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Title: Der Mensch der Zukunft
Author: Bölsche, Wilhelm
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Mensch der Zukunft" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original kursiver,
    gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im
    Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original
    fetter Text ist =so gekennzeichnet=.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



[Illustration]



Der Mensch der Zukunft



Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart


Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und
damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen
in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel
glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher
Literatur zu erreichen mittels des

        =Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde

        Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;

ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
erscheinen im Vereinsjahr 1915 (Änderungen vorbehalten):

    =Wilh. Bölsche, Der Mensch der Zukunft.=

      Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

    =Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der
      Naturgeschichte der Krebse.

      Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

    =Dr. Karl Weule, Urformen der Schrift.=

      Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.

Ferner sind vorgesehen Bände von =Dr. Herm. Dekker= und =Arno Marx=.
Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide Verfasser im
Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige ersetzt werden,
worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet wird.

Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
=Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch
für die Jahre 1904/14 unter den gleichen günstigen Bedingungen),
entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen
Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)


Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.



    Der
    Mensch der Zukunft

    Von

    Wilhelm Bölsche

    Mit einem farbigen Umschlagbild
    und Zierleisten nach Zeichnungen
    von _Willy Planck_

    [Illustration]

    Stuttgart

    Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
    Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung

    1915



Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Für die Vereinigten Staaten von Nordamerika:

    ~Copyright 1915 by
    Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.~


    STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
    HOLZINGER & Co., STUTTGART



[Illustration]

1


Unsere frische und gesunde Augenblicksarbeit wird nicht unmittelbar
bestimmt durch Vermutungen über ganz ferne Dinge der Vergangenheit oder
Zukunft.

Zu jeder Kraft gehört wohl ein gewisser Glaube. Aber dieser Glaube
wurzelt in tieferen Erfahrungs- und Gefühlswerten als grübelndem
Vermuten. Wenn ein tapferes, kraftbewußtes Volk gegen ein Heer von
Gegnern um seinen Platz an der Sonne ringt, so vertraut es im Moment
auf sein Geschichtsrecht und seine Zukunftsaufgabe, und daran kann
ihm keine Theorie etwa über urälteste Herkunft seiner Rasse oder
entlegenste Endschicksale menschlicher Rassen überhaupt rütteln. Und so
ist es auch mit der Menschheit im Ganzen.

Jeder echte und einigermaßen tiefe Mensch in unserer Kultur, sei
er schlicht oder hoch, gelehrt oder bloß mit dem einfachsten
Bildungsanteil, -- er pflegt auf einer gewissen Reife seines Lebens
seinen _Menschheitsglauben_ zu haben. Er hat sein Teil Dinge erlebt,
gute und schlechte. Viel schlechtes, enges, beschränktes. Er hat
das Bruchstück erlebt, das in jedem kurzen Menschendasein inmitten
von so viel Nacht und Schwierigkeiten liegt. Er schwelgt nicht in
überflüssigem Schönfärben. Dennoch zieht er als Summe den Glauben, daß
neben der Nacht auch Licht ist; daß die Dinge nicht bloß im Trüben
stecken bleiben und das Gute sich auf die Dauer doch einigermaßen
durchsetzt, wenn auch in schwerer Arbeit und nicht als leichtes
Geschenk; daß es, mit einem Wort, trotz alledem vorwärts gehe. Ohne
diesen Glauben könnten wir nicht leben, -- wir können es aber, denn
er gestaltet sich eben als letzter Rückstand aller Erfahrungen immer
wieder in uns. Wenn wir durch das Volk gehen und die schlichtesten
Leute fragen oder bloß bei ihrem Handeln beobachten, Leute, die
eine gewisse Lebensarbeit ernst hinter sich haben und doch still
weiterschaffen, so stoßen wir überall auf diesen Glauben; unzählige
lebensgeprüfte Männer und Frauen haben nicht die Redegabe, ihm
Ausdruck zu verleihen, aber ihre Arbeit ist ihr Ausdruck, und auf dem
vertrauenden Geiste dieser Stillen ruht unsere edelste Volkskraft.
Zu diesem Glauben gehört aber auch etwas, das über das Bruchstück
des Einzellebens hinausgreift. Es gehört der besondere Glaube noch
dazu an etwas weiteres, dauernderes, -- Kinder, Nachkommende, Volk,
Kultur, zuletzt Menschheit; der Glaube, daß auch da etwas weiter
sich durchsetze irgendwie von Nacht zu Licht, ein Aufstieg, eine
Fortentwickelung, ein Besserwerden.

Man verlangt auch da nichts Überschwengliches, verlangt nicht morgen
das Paradies; aber doch etwas, das unserer harten Arbeit mit ihren
ungezählten Entsagungen noch einen weiteren Sinn gibt. Auch diesen
weiteren Blick haben wir nötig, und auch er hat in seiner Weise etwas
Felsenfestes, an dem uns nichts rütteln kann. Auf diesen ganzen
stillen Zuversichten baut sich unser _praktischer Idealismus_ auf,
den man so bescheiden ausdrücken mag, wie man will, so bleibt er doch
zuletzt der Herzschlag unseres ganzen geistigen Lebens im einzelnen
wie in der Öffentlichkeit. Und diesen Idealismus, soweit er auch an
einen Fortgang oder Fortschritt oder, was dasselbe ist, an einen Sinn
der Menschheit glaubt, können, meine ich, weder Untersuchungen und
Vermutungen über das fernste natürliche Werden dieser Menschheit in
der Vergangenheit noch über ihr vielleicht schließliches Schicksal in
der Zukunft unmittelbar berühren. Dieser praktische Idealismus hat
sich für die entlegenste Vergangenheit lange vertragen mit der Idee,
daß die Menschheit zu Anfang der Dinge in einem lichten Sonnengarten
schon einmal im ganzen Glück gewesen sei und daß sie dann erst durch
ein Verhängnis auf diesen langen, langsamen Arbeitsweg erst wieder von
Nacht zu Licht gebracht worden sei; er hat sich damit vertragen, weil
auch so doch der praktische Weg durch Nacht zu Licht für ihn blieb und
die sittliche Tat eine Fortschrittstat darin blieb, einerlei, wie es
nun zu Anfang gewesen war. Er verträgt sich aber meines Erachtens auch
damit, wenn heute der Naturforscher ihm zu zeigen versucht, daß dieses
langsame Heraufringen und Herauftasten wahrscheinlich noch viel weiter
gegangen ist; daß der Mensch selber erst eine Stufe darin war, die in
mühsamer Entwickelung erkämpft werden mußte und hinter der schon eine
lange, lange Kette natürlicher Werdegestalten noch unterhalb seiner
Bildung heraufkam. Am Trost _seiner_ Arbeit kann es ihm wohl kaum
rütteln, daß diese Arbeit noch viel tiefer begonnen hat in der Natur,
noch viel mehr überwinden mußte und doch zu dem immerhin gekommen ist,
was wir heute haben. Im übrigen würde er aber auch auskommen, vertrauen
und seine Arbeit tun, wenn er von all diesen entlegenen Dingen nichts
wüßte.

Und so und nicht anders steht es mit ihm auch bei der Zukunft der
Menschheit. Es genügt ihm, daß sie zunächst vor dem einzelnen weiter
dahinflutet, aller Art zäher Lichtarbeit in ihrem Dunkel auch weiter
voll. Zu gewissen Zeiten hat dieser praktische Idealismus seine
Arbeit getan und seinen Menschenglauben und Menschheitsglauben
und Lichtglauben bewährt, obwohl er hörte, es wären dem
Wiederaufwärtsringen der Welt nur noch tausend Jahre angesetzt. Man
weiß, wie die früheren christlichen Jahrhunderte unter diesem Druck
gestanden haben. Als die Tausend aber um war und die Welt doch noch
stand ohne Termin, hat der schlichte Tatidealismus einfach rüstig
weiter geschafft, auch damit. Und er würde schaffen, wenn ihm heute
wieder mit zwingendem Schluß bewiesen werden sollte, daß auch die
natürlich gewordene Menschheit nach natürlichem Gesetz in Billionen
oder wieviel Jahren wieder in den tieferen Schoß der Natürlichkeit und
Naturarbeit irgendwie zurückgenommen werden müßte. Wir haben ihn uns
doch errungen aus dem kleinen Bruchstück unseres armen Menschenlebens,
-- aus dem winzigen Zuge zum Licht, der in diese Armut hineinbrannte.
Wir haben dieses kleine Menschenleben dann angeschlossen an die Arbeit
der Menschheit als ein Größeres. Nun, ist auch diese Menschheit zuletzt
nur ein Bruchstück, so werden wir den Glauben nicht verlieren. Auch sie
ist dann nur wieder ein Symbol gewesen eines wohl noch Umfassenderen,
das wir vielleicht im kosmischen Zusammenhang ahnen, wenn zu dieser
Menschenerde heute der nächtliche Sternenhimmel mit seinen tausend und
tausend Weltenaugen herniederbrennt, -- der aber vielleicht selber auch
nur noch ein Gleichnis des ganz Unbeschreiblichen ist.

Inzwischen tun wir aber auch wieder unsere Arbeit durch die Jahre, wie
viele es sein sollen, -- immer im nächsten Ziel zum Licht, ob so, ob so.

Wie mancher von uns hat grade in diesen schweren Zeiten wieder das
Gewaltige an sich selbst erfahren, das darin liegt: Hier stehe ich,
ich kann nicht anders; ich frage nicht, ich schaue nicht nach rechts,
noch links; ich tue meine Pflicht; mag die Welt zerbrechen; ich tue
meine Pflicht. Das ist es, was auch unser großer Dichter meinte, als
er seinen Faust, der in ruhelosem Begehren die ganze Welt durchstürmt
hatte, zuletzt die Heiligkeit des Augenblicks erkennen ließ.

    »Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
    Das ist der Weisheit letzter Schluß:
    Nur der verdient die Freiheit wie das Leben,
    Der _täglich_ sie erobern muß.«



[Illustration]

2


Es ist wertvoll, das leichte Schifflein unserer Fahrt zum Menschen
der Zukunft zunächst von diesem sicheren Hafen ausgehen zu lassen.
Eine gewisse Gewähr gibt er, daß wir heimfinden um jeden Preis.
Inzwischen ist aber gewiß, daß, wenn wir uns schon auf die blaue oder
graue Weite dieses fernen Meeres hinauswagen sollen, heute _ein_ ganz
bestimmter Leuchtturm da draußen uns zunächst am besten leiten kann.
Vielerlei Utopien lassen sich ja auf schmuckem oder schwarzem Segel
dort hinaustreiben. Alle Weltanschauungen lassen sich einschiffen,
goldene wie gallige. Es gibt keinen technischen, keinen sozialen,
keinen ethischen Lieblingswunsch von heute, der nicht dort schon
verwirklicht gesehen worden ist, -- von den Träumen, daß alle Menschen
zu essen haben, bis zu den Menschen, die mit unendlich vervollkommneten
Apparaten Wellen auffangen, mit denen die Bewohner anderer Weltkörper
zu ihnen reden, oder die selber durch die Sterne reisen. Und es gibt
auch keine Angst, die sich nicht schon in einer kalten Nacht dort
begraben hätte. Alle diese Wege haben gewiß ihren Wert in ihrer Weise,
denn wie der praktische Idealismus, so hat auch die kühnste Phantasie
ihre gewaltige Bedeutung, die nur ein ganz Unkundiger verkennen mag.
Die Phantasie ist einst vor Kolumbus her auch über den wirklichen
Ozean gefahren, und es gibt keinen Wirklichkeitssieg, an dem sie nicht
irgendwie still vorschaffend und begeisternd beteiligt gewesen wäre.
Selbst wenn sie bange Bilder baut, ist sie ein strenger Zuchtmeister
gegen das allzu Bequeme, -- wenn sie aber ins Licht malt, was wir
vielleicht durch eigene Kraft noch mehr aus uns machen könnten, ist sie
ein heiliger Apostel der Tat zum Ideal. Das alles wohl in Ehren, wollen
wir aber so hohen Flug zunächst doch einmal nicht nehmen, -- wollen
vielmehr sozusagen etwas mehr von unten anfangen, statt von oben. Wir
wollen für unsere Zukunftsfrage nicht davon ausgehen, was etwa noch
einmal ganz Neues und Überraschendes aus dem Menschen werden könnte;
sondern wir wollen dabei beginnen, was er eigentlich heute _ist_, --
mit seines Schicksals Sternen in der Brust. Und hier erscheint ja eines
heute vorweg geklärt.

Seit rund fünfzig Jahren, wenn wir sie mit Darwin anfangen lassen
wollen, haben wir jetzt mindestens die große neue Weisheit und Wahrheit
in der Welt: daß der Mensch in natürlichem Wachsen und Werden aus
der Entwickelungsstufe der organischen Wesen, genauer der Tiere,
herausgekommen sei. Man kann den Gedanken auch deutsch und dann schon
vor etwas über hundert Jahren anknüpfen, denn damals war er bei uns
schon im stillen spruchreif; damals hatte der alte Kant die Idee einer
natürlichen Entwickelung in ihrer Anwendung auch auf lebendige Wesen
(von Sternsystemen hatte er sie selber gelehrt) als ein »gewagtes
Abenteuer der Vernunft« bezeichnet; eben dieses Abenteuer aber vermaß
sich kein Geringerer als Goethe ausdrücklich schon zu bestehen, wobei
die Nutzanwendung auch auf den Menschen nur eine unvermeidliche
Folgerung sein konnte. Jedenfalls aber ist heute über den Beweis der
großen Sache im Ganzen naturwissenschaftlich kein Zweifel mehr. Man
streitet sich mit gutem Recht noch über Methoden der Entwickelung,
nicht aber über sie selbst; und wenn man sie für Pflanzen und Tiere
zugibt, kann man den Menschen nicht wohl ausschließen, seit schon der
alte fromme Linné schlicht der Wahrheit die Ehre gegeben hatte, daß das
Menschenwesen naturgeschichtlich eine Säugetierart sei. Zuletzt ist
noch Hader über das Wörtchen »natürlich«, von dem viele noch meinen,
es schließe ihr tiefer vertrautes »göttlich« aus; wozu aber auch eben
Goethe doch wohl schon das Entscheidende gesagt hat: daß, wer sein
Göttliches im rechten Sinn in allem suche, was da ist, es zuletzt
auch im Natürlichen finden müsse. Was immer wir über den Menschen der
Zukunft uns denken: mit dieser Grundtatsache also müssen wir heute
rechnen, von ihr müssen wir ausgehen. Nun aber _mit_ ihr müssen wir uns
doch noch ein Zweites klar vor Augen stellen, das mancher nicht so
deutlich heute zu sehen pflegt, grade wenn er das andere noch so fest
unter seine Überzeugungen aufgenommen hat.

Man sagt sich wohl: seit Kopernikus uns gezeigt hat, daß unsere Erde
nicht die Achse des Weltenrades ist, sondern als Stern zwischen Sternen
geht, und seit wir durch Darwin wissen, daß der Mensch einst vom Tier
gekommen ist, -- so mag uns nun diese Erde recht nur ein gleichgültiges
Stäubchen sein und der Mensch eine beliebige belanglose Tierart neben
anderen. Mancher hat geglaubt, das in möglichst herabsetzender Form
als eine Art stiller Entsagung in sein Weltbild aufnehmen zu müssen.
Richtig aber ist es deswegen nicht. Wenn es richtig wäre, hätte ja auch
unsere ganze Zukunftsbetrachtung, die Betrachtung der Zukunft von etwas
so Gleichgültigem, von Anfang an wenig Zweck.

In Wahrheit ist diese Erde -- selbst wenn wir den Naturforscher einmal
bloß als prüfendes Auge auf ihr gelten lassen und vergessen wollen,
daß er doch selber auch zu Erde und Menschheit mit Heimatsgefühl
gehört, -- in Wahrheit ist sie das große Beispiel für uns, an dem wir
die wunderbare überbietende Naturstufe des _Lebens_ kennen lernen,
diese höhere Stufe, die alles bis dahin von der Natur Geleistete und
Sichtbare noch einmal weit hinter sich läßt. Mögen wir annehmen, daß
auch dieses Leben seine Wurzel zuletzt in dem allgemeinen tieferen
Untergrund der Natur habe. Mögen wir ahnen, daß auch diese Lebensstufe
eine kosmische Stufe der Entwickelung sei, die auch sonst tausend- und
tausendfach im All erreicht wird nach gleichem Gesetz. So ändert das
doch nichts an der Gewalt und dem Reichtum des großen Lebensvorgangs
selber und ändert auch nichts daran, daß es für uns eben die Erde ist,
die ihn uns offenbart. Wenn auch der Mensch tatsächlich nichts anderes
wäre, als bloß ein Teil dieses Lebens auf Erden, dieser Lebensstufe der
Natur, so wäre es schon ein Großes auch um ihn, denn nicht auszusagen
sind die Leistungen und Geheimnisse, die uns diese Welt des Lebendigen
alle Tage noch neu bietet, je tiefer wir mit unserer Forschung in
sie einzudringen suchen. Wie in ganze neue Sternsysteme, bloß von
noch höherer Ordnung und Einheit, schauen wir hinein selbst in die
kleinsten Teilchen des vom Leben erfüllten Stoffs, in die einfache
Zelle mit ihrem Wunderbau, in die verwickelten Staaten dieser Zellen,
in all ihre geheimen Selbstregulierungen und unendlichen Gestaltungs-,
Umgestaltungs- und Anpassungsmöglichkeiten, -- gewiß, daß wir überall
erst bei den Anfängen einer wahren Einsicht in diese belebten Systeme
stehen, die den ungeheuren Ball unserer Erde nur wie ein zarter Duft
seiner Oberfläche überziehen, beständig zu zerfließen, zu vergehen
scheinen und sich doch ebenso beständig wieder herstellen, seit so viel
Jahrmillionen im ewigen Fluß und doch unzerstört, in unendliche Formen
zerspalten, Individuen geteilt und doch auch wieder in ihren Gesetzen
ein einheitliches Wesen, das von grauen Urtagen sich heraufringt und in
allem Wechsel behauptete bis heute.

Nun aber ist die weitere Wahrheit, daß der Mensch, wie er uns
gegenwärtig vor Augen steht auf der Erde und wie wir selber aus seinen
hellen Augen heraus schauen, keineswegs bloß eine beliebige Probe und
Dutzendarbeit wieder dieses Lebens ist. Auch er ist vielmehr innerhalb
und jenseits der Entfaltung des irdischen Lebensbeispiels noch einmal
ersichtlich eine ganz besondere neue Stufe der Naturmöglichkeit
im steigernden Sinne, -- entsprungen aus der tieferen allgemeinen
Lebensschicht nach natürlichem Gesetz (daran halten wir ja auf alle
Fälle fest), aber in einer ganzen Reihe wesentlichster Punkte nochmals
über alles weit hinausgewachsen, was selbst das vollkommenste Leben vor
ihm zusammengenommen geleistet.

Deutlich sehen wir ja noch (und das Sehen nach dieser Seite war eben
die große Errungenschaft der Darwinschen Schule), wie der Mensch
auf der einen Seite noch immer in den Linien dieser niedrigeren
Lebensleistung hängt. Auch sein Leib baut sich auf aus jener
rätselreichen Systemeinheit des ursprünglichen Lebens, der Zelle. Wenn
auch er nach dem alten Lebensgesetz seinen Körper individuell immer
wieder neu aufbaut, gleichsam immer wieder an früherer Flamme zu neuer
anzündet (das Bild hat eine tiefere Bedeutung, denn in der Tat hat
das Leben zur sich selber verzehrenden und wieder ersetzenden Flamme
einen geheimnisvollen Bezug), so geht er dabei von einer zeugenden
Einzelzelle durch Teilung zur Vielheit, deutlich so beweisend, daß auch
in ihm der uralte Weg steckt von der bakterisch einsamen Zelle zum
Zellenstaat. Ganz genau prägt sich in seinen einzelnen Organen dann ab,
durch wieviel Hauptstationen des großen Lebensweges auch er noch weiter
mitgegangen sein muß. Seine chemische Körperarbeit verrät, daß er einst
die Wende mitgemacht hat von der Pflanze zum Tier. Sein Magen zeigt,
daß er durch den allgemeinen Urgrundriß des höheren Tiers gegangen
ist, mit seiner Wirbelsäule, die das Rückenmark trägt und schützt,
muß er die Straße des Wirbeltiers berührt, mit seiner Lunge den Fisch
überwunden, mit seinem Warmblut und der Gebärmutter und Brust seines
Weibes die Station des Säugetiers durchschritten haben. An seiner Hand
haften noch die Züge des Kletterorgans, während sein Fuß fast wie
unfertig erstarrt erscheint auf der Stufe zwischen solchem Greiforgan
und der neuen eines aufrechten Ganges. Man glaubt den geschichtlichen
Moment noch ungefähr zu ahnen, wo er zuerst mit all diesen Merkmalen
äußerlich fertig dastand, -- noch in dem älteren, sehr warmen Teil
wohl der Tertiärzeit, nicht allzufern den letzten großen Gabelungen
des Säugetierstammbaums. Manche Kleinigkeit ist damals noch urtümlich
an ihm geblieben, wie sein Gebiß. Er beteiligte sich an einem Schwund
der Nase, doch lange nicht so weit wie die höchsten Affen. Mit Schwanz
und Spitzohr fiel gleichsam der Satyr noch von ihm ab, der Waldpan,
ohne daß er doch kleine Zeichen auch davon je ganz verloren hätte.
Rätselhaft verschwand ganz zuletzt noch sein Haarkleid, er wurde
wirklich nackt wie im Paradiese.

Alle diese Züge geben den unzweideutigen Anschluß nach _unten_, an
die große übrige Lebensschicht. Keiner aber würde noch darüber hinaus
führen. Auch die höchsten Wirbeltier- und Säugetierzüge geben nur
eben Züge eines einzelnen stark spezialisierten Astes im Stammbaum
der Tiere, der neben andern dort steht. Nichts tritt in Gegensatz zu
_allen_ Tieren bisher, allen andern Lebewesen überhaupt. Aber wir alle
wissen auch, daß der Mensch nicht erschöpft, nicht fertig beschrieben
ist mit diesen Zügen allein. Und die andere Seite beginnt bei dem uns
allen ebenso geläufigen Satz: der Mensch steht geistig turmhoch über
jedem Tier. Mit diesem Satz müssen wir uns aber noch einen Augenblick
beschäftigen, um ihm den ganz richtigen Sinn zu geben.

Es ist zunächst nicht so, daß etwa der Mensch bloß Geist hätte und
selbst die ihm nächsten Tiere nur geistlose Maschinen wären. Mit dieser
Auslegung ist vielfältig der außernatürliche Zusammenhang des Menschen
zu begründen versucht worden, es gibt aber immerhin auch Naturforscher,
die sie naturwissenschaftlich für möglich halten. Ich glaube aber,
daß sie kaum ernsthaft widerlegt zu werden braucht. Man kann sie
sich in der Studierstube aushecken, jeder praktische Tierkenner aber
wird über sie lächeln. Er weiß, daß eine Unmenge geistiger Regungen
-- Leidenschaften, Freude und Schmerz, die verschiedenartigsten
Gemütsbewegungen -- bei unsern Hunden, Pferden, Affen so vollkommen den
gleichen Ausdruck finden wie bei uns, daß jeder Zweifel voreingenommene
Künstelei bleibt. Wenn die Behauptung aufgestellt worden ist, der
Ausdruck sei beim Tier zwar der gleiche wie bei uns, wir hätten aber
keinen Anhalt dafür, daß auch dort wirklich Gefühle dahinterständen,
so tritt die Spitzfindigkeit wohl genügend hervor, um sich selbst zu
widerlegen.

Die allgemeinen Anzeichen für Empfindungsprinzipien gehen aber durch
die gesamte Welt des Lebens bis zu ihren Anfängen hinab, und auch in
jeder allereinfachsten Empfindung liegt schließlich im Kern bereits
das ganze Geistige, wie ja jede Empfindung auch schon ein einfaches
Bewußtsein voraussetzt, von dem etwas »empfunden« wird. Also in
diesem Sinne hat der Mensch zweifellos auch seinen Geistesodem schon
auf tiefster Urstufe mit eingeblasen bekommen, sofern es sich nur um
Geistiges überhaupt handelte.

Nun könnte man aber weiter meinen, der menschliche Geist stelle bloß
eine gewisse Spezialisierung und Häufung des tierischen Geistes dar.
Bekanntlich sehen wir bei gewissen Tieren selbst schon Geistesorgane,
Gehirne, auftreten, die auch dort auf ziemliche Häufung nach dieser
Seite schließen lassen, so bei Insekten und in anderer Gestalt bei
Wirbeltieren. Ein Affengehirn sieht einem Menschengehirn schon überaus
ähnlich, und wenn man diese beiden Gehirne bloß vergliche und sonst
vom Menschenwesen als Tat nichts wüßte, so würde man ja wohl raten,
daß dieses Geschöpf mit dem noch ein Teil größeren und verwickelteren
Gehirn wohl noch etwas mehr Geisteshäufung bewähren müßte, aber im
übrigen doch nur glatte Fortsetzung ohne Änderung wäre. Die wirkliche
»Tat« des menschlichen Gehirns aber erweist uns, daß auch das so nicht
richtig ist.

In das menschliche Gehirn ist zwar nicht etwas Übernatürliches
eingefahren, aber es hat ein ganz bestimmter _Systemwechsel_ darin
stattgefunden, den der einfache Begriff der Häufung nicht enthält. Das
ist kurz so zu verstehen.

Jeder von uns, der sich mit Tieren beschäftigt und sich im erwähnten
Sinne darüber verständigt hat, daß auch bei ihnen Geistesleben
vorhanden ist, kennt doch auch eines in diesem Geistesleben des Tieres.
Neben jenen unmittelbaren Empfindungsäußerungen, Leidenschaften,
Gemütsbewegungen gewahren wir eine Überfülle geistiger Betätigungen,
die wie allervorzüglichste Verstandesschlüsse aussehen, fabelhaft
glücklich das dem Tier nützlichste durchführen, dabei aber tatsächlich
vom betreffenden Tier weder gewählt noch erlernt werden, sondern ihm
bereits angeboren, als felsenfeste Richtlinien zwangsweise mitgegeben
sind. Es sind die allbekannten Triebe, Instinkte des Tiers. Jedes
Tiergehirn ist bereits bei der Geburt mehr oder minder stark über und
über beschrieben mit den festen Gleisen solcher Instinkte. Durch sie
schwimmt, um mit Weismanns gutem Wort ein Beispiel zu geben, »das
Entchen sofort auf dem Wasser, das eben aus dem Ei geschlüpfte Hähnchen
pickt nach Körnern, die auf dem Boden liegen, der Schmetterling, der
gerade erst aus der Puppe gekrochen ist, weiß sofort, nachdem seine
Flügel getrocknet und erhärtet sind, sie zum Fluge zu gebrauchen,
und die Raubwespe kennt ungelehrt ihr Opfer, eine Heuschrecke oder
ein anderes bestimmtes Insekt, weiß es zu überfallen, durch Stiche
zu lähmen und zweifelt dann keinen Augenblick, was sie ferner tun
muß; sie schleppt das Opfer in ihren Bau, bringt es dort in eine der
Zellen, die sie vorher schon für die künftige Brut hergerichtet hat,
legt ein winziges Ei darauf und deckelt dann die Zelle zu.« Der größte
und wesentlichste Teil der tierischen Geistesleistung wird durchaus
und nur von solchen Instinkten beherrscht, ist eingesperrt in ihren
Mechanismus, so daß man sie recht eigentlich als das grundlegende
geistige System aller Lebewesen unterhalb des Menschen bezeichnen kann.

Vielerlei Deutungen gibt es bekanntlich, wie dieses zweckmäßige
Instinktsystem, das als Intelligenzarbeit im Erfolg wirkt und doch
nicht Intelligenz des Einzelwesens ist, entstanden sein könnte. Es
sitzt wie eine geheimnisvolle Brille auf dem Tier, durch die es das
Rechte sieht und die es doch nicht selber machen kann, -- wer hat
sie also gemacht? Gottes Intelligenz, meinen die einen, hat sie
dem einfältigen Tier aufgesetzt. Andere haben doch immer wieder an
wenigstens ursprüngliche Intelligenz, Lernen und Gewohnheit der
betreffenden Tierart gedacht, deren Erfolg allerdings nachher rein
automatisch vererbt worden wäre. Die Möglichkeit, daß sich Gewohnheiten
vererben könnten, ist wieder von Dritten bestritten, von noch andern
aber doch auch wieder verteidigt worden. Zu leugnen ist aber nicht,
daß der Zurückführung der verwickelten Instinkte besonders niederer
Wesen auf irgendeine entsprechende ursprüngliche Intelligenz dieser
Wesen selbst wirklich Unendliches im Wege zu stehen scheint. Und so
ist wohl die wenigstens gangbarste Naturforschermeinung von heute,
es möchte hier geistig hergegangen sein, wie bei der Entstehung so
vieler Schutzanpassungen und nützlichen Organe am Leibe der heutigen
Tiere, die sie sich doch auch nicht selber an den Leib gesetzt hätten
und doch heute von Geburt an mitbekämen: gewisse nützliche Triebe
seien immer einmal wieder zwischen anderen im Verfolg des großen
Hin- und Hervariierens aller Lebensdinge aufgetaucht, und die habe
dann die natürliche Auslese im Kampf ums Dasein nach dem Darwinschen
Zuchtwahlgesetz begünstigt, ausgelesen und endlich mehr und mehr fest
gemacht.

Mag die Ursache aber sein, wie sie will: jedenfalls herrscht dieses
eigenartige Instinktsystem heute auf der ganzen außermenschlichen
Lebensbreite. Seit undenklichen Zeiten hat es offenbar die Dinge dort
in seiner Weise glänzend getragen und sich zu immer höheren Leistungen
in seiner Linie gesteigert, -- man denke nur an seine schier fabelhafte
Vollendung im Stamm der Insekten, wo es fast alle Wunder einer Art
Kultur im kleinen vor Augen zaubert, -- Tiere, die riesige Staaten
bilden, in selbstgebauten Städten wohnen, eine unsagbar verwickelte
Staats- und Jugendpflege üben, in feste Kasten geteilt sind in ihrem
Volk, Ackerbau und Viehzucht treiben, und das alles doch unter dem
Zepter des Instinktsystems, das jeden Teilhaber vom ersten Moment
seines Lebens als festen Statisten lenkt. Immerhin wird man aber
auch die Schäden und Gefahren des Systems sehen. Je mehr es sich
durchgesetzt hat, desto mehr gibt es den Lebewesen überall auch geistig
etwas Erstarrtes, ein Einerlei mit unendlicher Zerspaltung, aber
keinem rasch möglichen Fortschrittsanschluß, es liegt, obwohl Geist
vorhanden ist, doch noch einmal wie eine ungeheure starre Maschine
über diesem Geist. Unsagbar umständlich wurde jede Umstellung dieser
Maschine, immer tiefer herabgedrückt das Einzelwesen, das doch von
der Zelle an die Naturentwickelung sorgsam sonst herausgearbeitet. Da
war es nun eben die Leistung des Menschenwesens, mit diesem System in
entscheidender Weise zu brechen. Abgewischt erscheint im Menschengehirn
die Gesetzestafel der Instinkte, -- auf dem leeren weißen Blatt aber
waltet als herrschend die freie Verstandeswahl des Intellekts, der
lernt, beobachtet, schließt und sich entscheidet.

