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Title: Ludwig Tieck - Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen - mündlichen und schriftlichen Mitteilungen
Author: Köpke, Rudolf (Ernst Rudolf Anastasius)
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ludwig Tieck - Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen - mündlichen und schriftlichen Mitteilungen" ***

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and text preparation, Reiner Ruf, and the Online Distributed


  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1855 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Die
    Schreibweise einiger Personennamen (z. B. Stael bzw. Staël) wurde
    harmonisiert, ansonsten wurden abweichende Schreibweisen belassen,
    sofern die Verständlichkeit des Texts dadurch nicht berührt wird.

    In der Buchvorlage wurden ‚deutsche‘ Anführungszeichen („…“)
    verwendet, ‚Zitate in Zitaten‘ wurden dagegen von Guillemets, mit
    der Spitze nach außen («…»), umschlossen. Letzteres kann allerdings
    auf einigen Lesegeräten zu unvorhersehbaren Zeilenumbrüchen führen,
    daher wurden in diesen Fällen einfache Anführungszeichen (‚…‘)
    verwendet. Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) werden durch ihre
    Umschreibungen (Ae, Oe und Ue) dargestellt.

    Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
    den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

      fett:      =Gleichheitszeichen=
      gesperrt:  +Pluszeichen+
      Antiqua:   ~Tilden~

  ####################################################################



                             Ludwig Tieck.

                             Erinnerungen

                                aus dem

                          Leben des Dichters

                              nach dessen

              mündlichen und schriftlichen Mittheilungen

                                  von

                             Rudolf Köpke.



                             Ludwig Tieck.

                             Erster Theil.



                             Ludwig Tieck.

                             Erinnerungen

                                aus dem

                          Leben des Dichters

                              nach dessen

              mündlichen und schriftlichen Mittheilungen

                                  von

                             Rudolf Köpke.

                             Erster Theil.

                               Leipzig:

                           F. A. Brockhaus.

                                 1855.



Inhalt des ersten Theils.


                                                           Seite

    +Vorwort+                                                VII

    +Erstes Buch.+ Jugendbilder. 1773-1792.                    1

      1. Das Vaterhaus                                         3

      2. Schule und Straße                                    14

      3. Die Breter, die die Welt bedeuten                    28

      4. Der Genius                                           37

      5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch                    46

      6. Jugendgefährten                                      63

      7. Kunstleben                                           75

      8. Ein Weltereigniß                                     90

      9. Verlust und Versuchung                               95

      10. Dichter und Schriftsteller                         109

      11. Der Abschied                                       124


    +Zweites Buch.+ Dichterleben. 1792-1800.                 127

      1. Halle. Katheder und Offenbarung                     129

      2. Göttingen. Studien                                  145

      3. Erlangen. Abenteuer                                 154

      4. Lebensaufgaben und Pläne                            172

      5. Die Vaterstadt                                      187

      6. Der Altmeister und der junge Dichter                198

      7. Alte und neue Freunde                               218

      8. Romantische Dichtungen                              236

      9. Jena und Weimar                                     245


    +Drittes Buch.+ Kampf und Leiden. 1800-1819.             269

      1. Bewunderer und Gegner                               271

      2. Zweifel und Verlust                                 286

      3. Ein alter Freund                                    299

      4. Ein Naturdichter                                    309

      5. Schmerz und Krankheit                               311

      6. Der italienische Himmel                             317

      7. Die Heimat                                          327

      8. Wanderleben                                         337

      9. Phantasus                                           346

      10. Auswanderung                                       351

      11. Visionen in Berlin                                 358

      12. Neue Freunde                                       363

      13. London und Paris                                   371

      14. Uebersiedelung                                     382



Vorwort.


Jedes Jahr bringt neue Schriften, die es unternehmen, die reichste
Zeit unserer dichterischen Literatur kritisch aufzuklären oder
übersichtlich darzustellen, und jedes Jahr lichtet stärker die Reihen
ihrer Theilnehmer und Zeugen. Der Bücher, welche über die neuere
deutsche Poesie und ihre großen Charaktere reden wollen, sind immer
mehr, der Menschen, welche aus eigener Anschauung davon reden können,
immer weniger geworden. In den kritischen Gesammtausgaben, Varianten
und Nachlesen, in den Erklärungen und Denkwürdigkeiten der Dichter
hat sich bereits ein gelehrter Niederschlag jener vollen Bewegung
angesammelt. Das lebendige Heute ist zum stillen Gestern geworden, von
dem wir erzählen, damit der kommende Morgen, über dem eine andere Sonne
scheint, sich seiner erinnern möge. Das sind die Zeichen der Zeit.

Die letzten Jahre haben wiederum zwei Männer mit sich genommen, welche
Führer der romantischen Periode gewesen sind. Im Jahre 1853 starb
Tieck, 1854 Schelling. Ihr Leben liegt abgeschlossen vor uns, und für
den Dichter wie für den Philosophen der Natur beginnt die Geschichte.
Dieses Buch ist dem Andenken Tieck’s gewidmet.

Ludwig Tieck gehört zu den hervorragendsten Erscheinungen unserer
neuern Literatur, der eigenthümliche und selbständige Dichter neben
und nach Goethe und Schiller, der Zeitgenosse und Freund großer und
bedeutender Männer, der Mitstreiter merkwürdiger Kämpfe, der Zeuge
aller folgereichen Wandlungen, welche der deutsche Geist seit dem
Ausgange des vorigen Jahrhunderts erfahren hat. Als er starb, blickte
er auf sechzig Jahre literarischer Thätigkeit zurück. Wie Klopstock
und Wieland von Bodmer bis auf Tieck und Heinrich von Kleist, wie
Goethe von Gottsched und Klopstock bis auf Heine und Börne, so reichte
sein Leben von dem Jahre, wo der „Götz von Berlichingen“ erschien bis
auf Hebbel und Redwitz herab. Er war ein seltener und eigen gearteter
Mensch, dessen Wesen man nicht besser bezeichnen kann, als mit dem
Worte, welches er selbst oft anwandte: er hatte nicht nur gesehen,
gehört, geschrieben und gedichtet, er hatte gelebt, in sich erlebt.
Das Leben eines solchen Mannes erscheint merkwürdig genug, um auch die
Erinnerungen zu sammeln, welche nicht unmittelbar in seinen Werken
liegen.

Diese Aufgabe hat sich das folgende Lebensbild gestellt. Freilich
sind ihm sehr fühlbare Schranken gesetzt, innerhalb deren es sich
halten muß. Nicht etwa durch das, was ich von meiner Kenntniß Tieck’s
zurückzuhalten hätte, dessen ist nur wenig, und dieses Wenige nicht
eben erheblich; vielmehr sind es die Lücken dieser Kenntniß selbst,
welche sich bemerklich machen. Die Grundlage der gegebenen Darstellung
ist eine Reihe gelegentlicher mündlicher Mittheilungen Tieck’s, auf
deren Vervollständigung aus andern Quellen, wenigstens für die frühern
Abschnitte seines Lebens, nicht mehr zu rechnen ist. Es lebt Niemand
mehr, der von Tieck’s Jugend, seinem Bildungsgange und ersten Eintritt
in die Literatur aus eigener Erfahrung Kunde hätte; die Wenigen, welche
von der Zeit der romantischen Dichtungen zu sagen wissen, lassen sich
mit Namen aufzählen; in den Denkwürdigkeiten älterer Zeitgenossen
erscheint er nur vorübergehend, und auch diese Andeutungen reichen kaum
über den Aufenthalt in Jena zurück. Einige Mal erwähnt seiner Goethe
in Briefen, Jahresheften, Kritiken und Gesprächen, dann Schiller,
Fichte, F. Schlegel, Gries, Körner, Philipp Otto Runge, Solger, dieser
allerdings ausführlich, Bettina in ihren Briefen, Steffens, Laun,
Oehlenschläger, der Schauspieler Lange, Karl Förster, Carus, Holtei,
Strombeck und Immermann in ihren Denkwürdigkeiten und Tagebüchern. Die
letzten Fünf kannten ihn in der dresdener Zeit, die Andern begegneten
ihm früher, doch fast alle erst in dem Lebensabschnitte zwischen Jena
und Dresden. Zahlreicher sind die Berichte literarischer Touristen über
einzelne Besuche bei Tieck und oberflächliche Berührungen mit ihm; sie
gehören sämmtlich der spätern Zeit an. Nach diesen Angaben ein Bild zu
entwerfen, ist nicht möglich; wer es dennoch unternehmen wollte, würde
kaum einen matten Umriß erhalten.

Was Tieck’s Freunde so oft mit Bedauern ausgesprochen haben, kann
auch hier nur wiederholt werden: er selbst hat keine Denkwürdigkeiten
hinterlassen. Und warum gerade er nicht, in einer Zeit, die so
manches Buch dieser Art aufzuweisen hat, in dem Vieles breit erzählt
wird, was kaum des Erlebens, geschweige denn des Andenkens werth war?
Warum er nicht, bei seiner Schärfe und Feinheit der Beobachtung, bei
dieser Meisterschaft der Charakteristik und Erzählung? Die Antwort auf
diese Frage liegt in seiner eigensten Natur, in der Verkettung von
Umständen, die manche seiner liebsten Pläne über die ersten Versuche
der Ausführung nicht hinauskommen ließ. Er war durchaus frei von der
eiteln Absichtlichkeit, die von Allem, was sie thut, auch von dem
Kleinsten, der Welt glaubt Rechenschaft schuldig zu sein, die spricht,
um von sich zu schreiben, und schreibt, um von sich sprechen zu machen.
Solange er noch dichterisch schuf, und mit jeder neuen Erfahrung immer
neue Gestalten in ihm aufstiegen, solange er mit zahlreichen Freunden
in ununterbrochenem geistigen Austausche stand, war ihm die Gegenwart
viel zu gehaltvoll und wichtig, als daß er von der Vergangenheit hätte
ausführlich sprechen sollen. Dafür hatte er noch keine Ruhe gewonnen.
Aeltere Freunde bezeugen, daß er in der frühern Zeit in Dresden nur
selten, und zufälliger Veranlassung oder dringender Aufforderung
folgend, auf seine jüngern Jahre zurückgekommen sei, und auch dann
meistens nur kurz, ohne in genauere Schilderungen einzugehen. Er war
darin vielleicht zu sorglos.

Dennoch konnten Anregungen, über einzelne Lebensabschnitte zu
sprechen, nicht ausbleiben. Die nächste lag in seiner Dichtung selbst.
Die Novellen enthielten überall Erlebtes, sie wurden mitunter zu
persönlichen Bekenntnissen; die Gespräche im „Phantasus“, ein Theil
der lyrischen Gedichte waren reich an einzelnen Zügen aus seinem Leben.
Aber man mußte damit bereits vertraut sein, um die Denkwürdigkeiten in
dieser Gestalt zu erkennen. Auch der Briefwechsel mit Solger, den er
mit dessen Nachlaß herausgegeben hatte, enthielt manches merkwürdige
Zeugniß über seinen Bildungsgang. Endlich begann er seine Schriften
zu sammeln, eine Durchsicht derselben und ein Rückblick auf die
Vergangenheit ward nothwendig. Zu manchen hatte er sich öffentlich
nie bekannt, andere waren verschollen, andere gemisdeutet worden.
Von einer Gesammtausgabe der Dichtungen ließ sich die Pflicht über
ihre Entstehung, d. h. über einzelne wichtige Punkte seines Lebens
Erläuterungen zu geben, kaum trennen. In den Jahren 1828 und 1829
schrieb er daher die Einleitungen zu dem ersten, sechsten und elften
Bande der Schriften, die auch in dieser fragmentarischen Form für
Theile seiner Denkwürdigkeiten gelten können. Nur sind sie mehr
literarisch als rein historisch, sie schließen sich der aufgestellten
Reihenfolge der Schriften an, welche nicht die chronologische ist, man
bewegt sich daher mehr im Kreise, als daß man auf der geraden Linie der
Lebensentwickelung fortschritte.

Nachdem Tieck das sechzigste Jahr zurückgelegt hatte, scheint ihm der
Gedanke, sein Leben zum Gegenstande besonderer Darstellung zu machen,
zum ersten Male näher getreten zu sein. Die früheste Andeutung findet
sich 1838 in einem Briefe an seinen Bruder, den er auffordert, zu
diesem Zwecke die Erinnerungen ihrer Kindheit und der spätern Jahre
zu sammeln, und ihm die darauf bezüglichen Notizen zu übersenden. Die
schiefen und einseitigen Urtheile, die er zu allen Zeiten erfahren
hatte, die böswilligen Verdächtigungen, die abgeschmackten Märchen,
die nicht ohne Erfolg über ihn in Umlauf gebracht worden waren, wollte
er durch eine einfache Darstellung des Thatsächlichen widerlegen.
Leider kam es nicht dazu, nicht einmal zu einer vorläufigen Sammlung
des Stoffs für eine spätere Bearbeitung. Die ihm auch damals noch
näherstehende dichterische Production, häusliches Unglück, Krankheit,
der Wechsel des Wohnsitzes und altgewohnter Verhältnisse, Mangel an
Entschluß traten hemmend entgegen. Dennoch lag ihm dieser Plan bis in
die letzten Jahre am Herzen. Immer noch hoffte er auf den Augenblick,
wo er sich kräftiger fühlen werde, und zur Ausführung schreiten könne.
Früher als dieser Augenblick ist der Tod gekommen.

Zum Glück reicht Tieck’s Wort über das Grab hinaus. Er hinterließ ein
Vermächtniß, das wenigstens einen theilweisen Ersatz gewährt. Mag
dieser immerhin dürftig und mangelhaft erscheinen im Vergleiche mit
dem, was Tieck selbst hätte geben können; er wird beachtenswerth, wenn
man darin die Reste eines unwiderbringlich verlorenen Reichthums sieht.

Hier ist der Punkt, wo die eigenthümliche Beschaffenheit des Stoffs,
der in diesem Buche niedergelegt ist, von meinen persönlichen
Beziehungen zu Tieck zu reden gebietet.

Im Anfange des Mai 1849 hatte ich das Glück, ihn zum ersten Male
zu sehen. Mit allgemeiner Spannung blickte man in diesen Tagen auf
den Ausgang des revolutionären Kampfes in Dresden; die gemeinsame
Theilnahme für dortige Zustände hatte mich zu ihm geführt. Die
außerordentlichen Verhältnisse erleichterten die Bekanntschaft; man
hatte damals das Bedürfniß, über gewisse Punkte, namentlich über
die politischen Tagesfragen sich in der Kürze zu verständigen, und
so erfolgte auch hier die Annäherung leicht. Mehr noch that Tieck’s
wohlwollendes Entgegenkommen. Ich habe erfahren, was Alle erfahren
haben, die ihm ohne vorgefaßte Meinung und ohne Ansprüche genaht
sind. Seine edle Natürlichkeit und Unbefangenheit, die vollkommene
Freiheit von Allem, was falscher Würde ähnlich sah, oder der Absicht,
ein Uebergewicht fühlbar zu machen, seine Wahrheit und reine Güte,
der einfache und geistig befreiende Ton seines Gesprächs, Alles trug
dazu bei, die Fesseln der Zurückhaltung, durch die der Unbekannte dem
berühmten Manne gegenüber sich leicht gehemmt fühlt, bald zu lösen.
Aus den ersten Berührungen erwuchs ein Verkehr, der bis zu seinem Tode
ohne Unterbrechung fortgesetzt wurde, der mich vier Jahre hindurch
wöchentlich mehrere Male, zuletzt fast täglich, oft Stunden lang in
sein Haus führte. Als die politische Spannung sich gelegt hatte, traten
in der Unterhaltung immer mehr die Gedanken und Gegenstände hervor,
welche die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatten, und auch jetzt
noch seine wärmste Theilnahme besaßen. Es waren Dichtung und Literatur,
die heimische wie die fremde, die vergangene wie die gegenwärtige, das
Verständniß und die Kritik der Dichter und ihrer Werke, die Kunst, die
Wissenschaft, und alle große Fragen, die vom Tage nicht abhängen, und
stets neu erscheinen, weil sie uralt sind.

Bald nahmen diese Gespräche noch einen andern Charakter an. Unbemerkt
gewannen sie die Farbe historischer Erinnerungen, deren Mittelpunkt
Tieck selbst war. Zufällige Veranlassungen, naheliegende Erörterungen
der Novellen oder der ältern Dichtungen leiteten zuerst darauf hin,
einzelne Züge in leichten Andeutungen oder humoristischen Anekdoten
mitzutheilen. Allmälig gestalteten sich diese Umrisse zu festern
Bildern, besonders seit er die tödtliche Krankheit im Frühjahr 1851
noch einmal überwunden hatte. Jetzt wurden ihm diese Rückblicke auf
die frühere Zeit fast zum Bedürfniß, und die mündliche Erzählung vor
Zuhörern, von deren aufrichtigster Theilnahme er überzeugt sein konnte,
ersetzte seinem Gefühle wenigstens entfernt, was ihm eine Aufzeichnung
der Erinnerungen gewesen wäre. Absichtslos, wie Stimmung und Gedächtniß
den Stoff zuführten, hatte er zuerst einzelne Punkte aus seinem Leben
besprochen, nun begann er auf Ergänzung und Abrundung, und nach manchen
Seiten hin auf eine gewisse Vollständigkeit zu denken. Endlich hatte
er in mannichfach verschlungenen Episoden eine Reihe von Bildern aus
seiner Jugendzeit, seiner Aeltern und Lehrer, Gefährten und Freunde,
seiner innern Kämpfe, seiner Verbindungen mit den Dichtern des vorigen
und des gegenwärtigen Jahrhunderts gegeben. Es waren gesprochene
Novellen, ein unendlich reiches Leben entfaltete sich in ihnen, und wie
überall bei ihm paarte sich auch hier der anmuthig spielende Scherz mit
dem tiefen Ernste.

Wer den Zauber der Rede Tieck’s jemals selbst erfahren hat, wird es
erklärlich finden, daß im Genusse des Augenblicks die schriftliche
Aufzeichnung dieser Gespräche nicht der nächste Gedanke war. Doch
gemahnt durch die wiederkehrende Todesgefahr, entschloß ich mich noch
zu rechter Zeit zu dem schweren Versuche, der jetzt zur historischen
Pflicht ward. Während der letzten zwei Lebensjahre Tieck’s habe ich
alle wichtigen Unterhaltungen mit ihm aufgezeichnet, und es wird kaum
einen bedeutendern Punkt geben, der in dieser Zeit nicht wiederholt
zur Sprache gekommen wäre. Ich darf behaupten, daß durch den spätern
Beginn der Aufzeichnung am Stoff nichts Wesentliches verloren gegangen
ist. Auf Tieck’s Erzählungen selbst hat sie keinen Einfluß gehabt,
er wußte nichts davon, der Gedanke einer künftigen Veröffentlichung
dieser Gespräche lag ihm bis kurze Zeit vor seinem Tode fern. Sie waren
durchaus unbefangen; von einer Absicht, einem bewußten Vorbereiten
oder Zurechtmachen ist nie die Rede gewesen. Aber darum entbehren
diese Erinnerungen nicht der Autorisation. Als ich mir im April 1853
die wachsende Todesgefahr nicht länger verhehlen konnte, ward es
Pflicht, ihm eine vollständige Mittheilung über die niedergeschriebenen
Notizen zu machen. Ich sagte ihm, daß ich diese kleinsten Theile
seines Lebens aufgelesen und gesammelt hätte. Lächelnd erwiderte er:
„Das freut mich zu hören. Sie sind ein wahrhafter Mann, und werden es
so wiedererzählen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Es werden dadurch
viele Lügen widerlegt werden, die über mich in Umlauf gekommen sind.“
In diesen Worten liegt die Berechtigung der folgenden Darstellung.
Ich habe sie als einen letzten Willen, als ein Vermächtniß angesehen,
dessen Vollziehung für mich nicht allein zur Pflicht der Pietät,
sondern auch der historischen Gerechtigkeit ward. So faßte er es selbst
auf, und schloß die Augen in der Zuversicht, daß diese Erinnerungen
ein Bild seines Lebens geben würden, wenn er selbst auch über diesen
letzten Wunsch hinweggehoben sei.

Schon früher hatte Tieck die mündlichen Erzählungen in anderer Weise
ergänzt. Lange beschäftigte ihn der Gedanke, eine Auswahl des
reichhaltigen Briefwechsels herauszugeben, in dem er während eines
langen literarischen Lebens mit den verschiedensten Männern gestanden
hatte. Diese Sammlung, soweit sie ihn persönlich betrifft, beginnt mit
dem Jahre 1792 und enthält der großen Mehrzahl nach Briefe, die an
ihn gerichtet sind. In chronologischer Reihenfolge theilte er mir die
einzelnen Bände mit zur Durchsicht und vorläufigen Bezeichnung des etwa
Auszuwählenden. An jeden wichtigen Brief knüpften sich Erläuterungen
und häufig neue Erzählungen. Dies war in den Wintermonaten von 1852 auf
1853. Als ich den letzten Band zurückzugeben kam, war er wenige Stunden
zuvor gestorben.

       *       *       *       *       *

So ist es zu verstehen, wenn ich dieses Buch „Erinnerungen aus
dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen
Mittheilungen“ genannt habe.

       *       *       *       *       *

Tieck’s Erzählungen waren nicht vollständig, aber durchaus glaubwürdig.
Nicht von jedem Lebensabschnitte sprach er mit gleicher Ausführlichkeit
und gleichem Behagen. Mit besonderer Vorliebe verweilte er bei dem
Knaben- und Jünglingsalter, in allgemeinern Zügen stellte er die
spätere Zeit hin. Dort war Alles neu, frisch, glänzend, er selbst noch
ein Werdender, den auch der Kampf förderte; hier hatte das Leben eine
festere Gestalt gewonnen, und zwanzig Jahre gleichmäßigen Daseins
erschienen in der Erinnerung wie der ruhige Fluß mit sanften Ufern, den
man still hinabgefahren ist. Manches, was ihn zu tief bewegte, erwähnte
er selten, und dann nur mit wenigen Worten, so den Tod seiner Tochter
Dorothea; Anderes mochte seinem Gedächtnisse ganz entschwunden sein.
Einfach, arglos und edel erscheint er in diesen Erinnerungen; wie
über seine Dichtungen, urtheilte er über sich und sein Leben durchaus
unbefangen. Welchen Grund hätte er auch haben können vor Zuhörern,
deren Beifall oder Misbilligung für ihn eine geringe Bedeutung haben
mußte, am Rande des Grabes, in dieser absichtslosen Selbstbetrachtung
sich anders darzustellen, als er im Augenblicke sich wirklich erschien?
Im Einzelnen blieben sich die Grundzüge der Erzählungen immer gleich,
so oft er auch auf denselben Punkt zurückkommen mochte. Führte er
Personen redend ein, so geschah es in den Wiederholungen stets mit
denselben Worten. Manche kleine Züge finden in den ebenso absichtslosen
Aufzeichnungen Anderer eine unerwartete Bestätigung. Von dieser
Seite könnte nur der übertriebene Zweifel die historische Treue und
Aufrichtigkeit in Frage stellen.

Doch Tieck selbst kannte das eigenthümliche Wesen der historischen
Ueberlieferung sehr wohl. Von ihr sagt er in der Einleitung zu seinem
Shakspeare-Buche („Ludwig Tieck’s nachgelassene Schriften“, II, 119):
„Wenn wir uns nur sichere Rechenschaft geben könnten, daß unser
Standpunkt selbst nicht viel bestimmt und richtet, und doch aus unserm
Auge die Perspective der Linien und der Luft sich bildet.“ Konnte der
Greis die Zustände seines jugendlichen Lebens so wiedergeben, wie
sie wirklich waren, oder vielmehr nur so, wie sie ihm nach vielen
dazwischenliegenden Wandlungen erschienen, wie er sie aus seinem
jetzigen Standpunkte sah? Es ist dieselbe Frage, welche Goethe ebenso
tiefsinnig als vorsichtig beantwortete, wenn er auf dem Titel seines
Buchs „Aus meinem Leben“ den Zusatz machte: „Wahrheit und Dichtung.“
Schwerlich wird der Mensch sich und die Dinge, bei denen er betheiligt
ist, durch ein vollkommen reines Medium zu sehen vermögen; bald
wird es zu hell, bald zu dunkel gefärbt sein. Zuerst betrachtet er
sie mit Leidenschaft, nachher versteht er seine eigene Leidenschaft
nicht mehr. Glücklich, wer im hohen Alter gehaltvolle Erlebnisse mit
einem so treuen, durch Lust und Schmerz befestigten Gedächtnisse,
mit so viel jugendlichem Feuer und Theilnahme, mit so überzeugender
Gegenständlichkeit darzustellen vermag, wie es Tieck in diesen
Gesprächen gethan!

Für den Nacherzähler ist es unendlich schwer, solche Mittheilungen
ohne den geringsten Verlust an Zuverlässigkeit, doch mit gleicher
Frische und Lebendigkeit wiederzugeben. Das Letzte wird kaum Jemand
verlangen. Um wie Tieck, wenn auch aus seinem Munde zu erzählen, müßte
man Tieck selbst sein. Schon das wörtlich treue Aufzeichnen eines
Gesprächs, das vielleicht bei einem Bücherkatalog anfing, und bei der
Resignation aufhörte, die ihm der Anfang der Weisheit war, erschien in
hohem Grade schwierig. War es doch bisweilen schon, wenn die Hausthür
sich schloß, kaum mehr möglich, den Faden wiederaufzufinden, der durch
diese verschlungenen Gänge geführt hatte. Zwar hatte sich mir alles
Wichtige, oft die Worte selbst wol eingeprägt, aber bei dieser Fülle
mußte auch das treueste und willigste Gedächtniß eine gewisse Einbuße
erleiden. Und wie sollte dieser Stoff benutzt werden? An Vorbildern
fehlte es nicht. Am nächsten lag es, an „Eckermann’s Gespräche mit
Goethe“ zu denken. Aber diese Gespräche mit Tieck waren zum großen
Theil historische Erinnerungen. Sollte ich jede Unterhaltung unter
ihrem Tagesdatum mit dialogischer Treue wiederzugeben versuchen,
eine an die andere reihen, um so eine dennoch nur zweifelhafte
Authentie herzustellen? Ich konnte mich nicht dazu entschließen.
Ich hätte im Dialog als zweite Person neben Tieck treten, ich hätte
eine ungeordnete Masse biographischen Materials geben müssen, in dem
der Erzähler chronologisch vorwärts und rückwärts ging, Episoden
einschaltete, sich häufig unterbrach, durch literarische Kritiken,
durch humoristische oder tiefsinnige Beobachtungen, die an das Nächste
wie an das Fernste anknüpften. Durch den Geist, mit dem der Sprechende
Alles zu durchhauchen wußte, durch Ton und Blick, durch die Dramatik
des Vortrags erhielt dieses scheinbar wirre Gewebe einen unendlichen
Reiz, um so reizender, je mannichfaltiger es sich verschlang. Wie
schwerfällig, wie breit und dennoch dürftig würde sich dies Alles in
dem geschriebenen Worte des Nacherzählers dargestellt haben! Es wäre
gewesen, was die kalte, harte, farblose Type ist im Vergleiche mit dem
bewegten Leben. Man würde mir schließlich gesagt haben, es sei ein
schätzbares Material, dessen Verarbeitung zu einem lesbaren Buche eine
geschicktere Hand übernehmen müsse. Der Bearbeiter würde sich bald
gefunden haben, wahrscheinlich ein solcher, der den vollen Eindruck der
Persönlichkeit, wie ich ihn empfangen hatte, nicht besaß, der Tieck
vielleicht gar nicht einmal gekannt hätte. Endlich eine Sonderung der
Gespräche nach Stoffen wäre einer halben Verarbeitung gleichgekommen,
es wäre auch damit nichts gewonnen gewesen.

Es blieb somit nur Eines übrig, den Weg zu gehen, den ich gegangen bin,
erfüllt von der lebendigen und dankbaren Erinnerung an den befreundeten
Dichter, geleitet von meinen Aufzeichnungen, die Bearbeitung des
Stoffs selbst zu übernehmen. Dies empfahl sich umsomehr, da mir außer
den mündlichen Mittheilungen Tieck’s noch andere Quellen zu Gebote
standen. Ich kannte nach seinen eigenen Angaben die biographischen
Bestandtheile der Dichtungen; aus den Briefen ergaben sich manche
werthvolle und charakteristische Züge, und zugleich gestaltete sich
aus ihnen ein chronologisches Fachwerk, in welches sich die einzelnen
Erzählungen mitunter trefflich einfügten; in den letzten vier Jahren
seines Lebens hatte ich ihn selbst oft genug gesehen und beobachtet, um
seine Eigenthümlichkeit kennen zu lernen. Endlich über manche frühere
und spätere Momente war ich im Besitze der glaubwürdigsten Zeugnisse
und Notizen, die ich seinen Freunden und den Personen verdankte, die
Jahre lang zu seiner nächsten Umgebung gehört hatten. Wenn ich hier
von der Unterstützung und Förderung spreche, welche ich durch Andere
erfahren, habe ich vor Allen Friedrich von Raumer auf das dankbarste
zu nennen, der in der warmen Theilnahme an diesen Erinnerungen die
treue Freundschaft, die ihn mit dem Dichter im Leben verband, auch nach
dessen Tode bewahrt hat. Ihm verdanke ich die Benutzung seines höchst
gehaltreichen Briefwechsels mit Tieck, eine Anzahl Briefe Tieck’s an
F. Schlegel, mündliche Ueberlieferungen und Berichtigungen, Rath und
Hülfe aller Art, wie sie nur der Freund und historische Augenzeuge
zu geben vermag. Für Anderes bin ich einem zweiten ältern Freunde
Tieck’s, F. von der Hagen, seinem Neffen G. Waagen, und seinen spätern
Freunden Loebell und Carus dankbar verpflichtet. Den beiden Letzten
doppelt, da sie mir verstattet haben, ihre Mittheilungen meinem Buche
unmittelbar beizufügen. Auch aus diesen Quellen ergab sich eine nicht
unbeträchtliche Masse des Stoffs.

Bei der Bearbeitung war es zunächst gerathen, die Gespräche
allgemeinen, nicht biographischen Inhalts auszusondern und in einem
eigenen Abschnitte zu sammeln. Hier habe ich Tieck’s Worte getreu
wiedergegeben, wie ich sie aufgezeichnet und im Gedächtnisse bewahrte.
Ich glaube nicht, daß sie durch die Umwandlung des Dialogs in den
Monolog, die sich aus dem eingenommenen Standpunkte mit einer gewissen
Nothwendigkeit ergab, irgendwie erheblich gelitten haben. Hoffentlich
wird das sechste Buch den Reichthum dieser Unterhaltungen wenigstens
ahnen lassen. Die Jugendbilder im ersten Buche ruhen ausschließlich
auf Tieck’s Erzählungen. Diese bilden auch den Hauptbestandtheil des
zweiten, doch kommen hier manche Ergänzungen aus den Briefen hinzu,
welche bei der fragmentarischen Beschaffenheit der Erzählungen aus der
spätern Zeit im dritten und vierten Buche besonders wichtig wurden. Das
fünfte hat sich vorzugsweise aus mündlicher Ueberlieferung und eigener
Anschauung ergeben.

Die Darstellung im Einzelnen war durch die verschiedene Natur
des Stoffs bedingt. Wenn das eng begrenzte, doch tief bewegte
Jugendleben, und das berliner Kleinleben jener Zeit interessiren
sollte, so mußte ich es mit vollstem Eingehen, so weit es mir
erinnerlich war, zu schildern versuchen, während die spätere Zeit
weder nach dem vorliegenden Stoffe, noch ihrem Charakter nach ein
gleiches Verfahren erlaubte. Daher die fast novellistische Haltung
der ersten, die literarhistorische der letzten Bücher. Ich bemerke
ausdrücklich, in jene Bilder ist kein Zug aufgenommen, der nicht von
Tieck selbst angedeutet worden wäre; das gilt namentlich durchgehend
von den geschilderten Seelenzuständen. Man halte sie nicht für
psychologisirende Phantasiegemälde; gerade in dieser Weise pflegte er
seine frühesten innern Kämpfe zu schildern. Spätere Darstellungen
ähnlicher Zustände sind aus Briefen geschöpft. Wo Personen redend
eingeführt sind, gehören ihre Worte Tieck an, ebenso die bisweilen
vorkommenden Urtheile über mehr oder minder bekannte Charaktere seiner
Jugendzeit. Dagegen die Verbindung des Einzelnen, die chronologische
Gruppirung zerstreuter Bestandtheile, die oft nicht leicht war, weil
Tieck bei der freien Bewegung des Gesprächs an ein chronologisches
Aufreihen am wenigsten dachte, die Sammlung unter leitende
Gesichtspunkte, die Herstellung eines historischen Charakterbildes,
welches an einigen Stellen in einen fernen Hintergrund blicken läßt
und sich zum Zeitbilde erweitert, dies Alles gehört mir ausschließlich
an. Also nicht Tieck’s Denkwürdigkeiten, seine Lebensgeschichte gebe
ich; ich gebe sie unter der Verantwortlichkeit, wie sie überall dem
Geschichtschreiber zufällt, der einen überlieferten Stoff darzustellen
versucht. Bei der abweichenden Natur des meinen, schien diese
Auseinandersetzung unerläßlich.

Noch ein Wort habe ich zu sagen. Wenn ich eine Charakteristik Tieck’s
zu entwerfen versuchte, konnte ich ihn nur so darstellen, wie er mir
in einem mehrjährigen Umgange als Mensch, und in seinen Werken als
Dichter erschienen war, deren höchste Werthschätzung seit frühen Jahren
bei mir feststand, lange vorher, ehe ich eine Ahnung davon hatte, ihm
jemals persönlich nahe zu treten. Diese Lebensgeschichte ist somit
unbeabsichtigt zu einer literarhistorischen Würdigung und Vertheidigung
Tieck’s geworden. „Oder vielmehr zu einer Verherrlichung“, werden
Andere hinzusetzen. Ich habe nichts dawider, denn ich bin mir bewußt,
meinen Stoff gegeben zu haben, wie ich ihn fand und wie er sich mir
darstellte. Immerhin aber wird es gut sein, auch einmal den andern
Theil zu hören, nachdem so manches ungerechte und verkehrte Urtheil im
Namen der Kritik und der historischen Gerechtigkeit mit der Miene der
Unfehlbarkeit über ihn gefällt worden ist. Seine Beurtheiler sind in
vielen Fällen Verurtheiler gewesen. Es ist nicht zu viel behauptet,
kein anderer großer deutscher Dichter ist härter, undankbarer behandelt
worden. Es wäre wol der Mühe werth, eine Galerie der Kritiken zu
sammeln, die von der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ bis auf die
„Halleschen Jahrbücher“ über ihn erschienen sind, und bis auf den
Augenblick, wo die Feuilletonisten ihm die Grabrede gehalten haben.
Haben doch manche Kritiker erst durch seinen Tod die beruhigende
Ueberzeugung gewonnen, daß nunmehr auch die Romantik wirklich todt und
völlig überwunden sei!

Ein ähnlicher Ton wird in vielen Literaturgeschichten, berühmten und
unberühmten, angeschlagen. Während es bei andern Dichtern eine Pflicht
ist, von der man nicht gern abweicht, die Anerkennung der Kritik,
das Positive dem Negativen vorangehen zu lassen, ist bei Tieck die
umgekehrte Praxis zur Regel geworden. Man beginnt mit dem Tadel, man
entwickelt, wie seine Richtung von Hause aus eine falsche gewesen sei,
Mängel und Schwächen werden ausgemalt, bald gibt er zu viel, bald zu
wenig, endlich läßt man unter neuen Clauseln eine halbe Anerkennung
schmollend hinterherhinken. Den Dichterischen ist er zu kritisch,
den Kritischen zu dichterisch, den Protestanten zu katholisch, den
Katholiken zu protestantisch, den Aufgeklärten seiner Jugend zu
religiös, den Frommen seines Alters zu aufgeklärt, den Liberalen galt
er für servil, den Legitimen für einen Oppositionsmann. Sehr Wenigen
hat er es recht machen können. Man sage nicht, in der Einstimmigkeit
der verschiedensten Kritiker liege der Beweis für die Richtigkeit des
Urtheils. Gerade die gleichlautende Verwerfung durch entgegengesetzte
extreme Meinungen kann die Anerkennung enthalten.

Und woher diese auffallende Erscheinung? Ihr Grund ist nicht schwer
aufzufinden. In einer von heftigen Parteikämpfen bewegten Zeit wollte
er als Dichter frei bleiben, er wollte festhalten an der Poesie, die in
keines Herrn äußerm Dienste steht; er verschmähte es, ein geläufiges
Stichwort zu gebrauchen, um damit Anhänger und Bewunderer zu werben.
„Und so fühle ich“, schreibt er im Jahre 1816 an Solger, „daß bei uns
immer Alles, was ich das Rechte nennen möchte, sei es in Philosophie,
Kunst oder Religion, als ein Eremit wohnt, dessen Pflicht es ist,
keiner Gemeinde anzugehören“ („Solger’s nachgelassene Schriften“, I,
392). Man hätte ihm Manches verziehen, wenn er nur zu irgendeiner Fahne
geschworen hätte, aber unabhängig sein, und dennoch mitreden zu wollen,
das konnten Parteien, Schulen und Sekten nicht ertragen. Darum haben
sie ihn schließlich selbst zu einem Parteihaupte gemacht. Er ist stets
er selbst geblieben, und wie man sich auch anstellen möge, weiter als
sich selbst hervorzubringen, bringt es am Ende kein Mensch, sagt der
Altmeister.

Also die Acten über Tieck und seine Dichtungen sind nicht geschlossen,
wie oft das auch behauptet worden ist. Es lebt noch Mancher, der über
die spätere Zeit auch nach diesem Buche wird berichten können. Dazu
aber, daß man ihn in seiner eigenen und vielseitigen Natur kennen
lerne, wollen die Erinnerungen beitragen. Von seiner Jugendgeschichte
und frühesten Stellung zum damaligen berliner Leben wußte man bisher
wenig oder nichts. Sie ist zugleich ein Stück der Geschichte Berlins
in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, und der Vaterstadt
liegt es ob, nicht allein sein Grab oder das Geburtshaus zu bezeichnen,
eine Straße, wie es geschehen, mit seinem Namen zu benennen, oder sein
Bild zu errichten, sondern ihn in der deutschen Geisterwelt auf seiner
hervorragenden Stelle anzuerkennen. Berlin nennt keinen größern Dichter
den seinen.

Hiermit gebe ich dieses Buch aus der Hand, dessen Vollendung mir eine
Pflicht der Pietät war, und das einen Theil meines eigenen Lebens
enthält. Mir ist am besten bewußt, daß ich nicht Alles zu leisten
vermochte, was die Aufgabe erfordert. Niemals bin ich mehr davon
durchdrungen gewesen als jetzt, wo mir das edle Bild, in dessen Augen
ich so oft geblickt habe, wiederum klar vor der Seele schwebt. Es ist
der Uebergang vom unmittelbaren Dasein zur Geschichte, den ich erlebt
habe. Wie es zu den erschütterndsten Erfahrungen gehört, das Leben,
welches man als ein gegenwärtiges empfunden hat, erblassen, sich
auflösen und zur Vergangenheit hinschwinden zu sehen, so ist es die
schwerste Probe aller Geschichtschreibung, die Grundzüge desselben im
Bilde herzustellen und von neuem zu beleben. Doch in dem Geiste wohnt
eine Kraft, die über Mängel und Schwächen hinweghilft. Ich habe das
Vertrauen, etwas von jenem frischen Lebenshauche, der die mündlichen
Erzählungen durchwehte, werde auch noch in meiner Darstellung fühlbar
sein.

So mag denn heute, an demselben Tage, an welchem Tieck vor
zweiundachtzig Jahren das Licht der Welt erblickte, der Schlußstein
diesem Denkmale eingefügt werden, welches ich auf seinem Grabe zu
errichten unternommen habe.

    =Berlin=, am 31. Mai 1855.

                                                     =Rudolf Köpke.=



                             Erstes Buch.

                             Jugendbilder.

                              1773-1792.



1. Das Vaterhaus.


Am Eingange der Roßstraße zu Berlin, unfern des Kölnischen Rathhauses,
in einem engen, betriebsamen und geräuschvollen Theile der Stadt, wo
in niedrigen Kramläden Gewerbe und Kleinhandel ihren Sitz haben, liegt
ein dunkles Haus, das in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
zu den stattlicheren der Nachbarschaft gehören mochte. In diesem Hause
wohnte um jene Zeit ein Bürger und Handwerker; das war Meister Johann
Ludwig Tieck, der Seiler. Es war ein einfacher, aber auch frischer
und kräftiger Mann, der mit geradem Sinne und hellem Auge seines
Weges zu gehen pflegte. Ein Leben voll Arbeit und Erfahrung war seine
Schule gewesen, und hatte in ihm jene ehrenfeste, altbürgerliche
Verständigkeit und Tüchtigkeit ausgebildet, die ohne viel Worte den
Nagel auf den Kopf trifft, und in den Zeiten Friedrich’s des Großen
bei den Genossen des kleinen Handwerks nicht selten war. Auch sein
Vater mochte ein Handwerker gewesen sein. Das Familiengedächtniß hat es
nicht aufbewahrt, woher er stammte, doch rühmte man sich zuweilen nicht
unansehnlicher Verwandtschaft, zu der man sogar einen General zählen
wollte.

Wie es die Ordnung des Gewerbes vorschrieb, hatte Meister Tieck in
seinen jungen Jahren, als er losgesprochen worden, zum Wanderstabe
gegriffen, und war als Handwerksgesell in die Fremde gezogen. Er hatte
Deutschland durchwandert, war nach Ungarn gekommen und dann weiter bis
an die Grenze der Türkei. Dabei fehlte es nicht an Abenteuern. So hatte
sich einst in diesen Gegenden ein Reisegefährte zu ihm gesellt, der
die Lage einer jener ungarischen Grenzfestungen so anmuthig fand, daß
er sich niedersetzte und die Umrisse in seinem Buche nachzuzeichnen
begann. Von der Festung aus bemerkte man seine Absicht, glaubte in den
beiden Wanderern Spione zu erkennen, und that einige Schüsse auf sie,
die zum guten Glück ihr Ziel verfehlten. Nach der Heimkehr setzte sich
Tieck als Meister, wie es Brauch war, und begründete einen Hausstand.
Seine Frau holte er sich aus Jeserig, einem Dorfe bei Brandenburg.
Sie war die Tochter des Schmiedemeisters Schale, doch im Hause des
dortigen Predigers, Namens Latzke, erzogen, der sie frühzeitig als eine
Waise zu sich genommen hatte. Darauf betrieb der Meister unter seinen
Mitbürgern eifrig sein Gewerbe, und nahm Antheil an Allem, was Handwerk
und Bürgerwesen anging. Bei den Zunftgenossen war er angesehen als ein
strengrechtlicher Mann, der seinem Stande ergeben sei, und nicht allein
das Herz, sondern auch die Zunge auf dem rechten Flecke habe, und zur
guten Stunde ein gutes Wort ohne Scheu zu sagen wisse. Darum wählten
sie ihn auch in mancher wichtigen Sache zum Sprecher und Vertreter.

Unter den Handwerkern selbst gab es schon allerlei Widerspruch gegen
die Zünfte und ihre engen Regeln. Manche meinten, es könne mit dem
Gewerbe erst besser werden, wenn diese alten Ordnungen aufgehoben
würden. Darüber war ein Streit entstanden, und zu den Vertheidigern
der Zünfte gehörte auch Meister Tieck, der von der Auflösung des
Verbandes nichts als Unordnung erwartete. Doch wollte er darum nach
eigener Erfahrung nicht in Abrede stellen, daß Vieles anders und
besser sein könne. Nun hatte sich das Gerücht verbreitet, auch der
König sei den Zünften nicht geneigt. Darum beschlossen die Freunde
derselben, ihn selbst unmittelbar anzurufen, daß er sie bei dem alten
Rechte schütze. Eine Anzahl von Meistern sollte ihm eine Bittschrift
überreichen und Tieck ihr Sprecher sein. Den kürzesten Weg schlug man
ein, das Geschäft auszurichten. Zu einer bestimmten Stunde des Tages
pflegte Friedrich an einem Fenster des Schlosses Sanssouci zu stehen,
dann stellten sich die Bittenden unter einen Baum im Garten, auf den
der Blick des Königs fallen mußte; nicht selten ließ er sie zu sich
hereinrufen und hörte ihre Anliegen. So geschah es auch hier. Friedrich
erblickte die Meister, und ließ sie zu sich bescheiden. Tieck durfte
ihm die Bittschrift überreichen und noch einige Worte zum Schutze der
Zünfte sagen. Der König hörte ihn gnädig an, und entließ ihn mit der
Versicherung, auch er sei kein Feind derselben und werde sich der Sache
annehmen.

Aber solche Erfahrungen und die Thätigkeit des Tages reichten für die
Bedürfnisse des begabten und mit mancherlei Kenntnissen ausgestatteten
Mannes nicht hin; er führte dabei auch ein nach innen gekehrtes Leben.
In kirchlichen wie in politischen Dingen war er gut Friederichisch
gesinnt. Er hielt es mit dem moralischen Wandel und einem redlichen und
tüchtigen Handeln, im Uebrigen war er ein Freund der Aufklärung, und
pflegte sich die Dinge ohne viele Wunder auszulegen.

Doch in diesem Punkte trat auch die eigenthümliche Sinnesart der
Hausfrau hervor. Von ganzem Herzen war sie der alten kirchlichen
Gläubigkeit zugethan. Hier am ersten kam es zu gereizten Gesprächen,
in denen jeder Theil sich zeigte, wie er war. Der Mann verständig,
eifrig, auffahrend, oft derb und handfest, im Hause die rauhe Seite
herauskehrend; die Frau sanft, schüchtern, in sich gekehrt, dem Manne
gegenüber duldend und beschwichtigend, aber beharrlich. Vor allem
war ihr durch Gemüthsart und Erziehung der Glaube eine Herzenssache
geworden, und sie ließ sich durch den bald rauhen, bald spottenden
Widerspruch des Mannes nicht irre machen. Wenn er sie in den Stunden
ihrer stillen Sammlung im Porst’schen Gesangbuch lesend fand, so
ging das selten ohne eine Gegenbemerkung von seiner Seite ab. Dann
zog er mit seiner hausbackenen Moral ganz ernstlich gegen die alten
Kirchenlieder zu Felde, warf ihnen Lüge und Unwahrheit vor, und
erklärte sie für überflüssig oder gar schädlich. Am meisten ärgerte
er sich an den Liedern, in welchen Christus als Bräutigam der Seele
dargestellt wird, besonders wenn sie etwa von Frauen gedichtet waren.
Oder mit platter Verständigkeit bemerkte er in Paul Gerhard’s Liede
„Nun ruhen alle Wälder“ gegen den Vers: „Es schläft die ganze Welt“:
„Wie kann man dergleichen abgeschmacktes Zeug behaupten! Die ganze Welt
schläft nicht! In Amerika scheint die Sonne, da wachen die Leute.“
Solchen Einwürfen gegenüber schloß die Frau ihre stille Frömmigkeit nur
umsomehr in die Tiefen ihres Gemüths ein.

War gleich diese Art der Aufklärung bei dem Meister Tieck in Fleisch
und Blut übergegangen, so fehlte es ihm doch keineswegs an Sinn und
Verständniß für höhere Dinge, nur wandte er sich der weltlichen Seite
zu. Die ersten glücklichen und kühnen Versuche der deutschen Dichtung
seit dem Anfange der siebenziger Jahre hatten einen tiefen Eindruck auf
ihn gemacht und bald sein Herz gewonnen. Wie eine neue Morgenröthe war
Goethe’s Poesie über der deutschen Literatur aufgegangen. Die einfachen
und offenen Gemüther empfanden es alle, hier quelle der Born einer
unverfälschten Dichtung. Es spricht für das natürliche Gefühl des alten
Tieck, das sich in der harten Schale des werkthätigen Bürgerstandes
lebendig erhalten hatte, wenn der schlichte Handwerker erkannte,
Goethe sei doch ein ganz anderer Mann als Gellert, Kleist und Gleim.
Als später der Streit über die Anerkennung der neuen Poesie heftiger
entbrannte und auch dem alten Meister zu Ohren kam, sagte er voll
Verdruß: „Was reden denn die Leute, sie verstehen ja diese Bücher gar
nicht!“ Oder wenn von „Werther“ oder „Götz“ die Rede war: „Die Andern
mögen sich anstellen, wie sie wollen, so etwas können sie doch nicht
machen!“

Bei diesem lebhaften Antheil an den neuen Dichterwerken und dem regen
Triebe, sich unausgesetzt zu belehren und zu unterrichten, wurde
manches gute und nützliche Buch nicht nur gelesen, sondern auch
gekauft, und allmälig sammelte sich ein kleiner Hausschatz an, auf den
man mit Recht stolz sein konnte. Da fanden sich neben der Bibel, die
auch die Aufklärung des Vaters als Grundbuch des Hauses und Lebens in
Ehren hielt, und neben der nützlichen Belehrung, die Guthrie’s und
Grey’s „Weltgeschichte“ und einige andere historische Bücher gewährten,
die erste Ausgabe des „Götz von Berlichingen“, Goethe’s Schriften
in dem Himburg’schen Nachdruck, die ersten Abdrücke der verwegenen
Dichtungen von Lenz, der „Rheinische Most“, einige Wochenschriften und
manches Andere der Art.

Auch an dem deutschen Schauspiele, das eben damals selbständig zu
werden suchte, fand er vielen Geschmack. Der Zufall hatte ihn sogar
mit den Schauspielern zusammengeführt, die er auf den Bretern in
der Behrenstraße des Abends tragiren sah. Die Arbeit forderte Ruhe
und Erholung, und so war denn Meister Tieck auch den bürgerlichen
Vergnügungen nicht abhold. Nachmittags ging er hinaus in eine jener
bescheidenen Anlagen vor den Thoren Berlins, wo man bei einem Glase
Kottbuser Bier ein sogenanntes Gartenvergnügen, etwa eine Kegelbahn und
einige Gevattern und Stammgäste vorfand. Da wurde geraucht, gekegelt,
gelacht, mancher handfeste Spaß lief mit unter, und zufrieden mit
seinem Dasein, schlenderte man Abends schwatzend und plaudernd wieder
nach Hause. Zu den Stammgästen hatten sich auch einige Schauspieler
gesellt, mit denen man auf der Kegelbahn näher bekannt wurde. Meister
Tieck war vorurtheilsfrei genug, den Verkehr mit der verrufenen Kaste
nicht zu meiden. Machte es ihm Vergnügen, die tragischen Helden einmal
als gewöhnliche Menschen zu sehen, oder mochten sie durch ihre Späße
die Heiterkeit der Gesellschaft erhöhen, genug er stand auf gutem
Fuße mit ihnen. Doch bemerkte er an den lockern Gesellen auch Vieles,
was seinen strengen Bürgersinn beleidigte, Leichtsinn, Prahlerei,
Lüge, Ausschweifung. So kam er denn oft mit der Bemerkung nach Hause:
„Die Komödianten (anders nannte er sie nicht) sind doch schlechte,
unmoralische Gesellen. Es ist kein Verlaß auf sie!“

Dagegen standen die Gelehrten bei ihm um so höher im Ansehen. Es war
nicht das dumpfe Staunen vor einer Masse fremder und unverständlicher
Kenntnisse, was ihn erfüllte, sondern die Ueberzeugung, der gelehrte
Stand sei nicht nur der Hüter geistiger Schätze, sondern solle sie auch
als Lehrer des Volks verwenden. Darum schien es ihm natürlich, daß
der Lehrstand in der öffentlichen Achtung hochstehen und sich in ihr
erhalten müsse. Er erkannte den Gelehrten selbst noch im Zerrbilde an.

Eines Abends fand er in seiner Bürgergesellschaft den berüchtigten
Magister Kindleben. Dieser Mann, nicht ohne Talent und Kenntnisse,
war ursprünglich auf einem Dorfe bei Berlin Prediger gewesen, hatte
aber wegen grober Unsittlichkeiten seines Amts entsetzt werden müssen.
Seitdem lebte er von gelehrten Lohnarbeiten in Leipzig und Halle, und
schrieb schlechte Gedichte und Romane, in denen er zum Theil seine
eigenen Abenteuer erzählte; denn bald war er in allen Schenken wie
auf den Straßen eine bekannte Erscheinung geworden. An jenem Abende
hatten ihn einige Bürger mitgebracht; er sollte dem spießbürgerlichen
Spotte preisgegeben werden. Stets hungeriger und noch mehr durstiger
Gelehrter, possenreißender Pedant, literarischer Landstreicher,
schien er denselben weit mehr herauszufordern als zu fürchten. Sein
unverschämtes Wesen, seine schmuzige Bettelhaftigkeit zeigte den
Gelehrten in tiefster Versunkenheit. Der rohe Spaß begann damit, daß
man ihn betrunken machte. Voll Entrüstung verließ darauf Meister Tieck
seine Ressource. So sollte man mit der Gelehrsamkeit nimmer umgehen,
selbst wenn sie in so gemeiner Gestalt auftrat, wie hier.

Inzwischen hatte sich im Hause Vieles verändert. Eine Familie war
entstanden und begann heranzuwachsen. Der Raum war enger, die Sorgen
größer geworden. Im Laufe von vier Jahren hatte die Mutter drei Kinder
geboren.

Es war ein hoffnungsvoller Tag, als am 31. Mai des Jahres 1773 um elf
Uhr Morgens das älteste Kind in der schmalen, dunkeln Hinterstube, in
die nur ein kärgliches Licht vom Hofe hineinschimmerte, zur Welt kam.
Dieses Kind, das dem Meister Johann Ludwig Tieck, dem Seiler, geboren
wurde, war Meister Johann Ludwig Tieck, der Dichter. Als ältester Sohn
empfing er am 6. Juni in der Taufe, zu der mehrere hochadelige Gönner
der Familie als Zeugen eingeladen waren, die Namen des Vaters. Am 28.
Februar 1775 folgte eine Tochter, Anna Sophie, und am 14. August 1776
der jüngere Sohn, Christian Friedrich. So wuchsen denn drei Kinder im
Hause heran, zwei Söhne und zwischen ihnen eine Tochter, und mit ihnen
manche schwere und gewichtige Sorge. Denn bald mußte der Vater ahnen,
mit diesen Kindern habe ein anderer, neuer Geist in seinem engen Hause
Wohnung gemacht. Unter den Augen des Vaters und der Mutter verlebten
sie die ersten Jahre. Nur dunkel erinnerten sie sich der Großmutter,
die im Hause des Sohnes still als Matrone lebte und bald verschwand,
ohne an der Erziehung theilgenommen zu haben.

Bei Ludwig, dem Aeltesten, zeigten sich Vorstellungskraft und
Empfindungsvermögen ungemein früh. Die Bilder und Eindrücke, welche
er empfing, erweckten in ihm bald eine dunkle Ahnung der Leiden und
Freuden, denen das menschliche Herz unterworfen ist, solange es
schlägt. Diese ersten Erschütterungen der Seele müssen in dem Kinde
ein tief schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben, denn im hohen
Alter erzählte der Greis davon mit der vollen Lebendigkeit eines
gegenwärtigen Eindrucks. Ein Hausfreund hatte einst ein eigenthümliches
Schaustück mitgebracht. Es war eine Dose, auf deren Deckel man unter
einer Krystalleinfassung ein strahlendes Farbenmuster sah. Von diesem
bunten Bilde wurde das Kind mit unwiderstehlicher Macht angezogen. War
es eine erste Ahnung der Schönheit der Welt, die es erfüllte? Auf den
Augenblick kurzer Freude folgte das Gefühl des ersten Verlustes, als
man das glänzende Spielzeug aus seinen Händen nahm. Es war untröstlich,
und der Greis Tieck versicherte, schon da zuerst den Schmerz des Lebens
empfunden zu haben. Ein anderes Mal hatte die Wärterin das Kind auf die
Stufen vor der Stechbahn am Schloßplatze niedergesetzt. Vergnüglich
sah es über den Platz nach der Brücke und dem Standbilde des großen
Kurfürsten hinüber. Alles machte ihm den heitersten Eindruck, als es
plötzlich bemerkte, daß die Wärterin verschwunden sei. In schlecht
verstandenem Scherze war sie hinter einen Pfeiler getreten. Da wurde
das Kind mitten unter diesen Gestalten von dem Gefühle tiefster
Einsamkeit ergriffen. Wenig half das Zureden der hervortretenden
Wärterin, und lange konnte es diese dunkle, schreckliche Empfindung
nicht vergessen.

Nicht minder früh wollte das Kind in geregelter Weise beschäftigt
sein. Auf dem Schoose der Mutter lernte es die Buchstaben kennen, um
so schneller, je mehr die Phantasie zu Hülfe kam. Sie schienen zu
leben, sie wurden zu lustigen Gestalten aller Art. Kaum vierjährig,
konnte der Knabe lesen, und schon trat an die Stelle der Fibel die
Bibel, die in ihren geschichtlichen und poetischen Theilen bald sein
Lieblingsbuch wurde. Es überkam ihn ein Gefühl von der Hoheit des hier
wehenden Geistes; der wunderbar erhabene und doch wieder kindliche Ton,
Verstandenes und Unverstandenes, Alles fesselte ihn gleich sehr. Er
konnte sich nicht sättigen an diesen rührend-einfachen Geschichten der
Erzväter, und schon im Lauf der ersten Knabenjahre hatte er die Bibel
mehr als einmal ganz durchgelesen. Wenn dann Nachbarn und Verwandte
ihn, auf seinem Fußbänkchen sitzend, in der Bibel eifrig lesen hörten,
so schüttelten sie über so frühreifes Wesen bedenklich den Kopf, oder
Mancher meinte auch: „Wie geschickt doch das Kind thut, als wenn es
lesen könnte!“

Neben der Bibel hatte auch das Gesangbuch der Mutter eine große
Anziehungskraft für ihn. Es hatte einen stark vergoldeten Einband, der
an den Seiten mit kunstvollem Schnitzwerk in Elfenbein ausgelegt war.
Es mochte ein Erbstück ihrer Aeltern oder ein Geschenk des Pfarrers
sein, das er seinem Pflegekinde als Andenken mit auf den Weg gegeben
hatte. Wie hoch hielt es nicht die Mutter! Und wenn das Kind sie jene
alten Lieder lesen hörte, wie hallte der kaum geahnte Inhalt, die
bilderreiche Sprache, die doch so einfach war, der Gleichklang des
Reimes in seiner Seele wider! So wurde es bald auch mit den Liedern der
lutherischen Kirche vertraut.

Doch zu diesen Büchern, die prophetisch die ersten und
ursprünglichsten menschlichen Empfindungen erweckten, gesellte sich
ein anderes, welches die junge Seele nicht minder mächtig ergriff und
ihr den tiefsten Eindruck für das Leben gab. Dies war Goethe’s „Götz
von Berlichingen“. Abends, nach gethaner Arbeit, wenn die Kinder
schliefen, oder der Aelteste im Winkel kauernd lauschte, pflegte der
Vater ein Buch aus seiner Hausbibliothek hervorzulangen, oder auch
irgendein entliehenes der Mutter vorzulesen. Freilich fiel die Wahl
mitunter auf ziemlich abgelegene Bücher, deren Verständniß in diesem
Kreise zweifelhaft war. Er las Fontenelle’s Schrift von der Mehrheit
der Welten in der Bode’schen Uebersetzung vor; doch häufiger eins von
jenen Dichterwerken, von denen man jetzt soviel reden hörte. So wurde
Ludwig in die deutsche Dichtung eingeführt, und es dauerte nicht lange,
so bemächtigte er sich selbständig der Bücher, aus denen er den Vater
hatte vorlesen hören.

Vor allen aber blieb er bei einem stehen, beim „Götz“. Wie an die
Bibel, glaubte er mit ganzer Seele an dieses Gedicht. Es war der
erste Eindruck des geheimnißvollen Zaubers der Poesie, den er
erfuhr; die Welt der Phantasie wurde ihm zur sinnlich wirklichen.
Wie die Patriarchen, Helden und Könige des Alten Testaments lebendig
gegenwärtig vor ihm standen, meinte er, auch diese mannhaften Ritter,
Götz selber, müßten noch unter den Lebenden sein. Es waren Menschen,
mit denen er lebte und verkehrte, wie mit Vater und Mutter und seinen
Geschwistern. Wie bestürzt war er nicht, als man seiner kindischen
Einfalt lachend, ihn später darüber belehrte, weder dieser Götz, noch
irgendeiner seiner Gefährten sei eine lebende Person, diese Geschichte
sei eine erdichtete; der Mann, der sie geschrieben habe, heiße Goethe
und lebe in Weimar. Für eine Art von Offenbarung hatte er den „Götz“
gehalten, und nun hörte er, sie sei ein Buch, wie alle Bücher sind.
Wie gern hätte er diese Aufklärung für die Welt hingegeben, die er
dadurch verlor! Fürs erste ahnte er von solchen Enttäuschungen noch
nichts, und gehend und stehend, in allen Winkeln des Hauses, wachend
und schlafend trug er sich mit den Gestalten dieser Ritter und Frauen,
und ihre herzhaften Reden klangen in ihm unaufhörlich nach. Nur durch
Eins konnten sie zu Zeiten zum Schweigen gebracht werden, durch die
Erzählungen der Mutter.

Wenn im Dämmerlichte des Abends die sonst wohlbekannten Spielstätten
die Kinder fremd und geheimnißvoll anblickten, und das laute Treiben
allmälig verstummte, dann sammelten sie sich still am Schoose der
Mutter, und manche oft gehörte Geschichte mußte sie erzählen. Die
Erinnerungen ihrer eigenen Kindheit erwachten. So gleichförmig auch
ihre Jugend in dem Pfarrhause verflossen war, dennoch wußte sie Manches
davon zu erzählen. In ihrem Munde wurde das Einfache und Natürliche für
die Kinder zum Märchen und Wunder, das sich ihrem Gedächtnisse tief
einprägte. Von einer alten, unheimlichen Frau in ihrem väterlichen
Dorfe erzählte sie, die für die Jugend ein Gegenstand geheimen Schauers
gewesen war. Häßlich und böse saß sie allein und schweigsam in ihrer
Stube am Spinnrocken, nur einen kleinen Hund litt sie um sich. Ungern
entschloß man sich, sie anzureden, und geschah es, so antwortete sie
zornig und in einem nur halbverständlichen Kauderwelsch, das den
Kindern schauerlich wie böse Zauberformeln in die Ohren klang. Am
schrecklichsten erschien sie, wenn ihr einziger Gefährte, der Hund, ihr
entsprungen war. Dann stand sie an der Thür und blickte spähend das
Dorf hinab, oder lief mit wunderlichen Geberden durch die Straßen und
rief mit gellender Stimme nach dem Hunde: „Strameh! Strameh! Strameh!“

So waren die Menschen und Umgebungen, unter denen Ludwig Tieck,
der Dichter, geboren wurde und aufwuchs. Es war der enge Kreis des
kleinbürgerlichen Lebens. Arbeit, Sparsamkeit, Redlichkeit waren
die Hausregeln. Man lebte beschränkt, aber darum nicht ärmlich oder
gar kümmerlich; man hatte sich eng eingerichtet, ohne von der Welt
abgeschnitten zu sein; man brauchte sich nicht ängstlich jede kleine
Freude zu versagen. Es herrschte in dem Hause die Zufriedenheit des
tüchtigen Handwerkers, der mit Verstand auszugeben weiß, was ihm seiner
Hände Arbeit erworben hat, und auch die Mittel erschwingen kann, seinen
Kindern eine Erziehung zu geben, die ihnen einst breitere, sonnigere
Wege zu öffnen vermag. Dieses dunkle, bürgerlich eingerichtete Zimmer
zu ebener Erde, dieser lange, schmale Hausflur, der kleine Hof
dahinter, auf den nur ein spärlicher Himmel herabblickte, die Schwelle
an der Hausthür, das waren die Räume, die Ludwig zuerst mit den
Gebilden seiner jungen Phantasie bevölkerte, die ihm zum Schauplatze
seiner kindischen Leiden und Freuden wurden. Aber schon war die
geheimnißvolle Ahnung darüber hinausgeflogen, und träumte von einer
andern wunderbaren Welt, die jenseit der Schwelle des Vaterhauses lag.



2. Schule und Straße.


Bald mußte ein großer Entschluß gefaßt werden. Es hieß: „Der Junge muß
in die Schule!“ Die tägliche Arbeit ließ den Aeltern keine Muße ihn
hinreichend zu beschäftigen, oder auch nur ihn stets zu beaufsichtigen.
Zunächst brachte man den kaum fünfjährigen Knaben zu einem alten
gutmüthigen Ehepaar, das in der nahegelegenen Fischerstraße eine
A-b-c-Schule für Knaben und Mädchen im ersten Kindesalter hielt. Noch
mußte man Morgens bei regnigem und trübem Wetter das Kind auf dem Arme
in die Schule tragen. Da gesellte sich als erster Gespiele ein Pudel
zu ihm, in dessen zottigen Haaren es die rothen, erstarrten Hände
wärmte. Die beiden guten Alten, das hohe Zimmer mit seinen Bänken, die
Kinderscharen, der Pudel erschienen ihm so anziehend, daß es jeden
Morgen nach dieser neuen Welt sehnlichst verlangte.

Die Zeit dieses spielenden Versuchs ging bald vorüber. Kraft und
Muthwille des Knaben begann in Ludwig zu erwachen, er konnte sich jetzt
ältern Spielgenossen zugesellen. Der Vater übergab ihn der sogenannten
Französischen Schule für Knaben, die ebenfalls in der nächsten
Nachbarschaft, in der Grünstraße lag. Hier wurde neben dem gewöhnlichen
ersten Unterrichte auch Französisch gelehrt, freilich ohne sonderliche
Gewähr für seine Richtigkeit. Der Schulhalter war ein ehemaliger
Schneidergeselle, den sein Gewerbe nach Paris geführt hatte. Hier
meinte er hinreichende Kenntnisse der Sprache erworben zu haben, um die
berliner Schuljugend im Französischen abrichten zu können, und da er
es einträglich genug fand, von seinen Zöglingen einen Thaler Schulgeld
monatlich zu erheben, so hatte er ein für alle mal die Nadel mit der
Ruthe vertauscht.

Aber nun folgte der wichtigste, entscheidende Schritt, der in ein
reiferes Leben hineinführen sollte. Dies war der Uebergang zur
gelehrten Schule, zum Gymnasium. Mit dem Entschlusse, den Sohn
das Gymnasium besuchen zu lassen, hatte der Vater stillschweigend
seine Anerkennung des unverkennbaren Talents ausgesprochen. Diese
Anlagen sollten, wenn auch mit Opfern, ausgebildet werden; der Sohn
sollte etwas Besseres werden als der Vater gewesen. Die Wahl unter
den gelehrten Anstalten war nicht schwer. Einen merkwürdigen und
hervorragenden Mann gab es damals unter den berliner Schulmännern,
welcher sich bereits ein allgemein anerkanntes Ansehen erworben hatte,
Friedrich Gedike. Es war ein rastloser und eigenthümlicher Mann, der
durch seine trefflichen Anschläge, seine planmäßigen und erfolgreichen
Einrichtungen, allmälig zum Reformator des gesammten Schulwesens
geworden war. Man pries sich glücklich einen so aufgeklärten Gelehrten
zu besitzen, der ganz den Beruf hatte, die veralteten Formen des
Unterrichts nach den Anforderungen der neuen Zeit, die auf dem
Gebiete der Schulen an Lehren und Versuchen so reich war, neu zu
gestalten. Seit 1779 Director einer städtischen höhern Lehranstalt,
des Friedrichsgymnasiums auf dem Werder, hatte er durch seine
Geschicklichkeit der früher verwahrlosten Schule binnen wenigen Jahren
einen ungewöhnlichen Ruf verschafft.

Es war um Johanni 1782, als der Vater den neunjährigen Knaben dem
berühmten Lehrer zuführte, der ihn feierlich für Quinta reif erklärte.
Somit war Ludwig ein Gymnasiast, ein Quintaner geworden; er trat in
die gelehrte Welt ein. Lateinisch sollte getrieben werden, Griechisch
stand in Aussicht, die Anforderungen steigerten sich auf allen Seiten.
Er gesellte sich zu einer Schar älterer Knaben, die gewitzigt durch
alle Listen und Abenteuer des Schülerlebens, stets bereit waren,
ihren jungen Muth an Jedem zu kühlen, der nicht im Stande war ihnen
handgreiflich zu beweisen, selbst Quintanermuth könne seinen Meister
finden. Wie sauer machten sie nicht manchem Lehrer das Leben; wie
manchen Kampf fochten sie nicht in der Schulstube oder auf Straßen und
Plätzen aus!

In diesen Strudel wurde auch Ludwig hineingerissen. Anfangs hatte
seine Frühreife, seine Altverständigkeit und Zierlichkeit, denn er
galt für ein schönes Kind, ihn zum Gegenstand der Bewunderung und
Liebkosung, zum kindischen Spielwerke der ältern Schüler gemacht. Bald
aber ward er dieser duldenden Rolle überdrüssig, und begann ebenfalls
seine Fäuste zu regen. Da sollte er den gefeierten Director auch als
furchtbaren Donnerer kennen lernen.

Einst war in den Lehrstunden ein schriftlicher Aufruf zum Kampfe gegen
die elenden Collegiaten, d. h. gegen die Zöglinge des benachbarten
französischen Collège, von Hand zu Hand gegangen. Jeder brave Quintaner
wurde darin aufgefordert, sich um vier Uhr Nachmittags, mit einem
Rohrstocke bewaffnet, auf dem Lustgarten einzufinden. Die Einstimmenden
sollten ihre Namen unterzeichnen. Ludwig glaubte nicht zurückbleiben
zu dürfen, auch er war ein braver Quintaner. Wirklich traf man zur
bestimmten Stunde auf den Feind. Doch plötzlich nahm die Schlacht
eine für beide Heere unerwartete Wendung. Auf dem Lustgarten lagen
zahlreiche Quadersteine verstreut, die bearbeitet werden sollten. In
diesen Engpässen war man sich kaum begegnet, als höhere Kräfte in den
Kampf der Helden eingriffen. Hinter jenen Steinen erhoben sich einige
handfeste Steinmetzgesellen, die blindlings zufahrend aus der Schar
der Collegiaten Einzelne herausgriffen, und an den Zöpfen mit starker
Faust in die Lüfte erhoben. Die Werderschen, so unvermuthet durch ein
gigantisches Geschlecht unterstützt, nahmen ihres Vortheils wahr, und
hieben auf die zappelnden Collegiaten unter lautem Jubel unbarmherzig
ein. Einer der Kämpfer, der Sohn eines Bauraths Moser, hatte diese
furchtbaren Bundesgenossen in der Stille angeworben. Ludwig konnte in
das allgemeine Siegesgeschrei nicht einstimmen. Nie hatte er braven
Quintanern solche Tücke und Hinterlist zugetraut. Voll Entrüstung
verließ er sogleich den Kampfplatz und ging nach Hause.

