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Title: Religion und Kosmos
Author: Schlaf, Johannes
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Religion und Kosmos" ***

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    Anmerkungen zur Transkription


    Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
    ist _so ausgezeichnet_.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
    Buches.



    Religion

    und

    Kosmos

    von

    Johannes Schlaf

    [Illustration]

    Berlin 1911

    A. Hofmann & Comp.



    Copyright 1911
    by A. Hofmann & Comp.



Vorwort


Dies Buch handelt von der so brennenden Krise, in der heute Religion
und Wissenschaft stehen. Eine Krise, die unter Umständen zu einer
ungeheueren Gefahr für die europaeische Sozietät werden kann.
Angesichts dieser Gefahr aber kommt alles auf den glücklichen und
endgültigen Austrag des heute so bedenklich in der Schwebe hängenden
Problems der exakten Naturwissenschaft an. Das aber will besagen:
darauf, daß die völlige Brüchigkeit und Unmöglichkeit der gegenwärtigen
mechanistischen Wissenschaft und ihrer Prinzipien ausgesprochen
wird. Im besonderen aber kommt alles darauf an, daß man endlich
die höchst positive, sichere und im erkenntnistheoretischen, was
schließlich bedeutet: _religiösen_ Betracht durchaus ausschlaggebende
Bedeutung zweier glorreicher Errungenschaften der bisherigen exakten
Naturwissenschaft, an denen diese neuerdings aber höchst bedenklicher
und gefährlicher Weise wieder irre geworden ist, daß man die
ausschlaggebende, _religiöse_ Bedeutung der Entwicklungstatsache
und der Tatsache der Erhaltung einheitlicher Kraft -- ich sage
besser und exakter: Polarität! endlich mit vollstem Bewußtsein ihrer
unausweichlichen Notwendigkeit, ja ihrem _hypothesenfreien_ Charakter
nach erfaßt! Denn in Wahrheit beruhen diese beiden so überaus wichtigen
wissenschaftlichen Ausmachungen auf Grundlagen, denen unausweichlich
_axiomatischer_ Charakter eignet, so daß es durchaus nicht mehr angeht,
sie als bloße Hypothesen zu behandeln! --

Soviel über den wesentlichsten Inhalt des vorliegenden Buches.

Aus mehr als einem Grunde mag es sich aber lohnen, daß ich auch
noch ein Wort über meinen astronomischen Standpunkt verliere,
der im Zusammenhange dieser Arbeit und der Erörterungen über die
wissenschaftliche Krise, die sie bietet, wenn auch nur ganz kurz
angedeutet, von sicherlich nichts weniger als nebensächlicher Bedeutung
ist.

Die Öffentlichkeit weiß von meiner astronomischen Angelegenheit und
der von mir ausgesprochenen Unhaltbarkeit der kopernikanischen,
heliozentrischen Anschauung. Diese Angelegenheit ist nun neuerdings
insofern in ein neues Stadium eingetreten, als meine geozentrische
Feststellung inzwischen von zwei Seiten her eine fachmännische
_Zustimmung_ erfahren hat.

Ich stand seit Spätsommer vorigen Jahres, anläßlich meiner damaligen
Veröffentlichungen in »Nord und Süd«, in einem sehr regen und
ausführlichen Briefwechsel mit Ph. Fauth, dem bekannten Mond- und
Planetenforscher und Besitzer des Planetographischen Observatoriums zu
Landstuhl i. d. Pfalz. Dieser Briefwechsel hat inzwischen aber insofern
zu einem nicht unwichtigen Ergebnis geführt, als Herr Fauth mir in
einem Brief vom 31. März d. J. ausdrücklich zugestand, daß die Logik
meiner geozentrischen Feststellung, die ich ihm, was ich öffentlich
bisher noch nicht getan, ihrem Zusammenhange nach mitgeteilt hatte,
eine »unantastbare« sei.

Neuerdings kam ich dann noch, anläßlich eines ausführlichen Aufsatzes,
den er mir hatte zugehen lassen, in einen nicht minder regen und
eingehenden Briefaustausch mit Herrn W. Becker, einem Astronomen der
Berliner »Urania«. Der Aufsatz war eine umfangreiche Polemik gegen
meine vorjährigen Veröffentlichungen über die Rückläufigkeit Jupiters
und der Planeten vom kopernikanischen Standpunkte aus.

Ich konnte Herrn Becker indessen auf einen inzwischen von mir in
der »Nationalzeitung« veröffentlichten Aufsatz »Kosmische Rotation«
hinweisen, in dem ich meine vorjährige Jupiterfeststellung öffentlich
berichtigt hatte. Zugleich übermittelte ich Herrn Becker einen
ausführlicheren Aufsatz, in dem ich auch ihm meine geozentrische
Feststellung ihrem ganzen Umfange nach vortrug. Bald darauf erhielt ich
von Herrn Becker eine Zustimmung, die noch ungleich entschiedener war,
als die Einräumung, die mir vorher bereits Herr Fauth gemacht hatte.

Herr Becker schrieb mir in einem Brief vom 3. Juni d. J.:

»Ihre Kosmoslehre hat eine so innere Wahrscheinlichkeit, ja, ich
halte dieselbe mit zu den durchdachtesten und verständlichsten
Kosmosanschauungen. Die Beweise, die Sie für die einheitliche
Geschlossenheit des Systems« (des allgemeinen, absoluten, kosmischen
Systems) »mit einem Zentralkörper anführen, sind großartig
detailliert.« -- Ferner über die Beweise, die ich in meinen Briefen
dafür aufgestellt hatte, daß außer der Erde kein Himmelskörper
Achsenrotation hat:

»Da nun die Erde rotiert und die Bewegungen der Körper nur Ausweitungen
der Rotation« (der Erde) »sein können, so muß dann selbstverständlich
die Erde der Zentralkörper sein« ... »Die Beweise für die Nichtrotation
der kosmischen Körper sind überlegt durchgeführt« ... »Der ständige
Rhythmus von Repulsion und Kontraktion« (den ich als die wesentlichste
Bewegung des kosmischen Systems und der Untersysteme nachgewiesen
hatte) »läßt ... keine Rotation« (der Himmelskörper) »zu«. -- »Was
ich in meinem großen Aufsatz« (dem oben erwähnten) »über die Rotation
der Körper sagte, deren Beweise, abgeplattete Gestalt, Störungen bei
den Bewegungen der Trabanten usw. fallen ..., gebe ich offen zu,
vollständig weg.«

In einem Brief vom 12. Juni aber machte Herr Becker mir dann sogar noch
weiter gehende und höchst wichtige Zugeständnisse, indem er vor allem
die Prämisse meiner geozentrischen Feststellung, die sich ausdrücklich
als eine _hypothesenfreie_, auf axiomatischer Grundlage beruhende
darbietet, voll und ganz anerkannte! -- Und etwas später teilte er mir
mit, daß es mir vollstens gelungen sei, die Kopernikanische Anschauung
zu entkräften; und er schloß ab mit der Erklärung: »Die kopernikanische
Theorie ist also für uns erledigt«.

Einerseits das Zugeständnis, von anerkannter fachmännischer Seite,
daß die Logik meiner geozentrischen Feststellung »unantastbar« sei
-- man hat der Logik der kopernikanischen Prämisse bekanntlich noch
niemals Unantastbarkeit nachsagen können! --, andrerseits dann
sogar die unbedingte Zustimmung, daß meine Prämisse selbst wirklich
hypothesenfrei sei: das bedeutet sicherlich einen hochwichtigen
Schritt, den die geozentrische Weltanschauung vorwärts getan hat!
-- Denn hat man den _hypothesenfreien, auf axiomatischer Grundlage_
beruhenden Charakter meiner Prämisse erst einmal zugestehen müssen,
so ist damit ein anderes ausgeschlossen, als daß die geozentrische
Tatsache als endgültige und absolut exakte Anschauung in Kraft
tritt! -- Von welcher Tragweite das aber für den endgültigen Ausbau
der Wissenschaft, ja für unsere ganze Kultur ist, das will diese
vorliegende Arbeit, wenn auch vorerst nur in knappen Umrissen,
aussprechen.

    _Weimar_, Juni 1911.

            Johannes Schlaf



Man erklärt die Religion heute für eine Privatangelegenheit jedes
Einzelnen, will sie in das »persönliche Belieben« stellen; man ist
bestrebt, den konfessionellen Religionsunterricht aus der Schule zu
entfernen, ja sogar der Austritt aus der Landeskirche spielt nach wie
vor seine Rolle.

Zu gleicher Zeit macht sich nun aber in immer größerem Umfang eine
Neigung zur Bildung sogenannter _monistischer_ Religionsgemeinschaften
geltend; ja man hat sogar allen Ernstes schon den Begriff einer
»monistischen Kirche« aufgestellt; und ferner ist man drauf und dran,
in den Schulen dem Unterricht in den exakten Naturwissenschaften
einen immer größeren Spielraum zu erobern; gewiß nicht ohne die
offene oder stillschweigende Erwartung, daß er gerade auch auf die
_religiöse_ Erziehung der Jugend einen ganz besonderen und sogar
einen besseren Einfluß zu üben geeignet sei, als der konfessionelle
Religionsunterricht.

Tritt in alledem nun aber nicht ein ganz entschiedener Widerspruch zu
Tage?

Man macht einerseits die Religion zu einer Privatangelegenheit jedes
Einzelnen, zugleich aber bildet man monistische Gemeinden oder ist gar
auf eine »monistische Kirche« hinaus! Man will den konfessionellen
Religionsunterricht ausschalten, ihn zugleich aber durch den
naturwissenschaftlichen ersetzen, von dem man sich eine neue und
bessere religiöse Ausbildung der Jugend verspricht. Man will also auf
der einen Seite die Religion in das persönliche Belieben stellen,
zugleich aber macht man sie trotzdem wieder zu einer ebenso gemeinsamen
und öffentlichen Angelegenheit, wie das bisherige Religionsbekenntnis
eine ist!

Man sollte also doch lieber offen eingestehen, daß man tatsächlich
lediglich ein öffentliches und allgemeines Religionsbekenntnis durch
ein anderes ersetzen will. Das entspräche alsdann dem wirklichen
Tatsachenbestand. _Vor allem aber bedeutet es zugleich die einzig
denkbare Möglichkeit!_

Denn es ist einfach nicht möglich, widerstrebt allem Gesetz und aller
Natur von Sozietät, Religion und religiöses Bekenntnis lediglich
zur Privatangelegenheit des Einzelnen zu machen und sie so ganz in
dessen persönliches Belieben zu stellen. Es kann sich höchstens um
gegenseitige Duldung zwischen verschiedenen religiösen Bekenntnissen
handeln, die sich noch niemals in aller Welt vermeiden ließen.

Soweit man also bei dieser recht unklaren »Privatangelegenheit des
Einzelnen« eine solche _Duldung_, ein solch möglichst friedliches
_Gleichgewicht_ verschiedener religiöser Bekenntnisse im Sinn hat, hat
man Recht und befindet sich auf dem rechten Wege. Alles übrige aber
bedeutet eine höchst bedenkliche Unklarheit in einem wesentlichsten
Punkte. -- Nämlich darin, daß nach wie vor ein paar _größere_ religiöse
Bekenntnisse vorhanden sind und sein werden und neben ihnen eine Anzahl
von mehr oder weniger freien Sekten und Bekenntnissen, denen aber nur
eine Minderzahl von Staatsgenossen angehört. Da nun aber ausnahmslos
alle diese Bekenner Angehörige eines _Staates_ und durch ganz besondere
organische, politische und sonstige völkisch sozietäre Interessen
miteinander verbunden sind, Interessen, die in staatlichen Gesetzen,
Satzungen und Einrichtungen formuliert sind, und da unweigerlich je
und je alle diese staatlichen Interessengruppen in gegenseitiger
organischer Abstufung standen und stets in ihr stehen werden, so ist
ein anderes undenkbar, als daß sich das mit dem _religiösen_ Bekenntnis
all dieser Staatsgenossen genau so verhält! Auch das wird nach wie vor
seine Formulierung und öffentliche Regelung erfahren müssen. (Nichts
anderes kann ja auch der Sinn und Verstand sein, der diesen neuen
monistischen Gemeinden, oder gar einer neuen »monistischen Kirche«
eignet!)

Es ist bei alldem nun aber durchaus unvermeidlich, daß jene
Bekenntnisse, auf welche sich die Mehrzahl der Staats- und
Volksgenossen einigt -- sie werden zugleich die religiös wichtigsten
und stärksten sein -- das in einem _ganz besonderen Grade sind_, was
im übrigen auch alle Nebenbekenntnisse sind: nämlich Staatsreligion
oder Religion von Staatsbürgern! -- Nur daß die Nebenbekenntnisse
den anderen gegenüber untergeordneter Natur sind. Das ist eine ganz
natürliche und aus allem Wesen von Sozietät heraus sich ergebende
Tatsache und Ordnung! An der nach wie vor in allem wesentlichen nichts
zu ändern sein wird. Das schließt dann aber weiter sofort ein, daß ein
allgemeiner Religionsunterricht des Bekenntnisses, auf das sich die
Mehrzahl der Staatsbürger einigt, auch in den Schulen statthat, und
aus dem Unterrichtsplan der Schulen nicht ausgeschaltet werden kann.
Daß sich hierbei nach wie vor Schwierigkeiten ergeben werden, da wo
entweder eine katholische oder eine protestantische oder sonst eine
religiöse Enklave besteht, ist wohl wahr, aber niemals zu vermeiden. Es
kann einzig darauf ankommen, ein möglichst tolerantes Gleichgewicht der
hier einschlägigen Interessen zu erreichen und aufrecht zu erhalten.

Eine andere Sache ist nun allerdings die, daß die hauptsächlichsten
christlichen Konfessionen heute wieder mal in einer Krise stehen, die
sogar eine recht brennende ist! --

Man sollte indessen in den Mitteln, sie ihrer Lösung entgegenzuführen,
beileibe nicht unvorsichtig vorgehen! Ein höchst bedenkliches Mittel
aber würde es bedeuten, den konfessionellen Religionsunterricht
_prinzipiell_ und _als solchen_ auszuschließen! Da es sich, wie wir
schon sahen, ja doch überhaupt um nichts anderes handeln kann als um
die Ersetzung des _einen_ konfessionellen Religionsunterrichts durch
einen anderen, neukonfessionellen, so sollte man jenen nur mit der
größten Vorsicht ausschalten; wenn das übrigens wirklich in einem so
radikal antichristlich-antikirchlichen Sinne vonnöten sein sollte, wie
man gegenwärtig meint!

Vor allem nun aber hüte man sich darauf auszugehen,
den Religionsunterricht in den Schulen durch den
exaktnaturwissenschaftlichen zu ersetzen! Und zwar deshalb, weil die
exakten Naturwissenschaften grade in ihrer gegenwärtigen Verfassung
nichts weniger als zu einem solchen Ersatz geeignet sind! _Denn die
exakten Naturwissenschaften stehen selbst in einer nur zu brennenden
Krisis!_ -- Was aber die monistische Religionsbewegung anbetrifft,
die neuerdings eine so bedeutende Ausbreitung gewonnen hat, so ist
sie zwar sicher eine sozietäre Erscheinung von großer Wichtigkeit,
andererseits darf man sich aber nicht verhehlen, daß sie in ihren
tragenden Prinzipien vorderhand noch sehr schwankt. Und zwar aus keinem
anderen Grunde, als weil sie allzu einseitigen Anschluß an die exakte
Naturwissenschaft nimmt und diese noch lange nicht in der Lage ist
wahr zu machen, was sie verspricht: nämlich die Heilsüberzeugungen
des religiösen Glaubens durch endgültig ausgemachte wirkliche
Tatsächlichkeiten zu ersetzen.

       *       *       *       *       *

Das beruht aber, wie ich schon bei anderer Gelegenheit (in meinem
erkenntnistheoretischen Buch »Das absolute Individuum und die
Vollendung der Religion«, Oesterheld & Co., Berlin W.) nachgewiesen
habe, auf einer unvermeidlich zwiespältigen Eigenschaft der exakten
Wissenschaften!

Einerseits nämlich ist die exakte Wissenschaft, wie früher die
Theologie und Philosophie, eine religiöse und erkenntnistheoretische
Funktion; ist sie doch ihrem Ursprung nach nichts anderes als eine
Abzweigung und besondere Ausgestaltung vorzeitlich religiösen,
priesterlichen Nachdenkens über die göttlichen Dinge. Noch
eigentlicher ist die exakte Wissenschaft indessen in Anbetracht
ihrer analytisch-experimentativen Methode und außerdem ihres
engen Zusammenhanges mit aller praktischen Technik eine technisch
praktische Funktion. Nicht umsonst hat die exakte Wissenschaft
heute gerade als solche so unerhörte, ihre größten, verdientesten,
bewunderungswürdigsten Triumphe errungen!

Es kann nun aber schlechterdings nicht anders sein, als daß dieser
vorwiegend analytische und praktisch technische Charakter der exakten
Wissenschaft ihre erkenntnistheoretische Eigenschaft und die Werte
und Wertungen, die sie nach dieser Richtung errungen hat, beständig
beeinträchtigt. Denn er hinderte die exakte Wissenschaft ein für
allemal, eine so vollkommen _synthetische_ Funktion zu sein, wie das
hier gänzlich unerläßlich ist!

Außerdem aber hat sich die exakte Wissenschaft, insoweit sie
erkenntnistheoretische Funktion ist oder erkenntnistheoretische und
religiöse Folgerungen ziehen will, einen recht bedenklichen und
verhängnisvollen Fehler zu schulden kommen lassen! Sie hat nämlich
gemeint, daß der religiösen Konfession überhaupt erst eine empirisch
sichere Prämisse gewonnen werden müsse und daß der bisherigen
religiösen Prämisse -- will sagen: der Prämisse aller Religionen und
_der_ Religion -- eine solche Sicherheit nicht eigne.

Indessen es ist nun unschwer einzusehen, daß der bisherigen religiösen
Prämisse sogar die denkbar sicherste, nämlich eine geradezu
axiomatische, identische Sicherheit, also geradezu die größte
Selbstverständlichkeit eignet! --

       *       *       *       *       *

Ich sprach eben von einer Prämisse, die allen Religionen und also der
Religion als solcher eigne; mit anderen Worten: daß alle Religionen
auf einer und derselben Prämisse und Grundtatsache sich aufbauen. Das
scheint eine Behauptung, die sicherlich dem entschiedensten Widerspruch
der heutigen monistischen Gemeinschaften begegnen wird; vertreten diese
doch den Standpunkt, daß die Religionen von ihrem ersten Anfang an bis
heute sehr verschiedenartig, wenn nicht gar die eine der anderen völlig
entgegengesetzt seien.

Doch kann man sich leicht überzeugen, daß diese Annahme, obgleich sie
behauptet, sich auf exaktwissenschaftliche Ausmachungen zu stützen,
eine irrtümliche ist und höchstens in dem Sinne zutrifft, daß die
einzelnen religiösen Bekenntnisse ihrer formalen Ausgestaltung nach
sich voneinander unterscheiden, und durch sonstige Modifikationen,
die mit der Rasseeigenschaft und den Lebensbedingungen der einzelnen
Völker in Zusammenhang stehen. In Wahrheit aber können wir gar wohl
einen ganz bestimmten und unveräußerlichen Grundinhalt und eine solche
Prämisse aller Religionen und also _der_ Religion feststellen, in dem,
in der sich die urvorzeitliche Religion des Urmenschen durchaus mit der
vorgeschrittensten aller Religionsformen, der christlichen, wurzeleins,
ja geradzu identisch erweist!

Die Religion des Urmenschen war ein Toten- und Ahnenkult. Er bewahrte,
verehrte, beschwor noch lediglich das Gedächtnis eines Urpaares und
seiner Familie und Sippe, an welchen Kult sich alsdann der Kult aller
anderen Toten angliedern mochte. Der Mensch, will sagen: ein bestimmtes
menschliches Paar und eine sich ihm angliedernde Elite waren noch
rein als solche Gegenstand eines primitivsten religiösen Kultes. Noch
verehrte man keine Personifikationen der Naturmächte und Götter.