Man muß ja auch dafür nicht eine Wurzel im Nichts suchen. Wer seine
Tiere beobachtet, der merkt ganz genau, sofern er nicht bloß
Papierweisheit hineinschaut, daß auch dort schon gewisse Spuren
wirklichen Intellekts neben allen starren Instinktgleisen hergehen,
er merkt gelegentliche Zeichen schon dort von gewissen individuellen
Verstandesschlüssen, von Wahl und Lernen. Aber das alles liegt doch
wie fast verschüttet, es geht eben nur auf dem winzigen Außenspielraum
hin, den der allmächtige Instinkt läßt. Das entscheidend Neue des
Menschen aber ist, daß das, was dort schon als gelegentlicher kleiner.
Handlanger nebenher läuft, hier durch einen vollkommenen umwälzenden
Systemwechsel auf den Thron erhoben wird. Man muß auch ebenso nicht
sagen: der menschliche Intellekt war nun absolut frei. Ganz frei ist
zuletzt in der Natur überhaupt nichts, denn das große Kausalgesetz,
in dem Himmel und Erde hängen, dieses wahre Schöpfungs-Urgesetz, ohne
das innerhalb des Alls kein Stäubchen fällt und kein Gedanke geht,
bestimmt natürlich auch die Verstandeswahl. Aber der große Gegensatz
von Verstandesherrschaft zu Instinktherrschaft bestand und besteht
tatsächlich in einem Gegensatz von Freiheit und Zwang. Der Instinkt
schrieb wahllos Gut und Schlecht vor. Der Intellekt sieht Gut und
Schlecht und wählt nach Verstandesschluß. Und in dieser Systemfrage
ist der Mensch auf der entscheidenden Wende seiner Entwickelung, man
kann wohl sagen im Augenblick der eigentlichen Menschwerdung, nach
dem System der Freiheit hinübergegangen. Darin hat der symbolische
Gedanke der biblischen Schöpfungsmythe durchaus recht: die Krisis des
Menschenschicksals -- mag man in ihr nun einen Schritt auf dem Wege
von Nacht zu Licht sehen oder den ersten Akt einer großen Tragödie, --
lag in diesem Augenblick der Freiheit, da Gut und Böse selbst gesehen
wurden.

Es ist ja im übrigen jedenfalls nicht bloß ein Augenblick gewesen, und
an der feineren Durchführung hat in gewissem Sinne offenbar noch die
ganze Kulturgeschichte bis heute gearbeitet. Die Wehen des Übergangs
werden auch nicht leicht gewesen sein. Von einem Gängelbande, das
bisher Gut und Schlecht wenigstens in einem gewissen grob praktischen
Sinne ohne Erörterung gegeben hatte, losgelöst, mußte das entschiedene
Intellektwesen jetzt erst bewähren, ob sein Intellekt stark sein
werde, dauernd auch zum Guten zu kommen. Die Qual der Wahl mußte sich
einstellen, die Möglichkeit des Irrtums eben wegen der Freiheit, die
Verlockung der »Sünde«, die in der Abweichung von dem allgemeinen
Nutzen für die Art bestand. Hier muß schon früh das schwerste Kapitel
der menschlichen Entwickelung durchgekämpft worden sein, von dem uns
alte Knochen, auch wenn wir ihrer noch so viele zuletzt finden mögen,
niemals etwas erzählen können, während im tiefsten Ideengehalt der
Menschheitsüberlieferung immer doch eine gewisse Erinnerung daran
geblieben ist, die dann symbolische Formen annahm. Vom Ausgang als
Gottesurteil aber mögen wir nachträglich sagen, daß der Intelligenzweg,
_wenn_ er die Kraft fand, sich einmal bis zu einer gewissen Höhe
über die Krisis des Systemwechsels im Übergang hinaus durchzusetzen,
im ferneren die unvergleichlichsten Fortschrittsmöglichkeiten mehr
eröffnen mußte über alles hinaus, was der Instinkt je hatte leisten
können. Wenn man darwinistisch auch hier von der Konkurrenz von
Varianten sprechen will, so war die Variante »freier Intellekt«
zweifellos, einmal bis zu gewisser Macht durchgekämpft, die allerbeste.
Das errungene Gute als Wahlbesitz ist, man mag sagen was man will,
ein ganz anderer Wert als das Gute als blinder Zwang, -- das erleben
wir noch heute als den Kern wirksamen Menschentums alle Tage, -- wir
erfahren es, wenn ein seiner Aufgabe frei bewußtes Heer gegen eine
Masse steht, die bloß die Knute treibt, und wir wissen, daß es die
Grundlage aller echten Erziehung ist. Dieses »Erwirb es, um es zu
besitzen« zieht die Persönlichkeit jedes einzelnen eben ganz anders
heran und hinauf, stellt ihre ureigenste Kraft und Leidenschaft jeden
Augenblick ganz anders mit ins Spiel. Auch das Tier hatte schon
Gemütserregung, Leidenschaft besessen, und in ihr blieb auch der
Mensch; aber sie schloß sich jetzt wie ein nährendes Feuer an die
Arbeitsenergie an, während sie im Instinkt zum größten Teil wertlos
nebenher flackerte. Und die Wahl konnte zugleich stets beweglich und
selbsttätig abändernd grade aus zum Besseren gehen, während jeder Zwang
zugleich eine Fessel ist, die am Fortschreiten hindert. Nehmen wir
wirklich einmal an, daß das Nützliche auch auf der ganzen Instinktlinie
bisher der langsamen natürlichen Zuchtwahl verdankt wurde, so nahm die
Intelligenz des Menschen das Nützlichere jetzt fortan _unmittelbar_
in Angriff. Das wirklich Ungeheure vollzog sich: -- daß ein Wesen die
Zuchtwahl ausschalten konnte und doch zum Nützlichen kam. Der Mensch
verkürzte den Weg ums Unendliche, ging mitten aufs Ziel. Was der
Intellekt stets seinem Wesen nach sein muß: zwecksetzend, -- das wurde
jetzt Angelpunkt des ganzen neuen Systems. Und mit dieser Wende war
jetzt wirklich etwas gegeben, das uns berechtigt, von einer _neuen_
Stufe über _alle_ bisher geleistete Lebensarbeit hinaus zu sprechen.
Denn hier handelte es sich nicht mehr um eine Eigenheit im Tier neben
Tieren. Hier war etwas durchgesetzt, das kein Tier, kein Lebewesen
überhaupt hatte. Einmal die Herrschaft des unmittelbar zwecksetzenden
Intellekts gegenüber dem starren angezüchteten Instinktsystem
durchgesetzt, ergaben sich notwendig die weiteren großen Folgen, die
nun wie eine ungeheure Mauer binnen kurzem zwischen allem Tierwesen
und Menschenwesen aufwuchsen, so riesengroß aufwuchsen, daß es viele
Jahrtausende gebraucht hat, ehe der Menschenintellekt selber wieder
begreifen konnte, daß auch das Menschenwesen vor seiner entscheidenden
Schicksalswende einmal hinter jener Mauer drüben gewesen war.

       *       *       *       *       *

Der nächste Schritt war der bekannte vom Organ zum Werkzeug. Auch hier
handelte es sich um einen grundlegenden Systemwechsel, allerdings
abhängig von dem andern. Wie geistig in das Netz seiner Instinkte, so
sehen wir körperlich das Lebewesen unterhalb des Menschen zu seinem
Schutz, seiner Angriffswaffe, seiner tausendfältigen Bestehung des
Lebenskampfes angeschlossen an das Prinzip des angewachsenen Schutz-
und Trutzorgans. Das Raubtier führt seine Waffe als Kralle und
Zahn, das Gürteltier seinen Panzer als solide Leibesverknöcherung,
das Schwimmtier hat seinen Körper in Bootsgestalt mit Ruder- und
Lenkflossen umgewandelt, der Vogel seinen Flügel zum Flug aus
Vorderbein und Federschuppe organisch gewonnen. Man weiß, wie weit
auch das gegangen ist, bis zu was für Wundern an Nützlichkeit es so
schon im Bereich der Pflanzen allenthalben gediehen ist. Seit je
hat man es bestaunt wie die Prachtleistung eines intelligentesten
Mechanikers, allerdings hineingearbeitet in lebendiges Zellgewebe, in
Fleisch und Bein. Nach Darwins Schule ist es aber wesentlich auch nur
das Ergebnis zwangsweiser allmählicher Naturzüchtung. Die Intelligenz
des Einzelwesens hat es nicht bewirkt. Jeder Wesensform von den
untersten an bis zum höchsten Tier sind ihre Schutz- und Nutzorgane
zwangsweise auf den Leib gezüchtet worden. Dabei hat eine unendliche
Zersplitterung stattgefunden. So und so viele Tierarten sind nur
dem Wasser, so viele der Luft angepaßt worden, das Raubtier ist nur
Raubtier, das Nagetier nur Nagetier, der hat den Huf und jener die
Kralle, der die Flosse, der den Flügel bekommen. Durchweg aber ist
keine weitgehende Vielseitigkeit, kein rascher Wechsel mehr möglich.
Schließlich sieht man doch auch hier überall auf gewisse erstarrende
und hemmende Grenzen des Organsystems über eine gewisse Vollendung
hinaus. Der Körper kann nur das eine oder andere Organ aufnehmen,
nicht alle zugleich. So zeigt sich als Ergebnis des Systems im Tier-,
Pflanzen- und Einzellerreich nicht _ein_ letztes Lebewesen, das
durch Besitz aller Organe allem bestmöglich gewachsen wäre, sondern
unzählige Teilformen beleben wie abgeschnittene Stücke selbsttätig
und vielfach miteinander in Zwist jede nur ihr eigenes Gebiet, das
Kraft: und Schutzbereich ihres Organausschnitts. Nicht _das_ Tier
bleibt zuletzt übrig als Herrscher im Lebensspielraum der Erde, sondern
fast eine halbe Million verschiedener Tierarten in ebensoviel starren
Einzelanpassungen ihrer Organe verteilen sich über die Fläche. Aber
ebenso begrenzt sich auch selber die Kraft des einzelnen Organs, da
es ewig von jedem Wesen am eigenen Leibe mit herumgeschleppt, ja bei
jeder Neuzeugung des jungen Geschöpfs ganz wieder neu herausgearbeitet
werden muß, eine unendliche Verengung und Verzögerung. Und nun auch
demgegenüber der Mensch.

Auch er kommt mit seinem Leibe aus der Organschöpfung heraus, auch er
mit einem gewissen noch einseitigen Organkörper, der z.B. einseitig
für das Land bestimmt ist, unter Wasser versagt, keine Flügel besitzt.
Ganz zuletzt hat er ja noch einige gewiß sehr bedeutsame eigene
Organfortschritte erlebt, wie den Umbau des Fußes für den aufrechten
Gang, des Kehlkopfs zur Sprache. Im übrigen aber ist er doch wohl
mindestens seit der älteren Diluvialzeit mit diesem seinem äußeren
Organleibe im wesentlichsten und bis auf kleine Spezialpunkte (wir
reden noch davon) bis heute starr so stehen geblieben, ohne daß sich
an seinen angewachsenen Hilfsorganen etwas verändert hätte, ohne
daß ihm etwa seither zur Erweiterung seines Erdgebiets Flügel oder
Flossen gewachsen wären. Die Phantasie hat ja nicht geruht, sich
Menschenleiber mit Flügeln und Flossen auszumalen, und noch heute gibt
es Menschenkinder, die meinen, die Zukunftsentwickelung des Menschen
läge bei solchem Rückpfuschen ins Vogel- oder Fischgebiet. Grade dabei
ist aber nicht gefaßt, was der Mensch eben auch wieder grundlegend
_anderes_ hier hinzu gebracht, -- wie er nämlich in der Zeit seit
damals auch die ganze Schutz- und Trutz- und Anpassungsfrage auf
ein ganz und gar _neues_ System für sich gebracht hat: nämlich eben
das des Werkzeugs. Tote, fremde, außerorganische Stoffe hat er sich
herangeholt, Stein, Holz, Metall und was weiter, und umgeschaffen,
sich zu Hilfen umgeschaffen für seine Zwecke; außen laufende Energien
hat er für sich zur Arbeit gezwungen. Wohl, einigermaßen tat das ja
das Leben immer auch in seiner Körperbildung und Organbildung von der
ersten Zelle an: es fraß sich gewissermaßen hinein in fremde Stoffe
und Energien, baute und trieb mit ihnen sein Wunderwerk des lebendigen
Zellenleibes und warf das Unbrauchbare immer wieder fort in die tote
Welt zurück. Der Mensch aber läßt die Stoffe wie Kräfte _draußen_ für
sich arbeiten, packt sie sich nicht innerlich auf, »organisiert« sie
bloß in einem bedingten Maße. Er schneidet mit dem Messer, anstatt mit
dem eigenen Zahn, schwimmt auf dem Schiff, taucht in der Taucherglocke
und fliegt im Ballon und Flugzeug. Auch für diesen Weg schaltet er
die langwierige Arbeit der Zuchtwahl aus, geht er unmittelbar auf den
Zweck, den Zweck der immer besseren Leistung im graden Weg.

Und unerhört, was dieses neue Prinzip nun auch hier mehr leistet.
Da das Werkzeug eben trotz seiner Vergeistigung zum Zweck äußerlich
bleibt, nicht von jedem Einzelkörper beständig geschleppt, auch nicht
mit jedem Kinde neu gezeugt und geschaffen werden muß auf die Dauer,
konnte der Mensch jetzt wirklich vom Einzelwesen aus die _universale_
Anpassung wieder erstreben, konnte in Eins wieder zusammenholen,
was in den mehrhunderttausendfachen Tierarten zersplittert worden
war. Er blieb nicht ein Geschöpf unter vielen, sondern seine Technik
eroberte Stück für Stück die Fähigkeiten _aller_, eroberte sozusagen in
ungeheurer Siegesbahn die ganze Lebensmöglichkeit seit Urtagen wieder
auf einen Punkt zurück. Und dann eben leistete er mit seinem System
noch weit mehr aus dieser Möglichkeit heraus, als je dort erreicht
worden war. Man denke an die Linsen eines Riesenteleskops gegenüber
auch dem besten Adlerauge (lächerlicherweise hört man bisweilen, wenn
jener oben gestreifte Standpunkt vertreten wird, der Mensch sei so
sehr bloß ein beliebiges und nicht bestes Tier neben Tieren, daß er
bis heute noch nicht einmal so gut sehen könnte wie der Adler!), an
das Erdnetz unserer Kraftdrähte gegenüber dem Nervensystem tierischer
Körper und der armseligen Ausnutzung elektrischer Kräfte dort, an
Telegraphie ohne Draht, wofür das ganze untermenschliche Leben
überhaupt keinen Vergleich hat, an die Leistungen einer Sprengmine
gegenüber der Stoßkraft eines Hornes oder einer Faust; doch was
bedarf es der Beispiele. Mit diesem System des Werkzeugs hat der
Mensch, nachdem das Prinzip der Freiheit ihn innerlich neugeboren
hatte, äußerlich die Erdherrschaft angetreten, -- von dem vielleicht
frühesten Augenblick an, da er der inneren organischen Blutheizung des
Säugetiers, die auch in ihm arbeitete, als Überbietung die künstlich
erzeugte Herdflamme gegenüberstellte, bis zu den Siegen unserer
Technik, die längst nicht mehr bloß abwehren, bloß »anpassen« im alten
Sinne; sondern die zum Angriff gegen die ganze Erde vorgehen, daß sie
für uns blühe und fruchte, unser Reich werde, durchgeistigt bis in
den Quell, den das Tier durchschwamm auf den kleinen Raubzügen seiner
Nahrungssuche oder zu dem es nächtlich kam, um zu trinken, der aber
uns auf ferner elektrischer Kraftbahn die Energien gibt, unser Licht
anzuzünden, oder bis zu der nachtschwarzen Abgrundtiefe des Ozeans, wo
kleine Fische es bis zu Leuchtorganen gebracht hatten, die ein winziges
Stückchen Wasser aufhellten, heute aber unsere transatlantischen Kabel
ruhen, auf denen die Lichtgedanken unserer Kultur von Erdteil zu
Erdteil zucken.

War das Menschenwesen aber auf dieser Seite berufen, das gewaltigste,
in seiner Weise furchtbarste Kampf-, Macht- und Herrenwesen dieser
Erde zu werden als ganz neuer Erfüller des uralten Streit- und
Behauptungsprinzips im Leben, so war es wieder jenes Freiheitsprinzip
der eigenen Wahl, das es ein anderes unendlich reiches Gebiet dieses
Lebens sozusagen erlösen und in ein oberes Licht rücken ließ. Wenn man
aus Darwins Schule kommt, so erscheint wohl Fressen und Gefressenwerden
als des Lebens einziger Schluß. Wir wissen aber, daß im Edelmenschen
bis heute zweierlei wohnt: neben der stählernen Kriegskraft die
Friedenssehnsucht. Nur wo beides im rechten Maße vorhanden ist, da
ist ein Volk auf seiner Höhe. Wir wissen von einem in dieser bewegten
Stunde, das seine Kriegskraft in hartem Muß urgewaltig bewährt; das
sich aber auch beruhigt sagen darf, wie echt seine Friedenssehnsucht
war ...

In Wahrheit gehen ebenso auch schon durch die ganze Lebensentfaltung
unter uns und ihre Triebe Versuche der friedlichen Einigung, der
Genossenschaftsbildung, der gegenseitigen Hilfe. Ganz tief zu Anfang
hat das schon Zellen zu Zellstaaten vereinigt, wie ja einer in unserm
eigenen Menschenkörper noch bis heute fortlebt, der im gesunden
Menschen auf der Höhe seiner Lebensreife geradezu ein Wunderwerk von
sozialem Zusammenhalt und Gemeinschaftsarbeit Aller für Alle darstellt.
Und höher hinauf hatte es dann zu allen Sorten von verwickelten
Symbiosen, wie der Forscher das zu nennen pflegt, gegenseitig
förderliche Lebensgemeinschaften heißt es deutsch, zu Tierhorden
und Tierstaaten geführt, alles doch zunächst auch noch in die große
Instinktmaschine gesperrt, die hier in einer Unmasse immerhin doch
friedlich gewendeter Sozialtriebe glänzte. Der Mensch konnte also auch
das schon übernehmen und in seiner Weise mit ablösen, wobei ihm das
Soziale zweifellos gleich anfangs große Hilfen zu seinem Übergang zum
freien Intellektweg selbst gewährt haben muß: in der Lehre, die bei
friedlichem Verband das Kind wenigstens als erste Lebenshilfe von den
Eltern erhalten konnte, und vor allem in dem unvergleichlichen sozialen
Hilfsmittel der Sprache. Die Sprache ist darüber hinaus dann selber
eine gewaltige Verstandesschule geworden, an der sich die begriffliche
Ordnung der Dinge, diese ungeheure Erweiterung und Vergeistigung der
einfachen Beobachtung, heraufgearbeitet hat.

Umgekehrt aber hat der Intellekt mit seiner persönlichen Freiheit und
seinem Neubau des wirklich wertvollen Individuums das Soziale selbst
auf eine ganz neue Stufe gerückt. Die alten blinden Stammesinstinkte
der zusammenhaltenden Herdentiere hat er zu ethischen Gesetzen
umgeschaffen, zu Moral und Recht, an deren Befolgung sich der freie
Charakter maß und stählte. Die Maschine des Tierstaats, die uns in
allen Wundern des Ameisen- und Termitenlebens oder den aus Tausenden
von Einzelpersonen leibhaftig zusammengewachsenen Schwimmstaaten der
Siphonophoren-Quallen zuletzt doch wie eine große gespenstische Galeere
anschaut, wo jedes an seinen Rudersitz zeitlebens angekettet sitzt,
belebte er zum echten Staat, der aus freiwillig verantwortlichen
Bürgern besteht, die sich auch bis zum Tode hingeben, aber _wissen_
warum und mit Liebe an ihrem Gemeinschaftsideal hängen.



[Illustration]

3


Ja Liebe. Mit diesem Wörtchen beginnt abermals eine wichtige Seite.
In der Liebe bäumte sich ein riesiger alter Dämon aus dem tiefsten
Wurzelwerk organischen Werdens herauf, als Trieb von unbezähmbarer
Wildheit, obwohl schließlich doch auch seinem Urwesen nach der
friedlichen, der harmonisch Wesen zu Wesen stimmenden Seite
angehörig. Die Bändigung dieses Dämons ist dem Menschenintellekt
besonders schwer gemacht worden, weil hier das Triebhafte nicht ganz
ausgeschaltet werden konnte, ohne große Gefahren für das Leben der
Art heraufzubeschwören. War er doch angeschlossen an Geheimnisse
des organischen Lebens, die auch der frei wählende Intellekt hier
am eigenen Leibe zunächst nicht in seine Gewalt bekam. Der Baum der
Erkenntnis, um es symbolisch anzudeuten, gab hier noch nicht den Baum
des Lebens. Um so wunderbarer, was der Menschengeist doch auch an
dieser Stelle, auf der Grenze des großen bleibenden Mysteriums, in
jahrtausendelangem Ringen durchgesetzt hat. Wie er den alten Titanen
an seiner harmonischen Seite gepackt und doch auch zur Geistesliebe
erzogen hat -- vom echten Eros in seiner verklärten Schönheitsform bis
zu der Liebe als Inbegriff aller Gemütswerte. Wir wissen, wie es vor
allem das Weib war, das der Geist hier in zäher Arbeit erobert hat.
Bis der große Dichter singen durfte: »Das ewig Weibliche zieht uns
hinan ...«

Grade hier mußte aber dann noch ein Zweites hinzu. Der Mensch kam
nicht umsonst vom Säugetier. Wie oft wird dieses Wort noch jetzt von
Unverständigen als eine Schmach empfunden, die uns hinabziehe. Das
»ewig Weibliche« hätte uns aber nie hinaufgezogen, wenn es nicht auch
von hier sich hätte vergeistigen lassen. Auf der gleichen Wende,
die dem Einzeltier die innere Blutwärme verlieh, stellte sich auch
die gewaltige Lebenstatsache der Gemütswärme zwischen Mutter und
Kind sichtbar ein. Auch hier lag ja ein alter Nutzpflicht-Instinkt
zugrunde, den auch das Säugetier überkam. Aber es kann wieder für den
unbefangenen, nicht mit Papierweisheit im einfachen Gegenstandssehen
künstlich verdunkelten Tierbeobachter wohl kein Zweifel sein, wie
dieser Trieb sich eben beim Säugetier doch auch schon mit immer
stärkeren Gemütswerten umgibt. Und in dieser Form hat der Mensch die
»Mutterliebe« übernommen, um dann auch sie wieder in seiner Weise
auszubauen. Auch bei ihr hat er triebhafte Züge nicht ganz beseitigt,
die Gemütsseite aber zu vollem Durchbruch herausgearbeitet und vor
allem dann sich bemüht, das Ganze auf ein noch viel weiteres Gebiet
zu treiben, wo das Muttergefühl eine Menschheitssache wurde. Indem
die Mutter sich ihm zur Madonna verklärte, wuchs das Blütenreis der
Mutterliebe aus zu dem ungeheuren Fruchtbaum, der als _Mitleid_ über
die ganze leidende, hilfsbedürftige Menschheit zu schatten begann. Das
weinende Kind in _jedem_, der litt, zu erkennen und zu trösten, wurde
der erhabene Inhalt dieses Mitleids, -- ein Inhalt, so einzigartig
und groß, daß ihn die Menschenseele selber ihre frohe Botschaft, ihr
Evangelium genannt und abermals mit den höchsten Symbolen umgeben hat.
Mit der umfassendsten Vergeistigung der andern Liebe und dem letzten,
weitesten Inhalt des Gemeinschaftslebens im Ganzen verknüpft, erstand
das Ideal der _Menschenliebe_, das, in langsamer Arbeit noch zwischen
uns erst sich hindurchringend, der Menschheit, die alle äußere Kraft
der organischen Welt allmählich in sich vereinigt hat, auch noch eine
verinnerlichte Einheit aus sich selbst verspricht, die in dieser Weise
auch wieder kein anderes Leben je hatte erreichen können.

Neben all diesen Wegen sehen wir den Menschen aber noch etwas ganz
Geheimnisvolles schon früh betätigen. Es ist auch kein Instinkt, der
bloß sklavisch wiederholte. Auch sein Wesen ist im Gegenteil durchaus
neu schaffend. Dennoch ruht auch seine Wurzel zuletzt unabhängig noch
vom Intellekt in dunklerer Tiefe. Zu allem Vorhandenen, allem gegebenen
Inhalt unseres Geisteslebens tauchen uns unter seiner Macht noch einmal
Doppelbilder, Varianten auf. Zahllose Varianten, -- durch die Macht,
wie wir es nennen, der Phantasie. Spielend, regellos scheinen sie
zunächst zu kommen. Manches kann der Intellekt unmittelbar gebrauchen
von diesen Einfällen für höheren Nutzen, bessere Einheit in seinem
Sinne. Wo aber dieser innere Drang sich frei bewähren darf, da wird
deutlich, daß er auch eigene Ziele besitzt im scheinbar planlosen
Gaukeln. Das Vorhandene ordnet er, viel mehr als bloß spielend, nach
einem besonderen eigenen Harmoniegesetz um in schönere Formen, höher
geordnete im Sinne rhythmischer Einheit und Folge. Ganz unabhängig vom
Anpassungsweg, vom groben Nutzen des Tages, gestaltet er Bilder einer
solchen verklärten Welt aus der schaffenden Seele dessen, den er mit
ganzer Kraft ergriffen. Die Luftwellen zaubert er auf freie Momente,
da er als König schalten darf, um zu wunderbaren Klangwesen, den toten
Marmor zu einer vollkommeneren, idealen Menschengestalt, Vorgänge des
gemeinen Lebens, die in der gewöhnlichen Wirklichkeit nur Bruchstücke
sein würden, zur heiligen Tragödie mit vertieftem, erlösendem Sinn.
Immer geht seine echte Arbeit auf ein Ganzes, eine Einheit, die von
innen heraus bestimmt wird, darin der wirklichen Lebenszeugung ähnlich,
obgleich es sich um eine Zeugung rein aus der Tiefe des Geistes
handelt. Wie aus anderer, ähnlicher und doch erhabenerer, geläuterter
Welt schwebt das vor uns, so oft der rätselhafte Zauber waltet.
Unendliche Wehmut ergreift uns, wenn er vergeht, -- daß es nicht
»von dieser Welt« ist. Und doch ahnen wir einen ganz tiefsten Bezug
auch wieder zu ihr. Als sei das alles doch auch wieder ein anderer,
wertvollerer, nur einstweilen verborgener Inhalt dieser Wirklichkeit,
-- ein Blick auf das goldene Kleinod in ihrer herben zeitlichen Schale.
In dieser Sphinxform offenbart sich uns, rastlos in großen Menschen
aufsteigend und dann durch die Mittel unserer Kultur zahllosen andern
ausgeteilt, daß sie mitgenießen, die _Kunst_, -- ein Mysterium der
tiefsten Menschenseele, ohne das doch alles noch einmal arm und leer
wäre, was die Menschheit ist und besitzt.

Mancherlei geheime, obwohl noch wenig geklärte Beziehungen könnten
darauf hindeuten, daß wir auch hier die hoch gesteigerte Form
eines fortwaltenden Ur- und Grundprinzips aller schaffenden Natur
vor uns haben, das bereits im ganzen tieferen Leben ebenfalls
eine Rolle spielte, wenn auch verschleiert. Das, was uns geistig
in uns als ewig abändernde, umschaffende, verwechselnde, neu und
anders vereinheitlichende Phantasie erscheint, ließe sich in seinen
stofflichen Grundlagen vielleicht irgendwie vergleichen mit jenem
rastlosen Variieren innerhalb der unteren organischen Gestaltung,
das seit undenklichen Zeiten das Entwickelungsspiel bei Pflanzen-
und Tierarten im Gange gehalten zu haben scheint. An sich stehen
diese Varianten auch dort nicht ohne weiteres unter dem Nutzprinzip.
Sie fallen ihm gegenüber zunächst auch scheinbar spielend, --
richtungslos das gegebene Urbild bloß abändernd. Immerhin benutzt
die Anpassung in Darwins Sinne vieles daraus, um ihre Nutz- und
Trutzorgane damit auszubauen. Weit darüber fort aber scheinen auch
hier, höchst merkwürdig und bedeutsam, schon gewisse eigene Wege
und Ziele dieses Variierens aufzutauchen, die nun unmittelbar an
Züge unseres Kunstlebens gemahnen. Wo es frei schalten kann, da
bewährt das Variieren auch im organischen Bilden an Pflanzen-
wie Tierkörpern bereits eine unmittelbare Tendenz zur Schaffung
rhythmischer, harmonischer Gebilde. Es schafft, von uns aus benannt,
»Schönheitsformen der Natur«. Radiolarien, symmetrische Blatt- und
Blütenformen, Gehäuse von Mollusken, Schmetterlingsflügel an den
nicht dem Schutz gewidmeten Stellen, Luxusfedern der Paradiesvögel
sind bekannte Proben auf diesem Wege, -- in Wahrheit ist das ganze
untermenschliche organische Reich allerorten schon für den unbefangen
prüfenden Blick erfüllt von Erscheinungen dieser Art, die schon
dort keinerlei Nutzzweck haben, zugleich aber einer höheren inneren
Harmonie der Form als ihrem eigensten Gesetz unterliegen. Bloß
wohlgemerkt, daß das hier unten alles auch noch zunächst in der Stufe
des angewachsenen Organs, hier nicht des nützlichen, aber des schönen
Organs, verharrt. Das »Schöne« erscheint den Tieren wesentlich noch
auf den Leib geschrieben, als Feder, als Schmetterlingsflügel. Erst
ganz allmählich verfolgen wir Anfänge geistiger Anschlüsse, zunächst
doch auch sie stark in der Klammer des Instinkts: beim Vogel, der
rhythmische Töne erzeugt, der singt. Vor dieser höheren Tierwelt ist
seit Darwin, der die Tragweite auch dieser besonderen Dinge vielfach
bereits scharf gesehen hatte, eine Streitfrage darüber, ob Sinn auch
für Formenschönheit dort an Auge und Gehirn schon angeschlossen sein
könnte: Tiere sollen bei der Liebeswahl die am meisten geschmückten
Männchen oder Weibchen begünstigt und so bereits in einem höheren Sinne
der Körperschönheit nachgeholfen haben. Immerhin bliebe es aber auch
dann noch bei einer auf den Leib gezüchteten Schönheit. Im Ganzen sind
alle diese Dinge heute noch sehr dunkel; man hat sie bisher leider
nur sehr mangelhaft durchforscht, da sich der Naturforscher und der
Künstler meist ängstlich aus dem Wege gegangen sind. Mag man aber auch
hier ruhig den Mutterschoß im tiefer Natürlichen zugeben, so erscheint
doch erst recht in ganzer Größe wieder die _Tat_ des Menschen auch in
seiner wirklichen Kunst. Bei ihm ist auch sie erst aus der körperlichen
Zeugung in die geistige entscheidend übergegangen, womit sich ihr die
unendliche Bahn eröffnete, alles in ihrem Sinne umzuwandeln und ihrer
höheren Einheit zu erobern, was in dem ganzen Weltenreichtum dieses
Geistes fortan geboten war. Bei ihm machte auch sie äußerlich den
ungeheuren Schritt mit, daß sie sich des Werkzeugs bemächtigen konnte,
ihre innere Vision bannen konnte in Stein und Farbe, Instrument und
Schrift. Wohl streifte auch sie in ihm nicht ganz das dunkle hüllende
Gewand ab, als wachse, wieder im Gleichnis gesprochen, auch hier ein
Zweig am Baum des Lebens, den der Mensch auch auf seiner Höhe nicht
brechen, nicht ganz genießen durfte. Staunend sieht der Intellekt,
der zur hellen Erkenntnis des Guten und Bösen gekommen, die innerste
Vision der Kunst noch immer aufsteigen als Geschenk des Undeutbaren und
Unberechenbaren, als »Es«, das in uns schafft, aber sich nicht gebieten
läßt, das seinen Ort und seine Stunde wählt, wie es will. Die Kunst
ist nicht gut und böse in jenem Sinne, sie ist nicht Schutz und nicht
Mitleid; einsam steht sie noch einmal für sich neben all dem andern,
und doch ist es, als sei sie auch wieder all das andere selbst, doch in
einer höheren Schau neu aus ihr geboren. Aber gerade so ist auch noch
einmal die ganze Größe des Menschen in ihr. Aus ihr ist unsere Liebe
als sixtinische Madonna gestiegen, in ihr hat sich das Fragment des
armen ringenden Menschenlebens zur Dichtung des Faust geweitet, aus
ihr ist unser Lebenssturm wie unsere Sehnsucht verklärt worden zu den
Klängen Beethovens, von denen wir alle ahnen, daß sie tiefer an den
Weltengeist rühren, als all unsere Erkenntnis.

