagte Mr. Cruncher mit einem
undurchdringlichen Gesichte. „Den haben ~Sie~ in den Sarg gelegt?“

„Jawohl.“

„Wer hat ihn denn herausgenommen?“

Barsad sank in seinen Stuhl zurück und stotterte: „was wollt Ihr damit
sagen?“

„Ich will sagen,“ versetzte Mr. Cruncher, „daß er gar nicht d’rin
gewesen ist. Nein, ganz gewiß nicht! Ich will mir den Kopf abhacken
lassen, wenn er jemals d’rin gewesen ist.“

Der Spion sah die beiden Herren der Reihe nach an; beide betrachteten
mit sprachlosem Erstaunen Jerry.

„Ich will’s Euch sagen,“ versetzte Jerry, „Pflastersteine und Erde habt
Ihr in dem Sarge begraben. Kommt ~mir~ nicht mit Eurer Geschichte,
Ihr hättet Cly begraben. Das war reiner Leim. Ich und zwei andere
wissen es.“

„Woher wißt Ihr es?“

„Was geht das Euch an? Teufel,“ prahlte Mr. Cruncher, „mit Euch habe
ich es also von alter Zeit her zu thun wegen Eurer schändlichen
Betrügereien an ehrlichen Gewerbsleuten! Ich will Euch bei der Kehle
packen und erdrosseln für eine halbe Guinee.“

Sydney Carton, der mit Mr. Lorry bei dieser neuen Wendung vor Staunen
verstummt war, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und
sich zu erklären.

„Ein andermal, Sir,“ entgegnete dieser ausweichend „es ist jetzt keine
gute Zeit zum Erklären. Wobei ich bleibe, ist, daß er recht gut weiß,
daß Cly niemals im Sarge gelegen hat. Wenn er nur mit einem Wort von
einer einzigen Silbe behaupten will, er hätte d’rin gelegen, so packe
ich ihn entweder an der Kehle und erdrossele ihn für eine halbe Guinee“
-- Mr. Cruncher wiederholte das, als ob es ein ganz großmüthiges
Anerbieten sei -- „oder ich gehe fort und zeige ihn an.“

„Hm! eins ist gewiß,“ sagte Carton. „Ich habe noch eine Trumpfkarte,
Mr. Barsad. Unmöglich können Sie hier, in diesem wüthenden Paris,
wo Argwohn die Luft erfüllt, eine Anklage überleben, wenn Sie im
Verkehr mit einem andern aristokratischen Spion stehen, der dieselben
Antecedenzien hat wie Sie, und bei dem außerdem der verdächtige
Umstand zu bedenken ist, daß er sich todt gestellt hat, und wieder
lebendig geworden ist! Ein Complot in den Gefängnissen, angezettelt
von dem Ausländer gegen die Republik. Eine hohe Karte -- eine sichere
Guillotinenkarte! Halten Sie die Partie?“

„Nein!“ entgegnete der Spion. „Ich gebe sie auf. Ich gebe zu, daß wir
so unpopulär bei dem zuchtlosen Pöbel waren, daß ich nur auf die Gefahr
hin, in einer Pferdeschwemme ertränkt zu werden, England verlassen
konnte, und daß Cly so hin und her gehetzt ward, daß er ohne diesen
Betrug gar nicht lebendig fortgekommen wäre. Aber wie dieser Mann weiß,
daß es ein Gaukelspiel war, ist mir ein Wunder über alle Wunder.“

„Zerbrecht Euch nicht den Kopf über diesen Mann,“ entgegnete der
streitfertige Mr. Cruncher; „es wird Euch Mühe genug machen diesem
Herrn Eure Aufmerksamkeit zu schenken. Und merkt’s Euch noch einmal!“
-- Mr. Cruncher ließ sich nicht abhalten seine Großmuth etwas auffällig
zur Schau zu tragen -- „ich packe Euch an der Kehle und erdrossele
Euch für eine halbe Guinee.“

Der Spion wendete sich von ihm an Sydney Carton und sagte mit mehr
Entschiedenheit: „wir müssen zum Abschluß kommen. Ich muß bald auf
meinen Posten und meine Zeit pünktlich einhalten. Sie sagten, Sie
hätten mir einen Vorschlag zu machen; wie lautet er? Ich erkläre Ihnen
von vorn herein, es nützt Ihnen Nichts, zuviel von mir zu verlangen.
Verlangen Sie Etwas von mir in meiner amtlichen Stellung, was meinen
Kopf in außerordentliche Gefahr bringt, so will ich mein Leben lieber
auf die Chancen einer abschläglichen, als einer zustimmenden Antwort
wagen. So würde ich meine Wahl treffen. Sie sprachen von Verzweiflung.
Wir alle hier sind verzweifelt. Vergessen Sie nicht! ich kann Sie
anklagen, wenn ich es für gut finde und ich kann mich durch steinerne
Mauern hindurchschwören und Andere können das auch. Nun sagen Sie, was
wollen Sie von mir?“

„Nicht sehr viel. Sie sind Schließer in der Conciergerie?“

„Ich sage Ihnen ein für allemal, es ist durchaus kein Entweichen
möglich,“ sagte der Spion fest.

„Warum sagen Sie mir Etwas wonach ich nicht gefragt habe? Sie sind
Schließer in der Conciergerie?“

„Zuweilen.“

„Sie können es sein wann Sie wollen?“

„Ich habe zu allen Zeiten freien Zutritt dort.“

Sydney Carton schenkte noch ein Glas Branntwein ein, goß es langsam auf
die Asche aus und sah zu wie sich die Flüssigkeit verlief. Als der
letzte Tropfen den Boden erreicht hatte, stand er auf und sagte:

„Soweit haben wir von diesen beiden Herren gesprochen, weil ich
wünschte, daß die Stärke meines Spiels nicht blos uns zweien bekannt
sei. Kommen Sie hier in das dunkele Zimmer, wo ich noch ein letztes
Wort mit Ihnen zu sprechen habe.“



Neuntes Kapitel.

Das Spiel ist gemacht.


Während Sydney Carton und der Spion in dem dunklen Nebenzimmer waren
und so leise miteinander verhandelten, daß man auch keinen Ton hörte,
sah Mr. Lorry Jerry mit nicht geringem Zweifel und Mißtrauen an. Die
Art, wie dieser ehrliche Gewerbsmann sich dabei benahm, war nicht
geeignet, Vertrauen einzuflößen; er wechselte das Bein auf welchem
er stand so oft, als ob er fünfzig dieser Gliedmaßen hätte und sie
alle nacheinander versuchte; er besah sich die Fingernägel mit sehr
verdächtiger Aufmerksamkeit; und so oft er Mr. Lorry’s Blick begegnete,
befiel ihn der eigenthümliche, trockene Husten, der die hohle Hand
vor den Mund zu führen pflegt und selten, wenn jemals, eine mit
vollkommener Offenheit des Charakters verbundene Schwäche ist.

„Jerry,“ sagte Mr. Lorry, „tretet näher.“

Mr. Cruncher näherte sich ihm seitlings, die eine Schulter vor.

„Was seid Ihr noch gewesen außer Ausläufer?“

Nach einigem Nachdenken, begleitet von einem gespannten Blick auf
seinen Gönner, kam Mr. Cruncher auf den glänzenden Einfall zu
antworten: „agriculturischer Charakter.“

„Ich habe eine schlimme Ahnung,“ sagte Mr. Lorry und drohte ihm zürnend
mit dem Zeigefinger, „daß Ihr das respectable und große Haus Tellson
als falsches Schild benutzt habt und einer ungesetzlichen Beschäftigung
der verworfensten Art nachgegangen seid. Wenn das der Fall gewesen ist,
so erwartet nicht, daß ich ein gutes Wort für Euch einlege, wenn wir
nach England zurückkehren. Wenn es der Fall gewesen ist, so erwartet
nicht, daß ich Euer Geheimniß achte. Ich kann nicht dulden, daß
Tellson’s hintergangen werden.“

„Ich hoffe, Sir,“ bat der beschämte Mr. Cruncher, „daß ein alter Herr
wie Sie, dem ich die Ehre gehabt habe Ausläuferdienste zu leisten bis
ich grau davon geworden bin, sich es zweimal überlegen wird, selbst
wenn es an dem wäre -- ich sage nicht daß es ist, eben selbst wenn
es wäre. Und was dabei zu bedenken ist, daß, wenn es wäre, selbst
dann nicht alle Schuld auf eine Seite fiele. Es sind zwei Seiten bei
der Sache. Es könnte Aerzte geben zur gegenwärtigen Stunde, die ihre
Guineen verdienen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann nicht seinen Dreier
verdient. -- Dreier! Nein, noch nicht seinen halben Dreier -- halben
Dreier! Nein, noch nicht seinen Vierteldreier -- die ihr Bankconto
haben wie Dampf bei Tellsons, und verstohlen mit ihren medicinischen
Augen den Gewerbsmann anzwinkern, während sie aus der Bank kommen und
in ihren Wagen steigen -- Ah! auch mit Dampf, wenn nicht noch mit
mehr. Na, das hieße auch Tellsons hinter’s Licht führen. Denn man kann
nicht zur Gans Sauce geben und zum Gänserich keine. Und dann kommt
Mrs. Cruncher oder kam wenigstens in der Altenglandzeit und würde
morgen bei der ersten Veranlassung gegen das Geschäft in einer Weise
rutschen, die ruinirlich wäre -- rein ruinirlich. Während die Weiber
dieser Aerzte nicht rutschen -- die lassen’s bleiben! oder wenn sie
rutschen, rutschen sie wegen mehr Patienten und wie kann man die Einen
haben ohne die Anderen? Und dann sorgen die Leichenbesorger und die
Kirchspielschreiber, und die Todtengräber, und die Privatwächter (alle
geizig und alle dabei) dafür, daß ein Mann nicht viel dabei verdient,
selbst wenn es so wäre. Und das Wenige, was ein Mann verdient würde
ihm nie gedeihen, Mr. Lorry. Ja, es würde ihm nie gedeihen; er möchte
immer gern das Geschäft aufgeben, wenn er nur wüßte wie er herauskommen
sollte, wenn er einmal d’rin ist -- selbst wenn es so wäre.“

„Pfui!“ sagte Mr. Lorry, der trotzdem den Verbrecher mit milderem Auge
ansah. „Schon der Gedanke empört mich, wenn ich Euch ansehe.“

„Um was ich Sie eben demüthig bitten wollte, Sir,“ fuhr Mr. Cruncher
fort, „selbst wenn es so wäre, und ich sage nicht, daß es so ist“ --

„Keine Hinterzüge,“ sagte Mr. Lorry.

„Nein, ganz gewißlich nicht,“ entgegnete Mr. Cruncher, als ob seinen
Gedanken oder seinem Thun nichts ferner läge -- „ich sage nicht, daß
es so ist -- um was ich Sie demüthig bitten wollte ist Folgendes. Auf
dem Stuhle wissen Sie, dort bei dem Temple-Thor drüben, sitzt mein
Junge, auferzogen und aufgewachsen um bald ein Mann zu sein, der Ihnen
Botenlaufen und Alles für Sie thun kann, bis Ihre Hacken sind, wo jetzt
Ihr Kopf ist, wenn Sie es sonst wünschen. Wenn es so wäre, was ich noch
gar nicht sage, (denn ich will keine Hinterzüge machen, Sir,) so lassen
Sie diesen Jungen seines Vaters Stelle einnehmen und für seine Mutter
sorgen; verrathen Sie den Vater dieses Jungen nicht -- thuen Sie es
nicht, Sir, und lassen Sie den Vater einen ordentlichen Gräber werden,
und wieder gut machen, was er schlecht gemacht hat durch Ausgraben --
wenn es so wäre -- indem er sie ordentlich und richtig einscharrt und
ein verfluchter Kerl sein will, wenn er sie wieder ausgraben läßt.
Das, Mr. Lorry,“ sagte Mr. Cruncher, und wischte sich die Stirn mit
dem Rockärmel ab, zum Zeichen, daß er sich dem Schlusse seiner Rede
näherte, „das ist’s, um was ich Sie bitten wollte, Sir. Der Mensch kann
hier nicht ersehen wie schrecklich es zugeht, was Subjecte ohne Köpfe
betrifft -- Gott! reichlich genug vorhanden, um den Preis herunter
zu drücken bis auf’s Trägerlohn und kaum das, -- ohne seine ernsten
Gedanken zu bekommen. Und das wären meine Gedanken, wenn es so wäre und
ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß ich das, was ich gesagt habe, in
der guten Sache gesagt habe, wo ich hätte schweigen können.“

„Das wenigstens ist wahr,“ sagte Mr. Lorry. „Schweigen wir jetzt
davon. Vielleicht werdet Ihr noch meine Fürsprache haben, wenn Ihr sie
verdient und in Werken bereut -- nicht in Worten. Ich brauche keine
Worte mehr.“

Mr. Cruncher fuhr mit den Knöcheln an die Stirn, als Sydney Carton und
der Spion aus dem dunkeln Nebenzimmer erschienen. „Leben Sie wohl, Mr.
Barsad!“ sagte der erstere; „unsere Verabredung ist getroffen und Sie
haben Nichts weiter von mir zu fürchten.“

Er setzte sich auf einen Stuhl vor dem Kamin, Mr. Lorry gegenüber. Als
sie allein waren, fragte Mr. Lorry, was er ausgerichtet habe?

„Nicht viel. Wenn es mit den Gefangenen schlimm gehen sollte, habe ich
mir für einmal Zutritt zu ihm gesichert.“

Auf Mr. Lorry’s Gesicht sprach sich traurige Enttäuschung aus.

„Es ist Alles, was ich thun konnte,“ sagte Carton. „Zuviel verlangen
hieße dieses Mannes Kopf unter das Beil bringen und wie er selbst sagt,
es könnte ihm nichts Schlimmeres geschehen, wenn wir ihn denuncirten.
Das war offenbar die schwache Seite unseres Spiels. Dem läßt sich nicht
abhelfen.“

„Aber Zutritt zu ihm,“ sagte Mr. Lorry, „wenn es schlimm vor Gericht
gehen sollte, kann ihn nicht retten.“

„Das habe ich nie gesagt.“

Mr. Lorry’s Augen suchten allmälig das Feuer; seine Theilnahme für
Lucien und der schwere Schlag dieser zweiten Verhaftung, schwächten
sie allmälig; er war jetzt ein alter Mann, in der letzten Zeit von
vielem Kummer bedrückt, und Thränen rollten seine Wangen herab.

„Sie sind ein guter Mensch und ein treuer Freund,“ sagte Carton in
einem andern Tone als bisher. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Bewegung
bemerke. Ich könnte nicht meinen Vater weinen sehen und achtlos dabei
sitzen. Und ich könnte Ihren Schmerz nicht mehr achten, wenn Sie mein
Vater wären. Doch dieses Unglück ist Ihnen erspart.“

Obgleich er diese letzten Worte mit einem Anklang seiner gewöhnlichen
blasirten Weise sprach, war doch sowol im Tone seiner Stimme, wie in
seiner Rührung so viel ächtes Gefühl und Achtung, daß Mr. Lorry, der
ihn nie von seiner bessern Seite gesehen, ganz davon überrascht war. Er
reichte ihm die Hand und Carton drückte sie sanft.

„Um wieder auf den armen Darnay zu kommen,“ sagte Carton. „Sagen Sie
~ihr~ nichts von dieser Zusammenkunft oder dieser Verabredung. Es
würde ~sie~ nicht in den Stand setzen ihn zu sehen. Sie könnte
glauben, es sollte im schlimmsten Falle dazu dienen ihm die Mittel
zukommen zu lassen, dem Urtheil vorzugreifen.“

Mr. Lorry hatte daran nicht gedacht und er warf auf Carton einen
raschen Blick, um zu sehen ob er so etwas im Sinne habe. Es schien so;
er gab den Blick zurück und verstand ihn offenbar.

„Sie könnte sich tausenderlei denken,“ sagte Carton, „und jeder dieser
Gedanken würde nur ihre Seelenangst vermehren. Sprechen Sie nicht zu
mir von ihr; wie ich Ihnen sagte, als ich zuerst zu Ihnen kam: es ist
besser, daß ich sie nicht sehe. Auch ohne das kann ich ihr die kleinen
Hülfen leisten, zu denen sich vielleicht Gelegenheit findet. Sie gehen
jedenfalls zu ihr? Ich bedaure sie aufrichtigst.“

„Ich gehe jetzt hin.“

„Das freut mich. Sie hängt so fest an Ihnen und verläßt sich so fest
auf Sie. Wie sieht sie aus?“

„Bekümmert und unglücklich, aber sehr schön.“

„Ach!“

Es war ein langer, schmerzdurchdrungener Ton, wie ein Seufzer -- fast
wie ein Schluchzen. Es veranlaßte Mr. Lorry’s Augen Carton anzusehen,
dessen Gesicht dem Feuer zugewendet war. Ein Licht oder ein Schatten
(der alte Herr hätte nicht sagen können, welches von beiden) verschwand
von demselben so rasch, wie an einem stürmischen und doch schönen
Tage ein Lichtwechsel über einen Wiesenhang fliegt, und er hob den
Fuß um eins der kleinen brennenden Holzscheite, das von dem Heerde
fallen wollte, zurückzuschieben. Er trug den weißen Reitrock und
die Stolpenstiefeln, die damals Mode waren und der Gegensatz dieser
hellen Tracht zu seinem langen braunen, zwanglos und fast ungeordnet
um das Gesicht hängendem Haar, machte ihn sehr blaß aussehend. Seine
Unbekümmertheit um Feuerschaden war merkwürdig genug, um Mr. Lorry zu
einem warnenden Wort zu veranlassen; er hatte den Stiefel immer noch
auf die sprühenden Kohlen des brennenden Scheites gesetzt, als es unter
dem Gewicht seines Fußes zerquetscht wurde.

„Ich hatte es vergessen,“ sagte er.

Mr. Lorry mußte ihn wieder ansehen. Wie er die Angegriffenheit der
von Natur schönen Züge bemerkte, konnte er nicht umhin, an den den
Gefangenengesichtern eigenen Ausdruck zu denken, der ihm ja jetzt so
oft vor Augen kam.

„Und Ihre Geschäftsobliegenheiten hier sind jetzt zu Ende, Sir?“ sagte
Carton jetzt zu ihm.

„Ja. Wie ich Ihnen gestern Abend sagte, als Lucie so unerwartet kam,
habe ich endlich Alles hier gethan, was gethan werden konnte. Ich
hoffte sie in vollkommener Sicherheit zurückzulassen und dann von Paris
abzureisen. Ich habe meinen Passirschein. Ich war reisefertig.“

Beide schwiegen.

„Sie können auf ein langes Leben zurücksehen, Sir,“ sprach Carton
endlich sinnend.

„Ich stehe in meinem 78. Jahre.“

„Sie sind Ihr ganzes Leben lang von Nutzen gewesen; ausdauernd und
beständig beschäftigt; mit Vertrauen, mit Achtung und Verehrung
angesehen?“

„Ich bin Geschäftsmann gewesen seitdem ich Mann bin. Ja, ich kann wohl
sagen schon als Jüngling.“

„Und sehen Sie, welche Stelle Sie mit 78 Jahren einnehmen. Wie viele
Leute werden Sie vermissen, wenn sie leer ist!“

„Ein einsamer alter Junggeselle,“ gab Mr. Lorry kopfschüttelnd zur
Antwort. „Niemand wird mir eine Thräne nachweinen.“

„Wie können Sie das sagen? Würde ~sie~ nicht um Sie weinen? und
ihr Kind nicht?“

„Ja, ja, Gott sei Dank. Ich nahm’ es nicht so genau mit meinen Worten.“

„Es ist ein Grund, Gott dafür zu danken; nicht?“

„Gewiß, gewiß.“

„Wenn Sie heut Nacht zu Ihrem einsamen Herzen sagen müßten „„ich
habe die Liebe und Zuneigung, die Dankbarkeit oder Achtung keines
menschlichen Wesens gewonnen; kein Herz denkt zärtlich an mich; Niemand
erinnert sich meiner wegen eines Dienstes oder einer Hülfe die ich
ihm geleistet habe!““ so wären Ihre 78 Jahre achtundsiebenzig schwere
Flüche; würde das nicht der Fall sein?“

„Sie haben Recht, Mr. Carton; es würde so sein.“

Sydney sah wieder in das Feuer und fuhr nach einer Pause von einigen
Augenblicken weiter fort:

„Ich möchte Ihnen wol eine Frage vorlegen: -- scheint Ihnen Ihre
Kindheit weit zurück zu liegen? Erscheinen Ihnen die Tage, wo Sie
auf Ihrer Mutter Schoos saßen, als Tage einer längst entschwundenen
Vergangenheit?“

Auf seinen herzlicheren Ton eingehend gab Mr. Lorry zur Antwort.

„Vor zwanzig Jahren, ja; gegenwärtig Nein. Denn wie ich dem Ende
immer näher komme, wandere ich im Kreise und der Anfang tritt mir
immer näher. Es scheint dies eine der freundlichen Erleichterungen
und Vorbereitungen des Abgangs zu sein. Mein Herz kennt jetzt viele,
lange Zeit schlummernde Erinnerungen an meine hübsche junge Mutter (und
ich so alt jetzt!) und an die Tage, wo das, was wir die Welt nennen,
mir noch nicht so wirklich erschien und meine Fehler noch nicht zur
Gewohnheit geworden waren.“

„Ich verstehe das Gefühl!“ rief Carton aus, und eine helle Röthe flog
über sein Gesicht. „Und Sie fühlen sich besser davon?“

„Ich hoffe es.“

Carton brach hier das Gespräch ab, indem er aufstand und dem andern
seinen Ueberrock anziehen half; „aber Sie,“ sagte jetzt Mr. Lorry, „Sie
sind noch jung.“

„Ja,“ sagte Carton. „Ich bin nicht alt, aber die Art wie ich jung
gelebt habe, war nicht der Weg zum Altwerden. Genug von mir.“

„Und gewiß auch von mir,“ sagte Mr. Lorry. „Gehen Sie aus?“

„Ich will Sie bis an ihre Hausthür begleiten. Sie kennen ja meine
Lust am Herumstreifen und meine Ruhelosigkeit. Wenn ich mich lange
Zeit in den Straßen herumtreiben sollte, so machen Sie sich keine
Sorge; ich werde früh schon wieder da sein. Sie gehen morgen in die
Gerichtssitzung?“

„Ja, leider.“

„Auch ich werde da sein, aber unter den Zuschauern. Mein Spion
verschafft mir einen Platz. Nehmen Sie meinen Arm, Sir.“

Mr. Lorry that dies und sie gingen die Treppe hinab und traten auf die
Straße. Wenige Minuten brachten sie an Mr. Lorry’s Bestimmungsort. Dort
verließ ihn Carton, blieb aber in einiger Entfernung stehen und kehrte
nach dem Thorweg zurück, als er geschlossen war, und legte die Hand
daran. Er hatte gehört, daß sie jeden Tag nach dem Gefängniß ging.
„Hier ist sie herausgekommen“ sagte er, „diesen Weg ist sie gegangen,
diese Steine muß sie oft betreten haben. Ich folge ihrem Wege.“

Es war 10 Uhr Nachts als er vor dem Gefängniß La Force, wo sie
hundertmal gestanden hatte, ankam. Ein kleiner Holzhacker, der seinen
Laden zugemacht hatte, rauchte vor demselben seine Pfeife.

„Guten Abend, Bürger,“ sagte Sydney Carton im Vorbeigehen stehen
bleibend; denn der Mann sah ihn forschend an.

„Guten Abend, Bürger.“

„Was macht die Republik?“

„Ihr meint die Guillotine? Es geht nicht schlecht. Dreiundsechszig
heute. Wir müssen bald auf ein volles Hundert kommen. Samson und seine
Leute klagen manchmal, sie würden müde. Ha, ha, ha! er ist ein so
drolliger Kerl, dieser Samson. Solch’ ein Barbier!“

„Geht Ihr oft hin?“ --

„Ihn rasiren zu seh’n? Immer. Jeden Tag. Solch’ ein Barbier! Ihr habt
ihn arbeiten sehen?“

„Nie.“

„So geht ja hin und seht zu, wenn er einmal volle Arbeit hat. Denkt es
Euch nur, Bürger, er rasirte heute Dreiundsechszig in weniger als zwei
Pfeifen! In weniger als zwei Pfeifen. Auf Ehrenwort!“

Wie das grinsende kleine Ungeheuer die Pfeife in die Höhe hielt, die er
rauchte um zu zeigen, wie er die Zeit des Scharfrichters controllirte,
fühlte Carton einen so lebhaften Wunsch in sich rege werden, ihn todt
zu seinen Füßen niederzustrecken, daß er sich weg wendete.

„Aber Ihr seid kein Engländer,“ sagte der Holzhacker, „obgleich Ihr wie
ein Engländer angezogen seid.“

„Doch“, sagte Carton, indem er wieder still stand und sich über die
Achsel umsah.