Doch mußte sich dieser letztere, vorgerücktere Kult bald mit
Notwendigkeit aus dem Ahnen- und Totenkult ergeben. Je mehr nämlich
die Bewußtheitlichkeit des Urmenschen zu einer eigentlicheren
Intellektualität erwachte, um so mehr gewahrte der Urmensch den
innigsten Zusammenhang, in dem er mit aller ihm umgebenden Natur stand;
und zugleich gewahrte er den innigsten Zusammenhang jenes ersten
Ahnenpaares und seiner Elite, deren Gedächtnis und Kult von der
Tradition ein für allemal bewahrt und weitergetragen wurde, mit den
Mächten und Elementen der Natur, aus denen sie bei Lebzeiten bestanden
hatten und in die sie im Tode übergegangen waren.

Diese Wahrnehmung nun aber erst einmal gewonnen, mußte sich mit jeder
Notwendigkeit die weitere Ausgestaltung des Toten- und Ahnenkultes des
Urpaares und seiner Elite zu einem Kult von Himmelsgöttern vollziehen!

Wenn man heute aber diesem Götterkult der Vorzeit gegenüber von
einem allzu naiven, der »Wirklichkeit« gar nicht entsprechenden
Anthropomorphismus spricht, so ist das eigentlich nichts weniger als
recht aufmerksam und wissenschaftlich! Denn da der Mensch, wie ja
gerade die exakte Wissenschaft selbst ermittelt hat, die höchste Stufe
der organischen Entwicklung bedeutet, und er andererseits nicht nur
aus den anorganischen Elementen -- und doch sicherlich schließlich aus
schlechterdings allem Umfang derselben hervor geworden ist, sondern
diese auch in seiner Physis einbeschließt und zur Aufrechterhaltung
seiner Lebensfunktion ihrer als Nahrung und Erneuerung von außen her
beständig bedarf, so ist ja doch nichts notwendiger, wahrer, exakter,
ja selbstverständlicher als die Auffassung der Urmenschen, die die
Umwandlung des Ahnen- und Totenkultes in den Kult der Naturmächte und
Himmelsgötter vollzog, und ihr »Anthropomorphismus«! --

Die Naturmächte und Elemente sind tatsächlich menschlich und Mensch,
sind das Individuum Mensch; und ihre chemische Zweipolarität
stimmt diesem ihrem Charakter nach vollständig mit der organischen
Zweiseitigkeit des Individuum Mensch (Mann und Weib) überein! Daß
der Urmensch nun aber in gewissen grundtypischen Eigenschaften der
elementaren Erscheinungen und Kräfte entsprechende Eigenschaften und
Temperamente der menschlichen Seele wiederfand und wiedererkannte, ist
sicherlich nicht weniger exakt! Denn kalt und heiß, hart, weich, sauer,
süß, bitter, scharf, stumpf, heftig, sanft u. s. f. sind die Elemente
durchaus in Übereinstimmung mit der Eigenschaftlichkeit menschlichen,
bewußtheitlich lebendigen Temperamentes.

Wenn also Urpaar und seine Elite nach ihrem Abscheiden als persönliche
und unterschiedliche Götter und Naturmächte weiterbestanden und in
allen Umfang menschlicher Sozietät hineinwirkten, über dem Menschen
»walteten«, andrerseits aber von ihm bestimmt wurden, so entspricht
das vollständig dem empirisch exakt ausmachbaren wirklichen
Tatsachenbestand und kann von der exakten Wissenschaft nicht
aufgehoben, sondern lediglich bestätigt werden!

Wie also kann man anders als in eigentlich recht unaufmerksamer Weise
den Anthropomorphismus des Urmenschen und des Menschen der historischen
Antike als einen allzu naiven und exaktem »Wirklichkeitsbefund«
widersprechenden bezeichnen?

Ja, der Urmensch, bezw. der Mensch der historischen Antike hatte
sogar auch mit seinem Tierkult recht! Denn die Götter, das Ahnenpaar
und seine Elite, waren ja, bevor sie Menschen wurden, Tiere gewesen.
Wahrlich, tiefwundersam muß uns nicht nur die von allem Uranfang an
festgehaltene und bis auf den heutigen Tag weitergeführte Tradition
eines menschlichen Ahnenpaares und seiner Elite und eines obersten
Götterpaares und seiner Elite, seinen Untergöttern, erscheinen, sondern
auch die festgehaltene und so sorgfältig durchgeführte Erinnerung
an die tierische Abkunft des Menschen, wie sie sich in dem Tierkult
bekundet!

       *       *       *       *       *

Mochte diese Prämisse und Grundtatsache der Religion mit der weiteren
organischen und bewußtheitlich-kulturellen Entwicklung wie auch immer
sich weiter ausdifferenzieren, so wurde sie selbst doch nicht einen
Augenblick aufgegeben und konnte auch gar nicht aufgegeben werden!
-- Mochten die Götter später mit hundert und tausend Köpfen, Armen
und Beinen vorgestellt werden, mochten zu den Hauptgöttern noch ganze
Scharen von Nebengöttern in Himmel-, Ober- und Unterwelt hinzukommen,
so waren doch alle solche Attribute oder waren diese Scharen von
Nebengöttern dennoch nicht einen Augenblick im Widerspruch mit der
religiösen Prämisse und Grundtatsache. Die hundert, tausend oder mehr
Köpfe und Glieder stimmten nicht nur für die betreffende Gottheit, die
man mit ihnen ausstattete, sondern auch für das persönlich menschliche
Urahnenpaar. Denn sie besagten ebenso wie die Scharen der Nebengötter,
nichts als den Machtbereich und die gewaltige Vielseitigkeit seiner
Eigenschaftlichkeit; ja sie besagten sogar allen sozietären Umfang des
Urpaares, der ja tatsächlich nichts anderes war und nichts anderes ist
als seine direkte organische gattliche Ausgliederung und ihr Umfang.
Auch hier sind die vorzeitlichen Vorstellungen also keineswegs blos
so »naiv« und wirklichem Tatsachenbestand widersprechend, sondern
vielmehr durchaus mit ihm in Einklang und sogar erstaunlich exakt tief,
identisch erfaßt!

       *       *       *       *       *

Aber wir haben freilich noch einen anderen Umstand in Rücksicht zu
ziehen!

Nämlich mit der vorschreitenden geistigen Kultur erfuhr ja Wissen und
Anschauung des Menschen von Erde und All eine wesentliche und wichtige
Veränderung.

Es verfeinerten sich die Denkmethoden, indem sie ihren anfänglichen
symbolistischen und vorwiegend emotional-dichterischen und bildlichen
Charakter gegen einen abstrakten logischen vertauschten, der das
allzu grobsinnlich drastische Symbol in ein logisches Begriffssymbol
verwandelte. Es erwachte das philosophisch-logische Denken.

Es erhoben sich die so rein geistigen Begriffe des Bram, Nirwanas,
der von jeder sinnlichen Anschauung losgelöste Unendlichkeitsbegriff.
Später mit der griechischen Philosophie, die schon als Vorläufer
moderner exakter Wissenschaft anmutende Elementar- und
Naturphilosophie, die Begriffe der Kraft und des Atoms, die Ideen
Platos, der Begriff des Geistes und der Geistigkeit. Die alten
Göttervorstellungen, ihre Olympe und Walhalls, schienen ein für allemal
in Wegfall gekommen. Es vollzieht sich die Umwandlung der persönlich
anthropomorphistischen antiken Nationalgottheit und der vielen Götter
in den geistigen Ein-Gott.

Kurz: die bisherige Prämisse und Grundtatsache der Religion scheint
sich durch eine andere ersetzt zu haben.

Aber zugleich nimmt ja auch das Problem des Menschen wieder eine
besonders dringliche Gestalt an! Schon die altionische Philosophie
bedeutet den Anfang einer solchen höchst eindringlichen Behandlung
des Problems Mensch, und von ihr an ist die ganze Entwicklung der
griechischen Philosophie bis Socrates und bis zum Christentum hin
eigentlich nichts anderes als eine bis dahin unerhörte intensive
Erörterung dieses Problems. Der Abschluß dieser Erörterung ist aber
der, daß aus dieser wundersamen Vorahnung der höchste vollkommenste,
freieste Mensch in Gestalt und Erscheinung tritt und mit dem Christus
»ins Fleisch geboren« unter allen Menschen vorhanden ist, um sie
aus der Enge ihrer antik nationalen Eingeschränktheit zu höchster
Vollkommenheit und -- _Gotteinheit_ zu erlösen!

Dieser persönlich leibliche, so durchaus konkrete Inbegriff »Mensch«
aber? _Ist nichts geringeres als der geistige Ein-Gott selbst als
»Sohn« ins »Fleisch geboren« und in die Erscheinung hinein!_ -- Nur
daß er dem »alten Menschen,« dem »alten Adam« gegenüber durch eine
tiefwundersame innere Wandlung (μετανοια) zu einem _neuen_ Menschen
werden soll, durch ihn, der sich den »neuen Adam« nannte oder so
genannt wurde. Zu einem neuen Menschen, dem diesmal die Herrschaft über
den _ganzen_ Erdball bestimmt war, und der diesmal zum umfassendsten
und restlosesten Umfang der Erkenntnis des Menschen von sich selbst
gelangen sollte; dem es bestimmt war, dereinst sich als den Inbegriff,
die Krone und höchste Stufe aller organischen, ja auch unorganischen
Wesenheit und also als den Inbegriff allen Weltwesens und Kosmos zu
erkennen! Als den, der stets der gleiche und eine von allem Uranfang
der Welt an durch eine heilige Stufenfolge organischer Wandlungen bis
hierher gelangt war!

Weiter aber: dieser ins Fleisch geborene alleinige Gott hat als
»Sohn« und Christus wieder eine ganz bestimmte Elite von Aposteln und
männlichen und weiblichen Heiligen bei sich!

Was besagt dies alles aber anderes, als daß die Umwandlung und
vergeistigende Ausgestaltung des Gottesbegriffes die alte religiöse
Prämisse und Grundtatsache in Wahrheit nicht aufgehoben hat, sondern
daß sie nach wie vor vorhanden ist und zu Recht besteht, nur in
erweiterter, vertiefter, vergeistigterer Form und mit ihrem weitesten
Umfang vertrauter? Daß aller elementar materielle Weltumfang im Grunde
ein geistiges Sein und Einwesen ist, welches aber in einem organischen
Individuum und seiner Elite und zugleich als dieses Individuum und
seine Elite und als sein gesamter organischer Umfang sich selbst in
Erscheinung bringt, lebt und auswirkt?

So daß also nach wie vor in allem wesentlichen alles beim alten ist und
sich auf einer höheren und höchsten Stufe lediglich erst recht und ganz
bekräftigt!

       *       *       *       *       *

Aber das »Dogma« von der Gottgeeintheit, von der Göttlichkeit Christi,
will sagen dieses durch die Stufen der organischen Entwicklung herauf
sich umwandelnden organischen Individuums und seiner Elite, wird ja
heute von der exakten Wissenschaft angefochten! Es heißt, der Christus
sei »nur ein Mensch,« wenn auch der edelste und vollkommenste Mensch
gewesen. Und überdies hat die exakte Wissenschaft mit den Ausmachungen
ihrer empirischen Methode, scheint es, die Bedeutung, die der Mensch
ehedem sich selbst, bezw. jenem Individuum und seiner Elite zusprach,
ein für allemal zunichte gemacht. Sie stellt in Abrede, daß der Mensch
ein göttliches und unsterbliches Wesen sei; sie glaubt nachgewiesen
zu haben, daß er stattdessen nichts sei als ein vergängliches Produkt
der Elemente und Kräfte, daß diese ihm gegenüber das dauernde und
absolute seien, daß sein Geistiges, seine Seele nichts sei als eine
mechanische Komplikation von Stoff und Kraft, von ihnen vollständig
abhängig oder wohl gar von hundert Zufälligkeiten. Seit man zu der
Annahme eines räumlich unendlich ausgedehnten Kosmos gelangt ist, und
dieser Kosmos von unendlich vielen Welten und Systemen ausgefüllt ist,
ist der Mensch, sowohl in seiner Gesamtheit als Menschheit wie als
einzelner Mensch -- und auch menschlicher Urahn, wie alle Gottmenschen,
die seither gelebt, neue organische Sozietätsgebilde oder Religionen
gegründet haben -- fast zu einem Nichts, zu der erbärmlichsten aller
Vergänglichkeiten geworden.

Die bisherige religiöse Prämisse und Grundtatsache, die Tatsache
_ewiger_ Ahnen und Götter und _eines_ ewigen Ahnen und Gottes scheint
also dennoch in Wegfall gekommen zu sein.

Indessen, wir berühren hier lediglich die ganze Fragwürdigkeit, die
den Ausmachungen der sogenannten exakten mechanistischen Wissenschaft
anhaftet und die brennendste Krise, in der sie heute steht!

       *       *       *       *       *

Gehen wir darauf jetzt näher ein.

Wir wissen: Die exakte Naturwissenschaft ist nicht blos
eine technisch-praktische, sondern auch eine religiöse und
erkenntnistheoretische Funktion.

Als letztere hat sie aber der religiösen und erkenntnistheoretischen
Entwicklung zwei Tatsachen von außerordentlich wichtigem und
ausschlaggebendem erkenntnistheoretisch-religiösen Wert ermitteln
können. Indem sie nämlich, hier in engem Anschluß an die
Schelling-Hegelsche Entwicklungsidee stehend, empirisch exakt die
_Tatsache_ der Entwicklung feststellte; und außerdem die andere
Tatsache von der Erhaltung und Einheit der Kraft!

Indessen ist zu sagen, daß die Wissenschaft diese beiden so überaus
wichtigen und ausschlaggebenden Tatsachen ihrem wahren synthetischen
Wert nach nicht zu erfassen vermocht hat!

Das ist allerdings unschwer zu verstehen. Ist doch die Wissenschaft,
wie wir bereits sahen, ihrem eigentlichen Charakter nach keine
synthetische, sondern eine analytisch-experimentierende Funktion, hat
sie sich doch um eine möglichst genaue Feststellung von Einzeltatsachen
und ihres Zusammenhanges im Sinn einer möglichst genauen Beschreibung
derselben zu bekümmern, je nach der betreffenden Disziplin und ihrem
Tatsachenbereich. (Welch' letzterer Umstand gerade heute noch dazu zu
einem bekanntermaßen nachgerade schon heillosen Spezialistentum und
seiner eingekapselten Eigenbrödelei geführt hat!)

Man kann es daher auch kaum anders als einem äußerlich formal
schematischen Sinne nach eine wissenschaftliche Synthese nennen,
wenn die exakte mechanistische Wissenschaft die Ergebnisse ihrer
experimentativen Einzelempirie in allgemeinen Sätzen und Gesetzen
formuliert. Das ist mehr eine Sache der bequemeren Übersicht als
eine wirkliche erkenntnistheoretische, religiös anwendbare Synthese.
Kann eine solche doch naturgemäß auch weder auf dem Gebiete der
Biologie, wo die Entwicklungstatsache bis jetzt fast ausschließlich
ihre Rolle gespielt hat, noch auch auf dem der Physiologie, der
Physik, Chemie oder sonst einer exaktwissenschaftlichen Disziplin
erreicht werden. Jede dieser Disziplinen kann vielmehr nur ihren
jeweiligen Hauptgegenstand möglichst exakt feststellen, beschreiben
und formulieren. Es bleibt durchaus dabei, daß die exakte
Naturwissenschaft auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht lediglich
eine Hilfsdisziplin ist, die ihre hauptsächlichsten Ermittlungen erst
einem wirklich überschauenden synthetisch philosophischen, bezw.
religiösen Nachdenken, oder vielmehr, wie wir gleich nachher erkennen
werden, einer einzigen _ein für allemal feststehenden, identischen,
axiomatischen_ Grundtatsache darbietet, damit an dieser eines Tages
endgültig ausgemacht werden kann, daß und wie sie sich bis daher
lediglich weitergeformt und entwickelt, indessen ihrem wesentlichsten
Grundbestand nach nicht einen Augenblick aufgehoben hat!

Denn, meine man doch ja nicht etwa, daß die exakte mechanistische
Wissenschaft erst ihrerseits eine neue und endgültige Prämisse und
Grundtatsache für die Religion auszumachen oder ausgemacht hätte!

Vielmehr steht es also gerade so, daß die mechanistische Wissenschaft
von den beiden großen Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und
Erhaltung der Kraft noch nicht einmal für ihre Einzeldisziplinen von
der Biologie aus einen wirklichen Vorteil zu ziehen vermocht hat! Man
könnte zwar sagen, daß wenigstens Physiologie und vor allem Chemie jene
beiden Tatsachen sich zu Nutz gemacht, zu ausschlaggebender Anwendung
gebracht und sich nach ihnen umgewandelt hätten: indessen auch sie
noch nicht einmal in einer wirklich zureichenden Weise, wie wir bald
erkennen werden.

Es kommt nun außerdem aber ganz und gar noch hinzu, daß, nachdem
die Versuche, welche hervorragende Biologen, Physiologen und
Chemiker neuerdings machten, von ihren Wissenschaften aus eine
Erkenntnistheorie und Philosophie auszubauen, wie nicht anders zu
erwarten war, gescheitert sind, und nachdem man augenblicklich unter
dem dringlichsten Zwang die brennende erkenntnistheoretische und
religiöse Krise zu lösen, wieder zu dem rein spekulativen Moment der
früheren deutschen Metaphysik sich zurückgewandt hat, leider sogar in
der Naturwissenschaft selbst ein direkter Zweifel an der Tatsache der
Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft Platz gegriffen
hat. Wahrlich das allerbedenklichste, was sich ereignen konnte, und was
der exakten Wissenschaft sogar geradezu letal werden könnte! Denn sie
ist im Begriff, durch diesen Umstand, anstatt mehr und mehr überhaupt
der Hypothese sich zu entäußern, in ein so verzwicktes Wirrsal von
Hypothesen und Hypotheschen hineinzugeraten, daß sie unfehlbar unter
ihm zusammenbrechen muß!

Jedenfalls sieht man, daß die exakte Wissenschaft, wie sie
augenblicklich dasteht, nichts weniger als geeignet ist, in
religiösen Angelegenheiten irgend einen Ausschlag zu geben oder den
konfessionellen Religionsunterricht entbehrlich zu machen. Denn
wahrhaftig: eine bösere Wendung der Dinge kann man sich doch kaum
vorstellen, als die, daß dieselbe Wissenschaft, welche die frühere
Metaphysik erledigt zu haben glaubte, und ganz sicherlich auch berufen
ist, sie zu erledigen und die vorwärtsschreitende Entwicklung über
sie hinauszuführen, neuerdings wieder mit dieser selben Metaphysik
kompromittiert und sich gar von ihr in ihren eigenen Angelegenheiten
und Disziplinen irritieren läßt! Aber das Rad der Entwicklung ist
wahrhaftig nicht aufzuhalten oder rückwärtszudrehen! Noch Niemand ist
ihm ungestraft in die Speichen gefallen!

       *       *       *       *       *

Entweder also sind die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Einheit
und Erhaltung der Kraft in Wirklichkeit keine sicheren empirischen
Ausmachungen und der Erkenntnistheorie, der Religion und der
Wissenschaft selbst droht, ich weiß nicht was für ein in seinen Folgen
unausdenkbarer Zusammenbruch, oder sie sind dennoch vollständig sichere
Tatsachen und nicht nur die Wissenschaft, sondern, worauf vor allen
Dingen alles ankommt, Erkenntnistheorie und Religion erstarken zu neuer
Kraft und sind imstande, sich endgültig auszubauen.

Aber, gottlob: sie sind wirklich solche unantastbar sicheren
Ausmachungen! Die von der Embryologie geleisteten Feststellungen
zunächst stehen über jedem Zweifel. Die organische Ontologie, die
Entwicklung des Tieres und des Menschen vom befruchteten Ei bis zur
Geburt, die Übereinstimmung der wichtigsten Phasen dieser Entwicklung
ist ein für allemal festgemacht. Erreichte ein Darwin und Häckel aber
außerdem eine sichere phylogenetische Ausmachung und erwies sich die
vollständige Übereinstimmung der wesentlichsten phylogenetischen Phasen
mit den ontogenetischen, so bedarf es hier wahrlich keines weiteren und
besseren Beweises mehr.

