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Title: Das große Jagen
Author: Ganghofer, Ludwig
Language: German
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Buchs.



  Grote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller Band 133:


                            Das große Jagen

                     Roman aus dem 18. Jahrhundert

                                  von

                           Ludwig Ganghofer

                            [Illustration]

                      Zweiunddreißigstes Tausend

                   G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
                              Berlin 1918



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andere Sprachen,
vorbehalten. Copyright by G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin
1918. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Druck von
Fischer & Wittig in Leipzig



Das große Jagen



Kapitel I


Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmeßabend, peitschte der
stürmische Westwind ein dickwirbelndes Schneetreiben durch die Gassen
von Berchtesgaden. An den Häusern waren alle Flurtüren versperrt,
alle Fensterläden geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht
geschlagen hatte, war auf der Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen.

Das dunkle Häuserschweigen in dem weißen Gewirbel hatte trotz allem
Lärm des Sturmwindes etwas Friedliches. Dieser Friede erzählte von
sorglosen Menschen in gemütlichen Stuben. Eine grauenvolle Lüge! In
Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Türen
Hunderte von verstörten Herzen. Zwischen den stillen Wänden wohnte
die Ratlosigkeit neben Haß und Angst, feiges Mißtrauen neben dem Mut,
duldende Stärke neben der hämischen Bosheit, nicht immer geschieden
durch Tür und Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen
Nachbar und Nachbar, auch zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und
Schwester, zwischen Vater und Sohn.

An allem Fürchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der
wirbelnde Schnee vorüber.

Auf den Türmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die
Glocken im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes
war es ein milder Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem
frierenden Leben, das nur lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene
Sehnsucht. Dann wieder die stumme Gassentrauer unter dem wehenden
Flockenfall.

Aus dem Häusergewinkel, das die nördliche Stiftsmauer umzog, kämpfte
sich ein schwarzgekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe
gegen den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht
an den Häusern hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der
Schlag einer Amsel. An einem schmalen Steingebäude, das sich von den
Nachbarhäusern auffällig unterschied, öffnete sich die Tür ein bißchen
und eine greise Stimme fragte im Hausdunkel: »Hochwürden?«

»Komm!« Auch diese Stimme klang nimmer jung.

Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze
huschte aus dem Haus und schloß die Türe, die von innen verriegelt
wurde. Wortlos, der Kleine neben dem anderen, der groß und hager war,
schritten die beiden quer über das Ende der Marktgasse, vorüber am
neuen Pflegeramt, vorüber an den Stallungen des alten Leuthauses. In
der halb bebauten Straße, die zur Franziskanerkirche führte, traten sie
in einen mit hohen Bretterplanken umzäunten Garten. Auch hier öffnete
sich die Haustür wie von selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach
eine Mädchenstimme: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter
Marie!«

Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: »Von nun an bis in
Ewigkeit, Amen!« Und der andere sagte, als er in das Dunkel hineintrat:
»Schau nur, Luisa, wie gut du den Bekenntnisgruß zu brauchen weißt!«
Seine Stimme hatte einen heiteren Ton: »Jetzt hast du wieder dreißig
Wochen Ablaß gut! Tust du denn in deinem jungen Leben des Bösen so
viel, daß du deine künftige Fegfeuerzeit so fleißig verkürzen mußt?«

»Hochwürden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet!« Das junge Mädchen
verriegelte die Haustür. »Ein geweihter Priester sollt ernst nehmen,
was heilig ist.«

»Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem
hilfreichen Lachen.«

Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den
Mantel herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als hätte Luisa die
Blechmaske an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl überglänzte
die beiden Männer. Der Kleine trug das Berchtesgadnische Bürgerkleid
mit der Bundhose über den weißen Strümpfen und mit dem braunen
Faltenkittel, über dessen Kragen sich die weiße Hemdkrause herauslegte.
Ein scharf geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart
so weiß wie die hohe Stirn. Unter dem Lederkäppchen quollen graue
Locken heraus. Zwei stille, heißglänzende Augen. Das war der aus
Salzburg nach Berchtesgaden zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon
Lewitter, der vor fünfzehn Jahren bei einem Judenkrawall das Weib und
seine zwei Kinder verloren und in der Verstörtheit dieser Gräuelnacht
die Taufe empfangen hatte. Für die Bauern galt er noch immer als
der Jud, genoß aber als Leibarzt des Fürstpropstes zu Berchtesgaden
leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzählte von den
Schmerzen einer vergangenen Zeit. Der schmale Mund unter dem weißen
Barte hatte das Lächeln einer steingewordenen Geduld.

Neben diesem scheuen Greise sah der katholische Priester, der seit
sieben Jahren emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend
aus, die sich als Alter vermummte. Schon ein bißchen gebeugt, war
doch in seinem sehnigen Körper noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte
auch eine gute Figur in dem geflügelten Schwarzrock mit den weißen
Bäffchen, in der seidenen Bundhose mit Strümpfen und Schnallenschuhen.
Den geschnörkelten Lockenbau, der bei den Herren Mode geworden,
verschmähte er. Glattsträhnig hingen die aschfarbenen Haare um das
rasierte Gesicht, in dessen Fältchen ein Spiel von freundlicher
Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige Warzen, die
halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf die
Schönheitspflästerchen der vornehmen Damen waren: eine kleine auf
dem linken Nasenflügel, auf der rechten Wange eine große, die sich
sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam
sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes.
Das verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese
hellblauen Augen, die im Gesicht des Siebzigjährigen noch wie die Augen
eines lebensgläubigen Jünglings glänzten.

»Luisichen?« fragte er munter. »Warum beleuchtest du mich so scharf?
Magst du nit lieber dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer
müden Männerseelen?« Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas Hand
und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht.

Eine Achtzehnjährige von herber Schönheit, über ihr Alter gereift
in einer Zeit, in der die Redlichen ein härteres Leben hatten als
die Gewissenlosen. Braunblonde Zöpfe lagen gleich einem schweren
Seilgeflecht um die Stirne. Der Mund war wie ein strenges
Siegel dieses jungen, schon geprüften Lebens und zeigte doch das
Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen war
ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des
blendenden Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen
bestickte Mieder, aus dem sich die weißen Glocken der Spitzenärmel
herausbauschten. Eine zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu
formen begann.

Auf der Wange des Pfarrers hüpfte die große Warze. »Luisichen? Hast
du dich für uns zwei Alten so wohlgefällig gemacht? Oder hat dein
schmucker Abend einem Jüngeren gegolten?«

In Unmut zog das Mädchen die Brauen zusammen: »Ob jung oder alt, das
frag ich nit. Mir gilt: getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind.
Und heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich
mein bestes Gewand, bis ich schlafen geh. Man muß sich innen und außen
unterscheiden von den Gottlosen.«

Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser
freudlosen, von aller Härte der Zeit gegeißelten Mädchenseele.

Droben ein Schritt. Licht fiel über die Stiege herunter. »Seid ihr's?«
fragte eine erregte Stimme. »Ich hab schon geforchten, ihr könntet
ausbleiben, wegen des schiechen Wetters.«

»Meister, da kennt Ihr uns schlecht.« Der Pfarrer lachte, nicht ganz so
froh, wie eine Minute früher. »Wir kommen zu unserem lieben Abend, da
kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen.«

Die beiden wurden droben von einem Fünfundvierzigjährigen empfangen,
der ähnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mähniger Kopf mit langem
Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den
Brauenbogen fieberten zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer
gequälten Menschenseele. Es waren die gleichen Augen, wie die Tochter
sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers Nikolaus Zechmeister.
Die Nähe der Gäste ließ den Hausherrn aufatmen, als käme jetzt eine
bessere Stunde seines Lebens. Und es war ein seltsamer Gruß, den die
drei einander zuflüsterten: »Mensch bleiben!« Den Händedruck mußte
Meister Niklaus mit der Linken erledigen. Vor siebzehn Jahren hatte
man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom Arm geschlagen,
weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten,
hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte.
Sein Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der
Irrlehre Verdächtigen weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung
in ein Kloster gegeben. Erst seit dem verwichenen Herbste war Luisa
wieder daheim -- als Wächterin des Vaters, um ihn zu behüten vor einem
Rückfall in den evangelischen Wahn.

Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine
künstliche Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur
Mithilfe bei seiner Arbeit belebt hatte. Zwölf Jahre lang, bis die
linke Hand sich zu schulen begann, war er seinem Beruf entzogen. Um
Arbeit zu haben, hatte er in dieser Zeit für die Schnitzereien der
Berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschäft begründet, bei dem
er, ein wohlhabender Mann, für die Notstillung seiner Dienstgesellen
oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware für sich selbst gewann.
Seit fünf Jahren gehörte Meister Niklaus wieder seiner Werkstätte,
in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten. Aber so
fröhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und seit der
Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit
seines Leidens war.

Während Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus über das
Stiegengeländer hinunter: »Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen
Trunk!«

»Wohl, Vater!«

Der Meister blieb über das Geländer gebeugt, als hätte er Sehnsucht,
noch ein Wort seines Kindes zu hören. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die
Hand auf die Schulter: »Niklaus? Wird's besser mit euch beiden?«

Der andere schüttelte den Kopf. »Sie glaubt nit, daß ich glaub.«

Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. »Viel Ding im Leben hab ich
verstanden. Eins versteh ich nimmer: wie der Herrgott es dulden kann,
daß man in seinem Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann
sein, daß Gott sein heißt: in alle Ewigkeit für uns Menschen ein Rätsel
bleiben.«

Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Meisters: »Hätt mein Mädel
das gehört, so tät sie nach dem Klosterbüchl ausrechnen, wieviel
Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet.«

Die beiden traten in die Stube. Als die Tür geschlossen war, legte
Pfarrer Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: »Du?«
Wenn die drei allein waren, duzten sie einander. »Glaubst du, daß ich
die Menschen kenn?«

»Aus dem Beichtstuhl hast du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen.«

»Noch tiefer in der Sonn, die ich außerhalb der Kirch gefunden. Und ich
sag dir das voraus: in deinem Mädel wird das rechte Leben noch blühen,
wie am Johannistag die Rosen in deinem Garten.«

»Gott soll's geben!«

»Was für einer?« Die große Warze tänzelte. »Der meinige, der deinige,
der seinige?« Bei diesem letzten Worte deutete Pfarrer Ludwig auf
Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen preßte und dieses
Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang,
schauernd vom Gassenfrost, frierend in der Kälte seines alten, einsamen
Lebens.

Unter dem reichbesteckten Kerzenrade stand auf rundem Tisch ein
Schachbrett und daneben ein Körbchen mit den geschnitzten Beinfiguren.
Während der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend
einen Blick zur Tür und fragte flüsternd: »Hast du Botschaft aus
Salzburg?«

Der Pfarrer nickte. »Seit das große Jagen begonnen hat, sind's nach der
letzten Zählung dreißig Tausend und sieben Hundert, die man aus dem
Land getrieben.«

»Ist das nit Irrsinn?« stammelte Niklaus.

»Nein, Bruder!« Die große Warze kam in Bewegung. »Wie mehr man die Zahl
der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die Erben. Das
ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie länger ich das mit anseh, um
so lustiger macht es mich.«

»Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?«

»Anders tät man den üblen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist
so schaudervoll, daß man sie nur als eine Narretei des Lebens
beschauen kann. Wollt einer sie ernst nehmen, so müßt er an der
Menschheit verzweifeln. Wie mehr man lacht über ein böses Ding, um so
ungefährlicher wird es.«

»Still!« mahnte Lewitter. »Das liebe Mädel kommt.« In seiner Art, zu
sprechen, war kein jüdischer Klang. Er sprach, wie Herren reden, die
unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die
letzten Schachfiguren und sagte: »Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab
ich für euch einen Anfang ausgesonnen --«

Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher,
in denen der Würzwein dampfte.

»So! Und so!« sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels fünf
Züge. »Wie gefällt euch das?«

Meister Niklaus, seine Erregung verbergend, nickte: »Das ist neu.«

»Aber schön!« Der Pfarrer ließ sich lachend auf den Sessel nieder. »Was
man nit allweil behaupten kann von Dingen, die neu sind.«

Luisa hatte die Becher ausgeteilt. »Gott soll's den Herren gesegnen.«

Lewitter antwortete: »Gott soll dir's danken, lieb Kind.« Und der
Pfarrer redete fröhlich weiter: »Wie fein das duftet! Hast du das im
Kloster gelernt?«

Ein Zornblick. »Die frommen Schwestern haben Wasser getrunken.«

»Wenn du dabeigewesen bist. Was haben sie geschluckt, wenn du's nit
gesehen hast?«

Niklaus, der ein strenges Wort seiner Tochter zu befürchten schien,
sagte rasch: »Ich dank dir, Kind! Weiter brauchen wir nichts. Tu dich
schlafen legen!«

»Ich muß noch schaffen.« Sie maß den Vater mit einem Sorgenblick. »Auch
beten muß ich. Heut mehr als sonst.« Ihre Augen glitten über die beiden
anderen hin. Dann ging sie.

Lewitter flüsterte: »Sie hat Mißtrauen gegen uns.«

»So? Meinst du?« Der Pfarrer schmunzelte. »Dann hat sie ein Näsl, das
so fein ist wie nett.«

Ein bißchen unwillig sagte der Meister: »Warum tust du sie auch allweil
reizen?«

»Weil's hilfreich ist. Wie soll ein stilles Wässerlein sich bewegen,
wenn man keinen Stein hineinwirft? Aber komm, da steht ein schöner
Gedanke auf dem Schachbrett. Wir wollen uns freuen dran! Was Leben und
Welt heißt, soll uns weit sein bis um Mitternacht.« Der Pfarrer faßte
den Becher. »Her da! Wärmet den Herzfleck! Laßt uns anstoßen als treue
Bundesbrüder des duldsamen Glaubens! Auf alles Gesunde in den Menschen!
Aller dürstenden Hoffnung zum Trost! Auf den Glauben an die gute Zeit!
Auf das totgeschlagene und noch allweil nit wiedergeborene Deutschland!
Auf das kommende Reich, das neu und schön sein wird!«

Die drei Becher klirrten über den Schachfiguren gegen einander und
Niklaus sagte: »Wann wird das kommen, daß unser Volk und Reich den
ersten Schrei seines neuen Lebens tut?«

Simeon verlor das steinerne Lächeln. »Am Erlösungsmorgen nach einer
harten, tiefen und gewaltigen Not.«

Der Meister nickte. »Dann haben wir Hoffnung, daß wir es noch erleben.
Härter und tiefer ist nie eine Not gewesen als die von heut!«

»Hart und tief!« Die Warze im Gesicht des Pfarrers bewegte sich
munter. »Bloß das Gewaltige fehlt. Wohin man schaut, alles läppisch
und erbärmlich. Das neue Reich erleben wir nimmer. Komm, laß uns Freud
haben am schönen Spiel der Stunde! Du, Nicki, mit den Weißen hast den
ersten Zug!«

Niklaus rückte eine Figur. »So, mein' ich, wär's am besten.«

Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon
verfolgte aufmerksam die Züge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand,
die den Sieg zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob
sich. Beim Geschirrkasten füllte er zwei langstielige Tonpfeifen
mit Tabak, brannte sie an einer Kerze an und brachte sie den beiden
Spielern. Er selber rauchte nicht. Um außerhalb des Qualmes zu bleiben,
den die beiden Spieler hinbliesen über die Schachfiguren, rückte er
ein Stück vom Tische weg. Und als das Spiel dem Ende zuging, streifte
er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein
dünnes, eng beschriebenes Blatt hervor.

»Was Gutes?« fragte der Pfarrer.

»Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon
überlegt, wie ich's für euch übersetzen muß.«

»Hebräisch? Aus deinem Talmud?«

»Was Besseres.«

»Wenn *du* das sagst, so muß es eine neue Offenbarung sein.« Pfarrer
Ludwig schob das Schachbrett beiseite.

»Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir
ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg.«

»Wer hat's geschrieben?«

»Erst mußt du es hören. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen,
sondern das Werk vor den Namen.« Lewitter begann mit leiser Stimme
zu lesen, während auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem
Unterfutter seines Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die
alte Kastenuhr die zehnte Stunde. Sie hatte einen tiefen, dröhnenden
Ton. Dabei überhörten die drei, daß an der Haustür jemand pochte, nicht
laut, doch ungeduldig.

Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Küche drunten, vernahmen das
Pochen.

Die Magd erschrak. Es war ein dreißigjähriges, weißblondes Mädel,
das einen wohlgeformten Körper und träumende Augen hatte, doch kein
frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus als
Kindsmädel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tode seiner Frau,
als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte
die Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen
ihre Jugend versäumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die
es ihr nie verziehen, daß sie atmete unter dem Dach eines Verdächtigen.

Beim Hall der pochenden Schläge war sie bleich geworden und hatte vor
Schreck das Spinnrädl umgeworfen.

»Bleib, Sus! Ich geh schon!« sagte Luisa. »In dir ist Angst, in mir ist
Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu fürchten.«

Der da draußen mußte die Stimme des Mädchens vernommen haben. Das
ungeduldige Pochen wurde still.

»Jesus!« stammelte Sus. »Ob's nit die Schergen sind?«

»Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns.« Luisa entzündete die
Blendlaterne. »Mag sein, man holt den Lewitter zum gnädigsten Herrn.
Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen:
vom vielen Wein. Ich sag: von seiner schlaflosen Sorg um den reinen
Glauben.« Sie ging zur Haustür und schob den Riegel zurück.

Der da draußen wollte hastig eintreten. Weil die Tür noch an einer
Kette hing, öffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Während
die Schneeflocken hereinwehten, flüsterte in der Nacht eine erregte
Jünglingsstimme: »Lieb Mädel! So tu doch auf!«

Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: »Wer pocht so spät
in der Nacht an meines Vaters Haus?« Es klang wie Zorn aus ihren leisen
Worten.

»Einer, der es gut mit deinem Vater meint.«

»Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit.«

Der da draußen schien die Geduld zu verlieren. »Sei doch verständig,
Mädel! Ich will deinen Vater warnen.«

»Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer.«

»Bei Christi Leiden. Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben,
weil er dein Vater ist!«

»Kannst du spielen um dein Leben, so wird es so viel nit wert sein.«

Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen.
»Tust du dich fürchten? Vor mir?«

»Fürchten? Weil auf heiligem Kirchgang deine Augen mich beschimpft
haben? So bist du. Fürchten tu ich dich nit.« Die Türkette klirrte, und
Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Türe fest,
damit der Schnee nicht hineinwehen möchte in den Flur, mit der Rechten
hob sie die Laterne.

Das Licht umglänzte einen Sechsundzwanzigjährigen in verschneiter
Jägertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, kühne
Gesicht, das so braun von der Sommersonne war, daß drei Wintermonate
diese Wangen nicht hatten bleichen können. Wie hundert kleine silberne
Mücken flogen die beglänzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes
Haar und um die weitgeöffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht
brannten.

Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mädchenstimme:
»Du bist das Licht nit wert. Es hilft dir lügen und macht dich anders
als du bist! Man hat mir gesagt, du wärst ein Unsichtbarer, wenn die
Sonn am Himmel scheint. Da bleib du auch unsichtbar in der Finsternis!«

Das Licht erlosch; nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weißen
Gestöber, und die ernste Jünglingsstimme klagte: »Bist du ein lebiges
Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein
in deiner Kirch!« Ohne zu antworten, wollte Luisa zurücktreten in
den Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust
ihren Arm, hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie
so dicht an seine Brust heran, daß sie seinen heißen Atem empfand,
und flüsterte: »Willst du deinem Vater die Hausruh wahren, so sag
ihm: >Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch
heut in der Nacht!<« Er drehte das Gesicht, als hätte er ein Geräusch
gehört. Da draußen, im Dunkel, beim Leuthaus drüben, glomm es wie
ein matter, gaukelnder Lichtschein auf; kaum erkennbar war es; doch
die nachtgewohnten Augen des Jägers erkannten, was da kam. »Hinauf!
Zu deinem Vater!« Mit Sätzen, wie ein gehetzter Hirsch sie macht,
verschwand er.

Luisa stand im weißen Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in
den Flur zurück, verriegelte die Tür, gebärdete sich wie eine Verstörte
und bettelte: »Tu nit Zeit verlieren! Das mußt du dem guten Herren
sagen! Und tust du's nit, so spring ich selber hinauf --«

Die Stimme der Magd war so laut geworden, daß man sie droben vernommen
hatte. Niklaus kam aus der Tür gesprungen und rief über das Geländer:
»Was ist da drunten?«

»Ich komm, Vater!« Luisa huschte über die Treppe hinauf. »Einer hat
gepocht an der Haustür --« Ein kurzes Zögern. »Ich mein', es ist von
den Söhnen des Mälzmeisters Raurisser der älteste gewesen, der Leupolt.«

»Sag's doch!« klang die angstvolle Stimme der Magd. »So sag's doch dem
guten Herrn!«

Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen
den Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter über die
Stubenschwelle und verschloß die Tür. Auch im Blick der beiden andern
war Unruh. »So red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?«

»Das ist ein sündhafter und schlechter Mensch.«

»Der Leupolt?« fragte Pfarrer Ludwig verwundert. »Den prächtigen Buben
kenn ich seit den Kinderschuhen.«

»Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet.«

Niklaus wurde ungeduldig. »Red doch, Kind! Was hat er gesagt?« Er
meinte: jetzt, an der Haustür.

Luisa dachte an den sündhaft gewordenen Dreikönigstag. »Auf heiligem
Kirchgang hat er zu mir gesagt: ich tät ihm gefallen.«

Aus Simeons Gesicht verschwand die Ängstlichkeit, und Pfarrer Ludwig
begann zu lachen. »Was für eine Zeit ist das! Ein junges Mädel! Und
hält es für gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefällt! Alle Natur
verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wörtl wird überspreizt. Keiner redet
mehr, wie es menschlich wär und wie Herz und Blut es begehren müßten.
Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh muß sich verwandeln in
einen Höllendrachen.«

Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. »Und da ist der junge Raurisser
zur Haustür gekommen? Weil er gern mit dir einen Heimgart gehalten
hätt?«

Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. »Das nit. Ich hätt es ihm auch
nit verstattet. Er hat sich frech und unnütz aufgespielt. Du bist, wie
du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen:
>Für deinen Vater spiel ich um mein Leben.< Und muß nit sagen: >Es ist
ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der
Nacht.<«

Über die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte
eine erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, während
Niklaus stammelte: »Kind! Warum hast du denn das nit gleich gesagt?«

Luisas Stimme kam einen fremden Klang. »Vater? Ist dein Gewissen nit
rein vor Gott?«

Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lärmende Rufe im Sturm
der Nacht, dröhnende Schläge an der Haustür, ein dumpfes Krachen,
Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der
Meister die Stubentür aufriß, hörte man im Flur befehlen: »Ein Vigilant
zur Haustür! Einer _in loco hujus_ vor das Kuchlmensch! Einer hat
Vigilanz bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! _Citissime_!«

Heiter tätschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu
Stein gewordenen Mädchens: »Fein, Luisichen! Kindlich über alle Maßen!
Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's dein heiliger Gott den
Kindern befohlen! Viertes Gebot!«

Mit erwürgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentür. Kaum hatte sie dem
Tisch den Rücken gewandt, da riß Lewitter unter dem Schachbrett das
hebräisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen
enger Schrift einen Holzschnitt zeigte -- ein Blatt aus dem Nürnberger
Sendschreiben des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden
ausgetriebenen evangelischen Bergmannes Josef Schaitberger. Hurtig
quetschte Simeon die Blätter in zwei kleine Knäuel zusammen, die er
verschlingen wollte.

»Halt, Bruderherz!« Pfarrer Ludwig riß ihm die Knäuel vom Munde
weg. »Papier ist untauglich für einen Menschenmagen. Gib her! Ich
hab ein gutkatholisches Versteck.« Während die große Warze tanzte,
zerrte der Pfarrer die Bäffchen vom mageren Halse weg und ließ hinter
ihnen die zwei Papierknäuel verschwinden. »So! Gleich mit dem ersten
Ruck ist dein Spinoza und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief
hinuntergerutscht bis in die Magengrub. Außerhalb der Gedärm ist's
weniger ungesund.«

Zu diesen heiteren Flüsterworten klangen vom Stiegenflur die
aufgeregten Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und
das Schrittgetrampel der Soldaten Gottes.



Kapitel II


Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfüßl, war ein
wohlgenährter, gutmütig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften
Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen
mußte. Als er, den dünn abgezogenen Schnurrbart um den Finger
kräuselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umherspähenden
Musketieren lärmvoll in die Stube trat, saß Pfarrer Ludwig mit
Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: »Ich weiß nit, warum das
Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken
Tisch!« Er hob das Brett in die Höhe und guckte drunter. Niklaus
verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und während Luisa sich
verstört an die getäfelte Stubenmauer preßte, fragte der Pfarrer sehr
erstaunt: »Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher
Freund des Schachspiels, daß Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu
sehen, gleich die Haustür eines redlichen Mannes einschlagt?«

Nikodemus Muckenfüßl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der
Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine
obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte für einige Sekunden. Nun fand
er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er
sich in der Pflegerkanzlei gewöhnt hatte: »Vor Reverende prästiere
ich in christschuldigem _respecto_. Aber Spaßettibus wider die von
Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich
inquirirre _sub loco hujus_ in Amtibus.«

»Muckenfüßl,« staunte der Pfarrer, »Ihr redet beinah so gut Latein, wie
der Kirchenvater Augustinus.«

»_Silentium!_« brüllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers
bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte
gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodämerl so
unverständlich kanzleielte, immer sagte: »Red deutsch, du Rindvieh!« In
dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklärte er würdevoll:
»Es ist der wachsamen Obrigkeit _ad aures_ arriviert, daß _in loco
hujus_ des _in specie_ verdächtigen Nikolaus Zechmeister verbotene
_conventicula_ stattfindlich sind, mit _abuso_ ketzerischer _libellis_
und _pamphletica_. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der
Präsenten _ad notam_ zu rapportieren, _in quasi_ eine Orts- und
Leibesvisitationem _legaliter_ fürzunehmen.«

Pfarrer Ludwig erhob sich. »So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher
Würzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem
eigenen Dach, als Hausgäste der Leibmedikus Seiner Hochfürstlichen
Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, daß ich ein gutkatholischer
Priester bin?«

»Der Erzschelm Luther,« rief einer von den Soldaten Gottes, »ist ehnder
auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.«

»Riebeißel,« gebot der Feldwebel, »du tust das Maul tenieren. Der
Öberste, der kommandieret, bin _ego ipsus_.«

»Also?« fragte der Pfarrer. »Muß ich vorn aufknöpfen oder hinten die
Hos herunterlassen?«

Muckenfüßl überhörte zartfühlend diesen derben Scherz. »Reverende
steht _sub_ geistlicher _judicatura_. Ich hab mich nur zu occupieren
mit denen weltlichen Personibus.«

Da rief ein schwarzbärtiger Musketier, der keinen Blick von der
Haustochter verwandt hatte: »Vor allem müßt man die Weibsleut
visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die
Plätz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist.« Er
streckte schon die Fäuste, um Luisa zu fassen.

Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel?
Der Feldwebel befahl mit gedämpfter Strenge: »Lasset die frommgläubige
Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!«

Luisa stammelte: »Ich bürg mit Seel und Leben für den Vater. Auch für
die Sus.«

»Für uns zwei nit?« fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu
Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschälte. »Das müßt
Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf
die Nieren. Da dürft Ihr nit klagen, wenn's _vice-versa_ Euch selber
einmal geschieht.« Er guckte zur Tür hinüber. »Luisichen! Jetzt wirst
du aus der Stub gehen müssen. Sonst könnten deine frommen Augen einen
unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter
Adam auch nit schöner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und
schau, Luisichen, du könntest uns zur Begütigung des Schrecks noch
einen Becher Würzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen
Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heißen
Schluck nit abhold.«

Er brachte, während Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein
wieder in Brand, ließ sich auf den Sessel nieder und begleitete die
ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spöttisch unterfüttert
waren.

Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den
fürstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mißtrauisch
mit Simeon beschäftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten
Filzsohlen, lüftete sie und stocherte mit dem Finger drunter.

»Ja, Mensch,« sagte der Pfarrer, »das mußt du genau nehmen! Wer weiß,
ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfäßl ketzerischen Seelenweines
verborgen ist.«

Während der Visitation der beiden Männer schnüffelten Muckenfüßl und
Riebeißl in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie öffneten jeden
Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das
Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie über die Dielen,
klopften die Bretter ab und fühlten nach verdächtigen Fugen. Der
Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Plötzlich scheuerte er heftig seine
Nabelgegend und sagte lachend: »Feldwebel, Ihr müßt einen hungrigen
Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt
beißt er mich in der Magengrub.«

Muckenfüßl brummte was Unverständliches und begann die braune
Vertäfelung der Mauer nach Geheimfächern abzuklopfen. Die drei Männer
-- der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die
irdisch enthäutet in der Stube standen -- sahen nicht nach der
Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhämmerte.
Aber während sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes
Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick,
als Muckenfüßl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben
behütende Tätigkeit weiter gegen die Tür hin verschob.

Die zwei gründlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlüpfen.

Luisa und die weißblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf
den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Würzweinbecher.
Muckenfüßls Amtsmiene milderte sich beträchtlich. Doch bevor er sich
völlig zurückverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mußte er
noch die wirksamste seiner Künste zur Anwendung bringen und sagte mit
inquisitorischem Ton: »Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige
Mutter Maria?«

Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: »Von
nun an bis in Ewigkeit, Amen.«

Jetzt nickte Muckenfüßl. »Alles _in ordine_ befunden. Will's der
Obrigkeit _ad notam_ rapportieren, daß der Angeber ein füreiliges
_rhinozerum_ gewesen ist.« Lachend griff er nach einem Würzweinbecher.
»Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsiörs!«

Man stieß miteinander an und schwatzte heiter, als wäre nicht das
Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier
Männer gespielt hatte und vorüberging wie eine Fastnachtsposse.

Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten,
sagte Niklaus zu den beiden Mädchen: »Sind die Leut aus dem Haus, so
müßt ihr die beschädigte Tür verstopfen, daß der Schnee nit hereinweht.
Dann legt euch schlafen.«

Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verließ sie mit
jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfüßl sagte: »Ich muß die Herren
noch _specialiter_ monieren _in respecto_ der Polizeistund.«

»Ja, lieber Feldwebel!« lachte der Pfarrer. »Da machet nur, daß Ihr
mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr
seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versündigen.
Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfähiger des
Stiftes steh außerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus
hat Freipaß bei Tag und Nacht.«

»Als Medikus! Ich observier aber nit, daß einer von den Monsiöribus
marod ist?«

»Doch! Mir bremselt's in den unteren Gründen. Da hab ich den Medikus
nötig. Oder wollet *Ihr* mich davon erlösen?«

»So ein alter Senior! Und allweil Spaßettibus!« Den Kopf schüttelnd,
ging Muckenfüßl zur Türe. »Daß die Menschheit doch nie zu Verstand
arriviert.«

Während die Schritte der Musketiere über die Stiege hinunterpolterten,
standen die drei Männer ernst um den Tisch herum. Als wäre in jedem der
gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hände. Und Niklaus murmelte
durch die Zähne: »Wär man kein Rebell, sie täten einen machen dazu!«

»Ist schon wahr,« nickte der Pfarrer, »einen Aufruhr hat nie das
Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose
Polizeiverbot ist Mist für den Acker, auf dem was Widerspenstiges
aufgeht.«

Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hände: »Was
für eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wächter vor jedes
Ding, das wahr und heilig ist.« Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut
mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur.

Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten.
»So! Jetzt können die heimlichen Gewissensflöh wieder aushupfen.« Er
löste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknäuel
rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. »Guck! Einer ist schon da.
Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht!« Er dröselte den
Knäuel auseinander. »Wo bleibt der hebräische Philosoph? Das ist der
evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer.« Lachend hob
er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als
möchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da züngelte schon die rasche
Flamme. »Laß brennen, Herzbruder! Dein Haus wird ärmer um eine Gefahr.«
Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den
Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er kräftig. In vielen Flocken,
von denen ein paar noch glühten, schwamm die Asche in die Luft hinaus.
Wieder schüttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. »Guck,
Simmi! Ist *auch* schon da! Dein neufärbiger Philosoph! Ein gefährliche
Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben
wir sie. Mich rührt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig.
Du, Simmi, hast sie im Köpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer
Tulpenknöspel verschwinden. >Feuer ist allweil hilfreich!< sagten vor
anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen
haben.« Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche.

Nun saßen die drei am Tisch. Der Pfarrer faßte Lewitters Hand. »Erzähl
uns von ihm! Wann ist er gestorben?«

»Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.«

»Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen
sie wächst.«

»Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die
jüdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoßen als Verfluchten.
Und er ist von den wärmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit
dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in
Blut und Gehirn.«

Die Augen glänzend von einem kummervollen Träumen, sah Niklaus ins
Leere. »Wann wird das kommen, daß jeder leben darf nach seiner Farb?
Die Zeit, wo jeder spürt, daß er mit gleichen Rechten ein Bruder des
andern ist? Mensch neben Mensch?«

Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentönen schlug Mitternacht.
Pfarrer Ludwig erhob sich. »Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns
beten als Brüder, die dem Licht entgegenharren.«

Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging
der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhöhter
Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drückte auf einen Nagelstift,
der verborgen in der Täfelung saß. Die mit einer dicken Gipsmasse
unterlegte Wandverschalung öffnete sich doppeltürig und zeigte in
der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen
Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lämpchen mystisch
erleuchtet war -- ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche
Einfalt miteinander verwoben.

Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem
Himmel. Der höchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des
Wazmann. Auf den Höhen noch der Winter, im Tal der Frühling mit
Blumen, mit grünen Wiesen und belaubten Wäldchen. Kleine Dörfer mit
zierlichen Hütten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern
das Licht der bunten Ämpelchen schimmerte, als wär's ein Morgen um
die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele
winzige Menschenfigürchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Köhler und
Holzfäller, ein Jäger mit Büchse und Hifthorn, ein Floß mit Flößern auf
den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der
Angelrute, auf der Straße ein Trupp Musketiere im Marsch. Über grüner
Anhöhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen
herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Häuschen, in dessen Stube
man hineinsieht; es ist die Werkstätte eines Spielzeugschnitzers, der
mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt.
Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute
andächtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest.
Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geöffnet, und man sieht hinunter
in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhäuer bei der
Arbeit, sieht die Förderung mit den rollenden Hunden.

Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen für den größeren
Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hügel ein Kreuz
errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Unter dem Kreuze
beugt die Heilandsmutter, gestützt von den Armen des Johannes, sich
zärtlich nieder und umschützt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel
drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den
Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem
Kelch.

Ein leises Knistern war in den Ampelflämmchen, und der dünne Rauch, der
sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel
der Berge und begann hinaufzuströmen gegen die Stubendecke.

Stumm, die Herzen erfüllt von träumender Inbrunst, standen die drei
Männer vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig
wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet
ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen
Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wußten, daß er kommen
muß -- bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;
nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und
Figürchen, nicht die Lichter und Dämmerungen des Bildes weckten die
Andacht in ihren Herzen. Ihr andächtiger Glaube war es, der ihnen das
tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum
lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt.

Da hob der Pfarrer lauschend den Kopf. »Niklaus! Ich hör was.«

Der Meister tat einen schweren Atemzug. »Hinter der Mauer ist meines
Mädels Kammer. Da liegt der arme Klosterspatz auf den Knien und
litaneiet in Höllenangst um unsere drei verlorenen Seelen.«

War der Sturm erloschen? Außerhalb der Wände kein Rauschen und Sausen
mehr. Draußen die stummgewordene Nacht. Auch Stille im Haus. Nur immer
dieser eine gleiche Laut, diese stammelnde Mädchenstimme.

Eine weiße Kammer, freundlich anzusehen. Man merkte an ihrem Gerät, wie
zärtlich dieser Raum bereitet war von der Liebe eines Vaters, der sein
Kind in Sehnsucht erwartet hatte nach Jahren des Leidens.

Die Kerze flackerte auf dem Gesimse des von schweren Läden
verschlossenen Fensters, neben dem weißverhangenen Kastenbett.
Schon entkleidet, lag Luisa auf den Knien vor einer Truhe, die
ineinandergekrampften Hände hingerückt gegen ein Altärchen, das
zwischen Leuchtern und künstlichen Blumen unter schimmerndem Glassturz
eine von Goldflittern glitzernde Madonna mit dem wächsernen Jesuskinde
zeigte. Fünf Ave Maria, die Litanei zur Gottesgebärerin, wieder das
Ave Maria, immer mit der gleichen bebenden Stimme, die wie ein leises
Schreien aus angstvoller Seele klang. Und so lange betete Luisa, bis
der Glaube an die Hilfe wieder leuchtend in ihrem Herzen war. Sie
bekreuzte die Stirne, den Mund und die knospende Brust, beugte sich
vor und küßte das kalte Glas, das sich behauchte von ihrem Atem.
Dann trat sie auf den nackten Sohlen zum Kastenbett und begann die
braunblonden Flechten zu lösen. Gleich einem schimmernden Mantel
fiel ihr das Haar um Nacken und Schultern. Mit der Linken streifte
sie die linde Woge über den rechten Arm zurück und wollte die Hände
heben, um das Haar zu knüpfen. Da weiteten sich ihre Augen. Regungslos
betrachtete sie den weißen Arm. Der hatte zwischen Schulter und
Ellenbogen vier blaue, strichförmige Male. Lange verstand sie das
nicht. Nun eine Schreckbewegung, ein Erstarren ihres Gesichtes. Es
waren die Denkzeichen jener stählernen Jägerfaust, die bei der Haustür
im Schneegestöber ihren Arm umklammert hatte. Und ihr war, als klänge
wieder die erregte Jünglingsstimme: »Es ist ein heilig Ding, da wird
ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!« Wie eine Sinnlose
sprang sie auf das kupferne Weihwasserkesselchen zu, tauchte die ganze
Hand hinein und wusch die blauen Male, immer fröstelnd, als berühre
sie etwas Häßliches. Dann blies sie die Kerze aus und betete in der
Finsternis mit flehendem Laut: »Hilf mir, heilige Mutter Marie! Tu mich
reinigen an Leib und Seel!«

Das Kastenbett krachte ein bißchen, als es die leichte Last einer
zarten Jugend empfing.

Luisa lag unbeweglich. Ihr Atem ging schwer. Hatte ihr Arm eine Wunde?
Von der Stelle der blauen Male rann es ihr wie Feuer ins Blut. Und
immer sah sie ein Bild in der Finsternis: wehendes Blondhaar, eine
braune Stirn und zwei stahlblaue, sehnsüchtige Jünglingsaugen, die von
hundert silbernen Mücken umflogen waren.

Die Hände über der Brust verflechtend, fing sie zu beten an. Das
unheilige Bild verschwand nicht. Sie setzte sich in den Kissen auf
und hob die gefalteten Hände. Die Heiligen, die sie herbeischrie,
halfen nicht und wollten das unreine Bild nicht auslöschen, wollten
den Unsichtbaren, der sich sichtbar machte, nicht zurückstoßen in die
Finsternis.

Mit klagendem Wehlaut hob Luisa sich auf die Knie, beugte sich über
das Fußgestell des Bettes und riß die Tür auf, die in die anstoßende
Kammer führte. »Gute Sus? Du tust noch allweil nit schlafen, gelt?«

Eine müde Stimme: »Mögen tät ich. Mein Schlaf ist, ich weiß nit, wo.«

»Ich tu dich bitten, komm ein bißl zu mir!«

»Kind, was ist dir?« Etwas Graues huschte lautlos aus dem Dunkel
heraus. »Du bist doch nit krank?«

»Krank nit. Ich tu mich sorgen, daß ich sündig bin, weil ich höllische
Gespenster seh!«

»Geh, du Närrle!«

»Tu mich halsen, Sus! Noch fester! Jetzt ist mir wohl. Und alles ist
wieder schwarz. Komm, Sus, tu beten mit mir.«

Leis erwiderte das Mädel: »Beten kann ich nit. Allweil muß ich an die
Soldaten Gottes denken, und was dem guten Herren hätt drohen können.«

Es wurde laut im Haus. Eine Türe ging. Schritte und Stimmen; am
deutlichsten die Stimme des Meisters.

Da tauchte plötzlich die Sus das Gesicht gegen den Schoß der
Haustochter und brach in erwürgtes Schluchzen aus.

»Sus? Du Liebe! Was hast du denn?«

»Mir ist so weh, ich kann's nit sagen. Es bringt mich noch um.«

»Das sind die Soldaten nit. Das ist der Vater, den der Himmel jetzt
erlöst -- von den anderen zwei, die ich nit leiden mag. Gott tut mich
warnen vor ihnen. Die bet ich noch fort aus unserem Haus. Sei still,
liebe Sus! Da mußt du nit Angst haben.«

»Es ist nit Angst. Es ist die Zeit. Die liegt auf jedem als wie ein
Stein.«

»Die Zeit muß keiner fürchten, der gläubig ist. Komm, Sus, du frierst.
Ich spür, wie du zitterst. Laß dich zudecken! Einen Menschen haben, ist
gut.«

Die drei Männer, die draußen hinunter gingen über die Stiege,
hatten eine Weile im Flur zu schaffen, bis sie die mit Brettern und
Holzscheiten verbarrikadierte Türe frei bekamen.

Durch die Klüfte der zerschlagenen Haustür wehte kein Schnee
mehr herein. Das Gestöber war versiegt. Draußen eine schweigsame
Winternacht, durch deren ziehendes Gewölk der Vollmond herunterglänzte.

Während Meister Niklaus im Flur die Barrikade wieder baute, schritten
Pfarrer Ludwig und Simeon Lewitter lautlos durch den Schnee.

Hunde schlugen an, bald nah, bald ferne, mit Stimmen, die halb
erloschen im Rauschen der Ache.

Simeon flüsterte: »Die Nacht ist wieder ohne Ruh.«

»Es wandern die Unsichtbaren.«

Die beiden folgten der Straße. Da faßte der Pfarrer den Arm des
Freundes und deutete über eine verschneite Wiese hinaus. »Dort! Siehst
du's?«

Etwas Wunderliches war zu sehen: ein im Mondschein gleitender
Menschenschatten, ohne daß man einen Menschen sah.

Rasch watete Pfarrer Ludwig in die Wiese hinaus und stand vor einer
Gestalt, die bis zu den Füßen in Leinwand gekleidet war, so weiß wie
der Schnee, über dem Kopf eine Kapuze mit Löchern für die Augen, in
denen es funkelte gleich geschliffenen Gläsern. »Wer bist du?« Keine
Antwort. Der Pfarrer lachte ein bißchen. »Ich bin nit gefährlich. Nur
neugierig wie Kinder und alte Leut. Gehst du zum Toten Mann? Oder
kommst du von ihm?« Keine Antwort. Nur das Strömen eines schweren
Atems. »Leupolt? Bist du's?«

»Wohl.«

»Was suchst du noch?«

»In Sorg bin ich gewesen. Um den Meister. Jetzt weiß ich, wer bei ihm
gewesen ist. Da bin ich ledig aller Sorg.«

»Heut hast du ihm viel zulieb getan. Wie hast du wissen können, daß die
Soldaten Gottes bei ihm einkehren?«

»Der Vater hat's heimgebracht vom Pflegeramt und hat mit der Mutter
geredet. Ich hab's gehört.«

»So? Und da bist du weggesprungen über Vater und Mutter! Und hast dem
anderen geholfen? Warum?«

»Weil ich's tun hab müssen.«

»Als sein Bruder in Gott? Gelt, ja? Und sonst aus keinem anderen
Grund!« Wieder lachte der Pfarrer. »Geh schlafen, lieber Bub! Die
Gefahr ist vorbei. Steig nur nit gar zu fleißig auf den Toten Mann!
Dir vergönn ich ein lebendiges Glück. Will auch helfen dazu, so gut
ich's versteh. Zwei Herrgötter sollen dich hüten, der deine und der
meine. Doppelt genäht hält allweil besser.« Der Pfarrer stapfte durch
den Schnee zur Straße zurück. Als er das Gesicht wandte, sah er keine
Gestalt mehr, nur noch den unbeweglichen Menschenschatten.



Kapitel III


In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.

Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite
war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an
einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem
Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen.
»Hörst du?« flüsterte Pfarrer Ludwig. »Die Allergnädigste ist noch
munter.«

Simeon schwieg.

Als sie an der Mauer vorüber waren, murrte der Pfarrer: »Hast
du beim Tor die frischen Fußstapfen im Schnee gesehen? Süße
Mitternachtsfährten! Und der Allergnädigste trägt die Unkosten.
_Maîtresse en titre_ heißen sie das in der fürnehmen Welt. Es gibt
keine Ferkelei, für die man jetzt nit einen parisischen Namen findet,
der allen Lebensdreck in eine höfische Fineß verwandelt. Wer's
von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Fürst zu sein. Er wär ein
Minderwertiger unter seinen Standesbrüdern, wenn er dem französischen
Hof nit alles nachschustert: die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen,
die Karossen und Läufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Gärtnerei,
den ganzen Jägerschwindel _à la mode_ und das >Große Jagen< auf die
haufenweis zusammengehetzte Kreatur -- Mensch oder Vieh!« Der Pfarrer
verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte.
»Ach, Bruder, die Zeit ist ein übles Kehrichtfaß voll Heuchelei und
Sinnenbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die
ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu
lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem
deutschen Acker?«

Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere
Schritte.

Ein bißchen lachend, zürnte der Pfarrer: »Allweil bist du wie eine
Maus. So scheu, so flink, so lautlos.«

Simeons Stimme war wie ein Hauch. »Der Schnee verschärft jeden Laut.
Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren.«

»Recht hast du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche
Hammelskopf, der sich die Hörner nit abgestoßen hat.«

Sie gingen in der Marktgasse schweigend an der Häuserzeile entlang,
die im schwarzen Mondschatten lag. Außerhalb des Dunkels funkelte der
Schnee im bleichen Licht, und die weißen Mauern der anderen Häuserseite
sahen unter den dicken Winterkappen aus wie blasse Riesengesichter mit
vielen finsteren Augen. Bei der Gasse, wo die Wege der beiden sich
schieden, reichten sie einander die Hände. Jeder flüsterte die zwei
gleichen Worte: »Mensch bleiben!« Dann der Pfarrer: »Das wird mich nit
schlafen lassen heut.«

»Die Sorg um den Niklaus?«

»Auch. Und was du uns fürgelesen hast.«

Nun lächelte Lewitter. »Du hast doch gesagt, dich rührt's nit an.«

»Ob das allweil so ist? Bei den neuen, tiefen Gedanken? Es ist wie
ein Funken, den man nit fallen spürt in sich. Und gählings wärmt er
und wird ein Feuer, das leuchtet! -- Ich will mir's heut in der Nacht
noch aufschreiben. Guten Morgen, mein Simmi!« Lautlos ging der Pfarrer
durch den funkelnden Schnee davon. Lewitter zappelte in die enge Gasse
hinein, in der nur die Giebel noch Mondschein hatten. Nun schrak das
Männchen heftig zusammen, weil es auf der Steinschwelle seiner Haustür
ein zusammengekrümmtes Mannsbild sitzen sah. »Wer bist du? Gelobt sei
Jesus Christus und die heilige Mutter Maria!«

Der junge Bauer antwortete, vor Frost mit den Zähnen schnatternd: »Von
nun an bis in Ewigkeit, Amen! Der Christl Haynacher bin ich.«

Lewitter schien aufzuatmen. »Kommst du wegen deines Weibes?«

»Wohl, Herr! Tut mir die Lieb und kommt zu meiner Martle! Ich bin beim
Feldscheer gewesen. Der hat nit raus mögen aus dem warmen Bett. Aber
das Weibl kreistet, es ist zum Erbarmen.«

»Ich komme gleich.« Als Lewitter sich gegen die Schwelle wandte, pfiff
er leis, und die Tür öffnete sich. Er trat in einen finsteren Flur,
in dem ein angenehmer Duft war, wie gemischt aus den Gerüchen einer
Apotheke und eines Gewürzlagers. Hinter ihm wurde die Tür verriegelt.
»Eil dich, Lena,« flüsterte Simeon in das Dunkel, »hol mir die braune
Tasch!« Während er über eine steile Stiege hinaufhastete, glänzte ein
matter Lichtschimmer im Hausflur. Vor einer Türe schob Lewitter die
Füße in zwei große Filzpantoffel, um den Schnee nicht hineinzutragen in
diese Stube, die das Heiligtum seines einsam gewordenen Lebens war.

Ein großer Raum mit vielen Teppichen. Die zwei Fenster mit dicken
Innenläden verschlossen, durch Eisenstangen verwahrt. Von der Decke
hing eine alte Silberampel herunter, deren Licht von einer roten
Glastulpe umhüllt war. Zierliche Stühlchen und ein Tisch, an dem die
eingelegte Perlmutter wie Rubine funkelte. Allerlei Frauengerät,
Haubenstöcke und Kochgeschirr, ein Spinnrädchen und ein Garnhaspel,
ein kleiner Webstuhl und ein Gewürzmörser. An den Wänden waren hohe
Gestelle mit Spielzeug in solcher Menge angeräumt, daß die Stube fast
aussah wie ein Kramladen der Kinderfreude.

Während Lewitter in dem roten Lampenlichte huschend umherging und
alles Nahe mit zärtlicher Hand berührte, brannte in seinen Augen eine
dürstende Sehnsucht. Sein Gesicht hatte die steinerne Glätte verloren
und war durchwühlt von einer schmerzenden Erschütterung. So oft er
diese Stube betrat, seit fünfzehn Jahren, immer war es so. Immer wurde
das Glück in ihm lebendig, das er verloren hatte, und immer mußte er
jener grauenvollen Stunde denken, in der er wie ein Irrsinniger an den
Leichen seines Weibes und seiner Kinder vorübergetaumelt war und unter
den Fäusten wahnwitziger Menschen geschrien hatte: »Ich glaube, ich
glaube, ich laß mich taufen!«

Müd und zitternd, fiel er auf eines der kleinen Stühlchen hin, bedeckte
das Gesicht mit den Händen, saß unbeweglich und fuhr erschrocken auf,
wie geweckt und gerüttelt von einer Pflicht seines Lebens. Seufzend
ließ er die Augen hingleiten über das verstaubte Spielzeug, hatte
wieder das steinerne Gesicht, das geduldige Lächeln, murmelte ein
Segenswort seines unverlorenen Väterglaubens und verließ die Stube. Als
er die Treppe hinunterstieg, erlosch das Licht im Flur. »Hast du die
braune Tasch?« Er fühlte sie vor seinen Händen und trat in den Schnee
hinaus. »Komm, Christl!«

»Der Himmel soll's Euch lohnen, guter Herr!«

Simeon lächelte. »Heut sagst du: >Guter Herr!< Am Weihnachtsabend,
wie ich auf vereistem Weg an dich angestoßen bin, da hast du >Saujud<
gesagt.«

Verlegen stammelte der junge Bauer: »Ein Mensch im Ärger ist dumm. Mein
armes Weibl wird's nit entgelten müssen. Selbigsmal, am heiligen Abend,
hab ich einen schiechen Verdruß hinunterschlucken müssen. Ein Mensch,
der Unrecht leidet, wird allweil ein Lümmel.«

Die beiden überschritten den Marktplatz, um hinunterzuwandern ins Tal
der Ache. Das Bauernlehen des Haynacher lag da drunten, hinter der
Saline Frauenreuth. Vor dem Tor des Stiftes sprang ihnen die Schildwach
entgegen. Die beiden mußten ihre Namen nennen, ehe sie weiter durften.
Der junge Bauer, ärgerlich über den Aufenthalt, knirschte zornig vor
sich hin: »Gescheiter, er tät den Unsichtbaren nachspringen, eh daß er
einem Gutgläubigen den Weg verstellt. Wie ich heraufgelaufen bin, ist
überall die Nacht lebendig gewesen. Die im Stift da droben haben noch
allweil blinde Augen.«

»Die brauchst du ihnen nit zu öffnen, Christl! Sag mir lieber, was ist
mit deinem Weib? An Weihnachten hab ich gesehen, daß sie gesegnet ist.
Wär's an der Zeit mit ihr? Hat dich die Hebmutter geschickt?«

Der junge Bauer schüttelte den Kopf. »Ich bin selber gelaufen, aber ich
weiß nimmer, was das ist. Die Hasenknopfin --«

Lewitter wiederholte rasch: »Die Hasenknopfin?«

Zögernd sagte der junge Bauer: »Wohl! Die Hebmutter von Unterstein.«

»Dein Lehen gehört zum Markt. Warum mußt du die Hebmutter von
Unterstein haben?«

»Die vom Markt,« erwiderte Christl scheu, »die mag mein Weib nit. Es
ist ein Kreuz, Herr!«

Mehr brauchte Simeon nicht zu hören. Nun wußte er, daß die Haynacherin
eine Unsichtbare war, die ihren Leib von einer katholischen Wehmutter
nicht berühren ließ. »Dein Weib muß leiden?«

»Heut nach der zehnten Stund, da hat sie zu schreien angehoben und ist
wie unsinnig gewesen.«

»Ein natürlich Ding, Christl!«

Wieder schüttelte der junge Haynacher den Kopf. »Vor anderthalb Jahren
hat mir meine Martle ein Bübl geboren. Sie sagt, da wär's anders
gewesen. Und die Hasenknopfin kennt sich nimmer aus. Sie meint, es wär
schon drei Wochen über die Zeit. In mir ist eine Angst --«

»Die Hasenknopfin wird falsch gerechnet haben. Hast du Feuer daheim?«

»Der Ofen ist warm, der Herd ist kalt.«

»So spring voraus, mach Feuer auf dem Herd, daß du kochendes Wasser
hast, bis ich komme.«

Der Bauer fing zu rennen an, daß ihm der schnellste Läufer des
Fürstpropstes nicht nachgekommen wäre. Diese straffe, gesunde Gestalt,
die noch was Jünglingshaftes hatte, schien Sehnen von Stahl zu
besitzen. Der graue Lodenmantel wehte dem Christl vom Halse weg, und
das harte Gesicht mit dem kurzen Braunbart war nach vorne gestreckt.
So rannte er durch den Mondschein wie ein vom Tod Gehetzter. Der
gutgläubige Christl Haynacher mußte seine Martle, obwohl sie eine
Unsichtbare war, von Herzen lieb haben. Er rannte keuchend durch die
Dampfwolken, die das Frauenreuther Salinenhaus umdunsteten. Über eine
Holzbrücke hinüber, durch ein kleines Gärtl und in das niedere Haus.
»Tu dich getrösten, Martle!« rief er atemlos in die Schlafkammer, in
der das stöhnende Weib die Hände nach ihm streckte. »Gleich kommt der
Jud. Der ist geschickter als der Feldscheer. Jetzt muß ich zum Herd.
Der Jud will haben, daß ich Wasser sied.« Er sprang zur Küche.

Bei allen Schmerzen wurde das junge Weib von der Sorge geplagt, daß der
Mann eine falsche Pfanne nehmen könnte. Angstvoll schrie sie ihm nach:
»Nit das neue Kupferpfändl. Das müssen wir aufheben fürs Kind. Nimm den
alten Blechhafen!«

Christl dachte: >Sie sieht nit, was ich nimm.< Er haßte das kommende
Kind, das sein Weib so schreien machte in Schmerzen, und für seine
Martle war ihm die neue Kupferpfanne gerade gut genug. Wär' eine
silberne im Haus gewesen, der Christl hätte sie genommen. Eine Minute,
und das Feuer züngelte auf dem offenen Herd, die Kupferpfanne hing
darüber und rauchte. Jetzt konnte Christl zum Bett seines Weibes
springen. Am Türpfosten zwischen den beiden Wohnräumen hing eine
qualmende Specklampe und beleuchtete die Stube und die Kammer. In der
Stube stand neben dem warmen Feuersteinofen die Wiege, in der das
Bübchen schlief; es hatte rote Wangen und schien den braunen Krausbart
des Vaters als Perücke zu tragen. Christl warf einen zärtlichen Blick
auf das kleine Bürschl, das er jetzt doppelt lieb hatte, weil es vor
seinem ersten Tag die Mutter nicht so grausam geplagt hatte, wie dieses
neue kommende Leidwesen, das er haßte. Als er hineinsprang in die
kleine Kammer, die nicht viel größer war als das plumpe Doppelbett, kam
er gerade recht, um dem jungen Weib, das sich in Schmerzen wand, die
verkrampften Hände zu lösen. Seine Nähe schien sie ruhiger zu machen.
Er lag vor dem Bett auf den Knien, und Martle, ihre Pein verbeißend,
umklammerte seine braunen Fäuste. Ihr hübsches Gesicht war entstellt,
und das wirre Blondhaar hing um die von Schweiß überglitzerten Wangen.
Kaum verständlich stöhnte sie: »Mann, ach Mann, ich tu nit gebären, ich
glaub, daß ich sterben muß.«

Er bettelte: »Herzweibl, magst du nit ein bißl christliche Besinnung
haben? Magst du nit einen frommen Notschrei tun zu den vierzehn ewigen
Helfern?«

Heftig wehrte das Weib: »Sterben, wenn's sein muß. Nit lügen! Täten
die Soldaten Gottes kommen, jetzt tät ich es sagen, daß ich eine
Unsichtbare bin.«

Er klagte in Gram und Zorn: »Der Himmel tut dich büßen. Not und Elend
will kommen über uns, weil du weit bist von meinem Herrgott und dich
versündigst am rechten Glauben.«

»Elend und Not kommt über mich, weil du fern bist von meiner Seligkeit.
Du bist so weit von mir -- schier sehen dich meine Augen nimmer.« Nach
diesen Worten ein gellender Schrei ihrer Qual.

Nicht dieser Schrei erschütterte ihn. Was ihm das Herz bedrückte, war
der Blick der Liebe, der nach ihm dürstete aus ihren verstörten Augen.
Wie ein Wahnwitziger keuchte er: »Schick mich den Höllenweg! Ich tu's,
Martle, nur daß ich dich nimmer leiden seh! Soll ich dir einen holen
von den Deinigen? Daß er dich tröstet?«

Sie zog seine Hände an ihren Hals. »Mein Vater und meine Mutter haben
mich verlassen, haben mich verstoßen. Von den anderen, die meine
Geschwister sind in Gott, därf ich keinen beim Namen nennen. Magst du
mir was zulieb tun, so hol mir mein Paradiesgärtl und tu mir's unter
das Kissen legen. Dann ist mir leichter.«

Christl sagte wie ein Gefesselter: »Ich tu mich versündigen für alle
Ewigkeit. Wo hast du das Büchl?«

Sie spähte gegen die Stubentür und lauschte. Dann zog sie ihn an
sich und flüsterte an seinem Ohr: »In der Milchkammer steht die
Kleienkist. Tief mußt du unter die Klei hinuntergreifen. Ganz unten ist
das Mehlsäckel versteckt. Im Mehl, da findest du einen Pack. Sieben
Lodenfleck sind drumgewickelt.« Ihre Augen begannen zu glänzen. »Da
drinnen ist das heilige Büchl.«

»Martle, ich muß es bringen.« Er sah ihr in die glücklichen Augen. So
hatte sie ihn angesehen vor drei Jahren, am Hochzeitstag, als er nach
dem Kirchenritt die junge Frau heruntergehoben hatte vom rotgesattelten
Brautschimmel. Und während er hinaustaumelte durch die Stube, raunte
er wie ein Verzweifelter: »Im Mehlsäckl! Jetzt hat sie's im Mehlsäckl.
Und hundertmal hab ich das ganze Haus schon ausgesucht nach dem
gottverfluchten Teufelsgut!«

Als er das Buch -- das evangelische Paradiesgärtlein des Johann Arndt
-- gefunden und aus den mehligen Lappen herausgewickelt hatte, mußte
er draufspeien in seinem frommen Christenzorn. Erschrocken wischte er
den Speichel wieder fort und hatte, als er in die Schlafkammer trat und
sein Weib in Freude die Hände strecken sah, das quälende Gefühl: daß
er nicht hätte beschimpfen sollen, was seinem Weibe heilig war. Sie
selber schob das Buch unter das vom Schweiß ihrer Schmerzen durchnäßte
Kissen. Nun streckte sie sich aus, faltete die Hände und sprach mit
lächelnder Innigkeit die leisen Worte: »Vergeltsgott, du Lieber! So
viel wohl ist mir jetzt. Gott verlaßt die Seinen nit, die zu ihm stehen
in Treu und Redlichkeit.« Während Christl stumm sein lächelndes Weib
betrachtete, als geschähe an ihr ein Wunder, klang ein hartes Pochen
durch das stille Haus: Lewitter klopfte an der Schwelle den Schnee von
den Schuhen. In Freude stammelte der junge Bauer: »Martle! Die Hilf ist
da!« Er rannte in den Flur und wollte fast verzweifeln, weil Lewitter
so lange brauchte, um sich aus dem Pelz herauszuschälen und auf dem
Herd die Hände in heißem Wasser zu waschen.

Mit der braunen Tasche ging Simeon in die Kammer und zündete, während
er freundlich zu der Leidenden redete, eine hellbrennende Kerze an.
Dann schloß er die Türe. Christl mußte in der Stube bleiben. In
qualvoller Erwartung saß er auf der Ofenbank. Um einen Trost für sein
hämmerndes Herz zu haben, nahm er sein Büberl aus der Wiege und sang
mit erwürgter Stimme ein Schlummerlied, obwohl der Kleine aus dem
festen Kinderschlafe gar nicht erwacht war. Zwischen den Strophen des
Liedes stammelte er seine Stoßgebete, immer eines, mit dem er die
Heiligen um Hilfe anbettelte für sein leidendes Weib, dann eines, mit
dem er Gott um Verzeihung bat für die Todsünde, die er durch Förderung
der Gottwidrigkeit einer Unsichtbaren begangen hatte. Da öffnete
Lewitter die Kammertür. Er schien erregt zu sein. »Ich hab deinem
Weib was geben können, was die Schmerzen lindert. Aber man muß die
Hasenknopfin holen. Allein möcht ich auch nit bleiben. Kannst du nit
einen Nachbar drum anreden, daß er zur Wehmutter geht?«

»Wohl!« Christl preßte die Wange an das schlafheiße Gesicht seines
Bübchens und legte das Kind in die Wiege. »Ich spring, was ich springen
kann.« Durch den Schnee und über den Zaun hinüber. In dem Haus, an dem
er pochte, wollte niemand erwachen. Oder war niemand daheim? Waren das
*auch* solche, die sich unsichtbar machen in der Schneenacht? Über die
Straße zum nächsten Haus. Hier wurde der alte Bauer wach und murrte
in der Fensterluke: »Aus dem Markt will ich die Hebmutter holen. Der
Hasenknopfin geh ich nit ums Leben ins Haus.«

»Jesus, Jesus, ich brauch aber die Hasenknopfin.«

»So mußt du selber nach Unterstein. Gelobt sei Jesus Christus und die
heilige Mutter Marie.« Der alte Bauer schloß das Fenster und sagte
in der Stube zu seinem Weib: »Jetzt muß der Haynacher auch nimmer
rechtgläubig sein. Er hat den Fegfeuergruß versagt.« Christl hatte der
gutkatholischen Antwort nur aus Schreck vergessen. Und während er sich
besann, zu welchem Haus er nun rennen sollte, sah er von der Saline her
einen Menschen durch die Mondhelle kommen. Im Schneelicht erkannte
Christl den Jäger Leupolt Raurisser, mit der Feuersteinflinte unter dem
Radmantel. »Jesus, Christbruder, was hast du für einen Weg?«

»Zum Königssee.«

»Gott sei Lob und Dank. Da mußt du durch Unterstein. Magst du nit der
Hasenknopfin ausrichten, sie soll zur Haynacherin kommen, gleich! Magst
du es tun?«

»Gern, Bauer!«

»Vergeltsgott tausendmal!« Das sagte Christl, während er schon
davonsprang. Dann fiel ihm ein, daß er den Ablaßgruß vergessen hatte.
Im Springen schrie er über die Schulter: »Gelobt sei Jesus Christus und
die heilige Mutter Marie!«

Leupolt gab keine Antwort. Rasch, mit federnden Schritten, wanderte er
durch den Mondschein, aufwärts an der Ache. Der Schnee knirschte unter
seinen eisenbeschlagenen Schuhen. Als er den Wald erreichte, fuhr ein
Wildschweinrudel, das von den Untersteiner Sümpfen kam, an ihm vorüber
und brach mit Knacken und Rauschen durch den Wald. Nun kam er wieder
zu offenem Feld, kam zu den ersten Häusern von Unterstein. Das Haus
der Hasenknopfin lag mitten im Dorf, an der Straße. Leupolt pochte.
Es rührte sich was in der Stube, das Fenster wurde geöffnet, und eine
leise Mädchenstimme fragte: »Was willst du?«

»Die Hasenknopfin soll zur Haynacherin kommen.«

Ein mißtrauische Zögern. »Die Mutter ist auswärts.«

»Ich will zu ihr hinlaufen. Wo ist sie?«

Das Mädel schwieg, weil es den Jäger im dunklen Mondschatten nicht
erkannte. Da beugte Leupolt sich vor und flüsterte: »Es ist ein heilig
Ding. Ist deins und meins. Tu reden, Schwester!«

»Die Mutter ist bei der Kripp, in der das heilige Kindl hat liegen
müssen.«

Leupolt sprang über die Straße, hastete den verschneiten Wiesenhang
hinauf und erreichte den Wald. Im schwarzen Schatten unter den Bäumen
nahm er den Mantel ab, zog aus dem Bergsack ein weißes Leinenbündel
heraus, schlüpfte in das Schneekleid der Unsichtbaren und verwahrte
den Sack, das Hütl und die Flinte in den Stauden. Durch den Wald
emporsteigend, kam er zu einer Lichtung. Zwischen den letzten Bäumen
vernahm er das Schnalzen eines Eichhörnchens -- das Wächterzeichen.
Leupolt antwortete mit dem gleichen Laut. Wie hier, so war es in
dieser weißen Nacht an vielen Orten des Berchtesgadnischen Landes, auf
der Gern, zu Bischofswiesen und Ilsank, auf dem Toten Mann, in der
Ramsau, am Taubensee und auf dem Schwarzeneck. Überall wanderten die
Unsichtbaren, um Gottes Wort zu hören.

Die geschulte Jägerei des Stiftes zählte in ihren Bezirken jedes
hauende Schwein, jeden jagdbaren Hirsch und jede Gemse. Doch unter
den fürstpröpstlichen Jägern wußte nur Leupolt Raurisser, wie viele
Eichhörnchen in den Berchtesgadnischen Wäldern schnalzten.



Kapitel IV


Auf der Waldlichtung lag ein Bauerngehöfte, still, mit schwarzen
Balkenmauern unter dem weißen Schnee. Kein Laut, keine Spur von Leben.
Viele Schrittfährten waren durch den frischgefallenen Schnee getreten,
gegen das Gehöfte hin. Leupolt klopfte an der Haustür, dreimal und
einmal. Die Tür wurde lautlos aufgetan; eine Hand faßte im finstern
Flur den Jäger am Arm und zog ihn durch ein enges Gängelchen. Warmer
Stallgeruch quoll ihm entgegen, und als er die feuchte Holztür öffnete,
war ihm ein Dunst vor den Augen, als träte er in eine Waschküche
mit dampfendem Kessel. Das matte Licht einer trüben Laterne. Damit
auch von dieser schwachen Helle kein Schimmer hinausfiele ins Freie,
waren die zwei kleinen Fenster dick angestopft mit Heu. Die Hennen
glucksten leise in ihrer Steige, zwei Ferkelchen quieksten in einer
Bretterkiste, und drei Kühe und zwei Kälber, die enggedrängt an der
Futterkrippe standen, rasselten mit ihren Ketten, drehten die Köpfe
hin und her und schnaubten. Aller übrige Raum des Stalles war Schulter
an Schulter angefüllt mit Leuten, die entlang der Mauer standen oder
auf Strohgarben saßen. Alle waren in das gleiche weiße Schneekleid
eingehüllt, wie es Leupolt trug, alle hatten die Kapuzen mit den
dunklen Augenlöchern über den Köpfen. Inmitten des heiß atmenden
Menschenknäuels saß auf dem Melkschemel eine gebeugte Mannsgestalt,
unter deren Kapuze ein weißgrauer Bart herausquoll. Das war der
Fürsager, der Älteste der versammelten Gemeinde, die noch nie einen
Prediger ihres Glaubens gehört hatte. Auf den Knien hielt der Alte
das heilige Buch, das der Erwecker ihrer Seelen war, die Quelle ihrer
Sehnsucht und die Stillung ihres Zweifels.

Bei Leupolts Eintritt war Schweigen im Stall. Nur die Raschelgeräusche
der Tiere. Und alle dunklen Augenlöcher der weißen Kapuzen drehten sich
gegen den Jäger hin. »'s Gotts Willkommen!« grüßte der Fürsager, als
die Tür wieder geschlossen war. »Bringst du Botschaft, Bruder?«

Leupolt erhob die Hand. »Ist eine unter euch, die man nötig hat
zwischen Wehbett und Wieg? Sie muß zur Schwester Martle kommen, gleich.«

Von den weißen Gestalten erhob sich eine, küßte fromm das heilige
Buch, das der Fürsager auf den Knien liegen hatte, und verließ den
Stall. Wieder das Schweigen, bis die Tür sich geschlossen hatte. Dann
sagte der Alte mit seiner sanften Stimme: »Ein Kindl will eintreten
ins Elend der Zeit. Lasset uns hoffen, daß ihm der Heiland den rechten
Lebenstrost hineinhaucht ins auflebende Herzl.« Alle Köpfe senkten
sich, jedes Händepaar klammerte sich vor der Brust ineinander. »Jetzt
redet weiter, Leut! Wer ein Unrecht erfahren hat, soll's fürbringen vor
dem heiligen Buch. Wissen, daß wir alle leiden müssen ums Himmelreich,
das kräftet die Wehleider und die Schwachmütigen!«

Einer, mit heißer Erbitterung in der Stimme, rief aus dem Kreis heraus:
»Weil ich verdächtig bin und bei einer gutkatholischen Näherin ein
Hemmed hab nähen lassen, bin ich gestraft worden um vier Gulden, därf
kein Hemmed mehr am Leib haben und muß nackig unter dem Kittel gehen.«

Ein Weib knirschte zwischen den Zähnen: »Ich bin ums Betläuten in
der Kuch gesessen und hab Butter gerührt. Da braucht man zwei Händ
dazu. Ein Musketier ist gekommen: >Weibsbild, warum hast du nit den
Rosenkranz in der Hand?< Ich sag: >Weil ich bloß zwei Händ hab, nit
drei.< Da hat er mich viermal ins Gesicht geschlagen. Der Unchrist!«

Mühsam erhob sich ein alter Mann: »Mich hat einer angezeigt, ich weiß
nit wegen was. Man hat mich ins Loch geschmissen, daß ich nimmer Sonn
und Mond gesehen hab. Am neunten Morgen haben sie mich auslassen.
Und wie ich gefragt hab, was ich verbrochen hätt, da hat mich der
Bußknecht aus dem Stiftshof hinausgestoßen und hat mir nachgebrüllt: Du
Schafskopf, bist du neugieriger, als *wir* sind?«

Mit Tränen in der Stimme sagte eine Frau, die Wittib war: »Am Sonntag
hat meine Kuh gekälbert. Drum hab ich die Predigt versäumen müssen.
Das hat fünf Gulden gekostet. Sieben Kreuzer sind mir auf Brot für die
Kinder geblieben.«

»Mein Nachbar,« sagte einer, »hat dem Pfleger verraten, ich hätt das
evangelische Paradiesgärtl bei mir versteckt. Die Soldaten haben
umgewühlt in meinem Haus wie die Säu. Einer hat gemeint, ich könnt das
Buch unter dem Fußboden haben, und da hat der Schweinkerl in meiner
sauberen Stub sein Wasser abgeschlagen, daß es hineingeronnen ist in
die Bretterklumsen. Wär das heilige Büchl da versteckt gewesen, so hätt
ich dreinschlagen müssen in meinem Zorn und wär ins Eisen gekommen.«

Eine gellende Mädchenstimme, die sich anhörte wie der Aufschrei einer
Fieberkranken: »Sie haben in der Weihnächtswoch den Schaitbergischen
Sendbrief in meinem Bett gefunden. Bis gestern bin ich im Bußloch
gelegen.« Mit zuckenden Händen riß das Mädel am Hals den Latz
des Mieders auseinander, daß man die blutunterlaufenen Male der
Faustschläge sehen konnte. »Leut! Schauet mein junges Brüstl an! So
haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet.«

Unter der zornknirschenden Bewegung, die über die weißverhüllten Köpfe
hinging, bedeckte der Fürsager mit dem heiligen Buch die mißhandelte
Blöße des Mädchens. »Im hohen Lied des Königs Salomo steht: Wie schön
sind deine Brüstlen, sie sind wie Elfenbein! -- Tu nit schreien,
liebe Schwester! Augen, die aufschauen zum Heiland, müssen sein wie
Taubenaugen!« Er ging zurück zu seinem Schemel. »Wer muß noch klagen?«

Schrillend rief eine Stimme. »Wär's noch allweil nit genug? Gibt's
keinen Helfer auf Erden? Hilft da der deutsche Kaiser nit?«

Ein hartes Mannslachen. »Die Salzburger haben Hilf gesucht beim Kaiser.
Da hat er dem Bischof wider die Evangelischen sechstausend Soldaten als
Helfer geschickt.«

Wieder jene gellende Mädchenstimme: »Du Kaiser im Untersberg! Steh auf!
Laß deinen Bart nit länger wachsen! Ist lang genug! Steh auf und hilf!
Es ist so weit, daß die deutsche Welt verzweifelt.«

»Schwester, tu nit die Ruh verlieren!« mahnte der Fürsager. »Uns helfen
die Fürsten nit, uns hilft nit das alte Märlein von der guten Zeit,
die im Untersberg versunken ist. Uns hilft nur Einer. Der hat mir ein
gutes Sprüchl eingegeben:

  Ich trau auf Jesu Huld,
  So wird sich's finden.
  Stillhalten und Geduld
  Kann alls verwinden.«

Da konnte Leupolt nicht länger schweigen. »Fürsager, du redest, wie's
den Müden um die Seel ist. Wir Jungen spüren es anders. Geduld ist
ein heiligs Wörtl. Aber Stillhalten ist ein unmännliches Ding. Mit
Stillhalten findet kein Menschenfuß zu gutem Weg, mit Stillhalten
geht der beste Wagen nit fürwärts, mit Stillhalten bringen wir die
unsichtbare Kirch der Freiheit nit entgegen. Es muß einmal ein End
haben mit dem Ducken und Schweigen, das dem Glauben an Gottes Wahrheit
zuwider ist.« Viele Stimmen, mit Beifall oder Abwehr, fuhren ihm in die
Rede. Er reckte sich im weißen Schneekleid, und immer wärmer klangen
seine Worte: »Leut! Mit unserem mutigen Glauben ist die mutlose Furcht
gemenget, wie im Müllersieb das Mehl mit den Kleien. Muß nit bald der
Schüttler kommen, daß die Kleien im Sieb bleiben und das Mehl in den
Kasten fallt? Hat nit jeder von uns Unsichtbaren schon gespürt in
seiner Seel, daß er Unrecht tut? Den Rosenkranz um die Hand wickeln,
die Faust in den Weihbrunnkessel tunken, unredlich im Beichtstuhl
reden, sich begnügen mit Christi Leib und sein heilig Blut entbehren,
niederfallen vor einem hölzernen Bildstöckl, das uns nit heilig ist --
alles, was wir tun, um die Seel vor Musketier und Kaplan zu verstecken
-- ist das ehrlich und evangelisch, Leut? Ich mag da nimmer mittun.
Ich bin dafür, daß sich die Unsichtbaren sichtbar machen. Die Wahrheit
ist ein grüner Stecken, an dem ein jeder sich aufrichten kann. Und in
der letzten Neumondnacht hat uns der Fürsager auf dem Toten Mann das
Heilandswort gelesen: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will
ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.«

Tiefe Erregung erfaßte die Herzen der anderen. Unter lärmendem
Wortgewirre drängten alle Weißverhüllten gegen den einen hin, der so
geredet hatte.

»Es ist nit so, daß ich euch was einreden möcht,« sprach Leupolt
weiter, »ich sag halt, was ich mir denk. Ich kann's nimmer mitmachen.
Jetzt geht es ins vierte Jahr, daß die Unsichtbaren leiden unter der
Seelenprob, die der römische Bischof Benedikt erfunden hat. Grüßen muß
man: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie! Und sagen
muß man drauf: Von nun an bis in Ewigkeit Amen.«

Einer lachte zornig: »Jesus Christus, die Heilandsmutter und das ewige
Leben? Sind das nit heilige Wörtlen? Warum soll man söllene Wörtlen nit
sagen können?«

»Weil der römische Bischof einen Sündenablaß auf seinen
Scheidwassergruß gesetzt hat: daß jeder, der so grüßt, um 30 Wochen
früher aus dem Fegfeuer käm! Das geht wider unseren Glauben. Ein
Fegfeuer gibt's nit. Jeder von uns, der so grüßt, befleckt seine
redliche Seel mit einer gottswidrigen Lug. Und es ist nit das allein.
Der Gruß ist ein Grausen worden für jeden Rechtschaffenen. Das ist
ein Gruß, der Tag für Tag geschändt und verschumpfen wird. Kommt ein
Kartenbruder ins Leuthaus: Gelobt sei Jesus Christus! Jeder Besoffene
hebt seinen Krug mit dem Wörtl: Gelobt sei Jesus Christus! Packt ein
Schmierfink ein Mädel bei der Kittelfalten, so tut er's mit Gelobt sei
Jesus Christus!«

Jene gellende Mädchenstimme: »Jedes Blutmal auf meinem Brüstl ist ein
Gelobt sei Jesuchrist gewesen!«

In dem schweratmenden Schweigen, das diesem Zornschrei eines
gemarterten Lebens folgte, sprach der Jäger mit ernster Ruhe: »Schon
seit dem Sommer hat das Gewissen in mir geredet. Ich kann nimmer lügen.
Es geht mir gegen den Herzfrieden. Soll's kommen, wie's mag. Glück
oder Elend, von heut an will ich den Gruß nimmer sagen, und grüßt mich
einer, so geb ich die Antwort nit.« Leupolt legte die rechte Hand auf
das heilige Buch. »Ich tu's geloben.«

Viele weiße Arme streckten sich nach ihm. Ein Verhüllter schrie
dazwischen: »Nit, nit, ums Himmels willen, ihr Leut! So haben's vor
dritthalb Jahr die Salzburger angehoben. Dreißigtausend hat der Bischof
aus seinem Ländl hinausgeschmissen. Das beste Höfl, das drei, vier
Tausend wert ist, hat man aufgeschrieben mit fünf, sechs Hundert, eine
milchende Kuh mit vierthalb Gulden, ein jähriges Kalb mit 40 Kreuzer.
So hat man die evangelischen Wanderleut betrogen um Gut und Blut, hat
zwischen Mann und Weib eine Mauer geschoben, hat dem Vater oder der
Mutter die Kinder von der Seel gerissen!« Mit beiden Fäusten packte der
Aufgeregte seine Brust. »Mein gutes Weibl ist römisch blieben, man tät
mir die Kinder nehmen. Die laß ich nit. Mein Haus und Acker ist mir
als wie mein Herzfleck. Müßt ich hinunter zum luthrischen Sand und tät
keinen Berg mehr sehen, ich wüßt nimmer, wie ich noch schnaufen könnt.
Es geht nit, Leut! Fürsichtig bleiben ist besser.«

Leupolt legte ihm die Hand auf die Schulter. »Meinst du, das wär
schlechter: sich aufrecken zur Redlichkeit?«

»Tu mich auslassen!« Der Erregte schüttelte in Zorn die Hand des
anderen von sich ab. »Hast du Weib und Kind? Hast du Acker und Haus?
Wieviel verlierst denn du mit der Redlichkeit? Bist du ein Naderer[A],
der die Fürsichtigen verhetzen will?« Manche von den Unsichtbaren
hatten den Leupolt Raurisser an der Stimme erkannt. Sie schalten den
aufgeregten Widersacher um des bösen Wortes willen. Aber andere, die
nicht wußten, daß es der Leupolt war, wurden mißtrauisch: »Was bist
denn du für einer? Wer reden will wie du, muß sichtbar sein!«

[A] Polizeispion.

Leupolt streifte die weiße Kapuze über den Scheitel zurück: »Meine
Brüder im Heiland! Arg evangelisch habt ihr jetzt nit geredt.
Evangelisch sein, heißt glauben und trauen.«

Jetzt schrien ihm alle freudig zu. Und die Jungen, ob Buben oder
Mädchen, zerrten die weißen Kappen von ihren Köpfen und zeigten die
erhitzten Gesichter mit den blitzenden Augen. Was der Leupolt tat, das
konnte man nachmachen ohne Sorge. Auch der Aufgeregte wurde ruhiger. Er
enthüllte wohl die Augen nicht, streckte aber dem Jäger die Hand hin
und sagte herzlich: »Tust du mir mein fürschnelles Wort verzeihen?«

»Gern.« Leupolt faßte die Hand des anderen. »Jetzt

weißt du, wer ich bin. Ich hab nit Haus und Acker, nit Weib und Kind,
nit Kälbl und Kuh. Aber Vater, Mutter und Brüder hab ich. Da wird eine
Mauer wachsen, die nimmer fallt. Was Berg und Heimat heißt, das ist
mir tiefer im Herzen als Blut und Leben.« Der Blick seiner glänzenden
Blauaugen irrte ins Leere. »Auch hat ein schönes Glück vor meiner Seel
gehangen. Das muß ich verlieren. Um der Wahrheit wegen, an die ich
glaub.«

Noch tiefer als der Sinn dieser Worte griff der Klang seiner Stimme
in die Herzen der anderen. Ein schweres Schweigen. Dann mahnte der
Fürsager: »Was uns der Leupolt hat raten müssen, das reden wir heut nit
aus. Da muß man in der Neumondnacht auf dem Toten Mann die Alten hören.
Und jetzt zum Heimweg soll Einer reden, der's besser kann als ich.«
Er hob das Buch in die trübe Laternenhelle und las in seiner sanften
langsamen Art die Worte der Bergpredigt. Alle Köpfe waren geneigt, jede
Seele lauschte in dürstender Sehnsucht. Die Hennen glucksten in der
Gattersteige, die Kühe schnaubten an der Krippe und rasselten mit den
Ketten. Dann fingen die Sichtbaren und die Unsichtbaren mit versunkenen
Stimmen zu singen an:

  »Ein feste Burg ist unser Gott,
  Ein gute Wehr und Waffen --«

Als das Lied zu Ende war, griff der Fürsager in ein Faß, das an der
Mauer stand, schöpfte mit der Hand von dem roten Viehsalz und hob es
den Schweigenden hin. »Zum Zeichen, daß wir alle eines Herzens und
Glaubens sind.« Eines ums andere tauchte den an der Zunge benetzten
Finger in das Salz und nahm die bitteren Körner zwischen die Lippen.
»Bleibet beständig und befehlt euer Leidwesen dem gütigen Heiland! Geht
heim und seid mit der Zeit zufrieden, wie sie ist. Es wird noch ärger
kommen.« Wer das Salz gekostet hatte, verließ den Stall. Eine von den
Kühen brüllte der frischen Luft entgegen, die hereinwehte durch die
offene Tür.

Als Leupolt vom Waldsaum über das weiße Gehäng hinuntersprang
zur Straße, trug er wieder das dunkle Jägerkleid und hatte die
Feuersteinflinte unter dem gespreizten Radmäntelchen. Hastig schritt er
neben der rauschenden Ache hin, deren Wasser heraussprudelte aus dem
gefrorenen Königssee.

Das beschneite Eis der Seefläche war von Sprüngen durchzogen, und
immer, wenn eine von diesen Frageln weitersprang, war ein schwebender
Ton zu hören, als hätte man an eine große Glocke geschlagen.

Aus dem Dunkel einer Schiffhütte holte Leupolt den Beinschlitten
heraus, stellte sich auf das Brett und begann mit dem langen
Stachelstock den Schlitten zu treiben. Eine sausende Fahrt, vorüber an
der Insel Christlieger, dann in den Schatten der Falkensteiner Wand
hinein. Hier hatte das Eis nur wenige Risse, und sie waren so schmal,
daß der sausende Schlitten drüber wegsprang wie über eine ungefährliche
Schnur. Nun aus dem Schatten wieder hinaus in das funkelnde Mondlicht,
hinein in den ruhelos klingenden Weitsee. Und da wurde die Fahrt immer
langsamer. Jetzt stand der Schlitten, und die schlanke Gestalt des
Jägers blieb unbeweglich.

Was da schimmernd vor seinen Augen lag, das hatte er schon hundertmal
gesehen, aber noch nie so zauberschön wie in dieser klaren Mondnacht.
Oder steigerte ihm das eigene Denken und Gefühl den Schönheitstraum
der Erde ins Überirdische? Während der Fahrt, bei der die scharfe
Zugluft seine Wangen wie mit spitzen Nadeln gestochen hatte, waren
ihm in Sinn und Seele zwei Gedanken gewesen, von denen der eine den
anderen peitschte: der Gedanke an das Sichtbarwerden der Unsichtbaren,
an das mutige Bekennen des verschleierten Glaubens -- und der Gedanke
an ein strengschönes, dunkeläugiges Mädchengesicht, um dessen Stirn
wie ein schweres Seilgeflecht die braunblonden Zöpfe lagen. Daß er ein
Unsichtbarer war, das wußte sie. Von ihrem Vater? Nein. Der Meister
Niklaus schwatzte nicht. Da muß es ihr wohl die Sus gesagt haben, die
im vergangenen Winter manchmal mit dem Meister im Schneekleid die
heilige Fürsagung besucht hatte. Jetzt kam sie nimmer. Weil auch der
Meister nimmer kam, seit Luisa wieder im Haus war. Gleich am ersten
Tag nach ihrer Heimkehr aus dem Kloster hatte Leupolt sie gesehen,
in der Marktgasse, und hatte immer an diese Augen denken müssen, die
nicht Mensch, nicht Mauer zu gewahren schienen, nur immer so heilig
ins Leere glänzten. Noch siebenmal war er an ihr vorübergegangen. Von
jeder Begegnung wußte er den Tag, die Stunde, und ob Sonnschein oder
trüb Wetter gewesen. Am Dreikönigstag, als sie mit der Sus von der
Kirche kam, hatte er das Hütl gezogen und hatte ihr's grad in die Augen
gesagt: »Du tust mir gefallen, ich bin dir gut, tätest du zürnen --« Er
hatte sagen wollen: Wenn ich werben möcht bei deinem Vater? Das hatte
sie ihn nimmer zu Ende reden lassen. Ihr Zornblick war ihm ins Herz
gegangen wie ein Messerstoß.

Ihr Zorn? Warum dieser Zorn? »Hab ich's mit dem ersten redlichen Wörtl
unschickig angestellt?« Oder hat sie -- die jeden Morgen zur Messe
und oft zu ihrem Beichtiger ging -- schon damals gewußt, daß er ein
Bruder der Unsichtbaren war? Er herüben und sie da drüben, und zwischen
ihm und ihr ein Wasser ohne Steg! Eine, die meint, sie tät dem Himmel
gehören, wird nicht die liebe Hand nach einem strecken, von dem sie
glauben muß, er wär' verloren auf ewig. Mit harten Fäusten hatte er
sein Herz gepackt, hatte sich gezwungen, dieses Hoffnungslose in seinem
Blut zu ersticken. Und da war der Abend gekommen, an dem es der Vater
heimbrachte vom Pflegeramt: »Heut kommt der Muckenfüßl über den Meister
Niklaus; Gott soll's verhüten, daß der Meister verbotene Schriften
im Haus hat.« Weder die Mutter, noch der Vater hatte dem Leupolt
was angemerkt. Und aus der Kammer zum Fenster hinaus! Barmherziger
Herrgott, was für eine irrsinnige Sorgennacht war das gewesen, bis ihm
der Pfarrer die Angst vom Herzen herunternahm! Und immer, während der
ganzen sausenden Fahrt über die schwarzen Frageln, die wie Glocken
läuteten, immer hatte er Luisas Stimme gehört, hatte immer wieder das
Wort vernommen, das sie im Schneegewirbel zu ihm gesprochen: »Du bist
das Licht nit wert, es hilft dir lügen und macht dich anders, als du
bist!« Das hatte er nicht verstanden. Weil ihm die Ruhe fehlte, um zu
hören? Weil ihm die Angst um sie und ihren Vater die Sinne verstörte?
Oder weil er empfunden hatte, wie fern sie von ihm war? Auch noch an
seiner Brust? An der Brust des Unsichtbaren? Und wenn er sichtbar
wird, und Schimpf und Verfolgung, Buß und Schergen kommen über ihn?
Dann wird das Wasser zwischen ihm und ihr so tief sein, wie der
Königssee. Ob's nicht am besten wär', hinunterzusausen durch eine von
den Frageln, aus denen das schwarze Wasser herausquoll über den weißen
Schnee? Das war gedacht und schon verworfen als eine feige Sünde. »Wer
Gottes ist, muß leben und tragen, muß ein fester Stecken sein für die
Schwächeren! Es zählen die anderen, Mensch, nit du!« Und da war ihm,
als er herausglitt aus dem Schatten, diese silberfunkelnde, klingende
Erdenschönheit in die Seele gesprungen.

Er stieg vom Schlitten, stemmte schräg den Stachelstock vor sich hin
und staunte stumm hinein in das flimmerweiße, läutende Mondnachtwunder.
Der weite Bogen der hohen Berge war durchwürfelt von Schimmerlicht
und tiefen Schatten. Fern, am Fuß der gleißenden Wände, lagen drei
schwarze Punkte im Weiß, die beschattete Kirche, der Jägerkobel und das
Herrenschlößl von St. Bartholomä. Dahinter stieg das leuchtende Märchen
empor. Zwischen den schillernden Eiskaskaden der in Tropfsteinformen
gefrorenen Sturzbäche lagen seltsam gezeichnete Schattengebilde,
bald wie schwarze Riesentiere, bald wie finstere Männerköpfe und
Frauengestalten. Droben in der höchsten Höhe mußte Föhnsturm wehen.
Wie silberne Bänder, wie duftige Schleier, wie weiße Mäntel, gesäumt
mit Regenbogenschimmer, flog der aufgewirbelte Staubschnee von den
Bergspitzen gegen den leuchtenden Himmel hinauf, an dem die Sterne wie
winzige Nadelspitzen glänzten und fast verschwanden neben dem Vollmond.
Der war anzusehen wie ein rundes Funkelfenster, in dem ein Mann und
ein Weib einander küßten mit unersättlicher Inbrunst. Ruhelos tönten
und sangen dazu mit tiefen und hohen Glockenstimmen die vielen Frageln,
die an hundert Stellen das vom schwellenden Seewasser emporgedrängte
Eis entzweirissen -- ein klingendes, dröhnendes Andachtsläuten der
Natur, die ihren Schöpfer lobte. »Herrgott im Himmel, wie mächtig und
groß bist du!« Diese Worte stammelnd, klammerte Leupolt die Fäuste
ineinander. Er betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer
nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten,
bleibst du mein Heil und meines Herzens Trost!« So hatte in der letzten
Neumondnacht auf dem Toten Mann ein Salzburger gebetet, der aus dem
Brandenburgischen gekommen war und Botschaft brachte von den in
Ostpreußen angesiedelten Exulanten. Und der Salzburger hatte erzählt:
so hätte er den preußischen Königsprinzen Friedrich beten hören, der
ihnen Hand und Hilf geboten wie ein Bruder den Brüdern.

Noch lange stand Leupolt unbeweglich im Schnee. Plötzlich quoll ihm
ein heißer Laut aus der Kehle. War's ein erwürgtes Schluchzen, oder
ein erstickter Schrei der Sehnsucht in seinem Blut? Nach einer Weile
das leise Wort: »Ach, Mädel, wie hab ich dich lieb! Wo ich hinschau,
überall bist du!«

Ihm war im Schnee und im knirschenden Winterfrost so schwül, daß er an
der Brust seinen Jägerkittel aufreißen mußte. -- --

-- Und um die gleiche Stunde, in einer von zwei Kerzen erhellten
weißen Stube, in deren Feuerloch die Kohlen noch glühten, fror ein
Schlafloser, daß ihm beim Schreiben die Zähne schnatterten. Der Pfarrer
Ludwig.

Er hatte den Mantel um Hals und Brust geschlungen, daß unter dem
schwarzen Saum nur die Fingerspitzen mit der Kielfeder hervorguckten.
Leib und Beine waren noch in eine wollene Decke gewickelt. Die Feder
raschelte und spritzte ein bißchen, während sie in lateinischer Sprache
ein Buchstäbchen ums andere hinmalte auf das gelbliche Papier. Was
Pfarrer Ludwig in seinem Kirchenlatein vom Inhalt des hebräischen
Briefes, der sich in Asche verwandelt hatte, für seine einsamen
Stubenstunden festzuhalten versuchte, das hätte in deutscher Sprache
gelautet:

»Alles Wissen und Geschehen muß dem Leben dienen, damit der Lebende
des ihm möglichen Glückes teilhaftig wird. Als Anfang mußt du erkennen,
Mensch, daß alles ein Einziges ist. Der Vater hat viele Kinder. Sie
kommen und gehen. Er ist der Einzige, der immer gewesen ist und immer
sein wird. Ob du Gott sagst oder Natur, Geist oder Körper, immer nennst
du das Gleiche. Das Ewige ist in sich geschlossen und muß vollkommen
sein. Da Gott nicht begehren kann, was er nicht schon hätte, kann er
ein Werdendes nicht wollen um eines neuen Zweckes willen. Alles ewig
Werdende ist ein ewig Gewesenes. Gott ist Bewegung und Ruhe, ewiges
Wirken und ewige Zufriedenheit. Das fühlst du, Mensch, wie ein Tropfen
fühlt, daß er ein Teil des Meeres ist. In jedem Körper ist Geist vom
Geiste. Fühle dich als Gottes Kind, als Blutstropfen des Ewigen,
als Körnchen im Berge von Gottes Größe. Weil du als Teil das Ganze
nicht sehen kannst, drum siehst du immer ein Unzulängliches. Sei ein
Suchender, und du näherst dich der ewigen Wahrheit! In jedem Ding
ist Trieb nach der Heimat, in jedem Wesen ein Trieb zu Gott. Jeder
Schritt, dem Vollkommenen entgegen, erhöht deine Kraft. Wende dich ab
vom Zug des Ewigen, und Furcht und Reue werden dich erfüllen. Du bist
nicht schuldig deiner selbst, nur schuldig deiner irrenden Straße. Vom
Guten und Schlechten hast du ein ewiges Wissen in dir: die Sehnsucht
und den Ekel. Gott leitet und warnt dich nicht, alle Stimmen deiner
Wege sind in dir selbst. Schau in die eigene Seele und in das eigene
Blut; je tiefer du schaust, so deutlicher sprechen die Weiser deines
Weges. Jedes Rasten ist Verlieren. Der willig Schreitende ist ein
Wachsender an Macht und Freude. Willst du zu Gott, so wirst du bei ihm
sein. In seinen Armen bist du ein Freier, ferne von ihm ein Knecht ohne
Hände.«

Pfarrer Ludwig legte die Feder fort, und während ihn immer wieder ein
Frostschauer rüttelte, überlas er, was er geschrieben hatte. »Ob ich es
richtig verstanden hab?« sprach er leise vor sich hin. Der Ernst seiner
Augen begann sich aufzuhellen. »Man muß da halt *auch* wieder glauben!«

Mit einem wunderlich frohen Lächeln, das seinem Warzengesicht einen
kindhaften Ausdruck gab, ließ er aus der dicken Platte seines
Schreibtisches ein nur fingertiefes Lädchen herausspringen, verwahrte
die beschriebenen Blätter und drückte das Geheimfach wieder zu.

Hurtig, immer ein bißchen mit den Zähnen schnatternd, wickelte er den
Mantel von sich herunter und begann sich zu entkleiden. Als er schon
barfüßig war und nur noch das Hemd und die Bundhose trug, fiel ihm der
schöne, fast lebensgroße Crucifixus in die Augen, der, ein Jugendwerk
des Meister Niklaus, an der weißen Mauer hing.

Sinnend blickte Pfarrer Ludwig zu dem von Dornen gekrönten, gütig
lächelnden Antlitz empor. »Mir scheint, ich weiß ein bißl, was du jetzt
denkst von mir!« Er höhlte die Hände um die Füße des Gekreuzigten. »Du
Fröhlicher! Verzeih's deinem alten treuen Narrenschüppel, weil er um
so sehnsüchtiger ein Mensch sein möcht, je näher ihm das kommt, daß er
einer gewesen ist!« Zärtlich küßte er den eisernen Nagel, der durch die
Füße des Erlösers getrieben war.



Kapitel V


Seit drei Tagen hatte bei klarem Himmel der Föhn über die Berge
hingeblasen und hatte schon an sonnseitigen Gehängen den Schnee
zusammengebissen zu einer dünnen Kruste. Gegen den vierten Morgen
begann man den lauen Südwind auch im frostigen Tal zu fühlen.

Bei Tageserwachen, ein Freitag war's, beschlugen sich die Spitzen
der Berge mit dem Goldglanz der kommenden Sonne. Dennoch hatte der
Morgen keinen reinen Himmel. Von den Zahnspitzen des Wazmann strebten
kleinzerstückelte Wolkenstreifen gegen Norden. Die waren anzusehen wie
endlose Züge kleiner Weißgestalten, die von Süden emporstiegen und da
droben hinwanderten über blaublühende Leinfelder.

Dieser Gedanke kam dem Meister Niklaus, als er durch das große,
schwervergitterte Fenster seiner Werkstätte zum Himmel hinaufsah.
Er mußte an die Tausendscharen der Salzburgischen Exulanten denken,
die aus der Heimat nach dem Norden gezogen waren. Der Freiheit, dem
ungehinderten Glauben entgegen? Oder zu neuer Not, zu noch tieferem
Elend? War den Stimmen zu trauen, die aus dem Pflegeramt herauskamen
und sich überall im Lande lautmachten, so hatten die Salzburger ein
hartes Los gefunden. Zu Hunderten waren sie auf ihren Wanderwegen
siech geworden und gestorben, und jene, die den Frost und die Not des
Hungers überstanden, bekamen Spott und Schimpf zu erdulden, Unrecht
und Mißhandlung. Man hatte den Emigranten ihre Kühe und Pferde
weggenommen, hatte ihre Wagen und Karren zerschlagen, ihre Schiffe
mit Steinen versenkt, hatte die Dörfer und Städte vor ihnen versperrt
und die um Erbarmen Flehenden mit Steinhagel und Flintenschüssen
davongetrieben. Den Wenigen, so hieß es, die zu einem Ziel gekommen,
hätte man ungesundes Sumpfgeländ oder dürren Sandboden zugewiesen, ohne
Gerät und Bauholz, ohne Vieh und Zehrpfennig, ohne Beistand und Hilfe.

Jene von den Unsichtbaren, die im Berchtesgadener Lande schon ans
Wandern dachten, waren vor solchen Warnerstimmen so stutzig geworden,
daß sie das müde Dulden in der Heimat dem härteren Elend in der
Fremde vorzogen. Dann war in der letzten Neumondnacht ein heimlicher
Botschaftsträger der Salzburger zum Toten Mann gekommen, hatte das üble
Gerede vom Schicksal der Exulanten widerlegt, hatte alles Schwarze
in schönes Weiß verwandelt und die gelästerte Wanderschaftshölle
geschildert als einen freundlichen Himmel brüderlichen Erbarmens.
Was war da Lüge, was Wahrheit? Die Widersprüche waren so schwer, daß
auch die Vertrauensvollsten zur Vorsicht rieten. Man durfte, sei es
im Guten oder Bösen, nicht jeder umlaufenden Botschaft glauben, mußte
die eigenen Augen auftun. Zwei von den Verläßlichsten hatten sich
zur verbotenen Wanderschaft gemeldet, der Mann der Hasenknopfin von
Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies: sie wollten ihr Leben
dransetzen, um die Wahrheit zu erfragen. An der Grenze hatte man die
beiden nicht gefaßt; sonst wären sie auf offenem Markt schon längst am
Schandbalken gehangen. Nun waren sie schon in die dritte Woche auf der
Wanderschaft, auf dem Wege zur Wahrheit. Was werden sie bringen? Den
Trost einer neuen Hoffnung? Oder das hoffnungslose Sichbeugenmüssen?
Diese Frage brannte in den Gedanken des Mannes mit der hölzernen
Hand, während er hinaufsah zu den im Blau des Himmels wandernden
Weißgestalten. Fröstelnd zog er den mit Pelz besetzten Hauskittel enger
um die Brust und wollte die Arbeit beginnen. Weil er die Tür gehen
hörte, drehte er das Gesicht über die Schulter.

Die Sus brachte zwischen den Armen einen festen Pack Buchenscheite und
ging zum Ofen.

Der Meister lächelte. »Als hättst du erraten, daß mir kalt ist! Allweil
spür ich deine treue Fürsorg.«

Schweigend kniete das schlanke Mädchen beim Ofen nieder und schob ein
Scheit ums andere in die rote Glut. Leuchtende Schimmerlinien säumten
ihre Wange, das weißblonde Haar, die Schulter, den runden Arm und die
Hüfte.