„Ihr sprecht wie ein Franzose.“

„Ich habe früher hier studiert.“

„Ah ha, ein vollkommener Franzose! Gute Nacht, Engländer.“

„Gute Nacht, Bürger.“

„Aber vergeßt ja nicht hinzugehen und Euch den drolligen Kerl
anzusehen,“ rief ihm der kleine Mann noch nach. „Und nehmt eine Pfeife
mit!“

Sydney war kaum um eine Ecke, so blieb er mitten auf der Straße unter
einer düster brennenden Laterne stehen und schrieb mit dem Bleistift
Etwas auf einen Zettel. Dann ging er mit dem entschlossenen Schritt
eines Mannes, der seinen Weg recht gut kennt, durch mehrere dunkele und
schmutzige Gassen -- viel schmutziger als gewöhnlich; denn selbst die
vornehmsten Straßen blieben in dieser Schreckenszeit ungereinigt --
und blieb vor einem Apothekerladen stehen, den der Besitzer eben mit
eigenen Händen schließen wollte. Es war ein kleiner trüber, eckiger
Laden in einer krummen, bergaufgehenden Straße, gehalten von einem
kleinen, trüben, eckigen Manne.

Mit einem „Guten Abend, Bürger“ trat Carton an den Ladentisch und gab
dem Apotheker den Zettel. „Hui!“ pfiff dieser leise, als er ihn las.
„Hi, hi, hi!“

Sydney Carton beachtete dies nicht und der Chemiker sagte:

„Für Euch, Bürger?“

„Für mich!“

„Ihr werdet Sorge tragen sie nicht unter einander zu mischen, Bürger?
Ihr wißt was die Folgen sind, wenn sie untereinander kommen?“

„Vollkommen.“

Der Apotheker bereitete verschiedene Pulver und übergab sie ihm in
kleinen Packetchen. Er steckte sie einzeln in die Brusttasche seines
Leibrocks, zählte das Geld dafür auf den Tisch und verließ gelassenen
Schrittes den Laden. „Es ist vor Morgen nichts mehr zu thun,“ sagte er
zum Monde aufblickend. „Ich kann nicht schlafen.“

Es war nicht der alte, verletzend blasirte, oder an sich selbst
verzweifelnde Ton, mit dem er diese Worte sprach. Er sprach vielmehr
in der mit sich abgeschlossenen Weise eines müden Wanderers, der nach
langer anstrengender Irrfahrt endlich den richtigen Weg gefunden hat
und sein Reiseziel vor sich sieht.

Vor langer Zeit, als er unter seinen Mitschülern als ein Jüngling von
großen Hoffnungen berühmt gewesen, war er seines Vaters Leiche gefolgt.
Seine Mutter war schon vor Jahren gestorben. Die feierlichen Worte,
die der Geistliche an seines Vaters Grab gelesen, traten jetzt, wie er
durch die dunkeln Straßen in dem schweren Schatten der Nacht ging,
während hoch über ihm die Wolken hastig über den Mond flogen, vor seine
Seele. „Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr, wer an
mich glaubet der soll ewig leben, ob er auch stürbe: und wer da lebet
und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

In einer, von der Guillotine beherrschten Stadt, in nächtlicher
Einsamkeit, mit natürlicher Theilnahme an dem Schicksale der
Dreiundsechszig, welche an diesem Tage hingerichtet worden und an das
der Opfer des morgenden Tages, die ihr Schicksal in den Gefängnissen
erwarteten, und der Opfer noch so vieler zu erwartenden Morgen, war
die Ideenverbindung, welche ihm diesen Spruch in’s Gedächtniß brachte
leicht zu finden. Er suchte sie nicht, sondern wiederholte den Spruch
und ging weiter.

Mit einem feierlichen Interesse an den erleuchteten Fenstern, wo Leute
schlafen gingen, ein paar stille Stunden hindurch die sie umgebenden
Schrecken vergessend; an den Thürmen der Kirchen, wo keine Gebete
zum Himmel drangen, denn so weit auf dem Wege zur Selbstvernichtung
war im Volke die Reaction durch lange Jahre priesterlichen Truges,
priesterlichen Plünderung und Ausschweifung zurückgeprallt; an den
entlegenen Friedhöfen, jetzt, wie über dem Eingang stand „dem ewigen
Schlummer gewidmet“; an den übervollen Kerkern; und an den Straßen,
durch welche die Verurtheilten schockweise zu einem Tode fuhren, der so
alltäglich und handgreiflich geworden war, daß das Volk an all dieses
blutige Arbeiten der Guillotine nicht einmal eine Gespenstersage zu
knüpfen wußte; mit einem feierlichen Interesse an dem ganzen Leben und
Sterben der Stadt, die allmälich in die kurze nächtliche Unterbrechung
ihres täglichen Wüthens versank, ging Sydney Carton wieder über die
Seine, um die helleren Straßen aufzusuchen.

Man sah nur wenige Kutschen; denn wer in Kutschen fuhr ward leicht
verdächtig, und Vornehmheit setzte auf den Kopf eine rothe Nachtmütze
und zog schwere Schuhe an und ging zu Fuß. Aber die Theater waren alle
gefüllt und die Leute strömten in heiterer Stimmung heraus, wie er
vorbeiging, und begaben sich plaudernd nach Hause. An der Thür eines
der Theater stand ein kleines Mädchen mit einer Mutter, die einen
Uebergang über die Straße durch den Schmutz suchten. Er trug die Kleine
hinüber und bat sie, ehe der schüchterne Arm sich von seinem Hals los
machte, um einen Kuß.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich
glaubet der wird ewig leben, ob er auch stürbe: und wer lebet und
glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Jetzt wo die Straßen still waren und die Nacht sich eingestellt hatte,
klangen die Worte aus dem Widerhall seiner Schritte und aus der Luft.
Vollkommen ruhig und gefaßt sprach er sie manchmal vor sich hin wie er
seines Weges ging; aber er hörte sie immer.

Die Nacht verging und wie er auf der Brücke stand und dem Wasser
lauschte, das an den Uferrändern der Insel von Paris plätscherte,
wo die malerische Verwirrung von Häusern und Dom hell im Mondlichte
schien, kam kalt der Tag und sah wie ein Leichengesicht aus dem Himmel
herunter. Da wurde die Nacht mit dem Mond und den Sternen blaß und
starb, und für eine kurze Zeit schien die Schöpfung der Herrschaft des
Todes übergeben zu sein.

Aber die herrliche Sonne ging auf und schien diese Worte, welche die
ganze Nacht ihn umklungen hatten mit ihren langen und hellen Strahlen
gerade und warm ihm in’s Herz zu senden. Und wie er voll Ehrfurcht
das Auge zum Himmel erhob, schien sich eine Lichtbrücke zwischen ihm
und der Sonne durch die Luft zu wölben, während der Strom unter ihm
funkelte.

Die starke Strömung, so schnell, so tief und so sicher, war in der
Morgenstille wie ein gleich gestimmter Freund. Er ging den Fluß entlang
weit von den Häusern, und schlummerte in dem warmen Sonnenscheine am
Ufer ein. Als er wieder erwachte und aufstand, blieb er noch eine
kleine Weile stehen und sah einem Wirbel zu, der sich zwecklos bis der
Strom ihn verschlang drehte, um ihn hinaus in’s Meer zu tragen. --
„Gleich mir!“

Ein Boot mit einem Segel von der Farbe eines halbgebleichten, todten
Blattes kam jetzt langsam den Fluß herunter, trieb vor ihm vorbei und
verschwand in der Ferne. Wie auch die Furche, die es im Wasser gezogen,
verschwunden war, schloß er das Gebet um barmherzige Erwägung seiner
Fehler und Irrthümer, das sich aus seinem Herzen losgerungen, mit den
Worten: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Mr. Lorry war bereits ausgegangen als er zu ihm kam und es war leicht
zu vermuthen, wo der gute Alte war. Sydney Carton trank nur eine Tasse
Kaffee, aß ein wenig Brot und begab sich, nachdem er sich gewaschen und
die Wäsche gewechselt, nach dem Gerichtssaal.

Dort war schon Alles lebendig und laut, als das schwarze Schaf -- vor
dem viele scheu zurückwichen -- ihn in eine dunkle Ecke unter den
Zuschauern drängte. Mr. Lorry war da und _Dr._ Manette war da. Sie
war da, und saß neben ihrem Vater.

Als man ihren Gatten hereinführte, sah sie ihn mit einem Blick an, so
tröstend, so ermuthigend, so voll bewundernder Liebe und zärtlichem
Mitleid und doch so muthvoll um seinetwillen, daß er ihm das gesunde
Blut in das Antlitz rief, seine Blicke strahlen machte und sein Herz
mit neuem Leben erfüllte. Wäre Jemand dagewesen um die Wirkung ihres
Blickes auf Sydney Carton zu beobachten, so hätte er genau dieselben
Folgen gesehen.

Vor diesem ungerechten Gericht gab es keine, oder so gut wie keine
Ordnung im Verfahren, welche dem Angeklagten angemessenes Gehör
sicherte. Es hätte gar keine solche Revolution stattfinden können,
wenn alle Gesetze, Formen und Ceremonien nicht erst so ungeheuerlich
mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache der Revolution
von selbst auf den Gedanken kam, sie alle in den Wind zu schlagen.

Die Augen Aller wendeten sich auf die Geschworenen. Dieselben
gesinnungstüchtigen Patrioten und guten Republikaner, wie Gestern
und Vorgestern und Morgen und Uebermorgen. Hervorstechend war einer
unter ihnen, ein Mann mit einem gierigen Gesicht, dessen Finger sich
beständig um seine Lippen bewegten und dessen Aussehen die Zuschauer
sehr befriedigte. Ein mordlustiger, cannibalenhaft aussehender,
blutdürstiger Geschworener war dieser Jacques Drei von St. Antoine. Die
ganze Jury sah aus wie eine Jury von Hunden, eingeschworen um Wild zu
verurtheilen.

Aller Augen wendeten sich nun auf die fünf Richter und den öffentlichen
Ankläger. Dort war heute keine Milde zu erwarten. Grausame,
unnachgiebige, mörderische Geschäftsgesichter. Dann suchte jedes Auge
ein anderes Auge im Gedränge und wechselte mit ihm einen beifälligen
Blick; und Köpfe nickten sich einander zu, bevor sie mit gespannter
Aufmerksamkeit sich vorwärtsdrängten.

Charles Evrémonde, genannt Darnay. Gestern freigelassen, von Neuem
angeklagt und wieder verhaftet. Anklage ihm gestern Nacht übergeben.
Verdächtig und angeklagt als Feind der Republik, Aristokrat, Mitglied
einer Tyrannenfamilie, eines Geschlechts das geächtet, weil es seine
abgeschafften Privilegien zur schändlichen Bedrückung des Volkes
gebraucht. Charles Evrémonde, genannt Darnay, in Folge dieser Aechtung
unbedingt todt vor dem Gesetz.

So ungefähr in ebenso wenig oder weniger Worten sprach der öffentliche
Ankläger. Der Präsident fragte, ob der Angeklagte offen oder geheim
denuncirt sei?

„Offen, Präsident.“

„Von wem?“

„Von drei Stimmen. Ernest Defarge, Weinschenk in St. Antoine.“

„Gut.“

„Therese Defarge, seine Frau.“

„Gut.“

„Alexander Manette, Arzt.“

Ein großer Lärm entstand im Saale und in demselben sah man _Dr._
Manette blaß und zitternd von seinem Platz aufspringen.

„Präsident, ich protestire mit Entrüstung gegen diese Angabe als eine
Fälschung und einen Betrug. Ihr wißt, daß der Angeklagte der Gatte
meiner Tochter ist. Meine Tochter und die zu ihr gehören sind mir
lieber als das Leben. Wo und wer ist der falsche Verschwörer, welcher
sagt, daß ich den Gatten meines Kindes anklage?“

„Seid ruhig, Bürger Manette. Der Autorität des Gerichts den Gehorsam
verweigern, würde Euch selbst außerhalb des Gesetzes stellen. Was Ihr
da sagt vom theurer sein als Euer Leben, so kann einem guten Bürger
Nichts so theuer sein wie die Republik!“

Lauter Beifall begrüßte diese Zurechtweisung. Der Präsident klingelte
und begann mit Wärme von Neuem.

„Wenn die Republik von Euch das Opfer Eures eigenen Kindes verlangte,
so hättet Ihr keine andere Pflicht, als es zu opfern. Hört auf das, was
der Ankläger zu sagen hat. Bis dahin schweigt.“

Wüthender Beifall ertönte ringsum. _Dr._ Manette nahm seinen
Platz ein während er sich mit zitternden Lippen umschauete; seine
Tochter drängte sich dichter an ihn heran. Der gierige Mann unter den
Geschworenen rieb sich die Hände und brachte dann von Neuem die Finger
an den Mund.

So wie die Ruhe soweit hergestellt worden war um eine Fortsetzung des
Verfahrens möglich zu machen, ward Defarge aufgerufen, der in kurzen
Worten auseinander setzte, daß er als bloßer Knabe noch im Dienste des
Doctors gestanden, als dieser verhaftet worden, und dann über seine
Befreiung und über den Zustand in welchem ihm der Doctor nach seiner
Freilassung übergeben worden, berichtete. Darauf folgte noch ein kurzes
Verhör, denn das Gericht verrichtete seine Arbeit schnell.

„Ihr habt gute Dienste bei der Einnahme der Bastille geleistet, Bürger?“

„Ich glaube.“

Hier kreischte ein aufgeregtes Weib aus dem Gedränge heraus: „Ihr waret
dort einer der besten Patrioten. Warum soll man es nicht sagen? Ihr
bedientet an jenem Tage ein Geschütz und waret unter den ersten die in
das verwünschte Nest eindrangen. Patrioten, ich spreche die Wahrheit!“

Es war der Racheengel, der, stürmisch gelobt von dem lauten Beifall der
Zuhörer, sich so in die Verhandlung mischte.

Der Präsident klingelte; aber der Racheengel, durch die ihm zu Theil
gewordene Aufmunterung warm geworden, kreischte: „was geht mich die
Klingel an!“ wofür er wiederum rauschendes Lob erntete.

„Erzählt dem Gericht, was Ihr an jenem Tage in der Bastille gethan
habt, Bürger.“

„Ich wußte,“ sagte Defarge, während er hinab auf seine Frau sah, die
unten an den Stufen stand, auf die er getreten war und ihn fest im
Auge behielt; „ich wußte daß dieser Gefangene, von dem ich spreche,
in einer Zelle, genannt 105 Nordthurm, gesessen hatte. Ich wußte
das von ihm selbst. Er kannte sich selbst bei keinem andern Namen
als 105 Nordthurm, als er unter meiner Obhut Schuhe machte. Als ich
meine Kanone an jenem Tage bediente, nahm ich mir vor, wenn wir den
Platz einnehmen sollten, die Zelle zu untersuchen. Wir nahmen ihn
ein. Mit einem Mitbürger, der sich unter den Geschworenen befindet,
begebe ich mich, von einem Kerkermeister geleitet, nach der Zelle.
Ich durchsuche sie ganz genau. In einem Loch im Schornstein, wo ein
Stein herausgearbeitet und wieder hineingesetzt worden, finde ich ein
beschriebenes Papier. Dies ist das beschriebene Papier. Ich habe es
mir zur Obliegenheit gemacht, mehrere Proben der Handschrift _Dr._
Manette’s zu besichtigen. Dies ist die Handschrift _Dr._ Manette’s. Ich
lege dies Papier, geschrieben von der Hand des _Dr._ Manette in die
Hände des Präsidenten.“

„Man lese es vor.“

Unter tiefstem Schweigen, wobei der vor Gericht gestellte Gefangene
zärtlich seine Gattin ansah, seine Gattin nur ihre Augen von ihm
abwendete, um mit bekümmerter Theilnahme ihren Vater zu betrachten,
_Dr._ Manette seinen Blick auf den Vorleser geheftet hielt, Madame
Defarge die ihrigen nie von dem Gefangenen abwendete, Defarge mit
seinem Auge nie das schon im Vorgenusse schwelgende Auge seiner Frau
verließ, und alle anderen Blicke sich gespannt auf den Doctor wendeten,
der Niemanden ringsum sah, ward das Papier verlesen.



Zehntes Kapitel.

Das Wesen des Schattens.


„Ich, Alexander Manette, unglücklicher Arzt, geboren in Beauvais
und später wohnhaft in Paris, schreibe diese traurige Geschichte in
meiner Jammerzelle in der Bastille im letzten Monat des Jahres 1767.
Ich schreibe es auf den Raub, in seltenen Zwischenräumen, unter jeder
Schwierigkeit. Ich gedenke es in der Schornsteinwand zu verstecken, wo
ich langsam und mühsam einen sicheren Platz für dasselbe hergestellt
habe. Dort findet es vielleicht eine mitleidige Hand, wenn ich und
mein Schmerz unter der Erde sind. Ich schreibe diese Worte nur mit
einem verrosteten Nagel und mit abgeschabtem Ruß aus dem Schornstein,
untermischt mit Blut, im letzten Monat des zehnten Jahres meiner
Gefangenschaft. Hoffnung ist ganz aus meiner Brust verschwunden. Ich
weiß aus schrecklichen Symptomen die ich an mir bemerkt habe, daß mein
Geist nicht lange mehr ungeschwächt bleiben wird, aber ich erkläre
feierlich, daß ich gegenwärtig noch im vollen Besitz meiner geistigen
Kräfte bin -- daß mein Gedächtniß gut und zuverlässig ist -- und
daß ich die Wahrheit schreibe, so wahr ich für diese, meine letzten
niedergeschriebenen Worte, mögen sie von menschlichen Augen gelesen
werden oder nicht, vor dem ewigen Gott Rechenschaft ablegen muß.

„In einer bewölkten Mondscheinnacht in der dritten Woche des Decembers
(ich glaube es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) im Jahre 1757,
ging ich um frische Luft zu schöpfen auf einem abgelegenen Theile
des Seine-Quais ungefähr eine Stunde Wegs von meiner Wohnung in der
Straße der medicinischen Schule spazieren, als ein Wagen sich mir
in sehr raschem Laufe näherte. Wie ich zur Seite trat um den Wagen
vorbeizulassen, da er mich sonst hätte umfahren können, sah ein Kopf
zum Fenster heraus und eine Stimme rief dem Kutscher zu zu halten.

„Der Wagen hielt, sowie der Kutscher die Pferde zügeln konnte, und
dieselbe Stimme rief mich beim Namen. Ich antwortete. Der Wagen war
jetzt mir soweit voraus, daß zwei Herren Zeit hatten die Kutschenthür
zu öffnen und auszusteigen ehe ich sie erreichte. Ich bemerkte, daß
beide in Mäntel gehüllt waren, wie es schien um nicht erkannt zu
werden. Wie sie nebeneinander, nicht weit von dem Wagentritt, standen,
bemerkte ich auch, daß sie beide von meinem Alter sein mochten, oder
eher jünger und daß sie sich sehr ähnlich waren im Wuchs, in der
Haltung, in der Stimme und soweit ich sehen konnte, auch im Gesicht.

„„Sie sind _Dr._ Manette?“ sagte der Eine.

„„Ja.“

„„_Dr._ Manette, früher in Beauvais,“ sprach der Andere; „„der
junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der seit den letzten
paar Jahren in Paris zu solchem Ruf gelangt ist?“

„„Meine Herren,“ gab ich zurück, „„ich bin der _Dr._ Manette von
dem sie in so schmeichelhaften Ausdrücken sprechen.“

„„Wir waren in Ihrer Wohnung,“ sagte der Erste, „„und da wir nicht so
glücklich waren Sie dort zu finden und hörten, daß Sie wahrscheinlich
in dieser Gegend spazieren gingen, fuhren wir hierher in der Hoffnung
Ihnen zu begegnen. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“

„Die Manier beider war gebieterisch und während des eben erwähnten
Gesprächs hatten sich beide so gestellt, daß sie zwischen mir und der
Wagenthür standen. Sie waren bewaffnet. Ich nicht.“

„„Meine Herren,“ sagte ich, „„verzeihen Sie mir; aber ich erkundige
mich gewöhnlich, wer mir die Ehre erweist, meine Hülfe in Anspruch
zu nehmen und von welcher Beschaffenheit der Fall ist, wo ich Hülfe
leisten soll.“

„Die Antwort die ich darauf von dem erhielt, der als Zweiter gesprochen
hatte, war: „„Doctor, Ihre Clienten sind Leute vom Stande. Was die
Beschaffenheit des Falls betrifft, so sagt uns unser Vertrauen auf Ihre
Kunst, daß Sie denselben viel besser durch eigene Anschauung kennen
lernen werden, als wir ihn Ihnen beschreiben können. Genug. Wollen Sie
gefälligst in den Wagen steigen?“

„Ich konnte Nichts thun als mich fügen und stieg schweigend ein.
Beide folgten mir und der Letzte sprang herein, nachdem der Tritt
aufgeklappt war. Der Wagen ward gewendet und fuhr mit der früheren
Schnelligkeit davon.

„Ich wiederhole diese Unterredung genau so, wie sie vor sich ging. Ich
bezweifle nicht, daß sie Wort für Wort dieselbe war. Ich beschreibe
Alles genau so, wie es sich zutrug und zwinge meinen Geist, nicht
von seinem Gegenstande abzuschweifen. Wo ich die Zeichen mache, die
hier folgen, breche ich vor der Hand ab und verberge meine Papiere im
Versteck. ****

„Der Wagen hatte die Straße bald hinter sich, fuhr zur Nord-Barriere
hinaus und auf der Landstraße weiter. Ohngefähr drei Viertelstunden vor
der Barriere -- ich schätzte damals die Entfernung nicht ab, aber bei
einer spätern Gelegenheit -- lenkte der Wagen von der Hauptstraße ab
und hielt gleich darauf vor einem einsam gelegenen Hause. Wir stiegen
alle Drei aus und gingen auf einem weichen, feuchten Fußwege durch
einen Garten, wo ein vernachlässigter Springbrunnen übergelaufen war,
nach der Hausthür. Auf das Schellen mit der Glocke ward sie nicht
sofort geöffnet und einer meiner Führer schlug den Mann, der an die
Thür kam, mit einem schweren Reithandschuh ins Gesicht.

„Es war nichts in dieser Handlung, was meine besondere Aufmerksamkeit
erregte; denn ich hatte gemeine Leute öfter wie Hunde schlagen
sehen. Aber der Andere von den Brüdern, der ebenfalls ärgerlich
war, schlug den Mann auch und dabei waren die Brüder in Haltung und
Aussehen so vollkommen gleich, daß ich jetzt gewahr wurde, es waren
Zwillingsbrüder.

„Schon wie wir am äußern Thor (das verschlossen war und das einer der
Brüder, um uns einzulassen, geöffnet und dann von Neuem zugeschlossen
hatte) abgestiegen waren, hatte ich ein lautes Schreien von einem obern
Zimmer her gehört. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das
Schreien wurde immer lauter, wie wir die Treppe hinauf stiegen, und ich
fand eine Kranke im hitzigen Fieber auf einem Bett liegen.

„Die Kranke war ein Weib von großer Schönheit und jung; jedenfalls
nicht viel über Zwanzig. Ihr Haar war wirr und zerzaust und ihre Arme
mit Schärpen und Taschentüchern niedergebunden. Ich bemerkte, daß diese
Binden alle von Herrenkleidern herrührten. Auf einer derselben, einer
mit Fransen besetzten Schärpe für einen Festanzug, sah ich ein adliches
Wappen und den Buchstaben _E_ eingestickt.

„Ich sah dies in der ersten Minute, wo ich vor der Kranken stand; denn
in ihren ruhelosen Bewegungen hatte sie sich auf dem Rande des Bettes
auf das Gesicht gelegt, das Ende der Schärpe in den Mund bekommen und
lief Gefahr zu ersticken. Mein Erstes war, meine Hand auszustrecken, um
ihr freies Athmen zu verschaffen, und wie ich die Schärpe auf die Seite
schob, fiel mein Blick auf die Stickerei in dem Zipfel.

„Ich wendete sie sanft um, legte meine Hände auf ihre Brust, um sie zu
beruhigen und sah ihr in’s Gesicht. Ihre Augen standen weit offen und
waren ganz verstört, und sie stieß fortwährend durchdringendes Geschrei
aus und wiederholte die Worte: „Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“
und zählte dann bis zwölf und sagte: „„still!“ Einen Augenblick und
nicht länger hielt sie inne, um zu horchen, und dann fing sie wieder an
zu schreien und wiederholte die Worte: „„Mein Mann, mein Vater und mein
Bruder!“ und zählte bis zwölf und sagte „„still!“ Immer in derselben
Ordnung und in derselben Weise. Es fand auch keine Unterbrechung statt
außer der einzigen, regelmäßigen kurzen Pause und immer wieder fing die
Reihe der Schmerzensrufe von vorn an.“

„„Wie lange hat dies gedauert?“ fragte ich.