Man erhebe doch nicht den Einwand, daß verschiedene Stufen und
Übereinstimmungen in der ontologischen Entwicklung sich nicht auffinden
ließen, oder daß auch in der phylogenetischen Stufenfolge eine
lückenlose Geschlossenheit sich nicht erreichen lasse! Das kann der
Entwicklungstatsache, wie sie von der Biologie festgestellt worden ist,
keinen Augenblick einen ernstlicheren Abbruch tun. Das tatsächliche
Vorhandensein bestimmter Stufen und ihre Übereinstimmung in Ontologie
und phylogenetischer Entwicklung steht über jedem Zweifel, und das
ist die Hauptsache. Die Ausfälle, die noch bestehen bleiben, werden
sicherlich niemals restlos zu ergänzen sein; aber es benötigt ihrer
auch gar nicht. Es bedeutet die verhängnisvollste Kurzsichtigkeit,
zu meinen, daß nichts erreicht wäre, weil sie noch nicht ergänzt
seien. Man wird sie ja genau so wenig ergänzen können, als man etwa
jemals imstande sein wird, alle Atome des Universums Stück für
Stück abzuzählen und festzustellen. Aber hängt davon irgend etwas
wesentliches ab?

Eine nicht minder verhängnisvolle Kurzsichtigkeit bedeutet es aber
ferner, wenn man meint, es sei noch gar nichts sicheres hinsichtlich
einer Tatsächlichkeit der organischen Entwicklung ausgemacht, weil man
die eigentliche Übergangsstufe von der anorganischen Kristallisation
zum Protoplasma noch nicht gefunden habe.

Man wird sie sicher niemals finden, und es bedeutet völlig unnütz
vertane Zeit und Mühe, nach ihr zu suchen in der Meinung, daß erst
durch ihre direkte Auffindung der einheitliche Zusammenhang zwischen
anorganischer und organischer Welt erwiesen sei.

Er ist vielmehr bereits vollkommen ausreichend und exakt erwiesen
mit der festgestellten Übereinstimmung oder Berührung der äußersten
Grenzgebiete der höchsten anorganischen Kristallisation und dem
Protoplasma, oder dem noch vor diesem im heißen Urmeer bestehenden
Mycocem, das die giftigen Säuren und Salze seiner Umgebung vertrug,
während das Protoplasma in ihnen noch nicht existieren konnte.

Das Problem des Zusammenhanges zwischen anorganischer und organischer
Welt und der Aufstieg der organischen Entwicklung aus der anorganischen
ist übrigens sogar für jeden Laien sofort mit der unmittelbaren
schlichten Tatsache gelöst, daß der pflanzliche, tierische und
menschliche Organismus aus anorganischen Elementen besteht und daß
er diese in Gestalt von Nahrung und in anderer Weise jeden Augenblick
bedarf und in sich aufnimmt.

Es verhält sich also mit unantastbarer Sicherheit so, daß der
ausgebildete menschliche Organismus sich bis zu dem Urelement
zurückführen läßt. Denn bis auf dies ist es ja neuerdings der Chemie
gelungen, wie die anorganische, so alle Entwicklung zurückzuführen.

Daß die Chemie das Urelement als solches niemals wird darstellen,
reproduzieren, finden können, besagt wiederum ganz und gar nichts. Es
wird ihr direkt ewig unzugänglich sein, weil es eben im allgemeinen
kosmischen Bestand direkt auffindbar nicht lokalisiert ist. Niemals
wird es möglich sein, den »Weltäther« direkt zu untersuchen, und wäre
das Urelement etwa im Inneren des allgemeinen kosmischen Zentralkörpers
lokalisiert, so würde es auch hier direkt unerreichbar sein; selbst
wenn es sich um das Innere der Erde handeln sollte.

Was nun aber die Einheit und Erhaltung der Kraft anbelangt, so ist sie
erstlich bereits in sehr zureichender Weise ausgemacht, andererseits
aber ergibt sie sich, was bis daher, so einfach es ist, noch nicht
genügend berücksichtigt wurde, mit jeder Sicherheit aus dem Bestand und
der Tatsache der kontinuierlichen Entwicklung der anorganischen und
organischen Welt.

Ist Kraft von Substanz nicht ablösbar und besteht sie nicht selbständig
_neben_ dieser, so hat sie, da die Substanz sich einheitlich
entwickelt, auch ihrerseits eine einheitliche Entwicklung. Um so mehr,
da doch sicherlich gerade sie es ist, welche diese Entwicklung erst
auswirkt und ausbaut!

Nichts also kann selbstverständlicher sein, als die Einheit der Kraft.
Einheit aber schließt in weiterer Folge auch Erhaltung bezw. absoluten
Bestand ein. Was dann wieder ganz selbstverständlich auch die Einheit
und Erhaltung der Substanz einschließt.

Also gegen die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Erhaltung und
Einheit der Kraft ist schlechterdings nicht anzukommen! Es handelt sich
hier um einen unantastbar positiven und exakten Tatsachenbestand!

       *       *       *       *       *

Dennoch ist es der exakten Wissenschaft z. B. bis daher noch nicht
gelungen, eine wirklich exakte, zentrumfeste Bewegungs- und Kraftlehre
zu entwickeln!

Warum aber nicht? Weil eine wissenschaftliche Disziplin heute nicht
imstande ist, aus gewissen großen endgültigen Errungenschaften der
anderen für sich wirklich wesentliche und fruchtbare Folgerungen
zu ziehen; so heillos haben sich die einzelnen Disziplinen in ihr
Spezialistentum eingekapselt!

Denn wenn es der Bewegungs- und Kraftlehre etwa nicht gelingen könnte,
auf eigenem Gebiet und mit eigener Methode sich zu einer _zentral
einheitlichen Polaritätslehre_ zu entwickeln, so hätte sich ihr doch
unbedingt von der _Chemie_ aus dazu all und jede Möglichkeit dargeboten!

Der Chemie selbst mag es ja weiter nicht zu verdenken sein, wenn
sie von dem von ihr festgestellten Urelement aus die Folgerung auf
eine zentral einheitliche Polarität nicht gezogen hat, obgleich das
vielleicht noch nicht ganz außer dem Bereich ihrer Disziplin läge:
aber ist nicht zu beklagen, daß die Kraft- und Bewegungslehre aus der
Tatsache des Urelementes keinen Vorteil zu ziehen wußte? Und doch
ergibt sich vom Urelement aus mit unausweichlicher Notwendigkeit die
Tatsache einer zentral einheitlichen Polarität!

       *       *       *       *       *

Dieser Zusammenhang und sein logischer Duktus bietet sich zudem
wahrhaftig einfach genug dar.

Zuvor wäre allerdings eine Frage zu lösen: nämlich die nach
Lokalisation und Verteilung des Urelementes.

Hier würde sich ja aber auf der Stelle ein sehr fruchtbarer
Gesichtspunkt ergeben und maßgebend sein. Nämlich der, daß, wenn alle
vorhandenen Elemente aus dem Urelement hervorgegangen sind, bezw.
Ausdifferenzierungen desselben darstellen, sie irgend einmal noch nicht
vorhanden gewesen sein können, sondern daß stattdessen der gesamte
kosmische Umfang eine einheitliche Urelementformation gewesen sein muß.

Ich kenne die Anschauungen über das Urelement, die heute in der
Chemie bestehen, nicht des näheren: ich glaube aber, man nimmt eine
ätherähnliche Beschaffenheit desselben an, und man würde also den
sogenannten »Weltäther« als das Urelement ansprechen dürfen.

Damit wäre das Urelement bereits lokalisiert. Lokalisiert man
es indessen wirklich solchermaßen, so würde sich sofort ein
schwerwiegender Einwand erheben.

Da man nämlich eine unendliche Ausdehnung des Kosmos annimmt, muß
mit dieser auch eine unendliche Ausdehnung des Weltäthers oder der
vormaligen einheitlichen Urelementformation gegeben sein. Aus dem
Weltäther, dem Urelement, bilden sich alsdann durch Kontraktion die
übrigen Elemente hervor.

Wäre es denn nun aber wirklich angängig, von einer solchen
uranfänglichen Entstehung der Elemente aus dem Weltäther (Urelement) zu
reden, da die Elemente ja doch, angesichts der _unendlichen_ Ausdehnung
des Kosmos, beständig und noch dazu in Gestalt von unendlich vielen
körperlichen Gebilden vorhanden sein müßten?

Mit anderen Worten: es läßt sich angesichts einer _Unendlichkeit_
des Kosmos überhaupt nicht feststellen, daß die Elemente aus einem
Urelement, einem Weltäther irgendeinmal erst _entstanden_ wären!
Vielmehr wäre ein anderes undenkbar, als daß die Elemente ewig
_neben_ dem Weltäther und in ihm vorhanden wären. Alsdann aber könnte
dieser letztere offenbar nichts anderes sein, als _ein_ Element neben
_anderen_, oder noch besser: nichts als ein durch die Kontraktionen
äußerst angespannter und verdünnter Zustand der Substanz.

Also nochmals: angesichts der bisher bestehenden Anschauung von einer
unendlichen Ausdehnung des Kosmos kann von einer uranfänglichen
Ausdifferenzierung der Elemente aus einem Urelement und einer
einheitlichen Urelementformation hervor, deren Annahme doch vollständig
unerläßlich ist, ganz und gar nicht die Rede sein, sondern es müssen
ewig alle Elemente neben- und ineinander vorhanden sein. Dagegen ist
nicht der geringste Einwand zu erheben.

       *       *       *       *       *

Nun steht es ja aber in Wahrheit so, daß die Chemie die gesamte
organisch-anorganische Entwicklungsreihe bis auf eine ursprüngliche
einheitliche Urelementformation tatsächlich hat zurückführen können;
daß also vordem wirklich eine einheitliche Urelementformation bestanden
hat.

Was kann daraus aber einzig noch folgen? _Nichts anderes, als daß eine
unendliche Ausdehnung des Kosmos ein völliges Unding ist! Und schon
rein von der Chemie und der Tatsache des Urelementes aus muß sich diese
Unmöglichkeit ergeben!_

Also kann es sich denn in Wahrheit lediglich um einen _endlichen_
Kosmos handeln.

Alsdann wäre aber das Urelement bereits so gut wie lokalisiert.

Zunächst damit, daß einstmals dieser endliche Kosmos eine einheitliche
Urelementform war, welche irgend eins der übrigen nachherigen Elemente
noch nicht hervorgebildet hatte.

Indessen: war der Kosmos wirklich seiner _ganzen_ Ausdehnung nach eine
Urelementformation?

Kurz: Die Lokalisation des Urelementes bleibt erst noch näher zu
spezialisieren.

       *       *       *       *       *

Dazu gelangen wir, wenn wir in Erwägung ziehen, daß diese
Urelementformation noch nicht der allereinfachste Zustand des Kosmos
gewesen sein kann.

Element und Substanz besagt ja noch in _jedem_ Falle eine Aggregation,
einen zusammengesetzten Zustand. Haben wir aber eine einheitliche
_Entwicklung_ bis jetzt von einem allerkompliziertesten Zustand aus bis
zu einem bereits so einfachen wie das Urelement zurückführen können, so
werden wir diese Zurückführung auch noch des weiteren bewerkstelligen
können.

Bedingt wird alles Zusammengesetzte durch das, woraus es sich
zusammensetzt, oder was sich zu ihm aggregierte. Das kann aber
angesichts des Urelementes schon nur mehr noch das _Atom_ sein.
(Ich bin mir bewußt, daß man neuerdings von einer noch winzigeren
Körperlichkeit spricht, als das Atom eine ist, von Elektronen,
Ionen usw.: indessen, da es ja nur auf den Begriff einer kleinsten
Körperlichkeit überhaupt ankommt, so möchte ich den für diese populär
gewordenen Begriff des Atoms hier beibehalten.)

Es muß also vor der Urelementformation eine rein atomistische bestanden
haben!

Da nun aber erst mit dem Urelement der Begriff und Zustand einer
Substanzialität einsetzt, so kann _vor_ dem Urelement noch keine
Substanz vorhanden gewesen sein und also kann das Atom kein
substanzielles Gebilde sein. Also ist es eine unsubstanzielle
Körperlichkeit. Und also ist es ein Gebilde reiner Kraft. Als solches
aber wieder und als eine Körperlichkeit muß es und kann es nur noch
ein primitivstes Produkt _zwiepolarer_ Spannung und kann es selbst
lediglich eine winzige zwiepolare Spannung sein. Also ein winzigstes
_elliptisches_ Gebilde.

So wäre denn also der endliche (elliptisch in sich geschlossene)
Kosmos vor dem Urelement eine rein zwiepolare Formation reiner, noch
unsubstanzieller Kraft gewesen.

       *       *       *       *       *

Doch auch dieser Zustand kann noch nicht der allererste Urzustand des
Kosmos gewesen sein. Immer noch ermöglicht sich eine Zurückführung der
Entwicklung zu einem noch einfacheren Zustand.

Die zwiepolare _Spannung_ (bezw. beständige zwiepolare Auslösung)
des Atoms bedeutet noch einen _aktiven_ Zustand von Kraft; und also
einen immer noch komplizierten, wenn auch schon in keiner Weise mehr
substanziell komplizierten. Es kann und wird sich also noch ein
weiteres vollziehen; freilich nur mehr noch ein alleräußerstes: nämlich
diese zwiepolare Spannung und Aktivität kann sich noch einziehen. D. h.
der eine Pol kann den anderen in sich aufnehmen. Alsdann aber besteht
weder mehr eine substanzielle noch eine unsubstanzielle Körperlichkeit,
besteht keinerlei aktive Kraft mehr, sondern nur noch der einpolar
neutrale Zustand ∞, der alle Entwicklungsformen sowohl ein- wie
ausschließt und schlechthin punktuell ist! --

_Wir wären mit alledem aber zu dem überaus wichtigen Ergebnis gelangt,
daß die Substanz keine selbständige Bedeutung besitzt, sondern
lediglich die einer vorgerückteren Form und Komplikation von Kraft._ So
daß also die Kraft der Substanz gegenüber -- die überdies bekanntlich
noch niemals anders als _schematisch_ begrifflich von jener getrennt
werden konnte! -- ein übergeordneter Zustand ist. -- Im übrigen aber
ist sie offenbar keineswegs der letzte Urgrund des Kosmos und aller
kosmischen Erscheinung, sondern lediglich eine _Eigenschaft_! Nämlich
eine Eigenschaft des punktuellen Ein-Pols, der sie in dem Augenblick zu
betätigen anfängt, sobald er zwiepolar wird, einen Gegenpol aus sich
heraussetzt, um alsdann alle weitere Stufenfolge von Entwicklung zu
bewirken.

Diesen einpolar neutralen Zustand ∞ gewonnen, werden wir jetzt auch
in der Lage sein, das Urelement im Kosmos exakt zu lokalisieren; und
zugleich werden wir mit aller Sicherheit erkennen, daß es tatsächlich
unmöglich den Kosmos seiner ganzen elliptischen Ausdehnung nach
eingenommen haben oder einnehmen kann. Mit anderen Worten: daß sich
zugleich das Vorhandensein eines sogenannten »Weltäthers« als ein
für allemal unmöglich erweist! Denn wenn jetzt die Entwicklung aus
dem einpolaren Zustand hervor von neuem beginnt, so muß sich auch
Zustandekommen und Ort des Urelementes auf das genauste feststellen
lassen. --

       *       *       *       *       *

Entwicklung und eine einheitliche zentrale Kraft als Eigenschaft eines
punktuellen Ein-Pols sind also zwei mit jeder Sicherheit ausgemachte
und feststehende Tatsachen.

Die elliptisch endlich in sich geschlossene Ausdehnung des Kosmos und
die Einheitlichkeit des allgemeinen, absoluten kosmischen Systems
ergibt sich von diesen beiden Tatsachen aus mit jeder Notwendigkeit;
des näheren aber die Tatsache einer ehemalig einheitlichen
Urelementformation und von ihr aus eine Entfaltung von Substanz und
kosmischen Körpern, deren es von vornherein in einem elliptisch
_endlichen_ Kosmos nur eine endlich bestimmte Anzahl geben kann.

Aber wir können auch noch von einer anderen Seite her die elliptische
Endlichkeit des Kosmos und die Einheit eines absoluten kosmischen
Systems mit jeder Sicherheit nachweisen.

Ohne weiteres bieten sich uns nämlich im Kosmos Systeme dar. Diese
Systeme bestehen wieder aus Untersystemen. Daraus ergibt sich die
notwendige Folgerung, daß alle kosmischen Systeme Glieder eines
einzigen allgemeinen kosmischen Systems sind. Weiterhin aber ergibt
sich, daß, wie jedes Untersystem einen Zentralkörper und eine
Peripherie hat, als welche letztere sich die Umlaufsbahn seines
äußersten Körpers darstellt, auch das allgemeine kosmische System einen
Zentralkörper und eine Peripherie, bezw. eine äußerste Umlaufsbahn
besitzt.

Wollte man nun aber diese Peripherie und diese äußerste Umlaufsbahn
ihrer Ausdehnung nach für unendlich halten, so wäre ein anderes
vollständig ausgeschlossen, als daß auch der Zentralkörper des Systems
räumlich unendlich wäre; denn einer _unendlichen_ Peripherie könnte
notwendigerweise auch nur eine _unendliche_ Zentrale entsprechen.
Alsdann wären ja aber Zentrum und Peripherie in eins zusammengezogen:
nämlich in den Zustand ∞, der, da eine Zentrale gegen eine Peripherie
nicht mehr unterschieden wäre, nicht anders als seiner Eigenschaft nach
einpolar und neutral ist, so daß also keinerlei System und keinerlei
kosmische Körper vorhanden sein würden. Da nun aber in Wirklichkeit
doch kosmische Körper und Systeme vorhanden sind, so kann es sich nicht
anders verhalten, als daß sie in einem allgemeinen elliptisch endlichen
System stehen, in dem sich ein endlicher Zentralkörper gegen eine
endliche Peripherie unterscheidet!

Also auch auf solchem Wege gelangen wir zu der unausweichlichen
Erkenntnis, daß der Kosmos seiner Ausdehnung nach elliptisch endlich in
sich abgeschlossen ist.

Übrigens fängt die Astronomie neuerdings selbst an, einen seiner
Ausdehnung nach elliptisch geschlossenen Kosmos und ein solches
allgemeines kosmisches System anzunehmen. (Nachdem aber schon lange von
Dühring und Helmholtz die Endlichkeit der kosmischen Raumausdehnung
nachgewiesen wurde.) Von welch' ungeheurer und überraschender
Tragweite aber die Tatsache eines elliptisch endlichen Kosmos und
eines einheitlichen kosmischen Systems ist, davon werden wir uns
gleich nachher überzeugen können. Die Astronomie hat denn heute auch
ein Bewußtsein davon, daß sie vor einer großen fundamentalen Umwälzung
steht. Einer ihrer namhafteren Vertreter, Prof. Turner in Cambridge,
hat das ja auch anfangs dieses Jahres in einer öffentlichen Rede, die
großes Aufsehen erregt hat, direkt ausgesprochen.

       *       *       *       *       *

In was für unmögliche und geradezu unsinnige Hypothesen sich indessen
die exakte Wissenschaft, nachdem sie selbst an den beiden Tatsachen der
Entwicklung und der Erhaltung einer einheitlichen Kraft wieder unsicher
geworden ist, vorderhand, und besonders gerade die Astronomie, noch
verstrickt zeigt, dafür ein Beispiel.

Es ist bekannt, daß man neuerdings die Kant-Laplacesche Kosmogonie ein
für allemal hat fallen lassen. Mit vollem Recht; denn sie ist wirklich
nicht mehr aufrechtzuerhalten, und am allerwenigsten läßt sie sich noch
mit der Tatsache eines elliptisch in sich geschlossenen kosmischen
Raumes vereinbaren.

Wir wollen sie uns aber trotzdem hier in aller Kürze noch einmal
vergegenwärtigen.

Im unendlichen Raum zieht sich überall Substanz zusammen. Sie befindet
sich in einem feurig gasigen Nebelzustande, der rotiert. Diese
Rotation vollzieht sich zunächst noch ganz langsam. Da aber der Nebel
beständig Wärme in den kalten Weltraum hinein abgibt, so zieht der
Nebel sich zusammen und in gleichem Maße nimmt auch seine Rotation
zu, beschleunigt sich und wird kräftiger. Die Folge davon ist, daß von
einer zentralen Verdickung aus, die sich später zum Zentralkörper des
im Entstehen begriffenen Systems entwickelt, die Substanz ringförmig
abgeschleudert wird. Diese Ringe zerreißen und ziehen sich zu Körpern
zusammen, die alsdann den Zentralkörper in der Richtung von dessen
Rotation umkreisen, festgehalten von seiner Gravitation und zugleich
von einer Zentrifugalkraft, die ihnen eignen soll, von ihm abgedrängt
und zu ihm in bestimmter Distanze gehalten.