»Wie fein das ist, wenn dich die Glut so anstrahlt! Könnt ich nur auch
das Holz so schneiden, wie das Feuer den lebigen Körper nachzeichnet!«
Er rückte einen hohen, dreibeinigen Stuhl, der etwas Verhülltes trug,
in das Fensterlicht. »Ist das Kind noch droben?«

Das Mädel, schon bei der Türe, schüttelte den Kopf. »Ums Tagwerden ist
sie zur Frühmeß fort.«

Es zuckte um den bärtigen Mund des Meisters. »Statt besser, wird's
allweil ärger. So blaß und seltsam, wie in den letzten Tagen, ist sie
noch nie herumgegangen.«

Sus nickte. »Es muß was geschehen sein in ihr. Die halben Nächt lang
hör ich sie beten. Oft ruft sie mich in der Finsternis, weil sie
fürchtet, es täten böse Gespenster umgehen.«

»Gespenster? Freilich, die gehen um. Bei Tag und bei Nacht. In allen
Köpfen. Kein Wunder, daß jeder Mensch nach Trost und Beistand dürstet.
Ich verdenk dem Kind den ruhlosen Kirchweg nit. Es sieht so aus, als
könnt sie den Schreck nit vergessen, den uns der Muckenfüßl ins Haus
geschmissen. Da wird sie von ihrer Seel den Zorn über den schlechten
Nachbar wegbeten wollen, der uns im Pflegeramt vernadert hat.« Wieder
das müde Lächeln. »Ist sie im richtigen Beten, so haben wir ein
Stündl Zeit. Seit dem Sonntag ist's mit meinem Figürl nimmer aufwärts
gegangen. Ich brauch dich wieder. Magst du das Wollkleid antun und
kommen?«

Mit einem Aufleuchten in den Augen ging das Mädel davon. Der Meister
hob das grüne Tuch von seiner Arbeit und betrachtete das fast
vollendete Werk. Auf ovaler Holzplatte war in doppelter Spannenlänge
aus rotem Wachs ein Hochrelief herausgebildet: die Verkündigung, die
Gottes Engel der Maria bringt. Aus den Lüften niederschwebend, reicht
er der Auflauschenden die Rose über die Schulter herab. Zwischen den
Flügeln, die straff gespreitet sind -- so, wie Falken die Flügel
stellen, wenn sie nach steilem Stoßflug sich niederlassen auf einen
Baumwipfel -- neigt sich der von Locken umfallene Engelskopf heraus,
an dessen Antlitz der Meister die strenge Schönheit seines Kindes
nachgebildet hatte, mit einem keuschen Zug ins Knabenhafte. Nur der
Kopf, die Arme und Schultern des Engels mit den Schwingen wachsen
plastisch aus der Holzplatte; von den Flügeln nach abwärts wird die
Gestalt immer unkörperlicher und verschwindet unter dem Faltengewoge
des Gewandes, das im Sturme zu flattern scheint und überrollt ist an
allen Säumen. Im Gegensatz zu diesem Auslöschen alles Körperlichen
hebt sich der schlanke, schwellende Mädchenleib der auflauschenden
Jungfrau um so irdischer aus dem Bilde. Neben dem Webstuhl, von ihm
abgewendet, sitzt Maria auf einem Schemel, die linke Hand noch am
Weberschifflein, die rechte in Ergebung ausgestreckt zu einer innigen
Geste des Empfangens. Dieser Körper lebte, hatte Atem, hatte Blut und
Fleisch. Die schmiegsamen Falten des zarten Gewandes verrieten ihn
mehr, als sie ihn verhüllten. Dazu ein fremdartig berührendes, kühl
stilisierte Köpfchen, wie herausgenommen aus einem anderen Bilde und
auf diesen Hals gesetzt, zu dem es nicht gehörte. Beim Beginn der
Arbeit hatte Niklaus im Antlitz der Maria die Erinnerung an die Züge
seines Weibes nachzubilden versucht, das vor Jahren aus Schreck über
den verstümmelten Arm ihres Mannes gestorben war. Als Luisa das neue
Werk des Vaters zum erstenmal betrachtete, sagte sie in ihrer strengen
Weise: »Vater, das Gesichtl der Gottesmutter schaut nit himmlisch
genug.«

»So ist der Blick und das gute Lächeln deiner Mutter gewesen.«

»Wie das gewesen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, das Gesichtl der
Gottesmutter ist unheilig. Das darfst du nit dreinschauen lassen wie
beim Heimgart im Ofenwinkel. Du mußt es schauen lassen wie in seliger
Gottesnäh.«

Dem Kind zuliebe hatte der Meister geändert und verhimmelt, bis das
Köpfchen verdorben war. Der strengen Prüferin gefiel es jetzt, für
den Meister war es ein Makel, der ihm die Freude an seinem Werk
verbitterte. Er war in die unzufriedene Musterung so versunken, daß er
die Tür nicht gehen hörte. Die Schritte der Sus waren lautlos, ihre
Füße nackt. Anstelle ihres Magdgewandes trug sie ein langes, lind
gegürtetes Kuttenkleid von weißblauem Wollstoff, der sich ihrem Körper
anschmiegte wie ein Schleier. Erst als sie den Schemel auf den Antritt
stellte, sah der Meister auf. »Ich dank dir, gute Sus! Versuchen wir
halt, ob's besser wird!«

Das Mädel ließ sich wortlos auf den Schemel nieder und ordnete das
linde Gewand. Von jedem Fältchen schien sie zu wissen, wie es liegen
mußte. Schweigend begann der Meister die Arbeit, bei der seine Linke
sich bewegte, als wäre sie fast so geschickt geworden, wie seine Rechte
gewesen, die man ihm abgeschlagen hatte. Damals, wenn auch schon
berührt von den Seelenkeimen der Zeit, war er doch immer noch gewesen,
was man einen Katholiken hätte nennen können. Erst der Niklaus mit der
hölzernen Hand war ein Unsichtbarer geworden.

Immer rascher ging ihm die Arbeit vonstatten. An seinen glänzenden
Augen war es zu merken, daß beim Schaffen die Freude wieder in ihm
erwachte, der Glaube an sein Werk. Der Wahrheit des Lebens gegenüber
wurde der junge Frauenkörper, den er formte, immer wärmer und
wahrhafter. Einmal murrte der Meister im Eifer der Arbeit vor sich hin:
»Ach Gott, mein Pfötl, mein dummes! Ich seh, wie ich's machen muß! Aber
die unschickigen Finger erzwingen es nit!«

Der unbeweglichen Sus rollten zwei große Tränen über den Mund. Sie
schwieg. Weil sie wußte, daß es ihm die Arbeit entzweiriß, wenn sie
sprach. Und immer müder wurde sie, immer schwerer ging ihr Atem.

Als er Bild und Leben wieder einmal mit prüfendem Blick verglich, ging
er plötzlich auf das Mädel zu und sagte: »Der Gürtel ist ein bißl
gerutscht.« Er schob ihn um eine Fingerbreite höher gegen ihre Brust.

Sie bekam ein glühendes Gesicht und fing zu zittern an.

Eine Furche grub sich zwischen seine Brauen. »Geh, Mädel!« Das Wort
hatte einen herzlich mahnenden Klang. »Tu verständig sein!« Nach einer
Weile, als er wieder bei der Arbeit stand, sagte er zögernd: »Man muß
sich gedulden.« Er sah die Sus nimmer an, und seine Hand war nimmer so
flink wie zuvor. »Das wird nit ausbleiben, daß mein Kind sein Glück
findet. Und daß ich wieder ein Einschichtiger bin, der auf niemand zu
achten braucht.«

Da fuhr die Sus erschrocken vom Schemel auf. »Sie kommt.« Hastig schob
sie den Antritt gegen die Mauer und war schon zur Tür hinausgehuscht,
bevor der Meister das Gesicht vom Fenster abwandte. Draußen im weißen
Garten kam Luisa mit gesenkten Augen durch den Schnee gegangen,
eingehüllt in einen dunkelgrünen Mantel. Als wäre sie die Bringerin
einer helleren Zeit, so glitt bei ihrem Eintritt in die Werkstatt der
erste Sonnenschein des Morgens durch die Fensterscheiben. Von der
Frühkälte waren Luisas Wangen wie Pfirsiche vor der Reife. Über den
Zöpfen trug sie ein mit weißem Federtuff bestecktes spanisches Hütl,
das noch aus der Mädchenzeit ihrer Mutter stammte. Der dunkelgrüne, an
den Schultern aufgepuffte Radmantel verhüllte strahlig die schlanke
Gestalt. Vorne guckten zwischen den Mantelsäumen die Spitzen der
Handschuhe heraus, die Perlen des Rosenkranzes und ein blaues Gebetbuch
mit schöner Silberschließe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige
Mutter Marie!«

»Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Der Meister lächelte ein bißchen,
nicht heiter. »Kind, du sagst den Ablaßgruß so oft, daß du aus dem
Fegfeuer schon herauskommen mußt, noch eh' du drin bist.«

Ein Zucken ihrer Augenbrauen bewies, wie sehr sie die unfromme Rede
mißbilligte. Schweigend nahm sie das Hütl ab und trat an die Seite des
Vaters. Als sie sein Werk betrachtete, schien ihr Unmut sich noch zu
steigern. »Du hast das noch allweil nit geändert? Daß ihr der Engl ein
Rösl bringt. Das geht nit, Vater! Es müssen die unschuldigen Lilgen
sein.«

Der Meister sagte geduldig: »Ich muß das wächserne Fürbild formen
für das Holz. Aus dem spleißigen Holz ist ein Lilgenstengel nit
herauszuschneiden, ohne daß er nit ausschaut, als wär's ein Besen. So
eine Staud? Die tät mir doch jedes Verhältnis stören. Es ist ein Gesetz
in aller Kunst --«

»Die Kunst muß sich bescheiden vor dem Heiligen. Irdische Rosen hätt
die Gottesmutter bei der Verkündigung nit genommen.«

»So? Wer hat dir denn das gesagt? Dem kannst du ausrichten, er soll
mich mein Holz schneiden lassen, wie ich glaub, daß es sein muß. Ich
schwefel ihm auch nichts drein, wie er reden soll mit einem Beichtkind!
So, wie mit dir? So nit! Aber ich red' ihm nichts drein.« Immer
schärfer klang die Stimme des Meisters. »Obwohl ich als Vater verlangen
könnt, daß mein Kind, wenn es heimkommt aus der Gottesnäh, für mich ein
menschliches Wörtl findet und einen guten Blick. Von einem Lachen will
ich schon nimmer reden. Das ist versunken in meinem Haus.«

Luisa schien nicht zu hören, was der Vater sprach. Während sie sein
Werk betrachtete, fingen ihre Wangen in Zorn zu brennen an. Gleich
einer Verzweifelten sah sie auf und stammelte: »Vater! Gott verzeih dir
die Sünd, was hast du denn da getan?«

»Getan? Und Sünd? Ich weiß nit, was du meinst?«

Ihre Lippen zuckten, als wäre ihr das Weinen nahe. »Es muß so sein, daß
die Höll mit ihren bösen Mächten durch unser gutgläubige Haus gegangen
ist. Ich hab von mir die Versuchung fortgebetet, wie sie gegriffen
hat nach meinem Arm. Du, Vater, bist dem sündhaften Geist erlegen. Er
hat den Segen von deiner Hand genommen, so daß du dein frommes Werk
entheiligt und verdorben hast.«

Erschrocken sah Niklaus in die fieberhaft glänzenden Augen seines
Kindes. »Mädel, mein liebes? Bist du krank?«

»Vater? Siehst du es nit?« Mit der zitternden Hand, um deren Finger die
Perlenschnur des Rosenkranzes gewickelt war, deutete Luisa auf das rote
Wachsfigürchen der Maria. »Das ist die reine, züchtige Gottesmutter
nimmer, die ich allweil an deinem Werk gesehen hab. Was heilig
gewesen, hast du verwandelt in ein sündhaftes Weib. Tät es über den
Marktplatz laufen, so wär gleich einer da, der sagen möcht: >Du tust
mir gefallen!<« Aus ihren Augen fielen die Tränen. »Du mußt das wieder
auslöschen. Oder dein Bildwerk ist verdorben. Es ist nichts Gutes mehr
an ihm, als nur das fromme Köpfl der heiligen Mutter. Alles andere ist
schlecht.«

In Erregung griff der Meister nach dem Wachsmesser. Hätte er dem ersten
Zorngedanken nachgegeben, so hätte er das leblos himmelnde Köpfchen
der Marienfigur vom Halse geschnitten und gesagt: »Das ist das einzig
Schlechte an meinem Werk. Alles andere ist gut.« Ein Blick in die
angstvollen Augen seines Kindes machte ihn ruhiger. Er legte das Messer
fort. »Komm, liebes Mädel! Du hast in der kalten Kirch gefroren. Wir
wollen uns neben dem warmen Ofen auf das Bänkl setzen.«

Sie entzog sich seinen Händen. »Tust du mir versprechen, daß du die
Gottesmutter wieder heilig machen willst?«

Er sagte unter klagendem Lächeln: »Ja, Kind! So heilig, als ich es
fertig bring mit meiner hölzernen Hand.« Da duldete sie, daß er
ihr das Mäntelchen von den Schultern nahm, das Gebetbuch aus ihrer
Hand herauswand, die Perlenschnur von den Fingern wickelte und die
Handschuhe von ihren Händen zog. Während er alles beiseite legte, ging
sie schweigend zu dem braunen Bänkl, das neben dem wärmestrahlenden
Ofen an der weißen Mauer stand und überglänzt war von einem Lichtband
der Morgensonne. Er betrachtete sie. Trotz der kämpfenden Bitterkeit,
die ihn erfüllte, hatte er seine Freude an ihrem schmucken Bild.
Sie trug das Mädchenkleid ihrer Mutter aus einer Zeit, in der die
französische Mode den spanischen Schnitt noch nicht verdrängt hatte.
Die gelben Lederstiefelchen verschwanden unter den Falten des braunen
Röckls, und zwischen den abstehenden Schoßzacken des Leibchens lugte
der rote Miedersaum hervor. Gleich einer großen weißen Blume lag die
gestickte Leinenkrause um den schlanken Hals, und auf dem jungen Busen
hob und senkte sich das kleine Elfenbeinkreuz der Klosterschülerin. Sie
hielt im Schoß die schlanken weißen Hände übereinander gelegt und sah
mit den dunklen Augen, die einen heißen Schimmer hatten und voll Sorge
waren, in Erwartung zum Vater auf.

»Ach, Kind, wie lieb bist du anzuschauen!« sagte er herzlich. »Und
wie viel Vaterfreuden könntest du mir schenken unter meinem Dach!« Er
nahm ihre Hand und ließ sich neben ihr nieder. Weil er den Arm um ihre
Schultern legen wollte, rückte sie von ihm fort. Da war auf seinen
Lippen wieder das bittere Lächeln, in seinen Augen die Trauer. »Wir
wachsen nit aneinander als Vater und Kind. Jeder Tag und jedes Stündl
baut an der Mauer zwischen uns.«

»Das ist nit meine Schuld.«

»Wahr, Kindl! Was zwischen uns liegt, das hast du aus dem Kloster mit
heimgebracht.«

»Wider das Kloster darfst du nit schelten, Vater!«

»Das tu ich nit. Ich mein' nur, die Zeit, in der wir uns nimmer gesehen
haben, ist zu lang gewesen. Da hast du den Vater vergessen. Und das
Denken an deine Mutter hat man in dir erlöschen lassen.«

»So ist das nit. Es ist im Kloster kein Tag gewesen, an dem ich nit
dreimal für dich gebetet, nit fünfmal zu meiner seligen Mutter gerufen
hab um ihren Beistand.« Luisas Augen irrten gegen die Sonne hin. »Ich
muß ihr den Himmel neiden. Im Himmel ist's besser als in der Tief, in
der wir leiden.«

Meister Niklaus verlor seine Ruhe. »Himmel! Und allweil Himmel! Nie
ein Bröselein Welt! Das ist Elend! Man hat dir im Kloster mehr vom
Himmel gesagt, als gut ist, und weniger von der Welt, als nötig wär.
Wir alle, Kind, sind Menschen und müssen Wärm und Sonn, einen Trost
und Freuden haben, wenn wir schnaufen sollen und nit ersticken.« Die
Stimme zerbrach ihm fast. »Bist du denn nit mein Blut? Spürst du denn
nit, daß ich dein Vater bin? Schau mich an! Bin ich nit schon ein halb
Erwürgter? Willst du mir nit das bißl Sonnschein geben, das ich zum
Schaffen brauch? Tu mich anlachen, nur ein einzigesmal! Oder ich muß
verhungern, muß verfaulen bei lebendigem Leib!«

Erschrocken sah sie ihn an und erhob sich. Heiße Glut übergoß ihre
Wangen, um sich wieder zu verwandeln in wächserne Blässe. »Warum tust
du nie so inbrünstig hinaufschreien zu Gott? Warum tust du ihm nit dein
Herz hinbieten auf frommen Händen? Warum tust du nit abschütteln von
dir, was dich wegzieht aus seiner Näh? Tät ich's machen wie du, ich wär
verloren gewesen in einer sündhaften Nacht. Mein Gebet hat mich erlöst.
Höll und Menschen haben nimmer Gewalt über mich.« Sie hob die Hände,
und ein träumendes Lächeln irrte um ihren Mund -- ein Lächeln, das sich
ansah wie die Verzückung einer gequälten Seele.

Mühsam atmend ließ Meister Niklaus seine Fäuste auf die Bank fallen --
die Holzhand schlug wie ein Hammer auf. Ohne die Morgensonne zu spüren,
die ihn umleuchtete, sah er stumm seine Tochter an. Nun stand er auf.
»Streng bist du allweil gewesen, seit deiner Heimkehr in mein Haus.« Er
zwang sich zu ruhigen Worten. »Seit drei, vier Tagen ist was Neues in
dir. Das macht dich reden, daß ich es nimmer versteh.« Da mußte er an
die Soldaten Gottes denken, und fast heiter konnte er fragen: »Kind?
Bist du denn neulich in der Nacht so arg erschrocken --«

Unter seinem Worte zuckend wie unter einem Nadelstich, drehte sie das
erglühende Gesicht zu ihm und stammelte: »Ich wüßt nit, über was ich
erschrecken müßt.«

»Ich hab's doch selber gesehen, daß du um alle Ruh gekommen bist, wie
uns der Muckenfüßl die Haustür eingeschlagen hat!«

»Deswegen bin ich nit erschrocken.« Ihre Stimme hatte wieder den
strengen Klang. »Daß die Soldaten einmal kommen, hab ich lang
geforchten. Du hast Menschen lieb, die deinem kranken Glauben zum
Schaden sind. Allweil hat mich mein Herz vor ihnen gewarnt. Ich
hab auch Warnungen hören müssen, wo ich Rat gesucht hab in meiner
Seelenangst.«

Ein Erblassen ging über das Gesicht des Meisters. Dann fuhr ihm
wieder das dunkle Blut in die Stirn. Seinen Augen war's anzusehen,
daß martervolle Gedanken sich unter seiner Stirne jagten. Mit rauhem
Auflachen trat er auf das sonnige Fenster zu und streckte die Arme, als
möchte er hinausgreifen durch die leuchtenden Scheiben. »Nachbarsleut!
Ihr guten, schuldlosen Nachbarsleut! Verzeiht mir die schlechten
Gedanken! Es ist mein Kind gewesen! Mein eigenes Kind!« Eine Sorge, die
ihn ganz verstörte, riß ihn vom Fenster weg. Die Schulter des Mädchens
mit der Faust umklammernd, keuchte er: »Hast du auch heut wieder
solchen Rat gesucht?«

»Wie es sein hat müssen. Ich bin seit der bösen Nacht des Trostes
bedürftig gewesen an Leib und Seel.«

»Und da hast du ihm alles gesagt, deinem Tröster? Alles?«

»Ich tu nit lügen, Vater! Ich hab gesagt, was ich sagen hab müssen.«

»Und da hast du auch -- Gott soll's verhüten, daß es wahr ist -- --«
Er konnte nicht weitersprechen, mußte um Atem ringen. »Kind! Du hast
doch ums Himmelswillen nit den Namen des guten Buben verraten, der mich
gewarnt hat?«

Sie schwieg, erschüttert durch die Sorge, die heiß aus ihm
herausbrannte.

Er las die Antwort in ihren Augen und sagte mit schwerer Trauer:
»Armseliger Star! Wüßt ich nit, daß du in deiner weltfremden Jugend
törig bist ohne Maß, so müßt ich sagen: du bist so schlecht, wie nur
der Zwist um Himmel und Glauben die Menschen machen kann!« Immer
mit der Holzhand an seinem Halse, ging er durch die Werkstatt hin
und her, und während Erregung und Sorge in ihm wühlten, stieß er
mit heiserer Stimme vor sich hin: »Ein guter und redlicher Bub! Und
bietet dir auf ehrlicher Hand sein Glück und Herz! Und wirft um
deinetwegen sein junges Leben vor meine Haustür hin! Und du in deinem
gutgläubigen Seelengezappel verklamperst den Buben! Und lieferst ihn
an den Schandpfahl! Und da droben in den Lüften da ist niemand, der's
verhindert, kein Engel mit dem Lilgenstengl und keine hilfreiche
Mutter in Züchtigkeit!« Ein zorniges Auflachen. »Wahr ist's, Mädel!
So was Heiliges darf man nit irdisch formen! Das muß man himmlisch
machen, grausam und ohne Erbarmen!« Wieder lachend, faßte er einen
schweren Hammer und hob ihn zum Schlag. Aufschreiend versuchte Luisa
den Arm des Vaters zu fangen. Da fuhr der zornige Streich schon auf
das Bildwerk nieder. In Strahlen spritzte unter dem Hammerschlag das
rote Wachs auseinander, und was auf der Holzplatte noch verblieb, war
eine formlose Masse. Schweigend warf der Meister Niklaus den Hammer
fort und umklammerte die Stirne mit der linken Hand. So stand er ein
paar Sekunden. Dann sprang er zur Tür der Werkstätte. Draußen seine
schreiende Stimme: »Sus! Den Hut! Den Mantel!«

Luisa stand in der Sonne wie eine steinerne Säule, die langsam zu
menschlichem Atem erwacht und beim ersten Blick ins Leben geschüttelt
wird von Angst und Grauen. Die Arme streckend, trat sie auf das
vernichtete Werk ihres Vaters zu, beugte das Gesicht und küßte die rote
Masse des zerquetschten Wachses. Ihre Stimme, die verwandelt war zu
den dünnen Lauten eines verängsteten Kindes, bettelte ins Leere: »Tu
ihm verzeihen, hilfreiche Mutter! Ich -- will büßen -- für seine Sünd
--« Mit den Bewegungen einer Schlafwandlerin ging sie umher, fand ihr
Mäntelchen, den Hut, das blaue Gebetbuch und den Rosenkranz, wickelte
die Perlenschnur um ihre zitternden Finger und verließ die Werkstatt.

Während sie mit irrendem Blick zu ihrer Kammer hinaufstieg, klang
aus dem verschneiten Garten die angstvolle Stimme der Sus durch die
offene, wieder geflickte Haustür in den Flur herein: »Um Gottes
Barmherzigkeit! Meister! Was ist denn geschehen?« Luisa hörte keinen
Laut dieser von Sorge zerrissenen Mädchenstimme. Sie lauschte nur in
die eigene Seele. Was sie da klagen hörte, entstellte ihr Gesicht.

Als sie in ihrer Kammer die Tür verriegelt hatte, stand sie
unbeweglich. Immer sah sie das weißverhüllte Bett an, und immer
sah sie, was sie in jener Nacht gesehen hatte: diese stahlblauen,
dürstenden Jünglingsaugen, die von hundert silberweißen Mücken umflogen
waren -- und sah das zerquetschte Wachs, sah die Martergestalt einer
heiligen Frau, die rot war und zu bluten schien aus tausend Wunden.

Langsam, immer wieder die Augen schließend, hängte sie das Mäntelchen
in den Kasten, verwahrte das Gebetbuch, den Rosenkranz, die Handschuhe
und das Hütl. Sie schnürte die gelben Stiefelchen von den Füßen,
nestelte den Spenser herunter und legte ihn gefaltet in die Lade.
»Büßen -- büßen --« lispelte sie mit entfärbten Lippen vor sich hin.
»Für den Vater büßen -- alle erlösen, die schuldig sind.« Welche von
den Sündenstrafen, die sie im Kloster gesehen hatte, war die härteste?
Hungern müssen am Mittagstische? Zehn Vaterunser lang auf einem
scharfkantigen Holzscheit knien? Sieben Rosenkränze beten, mit den
nackten Füßen im Schnee? Sie sann und sann. Und da erwachte in ihr die
Erinnerung an ein Bild, vor dem sie zitternd gestanden, als sie es zu
warnender Abschreckung im Kloster hatte betrachten müssen. Wie man jene
junge, sündhafte Schülerin bestrafte, die in der Messe ein verstecktes
Spiegelchen aus dem Ärmel herausgezogen hatte -- das war von allen
Klosterstrafen die quälendste gewesen.

Ihre Augen glitten über die Mauer hin. Höher, als sie mit den Händen
reichen konnte, war an der weißen Wand ein festes Zapfenbrett, aus den
Jahren, in denen Meister Niklaus diese Kammer bewohnt hatte -- bei der
Heimkehr seines Kindes hatte er die Stube geräumt, weil sie in seinem
Haus die sonnigste war. Wie eine Träumende, verriegelte Luisa auch die
andere Tür, die hinausführte in die Kammer der Sus. Aus der Truhe nahm
sie zwei weiße Tüchelchen, knüpfte aus jedem eine Schlinge und schob
sie über das Handgelenk. Sich bekreuzend, ging sie zum Bette, tauchte
die Finger in das Weihbrunnkesselchen und besprengte das Gesicht.
Ihre Bewegungen wurden rascher, etwas Frohes schien in ihren irrenden
Gedanken zu erwachen. Sie rückte unter dem Zapfenbrett einen Schemel
an die Wand und stieg hinauf. Mit dem Rücken sich gegen die Mauer
pressend, schob sie die Schlingen, die an ihren Handgelenken waren,
über die zwei äußersten Holzzapfen des Brettes und stieß den Schemel
fort. Mit den Fußspitzen eine Spannenbreite über dem Boden, hing sie
an den ausgereckten Armen und begann mit einer Stimme, die bei aller
Innigkeit wie das Stammeln einer Betrunkenen klang, die Litanei zur
heiligen Jungfrau Maria zu beten -- nur daß sie nicht betete: »Bitt für
mich!«, sondern immer betete: »Bitt für *ihn*!«

Solange sie noch bei Kräften war, hielt sie den Kopf an die Mauer
gepreßt und sah mit heißglänzenden Augen zur Höhe. Bald sank ihr die
Wange gegen die rechte, bald gegen die linke Schulter hin. Als sie in
beginnender Pein das Gesicht zu drehen versuchte, sah sie an ihrem
Arm, von dem der weiße Ärmel zurückgefallen war, die vier gelblich
gewordenen Male, die vom Griff jener stählernen Jägerfaust geblieben
waren. Zusammenzuckend, schloß die Büßende die Augen, ließ das Gesicht
vornüberfallen, und ihre betende Stimme wurde zu einem versunkenen
Schreien. In Schmerzen begann der stammelnde Mädchenmund zu lächeln,
und auf dem glühenden Gesicht erschien ein Ausdruck der Entrückung.
Nicht die härteste der Klosterstrafen hatte sie ausgesucht, sondern die
süßeste und heiligste -- eine fromme Marter, die durchzittert war von
dem Seligkeitsgefühl: zu leiden, wie der Heiland gelitten hatte für
die Menschen, die er liebte. Während sie lächelte in Qual, begann ihre
Stimme sich zu verwirren, verlor die frommen Anrufungen der Litanei und
behielt nur noch die drei innigen Flüsterworte: »Bitt für ihn -- bitt
für ihn -- bitt für ihn --«

Gleich einer goldenen, immer breiter wachsenden Säule schob sich das
leuchtende Band der Morgensonne über die Mauer hin und umschimmerte die
in Süßigkeit und Schmerzen Betende, die für Andacht und Buße hielt, was
ein noch Unsichtbares in ihrem Herzen war, ein Unbewußtes in ihrem Blut.



Kapitel VI


Der Föhn brauste über die Schornsteine von Berchtesgaden und verbündete
sich mit der steigenden Sonne. Von allen Kanten der Hausdächer fielen
Tropfen, die wie Goldkörner funkelten. In der Gasse war kein allzu
emsiges Leben. Die Frauen, die aus den Kaufläden kamen, huschten flink
an den Häusern hin, und Mannsleute waren nicht viele zu sehen. Oft
lenkte einer plötzlich schräg über die Gasse hinüber. Immer war's wie
der Wunsch, einem andern nicht Gesicht in Gesicht zu begegnen. Und
grüßte der andere spöttisch: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige
Mutter Marie!« -- dann guckte der Ausweichende über die Schulter und
antwortete noch viel lauter: »Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Man
konnte, bevor man in der Marktgasse vom Pflegeramte bis zum Brunnen
kam, ein paar Jährchen Fegfeuer von seiner Seele ablösen.

Meister Niklaus, in der Erregung, die ihn durchwühlte, vergaß ein
paarmal des vorgeschriebenen Grußes. Er wollte schon in das Gässelchen
hinter der Stiftsmauer einbiegen. Da kam aus dem Stiftstor eine
heiter schwatzende Gesellschaft. Vier von den jungen, adeligen
Domizellaren, in weltlicher Tracht, umflattert von den pelzverbrämten
Seidenmänteln, mit dreispitzigen Hütchen über den gepuderten Frisuren,
begleiteten unter französischem Scherzgeplänkel eine junge Dame, die
zwischen den behandschuhten Händen ein winziges Gebetbuch hielt. Auf
hochgestöckelten Schuhen trippelte sie zierlich durch den Schnee. Der
Föhnwind blähte den himmelblauen Samtmantel auseinander und bewegte
den reichgebänderten Steifrock wie eine Glocke. Mit einem Busch von
Reiherfedern saß ein Pelzkäppl schief über dem großen Lockenbau,
von dem der Puder davonstäubte. Das reizvolle Grübchengesicht hatte
ein rosiges Kreuzermäulchen, hatte schwarzgezeichnete Brauenbogen
über den Veilchenaugen und trug zwei neckisch angebrachte
Schönheitspflästerchen, das eine neben dem linken Mundwinkel, das
andere hoch auf der rechten Wange. Vor dieser Dame salutierten
die Musketiere mit den langen Feuersteinflinten. Das fröhliche
Fräulein, dem sie diese fürstliche Ehre erwiesen, war die Nichte des
Berchtesgadnischen Pflegers und Kanzlers v. Grusdorf, war Aurore de
Neuenstein, die »Allergnädigste«, des Fürstpropstes standesgemäße
Freundin _en titre_.

Neben der französisch aufgeputzten Gesellschaft erschienen die
Bürgersleute in ihrer veralteten Tracht wie das Volk einer Zeit, die
sich verspätet hat um ein halbes Jahrhundert. Die Allergnädigste
achtete bei ihrem heiteren Gezwitscher aufmerksam darauf, ob auch jeder
Vorübergehende mit genügender Ehrerbietung grüßte und jede Bürgersfrau
und jedes Mädchen bis zu pflichtschuldiger Tiefe hinunterknickste.
Meister Niklaus weckte bei der jungen Dame ein munteres Verwundern.
Hinter ihm herdeutend, zirpte sie mit ihrem Kinderstimmchen in
französischer Sprache: »Schon wieder von den Rebellen einer, die ohne
Ehrfurcht sind vor Gott und Obrigkeit!«

Der Meister strebte flink in die enge Gasse hinein. Als er atemlos in
die weiße Stube des Pfarrers trat, saß der Hochwürdige beim Frühstück
und tunkte die gerösteten Weißbrotschnitten in die Milch. »Herzbruder?
Sturm unter dem Haardach?«

Niklaus sah die Türen an. »Hört uns niemand?«

»Bei mir kannst du schreien wie ein Jochgeier. Jeder Backofen ist
feinhöriger als meine Schwester.«

»Weißt du, wer uns den Muckenfüßl ins Haus geladen hat?«

»Das merkst du erst heut?« Der Pfarrer lachte. »Die übermäßig Frommen
sind im Leben wie ein Pulverfäßl. Nie weiß man, wann die Bescherung in
die Luft geht.«

Kummervoll nickte der Meister. »Mein töriges Mädel hat heut den Namen
des Leupolt ausgeschwatzt.«

Der Pfarrer fuhr vom Sessel auf. »Das ist hart.« Dann fragte er, als
wäre das eine Hoffnung: »Meinst du, sie war im Beichtstuhl?«

»Das weiß ich nit.«

Pfarrer Ludwig riß eine Tür auf und brüllte: »Franziskaaa!« Er kam
zurück. »Meine Schwester wird's wissen. Jeden Morgen geht sie beichten.
Um mich unverdächtiger vor Gott und den Chorkaplänen zu machen. Bei
Gott gelingt es ihr, bei den Kaplänen nit.«

Eine sechzigjährige Frau, halb Bäuerin, halb bürgerlich, kam in
die Stube. Ein bißchen mißtrauisch grüßte sie den Meister und sah
erwartungsvoll ihren hochwürdigen Bruder an. Durch die Muschel der
Hände fragte der Pfarrer, ob das Luisichen heut wieder gebeichtet
hätte? Franziska schüttelte den Kopf. »Heut nit. Heut nach der Frühmeß
ist sie zum Chorkaplan Jesunder in die Wohnung gegangen. Des Jesunders
alte Mutter hat am Fenster genäht. Gählings ist sie vom Fenster weg.
Und wie das Kind aus dem Haus war, hat des Jesunders Mutter flink einen
Weg gemacht. Zum Pfleger.« Eine tiefe Glocke schallte durch das Haus,
so laut, daß es auch die Schwester Franziska hörte. Erst guckte sie
flink in der Stube herum, ob da nicht irgend was Verdächtiges läge,
dann ging sie, um die Flurtür zu öffnen.

»Wenn's beim lieben Herrgott einmal auslaßt mit der Allwissenheit,«
sagte der Pfarrer, »da braucht er nur meine Schwester fragen.«

In Unruh stammelte der Meister: »Man muß dem Buben ein Wörtl schicken,
daß er sich fürsieht.«

»Das wird nit helfen. Der Leupolt ist von den Graden einer, die vor
Wasser und Feuer nit ausweichen. Sonst könnt man ihm beibringen:
er soll sich ausreden auf sein Wohlgefallen an deinem Mädel, soll
sagen, er hätt die Warnung ausgesonnen, um einen Weg zum Luisichen zu
finden. Aber der Bub wird das Eisenköpfl schütteln und die Wahrheit
sagen. Verschweigt er was, so tut er es nur, um dich nit auch noch
einzutunken. So oder so, man muß versuchen, ihm beizuspringen.«

Da kam Franziska. »Der Hochwürdige soll zum Fürsten hinüber, gleich!«

Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. »Herzbruder, die Kanon ist
geladen.« Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den
Schreck der Schwester zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte
er: »Spring hinüber zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!«

»Das ist doch eine gut Katholische?«

»Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem
rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen
her. Ob Heid oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und
redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem
braven, gottesfrommen Weibl kannst du dich anvertrauen ohne Scheu. Dann
such mich wieder auf!« Der Pfarrer umfaßte mit festem Druck die Hand
des Freundes. »Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel!
Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs.
Laß uns den rechten suchen!«

Mit hämmerndem Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das
Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des
Mälzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die
Hintertür stand offen, und als der Meister in die Küche trat, fand er
die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschäftigt. »Gelobt sei
Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«

»In Ewigkeit Amen!« antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich umzugucken.
Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck aus dem
Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden
Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde
Türchen zu. Auch alles andere Metall an den Wänden funkelte. Dieser
Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der
blauen Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche
Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig
Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem
Häubchen hervorschwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen
waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. »Soooo!« sagte sie und
wandte sich. »Ooh, der Meister Niklaus!« Ein leises Lächeln. »Durchs
Hintertürl?«

»Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muß ich dir als unguten
Dank eine Sorg bringen.«

Ganz ruhig blieb sie. »Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man
Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden.«

»Ist einer von deinen Mannsleuten daheim?«

»Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und der
Leupi ist am Königssee, in Barthelmä.«

Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne
schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost
das Eis wieder härtete. »Gott sei Dank!« Er zog die Gartentüre zu,
schloß auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.

»Das nit!« wehrte Mutter Agnes. »Die Magd ist in der Tenn beim
Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein
bißl Lärm machen.« Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein
Reisigbündel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd
und schichtete Latschenäste drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer,
als würde in der Küche der Mutter Agnes ein Musketenscharmützel
ausgefochten. »Da ist ein Bänkl. Tu dich hersetzen! Und red!«

Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. »Mein
verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in
ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen,
den Pfarrer hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die
Sorg um deinen guten Buben.«

Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem
vertrauensvollen, vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein
Erblassen über ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie
auf dem Bänkl, die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an
den sternschönen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen
Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glühende Funkenzug, so flog
ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte.
Sie wußte: das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde
so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, preßte
sie die Hände an ihre Schläfen. »Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen,
ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpfelt
sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt man sein Leben
in die Kindersupp.«

Niklaus legte den Arm um ihre Schultern. »Weißt du einen Rat?«

Sie trocknete mit den Handballen die Augen. »In der Nacht geht ein
Bierschlitten über den See. Da können wir dem Buben einen Zettel
schicken. Den will ich hineinbacken in einen süßen Krapfen, mit einem
Kränzl aus Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: es ist eine Botschaft
drin. Nur daß er weiß, was ihm zusteht. Helfen kann bloß der Einzige,
der wissen muß, daß es der Bub nit schlecht gemeint hat. Daß er's tun
hat müssen, begreif ich.«

»Weißt du, warum?«

»Ich müßt keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt hätt.
Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden.« Mutter Agnes hob
die flehenden Augen. »Sag mir's!«

»Was, Mutter?«

»Ist mein Bub --« Ihre Stimme brach. »Ist der Leupi schon ganz da
drüben?« Sie wollte sagen: »Auf der falschen Seit!« Weil sie fürchtete,
daß es den Meister kränken könnte, sagte sie: »Wo die anderen sind,
die man nit sieht.« Er schwieg. Da griff sie nach seiner Rechten,
fühlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak, als hätte sie etwas
Glühendes berührt. »Sag mir's! Es soll verschlossen bleiben in mir.«

»Mit Sicherheit weiß ich es nit. Und wenn ich es wüßt, ich dürft es nit
sagen.«

Aus ihren Augen fielen zwei Tränen, die im Rotschein des Feuers wie
rinnendes Blut erschienen. »Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen
Händen. Sein erstes Betsprüchl hat er mir nachgeredet mit seiner
Kinderstimm. Ist fromm und gläubig gewesen sein ganzes Leben lang.
Ist ein redlicher Bub geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich
weiß nit, wie, und ich weiß nit, wann! Wie kann das kommen über einen
Menschen?«

»Wie dort die Funken fliegen auf deinem Herd. Im Schornstein droben
verlöschen sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiterbrennen.
Das geht am leichtesten in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen
kann oder Unrecht leiden muß.« Er hob seine hölzerne Hand vor die Augen
der Mälzmeisterin hin.

»Das hat nit der getan, der die Händ erschaffen hat.«

»Ist dir alles recht, was sie tun und predigen?«

»Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich
noch nie den richtigen Weg verloren.«

»Die den besseren suchen? Verwirfst du die?«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Soll ich mein Kind verwerfen? Ich?
Die Mutter? Allweil sinn ich drüber und versteh's nit. Wie ich bin, so
muß ich bleiben. Von meinem Buben weiß ich, er ist ein guter Mensch.
Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brüder und
Schwestern gelten, können nit schlecht sein. Sonst tät's mein Bub nit
halten mit ihnen.«

Der Meister nahm ihre Hand. »Täten alle denken wie du, so wär nit
Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen,
gelt? Hast du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, derweil du den
Teig für den Krapfen rührst.«

»Wahr ist's: helfen ist besser als reden.« Frau Agnes sprang zur
Flurtür und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und
Bleifeder. »Kannst du denn schreiben mit deiner Linken?«

»Muß einer, so lernt er's.«

Sie rückte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und während er
die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rührte Frau Agnes in einer
hölzernen Schüssel den Teig. Plötzlich stammelte sie erschrocken:
»Ach, du barmherziger --« Sie riß das kupferne Türchen des Backofens
auf und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr übel und war so
schwarz wie Kohle. Kummervoll sagte sie: »Der erste, der mir verbronnen
ist!« Frau Agnes lächelte ein bißchen. »Bin ich jetzt eine schlechte
Hausfrau? Jede Nachbarin tät's glauben.« Sie schob das verdorbene
Gebäck ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glühen begann. »Man
darf die Leut nit einschätzen nach den Zöpfen, die sie verbrennen
lassen.« Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene
Backwerk in fliegende Feuerfunken. »So geht's mit *einem* Backofen! Und
jedes Menschenkind hat drei: einen im Blut, einen in der Seel und einen
im Hirnkästl. Ach, der liebe Herrgott! Auf wie *viel* verbronnene Zöpf
muß er herunterschauen! Und nie noch hat er die Geduld verloren. Bloß
auf der Welt verliert man sie allweil, und am ungeduldigsten sind die
Bäcken, die das Brot versalzen und die meisten Wecken verrußen lassen!«
Sie setzte sich auf die Bank, nahm die hölzerne Teigschüssel zwischen
die Knie und begann mit beiden Händen hurtig zu rühren.

Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen,
die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren.
Während er kritzelte, mußte er immer an den Hochwürdigen denken.
Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche
Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war
ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben
in der düsteren Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und
Sorge. --

Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem
Weiß umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen
stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen
Sack, in dem er gedörrte Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer
bringen mußte, das der Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag.
Da hinüber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch mußte Leupolt einen
langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen,
aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel herausquoll. Alle
Kraft des Jägers gehörte dazu, um gegen den Föhnsturm aufzukommen.
Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und
über die weiße Böschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfährten war
der Schnee zertreten zu einem brösligen Wirrwarr. Gleißende Lichter
und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der Buchen war wie ein
wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte
mit Millionen farbigblitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen
im weißen Walde schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und warteten.
Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche
Jüngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen mußte, war noch
keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht; die Not des Winters zähmt
die Wildesten; aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig
sein und der Schwäche den Vortritt lassen.

In flinker Arbeit schleppte Leupolt die Heubündel aus der Scheune,
füllte die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge.
Dann schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm,
der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Luke guckte nach Bartholomä
und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb
weiß und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein
Balkenhaus, das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der
Jäger und Fischer enthielt; dahinter das langgestreckte Jagdschlößchen
der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten
Bäume, als Hintergrund die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen
Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen
gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glänzte,
blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft
herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier
mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen Tritt
und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt,
und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren,
galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die
Raufen hin. Lächelnd sah Leupolt diesem grau durcheinanderdrängenden
Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen.
Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an
jedem Wintermorgen. >Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt muß sie
schon wieder daheim sein.< Er hat sie noch nie im Haus und bei der
Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht; doch immer sieht
er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die
Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht
in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die
weißen Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt,
so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren.
Wie wunderlich das ist: so oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat,
war's immer ein Schmerz für ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und
hier, im weißen Wald, bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu
einem frohen und zärtlichen Glück.

>Ob sie nit spüren muß, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!<
Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: >Denkt sie
wohl auch an mich?< Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die
sie für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig
wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müßte für jeden, den sie für einen
Irrenden hält? Und wenn sie hinaufruft zu einem ihrer vielen Heiligen?
Flüstert sie da nicht manchmal ein leises »Bitt für ihn?« Wie eine
Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele: »Bitt für ihn --
bitt für ihn --« Dabei sieht er sie in der kalten Kirche knien, ein
bißchen frierend, mit dem braunen Hütl über dem schönen Haar, in dem
dunkelgrünen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hände
hervorlugen.

Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist
halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum.



Kapitel VII


Pfarrer Ludwig mußte im Korridor vor dem Fürstenzimmer noch immer auf
seine Vorlassung warten, weil der Haarkräusler beim Allergnädigsten
war. Die hundert Locken einer fürstlichen Perücke verlangen ihre
Zeit. In einer hohen Fensternische an den Kreuzstock gelehnt, zeigte
der Hochwürdige ein ruhiges Gesicht. Je heißer in ihm die Sorge
wühlte, um so gleichmütiger sah er über die Wände hin, an denen
zwischen Hirschgeweihen, Heiligenbildern, großen Jagdgemälden und
pröpstlichen Bildnissen zwei weltgeschichtliche Kriegstrophäen hingen:
die Eisenhüte, Brustpanzer, Schwerter, Terzerole und Schärpen zweier
schwedischer Kürassiere. Was da rostend und verstaubt an der Mauer
hing, das war fast die einzige Welle gewesen, die der dreißigjährige
Krieg aus dem verwüsteten Deutschen Reich hereingespült hatte in die
Stille des Berchtesgadnischen Landes.

Blut, Hunger, Verarmung, Seuchen und Brandschatzung; die Hälfte der
Deutschen erschlagen, versunken und verfault; Handel und Wohlstand
vernichtet; alle Bande des Reiches gelockert und zerfetzt; eine
Kluft des Mißtrauens und des Hasses zwischen Nord und Süd; ein für
ewige Zeiten unlösbar erscheinender Zwiespalt zwischen deutschem
Katholizismus und deutschem Lutheranertum; ein entzweigekeiltes, an
Sitte und Leben verpestetes, in hilflose Fetzen zerfallenes Volk,
das seine nationale Erneuerung wieder beginnen mußte, wie ein Kind
nach dem Windelschmutze seine Menschwerdung anfängt in den ersten
Schuhen -- und als einziges Erinnerungszeichen dieses grauenvollen
Geschehens hingen im Fürstenkorridor zu Berchtesgaden zwei schwedische
Kürasse. Die hatte man in der Ramsau zwei verirrten und von den Bauern
erschlagenen Botschaftsreitern vom blutenden Leib geschält.

Nur ein einzigesmal in jenen dreißig Jahren hatte Berchtesgaden
für wenige Winterwochen eine Einquartierung erlebt. Während die
deutsche Welt in Jammer und Elend sank, hätte das >Ländl< in seiner
Abgeschlossenheit gedeihen können, wenn ihm, angesteckt durch
Seuchenkeime der Zeit, die Zermürbung nicht im kleinen erwachsen wäre,
wie draußen dem Volk der Deutschen im großen.

Aus dem Fürstenzimmer huschte ein spitznäsiges Männchen heraus, der
Perückenmeister, den man aus Paris verschrieben hatte. Ein deutscher
Bartscheer brachte doch so was Himmlisches nicht fertig, wie es jetzt
die Herren auf ihren Köpfen trugen. Pfarrer Ludwig tat einen tiefen
Atemzug und ging zur Tür. Bevor er sie erreichte, vollzog sich ein
Ereignis, das störend in den Gang der Berchtesgadnischen Regierung
eingriff. Am Pfarrer rannte einer vorüber und ihm voraus, der auf
der Schwelle des Fürstenzimmers den Vortritt sogar vor den fremden
Gesandten hatte. Der Wildmeister. Er brachte die aufregende Nachricht,
daß die Stiftsjägerei bei den Untersteiner Sümpfen drei kapitale
hauende Schweine bestätigt hatte. Die Keiler lagen unentrinnbar fest,
und die Netze waren schon gezogen, nicht zu einem >Großen Jagen<, nur
zu einem kleinen >Eingestellten Treiben<, das flink zu erledigen
war. Bei solcher Sachlage hatten die Wildschweine den Vorrang vor
dem Landswohl und der Fürsorge für den unverfälschten Glauben. In
den Korridoren sprangen Lakaien und Jägerknechte hin und her, im
Stiftshofe wurden vier zierliche Schlitten aus den Remisen gezogen,
und zwei buntgekleidete Läufer, mit weißen Straußenfedern auf den
grünen Samtkappen, surrten unter dem Brausen des Föhnwindes durch
die Marktgasse, um die edle Aurore de Neuenstein und den Kanzler von
Grusdorf zum Eingestellten Treiben zu laden. Der Onkel Kanzler mußte
zur Wahrung der guten Sitte immer den Regierungstisch verlassen,
wenn die allergnädigste Nichte sich beteiligte an den winterlichen
Weidmannsfreuden ihres _maître adoré_.

Pfarrer Ludwig, der sonst auf das neumodische Jagdgepränge nicht gut zu
sprechen war, segnete an diesem Tag zum erstenmal den >französischen
Schwindel<. Aufatmend um des Zeitgewinnes willen, eilte er heim und
brüllte der Schwester ins Ohr: »Kommt der Niklaus, so sag ihm, daß
ich vorausgegangen bin zu seinem Haus!« Dann schoß er davon, um zwei
nötige Dinge zu erledigen. Er mußte das fromme Klostervögelchen zum
Singen bereden, mußte zu erfragen suchen, was Luisa dem Chorkaplan
Jesunder gesagt hatte. Und mit Lewitter, den er seit dem gestörten
Schachspielabend nicht mehr gesehen, mußte er das gemeinsame Verhalten
vor dem Fürsten bereden. Ungeduldig trommelte er mit dem Klöppel an
Lewitters Haustür. In dem dunklen Flur, in dem die Gewürze dufteten,
kam für den Pfarrer eine schwierige Unterhaltung mit der alten Lena,
deren Zeichensprache er nur halb verstand. »Gut sind wir aufgerichtet,
der Simmi und ich! Die meine hört nit, und die seine kann nit reden!«
Dem wahren Gott zuliebe hatte man der Magd vor fünfzehn Jahren in
Salzburg die Zunge kürzer gemacht, weil sie die Obrigkeit belogen
hatte, um Weib und Kinder ihres Herrn zu retten. Nur mit den Händen
konnte sie noch reden.

Ungefähr verstand der Pfarrer, daß Simeon nicht daheim wäre; man hätte
ihn am verwichenen Abend wieder zu einem kranken Weib geholt, das
seit drei Tagen in den Wehen läge und nicht gebären könne; Lewitter
wäre wieder die ganze Nacht außer Haus gewesen und auch am Morgen
nicht heimgekommen. »Ach, das Leben! Könnt ein Gärtl des lieben Gottes
sein und wird ein Saustall des Teufels! Und da plagt sich jetzt der
hilfreiche Simmi, um einem neuen Leidgesellen der Menschheit den
Eintritt ins Leben zu erleichtern!« Den Kopf gegen den Südwind bohrend,
eilte Pfarrer Ludwig dem Haus des Freundes entgegen, immer grübelnd:
»Wie muß ich es machen, daß ich das Mädel zu Verstand bring? Zu einem
Herzschlag, der menschlich ist?«

Ein Weiberschrei voll Sorge machte ihn aufblicken. Vom Zauntor kaum die
Sus gelaufen: »Wo bleibt der Meister? Ist was geschehen?«

»Nichts, gute Sus! Wo ist das Luisichen?«

»Die Haustochter hab ich nimmer gesehen, seit sie heimgekommen ist
von der Frühmeß. Der Meister ist ganz von Sinnen gewesen. Und da bin
ich allweil beim Zaun gestanden, hab gewartet und bin nur ein paarmal
hineingesprungen zum Herd, daß mir das Fleisch nit aus dem Sieden
kommt.«

»Recht so, liebe Sus! Dein Herr und dein Herd!« Der Pfarrer sagte
scherzend: »Gelt, Mädel? Dich plagen keine Seelenzweifel und
Glaubenskämpf?«

»Mich nit!« antwortete sie ehrlich. »Ob des lieben Herrgotts Kittel
grün oder rot ist, das ist mir eins. Kittel her oder hin, der Herrgott
ist drin. Mir ist das Leben recht, so lang der Meister seine Ruh hat
und schaffen kann. Und weil man schon nimmer weiß, wie man beten muß,
drum bet ich am Morgen katholisch, am Abend evangelisch. Eins muß dem
Meister allweil nutzen.«

»Betest du nit auch für dich?«

Sus schüttelte den Kopf und trat in den Flur. »Ich zähl doch nit.« Als
sie dem Pfarrer den Mantel abnahm, sagte sie: »Eh der Meister fort
hat müssen, ist die Haustochter bei ihm gewesen.« Sie öffnete die Tür
der Werkstatt. »Kindl? Bist du noch da?« Auch der Pfarrer war über
die Schwelle getreten. Nun sahen die beiden im gleichen Augenblick
die Holzplatte mit dem formlos auseinandergequetschten Wachs. Die
Sus bekam ein Gesicht, so weiß wie Kalk. Und der Pfarrer stammelte:
»Gotts Not! Das hat doch der Meister nit selber getan! Mädel? Ist ein
Chorkaplan im Haus gewesen?« Sus hörte nicht. Immer sah sie die Reste
des vernichteten Werkes an, als wäre das der Untergang einer kostbaren
Welt. Den Mund von Tränen überkollert, lispelte sie: »Wie heilig und
schön ist das gewesen!« Unbeweglich blieb sie vor dem Gewirr des roten
Wachses stehen, als Pfarrer Ludwig hinaussprang in den Flur.

»Luisichen!« rief er, während er hinaufhastete über die Treppe.
»Luisichen!« Er stieß die Wohnstube vor sich auf. »Luisichen!
Luisichen!« Er rüttelte an des Mädels verschlossener Kammertür. »Aber
Kind! So tu doch reden! Bist du da drin?« Er vernahm einen Laut. War's
ein lallendes Beten? Ein Stöhnen in Schmerz? Mit aller Kraft seiner
Sorge warf sich der Greis gegen die Tür. Der Riegel klirrte in die
Stube hinein, Pfarrer Ludwig taumelte über die Schwelle und tat im
ersten Schreck einen heiseren Schrei. Erstarrt hing Luisa vor ihm an
der weißen Mauer, wie eine Gekreuzigte, umwoben von der Sonne. Ihre
Arme, von denen die leinenen Ärmel zurückgefallen waren, hatten eine
gedunsene Form und waren so rot wie das Mieder, unter dem die junge
Mädchenbrust in heftigen Stößen atmete. Oberhalb der schnürenden
Tuchschlingen waren die Hände dunkelblau, mit gespreizten, leblosen
Fingern. Und der Kopf mit den schweren Haarflechten hing entkräftet
vornüber. Ein paar lallende Laute noch. Dann schien eine Ohnmacht die
Sinne der Büßerin zu umschatten.

Pfarrer Ludwig schrie den Namen der Sus, sprang auf Luisa zu, riß das
Messer heraus, das er wie ein Bauer an der Hüfte trug, umklammerte die
Bewußtlose mit dem linken Arm und schnitt die gestrafften Tuchschlingen
von den Holzzapfen. »Da möcht man doch verzweifeln an der Menschheit!«
keuchte er und trug die Ohnmächtige hinüber zum Bett. Als er die
Sus kommen hörte, befahl er: »Lauf, was du laufen kannst, und bring
einen Becher Kirschwasser!« Er zerrte die Tuchschlingen von Luisas
Handgelenken, begann ihre starren Arme zu kneten und rieb ihre Hände,
bis die blaue Färbung verschwand und der Blutlauf wieder in Gang
geriet. Nun brachte die Sus den Becher und stammelte: »Was ist denn
geschehen?«

»Nit viel!« Er konnte lachen. »Ein bißl Dummheit geht um in den
Menschenköpfen. Wer weiß, wozu es gut ist! Ein Holländer hat mir
neulich gesagt: >Kein Ding, das dem Leben nit dienen könnt, auf daß
die Menschenkinder teilhaftig werden des Glückes!<« Mit dem Becher
beugte der Pfarrer sich über das Bett und flößte einen festen Guß des
Kirschwassers in Luisas Mund. Sie schluckte. »Soooo, Kindl! Gelt, das
ist gut!« Er stellte den Becher fort und rückte den Fußteil des Bettes
von der Mauer weg. »Flink, Sus! Auf die ander Seit hinüber! Mach dem
Mädel das Mieder und den Rockbund auf. Wir müssen schauen, daß wir sie
unter die Deck bringen.« Hurtig rieb er die Hand der Ohnmächtigen.
»Dann nimm ihren anderen Arm und tu mir alles nachmachen, fest und
flink!«

»Was ist denn, Hochwürden?«

»Ach, so dumme Mädelgeschichten! Da ist sie ein bißl krämpfig worden.«

Während Sus das rote Miederchen der Haustochter aufnestelte, klagte sie
vor sich hin: »Um Gottes willen!«

»Nein, gute Sus! Gott ist da nit dabei. Nur Überfluß an jungem Blut und
ein bißl Mangel an gesundem Verstand.«

Unter den vier kräftigen Fäusten wurden die zwei starren Mädchenarme
heiß und beweglich. Auch das verschluckte Kirschwasser wirkte mit, um
das junge Blut seinen vernünftigen Weg wieder finden zu lassen. Luisa
öffnete die Lider wie eine Schlaftrunkene. In schwimmendem Glanze
glitten unter den langen Wimpern die langsamen Augen. »Guck!« Der
Pfarrer ließ auf seiner Wange die große Warze tanzen. »Wie munter das
liebe Kindl schon wieder ins Leben blinzelt! Lauf, gute Sus! Und spring
hinüber zu mir! Da wartest du auf den Meister. Kommt er, so bring ihn
heim und sag ihm: das Kindl hätt einen Purzelbaum gemacht. Aber sag's
nit so, daß der Meister erschrecken muß. Sag's lieber so, daß er lachen
kann.« Die Sus, aufatmend, surrte in den Flur hinaus. Aller Schreck
der verwichenen Minuten erlosch ihr in dem Gedanken, daß sie hinlaufen
durfte, wo der Meister war. »So, Luisichen, komm, jetzt nimm zur
Aufmunterung noch ein kleines Schlückl!« Pfarrer Ludwig schob den Arm
unter Luisas Nacken und führte den Becher an ihren Mund.

Gehorsam, wenn auch noch immer ein bißchen duselig, öffnete sie die
Lippen und trank. Nach dem ersten Schluck erweiterten sich ihre Augen
wie in Entsetzen. Mit beiden Händen versuchte sie sich zu wehren und
lallte: »Jesu mein, Ihr gießet mir ja die Höll ins Leben!«

»Umgekehrt! Ich lösch in dir die unsinnige Höll mit einem nötigen
Lebenstrunk! Tu schlucken! Fest!« Er hob und goß, bis der Becher leer
war. Weil sie nicht schlucken wollte, preßte er die linke Hand auf
ihren Mund, faßte mit der rechten den feinen Mädchenhals und rüttelte
die widerspenstige Kehle. »Schluck, mein Luisichen! Schluck!« Ob Luisa
wollte oder nicht, sie mußte schlucken. Die brennende Kirschwasserhölle
war drunten. Daraus ergab sich eine sehr sonderbare Wirkung. Obwohl von
Zorn und Ekel die Tränen in Luisas Augen traten, konnte sie die kühlen
Greisenfinger an ihrem Halse nicht ertragen, mußte aufkreischen, mußte
lachen wider Willen. »Ooooh, Luisichen?« Der Pfarrer wurde lustig. »Muß
man dich kitzeln, damit du das menschliche Lachen lernst? Das kann ich
besorgen. Lach, mein Luisichen, lach! Wie mehr, so gesünder ist es!« In
der Art, in der man schäkert mit einem zappelnden Buben, begann er sie
am Hals zu kitzeln, am Kinn, an den Ohren, an den Ellbogen und unter
den Armen.

Sie wollte sich wehren und wurde hilflos, wand sich und kreischte,
schüttelte die sich lösenden Zöpfe von ihrer Stirn herunter und schrie
und lachte. Immer wollte sie betteln: »Hör auf, hör auf!« Und konnte
nicht reden, weil sie lachen mußte, immer lachen und lachen.

»Brav, mein Kindl! Netter bist du noch nie gewesen, als jetzt in deinem
zappligen Übermut! Gelt, ich hab recht? Bloß ein Lachender merkt, wie
munter und kostbar das irdische Leben ist!«

Es gelang ihr, sich seinen Händen zu entwinden. Halb noch lachend, halb
von Jähzorn befallen, faßte sie eines von den zwei weißen Kissen ihres
Bettes und warf es dem Pfarrer Ludwig an den Kopf.

Er haschte das linde Geschoß, umschlang es an seiner Brust und sagte
fröhlich: »Gott sei Dank! Eine menschliche Regung! Kindl, jetzt kann
man bei dir auf Genesung hoffen!«

Zitternd fiel sie zurück und preßte den Arm über die Augen. Der
Pfarrer setzte sich auf den Bettrand hin, behielt das weiße Kissen auf
seinem schwarzen Schoß und betrachtete unter freundlichem Lächeln das
stumme, glühende, um Atem ringende Menschenkind, das die Augen vor ihm
versteckte. Einmal versuchte Luisa den Arm zu heben, ließ ihn wieder
auf die Augen fallen und lispelte: »Ich weiß nit, was das ist -- alles
tut sich drehen um mich herum.«

»Kindl,« sagte der Pfarrer vergnügt, »da hast du einen Schwips. Vom
Kirschwasser. Ja, Luisichen, wer anderthalb Jahrzehnt das kühle
Brunnenwasser im Kloster genossen hat, vertragt was Wärmeres nit
aufs erstemal.« Er lächelte. »Lernen brauchst du das nit: daß du
Kirschwasser vertragen kannst wie Geißmilch. Heut ist's nötig gewesen.
Sorgen brauchst du dir wegen des kleinen Räuschls nit zu machen. Das
verschlafst du wieder!« Seine Stimme bekam einen zärtlichen Klang.
»Auch ist das so: daß alles Schönste im Leben mit einem Räuschl
anfangt, sei es im Hirnkästl oder sei es im jungen Blut.« Luisa
blieb stumm. Während die Morgensonne herglänzte über das weiße Bett,
ging ein schmerzvolles Zucken um den heißroten Mädchenmund. Manchmal
überrieselte noch ein Nachschauer des Lachens den zierlichen Körper,
und unter dem Arm, der die Augen verhüllte, quollen die Tränen hervor,
kollerten über die glühenden Wangen und versanken im braunblonden
Schimmerkissen der gelösten Zöpfe. Sich vorbeugend, sagte der Pfarrer
langsam: »Kindl, wie bist du lieb und schön! Was tät der Leupolt geben
drum, wenn er an meinem Plätzl sitzen dürft. Und morgen oder übermorgen
muß er am Schandpfahl hängen. Der redliche Bub!« Ein knirschender
Laut; Luisa warf sich herum und vergrub das Gesicht in die Fülle ihres
Haares. So lag sie lautlos, während ein heftiges Schüttern ihren Nacken
und ihre Schultern befiel. Als sie ruhiger wurde, gab sie Antwort auf
jede Frage. Alles sagte sie, ehrlich und ohne Rückhalt.

Der Pfarrer fröstelte ein bißchen. Obwohl die Sonne durchs Fenster
hereinfiel und draußen der laue Föhnsturm brauste, war es mehr als kühl
in der ungeheizten Stube. Und Pfarrer Ludwig hatte schwitzen müssen.
Als er vom Garten herauf die Stimme des Meisters hörte, erhob er sich,
legte das Kissen über Luisas Füße und zog ihr die wollene Decke bis an
das Kinn. »Versuch zu schlafen! Die heilige Mutter Marie, an der wir
hängen in treuem Glauben, du und ich, die soll dich erwachen lassen zu
einem wärmeren Leben! Von dem kindischen Narrenstückl, das ich sehen
hab müssen, soll dein Vater nichts erfahren. Der tät das nit so gut
verstehen, wie ich alter Pfarrer.« Er strich mit der Hand über den
Scheitel der lautlos Zuckenden. »Was ich erfahren hab müssen, das ist
gebeichtet, gelt? Ich, Kindl, ich schweig in heiliger Pflicht. Wärst
du am Morgen in deiner Herzensnot zu mir gekommen, so hätt die Mutter
Jesunder dich nit umtragen müssen im Tratschkörbl, und der Pfleger hätt
nichts erfahren vom Leupolt.« Er hob die zwei zerschnittenen Tüchelchen
von den Dielen auf, löste die Schlingen, die noch am Zapfenbrette
hingen, und schob sie schmunzelnd in die Tasche. Forschend guckte er
über die Schulter nach dem Bett, verließ die Stube und schloß hinter
sich die verbogene Tür, so gut sich das noch erledigen ließ.

Da kam der Meister über die Stiege heraufgehastet, Sorge in den Augen.
»Was ist denn mit dem Kind?«

»Nichts, lieber Nick! Oder doch nichts Böses. Im Gegenteil. Dein Kind
hat einen Sprung aus dem Kalten ins Warme getan. Das geht nit ab ohne
festen Beutler. Jetzt müssen wir dem kleinen Weibl ein bißl Ruh
vergönnen und müssen sie schlafen lassen.«

In den Augen des Meisters wollte die Sorge nicht erlöschen. »Schlafen?«

»Aufs erste Kirschwasser schlaft man allweil. In späteren Jahren
mindert sich die gute Wirkung. Komm! Wir gehen hinunter in die
Werkstatt!« Er wurde ernst. »Da hab ich gesehen, was mir arg mißfallen
hat. Mensch bleiben, heißt bauen und schaffen, nit in Scherben
schlagen.«

Drunten im Flur stand die Sus mit seitwärts gespreiteten Armen an der
Mauer, zitternd, im Blick den Ausdruck einer qualvollen Angst. Etwas
Tierisches und dennoch etwas Schönes war in ihren Augen. Der Pfarrer
ging an der Magd vorüber, ohne sie zu gewahren. Meister Niklaus blieb
stehen und sah sie an, verwundert, als sähe er etwas an ihr, was er
noch nie gesehen hatte. »Sus!« Sie neigte vor seinem Blick die Stirn:
»Jetzt muß ich zum Herd. Das Wasser wird eingesotten sein und das
Fleisch wird schlecht.« Ein müdes Lächeln. Dann ging sie davon. Er sah
ihr nach und blieb noch immer stehen, obwohl die Sus in der Küche schon
verschwunden war.

Der Pfarrer stand in der Werkstätte vor dem roten zerquetschten
Wachsklumpen. »Herzbruder Nick? Was hast du denn da getan?«

»Fast weiß ich es selber nit.« Meister Niklaus faßte erregt ein breites
Messer und schnitt die formlose Wachsmasse von der hölzernen Platte.
»Es ist mir, als hätt ich's im Zorn getan.« Mit der Linken knüllte
er das Wachs zu einem Ballen. »Oft ist's wie ein Fremdes, was man
tut. Kann sein, ich hab Platz machen müssen für ein Ding, das besser
ist.« Er wurde ruhig. Und während er mit dem Pfarrer sprach -- von
Luisas Heimkehr am Morgen, von seinem jähzornigen Hammerstreich, von
der Mutter Agnes, vom Eis auf dem Königssee und von dem süßen Krapfen
-- preßte er eine Wachsflocke um die andere auf das Holz, schnitt mit
dem Daumennagel und formte mit den Fingern. Und plötzlich, die Arbeit
unterbrechend, sah er den Pfarrer an. »So sag mir doch die Wahrheit!
Was ist mit dem Kind?«

»Das ist schnell gesagt. Sie hat den Leupolt gern und weiß es noch nit.
Da rumort das Neue ein bißl hitzig in ihrem kühlen Klosterstübl.«

Aufatmend flüsterte Niklaus: »Das wär ein Glück! Da tät's wieder heller
werden in meinem Haus.«

Ein Summen an den Fensterscheiben. Man hörte rasch nacheinander aus
weiter Ferne her den Hall und das Echo von fünf Gewehrschüssen. »Hörst
du?« lachte der Pfarrer ingrimmig. »Derweil die Herzensnot der Menschen
umlauft im ganzen Ländl, erlustigt sich die Allergnädigste an den
Untersteiner Wildsauen. Ein Gutes hat auch das. Die Sorg um den Leupolt
ist aufgeschoben. >Tod ist Tod,< sagt meine Schwester allweil, >aber
besser morgen als heut.< Dein Mädel tu schlafen lassen, bis es von
selber aufwacht. Nach dem Quantum Kirschwasser, das ich dem blinden
Klosterspatzen eingegossen hab, wird's lang dauern, bis er wieder
piepsen kann. Und du bleib bei der Arbeit, Nick! Sie ist von allem
Lebenstrost der beste.«



Kapitel VIII


Im Wehen des Föhns, bei blitzendem Tropfenfall und in Sonne,
schmetterten vier Hifthörner die Sautodweise durch den Untersteiner
Wald. Auf rotfleckigem Schnee, zwischen der grünmaskierten
Fürstenkanzel und dem mannshohen Stellnetz, lagen die drei zur Strecke
gebrachten hauenden Schweine, festlich aufgeheitert, mit Fichtengrün
bekränzt, mit kirschroten Seidenmaschen an den Lusern und an den
zottigen Schwänzen. Die graulivrierte Stiftsjägerei war in Reihe
gestellt, und rings um die erlegten Keiler gaben die weiß und braun
getigerten Saurüden in ihren dick unterfütterten Barchentpanzern
Standlaut. Nach einer vierstimmigen Fermate schwiegen die Hörner, um
gleich darauf die sanfte Dianenweise zu beginnen, die zu Ehren der
edlen Aurore de Neuenstein geblasen wurde. Mit Grazie kam der Hofzug
durch den Schnee geschritten, voraus der Fürstpropst Anton Cajetan
mit der Allergnädigsten _en titre_. Nach französischer Vorschrift für
ein Eingestelltes Treiben auf Wildschweine trug er ein hechtgraues,
reich mit Silber besticktes Jägerkleid, an dem zwei kleine Bäffchen
den Priester unvordringlich andeuteten, und darüber einen offenen,
kostbaren Pelz, der durch den degenförmigen Hirschfänger vom Körper
abgespreitet wurde. Unter dem silberbetreßten Dreispitz quoll ein
geschnörkelter Lockenbau hervor. Zwischen den Haarschnecken spitzte
sich ein weißes, tadellos rasiertes, schon greisenhaftes Schmalgesicht
heraus, launig lächelnd, ein bißchen spöttisch und nicht ohne Energie.

Ehe Herr Anton Cajetan im vergangenen Jahr von den sieben Stiftsherren
zum Fürstpropst gewählt wurde, war er durch zwei Jahrzehnte als
Dekan des Stiftes ein geschäftiger Vorkämpfer der Kapitularen um
ihre Selbständigkeit gewesen, um ihre Loslösung von der mönchischen
Regel, um ihre Verwandlung in freie Chorherren mit allen weltlichen
Vorrechten edler Geburt. Da hatte er scharfe Worte, nicht nur gegen
die begründeten Ansprüche des wohlmeinenden Churfürsten von Bayern,
auch gegen den Papst geredet und geschrieben. Im Streite gegen die
>evangelischen Rebellen< hatte er eine aus Vorsicht und Konsequenz
gebildete Faust erwiesen. Während aus dem Salzburgischen die
>gottsfeindlichen Landsverräter< zu vielen Tausendscharen ausgewiesen
wurden, statuierte Herr Anton Cajetan als Dekan und Propst nur ein
paar abschreckende Exempel und hatte, wie er noch immer glaubte, seine
Stiftslande frei erhalten von einem staatsgefährlichen Anwachsen
des Schwarmgeistes. Seit Beginn des evangelischen Aufruhrs im
Salzburgischen hatte der Fürst, um alle aufreizenden Nachrichten von
außen abzusperren, jede Straße durch einen Grenzriegel von Musketieren
verschlossen. Daß dadurch der Wohlstand im Lande sank, aller Handel
unterbunden war und die Steuerkraft der Bauern, Handwerker und
Kaufleute vermindert wurde, das zählte nicht. Wenn nur die Landsruh
und der reine Glaube erhalten blieb! Bis wieder bessere Zeiten kamen,
konnte man borgen. Aber wo? Die Schulddokumente des Stiftes füllten
schon viele Schränke, erschreckend wuchsen von Jahr zu Jahr die Kosten
der höfischen, aus Standesrücksichten unerläßlichen Pariserei, und
immer bedrohlicher begannen die hilfreichen Brunnen zu versiegen, um
so mehr, je übler es der Berchtesgadnische Hof mit dem Churfürsten von
Bayern verschüttet hatte, der früher dem Berchtesgadnischen Land ein
hilfsbereiter Schutzfreund gewesen war. Die Frage, wo neue goldene
Hilfsquellen zu erschließen wären, verursachte Herrn Anton Cajetan
schlummerlose Nächte. Das Bauerngerede, daß der Allergnädigste nicht
schlafen könne, weil ihm der allzuviele Wein den Magen versäuere, war
eine Verleumdung. Im Gegenteil: Herr Anton Cajetan bedurfte reichlich
der spiritualen Beruhigung, weil ihm die gähnende Kassensorge den
Schlummer verwehrte.

Diesen Regierungsgram hatte er nicht zur Wildschweinhetze mitgenommen.
Er blickte heiter in die Sonne, und das leise Spottzucken seiner
Mundwinkel war feingalantes Vergnügen an der Tatsache, daß seine
hübsche Freundin _en titre_ sich gläubig einen weidmännischen Erfolg
hatte aufschwatzen lassen, den sie nur dem korrigierenden Beistand
der Domizellaren verdankte. Die zerschmetterte Wirbelsäule des einen
Keilers war einwandfrei ein Werk ihrer kleinen Dianenhände. Die
Blattschüsse der beiden anderen Keiler waren höfische Nachhilfe, die
von allen Schützen mit den heiligsten Eiden verleugnet wurde. Aurore de
Neuenstein war so geartet, daß sie an Männerschwüren niemals zweifelte.
Bei der grünen Fürstenkanzel hatte sich nach den fünf Flintenschüssen
ein galantes weidmännisches Gerichtsverfahren abgespielt, das den
Glauben der Allergnädigsten an die Unfehlbarkeit ihrer Geschosse
befestigt und Herrn Anton Cajetan sarkastisch erheitert hatte. Da er
seiner standesgemäßen Freundin gegenüber in anderer Weise nicht ganz
auf seine hohen Kosten kommen konnte, hielt er sich zuweilen dadurch
schadlos, daß er sich innerlich um so mehr über sie lustig machte, je
liebenswürdiger er sie äußerlich behandelte.

Unter den Klängen der Dianenweise führte er sie an hoch erhobener Hand
zur Strecke. Der Wind zauste ihre hechtgraue Pelzglocke und blies
den Puder aus ihren Locken. Glücklich und stolz, den geschminkten
Kreuzermund mit dem Schönheitspflästerchen vorgeschoben, stelzte
sie durch den zerwühlten, mit roten Flecken übersprenkelten Schnee,
in der Rechten das buntgebänderte Jagdspießchen führend, das einer
für Kinderhände berechneten Schäferschippe ähnlicher sah als einer
Saufeder. Dem hohen Paare folgte der Kapitular Graf Saur mit dem
Kanzler von Grusdorf, der die Regierungssorgen *nicht* zu Hause
gelassen hatte und zwischen den Lockenschnörkeln gallig in die Sonne
blinzelte. Seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zur Allergnädigsten
verdankte er die bevorzugte Stellung am Hofe; doch weil er an Podagra
litt, verurteilte er weniger aus moralischen, als aus sanitären Gründen
diese häufigen Elefantenfahrten, die ihm kalte Füße verursachten. Den
Zug beschlossen die Domizellaren in hechtgrauer Junkertracht: die
drei Barone von Hausen, Stutzing und Kulmer, und der bildhübsche,
zwanzigjährige Graf Tige, der seit dem Weihnachtsspiel, in dem er als
Partner der Allergnädigsten den heilbringenden Engel dargestellt hatte,
ihr bevorzugter Günstling war.

Die Hörner schwiegen, der Wildmeister sagte in einer Sprache, die er
nicht verstand, seinen gereimten Spruch auf -- französische, *sehr*
galante Verse, die Graf Tige verfaßt und dem Wildmeister eingelernt
hatte wie einem Papagei. Dann nahm Herr Anton Cajetan die drei
grünen Brüche, die ihm der Wildmeister auf dem Dreispitz hinbot, und
befestigte sie am Busen der holdselig lächelnden Diana. Das vollzog
sich auf eine Weise, daß es auch bei einer _Chasse royale_ im Parke
zu Fontainebleau nicht graziöser hätte geschehen können. Unter dem
schmachtenden Rondo der Dianenweise schloß sich an dieses stilgemäße
Jagddrama noch ein improvisiertes Satyrspiel. Einer der erlegten Keiler
hatte im Verenden unter Todesqual noch eine letzte irdische Verrichtung
vollzogen. Was dabei aus dem Leib des Tieres umfangreich in die Sonne
getreten war, faßte Graf Tige lachend auf eine Fichtenborke, beugte
elegant das Knie, hob die nach dem Weidmannsgeschmacke der Zeit mehr
bewundernswerte als anrüchige Sache bis vor das zarte Näschen der etwas
erschrockenen Diana und zitierte aus dem »_Livre de la chasse du Grand
Seneschal_« die berühmten Verse:

  »_En la saluant humblement
  Mes fumées lui presentay.
  Elle me respond doulcement:
  Et à vous! dont me contentay._«[B]

[B]

  Ich bot ihr ehrfurchtsvolle Grüße
  Mit meinen Weidmannsdüften hin --
  »Dank Euch,« so sprach zu mir die Süße,
  »Von dem ich sehr befriedigt bin!«

Der Doppelsinn dieser Reime im Zusammenhang mit den galanten
Beziehungen, die zwischen Graf Tige und der Allergnädigsten _en
titre_ bestanden, weckte heiteres Gelächter. Auch Herr Anton Cajetan
schmunzelte. Ein bißchen boshaft. Und Aurore de Neuenstein, halb
verlegen, halb geärgert, schmollte mit ihrem Zwitscherstimmchen:
»_Ingrat! Vous parlez trop par métaphores!_«

Scherzend senkte sie die Klinge des von Bändern flatternden
Jagdspießchens gegen die Herzstelle des knieenden Junkers und mimte den
Todesstoß einer zürnenden Göttin. Lächelnd erhob Herr Anton Cajetan die
wehrende Hand: »_Ma chérie! Vous changez les rôles contrairement à la
nature des vos enfantillages._«

Neues Gelächter. Unter den Klängen des Herrengrußes kamen die
Schlitten vorgefahren. Die Heimreise begann in munterer Laune und
mit schicklicher Platzverteilung: der Fürstpropst nahm den Grafen
Saur zu sich in den Schlitten, und Aurore de Neuenstein schmiegte
sich wieder an ihren frierenden Elefanten. Weil Herr von Grusdorf das
Französische nur mangelhaft beherrschte, mußte die Allergnädigste bei
dieser Klingelfahrt sich ihrer heimatlichen Sprache bedienen. Geboren
in der Gegend von Dillingen, schwäbelte sie ein bißchen. Das klang sehr
niedlich. Doch plötzlich verstummte ihr Gezwitscher, und verwundert
sah sie die alte Bäuerin an, die aus kleinem Gehöft einen plumpen, mit
rauchendem Kuhmist beladenen Hörnerschlitten herauszog. Kindlich fragte
Aurore: »Warum schaut denn dees Weible so bös?«

Herr von Grusdorf erwachte aus seinen Regierungssorgen. »So schauen
sie hier alle. Die Untersteiner sind von unseren Subjekten die
Obstinatesten. Ich besorge, daß sich da wieder ein evangelischer
Provokativus remarkabel macht. Wir haben Suspizien auf einen _vulgo_
Hasenknopf.« Das edle Fräulein lachte über den sonderbaren Namen und
zirpte: »Laß ihne doch alle die Köpf runterschlage! Da habe mer Rueh,
und der Glaube bleibt rein erhalte.«

Bei den letzten Häusern von Unterstein stockte die Schlittenzeile.
Herr Anton Cajetan sprach mit einem Musketier, der aufgeregt dem
Fürsten entgegengelaufen war. Auch der Landesherr schien in Erregung zu
geraten. »Grusdorf! Da bringt man uns eine höchst mirakulöse Nachricht.
Die Bäuerin im Haynacherlehen soll ein Mißgeschöpf geboren haben, das
zur Hälfte weiß ist und zur Hälfte schwarz.« Aurore de Neuenstein in
ihrer holden Unschuld erfaßte sofort den Humor der sonderbaren Sache
und erklärte eine solche Farbenmischung für _complètement incroyable_,
da doch kein Neger im Lande wäre.

Flink begannen die vier Klingelkisten zu jagen. Man unterhielt sich
lustig und rief graziöse Späße von Schlitten zu Schlitten, ohne zu
ahnen, daß man Scherz trieb mit dem Schicksal eines Menschen, dessen
junges Hausglück sich verwandelt hatte in etwas Grauenhaftes.

Ehe die Hofschlitten das Haynacherlehen erreichten, hatten in Christls
Gehöft schon viele Menschen sich angesammelt. Die Bauern, Weiber und
Kinder der Nachbarlehen standen in Gruppen beisammen, und vom Sudhaus
waren die Pfannenknechte herübergesprungen. Was in dem kleinen Haus
geschehen war -- an sich eine natürliche Sache, nur mißraten unter
einem seltenen Irrtum der Natur -- verwandelte sich für die schwer
erschrockenen Leute zu einem ungeheuerlichen Ding, das die Gehirne
verwirrte und die Gemüter verstörte. Weil die Haustür verriegelt war,
drängten die Leute sich klumpenweis um die drei kleinen Fenster. In
der Stube sahen sie die Wiege mit dem weinenden Bübchen, sahen auf dem
Tisch was liegen, bedeckt mit einem rotfleckigen Leilach, und sahen
die blasse Hasenknopfin hin und her laufen, immer mit einer irdenen
Wasserschüssel zwischen den Händen. Am Kammerfenster war nichts zu
erspähen. Man hatte innen das rote Vorhängelchen zugezogen. Nur vier
Stimmen waren zu hören: das Gestammel der Hasenknopfin, die ängstliche
Stimme Lewitters, die Klagelaute des jungen Bauern und eine ruhige
Frauenstimme, die mit gläubiger Inbrunst zu beten schien. Leute, die
am Fenster lauschten, verstanden einzelne Worte der Haynacherin. Einer
fragte: »Was betet denn die?« Andere erkannten die Worte, die sie
heimlich schon oft gelesen hatten -- im verbotenen Paradiesgärtl --
und diese anderen schwiegen, Ergriffenheit in den harten Gesichtern.
Sie wußten: daß die unsichtbare Haynacherin in ihrer Todesstunde eine
Sichtbare wurde.

Ein klobiges Mannsbild, einer von den fürstpröpstlichen
Pfannenknechten, schrie: »Der Tod bringt's an den Tag. Die Haynacherin
ist irr im Glauben. Der Christl hat's geduldet in seiner verruckten
Lieb. Jetzt hat ihn der Herrgott gestraft.« Und ein aufgeregtes Mädel
kreischte: »Die Hälft am Kindl hat christliche Unschuldsfarb! Der
Haynacherin ihren Halbteil hat die Höll verschwärzt.« Ein alter Bauer
mit grauem Bart -- der Fürsager aus dem Stall der Unsichtbaren von
Unterstein -- sah die beiden Schreier mit zornfunkelnden Augen an:
»Ihr zwei? Ihr tut euch Christen schimpfen? Ja? Und hundertmal sagen
im Tag: von nun an bis in Ewigkeit? Ja?« Der Pfannenknecht brüllte:
»Bist du auch einer, du?« Er sprang auf den Alten zu und packte ihn an
der Schulter. Gleich drängten sich Fünfe, Sechse zwischen die beiden
und deckten den alten Mann. Auch der Knecht fand Kameraden, und es
wäre zu einem üblen Handel gekommen, wenn nicht am Stubenfenster ein
Kinderstimmchen gerufen hätte: »Jetzt kommt der Jud!« Die Leute guckten.

Simeon Lewitter, mit der Ledertasche in der Linken, eingehüllt in
seinen dicken Fuchspelz, trat aus der Haustür, die hinter ihm von
der Hasenknopfin wieder verriegelt wurde. In seinem erschöpften,
kreidebleichen Gesichte mischte sich scheue Ängstlichkeit mit Zorn
und Trauer. »Seid doch verständig, Leut, und geht zu euren Dächern.
In des braven Christls Haus ist das Unglück eingekehrt. Vergönnt ihm
aus Erbarmen den Frieden, den er nötig hat!« Zwanzig, dreißig Stimmen
redeten durcheinander und verstummten plötzlich. Ein Peitschenknall,
ein heitertönendes Schellengeklingel. In der rotwerdenden
Nachmittagssonne kamen die vier Hofschlitten angefahren. Der Vorreiter
sprengte durch das Zauntor: »Platz für den allergnädigsten Herrn!« Das
Gehöft war leer. Die Leute rannten hinter den Schuppen, kletterten über
den Zaun, wateten durch den schlammigen Ackerschnee und verschwanden
hinter den Hecken.

Simeon Lewitter blieb. Nicht gerne. Er nahm das Käppchen von seinem
weißen Haar und täppelte zögernd dem ersten Schlitten entgegen.
Sorge wühlte in ihm. Was er in dem kleinen Haus getan, das hatte er
tun müssen aus Barmherzigkeit für den verstörten, von Grauen und
Verzweiflung zerbrochenen Christl. Aber er fühlte: was er tun hatte
müssen, konnte sich für ihn selbst in eine Gefahr verwandeln. »Wär ich
nur schon daheim in meiner Kinderstub!« Da hielt der Schlitten des
Fürsten. Der zweite Schlitten fuhr dicht an den ersten heran, weil
Aurore de Neuenstein hören *wollte* und der Kanzler von Amtswegen
hören *mußte*. Aus den zwei andern Schlitten sprangen die Domizellaren
heraus und wateten lachend durch den Schnee. Lewitter verbeugte sich
tief.

»Simeon? Du?« Der Fürstbischof schmunzelte ein bißchen. »Ist das wahr?
Daß die Haynacherin ein Kind geboren hat, halb weiß, halb schwarz?«

Der kleine Mann schüttelte kummervoll den Kopf. »Es ist noch ärger,
gnädigster Herr! Nur mit den Farben stimmt es. Das eine Kind ist weiß
wie ein Rösl. Das andere ist schwarz -- vom Brand.«

Das letzte Wort überhörend, fragte der Fürst verwundert. »*Zwei*
Kinder?«

Lewitter nickte. Dann sagte er's in kurzen Worten: daß es mit der
Haynacherin drei Wochen über die Zeit gewesen wäre. Seit vier Nächten
hatte sie unter furchtbaren Wehen gelitten. Und vor einer Stunde gebar
sie zwei Mädelchen, ganz natürlich entwickelt, mit allen Gliedmaßen,
doch von der Schulter bis zur Hüfte aneinander gewachsen -- das eine
tot, schon erloschen unter dem Herzen der Mutter, während das andere
nach der Geburt noch Spuren von Leben gezeigt, noch offene Augen und
ein schlagendes Herz besessen hatte -- Leben, unlösbar mit dem Tod
verwachsen.

»_Quelle chose effroyable!_« lispelte Aurore de Neuenstein erblassend
und vergaß ihrer pariserischen Bildung. »Dees ischt ja doch nit zum
glaube!« Und der Fürstpropst fragte erschrocken: »Gibt es das?«

»Ein seltenes Ding!« sagte Lewitter mit schwankender Stimme. »Ich weiß
nur noch von einem einzigen Fall. Er hat sich zu Regensburg ereignet,
vor vierhundert Jahren. Ganz der gleiche Vorgang war es. Auch damals
mußten Kinder und Mutter sterben.«

Der Fürstpropst beugte sich vor. »Sterben? Auch die Mutter?«

»Als ich das Haus verließ, begann sie zu erlöschen. Keine Hilfe mehr.
Ich habe den Schmerz des Mannes nimmer sehen können. Drum bin ich
gegangen. Der Mensch, wenn er hilflos ist, hat feige Stunden. Und was
ich getan habe, das hat den Mann nicht getröstet.« Lewitters Blick war
ängstlich. »Ich meinte, daß es ihn aufrichten würde in seinem Schmerz,
wenn sein weißes Kindlein christlich würde, solange noch Leben in ihm
war. Drum hab ich ihm die Nottaufe gegeben.«

»Lewitter!« murrte Herr von Grusdorf erschrocken. »Wie konnte er sich
verleiten lassen zu einer solchen Inkompetenz? Die _causa_ des Leupolt
Raurisser hätte ihn vorsichtiger machen sollen.« Auch der Fürstpropst
schien unbehaglich berührt: »Simeon! Das hättest du besser unterlassen!«

»Herr!« Immer ruhiger wurde Lewitter. »Das Erbarmen kann ein Riese
werden, der uns zwingt.«

»Mag sein! Aber --« Herr Anton Cajetan stieg aus dem Schlitten, und der
Kanzler tat rasch das gleiche. »Warum hat nicht der Kindsvater das Kind
getauft?«

»Weil er die schwarzweiße Mißform seiner verlorenen Kinder nicht mehr
ansehen konnte, ohne daß ihn der Kummer halb erwürgte. Und weil er
immer wieder in die Kammer sprang zu seinem erlöschenden Weib.« Der
Körper des kleinen Mannes streckte sich, und etwas Schönes war in
seinem Blick. »Schon vielen Menschen hab ich beigestanden in ihrer
letzten Stunde. Aber nie noch hab ich ein Menschenkind so voll
Gottvertrauen versinken sehen, wie dieses arme, leidende Weib.«

»_Mais donc_ --« Herr Anton Cajetan wurde ungeduldig. »Warum hat nicht
die Hebmutter die Nottaufe an der noch lebenden Hälfte exekutiert?«

Den Grund -- daß Christl sein Kind durch eine Unsichtbare nicht taufen
ließ -- wollte Lewitter nicht bekennen. Er sagte: »Die Frau war um das
sterbende Weib beschäftigt.«

Im Kanzler erwachte ein Verdacht. »War es, um methodisch vorzugehen,
die Hebmutter des Marktes?«

Jetzt gab es kein Verschweigen mehr. »Es war die Hasenknopfin von
Unterstein.«

Der Fürst und Herr von Grusdorf tauschten einen Blick. Anton Cajetan
machte einen Schritt gegen das Haus hin, wandte das ernste Gesicht
und sagte zu dem hübschen hechtgrauen Junker: »_Mon cher Tigue! La
Neuenstein désire fort d'être chez soi!_« Bei der Vermutung, daß seine
Freundin _en titre_ sich einem nervenquälenden Anblick zu entziehen
wünsche, hatte er nicht mit der Gruselsucht der holden Dame gerechnet.
»_Non, non, non_,« sie schlüpfte hastig aus dem Schlitten, »_je veux
voir ça, moi!_ So ebbes Seltsames versäumt me doch nit.« Die Schultern
zuckend, ging der Fürst auf die Haustür zu. Die anderen hinter ihm
her. Simeon Lewitter blieb bei den leeren Schlitten stehen. Weil sich
niemand um ihn kümmerte, wurde ihm die Entscheidung leicht. Nur erst
daheim sein! Keuchend zappelte er durch den Schnee davon.

Der Kanzler mußte mehrmals an der Haustür des Christl Haynacher pochen.
Aus dem Innern des Hauses klang ein verzweiflungsvoller Laut, nicht
wie menschliche Stimme, wie der Schrei eines Tieres. Den hatte der
junge Bauer ausgestoßen, als er im Gesicht seiner Martle das blasse
Sterben erkannte. Immer ungeduldiger pochte Herr von Grusdorf, und
mehrmals beteuerte Aurore de Neuenstein, daß jeder Nerv in ihr vor
Spannung und Erbarmen fiebere. Endlich öffnete die Hasenknopfin.
Zitternd stand sie im Dunkel des Flurs. »Gelobt sei --« Weiter kam sie
nicht, weil die hechtgraue Diana gleich die Frage zwitscherte: wo die
unglaubliche Sache zu sehen wäre? Schweigend wies die Hasenknopfin zur
Stube, neben deren Ofen das kleine Bübchen in seiner Wiege weinte, und
deutete auf den Tisch, auf das weiße, dunkelgefleckte Leilach, das den
neugeborenen Jammer des Christl Haynacher barmherzig verhüllte.

In der kleinen Stube begann es grau zu werden. Draußen flimmerte wohl
die Sonne noch auf dem schwindenden Schnee, doch über den Fenstern lag
schon der Schatten des vorspringenden Daches.

Mit beiden Händchen die steife Glocke ihres Dianenkleides
zusammenpressend, schmiegte sich Aurore de Neuenstein durch die
schmale Stubentür, den ovalen Rocktrichter flink voranschiebend. Das
weinende Bübchen, als es diese seltsame Glocke mit den zwei weißen
Spitzenschwengeln erscheinen sah, wurde stumm vor Schreck. Und während
aus der Kammer das erwürgte Schluchzen des jungen Bauern zu hören war,
trippelte die Neuenstein in der schaukelnden Kleidglocke dem Tisch
entgegen, faßte mit den Fingerspitzen zu und hob einen Zipfel des
Leilachs. Jähes Grauen rüttelte ihre feinen Schultern. »_Mon dieu!
Quelle chose affreuse!_« Als hätte sie sich die behandschuhten Finger
verbrannt, so hastig ließ sie den Leilachzipfel fallen, stieß einen
zarten Schrei aus und bot den Anblick einer Dame, die in Ohnmacht zu
fallen wünscht. »_Eh bien, la voilà!_« sagte Herr Anton Cajetan halb
nachsichtig, halb ärgerlich. Er deutete auf die mit beiden Händchen
Rudernde, die das Niederfallen auf den grauen Bretterboden noch
verzögerte, und sagte zum Grafen Tige: »_Remplissez donc votre devoir
d'un bon camarade!_« Der hübsche Junker mit den winzigen Bäffchen
umschlang die pelzverbrämte Diana, wobei sie die Augen schloß und
schlaffe Arme bekam.

Unter Mithilfe des Domizellaren von Stutzing, der im Türschacht die
Kleidglocke ovalisieren mußte, beförderte Graf Tige das edle Fräulein
auf seinen Armen aus der Stube, aus dem Haus und über das Gehöft zum
Schlitten. Eine zornscharfe Mädchenstimme -- jene gleiche Stimme,
die im Stall der Unsichtbaren geschrien hatte: »Schauet mein junges
Brüstl an, so haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet!« -- diese
zornscharfe Mädchenstimme schrillte hinter einer nahen Hecke: »Leut!
Das bablische Laster zappelt drieköpfig in der Sonn umeinander! Tät's
ein Wunder sein, wenn der Ewige dreinschlagt mit Zeichen und Ruten!«
Stutzing und Tige waren so fürsorglich um die in der frischen Luft sehr
rasch erwachende Diana beschäftigt, daß sie anderer Dinge nicht zu
achten vermochten. Sie überhörten die schrillende Mädchenstimme. Und
als sie das zierliche Persönchen im Schlitten und die winzigen Füßchen
im Fußsack hatten, schwang Graf Tige sich opferfreudig an die Seite der
Neuenstein und befahl dem Kutscher: »Schnell! Nach Haus!«

Munter tingelten die Schlittenschellen, und die zwei guten Kameraden
rutschten über den knirschenden Straßengrund. Noch ein bißchen zitternd
vom überstandenen Grauen, klammerte Aurore de Neuenstein sich an ihren
Ritter, schlug die unschuldsvollen Augen auf und lispelte: »Alles,
Liebster! Alles -- --« Nein! Deutsch konnte sie das nicht sagen. Sie
mußte sich der Feinheit ihrer Bildung besinnen und hauchte dem Junker
flehend ins Ohr: »_Tout, mon ami! Tout ce que vouz voulez! Mais jamais
un enfant!_«

Der Domizellar von Stutzing kehrte in das Haus des Christl Haynacher
zurück. Als er die Stube betrat, war schon wieder mit dem Leilach
bedeckt, was auf dem Tische lag. Auch das Verhör der Hasenknopfin
war beendet. Bleich, einen harten Zug um die farblosen Lippen, stand
das Weib vor dem Kanzler. Während der Fürstpropst und Graf Saur in
französischer Sprache diesen schwerbegreiflichen Irrtum der Natur
erörterten, sah Herr von Grusdorf immer die Hasenknopfin an und sagte
schließlich: »Man wird ihr befehlen, wann sie sich für weiteres Zeugnis
vor der Obrigkeit zu präsentieren hat. Dann wird sie sich der Wahrheit
besinnen. Wird auch wissen, wo ihr Mann sich befindet. Heute wird sie
_recte_ erfüllen, was ihres Amtes ist. Um rebellische Rumore und den
Zulauf kuriöser Leute zu verhindern, wird sie die Haustür verschlossen
halten bis zur Dunkelheit. Was tot auf dem Tische liegt, das bringt
sie nach Anbruch der Nacht in notwendiger Heimlichkeit dort hin, wohin
es gehört. Man wird das in der Finsternis bestatten. Über alles hat
sie strengstes Stillschweigen zu observieren. Befehl der Obrigkeit:
ein totgeborenes Kind, nicht weiß und nicht schwarz, ein Kind, wie
Kinder zu sein pflegen. Weiteres ist ihr nicht bekannt. Für jedes
böswillige Leutgerede ist sie haftbar. Versteht sie?« Er machte mit dem
Stock eine Bewegung, als möchte er das Weib von sich fortschieben, und
wandte sich gegen die Kammer, aus der kein Laut mehr zu hören war. Die
Hasenknopfin tat mit entstelltem Gesicht einen schweren Atemzug, nahm
das schlucksende Bübchen aus der Wiege und rettete sich mit ihm in den
dämmerigen Ofenwinkel. Während sie das Kind an ihrem Herzen schaukelte,
spuckte sie immer aus, als könnte sie die Lügen, die sie aus Angst
geredet hatte, wieder fortspeien von ihrer Zunge.

Herr von Grusdorf hatte die Kammertür vor sich aufgeschoben. Im
gleichen Augenblick machte er eine abwehrende Bewegung, wie in Sorge,
daß sein gnädigster Herr ihm folgen könnte. Was er sehen mußte, war
kein Anblick für fürstliche Augen. Die kleine Kammer war erfüllt von
einem rötlichen Schein. Ihr Fensterchen lag gegen Westen, und die
untergehende Sonne verwandelte den kleinen Lichtwinkel in ein glühendes
Viereck. Das Ehebett des Christl Haynacher und seiner seliggewordenen
Martle glich dem rotfleckigen und zerwühlten Schnee, in dem die
hauenden Schweine mit den kirschfarbenen Seidenmaschen gelegen hatten.
Nur lagen hier, in diesem Rotschimmer, zwei andere Dinge: der ruhige,
schöne Tod und der besinnungslose Jammer, ein unbeweglicher und ein
noch zuckender Rest zweier Menschen, in denen die Liebe war und mit der
Liebe zugleich das Mißtrauen, der Zorn und die Glaubensfeindschaft.
Lebendig war nur die Liebe noch. Was Feindschaft, Zorn und Mißtrauen
gewesen, war erlegt von einem Schützen, der so sicher traf, daß man
ihm Jagderfolge nicht aufzulügen brauchte, war zur Strecke gebracht
ohne Hifthörner, ohne hechtgraue Jägergala, ohne französische Verse und
galante Reimsprüche.

In dem engen Gängelchen neben dem Bett auf den Dielen kniend, lag
Christl mit gestreckten Armen hingeworfen über den Schoß seines
Weibes, lautlos, zitternd am ganzen Leibe, einem Menschen gleich, der
durchschüttert wird von jähem Frostschauer. Mit den braunen, groben
Händen machte er suchende Bewegungen, wie um sein Weib bei den Händen
zu fassen, die ineinandergeklammert waren nach Art einer Betenden.
Diese Hände lagen im Schatten von Christls Schulter und waren weiß.
Das Gesicht, das wie Wachs geworden war, bekam von der Sonnenfarbe
zur Hälfte ein leuchtendes Rosenrot, zur Hälfte einen violetten
Schatten. Ein schmuckes Mädel und Weib war die Martle immer gewesen,
aber in keiner Stunde ihres Lebens so schön, wie jetzt im Tode.
Eine heilige Ruhe war ausgegossen über das schmale Schimmergesicht.
Den stillen Mund, der keinen Zug des Leidens mehr erkennen ließ,
umgab ein träumendes Lächeln. Und unter den vom Lichte in poliertes
Gold verwandelten Flechten hatten die noch offenen Augen einen
unbeweglichen, fast überirdischen Glanz.

Erschrocken, in wachsendem Staunen, betrachtete Herr von Grusdorf
das tote Weib. Wo waren an dieser Abtrünnigen die Spuren ihres
Seelenkampfes mit dem Teufel? Hatten die Gerüchte gelogen, die seit
dem Herbste über die Haynacherin umherliefen? Hatte die Hasenknopfin
die Wahrheit gesprochen, als sie sagte: daß die Martle unter den
obrigkeitlich vorgeschriebenen Gebeten wie eine rechte Christin
gestorben wäre? Wider Willen fühlte der Kanzler eine Regung des
Erbarmens. Aus den früheren Jahren seiner Richterzeit war er gewöhnt
an die Bilder der Folterstube. Was er in dieser Kammer sah, zerbrach
ihm den Panzer der Gewohnheit und faßte ihn an einem Muskel seines
Menschentums. Er legte die Hand auf die Schulter des zuckenden Bauern
und sagte freundlich: »Ermanne er sich, Haynacher! Gott hat gegeben --«
Da verstummte er in Zorn und Empörung. Er sah nicht den zerbrochenen
Menschen, der sich mühsam aufzurichten versuchte; sah nicht diese
irrenden Verzweiflungsaugen und dieses entstellte Gesicht. Er sah nur
das abgegriffene Buch, das neben den Fäusten, mit denen Christl vom
Bett sich aufstemmte, unter dem Kopfkissen der entseelten Haynacherin
hervorglitt. Gleich erkannte er's. Von diesem Buche hatte er an die
zwanzig konfiszierte Exemplare in seinem Aktenschrank. Wie ein Falk den
Vogel faßt, so griff er über den Kopf des Bauern hinüber, packte das
Paradiesgärtl des Johann Arndt und rief entsetzt: »Das _crimen_ ist
notifiziert.«

Christl, wie jäh belebt, war an der Mauer in die Höhe gefahren, tappte
mit den Händen und schrie: »Das Büchl tust du ihr lassen, du! Das Büchl
ist ihre Seligkeit gewesen und ihr heiliger Tod!«

Der Kanzler war schon bei der Tür und kreischte in die Stube hinaus:
»_Reverendissime!_ Quittieren Euer Liebden schleunigst dieses
verfluchte Domizilium der Ketzerei! Hier ist kein Fundament für
allergnädigste Sohlen.« Man hörte französische Worte, hörte den flinken
Schritt der Herrenstiefel, die sich entfernten. Und der Kanzler
betrachtete mit flammenden Augen den Christl Haynacher: »Er verlorener
Mensch! Ist er beteiligt an dieser unverzeihlichen Todsünde?« Der Bauer
schüttelte den Kopf und wehrte kraftlos mit den Händen. »Um seiner
Seligkeit willen hoffe ich, daß seine Deklarazion sich als Wahrheit
erweist.« Der Kanzler deutete mit dem Krückstock gegen das Bett. »Was
mit dem Kadaver zu geschehen hat, das weiß die Hasenknopfin.« Er wollte
gehen.

»Herr!« keuchte Christl und streckte in Verzweiflung die Hände. »Alles!
Herr! Nur lasset mein gutes Weibl in christlichen Boden tun! Man muß
doch wissen, wo man sich findet einmal. Und schauet, Herr, so schauet
das Weibl doch an! Man sieht's noch allweil, gnädiger Herr -- mein
Weibl ist so fromm und heilig gestorben -- schöner könnt auch der Papst
nit sterben!«

Der Kanzler erledigte in sich einen schweren Kampf seines privaten
Mitleids mit dem Amtsgewissen. »_Bene!_ Um seinetwillen! Wir wissen,
daß er immer ein verläßlicher Sohn der reinen Kirche war. Drum soll
ihm konzediert sein, dieses Weib, statt auf dem Freimannsanger, auf
seinem eigenen Acker zu verscharren.« Nach diesen Worten menschlicher
Barmherzigkeit verließ der Kanzler die rote Kammer.