„Zur Unterscheidung will ich die Brüder den älteren und den jüngeren
nennen; mit dem Aelteren meine ich denjenigen, der die meiste Autorität
ausübte. Der Aeltere antwortete jetzt: „„seit ungefähr dieser Stunde in
letzter Nacht.“

„„Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?“

„„Einen Bruder.“

„„Ich spreche nicht mit ihrem Bruder?“

„Er antwortete mit großer Verachtung: „„Nein.“

„„Ihre Gedanken müssen neuerlich mit der Zahl 12 zu thun gehabt haben?“

„Der jüngere Bruder warf ungeduldig ein: „„mit 12 Uhr.“

„„Sehen Sie, meine Herren,“ sagte ich, während ich immer noch die
Hände auf ihrer Brust ruhen ließ, „„wie unnütz ich so, wie sie mich
hergebracht haben, hier bin. Wenn ich gewußt hätte, was ich hier finden
würde, hätte ich mich versorgen können. So geht unwiederbringliche Zeit
verloren. In diesem abgelegenen Hause sind jedenfalls keine Arzneien zu
haben.“

„Der ältere Bruder sah den jüngern an, welcher gleichgültig zur Antwort
gab: „„es ist ein Medizinkasten hier“ und ihn aus einem Alkoven brachte
und auf den Tisch stellte. ****

„Ich machte einige von den Fläschchen auf, roch daran und brachte den
Stöpsel an die Lippen. Wenn ich etwas Anderes als narkotische Arzneien,
die für sich schon Gift waren, hätte anwenden können, so durfte ich
diese nicht gebrauchen.“

„„Trauen Sie den Arzneien nicht?“ sagte der jüngere Bruder.

„„Sie sehen, Monsieur, daß ich von ihnen Gebrauch machen will,“ gab
ich zur Antwort und sagte weiter Nichts. Mit großer Schwierigkeit
und nach vielen Bemühungen gelang es mir der Kranken die gewünschte
Dosis einzuflößen. Da ich sie nach einiger Zeit wiederholen wollte
und ihre Wirkung beobachten mußte, setzte ich mich neben das Bett
nieder. Als Aufwärterin diente ein verschüchtertes und gedrücktes
Weib (die Frau des Mannes, der uns geöffnet hatte), das in einer Ecke
stand. Das Haus war feucht und verfallen, mittelmäßig ausgestattet
-- offenbar vor kurzem erst und nur vorübergehend bewohnt. Die
Fenster waren mit dicken, alten Tapeten zugenagelt um den Schall des
Schreiens abzudämpfen. Dieses dauerte immer noch in seiner regelmäßigen
Reihenfolge fort, das Geschrei: „„mein Mann, mein Vater und mein
Bruder!“ das Zählen bis 12 und „„still!“ Die Kranke raste so heftig,
daß ich mir nicht getraute die Binden von den Armen zu entfernen;
aber ich hatte nachgesehen, daß sie nicht schmerzten. Das Einzige,
was mich bei dem Fall ermuthigte, war, daß meine Hand auf der Brust
der Leidenden so viel besänftigenden Einfluß hatte, daß minutenlange
Unterbrechungen in den krampfhaften Bewegungen des Körpers eintraten.
Auf das Geschrei machte dies keinen Eindruck; kein Pendel konnte
regelmäßiger sein.“

„Weil meine Hand diese Wirkung hervorrief, hatte ich wol eine halbe
Stunde neben dem Bett gesessen und die beiden Brüder waren im Zimmer
geblieben, bevor der Aeltere sagte:

„Es ist noch ein anderer Kranker da.“

„Ich erschrak und sagte: „„ist es ein dringender Fall?“

„„Es ist besser Sie sehen selbst nach,“ gab er gleichgültig zur Antwort
und nahm einen Leuchter. ****

„Der andere Kranke lag in einem Hinterzimmer, zu dem eine zweite Treppe
führte, eigentlich in einer Art Bodenraum über einem Stalle. Ein Theil
desselben war mit einer niedrigen Gypsdecke versehen; das Uebrige
war oben offen bis zu dem Hahnebalken des Daches und nur einzelne
Balken vertraten die Stelle der Decke. In diesem Theile lagen Heu und
Stroh, Reißbündel als Feuerholz und ein Haufen Aepfel im Sande. Ich
hatte durch diesen Theil zu gehen um in den andern zu gelangen. Mein
Gedächtniß ist genau und treu. Ich stelle es in diesen Einzelnheiten
auf die Probe und sehe sie alle in dieser meiner Zelle in der Bastille
fast am Ende des zehnten Jahres meiner Haft, wie ich sie in jener Nacht
sah.

„Auf einem Heubündel auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf
geschoben lag ein hübscher Bauernbursch -- ein halber Knabe noch von
kaum 17 Jahren. Er lag auf dem Rücken, die Zähne fest zusammengebissen,
die rechte Hand auf die Brust gepreßt und mit den funkelnden Augen
gerade in die Höhe sehend. Ich konnte nicht entdecken wo die Wunde
war, wie ich neben ihm niederkniete und mich über ihn beugte; aber
ich konnte sehen, daß er an einer Wunde von einem scharfen spitzen
Instrument starb.

„„Ich bin Arzt, armer Junge,“ sagte ich. „„Laß mich Deine Wunde
untersuchen.“

„„Ich mag sie nicht untersuchen lassen,“ gab er zur Antwort; „„laßt sie
sein.“

„Sie war unter seiner Hand und ich besänftigte ihn so, daß er mir die
Hand wegzunehmen gestattete. Die Wunde war ein Degenstich, zwanzig oder
vierundzwanzig Stunden alt, aber kein Arzt hätte ihn retten können,
wenn auch sofort darnach gesehen worden wäre. Er näherte sich jetzt
rasch seinem Ende. Wie ich meine Augen auf den älteren Bruder heftete,
sah ich wie er auf diesen hübschen, sterbenden Burschen herabblickte,
als wäre er ein verwundeter Vogel oder ein Hase, oder ein Kaninchen;
durchaus nicht als ob er ein Mitmensch wäre.

„„Wie ist dies zugegangen, Monsieur?“ sagte ich.

„„Ein wahnwitziger Hund von einem Bauer, ein Leibeigener, zwang meinen
Bruder den Degen zu ziehen und ist von meines Bruders Degen gefallen --
wie ein Cavalier.““

„Keine Spur von Mitleid, Schmerz oder menschlichem Mitgefühl war
in dieser Antwort zu hören. Der Sprecher schien zuzugeben, daß es
unangenehm sei, daß diese andere Art von Creatur hier im Sterben lag
und daß es besser gewesen, wenn er in dem gewöhnlichen dunkeln Lauf
seines Ungezieferlebens gestorben wäre. Er war ganz unfähig Mitleid mit
dem Knaben oder seinem Schicksale zu fühlen.

„Die Augen des Burschen hatten sich langsam ihm zugewendet, als er
gesprochen hatte und richteten sich jetzt langsam auf mich.

„„Doctor, sie sind sehr stolz, diese Edelleute; aber wir gemeines Volk
sind manchmal auch stolz. Sie berauben uns, beleidigen uns, prügeln
uns, schlagen uns todt, aber dennoch bleibt uns manchmal ein klein
wenig Stolz übrig. Sie -- haben Sie sie gesehen, Doctor?“

„Man hörte das Schreien hier, obgleich durch die Entfernung gedämpft.
Er bezog sich darauf, als ob sie in diesem Raume läge.

„Ich sagte: „„ich habe sie gesehen.“

„„Es ist meine Schwester, Doctor. Diese Edelleute haben ihre
schändlichen Rechte auf die Schamhaftigkeit und Tugend unserer
Schwestern viele Jahre lang ausgeübt, aber wir haben noch gute Mädchen
unter uns. Ich weiß es und von meinem Vater habe ich es auch sagen
hören. Sie war ein gutes Mädchen. Sie war Braut eines guten jungen
Mannes; eines seiner Pächter. Wir waren alle seine Pächter -- dieses
Mannes der dort steht. Der Andere ist sein Bruder, der Schlimmste eines
schlimmen Geschlechts.“

„Nur mit der größten Schwierigkeit sammelte der Knabe körperliche
Kraft genug um zu sprechen; aber seine Seele sprach mit schrecklichem
Nachdruck.

„„Wir wurden von diesem Mann, der dort steht, so ausgeplündert, wie es
alle diese höheren Wesen mit uns gemeinen Hunden thun -- ohne Erbarmen
von ihm besteuert, gezwungen ohne Lohn für ihn zu arbeiten, gezwungen
unser Korn auf seiner Mühle zu mahlen, gezwungen Heerden von seinen
zahmen Vögeln mit der kümmerlichen Frucht unserer Felder zu füttern,
während wir bei Lebensstrafe nicht ein einziges Huhn für uns selbst
halten durften, ausgeplündert und ausgesaugt bis zu dem Grade, daß,
wenn wir einmal ein Stückchen Fleisch hatten, wir es bei verschlossener
Thür und zugemachten Laden voller Angst aßen, damit seine Leute
es nicht sähen und es uns wegnähmen -- ich sagte, wir wurden so
ausgesaugt, und niedergehetzt und gepeinigt, daß unser Vater sagte,
es sei eine schreckliche Sache ein Kind in die Welt zu setzen und wir
sollten lieber beten, daß unsere Weiber unfruchtbar blieben und unser
elendes Geschlecht ausstürbe!“

„Ich hatte vorher nie das Gefühl des Unterdrücktseins wie eine Flamme
hervorbrechen sehen. Ich hatte vermuthet, daß es irgendwo bei dem Volke
verborgen schlummern müsse; aber ich hatte es nie hervorbrechen sehen,
bis ich es bei diesem sterbenden Knaben sah.

„„Aber doch verheirathete sich meine Schwester, Doctor. Der Arme
kränkelte damals und sie heirathete ihren Geliebten, damit sie ihn in
ihrer Hütte pflegen könnte -- in unserer Hundehütte, wie sie dieser
Mann nennen würde. Sie war noch nicht viele Wochen verheirathet, als
dieses Mannes Bruder sie sah und Gefallen an ihr fand und dieser Mann
bat, sie ihm zu leihen -- denn wozu sind Ehemänner unter uns da! Er war
bereitwillig genug, aber meine Schwester war gut und tugendhaft und
haßte seinen Bruder mit einem nicht minder starken Hasse als ich. Was
thaten diese beiden nun um ihren Mann zu bewegen, sie zu bereden, ihm
den Willen zu thun?“

„Die Augen des Knaben die bis jetzt mich angesehen hatten, wendeten
sich jetzt langsam dem andern zu und ich sah in den beiden Gesichtern,
daß Alles wahr war. Selbst jetzt noch in dieser Bastille kann ich die
beiden entgegengesetzten Arten von Stolz sehen; bei dem Cavalier lauter
nachlässige Gleichgültigkeit; bei dem Bauer lauter niedergetretenes
Gefühl und leidenschaftliche Rache.

„„Sie wissen, Doctor, daß es zu den Rechten dieser Edelleute gehört
uns gemeine Hunde in Karren einzuspannen, und mit uns zu fahren. So
spannten sie ihn ein und fuhren mit ihm. Sie wissen es ist eins von
ihren Rechten, uns die ganze Nacht in ihren Gärten wachen zu lassen
um die Frösche zum Schweigen zu bringen, damit ihr edler Schlaf nicht
gestört werde. Sie ließen ihn die ganze Nacht hindurch im ungesunden
Nebel wachen und schickten ihn des Morgens wieder in das Geschirr.
Aber er ließ sich nicht bewegen. Nein! Als sie ihn eines Mittags
ausspannten, damit er esse -- wenn er Etwas zu essen finden konnte --
schluchzte er zwölfmal, einmal für jeden Schlag der Glocke, und starb
an ihrem Busen.“

„Nichts als der Entschluß alles erlittene Unrecht zu erzählen, hätte
den Knaben noch am Leben erhalten können. Er zwang die sich sammelnden
Schatten des Todes zurück, wie er seine geballte rechte Faust zwang
geballt zu bleiben und die Wunde zuzuhalten.

„„Dann entführte sie der Bruder mit der Erlaubniß und selbst mit der
Hülfe dieses Mannes; trotz dem, was sie seinem Bruder gesagt haben muß
-- und was das war wird Ihnen nicht lange unbekannt bleiben, Doctor
-- sein Bruder nahm sie zu sich zu seinem Kurzweil auf einige Tage.
Ich sah sie auf der Straße vorbeifahren. Als ich die Nachricht nach
Hause brachte, brach meines Vaters Herz; er sprach nie eines der Worte,
welche es erfüllten. Ich brachte meine junge Schwester (denn ich habe
noch eine), an einen Ort außer dem Bereich dieses Mannes und wo sie
wenigstens ~ihm~ nie lehnspflichtig sein wird. Dann spürte ich den
Bruder hier auf und stieg vorige Nacht ein -- ein gemeiner Hund, aber
mit den Degen in der Hand. -- Wo ist das Dachfenster? Es muß hier herum
sein?“

„Das Zimmer verdunkelte sich vor seinem Blick; die Welt schloß sich
enger um ihn zusammen. Ich sah mich um und bemerkte, daß das Heu und
Stroh auf dem Fußboden zertreten war, als ob ein Kampf stattgefunden
hätte.

„„Sie hörte mich und kam hereingestürzt. Ich gebot ihr uns nicht zu
nahe zu kommen, bis er todt sei. Er kam und warf mir erst einige
Stücken Geld hin; dann schlug er mit der Peitsche nach mir. Aber
ich, obgleich ein gemeiner Hund, schlug ihn so, daß er den Degen
ziehen mußte. Er mag ihn in noch so viele Stücke brechen, den Degen,
den er mit meinem gemeinen Blute gefärbt hat; er zog ihn um sich zu
vertheidigen -- wehrte sich mit seiner ganzen Kunst um sein Leben.“

„Mein Blick war erst vor wenigen Secunden auf einen zerbrochenen Degen
unter dem Heu gefallen. Es war ein Cavalierdegen. An einer andern
Stelle lag ein alter Degen, wie ihn die Soldaten tragen.

„„Jetzt richten Sie mich auf, Doctor; richten Sie mich auf. Wo ist er?“

„Er ist nicht hier,“ sagte ich, in der Meinung, daß er von dem Bruder
spreche.

„Er! so stolz diese Edelleute sind, fürchtet er sich doch vor meinem
Anblicke. Wo ist der Mann der hier war? Wenden Sie ihm mein Gesicht zu.“

„Ich that es, indem ich den Kopf des Knaben auf mein Knie legte. Aber
für den Augenblick mit außerordentlicher Kraft ausgestattet, stand er
ganz auf und zwang mich dasselbe zu thun, sonst hätte ich ihn nicht
stützen können.

„„Marquis,“ sagte der Knabe mit hocherhobener rechter Hand und mit
den weitgeöffneten Augen ihn ansehend, „„für den Tag, wo für alle
diese Sachen Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euch und die
Eurigen bis zu dem Letzten Eures schlimmen Geschlechts vor, Euch wegen
dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne Euch mit diesem blutigen
Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung. Auf den Tag, wo für alle diese
Thaten Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euren Bruder, den
Schlimmsten Eures schlimmen Geschlechts, vor, sich noch besonders wegen
dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne ihn mit diesem blutigen
Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung.“

„Zweimal griff er mit der Hand nach der Wunde in die Brust und machte
mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. Mit noch erhobenen Finger
blieb er eine Weile stehen, und wie die Hand niedersank, sank er mit
ihr und ich legte seine Leiche auf den Fußboden hin. ****

„Als ich wieder an das Bett des jungen Weibes trat, fand ich es ganz
in derselben Reihenfolge wie vorhin und ohne die mindeste Linderung im
Fieber phantasirend. Ich wußte, daß dies viele Stunden dauern könnte
und wahrscheinlich mit dem Schweigen des Todes enden würde.

„Ich gab ihr die frühere Dosis noch einmal ein und blieb neben dem Bett
sitzen, bis die Nacht weit vorgerückt war. Das Durchdringende ihres
Geschreies nahm nie ab, nie wurden ihre Worte weniger deutlich und nie
ordneten sie sich in einer anderen Folge. Immer lauteten sie: „„mein
Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,
sieben, acht, neun, zehn, eilf, zwölf. „Still!“

„Dies dauerte 26 Stunden von der Zeit an, wo ich sie zuerst gesehen.
Ich war zweimal gekommen und gegangen und saß wieder neben ihr, als sie
schwächer zu werden anfing. Ich that was ich unter diesen Verhältnissen
thun konnte und allmälig sank sie in eine Lethargie und lag wie todt da.

„Es war, als ob nach einem langen und schrecklichen Unwetter Wind und
Regen sich endlich gelegt hätten. Ich band ihre Arme los und rief die
Frau mir beizustehen um sie in die gehörige Lage zu bringen und die
Kleider, die sie zerrissen hatte, zu ordnen. Jetzt erst bemerkte ich,
daß sie in einem Zustande war, wo vor kurzem erst Mutterhoffnungen in
ihr entstanden waren; und nun verlor ich die wenige Hoffnung, die ich
bis dahin noch gehabt hatte.

„„Ist sie todt?“ fragte der Marquis, den ich immer noch den älteren
Bruder nennen werde, wie er gestiefelt und gespornt vom Pferde in das
Zimmer trat.

„„Nicht todt,“ sagte ich; „„aber sie liegt im Sterben.“

„„Welche Lebenskraft diese gemeinen Menschen besitzen!“ sagte er und
blickte mit einiger Neugier auf die Sterbende herab.

„„Es liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung,“
gab ich zur Antwort.

„Er lachte erst und runzelte dann die Stirn. Er schob mit dem Fuß einen
Stuhl neben den meinigen, befahl der Frau hinauszugehen und sagte mit
gedämpfter Stimme:

„„Doctor, ich fand meinen Bruder in diese Verlegenheit verwickelt
und empfahl ihm, Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Ruf ist groß
und als junger Mann, der noch eine Zukunft vor sich hat, werden Sie
wahrscheinlich Ihr eigenes Interesse nicht aus den Augen setzen.
Was Sie hier gesehen haben sind Sachen, die man sehen, aber nicht
besprechen darf.“

„Ich lauschte dem Athem der Kranken und vermied es, eine Antwort zu
geben.

„„Beehren Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit, Doctor?“

„„Monsieur,“ sagte ich; „„in meinem Berufe werden Mittheilungen von
Patienten immer als Vertrauenssache betrachtet.“ Ich war vorsichtig in
meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört hatte, machte mich sehr
unruhig.

„Ihr Athem wurde so leise, daß ich nach dem Puls und nach dem Herzen
fühlte. Es war gerade noch Leben in ihr, und nicht mehr. Als ich
mich umsah, fand ich, daß beide Brüder mich mit gespannten Blicken
beobachteten. ****

„Das Schreiben wird mir so schwer, die Kälte ist so streng, ich bin
so voller Angst entdeckt und in eine unterirdische, finstere Zelle
gebracht zu werden, daß ich diese Erzählung abkürzen muß. Mein
Gedächtniß ist wie immer noch so treu wie zu Anfang; es kann sich jedes
Wortes, das zwischen mir und diesen Brüdern gewechselt ward erinnern
und könnte es niederschreiben.

„Sie schleppte sich noch eine Woche hin. Gegen das Ende konnte ich,
wenn ich das Ohr dichter an ihre Lippen legte, ein paar Silben
verstehen, die sie an mich richtete. Sie fragte mich, wo sie sei, und
ich sagte es ihr; wer ich sei, und ich sagte es ihr. Vergeblich fragte
ich sie nach ihrem Familiennamen. Sie schüttelte den Kopf auf dem
Kissen und behielt ihr Geheimniß, wie der Knabe.

„Ich hatte keine Gelegenheit ihr eine Frage vorzulegen bis ich den
Brüdern gesagt hatte, sie sei ihrem Ende nahe und könnte nicht noch
einen Tag erleben. Bis dahin hatte, obgleich die Kranke nur wußte,
daß die Frau und ich da waren, stets einer oder der andere der Brüder
argwöhnisch hinter dem Vorhange zu Häupten des Bettes gesessen, so
lange ich da war. Aber als es soweit gekommen war, schien es ihnen
gleichgültig zu sein, was ich noch mit ihr sprechen könnte; als ob --
der Gedanke kam mir in den Sinn -- ich auch im Sterben läge.

„Ich bemerkte stets, daß sich ihr Stolz empfindlich davon verletzt
fühlte, daß der jüngere Bruder (wie ich ihn nenne) den Degen mit
einem Bauersmann, und noch dazu mit einem bloßen Knaben, gekreuzt
hatte. Die einzige Erwägung, welche wirklich die Seele der Brüder zu
belästigen schien, war, daß dies höchst entwürdigend für die Familie
und lächerlich sei. So oft ich den Blicken des jüngeren Bruders
begegnete, sagte mir sein Ausdruck, daß er einen tiefen Groll gegen
mich hege, weil ich diesen Umstand von dem Knaben erfahren hatte. Er
war geschmeidiger und höflicher gegen mich als der ältere; aber dies
sah ich. Ich sah auch, daß ich in den Augen des älteren ein Stein des
Anstoßes war.

„Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht -- der Zeit nach nach
meiner Uhr fast in derselben Minute, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war
allein bei ihr als ihr armes junges Haupt sanft auf eine Seite sank und
alle ihre irdischen Leiden und Schmerzen vorbei waren.

„Die Brüder warteten in einem Zimmer im Erdgeschoß, voller Ungeduld
fortzureiten. Während ich allein neben dem Bett saß, hatte ich gehört,
wie sie mit der Reitpeitsche an die Stiefeln schlugen und auf- und
abgingen.

„„Endlich ist sie todt?“ sagte der ältere als ich eintrat.

„„Sie ist todt,“ sagte ich.

„„Ich wünsche Dir Glück, Bruder,“ waren seine Worte als er sich
umdrehte.

„Er hatte mir vorher schon Geld angeboten, das ich nicht angenommen
hatte. Er legte mir jetzt eine Rolle Geld in die Hand. Ich nahm sie,
legte sie aber auf den Tisch. Ich hatte mir die Sache überlegt und war
entschlossen Nichts zu nehmen.

„„Bitte, entschuldigen Sie,“ sagte ich; „„unter diesen Verhältnissen,
nein.“

„Sie sahen einander an, aber erwiderten meine Verbeugung, als ich mich
vor ihnen verneigte und wir schieden, ohne daß einer von uns nur ein
Wort weiter sprach. ****

„Ich bin müde, müde, müde -- niedergedrückt von so vielem Jammer. Ich
kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe.

„Am nächsten Morgen in der Frühe wurde die Rolle Geld in einem Kästchen
mit meiner Adresse darauf an meiner Thür abgegeben. Ich hatte vom
ersten Augenblicke mir ernstlich überlegt, was ich thun sollte. An
diesem Tage entschloß ich mich in einem Privatschreiben an den Minister
zu berichten, bei was für Patienten und an welchem Orte man meine
Hülfe in Anspruch genommen; mit einem Worte, alle Umstände anzugeben.
Ich wußte was Hofeinfluß war und welche Vorrechte der Adel hatte und
erwartete, daß man von der Sache nie wieder hören werde; aber ich
wollte mein Gewissen einer Last entledigen. Ich hatte die Sache streng
geheim gehalten, selbst vor meiner Frau; und auch dies beschloß ich in
meinem Briefe zu melden. Eine wirkliche Gefahr für mich fürchtete ich
nicht; aber ich wußte, daß es Andern gefährlich werden könnte, wenn sie
wußten, was ich wußte.

„Ich war diesen Tag sehr in Anspruch genommen, und konnte meinen Brief
diesen Abend nicht beenden. Um ihn zum Schlusse zu bringen, stand ich
nächsten Morgen lange vor meiner gewöhnlichen Zeit auf. Es war der
letzte Tag des Jahres. Der Brief lag eben vollendet vor mir, als man
mir meldete, daß eine Dame mich zu sehen wünsche. ****

„Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, geht jeden Tag mehr über meine
Kräfte. Es ist so kalt, so finster, meine Sinne sind so stumpf und die
düstere Stimmung die mich bedrückt ist so schrecklich.

„Die Dame war jung, einnehmend und schön, aber nach ihrem Aeußeren
nicht bestimmt, lange zu leben. Sie stellte sich mir als die
Gattin des Marquis A. Evrémonde vor. Ich brachte den Titel, mit
welchem der Bauerbursche den älteren Bruder angeredet hatte mit dem
Anfangsbuchstaben, den ich auf der Schärpe gestickt gesehen, in
Verbindung und kam unschwer zu dem Schlusse, daß ich diesen Edelmann
vor sehr kurzer Zeit gesehen hatte.

„Mein Gedächtniß ist immer noch zuverlässig, aber ich kann die Worte
unserer Unterredung nicht niederschreiben. Ich argwöhne, daß ich
strenger beobachtet werde als bisher, und weiß nicht, zu welcher Zeit
man mich beobachtet. Sie hatte die Hauptthatsachen der traurigen
Geschichte ihres Gatten und daß man mich zu Rathe gezogen theils
errathen, theils entdeckt. Sie wußte nicht, daß das Mädchen todt war.
Sie hatte gehofft, wie sie mir mit großer Betrübniß sagte, ihr heimlich
die mitfühlende Theilnahme eines Frauenherzens zu zeigen. Sie hatte
gehofft, den Zorn des Himmels von einem Hause abzulenken, das seit
langen Jahren dem schwerduldenden Volke verhaßt war.