Man sieht sofort, daß diese Kosmogonie sich mit einem elliptisch
endlichen Kosmos und einem einheitlichen kosmischen System nicht mehr
vereinbaren läßt. Denn hier wäre ja weder ein kalter, abkühlender
Weltraum mehr, noch auch wäre für das Gesamtsystem noch ein Raum zu
einer solchen Abschleuderung. Nur bei der Annahme eines unendlichen
Weltraums konnte eine solche Hypothese Sinn und Überzeugungskraft
haben. Auch verträgt sich im übrigen die mechanisch von außen her
erfolgende Beschleunigung der zentralen Rotation keinen Augenblick
mehr mit der Einheitlichkeit und Polarität der Kraft, die doch
unbedingt verlangt, daß die Rotation sich durch sich selbst und aus
zentraler Polarität heraus beschleunigt. Weiter aber ist überhaupt in
der Kant-Laplaceschen Hypothese das Zustandekommen einer zentralen
Rotation weder erklärt noch auch verständlich. Auch das Zustandekommen
der Rotation der Trabanten bleibt durchaus unverständlich und ohne
Erklärung. Ja sogar die Abschleuderung!

Aber das alles beiseite. Trotz allem eignete dieser Theorie an und für
sich immerhin eine gewisse einleuchtende Kraft. Es muß einem sofort
plausibel sein, daß kosmische Bewegung und Kraft die Substanz lokal
kontrahiert und daß alsdann von einem durch solche Kontraktion sich
ausbildenden Zentralkörper aus ganz einheitlich die weitere Ausbildung
des Systems erfolgt. Auch die Rotation des Zentralkörpers, ob erklärt
oder nicht, mußte die Ausbildung der Umlaufsbewegung des Systems sehr
gut und mit geschlossener Einheitlichkeit einleuchtend machen. Außerdem
durfte man ja an und für sich aus der tatsächlichen Rotation der Erde
sehr wohl auch auf eine Rotation der übrigen Himmelskörper schließen.

Um es also banal zu sagen: Die Kant-Laplacesche Kosmogonie war
sicherlich nichts weniger als dumm und bleibt nach wie vor, obgleich
sie nachgerade nur noch historisch in Betracht kommt, aller Ehren wert.

Nun wollen wir uns aber mal ihr gegenüber einer der neuesten
kosmogonischen Hypothesen ansehen, die prätentiert, die
Kant-Laplacesche endgültig überwunden und erledigt zu haben!

       *       *       *       *       *

Es handelt sich um die von Svante Arrhenius in seinem Buch »Das
Werden der Welten« entwickelte sogenannte Explosionstheorie. Auch
einem weiteren Publikum ist nicht unbekannt, welches Aufsehen ihr
nobelpreisgekrönter Urheber mit ihr hervorgerufen und wie die
astronomische Wissenschaft sie, wenn auch nicht mit vollständiger
Einstimmigkeit, ernst genommen hat.

Wir bieten zunächst in aller Kürze den wesentlichsten Inhalt dieser
Explosionstheorie.

Sie knüpft an die so interessante Erscheinung der »Novae«, jener
plötzlich mit gewaltiger Kraft und ganz spontan aufleuchtenden
Gestirne an, die mit diesem Aufleuchten zum ersten Mal in Erscheinung
treten, um alsdann, nachdem ihre Leuchtkraft sich wieder vermindert
hat, einen gewissen Ausbildungsprozeß zu zeigen, der im allgemeinen
dem der kosmischen Spiralnebel entspricht. Man hat besonders im
Laufe der letzten beiden Jahrzehnte der Erscheinung der »Novae«
eine nachhaltigere Aufmerksamkeit zugewandt und große Erwartungen
für wichtigste Aufschlüsse in kosmogonischen Angelegenheiten an sie
geknüpft; Erwartungen, die Arrhenius jetzt mit seiner Explosionstheorie
gerechtfertigt haben soll.

Aber der Inhalt seiner Theorie!

Zwei erkaltete große Sonnen treffen im Weltraum aufeinander. Sie sind
nicht vollständig erkaltet, sondern bergen in ihrem Innern noch heißen
gasigen Stoff. Der Zusammenstoß macht die beiden Körper bersten und ihr
heißgasiges Innere explodieren. Es entsteht eine ungeheure Erhitzung
und eine zweiseitige Ab- und Ausschleuderung der erhitzten und gasig
gewordenen Materie, die sich mit zwei Armen spiralig neblig um eine
zentrale kugelige Verdickung herumlegt.

Nun sollte man meinen, die weitere Ausbildung des im Entstehen
begriffenen Systems gehe dergestalt vor sich, daß infolge zentraler
Rotation die beiden spiraligen Nebelarme selbständig Zentren ausbilden,
die später als Trabanten den Zentralkörper in der Richtung der
zentralen Rotation begleiten; indessen keineswegs! Zwar gibt Arrhenius
zu, daß bis zu einem gewissen Grade eine solche Zentrenbildung
stattfindet, aber trotzdem ist durchaus nicht sie es, welche die
späteren Trabanten zustandebringt. Vielmehr sollen diese in der
Hauptsache auf folgende Weise entstehen:

Beständig dringen nicht nur zahllose Meteoriten, sondern sogar größere
Körper in den Nebel hinein. Die meisten durchschlagen ihn zwar und
setzen ihre Bahnen in den Raum hinein fort, immerhin aber werden diese
und jene dennoch von dem Nebel festgehalten, geraten -- obgleich sie
doch an und für sich die Kraft haben, diese Rotation zu durchbrechen?!
-- in die Richtung von dessen Rotation, ziehen die Materie des Nebels
und etwaige durch die Rotation bereits entstandenen Zentren an sich
heran und werden so zu Trabanten des Zentralkörpers; wogegen die
eigene Zentrenbildung des Nebels überhaupt so gut wie ganz und gar
bedeutungslos bleiben soll!

       *       *       *       *       *

Das ist die kosmogonische Theorie, die sogenannte »Explosionstheorie«
von Svante Arrhenius! --

Sehen wir zu, was es mit ihr auf sich hat.

Ich glaube, der aufmerksamere Leser, der sie inzwischen mit der vorhin
skizzierten Kant-Laplaceschen Hypothese verglichen hat, wird bereits
bedenklich den Kopf geschüttelt haben. Wahrhaftig nur mit vollem
Recht! Denn diese Explosionstheorie von Arrhenius ist nichts als eine
unglaubliche Absurdität. (Ein Astronom, mit dem ich in Briefwechsel
stand, hat sie mir gegenüber denn auch direkt als »lächerlich«
bezeichnet.)

Zunächst, was für eine bedenkliche und befremdliche Freizügigkeit
der kosmischen Körper! Nicht nur, daß überhaupt zwei »erkaltete
Sonnen« solchermaßen und ganz ohne Rücksicht darauf, ob sie andere
Systeme dabei etwa zerstören oder nicht, aufeinandertreffen und
explodieren können, sondern auch noch alle diese zahllosen Meteoriten
und Großkörper, die da kreuz und quer durcheinanderfahren und dabei,
wie es gerade der Zufall fügt, zugleich den Nebel durchbrechen und
sich von ihm fangen lassen sollen. Welche regellose Willkür in
der kosmischen Bewegung, die wir uns doch -- Einheit und Erhaltung
der Kraft und zentrale Polarität! -- als eine völlig einheitliche
und streng geregelte vorzustellen haben! Oder geben etwa die so
befremdlich und problematisch exzentrischen Bahnen von Kometen und
Sternschnuppenschwärmen Berechtigung zur Annahme einer derartigen
Freizügigkeit? Unmöglich, da die Kometen und Sternschnuppen ihre
Umlaufsbahnen ja immerhin einhalten und nach irgend einer offenbaren
gesetzlichen Ordnung vollziehen, von den schweren Großkörpern aber,
zwischen denen sie passieren, wohl Ablenkung erfahren, diese selbst
aber und ihre Bahnen und Systeme nicht einen Augenblick zu stören
vermögen. Zwar können Kometen sich sogar auflösen, indessen haben wir
alle Ursache anzunehmen, daß die Sternschnuppenschwärme, in die ein
Komet sich aufgelöst hat, sich gleichfalls, wie die anderen, in einer
streng innegehaltenen Umlaufsbahn bewegen.

Im übrigen aber: wie sollte es wohl denkbar sein, daß Fremdkörper
in einer Weise, wie Arrhenius dies annimmt, in den Bereich eines
werdenden Systems hineingeraten und es in seinem Werdeprozeß stören
könnten! Die Kraft der Rotation des Systems -- man denke: die Wucht
zweier aufeinanderprallender erkalteter großer Sonnenkörper: welch eine
ungeheuere Rotationskraft und welch einen ungeheueren wirbelnden Reflex
derselben nach allen Seiten hin müßte sie zur Folge haben! -- läßt das
ja nicht einen Augenblick zu!

Und würden nicht auch wir selbst, würde nicht auch unser Planetensystem
täglich und stündlich erleben können, daß uns bei solch einer
regellosen Freizügigkeit große Körper aus kosmischen Fernen zugelangten
und Bestand und Gefüge der Erde und des Systems in schwerster
katastrophaler Weise gefährdeten?!

Im übrigen zeigt gerade diese willkürliche, chaotische Freizügigkeit
der kosmischen Körper, die von Arrhenius hier wieder angenommen wird,
so drastisch wie möglich, wie völlig unsicher die Wissenschaft der
Entwicklungstatsache und der Tatsache der ewigen einheitlichen Kraft
und Polarität gegenüber inzwischen wieder geworden ist!

Aber ermessen wir jetzt die Theorie von Arrhenius erst noch in ihrer
ganzen Unsinnigkeit! Wir haben nämlich noch lange nicht ihre ärgste und
unbegreiflichste Gedankenlosigkeit ins Auge gefaßt!

Sie besteht aber darin, daß jene beiden »erkalteten Sonnen,« die da
aufeinanderstoßen und explodieren, ihrerseits nicht einen Augenblick
eine Erklärung erfahren!

Wenn nämlich die kosmischen Systeme auf eine Weise entstanden sein
sollen, wie Arrhenius dies beschreibt, so frägt man ja sofort: ja
wie sind denn aber, wenn _alle_ kosmischen Körper solchermaßen
zustandekommen, ihrerseits diese beiden »erkalteten Sonnen«
entstanden? Kommen sie aus einem anderen, zugrundegegangenen System
her? Zweifellos! Aber auch das ist ja durch Explosion zweier
aufeinandergestoßener »erkalteter Sonnen« entstanden? -- Kurzum:
es bleiben schließlich diese beiden Körper völlig unerklärt; und
Arrhenius hat auch noch nicht einmal den leisesten Versuch zu einer
solchen Erklärung gemacht; ja, man muß sogar annehmen, daß, was das
allerböseste und unbegreiflichste ist, Arrhenius diese Problematik
seiner beiden »erkalteten Sonnen« da noch nicht einmal zu Bewußtsein
gekommen ist!

Übrigens bleiben genau so alle die Meteoriten und Großkörper
vollständig unerklärt, die der Nebel eingefangen haben soll!

Unbedingt müssen doch nun aber alle diese Körper eine Entstehung gehabt
haben, und _müssen_ sie also erklärt werden! Wahrhaftig: da bliebe
doch der alten, jetzt historisch gewordenen Kant-Laplaceschen Theorie
noch zehnmal der Vorzug zu geben! Was man auch immer und zwar mit
vollem Recht nachgerade gegen sie einzuwenden hat: solche faustdicken
Gedankenlosigkeiten läßt sie sich denn doch nicht zu schulden kommen;
vielmehr ist sie, wie wir gleich sehen werden, bis daher, obwohl
_nicht_ mehr möglich, immer noch die in ihrer Logik geschlossenste und
einwandfreiste aller neueren Kosmogonien.

       *       *       *       *       *

Denn auch die ernster zu nehmenden neusten kosmogonischen Theorien sind
kaum um ein Haar besser, als die von Arrhenius!

Und zwar lediglich aus demselben Grunde: weil nämlich die zentralen
Großkörper der Systeme ohne auch nur die leiseste Spur einer Erklärung
bleiben!

So besteht augenblicklich z. B. folgende, an die Theorien von den
Kometen und Sternschnuppen anknüpfende Kosmogonie, die jüngst von der
Astronomie, scheints, so ziemlich allgemein angenommen wurde.

Ein vorhandener rotierender Großkörper zieht vermöge seiner Schwerkraft
Massen von in seiner Nähe vorübergehender, leichter verteilter Substanz
an. Diese umkreist ihn, von ihm festgehalten, und durch Zentrenbildung
zieht sie sich zu Trabanten zusammen, von denen der Großkörper alsdann
umkreist wird.

Hier kommen nun zwar keine Meteoriten und andere Körper mehr in
einen Nebel hinein, auch ist der rotierende Großkörper, was die
Zentrenbildung und Ausbildung des Systems anbetrifft, nicht mehr
so machtlos wie in der Theorie von Arrhenius: indessen scheitert
auch diese Hypothese vollständig und ein für allemal daran, daß das
Zustandekommen des rotierenden Großkörpers nicht einen Augenblick
erklärt ist; ja die Problematik desselben auch noch nicht mal einen
Augenblick bewußt erkannt und ins Auge gefaßt wurde! -- Nochmals:
wahrhaftig auch diese kosmogonische Hypothese hat nicht die mindeste
Berechtigung zu prätentieren, daß sie die Kant-Laplacesche erledigt
hätte. Auch sie ist eine ganz unmögliche Theorie.

       *       *       *       *       *

Und doch ermöglicht sich eine endgiltig exakte Kosmogonie nachgerade
unschwer.

Und zwar, immer wieder sei es betont, von der Entwicklungstatsache
und von der einer einheitlichen zentralisierten Kraft und Polarität,
und weiter von jenem einpolar neutralen Zustand ∞ aus, zu dem wir mit
unantastbarer Sicherheit von der Tatsache des Urelementes aus gelangten.

Wir erkannten schon früher, daß der Kosmos und das allgemeine
einheitliche kosmische System nur eine elliptisch in sich abgerundete,
endliche Ausdehnung haben kann, und daß der absoluten elliptischen
Peripherie ein allgemeiner kosmischer Zentralkörper entsprechen muß.
Die Astronomie, die, wie wir schon sahen, neuerdings selbst zu der
Annahme eines elliptisch endlichen Kosmos und eines einheitlichen
kosmischen Systems -- des sogenannten »Milchstraßensystems« -- gelangt
ist, muß unbedingt auf der Stelle die Notwendigkeit folgender Aussagen
zugeben, die sich von diesem allgemeinen kosmischen System von
vornherein ergeben:

1. Das System hat eine einheitliche Bewegung, die sich im
wesentlichsten Betracht als Umlaufsbewegung darbietet.

2. Diese Umlaufsbewegung geht vom allgemeinen kosmischen Zentralkörper
aus und wird beständig von ihm in Gang gehalten und geregelt.

3. Sie vollzieht sich, als deren Ausweitung, in der Richtung der
zentralen Rotation.

4. Sie gliedert sich in eine Reihe von Zonen und Sphären, die sich
durch die jeweilige Intensität des Umlaufs bestimmt.

5. Diese Intensität ist je näher die betreffende Zone und Sphäre dem
Zentralkörper und der zentralen Rotation geht, um so stärker und um so
schwächer je mehr gegen die kosmische Peripherie hin.

6. Zentrale Rotation und ihre Ausweitung, bezw. kosmischer Umlauf und
seine Intensität, bedingen in den einzelnen Zonen und Sphären die
Verarbeitung der Substanz, bezw. die Beschaffenheit der umlaufenden
Körper.

7. Da der zentralen Rotation und ihrer Ausweitung eine zusammenziehende
Kraft eignet und diese notwendigerweise am Zentralkörper selbst und in
seiner Nähe am stärksten ist, so ist nichts anderes denkbar, als daß
der Zentralkörper ein harter Körper ist (aber _kein_ »Sonnenkörper«!),
und daß die ihm nächst umlaufenden Körper mehr oder weniger _feste_
Körper sind!

8. Aus alledem ergibt sich aber sofort hinsichtlich des Entstehens
und Werdens des allgemeinen kosmischen Systems, daß die Entstehung
der einzelnen Körper und Systeme nicht willkürlich hier und da durch
eine Kontraktion vor sich geht, die auch kaum jemals in auch nur
einigermaßen zureichender Weise erklärt werden konnte, sondern daß
sie zentral streng geregelt ist nach Zonen und Sphären und nach
Intensitätsstufen des allgemeinen kosmischen Umlaufes, bezw. der
Ausweitung der zentralen Rotation!

       *       *       *       *       *

Das alles durften wir, da die Tatsache eines elliptisch endlichen
Kosmos und kosmischen Systems feststeht, auf der Stelle mit jeder
Sicherheit und Zuverlässigkeit folgern. Und zugleich sind wir nunmehr
in der Lage zu einer allgemeinen Kosmogonie wie auch zu der eines
jeglichen Einzel- und Untersystems zu gelangen. Und zwar zu einer
wirklich exakten, mit unantastbarer Lückenlosigkeit geschlossenen und
endgültigen!

Vergegenwärtigen wir uns jetzt diesen kosmogonischen Vorgang:

Wir sahen weiter oben, daß Urelement und Substanz keine selbständige
Erscheinung neben der Kraft sind, sondern nichts als eine Komplikation
der letzteren, so daß Substanz sich also auf die ihr übergeordnete
Erscheinung der Kraft zurückführen läßt. Kraft erkannten wir dann
wieder als absolute Eigenschaft eines Ein-Pols. Und alle Entwicklung
sahen wir uns genötigt bis auf einen einpolar neutralen Zustand ∞
zurückzuführen.

Von diesem aus tritt dann das allgemeine kosmische System wieder in
Entfaltung. Und zwar unbedingt durch einen Akt von Kraft und Bewegung.
Denn zeigte Pol-Kraft Bewegung, zeigte das kosmische System sich im
ausgelösten Zustande zwiepolar, und sind im einpolar neutralen Zustande
zwei Pole in einen übergegangen, so muß zunächst der eine Pol sich
wieder vom anderen trennen und sich gegen ihn in Distanze setzen.

Das aber kann sich offenbar nur in Gestalt eines spontanen Ruckes
vollziehen.

Da nun ferner, bevor Substanz erreicht wird, zunächst die
unsubstanzielle Atomen-Formation zustandekommen muß, und da ferner,
damit alle Atome zustandekommen können, zunächst _ein_ Atom erreicht
werden muß, so beginnt die kosmische Entwicklung uranfänglich mit der
Ausbildung _eines_ Atoms!

Diese Tatsache ergibt sich aber ganz unausweichlich damit, daß im
Bestand des ausgewirkten Kosmos kein einziges Atom rotieren kann, wie
überhaupt im Kosmos kein einziger Körper eine Achsenrotation besitzt.
Mit einziger Ausnahme des kosmischen Zentralkörpers, der, wie wir in
unserem früher gegebenen Verzeichnis sahen, rotieren muß, weil eine
kosmische Umlaufsbewegung besteht, die als nichts anderes erklärt
werden kann, als die Ausweitung einer zentralen Rotation!

Was nun aber diese Rotation des Zentralkörpers anbetrifft, so ist zu
berücksichtigen, daß der Zentralkörper ja entstanden ist, und ferner
ist zu beachten, _wie_ er entstanden ist.

Dieses Wie? werden wir sogleich kennen lernen. Und zwar werden wir
sehen, daß schlechterdings es sich bedingt durch eine einzige erste
minimalste Auslösung von Kraft und Polarität, und durch ein zentrales
Uratom und dessen Rotation. So daß also ganz streng genommen in allem
Bereich des Kosmos und des kosmischen Systems nur ein einziges
Atom und ein einziger Körper eine Rotation hat: nämlich das zuerst
ausgelöste zentrale Uratom, und daß im übrigen aller übrige kosmische
Bestand, auch die Substanzmasse des Zentralkörpers mit seinen
Schichtungen, lediglich einen _Umlauf_ um das rotierende Zentralatom
haben, der sich in der Richtung von dessen Rotation vollzieht, von ihr
bewirkt wurde, und in Gang erhalten wird.

Schlechterdings durch ein einziges zentrales Uratom und seine Rotation
bedingt sich aller kosmische Bestand deshalb, weil alle seine Atome,
ob in ihrem noch unsubstanziellen oder substanziellen Zustand, erst
durch Schneidung, bezw. Verknüpfung zweier Richtungen von Kraft
zustandekommen; wozu zunächst unbedingt das Zustandekommen eines Atoms
vonnöten war, und zwar eines rotierenden.