Auch ereilte die Nemesis die Verräther früh genug. Das Actenstück,
welches den Beweis der Verschwörung enthielt, war in des Directors Hand
gefallen. Untersuchung, strengste Strafe waren zu erwarten. Am nächsten
Morgen trat Gedike als Richter in die Classe Quinta, der Pedell hinter
ihm mit dem Blitze bewaffnet. Nach einer donnernden Strafrede wurden
die Uebelthäter nach der Reihenfolge ihrer Unterschriften aufgerufen,
verhört und die Strafe an ihnen vollzogen. Mit innerstem Zagen sah
sich auch Ludwig von den Schwingungen des verhängnißvollen Stockes
näher und näher umkreist. Endlich hörte er auch seinen Namen. „Und Er,
einfältiger Mensch“, donnerte Gedike ihn an, „der erst seit wenigen
Monaten in der Schule ist, hat sich auch zu solchem Unfug verleiten
lassen? Schämt Er sich nicht?“ Die handgreiflich drohende Gefahr
gab dem bestürzten Knaben einen unerwarteten Muth. Mit angstvoller
Entschlossenheit rief er: „Herr Director, ich bitte Sie, hören Sie mich
an!“ Wirklich hielt der Richter in seinem Strafgericht inne, und lieh
der Vertheidigungsrede ein geneigtes Ohr. Mit altkluger Beredtsamkeit
stellte Ludwig dar, wie sich die Sache eigentlich verhalten habe, und
schloß mit einer Berufung auf das Zeugniß seiner Mitschüler. Da diese
seine Aussage unterstützten, entließ ihn Gedike mit den Worten: „Das
ist sein Glück!“ denen sich eine eindringliche Warnung für die Zukunft
anschloß.

So gewichtige Erfahrungen brachte Ludwig nicht umsonst nach Hause.
Hier wurde er der Führer der jüngern, gelehrigen Geschwister zu
manchem kecken, muthwilligen Streiche. Bruder und Schwester, nur
durch einen geringen Unterschied der Jahre von ihm getrennt, wurden
die selbständigen Gefährten seines Lebens. Nicht minder früh, nur
nach einer andern Seite hin, entwickelte sich Friedrich’s Talent.
Auch er wurde später Schüler des Werderschen Gymnasiums, doch das
schulgerechte Lernen war nicht seine Sache. Man klagte über seine
geringe Gelehrigkeit, seine Trägheit. Konnten ihm die Schulkünste
keine sonderliche Theilnahme abgewinnen, so zeigte er dagegen viel
Anstelligkeit und Geschicklichkeit nach außen hin, namentlich eine
entschiedene Gabe für Zeichnen und künstlerisches Gestalten. Die
Schwester war in ihren Anlagen dem ältern Bruder ähnlich. Sie war
heiter und lebhaft, keck und leichtsinnig, schnell und scharf in ihrer
Auffassung, schlagend in ihren Antworten, besaß einen frühreifen
Witz und eine unwiderstehliche Neigung zum Spott. Sie war eine stets
bereite und helfende Theilnehmerin der Späße und Anschläge ihrer
Brüder, mit denen sie auch muthig die Leiden theilte. Die Kinder
stritten und zankten, jagten sich in Haus und Hof mit Katzen und Hunden
umher, prellten die geängstigten Thiere in auf- und zuklappenden
Regenschirmen, und übten tausend Eulenspiegeleien aus.

Es waren die Jahre gekommen, in denen die Strenge der väterlichen
Zucht immer fühlbarer wurde. Auch hier zeigte sich der Vater als Mann
von altem Schlage, von ganzem Schrot und Korn. Die volle Gewalt des
Vaters und Meisters, Furcht und Gehorsam, das galt in seinem Hause als
oberstes Gesetz. Wehe dem Untergebenen, über den sich das Ungewitter
seines Zorns entlud, der nicht selten unerwartet in jäher Weise
hervorbrach. Da ruhte die Hand väterlicher Züchtigung oft schwer auf
Ludwig. Ueberhaupt schien es eine Erziehungsregel des Vaters, gegen die
Kinder kurz, streng und abweisend aufzutreten. Niemals lobte er; er
ließ gewähren, und seine Billigung sprach er meist durch Stillschweigen
aus. Mit scharfem Tadel konnte er bei kleinen Dingen herausfahren, aber
doch wieder mit jenem verhüllten Gefühle väterlicher Liebe, das auch
durch die Züchtigung hindurchschimmerte. War er einmal bei besonders
guter Laune, so zog er die Kinder wieder heran und erlaubte ihnen wol,
sich in kleinen Wortwechseln mit ihm zu versuchen, nur mußten sie
in den gesetzmäßigen Schranken bleiben. Dazu reizten ihn namentlich
Ludwig’s altkluge Fragen und Antworten, den er dadurch als seinen
Liebling auszeichnete. Von einem solchen Vorzuge hatte dieser unter der
züchtigenden Hand des Vaters keine Ahnung, und er staunte nicht wenig,
als ihm in späterer Zeit, da er zum Jünglinge geworden war, der Vater
das Geständniß ablegte, er sei eigentlich sein Liebling gewesen.

Indessen fehlte es im fernern Verlaufe des Schullebens nicht an manchem
glänzenden Erfolge, der Ludwig bei Lehrern und Schülern in den Ruf
eines Genies brachte. Das verdankte er zunächst der Lebhaftigkeit
seiner Phantasie und seinem ungewöhnlichen Gedächtnisse, das auch
nur einmal Gehörtes oder flüchtig Aufgefaßtes leicht und sicher
bewahrte. Erst auf dem Wege zur Schule pflegte er die Lehrstücke zu
überlesen. Wie die Buchstaben wurden ihm die Zahlen lebendig. Die
Figuren, welche durch verschlungene Rechenexempel gebildet wurden,
jede einzelne Ziffer darin, schwebte ihm deutlich vor der Seele. Den
Rücken gegen die große Wandtafel gewendet, konnte er sie Stelle für
Stelle ohne den mindesten Anstoß wiederholen. Dergleichen hatte der
Lehrer in seiner Schulerfahrung noch nicht erlebt, er sah darin eine
psychologisch merkwürdige Erscheinung. Er ließ Ludwig in die Mitte des
Zimmers treten, auf seinen Befehl erhoben sich die übrigen Schüler von
ihren Sitzen und mußten sich drei mal tief verneigen. Es war die erste
Huldigung, welche dem Genius dargebracht wurde.

Ob diese Huldigung angemessen sei, war freilich eine andere Frage.
Doch scheint erziehende Weisheit eben nicht die Stärke dieses Lehrers
gewesen zu sein. Er gehörte zu jenen wunderlichen Originalen der
ältern Schulwelt, deren Gewissen weit, und deren Art und Weise oft die
sonderbarste war. In seinen Händen blieb Ludwig fürs erste; die untern
Lehrstufen hatte er schnell zurückgelegt, nun fing er an langsamer
seines Weges zu gehen, je mehr die Anforderungen, die gemacht wurden,
mit seinen Kräften in das rechte Gleichgewicht traten.

Viel Veranlassung zu bedenklichen Zweifeln gab dem Knaben zunächst der
Subrector Stilke; das war jener Lehrer, dessen Liebling er im Anfange
zu sein schien. Es war ein Mann der strengen, kirchlichen Form. Mit
den Schülern pflegte er in der Regel im Tone demüthiger Frömmigkeit
und väterlicher Milde zu sprechen. In sanftester Weise rief er die
Sträflinge zu sich heran. Wie zufällig klemmte er den Frevler zwischen
seinen Knien ein, liebkosend streichelte er ihm die Backen mit den
Worten: „Siehst du, mein Kind, das mußt du nicht wieder thun. Du
kränkst und betrübst damit deinen guten, alten Lehrer, der dich doch
so sehr liebt!“ Diese liebevollen Ermahnungen unterbrach er dann durch
einige plötzlich treffende Backenschläge von rechts und links, die
unter sanftem Zureden und liebkosendem Streicheln in regelmäßigem Takte
wiederkehrten. Wie die Milde des guten, alten Lehrers, ward auch bald
seine Frömmigkeit verdächtig. Des Morgens wurde der Unterricht mit
einem Gebete, das der Lehrer sprach, eröffnet. Einst kam der Subrector
Stilke, der die erste Lehrstunde zu halten hatte, statt um acht, kurz
vor neun Uhr. Mit feierlicher Miene trat er vor die versammelten
Schüler hin, legte seine Taschenuhr auf den Tisch, und begann das Gebet
mit folgenden Worten: „Allwissender Gott, vor dessen Blicken nichts
verborgen ist, du weißt, daß meine Uhr heute Morgen unerwartet stehen
geblieben ist, und daß ich darum nicht zu rechter Zeit kommen konnte.“

Die heller sehenden Schüler durchschauten bald dieses Wesen. Die Einen
bequemten sich ihm augendienerisch, die Andern trieben übermüthig ihren
Spott damit. Auch Ludwig blieb in kecken Bemerkungen nicht zurück.
Bald hatte er die Gunst seines Subrectors verscherzt, und der Zorn des
Lehrers ging endlich in eine Art von Haß über, der keinen Anstand nahm,
den leichtfertigen Knaben in allem Ernste des Atheismus anzuklagen. Da
diese und andere Anklagen auf alle möglichen Schulfrevel endlich auch
zu des Directors Ohren kamen, zog sich allmälig kein geringes Unwetter
über Ludwig’s Haupte zusammen.

Während des Unterrichts machte Gedike regelmäßig die Runde durch das
Schulgebäude. Im Vorübergehen warf er einen spähenden Blick in die
Schulzimmer durch ein in der Thür angebrachtes Schiebefenster. Nicht
selten erschien er zum Troste und zur Rettung manches bedrängten
Candidaten, und griff als ~deus ex machina~ mit gewaltiger
Schicksalshand die hervorragenden Häupter der Schulhelden heraus.
So stand er auch eines Tages plötzlich in der Mitte der Tertianer,
als das Völkchen lustig über Tisch und Bänke setzte. Der Erste,
der als Sühnopfer fiel, war Ludwig. Sein Maß war voll; zur Strafe
mußte er nach Quarta ins Exil wandern. Für die Schulzeugnisse hatten
solche Frevel nicht die besten Folgen. Es gehörte zu Gedike’s
eigenthümlichen Mitteln, die Stufenfolge derselben durch grelle Farben
zu versinnlichen. So brachte Ludwig zum großen Zorn des Vaters die
schmachvolle gelbe Nummer vier nach Hause, auf welche natürlich ein
neues, härteres Strafgericht folgte.

Wenn Ludwig den Zorn des großen Schulherrn zu leiden hatte, so wurde
ihm dafür auch einmal die Genugthuung zu sehen, daß unter Umständen
auch diese Macht in ein bedenkliches Schwanken gerathen konnte. Oft
geschah es, daß auswärtige Schulmänner den berühmten Reformator
besuchten, um seine Weise an Ort und Stelle kennen zu lernen. Einst
erschien, von Gedike selbst begleitet, ein ernster stattlicher Mann,
in einem langen, grauen Rocke. Er setzte sich als Zuhörer auf eine der
Banken nieder, und breitete dabei die bauschigen Schöße seines Rocks
mit vieler Würde aus. Einige Buben, die vorher mit einem Kaninchen
ihren Muthwillen getrieben hatten, schoben ihm dieses leise in die
Tasche, während er aufmerksam dem Gange des Unterrichts folgte.
Mit Schrecken fühlte er plötzlich in seinem Rocke etwas Lebendiges
rascheln. Entsetzt fährt er in die Höhe und mit den Händen in die
Tasche. Die Gegenwart des Schulherrschers konnte einen allgemeinen
Aufstand, in den Spott und Schrecken sich mischten, nicht hemmen.
Glühend vor Zorn und Beschämung donnerte er dazwischen. Voll Verwirrung
bemühte sich der Fremde das Kaninchen aus dem Abgrunde der Tasche
heraufzuholen. Da trat einer der boshaften Uebelthäter, sich zierlich
verneigend, auf ihn zu und sagte: „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich
Ihnen behülflich bin. Kaninchen faßt man immer bei den Ohren.“

Dergleichen Vorfälle hemmten indeß weder Ludwig’s Wissenstrieb noch
seine fernere Entwickelung. Vielmehr war er dem Schulunterrichte
in manchen Punkten voraus. Er hatte bereits die Anfangsgründe des
Griechischen von einem nachhelfenden Primaner erlernt. Es war sein
sehnlichster Wunsch, den Homer, namentlich die „Odyssee“, von der er
Mancherlei gehört hatte, was seine Phantasie ungemein anregte, in der
Ursprache lesen zu können. Der Vater, der an Lehr- und Bildungsmitteln
herbeischaffte, was ihm in seiner Lage irgend möglich war, ruhte
nicht eher, als bis er seinen Ludwig mit der Damm’schen Uebersetzung
des Homer überraschen konnte. Dieser nahm das Buch mit Dank an, sagte
aber voll altkluger Selbstüberwindung: „Ich bitte Sie, lieber Vater,
dieses Buch für jetzt zurückzulegen. Binnen kurzer Zeit werde ich die
‚Odyssee‘ in griechischer Sprache bei Herrn Griese lesen, dann hoffe
ich diese Uebersetzung besser nutzen zu können.“

Herr Griese war nämlich ein alter Candidat der Theologie, der
kümmerlich von Privatunterricht lebte. Halb aus Mitleiden hatte der
gutmüthige Vater ihm die Aufsicht über die häuslichen Arbeiten des
Sohnes und die griechischen Lehrstunden übertragen. Dafür aß denn Herr
Griese einige Male in der Woche an dem Tische des gastfreien Bürgers.
Nur war es übel, auch seine Kenntnisse waren ziemlich kümmerlich, und
es dauerte nicht lange, so zeigte sich die volle Ueberlegenheit des
Schülers. Vor allem gab der Lehrer bei dem Lesen des Homer, worauf er
sich aus einer halbverstandenen lateinischen Uebersetzung vorbereitete,
die kläglichsten Blößen. Einst erzählte er seinem Zögling ausführlich,
wie Aegisth den Orestes ermordet habe, und dafür nach seinem Tode
göttlich verehrt worden sei. „Bester Herr Griese“, rief der Knabe, „das
ist unmöglich! Umgekehrt war es!“ Herr Griese stutzte, machte aber doch
einige nicht ganz glückliche Versuche, seine eigenthümliche Meinung zu
vertheidigen. Im Hintergrunde des Zimmers saß der Vater behaglich in
seinem Lehnstuhle, und lachte in sich hinein über seinen klugen Sohn,
der bereits den Lehrer aus dem Felde schlug.

Neben dem Griechischen sollte aber das Französische nicht
vernachlässigt werden. Auch dafür wußte der Vater ein Mittel. Ludwig
mußte den Gottesdienst der französischen Colonie besuchen. Von früher
Zeit an hatten die Aeltern mit Strenge auf einen regelmäßigen Besuch
der Kirche gehalten. Zuerst hatten sie die Kinder alle Sonntage in die
Petrikirche geführt, in deren Sprengel sie wohnten; dann hatte man sie
im Vertrauen auf ihren Gehorsam dorthin allein gehen lassen. Endlich
meinte der Vater auch diese Stunden nützlich machen zu können. Die
Erbauung war hier freilich gering. Oft bestand die hörende Gemeinde aus
keinem Dutzend Menschen. In späterer Zeit, als der sogenannte junge
Ancillon anfing einen größern Kreis von Zuhörern um sich zu sammeln,
zog auch Ludwig diesen geistvollen und feurigen Redner allen Andern vor.

Doch nicht nur in Haus und Schule, zu Zeiten mehr noch draußen, auf
Straßen und Plätzen, vor den Thoren sammelten sich die Kinder. Da gab
es allerlei lustige Abenteuer, da sah und hörte man, was Alle anging,
die Stadt, das Land, man sah das öffentliche Leben jener Tage.

Zu den Volksfesten, an denen die Knaben mit vollstem Jubel theilnahmen,
gehörte das Weihnachtsfest und der Weihnachtsmarkt, der Mittelpunkt des
berliner Volkslebens. Dann streiften sie einzeln und in ganzen Scharen
zwischen den hell erleuchteten Verkaufsbuden auf dem Schloßplatze und
in der nahgelegenen Breiten Straße umher. Tausendfaches gab es zu sehen
und zu bewundern, manche Gelegenheit zu kleinen Erwerbungen, wenn
es auch nur ein Pfefferkuchen oder ein Waldteufel gewesen wäre, und
endlich fehlte es auch nicht in dem nächtlichen Dunkel hinter den Buden
an stets willkommenen Kämpfen. Bei aller muthwilligen Stimmung hatte
das Ganze dennoch einen zauberhaften, geheimnißvollen, ja rührenden
Ausdruck. Wie glänzte Alles in dem Lichte festlicher Erwartung! In ihr
ging schon Wochen vorher alles Wünschen und Hoffen der Kinderwelt auf.
Auch beim Meister Tieck war das Weihnachtsfest eine große häusliche
Freude. Es gab einen festlich geschmückten Tannenbaum mit brennenden
Lichtern besetzt, und Näschereien, nach denen man sonst das ganze
Jahr vergeblich lüstern spähte. Unter allen Geschenken aber strahlten
die unerläßlichen Soldaten von Zinn als das Anziehendste hervor, die
unter Ludwig’s Händen bald zu belebten Wesen wurden, zu einem ernsten
Spielzeug, zu dem er auch in spätern Tagen in heiterer Laune gern
zurückkehrte.

Gedanken ganz anderer Art wurden erregt, wenn diese bleiernen Heere in
der That lebendig geworden schienen, und die Trommel in den Straßen
Berlins die Soldaten Friedrich’s zu Paraden und Revuen rief. Wenn die
Garnison sich in allem Waffenglanze und ihrer ganzen Mustergültigkeit
entfaltete, dann fühlte sich der Stolz des berliner Bürgers gehoben,
und auch bei den Kindern erwachte die Ahnung, einem noch größern Ganzen
als Schule und Haus anzugehören. Unter allen Gestalten, die bei solchen
Gelegenheiten öffentlich auftraten, blieb immer die volksthümlichste
der alte Fritz selbst. So oft er mit dem dreieckigen Hute und dem
großen Krückstocke auf seinem alten Schimmel in bequemem Trabe durch
die Straßen ritt, stürzte die Schul- und Straßenjugend von allen
Seiten herbei. Eine Schar vorlauter Knaben überschlug sich in tausend
tollkühnen Purzelbäumen unmittelbar vor dem Pferde, Mützen und Hüte
flogen in die Luft, und unaufhörlich schrie Alles: „Der olle Fritz!
der olle Fritz!“ So geleiteten ihn die Scharen die Straßen auf und
ab, ohne daß der König eine Miene verzog. Mit demselben Löwenauge,
dessen zorniges Blitzen man sehr wohl kannte, sah er gleichmüthig auf
das Treiben eines dreisten, aber doch nicht bösartigen Volkswitzes
herab. Prächtiger, aber auch steifer ging es her, wenn er sich in
seiner großen gläsernen Staatscarrosse zeigte, was nur einige Male
im Jahre geschah. In langsam feierlichem Schritte fuhr er dann mit
vollem Prachtgespann durch die Straßen; voran die aufgeputzten Läufer,
hinten auf der Carrosse die fremdartigen Haiducken, zu beiden Seiten
des Kutschenschlages zahlreiche königliche Diener. Ernst und streng
saß er selbst hinter den Glaswänden. Jedermann sollte seinen König
sehen können. Auch in die Nähe der Roßstraße, des väterlichen Hauses
kam dieser Prunkzug; er lenkte die Breite Straße hinab, am Kölnischen
Rathhause vorbei.

Als großer Kriegsfürst, der dem verbündeten Europa siegreich
widerstanden hatte, erschien der König an der Spitze seiner Truppen,
die so manche Schlacht geschlagen, bei Paraden und Revuen. Wenn es vor
einem der Thore Berlins, etwa vor dem Halleschen oder dem Prenzlauer,
Heerschau und Manöver gab, dann strömte die berliner Bürgerwelt
scharenweise hinaus. Auch Meister Tieck nahm sich die Zeit, seine
Kinder zu solchen volksthümlichen Schauspielen zu führen. Zwischen
der drängenden Menschenmasse, den einherjagenden Ordonnanzen und den
manövrirenden Truppen trotzte man stundenlang dem Staube und der
Sonnenglut, um den alten Fritz, umgeben von dem glänzenden Gefolge
seiner berühmten Generale zu sehen.

Einst war Ludwig bei einem solchen Volksfeste vor dem Prenzlauer Thore
durch die hin- und herwogenden Scharen der Zuschauer von seinem Vater
getrennt worden. In demselben Augenblick erscholl ein tausendstimmiger
Vivatruf; er kündete den König an. In der Mitte seiner Generale ritt
er auf dem Feldwege heran, der zwischen höherliegenden Sandhügeln
hohlwegartig dem Thore zuführte. Auch Ludwig wollte den alten Fritz
sehen und in seinem Eifer nicht zurückbleiben. Behende schwang er
sich an der schrägablaufenden Seitenwand des Hohlweges in die Höhe,
und faßte in einer Vertiefung festen Fuß, welche der Regen geklüftet
hatte. Abgesondert von der Menge stand er Allen sichtbar, wie in
einer Nische, über den Häuptern der Andern. Da nahte der König. Unter
lautem Rufen schwenkte Ludwig seinen Hut. Plötzlich, in der vollen
Begeisterung des Augenblicks, weicht der Sand unter seinen Füßen, er
verliert das Gleichgewicht. Wenig fehlte, so wäre er aus seiner Grotte
auf die vorbeireitende Generalität gestürzt. Sein lauter Ruf, die
unwillkürliche Heftigkeit seiner Bewegungen erregten die Aufmerksamkeit
des Königs. Dieser wendete sich halb von der Seite, und ein voller,
fragender Blick des großen blauen Auges fiel auf Ludwig. Voll Schrecken
gelang es ihm noch zu rechter Zeit das Gleichgewicht wiederzugewinnen,
während der König mit seinen Generalen vorüberritt. Es war ein
Erlebniß. Ludwig hat diesen tiefen Blick des alten Fritz, der auch auf
ihn gefallen war, nie vergessen.



3. Die Breter, die die Welt bedeuten.


Diese Welt, welche sich hier dem knabenhaften Sinn entfaltete, die er
bald verwundert anstaunte, bald handelnd oder leidend seinen Theil
daran hinnahm, wollte das sein und bedeuten was sie schien. In ihr
lebte man unmittelbar. Aber es gab noch eine Welt, die etwas Anderes
bedeuten wollte, und um so mächtiger die Phantasie ergriff und das
Gefühl erregte. Dies war die Welt der Breter. In dem Vater lebte etwas
von dem Kunstsinne der alten Handwerksmeister. Wie jene Nürnberger
fand er Gefallen an der bunten Welt, welche die Dichtung erschließt,
an Scherz und Ernst in gebundener und ungebundener Rede, und ihrer
Darstellung auf den Bretern. Wie hätte eine solche Vorliebe des
Vaters nicht auf den Sohn wirken sollen, in dem Phantasus noch halb
träumerisch die Flügel regte, und ihm seine Märchen ins Ohr zu flüstern
begann.

Die Erinnerungen an scenische Darstellungen gehen in Ludwig’s
frühestes Kindesalter zurück. Einst hatte der Vater das Kind in die
Bude eines Puppenspielers mit sich genommen. Auch dergleichen harmlos
volksthümliche Kunstgenüsse liebte er. Hanswurst begann seine Späße,
er erschien als Schäferknecht, der bei dem Verkaufe der Wolle in
der Stadt seinen Vortheil zu machen hoffte. Dann trat ein prächtig
gekleideter Prinz auf. Mit den wildesten Geberden der Verzweiflung rief
er zu wiederholten Malen: „O Cupido! Cupido! welch ein Tyrann bist
du!“ Im Schmerze unglücklicher Liebe überschlug sich die Holzpuppe in
eckigen, steifen, seltsamen Bewegungen, daß Arme und Beine klappernd
gegeneinanderrasselten. Das fratzenhafte Gebaren dieses Prinzen machte
einen entsetzlichen Eindruck auf die Phantasie des Kindes. Es brach in
lautes Weinen aus, und um den Ernst des Spiels nicht zu stören, verließ
der Vater mit dem Kinde die Bude. Erst als es durch die dunkeln,
stillen Straßen getragen wurde, und sich jene bunte, und doch so
schreckhafte Welt plötzlich geschlossen hatte, fand es sich wieder.

Als später dieses Grauen vor dem Fremdartigen überwunden war, trat an
die Stelle des ersten Entsetzens das lebhafteste Vergnügen an der Welt
der Breter. Ludwig war sechs Jahre alt, es war im Sommer des Jahres
1779, als er zum ersten Male in das große berlinische Theater geführt
wurde. Mit Pracht wurde eine Oper, „Die neue Arsene“ von Favart, zum
ersten Male gespielt. Aber schon rührte sich die Kritik. Das Singen
schien ihm verkehrt und langweilig, er wollte Handlung.

Ludwig war in eine neue Welt eingeführt; er hatte eine gewaltige
Anregung erhalten, die durch wiederholte Besuche des Theaters lebendig
blieb. Die Lust solche Darstellungen in irgendeiner Weise selbst zu
versuchen, begann sich unaufhaltsam zu regen. Zuerst griff er nach den
Werkzeugen, die dem kindischen Alter am nächsten lagen. Die zinnernen
Soldaten, des Vaters deutsche Spielkarten mußten redend und handelnd
auftreten. Den herrlichsten Stoff gab sein geliebter „Götz“, den er
endlich aus dem Gedächtnisse herzusagen wußte. Dann kamen Papierpuppen
an die Reihe, die den Charakteren schon mehr entsprachen. Die Kinder
ruhten nicht eher, als bis sie ein vollständiges Puppentheater
hergestellt hatten. Friedrich versuchte sich dabei in Malereien und
Decorationen, Ludwig entwarf kleine Dramen, und fing auch wol an sie
niederzuschreiben, wenn seine Ungeduld die Sachen fertig zu sehen, ihm
Zeit ließ.

Endlich geschah der letzte Schritt. Wie, wenn man an die Stelle der
Puppen trat, und statt sie darstellen zu lassen, selbst darstellte?
Wieder wurde Ludwig Führer der jüngern Geschwister. Die Kenntniß
dramatischer Dichtungen hatte sich erweitert; was die Kinder der
Art irgend gesehen oder gelesen hatten, versuchten sie sogleich auf
frischer That wiederzugeben. Siegreich führte die Phantasie über alle
Schwierigkeiten hinweg. Entweder lasen die jugendlichen Schauspieler
eine oder mehrere Stellen mit rednerischem Ausdruck aus dem Buche ab,
oder irgendein Winkel wurde zur Bühne, auf der sie in abenteuerlichem
Putze, den der Kleiderschrank des Vaters oder der Mutter liefern mußte,
auftraten. Meistens wurden die dunkelsten und entlegensten Winkel zur
Schaubühne ausersehen. Nur in der tiefsten Stille und Einsamkeit konnte
man diese Freuden ganz genießen. Nichts störte den Zauber mehr, als
wenn das nüchterne Tageslicht diese Helden beleuchtete, oder ihr Spiel
durch kritische oder zweifelnde Bemerkungen unterbrochen wurde.

Da glaubte Ludwig einmal einen Schlupfwinkel gefunden zu haben, der
an Stille und Sicherheit alle andern übertreffe. Eines Sonntags, als
er dem väterlichen Befehle folgend die Petrikirche hatte besuchen
müssen, durchstreifte er nach Knabenart, müßig und gelangweilt, die
unbesetzten Theile der Kirche. Bei solchen Streifereien wurde in der
Regel irgend etwas Merkwürdiges entdeckt, was bei weitem wichtiger
erschien als die Predigt. Er kam in einen entfernten, düstern Winkel
des Chors, wo kein Andächtiger saß, weil es unmöglich war, die Worte
des Predigers zu verstehen; sie verhallten in weiter Ferne, und selbst
Gesang und Orgel tönten nur gedämpft herüber. Hier schien tiefe Stille
zu herrschen. Sogleich stieg bei Ludwig, der nur sein Komödienspiel im
Kopfe hatte, der abenteuerliche Gedanke auf, hier sei der sicherste Ort
dafür. Voll Jubel verkündete er seine Entdeckung den Geschwistern, und
sogleich wurde beschlossen, am nächsten Sonntage den neuen Schauplatz
zu versuchen. Freilich konnte man nicht mit allem scenischen Zubehör
in der Kirche auftreten, darum wollte man sich mit dramatischem Lesen
begnügen, und von allen Decorationsstücken nahmen die Kinder nur das
unverfänglichste mit, den großen Familienregenschirm, der zugleich als
Deckung dienen sollte. Bei der Wahl des Stücks fiel man diesmal nicht
auf den „Götz“, sondern ein jüngerer, nicht minder mächtiger Mann
bekam den Vorzug, Karl Moor. Es war die Zeit, wo Schiller’s „Räuber“
alle Gemüther erschütterten. Auch Ludwig’s Phantasie wurde von der
überwältigenden Macht der kolossalen Dichtung fortgerissen. Er überließ
sich diesen Eindrücken um so lieber, als alle Schauer und Entsetzen
des Schrecklichen in ganz anderm Maße als durch den „Götz“ entfesselt
wurden. Jetzt träumte er nur von Karl Moor und seinen Räubern.

An Ort und Stelle fand man Alles, wie er gesagt hatte. Was konnte
einladender sein als dieser vergessene Winkel voll Staub und
herabhängender Spinnweben? Wie aus weiter Ferne hörte man die Worte
des Predigers herüberschallen. Es war der Propst Teller, der an diesem
Sonntage predigte; seine Stimme galt ohnehin für etwas undeutlich. Im
Gefühle vollster Sicherheit wurde der Regenschirm aufgespannt; die
Kinder kauerten unter demselben nieder, und die Tragödie nahm ihren
Anfang. Ungeduldig schlug man gleich die Lieblingsstellen auf. Mit
aller Gewalt des tragischen Zornes stimmte Ludwig die verzweifelten
Verwünschungen Karl Moor’s aus dem ersten Acte an: „O Menschen,
Menschen! heuchlerische Krokodilenbrut!“ Kaum waren die ersten Worte
ausgestoßen, als die Kinder vor Schreck über die Wirkungen ihrer Tragik
meinten in die Erde sinken zu müssen. Wie rollender Donner hallten
die Worte Karl Moor’s aus allen Winkeln der Kirche zurück. Aber von
nicht geringerm Entsetzen wurde die Gemeinde ergriffen. Der Prediger
stockte, die Kirchendiener liefen voll Bestürzung hin und her, die
Ursache dieses furchtbaren Getöses zu erforschen. Die Kinder erholten
sich noch rasch genug von ihrem Schrecken, um schleunigst die Flucht
zu ergreifen. Wie vom bösen Feinde gejagt, stürzten sie die Treppe
hinunter, hinaus auf den Platz, und in vollem Laufe über die Straße.
Immer noch meinten sie die Tritte der verfolgenden Kirchendiener hinter
sich zu hören. Erst an der Schwelle der väterlichen Wohnung wagten sie
wieder Athem zu schöpfen. Angstvoll krochen sie in den heimlichsten
Winkel des Wohnzimmers; erst hier hielten sie sich gesichert.

Doch wie wuchs ihr Entsetzen, als eine halbe Stunde darauf ein
ehrbarer Hausfreund erschien, der auch in der Kirche gewesen war, und
unter Kopfschütteln, mit bedenklichem Gesicht, dem staunenden Vater
zu erzählen begann: „Herr Nachbar, es ist heute in der Kirche etwas
sehr Sonderbares vorgefallen.“ -- Er berichtete darauf, die Predigt
sei durch ein ungewöhnliches Brausen unterbrochen worden, durch
donnerähnliche Töne, die sich kein Mensch erklären könne. Er sprach von
Zeichen und Wundern; ob es eine Heimsuchung, ein Erdbeben, oder was es
sonst gewesen sei, Niemand vermöge es zu sagen. Der aufgeklärte Vater
suchte den besorgten Nachbar zu beruhigen, wenngleich es ihm selbst in
diesem dunkeln Falle an jeder Aufklärung fehlte. Nur die Kinder wußten
sie; aber sie hielten sich mäuschenstill, und lachten bei aller Angst
über den trefflichen Spaß in sich hinein.

Inzwischen war Ludwig als Tertianer selbständig genug geworden, um
ihm hin und wieder den Besuch des Schauspiels auf eigene Hand zu
erlauben. Neben vielem Gleichgültigen und Vorübergehenden sah man
Lessing’s Dramen, Goethe’s und Schiller’s erste Dichtungen mit der
frischesten, vollsten Theilnahme auf dem Theater. Hin und wieder machte
man sich bereits an die Bearbeitung und Darstellung Shakspeare’scher
Tragödien. Unter dem Drucke besonders ungünstiger Verhältnisse hatte
sich das deutsche Schauspiel in Berlin emporgearbeitet, im Kampfe gegen
die begünstigten französischen und italienischen Bühnen, gegen das
Vorurtheil der höhern Classen. Aber gerade dies stärkte seine Kraft.
Man wollte zeigen, daß man auch eine volksthümliche Dichtung und Bühne
habe. Mit gleicher Begeisterung begrüßten Schauspieler und Zuschauer
die jungen Dichtungen, welche die Bühne umzugestalten verhießen.
Döbbelin, der Begründer des deutschen Schauspiels in Berlin, war
selbst erfüllt von deutschem Sinne und einem aufrichtigen Streben für
seine Kunst. Nur trat Alles noch in dem bescheidensten Gewande auf. In
dem Hintergebäude eines Hauses in der Behrenstraße lag das Theater.
Der Eingang führte über einen Hof. Die Räume der Bühne selbst waren
eng, klein, auf das einfachste eingerichtet. Doch rührte sich hier ein
muthiger, jugendfrischer Geist; die große Zeit der deutschen Bühne
begann sich hier vorzubereiten.

Wie heimisch war Ludwig bald in diesem dürftigen Kunsttempel! So
oft es irgend ging, vertauschte er sogleich die Schulbank mit der
Zuschauerbank. Mit unwiderstehlichem Zauber zog ihn die Welt der Breter
an. Alles, was irgend damit in Verbindung stand, war wunderbar und
Gegenstand ehrfurchtvollen Staunens. Welche Wonne, wenn er als einer
der ersten Zuschauer in dem leeren, noch halb dunkeln Hause saß, und
Hoffnung und Ungeduld in ihm kämpften! Wie steigerten sich allmälig
die Schauer geheimnißvoller Erwartung, wenn ein bleicher Stern in der
Nacht, ein Talglicht nach dem andern aufging, wenn die Musikanten
klimpernd ihre Geigen zu stimmen anfingen, wenn der Vorhang, der noch
schweigend die Wunder verdeckte, sich im Zugwinde hin und wieder
bewegte. Endlich enthüllten sie sich, und wie erklangen da in der
jungen Brust alle Töne von Freude und Leid, Lust und Schmerz, ja des
Grausens und Entsetzens!

Unter den Schauspielern selbst aber machte schon damals keiner einen
größern Eindruck auf ihn als Fleck, der seit 1783 der Döbbelin’schen
Gesellschaft angehörte, wenn er etwa den Othello oder Shylock, Karl
Moor, Otto von Wittelsbach oder den Herzog Albrecht in der „Agnes
Bernauerin“ spielte.

Alles Geld, was Ludwig von dem Vater erhielt, verwandte er jetzt, ohne
dessen Zorn zu fürchten, auf das Theater. Endlich schien das Wunder die
Breter zu verlassen und in die wirkliche Welt hineinzutreten. Ludwig
selbst war der Günstling einer geheimen Macht, welche seine Theaterlust
wohlwollend schützte.

Durch eine Unaufmerksamkeit des Logenschließers war einst der
Zettel, welcher die Pforten der geweihten Räume öffnete, in seinen
Händen geblieben. Welche frohe Aussicht, darauf hin noch eine zweite
Vorstellung sehen zu können! In höchster Spannung, zwischen Begierde
und innerer Angst schwebend, trat er andern Tages, sein Billet in der
Hand, an den Eingang des Zuschauerraums. Und in der That, es eröffnete
ihm nicht nur den Eintritt, sondern wurde ihm auch diesmal nicht
abgefordert. So ein drittes, ein viertes Mal und öfter, immer übersah
ihn der Logenschließer. Wie Fortunat’s Hut schien hier das Billet die
Kraft zu besitzen, ihn unsichtbar zu machen, und kaum wäre ihm jener
ein größerer Schatz gewesen. Wie einen räthselhaften Talisman hütete er
nun seinen theuern Zettel, immer zuversichtlicher erprobte er dessen
geheime Kräfte.

Indeß bald sollte der Schleier des Wunders durch die prosaische
Aufklärung gehoben werden. Eines Abends, als Ludwig bereits seinen
Platz eingenommen hatte, versuchte ein anderer Knabe mit Hülfe
natürlicher Unverschämtheit ein ähnliches Wunder zu thun; den Hut
unter dem Rocke verborgen, um den Schein zu erregen, als habe er das
Parterre nur soeben verlassen, drängte er sich in der Mitte anderer
eintretender Zuschauer an dem Logenschließer vorüber. Doch dieser
bemerkte ihn. „Halt, Musje! Wohin?“ rief er ihm zu. Der Eindringling
schwieg verblüfft. „Du mußt einen alten Mann nicht zum Narren machen
wollen“, schalt der Schließer und trieb ihn zum Tempel hinaus.
Zitternd hatte Ludwig diese sonderbare Begebenheit von seinem Platze
aus angesehen, als er plötzlich zu seinem nicht geringen Schrecken
selbst hineingezogen wurde. Unerwartet wandte sich der Schließer zu
ihm. „Ihnen, Musje“, sagte er, „erlaube ich es gern, ohne Billet
einzutreten; denn ich sehe, Sie sind ein stilles und artiges Kind,
das am Theater seine Freude hat.“ Ludwig war aus allen seinen Himmeln
gestürzt. Also kein Wunder, kein geheimer Talisman hatte ihm den freien
Zutritt verschafft, sondern die ganz menschlich gewöhnliche Gunst
eines Logenschließers. Das Geheimniß war verschwunden, und mit ihm ein
großer Theil des Reizes. Das unheimliche Gefühl, daß er mit Unrecht
hier sitze, beschlich ihn. Endlich drängte er sein Billet dem Schließer
wieder auf, und war froh, in die Reihen der gewöhnlichen Zuschauer
zurückzutreten.

Doch auch von einer andern Seite nahte die Enttäuschung. Er begann die
Armseligkeit der Theaterwelt zu ahnen. Trotz seiner Geringschätzung
der Komödianten hatte der Vater dennoch den Verkehr mit denselben
fortgesetzt, ja er machte sogar den Beschützer. Es besuchte ihn öfters
ein junger Schauspieler, Namens Heinzius, der eine Anstellung beim
berliner Theater suchte, und einstweilen mit Frau und Kindern hungerte.
Mitleidig lud ihn der kunstsinnige Handwerker zu seinem Mittagstische
ein, damit er sich ab und zu satt essen könne. Dann kam der Künstler,
um vor seinem Gönner würdig zu erscheinen, mit reiner Halskrause, die
er vorher mit Schlemmkreide sauber geweißt hatte. Während er der derben
Hausmannskost tapfer zusprach, pflegte er zum Danke allerlei lustige
Geschichten zu erzählen, die den Vater in seiner ungünstigen Meinung
von den Komödianten meistens bestärkten. Nach langen Jahren sah Ludwig
diesen Heinzius wieder. In kummervoller Gestalt, die Guitarre am Bande
über der Schulter, durchstreifte er als Improvisator die Tabagien und
Vergnügungsgärten Berlins.



4. Der Genius.


Gewann schon Ludwig’s Freude am Theater durch das Geheimniß, welches
er darüber auszubreiten suchte, einen ganz besondern Reiz, so gab es
eine andere Saite, deren innerste Bewegung sich den Augen noch viel
mehr entzog. Wenn er als Schauspieler aufzutreten suchte, so war dies
keineswegs allein gewöhnliche Kinderlust an possenhafter Mummerei,
der Dichter war es, der sich in ihm regte, und zu diesem ersten,
unmittelbarsten Werkzeuge griff. Doch wie ungefügig und schwerfällig
waren diese Mittel, wie bleich diese Farben im Vergleich mit den
glänzenden Bildern, welche die kindisch spielende, doch rastlos
arbeitende Phantasie heraufführte! Wie sank hier jede Schwere des
Stoffes zu Boden, wie wichen Zeit und Raum zurück, wie frei schaltete
der Knabe in dieser Bilderwelt, die ihn umgab, wo er ging und stand,
in der das Gewöhnliche im Glanze des Wunderbaren und Außerordentlichen
erschien. Hier schwieg jeder Schul- und Lehrzwang, hier war er sein
eigener Herr. Die ersten Schauer jener Verzückungen, in denen sich
schöpferische Kraft und Genuß verbanden, durchbebten seine Seele.
Stärker und stärker begann der Genius anzuklopfen.

Fürs erste sprach er sich in kindischer Weise aus. Früh hatte Ludwig
angefangen, nach Reim und Tonfall spielend Verse zu machen. Natürlich
entging das dem Auge des Vaters nicht. Stillschweigend ließ er ihn
gewähren, und schien es als etwas Gewöhnliches zu nehmen. Doch trat
Ludwig früh genug öffentlich als Dichter auf. Als sein gefürchteter
Schuldirector sich im Jahre 1784 verheirathete, drückten die Schüler
in glückwünschenden Reden ihre Theilnahme aus. Auch Ludwig mußte
zur Feier einige Verse machen. Ein junger Mensch, der in des Vaters
Hause verkehrte, hatte sie regelrecht zugestutzt, er selbst sprach
sie vor dem Director und seiner jungen Frau. Einige Küsse und ein
Stück Hochzeitskuchen waren der erste Dichtersold, den er gewann; und
die Schulkameraden staunten ihn wegen solcher Künste und Erfolge nur
umsomehr an.

Kühner traten diese Versuche in Verbindung mit dem dramatischen Spiele
hervor, das unaufhörlich zu Planen und Ausführungen Veranlassung gab.
Auch an andern Uebungen in verschiedenen Versmaßen fehlte es nicht,
namentlich seit die zunehmende Bekanntschaft mit alten und neuern
Dichtern selbst in der Schule dazu führte. Den tiefsten Eindruck hatte
die „Odyssee“ auf ihn gemacht. In den klarsten dichterischen Formen
fühlte er den Zauber der Mythenwelt auf sich wirken. Dieser Wechsel der
anschaulichsten Gestalten, die bunten Abenteuer in einer fabelhaften
und wunderbaren Natur, die siegreiche Kraft menschlichen Witzes im
Kampfe mit allen Schrecken der Elemente und des Zaubers, diese Fülle
der Phantasie, alles Das übte einen unendlichen Reiz aus. Er konnte
diese tönenden Verse nicht oft genug lesen. Auf seine Weise suchte
er dem Stoffe näherzukommen. Zwei mal übersetzte er die „Odyssee“
schriftlich, einmal in Prosa, dann in Hexametern.

Glaubte Ludwig in solchen Uebungen etwas Besonderes geleistet zu
haben, so übergab er es dem Vater, der diese überraschenden Zeugnisse
der Frühreife in der Regel mit gleichgültiger Miene hinnahm. Sein Lob
beschränkte sich meistens auf die trockene Bemerkung: „Nun, es geht
an.“ Dagegen faßte er die kindischen Blößen mit scharfem Tadel auf und
benutzte sie, um die junge Zuversicht zu demüthigen und vor sich selbst
lächerlich zu machen.

Einst war Ludwig Huber’s französische Uebersetzung von Kleist’s
„Frühling“ in die Hände gefallen. Die Naturschilderungen in dem
Gedichte gefielen ihm. Spielend fing er an, es zurückzuübersetzen, und
zwar in gereimten Versen. Einzelnes davon überreichte er dem Vater, der
es ihm mit einem lakonischen, aber vieldeutigen „Hm! So!“ zurückgab.
Ohne sich irre machen zu lassen, hatte er seine Rückübersetzung fast
vollendet, als er nicht minder zufällig das Gedicht selbst kennen
lernte. Er zweifelte keinen Augenblick, dies sei eine deutsche
Uebersetzung, und Huber’s Uebersetzung, die er ja früher hatte kennen
lernen, das Original. Er konnte seine Verwunderung über die sonderbaren
Verse nicht unterdrücken, und eilte mit seinem Funde zum Vater. „Sehen
Sie, lieber Vater“, rief er ihm zu, „den dummen Mann hier, der das
französische Gedicht in solchen Versen übersetzt hat!“ Mit ironischer
Trockenheit erwiderte der Vater: „Du bist und bleibst ein dummer
Junge! Ich habe dich in deinem Thorenwerke nicht stören wollen; nicht
einmal den Titel deines Buchs hast du angesehen, sonst hättest du
es sogleich bemerken müssen. Dieses hier, Kleist’s ‚Frühling‘, ist
das ursprüngliche Gedicht, und jenes eine französische Uebersetzung.
Du bist einfältig genug gewesen, ein deutsches Buch ins Deutsche zu
übersetzen.“ Beschämt stand der jugendliche Schriftsteller vor dem
strengen Kritiker. Gegen einen so bündigen Beweis ließ sich nichts
vorbringen. Schweigend zog er sich mit seinen Versen, auf die er keinen
geringen Werth gelegt hatte, zurück.

Keine geringere Beschämung erfuhr er bei einer andern Gelegenheit.
Unfern der Petrikirche war er einst einem schlanken jungen Manne von
stattlicher Haltung begegnet. Ernst, wie es schien, tief in Gedanken
versunken, schritt dieser würdevoll einher; unbewußt ließ er dabei
sein zierliches spanisches Rohr taktmäßig auf das Pflaster der Straße
niederfallen. Wo hatte Ludwig dieses blasse Gesicht, diese gewölbte
Stirn, diese Nase gesehen? Diese edeln Züge, in denen soviel Kraft und
Anmuth, aber auch soviel schmerzliche Erfahrung zu liegen schien? Wie
ein Blitz durchzuckte es seine Seele: „Es ist Goethe!“ Wie oft hatte er
nicht in Lavater’s „Physiognomik“ Goethe’s Schattenriß mit Bewunderung
betrachtet und dieses edle, hohe Antlitz seinem Gedächtnisse
eingeprägt! Es waren dieselben Züge. Ja, das konnte nur Goethe sein!
Trunken von seinem Glücke, den größten Dichter gesehen zu haben, eilte
er nach Hause.

Doch wie steigerte sich seine Wonne, als er demselben jungen Manne bald
darauf wieder begegnete, als er gar entdeckte, daß er in der Nähe der
Petrikirche wohne. Jetzt legte er sich vollkommen in den Hinterhalt,
um Goethe vorübergehen zu sehen. Bald ging er in einiger Entfernung
neben ihm, oder er suchte ihm entgegenzukommen. Er vertiefte sich in
seinen Zügen, den Götz, den Werther entdeckte er darin. „Ach, wie muß
doch einem so großen Dichter zu Muthe sein!“ seufzte er sehnsüchtig
für sich. Endlich konnte er die Freude seines Herzens nicht mehr
allein tragen. Er theilte das große Geheimniß seinem Vater, seinen
Freunden mit. Man lächelte ungläubig; man sah den Goethe, der in der
Nähe der Petrikirche wohnen sollte, man stellte Nachforschungen an.
Aber welche Enttäuschung erfolgte auch hier! Nicht Goethe war der
blasse Räthselhafte, sondern der Kammergerichtsassessor Kircheisen, der
Sohn des berlinischen Stadtpräsidenten. Die spöttische Zurechtweisung
des Vaters blieb nicht aus, und lange noch hatte Ludwig wegen seines
Goethe-Traums die Neckereien der Geschwister und Gefährten zu erdulden.

Wenn sich die Gegenbemerkungen des Vaters auf so schlagende Thatsachen
gründeten, so ließ sich dagegen nichts sagen; desto weniger
überzeugend waren für Ludwig seine dichterischen Urtheile. Nicht nur
sein eigener Dichtergenius regte sich, er fing auch an das Verständniß
Anderer zu ahnen, deren Anerkennung ihm allmälig zum Lebensbedürfniß
wurde. Aber der Vater schien viele gar nicht so anzuerkennen, wie sie
es verdienten. Oft war er hart in seinen Urtheilen, und in seinem
rücksichtlosen Spotte verletzend. Aus einem tiefen, unabweisbaren
Gefühle erwuchsen Ludwig’s Ueberzeugungen. So klar wie der Tag, so
sicher wie sein eigenes Dasein stand Manches vor ihm, und dennoch
sollte er im Unrechte sein? Nicht ohne Selbstgefühl vertheidigte er
daher seine Ansichten gegen den Vater. Er wagte es sogar, diesen
bisweilen in Dem zu durchkreuzen, was er sich als Ergebniß seiner
Lebenserfahrung ausgebildet hatte. Bei solchen Widersprüchen pflegte
der ganze Zorn des Vaters plötzlich aufzulodern.

Bald zeigte sich hier ein Gegensatz der Geister, der schwer
auszugleichen schien. Der Sohn war voll Phantasie und neigte zum
Gemüths- und Gefühlsleben; der Vater war seiner poetischen Liebhaberei
ungeachtet nüchtern und verständig. Immer häufiger trat diese
Verschiedenheit hervor. So hatte Ludwig das alte Gesangbuch der Mutter
mit seinen Liedern in hohem Grade liebgewonnen, und nahm sie lebhaft in
Schutz, wenn der Vater darauf schalt. Diese einfachen und tiefen Klänge
ergriffen ihn gewaltig. Ebenso malerisch als rührend schien ihm in
jenem Abendliede Paul Gerhard’s die tiefe, schweigende Ruhe der Wälder,
die heilige Stille, welche die ganze Welt mit ihrem Schleier bedeckt.
Er bot seine ganze Beredtsamkeit auf, um den Vater von der Schönheit
dieser alten Lieder zu überzeugen. Warum nicht auch solche Gefühle sich
aussprechen dürften, woher man das Recht nehme, sie zu verurtheilen?
Solche Versuche hatten in der Regel keine andere Folge, als daß der
Vater sie mit steigendem Unwillen abwies. „Du machst dir eine Menge
einfältiger Faxen zurecht“, sagte er, „und siehst darüber die Dinge
nicht, wie sie sind.“

Indessen ging Ludwig, ohne sich irre machen zu lassen, seines
Weges weiter, und nur um so sicherer, als er um diese Zeit einen
dichterischen Führer und Freund fand, der ihn durch das Leben begleiten
sollte. Dies war Shakspeare.

Seine Theaterlust wurde vielleicht nur noch durch seine Leselust
übertroffen. Längst war des Vaters kleine Büchersammlung erschöpft.
Kein Buch, das in das Haus kam, war vor ihm sicher. Auch die
Leihbibliothek, aus der Manches für die Abendvorlesungen entliehen
wurde, genügte kaum mehr. Dann kamen die mehr oder minder
ergiebigen Büchervorräthe der Schulgefährten an die Reihe. Mit
der Unersättlichkeit des Heißhungers verfolgte er Alles, was in
dramatischer oder dialogischer Form geschrieben war. Wo er irgendein
unbekanntes Buch witterte, ruhte er nicht eher, als bis er sich seiner
bemächtigt und es verschlungen hatte.

Da fiel ihm eines Tages bei einem sonst ziemlich gleichgültigen
Schulkameraden ein Theil des Eschenburg’schen „Shakspare“ in die
Hand. Es war „Hamlet“. Sogleich eilte er mit seiner Beute nach
Hause. Voll Ahnung und gespannter Erwartung konnte er die Ungeduld
nicht länger zügeln. Sein Weg führte ihn über den Lustgarten durch
eine der Pappelreihen, die denselben damals umschlossen. Es war
ein nebeliger Abend im Spätherbste; ein feiner, durchdringender
Schlagregen begann soeben zu fallen. Unter den Bäumen glommen einige
kümmerliche Oellaternen. Ludwig trat hinzu. In dem matten, unsichern
Schimmer wollte er wenigstens das Personenverzeichniß ansehen. Kaum
hatte er einen Blick in das Buch geworfen, als er sich auch schon
gefesselt fühlte. Die nächtliche Scene, die ersten Reden der Wachen,
das Erscheinen des Geistes, Alles erfüllte ihn mit zauberischem
Grausen und doch mit unendlichem Entzücken. Er fühlte nichts von dem
Herbstwinde, der ihm den Regen entgegentrieb, nicht daß er Schirm
und Buch unbewußt im Gleichgewicht erhalten mußte, nicht daß er auf
feuchtem Laube stand. Er sah und hörte nur Hamlet. Er las und las;
erst mit dem Todtenmarsche hörte er auf. Durchnäßt, an Händen und
Füßen erstarrt, fand er sich wieder. Er war nicht zu Helsingör; aber
aus der Tiefe der Vergangenheit war auch ihm ein Geist wiedergekommen,
größer und gewaltiger als die Majestät des ermordeten Dänemark, der
zu ihm gesprochen hatte; er hatte in nächtlicher Stunde den Ruf des
Geistes vernommen. Jetzt endlich eilte er nach Hause, nicht ohne Ahnung
einer irdischen väterlichen Zurechtweisung. Aber was waren ihm alle
Befürchtungen im Vergleich mit der Erscheinung, die er heute gehabt
hatte!

Nun wurde Shakspeare sein Losungswort. Von allen Seiten wurden einzelne
Bände von Freunden zusammengeborgt, von Antiquaren aufgekauft. Unwillig
folgte der Vater dieser neuen Wendung der jugendlichen Begeisterung.
Er war ein Bewunderer Goethe’s, aber gegen Shakspeare war er sehr
mistrauisch. Wie fast das ganze ältere Geschlecht sah er in ihm ein
wildes, halbbarbarisches Genie, fand seine Trauerspiele roh und blutig,
seine Späße abgeschmackt, das Ganze unverständlich und verworren.
Eines Tages traf er den Sohn wiederum in ein Buch vertieft. Er beugte
sich über seine Schulter nieder. Es war Shakspeare’s „Maß für Maß“.
Aergerlich brach er in die Worte aus: „Nun ja, das hat noch gerade
gefehlt, um dich vollends verrückt zu machen!“ Ludwig sprang von seinem
Sitze auf und erwiderte schnell gefaßt: „Erlauben Sie, lieber Vater,
gerade so, wie es hier ist, habe ich mir immer gedacht, müsse ein
Gedicht geschrieben werden. Das ist es, was ich lange gesucht habe.“
Barsch erwiderte der Vater: „Ach, du bist und bleibst ein dummer Junge!“

Zu Shakspeare gesellten sich ungefähr um dieselbe Zeit zwei andere
Geister, die kaum eine geringere Bedeutung für ihn gewinnen sollten,
Cervantes und Holberg, die Gefährten seiner heitersten Stunden. Jener
trat Shakspeare unmittelbar an die Seite. Eines Mittags aus der Schule
heimkehrend, fand Ludwig die Bertuch’sche Uebersetzung des „Don
Quixote“ in der Wohnstube auf dem Fensterbret liegen. Mehr zufällig als
absichtlich war sie aus der Leihbibliothek entliehen. Er griff nach
dem Buche, ohne von dem Titel und dem Namen des Verfassers je gehört
zu haben. Auch hier entschied der erste Blick. Stehenden Fußes begann
er zu blättern, zu lesen. Die Lustigkeit dieser sonderbaren Gestalten,
ihre Abenteuer, die Schlagwörter Sancho’s ergötzten ihn unendlich. Auch
Dergleichen hatte er noch nicht gehört. Er konnte das Buch nicht wieder
aus der Hand legen. Um seine Lesegier sogleich zu stillen, nahm er
seine Zuflucht zu einer beliebten Schullist. Unter dem Vorgeben einer
starken Migräne, von welcher er ab und zu befallen wurde, erklärte
er es für unmöglich, Nachmittags die Lehrstunden zu besuchen, und
warf sich auf sein Bett, um ungestört den Ritterzügen des sinnreichen
Junkers von La Mancha zu folgen. Da trat unerwartet der Vater ein.
„Mein Sohn“, sagte er, „das hast du nicht gut gemacht. Solche
Kopfschmerzen werden durch Lesen nur schlimmer. Gib das Buch her, und
bleib ruhig in deinem Bette liegen.“ Mit betrübter Miene sah er den
Schatz seinen Händen entrissen, und sich selbst zum Bette verurtheilt.
Doch die Freundschaft mit Cervantes war fürs Leben geschlossen, und
wirkungslos gingen die spöttischen Bemerkungen des Vaters vorüber,
der auch hier nicht begreifen konnte, wie es möglich sei, an diesen
Thorheiten Gefallen zu finden, und kopfschüttelnd sagte: „Wenn du so
fortfährst, wirst du als ein Narr und verdrehter Mensch durchs Leben
laufen.“

Holberg verdankte Ludwig abermals einem Schulgefährten, in dessen
Familie er viele ausgesuchte und schön eingebundene Bücher gefunden
hatte. Von diesen Kostbarkeiten durfte er Manches entleihen, ja man
verstattete ihm sogar, die Schränke selbst zu durchstöbern. Mitten
unter den zierlichen Bänden fand er einige sehr übel aussehende. Es
war die alte Uebersetzung von Holberg’s Lustspielen. Auch hier fühlte
er sogleich dem gleichartigen Geiste begegnet zu sein, und auch diesen
Freund hielt er fest. Auf seine Frage, was das für ein herrliches
Buch sei, antwortete der Schulgenosse: „Es ist eine nichtswürdige
Scharteke, die zufällig hier hineingerathen ist. Macht Ihnen das Ding
Spaß, so wird es Ihnen mein Schwager nicht nur leihen, sondern auch
gern schenken.“ Welche Fundgrube von guten Späßen hatte Ludwig hier
nicht entdeckt! Es war nicht die kindische Freude an diesen, jener
sonderbare und launige Geist des Humors, der oft die muthwilligsten
Sprünge machte, war längst in ihm erwacht, und schaute oft schelmisch
aus seinen Reden und Handlungen hervor.

Der Genius hatte ihn zu den größten verwandten Geistern der
Vergangenheit und Gegenwart hingeleitet. Der Bund mit Goethe,
Shakspeare und Cervantes war für das Leben geschlossen. Und war es
nicht eine verheißungsvolle Weihe des Jüngers, wenn sie seine Führer
zum Garten der Poesie wurden?



5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch.


Unter solchen Anregungen und den wiederholten Versuchen, seine noch
unklaren Empfindungen Andern begreiflich zu machen, hatte er sich
allmälig eine gewisse Mündigkeit gewonnen, die immer zuversichtlicher
hervortrat. Er war den mittlern Schulkreisen entwachsen. An die Stelle
des wunderlichen Subrector Stilke und des Prorector Pleßmann, welcher
durch seine unbedachten Aeußerungen im Geschmack der irischen Bulls zur
Zielscheibe des allgemeinen Schulwitzes geworden war, traten andere
Lehrer, die anregender wirkten, vor Allen Gedike selbst.

Es war ein bedeutender Abschnitt in diesem Stillleben, als Ludwig im
Jahre 1788, funfzehn Jahre alt, in die oberste Classe des Gymnasiums,
die sogenannte Prima, hinaufrückte. Hier hörte die geringschätzige
Anrede mit „Er“ auf; sie wurde durch das rücksichtvollere „Sie“
ersetzt. Nur Gedike wandte diese höflichere Form ungern an. Sie schien
mit seiner Würde unvereinbar, und er suchte sich damit zu helfen, daß
er zu dem Angeredeten wie von einer dritten Person sprach. Auch genoß
man sonst mancher Vergünstigung. Man erschien mit dem Stocke in der
Hand, kam auch wol gestiefelt und gespornt in das Lehrzimmer. Genug,
die Kinderschuhe waren ausgezogen, und nicht ohne hohes Selbstgefühl
faltete man das Gesicht zu männlichem Ernste. Denn man war ja ein
hoffnungsvoller junger Mensch geworden, der sich für die tiefern
Studien der Wissenschaft vorbereitete. In Allem herrschte größere
Freiheit, und selten griffen die Lehrer mehr ein, als unbedingt
nothwendig war.

Wichtig war es, daß man nun auch den Herrn Rath, das war Gedike’s
amtlicher Schultitel, von einer mildern Seite kennen lernte. Hatte man
ihn früher nur als Donnerer gesehen und gehört, so war er jetzt Lehrer
und Führer im innersten Heiligthume. In den obersten Classen ertheilte
er eine Reihe von Lehrstunden, in denen er einen griechischen Dichter
oder Geschichtschreiber erklärte, Uebungen in freier Rede anstellte,
und auf die allgemeine Durchbildung seiner Zöglinge hinzuwirken suchte.
Und hier erschien er doch als eine bedeutende, in hohem Grade anregende
Persönlichkeit. Man fühlte seine überwiegende Kraft, die bei allen
Sonderbarkeiten auch den Widerstrebenden zur Anerkennung zwang. Seine
Aeußerungen waren scharf, entschieden und zutreffend. Was er that und
sagte, prägte sich bis in die kleinsten Züge seiner Schüler für die
Lebenszeit ein. War er bisweilen rauh, ja hart und ungerecht, so hatte
er auch Augenblicke, in denen er vom Kothurn herabstieg. Wie ein alter
Löwe ließ er dann in halb humoristischer, überdreister Weise fast mit
sich spielen. Doch nichts machte einen tiefern Eindruck, als wenn
Gefühlserschütterungen den starken Mann unerwartet überkamen, und gegen
seinen Willen den Damm steifer Haltung durchbrachen. Er, der sonst so
abgemessen, war dann weich und liebenswürdig. Als er den Schülern einst
Engel’s „Traum des Galilei“ vorlas, überwältigte ihn die steigende
Rührung, seine Stimme schwankte; nur mit Mühe konnte er die Vorlesung
zu Ende führen. In solchen Augenblicken söhnte man sich mit seinen
Härten aus.

Ludwig wagte in diesen freien Gebieten mit seinen eigenen Gedanken mehr
ans Licht zu treten, und streifte die letzten Wahrzeichen kindischer
Unreife ab. Zu den schwersten Prüfungen des Schullebens gehörten für
ihn die sogenannten deutschen Aufsätze. Unbefangen schrieb er zu Hause
seine Verse und Komödien, sie gingen ihm trefflich von der Hand;
aber jene deutschen Abhandlungen, die nach einer Aufgabe des Lehrers
gearbeitet wurden, blieben für ihn, wie für viele seiner Genossen,
lange Zeit ein Gegenstand des Schreckens und eine reiche Quelle
geistiger Martern. Die Anforderungen schienen so unerschwinglich,
seine eigenen Kräfte so gering. Er hatte nicht den Muth, sich dem
Zuge seines Geistes zu überlassen, und in kindischer Angst, die etwas
von sittlicher Scheu hatte, hütete er seine innersten Gedanken wie
einen verborgenen Schatz. Sie erschienen ihm bald zu erhaben, bald zu
kindisch, um sie preisgeben zu können.

In diesen Nöthen nahm er seine Zuflucht zum Vater. Der verständige und
gutmüthige Mann ließ sich auch in der Regel bereit finden, die Arbeit
bei Seite zu legen, um mit dem Sohne deutsche Aufsätze zu schmieden.
In seiner Weise zog er sich aus dem Handel. Meistens kleidete
er den gegebenen Satz in einen Brief ein, und im Geschmacke der
moralischen Wochenschriften begann er gut bürgerlich mit den Worten:
„Werthgeschätzter Freund! Sie haben gewünscht, meine Gedanken über die
Nachtheile und Vortheile des Kriegs kennen zu lernen, ich theile Ihnen
dieselben in diesen Zeilen in der Kürze mit.“ Diesmal sollten Gedanken
über die Einsamkeit niedergeschrieben werden. In seiner gewohnten Weise
hob der Vater an. Plötzlich unterbrach er sich mitten im Satze: „Was
weiß ich von der Einsamkeit! Was für Gedanken soll ich auch darüber
haben? Ich habe immer mit Menschen gelebt und verkehrt. Der dumme Junge
schreibt nichts als Verse und Komödien und anderes thörichtes Zeug,
und nun weiß er nicht einmal etwas über die Einsamkeit zu sagen. Mach’
deine Geschichten allein, und laß mich ungeschoren!“ Damit wandte er
sich um.

Bestürzt blieb Ludwig zurück; er glaubte sich verloren. Aber was half
es? Bis zum andern Morgen mußten die Gedanken über die Einsamkeit
herbeigeschafft werden. Voll verzweifelten Muthes legte er allein
Hand ans Werk. Die Angst entfesselte seine Kräfte, er überließ sich
den Bildern seiner Phantasie, und die steife Abhandlung gestaltete
sich unwillkürlich zu einer kleinen Erzählung. Er schilderte einen
Edelmann, der sich im Winter auf sein neugekauftes Landgut begibt, und
in der erstarrten Natur in tiefer Abgeschiedenheit lebt. Der Frühling
erwacht und verleiht der Einsamkeit hellere Farben und heitere Züge,
und glücklich im Genusse einer friedlichen Natur durchlebt jener Mann
auf seiner Scholle Sommer und Herbst. In diesen Naturbildern waren
die Gedanken über die Einsamkeit lebendig geworden. Mit Zittern sah
Ludwig dem Urtheile entgegen. Die Verdammung seines Machwerks stand
ihm als unausweichliches Verhängniß fest. Endlich erschien die schwere
Stunde. Seine Arbeit wurde für die Letzt verspart; offenbar sollte ein
abschreckendes Beispiel für alle Schwachmatiker aufgestellt werden. Mit
steigendem Herzklopfen vernahm er endlich die Worte des Lehrers: „Ich
habe hier noch eine Arbeit von ganz besonderer Art.“ Er war auf das
Schrecklichste gefaßt. Doch wie staunte er, als er seine Erzählung über
alles Erwarten gut, ja musterhaft nennen hörte. Eine schwere Last fiel
von seinem Herzen; er war vor sich selbst gerechtfertigt.

Jetzt verwandelte sich die kindische Zaghaftigkeit in spielende
Keckheit und Uebermuth. Mit der kühnen Sicherheit des Gelingens war
er in jedem Augenblick bereit, was er irgend dachte und fühlte auf
das Papier zu werfen. Seine Gabe phantasievoller Auffassung und
Darstellung fand Anerkennung, und bald wurde er der allgemeine Helfer
in der Noth. In den tausendfachen Aengsten und Plagen der Aufsätze und
freien Reden sollte er helfen, rathen, Pläne und Entwürfe, ja ganze
Abhandlungen und Reden machen. Selten ließ er sich lange bitten. Zu
seiner Gutmüthigkeit gesellte sich die übermüthige Lust, die Lehrer
irrezuführen und in immer neuer Gestalt vor ihnen zu erscheinen. In
Zwischenminuten und Freistunden war er bereit, seine Gedanken frischweg
niederzuschreiben für Andere, denen schon die Zumuthung, überhaupt
Gedanken haben zu sollen, schmerzliches Kopfweh verursachte. In Zeiten
dringender Noth lernte der Tagesredner in der Nacht vorher Seite für
Seite auswendig, was soeben aus Ludwig’s Feder geflossen war, und
hatte dann wol, wenn er im entscheidenden Augenblicke vor Gedike’s
Richterstuhl stand und die Versammlung feierlich anreden sollte, Alles
vergessen, was er seinem harten Kopfe mit Mühe aufgenöthigt hatte.

Zuweilen spielte Ludwig selbst die schadenfrohe Rolle des Zufalls.
In eine Schulrede, die er ebenfalls für einen minder schlagfertigen
Genossen gearbeitet hatte, ließ er einen starken Anachronismus
einfließen. Zu allgemeinstem Beifalle wurde die Rede gehalten. Der
Richter erklärte sich befriedigt; die Schüler wurden aufgefordert,
ihre Einwürfe vorzutragen. Von jenem Anachronismus war keine Rede.
Mit vollster Anerkennung der trefflichen Rede erlaubte sich Ludwig,
bescheiden darauf hinzudeuten. Unwillig wies ihn Gedike zurück. „Ich
habe den Anachronismus auch bemerkt, aber bei solchen Leistungen hängt
man sich nicht an Kleinigkeiten. Tieck mag erst eine solche Rede
halten, dann kann er sie so kritisiren!“ Mit schweigender Ironie gab
Ludwig zu, er freilich könne eine solche Rede nicht zu Stande bringen.

Solche Aeußerungen und manches kecke Urtheil, welches er sich über
die Gegenstände des Unterrichts erlaubte, wenn er z. B. den Virgil
für einen Manieristen erklärte, brachte ihn mit der Zeit in den Ruf
eines eigensinnigen Sonderlings, der ein Gelüste habe, die Lehrer zu
durchkreuzen und durch wunderliche Meinungen irrezuführen. In vielen
Fällen hielt man für Eitelkeit, was nur eine unbewußte Kundgebung der
eigensten Natur war, die man nicht zu fassen wußte. Spielend hatte er
sich die Masse stofflichen Wissens angeeignet, die den minder Fähigen
nach einem folgerechten Lehrgange beigebracht werden mußte. Dieser aber
langweilte und ärgerte ihn. Es war ihm verdrießlich, zu sehen, wie die
große Mehrzahl seiner Schulgenossen die Worte des Lehrers so lange
nachsprachen, bis sie den Sinn derselben begriffen zu haben wähnten.
Noch ärgerlicher waren ihm die Begabteren, welche mit Beflissenheit
ihre eigene Ueberzeugung verbargen, um sich durch ein gläubiges
Annehmen der Lehrsätze in Gunst zu setzen. Jenes schien ihm einfältig,
dieses verächtlich. Auf keine Weise aber konnte er sich selbst dem
hergebrachten Verfahren anbequemen. Er hielt es für äußerlich,
geistlos, ja tyrannisch. Nicht nach einem allgemeinen stehenden
Grundrisse können Leben und Bildung mitgetheilt werden, nur aus der
innersten Natur des Einzelnen gehen sie hervor. An sich selbst muß der
Mensch die Dinge erleben, an sich selbst ihr Wesen und ihre Einwirkung
erfahren, sie zu seinem Eigenthume machen. Nur was man innerlich erlebt
hat, lernt und weiß man in Wahrheit; dies allein steht fest für alle
Zeiten und führt zur rechten Bildung. Leeres Nachbeten kann nur eine
erheuchelte, falsche Bildung geben, welche den Geist ertödtet, während
sie ihn zu wecken vorgibt.

Diese und ähnliche Gedanken bildeten sich bei ihm zu einer immer
klarern Ueberzeugung aus. Freilich galt dies bald für ketzerisch, und
mußte einer Schulweisheit gegenüber doppelt anstößig sein, die in ihrem
Aufklärungsstolze meinte, das Geheimniß der Bildung entdeckt zu haben,
und durch unfehlbare Mittel dazu zwingen wollte.

Aber er besaß für die Schwächen der Lehrer ein schärferes Auge
als seine Mitschüler. Schnell faßte er sie auf und in vorwitzigem
Humor spielte er mit ihnen. Schon war ihm der Herr Rath keine über
allem Zweifel stehende Macht mehr. Gedike’s hochgespannte Würde,
sein steifer Ernst, dessen die kleinen menschlichen Schwächen zu
spotten schienen, machte einen komischen Eindruck auf ihn. Mit seinem
dichterischen Geschmacke und ästhetischen Urtheilen war er längst nicht
mehr einverstanden. Es ging ihm in der Schule wie mit den Ansichten
seines Vaters. Oft wurde das wahrhaft dichterisch Empfundene und
Ausgesprochene gewöhnlich gescholten, um das in der That Gewöhnliche
für Poesie zu erklären. Bei dem Lesen der griechischen Tragiker wollte
ihm weder aus den allgemeinern Versicherungen und Anpreisungen der
edeln Simplicität der Alten, und noch weniger aus der trockenen Weise,
in der man sie behandelte, ihre Größe und Erhabenheit einleuchten.
Stets hörte er in unbedingtem Tone davon reden, und doch wußte man
nicht anschaulich oder fühlbar zu machen, worin diese eigentlich
bestehe. Denn einzelne schöne Züge, die ihn wirklich tief ergriffen,
wollte man als solche nicht anerkennen, oder schien sie nicht
hinreichend zu würdigen.