„Sie hatte Gründe, zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester lebte,
und ihr heißester Wunsch war, dieser Schwester zu helfen. Ich konnte
ihr weiter Nichts sagen, als daß wirklich eine solche Schwester
vorhanden sei; weiter wußte ich Nichts. Gerade in der Hoffnung, daß ich
ihr den Namen und den Aufenthalt der Schwester angeben könnte, hatte
sie sich unter dem Siegel des Vertrauens an mich gewendet. Während ich
bis zu dieser traurigen Stunde beide nicht kenne. ****

„Die Zettel gehen mir aus. Einer wurde mir gestern mit einer Drohung
weggenommen. Ich muß meine Aufzeichnung heute zu Ende bringen.

„Sie war eine gute Dame, von einem mitleidigem Herzen und nicht
glücklich in ihrer Ehe. Wie konnte Dies auch sein! Der Bruder
mißtrauete ihr und haßte sie, und wendete allen seinen Einfluß gegen
sie; sie fürchtete ihn und fürchtete auch ihren Gatten. Als ich sie
hinunter bis an die Thür begleitete, saß ein Kind, ein hübscher Knabe
von zwei bis drei Jahren in ihrem Wagen.

„„Seinetwegen, Doctor,“ sagte sie, und wies mit thränenden Augen auf
ihn, „„möchte ich soviel gut machen, als ich mit meinen schwachen
Kräften kann. Es kann ihm sein Erbe sonst nie zum Segen gereichen. Ich
habe eine Ahnung, daß wenn keine andere Sühne der Schuld dargebracht
wird, man es ihm eines Tages anrechnet. Was ich mein nennen kann -- es
ist wenig mehr als ein paar Juwelen -- soll er -- es soll das erste
Gebot seines Lebens sein, -- mit dem Mitleid und dem tiefen Bekümmerniß
seiner todten Mutter dieser schwer verletzten Familie geben, wenn die
Schwester entdeckt werden kann.“

„Sie küßte den Knaben und sagte, ihn liebkosend: „„es ist um Deiner
selbst willen, lieber Sohn. Du wirst es thun, Charles?“ Der Knabe
erwiderte mit frischem Muthe: „„Ja!“ Ich küßte ihr die Hand und sie
schloß ihn in ihre Arme und fuhr, ihn liebkosend, fort. Ich habe sie
nie wieder gesehen.

„Da sie den Namen ihres Gatten in der Meinung gesagt hatte, daß ich ihn
kenne, erwähnte ich ihn in meinem Briefe weiter nicht. Ich siegelte
meinen Brief und gab ihn noch an demselben Tage selbst ab, da ich ihn
keinen andern Händen anvertrauen wollte.

„An diesem Abend, den letzten Abend des Jahres, klingelte ein Mann in
schwarzem Anzuge an meiner Thür, verlangte mich zu sprechen und folgte
leise meinem Bedienten, Ernest Defarge, einem jungen Burschen, die
Treppe hinauf. Als mein Bedienter in das Zimmer trat, wo ich mit meiner
Gattin saß -- o meine Gattin, Geliebte meines Herzens! meine schöne,
junge englische Gattin! -- sahen wir den Mann, den er an der Hausthür
zurückgelassen zu haben glaubte, stumm hinter ihm stehen.

„„Ein dringender Fall in der Straße St Honoré,“ sagte er. Er würde mich
nicht lange aufhalten, ein Wagen wartete auf mich.“

„Er brachte mich hierher, er brachte mich in mein Grab. Als ich aus
dem Hause heraus getreten war, warf man mir von Hinten ein schwarzes
Tuch über das Gesicht und zog es fest über den Mund zusammen und band
mir die Arme. Die beiden Brüder kamen aus einer dunkeln Ecke über die
Straße herüber und identifizirten mich mit einer einzigen Handbewegung.
Der Marquis zog aus seiner Tasche meinen Brief hervor, zeigte ihn mir,
verbrannte ihn an dem Lichte einer Laterne, die ihm ein Bedienter
hinhielt und trat die glimmende Asche mit dem Fuße aus. Kein Wort
ward gesprochen. Man brachte mich hierher, man brachte mich in mein
lebendiges Grab.

„Wenn es Gott gefallen hätte, es während all’ dieser schrecklichen
Jahre dem harten Herzen eines dieser Brüder einzugeben, mir Nachricht
von meinem geliebten Weibe zukommen zu lassen -- mir nur ein einziges
Wort zu sagen, ob sie lebendig oder todt sei, so hätte ich glauben
können, daß er sie noch nicht ganz verlassen hätte. Aber jetzt glaube
ich, daß das Blutzeichen des Kreuzes verhängnißvoll für sie ist und daß
sie an seiner Gnade keinen Theil haben. Und sie und ihre Nachkommen
bis zum Letzten ihres Geschlechts klage ich, Alexander Manette,
unglücklicher Gefangener in dieser letzten Nacht des Jahres 1767 in
meiner unerträglichen Seelenqual den Zeiten an, wo für alle diese Dinge
Rechenschaft gegeben werden muß. Ich klage sie an vor dem Himmel und
vor der Erde.“

Wuthgeheul ertönte, als dieses Document zum Schluß gelesen war. Es war
ein wildes, leidenschaftliches Geheul, aus dem nichts herauszuhören
war, als die Gier nach Blut. Die Erzählung weckte die rachgierigsten
Leidenschaften der Zeit und es gab kein Haupt in der Nation, das dieser
Rache nicht gefallen wäre.

Wozu noch vor diesem Gericht und diesem Publicum hervorheben, wie die
Defarges das Papier nicht mit den andern in der Bastille gefundenen
Denkschriften veröffentlicht, sondern es behalten hatten, um die
rechte Zeit abzuwarten? Wozu noch hervorheben, daß der Name dieser
verabscheuten Familie längst von St. Antoine in den Bann gethan und
in das verhängnißvolle Register gestrickt war? Der Mann lebte nicht,
dessen Tugenden und Verdienste ihn an diesem Tage und an dieser Stelle
gegen eine solche Anklage aufrecht erhalten hätten.

Und um so schlimmer war es für den Angeklagten, daß der Ankläger
ein wohlbekannter Bürger, sein eigener vertrauter Freund, der Vater
seiner Gattin war. Eine der wahnwitzigen Begierden der Volksmasse galt
Nachahmungen der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Alterthums
und Opfern des eignen Ich’s auf dem Altar des Volks. Als daher der
Vorsitzende sagte (sonst hätte sein eigener Kopf auf seiner Schulter
gewackelt), daß der gute Arzt der Republik sich durch Ausrottung einer
verhaßten Aristokratenfamilie noch verdienter um die Republik mache,
und daß er jedenfalls ein wonniges Gefühl heiliger Freude empfinden
würde, indem er seine Tochter zur Wittwe und ihr Kind zu einer Waise
machte, da herrschte wilde Aufregung, patriotische Inbrunst im Saale,
keine Spur menschlichen Mitgefühls.

„Viel Einfluß hat der Doctor hier, nicht wahr?“ sagte Madame Defarge
halblaut vor sich hin und lächelte den Racheengel an. „Rettet ihn nur,
Doctor, rettet ihn!“

Bei jeder Abstimmung eines Geschworenen brauste es wie wildes
Meerestosen durch den Saal. Noch eine Stimme und noch eine Stimme.
Immer lauteres Tosen.

Einstimmig verurtheilt. Von Herzen und der Abstammung nach ein
Aristokrat, ein Feind der Republik, ein notorischer Volksbedrücker.
Zurück in die Conciergerie und den Tod binnen vierundzwanzig Stunden!



Elftes Kapitel.

Dämmerung.


Die unglückliche Gattin des Unschuldigen, der zum Tode verurtheilt
worden, sank unter dem Spruch zusammen, als wäre sie tödtlich
getroffen. Aber kein Laut kam über ihre Lippen; und so stark war die
Stimme in ihr, welche ihr vorstellte, daß sie vor Allen in der Welt ihn
in seinem Jammer aufrecht halten müsse und ihn nicht vermehren dürfe,
daß diese Stimme sie selbst von diesem Schlage rasch wieder emporhob.

Da die Richter an einer öffentlichen Straßenfestlichkeit Theil zu
nehmen hatten, vertagte sich das Gericht. Der Lärm und die rasche
Bewegung des sich durch viele Ausgänge leerenden Saales hatte noch
nicht aufgehört, als Lucie, Nichts als Liebe und Tröstung im Gesicht,
aufrecht dastand und die Arme nach ihrem Gatten ausstreckte.

„O, wenn ich ihn anrühren könnte! Wenn ich ihn nur einmal umarmen
könnte! Ach gute Bürger, wenn ihr soviel Mitleid mit uns haben wolltet!“

Es war außer den zweien von den vieren, die den Angeklagten gestern
verhaftet hatten, nur noch ein Schließer da, und Barsad. Die Zuhörer
waren alle hinausgeströmt um das Schauspiel auf den Straßen anzusehen.
Barsad schlug den Uebrigen vor, „laßt sie ihn umarmen; es ist ja nur
ein Augenblick.“ Stillschweigend gaben die Andern ihre Einwilligung und
sie geleiteten sie über die Bänke im Saale nach einer erhöheten Stelle,
wo er, wenn er sich über die Schranken der Anklagebank vorbog, sie in
seine Arme schließen konnte.

„Leb’ wohl, Liebling meiner Seele. Meinen letzten Segen auf Dein Haupt.
Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden.“

Das waren die Worte ihres Gatten als er sie an seine Brust schloß.

„Ich kann es tragen, lieber Charles. Der Herr hält mich aufrecht; gräme
Dich nicht um meinetwillen. Einen letzten Segen für unser Kind.“

„Ich schicke ihn durch Dich. Ich küsse es durch Dich. Ich sage ihm
Lebewohl durch Dich.“

„Mein Gatte. Nein! Noch einen Augenblick!“ Er riß sich von ihr los.
„Wir werden nicht lange getrennt bleiben. Ich fühle, daß dies bald
mein Herz brechen wird; aber ich werde meine Pflicht thun, so lange es
geht, und wenn ich sie verlasse, so wird Gott unserer Tochter Freunde
erwecken, wie er sie mir erweckt hat.“

Ihr Vater war ihr gefolgt und wäre vor Beiden auf die Knie gefallen,
wenn ihn nicht Darnay bei der Hand gefaßt und ausgerufen hätte:

„Nein, nein! was haben Sie gethan, daß Sie vor uns knieen sollten!
Wir wissen jetzt, welchen Kampf Sie vor Zeiten zu bestehen hatten.
Wir wissen jetzt, was Sie zu dulden hatten, als Sie meine Herkunft
argwöhnten und als Sie Gewißheit darüber erhielten. Wir wissen jetzt,
welche natürliche Antipathie Sie ihretwegen bekämpften und besiegten.
Wir danken Ihnen aus vollem Herzen und mit all unserer Liebe und
Pflicht. Der Himmel sei mit Ihnen!“

Des Vaters einzige Antwort war, mit den Händen in die weißen Haare zu
fahren und sie mit lautem Jammern zu ringen.

„Es konnte nicht anders sein,“ sagte der Gefangene, „Alles hat so
zusammengewirkt wie es gekommen ist. Es war das stets vergebliche
Bestreben meiner armen Mutter Gebot nachzukommen, was mich zuerst in
verhängnißvolle Berührung mit Ihnen brachte. Aus so Bösem konnte nie
Gutes kommen, und ein glücklicheres Ende lag nicht in dem Wesen eines
so unglücklichen Anfangs. Trösten Sie sich und verzeihen Sie mir. Der
Himmel segne Sie!“

Als man ihn fortführte, lies ihn seine Frau los und sah ihm nach mit
zum Gebet gefalteten Händen und mit einem strahlenden Ausdruck auf
ihrem Antlitz, in welchem selbst ein tröstendes Lächeln war. Als er
durch die Gefangnenthür verschwand, wendete sie sich um, legte ihren
Kopf zärtlich an ihres Vaters Brust, versuchte zu sprechen und sank
bewußtlos zu seinen Füßen nieder.

Da trat aus der dunkeln Ecke, die er nie verlassen hatte, Sydney Carton
hervor und hob sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein
Arm zitterte als er sie in die Höhe hob und ihren Kopf unterstützte.
Aber in seinem Gesicht sprach sich nicht blos Mitleid aus, -- es lag
auch ein Anflug von Stolz darin.

„Soll ich sie nach einem Wagen tragen? Ich fühle ihre Last nicht.“

Er trug sie leichten Schrittes nach der Thür und legte sie mit
zärtlicher Sorgfalt in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund
stiegen hinein und er nahm neben dem Kutscher Platz.

Als sie den Thorweg erreichten, wo er vor wenigen Stunden noch
gestanden um sich im Dunkeln auszumalen, auf welche Steine des rauhen
Pflasters sie den Fuß gesetzt, hob er sie wieder aus dem Wagen und trug
sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Dort legte er sie auf ein Lager,
wo ihre Tochter und Miß Proß über sie weinten.

[Illustration: ~Nach der Verurtheilung.~]

„Bringen Sie sie nicht zum Bewußtsein,“ sagte er leise zu der
Letzteren, „sie befindet sich besser so; bringen Sie sie nicht zu sich,
so lange sie nur an Ohnmachten leidet.“

„Ach Carton, Carton, lieber Carton!“ rief die kleine Lucie, indem sie
ihn in einem leidenschaftlichen Ausbruche des Schmerzes mit ihren
Aermchen umschlang. „Jetzt, wo Du gekommen bist, wirst Du gewiß Etwas
thun um Mama zu helfen und Papa zu retten! Ach siehe sie nur an, lieber
Carton! Kannst Du, von allen Leuten, die sie lieb haben, ertragen, sie
so zu sehen?“

Er beugte sich über die Kleine herab und legte ihre blühende Wange an
sein Gesicht. Dann schob er sie sanft bei Seite und betrachtete ihre
bewußtlos daliegende Mutter.

„Ehe ich gehe,“ sagte er und stockte. -- „Darf ich sie küssen?“

Man erinnerte sich später, daß, als er sich über sie beugte und ihre
Stirne mit seinen Lippen berührte, er halblaut einige Worte gesprochen.
Die kleine Lucie, die ihm zunächst stand erzählte später, und erzählte
noch ihren Enkeln, als sie eine schöne alte Dame war, daß sie ihn sagen
hörte: „ein Leben das Sie lieben.“

Als er hinaus in das nächste Zimmer gegangen war, wendete er sich
plötzlich zu Mr. Lorry und ihren Vater um, die ihm folgten und sagte zu
letzterem:

„_Dr._ Manette, Sie hatten noch gestern großen Einfluß; machen Sie
noch einen Versuch. Diese Richter und alle diese Machthaber sind Ihnen
sehr befreundet und für Ihre Dienste sehr dankbar; nicht wahr?“

„Nichts, was sich auf Charles bezog blieb mir verborgen. Ich hatte die
stärksten Zusicherungen, daß ich ihn retten würde; und es gelang mir.“
Er gab die Antwort in großer Unruhe und sehr langsam.

„Versuchen Sie noch einmal. Es sind nur wenige kurze Stunden bis morgen
Nachmittag, aber machen Sie den Versuch.“

„Ich gedenke den Versuch zu machen. Ich will keinen Augenblick zögern.“

„Das ist gut. Ich habe erlebt, daß Energie wie die Ihrige große Dinge
ausgerichtet hat -- obgleich,“ setzte er zugleich mit einem Lächeln
und einem Seufzer hinzu, „noch nie so große Dinge. Aber machen Sie den
Versuch! So wenig werth das Leben ist, wenn wir es schlecht anwenden,
so ist es doch diese Bemühung werth. Wenn das nicht der Fall wäre,
kostete es kein Opfer es hinzugeben.“

„Ich gehe auf der Stelle zu dem Ankläger und dem Vorsitzenden,“ sagte
_Dr._ Manette, „und noch zu anderen, die ich lieber nicht nennen
will. Ich will auch schreiben und -- aber halt! es ist eine öffentliche
Festlichkeit und Niemand wird vor Dunkelwerden zu Hause zu finden sein.“

„Das ist wahr. Nun, es ist im besten Falle eine verzweifelte Hoffnung
und nicht viel verzweifelter, wenn sie bis Dunkelwerden aufgeschoben
wird. Ich möchte gern wissen, was Sie ausrichten; obgleich ich sagen
muß, ich hoffe nichts! Wann denken Sie diese Leute gesehen zu haben,
_Dr._ Manette?“

„Unmittelbar nach Dunkelwerden, hoffe ich. In den nächsten ein oder
zwei Stunden.“

„Es wird bald nach Vier finster. Nehmen wir die längste Frist an. Wenn
ich um 9 Uhr zu Mr. Lorry komme, werde ich dann von unserm Freunde oder
von Ihnen selbst hören können, was Sie ausgerichtet haben?“

„Ja.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück!“

Mr. Lorry folgte Sydney nach der Saalthür, legte die Hand auf seine
Schulter als er gehen wollte, und veranlaßte ihn dadurch sich
umzudrehen.

„Ich habe keine Hoffnung,“ sagte Mr. Lorry mit gedämpfter und
bekümmerter Stimme.

„Ich auch nicht.“

„Wenn einer von diesen Männern, oder alle geneigt wären ihm das Leben
zu lassen -- was eine starke Voraussetzung ist; denn was ist ihnen sein
oder jedes anderen Menschen Leben! -- so bezweifle ich, daß sie es,
nach der Demonstration im Gerichtssaale, wagen dürften.“

„Das thue ich auch. In diesem Geheul hörte ich den Fall des Beiles.“

Mr. Lorry lehnte sich mit dem Arm gegen das Thürgewände und legte sein
Gesicht darauf.

„Lassen Sie den Muth nicht sinken,“ sagte Carton sehr sanft, „weinen
Sie nicht. Ich bestärkte _Dr._ Manette in diesem Vorsatze, weil
ich fühlte, daß der Gedanke daran ihr eines Tages tröstlich sein würde.
Sonst könnte sie denken: „„sein Leben wurde leichtsinnig hingegeben“
und das könnte ihr Kummer machen.“

„Ja, ja, ja“ entgegnete Mr. Lorry, und trocknete sich die Augen, „Sie
haben Recht. Aber er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr.“

„Ja. Er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr,“ gab Carton zurück.
Und ging mit festem Schritte die Treppe hinab.



Zwölftes Kapitel.

~Nacht.~


Sydney Carton stand auf der Straße, ohne recht zu wissen, wohin er
gehen sollte. „In Tellsons Comptoir um 9 Uhr,“ sagte er nachdenklich.
„Ist es gut, wenn ich mich unterdessen zeige? Ich glaube. Es ist das
Beste, daß diese Leute wissen es ist ein Mann wie ich bin, hier. Es
ist eine gute Vorsichtsmaßregel und kann eine nothwendige Vorbereitung
sein. Aber ruhig, ruhig! Ich muß es erst ausdenken.“

Er hemmte seine Schritte, die sich bereits seinem Ziele zugewendet
hatten, ging noch einigemal in der bereits dunkel werdenden Straße auf
und ab und verfolgte den Gedanken bis in seine letzten Consequenzen.
Sein erster Eindruck ward nur bestätigt. „Es ist das Beste,“ sagte er
zuletzt, „wenn diese Leute wissen, daß ein Mann wie ich bin, hier
ist.“ Und er wendete seine Schritte St. Antoine zu.

Defarge hatte sich bei Gelegenheit der Gerichtsverhandlung „Inhaber
eines Weinschanks in der Vorstadt St. Antoine“ genannt. Für einen der
die Stadt kannte war es nicht schwer, sein Haus zu finden, ohne weiter
zu fragen. Nachdem sich Carton seiner Lage vergewissert, verließ er
wieder diese engeren Straßen, speiste bei einem Restaurant und sank
nach dem Essen in einen gesunden Schlaf. Zum ersten Male seit vielen
Jahren hatte er kein starkes Getränk genossen. Seit gestern Nacht
hatte er nichts getrunken als ein paar Glas leichten, dünnen Wein, und
vorige Nacht hatte er den Branntwein langsam auf Mr. Lorry’s Heerd
ausgegossen, wie Jemand, der damit nichts mehr zu thun hat.

Es war 7 Uhr als er erfrischt aufwachte, und auf die Straße hinaustrat.
Auf dem Wege von St. Antoine blieb er vor einem Ladenfenster stehen, wo
sich ein Spiegel befand und band sein loses Halstuch etwas anders, zog
sich den Rockkragen zurecht und ordnete sein Haar. Als er damit fertig
war, suchte er Defarge’s Weinschank auf und trat ein.

Es war zufällig kein Gast im Laden als Jaques Drei mit den ruhelosen
Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mann, den er unter
den Geschwornen gesehen hatte, stand vor dem kleinen Ladentische
in Gespräch mit den beiden Defarge’s. Der Racheengel nahm an der
Unterhaltung Theil, wie ein ordentliches Mitglied der Wirthschaft.

Als Carton eintrat, Platz nahm und (in ziemlich schlechtem Französisch)
ein Glas Wein verlangte, warf Madame Defarge erst einen achtlosen
Blick auf ihn, dann einen aufmerksameren, und dann einen noch
aufmerksameren, und trat dann selbst an seinen Tisch und fragte ihn,
was er bestellt habe.

Er wiederholte was er schon gesagt hatte.

„Engländer?“ fragte Madame Defarge, indem sie fragend ihre dunkeln
Augenbrauen in die Höhe zog.

Nachdem er sie angesehen, als ob er selbst ein einzelnes französisches
Wort nur langsam verstände, gab er mit seinem früheren, stark
ausgeprägten, fremden Accent zur Antwort: „Ja Madame, ja. Ich bin
Engländer.“

Madame Defarge kehrte an den Ladentisch zurück um den Wein
einzuschenken, und als er eine Jakobinerzeitung nahm und sich stellte,
als ob er mit schwerem Bemühen sie zu verstehen versuchte, hörte er sie
sagen: „ich schwöre es euch, ganz wie Evrémonde.“

Defarge brachte ihm den Wein und sagte ihm „guten Abend.“

„Wie?“

„Guten Abend.“

„Ah! guten Abend, Bürger,“ sagte er und schenkte dabei sein Glas ein.
„Ah! und guter Wein. Es lebe die Republik!“

Defarge trat an den Ladentisch zurück und sagte: „er sieht ihm
allerdings ein Wenig ähnlich.“ Madame erwiderte mit Entschiedenheit:
„ich sage Dir, er sieht ihm sehr ähnlich.“ Jaques Drei bemerkte
friedenstiftend: „Das kommt daher, daß Ihr soviel an ihn denkt,
Bürgerin.“ Der liebenswürdige Racheengel setzte lachend hinzu: „ja
meiner Treu! und Du freuest Dich so sehr darauf ihn morgen noch einmal
zu sehen!“

Carton folgte den Zeilen und Worten seiner Zeitung mit langsamem
Zeigefinger und aufmerksamem und in sich versunkenem Gesicht. Sie
lehnten alle mit den Armen auf dem Ladentische und steckten, leise
sprechend, die Köpfe zusammen. Nach einem Schweigen von einigen
Augenblicken, während welchem sie ihn Alle angesehen hatten, ohne daß
er sich dadurch in seiner Lectüre stören ließ, setzten sie ihr Gespräch
fort.

„Es ist richtig, was Madame sagt,“ bemerkte Jaques Drei. „Warum
aufhören? Darin liegt viel Wahres. Warum aufhören?“

„Nun ja,“ warf Defarge ein, „aber einmal aufhören muß man doch. Im
Grunde ist die Frage immer noch wo?“

„Mit der Ausrottung,“ sagte Madame.

„Prächtig,“ krächzte Jaques Drei. Auch der Racheengel gab höchst
befriedigt seine Zustimmung.

„Ausrottung ist ein guter Grundsatz, Frau,“ sagte Defarge etwas
beunruhigt; „im Allgemeinen sage ich Nichts dagegen. Aber dieser Doctor
hat viel gelitten; Ihr habt ihn heute gesehen; Ihr habt sein Gesicht
beobachtet, wie das Papier gelesen ward.“

„Ich habe sein Gesicht beobachtet!“ wiederholte Madame verächtlich und
zornig. „Ja, ich habe sein Gesicht beobachtet. Ich habe gesehen, daß es
nicht das Gesicht eines wahren Freundes der Republik ist. Er mag sein
Gesicht in Acht nehmen.“

„Und Du hast den Schmerz seiner Tochter gesehen,“ sagte Defarge in
begütigendem Tone, „der schrecklicher Schmerz für ihn sein muß!“

„Ich habe seine Tochter gesehen!“ wiederholte Madame; „ja, ich habe
seine Tochter gesehen, mehr als einmal. Ich habe sie heute beobachtet
und habe sie zu andern Zeiten beobachtet. Ich habe sie beobachtet im
Gerichtssaal und ich habe sie auf der Straße beim Gefängniß beobachtet.
Ich brauche nur den Finger aufzuheben --!“ Sie schien ihn aufzuheben
(Cartons Augen verließen die Zeitung nicht) und ihn mit einem Klirren
auf dem Tisch vor sich fallen zu lassen, als ob das Beil gefallen wäre.