       *       *       *       *       *

Erfolgte also aus dem einpolar neutralen Zustand ∞ hervor ein erster
Ruck, so konnte dieser sich nur als ein allerminimalster vollziehen.
Dennoch aber war er, aus momentaner absoluter Bewegungslosigkeit des
Ein-Pols hervor entstehend, die allerintensivste Äußerung von Kraft
und dermaßen ungeheuer, daß er mit der ersten zentralen Distanze
und Dimension zugleich auch schon, mit einer allseitig _vertikalen_
Ausweitung, die äußerste kosmische Peripherie auslöste; dergestalt
indessen, daß diese ganze ungeheuere Dimension zunächst noch nicht ein
einziges Atom hatte.

Was nun aber jene erste zentrale Distanze anbetrifft, die sich im
übrigen als die erste Spannung zwischen zwei Polen darstellt, so
konnte diese -- wir werden gleich nachher den Grund erkennen -- nicht
anders als _geradlinig_ erfolgen! Denn auf dem kürzesten und zugleich
intensivsten Wege erreichte der Pol seinen Gegenpol oder setzte er ihn
aus sich heraus. Da nun aber diese erste geradlinige Zentral_dimension_
vorhanden war und zugleich mit ihr der Bereich der allseitigen
vertikalen Kraftausweitung des Urruckes bis zur kosmischen Peripherie
hin, so hatte der Pol jetzt eine Möglichkeit, zu seinem Gegenpol auch
krummlinig überzuspringen. Übrigens nach strenger Maßgabe der ersten
geradlinigen Dimension und um deren Achse herum, die ein für allemal
statisch festgehalten wurde!

Der Pol vollzog jetzt ringsherum diese krummlinigen Auslösungen, eine
dicht an der anderen, und so rundete sich ein allererstes minimalstes
elliptisches Spannungsgebilde und eine solche unsubstanzielle
Körperlichkeit in Gestalt eines zentralen Atoms. Da die krummlinigen
Auslösungen aber statisch festgehalten wurden, auch in der Reihenfolge,
wie sie von Anfang an erfolgten -- immer eine Linie dichtest an der
anderen und eine immer mit Hilfe der vorherigen! --: so mußte diese
ganze Auslösungsbewegung eine Rotationsbewegung werden und mußte das
zentrale Uratom _rotieren_; an ein und derselben Stelle und ohne seine
Lage im geringsten zu verändern.

       *       *       *       *       *

Jetzt aber gelangen wir zu dem Beweis, daß der Urruck sich unter
allen Umständen zunächst geradlinig vollziehen mußte und nicht einen
Augenblick anders sich vollziehen konnte.

Nämlich auch die Rotationsbewegung des zentralen Atoms hat, genau
so wie der erste geradlinige Urruck, eine Ausweitung. Die sich in
die vorhandene vertikale (zentrifugal = zentripetale) Ausweitung und
Kraftspannung hinein bis zur Peripherie fortsetzt.

Es bestehen also jetzt im Kosmos zwei Kraftrichtungen: eine _vertikale_
(zentrifugal = zentripetale) und eine _horizontale_, eine Rotations-,
bezw. Umlaufsrichtung. Sie bleiben ein für allemal die zwei
grundtypischen Richtungen einheitlicher Kraft, Bewegung und Polarität.

Was ist nun aber anders denkbar, als daß die horizontale Ausweitung
der zentralen Rotation sich erst einen Weg brechen mußte durch die
vertikale Ausweitung? Diese Durchbrechung aber brachte überall im
kosmischen Bereich zwiepolare Brechungs- oder Verknüpfungsgebilde
zustande: die Atome! -- Zu berücksichtigen ist hierbei aber sofort, daß
diese Brechungen und Verknüpfungen am _intensivsten_ erfolgen mußten,
je näher beim rotierenden Zentralatom; denn je weiter von ihm ab und
gegen die kosmische Peripherie hin, um so mehr muß ja die Ausweitung
der zentralen Rotation an den Kraftlinien der vertikalen Ausweitung
erlahmen; so daß es denn auch ausgeschlossen ist, daß die horizontale
Ausweitung bis _ganz_ an die kosmische Peripherie herangeht. Sie
begegnet ja hier außerdem einer absoluten Grenze, an welcher mit
ungeheuerster Gewalt der vertikale Kraftreflex des Urruckes sich in
zentripetale Richtung umbiegt und zurückstaut. So daß also die äußerste
Peripherie eine kosmische Zone bedeutet, in der nicht eine Spur von
Substanz oder auch nur von unsubstanziellen _Atomen_ mehr möglich und
vorhanden ist! --

       *       *       *       *       *

Wir verfolgen den großkosmogonischen Prozeß jetzt weiter.

Schon oben, in unserem Verzeichnis, vergegenwärtigten wir uns, daß je
nach der Intensität der Ausweitung der zentralen Rotation sich dieselbe
in eine Stufenfolge von Umlaufszonen gliedert, die sich ihrerseits
wieder jede in eine Anzahl von Sphären einteilt.

Die erste kosmische Region ist naturgemäß der Raum, den der
Zentralkörper einnimmt. Dieser aber kann einzig auf folgende Weise
zustandekommen.

Am intensivsten müssen die Brechungen oder Verknüpfungen, welche die
horizontale Ausweitung mit der vertikalen einging, in unmittelbarster
Nähe des rotierenden Zentralatoms sein. Und zwar kann es sich nicht
anders verhalten, als daß die Atome eins so dicht am anderen liegen,
daß, wenn überhaupt ein Zwischenraum, so doch kein hinreichender
bleibt, daß die Atome eine Eigenbewegung vermöchten. Sie können sich
daher nicht nähern oder abstoßen und also auch noch nicht sich zu
Substanz aggregieren.

So daß also in unmittelbarster Nähe des rotierenden Zentralatoms ein
unsubstanzieller Atomenring mit der Richtung der zentralen Rotation
um das Zentralatom herumkreist. Hier haben wir die vor dem Urelement
bestehende reine Atomenformation. Sie ist offenbar auf diesen Ring
beschränkt und in ihm exakt lokalisiert. In irgend einer anderen Region
des Kosmos sind aber unsubstanzielle Atome deshalb nicht denkbar und
möglich, weil überall im übrigen Kosmos viel zu große Zwischenräume
zwischen den zustandekommenden Atomen vorhanden waren, die ihnen
vollständige individuelle Bewegungsfreiheit und also allenthalben
die Möglichkeit, und zwar die mannigfaltigste, gewährten, sich zu
substanziell-elementarer Bildung zu verbinden!

Im nächsten Ring nun aber ist offenbar die horizontale Ausweitung
bereits ein klein wenig schwächer, zugleich ist der Ring naturgemäß
schon bedeutend umfangreicher. Also bleibt schon ein Zwischenraum
zwischen den Atomen; sie können sich individuell bewegen, (diese
Bewegung bedeutet in allen Fällen lediglich eine seitlich schwankende,
vibrierende, oszillierende, weil ja die Atome in allen Fällen
Konduktoren der vertikalen und horizontalen Kraftlinien und in diese
gleichsam wie Maschen eingewebt sind!), und also können sie sich jetzt
auch verbinden.

Wir haben den Ring des Urelementes vor uns; und wir hätten jetzt also
auch das Urelement exakt lokalisiert. Doch ist zu berücksichtigen, daß
das Urelement nicht auf diese kosmische Region, auf diesen zweiten
Innenring des Zentralkörpers beschränkt sein wird. Es kann auch noch an
einer anderen Stelle des Kosmos vorkommen; wenn dort wohl auch nicht
ohne eine gewisse Modifikation. Offenbar nämlich in der äußersten
kosmischen Umlaufszone, ganz in der Nähe der kosmischen Peripherie und
der reinen, nichtatomistischen Kraftreflexzone, welche diese ihrer
ganzen Natur nach darstellt. Die ungeheuere Einwirkung derselben wird
der äußersten kosmischen Substanz eine Beschaffenheit verleihen, die
der des zentralen Urelementes zum mindesten ähnlich sein wird; so daß
nun allerdings nicht mit jeder Sicherheit zu behaupten wäre, daß diese
peripherische Substanz wirklich mit dem zentralen Urelement durchaus
identisch ist.

Im übrigen wird sich das zentrale Urelement seiner Beschaffenheit
nach in der Nähe des ersten Ringes noch kaum von der unsubstanziellen
Atomenformation unterscheiden; je mehr aber nach seiner äußersten
Grenze hin wird es eine Beschaffenheit annehmen, die wir ganz entfernt
etwa mit der eines leuchtenden Edelgases vergleichen könnten; obgleich
ein solches sicherlich seinerseits schon viel zu kompliziert ist, als
daß das Urelement bereits als ein solches durchaus angesprochen werden
könnte. Wir besitzen eben keine Möglichkeit, das Urelement als solches
jemals aufzufinden oder irgend ein äußerstes, ihm nächstes der uns
bekannten und zugänglichen Elemente auf das Urelement zu reduzieren.
Weder irgend ein dem Chemiker zu Gebote stehender Grad von Kälte
noch von Hitze vermöchte jemals diese Reduktion zu bewerkstelligen.
Wenn wir etwa den sogenannten »Weltäther« zum Vergleich heranziehen
wollten, so würde uns auch nicht geholfen sein. Denn auch ihn vermag
ja der Chemiker nicht darzustellen oder zu untersuchen. Um so weniger
übrigens, als er, wie wir später noch erkennen werden, überhaupt ganz
unmöglich existieren kann!

Wir besitzen also keinerlei Möglichkeit, uns vom Urelement seiner
Beschaffenheit nach eine direkte Vorstellung zu machen. Dennoch ist
seine Existenz und ihre Lokalisation eine gänzlich unausweichliche
und sichere. -- Da die Zwischenräume zwischen den Atomen in dem
Urelementring noch so sehr geringe sind, ist es übrigens vollständig
ausgeschlossen, daß in ihm bereits elektrische, gar explosive Kräfte
vorhanden und tätig sein könnten. Dazu ist der Urelementring noch viel
zu ungeheuer intensiv. Er kreist lediglich in engster Gemeinschaft mit
dem ersten Ring um das rotierende Zentralatom.

       *       *       *       *       *

Im dritten Ring, in der dritten Schichtung des Zentralkörpers ist die
Intensität der horizontalen Kraftausweitung wieder um etwas geringer;
überdies aber ist diese Schichtung noch weit umfangreicher als die
des Urelementes. Infolgedessen bleibt auch wieder ein noch größerer
Zwischenraum zwischen den Atomen. Infolgedessen können die Atome sich
auch noch freier bewegen und bereits unterschiedliche elementare
Verbindungen bewerkstelligen.

Doch ist zu bedenken, daß auch hier die Zwischenräume noch nicht
besonders große sind! Deshalb bleibt die elementare Ausbildung noch
eine eingeschränkte, und vermögen auch noch keine nennenswerten
elektrischen, gar explosiven Kräfte sich zu entwickeln, welche die
entstandene Substanz erst noch recht zu walken und zu differenzieren
vermöchten!

Dem Urelement am nächsten wird die Substanz der dritten Schichtung
diesem auch noch am ähnlichsten sein. Alsdann wird sie in Ringe von
überaus dichten Edelgasen übergehen und gegen ihre äußerste Grenze hin,
wo dann sicherlich auch zum ersten Mal elektrische Kraftäußerungen
wenigstens einen gewissen Spielraum gewinnen, wird die elementare
Ausbildung am vielseitigsten seien. Hier wird die dritte Schichtung
bereits einen sehr intensiven und dichten weißglühenden Zustand haben.
Die dritte Schichtung kreist in engster organischer Gemeinschaft mit
den beiden ersten Schichtungen um das rotierende Zentralatom.

       *       *       *       *       *

Die vierte Schichtung hat wieder größere und nun schon recht
ansehnliche Zwischenräume zwischen den Atomen, und zudem ist sie
bereits außerordentlich umfangreich. (Die Ausdehnung der Schichtungen,
Sphären und Zonen steigert sich je weiter vom rotierenden Zentralatom
ab mit zunehmender Proportion!)

Jetzt endlich ist die Möglichkeit zur erschöpfendsten Ausgestaltung
der Elemente gewonnen! Außerdem erwachen mit ungeheuerster Intensität
die elektrischen und magnetischen Kräfte, walken und komplizieren die
Substanz mit gewaltigen Explosionen. --

Der sehr dicht weißglühende Zustand des dritten Ringes geht hier
zunächst in eine weniger dichte und intensive Weißglut über, die je
mehr nach der äußersten Grenze der vierten Schichtung hin um so trüber
und weniger dicht wird.

Diese vierte ist die letzte und äußerste Schichtung des nun im rohsten
fertiggewordenen Zentralkörpers. Ihre Substanz wurde sicherlich durch
die ungeheueren explosiven Vorgänge, die hier statthatten, noch weit
in die nächste kosmische Umlaufssphäre hineingetrieben und in die
Substanzmassen hinein, welche die Umlaufsintensität dort zur Ausbildung
gebracht hatte. Indessen mit der Zeit mußte die gewaltig kontrahierende
Rotationsintensität des Zentralkörpers diese Explosionen stillen
und die Substanz des Zentralkörpers endgültig von der der nächsten
kosmischen Umlaufssphäre scheiden. Sie tat das in immer stärkerem
Grade, d. h. die Oberfläche des Zentralkörpers zog sich immer mehr
zusammen und wurde immer dichter und schließlich hart. So weit dies
die ungeheuere Dichtigkeit der innersten Schichtungen zuließ. (Von
unvorstellbarer Dichtigkeit ist aber ganz besonders die erste und die
zweite innere Schicht des Zentralkörpers. Auch die dritte Schichtung
wird noch überaus widerstandskräftig sein und selbst noch die ihr
nächsten Ringe der obersten Schichtung.

So mußte also der Zentralkörper eine harte Oberfläche erhalten. Auf
der dann die Elemente mit der Zeit Gelegenheit zu ihrer äußersten und
feinsten, will sagen organischen Ausbildung gewannen.

       *       *       *       *       *

Die nächste kosmische Region -- gleich gesagt: sie enthält die
Umlaufssphären von Mond und Sonne (Venus und Merkur sind die »Monde«
der letzteren) -- war nun schon dermaßen umfangreich, daß die
Ausbildung der Substanz einen anderen, ungleich weniger intensiven und
komprimierten Charakter annehmen mußte, als in den vier Schichtungen
des Zentralkörpers!

Nämlich die Zwischenräume, nicht nur zwischen den einzelnen Atomen,
sondern besonders auch zwischen den einzelnen, sehr leichten
Atom_massen_, waren hier bereits so überaus große, daß die Atome
einer anderen, indirekteren, weniger intensiven und elementreichen
substanziellen Ausbildung unterlagen.

Diese erfolgte zunächst dergestalt, daß die Umlaufsintensität -- wir
fassen vorderhand die Mondsphäre und die Ausbildung des Mondes ins
Auge -- die Atommassen der Sphäre mehr und mehr zusammenzog und nach
einer Stelle der Sphäre hin zu einem zunächst amorphen, lockeren aber
zusammenhängenden Nebel zusammendrängte. Das ist ein Prozeß, der in
allen kosmischen Sphären und Zonen im wesentlichen der gleiche ist!
Je mehr nun aber diese Zusammendrängung vor sich schritt, um so mehr
suchten ihr die Atome, die an und für sich die Tendenz haben, ihren
jetzt so überaus großen Spielraum zu freiester individueller Bewegung
auszunützen, eine Repulsion entgegen! Da indessen die kontraktive
Umlaufsintensität der Sphäre -- die in diesem Falle überdies noch
eine ganz besonders kräftige ist! -- die Oberhand hat und behält, so
wird der Nebel immer dichter zusammengedrängt; der jetzt vorhandene
Wechselrhythmus einer Kontraktion von außen und einer Repulsion von
innen aber muß zu einer immer stärkeren Verdickung und Zusammenpressung
der Substanz in der Mitte des Nebels führen. Dadurch gewinnt die
Repulsion aber erst ihre ganze Kraft und Stetigkeit, und so geschieht
es, daß der Nebel die regelmäßige Gestaltung einer _Linse_ annimmt! --

Doch die zentrale Verdickung -- es kann übrigens nicht anders sein,
als daß angesichts des Kontraktions- und Repulsionsrhythmus ihre
Gestalt eine zunächst sehr ausgeprägt _elliptische_ ist! -- nimmt
immer mehr zu, rundet sich immer mehr und gewinnt an Kraft und Dichte.
So kommt es, daß jetzt innerhalb ihres Umfanges analoge elementare
Differenzierungen möglich werden, wie im Umfang des Zentralkörpers;
wenn auch bedeutend weniger komplizierte und feine, da ja doch der
ganze Ausbildungsprozeß hier ein so bedeutend anderer ist, und da im
Zentralkörper auch keinerlei Repulsion der Atome stören kann!

Weiter aber muß, je mehr die mittlere Verdickung Kugelform annimmt,
infolge auch des immer kräftiger werdenden kontraktiv-repulsiven
Rhythmus, die Linsenform des Nebels in eine Spindelform übergehen!
Die beiden langen, schmalen Spindelenden werden dann aber von der
Umlaufsintensität der Sphäre wieder spiralig um den Mittelkörper
herumgelegt. (So, daß die Bildung des Nebels äußerlich, da sicherlich
die einzelnen Windungen der Spirale durch feine Substanzübergänge
miteinander verbunden sein werden, wieder die Form einer Linse zu
haben scheint). Da nun in dem Falle, den wir hier im Auge haben,
die Umlaufsintensität noch eine sehr kräftige ist, so geschieht es,
daß die Spiralwindungen der Spindelenden noch ganz sich mit dem
Mittelkörper vereinen und von ihm absorbiert werden. So ist der Mond
zustandegekommen. Die weiterwirkende Intensität seiner Umlaufssphäre
vermochte ihn, den einstmals sehr intensiv feurigen -- unbedingt muß er
noch feuriger gewesen sein, als es heute noch die Sonne ist! -- noch
sehr scharf zu härten, obgleich die Mondoberfläche sicherlich nicht so
hart sein kann, wie die der Erde, des kosmischen Zentralkörpers!

       *       *       *       *       *

Die Entstehung der Körper und Systeme ist in allem kosmischen Bereich
notwendigerweise im _wesentlichen_ die gleiche wie die, die wir
soeben beschrieben und festgestellt haben; indessen ereignen sich,
je mehr nach der kosmischen Peripherie hin, begreiflicherweise um so
mehr Modifikationen! Das erweist sich bereits an der Sonne und ihrer
Entstehung.

Die Intensität der Sonnensphäre ist wieder eine schwächere als die der
Mondsphäre; außerdem ist sie räumlich weit ausgedehnter. Also wurde
eine ganz besonders große Menge von Atomenmassen zusammengetrieben.
Die Ausbildung des Nebels erfolgte genau wie die des Mondnebels. Doch
bereits mit dem Unterschiede, daß der kontraktiv-repulsive Rhythmus
nicht alle Substanz zu _einem_ Körper zusammenzuziehen vermochte!
Sondern es konnten sich in den Spiralwindungen der Spindel zwei
Nebenzentren -- Venus und Merkur -- selbständig ausbilden. Und nicht
genug damit, vermochte die Sonne -- die übrigens auch ihrerseits
noch nicht völlig kontrahiert ist! -- den übrigen Rest des Nebels
nicht ganz sich anzugliedern. Er besteht noch heute in der Gestalt
des Zodiakallichtes mit seinem Gegenscheinring. Die Struktur des
Zodiakallichtes läßt noch hinreichend deutlich die Spiralen der beiden
Spindelenden erkennen. Die sogenannte »Korona« aber ist der Teil des
Nebels, mit dem er in den eigentlichen Sonnenkörper übergeht. Was sich
kennzeichnet durch die der Korona dem Zodiakallicht gegenüber eignende
größere Dichtigkeit und intensivere Leuchtkraft!

       *       *       *       *       *

Je mehr nun nach der kosmischen Peripherie hin, um so mehr müssen
begreiflicherweise die Mittelkörper an Kraft verlieren, sich alle
ihre Substanz -- die übrigens immer leichter und kühler wird! --
einzugliedern. Es nimmt also die Ausbildung der Nebenzentren immer
mehr überhand. So hat z. B. Jupiter bereits 8 Trabanten, Saturn, vom
Ring abgesehen, gar zehn. Außerdem konnten sich selbständig die so
außerordentlich zahlreichen Planetoiden bilden, die je weiter gegen
Neptun hinauf immer zahlreicher werden!