Kapitel IX


Regungslos, mit schlaffhängenden Armen, stand Christl wie an die Mauer
genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So
betrachtete er sein Weib, als könnte er die Wahrheit dieser Stunde
noch nicht begreifen. Dabei hörte er draußen im Flur den Kanzler mit
erregter Stimme sagen: »_Reverendissime!_ Das Fürchterlichste an dieser
_chose effroyable_ haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes
Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsünde angewachsen an
die Erlösung! Der Himmel mit der Hölle verknorpelt! Wie soll man
diese unmögliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische
Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen!«

Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte
nicht. Er verstand nur: daß sein Glück zerschlagen, sein Leben
zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm
wühlte, rann immer dem unerträglichen Gedanken zu: daß seine Martle,
die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen,
sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's
einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik für
gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm
widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei
seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie
auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren
ließen. »Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln.« Daß
die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen
Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser
und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine
Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat
der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschüttete, der
Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr
Paradiesgärtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter
dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den
Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tät es
ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan
im Markt. Da wird er über den Lattenberg hinüber steigen müssen ins
Bayrische, wo die Pfarrherren gutmütiger und drum auch christlicher und
geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter
Katholik zu sein und wußte nicht, daß es genau so bei jedem anderen
begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden
oder Unrecht sehen mußte. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben,
die Unduldsamen im alten säen ihn aus, und die Geplagten in ihrer
Sehnsucht ernten ihn.

Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf
seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: »Dein Wasen wird heilig
sein. Das Büchl hab ich ihm lassen müssen, ein Herr ist stärker als
hundert Bauren.« Die Augen eingepreßt in das feuchte Kissen, lag er
unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dämmerung.
Die Hasenknopfin kam und sagte: »Ich hab gekocht, jetzt mußt du dem
Bübl das Mus geben. Von mir nimmt es nit.« Weil der Christl sich nicht
rührte, half sie ihm, sich aufzurichten. »Auch die Küh brüllen schon
die ganze Weil. Die mußt du melchen.« Während sie ihn hinausführte,
warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr.
Er fragte nicht: Wo ist es? -- atmete nur auf, weil das Fürchterliche
nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte.

Beim Ofen brannte die rußende Specklampe. Das Bübl war schläfrig,
öffnete aber gleich das Mäulchen, als es den warmen Holzlöffel an den
Lippen fühlte. »Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.«

Die Hasenknopfin arbeitete in der Küche. Manchmal hörte Christl ein
Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an
der Haustür. Alles war ihm, als käm' es aus weiter Ferne und gälte
irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bübchen in die
Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fuß den schweren
Wiegenkasten. Draußen war es finster geworden. Auch still. Da kam die
Hasenknopfin halb zur Tür herein und sagte: »Christl, ich geh.«

»Wohl!« Er nickte. »Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mußt du mir
Zeit lassen bis morgen.«

»Nit nötig, Christl! Für die Schwester Martle ist alles umsonst.« Es
schien, als möchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und
zog hinter sich die Tür zu.

Den kleinen weißen Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt.
Er dachte immer nur dieses Eine: >Jetzt muß ich es tun!< Als das
Bübchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zündete eine
Laterne an, ging in den Stall, molk und fütterte die Kühe und goß in
der Steinkammer die Milch in die hölzernen Rainen. Beim Heuholen hatte
er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden
mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und
den Spaten hervor, löschte die Laterne und verließ das Haus. Der Föhn
war stumm geworden. In der Nachtkühle begann der Schnee zu gefrieren.
Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war über die Seeberge
noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann
an, ließ aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die
erleuchteten Fenster des Stiftes glänzen, als hätte die Erde viel
größere Sterne, als der Himmel sie hat.

Gleich außerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld
hatte schon einen schneefreien Fleck -- es war die gleiche Stelle,
an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blühen. Muß da
der Boden nicht wärmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu
graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hälfte des Weihwassers
über das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fäuste
zum Himmel hinauf und bettelte: »Gelt, tu den Ackerboden segnen,
Herrgott, in den ich das Martle hineintun muß!« Das alles war leicht
gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurück ins Haus. Da trat ihm
aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: »Nachbar? Brauchst du
nit einen, der dir tragen hilft?«

Christl mußte um Atem ringen, bevor er antworten konnte: »Wohl, Mensch!
Ich zahl dich gut.«

»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles
umsonst.«

Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen
Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker.
Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel.
Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen
aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte
keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und
verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch
einem jeden dankbar.

Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes
Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib
erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!«
Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer
das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er
meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen,
es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den
Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums
andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand,
die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien
lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing
der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu
reden an.

Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht
heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!«

»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum
Königssee.«

Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen
mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst:
hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht
nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel
und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie
war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz
zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl
fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt
abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von
den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie
ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße
heraufzuziehen.

Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig
war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am
See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn
am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten
allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da
geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes
Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.«

»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis
hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr
los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und
brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um
so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite
Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten.
Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert
waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes
mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: >Mein Leupi tät
mich sänftlicher fahren!< Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des
Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert
Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer
mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten
machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich
Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das
Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen
mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob
aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin
doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu
schnattern begann.

Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit
verübeln, Frau?«

»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!«

Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der
junge Fischer wie verrückt und schrie dabei mit gellender Stimme:
»Leupi! Leupi! Leupi!« Weil man zu Bartholomä den Bierschlitten
erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach.
Sie kamen gelaufen. Neben der weißen Kirche fuhr der Beinschlitten
ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. »Herr Jesus!« lachte er in
seiner Freude. Als er ihre starren Hände und den hartgefrorenen Mantel
fühlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut:
»Herr Jesus!« Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden
auf.

»Geh!« wehrte sie erschrocken. »Du wirst mich ja doch nit tragen
wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!«

»Ich trag einen Zwölferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein
liebes Muttertierl bist du nit!« In Sorge rief er: »Fischmeisterin!
Trückene Wäsch für die Mutter! Und heiße Weinsupp einen ganzen Hafen
voll!« Er sprang zum Jägerkobel, über die Freistiege hinauf und flink
in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schöne Wärme
hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schälte und die
Schuhe von ihren Füßen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und
Wäsche. Leupolt hängte Mantel und Schuhwerk über das Ofengestäng und
schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bäcker,
wenn er backen muß vor einem großen Feiertag. Dann verließ er die
Stube. Draußen stand er auf dem schmalen Söller. Aus der Stube hörte er
den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner
Mutter. Er wußte, daß sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn
sie verbergen wollte, daß ein Schweres auf ihrem Leben lag.

Warum kam sie?

Die Fischmeisterin trat aus der Stube. »Die Mutter liegt schon. Den
Glühwein bring ich gleich.« Sie faßte den Jäger am Arm und sagte leis:
»Ich mach mir ein bißl Sorg.«

Leupolt erschrak. »Meinst du, sie hätt sich verkühlt?«

»Das nit. Aber du weißt doch: wenn's morgen föhnt, und es gibt einen
linden Tag, so druckt er das Eis noch ganz in Scherben. Und das Weibl
kann sitzen müssen in Barthelmä, wer weiß, wie lang.« Das war so. Er
selber hatte schon dran gedacht. Dennoch wär' es ihm lieber gewesen,
wenn die Fischmeisterin das nicht gesagt hätte. Sie und ihr Mann, ihr
Mädel, ihre zwei Buben, die drei Fischerknechte und der Platzjäger,
alle waren sie evangelisch, von den Unsichtbaren des Berchtesgadnischen
Landes die Ungestörtesten. So lange Frau Agnes im Hause war, mußten die
Neun sich hüten, konnten am Abend nicht Frag und Antwort geben nach dem
Spangenbergischen Katechismus, nicht vorlesen aus dem heiligen Buch.

Aus der Stube klang es ungeduldig: »Bub? Wo bleibst du?«

»Ja, Mutter!« Zur Fischmeisterin sagte er hart: »Ich will's überlegen.«
Es verdroß ihn, daß es Menschen gab, denen seine Mutter nicht
willkommen war. Er trat in die Stube. Frau Agnes, angetan mit einem
weißen Kittelchen, das zu eng war, saß in dem klobigen Jägerbett wie
ein Hühnchen im Metzenkorb. Lächelnd streckte sie ihrem Sohn die Hände
entgegen: »Bub! Jetzt wird's aber gleich einen Streit geben!«

»Zwischen dir und mir?« Er setzte sich auf den Bettrand. »Wär das
erstmal im Leben!«

»Doch, Bub! Wenn ich dir sag, warum ich gekommen bin, so glaubst du's
nit.«

»Dir glaub ich alles.«

Sie nahm dieses Wort wie eine Hoffnung. »Bub, ich bin übers Eis
gefahren, bloß daß ich dir einen süßen Krapfen bring.« Das glaubte er
nun wirklich nicht. Frau Agnes nickte. »Wohl! Greif nur hinein in den
Mantel! Da steckt er. Hoffentlich ist er nit auch getauft worden.«

Leupolt ging zum Ofen. Richtig! Aus dem Mantel kam ein
zusammengeknüpftes Tüchelchen zum Vorschein. Der Inhalt duftete so
fein, daß man seine Wesensart auch ohne Jägernase gewittert hätte.
»Aber Mutter!« Leupolt lachte, und Frau Agnes bekam zwischen den
Brauen eine Falte, als hätte sein sorgloses Lachen ihr wehgetan. Er
ging zum Tisch, knüpfte das Tüchelchen auseinander und wickelte den
goldgelben Krapfen heraus. Schon wollte er hineinbeißen. Da sah er
das Zwibebenkränzl, wurde ernst und drehte rasch das Gesicht über die
Schulter. »Mutter?«

»Ja, Bub! Den hab ich keinem anderen nit anvertraut.«

Er brach das Backwerk ruhig entzwei, fand das kleine Schilfröhrchen und
nahm den dünn zusammengerollten Zettel heraus. Als er die Schrift sah,
fragte er verwundert: »Das ist doch Vaters Hand nit?«

»Derweil ich den Teig gerührt hab, hat der Meister den Zettel
geschrieben.«

Seine Augen wurden groß. »*Wer*, Mutter?«

»Ihr Vater. Der Meister Niklaus.«

Heiß schoß ihm das Blut in die Stirn. Die Hand zitterte ihm ein
bißchen, während er die Lampe von der Mauer herunternahm, um besseres
Licht beim Lesen zu haben. In Sorge betrachtete ihn die Mutter und
begriff nicht, daß er so ruhig bleiben konnte. Als er gelesen hatte,
ging ein Lächeln um seinen Mund. Eine Weile sah er stumm vor sich
hin. Dann sagte er: »Mutter, jetzt muß ich was Ungutes verlangen von
dir. Gibt's morgen einen föhnigen Tag, so wüßt man auf Wochen nimmer,
wie man hinauskäm. Ich muß dich, eh der Nachtfrost auslaßt, auf den
Schlitten setzen. Sorg mußt du nit haben. Ich weiß den trockenen Weg
und bring dich gut wieder heim. Am Morgen muß ich draußen sein. Ich mag
mich nit suchen lassen. Ich will mich stellen.«

Frau Agnes entfärbte sich, versuchte aber doch, ein heiteres Wort zu
finden. »So! Jetzt bin ich umsonst ins Wasser gekugelt. Freilich,
tiefer als bis aufs Häutl ist's nit geronnen. Altes Leder ist
wasserdicht.« Sie wollte lachen, streckte aber plötzlich die Hand und
flüsterte: »Leupi? Muß das sein?«

»Was anderes weiß ich nimmer.«

Sie wollte fragen: Weißt du, was dir bevorsteht? Aber das verschwieg
sie. »Bub? Alles Grobe wird linder, wenn man ihm Zeit laßt. Wer weiß,
wie die Herren denken über drei Wochen? Wenn du vor Tag hinaufsteigen
tätst zum Hegerhäusl am Fundensee? Und tätst dich bis über Ostern
einwehen lassen im sicheren Hüttl?«

Er kam zum Bett und nahm ihre Hand. »Da tät der Wildmeister sagen:
ich wär ein schlechter Jäger, der nit weiß, daß vor der Osterzeit da
droben kein Wild nit steht. Die Steinböck, die das Tal nit mögen, sind
ausgestorben.« Er winkte gegen den Zettel hinüber. »Weißt du alles?«

»Von ihrem Vater.«

»Tust du mir's verdenken?«

»Was?«

Er wußte nicht, wie er es sagen sollte. Da fiel ihm das Wort ein, das
Pfarrer Ludwig zu ihm gesprochen hatte: »Daß ich wegspringen hab müssen
über dich und den Vater?«

»Geh, du Närrle! Das zählt doch nit. Jetzt geht's um *dich*!« Sie zog
ihn näher zu sich heran. »Den guten Rat, den der Meister gegeben hat?
Magst du den nit ein bißl nutzen?«

»Lügen?« Er schüttelte den Kopf. »Tätst du das christlich heißen?«
Seine Stimme wurde leis. »Und an das Mädel mich anhängen mit einer
Falschheit? Mutter, das geht nit. Da ist sie mir viel zu gut dazu!«

»Die?« Frau Agnes verlor die Ruhe. »Die dich hineinstoßt in Eisen und
Not!«

»So ist das nit. Einer geht über den Berg und muß hintreten auf einen
Stein, der ins Laufen kommt. Da kann man nit wissen, daß der Stein
einem Bäuml ins Leben schlagt. Wie fromm sie ist, das weißt du doch.
Schau, da hat ihr halt eine Stimm in der Seel geboten: Red!« Er
lächelte, fast wie ein Glücklicher. »Jetzt weiß ich doch, daß sie an
mich hat denken müssen.«

Erschrocken sah Frau Agnes ihren Buben an. »So lieb hast du sie?«

Seine Augen glänzten. »Lieber als mein Leben. Ich bin so, daß ich mir
auf der Welt bloß ein einziges Glück weiß. Sonst kein anderes. Da
heißt's halt: finden oder dran vorbeirutschen.«

Sie klammerte den Arm um seinen Hals. »Wenn du sie so lieb hast? Wär's
da nit denkbar, daß sie dich wieder hinüberzieht --« Sie stockte. »Auf
den alten und guten Glaubensweg?«

Leupolt blieb unbeweglich und stumm.

»So tu doch reden, Bub!«

Da sagte er schwer und langsam: »Wenn's für einen so kommt, daß Blut
und Glück ein ander Ding werden als Seel und Wahrheit? Mutter, das ist
hart. Aber wie man da gehen muß, da ist kein Zweifel nit. Gott, um die
Menschheit zu erlösen, hat den eigenen Sohn gegeben. Muß da nit der
Mensch die Kraft haben, um Gottes Willen zu geben, was ihm lieber ist
als Sonn und Freud?« Er fühlte ihre heißen Tränen an seinem Hals und
umschlang sie. »Einmal müssen wir reden drüber. Nit jetzt. Lieber auf
dem Heimweg. Die Stub hat hölzerne Wänd. Ich mag nit, daß dir einer in
Spott oder Unmut nachredet, was du mir sagen mußt. Da drüben in der
anderen Kammer --« Er verstummte, riß sich aus dem Arm der Mutter,
sprang hinüber zum Ofen und warf das Schilfröhrchen und den heimlichen
Zettel ins Feuer. Das war geschehen, bevor Frau Agnes fragen konnte:
»Was ist denn?«

»Die Hausmutter kommt.«

Nach einer Weile klangen die Schritte der Fischmeisterin auf der
Freistiege. Sie kam mit dem dampfenden Glühweinkrug und brachte einen
Brotwecken und geräucherte Saiblinge. »Sooooo!« Die Frau warf einen
spähenden Blick auf Leupolt. Er sagte ruhig: »Grad reden wir drüber,
daß die Mutter vor Tag hinaus muß übers Eis. Morgen könnt harter Weg
sein. Aufstehen braucht keiner im Haus. Ich mach schon alles.«

Da war die Fischmeisterin verwandelt in ein gefälliges Weibl, schwatzte
immer zu, putzte die Saiblinge, schnitt das Brot und ließ den heißen
Becher nicht leer werden. Frau Agnes mußte reichlicher schlucken, als
sie wollte. Wenn das Zureden der Fischmeisterin nimmer nützte, sagte
Leupolt: »Trink nur, Mutter! Da kriegst du einen festen Schlaf.« Er saß
auf der Ofenbank, verzehrte den Krapfen und griff immer wieder in die
Höhe, um zu fühlen, ob die auf den Stangen hängenden Kleider trocken
würden. Der Glühwein, die heiteren Worte, mit denen Mutter Agnes ihre
Sorge verschleierte, und die drolligen Scherzreden der Fischmeisterin
machten die Nachtstunde in der kleinen Stube so lustig, daß ein fremdes
Ohr auf drei Menschen hätte raten können, die ferne waren von allem
Zeitkummer. Als die Fischmeisterin endlich nach einem letzten Spaß die
Stube verließ, sagte sie das »Gelobt sei Jesus Christus!« wie eine gute
Katholikin. Sie und ihre Leute verstanden sich aufs Unsichtbarmachen.
Bei den häufigen Besuchen der Chorherren, die das Schlößl zu Bartholomä
nicht nur zum Jagen besuchten, auch häufig in Begleitung, um _à la
mode_ ein bißchen Pariserei zu treiben -- bei diesen Besuchen hatten
es die Fischmeisterleute gelernt, ihren Seelenwandel unverdächtig zu
machen. Sie wußten geschickt von einander zu trennen, was Religion und
Brotkorb hieß. Die Fischmeisterei zu Bartholomä war eine einträgliche
Stellung, für die man schon einige Rosenkranzperlen bewegen konnte.

Leupolt schien anders zu denken. Während die Fischmeisterin sich
gutgläubig entfernte, blitzte der Zorn in seinen Augen. Stumm erhob er
sich und drehte auf der Ofenstange den Mantel der Mutter um. Frau Agnes
nahm den glühenden Kopf zwischen die Hände und versuchte zu lachen.
»Bub, ich hab ein Quartl zu viel verschluckt. Die Hitzen fahren mir
auf, als wär der Teufel zu unterst in mir.«

»Oft sagt man Teufel. Und da ist's die beste von aller Lebenswärm.
Jetzt muß ich mich nimmer sorgen, daß du dich verkühlt hast. Gut
schlafen wirst du auch.« Sie tat einen schweren Atemzug. Mit dem Beten
wartete sie um seinetwillen, bis er die Lampe ausgeblasen hatte. In
der Finsternis sagte Leupolt: »Gut Nacht, Mutter! Ich weck schon, wenn
es sein muß.« Er streifte die schweren Schuhe von den Füßen, zog den
Kittel aus, legte ihn als Kissen auf die Ofenbank und streckte sich
hin. Flüsternd wiederholte Mutter Agnes: »Wenn es sein muß?« Bei diesen
vier Worten sah sie den Kanzler, den Richter, den Pfahl mit dem Eisen
und das kommende Leiden ihres Sohnes. »Bub?« Gleich erhob er sich und
ging auf den Strümpfen zu ihrem Bett. Sie suchte im Dunkel seine Hand.
»Sag mir, Leupi, tust du denn nimmer beten?«

»Wohl, Mutter! Fleißiger, wie sonst.«

»Was betest du?« fragte sie in Angst.

»Jetzt bet ich allweil --« Er schwieg. Dann sagte er mit völlig anderer
Stimme: »Ich bet: >Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach
Himmel und Welt; und täten mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst
mein Heil und meines Lebens Trost!<«

Ein Laut wie in heißer Freude. Frau Agnes hatte nicht nur die Worte
des Sohnes gehört, auch das Klingen seiner Seele, das Herzgeläut
seines tiefen Glaubens. »Jesus, Jesus,« stammelte sie im Glück des
Augenblickes, »betet einer so, da kann's doch so weit nit fehlen.«

»Nein, Mutter, es fehlt nit!«

Sie zog ihn zu sich herab, umschlang seinen Hals und preßte das heiße
Gesicht an seine Wange. »Jetzt bin ich ruhiger. Da brauchen wir auch
nimmer reden mit einander. Wer betet wie du, ist nie verlassen. Was
hätt das Reden für einen Sinn? Mir redest du nichts ein, und dir,
das merk' ich, ist nimmer auszureden, was dir wie Eisen in Herz und
Seel ist. Begreifen kann ich's nit, aber es ist so. Müssen wir's halt
nehmen, wie's ist. Und was kommt, das müssen wir tragen als Mutter und
Kind. Zwischen uns sollen Zeit und Herren nie einen Graben aufreißen.
Gelt nein?«

»Nie, Mutter! Vergeltsgott! Jetzt hast du mir's leicht gemacht.« Wie
wohlig seine Worte klangen! Dann ging er zu seiner harten Bank. Frau
Agnes lag unbeweglich und lauschte immer zu ihm hinüber. Ihre Augen
schlossen sich nicht, obwohl der Glühwein die Gedanken ihrer Sorge und
ihres Trostes ein bißchen durcheinander wirbelte. Auch Leupolt sah mit
offenen Augen in die Nacht. Sein Atem ging so ruhig, daß die Mutter
immer glaubte: jetzt schläft er. Gegen drei Uhr morgens erhob er sich
und schob ein paar Buchenscheite in die Ofenglut, damit die Kleider und
Schuhe der Mutter völlig trocknen möchten. So leise tat er es, daß kein
Mäuschen hätte erwachen können. Als er sich lautlos wieder hinstreckte
auf die Bank, sagte Frau Agnes: »Vergeltsgott!«

»Ich tu's doch gern. Schlaf nur! Es ist noch Zeit.«

Wieder die stillen, wachenden Stunden. Aus der Nebenkammer hörte
man das Schnarchen des Platzjägers. Und draußen im Zwinger schlugen
die Hunde an. Da kam wohl hungerndes Hochwild über den Gartenzaun
gesprungen, um an den Obstbäumen zu beißen. Die schwindende Mondhelle
verriet dem Jäger, wie weit es an der Zeit war. Gegen die fünfte
Frühstunde erhob er sich. Gleich sagte die Mutter: »Guten Morgen, Bub!«

»Du hast doch ein bißl geschlafen? Nit?«

»Die ganze Nacht. Und gut.«

»Gott sei Dank!« Er stellte den Rest der Weinsuppe zum Aufwärmen in die
Ofenröhre. »Dein Zeug ist trocken!« sagte er, nahm die Kleider von den
Stangen und legte sie auf das Bett. »Draußen putz ich deine Schuh. Da
kannst du dich gewanden derweil.«

Als sie wegfertig waren, tranken sie den warmen Wein und aßen einen
Bissen Brot dazu.

Die Feuersteinflinte mit dem Riemen um die Brust, hinter den Schultern
den Bergsack, auf dem Arm das Radmäntelchen und zwei wollene
Bettdecken, blieb er auf der Schwelle stehen und warf noch einen
Blick in die dunkle Stube, in der die Lampe schon ausgeblasen war.
Draußen sagte er: »Da mußt du Obacht geben, Mutter! Das Treppl ist ein
bißl vereist.« Auf dem Beinschlitten hüllte er sie fest in die zwei
Bettdecken und wickelte ihr auch den eigenen Mantel noch um Kopf und
Hals. Alles ließ sie schweigend geschehen, sah nur immer mit großen,
nassen Augen zu ihm auf. Bevor er hinter der Mutter auf den Schlitten
stieg, drehte er das Gesicht und ließ die Augen langsam hingleiten
über den grauen Jägerkobel, über das schmucke Herrenschlößl und über
den weiten Bogen der von schwarzem Schatten umwobenen Berge. Ob er das
im Leben noch einmal sehen würde? Wortlos stieg er auf das Brett und
begann den Schlitten zu treiben. Mit jagender Eile glitten die beiden
in die Nacht hinaus, ihrem Schicksal entgegen.

Manchmal klang das Dröhnen einer Eisfragel, die entzweisprengte, was
aneinandergewachsen war. Und immer hörte sich das an, als hätte man
stark an eine große Glocke geschlagen, irgendwo, in der Tiefe oder hoch
in der Luft.



Kapitel X


Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause
des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit
gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf
mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen
Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein
gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche
verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie
als eine Verunglimpfung des Himmels.

Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia
hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten
zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen
wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr
sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia
sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die
wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am
Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war,
hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem
Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere,
Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten
herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf
das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche
Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind
und Teufel, weiß und schwarz.

Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die
Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum
Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit *ein*
Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben
Kinder sind, das waren nun doch *zwei* Kinderchen, weiß und schwarz,
entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen.
Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich
einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die
breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit
des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser
Leute und die Entstehung rebellischer Rumore -- alles war vorhanden,
dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf
erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die
staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht
mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern
rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und
mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte
die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von
Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung,
daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben
werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. *Ganz*
verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe.
Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe
davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch
Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens
*ein* polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach
eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin
der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf
vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom
Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!«
Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der _ego
ipsus_, was das zwiefärbige _miraculum_ als Gottesstraf _in loco hujus_
bedeutet! Die preußischen _coloribus_ sind schwarz und weiß. _Ergo_,
wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische
permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine
Spassettibus nit machen.«

Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr
von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so
viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des
Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu
erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe
mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue
mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit
schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung
für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den
Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche
Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze
waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen
Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf
ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen
kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die
Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit
heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken.
Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen
Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen,
bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem
perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde
an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen
Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine
schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften
ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem
Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die
Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen.

Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von
Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die
fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer
im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei
aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der
_vulgo_ Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da
hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf
überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen
erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von
Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an
die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus
Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst.
Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine
_ordre_ auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine
_ordre_ auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher
Amtsgeheimnisse, eine _ordre_ auf Dingfestmachung der beiden
Hasenknopfischen Menscher und eine _ordre_ an alle Grenzwachen: weder
Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf
das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt
hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem
reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar
gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens
sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser
Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.

Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer
explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte
wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt
sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste
des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser
Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in
theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift
hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer
Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker,
wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das
Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach
außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von
763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß
diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre -- verläßlich
ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe
teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise *nicht*. Es gab
nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber
man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von
fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun
widerfuhr ihm *das*! Undank der bösen, niederträchtigen Welt!

Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau
entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind,
so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte,
den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die
Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch
ein Geschrei würde das geben! Und gar noch -- so was Sinnloses --
wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens
Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger
Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche
Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit
auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man
gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die
Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner
Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte
zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch
immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter,
die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud
reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin.

Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein
entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen
des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was
waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten
Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer
siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung!
Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet
erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken
den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen
Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung
eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das
andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten
Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war
dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in
ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere,
die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und
Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf
äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich!
Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens
vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom
Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein
Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen
Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem
Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen?
Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen,
der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre?

Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem
Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr
heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches
Metzgerwerk einem _medico_ zumuten, in dessen Händen die Obhut für
das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich
äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze
Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »_C'est juste, révérend!_
Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der
Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat
außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es
klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im
Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über
die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde
aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst.
In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die
fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte
überstanden hätte.

»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß
dieses Weib eine Irrgläubige ist?«

»Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von
seltenen Herzenskräften.«

»Für solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen
Fähigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?«

Die Verwachsung der beiden Kinder wäre ein Irrtum der Natur _ab
ovo_ gewesen. Doch alle beide hätten leben können. Der vorzeitige
Tod des einen Kindes wäre einer äußerlichen Ursache zuzuschreiben,
einem Stoß, den die Haynacherin bekommen hätte, oder einer schweren
Kränkung. »Der junge Bauer erzählte mir, daß es mit seiner Martle seit
der Weihnacht nimmer richtig gewesen wäre.« In dem Schweigen, das
dieser Bemerkung folgte -- ein Schweigen, bei dem sich viele Augen
auf Jesunder hefteten -- sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie
hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und plötzlich, nach
allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschütternd das
Erlöschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes
und das zerschlagene Lebensglück eines redlichen Menschen zwischen den
stummgewordenen Herren.

Jesunder sagte heiser: »Kommt zur Sache! Schließlich seid auch Ihr es
gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen
Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus
eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung für möglich?
*Ja?*« Dieses letzte Wort war nachdrücklich betont. Verstand Lewitter
nicht, daß man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte?
Er schüttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach
von der Verwachsung der zarten Knöchelchen, von der Verwebung der
Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die
verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlösbarer. Als man ihn ungnädig
und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage
entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in
gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter
der schlanken Hand gegähnt hatte, übertrug dem Kapitular Graf Saur den
Vorsitz und sagte: »Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte
ich mich am Morgen zu verständigen.« Nach der Entfernung des Fürsten
gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich
früher wenigstens im Ton gemäßigt. Jetzt wurden die Köpfe heiß, die
Kehlen rauh.

Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lärm hinein.
Was er da erlebte? Wie war das menschenmöglich? Und wer trug die Schuld
daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen
Einschränkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Männer. Da glaubte
jeder seine Pflicht zu erfüllen, den Gesetzen der Kirche und dem
Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das
Veraltete und Überlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann
auch der Himmel das wollen? Der Schöpfer eines ewig sich erneuernden
Frühlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker
neuer Blüte? Bei diesem Gedanken mußte Pfarrer Ludwig umherblicken in
dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, draußen
der Markt, alle Gassen und Häuser, die Dörfer im Tal, alle Bilder
des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der
Jahrhunderte sich geändert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur
dieser alte Saal der Entschlüsse -- ein Gleichnis der Dinge, die in ihm
geschahen -- war seit länger als einem halben Jahrtausend immer der
gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren
verblichenen Tressen, daß zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen
immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles
Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur
*weil* es das Jugendliche ist, das Kräfteschenkende, das Strebende? Wie
sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? »Sei ein Suchender, und
du näherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!«

Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden
hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken
war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der
Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der
Mauermitte, mit der einen Hälfte hinausreichend in die ungeweihte Erde,
mit der anderen Hälfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem
heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweiße Doppeltödchen
bestatten, die schwarze Erbsünde nach außen, das weiße Heil nach innen.
Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weißen und Schwarzen, aus
Gipsguß eine Scheidewand verfertigen und draußen die ungeweihte Erde
einfüllen, innen die geweihte.

Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur
Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berührte
sein Doktorwerk über die Penetrabilität einer Mauer für die Weihe. Da
*mußte* er sich äußern. »Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger
Fürschlag! Gewiß! Aber Diffizilitäten seh ich auch hier. Es soll
vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand
genau unter der *Mitte* der Mauer anzubringen wäre. Ich verweise
auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein
Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, daß die geweihten
und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man
dagegen ein Mittel fände? Wird da nicht späterhin das unterirdische
Larvengewimmel eine Grenzüberschreitung begehen, die verhindert werden
*muß*? Unter allen Umständen! Aber wie?« Die Debatte war von neuem
entfesselt. Man kämpfte, bis die Morgenglocken läuteten. Und nicht
die Klärung der Ansichten löste den leidenschaftlichen Streit, nur
die Ermüdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend nötigen
Frühstück. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es
noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lösung des Dilemmas
nichts anderes übrig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegensätze
des Schwarzen und Weißen durch einen operativen Eingriff voneinander
zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte,
zuckte die Achseln: »Ich bin ratlos, _parfaitement_!« Sein Beispiel
beeinflußte die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer
Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, ließ zwischen den
Wangenfalten die große Warze tanzen. »Auseinanderschneiden? Was
Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!«

»Doch wenn vom Getauften was hängen bleibt am Ungetauften. Da wird sich
der Himmel kränken.«

»Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn
ihr's vermutet, muß es vermieden werden.«

»Wenn aber vom Ungetauften was hinüberschleicht ins Geweihte? Da wird
sich in Bosheit die Hölle freuen!«

»Gotts Not und Leiden!« Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. »*Soll*
sich die Höll halt freuen! Vergönnt ihr doch in so schauderhaften
Zeitläuften ein bißl Vergnügen! Amen. Ich leg mich ins Bett.« Ohne des
empörten Lärms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verließ er den
Kapitelsaal.

Drei Viertelstunden später vertagte man die ergebnislose Sitzung bis
zum Abend.

In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank
ein kleines, weißes Bündel mit noch unentschiedenem Schicksal -- ruhte
hinter vergittertem Fenster und versperrter Türe, deren Schlüssel beim
Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb.

Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, saß ein
Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bübchens und schnitzte
an einem hölzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhügel der Martle
stecken wollte, noch ehe die Sonne käme.

Eine Nachbarin erbot sich, für den Christl die Morgensuppe zu kochen.
Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer
prasselte, setzte er sich in die Wärme, und während seine zitternden
Hände an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzählte er mit leiser,
wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle
gestorben wäre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er
das entstellte Gesicht. »Nachbarin?«

»Was, guter Christl?«

»So heilig sterben können, das ist nit irrgläubig.« Er tat einen
schweren Atemzug. »Gott verzeih mir die Sünd: ich tu drauf schwören,
daß meine Martle droben ist in der Seligkeit.« Seine Augen hingen am
flackernden Feuer. »Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb
nit an, bloß allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen
Menschenweg.« Die Nachbarin, die eine Gutgläubige war, blieb stumm.
Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht
einlassen. Da faßte Christl die Frau am Arm. »Du? Hast du nit gehört,
was sie da droben machen im Herrenstift?«

Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlöffel in der Pfanne
rührend, schüttelte sie den Kopf.

Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer
fort und nahm die Stirn zwischen die Hände. »Jesus, Jesus, jetzt muß
ich mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen! Eins für mein
Bübl in der Wieg, eins für die Martle auf dem Gerstenacker. Und
zwei Viertelen -- ich weiß nit, wohin ich die schmeißen muß!« Mit
den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den
erwachenden Tag.



Kapitel XI


Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Füße. Ehe der Morgen
hell wurde, erörterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden
die ungeheuerliche Sache. Für die Unsichtbaren war's eine bange
Beklommenheit, für die Treugebliebenen gab das schwarzweiße
Himmelszeichen Anlaß zu abergläubischem Schreck oder zu zorniger
Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preußische Gefahr, auf
die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte.

Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevölkert als sonst.
Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder,
die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen -- Luisa und
Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, daß sie von der
schwarzweißen Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil
der Meister ihr geboten: »Red nit drüber mit dem Kind!« Um der Sache
selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung
der Natur und das Unglück eines braven Menschen. Was anderes war es
nicht für die grade, verständige Sus. Aber ruhelose Sorge wühlte in
ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil
sie früh im Morgengrau den Muckenfüßl mit vier Gottessoldaten hatte
hinausmarschieren sehen zum Mälzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte
in ihr auch noch der Kummer über das zerstörte Bildwerk, das nach
ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schönste von allem
Schönen gewesen war.

Blaß und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden
Magd. Aus den Glockenfalten des grünen Mantels lugte wie immer der
Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrührte von der Bewegung
des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es
zu sehen, daß peinvolle Gedanken in ihr kämpften. Erst beim Eintritt in
die Kirche, aus deren Dämmerung die brennenden Wachskerzen wie schöne
Geheimnisse herausflimmerten, löste sich die irrende Qual in ihrem
Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit
geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gütig zu vergeben, alle
leidenden Seelen zu erfüllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete
sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrünstigem Gebet die Stirn
auf ihre verklammerten Hände gepreßt. Als die Schellen zur Wandlung
klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines
neugestärkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mädchenaugen.
Während Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: »Gott weiß, was in den
Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die
wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen
Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war.« Diese
Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche
verließ. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: »Geh heim, gute
Sus! Daß der liebe Vater auf sein Frühmahl nit warten muß. Ich hab
einen Weg, den ich nit verschieben darf.« Von dem, was Luisa sagte,
schien Sus nur die drei Worte >der liebe Vater< gehört zu haben. Eine
Blutwelle schoß ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie
möglich dem Meister zuschreien zu können: »Heut hat sie gesagt: der
*liebe* Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!«

Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinüber zur Wohnung des
Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus
der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt,
daß man glauben konnte, ihre Magerkeit hätte während dieser
aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Fülle angesetzt.
Auch roch sie auffällig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte
sie einen zärtlichen Augenaufschlag. »Ei guck, da ist ja unser frommes
Kindl schon wieder --«

»Mutter Jesunder?« Das klang so ernst, daß die nachtschwache Frau
sofort ein heftiges Mißtrauen empfand. Streng betrachtete Luisa
das jähverwandelte Runzelgesicht. »Was ich in meiner Herzensnot
dem hochwürdigen Herrn hab anvertrauen müssen? Ist es wahr, Mutter
Jesunder, daß du das in deinem Marktkörbl zum Pfleger getragen hast?«

»Aber Kindl,« begann die Frau zu klagen, »wie kannst du nur so was
denken von mir --«

Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten
Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich
gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin
dem Mädchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging
davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die
Zwecklosigkeit ihrer Zungenmühe, schickte dem Mädchen einen Wutblick
nach und murrte: »So eine unverschämte Gans! Die will ich ankreiden bei
unserem Herrgott!« Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau
Jesunder überzeugt war, daß Gott Vater das Menschengeschlecht nach
ihren Ratschlägen regiere. Das schloß aber die betrübliche Wahrheit
nicht aus, daß Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Füße
bekam, einen Rückfall ihres nächtlichen Leidens befürchtete und mit
Beschleunigung ihrer Haustür zustreben mußte. So wurde sie an der
Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, daß Luisa die Richtung
nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor
dem Scharfblick der Frau Apollonia höchst verdächtigen Mannes einschlug.

Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentür vernahm,
ließ die große Warze in ein vergnügtes Schmunzeln hinübergleiten. »Nur
allweil herein!« Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck
einer erstaunten Menschenseele. »Liebes Kind? Was suchst du bei *mir*?«

Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wörtchen betonte, erzwang von Luisa
die zornige Antwort: »Zum Jesunder geh ich nimmer.«

»Oh! Ooh! Oooh!« Mißbilligend schüttelte Herr Ludwig den weißen Kopf.
Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie
es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten
kräftig in das Feuer ihrer Erregung.

»Zum Jesunder geh ich nimmer!« wiederholte sie unerbittlich. »Ich tu's
nit, und müßt ich auch verzichten auf jede Seelentröstung.«

»Kind! Was hast du gegen den Jesunder?«

»Hochwürden?« Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Wisset Ihr nimmer, was
Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?«

Da sagte er mit ernstem Vorwurf: »Was ich an junger Narretei hab sehen
müssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet.
Nit? Und da liegt für mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine
Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist
jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein
Wörtl entreißen könnt, da tät er sich lieber die Knochen aus dem Leib
herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Daß seine Mutter
nit so schwerhörig ist, wie meine Schwester, dafür kann der Jesunder
nichts. Oder -- -- Kind? Du wirst doch nit glauben, daß *ich* was
ausgeredet hätt? Vor deinem Vater?« Ohne das heftige Kopfschütteln des
Mädchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: »Nein,
liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da
müßt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wörtl geredet haben! Nein,
nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!«

Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch
gelegt. »So ist das nit. Daß der Vater von meiner so sündhaften wie
törigen Narretei kein Fäserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt.
Der Vater --« Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. »Der
Vater glaubt was anderes von mir.«

»Was anderes?« fragte der Hochwürdige überrascht.

»Der Vater glaubt, ich hätt so einen hilflosen Wirbel im Köpfl, weil
ich --«

»Weil du?« half Herr Ludwig nach.

»Weil ich dem Leupolt gutgeworden wär.« Sie fügte stammelnd hinzu: »Aus
Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.«

»Um Gotteswillen!« Der Pfarrer schlug die langen Hände zusammen. »Wie
kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmögliches denken!« Nach
diesen Worten blieb es in der weißen Stube still, und Herr Ludwig
guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine
Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen
Federhütl in den Nacken gepreßt, stand Luisa unbeweglich und sah durch
das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der
Ablenkung benützte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte
er: »Das ist merkwürdig --«

Rasch wandte Luisa die Augen. »Was, Hochwürden?«

»Daß einem das unsinnigste Ding um so glaubhafter fürkommt, je länger
man drüber studiert. Es könnt wohl sein, Kindl, daß dein gescheiter
Vater recht hat. Einem sonst so redlichen Buben gut werden? Ja, ja!
Aber -- *nur* aus Barmherzigkeit? Das begreif ich nit. Allweil bin ich
des Glaubens gewesen: man liebt aus Herz und Seel, aus Blut und Jugend.
Freilich, was versteh ich altes Pfarrle von solchen Sachen! Ich weiß
nur, du hast zu barmherziger Sorg um den armen Buben einen Grund. Und
weil du deine heilige Barmherzigkeit nit vereinen kannst mit deiner
Treu im Glauben? Und dem Buben doch gutsein *mußt*? Deswegen bist du
zu mir gekommen? Um Hilf und Rat?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Hochwürden!« In ihrer Stimme war wieder
die alte Strenge. »Zwischen mir und dem anderen ist kein Weg. Da darf
ich mir einen Rat nit geben lassen.«

»Gut also! Soll der Bub in sein Elend rennen. Dein unverdächtiger
Vater darf sich nur warnen lassen von einem Gutgläubigen. Tut's ein
anderer, der muß ins Eisen, darf Sonn und Mond nimmer schauen. So ist
es christlich. Aber gekommen *bist* du doch zu mir? Da muß ich fragen:
warum?«

»Schier weiß ich es selber nit.« Luisas Gesicht, aus dem jede Spur
von Farbe verschwunden war, bekam den Ausdruck einer qualvollen
Verzweiflung. »Es hat mich halt hergetrieben in meiner Not. Mir ist so
weh ums Herz, ich weiß nit, wie. Alles verdreht sich in mir.«

»Sooo? *Des*wegen willst du einen Trost von mir? Für dich allein?«

Sie stand wie betäubt. Dann nickte sie müde.

»Kind! Bevor ich dich trösten kann, muß ich wissen, ob du Vertrauen
hast zu mir? Es ist mir so fürgekommen, daß du nit nur ein
unbegründetes Mißtrauen gegen deinen redlichen Vater hast, sondern daß
deine frommgläubige Seel auch mich für einen Verdächtigen nimmt?«

Sie senkte das erglühende Gesicht.

»Kindl? Ist das so oder nit?« Da nickte sie ehrlich und war in diesem
schamvollen Bekennen so hold und liebenswert, daß der alte Pfarrer die
Arme streckte, als möchte er das brennende Mädchengesicht zwischen
seine Hände nehmen und zärtlich diese flehenden Augen küssen. Doch er
wurde ernst und fragte: »Kind? Wer ist nach deinem Glauben unter allen,
die gelebt und gelitten haben, der Wahrhafteste und der Gerechteste
gewesen?«

Sie lispelte: »Unser heiliger Herr Jesus Christ.«

»Da denkst du, wie ich.« Er legte den Arm um Luisas Schulter. »Komm!
Und schau ihn an! Da hängt er an der Mauer, so schön, wie ihn dein
gläubiger Vater herausgeschnitten hat aus dem Holz! Das ist länger her,
als du lebst. Ja, Kindl, damals hat dein Vater die geschickte Hand noch
gehabt, die ihm ein ungerechtes Urteil hat wegschlagen lassen. Warum?
Weil dein Vater barmherzig gewesen ist. Weil er in seiner Güt nit
unterschieden hat zwischen römisch und evangelisch, zwischen weiß und
schwarz. Und weil er denken hat müssen: Mensch ist Mensch, und wo einer
leidet, da muß man helfen.« Während der Pfarrer langsam diese Worte
sprach, betrachtete er Luisas Gesicht mit forschender Aufmerksamkeit.
Und plötzlich fragte er verwundert: »Kind? Was tut dich erschrecken?«

Luisas erweiterte Augen waren in Pein und Hilflosigkeit auf das
Kreuzbild gerichtet. Gleich einer frommen Opfergabe hingen da zwei
weiße, zerschnittene Tüchelchen an dem eisernen Nagel, von dem die
blutenden Füße des Erlösers durchbohrt waren.

Pfarrer Ludwig schien von einem heißen Verlegenheitskummer befallen zu
werden. »Ach, Gott, ich bin aber doch ein grausamer Esel!« Er sprang
auf das Kreuzbild zu, packte die zwei Tüchelchen, stopfte sie in die
Hosentasche und sagte betrübt: »So wenig hab ich mir denken können,
daß *du* zu *mir* kommst! Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen
Fähnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf
den ersten Blick. Das ist mir leid.«

Stumm, unter Tränen, schüttelte Luisa den Kopf.

»Aber ich seh doch, es hat dir weh getan, daß die Tüchlen dich erinnert
haben an deine gottferne Narretei. Wie ich heimgekommen bin aus deiner
Kammer, hab ich sie da hergehangen und hab zum Allgütigen gesagt:
Gelt, tu dem jungen Kindl nit verdenken, was ausgesehen hat wie ein
Kinderspott auf dein heiliges Leiden, sie hat es nit so gemeint, ihre
Seel ist fromm.«

»Nit, Hochwürden,« unterbrach sie ihn leise, »ganz verdreht bin ich
gewesen. Und die zwei Tüchlen sehen müssen, das ist mir gewesen jetzt
wie eine verdiente Straf.«

»Jetzt sind sie doch nimmer da. Und wo sie gewesen sind -- schau, Kind,
da leg ich, um dein Vertrauen zu verdienen, meine Hand jetzt hin und
sag: Ich bin im Glauben geblieben, der ich allweil gewesen bin. Wie ich
gelebt hab, so will ich sterben: als Christ und getreuer Mensch. Ich
glaub an Gottes Güt und Gerechtigkeit, glaub an sein ewiges Walten.
Ich glaub an den Himmel und glaub an das Recht der Menschen auf Gottes
Gnad, glaub an die Pflicht der Menschen zu redlichem Leben und zu
hilfreicher Barmherzigkeit gegen Freund und Feind. Ob einer getreu ist
oder da drüben steht, ich weiß nit, wo -- ein leidender Mensch, da
muß man helfen. Ja, lieb Kind, das hab ich gelernt von deinem Vater.«
Nach diesen ernsten Worten fragte der Pfarrer lächelnd: »Ist das ein
Christentum, das dir verdächtig erscheint?«

Sie schüttelte den Kopf. Dann streckte sie die zitternde Hand und bat:
»Hochwürdiger Herr! Tu mir verzeihen in christlicher Güt!«

»Verzeihen?« Er streichelte ihr schönes Haar. »Dir bin ich doch nie
nit harb gewesen. Allweil hab ich verstanden, wie wertvoll deine liebe
Jugend ist. Und komm, jetzt setzen wir uns zum Fenster hin!« Er führte
sie in die helle Mauernische und stellte für sie einen Stuhl ganz nah
an die Scheiben. Da konnte sie alles gewahren, was da drunten geschah,
in dem von weißen Schneeresten übersprenkelten Hof, der zwischen der
Kirche und dem Gerichtsgebäude lag. Aber Luisa wandte keinen Blick
zum Fenster; in dürstendem Erwarten sah sie zum erregten Gesicht des
Pfarrers auf, der schwarz an der weißen Mauer stand und in den Hof
hinunterspähte, als müßte da drunten was geschehen, was er mit Ungeduld
erwartete. »Schau, Kindl, eh wir reden können von dem Trost, den du
suchst für dich allein, müssen wir ein bißl reden von einem anderen.«
Er sah das jähe Erglühen ihres Gesichtes und lächelte. »Von deinem
Vater.« Sie atmete erleichtert auf. »Wie kommt es, Kindl, daß du so
mißträulich gegen deinen Vater bist?«

»Man hat mir viel von ihm gesagt, worüber ich hab erschrecken müssen.«

»Sooo? Freilich, die Graden reden grad, die Krummen krumm. Einmal, am
Königssee, der ein Stündl von Berchtesgaden liegt, hat ein kleines Bübl
mich gefragt: >Was ist das für ein buckliges Häufl da draußen?< Weißt
du, was das Bübl gemeint hat? Den großmächtigen Untersberg. So sehen
deinen Vater die Leut, die sein mannhaftes Herz nie gesehen haben in
der Näh!«

»Oft redet der Vater, wie man als Christ nit reden sollt.«

»Sooo? Da hab ich nie was gehört davon.«

»So hab ich ihn reden hören mit dem Lewitter.« Scheu fügte sie hinzu:
»Und oft mit Euch.«

Der Pfarrer lachte, als hätte dieses Wort ihn freundlich erheitert.
»Mit mir? Und deswegen bin ich verdächtig worden für dich? Aber schau,
ich versteh noch allweil nit. Was reden wir?«

»Lewitter und mein Vater nehmen Gottes Wort nit, wie es verkündet
steht. Sie machen was anderes draus, sie deuten es um.«

»Tust du denn das nit auch?«

Erschrocken stammelte sie: »Um aller Seligkeit willen, das tu ich nit.
Das wär eine arge Sünd. Was Gott geredet hat, steht geschrieben. Das
muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.«

Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heißes Gesicht. Dann
sagte er leis: »Wie seltsam!« Wieder warf er einen raschen Blick durch
das Fenster.

»Hochwürden? Was ist seltsam?«

»Daß die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen
wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: >Was Gott
geredet hat, steht geschrieben, das muß man glauben, wie Gott es
gesagt hat.< Ja, Kind! Und *du* bist doch nit irrgläubig?« Der Pfarrer
schmunzelte. »Da mußt du mir jetzt erzählen, was im Paradies geschehen
ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich
versündigt hat zum erstenmal.«

»Sie wär gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der höllische
Verführer zu ihr geredet hätt.«

»Wer?« fragte Pfarrer Ludwig.

»Der höllische Verführer.«

»Ooooh?« Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm ein
kleines dickes Buch, schlug es auf, spähte durch das Fenster, las mit
lauter Stimme den lateinischen Text des Sündenfalles und schüttelte den
Kopf. »Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wörtl
vom höllischen Verführer. Da steht: die *Schlange*.«

»Das ist er ja doch gewesen!«

»Wer?«

»Der höllische Feind!«

»In Gottes Wort, da heißt es: die *Schlange*! Aber schau, lieb Kind,
ich denk wie du. Wir zwei, wir wissen, daß Schlangen nit reden können.
Drum deuten wir das Gleichnis der Falschheit um, machen was anderes
draus, was wir verstehen, und sagen: der höllische Feind und Verführer.
Aber was wir selber tun, mein Kind, das dürfen wir doch den anderen nit
zum Fürwurf machen?« Plötzlich, wie von Kummer befallen, sah Pfarrer
Ludwig durch das Fenster hinaus und flüsterte: »Ach, Gott! Der gute,
schuldlose Bub!«

Erblassend, von einem Taumel der Verstörung befallen, sprang Luisa zum
Fenster hin. Der Pfarrer streckte erschrocken die Arme: »Vom Fenster
weg! Das sollst du nit sehen! Das tät dich schmerzen.«

Sie klammerte die Hände um den Fensterriegel, preßte die Stirn an das
geriefelte Glas und atmete schwer. Was da drunten geschah, war deutlich
zu erkennen, obwohl es verkrümmt wurde durch die Rippen des Glases:
zwischen einem lärmenden Leuthaufen führten zwei Fronknechte den Jäger
Leupolt Raurisser vom Gerichtsgebäude zum Gefängnis hinüber. Er trug
die gekreuzten Fäuste hinter dem Rücken. Nun verschwand der lärmende
Schwarm, und der Hof da drunten war wieder leer.

Luisa wandte sich langsam vom Fenster ab und tastete gegen den Pfarrer
hin. »Das darf man doch nit geschehen lassen! Das tät ein Unrecht sein!«

»Unrecht!« klagte der Pfarrer und schritt mit seinen langen Beinen
aufgeregt durch die Stube. »Unrecht! Freilich ein Unrecht! So deutest
du es aus mit deinem guten Herzen. Aber da ist der Muckenfüßl! So ein
Rindvieh und Kummer Gottes! Und der Landrichter mit der Sauermilch im
Gehirn. Der macht aus einer redlichen Sach das Gegenteil und wirft den
schuldlosen Buben in Schand und Eisen. Und sagt: dem muß man den jungen
und schmucken Leib zermartern! Den muß man zerbrechen an Herz und Seel!
Bloß weil er als Mensch barmherzig gewesen ist und nit leiden hat
mögen, daß man ein Unrecht verübt an deinem schuldlosen Vater. Tu mich
nit falsch verstehen, Kind! Mich erbarmt der Leupolt nit.« Er sah den
Zorn auf ihrer Stirn und beteuerte: »Was geht mich der Leupolt an? Der
steht da drüben. Ich denk wie du, lieb Kind! Aber Unrecht ist allweil
ein Ding, das den Gütigen am Kreuz da droben traurig macht.«

Der zarte Körper des Mädchens schien zu wachsen und ihre Stimme bekam
einen schrillen Klang. »Man darf so ein Unrecht nit geschehen lassen.
Da muß man helfen!«

»Helfen? Wer denn? Du vielleicht? Geh, sei verständig, Kind! Du willst
doch nit gar hinüberlaufen zum Richter? Du? Ein verzagtes und mutloses
Mädel? Das tät ich verhindern müssen. Und schau, was tätst du dem
Richter sagen? Ich wüßt nit, was.«

Jetzt wurde ihre Stimme ruhig und rein. »Ich tät ihm sagen, was wahr
ist! Daß der Leupolt den Vater nit gewarnt hat aus Ungehorsam wider die
Obrigkeit.«

»So? Nit? Und warum denn sonst?«

»Er hat's getan --«

»So sag's doch! Sag's!«

»Bloß weil er mich lieb hat.«

»Aber Kind, tu töriges! Wahr ist's freilich, tausendmal wahr! Der hat
dich lieber als Vater und Mutter, lieber als Augen und Leben. Aber
daß er da drüben steht bei den Verdächtigen? Das darf man doch nit
vergessen.«

Mit erregter Strenge sagte sie: »Ein Mensch ist allweil ein Mensch.«

»Freilich, freilich, aber ich weiß doch, wie so ein dummes Mädel ist!
Da könnt der beste von allen Buben um ihretwegen versterben müssen --
von Liebhaben und süßer Vertraulichkeit, vom Heimgart, zu dem er hätt
kommen mögen, von Spinnrädl und Haustür, von so was redet doch ein
Mädel nit vor dem Richter. Auch nit das redlichste und tapferste. Da
muß man rot werden, verlegen und geschämig sein! Da muß man --«

»Hochwürden!« In Luisas Augen war ein Glanz, wie in den Stunden, in
denen sie betete. »Da kennt Ihr die redlichen Mädlen schlecht.« Sie
nahm ihr Buch und den Rosenkranz. Bei der Türe wandte sie das Gesicht.
»Den Trost, um den ich gekommen bin für mich allein, den hol ich ein
andermal. Jetzt muß ich zum Richter.« Ruhig wehrte sie mit der Hand,
weil der Pfarrer eine Bewegung machte, als möchte er sie festhalten.
»Das muß ich tun. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter
Marie!«

»In Ewigkeit Amen!« antwortete Pfarrer Ludwig mit einer Stimme voll
inniger Zärtlichkeit. Er sah die Tür an, lachte vor sich hin und kam
überraschenderweise zu einem ähnlichen Urteil, wie es Frau Apollonia
Jesunder über Luisa abgesprochen hatte. Nur der Klang war ein anderer.
»Du liebes Gänsl! Lauf nur! Und lauf durch Schmerzen hinein in dein
junges Glück!«

Aus der anderen Tür der Stube schob Schwester Franziska den Kopf
heraus, mit Sorge in den Augen. Der Pfarrer sah sie an und sagte
heiter: »Schwester! Wärst du nit taub wie ein Ofenloch, so tätst du
mich jetzt für einen argen Komödianten halten, nach einem Stündl, in
dem ich für ein leidendes Menschenkind ein hilfreicher Priester war.«
Franziska verstand nicht, aber sie atmete auf, weil sie den Bruder
lachen sah. Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand auf die Schulter
und schrie ihr ins Ohr: »Vor sieben Jahr, wie wir ausgezogen sind aus
der Stiftspfarrei? Ist da nit ein kleines Kistl dagewesen, mit alten
Schlüsseln?« Geschäftig nickte die Schwester, lief davon und war von
einer Sorge befreit, ohne zu ahnen, daß sie zur Mithelferin einer
Heimlichkeit wurde, bei der ihr hochwürdiger Bruder, weil er menschlich
empfand, um Ehre und Freiheit spielen mußte.



Kapitel XII


Im großen frostigen Flur des Richterhauses standen viele Leute, die
ihrem Verhör entgegenbangten. Alle Verwandten der Hasenknopfin waren
da, Bauern und Weiber von Unterstein und von der Wies. Simeon Lewitter
stand blaß in einer Fensternische. Nun wurde er vorgerufen. Während
er sich zur Richterstube hinzappelte, trat Meister Niklaus heraus.
Der hatte eine rote Stirn, aber ruhige Augen; ohne ein Wort zu sagen,
tröstete er den Freund durch ein aufmunterndes Blinzeln und durch das
verabredete Zeichen dafür, daß Leupolt kein Wort gesprochen hatte, das
die Freunde belastete. Pfarrer Ludwig hatte das richtig vorausgesagt:
»Auf uns wird sich der grade Bub nit ausreden. Wird nur sagen: er hat
uns für schuldlose Leut gehalten, und drum hat er uns warnen müssen.
Über das Mädel schnauft er keinen Laut. Nur über sich selber wird er
die Wahrheit sagen, die ihn verläßlich ins Eisen bringt. Bei jedem
redlichen Wörtl wird die Sauermilch auf dem Richterstuhl glauben: Das
ist gelogen! -- _Sancta justizia!_«

Simeon Lewitter trat in die Richterstube, und Meister Niklaus schritt
durch den langen Flur der Haustür zu, ohne der aufgeregten Männergruppe
zu achten, in deren Mitte eine halb von Schmerz erwürgte, halb
wunderlich verzückte Stimme zu hören war. Die Zeugen, die über das
schwarzweiße Doppeltödchen auf der Schwelle des Chorkaplans Jesunder
etwas auszusagen hatten, die Musketiere, Lakaien und Jägerknechte
standen um den Christl Haynacher herum, der immer vom heiligen Sterben
seines Weibes erzählte. Das war in ihm zu einem Rad geworden, das
mit eisernen Zähnen die verstörte Seele des Christl gefaßt hatte und
nimmer losließ. Die aufgeregte Leutgruppe, die ihm zuhörte, schied sich
deutlich in zwei Parteien: in eine solche, die sich über den Christl
ärgerte oder über ihn lachte, und in eine solche, die schweigend
lauschte, mit heißem Glanz in den Augen. »Allweil bin ich ein
Gutgläubiger gewesen!« klang die bebende, von einem fast unheimlichen
Unterton durchfieberte Stimme des Christl. »Nie hab ich mich arg
versündigt, Leut, und trotzdem bin ich elend worden an Leib und Seel.
Und muß mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen, in eins für mein
gottseligs Martle --«

»Gottselig?« unterbrach ihn von den Musketieren einer. »Als
Gutgläubiger mußt du sagen: verflucht auf ewig. Hat man nit das
verbotene Teufelsbuch gefunden in ihrem Bett?«

Christl Haynacher hob die Arme. »Wahr ist's, Leut! Aber ein Weibl, das
so gottselig gestorben ist, wär wieder rechtgläubig worden, wenn's noch
leben hätt dürfen! Da glaub ich dran, so fest, wie ich glaub, daß mein
Weibl im Himmel ist.«

Eine Stimme lachte: »Im Himmel, ja, wo man die Leberwurst mit Schwefel
schmälzt!« Viele von den anderen, die bisher schweigsam geblieben,
schalten den groben Spötter. Und Christl Haynacher mahnte: »Nit
streiten, Leut! Auf der Welt muß Fried werden. Gütigkeit muß mithelfen,
daß die verloffenen Seelen wieder heimfinden zur heiligen Mutter.
Freilich, da därf man die Leut nit an Weihnächten aus der Kirch
jagen. Und hätt man nit meiner Martle auf ihren gesegneten Leib einen
Stoß gegeben, daß eins von ihren lieben Kinderlen hat schwarz werden
müssen unter ihrem gottseligen Herzl --« Seine Trauer erwürgte, was
er sagen wollte. Geleitet vom Feldwebel Muckenfüßl kam Lewitter aus
der Richterstube, huschte flink wie ein Wiesel davon und war schon
verschwunden, noch ehe Christl Haynacher die verlorene Stimme wieder
fand. »Meine Martle hat leiden müssen, ärger als ein vergrabenes Leben
unter hausgroßen Steinbrocken. Aber nit ein einziges Zornwörtl hat sie
dawider gehabt, daß man sie gepeinigt hat bis auf den Tod. Und wie sie
sterben hat können, ihr guten Leut, das ist gewesen wie ein schönes
Wunder. Allweil ist Gott ein Trost für die Seinen, hat sie gesagt.
Und wie der Schnee im Frühling wegrutscht von den Berghalden, so ist
der Wehdam abgefallen von ihrem gemarterten Leib. In den Augen hat
ihr ein Glanz gebronnen, so heilig, als tät sie das Himmelreich offen
sehen. Glaubet mir, Leut, so fromm und schön ist nie noch ein Bischof
und Papst gestorben. Wär das Martle nit droben im Himmel, so wär der
Tag nimmer Tag. Der Singvogel müßt ein Käfer in der Mistgrub sein. Und
einer wie ich, so ein Elendsbröckl, ich wär ein vergnügtes Mannsbild
mit drei gutgetauften lebendigen Kinderlen und einem lustigen Weibl,
das tanzen geht, hoppsa und huiserla --« Der Christl nahm den Kopf
zwischen die Fäuste und brach in Schluchzen aus.

In dem Schweigen, das ihn umgab, klang es streng von der Richterstube
her: »Was ist denn das _in loco hujus_ für ein fürlauter Subjektivus?«

»Schauet, ihr christlichen Leut, mein gottseliges Martle --«

»Not und Sakeramentum!« Muckenfüßl stieß den Säbel auf die
Steinfliesen. »Wird der Subjektivus bald _silentium_ observieren und
das Maul halten?«

Christl Haynacher guckte drein wie ein aus frommen Träumen zu bösem
Leben Erweckter. Er nahm die Kappe herunter. »Guter Herr, ich tu
doch bloß von meiner Martle erzählen! Das kann mir doch keiner nit
verbieten. Von christgläubigen Sachen muß man doch reden dürfen?«

Gegenüber diesem unerwarteten Widerstand versagte dem Feldwebel die
Kanzleisprache. Kummervoll erklärte er in makellosem Deutsch: »Da
muß man einschreiten!« und trat in die Richterstube. Das war ein
weißgetünchter, von Spitzbogen überwölbter Raum mit braunem Holzgerät.
Früher hatte die weiße Mauer ein großes Gemälde des Jüngsten Gerichtes
getragen. Der neue Landrichter hatte das Bild übertünchen lassen,
weil er der Meinung war, daß es die Schuldlosen verzagt mache und die
verlogene Vorsicht der Verbrecher schärfe.

Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, saß der Mälzmeister
Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der
Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen
Duft von gerösteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die
Zornadern an den Schläfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um
den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mälzmeister vor
dem Richter und der ihm innewohnenden Gefährlichkeit einen scheuen
Respekt zu haben. Unbeweglich saß er auf der Bank und hielt mit der
Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit
und Erbitterung um den Sohn gekämpft hatte. So oft sie sich rührte,
klammerte der Mälzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in
Sorge, daß sie wieder etwas Aufreizendes sagen möchte. Augenscheinlich
war er kein Menschenkenner, auch gegenüber seinem Weibe nicht, mit
dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau
Agnes bot nicht den Anblick, als wäre sie zu weiterem Widerspruch
entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablässig an, aber nicht
mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wäre dieser würdevolle,
schwarzgewandete und weißgelöckelte Herr für sie etwas völlig
Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden.

Hinter erhöhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele
dickbäuchige Bücher lagen, saß der Richter in würdiger Haltung neben
dem Schreiber, dem er mit großem Aufwand lateinischer und französischer
Worte den Schluß eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten
Haarschnörkeln der umständlich gedrechselten Roßhaarperücke stach
ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglänzenden
Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen
schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches
und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rätselvollen Mischung,
die stets in der innigen Ehe eines unbegründeten Selbstbewußtseins
mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue
Landrichter, für die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb
lächerliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht
besaß, jede Wahrheit als Lüge, jede Lüge als Wahrheit zu erkennen und
ihre tägliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften.
In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter
Mensch, wurde er in Ausübung seines Berufes eine um so gefährlichere
Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen
Entscheidungen überzeugt war. Ein Gleichnis für seine Justizmethode war
die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernünftige
Mensch des gleichen Namens hätte sich >Ring< geschrieben. Der
Landrichter _Dr._ Willibald hatte dazu vier überflüssige Buchstaben
nötig und schrieb sich >Hringghh<. In gleicher Weise formte er seine
Urteile. Gewiß, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand
sie nicht. Für seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins
Gegenteil ihres Wesens.

Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den _Dr._
Willibald Hringghh als juridische Mißgeburt erzeugte, leider als
eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen
auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der
Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich
als die Wahrheit, nichts so glaubwürdig als ein mit Ruhe geschworener
Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen,
bei _Dr._ Willibald mit den vier überflüssigen Buchstaben -- bei
diesem würdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmündiges Mädelchen
stundenlang über das _Semen frigidum_ des Teufels inquirieren konnten
-- trat der Irrtum als beängstigende Regel auf. Wer vor seinen
Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: »Du sprichst
die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du
verurteilt werden.« Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte
ihn der Fürstpropst mit lächelnder Gnade: »Unser getreues Justizkamel!«
Und ließ ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das
größere Verbrechen als die bedauerliche Sünde, die eine unbegreifliche
Schicksalsfügung dadurch beging, daß sie dem Lande Berchtesgaden dieses
richterliche Käsgehirn als schädliche Laus in die Lebenswolle setzte.

Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig überragender Gehilfe
der Feldwebel Muckenfüßl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der
Landrichter diktierte, mußte Muckenfüßl schweigen. Als der Streusand
rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: »Euer Hoch-Ehren!
Rapportiere subordinaliter, daß da draußen _in loco hujus_ ein
Subjektivus befindlich ist, der _vulgo_ Haynacher, der das schwarzweiße
Monstrum hat produzieren helfen, und deß nit genug, reißt er
impertinalimentisch den Brotladen auf, räsonnieret wider den Papst und
macht mit landsverräterischen Rumoribus die Population im Glauben irr.
Das hat mein eigener _ego ipsus in loco hujus_ observieren müssen.«

Der magere Hals des Landrichters verlängerte sich, und weißer Puder
nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine
winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte
Mädchenstimme im Flur, die Tür wurde aufgerissen, und Luisa im grünen
Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der
Schwelle der Richterstube.

Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr über die Lippen der
Mutter Agnes.

Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des
Richters das junge Mädchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas
angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der
wechselnden Glut und Blässe ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer
Hände, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den
Rosenkranz an der kämpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich
so klar und leichtverständlich, daß es der Richter mit den vier
überflüssigen Buchstaben mißverstehen *mußte*. Nach seiner Meinung
war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fähigkeit begnadet,
sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdächtig, als
Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch länger,
und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu
verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung
des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit
strenger Würde richtete er an Muckenfüßl die Frage: »Wer hat diese
verdächtig aufgeregte Jungfer citiert?«

Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und
stammelte: »Herr Richter! Ich hab gesehen, daß man den schuldlosen
Leupolt zum Eisen führt. Da muß ich Zeugschaft geben für ihn --«

Eine erledigende Handbewegung. Fein lächelten die überflüssigen
Buchstaben und ließen nur die eine Silbe vernehmen: »Ssssso?«

Die hoheitsvolle Kälte dieses Lautes schien wie Eiswasser über Luisa
hinzuströmen. »Herr Richter --«

Wieder jene Handbewegung, etwas kräftiger. »Augenblicklich besitze ich
für formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren,
wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.«

»Herr Richter?« flehte Luisa verstört. »Ist es für die Wahrheit nit
allweil Zeit?«

»Nein. Jedes Ding _secundum juris regulam_. Nach der dubiosen Weisheit
uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit
sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem
müssen die Formalitäten des Prozeßverfahrens observiert werden.«

»Herr Richter?« Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. »Steht die
Unschuld eines Menschen nit höher --«

»Nein!« unterbrach er sie. »Deshalb wird die Jungfer sich jetzt
entfernen. Ich erkenne ihre unzulässige Voreingenommenheit für den
Inkulpaten und bezweifle, ob man sie überhaupt zur Zeugnislegung
berufen wird.«

Sie stammelte: »Aber guter Herr Richter! Da muß doch ein Irrtum --«

»Irrtümer vonseite der Gerechtigkeit, der ich diene, sind
ausgeschlossen.« _Dr._ Willibald wollte die Feder in die Tinte tauchen,
irrte sich und fuhr mit dem Kiel in die Streusandbüchse.

»Aber Herr! Ich bin's doch gewesen, mit der in selbiger Nacht der
Leupolt geredet hat! Ich bin doch die einzige, die weiß --«

Wieder unterbrach er sie: Ȇber den Glauben, der einem Zeugen zu
schenken ist, entscheidet weder die Tatsächlichkeit der Ereignisse,
noch die persönliche Qualität des zeugenden Subjekts, sondern einzig
und allein meine richterliche Räson. Punktum!« Zu diesem Worte
des Richters machte Feldwebel Muckenfüßl erfreut die Bewegung des
Streusandschüttens. Die dünne Stimme des _Dr._ Willibald verschärfte
sich: »Sollte sich die Jungfer nach dieser Aufklärung nicht entfernen,
so werde ich sie durch eine Amtsperson zur Tür expedieren lassen.« Er
vertiefte sich in die Durchsicht des Protokolls, das er vor einer Weile
dem Schreiber diktiert hatte.

Luisa stand wie betäubt und sah den Tisch der Gerechtigkeit so ratlos
an, als wäre sie in eine unverständliche Welt geraten, die ihr so
schreckhaft wie unmöglich erschien. Da legte sich ein Arm um ihre
Schultern, und als sie aufblickte, sah sie das blasse Gesicht und die
guten Augen der Mutter Agnes. »Geh, lieb Kind!« sagte die Mälzmeisterin
leise. »Der liebe Gott wird wissen, warum er's duldet. Ich will meinem
Buben sagen lassen, daß du reden hättst mögen für ihn. Da wird es ihm
leichter werden, wenn er leiden muß. Gott ist mit uns, lieb Kind, drum
dürfen wir nit verzagen.«

Das Mädchen sah erschrocken den Feldwebel Muckenfüßl an, der nach einem
Wink des Richters auf sie zutrat. »Jesus --« Mit der Hand, die den
Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern hatte, tastete Luisa ins
Leere. Dann verließ sie bleich und wortlos die Richterstube. Menschen
und Mauer, Licht und Dunkel, alles schwamm ihr vor den Augen. Wie
im eintönigen Geräusch des Regens das Hämmern einer Traufe klingt,
so hörte sie in dem schwirrenden Lärm eine fiebernde Stimme rufen:
»Da gibt's kein Verbieten nit! Was wahr ist, muß einer sagen dürfen.
Und tät mein gottseligs Weibl nit im Himmel sein, so tät ich einen
Misthaufen heißen, was Gerechtigkeit ist. Mein Weibl ist so heilig und
fromm gestorben --«

Die Stimme erlosch. Ein schweres Keuchen, ein hartes Klappern
genagelter Schuhsohlen. Dann die gemütlich klingende Rede: »Gelt, du
Subjektissimus, jetzt kannst du _silentium_ observieren!«

Luisa trat in die Morgensonne und preßte den Arm über die vom
Himmelslicht geblendeten Augen. Dann schritt sie gegen die Marktgasse
hinüber, immer schneller, und schließlich fing sie zu laufen an, daß
ihr ein paar Leute verwundert nachsahen. Nicht viele. Obwohl es in der
Marktgasse von Menschen wimmelte. In aufgeregten Gruppen standen Weiber
und Männer beisammen. Überall war lauter Zank oder scheues Gewisper,
grollendes Wortknirschen oder erbitterte Schimpferei. Überall klangen
die gleichen Worte: schwarz und weiß, Heil und Verdammnis. Und immer
wieder die vier Namen: Haynacher, Hasenknopfin, Lewitter und Leupolt.

Als Luisa ihres Vaters Haus erreichte, glich sie einem Menschenkind,
das völlig von Sinnen ist. Sie hörte nicht den Sorgenschrei der Sus. An
der blonden Magd vorüber, tastete sie gegen die Werkstatt ihres Vaters
hin.

Meister Niklaus stand bei seiner neuen Arbeit und legte, als er sein
Kind so kommen sah, erschrocken die beinerne Spachtel fort, mit der er
gebosselt hatte an dem roten Wachs. »Um Gotteswillen! Kind? Was hast
du?«

Sie sah nicht die schöne Morgensonne in dem großen Raum, sah nicht die
werdende Arbeit ihres Vaters: diese schlanke von Schmerz und Sehnsucht
bewegte Gestalt eines jungen, arm gekleideten Weibes, das mit seitwärts
gebreiteten Armen wie angeschmiedet an einer halb zertrümmerten Mauer
steht und den dürstenden Blick nach oben richtet. Nur das Gesicht des
Vaters schien Luisa zu sehen, nur seine Augen. Und als er das spanische
Hütl von ihrem Scheitel nahm und den Rosenkranz aus ihren zuckenden
Fingern löste, fragte sie mit erwürgter Stimme: »Vater, was ist
Gerechtigkeit?«

Eine Weile sah er sie prüfend an. Dann antwortete er mit ruhigem Ernst:
»Das kann ich dir nit sagen, Kind. Allweil hab ich an sie geglaubt,
allweil hab ich sie gesucht auf Erden. Schau her, was ich gefunden
hab.« Er streckte den Arm mit der hölzernen Hand.

Ihre Augen wurden groß. So stand sie zitternd. Und plötzlich mußte
sie schreien in ihrem Schmerz. Und sah, wie ihr Vater erschrak. Unter
rinnenden Tränen stammelte sie: »Du bist gut!« Schluchzend hing sie an
seinen Hals geklammert. »So viel mißträulich bin ich gewesen! Tu mir
verzeihen, Vater! Ich will dein treues Kind sein. Wie du auch deutest
und redest, ich glaub an dich und ich hab dich lieb.« Ihre Stimme
erlosch, und eine Schwäche schien sie zu befallen.

Er hob sie auf seine Arme. Glück und Sorge wirrten sich im Klang seiner
Worte durcheinander: »Sus! Sie muß verkrankt sein in der eisigen Kirch.
Am Morgen hat sie kein Brösl gegessen. Schnell, liebe Sus! Das Kindl
muß gleich was Kräftiges haben.« Er trug sie über die Treppe hinauf, in
ihre Kammer.

Die Sus rannte wie verrückt in die Küche, schürte das Feuer und
schaffte, als möchte sie jede Minute zur Sekunde machen. Und wie ein
Husch mit dem dampfenden Schüsselchen über die Stiege hinauf. Unter
der Kammertüre nahm ihr der Meister die Suppe ab und sagte fröhlich:
»Vergeltsgott, gute Sus! Das ist gegangen als wie gezaubert.« Er sah
nicht das glückliche Leuchten in den Augen der Magd, sah nur das
zinnerne Schüsselchen an und trug es auf vorgestreckten Händen zum
Bett seines Kindes. »So, liebs Weibli, jetzt komm und iß.«

Luisa richtete sich in den Kissen auf. Noch brannten ihre Augen vom
Weinen, noch schimmerte die Feuchtigkeit der Tränen auf ihren Lippen.
Aber ruhig war sie, ganz ruhig. Und als sie das qualmende Schüsselchen
auf dem Schoß hatte, sah sie mit einem wunderlich verträumten Blick
zu ihrem Vater auf. »Es ist dir in den Augen, wie freudig du sinnest
an deiner Arbeit. Das tust du mir jetzt zu lieb, gelt ja, und tust um
meinetwegen nimmer Zeit verlieren?«

Er beugte sich zu ihr nieder, küßte ihr Haar, und als wär' sie eine
Schlafende, ging er auf den Fußspitzen aus der Kammer. In der Werkstatt
stand er lange unbeweglich. Immer lächelte er und betrachtete sein
Werk. Sich reckend, rief er über die Schulter: »Sus!«

Gleich war sie da. »Soll ich den lichtblauen Kittel antun?«

»Nit nötig! Wie irdischer du bleibst, so besser. Stell dich dort an
die sonnige Mauer hin! Schau her da, so!« Er deutete auf das rote
Wachsfigürchen.

In scheuer Freude betrachtete Sus das neue Werk und wußte nicht, daß
sie schon einmal an der Wand gestanden. So! Fast eine Stunde hielt sie
unbeweglich aus. Und Meister Niklaus arbeitete so leicht und flink,
als wäre seine hölzerne Hand wieder Bein und Blut geworden. Man sah
es ihm an, wie ihn nach der glücklichen Wandlung, die er an seinem
Kinde wahrgenommen, nun auch die Freude an seinem werdenden Werke neu
belebte. Plötzlich machte Sus eine erschrockene Bewegung, hob lauschend
den Kopf, sprang zum Ofen hin und warf sich auf die Knie, als müßte
sie das niedergebrannte Feuer schüren. Auch Meister Niklaus hatte den
Schritt seines Kindes vernommen und sagte leis: »Da mußt du nimmer
erschrecken, Sus! Dem Kindl gehen die Augen fürs Leben auf. Da wird sie
begreifen, was sie gestern noch nit verstanden hätt.« Er dachte bei
diesen Worten nur an seine Arbeit, die des lebenden Vorbildes nicht
entbehren konnte. Daß die Maria der Verkündigung nach dem Körper der
Magd gebildet war, das hatte er vor Luisa immer verheimlichen müssen;
sie hätte ihm das in ihrem Klosterglauben als schwere Versündigung
angerechnet. Doch Sus schien aus den Worten des Meisters etwas anderes
herausgehört zu haben. In ihren Zügen war der Ausdruck einer müden
Qual, und heftig schüttelte sie den Kopf, wie um zu sagen: das wird sie
nie verzeihen.

Luisa trat ein. Sie trug ein ziegelfarbenes Hauskleid, das sich lind an
ihren Körper schmiegte. Als sie die Magd beim Ofen sah, ging sie rasch
zu ihr hin und sagte mit warmer Herzlichkeit: »Laß *mich* das tun,
liebe Sus! Alles, was dem Vater freundlich ist, will ich schaffen.«
Stumm erhob sich die Magd und verließ die Werkstatt. Achtsam legte
Luisa die Scheite in den Ofen. Ein Krachen und Prasseln, das Rauschen
der erwachenden Flamme. »Jetzt wirst du nimmer kalt haben, Vater!« Er
sah in Freude zu ihr hinüber. Sie trat an seine Seite und betrachtete
das neue Werk. Eine seltsame Erschütterung befiel sie, und etwas tief
Innerliches war in ihrer leisen Stimme, als sie sagte: »Das redet mir
heilig in die Seel. Schaut man es an, so möcht man weinen und muß sich
doch freuen dran.«

Ein frohes Aufatmen ihres Vaters. »Dann wird es, wie es sein muß.«

Sie hob die Augen. »Aber da ist kein Engel nit?«

»Eine Verkündigung soll das nit werden.«

»Eine christliche Blutzeugin?«

»Auch nit.«

»Eine Heilige?«

»Kann sein.« Ein Lächeln huschte um seinen Mund. »Es gibt doch eine
heilige Kümmernis? Da kann's auch eine heilige Sehnsucht geben.
Vielleicht auch eine heilige Menschheit. Was ich da machen hab müssen,
das ist mir ein Bild des irdischen Lebens, das allweil leidet, allweil
glaubt und in Sehnsucht allweil auf Erlösung hofft. Lang muß man
harren. Einmal kommt sie.«

Luisa sah den Vater an, als hätte sie den Sinn seiner Worte nicht ganz
verstanden. Wieder betrachtete sie das rote Wachs, diese von Qual und
Erwartung durchglühte Frauengestalt. Wie eine Träumende flüsterte sie:
»Ja, Vater, das ist wahr! Die Erlösung ist vom Kreuz zu den Menschen
heruntergestiegen. Und allweil wieder kommt sie. Sonst tät man nimmer
glauben können.« Ein leises Aufatmen. »Ich glaub, daß der gnädigste
Fürst gerecht ist und einen Schuldlosen begnaden muß.« Sie schlang die
Hände ineinander und stand unbeweglich.

Bei der Stille, die in der sonnigen Werkstatt war, hörte man von ferne
her ein rasselndes Geräusch -- den Hall der Polizeitrommel.



Kapitel XIII


Wo der Platz vor dem Leuthaus sich hinüberbog in die Marktgasse,
war ein schweigsames Leutgedränge. Frauen und Mädchen guckten aus
allen Fenstern heraus. Die Trommel rasselte. Und der Feldwebel des
Pflegeramtes, begleitet von vier Soldaten Gottes, verkündete den
Lauschenden: Zum ersten, daß jeder Untertan, so vom Aufenthalt der
Hasenknopfischen Menscher, wie von der verbotenen Außerlandsfahrt des
irrgläubigen Hasenknopf in geringster Kenntnis wäre, dies unversäumt,
zur Vermeidung geziemender Straf, der Obrigkeit bekanntgeben müsse.
Zum anderen, daß die Untertanen, ausgenommen den sonntäglichen
Kirchgang, jede Rottierung auf der Straße, wie jedes Herumtragen von
Unruh erzeugenden Redereien unter Androhung dreitägiger Inhaftierung
zu vermeiden hätten. Zum dritten, daß nach gerechtem Spruch der Jäger
Leupolt Raurisser wegen Ausschwätzung eines geheimen Amtsbefehls
zu Pfahl und Eisen gesprochen wäre und kommenden Sonntags nach dem
Hochamt seine schuldige Buß _in loco hujus_ vor aller Leut Augen und
zu wohlmeinender Warnung der Population erleiden würde. Die Trommel
rasselte. Und die fürsorgliche Obrigkeit bewegte sich weiter. Das
Leutgedränge rann auseinander. Die Mannsleute blieben stumm. Man sah
nur manchmal ein müdes Lächeln oder einen zornfunkelnden Blick. Von
den Fenstern verschwanden die Frauenhauben und die Mädchenschöpfe, die
Straße wurde fast leer von Erwachsenen und blieb nur ein Spielplatz
der heiteren Kinder. Berchtesgaden war an diesem kühlsonnigen
Hornungstage anzusehen, wie die Heimat des schönsten Landfriedens.
Dennoch sprangen Mißmut und Erbitterung, Aberglaube und Geflüster,
Klatsch und Anklage, Scheu und Hoffnung von Haus zu Haus.

Für die wachsamen Augen der Obrigkeit blieb alles ein Unsichtbares.
Bewegung, die ihr sichtbar wurde, herrschte nur im Hausflur des
Landgerichts. _Dr._ Willibald Hringghh war sehr beschäftigt. Ruhelos
hatte er Protokolle zu diktieren und Streusand zu bewegen. Um vor dem
gefährlichen Richter als dienstwillig zu erscheinen, kamen viele,
die von den Hasenknopfischen was zu wissen glaubten. Jene, die etwas
wußten, blieben aus. Als der Landrichter gegen Abend das Ergebnis der
aufgenommenen Protokolle revidierte, trat der seltene Fall ein, daß er
scharf eine Wahrheit erkannte: »Schier sechzig Bogen! Und nichts steht
drin.« Zur Beendigung seines staatsbeschützenden Tagewerkes erteilte er
noch die menschlich angehauchte Ordre: den Christl Haynacher aus der
Verwarnungshaft zu entlassen.

Seit dem Morgen hatte der stummgewordene Verkünder vom heiligen
Absterben seines Weibes jene billige Wohnung genossen, in der nicht
Mond, noch Sonne scheint. Als ihm nun in Milde gestattet wurde, das
schwindende Abendlicht zu erblicken, begriff er das ebenso wenig, wie
er verstand, daß jedes Wort über den frommen Tod seiner gutgläubigen
Martle ein Verbrechen wäre, für das er, wenn er es nur ein einzigesmal
noch beginge, so schwer wie für Diebstahl oder Brandstiftung zu büßen
hätte. Sein Gesicht war bleich und sonderbar verändert, in seinem
unruhigen Blick war eine Mischung von Zorn und Trauer, von Angst
und Wirrsinn. Obwohl er fürchtete, daß sein Bübl in der Wiege seit
dem Morgen hatte hungern müssen, schlug er nicht den geraden Weg zu
seinem Lehen ein, sondern machte einen Umweg und spähte suchend über
die Mauer des Gottesackers: ob da nicht irgendwo ein frischgehügeltes
Doppelgräbchen zu sehen wäre? Nichts! Nur zertretener Schnee, nur große
Gräber mit dem vergilbten Rasen des vergangenen Herbstes.

Immer den Kopf schüttelnd, ging Christl Haynacher davon. Als er
heimkam, fand er sein Bübl zufrieden und gesättigt, fand alle Arbeit
im Stall getan und die Milch in den Rainen aufgesetzt. Dankbar lief
er zur Nachbarin hinüber. Die mußte ihm verlegen sagen, daß sie den
ganzen Tag nicht Zeit gefunden hätte, nach seinem Bübl zu schauen. Als
Christl durch die farbige Dämmerung zurückwanderte zu seiner Haustür,
murmelte er wie ein Träumender: »Die Unsichtbaren sind barmherzige
Leut! Was wahr ist, müßt einer sagen dürfen.« Er trat ins Dunkel
seines Hauses. Für sich zu kochen, das brachte Christl nicht fertig.
Er hob das schläfrige Bübl aus der Wiege, wickelte das Kind in einen
Lodenmantel und ging mit ihm hinüber zum Gerstenacker. Als er sah,
daß vom schwarzen Grabhügel seines Weibes das Kreuz verschwunden
war -- irgend ein Strenggläubiger oder ein Gottesmusketier hatte es
herausgerissen und verworfen -- da knirschten ihm zuerst die Zähne.
Zitternd setzte er sich auf die kalte Erde hin, hielt sein Kind
umklammert und erzählte dem schlafenden Bübchen leise vom gottseligen
Tod der >lieben, herzguten Mutter<. Während er so flüsterte, spähte
er immer in der sinkenden Dämmerung umher, ob nicht einer erlauschen
könnte, daß der Christl Haynacher erzählen mußte, was ihm bei schwerer
Strafe zu erzählen verboten war. Als er das Bübl heimgetragen hatte,
wurde er auch in der finsteren Stube nicht stumm, schaukelte die Wiege
und redete immer ins Dunkle hinein, bis er von einer Übligkeit befallen
wurde. Das kam wohl nur von der Leere seines Magens. Wo nicht Mond und
Sonne leuchtet, gibt es auch keine Dinge, die den Menschen stärken.
Immerhin war es möglich, daß der Zustand, der den Christl Haynacher
befiel, etwas Seuchenartiges hatte. Unter ähnlichen Erscheinungen
erkrankten am gleichen Abend auch noch andere Leute.

Simeon Lewitter, der in der Marktgasse immer wieder das gleiche Wort
hatte hören müssen: »Der Jud!« -- häufig auch in der Zusammensetzung
mit einer unreinlichen Silbe -- wagte sich nimmer auf die Straße,
schützte seine Haustür und in der leeren Kinderstube auch alle Fenster
durch eiserne Stangen, wurde ruhelos gepeinigt von der Erinnerung
an den roten Tauftag vor fünfzehn Jahren, bekam vor Aufregung einen
Fieberanfall und legte sich ins Bett. Das letztere tat an diesem
Abend auch Pfarrer Ludwig, obwohl noch eine Minute früher nicht das
geringste Zeichen von Kränklichkeit an ihm zu bemerken war. Vor
Anbruch des Dunkels ließ er sich wegen Unpäßlichkeit von der auf die
siebente Abendstunde anberaumten Kapitelsitzung entschuldigen. Als
die Hausglocke gezogen wurde und Chorkaplan Jesunder in Begleitung
der vier überflüssigen Buchstaben bei dem Patienten erschien, den
man im Verdacht hatte, daß er aus bedenklichen Gründen die über die
schwarzweiße Gefahr entscheidende Kapitelsitzung schwänzen möchte,
schlürfte Pfarrer Ludwig gerade den schmerzstillenden Glühwein, dessen
lieblicher Zimtgeruch die Stube frühlingsähnlich durchduftete. Seine
Pein verbeißend, machte der Pfarrer den Versuch, die eintretenden
Herren freundlich zu begrüßen. Ehe sie sein Bett erreichten, entstellte
sich in schreckhafter Weise sein unheimliches Warzengesicht, und
angstvoll brüllte er die taube Schwester an: »Franziskaaa! Schnell! Es
kommt schon wieder -- _salva venia_, Ihr guten Herren --« Er fuhr mit
den langen mageren Beinen aus dem Bett.

Fluchtartig verließen Jesunder und _Dr._ Willibald Hringghh die
gefährliche Krankenstube. Kaum sie verschwunden waren, sprang der
Pfarrer vollends aus dem Bett, schob die erschrockene Schwester zur
anderen Tür hinaus, kleidete sich hastig an, öffnete einen Schrank und
zerrte einen Mantel hervor, der nicht priesterlich schwarz, sondern
gebändert und farbig war wie weltliche Herrentracht. Unter dem Kissen
seines Krankenbettes holte er einen großen, von Rost zerfressenen
Schlüssel hervor, blies die brennende Kerze aus und sprang mit den
Bewegungen eines völlig genesenen Mannes zum Fenster. Hier stand er an
die Mauer gedrückt und spähte hinaus.

In dem milden Glimmlicht, das aus vielen erleuchteten Fenstern
durch den Abend glänzte, schritt der Kaplan in Begleitung der vier
überflüssigen Buchstaben über den weiten Hof zum Stift hinüber.
Jesunder war von Pfarrer Ludwigs bedauerlichem Zustand nicht völlig
überzeugt, war noch immer mißtrauisch. Doch unter dem Barett des
Landrichters vollzog die fettfleckige Hirnsubstanz einen Gärungsprozeß
zur Ausbutterung der mit Scharfsinn erkannten Wahrheit. »Nein,
_Reverende_,« sagte er, »in diesem Falle tut Ihr ihm unrecht. _In
contrario naturae_ versagt jeder Versuch einer Simulation. Hier
arbeitet das _organon humanum_ ganz nach eigenem Gutdünken. Nein,
Reverend, ich irre mich nicht, er ist wirklich ein schwer Leidender.«
Barmherzig fügte er bei: »Ob es nicht die rote Ruhr ist? Armer,
verlorener Mann!«

Als die beiden den Kapitelsaal erreichten, war die erneute Debatte
über die Diffizilitäten der ungetauftgetauften Mißliebigkeit schon in
leidenschaftlichem Gange. Die Sache verwirrte sich immer mehr. Der
Fürst war abwesend, um bei der Allergnädigsten zu speisen. Von Stunde
zu Stunde ließ er sich Botschaft über den Verlauf der Debatte senden.
Nach der dritten hoffnungslosen Nachricht, um die 10. Nachtstunde,
schickte er den Grafen Tige mit dem Befehl: die Kapitularen müßten
bis um elf zu einer Entscheidung kommen, damit alles Nötige noch vor
Mitternacht erledigt werden könnte und der anbrechende Sonntag nicht
bedroht wäre durch eine Entweihung. Man empfand den Befehl des Fürsten
als eine hilfreiche Zwangslage. Doch jeder Versuch einer Abstimmung
mißglückte. Schließlich blieb den erregten Herren kein anderer Ausweg,
als die verschiedenen Vorschläge auf Zettel zu schreiben und den Grafen
Tige als Vertreter des zarteren Alters, als eine Art von Waisenkind,
das Los erküren zu lassen. Immer spricht bekanntlich der Himmel durch
den Mund der Unschuld. Graf Tige fischte in graziösester Form den
Schicksalsspruch aus der Urne und las: »Anatomische Trennung, Begräbnis
der weißen Heilhälfte in geweihter Erde, Verscharrung des schwarzen,
ewigverlorenen Abschnitzels auf dem Freimannsanger.« In Wahrheit sagte
dieses durch die Wirkung der Unschuld verkündete Gottesurteil keinem
der Kapitularen zu. Aber es war die unwiderrufliche Entscheidung. Man
mußte sich mit ihr versöhnen. Rasch. Es fehlten nur noch wenige Minuten
bis elf.

Man ließ den Freimann holen, dazu den Wildmeisterknecht, der sich
aufs Zerwirken verstand. Jesunder wurde zum theologischen Kommissär,
der Landrichter zum Protokollisten _ad usum juris_ ernannt, zwei
Kapitularen hatten als Zeugen zu fungieren, und wer nicht schläfrig
war, schloß sich dem weltgeschichtlichen Vorgang als neugieriges
Publikum an. Unter Voraustritt einiger Fackelträger bewegte sich der
würdevolle Zug durch das Nachtschweigen auf die Armeseelenkammer zu.
Jesunder, der den Schlüssel in Verwahrung hatte, wollte das Türschloß
aufsperren. Dabei hatte er nicht mit dem gewissenhaften Formalismus
der vier zwecklosen Buchstaben gerechnet. _Dr._ Willibald Hringghh
verlangte eine peinlich genaue Untersuchung darüber: daß erstens nur
ein einziger, in Verwahrung des Chorkaplans Jesunder befindlicher
Schlüssel vorhanden sei; daß zweitens jede Möglichkeit eines Mißbrauchs
dieses Instrumentes als absurd zu gelten hätte, und drittens die
Türe noch ordnungsgemäß versperrt, das Fenster noch undurchdringlich
vergittert und somit die Tatsache, daß kein menschlicher Fuß die
Armeseelenkammer betreten haben konnte, als unanfechtbare Wahrheit
festgestellt wäre.

Alle Punkte wurden mit gründlichster Genauigkeit erforscht und
zu Protokoll genommen. »Jetzt!« sagte _Dr._ Willibald gnädig zum
Chorkaplan. Jesunder öffnete die versperrte Tür, wißbegierig
drängten die Herren heran, die Fackelträger traten voraus in den
finsteren, sonderbarerweise ein bißchen nach Zimt duftenden Raum, und
da erhob sich nach stummer Verblüffung ein fürchterliches Geschrei
des abergläubischen Schrecks, ein wirres Durcheinanderlallen der
fassungslosesten Gemütszustände. Sogar der wahrheitsfeindliche Mann mit
den vier entbehrlichen Schriftzeichen mußte als unbestreitbares Faktum
erkennen: daß jener arme kleine schwarzweiße Doppeltod, der so viel
gefährliche _rumores_ erregt und so viel ratlose Verlegenheit erzeugt
hatte, völlig unsichtbar geworden und spurlos aus der vergitterten,
festverschlossenen Armeseelenkammer verschwunden war. Man suchte auf
und unter dem Totenbrett, suchte in der Fensternische, suchte in jedem
Winkel, und der Freimann mußte sogar auf Befehl des Landrichters mit
einem eisernen Schürhaken in alle Mauslöcher hineinstochern.

Nichts.

Der Wildmeisterknecht und die Fackelträger flüsterten gleich von einem
Höllenstreich. Ein paar Verständige unter den Kapitularen nahmen
das Unbegreifliche heiter und brachen, ein bißchen schadenfroh, in
Gelächter aus. Der Chorkaplan stand vor dem leeren Totenschragen,
als wäre ihm ein kalter Blitzstrahl durch alle Gelenke gefahren,
und unter sämtlichen Augenzeugen des unerklärlichen Rätsels befand
sich nur ein einziges, restlos glückliches Menschenkind: der _Dr._
Willibald Hringghh. Der segnete seine Weisheit, weil er in unbewußter
Ahnung aller Möglichkeiten keine Formalität versäumt hatte und außer
_obligo_ war. Da gab es kein Deuten und Rütteln. Alles war formaliter
erwiesen. Alles stand auf dem Papier. Nur die Wahrheit nicht. Um sie
zu erforschen, begann er sich augenblicklich ans Werk zu machen, begann
zu verhören, zu untersuchen, zu protokollieren. »Da bin ich neugierig,
was unser justiziarisches Rhinozeros herauskitzelt!« flüsterte Graf
Saur einem der Herren zu. »Glauben wir dann das Gegenteil, so sind wir
der Wahrheit am nächsten.«

Den Fürstpropst konnte man aus höflichen Gründen im Verlaufe dieser
Nacht von dem Vorgefallenen nicht mehr unterrichten. Aber der Kanzler
von Grusdorf wurde nach Mitternacht unbarmherzig aus den Federn
herausgeläutet. Als er keuchend, in dickem Pelz, mit hohen Filztöpfen
über den Gichtzehen, die von Menschen umwimmelte Armeseelenkammer
erreichte und sofort ein polizeiliches Schweigverbot erließ, war das
unerklärliche Wunder, nein, dieses gottverwünschte Teufelswerk schon
ausgeschrien bei allen Lakaien, Jägerknechten und Musketieren. Wie
Flugfeuer hinhüpft über trockenes Heu, so sprang die Erregung noch
während der Nachtstunden von Fenster zu Fenster. In welchem Grade dabei
der Respekt vor den Regierungsgewalten flöten ging, das mußte _Dr._
Willibald an sich selbst erfahren. Er fand vor seiner Haustür unter dem
schönen Frühgeläut ein Gedränge von Menschen vor, die, in auffälligem
Gegensatze zur Zeitstimmung, nicht in zwei erbitterte Parteien
gespaltet waren, sondern in einträchtiger Heiterkeit sich erlustigten.
Als Ursache ihres Vergnügens erwies sich ein großer gelblicher
Papierbogen, der an der Haustür des Landrichters befestigt war und in
plumpen, fast kindlichen Schriftzügen die Verse trug:

  »Ein Richter, so ein falsches Urtl fällt,
  Ist eine Mißgeburt auf Gottes Welt,
  Halb Leben, halb Tod,
  Halb Lachen, halb Not,
  Halb weiß, halb schwarz,
  Halb Kot, halb Farz,
  Halb Skorpion und halb ein bös Kamel,
  Doch sunst ein Menschenkindl ohne Fehl!«

Während das Hringghhische Perückenantlitz immer länger wurde, quirlte
im Morgengrau ein fröhliches Leutgekicher. *Alle* lachten. Ohne
Ausnahme. Jeder von diesen wohltuend Erheiterten, ob gutgläubig
oder unsichtbar, hatte schon irgend einmal die schmerzhafte
Wahrheitsforschung der weißgelöckelten Sauermilch am eigenen Leib
erfahren.

_Dr._ Willibald löste mit blassen, etwas tintenfleckigen Fingerspitzen
das kleine Volkslied von der Türe, ohne die Wahrheit zu erkennen, die
ihm da schwarz auf gelb übermittelt wurde. So leicht man an die Einfalt
der anderen glaubt, so schwierig ist es, sich von der eigenen Dummheit
zu überzeugen.

Als der Landrichter im Haus verschwand, erhob sich auf der Gasse ein
schadenfrohes Gelächter, ein lärmendes Durcheinanderschwatzen. Immer
größer wurde im wachsenden Frühschimmer das Leutgedräng. Noch ehe
die Glocken zum Hochamt riefen, waren die Stiftshöfe und alle Gassen
von Berchtesgaden mit einem Menschengewimmel angefüllt, das an die
viertausend Köpfe zählte. In der Sonne, die über das Dächergezack
herunterglänzte, blitzten die Messingknöpfe auf den schwarzen Gewändern
der Salzknappen, leuchteten die Farben der ländlichen Trachten und
schimmerten die Silberschnüre der Bauernhüte und das zinnerne
Schaugeschmeid der Weiber. Die vielen roten Joppen der jungen Burschen
und die kirschfarbenen oder gelben Mädchenmieder erschienen wie tausend
leuchtende Feuertupfen. Unter den kurzen, nur handbreit über das Knie
reichenden Sonntagsröcken der Bäuerinnen waren die weißen Wadenstrümpfe
wie rührsame Schneeflecken. Das bunte Gewühl dieser straffgewachsenen,
festgefügten Menschengestalten, dieser gesunden Jugend und dieses noch
kraftvollen Alters mit den von Sonne und Schnee gebräunten Gesichtern
wäre ein herzerfreuender Anblick gewesen, wenn nicht die Zeitsorge, die
Erregung der Stunde, das spähende Mißtrauen und die gereizte Heiterkeit
einen Fieberglanz der Unruh in allen Augen erweckt und dem ganzen Bilde
etwas Beängstigendes gegeben hätte. Dieses Leutgewoge war anzusehen wie
ein Menschenhauf in jenen Augenblicken, die eine Masse von Tausenden
emporreißen zu schöner Begeisterung oder sie verführen zu sinnlosen,
verbrecherischen Dingen.

Es gärte seit langer Zeit in diesen Bedrückten. In ihnen brannte
das wühlende Erbe aus Jahrhunderten des Leidens, die gallige
Unzufriedenheit über geistliche und weltliche Unerträglichkeiten, die
dürstende Hoffnung auf Hilfe und das fiebernde Suchen nach dem Neuen
und Besseren. Was sich formte in ihnen, hatte ein kindliches Gesicht.
Zu gutmütig, um sich in Aufrührer zu verwandeln, wurden sie Träumer
und Schwärmer. Das hatte unerstickbar in ihnen geglommen, schon lange,
und war in den beiden letzten Jahren, seit dem großen Auspeitschen
der Dreißigtausend aus Salzburg, als ein Unsichtbares hinter
ihren Stirnen gewachsen. Die Behörden waren blind. Und an diesem
bedrohlichen Sonntagsmorgen, an dem es aussah, als würde von der Seele
des Volkes ein Schleier fortgezogen, konnte die Obrigkeit warnende
Wahrnehmungen nicht machen, weil sie die zwecklos versäumte Nachtruhe
bei Sonnenaufgang nachholen mußte. Sogar der einzige Musketier, der
vor dem Stiftstor auf Wache war, hatte die Augen geschlossen. Mit der
ungeladenen Feuersteinflinte zwischen den Knien saß er schlummernd
auf dem sonnbeschienenen Wächterbänkl, ohne geweckt zu werden von dem
wachsenden Stimmenlärm.

Schon manchmal, wenn Schreck und Unruh durch das kleine Land geronnen
waren, hatte das Bild des sonntäglichen Kirchgangs einer heißen
Suppe geglichen, in der man rührt mit einem groben Löffel. So, wie
an diesem Hornungsmorgen, war es noch nie gewesen. Hatten die Zeiten
der stumm ertragenen Pein, die Klagstimmen in den Andachtsnächten
der Unsichtbaren, Leupolts Mahnung bei der Untersteiner Krippe, das
schwarzweiße Unglück im Haynacherlehen und die Ungerechtigkeiten, die
viele gerade in diesen letzten Tagen erfahren mußten, die leidende
Geduld des Volkes bis zum äußersten gespannt? Und sollte nun die mit
Schreck oder Aberglauben, mit frommer Scheu oder schweigendem Staunen
vernommene Kunde von dem unerklärlichen Mirakel der Armeseelenkammer
zum letzten Anstoß werden, der das vollgeschüttete Geduldfaß zum
Bersten und Überlaufen brachte?