Mag es genügen für unsern Zweck, das große Bild bis hierher
aufzurollen. Nur zwei Punkte möchte ich noch wie Stichproben
herausheben. Bis zum Menschen ist die uns sichtbare Naturentwickelung
zeitlich vorwärts gegangen, immer vorwärts. Im Menschen beginnt auch
neben diesem weiteren Fortschritt in der Zeit ein schlechterdings
neuer Vorgang. Der Mensch rollt die _Vergangenheit_ rückwärts wieder
auf. Er treibt Geschichte, forscht in das längst Verklungene neu
hinein. Vor seinem Blick entstehen von ferner Höhe wieder die Bilder
seiner eigenen Urvergangenheit, vor ihm durchschwimmen noch einmal
die alten Ichthyosaurier ihr blaues Meer, grünen die Farnwälder der
Steinkohlenzeit. Wir wachsen von Kindheit, von der Schule her so auf in
dieser Leistung, daß sie uns als das Selbstverständlichste erscheint.
Und doch waltet auch hier ein ganz und gar neuer Zug der Natur, für
den wir bis zum Menschen nicht den leisesten Anhalt haben. Und weiter:
der Mensch ist das erste Erdenauge, das über diese Erde hinausschaut.
Er sieht die Erde kreisen zwischen andern Sternen, sieht andere Welten
in der Ferne auftauchen. Wie immer es sonst sei mit Leben im Kosmos:
hier hat zum ersten Mal irdisches Leben einen _kosmischen Anschluß_
erhalten. Das Auge des Gelehrten, der in stiller Nacht durch sein
Fernrohr in die Sonnen und Nebelflecken da oben dringt, ist nicht mehr
das Tierauge, das zur Orientierung hier unten auf der Erde entwickelt
wurde. Es ist ein kosmisches Auge des Lebens geworden, und dieses
Organ besitzt kein Tier. Wir wissen aber auch alle, daß sowohl dieses
Sternenauge wie jener Vergangenheitssinn im Tiefsten noch etwas anderes
suchen. Sie suchen im großen das gleiche, das auf einem andern Wege
auftauchte, als zum ersten Mal im menschlichen Intellekt die freie
Frage nach Gut und Böse entstand und die Herrschaft des Instinkts aus
den Angeln hob: _Erkenntnis_ über den letzten größten Zusammenhang
aller Dinge in der Welt, über Gott und Natur, -- Weltanschauung. Seit
Jahrtausenden starrt das Auge des Menschenwesens auch da hinein. Wir
werten hier nicht die Antwort. Aber auf der Stufe des Tiers hat die
Natur auch nicht aus diesem Auge geschaut ...

       *       *       *       *       *

Verweilen wir einen Moment bei dem letzten Bilde, -- auf der
Sternwarte. Denken wir uns, daß wir mit ihrem Rohr nicht bloß
hinausschauen, sondern auch hineinschauen könnten zu uns selbst. So
also stände in ihren größten Zügen die Menschheit vor uns. In diesem
ungeheuren Geiste arbeitet sie jetzt mit ihrem schlichten, äußerlich
kaum veränderten Körper seit einer gewissen Kette von Jahrtausenden
auf der Erde. Vor mindestens fünfzig solcher Jahrtausende, beim
späteren Diluvialmenschen, sehen wir die meisten jener entscheidenden
Charaktermerkmale in ihr schon angelegt, gleichsam im Rohbau fertig.
Die allererste Arbeit war offenbar bis dahin schon getan. Etwa in
den letzten zehn Jahrtausenden können wir dann in einer gewissen
mittleren Kulturschicht immer genauer den Vorgang einer unausgesetzten
Vertiefung und Vervollständigung jener Merkmale durch eine keinen
Augenblick rastende Arbeit, die stets nach der gleichen Seite geht,
verfolgen. Während das übrige organische Leben des Planeten, abgesehen
von Eingriffen dort des Menschen selbst, in dieser Zeit wie in einer
immer stärkeren Erstarrung entwicklungsgeschichtlich so gut wie reglos,
höchstens hier und da an kleinen Punkten abbröckelnd, um das wunderbare
Schauspiel der Menschheitsentfaltung herum stehen bleibt, treibt diese
selbst von dem angelegten Stamm Blüte um Blüte.

Es gibt natürlich allerlei willkürliche Standpunkte, von denen man
das bestreiten kann. Man kann behaupten, daß die Menschheit in diesen
Jahrtausenden nicht glücklicher geworden sei, indem alle geistige
Weiterarbeit nur feinfühligere und damit stärker schmerzbewegte
Menschen geschaffen habe. Mit diesem Standpunkt kann ich bei einem
Spaziergang durch den Wald mich in das Glück eines Hasen versenken,
der für die meisten Lebensdinge seinen Instinkt hat, nur zu kleinen
leichten Nachhilfen selbst zu wählen braucht und gewiß eine ziemliche
Anzahl behaglicher Gefühlsmomente ohne Qual der Rückgrübelei und
Vorangst hat, und ich kann mir daneben die schweren Seelenstimmungen
ausmalen, unter denen in einem Beethoven die neunte Symphonie und
einem Goethe der Faust entstanden sind. In Wahrheit ist aber dieser
mehr oder minder faule Glückszustand nicht der wahre Messer bei
Entwicklungsfragen. Wir nehmen an, daß Entwicklung im tiefsten
Sinne auch von Nacht zu Licht, von chaotischeren zu harmonischeren
Zuständen gehe. Aber wir wissen jeder aus unserm eigenen Leben, daß
das tiefste Ringen um Läuterung in diesem Entwicklungssinne niemals
in jenem groben Sinne »Glück« ist. Trotzdem wissen wir ganz genau,
daß wir dieses Ringen nicht missen wollen, daß es unser tatsächlich
Wertvollstes ist, dieses ewige Weitermüssen und wieder neu Durchmüssen.
In einem echten und richtigen Sinne hat auch die Weiterentwicklung und
Vertiefung der Menschheitskultur in diesen Jahrtausenden wirklich neue
Lichtwerte in Fülle eingestreut, die früher nicht möglich waren: man
denke an das Glück der sittlichen Tat, die befreiende, verklärende
Hingabe an die reine Anschauung in Forschung und Kunst, an Naturgenuß,
an die erhabenen Schauer künstlerischen Schaffens, an das sonnige
Sichdarangeben in jeder hohen Liebestat, sei es aus Mitleid oder um
irgendein Volks- oder Menschheitsideal, an die Wunder der inbrünstigen
Versenkung in tiefstes religiöses Leben oder in das Heldentum des
Gedankens. Das ist alles gewiß kein Ruhebetts-Glück, es ist zum Teil
Glück in Schmerz und Tod, mindestens in schwerster Arbeit, aber es sind
Werte, die, wo immer einer von uns an sie gerührt hat, ihm doch nicht
eben Sehnsucht nach jenem Hasenglück erweckt haben.

Man kann ebenso von irgendeiner Einseitigkeit aus urteilen, es habe
keinen wahren Kulturfortschritt gegeben und alles bewege sich nur immer
wieder im Kreise herum. Man kann vom Boden des reinen Friedensideals
betonen, daß die Erde noch in Blut schwimmt, daß Christus nichts
erreicht hat, daß das Völkerrecht von Kulturnationen noch mit Füßen
getreten wird, daß es Verbrecher gibt, heute noch. Man vergißt
eben dann, daß die Menschheit, wie sie oben gekennzeichnet ist,
zunächst nicht bloß _einen_ Faden auszuspinnen hatte, sondern mit dem
widerspruchsvollsten Naturerbe sich bis heute auseinandersetzt; daß
Entwickelung und Fortschritt nicht Erfüllung heißt, sondern langsamer
Anstieg inmitten zahlloser Hemmungen; und daß es immer wieder Krisen
gibt, deren Wert eben darin besteht, daß sie uns zeigen, was noch nicht
fertig, noch nicht wirklich geklärt ist, eben, um uns aufzurütteln
dafür, was noch weiter in unendlicher Arbeit getan werden muß. Wer
ginge nicht mit Grauen durch unsere Tage grade jetzt wieder; und
doch ist in diesem Grauen selbst schon der Wert und die Hoffnung.
Furchtbar sind solche Augenblicke, aber sie sind auch der Märtyrer des
Besserwerdens. Dafür hat eben der Mensch die bewußte Schau mit der
Freiwahl, daß er auch das Düstere immer wieder in ganzer Nacht _sehen_
muß. Das hat uns der lichtgläubigste Dichter, den wir gehabt haben, in
seinem »Faust« gezeigt. Ein Märtyrer ist in diesem Sinne selbst der
Verbrecher, weil er uns darauf stößt, daß hier in unserer Gesellschaft
noch zu bessern, besser zu erziehen, besser sozial vorzusorgen ist.
Alle diese Nachtzeichen sind in der Form, wie sie auf unsern bessern
Menschheitsinhalt wirken (der doch auch eben besteht, sonst wäre unsere
Klage um das Schlechte nicht), nur selber Entwicklungs- und nicht
Kreislaufs- und Stillstandszeichen.

Manches Unheil in der Kulturbetrachtung richtet auch nur unser
gewöhnliches Geschichtsbild, wie wir es zu lernen pflegen, an mit
seinem ungeheuren Wirrsal politischer Geschehnisse, mit seinen Völkern,
die scheinbar sinnlos aneinanderprallen, übereinander fortfluten,
einander vernichten, mit seinen endlosen leeren Ziffernreihen
unvermittelten Geschehens in Reichen, Königen, Staatsmännern,
Schlachten, bei denen das geschichtliche Bild sich immer wieder
spinnt wie das Netz der Penelope und am andern Morgen wieder zerstört
ist. Augenblicklich aber erscheinen mit ganz überwältigender Kraft
die zusammenschließend aufwärts gehenden Fäden, sowie man wirkliche
Kulturgeschichte betrachtet und vollends, wenn man aus ihr die
Einzelgeschichte irgendeines Geistesgebiets aus der Reihe jener
oben angedeuteten Menschheitsfächer heraushebt. Man nehme beliebig
die Geschichte etwa der Philosophie oder der Mathematik, der Musik,
irgendeines Zweiges der Technik, der Astronomie oder Zoologie -- und
der aufsteigende Zug ist unabänderlich da. Man verlangt Geist Gottes in
der Geschichte. Nun, wenn das bedeuten soll, daß alles von vorneherein
so vortrefflich eingerichtet sein soll, wie möglich, daß die Welt
mit dem erfüllten Ideal anfangen soll, so gibt es natürlich nichts
derart weder in der Natur noch in der Menschheitsgeschichte, und es
könnte nichts geben, denn diese Vorwegnahme höbe überhaupt den Begriff
Entwickelung und Geschichte selber auf. Wenn es aber heißen soll,
daß nicht ein Haufen Unsinn, sondern ein organisches Wachstum, eine
Lebenssteigerung, im Sinne menschlichen Bewußtseins und Geisteslebens
eine zunehmende Aufhellung in jedem einzelnen jener Kulturzweige
geschichtlich hervortreten soll, so geht dieser Geist tatsächlich auf
Schritt und Tritt durch die Geschichte. Es braucht nicht so zu sein,
daß grade unsere Ethik, die wir uns selber erst in schweren Kämpfen
innerhalb der Geschichte als eine gewisse eigene Richtschnur errungen
haben, schon überall die Dinge selbst sichtbar beherrsche, daß nichts
Tragisches, Schmerzliches, eben unseres Mitleids und unserer sittlichen
Läuterung im einzelnen Bedürftiges in dem ungeheuren Spiel wäre, --
wenn eben nur _ist_, daß freie Geisteswahl, Technik, Gemeinsinn mit
seinen Gesetzen, Edelliebe und hilfsbereites, mitfühlendes Gemüt,
Kunst und was sonst Wesen des Menschenwesens ist, sich fortgesetzt
vertieft haben _in_ den sichtbaren Jahrtausenden bisher, ohne daß
eine einzige dieser Wesenseigenschaften inzwischen wieder erstarrt,
versandet, in niedere Urformen wieder zurückgesunken wäre. Man stelle
sich einen Menschen dicht beim Ende dieser letzten zehn Jahrtausende
vor vom Geistesinhalt Goethes und eine Kultur, die dabei ist, diesen
Geistesinhalt mehr und mehr als Gemeinbesitz in sich zu verbreiten --
und daneben einen Diluvialmenschen in seiner Höhle der Eiszeit, der uns
so rührend ist, weil in ihm der Mensch schon mit ganzer Kraft begonnen
hatte, und der doch erst das kleine Kind der Kultur war, die dort zum
Manne gereift ist. Wer vor diesen beiden Bildern nicht an Heraufgang
glaubt, der spielt eben nur mit diesem Wort und hat die Heiligkeit
seines Inhalts nie begriffen.

Und mit diesem Bilde schreiten wir nun auch in die nähere Zukunft.
Überall sehen wir Arbeit, die weiter getan werden soll, Fahne um
Fahne, die weiter flattern will. Ich will nicht von den großen Dingen
reden, die grade wieder dahinstürmen, denken wir nur an die Arbeit im
stillsten Kämmerlein. Wie oft hat es ausgesehen, als sei nun alles
erforscht, alles gedacht. Und wie hat allein die Naturwissenschaft
grade unsrer Zeit da wieder ganz neue Welten aufgetan, von denen noch
kein entferntestes Ende abzusehen ist. Nach der Verwertung durch
die Technik wird erst eigentlich innerlich der Gedanke sich damit
auseinandersetzen müssen. Unser Gemütsleben, unser religiöses Sehnen
wird sich neu damit in einen höheren Einklang bringen müssen. Arbeit
für Jahrhunderte. Wir stehen überall erst in den Anfängen. Und auch
das dann doch nicht bloß im stillen Kämmerlein. Ins weite sehnende
Volksherz hinaus. »Auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn.« Wie
viel Jahrhunderte Zukunftsarbeit liegen wieder in diesem einen
Dichtervers ...



[Illustration]

4


Dennoch, -- wenn man so in der Nacht auf der einsamen Sternwarte
sitzt, aufs Große gestimmt -- oben schimmert die Milchstraße mit
ihren hundert hellen Sonnen ringsum -- und man denkt an diesen nicht
armselig verlorenen, sondern als Weltenbeispiel unsagbar wunderreichen
Erdenstern -- -- wie also das Leben auf ihm sproßte und aus diesem
Leben nach gleichem natürlichem Gesetz der Mensch, -- mit allen seinen
Herrlichkeiten auch er nicht kleiner deswegen, aufsteigend in seiner
Kultur bisher, mit weiten ferneren Aufgaben aus dieser Kultur, zu denen
nur sein Mut und seine Arbeitskraft gehören wie bisher -- -- so tauchen
doch auch wieder Fragen auf. Keine überhasteten, denn dazu ist das Bild
zu feierlich groß, aber doch Fragen.

Es gibt ein altes Märchen, aus dem Sagenkreis der Melusine. Ein Berg
liegt stufenweise voll greulicher Drachenhöhlen. Ritter ziehen aus,
schöne tapfere George aller Art, aber sie schaffens nicht, sie werden
von den Ungeheuern gefressen, das Scheusal triumphiert. Da kommt ein
wahrer Prachtkerl, der einen Lindwurm um den andern erlegt bis zum
obersten. Der aber frißt ihn doch noch. Und man hört, daß die Ursache
weit zurück in seinem Stammbaum lag. Dort war irgendein dunkler
Punkt, wenn aber der nicht erfüllt war, so stand nach unerbittlichem
Gesetz geschrieben, daß auch er die Drachenburg nicht ganz erlösen
konnte. Der Mensch hat alles Drachenvolk der untern Erde überwunden im
Menschengeist. Aber zuletzt haftet er an dieser Erde, und er haftet am
Leben. Liegt auch hier der Drache, der ihn doch noch fressen muß?

Die Angst, daß die Erde uns inmitten all unserer Hoffnungen und Erfolge
doch plötzlich einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist ja
uralt. Diese Angst hat die Menschheit von je verbrennen sehen, wie
ein gehetztes Volk Hirsche oder Bisons, über denen die roten Flammen
eines Steppenbrandes zusammenschlagen; sie hat sie in Sintfluten
jämmerlich ertrinken sehen wie die hilflosen Käfer einer überschwemmten
Wiese. Unsere Zeit hat die wirkliche vulkanische Stichflamme von
Martinique erlebt, die in wenigen Minuten eine ganze blühende Stadt
verödete, dreißigtausend Menschen die Lunge ausbrannte. Wohl ist
ein solches Ereignis noch immer keine Menschheitsgefahr. In unserer
Kultur haben reine Naturkatastrophen dieser Art sogar durchweg etwas
Erhebendes: nie ringt der Menschengeist einheitlicher und schöner, die
Möglichkeit zu beseitigen, den Strom für die Folge einzudämmen, der
verheert hat, -- nie entfaltet das werktätige Mitleid reicher seine
Blüten. Und wer hätte es nicht grade in unseren grauenvollen Tagen
des Völkerzwistes auf der ganzen Erde einmal gedacht: daß irgendeine
solche ganz elementare Naturmahnung doch dazwischen treten und den
Hadernden die Augen wieder öffnen möchte dafür, daß wir Menschen, wir
einsamen Kinder dieser Erde im All, zusammenhalten müssen, daß unsere
ganze Kultur nur zwischen Sturmfluten mühsam dauert, wo wir jederzeit
alle, wir Völker der Erde, gemeinsam auf die Schanze gehören; wie es
in alter Römerchronik heißt, daß während einer Schlacht plötzlich die
Stimme des Waldgotts so schauerlich aus dem Dickicht schrie, daß die
streitenden Heere sich erschauernd die Hand zum Frieden reichten. Aber
aus unserer neueren Naturforschung scheint da doch auch ein Bild in
unser Kulturbewußtsein vielfach eingegangen zu sein, das nicht fördernd
wirken kann.

Wir Menschen, besagt es, sind mit all unserm Intellekt doch nur noch
verspätete Nachzügler am tiefen Abend dieser Erde. Einst blühte sie
in paradiesischer Jugend, warm bis zum Pol, voll ungehemmter, wilder
Zeugungskraft des Lebens. Aber mit dem klugen Menschen ist auch ihr
Greisenstand angebrochen. Eine erste ungeheure Eiszeit hat sie bereits
mahnend mit Frost durchschüttelt. Eis bedeckt dauernd ihre Pole, dem
ganzen Weltall verkündend, daß es zu Ende geht. Unaufhaltsam wühlt sich
die Kälte tiefer ins Mark. Längst sind wir nur noch von der Sonne
abhängig; aber diese Sonne glüht selber aus; sie dunkelt und bedeckt
sich mit Flecken; wie lange noch, und sie wird ganz auslöschen; dann
erfriert der letzte Baum in Weltraumkälte und unter ihm das letzte arme
Häuflein Menschen, nachdem wohl schon lange vorher die hoffnungslose
Not alles edle Streben wieder ausgelöscht hatte. Dichter haben uns
das schon in anschauliche Visionen gebracht, als sei es morgen oder
übermorgen bereits getan. Und es liegt nahe, aus dem Schlußbilde schon
jetzt etwas Greisenhaftes für unsere ganze Kultur abzuleiten, etwas,
als wenn wir eben beständig schon selber im »letzten Viertel« ständen,
wozu ja kleinlaute wie allzuviel verlangende Köpfe immer zu haben sind,
die sich nicht hineinfinden können, daß unsere Menschenarbeit eben als
Entwicklungsstufe stets unfertig und mangelhaft sein muß. In Wahrheit
geht es aber mit dieser »Vision« wie mit so vielen vom jüngsten oder
ersten Tag. Was an ihr richtig ist, verschwimmt unfaßbar fern im
Blauen, und was uns greifbar daran auf den Leib rücken will, unsere
Hoffnungen zu stören, ist durchaus zweifelhaft.

Der Gedanke, daß unsere Erde schon innerhalb der uns erkennbaren
geologischen Zeiträume sichtbar vergreist, vereist, wasserarm und was
sonst alles geworden sei und neben uns unaufhaltsam weiter werde,
entspricht zwar gewissen älteren geologischen Ansichten, kann aber
heute so gar nicht gehalten werden. Wir nehmen an, daß auch die Erde
in äußerst fernen Tagen aus einem oberflächlich glühenden Zustande in
einen andern übergegangen sei. Das mag sich in unfaßbaren Zeiträumen
vollzogen haben: wissen tun wir jedenfalls nicht viel davon. Seither
aber dauert jener »andere« Zustand an, der gekennzeichnet ist eben
durch das Aufblühen und den wunderbaren Anstieg des Lebens. Gegen
jene mythische Urzeit mag das noch eine kurze Spanne sein. Immerhin
umfaßt es die für uns kolossale Zeit von mindestens hundert Millionen
Jahren bis zu den uns zufällig erhaltenen ältesten Resten solchen
Lebens; da das Leben selbst aber bestimmt viel älter ist (die Reste
selber bezeugen es klärlich), muß es noch beträchtlich viel mehr
sein. In dieser langen Epoche ist die Erde ganz zweifellos von
irgend welchen Außenkatastrophen ernstlicher Art gänzlich ungestört
geblieben. Weder die unendlich feine Schweifmaterie von Kometen, noch
Meteoritenfälle, noch sonst, was immer man sich erdenken möchte, können
ihr etwas getan haben, andernfalls hätte sich das Leben eben nicht
so einheitlich entwickeln können; auch müßten wir die Anzeichen in
den alten Gesteinsschichten lesen. Aus »sich selbst heraus« aber ist
die Oberfläche dieser Erde in eben diesen langen Zeiten immer wieder
der Schauplatz gewisser _periodischer_ Verläufe gewesen, die bis
heute nirgendwo den sicheren Zug unmittelbar absteigender Vorgänge,
sondern bloß einen mehr oder minder regelmäßigen Wechsel wie den
schaukelnden Wogenschlag eines im Innersten doch gleichmäßigen Meeres
zeigen. Periodisch schon von der vorkambrischen Zeit an wechseln so
geologische Erdentage stärkerer Festlandbildung mit solchen stärkerer
Wasserbedeckung, und auch die Erdkarte von heute gliedert sich noch
durchaus dem hier gegebenen Zuge ein. In gewissen Abständen macht sich
wachsende Gebirgsbildung geltend, in den Zwischenzeiten aber wittern
diese Gebirge wieder herab; auch hier stehen wir heute deutlich im
Ausklingen einer letzten, der tertiären Gebirgsepoche, unsere Gebirge
zerfallen zu Ruinen, mancherlei feine Anzeichen aber lassen vermuten,
daß es auch da wieder weiter und erneut aufwärts gehen wird. Zeitweise
herrscht mehr Schutt- und Sandwüste auf den großen Festlandflächen,
zeitweise mehr Fruchtbarkeitsbedingung; sehr bezeichnend beginnt unser
großes geologisches Wandelbild bereits mit solcher Verwitterungswüste,
um sich dann so und so oft zu verwandeln, zu verwischen, zu erneuern
bis heute. In Abständen verstärkt sich der Vulkanismus und verringert
sich wieder bis fast zum scheinbaren Erlöschen; eine letzte Krisis
liegt auch da noch nicht allzufern von uns in der Tertiärzeit, und
auf eine neue gehen wir ziemlich ersichtlich grade wieder los. Und
so ist es mit den Erdbeben, -- so, was am sonderbarsten zu jener
Schreckensvision klingen mag, vor allem aber auch mit dem Klima.

Es darf heute als eine doch wohl gründlich veraltete geologische
Auffassung gelten, daß die diluviale Eiszeit, die wir Menschen schon
ohne Schaden durchgemacht und (bei inzwischen wieder aufsteigendem
Klima) hinter uns gelassen haben, eine klimatische Schlußerscheinung
oder doch dräuende letzte Vorstufe einer solchen gewesen sei. In
den allerältesten Tagen jener geologischen Hundertmillionenreihe
finden sich schon Eisspuren. In der Permzeit am Ausgang der uralten
Steinkohlenzeit ging ebenfalls eine Eiszeit über Teile der Erde, also
grade dort, wo die absteigende Vision noch den Blütenkranz der frischen
Jugend am freigebigsten verteilte. Wenn das Klima sich _dazwischen_
mehrfach bis zu Tropenwärme in hohen Breiten (wie noch zuletzt wieder
in der Tertiärzeit, die ihre Palmen bis zur heutigen Ostseeküste trieb)
steigerte, so zeigt sich abermals die Wahrscheinlichkeit periodischen
Wechsels, dessen Ursache uns noch sehr rätselhaft sein mag, den man
aber unmöglich so drehen kann, daß er bloß gradeaus von Warm zu Kalt
gegangen wäre. Nun, ich will diese Dinge hier nicht des Näheren
ausführen. Das Ergebnis ist, daß von der gesuchten »Vergreisung« der
Erde noch nirgendwo die Rede sein kann, wenn wir den Dingen auf den
Grund rücken. Selbst ein so ungeheurer Zeitraum, wie dieser des ganzen
Lebensheraufgangs bisher, genügte offensichtlich nicht, um bereits dazu
zu führen. Und nichts spricht in irgendwie absehbarer Zeit dafür, daß
die Dinge anders würden. Die genannten Wechselvorgänge gehen offenbar
noch ruhig weiter, mit dem gleichen ungemein langsamen und deshalb im
ganzen ungefährlichen Schritt wie bisher. Mancherlei Gründe lassen
sich anführen, daß wir im Verlauf der nächsten Reihe von Jahrtausenden
uns erst immer mehr noch von der letzten Eiszeit entfernen werden. Die
Vereisung unserer Pole mag als eine in diesem Sinne außergewöhnliche
Erscheinung vielleicht noch einmal zurückgehen, das Klima wachsend
wieder wärmer werden bis abermals zur Stufe der älteren Tertiärzeit.
Als Ersatz der schließlich ganz abgewitterten Gebirge mögen an andern
Stellen wieder neue aufwachsen; neue Meere werden vermutlich sich
in teilweiser Wiederherstellung alter bilden und vorhandene dafür
schließen; Nordamerika könnte sich beispielsweise wieder landfest mit
Nordeuropa verbinden, wie ehemals, oder umgekehrt das europäische
Rußland durch ein obisch-uralisches Meer von Sibirien losgeschnitten
werden.

Das sind die Bilder, vor denen wir für Zeiträume, an denen
unsere engere Kulturgeschichte bisher zu einer kurzen Episode
zusammenschmilzt, den Menschen der Zukunft suchen müssen. Ein
auch nur noch einmaliges Abrollen eines dieser großen Zyklen (von
denen das gesamte Werden des Menschen seit seiner Abzweigung vom
tertiären Säugetier wohl noch nicht einmal den letzten ganz füllt),
würde zweifellos für unsere weitere Kulturentwicklung, unsern
Wohlstand, unsere Technik von gar nicht abzusehender Bedeutung
sein. Sollten sich dann wieder größere Schwierigkeiten einstellen,
so müßte man an den ungeheuren Vorsprung denken, den unsere
Technik zweifellos bis dahin wieder gewonnen hätte. Ohne irgendwie
hier schon in Utopien auszumünden, mag man sich doch einfache,
ernste Tatsachen vergegenwärtigen. Das irdische Leben, zu dessen
Anpassungsstufen ja doch auch der Kulturmensch gehört, hat bisher,
wie es scheint, zweimal Kälteperioden aus jenen Erdzyklen durch
geradezu glänzende Schachzüge der Anpassung für sich nicht nur
mattgesetzt, sondern umgekehrt zu eigenen großen Fortschritten
benutzt. Das eine Mal auf der körperlich-organischen Stufe, als das
Wirbeltier höchstwahrscheinlich unter dem Einfluß jener permischen
Eiszeit zur inneren Blutheizung überging, -- das zweite Mal, als
der Mensch auf der ersten Werkzeugstufe die diluviale Kälteperiode
mit dem künstlichen Feuer überstand. Ohne phantastische technische
Zukunftsvisionen darf hier daran erinnert werden, daß unsere angeblich
schon greisenhaft energielose Erde fast dicht unter unsern Füßen doch
noch gewaltige eigene Wärme besitzt, die sich etwas tiefer sogar
zu unfaßbaren Maßen zu steigern scheint und deren Verwertung sich
unsere kommende Technik auf die Dauer so wenig entgehen lassen wird,
wie wir uns die längst zu Stein gewordene alte Sonnenarbeit in den
Steinkohlen haben entgehen lassen. Unsere Vereisungspropheten pflegen
vollkommen zu vergessen, auf was für einer ungeheuren Energiequelle
wir so auf unserer Erde fort und fort sitzen. Die alte glühende
Sonnenerde ist in diesem Sinne keineswegs erloschen, sondern sie
liegt ebenfalls noch sozusagen bloß mit einer dünnen fossilen Rinde
gebändigt, aber durchaus auferstehungsfähig unter uns, bereit für
eine Technik wie die menschliche, deren Wesen (genau wie rein geistig
unsere Geschichtsforschung) vor allem auch in der zweckdienlichen
Wiederumkehrung der einfachen Naturverläufe liegt. Wobei ich auch
noch darauf hinweisen will, daß es sich bei einer solchen tieferen
Ausdehnung unserer »Erdherrschaft« nicht bloß um Ausnutzung der von
innen aufsteigenden Erdwärme allein handeln würde, sondern auch noch
um ganz andere Energiequellen, die dort stecken dürften. War die
so glücklich schon verwertete, obwohl leider begrenzte urweltliche
Steinkohle eine solche andere Quelle, so kennen wir jetzt in dem
Radium noch eine ganz unmittelbare »Energieversteinerung« und
»Energieerlösung« rein elementarer Art, die, wie immer ihr Ursprung und
Wesen sein mögen, die eigentümlichsten Hoffnungen auf verinnerlichte
Wärme- und Lichtspender von schier unerschöpflichem Reichtum für immer
weitere Siege unserer Technik erwecken muß.