Aber wir können hier auf das alles leider nicht weiter eingehen, weil
der sonstige Inhalt dieser Arbeit das verbietet.

Vergegenwärtigen wir uns übrigens, was wir gewonnen haben!

Offenbar, da nach Maßgabe der Entwicklungstatsache und der einer
einheitlichen zentralen Kraft und Polarität unsere Deduktion der
kosmischen Entwicklung vom Urzustand ∞ aus in einer unantastbar streng
geschlossenen Logik steht, endlich eine endgültig exakte kosmogonische
Anschauung!

Und zwar eine, die schlechterdings keinen einzigen ihrer Bestandteile
mehr unerklärt läßt!

Wir verstehen jetzt vollständig den kosmischen Zentralkörper; und
außerdem verstehen wir das Zustandekommen der Untersysteme bis ins
geringste hinein! Es bleibt hier auch keine fingerbreite Lücke mehr!
Wir haben das Zustandekommen der Mittelkörper sowohl wie der Trabanten
vollständig verstanden und restlos erklärt! Auch der Umlauf der
Trabanten ist restlos erklärt! Wir verstehen sofort, daß er in der
Mechanik der Bewegung erfolgt, mit welcher die kontraktive Wirkung
der jeweiligen sphärischen Umlaufsintensität die Spindelenden um
den Mittelkörper herum legte; und wir verstehen, daß der Umlauf
in Gang gehalten wird durch die weitere Andauer der sphärischen
Umlaufsintensität; während die vom Mittelkörper her erfolgende
Repulsion die Trabanten in Distanze, d. h. die sphärische Kontraktion
in Schach hält. (Übrigens setzen auch die Trabanten begreiflicherweise
der sphärischen Kontraktion eine Repulsion entgegen!)

Aber noch eins verdient hier Erwähnung! Daß nämlich erstlich das
Newtonsche Gravitationsgesetz auf die kosmischen Körper, mit einziger
Ausnahme des Zentralkörpers, keine Anwendung mehr finden kann! Es
eignet den Körpern ja lediglich eine _Repulsionskraft_, da ihre Atome
durchaus die Tendenz behalten, frei zu schweifen. Man könnte höchstens
von einer von _außen_, von der sphärischen Umlaufsintensität her
erfolgenden Gravitation sprechen. -- Dagegen besitzt der Zentralkörper,
die Erde, allerdings eine Gravitation. Wenn aber die Erscheinung der
Gravitation bisher bekanntermaßen wohl beschrieben, aber noch niemals
erklärt werden konnte, so sind wir sofort in der Lage jetzt diese
Erklärung zu leisten. Nämlich von der Rotation des Zentralkörpers und
ihrer gewaltigen kontraktiven Intensität aus!

Zweitens aber kann kein einziger kosmischer Körper außer dem
Zentralkörper, der Erde, eine Achsenrotation haben. Wir verstehen:
der beständige Wechsel von Repulsion und Kontraktion kann eine solche
nicht aufkommen lassen. Es ist denn auch kennzeichnend, daß die
Körper mit mehr oder weniger _fester_ Oberfläche, außer der Erde,
deren Ausnahme wir verstanden und erklärt haben, daß Mond, Venus
und Merkur bekanntlich eine Achsenrotation nicht nachgesagt werden
konnte, während alle Körper mit _beweglicher_ Oberfläche eine haben
sollen oder zu haben scheinen. Zwar scheint auch Mars eine zu haben.
Aber man weiß heute, daß auch Mars eine bewegliche Oberfläche hat;
wenn sie auch bereits einen milder feurig geronnenen und in diesem
Sinn leicht konsistenten Zustand besitzt. Die große und beständige
Veränderlichkeit der sogenannten »Kanäle« weist deutlich genug darauf
hin! Da wir sie im wesentlichen als Brüche zwischen den einzelnen
Flecken anzusehen haben werden, an den Flecken als solchen aber so
gut wie keine besonders starke Deformierung wahrzunehmen ist, so
ist dennoch an ihren _Bruchstellen_, den so sehr wechselnden und
sich verschiebenden, zu erkennen, daß die Marsflecke tatsächlich
veränderlich, beweglich und stark verschiebbar sind. Also bedeuten auch
die etwas über 24 Stunden, in denen die Marsoberfläche umläuft, keine
Achsenrotation, sondern ebensogut, wie bei Jupiter, Saturn usw. nur
einen regelmäßigen Umlauf der _Oberfläche_; der hier so viel langsamer
ist, als bei den andern »oberen Planeten« aus dem Grunde, weil die
Marsoberfläche, die dichtere, einem gewissen Andruck, den die Körper
von Ost, ihrer Umlaufsrichtung her empfangen, einen besseren Widerstand
entgegensetzt, als die Oberflächen der andern, viel undichteren Körper!
-- Es ist übrigens mit _wirklicher Sicherheit_ bis jetzt noch an
keinem _einzigen_ kosmischen Körper außer der Erde eine Achsenrotation
nachgewiesen worden!

Auf alle weiteren kosmischen Angelegenheiten kann ich mich hier, wie
schon gesagt, nicht einlassen. Nur soviel sei noch hervorgehoben,
daß je weiter nach der kosmischen Peripherie hin die Körper immer
leichter werden; daß also die Existenz von _harten_ oder _festen_
Körpern in jenen Umlaufsregionen vollständig ausgeschlossen sein muß!
Nur die dem Zentralkörper nächsten sind, aus Gründen, die wir bereits
verstanden haben, mehr oder weniger fest und hart. Mond, der also nicht
im _bisherigen_ Sinne ein Trabant der Erde ist, nächst der Erde am
härtesten, weniger fest als er Venus, weniger fest als Venus Merkur,
die Sonne in ihrem Innern zähglühend, Mars wieder weniger dicht als
die Sonne und ungleich minder feurig usw. Daß die Sonne größer als
der Mond ist -- indessen auch nicht im entferntesten so groß, als
die kopernikanische Astronomie dies annimmt! -- liegt daran, daß sie
noch lange nicht hinreichend genug kontrahiert ist. Ausgeschlossen
ist ferner die Möglichkeit irgend welcher Parallaxensrechnung! Und
ferner sind die periodischen planetarischen Rückläufigkeiten, wie sich
von selbst verstehen muß, nicht scheinbar, wie die kopernikanische
Astronomie annimmt, sondern tatsächlich sich vollziehende! Sie
werden verursacht durch Rucke der in direkte Einwirkung tretenden
Rotationskraft des Zentralkörpers, der Erde; nämlich dann, wenn die
Sonne ihren Oppositionsbogen zu dem betreffenden Planeten beschreibt!
Sobald sie in ihren Konjunktionsbogen eintritt, irritiert sie die
Einwirkung der zentralen, kontrahierenden Rotation, treibt den Planeten
und seine Sphäre wieder von der Erde ab und bringt ihn wieder in
rechtläufige Bewegung. (Die tatsächliche Rückläufigkeit der Planeten
muß übrigens, was eigentlich kaum besonders betont zu werden braucht,
eine Achsenrotation derselben auch ihrerseits vollständig ausschließen
und unmöglich machen!)

       *       *       *       *       *

Alle diese astronomisch-kosmogonischen Ausführungen müssen nun, um zu
unserem hauptsächlichsten Zusammenhang zurückzukehren, durchaus die
bedenkliche Krise, in welche die exakte Wissenschaft heute geraten
ist dadurch, daß sie an den beiden Tatsachen der Entwicklung und
der Einheit der Kraft wieder irre werden konnte, vollständig lösen!
Und das bedeutet, daß nicht nur die Astronomie, sondern auch alle
übrigen wissenschaftlichen Disziplinen sich endlich wirklich exakt und
endgültig ausbauen können! Biologie, Physiologie, Chemie, Geologie,
Geographie und wie sie sonst heißen mögen.

Zugleich aber ist die Wissenschaft jetzt, wo sie aus der Schwebe der
Hypothese heraus ist, endlich auch wirklich imstande, ihrerseits zur
endgültigen Lösung der noch ungleich bedenklicheren gegenwärtigen
_religiösen_ Krise beizutragen! Und zwar damit, daß sie die
Grundprämisse und Grundtatsache aller Religion jetzt erst, nicht etwa
auch nur im geringsten _aufhebt_, sondern mit allersichersten und
exaktesten Ausmachungen erst recht _stützt_ und bestätigt und sie
zugleich zu ihrer höchsten formalen Vollendung bringt! Fassen wir den
Umfang dieser Bestätigung, was sicher von größter Wichtigkeit ist,
jetzt etwas näher ins Auge.

       *       *       *       *       *

Vergleichen wir zunächst die religiöse Anschauung des Menschen der
Urzeit und der Antike mit den Ausmachungen, die wir in kosmischen
Dingen gewonnen haben.

Der Mensch der Urzeit und der Antike wußte eine rund in sich
abgeschlossene Welt. Nun, wir sind genötigt, diese Auffassung
vollständig zu bestätigen! Nur daß unsere Anschauung sich im einzelnen
nicht mehr so naiv äußert, wie die des Urmenschen und des antiken
Menschen, und daß wir die Ausdehnung und Gliederung des Kosmos exakt
erkennen und sie ihrem Entstehen und Vergehen nach aus ihrem Urzustand
heraus festzustellen in der Lage sind.

Die Erde befand sich für den Menschen der Vorzeit und der Antike in der
Mitte der Welt. Auch wir erkannten in ihr den kosmischen Zentralkörper.
Wenn auch mit dem Unterschied, daß sie dem Menschen der Vorzeit
stillstand, während wir wissen, daß sie rotiert; daß wir außerdem eine
exakte Vorstellung von ihrem Inneren haben, von ihrer Kugelgestalt
ferner und von der Beschaffenheit ihrer Oberfläche.

Es fragt sich also nur noch, ob sich auch die Haupt- und Grundtatsache
der Religion bestätigt; das Urpaar und seine Elite, oder das oberste
Gottpaar und seine Neben- und Untergötter; bezw. die Identität der
Götter mit Urpaar und seiner Elite, oder beider mit der absoluten
Weltindividualität; oder vielmehr mit dem zweiseitigen absoluten
Welt_individuum_, denn um ein _solches_ und _nur_ um ein solches kann
es sich in Wirklichkeit handeln, während die Begriffe »Gottheit« oder
»absolute Individualität« viel zu unbestimmte, flache und also in jedem
_wesentlichen_ Betracht _unrichtige_ sind! Es handelt sich durchaus
um einen _persönlichen_ Gott, um ein _absolutes Gottindividuum_! --
Wir sahen, daß diese Tatsache und Prämisse der Religion, unter welchen
Ausgestaltungen auch immer, sich von der Urzeit bis auf die neuste und
vorgeschrittenste Religionsform, die christliche, in Bestand erhalten
hat.

Wie aber stellt sich also die exakte Wissenschaft zu dieser religiösen
Grundtatsache, oder vielmehr: wie einzig hat sie sich mit jeder
Notwendigkeit zu ihr zu stellen?

       *       *       *       *       *

Gleich gesagt: sie vermag nichts anderes, als sie in jedem wesentlichen
Betracht zu bekräftigen und bringt sie lediglich zu ihrer letzten und
vollkommensten, endgültigsten Ausgestaltung!

Denn so viel hat sich bereits aus all unserem bisherigen Zusammenhange
ergeben, daß eins hier das andere mit jeder Notwendigkeit einschließt:
nämlich die Tatsache eines elliptisch endlich in sich geschlossenen
Kosmos und kosmischen Systems, ferner seiner einheitlichen Entwicklung
aus einem einpolaren Ur- und Grundzustand ∞ hervor und der absoluten
Einheit seiner Kraft und Polarität die andere, daß das bewußtheitliche
Leben dieses elliptischen Wesens ein einheitliches, absolutes und
ihm unteilbar unveräußerliches ist, und daß also der Träger dieser
Bewußtheitlichkeit, daß das höhere organische Leben und daß der Mensch
mit dem elliptischen Weltwesen vollständig identisch ist!

Doch bedarf es noch einer besonderen Erörterung, damit wir zur
endgültigen Bestätigung der religiösen Grundtatsache gelangen.

       *       *       *       *       *

Und zwar bleibt noch die Tatsache des Bewußtseins des näheren zu
erörtern.

Für die bisherige mechanistische Wissenschaft war die Erscheinung des
Bewußtseins eine bestimmte höhere und höchste, vorgeschrittenste Phase
und Komplikation in der Entwicklung der physiologisch-organischen
Chemie. Und zwar ist das Bewußtsein hierbei in Betracht gezogen als
eine Eigenschaft von Einzelwesen, die mit der physischen Entwicklung
derselben zu einer höchsten Ausbildung gelangt, um mit dem Tode des
Individuums alsdann als persönliches Bewußtsein ein für allemal zu
erlöschen.

Der Fehler dieser Auffassung muß sofort auf der flachen Hand liegen!
Er besteht aber darin, daß das Bewußtsein hier offenbar nicht als ein
Continuum erkannt ist, das, da es niemals in seiner Gesamtheit anders
erlöschen kann als in den einpolar neutralen Zustand ∞ hinein, hier
aber dem Pol mit allen seinen sonstigen Auswirkungen immanent bleibt,
mit dem Pol und dem einheitlichen absoluten Individuum ewig und absolut
ist und daher auch in schlechterdings keinem Einzelfalle für immer
verloren gehen und vernichtet werden kann, was aber die ewige Dauer
auch eines jeden, schlechterdings _jeden_ bewußtheitlichen Einzelwesens
durchaus einschließt!

Im übrigen besagt also der Umstand, daß die exakte Wissenschaft
das Bewußtsein bis daher noch nicht hinreichend als vollständig
einheitliche Eigenschaft eines einheitlichen absoluten Individuums
erfaßt und erkannt hat, was sie doch schon längst hätte tun müssen,
zugleich auch, daß die Wissenschaft das organische Leben und die
Stufenfolge seiner Entwicklungsphasen noch nicht hinreichend als eine
einheitliche Ganzheit erfaßt und erkannt hat; was wiederum, da sie
doch die Entwicklungstatsache und die Tatsache einer einheitlichen und
ewigen Kraft ausgemacht hat, eine kaum begreifliche Kurzsichtigkeit
bedeutet!

       *       *       *       *       *

Das Problem des organischen Lebens und des Bewußtseins kann uns jetzt
aber nicht einen Augenblick mehr entgehen, da wir die elliptisch
in sich abgeschlossene Endlichkeit des Kosmos, ein einheitliches
allgemeines kosmisches System und eine ewige, einheitliche, absolute,
zentrale Kraft und Polarität endgültig erkannt haben! -- Dieser Kosmos,
dieses System aber ist nichts anderes als ein einheitliches, absolutes,
lebendiges und bewußtheitliches Individuum und Lebewesen, das sein
Bewußtsein zwar in einen einpolaren neutralen Urzustand einzieht,
sich seiner aber niemals entäußert. Das Bewußtsein ist also ein im
absoluten Sinne ursprungsloses und unvergängliches, identisches, das,
als solches exakt und endgültig erkannt und festgestellt, keiner
weiteren Erklärung mehr bedarf, dafür aber nach allen Richtungen hin
selbst absolute erklärende Kraft besitzt; wie auch das absolute
Individuum, dem es eignet, seinerseits keine weitere Erklärung mehr
bedarf, dafür aber absolut erklärende Kraft besitzt! -- (Wir dürfen
das absolute Individuum nach wie vor den alles umfassenden und in
sich beschließenden zweiseitigen Ein-Gott nennen, der als eine
vorgeschrittenste Errungenschaft der religiösen Entwicklung bereits
in den Mysterien der antiken Nationalreligionen gelehrt und verehrt
wurde! Und zwar ist außerdem nichts selbstverständlicher und exakter
ausgemacht als die absolut geistige, d. h. alle Phänomenalität in sich
beschließende Eigenschaft Gottes und des absoluten Individuums, die
auch ihrerseits schon von den antiken Mysterien erkannt und gelehrt
wurde! Er hat sich als solcher durch eine ihren wichtigsten und
exaktesten Ausmachungen gegenüber konsequente Wissenschaft lediglich
mit endgültiger und absoluter Sicherheit bestätigt!)

       *       *       *       *       *

Aber muß das absolute Individuum, muß Gott, da es, da er absolut
einheitliche Persönlichkeit ist, nicht ganz unerläßlicher Weise auch
als sich selbst Phänomenalität gewordenes organisches bewußtheitliches
Wesen eine einheitliche Persönlichkeit und Person (Individuum immer,
auch organisch, zweiseitig, also als Mann _und_ Weib genommen!) sein?
-- Fürwahr! Was denn sonst könnte die notwendige absolute Einheit des
Bewußtseins besagen? Wieder wäre ja sonst Bewußtsein nichts als die
völlig isolierte Eigenschaft von Einzelwesen, die mit deren Geburt wird
und mit ihrem Tode beständig für immer vergeht, wie die mechanistische
Wissenschaft annahm, und die also nur deshalb immer und ewig vorhanden
ist, weil auch ewig wieder organische Einzelwesen vorhanden sind!

Da aber Bewußtsein eine absolut einheitliche Eigenschaft des absoluten
Individuums ist, so kann diese Einheitlichkeit schlechterdings keinen
anderen Sinn haben, als daß Bewußtsein auch die Eigenschaft _eines
einzigen_ organischen Paar-Individuums ist!

Nichts wird sich der mechanistischen Wissenschaft von heute paradoxer
ausnehmen, als diese Tatsache! Aber nichtsdestoweniger bleibt sie eine
vollständig exakte und endgültige Tatsache!

Da nun aber, wie wir alle wissen, unabzählbar viele bewußtheitliche
Paar-Individuen leben, gelebt haben und leben werden, so kann diese
Tatsache offenbar nicht einen Augenblick mehr anders verstanden
werden, als daß alles Sonderbewußtsein all dieser Individuen sich
zentral eint und verknüpft in der Bewußtheitlichkeit eines einzigen
Paar-Individuums, und daß aller Bewußtseinsbestand -- wie natürlich
auch aller organische! -- sich einheitlich und kontinuierlich
ausgliedert und abstuft von diesem Paar-Individuum aus bis in das
Unterbewußtsein der niedrigsten organischen Wesen und des anorganischen
Bestandes hinein! Ein anderes ist offenbar ganz unmöglich und undenkbar!

Haben wir jetzt aber die endgültige Bestätigung der religiösen Prämisse
und Grundtatsache? Haben wir die Bestätigung des Urahnpaares und seiner
Elite und beider Göttlichkeit gewonnen? Das haben wir indertat!

       *       *       *       *       *

Dennoch werden wir uns aber noch damit abzufinden haben, daß zwar
die Tradition eines Urahnpaares und seiner Elite, in welcher Form
auch immer bis heutigen Tages festgehalten wurde, zugleich aber
doch entschieden sehr viele solche göttlichen Paar-Individuen und
solche Eliten vorhanden gewesen sind. Daß sie als solche wirklich da
waren und daß sie in ihrer göttlichen Ausnahmenatur erkannt wurden,
lehrt uns ja die Religionsgeschichte, und es kann also ein Zweifel
an dieser Tatsache keinen Augenblick statthaft sein. Trotzdem aber:
es muß ja doch alle, schlechterdings alle Bewußtheitlichkeit in ein
und demselben Paar-Individuum und ein und derselben Elite verkörpert
sein und sich zentral verknüpfen; wenn anders die Tatsache des
einheitlichen absoluten Individuums und seiner einheitlichen absoluten
Bewußtheitlichkeit zu recht bestehen soll.

Wie also ist dieser Widerspruch zu lösen?