In diesem Sinne trat er einmal als Vertheidiger des Aeschylus gegen
Gedike’s ästhetische Kritik auf. Man las den „Gefesselten Prometheus“.
Es wurde jener Monolog besprochen, in dem der gefesselte Titan
den heiligen Aether, die Winde und Ströme und das ruhelose Lachen
der Meereswellen zu Zeugen seines Leidens anruft. Gedike schloß
die Erklärung damit ab, daß diese Anrufung des lachenden Meeres
undichterisch, ja geschmacklos sei. Ludwig wollte darin gerade im
Gegentheil eine dichterische, tiefe Naturanschauung eines großen
Geistes finden, und wies zugleich auf die sinnlich anschauliche Malerei
hin, die in diesem Verse liege. Abermals unterbrach ihn Gedike mit den
Worten: „Unser Tieck will Alles besser wissen, selbst als die gelehrten
Commentatoren. Er muß immer etwas Apartes haben!“

Tiefer, bis zum Gefühle schmerzlichster Kränkung empfand Ludwig andere
Misverständnisse, die er umsoweniger begreifen konnte, als er in bester
Ueberzeugung seine innersten Gedanken ausgesprochen hatte.

Einer der beliebtesten Lehrer war der Conrector Weißer. Der einfache,
natürliche Ton, den er anschlug, die ungezwungene Freundlichkeit, mit
welcher er auf die Gedanken der Schüler einging und ihr Herz zu öffnen
wußte, wirkte auf diese wohlthuend und gewinnend, während Gedike’s
befehlende Strenge sie auf ihre Grenzen zurückwies. Ursprünglich
Theolog, war er ein entschiedener Anhänger der Aufklärung, und stand
wegen seines Rationalismus bei manchen Amtsgenossen, auch bei Gedike
selbst, nicht im besten Ansehen. Einst hatte er in den deutschen
Stunden den Tod des Sokrates zu schildern aufgegeben. Ludwig hatte
die Aufgabe in dichterisch darstellender Weise gelöst, und sie
zugleich für eine Verherrlichung der griechischen Heroenmythen
benutzt. In dem kindlichen und phantasievollen Glauben an ein hohes,
gewaltiges Heldengeschlecht, das, wenn auch menschlich geboren und
leidend, dennoch in die Götterwelt einzutreten vermag, schien ihm in
dichterischem Sinnbilde die Vermittelung zwischen Gott und Mensch
angedeutet zu sein. Tiefsinnig hatte der griechische Volksglaube die
Nothwendigkeit einer solchen Vermittelung geahnt, während der nüchterne
Verstand diese Kluft als eine nicht auszufüllende ansah. Aehnliche
Ansichten hatte Ludwig seinem sterbenden Sokrates in den Mund gelegt,
und ihn zu jenem Volksglauben sich bekennen lassen.

Weißer war über die Reife und Durchbildung, welche aus dieser
Abhandlung sprach, nicht wenig erstaunt. Er erkannte den werdenden
Dichter darin, und glaubte sie Gedike mittheilen zu müssen. Dieser
wollte sie indeß keineswegs loben und, vielleicht gerade auf Grund
jener Empfehlung, sonderbarerweise Spuren des Atheismus darin finden.
Bald darauf geschah es, daß Ludwig in einer Lehrstunde, in welcher
Gedike mit den Schülern den Plutarch las, zum Erklären des Textes
aufgefordert wurde und dabei ziemlich schlecht bestand. Der Schluß
der Stunde befreite ihn endlich aus der peinlichen Lage, und Gedike
endete seine eindringliche Strafrede mit den Worten: „Nun, wer
nicht an Gott glaubt, braucht sich ja auch auf den Plutarch nicht
vorzubereiten!“ Dieser Vorwurf, bei dieser Gelegenheit gemacht, wirkte
auf Ludwig vernichtend. Seine tiefste Ueberzeugung fühlte er in der
ungerechtesten Weise verkannt, und der schneidende Hohn, der sich
beigesellte, verletzte ihn bis zur Empörung. Er brach in heftiges
Weinen aus. Theilnehmend sprachen ihm die Mitschüler zu, ohne seine
leidenschaftliche Bewegung zu begreifen. Endlich sagte er: „Ihr
versteht mich nicht! Die persönliche Kränkung, die mir widerfahren ist,
könnte ich verschmerzen; daß aber eine solche Roheit möglich sei, habe
ich nicht geglaubt.“

Wie auch immer Anerkennung und Misverständniß, Erfolg und Kränkung
miteinander wechseln mochten, darin mußten am Ende alle, auch die
ungünstigsten Stimmen sich vereinen, daß, wenn Ludwig auch schwer zu
leiten sein mochte, man doch ein seltenes, mit sich selbst ringendes
Talent vor sich habe, welches seinen Weg suche, und für die Zukunft
Großes zu versprechen scheine. Gewiß, wenn irgend Einer den Namen eines
hoffnungsvollen jungen Menschen verdiente, den man sonst mit einem
gewissen Nachdruck nur sogenannten wohlgesitteten Schülern zu ertheilen
pflegte, so war es der funfzehnjährige Ludwig Tieck.

Ein hoffnungsvoller junger Mensch gehörte nicht mehr der Schulstube
allein an. Auch das gesellige Leben machte Ansprüche an ihn. Man
verlangte nicht allein Kenntnisse, er sollte sie geltend machen können.
Er sollte mit Menschen verkehren, gesellschaftliche Kreise betreten,
eine Unterhaltung in artigen Wendungen führen, durch gesellige Künste
das Seine zur allgemeinen Heiterkeit beitragen, und allen diesen
Anforderungen in sichern und zierlichen Formen genügen können. Mit
einem Worte, der hoffnungsvolle junge Mensch sollte in die Welt
eintreten. Dazu war aber Ausbildung geselliger Eigenschaften, und
körperliche Haltung und Gewandtheit unerläßlich.

Auch darauf war der sorgsame und verständige Vater bedacht. Eines
Tages fragte er: „Nun, Ludwig, hast du nicht Lust, Musik zu lernen?“
Für einen hoffnungsvollen jungen Menschen war das zuerst nöthig. In
der Frage des Vaters schien sich die Aussicht auf Abwechselung, eine
angenehme Unterhaltung und manche neue Erfahrung darzubieten. Ohne
weiter zu wissen, worauf es ankomme, antwortete er, mit der Geige möge
er wol einen Versuch machen. Gesagt, gethan. Ein Musikmeister erschien
bald darauf; der Unterricht nahm seinen Anfang. Es war ein guter,
stiller und in seiner Kunst sehr tüchtiger Mann, aber der Weg, welchen
er einschlug, war der sonderbarste. Sei es, daß er die Langeweile des
musikalischen A-b-c scheute, oder daß er eine ungemessene Vorstellung
von der Fähigkeit seines Schülers hatte, ohne ihn über Werth und
Bedeutung der Noten aufzuklären, legte er ihm in einer der ersten
Stunden die bekannte Melodie: „Blühe, liebes Veilchen!“ vor. Er selbst
spielte sie so lange ab, bis Ludwig sie mit dem Gehör aufgefaßt hatte
und leidlich nachzuspielen vermochte. Mit einigen Griffen, die er
nothdürftig erlernt hatte, sollte er sich nun weiterhelfen. Sogleich
ging man zu schwerern Stücken über. Da es ihm an allem Verständniß
fehlte, auch sein Gehör keineswegs sicher war, so lahmte der Unterricht
bald in der kläglichsten Weise. Die Uebungen, das ihm ganz räthselhafte
Notenschreiben setzte seine Geduld auf eine harte Probe; das Instrument
selbst ward ihm verhaßt. Die dabei nothwendige Haltung des Kopfes kam
ihm abgeschmackt vor, die sägende Bewegung der Hand lächerlich, der
schrillende Ton der Geige, seinem Ohre so nahe, schnitt ihm durch
Mark und Bein. Unwillkürlich verzog er bei gewissen Tönen den Mund
grimassenhaft, die sonderbarsten Gesichtsverzerrungen wurden ihm zur
Gewohnheit. An eine Beendigung dieser musikalischen Leiden war nicht zu
denken, die Kunstübungen waren einmal begonnen, streng mußten sie daher
nach dem Willen des Vaters durchgeführt und erduldet werden.

Eines Sonntags, ein Tag, den der Vater durch allerlei häusliche
Untersuchungen auszuzeichnen pflegte, wollte er sich auch von den
Fortschritten seines Sohnes in der Musik überzeugen. Ludwig sollte
vorspielen. Im guten Glauben an das, was er im Schweiße seines
Angesichts gelernt hatte, trug er einige beliebte Melodien vor, mit
denen er sich am besten abzufinden meinte. Schweigend hatte der
Vater zugehört, endlich sagte er: „Mein Sohn, du hast in der That
Fortschritte gemacht; freilich nicht im Violinspielen, aber doch im
Gesichterschneiden. Wo in aller Welt hast du diese abgeschmackten
Fratzen her?“ Zuletzt behauptete er gar, in Folge dieser heillosen
Musik heftige Zahnschmerzen bekommen zu haben.

Ludwig hatte sich durch sein Kratzen auf der Geige auch dem Ohre der
übrigen Hausbewohner bemerklich gemacht, und bald galt er für einen
Violinvirtuosen. In dem obern Stockwerke wohnte der Stadtsecretär
Laspeyres, dessen aufwachsende hübsche Tochter als Hausgenossin auch
seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sonntags pflegte sie Besuche einiger
jungen Freundinnen zu empfangen, und so erging einmal die Bitte,
ob Monsieur Tieck nicht die Güte haben wollte, mit seiner Violine
heraufzukommen. Da der Geburtstag der Mademoiselle sei, wünschten
die jungen Damen ein Tänzchen zu machen. Gern folgte er dieser
schmeichelhaften Einladung.

Die Mutter empfing ihn mit Entschuldigungen und artigen Worten über
sein Spiel. Bei diesen hohen Erwartungen wurde ihm schon unheimlich
zu Muthe. Mehr noch, als er in vollem Lichterglanze, in dem Kreise
der jungen, zierlichen Damen stand, die ihn über sein Spiel, welche
Tänze er vorzutragen wisse, auszufragen anfingen. Zagend setzte er
seine Geige an, und unter obligatem Gesichterschneiden begann er seine
Tänze abzuspielen. Man fand die Manier des jungen Künstlers höchst
eigenthümlich. Ohne Takt haspelte er seine Stücke ab, nichts wollte
passen. Man wunderte sich, man kicherte, unwillig mußte man den eben
begonnenen Tanz aufgeben; er endete mit der vollsten Verwirrung.
Endlich dankte man Ludwig für seine Bemühungen und bat ihn, sie
einzustellen. Voll Zorn über diese Demüthigung, die ihn in einem so
anmuthigen Damenkreise treffen mußte, die Geige und seinen Meister
verwünschend, zog er sich still und ohne Geräusch zurück.

Von diesen musikalischen Leiden befreite ihn erst eine spätere Zeit.
Er mußte die Schule zweier Meister durchmachen, obgleich es dem Vater
nicht entgehen konnte, daß es dem begabten Sohne an jedem Berufe
für die Ausübung der Musik und, bisjetzt wenigstens, auch an dem
äußern Sinne für dieselbe fehlte. Besser ging es in der ebenfalls
unerläßlichen Tanzstunde, in der Haltung und Anstand gelehrt werden
sollte. Der Tanzmeister führte Ludwig sogar als einen seiner besten
Scholaren vor, wenngleich dieser auch hier das Plagen mit dem Takte
unerträglich fand, und die Musik eher für die Feindin als die
Begleiterin des Tanzes halten wollte.

Neben diesen gefälligen Künsten kamen die ritterlichen an die Reihe.
An die Stelle knabenhafter Raufereien trat auch hier der Unterricht.
Ludwig war gesund, kräftig, hoch aufgeschossen. In den sanften,
ja weichen Zügen seines Gesichts würde man weder die bedeutende
Körperkraft, die er besaß, noch den aufflammenden Muth gesucht haben,
mit dem er sie zu Zeiten zur Anwendung brachte. Zuerst leitete ihn das
Vergnügen an der Ausbildung seiner Kräfte, dann die bestimmte Absicht,
auch in diesen Künsten sich frei und sicher zu bewegen.

Frühzeitig hatte er seine erste Ritterprobe nicht ohne Gefahr
bestanden. Auch darin hatte der Vater einen freiern Sinn, daß er
hin und wieder einen Philistergaul bestieg, um Ausflüge und kleine
Geschäftsreisen in der Umgegend Berlins zu machen. Eines Abends war
Ludwig hinausgegangen, den Vater, der mit einem andern Meister von
einem benachbarten Städtchen zurückkehrte, am Brandenburger Thore zu
erwarten. Zur bestimmten Stunde trafen die beiden Reiter ein. Der
Vater stieg von seinem Gaul ab, und da ängstliche Sorge nicht seine
Sache war, forderte er den Sohn auf, sich auch im Sattel zu versuchen.
Dieser ließ sich das nicht zwei mal sagen, schwang sich kecklich auf,
und ohne die nöthigen Anweisungen abzuwarten, begann er das Pferd
übermüthig in die Weichen zu stoßen. Der Gaul warf sich mit einem
gewaltigen Sprunge herum, in weitem Bogen flog Ludwig’s Hut auf die
Erde, und das scheue Thier jagte auf dem Wege nach Charlottenburg an
Wagen und Spaziergängern in gestrecktem Laufe vorüber. „Wohin so eilig,
junger Herr?“ rief man dem verwegenen Reiter aus einem Wagen zu, an
dem er hinstreifte. „Das weiß Gott allein!“ rief er zurück. Endlich
auf dem Platze bei den Puppen, wie ihn die Volkssprache wegen der dort
aufgestellten Bildsäulen nannte, gelang es einigen hülfreichen Händen,
des Thieres Herr zu werden.

Athemlos vor Angst und Eile, keuchten jetzt auch die beiden Meister
heran. So rasch als es ihre stattliche Leibesfülle erlaubte, waren
sie dem jungen Heißsporn gefolgt. Unsanft riß ihn der Vater vom Gaule
herab mit seiner beliebten Anrede: „Du bist und bleibst doch ein dummer
Junge! Wie unbesonnen war es, das Pferd so zu reizen! Es konnte dir das
Leben kosten!“ Nach diesen ersten wenig ermuthigenden Erfahrungen wurde
Ludwig später ein eifriger Kunde der berliner Pferdeverleiher, und bald
galt er für einen kühnen und sichern Reiter.

Einige Zeit darauf machte er eine Bekanntschaft, die ihm bei allen
Uebungen dieser Art trefflich zu Statten kam, ihm aber auch zugleich
einen überraschenden Blick in die tiefern Schatten des Lebens
eröffnete. In der Nachbarschaft des Vaterhauses lag ein Soldat von
einem der berliner Grenadierregimenter im Quartier. Ludwig hatte ihn
häufig an der Thür vorübergehen sehen, und das blasse ausdrucksvolle
Gesicht war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Die größere
Sauberkeit der Uniform, die ganze Haltung verrieth einen Menschen,
der offenbar weit über der großen Masse gewöhnlicher Soldaten stand.
Weitere Nachforschungen ergaben, es sei ein Gemeiner, der sogenannte
Freidienste thue, was schon auf bessere Verhältnisse schließen ließ.

Bei der nächsten günstigen Gelegenheit knüpfte Ludwig ein Gespräch mit
dem Grenadier an. Er hieß Daschieri und stammte aus einer gebildeten
Familie in Modena. Mit Gewandtheit, geselliger Bildung und manchen
Kenntnissen ausgestattet, hatte er als junger Mann den abenteuernden
Cavalier gespielt, sich an Badeörtern und Spielbanken aufgehalten,
und war schließlich in allerlei ärgerliche Händel verwickelt worden.
Ohne Mittel, von Gläubigern verfolgt, fiel er in Strasburg preußischen
Werbern in die Hände. Man hatte ihm die Möglichkeit vorgespiegelt, in
kurzer Zeit Offizier zu werden, er hatte Handgeld genommen, und war auf
das preußische Gebiet abgeführt worden. Jetzt begann die Enttäuschung.
Als Gemeiner wurde er in ein Grenadierregiment in Berlin eingereiht,
und zu einer Capitulation von sieben Jahren genöthigt. Nun erst war er
völlig unglücklich, in einem fremden Lande, abgeschnitten von jeder
Verbindung mit den Seinen. Bei einer gewissen Bildung an einen Haufen
Menschen gefesselt, der zum Theil der Auswurf der verschiedensten
Länder war, körperlichen Anstrengungen und den Mishandlungen roher
Unteroffiziere preisgegeben, verfiel er in einen verzehrenden Gram.
Aber alles Streuben gegen die eiserne Strenge der Zucht konnte seine
Lage nur verschlimmern; er mußte seinen Nacken beugen. Da er sich
pünktlich im Dienste, und außerdem still, ordentlich und gewandt
zeigte, auch durch kleine Nebenverdienste im Besitz einiges Geldes war,
so behandelte man ihn als einen Soldaten besserer Art, und ließ ihm
einige Erleichterungen zu Theil werden. Nach Ablauf der Capitulation
hoffte er seiner Dienste entlassen zu werden, aber halb mit
Ueberredung, halb mit Gewalt hatte man ihn genöthigt sie zu erneuern.

In diesen aufreibenden Leiden fand Daschieri unerwartet in seinem
jungen Nachbarn einen warmen und ergebenen Freund, der ihm mit dem
vollen Gefühle der Theilnahme entgegenkam. Konnte er von ihm auch keine
Hülfe erwarten, so war es doch eine große Erleichterung, in stillen
Freistunden sein Herz ausschütten zu dürfen, denn auch Klagen waren
streng untersagt, und er hatte doch soviel zu klagen, wie er aus
Furcht vor Desertion auf Schritt und Tritt belauert werde, ja nicht
einmal nach Hause schreiben dürfe. In minder trüben Stunden wußte er
auch manches Anziehende von Ländern und Menschen zu erzählen. Immer
vertraulicher verkehrte Ludwig mit dem eigenthümlichen Manne, und
beschloß endlich, in den mancherlei nützlichen Künsten, in denen er
bewandert war, sein Schüler zu werden. Er lernte die Anfangsgründe des
Italienischen von ihm und kam bald so weit, den Tasso lesen zu können.
Da sein Lehrer kein ungeschickter Flötenbläser war, so wurde er zu
neuen musikalischen Versuchen angeregt, und griff selbst zur Flöte.
Mit aller Lust des Jünglings aber ließ er sich in das Waffenhandwerk
einweihen. Er lernte das Stichrappier führen, das ihm eine edlere und
zierlichere Waffe schien als der Hieber, und ließ sich auch in andern
militärischen Handgriffen unterweisen. Dafür wurde dem Lehrer im
älterlichem Hause manche Unterstützung und Erleichterung zu Theil.

Endlich war Daschieri’s Capitulation abermals abgelaufen. Jetzt hoffte
er befreit zu werden, doch sein Capitän war anderer Meinung. Es kam
zwischen Beiden zu einem heftigen Wortwechsel, und Daschieri wurde
wegen Widersetzlichkeit zu einer bedeutenden Anzahl von Fuchtelhieben
verurtheilt. Er erlag unter der Klinge des Unteroffiziers, und wurde
halbtodt in das Lazareth gebracht, wo er heftig erkrankte. Ludwig
und der Vater waren von diesem neuen Misgeschick tief ergriffen.
Soweit es erlaubt war, suchte man die Lage des Unglücklichen zu
erleichtern. Ludwig besuchte ihn und saß tröstend und unterhaltend an
seinem Bette. Endlich hörte auch dies auf. Daschieri verfiel in eine
Frieselkrankheit; bald darauf starb er.

Es war ein Ereigniß, welches Ludwig auf das tiefste erschütterte. Was
er hier als unmittelbarer Zeuge gehört, gesehen, erlebt hatte, warf
einen breiten, dunkeln Schatten auf sein so empfängliches Gemüth,
auf seine rege Phantasie, auf das Leben selbst. Solche Erfahrungen
dienten dazu, in seiner Seele schwermüthige Betrachtungen vollends
heraufzuführen, die wie ferne Gewitterwolken am Himmel des Jugendlebens
hingen. Wie verhaßt erschien ihm jetzt das Soldatenwesen, dessen
glänzende Außenseite er bisher knabenhaft angestaunt hatte; wie
tyrannisch diese eiserne Ordnung, die jeden Willen mit unerbittlicher
Strenge zerbrach; wie todt und nüchtern dieses tägliche Herumdrehen im
Kreise einförmiger Thätigkeit! Wie hatte er sich dagegen gewöhnt, in
freiester Ungebundenheit nach Laune und Willkür sich zu bewegen, nur
auf Das zu horchen, was sein Genius ihm zuflüsterte, nur die Bilder zu
sehen, die seine Phantasie ihm vorzauberte.

Manche andere Erlebnisse steigerten noch diesen Widerwillen. Wenn
er in der Abendstunde die Stadt verlassen wollte, hatte man ihn am
Thore angehalten und genöthigt, sich auszuweisen. Man sah in dem
schlanken Primaner einen jugendlichen Rekruten, der in Civilkleidern
desertiren wolle. Beleidigend wurden für ihn die übermüthigen Reden
junger Offiziere, mit denen er bisweilen in dem Italienerladen von Sala
Unter den Linden zusammentraf. Da hieß es in den Stunden der Parade:
„Die Kerle draußen haben lange genug Ruhe gehabt; wir wollen ihnen
mit der Fuchtel Motion machen.“ Alle diese Erfahrungen ließen einen
tiefen Eindruck für Ludwig’s Leben zurück. Niemals hat er sich mit dem
militärischen Wesen auszusöhnen vermocht.



6. Jugendgefährten.


Es war eine schöne, ahnungsvolle Zeit, als der Knabe zum Jüngling ward.
Noch sah er halb träumerisch in das Leben hinein, das vor ihm lag wie
eine Morgenlandschaft, über welcher die Sonne golden und funkelnd
aufgegangen ist. Durch die zerreißenden Nebelschleier öffneten sich
helle Blicke in die Tiefen der Ferne, und die fremdartigen Schatten
der Wolkenstreifen, welche in wechselnden Lichtern und Farben darüber
hingleiten, lassen sie noch wunderbarer und lockender erscheinen.
Indem sich das Knabenauge diesem Anblicke erschloß, war er selbst
ein Anderer geworden. Wie regten sich seine geheimsten Kräfte, und
die Quellen seiner Gefühle und Phantasien drängten sprudelnd zu Tage
empor. Tausendfach stiegen unbekannte Gedanken und Empfindungen in
ihm auf; Sehnsucht und Zuversicht, Zweifel und Hoffnung, Trauer und
Freude durchkreuzten sich in seiner Seele. Er war wie ein junger Baum,
über den der erste warme Frühlingshauch hingeht, und dessen gährender
Saft sich durch alle Adern und Zweige ergießt und zu vollen Knospen
emporschwillt.

Sein Herz war zum Ueberfließen voll. Er hatte soviel zu sagen von
seinen Träumen und Ahnungen, von seinen Gefühlen, die ihn selig machten
und ängstigten zugleich. Er dürstete nach Freundschaft. Mit der Kraft
leidenschaftlichen Wollens suchte er ein Herz, in welches er das seine
ganz ausschütten könne. Vor dem strengen Vater zitterte er, seine
Geschwister sahen zu ihm hinauf, und fremd standen ihm seine Lehrer
gegenüber. Sie Alle dachten, fühlten anders als er. Er wollte ein
Herz, das mit dem seinen in gleichem Pulse schlage, das ihn verstehe,
das seiner Liebe und Freundschaft ausschließlich lebe, das er sein
Eigenthum nennen könne.

Schon früher war Ludwig auf einen seiner Mitschüler aufmerksam
geworden, der um diese Zeit einen ihm selbst räthselhaft anziehenden
Eindruck auf ihn machte. Dies war Friedrich Heinrich Bothe aus Berlin,
eben jener, welchem er die Bekanntschaft mit Holberg’s Lustspielen
verdankte. Mit Eifer und Erfolg hatte sich Bothe auf das Studium der
alten Sprachen und Literatur geworfen; schon damals nahm er, dem
Anstoße Gedike’s folgend, eine philologische Richtung. Er war fähig und
nicht ohne Geschmack und Sinn für die sprachliche Seite der Poesie;
den Versuchen, welche er gemacht hatte, fehlte die Anerkennung der
Lehrer nicht. Auch besaß er ein angenehmes Aeußere. Aber das Bewußtsein
seines Strebens und der Ernst, mit welchem er zu Werke ging, gab ihm
eine etwas steife Haltung, und nicht ohne Altklugheit fand er die
männliche Würde in einem kalten, abgemessenen Wesen. Ludwig, stets
leidenschaftlich bewegt, war unendlich verschieden von ihm. Aber gerade
auf ihn fiel der vollste und heißeste Strahl seiner Freundschaft. Er
sah die natürlichen Einseitigkeiten dieses Geistes nicht, und ohne es
zu ahnen, stattete er ihn mit allen Vorzügen eines Ideals aus, welches
ihm seine eigene dichtende Phantasie vorgebildet hatte. Bothe war in
seinen Augen der begabteste, liebenswürdigste Jüngling; nur er war
würdig, ihm seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, nur er sollte
und durfte sein Freund sein.

Mit überschwänglichem Gefühlssturm hatte er dem Auserwählten das
innige „Du“ angetragen, welches den Seelenbund besiegeln sollte. Doch
wie bestürzt war er, als Bothe den schwärmerischen Antrag mit der
kühlsten Ruhe aufnahm, zuerst ausweichend antwortete und ihn endlich
geradezu ablehnte. Er begriff diese verzehrende Glut nicht, welche
sich plötzlich auf ihn warf, denn er fand bei sich selbst nichts, was
jenen Gefühlen entsprochen hätte. Er verstand die tiefe Natur nicht,
der es ein Bedürfniß war, von ihren Schätzen mitzutheilen, und endete
damit, Ludwig’s Benehmen sonderbar und unerklärlich zu finden. Diese
Entdeckungen machten Ludwig in einem hohen Grade unglücklich. Er hatte
nicht anders denken können, als so stürmische Liebe müsse Erwiderung
finden, jener müsse sich ebenso sympathetisch bewegt fühlen. Er begann
an sich selbst irre zu werden, und doch zog es ihn mit der Gewalt eines
geheimen Zaubers zu seinem spröden Gefährten hin. Aber je dringender
er ward, desto kälter, abweisender zeigte sich jener. Ein brennend
heißer Schmerz durchbohrte seine Seele. Er sah sich verkannt, das
Beste, was er geben konnte, verschmäht. Eine bittere Selbstverachtung
bemächtigte sich seiner. Wie niedrig mußte er nicht stehen, wenn ein
so hochbegabter Jüngling ihn mit voller Absicht verwerfen konnte!
Die leidenschaftlichsten Auftritte erfolgten. Schmerz, Zorn, Wuth
arbeiteten in seiner Seele. Oft brach er in Thränen aus, er bat,
flehte, beschwor. Umsonst! Jener blieb altklug, kalt und verschlossen.

Zwar wurde der literarische Verkehr nicht abgebrochen, ja sogar zu
Spaziergängen und kleinen Wanderungen ließ sich der Gefährte bereit
finden, aber überall blieb er sich gleich. Ein längeres Beisammensein
machte ihn nicht vertraulicher, und manche Entbehrungen und Abenteuer,
die sie miteinander theilten, öffneten sein Herz nicht. In den Ferien
pflegte Ludwig seine mütterlichen Verwandten zu besuchen. Ein Bruder
seiner Mutter war Schmiedemeister in Golzow bei Brandenburg, und
auch in Lehnin hatte man Freunde und Bekannte. Auf einer solchen
Ferienreise geschah es, daß die Gefährten sich in den Haiden hinter
Potsdam verirrten. Sie glaubten im heimischen Sande verschmachten zu
müssen, bis sie nach manchen Irrfahrten nach Potsdam zurückkamen, von
wo sie ausgegangen waren.

Endlich mußte sich Ludwig mit Schmerzen überzeugen, sein stürmisches
Liebeswerben sei vergeblich. Er verfiel in Trübsinn, in Schwermuth. Er,
sonst so frisch und heiter, ward finster, wortkarg und gleichgültig
gegen das Zureden der Aeltern und Geschwister; sein sonst so offener
Sinn schien für die Außenwelt verschlossen. Neue heftige Ausbrüche
der Leidenschaft rissen ihn aus dieser Abspannung empor, um ihn
dann nur tiefer versinken zu lassen. In gewohnter Weise hatte er
den feindseligen Freund eines Nachmittags auf dem Heimwege aus der
Schule begleitet. Abermals hatte er ihn mit vergeblichen Bitten
bestürmt. Da ergriff ihn eine verzweifelte Wuth; er war sich selbst
zur Last, zum Ueberdrusse. In diesem Augenblick gingen sie über die
Gertraudtenbrücke. Ludwig durchzuckte ein Gedanke. Er wollte das
verhaßte Leben von sich werfen, sich vor den Augen des Freundes in
das Wasser stürzen. Sein Tod sollte das felsenharte Herz rühren und
ihn überzeugen, wie sehr er ihn geliebt habe. Er trat an den Rand
der Brücke, und verzweifelt und kindisch zugleich stieß er einen
schweren Stein, welcher dort als Brückenbeschwerer lag, in den Fluß.
Mit großem Geräusch stürzte der Stein hinab. Aber ohne den Kopf zu
wenden, ging der Andere seines Wegs weiter. Ludwig’s Zorn über diese
neue Härte steigerte sich zum Ingrimm. Er stürzte dem Freunde nach
und ereilte ihn auf dem Dönhoffsplatze. Die Stimme versagte ihm vor
innerer Bewegung. Endlich rief er: „So, jetzt habe ich Sie erkannt! Ist
das auch nur menschlich gehandelt? Was würden Sie denn gethan haben,
wenn ich mich nun wirklich in das Wasser gestürzt hätte?“ „Ich würde
Sie unaussprechlich verachtet haben“, erwiderte jener ruhig. Ludwig
verstummte, und ging weinend nach Hause.

Aber er täuschte sich. Er hatte keineswegs den störrischen Freund
erkannt, und noch Manches sollte er leiden, ehe er zur wirklichen
Erkenntniß kam. In seinem Zimmer hatten sich die leidenschaftlichen,
nie zu schlichtenden Kämpfe zwischen dichterischer Täuschung und
altkluger Verständigkeit wiederholt. Erschöpft war er endlich auf
das Bett gesunken, und während Bothe gleichgültig neben demselben
saß, in einen tiefen Schlaf verfallen. Diesen Augenblick benutzte der
Ungetreue, um sich in der Stille zu entfernen. Als Ludwig nach einiger
Zeit erwachte, und sich auch um den Abschied betrogen sah, packte
ihn eine wildere Wuth als jemals. In einer Art von Raserei sprang er
empor, er schlug um sich, er zertrümmerte die Fensterscheiben, und
zerbrach was ihm unter die Hände kam. Ermattet stürzte er endlich
unter krampfhaftem Schluchzen wieder auf das Bett, und begrub sein
Gesicht in die Kissen. Mit Schrecken sah die herbeieilende Mutter die
Verwüstung, welche er angerichtet hatte. Ihr erster Gedanke war das
Strafgericht, das hereinbrechen mußte, sobald der Vater nach Hause kam.
Beschwichtigend redete sie dem Sohne zu; er ward stiller, an die Stelle
des Zorns trat die Furcht. Als der Vater zurückkehrte, hörte er den
Bericht über den sonderbaren Vorfall schweigend an. Er schalt nicht, er
strafte nicht, er hieß Ludwig zu Bette gehen und ausschlafen.

Zagend trat er am andern Morgen vor den Vater. Ohne des angerichteten
Schadens mit einem Worte zu gedenken, sagte dieser ruhig, doch mit
tiefem Ernst zu ihm: „Ich sehe, du erwartest Strafe. Auch hast du sie
hinreichend verdient, doch soll sie dir diesmal erlassen sein. Aber nun
bitte ich dich, besinne dich! Wohin ist es mit dir gekommen? Du bist
ein anderer Mensch geworden! Du zeigst dich nichtachtend gegen deine
Aeltern, vernachlässigst deine Geschwister, und bist gleichgültig gegen
unsere Liebe. Und das Alles, weil du einen Menschen mit deiner Liebe
verfolgst, der von dir nichts wissen will! Siehst du denn nicht, daß du
ihm nichts bist? Er hat kein Herz für dich, er begreift nicht einmal
deine Liebe zu ihm! Und wohin wird dich diese Leidenschaft und blinde
Wuth noch führen? Ich fürchte, sie wird einmal sehr unglücklich machen!“

So mild, so überzeugend hatte Ludwig den strengen Vater noch nicht
sprechen hören. Diesen Ton kannte er kaum an ihm. Und gerade bei dieser
Veranlassung verfehlte er seinen Eindruck am wenigsten. Er war tief
erschüttert; er fühlte die Wahrheit der väterlichen Worte, und kam
allmälig zur Besinnung. Endlich sollte er diese Bande ganz sprengen.

Wiederum hatten die Genossen eine gemeinsame Fußreise unternommen.
Soeben hatten sie Brandenburg verlassen, als Bothe plötzlich erklärte,
er müsse noch einmal dahin zurückkehren, und zwar allein. Dessen
ungeachtet trug Ludwig in dringender Weise seine Begleitung an. „Ich
kann Sie nicht brauchen“, erwiderte jener kalt, „und werde allein
gehen!“ Nochmals flammte die ganze Leidenschaft auf. Weinend und
beschwörend, ihm wenigstens Gründe für diesen unerwarteten Entschluß
anzugeben, ging er eine Zeit lang neben Bothe her. Da dieser schweigend
seinen Weg verfolgte, so riß seine Geduld, und plötzlich schien die
Liebe in Haß umzuschlagen. „So geh’ denn, dummer Junge!“ rief er
trotzig. Aber schon in demselben Augenblicke ergriff ihn Schrecken
über die Lästerung, die er auszustoßen gewagt hatte. Er wollte den
Gekränkten um Verzeihung bitten, aber dieser ging ohne auf die
Schmähung zu achten weiter. Beschämt blieb Ludwig stehen. Dann machte
er sich schmollend und trotzend allein auf den Heimweg.

Mit jenem knabenhaften Ausrufe hatte er sich befreit; er gedachte der
Worte des Vaters, der Schleier, der auf seiner Seele gelegen hatte, war
zerrissen. Er fing an zu zweifeln und zu prüfen, und endlich sah er den
harten Freund mit andern Augen an. Der verklärende Schimmer, mit dem
er ihn umgeben hatte, war verschwunden, er erschien ihm gleichgültig
und gewöhnlich, wie viele seiner Schulgefährten. Zuletzt war seine
Leidenschaft ihm selbst zum Räthsel geworden.

So war ihm gerade aus der Fülle seines Herzens das bittere Gefühl
menschlicher Schwäche bis zur Selbstverachtung entsprungen, und
seine überschwellende Seligkeit hatte ihm einen Schmerz geboren, wie
er ihn tiefer und schneidender nicht erlebt hatte. Mit den bittern
Erfahrungen, die sie mit sich brachte, hatte er sich auch Das erkauft,
die Geister prüfen und unterscheiden zu lernen.

Wie er Freundschaft da gesucht hatte, wo er sie nicht fand, so
hatten die besten unter den Schulgefährten um seine Freundschaft
geworben, aber in seiner blinden Neigung für den Einen hatte er es
nicht erwidert, ja kaum beachtet. Und er war dazu geschaffen, der
Mittelpunkt eines Freundeskreises zu werden. Voll Geist und Feuer,
aufbrausend in jugendlicher Lust und Laune bis zum Uebermuth, kühn
und sicher in seinen Urtheilen, reich an Kenntnissen, bereit zu jeder
Hülfe in Wort und That, gutmüthig, offen und hingebend, ja zu Zeiten
weich, körperlich kräftig, in seiner Gesichtsbildung schön, wie hätte
er da nicht die Aufmerksamkeit und Neigung gerade der begabtesten
unter seinen Schulgenossen sich gewinnen sollen? Mehr noch als durch
einzelne hervorstechende Eigenschaften schien er durch einen stillen
und unerklärlichen Zauber, der aus seinem ganzen Wesen sprach, mächtig
anziehend auf sie zu wirken, und so bildete sich ein Kreis von
Jugendgefährten um ihn, unter denen er mehr als einen Herzensfreund
fand.

An Geist, Talent und Streben ihm der Verwandteste, als Freund der
treueste und hingebendste war Wilhelm Heinrich Wackenroder. Er war
eines Alters mit Ludwig, wie er geboren im Jahre 1773, und gehörte
einer der angesehensten Familien Berlins an. Sein Vater, der Geheime
Kriegsrath und Justizbürgermeister Wackenroder, war ein strenger und
ehrenfester Beamter, ganz im Geiste des Zeitalters Friedrich’s des
Großen gebildet, klar, nüchtern und pflichtgetreu, umsichtig und
unermüdlich, erfüllt von dem Gedanken der Bürgertugend, und von warmer
Hingebung an den jungen, wachsenden Staat und den großen König, der ihn
geschaffen hatte. In den schweren Zeiten des Siebenjährigen Krieges,
als Berlin durch Russen und Oestreicher besetzt wurde, hatte er im
Namen der Stadt mit den feindlichen Generalen verhandelt, und später
in Stadt- und Staatsämtern durch seinen Eifer sich hervorgethan.
Mit größter Sorgfalt ließ er seinen einzigen Sohn erziehen. Zuerst
hatte er ihn durch häuslichen Unterricht bilden lassen, und dann der
anerkannten Schule seines Freundes Gedike übergeben. In der zweiten
Classe des Friedrich-Werderschen Gymnasiums war es, wo Ludwig und der
junge Wackenroder zuerst sich begegneten. Sogleich fühlte dieser sich
angezogen, und nach den schmerzlichen Erfahrungen, die er gemacht
hatte, hielt nun auch Ludwig den neugewonnenen Freund um so fester.

Wackenroder war eine ahnungsvolle, prophetische Natur. Still und
träumerisch schien er den Blick nur in die Tiefen seines Innern zu
senken, und den Sinn für die Außenwelt weder zu besitzen noch zu
vermissen. Im täglichen Verkehr war er linkisch und unbehülflich, daher
weltklügere Genossen nicht selten über ihn lächelten, und ihn mit
wohlfeiler Mühe zum Gegenstande ihres Witzes machten. Sie begriffen das
Weiche, Zarte, ja Rührende nicht, das wie ein geheimnißvoller Schleier
auf seiner ganzen Erscheinung ruhte. Es lebte in ihm der einfache,
unschuldige Kinderglaube, dem es ein unbewußtes Bedürfniß ist, sich an
Höheres hinzugeben. Um seinetwillen konnte er auch das mit dem größten
Vertrauen hinnehmen, was seiner eigenen Natur zuwider war. Darum
war nichts leichter, als ihn in gewöhnlichen Dingen zu täuschen und
irrezuführen. Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich
lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde. Aus diesen
Träumen zuckten dann Blitzen gleich tiefsinnige Auffassungen hervor;
er konnte zu Zeiten schwärmerisch scheinen. Als wenn er dunkel gefühlt
hätte, daß diese innere Welt eines äußern Gegengewichts bedürfe, wenn
er nicht ganz in ihr verloren gehen wolle, klammerte er sich ängstlich
an gewisse Ordnungen. Sobald sie ihm einmal zur Gewohnheit geworden
waren, gab er sie nicht wieder auf. Er war ein peinlich fleißiger
Schüler, und in aller Ueberschwänglichkeit hielt er mit Zähigkeit an
einer bestimmten Zeiteintheilung fest, die ihm anerzogen worden war.
Wer ihn nur in solchen Augenblicken sah, konnte ihn für nüchtern,
ja pedantisch halten. Die bürgerliche Natur des Vaters schien dann
die Oberhand zu gewinnen. Allmälig entwickelte er die glücklichsten
Anlagen. Vor allem schien die Musik sein ganzes Wesen zu durchdringen.
Ein elektrischer Stoff hatte sich hier angesammelt, der nur auf die
rechte Art der Berührung wartete, um durch seine sprühenden Funken zu
blenden.

Zwei Geister waren zusammengeführt worden, die für einander geschaffen
zu sein schienen. Beide wandten sich mit ganzer Kraft dem Leben in
der Phantasie und Dichtung zu. Aber sie waren doch darin verschieden,
daß Ludwig seine Kreise weiter zu ziehen, mehr zu umfassen strebte,
Wackenroder still beschaulich in die Tiefen des Einzelnen sich
versenkte, daß jener kritisch humoristisch, dieser glaubensvoll war,
der Eine mehr schöpferisch, der Andere mehr empfänglich. Dies führte zu
manchen Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen, die sich aber in den
gleichen Grundtönen ihrer Seelen immer wieder auflösten. Wackenroder
hielt z. B. Ramler, der in dem Hause seines Vaters verkehrte, lange
Zeit für einen der ersten und größten Dichter, während Ludwig’s keckes
Urtheil ihn als Poeten alten Stils bezeichnete, dem die eigentlich
dichterische Ader fehle. Nur sehr schwer ließ sich Wackenroder
diesen Glauben durch die schonungslosen Ausführungen seines Freundes
entreißen. Von jetzt an theilten sie alle Leiden und Freuden des innern
Lebens wie des Schulverkehrs, und Ludwig wurde ein gern gesehener
täglicher Gast und Freund in dem Hause des Bürgermeisters von Berlin.

Eine entgegengesetzte Natur war Friedrich Toll, der Sohn eines Beamten
der berliner Porzellanfabrik. Er war fest und sicher, strebsam und
eifrig, voller Ehrgeiz. Ganz und vollständig suchte er die Dinge zu
erforschen. Mit eisernem Fleiße, aber fern von Kleinlichkeit, warf er
sich auf die Schulwissenschaften, die ihm den Weg ins Leben bahnen
sollten. Auch er besaß bedeutende Anlagen, war jugendlich schwungvoll
und poetisch begeistert. Seine Erscheinung war edel und einnehmend; sie
hatte etwas Ritterliches. In allen Künsten körperlicher Gewandtheit
galt er seinen Genossen als Vorbild.

Zu diesen gesellte sich Wilhelm von Burgsdorff, der Sohn eines
märkischen Edelmanns. Zuerst nach den Grundsätzen der damaligen neuen
Lehre im Philanthropin zu Dessau erzogen, war er erst in späterer
Zeit Gedike’s Schüler geworden. Er war frisch, natürlich und lebhaft,
von schneller Auffassung und glücklichen Gaben, gutmüthig, aber auch
leichtsinnig und hochfahrend.

Der Humorist in diesem jugendlichen Kreise war Viering, der Sohn eines
Landpredigers. Er lebte in dem Hause des Kriegsraths Müller, dessen
Obhut er anvertraut war. Reich an launigen Einfällen und immer neuen
Anschlägen, besaß er einen nicht unbedeutenden Sinn für das Komische
und dessen Auffassung und Darstellung. Was er schrieb, trug oft einen
so eigenthümlich frischen Humor an sich, daß Ludwig in späterer Zeit,
als man Jean Paul zu lesen anfing, an seinen Jugendfreund erinnert
wurde. Einst war eine moralische Abhandlung über das Sprüchwort: „Wie
man’s treibt, so geht’s“, verlangt worden. Viering gab eine lebendige
und gefühlte Schilderung des einfachen Natur- und Landlebens, in der er
zuletzt mit überraschender Wendung zwei Gänsejungen erscheinen ließ,
die auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Zeiten ihre Heerden
dem gemeinsamen Weideplatze zutreiben. Der Lehrer schüttelte über
solche Abgeschmacktheit den Kopf, während Ludwig’s ganze Theilnahme
durch die satirische Keckheit des Tons gewonnen wurde. Oft theilte
der neue Freund sein helles und geräumiges Zimmer mit Ludwig. Hier
arbeiteten sie miteinander, und ersannen auch manchen muthwilligen
Anschlag.

Auf diesem Wege lernte Ludwig auch Adam Müller, den Sohn des
Kriegsraths Müller, kennen. Doch gehörte dieser, wie Wilhelm von
Schütz, bereits einem jüngern Geschlecht an. Ohne damals in diesen
Kreis eintreten zu können, schlossen sich Beide an einzelne Glieder
desselben erst in späterer Zeit an.

Dagegen hatten die Freunde einen andern Genossen gefunden, der, um
mehrere Jahre älter, unter diesen kecken Geistern die alltägliche
Mittelmäßigkeit vertrat, sich aber doch mit einem aufrichtigen und
gründlichen Eifer für Alles zu begeistern suchte, was jene bewegte.
Es war dies ein gewisser Piesker, dessen Vater Verwalter auf dem nahe
bei Berlin gelegenen Gute Fredersdorf gewesen war. Er liebte es,
den altklugen Mentor, das Gewissen in diesem Kreise zu spielen. Mit
Verdruß sah er dem muthwilligen Treiben der Andern zu, denen es in
ihren wilden Launen auf ein Mehr oder Weniger nicht sonderlich ankam.
Zu ihrer großen Erheiterung konnte er sich dann ungemein ereifern;
er hielt ihnen die eindringlichsten Strafreden über ihre Thorheit,
ihren Leichtsinn, vor allem über ihre Neigung zur Lüge. Denn unter
diesem Namen verfolgte er mit komischem Ernst jede Flüchtigkeit in der
Auffassung, jede jugendliche Uebertreibung, jede ironische Wendung.
Dann belehrte er die Freunde, er werde ihnen zeigen, was thatsächliche
Wahrheit sei, und ihnen eine einfache Darstellung geben, wie die Sache
wirklich gewesen sei. Daraus ergab sich in der Regel, daß er weniger
gesehen und gehört hatte als alle Andern. Sein Aeußeres war abstoßend;
er hatte eine plattgedrückte Nase, einen wulstigen, aufgeworfenen Mund,
sein Gesicht war von Blatternarben entstellt. Dennoch war er allgemein
geliebt, trotz seiner Steifheit und seines ungerechten und mürrischen
Scheltens. Man kannte seine Treue, seine Zuverlässigkeit, man fühlte in
ihm die Sicherheit einer geraden, einfachen Natur heraus.

Niemand schloß sich fester an ihn als Ludwig, der ahnen mochte, daß er
bei seiner abspringenden Reizbarkeit und seinen wechselnden Stimmungen
der Ergänzung durch einen nüchternen und wohlmeinenden Freund bedürfe.
Auch besuchte er ihn auf dem Gute Fredersdorf. Hier streifte man durch
Wald und Feld, brachte die Sommernächte unter freiem Himmel zu, machte
sich Herzensbekenntnisse, und verlor sich in tausend hochfliegenden
Plänen für die Zukunft.



7. Kunstleben.


Wenn die Freundschaft mit Wackenroder von hoher Bedeutung für Ludwig’s
innere Entwickelung war, und die mit Burgsdorff später wichtige
Folgen für sein äußeres Leben hatte, so kam endlich noch ein drittes
Verhältniß hinzu, welches sogleich einen entscheidenden Einfluß auf
sein Schicksal nach beiden Seiten hin gewinnen sollte. Dies war die
Verbindung mit Wilhelm Hensler, dem Stiefsohn des Kapellmeisters
Reichardt.

Auch er war eine offene, muntere und bewegliche Natur, für jeden
bedeutenden Eindruck fähig und empfänglich. Erst später war er nach
Berlin in das Haus seines Stiefvaters gekommen, um auf Gedike’s Anstalt
seine Ausbildung zu vollenden. Hier wurde er Ludwig’s unmittelbarer
Nachbar auf der Schulbank. Man gefiel sich gegenseitig, entdeckte
manche Uebereinstimmungen in Wesen und Neigung, und knüpfte endlich
ein vertrauliches Verhältniß an. Hensler unterließ es nicht, den
neugewonnenen Freund in das Haus des Stiefvaters einzuführen, wo
jener so allgemeine Theilnahme und Zuneigung erweckte, daß er bald
in demselben vollständig heimisch wurde. Zu Zeiten übersiedelte sich
Ludwig ganz dorthin, und wie Arbeit und Zerstreuungen theilte Hensler
auch das Zimmer mit ihm. Er konnte mehr für den Sohn als den Freund des
Hauses gelten. Der Vater legte diesem Verkehr keinerlei Hinderniß in
den Weg. Mit voller Befriedigung sah er die Anlagen des Sohnes immer
selbständiger hervortreten; es schien rathsam, ihm größere Freiheit zu
gestatten, ihn gewähren zu lassen.

Auch gab es in Berlin vielleicht kein Haus, das für die Fortbildung
einer emporkeimenden Dichterkraft eine bessere Schule gewesen wäre als
das des Kapellmeisters Reichardt. Es war ein Sammelplatz für Künste
und Künstler. Der frische Geist der dichterischen und künstlerischen
Erhebung, der Deutschland seit zwei Jahrzehnden durchzog und es fast
zu verjüngen schien, wirkte hier lebendiger als irgendwo. Man besaß
Geist und Geschmack, verfolgte mit Antheil jede neue Wendung in Kunst
und Literatur, und nahm eifrig für und wider Partei. Mit dem Nachdruck
des tiefern Kunsteifers wurde Musik getrieben, Goethe verehrte man als
den Genius der neuern Zeit und Poesie, und allgemeine künstlerische
Ausbildung galt für unerläßliche Pflicht. Hier war der Kreis, in dem
Ludwig’s jugendliches Talent seiner Reife entgegengeführt werden konnte.

Reichardt selbst war ein Mann, ganz geeignet, Jüngere anzuregen, zu
bilden, in das Verständniß der Poesie und Musik einzuführen. Er stand
im Mittelpunkte des musikalischen Lebens, welches in den letzten Jahren
einen glänzendern Aufschwung genommen hatte. Im Jahre 1775 war er
an Graun’s Stelle nach Berlin berufen worden, er hatte einige Opern
componirt, und war seit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm’s
II. als Director des neubegründeten Orchesters der Italienischen
Oper in einen umfassendern Wirkungskreis getreten. Mit Sängern und
Schauspielern, mit Künstlern aller Art brachte ihn sein Beruf in
Berührung, mit vielen wissenschaftlichen und dichterischen Namen hatte
er Verbindungen, fremde Künstler und Gelehrte versäumten es nicht,
sein Haus zu besuchen. Er selbst war voll Geist und Beweglichkeit.
Auf die Entwickelung seines musikalischen Talents legte er keinen
ausschließlichen Werth. Durch eine vielseitige, allgemeine Bildung,
durch Kenntnisse in den verschiedensten Fächern, durch lebhafte
Theilnahme an allen Aufgaben des Lebens wollte er sich von seinen
einseitigen Fachgenossen unterscheiden, er wollte kein dürftiger,
halbgebildeter Musikmeister sein. Er war ein eifriger Anhänger Kant’s
und der neuen kritischen Philosophie. Er hatte eine Zeit lang in dem
Fache der Verwaltung gearbeitet. Später hatte er bedeutende Reisen
unternommen, hatte Italien gesehen, war in Paris und London gewesen,
und war mit Goethe in Berührung gekommen, dessen „Claudine von Villa
bella“ er componirt hatte. Auch als Schriftsteller war er aufgetreten.
Er war Virtuos und Componist, theoretischer und schriftstellender
Musiker. Aber diese unruhige Vielthätigkeit zersplitterte doch seine
Kräfte und beförderte ein starkes Selbstvertrauen, welches, da er
Alles kennen und verstehen wollte, ihn bisweilen über seine Grenzen
hinausführte.

Auf Ludwig wirkte zunächst die Frische der anregenden Kraft, der
bedeutende Name in der Kunstwelt, die angesehene Stellung des Mannes.
Zum ersten Male blickte er hier in ein anerkanntes, von Geist
getragenes, glänzend erscheinendes Kunstleben. Wovon er sonst nur
einzelne Seiten aus der Ferne gesehen hatte, das trat ihm hier als ein
Ganzes, in sich Fertiges entgegen. An diesen neuen Vorbildern begann er
seine Kräfte zu messen. Aus der allgemeinern Vorbereitung der Schule
ging er nun in die künstlerischen Lehrjahre über, welche ihm schon jene
Richtung geben sollten, die ihn einige Jahre später in die Literatur
hineinführte.

Zunächst fand seine Neigung für das Theater hier nicht nur neue
Nahrung, sondern auch Ausbildung. Es war die Zeit, wo in Berlin
die Theaterliebhaberei immer mehr Boden gewann. Die Bühne galt für
ein hauptsächliches Mittel allgemeiner und volksthümlicher Bildung,
die Anregungen großer Talente in der Schauspielerwelt kamen hinzu,
die dem früher verachteten Stande Anerkennung zu erobern anfingen.
Man eiferte ihnen nach, las in Gemeinschaft dramatische Dichtungen
nach Rollenvertheilung, und stellte endlich zu eigener Uebung in
geselligen Kreisen Versuche in den mimischen Künsten an. In Reichardt’s
Hause sah man es daher nicht ungern, als sich um den Stiefsohn eine
Anzahl fähiger Jünglinge sammelte, und aus kindischen Anfängen ein
Liebhabertheater hervorging, das zuletzt die Haltung ernster Studien
annahm.

Bis dahin hatte Ludwig sein Theatertreiben in alter Weise fortgesetzt.
Zu Hause, im Freien, wo es irgend anging, hatte er mit seinen
Geschwistern auf improvisirter Bühne wie ehemals gespielt. Wie früher
in der Kirche, hatte er später einmal in einem abgelegenen Theile des
Thiergartens einen freien Platz entdeckt, der von Bäumen und dunkelm
Gebüsch umschlossen, durch seine tiefe Stille und die Sicherheit
vor Ueberfällen störender Spaziergänger zur Darstellung irgendeiner
Tragödie einzuladen schien. Sogleich begann man Gerstenberg’s „Ugolino“
abzuspielen, der sich damals besonderer Gunst erfreute, weil er mit
dem geringsten Personenaufwande im Gräßlichen das Höchste leistete,
was zu erreichen war. Natürlich spielte Ludwig den Ugolino, die
Uebrigen thaten ihr Bestes, als zu ihrer großen Ueberraschung aus dem
Seitengebüsche ein Mann hervortrat, welcher die Schauspieler unbemerkt
belauscht hatte. „Sie haben Ihre Sache recht brav gemacht, junger
Mann“, wandte er sich zu Ludwig; „aber wie kommen Sie bei Ihrer Jugend
schon zu diesem gräßlichen Stücke?“ Ein Vorwurf, welchen man bei der
Anerkennung, die man gefunden hatte, sehr gern in den Kauf nahm.

Alles gewann ein anderes Ansehen, als man unter Reichardt’s Augen zu
spielen anfing. Es sollte kein Spiel mehr bleiben; es sollte eine
Gelegenheit zur Ausbildung des guten Geschmacks und feiner Sitten,
eine Schule für glückliche Anlagen werden. Zu der leitenden Einsicht
gesellten sich bedeutendere Hülfsmittel. Ein ziemlich zahlreiches,
für die Sache begeistertes Personal fand sich beisammen. Alle Freunde
Hensler’s und Ludwig’s wurden dazu herangezogen, die irgend Lust und
Neigung hatten, an diesen Versuchen theilzunehmen. Durch Kauf und
Geschenk erwarb man eine Art von Garderobe, und für manchen andern
Bedarf sorgte die Geschicklichkeit Friedrich Tieck’s, den der Vater
1790 zu dem Bildhauer Bettkober in die Lehre gab. An den Darstellungen
selbst nahm er weniger Antheil, aber für die Ritterstücke wußte er die
unentbehrlichen Helme und Panzer mit kunstgeübter Hand aus Pappe, Gold-
und Silberpapier anzufertigen, und den edeln Rost des Alterthums so
täuschend nachzuahmen, daß auch er in seiner Kunst allgemeinen Beifall
erwarb. Endlich konnte man auf ein, wenn auch nicht zahlreiches, doch
gebildetes und urtheilsfähiges Publicum rechnen, das zugleich durch
seine persönliche Theilnahme ermuthigend einwirkte.

Man wagte sich an die Darstellung großer, ja classischer Schauspiele.
Vor keiner Schwierigkeit bebte man zurück, je unübersteiglicher
die Hindernisse schienen, desto lieber suchten die jungen Künstler
sie zu überwinden. Ihre Phantasie nahm den höchsten Flug, und dem
Schwersten glaubten sie sich gewachsen. Neben einigen geläufigen
Bühnenstücken spielten sie Lessing’s „Schatz“ und „Philotas“. Dann
gingen sie zu den beliebten Ritterstücken über, in denen sie in allem
Waffenschmucke prangen konnten, und endlich im Sturmschritte zu
Shakspeare. Man theilte sich in Rollen und Rollenfächer; ein wahrhafter
Künstlerwetteifer entstand, ein Jeder suchte sich von der besten
Seite zu zeigen. Wackenroder schien durch sein ernstes Wesen für die
Darstellung von Königen und Fürsten geeignet, Toll und Hensler spielten
die jugendlich kriegerischen Helden, Bothe die Greise, Viering und
Piesker übernahmen die komischen Rollen. Die schwierigsten Charaktere
im Trauerspiele wie im Lustspiele hatte man Ludwig mit voller
Anerkennung seiner Ueberlegenheit abgetreten.

Und in der That, neben der kindischen Unbehülflichkeit der Einen und
der leichten Liebhaberei der Andern trat bei ihm die glückliche Anlage
für mimische Charakterdarstellung unzweideutig hervor. Auch besaß
er Alles, was dazu erforderlich war; eine edle, schlanke Gestalt,
eine klangvolle, umfassende Stimme, die von den feinsten Wandlungen
bis zum gewaltigen Donner der Leidenschaft anschwellen konnte, ein
ausdrucksvolles Gesicht, das mit ungesuchter Kunst jede Bewegung des
Innern widerspiegelte. Doch seine Hauptstärke lag in einem andern
Punkte; der Dichter machte bei ihm den Schauspieler. Es war nicht die
nachahmende Darstellung des gewöhnlichen Schauspielers, welche er gab,
sondern er schuf selbst, wenn er spielte, er ging dem Dichter nicht
allein nach, er ergänzte und überholte ihn oft. Es leitete ihn ein
tieferes, ahnendes Verständniß der Dichterwerke. Mit den ersten Worten,
die er sprach, erfüllte ihn seine Rolle ganz, die Täuschung wurde zur
Wahrheit, er wandelte sich in den fremden Charakter um. Er glaubte
die Person zu sein, welche er darstellte, und war es auch nach dem
Eindrucke zu schließen, welchen er auf seine Freunde, auf die Zuschauer
machte. In dem Augenblicke, wo Otto von Wittelsbach (er spielte diese
Rolle in dem damals beliebten Stücke dieses Namens von Babo) von
dem Gefühle tödtlicher Beleidigung und schwarzen Undanks gestachelt
zum Mörder wird, ergriff ihn bei den sonderbar dunkeln Worten: „Was
wollen die Hunde mit ihrem Bellen?“ eine innere Wuth, ein solches
Außersichsein im eigentlichen Sinne des Worts, daß Wackenroder, der den
Kaiser spielte, und seine Umgebung sich scheu vor ihm zurückzogen, weil
sie im Ernst fürchteten, er könne ein Unheil anrichten.

Einen nicht geringern Erfolg hatte er in humoristischen Rollen, in
denen er seiner komischen Laune den vollen Zügel schießen ließ; so
als Falstaff, wo Wackenroder wiederum als König, Hensler als Prinz,
Toll als Percy neben ihm auftraten. Beachtete er dagegen das Spiel
seiner Freunde, so schien es ihnen nicht voller Ernst mit der Sache,
als seien sie in ihren Rollen Doppelwesen, deren äußere Hälfte zu der
innern nicht passen wollte. Hatte er selbst bei seinen Darstellungen
ein Vorbild, so war es Fleck, und er mochte versuchen, die Eindrücke
hervorzurufen, welche er von jenem in seinen Hauptrollen empfangen
hatte.

Frühzeitig hatte Reichardt Ludwig’s hervortretenden Beruf erkannt,
er folgte ihm mit Aufmerksamkeit, und durch ein eingehendes und
wohlmeinendes Urtheil leitete er ihn allmälig von seinem kühnen
Naturalismus zu einer bewußtern Kunstübung an. Zunächst wies er
ihn auf die Nothwendigkeit hin, seine Stimme zu bilden und zu
beherrschen. Als er einst allgemeinen Beifall dadurch geerntet hatte,
daß er unerwartet die Stimme wechselte, und in einem fremden, bis
zur Täuschung nachgeahmten Ton gesprochen hatte, sagte Reichardt
zu ihm: „Junger Freund, Sie misbrauchen und gefährden Ihr Organ.
Jedes musikalische Instrument ist auf einen gewissen Ton gestimmt,
und die Aufgabe des Virtuosen ist, diesen immer reiner und voller
herauszuarbeiten. Je mehr dies geschieht, um so sicherer ist auch die
Wirkung. Nicht anders ist es mit der Stimme des Menschen. Jedes Organ
hat seinen eigenthümlichen Grundton. Es kommt darauf an, diesen nach
allen Nüancen hin auszubilden, deren er fähig ist. Vertauscht man
willkürlich diesen natürlichen Ton mit einem fremden, unnatürlichen,
erzwungenen, so geräth man in Gefahr, jenen zu verlieren, und um eines
eiteln Kunststücks willen das Organ zu Grunde zu richten.“ Auch führte
er wol weiter aus, wie es nicht darauf ankomme, durch eine gewaltsame
Anstrengung desselben die Zuhörer in Staunen zu setzen, es vielmehr zu
beherrschen, es nicht verschwenderisch auszugeben, sondern im rechten
Zeitpunkte mit aller Kraft wirken zu lassen. Die durch die Stimme
selbst gebotene Art der Anwendung schütze sie nicht nur vor krankhaftem
Reiz, sondern stärke und erweitere sie.

Den Werth dieser einfachen und natürlichen Regeln lernte Ludwig durch
ihre Befolgung bald genug anerkennen. Gern achtete er daher auch auf
manchen andern Wink Reichardt’s. Zugleich begann er mit Eifer Engel’s
„Mimik“ zu lesen, welche damals in hohem Ansehen stand. Endlich hatte
Reichardt auch dafür Sorge getragen, daß sein Kunstjünger Gelegenheit
fand, die großen Vorbilder, die er sich gewählt hatte, fortgesetzt
in eigener Anschauung zu studiren. Er hatte bei Engel, der im Verein
mit Ramler das sogenannte Nationaltheater seit 1787 leitete, für ihn
und seinen Stiefsohn ein Freibillet ausgewirkt. So wurde Ludwig durch
Anlage und Eifer bald über die Grenzen der gewöhnlichen Liebhaberei und
jugendlichen Begeisterung hinausgeleitet, und es schien in der That,
als ob die Vorbereitung für die Bühne seine stille Absicht sei.

Indessen gewannen diese Darstellungen noch einen Reiz anderer Art,
der freilich nicht aus dem Kunsteifer hervorging. Zu den Spielen
vor den Coulissen gesellte sich ein zweites hinter denselben, das
mindestens ebenso anziehend war als jenes. Zu dem Publicum gehörte
auch Reichardt’s Frau und deren Schwestern, Töchter des hamburgischen
Pastors Alberti, der ein Freund Lessing’s gewesen war und in der
theologischen Welt keinen unbedeutenden Namen hatte. Die beiden
jüngern Schwestern, ein paar heranwachsende Mädchen, waren mit den
Kunstgenossen bald bekannter geworden, und wurden von diesen trotz
ihrer Jugend und Anmuth mit dem ehrwürdigen Namen der „Tanten“, den
sie in der Familie führten, scherzweise bezeichnet. Anfangs hatten die
Tanten den dramatischen Spielen mit vollem Beifalle zugesehen, dann
ließen sie sich bereit finden, auf ihre Stellung zu verzichten, und zur
Unterstützung dieser Kunstübungen einige passende Rollen zu übernehmen.
Nun erhielten die Vorstellungen einen verdoppelten Schwung; man spielte
mit dem feurigsten Eifer, und unter der Hülle der gemalten Leidenschaft
fing die wirkliche an lebendig zu werden.

Es konnte nicht fehlen, daß der Ruf dieser werdenden Kunstschule
über die bescheidenen Grenzen der Familie und des Hauses hinausging.
Reichardt mochte das nicht ungern sehen, und bald fand sich eine
Gelegenheit, die gewonnene Virtuosität auf einem ganz andern
Schauplatze zu zeigen.

Auch mit dem Hofe stand Reichardt in Verbindung. Seine Stellung als
Kapellmeister führte das mit sich; es fehlte ihm nicht an Freunden,
und sein Talent hatte ihm die besondere Gunst des Königs erworben.
Er verkehrte auch in dem Hause der damals immer noch einflußreichen
Frau des Kämmeriers Rietz. Diese hatte ein geschmackvolles Haustheater
errichten lassen, auf welchem vor dem Könige und dessen nächster
Umgebung bisweilen Vorstellungen gegeben wurden. Bei den Singspielen
wurde auch Reichardt zu Rathe gezogen. Bei einer festlichen
Veranlassung sollte von einigen Sängern des großen Theaters „Erwin und
Elwire“ dargestellt werden. Reichardt hatte die Leitung übernommen,
und selbst einen auf die Tagesfeier bezüglichen Prolog gedichtet. Sein
Stiefsohn sollte ihn sprechen, und die Vorstellung mit malerischen
Gruppirungen schließen, welche von seinen jüngern Kindern ausgeführt
werden sollten. Das Ganze sollte den Charakter eines Familienfestes
tragen.

Hensler wies indeß die ihm zugetheilte Rolle mit Entrüstung zurück,
er stimmte dem Urtheil der öffentlichen Meinung über die Festgeberin
vollkommen bei, und betheuerte, er werde sich niemals dazu hergeben,
vor ihr, in ihrem Hause als Declamator und Lobredner aufzutreten. Der
Stiefvater war in nicht geringer Verlegenheit. Endlich aber wurde der
Widerstrebende dennoch durch Nützlichkeitsgründe bestimmt, sich der
verhaßten Aufgabe zu unterziehen. Die jungen Schauspieler hofften
nämlich durch Reichardt’s Vermittelung die zu dieser Vorstellung
angefertigten glänzenden Gewänder für ihre eigene Garderobe erwerben zu
können.

Wirklich kam das Festspiel, wie es Reichardt beabsichtigt hatte,
zu Stande. Hensler sprach seinen Prolog vor dem Könige und dessen
Umgebung. Die trockene, gezwungene Weise, in der es geschah, wurde
ihm entschuldigend als jugendliche Befangenheit und Ungeschick des
Anfängers ausgelegt, und er war zufrieden, nicht weiter in Anspruch
genommen zu werden. Dagegen gingen die Gruppirungen am Schlusse unter
allgemeinem Beifall von Statten. Der König sprach seine Zufriedenheit
aus, ließ sich die Kinder vorführen, und lobte ihre Geschicklichkeit
und Anstelligkeit. Auch Ludwig hatte zu dieser Vorstellung Zutritt
erhalten. Er hatte seinem Freunde hinter den Coulissen mit Spannung
zugehört, und hier seinen Standpunkt so gewählt, daß er den Blick
auf den Zuschauerraum, den König und den Hofkreis frei hatte. Nach
dem Schlusse betrat er den Saal, und wurde der mächtigen Frau als
hoffnungsvoller junger Mensch vorgestellt.

Spiele, welche mit so großem Ernst betrieben wurden und zu solchen
Folgen führten, waren allerdings den Studien nicht eben förderlich.
Wie gern vergaßen die tragischen Helden die demüthigere Rolle, welche
sie den Tag über auf der Schulbank spielten! Auf solche Erregungen der
Phantasie und Anspannung aller Kräfte folgte die Ermattung, die in den
Lehrstunden übel vermerkt wurde. Endlich wurden diese Spiele selbst bei
Gedike verdächtigt.

Zu untergeordneten Rollen hatte man hin und wieder einen
Schulgefährten, Namens Schmohl, den Sohn eines wohlhabenden Bauern,
herangezogen, der nun an den Freunden zum Verräther wurde, und
nicht ohne Scheinheiligkeit Gedike auf den übeln Einfluß solcher
Theaterliebhaberei aufmerksam machte. In der nächsten Lehrstunde
blieben Verhör und Strafrede nicht aus. Es sei stadtkundig geworden,
daß man Schauspielerei treibe, wie es damit stehe. Man versäume
darüber seine Schulpflichten, und komme auf unnütze Gedanken und üble
Angewohnheiten. Dagegen trat Ludwig als Vertheidiger seiner Liebhaberei
und seiner Freunde auf. Er könne dem Herrn Rath die Versicherung
geben, Alles sei in bester Ordnung. Es hätten sich zu diesen Uebungen
eine Anzahl seiner Schüler verbunden, welche er selbst zu den besten
zu rechnen pflege. Auch sei weder ihm noch seinen Freunden eine
grobe Pflichtverletzung nachgewiesen worden. Endlich fänden diese
Aufführungen in dem Hause und unter den Augen eines angesehenen und
geachteten Mannes, des Herrn Kapellmeisters Reichardt, statt, der
seinen Kindern und deren Freunden dieses Vergnügen erlaubt habe, darin
eine nützliche Uebung erkenne, und alle Zeit nach dem Rechten gesehen
habe. Durch diese altkluge Rede schien der Herr Rath zufriedengestellt,
und so war denn der Sturm für diesmal glücklich abgeschlagen.

Zu den einstudirten Schauspielen gesellten sich endlich improvisirte
Aufführungen, die bei Schauspielern und Zuschauern fast noch mehr
Beifall fanden, weil man sich hier freier bewegen konnte. Es waren
dramatische Darstellungen von Sprüchwörtern. Der Gang der Handlung
wurde dem Thema gemäß gemeinschaftlich verabredet, dann überließ man es
dem Einzelnen, die Andeutungen auszufüllen und zu lebendiger Wirkung
zu bringen. Hier konnte sich nicht nur ein gewandtes Spiel, sondern
ein schlagfertiger Witz, Erfindungskraft und Phantasie, Fluß der Rede,
überhaupt Geistesgegenwart auf das glänzendste zeigen. Dichter und
Schauspieler traten in unmittelbarer, ursprünglicher Verbindung hervor.
Eben das war Ludwig’s Stärke. Fast leidenschaftlich liebte er diese
Spiele, zu denen er auch in spätern Jahren gern zurückkehrte.