       *       *       *       *       *

Inzwischen wird aber jene ganze Betrachtungsart noch einmal wieder
durchaus anders, wenn wir nun mit einiger Besonnenheit uns auch den
Stand der Dinge bei der Sonne selbst vergegenwärtigen. Auch diese liebe
Sonne ist ja heute der geistige Tummelplatz der widersprechendsten
Vermutungen unserer Forscher. Wer möchte, Hand aufs Herz, sagen, daß
er ganz sicher wüßte, wie dieses flammende Wundergebilde da draußen
genau zusammengesetzt sei, was seine Flecken sind, was für Vorgänge
sich jetzt und später in ihm abspielen. Aber eins scheint doch wirklich
gewiß. Die Grundfrage unserer heutigen Sonnenphysik lautet nicht:
warum muß die annoch heiße Sonne in so und so viel Zeit ausbrennen,
-- sondern sie fragt: warum brennt die Sonne _nicht_ aus. Bekanntlich
müßte der einfachen Lage der Dinge nach diese Sonne, wenn sie bloß im
Raum so hinglühte und ihre Energie hinaus verschwendete, von ihren
äußerlich etwa 6000° Wärme alljährlich rund um 2° heruntergehen. Daraus
läßt sich berechnen, wie sehr bald sie erlöschen müßte, aber auch, wie
viel heißer sie noch in ganz naher geschichtlicher Zeit gewesen sein
und wieviel stärker sie entsprechend auch bei uns damals eingeheizt
haben müßte. Von letzterem kann aber keine Rede sein. Die Rechnung ist
also falsch, und die Sonne muß fortgesetzt von sich selbst aus eine
Nachheizung erfahren, die seit langer Zeit ungefähr auf der gleichen
Heizstärke hält. Das ist das wahre Problem. Man hat an aufprallende
Meteoritenschwärme, an eigene Verdichtungswärme, an Radiumgehalt,
an chemische Verbindungen im Innern unter ungeheurem Druck, die bei
Verschiebungen ihre gespeicherte riesige Energie wieder abgäben,
und was sonst noch alles als Ursache gedacht. Ich werte hier wieder
nicht die Deutungen, aber auf eins laufen sie alle hinaus: nämlich
auf recht ansehnliche Ziffern für die Zeit, da uns die Sonne noch
weiter Licht und Wärme schenken wird. Die Zahlen gehen auf Millionen
Jahre, Milliarden, bei Arrhenius' Rechnung werden es wohl noch
einige Billionen. Im allgemeinen werden die Schätzungen unverkennbar
wahrscheinlicher, wenn sie wenigstens eine gewisse gute Höhe einhalten.
Geologisch liegt nämlich kein Anlaß vor, seit Bestehen des Lebens eine
stärkere Sonne anzunehmen. Die uralten Eisspuren und anderes sprechen
unmittelbar dagegen. Schon für die Steinkohlenwälder kommen wir immer
wieder nur mit der heutigen Sonnenstrahlung durch. Für mehr als
hundert Millionen Jahre wird man also rückwärts gleichmäßige Ordnung
der Einnahme und Ausgabe im Sonnenhauptbuch annehmen, und es wäre
wenigstens ein bescheidener mittlerer Wert, für die Zukunft noch einmal
solche hundert Millionen und einiges anzusetzen bis zu einem deutlichen
Änderungstermin. Mag die Ziffer zu klein sein, so ist sie doch gewiß
nicht zu groß. Nun muß man aber an dieser Stelle einmal das Buch sinken
lassen und sich einen Augenblick ruhig vergegenwärtigen, was das für
unsere Vereisungsvision heißt.

In der Zeitziffer, die wir hier noch vor uns haben, ist geschichtlich
hinter uns die ganze Lebensentwickelung auf der Erde emporgestiegen
vom einzelligen Schleimklümpchen einer Amöbe oder eines Bakteriums
bis zum Menschen mit seiner Kultur von heute. Nehmen wir an, die
Entwickelung steigt auch über uns von heute ohne inneres Hemmnis genau
so weiter, so lange die Sonnenheizung noch bleibt, also nochmals über
hundert Millionen Jahre lang. Dann würden wir erwarten müssen, daß am
Ende dieser Millionenziffer ein Wesen auf der Erde vorhanden ist, das
so hoch über den Menschen von heute hinausentwickelt ist, wie dieser
Mensch über jenes einzellige Urwesen. Es wird sogar tatsächlich noch
sehr viel weiter sein; denn die große Lebensentwickelung auf ihrer
an Organ und Instinkt gebundenen älteren Stufe ist, getrieben nach
Darwins Schule von der äußerst umständlichen natürlichen Zuchtwahl,
ganz unverhältnismäßig viel langsamer vom Fleck gegangen als unsere
menschliche Kulturgeschichte, mit deren Eilschritt die kommende
Steigerung gleich einsetzte; doch einerlei.

Was das aber dann für ein »Wesen« sein soll, davon können _wir_
unmöglich eine sichere Vorstellung haben. Etwas ganz unvergleichlich
_anderes_ als wir müßte es eben sein. Kein Mensch. Wir würden uns
nicht darin wiedererkennen. Vielleicht sähen wir es überhaupt nicht,
wie die Amöbe mit ihrem geringen Licht- und Dunkelempfinden, das
ihr augenloser Leib bloß besitzt, uns nicht unterscheiden kann. Wir
können uns schönere, edlere, reichere Menschen denken als uns, _um_
sie schwebt unsere Phantasie, wenn wir an die Zukunft der Menschheit
denken, an sie glauben wir, wenn wir um Besserung und Sittigung in
ermattender Arbeit uns selber dahin geben. Aber das alles wären noch
Menschen. Was zu Mensch ist, wie Mensch zur Amöbe, das liegt nicht mehr
in der verklärenden Sonne dieser Phantasie, es wandelt ganz einsam
fern in der Sternennacht des Unausdenkbaren. Und so ist unsere Vision
der armen erfrierenden Menschenseelen hier recht eigentlich erledigt.
Grade _wenn_ die Entwickelung weiter steigt, so ist an jenem Tage der
Sternenrechnung das, was wir Menschheit nennen, seit undenklichen
Zeiten überhaupt nicht mehr dabei. Unser banges Kältebild hat etwas
von dem Ausspruch, den in naivem Kinderglauben mein kleiner Junge
einmal tat. Wenn ich groß bin, sagte er, baue ich mir ein schönes
Schloß; darin ist aber auch ein Zimmerchen, da kann mein Schwesterchen
sitzen (es war ein Jahr gerade jünger wie er) und mit ihren Püppchen
spielen. Er wurde groß, und das Schwesterchen blieb klein und spielte
mit ihren Püppchen. Nein, wenn die Sonne da oben so alt ist, spielt
das Menschenkind hier unten nicht mehr mit seinen Püppchen. Es ist
selber längst eingewachsen in eine ganz andere Welt. Eingegangen, still
vergangen ist es zu seiner Entwicklungsstunde in ihr, wie das Kind in
jedem von uns einmal gestorben ist, auch wenn wir leben. Die Menschheit
hat in jenen Tagen längst ihr Werk getan, sie hat gelitten und gebüßt,
ausgerungen und ehrlich zu Ende gekämpft. Sie hat sich tapfer zu
ihrer Zeit weitergearbeitet, hat neue Entwicklungen eingeleitet, hat
ihren Einsatz mit ins Spiel gegeben. Dann aber ist sie selbst still
zurückgetreten, verklungen in der großen Melodie, verweht als alte
Puppenwiege tief, tief unten, die der Schmetterling verlassen hat. Als
Amöbe wiederum eines unendlichen Stammbaums. Von den Gefühlen, den
Schauern oder Erhebungen, mit denen _jenes_ Wesen _dann_, an jenem
Tage, wo die alte große Wundersonne da droben wirklich auszuglühen
beginnt (falls sich nicht doch in ihr noch wieder eine ganz neue, uns
unbekannte Regulierung bis dahin gefunden hat), auf der Erde steht,
erleben, erfahren wir _nichts_.

Ob es darum notwendig dort die Schauer eines erfrierenden
Schmetterlings sein müssen? Hier wandert der _freie Traum_, -- aber
durch seine schwebenden und webenden Farbenkreise, die keine greifbaren
Bilder mehr enthalten können, geht doch noch immer _ein_ tiefer Klang:
Entwickelung. Und noch einer: Intelligenz; weitere Richtung auf
Intelligenz. Und noch einer: Leben, sich behauptendes Leben, Anpassung,
Selbstregulierung, Erdherrschaft, Naturherrschaft. Wie der Wandrer
im Gebirge bisweilen seine kleine Gestalt riesenhaft als Schatten
vergrößert, als Brockengespenst, durch die Wolken schreiten sieht,
so mag unser blauer Traum einen Augenblick doch noch ein ungeheures
Gespensterwesen hier ahnen, das Ernst gemacht hätte mit allen
winzigen Ansätzen unserer Technik. Sollen wir uns denken, daß seine
Erdherrschaft vollkommen wurde, daß der Sternenblick, der uns vom Tier
scheidet, selber sich bei ihm zu Technik ausgewachsen haben könnte,
die an Sternenherrschaft rührt? Mit den befreiten Stoffen des Innern
würde von ihm die Erde erhellt und gewärmt. Oder andere, sonnennähere
Planeten würden bewohnt. Die Sonne selbst, nachdem sie erloschen.
Andere kosmische Intelligenzstufen vereinigten sich. Der Fortgang
des blauen Traumes hängt davon ab, wie man sich die große kosmische
Entwickelung überhaupt denken will. Träumen wir immerhin noch einen
weiteren Augenblick.

Wir sehen die Möglichkeit von Leben und Intelligenzentwicklung schon
heute gebunden an wahre Wunderwerke bereits himmlischer Systeme,
Bewegungsbalancen der Gestirne bis zu unserer Erde herab, die weite
Zeiträume ungestörter Entfaltung gewährten und gewähren. Sie mögen
selber bereits das Ergebnis unendlicher Entwickelungen, unendlicher
himmlischer Auslesen von chaotischeren zu harmonischeren Bewegungen
sein, -- nun aber sind sie offenbar längst zu einer solchen Harmonie
gediehen, daß die Entwickelung sich in ihrer Hut und Garantie wunderbar
verinnerlichen, vertiefen, nochmals unendlich viel verwickeltere
Systeme von innerer Harmonie und Dauermöglichkeit schaffen konnte:
Leben, belebte Zellen, höhere Zellwesen, endlich Intelligenzwesen
immer reicherer Art. Es wäre denkbar, daß das vorhandene Gleichgewicht
des Weltalls schon jetzt bis in alle Fernen genügte, vielleicht mit
geringen Schlußverbesserungen genügte, um einer Intelligenz, die sich
kosmisch erweitert hätte, dauernde Gewähr von sich aus zu bieten, --
ihr einen genügend geordneten kosmischen Körper gleichsam zu bieten,
daß sie immer weiter fort ihren Weg der innerlichen Vertiefung und
wachsenden allgemeinen Vergeistigung darin gehen könnte. Immerhin hätte
diese kosmisch freie Intelligenz sich doch wohl auch so noch mit einer
weiteren ungeheuren Frage der Welttechnik auseinanderzusetzen. Inmitten
der harmonischen Bewegungen sänke eben doch die Wärme der himmlischen
Einzelkörper zuletzt überall und der gesamte Zustand des Systems ginge,
sich selbst überlassen, auf jenen allgemeinen Wärmeausgleich los, der
endlich alle Leistung lähmen müßte und den unsere Physik schon heute
gern als das Schlußgespenst aller Weltarbeit in ihrer sogenannten
Zunahme der Entropie an die Wand malt. Man müßte also (immer im Traum)
annehmen, daß die sich behauptende und weiterentwickelnde Intelligenz
auf ihrer Höhe des Umfassens und Genießens aller Sternenmöglichkeiten
und nachdem sie alle gespeicherten Kraftschätze erlöst und ausgespielt,
schließlich von ihrem Prinzip der Umkehrung der Naturvorgänge aus auch
eine umschaltende kosmische Regulierung gegen diesen Wärmetod, dieses
physikalische Nirwana, aus eigener Einsicht fände. Wenn nicht etwa
auch das schon rein automatisch in unserm gegebenen Weltsystem längst
geregelt wäre, -- in einer Form, der sich die kosmische Intelligenz
abermals bloß anzugliedern brauchte!

Vielleicht hat Arrhenius in seiner gewaltigen Vision der Weltphysik
hier schon einen hellen Gedanken gehabt. Nach ihm wäre dazu nur nötig,
daß die Sternenbahnen eben nicht in alle Ewigkeit bloß harmonisch
im Sinne niemals mehr gekreuzter Bahnen blieben. Sondern es müßte
das Spiel grade so in seiner tiefsten Melodie geregelt sein, daß in
allerdings ganz unermeßlichen, auf Billiarden anzusetzenden Zeiträumen
doch die erkalteten Sonnen zu je zweien in scheinbarer Dissonanz
wieder aufeinanderstießen und sich zu Nebelflecken verflüchtigten,
aus denen dann abermals neue glühende Sonnen wieder als reiner Klang
hervorstiegen. In diesem Wechselspiel erledigte sich jedesmal auf der
Stufe des Übergangs von Nebelfleck zu Sonne einzeln der falsche Ton,
der zur Entropie hätte führen müssen: eine kosmische Selbstregulierung
drehte Stück für Stück den Naturverlauf selber um und brächte alle
Schwungräder der Weltarbeit neu in Kraft. Und so überstände die
Sphärenharmonie auch diesen dunkeln Punkt.

Man könnte sich denken, daß wirklich auch diese Regelung schon mit
zu der überkommenen Ordnung des kosmischen Weltkunstwerks gehörte,
als die Intelligenz entstand. Und daß diese Intelligenz sich auch ihr
nur anzupassen brauchte durch rechtzeitigen Wechsel des Orts im Raum,
wenn für einen Weltkörper die große Dissonanz des Übergangs zu ertönen
begönne, seine läuternde Katastrophe sich nahte, -- durch Auswandern
auf einen andern, der schon frisch wieder geläutert schwebte und auf
unermeßliche Zeiten den harmonischen Frieden böte. Arrhenius selbst hat
an wanderndes Leben so von Stern zu Stern gedacht, das immer wieder
die gefährdeten Augenblicke des Zurückdrehens der Räder mit ihren
Zusammenstößen glücklich überstände. Ihm haben Bakteriensporen (also
winzigste Einzeller-Leben), die der Lichtdruck kosmisch vertreibt,
diese glückliche Gabe, den Stürmen des Entropiewechsels ewig zu
entrinnen und sich immer wieder der Melodie des Ganzen zu erfreuen.
Es würde aber wenig verschlagen, das, was hier dem Bakterium in
blinder Fahrt zugeschrieben wird, auch umgekehrt der Stufe einer sehr
vorgeschrittenen, weit übermenschlichen Intelligenz als technische
Bewußtseinstat zuzugestehen. Dabei würde man allerdings wohl dem
Weltbilde des Arrhenius noch eine wesentliche Gedankenvertiefung
hinzufügen müssen, die unserem Vergangenheits- wie Zukunftsdenken
aber grade die mehr zusagende ist. Arrhenius geht auf keine wahre
Entwickelung ein. Seine so schön regulierte und immer wieder auch
von kosmisch wandernden Zellen neu belebte Welt ist ein himmlisches
~Perpetuum mobile~, immer mit den gleichen Umkehrbahnen, und starr ist
in ihm auch das Leben -- der Bakterienkeim ist ewig, aber sein Fortgang
zur Intelligenz nur eine belanglose Episode, wie diese Intelligenz
selbst. Die Frage bleibt, woher dieses kosmische Wunder? Man wird
doch eher wieder annehmen, daß es sich selber erst in unendlichen
Urauslesen auch zu _dieser_ Melodie entwickelt habe. Vielleicht hat es
auf lange ringenden Stufen zuerst wirklich bloß das Leben selbst in
seiner noch denkbar einfachsten Form geschaffen, dieses wunderbar noch
einmal vertiefte, verinnerlichte System im System, -- hat es einzelne
bakterische Zellen zunächst geschaffen, die dann vielleicht wirklich
mehrfach erst als solche durch die Regulierungen kamen. Bis zuletzt
aber eine so lange Dauerstufe erreicht war, daß nun dieses Zelleben
selber wieder weiter konnte und aus sich bis zu Intelligenz stieg.
Worauf diese Intelligenz auf unendlich hoher technischer Stufe fortan
nun selber wieder eine unzerstörbare Macht blieb, die sich auch über
alle diese Melodien und Regelungen der Himmelswelt als ihrem freien
Unterreich auftat, um nun die große, im Leben zum erstenmal angebahnte
Verinnerlichung und Vergeistigung der Entwicklung von sich aus abermals
weiter und weiter zu treiben in immer gesteigertes Licht ...



[Illustration]

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So könnte der _Traum_ gehen. Eilende Wolken, wer mit euch wanderte!
Es hat doch _einen_ Wert, sich in solche Träume zu vertiefen. Wir
_sollen_ den Mut haben, auch der Intelligenz solche Wege zu denken
und nicht bloß der Physik. Für die sie heute in aller Ruhe gedacht
werden, obwohl es auch hier mehr oder minder Traumpfade bleiben, die
wir bloß deshalb schwindelfrei entlang laufen, weil wir die Abgründe
des ganz Unbekannten nicht sehen. Vielleicht aber würde grade darum
unser Brockengespenst auch wieder darüber lächeln. Wer weiß, was in
dieser Seele nach hundert Millionen Jahren lebt, das gar nichts mit
erweiterter Technik zu tun hat? Wer sagt uns, wie dieses Überwesen sich
längst zu den großen Fragen des Lebens und des Todes selbst gestellt
hat, die uns bei jener Vision der im Sonnentod Erfrierenden doch am
meisten bewegen? Wie ganz und gar kann von innen heraus dort verschoben
sein, was uns daran interessiert, in Angst und Hoffnung bewegt, Mut
oder Trost heischt. Werden diese Augen dort, die keine Menschenaugen
mehr sind, nicht ganz anders tief in die großen Geheimnisse, die auch
kein Sternengleichgewicht der kosmischen Physik löst, eingedrungen
sein? Werden sie nicht auch ausgebaut haben, was schon ahnend durch
uns geht wie ein schwaches Flämmchen, wie das Lichtschimmerchen einer
Türritze hier und da in einem Philosophenkopf? Daß Zeit und Raum
selber nur Geisteswerte sind; daß der Blick in jene flammenden Sonnen
und Milchstraßen, zu denen wir in unstillbarer Sehnsucht wandern
möchten, zuletzt nur ein Blick in uns selber, in unser tiefstes
eigenes geistiges Rätsel ist? Werden sie nicht anderes wissen von
den quälenden Fragen um das Geistige und um das Stoffliche als wir?
Sollen wir wirklich glauben, daß das schwächliche Ignorabimus, das
ewige Nichtwissenkönnen, das unsere Zeit so gern als ihrer Weisheit
letzten Schluß predigt und dem doch der heilige Denkerzorn aller
großen Genien der Menschheit von je widersprochen hat als dem Todfeind
ihrer rastlosen, selbstlosen Arbeit, bei ihnen, den Vollendern dieser
Genien und der Spur ihrer Erdentage in Aeonen, noch irgendeine Rolle
spielen werde? Trost! Wird der Trost dieser Promethiden nur in Technik
liegen? Vielleicht haben sie ausgedacht, was unser Fechner träumte:
daß alle die Sonnen des Firmaments da droben nur die verbrennenden
Fetttröpfchen in einem umfassenderen Gehirn sind, dessen Intelligenz
uns und andere im All wie Ganglienzellen umschließt. Wenn unsere Arbeit
und Entwickelung in jedem beliebigen Augenblick abrisse, so wäre sie
in diesem Sinne doch niemals umsonst getan, denn sie lebte in diesem
höheren Zusammenhang weiter, in dem wir hingen und gingen bis in jede
Kleinigkeit unseres ganzen Tuns, ohne daß wir es doch selber merkten,
gleich den Einzelzellen eines arbeitenden Gehirns ...

Vielleicht. Aber schieben wir das Fernrohr der Träume wieder zurück
und stellen das der abermals näheren Wirklichkeit ein. Auch auf den
schlichtesten Gedanken gebracht: es wird wohl so sein, daß die schöne
Erde als Wiege seiner Leiden wie Erfolge dem Menschen treu bleibt und
ihm Zeit läßt, bei eigener ungehemmter Kraft seine schöne Arbeit zu
guter Stunde an einen nochmals höheren Ast der Entwickelung weiter
zu geben, der dann zuletzt sehen mag, wie er im sieben mal siebenten
Grade mit einigen Nullen daran auch mit dem nächsten Stundenschlage der
kosmischen Uhr fertig werden wird. Zeit -- hier handelt es sich nur um
Zeit, -- der alte Chronos, durch dessen Glas die Sonnenenergie läuft,
scheint der einzige Schicksalsgott. Aber der Mensch hängt nicht nur an
der Erde, er hängt auch am _Leben_. Und es könnte sich fragen, ob hier
nicht ein neuer Drache liegt, der ihn aus tief verborgener Höhle heraus
längst gefressen haben müßte, ehe alle jene Dinge in Betracht kommen,
-- der ihn fressen müßte schon auf ganz naher Bahn, wirklich noch als
das Menschenkind, das er heute ist. Er hat sich so strahlend über das
niedere Leben erhoben. Aber wenn nun das Leben selbst ihm abrollte im
Schicksalsglas, -- eines Tages -- nach unaufhaltsam innerem Gesetz? Die
Frage, die hier auftaucht, ist die nach dem inneren Verfall, nach der
eigenen inneren _Degeneration_.

Auch sie ist alt. Wieviele Bücher sind nicht von je geschrieben worden
über die »zunehmende innere Verderbnis« des Menschengeschlechts. Eine
wissenschaftlich greifbare Form hat auch sie aber doch erst in unsern
Tagen erhalten, seit wir wissen, daß auch das Menschenwesen wirklich
ein Stück Leben in der Natur, Zelleben, Tierleben sogar noch bis zu
gewissem Grade ist. Wir besuchen eines unserer großen Museen für
tierische und pflanzliche Vorweltskunde, und aus den alten Bildern
des Lebens selbst scheint uns eine bedrohliche Mahnung zu kommen.
Da ragt im versteinerten Geripp unzähliges Getier, dessen Gruppe
oder Art heute gänzlich wieder _ausgestorben_ ist, auch ohne daß die
Sonnenenergie es schon zu seiner Zeit verlassen hätte: Mammute und
Megatherien und Ichthyosaurier. Eine Weile wurde ja die Wissenschaft
damit noch in besonderer Weise fertig. Wenn nicht Sonnenschicksal, so
sollten doch gewisse fürchterliche Erdumwälzungen der Urwelt diesem
alten Volk inmitten blühendsten Lebens den Garaus gemacht haben, worauf
dann stets völlig zusammenhangslose Neuschöpfungen stattgefunden
hätten. Auch daran glauben wir aber nicht mehr. Für uns wächst der
Stammbaum des Lebens zusammenhängend durch alle Erdalter herauf ohne
Einschnitte. Aber woher dann doch das Abwelken so vieler Zweige? Eine
bestimmte Lehrmeinung hat sich hier herausgebildet, die heute auch
oft in weiteren Denkkreisen ihre Rolle spielt, ganz ähnlich wie jenes
Schreckbild einer erfrierenden Menschheit. Wohl haben im Stammbaum der
Lebewesen Entwicklungen, Fortschritte stattgehabt, die dazu führten,
daß gewisse Linien darin bis heute lebendig durchgekommen sind, Form um
Form aus sich weiter gebärend. Aber daneben waltete ein unerbittliches
_Todesgesetz_ auch dieses Lebens. Wie der Einzelne schließlich überall
sterben muß, wenn auch das Ganze dauern mag -- sterben muß, nicht weil
die Welt untergeht, sondern weil sein Lebensteil nach einem tiefen
Selbstgesetz des eigenen Altersverfalls verwirkt ist, so soll auch
ein solcher Tod für jeden einmal zu gewisser Höhe und Reife gelangten
Einzelast des großen Stammbaums gelten. Die einzelne Art, die sich
eine Weile gefestigt, die einzelne Gruppe, die zu einer gewissen
Blüte gelangt ist, sollen nach einiger Zeit still wieder verfallen,
eintrocknen, absterben. Mag der große Lebensstamm sonst dauern, auch
wieder neue Triebe irgendwo zeitigen: ringsum brechen doch die einmal
ganz in sich ausgelebten Äste als dürres Reisig wieder ab. Und so
sind grade die seltsamsten, eigenartigsten Formen früher immer schon
wieder abgefallen: jene Megatherien und Ichthyosaurier, deren Gerippe
wir jetzt nur noch tief begraben in den alten Erdschichten finden. Die
Nutzanwendung aber liegt nahe.

Der Mensch ist schließlich auch nur ein solcher Ast. Er hat lange in
den Vorstufen immer wieder Glück gehabt. Endlich ist er dann aber
auch ganz eigenartig aufgeblüht, hat einen völligen Sonderweg für
sich genommen. Seit so und so viel Jahrtausenden steht er jetzt mit
seiner Art teils (im meisten Körperlichen) so gut wie still, teils
vertieft er sich (im geistigen Ausbau seiner Kulturwerte) immer
einseitiger auf dem einmal eingeschlagenen Wege. Grade das aber beweist
auch sein Schicksal. Seitdem schwebt auch über seinem Haupte der
Drache des _Artentodes_. Wenn wir ihn noch scheinbar blühen sehen,
so ist doch eben dieses Blühen auch der Vorbote des Ausblühens. Wie
die hundertjährige Agave, die an ihrer endlich im hundertsten Jahr
erreichten Blüte stirbt, wird in gewiß nicht ferner Zeit auch unser
Wurzelwerk zu dorren beginnen, die großen Kulturblätter werden saft-
und kraftlos wieder herabsinken, -- die unaufhaltsame Degeneration
zum Mammut- und Megatherienschicksal wird auch im Menschenwesen in
ihre Rechte treten, bis der unerbittliche Lebensdämon auch diesen
prangendsten Stammbaumast wieder ganz herunter hat; auch Achilles mußte
sterben als Einzelmensch, auch Goethe; also auch wir als Einzelart.

Dieses Zukunfts- und Schlußbild hat eigentlich noch etwas
Widerwärtigeres als jene Eisvision. Es kriecht so häßlich und langsam
heran, mitten in der Sonne. Man fragt sich, ob alles mögliche, das
wir noch als Aufstiegzeichen fromm begrüßt hatten, nicht schon
geheimes Krankheitsmal sein könnte. Unwillkürlich denkt man an die
Unglückspropheten, die uns versichern, weil ein paar Dogmen so
nicht mehr ganz haltbar erscheinen, sei bereits die ganze religiöse
Innerlichkeit des Menschen erloschen; weil gewisse soziale Erörterungen
nicht mehr gehemmt werden können, sei das Volksgefühl erloschen (wir
haben seltsamerweise von dieser Degeneration im Augenblick nicht
eben Proben an unserm Volk erlebt!); morgen werde die Philosophie,
übermorgen die Kunst (Eduard von Hartmann hat das schon für kürzeste
Zeit in Aussicht gestellt) einpacken, und vielleicht sei es schon nicht
mehr scharf möglich, das Geniale vom Irrsinnigen zu unterscheiden.
Aber der Ernst der rein naturwissenschaftlichen Frage darf doch nicht
verkannt werden, und da ist es denn doch auch hier wieder entscheidend
wertvoll, daß auch jene Lehre vom Artentod in dieser Weise gar nicht zu
halten ist, sowie man sich die Mühe macht, etwas weniger oberflächlich
an die Tatsachen heranzugehen.

Aussterben kann eine Tierart auch ohne Erdkatastrophe oder eigenen
Artentod durch gewisse äußere Umstände im Einzelfall, -- das lehren
die zahlreichen Tierarten, die wir Menschen in unsern hellen Tagen
bis auf den letzten Kopf vernichtet haben, so daß ihre letzten
Knochen oder Bälge auch nur noch »fossil« in unsern Museen stehen:
die Riesenalke, Borkentiere, Quaggas, Dronten und wie sie alle
heißen. Wenn der schöne Apolloschmetterling, der noch über alle
Alpenmatten gaukelt, nur in unserm Riesengebirge in ganz letzter
Zeit ausgestorben ist, so werden wir wirklich an alles andere, aber
nicht an Artentod wegen inneren Sterbeglöckchens denken, ebensowenig
wie unsere Damenhüte, an denen der Paradiesvogel zu sterben beginnt,
geheime Werkzeuge der eigenen Degeneration dieser armen Prachtvögel
sein dürften. Nun hat die Lehre sich aber ein paar Schulbeispiele aus
der Urwelt herausgesucht, die trotzdem unüberwindlich sein sollen.
Der eine Fall betrifft den Untergang der sogenannten Nautiloideen
und Ammonoideen unter den vorweltlichen Tintenfischen. Tintenfische
(Cephalopoden) sind höchstentwickelte Mollusken, also die Spitze eines
alten Tierstamms, der mit ihnen schon vor langer Zeit gleichsam blind
auslief, somit alle Möglichkeiten schon früh eines Artentodes im Sinne
der Lehre bieten konnte. Im Gebiet dieser Tintenfische sehen wir nun
in der älteren und mittleren Vorwelt jene genannten Gruppen, deren
Einzeltiere in höchst verwickelten, gekammerten Gehäusen lebten, zu
einer gewaltigen Blüte in die Breite hinein sich entfalten. Zahllose
Formen treten auf den Plan mit verschiedenartigsten Schalen, Riesen
und Zwerge, eine wahre Welt für sich, in der alle Schleusen üppigster
Lebenskraft aufgetan scheinen, wenn auch die Organisationshöhe im
ganzen nicht mehr steigt. Die technische Anpassung ist dabei offenbar
sehr gut. Auf ihrer Garantiegrundlage sozusagen feiert jene rhythmisch
variierende Grundkraft, von der ich gesprochen habe, wahre Feste:
diese Ammonshörner gehören zu den schönsten »Kunstformen der Natur«,
die je bekannt geworden sind. Schließlich ist es sogar, als bekomme
dieses Prinzip wahrhaft bedrohlich die Oberherrschaft: die Phantasie
(wenn das Wort noch einmal vergleichsweise erlaubt sein soll) der
Kunstformen scheint das Gerüst der Nutzform selber aufzulösen in sein
Sonderspiel hinein. Und grade dann jäh Schluß. Mit dem Ausgang der
Kreidezeit stirbt das ganze flotte Volk unaufhaltsam scheinbar dahin.
»Artentod« heißt es! Sie waren auf ihrem einsamen Ast in flotteste
Blüte gekommen, diese Urweltler, hatten sich wie toll ausgelebt; da
aber kam Mephisto und reichte den abgelaufenen Pakt dar: bis hierher
und nicht weiter. Die letzten bizarren »Kunststile« der Ammonoideen
bezeichnet die strenge Forschung (eine kleine Bedenklichkeit an unsere
Futuristen unter den Malern) bereits als offensichtliche Anzeichen der
Entartung vor Torschluß. Und die Sache wäre glänzend, wenn sie nicht
einen einzigen Haken hätte.