„Die Bürgerin ist herrlich!“ krächzte der Geschworene.

„Sie ist ein Engel,“ sagte der Racheengel und umarmte sie.

„Was Dich betrifft,“ fuhr Madame in unversöhnlichen Tone zu ihrem
Gatten gewendet, fort, „so würdest Du, wenn es von Dir abhinge -- was
glücklicher Weise nicht der Fall ist -- noch heute diesen Mann retten.“

„Nein!“ protestirte Defarge. „Nicht wenn es durch Indiehöhenehmen
dieses Glases geschehen könnte! Aber ich würde dabei stehen bleiben.
Ich sage, hört hier auf.“

„Seht Ihr also, Jaques,“ sagte Madame Defarge zornig „und siehe auch Du
mein Racheengel! Jetzt hört! Wegen anderer Verbrechen als Tyrannen und
Volksbedrücker habe ich dieses Geschlecht seit langer Zeit auf meinem
Register verurtheilt zur Vernichtung und Ausrottung. Fragt meinen Mann,
ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem.“ sagte Defarge ohne gefragt zu werden.

„Im Anfang der großen Tage, als die Bastille fiel, findet er das
heutige Papier und bringt es mit nach Hause. Und mitten in der Nacht,
wo hier alles fort und alles draußen zugeschlossen ist, lesen wir es
hier auf dieser Stelle bei dem Scheine dieser Lampe. Fragt ihn, ob es
nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge bei.

„Diese Nacht sage ich ihm, als wir das Papier gelesen haben und die
Lampe ausgebrannt ist, und der Tag über diese Laden und durch diese
eisernen Gitter hereinscheint, daß ich nun ein Geheimniß mitzutheilen
habe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge wieder bei.

„Ich theile ihm dieses Geheimniß mit. Ich schlage mit diesen beiden
Händen diese Brust, wie ich es jetzt thue und sage zu ihm. „„Defarge,
ich ward unter den Fischern am Meeresstrand erzogen und diese von
den beiden Evrémondes so schwer verletzte Bauernfamilie, von der
dieses Papier erzählt, ist meine Familie. Defarge, diese Schwester
des tödtlich verwundeten Knaben war meine Schwester, dieser Gatte war
meiner Schwester Gatte, dieses neugeborne Kind war ihr Kind, dieser
Bruder war mein Bruder, dieser Vater war mein Vater, diese Todten
sind meine Todten und diese Ladung, sich wegen dieser Sachen zu
verantworten, habe ich geerbt. Fragt ihn, ob es an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge noch einmal bei.

„Dann gebietet dem Sturme und dem Feuer Stillstand,“ entgegnete Madame,
„aber nicht mir.“

Ihre beiden Zuhörer schienen einen köstlichen Genuß in dem
todtbringenden Charakter ihres Hasses zu finden -- Carton konnte fühlen
wie bleich ihr Gesicht war, ohne sie zu sehen -- und beide zollten ihr
hohe Lobsprüche. Defarge, eine schwache Minorität, sagte einige Worte
zur Erinnerung an die mitleidige Gemahlin des Marquis, aber brachte von
seiner Frau weiter nichts heraus, als eine Wiederholung ihrer letzten
Antwort: „gebiete dem Sturme und dem Feuer Stillstand; nicht mir!“

Gäste traten ein und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast
bezahlte, was er genossen hatte, zählte das Geld, was er herausbekam,
nach, ohne sich damit zurecht finden zu können, und fragte als Fremder
nach dem Wege nach dem Nationalpalast. Madame Defarge brachte ihn bis
an die Thür, nahm seinen Arm und wies ihm die Richtung. Der englische
Gast dachte dabei, daß es eine gute That sein könnte, diesen Arm zu
packen, ihn empor zu heben, und scharf und tief darunter zu stoßen.

Aber er ging seines Weges und war bald in dem Schatten der
Gefängnißmauer verschwunden. Zur bestimmten Stunde kam er aus demselben
hervor um wieder in Mr. Lorry’s Zimmer zu erscheinen, wo er den alten
Herrn in ruheloser Angst auf- und abgehend fand. Er sagte, er wäre bis
vor kurzem bei Lucien gewesen und hätte sie nur auf wenige Minuten
verlassen, um der Verabredung gemäß hier zu sein. Ihr Vater war,
seitdem er das Bankhaus gegen 4 Uhr verlassen, nicht wiedergesehen
worden. Sie hatte einige schwache Hoffnung, daß seine Vermittlung
Charles retten könnte; aber sie war sehr schwach. Er war jetzt mehr als
fünf Stunden vom Hause weg: wo konnte er sein?

Mr. Lorry wartete bis Zehn; da aber _Dr._ Manette nicht
zurückkehrte und er Lucien nicht allein lassen wollte, so kamen sie
überein, daß er wieder zu ihr gehen und um Mitternacht noch einmal nach
dem Bankhause kommen sollte. Unterdessen wollte Carton allein bei dem
Feuer auf den Doctor warten.

Er wartete und wartete und die Uhr schlug Zwölf; aber _Dr._
Manette kehrte nicht zurück. Mr. Lorry kam wieder und brachte keine
Kunde von ihm. Wo konnte er sein?

Sie besprachen noch diese Frage und waren fast geneigt den Schatten
einer Hoffnung auf seine verlängerte Abwesenheit zu bauen, als sie ihn
auf der Treppe hörten. So wie er in das Zimmer trat war es offenbar,
daß Alles verloren war.

Ob er wirklich bei Jemandem gewesen war, oder ob er während dieser
ganzen Zeit die Straßen durchwandert hatte, ist nie bekannt geworden.
Wie er dastand und sie anstierte, wendeten sie sich mit keiner Frage an
ihn; denn sein Gesicht sagte ihnen Alles.

„Ich kann sie nicht finden,“ sagte er, „und ich muß sie haben. Wo ist
sie?“

Kopf und Hals waren bloß und wie er einen hülflosen Blick ringsum
schweifen ließ, zog er seinen Rock aus und ließ ihn auf den Fußboden
fallen.

„Wo ist meine Bank? Ich habe sie überall gesucht und kann sie nicht
finden. Wo habt Ihr meine Arbeit hingethan? Die Zeit drängt: ich muß
die Schuhe fertig machen.“

Sie sahen sich einander an und die letzte Hoffnung entschwand aus ihrem
Herzen.

„Bitte, bitte!“ sagte er mit weinerlicher Stimme; „gebt mir meine
Arbeit.“

Da er keine Antwort erhielt, raufte er sich das Haar und stampfte mit
dem Fuße auf den Boden, wie ein Kind das seinen Willen nicht hat.

„Quälen Sie nicht einen armen, unglücklichen Mann,“ bat er dann mit
einem herzzerreißenden Aufschrei; „geben Sie mir meine Arbeit! Was soll
aus uns werden, wenn diese Schuhe heute Nacht nicht fertig werden?“

Von Sinnen, rein von Sinnen!

Es war so offenbar nutzlos ihm verständig zuzusprechen, oder zu
versuchen ihn zu sich zu bringen, daß jeder von den Beiden, wie auf
Verabredung, eine Hand auf seine Schulter legte und ihn durch das
Versprechen, sie wollten ihm seine Arbeit schaffen, bewogen, vor dem
Feuer Platz zu nehmen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Kohlen und
fing an zu weinen. Als ob Alles, was seit der Dachstubenzeit geschehen
war ein flüchtiger Traum gewesen, sah Mr. Lorry ihn zu derselben
Gestalt zusammenschrumpfen, die Defarge unter seiner Obhut gehabt hatte.

Gerührt und zugleich erschrocken über diesen plötzlichen Zusammensturz,
wie sie alle beide waren, hatten sie doch nicht Zeit sich solchen
Empfindungen hinzugeben. Seine alleinstehende Tochter, ihrer letzten
Hoffnung und Stütze beraubt, sprach zu mächtig zu ihnen. Wieder sahen
sie sich wie verabredet mit einem und demselben Worte auf den Lippen
an. Carton sprach zuerst:

„Die letzte Hoffnung ist hin; sie war nicht groß. Ja; es ist das Beste
Sie bringen ihn hin zu ihr. Aber wollen Sie, bevor Sie gehen, mir noch
für einen Augenblick aufmerksames Gehör schenken? Fragen Sie nicht nach
dem Warum der Bedingungen die ich stellen werde, und des Versprechens
das ich zu fordern gedenke; ich habe einen Grund -- einen triftigen
Grund.“

„Ich bezweifele es nicht,“ gab Mr. Lorry zur Antwort. „Fahren Sie fort.“

Die Gestalt auf dem Stuhle zwischen ihnen wiegte sich unterdessen
stöhnend vorwärts und rückwärts. Sie sprachen in demselben Tone, wie
wenn sie des Nachts bei einem Krankenbette wachten.

Carton bückte sich um den Rock aufzuheben, der fast unter seinen Füßen
lag. Während er dies that, fiel ein Brieftäschchen heraus, in welchem
der Doctor gewöhnlich seine Tagesbesuche verzeichnete. Carton hob es
auf und fand ein zusammengebrochenes Papier darin. „Wir sollten Das
wohl ansehen?“ sagte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Er schlug es
auseinander und rief aus. „Gott sei Dank!“

„Was ist es!“ fragte Mr. Lorry begierig.

„Einen Augenblick! ich komme gleich darauf. Erstlich,“ er steckte die
Hand in die Tasche und brachte ein anderes Papier heraus, „hier ist das
Certificat, welches mir erlaubt, diese Stadt zu verlassen. Sehen Sie
es an. Sie sehen -- Sydney Carton, ein Engländer?“

Mr. Lorry hielt es aufgeschlagen in seiner Hand und sah in sein ernstes
Gesicht.

„Heben Sie es bis Morgen für mich auf. Ich sehe ihn morgen, wie Sie
wissen und es ist besser ich nehme es nicht mit in’s Gefängniß.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß nicht; es ist mir lieber so. Jetzt nehmen Sie dies Papier,
das _Dr._ Manette in seiner Tasche trug. Es ist ein ähnliches
Certificat, welches ihn und seine Tochter und ihr Kind in den Stand
setzt zu jeder Zeit zum Thor hinaus und über die Grenze zu kommen.
Nicht wahr?“

„Ja!“

„Vielleicht hat er es sich gestern als letzte und äußerste
Vorsichtsmaßregel verschafft. Von welchem Tage ist es datirt? aber
das thut nichts zur Sache; sehen Sie nicht erst nach; legen Sie es
sorgfältig zu meinem und zu Ihrem Paß. Jetzt merken Sie wohl auf!
Erst in den letzten paar Stunden wurde ich ungewiß, ob er einen
solchen Erlaubnißschein hätte oder haben könnte. Er ist gut bis er
zurückgenommen wird. Aber er kann zurückgenommen werden und ich habe
Grund zu glauben, daß Dies sehr bald geschehen wird.“

„Sie sind nicht in Gefahr?“

„Sie sind in großer Gefahr. Sie sind in Gefahr einer Anklage von Madame
Defarge. Ich weiß es von ihren eigenen Lippen. Ich habe heute Abend
von dieser Frau Aeußerungen belauscht, welche mir ihre Gefahr als
sehr nahe und bedrohlich darstellten. Ich habe keine Zeit verloren
und seitdem mit dem Spion gesprochen. Er bestätigt meine Befürchtung.
Er weiß, daß ein Holzhacker, der nicht weit von dem Gefängniß wohnt,
mit den Defarges in Verbindung steht und von Madame Defarge verhört
worden ist und ihr gesagt hat, daß er gesehen hätte, wie ~sie~“
-- er nannte nie Luciens Namen -- „mit Gefangenen Zeichen und Signale
gewechselt hat. Es ist leicht vorauszusehen, daß der Vorwand der
gewöhnliche sein wird, eine Gefängnißverschwörung, und daß ihr Leben
auf dem Spiele steht -- und vielleicht das ihres Kindes -- und
vielleicht das ihres Vaters -- denn man hat beide mit ihr an jenem Orte
gesehen. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie können sie noch
Alle retten.“

„Der Himmel gebe es, Carton! aber wie?“

„Das will ich Ihnen gleich sagen. Es kommt ganz auf Sie an und es kann
auf keinen bessern Mann ankommen. Diese neue Anklage wird jedenfalls
erst nach dem morgenden Tage eingereicht werden; wahrscheinlich
erst zwei oder drei Tage später; noch wahrscheinlicher eine Woche
später. Sie wissen, es ist ein todteswürdiges Verbrechen ein Opfer
der Guillotine zu betrauern. Sie und ihr Vater würden unzweifelhaft
sich dieses Verbrechens schuldig machen, und diese Frau (deren
Unversöhnlichkeit und Ausdauer im Haß ich gar nicht beschreiben kann)
würde warten, um damit noch ihre Sache zu verstärken und den Erfolg
doppelt sicher zu machen. Sie folgen mir?“

„So aufmerksam und mit so viel Vertrauen auf Das, was Sie sagen, daß
ich für den Augenblick selbst dieses Unglück vergesse,“ erwiederte er,
auf den Doctor deutend.

„Sie haben Geld, und können für die schnellsten Mittel, die Küste zu
erreichen, sorgen. Ihre Vorbereitungen, nach England zurückzukehren,
sind schon seit einigen Tagen vollendet. Morgen beizeiten halten Sie
Ihre Pferde bereit, daß sie um 2 Uhr Nachmittags reisefertig dastehen.“

„Es soll geschehen!“

Es lag Etwas so inbrünstiges und Muth einflößendes in seinem Tone,
daß die Stimmung auf Mr. Lorry überging und er so rasch war wie ein
Jüngling.

„Sie sind ein Mann von edlem Herzen. Sagte ich nicht, daß wir uns auf
keinen bessern verlassen könnten? Theilen Sie ihr noch heute Abend
mit, was Sie von der Gefahr wissen, die sie und ihr Kind und ihren
Vater bedroht. Heben Sie letzteres besonders hervor; denn sie würde ihr
schönes Haupt gern und willig neben dem ihres Gatten unter das Beil
legen.“ Seine Stimme zitterte einen Augenblick; dann fuhr er ruhiger
fort. „Um ihres Kindes und ihres Vaters willen prägen Sie ihr die
Nothwendigkeit ein, mit diesen Beiden und mit Ihnen zu dieser Stunde
Paris zu verlassen. Sagen Sie ihr, es sei ihres Gatten letzte Anordnung
gewesen. Sagen Sie ihr, daß mehr darauf ankommt, als sie zu glauben
oder zu hoffen wagen darf. Sie glauben, daß ihr Vater, selbst in diesem
traurigen Zustande, sich ihr fügen wird; meinen Sie nicht?“

„Ich bin dessen überzeugt.“

„Ich dachte mir es. Treffen Sie in aller Stille und Vollständigkeit
alle diese Vorbereitungen hier im Hofe so, daß Sie sogar alle schon im
Wagen sitzen. Sowie ich komme, nehmen Sie mich auf und fahren fort.“

„Ich warte also unter allen Umständen auf Sie?“

„Sie haben mein Certificat mit den übrigen, wie Sie wissen und heben
mir meinen Platz auf. Warten Sie blos darauf, daß mein Platz besetzt
ist und dann nach England!“

„Nun, dann hängt doch nicht alles von einem alten Manne ab, sondern ich
werde einen jungen und eifrigen Mann neben mir haben,“ sprach Mr. Lorry
und drückte seine eifrige, aber doch so ruhige und feste Hand.

„Mit Gottes Hülfe, ja! Versprechen Sie mir auf das Feierlichste, daß
Sie sich durch nichts bestimmen lassen einen andern Weg einzuschlagen,
als wir uns jetzt versprochen haben zu wählen.“

„Durch nichts, Carton.“

„Erinnern Sie sich morgen an die Worte: die geringste Abweichung von
dem verabredeten Plane, oder der geringste Verzug -- aus welchem Grunde
es immer sei -- kann verursachen, daß nicht ~ein~ Leben gerettet
werden kann und viele Leben unvermeidlich geopfert werden müssen.“

„Ich werde ihrer gedenken. Ich hoffe meinen Theil getreulich
auszuführen.“

„Und ich hoffe dasselbe zu thun. Nun leben Sie wohl!“

Obgleich er Dies mit einem ernsten Lächeln sagte und sogar die Hand
des Alten an seine Lippen drückte, schied er doch noch nicht von ihm.
Er half ihm die sich immer noch vor dem verlöschenden Feuer wiegende
Gestalt soweit zu wecken, daß man ihr einen Mantel umthuen und einen
Hut aufsetzen und sie zum Fortgehen bewegen konnte, um die Bank und die
Arbeit zu suchen, nach der sie so kläglich verlangte. Er ging auf die
andere Seite der Gestalt und geleitete sie bis in den Hof des Hauses,
wo das betrübte Herz -- so glücklich in jener denkwürdigen Zeit, wo
er ihm sein eigenes verödetes Herz enthüllt hatte -- die schreckliche
Nacht durchwachte. Er blieb noch allein ein paar Augenblicke in dem
Hofe stehen und blickte hinauf zu dem lichterhellten Fenster ihres
Zimmers. Ehe er fortging, sendete er noch ein segnendes Wort hinauf und
ein Lebewohl.



Dreizehntes Kapitel.

Zweiundfünfzig.


In dem schwarzen Gefängniß der Conciergerie erwarteten die
Verurtheilten des Tages ihr Schicksal. Es waren so viele, wie es
Wochen im Jahre giebt. Zweiundfünfzig sollten an diesem Nachmittag den
Lebensstrom der Stadt hinunter in die grenzenlose, ewige See schwimmen.
Ehe sie ihre Zellen verlassen hatten, waren schon neue Bewohner
derselben bezeichnet; ehe ihr Blut sich mit dem gestern vergossenen
Blute vermischt hatte, war das Blut, das morgen sich mit den ihrigen
vermischen sollte, bereits ausgesucht.

Zweiundfünfzig waren abgezählt. Von dem Generalpächter von siebenzig
Jahren, dessen Reichthümer sein Leben nicht erkaufen konnten, bis zur
Nähterin von zwanzig, deren Armuth und Unbedeutendheit sie nicht zu
retten im Stande war. Physische Krankheiten, durch menschliche Laster
und Versäumnisse erzeugt, suchen sich Opfer jeden Standes aus; und
die schreckliche moralische Seuche, geboren von unsagbaren Leiden,
unerträglichem Druck und herzloser Gleichgültigkeit, traf ebenfalls
ohne Unterschied.

Charles Darnay, allein in seiner Zelle, hatte sich mit keiner
schmeichelnden Selbsttäuschung getröstet, seitdem er aus der
Gerichtssitzung zurück war. In jeder Zeile der vorgelesenen Erzählung
hatte er sein Todesurtheil gehört. Er hatte vollständig begriffen,
daß ihn kein persönlicher Einfluß retten, daß er in Wirklichkeit von
Millionen verurtheilt war und daß Einzelne nichts für ihn thun könnten.

Dennoch war es nicht leicht, mit dem Gesicht seiner geliebten Gattin
noch frisch vor ihm, sich gefaßten Sinnes auf Das vorzubereiten, was
seiner wartete. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpfte, war stark
und es war sehr, sehr schwer zu lösen; allmälich und nach langen
Bemühungen hier ein wenig gelockert, schloß es sich dort um so fester;
und wenn er seine ganze Kraft gegen die eine Hand wendete und diese
nachgab, schloß sich die andere wieder. Es herrschte auch ein wildes
Treiben in allen seinen Gedanken, ein stürmisches und erhitztes Bewegen
in seinem Herzen, das Resignation nicht dulden wollte. Wenn er sich
für einen Augenblick resignirt fühlte, schienen seine Gattin und sein
Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und die
Entsagung zu einem selbstischen Gefühl zu machen.

Aber dies Alles war blos ein Anfang. Es dauerte nicht lange, so
stellte sich die Erwägung ein, daß keine Schande in dem Schicksal sei,
dem er entgegen ging, daß jeden Tag Viele denselben Weg, ungerecht
verurtheilt, wandelten und ihn mit festem Schritte gingen. Zunächst
kam der Gedanke, daß es von höchster Wichtigkeit für den zukünftigen
Seelenfrieden der Theueren, die er auf der Erde zurückließ, sei, ruhige
Fassung zu zeigen. So wurde allmälich sein Gemüth ruhiger und gerieth
in eine Stimmung, wo seine Gedanken sich viel höher erhoben und er
Trost von Oben holen konnte.

Bevor es am Abend seiner Verurtheilung dunkel geworden, war er so
weit auf seinem letzten Wege gekommen. Man hatte ihm gestattet,
Schreibmaterialien und ein Licht zu kaufen, und er setzte sich hin um
zu schreiben bis zu dem Zeitpunkt, wo das Licht in den Gefängnissen
ausgelöscht werden mußte.

Er schrieb einen langen Brief an Lucien, in welchem er ihr erzählte,
daß er von ihres Vaters Haft nichts gewußt, bis er davon durch sie
gehört, und daß es ihm ebenso wenig wie ihr selbst bekannt gewesen, daß
sein Vater und sein Oheim Schuld an diesem Unglück gewesen, bis das
Papier verlesen worden. Er hatte ihr bereits auseinandergesetzt, daß es
ihr Vater -- warum, sei jetzt wohl einzusehen -- zur einzigen Bedingung
bei ihrer Verlobung gemacht und es sich an ihrem Hochzeitsmorgen noch
besonders habe versprechen lassen, ihr den Namen zu verheimlichen,
den er aufgegeben hatte. Um ihres Vaters willen bat er sie, niemals
nachzuforschen, ob ihr Vater das Vorhandensein des Papieres vergessen,
oder ob er daran erinnert worden durch die Geschichte aus dem Tower,
an jenem längst vergessenen Sonntage unter dem lieben Platanenbaume im
Garten. Wenn er eine bestimmte Erinnerung an dasselbe gehabt, so sei er
jedenfalls überzeugt gewesen, daß es mit der Bastille verbrannt sei,
als er es unter den Reliquien von Gefangenen, welche die Stürmenden
dort gefunden und welche in allen Zeitungen beschrieben worden, nicht
erwähnt gefunden hatte. Er bat sie -- obgleich er hinzusetzte, daß
er recht wohl wisse wie überflüssig das sei -- ihren Vater damit zu
trösten, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit in der schonendsten Weise
die Wahrheit einpräge, daß er nichts gethan habe, weßwegen er sich
begründete Vorwürfe zu machen habe, sondern stets um ihrer beider
willen in Selbstvergessenheit voran gegangen sei. Nachdem er sie noch
einmal gebeten, sich seiner letzten dankbaren Liebe und seines Segens
ewig zu erinnern und ihren Schmerz zu überwinden, um für ihr geliebtes
Kind zu sorgen, beschwor er sie nächst diesem, ihren Vater zu trösten.

An diesen schrieb er in derselben Weise; aber er sagte ihm noch, daß
er ausdrücklich seine Gattin und sein Kind seiner Obhut übergebe. Und
er sagte ihm Dies sehr eindringlich in der Hoffnung, ihn dadurch vor
Niedergeschlagenheit oder einem gefährlichen Rückfall in den alten
Zustand, der nur zu sehr zu befürchten war, zu bewahren.

Mr. Lorry legte er alle seine Lieben an’s Herz und setzte seine
irdischen Angelegenheiten auseinander. Nachdem dies mit vielen
Aeußerungen dankbarer Freundschaft und warmer Zuneigung geschehen, war
Alles fertig. An Carton dachte er nicht ein einziges Mal. So voll war
seine Seele von den Anderen.

Er hatte Zeit diese Briefe zu beenden, bis die Lichter ausgelöscht
wurden. Als er sich auf sein Strohbett streckte, glaube er mit dieser
Welt abgeschlossen zu haben.

Aber sie winkte ihn zurück in seinem Schlummer und zeigte sich ihm in
leuchtenden Gestalten. Frei und glücklich, wieder in dem alten Hause
in Soho (obgleich es ganz anders aussah als das wirkliche Haus), in
unerklärlicher Weise befreit und der Sorgen entledigt, war er wieder
mit Lucien vereint und sie sagte ihm, daß alles ein Traum und er nie
fortgewesen sei. Eine Pause des Vergessens und dann hatte er geduldet
und dann war er wieder bei ihr, todt und in Frieden und doch war
kein Unterschied in ihnen. Noch eine Pause der Vergessenheit und er
wachte in düsterer Morgenstunde auf, ohne zu wissen wo er war und was
geschehen, bis es ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, dies ist mein
Sterbetag!

So war er durch die Stunden zu dem Tage gekommen, wo die zweiundfünfzig
Köpfe fallen sollten. Und jetzt, wo er gefaßt war und hoffte, seinem
Ende mit ruhigem Heldenmuthe entgegen gehen zu können, nahmen seine
wachenden Gedanken eine neue Richtung an, die sehr schwer zu bewältigen
war.