In der Morgensonne, die um alle Dächer, um das weite schöne Tal und um
die weißen Berge einen mit tiefem Blau verbrämten, silberglitzernden
Mantel wob, fingen auf drei Kirchtürmen die sieben Glocken zu läuten
an, deren hallende Stimmen sich melodisch ineinander woben. Das
lärmende Gewühl der Menschen begann sich zu schieben und strömte nach
drei Richtungen. Inmitten dieser Menschenwoge war nur ein Einziger,
der allem Aufruhr dieses Morgens entzogen blieb. Das war gerade der
Hauptbeteiligte, der von seinem dunkelgrünen Bauernhut drei schwarze
Trauerbänder herunterhängen hatte. Wäre Christl Haynacher nicht das
unglückseligste Mannsbild der Welt gewesen, so hätte er sich an diesem
Morgen beinah als einen Glücklichen fühlen können. Beim ersten Wort,
das er vom Mirakel in der Armeseelenkammer vernommen hatte, war es für
ihn eine ausgemachte Sache, daß sein gottseliges Martle mit treuen
Mutterhänden aus dem Himmel heruntergegriffen, ihr liebes Pärl aller
irdischen Pein entzogen und die zwei kleinen, unzertrennlichen Seelchen
hinaufgehoben hatte in den ewigen Glanz. Und *das* zu erzählen, das
war ihm polizeilich *nicht* verboten. Jedem Menschen, mit dem er auf
dem Kirchgang Seite an Seite geriet, verkündete er das gottschöne
Wunder seiner in die Seligkeit emporgeflogenen Kinder. »Gelt, so was
Heiliges macht die Mutlosen wieder gutgläubig! Schau, jetzt bin ich
nach allem Elend wieder ein aufrechtes Mannsbild! Und daß ich kein
Wörtl nit geredet hab von meinem gottseligen Weibl, nit von ihrem
Erlösungswunder, nit von ihrem schönen und heiligen Tod? Gelt, Mensch,
das kannst du bezeugen und tät's einen kreuzweis geschworenen Eid vor
dem selbigen kosten, der alles Gute verbietet.«

Während Christl so redete, hatte er immer einen nassen Schimmer in
den Augen, hatte immer ein Lachen des Glückes um den von Schmerzen
zuckenden Mund. Und als er zwischen tausend anderen in der Kirche war
und unter dem Rauschen der Orgel in seinem Betstuhl tiefgebeugt auf den
Knien kauerte, fühlte er sich in seinem Herzen als einen so treuen und
dankbaren Katholiken, wie er's in seinem ganzen Leben noch nie gewesen.
Und für die schwere Sünde, die er gleich nach dem Hochamt begehen
mußte, bat er den lieben Herrgott im voraus um Vergebung. Anstelle des
ausgerissenen Kreuzes ein neues auf das Grab seiner Martle zu stecken?
Freilich, das war nicht gutgläubig und war verboten. Aber der Christl
mußte das tun. Und wenn der liebe Herrgott da droben die Martle mit
ihren zwei seligen Kinderlen ansieht, dann versteht er es schon und muß
es verzeihen.

Alle Kirchen waren schon dicht gefüllt, Schulter an Schulter, und noch
immer strömten lange Menschenzüge heran, die nimmer Einlaß fanden und
vor den Toren sich anstauten zu großen Gruppen, in denen die letzten
Nachzügler nur noch das Orgelspiel und die Klingeltöne, aber nimmer die
Worte der Predigt vernehmen konnten.

Der Brunnenplatz und die Marktgasse waren still und leer, alle
Haustüren versperrt, alle Fenster geschlossen und verhängt. Auch der
Musketier vor dem Stiftstor war verschwunden, war aufgewacht und
frühstückte in der Torstube seine Bratwurst. Nur die zerfließenden
Schneeflecken, die Sonne und der Schatten waren noch da. Und das
Brunnenrauschen.

In dieser schweigsamen Öde erschien am Ende der Marktgasse ein
Stiftslakai, spähte an den Häusern hin und verduftete wieder. Nach
einer kurzen Weile kehrte er zurück und schritt einer reich mit Silber
verschnörkelten Sänfte voran, die von zwei Jägerknechten getragen wurde
und zugezogene Gardinen hatte.

Als die Sänfte durch die Torhalle des Stiftes gaukelte, trat die Wache
nicht ans Gewehr, und man trommelte nicht. Mit Rücksicht auf die
Kirchenzeit.

Wenige Minuten später, unter der Brennschere und Puderquaste des
parisischen Perückenmeisters, mußte Herr Anton Cajetan, welcher
gutausgeschlafene Augen hatte, die Kunde des Mirakels vernehmen, das in
der Nacht geschehen war. Nach dem ersten Staunen sagte er mit gerechtem
Ärger, aber in bestem Deutsch:

»Welcher Schafskopf hat mir denn *das* schon wieder angerichtet?«



Kapitel XIV


In der schönen, frühlingskühlen Sonnenstille läuteten die Glocken zur
Wandlung. Als ihre letzten Klänge mit Gesumm verhallten, wurde es in
der schlummerfriedlichen Torhalle des Stiftes ein bißchen lebendig.
Unter Führung des Wildmeisters erschienen acht Jägerknechte mit
vier großen, zweirädrigen Karren. Drei von diesen sanftholpernden
Fahrzeugen waren mit Jagdnetzen, Stellstangen, Pflöcken und Seilen
beladen. Auf dem vierten Karren befanden sich zwischen zwei großen
Klappkisten die drei kleineren Kastenfallen mit den sechs Füchsen, die
vor der Mittagsstunde >geprellt< werden sollten, um der edlen Aurore
de Neuenstein und ihrem galanten Hofstaat ein Sonntagsvergnügen zu
bereiten. Der Wildmeister schmunzelte immer, wie in Erwartung eines
ganz besonders fröhlichen Ereignisses. Auch die Jäger befanden sich
in guter Laune. Sie waren Mitverschworene bei dem vom Grafen Tige
ersonnenen Knalleffekt, der das Fuchsprellen zur Überraschung der
Demoisellen lustig beschließen sollte. Munter kuderten die Jäger, als
der Wildmeister befahl: »Nur langsam über den Straßgraben, daß sich die
vier lieben Kostbarkeiten in den großen Kästen nit überpurzeln. Wenn
die einander die Bäuch aufreißen, wär der ganze feine Jux beim Teufel!«

Der Karrenzug ging eine Strecke über die zum Tal der Ache führende
Straße hinunter und dann hinauf zu der großen, noch von dünnem
Schnee bedeckten Wiese, die sich an den gestutzten Hofgarten
anschloß. Was man den >Hofgarten< nannte, bot nicht den Anblick eines
fürstlichen Parkes. Es war nur ein großes, umzäuntes Gemüsefeld,
jetzt schneefleckig, mit entblätterten Beerstauden und Obstbäumen,
die man der Zeitmode zulieb ein bißchen versaillisiert und mit der
Schere höchst sonderbar in Form von Bechern, Leiern und Pyramiden
zugestutzt hatte -- ein halb komisches, halb trauriges Gleichnis für
die Mißgeburten der modischen Pariserei, für das Wollen und Nichtkönnen
der kleinen, durch sinnlose Verschwendung überschuldeten Höfe.

Auf der freien Wiese, die neben diesem fürstpröpstlichen Hofgarten
lag, wurden die Netze für die galante Festivität des Fuchsprellens
aufgestellt. Sonst war es nicht üblich, die Population an den
Erlustigungen des Hofes teilnehmen zu lassen. Das niedere Volk
in seinem Unverständnis war immer rasch bereit, die graziöseste
Galanterie als Schweinerei zu verschreien. Drum pflegte man sonst
den Festraum solcher Ergötzlichkeiten mit hohen, undurchsichtigen
Jagdtüchern zu umschließen. Doch für das muntere Fuchsprellen hatte
man, einem staatsweisen Rate des Herrn von Grusdorf entsprechend, die
durchsichtigen Netze gewählt. Der Kanzler war der Meinung, daß der
gnädig bewilligte Mitgenuß bei solch einem heiteren Spektakel eine
wünschenswerte Beruhigung der bedenklich erregten Subjekte inaugurieren
würde.

Der Schaulust des Volkes wurde an diesem sonnleuchtenden Hornungsmorgen
auch noch auf andere Weise gedient. Während auf der Hofwiese die
Netze für das Fuchsprellen gespannt wurden, brachten zwei Bußknechte
aus der Torhalle den langen, schweren, mit festen Eisenklammern
versehenen Schandbalken herausgetragen. Seine Farbe -- er war von dem
vielen eingetrockneten Blut beinahe schwarz geworden -- konnte davon
erzählen, daß die Schaustellung an diesem Holz der Unehr nicht nur
eine qualvolle, auch eine lebensbedrohliche Sache war. Die robustesten
Inkulpaten hielten das Hängen in diesen schneidenden, Haut und Muskeln
zerreißenden Eisenklammern nicht länger als zehn Stunden aus, ohne
der Erschöpfung und dem Blutverlust zu erliegen. Die meisten der
Verurteilten wurden schon gleich zu Beginn der Marter ohnmächtig, und
löste man sie vom Balken, so krankten sie Wochen und Monate an den
schwärenden Wunden.

Dieses häufig benötigte _instrumentum justitiae_ aufzurichten,
verursachte geringe Arbeit. Man brauchte nur aus dem dicht am Brunnen
befindlichen Mauerloch den deckenden Holzstöpsel herauszuziehen und
den Balkenfuß hineinzusenken. »Lupp auf!« Die zwei Freimannsleute
hoben mit den Schultern. Ein kollerndes Gepolter, und nun stand der
hohe Balken aufrecht, ähnlich einem Galgen ohne Querholz. Eine kleine
Leiter wurde angelehnt, und alle Vorbereitungen für diese Sonntagsgabe
der Hringghhischen Wahrheitsforschung waren erledigt, gerade in dem
Augenblick, als alle Kirchenglocken den Segen des Hochamtes melodisch
auszuläuten begannen. Aus dem Schattendunkel des Tores kam ein kleiner
Zug heraus: zwei Musketiere, hinter ihnen der gutwillige und deshalb
ungefesselte Verbrecher zwischen dem Freimann und seinem Knechte,
dann wieder zwei wachsame Soldaten Gottes und als Beschluß der etwas
schläfrige Feldwebel Muckenfüßl, der, um seinem staatserhaltenden Amte
zu genügen, von seiner Christenpflicht ein kleines, für den lieben
Gott gewiß nicht belangreiches Zipfelchen hatte abzwicken müssen.

Leupolt Raurisser ging aufrecht, mit festem Schritt. Er hatte keine
Spur von Scham oder Zorn im Gesicht. Der Blick seiner glänzenden
Stahlaugen war so still, als wäre für ihn, was hier geschah, eine
fremde Sache. Die sinnende Ruhe, mit der er hinauf sah ins leuchtende
Blau, war fast ein heiteres Lächeln. Der Schein der Morgensonne glänzte
auf seiner Stirn und auf den Strähnen seines dichten Blondhaars.
Meister Raurisser hatte das beim Pflegeramt erbettelt: daß man seinem
Buben den Kopf nicht schor wie einem Ehrlosen. Man hatte dem Vater
diese unverdiente Gnade aus Klugheit bewilligt, weil der Mälzmeister
die Güte des Bieres, das er für die Herren braute, leicht durch eine
unerweisbare Bosheit zu mißliebigen Wirkungen permutieren konnte.

Am Schandpfahl durfte Leupolt das fürstpröpstliche Jägerkleid nicht
tragen; man hatte ihm die Uniform jenes Aufenthalts verliehen, in dem
es nicht Mond noch Sonne gibt: einen langen Kittel aus grauem Zwilch,
dessen schlappe Falten einen zutreffenden Schluß auf die Feuchtigkeit
der Mauern gestatteten, zwischen denen Leupolt seit seiner Heimkehr
vom Königssee viele dunkle und doch von einem Stern durchleuchtete
Stunden verbracht hatte. Pfarrer Ludwig, wenn er den Leupolt so
gesehen hätte, würde vielleicht im Sinne Spinozas wieder gesagt haben,
daß kein Ding auf Erden so bös ist, um sich nicht irgendwie in ein
Gutes für die Menschen verwandeln zu können. In keiner Jägertracht,
auch nicht in der Weidmannsgala mit den Silbertressen und den hohen
Knöpfelgamaschen war es so deutlich wie in diesem schmiegsamen, von
Sickerwasser durchtränkten Sträflingskittel zu erkennen gewesen, welch
einen schönen, stracken, prachtvoll gebauten Jünglingskörper der
Leupolt Raurisser von Mutter und Vater, von Gott und Natur empfangen
hatte. Schade, daß Pfarrer Ludwig, der schöne Menschen immer mit Freude
sah, diese Wahrnehmung nicht machen konnte; von seiner Unpäßlichkeit
gepeinigt, lag er noch immer zu Bett und litt so schwer, daß er seit
dem vergangenen Abend den Bader schon viermal hatte holen lassen.

Als die Karawane der Gerechtigkeit zum Brunnen kam, sagte Muckenfüßl
mit einem sanften Unterton von Barmherzigkeit: »Jetzt tu nit obstinat
sein, junger Inkulpatant! Und mach dem Freimann _in loco hujus_
keine Schwulitäten nit!« Der Feldwebel brauchte nicht weiterzureden.
Die Leiter verschmähend und mit einem Sprung, so flink, daß die
erschrockenen Soldaten Gottes einen Fluchtversuch vermuteten, schwang
sich Leupolt auf den marmornen Brunnenrand, stieg auf den kleinen
Fußblock des Balkens, drehte hurtig den Körper, preßte den Rücken
gegen den Pfahl, verschlang hinter ihm die Arme und sagte: »So! Ich
steh. Jetzt haket die Eisen ein!« Gleich war der Freimannsknecht auf
der Leiter, und Muckenfüßl, der für menschliche Werte nicht so völlig
blind war wie der gelöckelte Rechtsbalbierer, sagte anerkennend: »Tät
sich jeder Inkulpatant so kommoditätisch wie du traktieren, da wär
die justiziarische Mühsamkeit für meinen _ego ipsus_ ein sanftmütiges
Knödelschlucken. So! Jetzt tu schön pazientisch aushalten. Acht
Stündlen bis zum Betläuten am Abend ist eine gnädige Tempora für so
eine schwere Crimination.« Gähnend schritt der Feldwebel davon, um
sich ein Stündl aufs obrigkeitliche Ohr zu legen. Die vier Musketiere
blieben als Wache zurück, und der Freimannsknecht erledigte seine
klirrende Arbeit.

Leupolt stand unbeweglich am Pfahl und zog nur die Brauen ein bißchen
zusammen, als die schweren, rostrauhen und scharfkantigen Eisenbänder
seine Fußknöchel, seine Handgelenke und seinen Hals umklammerten. Der
körperliche Schmerz war keine Pein für ihn. Sein Leiden begann erst,
als nach den letzten Glockenschlägen des Segengeläuts der bunte Schwarm
der Kirchgänger heranströmte. Von vieren hoffte Leupolt, daß sie nicht
kommen würden; seiner Mutter, dem Vater und den Brüdern hätte er an
diesem Tag nicht gern in die Augen gesehen; durch einen Bußknecht,
der sich ihm freundlich erwies, hatte er die viere bitten lassen, den
Marktplatz nicht zu betreten. Und gerne hätte er das auch einer anderen
noch sagen lassen. Alle, alle sollten kommen. Nur diese Einzige nicht!
Die barmherzig für ihn hatte reden wollen vor dem Richter! Die sollte
ihn nicht hängen sehen am Holz der Unehr. Und nicht um seinetwegen,
um ihrer selbst willen sollte sie das nicht sehen müssen. Er wußte:
weil sie gerecht war, würde sie leiden bei seinem Anblick. Dieser
Gedanke wurde ihm zu einer Qual. Dennoch war in dieser Marter auch eine
Süßigkeit, die ihm schön durch die Seele und durch jeden Blutstropfen
rieselte.

Schon begann sich ein Schwarm von Kindern um den Brunnen zu sammeln,
Burschen und Mädchen blieben stehen, Männer und Weiber. Erst war's
nur ein scheues Flüstern, dann ein erregtes Durcheinanderreden,
ein wirrer Lärm. Immer dichter sammelten sich die Menschen, schon
waren es Hunderte, ein Paar Tausend jetzt, ein Gewühl von Schultern
und Köpfen, und Leupolt wußte, nun würde das kommen, wie es immer
kam, wenn ein zum Eisen Gesprochener am Balken hing: das höhnende
Geschrei, der grausame Spott, das Wasserspritzen und Kittelzupfen.
Sich im Eisen streckend, hob er die Augen zum Blau und sprach mit
lauter Stimme das Gebet des preußischen Königsprinzen: »Herr, wenn ich
Dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt; auch wenn mir
Leben und Seel verschmachten, bleibst Du mein Heil und meines Herzens
Trost!« Hell, wie der Klang eines stählernen Hammers tönte seine feste
Jünglingsstimme über den weiten Brunnenplatz. Eine seltsame Bewegung
ging über die Menschenmenge. Wie ein Rauschen war es, so, wie jenes
dumpfe, wunderliche Sausen ist, wenn in der Stille vor einem Gewitter
der erste Sturmstoß in die belaubten Bäume fährt. Leupolt sah das nicht
und hörte keinen Laut. Das Gesicht emporgerichtet, hatte er die Augen
geschlossen, weil die Sonne ihn blendete. In dem purpurnen Schein,
der ihm kreisend hinschwamm über die geschlossenen Lider, standen
plötzlich, gleich einer wirklichgewordenen Erinnerung, die Linien eines
Holzschnittes, den er im Winter beim Wildmeister gesehen hatte: wie der
Küstriner Henker dem Leutnant Katte das Haupt herunterschlägt, und wie
an einem Festungsfenster der kleine, magere Kronprinz Friedrich von
zwei Offizieren an den Armen festgehalten wird, um nach seines Vaters
Willen das Grauenvolle mit eigenen Augen anzuschauen.

Noch immer die Lider geschlossen haltend, flüsterte Leupolt: »Was ist
mein Leiden dagegen? Ein Stäubl.« Seine Brust hob sich unter einem
tiefen Atemzug. »Ob der Königssohn wohl so gebetet hat in jener harten
und blutigen Stund? Und hat das Gebet ihn hinübergelupft in die
friedsame Ruh? Da wird es auch mich hinüberlupfen über das bißl Weh.
Über so einen leichten Tag! Zum ruhsamen Stündl nach der Betläutzeit!«

War sie schon da? Diese stille Stunde? Langsam öffnete Leupolt die
Augen, und während ihm an Hals und Händen schon das Blut unter dem
scheuernden Eisen herauströpfelte, sah er wie ein Träumender über die
zusammengestaute Menschenmenge hin, die schon angewachsen war auf drei,
vier Tausende. Nur ein dumpfes Gesumm, kein lautes Wort, keine höhnende
Rede, kein Kittelzupfen und kein Wasserschütten. Alle Gesichter waren
ihm zugewendet, alle Augen waren auf ihn gerichtet, und in jedem Aug,
auf das er hinuntersah, war Erregung und Verstörtheit oder Trauer und
Erbarmen.

Daß alle, die da standen, hart umpeitscht waren von der Woge der
Zeit; daß jeder zu tragen hatte an einer Pein des Lebens; daß alle
Gemüter und Gehirne an diesem Morgen durchwirbelt waren vom Mirakel
der Armeseelenkammer; daß die Unsichtbaren fühlten: dieser Gequälte
ist der Unsere, der für uns duldet und mit dem wir leiden; und daß
die Gutgläubigen wußten: das ist der Leupolt Raurisser, von unseren
Buben der redlichste, der Sohn der frömmsten, treuesten und gütigsten
Bürgerin im Land -- das war es nicht allein, was aus diesen tausend
trauernden oder funkelnden Augen redete. Es war in ihrem Blick noch
etwas anderes, etwas Tieferes und Stärkeres, etwas Dunkelschönes
und Unnennbares. Das sah und fühlte der Blutende am ehrlosen Holz.
Und zwischen dem Schwarm der Kinder, die stumm und scheu zu ihm
hinaufblickten, stand eine engzusammengepreßte Gruppe von sieben
alten, graubärtigen Männern. Der vorderste am Brunnen, das war der
greise Fürsager von der Untersteiner Krippe, und neben ihm stand der
bejahrte Fürsager von Bischofswies, der von Ilsank, von der Ramsau, vom
Taubensee, vom Schwarzeneck und von der Gern. Und der Untersteiner,
der zwei andere an den Armen umklammert hielt, streckte dem Leupolt
das Gesicht mit vorstechendem Bart entgegen und flüsterte immer mit
langsamen Lippen, wie man redet zu einem Taubgewordenen, damit er
lesen soll aus den Zeichen des Mundes. Leupolt erfaßte keinen Laut;
den blutenden Hals im Eisen reckend, spähte er immer auf diese welken
Lippen hinunter, mit dem gleichen bohrenden Jägerblick, mit dem er
droben über den Wänden den Flug eines kreisenden Adlers zu verfolgen
pflegte -- und plötzlich verstand er, nickte dem Alten lächelnd zu
und begann mit lauter Stimme die Worte der Bergpredigt vor sich
hinzusagen. Wieder ging jenes seltsame Rauschen über die tausend Köpfe
und Gesichter. Von den Musketieren tuschelte einer seinem Kameraden zu:
»Flink zum Muckenfüßl! Mir gefallen die Leut nit. So sind sie noch nie
gewesen.«

Irgendwo ein Gewirr von lauten Rufen. Eine wachsende Unruh. Da drüben
war's, wo hinter der Stiftsmauer das enge Gässel herausmündete. Und
jetzt eine scharfe, in Erregung schreiende Frauenstimme: »Lasset mich
durch, ihr Leut! Eine Mutter muß allweil einen Weg zu ihrem Buben
haben!« Leupolt erblaßte. Er versuchte hinüber zu sehen, konnte aber
den Kopf im Eisen so weit nicht wenden. Es rannen ihm nur am Hals die
Blutfäden dicker unter den Zwilchkittel. Und da war schon im Gedräng
eine schmale Gasse offen, und Frau Agnes, mit einem Körbl zwischen den
zitternden Händen, kam zum Brunnen her. Ihr Gesicht war fast so weiß
wie ihre Haube. »Bub!« sagte sie. »Schau, deine Mutter ist da!« Es
wurde so still, daß man im leisen Brunnengeplätscher jedes ihrer Worte
bis zu den Häusern hinüber verstehen konnte. »Deine Brüder hab ich
eingeriegelt im Haus. Die täten Dummheiten machen. Ich tu, was recht
ist, nit mehr. Und alles hab ich bei mir, was du brauchst. Tut dich
hungern? Ich hab's im Körbl.«

»Frau!« murrte ein Musketier. »Das ist verboten.«

Die Mälzmeisterin hörte das nicht. Sie sprach zu ihrem Buben hinauf:
»Tut dich dürsten? Ich hab's in der Flasch.« Gleich wollte sie
auspacken.

Er sah in Freude und Kummer zu ihr hinunter. »Mutter! Du Gute! Was tust
du mir!«

Sie hörte nicht seine Zärtlichkeit, nur seinen Vorwurf. »Ich tu, was
ich gelernt hab von der heiligsten aller Mütter. Ist die nit auch
als Mutter unter dem blutigen Holz gestanden? Soll ich daheimbleiben
und Krapfen backen? Da tät mich die heiligste Mutter im Leben nimmer
anschauen mit ihren gütigen Augen.« Nun sah sie das Blut über seine
Hände rinnen und mußte aufschreien, zerrte das weiße Tuch von ihrem
Hals, fuhr damit in den Brunnen und wollte die Hände ihres Buben
kühlen. Ein Musketier schob seine Feuersteinflinte zwischen Frau Agnes
und den Balken. »Das ist verboten, du!« Die Augen der Mälzmeisterin
funkelten. Aber sie blieb verständig, zog nur ein bißchen mit der Hand
aus, in der sie das triefende Tuch umklammert hielt. »Verboten oder
nit, ich tu's! Und tätst du's wehren, so schlag ich dir das nasse
Tüchl ums Maul, daß du von deinem Weib noch nie eine festere Schell
gekriegt hast.«

Ein heißes Auflachen von tausend Menschen. Auch das hörte die
Mutter Raurisser nicht. Während ihr die Tränen über das Kinn
herunterkollerten, streckte sie sich am Holz der Unehr hinauf und
hob die Arme. Der Musketier wollte sie fassen, doch einer von seinen
buntgelitzten Kameraden packte ihn am Arm, wurde bleich und knirschte:
»Die Frau tust du in Ruh lassen. Gelt!« Das hörte und sah von den
Tausenden niemand, alle sahen nur die Mutter Agnes an, die mit dem
nassen Tuch die blutenden Hände ihres Buben wusch. Und aus dem
Menschengewühl flog über den Brunnen her eine grillende Mädchenstimme:
»Recht so, Mutter!« Es war das Untersteiner Mädel mit den zerschlagenen
Brüsten. »Recht so, Mutter! Und gelt, da tust du nit grüßen: Gelobt
sei Herr Jesuchrist!« Die letzten Worte gingen unter in dem einmütigen
Aufschrei der Tausende: »Recht so, Mutter! Recht so!« Der Zorn einer
erbitterten Menschenseele hatte den Tausenden das Wort der Stunde
gegeben. Dann ein verblüfftes Schweigen und Schauen.

Aus der Halle des Stiftstores klang eine heitere Hifthornweise heraus,
fein harmonisch ineinander geblasen. Tausend Menschen drehten die
Gesichter und streckten die Hälse. Aber was in diesen Augen blitzte,
war nicht die Neugier, nicht die Lachlust derer, die der deutschferne
Wortschatz des Pflegeramtes als Subjekte zu bezeichnen pflegte. Herr
von Grusdorf hatte sich in seinen staatsmännischen Kalkulationen
wieder einmal geirrt. Sehr verhängnisvoll. Der bunte, nach Pariser
Grazie strebende Zug der Fuchsprellerpaare hätte in keinem Augenblick
erscheinen können, so falsch gewählt, wie dieser.

Vorerst aber sahen die Hunderte, die vor den Stäben der Läufer
auseinander wichen, dieses unnatürliche Schritthüpfen und gezierte
Steifrockschwenken mit schweigendem Staunen an, den Zorn nur in den
Augen.

Voraus die drei betreßten Jäger mit den in der Sonne blitzenden
Hifthörnern, dann die Pagen, an deren gebänderten Stäben die
Fuchsschwänze baumelten, dann die sechs Prellerpaare, als erstes Graf
Tige mit der Allergnädigsten in grüner Seide und wehenden Pelzflocken,
dann die fünf anderen Domizellaren mit den hübschen Beamtentöchtern,
deren geschmacklos zusammengestoppelter Aufputz genau so Pariser
Mode war, wie der gestutzte Hofgarten ein Park von Versailles. Die
Festlaune der sechs Pärchen war überaus munter. Immer gab's da was zu
kichern über galante Scherze, über unzulängliches und komisch wirkendes
Französisch. Unter den schmelzenden Hifthornklängen, umtänzelt von den
Pagen, die mit ihren Fuchsschwänzen die Demoisellen an den Hälsen und
Nasen kitzelten, hüpften und menuettierten die Prellerpaare an den
Bürgern und Bauern vorüber, in deren Gedräng es laut zu werden begann.
Aurore de Neuenstein, die wohl lieblich zwitscherte, aber nicht ganz
so pflaumenzart, nicht ganz so unschuldsvoll und kindlich aussah wie
sonst, wurde plötzlich überraschend ernst, sah fast erschrocken in das
lärmende Gewühl hinein, wollte sagen: »_Qu'est-ce que c'est que le
peuple_« -- vergaß wie vor dem Haynacherlehen ihrer modischen Bildung
und stotterte: »Was hawe denn die dumme Leit?« Graf Tige schien das
Bedrohliche der Situation zu empfinden, und befahl den Hornbläsern:
»_Vite! En avant!_« Er zog das Händchen der Allergnädigsten, die er
zierlich an erhobenen Fingerspitzen geleitet hatte, schutzfreudig unter
seinen Arm und machte den anderen Pärchen jene flinke, sehr natürliche
Gangart vor, die man vor Ausbruch eines Gewitterregens einzuschlagen
pflegt. So gelang es ihm, den faschingsbunten Zug zur Hofwiese
hinüberzubringen, bevor die erregten Subjekte ihren mißverständlichen
Zorn in polizeilich unzulässigen Formen zu äußern begannen.

Es sah in dieser Stunde mit der Schaulust und Lachfreudigkeit der
niederen Population sehr mager aus. Nur ein Häuflein Kinder zappelte
dem hohen Netz entgegen, das den höfischen Festplatz umspannte,
und außer einigen vorsichtigen Mannsleuten, denen es auf dem
Brunnenplatze nimmer geheuer erschien, bestand das dankbare Publikum
des beginnenden Fuchsmartyriums fast nur aus den Müttern, Schwestern
und spöttischen Basen der fünf bürgerlichen Demoisellen, die man der
hohen Ehre, an solchem Hofspektakel teilzunehmen, als würdig erfunden
hatte. Unbekümmert um Gunst oder Mißgunst derer von da unten, fand
die Prellgesellschaft innerhalb des Netzes rasch ihre vergnügte
Laune wieder, und Aurore de Neuenstein zwitscherte mit entzückender
Kindlichkeit die politische Meinung aus, man müsse da bald einmal
»rechtschaffe dezimiere«, um wieder erquickliche Ruh ins Ländle zu
bringen.

Vor der Mündung des langen, durch eng aneinander gesteckte Rutenbogen
gebildeten >Fuchslaufes< stellten sich die Paare erwartungsvoll in
bunte Reihe, Schulter neben Schulter. Jeder Demoiselle stand ihr
Monsieur, jedem Monsieur seine Demoiselle gegenüber. Zwischen jedem
Pärchen im _vis-à-vis_ lag quer vor dem Fuchslauf die spannenbreite
und drei Ellen lange Prellgurte auf dem Schnee, mit festen Holzgriffen
für die Hände an den Enden. »_Attention, mesdames et messieurs!_«
kommandierte der Wildmeister, der kein Französisch verstand und es
aussprach, wie man Haselnüsse knackt. »_Exit le premier renard!_«
Die Hifthörner bliesen eine Gavotte, die erste Kastenfalle wurde
geöffnet, und gleich einer langgestreckten roten Flamme sauste der in
der Falle mit einem Schwefelfaden gebrannte Fuchs durch den langen
Laufgang der Rutenbogen. Im Gesichtchen der Allergnädigsten zeigte
sich der Ausdruck einer fiebernden Spannung. Jetzt fuhr der Fuchs,
dem die Sonne grün in den Augen funkelte, aus den Rutenbogen heraus.
»Huppla!« schrie Aurore de Neuenstein mit einer von süßer Grausamkeit
durchzitterten Freude ihrem Partner zu. Ein Zuck der in weißem
Ziegenleder steckenden Händchen, die Prellgurte schnellte wie der Blitz
in die Höhe, und der Fuchs, von dem heftigen Netzschlag an der Weiche
gefaßt, flog ein Dutzend Ellen hoch in die blauen, hornungskühlen
Sonnenlüfte hinauf. Heiter lachte Graf Tige: »_Le voilà!_« Alle die
jungen, blitzenden Augen waren auf den fliegenden Fuchs gerichtet, der
bei seiner Luftreise drollig zappelte, elegante Kapriolen machte und
absonderliche Purzelbäume schlug. Vom Schusse seines Laufes im Fluge
noch weitergetrieben, fiel er in das dritte Prellnetz. »Huppla!« Von
kräftigeren Fäusten aufgeprellt, sauste er noch höher in die Luft,
überschlug sich wie ein hurtiges Feuerrad mit wehendem Kometenschwänzl,
fiel in das vierte Prellnetz, sauste wieder in die Höhe, und als
er nach dem letzten Sonnenfluge außerhalb der glitzerbunten Reihe
dieser lieblichen Jugend wie ein kleiner roter Sandsack schwer
herunterplumpste in den weißen Schnee, hatte er, mit rotem Schaum vor
den gefletschten Zähnen, seine irdische Ruh gefunden und war entseelt.

Die Hifthörner bliesen die melancholische Fuchstodweise. Ein
Beifallklatschen -- nur innerhalb des Netzes -- ein seliges
Durcheinanderzwitschern; der erlöste Fuchs, der blutbefeuernde Reiz
der Stunde, der rotfleckige Schnee, die Sonne, der Himmel, das
silberne Bild der Berge, alles war »_Superbe!_« war »_Magnifique!_«
und »_Très délicat!_« Nur nach dem Brunnenplatz verirrte sich kein
Blick der seligblitzenden Unschuldsaugen. »_Attention, mesdames et
messieurs! Exit le second renard!_« Die Hörner gavottierten, die rote
Flamme sauste durch die Rutenbogen -- »Huppla!« -- und während das
zweite Opfer dieser graziösesten aller Menschenfreuden gegen die Sonne
wirbelte, schien es plötzlich, als wäre da drüben auf dem Brunnenplatze
aller Lärm versunken in ein lautloses Schweigen.

Nein! Da drüben war es nicht völlig still geworden. Es übertönten nur
die Hörner das beklommene Gesumm. Alle, die in der Nähe des Brunnens
waren, hatten gesehen, daß der Blutende, den die Kraft schon verlassen
wollte, sich plötzlich in den Eisen reckte und mit Schreck und Freude
über das Gewoge der Köpfe nach einer Gassenstelle spähte. Viele drehten
die Gesichter nach dieser Richtung und suchten mit den Augen. Und viele
sahen und hörten das: wie Leupolt Raurisser an allen schmerzenden
Gliedern entkräftet in sich versank, in den schneidenden Klammern hing,
sich lächelnd wieder aufreckte, kraftvoll am Balkan stand, verklärte,
heißglänzende Augen bekam und zu Frau Agnes hinuntersagte: »Mutter,
jetzt kommt das Härteste und Schönste!« Viele sahen, wie er gewaltsam
seine aufrechte Kraft erzwingen wollte, wieder zu sinken begann und
mit der Kehle an den Kanten des rotgewordenen Eisens hing. Und während
Leupolts erloschene Stimme wieder zu beten anfing: »Herr, wenn ich
Dich nur habe --«, kam ein Stoßen und Armwühlen von den Häusern durch
die gestaute Menschenmenge herüber, viele Leute redeten aufgeregt
durcheinander, und immer schrie eine bange, von Sorge umklammerte
Mädchenstimme: »Meister, Meister --«

Den dreien, die da kamen, wurde Platz gemacht. Hundert Stimmen wirrten
sich durcheinander, und dennoch hörte man das Betteln der Sus: »Ach
Meister, ich tu Euch bitten, kommet mit heim! Habt Ihr nit Sorg um
Euretwillen, so schauet doch Eurem Kind in die Augen!«

Wie halb von Sinnen, blaß und zitternd, mit verstörtem und dennoch
gierig suchendem Blick, hing Luisa an den Vater geklammert, der sie mit
dem rechten Arm umschlungen hielt und mit dem linken immer weiteren
Raum in dem aufgeregten Menschengewühl erzwang. Als die flehende Magd
sich vor ihn hindrängte, schob er sie aus seinem Weg und sagte durch
die Zähne: »Geh, Sus! Das wirst du nit hindern. Ich tu, was ich muß.«
Sie bettelte: »Meister, um aller Seligkeit willen --« Da preßte Luisa
die Hand auf den Mund der Magd: »Sei nit so mutlos! Was du haben willst
vom Vater, ist unbarmherzig. Wenn Gerechtigkeit nimmer bei den Richtern
ist, so muß sie bei uns anderen sein.«

Meister Niklaus drängte vorwärts, und die blonde Magd, obwohl sie sich
verzweifelt wehrte, wurde zurückgerissen in das lärmende Gewühl. Nun
standen die beiden vor dem Brunnen, Hand in Hand. Luisa mußte die Augen
schließen und preßte zitternd den Arm vor das entstellte Gesicht.
Ihr Vater, die Stirn überronnen von einer kalkigen Blässe, sah zu
dem Blutenden am Balken hinauf, und seine Stimme, nach einem ersten
Schwanken, wurde fest und laut: »Mich hast du behüten wollen vor einem
harten Ding. Um meintwegen mußt du büßen. Helfen kann ich dir nit, Gott
sei's geklagt. Aber wo du leidest, da ist mein Platz.«

Leupolt lächelte. Dann schien ihm zu entrinnen, was noch an Kraft in
seinen zuckenden Gliedern war. Den Kopf im Eisen nach vorne pressend,
daß ihm ein roter Sickerstrich herunterging über den grauen Kittel,
sagte er mühsam: »Vergeltsgott! Aber gelt, jetzt tust du wieder
heimgehen.« In den Eisen sinkend, schloß er die Augen. »Wie das liebe
Mädel zittert -- Meister, das kann ich nit sehen.« Seine Stimme erlosch.

»Barmherziger!« schrie Mutter Agnes. »Mein Bub verscheint!« Aus
einer Flasche füllte sie einen Zinnbecher und wollte auf den Brunnen
steigen. Da faßte ein Musketier die Frau am Kittel. »Es därf nit sein,
Meisterin!« Sie kreischte wie von Sinnen: »Hat nit ein römischer
Musketier dem Erlöser am Kreuz einen Kühltrunk hinaufgehoben? Steht
das im Urtl, daß wir gutkatholischen Christen unbarmherziger sein
müssen, als die Heiden gewesen sind?« Die Erregung der Tausende war
wie wachsendes Sturmrauschen. Und der Musketier machte ratlose Augen.
»Steht das im Urtl?« schrie die Mälzmeisterin. Nein. Es stand nicht
drin. _Dr_. Halbundhalb hatte vergessen, dieses Wesentliche seinem
die Wahrheit bekämpfenden Dokumente einzuverleiben. Und Mutter Agnes
in ihrer Seelenangst entschied: »Was nit verboten ist, muß erlaubt
sein!« Sie wollte klettern. Da war ein Kleiderwehen neben ihr, und
ein tausendfacher Zuruf der erregten, näherdrängenden Menschen. »Nit,
Mutter Agnes,« hatte Luisa aufgeschrien, »laß *mich* das tun!« Und
hatte der Mälzmeisterin den Becher aus der Hand genommen und stand
schon droben auf dem Gesims des Brunnens. Um zu helfen, umklammerte
Frau Agnes die Knie des Mädchens: »Streck dich, Kindl, ich laß nit
aus, du tust nit fallen!« Sich hinaufreckend am Holz der Unehr, schob
Luisa die linke Hand hinter Leupolts Nacken und hob den Becher an
seine bläulichen Lippen. »Komm! Tu trinken, du guter Mensch!« Ein
wunderliches Geschrei der Tausende. Es klang wie Zorn, wie Aufruhr,
hatte etwas Erschreckendes und war doch Freude, war aufatmendes
Erbarmen.

Leupolt hatte die Augen geöffnet.

Wieder sagte sie: »Komm! Tu trinken!« Und das Geschrei der drängenden
Menschen verstummte plötzlich und wurde ein Staunen und Lauschen.

Er lächelte, schien nicht zu hören, was sie sagte, und sah nur in ihre
Augen. Der Glanz seines Blickes und das Fadengerinne seines Blutes
machten sie so verstört, daß sie heftig zu zittern begann. Sie drohte
umzusinken. Während ihr alle Sinne taumelten, hörte sie wie aus einem
kreisenden Brunnen herauf die bettelnde Mutterstimme: »Du tust nit
fallen! Streck dich, Kindl, ich laß nit aus!« Da wurde es wieder hell
vor ihrem Blick, sie konnte das Blut des Büßenden und seine Augen
sehen, streckte sich an dem Lächelnden hinauf, und weil sie nicht
sprechen konnte, streichelte sie nur sein Haar und hob zwischen seinen
Lippen den Becher. Als er am Kinn die rinnenden Fäden des Trunkes
fühlte, verstand er, konnte die verbissenen Zähne öffnen und trank.
Luisa reichte den geleerten Becher hinunter und schrie: »Gib, Mutter!
Gib! Er dürstet noch allweil!« Solang ihre Hand ohne Hilfe war, hatte
sie nicht den Mut, zu ihm aufzublicken, auch dann nicht, als er leis
ihren Namen sagte: »Luisli?« Sie sah sein Lächeln nicht, doch sie hörte
es aus dem Klang seiner Stimme und senkte das Gesicht noch tiefer. Erst
als sie den gefüllten Becher umklammerte, wagte sie die Augen wieder
aufzurichten, hob den Trunk zu ihm hinauf und flüsterte: »So komm!«

Er trank und leerte den Becher.

Wieder schrie sie zur Mälzmeisterin hinunter: »Gib! Er dürstet!«
Lächelnd schüttelte Leupolt den Kopf: »Nit, du Gütige! Es ist genug.«
Aus jedem Laut seiner Stimme war es zu hören, wie die erschöpften
Kräfte neu erwachten in ihm. »So heilig ist mir noch nie ein Trunk in
die Seel gegangen, derzeit ich leb. Ich sag dir Vergeltsgott, Luisli!«
Seine Augen flehten. »Und gelt, jetzt tust du mir was zulieb?«

Ihr blasses Gesicht erglühte. »Alles -- was nit wider Gott ist.«

»So tu ich dich bitten, geh heim! Du tust es mir leichter machen.
Willst du?«

Sie nickte, wandte sich von ihm ab wie ein folgsames Kind, sah nicht,
wie blutig ihr Kleid und ihre Hände geworden waren, ließ sich von
Mutter Agnes und vom Meister hinunterheben und sagte: »Komm, Vater, wir
gehen heim. Der Leupi will's haben. So muß es sein.«

Während die beiden einen Weg durch die Mauer der Menschen suchten,
hörte man, wie in der halben Stille, die noch immer herrschte, die
zittrige Stimme eines alten Mannes zur Sonne hinaufschrie: »Sei
gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!«

Diesen Schrei hatte Leupolt nicht vernommen. Immer sah er den beiden
nach, die verschwanden, wieder auftauchten und dann nimmer zu sehen
waren. Er erwachte erst aus seiner lächelnden Versunkenheit, als
tausend Arme sich erhoben und tausend Stimmen das Wort des alten Mannes
wiederholten: »Sei gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!« Dann wieder
ein halbes Schweigen in der funkelnden Sonne, und Frau Agnes stammelte
klagend zum Holz der Unehr hinauf: »Ach, Bub, dein liebes, dein junges
Leben!« Mit dem Blick eines Glücklichen sagte er: »Man muß das Leben
nit lieb haben um des Lebens willen, nur um der heiligen Stündlen
wegen, die's einem schenken kann.« Noch tiefere Stille. Und plötzlich,
nahe dem Brunnen, klang eine schrillende Weiberstimme, wie völlig
sinnlos, ähnlich dem Verzweiflungsschrei einer Wahnwitzigen: »Gott?
Unser Herr und Gott? Warum hast Du uns verlassen?« Da reckte sich der
Blutende in den roten Eisen. Er straffte sich an allen Gliedern, seine
Augen glänzten über die tausend wogenden Köpfe hin, und seine rufende
Stimme wurde wie Stahl: »Weil wir lügen und heucheln. Gottes Hilf ist
bei den Mutigen, die wahrhaft sind!«

»Jesus!« stammelte Mutter Agnes erschrocken und streckte wehrend die
Hände zu ihrem Sohn hinauf. Und ein Musketier stieß den Kolben seiner
Flinte gegen Leupolts Füße: »Kerl, du! Willst du nach aller Gnädigkeit
das Maul aufreißen und die Leut verhetzen? Du?« Inmitten eines jähen
Verstummens der Tausende gab Leupolt die klingende Antwort: »Gott
ist mir gnädig! Soll's jeder halten, wie er meint und muß. Ich will
bei der Wahrheit bleiben.« Er hob den Kopf aus dem Eisen, daß die
rote Scheuerwunde an seiner Kehle sich entblößte, und seine Stimme
wurde wie der frohe Schrei eines beseeligten Menschen. »Jetzt bin
ich kein Unsichtbarer nimmer. Leut! Ob Leben oder Tod, ich bin ein
evangelischer Christ.« Der Mutter Agnes brachen die Knie. Sie fiel auf
die Brunnenstufen hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und mußte
weinen.

Die Musketiere kreischten: »Jesus, Jesus, wo bleibt der Muckenfüßl?«
Im gleichen Augenblick zappelte aus dem Stiftstor der Kamerad heraus,
der fortgelaufen war, um die kanzleideutsche Obrigkeit zu ermuntern.
Ein Dutzend Soldaten hatte er aus ihren Stuben herausschreien können.
Von den Herren hatte er keinen gesehen. Wie der Müde _in loco hujus_,
so schlummerte der vom Verbieten erschöpfte Kanzler, so schnarchte der
gekränkte Wahrheitsmörder Halbundhalb, so träumte Jesunder aufgeregt
von dem unerklärlichen Armeseelenkammerrätsel, und so duselten alle,
die wach geblieben waren in der vergangenen Mirakelnacht. Nur die als
Sukkurs gerufenen Musketiere klapperten diensteifrig aus dem Tor heraus
und hörten das erregte Stimmengewoge hinrauschen über den Brunnenplatz.
Was die Tausende durcheinanderschrien? War es Abwehr oder Zustimmung,
Zorn oder Hoffnung? Es war alles zugleich und wuchs zu einem tosenden
Lärm. »Gotts Not! Was ist denn da los?« Der Musketier, der neben dem
Balken der Unehr stand, gab Antwort: »Der da droben am Schandholz hat
sich ausgeschrien als Evangelischen. Und verhetzt das gutmütige Volk.
Dem luthrischen Narren sollt man alle Knochen in Scherben schlagen!«
Weil er mit dem Flintenkolben eine Bewegung machte, faßte die
Mälzmeisterin gleich einer Wahnwitzigen den Mann an der Säbelkoppel:
»Unmensch, du!«

»Unmensch? So?« Er schüttelte die Frau von sich ab. »Und du? Eine
Gutkatholische? Du weißt wohl nit, was für eine Straf die evangelischen
Ketzer verdienen?«

Noch ehe Frau Agnes antworten konnte, stand zwischen den beiden die
Moidi von Unterstein, jenes Mädel, dem der alte Fürsager die blauen
Faustmale der Brüste mit dem heiligen Buche bedeckt hatte. Das Gesicht
des jungen Geschöpfes war so wächsern wie das Antlitz einer Sterbenden,
doch in den weitgeöffneten Braunaugen glänzte etwas Freudiges und
Schönes. So streckte sie sich an dem schweren Soldaten Gottes hinauf
und fragte mit heller Stimme: »Was verdienen die? So sag's doch! Sag's!«

»Die verdienen, daß sie all zusammen auf den Scheiterhaufen kommen.«

Da breitete das kleine hagere Mädel mit einem leisen, wunderlich frohen
Schrei die Arme auseinander und rief: »So mußt du mich auch verbrennen.
Ich bin eine evangelische Christin. Schon ins vierte Jahr.«

Ein knirschender Soldatenfluch. »Packet das unverschämte Mensch!« Drei,
vier Musketiere fielen über das Mädel her, und während sie ihm die Arme
hinter den Rücken preßten, drängte sich aus dem schreienden Gewühl der
Menschen ein alter Bauer heraus, der Fürsager von Unterstein, kreuzte
selber die Hände und streckte sie den Soldaten hin: »Nehmet mich
auch gleich mit! Ich bin ein Evangelischer. Ich bin's, derzeit ich
denken hab können. Und meine Buben und Töchter, meine Schwieger und
meine sechzehn Enkelen, wir alle sind evangelisch.« Wie ein fröhlich
Betrunkener drehte er den grauen Bart über die Schulter und schrie
mit der Stimme eines jungen Menschen: »Kinderlen! Her zu mir! Unser
Christenherz will maien! Jetzt geht es ins Himmelreich!« Erschrocken
guckten die Musketiere die vielen Kinder des Alten an, die sich
herdrängten von allen Seiten, Männer und Greise, Bürger und Bauern,
Weiber, Kinder, hochstämmige Burschen und halbwüchsige Mädchen. An die
vierzig, an die fünfzig und sechzig waren es, und mit jeder Sekunde
wuchs ihre Zahl, und sie alle waren Kinder vom Geiste dieses Alten,
auch wenn sie einen anderen Namen trugen, als er.

Erschrocken sah Frau Agnes in das jauchzende Gewühl der haufenweis
herbeiströmenden Bekenner hinein und griff sich mit beiden Händen an
die Schläfe, daß ihr die weiße Haube zurückfiel in den Nacken. Zitternd
taumelte sie gegen das Holz der Unehr hin und umklammerte die rot
übersickerten Füße ihres Sohnes: »Mein Bub! Mein Blut und Fleisch! Was
hast du verschuldet!«

»Nichts, Mutter!« Der Klang seiner Stimme war ruhig. »In meines Lebens
heiligstem Stündl hab ich ein Wegweis der redlichen Wahrheit werden
müssen.«

Sein Wort ging unter in dem wachsenden Stimmengebraus der Hunderte, die
sich herandrängten, um das Schneekleid ihrer Seelen abzustreifen und
Sichtbare zu werden. Fast alle, wenn sie die Hände hinboten, hatten
das gleiche Wort: »Mich auch! Wie schön ist die Wahrheit! Jetzt geht
es ins Himmelreich!« Immer vier oder fünfe wurden von den Musketieren
in die Torhalle hineingeführt, und doppelt so viele folgten aus freiem
Willen, bis die Soldaten Gottes müde wurden des Verhaftens. Nur drei
von ihnen blieben beharrlich. Und da faßten sie im Gedräng einen
Bauer. Der wehrte sich wie irrsinnig und kreischte: »Lasset mich aus!
Ich bin ein Gutgläubiger. Mein Weibl ist römisch und meine Kinder
sind's. Die laß ich nit. Gelobt sei Jesus Christus, ich glaub ans
Fegfeuer, in Ewigkeit Amen. Und wie mein Herzfleck ist mir mein Haus
und Acker. Und müßt ich zum luthrischen Sand hinunter, ich wüßt nimmer,
wie ich noch schnaufen könnt. So lasset mich doch aus, ihr Herren!
Vor Weihbrunnkessel und Meßbuch will ich's beschwören: Ich bin ein
Gutgläubiger!«

Der Blutende am Holz der Unehr wandte das Gesicht im Eisen. Er hatte
seinen Widersacher von der Untersteiner Krippe erkannt. Mit einer
Stimme, so hell und stark, daß sie allen Lärm übertönte, rief er hinaus
in die Sonne: »Lügen heißt leiden. Und einer, an den wir glauben,
hat gesagt: >Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch
verleugnen vor meinem himmlischen Vater.<«

Der Bauer, den die Musketiere schon freigegeben hatten, blieb stehen
wie ein Gelähmter. Langsam wandte er die Augen und sah zum Balken
hinauf. Ein Erblassen rann ihm über das verstörte Gesicht. Nun tat
er einen tiefen Atemzug, ging auf einen der Musketiere zu und bot
ihm die gekreuzten Hände hin: »Mich auch! Alles verlieren! Nur nit
die Seligkeit. Ich bin evangelisch.« Der Soldat verhaftete ihn
nicht, sondern sah den Bauer mit erweiterten Augen an, warf die
Feuersteinflinte in den Brunnen, riß den Dreispitz und die Säbelkoppel
herunter, schleuderte alles wie in Ekel von sich und sagte: »Da tu ich
nimmer mit. Komm, Bruder, wir gehen selbander ins Himmelreich!« Er
legte den Arm um den Hals des Bauern, küßte ihn auf die Wange und trat
mit ihm in den Schatten der Torhalle.

Ein unversiegendes Herandrängen von allen Seiten. Jetzt irgendwo eine
jauchzende Stimme: »Leut! Ihr lieben Leut! So schön, wie der Frühling
der Wahrheit ist, so gottschön ist kein Blumenwuchs auf der besten
Alm!« Das Wort des Einen wurde zum frohen Seelenschrei von Hunderten:
»Frühling der Wahrheit! Frühling der Wahrheit!« In dem brausenden
Bekennergewimmel, das schon den Hof des Stiftes zu füllen begann, fing
einer mit klingender Kehle zu singen an. Viele Stimmen wuchsen mit
freudigen Kräften hinzu. Aus Tor und Halle schwoll das Lied um den
Brunnen her, sprang hinüber zu den Türen, zu den Fenstern, und rauschte
über die Gasse hin:

  »Nun freut euch, liebe Christengmein,
  Und laßt uns fröhlich springen --«

Alle, die so sangen in dieser Frühlingsstunde ihrer Seelen, sangen das
Lied in ihrem Leben zum erstenmal mit lauten und unverschüchterten
Stimmen. Fast war es nicht wie Gesang. Es war wie ein unersättliches,
nicht enden wollendes Aufjauchzen der Freiheit und Erlösung.



Kapitel XV


Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll über die
Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die
sich _à la Versailles_ amüsierte und kaum einen Laut dieser über
alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den
graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht,
der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden
Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in
rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen
müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt.
Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf
ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des blutspritzenden
Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen
zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener
Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem
Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen
hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht
in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe
deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie:
»So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der
Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!«

Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus
zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige
auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen
heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer
anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander,
wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen
Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus
toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter.
Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, daß der graziöse
Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem
Wildmeister und den Jägern: »Abfangen! Abfangen!« Es war zu spät. Mit
gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter
Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos
zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen
zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem
blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen,
halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und
Jäger mit den blanken Hirschfängern einher.

Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte,
waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit
zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee
durchnäßt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt,
die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten.
Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen.
Den letzten Überläufer mußte man, bevor er den Todesstoß empfangen
konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock
der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit
ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden
Worte: »_Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!_« -- in einem wesentlich
anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant
kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter
beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich
ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten
durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der
Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine
Nachtwandlerin mit geöffneten Augen.

Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich
bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als
aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste
plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane
befallen -- ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als
Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe
verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der
Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl,
schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: »Ihr Herren und Jäger!
Jesus, Jesus! Die Welt geht unter _in loco hujus_! Unsere Bauern
rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber
zum gnädigsten Fürsten!« Der Wildmeister, alle Domizellaren --
ausgenommen den Grafen Tige -- die Pagen und Hifthornbläser sprangen
mit dem stotternden Feldwebel durch den Schloßgraben zum Stift hinüber,
aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne
schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine
hinter sich her.

Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten
schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll
geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: die noch Unentschlossenen,
die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das
Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und
Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer
kreischte ein Aufgeregter: »Mich haben die Musketierer dreimal
gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen
Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin?
Hättst du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst du
glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein
neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift
aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit -- so
eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müßt auch
ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz,
bevor sie stinkig wird.« Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem
Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte
Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schloßgraben hinuntergezogen
wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: »Auch ein Ungetauftes!
Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen
Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!«

Da kam einer aus dem Tal herauf. »Christl? Jeder Redliche lauft der
Wahrheit zu. Und *du* gehst *heim*?«

»Wohl, Mensch!« Der Haynacher lächelte schlau. »Mich haben sie wieder
auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie mein Martle und
jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist.« Der andere, halb
in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging
vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: »Kann sein,
mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß
nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist,
da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ
heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Pärl
aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen
Gottesglanz! Schau, Mensch, da mußt du doch selber sagen --« Er merkte,
daß er allein stand. »So so?« Dem Christl liefen zwei Tränen über die
Feuerflecken seiner Backen. »Schau, von meinen gottseligen Kinderlen
will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!«

Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der
lyrisch verherrlichte _Dr._ Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade
in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach,
erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer
Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte
-- in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem
verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in
zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten
Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige
lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die
schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen -- und da wiederholte sich
plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es
wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses
war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener _chose
effroyable_ erinnern mußte, die sie auf dem Stubentische des Christl
Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen
bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und
-- billeripatsch -- versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige
eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten
aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie
sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige
mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon,
um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete
Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und
den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden
gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei
Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen.

Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der
lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und
Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen
wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten
des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer
vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür
verschlossen und schrie: »Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!«
Hinter der Tür eine zornbebende Stimme: »Man hat mich eingesperrt.«
Die Sus stammelte: »Da ist der Schlüssel!« Nun mußte der Pfarrer
lachen. »Du hast ihn eingekastelt?« Dem Mädel kollerten die Tränen über
das angstvolle Gesicht. »Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister
ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, daß
die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum
Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür
gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.«

»Und das Luisichen?« fragte der Pfarrer sorgenvoll. »Weiß sie, was der
Meister hat tun wollen?« Sus schüttelte den Kopf: »Die hab ich droben
eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat
sie gebetet vor dem Jesukind.« Der Pfarrer atmete auf: »Dich sollt man
zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns
allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister.«
Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an
der Tür: »Gotts Not, so machet doch auf!«

»Ja, guter Nick! Erst muß ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein
Kranker, mir zittern die Händ.« Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum
Trotze wußte der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die
Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den
Schlüssel ins Schloß zu bringen und umzudrehen.

Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. »Pfarrer! Meinen Weg gib
frei!«

»Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!«

»Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.«

Der Pfarrer sah, daß das Fenster offen stand und das schwere Gitter
verbogen war. »Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bißl
Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die
Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, daß es noch
allweil Schlosser gibt, die verläßliche Arbeit machen.«

»Pfarrer?« Meister Niklaus streckte sich. »Willst du mich hindern, als
Christ meine Pflicht zu tun?«

»Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestärken.« Weil
der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen
wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloß, in dem noch der
Schlüssel stak. »Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern
bin ich ein todkranker Mensch.« Dem Meister fielen kraftlos die Arme
hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte,
sagte ruhig: »Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding.
Aber *jede* Pflicht verlangt vom Menschen ein bißl Treu. Von deiner
Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu
kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, daß
du auch ein pflichttreuer Vater sein mußt? Willst du das Gute, das in
deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein
Kind in Tod und Verzweiflung treiben?« Das Gesicht in die beiden Hände
pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister
wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel
der Mittagssonne. »Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bänkl her!
Da wollen wir reden miteinander.«

In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen
vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der
Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der
Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit
jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann
ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals
zu lauschen -- an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen
Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel
und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden
Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander
gekrampft. Sie hörte nicht, daß jemand den flehenden Hilfeschrei der
Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: »Bitt für ihn
-- bitt für ihn --« Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte,
sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, faßte die Haustochter
unter den Armen und hob sie vom Boden auf. »Komm, Kindl! So fromm hast
du gebetet, daß die heiligste Mutter ihm helfen *muß*! Und schau, du
mußt doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mußt dir die roten
Händlen waschen!« Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den
Hals der Magd und preßte das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren
Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann
sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte
sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das
Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war.
Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wußte gleich: der
Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen
Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie
den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer
nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.

Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die
Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu
erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während
der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte
auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl
der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt,
um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene
Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich
aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau
auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren
flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn
durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein
Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher
familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.

Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende
Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur,
in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein
Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer
müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig
in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte
Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und
hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich
bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel
drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte
durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer
schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die
von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat
Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not
mit mir gehabt.«

»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum
denn mich nit?«

»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem
Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.«

Erschrocken fragte Lewitter: »Wirst du's nötig haben?«

Der Pfarrer lachte. »Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig
wird in der Stöckelmilch! Wahrscheinlich ist's *nit*. Aber allweil noch
so möglich, wie daß der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich
zuredet. Und da sollst du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der
Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu
dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?«

Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnußgroße
Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. »Jetzt brauch ich
nit lügen.«

»Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.«

»Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft --« Lewitters Stimme wurde leis,
»wie das Mirakel der Armeseelenkammer.«

Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes
hin. »Gott sei Dank, Simmi, daß *du* nit der Landrichter bist.« Ein
heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des
tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle.
Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: »Weißt du, was geschieht
da drunten?«

Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere
Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich
hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der
Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch
die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig
zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln
entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen
Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das
tröstende Wort entgegenhalten: »Gott bleibt allweil barmherzig. Wie
nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.«

Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. »Tät die
Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht man glauben, das
ist schöner Gottesdienst.« Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans
Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer
schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in
dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte.

Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die
Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des
Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche
Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose
Regierung mußte die Wahrnehmung machen, daß sie seit Jahren von
>Abtrünnigen< umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens.

Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten
der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In
dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer
zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, daß ihr froher
Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. »Christen? Ketzer?« Pfarrer
Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. »Hat der
Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem
Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen.«
Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das
Gerichtsgebäude hinüberschob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da
drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig
gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer
und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer,
die ihre >verführten< Weiber und Töchter herausreißen wollten aus
der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je
deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man
Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den
Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man
auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte
sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu
errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte.
Leider mußte man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch
bei seiner unpäßlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand
heimgekehrt, der einem Schlagfluß ähnelte. So mußte den Vorsitz des
Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte _Dr._ Halbundhalb übernehmen.
Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Mißhandlung der
Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn:
»Willibald! Daß du ein Esel bist, hab ich immer gewußt. Aber so
deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich möchte
weinen über die Arbeit, die du fabriziert hast. Daß du die Ehrlichen
als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst,
das ist noch lange nicht die übelste von deinen Schädigungen des
Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. In allen Redlichen erschütterst
du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand
machst du verächtlich vor allen Subjekten. _Mais, que Dieu nous soit en
aide_, die böse Stunde läßt dich unentbehrlich erscheinen -- ich habe
kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, laß die andern
amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst
du mir nicht dienen.« Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier
Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige
war nicht aufzufinden.

Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde
auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: »Was
glaubst du?«, öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der
Faustschläge und sagte: »Ich glaub, daß es Gottes Willen nit ist, ein
Menschenkind so zuzurichten.« Die Herren waren ein bißchen betreten,
und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule
die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien
zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen:
»Du Schwein!« In Zorn antwortete das Mädel: »Auf den Hintern haben mich
die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch *den* gezeigt. Und
mir hätt's weniger weh getan.« Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann
wurde sie drei Stunden lang über alle Glaubenssätze vernommen.

Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren.
Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mälzmeister
Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen
geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er
zähneknirschend vor sich hinbiß, hatten nur die Worte Verstand, die
er über die >unchristliche Peinigung< seines Sohnes sagte; doch sein
Glaubensbekenntnis war so verworren, daß man mit Sicherheit nicht
unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder
noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die
salomonischen Worte entschieden: »Mein lieber Mälzmeister! Geh er
wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin
eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.«

Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhör entwickelte
sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht.
Der Greis in seiner unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und
schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf
an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine
Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht
festgestellt hätte, daß mit drei Verhören fünf kostbare Stunden
vertrödelt wurden. »Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein
halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst,
wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig.« Es war
dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren
zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei
Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den
sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen,
Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen
die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den
Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende
Ziffer 2714.

Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue.
Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten
Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden
Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten,
endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394
zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des
gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos
und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose
Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die
Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte
seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch
jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor
ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.

An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in
Geistesstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit
seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch
und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur
an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein
ganzes Sinnen und Grübeln an diesen *einen* Verdacht: der Pfarrer
Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn
herauszubeweisen, verschwendete _Dr._ Willibald alle Schärfe seines
Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: »Aber Bester! Endlich *muß* man sich
doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!« Im Bewußtsein,
etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten
Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den
Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt
wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen.
Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu
zweifeln und sagte zu Jesunder: »Nun erkenne ich, daß Ihr nicht völlig
unrecht habt.« Er mußte die infizierte Nase putzen. »Der Pfarrer
simuliert.«

Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Roßhaarwickeln
des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen
durch das Berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der
Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die
Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man
lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen
wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften
ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend
versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im
ganzen Ländl erwies es sich, daß es für die Bekenner verschiedenen
Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite
zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen,
zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem
gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich
gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe
einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede
in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, daß ein nachbarliches
Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht
leiten ließen von blindem Haß. Es standen auf katholischer Seite viele
Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der
tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und
immer sagten: »Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren
auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in
Freud und Pein?«

Auch in den Häusern, in denen ein >tiefer Graben< ausgeschaufelt
war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es
friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, daß man
auseinandergerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes
kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen.
Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang
gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken
begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich
verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden
allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames
Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl
hinausgeblasen, alles Böse wird linder sein, und die >gute Zeit< wird
kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und
länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in
allen.

Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im
Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: »Komm wieder heim
mit deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottfrieden.« Die Hasenknopfin
konnte ihr Mißtrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes
aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für
die Berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem
Boden.

Sie war eine weise Frau.



Kapitel XVI


In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Früh
am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen.
Senkrecht fielen die großen Flocken aus der Luft herunter.

Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er
hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzündeten Augen und mußte
noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune
überraschend heiter und wurde noch immer fröhlicher, je dichter
da draußen die Flocken fielen. »Nur schön herunter mit dem weißen
Leintüchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!«

Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit
erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: »Der Hochwürdige soll
hinüberkommen zum Fürsten.«

Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme:
»Die hohen Stiefel! Flink!« Als er allein war, runzelte er die Stirne
wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte
einen Mantel heraus, der farbig und gebändert war wie weltliche
Herrentracht, ballte ihn zu einem Knäuel zusammen und schob ihn hastig
ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. »Es stinkt ein bißl, aber
hilfreich ist es.« Pfarrer Ludwig lachte. »Der Schlüssel im tiefsten
Brunnen! Der Totengräbermantel in der schönsten Glut!« Nun flink
hinüber zum Schreibtisch. Er ließ das Geheimfach aufspringen, zerriß
drei lateinisch beschriebene Blätter in kleine Stücke und beförderte
sie ebenfalls in die Flamme. »Früher hat man die Klugen selber
verbronnen, jetzt röstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer
wird die Menschheit.« Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstücke und
zwanzig Sechser, legte die Münzen schön geordnet in das Geheimfach,
ließ die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlüssel ab
und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte,
fuhr er mit den Füßen hurtig in die Schäfte. »Nach Rosenwasser riechen
sie nit. Der Gnädigste wird das Näsl verziehen.« Er nahm den Radmantel
um und stülpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe übers weiße Haar.
»So, Schwester, tu mir das Haus schön hüten! Und kriegst du Besuch, so
unterhalt dich gut!«

Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, spähte er nach den Fenstern
des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia
zurückfuhr von ihrem Lauerposten. »So so?« Er schlug den Radmantel
um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und
blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch
den Vorhang der weißen Himmelsfäden. Flaumig hing der Schnee am
Federtuff des spanischen Hütls. Schultern und Ärmel des grünen Mantels
waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Händen,
die aus den Mantelsäumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen,
das mit einem Schweinsblasenfleck überbunden war. »Guten Morgen, Kind!
Wohin denn im tiefen Winter?«

»Zur Mutter Agnes.«

Der Hochwürdige schien zu erschrecken. »Ich kann doch nit denken, daß
dein besonnener Vater dich schickt?«

»Ich geh von selber.« Sie atmete schwer. »Die Mutter Agnes ist eine
Gutgläubige.«

»Freilich! Aber in ihrem Haus, da liegt doch einer, der zur bösen Lawin
der Siebenthalbtausend den ersten Schneeballen hat laufen lassen?«

»Wie alles ist, weiß bloß ein Einziger.« Sie hob das vergrämte Gesicht
zur weißverschleierten Höhe.

»Kind? Warum hast du Tränen in den Augen?«

»Weil ich allweil denken muß --«

»An den Leupi und seine Schmerzen?«

Sie schüttelte den Kopf. »An den Kummer Gottes.«

»Freilich!« Der Pfarrer nickte. »Gott muß sorgenvolle Zeiten haben.
Erschafft einen prächtigen Buben, hat seine Freud an ihm, und jetzt
liegt er in Blut und Schwären.« Er legte die Hand auf ihren Arm. »Ich
hätt dir den heutigen Weg gern ausgeredet. Aber ich merk, du tust dich
da nimmer halten lassen. Was christliche Barmherzigkeit ist, versteh
ich doch auch. Jeder gütige Menschenweg bleibt allweil ein Sträßl
Gottes. Und was ich dir neulich gesagt hab über deinen Vater? Also?
*Ist* er jetzt einer von den Siebenthalbtausend?«

»Wär's gekommen, wie ich geforchten hab, ich hätt's nit überlebt.« In
ihren großen nassen Augen erwachte ein froher Glanz, als wäre das die
einzige Freude dieser harten Zeit: »Jetzt glaub ich, daß der Vater
glaubt.«

»Siehst du! Hat man nit grad vier überflüssige Buchstaben im Hirn, so
kommt man schließlich im Leben hinter jede Wahrheit. Geh mit Gott,
mein Luisichen!« Lächelnd segelte der Hochwürdige in den langen
Schmierstiefeln über die weiße Welt, aufmerksam begleitet vom
Späherblick der Mutter Apollonia. Frau Jesunder leistete dabei eine
zwecklose Arbeit. Daß Pfarrer Ludwig zum Fürsten berufen war, das wußte
sie schon, wußte sogar noch mehr, hätte aber auch gerne gewußt, welche
Richtung das grüne Mäntelchen einschlug. Doch bis die neugierige Mutter
Apollonia in ihrer Behausung zu einem winzigen Hinterfenster sprang,
durch das sie die Welt nur in notwendigen Ausnahmefällen zu betrachten
pflegte, war Luisa nimmer zu entdecken.

Sie hatte bereits das Mälzmeisterlehen betreten. Zitternd stand sie da
im Flur und betrachtete ratlos die drei geschlossenen Türen. Ach, wie
viel Herzklopfen verursachen die Wege der christlichen Barmherzigkeit!

In dem kleinen Flur war nichts Katholisches, nichts Evangelisches zu
gewahren. Ein bißchen roch es nach Seife und lauem Wasserdampf. Doch
mehr nach Frühling. Hopfenproben und geröstete Gerste duften kräftiger
als manche Blumen.

Von den drei Türen war es die nach der Gartenseite, zu der man das
größte Vertrauen haben konnte. Die Küchentür. Als Luisa sie öffnete,
sah sie zwei Wasserbottiche mit blutfleckiger Bettwäsche und sah eine
schlafende Frau. Wahrhaftig, man konnte glauben, daß Mutter Agnes
schlief. So unbeweglich saß sie auf dem spreizbeinigen Bänkl über das
Gesims des Gartenfensters hingesunken, vor dem der Fall der Schneefäden
herunterging, und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Über den
entblößten Scheitel rieselte ein schauerndes Zucken. Frau Agnes hörte
nicht, daß jemand gekommen war. Erst diese lispelnde Stimme weckte sie:
»Liebe Meisterin --« Da fuhr sie auf, als sähe sie ein Wunder. »Kindl?
Du?« Luisa nickte: »Schau, da hab ich ein wehstillendes Sälbl gekocht
und hab's in lindem Feuer viermal geläutert. Gestern, wie noch heller
Himmel gewesen, hab ich es klären können in der Sonn. Und heißer hab
ich gebetet dabei, als je im Leben.« In den zitternden Händen hielt sie
ihr das braune, mit Schweinsblase verschlossene Tiegelchen hin. »Magst
du es haben?« Mutter Agnes versuchte zu lächeln, blieb stumm und beugte
den Kopf. »Jesus!« stammelte Luisa. Erst jetzt gewahrte sie dieses
Erschreckende. Die Mälzmeisterin, deren Scheitel am Sonntag vor dem
Holz der Unehr noch blond gewesen, war in fünf Nächten grau geworden.

In der stillen Küche knisterte das Herdfeuer, und das siedende Wasser
brodelte. Das war wie eine verträumte Stimme, die gerne singen möchte,
aber nur die Weise findet und kein Wort dazu.

Frau Agnes erhob sich und legte den Arm um Luisas Schultern. »Komm!«
Sie führte das Mädchen in den Flur und vor eine Tür, die sie öffnete.
»Da, schau!« Es war seine Kammer. An einem Zapfenbrette hingen allerlei
Jagdgeräte, die Schneereifen und Steigeisen, der Bergsack, die
stählernen Schlagfallen für den Fuchsfang, die neue Feuersteinflinte
und eine Armbrust aus Urgroßvaters Zeiten. Eine schmale weiße Stube,
ohne Ofen, mit spärlichem Gerät, so alt, wie die Armbrust war. An
der Mauer ein kleines Kruzifix. In der Ecke, dem tief in der Mauer
sitzenden Fenster gegenüber, stand das plumpe Bett, mit einer grauen
Wildschur und mit Kissen, von denen der Überzug heruntergenommen war.

Luisa entfärbte sich.

»Schau, da hat er noch gestern gelegen, so klaglos und gottsfreudig
wie einer von den Heiligen, die sie gemartert haben.« Frau Agnes
streichelte ein Kissen, das feuchte Flecken hatte. »In der Nacht ist
der Wildmeister gekommen, mit zwei Jägerknechten. Die haben ihn im
blutigen Verband auf ein Rößl gehoben und haben ihn fortgeführt, ich
weiß nit, wohin.«

Wie eine Erlöste atmete Luisa auf.

Da sah die Mälzmeisterin sie an. »Ach, Kindl, wie tust du zittern!
Komm, setz dich ein bißl daher!« Sie zog die Widerstrebende auf das
leere Bett ihres Sohnes. »Mein Alter meint, die Herren hätten den Buben
bloß fortgeschafft, daß er den Leuten aus den Augen wär. Krieg ich
Botschaft, wo er ist, so schick ich ihm gleich dein Tiegerl, gelt!« Sie
konnte lächeln. »Ob's heilsam ist oder nit, es wird ihm wohltun. Darf
ich es ihm sagen?«

»Was, Meisterin?«

»Daß es von dir ist.«

Sie nickte.

»Und daß du ihm gut bist?«

»Ja, Mutter!«

»Und daß ihr zwei, wenn die verständigen Zeiten wieder einkehren --«

Luisa bekam das strenge Klostergesicht. »Das nit! Eine Hoffnung tät
Sünd werden. Er ist drüben, ich bin, wo ich sein muß. Da ist kein Weg
nimmer.«

»Eins von euch beiden muß doch fügsam werden. Wie soll's denn enden?«

Ein Lächeln. »Mit einem einsamen Tod.«

Das ging der Mälzmeisterin gegen die gesunde Natur. »Ach geh, du
Schäfle! Tät ich vom Sterben reden, so hätt's Verstand. Bei dir ist's
Narretei. Das mach ich dir nit zum Fürwurf. Ist doch die halbe Welt
verdreht!« Der Zorn war in dieser ausgeglichenen Frau eine seltene
Sache. Jetzt wurde er wach. »Tät unser Herrgott doch endlich einmal
einen Stecken nehmen und die ganze hirnkranke Menschheit so lang
karbatschen, bis sie alle betteln: Hör auf, wir wollen verstandsam
bleiben!« Sie wurde ruhiger und klagte: »Er tut's halt nit. Der muß
einen Geduldfaden haben, daß man ihn auf der Weltkugel nit aufknäulen
könnt in hunderttausend Jahr. Freilich, unser Herrgott hat Zeit zum
warten. Wir Menschen nit. Komm, Kindl! Wir wollen ein Wörtl reden mit
ihm. Eine schmerzhafte Mutter und von allen Jüngferlen das frömmste. Da
*muß* er doch hören! Meinst du nit auch?«

»Ja, Mutter Agnes!«

»Aber das Tiegerl mußt du auslassen. Schau nur, was du für glühheiße
Händlen hast! Was Heilsams muß allweil kühl haben.« Sie stellte den
kleinen braunen Tiegel an das Fenster, dessen Scheiben mit Schnee
behangen waren. »So, Kindl!«

Nun knieten die beiden vor dem Kruzifix auf die frischgescheuerten
Dielen nieder und falteten die Hände. Aus aller Frömmigkeit ihres
Herzens sprach Mutter Agnes den >Notschrei der wahren Christen im
tiefsten Elend<. Und Luisa, mit einer von Süßigkeit durchfieberten
Inbrunst, betete die Worte: »Hilf uns, o Herr! Hilf uns, Du Gütiger und
Gerechter, Du Allbarmherziger! Hilf uns, Du ewiger Vater!« Das hatte
sie schon hundertmal gebetet, mit einer Seele, die nur glauben konnte,
nicht denken. Jetzt zum erstenmal zuckte ihr durch die Verzückung des
Gebets ein menschlicher Gedanke: »Christen sind sie doch auch! Die von
da drüben! Sie glauben an Gott und Erlöser. Da sind sie doch keine
Heiden nit!« Sie mußte zittern, beschuldigte sich einer schweren Sünde
und empfand doch eine Freude, die den Klang ihrer betenden Worte noch
heißer und inniger machte. --

-- Um die gleiche Stunde betete auch ein anderer, nur in taumelnder
Seele, mit stummen Lippen, die sich so matt bewegten wie der Mund eines
Verschmachtenden. Sein Gesicht glühte, seine Augen waren geschlossen,
sein Körper wurde geschüttelt vom Wundfieber. Im Hallturmer Jägerhaus,
das nur einen Büchsenschuß von der bayerischen Grenze entfernt stand --
in einem Bodenraum, über dem die Lücken des Schindeldaches verkrustet
waren mit angewehten Schneeklumpen -- lag er ausgestreckt auf dem
Heu, in seinem Bergjägerkleid, mit nackten Füßen. Rotgesprenkelte
Wundverbände umwanden die Fußknöchel, die Handgelenke und den Hals.

Nun zuckten seine Glieder. Der wachsende Schmerz hatte ihn aus dem
Fiebertaumel gerüttelt. Halb sich aufrichtend, ließ er die heißen Augen
hingleiten über die niedere Balkenwand und über die Schneekrusten, die
zwischen den Schindeln hingen. Undeutlich hörte er aus dem Unterstock
des Hauses eine fluchende Stimme heraufklingen. Und sein Blick fragte:
Wo bin ich? Er schloß die Augen wieder. »Herr, wenn ich Dich nur hab
--« Die Worte des Gebetes flüsternd, fiel er zurück aufs Heu. Sein
zerrissenes Erinnern mischte sich mit jagenden Fieberbildern. Er hörte
die Mutter reden, sah ein Gewoge von Köpfen und Schultern, fühlte den
schmerzenden Druck der Eisenbänder, die zu glühen schienen, vernahm
das schöne Brausen des evangelischen Bekennerliedes, sah zwei Augen,
die er mehr als sein Leben liebte, spürte einen Becher an den Lippen
und hörte eine zärtliche Stimme: »Komm, tu trinken.« Er lächelte, und
mit diesem Lächeln schlief er ein.

Es knarrte auf der hölzernen Treppe. Aus dem offenen Stiegenloch
tauchte ein geselchtes Mannsbild heraus, lang und dürr, mit einem
weißen Schnauzer in dem mageren, wettergebräunten Gesicht, mit
wasserblauen, mißmutigen Augen. Das war der fürstpröpstliche Grenzjäger
Matthias Schneck. Der staatsmännische Auftrag, den ihm der Wildmeister
hinterlassen hatte, war ihm ungemütlich. »Kreuzteufel und Elend!«
knirschte er vor sich hin, während er aufmerksam den Schlafenden im
Heu betrachtete. Ein guter und fester Jäger war der Leupolt, von der
ganzen Berchtesgadnischen Jägerei der beste, freilich, aber halt
auch ein Ketzer, ein ewig verfluchter! So was hat ein guter Katholik
wie der Hiesel Schneck nicht gern unter Dach. »Teufel, Teufel, eine
abgestochene Sau wär mir lieber im Haus.« Nach diesem Weisheitsspruche
zog der Alte den Schnauzer zurück, tappte über die steile Stiegenleiter
in die Herdstube hinunter, zog über seinem Kopf die Bodenklappe zu und
schimpfte: »Kreuzteufel und narrischer Himmelhund! Allweil und allweil
schlaft er!«

»So?« erwiderte ein kleines, abgearbeitetes Weibl mit versunkenen
Kinderaugen in einem weißen Runzelgesicht. Weil sie das kurze, nur
wenig über die Knie reichende Röckl trug, sah sie noch kleiner aus,
als sie war, und glich einem braunen Borkenstöpsel, der auf zwei
weißbeinernen Stricknadeln steht. Auch schien es ihr an häuslichem
Verstand zu mangeln. Sie kochte was in einer kleinen Pfanne, für die
ein winziges Feuer ausgereicht hätte; aber auf dem Herdstein rauschte
eine große Flamme, von der eine sengende Hitze ausging. Und noch immer
legte das Weibl einen Ast um den anderen dazu. Und sagte: »Du! Schneck!
Wann's dir nit recht ist, daß er schlaft, so hättst ihn ja wecken
können.«

»Wecken? Wecken?« Ganz rasend wurde der Hiesel. »Du Gans ohne Federn!
So was tut man doch nit.«

Das Weibl schmunzelte. »Warum denn nit?«

»Höll, Himmel und Haberstroh! Hast nit ein *bißl* Verstand unter dem
Hafendeckel? Ein einzigsmal seit der Ewigkeit hat unser grundgütiger
Herrgott ein boshaftes Stündl verspürt, und da hat er ihm so ein
Weiberleut ausstudiert! Kreuz Teufel, enk sollt man hauen den ganzen
Tag. Der hat vierundzwanzig Stündlen. Wann sie nit reichen, könnt man
die Nacht noch hernehmen dazu! Verstehst?«

»Ja ja, Schneck, versteh schon!«

»Also, in Gotts Namen!« Er setzte sich auf die Mauerbank und begann
für einen Schneemarsch die Filzgamaschen um die Waden zu schnüren.
So oft der Riemen nicht in die Haftel schlüpfen wollte, gab's einen
fürchterlichen Fluch. Das Fluchen ist ein verhölltes Ding, und wo
sich der Teufel rührt, wird's finster. Wohl möglich, daß die alten
Balkenmauern in den fünfunddreißig Jahren, seit der Schneck und die
Schneckin zwischen ihnen hausten, vom vielen Fluchen des Hiesel so
schwarz wurden. Augenblicklich waren diese teufelsfarbenen Wände auch
noch angeglüht von der großen Flamme. Alles in der Stube funkelte,
der ganze Herd mit der Rauchmuschel darüber, in der anderen Ecke das
zweischläfrige Bett mit den hochgetürmten Kissen, in der dritten
Ecke der Tisch, in der vierten der alte Geschirrkasten und die
Geweihstangen, die als Kleiderrechen an die Balken genagelt waren. Kaum
merkte man inmitten dieser Funkelglut, daß es draußen Tag war. Auch
sonst hatte die Stube noch was Höllisches. Neben der Tür, die ins Freie
führte, ging ein niederes Türchen in den Geißstall. Da trug man an den
Sohlen immer was über die Schwelle. Drum roch es beim Hiesel Schneck
-- außer nach Ruß, nach Rauchtabak und geschmierten Bergschuhen --
auch sehr heftig nach Ziegenpillen und Bockmist. Dennoch merkte man es
der Stube an, daß sie behütet wurde von zwei fleißigen Frauenhänden.
Gegen den Stallgeruch konnte die Schneckin nicht aufkommen, weil sie
sich seit dreißig Jahren an ihn gewöhnt hatte und nur selten merkte,
daß er da war. Die Ziegen hatten alle paar Jährchen gewechselt, der
Geruch war der gleiche geblieben. Auch der Hiesel Schneck. Der hatte
schon vor fünfunddreißig Jahren, in der ersten Woche nach der Hochzeit
so lästerlich geflucht. Das war der jungen Schneckin hart auf die
Seele gefallen. Und eines Tages hatte sie gebettelt: »Tu dich doch
nit allweil so versündigen, Mann!« Da hatte er in Zorn gebrüllt:
»Kreuzteufel, Himmelhund und Höllement! Wer sagt denn, daß ich mich
versündig? Wie denn? Wann denn? Wo denn?« Seit damals wußte die
Schneckin, daß das Sakermentieren am Hiesel nur eine Haut war, wie am
Fichtenbaum die Borke. Die ist rauh, das Holz ist gut. So gewöhnte sich
die Schneckin an die höllmentischen Borsten ihres Schneck, wie sie
sich um der guten Geißmilch willen an die Düfte des Bockmistes gewöhnen
mußte. Länger als ein Vierteljahrhundert hatte sie der Schneckischen
Flüche nimmer geachtet. Erst im vergangenen Herbste hatte sie wieder
Ohren dafür bekommen. Das ließ sie den Hiesel aus triftigen Gründen
nicht merken.

Als er die Filzgamaschen prall an seine Waden hingeflucht hatte,
nahm er Branntwein und Ziegenkäs in den Bergsack, hängte die
Feuersteinflinte hinter die Schultern, warf den Wettermantel drüber und
sagte leis: »Paß auf, Schneckin! Das Süppl, Kreuzteufel, das muß er
haben! Aber ordentlich versalzen mußt du's. Verstehst?«

»Wohl, Schneck, versteh schon. Ich salz, daß der Bub verdursten muß
über Nacht.«

»Höllement und Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schaf ohne Woll!
Nit gar so fest! Bloß daß er merkt, wie gut er's überall haben könnt,
viel besser als wie bei uns. Verstehst?«

»Ja ja, Schneck, gut versteh ich.«

»Daß er frieren muß da droben, wie die Feldmaus an Weihnächten, das
wird mithelfen. Und du mußt ihm halt allweil fürreden, daß er keine
hundert Sprüng nit braucht bis zur bayrischen Grenz. Verstehst?«

»Ja, Schneck, versteh schon. Allweil stell ich mich ans Bodenfenster
und sag: ja guck nur, guck, wie gut man von da den Grenzbaum sieht!«

»No also! Endlich verstehst ein bißl! Und wirst wohl wissen,
wie's der Wildmeister haben will. Kein Wörtl von der luthrischen
Narretei. Tu fürsichtig das Maul halten! Wir zwei sind gute Christen.
Kreuzhöllement! Unser Herrgott ist unser Brot. Verstehst? Wie flinker
er nüberspringt ins Bayrische, um so lieber ist es den Herren.
Verstehst?«

»Wohl, Schneck, versteh schon! Wenn's nächtet, ist der Bub nimmer
droben am Heuboden.«

»Gott soll's geben!« Der Hiesel ging zur Türe. »Gelobt sei Jesus
Christus und die heilige Mutter Marie.«

Ruhig sagte das kleine Weibl am Herd: »Von nun an bis in Ewigkeit
Amen!« Und legte drei schwere Holzprügel in die große, rauschende
Flamme.

»Höll, Himmelhund und narrische Fasnacht, was tust du denn so unsinnig
feuern, Weib?«

»Daß ich nit frieren muß.« Dabei rannen der Schneckin die Schweißperlen
über das von der Hitze halb gebratene Gesicht. »Verstehst?« Nein,
das verstand der Hiesel nicht. Er fing über die Dummheit der Weiber
wie ein Wilder zu fluchen an und schlug die Türe hinter sich zu. Man
hörte noch immer seine wütenden Himmelhunde bellen, als seine Schritte
schon versunken waren im tiefgewordenen Schnee. Kaum er draußen war,
sprang die Schneckin zur Treppe hinüber und lupfte die Bodenklappe, daß
die Wärme hinaufströmen konnte. Und wieder zum Herd, und wieder ein
paar feste Prügel ins Feuer. Sie kostete, was sie gekocht hatte, und
weil die Milchsuppe ein bißchen nach dem Geißstall bitterte, rührte
die Schneckin ein Löffelchen Honig hinein. Daß einer im Wundfieber
nichts Heißes trinken soll, das wußte sie auch. Drum sprang sie in den
weißen Flockenfall hinaus, um das Blechschüsselchen mit der dampfenden
Suppe im Schnee zu kühlen. Wieder kostete sie und nickte zufrieden.
In der Art, wie die Schneckin das alles tat, war etwas Mutterhaftes.
Sieben Kinder hatte sie ihrem Höllementshiesel geboren, alle in
dieser schwarzen Stube, und keines hatte sie behalten. Drei waren
an den Blattern gestorben, die zwei ältesten Buben dienten bei der
Schellenberger Saline, der dritte war Soldat bei der Reichsarmee, und
das jüngste von ihren Kindern, ihr liebes Mädel, hatte im vergangenen
Sommer einen Halleiner Knappen geheiratet. Bei der Schneckin waren nur
der Hiesel, seine Himmelhunde und der Bockmist geblieben.

Achtsam trug sie das kühle Schüsselchen über die steile Treppe hinauf,
huschelte sich neben dem Schlafenden ins Heu, betrachtete sein
glühendes Gesicht und streichelte den Wundverband an seinem Handgelenk.
Dann saß sie unbeweglich, bis der Schlummernde zu erwachen schien. Sie
schob ihm sacht die Hand unter den Nacken. Als er die Augen öffnete,
hob sie das Schüsselchen und sagte freundlich: »So komm, tu trinken!«

Mit einem erstickten Laut riß Leupolt den Kopf in die Höhe, sah
verstört in die Augen der alten Frau, schob die Schüssel von sich fort
und fiel zurück.

»Bub? Tust du mir leicht nit trauen?«

Leupolt schwieg.

Da neigte die Schneckin den Mund zu seinem Ohr. »Es ist ein heilig
Ding, ist deins und meins. Komm, lieber Bruder in Christ, tu trinken!«

Noch während sie sprach, umklammerte er mit zuckenden Händen ihren Arm
und fragte: »Bist du am Sonntag auf dem Markt gewesen?«

»Wohl, Bub, da hab ich dich leiden sehen.«

»Hast du gesehen, daß eine mich trinken hat lassen aus ihrem Becher?«

»Ja, Bub!«

»So hab ich es nit geträumt?« Aufatmend nahm er das Schüsselchen
aus ihren Händen, trank mit gierigen Zügen und sagte lächelnd:
»Vergeltsgott, gute Schwester!« Er schloß die Augen, noch immer
lächelnd. Nach einer Weile fragte er leis: »Wer bist du?«

»Die Schneckin, Bub! Kennst du mich nit?«

»Das Weib des Jägers an der Grenz? Und bist du am Sonntag auch den Weg
der Wahrheit gegangen?« Die Frau blieb stumm und verfärbte sich ein
bißchen. Leupolt öffnete die Augen. »Warum nit, Schwester?«

Ruhig sagte sie: »Den Schneck tät's umbringen.«

Er nickte. »Jeder, wie er meint, daß es recht ist.« Seine Brauen zogen
sich zusammen. »Drunten in der Herdstub hab ich einen schelten hören.
Ist das der Schneck gewesen?«

»Wohl, Bub! So tut er allweil.«

»Weil du evangelisch bist?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß er nit.«

»Kann's ein Mannsbild geben, das nit Augen hat für die Seel in seinem
Weib?«

Ein bißchen lächelte sie. »So ist der Schneck. Tät die Himmelsglock
herunterfallen auf die Welt, da müßt ich dem Meinigen sagen: Du,
Schneck, paß auf! Sonst merkt er es nit.« Sie sah, daß Leupolt die
Zähne übereinanderbiß. Erschrocken fragte sie: »Hast du Schmerzen?«

»Nit arg.«

»Ich will dich pflegen. Drunten in der Herdstub hätt ich's leichter.
Meinst du, daß du hinunterkommst?«

Mit ihrer Hilfe hob er sich aus dem Heu. Die Füße trugen ihn nicht.
»Mußt mich halt noch ein Stündl liegen lassen. Dein guter Trunk wird
helfen, daß ich zu Kräften komm.« Er hielt mit seinen glühenden Fingern
die Hand der Schneckin umspannt. »Weiß meine Mutter, wo man mich
hingeführt hat?«

»Bub, da bin ich überfragt.«

»Magst du ihr Botschaft geben?«

Das hatte der Wildmeister über Auftrag der Regierung streng verboten.
»Ja, Bub,« sagte die Schneckin, »das wird sich schon machen lassen. Ich
hab am Ellbogen ein Überbein und red dem Meinigen ein, daß es blutet.
Verstehst, ein Überbein blutet doch nie. Und da lauft der Meinige
gleich zum Jud um ein Pflaster. So ein Jud ist allweil schlau. Und
lügen kann er halt nit, der Schneck, verstehst? Da redet er allweil so
dumm daher, daß man alles merkt. Und der Jud wird's dem Pfarrer sagen,
und der Pfarrer tragt's deiner Mutter zu. Ja, Bub, die Wahrheit geht
allweil den kürzesten Weg.«

»So ist alles gut.«

Schweigend lag er und atmete ruhig, bis der Fieberschlaf ihn wieder
befiel.

Unter dem verschneiten Dache war es warm geworden. Zwischen den
Schindeln begannen die Schneeklumpen zu schmelzen, und die Tropfen
fielen so reichlich von den Balken, wie sie im tauenden Frühling von
den Bäumen fallen.



Kapitel XVII


Pfarrer Ludwig trat in das Fürstenzimmer, aus dem die verschnörkelte
Pariserei allen deutschen Hausrat verdrängt hatte.

Herr Anton Cajetan, in einem Hofkleid aus schwarzem Atlas, unter
frischgepudertem Lockenbau, schlürfte seine Morgenschokolade. Er
hatte unausgeschlafene Augen. Spinettspiel und Cyperwein hatten
sich wirkungsloser erwiesen als sonst. Zehntausend Untertanen und
siebentausend Abtrünnige! Und die innersten Regierungsstätten ein
Tummelplatz erschreckender Mirakel -- die gereizten Seelenzustände der
schönen Freundin _en titre_ noch gar nicht in Rechnung gezogen -- wie
soll man da schlafen können als Fürst? Mit einem Augenwink schickte
Herr Anton Cajetan den Lakai aus dem Zimmer und trat erregt auf den
Pfarrer zu. »Was sagst du zu dieser konsternierenden Sache! Fast
siebentausend!« Da sah er die verschwollene Nase des Pfarrers und wich
zurück. »Es scheint, daß du *wirklich* katarrhalisch bist?«

»Haben Euer Liebden daran gezweifelt? Aber es wird schon besser. Und im
Abflauen ist eine Krankheit nimmer ansteckend.«

»Immerhin wollen wir vorsichtig sein und den Tisch _entre nous_
postieren. Nimm Platz -- da drüben!« Forschend betrachtete Herr Anton
Cajetan den Greis. »Ich will deine Meinung hören. Man muß zu einer
Dezision kommen, was man tun soll. Der Salzburger Hof, an den ich einen
Kurier detaschiert habe, schweigt sich aus. Und die Gehirne meiner
eigenen Kanzleikamele befinden sich in einer desolaten Konstitution.«

»Wenn man nur merkt, wie man dran ist mit ihnen. Da schadet's minder.«

»Weißt du mir einen Rat?«

Dem Pfarrer stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte sich nichts Gutes von
dieser Stunde erwartet. Nun fühlte er ihre Verantwortung. War es nicht
denkbar, daß diese Stunde auch Segen bringen konnte? »Einen Rat?« Er
atmete tief und nickte. »Es geht da um unser Ländl und Volk. Kann sein,
um *mehr*! Um ein notwendiges Ding im Reich --«

»Was, Reich!« lehnte Anton Cajetan verdrießlich ab. »Laß
Nebensächliches _à part_! Was soll ich tun in dieser desperaten
Fatalität?« Der Fürst tauchte ein Biskuit in die Schokolade.

Pfarrer Ludwig zog die Brauen zusammen. »Man kann von zehntausend
Untertanen nit siebentausend über die Grenz jagen. An verläßlichen
Stiftsleuten bringen Euer Liebden kein halbes Hundert nimmer auf.
Fünfzig wider siebentausend, das ist so siegreich wie ein Frosch wider
einen Ochsen.« Zur Bekräftigung dieser Wahrheit mußte der Pfarrer
niesen.

Anton Cajetan streckte mißmutig die Hand. »Rück weiter vom Tische!«
Seufzend schob er das lindgeweichte Biskuit an seinen Bestimmungsort.
»Du meinst also?«

»Daß Euer Gnaden sich mit den Siebentausend in Güt verständigen müssen.«

»Ganz meine Meinung.«

»Ja, Herr?« fuhr es dem Pfarrer mit freudigem Laut heraus.

»Wie denkst du dir die Bekehrungsmethode?«

»Bekehrung?« Dem Enttäuschten wurden die Augen groß. »Freilich, wenn es
an den Brotkorb geht, werden viele umfallen. Alle Schwachmütigen. Zu
Eurem Nutzen wär es, Euch die Tüchtigen zu erhalten. Oder Euer Ländl
wird blutarm werden wie ein junges Weib, dem der Mann genommen ist.«

»Ludwig, du bist opulent an unpriesterlichen Bildern. Oder --« Anton
Cajetan richtete einen mißtrauischen Blick auf den Pfarrer. »Bist du
vielleicht deines eigenen Glaubens nicht mehr sicher?«

»Doch, Herr!« Die große Warze des Pfarrers zuckte ein bißchen. »Aber
ich spür, daß viele von diesen Abtrünnigen die besseren Menschen sind,
als manche von den Treugebliebenen.«

Zornig fuhr der Fürst vom Sessel auf und bespritzte die schimmernde
Hose mit Schokolade. Auf das weiße Fenster zutretend, tupfte er mit dem
Spitzentuch die Flecken vom schwarzen Atlas. Dann lachte er kurz und
murrte: »Die besseren Menschen! Diese Treulosen an ihrem Fürsten und
Gott!«

»Alles Neue faßt am tiefsten die Menschen an, in deren Seelen der
fruchtbarste Boden ist. Was blüht in einer sehnsüchtigen Seel, erhebt
den Menschen, macht ihn stärker und schöner in allen Kräften, zündet in
seinem Blut und Herzen ein lauteres Feuer an. Und *das* sind die Leut,
die Ihr nit verjagen dürft. Bekehren? Nein, Herr! Und hält man sie nit
zurück, so wird das Land seine fleißigsten Händ verlieren.«

Etwas ruhiger geworden, kehrte Anton Cajetan zum Tisch zurück und
setzte sich wieder zu seiner Schokolade. »Man darf doch diese
üblen Dinge nicht laufen lassen, wie sie laufen? Wenn sich auch ein
hilfreicher Weg im Augenblick nicht präsentiert, so hat man als Fürst
doch seine Verpflichtungen. Wer Herr heißt, trägt das Schwert nicht
umsonst. Man muß die Rädelsführer zu fassen suchen, muß aus dem Weg
räumen, was der Ordnung _contre coeur_ ist. Ein Fürst, der es
unterließe, wäre ein Erwürger seiner eigenen Herrschaft.«

Der Pfarrer bekam eine rote Stirn. »So sprachen wohl auch die römischen
Cäsaren, als sie das Christentum zu verfolgen begannen. Haben sie es
ausgerottet?«

Anton Cajetan verlor seine gebesserte Laune wieder. »Christentum und
evangelische Narretei sind verschiedene Dinge.«

»Für Euch als Priester. Nit für Euch als Fürst. Ist das deutsche Blut
im Schwedenkrieg umsonst geflossen? Sind die Protestanten nach den
Satzungen des Westfälischen Friedens nit privilegiert im ganzen Reich?«

Der Fürstpropst, vom Sessel aufspringend, vergaß seiner Würde so weit,
daß er mit der Faust wie ein Bauer losdrosch auf die Tischplatte.
»Diese siebentausend Rebellen meines Landes *sind* keine Protestanten.
Das sind hirnverdrehte Schwarmgeister, die ihren Wahn herausspinnen aus
besoffenen Gehirnen. Diese verrückten Kujons haben doch niemals noch
einen Prediger ihres Glaubens gehört.«

»Vielleicht ist eben deswegen ihr Glauben so fest!«

»Oh? Pamphletierst du gegen den eigenen Stand?«

»Das nit! Ich glaub, daß für die Menschen nichts nötiger ist als eine
hilfreiche Seelenweisung. Aber es kann die Schwachgewordenen nit arg
im Glauben festen, wenn neben dem Priester allweil der Muckenfüßl mit
seinem gefährlichen Notizbuch steht: Brauchst du das Weihwasser und den
Rosenkranz? Glaubst du ans Fegfeuer? Und wenn du nit glauben magst, so
mußt du zahlen!«

Der Fürstpropst wurde nachdenklich.

Das sah der Pfarrer und sagte mit herzlicher Mahnung: »Ihr spürt es
doch in Euch selber, daß da endlich ein Wandel kommen muß. Lieber Herr!
Schauet das Leben doch an! Sonst überall ist Wahl und Freiheit. Was tät
man sagen, wenn der Muckenfüßl austrommeln wollt: >Subjekt, du darfst
nur den schwarzen Rettich essen, nit den weißen!< Oft vertragt einer
halt den schwarzen nit, weil er so raß ist.«

Empört fuhr Anton Cajetan auf: »Vergleichst du die Religion mit einem
Rettichschwanz?«

»Ach, Herr, so ein kleines, unverdauliche Schwänzl hat *jedes* Ding auf
der Welt.«

»Das sind Parabeln, auf die ich mich nicht einlassen kann.« Heißer
Unmut begann im Fürsten zu wühlen. »Das Volk ist undankbar. Es sollte
kapieren, daß es heute besser dran ist, als in vergangenen Zeiten.«

»Besser?« Der Blick des Pfarrers war wie ein Rückschauen in grauenvolle
Bilder. »Wahr ist's, der Henker hat ein bißl weniger Arbeit heut, als
vor hundert Jahren. Da hat man dem deutschen Land durch Ketzerbrennen,
Ersäufen und Köpfen eine schauderhafte Zahl von rechtschaffenen Leuten
entzogen. Und hat für die Kirch nichts anderes zustand gebracht als
üblen Geruch.«

»Sie hat ihren Schaden observiert und hat es abgestellt.«

»Um ihre widerspenstigen Kinder leben zu lassen und sie lieber so lang
zu peinigen, bis sie die Rute küssen.«

Der Fürst machte echauffiert einen Gang durch das Zimmer und sagte
gereizt: »Rom könnte nicht mehr bleiben, was es ist, wenn es aufhören
wollte, die Widersacher zu bestrafen. In solchen Dingen muß man
konsequent sein.«

»Was hat's geholfen, Herr? Aus lauter römischer Konsequenz ist das
halbe deutsche Reich schon lutherisch. Und haben die justiziarischen
Seifenschläger bei uns nit ausposaunt: das Land ist rein, und wollt
man suchen mit des Diogenes Latern, es wär kein Evangelischer nimmer
zu finden. Und jetzt? Siebentausend bei uns! Und in Salzburg waren es
über die Dreißigtausend! Gefahr und Ketten, Not und Armut haben die
Salzburger lieber ertragen wollen, als untreu werden ihrem Seelentrost.
Man hat die Weiber aus den Armen der Männer gerissen, Tausende von
Kindern hat man ihnen weggenommen --«

»Ludwig?« unterbrach Herr Anton Cajetan. »Hast du geheime Verbindung
mit Salzburg? Da müßte ich deiner Neugier einen Riegel vorschieben.«

»Mich wird er nit drucken, Herr!« Der Pfarrer zog den Atem rückwärts,
um nicht niesen zu müssen. »Drucken und einengen wird er nur Euch.
Verschließt alle Grenzen mit eisernen Mauern und tausend Musketieren
-- die Botschaft, die Euer Völkl hören *will*, wird allweil einen
Weg zu seinem Herzen finden.« Er streckte die Hände. In seiner
Erregung fiel es ihm nicht auf, wie schnell der Allergnädigste vor
der Infektionsgefahr retirierte. »Herr! Ich bitt Euch, laßt Euch
raten von mir! Rühren Euch die Kanzleischöpse einen bösen Brei in den
fürstlichen Topf, so seid doch Ihr es, der ihn austunken muß. Was in
den Siebentausend zu heißem Leben geboren ist, das macht der Muckenfüßl
nimmer zum Kadaver. Das ist in ihnen wie gesundes Frühlingsholz.
Versenkt es in Eurem Königssee bis auf den Grund, beschwert es mit
Steinen, laßt eine Eisdeck drüberwachsen! Das Eis wird springen, die
Felsbrocken werden zerfallen, und das gute Holz steigt wieder in die
Höh. Es wird aus der schmerzhaften Tief heraufbrausen mit einem Stoß
und Auftrieb -- -- das könnt Euch umschmeißen, Herr!«

Der Fürst war bleich geworden, ging hastig zur Tür und schrie in den
Flur hinaus: »Ist dieser gottverlassene Filou noch immer nicht zurück?«
Man hörte die verneinende Antwort eines Lakaien.