Reichardt’s Haus war für ihn zur Kunstschule geworden. Nicht nur sein
Talent für Poesie und Schauspiel war ihm selbst bewußter geworden
und zu einer gewissen allgemeinen Anerkennung gekommen, sein Sinn
und Geschmack für die Künste, für Kunst überhaupt, wurden angeregt,
geweckt, geläutert. In einem Kreise, wo man nur Musik athmete, mußte
sich endlich auch sein bisher noch geschlossenes Gefühl öffnen. Wie
oft hörte er nicht musikalische Aufführungen, Gespräche über Musik,
Urtheile über Werth oder Unwerth einzelner Compositionen. Gewann er
auch jetzt keine Neigung, selbst ausführend theilzunehmen, so fing
er doch an, in den classischen Werken die Geheimnisse der Musik zu
ahnen. Auch hier hatte er, durch Eingebung geleitet, im Gegensatz zum
Modegeschmack sich zu Mozart’s großen Tondichtungen hingewandt, ohne
sich durch die Tageskritiken, und selbst so gewichtige Stimmen wie
Reichardt’s, irre machen zu lassen. Mozart’s siegreicher Gegner war
Dittersdorf, dessen komische Opern auch in Berlin unter großem Andrange
des Publicums gegeben wurden. Man zog den „Doctor und Apotheker“ dem
„Figaro“ und „Don Juan“ vor, und „Die Liebe im Narrenhause“ konnte in
öffentlichen Anzeigen als das erste musikalische Kunstwerk angepriesen
werden.

In überraschender Weise sollte Ludwig’s Anerkennung Mozart’s belohnt
werden. Als er eines Abends, es war im Jahre 1789, seiner Gewohnheit
nach lange vor dem Anfange der Vorstellung die halbdunkeln, noch
leeren Räume des Theaters betrat, erblickte er im Orchester einen ihm
unbekannten Mann. Er war klein, rasch, beweglich und blöden Auges, eine
unansehnliche Figur in grauem Ueberrock. Er ging von einem Notenpult
zum andern, und schien die aufgelegten Musikalien eifrig durchzusehen.
Ludwig begann sogleich ein Gespräch anzuknüpfen. Man unterhielt sich
vom Orchester, vom Theater, der Oper, dem Geschmacke des Publicums.
Unbefangen sprach er seine Ansichten aus, aber mit der höchsten
Bewunderung von den Opern Mozart’s. „Sie hören also Mozart’s Opern oft
und lieben sie?“ fragte der Unbekannte. „Das ist ja recht schön von
Ihnen, junger Mann.“ Man setzte die Unterhaltung noch eine Zeit lang
fort; der Zuschauerraum füllte sich allmälig, endlich wurde der Fremde
von der Bühne her abgerufen. Seine Reden hatten Ludwig eigenthümlich
berührt, er forschte nach. Es war Mozart selbst gewesen, der große
Meister, der mit ihm gesprochen, ihm seine Anerkennung ausgedrückt
hatte.

Hatte die Neigung zu musikalischer Bildung in Berlin, durch manche
Umstände begünstigt, in dieser Zeit offenbar zugenommen, so ließ sich
vom Geschmacke für die bildenden Künste umsoweniger sagen. Es fehlte
an bedeutenden Anregungen, an Gelegenheit, durch häufigen Anblick
von Gemälden und Bildwerken Auge und Sinn zu üben und zu bilden.
Zwar hatte man die Akademie der Künste, auch war Schadow bereits
hervorgetreten, und außerdem gab es noch manchen Künstler; doch hatte
man des Nothwendigen und Unentbehrlichen noch zu viel zu thun, um einen
großen Luxus mit den Künsten treiben zu können. Die einzige Sammlung,
welche es gab, die aber weder an Meisterwerken ersten Ranges reich war,
noch einen unbedingten Zutritt gestattete, war die des königlichen
Schlosses. Die Möglichkeit, Gemälde nebeneinander zu sehen und zu
vergleichen, gewährte nur die Kunstausstellung, welche die Akademie
veranstaltete. Die Sehnsucht nach einem tiefen Blick in die Kunstwelt
der Farben war indeß bei Ludwig erwacht, und zu fast schmerzlicher Höhe
stieg sie bei seinem Freunde Wackenroder. Mit ihrem Durst nach Kunst
und Kunsterkenntniß schienen sie in dieser Dürre fast allein zu stehen,
als sie die Einwirkungen eines Mannes erfuhren, der für künstlerische
Bildung in weitern Kreisen eifrig zu wirken suchte, nämlich von Karl
Philipp Moritz.

Der Hofrath Moritz war als ein sonderbarer, launenhafter, aber
geistvoller Mann bekannt. Er galt für einen Archäologen und
Kunstkenner, für einen Kritiker und Sprachforscher, für einen
vielseitigen, thätigen Schriftsteller und feinen Stilisten.
Gelegentlich wollte er auch wol Dichter sein, in allen künstlerischen
Dingen erkannte man ihn als Autorität an. Auch war er ein
Stimmführer der kleinen Gemeinde, welche in Berlin eine unbedingte
Anerkennung Goethe’s forderte. Mit diesem selbst hatte er in Rom in
freundschaftlichem Verkehr gestanden. Seine kühnen Reisen nach England
und Italien, und manche andere theils unbewußte, theils gemachte
Sonderbarkeit hatte ihn in den Ruf eines Originals gebracht, den er
sich nicht ohne Eitelkeit gefallen ließ. Man erzählte manche komische
Geschichte von ihm, und konnte deren alle Tage erleben.

Auch die Verbindung mit diesem Manne verdankte Ludwig Reichardt,
welcher mit ihm in freundschaftlichem und literarischem Verkehr stand.
In Reichardt’s Auftrage hatte er Moritz besuchen müssen. Er traf den
kränklichen Mann, der stets fröstelte und sich nach dem Sonnenhimmel
Italiens sehnte, an einem warmen Tage im geheizten Zimmer. Im dicken
Pelze saß er unmittelbar am glühenden Ofen. Auch auf der Straße war er
eine sonderbare Erscheinung. Er behauptete, nicht mehr zu Fuß gehen
zu können, und hatte sich, obgleich seine äußere Lage nicht glänzend
war, einen Wagen und mindestens ein Pferd angeschafft. Einst sah Ludwig
diesen Einspänner mitten auf dem Straßendamme halten; der Kutscher war
abgestiegen und saß auf einer steinernen Bank vor einem nahegelegenen
Hause. Auf die Frage, was vorgefallen sei, antwortete der Kutscher, der
Herr Hofrath habe ihm befohlen, hier anzuhalten, weil er im Wagen etwas
schlafen wolle.

Ein anderes Mal hörte Ludwig ihn predigen. Denn bisweilen ließ sich
Moritz beikommen, die Kanzel zu besteigen. Angstvoll hatte er in seiner
Jugend zwischen Theater und Kanzel geschwankt. Jetzt schmeichelte es
ihm, sich auch auf dieser Stelle zu zeigen. Die Predigt war ihm eine
Gelegenheit, seine Rednergabe und Herrschaft über die Sprache wirken zu
lassen. In diesem Sinne behandelte er sie mit dramatischem Ausdruck,
er begleitete sie mit lebhaften, absichtlichen Bewegungen. Er sprach
mit untergeschlagenen Armen, trat einen Schritt zurück, dann wiederum
vor, dann plötzlich wie hingerissen vom Feuer der Rede, streckte er die
Arme heftig nach vorn aus, und traf die vor ihm liegende Bibel, daß
sie über den Rand der Kanzel in das Schiff der Kirche hinabfiel. Auch
sagte man ihm nach, daß er in der Regel eine oder die andere Bitte des
„Vaterunser“ auslasse.

Trotz aller Sonderbarkeiten war Moritz eine sehr anregende
Persönlichkeit. Seine Vorlesungen, welche er als Professor an der
Akademie der Künste über Alterthümer und Kunstgeschichte hielt, wurden
von Liebhabern viel besucht und waren nicht ohne Einfluß und Bedeutung.
Auch Ludwig und Wackenroder hatten sich Zutritt verschafft, und wenn
sie auch nicht überall fanden, was sie suchten, so wurde doch Manches
in ihnen erweckt, was in späterer Zeit zur Klarheit kommen sollte.



8. Ein Weltereigniß.


Das Leben, welches Ludwig im Hause des Kapellmeisters Reichardt
kennen lernte, waren die Gedanken, Gefühle und Neigungen, welche die
jüngere gebildete Mittelclasse Berlins beherrschten und leiteten.
Es war ein künstlerisches Stillleben voll Sicherheit, Genuß und
Selbstzufriedenheit. Der Gedanke einer allgemeinen, humanen Bildung,
welche in der Literatur einen so siegreichen Ausdruck gewonnen hatte,
erfüllte die Gemüther. Diese Bildung zu erwerben, war die vornehmste
Pflicht.

Aber um sich zu bilden, sich weiterzuentwickeln, mußte man sich
kennen und das eigene Herz ergründen, in dem die Geheimnisse der
Menschheit verschlossen ruhten. So wurde man auf Selbstbeobachtung
hingeführt. Gewiß hatte man Recht, die Selbsterkenntniß und die
aufrichtige Arbeit an sich selbst als die schwierigste und wichtigste
aller Aufgaben zu bezeichnen; aber wie schmeichelte es nicht der
Eigenliebe, als der Gegenstand tiefer und merkwürdiger Forschungen
zu erscheinen! Die bedeutendsten Bildungsmittel fand man weniger in
einzelnen Fachwissenschaften, als in einer populären Philosophie, in
dem Gangbarsten, was man sich aus Kant’s Lehren anzueignen suchte, in
der Poesie und Literatur, in der Kunst und besonders in dem Theater.
Das Kunstwerk studirte man, an ihm bildete man sich. Man mußte sich
Rechenschaft geben von seinen Bedingungen, von seinem Wesen, seinen
Einwirkungen auf die Bildung. Man mußte ein ästhetisch-philosophisches
Urtheil haben, das war unerläßlich. Und was konnte zugleich angenehmer
sein als ein Studium, welches die Genüsse der Kunst zur Pflicht
machte? Aber indem man sich ihnen eifrig ergab, geschah es, daß man
sich die Mühen des Studiums immer leichter machte, bis zuletzt der
selbstgenugsame Genuß ausschließlich an seine Stelle getreten war. Die
Gebildeten gewöhnten sich, auf diesen einen Punkt Alles zu beziehen,
von ihm aus die Welt zu betrachten, und so verwandelte sich Alles in
einen verfeinert idealisirten oder auch mehr sinnlichen Genuß, der sich
und Andere mit dem Namen von Wissenschaft und Bildung in gefährlicher
Weise täuschte.

Bei solchen Ansichten mußte die Außenwelt an Wichtigkeit und Bedeutung
verlieren. Sie schien nichts zur Lösung der Räthsel, welche im Bereiche
des Herzens lagen, beitragen zu können, und wo sie mit rauher Hand
eingriff, war sie störend und unbequem, am liebsten bekümmerte man sich
gar nicht um sie. Und lebte man nicht in seinem Staate in vollster
Sicherheit nach innen und außen? War man nicht im Besitze der Erbschaft
Friedrich’s des Großen und hatte seinen Ruhm, seine Verwaltung, sein
Heer? Die Staatsmaschine, wie er sie hinterlassen hatte, schien
unverbesserlich; mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks lief sie ab. Der
Gedanke an Kriegsgefahr war, wie die Erinnerung an den Krieg, in weite
Ferne zurückgetreten.

So machte der Eintritt eines gewaltigen, weltgeschichtlichen
Ereignisses auf diese Gemüther keinen mächtigen Eindruck. In
die eigenen Gefühle zu sehr versenkt, empfand man den Stoß der
ausbrechenden Französischen Revolution auf das alte Europa nicht
als drohende Ankündigung einer tiefen Umwälzung. Man meinte nichts
weniger, als daß hier ein Brand sich entzündet habe, der im nächsten
Augenblicke auch das eigene Haus ergreifen könne, in dem man sich so
bequem eingerichtet hatte. Manchem mochte es scheinen, als könne man
diesen Kämpfen mit derselben Gemächlichkeit zusehen, mit welcher man
Ritterstücke und Familiendramen auf dem Nationaltheater sich vorspielen
ließ.

Freilich fehlte es auch nicht an solchen, und es waren oft gerade
die bedeutendsten Persönlichkeiten, welche den neufränkischen Ideen
entgegenjubelten, und in ihnen den Anbruch eines neuen Zeitalters
in Prosa und Versen begrüßten. Es war dies nur eine andere Art des
Idealismus. Unbefangen revolutionirten sie auf dem Papiere. Eine
politische Bedeutung hatte es kaum, wenn man sich für Menschenrechte
und Freiheit begeisterte, sich in Demokraten und Aristokraten theilte,
die „Marseillaise“ sang, auf die Tyrannen schalt und die Jakobiner
pries.

An die möglichen Folgen dachten gewiß die Wenigsten. Die Meisten
kehrten am Ende doch wieder zu ihren Neigungen des Herzens und der
Kunst zurück. Aber mit innerster Befriedigung erkannten sie die
freimüthige Derbheit an, mit welcher der wackere deutsche Biedermann
in einem Iffland’schen Familiendrama dem tyrannischen Minister die
Wahrheit sagte, ränkevollen Kammerjunkern und blutsaugerischen
Steuerbeamten die Larve abriß, und den wohlwollenden, aber getäuschten
Fürsten unsanft aus seinem Nachmittagsschlafe aufrüttelte.

Daß die jüngere Welt von diesen neuen Vorstellungen zumeist und
am lebhaftesten ergriffen wurde, daß es hier an überschlagender
Stimmung nicht fehlte, war natürlich. Auch Ludwig wurde vorübergehend
davon berührt. Schon vor dem Ausbruche der Revolution hatte eine
eigenthümliche Gunst des Geschicks ihm einen Helden der künftigen
Tragödie im voraus gezeigt.

Eines Nachmittags war er mit einem Lieblingsbuche in der Tasche zum
Halleschen Thore hinausgewandert. Sein Weg führte ihn nach einem etwas
abgelegenen Vergnügungsorte, welcher in der berliner Volkssprache
der dustere Keller heißt. In einem Winkel des kleinen Gartens warf
er sich mit seinem Buche bei einem Glase Milch ins Gras. Um einen
benachbarten Tisch war eine Gesellschaft von Stammgästen versammelt,
die sich lebhaft in französischer Sprache unterhielten. Sie gehörten
der Französischen Colonie an, und höflich wie sie waren, forderten sie
ihn auf, unter ihnen Platz zu nehmen. Er folgte der Einladung und hörte
ihren Gesprächen zu, die politischen Inhalts waren.

Vom ersten Augenblicke an hatte ein Mann seine Aufmerksamkeit erregt,
welcher der Wortführer der Gesellschaft zu sein schien. Er sprach mit
einer Stentorstimme und flutenden Beredtsamkeit, der gegenüber Alles
verstummen mußte. Was er sagte, begleitete er mit dem ausdrucksvollsten
Mienenspiele und gewaltsamen Geberden. Einen solchen Menschen, ein
solches Gesicht meinte Ludwig noch niemals gesehen zu haben. Es war
eine starke, stämmige Figur, aus der ein eigenthümlicher Trotz sprach.
Aus dem Kopfe blitzten ein paar Augen mit einem stechenden, kaum zu
ertragenden Blicke. Im Ausdrucke des Gesichts, das von Blatternarben
zerrissen war, herrschte ein sonderbarer Widerspruch. Von vorn gesehen,
hatte es etwas Abschreckendes, Rohes, ja Gemeines, während es von
der Seite edle Umrisse darbot, welche an einen antik geschnittenen
Kopf erinnerten. Mit großer Zuversicht verkündete der Redner die
Nothwendigkeit und den baldigen Beginn einer politischen Umgestaltung.

Diese Zusammenkünfte und Unterhaltungen wiederholten sich mehrere Male,
und Ludwig, angezogen durch die Neuheit solcher Eindrücke, verfehlte
nicht, daran theilzunehmen. Eines Tages fehlte die Hauptperson. „Wo
bleibt denn heute unser Demokrat?“ hieß es. Ludwig wagte endlich die
Frage, wer dieser gewaltige Redner sei. „Wie, junger Mann“, entgegnete
man, „so kennen Sie den Mann nicht? Es ist der Graf Mirabeau.“ Für
Ludwig war die Sache mit dieser Entdeckung vorbei. Er sah den Mann
nicht wieder, und bald darauf hieß es, Mirabeau habe die Stadt
verlassen. Erst später hörte er den verhängnißvollen Namen wieder und
erinnerte sich jener Begegnung.

In dieser Zeit fing es auch an, in den Köpfen der Schüler zu gähren.
Man eiferte gegen den Adel und die Tyrannen, wie man diese etwa aus dem
Plutarch kannte. Unterhaltungen, Reden und Aufsätze hallten nun von
diesem Tone wider. In einer der üblichen Reden hatte sich ein Schüler,
welcher selbst dem Adel angehörte, sehr bestimmt gegen denselben
erklärt. Auf Gedike’s Bemerkung, daß das Worte seien; ob er sich den
Entschluß zutraue, den Adel in der That abzulegen, betheuerte jener
feierlich, daß er dazu mit Freuden bereit sei.

Auch Ludwig wurde von diesen Gedanken ergriffen. Als er sich indeß zu
Hause in der Weise neufränkischer Begeisterung vernehmen ließ, wurde
er von dem Vater nicht eben glimpflich zurechtgewiesen. Dergleichen
weltreformirende Reden mochten diesen im Munde des kecken Sohnes
doppelt verdrießen. Er war ein zu guter Bürger und zu sehr Freund
strenger Herrschaft, um sich mit dem Umsturze bürgerlicher Ordnung
befreunden zu können. Er ahnte das Zerstörende solcher gewaltsamen
Bewegungen, und pflegte diese politischen Erörterungen mit den Worten
zu enden: „Dabei kann nur Verkehrtes und Thörichtes herauskommen. Das
ganze Volk taugt zu solchen Dingen nicht. Der Erfolg wird es lehren!“

Der Erfolg lehrte es in der That. Als die Zeiten des Schreckens
kamen, wurden auch die kühnen Sprecher stumm; und als der Vater voll
Genugthuung fragte: „Nun, habe ich es nicht gesagt? Wer hat nun Recht?“
hatte Ludwig dem nichts entgegenzusetzen. Vor diesen Gräueln schauderte
seine innerste Natur zurück. Die Erregung für Revolution und Politik
erlosch, und er wandte sich wieder den Kreisen des innern Lebens zu,
die er eigentlich nie verlassen hatte.



9. Verlust und Versuchung.


Doch auch jenes künstlerische Stillleben sollte ein Ende nehmen. Hier
zuerst hatte sich den Freunden eine Welt erschlossen, in welcher sie
sich dem Alltäglichen entrückt fühlten. Innig verbunden durch Talent
und Freundschaft, im Bewußtsein der ersten frischen Kraft, getragen
von überschwellender Begeisterung für Dichtung und Kunst, hatten sie
Augenblicke reinen Glücks und jugendlicher Seligkeit genossen. Aber
es war nur ein Augenblick, in dem die Strahlen zum vollen Farbenspiele
sich verbanden, und dieser Augenblick war entflohen, als man ihn am
sehnlichsten zu halten gewünscht hätte. Langsam und allmälig hatte
dieser Freundeskreis sich zusammengefunden, rasch löste er sich wieder.
Schon hatte der Tod seine Hand über ihn ausgestreckt, und schmerzliche
Erfahrungen kamen an die Reihe.

Viering, der Freund, dessen Witz und Laune die Gefährten so oft
erheitert hatten, schied zuerst aus. Er wurde das Opfer eines
knabenhaften Vorwitzes, dessen Versuchungen er mitten im künstlerischen
Aufschwunge nicht widerstehen konnte. An einem Winternachmittage hatte
Ludwig seine Freunde Viering und Hensler auf einem Spaziergange vor
das Kottbuser Thor begleitet. Scherzend und lachend kam man an einen
Graben, den bereits eine leichte Eisrinde deckte. Voll Uebermuth rief
Viering, ob man sich wol entschließen würde, in das eisige Wasser zu
springen. Hensler antwortete zweifelnd; man ereiferte sich, und sobald
Ehrgeiz und Eitelkeit sich einmal verletzt fühlten, überboten sich
Beide in knabenhafter Weise. Jeder wollte den Andern überführen, er
besitze männliche Entschlossenheit genug, um dieses Probestück des
Muthes und der Abhärtung auf der Stelle zu wagen. Ludwig stellte ihnen
das Kindische, das Lächerliche eines solchen Ehrgeizes vor, er bat,
ermahnte, schalt. Ohne daß er es hindern konnte, warfen sich Beide in
das Wasser. Durchnäßt, erstarrt eilten sie dann nach Hause. Viering
erkrankte gleich darauf heftig; er verfiel in ein hitziges Fieber, in
acht Tagen war er todt. Hensler kam ohne erheblichen Nachtheil für
seine Gesundheit davon.

Aber auch andere Lücken traten ein. Schon früher war Piesker nach
Wittenberg gegangen, um dort die Rechte zu studiren. Zu gleichem
Zwecke hatte sich Toll Ostern 1790 nach Frankfurt begeben.

Mit angestrengtem Fleiße hatte er auf der Schule gearbeitet, und da
er auch an den künstlerischen Spielen lebhaften Antheil nahm, manche
Nacht geopfert. Durch starke körperliche Uebungen suchte er dann
das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen. Schon damals war
sein Gesicht von einer unheilkündenden Blässe überzogen. Als Student
setzte er diese Lebensart fort. Aber noch etwas Anderes zehrte an
ihm. Er hatte eine heftige Neigung zu Reichardt’s älterer Schwägerin,
Marie Alberti, gefaßt. Zwar blieb sie nicht unerwidert, aber für
jetzt hatte sie wenig Aussicht auf Erfüllung. Die Trennung steigerte
seine Leidenschaft, die Sehnsucht trieb ihn nach Berlin zurück. Seine
Gesundheit wankte. Darauf wurde er in Frankfurt von einem Nervenfieber
ergriffen und erkrankte tödtlich. Seine Freunde eilten Ludwig von dem
drohenden Verluste zu benachrichtigen; zugleich baten sie ihn, bei
Reichardt zu vermitteln, daß er seiner Schwägerin nach Frankfurt zu
reisen erlauben möge. Von ihrem Erscheinen hoffte man eine günstige
Wendung für den Kranken.

Ludwig that, was man gewünscht hatte. Für ihn selbst war diese
Nachricht ein Donnerschlag. Wie hatte er gerade diesen Freund geliebt,
sich an ihn gelehnt, in dem sich Geist und Anmuth der Form mit einem
festen, männlichen Charakter verband! Mit jeder Stunde stieg die bange
quälende Erwartung. Er trug es nicht länger. Wie er ging und stand, zu
Fuß, machte er sich auf den Weg nach Frankfurt. Er dachte nicht an die
Folgen dieses eigenmächtigen Entschlusses, nicht an die Anstrengung
des Weges. Er wollte Gewißheit haben, womöglich den Freund noch einmal
sehen.

Es war im Herbst des Jahres 1790. Trübe und kalte Wolken bedeckten den
Himmel, es regnete. In athemloser Eile trieb ihn der Gedanke an den
sterbenden Freund unaufhaltsam vorwärts. Nicht genug konnte er seine
Schritte beschleunigen; zuweilen brach er in lautes Weinen aus. Erst
spät in der Nacht gönnte er sich Ruhe in einer gewöhnlichen Herberge.
Kaum graute der Tag, so eilte er weiter. Es gab für ihn keinen Schlaf,
er fühlte keine Ermattung, keinen Durst oder Hunger. Bei Madlitz, dem
Schlosse des Grafen Finkenstein, kam er vorüber. Er warf einen halben
Blick auf den Park, der in Nebelregen gehüllt, trüb und entblättert
vor ihm lag. Ahnte er, daß ihm dieses Haus einst eine heimatliche
Stätte sein werde? Abgemattet von Anstrengung und innerer Angst,
durchnäßt von dem strömenden Regen, mit beschmuzten Kleidern kam er
endlich in Frankfurt an. Er eilte nach Toll’s Wohnung. Da fand er den
Freund bereits auf der Bahre. Man hatte die Leiche ausgestellt; eine
feierliche Bestattung ward vorbereitet. Marschälle mit Stäben umgaben
den Sarg. Ludwig trat hinzu, sie wehrten ihn ab. Wild und wüst, wie er
aussah, hielt man ihn für einen unbefugten Eindringling. Voll Schmerz
zog er sich zurück. Verwandte seines verstorbenen Freundes nahmen ihn
für die nächsten Tage auf.

Das Begräbniß erfolgte mit allem studentischen Prunke. Ludwig wohnte
ihm als Leidtragender bei. Am Grabe sprach ein Student einige Worte
der Erinnerung, Heinrich Zschokke aus Magdeburg. Früher Theaterdichter
bei der Schauspielertruppe in Landsberg, hatte dieser sich erst
spät entschlossen, zu studiren. Seine mannichfachen Erfahrungen,
sein männlich ausgebildetes Wesen und Derbheit hatten ihm unter den
Studenten bedeutendes Ansehen erworben. Ludwig machte seine persönliche
Bekanntschaft, doch weder die Stimmung noch der Augenblick waren zu
weiterer Annäherung geeignet. In trauriger Leere des Herzens kehrte
er nach Berlin zurück. Es war der schwerste Verlust, welchen er noch
erlitten hatte, und lange Zeit dauerte es, ehe diese Wunde sich schloß.

Die Erfahrungen der letzten Zeit hatten überhaupt einen erschütternden
Eindruck auf ihn gemacht; sie gewannen einen tiefen, bleibenden
Einfluß, der sein Wesen umzugestalten schien. Oder vielmehr eine
andere dunklere Seite desselben, die bisher von manchen glücklichen
Erfolgen bedeckt worden war, fing an hervorzutreten. In der Stille
war mit der Lust auch der Schmerz, mit dem Uebermuthe auch die
Schwermuth gewachsen. Mit immer düsterern Blicken begann er das Leben
zu betrachten. Seit jene ernste, heftig freundschaftliche Neigung
abgewiesen worden, waren trübe Stimmungen und rascher Wechsel von
ausgelassener Laune und finsterer Selbstpeinigung bei ihm häufig
geworden. Seitdem hatte er jenen unglücklichen Soldaten einer
Grausamkeit erliegen sehen, welche in der Gestalt des Rechts auftrat;
einen Freund hatte er als Opfer kindischer Thorheit, den andern in der
Fülle der Kraft und Hoffnung verloren. Warf er einen Blick auf das,
was man Bildung und Aufklärung nannte, auf das Glauben und Wissen der
Zeit, wie armselig erschien ihm beides! Er sah, wie Dünkel und Hochmuth
sich blähten, wie die Unwissenheit Orakel ertheilte, welche man gläubig
aufnahm, während man die wirklich Einsichtigen verhöhnte; wie man zu
wissen wähnte oder vorgab, wo man wie die Menge im Dunkeln tappte. Auch
ihn hatte man misverstanden, verkannt, seine tiefsten Ueberzeugungen
gebieterisch abgewiesen. Und was wußte er am Ende von diesen selbst zu
sagen? Wie oft trat nicht der Zweifel an die Stelle der Zuversicht!
Wenn in einem Augenblicke die Welt zu seinen Füßen zu liegen schien,
wie schwach, ohnmächtig, vernichtet fühlte er sich oft nicht im
nächsten! Ueberall, wohin er blickte, ein Jagen und Rennen, ein Kämpfen
und Ringen, ein Jauchzen und Klagen, unaufhörlich, immer wieder von
neuem beginnend! Was wollte das Alles? Wo war der Mittelpunkt, um
welchen dieser dunkle und wirre Knäuel von Arbeit und Mühsal, Kampf und
Schmerz, Wahn und Thorheit sich drehte?

Es gab Zeiten, wo das Gefühl alles Jammers und Elends seine Seele
mit furchtbarer Gewalt ergriff, wo ein dumpfer Schmerz sich seiner
bemächtigte, durch welchen immer wieder die Frage hindurchhallte,
auf die er keine Antwort hatte, Wozu? Warum? Ist es ein ewig in
sich wiederkehrender Kreislauf, oder gibt es ein Ziel für diese
verschlungenen Wege? Und wenn das, wo liegt es? Wo gibt es Aufschluß
und Gewißheit? So stand er vor den Grundfragen des Daseins, und mühte
sich vergebens sie auszudenken.

Aber Gott, Gott lebte doch! Zeugte nicht sein eigenes Herz von ihm? In
sich fühlte er eine tiefe Bewegung, das Bedürfniß, den Gedanken Gottes
sich näher zu bringen, ihn zu fassen, festzuhalten. Aber wie sollte
er ihn bewältigen? Mit niederschmetternder Gewalt, mit unendlicher
Furchtbarkeit stand er vor ihm; das Gefühl der tiefsten Schwäche, der
vollständigsten Unzulänglichkeit warf ihn zu Boden. Je mehr er sich
in den Gedanken des einen, ewigen, unendlichen Gottes zu versenken
strebte, desto unergründlicher zeigte er sich; je mehr er ihn mit
tödtlicher Angst suchte, desto tiefer schien er in eine ungewisse und
nebelhafte Ferne zu entweichen. Es war ihm, als stehe er am Rande eines
unabsehbaren, schwarzen Abgrundes, in den er hineinstürzen müsse. Dann
wieder, als blicke er zu der schwindelnden Höhe eines unerreichbar
steilen Gipfels empor, bis er selbst von jähem Schwindel ergriffen
niederfalle. Diese Angst steigerte sich bis zum wirklichen Schwindel,
zum körperlichen Schmerz. Wenn seine Seele, Zeit und Raum vergessend,
lange über diesen Abgründen geschwebt hatte, fühlte er es plötzlich
wie einen nervenzerreißenden Stoß durch das Gehirn dröhnen. Unter den
Schauern tiefsten Grausens fuhr er aus seinen Träumereien empor; er war
erschöpft, ohnmächtig. Auf diesem Wege lag der Wahnsinn!

Konnte denn der Mensch die Fülle und Tiefe der göttlichen Gedanken
überhaupt in sich aufnehmen? Mußte der unfaßbare Inhalt nicht das
schwache Gefäß zersprengen? Die Kluft war so unermeßlich tief, so
unausfüllbar; es schien so unmöglich, von der menschlichen Seite nach
der Gottes hinüberzureichen, daß schon darum die göttliche Liebe eine
Vermittelung geben mußte, um ihr Geschöpf nicht der vernichtenden
Verzweiflung zum Raube werden zu lassen. Aber nur selten gelang es ihm,
diese tröstliche Ueberzeugung festzuhalten, und immer wieder von neuem
fühlte er sich in jene tödtliche Angst hineingeschreckt.

So ergriff ihn denn zu Zeiten die vollste Trostlosigkeit, ja
Verzweiflung. Er wurde sich selbst ein unlösbares Räthsel, ein
Gegenstand des Schreckens, des Entsetzens. Fremd, unkenntlich, als
ein Anderer stand er sich selbst gegenüber. Mit diesen schwindelnden
Gedanken verbanden sich die entsetzlichen Bilder seiner Phantasie. Sie
warf ihre finstern, grauenhaften Schatten vor ihm her. Gespenstisch sah
er von außen die Gestalten auf sich zuschreiten, welche aus der Tiefe
seines Innern aufstiegen. Dann packte es ihn mit der Fiebergewalt des
Wahnsinns, gleichviel wo er war, ob allein oder unter Menschen. Die
Balken schienen über ihm zusammenzubrechen, es jagte ihn hinaus auf die
Straßen, ins Freie. Da erst schöpfte er Athem.

Als er einmal im Begriff war, in das Theater zu gehen, um den „Macbeth“
zu sehen, überfiel ihn plötzlich jenes Grauen. Er konnte es nicht über
sich gewinnen, einen Schritt weiterzugehen; er kehrte um. Athemlos
lief er belebtern Straßen zu, um sich selbst zu entfliehen. Auch das
helle, nüchterne Schulzimmer war keine Freistatt, die ihn vor seinen
Furien schützte. Freunde und Mitschüler erschienen ihm plötzlich fremd
und verwandelt, ihre Gesichter verzerrten sich zu grinsenden Larven.
Mit jedem Augenblicke stieg seine Angst; sie umringten ihn, sie
schienen sich seiner zu bemächtigen. Er stürzte hinaus; in gewaltsam
hervorbrechenden, unaufhaltsamen Thränen machte er seinem, von starrem
Entsetzen zusammengepreßten Herzen Luft. Erst nach einer halben Stunde
oder später vermochte er zu seinen Mitschülern zurückzukehren.

Nach solchen Anfällen versank er stets in tiefere Hoffnungslosigkeit.
Er verzweifelte an seinem Leben, am Dasein, an jeder höhern ordnenden
und leitenden Macht. Alles schien ihm gleich nichtig, gleich
widersinnig, der Mensch gehetzt wie ein scheues Wild, eine Beute
qualvoller Widersprüche, endloser Plagen, geistigen und körperlichen
Elends. Nur der Tod war ein sicheres Heilmittel. Die Versuchung des
Selbstmords stieg in ihm auf.

Oder andere verzweiflungsvolle Gedanken umdrängten ihn. Nicht das Gute,
das Böse beherrscht die Welt! Ein Ausfluß dieser herrschenden Macht
sind die Qualen, denen der Mensch unterworfen ist. Wie, wenn es möglich
wäre, sich mit dieser Macht in irgendeine unmittelbare Verbindung
zu setzen? Sollte es ihr nicht möglich sein, sich in sinnlicher
Erscheinung zu zeigen? Gibt es einen bösen Dämon, einen Teufel, einen
sinnlich wahrnehmbaren Vertreter des Bösen, sollte es dann kein Mittel
geben, welches ihn zwänge, aus seiner Verborgenheit hervorzutreten?
Mit seinen gräßlichen Phantasien verband sich nun das zur fixen Idee
steigende Verlangen, den Teufel mit eigenen Augen zu sehen. Eine
wahnwitzige Tollkühnheit ergriff ihn.

Schon früher hatte er angefangen, auf einsamen, nächtlichen
Spaziergängen umherzuirren. In den entlegenen Theilen der Stadt, vor
den Thoren suchte er die Kirchhöfe auf. Bis in die Nacht hinein saß er
dumpf brütend auf den Gräbern, bis ihm die Glieder erstarrten. Gibt es
einen bösen Dämon, dachte er, so muß er dem Rufe einer Seele folgen,
die mit voller, innerster Willenskraft seine Erscheinung fordert. In
steigendem Wahnwitze rief er dann durch die Nacht, der Teufel solle
ihm erscheinen. Aber Alles blieb still, nur sein eigener Ruf hallte
gespenstisch zu ihm zurück. Er erwachte voll Entsetzen und eilte nach
Hause. So führte er Tage und Nächte lang ein angstvolles Traumleben,
und nachtwandlerisch streifte er hin am Abgrunde des Wahnsinns.

Aus diesen wiederkehrenden Anfällen entwickelte sich endlich ein
Zustand innerer Versunkenheit, dauernder Schwermuth, welche auch die
freien Augenblicke mit einer ihm wohlthuenden Dumpfheit umspann, aus
der er gewaltsam aufgerüttelt werden mußte. Sein Wesen war verändert.
Er war zerstreut, vergeßlich, er sah und hörte nicht, von einem
Gedanken war alles Andere verschlungen. Seinen Gefährten erschien er
sonderbar, unerklärlich. Zuweilen nahmen sie zu komischen Mitteln ihre
Zuflucht, um ihn ins Leben zurückzurufen. Wenn er in ihrem Kreise in
sich versank, seine Umgebung, Zeit und Ort vergaß, dann ließen sie eine
Weckeruhr schlagen, deren unaufhörlich gellendes Hämmern ihn endlich
wieder zu sich brachte.

Solche Augenblicke der Bewußtlosigkeit bereiteten ihm auch nicht selten
halb lächerliche, halb grauenhafte Verlegenheiten. Als ihn einst sein
Weg durch die Markgrafenstraße führte, fiel es wieder wie ein Schleier
auf ihn. Er wußte nicht, wo er war. Mit voller Deutlichkeit sah er die
Menschen an sich vorübergehen, er wußte, daß ihm diese Häuser, diese
Straßenecken bekannt seien, dennoch konnte er sich nicht sagen, wo er
eigentlich sei. War er in Frankfurt, in Brandenburg oder in Potsdam?
Dies waren die bedeutendsten Städte, die er außer Berlin gesehen
hatte. In welcher von diesen war er? Dieses Gefühl der Unsicherheit,
der Bewußtlosigkeit steigerte sich bis zur quälenden Angst. Er mußte
ihr ein Ende machen. Es durchzuckte ihn der Gedanke, daß er sich dem
Verdachte des Irrseins aussetze, dennoch beschloß er, irgendeinen der
Vorübergehenden anzureden, um sich aus diesem Zustande zu retten. Aber
nicht Jedem durfte er mit seiner Frage kommen. Schüchtern trat er
auf einen ältlichen Mann zu, dessen Mienen ihm Zutrauen einflößten.
„Sie sind in der Markgrafenstraße“, lautete die Antwort. Seine
Verlegenheit stieg; das hatte er auch gewußt. Stammelnd, unter manchen
Entschuldigungen brachte er endlich heraus, er wisse nicht, in welcher
Stadt er sei. Der Angeredete maß ihn mit großen Augen und rief dann
unwillig: „Das geht zu weit, sich solchen Spaß zu erlauben!“ Ludwig
wollte reden; jener ließ ihn nicht zu Worte kommen. „An Ihrer Sprache
höre ich, Sie sind ein berliner Kind, und Sie sind dreist genug, mir
einbilden zu wollen, Sie wüßten nicht, daß Sie in Berlin selbst sind?“
Als Ludwig zu betheuern fortfuhr, nichts habe ihm ferner gelegen, als
ein schaler Spaß dieser Art; in einer augenblicklichen Zerstreutheit
habe er sich in der That nicht zurechtfinden können, sagte der Andere:
„Schämen Sie sich, junger Mann! Wie kommen Sie in Ihrem Alter zu einer
so unleidlichen Affectation? Versuchen Sie dergleichen nicht wieder,
Sie könnten zum zweiten Male schlimmer ankommen!“

Tief beschämt blieb er stehen. Er kam sich in diesem Augenblicke
unendlich abgeschmackt vor. Jener hielt ihn für einen muthwilligen
Possenreißer oder einen eiteln Thoren. Das Bedenkliche seines
Gemüthszustandes trat ihm klar entgegen; er erkannte, wohin solche
Abirrungen führen müßten. Er legte sich das Gelübde ab, ihnen,
wie den Stimmungen, aus welchen sie hervorgingen, mit aller Kraft
entgegenzuarbeiten. Freilich durch einen einfachen Act des Willens
allein ließ sich seine schwere Seelenkrankheit nicht heben.

Aber öffnete sich denn aus diesen grauenhaften Irrgängen kein Weg der
Rettung? Gab es kein Heilmittel, welches ihn seinen Leiden entrissen
hätte? Wie tief sehnte er sich nicht in freien Augenblicken nach Ruhe,
nach der Stille innern Friedens! Was konnten ihm in solchen Zuständen
die gewöhnlichen sogenannten Zerstreuungen sein, oder auch das
oberflächliche Zureden der meisten seiner Gefährten, die seine Stimmung
nicht begriffen, und kaum eine Ahnung davon hatten, worum es sich hier
handle! Die Fesseln der geregelten Thätigkeit hatte er abgeworfen. Der
Vater, so streng er früher gewesen, ließ ihn jetzt seines Weges gehen.
Bei einem so seltsamen, unberechenbaren Wesen mochte er oft rathlos
sein.

Unter seinen Lehrern hatte vor andern der Conrector Weißer sein
Vertrauen erweckt. Dieser versuchte es, in seine Stimmungen einzugehen
und sie zu leiten. So waren Beide miteinander bekannter geworden,
und Ludwig sprach bisweilen dem ältern Manne gegenüber seine Gefühle
rücksichtlos aus.

„Seit einiger Zeit“, klagte er einmal zu Weißer, „fühle ich mich tief
in innerster Seele bewegt. Tausend verschiedenartige Gedanken erfüllen
mich. Wechselnde Gefühle und Leidenschaften stürmen auf mich ein,
neue bedeutende Eindrücke machen sich geltend, deren ich vergeblich
Herr zu werden suche. Von alle dem fühle ich mich so betäubt, ich
bin so unruhevoll, so friedlos! Es war doch eine schöne Einrichtung
des Mittelalters, daß man dem verwirrenden Lärm der Welt entfliehen
konnte! Man ging in ein Kloster und war von allen Sorgen der Welt
befreit. Welche tiefe Ruhe muß es geben, einem großen Gedanken das
ganze Leben zu widmen, in ihn alle andern, die uns tausendfach quälen,
versenken zu können! Ich wünschte, auch wir hätten unsere Klöster!“ So
schloß er seine Rede voll tiefer Bewegung. Mit stummem Erstaunen hatte
ihn Weißer angehört. Endlich platzte er heraus: „Tieck, für dieses
eine Wort verdienten Sie gehängt zu werden!“ Soweit er sich auch mit
der Empfindungsweise seines Schülers vertraut gemacht hatte, diese
katholisirende Versündigung am gesunden Menschenverstande war ihm
doch zu stark. Sein ganzer Aufklärungseifer erhob sich dagegen; nicht
entschieden genug glaubte er dergleichen Grillen abweisen zu können.

Abermals war Ludwig wie vernichtet. Das Wort erstarb ihm auf der
Zunge. Im überwallenden Gefühle hatte er sich geäußert, und so roh und
verletzend konnte ihm der Mann entgegentreten, der ihn sonst noch am
meisten zu verstehen pflegte. Solche Erfahrungen scheuchten ihn immer
mehr in sich selbst zurück, und allmälig bildete sich in jener finstern
Versunkenheit eine gewisse überlegene Ironie gegen seine Umgebung aus,
welche sich mit so großer Sicherheit und Behaglichkeit in ihren Grenzen
bewegte.

Natürlich wäre es gewesen, eine so in Verzweiflung ringende und
kämpfende Seele auf Religion und Glauben zu verweisen, und gerade jetzt
in dieser Zeit, wo Ludwig als selbständiges Mitglied in die Gemeinde
eintreten sollte. Aber was er hier zu erwarten hatte, sah er an seinem
Lehrer, der selbst ein Theolog war, und in das Predigtamt überzugehen
gedachte. Was hatte dieser auf jenen Ausdruck einer tiefen Sehnsucht
nach Frieden zu erwidern gewußt? Er hatte ihm statt des Brotes einen
Stein gereicht!

Der Unterricht des Geistlichen, der ihn auf die Einsegnung vorbereiten
sollte, des Predigers Lüdecke an der Petrikirche, ging spurlos an ihm
vorüber. Dieser, ein wohlwollender, freundlicher, aufgeklärter Mann,
hatte von den Seelenzuständen seines Schülers keine Ahnung. Er trug
die Glaubenslehre nach seinen Grundsätzen vor und ließ es damit genug
sein. Ludwig sah in dem ganzen Verfahren nur eine herkömmliche Form,
die einmal innegehalten werden mußte. Im Unterrichte selbst half ihm
seine leichte Auffassung und die Bibelfestigkeit, welche er sich als
Kind erworben hatte. Niemand wußte besser Bescheid in der Bibel als er,
und konnte die verlangten Sprüche geläufiger hersagen. Wurde er nicht
in dieser Weise in Thätigkeit gesetzt, so hing er seinen Gedanken nach.

Aber in dieser Verzweiflung ward ihm doch ein Trost zu Theil, der
gerade in den schmerzlichsten Augenblicken wie ein milder Thau auf die
Glut niederfiel, die ihn verzehrte. Er fand ihn in der Natur. Es war
ein nicht minder tiefer Zug seiner Seele, der ihn zur Natur, in die
geheimnißvolle Stille ihres Lebens führte. Auch hier fühlte er sich
einem mächtigen und dunkeln Zauber hingegeben, der alle seine Sinne
bewältigte, und ihn mit unwiderstehlicher Kraft in Busch und Wald und
in die Mondnacht hinaustrieb. Wie hätte er widerstreben können, da hier
eine geheime Gewalt den Bann, welcher auf ihm lastete, zu lösen schien!

Stunden lang konnte er auf einsamen Wegen in den wildern Gegenden
des Thiergartens umherirren. So einfach dieses Naturleben auch war,
dennoch konnte er bis zur Selbstvergessenheit darin versinken. Hier,
in der Abgeschiedenheit des Waldes, unter rauschenden Bäumen, wenn
im dämmernden Zwielichte zerrissene Wolkengestalten durch die Wipfel
herniederblickten, wo nur der Ruf eines einsamen Vogels die tiefe
Stille unterbrach, hier war er freier, er lauschte auf den Athemzug
der Natur, er fühlte in ihr ein verwandtes Herz schlagen. Allein mit
den ersten reinsten Kräften des Lebens vergaß er sich selbst und der
Larven, welche ihn ängstigten. Träumerisch lag er im Grase, die Sonne
ging hinter den Bäumen unter, und er konnte unter dem Nachthimmel den
Morgen heranwachen, bis der feuchte Thau seine Kleider überzog, ihm
erstarrend in die Glieder drang und kalte Schauer ihn erweckten. Diese
einsamen Spaziergänge wurden allmälig zu kleinen Fußreisen. Allein
durchstrich er die Flächen, in denen Berlin liegt. Die Einförmigkeit,
welche die Natur hier zeigt, störte ihn nicht; er lebte doch in ihr. Er
wanderte nach den benachbarten Dörfern, er rastete in den ungastlichen
märkischen Krügen, er fühlte keine Entbehrungen. Tage lang streifte er
allein, in Wind und Regen, in den öden Kiefernhaiden umher.

Tröstend gesellte sich zur Natur die Poesie. Abermals griff Goethe
in Ludwig’s Leben ein. Diesmal war es der „Faust“. In Reichardt’s
Bibliothek hatte er das 1790 erschienene Fragment des „Faust“ gefunden.
Er wohnte damals auf einige Zeit bei Reichardt. Es war spät Abends, als
er im Bette liegend zu lesen begann. Mit Jubel rief er seinem Freunde
Hensler zu, er müsse ihm eine Dichtung Goethe’s vorlesen, welche
in aller Literatur ihres Gleichen nicht habe. Er begann, doch bald
hörte er den Freund laut schnarchen. Mit gespanntester Erwartung, mit
stockendem Athem las er weiter. Die ersten Monologe, die Erscheinung
des Erdgeistes, wie groß, wie übermächtig war das Alles! Und doch
wieder wie rein menschlich! Waren nicht ähnliche Gedanken und Zweifel
auch durch seine Seele gegangen? Es zuckte ihm durch alle Fibern und
Nerven. Ein voller Mondstrahl fiel durch das Fenster. Sah er nicht
auch auf seine Pein? Eine unendliche Sehnsucht ergriff ihn, das Zimmer
wurde ihm zu eng. Er sprang aus dem Bette, er stürzte hinaus in den
Garten. Im hellen Mondenlichte streifte er ruhelos zwischen Bäumen
und Hecken umher. Vergeblich rang er danach, dieser Eindrücke Herr zu
werden. Da graute der Morgen. Ermattet, in traumhaftem Zustande kehrte
er zu dem schlafenden Freunde zurück.

Auch schien der böse Geist vor den Klängen der Dichtung
zurückzuweichen. Wenn er zu irgendeinem Gedichte griff, welches
sonst Eindruck auf ihn gemacht hatte, so fühlte er, wie die dumpfe
Bewegung in seinem Innern sich legte, und Ruhe und Gleichgewicht
der Kräfte kehrten ihm auf einige Zeit wieder. Nicht anders, wenn
er Selbstbeherrschung genug gewann, um sich selbst dichterisch
auszusprechen. Dann war er wieder mit sich eins. Hier war es, wo die
Wurzeln seines Lebens lagen.

Wie ein mildes, versöhnendes Licht war auch der Strahl der ersten Liebe
in sein Herz gefallen. Sie zog ihn in das Leben zurück. Schon früher
hatte er sich mit der vollen Leidenschaft eines jugendlichen Dichters
Reichardt’s jüngerer Schwägerin, Amalie, zugewendet. Bald war die
aufkeimende Neigung kein Geheimniß mehr. Reichardt sah und billigte
sie, und der Bund der Herzen wurde geschlossen.



10. Dichter und Schriftsteller.


Ein wichtiges Ereigniß für die kunstliebenden Freunde war es, als
Reichardt’s Haus aufhörte, ihr Sammelplatz zu sein. Zuerst waren
einzelne Glieder des Kreises ausgeschieden, jetzt löste er sich
vollends auf, da er seinen Mittelpunkt verlor. Reichardt hatte in
der letzten Zeit manche unangenehme Erfahrung gemacht. Er kam in den
Verdacht revolutionärer Gesinnung, und das gute Einverständniß mit dem
Hofe hörte auf. Verstimmt und seines Amts überdrüssig hatte er endlich
den Abschied nachgesucht. Ohne ihn indeß förmlich erhalten zu haben,
zog er sich auf seinen Landsitz in Giebichenstein bei Halle zurück, den
er damals angekauft hatte. Sein Stiefsohn, Hensler, hatte sich Ostern
1791 ebenfalls dorthin begeben, um das juristische Studium zu beginnen.

Durch Reichardt’s Abgang von Berlin verlor unter den Freunden keiner
mehr als Ludwig. Für ihn schloß damit ein kurzer, aber inhaltsschwerer
Abschnitt, in welchem sich sein Leben umgestaltet hatte. Reichardt
hatte er Vieles zu danken. Durch ihn hatte er mittelbar oder
unmittelbar eine vielseitige künstlerische Anregung erhalten in
Poesie, Musik und dramatischer Darstellung, sein Geschmack hatte sich
geläutert, an Urtheil hatte er gewonnen. Er begann die Künste und
künstlerisches Leben zu überblicken, und mit Sicherheit auf diesem
Gebiete sich zu bewegen.

Im Vergleiche mit dem Reichthume des Lebens, den er in jenem
befreundeten Hause gefunden, war jetzt eine fühlbare Leere eingetreten.
Auch Amalie Alberti hatte Berlin verlassen, um zu ihren Verwandten
nach Hamburg zurückzukehren. Die Zahl der Freunde, mit denen er
früher lebte, war zusammengeschmolzen. Aber schon bereiteten sich
neue Verhältnisse vor. Ein Jüngling, der sich mit glänzenden Gaben
über die Menge der Genossen erhob, mußte Gegenstand allgemeiner
Aufmerksamkeit werden, und eine reiche Natur, wie die seine, welche
bei allen Anfechtungen das tiefste Bedürfniß geistigen Verkehrs
und der Mittheilung hatte, konnte sich auf die engen Grenzen eines
einseitigen Umgangs nicht beschränken. Er suchte und wurde gesucht.
Wichtig war es, daß er jetzt Freunde fand, welche seinen Beruf nicht
nur anerkannten, sondern ihn auch in die Literatur einführten. Er hörte
auf, ein versuchender Schüler zu sein, als Dichter und Schriftsteller
trat er auf.

Unter den Kämpfen, die er zu bestehen hatte, war nicht nur der Mensch,
auch der Dichter war in ihm gewachsen und gereift. Sein Dichten war
der unbefangene Ausdruck der Natur; es war etwas Ursprüngliches, aus
tiefster Lebensquelle kam es herauf. Er war frei von jeder Absicht,
und ließ es mehr geschehen, als daß er es gemacht hätte. Jetzt hatte
er eine klare Einsicht in sein Thun gewonnen, er begann die Poesie
als eine innere Nothwendigkeit zu erkennen, sie schien sich zur
Lebensaufgabe zu gestalten. Mit unendlicher Leichtigkeit dichtete er.
Mit dem eigenen Triebe, der ihn nicht ruhen ließ, verbanden sich äußere
Aufforderungen. Rasch wuchsen ihm unter den Händen die verschiedensten
Gebilde empor, ohne daß er selbst ihnen einen besondern Werth beilegte.
In den Stunden tiefer Schwermuth hatte ihn diese Kraft vom Rande der
Verzweiflung zurückgezogen. Die Poesie war ihm nicht blos Lust, sondern
auch Trost, sie hatte ihm Ruhe und Sammlung gegeben. Hatte er die
innere Freiheit soweit errungen, seine Phantasie zu beherrschen, statt
sich von ihren Larven angstvoll aus einem Schrecken in den andern jagen
zu lassen, dann strömten ihm Bild, Wort, Vers in reichster Fülle zu.
Alle Farben ließ er mit gleicher Leichtigkeit spielen. Er malte jenes
Grausen, in dem er selbst erbebte, oder er eilte den muthwilligen
Sprüngen seiner humoristischen Laune nach, oder willig und gern verlor
er sich in den Irrgängen des phantastischen Märchens.

Unter allen Formen, in denen er sich versuchte, blieb ihm die
dramatische die anziehendste und willkommenste. Selbst die Stoffe,
welche ihm die Schule darbot, kleidete er in dieselbe ein. Manche
Dichtung verdankte ihre Entstehung dem unbescheidenen Drängen seiner
Mitschüler, die nicht müde wurden die Hülfe des gutmüthigen Genossen
für die verzweifelten deutschen Arbeiten in Anspruch zu nehmen, und
sich kein Gewissen daraus machten, mit erbetteltem Ruhme zu prunken.
Der Willigkeit seines Genius gewiß, überließ er sich dann dem Zuge
desselben getrosten Muthes. Oft ward ihm erst während des Schreibens
klar, wohin er geführt werde, und die eilende Feder vermochte den
raschfließenden Versen kaum nachzukommen. Und keineswegs war es das
Unbedeutendste, was auf diese Weise entstand. Wie es im ersten Entwurfe
niedergeschrieben war, blieb es in der Regel; spätere Veränderungen
waren selten Verbesserungen.

Als er in der Zeit der politischen Aufregung Linguet’s „Geschichte der
Bastille“ gelesen hatte, gab ihm dies Veranlassung zu einer kleinen
dramatischen Dichtung, in welcher er die Erhebung des Volks, den Bruch
der Fesseln und den Sturz der tyrannischen Mauern in begeisterter Rede
verkündigen ließ. In andern finstern Gemälden stellte er seine Zweifel
und Kämpfe dar, oder er versuchte sich auch, doch mit geringerer
Neigung, in antiken Stoffen und Versmaßen. Am mächtigsten aber wirkte
Shakspeare ein, den er zu lesen und zu studiren nicht müde wurde. Erst
unter dem Einflusse dieser Sonnenstrahlen schien sich die eigene Kraft
ganz zu entfalten. Shakspeare war ihm Vorbild und Lehrer, Dichter und
Gedicht zugleich. Ihn verherrlichte er schon im Jahre 1789 in einigen
dramatischen Scenen, in denen er anknüpfend an den „Sommernachtstraum“
die Weihe des Dichters schilderte, wie es selbst nur der Dichter vermag.

Denn vornehmlich waren es die wunderbaren Zauberspiele Shakspeare’s,
die seine Phantasie erfüllten. Der „Sturm“ mochte ihm bei einem
dramatischen Feenmärchen: „Das Reh“, vorgeschwebt haben, welches er
1790 für seinen wenig zuverlässigen und begabten Schulgefährten Schmohl
mit gewohnter Gutmüthigkeit in kurzer Zeit geschrieben hatte. Demselben
gab er 1791 die ersten Capitel des „Abdallah“. Und gerade diese
Dichtung gehörte ihm am eigenthümlichsten, denn sie war ein Ausfluß
seiner trüben und verzweiflungsvollen Stimmungen. Schon früher hatte
er diese in mehr gemäßigter Weise in dem Idyll „Almansur“ darzustellen
versucht, und mit dem Ergebniß abgeschlossen, daß die Rettung vor dem
Zweifel nur im Verzichten auf das Wissen liege. In beiden Erzählungen
hatte er den Osten zum Schauplatz seiner grausigen Phantasien gemacht.
Dieser galt einmal für das Land der Wunder und Märchen. Was die
Aufklärung auf dem heimischen Boden als Trug verlachte, hörte sie in
den Wüsten und unter den Palmen des fernen Asien gläubig an. In dieser
Welt einer vollen und üppigen Natur und uralten Weisheit verweilte er
gern. Seine Belesenheit hatte ihn hier heimisch gemacht. Wie er sich
als Kind dem Zauber orientalischer Feenmärchen überlassen hatte, so
waren später die Reisebeschreibungen von Mandelsloh und Olearius und
Sadi’s „Rosenthal“ seine Lieblingsbücher geworden. Aus ihnen machte er
sich den bilderreichen Ton, die phantastischen Wunder des Orients zu
eigen.

So entstand in den ersten Grundzügen schon auf der Schule jenes
schaurige Nachtgemälde „Abdallah“, das seinen Dichterruf begründen
sollte. Eine eigenthümliche Ironie war es, daß gerade diese Dichtung,
die in der Verwegenheit des Zweifels und im gewaltigen Schwunge der
Phantasie Schiller’s „Räubern“ sich nähert, zuerst den Namen eines
phantasielosen Gesellen trug, der dadurch bei Lehrern und Mitschülern
den Ruf eines Genies und starken Geistes erlangte. Mit unverschämter
Einfalt prangte er unter Ludwig’s Augen mit den Federn, welche er von
ihm erborgt hatte. Gutmüthig ironisch lachte dieser der gelungenen
Täuschung, besonders als er hörte, daß Rambach, für dessen Stilstunden
diese Arbeit angefertigt war, sich mit zuversichtlicher Miene habe
vernehmen lassen: „Was wollen Tieck’s Arbeiten im Vergleich mit denen
von Schmohl sagen! Gegen die kommen sie gar nicht auf.“

Der Neigung, seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, folgte er
auch darin, daß er Andere zu dichterischen Versuchen aufforderte.
Geselligkeit war für ihn Bedürfniß, sobald seine Seele frei und
unumwölkt war. Nichts war ihm lieber, als mit Andern gemeinschaftlich
zu arbeiten, eine Aufgabe zu haben, die er im Verein mit einem
Freunde zu lösen suchte. Seine Dichterlust ging dann auf diesen
über. Mittelmäßige Köpfe gewannen in seiner Nähe an Zuversicht und
Selbstvertrauen; auch er glaubte an ihren Beruf, und konnte gutmüthig
genug für ursprüngliches Feuer halten, was nichts als der Widerschein
seines eigenen war. So hatte er seinen trockenen und nüchternen
Freund Piesker für den Plan, ein großes Trauerspiel gemeinschaftlich
zu bearbeiten, mächtig begeistert. Dieser, von dem Anstoße des
begeisterten Freundes fortgerissen, mühte sich redlich ab, dem guten
Glauben Ehre zu machen. Als beide einst auf dem Schlosse Fredersdorf
zusammen waren, fanden sie in der Hausbibliothek Rapin de Thoyras’
„Geschichte von England“. Wie glücklich waren sie, als sie hier die
Geschichte der Königin Anna Boleyn in breiter Ausführlichkeit lesen
konnten! Gab es für ein Trauerspiel in großem Stile eine bessere
Heldin als eine junge, schöne, tugendhafte Königin, welche als Opfer
der Hinterlist und tyrannischer Eifersucht fällt? Sogleich entwarf
man den Plan der Tragödie, und theilte die Arbeit. Ludwig sollte die
leidenschaftlichen Scenen ausführen, Piesker übernahm die Stellen, wo
mehr kalte Berechnung hervortreten sollte. Indeß verließ der Freund
bald darauf Berlin, und so blieb das wunderliche Werk unvollendet.

Um diese Zeit schloß er sich einigen jungen Männern reiferen Alters
an, die bereits als Lehrer am Werderschen Gymnasium angestellt waren,
und zu deren Schülern er selbst gehörte. Der Unterschied der Jahre und
die Schranken der Schule verschwanden vor der ausgleichenden Kraft
des Genies, das im Augenblicke eroberte, was Andere mühselig erwerben
mußten. Diese jüngern Lehrer hatten sich bereits unter den Einflüssen
der Literatur herangebildet, welche auch seine Richtung bestimmte.
An Goethe, an die neue Philosophie schlossen sie sich an. Die engen
Schranken im Wissen und Leben sollten fallen. Beides sollte nicht mehr
durch eine steife und ängstliche Stubengelehrsamkeit getrennt werden,
es sollte sich vielmehr durchdringen. Es war der Gegensatz des jüngern
Geschlechts, das erobern will, gegen das ältere besitzende, welcher
Ludwig diesen Männern zuführte.

Dagegen lösten sich die nähern Verhältnisse zu den frühern Lehrern auf.
Der Subrector Stilke, dessen Zucht Ludwig in den ersten Schuljahren
erfahren hatte, war seit längerer Zeit Prediger in Ruhlsdorf bei
Berlin. In alter Anhänglichkeit hatte er ihn mit einigen Gefährten
bisweilen auf seiner Pfarre besucht. Mit humoristischem Behagen fand
er, daß er noch immer der Alte sei. In weinerlich-näselndem Tone
klagte der wunderliche Mann über das Kreuz und die Plagen der Welt,
die Verfolgungen schlechter Menschen, die ihn seiner Frömmigkeit wegen
träfen. Auf die Bemerkung, daß das Kreuz ihm wohl zu bekommen scheine,
da er ja an Leibesfülle ansehnlich zugenommen habe, antwortete er:
„Ach, liebe Freunde, das thue ich allein meiner theuern Gemeinde
wegen.“ Bei diesen Worten zog er ein Polsterkissen hervor, welches er
unter die Weste zu knöpfen pflegte, um sich ein ehrwürdiges Ansehen zu
geben.

Zu den jüngern Lehrern, denen Ludwig schon früher nähergetreten war,
gehörte der geistvolle Uhden, der eine Zeit lang den geschichtlichen
Unterricht in der obersten Classe ertheilte, dann Rambach und
Bernhardi. Beide waren im Laufe des Jahres 1791 Mitglieder des von
Gedike geleiteten Seminars für gelehrte Schulen geworden, und hatten
als solche eine Anzahl von Lehrstunden am Werderschen Gymnasium
übernommen.

Zunächst wurde der Verkehr mit Rambach für ihn erfolgreich. Ohne
gründliches Wissen zu besitzen, hatte sich dieser der Literatur und
den Alterthumswissenschaften zugewendet, es aber bald anziehender
gefunden, sein Talent einer leichten und oberflächlichen Darstellung
in der Schriftstellerei für die eben beliebte Unterhaltung geltend zu
machen. Voll von Plänen und Entwürfen, beweglich, nicht ohne Phantasie,
aber innerlich seicht, schrieb er mit stets bereiter Feder, was man
irgend verlangte, Romane, Dramen, Schauergeschichten und Festspiele.
Auf dem Gymnasium ertheilte er deutschen Unterricht in der obersten
Classe in einer Weise, die ihm die bequemste war, ihn aber den ältern
Lehrern als einen dilettantischen Neologen verrieth. Er las nämlich
die neuesten Gedichte vor. Als Gedike ihn einst in der Lehrstunde
Schiller’s „Künstler“ vorlesen hörte, konnte er eine laute Aeußerung
des Misfallens nicht unterdrücken; er hielt das für Allotrien. Aber
gerade dies brachte Rambach seinen Schülern näher. Auch fand es großen
Beifall, daß er ihnen in der Art der schriftlichen Arbeiten freie Hand
ließ, und ihnen sogar die Aufgabe stellte, diesen oder jenen Stoff
dramatisch zu behandeln. Das war ja das Feld, auf welchem man sich am
liebsten bewegte und am meisten zutraute.

In einem Stücke des „Deutschen Museum“ las man damals mit vielem
Antheil die Geschichte eines Insulanerhäuptlings von Manilla, der
in die Hände spanischer Jesuiten gefallen war. Rambach hielt diesen
Stoff für eine dramatische Bearbeitung sehr geeignet. Ob der Schluß
versöhnend oder tragisch gewendet werden solle, überließ er der
dichterischen Erfindungskraft seiner Schüler. Der Gegensatz natürlicher
Unverdorbenheit und verfeinerter Bosheit und roher Glaubenswuth
verfehlte seinen Eindruck nicht, und Ludwig brachte in kurzer Zeit
sein dreiactiges Schauspiel „Allamoddin“ zu Stande. Im Sinne der Zeit,
welche in dem Naturzustande wilder Völker das Urbild der Unschuld
und Tugend fand, machte er den Häuptling zum Träger naturalistischer
Ansichten in Religion und Politik, wie sie in Berlin galten, und ließ
das ferne Suhlu in der Südsee als eine Freistatt vor europäischer
Verderbtheit erscheinen. Rambach war durch die Sicherheit und
Leichtigkeit der Behandlung überrascht. Geschmeichelt, unter seinen
Schülern solche Talente zu haben, versprach er das Schauspiel an
Schröder zu senden, und ihn für dessen Darstellung auf der Bühne zu
gewinnen. Während diese Versprechungen vergessen wurden, hatte indeß
die beginnende Freundschaft mit Rambach andere nicht unerhebliche
Folgen.

Lehrer und Schüler verkehrten bald auf gleichem Fuße miteinander.
Ohnehin war dieser nur um fünf Jahre jünger als jener. Rambach
erkannte Ludwig’s Gewandtheit und Gutmüthigkeit, und machte ihn zu
seinem literarischen Vertrauten. Zunächst leitete er ihn zu allerlei
Dienstleistungen an, die jenseit der Grenzen der Schule lagen.
Rambach’s Schnellfertigkeit in schriftstellerischen Darstellungen,
die er unter eigenem Namen, einem angenommenen, oder auch namenlos
erscheinen ließ, erregte das Erstaunen seiner Bekannten. Auf die Frage,
wie er es denn möglich mache, soviel zusammenzuschreiben, hatte er,
wie man sich erzählte, geantwortet: „Wenn ich einmal stecken bleibe,
knirsche ich nur mit den Zähnen, und es geht wieder frisch weiter!“
Bei diesen Arbeiten wurde Ludwig zuerst als Schreiber angestellt. Er
mußte die schnellaufschießenden, oft dickleibigen Manuscripte ins Reine
bringen. Manche Stunde des Tages, ja der Nacht verwandte er darauf.
Es machte ihm schon Vergnügen, ein zierlich geschriebenes Heft dieses
Inhalts herzustellen. Bald sah der Meister, daß er die Kräfte des
Jüngers angemessener und vortheilhafter nutzen könne, wenn er ihn an
seinen Arbeiten selbständig theilnehmen lasse.

Derbe, handfeste Stoffe liebte das große Publicum. Die Leser mußten
sich gewaltig erregt, und ihre Nerven von Schrecken und Schauern aller
Art durchbebt fühlen, wenn sie mit dem Beifall freigebig sein sollten.
Je abenteuerlicher das Gräßliche auftrat, desto besser; nach dem Ganzen
pflegte man nicht viel zu fragen. In diesen Verzerrungen wirkten die
misverstandenen Vorbilder, der „Götz“, „Die Räuber“, „Der Geisterseher“
fort. Ritterromane verlangte man, die vom Sporngeklirr und dem
Gepolter deutscher Kraft und Biederkeit widerhallten, in denen der
mannhafte Ritter, wenn er nüchtern ist, in die Netze des Pfaffentrugs
und der Weiberlist mit eiserner Faust hineinschlägt. Nicht minder
waren Räubergeschichten beliebt, gleichviel ob erfunden, oder aus
den Criminalacten entlehnt. Es erschien irgendein heruntergekommener
und ausgestoßener Held, der wie Karl Moor sich berufen fühlte, die
Menschheit an der Menschheit zu rächen. Hier gab es Beiträge zur
Erfahrungsseelenkunde. Als merkwürdige psychologische Erscheinungen
wurden Gauner und Spitzbuben studirt, und zu großen Männern
gestempelt, denen die Verkehrtheit der bürgerlichen Einrichtungen
keinen freien Spielraum gönne, und sie aus der Heldenbahn in die nah
angrenzenden Diebeswege hinüberdränge. Nur wenig fehlte, und auch
dieser Räuber wäre ein Alexander, ein Cäsar geworden. Nicht an ihm lag
es, wenn er es nicht ward. Eine seicht moralisirende Pragmatik gefiel
sich darin, die welthistorischen Personen als Räuber im Großen, und
wirkliche Räuber als Helden im Kleinen darzustellen.

Oder endlich Magier und Zauberer, geheime mystische Orden, im Finstern
schleichende Mächte mußten ihr räthselvolles Spiel entfalten. Je
nach Umständen beschützen sie wie Sarastro in der „Zauberflöte“ die
Tugend, und wirken in unterirdischen Kellern für Menschenwohl, oder
mit sinnverwirrenden Spielen und trügerischen Künsten umgarnen sie ihr
ahnungsloses Opfer von fernher. Hier spiegelten sich die Einwirkungen
der Freimaurer, der Rosenkreuzer, Goldmacher und Geisterbeschwörer mit
ihrer Geheimnißkrämerei wider, der Cagliostro, Schröpfer und Anderer,
die mit kecker Stirn behaupteten, ihre Geheimlehren und Kräfte von den
Pyramiden Aegyptens unmittelbar hergeholt zu haben. Hier, so träumte
man, sollte sich eine uralte Mystik erhalten haben. Man schien der
gepriesenen Aufklärung müde zu sein, und den Glauben abgethan zu haben,
um sich einem plumpen Aberglauben kopfüber in die Arme zu werfen. Die
Phantasie mußte aus einem Schrecken in den andern hineingehetzt werden,
gleichviel ob durch Spuk oder Blut. Die zahmgewordenen Schrecken der
Revolution schienen sich in der deutschen Unterhaltungsliteratur
festgesetzt zu haben. Aber wenn eisige Schauer den Rücken des
Lesers hinabglitten, dann fühlte er mit doppeltem Genusse das Glück
bürgerlicher Ruhe und Sicherheit.

Außer Rambach arbeiteten in diesem Fache noch viele Schriftsteller,
und mit mehr Erfolg als er. Da gab es die Rittergeschichten von Spieß
und Schlenkert, von Veit Weber, Cramer und Feßler; die Spuk- und
Schauergeschichten von Meißner und Große, der die grobe Täuschung so
weit trieb, vor dem Publicum als spanischer Marquis Vargas oder gar
Marquis Große, selbst den Geheimnißvollen zu spielen.

Auf diesen Geschmack war ein Buch berechnet, das 1790 im Himburg’schen
Verlage unter dem Titel erschien: „Thaten und Feinheiten
renommirter Kraft- und Kniffgenies.“ Es enthielt eine Auswahl von
Lebensbeschreibungen bekannter Diebe und Räuber, zu der verschiedene
Verfasser beitrugen, es aber gerathen fanden, sich nicht zu ihren
Helden zu bekennen, und ihre Namen zu verschweigen. Rambach hatte es
übernommen, die Geschichte des berüchtigten Wilddiebes und Räubers
Matthias Klostermayer, genannt der Bairische Hiesel, zu bearbeiten.
Dieser hatte nach dem Siebenjährigen Kriege in Baiern und den
angrenzenden reichs- und stiftsländischen Gebieten ein vollkommen
eingerichtetes Raubhandwerk getrieben. Als Rächer und Schützer gegen
drückende Forstgesetze war er ein Liebling des Landvolks geworden. Die
Geschichte seines Räuberlebens war als Volksbuch durch Deutschland
gewandert, und hatte einen beliebten Stoff für die Puppentheater
geliefert. Nun sollte für die Leser von Fach ein schmackhaftes Gericht
daraus bereitet werden. Das nächste Vorbild, welches man hier hatte,
war Schiller’s „Sonnenwirth“.

Rambach unterließ auch nicht, den Hiesel zu einem Helden zu stempeln.
Er nahm den Mund nicht wenig voll. Er erklärte ihn für einen Wilddieb
aus Grundsätzen, einen Verbrecher durch die Einrichtung des Staates,
und naseweis hofmeisterte er die Vorsehung, daß sie aus diesem
Stoff, der zu einem Alexander ausreichend gewesen wäre, nur einen
Straßenräuber gemacht habe. Doch er selbst vermochte nur die ersten
Capitel zu Stande zu bringen, die er Ludwig in die Feder gesagt hatte.
Dann ward er der Arbeit müde, und fand es bequemer, die Fortsetzung
seinem Gehülfen auf eigene Gefahr zu überlassen.