Er hatte nie das Instrument gesehen, das ihm das Leben nehmen sollte.
Wie hoch es über dem Boden war, wie viele Stufen es hatte, wo man
ihn hinstellen und wie man ihn anfassen würde, ob die Hände, die ihn
anfaßten, roth gefärbt sein würden, nach welcher Seite man ihm das
Gesicht wenden, ob er vielleicht der Erste oder Letzte sein würde:
diese und viele ähnliche Fragen, von seinem Willen ganz und gar
unabhängig, drängten sich ihm unzählige Male auf. Mit Furcht hatten
sie nichts zu thun: er war sich keiner Furcht bewußt. Sie rührten
eher von einem merkwürdigen, sich immer wieder aufdringenden Wunsche
her, zu wissen was zu thun sei, wenn die Zeit kam; ein Wunsch, der in
riesenmäßigem Mißverhältniß zu den wenigen kurzen Augenblicken stand,
auf die es sich bezog; ein verwundertes Fragen, welches mehr dem Regen
eines anderen Geistes in dem seinigen, als ihm selbst angehörte.

Die Stunden vergingen, wie er auf- und abging, und die Thurmglocken
schlugen die Stunden, die ihm nie wieder schlagen sollten. Neun Uhr war
vorbei für immer, Zehn vorbei für immer, Elf vorbei für immer, Zwölf
sollte zum letzten Male schlagen. Nach einem harten Kampfe mit der
excentrischen Stimmung, die ihm zuletzt zu schaffen gemacht, hatte er
sie überwunden.

Er ging auf und ab und wiederholte sich halblaut ihre Namen. Der
schwerste Kampf war vorüber. Er konnte auf- und abgehen, frei von
störenden Gedanken und für sich und für sie beten.

Zwölf für immer vorüber.

Man hatte ihm gesagt, die letzte Stunde werde Drei sein und er wußte,
daß man ihn etwas früher abholen würde, da die Wagen schwer und langsam
durch die Straßen rumpelten. Deßhalb beschloß er an Zwei als an die
Stunde zu denken, und sich in der Zwischenzeit so zu stärken, daß er
hernach im Stande sei andere zu stärken.

Regelmäßig, mit über der Brust gekreuzten Armen auf- und abgehend, ein
ganz anderer Mann wie der Gefangene der in La Force auf- und abgegangen
war, hörte er ohne Ueberraschung, wie es Eins von ihm weg schlug. Die
Stunde war so lang gewesen, wie die meisten anderen Stunden. Dem Himmel
fromm dankbar für seine wiedergewonnene Fassung, dachte er: nur noch
~eine~ Stunde, und wendete sich, um wieder auf- und abzugehen.

Draußen vor der Thür, in dem gemauerten Gange, hörte man Schritte. Er
blieb stehen.

Der Schlüssel klirrte im Schloß und wurde umgedreht. Ehe die Thür
aufging, oder wie sie aufging, sagte ein Mann mit gedämpfter Stimme
auf Englisch: „er hat mich hier nie gesehen; ich bin ihm aus dem Wege
gegangen. Gehen Sie allein hinein; ich warte hier. Verlieren Sie keine
Zeit!“

Die Thür wurde rasch geöffnet und wieder zugemacht und vor ihm stand,
ruhig, gefaßt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und den Finger warnend
auf den Lippen, Sydney Carton.

Es lag etwas so helles, so strahlendes und merkwürdiges in dem
Ausdrucke seines Gesichts, daß der Gefangene für den ersten Augenblick
ungewiß war, ob die Erscheinung nicht ein Geschöpf seiner Phantasie
sei. Aber er sprach und es war seine Stimme; er ergriff die Hand des
Gefangenen und es war der Druck einer wirklichen Hand.

„Von allen Menschen auf der Welt hätten Sie mich am wenigsten zu sehen
erwartet?“ sagte er.

„Ich konnte nicht glauben, daß Sie es wären. Ich kann es jetzt kaum
glauben. Sie sind nicht verhaftet?“ Diese Befürchtung kam ihm plötzlich
in den Sinn.

„Nein. Ich besitze zufällig eine Macht über einen der Schließer hier
und durch Anwendung derselben stehe ich vor Ihnen. Ich komme von ihr --
von Ihrer Gattin, lieber Darnay.“

Der Gefangene drückte ihm feurig die Hand.

„Ich überbringe eine Bitte von ihr.“

„Welche?“

„Eine höchst ernste, dringende und nachdrückliche Bitte, an Sie
gerichtet in dem rührendsten Tone der Ihnen so theueren Stimme, deren
Sie sich so gut erinnern.“

Der Gefangene wendete sein Gesicht halb weg.

„Sie haben keine Zeit zu fragen, warum ich sie bringe und was sie zu
bedeuten hat; ich habe keine Zeit es Ihnen zu sagen. Sie müssen sie
erfüllen -- ziehen Sie Ihre Stiefeln aus und ziehen Sie dafür meine an.“

Es stand ein Stuhl an der Wand der Zelle hinter dem Gefangenen. Mit
Blitzesschnelle hatte Carton ihn hineingedrückt und stand vor ihm in
Strümpfen.

„Ziehen Sie meine Stiefeln an, rasch, rasch!“

„Carton, es ist kein Entfliehen hier möglich; es ist nicht
durchzuführen. Sie werden nur mit mir sterben. Es ist Wahnwitz.“

„Es wäre Wahnwitz, wenn ich Sie aufforderte zu entfliehen; aber thue
ich Das? Wenn ich Sie auffordere zu dieser Thür hinauszugehen, so sagen
Sie mir es ist Wahnwitz und bleiben Sie. Tauschen Sie mit mir die
Halsbinde und den Rock. Unterdessen gestatten Sie mir dies Band von
Ihren Haaren loszubinden und Ihre Haare auseinander zu schütteln wie
diese!“

Mit wunderbarer Raschheit und mit einer Kraft des Willens und der That,
die wunderbar erschien, zwang er ihm alle diese Veränderungen auf. Der
Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind.

„Carton! lieber Carton! es ist Wahnwitz. Es ist nicht durchzuführen, es
kann nicht geschehen; es ist versucht worden und immer fehl geschlagen.
Ich bitte Sie durch Ihren Tod nicht die Bitterkeit des meinigen zu
vermehren.“

„Fordere ich Sie auf, lieber Darnay, zur Thür hinaus zu gehen? so wie
ich Das thue, sagen Sie Nein. Hier ist Feder und Tinte und Papier auf
dem Tische. Ist Ihre Hand ruhig genug zum Schreiben?“

„Sie war es als Sie eintraten.“

„So schreiben Sie, was ich Ihnen vorsage. Rasch, Freund, rasch!“

Darnay drückte die Hand vor seine brennende Stirn und setzte sich an
den Tisch. Carton, die rechte Hand in der Brust, stand dicht neben ihm.

„Schreiben Sie genau, was ich Ihnen vorsage.“

„An wen adressire ich es?“

„An Niemanden.“

Carton hatte immer noch die Hand in der Brust.

„Datire ich es?“

„Nein.“

Der Gefangene blickte bei jeder Frage auf. Carton, mit der Hand in der
Brust neben ihm stehend, sah auf ihn herab.

„„Wenn Sie sich““ diktirte Carton, „„der Worte erinnern, welche wir vor
langer Zeit mit einander gesprochen haben, so werden Sie dies leicht
begreifen, wenn Sie es sehen. Ich weiß Sie erinnern sich derselben. Es
liegt nicht in Ihrer Art zu vergessen.““

Er zog die Hand aus der Brust, aber gerade jetzt blickte der Gefangene
in seiner wirren Verwunderung auf und die Hand blieb, Etwas gefaßt
haltend, stecken.

„Sie haben geschrieben „„zu vergessen?““ sagte Carton.

„Ja. Ist das eine Waffe in Ihrer Hand?“

„Nein, ich bin nicht bewaffnet.“

„Was haben Sie in der Hand?“

„Sie sollen es gleich wissen. Schreiben Sie weiter; es sind nur noch
wenige Worte. Er diktirte wieder. „„Ich danke Gott, daß die Zeit
gekommen ist, wo ich sie beweisen kann. Daß ich es thue verursacht
mir weder Schmerz, noch Reue.““ Wie er diese Worte, die Augen auf
den Schreibenden geheftet, sprach, brachte er die Hand langsam und
vorsichtig bis dicht an das Gesicht des Schreibenden.

Die Feder fiel Darnay aus der Hand und er blickte verstört um sich.

„Was ist das für ein Dunst?“ fragte er.

„Dunst?“

„Etwas, das an mir vorbeigeschwebt ist?“

„Ich habe Nichts bemerkt; es kann hier nicht sein. Nehmen Sie die Feder
wieder und schreiben Sie. Rasch, rasch!“

Als ob sein Gedächtniß geschwächt, oder sein Geist gestört wäre, machte
der Gefangene eine Anstrengung seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Wie er
Carton mit bewölkten Augen und kürzeren Athemzügen ansah, blickte ihn
dieser -- die Hand wieder in der Brust -- fest in’s Gesicht.

„Rasch, rasch!“

Der Gefangene beugte sich noch einmal über das Papier.

„„Wenn es anders gewesen wäre““; Cartons Hand bewegte sich von neuem
vorsichtig und langsam niederwärts; „„so hätte ich nie die längere
Gelegenheit benutzt. Wenn es anders gewesen wäre““; die Hand war
vor dem Gesichte des Gefangenen, „„so hätte ich nur um so mehr zu
verantworten. Wenn es anders gewesen wäre““ -- Carton sah nach der
Feder und bemerkte, daß sie nur noch unlesbare Zeichen auf das Papier
machte.

Er bewegte die Hand nicht wieder nach der Brust. Der Gefangene sprang
mit vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand lag dicht und fest auf
seinen Nasenlöchern und sein linker Arm hatte ihn um die Hüfte gefaßt.
Einige kurze Augenblicke versuchte er schwach sich des Mannes zu
erwehren, der gekommen war um sein Leben für ihn hinzugeben; aber nach
vielleicht einer Minute lag er bewußtlos auf dem Boden.

Rasch, und ohne zu zögern zog Carton die Kleider des Gefangenen an,
kämmte sein Haar zurück und band es mit dem Bande, das der Gefangene
getragen hatte. Dann rief er leise: „Dort draußen, herein! herein!“ und
der Spion erschien.

„Seht Ihr ihn?“ sagte Carton aufblickend, wie er auf einem Knie neben
dem Bewußtlosen kniete und ihm das Papier in die Brust schob; „ist Eure
Gefahr sehr groß?“

„Mr. Carton,“ gab der Spion, furchtsam mit dem Finger schnippend, zur
Antwort, „das ist in dem Geschäftsdrange hier die Gefahr für mich
nicht, wenn Sie Ihren ganzen Plan getreulich ausführen.“

„Macht Euch keine Sorge um mich. Ich halte treu aus, bis zum Tode.“

„Das müssen Sie auch, Mr. Carton, wenn die Zahl 52 richtig sein soll.
Wenn Sie sie in diesem Anzuge vollzählig machen, habe ich keine Furcht.“

„Fürchtet Nichts! ich werde bald außer Stande sein Euch zu schaden und
die übrigen werden, will’s Gott, bald weit weg von hier sein. Jetzt
ruft Leute und bringt mich nach dem Wagen.“

„Sie?“ sagte der Spion voller Unruhe.

„Ihn, mit dem ich getauscht habe. Ihr geht zu demselben Thore hinaus,
zu dem wir hereingekommen sind?“

„Natürlich.“

„Ich war schwach und angegriffen, als ich kam und bin jetzt, wo ihr
mich fortbringt, noch angegriffener. Der Abschied hat mich überwältigt.
So Etwas ist hier oft, nur zu oft geschehen. Rasch, ruft Leute!“

„Ihr schwört, mich nicht zu verrathen?“ sagte der zitternde Spion, als
er noch einmal stehen blieb.

„Mensch, Mensch!“ entgegnete Carton und stampfte mit dem Fuße; „habe
ich noch nicht feierliche Eide genug geschworen dies durchzuführen,
daß Ihr jetzt die kostbaren Augenblicke verschwendet? Bringt ihn
selbst nach dem Hofe, den Ihr kennt, schafft ihn selbst in den
Wagen, zeigt ihn selbst Mr. Lorry; sagt ihm selbst, ihm kein anderes
Wiederbelebungsmittel, als frische Luft zukommen zu lassen und meiner
Worte und seines Versprechens von gestern Abend zu gedenken und von
dannen zu fahren!“

Der Spion entfernte sich und Carton setzte sich an den Tisch und
stützte den Kopf in die Hände. Der Spion kehrte gleich darauf mit zwei
Männern zurück.

„Ah, ah, ah!“ sagte einer derselben, als er den auf den Boden
Gesunkenen sah. „So betrübt zu erfahren, daß sein Freund einen Gewinn
in der Lotterie der heiligen Guillotine gezogen hat?“

„Ein guter Patriot,“ sagte der andere, „könnte kaum betrübter sein,
wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.“

Sie hoben den Bewußtlosen auf, legten ihn auf eine Tragbahre, die sie
vor der Thür stehen hatten und bückten sich um ihn fortzutragen.

„Die Zeit ist kurz, Evrémonde“, sagte der Spion in warnendem Tone.

„Ich weiß es,“ gab Carton zur Antwort. „Tragt Sorge für meinen Freund,
bitte ich Euch nochmals, und verlaßt mich.“

„So kommt,“ sagte Barsad zu dem anderen. „Tragt ihn hinunter!“

Die Thür schloß sich und Carton war allein. Mit gespanntester
Aufmerksamkeit horchend, lauschte er auf jeden Ton, der Verdacht oder
Allarm anzeigen könnte. Man vernahm keinen. Man hörte Schlüssel sich
drehen, Thüren rasseln, Tritte durch entlegene Gänge schallen, aber
kein ungewöhnliches Geschrei oder Lärmen machte sich vernehmlich. In
einer kleinen Weile athmete er freier auf, setzte sich an den Tisch und
horchte wieder, bis es zwei Uhr schlug.

Töne vor denen er sich nicht fürchtete, denn er errieth was sie
bedeuteten, machten sich jetzt hörbar. Mehrere Thüren wurden
hintereinander geöffnet und zuletzt seine eigene. Ein Schließer, mit
einem Verzeichniß in der Hand, blickte herein, sagte blos „folgt mir,
Evrémonde!“ und er folgte ihm in eine große dunkele Halle. Es war ein
trüber Wintertag und die Dunkelheit drinnen und draußen machte, daß
er die anderen die hereingebracht wurden, um hier gebunden zu werden,
nicht gut erkennen konnte. Einige standen, Einige saßen, Einige
jammerten und gingen ruhelos auf und ab; aber das waren wenige. Die
große Mehrzahl war ruhig und stumm, und sah starr auf den Boden.

Wie er an der Wand in einer dunkeln Ecke stand, während noch einige
von den Zweiundfünfzig nach ihm hereingebracht wurden, blieb einer
im Vorbeigehen bei ihm stehen, um ihn als Bekannten zu umarmen. Ein
angstvoller Gedanke, entdeckt zu werden, fuhr ihm durch die Seele;
aber der andere ging weiter. Ein paar Augenblicke später stand ein
schwächlich gebautes Mädchen, mit lieblichem, aber abgezehrtem Gesicht,
auf welchem keine Spur Farbe sichtbar war, und großen, weit offenen,
geduldigen Augen von der Bank auf, wo er sie sitzen gesehen hatte, und
trat an ihn heran.

„Bürger Evrémonde,“ sagte sie, und berührte ihn mit ihrer kalten Hand.
„Ich bin eine arme kleine Nähterin und war mit Euch in La Force.“

Er murmelte vor sich hin: „richtig. Ich vergesse weshalb Ihr angeklagt
waret?“

„Wegen Verschwörung. Obgleich der gerechte Himmel weiß, daß ich
unschuldig bin. Ist es wahrscheinlich? Wer soll auf den Einfall kommen
mit einem armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin, zu complotiren?“

Das trübe Lächeln, mit dem sie dies sagte, rührte ihn so, daß Thränen
seine Augen füllten.

„Ich fürchte mich nicht, zu sterben, Bürger Evrémonde, aber ich habe
Nichts gethan. Ich sterbe nicht ungern, wenn die Republik, welche uns
Armen soviel Gutes bringen soll, durch meinen Tod gewinnt; aber ich
begreife nicht, wie das zugehen soll, Bürger Evrémonde. Ein so armes,
kleines schwaches Ding!“

Als das letzte auf Erden, wofür sein Herz warm und sanft fühlen sollte,
trat ihm dieses arme Mädchen entgegen.

„Ich hörte Ihr wäret freigelassen, Bürger Evrémonde, ich hoffte es sei
wahr?“

„Ich war frei. Aber man hat mich wieder verhaftet und verurtheilt.“

„Wenn ich mit Euch fahre, Bürger Evrémonde, wollt Ihr mir dann erlauben
Eure Hand zu nehmen? Ich fürchte mich nicht, aber ich bin klein und
schwach und dies wird mir mehr Muth geben.“

Wie die geduldigen Augen ihm ins Gesicht blickten, sah er darin sich
erst Zweifel und dann Staunen ausdrücken. Er drückte die abgezehrte,
jugendliche Hand und legte die Finger an die Lippen.

„Ihr sterbt für ihn?“ flüsterte sie.

„Und für seine Frau und sein Kind. Still! Ja.“

„Oh, wollt Ihr mir erlauben, Eure wackere Hand zu nehmen, Fremder?“

„Still! Ja, arme Schwester; bis zuletzt.“ --

Dieselben Schatten die auf das Gefängniß fallen, fallen zu
derselben Stunde des frühen Nachmittags auf die Barriere, mit dem
Menschengedränge um dieselbe herum, als eine Paris verlassende Kutsche
vorfährt, um examinirt zu werden.

„Wer ist d’rin? Papiere!“

Die Papiere werden herausgegeben und gelesen.

„Alexander Manette, Arzt. Franzose. Welcher ist es? Das ist er; dieser
hülflose, halbe Worte murmelnde, in halben Irrsinn versunkene alte
Mann.“

„Allem Anscheine nach ist der Bürger Doctor nicht recht bei Sinnen? Das
Revolutionsfieber ist viel zu hitzig für ihn gewesen?“

„Viel zu hitzig.“

„Ha! viele leiden daran. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist
sie?“

„Das ist sie.“

„Muß wohl sein. Lucie, Gattin Evrémondes; nicht wahr?“

„He! Evrémonde hat eine Bestellung anders wohin. Lucie, ihr Kind. Die
Kleine da?“

„Sie und keine andere.“

„Gieb mir einen Kuß, Evrémondes Kind. Jetzt hast Du einen guten
Republikaner geküßt; Etwas Neues in Deiner Familie; vergiß es nicht!
Sydney Carton, Advocat. Engländer. Welcher ist es?“

„Er liegt dort in der Ecke des Wagens.“ Auf ihn zeigt man den Fragenden.

„Allem Anscheine nach ist der englische Advocat ohnmächtig geworden?“

„Man hofft er werde sich in frischer Luft wieder erholen. Er ist
schwach von Gesundheit und der Abschied von einem Freunde, der sich das
Mißfallen der Republik zugezogen hat, hat ihn sehr erschüttert.“

„Weiter Nichts? Das ist nicht viel! Viele haben sich das Mißfallen
der Republik zugezogen und müssen zu dem kleinen Fenster hinaussehen.
Jarvis Lorry, Bankier. Engländer. Welcher ist es?“

„Ich bin es. Natürlich, da ich der letzte bin.“ Jarvis Lorry ist
ausgestiegen und steht am Kutschenschlage, von einer Gruppe Beamten
verhört. Sie gehen langsam um den Wagen herum und steigen gemächlich
auf denselben hinauf, um zu sehen was für Gepäck auf dem Dache liegt.
Das Landvolk steht umher, drängt sich an die Kutschenthüren und stiert
neugierig hinein; ein kleines Kind, auf dem Arme seiner Mutter,
streckt, von dieser angeleitet, seine Aermchen aus, damit es das Weib
eines Aristokraten berühre, der unter der Guillotine gestorben ist.

„Hier sind Eure Papiere, Jarvis Lorry.“

„Kann man abreisen, Bürger?“

„Man kann abreisen. Vorwärts Postillon! Glückliche Reise!“

„Lebt wohl, Bürger. -- Und die erste Gefahr wäre hinter uns!“

Das sind wieder die Worte Jarvis Lorry’s, wie er die Hände faltet und
zum Himmel blickt. Es ist Angst im Wagen und Weinen und das schwere
Athmen der bewußtlosen Reisenden.

„Fahren wir nicht zu langsam? Können wir sie nicht bewegen schneller zu
fahren?“ fragte Lucie angstvoll den Alten.

„Das würde zu sehr wie Flucht aussehen. Wir dürfen sie nicht zu sehr
treiben; es würde Verdacht erwecken.“

„Sehen sie sich um, ob wir verfolgt werden.“

„Die Straße ist frei, liebe Lucie. Bis jetzt werden wir nicht
verfolgt.“

Häuser zu zweien oder dreien, einsame Pachthöfe, verfallene Gebäude,
Färbereien, Gerbereien und ähnliches offenes Land, Alleen von laublosen
Bäumen, ziehen an uns vorbei. Das harte holprige Pflaster ist unter
uns, der weiche tiefe Schlamm zu beiden Seiten. Manchmal lenken wir in
den Schlamm hinüber, um von den Steinen weg zu kommen, die uns bis auf
die Knochen schütteln, und manchmal bleiben wir dort in tiefen Gleisen
und Löchern stecken. Die Qual unserer Ungeduld ist dann so groß, daß
wir in unserer verstörten Angst und Eile lieber aussteigen und laufen
oder uns verstecken möchten -- Alles, nur nicht Halt machen.

Hinter uns wieder offenes Land, ringsum wieder verfallene Gebäude,
einsame Pachthöfe, Färbereien, Gerbereien und ähnliches, Häuser in
Gruppen von zwei oder drei, Alleen von laublosen Bäumen. Haben diese
Leute uns hintergangen und fahren sie uns auf einem andern Wege zurück?
Ist das nicht derselbe Ort, den wir schon einmal sahen? Gott sei Dank,
nein. Ein Dorf. „Sehen Sie sich um, sehen Sie sich um ob wir verfolgt
werden! Still! das Posthaus.“

In Muße werden die vier Pferde ausgespannt; in Muße bleibt die
Kutsche auf der kleinen Straße stehen ohne Pferde und ohne alle
Wahrscheinlichkeit, daß sie jemals wieder in Bewegung kommen werde; in
Muße werden die neuen Pferde einzeln sichtbar; in Muße kommen auch die
neuen Postillone und binden langsam neue Knoten in ihre Peitschen; in
Muße zählen die alten Postillone ihr Geld, verrechnen sich und sind
unzufrieden mit dem Resultat. Während der ganzen Zeit schlagen unsere
übervollen Herzen mit einer Schnelligkeit, welche den schnellsten Lauf
des schnellsten Pferdes, das jemals geboren worden, übertreffen würde.

Endlich sitzen die neuen Postillone im Sattel und die alten sind hinter
uns. Wir sind durch das Dorf, den Berg hinauf, wieder hinab und fahren
durch die feuchte Niederung. Plötzlich fangen die Postillone an mit
lebhaften Geberden miteinander zu reden und die Pferde werden heftig
angehalten. Wir werden verfolgt!

„He da! im Wagen drinnen, he da!“

„Was giebts?“ fragte Mr. Lorry zum Fenster heraus.

„Wie viele, sagten sie?“

„Ich verstehe Euch nicht -- auf der letzten Post.“

„Wie viele heute unter der Guillotine?“

„Zweiundfünfzig.“

„Ich sagte es ja! eine schöne Zahl! mein Mitbürger hier, wollte blos
von Zweiundvierzig wissen; zehn Köpfe mehr sind schon des Habens werth.
Die Guillotine arbeitet schön. Ich liebe sie. Vorwärts. Vorwärts!“

Die Nacht breitete ihre dunkeln Schleier aus. Er bewegt sich wieder;
er fängt an lebendig zu werden und verständlich zu sprechen; er findet
sich wieder unter den Seinen; er fragt ihn bei seinem Namen, was er
in der Hand hat. O, hab’ Erbarmen, gnädiger Himmel und hilf uns! Seht
hinaus, seht hinaus, ob wir nicht verfolgt werden.

Der Wind fährt hinter uns her, und die Wolken fliegen uns nach, und der
Mond schwimmt hinter uns her, und die ganze stürmische Nacht scheint
uns zu verfolgen; aber soweit werden wir von nichts Anderem verfolgt.



Vierzehntes Kapitel.

Ausgestrickt.


Zu derselben Zeit, wo die Zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten,
hielt Madame Defarge eine heimliche, nichts Gutes bedeutende Berathung
mit dem Racheengel und Jaques Drei von der revolutionären Jury. Nicht
im Weinschank berieth sich Madame Defarge mit diesen Ministern, sondern
unter dem Schuppen des Holzhackers, der früher Straßenarbeiter gewesen
war. Der Holzhacker selbst nahm nicht an der Conferenz Theil, sondern
hielt sich in einiger Entfernung, wie ein fern stehender Trabant, der
nicht sprechen oder seine Meinung sagen darf, ehe man ihn auffordert.

„Aber unser Defarge ist jedenfalls ein guter Republikaner?“ sagte
Jaques Drei, „nicht wahr?“

„Es giebt keinen besseren in Frankreich,“ betheuerte der zungenfertige
Racheengel mit schriller Stimme.