Stumm betrachtete Pfarrer Ludwig den Fürsten, jäh herausgerissen aus
aller keimenden Hoffnung. Der Ausdruck schweren Kummers sprach aus
seinem verschwollenen Gesicht, aus den vom Schnupfen tränenden Augen.

Anton Cajetan hatte die Türe krachend ins Schloß geworfen, wanderte
hilflos durch die prunkvolle Stube und sagte ein paarmal flink
hintereinander: »Das muß man überlegen! Das muß man sich doch
überlegen!«

»Ja, Herr! Ein füreiliger Entschluß könnt Euch ein böses Sträßl in die
Zukunft bauen.« Die Stimme des Pfarrers klang so hart, daß der Fürst
verwundert aufsah. Ganz still war's einen Augenblick in dem großen
Raum. »Zu End müssen wir das allweil reden, Herr! Ich tu's und wenn's
um den Hals geht.«

»Eine anrüchige Einleitung! Was willst du sagen?«

»Ich mein', es handelt sich da nit *nur* um Gott und Himmel. Es kommt
mir so für, als tät hinter dem unverträglichen Eigensinn, mit dem die
Katholiken und Evangelischen gegeneinander hadern, noch was anderes
stecken. Römisch? Evangelisch? Das liegt doch nit so weit überzwerch,
daß man sich unter deutschen Nachbarsleuten nit verstehen könnt.«

Verdrossen murrte der Fürst: »Gott muß sich schön was denken, wenn er
dich als katholischen Priester so räsonnieren hört!«

»Da glaub ich erstens, daß Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf
mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, daß es ihm gleich ist, ob
die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur
nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es
kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wär
allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben möglich. Nit zwischen den
Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bösen Kräft
entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung muß das
ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, daß
der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist
aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurück, als auf die
sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreißigjährige Morden im Reich.
Das Ding ist älter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und
aufgeblasen zu gefährlicher Unform.«

»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?«

»Den bockbeinigen Eigensinn und die händelsüchtige Rechthaberei der
Deutschen! Der tiefe Graben, der überall aufgerissen ist zwischen
allen deutschen Stämmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste
der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglückselige Torheit nur
daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Märkten
und Kirchweihen. Jetzt hängen sich die landsmännischen Galläpfel an
alles Große und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! Überall die
gleiche Narretei und Unvernunft: daß man den anderen, weil er anders
redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als
sich selber.«

Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: »Das war so, seit es Deutsche
gibt. Und es wird so bleiben.«

»Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.«

»Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr
verschärft -- wer ist der Schuldige?«

Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's, er hat uns Römischen eine bittere
Mahlzeit eingebrockt. Aber wer weiß, ob das Ding mit ihm so weit
gegangen wär, wenn man auf unserer Seit ein bißl einsichtsvoller hätt
sein können, ein bißl menschlicher und -- weniger konsequent.«

»Ludwig?« fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede.
»Willst du nicht lieber gleich hinübergehen zur Ketzerliste und dich
inskribieren?«

Der Pfarrer lächelte. »Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die
sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat.« Etwas
Heißes und Bestürmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie
leiser wurden. »Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der
Sprach willen? Als deutsches Buch?«

Anton Cajetan machte mit den Schultern eine graziöse Bewegung.
»Deutsch!«

»Ein kurzes Wörtl! Aber die kürzesten, Herr, sind allweil die tiefsten
-- wie Gott und Herz, wie Glück und Not.« Noch leiser wurde die von
Erregung bebende Stimme des Pfarrers. »Herr! Des Luthers Bibel, und
wär's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist
ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung für uns Deutsche. Wie
der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes
Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und *das*,
Herr, *das* vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses
Buch auf unsere deutschen Bürger und Bauern übt! Da verstehen sie,
wenn sie lesen. Und spüren, daß sie dem vaterländischen Boden noch
nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind,
sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hängen.« Die
hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war
ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jünglings, der von den
Heiligkeiten seiner Liebe spricht. »Besinnen sich die Herren ihrer
Pflicht und Herkunft nit, ihres nötigen Rückwegs in die Heimat, so wird
das deutsche Bürgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken
Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen -- auch
*ohne* die Herren!« Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen,
weil er heftig niesen mußte, so unerwartet, daß er sich nimmer völlig
beiseite wenden konnte.

Der Fürstpropst war in aufmerksamer Spannung nähergetreten. Jetzt wich
er fluchtartig zurück, brachte sein Spitzentüchelchen und das goldene
Riechsalzfläschl in flinke Tätigkeit und klagte erbittert: »_Eh bien_,
nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.«

Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. »Das ist traurig, Herr: denken
müssen, daß ich Euch vielleicht beredet hätt zu einem verständigen
Entschluß -- wenn ich nit katarrhalisch wär. Ja, ja: die kleinen
Ursächlen und die betrübsamen Wirkungen!« Er versuchte sich seiner
Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. »Vielleicht wär auch die
Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten
Schöpfungstag im kühlen Chaos ein Tropfnäsl geholt hätt.«

»_Mon cher!_ Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur
gesundheitsgefährlich, heute mit dir zu konferieren, ich muß auch
die Wahrnehmung machen, daß ich mich gründlich in dir getäuscht
habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same
in morastigem Acker fault, da siehst du Frühlingssaat. Dein Volk ist
widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist
schlecht.«

Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Züge, daß es mit seinen
häßlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdächtigen Menschen
glich. »Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bös, ist weder weiß
noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das
Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefärbt. Und nit zu verkennen
ist das, Euer Liebden, daß in geistlichen Fürstentümern das Volk weit
elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Fürsten
sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil
sie als Priester wollen müssen, daß jeder selig wird, drum sorgen sie
als Fürsten dafür, daß jedermann arm ist.«

In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als möchte er auf den
Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. »Mein langer Ludovice!
Du bist entweder ein großer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.«

»Wofür entscheiden sich Euer Liebden?«

»Für das letztere.«

»Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben muß, kaum Glück
haben. Aber geben muß ich ihn. Und daß ich vom fürstlichen Priester hab
reden müssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschluß, den die
Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, könnt Ihr
niemals finden als Priester. *Nur* als Fürst. In Euch selber könnt Ihr
Euch nit auseinander schneiden. So müßt Ihr den Schnitt zwischen Euch
und Eurem Ländl machen.«

»Oh?« Herr Anton Cajetan schien sich sehr zu amüsieren. »Abdanken,
meinst du?«

»Wär nit genug.«

»Wie anspruchsvoll!«

Je mehr im Fürsten die Heiterkeit erwachte, um so ernster wurde der
Pfarrer. »Schauet das Reich doch an! Wie ist da alles zerstückelt
und zerrissen! Festen Halt hat nur das groß und stark aneinander
Geschmiedete. Es gibt Stimmen, die sagen, es wär die einzige Genesung
der Deutschen: *ein* Volk, *ein* Reich, *ein* Herr! So sag ich nit. Die
Stammverschiedenheit ist wie gute Hefengärung im schweren deutschen
Teig. Nur fest aneinanderschlingen müßt man sich. Und müßt das wüst
ins Unkraut schießende Spötteln, das sinnlose, hochmütige, blitzdumme
Aufmucken unterlassen, bei denen im Süden wider die im Norden, bei den
Schwaben gegen die Sachsen, bei denen im Norden wider die im Süden.
Ist denn das um Herrgottswillen so ein schweres Kunststück, von einem
Bruder zu sagen: So ist er, und wie er ist, so müssen wir ihn nehmen
und nutzen!«

»Laß das!« unterbrach der Fürst. »Was geht das *mich* an! Ich bin
kuriös auf dein Rezept.«

»Wollt Ihr handeln als deutscher Fürst, so müßt Ihr aus der Landsnot,
die Euch bedrückt, einen Nutzen heraushämmern für das Reich. Müßt
helfen dazu, ein Fürbild der Verträglichkeit zu geben. Müßt helfen
dazu, daß ein gewichtiger Teil im Reich noch standhafter ins Wachsen
kommt.«

»Ich verstehe deine sibyllinische Weisheit nicht.« Der sarkastische
Ton verriet, daß Herr Anton Cajetan doch schon ein bißchen was zu
ahnen begann. Es gewitterte sehr merklich in seinen schwarzgefärbten
Augenbrauen.

»Beugt sich in Euch der Fürst vor dem Priester, so macht Ihr unser
Völkl elend, und Euer Land verblutet. Stellt Ihr den Fürsten *über* den
Priester, laßt Ihr Euch das Landwohl nit verpanschen von der berühmten
Konsequenz und macht Ihr Frieden mit den Siebentausend, so fallt Ihr in
Streit und Hader mit allen Hitzköpfen unseres geweihten Standes. Herr!
Da gibt's nur einen einzigen Ausweg.«

Die bleichen Lippen des Fürsten wurden schmal. »Und welchen?«

»Erlöst Euch selber und Euer Land aus allem Zwist, stärket durch Euer
Bröckl Fürstenherrlichkeit ein gesundes Land im Reich und bindet den
Berchtesgadnischen Sehnsuchtswinkel an das feste Bayern. Da seid Ihr
als Fürst, wie als Priester, ledig aller Not und habt den Ärger und die
giftigen Schulden los. Der neue Landsherr wird mit reichen Mitteln den
stockenden Blutsaft unseres Völkls wieder in Gang bringen und wird sich
als weltlicher Fürst mit den Siebentausend so leicht verständigen, wie
es für Euch als fürstlichen Priester unmöglich ist.«

Anton Cajetan legte die Hände hinter den Rücken. »Du? Bist du ein
bezahlter Emissär des bayrischen Churfürsten?«

»Herr!« Es dauerte eine Weile, ehe der Pfarrer weitersprach. »Das muß
ich heiter nehmen. Wär' es ernst, so müßt ich mit Kummer fragen: Was
ist siebzigjährige Treu eines Untertan gegen sein Land und seinen
Fürsten? Und die Antwort tät lauten: Eine schauderhafte Dummheit!«

Es war dem Fürsten anzumerken, daß Zorn und Verstand, Stolz und
Hilflosigkeit einen harten Kampf in ihm ausfochten. Er begann
französisch zu sprechen und kehrte wieder zu seinem ungeliebten Deutsch
zurück: »Mag sein, daß ich mich im Wort vergriffen habe. Aber ich
kapiere noch immer nicht, wie du dich einer solchen Kühnheit vermessen
kannst.«

»Kühnheit? Das ist nur ein schmerzhaftes Rechenexempel. Handel und
Steuern gehen rückwärts, die Schuldzinsen fressen bei Butz und
Stingel auf, was eingeht, und das Borgen wird allweil hoffnungsloser.
Lang wird's ohnehin nimmer dauern mit der Stiftsherrlichkeit zu
Berchtesgaden. Und Eure Landsnot mit entschlossenem Mut verwandeln
in einen deutschen Hilfswillen? Herr? Wär das nit schöner als der
fürstpröpstliche Bankerott und das Elend der Siebentausend, die heut
noch an Seelenfreiheit und Erlösung glauben?«

Ratlos faßte Herr Anton Cajetan seine gepuderten Locken zwischen die
schönberingten Hände. »Wenn's nicht so wahr wäre! Zum Verzweifeln ist
das!« Er fiel auf einen Sessel und sagte kleinlaut: »Du meinst also?«

Im Pfarrer schien eine neue Hoffnung zu erwachen. Doch beim ersten
Schritt, den er machte, um seinem verzagten Fürsten näher zu sein,
wehrte Anton Cajetan erschrocken: »Nein! Bleibe, wo du stehst! Ich
fühle bereits, daß ich niesen muß.« Ein paar französische Jammersätze.
Dann ein deutscher Ausbruch seines verstörten Zornes. »Glaubst du denn,
man legt einen Fürstenhut ab, wie man eine Perücke zum Frisieren gibt?
Und die vielen, die da in Mitleidenschaft geraten!« Anton Cajetan
sprach im Plural, obwohl er nur an ein Persönchen im Singular dachte.
»Aber ich muß gestehen, die Dinge liegen so desperat -- ich werde nicht
umhin können, meiner fürstlichen Seele diese schwere Dezision --« Das
Zeitwort blieb ungesprochen. Lauschend hatte der Fürst die weißen
Locken erhoben. Bevor er den Sessel noch verlassen konnte, kam der
Lakai mit einem gesiegelten Schreiben auf silbernem Teller. »_Ah, ah,
bienvenu, mon cher!_« Halb noch zitternd, halb schon wieder lächelnd,
brach der Fürst mit ungeduldigen Fingern das große rote Siegel auf,
schickte gnädig den Lakai aus dem Zimmer und begann zu lesen. Je
mehr sein blasses Antlitz während des Lesens sich aufheiterte, um so
bleicher wurde der Pfarrer. Als er sah, wie fröhlich der Fürst das
Schreiben in seinem Frack verwahrte, sagte er ruhig: »Ich schätz die
Salzburger Hilf auf fünf-, sechshundert Musketier und ein Dutzend
Kapuziner. Hätten Euer Liebden Geld oder einen deutschen Rat verlangt,
so wär die Antwort magerer ausgefallen.«

Mit halbem Lachen fragte der Fürst: »Hast du mir, während ich las, über
die Schulter geguckt?«

»Nein, Herr! Ich hab mein katarrhalisches Bannfleckl nit verlassen. Aber
die Gradschauenden kommen allweil in den Verdacht, daß sie um die Mauer
blinzeln.«

»Du solltest dich hüten, irgendwie in Verdacht zu geraten. Da wär es
möglich, daß du mißliebige Experienzen machen mußt.«

»Soll's kommen, wie's mag, ich kann noch allweil von Glück sagen. Wär
ich vor hundert Jahren geboren worden, mit meinen zwei grauslichen
Warzen im Gesicht, so hätt' ich als Teufelsbündler auf den
Scheiterhaufen müssen.« Ein versunkenes Lachen. »Es ist unverkennbar,
Zeit und Menschen gehen nach aufwärts.«

Herr Anton Cajetan wurde überaus liebenswürdig. »Mein guter Pfarrer! Du
hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele.
Das kann lebensgefährlich werden.«

»Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glücklichen einer,
denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag
bringt mich vorwärts auf dem Weg zu ihm.«

Der Fürst lachte munter. »So muß ich dich, wenn du strafbar werden
solltest, zu einem langen Leben verdammen.« Ein Handwink, und Pfarrer
Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tür. Da klang es hinter
ihm mit spöttischem Laut: »_À propos, mon cher!_ Ich höre, man
beschuldigt dich einer üblen Sache.«

»Soooo?« Der Pfarrer schmunzelte. »Vielleicht einer Menschlichkeit? Die
wär von allen Zeitverbrechen das größte.«

Anton Cajetan schien sich zu ärgern. »Man hat dich in Verdacht, daß
*du* der Wundertäter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer
wirkte und die schwarzweiße Gefahr verschwinden ließ in die ewige Ruhe?«

Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. »Schau! Was für ein
netter Einfall! Hätt ich ihn gehabt, ich tät mich um seinetwegen nit
schämen.«

Ein paar heftige Schritte des Fürsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhöhe.
»Ludwig? Lügst du?«

»Mein gütiger Herr!« antwortete der Greis mit Seelenruhe. »Die
redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln
ähnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfüßl.«

Der Fürst verhehlte seinen Mißmut nimmer. »Weil du so gern diesen
diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden,
dich eingehend mit ihm zu okkupieren.« Noch über die Schulter die
strenge Mahnung: »Daß es Dienstgeheimnisse gibt, das weißt du.« Herr
Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen müßte, und zerrte
das Riechfläschl aus der Atlasweste.

Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll
seines wühlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: »Meinen
Schnupfen *hat* er! Jetzt kriegt ihn die allergnädigste Aurore de
Neuenstein. Und der vergönn ich ihn.« Er grüßte freundlich die Lakaien
im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinüberschritt
zu seinem Hause, war er nicht ärmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit
dem Fürsten war so gewesen, wie er befürchtet hatte, daß sie sein
würde. Und war für Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm
erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. »Er
ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und
so muß man ihn nehmen. Nur daß er mich *jetzt* grad rufen hat lassen
-- das vergrämt mich ein bißl.« Bei diesem Gedanken spähte er zu den
Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinüber. Frau Apollonia, obwohl keine
Evangelische, war unsichtbar. »Da haben sie also nichts gefunden.
Sonst tät sie vergnügt aus dem Fenster grinsen.« Nein, es war für den
emeritierten Stiftspfarrer Ludwig *keine* Überraschung, als er seine
Haustür eingedrückt, alle Schränke und den Schreibtisch erbrochen fand.
Von dem Silbergeld im aufgemeißelten Geheimfach fehlte kein Sechser.
Unleugbar, die Polizei war ehrlich.

Eine Überraschung war der Besuch des Feldwebels Muckenfüßl und der
Soldaten Gottes nur für die Schwester Franziska gewesen. Eine ganz
fürchterliche. Sie weinte, daß es zum Herzzerbrechen war. Der Pfarrer
legte ihr zärtlich den Arm um die Schultern und schrie ihr ins Ohr.
»Geh, sei gescheit und trink ein Schnäpsle! Das richtet dich wieder
auf.«

Es blieb unentschieden, ob sie das verstanden hatte. Unter Tränen sah
sie den Bruder an und klagte: »Ach, Gott, wie *viel* haben sie gefragt!
Aber weißt du, ich hab allweil falsch gehört.«

»Ja ja, Schwester! Wenn der Mensch nur immer weiß, wie er seine
mangelhaften Instrumente gebrauchen muß.« Der Pfarrer nahm den
Radmantel ab, zog die Schmierstiefel aus und begann in der übel
zugerichteten Stube wieder Ordnung zu machen.



Kapitel XVIII


Die folgenden Tage waren im Lande Berchtesgaden reich an
Überraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tüchtig
geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah
aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in
den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, daß der
allergnädigste Herr Fürst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen
Landskinder zu weilen, für den folgenden Sonntag im Schützenhaus ein
fröhliches Fastnachtsschießen angeordnet hätte, mit vielen Preisen
und Aufmunterungen für die besten Schützen des Landes. Nicht nur die
Mitglieder der hochehrenwerten Schützengesellschaft vom heiligen Martin
wären eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schußwaffe besäßen.
Die Austrommlung endete mit dem munteren Vers:

  »Wie mehrer die Gäst,
  So schöner das Fest,
  So froher der Fürst,
  's gibt Freibier und Würst!«

Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hörten, befand
sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster für das
Überbein seiner Schneckin hatte holen müssen. Das Schützenfest schien
ihm keine Freude zu bereiten. Die unzählbaren Himmelhunde, die er
hinaufknurren ließ zur Sonne, bewiesen, daß der Hiesel Schneck in übler
Laune war. Ihn quälte der Ärger darüber, daß so ein Jud wieder einmal
schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel
hatte geschwiegen wie ein luthrisches Grab, auf dem kein Hügel und
kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter plötzlich ganz genau gewußt,
wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur
die Quetschbehandlung eines Überbeins auseinandergesetzt, sondern
hatte ihm auch Verbandzeug, ein fieberstillendes Mittel und etwas zum
Waschen für schwärende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte
Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trägt als treuer
Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene
Sache, die für einen Luthrischen wohltätig ist. Unter grimmigen Flüchen
fühlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: ob das
verdächtige Päckl nicht gottsgnädigerweis so spurlos verschwinden
möchte, wie die preußische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn
im Menschengedräng einer gegen ihn hinpuffte, brüllte er gleich:
»Blitzhimmelsausen und Höllementshund, gib doch Obacht, ich hab was
Gläsernes auf'm Buckl.«

Bei dieser angstvollen Fürsorge war er nicht in der Laune, sehr
aufmerksam auf die Muckenfüßl'sche Überraschung zu horchen. Auch hatte
der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel größere Überraschung schon
erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spät am Abend
heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, daß der unbequeme, vermaledeite
Ketzer schon über die bayrische Grenze gesprungen wäre und nimmer
droben läge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was
die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf
der Heuschütt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des
Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack,
den sie so breit gemacht hatte, daß er zwieschläfrig zu benutzen war.
Hiesel ließ die wildesten Höllemente los, wenn auch -- weil Leupolt
schlief -- mit gedämpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal
flüstern: »Verstehst?« -- der Schneck verstand nicht und war verbohrt
in die unzutreffende Meinung: daß es die Schneckin »aber schon *ganz*
saudumm« angestellt haben müßte. »Soll den Kerl über die Grenz hatzen
und laßt ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthöllement und Bratwürst
übereinander!« Grollend saß er auf dem Herdrand. Schließlich, wenn er
in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm
nichts anderes übrig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis
lange nach Mitternacht bellten seine gedämpften Himmelhunde. Am Morgen,
freilich, da sah auch der Hiesel das ein: daß man mit einem Fieber, in
dem »alle Knöchelen scheppern«, nicht ins Bayrische hinüberlaufen kann.
Und jetzt, unter den Rasselklängen der Muckenfüßl'schen Austrommlung,
erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken:
»Wenn ich dem Buben das jüdische Päckl zutrag, daß er bald über die
Grenz hupfen kann, so tu ich bloß, was die Herren haben wollen.
Verstehst?« Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich führte,
verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und während des Heimweges der
freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfüßl mit seiner
sonst so gefürchteten Trommel in der Bevölkerung erweckt hatte.

So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfürst schon lange
nicht mehr erwiesen. War in der Verkündigung auch nicht deutlich
ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schöner Sinn so
klar, wie die alte Sonne über dem jungen Schnee. Die Gutgläubigen
nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Verträglichkeit,
die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheißung, als
Wegweis zu naher Verständigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit
Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von
der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstage
tausendstimmig geschah. In allen Häusern wurde gesungen und gelacht,
aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck
herausgenestelt. Überall an den Fenstern saßen die Mannsleute und
putzten ihre Schießgewehre. In der Mittagsstunde böllerten durch das
sonnfunkelnde Tal die Probeschüsse. Einer sagte: »Wie wenn beim größten
von allen Bauern eine Hochzeit wär!« Und bekam die lachende Antwort:
»Das wird wohl ein Metzensäckl Pulver wert sein, wenn der gnädigste
Herr Fürst mit seinem Völkl Versöhnung feiert!«

Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mädchen und Kindern
das Schützenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen,
die für das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst
nur zähe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur
Hilfeleistung. Von der großen Festwiese neben dem Schützenhaus
wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und
dröhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des »Mahlsaales«,
einer mächtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schützenbrüder
fassen konnte, um in Verträglichkeit und Frohsinn bei Freibier und
Speckwürsten mit den gütigen Herren beisammenzusitzen. Man arbeitete
noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht.

Der große Morgen kam. Die Tausende auf Berchtesgadnischer Erde waren
willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Versöhnungstage
kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen
mächtigen Wolkensack. Feine Eiskrystalle rieselten aus dem Grau
herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Fröhlichen die
Laune.

Als man zum Kirchgang läutete, war die Zuwanderung der Andächtigen
ein bißchen schütter. Die Erlösung von allem Gewissenszwang
vorausgenießend, hielten die Evangelischen den Gottesdienst dieses
Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Fürsagung,
ohne Schneekleid, völlig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, während
mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkündet wurde,
begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshöfe sich zu
füllen mit einem farbenbunten und fröhlich gestimmten Menschengewühl.
Obwohl es immer nebelte, sah die lärmende Bewegung der farbigen
Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mädchen
hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und
hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen
Mieder, durch das leuchtende Bänderwerk und die mattfunkelnden
Schaumünzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schießgewehre,
und fast jeder hatte auf seinem gebänderten Hütl ein paar von den
Blumen stecken, die bei frierendem Winter blühen in den warmen
Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen
Eintrag, daß im Gewühl der Leute keiner von den Herren zu sehen war.
Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfüßl auf, dem ein paar Musketiere
bei der Ordnung des tausendköpfigen Schützenzuges behilflich waren.
Als die Hifthörner der fürstlichen Jägerei den Festruf bliesen und die
Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden
Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser fröhlichen, von
harter Zeit erlösten Menschen ein Jauchzen, daß ihr Freudenspektakel
alles Blechgeschmetter übertönte.

Wie ein vom Glück dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen,
Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, saß
Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das
fröhliche Gepräng des Schützenzuges. »Ob in Sonn oder unter Wolken --
gibt's auf der Welt ein schöneres Ding, als die vertrauensselige Freud
eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein übleres, als dieser
Tag es bringen wird?« Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Reiß
das Fenster auf, schrei diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die
fürstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurück, nur die
Erkenntnis, daß seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden,
sondern Aufruhr und Totschlag heraufbeschwören würde.

Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still
geworden. Immer ferner tönten die fröhlichen Jauchzer, das
Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerähnliche
Dröhnen eines Böllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschüsse
durcheinander, als hätten hundert Heinzelmännchen zu dreschen
begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann läuteten die
Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schüsse. Und nebelnde
Stille lag über den Dächern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines
Pferdes. Von der Salzburger Straße kam ein erzbischöflicher Dragoner
über den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig
nickte. »Die Konsequenz! Sechs Füß hat sie! Und hat zwei Köpf, von
denen jeder was anderes denkt.« Wenige Minuten später mußte er zu
der beschämenden Einsicht gelangen, daß er die Salzburgische Hilfe
militärisch unterboten, katechetisch überschätzt hatte: nicht ein
volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fünfhundert
Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere,
scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Roß. »Guck
nur!« knirschte der Pfarrer vor sich hin. »Neben der Gotteshilf macht
Salzburg noch ein gutes Geschäft! Den ganzen Heerwurm müssen ihm unsere
Bauern füttern, wer weiß, wie lang!«

Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel,
aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fußsteig, der über
die verschneiten Wiesengehänge kletterte, blieb er erschrocken stehen
und spähte zur Fahrstraße hinüber. Unter den vielen Leuten, die nach
der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der
Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen
Schnee. Als er die Straße erreichte, war er so atemlos, daß er kaum zu
sprechen vermochte: »Kehr um, Nicki! Führ dein Mädel heim und laß dich
einsperren von der Sus!«

»Hochwürden?« stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: »Um
Gottswillen, was ist denn los?«

»Getroffen, Nicki!« Der Pfarrer lachte grell. »Um *Gotts* willen ist
was los! Und da wirst du dir denken können, wie es ausschaut.« Er faßte
Luisas Arm und flüsterte: »Mädel! Wenn du deinen redlichen Vater nit
auch noch verlieren willst, so schau, daß du ihn heimbringst in die
Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verständig! Noch ein
letztesmal! Ich tät's nit raten, wenn es nit sein müßt. Und du, Mädel,
tu beten vor deinem Jesuschrein! Andächtiger als je!« Die Stimme des
Pfarrers bekam einen harten Zornklang. »Heut wird deine fromme Seel
noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll dir's geben, daß
du eine Deutung findest, die deinen standhaften Glauben nit verdächtig
macht vor den Konsequenten.«

Luisa, deren Gesicht sich entfärbt hatte, umklammerte stumm die lebende
Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: »Mensch! Was ist denn?«

Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die
Wolken. »Guck doch in die Höh! Da mußt du doch merken, daß heut ein Tag
ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um
die Menschen trauert.« Er sagte mit heißer Mahnung: »Geh heim, Nicki!
Deinem Kind zulieb!«

»Und du?«

»Ich bin doch ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu
den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen:
ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wär kein Ding auf Erden
so schlecht, daß es nit ein Gutes werden könnt für die Menschen.«
War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, daß dem
Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: »Laß den
Vater nimmer aus! Mädlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten
Frauen.« Er wandte sich ab und eilte die Straße hinunter. Das Gesumm
einer großen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen.
Hunderte von Frauen, Mädchen und Kindern umstanden in heiterer Laune
die große Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und
Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast
alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen
wimmelten in ihren roten Joppen noch vergnügt umher, schäkerten mit
der weiblichen Jugend oder machten harmlose Späße über die Bratwürste,
die noch immer nicht duften wollten, und über die geduldigen Mägen
der Herren, die noch unsichtbarer wären, als es die Evangelischen vor
dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfüßls kanzleideutschem Kommando
drängten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewühl umher, faßten
die rotjoppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter
der gleichen Mahnung: »Flink! Nur flink! Die Bräuknecht haben schon
angezapft!« Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge
Tür hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Türspalt
leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der
fensterlosen Bretterbude angezündet hatte, um sie hell zu machen.

Die Weibsleute guckten ein bißchen verwundert drein, weil an die
zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der
Saaltür aufzogen wie eine kriegsmäßige Wache. Als Muckenfüßl mit den
Lakaien und Jägerknechten das Schützenhaus besetzte, in dessen Halle
die Schießgewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig
in Hast von der Straße herübergeschritten. Er spähte mit blitzenden
Augen, sprang auf die Saaltür zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere
kreuzten vor seiner Brust die Flinten. »Ruckwärts, Hochwürden! Niemand
darf passieren. Befehl des gnädigsten Herrn!«

»Aber Leut!« Der Pfarrer lachte. »Ich will doch auch meine Freimaß
haben und mein Würstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch!« Er hatte
die beiden Flinten beiseite geschoben und drückte die Saaltür vor
sich auf. Ein Musketier faßte ihn am Radmantel. »Wirst du auslassen?«
Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und
trat in den von einem wogenden Mannsgewühl, von dudelnder Musik,
von Flackerschein und Fackelqualm, von Lärm und Gelächter erfüllten
Brettersaal. An langen, leeren Tischen saßen die Bürger und Bauern, die
Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbänken. In den schmalen
Gassen drängten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden.
Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die
schmutzig wurden vom Fackelruß, schienen in der trüben Flackerhelle
verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen
Gesichtern, fröhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Späße
gab es in Hülle und Fülle, weil man schon wartete seit einer halben
Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem
Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfürchtige Dankbarkeit für
den allergnädigsten Wirt dieses freudenreichen Versöhnungstages. Nur in
der hintersten Saalecke, wo die rotjoppigen Burschen dick beisammen
saßen, begann es ein bißchen übermütig zu werden; da trommelten sie mit
den Fäusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen,
wie der Augenblick sie gebar.

Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Türschwelle
stumm hineinsah in dieses heiter lärmende Männergewühl, war sein
Gesicht entstellt, daß ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es mußte
erst ein Fröhlicher schreien: »Herr Jöi! Unser gütiges Pfarrherrle!«
Und einer brüllte über alle Tische: »Leut! Jetzt geht's aber an! Der
erste von unseren Herren ist da!« Während der Lärm sich ein bißchen
dämpfte, drängten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gruß,
zu einem Händedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein
kleines Bübl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstörter
Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wäre er
der Fröhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings über der
Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: »Hochwürden! Zu mir
her! Euch geb ich mein Plätzl. Ich muß nit sitzen. Mich halten Herz und
Seel in der Höh.« Der Christl Haynacher lachte wie ein Glücklicher und
preßte das scheuguckende Bübchen an seine Brust. »Jetzt, Hochwürden,
ist alles am Tag! Gelt ja? *Mir* müssen die Leut Vergeltsgott sagen.
Wär mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und hätt mein Weibl
nit hilfreich aus dem ewigen Glanz heruntergegriffen zur kreistenden
Menschennot? Da täten wir trauern und seufzen müssen, gelt! Jetzt
können wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind
wieder schön beisammen. Und Fried und Brüderschaft ist überall auf der
gottschönen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen für
den heutigen Tag.« Während Christl Haynacher so redete, mit umkippenden
Tönen, schrien es die anderen von Tisch zu Tisch, daß von den Herren
der erste gekommen wäre. Die dudelnde Knappenmusik geriet außer Takt
und verstummte. Aller Lärm versickerte, es wurde immer stiller im Saal.
Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hände aus dem Mantel
und rief: »Ihr guten Leut! Laßt mich ein brüderlichs Wörtl reden mit
euch!«

Überall ein Gucken und Hälsestrecken, von allen Bänken erhoben
sich die Männer und Burschen, einer der schlechtgezimmerten Tische
knickte krachend zusammen, ein Gelächter, dann viele Stimmen, die
zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen
der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in dem
qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle -- nicht auf den Pfarrer,
der mit zerdrückter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das
Unerklärliche, das von draußen hereinklang durch die fensterlosen
Bretterwände. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und
Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhören. Und es mußte doch Freude
sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch.
Und einer kreischte mit Lachen: »Hört ihr die Mädlen juchzen? Jetzt
kommt der gnädigste Herr Fürst! Höi, Trompeter! Blaset den Herrengruß!«
Ein fröhliches Blechgeschmetter. Niemand hörte mehr auf den Pfarrer.
Seine Stimme versank im lärmenden Festjubel dieser treuen, beglückten
Untertanen.

Vor der Saaltür ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer
deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mädels heraus.
Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerüttel an der
kleinen Tür. Jetzt patschte da draußen ein Pistolenschuß -- nicht wie
ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche -- und
über die Schwelle der aufgedrückten Türe stürzte schreiend ein junges
Geschöpf herein, jenes Untersteiner Mädel, das unter dem Holz der
Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzückter Freude gerufen
hatte: »So müßt ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische
Christin!«

Was sie schrie und lallte, während sie hintaumelte gegen die erste
Bank, war im aufrauschenden Lärm des Saales nicht zu verstehen. Immer
schreiend, stieg sie neben dem stummgewordenen Christl Haynacher
auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit
aufgereckten Armen, einer Verzückten ähnlich, oder einer Wahnwitzigen.
Immer lallte und schrie das Mädel, die Augen erweitert, das Gesicht
wie Kalk so weiß. Im versinkenden Lärm des Saales klang vom Tisch der
Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: »Barmherziger Herrgott!
Moidi! Du blutest!« Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin,
von der die Stimme kam, lächelte ein bißchen, reckte sich und rief:
»Ihr lieben Brüder! Haltet fest am Gütigen, der für uns gestorben
ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der
Welt. Gewalt ist über uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten
über das Schneefeld her!« Das Mädel wankte, straffte sich wieder an
allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und preßte die
zitternden Fäuste gegen das Mieder. In der Stille, die plötzlich im
Saal entstand, hörte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: »Herr
Jesu, dir leb ich -- Herr Jesu, dir sterb ich --« Viele Hände streckten
sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen
Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bübl das Gesicht am Hals des
Vaters versteckte und zu greinen begann, brüllte plötzlich wie ein
Betrunkener: »Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?«

Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufstöhnen eines gewaltigen
Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fährt. Nun ein dumpfes Gewühl,
ein Zusammenkrachen aller Tische und Bänke -- und jetzt ein mahnender
Männerschrei, so kraftvoll und gebietend, daß er die tausend Verstörten
beherrschte und zum Lauschen zwang. »Ihr Leut! Ihr guten Leut!« Pfarrer
Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. »Schauet her! Ich hab
den Tod auf den Armen. Drum muß ich ein Wörtl sagen für euer Leben.
Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet.
Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stoßt euch alle, eure Weiber
und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heißt nit: zuschlagen mit
Fäusten und Tischfüßen, einander würgen und niedertrampeln. Christ
sein, heißt noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und
sein Leidwesen dem gütigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns
aufrichten. Der wird uns helfen!« Man hörte von draußen den Schritt
einer marschierenden Truppe, hörte die Trommel, die schon nah bei
der Tür war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern
begannen, die sie trugen, sagte ruhig: »Drei evangelische Brüder sollen
mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich
gegangen, heimtragen zu seiner Mutter.«

»Nachbar!« keuchte der Haynacher. »Nimm mein Bübl ein bißl! Da muß man
helfen.« Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art,
wie die Fieberkranken reden: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige
Mutter Marie.« Jetzt kamen die Salzburgischen Gottesmusketiere unter
Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander
gedrängt, die Gewehrläufe vorgestreckt, den Finger am Bügel. Außer dem
Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im
Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengürtel
zurück, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem
stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwühlenden
Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lähmte sie
der Schreck, das betäubende Bewußtsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein
Härteres: die Bitterkeit der Enttäuschten, die Trauer über den Betrug,
der da begangen wurde an ihrem frohen, gläubigen Vertrauen.

Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkündete Muckenfüßl das
pröpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schützengewehre. Jedem
reumütigen Subjekte sei die Gnade des Fürsten zugesagt, jedem
Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei
von einer fürsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft
des Landes mit achtzig Musketieren und fünfzig Dragonern samt Rößl
zu belegen, für deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft
aufzukommen hätte, insolang, als eine Besserung des rebellischen
Geistes nicht in glaubhaftem Ausmaß sichtbar würde. Nach dieser
Verkündigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen
Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die
Männer, die zur gleichen Gnotschaft gehörten, alle beisammen waren,
wurden sie paarweis abgeführt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig
zu äußern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trägern der
»schön und gottselig gestorbenen« Moidi von Unterstein -- den Christl
Haynacher -- mußte man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebärdete
sich der hirnverdrehte Suspiziosus, wie Muckenfüßl ihn nannte, so
rebellisch, daß die Anwendung von eisernen Handschellen nötig wurde.

Draußen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schützenhalle, standen,
gleichmäßig abgezählt und in militärischer Ordnung ausgerichtet, für
jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fünfzig berittenen
Dragoner parat. Bei jedem Trupp -- gleich einem Leutnant neben seiner
Kompagnie -- befand sich ein Kapuziner.

Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militärischen Bedeckung
dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu
Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, daß sie
nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten.
Mit großen Töpfen und langen Tüncherpinseln wanderten sie durch die
Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste
Einverleibter wohnte, die Türen und Fensterstöcke mit knallroter Farbe.



Kapitel XIX


Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so
leise, daß es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich
vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner
Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der
Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem
eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur
das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters,
wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das
kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie
stammelte: »Vater! Es pochet.« Die Sus wollte zur Türe. »Bleib!« sagte
der Meister. »Ich selber geh.« Er brauchte keine Frage zu tun; beim
Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: »Tu auf, Nicki! Ein
Mensch!«

»Gott sei gelobt!« Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und
hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos
aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und
Sus verwahrte die Türe wieder. »Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil
ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich.« Pfarrer Ludwig hängte den
Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: »Hast du noch warmes
Wasser? Ich muß mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird,
vor Zorn oder von was anderem.« An seinem schwarzen Gewande sah man
die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. »Jesus?«
stammelte Luisa. »Ist's *Euer* Blut?«

Er schüttelte den Kopf. »Das tät ich lieber sehen. Es wär um meine paar
letzten Tröpflen minder schad.«

Die Sus war in die Küche gesprungen, in der ein mattes Ölflämmchen
glomm, und schöpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die
anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hände. Schwer
atmend fragte er über die Schulter: »Wißt ihr schon, was geschehen
ist?« Die beiden Mädchen schwiegen. Der Meister nickte. »Da brauchen
wir nimmer reden drüber.« Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und
schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein
Gewand zu säubern. »Das nit! Mannsbilderhosen sind leichter waschen,
wenn man sie nit am Leib hat.« Er legte den Arm um die Schulter des
Meisters. »Nick? Weißt du, was eine Mutter ist?«

»Das weiß man, glaub ich.«

»Was meinst du, daß eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen
lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim,
wie ich das Moidi hab bringen müssen?«

Mühsam antwortete der Meister. »Ich wüßt nit, was ich schreien tät.«

»In Unterstein hat eine Mutter ihres toten Mädels Kopf zwischen die
Händ genommen und in freudiger Ruh gesagt: Mein Kindl, dich muß
der Heiland lieb haben, uns anderen ist er feind, drum müssen wir
weiterschnaufen in der irdischen Not!« Mit beiden Händen rüttelte der
Pfarrer die Schultern des Meisters. »Mensch! Kann's einer besser sagen,
wie die Zeit ist?« Dann wandte er sich an die Sus: »Tätst du dich
trauen, daß du zum Simmi hinüberspringst?«

»Ich trau mich alles, wenn's für den Meister ist.«

»Für den ist's auch. Heut möcht' ich, daß wir beisammen sind. Traut
der Lewitter sich nit aus dem Haus, so sag ihm, daß ich krank wär. Da
kommt er. Gelogen ist's nit. Alles leidet in mir, was Leben heißt. Aber
fürsichtig mußt du sein. Sonst packen dich die Soldaten Gottes mit
Gelobt sei Jesuchrist!«

»Soll mich nur einer anrühren!« Das weißblonde Mädel sprang zur
Haustür. Der Meister ging mit ihr, und als er im dunklen Flur den
Riegel aufstieß, sagte er leis: »Vergeltsgott, du Treue!«

In der Küche legte Pfarrer Ludwig die Hand auf Luisas Scheitel. »Also?
Hast du die fromme Deutung für den heutigen Versöhnungstag schon
gefunden?«

Sie sah verstört zu ihm auf. »Hochwürden! Ich weiß nimmer, wo die
Christen sind.«

»Christen sind überall. Nur finden muß man sie können. Und selber muß
man einer sein.«

Die Tränen fielen über ihr blasses Gesicht. »Ich seh keinen Weg nimmer.
Überall ist Wirrnis und Sünd. Dürft ich nit morgen kommen um einen
Seelentrost?«

»Ja, komm nur!« Er streichelte ihr schönes Haar. »Ich will dich
trösten.« Die Stimme dämpfend, beugte er sich zu ihrem Ohr. »Seit dem
Morgen weiß Mutter Agnes, wo der Leupolt ist. Beim Hiesel Schneck.«

Sie fing zu zittern an. »Wo hauset der?«

An der Flurtür klapperte der Sperrbalken. Und draußen, in der nebligen
Dunkelheit, huschte die Sus um die Bretterplanke des Gartens. Als
sie hinüberkam zum Leuthaus, mußte sie in einen finsteren Schuppen
springen. Hufschläge klapperten über das Pflaster her, und mit dem
Lärm, den die vielen genagelten Bauernsohlen machten, vermischte sich
das Marschgeklirre der Soldaten Gottes. Es waren die Bischofswiesener,
an die siebenhundert Männer und Burschen, mit ihren achtzig Musketieren
und fünfzig berittenen Dragonern, von denen jeder den blanken Säbel in
der Faust hatte.

Am Schwänzl des Zuges ging der Hiesel Schneck. Er hatte sich
angeschlossen, weil er den weiten Weg nicht einsam wandern wollte, und
weil er als Gutgläubiger sich verpflichtet hielt, dem Pater Kapuziner
während des langen Nachtmarsches ein bißl Gesellschaft zu leisten.
»Ja, ja, verstehst?« Er fluchte aus Rücksicht auf den geweihten
Wandergesellen überraschend wenig, war aber doch in verdrießlicher
Laune, weil er schon wieder was Verbotenes im Rucksack tragen mußte.
Freilich, immer noch lieber als das gläserne Judenfläschl war ihm das
irdene Tiegelchen. Sollte er's auch einem ewig Verfluchten zutragen,
so kam's doch von der Mälzmeisterin, von einem rechtschaffenen
Christenweibl.

Die Bauern wanderten schweigend zwischen den Soldatenreihen. Ihre
Gestalten waren schwarz in der frostigen Nacht, die der Schnee nur
wenig aufhellte. Kein Stern war da, um einen Glanz in ihren Augen zu
wecken. Dennoch hoben sie immer wieder die Gesichter zum Himmel. Und
während sie paarweis gingen, hielten viele sich bei den Händen gefaßt,
wie Blinde und Sehende, die einander führen.

Hinter Bischofswiesen, wo unter Weibergeschrei und Hundegebell die
Austeilung der Soldatenquartiere begann, mußte Hiesel Schneck seinen
Nachtweg in Einsamkeit erledigen. Jetzt, da ihn der Kapuziner nimmer
hörte, konnte er fluchen nach Bedarf. Er fluchte, so oft ihm der
Strohsack einfiel. Manchmal sakermentierte er und wußte selber nicht
recht, warum. Auch dem Hiesel Schneck, so eisentreu er an seinem
Fürsten hing, hatte der Versöhnungstag mißfallen. Kein Gedanke verriet
ihm diese Wahrheit; sie war nur in seinem Blut, in seinen Flüchen.
Und ohne daß er es merkte, verwandelte sie diesen Höllementskünstler
so folgenschwer, daß er die neue Überraschung, der seine Nagelflöße
entgegenwanderten, wesentlich anders aufnahm, als es geschehen wäre,
wenn er das leutselige Schützenfest nicht erlebt, das Blut der Moidi
von Unterstein nicht hätte rinnen sehen.

Als er vor dem Hallturm in das waldige Seitentälchen ablenkte, konnte
er gewahren, daß in seinem Herdstübl noch die Specklampe brannte.
Obwohl er kein Übersparsamer war und eigentlich gar nicht verstand,
warum ihn diese leuchtende Sache so fürchterlich erboste, fing er ein
Himmelhundstreiben an, daß der Schnee davon knirschte. Immer schlug er
mit der Faust in die Luft und nannte seine Schneckin einen Kindsschädel
ohne Hirn, ein Grillenei ohne Dotter, sogar eine Sau ohne Speck, was
doch sicher eine unmögliche Sache ist. Die Wut, die in ihm rasselte,
beeinträchtigte die getrübten Verstandeskräfte des Hiesel Schneck bis
zu völliger Urteilslosigkeit. Fluchend und schnaubend tappte er durch
den Schnee. Nah bei der Haustür wurde er festgehalten vom Anblick
einer Schneefährte, die er sich, ein so geschulter Weidmann er war,
durchaus nicht erklären konnte. Es waren große, kreisrunde, tief in
den Schnee gesenkte Tapper. Welch ein ungeheuerliches Nachtvieh
mochte das Haus des Hiesel Schneck umwandert haben? Auch nicht der
beste fürstpröpstliche Hirsch trat solche Fährten aus! Es blieb
dem Hiesel keine andere Lösung, als diese Schneelöcher -- die das
Blechschüsselchen der Schneckin schmolz, wenn sie die Mahlzeit des
Fieberkranken kühlte -- für Huftritte des Teufels zu halten, der sich
nach dem Verbleib der ihm zustehenden Ketzerseele ein bißchen erkundigt
hatte. »Also, da haben wir's!« Das Gruseln kannte der Hiesel nicht.
Für ihn als redlichen Christenmenschen war der Teufel eine Sache, so
ungefährlich wie ein Eichkätzl. Aber dem strohdummen Weibl, diesem Igel
ohne Borsten, gedachte er ein paar schmerzhafte Stacheln einzusetzen.
Schon drehte er sich gegen die Haustür. Da hielt ihn der Klang der
beiden Stimmen fest, die aus der Herdstube heraustönten. Unter einem
knirschenden Himmelhündchen beugte er sich gegen das Fenster hin und
guckte in den milden Schein.

Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag
aufgestützt im Bette, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die
Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl,
das auf dem Lehmboden kniete, mit zärtlicher Vorsicht die breite Wunde,
die den Knöchel des rechten Fußes umzog. Dabei redeten die beiden
mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bißchen
perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese
Verwandtschaft war was völlig Neues für ihn.

»Seit der Herbstzeit?« fragte Leupolt.

»Wohl, Bruder!« Die Schneckin begann die lange, weiße Binde zu wickeln.

»Wie ist das gekommen, Schwester, daß deine Seel sich erhoben hat? Hast
du ein Unrecht erfahren müssen?«

Sie schüttelte den grauen Kopf. »Mein liebes Mädl, verstehst, die ist
verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch
geröhrt haben und mein Schneck allweil draußen hat sein müssen im Holz,
da ist sie über einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil
hat mich das Mädl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab
ich fragen müssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit
der Farb. Ich frag: Gelt ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und
das Mädl -- jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch
allweil muß ich halt Mädl sagen -- und das Mädl beutelt ihr Köpfl. Ich
frag: Herr Jesus, er wird dich doch ums Himmelswillen nit prügeln, der
Deinig? Und das Mädl sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie
der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins
Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem
Vater nit sagen, der tät versterben dran!«

Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt
zu einer hölzernen Säule.

»Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tät mir das Blut gerinnen!« sagte
die Schneckin. »Aber wenn's schon wahr sein muß, daß ihr Hansl verhöllt
ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten?
Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Kält oder Glut.
Und schau, da hat mir mein Mädl was fürgelesen von einem luthrischen
Blättl. Schöner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild
reden hören. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles
hat mir das Kindl verzählt: wie ihr der Hansl das Evangelische allweil
fürgeredet hat, verstehst? Und gählings ist es in mir gewesen.« Die
Schneckin guckte den Leupolt an. »Wenn einem sein liebes Mädl so was
sagt? Verstehst? Da *muß* man doch glauben.«

»Nit allweil!«

Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, daß der Hiesel sie
nicht verstand. Aber deutlich hörte er das wehe Klagen seines
Schneckenweibls: »Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge,
evangelische Gottesfreud wär so schön in meiner Seel! Bloß eins ist
hart: daß ich herüben bin, und mein Schneck ist drüben. Und kommt er
drauf -- im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl
gegeben, verstehst -- aber muß er merken, daß er eine evangelische
Schneckin hat, da haut er mir alle Knöchelen im Leib auf Scherben.«

Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch
ein bißchen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hörte den
Leupolt sagen: »Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist
Versöhnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Ländl.
Schwester, wie gottsfreudig müssen heut alle Leut gewesen sein!« Der
Fiebernde ließ sich hinfallen auf das Kissen. »Von allen Schmerzen, die
mich angefallen haben, ist das der härteste: daß ich heut nit sehen
hab dürfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glück und
Treu!«

Da taumelte der Hiesel Schneck vom Fenster zurück, als hätte ihm dieses
gläubige Wort einen Stoß vor die Brust gegeben. Er fand keinen Fluch,
ließ nicht den kleinsten seiner Himmelhunde bellen. Weglos stapfte
er in den Schnee hinaus, irrte hin und her wie ein Tier, das von der
Drehkrankheit befallen ist, und als er den Waldsaum fand, er wußte
nicht, wie, da ließ er sich hinfallen und keuchte in die Nacht hinaus:
»Die Herren! Was die Herren alles treiben! Ach Jesus, Jesus!« Schauernd
an allen Knochen, grub er das Gesicht zwischen die Fäuste und begann
zu weinen wie ein kleines Kind. Das war eine Beschäftigung, die er
schon sechzig Jahre lang nimmer getrieben hatte. Drum zerriß ihm ihre
ungewohnte Übung fast die Rippen.

War eine Stunde oder mehr vergangen? Vom Schneckenhäusl klang ein
sorgenvoller Erkundungsschrei in die Nacht hinaus: »Schneeeheeeeck!«
Nach einer Weile wieder. Die Schneckin sorgte sich, obwohl sie wußte,
daß ihr Schneck Augen an den Schuhsohlen hatte. Und wo sich glückhafte
Leute versöhnen, wird das Sitzleder dauerhaft. »Die haben ihn halt
nit fortlassen vom Freibierbänkl.« Sie verkürzte den Docht der Lampe
und raschelte sich in die Strohsackmulde. »Gut Nacht, Leupi!« Der
Fiebernde schlief bereits. Auch die Schneckin brauchte nicht lang, um
einzutunken. Sie erwachte erst, als der Hiesel Schneck sich wortlos
hinlegte auf den Strohsack. »Gott sei Lob und Dank,« sagte sie, »weil
du nur daheim bist. Ist's lustig gewesen?«

»In Ruh laß mich!« knurrte er durch die Zähne.

»No, no, geh, verzähl doch ein bißl was!«

Da gab der Hiesel eine stumme Antwort. Sonst pflegte er so zu liegen,
daß die Schneckin ihr graues Köpfl an seine Schulter lehnen konnte, und
da waren ihr am Morgen immer die Falten seines Hemdärmels in die Wange
gedrückt. Jetzt drehte er sich heftig auf die Seite hinüber. Ganz und
gar.

»Schneck! Jesus! Wirst doch nit krank sein?«

»Was Gescheiteres fallt dir nimmer ein? Du --« Nein, der Schneck
brachte es nicht fertig, zu seiner Schneckin zu sagen: »Du Christin
ohne Herrgott!«

Verwundert sann das Weibl in der Finsternis über die unerklärliche
Tatsache nach, daß der Hiesel nicht fluchte. Da *mußte* ihm doch was
weh tun, wie einem Baum, der im Frühling nicht grünen will. Bei diesem
Schweigen stöhnte plötzlich der Hiesel: »Ganz schauderhaft ist so was!«

»Was denn?« fragte das Weibl erschrocken.

»Wie heut der Bockmist stinkt!«

»Schneck, da mußt du dich verkühlt haben! Beim Kathari hat einer
allweil so ein empfindsams Naserl.« Sie setzte sich auf. »Wart, da koch
ich dir gleich ein heißes Weinsüppl mit Nagerlblüten.«

Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so fürchterlich, daß die Schneckin
rasch zur Einsicht gelangte: »Krank ist er nit!« Nach vielen
stichelhärigen Himmelhunden murrte er: »Jetzt wirst du mich aber doch
bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel dich auf'n Strohsack hin, du
Wagen ohne Deichsel!« Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als
ob er schliefe. Seine Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne
auf die Geißmilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen
Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus.

Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur
mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schützenfest was Unverständiges
angerichtet? Sie lief hinüber zum Hallturm. Ob da nicht von den
Soldaten was zu erfahren wäre? Ja, die wußten was! Sehr viel. Wenn
auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es
Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, daß etwas Hartes geschehen
war. Schweigend hörte er an, was sie vom Versöhnungstag erzählte. Dann
nahm er ihre Hand. »Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck
zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg für uns auftut.«

»Ja, Bub, da muß man glauben dran. Sonst tät man verzagen.«
Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. »Jetzt weiß ich, warum
der Schneck heut nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit.
So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken müssen.
Verstehst?« Für alle Fälle wollte die Schneckin dafür sorgen, daß die
empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dache
nimmer gekränkt würde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geißstall
eine Arbeit, daß sie an den König Augias hätte denken können, wenn sie
was von ihm gewußt hätte.

Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin,
die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwärmen, vergönnte er
keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. »Heut in der
Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, daß mir die Mälzmeisterin was
mitgegeben hat für dich.«

»Die Mutter?« fuhr Leupolt in Freude auf.

»Ob's deine Mutter ist, weiß ich nit,« sagte der Hiesel gallig, »auf
der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthöllement, es
könnt am End gar noch aufkommen, daß du mein Schwager bist.«

Der Sinn dieser Worte war für die Schneckin eine dunkle Sache. Und
Leupolt hörte nicht, was der Hiesel redete; langsam, weil seine
entzündeten Hände noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Päckl
auf und schälte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe?
Sonst nichts? Kein Gruß, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine,
versteckte Blättl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig
zusammengedrängte Schrift: »Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder,
seit ich weiß, wo du bist. Es wird sich schon geben, daß ich schicken
kann, was du nötig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu
allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie
uns armen Menschen gegeben hat. Das Sälbl ist vom Luisli. Sie hat's
selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn geläutert und hat
dich lieb. Alles ander müssen wir in Gott befehlen. Ich tu dich grüßen.
Bleib, wie du bist, mein Bub, da bist du kein schlechter nit. Das weiß
ich, deine Mutter in Treu.«

Hätten der Schneck und die Schneckin jetzt hinübergeguckt zu ihrem
zwieschläfrigen Bett, so hätten sie sehen können, wie die Augen eines
Glücklichen leuchten. Aber die Schneckin mußte auf die Schüssel achten,
die sie zum Tische trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den
Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es für nötig, zu fragen: »Wie
hat's denn die Mälzmeisterin erfahren, daß der Leupi bei uns ist?«

»Was weiß denn ich?« brüllte der Hiesel.
»Kreuzhimmelhundblutshöllement, es gibt halt söllene Fensterln, wo
einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat!« Wie
sonderbar, daß der Hiesel jetzt so unverständliche Sachen redete!
Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend
ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Träumender: »In
der tiefsten Freud wird auch die höchste Not ein Lindes. Magst du mir
nit erzählen, Schneck, wie's gestern gewesen ist?« Der Hiesel beutelte
wütend den Kopf, schob die Schüssel fort, riß den Tabakbeutel vom
Gürtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. »So was ist schauderhaft!
Ganz schauderhaft!« Das bezog die Schneckin natürlich auf den Bockmist
und sagte gekränkt: »Schau hinaus ins Geißstallerl! Ob's nit so sauber
ist, daß man am Sonntag vom Stallboden essen könnt.« Mit Tränen in den
Augen zündete sie einen Kienbrand an und verließ die Stube, um draußen
noch ein bißchen nachzufegen. Da wurde plötzlich der Hiesel Schneck ein
völlig anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine
Stalltür an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, daß
sein weißschnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an
allen Knochen trat er zum Herd, um ein glühendes Kohlenbröckl in die
Pfeife zu legen.

»Schneck!« sagte Leupolt. »Weil das gute Weibl draußen ist, wollen
wir's ausreden als grade Menschen. Ich spring nit hinüber zum
Grenzbaum, tu nit flüchten. Vergönn mir das Plätzl in deinem Haus! Ich
will's vergelten. Sobald die Füß mich tragen, leg ich mich hinauf ins
Heu. Kann ich wieder laufen, so mußt du mich helfen lassen bei deinem
harten Dienst. Daß du's leichter hast. Ich versprech dir, daß ich
nichts tu, was dir Ungelegenheiten macht. Ich will nit konventikeln und
heimlichen Weg laufen. Will sein, wie du wollen mußt, daß ich bin. Ist
dir's recht so?« Er streckte die Hand.

»Meintwegen!« murrte der Hiesel, ohne die Hand zu fassen. »Stapfen wir
selbander durchs Holz, so kannst du mir auseinanderkletzeln, was denn
eigentlich dran ist -- an der luthrischen Narretei? Daß in der besten
Menschenseel so ein Unsinn zündet! Es ist halt, weil einer verstehn
will, was er nit versteht. Verstehst?«

»Fragst du, so geb ich Antwort.« Wieder streckte Leupolt die Hand.
»Magst du nit einschlagen? Wir sind doch Gesellen, wo Verlaß ist auf
einander. Nit?«

Der Hiesel bewies, daß er trotz aller Bescheidenheit seines Verstandes
klüger sein konnte als andere Menschen. »Mannderl,« sagte er, »wenn
ich dein verschwollenes Pratzl drucken tät, möchtest du einen
schönen Brüller machen!« Er guckte über die Schulter, weil er aus
dem Geißstall ein heftiges Wassergeplätscher vernahm. »So was ist
schauderhaft! Ganz schauderhaft!« Er sprang zur Stalltür hinüber. »Du!
Kreuzhimmelhundshöllement und christgläubiges Elend! Wirst du nit bald
auf'n Strohsack rutschen? Verkühlst dich ja draußen! Du Zeiserl ohne
Kröpfl!« Keinen Kropf zu haben, ist eigentlich eine schöne Sache. Aber
der Hiesel dachte bei diesem wütenden Kosenamen an einen Vogel, dem
Gott wohl keinen Gesang gegeben hatte, dafür aber Federn, mit denen man
schreiben kann.

Die gekränkte Schneckin plätscherte noch eine Stunde lang. Als sie
endlich die Ruhe suchte, lag ihr Schneck schon hinübergedreht nach der
feindseligen Seite. »So,« sagte sie, »jetzt wirst du ihn aber nimmer
schmecken!« Das stimmte. Gegen den Knasterqualm, den der Hiesel in die
Stube geblasen hatte, kam der Geißstall nicht merklich auf. Dennoch
knurrte der Unversöhnliche in die Nacht: »Ganz schauderhaft ist so
was! Schauderhaft!« Da drehte sich auch die Schneckin beleidigt auf
die andere Seite, und während ihre Tränen kollerten, hielt der Hiesel
verzweifelt seinen brennenden Schädel zwischen den Fäusten. Die Stube
des Grenzjägers beim Hallturm war in dieser Nacht eine Parabel des
Lebens, in welchem Trostlosigkeit und Hoffnung, Glück und Not, Zorn und
Liebe in unvereinbarem Widerspruche bei einander wohnen.

Leupolt sah mit offenen Augen ins Dunkel, das braune Tiegelchen
zwischen den Händen. Wie in der klingenden Mondnacht auf dem Königssee,
so waren wieder in ihm zwei kämpfende Gedanken, die einander hart
bedrängten. Seine Trauer über das üble Herrenwerk des Versöhnungstages
und seine Sorgen um die leidenden Brüder umschatteten die blühende
Botschaft der Mutter: »Sie hat dich lieb.« Aus dieser Zwiesprach
seines Kummers und seiner Träume riß ihn ein Himmelsköter des Hiesel
Schneck, der wütend in die Finsternis hineinbellte: »Wie, du -- jetzt
hätt ich vor lauter Schauderei schiergar vergessen! Hörst oder nit? Du
Haubenstock ohne Mascherl! Wirst du dich bald umdrehen, ja? Und den
überbeinigen Ellbogen gib her! Verstehst?« Der Hiesel mochte schneller
zugegriffen haben, als die Schneckin zu geben bereit war. Sie ließ ein
so wehleidiges Quieksen vernehmen, daß Leupolt erschrocken fragte:
»Schneck? Was tust du denn deinem Weibl?«

»Nit mehr, als was mir der Jud zur Schuldigkeit auftragen hat,
verstehst? Soll die saumäßige Zeitnot ausschauen, wie sie mag, ein
Überbein ist allweil ein Überbein.« In der Finsternis bügelte der
Hiesel Schneck das neugewachsene Ellbogenknöcherl seiner Schneckin.
Weil sie wieder ein bißchen wimmerte, brüllte er: »Ja, pfeif nur,
pfeif, du Spinnrädl ohne Schmier! Wenn's dir wohltät, gelt, da
könnt ich rippeln bis vierzehn Täg nach der Ewigkeit.« Nun ließ das
Schneckenweibl keinen Laut mehr vernehmen. Als der Hiesel mit dem
Knochenbügeln endlich Feierabend machte, konnte die Schneckin nicht in
Abrede stellen, daß ihr Überbein sich merklich verkleinert hatte. Sie
beobachtete auch noch eine andere Wirkung der gewalttätigen Kur: ihr
Schneck war von der >jüdischen Dokterei< so müde geworden, daß er vor
dem Einschlafen vergaß, sich auf die feindselige Seite hinüberzudrehen.
Mit Vorsicht rückte die Schneckin auf der Raschelmatratze ein bißchen
näher, fand das Kissen wieder, an das sie seit fünfunddreißig Jahren
gewöhnt war, und schloß als zufriedenes Menschenkind die Augen.



Kapitel XX


Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich
wieder hinausfluchte in die tröstende Waldeinsamkeit und sein Weib
von den Schneckischen Hemdärmelfalten auf der Wange eine Zeichnung
hatte, ähnlich den Eisblumen am Fenster, fühlte sich Leupolt Raurisser,
obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hämmerten, so weit bei
Kräften, daß er hinüberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er
sein eigener Arzt -- weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner
anderen Hand berühren ließ.

Zwischen wechselndem Schneegestöber blinzelte manchmal die Sonne durch
das verschneite Fenster, während Leupolt vor dem Zinnspiegelchen
der Schneckin saß, wie einer, der sich selbst rasieren muß. Ein
feingeglätteter Holzspan diente ihm als ärztliches Messer, mit dem er
die Halswunde so sauber schabte, daß die Schneckin gestehen mußte:
»*Viel* besser schaut's aus!« Mit zärtlicher Achtsamkeit verteilte er
die in der Morgensonne der Liebe geläuterte Wundsalbe über den frischen
Leinwandstreif. »So!« sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und
die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glänzten ihm die Augen, wie
sie nur einem Menschen glänzen können, der ein unsagbares Wohlgefühl
empfindet. Und immer schüttelte er lächelnd den Kopf, so oft die
Schneckin barmherzig klagte: »Jesus, Jesus, es muß dir ja grausam
wehtun!« Mit den Fußknöcheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim
Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen;
er nahm die Zähne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel,
versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser
ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgeräumt bis auf das letzte
Glitzerbröselchen. »Da muß mein Schneck halt wieder ein Sälbl holen,
verstehst?«

»Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erstemal. Ich spür's.«

Die Schneckin mußte zu ihren Geißen. Als sie wieder in die Stube
kam, war Leupolt umgezogen, saß hinter dem Herd auf dem kummervollen
Strohsack des Hiesel und las den kleinen Zettel der Mutter, las so
lange, als wäre das winzige Stück Papier ein Buch ohne Ende.

Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: »Heut am
Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat,
verstehst?« Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch
während der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestöber, blieb er so
mürrisch, so verdrossen, so rätselhaft traurig, daß in der Schneckin
der beklommene Verdacht erwachte: der Hiesel hat was gemerkt von ihrem
evangelischen Geheimnis. Aber nein! »Da tät er doch dreinschlagen
mit dem Bergstecken, tät umfallen vor lauter Kümmernis und tot sein!
Verstehst?« Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen draußen
im Gestöber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: »Es ist was
anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat müssen beim Schützenfest,
das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist härter, als übel von
einem Herren denken müssen, dem man zugeschworen ist in Treu und
Ehrfurcht.«

Die Schneckin tat einen Seufzer: »Ach, lieber Herr Jesus! Was für eine
schieche Zeit ist das!« Von den schrecklichen Dingen, die im Land
geschahen, wußte sie nur wenig. Die hohen Schneewächten legten um das
einsame Haus einen schützenden Riegel. Und was die Schneckin drüben im
Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hörte, die mit Musketieren
und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien,
Ausstoßungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeichikanen
-- das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht
aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer
wollte er arbeiten, sich nützlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie
schalt: »So geht's nit weiter, Bub! Du mußt dich wieder verbinden
lassen.« Er streichelte lächelnd ihre Hand: »Nit, Weibl! Ich spür schon
das Heiljucken. Nachhelfen muß man bloß bei schwachen und mühsamen
Dingen. Den starken und guten Sachen muß man ihr Sträßl lassen und muß
ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nächtet. Tu für den Schneck das Mus
kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich dir wieder
ein Lied.« Als die Flamme züngelte und die schwarze Stube rotscheinig
wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle:

  »Herz, laß dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille!
  Wie Gott es fügt, so sei's vergnügt dein Wille.
  Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste!
  Wie's Gott verleiht, ist's allzeit das Beste.
  Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
  Steht allem für und gibt auch dir das Deine.«

Das Schneckenweibl brach in Tränen aus wie ein armseliges Häuflein
Elend und klagte: »Bub! Tät's unser Herrgott allweil aufs beste
richten, so könnt der Schneck nit im Ländl bleiben, wenn's so kommen
tät, daß ich auf Wanderschaft müßt. Verstehst?« Wie die Schneckin es
meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht übers Herz
gebracht, ihm zu sagen, was drüben im Hallturm zu hören war: daß man
zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt
wider alle Verstockten anschlagen würde, die vor dem Karfreitag
nicht reumütig zurückgekehrt wären zum alten, allein seligmachenden
Glauben. Leupolt verstand nur, daß Kummer und Verstörtheit dem alten
Schneckenweibl fast die Seele zerdrückten. Er streckte die Hand, deren
Gelenk umwulstet war von dem starrgewordenen Verband, legte sie auf den
Arm der Weinenden und wiederholte mit tröstender Herzlichkeit den Vers:

  »Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
  Steht allem für und gibt auch dir das Deine!«

Draußen vor der Haustür pochte Hiesel Schneck den Schnee von den
Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem
fröhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schöne Füchse,
die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. »Also! Hat der
Mensch auch wieder einmal ein bißl Freud! Verstehst? Für d' Füchslen,
freilich, war 's Vergnügen minder.« Mit seinem gereizten Lachen mischte
sich ein wühlender Zornklang. »Was müssen die Rindviecher hinschnufeln
zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hören! Verstehst?«
Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes
Zeug an die Geweihzacken zu hängen. »Freilich, was Guts ist allweil
dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf
ihren Kirchenmantel kriegen!« Dieses zärtliche Versprechen hatte eine
sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, ließ die Schneckin den
Kochlöffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fäusten nach den Augen und
bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen löste. Eine
Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem
Höllementsreichtum zu fluchen an und brüllte: »Du Wiedehupfin ohne
Schöpfl! Warum flennst du denn jetzt?«

»Weil -- weil ich merk --«

»Was?« fragte der Hiesel erschrocken.

»Daß du mir -- eine Freud machen willst -- und grad für'n Kirchenmantel
-- Jesus, Jesus, für'n Kirchenmantel!« Unter den Tränenstürzen ihrer
Verstörtheit vergaß sie völlig, daß sie das Mus für ihren Schneck
gekocht hatte, war der Meinung, es wäre die Kost des Fieberkranken,
und trug das Schüsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee
zu kühlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die
überraschende Entdeckung machen, daß nicht der ketzergierige Satan,
sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die »unsinnigen
Tapper« in den Neuschnee hineingefährtet hatte. Nachdenklich
wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nächte: »Ganz schauderhaft
ist so was!« Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so
entsetzlich nach allen Windrichtungen, daß die schwarze Stube sich
noch dunkler zu schwärzen schien. Leupolt sagte lächelnd: »So was ist
seltsam.«

»Was?« brüllte der rasende Schneck.

»Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel.«

Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestürzt. Dann schrie er: »Wann
ich raufen muß mit der Meinigen, da tu dich nit einmischen! Schau
lieber, daß du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstraßl kommst.
Daß man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, du luthrischer
Narrenkasten ohne Riegel, daß einer verstehn will, was er nit versteht?
Verstehst?«

Leupolt gab keine Antwort. Er lächelte nur. --

In dem kleinen Jägerhaus kamen stille Tage. Keine schönen. Es stöberte,
daß der Schnee vor der Hausmauer immer höher wuchs. Manchmal in den
Nächten krachte das alte Dach unter der weißen Last. Dann plötzlich,
von einem Tag auf den anderen, setzte der Föhnsturm ein, mit Brausen
und Toben, mit klatschenden Regengüssen.

Die Herren zu Berchtesgaden schienen den Jäger Leupolt Raurisser
entweder vergessen zu haben, oder sie erwarteten von ihm noch immer,
daß er seinem fürstlichen Herrn die Gefälligkeit erweisen möchte,
jenseits der bayerischen Grenze zu verschwinden. Es kam vom Stifte
keine Nachricht, kein Befehl. Alle paar Tage brachte das Schneckenweibl
ein Bündel, das jemand im Hallturm für den Hiesel abgegeben hatte.
Immer war's eine Sendung der Mutter Agnes für ihren Sohn. Schließlich
hatte Leupolt alles beisammen, was ein Jäger braucht -- ausgenommen
die Flinte. Am Tage nach dem Versöhnungsfest hatte die Polizei seine
Waffen konfisziert. Bei jeder Sendung war ein verstecktes Zettelchen
der Mutter, die sich um die Gesundheit ihres Buben sorgte. Über die
Dinge, die zu Berchtesgaden geschahen, schrieb sie kein Wort. Es hieß
nur immer: »Ach, das Leben ist nimmer schön!« -- »Bub, man weiß bald
nimmer, was man denken und glauben soll!« -- »Ach, Bub, sei froh, daß
du weit bist vom Marktbrunnen! Der Schandpfahl hat nimmer Feierabend.«
Nie ein Wort über Luisa, nie ein Gruß von ihr. Nur einmal, als sich
schon die ersten Frühlingszeichen an den sonnseitigen Gehängen
entdecken ließen, schrieb Mutter Agnes: »Hab gestern ein liebes Veigerl
gesehen, das nimmer blühen mag. Da hilft kein Wörtl nit. Man muß an
die Sonn glauben, die dem armen Blüml das Köpfl wieder aufrichtet.«
Als Leupolt dieses Zettelchen gelesen hatte, trat er zum Fenster, sah
in den rauschenden Regen hinaus und sagte: »Die Sonn ist bloß hinter
Wolken. Da ist sie allweil. Komm, Schneck, nimm den Mantel, ich geh mit
dir hinaus ins Holz. Wo die Bäum wachsen, wohnt der Herrgott.«

»Wohl!« brummte Hiesel. »Aber was für einer?«

Draußen wurde dem langen Schneck die Nässe ungemütlich. Er wußte eine
Holzerhütte zu finden, brachte ein Feuerchen in Brand, stopfte seine
Holzpfeife und fing wieder zu fragen an, wie immer, wenn er mit Leupolt
allein war. Dabei schien er nur die Worte des anderen zu hören, nicht
den Herzklang, von dem sie erfüllt waren, nicht die ruhige Festigkeit,
die in ihnen glänzte. Wieder schüttelte er nach stundenlangem Lauschen
den grauen Kopf: »Da kann mir einer sagen, was er will, ich versteh's
halt nit!« Etwas Verzweiflungsvolles brannte ihm in den kummervollen
Augen. »Aber was soll denn einer machen, wenn er muß?« Das war wieder
eine von den dunklen Reden, die der Hiesel sich angewöhnt hatte seit
dem Versöhnungsfest.

»Schneck? Magst du mir nit sagen, was dich druckt?«

Der Alte erhob sich vom Feuer. »Der Verstand druckt mich nit. Sonst tät
ich's verstehn. Verstehst?«

Je näher es auf die Osterwoche ging, umso wortkarger wurde der
Hiesel Schneck, ersann immer seltsamere Flüche und fand für sein
Schneckenweibl immer wunderlichere Vergleiche, denen das Nötigste
fehlte. Er nannte sie ein Wasser ohne Brunnenrohr, ein Mühlrad ohne
Mehl, ein Bänkl ohne Füß, ein Zöpfl ohne Haar, sogar eine arme Seel
ohne Fegfeuer. Mit Menschen zusammenzukommen, das schien der Hiesel zu
fürchten, wie ein Gebrannter das Feuer. Die angstvolle Schneckin quälte
ihn eines Tages mit hundert verwirrten Fragen. Der Hiesel schwieg sich
aus, beteuerte ein Dutzendmal, daß so was schauderhaft wäre, ganz
schauderhaft, nahm die Feuersteinflinte und ließ seine Himmelhunde
hinausknurren in den nassen Frühlingswald. Die Schneckin, völlig
verdreht, wollte ihm nachlaufen. Leupolt hielt sie zurück und sagte:
»Laß ihn, Weibl! Im Holz draußen findt er die Ruh schon wieder. Ein
guter Mensch ist er. Und was er hören und sehen muß, das geht ihm über
den Herzfrieden.« Wenn Leupolt auch wenig wußte von den Dingen im Land,
so wußte er doch so viel, daß er sein Versprechen, keinen heimlichen
Weg zu machen, wie eine Kette zu empfinden begann. Einmal sagte er zur
Schneckin: »Nit helfen können, ist das Härteste.«

Es war in diesen Wochen im Lande Berchtesgaden ein neuer Gruß erfunden
worden, nicht von der Polizei, sondern von denen, die ihn verschwiegen
vor ihr. Begegnete einer dem anderen, und hatten sie mit den Augen
geblinzelt, so sagte der eine: »Schieche Zeit, Bruder!« Und der andere
knirschte zwischen den Zähnen: »Gott soll's geben, daß der Helfer
kommt!«

Der Weg zu den Stiftsgefängnissen wurde in dieser Zeit das belebteste
Sträßl im Land. Um der jungen Mädchen willen gab es blutige
Schlägereien zwischen den Burschen und Musketieren. Die Soldaten und
ihre Rosse fraßen die evangelischen Bauern arm. Was in den Seelen der
Bedrückten noch übrig blieb an Hoffnungsfestigkeit, das wurde gebeizt
und gesotten bei den stundenlangen Hauspredigten der Kapuziner. Von
ihrem schwitzenden Eifer kam ein Sprichwort in Umlauf: »Der tröpfelt
wie ein Bußprediger.« Und was diese emsige Seelsorge, was die Muketiere
und ihre fressenden Gäule, die Polizeiverhöre und die Herbergsstunden
ohne Mond und Sonne nicht fertig brachten, das vollendete die
Verhetzung innerhalb der evangelischen Familien, die Behinderung eines
jeden Erwerbs, der Frondienst und die Geldbuße, die Viehpfändung,
der Entzug des Hauslehens und noch eine andere dunkle Sache, die im
ganzen Lande wie ein drückender Alp auf allen Menschen lag. Es schien,
als ginge in den Häusern einer umher, der nicht zu sehen, nicht zu
hören und nicht zu greifen war, jedes Wort erschnappte, jede Rede
verdrehte, jeden Gedanken herauskitzelte und denunzierte. Dank diesem
emsigen Lauschergeiste war der Landrichter Willibald Halbundhalb
durch die gesteigerten Geschäfte seiner Wahrheitsforschung so grausam
überbürdet, daß man ihm vier Assessoren zur Hilfe beigeben mußte.
Weil der Herbergsraum ohne Mond und Sonne stets überfüllt war, wurde,
um Platz zu sparen und die Einkünfte des Stiftes zu erhöhen, alles
minder Gravierende durch hohe Geldbußen erledigt. Das hatte einen
doppelten Erfolg: zum erstenmal seit Jahren konnte die Rechnungskammer
des Stiftes die an Ostern fälligen Schuldzinsen glatt begleichen, und
noch vor dem Palmsonntag konnte man amtlich registrieren, daß von den
Siebenthalbtausend der jubelnden Bekennertage schon mehr als die Hälfte
bußbereit wieder heimkehrte zum »fürstpröpstlichen Glauben«. Gegen
die dreitausend noch Verstockten wurde das Exulations-Edikt an allen
Kirchtoren von Berchtesgaden angeschlagen.

Wie schweres Nebelgewölk, so lag die dumpfe Herztrauer der Wehrlosen
über dem ganzen Land. Aber auch *diese* Zeit, so unerträglich sie war,
konnte den Witz des gesunden Volkes nicht völlig ersticken. Unter das
Polizeigebot, das neben dem Exulations-Edikte angenagelt war und jeden
»Befund dreier gleichzeitiger Personen auf der Straße« mit schwerer
Strafe bedrohte, hatte einer die Frage geschrieben: »Wie ist das bei
einer schwangeren Mutter, die mit Zwillingen geht? Das sind doch
auch drei Gleichzeitige? Muß da der Muckenfüßl vor dem Grillenhäusl
auf die Überzähligen passen? Oder muß er die Haustür einschlagen?«
Der Wahrheitsforscher mit den vier überflüssigen Federstrichen,
der den Dichter des Volksliedes vom _Dr._ Halbundhalb noch immer
nicht ausgeforscht hatte, mußte sich mit einem neuen Geheimnis der
Schriftenkunde befassen, um es *nicht* zu lösen.

Die Sonne begann zu lachen und machte die Tage vor dem Osterfeste lind
und schön. Auf den Talwiesen begann das erste Grün zu spitzen, an den
Bächen kätzelten die Weidenstauden und auf den Berghängen schrumpfte
der Schnee immer weiter durch die Wälder empor.

Am Morgen des Karfreitags wanderte Hiesel Schneck mit seiner Schneckin
nach Bischofswiesen, um das heilige Grab zu besuchen -- der Hiesel
trotz der himmelschönen Frühlingsfrühe verdrossener als je, das
Schneckenweibl bei aller Seelenangst viel freudenreicher als seit
Wochen. Wie warm die Sonne heizte, das schien die Schneckin nicht zu
bemerken; sonst hätte sie nicht das dickgefütterte Wintermäntelchen mit
dem neuen Fuchspelzkragen spazierengeschleppt. Jedem Menschen, dem die
beiden begegneten, sah die Schneckin fragend in die Augen. Dann bekam
der andere einen scheuen Blick und dachte: »Der bin ich verdächtig!«
Die Schneckin aber schmunzelte stolz: »Dem gefallt mein Fuchspelzl
auch!«

Um für Hiesel einen freien Morgen zu machen, hatte Leupolt den
Hegerdienst übernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald.
Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen
den ersten Frühlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Händen,
mit entblößtem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem
Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem
verwitterten Bergjägerkleid, mit den starr und grau gewordenen
Wundverbänden um den Hals, um Fußknöchel und Handgelenke. Das Rauschen
der Frühlingswässer und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und
durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen
begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fäden. Als er heim
kam ins stille Jägerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und
hängte den kupfernen Wasserkessel drüber. Mit dem warmen Wasser
weichte er die zusammengekrusteten Verbände auf. Die Wunden waren
geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weißes Band.
Ebenso war's an den Fußknöcheln und Handgelenken. Lächelnd flüsterte
Leupolt vor sich hin: »Vergeltsgott, Luisli!« Und weil er's nicht
übers Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er
sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus,
der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch
sich und zog die Feiertagskleider an, die seine Mutter ihm geschickt
hatte. Im Herrgottswinkel aß er die Geißmilchsuppe. Dann setzte er
sich vor der Haustür auf das sonnige Bänkl. Wie still und schön war
diese heilige Frühe! Jedes Gefühl in ihm verwandelte sich in dankbare
Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die
leidenden Glaubensbrüder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der
Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen
verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die
keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der
sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und die Heimat
verlassen mußten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern.

»Gott soll dich hüten, mein liebes Glück! Ich geh mit der ersten Schar.«

Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, überlegte
er, wie er den Wandernden nützen könnte, welchen Weg sie nehmen,
wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat?
Übers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland
oder Dänemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen.
Leupolt schüttelte den Kopf. »Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehören
auf deutschen Boden!« Da gab's nur einen einzigen Weg: über den Main
und über die Elbe hinunter, ins preußische Land. Aber wie für die weite
Wanderung alle nötigen Mittel finden, Zehrung für die Verarmten, Pflege
für die Erkrankten, neues Heimatland, Boden für den Hausbau, Balken
und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brüderlich und barmherzig
sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. »Einer,
der allweil hilft!« Da fiel ihm etwas zwischen die Hände, die er auf
den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisse
durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelsträußchen
betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wär' es heruntergefallen vom
Himmel. Ein heißer Glücksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf
er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn!

Jetzt hörte er hinter der Hausecke die Sprünge eines flinken Fußes
über kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinüber und sah ein
blondschopfiges Mädel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War
das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von
seiner Wanderung ins Preußische heimgekommen! Und in dem Sträußl war
eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blüten. Unter den grünen
Stengeln knisterte was: ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit
verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten -- das nur
den Verläßlichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las:
»Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Dem mußt du dienen. Vor
dem Neumond, am Abend um die fünfte Stund, da kommen von Reichenhall
zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener.
Die mußt du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu dich
ausweisen mit deinen Wundmalen. Du mußt um Christi willen gehorsamen,
auch wenn es so ausschauen tät, als wär's gegen Treu und Eid. Es ist
nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der
Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da
mußt du sie umsichtig führen und gut behüten. In Jesu leb ich, in Jesu
sterb ich. Den Zettel mußt du verbrennen. Gleich.« Ein zweitesmal las
er, ein drittesmal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die
glühenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden.

»Ein Helfer kommt!«

Die Freude machte ihm das Blut in den Adern heiß, machte ihm das Herz
gegen die Rippen hämmern. Den Helfer führen? Zu einem, der nimmer lebt?
Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen
in der Neumondnacht sich versammelten.

Stunde um Stunde wartete Leupolt mit Ungeduld auf den Hiesel Schneck.
Der mußte ihm das Versprechen zurückgeben: keinen heimlichen Weg zu
machen. Die Mittagsstunde ging vorüber, ohne daß die Hausleute kamen.
Erst gegen Abend zappelte das Schneckenweibl über die Wiese her,
schwitzend unter dem Fuchspelz ihres Kirchenmantels. Von weitem rief
sie dem Leupolt, der wartend vor der Haustür stand, die Frage zu: ob
der Schneck schon daheim wäre? Als Leupolt den Kopf schüttelte, fing
die Schneckin in seltsamer Verstörtheit zu klagen an: sie hätte eine
Besorgung gehabt; die hätte ein bißl lang gedauert; und als sie wieder
zurückgekommen wäre ins Wirtshaus, wäre der Hiesel nimmer dagewesen;
sie hätte ihn überall gesucht, nirgends gefunden und hätte gemeint,
er wäre schon heimgelaufen. »Und jetzt ist er nit da! Jesus, Jesus,
ich muß ihm was sagen!« Sie lief zur Straße zurück, guckte und schrie,
kam heim, begann die Fastenspeise zu kochen und rannte wieder vor die
Haustür, um nach dem Hiesel auszuschauen. Endlich, da es schon zu
dämmern anfing, sah sie ihn kommen.

Ganz langsam ging er, merklich gebeugt, als wäre er seit dem Morgen
um ein paar drückende Jährchen älter geworden. Als er sein Weibl so
aufgeregt schwatzen hörte, blieb er stumm, tat einen schweren Atemzug
und guckte zum Himmel hinauf. Plötzlich machte er einen raschen Griff,
faßte mit der groben Pranke die Hand seines Weibes und sagte wunderlich
zart und leise: »Schneckin! Paß auf! Jetzt muß ich dir was sagen.
*Dir* z'lieb, verstehst? Heut hab ich mich einschreiben lassen als
luthrischer Exulant.« Das Schneckenweibl stand wie zu Stein erstarrt.
Ihre Tränen begannen zu rinnen, bevor sie sich rühren konnte. Von einem
Schreikrampf befallen, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und
klagte in den sternschönen Frühlingsabend hinaus: »O Jesus, Jesus!
*So* ein Unglück! Und ich, bloß daß ich nit fort hätt müssen von dir,
verstehst, ich hab mich heut wieder bekehren lassen vom Kapuziner!«

Es gab zu dieser Stunde im trauervollen Lande Berchtesgaden nicht viele
Menschen, die so unglücklich waren, wie der evangelische Hiesel Schneck
und seine neukatholische Schneckin.



Kapitel XXI


Nach Ostern, am Vormittage vor der Neumondnacht im April, fuhr ein
Leiterwägelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen
den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saßen zwei Paare, die
nicht zu einander gehörten und sich doch bei den Händen gefaßt hielten:
Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig
und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzählten von
harten Tagen. Während der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von
den Fünfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zügel und trieb
das Gäulchen, als könnte sie das kaum erwarten: zum letzten Hause des
erschreckenden Dorfes zu kommen.

Ein Frühlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu
Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte,
war Trauer, Menschenelend und Verwüstung. Viele Häuser standen leer
und hatten rot angestrichene Türen und Fensterstöcke. Die Leute, die
man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgärten
in Bretterschuppen. Mit dem eng übereinander gestellten Hausrat
sahen diese Zufluchtsstätten aus wie Trödlerbuden eines unfröhlichen
Jahrmarktes. Nur wenige Häuser waren gegen früher völlig unverändert.
Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstöcke
und Türen nur noch einen matten, rötlichen Schiller hatten -- das
Zeichen der Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben. Wer sich aus der
Bekennerliste streichen ließ, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige
Seligkeit auch ein Fläschl Terpentin, um Türen und Fensterstöcke wieder
gutgläubig zu machen.

Lenzfreude und munteres Leben ließ sich auch an den Häusern nicht
entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in
den Höfen; an den Fenstern sah man verschüchterte Kindergesichter;
bejahrte Männer waren beim Umgraben der Gärten. Durch offene Türen
sah man in leere Ställe. Das Vieh war davongetrieben. Den Bußfertigen
hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht
mehr zurückgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon
aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben
einem geplünderten Hause war ein Feld überstreut mit den Holzscherben
zerschlagener Kästen und Bettstellen; es erinnerte an des Haynachers
Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der
Christl unermüdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf
das Grab seiner Martle steckte, und die von gutgläubigen Händen immer
wieder zertrümmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und
schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandstätte dreier Höfe. Überall fingen
die Bäume und Hecken zu grünen an; die Obstbäume der niedergebrannten
Höfe trieben keine Knospe mehr; sie waren von der Feuerhitze versengt,
waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbüsche.

Nur die spielenden oder brünstig trabenden Hunde, die den Frühling in
sich verspürten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen
noch beweisen zu wollen, daß die Freuden des Lebens nie ganz erlöschen.
Hörte man fröhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes,
die in der Sonne auf Bänken saßen und mit dem Knöchelbecher einander
das Plündergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Gärtl des
Wirtshauses war eine halbe Kompagnie beisammen. Als die Soldaten das
Leiterwägelchen kommen sahen, reckten sie die Köpfe, und ein Lustiger
rief: »Ihr tapferen Eisenbeißer! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere
Weibsleut her!« Gleich kam das ganze buntgelitzte Rudel herangesaust.
Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter
Agnes schrie der blonden Magd über die Schulter zu: »Tu doch das Rößl
treiben!« Das Gäulchen war schon umstellt und festgehalten.

Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen
hageren Länge sah er wunderlich aus, verblüffend durch sein grimmiges
Warzengesicht mit dem wehenden Weißhaar. Die Soldaten stutzten
und wurden unschlüssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er
einen heiteren Ton finden: »Die sturmfreudigen Herren haben sich
umsonst bemüht. Mutter Mälzmeisterin, zeig den gütigen Kindlen
Seiner apostolischen Majestät den Passierschein der Pflegerkanzlei!
Die vier Leut da sind vom gnädigsten Herrn Fürsten meinem Schutz
vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes.« Diese beiden letzten Sätze
waren eine anderthalbfache Lüge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer
Ludwig dem Wägelchen begegnet; in seiner Sorge um den Freund war er
aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem
Versöhnungsschießen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was
bedeutete: daß man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die
Kapitelfähigkeit herunterkratzen würde. Er schien der Meinung zu sein,
daß er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch
ausnützen müßte, stieg über das Vorderbrett, nahm der Sus die Zügel
aus der Hand, klatschte dem Gaul eins über den runden Hinterbacken und
lachte unter dem Geholper des flinkwerdenden Wagens: »Wenn der Mensch
nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er überall offenen Weg.«
Hinter dem Rädergerassel verklangen die Späße der Musketiere.

Meister Niklaus drehte mit zornfunkelnden Augen das blasse Gesicht
und ließ die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder
einschnappen. »Alles um Gottes wegen!«

»Nit, Vater!« Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. »Tu nit
lästern! Das wär kein Segen für den heutigen Weg. Gott ist fern von
den bösen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit
hindert, das versteh ich nimmer.«

»Ach, Kindl!« seufzte die Mälzmeisterin. »Beim Anblick der irdischen
Narretei wird sich der Allgütige halt denken: ich muß die blinden
Schermäus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafköpfig und
strohdumm sie sind.«

»Ganz so wird's wohl nit sein.« Im Gesicht des Pfarrers tänzelte
die große Warze. Er gab der Sus die Zügel und kletterte zu seinem
Brett zurück. »Ein solches Experiment deines Allgütigen wär für die
Menschheit ein bißl zu kostspielig.«

»Allmächtig ist er aber doch? Warum also laßt er so viel Zwidrigkeiten
zu?«

»Lang dauert's nimmer, bis ich hinaufkomm zu ihm. Da will ich ihn
fragen. Dann schreib ich dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem
Weihnachtsengel.«

Halb erheitert, schüttelte die Mälzmeisterin den graugewordenen Kopf.
»Und allweil noch ein Späßl!«

»Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die
Schimpferei?«

Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehört. Immer
hatte er zurückschauen müssen zu dem verwüsteten Dorf. »Wie schön ist
das Örtl gewesen! Und jetzt!«

»Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt.
Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es
nie erwartet hätt. Der Christl Haynacher.«

Erregt, eine irrende Verstörtheit in den Augen, sagte Niklaus: »Sogar
*der* bekennt!«

»Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was
Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: daß die
undankbare Menschheit sein schwarzweißes Pärl schon völlig verschwitzt
hat.« Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's! Außer dem Christl und meinem
hochverehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige
Doppeltödl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!«

Ernst fragte der Meister: »*Wer*, Ludwig?«

»Das Justizkamel!« Der Pfarrer lächelte. »Er bohrt und bohrt und
bringt es halt nit heraus. Und den Christl -- den einzigen, der ihm
sagen hätt können, wie das Wunder geschehen ist -- den hat er gestern
hinauswerfen lassen aus der Kanzlei. Da ist der Christl geraden Wegs
zum Exulantentischl gelaufen.«

Der Meister knirschte erbittert vor sich hin: »Es wühlt in jedem.« Was
war an diesem kleinen Wort? Die Sus bekam erweiterte Augen, und Luisa
erschrak, daß ihre Züge sich veränderten. »Vater?« Die angstvolle
Frage blieb ohne Antwort. Zwei Grenzmusketiere, die auf der Straße
marschierten, hatten das Wägelchen kommen sehen und verstellten ihm den
Weg. Der eine, ein altgedienter Soldat, faßte den Gaul am Zaum. »Wohin,
ihr Leut?«

»Zum Hallturm hinaus.«

»Da lasset uns aufsitzen, wir haben einen pressanten Dienstweg. Sonst
müßt ich das Wägl in Beschlag nehmen.«

»Es geht schon!« sagte die Mälzmeisterin flink. »Komm, Sus, gib das
Bockbrettl her! Du hast noch Platz zwischen dem Meister und mir.«
Während die Musketiere aufkletterten, flüsterte der jüngere dem älteren
zu: »Tu sie ausfragen!« Dieser Musketier schien die Aufmerksamkeit des
Pfarrers zu erwecken. Er gab seinem Freunde einen Stupps und zwinkerte
gegen den Soldaten hin. Der war auch dem Meister schon aufgefallen,
wegen des schwarzen Bartgestrüpps, das ein bißchen an den Fasching
erinnerte. Seine Bewegungen waren nicht sehr militärisch. Der ältere
Musketier fragte so unermüdlich, daß schließlich nur Mutter Agnes noch
Antwort gab. Der Junge mit dem sonderbaren Bart sprach keine Silbe
mehr. Als das Wägelchen in der Nähe des Hallturmes vor der Herberg
hielt, glitt er flink vom Wagen herunter, salutierte faschingsmäßig und
ging rasch davon. »Ein wüster Kerl, ein grauslicher!« murrte die Sus,
während sie dem Rößl das Zaumzeug über die Ohren zog.

Der Pfarrer nahm den Meister beiseite. »Ich laß mir einen Finger
abschneiden, wenn das nit ein Polizeispion gewesen ist. Was er beim
Hallturm sucht, das kann ich mir denken.« Seine Stimme wurde noch
leiser. »Heut in der Nacht ist Neumond.« Er sah zum weißen Schneegrat
des Toten Mannes hinauf. »Verstehst du, Nick?«

Der Meister atmete in schwüler Unruh. Und drüben beim Wägelchen nahm
Mutter Agnes Luisas Gesicht, das in Glut und Blässe wechselte, zwischen
zärtliche Hände. »Nit aufregen, Kind! Es wird schon alles gut gehen.
Fest beispringen mußt du mir halt!« Luisa nickte, und ihre suchenden
Augen füllten sich mit Tränen. »Nit, Kindl! Du gehst einem Lachen
entgegen, keinem Leid. Wär ich ein Bub, so tät ich sieben glückselige
Sprüng machen um dich.« Frau Agnes schmiegte die Wange an Luisas Haar.
»Alles in dir ist Sehnsucht worden. Sonst hab ich allweil gehofft auf
meinen Herrgott, heut hoff ich auf dich. Mein Bub hat doch Augen. Nit?«

Der Pfarrer kam. »Also, wir machen es, wie's beredet ist?«

Mutter Agnes bettelte: »Wär's nit doch am besten, ich tät gleich
hinüberlaufen zu ihm?«

»Bei den Schneckischen hättst du ein hartes Reden. Komm, die
Herbergmutter wird schon wen haben, der ihn holen kann. Derweil
bestellen wir für unser Sechse eine feste Mahlzeit.«

Frau Agnes und Luisa sagten das gleiche Wort: »Ich kann nit essen.«

»Das muß man können.« Der Pfarrer legte den beiden die Arme um die
Schultern. »Ach, ihr Weiberleutlen! Ob Freud oder Weh, allweil hängt
ihr zuerst den Magen an den Bindfaden.«

Niklaus stand noch immer auf der Straße, spähte zum Toten Mann hinauf
und wieder hinüber gegen die Büsche, hinter denen der Musketier mit dem
sonderbaren Bart verschwunden war. Nun ging der Meister zur Herberg
hinüber. Da kam die Sus gelaufen, mit großgeöffneten Sorgenaugen:
»Meister? Was ist das für ein Wörtl gewesen? Daß es wühlt in jedem?«

Den Kopf beugend, fragte er in Trauer: »Verstehst du das nit?« Eine
Weile stand sie unbeweglich, dann nickte sie stumm. Ganz leis wurde
seine Stimme. »Wenn's so kommen müßt? Was tätst du, Sus?«

Mit einem Lächeln, aus dem alle treue Tiefe ihres aufgeopferten Lebens
herausglänzte, sagte sie: »Bleibt der Meister, so bleib ich. Geht der
Meister, so geh ich.«

An den beiden surrte ein junger Bub vorbei. Der sprang hinüber zum
Schneckenhäusl. Nach einer Weile brachte er die Botschaft: »Der Jäger
Raurisser ist nit daheim, ist droben am Berg. Am Nachmittag, hat die
Schneckin gesagt, gegen die vierte Stund muß er heimkommen.« Das
wurde nun eine qualvolle Zeit des Wartens. Alle paar Minuten guckte
Frau Agnes nach der Sonnenuhr, die über der Herbergstür an der Mauer
war. »Heut muß die Sonn langsamer laufen, wie sonst.« Noch ehe der
Schattenstrich hinrückte gegen die Vier, verlor die Mälzmeisterin ihre
letzte Geduld. Sie umklammerte die heiße Hand des Mädchens. »Komm!
Jetzt springen wir ihm entgegen, den Berg hinauf, und schreien uns
die Seelen aus dem Hals. Darf der Kuckuck schreien im Frühling, warum
sollen die Menschen nit schreien dürfen?« Sie riß das wortlose Mädchen
mit sich fort. Zum Haus des Hiesel Schneck hinüber war es nicht weit.
In dem engen Wiesentälchen konnte man den Weg nicht verfehlen. Auch
war der Pfad gut ausgetreten von den Schneckischen Nagelflößen. Drei
schwarze Ziegen trotteten mit kleinen Bimmelschellen und klunkernden
Eutern über den Weg, man hörte die müde Stimme des Schneckenweibls
locken, und durch die Stauden schimmerte in der Sonne die alte
Balkenmauer.

Ein erstickter Laut. Mutter Agnes fing an allen Gliedern zu zittern
an. »Mein Bub! Da kommt er!« Nun ein leises Betteln: »Kindl? Gelt?
Das erste Wörtl tust du der Mutter lassen!« Nur nicken konnte Luisa
und sprang in den knospenden Buchenwald hinein. Mutter Agnes, immer
fröhlicher atmend, hing mit leuchtendem Blick an der festen Gestalt
des Sohnes, den das Gewirr der Stauden noch umschleierte. Er war ohne
Waffe, trug den Bergsack auf dem Rücken, den langen Griesstecken in
der Faust. Gleich sah die Mutter: der ist gesund, gesünder als je!
Huschend glitt vor ihren Gedanken ein Bild vorüber: der Marktplatz
zu Berchtesgaden, der Brunnen mit den Musketieren, das erregte
Menschengewühl und der Blutende am Holz der Unehr.

Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und
lauschte immer gegen den Hallturm hinüber. Und plötzlich sprang er auf
die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand
hinter brechendem Gezweig.

»Leupi!« schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut.

Ein Rauschen im Gebüsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck
und Hoffnung in den Augen. Ein heißer, glückseliger Schrei: »Herr
Jesus! Mutter!« Hätte sie es noch nie gewußt, wie er hing an ihr, mit
jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens,
so hätte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glückliche Aufglänzen
seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stieß er den Griesstecken in den
Wiesgrund, warf das Hütl dazu und sprang ihr entgegen: »Mutter! Mutter!
Mutter!« Verstummend riß er sie an sich, und sie hing an seinen Hals
geklammert, in Freude stöhnend unter dem Druck seiner stählernen Arme.

Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes
und preßte das Gesicht in die Hände. Noch in keiner träumenden
Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner
von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nächten hatte sie
so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme
sie umklammern würden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt.

Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurückgefallen war
in den Nacken, sah er das graugewordene Haar. Schweigend küßte er den
entfärbten Scheitel, preßte die Mutter noch fester an sich, erschrak --
und fragte: »Hab ich dir weh getan?«

Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. »Das ist doch einer
Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt
ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund du
wieder bist.« Sie sah die weiße Narbe an seinem Hals und strich mit den
Fingerspitzen drüber. »Du, das ist schön geheilt.«

Er nickte. »Was du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder
gewesen. Sag ihr ein Vergeltsgott von mir! Sag ihr: mir ist gewesen wie
einem Baum, wenn ihm der Frühling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie
lebt sie? Wann hast du sie das letztmal gesehen?«

Ein Erglühen ging ihr über das Gesicht. »Nit lang ist's her.«

»Das mußt du mir alles erzählen -- einmal -- nit jetzt.« Er warf
einen forschenden Blick nach dem Stand der Sonne. »Heut haben wir nit
viel Zeit. Ich muß einen Weg machen, den ich nit versäumen darf. Aber
allweil reicht's noch ein paar Vaterunser lang. Muß ich halt nachher
doppelt springen.« Er sah nicht, wie sie erblaßte. »Da drüben, komm,
wo der Baum liegt, können wir uns niedersetzen.« Die Wange an ihr
Haar schmiegend, führte er sie über den Weg hinüber. Als sie auf dem
Baumblock saßen, nahm er ihre Hände. »Wie geht's dem Vater und den
Brüdern?«

Alle Freude war zerdrückt in ihr. »Wie's einem halt gehen kann in
heutiger Zeit. Keiner hat mehr ein richtiges Lachen.«

Da sagte er froh und fest: »Die Zeit wird besser. Tu dich gedulden.«
Eine Sorge schien ihn zu befallen. »Mutter? Daß du bei mir bist, so?
Wirst du das nit ungut zahlen müssen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab Verlaub.«

Zögernd wiederholte er dieses Wort. »Verlaub?« Sein Blick wurde
schärfer. »Von wem?«

»Vom gnädigen Herrn.« Sie sah, wie sein Körper sich streckte. Angstvoll
umklammerte sie seine Hand und brachte kaum einen klaren Laut heraus.
»Gestern -- da hat er mich rufen lassen -- und hat mich in aller Güt
gefragt, ob mich nit bangen tät nach dir --«

»Güt?« Er machte mit der Hand eine Bewegung. »Nein, Mutter! Güt ist
ein ander Ding. Rechtschaffene Güt vergönnt jeder Menschenseel, was
ihr heilig ist, will nit ausbrennen, was tief im Leben sitzt. Du
sollst mir die Botschaft des Fürsten nit ausrichten. Da bist du mir
zu gut dafür. Verstanden hab ich schon.« Eine Sekunde schwieg er. »Am
Osterdienstag hat mir der Wildmeister einen Deuter geschickt. Heut
schicken sie mir die Mutter. Weil sie meinen, was meinem Herzen das
Wärmste ist, das tät mich umschmeißen! -- Mutter? Hast du dir nit
gesagt: das ist mein Leupi?«

»Allweil und allweil hab ich mir's fürgesagt. Und bin halt doch
gesprungen in Freud und Zutrauen. Tust du mir das verdenken, Bub?«

Er zog sie an sich, streichelte mit schwerer Hand ihr erloschenes Haar
und sagte ruhig: »Ich soll mich bußfertig erweisen? Gelt? Soll den
Glauben niederdrucken, soll lügen wider Gott und gegen mich selber? Und
alles, was sie Untreu heißen, tät mir verziehen sein? Weil sie meinen:
die Dritthalbtausend, die noch standhalten, die sich nit haben umwerfen
lassen von Kapuziner und Musketier, von Geldbuß und Hausbrand, von Not
und Elend, von Kinderaugen und Landslieb -- die soll mein Beispiel
wacklig machen und umreißen? Gelt?«

Sie zitterte. »Ach, Bub --«

»Ich will nit reden von der Wahrheit in mir, von Ehr und Treu. Keiner,
Mutter, ist um seiner selbst willen auf der Welt. Jeder ist um der
anderen wegen da. Und ein Wegweiser darf nit Brennholz werden. Ein
Sturm kann ihn werfen, und faul kann er werden im Balken. Da müßt ihn
aber erst das Alter dürr machen. Ich bin jung, mich wirft der Sturm
nit, und was Faulkrankes ist mir nit in der Seel. Die Brüder und
Schwestern, die in Not und Verzweiflung nach einem Helfer dürsten
--« Verstummend, von einem Schreck befallen, hob er das Gesicht gegen
die Sonne und stammelte: »Jesus! Mutter, du gute! Jetzt muß ich fort.
Ich muß!« Mit hetzenden Sprüngen jagte er über den Weg hinüber, riß
den Griesstecken aus der Erde, raffte das Hütl vom Boden auf, kam
zurückgesprungen und schlang den Arm um den Hals der Mutter. »Sag's dem
gnädigen Herrn! Ein anderes Wörtl hab ich nit. Daß ich dich sehen hab
dürfen, das soll dir unser Herrgott in Güt vergelten.«

Eine letzte Hoffnung in den Augen, flehte sie zu ihm hinauf: »Der
*unsere*?«

Um seinen Mund ging ein schmerzendes Lächeln. »Muß ich halt sagen: der
deine und der meinige. Tu mir den meinen nit schelten, und ich will
den deinigen in Ehren halten. Wir zwei, Mutter, haben uns noch allweil
verstanden. Täten es uns die anderen nachmachen, so wär der Weltboden
ein Frühlingsacker. Tu mir den Vater grüßen, gelt! Jetzt muß ich --«

Sie hielt seinen Arm umklammert, und ihre Stimme schrillte: »Luisli!
Luisli! Allgütiger, so hilf mir doch!«

Leupolt, sich verfärbend, stand einen Augenblick wie zu Stein
verwandelt. Das traf ihn, als wär's ein Balkenstoß gegen seine Kehle,
und wurde binnen drei Herzschlägen für ihn eine trinkende Freude, ein
Rausch seiner Liebe. Die sein Gedanke und seine Sehnsucht war bei Traum
und Wachen, die Seele seiner Seele, das Blut seines Blutes, der süßeste
Inhalt seines Lebens -- da stand sie vor ihm, hold und liebenswert,
eine zur Blume entbronnene Knospe, ein weibgewordenes Gebet, die Hände
nach ihm gestreckt, die nassen Augen glänzend und bekennend. Alle Welt
versank ihm, er sah die Mutter nimmer, sah nicht den Meister und den
Hochwürdigen, die inmitten des ergrünenden Tälchens standen. »Luisli!«
Ein Sprung, der wie ein Aufjauchzen seines jungen Körpers war.

Erschrocken stieß sie die Arme vor sich hin, wie um ihn fernzuhalten.
Oder wollte sie seine Hände fassen, seine Brust berühren, seinen Hals
umwinden? Und versagte ihr nur die Kraft? Ihre Arme fielen. Halb einer
Ohnmacht nahe, stand sie vor ihm. Alles Blut war aus ihren Wangen
entflohen. Nur ihre Augen lebten und hatten Glanz, waren voll Scham und
Sehnsucht, voll Zweifel und Hoffnung. »Leupi?« Das war ein Laut, als
spräche nicht ihr Mund, nur ihre Seele. »Magst du dich nit besinnen?
Tust du es nit mir zulieb? Um deiner Seel wegen hat mir der liebe Gott
befohlen, daß ich die Wahrheit reden muß. Derzeit du am Holz gehangen,
ist alles Kühle und Fromme in mir ein anderes worden. Tu ich beten, so
kann ich nimmer an die Heiligen denken, muß allweil denken an dich.
Jede Nacht ist mir ein einziges Träumen von dir. Jeder neue Morgen hat
mir den Glauben in die Seel geschrien: heut kommt der Leupi. Ich hab
geharret den ganzen Tag. Am Abend ums Betläuten hab ich in Trauer sagen
müssen: heut wieder nit! Und hab in der Nacht aus Sünd und Seligkeit
tausendmal die Händ gehoben -- nach meinem Herrgott oder nach dir, ich
weiß nit recht -- so lieb bist du mir worden, ich kann's nit sagen --«
Verstummend preßte sie das erglühende Gesicht in die Hände, und ihr
feines, schmuckes Körperchen krümmte sich tief zusammen.

Frau Agnes, zwischen Hoffnung und Sorge, nickte immer wieder ihrem
Buben zu und machte mit den Händen nachhelfende Bewegungen. Und neben
dem Meister Niklaus, der in Unruh die zwei jungen Menschen betrachtete,
als würde hier nicht nur das Lebensglück seines Kindes, auch noch etwas
anderes entschieden -- neben diesem erregten Manne stand der lange
Pfarrer, hielt den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schlenkerte
seinen Hakenstock, guckte mißmutig drein und murrte: »Da wird's halt
wieder aufkommen, daß Manndl und Weibl schwerer wiegen, als Himmel und
Höll!«

Leupolt schwieg noch immer, unbeweglich, den Bergstecken vor sich
hingestemmt, einen frohen, heiligen Glanz in den Augen, ein Lächeln
seiner tiefen Freude um die stummen Lippen. Nun beugte er sich langsam
gegen das Mädchen hin und sagte leis: »So heb doch das Köpfl, Luisli!
Schau mich an! Ein rechtes Vergeltsgott muß man einem in die Augen
sagen. Du hast mich zum reichsten Mannsbild auf der Welt gemacht.
Jetzt ist mir alles ein Maigarten und Sonnenweg. Vergeltsgott, du
Liebe!« Er streckte die Hand und ließ sie zärtlich hingleiten über
ihr schimmerndes Haar. Als hätte diese Berührung seine feste Ruhe
verwandelt in einen Sturm seines Durstes nach ihr, so klammerte er
plötzlich den Arm um ihren Nacken und preßte den Mund auf ihren
Scheitel. »Daß ich dein bin und keiner anderen nimmer? Gelt, Luisli,
das weißt du?«

In Freude stammelte Frau Agnes: »Gott sei Lob und Dank!« Und Luisa,
unter glückseligem Auflachen, verschönt, erglühend, nahm sein Gesicht
zwischen die zitternden Hände: »Gelt, jetzt gehst du mit uns?«

Er schüttelte den Kopf. »Heut nit. Das kann nit sein, Herzliebe!« Ein
rascher Blick nach der Sonne. »Heut hab ich einen Weg. Da darf mir auch
das Glück und alle Herzfreud keinen Riegel nit drüberschieben.«

Meister Niklaus bekam ein brennendes Gesicht, und die mißmutige Laune,
die in dem Warzengesicht des Pfarrers gewittert hatte, schien sich
merklich zu bessern.

Erschrocken bettelte Luisa: »Schau, je flinker du bereuen tust, so
gottsfreudiger machst du deinen Weg.«

»Bereuen?« Er richtete sich auf. Sein Lächeln blieb. »Ich wüßt nit, was
ich bereuen müßt. Mein Weg ist ein anderer, als du meinst. Das ist ein
Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch.
Zu dir. Und frag dich, ob du mitgehst.«

Sie wehrte mit den Händen.

»Nit so! Das mußt du dir in Ruh überlegen. Kannst du es tun, so sollst
du auf jedem Weg meine Händ unter deinen Füßlen spüren. Mußt du Nein
sagen, so bleib ich allweil -- ich weiß nit wo -- der deinige bis
zum letzten Schnaufer.« Ein tiefer Atemzug. »Jetzt muß ich fort. Die
Sonn will über den Berg hinüber.« Seine Hand umschloß die ihre. »Du
Liebe! Alle Gütigen im Himmel sollen dich hüten! -- Und dich, Mutter!«
Ein paar flinke Sprünge, und er war schon drüben bei den Stauden. Da
verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und
sah in die leuchtenden Augen des Meister Niklaus.

Ein leises, fröhliches Wort. »Bub, du hast es mir leicht gemacht. Ich
will bekennen.«

In heißer Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des
Meisters. Ein Zögern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes
Flüstern: »Tu dich aufrichten! Ein Helfer kommt.« Dann sprang er in die
Stauden und war verschwunden. Wie ein Träumender sah Niklaus zu seinem
Kind hinüber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing.

Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel größer, als er vor
einer Minute ausgesehen hatte. »Nick? Was sagst du?« Er deutete mit
dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen
noch schwankten. »Wie der Bub davongesprungen ist, da hab ich mir was
denken müssen.« Seine Stimme bekam einen jungen Klang. »Römisch oder
evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit
und der Menschenverstand, die werden Brücken bauen. Die Frag für uns
ist: deutsch oder undeutsch! Laß den deutschen Boden verkuhwedelt sein,
pariserisiert und versaut, wie er mag --« Wieder deutete er gegen die
Stauden hin: »*Die* Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub
da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und
hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. *Wann* das Aufwachen
kommt? *Wann* dem blauen Untersberg da draußen die schläfrigen Riegel
springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich weiß nit, wann -- -- ich
weiß nur: *es kommt*!« Er legte dem Freunde lächelnd den Arm um die
Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine
Ringdrossel flötete. »Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch
schöner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?«

In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mädchenlaut
hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: »Tu mich wieder
zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Sünd, die mich
verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' für ihn. Und jedes
Gebet für ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles
ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh?« Aufschreiend lief sie mit
flatterndem Kleid durch das leuchtende Tälchen. Und die Mälzmeisterin
zappelte erschrocken der verzweifelten Mädchenseele nach, klagend,
bettelnd, mit beruhigenden Worten, schließlich ein bißchen scheltend.
Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am Ärmel
fest. »Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet.
Laß das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben
ist nit in der Näh. Und daß sie wie ein Eichkätzl auf einen Baum
hinaufkraxelt und herunterspringt, ist mehr als zweifelhaft!«

Während die beiden Männer davonschritten durch die Nachmittagssonne,
hörte man die Sorgenstimme der Schneckin und das Schellengebimmel der
Ziegen, die aus ihrem reinlichen Ställchen mit erleichterten Eutern
wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frühlingsweide.



Kapitel XXII


Über dem tiefen Reichenhaller Talbecken glänzte der milde Nachmittag.
Alle Wiesen grün, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit
Himmelsschlüsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sproßten
bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur
halben Höhe. Alle Bergspitzen stachen weiß wie funkelnde Silberstufen
in das Blau des Himmels. Taubenschwärme und Viehherden waren auf den
Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Käferjagd an den Hecken
hin.

Über die harte Straße, die von Reichenhall emporführte zu den Ruinen
der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs
Pferden. Voran ein Reitknecht in bürgerlicher Reisetracht und ein
hochgestiefelter, steifzopfiger Soldat. Jeder führte am Zügel ein mit
Mantelsäcken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei
Reiter, die sich in französischer Sprache unterhielten. Zur Linken
ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch,
mit offenem Mantelkragen. Aus der weißen Perücke sah ein freundliches
Gesicht heraus. Das war der preußische Geheimrat von Danckelmann, der
Präsident des zu Regensburg amtierenden _Corpus evangelicorum_, dem
die Wahrung der durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten Rechte
der Protestanten im deutschen Süden übertragen war. Während des großen
Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte
Danckelmann viele Tausendzüge der Exulanten ins Brandenburgische und
nach dem schwachbevölkerten Ostpreußen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn
Anton Cajetan, als Gesandter des Königs von Preußen, dessen Hilfe die
Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der
mit der Bärentatze geschriebene Auftrag des Königs an Danckelmann hatte
gelautet: »Betrachte dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk,
so laß die Hände davon. Faulpelze, Gotteskomödianten und Mauldrescher
können wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug
davon, so des Wegräumens bedarf. Seind es tüchtige Leute, insonderheit
Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele du erwischen
kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilliget sein. Bei gutem
Menschenkauf muß der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wäre
als Fürst ein gottverlorener Esel. Wär auch kein Preuße nich. Preußen
muß sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!«

Am Abend vor Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich
unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem
Pferde über Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit
diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten ließ,
war bei aller Höflichkeit eine stete Fürsorge, bald für den jungen
Reiter selbst, bald für seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der
schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht
einverstanden schien und schäumend an der Stange kaute.

Im Gespräch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig
gleitendem Französisch, das der Jüngere besser beherrschte als der
Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der
zaubervollen Keuschheit der Frühlingslandschaft und von der Schönheit
der Berge, deren Anblick den staunenden Jüngling heiß erregte.
Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen
Stimme. Warf er manchmal zwischen das Französische einen kurzen
deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches
Gemisch aus Fremdwörtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem
Platt und Berliner Vulgärdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum
Französischen zurück, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen
vermochte, was Glut in ihm war. Für sein leidenschaftliches Entzücken
fand er Worte, wie ein von Schönheit berauschter Poet sie findet in
schwärmender Ekstase. Plötzlich ein kühles Ernstwerden des altklugen
Knabengesichtes. »Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze,
fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle
wachsen können. Wär' es anders, so wär's eine Pflichtwidrigkeit der
Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott muß doch höchste
Verantwortung sein, Natur ist ewiggewordene Pflicht.« Da machte,
an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen
scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zügel
des steigenden Gaules zu haschen. Das war überflüssig. Das Pferd hatte
sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen
Begleiter mit einem halb mißmutigen, halb ironischen Blick. »Ich kann
reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als
hätt' ich es nicht gelernt.«

Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht überwunden zu haben und
glich einem sorgenvollen Pädagogen, der sich verantwortlich fühlt für
einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schützling. Und dieser
Schützling, ein Einundzwanzigjähriger von feiner Zierlichkeit, war
Soldat und trug die Offiziersuniform eines preußischen Regiments, mit
dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam
Gegensätzliches. Körperliche Schwäche schien vereinigt zu sein mit
innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch
konnte man sich keine Tracht denken, die besser für ihn gepaßt hätte
als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen. Der saß
nicht sonderlich straff und militärisch an der zarten Jünglingsgestalt,
die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als möchte die gelbe
Hose mit dem ganzen zierlichen Figürchen schlapp hineinsinken in die
braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen
der Landschaft den jungen Reiter entzückte, straffte das Feuer seines
Innern auch den versunkenen Körper. Dann schien er ein anderer zu
werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam; es war in
ihnen eine Mischung von feurigem Vorwärtstrieb und einer zähen Kunst
des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der
Kraft eines ehrgeizigen Jünglings und der Ruhe eines klugen Greises.

Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betreßten Dreispitz war
das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefaßt.
Zwischen gelösten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte,
schob sich hager ein ovales Gesicht hervor, nicht schön, doch scharf
und edel geschnitten, Stirn und Nasenrücken eine gerade Linie, bei der
man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt
denken mußte -- ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte
und ähnlicher einem strengen Vater war. Wie große strahlenflinke Sterne
glänzten aus diesem Gesichte zwei feuchte, enthusiastische Augen
heraus, in der Gier des unermüdlichen Spähens ein bißchen vorgequollen
-- Augen, die etwas seelisch Verzücktes hatten und etwas von der
Trauer eines gequälten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille
in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und
jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefühl und allen tiefgründigen
Wildheiten einer rätselvollen Menschenseele. Abstoßend und anziehend
war dieser Blick, mißtrauisch und gläubig, befremdend und erstaunlich,
überredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet,
dieses Gesicht durchglüht von der Freude an allem Frühlingsreiz der
aufblühenden Bergnatur. Bei unersättlichem Schauen verhielt der junge
Oberst plötzlich mit einem kaum sichtbaren Zügelruck das Pferd,
daß es unbeweglich stand. In den Bügeln sich hebend, reckte er den
schmächtigen Körper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art
eines Berauschten: »Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefühl in
mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde.«

Wie erlöst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: »Das Gefühl der
erneuten Freude am Leben?«

»Nein. Das Gefühl der Freiheit. Nie in meinem Leben genoß ich eine
freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im
Menschen.« Ein heiteres Auflachen. Und jäh ein Umschlag ins Müde und
Gallige. »Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit
dieser Tage teuer bezahlt.« Er gab dem Pferd, das nach einer grünen
Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen
Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jähzornig die Reitpeitsche
zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprüngen nahm der erschrockene Gaul
die steile Weghöhe; droben, wo die Straße sich wieder abwärts senkte,
durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit
bekümmertem Antlitz nachgeträppelt kam, fragte der junge Oberst auf
sonderbare Art über die Schulter: »Ganz offen, unter uns, was redet man
über meine Braut?«

Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: »Man
erzählt, sie wäre eine überaus gottesfürchtige Dame.«

Der junge Oberst schien erheitert zu sein. »Da hat man unter ihren
unerquicklichen Eigenschaften die übelste herausgefischt.« Ein
Lippenzucken, fast hochmütig und verächtlich. »Welch ein geistiges
Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist groß und gerecht. Größe
ist nie ohne Güte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die
Schelme zu fürchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner
Art, das ist besser, als Gott fürchten.« Gebeugt im Sattel, die großen
runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: »Wenn einer, wie
ich, in bösen Nächten eine herzzerdrückende Angst vor dem Ewigen
fühlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sündenloses
Frauenzimmer hat keinen Anlaß, vor dem Himmel zu zittern.« Ein wehes
Lächeln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. »Nun
ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man wählte für mich, so muß
ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr
verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und
die Heiterkeit. Nur müssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus
den Gedärmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste für
mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen für ein ganzes Leben!«

Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der
Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu
hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den
flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen
sah er umher, war ruhig und sagte ernst: »Es ist wohl so, weil es so
sein muß. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich
allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe
Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den
Scherben eine neue zu machen, die besser ist.« Über dieses Wort befiel
ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines
Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes
Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den
Klang einer ängstlichen Bitte: »Danckelmann! Sie werden vergessen,
was ich da sagte in meiner Torheit.« Nach einer Weile, die Zügel des
Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: »Es ist meines
Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und
will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit
Überraschung zu der Ansicht kam, daß etwas in mir steckt. Es gab eine
rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich,
daß sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart.
Ich muß mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und
drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre
noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld
Geprügelter zu sein, als fühlen, daß man verachtet wird.«

Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den
südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. »Wie schön! Was Frühling
heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis.« Er lächelte. »Bei
uns daheim in der Haide sind sie noch schöner.« Das Pferd verhaltend,
sah er in die nördliche Ferne. »Heimat? Ich sehe Moor und Sand.
Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den
schlammigen Fluß, armselige Dörfer und schläfrige Menschen.« Ein
Aufzucken des schmächtigen Körpers. »Sie sollen erwachen.« Er trieb das
Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein
Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen
Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriß
ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte
jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte.
Immer sprach er, immer fröhlicher und erregter, in enthusiastischen
Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse.
Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache
die halb verdrießliche, halb ironische Frage: »Wat, Geheimrat? Ick
quazle wohl wieder etwas kopiösemang?«

Danckelmann antwortete lächelnd: »Kein Wort, das ich nicht gerne gehört
hätte.«

Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: »Wenn
man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, daß ich noch
der Einsilbigste aller Deutschen werde.« Verstummend trieb er das
Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen
Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von
Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren.
»Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich.« Kühler
Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten.
Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte
mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des
Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken
versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der
Berghöhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war
überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen,
aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten.
Danckelmann hielt: »Wie bringen wir da die Pferde hinüber?«

Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des
Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern,
um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu:
»Bleib, wo de bist!« Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und
her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter
war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht
zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. »Kerl? Wat machste da?
'n Cavalerist des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den
Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe.« Erschrocken rannte
der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, daß der steife Zopf
hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst
seines Begleiters. »Ach --« Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild
von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen
Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller
Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen,
die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte
vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein
märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem
Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön,
in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen.
Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen
wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im
wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der
hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone.

»Danckelmann!« Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude
verwirrten Kindes. »Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn
solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das
Herrliche beginnt zu erlöschen.«

Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den
Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde
Schönheit.

Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene
Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen,
sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch
eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen
tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: »Ich habe
gesehen, was noch keiner sah.«

Danckelmann, ein bißchen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine
Frage nur in den Augen.

»Ich sah das Gewesene und sah das Kommende.« Ein Lächeln von heiliger
Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen,
dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen,
stahlblauen, weitgeöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel
und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. »Nein! Ich habe nicht
zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen
wie ein Hund. So stark ist keiner, daß ihn Gemeinheiten, die er
erleben muß, nicht schwach machen. Man muß hinunter, Danckelmann, tief
hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden.« Er zog die bartlosen Lippen
von den Zähnen. »Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus
einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage
meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein.« Der Ernst
dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. »Wer hilft mir?«
Dann sagte er deutsch: »Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe
keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst,
den dubiosesten von allen Wegweisern.« Das Gesicht, das der Geheimrat
zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene
Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach
seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn
eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: »Ist das nicht wie ein
spaßhaftes Wunder? Daß ich da so lakaienfern und unbeschnüffelt reite
wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf
habe.«

Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: »Ein Glück, daß
man diesen jungen Kopf nicht abhauen ließ, wie es der Kaiser erwartete.«

Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. »Weil er's zu
erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf
aufsetzen muß.«

Eine Lichtwoge strömte in das Düster des Waldes herein. Die Straße
öffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frühlingsgrün, noch
überhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tiefgeschnittene
Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des
Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: »Der Jäger
ist da. Auch das Mädchen für die Weisung zur Herberg.« Die Reiter
lenkten von der Straße weg in ein Seitentälchen, das umhuschelt war von
knospenden Erlenstauden. Überall Finkenschlag, Meisengezwitscher und
immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tälchen
schon tief umschattet, und über ihm das zitronenfarbene Leuchten
des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen
begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin; neben
ihr, aufrecht und äußerlich ruhig, der Jäger Leupolt Raurisser im
grauverwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter
dem Rücken den Waldsack. Auf seiner Stirne brannte noch die Nachglut
seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren
kommen sah, erwachte ein dürstendes Forschen in seinem Blick. Welcher
von den beiden war der Helfer für seiner Brüder verzweiflungsvolle
Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das
junge, windige Soldätl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut
ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat
zu: »Gottslieben Gruß in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig
Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute
Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen.«

Noch im Sattel fragte Danckelmann: »Kann er sich ausweisen?«

Leupolt, wie es ihm der Zettel des Hasenknopf befohlen hatte, entblößte
die breite weiße Narbe an seinem braunen Hals. Da fühlte er, daß ein
Arm sich um seine Schulter legte. Neben ihm stand das Soldätl, hatte
einen glänzenden Blick und sagte ernst: »So invulnerabel is sein
Glaube? Daß ihn keen Eisen lädieren kann?«

Verwirrt vom Leuchten dieser stahlblauen Augen, antwortete Leupolt
verlegen: »Herr, ich versteh nit.« Sich dem Arm des Offiziers
entwindend, sah er zu Danckelmann auf: »Lang dürfen wir uns nit
verhalten. Es geht über mürben Schnee, und der Weg ist weit. Wir müssen
vor Nacht im Hüttl sein. Da können wir rasten. Wer geht außer Euch noch
mit?«

»Wir alle, sobald die Pferde versorgt sind.«

»Vier Leut?« Der Jäger schüttelte den Kopf. »Mir ist geboten: du führst
einen Herrn und seinen Diener. Es geht um heilige Sachen. Da muß man es
machen, wie's recht ist.«

Danckelmann wollte ärgerlich erwidern. Da wehrte der junge Offizier
französisch: »Das ist ein gewissenhafter Mensch. Was er haben will,
muß geschehen.« Mit Wohlgefallen betrachtete er den Jäger und sagte
deutsch: »Er führt uns beede. Det is der Herr, ick bin der Diener.«
Er ging auf den Soldaten zu. »Hänne! Meine Grammatik!« Der Mann riß
hurtig ein kleines Buch aus der Satteltasche, reichte es seinem Herrn
und salutierte so wunderlich eckig, daß Leupolt schmunzeln mußte. Der
Offizier schob das Buch in die Rocktasche. »Weiter, Hänne! Versorg man
die Gäule gut! Gieß er nich zu viel hinter de Binde und molestier er
die Menscher nich. Man kann es missen. Uff morjen!«

Als der Soldat und der Bediente hinter dem Mädel, das sie zur Herberg
führen sollte, davonritten, rief Leupolt: »He! Wo ist denn das Zeug für
die Herren?«

»Unsere Mäntel haben wir!« sagte Danckelmann. »Was noch? Ist Zehrung
nötig?«

»Das nit. Mit Zehrung hat die Schneckin das Hüttl gut versorgt.«

»Wer?« staunte der junge Offizier.

»Die Schneckin.« Leupolt war auf den Bedienten zugegangen. »Wo sind die
Hemmeder? Jeder von den Herren muß ein Hemmed haben.«

Neugierig fragte das feine Soldätl: »Wat is det: ein Himmat?«

Danckelmann verdolmetschte: »_Je crois qu'il veut dire une chemise._«

»_Mais voilà_ --« der junge Oberst zog in heiterer Laune den
Soldatenrock auseinander, »ick habe bereits ein Himmat.«

Leupolt blieb ernst. »Durch den Schnee hinauf wird's schwitzen heißen.
Und droben geht ein schneidiger Luft. Da müssen die Herrn in trückene
Wäsch kommen.«

»Danckelmann, det is 'n fürsorglicher Mensch.« Der junge Oberst rief
dem Soldaten zu: »Flink, Hänne, raus mit 'n Himmat!« Und wieder zu
Danckelmann, französisch: »Ich beginne Deutsch zu lernen.«

Als Leupolt das zusammengewickelte Päckl mit den zwei Hemden erhielt,
fragte er: »Und die Bergschuh?«

Der Geheimrat wurde ungeduldig. »Er sieht doch, daß wir tüchtig
gestiefelt sind.«

»Ja, Herr, das sind grad die richtigen Rutschkarren. Die bleiben Euch
stecken im Schnee, wie das Mäusl in einem Mehlsack.«

»Wat anderes als meine königlich preußischen Kommißkanonen hab ick
nich!« lachte der Oberst. »Die muß ick ooch heil wieder heimbringen.
Sonst kreiden se mich beim Regiment den außerdienstlichen Schaden an.«

Auch Danckelmann wurde heiter. »Soll ich vielleicht die Lackschuhe
meiner Gesandtengala auspacken?«

Leupolt verstand, daß da nichts zu wollen war, und sagte zu der Tochter
der Hasenknopfin: »Weißt, fremde Leut, die sich bei uns nit auskennen!
Sind die Rößlen versorgt, so spring zum Hiesel Schneck. Er soll meine
neuen Schuh zum Holzerhüttl hinaufbringen. Die passen dem gnädigen
Herrn. Und für das Soldätl, das Füßlen hat wie ein Weiberleut, muß
die Schneckin ihre Sonntagstäpperlen hergeben. Und feste Söckeln. Und
Schneegamaschen. Wenn der Schneck sich tummelt, kann er droben sein im
Hüttl, bis wir kommen. Unser Umweg um die Grenz ist weit. Und im Hüttl
soll der Schneck gut feuern. Daß die Herren nit frieren müssen. Gelt?«
Das Mädel sprang den Gäulen voraus. Leupolt gab das Hemdenpäckl mit dem
Kragen des Geheimrats in seinen Rucksack und schob den Militärmantel
des Obersten hinter die Tragriemen. »So, Ihr Herren! Los!« Bei der
ersten Haselnußstaude zog er das Messer.

»Wat macht er da?«

»Für die Herren schneid ich einen guten Stecken.«

»Ick will keenen Stock!« sagte das junge Soldätl mit seltsamer
Heftigkeit.

»Muß ich den Stecken halt tragen derweil, bis der Herr ihn nimmt.«
Leupolt reichte dem Geheimrat den eigenen Bergstock. »Der ist minder
schwer, weil er dürr ist.« Im Weiterschreiten säuberte er die zwei
geschnittenen Stöcke von den Zweigen.

Durch das von Stauden eingedeckte Tälchen lief ein Fußpfad hinauf, der
unter dem Widerschein des leuchtenden Himmels wie Messing glänzte.
Der junge Oberst war immer voraus. Er schien die Wanderung in der
Abendkühle und in der reinen Höhenluft wie eine sein ganzes Wesen
belebende Erfrischung zu genießen. Einmal blieb er stehen, breitete die
Arme, als möchte er alle Schönheit des Abends in seine Seele reißen,
und deklamierte französische Verse mit dem Pathos eines verzückten
Schauspielers. Häufig glitt er aus, kam aber nie zu Fall, rettete sich
jedesmal mit einem kecken Sprung auf sicheren Boden und lachte.

Danckelmann begann mit dem Jäger zu reden, fragte nach den
Berchtesgadnischen Bekennern, nach ihrer Not, nach ihren Plänen.
Leupolt, während er antwortete, hob immer lauschend den Kopf. Endlich
merkte er, daß dieses leise Klirren, das ihn an Grenzmusketiere denken
ließ, von den Sporen der Herren kam. »Die müssen weg. Da könnt's im
Holz einen Purzelbaum geben.« Erst schnallte er dem Geheimrat die
Riemen von den Füßen, dann holte er mit flinken Sprüngen den anderen
ein, kniete vor ihm nieder, löste seine Sporen und band im kreuzweis
eine feste Schnur um jede Stiefelsohle. »Da rutschet Ihr minder.«

»Sieh mal,« lachte das Soldätl, »sonne Strippe, richtig appliziert,
kann zu allerlei nützlichen Dingen servieren. Zum Hängen und zum fest
uff die Beene stellen.«

»So, Herr!« Leupolt erhob sich. »Und nit so hitzig beim Steigen. Da
verliert man fürzeitig den Schnaufer. Bei uns, wo steiler Bergweg ist,
da grüßt man allweil: Zeit lassen.«

»'n gutes Wort!« Die blitzenden Stahlaugen träumten ins Weite. »Zeit
lassen?« Freundlich legte der junge Oberst dem Jäger die Hand auf
die Schulter. »Also, her mit 'n Stock! _En avant_, voran! Von 'nem
Verständjen läßt man sich jerne dirigieren.«

Sie stiegen der von schwarzen Wäldern umflossenen, von tausend
Schneeflecken durchwürfelten Höhe zu. Das Rauschen der Wildwässer hing
wie das Lied eines Unsichtbaren in der schimmernden Abendluft.



Kapitel XXIII


Vor der letzten Dämmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald
hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde.
Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so
schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine
verzweifelte Schneckin mußte unablässig heulen. Freilich, wie hätte
ein >Neuevangelikaner<, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam
vertragen können mit so einem >rekatholizierten WeiberleutWeiberleutsfüßl< des Soldätleins zu passen, zwischen
Leder und Söckeln noch ein bißchen mit Heu gepolstert werden. Die
Schneegamaschen, die darüberkamen, hielten alles verläßlich zusammen.
Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlenschießenden
Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über
die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte
der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit
enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und
sagte französisch zu Danckelmann: »So groß und weit und herrlich
sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat
seine kostbaren Reize.« Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch
hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: »_Tiens, voilà mon
sort_, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen
zu brechen -- eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum
erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige.« Hiesel, der
sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: »Gelt ja,
sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst?
Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts.«
Kopfschüttelnd tappte er davon. »Und söllene Kniespatzen möchten die
christliche Welt umschustern.« Der junge Oberst, der den Sinn dieser
Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden
hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: »'n agreabler deutscher
Bruder!«

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: »Schneck! Mach
langsame und feste Tapper, daß der Herr hinter dir in gute Stapfen
kommt.« Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die
gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man
hinunterbrach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte
Danckelmann in Erschöpfung: »Haben wir noch weit?«

»Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung
allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein
Stündl herwärts. Daß die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß
ein Katzensprüngl.« Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung:
»Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen,
scheinen Tiger zu sein.« Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus
auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit.
Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur
Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. »Jetzt
ein bißl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen.« Leupolt hatte
kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender
Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße
Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich
plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer
sank er in den gleitenden Teig. »Jesus!« brüllte der Hiesel Schneck.
Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie
ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt
schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. Zwischen
zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee
entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen
Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riß das
halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus,
umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit
wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen
Waldgrund hinüber. »Hiesel?« schrie Leupolt aus der Nacht heraus. »Hast
du ihn?«

»Wohl!«

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: »Ist etwas
geschehen?«

»Nit sorgen, Herr!« antwortete Leupolt. »Ist alles gut! Ich komm schon.«

Drüben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frühlingslawinen
schiefgebogen war, schüttelte der junge Offizier die Schneebrocken von
seiner Uniform, während der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: »Gott
sei Lob und Dank!« Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren,
krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. »Hörst es, Preißerl!«

»Wat war 'n det?«

»Der Schnee. Verstehst? Wär der Leupi nit gewesen, so täten wir jetzt
da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl
könnt ihre Sonntagstäpperlen suchen, sie weiß nit, wo!«

Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm.
»Ick hab ihn for 'nen Rüpel jehalten und merke, daß er 'n janz famoser
Patron is.« Ein feines, herzliches Auflachen. »Die Haut scheint bei
uns deutschen Brüdern nich det Wesentliche zu sein. Man muß hinter
's Leder kieken. Geb er mich seine Hand!« Der Hiesel rührte seine
Tatze nicht, weil er lauschend den weißen Schädel strecken mußte. »Du,
da!« sagte er scheu und leise. »Lus!« Er deutete gegen die Höhe, über
der die großen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende
Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsänger gefunden? Wie
das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das
rhythmische Murmeln eines ruhig fließenden Baches, hatte dennoch einen
leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten
Unterton, verstärkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz
aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bäume, daß es nimmer von ihm zu
scheiden war.

»Wat is 'n det?«

»Ich hab als Evangelikaner noch ein bißl junge Ohrwascheln. Aber
täusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die
Unsichtbaren.« Ein lauer, föhniger Windhauch, der dem Morgen voranging,
wehte über den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher
Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In
einer Erregung, die ihn schüttelte wie einen Fieberkranken, riß er den
Dreispitz herunter, preßte ihn mit den Fäusten gegen die Brust, sah
unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der
letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in
die Nacht:

  »Nehmen sie den Leib,
  Gut, Ehr, Kind und Weib,
    Laß fahren hin,
    Sie haben's kein Gewinn,
  Das Reich muß uns doch bleiben.«

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von
dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine,
farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz
über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng
hinaufzuklettern. »Komm er!« Bei einer Wende des Waldsaumes trafen
die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der
Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln.
Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch,
mit einer soldatisch harten Stimme: »Laß er, Danckelmann! Wir haben
kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder.
Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!« Er kletterte,
als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines
Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von
einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter
des Grenzjägers. »Hies!« Die Stimme wollte leise sein und war doch
ein glückheißes Jauchzen. »Ich bin ein Blinder gewesen.« Seine Hand
deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern
begann. »*Der* ist der Helfer!« Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres
Flüstern: »Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl
hinter ihm herlupfen.« Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne daß der
Geheimrat sich plagen mußte. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites.
Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: »Was
ist das?«

»Es sind die Wächter.« Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der
Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der
andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon
verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme:
»Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen?« Aus der Finsternis des Waldes
antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die
Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: »Gott soll's geben, Bübl, daß
der Helfer kommen ist. Oder es müßt die deutsche Welt verzweifeln.«

Nach stummer Weile ein flehender Laut: »Mir banget, Vater! Darf ich
hinüber zu dir?«

»Jetzt nit. Dort ist dein Plätzl. Da hat man dich hingestellt. Da mußt
du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muß verlässig sein.«

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine
kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe
hinunter.



Kapitel XXIV


Unter dem Gewimmel der Sterne, die groß und glanzvoll am schwarzblauen
Himmel funkelten, erreichten die vier Männer einen steinigen Grat,
von dem die Frühlingssonne den Schnee schon fortgeschmolzen hatte.
Wie eine große Muschel wölbte sich die Felsmauer, auf deren Höhe sie
standen, um einen halbgerodeten Waldfleck, dessen wenige Bäume finster
emporstachen aus einer grauweißen, absonderlich gewellten Fläche. Man
hörte undeutlich den Klang einer greisen Stimme und sah einen matten
Glutschein, der übriggeblieben war von einem erloschenen Feuer. Leupolt
trat auf den jungen Oberst zu, der suchend in das Zwielicht spähte.
»Schauet, gnädiger Herr, da ist die heilige Fürsagung.«

»Ick sehe niemand. Wo seind die Leute?«

»Grad vor uns. Mehr als tausend müssen es sein.«

Vor dem Glutschein da drunten bewegte sich ein graublauer Schatten.
»Eenen seh ick,« sagte der junge Offizier, »nee, viele seind es,
viele!« Der Platz unter der Felswand, auf dem die Evangelischen
knieten, standen oder saßen, eng aneinander gedrängt, mit ihren weißen
Kitteln und Kapuzen, im Halbkreis um den Glutschein herum, glich einem
Gewirre mehlgrauer Maulwurfshügel, die mit schwachen Schimmerlinien
gesäumt waren und sich immer hoben und senkten. Es war ein Bild, das
ergreifend und geheimnisvoll berührte, aber auch befremdend war,
so sehr, daß es auf die mangelhaft entwickelte Evangelikanerseele
des Hiesel Schneck belustigend wirkte. Er buckelte sich zusammen,
hämmerte mit der Faust aufs Knie und ließ ein halbverschlucktes Lachen
vernehmen: »Ho ho hohohooo!« Das Gesicht des jungen Obersten fuhr nach
ihm herum, und die zornscharfe Stimme sagte: »Wat hat er? Ick finde an
diesen Menschen nichts Lächerlichs.«

»Gotts Not und Elend,« stotterte Hiesel erschrocken, »ich versteh's
halt nit, verstehst?«

Leupolt legte zuerst dem jungen Offizier, dann dem Geheimrat den
Mantel um die Schultern. »Es weht ein schneidiger Luft, wenn's auf
den Morgen zugeht. Die Herren müssen sich gut einwickeln. Ich steig
derweil zu den Alten hinunter und red mit ihnen.« Lautlos verschwand er
hinter den Schrofen in der Finsternis. Während er über das Felsgezack
hinunterstieg, hörte er immer deutlicher die Stimme des Fürsagers von
Unterstein: »Die Törigen nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nit Öl mit
sich. Die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Da
nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und entschliefen.
Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam
kommt, gehet aus, ihm entgegen!« Die sanfte Stimme des Alten wurde
unterbrochen durch einen verzückten Knabenschrei: »Da steigt einer aus
dem Berg heraus! Ein Lichtschein ist um ihn her!«

Aus tausend Kehlen ein wunderlicher Laut. Alle weißen Gestalten
zuckten auf. Einer, der gegen die Felswand hingesprungen war, erkannte
den Jäger und rief: »Der Leupi!« Von Mund zu Mund ging es, wie ein
frohes Rauschen, wie ein Aufatmen der Hoffnung: »Der Leupi Raurisser
ist kommen!« Viele drängten ihm entgegen. Er stand wie eine graue
Säule im Schnee und rief über das Gewühl der ihm entgegendrängenden
Weißgestalten hin: »Ein jeder soll bleiben an seinem Platz. Jeder soll
Ruh halten. Ich bring den Morgen unserer Not. Nur einen Schnaufer
Geduld noch, ihr guten Leut! Erst muß ich reden mit den Alten.« Das
Gedräng der Weißgestalten wich auseinander. Wieder bildete sich der
Halbkreis, wie er zuvor gewesen. Ein erregtes Stimmengewirr. Man hörte
seltsames Aufkichern, hörte leise, fast krankhaft klingende Schreie,
hörte das Fiebergestammel einer Verzweiflung, die in Freude verwandelt
war, und hörte lallende Laute, wie Betrunkene sie ausstoßen, die lachen
möchten und näher dem Weinen sind.

Droben auf der schwarzen Felsmauer sagte einer, dem die Stimme kaum
gehorchen wollte: »Danckelmann, das ist erschütternd! Was müssen diese
Menschen gelitten haben!«

Auf der weißen Rodung, rings um den roten Glutschein, war Stille.
Von der alten Fichte, die sich schwarz neben der Kohlenglut erhob,
sprangen elf Weißverhüllte auf Leupolt zu, die Fürsager der neun
berchtesgadnischen Gnotschaften, bei ihnen der Mann der Hasenknopfin
von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies, die in der
Osterwoche heimgekehrt waren aus dem Preußischen. Alle streckten
die Hände nach dem Jäger, alle stammelten die gleiche Frage: »Ist
er kommen?« Leupolt deutete gegen die Höhe. Etwas wundersam Frohes
war in seiner Stimme: »Da droben steht er. Ihr sehet ihn nit in der
Finsternis. Und er ist doch unser Licht, ist unser Helfer in aller
Not!« Einer von den Alten schrie wie ein Entrückter: »Holz in die
Glut! Leut, es taget über unseren Seelen!« Viele sprangen gegen den
Glutschein hin. Die Scheite klapperten und klirrten. Ein Knistern
und Geprassel. Schwarze Rauchwolken umwirbelten die alte Fichte. Ein
Leuchten, ein wechselndes Lichtgezitter. Schön und lodernd stieg die
wachsende Flamme gegen die Sterne hinauf. Die knorrigen Wetterbäume
schienen funkelnde Blüten zu tragen, der Schneegrund war überwoben von
blitzendem Glanz und violettem Schatten, alle nahen Felswände begannen
zu glimmen, und die tausend Weißgestalten standen angestrahlt, als
wären ihre Leinwandkittel verwandelt in purpurne Gewänder. »Zündet die
Kienbränd!« rief der Alte von Unterstein. »Wir Fürsager, alle neun, wir
steigen hinauf und holen den Helfer zum Feuer!«

»Ihr müßt den Umweg machen über den Karrensteig!« sagte Leupolt. »Unser
Helfer tät auch herkommen über das Wändl. Der zwingt jeden Weg. Aber es
ist ein Müder bei ihm. Der muß ein linderes Sträßl haben. Und eh wir
den Helfer holen, müssen wir sicher sein, daß sich kein Unbeschaffener
nit eingeschlichen hat durch die Wächterzeil.« Er hob die Arme:
»Die Gnotschaftsmeister! Zu mir!« Neun Männer kamen gesprungen, von
verschiedenen Stellen her. Zu ihnen sagte Leupolt: »Das Feuer ist hell.
Jeder zu seiner Gnotschaft! Schauet jedem unter die Kapp, jedem in
die Augen! Wär einer dabei, dem ihr nit trauet auf Stein und Bein, so
müßt ihr ihn ausweisen aus der Wächterzeil.« Er ließ einen Kienbrand
aufflammen am Feuerstoß. »Kommet, Fürsager, ich führ euch.« Während im
Ring der rotbestrahlten Weißgestalten die Gnotschaften sich voneinander
sonderten, ging der Zug der Kienbrandträger gegen den dichteren Wald
hinüber. Hinter den Bäumen verschwanden die Lichter halb und gaukelten
mit rauchigem Schein. Bei den Gnotschaftsplätzen, wo einer um den
andern sich gegen das Feuer wenden und die Kapuze heben mußte, schrie
plötzlich eine Knabenstimme: »Wir Bischofswiesener sind hundertfünfe,
da sind zwei Überzählige.« Ein zorniges Hindrängen. Aus den Reihen der
Männer wühlten sich zwei Weißverhüllte mit schlagenden Armen heraus und
sprangen in wilden Sätzen hinunter gegen den tieferen Wald der Ramsauer
Talseite. Die Verfolger jagten sie über die Wächterzeile hinaus. Ein
flinker Bub vermochte den einen noch zu haschen, riß ihm die Kapuze
herunter, bekam einen Faustschlag ins Gesicht, taumelte über den Schnee
und behielt zwischen seinen Fingern die schwarzen Zotten eines falschen
Bartes.

»Ich bin nit schuld, Leut!« sagte der Gnotschaftsmeister. »Jeder von
den Meinen hat mir die heilige Losung sagen müssen. Daß bei uns die
Polizeischnufler umschliefen wie die Mäus in der Mehlkammer, das spüren
wir lang.« Aus der Unruh der anderen rief der Hasenknopf heraus: »Wie
härter die Prüfung, so fester unsere Seelen. Bloß um den Leupi muß ich
mich sorgen. Der ist sichtbar gewesen. Da blüht es ihm morgen, daß er
Sonn und Mond nimmer sieht.«

»Dem Leupi wird einer beistehen, der stark in ihm gewesen ist am
Bekennertag. Sell droben -- schauet, Leut! -- da bringen die Fürsager
den Morgen unserer Not vom sternscheinigen Himmel her! Machet die Augen
sichtbar! Alle! Vor dem Helfer dürfen wir uns nit verstecken.« Der
Gnotschaftsmeister streifte die weiße Kapuze in den Nacken zurück. Bei
der Feuerhelle sah man ein hageres Gesicht, in dem zwei sehnsüchtige
Augen brannten. Wie dieser eine, so taten alle. Tausend Gesichter
enthüllten sich, junge und graubärtige, und alle waren einander
ähnlich, hatten den gleichen dürstenden Hoffnungsglanz in den Augen,
das gleiche stumme Leiden, das sie standhaft ertragen hatten um ihres
Glaubens willen. Alle diese heißfunkelnden deutschen Bauernaugen
waren emporgerichtet zur Höhe der Felsmauer, über deren Saum die von
rotem Licht umzitterten Kienbrandträger mit den zwei fremden Herren
herunterkamen.

Der Hallturmer Grenzjäger war nicht bei ihnen. Der war in der
Finsternis zurückgeblieben. Was er sah, dieses Wunderliche, zum
Lachen Reizende und doch Ergreifende, bedrängte ihm hart das langsame
Kindergehirn und machte ihn völlig hilflos. Mit dem Kopf zwischen
den Fäusten, stand er wie ein Holzklotz, guckte dem Gaukelzug der
Kienbrände nach, getraute sich nimmer zu lachen und klagte in das
Nachtschweigen: »Herr Jesu mein, ich versteh's nit! Und ich versteh's
halt nit!«

Die Kienbrände qualmten im schwarzen Wald. Nun kamen sie auf die
Rodung. Deutlich sahen die Tausend beim Feuerschein den alten würdigen
Herrn im braunen Mantelkragen; er ging entblößten Hauptes, und seine
weiße Perücke war im Flammenschein wie ein aus Kupfer gebuckelter Helm.
An seiner Seite schritt ein anderer, klein, mager, gebeugt; das eckig
vorgeschobene Jünglingsgesicht zwischen den losen Haarwischen ging
immer hin und her; immer spähten seine Augen; der dunkle Soldatenmantel
war von roten Feuerlinien umzeichnet, und die Tressen glitzerten an
seinem Dreispitz wie die Juwelen eines Diadems. Das stumme Schauen
der Tausend verwandelte sich in unruhiges Stimmengesumm: »Ein Soldat!
Da kommt ein Soldat!« Schreck und Sorge klangen aus diesen Lauten.
Die Leiden der vergangenen Wochen wirkten nach in den Seelen der
Evangelischen. Manchen durchfieberte noch das zornvolle Grauen,
das er davongetragen hatte vom Versöhnungsschießen, und alle waren
sie eingedenk der Mißhandlungen, die sie erlitten hatten von den
Musketieren und Dragonern. »Ein Soldat! Da kommt nichts Gutes. Ein
Soldat hat allweil den Teufel am Bändel.«

Der Hasenknopf versuchte die Aufgeregten zu beschwichtigen. »Ohne Sorg,
Leut! Bei den Preußen ist's allweil so: ob was Irdisches oder Heiliges,
überall ist ein Soldat dabei. Das sind nit solche Landschäden wie die
unseren. Ein Soldat des Königs von Preußen ist voll rechtschaffener
Zucht, ist allweil eine Landshilf und ein Leutfreund.« Das klang
so unwahrscheinlich, daß es nicht beruhigend wirkte. Die Hände
erhebend, mahnte der Hasenknopf: »Aber Brüder! Ich bin doch gewesen im
Preußischen, hab's doch selber gesehen, wie da auf jedem Bodenfleck
der Menschenfleiß und das Recht hausen. Was ich euch erzählt hab von
des Königs Güt und vom Hilfswillen der evangelischen Leut? Ist das
alles gählings verschwitzt? Bloß weil an einem Soldatenhütl die Litzen
glanzen? Was geht der Soldat euch an? Der ist halt mitgeritten zur
Sicherheit für den Herrn. Für uns ist *der* die Hauptsach. Als Fürstand
des evangelischen Korpus von Regensburg ist er für die Salzburger
Exulanten ein Baum und Schild gewesen.« Das Mißtrauen der Leute schien
nicht völlig zu schwinden, aber sie wurden ruhiger und sahen dem Zug
der Kienbrandträger mit schweratmender Erwartung entgegen.

Eine Stille, in der nur das Rauschen der großen Flamme noch zu hören
war, das Fauchen des Morgenwindes, der immer schärfer blies, und das
hurtige Summen der fernen Talbäche. Die Fürsager kamen mit den beiden
Herren zum Feuerstoß und warfen auf eine schweigsame, festliche Art
die Kienbrände in die Flamme. Danckelmann trat gegen den Halbkreis
hin und schwenkte freundlich und dennoch würdevoll die Reisemütze
gegen die tausend Männer: »Grüß Gott, ihr lieben Leute! Ihr habt um
Hilfe nachgesucht, ich bringe sie im Namen meines allergnädigsten
Herrn, des Königs von Preußen, des Treuesten und Väterlichsten aller
Evangelischen.« Schüchtern antworteten viele Stimmen: »Grüß Gott! Grüß
Gott!« Und alle Augen hingen an dem würdigen alten Herrn, zu dem man
Vertrauen haben konnte. Nur ein einziger, Leupolt Raurisser, sah in
erregter Erwartung immer den anderen an. Der war bescheiden hinter
dem Geheimrat zurückgeblieben, hatte ein bißchen geschmunzelt, als
Danckelmann vom Väterlichsten aller Evangelischen sprach, war auf das
Feuer zugeschritten und hielt nun, während seine Augen neugierig über
die vielen Gesichter huschten, die kleinen Hände wie ein Frierender nah
an die Flamme. Im Schatten der Helle war seine zierliche Gestalt eine
schwarze Fläche, in der sich nichts unterscheiden ließ, und war nicht
wie der Umriß eines Jünglings, sondern wie die Silhouette eines müden
Greises. Rote Glutlinien umschimmerten den schwarzen Riß und drängten
ihn noch dünner zusammen.

»Ist der Mann anwesend,« fragte Danckelmann, »der zu Regensburg im
Auftrag der Evangelischen von Berchtesgaden bei mir war?«

»Wohl, Herr!« Der Hasenknopf trat vor und machte, obwohl er keinen Hut
hatte, eine Handbewegung, als müßte er den Kopf entblößen.

»Hat er den Leuten alles aufrichtig erzählt, was er auf seiner Reise
durchs Preußische wahrgenommen?«

»Wohl, Herr! Von allem Guten hab ich verzählt, vom evangelischen
Hilfswillen und von der festen Ordnung im Land. Von der Sicherheit,
in der jeder Bürger und Bauer lebt. Und von der Glaubensfreiheit, von
den unbedrückten Seelen, von den evangelischen Gotteshäusern, von den
Kanzelherren, die so gottfest predigen, und von den Pfarrhöfen, in
denen gütige Frauen hausen, mit einem Häufl von lieben Kindern.« Bei
dieser Feststellung fiel dem Hasenknopf eine wichtige Sache ein, die er
den Leuten noch nicht erzählt hatte. Er wandte sich gegen den Halbkreis
der Gnotschaften. »Wahr ist's, Leut, in der Gegend von Jüterbog« --
man kicherte ein bißchen bei diesem wunderlichen Namen -- »da bin ich
in einem winzigen Pfarrhöfl gewesen. Leut, da hat's gewummelt als wie
im Immenkorb. Sind erst fufzehn Jährlen verheuert gewesen, das Pfarrle
und die Pfarrfrau, und haben siebzehn Kinderlen gehabt, das achtzehnte
schon unterwegs.« Im Ring der Leute prasselte ein heiteres Lachen
auf, und man hörte eine Bubenstimme: »Sakrawolt, wie gottfest muß das
preußische Pfarrmänndle gepredigt haben!« Wieder ein hundertstimmiges
Lachen. Das klang so froh, als wär' es für diese bedrückten Herzen
ein wohltuende Erlösungswunder: daß sie nach Monaten des Leidens
das ausgehungerte Zwerchfell ein bißchen bewegen durften. Während
das Gelächter hinknatterte über die vielen Köpfe, rief das magere
Schwarzfigürchen vom Feuerstoß französisch zu Danckelmann hinüber: »Das
ist die wirksamste Pastorenpredigt, von der ich noch je vernommen habe.
Sie hat tausend betrübte Christen im Handumdrehen fröhlich gemacht. Der
fähige Gottesmann muß Konsistorialrat werden.«

Es blieb auch in der Stimme des Hasenknopf ein munterer Klang zurück.
»Wie von allem Guten, Herr, so hab ich den Leuten auch redlich verzählt
von allem Harten. Daß die Steuern nit linder sind, als bei uns.
Freilich, die schlupfen wieder fürs Leutwohl ins Land hinein und gehen
nit für Schuldzinsen und parisische Kebsföhlen drauf. Muß der Bauer im
Preußischen zahlen, so kriegt er auch was. Arg plagen muß er sich. Der
Boden ist mühsam. Da muß man tief hinunterackern, muß driefach misten,
und schwitzen muß man um Halm und Frucht. Aber die Leut sind riegelsam,
und der Wuchs ist überall gut. Die Küh haben Euter wie Metzenkörb,
und die Ross' haben Flachsen wie Eisen. Die Arbeit muß einer gern
haben im Preußischen. Sonst wär die Freud am Leben ein bißl mager.
Die Gegnet schaut aus, als hätt sie der Höllische eben geklopft mit
seiner Ofenschaufel. Kein Berg und kein Bergl nit. Alles Wasser lauft
sandig und langsam. Nirgends ein lustiger Bach. Der Wind muß die Mühlen
treiben, sonst tät die Halbscheid der Preußen kein Mehl nit haben.
Aber lebfreudig sind sie doch allweil und lachen gern. Sind standhafte
Leut. Wie man sagt bei uns: >Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich!< --
so sagen's die Preußen bei aller Gottslieb von ihrem Land und König.
Aber wie die Leut da drunten reden! Man lust und lust und versteht's
nit recht. Da müssen wir im Deutschen ein bißl umlernen, wenn wir ins
Preußische kommen. Bei uns im Wirtshäusl schafft einer an: >Gelt,
Marianndl, bist so gut und bringst mir ein paar Schweinshaxln!< Im
Preußischen muß einer kommandieren: >He! 'n Eisbein! Wuppdich!<« Wieder
prasselte ein Lachen über die tausend Köpfe hin. »Wahr ist's, Leut, die
Preußischen reden kurzzipflet und flink. Oft tut's unsereinem weh in
den Ohrwascheln, ich weiß nit warum. Im Anfang hat's mich schier aus
dem Häusl gebracht. Da kommt so ein Preuß und sagt was. Du meinst, daß
er beißen möcht. Hörst du aber ein bißl gutwillig hin, so kommt's dir
für, als möcht er ganz freundlich Grüßgott sagen. Er kann's halt nit
anders. Sein Maulofen hat nit die richtig Wärm. Ist schad drum. Täten
die Preußischen mit unsereinem reden, wie sie schaffen und einwendig
sind -- wahr ist's, Leut, die müßt man gern haben.«

»Jedes Land hat seinen Boden, jedes Volk seine Art,« fiel Danckelmann
ein, »man muß das nehmen, wie es ist. Bei euch im Süden ist auch
nicht alles, wie es den Preußen zusagt.« Er schien gegenüber den
Weisheiten der Hasenknopfischen Preußenforschung die Geduld ein bißchen
verloren zu haben. Hinter ihm, beim Feuerstoß, klang ein herzliches
Knabenlachen. Dann halblaut das französische Wort: »Dieser ehrliche
Mann hat recht, mein lieber Geheimrat! Wir sollten versuchen, etwas
Wärme hinter das Klappergebiß zu bringen.« Wieder lachend, drehte der
junge Oberst die Brust gegen die Flamme, breitete die mageren Ärmchen
und sperrte, ein bißchen in parodistischer Art, die Zähne auseinander,
um den heißen Hauch des Feuerstoßes reichlich in seine Brust zu saugen.
Da fand auch Danckelmann seine freundliche Ruhe wieder. Er sagte: die
Evangelischen dürften aller zureichenden Hilfe gewärtig sein; doch
läge es dem König von Preußen fern, dem Lande Berchtesgaden einen
Untertan abwendig zu machen; Hilfe hätten nur jene zu erwarten, die
als Exulanten eingeschrieben, also von ihrem Fürsten innerlich schon
gelöst wären und sich einwandfrei als Protestanten erkennen ließen;
deshalb wäre, ehe man von der Hilfe sprechen dürfte, eine Prüfung ihrer
Glaubenssätze unerläßlich; man könnte nicht tausend Menschen auf ihren
Glauben befragen; so möchten die Evangelischen einen aus ihrer Mitte
wählen, der die notwendigen Fragen für sie alle zu beantworten hätte.
Gleich riefen Hunderte von Stimmen: »Der Leupi Raurisser.« Danckelmann
sagte: »Das scheint die Majorität zu sein. Wer dagegen wäre, daß dieser
Mann für eure Seelen Zeugnis gibt, soll die Hand ausstrecken.« Keine
Hand erhob sich.

Dem Jäger war eine heiße Verlegenheitsglut über das Gesicht
geflogen. Jetzt nahm er im Feuerschein den grünen Hut vor die Brust.
»Vergeltsgott, meine Brüder! Das ist mir Ehr, die ich als heilig spür.«
Er ging auf den jungen Oberst zu: »Fraget, gütiger Herr! Ich will alles
ehrlich sagen, was mir in Herz und Seel ist.« Das feurig angestrahlte
Soldätl machte verdutzte Augen und sagte, fast erschrocken: »Vor mich?
Nee!« Höflich komplimentierend deutete er auf Danckelmann. Der fragte
schon mit würdevollem Ernst: »Was glaubt er von Gott, vom Geiste, von
Gottes Sohn und vom Werke der Erlösung?« Ein praktisch erfahrener
Katechet schien Danckelmann nicht zu sein; was er fragte, war für den
ersten Anhieb reichlich viel. Der junge Oberst, ohne eine Miene zu
verziehen, flüsterte dem Geheimrat französisch zu: »Milder! Milder!
Ich wäre schon in Verlegenheit!« Auch Leupolt mußte sich eine Weile
besinnen, um die vier Antworten verständig zusammenzubinden. Dann
sprach er mit der Ruhe eines reifen Menschen, mit der Inbrunst eines
gläubigen Herzens und doch mit der Einfalt eines Kindes. Alles sagte
er, daß jedes Wort zu erweisen war durch eine Stelle der Bibel. Und
als der Geheimrat mit lauter Stimme fragte: »Glaubt ihr das alle so?«
-- da fuhren die paar tausend weißen Arme in die Höhe, und die tausend
Stimmen riefen wie aus einer einzigen, andachtsvollen Seele heraus:
»Wir glauben!« Das war im sternfunkelnden Nachtschweigen, beim Rauschen
des Feuers und in der Traumstille des zwischen Winter und Frühling
kämpfenden Waldes ein so wundervoller Laut, daß der junge Oberst vor
tiefer Erschütterung bleich wurde bis in die schmalen, hart aufeinander
gepreßten Lippen. Vorgebeugt, das spitz herausgeschobene Gesicht
scharf abgehoben von der Feuerhelle, die übereinander gepreßten Hände
auf den Degenknauf gestützt wie auf einen Krückstock, sah er mit groß
erweiterten Augen den Jäger an und spähte über alle Gesichter hin, über
das rötliche Glimmbild der wunderlich gestalteten Felsen und über das
Funkelgewölbe des schwarzblauen Himmels, den fern im Osten schon eine
matte Lichtahnung des kommenden Morgens überschlich.

Auch Danckelmann schien unter dem Eindruck dieses Augenblicks zu
stehen. Seine Stimme klang unsicher, als er fragte: »Was glaubt er
von der Taufe, von der Sündenvergebung und vom heiligen Abendmahl?«
Da brauchte Leupolt sich nicht zu besinnen. Was er sagte, riß die
Tausend wieder zu dem frohen Schrei empor: »Wir glauben!« Dennoch
schien der Geheimrat nicht völlig zufriedengestellt. Diese fromme
evangelische Seelenmusik erschien ihm nicht völlig frei von Klängen,
die ein strenger Protestant als halb katholisch empfinden konnte. Eine
Einwendung erhob er nicht, sondern fragte weiter: »Was glaubt er von
Himmel und Hölle?«

»Himmel ist überall, wo der Herrgott ist. Und allweil bei Gott und in
ewiger Freud ist die Wohnstatt der Guten, wenn sie verschnauft haben
als redliche Christen. Zu jeder sauberen Seel in ihrer Todesstund
sagt Jesuchrist: Noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein! --
Überall, wo Gott nit weilen mag, ist Höll und ewige Pein. Da hausen die
Unverbesserlichen im Bösen.«

»Glaubt ihr das alle so?«

»Wir glauben!«

»So sag er mir --«

Der junge Oberst legte wehrend die Hand auf den Arm des Geheimrats. Der
merkte das in seinem Eifer nicht und fragte: »Sag er mir, was glaubt er
vom sogenannten Fegefeuer?«

»Ans Fegfeuer glaub ich nit.«

»Warum nicht?«

»Weil Gottes Weisheit das Nutzlose nit erschafft und ein zweckloses
Ding zwischen Himmel und Höll nit dulden kann. Die im unsauberen
Laster und in der Sünd Verstockten kommen aus dem Feuer nimmer heraus.
Da reicht die Höll. Die redlichen Willens sind, die sündigen nit
unverzeihlich und kommen nit hinein ins Feuer. Da reicht der Himmel.
Ohne Schuld auf Erden ist bloß ein einziger gewesen. Der Menschensohn.
Was sonst noch lebt, und tät es der Beste sein, ist alles wie ein
Hälml, das sich biegt unter hartem Wind und sich wieder aufrichtet in
guter Stund. Wozu ein Fegfeuer? Redliche Reu hebt jede schwachgewordene
Seel dem Herrgott entgegen. Da ist siebenfache Freud in der Höh. So
steht's geschrieben. So ist es.«

Noch ehe Danckelmann eine Frage an die Tausend richtete, riefen schon
alle Stimmen: »Ans Fegfeuer glauben wir nit.«

»Was hält er von jenen, die anderen Glaubens sind als er?«

Leupolt schwieg, seine Brauen zogen sich zusammen.

»Warum unterläßt er es, zu antworten?«

Da wandte der Jäger die trauernden Augen von dem würdigen Manne ab, sah
den jungen Oberst an und sagte ruhig: »Herr! Meine Mutter, von allen
Müttern die beste, ist eine gutkatholische Frau.«

»Will er damit sagen --« fiel Danckelmann ein. Weiter kam er nicht.
Neben ihm klang eine leise, scharfe Stimme: »_Assez!_« Wieder legte
sich die schlanke weiße Jünglingshand auf seinen Arm. Dann ein flinkes
Gewirbel französischer Worte, halb ernst, halb mit spöttischem Klang:
»Wir wollen da Schluß machen. Wer katechisieren will, soll's besser
verstehen als der andere. Jeder von diesen Christen, mein lieber
Danckelmann, glaubt hundertmal mehr als Sie. Von mir nicht zu reden.
Ich stehe nackt und frierend vor diesen warm umwickelten Seelen.« Er
trat erregt auf Leupolt zu, betrachtete ihn mit einem freundlich
forschenden Blick und fragte mit leiser Zärtlichkeit, die seine Stimme
völlig veränderte: »Hat er ooch 'ne Schwester?«

Der Jäger schüttelte stumm den Kopf.

»Schade!« Und langsam, fast schleppend -- als wär' es für ihn eine
Gedankenarbeit, die reindeutschen Worte zu finden -- sprach der kleine,
zierliche Offizier zu dem glühenden Gesicht des Jägers hinauf: »Mutter
is der Name alles Gütigen uff Erden. Det Treueste und Wärmste heißt
Schwester. Er hätte verdient, 'ne Schwester zu haben.« Seine weiße
schlanke Hand faßte eine Falte an Leupolts Kittel. Der zärtliche Klang
war erloschen, die Stimme verwandelt zu harter Strenge. »Er is so 'n
reinlicher Christ, wie 'n wohljeschaffener Mensch. Wird er ooch 'n
ebenso beschaffener Bürger werden?« Ein huschendes Lächeln. »Wat hält
er von der weltlichen Obrigkeit?«

»Daß sie so nötig ist, wie die hilfreiche Sonn über dem Boden und wie
die Feuchtigkeit im Acker. Wenn's die richtige ist, die allweil im Land
das Gute und Rechte will, das Leben nit nötet, die Seelen nit zwängt,
so muß man ihr gehorsamen auf Schnaufer und Sterben.«

»So? Meint er?« Wieder dieses flinkverschwindende Lächeln. »Und welche
is unter solcher Obrigkeit die notwendigste Tugend eines guten Bürgers?«

»Die Treu.«

»Ooch. Es gibt 'ne bessere.«

»Mutige Tapferkeit wider jeden Landsfeind.«

»Ooch. Es gibt 'ne bessere.«

Leupolt schwieg, verwirrt durch den funkelnden Stahlglanz dieser
strengen Jünglingsaugen.

»Ick will 's ihm sagen: *die Pflicht*. Det is der Hammer for alle
steinernen Nüsse des Lebens. Un weeß er ooch, wat for'n Unterschied is
zwischen Fürst und Bürger? Ick will's ihm sagen. Ein guter Fürst und
'n pflichtvergessener Bürger, da is der Fürst der höhere. Ein guter
Bürger und 'n pflichtvergessener Fürst, da is der Bürger der bessere.
Ein pflichtgetreuer Fürst und ein pflichtgetreuer Bürger, da is keen
Unterschied nich. Jeder ein Diener seines Volkes.« Nun das leise,
feinspielende Lächeln wieder. »Nna? Kann er det ooch glauben?«

»Wohl, Herr!« Mit zitternden Fäusten preßte Leupolt den Hut an die
Brust. »Jetzt steht das für mich geschrieben. So ist es. Da glaub ich
dran.«

»Denn soll 'r seinen Glauben den anderen predigen. So fleißig und
gottfest, wie der Paster von Jüterbog das Predigen verstund. Und
Preußen wird Wachstum haben. Jeb er mich seine Hand! Will er _dans cet
esprit_ der Unsere werden, denn bin ick der Seine. Und nu ruf er die
anderen her. Denen will ick sagen, wie der König von Preußen ihnen
helfen wird. Besser sollen sie's _naturellement_ nich haben als unsere
Preußen. Aber ooch nich schlechter.«

In einem Sturm von Glück und Freude schrie Leupolts klingende Stimme
in das schöne kalte Nachtschweigen: »Her zu unserem Herrn, ihr
Brüder in Christ! Der Helfer will reden zu euch!« Wie eine große,
rauschende, weißgraue Woge strömte neben dem Feuerstoß der Halbkreis
der Gnotschaften gegen den Jäger hin und schloß sich um die beiden
Herren und die Fürsager zu einem engen Ring. Die Vordersten warfen sich
auf die Knie und kauerten sich auf den Boden, damit die hinter ihnen
Stehenden sehen und hören könnten. In diesem Ring von vorgestreckten
Köpfen, von glanzäugigen, zwischen grellem Feuerschein und schwarzem
Schatten wechselnden Gesichtern klang die langsame, nach deutschem
Ausdruck ringende, scharfgepreßte und dennoch wohllautende Stimme des
Sprechenden. Bei der atemlosen Stille, mit der sie lauschten, vernahmen
die Tausend jedes Wort.

Nur ein einziger verstand nicht; der einsame Hiesel Schneck auf der
rotglimmenden Felswand droben. Über die Wand hinunterzusteigen und
hinüberzuspringen zum Ring der Lauschenden -- auf diesen Einfall
konnte er nicht kommen. So erfindungsreich und beweglich war sein
sechzigjähriges Kindergehirnchen nicht. Gewissenhaft blieb der
Hiesel, wo man ihn hatte stehen lassen. Obwohl er sich mit dem halben
Leib hinaushängte über den Steinrand und die braunen Tatzen wie
Suppenschüsseln um die Ohrmuscheln wölbte, konnte er nur manchmal
ein Wort erschnappen. Da drunten wurde alles beredet: die Lösung von
der Leibeigenschaft auf Kosten des Königs von Preußen; das Reisegeld
für die völlig Unbemittelten, die alles verloren hatten; Führung und
Fürsorge, Verpflegung und Unterkunft für die Dauer der weiten Wanderung
bis ins Brandenburgische und nach Ostpreußen; die Zuteilung von
gutem Ackerboden in fruchtbarer Gegend; zwanzig Morgen Feld für den
einzelnen Mann, zwanzig bis dreißig Morgen für kinderreiche Familien;
Bauholz, Steine, Kalk und Arbeitshilfe für Errichtung von Wohnstätten;
Begabung mit Rindern, Pferden und Ackergerät; unbedrückende, auf
viele Jahre verteilte Rückzahlung der empfangenen Werte; zehnjährige
Steuerfreiheit für das neue Dach; Einteilung in die Seelsorge; freier
Gottesdienst und Freiheit der Seelen.

Daß da drunten beim Feuerstoß der Schnapsgutter oder ein Weinkrug
reichlich herumgereicht worden wäre, davon hatte der Hiesel Schneck
trotz seiner ruhelos spähenden Luchsaugen nicht das Geringste gewahren
können. Drum blieb es ihm auch völlig unverständlich, daß die Tausend
beim lodernden Feuerstoß und in ihren grellbeleuchteten Schneekitteln
sich zu gebärden begannen wie froh und selig Betrunkene. Alle
drängten sie jubelnd gegen die fremden Herren hin, jeder wollte einen
Händedruck des Helfers erhaschen, und die freudigen Jauchzer schrillten
durcheinander, als würde da drunten nicht eine polizeilich verbotene
Trutzversammlung abgehalten, sondern eine heilige, das Blut und die
Seelen durchleuchtende Sonnwendfeier. Aus dem freudetrunkenen Gewirbel
der tausend Seligkeitslaute hörte der verdutzte Hiesel Schneck eine
verzückte Bubenstimme herausschrillen: »Du Kaiser im Untersberg! Schlaf
weiter, so lang wie du magst! Da ist ein Lebendiger, der uns auflupft
aus aller deutschen Not!« Dann eine Greisenstimme mit trunkenem Schrei
und voll junggewordener Kraft: »Du Schneekittel, du mutloser und
trauriger! Ich brauch dich nimmer. Gucket, Brüder, wie lustig mein
Lugenröckl brennt!« Wie dieser eine tat, so taten hundert, so taten
alle. Gleich großen weißen Vögeln flogen die Kittel und Kapuzen der
Sichtbargewordenen ins Feuer. Die lodernde Flamme wuchs und schlug noch
höher empor, als die Wipfel der höchsten Bäume standen.

Mit großen Augen guckte der Hiesel Schneck hinunter auf diese
märchenhafte Sache, die er nicht begriff. Das verrückte
Durcheinandergewirr und das jubelnde Geschrei erschien ihm als etwas
Lächerliches und stimmte ihn doch so sonderbar traurig, daß er am
liebsten wieder heulen hätte mögen wie damals in jener Schneenacht,
die ihm die evangelikanischen Heimlichkeiten seines Schneckenweibls
verraten hatte. Um sich dieser unbehaglichen Gefühlsbedrückung zu
entreißen, rührte er mit den Fäusten in der Luft herum und knurrte
gallig hinauf zum sternschönen Himmel: »Mar' und Josef, ich versteh's
nit, kreuzikruzisaxundfixige Weltsnoterei und Höllementshund du
verteufelter, und ich versteh's halt nit!«

Wie der heilige Georg mit seiner Lanze losgestochen hatte auf den
menschenfressenden Giftdrachen, so stieß der Hiesel den Eisenspitz
seines Bergsteckens zwischen die Steinrippen der unbegreiflichen Welt
und sauste mit wütenden Sprüngen über den steilen Hang hinunter zur
Holzerhütte, um in der Herdgrube ein Feuer anzuschüren, wie es Leupolt
ihm aufgetragen hatte. Seine Pflicht und Schuldigkeit tat der Hiesel
unter allen Umständen, auch wenn er nicht verstand, wozu es nötig war.
In dieser Hinsicht konnte man den Schneck mit einem guten Preußen
vergleichen, freilich unter dem Risiko, daß der sonst so gutmütige
Hiesel mit seinem Bergstecken unbarmherzig auf jeden losdreschen würde,
der so was Schauderhaftes über ihn aussprach.



Kapitel XXV


Um die Dächer von Berchtesgaden blaute die Morgenfrühe, die nach der
Neumondnacht zu leuchten begann. Die höchsten, noch weißen Bergzinnen
waren schon rosig angestrahlt, die Täler noch umsponnen von grauem
Frühschatten. Auf drei Türmen läuteten die Glocken. Frauen und Mädchen
wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den
Rosenkranz zwischen vorgestreckten Händen. Neben den vielen Musketieren
waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit
frohen Augen.

Nicht nur die müden Menschengesichter, auch die Häuser und ihre Mauern
erzählten von den erbitterten Glaubenskämpfen der vergangenen Wochen.
Viele Kaufgewölbe waren geschlossen. Zwischen Häusern mit grünen
Fensterläden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Türen
und Kreuzstöcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die
Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prächtige,
reichlich verschwendete Rot und das saftige Frühlingsgrün stimmte gut
mit dem silbernen Weiß der Mauern zusammen, das freilich der früher
üblichen Reinheit ein bißchen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer
Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei künstlerischer
Betätigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weißen Mauern
phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten
Schwänzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren
textlich belebt durch Stoßseufzer der christlichen Nächstenliebe,
gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintönigkeit erheben mußte.
Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze:
»Luthrischer Siach!«, »Du Salzlecker!«, »Verhöllter Saukerl!«,
»Schwarzweißer Preiß!«, »Evangelischer Teufelsbraten!« Von dieser,
seit dem Versöhnungsschießen epidemisch gewordenen Volkskunst waren
auch die Mauern der Gutgläubigen nicht verschont geblieben. Es erwies
sich wieder einmal das Sprichwort: »Schrei hinein in den Wald und so
hallte heraus.« Man hatte die Wände der Treugebliebenen geziert durch
Mönchsköpfe mit Ablaßzetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige
mit Geldsäcken unter den Armen, durch Kapuziner mit Säbel, Muskete
und Bratwurstkränzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch
vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war
polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlösungswerk
verboten; hier hieß es: »Volksstimme, Gottesstimme.«

Häufig waren Häuser zu sehen, deren Türen und Fensterstöcke nach
ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaßroten Schimmer
hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumütige Heimkehr zum
fürstpröpstlichen Glauben schließen. Gleich in den ersten Nächten
nach dem Versöhnungsschießen hatten »evangelikanische Inkulpatanten«,
wie Muckenfüßl rapportierte, zu heimtückischem Ausgleich auch die
Fensterstöcke und Haustüren gutgläubiger Nachbarn mit roter Farbe
bestrichen. Viel Terpentin war nötig. Die Preise der erlösenden
Flüssigkeit stiegen. Weil man schließlich -- helfe, was helfen kann
-- die fälschlich verketzerten Haustüren mit Kirschwasser, mit
Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mußte, ergab
es sich, daß alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande
Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch
war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen
Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen:
»Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so
kotzmiserablig, daß sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der
Menschheit dienen könnt.«

Wie fast alle Häuser der Marktgasse, so hatten auch die großen,
altersdunklen Torflügel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen.
An ihnen waren die vier großen, engbedruckten Papierbogen mit den
vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann
mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose
Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein
Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generälen und Soldaten, so
war das große Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen
im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Schoß der
Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weißen Zetteln
ging der stille Strom der Kirchgänger vorüber. Und ging vorüber an
einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des
Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bübchen,
auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbänder.
Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm
vorüberging, rief er mit erwürgter Stimme die gleichen Worte: »Höi!
Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Küh und meine Geißen,
mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Bloß der
Gerstenacker muß mein bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll
man nit misten und mähen. Das ander alles kann einer haben um den
halben Preis.« Ein sonderbares Lächeln. »Jeder kann's kaufen. Alles ist
gutkatholische War.« Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen
an oder schüttelten die Köpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte
sich verändert. Sehr.

Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Versöhnungsschießen
eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden.
Er versorgte seine Kühe und Geißen, kochte für sein Bübl das Mus,
richtete unverdrossen auf dem Grabhügel seiner Martle ein neues Kreuz
wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schließlich
die nötigen Kreuze im Vorrat für eine ganze Woche, und verschwieg
gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben
seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzählte er, das seine
zwei »Preußenkinderlen« aus der Armeseelenkammer in den Glanz des
Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf
aus Gründen der Staatsräson in der geduldigen Ergebung des Christl
Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntägiger
Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas »Kreuzähnliches« auf das
Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten
ihm gewährleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die
Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingspärchens
vorschwindle. »So so?« sagte Christl, als ihm Muckenfüßl diese
Regierungsverlautbarung aus dem gefährlichen Notizbuch vorgelesen
hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen
leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu
sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres.

Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter
Jesunder war es aufgefallen, daß der Haynacher immer häufiger in der
Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weißwaschen. Während
seine verstörten Augen über den Tisch der Gerechtigkeit glitten,
sagte er ruhig: »Mein Bübl muß sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit
bezahlen. Soll ich fleißig die Meß besuchen, so müssen mir die Herren
eine Kindsmagd stellen.« Trotz andauernden Kopfschüttelns wollte sich
aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter
absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mußte doch wieder
das Mädel die Kirche versäumen. Das war also gehupft wie gesprungen.
Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das
Kirchengebet des Christl Haynacher verkürzt wurde. Man mußte die Sache
auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhör nicht völlig ohne
Resultat bliebe, stellte der Landrichter _in miraculi sororum geminarum
causa_ an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge
Haynacher, als er merkte, daß ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar
befohlen war, wurde überaus gesprächig, bekam einen heilig entrückten
Blick und schilderte das gottschöne Wunder seiner Martle so genau,
als wäre er selbst dabei gewesen. »Und schauet, lieber Herr, da
ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem
Frühlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen
über das gottsliebe Pärl. Zwei treue Mutterhändlen haben herausgelangt
aus der Höh --«

»Ssssssso?« Der Landrichter ließ den Puder seiner Wuckelperücke
nebeln. »Feldwebel! Schmeiß er das besoffene Schwein aus meiner
Kanzlei!« Das geschah. Und *wie* es geschah, in einem so gottsheiligen
Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so
verheerende Wirkung an, daß er wie ein Verrückter hinüberlief zur
Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen
Emigranten, mit der ausdrücklichen Beifügung: »als gutkatholischer
Christ«. So ganz verstört war er, daß ihm bei der Eintragung sein
Bübchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe
zum Verkauf: »Ich geb's um den halben Preis! Bloß der Gerstenacker
soll bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten
und mähen.« Immer dünner wurde der Zug der Kirchgänger. Jetzt öffnete
sich die Tür eines nahen Hauses, und würdevoll erschienen die vier
entbehrlichen Federstriche, mit großer Aktenmappe, mit tadellos
überpudertem Gehirnpelz. Mißmutig musterten die kleinen Mausaugen
die frischgeweißte Hauswand. Sei es, daß man die tünchende Schicht
zu dünn genommen, sei es, daß die Feuchtigkeit der Morgenluft den
Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein
unerforschbarer Missetäter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben
hatte, leuchtete deutlich durch:

  »Du Christenschnufler, du Gottsentdecker,
  Tust du als fleißiger Seelenschmecker
  Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken?
  Oder mußt du dich tiefer bucken?«

In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhöckerige Justizgehirn
des Landrichters durchkribbeln mußten, konnte man, als sein Scharfblick
von der getünchten Mauer hinüberglitt zum Christl Haynacher, eine
Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast
heiteren Lächeln blieb er vor dem Bauer stehen. »Nun? Er hat sich ja,
wie ich höre, inskribieren lassen als Exulant?«

»Wohl, Herr!« Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. »Aber
nit als Evangelischer. Ich und mein Bübl, wir bleiben gutkatholische
Christen bis zur erlösenden Sterbstund.«

Das Lächeln des Landrichters wurde noch fröhlicher. »Ich observiere
mit Satisfaktion, daß er seinen Deszendenten ausdrücklich als
katholisch nominiert und will es _ad notam_ nehmen.« Dieses Deutsch
verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. »Aber meint er nicht,
mein guter Haynacher, daß es, wenn, auch außerdienstlich, ein hoher
Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswürdig wäre,
sich vom Sitzfleisch zu erheben?«

»Das geht nit, Herr, mein Bübl schlaft. Es hat nit schlafen können die
ganze Nacht. Ein bißl Ruh, Herr, muß man einer Menschenseel vergönnen.«

»Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines
Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, daß er viel
mit seinem Bübchen redet, auf eine sonderbare Weise.«

»So so?« Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbändern auf die
Marmorstufe und strich sich mit der Hand übers Haar, das hinter dem
rechten Ohr einen weißlichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen.

Im Blick des Landrichters glänzte die Freude eines inquisitorischen
Fundes. »Da erzählt er wohl jetzt seinem *Kinde*, was den Leuten zu
erzählen ihm verboten ist?«

»Gott bewahr!« Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. »Ich tu
allweil gehorsamen, Herr!«

»Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?«

»Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bübl, wenn es nit schlafen
kann, ein Liedl singen.«

»Man rapportiert mir aber, das wäre geredet, nicht gesungen.«

Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. »Jeder singt,
wie er's kann. Und wie man ihn laßt.« Der Haynacher erhob sich,
schmiegte das wachgewordene Bübl an seine Brust und sagte fromm:
»Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal
in Ewigkeit Amen!« Ehe die vier überflüssigen Buchstaben denkfähig
wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile
vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergründen: es handle
sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter,
nicht im klaren war über die politische Zuständigkeit seines
eingestandenermaßen katholischen Deszendenten. »Man kann das Kind einem
solchen Narren nicht länger überlassen. Das wäre unmenschlich.« In
diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon
zu körperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus
dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert
war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen
Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bißchen ermüdet aus, ein
bißchen abgehetzt. Die Hände in die Kuttenärmel geschoben, verneigte
er sich demütig und sprach ein paar leise Worte -- nicht: »Gelobt sei
Jesus Christus!« -- er sagte was anderes und flüsterte vom Leupolt
Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in
der Torhalle des Stiftes.

Eine Viertelstunde später trabten auf flinken Gäulen zwei Dragoner
und ein berittener fürstpröpstlicher Jäger gegen die zum Hallturm
führende Straße hinaus, vorüber am aufblühenden Freudengärtl der
allergnädigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer
auf das zierlich verschnörkelte Altänchen heraustrat, um in der
milden Sonne des schönen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen.
Trotz der frühen Stunde trug das kindhafte Fräulein kein bequemes
_Deshabillé_, sondern war schon geschnürt, wenn auch nicht völlig
zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber
schon geschminkt und schönbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte
sie nur immer zwei Schönheitspflästerchen neckisch verwendet. Jetzt
trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes
Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bißchen verpustelt,
als wäre sie eine Liebhaberin heftig gewürzter Speisen geworden. Auch
schien sie von dem Familienübel derer von Grusdorf befallen zu sein:
von der Gicht. Täglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so heiß, wie es
eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand größter Tapferkeit zu ertragen
vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde häufig
von Weinkrämpfen befallen, wie ein den weißen Mäuschen zuneigender
Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem
Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin _en titre_ zur
gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein überraschend
liebenswürdig, sprühte von Heiterkeit und wußte ihren _maître adoré_ in
eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrünnigen Subjekte
völlig vergessen ließ. In solch einer gutgelaunten, für köstlichen
Nachtschlaf sorgenden Stunde äußerte er einmal die anerkennende
Meinung: einer reizvolleren Freundin könne sich auch der König von
Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die größte Auswahl zur
Verfügung stünde.

Dankbar für ein so ehrenvolles Kompliment, überbot sich Aurore de
Neuenstein in entzückenden Munterkeiten, die ihr um so leichter
gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkühlung leidend, sich
chronisch von der intimen Tafel der Allergnädigsten exkusieren ließ.
Das nannte Herr Anton Cajetan »so verwunderlich wie das unerforschbare
Rätsel der Armeseelenkammer«. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der
Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen
Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei
einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes vergaß Aurore de
Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwäbelte in
bebendem Zorn: »E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Ländle,
isch'r ratlos und weiß koi Mittel nit.« Sie selbst erschrak über diesen
heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber
hatte nur eine politische Wahrheit herausgehört, die ihn nachdenklich
klagen ließ: »Ein großer, in allen Relationen versierter Staatsmann
ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden.« Er küßte galant das
Händchen seiner verblüfften Freundin, die erleichtert aufatmete. Über
solch jähes Erschrecken, wie über das ruhelose Mißtrauen, von dem sie
stets erfüllt schien, konnte sie nie einen völlig hüllenden Schleier
ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem
Gartentor gerührt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer
zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz
und ihr unschuldsvolles Lächeln wieder fand. Und als sie auf ihrem
Altänchen das Hufgeklapper hörte und die beiden Dragoner in Begleitung
eines fürstpröpstlichen Jägers so hurtig traben sah, erschrak sie _à
tel point_, daß sie unter der rosigen Schminke erblaßte. Allerdings,
diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht.
Vor einigen Tagen hatte sie, für alle unvorhergesehenen Fälle, ihre
kostbarsten Schmuckstücke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten,
ihre feinste brabantische Spitzenwäsche und zwei schwere Kassetten
mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, über die
berchtesgadnische Grenze. Just *dieser* Grenze trabten die zwei
Dragoner und der fürstpröpstliche Jäger entgegen, mit einer Eile,
als hätten sie auf amtlichen Befehl was flüchtig Gewordenes wieder
einzufangen. In der ersten Bestürzung zeterte Aurore de Neuenstein:
»Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, höret ihr
denn nit?«

Sie hörten nicht. Und die Allergnädigste verbrachte eine qualvolle
Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht
brachte, daß die Drei nur davongeritten wären, um den Leupolt Raurisser
wegen Teilnahme an einer nächtlichen Fürsagung dem Aufenthalt ohne
Mond und Sonne entgegenzuführen. Zur Beruhigung des überstandenen
Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad,
ungefähr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die
Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt.
Vornehme Gäste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Königs
von Preußen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine
Eilstafette mußte absausen, um dem fürstpröpstlichen Hof die Ankunft
des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt
davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die
Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Führer.

Das kleine Jägerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tür. Im
offenen Geißstall plätscherte was. Als die Soldaten durch den niederen
Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl fürchterlich. Die
Drei sprangen auf die Stubentür zu und fanden den Hiesel schnarchend
im Bett. »Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist
verdächtig.« Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes
antwortete Schneck: »Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen
gewesen. Verstehst?« Der fürstpröpstliche Jäger bestätigte: »Allweil
schlaft man nach dem Hahnverlusen.« Er wandte sich an Hiesel:
»Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?«

Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem
gesunden Himmelhund: »Kreuzteufel und Höllementsnoterei, was weiß denn
ich?« Damit der Schläfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine
Dachluke entspringen möchte, schrie er aus Leibeskräften: »Ich bin doch
nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt draußen im Wald sein. Das
hat er nit schmecken können, der Leupi, daß die *Dragoner* kommen.«
Das Wort war wie ein Trompetenstoß. Droben über der Stubendecke ein
leichtes Gepolter. »Gott sei Dank,« dachte Hiesel, »jetzt fahrt er
davon!« Dabei tat er, um jedes Geräusch da droben zu übertönen, einen
brüllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen
die Bettlade. Er war ein prächtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein
Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und
man hörte eine ruhige Stimme sagen: »Ich bin daheim. Und komm schon.
Gleich.« Die Schneckin heulte in ihre Schürze, und Hiesel knirschte
wütend gegen die Wand: »So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!«

Leupolt kam über die Stiege herunter, in dem verwitterten
Bergjägerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. »Was soll's, ihr
Leut?«

»Du mußt mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.«

»Gut!« Seine Augen glänzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die
Hände hinter den Rücken zogen und den Strick um die Gelenke schnürten,
sagte er lächelnd: »Das wär nit nötig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist
kein Weg nimmer, der nit der Erlösung zulauft.« Er drehte das Gesicht.
»Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Für alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir
bleib ich gut.« Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter
ihm. Mit einem fürchterlich gestichelten Himmelsköter sprang Hiesel
Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren,
trotz seltener Wäsche, ein bißchen eingegangen und kurz geworden.
Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte
Beine, fast so haarig wie Ziegenläufe. Gar nicht appetitlich sah er
aus. Dennoch war etwas Schönes an ihm, als er die schüttelnden Arme
hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: »Herrgott, Herrgott,
was für eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher
ist seiner Haut und Seel!« Eine knirschende Wut befiel ihn. »Her da,
Schneckin! Her zu mir!« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung,
wie schlechte Hundepädagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen
widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl
umklammert hielt, brüllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: »Jetzt,
Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch.
Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger
Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich
exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Fleiß! Verstehst,
Alte?«

»Wohl, Schneck, versteh schon!« weinte sie. »Aber ehnder du exulieren
kannst, mußt du allweil ins Hösl schlupfen! Verstehst?« Der Hiesel
verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde
wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um
hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das
kurze Hemd noch kürzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an
ein klagendes Kind: »Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die
Saubrüder, die gottverfluchten, den Buben an die Rösser an!« So
schrecklich, wie es für den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit
nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knüpfte jeder ein Ende
des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf.
Und fort. Der Jäger zwischen den beiden Gäulen. Die hatten keinen
allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter
auf der breiten Straße waren, fingen sie zu traben an, weniger aus
Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preußischen
Gesandten zu Berchtesgaden nicht versäumen. Leupolt mußte springen,
verlor den Hut und sagte: »Leut! Mein Hütl! Haltet ein bißl!«

Ein Dragoner lachte: »Wo du hinkommst, brauchst du kein Hütl nimmer.
Sei froh, wenn du den Kopf behaltst.« Und weil er sah, wie flink der
Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen,
als wäre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wäre,
der Jäger oder das Roß. Die gefesselten Hände hinter dem Rücken, den
Kopf in den Nacken zurückgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten
Strähnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig
pumpenden Atemzügen, so sprang der Jäger und war nicht langsamer als
die Gäule. In seinen Augen schwamm ein heißer und froher Glanz, in
seiner Seele der Gedanke: »Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer
und mein Glück.« Die Dragoner, die für ihre Gäule ehrgeizig wurden,
begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lächeln um den halb
offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jäger,
der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern,
bot einen Anblick, daß der Herrgott, hätte er auf ihn heruntergeschaut,
in Stolz und Freude hätte sagen müssen: »Wie schön und kraftvoll ist
der Mensch, den ich erschuf!«

Schon tauchten die Dächer und der Kirchturm von Bischofswiesen über
die Hügel. Auf der harten Kalksteinstraße war der hämmernde Hufschlag
weit zu hören. Nahe den ersten Häusern ritten im Schritt die sechs
Dragoner, die man dem preußischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben
hatte. Der junge Oberst, mitten im französischen Geplauder, drehte
das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden
Menschen zwischen den beiden hetzenden Gäulen, erkannte den Jäger,
riß unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern
entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und
streckte die Reitpeitsche seitwärts, als wär's eine Schranke, über die
es kein Hinüber gab. »_Ne bougez pas! Gredins!_« Seine Augen blitzten.
In der Gewohnheit der Sprache, die ihm geläufiger war als die Sprache
der Heimat, quirlten die jähzornigen Worte aus ihm heraus: »_Hé! Vous!
Êtes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la liberté à
cet homme!_ Wollt ihr? _Hein?_ Gebt den Mann da frei!« Danckelmann, mit
Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte französische Worte.
»Ach wat!« Ein unwilliges Kopfschütteln. »Det duld ick nich. Sei es uff
preußischem Sand oder fremdem Boden.« Der junge Oberst gab dem Fuchs
einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. »Wat
hat der Mann da verbrochen?« Die Dragoner, ohne zu antworten, machten
verdutzte Köpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gäulen, stand
aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, daß ihm die
Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. »Habt ihr Wolle in
den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.«

Verdrossen murrte einer von den Dragonern: »So ein luthrischer Siach
ist er.«

»Wat?« Eine rasche Wendung gegen den Geheimrat: »_Est-ce que vous avez
compris? Moi pas._«

Danckelmann verdolmetschte: »_Il prétend que le chasseur est un de ces
infâmes luthériens._«

»Oh?« Der junge Oberst lächelte. »Sonst hat er nischt verschuldet?«

»Nit um ein Härlhaar!« sagte der Fürstpröpstliche. »Ist allweil der
Beste von unserer Jägerei gewesen.«

Gegen den linken Dragoner hinreitend, befahl der junge Oberst: »Er! Vom
Gaul herunter!« Weil der Dragoner zögerte, wurde die Stimme schärfer.
»Kennt er keenen Offizier nich? Runter vom Gaul! Den Mann da vom
Strick!« Jetzt stieg der Dragoner aus dem Sattel; während er den Strick
vom Gaul und von Leupolts Händen nestelte, brummte er immer vor sich
hin, nicht freundlich. Der junge Oberst lachte. »Na, Kerl, er kann sich
seinem Herrgott rekompensieren, daß er keen Preuße nich is. Sonst säß
er morgen im verdienten Loch.«

Als Leupolt frei war, hob er die leuchtenden Augen. »Vergeltsgott,
Herr! Man spürt, daß der Helfer kommen ist.«

»Zeig er mich seine Hände!« Sich niederbeugend, betrachtete der Oberst
neugierig die weißen Narbenbänder, die sich um Leupolts Handgelenke
zogen. Man sah nur die eingewürgten Striemen, kein Blut. Wieder ein
heiteres Lachen: »Det luthrische Leder is dauerhaft. Kann er reiten? So
steig er uff den leeren Gaul! Und komm er an meine Seite.« Der junge
Offizier in der Mitte, Danckelmann zur Rechten, der hutlose Leupolt
Raurisser zur Linken, so ritten die Drei davon. Immer schwatzte der
Oberst mit dem Geheimrat. Plötzlich wandte er das fröhliche Gesicht dem
Jäger zu: »Wie lange hat er so springen jemußt?«

»Vom Hallturm bis zu Euch, Herr!«

»_Parbleu!_« Ein drolliges Staunen war in den großen Stahlaugen. »Mir
jeht die Puste aus, wenn ick hundert Sprünge mache. Wat muß er Luft in
die Lungen haben und Schmalz in die Beene.« Französisch zu Danckelmann:
»Das wird ein Preuße, um den der Ritt sich gelohnt hat.« Der Lachende
verstummte, seine Augen glitten staunend ins Weite. Hinter dem
Untersberg und seinen vorgelagerten Waldnasen hatte der hohe Göhl sich
hervorgeschoben, die ganze herrliche Silberkette bis zum Steinernen
Meer. Und ihr zu Füßen der keimende Frühling. »Wie schön ist das!« In
enthusiastischem Entzücken, mit einem Wirbelsturm von Worten, schüttete
der Begeisterte alle Freude einer andächtigen Knabenseele aus sich
heraus. Und griff hinüber zum Arm des Jägers, mit einem Ton, der etwas
Beleidigendes hatte: »Kerl, sonne Heimat verläßt er?«

Leupolts Stirne wurde heiß. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte
ruhig: »Man tut's nur um Gottes wegen.«

Der junge Oberst blieb stumm, war nachdenklich, saß gebeugt im Sattel
und blickte immer vor sich hin. Jetzt ein Aufzucken, ein ernster Blick
auf den Geheimrat. »Danckelmann!« Nach diesem deutschen Namen die
französischen Worte: »Nun beginne ich die Menschen erst zu begreifen,
die wir gesehen haben in dieser Nacht. Welch ein gottverlorener Esel
muß ein Fürst sein, der solche Untertanen über die Grenze jagt.
Von diesen Christen soll Preußen noch Gewinn haben. Und ich will
sorgen dafür, daß sie Gewinn haben von Preußen.« Sie hatten die
ersten Häuser von Bischofswiesen erreicht. Es kamen die Brandstätten,
die geplünderten Ställe. Der schweigsam gewordene Offizier, mit
vorgeschobenem Gesicht, ließ immer die Augen gleiten. Er schien nur
das Bild der Verwüstung zu sehen, nicht die Musketiere, die neben der
Straße salutierten, nicht die Männer und Burschen, die zu den Zäunen
gesprungen kamen, ein hoffendes Erkennen im Blick. Mit einem Laut
des Ekels wandte er sich von einer Wiese ab, die überstreut war mit
zertrümmertem Hausgerät, und sagte französisch zu Danckelmann: »Trab!
Dieser Lieblichkeit muß man entrinnen. Wir Deutsche mögen viel Gutes
haben. Witz und Geist besitzen die Franzosen. Nur *ihre* Sprache konnte
das aktuelle Wortspiel ersinnen: _chrétien, crétinisme_.« Er ritt, mit
gebeugtem Kopf, ritt immer schneller, hielt die Augen halb geschlossen
und hatte was Greisenhaftes in dem jungen Gesicht. Schon lange war
das verwüstete Dorf hinter grünenden Hügeln verschwunden, als Leupolt
sagte: »Da kommen die berchtesgadnischen Herren.«

Der Oberst straffte ruckartig den Körper, ließ den Geheimrat
vorausreiten, war verwandelt in einen anderen Menschen, war jung,
war liebenswürdig, aufmerksam auf jedes Wort, und machte, während
Danckelmann den Obristen von Berg als seinen Begleitoffizier den
zwei Kapitelherren vorstellte, so graziöse Komplimente, als hätte
die erfahrenste Dame der großen Welt sie ihm einstudiert. Graf Tige
begann über dieses zierliche Wesen zu schmunzeln und flüsterte dem
Domizellaren von Stutzing in die Perücke: »Der? Ein Soldat? Ach nein!
Das ist ein markierter Tanzmeister.« Besser schien der junge preußische
Offizier dem Grafen Saur zu gefallen. Der Kapitular fand während des
Weiterrittes Vergnügen an dem eleganten Französisch, das gespickt
war mit prickelnden Wortspielen, mit enthusiastischen Hymnen auf die
Schönheit des berchtesgadnischen Landes. Mitten im heitersten Geplauder
wurde der junge Oberst ernst: »_Cher comte!_ Eine Angelegenheit, die
mir dringlich erscheint! Ein Mann wurde entgegen den Reichsgesetzen in
brutaler Weise wie ein Verbrecher mißhandelt, nur weil er Protestant
ist. Ich habe den Schuldlosen unter meinen Schutz genommen und stelle
die Bitte, daß mir dieser Landkundige für die Dauer meines Aufenthaltes
zugeteilt werde zu meinem persönlichen Dienst.«

»Ich glaube das zusagen zu können, auch ohne Rücksprache mit meinem
Allergnädigsten. Wer ist der Mann?«

»Der da hinten auf dem Dragonergaul, der junge Mensch ohne Hut.«

Graf Saur wandte die Augen und schien sehr unliebsam berührt zu sein;
doch höflich sagte er: »Ihr Wunsch, Herr Oberst, ist bewilligt. Seine
Liebden der Fürstpropst werden meiner Ansicht beistimmen.«

Das Wohlgefallen, das Graf Saur an dem preußischen Offizier gefunden
hatte, schien erloschen zu sein; er wandte sich im Gespräch fast nur an
Danckelmann.

Lächelnd und schweigsam, mit ruhelos gleitenden Augen, ritt der junge
Oberst neben den beiden her.



Kapitel XXVI


Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die
drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum
Imbiß gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfümiert,
und ein Lakai vom persönlichen Dienst Seiner Liebden überwachte alle
Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwässer in den
lange nicht mehr benützten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte,
hatte man zur Lüftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte
die Frühlingssonne des milden Nachmittages auf den Gesimsen, und
durch die offenen Fenster quoll ein gedämpftes Stimmengesumm. Der
ganze Hof des Leuthauses -- ausgenommen eine von den Polizeisoldaten
freigehaltene Gasse -- war angefüllt mit einer gestauten Menschenmenge.
Immer hörte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfüßls, der überaus
aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermögens in
eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: er verstand etwas nicht.
Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Rarität gewesen, wenn man ein
Mannsbild auf der Gasse sah. Nun plötzlich wimmelte es von Männern und
Burschen. Muckenfüßl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte.
»Die Sach ist perplexierend!« sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache.
»Wir von der Polizei, wir haben doch _in loco hujus_ nit ausgeratscht,
wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch muß jeder evangelische
Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrätrischen Gesindel
sticht die Freud wie Schneckenhörndln _per oculos_ heraus!« Diese
Muckenfüßl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Männern
und Burschen, die sich außerhalb des Polizeispaliers mit entblößten
Köpfen Schulter an Schulter drängten, glänzte in den abgezehrten
Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendämmerung
heimgetragen hatten vom Toten Mann.