Dieser mußte nun dem weitschweifigen Volksbuche, das aus endlosen
Berichten stets wiederkehrender Diebereien und Raufereien bestand,
Schritt vor Schritt nachgehen, und lieferte eine Erzählung, welche
die eintönige Weise des Vorbildes ziemlich getreu wiedergab. Da hier
Geschichte geschrieben werden sollte, so war eine freie Bewegung nicht
erlaubt. Mit großem Ernst hielt er bei diesen rohen und widerwärtigen
Auftritten die Miene des Menschenkenners und psychologisirenden
Geschichtschreibers fest. An einer Stelle suchte er gar durch eine
kühne Vermuthung wahrscheinlich zu machen, daß Schiller’s Sonnenwirth
seine ersten Studien unter dem Bairischen Hiesel gemacht habe.

Mit Selbstverleugnung führte er die lästige Aufgabe glücklich durch.
Nur auf der letzten Seite konnte er es sich nicht versagen, hinter
der steifen Maske ironisch lächelnd hervorzusehen. Er schloß mit der
Versicherung, daß ihm mit der Beendigung dieser Hieseliade ein schwerer
Stein vom Herzen falle, denn es sei ihm sauer genug geworden, diesen
Kerl als Helden darzustellen. „Warum? Weil er nichts mehr und nichts
weniger war als ein Spitzbube!“ Mit diesem Epigramm stieß er die
gespreizten Reden Rambach’s über den Haufen, und übte eine scharfe
Kritik des ganzen Buchs aus. Rambach war mit der gelieferten Arbeit
zufrieden, dachte aber nicht daran, seinem Zöglinge das Honorar zu
überlassen. Dagegen hatte Ludwig die Genugthuung, in einem kritischen
Blatte zu lesen, daß dieser letzte Abschnitt des Buchs (der zweite
Theil war 1791 erschienen) einen gewandten Schriftsteller verrathe.

Gleichzeitig schrieb Rambach einen Schauerroman: „Die eiserne
Maske“, den er 1792 unter dem Namen Ottokar Sturm herausgab. Hier
benutzte er noch einmal die schon erkaltende Vorliebe für Ossian,
und verlegte die modernen Schreckensscenen in die Felsenthäler und
Nebel Hochschottlands. Die eiserne Maske, eine Art Panzer, in den
die Menschen wie in einen Kasten hineingesteckt werden, trieb unter
Ossian’s Heldengestalten Toskar, Carno und Ullin ihr spukhaftes Wesen.
Rambach’s Schreckensmaschinerien spielten bis zum letzten Capitel.
Hier ermüdete er und überließ es Ludwig, den Schluß hinzuzufügen. Er
sagte ihm: „Ich habe mich in Erfindung und Darstellung des Gräßlichen
so erschöpft, daß ich nichts weiter zu sagen weiß. Mögen Sie einmal
Ihr Heil versuchen.“ Ludwig setzte eine Nacht daran und beendete den
Roman. Es galt Ryno, den Bösewicht, in den Folterqualen des Gewissens,
und seinen verzweifelten Untergang zu schildern. Wie überflügelte hier
der Schüler den Lehrer! Während sich dieser nur auf die gewöhnliche
Decorationsmalerei des Schreckens verstand, die auf den groben Eindruck
berechnet war, entfaltete jener eine Welt des Grausens, in die er
selbst hineingeschaut hatte. Dieselbe Ueberlegenheit zeigte sich auch
in einigen eingeschalteten lyrischen Gedichten, in denen er bis zur
vollen Wirkung den Ton Ossian’s getroffen hatte.

In ähnlicher Weise suchte ein anderer jüngerer Lehrer, Seidel, sich
Ludwig’s Kräfte dienstbar zu machen. Dieser, der ebenfalls als
Seminarist am Werderschen Gymnasium unterrichtete, war sein Lehrer
im Englischen gewesen. Die Sprache Shakspeare’s mußte Ludwig kennen
lernen, das schien ihm Pflicht. Sobald als irgend thunlich, war man zum
„Macbeth“ übergegangen. Diesen wußte er nach Eschenburg’s Uebersetzung
fast auswendig, sodaß er zweifelhaft ward, ob er das Verständniß seinen
Fortschritten, oder seinem Gedächtniß zu danken habe. Seidel übersetzte
damals Middleton’s „Leben des Cicero“. Die beiden ersten Bände hatte
er bearbeitet. Auch er ermüdete und überließ seinem Schüler die
Vollendung, sobald er ihn sicherer geworden sah. Doch erschienen die
letzten Bände erst 1793.

Aber wichtiger noch ward die Verbindung mit Bernhardi. Nur um drei
Jahre älter als Ludwig, hatte er dessen ausgezeichnetes Talent bald
herausgefunden, und war rasch mit ihm vertraut geworden. Er war
einer der eifrigsten Vorkämpfer des jüngern Geschlechts. In Halle
war er für die Philologie durch F. A. Wolf angeregt worden, er
wandte sich Fichte’s neuer Philosophie zu, und war ein begeisterter
Bewunderer Goethe’s. Er besaß Scharfsinn, den er in wissenschaftlichen
Untersuchungen und Kämpfen oft siegreich bewährte. Spott und
treffender Witz standen ihm zu Gebote, und machten ihn zu einem ebenso
gefürchteten Gegner als beliebten Unterhalter. Mit Leichtigkeit wußte
er sich auf den verschiedensten Gebieten des Wissens zurechtzufinden,
und durch geschickte Anwendung zu verdecken, was ihm an gelehrten
Kenntnissen abging. Er liebte Laune, Ironie und Mystification, und
konnte mit Nachdruck und Anstrengung arbeiten, um hinterher eben das
zu verspotten, woran er seine ganze Kraft gesetzt, und nicht minder
diejenigen, welche daran geglaubt hatten. Gewandt und überlegt wußte
er sich in die verschiedensten Stimmungen zu versetzen; stets blieb
er Herr der Form, auch in der Rede und Schrift, und wußte für sich zu
gewinnen und zu blenden.

Damals von Bernhardi aufgesucht, durch die Hingebung an die neue
Literatur mit ihm verbunden, sah ihn Ludwig fast täglich, und sie
theilten einander mit, was sie im Augenblicke bewegte. War der Eine
der Begabtere, so wurde das durch die größere Durchbildung und den
schärfern Blick des Andern für jetzt aufgewogen, und beide fanden in
diesem Verkehr ihre Befriedigung.



11. Der Abschied.


Ludwig gehörte kaum mehr der Schule an. Die Schranke, welche ihn von
seinen Lehrern trennte, war zum Theil durch einen gleichstellenden
Umgang aufgehoben, er selbst hatte sich als Schriftsteller versucht.
Die Lehrjahre waren abgelaufen; er konnte freigesprochen werden. Vier
Jahre hatte er in der obersten Classe der Lehranstalt zugebracht. Es
waren vielleicht an innerer Entwickelung die reichsten seines Lebens.
Als Knabe war er eingetreten, jetzt war der Dichter des „Abdallah“ und
„Lovell“ vollendet.

Die meisten seiner Freunde hatten die Schule früher verlassen. Nur
Wackenroder war ihm noch geblieben. Endlich schickten sie sich an,
Ostern 1792 als sogenannte Abiturienten das Gymnasium zu verlassen.
Zu besonderer Auszeichnung hatte Gedike die feierliche Abschiedsrede,
in welcher der scheidende Zögling seine Pietät gegen die Lehranstalt
auszusprechen pflegte, Wackenroder übertragen. So natürlich ein solcher
Dank war, so widrig erschien der Ton persönlicher Schmeichelei, der
in diesen Reden üblich geworden war. Ludwig hatte seinem Freunde
gesagt, er werde es hoffentlich verstehen, seine Dankbarkeit anders
auszusprechen. Es sollte von den Verdiensten der Griechen um die
Wissenschaften geredet werden, und wirklich suchte Wackenroder in
seinem Entwurfe einfachere und natürlichere Ausdrücke des Dankes zu
gebrauchen. Wie aber erstaunte er, als er sah, daß Gedike, dem er die
Rede zur Censur überreicht hatte, die herkömmlichen Wendungen und
Lobpreisungen mit eigener Hand eingeschaltet hatte.

Dem Willen seines Vaters gemäß mußte Wackenroder einen Bildungsgang
einschlagen, der nicht der gewöhnliche war. Er sollte die Rechte
studiren, obwol seine volle Neigung der Kunst gehörte. Alles, was
mit dieser zusammenhing, ergriff er mit tiefster, sehnsüchtigster
Innigkeit, während er sich den strengeren Wissenschaften gegenüber
verschlossen zeigte. Darum mochte es dem Vater trotz Gedike’s
glänzender Abschiedscensur gerathen erscheinen, ihn noch ein Jahr lang
durch Privatunterricht für die Universität vorbereiten zu lassen. Neben
dem juristischen Fache blieben die allgemeinen Wissenschaften nicht
unberücksichtigt. Der Prediger Erduin Julius Koch, der gelehrte Kenner
der altdeutschen Literatur und Verfasser des bekannten „Compendiums“,
hielt Wackenroder Vorlesungen über deutsche Literatur, die für seine
spätere Richtung von großer Bedeutung waren.

Wenige Wochen vor Ablauf des neunzehnten Lebensjahres verließ Ludwig
Gedike’s Schule. Das übliche Examen bestand er zur Zufriedenheit, ohne
daß man ihm gerade ein glänzendes Zeugniß auf den Weg gegeben hätte. In
der Mathematik hatte er auf jeden Erfolg verzichten müssen. Er hatte
nicht einmal das Heft zu gebrauchen gewußt, mit welchem ihn seine
Freunde, denen er so oft geholfen, ausgerüstet hatten. Man staunte über
den höchst sonderbaren Weg, den er bei der Lösung der gegebenen Aufgabe
einzuschlagen versucht hatte.

Sobald Phantasie und Gefühl bei ihm hervortraten, war ihm die
Mathematik ein lästiger Gegenstand des Unterrichts geworden. Dem
allgemein Menschlichen gegenüber schienen ihm ihre Lehrsätze höchst
gleichgültig und der innern Bedeutung zu entbehren. Dafür war er sonst
um so vielseitiger. Er überschaute ein weiteres Feld des Wissens als
seine Genossen. Die alte und neue Literatur hatte er durchstreift,
seine Kritik mannichfach geübt, und sich ein sicheres Urtheil gebildet.
Wie er einen scharfen Blick für die Erkenntniß des Schiefen und Hohlen
hatte, so einen nicht minder tiefen für das wahrhaft Bedeutende und
Große. Mit den Anfängen der Kunst hatte er sich vertraut gemacht und
seine Kräfte in der verschiedensten Weise geübt.

Und reich war er an innerer Erfahrung. Schon hatte er die Grenzen
berührt, vor denen der menschliche Geist zurückweicht. Wie manchen
Kelch des Schmerzes hatte er nicht geleert, wie oft zu sterben
gewünscht! Auch darin war er als eine große Kraft ausgezeichnet worden.
Früher und in vollerem Maße als viele Andere hatten schwere innere
Leiden ihn betroffen, denn um einen nicht geringen Preis waren ihm die
Gaben geworden, welche ihn vor Vielen erhoben.

Aber jetzt war er dem Leben zurückgegeben, wenn ihn die vernarbenden
Wunden auch noch oft schmerzten. Die Lust am Leben war am Ende doch
mächtiger als die Bande finstern Trübsinns, die ihn rückwärts zogen in
die schwarze Höhle. Waren nicht Dichtung und Kunst sein? Breitete ihm
nicht die Natur die Arme entgegen? Auch war er reich an wohlmeinenden
Freunden. Der frische, unverwüstliche Muth der Jugend stieg in ihm
empor.

Er konnte, er wollte leben, kämpfen, siegen. Jetzt verließ er das
Vaterhaus, das ihn so lange treu geschirmt hatte. Verheißungsvoll lag
die Ferne vor ihm, sie schien ihm zu winken, ihm glänzender als je zu
zeigen, was er früher nur geahnt hatte. In ihr schien die Offenbarung
des Geheimnisses, die Erfüllung der Wünsche zu liegen! Ihr eilte er
voll Hoffnung und Jugendmuth entgegen, und wol mochte er mit seinem
ausziehenden Sternbald rufen: „O Jugend! Du lieber Frühling, der
du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des Lebens liegst! wo mit
zarten Aeuglein die Blumen umher, des Waldes neugrüne Blätter wie mit
fröhlicher Stimme dir winken, dir zujauchzen! Du bist das Paradies, das
jeder der spätgeborenen Menschen betritt, und -- das für jeden immer
wieder von neuem verloren geht!“



                             Zweites Buch.

                             Dichterleben.

                              1792-1800.



1. Halle. Katheder und Offenbarung.


Es war im Frühlinge des Jahres 1792, als sich Ludwig Tieck auf dem
Wege nach Halle befand. Mancher Kampf hatte noch bestanden, mancher
schwere Entschluß gefaßt werden müssen, bevor er zum Wanderstabe
greifen konnte. Endlich war auch das überwunden. Er fühlte sich frei
und leicht, und wie die Thürme der Vaterstadt hinter ihm am Horizonte
verschwanden, schienen die letzten Wolken des Kummers zu versinken.
Frisch und wohlgemuth eilte er der Akademie und ihrer goldenen Freiheit
in Leben und Wissen entgegen.

Aber auch um der Freiheit zu genießen waren Beschränkung und
Selbstverleugnung nothwendig, und nicht ohne Opfer war sie zu
erkaufen gewesen. Um zu studiren ging Ludwig nach Halle. Wollte er
akademischer Bürger werden und dessen Vorrechte ausüben, so mußte er
sich für einen Beruf, für ein gediegenes Fachstudium entscheiden, er
mußte eine Facultät wählen. Aber welche von allen vieren sollte es
sein? Das war eine schwere Frage für ihn, der jeder äußern Bestimmung
seiner geistigen Richtung widerstrebte, und sich stets ungehemmt, in
eigenster Weise bewegen wollte. Seine Natur, das Persönliche wollte
er frei ausbilden, und es nicht mit der Schere nach gewöhnlichem Maße
zuschneiden lassen! Und nun sollte er studiren um des Brotes willen, um
in einer fernliegenden Zeit leben zu können, sein Auskommen zu haben.
Wußte er doch nicht einmal, ob er sie erleben werde! Wie kläglich
erschien ihm ein solches Brotstudium! Wie grau und farblos war das
Leben, wenn er an die alternden und verstaubten Candidaten dachte, die
ihr kümmerliches Dasein durch das wissenschaftliche Handwerk fristeten,
und armselig vom A-b-c lebten; oder an jene Geistlichen, die er kannte,
welche ihr Amt wie eine Last trugen. Selbst wie mancher seiner Lehrer
wäre am Ende lieber alles Andere gewesen als Schulmeister!

Und wenn er ehrlich gegen sich selbst sein wollte, stiegen nicht ganz
andere Wünsche in seinem Herzen auf? Noch immer sehnte er sich nach
jener bunten Welt der Breter, welche ihn schon als Kind unwiderstehlich
anzog. Er hatte gewünscht, allen Fachstudien den Rücken für immer zu
kehren, und dem Theater ausschließlich zu leben. Oft glaubte er allein
dafür Beruf zu haben, und in Augenblicken der Begeisterung traute
er sich Kraft genug zu, als darstellender Künstler das Bühnenwesen
umschaffen zu können. Das waren keine leeren Träume, keine eiteln
Einbildungen, wie sie dem Alter der erwachenden Kunstbegeisterung
leicht zu kommen pflegen. Er hatte, wenn auch nur in kleinen Kreisen,
manchen Erfolg für sich aufzuzeigen. Reichardt hatte ihn ermuntert,
vielleicht mit Absicht auf die Bühne hingeleitet. Endlich hatte er
es gewagt, dem Vater seine Wünsche anzudeuten. Soviel Theilnahme
dieser aber dem Theater zuwendete, so sträubte sich doch der Stolz des
Bürgers dagegen, seinen Sohn unter den unmoralischen Komödianten zu
wissen, oder gar seinen Namen auf dem Theaterzettel an den Straßenecken
zu lesen. Es kam zu heftigen Erörterungen, und je mehr der Vater
widerstrebte, desto klarer schien es dem Sohne zu werden, daß ihn sein
Beruf allein auf das Theater führen könne. Endlich sprach der Vater
ein entscheidendes Wort. „Wenn du unter die Komödianten gehst, so gebe
ich dir meinen Fluch!“

Also Ausstoßung aus der Familie war der Preis, um welchen er seine
Wünsche erfüllt sehen konnte. Doch vor diesem letzten Schritte bebte
er zurück. Er suchte seiner leidenschaftlichen Neigung Herr zu werden,
und beschloß bei den Studien zu bleiben. Da man so viel von ihm erlangt
hatte, ließ man ihm in ihrer Wahl und Art volle Freiheit. Auch war sein
äußeres Leben durch ein städtisches Stipendium, welches man für ihn
ausgewirkt hatte, hinreichend gesichert.

Für Halle, als die bedeutendste Landesuniversität, hatte er sich
entschieden. Damals hatte es einen neuen Aufschwung genommen, den es
der genialen Persönlichkeit F. A. Wolf’s verdankte. Mit Kühnheit führte
er die Philologie ihre eigene Bahn, und seine Vorlesungen über den
Homer hatten bereits Ruf gewonnen. Auch fand Tieck Reichardt auf seinem
Landsitze in Giebichenstein wieder, und konnte das Haus betreten,
welches ihm schon in Berlin eine heimische Stätte gewesen war.

Auf der Reise nach Halle begleitete ihn sein Schulgefährte Schmohl,
der dort ebenfalls seine Studien beginnen wollte. In Belzig, wo der
Vater desselben als begüterter Bauer wohnte, verlebten sie einige
Tage ländlicher Idyllen. Dann gingen sie nach Coswig, wohin sie an
den Amtmann Caletzki empfohlen worden waren. Dieser war ein braver,
einfacher, wohldenkender Mann, der die jungen Studenten auf das
gastlichste empfing. Als er hörte, sie seien auf dem Wege nach Halle,
hielt er es für Pflicht, sie eindringlich zu ermahnen. Er zitterte für
ihr Seelenheil, wenn er daran dachte, daß sie in die Hände Bahrdt’s
gerathen, und zu Anhängern seiner gottlosen Lehren werden könnten. Er
schloß sich mit den beiden fahrenden Schülern in ein abgelegenes Zimmer
ein, und beschwur sie unter Thränen, auf ihrer Hut zu sein vor den
Netzen der Verführer und falschen Propheten. Er endete seine Ermahnung
mit einem Gebete voll Eifer und Salbung.

Auf Tieck machte diese wohlgemeinte Warnung einen rührenden und doch
komischen Eindruck. Für ihn hätte es ihrer nicht bedurft, denn er
wußte von Bahrdt’s bisheriger Laufbahn genug, um ihn zu verachten.
Die plumpe Gemeinheit, mit welcher er in seinen letzten Schriften
aufgetreten war, hatte ihm moralischen Ekel erregt. Das Böse konnte
keine abschreckendere Gestalt annehmen, als diese der schmuzigen
Roheit. Auch war Bahrdt selbst in den letzten Abschnitten seiner
Irrfahrten. Er hauste auf seinem Weinberge bei Halle, wo auch Tieck
den kaffeeschenkenden Professor später aus Neugier besuchte. Die ganze
Erscheinung desselben bestärkte ihn im Widerwillen. Er hörte seine
platten Prahlereien an, konnte sich aber nicht entschließen, mit ihm
auch nur ein Wort zu wechseln.

Ein viel wichtigeres Ereigniß war es für ihn, in Coswig die Mutter
Matthisson’s kennen zu lernen. Wer las und feierte nicht Matthisson,
den zarten und gefühlvollen Dichter der Natur? Auch er war seiner
Bewunderung voll; nun konnte er aus dem zuverlässigsten Munde hören,
wie jener sich gebildet, wie er geworden, was er war. Die gesprächige
alte Frau wurde nicht müde, allen Fragen Rede zu stehen. Stunden lang
konnte sie von ihrem Sohne erzählen, von seiner Kindheit, seinen
Gedichten, seiner Schwermuth. Weinend bat sie Tieck, er möge sich doch
ja bewaffnen, daß er nicht in eine ähnliche Melancholie verfalle,
offenbar habe er mit ihrem Sohne eine große Aehnlichkeit. Eine solche
Anerkennung hatte er nicht erwartet, er war dadurch ebenso gerührt als
gehoben. Einen Schattenriß Matthisson’s, den er geschenkt erhielt,
hütete er so lange als einen theuern Schatz, bis er Gelegenheit hatte,
ihn mit dem Original zu vergleichen und zu erkennen, daß dieses hinter
dem Bilde, welches er sich gemacht hatte, zurückbleibe.

So traf Tieck mit einem doppelten Segen in Halle ein. Ueblicherweise
ließ er sich in die theologische Facultät einschreiben, obgleich ihm
die Theologie selbst sehr fern lag. Fürs erste wollte er Literatur und
Alterthumswissenschaften studiren. Sobald er mit den Persönlichkeiten
und Wirkungskreisen der Professoren vertrauter geworden war, fühlte
er, nur F. A. Wolf mit seiner lebensvollen Auffassung der alten Welt
habe für ihn Bedeutung und Anziehungskraft. Hier fand er, was er schon
auf der Schule als wahre Bildung erkannt hatte. Wolf’s Ansichten über
das Alterthum waren sein innerstes Eigenthum, er hatte es in sich
durchlebt, und darum wirkte er auf das Leben.

Auch mit der Philosophie konnte sich Tieck nicht befreunden. Voll
Gefühl und Leidenschaft, überwiegend in der Welt der Phantasie lebend,
und einem geheimen Zuge zum Unerklärlichen, Mystischen folgend, war
ihm das strenge Urtheilen und Abschließen, das weitläufige Deduciren,
die zuversichtliche Systematik gleich sehr zuwider. Nichts hatte ihn
tiefer erschüttert, als jene Lebensfragen, welche die Philosophie
behandelte, aber er fühlte, diese Weise sei geeignet, ihm den
Gegenstand zu verleiden. Was die eifrigen Jünger der Wissenschaft
als tiefen Aufschluß und Erklärung räthselvoller Fragen verkündeten,
schien ihm höchstens nur eine andere Art sie auszusprechen, ohne sie
dadurch der Lösung näherzubringen. Diese Lehrbegriffe waren ihm nur
eine Beschränkung der Freiheit, ein Gefangennehmen des eigenen Denkens
und Seins unter ein fremdes Gesetz. Es wurde bei ihm Ueberzeugung, wer
sich der Dichtung, der Kunst mit ganzer Seele ergeben habe, müsse auch
in ihren Offenbarungen die vollste Befriedigung finden, und könne dann
der philosophischen Hülfen und Stützen gar wohl entbehren.

Schon in Berlin waren ihm Reichardt’s Versuche, die Musik mit dem
Studium der Philosophie zu verbinden, bedenklich erschienen. „Welch
ein großer Mann ist Kant!“ hatte dieser einst in seiner Gegenwart
ausgerufen; „es gibt keinen Gegenstand, über den er uns in seinen
Schriften nicht den Kopf zurechtsetzte!“ Tieck hatte dagegen
eingewandt, ein Musiker, der von seiner Kunst ganz erfüllt sei, müsse
an ihr vollständig genug haben, er werde die Zurechtweisungen der
Philosophie weder vermissen noch aufsuchen.

Auch wollten ihm die Männer vom Fach, die Kantianer in Halle, gar
nicht behagen. Ein philosophisches Collegium, welches er in der
frühesten Morgenstunde bei Jacob zu hören anfing, ließ er bald
im Stiche. Das Opfer an Schlaf, welches er bringen mußte, die
Unbequemlichkeit, in aller Frühe mit einem wohlgewickelten Zopf in
dem Philosophicum erscheinen zu müssen, wurde nicht aufgewogen durch
den Gewinn, der ihm hier an Erkenntniß und Lebensweisheit versprochen
wurde. Seine Genossen, die fast alle Kantisch philosophirten, fanden
die Hartnäckigkeit, mit welcher er sich diesen Lehren verschloß,
unverzeihlich, und ließen es an manchen Angriffen und Verspottungen
nicht fehlen. Auch mit Eberhard, dem Apologeten des Sokrates, war
er abgefunden, als er ihn in der Aesthetik auseinandersetzen hörte,
Engel’s „Eid und Pflicht“ sei das vollendetste neue Drama, weil darin
die drei Einheiten auf das genaueste beobachtet seien. Noch weniger
zog ihn Knapp’s Exegese an; und so blieben denn schließlich Wolf’s
Vorlesungen über die römischen Antiquitäten allein übrig, die einigen
Ersatz gewährten.

In Reichardt’s gastfreiem Hause erhielt er Gelegenheit, in das Innere
der gelehrten Welt Halles zu blicken. Wie in Berlin war es auch hier
ein geistiger Mittelpunkt geworden. Er lernte die berühmtesten der
Professoren kennen, und mancher von ihnen zeigte sich hier, wo er
sich ungezwungen gehen lassen konnte, anziehender oder mindestens
eigenthümlicher, als wenn er auf dem Lehrstuhle saß. Jedoch traten auch
Härten, Eifersüchteleien und Feindschaften unverhohlener hervor, die
dem angehenden Studenten diese ersten Größen der Wissenschaft bisweilen
in zweifelhaftem Lichte erscheinen ließen. Namentlich sah er Reinhold
Forster, Niemeyer und Matthias Sprengel.

Die beiden Letzten lebten fortwährend in offener Fehde, und gaben durch
den Widerwillen, welchen sie bei jeder Gelegenheit laut gegeneinander
aussprachen, zu manchen komischen Vorfällen Veranlassung. Niemeyer war
würdig, gemessen und salbungsvoll, nicht ohne Süßlichkeit; stets wollte
er der durchgebildete, der feine und humane Mann sein. Sprengel dagegen
war kurz und sonderbar, schneidend, voll Spott, und häufig durchfahrend
grob. Niemeyer’s wohlrednerischer Ton war ihm geradezu verhaßt. Einst
war in einer Professorengesellschaft bei Reichardt von den Romanen des
angeblichen Marquis Große die Rede, der behauptet hatte, in Spanien
gebe es keine Windmühlen. Scherzend meinte Jemand, es scheine dem Don
Quixote gelungen zu sein, sie auszurotten, als Sprengel dazwischenfuhr:
„Es ist elendes, dummes Zeug!“ Niemeyer, dessen Humanität solche
scharfe Urtheile nicht vertragen konnte, entgegnete einlenkend: „Aber,
Herr College, sollte denn nicht etwas Gutes daran sein können?“
„Bewahre! Nichts, gar nichts, sage ich!“ schrie jener; „wenn Sie sich
ein Jahr lang Mühe geben, können Sie auch dergleichen dummes Zeug
schreiben!“

Ein anderes Mal traf Tieck mit den beiden Streitern in einer
Tischgesellschaft zusammen. Sprengel nahm sogleich seinen Platz
zwischen ihm und einem andern jungen Manne ein. Dieser, durch solchen
Vorzug geschmeichelt, konnte als Mann von Welt einige höfliche Worte
über die Ehre nicht unterdrücken, welche ihm widerfahre, neben einem
so berühmten Gelehrten zu sitzen. „Ach was! dummes Zeug!“ unterbrach
ihn Sprengel, „ist mir ganz gleich, neben welchem Narren ich sitze,
wenn ich nur nicht neben dem Racker da sitzen soll!“ Bei diesen Worten
zeigte er auf Niemeyer, der am andern Ende des Tisches seinen Platz
hatte.

Auch war Tieck Zeuge jener bekannten Geschichte, die zwischen Sprengel
und Ebert vorfiel. Dieser bewunderte Sprengel’s umfassende Belesenheit.
„Wie Vieles müssen Sie nicht für Ihre gelehrten Werke lesen!“ sagte er.
„Man gewinnt Methode!“ antwortete Sprengel. „Wenn ich z. B. ein Journal
vor mir habe, so lese ich was mich interessirt. Kommt etwa mal eine
Ode von Klopstock dazwischen, werden einige Seiten überschlagen. Fort
mit dem Racker, heißt es da!“ Ebert erstarb vor Entsetzen das Wort im
Munde. Endlich stammelte er zwischen Zorn und angeborener Höflichkeit
schwankend: „Ach, Sie liebenswürdiger Barbar!“

Weder die Entdeckungen, welche Tieck in der gelehrten Welt machte,
noch seine Erfahrungen in den geselligen Kreisen, waren geeignet ihn
zu befriedigen. Auch Reichardt’s Haus wollte nicht ganz das wieder
werden, was es ihm in Berlin gewesen war. Hatte sich doch so Manches
seit jener Zeit geändert! Er fand in Halle Gelehrsamkeit, Reichthum
an Kenntnissen, Lehrsätze und auch Wichtigthuerei. Vieles hörte er,
was er in Gedike’s Schule bereits für immer abgethan zu haben meinte;
aber vergebens suchte er nach dem, was seinem Herzen Befriedigung
gegeben hätte. Abermals begann er mitten in dieser selbstzufriedenen
und behaglichen Welt der Meister und Jünger der Wissenschaft sich
unendlich einsam zu fühlen.

Zwar fand er unter den Studiengenossen einen alten Bekannten, selbst
einen Freund wieder, aber keinen, der seinem Herzen so nahe gestanden
hätte wie Wackenroder, nach dessen Anblick und Rede ihn oft eine heiße
Sehnsucht ergriff. Es gab keinen, dem er sich so rücksichtlos hätte
hingeben können, der ihn so ganz verstanden hätte. Ein zweideutiger
Charakter, wie sein Stubengefährte Schmohl, hatte von dem, was sein
Herz bewegte, keine Ahnung, und war offenbar unzuverlässig. Ein älterer
Genosse, mit dem das frühere, freundschaftliche Verhältniß wieder
angeknüpft wurde, war Wilhelm von Burgsdorff, der seit einem Jahre in
Halle studirte. Soviel Anlagen, gewinnende Frische und Gutmüthigkeit
dieser auch besaß, so traten doch manche Gegensätze hervor. Im
geselligen Verkehr wie in wissenschaftlichen Fragen schlug er gern
einen hohen und vornehmen Ton an, und reizte dadurch seine Freunde, die
nur zu gut wußten, wie es im Grunde mit ihm stehe. Er hatte sich einem
wilden Studentenleben ergeben, in dem er Genialität und den Ausdruck
innerer Kraft sah, und gerieth in Verbindungen, in welche Tieck ihm
nicht folgen mochte.

Schon früher hatte Burgsdorff eine Vorschule in diesem Sinne
durchgemacht. Er war als Schüler in Berlin sich selbst überlassen
gewesen, und in schlimme Hände gerathen. Ein älterer Gefährte, Namens
Wiesel, der auf den ersten Blick anziehend und gewinnend erschien,
hatte sich ihm angeschlossen. Mit Leichtigkeit bewegte sich dieser
in den verschiedensten Lebensformen, er war heiter, entgegenkommend,
witzig und sicher überall Beifall und Anhänger zu finden. Hinter dieser
gefälligen Außenseite lauerte Herzlosigkeit, kalte Berechnung und ein
schneidender Hohn, mit welchem sich in wahrhaft Mephistophelischer
Weise eine sinnlich verzehrende Glut verband. Er war ein jugendlicher
Anhänger jener sinnlichen Starkgeisterei, welche in der Literatur in
Heinse und Goltz ihre Vertreter fand.

Dieses Treiben ward um so widerlicher, als Wiesel daraus eine Art
von dämonischer Philosophie der Sinnlichkeit entwickelte, die von
beschränkten Genossen als Tiefsinn angestaunt wurde. Zuweilen ließ
er sich in orakelhaftem Tone vernehmen, welcher tiefe Sinn in diesen
Orgien sei, in der sinnlichen Hingebung sollte die Offenbarung einer
göttlichen Kraft liegen. Seiner falschen Weisheit gelang es, sie mit
dem Schimmer einer mystischen Geheimlehre zu umgeben, die schwache
Köpfe vollends in Verwirrung brachte. Hatten sich dann die Jünger im
sinnlichen Taumel vollständig selbst verloren, so rüttelte der Meister
sie schonungslos auf, und konnte ihnen mit schneidendem Spott ihre
Schwäche und den Mangel an Selbstbeherrschung vorrücken. Wer dagegen
bedenklich ward, dem schloß er den Mund mit bitterm Hohn über solche
Engherzigkeit; nichts pflegte er mit seinen geifernden Reden zu
verschonen.

Für Tieck hatte Wiesel’s Erscheinung etwas Feindseliges,
Abschreckendes, ja Grausenhaftes; nicht ohne Schauder verweilte er
in seiner Nähe. Ja vielleicht war dieser der Einzige, auf den er
einen wahrhaften Haß geworfen hatte. Dennoch versuchte er es, diese
Gesellschaft für höhere Dinge zu gewinnen, und hatte die Gutmüthigkeit,
ihnen die Größe Shakspeare’s anzupreisen, ja fühlbar machen zu wollen.
Er wagte es eines Abends, den „Sturm“ vorzulesen, und da das bunte
Zauberspiel Beifall gefunden hatte, ließ er, dadurch ermuthigt, den
„Sommernachtstraum“ folgen. Doch das war zu viel. Kaum hatte er die
ersten Scenen gelesen, als man ihn dringend bat aufzuhören, das
sei nicht zu ertragen. Wiesel meinte, er begreife nicht, wie ein
vernünftiger Mensch, wie Tieck doch sonst sei, an diesen abgeschmackten
Possen Gefallen finden könne. Seit dieser Erfahrung gab er dergleichen
Bekehrungsversuche auf.

Außer Burgsdorff fand er auch seinen alten Schulgefährten Bothe in
Halle wieder, dessen Starrsinn ihn früher so viel Thränen gekostet
hatte. Aber nach jenen ersten schmerzlichen Erfahrungen erschien er
ihm auch jetzt kalt und steif, und ein freundschaftlicher Verkehr ließ
sich auch hier nicht erwarten. Es ward ihm klar, er werde wiederum
seines Wegs allein gehen müssen, mochte er immerhin den Altverständigen
für einen Träumer und Sonderling gelten, und mochten die Klugen
selbstgefällig über ihn die Köpfe schütteln.

In dieser Vereinsamung kehrte er zur Natur zurück, die ja in den
schwersten Augenblicken ihre heilende Kraft an ihm bewährt hatte. Ganz
anders, voller, freundlicher trat sie ihm in dem grünen Saalethale
entgegen, als in den flachen Haiden um Berlin. Mit doppelter
Gewalt ergriff ihn jenes Gefühl unendlicher Sehnsucht, das bis zur
schmerzlichsten Erregung sein Herz erfüllte, wenn er im Frühlinge
durch den Wald streifte. Dann kehrte ihm jene Naturtrunkenheit wieder,
eine geheimnißvolle Macht schien ihn vorwärtszutreiben. Nirgends
weilte er lieber als auf der sogenannten Höltybank in der Nähe des
Giebichensteins. Hier überblickte er Fluß und Thal. Wie oft sah er
die Sonne hinter den Abendwolken versinken, den Mond in tausend
goldenen Strahlen in den sanft bewegten Wellen sich widerspiegeln oder
träumerisch durch Busch und Zweige blicken! Hier hatte er in verzückter
Selbstvergessenheit in mancher Sommernacht gesessen und Natur getrunken
in vollen Zügen. Er hörte es nicht, wie die Glocken der Stadt eine
Stunde nach der andern anschlugen, er sah nicht, wie Alles um ihn her
in tiefere Nacht versank. Endlich erhob er sich, durch dunkle Büsche,
an einsamen Häusern vorüberstreifend, überließ er es dem Zufall,
welcher Weg ihn nach der Stadt führen werde. Sah er ein Licht durch die
Nacht blitzen, hallte der Laut einer menschlichen Stimme aus der Ferne
zu ihm herüber, so erregte es wunderbar sein Gefühl. Wie fern, wie
räthselhaft, wie unverstanden lag die Welt vor ihm, wie einsam fühlte
er sich in ihr, und doch wieder wie nah und verwandt! Ihre Leiden und
Freuden, waren sie nicht auch die seinen?

Die Gefährten wollten diese nächtlichen Fahrten, auf denen er bisweilen
Einen und den Andern durch Naß und Trocken mit sich zog, nicht
sonderlich rühmen. Einst hatte er mit Bothe bis nach Mitternacht auf
der Höltybank gesessen, als ein ferner Donner Beide aus ihren Träumen
weckte. Ein Gewitter war im Anzuge. Eilig, in tiefer Finsterniß,
drängten sie sich durch Busch und Strauch, und retteten sich endlich
in den Garten von Giebichenstein, wo sie einen Zufluchtsort vor dem
strömenden Regen zu finden hofften. Sie tappten nach dem Wege suchend
umher, als plötzlich der Boden unter ihnen schwand, und sie in eine
Tiefe von mehrern Fußen hinunterstürzten. Nicht ohne Gefahr, aber doch
auf dem kürzesten Wege erreichten sie eine schützende Stelle. Es war
eine ihnen sonst wohlbekannte künstliche Grotte, die sie aber so nahe
nicht vermuthet hatten. Bothe schalt und zürnte über solche Thorheiten.
Aber was war zu thun? Man mußte froh sein, ein Obdach gefunden zu
haben, und ausharren, bis das Gewitter ausgetobt hatte und der Morgen
anbrach.

Bei solchen Stimmungen stiegen auch jene finstern Bilder und Gedanken
wieder auf, die ihn mehr als einmal bis zum Abgrunde des Wahnsinns
hinzureißen gedroht hatten. Nicht gebannt waren die Furien, sie
schliefen nur, jetzt erwachten sie, und jagten ihn von neuem in Angst
und Entsetzen. Es steigerten sich diese Anfälle zu einer Höhe, daß
seine Gefährten von Grausen erfüllt meinten, er sei wirklich wahnsinnig
geworden.

Eifrig hatte er sich eine Zeit lang mit dem soeben erschienenen
Spukromane von Große: „Der Genius“, beschäftigt. Mit seinem
Stubengefährten Schmohl und einem andern Bekannten verabredete er
daher, ihnen jenes Nachtstück vorzulesen. Um vier Uhr Nachmittags
begann die Sitzung. Ohne sich einen Augenblick Erholung zu gönnen, las
er das ganze Buch in einem Zuge durch. Es war zwei Uhr Morgens, als er
es beendete. Längst waren seine Zuhörer eingeschlafen, während er mit
steigendem Antheil las. Jetzt warfen sie sich in der anstoßenden Kammer
auf das Bett.

Tieck konnte nicht schlafen. Er war überwacht, geistig und körperlich
erschöpft. Er vergaß sich und seine Umgebung, seine Seele weilte noch
in jener Welt, von der er gelesen hatte. Wunderliche Bilder wogten
in ihm auf und ab, Traum und Wirklichkeit begannen ineinander zu
verschwimmen. Plötzlich rüttelte ihn ein jäher Schrecken aus dieser
Betäubung auf. Abgründe schienen sich zu öffnen, riesige Gestalten
drohend auf ihn loszuschreiten, von der Decke des Zimmers, von den
Wänden her streckte es grauenhaft die Arme nach ihm aus. Mit einem
furchtbaren Schrei stürzte er auf die Kammer zu, in der die Gefährten
schliefen. Er tobte, er schien von Sinnen. Mit dem Ausrufe: „Ich werde
rasend!“ sank er fast ohnmächtig zu Boden. Voll Schreck fuhren die
Schlafenden empor, mit Mühe bewältigten sie ihn, und legten ihn aufs
Bett. Er verfiel in das heftigste Phantasiren. Er glaubte sich bereits
gestorben, sein eigener Körper ward ihm fremd, er meinte eine Leiche
zu berühren, wenn die eine Hand auf die andere traf. Dieser Zustand
hielt mehrere Stunden an, man befürchtete ein Nervenfieber. Endlich
kam er wieder zu sich, er fühlte sich matt an Leib und Seele. Von allen
Schreckbildern aber blieb ihm eins, das furchtbarste, zurück, der
Gedanke, daß er wahnsinnig werden könne, ja werden müsse, wenn sich
solche Anfälle wiederholen sollten.

Lichtpunkte waren Wackenroder’s Briefe und die Erinnerung an seine
Freundschaft. In den zärtlichsten Ausdrücken bat und flehte dieser, der
Freund möge sich ermannen, er möge sich den finstern Mächten entwinden,
und Herr seiner Kräfte werden. Es war ein Fest der Freundschaft, als er
endlich auf einige Tage nach Halle kam, und sie auf einer gemeinsamen
Reise nach Leipzig und Wörlitz sich aneinander stärken konnten. Auch
durch andere kleine Ausflüge suchte sich Tieck zu zerstreuen. Er sah in
Lauchstädt die weimarische Schauspielergesellschaft, oder er ging nach
Coswig, wo man in dem Hause des befreundeten Amtmanns in Augenblicken
der Heiterkeit das Theaterspiel hervorsuchte, für das er kleine Stücke
und dramatische Scherze entwarf.

Dieser vorüberrauschenden Lust folgten um so trübere Stimmungen.
Aber diese Gährung, diese erregten Zustände führten endlich zu einem
entscheidenden Wendepunkte.

Es war im Juli des Jahres 1792, als er eine Reise nach dem Harze
unternahm. Zum ersten Male wollte er das Gebirge betreten, um
eine langgefühlte Sehnsucht zu stillen. Der reinste, herrlichste
Sommerhimmel war über ihm, als er die Stadt verließ. Kaum hatte er sich
jemals leichter und glücklicher gefühlt als in diesem Augenblicke;
Sonne, Feld, Wald, Alles wirkte erfrischend. Er schlug den Weg nach
Eisleben ein. In den Dörfern, durch die er kam, herrschte freudige
Bewegung. Es war Johannistag, und Mädchen und Burschen banden den
durchziehenden Wanderer unter üblichen Sprüchen an, der sich dann
loskaufen mußte. Unfern Eisleben begegnete ihm ein Leichenzug. Ein
Bergmann wurde zur Ruhe bestattet. Eine tiefe Rührung ergriff ihn; in
seinen ersten und einfachsten Formen trat ihm das Leben entgegen. In
vollem Mondenschein legte er den letzten Theil des Weges zurück.

In der Schenke, wo er übernachten wollte, ging es laut und fröhlich zu.
Mit Spiel und Tanz wurde das Johannisfest gefeiert. Auf dem Hausflur,
vor seinem Zimmer, lärmte und wogte es durcheinander. Halb träumend
blickte er von seiner Lagerstätte auf das bunte Gewirr. Endlich ward
es still, aber er fand keinen Schlaf. Alle Lebensgeister pulsirten,
die Sehnsucht nach der Natur ließ ihm keine Ruhe. Im Morgengrauen
wanderte er weiter. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Fahl und
bleifarben, eine eben erglühende Kugel, stieg sie am Rande des Himmels
empor. Da durchbrach sie den Dunstkreis, und plötzlich mit stechendem
Glanze schossen die ersten einzelnen Strahlen über die Ebene daher. Sie
trafen ihn unmittelbar; ihm war, als hätten sie bis in sein tiefstes
Herz hineingeblitzt. In ihm zerriß es wie ein Schleier; eine innere
Erleuchtung war es, die ihn erfüllte; Himmel und Erde sah er in nie
geahntem Glanze verklärt. Ihm war, als träte Gott selbst auf ihn zu,
als schaue er in sein Angesicht. „Das ist Gottes Erscheinung!“ so
durchbebte es sein ganzes Wesen. Die Gewißheit Gottes, die höchste
Seligkeit, ein himmlischer Schmerz durchströmte ihn. Aus seinem
Herzen quoll das Gefühl unendlicher Gottesliebe. Ja, der ewige Gott
liebte auch ihn! Er brach in lautes Weinen aus; es waren Thränen der
Seligkeit, die unaufhaltsam flossen. „Ich habe keine Worte für diesen
einzigen Zustand“, so erzählte der Greis Tieck voll tiefer Bewegung
im hohen Alter. „Weder vorher noch nachher habe ich je Aehnliches
erlebt; es war die unmittelbarste Gewißheit Gottes, das Gefühl, mit
ihm eins zu sein; an meinem Herzen fühlte ich ihn. Es war eine Stätte
der Offenbarung. Ein Patriarch des alten Testaments würde hier einen
Denkstein errichtet haben!“

Nur einen Augenblick dauerte diese Entzückung. Aber die Gewißheit,
Gottes Geist habe ihn durchschauert, blieb ihm, und wie ein Nachhall
jener Seligkeit erfüllte der reinste Friede sein Herz. Lange noch
flossen seine Thränen, er konnte ihrer nicht Meister werden. Nach
mehrern Stunden warf er sich auf die Bank vor der Thür einer
Dorfschenke. Der Wirth brachte ihm Frühstück, wies aber, als er ihn
weinen sah, jede Bezahlung zurück. „Ich sehe ja“, meinte er, „Sie sind
ohnehin unglücklich genug.“ Es war der Humor, der ihn wieder in das
alltägliche Leben zurückrief. Halb lachend, halb weinend zog er weiter.

Als er um Mittag bei einem Wirthshause anlangte, schallte ihm wüster
Lärm aus demselben entgegen. Eine Schar hallescher Studenten, die auch
nach dem Harze wanderte, hatte sich einquartiert. In ihrer Mitte traf
er den Mephistophelischen Wiesel. Er hatte das Gefühl der Entweihung,
als er den rohen Kreis betrat. Auf die höchste Entzückung folgte die
gemeine Ernüchterung. Er legte sich das Gelübde ab, die Offenbarung,
die er heute erfahren, als sein heiligstes Geheimniß im Herzen zu
verschließen, und Jahre sind vergangen, ehe er davon zu sprechen wagte.

Unter den Nachklängen jener Verzückung durchzog er das Gebirge. Er
fühlte sich der Natur noch näher als sonst, und auf einsamen Pfaden
emporklimmend, verlor er sich gern in jene Nebelwolken, die an den
Felsenspitzen hingen.



2. Göttingen. Studien.


Halle, das hatte Tieck in dem ersten halben Jahre erkannt, vermochte
ihm nicht zu gewähren, was er suchte. Weder im Allgemeinen noch im
Einzelnen war er gefördert. Für die Kenntnisse, in denen er sich
nach seiner Neigung hätte weiter bilden mögen, gab es kaum Lehrer
und wissenschaftliche Hülfsmittel; der Ton, welcher bei Professoren
und Studenten herrschte, misfiel ihm höchlich. Er wollte es mit
einer andern Universität versuchen. Burgsdorff hatte ihm Göttingen
vorgeschlagen, und bald stand der Entschluß fest, sich für den
kommenden Winter dorthin zu übersiedeln.

Göttingen hatte neben dem ältern Halle und dem neu aufstrebenden Jena
den glänzenden Ruf einer ebenso gelehrten als eleganten Universität
behauptet. Die Namen Heyne’s und Spittler’s, Schlözer’s, Pütter’s
und Lichtenberg’s strahlten als erste Sterne. Es war Aussicht,
Bürger’s Bekanntschaft zu machen, dessen Balladen Tieck schon als
Knabe auswendig gewußt hatte, und die er wegen des einfachen, echt
volksthümlichen Tons bewunderte. Und eine andere Ausbeute für seine
beginnende Bücherliebhaberei versprach die reiche göttinger Bibliothek.

Im September 1792 verließ er Halle, und nachdem er Aeltern, Geschwister
und Freunde in Berlin wiedergesehen hatte, zog er in freier
Studentenweise durch Sachsen und Thüringen nach Nordhausen. Wo es
irgend thunlich war, besuchte er das Schauspiel; auch in den kleinsten
Landstädten verschmähte er die Vorstellungen herumziehender Truppen
nicht. Er sah die Kunst in ihrer demüthigsten Gestalt, und ergötzte
sich an diesen Possen in heiterster Laune. Von Nordhausen machte er
sich nach Göttingen auf, und Anfangs November zog er hier als echter
Musensohn stattlich zu Roß ein.

In Göttingen fühlte er sich heimisch. Die feinere Sitte der Georgia
Augusta, das wissenschaftliche Leben behagten ihm mehr, als die
hallesche Renommisterei. Bei den Professoren fand er freundliche
Aufnahme, namentlich zeigte sich Heyne entgegenkommend. Dieser erkannte
sogleich, es sei kein Student gewöhnlichen Schlags, der sich ihm
vorgestellt habe; auch mochte ihm Tieck’s literarischer Eifer gefallen.
Heyne’s freundlicher und feiner Ton machte einen gewinnenden Eindruck,
wenngleich seine Vorlesungen ihm nicht genügen wollten. Er fand, daß
die alten Dichter auch hier zu sehr in der Schulweise behandelt würden.
Heyne dagegen machte den Versuch, ihn für das Studium des classischen
Alterthums zu gewinnen. Er veranlaßte ihn, seinem philologischen
Seminar beizuwohnen, in dem die Jünger in das innerste Heiligthum
eingeführt wurden. Er entfaltete den ganzen Vorrath seiner umfassenden
Gelehrsamkeit, und Tieck mußte sich gestehen, daß seine philologische
Vorbereitung nicht überall ausreichend sei, um gleichen Schritt halten
zu können. Freilich ging es Andern ebenso, und schlimmer.

An die Erklärungen des Textes sollten sich Disputirübungen anschließen.
Heyne wünschte, daß man Fragen, auch wol Einwürfe versuche. Einst
glaubte er von einer hintern Bank des Hörsaals einige Worte gehört zu
haben. „Ich bitte Sie, deutlicher zu sprechen“, sagte er; „ich habe
Ihre Bemerkung nicht verstanden.“ Als Entgegnung erfolgte derselbe
dumpfe, schnarrende Ton. Empfindlich wiederholte der Professor
seine Aufforderung, mindestens deutlich zu sprechen, wenn man
etwas zu sagen habe. Da auch dies fruchtlos blieb, näherte er sich
unwillig der Stelle, wo der hartnäckige Gegner saß; da fand er einen
Alterthumsforscher, der fest eingeschlafen war, und dessen auf- und
abrollendes Schnarchen er für Widerspruch gehalten hatte. „Ach so!“
sagte er, „darauf habe ich freilich keine Antwort.“

Auch in das Studium der alten Kunst wurde Tieck durch Heyne eingeführt.
Er übergab ihm die unlängst erschienenen Vasenbilder von Tischbein
und wünschte, er solle deutsche Erklärungen derselben schreiben. Eine
Aufgabe, welche Tieck indeß ablehnte.

Auch Pütter war eine eigenthümliche Erscheinung. In dem feinen,
zierlichen, kleinen Manne hätte Niemand den grundgelehrten Reichs- und
Rechtshistoriker vermuthet. Stets erschien er im saubersten Anzuge,
schneeweiß gepudert, in sammetnen Hosen mit goldbrocatenen Bändern,
und seidenen Strümpfen. Er war ein echter Vertreter des gelehrten
und eleganten Göttingen. An einem bestimmten Tage in der Woche
veranstaltete er mit Hülfe einiger Liebhaber und Stadtmusiker in seinem
Vorsaale kleine Concerte. Er selbst ließ sich dann als Violinspieler
hören. Er führte seine Sache auch hier im feinen Stile, und spielte für
einen Reichs- und Rechtshistoriker geschmackvoll genug.

Mit dem Philosophen Buhle kam Tieck in nähere Berührung, dessen
Vorlesungen über Geschichte der Philosophie er nicht ohne Theilnahme
hörte. Es war eine Theilnahme, für welche ihm jener wenig Dank wissen
mochte. Er folgte ihnen mit einer Art von Ironie, denn er fand eine
Bestätigung seiner Ansicht von aller systematischen Philosophie in dem
schattenspielartigen Wechsel der verschiedensten Schulen, die sich
gegenseitig verdrängten, und von denen jede allein Recht haben wollte.
Noch mehr bestärkte ihn in seinen Zweifeln die Bemerkung, daß er nicht
umhin könne, einer jeden, deren Grundsätze er darlegen hörte, Recht zu
geben. Aber eben, weil sie alle bis auf einen gewissen Punkt Recht zu
haben schienen, hatten alle in demselben Maße Unrecht. Er fühlte es von
neuem, seine innerste Natur widerstrebte dem System; es misfiel ihm,
weil es System war.

Bei Buhle hatte Tieck die Freude, den geliebten Matthisson persönlich
kennen zu lernen. Dieser war kürzlich aus Frankreich zurückgekehrt,
und hielt sich einige Zeit in Göttingen auf. Philosoph und Dichter
standen im Verhältnisse gegenseitiger Bewunderung. Jener hatte die
Gedichte dieses, so behauptete er, auf seinem Arbeitstische stets
aufgeschlagen vor sich, und ward nicht müde, zu versichern, daß er
Matthisson für den ersten Dichter halte. Der Dichter war höflich
genug, die Gegenversicherung zu geben, nur Buhle’s Philosophie könne
er verständlich finden. Als Tieck dem Dichter voll Bewegung erzählte,
er habe seine Mutter in Coswig kennen gelernt, wie rührend ihm
der Ausdruck ihrer Liebe zu dem berühmten Sohne gewesen sei, nahm
Matthisson das ziemlich kalt und gleichgültig hin, und der gefühlvolle
und empfindsame Dichter erschien ihm in diesem Augenblicke herzlos, ja
beinahe roh.

Lichtenberg’s beißender Spott und sein dennoch leichter und gefälliger
Umgangston waren für ihn sehr anziehend. Sie machten ihn kühn
genug, offen heraus zu sagen, wie wenig er von Hogarth und dessen
Charakterbildern halte, deren Erklärungen Lichtenberg schon seit
längerer Zeit alljährlich in dem „Göttingenschen Taschenkalender“ zu
geben pflegte. Für Tieck’s eben erwachenden Kunstsinn waren diese
Bilder abstoßend und grauenhaft. Lichtenberg mochte auf die kühne
Kritik des jungen Studenten nicht viel geben; er begnügte sich mit der
Gegenbemerkung, daß er die Sache anders ansehe.

Bürger, der gefeierte, volksthümliche Dichter, war kaum noch ein
Schattenbild dessen, was er einst gewesen. An Geist und Körper durch
Kummer und Leiden aller Art abgemattet und erschöpft, siechte er einem
frühen Tode entgegen. Immer noch hatte sein Name neben dem Goethe’s und
Schiller’s einen guten Klang. Wie hätte man seine „Lenore“ vergessen
können? Noch kamen manche Studenten nach Göttingen, um den berühmten
Dichter zu sehen, der als Lehrer wenig wirkte und wirken konnte.
Der Katheder war nicht für den leidenschaftlichen Mann, und die
strenggeregelte Thätigkeit, die er mit Mühe seinem Genius abgewann,
konnte ihn nicht einmal von den drückendsten Nahrungssorgen befreien.
Dazu nagte der verzehrende Gram häuslichen Elends am letzten Reste
seiner Lebenskraft.

Als Tieck ihn kennen lernte, hatte er sich vor einiger Zeit von seiner
dritten Frau getrennt. Er war hager, bleich, zusammengefallen, der
Kummer sprach aus seinen Zügen. Die Stimme hatte den Klang verloren, er
konnte nicht mehr auslauten und sich nur mit Anstrengung verständlich
machen; und doch sollte und mußte er sprechen. Hin und wieder pflegte
er auszureiten. Es hatte etwas Gespenstisches, den bleichen Mann zu
sehen, wenn er auf seinem steifen, magern Schimmel durch die Straßen
von Göttingen trabte. Man mochte dabei an den Todtenritt denken,
von dem er so ergreifend gedichtet hatte. Hin und wieder fiel ein
Sonnenstrahl in sein umdüstertes Gemüth, wenn es gelang, ihn wider
seinen Willen in den alten Kreis guter Freunde hineinzuziehen, den er
jetzt, wie allen Umgang mit Menschen, fast ängstlich vermied. Hier
hatte auch Tieck Zutritt gewonnen. In günstigen Augenblicken konnte
dann Bürger ungezwungen, theilnehmend, ja heiter erscheinen. Er hatte
etwas gemüthlich Liebenswürdiges, Kindliches. Die Formen, in denen
er sich am liebsten bewegte, waren rücksichtlos und gewöhnlich. Es
lag in ihnen eine derbe Einfachheit; ein Mann der feinen Welt war er
nicht. Eine zusammenhängende, scharfe Durchführung eines Gedankens
war auch nicht seine Sache. Selten gingen seine Urtheile über Poesie
und Literatur von höheren Gesichtspunkten aus; sie waren meistens
hausbacken. Doch liebte ihn Tieck darum nicht weniger. Ihn gewann die
Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit, die aus seinem Wesen sprach.

Auch Bürger’s Arzt und spätern Lebensbeschreiber, den Professor
Althoff, lernte er in diesen Kreisen kennen, einen gebildeten und
liebenswürdigen Mann, der ihm selbst in viel späterer Zeit in Dresden
als Freund und ärztlicher Rathgeber zur Seite stehen sollte.

An Verkehr mit Studenten fehlte es ebenso wenig. Seiner eigenen
feinen Bildung sagte ihr geselliges Leben bei weitem mehr zu, als der
hallesche Burschencomment. Es war mehr wissenschaftliches Leben und
Eifer für allgemeine Durchbildung, der gelehrte Handwerkssinn trat
minder unangenehm hervor. Bald wurde eine literarische Gesellschaft
gestiftet, an der außer Tieck und Burgsdorff eine Anzahl anderer
Studenten Theil nahmen. Man las Abhandlungen, ästhetisirte, stritt und
übte die jugendliche Kraft an Allem, was vorkam.

Nicht nur Menschen, auch Bücher lernte er kennen, und das war ihm
mindestens ebenso viel werth. Die Bibliothek öffnete sich ihm und ward
sein Lieblingsaufenthalt. Mit Vergnügen hatte der gelehrte Bibliothekar
Schönemann seinen literarischen Eifer bemerkt. Freundlich beantwortete
er seine vielfältigen Fragen, unterstützte seine beginnenden Studien,
und gab ihm endlich die Erlaubniß, die Büchersäle selbst zu betreten,
und die Gebiete der Gelehrsamkeit nach Herzenslust zu durchstreifen,
und sich in ihnen zu verirren.

Besonders zog ihn die englische Literatur an, für deren Kenntniß er
die trefflichsten Hülfsmittel fand. In ihr war das ältere Drama der
Mittelpunkt seiner Studien, und als letztes, höchstes Ziel stand
Shakspeare da. Ihn zu erforschen, ganz zu kennen, in den Dichter aller
Dichter sich zu versenken, war der Arbeit eines Lebens werth. Hier
verband sich die innerste Neigung mit den gelehrten Studien; auf diesem
Felde, das fühlte er, konnte er mit ungetheilter Kraft arbeiten. Schon
war er der allgemeinen Entwickelung um einen Schritt voraus, denn
jetzt erst begann man in Deutschland Shakspeare’s Größe zu ahnen, die
für ihn hell und klar leuchtete, wie die Sonne am Himmel. Wollte er
seinen Dichter erkennen, so mußte er in der Geschichte der Zeit und der
gleichzeitigen Literatur heimisch werden. Vor Andern war Ben Jonson
merkwürdig wegen seines vollendeten Gegensatzes gegen Shakspeare. Ben
Jonson hatte nichts von Allem, was diesen groß machte, und dennoch
waren seine Dichtungen sehr achtungswerth. Vornehmlich erregte der
„Volpone“ seine Aufmerksamkeit, den er noch in Göttingen unter dem
Titel „Die Fuchsprelle“ übersetzte. Auf manchen andern bedeutenden
Stoff sah er sich hingewiesen. Durch Webster’s Drama lernte er die
Geschichte der Vittoria Accorombona kennen, und faßte den Gedanken, sie
dichterisch zu bearbeiten.

In das Spanische führte ihn Tychsen ein, der eine Vorlesung über
diese in Deutschland wenig gekannte Literatur hielt. Außer ihm und
Burgsdorff, der durch ihn bestimmt worden war, fanden sich dazu nur
wenig lernbegierige Jünger. Tieck selbst wollte den Cervantes, den
„Don Quixote“ in der Ursprache lesen. Sobald es seine Kräfte irgend
erlaubten, machte er sich an diesen, und lange Zeit war er sein
täglicher Begleiter.

Eine mehr nach außen gewandte, geordnete Thätigkeit dieser Art mußte
läuternd und regelnd auf sein Inneres und seine dichterischen
Versuche zurückwirken. In Halle hatte er noch unter Rambach’s Einfluß
gestanden, und auf dessen Betrieb Manches zu bearbeiten unternommen.
Sogar den knabenhaften Plan, eine Tragödie „Anna Boleyn“ im Verein mit
seinem Freunde Piesker zu schreiben, hatte er wieder hervorgesucht.
Unleugbar hatte er seitdem an Durchbildung, an innerer Freiheit und
Selbständigkeit, an Gleichgewicht der Kräfte gewonnen. Jene dämonischen
Anwandlungen, wie er sie in Halle gehabt, kamen seltener und in
minderer Stärke. Verstummten gleich die Zweifel und das Entsetzen, das
sie mit sich führten, keineswegs ganz, so war er doch seiner Phantasien
und schmerzlichen Bewegungen so weit Herr geworden, um auf einzelne
Punkte derselben ruhigen Auges zurückblicken und ihre Darstellung
versuchen zu können.

Zum „Abdallah“ war er schon in Halle zurückgekehrt. Manches, was er
dort erlebte, wirkte darauf ein. Die materialistische Philosophie des
Genusses und der Sinnlichkeit, in der sich jener Wiesel gefiel, dessen
frecher Hohn hatten einen so grauenvollen Eindruck zurückgelassen,
daß es nicht zu verwundern war, wenn einzelne Anklänge in Omar’s
teuflischer Weisheit wiederkehrten, mit der er das jugendlich
unbefangene Opfer, welches er der Hölle bringen will, umgarnt.
Im Spätherbst 1792 nahm er die Bearbeitung wieder auf. Das Ganze
gestaltete sich jetzt anders; nun wollte er es zu Ende bringen. Es
war kurz vor Weihnachten, als er seine grausige Erzählung schloß.
Er hatte die Nacht hindurch gearbeitet, und das letzte Capitel, in
dem alles früher geahnte Entsetzen zu gräßlicher Erfüllung kommt,
vollendet. In steigender Erregung hatte er geschrieben. Als er die
Feder niederlegte, dämmerte der Tag. Er trat an das Fenster. Ein Streif
hellen, winterlichen Morgenlichtes leuchtete über die niedrigen Dächer
herüber. Langsam und schläfrig begann sich das Alltagsleben auf der
Straße zu regen. Bewegt blickte er in den Morgen hinaus. Dennoch
fühlte er sich still und beruhigt, ja friedlich. Eine schwere Last
war von seinem Herzen genommen. Im „Abdallah“ hatte er ausgesprochen,
was ihn ängstigte. Nirgends vielleicht haben Schiller’s „Räuber“
einen furchtbareren Nachklang gefunden, als in dieser Dichtung. Mit
dem schreiendsten Mislaute schloß sie ab. Die höllische Lügenkunst
hatte gesiegt, mit furchtbarem Hohne wird jede bessere Kraft zu Boden
getreten; der Mensch scheint nur geboren, um das Opfer dunkler Gewalten
zu werden.

Aber in diesem Nachtstücke schienen sich nur die schwersten
Wetterwolken entladen zu haben. Noch grollte der Donner in der Ferne.
Kaum war der „Abdallah“ abgeschlossen, als die ersten Gestalten des
„Lovell“, welche ihm schon länger ungewiß vor der Seele schwebten, sich
festzustellen anfingen.

Nebenher waren einige minder bedeutende Kleinigkeiten entstanden. Auf
Bernhardi’s Verlangen schrieb er ein Trauerspiel in zwei Acten „Der
Abschied“ in kürzester Zeit nieder. Mit den geringsten Mitteln sollte
eine tragische Wirkung erreicht werden. Im Kreise der berliner Freunde
wollte man das Stück darstellen, und mit Selbstverleugnung ließ er es
geschehen, daß Bernhardi es für sein Werk ausgab. Minder glimpflich
nahmen die berliner Kritiker, Tieck’s Schwester und Wackenroder,
eine kleine Erzählung auf, in welcher er den Sagenton Veit Weber’s
anstimmte, „Das grüne Band“, oder wie es zuerst hieß „Adalbert und
Emma“, eine leicht hingeworfene Arbeit. Dagegen hatten sie sich mit dem
ersten Theile des „Abdallah“, den er ihnen zu Anfang des Jahres 1793
zusandte, einverstanden erklärt.



3. Erlangen. Abenteuer.


Ostern des Jahres 1793 war herangekommen. Es eröffnete für Tieck
einen hellen Blick in die Zukunft. Das war nach manchen Entsagungen
die Aussicht auf den lebensfrischen Genuß eines Sommers im Wald und
Gebirge, in Natur und Kunst, an der Seite des Freundes, dem sein ganzes
Herz gehörte. Wie oft hatte er seinen Wackenroder herbeigewünscht, um
alle Zweifel und düstere Gedanken in seine treue Brust ausschütten
zu können, neue Anschauungen und Entdeckungen unmittelbar mit ihm
zu theilen. Ihr fortgesetzter Briefwechsel war für das Alles nur
ein geringer Ersatz gewesen. Jetzt endlich sollte er den Freund zur
Fortsetzung seiner Studien nach Erlangen begleiten.

Schon lange vorher hatten sie diesen herrlichen Plan in ihren Briefen
ausführlich besprochen, und in jugendlicher Ueberschwänglichkeit mit
der Hoffnung einen Theil der Wonne vorweggenommen. Das Leben, welches
sie in Berlin miteinander geführt hatten, sollte nicht nur fortgesetzt,
es sollte ein innigeres, und doch freieres, weiteres werden. Hier
sollte endlich alles Große und Schöne in Erfüllung gehen, wovon sie
in den Augenblicken kühnster Begeisterung geträumt hatten. Jetzt erst
sollten sich die Schranken des Lebens öffnen.

Besonders Wackenroder seufzte nach dieser schönen Zeit; sie schien
alles Glück, alle Freiheit einzuschließen. Noch immer hatte der
sorgsame und strenge Vater an ihm gebildet und erzogen; vielleicht nur
zu viel. In der Sorge für den einzigen Sohn konnte er sich nicht genug
thun; sie ging am Ende in einen geistigen Druck über, der diesem die
Freiheit eigener Bewegung raubte und ihn noch mehr einschüchterte.
Nicht ohne den geheimen Wunsch der Selbständigkeit hatte Wackenroder
es bisher getragen; umsomehr, da der Vater in der Strenge seiner
Anforderungen schwer zufriedenzustellen war, und Alles auf seine Weise
aufgefaßt wissen wollte. Ein volles Jahr später als Tieck beendete
er seine Vorbereitung. Nun erst meinte der Vater ihn freigeben zu
können, nun erst habe der Sohn die erforderliche Reife erlangt, um die
Universität beziehen zu können. Nach Erlangen sollte er gehen, der
neuerworbenen Landesuniversität, die mit den fränkischen Fürstenthümern
an Preußen gefallen war, und sich dem Studium der Rechte widmen.

Als Sitz der Studien wollte Erlangen nicht viel bedeuten, doch wünschte
es die neue Regierung zu heben. Unter den ältern Professoren waren
Harleß und Meusel die namhaftesten, jener für Philologie, dieser für
Geschichte und Literaturgeschichte. Für Aesthetik hatte Hardenberg, der
Statthalter der neuen Provinzen, seinen ehemaligen Hofmeister Mehmel
angestellt. Tieck konnte daher kaum in Versuchung kommen, das reiche
Göttingen mit dem ärmlichen Erlangen zu vertauschen. Aber es lockte ihn
die Natur des fränkischen Landes, der Name jener alten, ehrwürdigen
Stätten deutscher Kunst und Art. Eine Fülle des Lebens versprach sich
hier dem Norddeutschen zu eröffnen, der an eine karge und eintönige
Natur, an das künstlich gemachte Wesen einer neuen, durchsichtigen und
aufgeklärten Stadt gewöhnt war, und doch innerlich nach Natur und Kunst
dürstete.

Zunächst wandte er sich nach Berlin, um den Freund zur frohen Fahrt
abzuholen. Zum zweiten Male seit der ersten Trennung sah er die Seinen
wieder. Vielleicht hatte Niemand seine Abwesenheit schmerzlicher
empfunden, als seine Schwester. Der geistige Verkehr mit dem geliebten
Bruder war ihr zum unentbehrlichen Bedürfniß geworden. Er hatte ihren
Geist geweckt, durch Rath und Beispiel ihre Bildung geleitet, ihren
Blick für Poesie und Literatur erschlossen. Manche Genüsse hatten
sie in der Beschränkung ihres Lebens neben den Schmerzen desselben
miteinander getheilt. Rasch, kühn, nicht ohne Eigenthümlichkeit war
sie auf die Lehren des Bruders eingegangen. Schon übte sie nicht nur
eine scharfe Kritik aus, die sich auch gegen ihn und seine Dichtungen
wandte, sie fing selbst an zu dichten. Sie war über die Schranken der
Bildung hinausgegangen, die ihr das väterliche Haus setzte. Sie fühlte
sich gehemmt, beengt, und hatte mit der ganzen Kraft eines glühenden
und liebebedürftigen Herzens den Bruder umfaßt, der ihr Alles ersetzen
sollte, was ihr in diesem engen Kreise fehlte. Er war ihr Eins und
Alles, mit Eifersucht hätte sie ihn für sich allein bewahren mögen.
Sie lebte wieder auf, als sie jetzt in alter Weise einige Zeit mit ihm
zusammen sein konnte.

Endlich brachen die Freunde von Berlin auf. Wackenroder, der Sohn
des wohlhabenden und angesehenen Bürgermeisters, wohlausgerüstet mit
allen Reisemitteln, und trefflichen Empfehlungen an gelehrte und
ungelehrte Autoritäten des obern Deutschland. Minder günstig war Tieck
versorgt, aber er durfte sich unter allen Umständen auf sich und seine
Kraft, schnell und glücklich zu arbeiten, verlassen. Drakendorf bei
Jena, wo der junge Prediger Schuderoff lebte, ein vertrauter Freund
der Wackenroder’schen Familie, war das nächste Ziel. In ihm lernte
Tieck einen eifrigen Kantianer kennen, und was ihm lieber war, einen
freundlichen Mann, der sich bemühte, den Reisegefährten den Aufenthalt
so angenehm als möglich zu machen. Dann ging es nach Jena. Hier wurde
Schiller aufgesucht. Die Freunde waren in hohem Grade bestürzt, als sie
ihn nicht fanden, und keine Zeit hatten, ihren Besuch zu wiederholen.
Eine Entschädigung war es, daß sie die Bekanntschaft von Reinhold
machten. Dann reisten sie nach Weimar und Erfurt, wo sie das erste
Kloster betraten. Ueber Gotha und Koburg erreichten sie Erlangen.

Das Städtchen machte einen freundlichen Eindruck, und bald hatten sie
sich in den vorsorglich von Berlin aus gemietheten Zimmern häuslich
eingerichtet. Bei Harleß und Meusel fanden sie die beste Aufnahme.
Die beiden gelehrten alten Herren suchten den jungen Aesthetikern
gegenüber den tiefsten Ton der Leutseligkeit anzuschlagen. Man bat um
ihren Besuch, machte einen Spaziergang mit ihnen, ließ sich über dies
und jenes in ein Gespräch ein, und suchte ihnen in gelehrten Dingen
gelegentlich auf den Zahn zu fühlen.