„Still, Racheengel,“ sagte Madame Defarge, indem sie mit leichtem
Stirnrunzeln ihre Hand der Sprechenden auf den Mund legte. „Laß mich
sprechen. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein
Mann voll Muth; er hat sich um die Republik wohl verdient gemacht und
besitzt ihr Vertrauen. Aber mein Mann hat seine Schwächen, und er ist
schwach genug, mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen.“

„Es ist sehr schade,“ krächzte Jaques Drei, indem er zweifelnd den Kopf
schüttelte und mit seinen grausamen Fingern an seinem hungrigen Munde
spielte; „es ist nicht ganz wie ein guter Bürger; es ist zu beklagen.“

„Seht,“ sagte Madame, „mir ist dieser Doctor gleichgültig. Er mag
seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir
ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden und
das Weib und das Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.“

„Sie hat einen schönen Kopf dazu,“ krächzte Jaques Drei. „Ich habe
blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen und sie sahen reizend aus
als Sanson sie in die Höhe hielt.“ Der blutgierige Wüthrich sprach wie
ein Epikuräer.

Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein Wenig nach.

„Auch das Kind,“ bemerkte Jaques Drei mit nachdenklichem Genießen
seiner Worte, „hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten
ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick!“

„Mit einem Worte,“ sagte Madame Defarge wieder aufblickend, „ich
kann meinem Manne in dieser Sache nicht trauen. Ich fühle nicht nur
seit letzter Nacht, daß ich ihm die Einzelheiten meiner Pläne nicht
mittheilen darf, sondern ich fühle auch, daß bei längerem Warten
Gefahr vorhanden ist, daß er sie warnt und daß sie entfliehen.“

„Das darf nicht sein,“ sagte Jaques Drei; „Niemand darf davon kommen.
Wir haben noch nicht halb genug wie es jetzt geht. Wir sollten jeden
Tag Hundertzwanzig haben.“

„Mit einem Wort“ fuhr Madame Defarge fort, „mein Mann hat nicht meinen
Grund diese Familie bis zur Ausrottung zu verfolgen, und ich habe nicht
seinen Grund mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen. Ich muß daher für
mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.“

Der Holzhacker, der sie mit dem Respect und der Unterwürfigkeit
tödtlicher Furcht betrachtete, trat, mit der Hand an seiner rothen
Mütze, heran.

„Was diese Signale betrifft, kleiner Bürger,“ sagte Madame Defarge mit
Strenge, „die sie mit dem Gefangenen gewechselt hat; seid Ihr bereit
heute noch als Zeuge dafür aufzutreten?“

„Ja, ja, warum nicht!“ erklärte der Holzhacker. „Alle Tage, in jedem
Wetter von Zwei bis Vier, immer signalisirend, manchmal mit der
Kleinen, manchmal ohne dieselbe. Ich weiß, was ich weiß, mit meinen
Augen habe ich es gesehen.“

Während er sprach, machte er allerlei Geberden, wie in zufälliger
Nachahmung einiger wenigen von den vielen Signalen, die er nie gesehen
hatte.

„Offenbar Complot,“ sagte Jaques Drei. „Nicht zu bezweifeln!“

„Sind die Geschwornen sicher?“ fragte Madame Defarge, und sah ihn mit
einem düstern Lächeln an.

„Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, Bürgerin. Ich stehe
für meine Mitgeschworenen.“

„Jetzt laßt uns noch einmal sehen,“ sagte Madame Defarge überlegend.
„Kann ich diesen Doctor für meinen Mann entbehren? Ich habe Nichts für
und Nichts gegen ihn. Kann ich ihn entbehren?“

„Er würde als ein Kopf zählen,“ bemerkte Jaques Drei mit gedämpfter
Stimme. „Wir haben wirklich nicht Köpfe genug; es wäre schade, sollte
ich meinen.“

„Er wechselte mit ihr Signale, als ich sie sah,“ erwiederte Madame
Defarge; „ich kann von den Einen nicht sprechen, ohne den Anderen zu
erwähnen; und ich darf nicht stumm sein und die ganze Sache diesem
kleinen Bürger hier überlassen. Denn ich bin kein schlechter Zeuge.“

Der Racheengel und Jaques Drei wetteiferten mit einander in
leidenschaftlichen Betheuerungen, daß sie die vortrefflichste und
bewunderungswürdigste aller Zeuginnen sei. Um nicht zurückzubleiben,
nannte sie der kleine Bürger „eine himmlische Zeugin.“

„Er muß sehen wie er fährt,“ sagte Madame Defarge. „Nein; ich kann ihn
nicht entbehren! Ihr seid beschäftigt um drei Uhr; Ihr geht zu der
Hinrichtung. -- Ihr?“

Diese letzte Frage galt dem Holzhacker, der hastig mit Ja antwortete
und die Gelegenheit ergriff um hinzuzusetzen, daß er der eifrigste
aller Republikaner sei und der unglücklichste aller Republikaner
sein würde, wenn ihm Jemand den Genuß raubte, seine Nachmittagspfeife
zu rauchen, und dabei dem drolligen Nationalbarbier zuzusehen. Er
betheuerte Dies mit soviel Nachdruck, daß man ihn in Verdacht hätte
haben können, (und vielleicht hatten ihn auch die schwarzen Augen der
Madame Defarge, die verächtlich auf ihn herabsah, in diesem Verdachte)
er hege jede Stunde des Tages seine kleinen besonderen Befürchtungen
für seine persönliche Sicherheit.

„Ich muß auch hin,“ sagte Madame. „Nachdem es vorbei ist -- sagen wir
um 8 Uhr Abends -- kommt ihr zu mir nach St. Antoine, und wir reichen
dann die Anzeige gegen diese Leute bei meiner Section ein.“

Der Holzhacker sagte, er werde sich stolz und geschmeichelt fühlen,
der Bürgerin Befehl auszuführen. Die Bürgerin blickte ihn an, er wurde
verlegen, wich ihrem Blicke aus, wie es ein Hündchen gethan haben
würde, zog sich unter sein Holz zurück und versteckte seine Verwirrung
hinter dem Griffe seiner Säge.

Madame Defarge winkte dem Geschwornen und dem Racheengel etwas näher
an die Thür zu kommen, und setzte ihnen dort ihre weiteren Pläne mit
folgenden Worten auseinander:

„Sie wird jetzt zu Hause sein und den Augenblick seines Todes erwarten.
Sie wird trauern und weinen. Sie wird in einem Gemüthszustande sein,
die Gerechtigkeit der Republik in Zweifel zu ziehen. Sie wird voller
Sympathien für ihre Familie sein. Ich werde zu ihr gehen.“

„Welch bewundernswerthes Weib, welch anbetungswürdiges Weib!“ rief
Jaques Drei entzückt aus. „Ach Herz meines Herzens!“ rief der
Racheengel und umarmte sie.

„Nimm Du mein Strickzeug,“ sagte Madame Defarge und legte es in die
Hände ihrer Adjutantin, „und halte es für mich bereit auf meinem
gewöhnlichen Platze. Sorge für meinen gewöhnlichen Stuhl. Geh geraden
Weges hin, denn es wird wahrscheinlich heute größerer Zulauf sein, als
gewöhnlich.“

„Ich führe mit Freuden die Befehle meiner Vorgesetzten aus,“ erwiederte
der Racheengel und küßte sie auf die Wange. „Du wirst nicht zu spät
kommen?“

„Ich werde vor dem Anfange dort sein.“

„Und ehe die Wagen ankommen. Sorge ja dafür, mein Herz, daß Du da bist
ehe die Wagen ankommen!“ rief ihr der Racheengel nach; denn sie war
schon auf der Straße draußen.

Madame Defarge winkte mit der Hand zum Zeichen, daß sie verstanden
hatte und sicher zur rechten Zeit da sein werde, und ging dann die
schmutzige Straße entlang und um die Ecke der Gefängnißmauer. Der
Racheengel und der Geschworene sahen ihr nach, voll von stillem
Lobe ihrer schönen Gestalt und ihrer ausgezeichneten sittlichen
Eigenschaften.

Es gab damals viele Frauen, auf welche die Zeit ihre entsetzlich
entstellende Hand legte; aber es war vor allen keine mehr zu fürchten,
als diese erbarmungslose Frau, welche jetzt durch die Straßen ging.
Von starkem und furchtlosem Charakter, scharfem und raschem Verstande,
großer Entschlossenheit, ausgestattet mit jener Schönheit, die nicht
nur ihrer Besitzerin Festigkeit und Unversöhnlichkeit einzuflößen
schien, sondern auch andere zu einer instinktmäßigen Anerkennung
dieser Eigenschaften brachte, war sie ein Charakter, wie er in dieser
wilden Zeit unter allen Verhältnissen zur Geltung kommen mußte. Aber
von Kindheit an über dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts brütend
und erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Eine Klasse, war sie durch
die Gelegenheit der Zeit zu einer Tigerin geworden. Sie war ohne alles
Mitleid. Wenn sie jemals diese Tugend besessen hatte, so war sie ganz
aus ihr verschwunden.

Es war ihr Nichts, daß ein Unschuldiger für die Sünden seiner Väter
sterben sollte; sie sah nicht ihn, sondern sie. Es war ihr Nichts, daß
seine Gattin eine Wittwe und seine Tochter eine Waise wurde; das war
unzureichende Strafe, weil sie ihre natürlichen Feinde und ihre Beute
waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Ganz hoffnungslos
war es, sie zu erweichen, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal
mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Tumulte, an denen sie
betheiligt gewesen, auf der Straße erschlagen worden wäre, so hätte sie
sich gewiß nicht bemitleidet; ja, wenn man sie morgen zur Guillotine
verurtheilt hätte, so wäre sie mit keinem sanfteren Gefühle zum Tode
gegangen, als einem grausamen Wunsche mit dem, der sie in den Tod
schickte, den Platz zu tauschen.

Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So
sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen
unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der
groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes
Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer.
So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der
geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer
Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten
Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die
Straßen.

Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen,
die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung
erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr.
Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth,
die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten
Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden
beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre
Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte
abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor,
daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen
konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke
abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche
bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus
Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der
kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu
beschleunigen.

Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden
Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden.
Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer
es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der
Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche
zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen
wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe
gingen, immer näher kam.

„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung
so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen
Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein
anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“

„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr.
Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im
Unrecht.“

„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig
zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich
außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen,
mein guter Mr. Cruncher?“

„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr.
Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses
meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den
Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die
ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“

„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend,
„nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“

„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit
leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute
Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie
wieder thun!“

„Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher,“ entgegnete Miß Proß, „daß Sie
es nie wieder thun werden, was es auch sein mag, und ich bitte Sie, es
nicht für nothwendig zu halten näher darauf einzugehen, was es ist.“

„Nein, Miß,“ gab Jerry zurück, „Sie sollen weiter Nichts davon hören.
Zweitens, wenn meine gute arme Herrschaft glücklich herausgekommen ist,
so will ich gar nie mehr Etwas gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen,
nie, nie wieder!“

„Was das immer für eine Wirthschaftseinrichtung sein mag,“ sagte Miß
Proß, indem sie versuchte sich zu fassen, „so bezweifle ich nicht, daß
es das Beste ist, Sie überlassen es ganz und gar Mrs. Crunchers eignem
Belieben -- ach meine gute Herrschaft!“

„Ich gehe soweit zu sagen,“ fuhr Mr. Cruncher mit einer beunruhigenden
Neigung, wie von einer Kanzel herunter zu predigen, fort -- „und merken
Sie sich meine Worte und überbringen Sie dieselben der Mrs. Cruncher
-- ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß meine Meinung von dem Rutschen
sich verändert hat, und daß ich nur von ganzem Herzen hoffe, Mrs.
Cruncher rutschte zur gegenwärtigen Zeit.“

„Gewiß, gewiß! ich hoffe sie thut es, mein Guter,“ rief Miß Proß ganz
außer sich, „und ich hoffe, es entspricht allen ihren Erwartungen.“

„Verhüte der Himmel“ fuhr Mr. Cruncher mit vermehrter Feierlichkeit
und Langsamkeit und verstärkter Neigung zu predigen fort, „verhüte
der Himmel, daß Etwas, was ich jemals gesagt oder gethan habe, den
angelegentlichen Wünschen entgolten wird, die ich jetzt für meine
gute Herrschaft habe! Verhüte es der Himmel, wenn wir auch nicht alle
rutschen, um sie aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten! Verhüte es
der Himmel, Miß! Verhüte es der Himmel!“ Das war Mr. Crunchers Schluß,
nachdem er sich vergeblich einige Zeit besonnen hatte, einen bessern zu
finden.

Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen
verfolgend, näher und näher.

„Wenn wir jemals in unsere Heimath zurückkehren,“ sagte Miß Proß,
„so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher alles
mittheile, was ich von dem, was Sie so eindringlich gesagt haben, mir
erinnern kann und verstanden habe; und jedenfalls können Sie überzeugt
sein, daß ich bezeuge, wie ernstlich Sie es in dieser schrecklichen
Zeit gemeint haben. Aber jetzt lassen Sie uns überlegen! Mein
geschätzter Mr. Cruncher, lassen Sie uns überlegen!“

Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen
verfolgend, näher und näher.

„Wenn Sie vorausgingen,“ sagte Miß Proß, „und ließen die Pferde und den
Wagen nicht hierher kommen, sondern wo anders auf mich warten, wäre Das
nicht das Beste?“

Mr. Cruncher meinte, es könne das Beste sein.

„Wo könnten Sie auf mich warten?“ fragte Miß Proß.

Mr. Cruncher war so verwirrt, daß er auf keine andere Oertlichkeit
kommen konnte, als auf das Temple-Thor. Ach, Temple-Thor war 100 Meilen
weit und Madame Defarge war schon sehr nahe.

„An der Thür der großen Kirche,“ sagte Miß Proß. „Wäre es viel aus
dem Wege, wenn ich an der Thür der großen Kirche, zwischen den beiden
Thürmen, einstiege?“

„Nein, Miß“, gab Mr. Cruncher zur Antwort.

„Dann seien Sie ein guter Mensch“ erwiederte Miß Proß, „und gehen
geraden Weges nach dem Posthaus und bestellen es so.“

„Ich möchte Sie nicht gerne verlassen, sehen Sie,“ sagte Mr. Cruncher
zögernd und den Kopf schüttelnd. „Man weiß nicht, was geschehen kann.“

„Der Himmel weiß, daß wir es nicht wissen,“ entgegnete Miß Proß,
„aber haben Sie meinetwegen keine Furcht. Warten Sie auf mich an der
großen Kirche um 3 Uhr und es ist jedenfalls besser, als wenn wir hier
einsteigen. Ich bin fest überzeugt davon. Der Himmel segne Sie, Mr.
Cruncher! Denken Sie nicht an mich, sondern an die Menschenleben, die
von uns beiden abhängen können!“

Dieser Schluß und daß Miß Proß ihm beide Hände in schmerzlichsten
Flehen entgegenstreckte, entschied Mr. Cruncher. Mit einem
ermuthigendem Kopfnicken ging er auf der Stelle fort um den Wagen
an den bezeichneten Ort zu bestellen, und überließ es ihr auf die
verabredete Weise zu folgen.

Eine Vorsichtsmaßregel vorgeschlagen zu haben, die bereits in
der Ausführung begriffen, war ein großer Trost für Miß Proß. Die
Nothwendigkeit ihr Aeußeres so einzurichten, daß ihre Aufregung keine
besondere Aufmerksamkeit auf der Straße auf sich zog, war eine andere
Erleichterung. Sie sah nach der Uhr und es war zwanzig Minuten über 2
Uhr. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, und mußte sich gleich fertig
machen.

In ihrer großen Aufregung, von Furcht erfüllt durch die Einsamkeit
der verlassenen Zimmer und der halbeingebildeten Gesichter, die
hinter jeder offenen Thür hervor hereinblickten, holte Miß Proß ein
Waschbecken voll kaltes Wasser und fing an sich die Augen zu waschen,
die ganz dick und roth waren. Von ihren fieberhaften Befürchtungen
gequält, konnte sie es kaum ertragen, wegen des herunterfließenden
Wassers ein oder zwei Minuten lang nicht sehen zu können, sondern hielt
fortwährend inne und sah sich um, ob sie Niemand beobachte. In einer
dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie laut auf; denn sie
sah eine Gestalt im Zimmer stehen.

Das Waschbecken fiel zerbrochen zur Erde und das Wasser floß auf Madame
Defarge zu. Auf merkwürdigen, rauhen Wegen und durch viel vergossenes
Blut waren diese Füße diesem Wasser entgegen gekommen.

Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: „wo ist die Gattin
Evrémondes?“

Es fiel Miß Proß ein, daß die Thüren sämmtlich offen standen und durch
ihr Offenstehen die Flucht verrathen könnten. Ihr Erstes war, sie
zuzumachen. Es waren ihrer vier im Zimmer und sie machte sie alle zu.
Dann stellte sie sich vor die Thür des Gemachs, welches Lucie bewohnt
hatte.

Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr während dieser raschen
Bewegung, und hefteten sich auf sie, als sie fertig war. Miß Proß
war nichts weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes,
eckiges Wesen nicht gemildert; aber sie war in ihrer Weise auch eine
entschlossene Frau, und sie maß Madame Defarge mit ihren Augen vom Kopf
bis zu den Füßen.

„Dem Aussehen nach könntest Du Lucifers Frau sein,“ sagte Miß Proß,
während sie verschnaufte. „Dennoch sollst Du mich nicht bewältigen. Ich
bin eine Engländerin.“

Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit einer Ahnung
von demselben Gefühle, daß Miß Proß erfüllte: daß sie kampfbereit
gegenüber stand. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau
vor sich, wie Mr. Lorry vor vielen Jahren in derselben Gestalt ein Weib
mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miß Proß die
treuergebene Dienerin der Familie war; Miß Proß wußte recht gut, daß
Madame Defarge der tückische Feind der Familie war.

„Auf meinem Wege dorthin,“ sagte Madame Defarge, mit einer leichten
Handbewegung nach dem Hinrichtungsplatze, „wo sie mir meinen Stuhl und
mein Strickzeug aufheben, komme ich herauf, um ihr meine Aufwartung zu
machen. Ich wünsche sie zu sprechen.“

„Ich weiß, daß Du böse Absichten hast,“ sagte Miß Proß, „und Du kannst
Dich darauf verlassen, ich behaupte meinen Platz gegen Dich.“

Jede sprach in ihrer Sprache; keine verstand die andere; Beide waren
voll gespannter Aufmerksamkeit, um aus Blicken und Geberden zu
errathen, was die unverständlichen Worte sagten.

„Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich in diesem Augenblicke vor
mir versteckt,“ sagte Madame Defarge. „Gute Patrioten wissen, was Das
zu bedeuten hat. Ich muß sie sprechen. Sagt ihr, daß ich sie sprechen
will. Hört ihr?“

„Und wenn Deine Augen Schraubenschlüssel wären,“ erwiderte Miß Proß,
„und ich eine englische Bettstelle, so solltest Du nicht einen Splitter
von mir locker kriegen. Nein, Du bösartige, fremde Katze; ich kann es
mit Dir aufnehmen.“

Madame Defarge verstand natürlich nicht die Worte der anderen; aber sie
sah doch so viel, daß man ihr Trotz bot.

„Einfältiges Weib!“ sagte Madame Defarge mit Stirnrunzeln. „Ich
beruhige mich nicht bei einer Antwort von Dir. Ich muß sie sprechen.
Entweder sage ihr, daß ich sie sprechen will, oder tritt weg von der
Thür und laß mich hinein!“ Dies sagte sie mit einem zürnenden Wink
ihrer Hand, Platz zu machen.

„Ich hätte mir nicht gedacht,“ sagte Miß Proß, „daß ich jemals wünschen
sollte, Deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe Alles, was
ich besitze, außer den Kleidern, die ich auf dem Leibe habe, wenn ich
wüßte, ob Du die Wahrheit ahntest oder einen Theil davon.“

Keine ließ nur für einen einzigen Augenblick die andere aus den Augen.
Madame Defarge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt, wo sie
gestanden als Miß Proß sie zuerst gewahr geworden war; aber jetzt trat
sie einen Schritt näher.

„Ich bin eine Engländerin,“ sagte Miß Proß weiter, „ich bin desperat.
Ich kümmere mich kein englisches Zweipfennigstück um mich. Ich weiß,
je länger ich Dich hier fest halte, desto besser ist es für mein
Herzblättchen. Ich lasse Dir nicht eine Hand voll von Deinen schwarzen
Haaren auf dem Kopfe, wenn Du mich mit einem Finger anrührst.“

So sprach Miß Proß mit einem Kopfschütteln und einem Blitzen in ihren
Augen zwischen jedem raschen Satz, und jedem raschen Satz in einem
Athem. So sprach Miß Proß, die nie in ihrem Leben einen Schlag geführt
hatte.

Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht
zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den
Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha,
ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich
jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger
Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht
diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“

Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in
dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung,
unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge
zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und
blickte hinein.

„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt
allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter
Euch. Laßt mich hinein sehen!“

„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand,
wie Madame Defarge die Antwort.

„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können
verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.

„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht,
weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du
sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es
weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange
ich Dich halten kann.“

„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in
Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.

„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem
einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und
ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die
Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“
sprach Miß Proß.

Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des
Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und
hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge;
mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist
als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des
Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und
zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt
sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung
einer Ertrinkenden.

Bald hörten Madame Defarges Hände auf zu schlagen und fühlten
nach ihrem Gürtel. „Es ist unter meinem Arm,“ sagte Miß Proß mit
halberstickter Stimme, „Du sollst es nicht heraus kriegen. Ich bin
stärker als Du, Gott sei Dank. Ich halte Dich fest, bis einer von uns
Beiden in Ohnmacht fällt oder stirbt!“

Madame Defarges Hand war in ihrem Busen. Miß Proß blickte auf, sah was
es war, schlug darnach, schlug einen Blitz und einen Knall heraus und
stand allein -- blind vom Rauche.

Alles Dies dauerte nur eine Sekunde. Wie sich der Rauch verzog, eine
unheimliche Stille zurücklassend, schwand er hinaus in die Luft, wie
die Seele des wüthenden Weibes, dessen Körper leblos auf den Fußboden
lag.

In der ersten Angst und im ersten Schrecken ihrer Lage, ging Miß Proß
der Leiche im Vorbeigehen so weit als möglich aus dem Wege und lief die
Treppe hinab um unnütze Hülfe zu rufen. Zum Glück dachte sie an die
möglichen Folgen ihres Thuns Zeit genug, um sich anders zu besinnen und
wieder umzukehren. Es war schrecklich wieder in die Stube zu gehen;
aber sie ging hinein und wagte sich selbst in die Nähe der Leiche, um
ihren Hut und ihre anderen Sachen zu holen. Nachdem sie sich draußen
auf der Treppe angekleidet, schloß sie die Thür zu und nahm den
Schlüssel mit. Alsdann setzte sie sich ein paar Augenblicke auf die
obersten Stufen um Athem zu schöpfen und zu weinen, und dann stand sie
auf und eilte fort. Zum Glücke hatte sie einen Schleier an ihrem Hute,
oder sie hätte kaum über die Straße gehen können, ohne angehalten
zu werden. Ebenfalls zum Glücke war sie von Natur so eigenthümlich
in ihrer Erscheinung, daß Ungewöhnliches bei ihr weniger auffiel,
als bei anderen. Es war gut so; denn die Finger der Wüthenden hatten
ihr Gesicht zerkratzt, ihr Haar war zerzaust und ihre hastig und mit
aufgeregten Händen angelegten Kleider waren nach allerlei Richtungen
gezogen und gezerrt.

Als sie über die Brücke ging, warf sie den Schlüssel in den Fluß. Sie
kam einige Minuten vor ihrem Begleiter an der Kirchthüre an und mußte
dort warten. Ach, dachte sie, wenn man den Schlüssel in einem Netze
gefunden, wenn man ihn erkannt, wenn man die Thür geöffnet und die
Leiche entdeckt hätte, wenn ich am Thore angehalten, ins Gefängniß
geschickt und des Mordes angeklagt würde! Inmitten dieser aufregenden
Gedanken, erschien der Begleiter, nahm sie in den Wagen auf und fuhr
mit ihr fort.

„Ist Lärm auf der Straße?“ fragte sie.

„Der gewöhnliche Lärm,“ gab Mr. Cruncher zur Antwort und sah sie an,
erstaunt über die Frage und ihr Aussehen.

„Ich höre Sie nicht,“ sagte Miß Proß. „Was sagten Sie?“

Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher seine Antwort noch einmal. Miß Proß
konnte ihn nicht hören.

-- So will ich mit dem Kopf nicken, dachte Mr. Cruncher, jedenfalls
wird sie Das sehen. Und sie sah es.

„Ist jetzt Lärm auf der Straße?“ fragte Miß Proß noch einmal nach
kurzer Weile.

Wieder nickte Mr. Cruncher mit dem Kopfe.