Artentod der Gruppe damals _müßte_ bedeutet haben: _vollkommenes_
Sterben. Wenn es anders herging, -- sagen wir, wenn die Tiere damals
am Ende der Sekundärzeit einen überlegenen Gegner fanden, der sie
überwältigte, vielleicht leicht überwältigte, weil sie (bildlich
gesprochen) im Vertrauen auf ihre Alleinherrschaft in allen Meeren
lässig geworden waren und einen Teil ihrer Schutz- und Trutzkraft
hatten einrosten lassen; oder wenn in der nicht katastrophalen, aber
doch damals offenbar geologisch recht kritischen Land- und Wasser-
und vielleicht Klimaänderung ein Anlaß lag; oder wenn, was weiß ich
sonst für Ursachen walteten, die das Geschlecht stark bedrohten: --
nun so hätte doch recht wohl in geschütztem Winkel der eine oder
andere Teilnehmer, den die Sonderlage begünstigte und der vielleicht
auch im faulen Leichtsinn (man versteht die menschlichen Ausdrücke
für die Zwangslagen alter Naturzüchtung!) nicht ganz so weit die
Nutzrücksichten außer Kraft gesetzt hatte, trotzdem erhalten bleiben
können. Der »Artentod« dagegen, der fortfressend überall ins Mark
ging, soweit die Art da war, konnte keine Ausnahmen machen, so wenig
es bei uns im Einzelleben jemand gibt, den Freund Hein nicht doch
zuletzt lächelnd hinter jedem Versteck fände, wenn das Stundenglas
der menschlichen Einzelperson um die Hundert herum abgelaufen ist.
Nun will aber die wahre Sachlage, daß grade _eine_ Gattung mit ein
paar Arten jener Nautiloideen sich doch _bis heute_ lebend in den
indisch-australischen Meeren erhalten hat, der Nautilus unserer
Zoologen. Über die Gründe dieser Rettung in einem auch sonst wirksamen
»Asyl« urweltlicher Tiere der Sekundärzeit will ich hier nicht näher
reden, wer den Fortgang der Geschichte sucht, mag ihn in meinem
Kosmosbändchen über »Tierwanderungen in der Urwelt« ausführlich
nachlesen. So hübsch also die Sache klingt: es _kann_ mit dem
»Artentod« in diesem Falle auch nichts sein, denn die ganze Sonderart
dieser Gruppe ist damals gar nicht gestorben, -- der eine Mohikaner
lacht allen ins Gesicht.

Und nicht anders ist es mit dem zweiten Beispiel. Wer den Menschen
recht geringschätzig einordnen will, der sagt wohl, sein bißchen
einseitiges Gehirnwachstum, an dem das bißchen Kultur nachschleife,
sei doch nur ein Einzelfall, und mindestens ebenso gut sei ein
Entwicklungsglück wie es das Pferd erfahren habe. Von plumpen
fünfzehigen Ahnen sei es in langer Steigerung zu seinem prachtvollen
Einzelhuf gekommen, diesem Ideal flotter Fortbewegung auf ebenem Plan.
Und doch, so hören wir, ist auch dieses Pferd (Menetekel für uns!) ein
Paradebeispiel des Artentodes, der auch die Besten und Vollkommensten
zuletzt an der Gipfeldürre ihres Einzelastes erreichen muß. Besagtes
Pferd hat vom Eozän (dem ältesten Abschnitt der Tertiärzeit) an in
Amerika, seiner mutmaßlichen Bildungsstätte, so etwa drei Millionen
Jahre gebraucht, bis es in diesem Sinne »fertig« war. Dann hat es,
in die Diluvialzeit hinein, sein Stammland in unzählbaren Scharen
durchstreift, vom bewohnbaren Norden bis tief hinab nach Patagonien.
Bis eines Tages auch seine Stunde schlug. Der »Artentod« faßte es, so
hören wir abermals. Ein ungeheures Pferdesterben ging durch den ganzen
Doppelerdteil, und als der Würgeengel abließ, war kein Pferd mehr im
Lande, so daß die Spanier erst Jahrtausende später wieder die ersten
ganz neu einführen mußten. Das Merkwürdige ist nur, daß diese Spanier
noch welche hatten. Denn der Artentod war auch in diesem Falle streng
einseitig geblieben. Auf der Höhe seiner Kraft war nach verschiedenen
früheren Vorstößen das fertige Pferd von Amerika nach der alten Welt
hinübergewandert und hatte sich auch dort in den Steppen Asiens,
Europas und Afrikas heimisch gemacht. Hier aber zeigte sich keine Spur
von innerem Verfall. Ein Teil pferdehafter Tiere belebt noch heute
Afrika und Asien in alter Frische und Wildheit. Ein anderer freilich
hat erleben müssen, daß der Gehirnspezialist Mensch doch irgendwie
auch dem vorzüglichsten reinen Laufspezialisten über war, er hat in den
Dienst dieses Menschen übertreten müssen, der seine Laufkunst fortan
auch für sich ausnutzte. Kein Zweifel, daß es in diesem Pferdebeispiel
besonders schwer ist, das einseitige Aussterben drüben auf eine
äußere Ursache zurückzuführen, da Amerika sich nach Neueinführung der
europäischen Kulturpferde sogleich wieder als ein nach wie vor gutes
Pferdeland in seinen Grassteppen erwiesen hat. Da um die gleiche Wende
der Diluvialzeit auch eine Anzahl anderer großer Säugetiere (Elefanten,
Edentaten) drüben ausstarben und ein merkwürdiges Großtiersterben auch
sonst vielfach über die Erde ging, wird noch weitere Forschung nötig
sein, um herauszubringen, was damals eigentlich los gewesen ist. Aber
Artentod ist's ganz bestimmt nicht gewesen, sonst wären nicht in der
alten Welt Pferde und Elefanten bis heute trotzdem übrig geblieben und
z.B. in Südamerika von den Gürtel- und Faultieren die kleineren Formen,
während die größeren irgendeiner rätselhaften Zeitstimmung erlagen.

Ist es aber mit diesen Paradebeispielen nichts, so läßt sich nun
grade umgekehrt aus den Tatsachen der Urwelt mit Leichtigkeit der
Beweis führen, daß gewisse Tiergruppen und Tierarten auch in den
geradezu riesigsten Zeiträumen ihrer Dauer bisher auf Erden, in denen
sie offenbar äußerlich nicht bedroht worden sind, innerlich nicht
den leisesten Zwang verspürt haben, zu verelenden und am Artentod
einzugehen. Der merkwürdige Haifisch Cestracion aus dem westlichen
Stillen Ozean existiert »unverstorben« seit der Kreidezeit, also
dem Zeitalter der Brontosaurier. Der noch heute in Australien
vorkommende Molchfisch Ceratodus lebt als unveränderte Gattung fort
seit der Buntsandsteinzeit, also vom Anfang der Triasperiode, hat
somit Anfang, Blüte und Sterben selbst der berühmten Ichthyosaurier
um mehrere Millionen Jahre überlebt. Jener Nautilus selber war als
Gattung schon im Silurmeer, ist also älter als die Steinkohlenwälder.
Einen besonders lehrreichen Fall aber stellte die ganze Tierklasse
der Brachiopoden oder Armfüßer dar. Es handelt sich um wurmähnliche
Meertiere, die in muschelähnlichen Doppelschalen sitzen. Sie waren
bereits eine verhältnismäßig sehr frühe, wenn man so sagen soll,
»glückliche Erfindung« der Natur, erreichten jedenfalls bereits in den
uralten paläozoischen Meeren ihre Hochblüte, von der sie dann gleich
danach, also auch noch in entlegensten Urweltstagen, ersichtlich
wieder heruntergingen. Nach allen angeblichen Gesetzen des Artentodes
müßten sie also jetzt seit undenklichen Zeiten vollkommen ausgestorben
sein. Statt dessen leben noch nicht ganz ein Dutzend Familien in
unseren Ozeanen fort, und dabei ist als Gattung ~Lingula~, ein
kleiner Geselle, der mit seiner Klappschale an einem Stiel im Sande
haftet; diese Gattung gehört aber in nur ganz gering veränderter
Gestalt bereits zu den allerältesten Tierresten, die wir überhaupt
aus der Urwelt besitzen, nämlich denen der algonkischen Periode, die
nach jener oben benutzten Rechnung rund etwa hundert Millionen Jahre
zurückliegt. Nun muß man sich abermals vergegenwärtigen, was allein
das schon für unsere Menschheitsfrage bedeuten würde. Nehmen wir an,
daß der Mensch in seiner heute vorhandenen Rassenform jetzt bereits
ein paar hunderttausend Jahre vorhanden wäre und daß er mindestens im
wesentlichen seines rein zoologischen Körperbildes sich nicht mehr
verändere, also den Gipfel hier seines Stammbaumastes schon jetzt
erreicht haben sollte, so gewährten die letztgenannten Daten immer
noch die unbestreitbare zoologische Möglichkeit, daß er, was »inneres
Gesetz« anbelangt, ebenso noch drei oder dreißig oder im allerletzten
Falle der Brachiopodenzähigkeit gar noch an runde hundert Millionen
Jahre weiter leben könnte, ohne irgend etwas wie Artverfall und
Artentod erleiden zu müssen.

Einmal praktisch angefochten, hat die Lehre vom Artentod aber auch
theoretisch gar keine sichtbare Grundlage. Der Vergleich mit dem
persönlichen Tode ist ganz schief. Wenn wir den natürlichen Tod des
Einzelwesens, ohne alle tieferen Rätselfragen anzuschneiden, bloß hier
auf seinen rein zoologischen Sachverhalt hinaus ansehen, so ist er
bekanntlich erst eine nachträgliche Sache der Arbeitsteilung. Nach dem
ursprünglichen Prinzip gibt es auch da keinen Tod. Das Einzelwesen ist
ursprünglich und in gewissem Sinne auch heute noch immer unsterblich.
Die Wesen, die nur aus einer Zelle bestehen, können zwar gewaltsam
vernichtet werden, aus innern Gründen aber kennen sie keinen Tod:
im Fortpflanzungsakt zerfallen sie in zwei oder mehr Neuwesen, die
gleichmäßig fortleben, und in dieser Weise dauern sie ohne natürliche
Leiche seit Urtagen. Man hat das gelegentlich bestritten, die feinsten
Züchtungsversuche haben es aber in letzter Zeit immer nur wieder
bestätigen können. Und erst bei den höheren Wesen, die verwickelte
»Zellstaaten« bilden, ist hierin ein Wechsel insofern eingetreten, als
ein Teil der Staatsbürger nur noch diese alte Unsterblichkeitsgabe
wahrt, nämlich die Fortpflanzungszellen (Eizellen, Samenzellen),
während der Rest in staatlicher Arbeitsteilung diese Keimzellen
weiteren Lebens zeitweise reifen läßt, schützt, nährt, weitergibt,
dann aber nach getaner Arbeit selber von seiner Leistung erschöpft und
zerzaust hinstirbt. Man sieht auf den ersten Blick, daß das nicht auf
die Art im ganzen angewendet werden kann. Die Einzelwesen einer Art
leben nicht in solchem Staat mit Arbeitsteilung, und die ganze Regelung
der Dinge hätte hier keinen Sinn. Die Umwandlung einer Art ist nicht
gleichzusetzen mit Fortpflanzung. Die Art kann im Ganzen übergehen in
eine neue, sie kann aber, wenn kein Anlaß dazu ist, auch ebensogut
stehen bleiben, -- sie kann am einen Ort lebend weitergehen, am andern
lebend verharren (wie viel Vorstufen anderswo verwandelter Tierarten
haben wir nicht noch gleichzeitig auf der Erde vor Augen!), ohne daß
das eine das andere ausschließen müßte oder könnte. Und so fort. Und
so wird man nicht darum kommen, überall da, wo wir in der Vorwelt
auf wirklich ausgestorbene Lebensformen treffen, statt eines inneren
Altersgesetzes Ursachen von Fall zu Fall in der äußeren Lage zu suchen.

Der einfachste Fall ist natürlich der, daß eine Art einfach deswegen
verschwunden ist, weil sie sich in eine andere hineinentwickelt hatte;
das werden wir auch beim Menschen im Sinne des früher Gesagten später
sogar einmal erwarten und jedenfalls nicht fürchten. Was aber alle
gefährlicheren, wirklich abschneidenden Ursachen betrifft, wie eine
Art in solchen Fällen beseitigt sein könnte, so wird man sogleich den
Eindruck bekommen, daß keine einzige auch nur mit einiger Sicherheit
noch auf die Zukunft des Menschen angewendet werden könnte. Die
Überlegenheit dieses Menschen tritt hier eben schon in überwältigender
Deutlichkeit hervor. Jene Riesenalke, Dronten, Borkentiere (also ein
flugunfähiger Schwimmvogel der nordischen Küsten, eine ebensolche
Riesentaube von Mauritius und eine Seekuh des Meeres bei Kamtschatka)
sind vom Menschen als dem überlegenen Wesen gewaltsam vertilgt, zum
Teil buchstäblich aufgegessen worden bis auf den letzten Kopf, und
solche Vernichtungen einer Art durch eine überlegene im »Kampf ums
Dasein« hat zweifellos von jeher einen Hauptteil des »Aussterbens«
bedingt. Man wird aber doch nicht leicht glauben wollen, daß irgendeine
Tier- oder Pflanzenart der Erde (und rückten sie selbst alle zugleich
vor) den Kulturmenschen noch einmal zur Strecke bringen könnten.
Der Bischof Hatto, den die Mäuse fressen, oder die Abderiten, die
griechischen Schildbürger, die flüchten müssen, weil die Frösche ihnen
auf den Kopf steigen, sind Scherzbilder. Die großen Diluvialtiere haben
schon den Höhlenmenschen, der keine Metallwaffen kannte, nicht mehr
untergekriegt, Tiger und Schlangen den nackten Wilden nicht, und wenn
heute etwas zusammenbricht, so ist es die Tierwelt am Menschen, aber
nicht umgekehrt. Vielleicht ist nur ein einziger ernst zu nehmender
Feind noch in Protozoen und Bakterien, die uns mit Malaria, Pest und
ähnlichen guten Sachen beglücken. Vor ein- oder zweihundert Jahren
hätte man noch denken mögen, unser Geschlecht könnte einmal an Pest
oder Cholera aussterben, obwohl es schon damals eine Übertreibung
war, denn auch die schlimmsten Seuchen von früher haben sich stets
nach einer gewissen Wirkung sozusagen von selbst ausgelöscht; heute
aber ist unsere Medizin bereits bei so zielbewußtem Gegenangriff
auch hier, daß über den Ausgang keinem Einsichtigen mehr eine Frage
bestehen kann. Eine andere sehr allgemeine Ursache des Aussterbens
war sicherlich zu weitgehende Einzelspezialisierung. Das trifft
schon vielfach auf den ersten Fall mit zu. Die Dronte, die sich zu
einseitig (z. B. durch Flügelverlust) an die Verhältnisse ihrer
bequemen Insel angepaßt hatte, ging unter, als von fern übers Meer
ein großes Raubtier (die holländischen Matrosen, die sie massenhaft
abschlachteten) kam. Ein Geschöpf, das sich ganz eng mit seinen Organen
bloß auf _eine_ Ernährungsart, _eine_ Lebensweise eingestellt hat, muß
aber immer besonders leicht bedroht sein, sowie sich im geringsten
im Naturhaushalt etwas ändert, auch wenn es sich nicht um einen
eigentlichen Feind handelt. Einigermaßen hat die ganze Tierwelt mit
ihrer erwähnten einseitigen Organzerspaltung sich hier in die Sackgasse
gebracht. Fast alle sind sie Spezialisten, unsere Tierarten, und alle
bedroht der rasche Wechsel. Der Mensch aber ist ja mit seiner Technik
grade das Universalgenie, das _alles zugleich_ kann, er ist in jedem
Sattel gerecht und wird als Gesamtart unmöglich je am Spezialismus
zugrunde gehen im Sinne einseitiger Wasser- oder Luft- oder Wärmetiere,
einseitiger Grab- oder Lauf- oder Klettergeschöpfe. Ein Fall, über
den man auch bei ihm vielleicht noch nachdenken könnte, betrifft das
Schmarotzertum. Es ist von je offensichtlich eine besonders gefährliche
Form des äußersten Spezialistentums gewesen. Ein Tier gewöhnte sich,
ein anderes lebenslang auszunutzen, zu bewohnen, und es war dann in
der Regel mit verloren, wenn sein Gastgeber aus irgend einem der andern
Gründe ausstarb. So lebt z. B. ein Käfer (~Platypsyllus castoris~)
nach Flohart nur im Pelz des Bibers; heute stirbt der Biber infolge
menschlicher Verfolgung aus, und der ungebetene Gast muß mit. Nun, der
Mensch ist in einem Punkt auch noch Schmarotzer. Gleich allen andern
Tieren schmarotzt er an der Pflanze. Ohne sie könnte er trotz aller
seiner Kultur noch heute nicht leben, und Untergang aller Pflanzen
wäre auch seiner. Eine gewisse Hoffnung besteht ja, daß uns auch
davon einmal die Chemie befreien könnte, die uns die Pflanzenarbeit
künstlich ersetzte. Inzwischen ist aber auch so schon an dieser
Stelle von einer Gefahr keine Rede. Grade die Pflanze ist stärker als
irgend etwas in unserer Hand. Wir haben sie längst »kultiviert«, in
eine Art Ertragsmaschine für unsern Zweck verwandelt. Wir bestimmen
das Pflanzenbild der Kulturländer, wir füttern die Pflanze durch
Bodendüngung, wir veredeln ihre Rassen, wir kämpfen gegen ihre
Krankheiten, machen sie immun, verteidigen sie gegen das Klima. Wir
sorgen nicht mehr, daß sie uns aussterben könnte: wir schaffen längst,
daß sie nicht aussterben kann. Und dabei sind wir sogar noch immer
bisher nur in den Anfängen gewesen. Man muß eine unserer biologischen
Versuchsanstalten von heute besuchen, um zu ahnen, was der Mensch
bewußt zum Ziel für sich noch alles aus dieser geduldigen Naturecke
herauszüchten wird; die Hauptlast unserer ganzen »sozialen Frage«
wird er uns hier noch einmal hinwegzüchten, anstatt daß hier eine
Hungersgefahr für ihn läge.

Und so läuft, wo man an diese »Gefahren« herangeht, immer wieder alles
zum Triumph des Menschen aus. Gelegentlich scheint es (wir erwähnten
schon ein Beispiel), daß Tierarten bedroht worden sind, weil jenes
auf rhythmisch-ornamentale Gebilde (»Kunstformen« der Körperbildung)
ausgehende Prinzip in Kampfpausen zu sehr das Nutzprinzip überwog, den
Tieren allerlei Schmuck anhängte von sich aus, der nachher, bei wieder
stärkerem Kampf, störte und unterliegen ließ gegen bessere Schutz-
und Trutzausnutzung bei andern. Ins Menschliche gebracht, wäre das,
wie wenn ein Volk über lauter Kunst und Schönheit seine Wehrkraft
vernachlässigte. Im rechten Volk muß eben beides in richtiger Harmonie
sein, denn wenn die Wehr nicht ist, geht im gegebenen Fall alles
zugrunde und damit auch die Kunst. Und in der letzten Entscheidung,
wenn alles daran zu setzen ist, muß sogar die Kunst immer zurücktreten
gegen die Daseinsbehauptung; wenn es um die heilige Not eines Volkes
geht, kann keine Kathedrale mehr darüber gehen. Auch an diesem Dilemma
wird aber der gesunde Sinn der Menschheit nicht sterben, es ist nur
eine Frage der dauernden richtigen Arbeitsteilung in unserm Kulturleben.

Erwähnenswert könnte noch die Frage der Inzucht sein. Man meint, daß
lebende Wesen degenerieren und absterben, wenn sie zu gleichartig
werden, immer untereinander im Engsten kreuzen ohne Blutauffrischung
So gehen abgeschlossene Tierherden in zoologischen Gärten oder
die gehegten Tierreste unserer Elche und Wisente in ihren Asylen,
vielleicht auch Inseltiere, anscheinend allmählich herunter. Und so
hat man gesagt: wenn der Mensch einmal die ganze Erde als sozusagen
uniformer Kulturmensch bewohnt, wird er an Gedanken-Inzucht zugrunde
gehen und schließlich auch an körperlicher, es wird kein juveniler,
auffrischender Einfluß mehr für ihn übrig sein auf seiner Erdeninsel.
Ich gestehe, daß mir zunächst die reinen Tatsachen der körperlichen
Inzucht und ihrer Folgen immer unklarer geworden sind. Man muß
da erst noch neuere biologische Experimente in ihren endgültigen
Ergebnissen abwarten. Vielleicht handelt es sich nur um Störungen, die
gegebenenfalls leicht auszumerzen wären, wenn unsere Biologie erst
einmal die Gesetze mehr beherrscht.

Andererseits hat aber jede Anwendung auf die Menschheitszukunft
überhaupt gute Weile. Anstatt zu nivellieren, führt alles, was wir
bis jetzt am Kulturmenschen sehen, zu immer stärkerer Ausbildung
der einzelnen Persönlichkeit. Je tüchtiger ein Volk ist, desto
entschiedener ist unbeschadet allem Volks- und Kulturbewußtsein die
Ausbildung der einzelnen Individualitäten. Der Kosmopolitismus kann
daran nichts ändern, im Gegenteil bringt er immer neue Wurzeln von
Gegensätzen hinzu. Das verschiedene physische »Milieu« der Erde in
Zone, Höhe, Erdteil usw. wird keine Kultur an sich je verwischen.
Von ihm aber sind schon in der Bildung der Pflanzen und Tiere von je
Gegensätze immer wieder geschaffen worden, nicht bloß grob verschiedene
Anpassungen, sondern schon landstrich-, stromtal-, gebirgsweise weit
darüber hinaus unendlich feine verwickelte Milieu-Abhängigkeiten, deren
noch sehr geheimnisvollen Gesetzen von den Biologen heute besonders
eifrig nachgeforscht wird. Diesen gleichen Einfluß hat aber auch
der Mensch erfahren, er steckt bei uns eben in Rassen, Nationen,
Sonderarten der einzelnen Volksteile und so fort, die Zukunft wirds
aber mit noch mehr Ausbreitung über die Erde nur immer neu erfahren.
Eine Nivellierung von Volks- und Landesgegensätzen in diesem Sinne
wäre weder wünschenswert, noch ist sie bei jener »Milieustärke« und
ihren geheimen Imponderabilien irgendwie denkbar als Möglichkeit. Die
Kultur kann so einheitlich im Ideellen werden wie möglich, so wird
sie doch immer die Gegensätze der Erde spiegeln, und wo verschiedene
Menschen, da keine Inzucht. Was aber die »Ideen-Inzucht« selber
anlangt, so glaube ich an sie erst recht nicht. Wohl wird sich vieles
vereinfachen bei uns, was geistig jetzt als zu viel an Neuem auf
uns eindringt, vieles in Formeln, Gesetzen Allgemeingut werden, was
jetzt Spezialwissen häuft. Das ist sogar gut und nötig, da unser Kopf
sonst die Masse nicht aushielte. Man denkt mit einigem Grausen an die
Größe unserer Bibliotheken, Museen usw. Ein Segen, wenn da in Zukunft
vieles wieder sehr vereinheitlicht und handlich wird, anstatt daß
zuletzt unsere Bücher wie eine geologische Schicht über unserer Erde
zusammenschlagen.

Andererseits aber glaube ich nicht, daß das Neue, Anregende,
Umschaffende, »Juvenile«, das von außen zukommt, je wieder bei uns
an sich abreißen könnte. Man erinnere sich an die zwei Menschenwege:
Wiederaufrollen der Vergangenheit und Blick in den Kosmos. Hier
liegen, was geistige Blutauffrischung betrifft, unzweideutig
Unendlichkeitswege. Dazu aber kommt noch ein anderes. Die Menschheit
schafft individuell auch von innen weiter, von innen heraus. Man
denke an Kunst. Aber noch an mehr. Die »juvenilen Quellen«, die hier
sprudeln, kommen aus einem Grunde, den wir mehr ahnen, als genau
kennen, -- daß er aber plötzlich versiege, dazu sehen wir wahrlich
keinen Anhalt.

Der letzte Gedanke führt aber ganz von selbst aus dem Degenerations-
und Todesgebiet überhaupt hinaus in ein neues, positives, das wir
jetzt, nach Erledigung der bösesten Gespenster, doch auch zu wenigstens
kurzer Schau betreten müssen.

Wir haben eben in unserm kosmischen Ausblick angenommen, daß der Mensch
noch weiter gehe. Ist uns jetzt wahrscheinlich geworden, daß er aus
Gründen des allgemeinen Lebens nicht zu degenerieren brauchte, so
möchte man die Frage daran schließen, ob aus solchen ursprünglichen
Lebenszusammenhängen erwiesen werden könnte, daß er umgekehrt sich noch
weiter emporentwickeln _müsse_.

Die Antwort ist in diesem Fall nicht so ganz einfach, sie erfordert
Umwege; ihr Ergebnis müßte dafür freilich auch das bedeutsamste sein.
Statt des Drachen sähen wir ja hier gleichsam den guten Engel der
Urvergangenheit des Menschen auftauchen.



[Illustration]

6


Auf den ersten Blick könnte es so einfach scheinen, und es gibt
Menschen genug, die sich dabei beruhigen: der Mensch ist die
Krone, wenn nicht, wie man sonst sagte, der Schöpfung, so doch der
Lebensentwicklung auf Erden; senkrecht ist diese Entwicklung zu ihm
heraufgekommen, so wird sie also auch allein über ihn weiter gehen.
Hier gibt es aber vonseiten des richtig sehenden Naturforschers
sogleich einen scheinbar zwingenden Widerspruch. Das Bild des
Lebensheraufgangs ist in den geologischen Zeitaltern und erhaltenen
Zeugen keine einfache Leiter. Wenn man eines der bekannten Haeckelschen
Bücher oder sonst ein neueres Werk zur Stammesgeschichte aufschlägt,
so gewahrt man den wirklichen Stammbaum als riesigen Zweigknäuel, der
zunächst wie das äußerste Gegenteil aussieht. Die Einzelheiten habe ich
selbst gelegentlich für die Kosmosleser in meinem Bändchen über den
»Stammbaum der Tiere« gegeben, wo sie leicht nachgesehen werden können.
Sieht man bei der gewöhnlichen Zeichnung darin zwar auch noch etwas
wie ein grundlegendes »Empor« grade durchschimmern, so verliert sich
der nähere Blick doch immer mehr in einem Astwald. Die Aufzweigungen
gehen da, dort in Gabelungen, Tiefenästen, krummen Linien aller Art
auseinander, das Alte bleibt massenhaft neben dem Neuen und reckt sich
auch bis ins heutige Zeitniveau, zuletzt ist der Affe lebend neben
dem Menschen als eigene Astspitze, und der verlorene Blick fragt, wo
es denn hier weiter gehen solle. Vielleicht wieder ganz von unten
heraus, vielleicht hier, da auf einem Ast. Mag der Mensch auf seiner
Ecke auch gehen oder mag er hundert Millionen Jahre dort stehen bleiben
wie das alte Lingulatier: beweisen kann man ihm das erstere aus diesem
nach allen Richtungen züngelnden Astwirrwarr, scheint es, gewiß nicht.
Und es ist wahr, man muß auch dieses Bild erst einmal ganz gründlich
geistig verdaut haben, um noch wieder für dritte Züge zugänglich zu
werden.

Zunächst ist eins doch wieder ein fester Fleck in dem ganzen Knäuel.
Wo immer der Mensch in jenem Baum einmal hängen mag: an seiner Stelle
_ist_ er, was er nach der oben gegebenen Wesensskizze eben ist, --
er _ist_ heute jene vollkommenste Anpassungs- und Herrschform des
irdischen Lebens, die ganz unzweifelhaft dabei ist, die ganze übrige
irdische Lebenswelt unter ihr Zepter zu bringen. Der Mensch saugt,
was da noch von anderen Zweigen des Stammbaums um ihn herum blüht,
praktisch in sich ein. Was er brauchen kann, läßt er bestehen von all
dem Tier- und Pflanzenvolk, was er nicht will, rottet er aus. Das geht
schon so und so viel tausend Jahre jetzt und hat schon das allgemeine
Bild verwandelt, es ist kaum zu sagen wie. Begünstigte Pflanzen
beginnen ganze Erdteile zu überziehen, unerwünschte Tierarten sind zu
Massen verjagt, vernichtet. Eine Welle rauscht hier über die Erde, der
aber auch nichts mehr standhält. Wie immer die tierische Entwicklung
noch gehen wollte, -- gegen diesen menschlichen Ansturm kommt
nichts mehr auf. An ein paar erwünschten Ecken, zu Kulturpflanzen,
Kulturtieren, hat er selbsttätig umgestaltet in schnellstem Schritt:
von eigenen Entwickelungen, wie sie auch kommen möchten, ist praktisch
bei _der_ Schnelligkeit des menschlichen Umklammerns, Einsaugens keine
Rede mehr. Wenn der Orang-Utan noch so viel Entwicklungszukunft in sich
trüge: er käme nie mehr dagegen an, was der Mensch längst über ihn
bestimmt hat.

Das Aufsaugen des ganzen noch bestehenden Stammbaums durch den einen
Menschen vollzieht sich aber nicht bloß so äußerlich. Es hat noch einen
tieferen, innerlicheren Sinn. Wir saugen die ganze übrige organische
Welt auch _geistig_ ein. Sie geht ein in unser Bewußtsein, unsere
Forschung, erhält dort eine ganz neue Einheit. Indem wir ihren heutigen
Inhalt hier zu uns herüberziehen, greifen wir sogar (nach jenem großen
uns eigenen Prinzip der Umkehr der Naturprozesse, des Aufrollens der
Vergangenheit) auf die früheren, längst vergangenen Stammbaumteile
zurück. Nicht bloß, was noch neben uns lebt, lassen wir gleichsam in
unser Inneres einwachsen und dort geistig neu auferstehen, sondern
auch die ältesten abgetrockneten Seitenzweige der Vorwelt reihen wir
wieder ein, ziehen wir auch in unsere Vergeistigung. Viel reiner,
viel erhabener noch als in jenem Gewaltprozeß wird hier jedes Tier
in unserer Wissenschaft und Erkenntnishelle nachträglich noch einmal
»Mensch« bis zum Ichthyosaurus hinab, der einst scheinbar ohne jeden
Anschluß nach oben als Nebenzweig verdorrt war. Auch an einen dritten
Weg sei wenigstens erinnert. Er klingt schon bei einzelnen Haustieren
an. Wir vermenschlichen wenigstens gewisse höhere lebende Tiere auch
selbsttätig von uns aus in ihrem Gemütsleben, ziehen sie hier zu uns
herauf. Was haben wir da aus dem Hund nicht bereits gemacht! Und
vielleicht, wenn wir die Gesetze des Empfindungs- und Seelenlebens
überall kennen lernen werden, was wird auch hier für ein Fortgang
noch liegen können, der noch wieder anders wäre als Gewaltherrschaft
und eigene Menschenforschung, -- der der armen niederen Lebensform
nachträglich selber, soweit noch möglich, einen Segen des Geistes
gäbe, der da oben an der einen Stelle zu einem immer gewaltigeren
Schöpfersturm angewachsen ist.