Als die Herren geritten kamen, ließ sich kein Zuruf und kein Gruß
vernehmen; außer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der
salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier
zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das
Erlösungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grüßten nur mit einem
Augenleuchten, mit einem lächelnden Aufatmen. In der Stille, die den
Empfang der fremden Herren umringte, gab es an der Ecke des Leuthauses
plötzlich ein Gedräng. Ein aufgeregtes Mädel wollte sich aus dem Gewühl
heranarbeiten und bettelte immer: »Lasset mich doch hinaus, ich muß
zum Meister heim!« Es war die Sus. Sie kämpfte mit Ellenbogen und
Fäusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie,
daß ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustür preßte sie die
Fäuste auf die Brust, als möchte sie gewaltsam still machen, was in ihr
hämmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmäßige Meißelschläge, und im
Gesicht der Sus verriet sich eine grübelnde Gedankenarbeit. Wie sollte
sie das machen: daß der Meister nicht herausgerissen würde aus seiner
schönen Arbeit, und daß Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die
Sus auf einem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die
Werkstatt des Meisters. Er hämmerte mit festen Streichen vor dem roten
Wachsmodell an der lebensgroßen Holzstatue der >heiligen Menschheit<.
Neben dem Ofen saß Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen.
Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: »Was ist los im
Markt?«

»Zwei Fremde sind eingeritten, ein fürnehmes Mannsbild und ein junger
Soldat. Die Stiftsherren haben die Gäst zum Leuthaus komplimentiert.«

Der Meister hämmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, daß die
Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem
Handgriff nach dem Rädl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in
stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging.
Die Wangen überhaucht von einer fieberhaften Röte, erhob sich Luisa.
»Kind?« fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlägen. »Wohin?«

»Ich muß die Sus was fragen.«

Seit Wochen war es der Meister so gewöhnt, daß Luisa immer bei ihm
blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad
nicht schnurren hörte. »Kommst du wieder?«

»Gleich, Vater!« Draußen im Flur fand Luisa die Magd, die schon
wartete. »Sus?« Das war keine Stimme, nur ein Hauch. »Was Ungutes?«

Sus faßte die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Küche, schlang
den Arm um ihre Schultern und flüsterte: »Mit den Herren ist der
Leupolt eingeritten.«

Ein Erblassen rann über Luisas Stirn: »Gefangen?«

»Frei und wie von den Herren einer ist er auf gesatteltem Gaul
gesessen. Das tät nit sein können, wenn ihn der Fürst nit begnadigt
hätt.«

Luisa stand mit geschlossenen Augen. »Begnadigt?«

»Er wird halt reumütig geworden sein, eurem Glück zulieb!« Ein heißes
Drängen kam in die Stimme der Sus. »Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh
doch, wie du vor Sehnsucht schier versterben mußt. Denk nit an Höll
oder Himmel, denk an dein Glück! Unter allem Heiligen ist Glück und
Freud das Heiligste in der Menschenseel.«

Noch immer zitterte Luisa in der Erschütterung, von der sie befallen
war. »Begnadigt? Das muß man der Mutter Agnes zu wissen tun.« Sie riß
sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustür hinaus, ohne Hut
und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grünen
Spinnschürze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen,
das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas
Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter
zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tür und ein Schwarm von
Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flüsterten. Wußten
die es auch schon, daß der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren
kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch
gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden
Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Fürsten? Und
die leere Sänfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei
Läufer, auf deren blauen Seidenkappen die Straußenfedern so zufriedene
Bewegungen machten? Holte die Sänfte den Leupolt? Zum Vergelt für
die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Märchen, zu
einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glühende,
sinnverwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in
das Glück dieser Stunde verloren, daß sie eine Frau nicht erkannte, an
der sie doch sonst nicht blind vorüberging. Hatte dieser gnadenreiche
Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter
Jesunder zappelte an dem Mädchen vorbei, als hätten ihre Augen das
Sehen verlernt. Was aus dem verstörten Runzelgesicht der Frau Apollonia
herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um
den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen
war.

Die rätselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte
sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise
angewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm
erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weißes Bett
getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: »Gib
mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weiße!« Unter kaltem
Angstschweiß hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen
Idiom: »Ich habe sie nicht, ich möchte doch selber wissen, wo sie
sind.« Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: »Du hast sie,
gib sie mir wieder! Ich weiß, du verschlucktest sie, wie ein Wolf das
schwarze und weiße Lämmlein!« Etwas Ähnliches hatte er selbst schon
in Augenblicken geistiger Verwirrung höchst unmedizinisch vermutet,
wenn er auch angenommen hatte, daß das unzertrennliche Pärchen nur in
seinen Gehirnwindungen eingekapselt wäre, nicht in seinem Unterleib.
Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb,
sondern so laut wurde, daß man sie vernehmen konnte im ganzen Haus:
»So nimm sie dir, schneide sie mir aus dem Bauch heraus, ich muß es
dulden in christlicher Ergebung!« Das war der Moment gewesen, in dem
die Mutter Jesunder ungemein real, mit weißer Nachthaube und rotem
Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang hereingesprungen
war. Zitternd und unter Tränen hatte der wachgewordene Sohn am Hals
der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf
des Vormittages, noch immer in den schwülen Wöchnerkissen liegend,
hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter
den lateinischen Traum ins Deutsche zu übersetzen. Frau Jesunder
rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos
hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer
Anwandlung von Gemütsroheit, sprach von _vaporibus obstinatis_ und
empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft
gemildert durch Olivenöl. Unmöglich! Wie hätte sich Mutter Jesunder
ihrem hochwürdigsten Herrn Sohn gegenüber zur Anwendung solch einer
unpriesterlichen Maßregel entschließen können? Und da wußte sie
schließlich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfe mehr, nur diesen
von ihr noch nie betretenen, mit den glühenden Steinen christlicher
Vorwürfe gepflasterten Weg: zum getauften Juden Simeon Lewitter.

Als sie scheu in das enge Gässelchen hineinsurrte, erreichte Luisa in
entgegengesetzter Richtung das schattige Häusergewinkel hinter der
nördlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertür von Pfarrer Ludwigs Wohnung
stockte für einen Augenblick ihr jagender Fuß. Einen Rat holen? Dieser
Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde
Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der
verläßlichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schürze! Auf der
Schwelle des Mälzmeisterhauses ein Stoßgebet und ohne Besinnen hinein
in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war!
Hinter dem weißgescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, saß
Mutter Agnes und schneiderte. Die große Schere fiel ihr klappernd aus
der Hand.

»Mutter!« War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder
der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? »Mutter!
Mutter! Unser Leupi ist da!« Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der
Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten
sich die beiden schweigend umschlungen, und man hörte in dieser Stille
das scharfe Tacken einer großen Pendeluhr. Das klang wie eine stählerne
Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche,
befehlende Silbe: »Tu's! -- Tu's! -- Tu's! --« Die Mälzmeisterin fand
zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. »So red doch, Kind! Um
Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?«

»Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom
gütigen Fürsten.«

Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. »Siehst du, Kind!
Hab ich's nit allweil gesagt!« Lächelnd hob sie die nassen Augen zu
dem mit Palmzweigen geschmückten Kreuz im Herrgottswinkel. »Auf den da
droben ist Verlaß! Tät der ganze Weltkäfig ein schecketes Narrenhaus
werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim.« Sie
fühlte, wie der schlanke Mädchenkörper in ihren Armen bebte. »Komm,
liebes Kind! Tu dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast du denn unseren
Buben gesehen? Beim Leuthaus drüben? Da ist er doch nimmer weit von
uns? Da muß er doch kommen? Bald!« Nun fuhr der Mälzmeisterin eine
Hausfrauensorge durch das Mutterglück. »O du heiliger Schnee, jetzt
kommt der Bub, und sein Stübl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's
gewesen ist nach dem roten Tag. Das müssen wir richten. Komm, Kindl,
und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, daß er in seinem Nest
ein Träumen haben soll wie ein Schwalbenmänndl im Mai!« Sie lachte
aus fröhlichem Herzen. »Ach, Mädel, da brauchst du nit so sorgenvoll
dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst du dich verlassen drauf.
Aber flink, Weible, jetzt müssen wir schaffen!«

Schlüssel klapperten, Schubladen quieksten, Kastentüren flogen auf
und zu. Und immer dieses glückliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb
aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang.
Leupolt? Als ein Reumütiger heimkehrend zum fürstpröpstlichen Glauben?
Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Während sie schaffte und
die Kissen schüttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn
im Jägerkobel zu Bartholomä und da draußen im Buchenwald beim Haus des
Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag
ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi färbelt
nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und
da muß er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen.
Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unnötigen Arbeit
die dümmste: daß sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel
allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es
wohlgetan. Allweil! Und um so größer und schöner sind seine treuen
Wunder, je minder so ein armseliger Menschenverstand sie begreift. Als
Mutter Agnes zu diesem Schlußgedanken kam, wurde ihr Lachen so frei,
daß auch Luisa immer froher und gläubiger wurde. In Leupis kleinem
Stübl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weißen Bett. Da fragte
Luisa mit glühendem Gesicht: »Meinst du nit, man tät ein paar Blümlen
finden?«

»Freilich, liebs Weible, spring nur! Draußen im Gärtl, wo viel
Sonn gewesen, da blüht schon was!« Während Luisa durch die Küche
davonhuschte, sprang die Mälzmeisterin in die Wohnstube hinüber, um
Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen.
Schon hob sie die Hände, um das zinnerne Kesselchen vom Türpfosten
herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. »Er tät's nit haben
wollen. So darf ich's nit tun.« Den Kopf beugend, preßte sie das
Gesicht in die Hände. Ein Schatten glitt über das sonnige Fenster,
und auf der Pflasterung vor der Haustür klang ein fester Schritt.
Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen;
aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lähmend in alle Glieder,
daß sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine
Sekunde -- Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen
Lachen eines Glücklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil
er keinen hatte, riß die Mutter an sich und hielt sie umschlungen.
Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tüchtig aus, um die
Unsicherheit ihres Glückes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr
grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: »Darfst
du jetzt bleiben? Daheim?«

»Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen muß ich bei meinem neuen
Herrn zum Dienst antreten.«

»Bei --« Die Sprache versagte ihr. »Dein neuer Herr? Wer ist das?«

»Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schön ist das
Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg.«

Sie wollte was sagen, mußte aber immer ihren Buben ansehen. So
aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn
noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem
Wunder das Beste? Oder wußte der Leupi schon, daß sein Luisli im
Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen
gelaufen war, hatte die Mälzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte
draußen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk über die Dielen. »Bub,
da ist wer!« stammelte Frau Agnes. »Tu dich gedulden einen Schnaufer
lang!« Sie glitt aus der Stube, zog die Türe hinter sich zu und haschte
auf der Kammerschwelle das Mädel. Zwischen den Händen hielt Luisa einen
rund und hübsch gebundenen Strauß von roten Aurikeln, der aussah wie
ein großer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich mußte der
Mälzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: »Komm, du Everl du
liebs, deine paradeisischen Blümlen sollen gleich an das Plätzl kommen,
für das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat.« Zärtlich schob sie
das Mädel in die Stube, klinkte hurtig die Türe wieder zu und flüsterte
in einer wirbligen Mischung von Glück und Trauer: »Finden und hergeben!
Zwei Wörtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heißt.« Von
der mütterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach
ihrem Gebot, drehte leis im Schloß der Stubentüre den Schlüssel um,
zog ihn ab und schob ihn in die Schürzentasche. »So!« Jetzt sollten
ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins
miteinander wären. Draußen im offenen Buchenwald an der bayrischen
Grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt
ist mit Brettern, da konnten zwei verrückte Menschenkinder rennen,
Gott weiß wohin. Zwischen vier festen Mauern mußten sie aushalten,
bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheißungsvollen
Frühlingsknospen.

Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des
Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die
Mälzmeisterin an der Türe lauschte, schien tiefster Friede in der Stube
zu herrschen. Man konnte nur hören, wie die alte Pendeluhr das mahnende
Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkündete. Da war es für Mutter
Agnes eine ausgemachte Sache: die zwei jungen Leut mit ihren brennenden
Herzen hatten kürzeren Prozeß gemacht, als ihn der Landrichter
Halbundhalb mit Tinte, Streusandbüchse und zahllosen Überflüssigkeiten
zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen
Schnabel an Schnabel.

So war es nicht. Es war viel schöner. Luisa stand mit dem Rücken
gegen die heimtückisch verschlossene Tür gelehnt, ohne zu ahnen,
welche Gewalttätigkeit sich da vollzogen hatte, hielt den runden
Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Händen und sah in
Glut, mit Bangen und doch in sehnsüchtigem Hoffen zu diesem stummen,
prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller
Straße bis über die Hüften so weiß überpulvert hatten, als hätte er
durch eine Mehlkiste springen müssen. Er stand ein paar Schritte vor
ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lächeln in
seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schönste des
Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie
noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da draußen war
die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glück bei
ihnen und übergoß für ihn die Geliebte mit einem Zauber ohnegleichen.
Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor
der grünen Spinnschürze, an der noch viele glitzernde Fäden hingen,
flackerte beim Zittern ihrer Hände der rote Aurikelbuschen. Aber
schöner und feiner blühten noch die Farben ihrer selbst, der rosige
Bluthauch und die blaßblauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut
auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glänzenden Augen und der sanfte
Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem dürstenden Blick: daß er
sie gern in der ersten Freude an sich gerissen hätte, um sie nimmer
zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wäre sie der Pfarrer Ludwig,
mahnte immer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Er überwand es. Luisa war ihm viel zu
lieb und zu kostbar, als daß er sie hätte berühren mögen mit seinen
verstaubten, von der Zügelschwärze beschmutzten Händen. Auch lag noch
immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Liebe erst überbrücken
mußte; doch er fühlte, daß das Glück der gegenwärtigen Stunde diese
Brücke bauen würde. »Deine Blumen, Luisli?« sagte er und deutete nur
ein bißchen mit der Hand. »Sind die für mich?«

In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort
sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor
ihm entschleierte. Mit glücklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie:
»Für dich ist alles.«

Da nahm er die roten Blumen. »Vergeltsgott, du Meine! Daß ich nit lüg,
das weißt du. Deine Blumen, auch wenn sie dürr geworden, sollen mir
allweil das Beste sein, was der Frühling verschenken kann. Und komm!
Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht
und Treu bereden.« Sie mußte sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch
das die Sonne hereinglänzte. Willig tat sie, was er haben wollte.
Er saß ihr gegenüber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die
Riemenschwärze von den Fingern, wölbte zärtlich die Hände um Luisas
roten Blütenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich über die
Tischplatte zu ihr hinüber. »Schau, ich frag dich gleich mit dem ersten
Wörtl: Gehst du mit mir?«

Sie erschrak, daß ihr Gesicht sich veränderte. Dennoch war es nicht
mehr der gleiche verstörende Schreck, wie draußen im Hallturmer
Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr
Sorge als Angst: »Ach, Jesus! Gehst du denn wirklich?«

»Ja, Luisli! Von morgen den fünften Tag. Ich führ den ersten Zug. Das
sind die Ärmsten. Die führ ich. Unser Weg geht über Reichenhall, über
Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und
auf Ostpreußen zu.«

Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus.

Leupolt sah, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten. Die roten Blumen
an seinen weißnarbigen Hals pressend, beugte er sich noch näher zu ihr
hin und flüsterte aus aller Glut seines Herzens: »Gehst du mit mir? Ich
mein', dein guter Vater tät uns das Glück nit wehren. Dich hat er lieb.
Kann sein, daß er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg mußt du nit
haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gütig ist. Von Vater und Mutter
hab ich ein bißl was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger
Schaffer. Verschwören kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich
trau mir's zu, daß ich dir und mir ein Glück bau, fest fürs Leben wie
eine eiserne Mauer. -- Luisli? Kommst du mit?«

Sie wehrte mit schwachen Händen und klagte: »Es geht nit, geht nit,
Leupi! Alles in mir ist dein. Und schelten kann ich es nimmer, daß du
da drüben bist. Aber hinüber zu dir?« Den Mut, ihn anzusehen, hatte
sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. »Das wär' wider Gott und die
Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist.«

»Das müßt nit sein. Deswegen könnten wir allweil in Treu und Glück
miteinander leben. Mußt du nit schelten, was ich glaub, so will ich
allweil in Ehren halten, was dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein
bißl in die Augen, Liebe! Ich tät mich viel leichter reden.« Er legte
seine Hand auf die ihre. »Kannst du es tun, so gibst du mir Leben und
Glück. Mußt du es wehren, so legst du mir das einschichtige Elend auf
Leib und Seel. Verzweifeln werd ich nit müssen. Bloß allweil dürsten
nach dir. Und im Dürsten muß ich mich ausstrecken, geh meinen graden
Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders.
-- Luisli!« Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre
heißen Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah,
wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern
und zu lösen begann. »Luisli? Meinst du nit, wir zwei, die uns so lieb
gewonnen, könnten für Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein
gutes Fürbild sein? Daß man nit hadern und streiten muß um Himmel und
Herrgott? Und daß man als deutsche Leut in Glück und Fried miteinander
hausen könnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben
Herz.«

Zitternd faßte sie ihren Kopf mit den Händen, schüttelte immer das
stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen.
Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen
war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer,
hörte und fühlte nur die Zärtlichkeit und die zwingende Macht seiner
Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nächte wurden wach in ihr.
Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glühen begann? Konnte das
Sünde sein? Dürfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in
ihre Seele gegeben hätte, wie er den Aurikelblüten das leuchtende Blut,
dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frühlingswärme
gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und
froher wurde sie, und je länger und tiefer sie in Leupolts glänzende
Augen sah, um so heißer fühlte sie, daß sie das grausame Nein nimmer
sagen konnte.

Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flinkschauender
Jäger. Gleich merkte er den erlösenden Umschwung, der sich in Luisa
vollzog, huschte mit glückseligem Auflachen zu ihr hinüber, saß an
ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie
wehrte sich nimmer, drängte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte
unter frohem Lächeln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner
brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu küssen. Und immer sagte
die Uhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Aber der alte Räderkasten
kannte den jungen Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die
Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! »Schau,
Luisli,« sagte er an ihrem Ohr, »ich spür doch, wie sich alles in dir
zum Guten wendet. Nehmen darf ich dich nit, du mußt dich geben, frei
und unberedet! Luisli? Gehst du mit mir?«

Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da
fiel ihr plötzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und
erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache
-- auf diese unerbittliche Uhr an der weißen Mauer. So freundlich klang
ihre tackende Stimme und war doch ein höhnender Mord an dem blühenden
Glück dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese
Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine gläubige Seele bei
schönem Orgelrauschen hinausgestoßen hatte aus dem Gotteshaus.

Ein altes Meisterstück. Geschaffen von einem grüblerischen Handwerker,
dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt:
»Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschöpf bewacht in
jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor
dem Bösen warnt und sie ermahnt zum Guten.« Aus solchem Gedanken
hatte der geschickte Mann diese verhängnisvolle Uhr geschaffen. Ein
silbernes Zifferblatt mit geschnörkelten Zeigern. Über dem Kreis
der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern
plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks
funkelte das dunkle Auge mit weißen Winkeln. Durch einen unsichtbaren
Mechanismus -- wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet -- war
das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin
und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts,
so war es freundlich, und seitwärts aus dem Uhrgehäuse hob sich mit
winkendem Palmzweig ein weißbeschwingter Engel hervor. Sah es nach
links, so war es zornig, und ein schwarzgeflügelter Teufel fischte mit
dem Höllenzagel nach einer ewig verdammten Seele.

Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit:
»Luisli? Gehst du mit mir?«

Das Weiße des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links, und der
Höllische kicherte boshaft: »Tu's!«

Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: »Ich kann's nit sagen. Das muß ich
erst mit Gott bereden in der Kirch.«

Freundlich glänzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweiße
Engel mahnte: »Tu's!«

»Mein alles bist du! Mein Glück und Leben! Du kannst mich doch nit
verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja,
du bleibst die Meine?«

Bevor der huschende Warnerblick das Weiße schrecklich nach links
hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglückes die
scheinheilige Verführungssilbe schmunzeln konnte, riß sich Luisa mit
erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kämpfte sich aus der Bank
heraus, deutete verstört auf das Auge Gottes und preßte zitternd das
Gesicht in die Hände. Die Uhr an der Mauer sagte: »Tu's!« Und Luisa
wußte nimmer, ob da der Engel oder der Höllische geredet hatte. Wie
eine Irrsinnige sprang sie zur Tür hinüber, fand sie verschlossen
und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt,
bleich und bestürzt, dem Mädel nachgesprungen kam, stieß ihn Luisa
mit den Fäusten von sich, tastete nach der Klinke, riß und rüttelte
an der Tür und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den
Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich draußen im Flur
das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlüssel klapperte
im Schloß, die Tür sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen
Mälzmeisterin vorüber, durch den Flur, hinaus in die Sonne.

»Bub? Herr Jesus, was ist denn da?«

»Ich weiß nit, Mutter, was da geschehen ist. Weiß nur, mein Glück und
Leben und alles ist in Scherben!«

Diesen von Gram zerdrückten Schrei konnte Luisa noch hören. Ein
verständiges Besinnen schien sie zu überkommen, weil sie die
fürchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verführerische
Teufelskichern, so nah, als wär' es versteckt in ihren Zöpfen: »Tu's!«
Die Hände über die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten
Kleid wie eine wehende Flamme hinüber zum Stiftshof und dem Tor der
Kirche zu.

Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach
gründlicher Untersuchung der ciceronischen Traumzustände des
Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei.
Er sah das Mädel vorüberflattern und in der Kirche verschwinden. »Was
ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige
Zwillingskinder im Gehirn.« Seufzend täppelte er seiner heiligen
Kinderstube zu, kehrte wieder um, spähte zu den Fenstern seines
langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zögern in das
Gerichtsgebäude.

Die vier überflüssigen Buchstaben waren sehr beschäftigt und verzogen
sich zu einer mißtrauischen Grimasse, als Lewitter schüchtern sagte:
»Ich hätt ein Wörtl zu reden. Unter vier Augen.« Er mußte erst noch
beifügen, daß es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes
handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschließen konnte, seine
Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureißen, den Schreiber
aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete
Konversation.

»Also?«

Lewitter faßte sich kurz: seit dem Verschwinden des Haynacher'schen
Zwillingspärchens aus der Armeseelenkammer wäre der Chorkaplan von
Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde
er sich ein --

»Mir schon bekannt!« unterbrach der Allwissende unter der mehligen
Roßhaarperücke. »Zuerst die sinnlose Annahme, daß Pfarrer Ludwig der
Schuldige wäre -- eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilität als
verfehlt _in nuce_ erwies -- und nun dieser neue beklagenswerte Wahn!
Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?«

»Es gibt nur ein einziges. Man muß dem Jesunder über den Verbleib des
Pärleins die Wahrheit mitteilen.«

»Ausgeschlossen!« sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das
Thema erledigenden Handbewegung.

Lewitter schmunzelte, kaum merklich. »Ist denn die Wahrheit Euer
Gestreng bekannt?«

Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause
heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gerät, so
senkte sich aus den weißen Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag.
»Vermutet Ihr, daß es jemals eine Wahrheit gab, die ich *nicht*
erforschte?«

»Da dürft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig,
Herr!«

»Unmöglich.«

»Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das
wird für die Regierung kein erquicklicher Fürgang sein. Und könnte
traurige Folgen haben. Der Bevölkerung dürfte das wie eine offenkundige
Gottesstraf erscheinen, und es wär nit undenkbar, daß es zu neuem
Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen
vermehrt. Was wird der Allergnädigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng,
wird es nit zu verübeln sein, daß ich mich dem Fürsten gegenüber
salvieren muß, nachdem mein nützlicher Rat das verdiente Gehör nit
gefunden hat.«

Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenübergestellt
und in Erinnerung der Standrede seines Allergnädigsten, begann vor
Aufregung und Ratlosigkeit so heftig zu transpirieren, daß seine
niedere Stirn wie übersät erschien mit zahllosen Glassplitterchen.
Gerade, um seinem Allergnädigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu
ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkämpfen mit seinem Amtsgewissen
jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer
begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede
zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschädlicher Emsigkeit
nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete:
er wäre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und
hätte deutlich gesehen, daß ein junger schlanker Mensch in einem
hellfarbigen, gebänderten und gemäschelten Herrenmantel hurtig mit
einer Schaufel ein Loch in den Boden grübe; dabei hätte der Zeuge
sich nur gedacht, daß wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder
einmal einen übermütigen Streich verüben möchte; mehr wisse er nicht.
Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolles
wußte Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte
den geheimnisvollen Totengräber verläßlich ausgeforscht: den Grafen
Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, daß
-- nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag
hier einer von jenen häufigen Irrtümern vor, wie sie einem Zeugen bei
Zeitbestimmungen leicht zu widerfahren pflegen -- daß der leichtsinnige
und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube
nicht berührt, nach anzunehmender Friedhofsschändung die restlichen
Nachtstunden in den innersten Gemächern der allergnädigsten Aurore
de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das
Freudengärtlein des vertrauensseligen Landesfürsten transferiert
hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld
des widersinnig verdächtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen; es
hatte sich auch die betrübsame Angelegenheit für die vier zu Tod
erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine _res sacra_ verwandelt,
vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden mußte. Und
drum hatte das >getreue Justizkamel< den für die Herzensruhe des
Landesfürsten gefährlichen Akt mit submissester Ergebenheit in dem
durch Riegel und Vorhangschlösser gesicherten Geheimarchiv seiner
Kanzlei verschwinden lassen. Wie hätte man nun dem verrückten Jesunder,
der sogar seine Träume hinausbrüllte in die Welt, solch eine delikate
Wahrheit anvertrauen dürfen? »Unmöglich!« Aber diese neue Gefahr nun!
Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des
ganzen, bisher so glücklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser
desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgräber keinen anderen
Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rückhalt zu eröffnen.

»Freilich,« nickte Simmi unter leisem Lächeln, »*das* kann man dem
armen Jesunder nit preisgeben!«

»Was aber soll man tun?«

»Man wird -- die Wahrheit in allen Ehren -- zur Rettung des
beklagenswerten Mannes einen barmherzigen Schwindel ersinnen müssen.«

»Glaubt Ihr damit zu reüssieren?«

»Vielleicht. Wenn Euer Gestreng mir hilfreich beistehen wollen?«

»Mit Freuden!« Die weißen Perückenschnecken des Landrichters machten,
weil die vier Überflüssigen einen tiefen Atemzug der Erleichterung aus
sich herausbliesen, eine sonderbare Nickbewegung. »Seid meines Dankes
gewiß für alle Fälle. Und weil wir schon von getrübten Gehirnen reden
-- habt Ihr nicht in letzter Zeit dem Christl Haynacher Eure Beachtung
als Arzt gewidmet?«

»Warum?« fragte Lewitter ernst.

»Der gute Mann scheint völlig schwachsinnig geworden zu sein. Wir
sorgen uns um seinen katholischen Deszendenten. Auch Muckenfüßl ist der
Meinung, daß man da einschreiten müßte. Bald.«

»Euer Gestreng!« Simeons Brauen zogen sich hart zusammen. »Da muß ich
auf das Eindringlichste abraten. Ich bitt Euch, laßt diesen Mann in
Fried! Der Haynacher ist bei vollem Verstand --«

Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. »Diesmal irrt Ihr
Euch, mein guter Lewitter!« Und lächelnd trug Herr Willibald seinen
weiß überlöckelten Unverstand zur Tür hinüber, um den beurlaubten
Schreiber herbeizurufen für weitere Mißhandlung der irdischen
Gerechtigkeit.

Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau
Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden
Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen
auf dem zwinkernden Warzengesicht. »Mein gescheiter Simmi!« Lustig
legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. »Jetzt rat
einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu
Berchtesgaden in Scherben gehen soll?«

Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: »Weil vor
anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein
gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!« Der weitere Gedankenaustausch
der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der
sich vor ihren Augen im großen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der
Torwache rasselten, daß man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen.
Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem
Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern
mit ihren baumelnden Straußenfedern eine lindgeschaukelte Sänfte
gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen
Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen,
bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht.



Kapitel XXVII


Im gotischen Saal der Entschlüsse, auf dessen Kronleuchtern bei
noch halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des
preußischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat saß auf
dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Würdenträgern. Für
Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtstühle und
einen goldgeschnörkelten Tisch mit Schreibgerät vor den Thronstufen
aufgestellt, die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter
Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pompös peruckiert, verlas mit
Würde das Kreditiv:

  »Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen, Marggraf
  zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. hierdurch zu vernehmen,
  wasmaßen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hof-Rath von Danckelmann
  dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrirenden neuen
  Unterthanen in staatsrechtlichen Schutz zu übernehmen und deren
  bewegliche oder allda verbleibende Vermögen in Sicherheit zu erheben.
  Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen,
  besagtem Geheimen Hof-Rath von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung
  solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeyen
  zu lassen, was desfalls dem Westphälischen Friedens-Schluß und
  anderen Reichs-Constitutionen gemäß ist, gestalt wir uns solches
  zuversichtlich promittiren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. zur
  Bezeugung angenehmer Gefälligkeiten stets willig verbleiben.

  Berlin, den 22. März 1733.

  Friedrich Wilhelm.

  An den Herrn Abt zu Berchtesgaden.«

Der Kanzler hatte vor dem Wörtchen Abt verlegen gestockt. Dem Fürsten
fuhr um dieser unzulänglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht;
doch er lächelte nachsichtig und flüsterte Herrn von Grusdorf heiter
zu: »Man scheint uns in Berlin für Kapuziner zu halten.« Dann begann
er mit Danckelmann eine liebenswürdige Konversation in französischer
Sprache, die für den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie
späterhin für die geschäftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der
Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend
zum Fürsten: »Für unsere Majestät eine _persona gratissima_.«

Ein fröhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: »Der
freundliche Geheimrat übertreibt. Will man _gratia_ mit Gnade
übersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestät mein Herr und König
haben mich vor kurzem gnädiglich dem Schafott eschappieren lassen.«

»Mit Recht!« sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblüffung
überwunden hatte. »Es wäre schade gewesen um einen ebenso klugen
wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die
Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?«

»Insubordination und andre Sträflichkeiten schwersten Kalibers.«

»Insubordination?« lachte der Fürst. »Unter dem preußischen Drill?«

»Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare
Soldat der preußischen Armee.«

»Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militärischem Grad
gelangte, sich wohl durch andere Vorzüge ausgezeichnet haben.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem
Geheimrat zu. Höflich den Ärger darüber verschleiernd, daß man einem
Gesandten für das gefürstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen
begnadigten Militärverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem
der nächsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud
die preußischen Herren für den vierten Tag zu einem Großen Jagen mit
anschließender Fürstentafel. Nach würdevoller Verneigung betonte der
Geheimrat seine kurzbemessene Zeit. Ohngeachtet mancher Orientierung,
die er bereits bei evangelischen Männern eingeholt hätte, bedürfe er
dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige über Reiseweg und Ansiedlung
zu bereden. Für den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner
Liebden mit Freuden zu Diensten, am fünften Tage müsse er seine
Rückreise antreten, und so bäte er, sofort in die geschäftlichen
Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton
Cajetan blieb höflich, zog sich mit seinen Würdenträgern zu einer
Besprechung zurück, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de
Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und
den Grafen Saur zur geschäftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte
sich mit den preußischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um
den goldgeschnörkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien
verspätet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel,
ihn den preußischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst.
Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu
dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, während am
goldenen Tische ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwächlichem
Französisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begannen
sich die Domizellaren zu belustigen. Das störte den Pfarrer nicht.
Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging
er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme.

Die Verhandlung gestaltete sich zäh und spann sich in die Länge.
Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die
gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach
der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt -- Höhe
der Ablösung für die Leibeigenschaft -- noch immer nicht erledigt.
Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen
und hielt in schlechtem Französisch Reden von der Länge gereizter
Sonntagspredigten. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld,
tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief über
ein Blatt zu schreiben. Außer Danckelmann, der ein bißchen irritiert
erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb:
»Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preußischer
Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Königs gebührt. -- 2) Für
alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhängt
wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewährt; neue Verurteilungen
werden nicht ausgesprochen. -- 3) Der erste Zug der Exulanten verläßt
die berchtesgadnische Grenze am fünften Tage _post datum_; die weiteren
Züge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. -- 4) Bei Verkauf
des evangelischen Eigentums werden Bedrückungen nicht erfolgen; die
Berchtesgadnische Regierung haftet für Eingang der Kaufschillinge bis
zu vier Fünfteln des landüblichen Wertes. -- 5) Die Leibeigenschaft
wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelöst; dafür
haftet der preußische Staatsschatz. -- 6) Geheimrat von Danckelmann und
seine Begleiter sind für drei Tage zu freizügigem Besuch des Landes
ermächtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen;
diese Genehmigung ist rückwirkend für den bisherigen Reiseverlauf.«

Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter
den weißen Locken die Stirn ein bißchen heiß. Er gab das Blatt nach
kurzem Zögern mit einem zustimmenden Augenwink zurück. Der junge Oberst
machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knöpfen seines
blauen Soldatenrockes und erhob sich. »Bewilligen mir die Herren ein
paar Worte?« Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: »Ist Herr
Oberst von Berg berechtigt --« Danckelmann sagte rasch: »Herr von
Berg scheint geheime Aufträge Seiner Majestät empfangen zu haben --
als Offizier.« Schweigen im Saal. Lächelnd und liebenswürdig sagte
der Oberst: »Die Herren werden rascher zu einem Entschluß gelangen,
wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fühlen. Hier sind
unsere schriftlich niedergelegten Vorschläge. Wir ersuchen um ihre
unveränderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde.« Auch der Geheimrat
nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem
raschen Blick das Blatt überflogen hatte, stammelte entgeistert:
»Wenn aber die Regierung begründete Veranlassung zur Abwehr dieser
Wünsche hätte?« Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen
Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinüber: »Würde
das etwa gar den -- den -- den Krieg bedeuten?« Da fand der junge
Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: »Ich bin so begeistert von den
Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, daß ich jedem preußischen
Grenadier den Genuß so erhabener Schönheit vergönnen würde.« Schritt
um Schritt zurücktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche
Verneigungen, daß Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister
wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkündigungsengel
der allergnädigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht.
Die Gesichter aller Kapitularen blieben lang. Nur einer lachte vergnügt
und ließ seine große Warze hüpfen. Graf Saur begleitete die Herren zur
Sänfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlärm. Auch bei
jener Nachtsitzung über das Schicksal des schwarzweißen Doppeltödchens
war es nicht lebhafter zugegangen.

Zwischen vier hellbrennenden Wachsfackeln gaukelte die Sänfte durch
die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der
Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der
junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spüren begann, nickte
bei diesem sanften Geschaukel ein bißchen ein. Im Leuthaus war für
die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der fürstpröpstliche Lakai
wurde höflich verabschiedet, und der steifzopfige, stiefelklappernde
Soldat mußte bedienen; er machte die Sache, wie man eine Kanone lädt
und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank
den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes
Französisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: »Hab ich Ihm
die diplomatische Laune verdorben?«

»Das nicht, aber -- was tun wir, wenn Ihre römische Kurzangebundenheit
eine Abfuhr erleidet?«

Ein heiteres Lachen. »Wozu soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen,
von denen ich voraussetze, daß sie nicht eintreffen. Die Herren haben
nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schädel durch
die Mauer fahren.« Ohne bösartig zu werden, begann der junge Oberst die
Köpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. »Nur
einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prächtigen
Weißkopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes,
hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der
Stirne. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhöhter Seele.«

»Glauben Sie, daß er --«

Gleich verstand der junge Oberst. »Ein heimlicher Protestant? Der?
Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmütig, lieber Geheimrat. Wir
dürfen nicht jeden wertvollen Menschen für uns in Beschlag nehmen.
Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange
Weißkopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser.« Nach
kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. »Ich ertappe mich
manchmal bei einer höchst unnordischen Sympathie für die Katholiken.
Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter
deren Eisblöcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bißchen
raucht.« Die schmalen Lippen lächelten malitiös. »Vor zwei Jahren, als
ich gute Worte nötig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der
Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius:

  Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik,
  Da frißt der Teufel den Segen, das Glück.
  Ein guter Katholik, ein guter Protestant,
  Und driefach wächst die Ernte im Land.

Glauben Sie, Danckelmann, daß jemals einer von unseren
Oberkonsistorialräten einen solchen Vers in den Katechismus eines
katholischen Prinzen schreiben würde?«

»So darf man diese Dinge nicht nehmen, Königliche Hoheit! Man muß als
Staatsmann Distanz bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige
mit Ruhe überlegen zu können.«

»Ruhe? Für alle Fälle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste
Eigenschaft der Menschen.« Ein lächelndes Sinnen. »Zeit lassen? Beim
Bergsteigen mag es vernünftig sein, wenn man kurzen Atem hat. Heut,
als dieser Jäger zwischen den grausamen Dragonergäulen sprang wie ein
Hirsch, bewies er, daß das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die
schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der
Geschichte, wenn die Schose vorwärts gehen soll, muß Sturm wehen. Komm
ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen,
worüber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen.« Sich
erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische
Art mit der Hand. »Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich
nach meinem Nachtgebet. Das will ich _piano_ erledigen, damit es Ihm
den Schlummer nicht davonpfeift.«

Ein paar Minuten später, als der junge Oberst in >Himmat< und
Reithose auf dem Bett saß, und der Soldat ihm die von der Schneenässe
enggewordenen Stiefel herunterziehen wollte, hörte man zwei Stimmen im
Salon. Dann streckte Danckelmann den Kopf zur Türe herein: »Der Bote
war da. Alles bewilligt.«

»Na also!« Ein kurzes, fast kindliches Auflachen der melodischen
Stimme. Dazu in flinkem Französisch: »Hat man 120000 wohldressierte
Kerle hinter sich, so kann man sich vernünftige Worte erlauben. Umwege
und geduldige Schwäche machen sich schlecht bezahlt. Entschlossene
Gradheit bleibt immer die beste Politik.« Und wieder deutsch: »Na,
Hänne, nu zieh mal feste! Spuck in die _la main_! Denn wird's schon
jehen.«

Der Geheimrat legte sich mit erleichtertem Gemüt zu Bett. Er hatte
schon eine berchtesgadnisch-salzburgisch-österreichische Koalition
in der Luft hängen sehen. Jetzt konnte er aufatmen. Kaum lag er
in den Kissen, da hörte er durch zwei Mauern sanft gedämpft das
>Nachtgebet< des jungen Obersten herüberklingen: pedantische
Flötenläufe, erst langsam und immer schneller, Töne wie Soldaten, die
nach dem Paradeschritt den Sturmlauf üben. Dann ein innig träumendes
Adagio, das einer Klavierübung von Bach entnommen und für die Flöte
zugeschnitten war. Erst gegen Mitternacht verstummten die zärtlichen
Klänge. Das blieb politisch nicht ohne Folgen. In der Geisterstunde
wurde Herr von Grusdorf aus dem ersten Schlaf herausgebimmelt, um
von Muckenfüßl den überraschenden Geheimrapport entgegenzunehmen:
daß der impertinalimentische Patron, der sich _in loco hujus_ vor
den Kapitelherren so arroganzialiter aufgespielt hätte, gar kein
prussianischer Offizier sein könnte, sondern probabilitätisch ein
verkappter Musikant und Schwegelpfeifer wäre. Graf Tige hatte also mit
seinem maskierten Tanzmeister nicht weit daneben geraten. Aber wie
die Dinge lagen, war nichts mehr zu ändern. Man konnte nur bei den
bevorstehenden Hoffestlichkeiten die Verteilung der Jagdstände und die
Tischordnung _eo modo_ dirigieren, daß dieser zweifelhafte Kumpan aus
der allergnädigsten Nähe Seiner Liebden removiert wurde.

Eine dunkle Nacht verging. In den Bürgerhäusern der Marktgasse
war nach der zehnten Abendstunde das Brennen von Licht seit dem
Versöhnungsschießen polizeilich verboten. Aurore de Neuenstein und ihr
Schlafzimmer standen selbstredend außerhalb des Wirkungskreises der
mittleren Regierungsorgane. An der schon halb zum Unlustschlößchen
gewordenen Villa blinzelte durch die herzförmigen Ausschnitte der
geschlossenen Fensterläden ein rosiger Schein heraus, der erst kurz
vor Anbruch des Morgens erlosch. Da die sekrete Sänfte sich schon vor
Mitternacht gegen das Stift bewegt hatte, war den Polizeiwächtern
diese zwecklose Lichtvergeudung der Allergnädigsten nicht erklärlich;
sie rieten auf Gespensterfurcht; unmöglich konnten sie vermuten,
daß Aurore de Neuenstein die restlichen Nachtstunden zum Einpacken
noch unentfernter Kostbarkeiten verwendete. Ein ahnungsvoller Engel,
sah sie den Strapazen des Großen Jagens, das sie als parisische
Diana verschönen sollte, mit dunkler Besorgnis entgegen und wollte
die drei folgenden Tage, in denen sie dank einer immer wirksamen
Ausrede von allen zärtlichen Verpflichtungen enthoben war, noch gut
für ihre Zukunft benützen. Kurz vor Anbruch des Tages verließen
zwei schwerbepackte Saumtiere, von Aurorens verläßlichem Hausknecht
geleitet, das in der Frühlingswärme still erblühende Freudengärtlein in
der Richtung gegen Reichenhall.

Unter dem gleichen Frühgrau pochte Leupolt Raurisser an die noch
verschlossene Tür des Leuthauses. Eine Stunde später, während
die kommende Sonne alle westlichen Bergspitzen mit Rosenglut zu
überschütten begann, ritten die zwei preußischen Herren gegen
Unterstein hinaus, begleitet von dem steifzopfigen Soldaten und von
Leupolt, der ernst und blaß war, doch so ruhig, daß die Herren, wenn
sie mit ihm sprachen, keinen Wandel gegen den vergangenen Tag an ihm
bemerkten. Als die Reiter am Haynacherlehen vorüberkamen, grüßte
Leupolt in herzlichem Erbarmen den Christl, der wunderlich erregt vom
Zauntor seines Gehöftes gegen das Sudhaus hinüberspähte. Lange stand
er und guckte so. Jetzt tat er einen schweren Atemzug. »Da kommt er!«
Dem Haynacherlehen wanderte ein kleiner, zaundürrer Bauer entgegen, in
dessen schmunzelndem Runzelgesicht zwei flinke Wieselaugen funkelten.
Er trug eine schwere Geldkatze um den Magen herumgeschnallt. »Gelobt
sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.«

»In Ewigkeit Amen!« sagte Christl und scheuerte den weißen Haarfleck
hinter dem Ohr.

Der kleine Bauer stieß den Stecken auf den Boden. »Daß wir gleich alles
ausreden: den Hausrat, 's Vieh und 's Futter mußt du mir aufweisen.
Dein Feld und den Waldzipf kenn ich. Wie viel verlangst du für alles?«

»Die Nachbarsleut schätzen mein Sach katholisch auf vierzehnhundert
Gulden.«

»Ich hab dich ausrufen hören: du gibst es um den halben Preis?«

»Was ich sag, ist Stein und Eisen.« Christls tiefliegende Augen
begannen zu funkeln. »Daß man der Martle ihr Gerstenfeld nit ackern
und misten darf, das müssen wir protokollarisch machen. Was mein Bübl
braucht an Wäsch und Zuig, und was --« Dem Christl kam ein Schwanken in
die Stimme. »Was noch übrig ist von meiner Martle, das nimm ich mit.
Alles andre ist dein.«

»Schauen wir's an.« Der kleine Bauer nahm die Sache genau. Jedes Stück
Hausrat untersuchte er bis auf die Leimfugen; jede Ziege hob er auf
seinen Schoß, jeder Kuh knutschte er das Maul, den Hals, die Wampe,
das Euter, und jedem Kälbl guckte er aufmerksam unter den Schwanz.
Der stumme Christl stand mit aschfarbenem Gesicht daneben. »Gut!
Vierhundert kriegst du bei der Unterschrift, dreihundert bei der
Übergab. Wann soll ich zum Protokollieren kommen?«

»Gleich.«

Der kleine Bauer lachte. »Pressiert's dir denn gar so?«

»Wohl.« Christl Haynacher trug sein Bübl zur Nachbarin hinüber und
wanderte mit dem Käufer zum Landgericht. Das wunderliche Kaufdokument
mit dem Paragraph über das Gerstenfeld: nit ackern und nit misten
-- verursachte den vier überflüssigen Buchstaben eine muntere
Viertelstunde. Als Christl unterschrieben hatte, fragte ihn der
Landrichter lachend: »Wann will er denn exulieren?«

»Morgen.« Der Haynacher hob die brennenden Augen. »Am liebsten tät
ich's noch heut.«

»Heute? Nein. Heut nachmittag wird er schön daheim bleiben. Da wird
noch etwas zu erledigen sein.«

Christl lächelte sonderbar. »Was wär denn das?«

»Seine Neugier wird sich gedulden können.« Eine entlassende
Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davongepoltert
waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem
philosophischen Erguß über die in Bauernköpfen generaliter grassierende
Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin
erhöhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. »Oh?
_Reverende?_ Was führt Euch zu mir?«

Das Schmunzeln des Pfarrers verstärkte sich. »Um ehrlich zu sein: ein
Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich _in medias res_ zu hupfen: ich
will --« Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch
weiter: »Ich will meine schwerbedrückte Seele entlasten und ehrlich
zu Protokoll geben, daß ich es gewesen bin, der das Haynacher'sche
Zwillingspärl verschwinden ließ.«

Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte
los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet.
Zwischen Lachen und Lachen sagte er: »Unglaublich! Dieser Lewitter!
So viel Schlauheit hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in
dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf.« Es dauerte ein
Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Fröhlichkeit so
weit erholt hatte, um die Gänsefeder in die Streusandbüchse tauchen
zu können. Die Feder schrieb nicht. »Seht doch,« sagte der muntere
Willibald, »wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser
barmherzigen Torheit mitzuagieren.« Er griff nach einem anderen Kiel.
Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfaß. »Also?« Dabei
lachte er schon wieder. »Was soll ich protokollieren?«

»Daß ich aus Erbarmen mit dem unglücklichen Vater, aus Mitleid mit dem
armseligen Pärl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgründen
dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet
habe.« Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. »Was ich bekenne, Euer
Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlüssel, den ich aus der
Zeit meiner Amtstätigkeit noch besaß, hab ich in jener Kapitelnacht
die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab
ich einen gemäschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren
für ein höfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt
hab ich das arme Pärl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein
priesterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im
Kapitel doch auseinandergesetzt: mit der Verwebung der Muskeln, mit der
Diffusion des Blutes, _et cetera_. Da muß doch vom getauften Blut was
übergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur
leblos *scheinenden* Körperchens erfolgt sein. Nit?«

»Aaaaah! Glänzend debattiert!« staunte der hocherfreute Richter, der
nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nächtlichen
Friedhofstätigkeit gerechtfertigt sah. »Warum habt Ihr denn diese
hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?«

»Weil sie mir erst _post festum_ eingefallen ist. Daß ich also bis zu
gewissem Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das weiß
ich. Und bekennen muß ich es, weil ich nicht will, daß ein halbwegs
Schuldloser leiden soll um meinetwillen.«

»Ssssso!« sagte der von fröhlichem Glück erstrahlende Landrichter nach
einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten
Schnörkel machte. »Und wirklich, _Reverende_, dieses Bekenntnis wollt
Ihr unterschreiben?« Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder
und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die
vier überflüssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch
kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald
Hringghh dem Pfarrer die Hände hin und sagte voll Rührung: »Reicht mir
Eure hilfreiche Christenhand! Ich *muß* sie drücken. Es ist mir doch
bekannt, daß Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es
von Euch, daß Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der
nahe daran war, die übelsten Dinge über Euch heraufzubeschwören.«

»Herr Richter!« Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. »Ich hab keinen
Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt.«

Ein fröhliches Lachen erschütterte das Sauermilchgehirn der
Gerechtigkeit. »Die *reinste* Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden.
Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen
Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen.
Da ist von einem Schlüssel die Rede. Wenn nun der Richter früge: >Wo
ist dieser Schlüssel?< Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will
es Euch sagen.« Der vergnügte Willibald lächelte allwissend. »Nicht
wahr? Diesen Schlüssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?«

»Stimmt!«

»Und den gemäschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem
Stubenofen?«

»Stimmt!«

»Aber! _Reverende!_« Der Landrichter lachte, daß von den heftigen
Schüttelbewegungen die Roßhaarwuckeln seiner Perücke weißlich
zu qualmen begannen. »Euch, der die herrliche Sache mit der
diffundierenden Taufe zu finden wußte, sollte doch auch hier etwas
Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die
abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertische. Doch um Euch
einleuchtend zu demonstrieren, *wie* laienhaft in juridischem Sinn Eure
barmherzige _fabula_ ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In
welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche _crimen_ verübt zu haben?
Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der erstenJesus Maria!<, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen,
aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete.

»Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm
hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat
ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter
fest, als müßt er Sorg haben, daß sie was Unsinniges anstellen möcht.
>Was ist denn?< frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bißl
Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber -- und
du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige,
lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter
Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber
flink bin ich draufgekommen, daß sie gescheiter ist als wir alle. Und
so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr,
reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf
herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und
Tränen: >Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das
Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das
Schiechste vor Gottes Blick!< Ich sag dir, Nicki --« Pfarrer Ludwig
verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: »Luisli?
Ist dir nit gut?«

Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben.
Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon
zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepreßt, mit der anderen
Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten
Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, faßte Pfarrer
Ludwig am Arm. »Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie
man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlößl umdreht.«

»Mensch!« zürnte der Meister. »Was treibst du denn da?«

»Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl
mischt.« Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes.
»Sei nit neugierig! Das Kind muß in ihm selber das Rechte finden.«

»Pfarrer?« stammelte Niklaus.

»Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die
hungrige Lieb einen treiben kann?«

Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände.

Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne
weiteres Wort die Stube.

Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden
Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weißschnauzige
Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe
gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung
gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf
fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung
raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen,
als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so
festtäglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch
einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein
goldenes Hochzeitspaar halten können. »So,« sagte die Schneckin, »jetzt
haben wir's!« Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander
von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug
und wiederholte lächelnd: »Jetzt haben wir's!«

»Und wie!« Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte
zärtlich, ohne den winzigsten Himmelsköter. »Jetzt ist alles wieder in
der schönsten Ordnung!«

Der Schneckin brannte ein mädchenhaftes Erglühen über das
Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und flötete:
»Jesus, wer hat's dir denn schon wieder verraten?«

»Was?«

»Daß ich mich dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als
evangelikanische Exulantin.«

Der Hiesel Schneck, dem der himmelwärtsstrebende Schnauzer sonderbar
zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fäuste gegen
das Frühlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den
Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifelten Seele eine langschwänzige
Höllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche
Klage: »Du Narrenkapp ohne Bändel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz!
Du alte Fuierbüx ohne Zündloch! Hast du denn um Gottswillen nit ein
*bißl* Verstand unterm Kuferdeckel!« Weil die Schneckin bitterlich zu
heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. »Weibl, so geht's nit!
So kommen wir zwei unser Lebtag nimmer auf gleich. Kreuzteufelundkruzi
--« Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren
wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. »Verstehst du denn
nit? So was von Füreiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent!
Und ich seit halber Zwölfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir
bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der
Gottsfreudigkeit ein bißl zruckhalten kann. Verstehst?«

Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Tränen so reichlich,
daß dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele tröpfelte. »Geh,
deswegen mußt du nit so grausam röhren! Es gibt auf der Welt kein
Narrenstückl, das man nit wieder aufpolieren könnt.«

Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer.
»Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?«

»Ausstreichen? Was? Du Roß ohne Schweif! Da müßt sich der Kommissar
was Nobels denken von dir. Der tät doch sagen: du bist ja wie 's
Wetterweibl um Ostern, bald drin im Häusl, bald wieder draußen. Ah na!
So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich
bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie
er mag. Da lachen die kommissarischen Schöpsnasen und sagen halt wieder
auf französisch: Tätewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische,
vertragt's.«

Den Hut lüftend, als wäre ihm schwül geworden unter dem struppigen
Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig
gelöckelter Himmelhunde drechselnd, hinüber zur Kommissariatskanzlei.
Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schon
wieder da. »So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz.
Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als
wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst?« Trotz aller Ruhe, mit der
sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein böses Gewissenswürmchen
an seiner Seele zu nagen. Jählings erblassend zog er sein Weibl mit
sich fort, so flink, daß die Schneckin das Aussehen einer schiefen
Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grunde, als
weil der Hiesel Schneck den heitergestimmten Landrichter in amtlicher
Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne.



Kapitel XXVIII


Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der
Feldwebel Muckenfüßl mit dem Krückstock der polizeilichen Gewalt.
Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten
Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglückung verfügte sich ins
Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher.

In dem sonst so stillen Gehöfte war es lebhaft. Vieh wurde
davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu
und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig
schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgerät aus dem Flur
und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke;
sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinüber, wo
der Christl Haynacher auf der Türbank saß, das schlafende Bübl mit
leisen Bewegungen auf seinem Schoße wiegend. Sein verzerrtes Gesicht
war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus
bläulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen
Menschen und lächelte immer ins Leere, als wären die Dinge, die um
ihn her geschahen, für sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal
machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hüfte, um
zu fühlen, ob die Geldkatze noch da wäre, die er nach der Übergabe
umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu
und sagte: »Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein
Gutkatholischer!«

»Wohl! Und *was* für ein guter!« nickte der Haynacher und schaukelte
sein Bübchen. »Aber exulieren tu ich.«

»Du Narr! Warum denn?«

Das lächelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. »Warum?«
Er hob die funkelnden Tieraugen. »Schnaufen muß ich wieder können.
Luft muß ich haben. Ein Kreuz muß ich aufstecken, ich weiß nit wo. Und
erzählen muß ich dürfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist.« Ein
heiseres Aufkichern. »Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht.
Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon über der Grenz. Gott soll euch
gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer.« Da rief bei der
Hecke drüben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: »Christl! Die
Soldaten Gottes kommen.«

»So so?« sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? »Die
kommen, ich weiß nit zu wem. Bloß nit zu mir. Bei mir ist alles
protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig
Gulden, Nachbar!« Er lachte wieder. »Weil ich ein Gutkatholischer bin.
Als Luthrischer hätt ich's billiger haben können um fufzehn Gulden. Ja,
Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer
gern. Gelt, ja?«

Der Nachbar schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur
Straße hinüber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen,
seine Haustür und seine Kreuzstöcke waren nicht rot angestrichen,
aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist
weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das
Haynacherlehen ausräumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und
drückten sich hinter die Scheune. Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger
Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter unter Muckenfüßls
kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens
und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve
zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustür zu. Weil sie
die Sonne über dem Nacken hatten, krochen ihre verkürzten Schatten wie
kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her.

»Grüß Gott, ihr Herren!« sagte Christl ruhig, nur ein bißchen
verwundert. »Aufstehen kann ich nit. Mein Bübl schlaft.«

»So wird er es wecken müssen. Um Abschied von ihm zu nehmen.« Die
vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen.
Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mußte sich
entschließen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung hätte nichts
dagegen einzuwenden, daß der Haynacher das Land verlasse; einen
unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, läge nicht im
Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber dürfe sie damit einverstanden
sein, daß ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen würde,
der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen verspräche.
Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfüßl
erläuternd ein: »Kapierst du denn nit, du _Rhinoceratissimus_? Du
selber därfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt
_in loco hujus_.«

Trotz des gehäuften Lateins begann im Haynacher das Verständnis zu
erwachen. Sein Gesicht entfärbte sich, seine Augen wuchsen, und fester
schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bübl.

»Man hat für sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es
christlich erziehen,« sagte der Landrichter mit beruhigender Milde,
»wobei natürlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er für
zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden _pro anno_.«

»Herr?« Das war kein verständlicher Laut, war wie ein gurgelndes
Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzüge, wurde wieder ruhig,
schüttelte den Kopf und konnte lächeln. »Guter Herr, da müßt Ihr Euch
verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem
man sein katholisches Kind wegnehmen därf. Ich bin noch allweil --« Er
verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was
ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, preßte das Kind an
seinen Hals, wich ein paar Schritte zurück und ließ die Augen irren wie
ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg späht.

Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfüßl auf das leiseste
Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern
eine Gabel und dann einen bogenförmigen Wink gemacht. Solang diese
Ordre nicht ausgeführt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als
polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum
Haynacher: »Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus!
Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit _in loco hujus_
deinem Kindl aus christlicher Pietätigkeit so gütig vermeint.« Der
Landrichter, als wäre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutgläubigen
Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam
das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frühlingsblumen zu blühen
begannen, obwohl da keine Menschenhand gesät hatte. Und Muckenfüßl
hängte den Krückstock der Polizeigewalt an seine Säbelkuppel, trat
mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte
die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte
wohlwollend: »Schau, Christl, sei ein bißl intelligentisch. Tu
gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Würml her!«

Der Haynacher sah aus, als möchte er in seinem ratlosen Gram einen
Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Körper streckte sich
hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequälten Kindes:
»Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bübl laß ich nit aus.«

»Was einer nit gibt, das muß man nehmen.« Wieder, und diesmal mit
obrigkeitlichem Unterton, fügte der Feldwebel bei: »In Gottesnamen!«

Der irrende Blick des Bauern sah vom Straßenzaun zwei Musketiere
herankommen. Nun hörte er die klirrenden Sprünge der beiden
anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante
hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl
Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine
grauenvolle Veränderung. Unter heiserem Auflachen riß er das große
Bauernmesser von seiner Hüfte und grub es mit raschem Stoß in das Herz
seines schlummernden Kindes. Das Bübchen zuckte nur ein bißchen, wie
Kinder im Traum zusammenfahren, und ließ das Köpfl auf der Schulter
des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das
Gesicht des Christl war so weiß wie die Mauer seines verlorenen
Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen
die Sonne und schrie: »Meines Kindes Blut soll kommen über alle, die
uns Menschen plagen im Namen Gottes!« Mit Sprüngen, wie ein von Hunden
gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzügen, rannte er gegen
die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker,
während hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der
erschrockenen Nachbarsleute zeterte.

Hinfallend auf die beiden Knie, ließ der Haynacher das entseelte
Bübchen von seiner Schulter gleiten und stieß das blutige Messer, das
zwischen Griff und Klinge eine stählerne Querspange hatte, in den
grünwerdenden Grabhügel der Martle. »So, Weibl!« keuchte er. »Jetzt
hast du dein Kreuz!« Ein grelles Lachen zerriß ihm die Stimme. »Ist
kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten können.«
Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrückten Bekenners
hob er die roten Hände und schrie zum Himmel: »Sie hat's verdient! Von
allen Christenseelen die frömmste! Und ist gestorben, so schön, wie
seit dem heiligen Peter und Paul kein römischer Bischof nimmer sterben
hat können auf seinem vergoldeten Sessel!« Nach diesem Schrei überkam
ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte
er bei der grün überhauchten Hecke die obere Hälfte des schwarzen
Landrichters mit dem kalkweißen Gesicht und der schneeblanken Perücke.
Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Säbel halblateinisch
kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke
warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald
Hringghh. Mit zuckenden Händen griff er in die Luft. »Wie, du! Komm
her! Oder traust du dich nit?« Ein wildes, jedem menschlichen Klang
entrücktes Lachen, gleich dem Gebrüll eines gepeinigten Tieres. »Schau
her, du! Meine Händ sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit
greifen nach einem Prügel. So viel wie ein räudiger Hund verdienst du
nit.« Mit greifenden Fäusten stürzte er auf die erschrocken wackelnde
Perücke zu. »Für einen, wie du, da reichen zehn römischkatholische
Finger aus!« Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornüber, und seine
Fäuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust
gefahren. Übersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den
Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun
bewegten stoßende Atemzüge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er
schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und
sprach in Verzückung: »Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Sünder, euer
Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer.« Lächelnd fiel er
zurück, und das Leben entrann ihm.

Drüben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrückt
zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern,
als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war,
und Muckenfüßl fühlte eine Anwandlung von Übligkeit, weil er Blut in
solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl
seine Nase so weiß wie seine Perücke war, erkämpfte bis zu amtlich
notwendigem Grade seine Fassung, lüftete das Barettchen und sagte
kurzatmig: »Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit.« Mit
kummervoller Einsicht fügte er bei: »Zu spät erkenne ich die Wahrheit,
daß dieser unglückselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener
Verbrecher war.« Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich
genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene
Haus, ließ Tisch und Stühle in die ausgeräumte Stube zurücktragen und
verfaßte unter häufigem Kopfschütteln ein ausführliches Protokoll. In
seinem Amtseifer überhörte er den wachsenden Lärm, der vom Gerstenacker
des Christl Haynacher herüberscholl.

Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus
verließ, befiel ihn vor dem Anblick des lärmenden Gewühls von zwei,
drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fühlte sich
zwischen dem Muckenfüßlschen Polizeisäbel und den gottsmilitärischen
Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein überhastetes Tempo an.
Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine
schreiende, schmähende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter
ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wäre zu bösen Dingen
gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser
Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt hätte. Ein großer
Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer
aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter erspähte,
mißverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem
Verbrechertum, schoß wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte
ihn und riß ihm nicht nur einen langen Flügel aus dem richterlichen
Talar, auch noch ein mageres Stück Fleisch aus einer Körpergegend, die
sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag.

Aller Zorn der aufgeregten Menschen schlug in befreiendes Hohngelächter
um, als sie den siegreichen Rattler das schwarze, ein bißchen
rotgetüpfelte Fähnlein der Gerechtigkeit so stolz in der stichelhärigen
Schnauze umhertragen sahen. Und während Muckenfüßl und die Musketiere
rasch den klagenden Herrn davonführten, der eine purpurne Träufelspur
seines amtlichen Waltens hinter sich zurückließ, rief ein junger
Mensch, den die Amnestie aller Evangelischen erst am Morgen aus dem
Aufenthalt ohne Mond und Sonne erlöst hatte: »Gucket, Leut! Jetzt hat
er einen von seinen vier überflüssigen Buchstaben eingebüßt! Gott
soll's geben zum Wohl der Menschen, daß man ihm die drei anderen auch
noch ausknuspert. Kann er die Gerechtigkeit nimmer im Sitzfleck haben,
so könnt man hoffen, daß sie ihm hinaufsteigt ins Gehirn.«

Bevor die Sonne noch über den Toten Mann hinuntertauchte, kamen
viele Musketiere und Dragoner zum Gerstenacker des Christl Haynacher
marschiert, um die in staatsgefährlichem Grad gestörte Bürgerruhe
wieder herzustellen. Als man die beiden kaltgewordenen Menschenkinder,
Vater und Bübl, zur Armeseelenkammer brachte, war die Geldkatze des
Christl spurlos verschwunden. Nach Anbruch der Dunkelheit wurden die
zwei Entseelten, die als gutgetaufte Christen ein unverlierbares
Anrecht auf heiligen Boden hatten, ohne Aufsehen im Friedhof bestattet.
Und der von seinem bedrohlichen Wahn geheilte Jesunder benützte
diese Gelegenheit, um unauffällig den durch ein schwarzes Heidenkind
entweihten Gottesacker neu zu konsekrieren. Er vollzog die heilige
Handlung so nachdrücklich, daß er mit einiger Berechtigung hoffen
durfte: die Weihe würde sogar bis zur Außenseite der Friedhofsmauer
penetrieren.

Solang die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, ging es auf dem
Brunnenplatz und in der Marktgasse sehr unruhig zu -- am unruhigsten im
Hof des Leuthauses. Da standen ein paar hundert Menschen beisammen. Die
hätten gerne noch erfahren, was die zwei preußischen Herren mit ihrem
Nachtbesuch beim Kanzler von Grusdorf zur Beruhigung der evangelischen
Mütter und Väter auszurichten vermochten. Die Polizeistunde schlug,
ohne daß die Harrenden eine Nachricht hörten; sie mußten heim in ihre
Stuben, mußten sich im Bangen um ihre Kinder noch gedulden durch eine
lange Sorgennacht.

Früh am Morgen rasselte die Polizeitrommel. Der Feldwebel Muckenfüßl
begleitete sie nicht. An seiner Stelle mußte ein anderes Polizeiorgan
der lauschenden Population verkünden: daß, zum ersten, die exulierenden
Väter und Mütter das unbedrängte Verfügungsrecht über Verbleib oder
Mitreise ihrer Kinder hätten. Und zum anderen: daß der allergnädigste
Fürst den traurigen Vorfall im Haynacherlehen aus gerechter Empfindung
beklage und die beiden Beamten, denen eine folgenschwere Unüberlegtheit
vorzuwerfen sei, ihres Amtes enthoben hätte.

Es war eine aufgeregte Nachtstunde gewesen, in der sich Herr Anton
Cajetan diesen Entschluß von der fürstlichen Seele gerungen hatte.
Den Feldwebel Muckenfüßl fallen zu lassen, war ihm nicht allzu schwer
geworden; nach unten hin verdünnen sich die Regierungsverpflichtungen.
Doch gerne hätte er den armen Willibald gehalten; aus Dankbarkeit
für mancherlei sekrete Dienstleistungen. Man beriet alle rettenden
Möglichkeiten und fand keinen Ausweg. Willibald mußte hinuntertauchen
in das Nichts, weniger aus Ursache der »folgenschweren Unüberlegtheit«,
als weil er durch den Verlust eines notwendigen Buchstäbchens dem Fluch
einer Lächerlichkeit überliefert war, die ihm jedes weitere Wirken als
getreues Justizkamel entschieden verweigerte. Dem Stiftsherrn, der
dem Beklagenswerten diese Botschaft mit dem Pflaster eines gnädigen
Ruhegehaltes überbrachte, konnte der leidende Mann nicht in die Augen
schauen, weil er zu besserer Bequemlichkeit des nähenden Stiftsphysikus
auf der sehenden Seite liegen mußte.

Zum kummervollen Nikodemus Muckenfüßl hatte man keinen Stiftsherrn
geschickt, nur einen fürstpröpstlichen Lakai. Der entthronte Feldwebel,
obwohl er auf ein durststillendes Versorgungspöstchen im Stiftskeller
hoffen durfte, gab durch längere Zeit keine Perle seines Sprachschatzes
von sich. »So, du Rindviech,« sagte seine tapfere, unverdrossene Frau
zu ihm, »jetzt red lateinisch!«

Im Verlaufe dieses Tages konnte Pfarrer Ludwig von seinem Fenster aus
eine Wahrnehmung machen, die ihn wieder an den Amsterdamer Singvogel
und an die These denken ließ: daß alles Geschehen unter der Sonne, so
hart und übel es auch wäre, sich doch immer wieder verwandle zu einer
aufwärts führenden Staffel des Lebens, zu einer Glückshilfe für die
Menschen. Der Tod des Christl Haynacher war ein Werk der Erlösung für
hundert bedrückte Herzen geworden. Viele Frauen, evangelische Mütter,
die in Sorge gewesen waren um den Besitz ihrer Kinder, wanderten zum
Friedhof und legten Sträuße und kleine Kränze von Frühlingsblumen auf
das frische Grab. Der alte Mesner konnte sich nicht erinnern, daß seit
Menschengedenken ein Friedhofshügel so reichen Schmuck empfangen hätte,
als die Ruhestätte des Christl. Wie sehr man diesen Blutzeugen der
Vaterliebe in Ehren hielt, das erwies sich auch an einem Vorfall, der
sich auf des Haynachers Gerstenacker ereignete. Hier gedachte gleich am
Morgen nach Christls Tod der kleine magere Bauer mit den schlauen Augen
eine nutzbringende Tätigkeit zu entwickeln. Er wollte das brachliegende
Feld mit dem Spaten umgraben -- das wäre nicht >geackert< -- und
wollte schaffweis die Jauche ausgießen -- das wäre nicht >gemistet<
in protokollarischem Sinne. Dieser klugen Auslegung dessen, was
schwarz auf weiß geschrieben stand, schlossen sich die Nachbarn des
Haynacherlehens nicht an. Sie verprügelten neben dem Grab der Martle
den wifen Protokollisten so fürchterlich, daß er das Misten und Ackern
sogar auf den eigenen Feldern für längere Zeit versäumte.

Außer dem sühnenden Schwertstreich, der auf die Amtsperücken des
Landrichters und des Polizeifeldwebels niedergefahren war, tat
die Regierung auch sonst noch unter den vier preußischen Augen
ihr Möglichstes, um die Stimmung der Population nach Kräften zu
besänftigen. Alle Polizeiverbote, die einen Hauch des Muckenfüßlschen
Geistes atmeten, wurden vom Stiftstor entfernt, so daß sich die vier
Bogen des Exulationsediktes aller würdigen Sozietät entblößt sahen.
Wie den Kanzler von Grusdorf bisher das Verbieten ermüdet hatte, so
fatiguierte ihn jetzt das Erlauben.

Aus Rücksicht auf die gereizte Stimmung der Subjekte wurden auch alle
Vorbereitungen für das Große Jagen mit Ausschluß der Öffentlichkeit
betrieben. Die zahlreichen Fahrzeuge mit den Stellnetzen und hohen
Tüchern, die Menagerievehikel mit den Hirschkäfigen, Sauzwingern
und Fuchskästen, die Küchenwagen und Proviantkarren, alles wurde
zu nachtschlafender Zeit in Bewegung gesetzt, um der kritischen
Neugier des Volkes entrückt zu bleiben. Im alten Tiergarten des
Wimbachtales arbeiteten unter Leitung des Wildmeisters und der Jägerei
zweihundert Musketiere und Dragoner drei Tage und drei Nächte lang,
um die eingegatterten Wildbestände in die Käfigfallen zu treiben,
sie nach dem Hintersee zu verbringen, an dessen Ufern das große
Prunkjagen stattfinden sollte, und sie dort nach dem höfischen Rang
der Schützen in die Kammern der zu den Ständen führenden Ausläufe zu
verteilen. Was da jagdlich mit vielen Kunstkniffen inszeniert wurde
-- in einer Jahreszeit, in der die Hirsche keine Geweihe trugen und
jede Kreatur des Waldes und der Berge die Spuren der winterlichen
Entbehrung zeigte -- war >edles Weidwerk< im gleichen Sinne, in dem der
gestutzte Hofgarten als fürstlicher Park und der verflossene Doktor
Halbundhalb als himmlischer Sendbote der ewigen Gerechtigkeit gelten
konnte. Wie unter dem Strom der Pariser Moschusdüfte viel Gesundes
auf deutschem Boden permutiert war zu üblem Geruch, so war auch der
höfische Jagdbetrieb verwandelt zu einer französischen Fratze dessen,
was man seit Jahrhunderten als deutsches Weidwerk verstand. Und im
Stifte hatten sie ihren Ehrgeiz dareingesetzt, dem Gesandten des
Königs von Preußen weidlich zu imponieren und ihm den gutkatholischen
Wildsegen ausgiebig unter die evangelische Nase zu reiben. Zahlreiche
Einladungen waren ergangen. Weil nach altem Brauch an einem Großen
Jagen, das man auch als Kapiteljagd bezeichnete, alle Stiftsherren
teilzunehmen pflegten, konnte man auch den Stiftspfarrer Ludwig um die
ihm gebührende Invitation nicht verkürzen. Er nahm sie an, weil sie
ihm ein Wiedersehen mit dem jungen Offizier in Aussicht stellte, der
sich ihm mit heiteren Worten in das alte deutsche Herz hineingeplaudert
hatte. »Jetzt schau nur,« sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, »daß
du noch ein Fläschl Terpentin erwischen kannst, um aus meinem grünen
Jagdfrack die verjährten Weintrenzer herauszuputzen!«

Am Vorabend des Großen Jagens konnte der Wildmeister seinem
allergnädigsten Fürsten melden, daß für das weidmännische _spectaculum_
alles in bester Bereitschaft wäre, und daß auch der Himmel einen
selten schönen Frühlingsmorgen verspräche. Auf die vierte Frühstunde
war das _Rendezvous_ in den Stiftshöfen angesagt. Schon um Mitternacht
begannen die Pfannenfeuer aufzulodern und überglänzten die Stiftsmauern
mit grellem Zitterschein. Um zwei Uhr rückte alles aus, was zur
fürstpröpstlichen Jägerei gehörte. Punkt halb vier erschien Graf
Saur, der als Oberstjägermeister fungierte. Dann trafen von zwei
zu zwei Minuten, je nach ihrem höfischen Rang, die Jagdgäste ein,
zuerst die Stiftsbeamten, drauf die Offiziere der salzburgischen
Soldateska, nach ihnen die Domizellaren, von denen die Barone Stutzing
und Kulmer zur Einholung der Allergnädigsten ausgeschickt wurden,
dann die Kapitularen und der Kanzler von Grusdorf. Alle Herren zu
Pferde. Es war ein Gewieher, ein Rosseschnauben und Hufgeträppel,
daß die Stiftsmauern davon widerhallten. Fünf Minuten vor vier
erschienen die zwei preußischen Herren mit den beiden Jägern, die
man ihnen attachiert hatte -- Geheimrat von Danckelmann mit dem
Leupolt Raurisser, Oberst von Berg mit dem Hiesel Schneck, der seinem
Jagdherrn aus diplomatischer Courtoisie und mit einigem Schmunzeln als
»Auchevangelischer« bezeichnet wurde. Zwei Minuten vor vier intonierten
die Hörner den Dianengruß. Aurore de Neuenstein, in einem grünen, durch
goldene Nesteln schürzbaren Reitkleide mit flimmernden Stickereien,
kam auf einem zierlichen Pferdchen allerniedlichst in Begleitung ihrer
beiden Kavaliere angaloppiert. Die Dianenweise schwenkte hinüber
in den schmetternden Herrengruß, und aus dem Stiftsportal, dessen
Flügel sich wie durch Zauber öffneten, trat, von Windlichtträgern und
Läufern flankiert, der Landesfürst hervor, in grüner, goldstrotzender
Prunkjagdgala. Er küßte das Händchen seiner hübschen, etwas reichlich
schönbepflasterten Freundin, begrüßte liebenswürdig den Gesandten,
merklich gedämpfter den jungen Oberst, stieg zu Pferd und gab das
Zeichen zum Ausritt. Die Hörner bliesen den »Aufbruch zur Jagd«. Hinter
den hopsenden Läufern und zwischen den gaukelnden Wachsfackeln setzte
sich die lange Kavalkade in klappernde Bewegung. Als man außerhalb der
letzten Häuser auf der Ramsauer Straße war, wurden die Wachsfackeln
ausgelöscht, um den romantischen Reiz des Rittes zu erhöhen und in den
vollen Genuß des strahlenden Sternzaubers zu gelangen.

Der junge Oberst, der, solange die Fackeln noch gebrannt hatten, mit
beißendem Spott diesen »kleinhöfischen Seifenblasenschwindel« so
unbarmherzig persiflierte, daß Danckelmann in verlegene Unruh geriet,
wurde plötzlich ein stumm Entzückter, als die Lichter erloschen und
diese von den Geheimnissen der Ewigkeit durchblitzte Nacht ihn umgab.
Der reine Himmel wie ein stahlblauer Schild, gegen Osten hin schon
milchig aufgehellt. Die Berge in das tiefe Blau und in die falbe
Helle schwarz hineingezeichnet, mit weißen Schneemützen in der Höhe.
Stern an Stern in zitterndem Gefunkel. Die Milchstraße wie ein mit
Goldsand überstreutes Band. Gleich einem ewigen Feuerzeichen stand
das Sternbild des Orion über dem Toten Mann, und wie eine große
Fackel, strahlenschießend, brannte in einer Bergscharte des hohen
Göhl die Venus. Neben der Straße brauste die weißquirlende Ramsauer
Ache so laut, daß alles Hufgetäppel unhörbar wurde. Wie eine herrlich
summende Glockenstimme schwamm das ruhelose Wasserrauschen durch die
sternfunkelnde Schönheit der erlöschenden Nacht.

»Danckelmann!« Es klang wie die Stimme eines Fiebernden. »Das ist
eine von den Wunderstunden, die mich Heiden zum Christen machen. Man
fühlt den Atem Gottes, fühlt die Größe seines Werkes, fühlt seinen
ewigen Willen zum Schönen.« In dieses enthusiastische Seelenjauchzen
zwitscherte ein heiteres Auflachen der Allergnädigsten hinein. Der
Oberst, vom Französischen ins Deutsche fallend, stieß mit galligem
Ärger vor sich hin: »Na ja, un denn freecht man sich, wer ihm det
Schöne mit so 'nem Geschmeiß bedreckte.«

Dieses Gespräch wurde durch ein Wort des Fürsten unterbrochen, der
den Geheimrat an seine Seite rief. Nun ritten die Drei hinter den
hopsenden Läufern an der Spitze des Zuges, zur Rechten Herr Anton
Cajetan, zur Linken der Gesandte, in der Mitte das ruhelos piepsende
Evasvögelchen. Die Laune der Allergnädigsten _en titre_ hatte bei
aller Munterkeit etwas Gereiztes und erinnerte an den Geschmack
einer versalzenen Suppe, den ein geschickter Koch durch exotische
Gewürze prickelnd zu meliorieren verstand. Der hüllende Nachtschleier
verleitete sie zu gewagten _jeux de mots_, die sie bei hellerem Lichte
auch in galantester Stunde vermieden hätte, und manchmal, wenn sie so
pfefferig aufkicherte, wandte sie flink das Gesicht nach der Richtung
hin, aus der das Wortgewirbel des Grafen Tige, ihres verschnupften
Verkündigungsengels, zu vernehmen war.

Der junge Oberst, immer emporspähend zu dem grauwerdenden Gezack der
Berge, ritt einsam vor den beiden Jägern her, die auf dem Rücken die
vier aus den fürstpröpstlichen Waffenschränken für die preußischen
Herren ausgesuchten Jagdflinten trugen. Leupolt, wie verwachsen mit dem
Sattel, sah immer auf die Ohren seines Pferdes. Hiesel Schneck, der
unruhig hin und her wetzte, schob immer wieder den Zeigefinger zwischen
die Lippen, um ihn zu netzen und den Zug des Windes prüfen zu können.
»Heut bleibt 's Wetter nit sauber. Kreuzteufel und Hundsnoterei! Der
Wind fackelt umeinander, als tät er noch allweil nit wissen, ob er
evangelikanisch oder gutkatholisch ist. Verstehst? Kunnt sein, wir
kriegen heut ein Donnerwetter. Und was für eins!«

»Sonn ist allweil!« sagte Leupolt leise.

Während Hiesel grübelte, um den Sinn dieser drei Worte herauszukitzeln,
die wunderlich geklungen hatten, lenkte der einsame Reiter vor ihm sein
Pferd aus der Reihe. Gleich fragte der Hiesel dienstwillig: »Herr? Was
ist denn?« Er bekam keine Antwort. Der junge Oberst ließ den Kanzler
und die Kapitularen an sich vorüberreiten, lenkte sein Pferd neben den
steifbeinigen Hoppelgaul des Pfarrers hin und sprach den langen Reiter
französisch an: »Hochwürden? Wollen Sie für mich in dieser Nacht den
Dolmetsch Ihrer schönen Heimat machen?«

»Gern, Herr Oberst!« Der Pfarrer lachte. »Ich besorge nur, daß mein
wackliges Französisch Ihre verwöhnten Ohren mißhandelt.«

»Für die mangelhafte Form wird mich der Inhalt entschädigen. Den finde
ich bei Ihnen. Und Ihr Französisch, liebe Hochwürden, ist immer noch
besser, als mein erbärmliches Deutsch.«

Sie ritten Seite an Seite, wurden beim Geplauder warm, heiter, fast
kameradschaftlich, und mit wachsendem Vergnügen beantwortete Pfarrer
Ludwig die vielen neugierigen Fragen des jungen Offiziers. Bei Anbruch
des grauen Morgens erreichte der Jagdzug die ersten Häuser der Ramsau,
und der Oberst verstummte. Er hatte die getröstete Trauer und die
neuerweckte Hoffnung, die unter diesen niederen Dächern wohnte,
vor zwei Tagen in der Sonne gesehen, und die Erinnerung machte ihn
nachdenklich. Plötzlich fragte er: »Was meinen Sie, Hochwürden, wie
werden die Exulanten sich auf dem neuen Boden eingewöhnen -- da
drunten?«

»Schwer. Aber nur um der dickeren Luft willen und aus Sehnsucht nach
dem Bild der Berge. Alles andere, die neue Art der Arbeit, Knappheit
des Lebens, Umgang mit neuen Menschen, neue Pflicht und neuer Weg, das
alles wird ihnen leicht werden. Es ist ein fügsamer und verläßlicher
Menschenschlag. Und die Zweitausend, die wandern müssen --« die
Stimme des Pfarrers wurde leis, »das sind von den Unseren nicht die
Schlechtesten.«

Ein rasches, zustimmendes Nicken. »Raten Sie mir, Hochwürden! Jeden
Ratschlag will ich mit eisernem Griffel in mein Gedächtnis graben. Wie
muß man sie nehmen? Wie muß man sie behandeln?«

»Das ist mit einem einzigen Wort zu sagen: freundlich. Dann hat man
sie. Bei ihrem gesunden Seelenmagen vertragen sie alles. Immer sind sie
ohne Neid, auch gegenüber dem Besserwissen. Nur muß der Klügere ihnen
das vormachen, daß er, was er besser wissen will, auch besser *kann*.
Lacht einer über sie, weil er vermutet, daß sie die Dümmeren wären --
oder hält sie einer für minderwertig, nur weil sie anders sind, der hat
sie verloren. Für immer.«

Dem jungen Offizier fuhr es heiß in das aufmerksame Gesicht. »Waren Sie
viel auf Reisen, da drunten?« Er deutete mit flinker Handbewegung gegen
Norden.

»Ich? Nein.« Der Pfarrer lächelte. »Regensburg war der Nordpol meines
Lebens. Über die Donau bin ich nie hinausgekommen.«

»Was veranlaßte Sie, mir zu sagen, was Sie eben sagten?«

Pfarrer Ludwig sah dem Oberst in die von der Nacht umschleierten Augen.
»Das war die Klage vieler Salzburger, die lieber wieder heimkehrten in
die Knechtschaft ihrer Seelen.«

Sinnend schwieg der junge Oberst, mit einer Furche zwischen den Brauen.
Dann sprach er rasch und erregt ein Wort, dessen Zusammenhang mit dem
Gespräch der Pfarrer nicht ganz zu begreifen schien: »Ein Glück, daß es
in jedem verschweinten Jahrhundert doch überall und immer noch Menschen
gibt, die rein, verständig und redlich sind.« Wieder das nachdenkliche
Schweigen. Dann unter heiterem Lächeln das italienische Sprichwort:
»_Chi ha tempo, ha vita._«

Das Latein des Pfarrers reichte aus, um das zu verstehen: wer lernt mit
der Zeit, wird leben.

Da legte sich die schmale Hand des anderen auf das im Steigbügel weit
ausgebuckelte Knie des langen Pfarrers. »Sagen Sie mir alles, liebe
Hochwürden, was Ihre Sorge um die Exulierenden zu sagen für notwendig
hält.« Und während der Pfarrer sprach, mit aller Herzlichkeit seines
Glaubens an den Wert der Menschen, die seiner Heimat genommen wurden,
lauschte der junge Oberst so aufmerksam, daß er keinen Blick mehr
auf die wechselnden Bilder der Landschaft warf, das Tagwerden und
den ersten Glanz der Sonne nicht bemerkte, den klingenden Morgengruß
der Hörner nicht vernahm und kein Auge hatte für den aufleuchtenden
Farbenprunk des Jagdzuges. Erst als die Kavalkade auf einer kleinen
Rodung am Seeufer ins Stocken kam, blickte er auf wie ein Erwachender.
In der Windstille zwischen den dunklen Waldmauern kräuselte nicht die
leiseste Welle den Spiegel des blaugrünen Wassers. Der See als See war
kaum zu erkennen; man sah nur, daß die Schilfbeete nach aufwärts und
nach abwärts grünten; daß die Fichtenmauer mit zierlichen Wipfeln zur
Höhe strebte und gleichgültig, nur etwas blässer, in die Tiefe wuchs;
daß die von der Sonne rosig angeglühten Felsriesen mit den gleißenden
Schneefeldern hoch hinaufkletterten ins Blau und ebenso tief
hinuntersanken ins Bodenlose; und daß ein leuchtender Himmel da droben
war, ein leuchtender Himmel da drunten. Vor diesem zaubervollen Bilde
verjüngte und erhellte sich das ernste Gesicht des fremden Offiziers.
Mit einem fast mädchenhaften Lächeln sagte er vor sich hin: »Wie schön!«

Stimmengewirbel, heiteres Lachen und ein flinkes _déjeuner à
cheval_. Weißgekleidete Köche und rotweinfarben kostümierte Küfer
mit Hirschlederschürzen sprangen im Heidekraut umher und hoben die
kunstvoll aus Holz geschnitzten Platten und die silbernen Becher zu
den Herren hinauf. Unter hilfreicher Mitwirkung der Natur hatte die
ganze Aufmachung des festlich prunkenden Bildes etwas Pompöses, etwas
wahrhaft Fürstliches. Der junge Oberst sah mit sonderbaren Augen den
Pfarrer Ludwig an: »Ist das Kloster zu Berchtesgaden so reich?«

»Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in
fünfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Münze.« Das war
vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge
Oberst heiter und spöttisch auf: »_Tout le monde à la façon du roi de
Pologne, sauf le grand économe de Berlin!_« Das helle Knabenlachen
klang hinüber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem
frühstückenden Fürsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf
drehte das morose Gesicht über die Schulter, und Danckelmann geriet
in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche
gemacht, den jungen Oberst ins Gespräch mit dem allergnädigsten Paar
_en titre_ zu ziehen; aber so höflich Herr Anton Cajetan sich gegen
Danckelmann gab, so schwerhörig war er für diese diplomatischen
Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemühung erneuerte,
fand er Widerstand auf der anderen Seite -- der junge Oberst machte
eine nur Danckelmann verständliche Handbewegung und wandte sich
wieder seinem Gespräch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten
Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizität gediehen zu sein. Es
begann auffällig zu werden, wie der Begleitoffizier des preußischen
Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffällig war
es, daß es sogar für den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. »Du!«
sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gäulen am
Ufer stand. »Dein preißischer Helfer? Verstehst? Der muß nit gar viel
Reputation haben.«

»So? Meinst du?« Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lächeln.

»Wohl! Um den kümmert sich keine Katz nit.«

Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn
auf der Hand dem Schneck vor die verdrießliche Nase und fragte: »Was
ist das?«

»So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.«

Ein Kopfschütteln. »Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der große
Eisberg da droben, von dem's bloß einen einzigen gibt.« Leupolt ließ
von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd
sank die flache Steinscheibe in die blaugrüne Himmelstiefe, schien
immer größer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen
Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas
nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Höllementsköter: »Auf'm
Stand droben wird's aufkommen, was er für einer ist. Grad neugierig
bin ich auf die preißische Pulverei.« Mißtrauisch guckte er zu dem
kleinen mageren Soldätl hinüber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach
und eben in hurtigem Französisch sagte: »Auf irgend eine Weise muß es
doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf
deutschem Boden nicht ewig währen, kann doch alles Zusammengehörige
nicht immer von neuem entzweireißen! Sie, Hochwürden, als menschlich
fühlender Priester? Halten Sie denn das für völlig ausgeschlossen, daß
sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine
friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?«

»Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als
Deutscher etwas anderes erhoffen: daß man in einer kommenden Stunde
der Not sich brüderlich Schulter an Schulter preßt. Und daß der
drohende Untergang uns allen, ob römisch oder evangelisch, das deutsche
Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den
Glauben des anderen und bleibe dir bewußt bei jedem Zornschrei und bei
jedem Lachen, daß du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles
gut. Und *das* kann ich glauben.«

In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und
dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lächeln dämmerte, blitzten
die stahlblanken, herrlichen Augen. »Da müßte man die Stunde segnen,
die uns Deutschen von aller Not die schwerste über die bockbeinigen
Köpfe hagelt.«

Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr
und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tönen zwitschernd,
trabte die Allergnädigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem
Geheimrat auf einen weißbesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetüpfeltes
Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des
Rittes gerötet. Manchmal reckte sie sich ärgerlich im Sattel und atmete
dazu in einer Art, als wäre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnürt
zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren
von Stutzing und Kulmer, die zu weidmännischer Nachhilfe für Aurore de
Neuenstein und ihre zierliche Feuerbüchse auf den Fürstenstand befohlen
waren. Unter einem köstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's
eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weißen Felsklötzen
durchwürfelten Frühlingswald. Danckelmann fand gerechten Anlaß, das
jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen
und hohen Tüchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Ausläufe des
massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben
unsichtbar. Alles Künstliche war durch Tausende von eingepflöckten
Fichtenbäumchen und durch Moosballen so dick maskiert, daß man sich
immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hörte
man irgendwo eine Jägerstimme, und manchmal klangen Pflockschläge
vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom
Frühstückplatz, die letzten Vorbereitungen für die weidmännische
Apotheose des Großen Jagens getroffen wurden: für den Seebogen und die
Wasserjagd.

In der Nähe des Fürstenstandes, neben dem ein Hornquartett den
Herrengruß ins Grüne schmetterte und hinüberschmolz in die zärtliche
Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte,
um niederzukommen, vier galante Domizellarenhände. Dragoner, die
schon gewartet hatten, führten die Pferde davon. Vier Büchsenspanner
geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Fürstenstand, der aussah wie
eine mit grünem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Fürstpropst dem
Geheimrat schon »Weidmannsheil!« gewünscht hatte, zwitscherte Aurore
de Neuenstein französisch über die Schulter: »Meine beste, liebste
Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer,
daß er ein großer Flegel ist. Adieu!«

Bis zur Fürstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert
Schritte; sie schienen der Allergnädigsten _en titre_ wachsende
Atembeschwerden zu verursachen.



Kapitel XXIX


Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt,
daß kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige
Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde
zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen
grünumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es
war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf
die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob
und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von
der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel
gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins
Pfänndl, legte die Waffen schußfertig über die Auflagstangen und
huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. »So, jetzt bin ich neugierig,
was wir ausrichten miteinander.« Dem jungen Offizier, dem das Bild
des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den Verlauf des
Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck.
So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur
über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die
Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des
preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton
Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter,
die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen
Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle
übrigen Geheimnisse des Großen Jagens mußte Hiesel unverbrüchliches
Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens
nicht erhöhen, wenn er im voraus wußte, was da kommen würde, und daß
je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen
Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein
Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse
für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische
Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder
wahrscheinlichen Tod springen mußten. Nach ähnlicher Abstufung waren
auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und »Prunkhirsche« für
den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war
gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung,
wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu
erzielen wußten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch
ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen.

Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger
und tuschelte: »Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo
der weiße Steinbrocken liegt.« Das hätte der junge Oberst auch ohne
den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen
Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf
beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbäumchen. Kam
da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis
zum Stand, mußte auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn
sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter
verschwinden, um der »Seekammer« und einem unanzweifelbaren Schicksal
entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schönen,
frühlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne
träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er mißbraucht wurde.
Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die
träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten.

Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und
es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche,
flink aufeinanderfolgende Schüsse, man hörte das jauchzende
Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische
Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es
unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur
und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel
Schneck: »Hö! Obacht! Es kommt was.«

Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. »_Mon cher monsieur
Cheneque!_ Ick habe selber Oogen.«

»*Was* hast?« fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden
Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der
Hiesel. »Ah so!« Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl
der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte,
den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder
Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit
ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ
die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte
sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen
Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein
gegenseitiges zu sein und währte so lang, daß Hiesel Schneck in
Besorgnis durch die Zähne knirschte: »Himmelherrgottblutsakerment, so
schieß doch einmal!«

»Neeee!« klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschützen.
»Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer
knabbern.« So freundlich diese Stimme sich anhörte, so mißtrauisch
machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den
tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand
in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen
Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen
Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen
Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer
herausfahren: »O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der
christlichen Not!« Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken,
guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam
-- eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer
nicht gewürdigt -- unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und
rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen Überläufern durch
die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen
Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit
Recht vermutete, daß sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor
einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht
länger im Zaum halten. »Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frißt keine Mäuslen
nit! Da wirst dich ein bißl tummeln müssen!« Er packte eine der beiden
Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der
Hand zurück: »Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!« Wortlos
schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer,
schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und
klagte: »Da fehlt's weit!«

Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen,
und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge
Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie
passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff
der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber
gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den
Hiesel völlig Unfaßbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die
eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen,
sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde
herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen,
noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten
Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsäge über den Rücken
hin. Vom aufwärtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwärts
aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke,
wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder
auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen gerades Weges gegen
den Stand herunter. »Aber jetzt,« lachte der Hiesel Schneck, »gelt
ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bißl!« Das stimmte. Der junge
Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß
erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes
Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und
als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten
über die grünverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so
leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie
getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die
Schulter und lachte: »Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!«

»Da legst dich nieder!« murrte der Hiesel trostlos und wälzte in
verstörter Seele den Gedanken umher: wie das mit ihm werden würde,
wenn *alle* Preißen so schauderhafte Jäger sind? Da lief er, wenn
er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag für Tag so
namenlos ärgern mußte, daß ihm schließlich vor Gift und Zorn die
weidmännische Galle verläßlich platzen würde. Etwas Verzweiflungsvolles
redete aus seinen Wasseraugen, als er zögernd fragte: »Herr? Sind im
luthrischen Sand da drunt die Jäger *alle* so wie Ös?«

»Wie wer?«

Im Hiesel begann es zu kochen. »Kreuzikruzi --« Der Himmelhund, der nur
ein bißchen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren.
»Verstehst denn nit? Der Ös bist du! Und wissen muß ich, ob im
Preißischen *alle* Jäger so sind wie du?«

Der junge Oberst lachte erheitert. »Neee! Da bin ick der Eenzichste. De
anderen seind alle die gleichen Schlächter un Pulverschweine als hier
zuland.«

»So so? Jetzt weiß ich, wie ich dran bin.« Hiesel Schneck tat einen
Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preißischen auch gute und
richtige Jäger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit *dem*
da einzulassen, der einer war, daß Gott erbarm'! Bei dieser schlauen
Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder
schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rührte sich wieder der
gewissenhafte Jäger in ihm. »Psssst! Obacht!« Der Klang der Hörner in
der Höhe wurde feierlich. Und droben bei dem weißen Stein erschien mit
ruhigem Schritt ein guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grünen
Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, über dem straff erhobenen
Haupt das prächtig verästelte Zwölfergeweih. Leis kicherte Hiesel:
»Gelt, Preißerl, da schaust!« Verwundert sah der junge Offizier den
langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jäger an: »Werfen denn
hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frühling?«

»Jöises!« klagte der Hiesel. »Jetzt weiß der so was nit! Wann's halt
ein Gschnittener ist! Verstehst?«

»Wat?«

»Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im Herbst kastriert. Da
wirft einer 's Geweih nimmer ab. Söllene sind an die Dreißig im Jagen.«

»Ach, det arme Luder!« Mit einer harten Furche zwischen den Brauen
griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange.
Im Feuer überschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den
Steinblöcken, und der Schütze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte
mit leiser Stimme: »_Délivré des bienfaits de la providence humaine!_«

Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, daß dieser
barmherzige Erlösungsschuß für seinen Jagdherrn alles andere, nur
keine weidmännische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergnügten
Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlärm,
der plötzlich den Wald zu erfüllen begann. Unter dem Geschmetter der
Hörner, die »Schluß des Jagens« bliesen, klangen die jauchzenden
Stimmen der Jäger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und
Dragoner durch den Wald herunter, näher und näher. Bei den Ständen
hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man
dem wundgeschossenen Wild den Fangstoß versetzte, überall scholl der
Hetz- oder Standlaut der Schweißhunde und Saupacker, manchmal auch das
Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe
Krickel durch die Gedärme gerissen hatte; bald in der Höhe, bald
in der Tiefe sang ein Jagdhorn den »Sautod«, den »Hirschtod«, den
»Gemstod«, den »Fuchstod«; und dieser ganze, noch immer wachsende
Heidenspektakel wälzte sich von den Ständen gegen den See hinunter, um
sich völlig auszutoben in der höfischen, treu nach französischem Muster
zugeschnittenen Apotheose des Großen Jagens.

Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die
er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schnack hinunterkam
ans Wasser, war das herrliche _spectaculum_ Dianä bereits in Gang.
Schützen, Jäger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen
heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schöne Spiegelbild
der Wasserfläche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde
Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswänden. Und vom Südufer des
Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsäge das sonnglänzende Dach der
fürstpröpstlichen Försterei emporspitzte, glitt das mit falschen
Blumen, Bändergirlanden, Fähnlein und Wimpelchen grellfarbig
aufgeputzte Schiff der gesegneten Göttin rauschend gegen die Seemitte.
Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als
Galion sich herausstreckte über den Schiffsschnabel, ritt -- nicht Herr
Anton Cajetan -- nur der fürstliche Wildmeister _à la place du maître
adoré_. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig
atmende, ein bißchen blaß gewordene Diana mit hellenischer Lanze und
einem funkelnden Halbmöndchen über dem gepuderten Lockenbau. Auf der
anschließenden, grüngeländerten Plattform hatten sich rings um den
Allergnädigsten Herrn die bevorzugten Jagdgäste höchster Rangordnung
und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen
Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser
weiß um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern,
von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein
Hussajubel und Brackengeläute rings um den schimmerigen See, ein
dröhnender Böllerschuß mit endlos rollendem Echo, und aus einer grünen
Triumphpforte -- wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen
hervorstürzt aus einer jäh geöffneten Schleuse -- schnellte sich eine
braune, schwarze, rötliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende
Wasser: das in der »Seekammer« angesammelte Wildgewühl, hinter dem die
Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelösten Bracken
heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknäuel gegen
den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stießen und
stachen vom goldenen Sitz der Göttin und von beiden Seiten der grünen
Plattform das hellenische Länzlein und die langen Speere auf und
nieder, daß es immer blitzte von den zuckenden Klingen. Das erstochene
Wild drehte die Bäuche nach oben, wobei das schöne blaugrüne Wasser
sich mit schmutzigem Rot zu färben begann. Und Jubelgeschrei und
Hörnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer
Ludwig, der in seinem verblichenen Jagdfrack an eine grün umwickelte
Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der
junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: »Fui Deibel!« Den
Hiesel Schneck seinen langgeschwänzten Himmelhunden überlassend, wandte
er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein.

Eine Stunde später, als schon der Streckenruf, der Fürstengruß und die
Dianenweise geblasen waren, mußten viele Jäger durch den Wald springen
und den Namen des Obersten von Berg zwischen die Bäume schreien. Er
ließ sich von Leupolt finden, dessen Stimme er erkannte, deutete mit
der Gerte, die er im Wald gebrochen hatte, über das Ramsauer Tal und
gegen den Toten Mann hinauf, lächelte schmal und sagte: »Det war
schöner!« Die Freude über dieses Wort schoß dem Leupolt Raurisser
mit heißer Blutwelle in das ernste Gesicht, das zu mannhaft war, um
den Gram der vergangenen Tage merken zu lassen. Dann rief er, zum
Zeichen für die suchenden Jäger, ein klingendes Hojoh in den Wald.
Sie kamen gesprungen, mit ihnen auch der schauderhaft abgehetzte
Hiesel Schneck. Die Freude lachte ihm aus den Augen, als er seinen
Jagdherrn wieder hatte, der freilich ein Preiß war -- aber was für
ein Schütz! »Kreuzikruziundsikerafaxhöllementshündl, hat *der* dem
Hirsch dös preißische Kügerl auffizirkelt aufs richtige Fleckl!
Verstehst?« Das wurde -- wie für den verewigten Christl Haynacher
das Wunder der Armeseelenkammer -- für das Kindergehirn des Hiesel
Schneck eine ruhelos schnurrende, unsterbliche Geschichte. Während
ihr schweigsamer Held zwischen den heiterschwatzenden Grünröcken
der Försterei am See entgegenwanderte, klang das beginnende
Tafelkonzert der fürstpröpstlichen Hofkapelle durch den Wald wie
sommerliches Grillengezirp. Auch die Mittagsschwüle des heißgewordenen
Frühlingstages hatte was Sommerliches. Wechselnde Windzüge zerrten
die Wipfel hin und her, und kleine, kugelige Weißwolken schwammen in
auseinanderstrebenden Reihen über die wildzerrissenen Schneegrate der
Mühlsturzhörner empor.

Daß die Sonne sich ein bißchen verschleierte, das war ein Glück für
die Strecke, die auf einer Wiese der Försterei in langen Linien
ausgerichtet lag, bewacht von den schweißleckenden Bracken. Den
reichsten Weidmannssegen schien die huldreiche Göttin dieses Tages
sich selbst beschert zu haben; fast ein Viertel des erlegten Wildes
war gekennzeichnet durch die kirschroten Seidenmaschen der heute
noch allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Und gerade um diese
rotgezierten, wie mit Mohnsträußen geschmückten Wildstücke sumste
die größte Fliegenmenge. Die kleinen zarten Dianenhände hatten, bis
die Lanze ins Leben ging, sehr häufig zustechen müssen. Diese vielen
allergnädigsten Wunden besaßen für das Fliegengesums einen anziehenden
Reiz. Schweißgeruch und säuerliche Düfte umwitterten das Leichenfeld
französischer Jagdfreude und wehten bei jedem Umschlag des Windes
hinüber bis zur offnen Mahlstätte, von der die Tafelmusik und der
fröhliche Becherlärm der grünen Herren hinausklang in die Waldstille.
An die Försterei war ein großer Holzsöller angebaut, ganz eingewickelt
in Fichtengrün, die Zwischenräume der das Dach tragenden Balken
durchschlungen von Girlanden aus den ersten Blumen des Frühlings. Durch
die Lücken leuchtete das Farbengepräng der Mahlgesellschaft heraus,
und überall sah man weiße Köche, gelbe Schüsselträger, blaue Läufer
und weinrotfarbene Küfer springen. Unter dem bewimpelten Torbogen,
zu dem vier breite Stufen hinaufstiegen, erschien der Geheimrat in
sorgenvoller Erregung, sah den winkenden Hiesel Schneck und rief mit
dem Lachen eines Erlösten: »Endlich? Kommt er?« Ungeduldig schritt
er dem Erwarteten entgegen und überbrachte ihm die Kunde eines
diplomatischen Sieges. Man hatte den Oberst von Berg ganz unten an
der Tafel bei dem alten Pfarrer und den jungen Domizellaren placiert.
Danckelmann hatte sich ins Mittel gelegt, und nun erwartete den
Verspäteten der Platz an der Herzseite der Allergnädigsten.