Harleß war ein freundlicher alter Herr, der trocken und
zusammengeschrumpft, voll steifer Würde, in seinem gelben Sommerrock
mit geblümtem Muster eine eigenthümliche Figur spielte. In
seinen Vorlesungen wie im gewöhnlichen Leben war er der gelehrte
Originalmann der ältern Zeit, dessen Worte und Bewegungen den Stempel
wissenschaftlicher Hoheit an sich trugen. Eine Einführung in den Geist
der alten Poesie vermochte auch dieser Philolog nicht zu gewähren,
weder in seinen Collegien noch in dem Seminar, wo er griechische
Dichter erklären ließ. Vielmehr kamen Dinge vor, die den Geschmack
des Professors zweifelhaft erscheinen ließen. In einer Schilderung
des Thales Tempe, die man las, war von den summenden Bienen das Wort
συρίζειν gebraucht. Harleß legte darauf besondern Nachdruck; hier könne
man zeigen, ob man treffend zu übersetzen verstehe. Die Studenten
thaten ihr Bestes, und schlugen diesen und jenen Ausdruck vor. Der
Eine meinte Summen. „Ei bewahre, das ist nichts!“ schnarrte ihn der
Professor mit hartem fränkischem Accent an. Ein Anderer glaubte es
mit Brummen, ein Dritter mit Säuseln zu treffen. „Warum nicht gar!
Noch viel weniger!“ rief Harleß. Da der Vorrath endlich erschöpft
war, begann er: „Ich begreife nicht, wie Ihnen das rechte Wort
entgehen kann; es liegt ja so nahe! Hat denn Keiner von Ihnen an unser
treffliches Schnürfeln gedacht?“

Hin und wieder begleitete Tieck den gelehrten Mann auf seinen
Spaziergängen. Einst führte sie ihr Weg vor dem Thore bei einem
Gartenhause vorbei, in welchem ein Mann wohnte, der mit der fixen
Idee behaftet war, predigen zu müssen. Dieser stand in der Mitte
des Gartens, und ließ sich voller Eifer folgendermaßen vernehmen:
„Wie wir das, andächtige Zuhörer, in den neuesten Komödien gesehen,
und durch die neuesten Komödienzettel erfahren haben!“ Diese laut
herausgeschriene Anrede machte auf Tieck einen wunderlichen Eindruck,
und ohne Umstände wollte er den gelehrten Professor im Stiche lassen,
um den Redner näher zu sehen. Voll Schreck und Entrüstung hielt ihn
Harleß zurück. „Ei bewahre, mein Lieber“, rief er; „das schickt sich
nicht für Sie! Der Mensch dort ist ja ein Narr; da können Sie nichts
profitiren!“

Ein Gegenbild zu Harleß war Meusel, das gelehrte Deutschland in Person,
der in altfränkischer Höflichkeit nie unterließ, das Sammetkäppchen
zu lüften, und mit einer Verbeugung zu antworten, wenn man ihn mit
seinem Amtstitel anredete. Auch den Professor Breyer hatten die Freunde
aufgesucht, und durch einige andere Studenten unterstützt, ihn in
wohlgemeintem Eifer ersucht, eine besondere Vorlesung über Pindar
zu halten, den sie nur aus Gedike’s Lehrstunden kannten. Nach den
Versicherungen, die sie auf dem Gymnasium gehört hatten, daß Pindar in
der That ein großer Dichter sei, hofften sie, jetzt werde ihnen auf der
Universität das Verständniß eröffnet werden. Doch sie täuschten sich,
auch hier hörten sie nur eine Wiederholung der alten Redensarten, die
in der Regel mit dem näselnden Schlußsatz endeten: „Wie das der Herr
Consistorialrath Gedike so trefflich gesagt hat!“ Was aber der zu sagen
pflegte, wußten sie selbst am besten; daher löste sich das Collegium
nach einigen Wochen auf.

Mehr als alle Vorlesungen versprach das Fichtelgebirge, das Mainthal,
dann die alten Städte, wie Bamberg, und vor allen das kunstreiche
Nürnberg. Hier stand man auf dem Boden des deutschen Reichs, im
gesegneten Frankenlande. Da gab es Ruinen und Ritterburgen, und auf
diesem Hintergrunde bewegten sich jene kraftvollen Gestalten des Götz
und seiner Genossen, mit denen man seit den Kinderjahren vertraut war.

Nürnberg ward ein Hauptwallfahrtsort für die Freunde. Je öfter sie es
sahen, mit um so größerer Theilnahme, ja Andacht kehrten sie dahin
zurück. In seiner ganzen Fülle trat ihnen das alte deutsche Kunstleben
entgegen. Was sie früher dunkel geahnt hatten, war hier längst zur
lebendigen Wirklichkeit geworden. Wie reich an Denkmalen aller Künste
war nicht diese Stadt, mit ihren Kirchen von St.-Sebald und St.-Lorenz,
mit ihren Werken von Albrecht Dürer, von Vischer und Krafft! Hier
war das Handwerk durch Kunstsinn und ämsigen Fleiß zur Kunst geadelt
worden. Da war jedes Haus ein Denkmal der Vorzeit, jeder Brunnen,
jede Bank ein Zeugniß für das stille, einfache und sinnvolle Leben
der Väter. Noch hatte die blasse Kalktünche die Häuser nicht gleich
gemacht. Stattlich prangten sie mit bunten Bildern, die aus der Sage
und Poesie des Volkes entlehnt waren. Da sah man Ortnit und Siegenot,
Dietrich und andere Helden als Schützer und Hüter über den Thüren. Es
ruhte auf der alten, ehrenfesten Reichsstadt mit ihren Wundern und
Wunderlichkeiten ein Duft der Poesie, den der Zugwind neuer Politik und
Aufklärung an andern Orten längst verweht hatte.

In voller Kunsttrunkenheit durchsuchten die Freunde Kirchen und
Kirchhöfe. Mit Rührung standen sie an den Gräbern Albrecht Dürer’s und
Hans Sachs’, sie sahen die Burg, Bürgerhäuser und Sammlungen, was nur
irgendeinen Namen hatte. Eine versunkene Welt stieg vor ihren Augen
wieder empor, und unwillkürlich bevölkerten sie diese Straßen und
Plätze mit den Gestalten ihrer Phantasie. Von selbst ward das Leben des
alten Nürnberg zu einem Kunstroman. Da hätte man zugleich Gelegenheit
gehabt, das Wesen der altdeutschen Kunst, die Vorzeit darzustellen,
von deren Werth und tiefem Ernst die Gegenwart keine Ahnung hatte,
und die Undankbarkeit eines spätgeborenen, klügelnden Geschlechts
in ein helles Licht zu setzen. Hier tauchten die ersten Ideen zum
„Sternbald“ auf, und jene innigen Klänge, welche die Herzensergießungen
des Klosterbruders und die Schilderungen der deutschen Kunst und des
stillen Schaffens der alten Meister durchziehen.

Doch auch Nürnbergs Gegenwart, seine Gelehrsamkeit und
Alterthumsforscher mußten sie kennen lernen; besonders Wackenroder
durfte sie nicht versäumen. Da folgte auf die Begeisterung die
Abkühlung. In ihren Forschern nahm sich die Vergangenheit keineswegs
poetisch aus. Als sie respectvoll den grundgelehrten Panzer besuchten,
sagte dieser mit steifem Ernste zu ihnen: „Als eifrige Scholaren werden
Sie Ihre kleinen Ferienreisen gewiß nicht machen, ohne den Horatium
in der Tasche zu führen.“ Darauf kam der berühmte Alterthumsforscher
Murr an die Reihe, der gelehrte Theolog Strobel, Mannert der Geograph,
manche Kunstkenner und Händler, und Andere, darunter der junge
Kant’sche Arzt Erhardt. An alle war Wackenroder bestens empfohlen. Dann
ging es zu Pferde nach Pommersfelde, wo alle frühern künstlerischen
Genüsse zurücktraten, als sie in der Gemäldegalerie zum ersten Male
eine Madonna von Rafael, wie man damals glaubte, sahen. Später erlebten
sie in Bamberg an einem Festtage ein katholisches Hochamt in vollem
Glanze, Processionen mit Fahnen und Lichtern. Es vollendete die
wunderbaren Eindrücke, die sie hier erhielten.

Wackenroder hatte nicht unterlassen, mit gläubigem Sinne die namhaften
Gelehrten aufzusuchen, jetzt mußte er auch die Natur, Land und Leute
kennen lernen. Er wußte wol, daß sein Vater mit der Strenge des
Geschäftsmannes ein nachweisbares Ergebniß dieser Reisen verlangen
werde. Er sollte als junger Mann, der sich bilden will, die Welt
kennen lernen und mit Nutzen reisen, etwa wie Nicolai eine Anleitung
dazu in seinen bekannten Reisen gegeben hatte. Darum machten sich die
Freunde in den Pfingstferien auf den Weg in das Baireuthsche. Sie sahen
Hüttenwerke und Zinngruben, fuhren in die Bergwerke, streiften in das
böhmische Gebiet hinein, und verloren sich endlich auf den Waldpfaden
des Fichtelgebirges.

Nie glaubten sie einen herrlicheren Baumwuchs und frischeres Grün
gesehen zu haben. Da wanderten sie hin durch die Gründe, wo aus dem
malerischen Gewirr düsterer Tannen hellschimmernd das junge Laubholz
hervorblickte, und „dicht von Felsen eingeschlossen“, unter Stein und
Moos die Bäche still und einsam gingen. Für einen der höchsten Punkte
im Fichtelgebirge galt der Ochsenkopf; der sollte erstiegen werden.
Kühn genug wollten die Freunde unter der Leitung eines Führers den
schwierigen Weg zu Pferde machen. Anfangs ging Alles trefflich. Bald
aber änderte sich die Scene. Man kam in den sogenannten Fichtelsee,
einen morastigen Grund, wo auch im Sommer das Wasser in Lachen stand,
von kriechenden Schlingpflanzen bedeckt, aus denen sich Buschwerk und
niederes Baumgestrüpp erhob. Hervorragende Steine, Strauchwerk, hin und
wieder ein Bret, bildeten den Weg, auf dem man sich mühselig und nicht
ohne Gefahr fortarbeiten mußte. Es war kaum möglich, die Pferde ohne
Schaden von der Stelle zu bringen, man mußte sie am Zügel hinter sich
herziehen.

Als die Wanderer wieder festen Boden unter sich fühlten, hatten sie die
Richtung des Weges verloren. Da standen sie zwischen hohen Felsenwänden
und rauschenden Bäumen! Der Führer ward kleinlaut, dann still. Jetzt
brach er unter Flüchen aus: „Ich muß verhext sein! Ich habe den Weg
hundert mal gemacht und bin nie irregegangen. Ich muß verhext sein!
Das kommt oft vor hier im Fichtelgebirge.“ Endlich schlug er vor,
einen höhern Punkt zu ersteigen, von wo ein heller Lichtstreif durch
den Wald blickte. Dort schien sich das Dickicht zu öffnen; vielleicht
konnte man einen freien Ueberblick gewinnen. Aber hier galt es,
neue Schwierigkeiten zu überwinden. Man mußte mit den Pferden einen
schmalen Felsenweg emporklimmen, den Gießbäche ausgehöhlt hatten.
Endlich war man oben angelangt. Es war eine kleine Hochebene, mit
kurzem Grase bedeckt, von dunkeln Bäumen und engverwachsenem Gestrüpp
eingeschlossen. Nirgends eine Aussicht ins Freie, nirgends ein Pfad;
nur Bäume und Felsen, und über ihnen der Himmel. Fern ab schienen Welt
und Menschen zu liegen; hier verhallte jeder Laut in der tiefsten
Waldeinsamkeit.

Zurück konnte man mit den Pferden nicht, ebenso wenig vorwärts.
Wieder begann der Führer seine Verwünschungen, daß er behext sei.
Endlich versuchte er es mit einem Handbeil, das er bei sich trug,
durch das Gestrüpp einen Weg zu bahnen. Auf gut Glück folgte man
ihm. Zwischen krachenden Zweigen wanden sich die Verirrten mit Mühe
hindurch. Jetzt kam man wieder auf einen Pfad; aber welcher Weg war
das! Schmal und steinig zog er sich am Rand eines Bergrückens hinab.
Ein falscher Tritt, und die Pferde sammt den zu Fuß wandernden Reitern
stürzten in die Tiefe hinab. Mit steigender Angst setzten sie ihren
unheimlichen Marsch fort. Zu ihrer nicht geringen Freude erreichten
sie eine Glashütte, wo man ihren Berichten kaum trauen wollte, als sie
erzählten, welchen halsbrechenden Weg sie mit den Pferden zurückgelegt
hätten. Zugleich erfuhren sie, daß man erst von diesem Punkte aus den
Ochsenkopf besteigen könne. Trotz aller Kämpfe beschlossen sie auch
dieses Abenteuer zu bestehen, fanden aber nach ihren Erfahrungen das
Ersteigen der Höhe weder so schwierig, noch so belohnend, als man es
geschildert hatte.

Nach so schweren Mühen des Tages waren sie froh, am späten Abend eine
gastfreie Aufnahme auf dem Eisenhammer des Commerzienraths Müller, an
den sie empfohlen waren, unfern des Dorfes Bischofsgrün, zu finden. In
einem Flügel des weitläufigen Fabrikgebäudes hatte man die ermatteten
Reisenden untergebracht. Wackenroder, der Anstrengungen ungewohnt, warf
sich sogleich auf das Bett. Tieck war zu bewegt, er konnte nach Allem,
was er heut erlebt hatte, nicht schlafen. Die Naturgeister wachten auf.
Er öffnete das Fenster. Es war die laueste, herrlichste Sommernacht.
Das Mondenlicht floß in vollen Strahlen auf ihn nieder. Da lag sie vor
ihm die mondbeglänzte Zaubernacht, die Natur mit ihren uralten und
ewig jungen Märchen und Wundern! Wieder schwellte es sein ganzes Herz.
Zu welchem fernen, unbekannten Ziele zog es ihn mit unwiderstehlicher
Kraft? Mild und beruhigend klangen die schwebenden Töne eines
Waldhorns durch die Nacht herüber. Er fühlte sich wehmüthig bewegt und
doch unendlich glücklich.

So träumerisch er in solchen Augenblicken versinken konnte, so sehr
dann die tiefe Natureinsamkeit seine Seele füllte, so trieb ihn doch
die eigene Art seines Wesens aus dieser Stille hinaus, nach ganz
entgegengesetzten Seiten hin. Es regte sich seine Theaterliebhaberei,
die trotz ihrer kritischen Ansprüche, doch nicht ohne eine gewisse
Selbstironie auch mit sehr Gewöhnlichem vorlieb nehmen konnte. Ihr zu
Gefallen ließ er sich in ein seltsames Abenteuer verlocken, das leicht
den unerfreulichsten Ausgang hätte haben können.

In der Gegend von Fürth hatten Reichstruppen, die nach dem Rhein
vorrücken sollten, ein offenes Lager bezogen, welches von Nürnberg,
Erlangen und andern benachbarten Städten von Neugierigen und
Reiselustigen besucht wurde. Dies hatte den Director einer wandernden
Schauspielertruppe auf den Gedanken gebracht, es sei ein gutes
Geschäft, im Lager selbst eine theatralische Vorstellung zu geben.
Nachdem er die Erlaubniß des Generals erhalten hatte, glaubte er ganz
seinem Vortheile und den Anforderungen des guten Geschmacks gemäß zu
handeln, wenn er in der Mitte der Soldaten eines jener Soldatenstücke,
welche seit „Minna von Barnhelm“ allgemein beliebt waren, zur
Aufführung bringe. Er hatte dazu ein Hauptspectakelstück „Graf Waltron“
ausersehen. Der militärische Glanz des Lagers sollte ihm dabei zu Hülfe
kommen, Zelte und Bäume die natürliche Decoration bilden, die große
Masse der Reichssoldaten den belebten Hintergrund darstellen, und
zugleich einen Theil des Publicums abgeben.

Für Tieck war dieses sonderbar angekündigte Schauspiel viel zu
anziehend, als daß er nicht hätte nach Fürth hinüberreiten sollen.
Im Lager fand er einen Platz abgesteckt, um den sich eilig
zusammengeschlagene Bänke stufenweis erhoben. Die Zuschauer fingen
an die hintern Plätze zu füllen, die vordern sollten für die noch zu
erwartenden Honoratioren aufgespart werden. Einige Reichssoldaten
waren beordert, die Polizei in diesem neuen Kunsttempel zu handhaben.
Da indeß dieses Amt der kriegerischen Ehre Eintrag zu thun schien,
so hatte man die Uniformen der dienstthuenden Soldaten an Kragen und
Aermeln mit Streifen rothen Papiers besetzt, und so eine Art von
phantastischer Uniform geschaffen. Tieck hatte seinen Sitz auf dem
ersten Platze eingenommen, und sah vertrauensvoll und heiter dem
wunderlichen Schauspiele entgegen, in dem in ungeschickter Weise Natur
und Kunst verbunden werden sollten. Diese gab sich selbst auf, indem
sie sich in kläglich verzerrter Gestalt unmittelbar neben jene stellte.

Inzwischen begann das Publicum voll Ungeduld und Erwartung ein
eigenthümliches Vorspiel aufzuführen. Man drängte und lärmte
durcheinander. Die entfernter Sitzenden versuchten es zuerst mit
List, dann mit offenbarer Gewalt, ohne sonderliche Achtung vor
der soldatischen Polizei, in die vordern Reihen der Honoratioren
einzudringen. Einige waren sogar unverschämt genug, im Bühnenraume
selbst sich niederzulassen. Unter diesen drohenden Anzeichen begann
das Stück. Die Soldaten im Stücke, die den wirklichen gegenüber
eine armselige Figur spielten, fingen an ihre Rollen herzusagen.
Da aber bei der um sich greifenden Unordnung jede Kunsttäuschung
vollends aufhörte, so wurden die Schauspieler durch die Eindringlinge
unterbrochen und verhöhnt, und mußten endlich unter dem Jubel der
barbarischen Kunstfeinde beschämt abziehen. Der Director rief in seiner
Noth die bisher ziemlich unthätige Polizei zu Hülfe. Ein Reichssoldat
versuchte unter Flüchen und Schimpfreden das Publicum in die Schranken
zurückzutreiben, und schwang dabei seinen eisernen Ladestock, den er
als Amtsstab in der Hand hatte, rücksichtlos über den Häuptern der
Aufrührer, von denen er den einen und den andern unsanft berührte.

Mit Verdruß hatte Tieck diese Scene angesehen. Zuerst ärgerte ihn
die Unverschämtheit des Publicums, das sich selbst den Spaß verdarb,
dann die Fuchtel des Soldaten. Plötzlich fühlte auch er sich von dem
Zauberstabe am Hute getroffen. Eine wahre Berserkerwuth ergriff ihn.
Blindlings stürzte er über die Schranken fort, auf den züchtigenden
Soldaten los. Als die erste Wuth von ihm gewichen war, sah er nicht
ohne Verwunderung, daß er auf der Brust des Soldaten kniee, der dem
unerwarteten Angriffe erlegen und sammt dem Angreifer zu Boden gestürzt
war. Jetzt erst erfolgte der allgemeinste Aufruhr; mit Mühe trennten
die herbeieilenden Wachen die Kämpfer, und führten den Hauptübelthäter
vor den commandirenden General. Dieser empfing ihn mit zornigen
Begrüßungen; er habe sich meuterisch an dem Reichssoldaten vergriffen,
das sei ein Verbrechen gegen Kaiser und Reich, eine exemplarische
Strafe und Satisfaction sei nothwendig.

Während dieses Unwetters hatte Tieck seine Besonnenheit wiedergefunden.
Nach einigen Gegenreden riß er dem dabei stehenden Soldaten ein Stück
des papiernen Uniformbesatzes ab mit der Frage, welcher Truppentheil
denn eine solche Uniform trage, an der er sich vergriffen haben
solle. Diese unerwartete Wendung machte den General stutzig. Er hieß
ihn seiner Wege gehen, und ergoß den Rest der Zornesschale über
den unglücklichen Director, der nun seinerseits Zuschauer dieses
Schauspiels gewesen war.

Beschämt eilte Tieck, der plötzlich zum Haupthelden des Tages geworden
war, durch die gaffende Menge nach Fürth zurück, in den Gasthof, wo er
sein Pferd eingestellt hatte. Er dachte sich nach diesem unangenehmen
Handel durch ein Glas Wein zu stärken, bevor er nach Hause eilte. Aber
neue Beschämungen warteten seiner. Als er in dem Saale Platz nahm, war
die Unterhaltung über die Rolle, die er heute gespielt hatte, bereits
in vollem Gange. Nur scheu wagte er umherzublicken, und bemerkte in
einiger Entfernung einen ihm wohlbekannten Buchhändler aus Erlangen mit
seiner jungen, hübschen Frau. Diese pflegte er zierlich und nicht ohne
huldigenden Eifer zu grüßen, so oft er sie am Fenster sah, was eben
nicht selten der Fall war. Der Mann in der Voraussetzung, daß Tieck ihn
nicht verstehe, sagte auf Englisch zu seiner Frau: „Das ist der junge
Mensch, der sich draußen auf dem Naturtheater in so sonderbarer Weise
bemerklich zu machen suchte.“ Das war zu viel! In welch lächerlichem
Lichte mußte er nicht vor der Schönen erscheinen! In verbissenem
Ingrimm über seine Heftigkeit eilte er, unter dem kaum verhaltenen
Lachen der Umhersitzenden, zur Thür hinaus. Er warf sich aufs Pferd,
und jagte verhängten Zügels, ohne rechts und links zu sehen, in das
Abenddunkel hinaus.

Doch das Abenteuer war noch nicht zu Ende. Er hatte gewähnt, auf dem
Wege nach Erlangen zu sein; als er sich abzukühlen anfing, erkannte
er, daß er in seinem Zorn die Richtung verloren hatte. Es war Nacht
geworden; er befand sich in einem Gehölze, in dem er sich nicht
erinnerte, gewesen zu sein. Umsonst suchte er in der Dunkelheit
nach einem Wege. Es blieb nichts übrig, als über Stock und Stein
auf gut Glück durch das Dickicht zu dringen. Da öffnete sich ihm
unvermuthet eine malerische, aber doch besorgliche Scene. Um ein lustig
loderndes Feuer hatte sich ein Zigeuner- und Kesselflickervölkchen
gelagert, das unter dem Schutze der milden Reichspolizei auf den
sich durchkreuzenden Gebieten ungestört sein Wesen trieb. Schon
hatte die unheimliche Gesellschaft den Reiter bemerkt, und forderte
ihn gastfrei auf, vorlieb zu nehmen und sich wahrsagen zu lassen.
Es war ihm bei dieser unerwarteten Einladung nicht wohl zu Muthe.
Indeß mit unbefangener Miene suchte er ihr zu folgen, um nicht aus
einem Ehrengaste ein Gefangener zu werden. Man bot ihm zu essen; er
mußte seine Hand hinreichen, und sich große Dinge verkünden lassen.
Er war froh, als man ihn endlich ziehen ließ, ohne sein Pferd
zurückzubehalten, und ihn sogar auf den rechten Weg geleitete. Doch
hatte er die genossene Gastfreundschaft reichlich bezahlen müssen.
Gegen Morgen kam er in Erlangen an.

So wechselte in dieser heitern und bewegten Zeit studentischer
Ungebundenheit ein wunderliches Abenteuer mit dem andern. Die buntesten
und sonderbarsten Gestalten drängten sich an ihm vorüber, die
verschiedensten Eindrücke machten sich geltend. Wie oft hatte er nicht
von solchen und ähnlichen Vorfällen gelesen, oder sie beschrieben.
Bisweilen schienen seine Phantasien zur Wirklichkeit zu werden, und
in einer nüchternen Zeit stand er plötzlich mitten in Abenteuern, und
ward gar zum Haupthelden. Kunst, Natur und Menschen zeigten sich ihm
in den verschiedensten und zum Theil grellsten Beleuchtungen. Es waren
auch Studien, die er in Erlangen machte. Freilich ganz andere als in
Göttingen.

Endlich ward er noch aus der Ferne Zuschauer, und mittelbar auch
Theilnehmer eines andern Abenteuers, das minder harmloser Natur war,
und einer rauhern Welt als der deutscher Dichterträume angehörte.

Die Revolution jenseit des Rheins hatte unterdessen ihren blutigen
Gang vollendet. Das Haupt Ludwig’s XVI. war gefallen. Es gab manche
jugendliche Schwärmer, welche meinten, mit diesen dämonischen Mächten,
deren zerstörende Gewalt sie nicht kannten, spielen zu können.

Schon in Göttingen hatte man sich in Parteien getheilt. Man stritt,
zankte und erhitzte sich aneinander. Brandes’ und Rehberg’s Namen
wurden fast als Ekelnamen behandelt, die Siege der Franzosen nicht
ohne Theilnahme verfolgt. Auch Tieck hatte sich wol einen Demokraten
genannt, und von Freiheit und Menschenrechten gesprochen, ohne zu
ahnen, in welchem Gegensatze das, was er hier zu vertheidigen schien,
zu seinem Wesen stand. Bei den Meisten ging die Neigung für die
Revolution überhaupt nicht tief. Thatsächlich beschränkte sie sich nur
auf polizeiliche Plackereien und einige gesellige Unbequemlichkeiten
in dem steifen Verkehr der Stände untereinander. Andere, heftiger und
unbesonnener, wurden freilich tiefer in den Strudel hineingezogen. Zu
diesen gehörte Burgsdorff.

Wie manche junge Edelleute jener Zeit, hatte er sich für die Grundsätze
der Freiheit und Gleichheit begeistert. Von ganzem Herzen meinte er
die heimische Tyrannei zu hassen, und mit lautem und herausforderndem
Trotze gegen die eigenen Verhältnisse pflegte er seine Ansichten
auszusprechen. Endlich ward es ihm zu eng in Göttingen. Im Frühjahre
1793, während Tieck sich anschickte, nach Berlin und Erlangen zu
gehen, beschloß er nach Strasburg zu eilen, um die großen Bewegungen,
von denen er das Heil der Welt erwartete, in der Nähe zu studiren.
Doch hatte er nicht den günstigsten Augenblick gewählt. Er traf das
französische Heer unter Custine in vollem Rückzuge vor den Preußen
begriffen, und schon in Speier bekam seine Reise eine unerwartete
Wendung. Hier traf er eine Berlinerin, die an einen Deutschen
verheirathet war, der als Offizier bei den Franzosen stand. Sie
begrüßte den alten Bekannten, und machte sich sogleich anheischig,
ihm durch ihren Mann den gewünschten Paß zu verschaffen, ohne den es
unmöglich war, die französische Grenze zu überschreiten. Doch als
Burgsdorff sich bei dem Landsmann meldete, ließ ihn dieser, statt ihm
den Paß auszustellen, ohne weiteres verhaften. Er hielt den eifrigen
Demokraten für einen preußischen Spion, und da er sich in geläufigem
Französisch zu vertheidigen begann, witterte man gar einen verkappten
Emigranten in ihm. So ward der Freiheitsmann unvermuthet zum Gefangenen.

Mit andern wurde er darauf im Gefolge der zurückgehenden Armee nach
Landau abgeführt. Hier verhörte ihn Custine persönlich, und ließ ihn
ohne eine Entscheidung zu treffen, einstweilen zu weiterer Haft nach
Strasburg bringen. Auf dem Wege ward er als Aristokrat verhöhnt, man
drohte mit dem Laternenpfahl, der Guillotine und Abführung nach Paris.
Das keck begonnene Abenteuer schien den schlimmsten Ausgang nehmen
zu wollen. Da Burgsdorff, aus Rücksicht auf seine Familie, Namen und
Absicht verschwieg, damit man nicht in Berlin auf irgendeinem Umwege
erfahre, wo er sei, ward seine Haltung immer verdächtiger, und seine
Lage mit jedem Tage gefährlicher. Endlich beschloß man ihn nach dem
Fort Belfort bei Basel abzuführen. Auch jetzt noch war er keck genug,
mehrere Briefe, die man ihm heimlich für französische Emigranten in der
Schweiz zugesteckt hatte, mitzunehmen. Er glaubte das einigen Leuten,
deren Bekanntschaft er in Strasburg gemacht hatte, schuldig zu sein.
Im Augenblicke des Abganges wickelte er unbefangen eine Anzahl von
Buttersemmeln, mit denen er sich versah, in die gefährlichen Papiere,
und brachte sie ohne Verdacht zu erregen in Sicherheit.

Solange das Geld vorhielt, führte er auch in Belfort ein leidliches
Leben. Unbekümmert um die Gefahr, in welcher er schwebte, machte
er leichten Blutes lustige Gesellschaft mit den übrigen Gefangenen,
fand in den Schildwachen ganz andere Leute, als er sie in der Heimat
gekannt, und meinte selbst im Gefängnisse die Luft der Freiheit zu
athmen. Doch die Verlegenheit wuchs, als das Geld ausging. An seine
Familie konnte und wollte er sich nicht wenden; er beschloß die Hülfe
seines Freundes Tieck in Anspruch zu nehmen. Er entdeckte ihm brieflich
seine Lage, forderte ihn auf Geld, soviel und so schnell als möglich,
zu senden, und machte ihm das tiefste Geheimniß in der ganzen Sache zur
Pflicht. Da er in der Haft allein zurückgeblieben war, suchte er sich
die Zeit so gut als möglich zu kürzen, bis die Antwort aus Erlangen
eingetroffen sein würde. Er warf sich aufs Lesen, und begann endlich
ein Trauerspiel zu schreiben, mit dem er sich schon lange getragen
hatte.

Aber auch für Tieck war guter Rath theuer. Woher sollte er jene Summen
nehmen, da er selbst des Geldes bedurfte? Auf diesem Wege würde kaum
zu helfen gewesen sein, wenn er nicht einen einflußreichen Freund
Burgsdorff’s auf dessen Verlangen in das Geheimniß gezogen hätte, den
Herrn von Bielfeld, der bei der preußischen Gesandtschaft im Haag
stand. Die Schritte, welche dieser that, hatten endlich Burgsdorff’s
Freilassung zur Folge. Durch solche Widerwärtigkeiten in seiner
neufränkischen Begeisterung noch nicht abgekühlt, durchwanderte er ohne
Geld einen Theil der Schweiz und Süddeutschlands, und traf endlich in
unerschütterlich guter Laune Anfangs August in Erlangen ein.

Der Sommer ging zu Ende. Man kannte Natur und Land; die Aussicht auf
einen Winter in Erlangen war nicht gerade reizend, daher beschlossen
die Freunde nach Göttingen zurückzukehren. Burgsdorff, der so Vieles
von seinen Abenteuern zu erzählen wußte, hatte durch die Schilderungen
der herrlichen Rheinlande den Freunden Lust erregt, auf diesem Wege
nach Göttingen zu gehen. Er, der Menschen und Länder gesehen hatte,
und es liebte, den dichterischen Freunden als der Mann des wirklichen
Lebens entgegenzutreten, übernahm die Leitung der Reise. Kaum hatte
man einen Tageweg zurückgelegt, als Tieck sich überzeugte, daß man
stillschweigend die Richtung geändert habe. Offenbar ging es statt
dem Rheine zu, nach Göttingen. Als er den Reisemarschall eindringlich
zur Rede stellte, mußte der kluge Führer eingestehen, er habe die
gemeinschaftliche Kasse theils verspielt, theils sonst verausgabt, es
sei noch eben genug darin, um nach Göttingen zu kommen. Was half es?
Zürnend und lachend fügten sich die Freunde in das Unabänderliche,
suchten in Eilmärschen Göttingen zu erreichen, und trafen daselbst im
Herbste ein, früher als sie gehofft und gewünscht hatten.



4. Lebensaufgaben und Pläne.


Nach manchen Erfahrungen waren die Freunde, reicher an Kenntnissen
der Welt und Menschen, in die Heimat zurückgekehrt. Jene wenigen aber
inhaltvollen Monate in Erlangen hatten sie wesentlich gefördert,
und statt der nüchternen Gestalten des Nordens und der Schatten der
Bücherwelt, hatten sie ein reiches Leben kennen gelernt, das manchen
dichterischen Gedanken erweckte. Ein solcher Stoff wollte verarbeitet
sein; dazu war das gelehrte und aufgeklärte Göttingen, das von dem
Schauplatze der Weltbegebenheiten entfernt genug lag, mit seinen
Vorlesungen, seiner Bibliothek und seinem wohlgeordneten Leben der
geeignete Ort. Die Lieblingsstudien wurden wieder hervorgesucht, und
bald gewannen sie die Gestalt einer gelehrten Aufgabe, an deren Lösung
man die Kraft des Lebens zu setzen bereit ist.

Tieck kehrte zu seinem Helden Shakspeare zurück. Allmälig stand der
Gedanke eines größern Werkes über den Dichter und seine Zeit in allen
Theilen abgeschlossen da. Es sollte die Größe Shakspeare’s verkündigen,
welche Deutschland, trotz Wieland’s Uebersetzung und Lessing’s und
Goethe’s Hinweisung, nur sehr unvollkommen kannte, oder bezweifelte.
Es war ihm zur Ueberzeugung geworden, der Weg, welchen man in Theater
und Literatur zur Erkenntniß des Dichters eingeschlagen hatte, konnte
niemals zum Ziele führen. Allzu sehr von dem Werthe der eigenen Bildung
erfüllt, hofmeisterte man ihn überklug, man schalt ihn einen Barbaren,
ein wildes Waldgenie, das gereinigt und geputzt werden müsse, um in
der Gesellschaft anständiger und aufgeklärter Männer erscheinen zu
können. Man verstümmelte barbarisch die Werke, welche man schon aus
historischer Rücksicht hätte achten sollen, und auf deren Erkenntniß es
eben ankam. Nicht minder flach erschien die unaufhörlich wiederholte
Meinung, Shakspeare sei, trotz seiner Wildheit und Regellosigkeit,
dennoch ein großes Genie. Worin anders aber hätte sich dieses zeigen
sollen, als in seiner innern wahren Kunstvollendung?

Zu wiederholten Malen hatte er Shakspeare’s sämmtliche Dichtungen
durchstudirt. Dann war er zu historisch-kritischen Forschungen über
den Dichter, die Geschichte seines Lebens, seiner Zeit und Werke
übergegangen. Hier ließ sich eine neue Wissenschaft aufbauen. Was die
Bibliothek an Ausgaben und Commentaren besaß, war ihm bekannt und
geläufig. Doch wenn die deutschen Kunstrichter ihm nicht Genüge thaten,
so gaben die englischen Kritiker und Erklärer durch ihre Dürre und die
übermäßige Nüchternheit, mit der sie nur bei dem Außenwerke stehen
blieben, keinen geringern Anstoß. Neben Ben Jonson hatte er auch
Beaumont und Fletcher, Massinger und Andere in den Kreis seiner Studien
hineingezogen.

Unter Shakspeare’s Dramen zog ihn wegen seines
phantastisch-märchenhaften Charakters der „Sturm“ besonders an.
Er vollendete um diese Zeit eine Bearbeitung, in welcher er noch
die allgemein geltenden Gesichtspunkte festhielt, weil er an die
Möglichkeit einer Darstellung auf der Bühne dachte. Zugleich sollte
ihm dieses Stück Veranlassung geben, seine Ansichten über Shakspeare
in einer Reihe von Abhandlungen darzulegen, und eine richtigere
Auffassung des Dichters vorzubereiten. Zuerst beschränkte er sich auf
die Behandlung des Wunderbaren und dessen Darstellung im „Sturm“.
Diese Arbeit sandte er mit einer Probe seiner Uebersetzung an Schiller
mit dem Wunsche, daß beides in die „Thalia“ aufgenommen werden möge.
An das umfassende Werk über Shakspeare sollten sich dann mehrere
Dramen anderer Dichter aus jener Zeit anschließen, namentlich der vier
genannten. Die bedeutendsten dachte er zu übersetzen, die andern,
um dem Publicum nicht zu viel zuzumuthen, im Auszuge oder in freier
Bearbeitung zu geben; historische und kritische Anmerkungen sollten das
Ganze begleiten. Schon sah er sich nach einem Verleger um, dem er sein
kritisches Erstlingswerk übergeben könne. Wackenroder, der die Pläne
des Freundes mit keinem geringern Eifer als die eigenen verfolgte,
hatte sich deshalb bereits an seinen Lehrer, den Prediger Koch in
Berlin gewandt, mit dem er noch in wissenschaftlichem Verkehre stand.

Hieran schloß sich eine verwandte Arbeit, die unter Fiorillo’s Augen
entstanden war, dessen Vorlesungen über Malerei und Kunstgeschichte
Tieck hörte. Es war eine Beurtheilung der in England herausgegebenen
Sammlung von Kupferstichen nach der „Shakspeare-Galerie“. Bereits 1794
erschien sie auf Heyne’s Vermittelung in der „Bibliothek der schönen
Wissenschaften“.

Zugleich eröffnete sich ihm um diese Zeit ein Weg in die Literatur.
Von Göttingen aus kam er mit dem alten Nicolai, dem er in Berlin fern
gestanden hatte, in nähere Berührung. Entscheidend war eine Reise, die
er mit Wackenroder um Ostern 1794 nach Braunschweig und Wolfenbüttel
machte, um die dortigen Bibliotheken und Sammlungen kennen zu lernen.
Er erneuerte die Bekanntschaft Ebert’s, welcher ein behagliches
wissenschaftliches Stillleben führte, und den jungen Dichter mit
herzlichem, fast väterlichem Wohlwollen empfing. Ebenso entgegenkommend
zeigte sich Eschenburg; er nahm besonders an Tieck’s Arbeiten über
Shakspeare Antheil. Die beiden ältern Freunde überzeugten sich, daß
hier eine Kraft sich Bahn zu brechen suche, die jede Unterstützung
und Aufmunterung verdiene. Bei nächster Gelegenheit wiesen sie daher
ihren Freund Nicolai auf seinen Landsmann hin. Nicolai war eine Macht
in der deutschen Buchhändlerwelt, und unterstützte junge Talente gern
in mäcenatischer Weise. Nachdem er sich von Tieck’s Arbeiten und
literarischen Plänen unterrichtet hatte, erklärte er sich nicht nur
bereit den „Abdallah“ und Anderes in Verlag zu nehmen, sondern er
übersandte ihm sogar eine Abschlagssumme des verabredeten Honorars.

Endlich begann sich auch Anderes zu gestalten. Schon 1793 war im
ersten Entwurf eine Tragödie „Karl von Berneck“ entstanden. Unter den
fränkischen Burgen hatte keine einen tiefern Eindruck zurückgelassen
als die Ruinen von Berneck, deren düsterer Anblick trefflich zu der
Sage paßte, welche dort lebte. Ein Sohn sollte die Mutter ermordet
haben, um den durch sie und ihren Verführer gefallenen Vater zu
rächen. Es war ein deutscher Orest, der sich in die Mitte zwischen den
griechischen Helden und den englischen Hamlet stellte. Der schon am
Orte selbst gefaßte Gedanke, einen tragischen Helden aus ihm zu bilden,
kam jetzt zur Ausführung. Die Sage, der Schauplatz des deutschen
Mittelalters, Alles schien sich zu vereinen, um dem Dichter einen Stoff
zu geben, der seiner Eigenthümlichkeit ganz zusagen mußte.

Inzwischen hatte auch Wackenroder einen nicht minder unbetretenen Pfad
der Studien eingeschlagen, den er mit Eifer verfolgte. Freilich wußte
er nur zu gut, im Sinne seines Vaters war es ein Irrweg. Er hatte sich
der ältern deutschen Literatur zugewendet, die sich wie ein Wunderland
in fernen dunkeln Umrissen erhob, welches man in zaghaften Versuchen
wieder zu entdecken trachtet. Sein Aufenthalt in Erlangen und Nürnberg
hatte gezeitigt, was sein Lehrer Koch angeregt hatte. Die Manesse’sche
Sammlung der Minnelieder, die Müller’schen Ausgaben der Heldengedichte,
die Anfänge des deutschen Dramas, namentlich Hans Sachs, studirte er
mit Eifer, meistens nur auf sich und seine Begeisterung angewiesen.
Zugleich übernahm er manchen gelehrten Auftrag für Koch, zu dessen
Compendium der deutschen Literatur er auf den reichen Bibliotheken in
Göttingen und Kassel Notizen über altdeutsche Handschriften sammelte.
Dies gab Veranlassung, den Rath Casperson kennen zu lernen, der
ebenfalls für die ältere deutsche Poesie eine lebhafte Theilnahme
hatte. Auch wurde er dem als Staatsmann und Forscher bekannten
hessischen Minister von Schlieffen vorgestellt.

So gleichmäßig das Leben war, welches die beiden angehenden
Gelehrten führten, so fehlte es doch nicht an lustigen Vorfällen
und studentischen Abenteuern. Bei aller Freundschaft liebte man es
sich gegenseitig durch übermüthige Neckereien zu stören oder zu
hintergehen, um dann zu allgemeinem Jubel eine unerwartete Enttäuschung
herbeizuführen. Zu solchen Komödien forderte zunächst Wackenroder’s
Gutmüthigkeit und Leichtgläubigkeit in den alltäglichen Dingen heraus.
Leicht suchte und fand er Wunder und Geheimnisse, und seine Neigung
für das Tiefsinnige, Mystische, Sonderbare ward oft genug Gegenstand
des Spottes und Angriffs. Besonders Burgsdorff liebte es ihm in
übermüthiger Keckheit schonungslos entgegenzutreten. Einmal ward
Wackenroder das Opfer einer Täuschung, welche über die Grenzen des
Erlaubten fast hinausging.

Burgsdorff besaß einen Hund Namens Stallmeister. Er war sein treuer
Gefährte auf abenteuerlichen Fahrten gewesen, und zeigte sich in allen
Dingen als der Studenten gelehrigen Scholar. Da man die Anstelligkeit
des Thieres oft gepriesen und sein Genie scherzend anerkannt hatte, so
beschloß man übermüthigerweise, Wackenroder einzubilden, der Hund habe
es in der Stille bis zum Lesen und zur Theilnahme an den Studien seiner
Herren gebracht.

Wackenroder war ein eifriger Collegiengänger. Nie hätte er eine
Vorlesung ohne die dringendste Veranlassung versäumt, auf das
eifrigste schrieb er nach. Minder gewissenhaft waren die beiden andern
Freunde. Sie benutzten eine Stunde, in welcher er im Collegium war,
um auf seinem Zimmer den Hund in die gehörige Verfassung zu setzen.
In aufrechtsitzender Stellung banden sie ihn auf dem Stuhle vor
Wackenroder’s Arbeitstische an; die beiden Vorderpfoten ruhten auf
einem mächtigen Folianten, welchen man vor ihm aufgeschlagen hatte.
Das gelehrige Thier, das solcher Kunststücke gewohnt war, machte auf
dem Sessel des Gelehrten eine ganz überraschende Figur. Die beiden
Muthwilligen verbargen sich darauf in der anstoßenden Kammer, um den
Erfolg ihrer List abzuwarten. Früher als gewöhnlich kehrte Wackenroder
zurück. Er benutzte eine Pause, um ein vergessenes Heft zu holen. Voll
Ueberraschung blieb er stehen; sein Auge war auf den Hund und dessen
tiefsinnige Stellung gefallen. Er warf noch einen scheuen Blick auf das
Thier, und steckte dann die vergessenen Blätter geräuschlos zu sich.
Die Furcht seine Pflicht zu versäumen, und die Besorgniß die wunderbare
Erscheinung durch längeres Verweilen zu stören, trieben ihn fort. Eilig
und leise verließ er das Zimmer. Die lauschenden Freunde erkannten,
er sei mit der Ueberzeugung, den Hund in Studien vertieft gesehen zu
haben, gegangen. Sie erlösten den unfreiwilligen Gelehrten aus seiner
peinlichen Lage, und warteten den Erfolg ab.

Als sie Wackenroder wiedersahen, war er ungewöhnlich still und in sich
gekehrt. Sie hielten es nicht gerathen ihn mit Fragen zu beunruhigen,
sondern ehrten rücksichtvoll sein Schweigen. Endlich, als sie Abends
in gewöhnlicher Weise beisammensaßen, und kein Gespräch in Gang
kommen wollte, brach er das Schweigen, und begann mit vielsagender
tiefsinniger Miene: „Freunde, ich muß euch eine geheimnißvolle
Begebenheit mittheilen, deren Zeuge ich heute gewesen bin. Ich sage
euch, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich eure
Schulweisheit träumen läßt. Unser Stallmeister kann lesen!“ Er erzählte
darauf im Tone der vollsten Ueberzeugung die Scene, welche die Freunde
ihm aufgeführt hatten. Anfangs hörten sie ihm mit kaum unterdrücktem
Spotte zu, doch bald machte dieser einer ernstern Stimmung Platz. Daß
ihr Scherz so vollständig gelingen könne, hatten sie selbst nicht
erwartet. Sie erschraken, ihn jene außerordentliche Erscheinung so
glaubensvoll beschreiben zu hören. Fast schien er in das Gebiet der
phantastischen Visionen hinüberzuschweifen. Endlich machte man der
Sache ein Ende, und bat ihn die Geschichte jener Erscheinung aufmerksam
anzuhören. Die Auflösung des Räthsels war zu schlagend, um etwas
dagegen einzuwenden, aber Wackenroder konnte seine Empfindlichkeit
nicht ganz unterdrücken, daß man ihm so schonungslos mitgespielt.

Aber auch an Tieck kam die Reihe, durch äußere Zufälligkeiten und
kleine Erlebnisse, die seine Phantasie erregten, in die Welt der
Schauer zurückgezogen zu werden, aus welcher er sich gerettet zu haben
meinte. Wenn er zu Zeiten Tage und Nächte hindurch von seinen Stoffen
erfüllt bis zur höchsten Aufregung arbeitete, dann bewährte sich
Wackenroder’s besonnene Freundschaft. Bei einer solchen Gelegenheit
sagte ihm dieser einst: „Wie kann man sein Talent so leichtsinnig
verschwenden! Das heißt sich ruiniren, sich geistig an den Bettelstab
bringen! Wer so ohne Sammlung arbeitet und auf sich einstürmt, kann nur
mit Geisteszerrüttung enden!“

Wie es öfter geschah, war einst beim Studium des Shakspeare Mitternacht
herangekommen. Er las den „Macbeth“, und folgte mit steigender
Bewegung der erschütternden Scene, in welcher der eben vollführte
Mord geschildert wird. Er glaubte Zeuge der blutigen That zu sein.
Mit angehaltenem Athem hörte er den Rächer an das Thor des Schlosses
pochen. Und klopfte es nicht in diesem Augenblicke wirklich? „Es ist
Wackenroder!“ dachte er, dessen Rückkehr aus einer Gesellschaft er
erwartete. Unwillig über die Störung, die er für einen unzeitigen
Scherz hielt, rief er „Herein!“ Plötzlich traf ihn ein kalter Luftstrom
von hinten her. Die Thür mußte sich leise geöffnet haben. Er fühlte
eine eisige Hand über sein Gesicht gleiten. Voll Entsetzen fuhr er
in die Höhe. Neben seinem Stuhle stand ein runzelvolles, gnomenhaftes
altes Weib, das ihn grinsend anblickte, und ihm die geöffnete Hand
murmelnd entgegenstreckte. Fast schien es, eine der Hexen Macbeth’s sei
plötzlich in seinem Zimmer wie eine Erdblase aufgestiegen, und komme
auch ihn zu verwirren. Zwischen Täuschung und Wirklichkeit angstvoll
schwebend, rief er dem Weibe zu, wer sie sei, was sie wolle. Sie
gehörte, wie sich später zeigte, zu einem Haufen Bettelvolkes, das man
Nachts durch die Stadt geführt hatte. Sie war den Hütern entkommen, und
hatte durch die für Wackenroder geöffneten Thüren den Weg in Tieck’s
Zimmer gefunden. Mit einem Almosen kaufte er sich los; aber er mußte
sich gestehen, einen tiefern Schreck hatte er seit langer Zeit nicht
empfunden.

Besonders aber öffnete sich die Welt der Abenteuer, sobald die Freunde
die Mauern des gelehrten Göttingen verließen. Auch jene Reise nach
Braunschweig war nicht frei davon. Als Tieck durch die Straßen der
Stadt ging, erblickte er an einem Fenster ein schönes junges Mädchen,
welches ihn durch Zeichen als einen alten Bekannten zu grüßen schien.
Einem neugierigen Zuge folgend, betrat er das Haus. Bereits auf der
Treppe kam sie ihm in höchster Aufregung entgegen. „Gut, daß Sie
kommen“, rief sie ihm zu, „ich habe Sie lange erwartet! Ich komme
sogleich zurück, ich will nur meinen Schmuck anlegen.“ Betroffen über
diesen seltsamen Empfang, blieb er nicht ohne Spannung zurück, wie
das enden werde. Die Schöne kehrte nach einigen Augenblicken zurück,
aber wie verändert! Ophelia! hätte er ausrufen mögen. Phantastisch
mit einem Kranze geschmückt, statt des Gürtels und über den Schultern
Gewinde von Stroh und Blumen, trat sie ihm mit irrem Lächeln entgegen.
„Da bin ich!“ sagte sie. „Und nun fort! Meine Verwandten verfolgen
mich!“ Staunend blickte er die Unglückliche an. Jene wunderbare und
räthselhafte Gestalt seines Dichters schien aus der Welt der Phantasie
in die sinnliche Wirklichkeit getreten zu sein. Da vernahm er ein
Geräusch. Eilig kamen mehrere Personen aus dem Innern des Hauses, sie
bemächtigten sich der Unglücklichen, und führten sie ohne auf ihr
erschütterndes Geschrei zu achten, zurück. Es war eine Irrsinnige, die
sich ihren Wächtern entzogen hatte. Voll Entsetzen eilte er aus dem
Hause. Jenes grauenhafte und doch rührende Bild, wie jene schrecklichen
Töne verfolgten ihn noch lange.

Ein anderes Mal war es in der Abenddämmerung, als er allein über Land
fuhr. Bald bemerkte er, daß ein wandernder Handwerksgeselle mit dem
Wagen gleichen Schritt halte. Gutmüthig bot er ihm einen Platz in
demselben an, und dankbar wurde der Vorschlag angenommen. Schüchtern
saß der Reisegefährte eine Zeit lang neben ihm. Endlich brach er das
Schweigen. Soviel Ursach er habe zu danken, sei es doch auch ein
Glück mit ihm zusammenzutreffen. „Denn Sie werden es nicht glauben“,
fuhr er fort, „aber doch ist es so. Ich bin der Sohn Friedrich’s des
Großen.“ Unwillkürlich rückte Tieck von der Seite seines Begleiters
fort; ihm wurde unheimlich zu Muthe. So unbefangen als möglich suchte
er auf diese fixe Idee einzugehen. Er bemerkte, er habe immer geglaubt,
Friedrich habe keine Kinder hinterlassen. „Das ist es eben, was meine
Gegner verbreiten“, erwiderte der Andere, „um mich und meine gerechten
Ansprüche zu unterdrücken. Sie können ihre Bosheit erkennen, wenn ich
Ihnen sage, daß man mich erst in Spandau eingesperrt, und dann noch
obenein unter die Juden gesteckt hat! Wer glaubt nun an meine hohe
Abkunft? Ueberall lacht man und ruft: das ist ja ein Jude!“ Tieck
betrachtete jetzt seinen Begleiter genauer, und entdeckte allerdings an
ihm jüdische Gesichtszüge. Er unterhielt sich noch eine Zeit lang mit
ihm in gleichgültigem Tone, und war froh, den unheimlichen Gefährten
auf dem nächsten Haltpunkte abzusetzen.

Heiterer Art war das Abenteuer, welches die Freunde auf der Bibliothek
zu Wolfenbüttel zu bestehen hatten. Der Bibliothekar Langer stand im
Rufe, die Besuchenden nicht zu allen Zeiten glimpflich zu empfangen.
Vorsorglich hatten sie sich daher ankündigen lassen; außerdem
vertrauten sie auf Heyne’s Empfehlung, die wol für einen Freipaß in
der gelehrten Welt gelten konnte. Sie hatten sich an Ort und Stelle
eingefunden, als nach längerm Zögern der Bibliothekar in feierlicher
Amtswürde erschien, in Schuhen und Strümpfen und dem besten gelehrten
Putze. Mochte er nun die Meldung falsch verstanden, oder bessere Leute
erwartet haben, als er sah, daß die angekündigten Fremden nichts mehr
und nichts weniger waren, als ein paar göttinger Studenten, trat er
ihnen barsch mit der Frage entgegen, was ihr Begehren sei. Wackenroder,
der es übernommen hatte mit dem borstigen Gelehrten zu sprechen, wurde
durch diesen Empfang in nicht geringe Verlegenheit gesetzt. Schüchtern
brachte er endlich heraus, der Herr Hofrath Heyne habe die Güte gehabt,
ihnen eine Empfehlung an den Herrn Bibliothekar aufzutragen. „Ich weiß
gar nicht“, fuhr Langer ärgerlich dazwischen, „was mir der Herr Hofrath
Heyne für Empfehlungen schickt, bei denen niemals etwas herauskommt.“
Tieck hatte unterdessen einen alten Druck auf einem der Bücherbreter
ins Auge gefaßt, und da der Zorn des Bibliothekars sich noch weiter
ergießen wollte, trat er respectvoll mit der Bemerkung vor, man habe um
die Erlaubniß bitten wollen, jenen alten Druck auf kurze Zeit außer der
Bibliothek zu benutzen. Dies wurde nach einigem Widerstreben gewährt,
und die Freunde waren froh, der gelehrten Löwenhöhle zu entkommen.

Es näherte sich nun die Zeit, wo ein Entschluß gefaßt werden mußte.
Zwei und ein halbes Jahr war Tieck von Hause entfernt. Die akademische
Freiheit ging dem Ende entgegen, und hatte er auch ein entschiedenes
Studium gefunden, so wollten ihm doch die regelrechten Formen
des Lebens jetzt fast noch weniger zusagen als damals, wo er die
Vaterstadt verließ. Er konnte zu keinem andern Ergebniß kommen, als
sich unabhängig in seiner Weise ausbilden zu wollen. Aber wie war es
möglich, sich von den gewöhnlichen Lebensbedingungen frei zu machen?

Mit nicht geringern Sorgen sah Wackenroder in die Zukunft. Sobald
er nach Hause zurückgekehrt war, stand ihm der Eintritt in den
Justizdienst, in das Amt unausbleiblich bevor. Nach allen Studien,
denen er sich mit Fleiß und voll moralischen Entschlusses unterzogen
hatte, stand es in der That fest, für die Rechtswissenschaft hatte er
keinen Beruf. Er konnte sich diesen trockenen Stoff nicht aneignen,
manche Verhältnisse und Lehrsätze blieben ihm trotz wiederholter
angestrengter Versuche, sie aufzufassen, vollkommen unbegreiflich.
Dagegen versenkte er sich immer mehr in Betrachtung und Studium der
Kunst, ja er versuchte ihre Ausübung. Farbe und Ton waren sein Element.
Er war ausübender Musiker. Reichardt hatte sein Talent erkannt, und
ihm Leitung und Anweisung gegeben; unter seinen Augen hatte er sich
gebildet, und sich in eigenen Compositionen versucht. In der Zeit der
Unabhängigkeit war er noch fester und entschiedener geworden.

Indem für beide Freunde die Zukunft zweifelhaft erschien, entstand bei
ihnen ein abenteuerlicher Plan, welchen der dritte Freund, Burgsdorff,
der schon einmal eine ähnliche Fahrt durchgemacht hatte, mit Vorliebe
weiter ausspann. Sie wollten in der Stille Göttingen verlassen, und
nach Italien, dem Lande der Kunst und der dichterischen Sehnsucht
gehen, um dort ein neues Leben anzufangen. In Rom sollte Wackenroder
frei von allen Fesseln Musik studiren, und dereinst, so träumten sie,
dem Vater als Meister von Ruf und Namen selbständig entgegentreten.
Tieck sollte als Dichter und Schriftsteller wirken. Freilich wie man
sich durchschlagen wollte, bis man das gelobte Land erreicht habe,
welche Kämpfe es auch dort noch kosten werde, daran hatte man kaum
gedacht. Endlich, als die Freunde anfingen, sich ernstlich mit diesem
Gedanken vertraut zu machen, sprang Burgsdorff zuerst wieder ab,
weil er sich inzwischen in Verhältnisse eingelassen hatte, die seine
Rückkehr nach Berlin forderten. Auch die beiden Andern ließen den Plan
fallen, und so blieb nichts übrig, als nach Ablauf des Sommers ruhig
nach Hause zurückzukehren, und abzuwarten was sich weiter begeben werde.

Aber wenigstens nicht auf geradem Wege wollten sie zurückkehren. Noch
einen Hauptpunkt des Nordens beschlossen sie zu besuchen, Hamburg. Wenn
es auch die Sehnsucht sein mochte, nach langer Zeit die Alberti’sche
Familie wiederzusehen, welche Tieck dorthin führte, so hatte doch die
Stadt auch manches andere Anziehende. Der Ruf des hamburger Theaters
war allgemein verbreitet. Schröder war als darstellender Künstler, wie
als leitendes Talent und dramatischer Schriftsteller für ihn eine der
merkwürdigsten Erscheinungen. Ohne Zweifel war Schröder neben Fleck der
größte Mann der deutschen Bühnenwelt.

Nicht ohne Besorgniß hatte Wackenroder Tieck’s Absicht vernommen,
in Hamburg auch Schröder besuchen zu wollen. Er hatte den Verdacht,
der Freund verbinde mit diesem Besuche den Plan, jetzt endlich die
Bühne wirklich zu betreten. Die Lage, in welcher Tieck sich befand,
gab dieser Vermuthung viel Wahrscheinlichkeit. So sehr Wackenroder
die Theaterliebhaberei des Freundes theilte, hatte doch der Gedanke,
ihn auf den Bretern unter den Schauspielern zu sehen, für ihn etwas
Widerwärtiges, ja Schmerzliches. In dem Augenblicke, als Tieck sich zu
seinem Besuche anschickte, eilte ihm Wackenroder voran und verschloß
die Thür des Zimmers. „Ich weiß, was du jetzt beabsichtigst!“ rief er
ihm voll Erregung zu. „Du willst zu Schröder gehen, um dich bei ihm
für das Theater zu melden. Ich bitte, ich beschwöre dich“, fuhr er
fort, indem er ihn unter ausbrechenden Thränen umarmte, „bedenke, was
du thust, welche Folgen dein unbesonnener Schritt nothwendig haben
muß!“ Voll Staunen über diesen fast leidenschaftlichen Ausbruch der
Freundesliebe, bat ihn Tieck sich zu beruhigen. Er habe dem Gedanken,
die Bühne zu betreten, längst entsagt; er gebe ihm sein Wort, daß
er nur die Absicht habe, Schröder persönlich kennen zu lernen. Wie
dem auch sein mochte, es hatte mindestens die Folge, daß der Besuch
entweder ganz unterblieb, oder doch kein weiteres Ergebniß hatte.

Dagegen wünschte Wackenroder lebhaft, Klopstock, den Patriarchen
der deutschen Poesie, zu sehen. Zurückgezogen lebte dieser in dem
abgeschlossenen Kreise seiner Bewunderer, und schon seit langer Zeit
betrachtete er die spätere deutsche Dichtung aus mistrauischer Ferne.
Glänzendere Namen hatten seinen einst gefeierten in den Hintergrund
gedrängt. Wackenroder war zu pietätsvoll, als daß er sich einer
solchen Größe nicht hätte nahen sollen, auch wenn er nicht überall
im Einverständniß mit ihr war. Tieck ging nur mit Widerstreben auf
den Wunsch des Freundes ein. Er fühlte sich dem alten Dichter viel zu
fremd, um in der That die Miene des Bewunderers annehmen zu können.
Klopstock’s hochgespannte Oden widersprachen zu sehr dem einfachen
Volkstone, den er zu suchen begann. Diese fremdartigen verschlungenen
Versmaße, die dem Ohre kaum noch verständlich waren, die jüdische
und die germanische Urwelt, alles das schien für eine volksthümliche
Auffassung in viel zu weiter Ferne zu liegen.

Schon der erste Eindruck war kein günstiger. Es war kein Barde der
Telyn, noch weniger ein alttestamentarischer Prophet, der ihnen
entgegentrat, sondern ein deutscher Gelehrter im Schlafrock, mit
der Tabackspfeife in der Hand. Ein kleiner zusammengetrockneter
Mann mit schneeweißem Haar, doch mit hellen lebhaften Augen, der
in kurzen und hastigen Bewegungen im Zimmer hin- und herschoß. Er
sprach laut und rasch im höchsten Tone, fast schneidend. Im Gespräche
sprang er ungeduldig von einem Gegenstande zum andern über. Man
kam auf den gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur, und auf
Goethe. „Nun“, fragte Klopstock spottend, „hat sich denn Goethe
immer noch nicht todtgeschossen?“ Er war noch auf dem Standpunkte
der Wertherperiode, und hielt die damals ausgesprochene Meinung
fest, Goethe müsse seiner Ansicht gemäß wie sein Held enden, und
sich eine Kugel vor den Kopf schießen. Auch von der französischen
Revolution war die Rede. „Sehen Sie hier!“ sagte er indem er auf
eine Büste der Charlotte Corday hindeutete, „das ist meine Heilige!“
Eine danebenstehende wunderliche Büste mit drei Köpfen erklärte er
für das Sinnbild der Unparteilichkeit. Er betrachte sie häufig, um
sich stets die Nothwendigkeit eines freien und unabhängigen Urtheils
zu vergegenwärtigen. Im Verlaufe des Gespräches äußerte er, die
französische Revolution habe doch ein Gutes gehabt, die „Messiade“
sei in das Französische übersetzt worden, das wäre ohne sie nimmer
geschehen. Die zur „Messiade“ gegebenen Kupfer seien elend; namentlich
sei es den Künstlern nicht gelungen, die himmlischen Gestalten so
darzustellen, daß auch zugleich ihre Unsichtbarkeit angedeutet werde.

Als die Freunde sich entfernten, mußten sie sich gestehen, der Sänger
der „Messiade“ habe eher einen komischen als erhabenen Eindruck
gemacht. Er schien nicht frei von Eitelkeit, und seine Bedeutung für
die Literatur zu überschätzen. Fast hätten sie es bereuen mögen, ihn
aufgesucht zu haben.



5. Die Vaterstadt.


Im Herbste 1794 war Tieck wieder in Berlin. Er sah das väterliche
Haus, die Freunde, die Kreise wieder, in denen er seine erste Bildung
erhalten hatte. Es war noch der alte, ihm wohlbekannte Zuschnitt der
Dinge; nur wenig hatte sich geändert. Aber er war ein anderer geworden.
Als Schüler war er gegangen, als durchgebildeter Mann kehrte er zurück,
mit dem vollen Entschlusse selbständig, nach eigener Ueberzeugung
einzugreifen. Seine Ansichten waren fester, sein Urtheil sicherer, sein
Blick schärfer geworden; Muth und Zuversicht, der Glaube an seinen
Beruf waren gewachsen. Im Gefühle der vollsten Jugendkraft war er
wenig geneigt zu schonen oder sanft aufzutreten. Der Abgeschmacktheit
und Albernheit erklärte er offen den Krieg, und war entschlossen ihn
schonungslos zu führen, wo er sie auch finden mochte.

Auf dem Gebiete der Dichtung, der Kritik und Literatur begegnete er
ihr so häufig! Der Ton der kritischen Zuversicht, Unfehlbarkeit und
Kunstrichterei war in Berlin zu Hause; er mochte sich eher gesteigert
als gemildert haben. Die alten Kunstrichter schienen ihr Amt hier um
so entschiedener behaupten zu wollen, je mehr sie auf andern Punkten
allmälig aus ihrer frühern Stellung hinausgedrängt worden waren.

Die meisten angesehenen und namhaften Männer Berlins, welche bisher
die öffentliche Meinung geleitet hatten, insofern von einer solchen
überhaupt die Rede sein konnte, waren in den Zeiten Friedrich’s des
Großen gebildet. Die Ansichten, welche in der Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts die herrschenden waren, hatten sie in sich aufgenommen,
sie waren in Fleisch und Blut übergegangen. Es waren moralische,
pflichttreue Männer in allen Fächern des Wissens und der Verwaltung,
die mit ernstem und hingebendem Amtseifer und oft mit eiserner Kraft
arbeiteten. Sie waren klar, scharf, nüchtern und doch nicht frei von
idealer Täuschung. Wie sie an sich selbst arbeiteten, wollten sie
auch die moralische Verbesserung der Menschen. Durch ein äußerliches
Machen und Eingreifen glaubten sie dies zu erreichen, durch Maßregeln
und Verordnungen die Menschheit erziehen zu können. Sie hatten
die Zuversicht, nur in den Formen, wie sie sich in dem Zeitalter
Friedrich’s entwickelt hatten, sei eine heilsame Wirksamkeit möglich.

In diesen Ansichten begegneten sich die Richter und Räthe der
Collegien, die Theologen der sächsischen Schule, welche bis dahin
die Kanzeln fast allein beherrscht hatten, und deren Predigt das
Christenthum nützlich zu machen suchte, die Schulmänner, welche
die Bildung in dem Gemeinverständlichen fanden, die Kritiker,
Popularphilosophen und sogenannten Dichter, welche das Theater
leiteten, die wenig zahlreichen öffentlichen Blätter herausgaben, und
die Literatur in Händen hatten. Der Gedanke, von dem alle diese Männer
beseelt waren, ließ sich in dem einen Worte „Aufklärung“ zusammenfassen.

Gewiß war es ein edles und anerkennenswerthes Streben, die höchsten
Güter des Geistes allen Menschen zugänglich machen zu wollen, und die
Schranken einer anmaßenden und selbstsüchtigen Ausschließlichkeit
aufzuheben. Aber indem diese Männer danach trachteten, Allen
mitzutheilen, was nur nach dem verschiedenen Maße der Kräfte von den
Einzelnen aufgefaßt werden kann, entging es ihnen, daß nothwendig eine
Verflachung eintreten mußte. Ein gewisses durchschnittliches Maß des
allgemein Verständlichen mußte gesucht werden, das für Viele gerecht
und passend sein konnte, aber darum nur die Mittelmäßigkeit selbst war.
Diese aber ist die geborene Gegnerin alles Höhern, und sie mußte eine
doppelt widerliche Haltung annehmen, wenn sie sich mit Dünkelhaftigkeit
paarte, die sich entweder in innerstem Selbstbehagen, oder in dem
Glauben an halbverstandene Autoritäten sicher und unangreifbar
fühlte. So mangelte es denn auch hier an Widersprüchen nicht, und
im Namen des Wohles und der Aufklärung der Menschen hörte man nicht
selten mit derselben Unduldsamkeit und demselben rücksichtlosen Eifer
reden, welchen die Aufklärer sonst zum ersten Klageartikel gegen die
Altgläubigen machten.

Und was war am Ende das Ergebniß aller dieser Kenntnisse, dieser
Aufklärung und Abklärung? Ein gewisser einförmig bürgerlicher Wandel,
ein äußerlich gesetzmäßiges Verhalten, von dem man nicht mit Unrecht
sagen konnte, es sei nur eine neue, eine aufgeklärte Art der verrufenen
Werkheiligkeit. Denn der Inhalt des überlieferten historischen
Wissens und Glaubens mußte unter diesen Händen zusammenschrumpfen. Im
Gegensatze zum religiösen Glauben gingen diese Männer zuversichtlich
von der Voraussetzung aus, dieser selbst sei weit entfernt, eine
geistige Kraft zu sein, vielmehr nur ein Mangel an Kraft und
moralischem Muthe, eine Ungeschicklichkeit, wo nicht eine Unfähigkeit
des Denkens und der Anwendung des Verstandes. So ward es ihnen leicht,
eine ganze Reihe eigenthümlicher Lebenserscheinungen zu beseitigen,
weil sie die Grundlage, auf der sie ruhten, in Abrede stellten, und
gerade das Tiefsinnigste wurde zum Oberflächlichsten gemacht.

Die Vertreter dieser aufgeklärten Nützlichkeitslehre und verwandter
Richtungen waren auf kirchlichem Gebiete Männer wie Teller, Zöllner,
Irwing, in der Schule Gedike, in der Wissenschaft Biester, in der
Kritik und Poesie Nicolai, Engel, Ramler, denen sich eine Anzahl
kleinerer Geister anschloß. In der That beherrschten sie noch in
Berlin die öffentliche Ansicht in Literatur und Kunst, sie standen
in mannichfachen Verbindungen, hatten bedeutende und vielgeltende
Namen aufzuweisen, und meinten vor allen Dingen die Ueberlieferungen
Lessing’s für sich zu haben.

Um Lessing hatten sie sich bei seinen Lebzeiten geschart, sie rühmten
sich seiner Freundschaft, und wurden nicht müde, auf ihn als höchstes
Vorbild hinzudeuten. Die unbestechliche Nüchternheit und Schärfe
seines Urtheils, seine Verständlichkeit, die Knappheit seines Stils
hatten sie zunächst aufgefaßt. Sein Bestreben, Alles auf die reinsten
und einfachsten Linien zurückzuführen, wodurch jede überfließende
Empfindung streng ausgeschlossen, jeder Auswuchs der Phantasie
abgeschnitten wurde, war bei ihm der Ausdruck eines männlichen
und starken Geistes, der diese Selbstzucht an sich ausübte. Seine
Freunde und Anhänger fanden diese Form als eine abgeschlossene vor,
und eigneten sie sich an, weil es bequem war, sie nachzuahmen, weil
die natürliche Mittelmäßigkeit und geistige Armuth sich mit ihrer
Hülfe leicht den Schein der Selbstbeherrschung und künstlerischen
Beschränkung geben konnte. Diese Formen sollten die höchsten in der
Kunst sein. Dies zu bezweifeln galt für Impietät gegen Lessing, für
einen Frevel an seinen Manen. Seine Freunde leiteten von ihm ein
Ansehen her, und suchten es in einer Weise zur Geltung zu bringen, die
sicher nicht in seinem Geiste war, und gegen die er zuerst die Waffen
seiner Kritik gewendet hätte.

Die Zuversicht dieser Kunstrichter war zuerst durch die Anerkennung
erschüttert worden, welche Goethe’s Poesie zu Theil geworden war.
Jetzt ward diese auch in Berlin zum unterscheidenden Kennzeichen
einer literarischen Gegenpartei, die zwar noch keinen bedeutenden
Umfang hatte, aber bald unerwartete Kräfte entwickelte. Die Aufnahme,
welche die ersten Dichtungen Goethe’s bei den Wortführern der Kritik
gefunden hatten, war nur eine kühle und bedingte gewesen. Mit dem
kleinen Zollstocke, welchen sie sich gemacht hatten, ließ sich diese
großartige Erscheinung, die alles Frühere überragte, nicht messen.
Dieses tiefe, leidenschaftliche Fühlen, diese Dichtertrunkenheit, diese
Größe und Kühnheit der Auffassung und Darstellung, die unbekümmert
um alles Andere ihre Welt von neuem aufbaute, mußte jener nüchternen
und wohlgezogenen Poetik unbegreiflich erscheinen. Wie unbändig trat
nicht dieses Genie mitten hinein in die wohlabgezirkelten, gepflegten
Sandwege und Heerstraßen, welche die Kunstrichter zu eigenem und
Anderer Nutzen auf dem Gebiete der Poesie angelegt hatten! Unter seinen
Füßen öffneten sich neue Springquellen, die Alles fortzureißen drohten,
was jene mühselig aufgebaut hatten. Am liebsten hätten sie Goethe wie
Shakspeare für ein wildes Waldgenie erklärt.