Wenn man aber den Menschen so ungeheure Macht bewähren sieht, rückwärts
ein Herr und Gärtner und Neuschöpfer des ganzen Entwicklungsbaumes
in der Praxis zu werden, so sinnt man doch, meine ich, verständiger-
und auch rein naturwissenschaftlicherweise darüber nach, ob die Art,
wie dieser Mensch selber aus dem Baum gewachsen ist, nicht doch noch
wieder eine etwas andere gewesen sein müßte. Wohl, der Baum ist keine
grade Leiter. In seiner Verzweigung scheint eine Art Methode des
Entwicklungshergangs wirksam zu sein, die uns ja nicht wundern kann,
wenn wir auch nur in einigen Zügen die Darwinsche natürliche Zuchtwahl,
die aus verschiedenen Varianten die besten weitersteigert, für etwas
richtig halten; diese Zuchtwahl wird bis zu gewissem Grade immer
Spielräume verschiedener Varianten erwarten lassen, also eine gewisse
Breite der Dinge, ohne daß sie doch eine Hauptlinie, die triumphierte,
ausschlösse. Und so werden wir, meine ich, doch überlegen, ob nicht
durch den ganzen Astwald die Linie des Menschen eine _zentrale_ bildet.

Er war zum Schluß die zweifellos beste, allumfassende Anpassung
auch in Darwins Sinn, -- sollen wir meinen, daß sie bloß eine
Zufallsblüte ganz jäh wie aus dem Nichts gewesen sei -- oder ist es
nicht wahrscheinlicher, daß sie eben doch schon auch vorher Schritt
für Schritt auf ihre universale Höhe geführt wurde? So wie wir uns
das aber fragen, fragt der nächste Augenblick: ja, aus was für einer
Organbildung erwuchs denn unser Schlußerfolg? Und dann sind wir ohne
jede Mystik bei einem Organ oder Organsystem, mit dem allerdings das
ganze scheinbare Wirrsal des Gesamtstammbaums der Lebewesen sich in der
einfachsten Weise in eine entscheidende durchhaltende Zentrallinie und
so und so viel Seitenbiegungen umzugliedern scheint, -- wofern man nur
ein klein wenig den Tatsachen schlicht ins Gesicht sehen und sich nicht
aus lauter Angst vor künstlich hineingetragener »Mystik« die Augen
zuhalten will.

Das Organ unseres Sieges, das Organ, das uns selber über das
Organbilden hinausgeführt hat zu der überorganischen Stufe des
Werkzeugs, ist das Gehirn. Dieses Gehirn oder, allgemeiner gesagt, das
Zentralnervensystem, ist vom Augenblick an, da es für uns erkennbar an
der Wurzel des Stammbaums auftritt, immer und überall das Organ des
_Fortschritts_ gewesen. Man versteht aus dem Zusatzwörtchen »zentral«
bei ihm selber, was es in einer Steigerung von »Organismen« dazu machen
mußte. Von Anfang an ist es nicht bloß ein Organ unter Organen gewesen,
sondern eines _über_ allen. Nicht bloß der Orientierungsapparat nach
außen war es, sondern vor allem das Organ der _inneren Einheit_ im
Lebewesen. In diesem Sinne hat zweifellos seine älteste Vorstufe schon
die persönliche Einheit der einzelnen Zelle geschaffen und steht
somit unmittelbar schon an der Wiege des Lebens überhaupt. Wo es
aber dann weiter wirkte, in die vielzelligen Wesen, die Zellstaaten,
hinein, da straffte es fortgesetzt die Einheitsarbeit aller Organe
erst recht eigentlich zum immer vollkommeneren »Organismus«. Wo es
sich vertiefter einlebte in diesem Sinne, da mehrte sich mit ihm
nicht das bunte Variationsbeiwerk, sondern es steigerte sich die
_Organisationshöhe_. Ging das Leben sonst in unendliche Breite, so
ging es hier _empor_. Was in den Ästen des Stammbaums ein Stück weit
emporgeht, steigt unverkennbar stets mit ihm. Wo es aber frei durch das
Ganze in immer weniger gehemmter Linie herauskommt, da ist der zentrale
Fortschrittsstamm des Ganzen. Und nun kann praktisch nicht zweifelhaft
sein, wo das ist.

Die Geschichte der organischen Welt, wie die Anatomie der noch
lebenden Formen zeigt es. Ganz unten und früh hat das Prinzip zunächst
die Sonderung der tierischen Zellenstaaten von den pflanzlichen
bestimmt. Das Tier trat in seine straffe Einheitszucht ein, die
Pflanze blieb loserer Verband. Die Pflanze ist allerdings bis heute
in gewissem Sinne immer Nährapparat des Tiers geblieben und insofern
selber eine Art frei angegliederten Organs dort, so daß man sie nicht
ohne weiteres als Seitenast bezeichnen kann. Aber der Fortschritt
der Gesamtorganisation blieb fernerhin jedenfalls beim Tier als
Zentrallinie. In uralten Tagen ist offenbar ein erster Grundriß
dort entstanden, nach dem der Tierkörper nervös vereinheitlicht
werden konnte, -- als Grundlage alles weiteren. Die Anatomie der
vorhandenen Würmer verrät uns noch etwas davon, die entscheidende
Urweltsform selbst muß aber noch vor der Zeit gelebt haben, aus der wir
versteinerte Reste besitzen, also in der Gegend jener mehrerwähnten
Hundertmillionenziffer. Eine Weile gab es dann Variationsbreite.
Das Prinzip steigerte ein Stück weit scheinbar in mehrere Tiertypen
hinein, Gliedertiere, Stachelhäuter, Mollusken, endlich Wirbeltiere.
Im ersten Falle gab es eine Weile Fortschritt, im zweiten eine Art
Kreisbewegung, im dritten sehr früh auch einen kurzen Fortschritt.
Dann blieben diese drei Linien aber wieder starr stehen, und nur die
der Wirbeltiere begann unhemmbar aufzusteigen im weiteren Sinne des
Prinzips. Es bedarf nur schlichtester anatomischer Einsicht, um zu
sehen, daß das Bauchmark der Gliedertiere, das zerstreute Nervensystem
der Mollusken, das Ringmark der Stachelhäuter schlechtere Varianten
waren gegenüber der glänzenden logischen Lösung im Rückenmark des
Wirbeltiers. Man hat aus den verschiedenen Möglichkeiten grade hier
allerdings gern das Vorhandensein einer zentralen Steigerungslinie
zu leugnen versucht. Man zeichnete den Stammbaum so, daß alle vier
Typen von damals als gleich lange Äste bis zur Gegenwart reichen, und
meinte, das Wirbeltier sei doch nur ein Sproß neben andern in ihrer Art
ebenso hoch aufwachsenden fortan gewesen. Diese Form des Bildes ist
aber falsch. Sie übersieht, daß die drei Typen der Gliedertiere, der
Stachelhäuter und der Mollusken bereits in der ersten großen Epoche
der Erdgeschichte, der paläozoischen, alles erreicht hatten, was ihnen
an Organisationssteigerung beschieden war. Stachelhäuter und Mollusken
(diese im Tintenfisch) waren bereits an ihrem oberen Ziel, als für uns
der Vorhang der Lebensgeschichte aufging, und auch die Gliederfüßer
standen schon beim Krebs, und noch innerhalb der paläozoischen Zeit
erreichten auch sie ihren Gipfel, das Insekt. Von da ab, viele, viele
Millionen der Erdgeschichte bis heute, sind sie starr an ihrem letzten
Steigerungspunkt stehen geblieben und nur in eine zum Teil ungeheure
Formenbreite gegangen. Sie haben jenen Zustand, nicht der Degeneration
ohne weiteres, aber der lebendigen Versteinerung, Erstarrung
hinsichtlich einer echten Organisationssteigerung angenommen, der
für alle Seitenäste des Stammbaums so charakteristisch ist; nicht
die eigentliche Lebenskraft, wohl aber die Steigerungsenergie
scheint sie innerlich verlassen zu haben. Umgekehrt aber der Stamm
der Wirbeltiere. Schon neben ihrer kurzen Anstiegszeit in der
paläozoischen Epoche hatte er es zu drei Stufen hinauf gebracht, die
in der Nervenzentralisierung, im Gehirnbau, ihren Spitzen weit über
waren: zum Fisch, zum Amphibium, zum Reptil. Und von da ab durch
alle folgenden Millionen steigt und steigt nun dieser eine Stamm,
anstatt selber zu erstarren, fort und fort, -- er allein nicht bloß
zeitlich weiter wachsend, sondern fortgesetzt auch, was der kolossale
Unterschied gegen drüben ist, wachsend im Sinne von Steigerung. Ich
meine, es ist wirklich haltlose Spielerei, wenn einer ablehnen will,
daß dieses Wirbeltier die zentrale Linie war und bis heute blieb. In
der mesozoischen Epoche fällt in sie, während die Reptilien wieder in
die Variationsbreite gehen, der ungeheure weitere Ruck des Säugetiers,
-- des Säugetiergehirns, mag man ohne Umschweif sagen. In den Ausgang
der Kreidezeit fällt in diese Säugetiere der neue, offenbar abermals
ganz unerhört große Steigerungsruck der echten Plazentalsäuger. In
den Einzelgruppen ihrer Variationsbreite sieht man auch hier während
der Jahrmillionen der Tertiärzeit vielfach noch eine Weile gleichsam
die Steigerungsspannung dieses Rucks nachzittern; Marsh und Osborn
haben uns die famosen Gehirnausgüsse alttertiärer und spättertiärer
Huftiere gegeben, bei denen man deutlich verfolgt, daß auch in diesen
Nebengruppen die relative Gehirnmasse und die Gehirngestaltung noch
eine Weile leise anstieg. Man braucht aber nur eine Reihe Gehirne aus
der Primatengruppe, also von Halbaffen, Affen, Menschenaffen, daneben
zu legen, um abermals zu sehen, wo auch jetzt die zentrale Linie weiter
ging ohne anzuhalten, während dort wiederum bald Erstarrung eintrat.
Irgendwie in dieser Primatenfolge, jedenfalls aber auch hier nochmals
zentral der Steigerung nach, liegt dann als letzte, weit überbietende
Krone der Mensch selbst, was seit Linné, wie gesagt, zoologisch kein
Vernünftiger mehr zu bestreiten gewagt hat.

Dieses Durchhalten in der festen Richtung des Zentralnervensystems seit
so unermeßlichen Zeiträumen hat in jedem Betracht etwas Bedeutsames.
Karl Ernst von Baer, der alte verdienstvolle Begründer der neueren
Embryologie, hat gelegentlich gesagt, der Inhalt der Lebensentwicklung
sei der zunehmende Sieg des Geistes über den Stoff. Wenn man bei diesem
Geist sich nicht eine außernatürliche Macht denken will und sich auch
stets darüber klar bleibt, in wieviel Klammern der Instinkte usw.
das tierische Gehirnleben auf den untermenschlichen Stufen noch als
Geist liegt, so enthält dieser Satz die tiefste Wahrheit, die sich
vom Standpunkt des »Empor« über den Stammbaum des Lebens auf der Erde
aussprechen läßt. Für die Zukunft des Menschen ziehe ich aber ein paar
kurze Folgerungen aus der langen Rede.

Seit über hundert Millionen Jahren steht hinter dem Menschen also
ein zentraler, nie unterbrochener Lebensfortschritt, -- nicht bloß
ein einfaches Weiterleben, sondern eine unausgesetzte Steigerung im
Anschluß an die nervöse Zentralisierung, die noch jetzt der organische
Quell seiner Erfolge ist. Alle entschiedenen Steigerungswenden
tierischer Organisation liegen seit unfaßbar langen Zeiten in seinem
Stamm, dagegen keine einzige dauernde Erstarrung. Die letzte große
Wende (das ist sehr wichtig) liegt, nachdem in so viel Zeiten die
Steigerung nicht abgelassen hatte, erst verhältnismäßig ganz nah noch
hinter uns: der Ruck im Menschengehirn zur Kultur. Mag man ihn bis in
die Tertiärzeit schieben, so ist doch die Spanne seither im Vergleich
mit den früheren Zeiträumen winzig. Wir stehen also unzweideutig erst
grade wieder im _Anfang_ einer neuen Vertiefungsepoche, die an Kraft
der Steigerung, mit der auch sie eingesetzt hat, wahrlich nicht nach
»Nachlassen« aussieht; haben wir doch wohl mit Recht den Satz gewagt,
daß dieser Schritt im Menschengehirn zur Freiheit ungefähr noch einmal
als ebensoviel bezeichnet werden kann, wie alle Lebensentwicklung
zusammengenommen, vom grundlegenden ersten Zellenbau etwa abgesehen,
bis dahin geleistet hatte. Eine günstigere Wahrscheinlichkeit für auch
ferneren Lebensfortschritt überhaupt und dafür, daß dieser Fortschritt
auch weiterhin in der zentralen Linie des Menschen liegen werde, die
jetzt seit so endloser Zeit alle entscheidenden Steigerungstreffer
dort erhalten hat, kann nicht wohl aufgestellt werden.

       *       *       *       *       *

Abermals doch knüpfen sich hier Fragen an, friedlichere auch jetzt,
nachdem die großen Drachen wohl etwas von ihren Schrecken eingebüßt
haben, aber Fragen. Wenn das »Erbe des Lebens« im Menschen also
vermutlich dazu führt, daß er wirklich auch weitergehen wird, so möchte
man gern wissen, inwiefern in dieses Weitergehen nun bestimmte Hilfen
noch weiter eingreifen könnten, wie sie früher die Entwicklung in Fluß
gehalten haben. Man könnte ja einen Augenblick denken, er braucht
nichts mehr von dem, was früher galt. Er hat doch jetzt seinen hellen
Verstand. Mit dem geht er überall frei aufs Ziel, braucht er keine
natürliche Zuchtwahl für sich mehr, wird er seinen Kulturfortschritt
selber fortan in die Hand nehmen. Neue Ideen wird er von hier erzeugen,
neue technische Erfindungen machen, neues von Sternen und Zeiten zu
sagen wissen, neue Ordnungen seines Zusammenlebens finden. Daran
glauben wir gewiß, an dieses wachsende Teil bewußter Selbstarbeit. Da
wir aber nach dieser Seite die nächsten Entdeckungen nicht nennen,
die nächsten Ideen nicht bezeichnen können (wir müßten sie ja selber
erst finden dazu, selber ein Stück Zukunft spielen), so wären wir hier
rasch am Ende weiterer Betrachtung. Inzwischen ist aber ebenso gewiß,
daß wir neben diesem hellen Felde im Menschen auch jetzt noch immer
ein tieferes, dunkleres haben, in dem zwar auch in ihm gearbeitet und
wohl auch Zukunftsarbeit grade getan wird, das aber seinem Bewußtsein
noch lange nicht so offen steht, sondern wo er immer noch auf tiefe
Naturhilfen von _Innen_ heraus auch im eigenen Selbst angewiesen ist,
nach wie vor. Wir haben solche Dinge erwähnt, die bei ihm doch auch
noch auf solches vom Verstand nicht unmittelbar erreichtes Innenland
wiesen: Triebhaftes, das nicht Instinkt war, doch aber unmittelbarer
tief heraus waltete, wie in Liebe, Gemütsdingen. Wir haben vom
geheimnisvollen »Es« gesprochen, mit dem die Kunst aus uns heraus
schafft, aber auch, wie die hier selbsttätig, traumartig auftauchende
Phantasie mit ihrem scheinbaren reinen Spiel von jeher Ideen, Einfälle
geliefert hat, die der Verstand selbst gebrauchen konnte auch für die
nüchternste »Wirklichkeit«. Hinter unsern größten Entdeckungen und
Erfindungen steht von je auch ein Stück solcher Phantasie. Diese Dinge
sollen alle auch keine »Wunder« sein im groben Sinne, sollen innerhalb
des Göttlich-Natürlichen, wie alles Obere schließlich auch, liegen;
aber sie bilden doch eine tiefere Unterschicht auch in uns hellen
Wesen dort. Dann ist da auch unser Intellekt selber als Instrument
sozusagen, mit dem wir oben so hell wirtschaften, wie wir wollen, der
aber zuletzt auch nach unten wieder an dieses Dunkle angewachsen ist,
von wo er zwar nicht Erfahrungsmaterial, aber Gesetze, Förderungen,
Schäden mitbekommen kann, die wir ihm nicht geben oder nehmen können.
Endlich ist außer diesen Dingen, die mehr oder minder alle um das
Gehirn liegen, auch noch unser übriger Körper vorhanden. Er stellt
im ganzen noch einmal wieder eine solche Geheimschrift für uns dar.
Noch ist unsere Stufe so, daß unsere tiefste Organisationseinheit
ihn zwar praktisch umfaßt bis in jede Faser, doch aber unser freier
Verstand noch lange nicht überall auch an ihn herankann. Äußerlich
beginnen wir ja auch damit schon lebhaft, große Forscher haben uns
über den Zellenstaat in uns bis zu gewissem Grade schon belehrt, der
Arzt schafft, wenn auch oft noch ein bißchen plump versuchend, an uns
und in uns herum, versucht den erkrankten Zellenstaat im Einzelfalle
als sozialer Helfer einzurenken, amputiert und immunisiert und so
fort. Eine gewaltige Zukunftsaufgabe wird auch hier der wachsende
bewußte, zweckdienliche Eingriff und Anschluß sein mit dem höchsten
Ideal, daß die Freiheit unseres Gehirns endlich auch zu diesem ganzen
Unterstock verfügende Macht bekäme, womit noch eine neue Stufe wohl
wieder erstiegen wäre in der Richtung der Vereinheitlichung durch das
Zentralnervensystem; unsere Enkel und Urenkel werden sicherlich auch
in dieser »Eroberung des Leibes« tatkräftig weitergehen, -- wer weiß
(im Traum gesagt), bis zu was für wunderbarem Ziel, wo Blutkreislauf,
Herzschlag, Verdauung usw. auch vom Gehirnbewußtsein her unmittelbar
beeinflußt werden könnten und der Kopf wirklich auf ganz normalem Wege
sozusagen hellsehend bis in die Eingeweide hinunter würde. Inzwischen
arbeitet aber bis auf weiteres unser unteres Zellenreich tatsächlich
noch in Ungezähltem wie eine Welt für sich, verwaltet sich nach altem
Naturbrauch weiter, bewährt ihr Automatisches und was sonst im alten
Naturerbe der alten Naturzüchtung steckt. An diesen Körper ist aber
auch noch wieder Fortpflanzung und Vererbung angeschlossen und ragt
mit ihm selber weit in das Dunkelgebiet, das wir einstweilen nur in
seinen Leistungen studieren, aber nicht selber umschrauben und lenken
können. Und in all diesen genannten Tiefenzonen unseres Menschenwesens
werden wir also auch weiter zweifellos noch das Walten der großen
unmittelbaren Entwicklungs- und Steigerungsgesetze des alten Lebens
erwarten müssen, die uns bis heran auf unsere Höhe gebracht haben.
Mag für ihre oberen Wege schon vieles neue, wie es die Kultur gibt,
in Betracht kommen: als innerlichste Mitspieler werden sie weder zu
umgehen, noch zu entbehren sein. Fragte sich, ob wir von _dieser_
Zukunftsarbeit nicht schon etwas gewahren könnten.

Hier ist nun freilich auch einstweilen ärgerlich, daß wir von dem »Wie«
der Umwandlung im tieferen Lebensbereich, dessen Spur wir hier an uns
selber wiederfinden möchten, so wenig ganz Sicheres wissen. So deutlich
wir jene zentrale Richtungsbahn im Stammbaum sowohl wie Umwandlungen
überhaupt sehen im Laufe der Vergangenheit, so wenig fest haben wir
noch heraus, nach was für einer Gesetzmäßigkeit sich jedesmal der
Umschwung selbst und vor allem die uns bedeutsamste Form dabei, die
eigentliche Steigerung, vollzogen hat.

Eine alte Idee meinte: es liegt nun einmal im Leben, daß es fort und
fort empor muß. Wie das Hühnchen im Ei aus einer kleinen Keimzelle
sich einfach gradeaus entwickeln muß zu einem fertigen Huhn mit all
seinen Organen, gepeitscht gleichsam von einem ehernen Gesetz, das
es in diese letzte Form schmieden soll, so werde auch der Stammbaum
der Arten im ganzen heraufgedrängt von einem solchen unentrinnbaren
Schicksalszug des »Empor«. Orthogenesis, zwangsweise Entwicklung nur
nach einer Richtung empor, könnte man das mit einem Fremdwort nennen.
Es ist richtig, der Gedanke ist auch besten Köpfen immer wieder so
aufgetaucht. Trotzdem will er uns, obwohl das Ergebnis schließlich
eines wirklichen großen »Empor« auch im Stammbaum vorliegt, in dieser
losen Form meist nicht recht genügen, er sieht so nach einem andern
Wort bloß ohne näheren Inhalt, den wir doch gerade suchen, aus.
Auch will das Stammbaumbild mit seinen stehenbleibenden Nebenästen,
gelegentlichen Variationsbreiten ohne Steigerung und ähnlichem, auch
wenn man an eine zentrale Linie glaubt, die immer emporgegangen ist,
trotzdem nicht ganz zu dem Bilde so passen. Schließlich ist das, wie
in unserm eigenen Alltagsleben mit dem Guten. Wir sehen es sich im
ganzen wohl durchsetzen, aber das geht doch nicht so wie in einem
einfachen Marsch aufs Ziel; daneben zeigen sich tausend Zickzackwege,
die doch auch einen Grund verlangen. Dahinein stellte sich nun
Darwins allbekannter Zuchtwahlgedanke. Das Leben habe allerdings
einen beständigen Zwang, sich zu verändern. Jede Art ergebe, anstatt
starr zu bleiben, was sie ist, in ihren Nachkommen immerzu gewisse
Varianten. Darunter seien bessere und schlechtere. Die besseren aber
erhielten sich im Lebenskampf auf die Dauer gegenüber allen andern,
und so könnte die Art steigen. Diese Lehre entspricht sicherlich
mehr dem wahren Stammbaumbilde, wo der Fortschrittsbaum beständig
aus einem breiten Variationsrasen zu wachsen scheint, -- ihr Weg ist
stets etwas loser. Zum Ziel muß sie aber natürlich auch kommen. Um
den großen Aufstieg zu erklären, muß sie annehmen, daß hundert und
mehr Millionen Jahre lang nach gewisser Richtung immer wieder bessere
Varianten dabei waren, die zum Siege kamen. In diesem Sinne haben
beide Lehren doch wieder eine gewisse letzte Ähnlichkeit, und wie
sollten sie nicht, da zuletzt die zu deutenden Tatsachen immer die
gleichen bleiben. Seit aber Darwins Idee in der Welt ist, hat man sich
auch immer wieder bemüht, ob man nicht doch in der Gegend der guten
Varianten zu einem noch etwas graderen Wege kommen könne. Eine Partei
hat immer wieder Gewicht auf Lernen und Übung der Einzelwesen gelegt.
Von hier sollte der Fortschritt doch, wenn das Spiel einmal im Gange
war, noch unmittelbarer beeinflußt worden sein, indem eine Art, die
etwa ein Organ besonders eifrig übte, schon immer mehr gute Varianten
in dieser Richtung (mit bereits verfeinertem Organ) hervorgebracht
hätte. Im Verfolg haben viele hier sogar das ganze Fortschrittsprinzip
sehen wollen; andere haben bestritten, daß Übung und Lernen so auf
die Nachkommen unmittelbar fortwirken könnten; noch andere haben
verwickelte dritte Erklärungen gesucht, um das letztere (Nichtvererbung
einer erworbenen Organverbesserung) zu halten und das erste doch nicht
ganz zu umgehen. Der Streit ist hier noch ungeschlichtet.

Unterdessen haben aber noch andere versucht, das »Gut« und »Schlecht«
der neuen Variationen ohne solche Übungsvererbung an sich vertiefter
zu fassen. De Vries hat gelehrt, neben den kleinen besseren und
schlechteren Varianten habe es zeitweise immer einmal größere
Umwandlungen, »Mutationen«, gegeben, die, am betreffenden Fleck bei
vielen Individuen zugleich auftretend, das ganze Artbild ruckweise von
innen heraus zu einer neuen Einheit gestaltet hätten; sei solche neue
Einheit besser gewesen, so habe sie sich gleich so durchgesetzt, und
alle Umwandlung der Arten sei nur über solche Mutationen gegangen.
Hier ließe sich, wenn die Sache genau stimmt, doch noch wieder manches
überdenken. In der Linie zum Menschen, die seit hundert Millionen
Jahren jetzt immer Wandel und Fortschritt gezeigt hat, müßten also in
all der Zeit immer wieder solche großen Mutationen, und zwar stets
gute, steigernde dabei, gelegen haben. Hier könnte zu denken geben,
daß wir doch in dieser zentralen Linie das Gewicht schon aufwachsende
Einheit in der Organisation legten. Sie bedingte uns die eigentliche
Steigerung überall. Sind nur diese eigentlichen Steigerungen Werke
der Mutationen, während vielleicht die gewöhnliche Wechselbreite der
Artentfaltung Ergebnis des einfachen kleinen Variierens wäre, das
den Stammbaum in der Breite reicher macht, aber nicht am »Empor«
arbeitet? Das wäre schon interessant. Man könnte sich denken, daß
grade das Zentralnervensystem mit seinem Einheitszug einen besonderen
Zug zu Mutationen hatte. Wieder aber von da schweift der Gedanke. Ob
in den Mutationen nicht doch ein »orthogenetisches«, unmittelbareres
Fortschrittsprinzip verkappt stecken könnte. Nach de Vries können sie
zwar bald gut, bald schlecht sein, obwohl stets mit innerer Einheit,
also sozusagen als ganze Kerle in ihrem Fall, ganze Engel, ganze
Teufel, nicht Halbwerk. Wenn es aber von je doch auch schon Mittel
und Wege in der Entwicklung gegeben hätte, den Mutationen bestimmte
Richtungen zu geben? Jener Einfluß von Gebrauch und Nichtgebrauch
eines Organs könnte hineingespielt haben, ihn einmal zugegeben. Im
gewöhnlichen Sinne verfeinerte er bloß das viel geübte Organ bei den
Nachkommen. Zog er aber auch Mutationen heran, und zog sie gleichsam
in seine Folge nach irgendeinem Geheimgesetz, so konnte Gewaltiges
erfolgen: das Organ konnte nach ganz neuer verbesserter Zweckeinheit
stoßweise umgeschaffen werden und wohl noch weiter ein ganzes
Organsystem so auf eine neue höhere Stufe mit einem Ruck gebracht
werden. Die Nutzanwendung wieder auf das Zentralnervensystem, von
dem die ganze übrige Körpereinheit abhing, liegt auf der Hand, --
hier hätten bestimmt gerichtete Fortschrittsmutationen stets die
gesamte Organisation auf eine neue verbesserte Grundlage heraufreißen
müssen; man denkt unwillkürlich an den Ruck vom Reptil etwa zum
Säugetier oder -- wir reden ja doch auf ihn immer wieder hin -- vom
ursprünglichen Primaten zum Menschen. Schwere Fragen, -- ja, wer will
die einstweilen lösen? Mag man alles, was man »mystisch« zu nennen
pflegt, d. h. alle Eingriffe und Gängelbänder von außen in dem großen
heiligen Selbstvorgang der natürlichen Lebensentfaltung folgerichtig
ablehnen, -- zugeben wird man müssen, daß wir in diesem »Natürlichen«
durchaus auch noch im Lande der »unbegrenzten Möglichkeiten« sind.
Wenn uns Darwin die entscheidende Frage in die Varianten gelegt hat,
so war das gewiß ein Schritt weiter. Aber nun steht die Schlachtlinie
wieder dort. Sind die Varianten schon auf Richtungen beeinflußt, sind
die wahren Steigerungsvarianten ruckweise Mutationen, sind diese
Mutationssteigerungen selber schon bestimmt gerichtet, -- Fragen,
starke Fragen, wert als Erkenntnisnüsse ersten Ranges geknackt
zu werden, aber, Hand aufs Herz, grade in der untermenschlichen
Welt des Lebens zurzeit ungeknackt oder doch nur mit losen
Denkwahrscheinlichkeiten vorläufig hier und da durchleuchtet. Statt den
Menschen von hier zu enträtseln, werden wir fast mehr geneigt sein,
von ihm aus rückwärts nach dort hinunter noch etwas mehr verstehen
zu lernen. Und nur ein Fingerzeig mag uns doch eben auch bei ihm
gegeben sein, daß wir gegenüber all jenen Dunkelgebieten in ihm unser
Augenmerk darauf richten, ob und wie auch dort das _Variieren_ selber
sich äußere. Wenn an diesem Variieren aller nicht vom freien Intellekt
erzielte Fortschritt von je irgendwie gehangen hat, so müssen wir doch
annehmen, daß auch in allem tieferen Menschentum, das der Intellekt
zwar verwerten und kulturell ausgestalten, aber nicht selber bisher
erzeugen oder beeinflussen kann (erinnern wir uns noch einmal an das
alte Bild, daß der Mensch zwar den Baum der Erkenntnis, aber noch nicht
den des Lebens besitzt!), dieses natürliche Variieren fortgesetzt eine
gewaltige, ja entscheidende Rolle spielen müsse. Obwohl die meisten
Menschen, die bei Zukunft der Menschheit an Gott weiß was für kühne
Utopien denken, diesem schlichten Punkt kaum eine Beachtung zu schenken
pflegen, scheint er mir doch der zurzeit allerbedeutsamste und wirklich
lehrreichste zu sein.

Vorweg vom menschlichen Körper, wie er vorhin in einen gewissen
Gegensatz zu unserm Großhirngeist gebracht ist, ist ja schon ganz
oberflächlich gesehen kein Zweifel, daß er individuell ganz
unverkennbar auch jetzt noch _unausgesetzt variiert_. Jeder von uns
ist Zeuge dessen mit seinem persönlichen Gesicht, aus dem dich aus dem
Spiegel nicht die Menschheit, auch nicht bloß deine Rasse, dein Volk
anschauen, sondern eben noch einmal du, deine persönliche Variante
dort. Wie weit das aber bis in die kleinsten Maße, Verhältnisse,
Muskelzüge und Organeinzelheiten geht, davon wissen sowohl unsere
Kriminalbeamten, wenn sie jemand genau wiedererkennen wollen, zu sagen,
wie auch unsere Handwahrsagerinnen, die zwar nicht viel Schicksal aus
der Hand lesen werden, aber doch das eine jeden lehren mögen, daß zu
seinem Schicksal auch seine Hand mit persönlichen Variationslinien
gehört. Unzähliges sieht auch hier wie ziemlich belangloses Spielen
aus, das wir im Geistesleben lose Phantasie nennen würden und das die
ewigen Kreuzungen noch ins Unendliche weitertreiben. Daneben erscheinen
aber auch schon Dinge, die doch nicht ohne Belang sind. Wir sehen von
Geburt an widerstandsfähigere, gesündere Varianten neben schwächeren,
harmonisch schönere Körper neben häßlicheren, reinere Rassentypen neben
verwischteren. Und auch über dem Schicksal dieser Varianten, dieser
Plus- und Minusvarianten, walten entschiedene Auslesen in Darwins Sinn.