»Meinen schuldigen Dank, lieber Geheimrat, aber ich setze mich zum
Pfarrer. Der hat mehr Charme in seinen haarigen Warzen, als das Mensch
an allen rosigen Nuditäten. Die Sorte hab ich satt.« Danckelmann
war ratlos. Eine Änderung erschien ihm völlig unmöglich. »Alles ist
möglich. Man muß nur wollen!« Und der junge Oberst, höflich nach allen
Seiten komplimentierend, ging in der Mahlhalle gerades Weges zum
unteren Ende der Tafel und auf den Pfarrer zu, legte dem Grafen Tige
die Hand auf die Schulter und sagte liebenswürdig: »Verzeihen Sie,
Graf! Jedem das Seine. Ihr Platz, vermute ich, ist dort oben.« Der
Domizellar erhob sich verdutzt, errötete mit zartem Farbenspiel und
hatte noch keine Antwort gefunden, als der junge Oberst schon behaglich
auf dem eroberten Sessel saß. Nach dem leeren Platz an der Herzseite
der Allergnädigsten schien Graf Tige keine Sehnsucht zu empfinden, war
wütend und ließ für sich, um in Gefechtsnähe zu bleiben, dem jungen
Oberst gegenüber einen Sessel zwischen die Barone von Stutzing und
Kulmer schieben. Dabei hörte man von der allergnädigsten _tête_ der
Tafel ein so auffällig Dianenlachen, daß die Annahme, der Geheimrat
hätte eine witzige Ausrede gefunden, nicht unberechtigt war.

»Hochwürden!« sagte der junge Oberst unter dem Gezirp der Tafelmusik
zum Pfarrer. »Im Walde hab ich nachgedacht über alles, was wir sprachen
auf dem Wege durch die Ramsau. Sie haben recht mit Ihrer Forderung nach
verständnisvoller Freundlichkeit. Aber Schuld ist auf beiden Seiten.
Mir ist da -- Dichter sind immer Propheten und Erzieher -- eine alte
deutsche Fabel eingefallen. Die muß ich Ihnen erzählen. Vielleicht auf
dem Heimweg.«

Pfarrer Ludwig kam zu keiner Antwort, weil Graf Tige in gereizter
Fehdelust über den Tisch herüber fragte: »Verzeihen Sie meine Neugier,
Herr Oberst! Ihr Name, von Berg? Das ist wohl preußischer Beamtenadel?«

»Jawohl, lieber Graf!« Ein graziöses Kompliment begleitete diese Worte.
»Die Männer meines Hauses haben von jeher ihren Stolz dareingesetzt,
die treuesten Diener des Staates zu sein.«

»Gedenken auch Sie diesen Stolz in sich zu erziehen?«

Mit einem fast komisch wirkenden Ernst antwortete der junge Offizier:
»Seit einiger Zeit beginne ich das zu lernen.«

»Bei Ihrer Jugend kann diese Übung noch nicht lange gedauert haben.«
Graf Tige lachte. »In Preußen scheint Mangel an gereiften Männern zu
herrschen, weil man die Zwanzigjährigen zu Obristen macht. In welcher
Bataille haben Sie sich diesen Lohn erworben?«

Ein hartes Lächeln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. »In
einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging.«

Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. »War denn Preußen zu Ihren
Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preußische
Sandbüchse liegt so entfernt von uns, daß man es nicht immer gewahren
kann, wenn sich der Sand da unten ein bißchen bewegt.«

Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. »Denken Sie nicht übel von uns,
Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute.«

Das schien der junge Offizier nicht zu hören. Sein Gesicht war bleich.
Nur auf den Backenknochen, die man plötzlich schärfer sah als zuvor,
glühten zwei kleine rote Flecken. Seine Augen, die unbeweglich auf den
Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die
Blässe, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schläfenadern,
und unter der schönen Stirne brannte der Feuerblick einer stolzen und
furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lächelnd zu und sprach
dann mit heiterklingender Stimme über den Tisch hinüber: »Der Sand
da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spüren wird in der
ganzen Welt. Ich glaube, der König dieser kleinen Sandbüchse wird unter
den Großen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Möglich, daß
ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden.
Aber manchmal wünsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder
für einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preußen
geworden ist. Ich hoffe: viel!« Nun fand er ein Lächeln, auch für den
Grafen Tige. »Setzen Sie gütigst diesen Glauben auf Rechnung meiner
verzeihlichen Liebe zu dem Lande, das mich gebar. Im übrigen weiß ich
sehr wohl, daß ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen
Höflichkeit gegen den liebenswürdigsten meiner Wirte zu befleißigen
habe.«

Das Gespräch wurde durch eine lärmvolle Sensation unterbrochen. Sie
war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: auf
großen, braunglänzenden Prunkschüsseln aus sächsischem Porzellan wurden
nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man
zu Berchtesgaden bislange noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung,
daß viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden für diese Überraschung
die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk über die Tafel
hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Bürstenbinder schlucken,
und völlerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lärmvoller,
das französische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwürfelt
mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in
glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge
Oberst und Pfarrer Ludwig sich im Gespräch zusammen. Nach ihren Augen
und Gesichtern zu schließen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer
lauschte Graf Tige hinüber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr
wettzumachen und ein Häkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspießen
war. Als er das Wort Exulanten hörte, fragte er lachend: »Werden denn
auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in
dem kleinen Berlin?«

»Nicht gut. Aber man wird brüderlich zusammenrücken.« Der junge Oberst
wandte sich wieder an den Pfarrer: »Ich bin Ihrer Meinung, liebste
Hochwürden! Ein Volk, das fähig ist eines starken und tiefen Glaubens,
ist immer ein Volk, das aufwärts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem
Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute
haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine
Verheißung. Drum ist es Fürstentorheit, an den Religionen wie an einem
kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung
nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann
gibt sich alles von selbst. Daß die Hölle mit ihren gewichtlosen
Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben
können, wenn gelehrte Männer wie Newton beweisen lernten, daß die Erde
in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberfläche. Alle
Jerichotrompeten überleben sich.«

Graf Tige schmunzelte. »Sie? Als bibelfester Protestant? Sie
bezweifeln, daß die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das.«

Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. »Da
glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler
haben doch bewiesen, daß die Sonne *immer* stillsteht. Da dürfte sie
vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben.«

Heiteres Gelächter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige
unternahm geärgert einen neuen Ausfall. »Das Gewicht des Erdkernes
wäre noch immer kein Beweis gegen die Hölle. Verfluchte, mit Sünden
belastete Seelen müssen doch schwerer sein, als die verklärten Geister
in der Höhe. Oder schätzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele
leichter ein?«

»Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gänsekiel aufwiegen.«

»Oh? Was für Seelen können Sie meinen?«

»Die Seelen aller verdammten Fürsten, die auf Erden miserabel regierten
und ihre Völker ins Unglück brachten. Gewissenlose Herrscher sind von
allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sie haben
nur die eine Entschuldigung, daß sie ihren Beruf nicht von anderen
lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn
erziehen mußten in sich selbst. Der Fürstenpädagog _à la mode_, dieser
Macchiavel, dieser dümmste und schädlichste von allen Schulbonzen der
Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuster
Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner eichelfressenden Herde.
Auch das Salböl macht die Könige nicht. Sie machen sich selbst zu
Fürsten oder bleiben Schelme, bleiben die übelsten Ursächer des
Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Fürsten der Welt, müssen das die
deutschen Fürsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Völkern
führt aller Aufruhr, den fürstliche Mißwirtschaft erzeugte, über die
Verelendung der Nation wieder zurück zum Despotismus. Bei den Deutschen
wäre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische
Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Für
uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Königtum so
unentbehrlich, wie der Atem für die menschliche Lunge. Wehe jedem
deutschen Fürsten und Bürger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und
nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlägt.«

Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den
jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer
Hauptmann flüsterte seinem Nachbar zu: »Dieser junge Mensch ist vorlaut
und unerquicklich, aber -- er fesselt mich wider Willen.« Und der
andere sagte: »Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur
ein Suppenlöffel voll Mannsbild. Aber seine Augen funkeln, als möchte
er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reißen.«

Bevor Graf Tige sich von seiner Verblüffung erholen und einen neuen
Lanzenstoß seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig
die Hand des jungen Offiziers: »Herr Oberst, ich möchte wünschen, Sie
wären ein deutscher Fürstensohn.« Dieses Wort verwandelte sich für den
Grafen Tige zu einem Futterkörnchen seines Witzes: »Äußere Anflüge sind
vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, daß Sie einige
Ähnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berühmt gewordenen
Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?«

»Wahrhaftig?« In dem strengen, von versunkenen Schmerzen erzählenden
Jünglingsgesicht erschien ein seltsames Lächeln. »Sie sind der erste,
der mir eine so überraschende Mitteilung macht.«

Dieser unerschütterlichen Ruhe gegenüber wurde Graf Tige ungezogen in
Blick und Ton. »Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preußen unter
Mißachtung des königlichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche
nach hohem Muster trägt. Wenn Fürsten oder Fürstensöhne um guter oder
übler Eigenschaften willen berühmt oder berüchtigt werden, findet sich
mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette.«

Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das
unveränderliche Lächeln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner
Stimme: »Da haben Sie eine überaus treffende Bemerkung gemacht, mein
lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbärmlichste Kunst
aller Menschen. Wenn sie ihre Blähungen blasen hören, glauben sie den
Donner zu kopieren und wähnen Jupiter zu sein. In solchen Künsten
sündigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht
völlig zu Affen werden, so muß ein Erlöser kommen, der uns wieder zu
selbstbewußten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit
dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Sünde der Eitelkeit!
Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Töpfer zu sein. Eines
ehrlichen Töpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Töpfe zu drehen.
Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind,
mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger
Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und
verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ändern, daß fernerhin
an mir keine Spur von Perückenähnlichkeit mit einem Menschen zu finden
sein wird, den ich um seiner üblen Vergangenheit willen heute noch
häßlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen mußte.«

Während Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurückbeugte und
den jungen Oberst mit großen, forschenden Augen betrachtete, warf der
salzburgische Hauptmann mißbilligend ein: »So sollte ein Offizier nicht
sprechen von seinem zukünftigen König. Der Gott aller soldatischen
Religion heißt Loyalität und muß nach obenhin so blind sein, wie die
Justitia.«

»Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preußischen Offiziers
muß eine andere sein. Sie muß hellsehende Augen haben nach oben und
nach unten. Ihr einziges Dogma muß lauten: die Arbeit zu tun, die von
einem klugen Führer befohlen ist, seine Pflicht höher einzuschätzen,
als sein Glück, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den
Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und
nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preuße zu sein und ein
deutsches Herz zu haben.«

Der salzburgische Hauptmann schüttelte den Kopf und lachte: »Herr
Oberst, Sie predigen die soldatische Sklaverei.«

»Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der
immer tun kann, was ihm persönlich zusagt. Der ist der freieste, der
die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterländischen
Pflicht am willigsten genügt und kein Stäubchen von Vorwurf oder Reue
auf seiner Seele fühlt. Und das freieste von allen Völkern ist jenes,
das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde
kommen. Man haut sie auf die Köpfe.«

»Oh, wie gewalttätig!« warf der sanftblickende Domizellar von Stutzing
ein. »Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden
als Frieden bezeichnet?«

»Nein! Friede ist das schönste von den Dingen der Welt. Nur nicht
möglich unter allen Umständen. Die Friedfertigen um jeden Preis
zerstören wohl keine fremden Häuser, aber sie bauen auch das eigene
nicht auf.« In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden
seine Gesichtsmuskeln von nervösen Reizungen befallen, die aussahen wie
Grimassen. »Es gibt gewiß viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat
sein müssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind -- und
sie werden *immer* so bleiben -- so lange ist jenes Volk auf Erden am
sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht.
Eine solche Armee ist nicht nur höchste Geborgenheit des Staates, nicht
nur eine militärische, auch eine moralische Macht, eine Schule der
Selbsterziehung des Volkes.«

»Und Sie meinen,« spottete Graf Tige, »eine Armee von solch fabulöser
Beschaffenheit wäre die preußische?«

»Ja.«

»Was hat sie denn schon geleistet? Für uns in der Ferne erscheint sie
nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck.«

»Dieser Klotz wird sich bewegen.«

»Wann?«

»Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf,
als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne
Kinder bleiben.« Die brennende Verlegenheitsröte übersehend, die dem
Neuensteinischen Verkündigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der
junge Oberst mit jagenden Worten weiter: »Aber Brüder oder Schwestern
haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren an
den deutschen Früchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes.
Deutscher Boden droht die Schüssel für alle fressenden Hunde der
Nachbarschaft zu werden. Die vergönnen uns die eigene Mahlzeit nur,
wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lüsternen die
Zähne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in
ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und
Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafür gesorgt
sein, daß uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelänge ihr nur, wenn
man ihresgleichen wäre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns
wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der
das kleine Preußen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen für Preußen
ist, wird zum Heil werden für alle Deutschen. Der Aufstieg und die
politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den
strohdreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl
gewordene römische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das
junge, erstarkende Preußen der Zukunft.«

Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast höhnisches
Gelächter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: »Wie
kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken würde, müßte man
nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren,
der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren
wird.«

Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: »Wie reizend, Hochwürden!
Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Märchenlaune!«

Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hände um den
Champagnerbecher geklammert, über die Tafel hinüber. In dem
vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, während er mit
leiser und dennoch scharfklingender Stimme sprach: »Die Kindermärchen
der Völker sind ihre schönsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie.
Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfüllung zu
erzwingen.«

»Herr Oberst!« Die Stimme des hübschen Domizellaren erinnerte ein
bißchen an das parisische Gezwitscher der Allergnädigsten. »Das stimmt
nicht für Märchen. Die erfüllen sich nie. Noch weniger stimmt es für
politische Phantastereien. Ihr heimatliche Selbstbewußtsein in allen
Ehren! Ich mache Ihnen hierüber sogar mein Kompliment. Es frägt sich
nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Fürsten auch gewillt wären,
sich von Preußen an den Roßschwanz nehmen zu lassen?«

Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung plötzlich
erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lächeln. So wandte er sich
dem Pfarrer zu und sagte: »Man muß die Deutschen selig machen *gegen*
ihren Willen. Oder sie werden es nicht.«



Kapitel XXX


An der fürstpröpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine
kulinarische Überraschung: man servierte neben dem Champagner zum
erstenmale heißen, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war,
daß er den Appetit zu reizen vermöchte, den Durst erneuere und gegen
den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wäre. Auch noch aus einem
anderen Grunde war die dampfende Köstlichkeit, die überaus angenehm
duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in
sich hatte und der natürlichen Blutwärme entbehrte, fröstelte schon
ein bißchen. Bei sinkendem Nachmittag verkühlten die Frühlingslüfte.
Das böse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt
hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer häufiger
erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windstößen geschaukelten
Girlandenbogen.

Graukühler Schatten überschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf
Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen ließ und die
witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant
durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die
gefeierte Göttin selbst schien jedem munteren Lächeln entrückt zu sein
und sollte -- _entre la coupe et les lèvres_ -- den jauchzenden Zuruf
»_Vive la reine divine de la chasse!_« nicht mehr erwarten können.
Sei es, daß Aurore de Neuenstein sich durch die jähe Dämpfung der
Frühlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fühlte, oder
sei es, daß die Ermüdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu
reichlich genossene Champagner oder andere Umstände mit im Spiele
waren -- sie wurde während des geistreichen Reimgeklingels plötzlich
zwischen den schwarzen Schönheitspflästerchen so blaß, daß ihr
schmales Unschuldsgesicht beinah einer preußischen Miniaturstandarte
zu vergleichen war. Gewaltsam die _contenance_ bewahrend, schloß sie
die Augen und überlegte flink alle hilfreichen Möglichkeiten einer
Ohnmacht. Es war für diesen klugen Gedanken bereits zu spät. Inmitten
einer Lachsalve, die ein entzückender Dianenscherz des Grafen Saur
entfesselte, mußte sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger
Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang
nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle französisch
geschulte Geistesgegenwart, kam die unpaß gewordene Göttin nur bis zur
Söllerbrüstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch über
den grüngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang
war bei zeitgenössischen Trinkgelagen keine ungewöhnliche Erscheinung.
Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine
unbehagliche Verblüffung rieselte über die ganze Tafelrunde hin, von
Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige.

Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfärbte, als wäre er
von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der
Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: »Ach,
Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt
auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen!« Niemand lachte, alle
Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das
Bedrückende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die für einen
Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines
großen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit
gelang: »Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Göttin der guten
Hoffnung.«

Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren
und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen
wußten. Keiner von ihnen wollte das klärende Wort des jungen Offiziers
verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin
hatte die Macht der Wahrheit für einigen menschlichen Farbenwechsel
gesorgt, der sich konträr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich
geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es hätte, dank aller höfischen
Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden können, wenn
nicht Aurore de Neuenstein selbst, unterstützt durch das Bewußtsein
einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben hätte. Im
Zustande merklicher Erholung betätigte sie mit flinker Grazie ihr
Brabanter Spitzentüchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff
nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein
verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen,
stellte den Becher mit hörbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in
ihrem zierlichen Französisch: »Weshalb so erstaunt, meine Herren?
So etwas Ähnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals
ereignet. Ich bin nicht die erste.«

Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton
Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fühlen vermochte, jäh und
gründlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit
Würde: »Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen
vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.«

Während Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschütterung
machte, wurde Aurore de Neuenstein überaus heiter. »Vierundzwanzig
Stunden? Ach, wie gnädig!« Das waren die letzten französischen
Laute, die man am fürstpröpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz
aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein
der schwäbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschürzte
Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan
einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen
Dillinger Idiom: »So groß, wie Dei' Ländl isch, bring i dees Hüpfle
über de Grenzbaum fertig in em halbe Stündle.« Lustig lachend,
sichtlich erfreut über den sieghaften Abgang, den sie gefunden,
schwebte die vermenschlichte Göttin des Großen Jagens der bewimpelten
Söllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hübschen Händchen
nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen
Tige einer besonderen _célébration des adieux_ zu würdigen, und
nickte noch freundlich und versöhnt dem jungen Oberst zu, der nun
sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert
applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsböcke
getan hatte.

Das drohende Unwetter begünstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der
Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend
ließ die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem
Kammerlakai und Büchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich
alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter beträchtlichem
_accroissement_ der Stiftsschulden klug zurückgelegt hatte.

Dem vorsichtigen Wildmeister, der für die prompte Bereitschaft der
Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlösungswerk an der
schwülgewordenen Stimmung in der Söllerhalle zu verdanken. Er brachte
Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. »Wollen
die gnädigsten Herren nit naß werden bis aufs Häutl, so wird's wohl
nötig sein, daß man reitet auf der Stell.«

Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes
Abschiednehmen unter fröhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan,
der nicht gerne naß wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber
trockenen Schmollwinkel in der Försterei bereiten zu lassen, auch auf
die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von
den üblen Verwesungsdüften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied
zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie
man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den
unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militärverbrecher in
diplomatisch zulässigem Ausmaß ignorierend, bedachten Seine Liebden
den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswürdigkeiten und
entbanden ihn gnädigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei
der Rückkehr nach Berchtesgaden würde Seine Exzellenz das fürstliche
Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterließ es,
beizufügen, daß dieses historische Dokument als letzte Amtstätigkeit
des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei.

Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu
lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens:
»Euer Liebden! Ich bin trostlos --«

Eisig unterbrach ihn der Fürst: »Da suche er seinen Trost, wo er ihn
zu finden hofft.« Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der
Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zögernd die Erkenntnis,
daß er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des
Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfüßl geworden
war.

Der schöne Schmetterklang des Fürstengrußes, an den sich keine
Dianenweise mehr anzärtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter
bleigrauem Himmel zur Försterei, und als er in der niederen Tür
verschwunden war, löste sich bei dämmerndem Abend aller Pomp des Großen
Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gäule, deren Reiter die schützenden
Dächer von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen
hofften.

Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und
Domizellaren blieben fünf Reiter zurück, weil der junge Oberst den
Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte
und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwärts kam, nicht
der Einsamkeit überlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten
die Fünf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von
Ilsank einen schützenden Unterstand. Die große Werkstätte gab Raum
für die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glühten,
schürte Leupolt ein Feuer an. Und während draußen in der sinkenden
Nacht der wilde Frühlingsregen der Berge trommelte und in der großen
Schmiedhöhle das Feuergeflacker alle rußigen Dinge vergoldete, ließ
sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter
Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und
mollig mit Leinwand überbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos
gelehnt, der junge Oberst saß auf einem umgestürzten Schubkarren,
das rechte Bein übers linke Knie gelegt, die Hände um den braunen
Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei.
Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische
Wechselbild zwischen Glut und Schwärze, die Nachwirkung der feurigen
Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schönen Natur-
und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutströme
des Großen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lächerlichen
Abklatsch des französischen Hofschwindels und an die Komödie der
gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Göttin Diana -- das
alles wirbelte im Gespräche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn
und Hohn, mit Witz und sprühendem Übermut durcheinander und gab
ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem
Schwatzen so oft und so fröhlich, daß Hiesel Schneck, der immer
mitlachen mußte, ohne zu wissen warum, ein bißchen wütend wurde und
nach einem mäßig geschwänzten Himmelhündchen zum schweigsamen Leupolt
Raurisser sagte: »Was die für kreuzlustige Sachen reden müssen! Und
unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher.
Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Höllementsnot, hol' doch der
Teufel die ganze Französianerei! Wann einer, der schießen kann wie das
preißische Soldätl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert
und augenblitzt! Da muß er doch reden, als wie er schießt! Und so was
möcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?«

Raurisser schien nicht zu hören. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen
Mauer lehnend, alles Harten und Schönen des eigenen Lebens vergessend,
in der Faust die zusammengebundenen Zügel der drei Herrengäule, sah
Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinüber, lauschte mit großen
glänzenden Augen, lauschte mit einem gläubigen Lächeln seiner Freude
auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme,
verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel
mehr, als der Hiesel verstanden hätte, wenn er der beste Franzose
gewesen wäre.

Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit
vorgebeugten Gesichtern, hörten gefesselt zu, lachten immer wieder
erheitert auf, vergaßen des Lachens und wurden ernst. In dem
Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche,
schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell
angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast ärmlichen
Soldatenkleid mit den Funkelknöpfen, auf dem gestürzten, radlosen
Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das
Essenfeuer beunruhigten Gäulen und neben der Finsternis da draußen, in
der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein
von Brandstätten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das
Donnerrollen des Frühlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven,
bald wie dröhnende Kanonenschläge -- sah er aus wie ein junger
Heerführer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem
lodernden Wachtfeuer ruht, sich müde fühlt und doch von lebensprühender
Erregung durchfiebert ist, alle wühlende Sorge in sich mit Heiterkeit
zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und gläubig in
die dunkle Ferne späht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden
Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur
nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heißwangige Antlitz mit dem
lächelnden Spöttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht
eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaßten Poeten, der sich
immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schüttelte, mit sich und
den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und
bald wie ein träumender Knabe, allen Esprit der französischen Sprache
erschöpfte und mit diesem fremdländischen Wortgefunkel ein altes,
sinnvolles Märchen der Deutschen erzählte: die Fabel von dem weisen und
liebenswürdigen Jüngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden
machte.

Dieser Jüngling war so kraftvoll und klug, daß sein Verstand gegen
jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schön
und gütig, daß sein warmer Blick und sein herzliches Lächeln jeden
Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen
ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten:
»Sein Verstand erzwingt es.« Die anderen: »Nein, sein gewinnendes
Herz!« Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Körper des
Jünglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als
der Jüngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte
Widersacher zu hadern an und vergaßen, daß sie brüderliche Teile des
gleichen Körpers waren. »Du da droben unter der Stirne,« sagte das
gekränkte Herz, »sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn
entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlägen.
Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem fröhlichen Blut, mit dem
ich ihn erfülle, dem gewinnenden Glanz, den ich entzünde in seinem
Blick!« Höhnisch lachte das beleidigte Gehirn: »Du aufgedunsener
Fleischklumpen! Bist du vom Größenwahn befallen? Wenn er mich nicht
hätte, wäre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines
Geistes erwecken in ihm das Göttliche und machen ihn zum Sieger in
aller Gefahr.« Zornig antwortete das Herz: »Du lügst! Alle Freunde
unseres Herrn verärgerst du durch dein spottendes Besserwissen.
Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Güte wieder zu mildern,
was du versalzen hast.« Und das Gehirn erwiderte: »Du schwächlicher
Versöhnungslappen! Jeden kühnen Gedanken, den ich erwecke in unserem
Herrn, verwässerst du durch säuselndes Wohlwollen, durch nachgiebige
Biederkeit!« Mit Tränen antwortete das geschmähte Herz: »Das hab ich
satt! Ich lasse mich nicht länger unterschätzen. Gott befohlen!«
Lachend sagte das triumphierende Hirn: »Vergnügte Reise! Jetzt will ich
beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.«

Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten
Frosch, der schwerfällig hinhüpfte durch den Staub der Straße. Das
Gehirn entschlüpfte der Stirn und war wie eine weißgraue Tarantel, die
sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden
in die Welt, jedes für sich allein. Eines frühen Morgens kehrten
sie zurück, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen.
Klagend erzählte das aus vielen Wunden blutende Herz: »Ach, wie
erbärmlich ist es mir ergangen! Überall nannten sie mich die hüpfende
Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Güte haben sie gedeutet
als ein Zeichen meiner Schwäche, haben mich verlacht, verhöhnt und
mit den Füßen beiseite gestoßen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst
muß ich verbluten!« Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzählte:
»Ach, wie niederträchtig sind der Unverstand und die Bosheit der
Erde mit mir umgesprungen! Überall nannten sie mich den giftigen,
stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als
weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lügen und Drachenzähnen.
Hilf mir, du gutes Herz, ich bin müde zum sterben!«

Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie versöhnt
dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen
und das Hohngelächter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden
Jüngling für tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er
Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll
überwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die
funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den stählernen Sarg
für ewig über seinem wehrlosen Körper schließen. Da schlüpfte ihm das
geläuterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die
Stirne. Und das Herz begann zu hämmern, wie das Gehirn es ihm gebot,
und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden
Funken zu sprühen. Die strahlenden Augen des Jünglings öffneten sich,
mit frohem Lächeln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfüllte seine
Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten
sich seine Feinde, und von Stund an war der Jüngling schöner und
gütiger, war kühner und klüger, als er je gewesen. Und weil er um der
Ewigkeit seiner Kräfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt
besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den
Märchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute.

Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte,
war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale
Linie, und seine großen Augen blickten in die Essenglut, als wäre sie
das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf,
weil er die Stimme des Pfarrers hörte. Der war auf ihn zugetreten.
»Herr Oberst, ich danke Ihnen.« Er streckte dem jungen Offizier die
Hand hin, die dieser lächelnd ergriff. »Ich bin ein alter Mann. Aber
so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen
Lebens bleiben.« Tief atmend nickte der Pfarrer. »Fabel? Die Todesnot
der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehört
auch der helfende Mann dazu.«

Da sagte Leupolt Raurisser neben der glühenden Esse: »Ihr Herren!
Das Sturmwetter hat aufgehört. Die Nacht wird schön.« Er führte die
drei Herrengäule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Straße
hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein
fröhliches, fast übermütiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des
Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weißer
Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, daß er selber nicht
ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen
erfüllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelklötze wie
führende Laternen.

Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die
Sterne. Über Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch
eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdämmerte wie fernes Leuchten.

Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Höhe des Marktes
hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: »Da droben! Was
ist denn das? Allmächtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der
ganze Markt muß brennen.« Die fünf Gäule jagten. Als erster gewann der
junge Oberst die Kante des Hügels und stand mit seinem Pferde schwarz
eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den
Dächern der Stiftsgebäude und des Marktes ausging. Es war ein großes,
von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausströmendes
Elmsfeuer, gleich einem gebänderten Nordlicht um die breite Zinne
des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft
hinaufzüngelten gegen die glimmenden Säume der schwarzen Wolken. Das
war anzusehen, als trüge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone,
die, kaum daß sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu
versinken begann im schwarzen Dunkel. Während die Herren in Erregung
debattierten, lallte der abergläubische Hiesel Schneck: »Herr Jesus!
Leupi! Was kann denn das sein?« Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie
der Klang eines Betenden: »Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige
Seel. Die leuchtet so.«

Für den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame
Lichterscheinung das Gespräch der Herren und überschimmerte auch wie
Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der
grüblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine
knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette saß und sich die
Stiefel herunterziehen ließ, während ihm Danckelmann das Rekreditiv
Seiner Liebden vorlas:

»Durchlauchtigster König! Eure Königliche Majestät, besonders gnädiger
Herr! -- Was Ew. Königliche Majestät zu Faveur Unserer in dero
Königlich- und Chur-Fürstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions-
und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an
Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von
Danckelmann behöriger Orten geziemend überreichet, und gleich wie
Wir sowohl in Regard Ew. Königlichen Majestät höchst-venerierenden
Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Völker-Rechts-, auch
Civil-Gesätzen gemäß denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen,
Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen
Befehle ertheilet, sofort dieses Geschäfft durch die sorgfältige
Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner
vollkommenen, Zweiffels ohne vergnügten Endschafft gediehen, mithin
demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anständiges
Zeugnis zu ertheilen Anlaß nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten,
Ew. Majestät möge in Höchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer
Armee noch viele dermaßen hartnäckig und viktorios battaillirende
Offiziers als Höchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten
von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew.
Königliche Majestät diese _ultra viniculum instrumenti pacis_ demselben
begünstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das
Königliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfüllen zu
mögen, und damit verbleiben

Von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Probst und Herr
zu Berchtesgaden

  Ew. Königlichen Majestät
  allzeit Dienst-geflißnister
  Cajetan Antoni.«

Die beiden Hände auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst
los: »I Jott, wat for 'ne Gedärmverwicklung.« Er wurde ernst. »Wüßt
man nich, daß es deutsch is, man möcht es nich glooben.« Dem Geheimrat
zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und
huschelte sich unter das ungetüme Federbett. Nach Gewohnheit brachte
der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflöte zum Nachtgebet. »Nee,
Hänne, laß man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte
Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag.« Er drehte
sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schülers, dem
ein Stück Weisheit nicht hinein will in den Schädel, wiederholte er mit
halblauter Stimme mehrmals die schöne Wortbildung: »Dienstgeflißnister,
dienstgeflißnister, dienstgeflißnister --« Ein munteres Aufkichern. »Na
also! Et jeht _en avant_ mit's Deutsche.«



Kapitel XXXI


Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des
Mälzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rotglühendem Kopf, saß
im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in
eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngürtel. Mit
buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Namen und sein
Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gemse, die mit
enggestellten Läufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker
und schwerer wurde der schöne Schatzbehälter. Und als der Meister beim
Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und
Stimme bettelnd: »Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit.« Der Meister
wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei große Rucksäcke standen
schon fertig geschnürt auf der Fensterbank. Jetzt füllte sie mit
zitternden Händen den dritten Sack und huschte immer wieder davon,
um ein für ihren Buben brauchbares Stück zu holen, das ihr noch
einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnürt war, packte sie alles, was
die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag für die Exulanten
herbeischleppte, in den großen Wäschekorb auf der Ofenbank: geselchtes
Wildbret, geräucherte Saiblinge, Schinken und Speckwürste, ein paar
hundert hartgesottene Eier, Schmalzbüchsen und Buttertöpfe, Salzdüten,
Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und süße Wecken. Immer war es
der Mälzmeisterin noch zu wenig. »Lauf, Mädel, und bring! Da muß man
geben!« Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr an der Mauer: »Tu's! Tu's!
Tu's!« Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit
der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende
Gottesauge im Zustand des Wohlwollens gegen die Ofenbank, blickte nur
finster, wenn es hinüberschielte gegen die lautwerdende Straße. An der
schönen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die
geringste Spur einer irrsinnigen Mißhandlung zu erkennen. Da mußte
der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte
erzählte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der
Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen,
diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den für das
Menschenglück ersprießlichen Geschehnissen schien es in diesem Falle
nicht zu stimmen.

Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er
getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten
Mann. »Jetzt bin ich fertig.« Frau Agnes schien nicht zu hören; beim
Packen beugte sie nur das Gesicht ein bißchen tiefer gegen den Korb
hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß
vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei
Kappen der Lederkatze zu. »So, Bub!« Er schob sich aus der Bank heraus.
»Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bißl gescheit und
gib nit alles für die anderen aus. Für dich muß auch was bleiben.«

»Vergeltsgott! Tust du die Brüder nit verkürzen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Beredet haben wir schon alles. Machen
wir's kurz. Ich muß ins Bräuhaus hinüber.« Als er die Arme um den
Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den
eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung,
wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: »Bub, ich
wollt, ich tät mitdürfen!«

»Ja, du!« grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrückter Stimme
über die Schulter. »Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon
den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was
du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken müßtest,
statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier.« Nun drehte sie das blasse
Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, daß er's dem Vater leichter machen
sollte.

»Komm, Vater!« sagte Leupolt ruhig. »Tu dich aufrichten als festes
Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben
allweil beisammen.«

»Bub! Bub!« Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und
Kummer, war einem Schreikrampf nahe. »Alles Gute für dich! Alles Gute
auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus
dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät,
da müßt unser Herrgott -- Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott
muß ich denn hinaufschreien?« Er wollte die geballten Fäuste gegen
die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des
Sohnes. »Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute für dich -- und
alles -- Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!« Wie
ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und
brüllte: »Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen,
die rotzmiserabligen!« Er schlug die Türe hinter sich zu, daß es wie
ein Böllerschuß durch das Haus hallte.

Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und
wischte die Tränen von den Wangen. »Auf die Wörtlen därf man beim Vater
nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz
für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der
Welt einen bräveren Vater, wie du!« Mit fahrigen Händen fing sie wieder
zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den
Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: »Mutter!
So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen
müssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an
das liebe Mädel tun?«

Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: »Da muß ich
abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mußt du
es leiden.« Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte
und ihren Buben ansah, mußte sie barmherzig sagen: »Fürgestern hab
ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil.« In
der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden
Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste
Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe.
»Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mußt du auf dem
Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist
ihr Helfer und Wegweis.« Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes,
während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden
Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge
zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging
zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den
Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege
stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder
böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen
umzüngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem
zerrissenen Herzen: »Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer
schlagen, solang ich noch leb.« Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt
zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und
gläubig strahlte die Liebe in ihren Augen. »Bub! Ich kann dich nit
segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's
mein Herz versteht?«

»Eine Mutter darf alles.« Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie,
faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust
und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf.
Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rührend, besprengte
sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände
mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die
Brust. »Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen
Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muß die
gütige Dreifaltigkeit dich hüten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel
ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von
dem ich sagen hätt müssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud
deiner Mutter geblieben --« Die Stimme versagte ihr. Wie von einem
Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und preßte das
Gesicht auf seinen Scheitel. »Vergeltsgott, Bub!« Er umklammerte die
Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küßte den Schoß, der ihn geboren
hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. »Dich und mich -- gelt, Mutter -- uns
schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg.«

Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer
Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit
gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe
hinauf: »Allmächtiger! Rührst du dich nit ein bißl? Siehst du nit,
wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?«

Am verhüllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: »Bruder
Leupi?«

Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am
Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: »Wohl! Ich bin noch
daheim.«

»Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach
dir.«

»Ich komm.« Er sprang vom Boden auf, umhalste und küßte die Mutter
-- »Gelt, du Liebe, jetzt muß es sein?« -- vergaß den Rucksack, den
er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam
auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, das zwischen
schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen
und auf einen Wagen zu heben.

Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer
herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und
Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei
und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden
Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden
Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne
verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle
Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und
verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte,
war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl
der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit
und das menschliche Erbarmen.

Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von
den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus
oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten
Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber,
Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer
bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit.
Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen,
auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den
Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war,
mußten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten
im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu
erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: »Das
ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den laßt
er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen,
daß aus Berchtesgaden hinauskriechen möcht, wer nimmer laufen kann.«
Erschüttert durch diese Worte, das Gesicht von Tränen überflossen und
vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises,
hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: »Gehe
von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus
in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Beim Brunnen begannen die
Evangelischen das Lutherlied zu singen:

  »Ein feste Burg ist unser Gott --«

und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied
der Salzburger:

  »Ich bin ein armer Exulant
  Und därf daheim nit bleiben,
  Man tut mich aus dem Vaterland
  Um Gottes Wort vertreiben --«

Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten
Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden
Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen
sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das
Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöken der ängstlichen
Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der
Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handel
unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen
verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen
Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld
und Eßwaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen
kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu
geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die
stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und
die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften
geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte
auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den
preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von
Karren zu Karren: »Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was?« Sie
sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatte kein
Geld mehr und mußte immer sagen: »Schreibet nur auf! Ich zahl schon!«

Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man
in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der
Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei
Geschwister, die einander verlassen mußten, hielten einen kleinen
weißen Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt
miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. »Nimm ihn,
um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!«
Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch
verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der
exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen,
in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. »Nimm,
Mutterle, nimm, du hast das Vögerl so viel lieb, du kannst nit leben
ohne das Vögerl!« Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: »Nit!
Und tausendmal nit! Wandern muß ich nach meinem Herrgotts Willen.
Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber
sterben am Fleck, eh daß ich meinen Kinderlen die singende Freud aus
dem Leben tät reißen mögen.« Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen
knirschend, preßte sie den kleinen Käfig zum letztenmal an ihre nasse
Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden
Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel,
redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen,
unbeweglichen Weib: »Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im
letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, daß du mich
lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?«

Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis:
»Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.«

Er klagte: »Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu!« Und weil in ihm
die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende
Kreuzzeichen auf ihre Stirn.

Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. »Vergeltsgott, du Gütiger! Jetzt
kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz
über mich gemacht.«

Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten
Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert
und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die
Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seine Rippen gepreßt und sagte: »Es
ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater.
Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit
schelten. Jeder so, wie er muß. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit
selig zu werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen
vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muß die
Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben.«

Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus
den bärtigen Wangen jagte. »Meister?« stammelte die Sus erschrocken.
Er sagte zwischen den Zähnen: »Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist
mir's. Ich hab einen Weg.« Vorüber an lautem Schluchzen und stillem
Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen
sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen:
»Nick? Ist dir nit gut?«

Der Meister sah ihm in die Augen. »So geht's nit länger. Ich kann's
nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muß bekennen heut.«

»Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt.« Der Pfarrer legte den Arm um
den Hals des Freundes. »Tu, was du mußt! Jetzt red ich dir nimmer ab.«
Seine trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der
die Gasse füllte. »Aber was du tun mußt, tu als mutiger Mensch! Der Weg
zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu deinem Kind.«

Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende.
Stumm ging er davon und sah nimmer, daß ein leises Lächeln den
trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in
der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und
Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestutzten Hofgarten und suchte
den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers
begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse.

Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens,
in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den
Flur und rief über die Treppe hinauf: »Kind? Wo bist du?«

In der Werkstätte ein erwürgter Laut.

Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine
goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte
die Holzstatue der >heiligen Menschheit< und streifte den Schoß des
jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad
auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden
Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren
Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie
ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät,
und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von dürstendem
Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten
Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden
Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben,
durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand
auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln,
wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor
vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: »Lang muß man harren
auf Erlösung. Einmal kommt sie.« Er wandte das Gesicht. Sorge und
Zärtlichkeit waren in seiner Stimme. »Kind! Jetzt muß ich dir sagen,
was dir hart sein wird.«

Sie schrie: »Was ist ihm geschehen?«

»Wen meinst du? Den Leupi?« Wieder das wehe und dennoch freudige
Lächeln. »Mußt du schneller an den Leupi denken als an mich? Da
hab nit Sorg. Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen
Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer für hundert
Leidende. Er geht mit den Ärmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet,
und ich bring dir keinen Gruß. Was ich dir sagen muß, lieb Kind, geht
nit um den Leupi. Das geht um dich und mich. Ich muß dir sagen --«

Sie wehrte mit beiden Händen. Das glühende Rot, das ihre Wangen
überflossen hatte, war wieder verwandelt in wächserne Blässe. »Vater!«
Für einen Augenblick überkam's ihre Sinne wie Schwindel. »Ich hab
verstanden. Du bringst dein Herz nit über den heutigen Tag hinüber. Du
mußt -- bekennen?«

»Ja.« Er trat zu ihr hin. »Und daß ich nimmer lügen kann? Auch nit um
deinetwillen? Kind? Muß deine fromme Seel mich drum verdammen?«

Sich zusammenkrümmend, preßte sie das Gesicht in die Hände, schüttelte
den Kopf und klagte: »Bloß ein Einziger weiß, wie alles ist. Ich such
es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und
Schmerzen. Mehr weiß ich nimmer.«

Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die
Arme herunter, küßte lachend ihre Hände, die naß waren von ihren
Tränen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht
an ihre Schulter und stammelte: »Kind! Jetzt hast du deinem Vater das
Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun muß um der Wahrheit willen,
ist mir ein leichter und schöner.« Sich erhebend, umschlang er sie,
küßte ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen -- sprang mit frohem Auflachen
zur Tür hinüber und war verschwunden.

Unbeweglich saß Luisa auf der Bank und sah die Tür mit erloschenen
Augen an, als wäre alles Denken in ihr zerdrückt. Da quoll in der
schönen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen
zu ihr herein, das leis die Fensterscheiben erzittern machte. War
es das Brausen eines stürzenden Baches? Oder der ferne Lärm von
tausendstimmigem Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht?

»Vater!« Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen
ihre Hände gegen die Türe hin. »Vater! Vater! Vater!« Das Spinnrad
fortstoßend, daß es über die Dielen kollerte, sprang Luisa von der
Bank, jagte über die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus
in die Sonne. »Vater! Vater!« Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an
der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinüber, in dem roten wehenden
Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die
so rannte, so verstört und ganz von Sinnen. Überall, auf der Straße,
auf den Fußwegen, auf den Wiesen, überall sah man viele springende
Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte
kreischten, als wäre ein großes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle
Dächer und jedes atmende Leben bedrohte. Auch dröhnende Schläge, wie
beginnender Feuerlärm! Auf drei Türmen fingen alle Glocken zu läuten
an und füllten die sonnigen Lüfte mit schwebendem Hall. Sollte das
ein mahnender Abschiedsgruß der Kirche an die wandernden Seelen sein,
die sie verlor? Oder war es ein pröpstliches Freudengeläut, das die
Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkündete?

Bei der Reichenhaller Straße kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen
Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer
des Leuthauses gepreßt, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen
Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fähig. Ihr gegenüber
lugte über den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgeräumte
Unlustschlößchen der weiland Allergnädigsten mit niedergelassenen
Jalousien hervor, und zwischen der weißen Mauer und dem versteinten
Mädchen war die enge Straße vollgepfropft durch Menschen, Tiere und
Karren, durch den vorwärts drängenden Zug der Exulanten, dem vier
rotjoppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Rucksäcken
und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grünen Bubenhüten
die ersten Blumen des Frühlings, mit rotgeränderten Augen in den
erbitterten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines
Wahnsinnigen, zwei waren stumm und ließen die Köpfe hängen, der vierte
kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende
Sonne hinauf: »Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!«
Nur Leute, die ganz in der Nähe waren, verstanden diese Worte. Wie
bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des
Verurteilten erstickt, so übertönten die läutenden Kirchenglocken allen
klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend gläubige,
redliche Menschen die Heimat verlieren mußten, an der sie hingen mit
Blut und Seele.

Daß jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der
wogenden Glockenfülle, das milderte den erschreckenden Vorgang
dieses großen Jagens nicht, das sich ohne Hifthörner, ohne gelitzte
Jägergala und ohne französische Reimsprüche vollzog und dennoch
mehr des menschlichen Herzblutes verschüttete, als draußen in der
Schönheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hineingeronnen
war in den Frühlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage
versank im Glockenhall, im Rädergerassel und Viehgeplärr, verwandelte
sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten
Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein
stummes, unbegreifliche Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen
hielten verstörte Menschen einander umschlungen, drehten immer die
Gesichter nach rückwärts und deuteten mit zuckenden Armen; die im Stroh
gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich
aufzurichten; Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten,
liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub überqualmten Tieren
umher, umarmten unersättlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand
an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter
unverständlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die
droben saßen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem
letzten aller Karren, kam der vielhundertköpfige Schwarm der Rüstigen,
der Männer, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern
den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die
Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die für immer, oder
nur bis zum Tage des nächsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen
Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem
Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben für eine Strecke des
bitteren Weges.

Hinter dem Zuge schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging
gebeugt, wie bedrückt von einer schweren Bürde. Vier schwarzweiße
Bänder wehten von seinem Jägerhut, als Zeichen des Führers. An den
Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes
Aurikelsträußchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt,
die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm herschritt und das
blasse, von schmutzigen Tränenstrichen überzogene Gesicht an seiner
Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedränge von
Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen
in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen
eines niegesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem
schönen Glockendröhnen sich vorüberschob an der sekreten Mauer des
frühlingsblühenden und doch verwelkten Freudengärtleins Seiner Liebden,
straffte sich plötzlich der gebeugte Körper des jungen Jägers. Unter
den Menschen, die neben dem Zuge dichtgepreßt an der Scheunenwand des
Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen.

»Bub?« fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf.

»Nichts, Mutter! Komm!« Er legte den Arm noch fester um die Zitternde.
Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte
über den grauen Scheitel der Mutter hinüber zu dem rotleuchtenden
Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund.
Kein Laut. Nur sein Herz und seine heißen Augen hatten gesprochen: »Du
da drüben. Dich soll der Herrgott schützen und hüten! Mein Glück ist
tot, nur meine Pflicht lebendig.«

Die Glocken dröhnten. Ihr Hall umschleierte den Lärm des Zuges, jeden
klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur
dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken
nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod
erschrockene Mädchenseele gefallen.

Das Staubgewölk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die
Reichenhaller Straße hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des
Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten.
Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im
Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den
Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurück, die einen blaß
und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den
Händen vor den Augen. Immer dünner wurde die Reihe der Heimkehrenden.
Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still
und ruhig, als hätte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine
Gewalt über sie gewonnen. Nur ihre Hände taten etwas Widersinniges.
Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Dinge spielen, so zog Frau
Agnes den Saum ihrer Schürze durch die zitternden Finger, hin und her,
wie eine müde Näherin einen langen Faden zieht. Nun blieb sie stehen,
nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie geträumt? Oder hatte sie
dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und
noch immer nachklang in ihrem bedrückten Herzen, wirklich vernommen?

»Mutter?«

Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gütigen Augen wurden
streng, und während die Tränen langsam über ihre Mundwinkel kollerten,
betrachtete sie das unbewegliche Mädchen und sagte ruhig: »Mutter? So
soll jedes ärmste, gottverlassene Elendskindl sagen dürfen zu mir. Du
nit!« Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer
tiefer gebeugt, den Saum der Schürze durch ihre Finger ziehend.

Leute, die an der Scheune vorübergingen, verhielten sich und sprachen
zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hörte keinen Laut, sah
keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck
des Entsetzens, als wären alle Bilder und Dinge der Welt etwas
Fremdes, etwas Unbegreifliches und Quälendes für sie geworden. Lautlos
betend klammerte sie vor der Brust die Hände in einander, fing zu
schreiten an und fand nach einem verstörten Hin und Her den Weg zum
Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu
den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in
unverständlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem Haus entgegen,
streckte die Hände und schrie mit erwürgter Stimme immer wieder die
zwei gleichen Worte: »Vater, Sus! -- Vater, Sus!« Kein Laut im Haus.
Sie lief in die Küche. »Vater! Vater!« Sie jagte zurück, stieß die Tür
der Werkstätte vor sich auf, sah das von Sonne umglänzte Holzbild der
>heiligen Menschheit< und schrie mit der schrillen Stimme eines zu
Tod geängsteten Kindes: »Sus? Barmherzige Sus? Wo bist du?« Keuchend
hetzte sie über die Treppe hinauf, rüttelte an der unverschlossenen
Tür der Wohnstube, ohne sie öffnen zu können -- »Vater! Vater! Vater!«
-- sprang in ihre Kammer, riß das ziegelfarbene Hauskleid von sich
herunter und kleidete sich in Hast, als wäre ein hoher Feiertag
erschienen und sie müßte zur Kirche gehen. Unter heißem Schluchzen,
das sich anhörte wie ein glückseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen,
warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer
den Deckel auf und nahm das brennende, von Tränen überströmte Gesicht
zwischen die Hände, um aus ihrem verstörten Kopf herauszugrübeln: was
man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen währenden Wanderweg?

Nur nach dem Allernötigsten griff sie: nach dem wächsernen Jesuskind
und nach der goldglitzernden Madonna. Voll Inbrunst küßte sie jedes der
zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde,
verläßliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne Ämpelchen
und die künstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten
des Vaters und der Mutter, die über dem Bett gehangen, und die der
Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm
heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie
zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Straße. Der Lärm des
Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne.

»Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spät!«

Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, daß sie
es vorher zu leeren vergaß. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht,
unten tröpfelte es merklich heraus. Dafür hatte Luisa keine Augen,
weil sie besonders sorgfältig die Weihwasserflasche, die sie nach der
schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht
hatte, mit zwei Paar Strümpfen überziehen mußte. Da lag nun alles,
was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohlgeborgen in ihrem
Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wäsche,
Schuhen und täglich nötigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster
hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Außer dem Lärm der Nähe
war kein Laut mehr zu hören. Auf der Reichenhaller Straße alles still!
Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tür und
schrie, daß es hallte in der Stille des Hauses: »Vater! Vater!« Keine
Antwort kam. Sie jagte über die Treppe hinunter. Und wieder in die
Werkstätte. »Vater!« Hinaus in den Garten. »Vater! Vater!« Da kam
ihr die Besinnung: der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich
einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand
sie wie ein tröstendes Glück. Und morgen wird der Vater nachkommen,
vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich
über alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, daß man den
Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf.

Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hämmernde
Herz. Die Ruhe währte aber nicht länger, als bis Luisa droben war
in ihrer weißen Kammer. Sie selber wußte nicht, wie es kam. Es war,
als hätte an der weißen Mauer, nur sichtbar für ihre fromme Seele,
eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den
Händen verhüllend, fiel sie auf den Boden hin, geschüttelt von einem
Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreißen drohte. Und da streckte
sie schon die Hände, um alles für die weite, schöne Wanderung Gepackte
wieder herauszuzerren aus der tröpfelnden Klostertruhe. Plötzlich
waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Tränen versiegten. Ein frohes,
glückliches Leuchten war in ihren Augen. »Lang muß man harren auf
Erlösung! Einmal kommt sie.«

Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gütige, kluge,
fürsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein
geweihtes, von jungfräulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild
festgekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack überstrichen,
damit es nur ja nicht mehr herunterfallen könnte und für den frommen
Klostervogel ein verläßlicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der
bösen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben
eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflügelte Schutzengel
die Herzgegend einer drachenförmigen Schlange. Und die Fahne trug in
gotischen Lettern den wunderwirkenden Spruch:

  »Wo auch der bös Feind Uibles sinnt,
    Dein Engel wird ihn gstillen.
  Was frumb dein truies Herz beginnt,
    Ist allweil sHimmels Willen.
    Seel, laß dein Glück nit zagen,
    Gott wirz auf Händen tragen,
        Hab rechten Mut
        Und sEnd ist gut!«

Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist,
vieltausendmal hilfreicher und klüger sein, als eine Nürnberger
Gottsaugenuhr! Und wie die liebe herzensgute Frau Oberin sich freuen
würde, wenn sie wüßte: daß ihre treue Fürsorge ein junges Menschenglück
gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten
mal! Heiß beseligt, in dankbarer Freude, küßte Luisa das erlösende
Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlüssel abgezogen. Den
spanischen Hut mit dem weißen Federtuff übers braunblonde Haar, den
grünen Radmantel um die Schultern! Und während die schmalgewordenen
Mädchenwangen glühten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte
der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee
bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's über die Schwelle der
jungfräulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, über die Treppe
hinunter, und überall auf der hurtigen Glücksreise ließ der pfeifende
Wanderschlitten eine feuchte Tröpfelfährte hinter sich zurück.

»Vater! Vater! Vater!«

Flink hinein in die Werkstätte. Mit einem Rötelstift, der zum
Handwerkszeug des Meisters gehörte, schrieb Luisa auf die
weißgescheuerte Spinnbank: »Lieber Vater! Ich bins derweilen
vorausgewandert, weils den Leupi seine traurichen Augen nich därf
warten laß übernacht. Gelt du kommest bald. In Glück und Freiden
dein erlösenes Kint.« Schöner und fehlerfreier, als es auf der Bank
geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte
bei der klugen, fürsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben
gelernt.

Eine Vaterunserlänge später bekamen viele Berchtesgadener eine
atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu
Gram und Zorn bewegte, niemand erschütterte zu Tränen. Wie das junge,
bildhübsche Mädel im grünen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht
und strahlenden Glücksaugen ihren kleinen, träufelnden Koffer auf einem
großen Schubkarren in sehnsüchtiger Ungeduld über die Reichenhaller
Straße hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein
ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, daß sie
zuerst verwundert gucken, dann heiter schmunzeln und schließlich ohne
jedes Zartgefühl darüber lachen mußten. Während in einem erlösten
und beglückten Erdenkind von allen schönen Träumen des Lebens der
allerschönste zur Wahrheit wurde, kamen törichte Menschen zu der völlig
unzutreffenden Vermutung: diese verspätete und drum so eilfertige,
immer betende, weinende und lachende Emigrantin hätte einen reichlichen
Schoppen über den für ein Mädchen zulässigen Durst getrunken.

Wenn es so schwer fällt, das Natürlichste des Natürlichen klar zu
erkennen? Wie darf man sich wundern darüber, daß dem Menschengeist
zuweilen auch bei den Klarstellungen des Übernatürlichen ein
wesentlicher Irrtum widerfährt?



Kapitel XXXII


Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille
des Mittags über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten
Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saßen
rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels.

Die Elfuhrglocke hatte schon geläutet, als Meister Niklaus herüberkam
vom Leuthaus. Die Sus, mit dem großen leergewordenen Korb über den
Zöpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich
hinbrütenden Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die
Hände seines verständig gewordenen Kindes geküßt hatte, war nichts
mehr an ihm zu merken. Auf den Erlösungsjubel, den ihm das offene
Bekenntnis seines Glaubens in die Seele gegossen, war ein drückender
Stein gefallen. Seiner Einzeichnung in die Exulantenliste hatte man
kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus keine Schwierigkeiten
gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstäbchen dicht
unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklärte
die Kommission: die Jungfer Zechmeister wäre als notorische Katholikin
in zureichenden Jahren, um selbst über ihr Schicksal entscheiden
zu können. Des weiteren müsse der Meister bedenken, daß man einen
so geschickten und notablen Künstler nicht über die Landesgrenze
ziehen lassen könne, auf die Gefahr hin, daß er die berchtesgadnische
Holzschneidekunst im Auslande verbreite, zur Schädigung der Heimat
und zum Nutzen der Augsburgischen, der Nürnberger oder gar der
preußischen _industria_. Die Entscheidung der Kommission hatte einige
Ähnlichkeit mit dem vom Grafen Saur über den Mälzmeister gefällten
Urteil: »Glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine
so bekömmliche Biersorte wie bisher.« Wenn der Meister sein illustres
Kunstvermögen der Heimat treu erhalte, wolle man ihm in Glaubenssachen
keine fühlbaren Diffizilitäten bereiten; wäre aber sein Entschluß
zur Exulation ein unabänderlicher, so könne sein Auszug nur erfolgen
unter zureichender Kautionsstellung für allen Schadenersatz und nach
Ablegung eines heiligen, von zwei Bürgen unterstützten Eides: daß er im
Ausland für alle Lebenszeit auf jede Betätigung seiner Kunst verzichte.
»Ihr Herren, das heißt mein Leben erwürgen!« Ein Achselzucken war die
Antwort.

Vor seiner Haustür blieb Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte
den Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde
bleich bis in die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig
zu sagen: »Ich mein', der Meister sollt sich zu seiner schönen Arbeit
stellen. Da ist ihm noch allweil jedes harte Ding ein trägliches
worden. Ich schaff derweil, daß der Meister nit warten muß auf die
Mahlzeit.«

Er nickte. »Ja, gute Sus! Vergiß auch nit, daß der Hochwürdige und
seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, daß ich reden
kann mit dem Kind. Wir müssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir
so viel an Seelennot und Elend umlaufen sehen, daß wir nit klagen
dürfen, wenn uns ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den
eigenen Leib.« Er öffnete die Tür seiner Werkstätte. »Kind?« In dem
großen Raume blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus:
»Das Kind muß droben in seinem Stübl sein. Gelt, sag ihr, sie soll
zu mir herunterkommen, gleich!« Draußen huschte die Sus über die
Stiege hinauf. Der Meister vertauschte den Gassenrock mit dem leichten
Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell um. Eine Weile stand er
unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk: die >heilige
Menschheit<. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb mißtrauisch
forschende Sinnen schien ihm die drückende Seelenlast des Augenblicks
zu erleichtern. Er hörte nicht, daß droben die Sus ein paarmal den
Namen seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren
eisernen Schlägel und wollte unter den vielen Meißeln das Hohleisen
aussuchen, das er brauchte, um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah
er das umgeworfene Spinnrad und ging, um es aufzuheben. Von der weißen
Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift entgegen, der Glücksbrief
seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der Faust den eisernen
Schlägel, stieß er einen tonlosen Laut aus der Kehle.

Da stürzte die Sus mit entfärbtem Gesicht in die Werkstatt: »Meister
--« Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er
selbst: »Das Kind ist fort! Ist dem Glück und dem Leupi zugesprungen.«
Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den
schweren Schlägel zur Werkbank hinüber. Und während die gewichtige
Eisenmasse gegen den bankförmigen Unterbau der Statue schmetterte, riß
er das Schurzfell herunter und sprang zur Türe.

»Das Gassenröckl!« Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel und
wollte dem Meister nachspringen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn
ein Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, daß
die Statue der >heiligen Menschheit< sich zu bewegen begann, als
hätte sie jede Hoffnung auf den Himmel verloren und möchte sich mit
ausgebreiteten Armen niederneigen zur treueren Erde. Der Stoß des
Eisenschlägels hatte den Unterbau schief gedrückt; das viele Zentner
schwere Gewicht der Statue knickte das schräge Brett, und die Bildsäule
drohte vornüber zu stürzen. »Meister!« schrie die Sus mit gellendem
Laut, sprang gegen die Werkbank hin, um das Unglück zu verhüten, und
fing mit Brust und Armen das fallende Bildwerk auf. Sie war ein festes,
kraftvolles Mädel, die Sus. Dennoch brach sie unter dem Stoß, mit dem
die schwere Holzmasse gegen ihren Körper schlug, auf die Knie hinunter.
»Meister! Meister!« Immer schrie sie, immer schwächer klang ihre
Stimme. Mit dem Rest ihrer schwindenden Kräfte hielt sie die Statue
umklammert, um zu hindern, daß die Bildsäule gegen den Boden schlüge
und Schaden nähme. »Meister!« Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mädel
gegen die Dielen niedergedrückt und lag unter der pressenden Holzmasse
ausgestreckt wie ein Weib, das in Liebe den Mann empfängt. »Meister,
ach, Meister --« Das waren Laute des Schmerzes, bei erlöschenden Sinnen
noch durchzittert von der Freude, daß des Meisters Arbeit, die für den
Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten des Lebens die herrlichste
war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon so matt und müde
war dieser letzte Schrei, daß er nimmer hinausklang aus der Stille des
sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zügen ging der Atem der
Ohnmächtigen.

Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang
zuweilen ein feiner Schwalbenschrei.

Und drüben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus über die Reichenhaller
Straße hinaus. Von einer Höhe konnte er das Gelände bis Bischofswiesen
überschauen. Die Straße war leer. Nur in weiter Ferne ließ sich der
neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges
zurückgeblieben war.

»Gott mit dir, mein Kind! Glück ist mehr als alles andre.«

Der Meister wandte sich und ging vorüber am Leuthaus, gegen den
Brunnenplatz. Die Marktgasse war wie abgestorben. Nur spielende Kinder.
Nicht viele. Und das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen
und mit dem Unrat, den die abgewanderten Tiere zurückgelassen hatten.

Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer
Ludwig. »Nicki?« Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des
Pfarrers.

»Das Kind ist fort.«

»Also!« Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. »Der Ewige
arbeitet doch verläßlicher, als ein Nürnberger Spielwerk.«

»Mensch? Wahrhaftig? Daß mein Kind dem Leupi nachspringen muß? Das hast
du erwartet?«

»Drum hab ich mich doch bei dir für heut zum Essen geladen. Daß du
dein Süppl nit allein verschlucken mußt. Und komm! Wir müssen das
gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier.« Sie wandten
sich gegen das Stiftstor. »Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!« Der
Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte.
»Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon.
Statt den nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie
ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert.
Staatskunst, Nicki, Staatskunst!«

Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat sie
einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen
Zittern der Beine befallen, daß die Absätze ihrer Schuhe auf dem
Fußboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom
Bräuhaus heimkam und seine Frau so finden mußte, fragte in Sorge:
»Mutter, was hast du denn?«

»Freud -- Freud -- Freud --« Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer
frohen Tränen kein Wort heraus.

Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete
auf eine ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen
auf der Straße sagte er: »Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die
überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr mit
ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfaß der Vergangenheit! Nick,
es geht halt doch ein bißl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muß
sie nit grad eine heilige sein.« Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr
Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. »Die Schwester
ist schon voraus zu dir.« Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter den
Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich beschnittene
Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei
heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natürlicher Form.

Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten.
Im Haus eine schreiende Stimme. »Meine Schwester!« stammelte der
Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen
und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie
tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert.
Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brüllte der Schwester ins
Ohr: »Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst!« Nur mühsam gelang es
den beiden Männern, die schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen
emporzuheben. »Ach, Mädel, du gutes!« schrie der Meister, hob die
regungslose, von Blut überströmte Sus auf seine Arme und trug sie
über die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Türen
die nächste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte
um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die
geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der
Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein
leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte
noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper
geschnitten hatte.

Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer.

»Komm, Nicki!« Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters.
»Wir zwei sind überflüssig.« Sie gingen hinüber in die Wohnstube.
Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß Niklaus am
Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein
matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen die
hastigen Täppelschritte der Schwester Franziska zu hören waren. Und
plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin.

Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. »Nicki! Bleib
der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu
reden, Nicki!«

Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. »Einsam werden ist das
Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster
gesteckt -- um *Gottes* willen!« Er hob die hölzerne Hand und
betrachtete sie. »Daß ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben
hat mich nur die Hoffnung gehalten, daß ich *doch* wieder schaffen
könnt -- einmal.« Wieder streckte er die künstliche Hand vor sich
hin. »*Das* ist das Leichtere gewesen.« Er nahm den Kopf zwischen die
Fäuste, und seine Stimme wurde tonlos. »Das andere hat erst angefangen,
wie ich gemeint hab, ich wär schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr
lang hab ich nimmer gewußt, daß ich an Leib und Blut noch allweil ein
Mannsbild bin. Und gählings -- wie ein schweres Leiden, das kommt, man
weiß nit wie -- hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nächten, am
Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Händzittern, wenn mir
ein junges Geschöpf in die Näh gekommen ist. Nur Eine, die allweil
bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine
Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon
über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal, da hat sie sich im
Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen: ich sollt
ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? --
und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie zittert.
Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck sie
geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren --«

»Was für einer?« fragte der Pfarrer. »Der von der Gottsaugenuhr?«

Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich hin: »Ich bin erschrocken
über mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie
Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen
und sagt: >Was liegt an mir? Der Meister muß Ruh haben<.«

Zwei leise Worte: »Heilige Menschheit!«

Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: »Sie hat sich
um meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat
ihr junges Leben hingelegt vor meine Füß und hat gegeben, wie man ein
Kräutl gibt, das heilsam ist für Not und Trauer eines Menschen. Kann
sein, es ist ein Unrecht gewesen, daß ich genommen hab. Hungert einer,
so stiehlt er beim Bäcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur
gut gewesen, nur dankbar.« Er preßte die Zähne übereinander. »Wie mein
Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel fürgeschoben und
hab die Sus nimmer angerührt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die
gleiche geblieben. Jedes andre -- kann sein, ich selber -- hätt heut
in der Werkstatt fallen lassen, was ich in Müh geschaffen hab. Die Sus
hat helfen müssen. Wie's zugegangen ist, das weiß ich nit. Ich weiß
nur, die Sus ist so. Sie muß dran sterben. Ich leb.« Langsam hob er das
Gesicht. »Pfarrer! Tät man einen verblutenden Leib noch anbinden können
an einen Lebendigen, so müßt ich bitten: du sollst mich trauen mit der
Sus!« Er wandte die Augen zur Krippenwand. »Jetzt hab ich sie lieb.«

Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand
übers Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er draußen einen
Schritt vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom
Sessel aufzuckend, keuchte: »Ist Hilf?« Ohne die Antwort abzuwarten,
sprang er auf die Türe zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander:
»Nit! Tu bleiben!« Er führte den Zitternden wieder zum Sessel und
sprach zu ihm in seiner sanften, halblauten Art. Der Pfarrer,
schweigend, ging zur Holzverschalung der Mauer und drückte auf den
versteckten Knopf. Lautlos öffneten sich die beiden Flügeltüren der
Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete hinein in die Nische,
machte alle Farben der hundert Figürchen flimmern, umglänzte die drei
Gestalten unter dem Kreuze, gab dem Frühlingsbild der zierlichen
Landschaft einen warmen Schein -- und ohne daß die kleinen Lampen
brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten
Fenster an Kirche und Hütten, als wär's um die Morgenstunde, die einen
strahlenden Tag verspricht.

»Komm, Nicki! Oder wär's nit so in dir, daß du beten mußt?«

Nun standen die drei Männer wortlos vor der Nische, jeder mit dem
Arm um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrüderte
Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres
gemeinsamen Harrens auf einen Menschenmorgen, der kommen mußte -- nach
Jahrhunderten, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;
bald, so hoffte der dritte.

Auf den Kirchtürmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste
Mittagsstunde.

Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom großen Jagen
aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum
Himmel sangen.

Sie hatten die steigende Wegstrecke vor dem Hallturm erreicht.
Alle Gesichter der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie
entgegenschritten. Nur die Augen der Kranken, die, mit den Köpfen
gegen die Zugtiere, gebettet lagen im Wagenstroh, waren rückwärts
gerichtet nach dem Lande, das sie verließen. Und plötzlich, während die
lange Karrenzeile schwerfällig hinaufkletterte über die Steigung, hob
der hundertjährige Jakob Aschauer die dürren, gichtisch verkrümmten
Hände aus den Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit
zuckenden Fingern gegen die blaue Heimat, die schon versunken war
hinter Hügeln und Gehölzen und noch ein letztesmal heraufstieg mit
gewellten Frühlingswiesen, mit blitzenden Gewässern, mit sammetgrünen
Fichtengehängen, mit sonnbeglänzten Dächern und Mauern, mit den
erwachenden Almen und den kettengleich ins Endlose geschichteten
Silberkanten der noch von Schnee umschütteten Zinnen. Und alles
hineingewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne,
alles umgossen vom schönen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein
Klagelaut, so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mühsame Stimme des
Hundertjährigen: »Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Ländl! Das
liebe Ländl! Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!«

Das faßte einen um den andern; alle Gesichter wandten sich; hundert
Stimmen rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die
Viehtreiber ließen die Stricke der Tiere fallen, um die Fäuste vor die
Augen zu pressen; viele Kinder fingen zu weinen an und klammerten sich
an die Röcke, an die Hälse der Mütter; Männer und Buben umschlangen
sich mit den Armen, und die siebenhundertfache Trauer und Liebe floß
ineinander zu einem einzigen, machtvollen Seelenschrei, der ähnlich
war dem Brausen eines stürzenden Wildbachs. Die Arme breiteten sie
aneinander wie Gekreuzigte, sie schrien verzückte Laute in das
Hallgewoge dieses hundertfältigen Schmerzes und griffen nach der Erde,
die sie verlassen mußten für immer. Kein Fluch und keine Verwünschung
war zu hören. Nur Segensworte, nur Laute der inbrünstigen Treue. Und
Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweißen Bänder des
Führers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjährigen die Hände
gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die
trocken geblieben waren in der härtesten seiner Qualen, stürzten die
Tränen, während er mit klingender Stimme den Psalm begann:

  »Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
  Herr Gott, erhör mein Rufen --«

Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der
Straße lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf
dem Boden der Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut
einer schönen, heiligen Glocke.

Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte Leute,
ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild
mit weißem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei
Ziegen und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den
Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das
Weib in Rührung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas
unverständlich an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riß die
Augen auf und atmete schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas,
wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer härter
schnaufend, sah er sein Weibl an. »Du! Schneckin!«

»Was?«

»Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben
haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäudl, geht hin
und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei
gehören sell hin, wo der Bockmist düftelt.« Er hatte den Karren schon
gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte:
»Kreuzhöllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du
Schneehas ohne Löffel! Das ist doch kein Fürwurf.« Immer bitterlicher
weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und
legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen Stöpsel. »Schau, was Guts
hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst?« Das Weib
schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend sagte der Hiesel:
»So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit dreißig Jährlen noch
nie gewesen.« Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So
viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet.
Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte wie ein
schämiges Mädel: »Vergeltsgott, Schneck!« Der quieksende Karren mit den
Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, während auf der Straße
die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und
inbrünstiger tönte:

  »Ob bei uns ist der Sünden viel,
  Bei Gott ist viel mehr Gnaden.
  Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,
  Wie groß auch sei der Schaden.
    Er ist allein der rechte Hirt,
    Der Israel erlösen wird
    Aus seinen Sünden allen.«

Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille über den siebenhundert
gebeugten Köpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjährige Aschauer
bettelte mit erloschener Stimme: »Ich kann nit fahren, so lang ich
die Heimat seh, ach Leut, ach Leut, ach lasset mich bleiben, so lang
ein Aichtl Sonnlicht über dem Ländl hängt. Wenn's finsteret, will ich
fahren von Herzen gern.« Das Wort lief hin über die lange Reihe der
Karren, und hundert Stimmen riefen: »Wie's der Älteste haben will, so
muß man es machen.« Für jeden war's eine tröstende Freude, daß er die
Heimat noch schauen durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen
mußte, wenn die Nacht sie umschleierte.

Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hörte man heitere Worte. Alle
bedrückten, müdgewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile des
Exulantenzuges löste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh in
den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mädchen stiegen
von den Karren, um die Ziegen und Kühe zu melken, damit die Kinder ihre
Milch bekämen; und die Männer und Buben trugen Holz zusammen für die
Kochstätten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und
in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsäulen wie
blaue Bäume zum Himmel hinauf.

Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wälder
im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie
beim Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und gählings
geschah ein Ding, daß alle Leute verwundert die Köpfe streckten.
Leupolt Raurisser rannte gegen die Talstraße hinunter, so flink, daß
die schwarzweißen Bänder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er
auf der mit Karren vollgepfropften Straße nicht flink genug vorwärts
kam, sprang er im Zickzack zwischen den weidenden Kühen. Und als die
Straße frei wurde, fing er ein Rasen an, noch wilder und schöner als
zwischen den galoppierenden Dragonergäulen. Weit vor ihm, in der Tiefe
der Talstraße, kam ein winziges Fuhrwerkelchen daher: ein Schubkarren
mit einem kleinen Koffer. Zwischen der Gabel bewegte sich was Junges,
hurtig Zappelndes, mit einem weißen Federbusch auf dem spanischen Hut.
Über dem Koffer lag der grüne Mantel, schön gefaltet, weiß überpulvert
vom Straßenstaub.

Leupolt schrie den Namen seines Glückes, daß von allen Wäldern ein Echo
kam.

Sie hörte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich.

Nun stand er vor ihr, heiß atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die
wie Sterne glänzten. Er streckte die Hände und wagte sein Glück nicht
zu berühren. Nach der ersten glühenden Scham tat Luisa einen frohen
Atemzug. Eine wundersame Ruhe überkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm
hinauf. »Willst du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne dich.
Gott wird's verstehen. Der hat dich geschaffen. Da muß er auch wissen,
wie du bist.«

Er stammelte: »Jesus!« Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen. Als er
den Druck ihrer Finger fühlte, kam's wie ein lachender Taumel über ihn.

Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr
beträchtliche Weile später konnte Luisa sagen: »Evangelisch kann ich
nit werden. Daß ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust du mir
das verstatten?«

»Bleib, wie du bist, und allweil wirst du die Richtige sein.« Droben
auf der Straßenhöhe riefen viele Stimmen seinen Namen. »Die brauchen
mich. Komm, Bräutl!« Er wollte die Gabel des Schubkarrens fassen,
richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: »Dein Vater, Luisli? Kann
er denn schnaufen ohne dich? Tut er mir denn mein Glück vergönnen?«

Sie sagte gläubig: »Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen müssen und
ist eingeschrieben.«

Ein heißer, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren mußte
noch eine Weile rasten. Hat man sein Mädel um den Hals, so kann man
keine Karrengabel in den Händen haben. Und als das Rädl wieder lief,
blieb Leupolt stumm. Weil er sinnen mußte. Nun ein heiteres Auflachen.
Hundert Schritte vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren
nieder, nahm den grünen Mantel vom Koffer, schüttelte den Staub davon
und faßte die Hand seines Glückes. »Komm! Ich such dir ein feines
Plätzl.« Zwischen den Stauden fand er eines. »Schau nur, wie alles
blüht um dich herum! Da mußt du warten ein Vaterunser lang.« Er sprang
davon, und der Karren mußte sausen, obwohl es aufwärts ging.

Auf dem Rücken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte,
kam er wieder. »Schatzl? Gelt, du hast keinen Wanderschein?«

Sie schüttelte den Kopf. »Weil ich nur dich hab! Mir ist's genug.«

»Aber den Grenzmusketieren nit!« Er konnte nicht ernst werden, immer
mußte er lachen in seiner Freude. »Sie täten dich ohne Loskauf, Paß und
Polizeiverlaub nit über den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer
anders, ich muß dich hinüberschwärzen in unser Glück. Aber deine Füßlen
sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich die Freud,
so muß ich auch die Schuld haben.« Er ließ sich niederfallen auf die
Knie und flüsterte selig: »Komm! Steig auf! Und leg deinen Mantel auf
die Krax! Da hast du es linder.«

Ein scheues Zögern, ein leises Auflachen.

Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den
Stecken, die Linke nach oben gestreckt als Halt für Luisas Hände, so
schritt er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie
nur die Jäger sie kennen. Im dämmrigen Fichtenwalde verschwand er.

Eine Weile später ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die
Sterne glänzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem
Rücken.

Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tönten
drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Räder zu knattern an, und die
lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit über den Rest der Höhe
hinauf zur fürstpröpstlichen Grenze. Kleine Lichter -- wie Sterne, die
auf die Erde gefallen -- waren ausgestreut über die ganze Länge des
Zuges: die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von
den Jungbuben getragen wurden.

Das Paßgeschäft beim Hallturm währte vier Stunden lang. Die
Grenzmusketiere nahmen es genau. Es war schon über Mitternacht,
als hinter dem Scharwagen mit knarrender Feierlichkeit der
berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel. Außerhalb der Grenze ordnete
Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette sich in Bewegung setzte,
sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den alten, zerstörten
Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder am Saum der
Straße. Nicht allein.

Nun schritt er dem Zuge voraus, den Arm um Luisas Schultern
geschlungen. Sie hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Gürtel.

»Luisli? Siehst du den schönen Stern da draußen? Das ist der Nordstern.
Sell müssen wir hin. Dort ist das Land des gütigen Helfers.«

Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er
sich ein bißchen nieder, so fanden seine Lippen ihr lindes Haar. Und
hob sie das Gesicht, so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren
Augen, ohne die Tränen zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die
einzige, die nasse Wangen hatte, war sie nicht. Viele weinten in der
Finsternis; die Frauen und Mädchen, die auf den Karren saßen; und alle
Mütter, auf deren Schoß und an deren Brüsten die müden Kinder schliefen
oder die furchtsamen wachten.

Ein Rauschen in der Nacht. Man wußte nicht, wo. Bald klang es ferne,
bald wieder nah.

Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen
zu singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das
Stablied der Evangelischen, von dem man erzählte: daß es der gadnische
Bergmann Josef Schaitberger ersonnen hätte, den man vor vierzig Jahren
aus der Heimat trieb.

  »Jesu, mein Wanderstab, mit Dir kann ich sorglos ziehen
  Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen,
  Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt!
  Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt.

  Jesu, mein Wanderstab, auf Dich kann ich mich lehnen,
  Ach, sieh meine Flucht und zähl meine heißen Tränen,
  Ich weiß, Du zählst sie, Du hältst sie in Deiner Hand,
  Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland!

  Jesu, mein Wanderstab, mein Licht, das nie sich neiget,
  Hilf Deinem müden Knecht, der bittend sich beuget!
  Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und für und für,
  Der Tag hat enden müssen, es ist die Nacht vor mir.

  Jesu, mein Wanderstab, die Heimat bleibt dahinten,
  Mein Blick ist naß und sucht und kann sie nit finden.
  Herr Jesu, kühl mir die Augen mit Deiner Hand,
  Wo *Du* bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!«



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  und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.

  Die Trutze von Trutzberg. *Eine Geschichte aus anno Domini 1445.*
  Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. 46. Tausend.
  Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

  Das große Jagen. *Roman aus dem 18. Jahrhundert.* Initialen und
  Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Geh. 6 M., geb. 7,50 M.

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  Tausend. Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 3,50 M.,
  geb. 5 M.

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  5,50 M.

  Das Kaser-Mandl. *Eine Erzählung.* Neue Ausgabe mit Illustrationen
  von Carl Röhling. 12°. 11. Tausend. Kart. 1,50 M., geb. 2,20 M.

Ob es die Deutschen genügend wissen, was sie an diesem Dichter für eine
Kraftquelle haben! Ob sie es ahnen, daß seine Schriften, so harmlos
und heiter sich viele derselben auch geben, eine Vorbereitung, eine
Stählung des Volksherzens für diesen ungeheuerlichen Verteidigungskrieg
geworden sind? Die Bayernkraft offenbarte Ganghofer uns, bevor sie zu
dem herrlichen Heldenringen auf den Plan trat.

  *Peter Rosegger.*


G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin



Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller


  =*Charitas Bischoff*, Amalie Dietrich.= Ein Leben. Mit 8 Bildnissen.
  Achtundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

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  Textillustrationen. Zwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  =*Victor Blüthgen*, Gedichte.= Neue, verm. Ausgabe. Geb. 4,50 M.

  =*Walther Burk*, Der versunkene Herrgott.= Roman. Geb. 4,50 M.

  =*Gustaf Dickhuth*, Wie der Leutnant Hubertus von Barnim sich
  verloben wollte und anderes.= Novellen. Geb. 4 M.

  =*Ernst Eckstein*, Murillo=. Dritte Auflage. Geb. 3 M.

  -- --, =Hertha.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Themis.= Roman. Zwei Bände. Geb. 9,60 M.

  -- --, =Der Mönch vom Aventin.= Novelle. Vierte Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Familie Hartwig.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Kyparissos.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Roderich Löhr.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M.

  -- --, =Adotja.= Novellen. Geb. 6,50 M.

  -- --, =Die Hexe von Glaustädt.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M.

  =*A. von der Elbe*, Der Bürgermeistersturm.= Ein Roman aus dem
  fünfzehnten Jahrhundert. Zweite Auflage. Geb. 7 M.

  -- --, =In seinen Fußstapfen.= Roman aus Lüneburgs Vorzeit. Zweite
  Auflage. Geb. 5,50 M.

  =*Gustav Falke*, Die Stadt mit den goldenen Türmen.= Die Geschichte
  meines Lebens. Fünfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  =*Heinrich Federer*, Lachweiler Geschichten.= Fünf Erzählungen.
  Siebzehntes Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Berge und Menschen.= Roman. Zweiundvierzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  -- --, =Pilatus.= Eine Erzählung aus den Bergen. Neunzehntes Tausend.
  Geb. 4,50 M.

  -- --, =Jungfer Therese.= Eine Erzählung aus Lachweiler. Achtzehntes
  Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Das Mätteliseppi.= Eine Schweizer Erzählung.
  Fünfundzwanzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.

  =*Gustav Frenssen*, Die Sandgräfin.= Roman. Achtundsiebzigstes
  Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die drei Getreuen.= Roman. Hunderteinundzwanzigstes Tausend.
  Geb. 5,50 M.

  -- --, =Jörn Uhl.= Roman. Zweihundertneunundvierzigstes Tausend. Geb.
  5,50 M.

  -- --, =Hilligenlei.= Roman. Hundertneunundvierzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  -- --, =Peter Moors Fahrt nach Südwest.= Ein Feldzugsbericht.
  Hundertsechsundachtzigstes Tausend. Geb. 3,50 M.

  -- --, =Klaus Hinrich Haas.= Roman. Neunundachtzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  -- --, =Der Untergang der Anna Hollmann.= Eine Erzählung.
  Sechsundsechzigstes Tausend. Geb. 3,50 M.

  -- --, =Bismarck.= Epische Erzählung. Geb. 5 M.

  -- --, =Die Brüder.= Eine Erzählung. Fünfundachtzigstes Tausend. Geb.
  6,50 M.

  =*Ludwig Ganghofer*, Doppelte Wahrheit.= Neue Novellen. Sechstes
  Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Fliegender Sommer.= Novellen. Einundzwanzigstes Tausend. Geb.
  5 M.

  -- --, =Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe.
  Einundsechzigstes Tausend. Geb. 6,50 M.

  -- --, =Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus Anno Domini
  1445. Sechsundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Das große Jagen.= Roman aus dem 18. Jahrh. Geb. 7,50 M.

  =*Hans Ferdinand Gerhard*, In der Jodutenstraße.= Roman. Drittes
  Tausend. Geb. 4,50 M.

  =*Ola Hansson*, Der Schutzengel.= Roman. Geb. 4 M.

  =*Hermann Heiberg*, Reiche Leute von einst.= Roman. Geb. 4 M.

  =*Hans Hopfen*, Gotthard Lingens Fahrt nach dem Glück.= Roman. Geb.
  5,50 M.

  =*F. Hugin*, Durch den Nebel.= Roman. Viertes Tausend. Geb. 4,50 M.

  =*Johannes Jegerlehner*, Marignans.= Eine Erzählung. Fünftes Tausend.
  Geb. 4,50 M.

  -- --, =Petronella.= Roman aus dem Hochgebirge. Fünftes Tausend. Geb.
  4,50 M.

  -- --, =Grenzwacht der Schweizer.= Eine Erzählung. Siebentes Tausend.
  Geb. 2,50 M.

  =*Wilhelm Jordan*, Zwei Wiegen.= Ein Roman. Neue Ausgabe. Zwei Bände.
  Fünftes Tausend. Geb. 7 M.

  =*Adam Karrillon*, Michael Hely.= Roman. Neuntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die Mühle zu Husterloh.= Roman. Siebentes Taus. Geb. 5,50 M.

  -- --, =_O domina mea._= Roman. Sechstes Tausend. Geb. 5.50 M.

  -- --, =Im Lande unserer Urenkel.= Drittes Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Bauerngeselchtes.= Sechzehn Novellen aus dem Chattenlande.
  Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.

  -- --, =Adams Großvater.= Roman. Siebentes Tausend. Geb. 5,50 M.

  =*Joseph von Lauff*, Kärrekiek.= Roman. Zehntes Taus. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Pittje Pittjewitt.= Ein Roman vom Niederrhein. Zwanzigstes
  Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Frau Aleit.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die Tanzmamsell=. Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Sankt Anne.= Roman. Fünfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Revelaer.= Roman. Sechzehntes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =_Lux aeterna._= Roman. Elftes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Die Brinkschulte.= Roman. Zwölftes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Anne-Susanne.= Roman. Zweiundzwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M.

  -- --, =Sergeant Feuerstein.= Ein Roman aus großer Zeit.
  Vierundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  =*Hermann Lingg*, Schlußsteine.= Neue Gedichte. Geb. 4 M.

  =*Fritz Philippi*, Adam Notmann.= Ein Leben in der Zelle. Roman. Geb.
  4,50 M.

  =*Wilhelm Rabe*, Die Chronik der Sperlingsgasse.= Achtundneunzigste
  Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Horacker.= Zweiunddreißigstes Tausend. Geb. 4 M.

  -- --, =Unruhige Gäste.= Ein Roman aus dem Säkulum. Siebente Auflage.
  Geb. 4 M.

  -- --, =Im alten Eisen.= Eine Erzählung. Siebente Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Nach dem großen Kriege.= Eine Geschichte in zwölf Briefen.
  Fünfte Auflage. Geb. 3,50 M.

  -- --, =Die Kinder von Finkenrode.= Achte Auflage. Geb. 4 M.

  -- --, =Halb Mär, halb mehr.= Erzählungen, Skizzen, Reime. Zweite
  Auflage. Geb. 4 M.

  =*Otto Rodehorst*, Und wenn die Welt voll Teufel wär!= Eine
  Erzählung. Achtes Tausend. Geb. 2,50 M.

  =*Erich Scheurmann*, Ein Weg.= Roman. Geb. 5 M.

  -- --, =Abseits.= Sechs Erzählungen. Geb. 3 M.

  =*Gustav Schröer*, Die Flucht von der Murmanbahn.= Eine Erzählung.
  Achtes Tausend. Geb. 2,50 M.

  -- --, =Der Heiland vom Binsenhof.= Roman. Geb. 5,50 M.

  =*Ernst Schudert*, Ruhm.= Ein Novellenkranz um Friedrich den Großen.
  Fünfzehn Novellen. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M.

  -- --, =Der Sturmwind Gottes.= Zwei Erzählungen. Geb. 5 M.

  =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Der Vogel Tolidan.= Neun Erzählungen.
  Geb. 4,50 M.

  -- --, =Die Varnholzer.= Ein Buch der Heimat. Geb. 5,50 M.

  =*Heinrich Steinhausen*, Heinrich Zwiesels Ängste.= Eine Spießhagener
  Geschichte. Geb. 5,50 M.

  =*Konrad Telmann*, Bohémiens.= Roman. Geb. 6,50 M.

  =*Johannes Trojan*, Auf der anderen Seite.= Streifzüge am
  Ontario-See. Geb. 3 M.

  -- --, =Berliner Bilder.= Hundert Momentaufnahmen. Zweite Auflage.
  Geb. 4 M.

  =*Ernst von Wildenbruch*, Das schwarze Holz.= Roman. Sechzehntes
  Tauend. Geb. 5.50 M.

  -- --, =Lukrezia.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 6,50 M.

  =*Julius Wolff*, Till Eulenspiegel redivivus.= Ein Schelmenlied.
  Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 4,80 M.

  -- --, =Der Rattenfänger von Hameln.= Eine Aventiure.
  Siebenundsiebzigstes Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.

  -- --, =Der wilde Jäger.= Eine Weidmannsmär. Hundertundachtes
  Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf.

  -- --, =Tannhäuser.= Ein Minnesang. Zwei Bände. Vierundvierzigstes
  Tausend. Geb. 8 M.

  -- --, =Lurici.= Eine Romanze. Einundsiebzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Die Pappenheimer.= Ein Reiterlied. Fünfundzwanzigstes
  Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Renata.= Eine Dichtung. Dreiunddreißigstes Taus. Geb. 6 M.

  -- --, =Der fliegende Holländer.= Eine Seemannssage.
  Siebenunddreißigstes Tausend. Geb. 5 M.

  -- --, =Assalide.= Dichtung aus der Zeit der provençalischen
  Troubadours. Siebzehntes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Der Landsknecht von Cochem.= Ein Sang von der Mosel.
  Dreiundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Der fahrende Schüler.= Eine Dichtung. Vierzehntes Tausend.
  Geb. 6 M.

  -- --, =Der Sülfmeister.= Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände.
  Vierundsechzigstes Tausend. Geb. 8 M.

  -- --, =Der Raubgraf.= Eine Geschichte aus dem Harzgau.
  Dreiundsiebzigstes Tausend. Geb. 7 M.

  -- --, =Das Recht der Hagestolze.= Eine Heiratsgeschichte aus dem
  Neckartal. Vierundvierzigstes Tausend. Geb. 7 M.

  -- --, =Das schwarze Weib.= Roman aus dem Bauernkriege.
  Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 7 M.

  -- --, =Die Hohkönigsburg.= Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau.
  Vierunddreißigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Zweifel der Liebe.= Roman aus der Gegenwart.
  Einundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Das Wildfangrecht.= Eine pfälzische Geschichte. Neunzehntes
  Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Der Sachsenspiegel.= Eine Geschichte aus der
  Hohenstaufenzeit. Achtzehntes Tausend. Geb. 6 M.

  -- --, =Singuf.= Rattenfängerlieder. Siebzehntes Tausend. Geb. 4 M.
  80 Pf.

  -- -- =Aus dem Felde.= Gedichte. Vierte, vermehrte Auflage. Geb. 2 M.
  50 Pf.


  =*Heinrich Federer*, Das Mätteliseppi.= Eine Erzählung. 25. Tausend.
  Geh. 5 M., geb. 6.50 M.

Vor zwölf Jahren habe ich diese unvergeßliche Figur in einer Novelle
behandeln wollen, und damals entstanden die Kapitel in der Webstube
und im Pfarrexamen in einem mehr humoristischen Fadenschlag. Ich
legte jedoch den unbefriedigenden Entwurf in die Schublade. Aber im
Herbst 1915, im Süden und im Heimweh nach den Buchen und Äpfeln und
Herzlichkeiten meines lieben Nordens, nahm ich die Papiere wieder
vor und arbeitete sie nun zu einem ... ach freilich so dicken! ...
Romane aus ... In die Schicksale des Ländleins und besonders der
Spichtigerfamilie ist nun das Mätteliseppi so verstrickt und hält
den Faden so stramm in der Faust, daß ich statt des ersten Titels
»Die Spichtiger« lieber seinen klassischen Namen »Das Mätteliseppi«
setzte. Es stört die Einheit der Erzählung keineswegs, stärkt sie
eher und gleicht in seiner rauhen und massiven Gewalt einem Berge,
in dessen wechselndem Schatten sich eine kleine Menschheit und
Menschheitsgeschichte entwickelt und bald behindert, bald gehoben ans
ordentliche Ziel gelangt.

So hat es denn wirklich ein solches Mättelisepi gegeben? Seinen
Webstuhl und harten Flachsscheitel, seinen langen Stecken, sein
Unterrichtsgenie und seinen mörderlichen Kleiderkasten als Arrest?
Seine Helgen und Mären? wie? ... Ich antworte: all das auf den letzten
Tupf! Viele hundert Obwaldner werden euch das mit einem aus Respekt und
Schalkheit gemischten Lächeln bestätigen und noch reichlich glossieren
können. Und auf dem Friedhof von Sachseln findest du die Horat und
Molin und Herri und Tonoli, indessen der damalige Helfer Ludowig noch
heute, im Silber von fünfundsiebzig Jahren, als geistliche Spitze des
Kantons tapfer seines Amtes waltet ... Von all den vielen Knaben und
Mädchen, dem seltsamen Josef Tonoli zum Beispiel, der kalten, eitlen
Orla, dem kühnen, wilden Herri und dem glücklichern von Aar bis zum
Trunzibub hinauf und zur Botin Trunz selber und den Spichtigerleuten
als den Hauptpersonen des Romanes, von all dem ist keine Faser eitle
Phantasie dabei. Sie alle sind genau so in Fleisch und Blut und
starken Knochen an mir vorbeigegangen. Ich habe nur Namen geändert und
Örtlichkeiten verschoben. Viele leben noch, die meisten ruhen.

Soll ich sagen, ob auch die tiefen Leiden und Zweifel und seelischen
Erhebungen im Buche historisch sind? Da erlasset mir das Wort. Das
sollet nun ihr sagen, die ihr das Buch leset!

  Heinrich Federer (in Grote's Weihnachtsalmanach 1916).


  =*Ludwig Ganghofer*, Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus
  anno Domini 1445. 46. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

Ganghofer hat mit seinem neuesten Roman dem deutschen Volke eine
prächtige Gabe beschert. Er führt seine Leser um ein paar Jahrhunderte
zurück in jene Zeit, da politische Forderungen die schöne Agnes
Bernauerin von der Seite des Bayernherzogs rissen. Wie ein düsterer,
unheimlicher Ton klingt dieses Ereignis durch die Wirrnisse der Fehde,
die die Trutze von Trutzberg mit ihren Burgnachbarn auszufechten haben.
Gleichzeitig beleuchtet es die Liebesgeschichte des Romans, die sich
zwischen dem Fräulein von Puechstein und dem Schäfer Lienhart abspinnt.
Hierbei ist Ganghofer die schwierige Aufgabe restlos zu lösen gelungen,
seine Leser für das ungleiche Liebespaar einzunehmen. Von der ersten
Bekanntschaft mit dem Schäfer Lienhart an muß man diesem Naturburschen
gut sein, so kernfest und treu-deutsch ist der junge Träumer und Held
gezeichnet. Deshalb versteht man das junge Edelfräulein, wenn es sein
Herz an den verachteten Schäfer verliert und einem verderbten Junker
den Laufpaß gibt. In treffenden Gegensätzen entrollt der Dichter ein
Bild vom Leben und Treiben in der vom Feinde belagerten Burg. Sein
köstlicher, echter Humor kommt dabei in vollem Umfang zur Geltung. --
Ganghofers Buch kommt gerade zur rechten Zeit. Es wird vielen, unter
der Gegenwart Mühseligen und Beladenen, eine rechte Erquickung sein,
denn der Quell, der es genährt hat, heißt Gesundheit.

  Dresdner Nachrichten.


  =*Ludwig Ganghofer*, Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe.
  60. Tausend. Geh. 5 M., geb. 6,50 M.

Hinauf auf die Berge und in den Hochwald führt der Dichter seinen
im Getriebe der Großstadt flügellahm gewordenen Helden und läßt
ihn gesunden am immer frischen Born reiner, hehrer Gottesnatur und
inmitten ihrer kernfesten, urwüchsigen Menschen. Charakteristisch
und scharf gezeichnet treten sämtliche Gestalten der interessanten,
reichbewegten Handlung gleichsam leibhaftig vor uns und erregen unsere
warme Sympathie bei allen ihren Leiden und Freuden. Den Mittel- und
Glanzpunkt der Dichtung aber bildet die herrliche Gebirgsnatur der
Tiroler Alpen, deren äußere Erscheinungen in edler, von poetischem
Zauber durchwobener Sprache mit einer plastischen Anschaulichkeit
geschildert sind, die Herz und Sinn des Lesers unwiderstehlich gefangen
nimmt.


  =*Adam Karrillon*, Adams Großvater.= Roman. 7. Tausend. Geh. 4 M.,
  geb. 5.50 M.

Adam Karrillon gehört zu den im deutschen Schrifttum nicht seltenen
Dichtern, die erst im gereiften Mannesalter aus einem im vollen
Leben tätigen Beruf in die Literatur gekommen sind. Im Odenwald,
in einem kleinen Waldnest geboren, war er von Jugend an mit Land
und Leuten seiner Heimat vertraut, später als Landarzt hatte er in
jahrzehntelanger Praxis im näheren und weiteren Bezirk Gelegenheit,
Herz und Nieren zu prüfen, seine Menschenkenntnis zu erweitern und zu
vertiefen. Als Karrillon als 47jähriger seinen ersten Roman herausgab,
merkte man gleich, daß da ein Eigener auftrat, einer, der aus dem
vollen schöpfte, der nicht in der Schreibstube nach einer landläufigen
Mode oder den Geboten einer »Richtung« einen Roman zusammenbastelte,
sondern die Erfahrungen eines Lebens vor uns ausbreitete, mit einem
grimmigen Humor, mit innerer Heiterkeit, oft mit Wehmut, knorrig,
kraus, sehr deutsch von Leben und Schicksalen seiner Leute erzählte.
So gab er in seinem ersten Buche, dem »Michael Hely«, ein Bild des
Odenwälder und Schwarzwälder Bauernvolkes, nicht verschönert und
verniedlicht, wie weiland Auerbach und Defregger es taten, auch nicht
so einseitig verzerrt und verroht, wie viele Moderne, sondern etwa
so wie Leibl gemalt hat, so stark, so wahr, so unerbittlich und doch
liebevoll. Dann kam die »Mühle zu Husterloh«, ein bei aller Komik
tiefernstes Buch, das die Erwürgung eines patriarchalischen ländlichen
Mühlenbetriebes durch ein modernes »Etablissement« zum Gegenstand hat,
endlich der Roman »_O domina mea_«, welcher mit einem heiteren, einem
nassen Auge das Geschick und die Liebe eines Bauernarztes erzählt.
Viel eigenes Leben und Leid des Dichters klingt hier schon auf. Nach
zwei kleineren Büchern, der launigen Schilderung einer Afrikafahrt und
einem Bande lustiger Bauernhistörchen tritt Karrillon nun wieder mit
einem größeren Bauernroman hervor, in dem er sein eigenes Geschlecht,
sein eigenes Jugendland darstellt. Ganz unverfälscht ist wieder
das Bauernvolk vorgeführt, der echte urwüchsige Bauer, das noch
ungebrochene deutsche Volkstum. Gestalten, wie den hartschädeligen, auf
seinen ererbten und mühsam vergrößerten Besitz stolzen Großvater, den
sie wegen seines Reichtums den »Kurfürsten« nennen, seinen windigen,
arbeitsscheuen Sohn, der jeder Schürze nachläuft und das väterliche
Erbe in Saus und Braus durchbringt, vergißt man nicht. Wieder leuchtet
Karrillons herzhafter Humor mildernd und versöhnend durch Leid und
Leidenschaft, wieder erfreut eine markige, in ihrer Bilderpracht oft an
Shakespeare gemahnende Sprache.


  =*Gustav Schröer*, Der Heiland vom Binsenhofe.= Roman. Geh. 4 M.,
  geb. 5,50 M.

Ein starkes, gutes und schönes Werk, aus der Tiefe und Fülle
menschlicher Empfindung und Erkenntnis geschöpft, edel im Gegenstand,
frei und maßvoll in der Gesinnung, geradlinig in der Führung,
einheitlich und geschlossen in der Erfindung und Darstellung, ohne
bilderreichen Überschwang und doch dichterisch beseelt, lebendige
Menschen und wirkende Natur, überzeugend und ergreifend. Es ist nur
eine einfache Bauerngeschichte, aber sie umspannt in ihrer kleinen
Welt den ganzen ewigen Kampf der Schwachen gegen die Mächtigen, der
Vernunft gegen den Aberglauben, der Güte gegen die Gemeinheit, der
Selbstlosigkeit gegen die Leidenschaft. Und als symbolischer Vertreter
dieses Kampfes erscheint der Schicksalsmensch, dem gerade seine besten
Eigenschaften einen tragischen Untergang bereiten und dem, wie seinem
göttlichen Vorgänger, im Leben zum Spott, im Tode zum Ruhm der Name des
»Heilands« zuteil wird.

Gustav Schröer hat bereits durch die im vorigen Jahre in unserer
»Sammlung« erschienene Erzählung »Die Flucht von der Murmanbahn« und
andere Werke starke Talentproben abgelegt; durch dies neue Werk, das
einen bedeutenden Stoff in bedeutender Weise behandelt und in seinen
Folgerungen eine ernste Mahnung für vielleicht bevorstehende Tage ist,
hat er Anspruch, in weitesten Kreisen des deutschen Volkes gehört zu
werden.


  =*Gustav Schröer*, Die Flucht von der Murmanbahn.= Nach den Berichten
  eines Torgauer Husaren. 8. Tausend. Geh. 2 M., in Pappband geb. 2,50
  M.

»Dieser Roman eines Torgauer Husaren ist wahrhaftig die beste
Abenteuergeschichte, die ich kenne: ganz einfach erzählt und dabei doch
fabelhaft eindrucksvoll.«

  Fedor v. Zobeltitz.

»Das schöne Buch hat alle Anwartschaft, ein Volksbuch zu werden.«

  Carl Busse.

»Am herrlichsten seit langem dünkt mich >Die Flucht von der
Murmanbahn<. Wie frisch, wahr, tüchtig! wie ist man dabei und leidet
und hofft und bangt mit! Und wie ist einem das Fensterlicht tief
unten an der norwegischen Küste dann selbst eine wahre Erlösung! Eine
ähnliche Natürlichkeit in Nerv und Seele findet man fast nie in den
ähnlichen abenteuerlichen Werken.«

  Heinrich Federer.


  =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Die Varnholzer.= Ein Buch der Heimat.
  Geh. 4 M., geb. 5,50 M.

Heinrich Wolfgang Seidel, der Sohn des Leberecht Hühnchen-Dichters, der
sich durch seine Novellen »Der Vogel Tolidan« und »Ameisenberg« bereits
einen anerkannten Namen in der Literatur erworben hat, tritt hiermit
mit seinem ersten Roman hervor, einem sehr liebenswürdigen Buche, voll
von Reizen der Stimmung und dichterischer Anschauung, voll Witz und
Laune und liebevollem Eingehen auf das Seelenleben der betrachteten
Menschen.

Die Varnholzer sind der Freundeskreis des Anwaltes Varnholz, der mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern im Mittelpunkt dieses Buches
steht. Er zieht in den Kampf gegen Rußland, wird gefangen und gewinnt
nach abenteuerlicher Irrfahrt die Heimat aufs neue. Dennoch ist die
Erzählung weniger eine Darstellung kriegerischer Vorgänge, als der
Versuch, in anschaulichen Bildern die Erlebnisse der deutschen Seele
widerzuspiegeln. Eine Fülle von Gestalten erlebt Frieden und Krieg,
und jede offenbart ein Stück deutschen Wesens. Heitere und tragische
Züge sind miteinander ausgeglichen, der Schauplatz wechselt vielfach,
und der Leser wird geführt durch Weltstadt und ländliche Gemeinschaft,
nach Weimar ebenso wie in die polnische Öde. Das Erleben der
Kleinstadtbürger und der Künstler, der dumpfen Masse und des einzelnen
Kulturträgers, der Wagemut des Mannes und die betende Geduld der Frau,
Kinder-Weihnachten und die Irrwege der in Selbstsucht Strauchelnden,
die grenzenlose Liebe zum Vaterland, aber auch die Vision Christi,
dessen Erbarmen den *Menschen* sucht, -- alles das vereinigt sich in
einem Akkord und läßt doch jeder Erscheinung ihre eigene leidvolle oder
triumphierende Stimme.


  ==Heinrich Wolfgang Seidel=, Der Vogel Tolidan.= Neun Novellen. Geh.
  3 M., geb. 4,50 M.

*Inhalt*: Der Vogel Tolidan -- Engelmann -- Advent -- Die Königsprobe
-- Arm Wendelin und die schöne Susanne -- Die Bibliothek des möblierten
Herrn -- Ein Ferientag -- Herrn Honolts Abenteuer -- Die Ballspielerin.


  =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Ameisenberg. Die spanische Jacht.= Zwei
  Novellen. Kart. 1,80 M., geb. 2 M.



Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und weitere Anmerkungen:

Der Abschnitt "Bücher von Ludwig Ganghofer:" wurde vom Anfang des Buchs
an das Ende verlegt, vor die sonstigen Verlagsanzeigen.

In "Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen Fähnlein deiner Torheit
aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf den ersten Blick." stand
"Fähnlen" statt Fähnlein.

In "Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten




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