„In einer Stunde taub geworden,“ sagte Mr. Cruncher nachdenklich und
mit sehr beunruhigtem Gemüth; „was ist ihr zugestoßen?“

„Mir ist“ sprach Miß Proß, „als wäre ein Blitz und ein Knall gewesen
und dieser Knall wäre das Letzte, was ich in meinem Leben hören würde.“

„Wenn Das nicht ein curioser Zustand ist,“ sagte Mr. Cruncher, mehr
und mehr verwundert. „Was mag sie nur zu sich genommen haben um ihren
Muth aufrecht zu erhalten? Hört! da kommen diese schrecklichen Karren
gerumpelt! Das können Sie doch hören, Miß?“

„Ich kann Nichts hören,“ sagte Miß Proß, die an der Bewegung seines
Mundes sah, daß er sprach, „ach guter Jerry, erst war ein großer
Krach und dann eine große Stille und diese Stille scheint fest und
unveränderlich zu sein, eine Stille, die nie wieder aufhören soll, so
lange mein Leben dauert.“

„Wenn sie nicht das Rumpeln dieser schrecklichen Karren hört, die jetzt
dem Ziele ihrer Reise sehr nahe sind,“ sagte Mr. Cruncher mit einem
Blicke über die Schulter, „so ist meine Meinung, daß sie wahrhaftig nie
wieder Etwas auf dieser Welt hören wird.“

Und wirklich war sie von dieser Zeit an taub.



Fünfzehntes Kapitel.

Die Schritte verhallen für immer.


Die Straßen von Paris entlang rumpeln die Todtenkarren hohl und
schwer. Sechs Karren führen den Wein des Tages der Guillotine zu. Alle
gierige und unersättliche Ungeheuer, welche die menschliche Phantasie
jemals ersonnen hat, sind in dieser einen Gestalt, Guillotine,
verschmolzen. Und doch giebt es in Frankreich, mit seiner reichen
Verschiedenartigkeit an Boden und Klima keinen Halm, kein Blatt,
keine Wurzel, keinen Zweig, kein Pfefferkorn, das unter natürlicheren
Bedingungen gereift wäre, als dieser Schrecken gereift ist. Zerdrücke
die Menschheit noch einmal unter ähnlichen Hämmern und sie wird von
selbst dieselben gequälten Gestalten und Formen anzunehmen suchen. Säet
dieselbe Saat habgieriger Ausschweifung und Tyrannei und sicherlich
wird sie wieder dieselbe Frucht nach ihrem Ursprung tragen.

Sechs Karren rumpeln durch die Straßen. Verwandle sie wieder zu
Dem, was sie waren, mächtige Zauberin Zeit, und sie werden sich
darstellen als die Karossen unumschränkter Monarchen, die Equipagen
von Feudalherren, die prächtigen Toiletten geschminkter Jesabels, die
Kirchen die nicht „meines Vaters Haus“ sind, sondern Diebeshöhlen,
die Hütten von Millionen halbverhungerten Bauern! Nein; die große
Zauberin, welche in erhabener Ruhe die vorbestimmte Ordnung des
Schöpfers ausarbeitet, verändert nie seine Gestaltungen. Wenn du durch
den Willen Gottes in diese Gestalt gewandelt worden, sagen die Seher
zu den Verzauberten in dem weisen, arabischen Mährchen, so bleibe so!
Aber wenn du diese Gestalt nur durch eine vorübergehende Beschwörung
empfangen hast, so nimm deine frühere wieder an! Unveränderlich und
hoffnungslos rumpeln die Karren vorüber.

Wie die Räder der sechs Karren sich umdrehen, scheinen sie eine lange
krumme Furche unter dem Volke in den Straßen zu ziehen. Raine von
Gesichtern werden zu beiden Seiten aufgeworfen und die Pflüge gehen
ruhig weiter. So gewöhnt sind die regelmäßigen Bewohner der Häuser
an das Schauspiel, daß in manchen Fenstern keine Leute stehen und
in anderen die Beschäftigung der Hände gar nicht unterbrochen wird,
während die Augen die Gesichter in den Karren betrachten. Hie und da
ist Besuch um das Schauspiel zu sehen; alsdann zeigt der Inwohner
des Zimmers fast mit der Selbstgefälligkeit des Directors einer
öffentlichen Anstalt, oder eines autorisirten Erklärers diesen Karren
und jenen Karren und scheint zu erzählen, wer gestern d’rin saß und wer
vorgestern.

Von denen in den Karren sehen einige diesen und allen anderen
Erscheinungen auf ihrer letzten Fahrt mit gleichgültig stierem Auge zu;
andere mit einem Rest von Theilnahme am menschlichen Treiben. Einige
lassen den Kopf in stummer Verzweiflung sinken; andere wieder sind so
auf ihr Aussehen bedacht, daß sie auf die Menge Blicke werfen, wie sie
in Theatern und auf Bildern gesehen haben. Mehrere machen die Augen zu
und denken, oder suchen ihre herumschweifenden Gedanken zusammen. Nur
Einer, ein elendes Geschöpf von halbverrücktem Aussehen, ist von Furcht
und Todesangst so gebrochen und berauscht, daß er singt und zu tanzen
versucht. Kein einziger von Allen wendet sich mit Blick oder Geberde an
das Mitleid des Volkes.

Eine Wache von einigen Reitern umgiebt die Karren und öfters sehen
Gesichter zu ihnen empor und erkundigen sich bei ihnen. Es scheint
immer dieselbe Frage zu sein; denn nach der Antwort drängt sich immer
das Volk um den dritten Karren. Die Reiter neben diesem Karren zeigen
mit ihrem Säbel häufig auf einen Mann. Alles will wissen wo er ist; er
steht hinten im Karren und sieht herab auf ein Mädchen, das neben ihm
sitzt und seine Hand hält und mit dem er spricht. Die übrige Umgebung
kümmert ihn nicht und er unterhält sich fortwährend mit dem Mädchen. In
der langen St. Honoré-Straße wird hie und da Geschrei gegen ihn laut.
Wenn er sich überhaupt davon bewegen läßt, so ist es blos zu einem
stillen Lächeln, wie er sein Haar ein wenig lockerer um sein Gesicht
schüttelt. Er kann sein Gesicht nicht berühren, denn die Hände sind ihm
gebunden.

Auf der Vortreppe einer Kirche steht, in Erwartung der Karren, der
Spion. Er blickt in den ersten: er ist nicht drin. Er blickt in den
zweiten: er ist nicht drin. Er fragt sich schon, hat er mich geopfert?
als sein Gesicht bei dem Erblicken des dritten Karrens sich aufhellt.

„Welches ist Evrémonde?“ fragt ein Mann hinter ihm.

„Der dort. Hinten im Karren.“

„Der seine Hand dem Mädchen gegeben hat?“

„Ja.“

Der Mann schreit: „Nieder mit Evrémonde! Unter die Guillotine alle
Aristokraten.“

„Nieder mit Evrémonde.“

„Still, still!“ bittet ihn der Spion schüchtern.

„Warum soll ich nicht, Bürger?“

„Er bezahlt seinen Einsatz; in fünf Minuten ist es vorbei. Laßt ihn in
Frieden fahren.“

Da aber der Mann fortfuhr zu schreien: „Nieder mit Evrémonde!“ wendet
sich ihm für einen Augenblick Evrémondes Gesicht zu. Jetzt sieht auch
Evrémonde den Spion, sieht ihn aufmerksam an und fährt vorüber.

Es ist gleich drei Uhr und die durch das Volk gepflügte Furche wendet
sich, um auf den Hinrichtungsplatz auszumünden. Die Raine, die zu
beiden Seiten aufgeworfen worden, fallen jetzt wieder zusammen und
schließen sich hinter dem letzten Pfluge, wie er vorbei ist, denn alle
folgen nach der Guillotine. Ihr gegenüber sitzen auf Stühlen, wie in
einem öffentlichen Garten, wo Concert ist, eine Anzahl Frauen, eifrig
mit Stricken beschäftigt. Auf einen der vordersten Stühle steht der
Racheengel und sieht sich nach der Freundin um.

„Therese!“ ruft sie in ihrer gellenden Stimme. „Wer hat sie gesehen?
Therese Defarge!“

„Sie hat noch nie gefehlt,“ sagt eine Strickschwester neben ihr.

„Nein; und sie wird auch heute nicht fehlen,“ sagt der Racheengel
ärgerlich. „Therese!“

„Lauter,“ empfiehlt die andere.

Ja! Lauter, Racheengel, viel lauter und dennoch wird sie dich
schwerlich hören. Noch lauter, Racheengel, vielleicht mit einem Fluche
verstärkt und doch wirst du sie kaum herbei schaffen. Schicke andere
Frauen aus um sie zu suchen, wo sie verweilt; und obgleich deine Boten
Schreckliches gethan haben, ist es doch fraglich, ob sie freiwillig
weit genug gehen werden, um sie zu finden.

„Wie ärgerlich!“ rief der Racheengel aus und stampfte mit dem Fuße;
„und da kommen die Karren! und Evrémonde wird in einem Nu hingerichtet
sein und sie ist nicht da! Hier habe ich ihr Strickzeug in der Hand und
ihr leerer Stuhl steht neben mir. Ich möchte vor Verdruß und Aerger
weinen!“

Wie der Racheengel von seiner Höhe herabsteigt, um Dies zu thun, fangen
die Karren an, sich ihrer Ladung zu entledigen. Die Priester der
heiligen Guillotine haben ihr Gewand angethan und stehen bereit. Krach!
-- ein Haupt wird in die Höhe gehalten und die Strickerinnen, die kaum
aufgeblickt haben um es vor einer Sekunde anzusehen, wo es noch denken
und sprechen konnte, zählen Eins.

Der zweite Karren entleert sich und fährt weiter; der dritte kommt
heran. Krach! -- und die Strickerinnen, die sich ihrer Arbeit nicht
stören lassen, zählen Zwei.

Der vermeintliche Evrémonde steigt aus und die Nähterin wird gleich
hinter ihm herabgehoben. Er hat beim Heraussteigen ihre geduldige Hand
nicht losgelassen, sondern hält sie immer noch, wie er versprochen hat.
Sanft wendet er sie so, daß sie der Maschine, die sich fortwährend
rasselnd auf und nieder bewegt, den Rücken zukehrt, und sie sieht ihm
dankend ins Gesicht.

„Ohne Euch, lieber Fremder, wäre ich nicht so gefaßt; denn ich bin von
Natur ein armes kleines Geschöpf von zaghaftem Herzen; noch wäre ich im
Stande gewesen meine Gedanken zu ihm zu erheben, der den Tod erlitten
hat, damit wir heute Hoffnung und Trost haben. Ich glaube der Himmel
hat Euch mir gesendet.“

„Oder auch mir,“ sagte Sydney Carton. „Wendet Eure Augen nicht von mir,
liebes Kind, und achtet auf weiter Nichts.“

„Ich achte auf Nichts, so lange ich Eure Hand halte. Ich werde auf
Nichts achten, wenn ich sie los lasse, wenn es schnell geht.“

„Es wird schnell gehen. Fürchtet Euch nicht.“

Die Beiden stehen in dem immer dünner werdenden Gedränge der Opfer,
aber sie sprechen als ob sie allein wären. Auge in Auge, Hand in Hand,
Herz an Herz, sind sich diese beiden Kinder der allgemeinen Mutter,
sonst so weit getrennt und so verschieden von einander, auf der dunkeln
Straße zum Tode begegnet, um mit einander nach der Heimath zu gehen und
an ihrem Busen zu ruhen.

„Edler und großmüthiger Freund, wollt Ihr mir eine letzte Frage
erlauben? Ich bin sehr unwissend und es beunruhigt mich -- ein klein
wenig.“

„Sagt mir was es ist.“

„Ich habe eine Base, meine einzige Verwandte und eine Waise, wie
ich, der ich sehr gut bin. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und sie
wohnt auf einem Pachtgute, unten im Süden. Armuth hat uns auseinander
gerissen und sie weiß nicht, was aus mir geworden ist -- denn ich
kann nicht schreiben -- und wenn ich’s könnte, wie sollte ich es ihr
mittheilen! es ist besser so, wie es ist.“

„Ja, ja; es ist besser so, wie es ist.“

„Was ich gedacht habe, wie wir hierher fuhren und was ich immer noch
denke, wie ich in Euer freundliches und doch muthiges Gesicht sehe, das
mich so aufrecht erhält, ist Folgendes: -- wenn die Republik wirklich
den Armen gut thut und sie weniger zu hungern brauchen, und sie in
jeder Weise weniger leiden, so kann sie lange leben; sie kann sogar zu
hohen Jahren kommen.“

„Was weiter, liebe Schwester?“

„Meint Ihr“ -- die Augen die so voll stiller Duldung gewesen, füllten
sich mit Thränen und die Lippen öffnen sich etwas weiter und zittern
ein wenig -- „meint Ihr, daß es mir lange vorkommen wird, während ich
auf sie in dem bessern Lande warte, wo, vertraue ich, Ihr und ich
barmherzige Aufnahme finden werden.“

„Es kann nicht sein, Kind; dort giebt es keine Zeit und keinen Kummer.“

„Ihr tröstet mich so sehr! ich bin so unwissend. Soll ich Euch jetzt
küssen? Ist der Augenblick da?“

„Ja.“

Sie küßt seinen Mund; er küßt sie; sie geben sich feierlich den Segen.
Die abgezehrte Hand zittert nicht, wie er sie los läßt; das stille
Gesicht trägt keinen andern Ausdruck als den lieblicher, hoffender
Standhaftigkeit. Sie geht ihm zunächst voraus -- ist hinüber; die
Strickerinnen zählen: Zweiundzwanzig.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubet, der wird
ewiglich leben, ob er auch stürbe; wer aber lebet und glaubet an mich,
der wird nimmermehr sterben.“

Das Murmeln vieler Stimmen, das Emporrecken vieler Gesichter, das
Drängen von den äußersten Rändern des Gewühls, so daß es in einer Masse
vorwärts wogt, wie eine große Meereswelle, sind alle wie ein Blitz
vorüber. Dreiundzwanzig.

                   *       *       *       *       *

Sie sagten von ihm in der Stadt an jenem Abend, daß es das friedlichste
Menschengesicht gewesen, das jemals dort erblickt worden. Manche
setzten hinzu, daß er erhaben und prophetisch ausgesehen.

Eines der bemerkenswerthesten Opfer desselben Beiles -- eine Frau --
hatte nicht lange vorher am Fuße desselben Schaffots um Erlaubniß
gebeten, die Gedanken, die sie erfüllten, niederschreiben zu dürfen.
Hätte er seine Gedanken aussprechen können, und sie waren prophetisch
-- so hätten sie so gelautet:

„Ich sehe Barsad und Cly, Defarge, den Racheengel, die Geschworenen,
die Richter, lange Reihen von neuen Tyrannen die nach der Vernichtung
der alten entstanden sind, durch dieses selbige vergeltende Instrument
untergehen, ehe diese Blutzeit vorüber ist. Ich sehe eine schöne Stadt
und ein glänzendes Volk aus diesem Abgrunde sich erheben, und in
seinen Kämpfen wahrhaft frei zu sein, in seinen Siegen und Niederlagen
durch eine lange, lange Reihe von Jahren, das Böse dieser Zeit und der
Vergangenheit, deren natürlicher Sprößling die Gegenwart ist, allmälich
Sühne für sich thun und verschwinden.

„Ich sehe die Menschenleben, für die ich mein Leben hingebe, in
friedlichem und segenspendendem Glücke in dem England, das ich nie
wieder sehen werde. Ich sehe ~sie~, mit einem Kinde an der Brust,
das meinen Namen trägt. Ich sehe ihren Vater, alt und gebeugt, aber
sonst wieder hergestellt und allen Menschen ein hülfreicher Arzt und
mit sich im Frieden. Ich sehe den guten Alten, ihren langjährigen
Freund, nach Ablauf von zehn Jahren ihnen sein ganzes Vermögen
vermachen und ruhig hinüber gehen zu seinem Lohne.

„Ich sehe, daß ich ein Heiligthum in ihren Herzen und in den Herzen
ihrer Nachkommen noch nach Menschenaltern inne habe. Ich sehe sie,
eine alte Matrone, mich bei der Wiederkehr dieses Tages beweinen. Ich
sehe sie und ihren Gatten nach vollendeter Laufbahn nebeneinander in
ihrer letzten irdischen Ruhestätte liegen, und ich weiß, daß keines der
beiden Herzen das andere mehr geehrt und heilig gehalten, als diese
beiden mich.

„Ich sehe das Kind, das an ihrer Brust lag und meinen Namen trug,
zum Manne werden, und sich glücklich auf der Lebenslaufbahn vorwärts
arbeiten, die einst die meinige war. Ich sehe ihn so siegreich am Ziele
stehen, daß mein Name durch den Glanz des seinigen berühmt wird. Ich
sehe die Flecken, die ich darauf brachte, verschwinden. Ich sehe ihn,
als den ersten unter gerechten Richtern und geehrten Männern, einen
Knaben meines Namens mit einer Stirn die ich kenne und goldenem Haar an
diese Stelle führen -- die dann freundlich aussehen wird und frei von
jedem entstellenden Flecken dieses Tages -- und ich höre ihn, wie er
dem Kinde mit weicher und zitternder Stimme meine Geschichte erzählt.

„Was ich thue ist etwas viel, viel Besseres, als ich jemals gethan; die
Ruhe zu der ich eingehe ist viel seliger, als ich sie jemals gekannt
habe.“


                             ~Ende.~


          Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.



            Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.


                              Die Liebe.

                                  Von

                              J. Michelet

                 Mitglied der französischen Akademie.

             Deutsche, vom Verfasser autorisirte Ausgabe,

                             übersetzt von

                            F. Spielhagen.

                     Zweite durchgesehene Auflage.

Ein Werk des Auslandes, das, noch bevor es in einer deutschen
Uebersetzung erschien, die Federn unsrer Journalisten in so lebhafte
Bewegung versetzte, hier die wärmste Anerkennung fand, dort lebhaften
Widerspruch hervorrief, überall aber das größte Interesse erweckte
-- ein solches Werk muß wohl ein bedeutendes sein. Und das ist J.
Michelet’s Buch über „die Liebe“ im eigentlichsten Sinne des Wortes,
bedeutend durch seinen Gegenstand, der die tiefsten Fragen der
Menschheit berührt, an denen Jedermann betheiligt ist, bedeutend durch
seinen Verfasser, der ein so altes Thema so neu behandeln konnte, daß
der größte der jetzigen Kritiker unter den Franzosen das Buch, „das
wahre Hohe Lied der Liebe“ nennt und gesteht, daß so noch Niemand
über diesen Gegenstand gesprochen habe. In gleich anerkennender Weise
spricht sich Gutzkow in den „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ über
das Werk aus und das Londoner Athenäum sagt über dasselbe: „Die
Ehe in ihrem reinsten und christlichsten Sinne ist der Gegenstand
dieses Buches, das mit unendlicher und reizendster Zartheit und
Feinheit lehrt, wie man sich ein glückliches Haus schaffen, wie man
den Honigmond verlängern, wie man Hand in Hand den Berg des Lebens
hinaufgehen und das Thal desselben hinabsteigen kann. Voll von
vortrefflichen und beseligenden Gedanken, glänzend und oft tiefsinnig
wie es ist, sucht es die Heiligkeit der natürlichen Triebe wieder
herzustellen und die Liebe in ihrer Reinheit und Treue zur Religion des
Herzens zu erheben“. Aber lassen wir den Verfasser mit seinen eignen
Worten den erhabenen Standpunkt angeben, von dem aus er das weite Feld
überblickte, das zu bearbeiten er vor Allen berufen war.

„Der ausführliche Titel dieses Buches, der seinen Zweck, Sinn und seine
Bedeutung vollständig ausdrückte, wäre: ~Die moralische Befreiung
durch die wahre Liebe.~ Diese Frage der Liebe gährt gewaltig
und dunkel unter den Tiefen des menschlichen Lebens. Sie trägt die
Grundfesten selbst, auf denen das Leben ruht. Die Familie stützt sich
auf die Liebe, und die Gesellschaft auf die Familie. So ist denn die
Liebe die erste unter ihnen. Wie die Sitten, so der Staat. Die Freiheit
wäre ein leerer Schall, wenn der Bürger Sclavensitten bewahrte. Wir
suchten hier ein Ideal, aber ein solches, das sich heute realisiren
kann, nicht eins, das man für eine bessere Gesellschaft aufsparen
müßte. ~Es ist die Reform der Liebe, die den andern Reformen
vorausgehen muß, und sie überhaupt erst möglich macht.~“


Um den überreichen Inhalt des Buches einigermaßen überschauen zu
können, wird es genügen, die Ueberschriften der Kapitel zu geben.


Von der Schaffung der Geliebten.

Von der Frau. -- Die Frau ist eine Kranke. -- Die Frau darf nur wenig
arbeiten. -- Der Mann muß für Zwei verdienen. -- Wie soll die Braut
sein? -- Soll man eine Französin heirathen? -- Die Frau will die
Stetigkeit und Vertiefung der Liebe. -- Du mußt deine Frau schaffen. --
Was bin ich, um das zu vermögen?


Einweihung und Vereinigung.

Die Ehe. -- Die Hochzeit. -- Das Erwachen. -- Die junge Hausfrau. --
Ihr dürft den Kreis der Häuslichkeit nicht zu groß ziehen. -- Der
Tisch. -- Die Bedienung. -- Diätetik. -- Von der intellectuellen
Befruchtung. -- Von der moralischen Zeitigung.


Von der Fleischwerdung der Liebe.

Empfängniß. -- Die Schwangerschaft und der Stand der Gnade. -- Der
Nebenbuhler. -- Entbindung. -- Wochenbett und erster Ausgang.


Von dem Hinschwinden der Liebe.

Das Kind vereinigt und trennt. -- Die Liebe zur Abwechselung. --
Trennung der jungen Mutter von ihrem Sohne. -- Die große Welt draußen.
-- Ist der Werth des Mannes gesunken? -- Die Fliege und die Spinne. --
Die Versuchung. -- Eine Rose als Gewissensrath. -- Heilung der Seele.
-- Heilung des Körpers.


Die Verjüngung der Liebe.

Zweite Jugend der Frau. -- Die gute Circe. -- Sie verfeinert den Geist
und facht die Flamme der Begeisterung wieder an. -- Es giebt keine
alten Frauen. -- Was der Herbst nimmt und bringt. -- Ist die Einigkeit
erreicht? -- Der Tod und die Trauer. -- Die Liebe über das Grab hinaus.


☞ Die deutsche Ausgabe von Michelet’s Werk über die Liebe in eleganter
Ausstattung ist durch jede Buchhandlung zum Preis von 1 Thlr. zu
beziehen.


                         Leipzig, J. J. Weber.


               Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).



                         Literarische Anzeige.


Im Verlage des Unterzeichneten ist erschienen und durch alle
Buchhandlungen zu beziehen:


                                Aus dem
                         Leben eines Musikers.

                                  Von

                              J. C. Lobe.

Der Bildungsgang des als Virtuos, Componist, Theoretiker und
ästhetischer Schriftsteller bekannten Professors Lobe, der in
allen genannten Fächern fast ein reiner Autodidakt ist, war ein so
eigenthümlicher und in vieler Beziehung belehrender, daß ausübende
Musiker und Musikfreunde seiner Künstlerlaufbahn mit Theilnahme
folgen werden. Musiker, die mehr oder weniger auf Selbstbildung
angewiesen sind, giebt es viele, aber wenige darunter haben Muth und
Beharrlichkeit genug, die Mittel aufsuchen und gebrauchen zu lernen,
welche die entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen vermögen.
Es ist mit der Zweck des Verfassers, durch das Beispiel seines
Lebens die Talente gegen ihre eigene Schwäche und gegen feindliche
Verhältnisse zu stählen. Außerdem bringt das Buch Erinnerungen aus
Weimar, dem Geburtsort des Verfassers, die ein allgemeineres Interesse
beanspruchen dürfen. Und so hoffen wir, daß die Gabe, unterhaltend
und belehrend zugleich, den Beifall der Musikfreunde in einem Grade
gewinnen möge, der uns ermuthigen kann, diesem ersten Bande einen
weitern folgen zu lassen.


Aus dem Inhaltsverzeichniß:

                                  I.

                  Mein erstes Auftreten als Virtuos.

                                  II.

            Meines ersten musikalischen Werkes Aufführung.

                                 III.

                           Meine erste Oper.

                                  IV.

                        Die Probe von Turandot.

                                  V.

                         Gespräch mit Hummel.

                                  VI.

                    Gespräch mit Goethe und Zelter.

                        1. Gespräch mit Goethe.

                        2. Gespräch mit Zelter.

                        3. Gespräch mit Goethe.

                                 VII.

                            Eine Philippka.

                                 VIII.

              Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger.

                                  IX.

                   Osmins Lied in Mozarts Entführung
                            aus dem Serail.

                                  X.

                  Die Ouverture zu Mozarts Don Juan.

                                  XI.

                     Felix Mendelssohn-Bartholdy.

                                 XII.

                              Das Ideal.

                                 XIII.

                   Keine schlechten Operntexte mehr.

                                 XIV.

                Cousin, der französische Philosoph über
                                Musik.


                        Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.


            Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.


               Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).





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