Soviel zwar steht fest, daß man schlechterdings alle Bewußtheitlichkeit
der Gattung Mensch in einem Urahnpaar und seiner Elite gar wohl sich
verknüpfen und von ihm aus bis daher sich als Bewußtheitlichkeit
menschlicher Gattung entwickeln und ausweiten lassen kann. Indessen
wäre dabei sofort einerseits einzuwenden, daß sie sich offenbar nur
für Lebzeiten des Urahnpaares und der Elite in diesen menschlich
sonderpersönlich vereinte. Hernach aber sterben ja Urahnpaar und Elite.
Somit war in einem und _diesem_ Paar und _dieser_ Elite vereinte
menschliche Gesamtbewußtheitlichkeit nicht mehr solchermaßen vorhanden,
sondern organisch-physisch nur in allem von da ab sich entwickelnden
menschlichen Gattungsbestand indirekt und abgeleitet und direkt nur in
Gestalt einer festgehaltenen geistigen Tradition und Erinnerung. Muß
sie indessen nicht immer und jederzeit auch in aller Folgezeit von da
an sich entwickelnder menschlicher Gattung in einem gegenwärtigen Paar
und einer ihm angegliederten Elite vorhanden oder wenigstens direkt
persönlich immer von neuem, wohl in den großen Hauptübergangsperioden
menschlicher Entwicklung, vorhanden sein, während sie in der übrigen
Zeit in Gestalt einer geistigen Tradition und Erinnerung und überdies
in Gestalt einer persönlichen _Repräsentanz_ vorhanden sein könnte?
Müßte alsdann aber nicht auch dieses jeweilige Paar-Individuum
und seine Elite, d. h. in den Hauptübergangsperioden, vollständig
persönlich mit dem einstmals vorhanden gewesenen Urahnpaar und seiner
Elite identisch sein, also direkt deren persönliche Wiedergeburt sein?

Aber ehe wir dieser Frage näher treten und sie erledigen können, ist
erst noch ein anderer Einwand in Rücksicht zu ziehen. Nämlich man
könnte andrerseits sagen: ist es denn wirklich möglich, anzunehmen,
daß sich menschliche Gattung von einem einzigen menschlichen
Urahnenpaar und seiner Elite aus entwickelt hat, also direkt von ihnen
organischphysisch erzeugt wurde?

Zeigt die exakte Empirie der biologischen Entwicklungstheorie nicht
vielmehr, daß es sich angesichts des Entstehens menschlicher Gattung
um einen langen und allmählichen Übergang handelt? Dergestalt also,
daß aus vorgeschrittensten Affenarten erst allmählich von diesen ihrem
Ursprung sich noch kaum besonders unterscheidende Wesen abgeartet sind,
deren Abartung alsdann allmählich dergestalt weiterging, daß endlich
ein ganz entschieden _wesentlich_ neues Gattungsmerkmal erreicht wurde?

Ganz gewiß: so und nicht anders verhält es sich! Aber wir dürfen eins
nicht vergessen: Daß nämlich die erste Abartung immerhin im Bereich
der alten Art numerisch eine Minderzahl bedeutete; ferner aber, daß
sie sich zu irgend einem Zeitpunkt direkt als solche ganz besonders
auffallend markieren und zum deutlichsten Bewußtsein sowohl der alten
wie der neuen Artgenossen gelangen mußte. Ferner: daß das Gebiet,
wo dieses markante Merkmal sich zuerst zeigte, ein Gebiet einer
lebhaften physischen Krisis sein mußte, die wiederum nur eine kleine
Elite in ganz besonders entscheidender und neuartbestimmender Weise
durchmachte! Was aber ist alsdann selbstverständlicher, als daß _ein_
individuelles Paar wieder im Bereich dieser kleinen Elite das neue
physiologische Artmerkmal in allerdeutlichster und bedeutsamster Weise
erlitt? Wie anders jedenfalls wäre wohl sonst die allgemeine und mit
solcher Unausrottbarkeit bis heute festgehaltene religiöse Tradition
vom Urahnenpaar und seiner Elite zu erklären? Denn wir dürfen doch
ganz unmöglich dem Urmenschen eine geistig »mythenbildende« Fähigkeit
zutrauen, wie sie in der späteren Antike auftauchte, wo man allerdings,
wenn auch nur in Decadencezeiten, allgemeine kulturelle Neuströmungen
in eine Kollektivperson dichterisch zusammentrug. Vielmehr muß ein
anderes ausgeschlossen sein, als daß die Urmenschen die Erinnerung
eines tatsächlich vorhanden gewesenen Urahnpaares und seiner Elite
bewahrten, verehrten und weitertrugen.

Es ist nun ferner nichts sicherer, als daß tatsächlich dieses
Urahnenpaar, entweder ganz allein oder mit einem kleinen Anhang, aus
einem bisherigen sozialen Bestand ausgeschieden und verbannt, in
einer neuen Umgebung und unter neuen Lebensverhältnissen aus sich
heraus organisch-physisch ein Geschlecht zeugte, das wir, da es die
neuen in wesentlichem Betracht ausschlaggebend markant gewordenen
Gattungseigenschaften in reinster und fruchtbarster Weise zeigte, als
den eigentlichsten Anfang _menschlicher_ Gattung anzusprechen haben.

Und so bliebe denn die religiöse Bedeutung des Urahnpaares und seiner
Elite, wie wir sie oben gekennzeichnet haben, tatsächlich zu recht
bestehen. Ein einziges Urpaar und eine kleine, ihm innig organisch
angegliederte Elite haben die gesamte menschliche Gattung aus sich
hervor erzeugt und sich organisch zu ihr ausgeweitet!

       *       *       *       *       *

Genau auf die gleiche Weise werden wir uns natürlich die Auslösungen
auch der übrigen vorhergehenden organisch-tierischen Hauptgattungen
und aller Hauptstufen der organischen Entwicklung vorzustellen haben.
Und nichts weniger also ist das jedesmalige Vorhandensein dieses
die eigentliche Konstituierung der neuen Gattung vollziehenden
Paarindividuums und seiner Elite als ein Zufall oder eine bloße
Erdichtung! Vielmehr, da die organische Entwicklung sich in Stufen
und Gattungen gliedert, die sich jedesmal erst von einem Zeitpunkt
an mit aller Entschiedenheit eine aus der anderen hervor entfalten,
und da die organische Entwicklung als Entfaltungsprozeß des absoluten
Individuums in völliger, und zwar einer absolut _persönlichen_
Einheit steht, ist jenes Paarindividuum und seine Elite, die wir das
_motorische_ Individuum und die _motorische_ Elite nennen wollen,
eine in aller Entfaltung des absoluten Individuums mit dem Zeitpunkt
seines Auftretens immanent fest bestimmte und enthaltene, urnotwendige
Erscheinung und Tatsache!

Sie setzt sich ganz selbstverständlicherweise alsdann weiter fort
zurück in die anorganische Welt hinein. Es kann sich schlechterdings
nicht anders verhalten, als daß in Gestalt von chemisch-elementaren
Wesenheiten dasselbe motorische Individuum und seine Elite auch die
Hauptstadien der anorganisch-chemischen Entwicklung vom Urelement an
auslösten; und daß das Urelement die allererste substanzielle Form
des motorischen Individuums und seiner Elite war. Die allererste
reine Kraft- und unsubstanzielle Atomenform aber war es in Gestalt
des rotierenden zentralen Uratoms und der diesem sich anschließenden
unsubstanziellen Atomenformation.

       *       *       *       *       *

Aber es bleibt jetzt noch nachzuweisen, daß motorisches Paarindividuum
und seine Elite, die die einzelnen Hauptstufen der Entfaltung des
absoluten Individuums auslösen -- die Neben- und Unterstufen werden
nach gleichem Prinzip von stellvertretenden Paarindividuen und
Eliten ausgelöst und weiter ausgebaut. Wie denn allenthalben in
jeglichem sozietären Betracht alles nach Maßgabe dieses gleichen
heiligen Prinzips organisiert ist, und eine Repräsentanz des
motorischen Individuums bis in die politischen und in andere sozietäre
_Unterformen_ und Verbände hinein eine wichtige Rolle spielt in der
Entwicklung und Ausgliederung aller Kultur -- in welcher organischen
oder anorganischen Gestalt auch stets das persönlich gleiche, also vom
zentralen Uratom ab immer wieder hervorgebrachte, neuerzeugte, als
ein und dasselbe wiedergeborene ist aus allem Zusammenhang und aller
Ausweitung seiner von ihm bewirkten Entfaltung heraus.

So unmöglich eine solche Ausmachung auch der mechanistischen
Wissenschaft sein muß, ja so phantastisch und ungeheuerlich sie ihr
erscheinen wird, so ist sie dennoch vollständig exakt, endgültig und
nachgerade sogar unschwer zu leisten!

Ich habe von alledem in meinem Buche »Das absolute Individuum und die
Vollendung der Religion« (Oesterheld & Co., Berlin W.) sehr ausführlich
gehandelt und dort auch das wichtigste biogenetische Gesetz formuliert,
nach welchem alle Entfaltung durch ein und das gleiche motorische
Individuum und seine Elite bewirkt wird. Ich darf mich hier also kurz
fassen.

       *       *       *       *       *

Unsere Ausmachung hat zunächst eine Tatsache in Rücksicht zu ziehen,
die sich wieder geradezu auf der flachen Hand darbietet.

Nämlich die, daß die Erscheinung des Bewußtseins auf der Erde räumlich
und auch sonst in jeder Hinsicht einen überraschend eingeschränkten
organischen Bestand besitzt!

Im übrigen verhält es sich so, daß kein einziger kosmischer Körper, mit
einziger Ausnahme des am edelsten entwickelten, des Zentralkörpers,
der Erde, bewußtheitliches Leben trägt. Die übrigen Körper, soweit sie
nächst der Erde die festesten des absoluten kosmischen Systems sind,
entbehren der elementarischen Vielseitigkeit und edlen Kompliziertheit,
welche dem bewußtheitlichen und organischen Leben vonnöten ist.
Die übrigen Körper aber schließen organisches und bewußtheitliches
Leben durch ihre gegen die kosmische Peripherie hin immer leichtere
Beschaffenheit aus, anderer sehr wichtiger Gründe hier nicht zu
gedenken.

Was den anorganischen Bestand anbelangt, so nimmt er als Grundlage des
organischen Lebens den weitaus größten Raum ein.

Alsdann schließt sich, man darf sagen: gleichfalls noch als
Grundlage des höheren organischen Lebens, der sehr mannigfaltige
Formenbestand des niederen und unterbewußtheitlichen an, wozu wir
auch die pflanzlich-vegetabilische Welt zu rechnen haben. Dann
folgt, als ein all diesem anorganischen und organisch niederen und
unterbewußten gegenüber bereits sehr eingeschränkter Kontigent, der
des niederen bewußtheitlichen Lebens. In all diesem Bereich nun aber:
welch eine überraschend kleine Elite des entschiedener und höher
bewußtheitlichen Lebens! Und schließlich, welch kleinster Bestand die
höchstbewußtheitliche Gattung Mensch!

       *       *       *       *       *

Dabei tritt nun aber gerade, je höher die bewußtheitliche Stufe,
ein außerordentlich wichtiger Umstand in Erscheinung. Nämlich eine
immer mehr sich steigernde freie Bewegung und Beweglichkeit der
bewußtheitlichen Kontingente. Und zugleich eine Tendenz zu überaus
vielseitiger artlicher Differenzierung und Ausbreitung.

Diese Erscheinung nun aber hat sich abzufinden mit jenem ein für
allemal in den engen Grenzen seines Umfanges gehaltenen Bezirk des
höher- und höchstbewußtheitlichen Lebens.

Das kann aber nur auf eine ganz bestimmte Weise geschehen und
geschieht, wie die Biologie ja schon längst nachgewiesen hat, freilich
ohne sich der ungeheuer wichtigen Tragweite dieser Ausmachung bis jetzt
auch nur im entferntesten bewußt zu werden! --, indertat so: nämlich
vermöge einer Abtragung oder Resorbtion der überwundenen Gattungen und
Arten, welche sich durchaus nach Maßgabe der jeweiligen Vitalität und
Beweglichkeit und der Weiterentwicklung der vorgeschrittensten und
höchsten Gattung vollzog und vollzieht und je nachdem, wie diese die
überholten Gattungen und Arten noch als ihre Ausgliederung für ihren
vorschreitenden Lebensprozeß vonnöten hat.

Diese Abtragung und Resorbtion ist eine dem organischen Leben ganz
besonders eigene Funktion und Erscheinung.

In der anorganischen Welt besteht sie nicht. Denn hier wurden alle
Hauptstadien der Entwicklung ein für allemal statisch festgehalten. Es
blieben alle ausgewirkten Elemente bestehen. Sie verbinden sich zwar
in der mannigfachsten Weise, resorbieren sich aber nicht. Auch alle
sonstigen anorganischen Bildungen blieben statisch bewahrt, wie sie
sich gegenseitig auch immer beeinflussen, verschieben oder umwandeln
mögen.

Das wird aber sofort anders, sobald das organische Leben erreicht
ist! Hier werden die früheren Arten von den späteren resorbiert; sie
verschwinden und sterben hinter den letzteren aus, je mehr von ihnen
aus die Entwicklung weiter geht.

Nun verhält es sich allerdings aber so, daß diese Abtragung oder
Resorbtion im Bereich des sehr ausgedehnten unterbewußten organischen
Lebens vorerst noch eine ganz geringfügige ist. Je edler und
vorgeschrittener indessen das unterbewußte, organische Leben, um so
auffallender setzt auch bereits die Abtragung und Resorbtion der Arten
ein. So z. B. in der Pflanzenwelt. Die Urformen derselben gibt es heute
nicht mehr; wesentlich andere sind an ihre Stelle getreten.

Sobald aber erst das bewußtheitlich organische Leben erreicht ist,
wird die Abtragung und Resorbtion immer auffallender! So sind die
Urwürmer, Urfische, Uramphibien, ist die Echsenwelt heute so gut wie
gänzlich ausgestorben, abgetragen, resorbiert. Noch auffallender
wird dann die Erscheinung in der Welt des höheren Bewußtseins. Am
allerauffallendsten aber im Bereich der höheren Säugetiere und
menschlicher Gattung! Wieviel Arten und Rassen sind nicht seit der
Urzeit vergangen und entstanden und welche ungeheueren, rastlosen
Verschiebungen, Resorbtionen und Neuentwicklungen haben sich nicht
im Zeitraum der Historie vollzogen! -- Ziehen wir nun noch einmal
den sehr eingeschränkten Spielraum in Betracht, der dem höher- und
höchstbewußtlichen Leben ein für allemal und immanent absolut eignet,
ziehen wir ferner in Betracht, daß ja nichts anderes als die jeweilig
dominierende vorgeschrittenste organische Formation oder Gattung selbst
es ist, die sich in die nächsthöhere und neueste durch Weiterzeugung
transformiert, und daß ein und der gleiche organisch-bewußtheitliche
Bestand selbst es ist, der sich in immer höhere Stufen weiterzeugt;
erwägen wir schließlich, daß jede Transformation nicht anders sich
vollzieht als durch ein motorisches Individuum und seine Elite, so
ist mit all diesen Momenten endgültig die persönliche Identität eines
jeden motorischen Individuums mit allen und dem ersten, dem Urahn-Paar,
gegeben! Damit ist aber die persönliche Unsterblichkeit eines jeden
einzelnen Menschen ein für allemal exakt ermittelt und sichergestellt!
Und zugleich die Unsterblichkeitslehren der Religionen! Dies alles
aber schließt wieder ein, daß nicht nur die organisch-bewußtheitlichen
Formen des motorischen Individuums und seiner Elite in der Identität
eines und des gleichen Paar-Individuums stehen, sondern auch jene
Formen, welche die Hauptstadien der anorganischen Entwicklung vom
zentralen Uratom und seiner Atomenelite ab bewerkstelligten und eine
aus der anderen hervor entfalteten! So daß also das menschliche
Urahnen-Paar zugleich vollständig persönlich identisch ist mit dem
zentralen Uratom, einem ersten substanziellen Verdichtungsansatz beim
Entstehen des Urelementes usf. Was aber das noch heute bestehende
rotierende zentrale Uratom anbetrifft, so ist zu sagen, daß es nicht
nur das motorische Individuum selbst, sondern zugleich auch, indem es
vormals ganz und gar dieses Individuum persönlich war, eine _Form_
desselben war. Als solche _Form_ wurde es statisch festgehalten, auch
als das motorische Individuum weitergerückt und Urelement geworden war,
und als solche _Form_ und _Funktion_ desselben funktioniert es auch
heute noch und weiter. Das motorische Individuum _selbst_ aber befindet
sich stets in der vorgerücktesten und höchsten Form der Entwicklung;
alles was es hinter sich gelassen hat, besteht als sein Sediment und
Fundament weiter und hat eine Repräsentanz des motorischen Individuums;
im übrigen aber ist zu sagen, daß aller Bestand der Entwicklung sich
stets nur im motorischen Individuum selbst polar verknüpft, und daß
nichts anderes als dieses der Schwerpunkt der ganzen Entwicklung des
absoluten Individuums ist!

Da sich nun aber das absolute Individuum und das motorische Individuum
absolut nicht anders bestimmen kann, als nach der Form seiner höchsten
Bewußtheitlichkeit, so hat sich durch die ganze Entwicklung hindurch
vom einpolaren Zustand ∞ ab schlechterdings nichts anderes entwickelt
als diese Form. -- Ich habe in meinem früher erwähnten Buche »Das
absolute Individuum und die Vollendung der Religion« nachgewiesen, daß
diese höchste bewußtheitliche Form keine andere ist, als der Mensch.
So daß also absolutes und motorisches Individuum sich endgültig und
exakt bestimmt als Individuum Mensch!

So entwickelt sich denn ewig nur ein und das gleiche Individuum,
nämlich das _absolute_ in Gestalt eines _motorischen Individuums_ und
einer Elite desselben weiter; und somit entfaltet sich auch nur _eine_
Gattung, als und durch _eine_ Art, _eine_ Rasse und _eine_ Familie!
Nur daß sie ihre überwundenen Stufen und Ausgliederungen statisch als
solche festhält oder, im höher und höchstentwickelten bewußtheitlichen
Leben, resorbiert, was gleichbedeutend ist mit organischer Neu-,
Weiter- und Wiedergeburt!

Im übrigen wird sich das motorische Paar-Individuum _persönlich_
und selbst, als solches, immer da finden und wiedergebären, wo eine
_Hauptphase_ der Entfaltung erzeugt wird und sich konstituierte
(im übrigen natürlich _wiedererreicht_ wird, denn sie ist ja mit
dem absoluten Individuum und all seinem Bestand und Umfang ewig
und absolut an ihrer Stelle. Auch wenn sie mit allem anderen im
Nu des einpolar neutralen Zustandes ∞ latent ist!). Es wird sich
aber auch wiedergebären da, wo es darauf ankommt, die Hauptphasen
einer bestimmten neuen Form und Gattung zu entfalten. Also wird das
motorische Individuum mit seiner Elite sicherlich jeweilig z. B.
jene Rasse erzeugt haben, welche der Grundstock einer der großen
menschlichen Hauptkulturen war! So daß also den Göttern gewisser
großer menschlicher Hauptreligionen ohne jeden Zweifel jedesmal eine
menschlich persönliche Form des motorischen Individuums und seiner
Elite entsprochen hat! -- Z. B. steht es über jedem Zweifel, daß ein
menschliches Paar einst gelebt hat, dem die mythischen Vorstellungen
von Osiris und Isis oder Odhin und Frigga entsprechen!

       *       *       *       *       *

Wir sehen also, daß, wenn sich die gegenwärtige Krisis der exakten
Wissenschaft dahin löst, daß die Wissenschaft die notwendigen und sich
von selbst ergebenden Konsequenzen aus den beiden endgültig exakt von
ihr ausgemachten Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und Ewigkeit
von Kraft und Polarität zieht, wie das nur ganz unerläßlich und
unausweichlich ist, nicht nur die Wissenschaft selbst erst _wirklich_
exakt wird und ihre Disziplinen endgültig ausbauen kann, sondern daß
sich, was noch ungleich wichtiger ist, auch die gegenwärtige, so
überaus brennende und bedenkliche _religiöse_ Krisis lösen kann! Dies
kann aber nur dadurch und in dem Sinne geschehen, daß Hauptprämisse
und Grundtatsache der Religion, wie sie von allem Uranfang an durch
im wesentlichsten Betracht unerschütterliche Tradition bis hierher
sich erhalten hat, in ihrer absoluten Gültigkeit endgültig von der
Wissenschaft in dem Sinne bestätigt wird, wie es in diesem unseren
Zusammenhange geschehen ist, der die _endgültige exakteste_ Bestätigung
der religiösen Haupttatsache geleistet hat!

Im näheren Betracht aber kann die Lösung der religiösen Krisis nur
erreicht werden in Gestalt einer Lösung des christlichen Problemes!

Diese Lösung kann uns indessen nicht mehr schwer fallen.