Die Urtheile mancher Kritiker kamen darauf hinaus, Goethe’s Größe
bestehe nur darin, daß er sage, was ihm gerade in den Mund komme,
daß er rücksichtlos jeder Laune den Zügel schießen lasse, und es
verschmähe, die kritische Feile anzuwenden, von der sie doch einen
so sorgfältigen und erfolgreichen Gebrauch machten. So ins Blaue
hinein könne leicht ein Jeder dichten. In diesem Sinne hatte sich
Nicolai geäußert, als der „Egmont“ erschien; dergleichen zu machen
sei keine Kunst; er werde es auch können, wenn er sich verstatten
wolle niederzuschreiben, was ihm eben durch den Kopf gehe. Auch Engel,
der unter den damaligen berliner Freunden Lessing’s der bedeutendste
war, und von dessen kritischen Studien man ein besseres Urtheil hätte
erwarten sollen, hatte sich in seiner „Mimik“ fast nur auf ältere,
mittelmäßige Dramen gestützt. Ueber die Bruchstücke des „Faust“ ließ
er sich ähnlich vernehmen, wie Nicolai über den „Egmont“, und als
der „Wilhelm Meister“ erschien, wunderte er sich darüber, was denn
nach Scarron’s Roman über das Komödiantenleben noch zu sagen sein
könne. Manche hatten, wie Klopstock, voll moralischen Abscheus ihre
Goethe-Kenntniß mit dem „Werther“ ein für alle Mal abgeschlossen. Zu
diesen gehörte Elise von der Recke, der man nachsagte, daß sie aus
Entrüstung über Werther’s Lotte ihren ersten, bis dahin gewöhnlich
gebrauchten Vornamen Charlotte mit dem zweiten, Elise, vertauscht habe.

Diesen gegenüber sammelten sich diejenigen, denen Goethe der Anfänger
und Begründer einer neuen Poesie war, die einen innern Unterschied
zwischen seinen Dichtungen und allen frühern behaupteten, und immer
lauter und entschiedener die Anerkennung derselben verlangten. Schon
Moritz hatte sich seit seiner Rückkehr aus Italien so ausgesprochen,
doch gerade um diese Zeit (1793) war er gestorben. Auch fehlte es an
kleinern stillen Kreisen nicht, in denen man diese Ansichten theilte.
War doch selbst Tieck’s Vater, ein einfacher Handwerker, noch viel
früher ein eifriger Verehrer Goethe’s gewesen. Aber einige geistvolle
und gebildete Frauen waren es, welche auf die siegreiche Durchführung
der neuen Kritik in ihren gesellschaftlichen Kreisen einen bedeutenden
Einfluß ausübten.

Zu diesen gehörte Rahel Levin. Sie war ein höchst eigenthümlicher
Geist; sie besaß einen durchdringenden Blick, tiefen Wahrheitsinn und
die Kraft, ihre Ansichten mit rücksichtloser Schärfe auszusprechen.
War sie selbst auch keine Dichterin, so hatte sie doch Verständniß für
Poesie und Alles, was dem Gebiete geistigen Lebens angehörte. Ohne
schön zu sein, hatte sie einen glänzenden Kreis um sich gesammelt, in
dem sie durch schlagenden Witz, Schnellkraft und Freiheit des Tons
herrschte.

Neben ihr stand eine andere, welche sich ebenfalls der neuen Poesie
zugewendet hatte, die Frau des Bankiers Veit, die Tochter eines der
Meister der berliner Aufklärung, Moses Mendelssohn’s. Auch sie war
ein eigenthümlicher Charakter. Die Aehnlichkeit mit ihrem Vater gab
ihrem Gesichte einen keineswegs schönen, aber auffallenden, fast
männlichen Ausdruck. Sie hatte etwas scharf Ausgeprägtes, nahm an den
Fragen der Literatur eifrig Antheil, und war eine Verehrerin Goethe’s.
Ebenso Henriette Herz, die Frau des jüdischen Arztes Marcus Herz,
eines Kantianers und eifrigen Anhängers der alten Schule. Sie war eine
gefeierte Schönheit, aber weniger originell; doch war sie gescheit und
wußte sich rasch und leicht anzueignen, was sie hörte. Sie besaß das
Talent des Lernens, und war kenntnißreich, ja gelehrt zu nennen.

Mit allen diesen trat jetzt auch Tieck in geselligen Verkehr oder in
literarische Beziehungen. In Rahel’s Hause hatte er Zutritt, ohne
gerade zu ihren nähern Freunden zu gehören. Es war nicht allein
Goethe’s Poesie, in der sie sich begegneten, sondern auch in der
gemeinsamen Anerkennung der künstlerischen Größe Fleck’s. Bei ihnen
stellte sich die Ansicht fest, das berliner Publicum wisse diesen
merkwürdigen Mann nicht nach dem ganzen Umfange seines Talents zu
schätzen.

Eine besondere Gunst des Glücks war es, als er Fleck’s persönliche
Bekanntschaft machte. Die Veranlassung dazu war heiter genug. In der
Gegend des Invalidenhauses gab es eine öffentliche Speiseanstalt,
welche den Ruhm behauptete, das beliebte berliner Nationalessen,
Erbsen, in einer Vollkommenheit herzustellen, die auch den Kenner
befriedigte. Hier fand sich jeden Donnerstag Mittag eine ausgewählte
Gesellschaft zusammen, Schadow der Bildhauer, Zelter der Musiker, Fleck
der Schauspieler, und der Jüngste unter diesen, Tieck der Dichter.
Wo so entschiedene Geister aufeinandertrafen, konnte es an freier,
anregender Unterhaltung nicht fehlen. Für Tieck aber war Fleck die
anziehendste Erscheinung.

Fleck war eine großartig zugeschnittene Natur. Seine Haltung, jede
Bewegung, jede Miene hatte etwas Edles, Würdevolles. Natürliche,
angeborene Grazie und Hoheit sprachen sich darin aus. Alles Gemachte
und Gespreizte lag ihm ebenso fern wie alles Unedle. Selbst wenn er
es gewollt hätte, er würde nicht unedel oder gemein haben erscheinen
können. Auch ohne Schwert und Mantel erkannte man den geborenen
Heldendarsteller in ihm. Hatte er am Abend eine hochtragische Rolle zu
spielen, so beherrschte ihn dieses Bild schon lange vorher. Man durfte
ihn nur über die Straße gehen sehen, um anzuerkennen, so könne nur ein
König schreiten. Er war in seinem Kreise ein Genie, ein echter Künstler
aus tiefem geistigen Instinct, aber darum nicht ohne Bewußtsein seines
Werthes und künstlerischen Stolz.

Nichts hatte Tieck mehr gewünscht, als mit ihm über seine Hauptrollen
zu sprechen. Von Fleck’s Ansichten glaubte er bedeutende Aufschlüsse
erwarten zu dürfen. Hier aber trat die Künstlernatur hervor.
Wohlwollend hörte Fleck an, was der junge Kritiker ihm zu sagen
hatte. Dagegen war dieser nicht wenig überrascht, Fleck’s eigene
Auseinandersetzungen über seine Rollen nicht anders als geringfügig zu
finden. Hätte ihn allein die Einsicht geleitet, welche er entwickelte,
so konnte er nur ein mittelmäßiger Schauspieler sein. Hier stand
hinter dem Bewußtsein eine höhere Kraft, die im Augenblicke der
begeisterten Darstellung siegreich hervortrat und alle Mängel der
Erkenntniß zudeckte, indem sie sich selbst derselben entzog. Es war
eine Wahrnehmung, welche dazu diente, Tieck in seinen ursprünglichen
Ansichten über Geistesleben und Wirken zu befestigen.

Ungefähr um dieselbe Zeit, es war im Jahre 1796, lernte er im Hause
des Bankiers Veit Friedrich Schlegel kennen, und ein Verhältniß
begann sich zu bilden, welches für beide die größte Bedeutung gewann.
Friedrich Schlegel gehörte zu denen, welche sich voll Jugendkraft und
Selbstvertrauen den alten beschränkten Theorien entgegenstellten. Seine
Studien galten damals noch der alten Literatur. Er beschäftigte sich
mit seiner „Geschichte der Literatur der Griechen und Römer“, und hatte
den Plan gefaßt, in Verbindung mit seinem Freunde Schleiermacher den
Plato zu übersetzen. Er war als Talent und Charakter ein räthselhaftes
Gemisch der entgegengesetztesten Eigenschaften, und schon dadurch
anziehend. Wenn er im Kreise der Freunde sich unbefangen hingab, konnte
er eine gewinnende Liebenswürdigkeit entwickeln, in der er mit naiver
Offenheit aus seinen Schwächen kein Hehl machte. So vieles Tieck auch
anerkennen mußte, entging ihm doch nicht, daß er von Selbsttäuschung
und Eitelkeit nicht frei sei. Dies äußerte sich in fast komischer
Weise. Auf einem Spaziergange durch den Thiergarten setzte Schlegel
eines Tages alles Ernstes auseinander, daß er sein Leben für ein
verfehltes halten müsse, weil er sein wahres und eigenthümliches Talent
nicht ausbilden könne. Eigentlich sei er zum Feldherrn berufen, und
wenn es ihm an Gelegenheit fehle, dies zu zeigen, so verliere die Welt
dabei nicht wenig.

Durch Schlegel kam Tieck mit Schleiermacher in Berührung, der damals
Prediger an der Charitékirche war. Auch er war ein entschiedener
Gegner der alten Schule, und Tieck lernte in ihm bald den tiefsinnigen
Theologen anerkennen.

Unter den ältern Freunden blieb ihm dagegen Rambach fern, dessen
Oberflächlichkeit und unbefriedigende Vielthätigkeit ihm immer klarer
ward. Die Zeiten, wo er von diesem lernen konnte, waren vorüber. Einen
letzten äußern Beziehungspunkt gab das berliner „Archiv der Zeit“,
welches seit 1795 bei Maurer erschien, und dessen Herausgeber Rambach
war. Diese Monatsschrift, die Politik, Literatur und Kritik umfassen
sollte, war ein Sammelplatz für die bedeutendsten und verschiedensten
Kräfte Berlins. Es war ein neutrales Gebiet, auf dem alte und neue
Literatur sich begegneten. Hier erschienen auf der einen Seite Nicolai,
Gedike, Ramler, Zöllner, Bendavid, Jenisch; von der andern Bernhardi,
Bothe, Hirt, dann Zschokke, Feßler, Veit Weber. Bernhardi führte
eine Zeit lang das Fach der Theaterkritiken. Auch Tieck gab eine
Beurtheilung der neuesten Musenalmanache, namentlich von Schmidt, Voß,
Becker, Falk und Schiller, in der er sich entschiedener aussprach,
als es dem Herausgeber lieb war, welcher es mit der ältern Schule
keineswegs zu verderben wünschte.

Durch Bernhardi’s Vermittelung erneuerte er vorübergehend Zschokke’s
Bekanntschaft, dem er früher in einem schmerzvollen Augenblicke
begegnet war. Zschokke hatte sich in der Tagesliteratur einen Namen
gemacht. Er war als Docent an der Universität Frankfurt aufgetreten,
und bald darauf mit dem Wöllner’schen Ministerium in einen
verdrießlichen Zwist gerathen. Mit den heimischen Zuständen zerfallen,
war er jetzt im Begriff, nach der Schweiz auszuwandern. Sein Wesen war
hart, schroff, vierkantig. Er zeigte sich als demokratischen Parteimann
bis auf die schweren, mit eisernen Nägeln beschlagenen Schuhe,
welche er trug. Auf Tieck machte er einen abstoßenden Eindruck. Die
demokratischen Grundsätze, welche er selbst hin und wieder vertheidigt
hatte, erschienen ihm hier in unangenehmer Form. Er konnte ein völliges
Aufgeben des Vaterlandes wegen augenblicklicher Uebelstände und einiger
persönlicher Unbilden weder für politisch noch patriotisch halten.
Nur im Vaterlande selbst könne der Mensch auf eine volle Entwickelung
seines Wesens rechnen, war seine Ansicht.

Zwischen diesen anziehenden und abstoßenden Kräften bildete sich
Tieck zunächst seinen eigenen Kreis, dem Wackenroder, Bernhardi, der
junge Arzt Bing, der Musikdirector Wessely und sein Bruder Friedrich
angehörten, welcher sich inzwischen als Bildhauer ausgebildet hatte,
und für eine Kunstreise vorbereitete. In die Enge des väterlichen
Hauses konnte auch er nicht mehr zurückkehren. Er wie seine Geschwister
waren über diese beschränkten Verhältnisse hinausgewachsen. Das mußte
der Vater selbst erkennen, der in alter Weise fortschaltete, wenngleich
nicht ganz in alter Kraft und Frische, und nicht frei von krankhaften
Anwandlungen und Sorgen.

Besonders drückend war dies für die Schwester geworden, die mit
steigender Leidenschaft auf die endliche Rückkehr des Bruders
gehofft hatte. Als ein Ideal hatte sie die Erinnerung des frühern
Zusammenlebens festgehalten. In der Zeit seiner Abwesenheit, als er
sich in den verschiedensten Studien und Verhältnissen befand, glaubte
sie sich vernachlässigt und vergessen. Jetzt endlich sollte ein lang
gehegter Plan in Erfüllung gehen. Um ganz sich selbst zu leben, bezogen
Bruder und Schwester in den Jahren 1795 und 1796 eine Sommerwohnung
auf dem sogenannten Mollard’schen (nachher Wollank’schen) Weinberge
vor dem Rosenthaler Thore. Da gab es freilich weder Wein noch Berge,
wol aber versammelte sich auf einer zwischen Sandhügeln liegenden Oase
von Kastanienbäumen die elegante Welt Berlins. Hier besprachen die
Geschwister und Freunde in Scherz und Ernst die gemeinsamen Interessen
in Poesie, Literatur und Kunst; neue Entwürfe wurden gemacht, alte
Pläne gediehen zur Reife, und tiefere Einwirkungen der Dichtungen
Tieck’s bereiteten sich vor.



6. Der Altmeister und der junge Dichter.


Aber auch den Führern der alten Schule konnte Tieck nicht fern bleiben.
Schon von Göttingen aus hatte er Verbindungen mit ihnen angeknüpft.

In dem Hause des alten Wackenroder lernte er Ramler kennen, der
Hausfreund und literarischer Rathgeber war. Ein feiner alter Herr,
stets sorgfältig gekleidet, in seiner Haltung elegant, nicht ohne
scharfe, fast spitze Züge. In geselligen Kreisen pflegte er als
Vorleser aufzutreten, und gern gehört zu werden. Man bewunderte
die Kunstfertigkeit, mit welcher er auch prosaische Erzählungen
zu dramatisiren pflegte. In den dialogischen Partien trug er die
Frauenrollen mit fistulirender Stimme vor, und plötzlich fiel er dann
in den tiefsten Baß hinab. Tieck hörte ihn in dieser Weise einige
Capitel aus dem „Don Quixote“ vorlesen. Doch schien ihm sein Vortrag
ebenso wenig wie seine Gedichte lobenswerth.

Ramler stand noch an der Spitze des berliner Theaters. Tieck übergab
ihm daher seine Bearbeitung des „Sturm“ mit der Bitte, einen Versuch
damit auf der Bühne zu machen, wobei er den Wunsch nicht unterdrückte,
sie keinen Veränderungen zu unterwerfen. Er kannte und fürchtete
die berühmte Ramler’sche Feile. Der Dichter nahm diese Andeutung
nicht ohne Empfindlichkeit auf, und der „Sturm“ kam natürlich nicht
zur Darstellung. Engel hatte bereits Berlin verlassen; erst später
begegnete ihm Tieck im Hause des Buchhändlers Unger.

Am wichtigsten für ihn blieb Nicolai. Da sich dieser bereit erklärt
hatte, seine Dichtungen in Verlag zu nehmen, so suchte er ihn bald nach
seiner Rückkehr auf. Gleich der erste Eintritt war sonderbar. Nicolai,
ein hagerer, trockener Mann, war im eifrigen Gespräche mit seinem Sohne
Karl und Bernhardi. Ihre Unterhaltung schien fast unverständlich; sie
bewegte sich in Schiller’schen Reminiscenzen, und endlich bemerkte
Tieck, daß jeder in einem angenommenen Charakter spreche. Sie
improvisirten eine Scene aus dem „Don Carlos“. Der alte Nicolai stellte
den König Philipp, sein Sohn den Don Carlos dar, Bernhardi sprach im
Tone des Marquis Posa. Es war überraschend, den kühlen, nüchternen
Kunstrichter und Buchhändler in einem phantastischen Spiele dieser Art
zu finden. Die Lust der Zeit am Theater beherrschte auch ihn.

Als man sich nähergekommen war, erwarb Tieck unerwartet die Gunst
des sonst schwer zufriedenzustellenden Kritikers. Seit vierzig Jahren
war Nicolai daran gewöhnt, nicht allein zu verlegen, sondern auch in
allen Dingen der Literatur mitzureden, zu urtheilen und seine Stimme
auch da abzugeben, wo man wenig Neigung hatte, darauf zu hören. Da
er sich eines aufrichtigen Strebens bewußt war, und Erfolge, und
mehr noch Erfahrungen und praktische Kenntnisse der Literatur für
sich hatte, die er in einem langen Geschäftsleben sammeln konnte,
so hatte er keinen geringen Begriff von seiner Würde und Bedeutung.
Es war ihm zum Bedürfniß geworden, Rath zu geben und den Mäcen zu
spielen. Gern theilte er jungen strebsamen Männern und Anfängern
seine Erfahrungen und Lehren mit, sie zu warnen, zu leiten und zu
bilden. Auch in den Gesprächen mit Tieck legte er seine Meinungen
ausführlich dar; er begann ihn zu belehren, und auf diesen und jenen
wichtigen Punkt aufmerksam zu machen. Niemals hatte es Tieck für
möglich gehalten, auf so abgeschlossene und festwurzelnde Ansichten
Einfluß auszuüben. Ohnehin mehr zum Schweigen als zum Reden aufgelegt,
hielt er jeden Widerspruch für überflüssig, und begnügte sich, den
Nestor der Literatur schweigend anzuhören. Nicolai fand darin ein
Zeichen der Anerkennung, der Ehrfurcht, welche seinem Alter und
seiner Ueberlegenheit gebühre, und unterließ nicht, dem jungen
vielversprechenden Manne seine besondere Gunst zuzuwenden. Er glaubte
einen Jüngling gefunden zu haben, den Eifer und Bescheidenheit gleich
sehr auszeichne, und der sich unter seiner Leitung zu einem nützlichen
Schriftsteller heranbilden wolle.

Und gleich hatte er für ihn Arbeit bei der Hand. Er übertrug ihm
die Fortsetzung der „Straußfedern“. Seit 1787 war unter diesem
gesuchten, aber ironisch gemeinten Titel eine Sammlung von Erzählungen
erschienen, deren Verfasser der durch seine Volksmärchen beliebt
gewordene Musäus war. Als dieser nach dem Abschlusse des ersten
Bandes starb, übernahm Johann Gottwert Müller die Fortsetzung, dessen
„Siegfried von Lindenberg“, wie seine übrigen komischen Romane, nicht
minder gern gelesen wurde. Er lieferte den zweiten und dritten Band,
ward aber der Sache überdrüssig. Seit 1791 ruhte das Unternehmen; jetzt
war in Tieck eine frische, fähige und bereitwillige Kraft gewonnen.

Diese Erzählungen sollten unterhaltend und belehrend zugleich sein;
sie sollten die satirisch-moralische Richtung verfolgen. Es waren
theils Originale, theils Nachbildungen und Umarbeitungen. Im Ganzen gab
Nicolai diesen den Vorzug, da sie eine größere Sicherheit darboten.
Nach den ersten Verabredungen übersandte er Tieck das Material in
ganzen Waschkörben zur Verarbeitung und Zubereitung. Es bestand
aus bändereichen Sammlungen älterer französischer Anekdoten und
Erzählungen, wie die „~Amusemens des eaux de Spa~“. Für Tieck
hätte es keine verdrießlichere Aufgabe geben können, als aus diesem
Haufen Spreu die noch genießbaren Körner herauszusuchen. Er fühlte
Kraft und Bedürfniß, sich frei und selbständig auszusprechen, und jetzt
wurden ihm Vorbilder und Stoffe gegeben, welche kaum der Betrachtung
werth waren. Sogar der Ton der Erzählungen war ihm vorgeschrieben;
er sollte sich soviel als möglich der Art und Weise seiner Vorgänger
anbequemen. So sehr er auch Musäus als feinen, gewandten Schriftsteller
anerkannte, und es ihm als Verdienst anrechnete, die alten Volksmärchen
wieder aufgefrischt zu haben, so wenig einverstanden war er mit der
Art, wie dies geschehen war. Für diese einfachen und unbefangen
natürlichen Erzeugnisse des dichtenden Volksglaubens schien ihm der Ton
der directen Ironie oder des rationalistischen Spottes, in den seine
anmuthige Erzählung überging, der unpassendste. In den „Straußfedern“
war dieser Ton zur Manier geworden. Weniger noch als Musäus’ feine
Weise wollten ihm die groben Holzschnitte Müller’s zusagen, dessen
gepriesene Naturwahrheit am Ende nur ein Abschreiben der Natur in
niederländischer Art, in plumpen und rohen Strichen war.

Indeß, wollte er das Vertrauen seines literarischen Mentors nicht
verscherzen, so mußte er sich dem Geschäft unterziehen. Er begann
zu sichten, zu lesen, auszuwählen. Mit Widerstreben bearbeitete er
einige dieser französischen Anekdoten für das deutsche Lesepublicum.
Doch bald ward er der undankbaren Arbeit müde. Es war kürzer, für ihn
selbst fördernder, und im Erfolge mindestens ebenso sicher, eigene
Erfindungen an die Stelle jener Trivialitäten zu setzen. Es entstand
die größere Erzählung „Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmund’s
Leben“, in welcher er ein satirisches Bild gewisser gesellschaftlicher
Verhältnisse nach eigenen Beobachtungen gab.

Als er seine Erzählung Nicolai zur Censur überreichte, war dieser durch
ihre Vorzüge vor den frühern nicht wenig überrascht. Er lobte die Wahl,
welche er getroffen habe, und wünschte eine genaue Nachweisung des
Originals. Tieck’s Antwort, er habe sein Eigenthum gegeben, wies er mit
ungläubigem Lächeln ab. Als später einmal beide allein waren, kam er
auf dieselbe Frage zurück, und begann im Tone väterlicher Ermahnung:
„Jetzt, lieber junger Mann, sind wir allein; nun können Sie es mir, dem
älteren Freunde, offen gestehen, woher Sie jene Geschichte genommen
haben. Wo steht das Original?“ Auf Tieck’s Versicherung, daß er nichts
zu gestehen habe, die Geschichte sei Original und sein Eigenthum,
erwiderte er: „Für so eitel hätte ich Sie doch nicht gehalten!“ und
brach das Gespräch nicht ohne Empfindlichkeit ab.

Eine so große Genugthuung hatte Tieck kaum erwartet; er gab daher
auch für die folgenden Bände statt der verlangten Bearbeitungen
eigene Erzählungen. Es waren rasch und keck hingeworfene Skizzen
des geselligen und literarischen Lebens der Gegenwart, die keinen
Anspruch auf bedeutende Tiefe machten, in denen er aber mit
steigender humoristischer Laune und offener Satire die Verkehrtheiten
darstellte, an denen er sich schon als Schüler geärgert hatte. Er
griff schonungslos die unwahre Empfindsamkeit an, die seit der
Siegwartperiode immer noch ihr klägliches Gewinsel fortsetzte,
die seichte und dünkelhafte philanthropische Erziehung, welche
die Kinder mit Aufklärung und Philosophie auffüttern wollte, die
falsche Naturempfindelei, den abgeschmackten Kunstenthusiasmus, die
Starkgeisterei der Kraftmenschen und Genialen, die in den angeblich
altdeutschen Ritterromanen, und in den Räuber- und Spukgeschichten
ihr Wesen trieb. Manche Züge entnahm er aus seinen eigenen Kreisen.
In einer Erzählung: „Die gelehrte Gesellschaft“, ironisirte er in
flüchtigen aber scharfen Strichen sein und seiner Freunde literarisches
Treiben. Einige Verse, die Wackenroder im pathetischen Tone der ältern
Schiller’schen Gedichte 1795 auf Arkona gemacht hatte, fanden darin
eine Stelle, um eine strenge Kritik zu erfahren. Er zeigte, daß er für
die Schwächen seiner Freunde kein minder scharfes Auge habe.

In den Jahren 1795-98, wo die Sammlung abgeschlossen wurde, lieferte er
sechzehn verschiedene Beiträge, die den größten Theil der fünf letzten
Bände füllten. Da es darauf ankam, Stoff herbeizuschaffen, so begann
auch seine Schwester an diesen Arbeiten übersetzend und erfindend Theil
zu nehmen. Geschützt durch die Anonymität des Buches, trat sie hier
zuerst als Schriftstellerin auf. Mit Ausnahme einer kleinen Erzählung,
deren Verfasser Bernhardi war, gehörten die übrigen ihr.

Neben diesen Arbeiten hatte Tieck noch Zeit und Laune gefunden, einen
alltäglichen Stoff, den er jenen französischen Sammlungen verdankte,
frei zu gestalten. Es war „Peter Lebrecht, eine Geschichte ohne
Abenteuerlichkeiten“, die ihm ebenfalls unerwartet den höchsten
Beifall seines kritischen und väterlichen Freundes erwarb. Nur hatte
er auszusetzen, daß Tieck dem Helden den Namen Friedrich gegeben habe,
den er mit dem witziger scheinenden Peter vertauschte. Der Ton der
schärfern Ironie, welcher in den frühern Skizzen herrschte, war um ein
Bedeutendes herabgestimmt, eine gewisse gutmüthige Zahmheit war an
die Stelle der Kühnheit getreten. Eine nüchterne, einfache Geschichte
wurde benutzt, um ebenso nüchtern gewisse Ansichten auszusprechen, die
auf das Mittelmaß des Verständnisses berechnet waren, mit welchem die
Aufklärer sich zu begnügen pflegten. Nur hin und wieder blitzte die
satirische Laune auf, und ebenso überraschend klangen einzelne tiefe
Töne der Volks- und Naturpoesie durch, in denen der Dichter seinem
gepreßten Herzen Luft machte. In der Freude, einmal ein Werk ganz nach
seinem Geschmack gefunden zu haben, schien sie der alte Kritiker ganz
zu überhören, sonst hätte er erkennen müssen, daß er es hier mit einem
andern Geiste zu thun habe, als er meinte.

Sein Sohn theilte die Freude über den Fund, und da dieser sein eben
eröffnetes buchhändlerisches Geschäft durch einen bedeutenden Artikel
empfehlen wollte, so überließ ihm der Vater den Verlag. Noch im Jahre
1795 erschien die abenteuerlose Geschichte des Herrn Peter Lebrecht im
Druck. Früher schon hatte er den „Abdallah“ übernommen, und zugleich
alles, was Tieck sonst noch etwa unter der Feder haben mochte.

In diesen zahlreichen kleinen Arbeiten hatte der Dichter zum ersten
Male den humoristisch-satirischen Ton mit Erfolg angeschlagen. Er
begann damit die Kehrseite seines Wesens herauszuwenden, die bisher von
den finstern Schatten des „Abdallah“ bedeckt worden war. Aber er konnte
darum jenen schwermüthigen Gedanken nicht untreu werden, auf ihnen
ruhte seine Natur. In dem größern Romane „William Lovell“ vollendete er
jetzt eine neue Gestaltung derselben.

Seit dem Sommer 1792 hatten ihn diese Charaktere und die
psychologischen Räthsel, deren Träger sie sein sollten, beschäftigt.
Gleich nach dem Abschlusse des „Abdallah“ war er an die Ausarbeitung
gegangen, jetzt war sie beendet, und noch 1795 erschien der erste Theil
des neuen Romans. Er war minder phantastisch als der frühere. Weder
die übliche Maschinerie der Feenmärchen war angewendet, noch sollte
der Leser durch die sinnlichen Farben des Orients bestochen werden.
Aber eben darum wirkte das Nachtgemälde, welches der Dichter aufrollte,
um so erschütternder. Unmittelbar aus der Gegenwart, aus seiner
eigenen Erfahrung, aus den Stimmungen höchster Verzweiflung, die ihn
früher so oft ergriffen hatte, waren diese scharfen und düstern Züge
hergenommen. Ein Seelenleben und Leiden war geschildert, wie es Jeder,
der die Gegensätze der Geisteswelt nicht ganz oberflächlich ansah,
an sich selbst erfahren konnte; Verhältnisse und Charaktere gehörten
unmittelbar der Zeitgeschichte an. Die Folgen der prahlerischen
Starkgeisterei und des falschen Tugendprunks verfolgte er durch die
ganze Reihe ihrer unheilvollen Wirkungen, bis zum letzten Punkte
hin. Das unaufhörliche Betrachten und Studiren der Seele, das einem
geistigen Selbstverzehren gleichkam, das Großthun mit Kraft, Tiefe,
Genie und Enthusiasmus stellte er dar, diese moralische Gedunsenheit,
welche nur die geistige Armuth und Selbstsucht verbirgt und mit
dem Verbrechen endet. Er wollte die Nothwendigkeit einer nüchternen
Selbstbeschränkung anschaulich machen, einer Resignation, ohne welche
der Mensch nicht leben kann.

Niemals vielleicht hatte ein jugendlicher, kaum zwanzigjähriger
Dichter, der selbst von Enthusiasmus erfüllt war, an seinem Helden ein
furchtbareres Gericht vollzogen. Schonungslos riß er ihm ein Stück nach
dem andern von jener moralischen Garderobe ab, mit welcher Anfänger
so gern ihre idealen Tugendhelden prunken lassen. Unbewußt übte er
hier jene vielbesprochene Ironie aus, welche er in späteren Jahren als
erste Bedingung jeder darstellenden Dichtung forderte. Es war zugleich
eine Selbstwarnung, die er seinen eigenen Abirrungen entgegenstellte,
eine scharfe Kritik, welcher er sich und seine jüngern Genossen
unterwarf, die sich so gern genial, groß und kühn dünkten. Es war eine
Auseinandersetzung der wahren sittlich-dichterischen Begeisterung, und
der falschen, welche die Züge jener heuchlerisch nachbildet. Dieser
Roman war ein Zeugniß staunenswerther Reife, aber sie war auch mit
schmerzlichen Erfahrungen erkauft.

Stellung und Gruppirung der Charaktere erinnerten an den „Abdallah“.
Lovell und Abdallah, Andrea und Omar entsprachen einander. War der
„Lovell“ in manchen Partien noch dunkel und schwerfällig, so war er
doch das viel gereiftere Product. In einzelnen Zügen und Schilderungen
hatte sich auch der Einfluß des „Geistersehers“ von Schiller geltend
gemacht, dessen Werth Tieck bei weitem höher anschlug als der Dichter
selbst.

Ein solches Buch war weder eine leichte noch eine erfreuliche Lectüre;
es konnte nur einen peinlichen, düstern Eindruck machen. Er durfte
sich kaum wundern, wenn es die Einen ganz abwiesen, die Andern
misverstanden, und er es am Ende weder Freund noch Feind recht
gemacht hatte. Er nahm darin eine eigene, freie Stellung ein, und
zeigte, daß er sich der neuen Schule ebenso wenig unbedingt zu ergeben
geneigt sei als der alten. Die kritischen Urtheile, welche das Buch
öffentlich erfuhr, waren zum Theil sonderbar. So wies ihm der überkluge
Recensent der „Jenaischen Literaturzeitung“ aus einigen misverstandenen
Anglicismen, die er gefunden haben wollte, nach, der Roman sei aus
dem Englischen übersetzt, und er verschweige den Namen des Verfassers
absichtlich. Ebenso hatte ein anderer Kritiker in Folge der trefflichen
Erzählungen im fünften Bande der „Straußfedern“ dem Witz und der
unerschöpflichen Laune des Verfassers des „Siegfried von Lindenberg“
seine volle Anerkennung zu Theil werden lassen.

Der aufgeklärte Herr Peter Lebrecht hatte den wohlwollenden Lesern doch
besser gefallen, und so sollte denn sein Name einigen andern Dichtungen
zur Empfehlung dienen, mit deren phantastischem Inhalte seine biedere
Verständigkeit wenig übereinstimmte. Schon in dem zweiten Theile seiner
Geschichte, den der jüngere Nicolai ausdrücklich verlangt hatte,
kündigte er die beabsichtigte Erneuerung einiger alten Volksmärchen an.
Zugleich warnte er, man möge doch ja nicht jene Volksromane, die man
auf der Straße für einen Groschen von alten Weibern kaufe, verspotten.
„Siegfried“ und die „Haimonskinder“, „Herzog Ernst“ und „Genoveva“
seien reiner und enthielten mehr Poesie als die Misgeburten einer
wahnwitzigen Phantasie in den angeblichen Ritterromanen. Die Herausgabe
von „Peter Lebrecht’s Volksmärchen“ wurde vorbereitet. Kaum hätte es
einen glücklichern Stoff für Tieck geben können.

Sein Talent hatte um diese Zeit eine neue reichere Entfaltung
erfahren. Er hatte Gelegenheit gehabt es auszusprechen, im Tone
des spielenden Humors wie des tiefsten Ernstes. Manches, was früher
Gegenstand trübsinniger Betrachtung gewesen war, erschien ihm jetzt
in hellerem Lichte, und war es auch nicht möglich, die Räthsel zu
lösen, so waren doch Humor und scherzhafte Laune eine angenehmere und
willkommenere Form dafür. Ueber Dichtung und Dichterwerke ging ihm eine
neue Offenbarung auf. Entferntes trat ihm näher, Vereinzeltes strebte
zueinander hin und rundete sich zum Ganzen ab, Verschlossenes eröffnete
sich. Ein nie geahnter wunderbarer Glanz schien über das Leben
hinzugehen, überall sah er es keimen und blühen, in anderm erhöhten
Sinne kehrte ihm die Naturtrunkenheit der ersten Jünglingsjahre zurück.
Zu Zeiten konnte er meinen er habe jetzt zuerst das Auge aufgeschlagen.
Dies alles sollte nun in seinen Dichtungen Gestalt gewinnen. Wie hätten
Tiefsinn und Leidenschaft, Humor und Witz, die Begeisterung für das
einfach Volksthümliche, das echte Naturgefühl, und die ruhelos bildende
Phantasie einen bessern Stoff finden können als in den alterthümlichen
Volksmärchen? In diesen halb tiefsinnigen, halb kindlichen Erzeugnissen
einer unbefangenen und phantastisch-spielenden Volks- und Naturpoesie,
die sich harmlos ihrem Witze wie ihrem Schmerze überließ, lagen alle
jene Elemente beisammen. Diese Schätze schienen nur des Dichters zu
harren, der im Besitze des Zauberwortes war, das sie zu heben vermochte.

Dem aufgeklärten Lesepublicum lagen diese alten Volksgeschichten
sehr fern. Längst glaubte man über die Zeiten hinaus zu sein, wo sie
um ihrer selbst willen irgendeine Beachtung verdient hätten; man
behandelte sie als altes Weibergeschwätz, dem höchstens noch eine
Stelle in den Spinnstuben zu gönnen sei. Musäus’ Erneuerung hatte
zum Theil deshalb Beifall gefunden, weil sie jene Dichtungen mit
der Ironie einer höherstehenden Bildung betrachtete. In Tieck’s
Umdichtungen wandte sich nun diese Ironie gegen die Besserwissenden,
gegen die Aufgeklärten selbst. Während sie Alles wissen und erklären
wollten, erschien in diesen Märchen, deren Entstehung gar nicht
nachzuweisen war, das natürlich Ergreifende, das Tiefsinnige und
Dichterische als ein Räthselhaftes und Unerklärliches, das aller
Definitionen spottet. Häufig ist es die unbewußte Naturkraft, in
deren geheimnißvollem Zuge allein Hülfe und Rettung liegt, während
das überweise, selbstzufriedene und vorwitzige Handeln und Machen der
Menschen hemmend und verneinend eingreift. So erschien als Thorheit was
für Weisheit gegolten hatte, und in dem kindischen ahnungslosen Spiele
der Thoren erschloß sich ein tiefer Sinn. Nicht ohne beißenden Spott
nannte Tieck diese alten Bilder, welche er seinen klugen Zeitgenossen
vorhielt, Ammen- und Kindermärchen. Eine verdoppelte Ironie war
es, wenn seine kritischen Verleger, indem sie sich an einzelne
ihnen zusagende Züge hielten, diesen Bearbeitungen der Volksmärchen
Beifall schenkten, ohne zu ahnen, welche Satire auf sie und ihre
Meinungsgenossen darin liege.

Im Jahre 1796 entstand die Dramatisirung des alten Märchens vom
Blaubart. Er hatte es fast zu einer Tragödie erweitert, in der die
Lösung von den Ahnungen ausgeht, welche von den Klugen als Thorheit
verspottet werden. In treuherziger Einfalt erschien der alte Sagenton
in den „Haimonskindern“, während die „Geschichte von den Schildbürgern“
in dem Aberwitz der Ueberweisheit, die Alles ergründen will und
schließlich den Wald vor Bäumen nicht sieht, eine deutliche und derbe
Satire der herrschenden Richtung gab. Kühn griff er die Aufklärer
fast auf allen Punkten an. In der Charakteristik der schildaschen
Dichter waren Iffland und Kotzebue nicht zu verkennen; auch an einigen
Anspielungen auf des alten Nicolai berühmte Beschreibung seiner Reise
durch Deutschland fehlte es nicht. Bald darauf, 1797, entstand die
„Geschichte von der schönen Magelone“, und die dramatisirte Sage von
„Karl von Berneck“, deren Herausgabe der jüngere Nicolai besonders
wünschte, schloß sich in umgearbeiteter Gestalt diesem Märchenkreise
trefflich an.

Eine der anziehendsten dieser volksthümlichen Erzählungen war Tieck’s
eigene Erfindung, „Der blonde Ekbert“. Sie verdankte ihre Entstehung
einer augenblicklichen Inspiration. Der jüngere Nicolai wünschte nichts
sehnlicher, als das Erscheinen der Märchen zu beschleunigen. Häufig
hatte er ungeduldig die Anfrage wiederholt, wie weit das Manuscript
vorgerückt sei, oder was er unter der Feder habe. Um den Dränger
zufriedenzustellen hatte Tieck einmal auf gut Glück geantwortet: „Der
blonde Ekbert!“ Es war ein Name, der ihm in den Mund gekommen war.
Später fiel ihm die Leichtfertigkeit auf die Seele, mit welcher er eine
Dichtung angekündigt hatte, für die er bisjetzt weder Fabel noch Idee
habe. Er setzte sich zum Schreiben nieder. Da fand sich zu dem Namen
ein Mann. Aus der Erinnerung an die Erzählungen seiner Mutter tauchte
das Bild jenes alten unheimlichen Weibes auf, das mit dem Hunde in
menschenscheuer Abgeschiedenheit in der Hütte saß. Es verband sich mit
den Bildern der einsamen und schauerlichen Waldgründe, welche er oft
durchstrichen hatte, und eine ergreifende Erzählung erwuchs, die der
volksthümlichen Sage irgendeines Waldgebirges anzugehören schien.

Als Tieck sein Märchen im Kreise der Freunde aus den Correcturbogen
vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkte desselben stand,
Waldeinsamkeit, eine scharfe Kritik. Wackenroder erklärte es für
unerhört und undeutsch, wenigstens müsse es heißen Waldeseinsamkeit.
Die Uebrigen stimmten bei. Umsonst suchte Tieck sein Wort, das er
unbefangen gebraucht hatte, durch ähnliche Zusammensetzungen zu
vertheidigen. Er mußte endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein,
strich es aber nicht aus, und gewann ihm das Bürgerrecht in der
Literatur. Im Jahre 1797 ward der „Gestiefelte Kater“ vollendet. Es war
ein genialer Wurf, und er gelang auf das glänzendste. Freilich schloß
sich weder dieser Stoff noch die Behandlung an die frühern treuherzigen
Erzählungen unmittelbar an. Aus Perrault’s Märchen war eine scharfe
literarische Satire geworden. Aber schon die Keckheit des Contrastes
mußte überraschen, und mehr noch, daß ein junger Autor, der sich erst
bilden sollte, dieses kindische Märchen, das in der That aus der
Ammenstube zu kommen schien, einem erleuchteten Publicum vorzuführen
wagte.

Es war eine Kriegserklärung, nicht allein gegen das Theater, sondern
auch, was bedenklicher war, gegen die Autorität des Publicums. In
diesem phantastischen Lustspiel erschienen Bühne und Publicum auf
der Bühne, sie ironisirten sich gegenseitig, und das aufgestellte
Bild beider war nicht eben schmeichelhaft. In die Philisterwelt der
zärtlichen Väter und unschuldigen Landleute Iffland’s und Kotzebue’s
trat dreist und zuversichtlich, als könne es nicht anders sein,
der „gestiefelte Kater“, der allein schon dadurch die gutgemeinte,
aber beschränkte Ernsthaftigkeit jener Gestalten verspottete.
In dem bürgerlichen Schauspiele sollte die gemeine alltägliche
Wahrscheinlichkeit für dichterische Wahrheit gelten; jetzt erschien
es in dem grellsten Lichte des Lächerlichen, indem es nicht nur das
Unwahrscheinliche, sondern sogar das Widersinnige dulden mußte. Der
einzige Witzige, ja Vernünftige in dieser ehrbaren Gesellschaft war
der mit Schimpf und Schande vertriebene und geschmähte Hanswurst,
dessen gemeiner Name allein schon dem gebildeten Publicum Ekel
erregte, und der nun wieder zu Ehren gebracht werden sollte. Und
abgeschmackt erschien das Publicum selbst, die Kunstrichter von Fach,
die privilegirten Hüter des guten Geschmacks, die dessenungeachtet
gerührt, belehrt und gebessert sein wollen, und in jedem Augenblick
bereit sind, ihre Anforderungen an Geschmack und Wahrheit mit Hülfe der
Füße durchzusetzen. Hier gab es alle Arten der Thorheit und Anmaßung,
von dem hochmüthigen Kunstenthusiasmus bis zur reinen Dummheit. Der
Vertreter jenes war ein Mann, dessen Lobrednerei Tieck vor allem
verdrossen hatte, Böttiger, welcher in seinem unlängst erschienenen
Buche, „Entwickelung des Iffland’schen Spiels in vierzehn Rollen“, dem
Publicum in breiter Ausführung die Künstlergröße Iffland’s begreiflich
machen wollte.

Diesem verwegenen Spiele folgte 1797 ein zweites, vielleicht noch
kühneres, welches er herausfordernd ein historisches Schauspiel nannte,
„Die verkehrte Welt“. Veranlassung und Namen hatte eine Posse in
Weise’s vergessenem „Zittauischen Schultheater“ gegeben. Der Dichter
selbst lebte ja in einer ähnlich verkehrten Welt, wo die Thorheit sich
als Weisheit breit machte, um den Tiefsinn als Thorheit zu verschreien,
wo man die reinste Prosa Poesie nannte, um diese für immer zu exiliren.
Apoll und der Poet sind verbannt, während ein Nützlichkeitsregent auf
dem Parnaß backen und brauen läßt, und die Musen sich bequemen müssen,
zu brauchbaren Personen zu werden, um die Hochachtung des guten Bürgers
zu verdienen. Während endlich das Spiel mit dem Theater so weit ging,
daß Zuschauer und Schauspieler ihre Plätze miteinander tauschten,
begleitete die in Worte übersetzte Musik diese tolle Welt mit dem
Adagio ihrer schwermüthigen Töne, und durch jenes betäubende Geschrei
des Unverstandes klangen die vollen Accorde des tiefsten dichterischen
Ernstes. Hier fand sich auch die Andeutung, man solle die verkehrte
Welt nur noch einmal umkehren, so werde schon die rechte zum Vorschein
kommen.

Nach solchen Ausbrüchen des Humors durfte der Dichter nicht mehr
hoffen, mit seinen Beschützern und Verlegern im Einverständnisse
zu bleiben; jetzt mußten ihnen die Augen aufgehen. Tieck hatte
gewünscht, mit dem letzten Lustspiel die „Straußfedern“ abzuschließen.
Schon früher hatte er es gewagt, ein kleines, unbedeutendes Drama
einzuschwärzen. Jetzt übersandte er Nicolai die drei ersten Acte der
„Verkehrten Welt“, dann ließ er nach einiger Zeit die beiden letzten
folgen. Doch die Geduld des kritisirenden Verlegers war erschöpft.
In eine wohlgemeinte Sammlung moralischer Erzählungen, wie seine
„Straußfedern“, gehörten so excentrische Ausgeburten der Phantasie
nicht hinein; und er sollte nun gar noch zwei solche Stücke gutheißen!
Auch war der bescheidene junge Schriftsteller, der seinen Lehren so
aufmerksam zu folgen schien, offenbar nichts weniger als sein Jünger,
sondern ein arger Ketzer, erfüllt von allen verpönten und gefährlichen
Phantastereien. Doch zu des jungen Mannes eigenem Besten beschloß
er, ihm diesmal seine Meinung gründlich zu sagen. Er sandte das
Manuscript mit einem Briefe zurück, in welchem er ihn vor den Irrwegen
phantastischer Excentricität väterlich warnte, wie vor übermüthiger
Verspottung des Publicums, und ihm zu Gemüthe führte, daß Anlagen
nur durch Fleiß und Strenge zu bilden seien. Aber der muthwillige
Geist des Lustspiels hatte den gründlichen Kritiker gerade in diesem
Augenblicke der Belehrung arg geneckt. Er hatte in seinem Eifer völlig
übersehen, daß es sich hier um ein einziges Drama handle. Weil es ihm
in zwei Sendungen zugegangen war, hatte er zwei verschiedene Lustspiele
daraus gemacht! Den Vermittelungsvorschlag Nicolai’s, eines davon
diesmal noch passiren zu lassen, konnte Tieck natürlich nicht annehmen;
er eilte ihn über seinen Irrthum aufzuklären, und erbat sich sein
Lustspiel zurück.

Die Verleger waren mistrauisch geworden. Sie begannen seine
Dichtungen zu durchmustern, und fanden bald genug in ihren eigenen
Verlagsartikeln deutliche Spuren, daß ihr Schriftsteller ein Gegner
der Aufklärung, wol gar der Moral sei. Man hatte also im eigenen
Heerlager einen Feind beherbergt. Nach solchen Erfahrungen war an eine
Ausgleichung nicht mehr zu denken. Sie war auch nicht möglich. Die
Zeitalter der vorgoethischen und nachgoethischen Poesie waren in ihren
entschiedensten Vertretern aufeinandergestoßen. Eine ganze Periode
der deutschen Literatur lag zwischen beiden, sie konnten sich nicht
verstehen.

Die Verbindung mit dem jüngern Nicolai ging ihrem Ende entgegen.
Nicht zufrieden mit dem, was Tieck ihm geliefert hatte, wünschte er
voll unruhiger Vielthätigkeit bald diesen bald jenen Plan ausgeführt
zu sehen, von dem er einen glücklichen Erfolg für sein Geschäft
erwartete. Unter Anderm hatte er eine Anzahl von englischen Moderomanen
zusammengebracht, welche übersetzt werden sollten. Da Tieck mit so
schlechter Waare sich nicht befassen mochte, so ruhte jener doch nicht
eher, als bis er die leidlichsten ausgesucht, und ihm einige Freunde
nachgewiesen hatte, die bereit waren, sich der Arbeit zu unterziehen.
Wackenroder mußte das „Kloster Netley“, der Musikdirector Wessely
„Schloß Montfort“ übersetzen.

Gleich darauf kam er mit einem andern Plane zum Vorschein. Elise von
der Recke, die aus einer Anhängerin der Mystik eine Freundin Nicolai’s
geworden war, stand in den geselligen Kreisen, welche sich bei diesem
versammelten, in hohem Ansehen. Hier hatte sie Tieck’s „Blaubart“
kennen gelernt, und den Gedanken hingeworfen, es müsse eine treffliche
Aufgabe für den Dichter sein, die frühere Geschichte des Blaubart und
seiner sechs Weiber zu schreiben. Er könne sich als Menschenkenner und
Charakterdarsteller bewähren, es gelte Leidenschaften zu zeichnen, das
Ganze werde ein trefflicher Stoff zu feinen psychologischen Gemälden
sein. Diese Aeußerung faßte der jüngere Nicolai auf, und Tieck sollte
auf der Stelle ans Werk gehen. Diesem war indeß weder die Aufgabe,
noch die Art, wie sie gelöst werden sollte, genehm. Das pedantische
Anatomisiren aller Fibern und Fasern, wie es in den psychologisirenden
und moralisirenden Romanen an der Tagesordnung war, war ihm widerlich.
Dennoch ging er auf den Vorschlag ein, weil er einen Stoff gefunden
zu haben meinte, der ihm Veranlassung gebe, seine Ansicht über die
Beschränktheit der Moralpoesie noch einmal darzulegen.

Doch während der Arbeit erlahmte er; nur eine matte Geschichte hatte
er zu Stande gebracht. Ein Streit, in den er mit dem Censor gerieth,
verdarb den Spaß vollends, da dieser ihm vorwarf, in dem einleitenden
Capitel die Moral lächerlich gemacht zu haben. In einem Gespräche
darüber kam man auf Voltaire’s „Candide“, und da Tieck dieses Buch
als wahrhaft unmoralisch bezeichnete, zürnte jener noch mehr über die
Anmaßlichkeit, mit welcher der junge Schriftsteller ein weltberühmtes
Buch anzugreifen wage, das ihm doch zum Vorbilde gedient habe.
Tieck mußte sich bequemen, seine Einleitung zum Besten der Moral
umzuarbeiten. Diese Verzögerungen machten auch Nicolai ungehalten; er
maß das Mislingen Tieck’s Eigensinn bei, und um die Sache zum Abschluß
zu bringen, gab er selbst die Erzählung unter einem geschmacklosen
Titel heraus, der sie witziger und anziehender machen sollte. Er
nannte sie: „Eine wahre Familiengeschichte, herausgegeben von Gottlieb
Färber, Istambul bei Heraklius Murusi, Hofbuchhändler der hohen Pforte,
im Jahre der Hedschrah 1212.“

Allmälig war aus dem Verleger ein Kritiker geworden. Er lobte,
tadelte, schalt, und war schon mit den frühern Dichtungen keineswegs
zufrieden gewesen. Der „Kater“ und die „Schildbürger“ waren ihm zu
übermüthig, sie durchbrachen zu rücksichtlos die sichern kritischen
Gehege. Er fürchtete, man könne am Ende gar ihn selbst für Peter
Lebrecht halten; er hatte daher jede Verantwortlichkeit für diese
excentrischen Producte abgelehnt. Bedenklicherweise aber hatte er der
„Geschichte der Schildbürger“ die Erklärung angehängt, daß er nicht der
Verfasser dieses Buches sei, vielmehr den Inhalt desselben erst nach
dem Abdrucke kennen gelernt habe. Auch hatte er aus ähnlichen Gründen
die „Volksmärchen“ gegen den anfänglichen Plan bereits mit dem dritten
Bande abgeschlossen.

Endlich kam es zu einem völligen Bruche. Wenngleich es den Volksmärchen
nicht an Beifall fehlte, während der Verleger selbst ihnen denselben
versagte, so hatte er dennoch ungeduldig einen bessern Erfolg erwartet,
und griff nun in seinem Zorn über Dichter und Gedicht zu einer
Maßregel, die ebenso eigenmächtig als unberechtigt war. Er kündigte
1799 Tieck’s sämmtliche Werke an, in zwölf Bänden, zu einem bedeutend
herabgesetzten Preise, und ließ es dabei an spöttischen Bemerkungen
nicht mangeln. Tieck’s Freunde, denen diese Dichtungen inzwischen
liebgeworden waren, hatten wol gesagt, sie seien nicht für den
gewöhnlichen Leser, sondern für den höhern Menschen geschrieben. Diese
Wendung faßte Nicolai auf. Eben um dem höhern Menschen den Ankauf zu
erleichtern, habe er den Preis dieser Bücher herabgesetzt.

Aber diese erste Gesammtausgabe war in keiner Hinsicht was sie sein
wollte. Weder enthielt sie alles, was Tieck geschrieben hatte,
noch war alles, was sie enthielt in der That von ihm, noch war sie
endlich überhaupt eine neue Ausgabe. Hierin lag nicht allein eine
doppelte Beeinträchtigung des Verfassers, sondern auch eine Täuschung
des Publicums. Es fehlten die Erzählungen in den „Straußfedern“,
„Allamoddin“, „Der Abschied“ und „Herr von Fuchs“, drei dramatische
Jugendversuche, welche Wackenroder während Tieck’s Abwesenheit 1797
hatte in Leipzig drucken lassen, um den Freund zu überraschen; es
fehlte der „Sternbald“ und die „Phantasien über die Kunst“, die
sämmtlich in den Händen anderer Verleger waren. Dagegen mußte Tieck
es sich gefallen lassen, als Uebersetzer jener schlechten Romane
zu erscheinen, vor denen er gewarnt hatte. Endlich waren an dieser
sogenannten neuen Ausgabe nur die Titelblätter neu, welche als
lockendes Aushängeschild den alten Drucken vorgesetzt worden waren.

Nach solchem Verfahren blieb nur der Rechtsweg übrig. Es kam zur
Klage beim Stadtgericht. Nicolai verlor den Proceß, und der fernere
Verkauf dieser unechten Ausgabe wurde ihm untersagt. Noch in demselben
Jahre starb er, nachdem sein Geschäft in der letzten Zeit mannichfach
gelitten hatte. Mit den Resten seiner Verlagsartikel gingen auch jene
Titelblätter in den Besitz einer leipziger Buchhandlung über, und noch
später ist diese erste angebliche Gesammtausgabe von Tieck’s Werken
hin und wieder auf dem Büchermarkt aufgetaucht, um die Kunde von den
Anfängen seiner dichterischen Laufbahn zu verdunkeln und zu verwirren.



7. Alte und neue Freunde.


Das Jahr 1798 war für Tieck ein entscheidendes. Manches alte feste Band
sollte sich lösen, manches neue bedeutungsvoll geschlungen werden.

Zuerst wurde der treuste und bewährteste der Freunde von Tieck’s Seite
gerissen, Wackenroder, mit dem er vom Knaben zum Jünglinge aufgewachsen
war und jetzt das männliche Alter erreicht hatte. Gerade in diesem
Augenblicke entfaltete sich Wackenroder’s tiefer Sinn vollständig.
Auch er hatte sich in der Stille zum Dichter herangebildet. Seine
Gedanken über die Kunst waren zu einem Abschlusse gekommen, und
gestalteten sich nun zu einer Reihe dichterischer Bilder. Schüchtern
hatte er sein Geheimniß bisher bewahrt, und selbst seinem Freunde nicht
mitzutheilen gewagt. Tieck war daher sehr überrascht, als er die ersten
Blätter erhielt. Er mußte sich eingestehen, bei aller Anerkennung des
tiefen Gemüths und Talents hatte er Wackenroder so Bedeutendes nicht
zugetraut. Seine frühern Versuche waren nicht glücklich ausgefallen.
Noch hatte er den Ton nicht finden können, der seinem eigenthümlichen
Wesen entsprach. Er schwankte in seinen Gedichten zwischen dem Pathos
Schiller’s und dem nüchternen Tone der ältern Schule. Noch weniger
wollte es mit dem Drama gelingen. Eine Tragödie schloß damit, daß die
Geliebte ohnmächtig in die Arme des Geliebten sinkt. Dieser, um sie
ins Leben zurückzurufen, greift zu einigen Kräutern (die Scene ist im
Garten), er hält sie ihr an den Mund, aber unglücklicherweise sind sie
giftig, und er tödtet dadurch die Geliebte mit eigener Hand.

Die Kunst war es, durch welche Wackenroder auch in der Poesie mündig
werden sollte. Eine Reise, welche die Freunde im Sommer des Jahres
1796 nach Dresden machten, führte zur Entdeckung des Geheimnisses.
Endlich wollten sie die größten Werke der alten italienischen Meister
sehen. Es war eine Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande, das nur durch
einen Zug durch die Wüste zu erreichen war. Denn die Poststraße nach
Dresden war kaum minder beschwerlich. Tage und Nächte lang schleppte
sich die Fahrpost mühselig durch den Sand und die trübseligen
Haiden der Mark und der Lausitz. Diese endlosen Nachtfahrten durch
finstere Kieferwaldungen waren geeignet Gedanken zu erwecken und
mitzutheilen. So entstanden auf dieser Reise bei Tieck zwei Gedichte
im ersten Entwurfe, welche den düstern Charakter jener Einsamkeit
widerspiegelten. In der Nacht sahen die Reisenden weiße Steine zwischen
den Bäumen hervorschimmern, welche als Wegweiser, als Zeichen im
Walde, gelegt sein mochten. Um sie sammelten sich jene schaurigen
Phantasiegebilde, denen Tieck in dem bekannten Gedichte dieses Namens
Leben gab. Diese Steine verwandelten sich ihm in rächende Zeichen, die
einen schweren Frevel verbargen und zugleich verriethen. Mit diesen
Bildern wechselten dann die Gefühle schmerzlicher Verlassenheit und
Einsamkeit, die er in jenem Nachtliede des Wanderers aussprach, der
still weinend seines Weges zieht und die Sterne anruft.

Auf dieser Reise theilte auch Wackenroder sein Geheimniß dem Freunde
mit. Diese Darstellungen waren die Frucht der künstlerischen Studien,
des Aufenthaltes in Nürnberg, der Besuche der Galerien zu Pommersfelde,
Kassel und Salzthal. Alles was er gesehen, was ihn entzückt und
begeistert hatte, drückte er in dem einen Gedanken aus, der für ihn
die vollste Wahrheit war, es sei ihm die Kunst eine andere Religion,
zum Gegenstande eines heiligen Glaubens geworden. Niemals konnte sich
eine solche Ueberzeugung mit den Theorien der Kunst und der Kritik
versöhnen, welche auf dem Boden der Aufklärung gewachsen war.

Wie Tieck in der Poesie, forderte Wackenroder in der Kunst das
Einfache, Ursprüngliche. Nichts war ihm verhaßter als das hergebrachte
Kunstraisonnement, mochte es nun auftreten als Zergliedern des Ganzen,
als verständiges Herzählen von Einzelheiten, in denen die Kunstrichter
den Geist zu fassen vermeinten, oder mit der Miene der Unfehlbarkeit,
als System und Herleitung aus obersten Grundsätzen. Die damals häufig
genannten Schriften von Ramdohr, „Venus Urania“ und andere hatten den
Freunden manchen Anstoß gegeben. Wie konnten diese Kunstrichter so
zuversichtlich sprechen, da sie weder Kunst noch Begeisterung besaßen?
Dem allwissenden System stellte Wackenroder die Begeisterung entgegen,
als eine geheimnißvolle Offenbarung, von welcher der Künstler selbst
nicht zu sagen wisse, woher der Geist wehe. Zu der Quelle jener
Gefühle führte sie Wackenroder zurück, welche die Theoretiker aus
der Seele wie aus ihren Lehrbüchern hinaus demonstriren wollten. Aus
dem geheimnißvoll Göttlichen im Menschen stieg auch die Kunst empor,
und ihr Ausdruck war das Werk des Meisters. Aber diese Offenbarung
in der Kunst ist nicht zu fassen wie der Paragraph eines Lehrbuchs,
die Versenkung in das Kunstwerk muß zur religiösen Erhebung werden.
Den Machtsprüchen unduldsamer Systematiker, die das nicht verstehen
wollten, setzte er ein kühnes und entschiedenes Wort entgegen,
Aberglaube sei besser als Systemglaube.

Solche Gedanken und Gefühle wollte Wackenroder anschaulich machen in
einer Reihe von Bildern, die er aus dem Leben und Wirken der alten
großen Meister entlehnt hatte. Er wollte zeigen, wie jeder von ihnen
dem Genius getreu, kräftig und einfach gebildet, und das Göttliche in
seiner Weise dargestellt habe, der große Rafael in seiner Herrlichkeit,
der kunstvolle Leonardo da Vinci, und vor allen Albrecht Dürer, der
Vater der deutschen Kunst, still und ämsig, rein und fromm; wie ihnen
allen die Religion ein erklärendes Buch gewesen für das ganze Leben,
und dieses selbst unter ihren Händen zum Kunstwerke geworden sei.
Viele dieser charakteristischen Züge hatte Wackenroder aus Vasari’s
Malerchronik entlehnt.

Als Tieck jene Blätter durchgelesen hatte, wollte es ihm trotz alles
Beifalls in seiner damaligen kritischen Stimmung scheinen, Manches
könne vielleicht noch wirksamer gesagt werden. Er begann daher den
ersten Abschnitt „Rafael’s Erscheinung“ umzuarbeiten, ein rasches
Verfahren, welches er später als voreilig misbilligte, da die
ursprüngliche Darstellung seines Freundes ohne Zweifel besser gewesen
sei. Ebenso machte er den Versuch, das über Leonardo da Vinci Gesagte
in Verse umzusetzen. Als er darauf von Dresden nach Halle ging,
Reichardt zu besuchen, theilte er ihm die Dichtungen des Freundes
mit. Auch dieser stimmte in den Beifall ein, und nahm sogleich eine
der Skizzen, „Das Ehrengedächtniß Albrecht Dürer’s“ in sein Journal
„Deutschland“ auf.

Reichardt fand auch den Titel, unter dem diese Bilder dem Publicum
übergeben werden sollten. Sie waren durchweht von dem Geiste eines
frommen Kunstglaubens, der einer vergangenen Zeit angehörte, in welcher
die Begeisterung dem zersetzenden Verstande noch das Gleichgewicht
hielt; eine solche Betrachtung des Kunstwerkes schien in der Zeit
geräuschvoller und selbstbewußter Thätigkeit kaum möglich. Sie wurde
daher einem einfachen Mönche zugeschrieben, der seine Jugend der
Kunst widmete, und in klösterlicher Stille das Leben zu beschließen
gedenkt. Hinter ihm liegen Welt und Jugend, aber die Begeisterung für
die Kunst durchglüht ihn noch wie damals, sie ist ihm zu einem Theile
seines Glaubens selbst geworden. In kunstlosen, aber ergreifenden
Worten spricht er diesen Glauben aus, mit jener Ruhe, welche den festen
Ankergrund gefunden hat, der nicht mehr entrissen werden kann. Diese
fromme Einfalt hatte an Lessing’s Klosterbruder im „Nathan“ erinnert,
daher schlug Reichardt für diese Betrachtungen den treffenden Titel
vor: „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders.“ Tieck
fügte die Vorrede und einige kleinere Aufsätze hinzu; dann erschien das
Buch 1797 in Unger’s Verlag.

Mehr als einen Grund mochte Wackenroder haben, sich nicht als Verfasser
zu nennen. Manchen Kampf hatte er in dieser Zeit zu bestehen, davon
gaben diese Herzensergießungen Zeugniß; sie waren es für ihn in vollem
Sinne des Wortes. Auch für die Musik hatte er einen leitenden und
rathenden Freund in Zelter gefunden. Doch je mehr sich sein Ohr der
innern Harmonie öffnete, desto verletzender wurden die Misklänge des
äußern Lebens. Er war in die juristische Praxis eingetreten. Aber wenig
war er für eine solche Thätigkeit geeignet. Er sollte Acten lesen oder
selbst abfassen über geringfügige Dinge des Lebens, die er verachtete,
die für ihn nicht da waren. Wie oft klagte er nicht dem Freunde seine
Leiden, wenn der Augenblick drängte, und Actenstöße abgearbeitet werden
sollten, und er weder Sammlung noch Uebersicht finden konnte, um die
verhaßte Arbeit zum Abschlusse zu bringen. Wie Tieck manches Mal in den
Schülerjahren aus der Noth geholfen hatte, so bewährte er sich auch
jetzt. Schnell entschlossen setzte er sich nieder, und brachte so gut
er es vermochte das Referat zu Stande.

Es war klar, auf diesem Wege mußte der Freund zu Grunde gehen. An den
Wurzeln seines Lebens nagte der geheime Gram, seinem wahren Berufe
nicht folgen zu können. Auch nach Tieck’s Meinung war dies die Kunst.
Da er bei dem alten Wackenroder etwas galt, so unternahm er mit mehr
Zuversicht als Erfolg das schwierige Werk ihn umzustimmen. Dieser hatte
von dem Freunde seines Sohnes eine günstige Meinung, als von einem
verständigen jungen Manne, an dessen Unterhaltungen man wol Gefallen
finden könne. Tieck suchte ihm begreiflich zu machen, wie es das Heil
des Sohnes erfordere, daß er sich für die Musik ausbilde. Nicht ohne
Staunen hörte der alte Wackenroder diese dreiste Rede an. Von einem
Musiker hatte er die geringsten Begriffe, und seinen Sohn hatte er zu
einem nützlichen Bürger erzogen. „Sie meinen wol gar, mein Sohn soll
so ein Musikant werden, der zu Hochzeiten aufspielt?“ fragte er mit
schneidender Schärfe dagegen. Bei solchen Ansichten hörte jede Hoffnung
auf Verständigung auf.

So verzehrte sich Wackenroder in innerm Widerstreite. Während er von
Musik und Malerei träumte, zogen Pflichtgefühl und Kindesliebe ihn nach
der andern Seite hin. Das Geschäftsleben aufzugeben, war ohne seinen
Vater tief zu kränken, nicht möglich. Aber er fühlte, trotz seines
guten Willens werde er den Anforderungen, die gemacht wurden, nicht
genügen können.

Diesen schmerzlichen Seelenzustand hatte er in seinen
Herzensergießungen in dem musikalischen Leben Joseph Berglinger’s
geschildert. Er war jener Knabe, der mit seiner Musiksehnsucht und
Begeisterung dem thätigen und verständigen Vater gegenübersteht, der
ihn nöthigen will sich nützlich zu beschäftigen wie er selbst. Er war
es, der jede Seite in seinen Lehrbüchern zehn mal überlesen mußte, ohne
sie zu fassen, während die Seele ihre innerlichen Phantasien fortsang.
Es waren Erinnerungen an die Träume der Studentenzeit, wenn er den
Leidenden aus dem Vaterhause entfliehen ließ, um sich seiner Kunst in
die Arme zu werfen. Dann mochten ihn wol geheime Zweifel beschleichen,
ob er den höchsten schöpferischen Beruf habe, wenn er seinen Berglinger
mit dem Gefühl bitterer Enttäuschung gestehen läßt, daß Sehnsucht und
Phantasie mehr versprechen, als Talent und Leben gewähren, daß die
Begeisterung, die den Widerstand des Lebens schöpferisch überwinden
soll, von stärkerem Metall sein müsse, daß sein Beruf vielleicht mehr
der Genuß als die Ausübung der Kunst sei. Seine Begeisterung war eine
stille Glut, die Alles durchzog, was er dachte und sprach, aber auch
seine Jugend und sein Leben verzehrte.

Er war zerfallen mit sich und seiner Art zu sein, der Gegenwart
überdrüssig, ohne Hoffnung für die Zukunft. Leicht würde eine zarte
Natur wie die seine Schwereres ertragen haben, wenn sie mit sich
einig geworden wäre; an diesem quälenden Widerspruche ging sie zu
Grunde. Seine Gesundheit wankte; er kränkelte, es entwickelte sich ein
Nervenfieber. Am 13. Februar 1798 starb er fünfundzwanzig Jahre alt.
Es war ihm gegeben, unter Kampf und Streit die höchsten Entzückungen
der Kunst in sich zu erleben, er hatte sie ausgesprochen, dann war er
gestorben. Sein Leben war ein kurzes, aber darum nicht schmerzenfreies;
doch war es still, rein und voll künstlerischen Glaubens gewesen, wie
das jener alten Meister, von deren Bildern seine Seele erfüllt war.

Nächst dem Vater traf dieser Schlag Niemand härter als Tieck. Zehn
Jahre der reichsten Entwickelung hatte er mit diesem Freunde verlebt.
Es gab nichts in Leben, Poesie und Kunst, was sie nicht besprochen
hätten. Es war eine Freundschaft hervorgegangen aus der Gleichheit der
höchsten Seelenstimmungen. In der letzten Zeit hatten sie für eine
tiefere Auffassung der Poesie und Kunst gemeinschaftlich gekämpft.

Und in diesem Sinne wirkte Tieck weiter. Er setzte dem hingeschiedenen
Freunde ein Denkmal, das ein Zeugniß ihres gemeinsamen Lebens in der
Kunst sein sollte. In einer eigenen Dichtung führte er die Ideen
des Klosterbruders weiter aus. Dies war der „Sternbald“. Schon in
Nürnberg hatten die Freunde den Gedanken gefaßt die alte volksthümliche
Kunstwelt wieder zu beleben. Unter den verschiedenartigsten Arbeiten
hatte Tieck diesen Plan festgehalten. Zu den „Herzensergießungen“
hatte er einen Beitrag gegeben, in dem der Charakter des „Sternbald“
bereits vollständig ausgebildet war. Es ist der Brief des jungen
deutschen Malers, der aus der Schule seines Meisters Albrecht Dürer
nach Rom gegangen ist, und unter den Werken Rafael’s und der großen
Italiener ein neues Leben in der Kunst beginnt. In dem letzten
Lebensjahre Wackenroder’s hatte er diese Gedanken mit verdoppeltem
Eifer wieder aufgenommen, und mit dem Freunde auf manchem Spaziergange
im Thiergarten besprochen. Er wünschte lebhaft, auch dieser möge an
der Ausführung Theil nehmen. Zögernd willigte endlich Wackenroder ein,
und übernahm die Bearbeitung gewisser Capitel. Auch diese altdeutsche
Geschichte sollte dann unter dem Namen des Klosterbruders erscheinen.
Doch gleich darauf erkrankte Wackenroder, bevor er noch an die Lösung
seiner Aufgabe gehen konnte. Die Gestalten der deutschen Kunstwelt und
der Gedanke an die eben entworfene Dichtung erfüllte die Phantasie
seiner letzten Tage. Unterdessen hatte Tieck bereits begonnen, und
unter den Schmerzen jenes herben Verlustes vollendete er die ersten
Bücher. Er konnte sie nur mit der Klage abschließen, daß er ohne den
Beistand des Freundes habe ausführen müssen, was in der Idee beiden
gehörte.

Er führte in seiner Dichtung den Jünger durch die verschiedenen Stufen
der Kunst bis nach Rom. Aus der Werkstatt Albrecht Dürer’s geht der
einfache und schlichte Schüler hervor. Er sieht die deutschen und
italienischen Kunststätten in Leyden, Strasburg und Florenz; in Rom mit
dem Anblick von Michel Angelo’s jüngstem Gericht schließt der erste
Theil seiner Lehrjahre. Tieck’s Gedanken über deutsche Art und Kunst,
seine Erinnerungen an Nürnberg, seine Gespräche mit dem Freunde, Alles
hatte hier eine dichterische Gestalt gewonnen. Der innige und warme Ton
des Klosterbruders klang auch durch diese Malergeschichte.