Teils begünstigt der Intellekt das Bessere und merzt das Schlechtere
aus, teils bleibt doch auch hier ein Teil einfacher Zuchtwahl im Spiel,
die den körperlich gesünderen, edleren, echteren Typus im allgemeinen
weiter kommen läßt, als den geschwächten. Zwar gibt unser kulturelles
Wirtschaftsleben hier viele Verschiebungen hinein und scheint oft einer
rechten Zuchtwahl des körperlich Besseren gradezu entgegenzuarbeiten.
Doch wirken soziale Besserungen dem auch umgekehrt wieder entgegen,
über deren Fortschritt mit unserer Kultur doch auch kein Zweifel
ist. Einzelne speziell menschliche Zuchtwahlfragen wird der Verstand
in der Folge noch ganz besonders hier zu regeln haben, er sieht sie
dafür aber auch schon jetzt. So ist unser allgemeines Mitleid, diese
herrliche Blüte grade unseres edelsten Menschentums, doch immerfort
auch ein leiser Anlaß zu einer Art »negativer Zuchtwahl«, indem sie
auch den körperlich Minderwertigen durchs Leben zu helfen sucht.
Nun kann man zwar sagen, daß viele sonst körperlich Schwache doch
geistig noch vieles, selbst Großes leisten können, -- man denke nur
an den kranken Spinoza als riesengroßen Denker, und daß sich hier oft
schon ein Ausgleich für das Menschheitskapital im ganzen ergeben
wird; auch ist Mitleid selber so hohe Gotteskraft in uns, daß es
sich auf alle Fälle durchsetzen muß. Aber eine gewisse Verschiebung
der Auslese zum Besseren liegt hier körperlich gewiß vor, die unser
Kulturverstand im ganzen noch wird wieder korrigieren müssen. Ich sehe
auch da einen Hauptfortschritt im Sozialen, das der gesunden Variante
immer mehr freie Bahn schafft, sie immer vollkommener zur Entfaltung
kommen läßt; dann können wir schon manches Minderwertige um Gottes
Lohn mitschleppen, wenn nur das Tüchtige Luft und Licht in jedem Fall
bekommt. Vergessen wir nicht, daß auch im Kriege nach der einen Seite
eine gefährliche »negative Auslese« dieser Art liegt, das Opfer grade
zahlloser körperlich bester Elemente; auch hier muß uns eine tiefe
Mahnung liegen, daß auf jeden Krieg, auch den sieghaftesten, eine
Zeit verdoppelter sozialer Hilfsarbeit folgen muß, die dem Volke erst
wieder auf sein Gleichgewicht heraufhilft, indem sie _jedem_ tüchtigen
Element, wo immer es sich bietet, verdoppelt Licht und Raum schafft.

Im ganzen aber wird man, wenn man auf alle diese Dinge blickt, sagen,
daß aus diesem individuellen Körperspiel mit seinen kleinen Plus- und
Minusvarianten doch noch nicht eigentlich Änderungen oder gar große
Fortschritte bei uns herauszusteigen scheinen, sondern es macht den
Eindruck, daß es sich dabei im letzten Ausgleich immer nur um eine
gewisse Erhaltung des Bestehenden auf einem ungefähr guten Fuß handelt.
Wir müssen an dieser Stelle zufrieden sein, daß sich eine ungefähr
gesunde, nicht unedel gebildete, ihre alten Körperfügungen in Rasse und
sonst mehr oder minder rein ausdrückende Menschheit im ~status quo~
behaupte.

Ich betone dabei auch das Wort Rasse, denn ich bin, wie gesagt, nicht
der Ansicht, daß es in absehbarer Zeit eine Notwendigkeit oder ein
Vorteil für die Menschheit wäre, wenn grade die Rassenmerkmale sich
gegeneinander ausglichen. Wohl muß es geistige Kulturwerte geben,
die über allen Rassen stehen, und muß es eine Erziehung aller Rassen
geben, daß sie hier eine gewisse oberste Gesetzgebung der Menschheit
anerkennen. Auch der Begriff Nation selbst kann eine solche mehr
geistige Kultureinheit sein, unter der verschiedene gesunde Rassen in
treuer Gemeinarbeit zusammenhalten. Aber der Unterschied, wo er einmal
gegeben ist, braucht sich deswegen nicht zu verwischen.



[Illustration]

7


Viel geheimnisvoller als dieses einfache Pendeln um den
körperlichen Gesundheitspunkt und Normalpunkt erscheint an unserm
gleichen menschlichen Körper aber schon ein tieferes Variieren,
das offensichtlich um unsere Organisation herumpendelt, wie sie
unsere Vorfahren von der Wende des niederen Tiers zum Menschen uns
hinterlassen haben.

Jeder von uns hat vom »Weisheitszahn« gehört, dem letzten unserer drei
menschlichen echten Backzähne, der erst spät kommt, individuell aber
auch sonst noch ein buntes Spiel treibt, bald gar nicht gebildet wird,
bald nicht durchbricht oder verkrüppelt bleibt. An und für sich möchte
das ein ziemlich gleichgültiges Variieren sein, da wir bei unserer
Kulturnahrung und etwas Zahnpflege auch mit einem Zahn weniger in
jeder Kieferseite auskommen und sogar der unruhige Geselle sich häufig
selber als ein Ausgangspunkt von Zahnverderbnis herausstellt. Aber
bei näherem Zusehen ergeben sich hier doch Überlegungen besonderer
Art. Das häufige Fehlen oder Verfallen des Zahns nimmt zu bei den
höchsten Kulturrassen, dagegen ab bei Negern und Mongolen, und bei den
urtümlichen Australnegern setzt es ganz aus. Die altweltlichen Affen
haben stets noch richtige drei Backzähne, während älteste Säugetiere
sogar noch vier besaßen; ab und zu kommt sogar beim Menschen selber
noch ein Rückschlag auf diese Viererzahl vor, und bei Menschenaffen
ist er noch häufig. Hier hat man den Eindruck, daß sich im Menschen
_noch unter unsern Augen etwas vollzieht_. Die zunehmenden negativen
Varianten des Weisheitszahns mit aufsteigender Kultur scheinen
anzudeuten, daß hier nach innerem Gesetz die Zahl der Backzähne bei
uns noch weiter im Abnehmen begriffen ist und wir über kurz oder lang
überhaupt nur noch zwei Backzähne von Natur besitzen werden. Wir
entfernen uns an der Stelle fortgesetzt noch vom Affen. Und wir sehen
auch einen Sinn der Sache. Was uns vom niederen Säugetier, aber auch
vom Affen immer entschiedener in unserm Skelettbau getrennt hat, ist
unsere gewaltige, dem Menschengehirn Platz schaffende Schädelwölbung.
Je mehr sich dieser Oberschädel aber auswuchs, desto mehr verkürzten
sich die Kiefern. Das ursprünglich ausgedehntere und lückenhaftere
Gebiß wurde geschlossener zusammengedrängt. Für unsere Sprache war
diese Geschlossenheit zweifellos von großem Wert. Aber auf die Dauer
ergab sich dabei noch eine kleine Dissonanz. Wir hatten eigentlich zu
viel Zähne für eine solche Kieferform. Nun wäre es in wachsendem Maße
aber auch mit einem oder dem andern weniger gegangen. Die diluvialen
Menschen hatten für ihre offenbar sehr rohe Kauarbeit noch überhaupt
viel derbere Kiefern und Gebisse wie wir nötig. Jetzt haben wir
allgemein schon feineres Werkzeug hier am Leibe. Und da mag auch noch
ein Zahn weniger mit hingehen. Nun das Seltsame: wir ertappen unsere
eigene still waltende Innennatur dabei, wie sie da einen Zahn wirklich
durch zunehmendes Variieren nach der Seite des Nichtmehrkommens
allmählich eingehen läßt. Als setze sich hier eine noch immer
bessere »Balance« der Dinge durch, eine Anpassung des Zahnbaus noch
enger an den menschlichen Gehirnschädel, also eine kleine feine
Mehr-Vermenschlichung. Es geht nicht auf einmal, es spinnt sich langsam
so hin, aber doch unverkennbar zielgerecht. Immer mehr Varianten laufen
in gleicher Richtung. Eines Tages wird die Sache gemacht sein bis auf
seltene Rückschläge, die den dritten Zahn nur noch einmal sozusagen
als altes Gespenst vorbringen, so wie jetzt ganz selten noch einmal
der uralte, längst verflossene vierte auftaucht. Der Zahn ist also ein
Weisheitszahn nicht, weil er noch kommt, sondern weil er so verspätet
und oft gar nicht mehr kommt; er lehrt, daß der Kopf des Menschen auch
im Knochenbau immer »weiser« geworden ist oder auch, daß »Weisheit«
der Natur dabei ist, diesen Menschenkopf hier noch immer harmonischer
zu regeln. Wie die Sache innerlich läuft, ist ja gewiß in manchem auch
hier wieder recht rätselhaft. Die Varianten kommen offenbar nicht
regellos, sondern schon bestimmt in abnehmender Wirkung gerichtet,
als lenke sie bereits eine geheime innere Zuchtwahl. Vielleicht ist
es der Kampf der innersten Gerüstteile im Schädel selbst, die sich
harmonischer zueinander setzen. Andere mögen an Auslesevorgänge schon
in unsern Keimzellen denken, die doch jedesmal unsern Einzelmenschen
mit seiner Einzelvariante wieder schaffen. Und was der Theorien mehr
sind! Äußere Zuchtwahl ist es jedenfalls nicht, denn unser Lebensglück
oder Lebensunglück hat doch wohl nie am Weisheitszahn gehangen oder
hängt daran. Irgendwie aber zieht im Körper bei uns eine leise Strömung
hier fort, und zwar nicht diesmal bloß einfach auf dem ungefähr
Guten erhaltend, sondern im Feinsten doch wirklich auch fördernd,
gleichsam die Dinge innerlich noch besser ausbalancierend, indem ein
entbehrlich Gewordenes hinauskorrigiert wird. Und Spuren solcher feinen
Geheimarbeit kann man nun tatsächlich auch außerdem noch in Menge
in unserm Körper gewahren, -- Spuren, um das Wort auch allgemein zu
gebrauchen, noch immer fortschreitender innerer »Vermenschlichung«.
Deutlich sieht man hier, daß der Mensch wirklich noch jung ist, und
daß, man möchte vermuten, ein großer Ruck, den er erfahren, im engeren
an seinem Körper immer noch sachte weiter zurechtrückt. Bei unsern
Zähnen selbst sieht es fast schon nach noch weiterer Ausmerzung aus,
wie denn beispielsweise auch unser zweiter Schneidezahn im Oberkiefer
der Europäer schon öfter schwankt und ausbleibt. Im übrigen aber
hat wohl jeder schon von sogenannten »rudimentären Organen« bei uns
gehört, Organen, die bei unsern tierischen Ahnen ausgeprägt zweckmäßig
ausgebildet waren, für die der Forscher aber vergebens noch nach
einem weiteren Zweck im Naturhaushalt auch unseres Körpers sucht.
Als das Beispiel, das wohl am weitesten bekannt geworden ist, gilt
unser Blinddarm mit seinem berühmten Wurmfortsatz. Sicher ist, daß
bei rein pflanzenfressenden Tieren, z.B. bei Beuteltieren, die wohl
gewiß zu unsern Ahnen gehören, der ganze Blinddarm noch eine gewaltige
Rolle gespielt hat und oft riesengroß war; noch bei Halbaffen ist er
üppig, bei den Affen geht er aber herunter; Menschenaffe und Mensch
zeigen die bewußte Wurmfortsatzbildung. Die Sache sieht in diesem
Sinne auch nach Verkümmerung aus, und der Fortsatz variiert auch bei
uns auffällig stark hin und her, obwohl leider nicht rein negativ.
Denn das Beispiel ist grade hier doch wohl verwickelter. Die vielen
Krankheitsfälle scheinen anzudeuten, daß sich hier ganz grob etwas
mit unserer Kulturnahrung gegenwärtig nicht zu vertragen scheint. Wie
die Dinge liegen, wäre auch eine grobe äußere Auslese auf Leben und
Tod hier auf die Dauer beinahe nötig, die das Ding ausmerzte, wenn
nicht unser Intellekt schon unmittelbar und ohne Zuchtwahl abzuwarten
gleichzeitig operativ eingriffe. Es fragt sich aber, ob grade das ein
ganz reiner Fall ist und ob nicht etwa ein neuer Bakterienangriff, der
ganz wo anders hingehört, mit im Spiel ist. Jedenfalls haben wir aber
eine Menge unscheinbarer, aber dafür deutlicherer anderer Beispiele im
Menschenleibe, wo ein Organ langsam vergeht im Moment und die innere
reinliche Sichtung offenbar allein stark genug ist, es zu beseitigen,
während umgekehrt an andern Stellen die Dinge ebenso »progressiv«
steigen.

Der ausgezeichnete Anatom Wiedersheim in Freiburg hat im ganzen über
hundert solcher Stellen bei uns aufgezählt, wo zurzeit die stille
Ausmerzarbeit mehr oder minder waltet, also Organe »regressiven
Charakters« vorliegen. Um ein paar noch zu nennen, die uns gleich
dem Weisheitszahn offenbar nichts weiter tun, aber doch geheimen
Gleichgewichtsbesserungen langsam zum Opfer zu fallen scheinen oder
schon halb und halb gefallen sind, nenne ich: den menschlichen
Zwischenkiefer, mit dem sich Goethe schon beschäftigte, ob er noch
bei uns am Schädel zu erkennen sei oder nicht; die inneren (manchmal
sogar noch äußerlich als verspätete Variante auftretenden) Reste
des Schwanzes beim Menschen; unsere unteren Rippen, von denen die
dreizehnte schon fast verschwunden ist, die elfte und zwölfte
schwanken; die männlichen Milchbrustanlagen und bei der Frau die
abnorm nur noch ab und zu hineinvariierenden überzähligen Milchdrüsen
tierischer Ahnenstufen; die äußeren Ohrmuscheln, die immer mehr ihren
Zweck als Schallfänger schon verloren haben, sich platter dem Kopf
anlegen, längst das Spitzohr nur noch stark variierend eben andeuten
usw. Was der Mensch alles noch an Resten schleppt, zeigt z. B. die
Zirbeldrüse im Gehirn, die noch ein Stück des uralten doppelten
Scheitelauges (Parietalauges) der Reptilien ist. Doch muß man bei der
Aburteilung auch hier oft vorsichtig sein, da manche dieser Altorgane
von der geheimen Umarbeit im Körper nicht einfach auf den Aussterbetat
gesetzt, sondern für andere Gebrauchszwecke noch nachträglich wieder
umgestellt worden sind; das hat z. B. die Schilddrüse bewiesen, die
man für so ein zweckloses Rudiment hielt; als aber unser Intellekt
nachhelfen und sie gewaltsam entfernen wollte in Fällen, wo sie
erkrankt schien, zeigten sie so gräßliche Nebenwirkungen (Degeneration
des Gehirns der Operierten), daß man klärlich sah, hier hatte die
Innenarbeit anders eingestellt und ließ sich nicht dreinpfuschen.

Ist aber das Ausmerzen, wo es wirklich von innen her erfolgt, allemale
schon eine gewisse Besserung, so müssen doch daneben für jede
Zukunftsbetrachtung noch interessanter die wirklichen Körperecken
wirken, wo es im positiven Sinne noch ersichtlich vorwärts zu gehen
scheint. Von wesentlichsten Sphären unseres lieben Körper-Ich seien
auch hier genannt: die feinere Differenzierung und Ausgestaltung
unserer Daumenmuskeln; die allgemeine wachsende Leistungsfähigkeit
unserer Hand; noch mehr Raumgewinnung für das Gehirn bei der seitlichen
Schädelwand; Festigung des Gehfußes; Besserung des Beckens beim
weiblichen Geschlecht mit Rücksicht auf den riesigen Kopf schon des
kleinen Menschenkindes; feinere Ausgestaltung der Gesichtsmuskeln
bei Auge und Mund in Verbindung mit vergeistigtem Mienenspiel und
Sprache, im Gegensatz zu den wachsend verkümmernden Muskeln der
Ohrbewegung, -- mit den Ohren lernen wir immer weniger »sprechen«,
mit den Augen immer mehr; endlich Vervollkommnung der äußeren Nase,
die (nach Hans Friedenthals lichtvoller Deutung) bei Klettertieren
in staubfreier, feuchter Waldluft als Staubfilter überflüssig
war, beim aufrecht gehenden Menschen aber als Anpassung an rasche
Laufbewegung und Aufenthalt in staubiger Luft wieder sehr wichtig
wurde und von der Innennatur bei uns noch heute in zahlreichen
Versuchen offenbar weiter »ausbalanciert« wird. Friedenthal ist
der Ansicht, daß die vollkommenste Nasenform für diesen Zweck (mit
Nasenlöcherstellung, durch die der Luftstrom nach oben geht) in der
Richtung des griechischen Statuenideals liege, -- ein Hinweis, der
sehr lehrreich noch für sich ist. Er deutet darauf hin, daß der
_Künstlerblick_ von je es intuitiv verstanden hat, etwas schon vom
»Menschen der Zukunft« zu sehen auch im Sinne praktisch verbesserter
Harmonie der Körperteile. Wenn das griechische Schönheitsideal den
nackten Menschen mit nicht mehr vergrößertem, aber in sich noch weiter
durchgebildetem Kopf und mit etwas verlängerten Beinen, wenn es ihn
auch im männlichen Körper zwar voll nervöser Kraft, aber nicht mehr als
Muskelberg mit ungeheurem grobem Energieballast, sondern eher sogar
mit einem leise vermittelnden Zug zu den herbschönen Formen auch des
jungen Weibes gebildet hat, so folgt man gern diesem Hellblick, der
in seiner Weise vielleicht schon etwas von den wirklichen Naturwegen
zukünftiger Vervollkommnung geahnt hat. Und man glaubt den gleichen
Zug der Dinge, der mit stiller, uns unbewußter Naturarbeit die Muskeln
um unser Auge in ihrem Spiel noch immer verfeinert, wiederzufinden in
der Kunstverklärung der Augen, die uns aus Raffaels Madonna und ihrem
Christuskinde mit solcher heute noch fast übermenschlichen Herrlichkeit
anschauen. Wenn uns (im Traum wieder) spätere bewußte Eingriffe des
Menschen auftauchen, mit denen er noch selbständig nachschaffend das
Naturwerk auch am lebendigen Menschenkörper hier weitertreiben, diesen
Körper noch von manchem mangelhafteren Abstammungserbe bewußt befreien
und gleichsam zu immer höherer Idealmenschlichkeit hinaufbringen
könnte, so werden wir daran denken müssen, daß bei all diesen Versuchen
nicht nur der Arzt, sondern auch der Künstler eine entscheidende Stimme
wird haben müssen.



[Illustration]

8


Einstweilen bleibt es aber auch bei diesen unmittelbaren Naturwegen
offenbar dabei, daß sie zwar in bestimmter Richtung gehen, wesentlich
aber auch noch nicht _ganz_ Neues suchen, sondern nur das Gegebene noch
immer besser (um das Wort noch einmal anzuwenden, das hier als ein
technisches so wirklich gut paßt) ausbalancieren. Hier aber muß nun
wieder von neuem Interesse werden, wie es mit dem Variieren unseres
Gehirns und damit recht eigentlich erst unserer entschiedensten
Geistesgrundlagen selber sei. Zweifellos ja variiert auch dieses
Gehirn mit all seiner Freiheit, seiner Kultur im einzelnen. Nicht
bloß die Linien der Hand oder das Auftauchen oder Nichtauftauchen
des Weisheitszahns trennen jeden von uns individuell vom andern,
sondern auch die angeborene Geistesvariante. Unzählig sind gleich
auf den ersten Blick die verschiedenartigen gegebenen Mischungen
unseres Temperaments. Am Glück und Leid unseres persönlichen Lebens
haben sie schon reichlich ihr Teil. Immerhin würden sie sich im
Menschheitsbilde doch wohl immer ergänzend ausgleichen, wenn man
von oben auf den ganzen Maskenzug menschlicher Leidenschaften sehen
dürfte. Eine etwas stärkere Frage könnten schon die einfachen Plus-
und Minusvarianten des Verstandes sein, -- nach klügeren oder dümmeren
Menschen. Wir wissen ja, daß die Dummen nicht alle werden, hoffen
es aber im stillen doch auch von den Guten. In dieser Allgemeinheit
gibt aber auch diese Fragestellung schwerlich schon ein greifbares
Ergebnis. Viel wichtiger scheint mir dagegen das Auftauchen ganz
bestimmter erkennbarer Plus-Varianten bei uns in ganz bestimmte
einzelne Kulturwerte hinein. Hier ist hochbedeutsam, daß überhaupt
Plus-Varianten, also genau passende Treffer, in solche engeren Furchen
unseres obersten Menschentums sich immer wieder einsäen. Tatsächlich
gibt es von den oben gestreiften großen Menschenerrungenschaften keine,
in die wir nicht solche Treffer mit Regelmäßigkeit fallen sähen. Ich
meine jetzt, was man gewöhnlich Gaben oder »Talente« nennt. Man muß
das Wort Talent nur weit fassen. Da gibt es z. B. beständig bei uns
schon so und so viel angeborene verstärkte Plus-Varianten, die auf das
Mitleid entfallen. Wer kennte sie nicht unter uns aus, die von Jugend
an mit dem impulsiv gutmütigen Gemüt schon Gezeichneten, die ewig
Hilfsbereiten, ewig für Mitleid Wachen, denen, wo ein anderer zögert,
das Herz einsetzt mit einer unhemmbaren Naturgewalt. Ich sagte, Mitleid
wahre stets auch bei uns noch einen leise triebhaften Zug. Das wichtige
aber ist auch hier, daß es angeboren grade auch schon auftaucht in
der spezifisch menschlichen Oberform des Allgemeinmitleids, der
Menschenhilfe, Menschenliebe schlechtweg. Eine prachtvoll fördernde
Kulturvariante! Dann noch in anderm Sinn ethische Plus-Varianten:
ethische Charakter-Varianten in der Form angeborenen Talents für
entschiedenen Rechtssinn. Wer Kinder beobachtet, weiß, wieviel auch
da schon vor aller Erziehung liegt. Nicht, daß instinktiv hier schon
mit auf die Welt gebracht würde, was das rechte _ist_, -- also
bestimmte Moralsätze, die nur blind befolgt zu werden brauchten. Das
fiele ja zurück in starre tierische Instinktzüchtung, die stets das
Gegenteil allen Menschenfortschritts bleiben muß. Sondern ich meine,
daß innerhalb der Freiheitssphäre der feine Sinn für Recht und Unrecht
in der Wahl bei dem ethischen Talent angeboren verstärkt sei. Die
erlernte ethische Formel kann wechseln: das Instrument ihrer Anwendung
in jedem Falle aber ist bei hier Gezeichneten verfeinert. Auch hier
reicht die Variante offenbar nach der einen Seite schon in das echteste
obere Menschenwesen der freien Erkenntnis und Wahl von Gut und Böse
hinein, auf der andern aber ist das Feingefühl der Wahl auch schon
nicht bloß auf das grob Nützliche des Augenblicks gestellt, sondern auf
die Bevorzugung von höherem, Idealerem, eben Ethischem, das über den
einzelnen steigt, ohne daß es doch deshalb wieder grober Herdentrieb
würde. Wer fühlte nicht, daß der Volksgeist, der im Augenblick Tausende
und Tausende bei uns mit stolzer Bewußtheit in furchtbarste Gefahr,
ja in Qual und Tod ziehen läßt, im innersten Mark getragen wird
von der Zahl dieser ethischen Plus-Varianten bei uns und nicht vom
Herdeninstinkt.

Des weiteren kommen die eigentlichen »Talente« im strengeren
Sinne, die reinen Intellektbegabungen für bestimmte Arbeitsgebiete
unseres Kulturverstandes. Es sind die ausgesprochenen Begabungen
für Einzelfächer, die besonders auf unsern höheren Schulen jedem
einsichtigen Erzieher, der sich des individuellen Guten freut, wo es
sich gibt, und nicht bloß Normales herauspauken will, so deutlich
werden und oft so erstaunlich die Arbeit erleichtern. »Talent für
Mathematik« gehört dahin als allbekannte Erscheinung. Es gibt aber
auch solche entgegenkommenden Plus-Varianten, die sich beim deutschen
Aufsatz, bei Sprachen usw. bewähren. Bei Musikstunden kommt (nicht
aus der reinen Verstandessphäre) musikalisches Ohr und Taktgefühl so
entgegen. Auch hier ist es beileibe nicht so, daß Tatsachenmaterial
schon angeboren überliefert würde. Der Lehrsatz des Pythagoras wird
nicht schon mit auf die Welt gebracht oder fertige Feuilletons.
Das wäre ja wieder Rückfall in böseste Instinktform. Bei jedem
besseren Zusehen wird ersichtlich, daß es sich auch hier stets um
Intellektvarianten als solche handelt, von denen diese allerdings mehr
so, jene mehr so methodisch entgegenkommt. Der Intellekt variiert
sozusagen als Feinmechanik seines Instruments bald mehr für die
mathematische Art der Verknüpfung, bald mehr für bildliche Assoziation,
bald mehr für Beherrschen gedanklich nicht verbundener Reihen. Kein
Zweifel: in all diesen Dingen, die jeder sich leicht selbst weiter
durchdenken kann, haben wir nicht regellose Varianten aus einem
indifferenten Dunkelgrunde auch über uns fort, -- sondern wir haben
sozusagen unsere Kultur selber schon auch unten, die Treffer wirft. Wie
man sich die Entstehung dieser Richtungs-Varianten denken will? Nun,
da mag wieder jeder seine biologischen Theorien anlegen. Nahe genug
liegt wahrlich, daß eben doch fortgesetzte äußere Übung auch schon
das innere Instrument bessert, und wer will sich verhehlen, daß diese
Auslegung pädagogisch erfreulicher ist, da sie uns den inneren Gewinn
nicht als Zufallstreffer, sondern als Erfolg grade unserer rastlosen
oberen Edelarbeit erkennen läßt. Gewiß aber ist auf jeden Fall: auch
diese Varianten haben alle einen Zug zur Erblichkeit. Ferner sind sie
durchweg im letzten Erfolg äußerst nützlich, werden in jeder Weise in
unserer Kultur begünstigt, haben also eine Tendenz, sich zu erhalten,
zu vermehren, wenn sie einmal da sind. Auf die Dauer muß auch durch sie
das allgemeine Kulturniveau in seinem besten Geistesinhalt unbedingt
gesteigert werden. Durch wachsende Ausbreitung dieser »Talente« zeigt
sich eine schöne Zukunftsmöglichkeit, daß allmählich die Mehrzahl der
Menschen oder alle verstärkt würden in ihrer impulsiven Gemütskraft,
in ihrem veredelten Rechtsbewußtsein, in der Feinarbeit ihres
Intellekts für gewisse einzelne Tagesaufgaben der wissenschaftlichen
Kultur, in ihrem musikalischen Gehör und so fort. Auch alle diese
Anlagen geben nichts schlechtweg Neues, sie spiegeln ja nur schon
unsere Arbeit selbst. Aber sie verbreitern die Basis des Kulturellen
unablässig, heben die Masse, erleichtern, vereinfachen die Handhabung
des wachsenden Kulturstoffs, setzen auch geistig das Vorhandene dort
für uns in eine immer glattere Balance, -- so die beste Bahn für ein
_wirklich Neues_ ebnend.

Das aber erwarten wir nun hier _auch_, -- auf der geistigen Seite. Wir
erwarten es vom Intellekt, der in der Folge mit dem immer besseren
Instrument neue Welten nach außen auftun mag. Aber ich meine, wir haben
es doch auch schon in der andern Form ebenfalls -- nicht täglich, aber
doch regelmäßig bisher im großen Menschentag -- von Innen, von der
Seite des geheimnisvollen Variierens dabei. Die Tatsache der ungeheuren
Variante, die im _Genie_ liegt, ist es, die ich meine. Auf sie möchte
ich -- als auf den allergrößten sichtbaren Fortschrittswert der
Menschheit -- zum Schluß hier noch den Blick einstellen.