Denn offenbar hat der Christus eine Hauptfunktion der Entwicklung
geübt, nämlich er hat im Prinzip menschliche Gattung als solche zu
ihrem umfassendsten Abschluß gebracht. Wir wissen aber, daß dies eine
Funktion ist, die nur das motorische Individuum selbst und persönlich
leistet. Also ist Christus, ist Jesus von Nazareth das motorische
Individuum selbst gewesen! Und also hat das Dogma der christlichen
Religion, welches ausspricht, daß Jesus »Gottes eingeborener Sohn« und
Gott selbst in organisch-menschlicher Erscheinung ist, vollständig
recht! Denn diese Fassung des Dogmas kann nichts anderes bedeuten, als
daß Jesus von Nazareth, der »Christus«, die organische Erscheinung des
absoluten Individuums (der »Vater«), das motorische Individuum (der
»Sohn«) ist!

Wir werden, da ja das motorische Individuum Paar-Individuum ist, nach
der weiblichen Ergänzung Jesu fragen? Aber es kann gar kein Zweifel
bestehen, daß diese vorhanden gewesen ist! Wenn sie aber nicht als
sein _Weib_, d. h. als seine _gattlich_ zeugerische und gebärende
Ergänzung vorhanden war, so kann das seinen Grund einzig darin haben,
daß das motorische Individuum, wenn es eine organische Form, die ihre
äußerste Entwicklungsmöglichkeit erreicht hat, zunächst als solche
_abschließt_, nicht seine Funktion als patriarchalischer Erzeuger einer
neuen Gattung übt! -- Aber es ist gesagt worden, daß der Christus
wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Da das
aber nur heißen kann, daß das motorische Individuum, Gott selbst als
organisches Individuum, wiederkommen wird, und da es ferner nur heißen
kann, daß, da menschliche Gattung alsdann durch das fortwirkende
Prinzip des Christus wirklich vollkommen fertig geworden ist, eine
_neue_ organische Form erzeugt wird, so wird der »Christus«, d. h. das
motorische Individuum, wenn es einst persönlich wieder da sein wird,
durchaus seine patriarchalische zeugerische Funktion üben. Mag sein,
daß alsdann »die Toten« aller überwundene menschliche Bestand bedeutet
und »die Lebendigen« die neuwerdende Gattung; denn »lebendig« im
polar-zentralen Sinne ist ja stets nur die organische Form, in welcher
das motorische Paar persönlich vorhanden ist und zeugend wirkt oder
weiter wirkt. (Die »Himmel«- und »Hölle«-Vorstellungen der christlichen
_Mythe_ werden also in ihrer _Wirklichkeit_ nicht gar so entsetzlich
sein, denn ein _ewiger_ »Himmel« und eine _ewige_ Seligkeit, wie sie
die christliche _Mythe_ sich vorgestellt, ist gewiß auf die Dauer kaum
weniger fürchterlich als eine ewige »Hölle« und »Höllenstrafe«. Aber
die große religiöse Grundtatsache hat neben allem anderen wohl auch
stets so ihren »Witz«, der ganz gewiß auch seinen praktischen Wert
haben wird.)

       *       *       *       *       *

Man könnte nun aber fragen, ob es sich wirklich auch diesmal um die
Erzeugung einer wesentlich neuen und höheren organischen _Gattung_
handeln wird? Ob also wirklich der heute so viel herumspukende
»Übermensch« eines Tages vorhanden sein wird?

Die Frage wäre nicht ohne Sinn und Berechtigung. Denn es ist zu
bedenken, daß ja die Entwicklung und auch die des Bewußtseins einmal
ein Ende nimmt, daß eine wirklich _höchst_bewußtheitliche organische
Gattung eines Tages die _letzte_ und daß der Abschluß derselben der
_letzte_ Abschluß sein wird, den das motorische Individuum vollzieht.

Es ist nun sehr bezeichnend, daß die deutsche Metaphysik in ihren
äußersten Ausläufern so viel vom »letzten Ende«, vom »Unbewußten«
gehandelt hat. Sehr schön ist z. B. auch gelegentlich einmal von
Friedrich Schlegel Novalis gegenüber die christliche Religion die »des
Todes« genannt und Novalis als Jemand bezeichnet worden, der »Sinn für
den Tod« hat.

Da nun aber, wie ich in meinem erwähnten Buche nachgewiesen habe,
menschliche Gattung wirklich die höchste Bewußtseinsstufe des absoluten
Individuums bedeutet, so ist sie auch wirklich die _letzte_ Stufe und
Gattung der Entfaltung des absoluten und motorischen Individuums und
wird sich eine wesentlich neue und höhere über sie hinaus _nicht_ mehr
auswirken. Hat also das motorische Individuum in Gestalt und Person
Jesu des Christus menschliche Gattung zu ihrem Abschluß gebracht, so
hat es, hat Jesus von Nazareth die absolute Entwicklung selbst zu ihrem
Abschluß gebracht!

Man wird nun freilich einwenden wollen, daß der Mensch, dessen
Weisheit und Bewußtheitlichkeit doch nachgewiesenermaßen so gar sehr
»Bruchstück« gewesen ist, unmöglich die höchste Stufe absoluter
Bewußtheitlichkeit bedeuten könne. Dennoch verhält sich das so! Es
ist nämlich zu bedenken, daß die Menschheit je und je das absolute
Wissen von der religiösen Grundtatsache gehabt hat. Nur seine höchste
_Form_ hatte dieses Wissen bis daher noch nicht erreicht. Immer wieder
traten Decadenceperioden ein, in denen eine Form dieses Wissens nicht
mehr genügte und Wissen selber an seinem unveräußerlichen absoluten
Gegenstand irre wurde. Dennoch restituierte sich die religiöse
Grundtatsache und absolutes Wissen in einer höheren Form immer wieder
und wieder und von neuem. So daß schlechterdings ausgesagt werden muß,
daß die Entwicklung dieses Wissens in einem absoluten kontinuierlich
aufsteigenden Zusammenhang vor sich ging. Da dieses absolute
bewußtheitliche Wissen von der religiösen Grundtatsache ehemals aber
überhaupt von dem _Menschen_, dem Urmenschen, zum ersten Mal erreicht
wurde, und da der Mensch es bis daher beharrlich weiter entwickelt
hat, so muß es denn auch unfehlbar zu seiner höchsten, exaktesten,
endgültigsten Form gelangen!

Nun, wir haben uns aber selbst unseren ganzen Zusammenhang hindurch
überzeugt, daß die exakte Wissenschaft, die die letzten und
unvermeidlichsten Konsequenzen ihrer beiden Hauptausmachungen, der
Tatsache der Entwicklung und der ewigen einheitlichen Kraft und
Polarität vollzog, wirklich diese höchste und endgültigste Form
religiösen Wissens -- und Wissen ist _nur_ religiöses Wissen! --
erreicht hat! -- Also ist absolutes und motorisches Individuum
im Menschen zu seiner höchsten gattlich-organischen Form und
Selbsterfassung gelangt! Und also ist menschliche Gattung der
Abschluß der Entfaltung, die von ihr an nur mehr noch die Wendung zum
Unterbewußtsein und zum einpolar neutralen Urzustand ∞ hin nehmen kann!

       *       *       *       *       *

Bedenken wir, daß der Christus bis heute und dieser Form höchsten und
endgültigsten Wissens her an der Vollendung der Menschheit gewirkt
hat! Tritt nun dieses heute erreichte Wissen, wie es gar nicht anders
sein kann, endgültig in Kraft, so kann das schlechterdings nichts
anderes bedeuten, als daß die Menschheit und menschliche Gattung
endlich in ihre _Höhenperiode_ eingetreten ist, wo ihr die höchsten
und letzten Lebenserfüllungen reifen müssen! Und dies ist der Blick
in die jetzt bevorstehende Zukunft! -- Sie wird die letzte und
umfassendste _Einheit_ der Menschheit erleben und die höchsten Triumphe
menschlichen Geistes, menschlichen Gattungsgefühles und menschlicher
Kultur! -- Sie kann nur die Periode eines allgemeinen großen Welt-
und Menschheitsfriedens, eine Periode der _Freude_ und eines großen
_Weltfeierabends_ sein! -- In ihr werden sich die gegenwärtigen
Rassenbestände der Menschheit ausleben, bis zu einer Grenze hin,
wo höchste Bewußtheitlichkeit anfängt sich in eine _unbewußtere_
physiologische Sensibilität umzuwandeln. Das wird der Zeitpunkt
einer endgültigen, letzten menschheitlichen Decadence bedeuten, und
in dieser Zeit wird das motorische Individuum (»Wiederkunft des
Christus«) wiedererscheinen, um aus menschlicher Gattung hervor eine
Abart organisch auszulösen und zu konstituieren, bei welcher sich die
Umwandlung höchster Bewußtheitlichkeit in eine überaus verfeinerte,
neue physiologische Sensibilität endgültig vollzogen haben wird, welche
Sensibilität alsdann im weiteren Verlauf zum völligen Erlöschen des
Bewußtseins führen wird. -- Die Erde alsdann aber alt geworden, wird
ihr altes organisches Leben immer mehr eingezogen haben. (Man bedenke
hier nur das zunehmende Aussterben der wilden Tiere, das befremdliche
Aussterben in der Vogelwelt, das heutzutage festzustellen ist!) Nur
ganz unterbewußte Überbleibsel der alten organischen Wesensreihen
werden noch vorhanden sein, und soweit sie noch den letzten Untergang
des Kosmos -- der sich durch umfassendste Einziehung einheitlicher
Polarität vollziehen wird -- erleben, werden sie nichts von ihm wissen
und fühlen!

Es wird also dem motorischen Individuum und seiner Elite diesmal nichts
weiteres mehr übrig sein, als den Übergang des bewußtheitlichen Lebens
in das Unterbewußtsein zeugerisch zu vollziehen. Und es wird nichts
weiter mehr zu tun haben, als das Grausen einer allgemeinen Katastrophe
auf solche Weise zu verhüten, das für jedes bewußtheitliche Wesen
unausdenkbar fürchterlich sein müßte!

       *       *       *       *       *

Aber kehren wir wieder zu unserem eigentlicheren Zusammenhange, zur
Lösung der gegenwärtigen religiösen Krisis, zurück. Man ist neuerdings
geneigt zu meinen, es werde eine wesentlich neue Religionsform aus ihr
hervorgehen und die christliche ersetzen. Man wird aber jetzt erkennen,
daß das gänzlich ausgeschlossen ist.

Religionsform bedingt sich durch Bewußtheitlichkeit und durch
bewußtheitlich-intellektuale Formulierung; da wir nun aber sahen, daß
der Christus im Prinzip die höchste religiöse Stufe ausgelöst hat, so
kann eine noch vollkommnere Religionsform, als die von ihm geschaffene
nicht mehr möglich sein!

Es ist denn auch nur zu kennzeichnend, daß alle neusten, monistischen
Versuche, zu einer neuen Religionsform zu gelangen, nichts sind
als, leider aber nur zu vage, Versuche zu einem weiteren Ausbau des
christlichen Prinzips!

Ist aber eine wesentlich neue Religionsform über die christliche hinaus
nicht mehr möglich und denkbar, so wird allerdings nur noch eins übrig
bleiben: nämlich der letzte Ausbau der christlichen Religionsform!

Wie aber wird er sich einzig vollziehen können?

Durch Anwendung der Ausmachungen über die religiöse Grundtatsache, die
wir hier geboten haben!

Nach deren endgültigem und exaktem Maßgabe aber bleibt vor allem die
Tatsache bestehen, daß Christus »Gottes Sohn« und Gott selbst »ins
Fleisch geboren«, d. h. als menschlich organisches Individuum ist.
(Was der »Monismus« von heute nicht mehr Wort haben wollte!). Ferner
bleibt die Heiligkeit und Göttlichkeit seiner nächsten Elite bestehen.
(Apostel und eine gewisse Anzahl von männlichen und weiblichen
Märtyrern und sonstigen seitherigen großen Auswirkern christlicher
Religiosität.) Auch die Vorstellung des Erlösungs- und Heilandswerkes
bleibt bestehen. Denn Christus erlöste die Menschheit insofern, als
er sie vollendete und einte, und damit im Prinzip den unsäglichen
menschlichen Bruderzwisten der Historie ein Ende setzte.

Freilich aber wird verschiedenes aus dem Apostolikum ausgeschieden
werden müssen, was veraltete _ethnische_ Vorstellungsform ist. Doch
nicht die Form einer _Kirche_ selbst! Diese noch nicht! Da sie sich
durchaus bedingt durch die sonstige staatliche Form der Sozietät, die
zwar in Zukunft mehr und mehr ihre schroffen nationalen Gegensätze
verlieren, als solche aber noch lange nicht aufhören wird.

       *       *       *       *       *

Das alles schließt ein, daß zunächst die katholische Form, in ihren
Hauptdogmen endgültig gekräftigt, ihre Bestätigung empfängt. Es ist
eigentlich ihr Vorteil, daß sie die Göttlichkeit des Christus und der
Heiligen am konsequentesten festgehalten hat. -- Man mißverstehe mich
aber nicht: ich habe durchaus keine Restituierung eines eigentlichen
Heiligen_kultus_ nun auch für den Protestantismus im Sinn! Überhaupt
wird sicherlich ein _Kult_ im antiken, ethnischen Sinne immer mehr in
Wegfall kommen. Er wird durch eine gemeinsame religiöse Andacht und
Versenkung ersetzt werden, die ja eigentlich nichts anderes sein kann
als eine Selbstversenkung des weiteren organisch sozietären Bestandes
des motorischen Individuums in dieses selbst (Verhältnis der Gemeinde
zu Christus, ihrem Haupt) und damit in das absolute Individuum, in
Gott, aus welcher Versenkung je und je und nach wie vor alle sozietäre
Bestätigung und Kraft sich ergeben muß.

Obgleich nun aber die katholische Kirche die religiöse Grundtatsache
am treusten festgehalten hat, und der Protestantismus ihr gegenüber
nachgerade fast bis zum Unmöglichen _lau_ geworden ist -- so bleibt
der Katholizismus dennoch eine _überwundene_ Form der christlichen
Religion. Und zwar wegen ihrer allzuvielen ethnischen Bestandteile.

Ich weiß nicht, wieviel der Modernismus davon in Zukunft wird
beseitigen können: ganz frei von ihnen wird der Katholizismus nicht
zu bekommen sein. Umsoweniger, als sich sein ethnischer Charakter ja
lediglich durch die Bekräftigung der Hauptdogmen auch seinerseits
bekräftigen muß! Denn diese Bekräftigung erstreckt sich ja überhaupt
auf _jede_ menschliche Religions- und Kultform _deren ganzem Umfang_
nach. Da im übrigen jede Religionsform naturgemäß auf das engste dem
sozialen, oder dem Rassebestand entspricht, der sie hervorbrachte
oder der sich ihr anpaßte, so wird es alles in allem so stehen, daß
die katholische Konfession sich mit den Rassenbeständen, denen sie
entspricht, ruhig ausleben wird. --

Was die protestantische Konfession anbetrifft, so wird sie vor allem
zu beachten haben, daß das Dogma von der Einheit Christi mit Gott
endgültig fest bleibt, und daß dies gleichbedeutend damit ist, daß
Jesus von Nazareth wirklich gelebt hat und der Christus gewesen ist!
(Unsere heutigen Drews, die das in Abrede stellen wollen und eine
gewisse radikale Richtung der liberalen Theologie stehen vollständig
und ein für allemal im Unrecht!) Im übrigen aber wird sich der
Protestantismus durch eine neue und endgültige Reformation von seinen
letzten ethnischen Bestandteilen befreien. Und außerdem wird sein
Gottesdienst immer mehr und endgültig den Charakter eines _Kultus_
verlieren, statt dessen wird er jenen Charakter der Selbstversenkung
der Gemeinde in das Wesen des Urhebers christlicher Religion und
christlichen Prinzipes und damit in Gott, d. h. das absolute
Individuum, annehmen, das vorhin angedeutet wurde. -- Mit dieser
Reformation des vorgeschrittensten christlichen Bekenntnisses wird
christliche Religionsform zu ihrer letzten und endgültigen Vollendung
gelangen. Sie wird die Religion der menschlichen Rassen sein, welche
die Träger der künftigen Menschheitskultur sein werden.

Alle weitere Entwicklung von Religion kann nur jener dereinstigen über
die heutigen menschlichen Rassen hinausgehenden Rasse entgegenführen,
in deren Bezirk einstmals in einer noch fernen Zukunft das motorische
Individuum entstehen wird, um die Entwicklung der Menschheit zeugerisch
dem Unterbewußtsein entgegenzuführen. Diese Endgattung aller
Entwicklung aber wird nicht mehr in solchen sozialen Formen leben,
wie wir, sie wird die Begriffe eines Staates, einer Kirche und einer
intellektuell fixierten Religionsform und Konfession nicht mehr kennen
und bedürfen!

Aber das geht die Lösung der gegenwärtigen religiösen Krisis nichts
an. Genug, daß wir unter allen Umständen um die einstmalige Existenz
von Jesus und seiner Eigenschaft als Gottes wahrer und eingeborener
Sohn endgültig nicht herumkönnen. --

Es versteht sich im übrigen von selbst, daß der konfessionelle
Religionsunterricht aus der Schule _nicht_ ausgeschaltet werden kann,
so wenig wie die Kirche vom Staate abgetrennt werden kann! Aber, die
Hauptsache: es wird sich ja um einen Religionsunterricht handeln, der
_nicht_, wie heute noch, mit dem exaktwissenschaftlichen in Widerspruch
steht, sondern um einen, der durch die Wissenschaft lediglich endgültig
bestätigt wird, selbst als _katholischer_ Religionsunterricht! Ein
Umstand, der durchaus nicht außer Rücksicht gelassen werden darf!
-- Denn keine einzige christliche Konfession wird von der andern
völlig ausgeschaltet werden! Vielmehr werden sie in _friedlichem_
Gleichgewicht in Zukunft nebeneinander weiterbestehen; wenn auch
naturgemäß jene am ersten _sich selbst_ ausschalten wird, deren
tragende _Rassenbestände_ von der weiteren Entwicklung menschlicher
Gattung am ersten abgetragen und resorbiert werden. -- Das würde
allerdings bereits heute den endgültigen zukünftigen »Sieg« einer
vollkommen ihrem reinsten Prinzip nach ausgestalteten und reformierten
_protestantischen_ Konfession bedeuten! --


Druck von _Gottfr. Pätz_, Naumburg a. S.



OESTERHELD & Co.·VERLAG·BERLIN W 15


JOHANNES SCHLAF:

DAS ABSOLUTE INDIVIDUUM

ODER DIE

VOLLENDUNG DER RELIGION

2 TEILE IN 1 BAND PREIS Mk. 12 BROSCH., Mk. 14 GEB.

Die Erkenntnistheorie seit Kant / Das absolute Individuum Mensch / Die
Metastase des absoluten Individuums / Die Sozietät / Die Lehre von der
Bewußtseins-Funktion / Die Religion / Das Sittengesetz / Wissenschaft
und Technik / Kunst / Die Zukunft des Menschengeschlechts

NEUE FREIE PRESSE: »Die gewaltige Konzeption dieses Weltbildes wird
seine Betrachtung auch manchen von jenen Lesern fruchtbar machen, die
lieber die Kunst des Baumeisters bewundern, als an die Standfestigkeit
des Gebäudes glauben.«

KARL JENTSCH in der »ZEIT«, Wien: »Man kann der Kosmogonie, Kosmologie,
Biologie, Soziologie, Religions-, Wissenschafts- und Kunstlehre, die
hier entwickelt wird, Originalität und Großartigkeit nicht absprechen.«

GRAZER TAGEBLATT: »Dieses bedeutende Werk, das so geschrieben ist,
daß jeder Gebildete es lesen kann, hat mit der Unbestimmtheit des
bisherigen Monismus nichts gemein. Es erhebt diesen vielmehr zu
einem lebendigen Idealismus und gibt eine beachtenswerte Lösung des
erkenntnistheoretischen und religiösen Problems.«

BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN: »Schlafs System beruht auf sehr scharfer
Kritik der früheren Systeme. Auf rein philosophischem, mehr noch auf
kulturhistorischem Gebiet sind seine Verdienste um neue anregende
Gesichtspunkte von vornherein nicht zu bestreiten.«



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

    Korrekturen:

    S. 12: alleine → alleinige
      ins Fleisch geborene {alleinige} Gott

    S. 48: stärkeren → stärkerem
      Sie tat das in immer {stärkerem} Grade

    S. 55: einem → einen
       Saturn usw. nur {einen} regelmäßigen Umlauf

    S. 72: notorische → motorische
       als das {motorische} Individuum weitergerückt





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