       *       *       *       *       *

Wir haben von angeborenen Talenten gesprochen. Wir alle wissen aber,
wenn wir je auch nur als äußerlich nachempfindende, empfängliche,
mitgerissene Seelen seines Geistes einen Hauch verspürt haben, daß das
echte Genie noch etwas ganz anderes ist. Es ist, von außen besehen,
auch eine ungeheure Plus-Variante, die individuell angeboren auftaucht
und ebenfalls in unsere großen Kulturrichtungen unmittelbar eingreift.
Aber es ist weit mehr noch als bloß auch eine solche. Das Talent in
jenem Sinne ist reproduktiv. Es spiegelt im Tieferen wieder, schöpft
von innen stärkere Ausdruckskraft, vertieft und bessert in seiner
Weise, -- aber es ist nicht schaffend. Das Wesen des Genies dagegen
ist Neuschaffen. Auch das Genie knüpft an Gegebenes an, es tritt mit
sicherem Schritt in unsere reale Kultur hinein. Aber seine erhabene
Sonderart ist, daß es das Gegebene innerlich umsteigern kann zu höherem
Neuem. Und zwar kann es das, weil sein Wesen Einheit, neue Einheit ist.
Das Genie greift (wir erinnern uns an das von der Mutation Gesagte)
die Dinge vom Zentralen wieder an, legt sie auf eine neue Basis von
innen heraus, schafft sie zu einem neuen Organismus um, steigert sie
in der Organisationshöhe. Es arbeitet nicht langsam in der Breite
zusetzend, sondern es kommt (obwohl selbstverständlich auch durchaus
natürlich) scheinbar jäh aus dem Nichts, ruckweise, unvermittelt. Wenn
man aber näher zusieht, begreift man auch, warum das sein muß. Es baut
nicht zu, sondern es löst das Ganze auf und kristallisiert es neu aus
eigenster tiefer Gestaltungskraft. In diesem Sinne hat es, soweit wir
auf wachsende Menschheitskultur zurückschauen, an allen großen Wenden
dieser Kultur entscheidend eingegriffen. Mögen sich die Dinge lange in
stiller Unterarbeit vertieft haben: endlich in seiner Hand erfuhren sie
den großen Ruck, mit dem das »Unbeschreibliche« getan war. So steht
es für uns im Kernpunkt aller unserer hohen Geistesgeschichte, aller
unserer eigentlichen Entwickelung, seit wir als Menschen denken. Wir
ahnen noch, daß es das Mitleid zur Menschenliebe umgeschaffen hat.
Daß es ethisch nicht als kleine Verfeinerungs-Variante tausend- und
tausendmal die Linie verstärkt, sondern als moralischer Gesetzgeber
auf dem Berge gestanden hat. Wir haben es Staatsorganismen begründen
sehen wie die Organismen von Wissenschaften. In der Kunst wissen
wir -- und hier erschien es von je am deutlichsten, -- daß es »der
Künstler« war, nicht der Nachempfindende, Durchschauerte, sondern der
große »Durchschauerer«, der Welten aus dem Nichts zu heben schien, die
fortan von der Menschheit Höhen strahlten. Es ist nicht durch Zufall
grade hier am sichtbarsten gewesen. Denn in der Kunst erscheint auch
das Abbild seiner Wesensform noch einmal ins Ideale gerückt. Jedes
Genie ist zuletzt immer auch noch einmal Kunstgenie in seiner Weise
mit gewesen. Ob es als Entdecker und Erfinder, ob es als Staatsmann
oder Feldherr, ob es als philosophischer oder religiöser Bahnbrecher
auftritt: nie wird man vor seiner Gesamtleistung den Eindruck des
Kunstwerks los, -- bloß daß es die ungeheure Kraft besitzt, überall
da, wo es nicht Kunst sein will, eben auch die Wirklichkeit selber zu
meistern. Das Genie ist die größte uns bekannte Fortschrittsmutation
der Menschheit. Wenn wir dieses naturgeschichtliche Wort wählen, muß
auf den Unterschied hingewiesen werden. Vielleicht ist es aber auch
hier nur eben der Gegensatz des Menschen, der ihn bedingt. Auch das
Genie hat Richtung. Es kann in ganz bestimmte Einzelwerte der Kultur
gradezu extrem gehen; denken wir an Beethoven; obwohl es im Größten
und besonders im Neueren, je mehr unsere Kultur ein Universalwert
wird, auch den universalen Zug nicht verleugnet; denken wir an
Goethe. Bisweilen möchte man glauben, daß es durch ein gleichzeitig
vorhandenes Talent in seiner Richtung bestimmt werde, obwohl es selber
niemals bloß ein gesteigertes Talent ist, sondern die ganze dämonische
Ursprünglichkeit und Überlegenheit wahrt; doch liegen hier noch
Geheimnisse. Jedenfalls aber zielt es in aufsteigende Kultur hinein,
und wie es ist, neu bauend, zwingt es diese Kultur steigernd empor.
Es setzt sein Werk nicht fort durch Zeugung, durch Erblichkeit. Darin
erscheint es selber im idealsten Sinne als »Mensch«, daß sein Reich
einerseits bloß das eines Einzelnen, einer riesigen »Person« ist, --
daß es aber grade durch die geistigen Kulturmittel sich von dieser
Person aus noch ganz anders ausbreitet, als Zeugung und Vererbung
vermöchten. Als ungeheure Zeugungswelle strömt es geistig über uns alle
aus, bis sein Sturm das ganze Haus der Menschheit erbeben macht und
die Flammenzeichen an allen Stirnen auch der Fernsten, Schlichtesten
erglühen. Ihm liegt nichts an gewöhnlichen Menschenwegen. Nachkommende
Generationen leben doch von ihm. Durch Jahrtausende fließt sein Licht.
Durch alle Stände geht es selbst. Da, dort, flammt es plötzlich auf.
Ihm ist nicht Ort, noch Stunde für unser Wissen gesetzt. Es kommt
aus dem Winkel und steht doch alsbald im Mittelpunkt der Welt für
uns. Mag man sich naturgeschichtlich zu ihm verhalten, wie man will,
-- natürlich ist es gewiß. Und lernen sollte der Naturforscher auf
jeden Fall auch von ihm. Wie es vor uns steht, ist es jedenfalls die
menschliche Form eines steigernden Fortschrittsweges, -- die uns
sichtbare wahre _Fortschrittsmutation_. Vielleicht haben wir ihre
echten Vorgänger in der tieferen Lebenswelt noch nie gesehen, -- wer
weiß. Uns aber gibt sie die heiligste Gewähr weiteren Ganges zum
Licht. Denn sie kommt nicht nur durch alles, was wir bisher Kultur
nennen, soweit wir darin Einzelmenschen sehen, -- sie steht auch noch
dicht hinter uns, ja neben uns. Nichts läßt vermuten, daß ihre Kraft
abnehme, -- im Gegenteil. Wie geht ihr Wehen noch durch die ganzen
letzten hundert Jahre. Und wer fühlte, wer hoffte, wer vertraute nicht,
daß es auch uns in dieser Stunde noch als unser Größtes durchrauscht?
Wir erwarten mit dem Bilde dessen, der auch einst seinen Geist in
sich verspürte, daß es immer wieder als Kind mit den großen Augen uns
anschaue vom Arm der Mutter, -- der Menschenmutter, die unsere Zukunft
trägt.



Nachwort


Es war seit längerer Zeit mein Wunsch, zu den verschiedenen
Kosmosbänden, in denen ich mich mit Fragen der irdischen und
menschlichen Vergangenheit auseinandergesetzt hatte (»Abstammung des
Menschen«, »Stammbaum der Tiere«, »Sieg des Lebens«, »Steinkohlenwald«,
»Mensch der Vorzeit«, »Festländer und Meere«, »Tierwanderungen in der
Urwelt«), eine Ergänzung zu schreiben, die vom Schicksal der Erde und
des Menschen in der Zukunft handeln sollte. Nur mit gelegentlichem
flüchtigem Blick in die Welt der Träume, im übrigen aber mit beiden
Beinen fest auf der Wirklichkeit ruhend, sollte dieser Band vor allem
einige früher nur angedeutete Gedankengänge über die wahre Stellung
des Menschenwesens in der Natur näher begründen und ausführen. Die
Arbeit war im Kopf fertig, als die ungeheuren Ereignisse, die uns
alle noch bewegen, eintraten. Sie wurde niedergeschrieben im Bann
dieser Ereignisse, und man wird die Stimmung daraus anklingen hören,
ohne daß ich das für einen Schaden hielte. Wohl ist mir ein paarmal
dabei gewesen, als sei die Forderung des ehernen Tages zu groß für
solches Fragen um dämmernde Ferne. Aber dann schien es mir doch auch
immer wieder, als sei es grade recht so trotzalledem. Ich dachte an
so manchen tapfern Mann im fernen Schützengraben, dem doch seine
Gedanken durch alle Sterne schweiften. Und ich dachte, daß es zuletzt
eben dieses Denken gewesen ist, das uns stark gemacht hat. Möge also
auch dieses bescheidene Scherflein immerhin mit eingehen. Alles Wilde
sehen wir in diesen Tagen aufgeboten in der Menschheit, aber wir
hoffen doch auch und sehen es bei uns in heiliger Arbeit, zuletzt
alles Gute. Vielleicht ist es doch nicht ganz belanglos, daran zu
erinnern, daß die Menschheit noch nicht stirbt und daß sie Zeit hat,
sich auch aus furchtbarster Krisis wieder allgemein zum Siege dieses
Guten durchzukämpfen. Eine kleine, nebensächliche Kriegswirkung
wird man darin finden, daß das Werk diesmal ohne wissenschaftlichen
Bilderschmuck erscheint; es war nicht mehr anders möglich, und man wird
das verstehen.

        Friedrichshagen b. Berlin, Weihnachten 1914.

            =Wilhelm Bölsche=



Register


    Abderiten 56

    Achilles 49

    Affen, altweltliche 72

    Agave 49

    Ammonoideen 50 f.

    Amöbe 41

    Anpassung 20. 42. 58

    --, universale 21. 56. 62. 63

    Apolloschmetterling 50

    Arrhenius 40. 44 f.

    Artentod 49 f. 51 f.

    Auge 81

    Aussterben der Arten 48 ff. 52 ff.


    Backzahn, dritter 76 f.

    Bakterienkeime 45

    Baer, K. E. v. 67

    Bauchmark 65

    Baum des Lebens 25. 73

    Becken, weibliches 80

    Beethoven 28. 30. 86

    Blinddarm 78 f.

    Blutwärme 25

    Borkentier 50. 55.

    Brachiopoden 53 f.


    Ceratodus 53

    Cestracion 53

    Charaktervarianten 83

    Christus 31

    Chronos 47


    Darwin 10. 11. 12. 16. 19. 22. 27 f. 41. 63. 71. 73 f.

    Daumen 80

    Degeneration 48 ff. 66. 80

    Diluvialmensch 30. 33. 56

    Dronte 50. 55 f.


    Edentaten 53

    Einheit, innere der Lebewesen 64

    Eiszeit 35. 37. 39. 40

    Empfindung 14

    Energiequellen der Zukunft 39

    Entropie 44 f.

    Erde, Inneres der 39

    --, Altern der 35

    --, period. Erscheinungen der 37 ff.

    Ethik 23. 83

    Evangelium 25


    Faust 8. 28. 30. 31. 33

    Fechner 47

    Fische 66

    Fortpflanzung 25. 55

    Fortschritt 30. 64 f. 67

    Freiheit 17. 22. 23. 67

    Friedensehnsucht 22

    Friedenthal 80 f.

    Futuristen 51


    Gebirgsbildung 37 ff.

    Gebiß 13. 76 ff.

    Gehirn 14. 64 ff.

    Geist 13

    Geist und Stoff 67

    -- der Tiere 13 f.

    Gemütserregungen der Tiere 13. 14. 18. 63

    --, Zweifel daran als Irrtum 14

    Genie 85 ff.

    Gesichtsmuskeln 80

    Gestirne, Harmonie der 43

    Gliedertiere 65

    Goethe 10. 30. 33. 49. 79. 87

    Gottesgeist 10. 32. 69


    Hartmann 50

    Hatto 56

    Hilfe, gegenseitige im Tierreiche 23


    Ichthyosaurier 29. 49

    Idealismus, praktischer 6

    Ignorabimus 47

    Inseltiere 58

    Insekt 16. 66

    Instinkt 15 ff. 23. 25. 29

    --, seine Schäden 16

    Intellekt 16 ff. 29. 42. 70

    Intelligenz, kosmische 43 ff. 47

    Inzucht 58 f.

    Juvenile Werte 59


    Kant 10

    Kehlkopf 20

    Kolumbus 9

    Kometen 36

    Kopernikus 11

    Krebs 66

    Kriegskraft 22

    Kunst 26 ff. 50. 57. 59. 68. 86 f.


    Leben 43. 47

    -- als Naturstufe 11

    --, sein Alter 36

    --, kosmisches 44 f.

    Liebe 24 ff.

    Liebeswahl 27

    Lingula 54. 62

    Linné 10. 67


    Madonna 25. 28. 81

    Malaria 56

    Marsh 66

    Martinique 35

    Mathematiktalent 84

    Melusine 35

    Mensch, veredelt die Liebe 24 f.

    -- als Entwicklungsstufe des organ. Lebens 10. 12

    -- als Künstler 25 ff.

    -- als Säugetier 13

    -- als Zellwesen 12

    -- findet kosmischen Anschluß 29

    -- sucht Weltanschauung 29

    --, seine Talent-Varianten 82 ff.

    --, seine Steigerungs-Variante des Genies 85 ff.

    --, seine Sonderstellung auf der Erde 12 ff. 19. 22. 62

    --, sein Geist 13

    --, Zeit seiner Entstehung 13

    --, sein Gehirn im Vergleich zum Affen 14

    --, seine eigentliche Tat 14

    --, sein Systemwechsel 14. 16 ff.

    --, sein Schritt zur Freiheit 16 ff.

    -- schaltet Zuchtwahl aus 18

    -- geht zum Werkzeug über 19 ff.

    --, soziales Wesen 22 ff.

    --, seine Aufgabe in neuer Entwickelungsstufe 41 f.

    --, seine Stellung zum übrigen Stammbaum der Lebewesen 62 ff.

    --, zentraler Fortschritt in ihm 67 ff.

    --, sein Variieren 73 ff.

    --, sein Körper ändert sich noch 76 ff.

    Menschenliebe 25

    Menschheitsglaube 5

    Menschheitsideal 31 f.

    Mephisto 51

    Meteoritenfälle 36

    Milchdrüsen 79

    Mitleid 25. 74. 83

    Mollusken 65

    Musikbegabung 84

    Mutationen 71. 85 ff.

    Mutterliebe 25

    Mystik 64


    Nase 13. 80

    --, vollkommene Form der 80

    Nation 75

    Nautilus 52 f.

    Nautiloideen 50 f.


    Ohrmuscheln 79

    Organ 16. 19 ff.

    --, regressives 79

    Orthogenesis 70. 72

    Osborn 66


    Paradies 6. 13

    Paradiesvogel 27. 50

    Parietalauge 79

    Penelope 32

    Persönlichkeit 18. 58. 74

    Pferde in Amerika 52 f.

    -- als Kulturtier 53

    Phantasie 25 f.

    --, Wert der 9

    Platypsyllus (Biberkäfer) 57

    Pole, Vereisung der 38

    Primaten 66

    Pythagoras 84


    Quagga 50


    Radium 39. 40

    Raffael 81

    Rassenfrage 6. 75

    Raubwespe 15

    Riesenalk 50. 55

    Rippen 79

    Rudimentäre Organe 78


    Säugetiere 24. 66 f. 73

    Schilddrüse 79. 80

    Schmarotzertum 56

    Schneidezahn, zweiter 78

    Schönheitsformen der Natur 27. 51. 57

    Schöpfungsmythe, biblische 17

    Selbstregulierung im All 44

    Siphonophoren 23

    Sonne 36. 40 ff.

    --, Erkalten der 40

    --, Selbstregulierung der 40

    Soziales 23. 49. 74 f.

    Spinoza 74

    Spitzohr 13

    Staat 23

    Stachelhäuter 65

    Stammbaum der Lebewesen 61

    Steigerung 70 ff. 86

    Sternenherrschaft 43

    Sünde 17


    Talent 83 ff.

    Termiten 23

    Tertiärzeit 38

    Tintenfische 50. 65

    Tod 48. 54


    Umkehrung der Naturvorgänge 28. 44. 62


    Variieren 18. 27. 71 ff. 76 ff. 82 ff.

    Vererbung von Gewohnheiten 15. 71 f. 74. 84

    Verstand der Tiere 13. 14. 15. 17

    -- des Menschen 16 f.

    Völkerrecht 31

    Volksgeist 7. 49

    de Vries 71 ff.

    Vulkanismus 37


    Wärmeausgleich 43

    Weisheitszahn 76 ff.

    Weismann 15

    Werkzeug 19 ff. 28

    Wiedersheim 79

    Wunder 69

    Würmer 65

    Wurmfortsatz 78 f.


    Zeit 28

    -- und Raum 46

    Zelle 11. 12. 54. 64

    Zentrale Entwickelungslinie 63 ff.

    Zirbeldrüse 80

    Zuchtwahl 16. 18. 51. 68. 71

    Zwischenkiefer 79

[Illustration]



Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!


Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir

        alle Naturfreunde

jeden Standes, sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ ein.
-- Außer dem geringen

_Halbjahresbeitrag von nur M 2.40_

(Beim Bezug durch den Buchhandel 10 Pf. Bestellgeld, durch die Post
Porto besonders)

erwachsen dem Mitglied =keinerlei= Verpflichtungen, dagegen werden ihm
folgende _große Vorteile geboten_:

Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren
Jahresbeitrag im Jahre 1915 =kostenlos=:

  I. =Die Monatschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde.= Reich
    illustriert. Preis für Nichtmitglieder M. 2.80.

  II. =Die ordentlichen Veröffentlichungen.= Nichtmitglieder zahlen
    den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.

    =Wilhelm Bölsche, Der Mensch der Zukunft.=

    =Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der
      Naturgeschichte der Krebse.

    =Dr. Karl Weule, Urformen der Schrift.=

    Ferner sind vorgesehen Bände von =Dr. Herm. Dekker= und =Arno
    Marx=. Falls diese nicht rechtzeitig fertig werden, da beide
    Verfasser im Krieg sind, werden sie durch andere gleichwertige
    ersetzt werden, worüber noch im Kosmos-Handweiser berichtet
    wird.

  III. =Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
    naturwissenschaftlichen Werken= (siehe Seite 6).


=Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.=

            =Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.=



Im Handweiser werden außer den reinen Naturwissenschaften
berücksichtigt:

_Wissenschaft und Krieg_

Wandern und Reisen * Aus Wald und Heide * Photographie und
Naturwissenschaft * Technik und Naturwissenschaft * Haus, Garten und
Feld * Natur- und Heimatschutz

Er kostet für Mitglieder nichts, während Nichtmitglieder ohne
Buchbeilage jährlich M 2.80 zahlen.

// Probehefte durch jede Buchhandlung oder direkt //


[Illustration]

Die erste Buchbeigabe für 1915:

Der Mensch der Zukunft

Von =Wilhelm Bölsche=

Mit feinen Zierleisten und einem farbigen Umschlag nach
Originalzeichnungen von _Willy Planck_

Für Nichtmitgl.: In farb. Umschlag M 1.--, in Leinen geb. M 1.80

Unser berühmter Mitarbeiter, der in drei Kosmosbändchen Abstammung
und Vorzeit des Menschen geschildert hat, gibt seinem Werke hier
Abschluß und Krönung. Aus der Lehre der Vergangenheit _ein Blick in die
Zukunft_! Es soll kein phantastischer Traum sein, sondern _schlichte
naturwissenschaftliche Tatsachen und Erwägungen_ sollen auch hier
den Weg bezeichnen. Der Mensch nimmt heute trotz seines natürlichen
Ursprungs eine vollkommen _überragende Stellung auf der Erde_ ein.


[Illustration: Zentralaustralische Sandschrift.]

Urformen der Schrift

Von =Dr. Karl Weule=

Mit zahlreichen Abbildungen

Für Nichtmitgl.: In farb. Umschlag geh. M 1.--, in Leinen geb. M 1.80

Das ungeheure Lügensystem, mit dem unsere Gegner die ganze Welt gegen
Deutschland aufgestachelt und eingenommen haben, könnte uns fast
veranlassen, den Besitz der _Schrift_ als das Vorbereitungsmittel
dieses Riesenbetrages von Verleumdung zu verwünschen, wäre dieselbe
Errungenschaft nicht zugleich auch das Mittel für jene wunderbare
Organisation und Vorbereitung, auf denen unsere bisherigen Erfolge und
Siege aufgebaut sind.

Den langen und mühseligen Aufstieg von den ersten tastenden, aber doch
recht mannigfaltigen Versuchen des Menschen, sich mit dem Nächsten
auf anderen Wegen als denen der Laut- und der Gebärdensprache zu
verständigen, bis zur wirklichen Buchstabenschrift hinauf zu zeigen,
ist die äußerst dankbare Aufgabe dieses vierten in der Reihe der
Weuleschen Kosmos-Bändchen.


[Illustration]

Gepanzerte Ritter

Aus der Naturgeschichte der Krebse

von =Dr. Kurt Floericke=

Mit zahlreichen Abbildungen

Für Nichtmitgl.: In farb. Umschlag geh. M 1.--, in Leinen geb. M 1.80

Was die Insekten nach Zahl und Mannigfaltigkeit für das Festland
bedeuten, sind die Krebstiere für das Reich des Wassers. Ja, sie
übertreffen jene noch an Massenhaftigkeit des Auftretens, an
Allgegenwart wie an Formenreichtum und Wandelbarkeit und stehen ihnen
auch an wirtschaftlicher Bedeutung nicht nach. Ihre Anpassungs- und
Abänderungsfähigkeit scheint schier unbegrenzt zu sein. Gar seltsame
und merkwürdige Formen finden wir unter ihnen, die der Laie niemals für
Krebse halten würde. Betrachten wir ihre Lebensweise näher, so kommen
wir aus dem Erstaunen nicht heraus darüber, mit welcher Kraft und
welchem Mut die großen, mit welcher List und welcher Verschlagenheit
die kleinen Krebstiere den Kampf ums Dasein führen. Ein reicher
Bilderschmuck veranschaulicht das Gesagte.


[Illustration]

Tierische Hochzucht

Von =Arno Marx=

Mit zahlreichen Abbildungen

Für Nichtmitglieder: In farbigem Umschlag geh. M 1.-- in Leinen geb.
M 1.80

Ein tiefsinniger Naturforscher und ausgezeichneter Beobachter berichtet
hier über die neuesten Forschungen der Rassenbiologie und der
Rassenzüchtung.


Ferner ein Band aus dem Gebiete

Der Biologie des Menschen

Von =Dr. Hermann Dekker=

Verfasser des Bandes »Vom sieghaften Zellenstaat«


Wer ein Leser des Kosmos ist, der hat auch Interesse für seine beiden
Gegenstücke:


Technische Monatshefte.

Sie wollen dem Laien, dem Fachmann und der strebsamen Jugend in
Wort und Bild und in gemeinverständlicher Darstellung Anleitung zum
Verständnis des gesamten Gebietes der modernen Technik bieten.

Halbjährlich für 6 Hefte nebst 2 Buchbeilagen nur M 3.50.


Zeiten und Völker.

Diese Monatschrift ist ein Familienblatt im besten Sinne des Wortes;
sie will Sinn und Verständnis für geschichtliche Zusammenhänge wecken
und gediegene historische Kenntnisse in anschaulicher Weise vermitteln.
Zur Zeit bringt sie eine reichillustrierte Chronik des gegenwärtigen
Krieges mit ausgezeichneten Reliefkarten.

1915, 11. Jahrgang mindestens 18 Hefte für nur M 4.80.

Probehefte durch jede Buchhandlung oder direkt von der

Franckh'schen Verlagshandlung in Stuttgart



Die Mitglieder des _Kosmos_ haben bekanntlich nach Paragraph 5 III das
Recht, außerordentliche Veröffentlichungen und die den Mitgliedern
angebotenen Bücher zu _einem Ausnahmepreis_ zu beziehen. Es befinden
sich u. a. darunter folgende Werke:

                                                   | Preis    | Mit-
                                                   | f. Nicht-| glieder-
                                                   | mitgl.   | preis
                                                   |----------+---------
  =Altpeter, ABC der Chemie=                       |  2.40    |  1.--
  =Bergmiller, Erfahr. a. d. Gebiete d. hoh. Jagd.=|          |
      Geb.                                         |  4.50    |  3.50
  =Bölsche, W., Der Sieg des Lebens.= Fein gebunden|  1.80    |  1.50
  =Diezels Erfahrungen a. d. Gebiete d.            |          |
      Niederjagd.= Geb.                            |  4.50    |  2.90
  =Ewald, Mutter Natur erzählt.= Gebunden          |  4.80    |  3.60
  =Ewald, Der Zweifüssler.= Gebunden               |  4.80    |  3.60
  =Ewald, Vier feine Freunde.= Gebunden            |  4.80    |  3.60
  =Fabre. J. H., Sternhimmel.= Gebunden            |  4.80    |  3.60
  =Fabre, J. H., Bilder a. d. Insektenwelt.=       |          |
      I/II, III/IV. 2 Bde. geb. je                 |  4.50    |  3.40
  =Fabre, J. H., Blick ins Käferleben.= Broschiert |  1.--    | --.50
  =Floericke, Dr. Kurt, Deutsches Vogelbuch.=      |          |
      Gebunden                                     | 10.--    |  8.40
  =Floericke, Dr. Kurt, Taschenbuch zum            |          |
      Vogelbestimmen.= Geb.                        |  3.80    |  2.90
  =Fruwirth, Die Pflanzen der Feldwirtschaft.= Geb.|  3.80    |  2.90
  =Gräbner, Taschenbuch zum Pflanzenbestimmen.=    |          |
      Geb.                                         |  3.80    |  2.90
  =Hepner, Cl., 100 neue Tiergeschichten.= Gebunden|  3.60    |  2.80
  =Jaeger, Prof. Dr. Gust., Das Leben im Wasser.=  |          |
      Kart.                                        |  4.50    |  1.70
  =Kuhlmann, Wunderwelt des Wassertropfens.=       |          |
      Brosch.                                      |  1.--    | --.50
  =Lange, Der Garten und seine Bepflanzung.= Geb.  |  4.50    |  3.50
  =Leben der Pflanze.= Bd. I, II, III, IV, V, VI,  |          |
      VII, VIII, geb. je                           | 15.--    | 13.50
  =Lindemann, Die Erde.= Bd. I. Gebunden           |  9.--    |  8.--
  =Lindemann, Die Erde.= Bd. II. Gebunden          |  9.--    |  8.--
  =Meyer, Dr. M. Wilh., Die ägyptische Finsternis.=|          |
      Geb.                                         |  3.--    |  1.90
  =Monographien unserer Haustiere=: Bd. I Schumann,|          |
    Kaninchen; Bd. II Schuster, Hauskatze; Bd. III |          |
    Morgan, Hund; Bd. IV Schwind, Haushuhn ~à~     |  1.40    |  1.05
  =Sauer, Prof. Dr. A., Mineralkunde.= Gebunden    | 13.60    | 12.20
  =Schrader, Liebesleben der Tiere.= Broschiert    |  1.40    |  1.10
  =Schroeder-Rothe, Handbuch f. Naturfreunde.=     |          |
      Bd. I geb.                                   |  4.20    |  3.60
  =Schroeder-Rothe, Handbuch f. Naturfreunde.=     |          |
      Bd. II geb.                                  |  3.80    |  3.30
  =Schwind-Gemen, Rosenbüchlein.= Gebunden         |  1.50    |  1.25
  =Stevens, Frank, Ausflüge ins Ameisenreich.= Geb.|  2.50    |  1.85
  =Stevens, Frank, Die Reise ins Bienenland.= Geb. |  2.50    |  1.85
  =Strandbüchlein.= Gebunden                       |  1.25    |  1.--
  =Stridde, Allgemeine Zoologie.= Gebunden         |  7.--    |  6.20
  =Thompson, E. S., Bingo u. a. Tiergeschichten.=  |          |
      Geb.                                         |  4.80    |  3.60
  =Thompson, E. S., Prärietiere und ihre           |          |
      Schicksale.= Fein geb.                       |  4.80    |  3.60
  =Thompson, E. S., Tierhelden.= Fein gebunden     |  4.80    |  3.60
  =Wurm, Waldgeheimnisse.= Gebunden                |  4.80    |  3.60

und zahlreiche andere Werke mehr.



Die ordentlichen Veröffentlichungen

früherer Jahre erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu
Ausnahmepreisen:


:1904:

(Handweiser vergriffen) zusammen für M 4.-- (Preis für Nichtmitglieder
M 5.--), geb. für M 6.20 (für Nichtmitglieder M 8.40):

  Bölsche. W., Abstammung des Menschen.

  Meyer, Dr. M. Wilh. (Urania-Meyer), Weltuntergang.

  Zell, Dr. Th., Ist das Tier unvernünftig? (Doppelband)

  Meyer, Dr. M. Wilh., Weltschöpfung.


    :1905:      :1906:

(Handweiser vergriffen) je für M 4.-- (Preis für Nichtmitglieder M
5.--), geb. für M 6.75 (für Nichtmitgl. M 9.--):

  Bölsche, W., Stammbaum der Tiere.

  Welten, Die Sinne der Pflanzen.

  Zell, Dr. Th., Tierfabeln.

  Teichmann, Dr. E., Leben und Tod.

  Meyer (Urania), Sonne und Sterne.

  Welten, Wie die Pflanzen lieben.

  Meyer, Dr. M. Wilh., Rätsel d. Erdpole.

  Zell, Dr. Th., Streifzüge durch d. Tierwelt.

  Bölsche, Wilh., Im Steinkohlenwald.

  Ament, Dr. W., Die Seele des Kindes.


:1907:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Kuhlmann, Aus der Wunderwelt des Wassertropfens.

  Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.

  Meyer, Dr. M. W., Kometen u. Meteore.

  Teichmann, Dr. E., Fortpflanzung und Zeugung.

  Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.


:1908:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Meyer, Dr. M. W., Erdbeben u. Vulkane.

  Teichmann, Dr. E., Die Vererbung.

  Sajó, Krieg u. Frieden im Ameisenstaat.

  Dekker, Naturgeschichte des Kindes.

  Floericke, Dr. K., Säugetiere des deutschen Waldes.


:1909:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Unruh, Leben mit Tieren.

  Meyer, Dr. M. Wilh., Der Mond.

  Sajó, Prof. K., Die Honigbiene.

  Floericke, Kriechtiere u. Lurche Deutschl.

  Bölsche, Wilh., Der Mensch in der Tertiärzeit und im Diluvium.


:1910:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Koelsch, Pflanzen zwisch. Dorf u. Trift.

  Dekker, Fühlen und Hören.

  Meyer, Welt der Planeten.

  Floericke, Säugetiere fremder Länder.

  Weule, Kultur der Kulturlosen.


:1911:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Koelsch, Durch Heide und Moor.

  Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.

  Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit.

  Floericke, Vögel fremder Länder.

  Weule, Kulturelemente der Menschheit.


:1912:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Gibson-Günther, Was ist Elektrizität?

  Dannemann, Wie uns. Weltbild entstand.

  Floericke, Fremde Kriechtiere u. Lurche.

  Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge.

  Koelsch, Würger im Pflanzenreich.


:1913:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Bölsche, Festländer und Meere.

  Floericke, Einheimische Fische.

  Koelsch, Der blühende See.

  Zart, Bausteine des Weltalls.

  Dekker, Vom sieghaften Zellenstaat.


:1914:

ungebunden zusammen M 4.80 (für Nichtmitglieder M 7.80) und gebunden
für M 8.40 (für Nichtmitglieder M 13.--):

  Bölsche, Wilhelm, Tierwanderungen in der Urwelt.

  Floericke, Dr. Kurt, Meeresfische.

  Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben.

  Kahn, Dr. Fritz, Die Milchstraße.

  Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.

_Allen Jahrgängen außer 1904--1906 werden die 12 Hefte des betr.
Handweiser-Jahrg. beigefügt._

Sämtl. noch vorhand. Jahrgänge der Kosmos-Veröffentlichungen (s. obige
Zusammenstellung) liefern wir an Mitgl.: geh. für M 42.-- (Preis
für Nichtmitgl. 77.40), geb. (auch Handw.) für M 67.50 (Preis für
Nichtmitgl. 130.40) =auch gegen kleine monatl. Ratenzahlungen=.

[Illustration]

[Illustration]



~Jedes Bändchen nur M 1.--~

K 1.20 h ö. W., Frs. 1.30. Geb. M 1.80, K 2.40 h ö. W., Frs. 2.60

_Von Wilhelm Bölsche erschienen ferner:_


~Der Mensch der Vorzeit~


~1. Tertiärzeit und Diluvium.~

Schließt an die »Abstammung des Menschen« (siehe umstehend) an und
erzählt von Leben und Treiben der frühesten Menschenrassen, erklärt ihr
Zusammenleben untereinander, ihre Gesetze und Handfertigkeiten, ihre
Stellung zu den ersten Haustieren und weist so die ersten Kulturanfänge
nach.


~2. Der Mensch der Pfahlbauzeit~

Zeigt im Anschluß an die Schilderungen des obigen Bändchens den
Menschen auf der Stufe, in der er allmählich lernte, die Metalle zu
gewinnen und auszunützen. Das schon sehr entwickelte und interessante
Leben auf den Pfahlbauten zieht in plastischen Bildern an uns vorüber.


[Illustration: Höhlenmenschen als Künstler

(Vereinfachte Wiedergabe des farbigen Titelbildes von »Der Mensch der
Vorzeit« 1. Band.)]


~Der Sieg des Lebens~

Wir begleiten das Leben auf seiner Eroberung des Planeten Erde, der
uns vom Weltraum als Stern erscheint. So treten wir ein in das Bereich
des Lebens, das uns auf und in der Erde in tausendfacher Gestalt
entgegentritt. Und in dem allem wirkt der Mensch, der mit seinem Geiste
den Planeten vom Pol bis zum Äquator unterwirft.


Verlag der Franckh'schen Verlagshandlung, Stuttgart.



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
    Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Zur leichteren
    Navigation wurden Kapitelnummern ergänzt.

    Korrekturen:

    S. 27: Dienge → Dinge
      Tragweite auch dieser besonderen {Dinge}

    S. 48: Einzellast → Einzelast
      Reife gelangten {Einzelast} des großen Stammbaums

    S. 52: allem → allen
      der eine Mohikaner lacht {allen} ins Gesicht





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Mensch der Zukunft" ***

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