Den Abschluß dieser Thätigkeit machte die Herausgabe von Wackenroder’s
Nachlaß, in dem sich Manches fand, was für einen zweiten Theil der
„Herzensergießungen“ bestimmt gewesen war. Es waren die Skizzen aus
Dürer’s Leben, und Einiges was unter Berglinger’s Namen geschrieben
war. In Verbindung mit eigenen Aufsätzen ähnlichen Inhalts gab sie
Tieck 1799 als ein Vermächtniß Wackenroder’s heraus unter dem Titel:
„Phantasien über die Kunst.“ Das geistige Leben der Freunde hatte in
drei verschiedenen Werken einen dauernden Ausdruck gewonnen, welcher
für die Poesie wie für die Kunst nicht ohne bedeutende Folgen blieb.

In der Zeit dieses Verlustes gestaltete sich auch das Verhältniß zu
Bernhardi anders. An die Stelle der Offenheit, welche früher zwischen
ihnen geherrscht hatte, begann eine vorsichtige Zurückhaltung zu
treten. Fast hatte es den Anschein, als wenn sich Bernhardi in eben dem
Maße von Tieck entfernte, als er sich dessen Schwester Sophie näherte,
mit der er sich später verlobte. Auch Tieck hatte sich 1796 mit der
Schwägerin Reichardt’s in Giebichenstein verlobt. Es fehlte nicht an
kleinen Neckereien und Angriffen, die den Charakter der Gereiztheit
annahmen.

Bernhardi warf Tieck, dem Goethe-Enthusiasten, in den wiederkehrenden
Kämpfen gegen die alte Schule Lauigkeit vor, oder wol gar, daß er
seine Ansicht verleugne. Wie bei Nicolai hatte er sich auch manchem
andern Würdenträger der Aufklärung gegenüber schweigend und hörend
verhalten; sie waren nicht zu bekehren, und zu seiner Beruhigung eine
Tirade über Goethe zu geben, erschien ihm nutzlos und lächerlich.
Niemand kannte und würdigte die Meinungen der Gegner besser als er,
davon hatte er mannichfache Beweise gegeben; immerhin mochte er ihnen
das Vergnügen lassen sich in breiter Ausführlichkeit Luft zu machen.
Aber diese ruhige Sicherheit galt für Kälte, Zweideutigkeit und Mangel
an Begeisterung. Dies gab Bernhardi sogar zu einigen satirischen
Bildern Veranlassung, deren treffliche Ausführung Tieck bereitwillig
anerkannte, wenngleich er einsah, man habe ihm damit einen Spiegel
vorhalten wollen. Fink, aus dessen Leben sechs Stunden geschildert
wurden, war Niemand anders als er. Der enthusiastische Anbeter Goethe’s
erschien hier aus kluger, hinterhaltiger Berechnung vor dem mächtigen
Gegner des Dichters als zweideutiger Kritiker. Und nichts lag Tieck’s
offenem Charakter ferner als diese berechnende Weltklugheit.

Man konnte nicht rückhaltloser und uneigennütziger sein, als er gegen
Bernhardi gewesen war. Er hatte ihm früher das kleine Trauerspiel „Der
Abschied“ überlassen, für dessen Verfasser jener zu gelten wünschte.
Dann hatte Bernhardi das Märchen „Die Versöhnung“ dem „Archiv der
Zeit“ als seine Arbeit überschickt, und die Erzählung „Almansor“ nahm
er in ein Buch auf, welches er „Nesseln“ nannte, und unter dem Namen
Falkenhayn herausgab. Als er den „Abdallah“ im Manuscript gelesen
hatte, schrieb er davon angeregt einen Ritterroman „Die Unsichtbaren“,
der 1794 in zwei Bänden in Halle erschien. Hier hatte er sich Ernst
Winter genannt. Es war eine Nachbildung des „Abdallah“, die um mehrere
Monate früher durch den Druck bekannt ward als das Vorbild, freilich
ohne einen irgend merklichen Eindruck zu machen. Ja auf den „Abdallah“
selbst erhob er eine Art von Anspruch, indem er Tieck einmal andeutete,
daß ohne große Opfer, welche er gebracht habe, und ohne seine Beihülfe
dieser Roman wol niemals zum Abschluß gekommen sein würde. Doch bei
dieser Behauptung riß Tieck’s Geduld. Es war auf einem Spaziergange;
ohne ein Wort erwidern zu können, wandte er Bernhardi den Rücken und
schlug einen andern Weg ein. Endlich ließ dieser es sich gefallen, als
der Verfasser der „Verkehrten Welt“ aufzutreten.

Durch den „Klosterbruder“ und den „Sternbald“ war Tieck mit dem
Buchhändler Unger in nähere Verbindung gekommen. Dieser Mann erfreute
sich eines nicht unbedeutenden Rufes unter Künstlern und Gelehrten.
Neben seinem buchhändlerischen Geschäfte, mit dem eine Druckerei
verbunden war, übte er selbst den Holzschnitt und fand Anerkennung.
Seine Frau war liebenswürdig, talentvoll, vielseitig gebildet und als
Schriftstellerin aufgetreten. Manches hatte sie aus fremden Literaturen
übersetzt, sich aber auch in eigenen Darstellungen versucht. Ihre
Pensionsgeschichte „Julchen Grünthal“ wurde gern gelesen, und war von
A. W. Schlegel günstig beurtheilt worden. Unger’s Haus war ein sehr
geselliges; man traf stets die beste Gesellschaft, und Tieck hatte
manche heitere und angenehme Stunde daselbst verlebt.

Unger wünschte, eine von Tieck’s neuesten Dichtungen in Verlag zu
nehmen. Dieser beschloß ihm die von Nicolai zurückgewiesene „Verkehrte
Welt“ zu übergeben. Unger, ein heiterer Mann, versprach sich das Beste
davon, und hatte eine kleine Gesellschaft von Freunden eingeladen,
vor denen das Lustspiel gelesen werden sollte. Er selbst kannte es
noch nicht. Der Dichter begann zu lesen. Er hatte in voller Laune
geschrieben, und glaubte diesmal seines Erfolges sicher zu sein. Doch
war es schon eine unangenehme Enttäuschung, als bei den Stellen, wo
er ein unauslöschliches Gelächter erwartet hatte, sich kein Mund
öffnen wollte. Als er zu Ende gelesen hatte, sah er nur ernste, lange
Gesichter. Ein frostiges Schweigen herrschte, Niemand wußte ein Wort zu
finden. Endlich kam der verlegene Verleger schüchtern mit der Sprache
heraus. Auch er fand diese Dichtung doch zu sonderbar und abweichend
vom Gewöhnlichen, um sich zur Uebernahme derselben entschließen zu
können.

Verdrießlich über diese zweite Abweisung des Scherzes, warf Tieck das
Manuscript bei Seite, und schenkte es nach einiger Zeit Bernhardi.
„Mache damit was du willst!“ sagte er. Dieser gab soeben eine Sammlung
satirischer Skizzen und Erzählungen heraus, „Die Bambocciaden“, deren
erster Theil 1797 anonym bei Maurer erschienen war. 1799 folgte der
zweite Theil, der außer einigen Erzählungen von Tieck’s Schwester auch
die „Verkehrte Welt“ enthielt. Auf Bernhardi’s Wunsch schrieb Tieck
diesmal die Vorrede, unter die jener dann seinen Namen setzte. Er
war gutmüthig genug zu versichern, Bernhardi habe den Plan zu diesem
Lustspiel mit ihm gemeinsam entworfen, und dasselbe zum Theil auch
ausgearbeitet. Mit der Freigebigkeit des Reichen, die er schon in
früher Jugend gezeigt hatte, gab er seine Schätze hin, und überließ es
gern Andern, sich ihrer zu rühmen. Nicht im stolzen Besitze, sondern in
dem ununterbrochenen lebendigen Schaffen fand er seine Befriedigung.

Um diese Zeit entwarf er einen kecken Plan zu einem satirischen
Feldzuge gegen die aberwitzigen Ritterromane, an dem auch seine
Schwester und Bernhardi Theil nehmen wollten. Das Publicum sollte auf
die Probe gestellt werden. Bei Maurer war ein grausiges Machwerk dieser
Art unter dem abgeschmackten Titel erschienen: „Er nahm die Silberlocke
des Enthaupteten und zerstörte das Femgericht.“ Als Verfasser wurde
Zschokke genannt. Diese Albernheiten sollten nicht nur fortgesetzt,
sondern womöglich überboten werden. Ohne einen gemeinsamen Plan gemacht
zu haben, begann jeder der drei Mitarbeiter für sich zu schreiben;
später wollte man die Theile aneinandersetzen und irgendeinen
Zusammenhang hineinbringen. Tieck suchte den Tyrannen zu übertyrannen,
und durch eine Reihe von Uebertreibungen die vermeintliche Heldengröße
jener prahlerischen Klopffechter in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu
zeigen. Der Held sitzt eingekerkert in einem Thurme. Sein Freund
klettert an demselben hinauf, und da er sonst kein anderes Werkzeug bei
sich führt, zerbeißt er tapfer mit seinen gewaltigen Zähnen das eiserne
Gitterwerk vor dem Fenster, und entführt den gefangenen Helden. Schon
hatte sich der Verleger bereit erklärt, die Fortsetzung des beliebten
Romans zu übernehmen, als ihm noch zeitig genug der Muthwille, welcher
dahinter steckte, durch Bernhardi verrathen wurde, und nun unterblieb
die ganze Sache.

Endlich hatte Friedrich Tieck 1797 Berlin verlassen. Er hatte seine
erste Kunstreise angetreten, und Wilhelm von Humboldt und Burgsdorff
nach Dresden begleitet, dann nach Wien. Die ursprüngliche Absicht,
nach Italien zu gehen, war bei den damaligen Verhältnissen nicht
durchzuführen; man war daher nach Paris gegangen, wo er seine
künstlerischen Studien fortsetzte.

Doch gewann Tieck zwei neue Freunde, welche mit ihm für das Leben
verbunden bleiben sollten, A. W. Schlegel und Steffens, deren
Hinzutritt mit andern bedeutenden Momenten seines Lebens zusammenfällt.

Obwol er mit dem jüngern Schlegel seit einigen Jahren befreundet war,
so hatte doch seine persönliche Verbindung mit dem ältern Bruder einen
literarischen Ursprung. A. W. Schlegel hatte einen kritisch-genialen
Blick für Alles, was der Kunst und Poesie angehörte, und ein nicht
minder großes Talent für die vollendete Form. Witzig und schlagfertig,
war er ein scharfer Gegner aller pedantischen Geschmacklosigkeit und
Beschränktheit. Ein seltenes gelehrtes Wissen in den alten und neuen
Sprachen, und ein klarer Ueberblick ihrer Literatur stand ihm zu
Gebote. Er war ein Verkündiger Goethe’s, und seine Kritiken in der
„Jenaischen Literaturzeitung“ hatten nicht wenig dazu beigetragen,
deren wissenschaftliche Bedeutung zu heben; die ersten Bände seiner
Uebersetzung Shakspeare’s waren bereits 1797 in Unger’s Verlag
erschienen.

Er war auf Tieck’s Dichtungen aufmerksam geworden. Die Bearbeitung
des „Sturms“ hatte er in der „Jenaischen Literaturzeitung“ von 1797
beurtheilt, und wenngleich er an der jugendlichen Arbeit Manches
auszusetzen fand, so schien sie doch zu bedeutenden Hoffnungen
zu berechtigen. Liebe und Kenntniß seines Dichters konnte er dem
Verfasser nicht absprechen. Gleich darauf hatte er in der Anzeige
der Einzelausgabe des „Blaubart“ und des „Gestiefelten Katers“ den
Dichter als einen solchen, als einen wirklich dichtenden, willkommen
geheißen, und in den ernsten wie in den humoristischen Zügen bereits
eine Meisterhand erkannt. Dies führte zu einem Briefwechsel. Tieck
übersandte dem Kritiker die „Volksmärchen“, und noch vor Ablauf des
Jahres sprach Schlegel den Wunsch aus, seine persönliche Bekanntschaft
zu machen. Zugleich fügte er eine kurze Kritik der „Volksmärchen“
selbst hinzu. In dem „Blonden Ekbert“ fand er Goethe’s reizenden
Ueberfluß wieder bei gleicher Klarheit und Mäßigung, ebenso in einigen
Liedern der „Magelone“. Es schien ihm das nicht minder eine Folge
ursprünglicher Verwandtschaft der Geister als tiefen Studiums. Dieselbe
Ansicht sprach er auch im „Athenäum“ aus.

Anfang Sommers 1798 kam A. W. Schlegel auf einige Wochen nach Berlin.
Man verständigte sich nach allen Richtungen. Shakspeare, das gemeinsame
Studium der ältern englischen und spanischen Literatur, ward eine
Quelle des fruchtbarsten Gedankenaustausches. Schlegel trat ganz
den Freunden bei, welche sich um Tieck gesammelt hatten. Die hier
herrschenden Ideen gewannen in ihm einen gefürchteten Vertreter in der
kritischen Welt.

Er wohnte bei seinem Verleger Unger, der in einem nahegelegenen Theile
des Thiergartens, im sogenannten Schulgarten, ein Haus bezogen hatte,
wo man unter schattigen Bäumen den Staub und das Geräusch der großen
Stadt vergaß. Hier hatte auch Tieck seine Wohnung. Täglich sah man
sich, im geistigen Verkehr wuchsen Kühnheit und Zuversicht.

Indeß gesellten sich diesem Kreise auch andere Elemente bei, die zu
demselben nicht zu passen schienen. Schlegel stand in näherer Beziehung
zu Iffland. Er wünschte die Aufführung des „Hamlet“ nach seiner
Uebersetzung, und konnte Iffland seine Bewunderung als Schauspieler
nicht versagen. Auch Tieck suchte er für den gefeierten Künstler
zu gewinnen; doch dieser vermochte jenen weder als dramatischen
Schriftsteller anzuerkennen, noch konnte er in die Bewunderung seines
Spiels einstimmen; hatte er doch den Commentator desselben diese
Bewunderung übel entgelten lassen. Es war ihm unbegreiflich, wie man
Iffland’s großes, aber doch immer kleinlich berechnendes Talent der
kühnen Genialität Fleck’s vorziehen konnte. So meisterhaft er auch in
mittlern, gemäßigten oder komischen Rollen sein konnte, so war sein
Spiel doch ein aus vielen kleinen Strichen mühsam zusammengesetztes
Bild, das überall Absicht verrieth. Unter diesen künstlichen
Einzelheiten ging die Natur verloren. Obgleich Iffland sich freundlich
und entgegenkommend zeigte, und auch seine Anerkennung des „Sternbald“
glaubte aussprechen zu müssen, so konnte Tieck doch kein Zutrauen zu
ihm fassen. Er meinte auch hier Berechnung und Manier zu erkennen, und
wiederholte seine Ansicht, ihn nicht in ihren Kreis hineinzuziehen, zu
dem er nicht passe; er sei eine doppelseitige Natur, der es an innerer
Wahrheit fehle.

Da indeß auch Reichardt von Halle aus in dauernder Verbindung mit
Iffland geblieben und ihm nicht minder günstig gesonnen war, so kam es
zu einem gemeinsamen Plane, in welchen sich auch Tieck hineinziehen
ließ. Reichardt wünschte eine neue Oper auf das berliner Theater zu
bringen, und nicht minder angelegentlich, Tieck möge den Text dichten.
Zuerst hatte er Shakspeare’s „Was ihr wollt“ vorgeschlagen, ihm
dann aber freie Hand gelassen. Die Märchenwelt, welche Tieck wieder
aufgeschlossen hatte, seine phantastisch-lyrische Richtung, manche
seiner ältern Lieder, die in ihrer rhythmischen Freiheit der Musik
entgegenzukommen schienen, alles mußte für einen solchen Versuch
sprechen. Er selbst war schon früher auf den Gedanken gekommen, in
einem Schauspiele die Recitation mit der Musik zu verbinden.

Er nahm einen Plan aus frühester Zeit wieder auf, welchen er in
ähnlicher Weise in dem Lustspiel „Das Reh“ zu bearbeiten versucht
hatte. Shakspeare’s „Sturm“, Gozzi war dabei nicht ohne Einfluß
gewesen. Jetzt gestaltete sich daraus das musikalische Märchen, „Das
Ungeheuer und der bezauberte Wald“, in welchem sich wiederum die
Alltagswelt und das Wunder, Prosa und Poesie in dem Dialoge und im
musikalischen Theile entgegentraten. Componist und Schauspieler waren
damit einverstanden, schon wurden Verabredungen im Einzelnen getroffen.
Iffland und Fleck sollten die beiden Hauptvertreter der prosaischen
Welt, den König und seinen Minister spielen. Alles schien im besten
Gange zu sein, als plötzlich von der eifrig gewünschten Oper nicht mehr
die Rede war. Man hatte Anstände gefunden, welche man nicht aussprechen
wollte oder konnte. Nach längerer Zeit gab man Tieck das Manuscript
stillschweigend zurück, und Reichardt componirte statt dessen ein
gewöhnliches Zauberstück von Kotzebue.

Nicht besser ging es später einmal mit dem Trauerspiel „Karl von
Berneck“, welches ein beliebter Schauspieler zu seinem Benefiz
ausersehen hatte, um es dann ebenfalls ohne Angabe eines Grundes
fallen zu lassen. Nicht minder scheiterten andere Pläne, an denen auch
Schlegel Antheil genommen hatte, wie man auf die Bühne einwirken könne.
Namentlich hatte man an die Einrichtung antiker Dramen, z. B. des
„Oedipus“, für die Darstellung gedacht.

Ein Jahr später, 1799, kam Steffens nach Berlin. Schon in Jena hatte er
Tieck’s Namen gehört, und war mit seinen Dichtungen bekannt geworden.
Jetzt wünschte er ihn persönlich kennen zu lernen. Eines Morgens
suchte er ihn in seiner Wohnung auf, den Abend desselben Tages trafen
sie wiederum in einer Gesellschaft zusammen, welche Reichardt, der
sich vorübergehend in Berlin aufhielt, veranstaltet hatte. Obgleich
diese erste Berührung zwischen Tieck und Steffens kaum mehr als ein
äußerliches Begegnen war, so theilten sie doch genug miteinander, um
daraus ein dauerndes Verhältniß zu gewinnen. Denn auch Steffens, der
begeisterte Anhänger der neuen Naturphilosophie, suchte nur auf einem
andern Wege das Einfache, das Ursprüngliche, die Natur.

Endlich noch in anderer Hinsicht war für Tieck das Jahr 1798 ein
bedeutendes geworden. Eine lang gehegte Hoffnung ging in Erfüllung.
Er heirathete Amalie Alberti, und trat somit in den Kreis der
Verwandtschaft Reichardt’s ein. In welchem erregten, ja visionären
Zustande er in dieser Zeit war, bewies ein sonderbares Ereigniß,
welches er erlebte. Voll Sehnsucht, seine Braut wiederzusehen, ging
er ihr auf der Poststraße nach Hamburg, von wo sie kommen sollte,
entgegen. In einer einsamen Waldschenke hinter Tegel, einige Meilen von
Berlin, beschloß er sie zu erwarten. Früher, als sie in ihre Vaterstadt
zurückkehrte, hatte er ihr bis zu derselben Stelle das Geleit gegeben.
Er kannte das Haus, seine Umgebungen, den Weg dahin genau. Ungeduldig,
in der Ahnung nahen Glückes, singend und Verse hersagend, wie die
Ueberschwänglichkeit des Augenblicks sie ihm eingab, eilte er vorwärts.
Da erblickte er früher, als er erwartet hatte, die Schenke an dem
Graben auf der rechten Seite des Weges. Er stutzte; das Haus lag hinter
Tegel, und seiner Meinung nach hatte er diesen Ort noch nicht erreicht;
irrte er nicht, so lag es links, nicht rechts am Wege, und doch sah er
es deutlich vor sich! Er sah den Zaun, der es umgab, den wohlbekannten
dicken Wirth in der Thür, die Hühner auf dem Hofe. Es konnte kein
Irrthum sein; nur suchte er vergeblich einen Weg über den Graben, der
ihn von dem Hause trennte. Er entschließt sich zum Sprunge; aber er
springt zu kurz und fällt. Er blickt auf, sieht sich im Graben liegen,
und weit umher nichts als Feld; das Haus sammt Wirth und Hühnern war
verschwunden. Es war eine Vision gewesen; seine Sehnsucht hatte die
Wirklichkeit vorweggenommen. Bis zur Waldschenke selbst mußte er noch
eine bedeutende Strecke Weges zurücklegen.



8. Romantische Dichtungen.


Nach manchen Unterbrechungen war endlich auch der „Zerbino“ zum
Abschluß gekommen; bei Frommann in Jena sollte er erscheinen. Die erste
Idee, der Entwurf und ein Theil der Ausführung gehörten einer frühern
Zeit an. Diese Dichtung war vor dem „Gestiefelten Kater“ entstanden
und dann neben der „Verkehrten Welt“ hergegangen; später als beide
wurde sie jetzt beendet. Schon 1796 hatte er die drei ersten Acte
niedergeschrieben, 1797 die beiden folgenden, im nächsten Jahre endlich
den Schluß hinzugefügt.

Nach Form und Inhalt reihte sie sich den beiden andern satirischen
Spielen an. Noch schärfer, noch kühner drückte sie dieselben Gedanken
aus. Sie verbreitete sich über einen größern Raum, und war fast
noch phantastischer. Ursprünglich für die „Volksmärchen“ bestimmt,
bezeichnete er sie als eine Art von Fortsetzung des „Gestiefelten
Katers“. Die aufgeklärte Welt der Prosa erscheint in dem Staate König
Gottlieb’s, welcher dem patriotischen Eifer des Katers den Thron
verdankt, vollständig organisirt. Auf allen Gebieten der Thätigkeit
ist hier die schildaische Ueberweisheit zu Hause, die Thorheit der
Klugheit mit allen ihren Abgeschmacktheiten. Der Dichter hatte den
Kreis vollständig beschrieben, aus welchem die früheren Lustspiele nur
Einzelnes herausnehmen. Der Hof und der Staat mit seinem Mechanismus,
das Theater und die Schule, die Gelehrten und die Schriftsteller,
die Philosophie und die Poesie waren als Träger einer eiteln,
selbstgenügsamen und beschränkten Aufklärung hingestellt. Wiederum der
Hanswurst und der alte König, bei dem im kindischen Greisenalter statt
der patentirten Bildung und Verständigkeit die Poesie sich eingefunden
hat, sind die Vertreter einer tiefern Ansicht, und gelten darum allen
Aufgeklärten und den nützlichen Bürgern für unheilbare Narren. Sie
sind mit einem gefährlichen Wesen behaftet, welches als epidemische
Krankheit um sich zu greifen droht. Diesem Staate der klappernden
Betriebsamkeit, der fabrikartigen Thätigkeit, in welchem die Bildung
producirt, und als Artikel des Handels vertrieben wird, tritt die
stille idyllische Welt der Poesie gegenüber mit ihren natürlichen,
ursprünglichen Klängen der Liebe und Unschuld, des Schmerzes und der
Leidenschaft. Zu jenem Bilde des aufgeklärten Lebens hatten sich
einzelne Züge, Farben und Gestalten in Fülle herzugedrängt. Manches
hatte Tieck gesehen und gehört, was bezeichnender war, als die
Erfindung es hätte geben können. So kam eine grelle Localfarbe hinein,
obgleich bittere persönliche Satire dem Charakter des Dichters fern
lag, und er nur das Vorrecht des phantastischen Scherzes für die Poesie
in Anspruch nahm.

Mit diesem Lustspiele hatte jener jugendliche, stürmende Humor sich
gesättigt. Noch einmal ergoß er sich in seinen muthwilligsten,
sonderbarsten Einfällen. In die reizende Wildniß dichterischer
Begeisterung, in den Garten der Poesie führte er die irrenden Ritter
des guten Geschmacks, um sie dann neckend und höhnend auf öde Steppen
und Sandflächen hinauszutreiben, wo der Wind den klugen Hellsehern
die wirbelnden Staubwolken in die Augen jagt und sie mit Sandregen
überschüttet.

Aber dieser jugendlich kühnen Behandlung des Lebens, der heitern
Anschauung und der phantastischen Lust, welche den Dichter aus den
trübsten Stimmungen gerettet hatte, stand eine bedeutende Wendung bevor.

In den Stunden der Versuchung hatte Tieck Trost in seinem Talente, in
dem Glauben an die Poesie gefunden, in der innern Selbstgewißheit,
ohne welche sie nicht denkbar ist. Gerade da erkannte er sie, wo
die gebildeten Tonangeber sie nicht sehen wollten. Dieser Gegensatz
hatte seinen Humor herausgefordert, und verwegen im Besitze eines
Schatzes, von dessen Werthe jene keine Ahnung hatten, verspottete er
die leere und schale Weisheit der Welt. Er glaubte an die sittliche
Macht, die siegreiche Gewalt der reinen Begeisterung, welche aus der
Volkspoesie, aus den Werken der großen Dichter, aus den Schöpfungen
der alten Meister laut und vernehmlich sprach. Er deutete auf die
ewigen Grundgesetze des Lebens, der Natur hin. Schon war in seinen wie
in Wackenroder’s Dichtungen die Kunst zur Religion geworden. Was die
Poesie für die Kunst forderte, mußte sie in höherm Maße für sich selbst
in Anspruch nehmen; sie konnte nicht zu allen Zeiten nur verneinend
oder angreifend auftreten. Mit der Ueberzeugung dieses dichterischen
Glaubens wuchs das Bedürfniß zu glauben.

In der geltenden Fassung des Christenthums erzogen, hatte sich Tieck,
wie viele, gegen das Religiöse, gegen die hergebrachten kirchlichen
Formen gleichgültig verhalten. Das Bedürfniß des Trostes hatte ihn wol
nach dieser Seite hingeführt. Aber die Stillung des Schmerzes, welche
er suchte, hatte er nicht gewinnen können. Nur in der Poesie hatte er
göttliche Ahnungen gefunden, welche ihm weder die Schule, noch die
theologischen Systeme zu geben vermochten. Um so entschiedener wandte
er sich nun von den ungenügenden Formen und Formeln ab, welche sein
Herz leer ließen und sein Gefühl nicht befriedigten. Sein Dichten
war ein unaufhörliches Suchen nach jenen tiefen Gedanken und ihrem
entsprechenden Ausdrucke gewesen, welchen die herrschenden Systeme
nicht kannten, oder für etwas Alltägliches erklären wollten.

In dieser Stimmung kam ihm ein Buch in die Hände, das diese Bewegung
vollendete. Es war Jakob Böhme’s „Morgenröthe“. Ihre glühenden
Strahlen fielen auf dunkel Geahntes, als eine andere, neue erschien
in ihrem Glanze die Welt. Den Aufgeklärten galt Jakob Böhme’s Name
als eine allgemeine Bezeichnung religiöser Schwärmerei, verbunden
mit Abgeschmacktheit, Barbarei und Aberwitz aller Art. Tieck hatte
in diesen Ton spottend eingestimmt, ohne daß er eines seiner Bücher
gelesen hätte. Der Geist des Widerspruchs wurde von neuem in ihm
aufgeregt, als er jene Schrift in der Maurer’schen Buchhandlung fand.
Er meinte darin eine reiche Fundgrube des Witzes und Scherzes entdeckt
zu haben. Doch dieser geheimnißvolle Geist ließ sein nicht spotten, und
ungestraft sollte ihm Niemand nahen. Bald mußte er erkennen, daß er
nicht der Herrschende, sondern der Beherrschte sei. Diese Gedankenkette
ließ ihn nicht los, er mußte ihr folgen, auch wenn er nicht gewollt
hätte. Er schloß mit der vollsten Verehrung und Hingebung an diesen
Tiefsinn, diese ursprüngliche Philosophie, welche zugleich auch Poesie
war. Nie hatte er sich mehr hingerissen und zugleich gedemüthigt
gefühlt.

Auch dies war ein System, aber ein ganz anderes, als was man sonst
so zu nennen pflegte. Es war kein künstlich aufgeführtes Gebäude von
Paragraphen, in denen zuletzt nur beschränkte Geister zu Hause waren;
es schien die Welt selbst zu sein. Hier verschwanden alle Gegensätze
zwischen Glauben und Wissen, Verstand und Phantasie, es war alles
in allem Eins, ein ungetheiltes Ganze, in dem Gottes Geist lebte
und athmete. Von hier aus glaubte er das Christenthum, die Natur,
die Philosophie zu verstehen. Sein Glaube war früher ein poetischer
gewesen, jetzt ward er ein religiöser. Sein Bewußtsein ruhte in diesem
Elemente; Wunder und Geheimniß wurden ihm deutlich, während sich das,
was der Welt als das Gewöhnliche galt, zum Wunder erhob. Nun erregten
auch die philosophischen Systeme seine Theilnahme; er begann sich
mit der neuern Philosophie bekannt zu machen, und las die Schriften
Fichte’s und Schelling’s. Und auch die Poesie mußte dieser neue Strom
befruchten.

Zu den deutschen Philosophen traten dann die spanischen Dichter.
Vorzugsweise hatte er bisher den Cervantes gelesen, und seiner
humoristischen Neigung folgend, sich hier heimisch zu machen gesucht.
Er wünschte das Meisterwerk in der echten Gestalt in der deutschen
Literatur herzustellen. Cervantes war es nicht viel besser ergangen als
Shakspeare. Man kannte ihn nicht in seiner Größe, und der „Don Quixote“
wurde nur in Bertuch’s Bearbeitung oder in Florian’s Abschwächung
gelesen. Zwar dieser Stoff war nicht zu verwüsten, aber der Duft der
Poesie, der darüber schwebte, mußte unter den Händen der Bearbeiter
sich verflüchtigen. Schon 1797 hatte A. W. Schlegel von Tieck’s
Vorhaben gehört, und sich schriftlich aufmunternd ausgesprochen. Auch
Unger wünschte einen Verlagsartikel dieser Art zu übernehmen. So begann
Tieck gutes Muths, oder wie er es später ansah, nicht ohne Leichtsinn,
die Uebersetzung. Zwar hatte er den „Don Quixote“ viel gelesen, aber
die Kenntniß der spanischen Sprache und Literatur war in Deutschland
höchst dürftig. Als Literatur des Katholicismus und der Legende lag sie
der allgemeinen Theilnahme unendlich fern. Spanische Bücher waren eine
große Seltenheit; um sie zu erlangen, bedurfte es der weitläufigsten
Vermittelungen; auf Spanien selbst mußte man zurückgehen. Ueberall
fehlte es an zuverlässigen Ausgaben, und an den gewöhnlichsten
Hülfsmitteln. Dennoch hatte Tieck den ersten Band der Uebersetzung 1798
im Manuscript vollendet, und im folgenden Jahre erschien er bereits im
Drucke.

Doch wollte man Cervantes verstehen, so war es nothwendig, nicht ihn
allein, sondern auch die frühere und spätere Poesie kennen zu lernen.
Eine Zeit mußte die andere erklären. Er ging daher zu den dramatischen
Dichtern, zu Lope de Vega, Calderon und den Lyrikern über, und hier
lebte eine Fülle dichtender und schaffender Phantasie, welche nicht
nur die Natur in ihrer ganzen sinnlichen Pracht, sondern auch die im
höchsten Glanze strahlende Welt des Glaubens in ihren Zauberkreis
hineinzog. Hier, wo Sinnliches mit Uebersinnlichem sich in mystischer
Weise verband, flossen die Wunder der Poesie und des Glaubens in der
Legende in Eins zusammen, das Wunder war noch Wunder, noch Gegenstand
des Glaubens und der Anbetung. Diese Gedichte paßten ganz zu den
religiösen Bewegungen, welche den Dichter mehr als je ergriffen hatten.
Früher war es die Naturkraft und Frische, die Volksthümlichkeit und
Unmittelbarkeit, welche in dem Mittelalter und seinen Sagen herrscht,
die ihn ahnungsvoll angesprochen hatte; jetzt wandte er sich in der
Poesie dem kirchlichen Glauben der Vergangenheit zu. Aber auch der
Reichthum der Formen, die Fülle der verschiedenartigsten Versmaße
überraschten ihn, in den mannichfaltigsten Strahlenbrechungen ließen
sie Gefühl und Leidenschaft erscheinen. Es erweiterte sich die
abgemessene dramatische Form durch epische und lyrische Einschaltungen;
der volle Erguß der verschiedensten Gefühle durchbrach die engen
Schranken des Dramas. Aehnliches fand sich auch bei Shakspeare,
wenigstens trat in einigen Stücken die erzählende Episode als eine Art
von Chor ein, wie im „Perikles von Tyrus“, für welchen Tieck besondere
Vorliebe hatte.

In diesen Augenblicken ward er auf einen Stoff aufmerksam, welcher
geeignet war, alle diese Empfindungen zur Darstellung zu bringen, auf
die Legende der Genoveva. In erster jugendlicher Kraft erschien hier
das ritterliche, kämpfende Christenthum, aber in noch höherm Glanze
strahlte der leidende, im Dulden siegende Glaube, der das Wunder
vom Himmel herabruft. Das Heidenthum, die Wildheit der natürlichen
Leidenschaft stehen auf der andern Seite. Die ganze Gewalt dieser
streitenden Kräfte konnte sich entfalten.

Schon einmal war Tieck daran erinnert worden. Als er im Jahre 1797
Hamburg zum zweiten Male besuchte, theilte ihm der Maler Waagen
ein Manuscript mit, eine Tragödie enthaltend, welche denselben
Stoff behandelte. Sie gehörte dem Maler Müller, dessen Name in der
Jugendzeit Goethe’s häufig genannt worden war, und der einst Muth genug
gehabt hatte, sich neben diesen zu stellen. Seitdem hatte er mit dem
Vaterlande gebrochen; er war nach Italien gegangen und für Deutschland
verschollen. Jenem Freunde hatte er während dessen Aufenthalt in Rom
das Trauerspiel mit dem Wunsche übergeben, nach zwanzig Jahren sein
Andenken in der deutschen Literaturwelt zu erneuern. Das Drama war
jedoch nicht neu, sondern noch unter dem unmittelbaren Einflusse des
„Götz“ entstanden. Tieck hatte das Manuscript zu lesen versucht,
aber andern Verhältnissen hingegeben, und durch die schwierige
Beschaffenheit desselben abgeschreckt, war er über eine oberflächliche
Durchsicht nicht hinausgekommen. Nur das schwermüthig und volksthümlich
gehaltene Lied Golo’s: „Mein Grab sei unter Weiden“, hatte Eindruck auf
ihn gemacht, und sich seinem Gedächtnisse umsomehr eingeprägt, als
der Verfasser diese Worte als Motto auf das Titelblatt gesetzt hatte.
Ohne indeß diese Gedanken weiter zu verfolgen, gab Tieck das Drama dem
Besitzer zurück.

Ein Jahr später lernte er unter den Volksbüchern, denen er stets eifrig
nachspürte, die „Geschichte vom Leben und Tode der heiligen Genoveva“
kennen. Die Legende erweckte seine ganze dichterische Kraft. Schon
am Ende des zweiten Theils des „Sternbald“ führte er vorübergehend
die Gestalt der Heiligen ein. Nun ward sie die leidende Heldin eines
dramatisch-religiösen Gedichts. Der Stoff erfüllte und beherrschte
ihn, er trieb ihn vorwärts. Es entstand ein episch gehaltenes Drama,
dem es auch an reichen lyrischen Elementen nicht fehlte, das von allen
Anforderungen des Theaters absah und nur die Stimmung des Moments
zum Ausdrucke bringen wollte. Im Sommer des Jahres 1799 war Tieck
nach Halle gegangen, um hier einige Wochen bei Reichardt zu verleben.
In Giebichenstein schrieb er den Prolog, in welchem er den heiligen
Bonifacius die Klage aussprechen ließ, daß Niemand mehr Gott vertraue,
daß man seinen und der Apostel Namen mit Spott und Hohn nenne, weil
sie dem Rufe gefolgt seien, der sie als Prediger in die Wüste gesendet
habe. Dann folgten die ersten Scenen. Noch vor Ablauf des Jahres wurde
das Ganze in Jena vollendet.

Eine eigenthümliche Fügung war es, daß er in dieser Zeit, wo er in den
Wundern der romantischen Poesie lebte, in Halle mit Voß zusammentraf,
der seiner Natur nach nur der entschiedenste Gegner derselben sein
konnte. Er hatte einen Ausflug nach Weißenfels gemacht, um Novalis,
den er bereits kannte, zu besuchen, als Reichardt’s alter Freund Voß,
damals noch Rector in Eutin, auf einer Ferienreise in Giebichenstein
eintraf. Dieser Zufall war für Reichardt nichts weniger als angenehm.
Schon war die Feindseligkeit zwischen Voß und Schlegel bekannt.
Dieser hatte in der „Jenaischen Literaturzeitung“ von 1796 und 1797
die Uebersetzung des „Homer“ und Voß’ „Musenalmanach“ einer Kritik
unterworfen, die jenen höchlich verletzte. Tieck war Schlegel’s Freund,
und hatte sich im „Archiv der Zeit“ über den Almanach ebenso wenig
unbedingt anerkennend ausgesprochen. Voß war durch das classische
Alterthum gebildet, er war in der Kenntniß desselben einer der ersten
Meister, er lebte in den einfachen antiken Grundgedanken und Formen.
In der deutschen Literatur hatte er sich besonders an Klopstock und
Gleim angeschlossen. Seine Uebersetzungen und Idyllen fanden bei Vielen
Anklang; auch hier hatte er sich eine strenge Behandlung der Form zum
Gesetz gemacht, während der Inhalt seiner Dichtungen nüchtern war. Es
war eine tüchtige rationalistische niederdeutsche Natur. Wie Nicolai
fürchtete er überall Katholicismus und Obscurantismus. Für ihn gab es
weder jene Mystik der gläubigen Poesie, noch den übermüthigen Humor,
welcher in den romantischen Dichtungen herrschte.

Reichardt wollte unangenehme persönliche Beziehungen vermeiden, und
schickte daher an Tieck eiligst einen Boten ab, mit der Bitte, nicht
nach Giebichenstein zurückzukehren, bevor es Voß verlassen habe. Doch
der Bote traf Tieck bereits auf dem Rückwege, und dieser war nicht
gesonnen, der Begegnung auszuweichen. In der Nähe von Giebichenstein
traf er gar auf Voß selbst und Reichardt, der sehr überrascht war,
seine wohlgemeinte Vorsicht vereitelt zu sehen. Man wechselte einige
Worte, dann ging jeder Theil seines Weges. In der nächsten Unterredung
mit Reichardt erklärte Tieck, er möge sich beruhigen, er werde nicht
nur Voß’ Freundschaft gewinnen, sondern diesen sogar nöthigen, ihn
aufzusuchen, und ihm durch den ganzen Garten zu folgen.

Als darauf die beiden Gegner zusammenkamen, zeigte sich Voß zuerst kalt
und zurückhaltend. Tieck konnte sich nicht verhehlen, dieser hagere,
trockene und steife Mann, der in dem scharf absprechenden Tone des
Gelehrten redete, mache keinen günstigen Eindruck. Dennoch ließ er
sich nicht abschrecken. Höflich und zuvorkommend, nicht ohne Ironie
näherte er sich ihm. Endlich überwand er sein sprödes Wesen. Bald war
von Goethe die Rede. Voß konnte nicht unterlassen, die Hexameter in
„Hermann und Dorothea“ zu tadeln. Tieck hörte diese Bemerkungen ruhig
an, dann entgegnete er trocken, es finde sich auch ein siebenfüßiger
darunter. „Was?“ fuhr Voß auf, „das wäre! Da lassen Sie uns gleich
nachsehen.“ Das war der Augenblick, welchen Tieck erwartet hatte. Sie
waren im Garten; indem er dem Hause zuging, um das Buch zu holen,
folgte ihm Voß mit hastigen, ungeduldigen Schritten. Der Beweis für die
Behauptung ward in der That geführt, und Voß’ gute Laune war völlig
hergestellt. „Sie sind ein vortrefflicher junger Mann!“ rief er aus.
„Wie danke ich Ihnen das!“ In freundlichem Verkehr verlebten sie darauf
die folgenden Tage ihres gemeinsamen Aufenthalts in Giebichenstein.



9. Jena und Weimar.


Seit einem Menschenalter war Weimar der Mittelpunkt des geistigen
Lebens in Deutschland. Eine neue Zeit war von hier ausgegangen, seit
Goethe es zu seinem Wohnsitze gewählt hatte. Wieland hatte er dort
gefunden, Herder nach sich gezogen, und Schiller war im Begriffe,
sich ebendahin zu übersiedeln. Selten waren bedeutendere Kräfte auf
einem engern Raume vereint gewesen; dem großen Talente schien sich in
der That das größere nachzudrängen. Welch ein reiches Leben war nicht
in diesem Zusammenwirken! Reich an tiefen Gedanken, an dichterischen
Schöpfungen, an umgestaltenden volksthümlichen Einwirkungen! Das kleine
Weimar war zu einem classischen Boden geworden; von hier empfing die
deutsche Poesie ihre Gesetze.

Neben Weimar stand Jena. Die alte Universität hatte neue Jugendfrische
gewonnen. Hatte Weimar die Poesie für sich, so gehörte Jena die
Wissenschaft. Hier glänzten kaum weniger große Namen. Hier hatte
die Kantische Philosophie ihren Sitz aufgeschlagen, dann war Fichte
gefolgt, zuletzt hatte Schelling die neue Philosophie der Natur
verkündigt. Neben ihnen stand manche andere bedeutende Autorität.
Griesbach der Theolog, Eichstädt der Philolog, Woltmann der Historiker,
A. W. Schlegel der Kritiker und Aesthetiker. Und welche Kraft konnte
eine größere Anziehung ausüben als der Geist? Kaum gab es ein
hervorragendes Talent, welches von dieser Welt nicht wäre angezogen
worden, und wenigstens für eine kurze Zeit in ihr geweilt hätte, so
Jean Paul, Friedrich Schlegel, Novalis.

Jetzt gesellte sich zu den großen deutschen Dichtern der jüngste in
dieser Reihe, Tieck. Man könnte sagen, es lag eine Nothwendigkeit
darin, wenn die Naturpoesie der Naturphilosophie begegnete. Was jene
dichterisch gestaltend darstellte, wollte diese wissend erkennen, das
geheimnißvolle Leben, die innere Kraft der Natur, ihren Geist.

Schon vor seiner Begegnung mit Voß hatte Tieck von Halle aus eine Fahrt
nach Jena unternommen. Es war ein erster Blick in diese Welt; hier
dachte er in dem kommenden Winter zu leben. Bereits erwartete ihn A.
W. Schlegel, und führte ihm einen neuen Freund zu, welcher auf diesen
Augenblick lange gehofft hatte. Ein Jahr früher schrieb F. Schlegel an
Tieck, zwei neue Freunde seien ihm durch seine „Volksmärchen“ gewonnen,
Novalis und Schelling. Jetzt traten ihm beide entgegen.

Die Begegnung zwischen Tieck und Novalis war für beide entscheidend.
Zwei Geister trafen zusammen, die nur aufeinander gewartet zu
haben schienen. In der Zeit, wo er Jakob Böhme ergriffen hatte,
fand Tieck auch Novalis. Dieser sagte später einmal, mit Tieck’s
Bekanntschaft beginne ein neues Blatt in seinem Leben. Neigung,
Studium, schmerzliche Erfahrungen hatten ihn von einer andern Seite
her denselben Weg geführt. Auf die Erforschung der Natur leitete ihn
äußerer Beruf, auf die Naturphilosophie innerer Trieb. Auch war er in
Schlegel’s „Athenäum“ als Schriftsteller aufgetreten; er hatte seine
Ebenbürtigkeit erwiesen, und die Ausführung des „Ofterdingen“, in dem
er eine Verherrlichung der Poesie geben wollte, begonnen. Eifrig hatte
er den „Wilhelm Meister“ studirt, und Vieles daraus seinem Gedächtnisse
vollständig eingeprägt; er bewunderte ihn zuerst ebenso sehr, als er
sich später davon abwandte. Dann hatte er mit nicht geringerem Eifer
den „Sternbald“ gelesen. Nach dem Tode seiner Braut versenkte er sich
in eine stille befriedigte Mystik, welche ihn aufrecht hielt, und zu
dem religiösen Glauben zurückführte, in dem er erzogen worden war. Er
war um ein Jahr älter als Tieck.

Novalis war ein Ersatz für Wackenroder, an den er in mancher Beziehung
erinnern konnte. Beide waren fein organisirte Naturen, beide tief und
eigenthümlich; glaubensvolles Hingeben war ihnen Bedürfniß. Doch war
der spätere Freund dem früheren in vielen Punkten überlegen. Mit der
mystischen Richtung vereinte Novalis verstandesmäßige Schärfe und
Klarheit, er war philosophisch geschult, er besaß Blick und Urtheil
für die Welt, mit Gewandtheit bewegte er sich in ihren Verhältnissen.
An seiner Stelle mußte er Jedes anerkennen, ohne dem Höchsten etwas zu
vergeben. Er war freier, sicherer, durchgebildeter als Wackenroder.

Es war ein schöner Abend, als die Freunde während des Besuchs,
den Tieck im Sommer 1799 in Jena machte, zum ersten Male vereint
waren. Novalis war aus Weißenfels gekommen. A. W. Schlegel hatte den
Vermittler gemacht. In bewegten Gesprächen hatten sie die Herzen
gegeneinander aufgeschlossen, geprüft und erkannt; die Schranken des
alltäglichen Lebens fielen, und beim Klange der Gläser tranken sie
Brüderschaft. Mitternacht war herangekommen; die Freunde traten hinaus
in die Sommernacht. Wieder ruhte der Vollmond, des Dichters alter
Freund seit den Tagen der Kindheit, magisch und glanzvoll auf den
Höhen um Jena. Sie erstiegen den Hausberg, und eilten weiter über die
Hügel. Endlich begleiteten sie Novalis nach Hause; der Morgen war nicht
mehr fern. Als man Abschied nahm, sagte Tieck: „Jetzt werde ich den
‚Getreuen Eckart‘ vollenden.“ „Wenn du das kannst nach diesem Abende,
nach diesem Spaziergange“, erwiderte Schlegel, „dann will ich dich
hoch in Ehren halten!“ Tieck löste sein Wort. In den Morgenstunden
vollendete er die Erzählung, und noch an demselben Tage theilte er sie
den Freunden mit.

Sogleich wurde die Verabredung getroffen, Tieck solle nach seiner
Rückkehr, von Halle aus den neuen Freund in Weißenfels besuchen. Er
verlebte hier einige Tage. Der Eintritt in diese Familie machte einen
tiefen Eindruck. Ein ernstes, stilles Leben, eine prunklose, aber wahre
Frömmigkeit herrschte hier. Die Familie war der Lehre der Herrnhuter
zugethan, und lebte und wirkte in diesem Sinne. Der alte Hardenberg,
früher ein rüstiger Soldat, eine hohe, ehrwürdige Natur, stand wie
ein Patriarch in der Mitte talentvoller Söhne und lieblicher Töchter,
denen sich Julie von Charpentier, Novalis zweite Braut, zugesellte. Der
neue Freund wurde von dem Vater herzlich willkommen geheißen, und bald
fanden sie mehr als einen Einigungspunkt. Neuerung und Aufklärung waren
ihm in jeder Form verhaßt; die alte verkannte Zeit liebte und lobte
er, und wenn die Gelegenheit es bot, konnte er derb und rückhaltlos
seine Ansichten aussprechen, oder in plötzlichem Jähzorn auflodern.
Die komischen Gegensätze, welche dabei bisweilen zum Vorschein kamen,
thaten seiner ursprünglichen Würde keinen Eintrag.

Einst hörte Tieck den alten Herrn im Nebenzimmer in nicht eben
glimpflicher Weise schelten und zürnen. „Was ist vorgefallen?“ fragte
er besorgt einen eintretenden Bedienten. „Nichts“, erwiderte dieser
trocken. „Der Herr hält Religionsstunde.“ Der alte Hardenberg pflegte
Andachtsübungen zu leiten, und auch die jüngern Kinder in Dingen des
Glaubens zu prüfen, wobei es mitunter stürmisch herging.

Im October übersiedelte sich Tieck mit seiner Frau und der eben
geborenen Tochter Dorothea nach Jena. Er wohnte in dem Hause A. W.
Schlegel’s, welches für ihn und andere Freunde der Mittelpunkt des
gemeinsamen Lebens ward. Er lernte Schlegel’s Frau, Karoline, und deren
Stieftochter, Auguste Böhmer, kennen. Diese war siebzehn Jahre alt;
unleugbar eine der anziehendsten Erscheinungen in diesem Kreise. Sie
war rasch, lebhaft, geistvoll, durchaus originell. Man konnte sie nicht
schön nennen, denn sie hatte einen etwas schielenden Blick; doch weit
entfernt, störend oder abstoßend zu wirken, gab es ihren tiefen Augen
einen eigenthümlichen Ausdruck. Es lag darin eine Gewalt, der man sich
kaum zu entziehen vermochte. Als Tieck in das Zimmer trat, rief sie
ihm entgegen: „Sie kommen durch die Thür? Ich meinte, Sie müßten, wie
Ihr Kater, über die Dächer einherspazieren.“

Andere Freunde traten diesem Kreise bei, Friedrich Schlegel und
Dorothea Veit, dann Fichte, Schelling. Oft kam auch Novalis aus
Weißenfels. Brentano, der in Jena studirte, Gries, die Künstler Bury
und Genelli, und noch mancher Andere gesellte sich vorübergehend zu
ihnen. In heiterer Weise vereinte man sich in dem Hause des ältern
Schlegel zum gemeinsamen Mittagstisch; Tieck wenigstens und die Seinen
regelmäßig. Hier fanden sich jene geistig angeregten Gesellschaften
in Wirklichkeit, welche er in den spätern Novellen so meisterhaft zu
schildern verstand. Daß sie so reich waren, konnte zum großen Theil für
sein Werk gelten. Abends kam man wieder zusammen, war es bei Schlegel,
oder bei Frommann dem Buchhändler, der an Allem den lebhaftesten
Antheil nahm. Tieck las etwas Dramatisches, jeder theilte mit, was
er eben vollendet hatte, oder worüber er den Rath, das Urtheil der
Freunde zu vernehmen wünschte. Poesien, Studien und Entwürfe, Meinungen
und Ansichten kamen zur Besprechung. Hier las Tieck sein damals
niedergeschriebenes Gedicht „Die Zeichen im Walde“. Er hatte es zuerst
in verschlungenen Reimen, dann in durchgehender Assonanz bearbeitet,
die als Probe gewandten Versbaus aufgegeben war. Treffend bemerkte
einmal Schlegel, wem die größern Dichtungen Tieck’s zu lang seien, dem
müsse man die Verse von der Waldeinsamkeit im „Blonden Ekbert“ zu lesen
geben; diese seien die Quintessenz seiner Poesie und der wahre Inhalt
seines Wesens.

Schlegel selbst las sein Gedicht auf die Schauspielerin Bethmann. Ein
anderes Mal hielt Novalis einen Vortrag, der einen eifrigen Streit
hervorrief, weil man fand, daß er sich darin zum Katholicismus bekannt
habe. Brentano trug seine „Naturgeschichte des Philisters“ vor, als
auch Fichte zugegen war. Nach beendigter Vorlesung erhob sich dieser
mit den Worten: „Nun werde ich euch aus dieser Geschichte beweisen,
daß eben der Brentano hier der erste und ärgste unter allen Philistern
ist!“ Worauf dann eine schlagende Kritik folgte. Der Erinnerung an
dieses Leben widmete Brentano einige bewegte Zeilen am Schlusse seines
verwilderten Romans „Godwi“, den er unter diesen Einwirkungen schrieb.

Vornehmlich war es die spanische Poesie, mit deren Studium sich Tieck
und A. W. Schlegel eifrig beschäftigten. Sie gedachten für deren
Einführung in die deutsche Literatur miteinander zu wirken. Während
Tieck den „Don Quixote“ übersetzte, erwuchs daraus der Plan, mit
Schlegel gemeinschaftlich den Cervantes vollständig zu übertragen.
Soeben hatte er auch den Band des Calderon erhalten, in welchem „Die
Andacht zum Kreuze“ stand, eine Tragödie, die ihm mehr als irgendeine
zusagte. Er erzählte von dem Eindrucke, welchen sie auf ihn gemacht
habe, und forderte Schlegel auf, sie ebenfalls zu lesen. Dies geschah;
am andern Tage tauschte man die Meinungen aus. Schlegel konnte diese
Bewunderung nicht theilen. Manches fand er nicht hinreichend motivirt,
die langen Reden unnatürlich, es war ihm zu katholisch; erst durch
Abkürzungen und Umarbeitungen könne dergleichen für den deutschen
Geschmack genießbar gemacht werden. Dagegen nahm Tieck das Gedicht in
Schutz. Vor allem müsse man sich die Fähigkeit aneignen, an die Legende
zu glauben; darum sei es noch nicht nöthig, die Legende selbst zu
glauben, aber es sei die Bedingung, unter der allein ein Verständniß
solcher Dichtungen möglich sei. Diese Anregung war für Schlegel
bedeutend genug, ihn zur Uebersetzung des Calderon zu veranlassen.
Später ging er so vollständig auf den eigenthümlichen Geist des
Dichters ein, daß er Tieck’s Ansichten zu den seinen machte, während
dieser sie gegen eine kühlere Betrachtung des spanischen Dramas aufgab.
Einige Jahre darauf war der Bewunderer zum Tadler geworden, und der
strenge Kritiker zum Lobredner. „Schreibe erst solche Dramen“, bemerkte
Schlegel gegen Tieck, „dann will ich deinen Tadel gelten lassen.“

So arbeiteten in dichterischem Wetteifer die Freunde mit- und
nebeneinander. Damals entstand ein großer Theil jener Sonette, in
denen Schlegel ältere Dichter und Meister der Kunst feierte. In
eigenthümlicher Laune wünschte er seinen Gedichten auch eines von
Tieck hinzuzufügen, und dieser schrieb darauf das Sonett auf die
„Galathea“ des Cervantes, welches Schlegel mit den seinen herausgegeben
hat. Auch Tieck’s „Arion“ war kurz vorher entstanden. Mit gewohnter
Schärfe hatte sich Herder über Schlegel’s „Arion“ geäußert. Es schien
ihm eine undankbare Arbeit, einen so oft behandelten Stoff nochmals
zu bearbeiten, er bezweifelte die Möglichkeit, ihm eine neue Seite
abzugewinnen. Durch diese Behauptungen wurde Tieck gereizt, sich
ebenfalls an der Dichtersage zu versuchen. Schlegel’s Gedicht war
ihm ohnehin zu glatt, zu elegant. Er suchte seinem „Arion“ eine mehr
dramatische Farbe zu geben.

Auch als begeisterter Verkündiger Jakob Böhme’s trat er auf. Vollen
Anklang fand er bei Novalis, welcher den deutschen Philosophen zuerst
durch ihn kennen lernte und mit gleicher Begeisterung erfaßte. In ihm
sah er den wahren Mikrokosmus, den gewaltigen Frühling mit allen seinen
quellenden, bildenden Kräften, der eine neue Welt aus sich zu gebären
ringt; Ansichten, die er bald darauf in einem an Tieck gerichteten
Gedichte aussprach.

Andere verhielten sich zweifelhafter oder abweisend; Niemand aber war
weniger geeignet, sich mit Böhme zu befreunden, als Fichte. Diesen
hatte Tieck schon in Berlin zu Anfang des Jahres 1799 kennen gelernt.
Dorthin hatte sich Fichte begeben, als die Anklage auf Atheismus gegen
ihn erhoben wurde, und war mit Friedrich Schlegel und Bernhardi in
nähern Verkehr getreten. Als bald darauf Tieck Berlin verließ mit der
Absicht, über Halle nach Jena zu gehen, gab ihm Fichte einen Brief mit
an seine zurückgebliebene Frau. Er selbst war noch einmal nach Jena
gekommen, um seine Verhältnisse aufzulösen, und verweilte dort in den
Wintermonaten von 1799 auf 1800.

Kaum konnten zwei Naturen entgegengesetzter sein als die Fichte’s und
Tieck’s. Es war der Gegensatz der verstandesmäßigen Consequenz und der
Phantasie, der Philosophie und der Poesie. Fichte’s scharf ausgeprägtes
Wesen, die Strenge, die Rücksichtlosigkeit, mit der er zu urtheilen
pflegte, wollte Tieck nicht überall zusagen. Wenn auch Manches
solchen Aeußerungen zu widersprechen schien, namentlich Fichte’s
Kindererziehung, so konnte er dennoch diesem festen, männlichen
Charakter seine Achtung nicht versagen. Er nannte ihn später öfter den
eisernen Fichte.

Die Gespräche über Jakob Böhme wollten zu keinem Frieden führen.
Tieck blieb dabei stehen, daß er ein Prophet, Fichte, daß er ein
verworrener Träumer sei. Als jener wiederum auszuführen suchte, wie
in Böhme philosophisches Denken mit dichterischer Anschauung sich
unmittelbar verbinde, fiel Fichte mit den Worten ein: „Lieber Freund,
Sie sind ein Dichter, und wenn Sie mir die Versicherung geben, Jakob
Böhme sei ein großer Dichter, so will ich Ihnen das aufs Wort glauben;
dagegen aber müssen Sie mir auch glauben, wenn ich Ihnen sage, er ist
kein Philosoph, sondern ein großer Narr!“ „Dann machen Sie mir erst
deutlich“, erwiderte Tieck, „wie man ein großer Narr, und zugleich
ein großer Dichter sein kann!“ Fichte meinte, das würde zu vieler
Demonstrationen bedürfen, und brach das Gespräch ab.

Nicht immer war es möglich in schöpferischer Thätigkeit im
dichterischen Genusse, im Austausche der Gedanken ohne Widerspruch zu
leben. Es mußten Augenblicke der Abspannung eintreten; der Duft der
Poesie konnte die Gegensätze menschlicher Schwäche wol verschleiern,
aber nicht aufheben.

Auch dieser Welt des Geistes fehlte es weder in Jena noch in Weimar
an Gegnern. Es war die Mittelmäßigkeit, welche sich schon durch das
Dasein derselben unangenehm berührt, in ihrer Behaglichkeit gestört
fand, und darin einen Vorwurf für sich selbst sah. Der Anerkennung
setzte sich der Neid und die Misgunst entgegen; sie scheute sich nicht
zu Klätscherei und Ränken ihre Zuflucht zu nehmen. Feinde dieser Art
konnte man verachten, oder mit den Waffen des Geistes und Witzes
bekämpfen, oder stillschweigend dulden. Der Führer jener platten
und niedrigen Opposition war Kotzebue, der Bühnenherrscher, für den
neben Goethe und Schiller auf dem classischen Boden Weimars noch
Raum war. Mit ihm verbündet war der Publicist Garlieb Merkel. Dazu
kam die Feindschaft zwischen A. W. Schlegel und Schütz, dem Führer
der „Jenaischen Literaturzeitung“, seit sich ihr das „Athenäum“ als
Ausdruck einer neuen Kritik entgegengestellt hatte. Schon im Herbst
1799 hatte Schlegel von der fernern Mitwirkung an jener Zeitung sich
öffentlich losgesagt. An solchen Gegnern übte er die schärfsten Waffen.
Tieck nahm an diesen Kämpfen keinen persönlichen Antheil; er war der
Meinung, Schlegel beachte diese Gegner und ihre Angriffe mehr als
nöthig, und gebe ihnen dadurch einen Werth, den sie nicht hätten.

Bedenklicher war es, daß in dem Freundeskreise selbst Misklänge und
Irrungen nicht fehlten. Dies ging zunächst von den Frauen der beiden
Schlegel aus, die sich miteinander nicht verständigen konnten. Dorothea
überließ sich dem rücksichtlosen Zuge Friedrich Schlegel’s, und rief
dadurch manche Kritik ihrer gemessenern Schwägerin hervor. Tieck
konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihm in ihrer männlichen, oft
unschönen Weise widerlich sei. An dem Romane „Florentin“, mit dem sie
sich beschäftigte, fand er ebenso wenig Gutes, als er die „Lucinde“
seines Freundes, welche soeben erschienen war, anzuerkennen vermochte.
Er konnte sich weder mit diesen Ansichten, noch mit der Art ihrer
Ausführung befreunden. Das Buch wollte ihm fast abgeschmackt scheinen.
Noch weniger begriff er Schleiermacher’s Kritik in den vertrauten
Briefen über diesen Roman. Geheim waren sie nach Jena geschickt worden,
um gedruckt zu werden. Durch einen Zufall hatte er bald erfahren, wer
der Verfasser sei.

Aber F. Schlegel selbst zeigte sich zu Zeiten abstoßend und unbillig.
Seine Art sich zu äußern, wenn er einmal zu sprechen begann, war stets
ein überfließender Erguß, seine Beredtsamkeit wandelte jedes Gespräch
in einen Monolog um, der tiefsinnig sein konnte, aber doch schließlich
ermüdete. Und Tieck liebte nichts mehr als den freien Austausch des
Gebens und Nehmens im Gespräch. Ward Schlegel in einem solchen Monologe
durch irgendeinen Einwand, einen leichten Zweifel unterbrochen,
so konnte er ungerecht, ja leidenschaftlich werden. Wenn er nicht
unbedingten, fast blinden Glauben fand, so sah er darin eine Verletzung
der Freundschaft, zog sich beleidigt zurück, und war dann wochenlang
kalt und mistrauisch.

Doch auch mit A. W. Schlegel war Tieck nicht überall eines Sinnes.
Dies trat auch in ihren Ansichten über Schiller hervor. Bereits war
das Verhältniß zwischen diesem und den Schlegel ein gespanntes, und
gereizt wie er war, beurtheilte Schlegel die Dichtungen Schiller’s
schonungslos, ja ungerecht. In diesen Ton konnte Tieck nicht
einstimmen, wenn freilich auch seine Ansichten und Beziehungen zu
Schiller seit seiner Jugend andere geworden waren. Während man
allgemein von der größern und reichern Entwickelung des Dichters in
der spätern Zeit sprach, erkannte er nur eine Beschränkung, eine
Verengerung, eine Furcht vor der Anwendung der vollen Kraft. Das
Streben nach dem Idealen war ihm eine Verwischung des Individuellen,
ein Hineinziehen des Eigenthümlichen in das Allgemeine, Unbestimmte.
Er wollte in seiner Poesie das Besondere, das Nationale zum Ausdruck
bringen, Schiller entwickelte dagegen ein grandioses, aber allgemeines,
tragisches Pathos. Auch von der Fruchtbarkeit der philosophischen
Studien konnte er sich nicht überzeugen. Weder mit ihren Ergebnissen
stimmte er überein, noch mit dem Eindringen der philosophirenden
Reflexion in die Poesie. Dagegen erfüllte ihn immer noch die
unbedingteste Bewunderung vor Schiller’s ältester Dichtung, den
„Räubern“. Hier herrschte ein gewaltiger, kolossaler Geist, der mit
einer Kühnheit, einem Trotze auftrat, wie er kaum seines Gleichen
hatte. Er nahm den Dichter nicht nur gegen seine Gegner, sondern auch
gegen ihn selbst und seine Kritik in Schutz. Die spätern Bearbeitungen
galten ihm für Abschwächungen, ja für eine Verleugnung der eigenen
geistigen Gewalt.

Tieck hatte den Freunden viel von den „Räubern“, und der schon damals
seltenen ersten Ausgabe gesprochen; auf diese müsse man zurückgehen,
wenn man die wunderbare Dichtung ganz würdigen wolle. Zum guten Glücke
fand man diese Ausgabe in einem unbedeutenden Bücherladen, und sogleich
begann Tieck sie den Freunden vorzulesen. Günstig schien es, daß
der ältere Schlegel verhindert war zugegen zu sein. Unerwartet indeß
trat er während des Lesens ein, und fing an Tieck durch hingeworfene
Bemerkungen, dann durch Angriffe auf das Stück zu unterbrechen. Er
könne nicht begreifen, wie man an einem so rohen Producte Gefallen
finden, wie man es nur lesen könne. Wie man es denn überhaupt nennen
solle? Es sei weder ein Drama noch ein Epos, noch gehöre es irgendeiner
Kunstgattung an. Voll Verdruß über diesen Tadel schlug Tieck endlich
das Buch nicht ohne Heftigkeit zu. „Das ist das Beste, was du thun
kannst“, sagte Schlegel ironisch.

Auch an Tieck’s Vorlesen fand er viel zu tadeln, obgleich dieser mit
entwickelter Virtuosität und dem entschiedensten Erfolge las. Er
sprach ihm sogar die Fähigkeit ab Tragisches zu lesen, sein natürlich
einfacher Ton sei für das Pathos der Tragödie viel zu schwach, nur für
das Komische wollte er ihn gelten lassen. Er selbst pflegte Tragisches
in einem unangenehmen Gurgelton zu lesen, der von der Bescheidenheit
der Natur weit entfernt war, und eine Wirkung hervorbrachte, welche der
beabsichtigten ganz entgegengesetzt war.

In äußere Beziehung zu Schiller war Tieck bereits durch den
„Musenalmanach“ von 1799 getreten, für welchen er durch Schlegel’s
Vermittelung einige Gedichte geliefert hatte. Bei dem ersten
Aufenthalte in Jena im Juli hatte er ihn in seinem Gartenhause besucht.
Schiller kannte Tieck’s nahe Verbindung mit den Schlegel, und mochte
ihn vielleicht schon deshalb nicht ohne Zurückhaltung empfangen. Er war
hager und groß, der Oberleib langgestreckt, die Gesichtsfarbe bleich;
die graublauen Augen hatten für gewöhnlich einen kalten Ausdruck, der
jedoch schwand, wenn er in der Unterhaltung warm wurde. Er sprach
nicht ohne Pathos. Von Shakspeare und der spanischen Literatur war
die Rede. „Meinen Sie denn auch, daß Lope de Vega eine so große
Aehnlichkeit mit Shakspeare hat?“ war eine Frage, auf welche Schiller
besonders Antwort zu haben wünschte, die aber Tieck nicht so kurzweg zu
ertheilen wußte. Auch bei wiederholten Besuchen blieben ihre Gespräche
auf der Oberfläche. Es schien etwas Fremdes zwischen ihnen zu stehen.
Tieck fühlte sich erkältet gegen Schiller, ihre Wege gingen zu sehr
auseinander.

Eine letzte Begegnung hatten sie in Dresden 1801. Auch diesmal kamen
sie nicht weiter. Tieck machte aus der Gemäldegalerie ein Studium;
auch Schiller hatte sie besucht. Sie kamen im Gespräche auf Malerei.
In seinen Kunsturtheilen war Schiller durch den Einfluß Goethe’s und
Meyer’s bestimmt. Von diesen hatte er Manches angenommen, so die
unbedingte Bewunderung der alten Kunst und Plastik, welche seiner
eigenen Natur fern stand. Er sprach sich daher gegen die Malerei aus.
Er fand den Eindruck der Farbe unangenehm; er habe keine Dauer, es sei
unmöglich ihn festzuhalten und zu bestimmen. „Sie sehen z. B. dieses
Tuch“, sagte er, indem er auf ein rothes Umschlagetuch seiner Frau
hinwies, das in der Nähe des Fensters lag. „In diesem Augenblicke
erscheint es roth, lassen Sie das Licht wechseln, und dasselbe Roth
wird sich dann lila oder grau zeigen, und damit wird auch der Eindruck
ein anderer werden müssen. Dagegen wie viel sicherer und entschiedener
ist er nicht in der plastischen Kunst. Am höchsten möchte das Basrelief
stehen, das die Festigkeit der Plastik mit der Bewegung der Malerei
verbindet.“ Tieck machte die Gegenfrage, ob sich diese Beobachtungen
über den Eindruck der Farbe auch vor Correggio’s Bildern behaupteten.
„Gerade hier finde ich sie am meisten bestätigt!“ antwortete Schiller.
Dagegen führte Tieck aus, wie in der Vertheilung von Licht und
Schatten, in dem unendlichen Wechsel und Spiel der Farbe, in den
Mitteln der Zeichnung, der nicht zu erschöpfende Zauber der Malerei
liege. Endlich schieden sie voneinander, ohne sich überzeugt zu haben.

Zugleich war eine andere Hoffnung im Sommer 1799 in Erfüllung
gegangen. Tieck war dem Altmeister der Poesie genaht, er hatte Goethe
gesehen. Schlegel, der bei Goethe als metrischer Rathgeber in Ansehen
stand, und Novalis hatten es übernommen ihn einzuführen. Sicherer
und unbefangener, als er selbst geglaubt hatte, trat er nun endlich
jenem Dichter entgegen, dessen Gestalten ihn seit den Tagen frühester
Kindheit begleitet hatten, der zu einer großen geistigen Macht in
seinem Leben geworden war. Diesen Augenblick hatte er als Knabe geahnt,
und ihn mit heißer Sehnsucht als Jüngling herbeigewünscht, darauf
schien eine Seite seines Lebens angelegt. Jetzt endlich war er da!
Goethe stand wirklich vor ihm. Das war er selbst, Götz, Faust, Tasso!
Aber auch der Herrscher im Reiche der Poesie, in abgeschlossener
Hoheit stand vor ihm. Ein gewaltiges, erschütterndes Gefühl erfüllte
ihn beim ersten Anblicke. „Das ist ein großer, ein vollendeter Mensch,
du könntest bewundernd vor ihm niederfallen!“ Zugleich erhob sich aus
dem Grunde seiner Seele wie ein Wolkenschatten der leise aufsteigende
Zweifel: „Könntest du ihn zu deinem Freunde, deinem Vertrauten machen?“
Und er mußte sich antworten: „Nein, das könntest du nicht!“

Auf diese erste Begegnung folgten mehrere Besuche, bei denen man sich
etwas näher kam. Tieck erzählte von seinen Studien des Shakspeare
und dessen Zeitgenossen. Dies führte auf Ben Jonson. Er schilderte
dessen durchgehenden Gegensatz gegen Shakspeare, und endete mit der
Frage, ob Goethe nicht einen Versuch mit dem sonderbaren Schriftsteller
machen wolle. Da Goethe bereitwillig darauf einging, schlug er ihm
den „Volpone“ vor, und überbrachte ihm die Folioausgabe. Als er ihn
nach einiger Zeit wieder besuchte, hatte Goethe das empfohlene Drama
soeben durchgelesen. Das Buch lag noch vor ihm. „Hören Sie, verehrter
Freund“, rief er ihm besten Humors entgegen, indem er mit der Hand auf
den Deckel des Buches schlug, „das ist ja ein ganz verfluchter Kerl!
ein wahrer Teufelskerl!“ Tieck sprach seine Freude aus, daß seine
Empfehlung sich bewährt habe. „Ja, das ist ein Schwerenothskerl!“ fuhr
Goethe mit derselben Handbewegung fort, „was hat der für Kniffe im
Kopfe!“ Auf die Frage, ob er nicht noch einiges Andere lesen wolle, um
ihn ganz kennen zu lernen, antwortete er abwehrend: „Nein, verehrter
Freund, nun ist es genug, nichts weiter. Ich kenne ihn jetzt, und das
reicht hin!“

Im November kam darauf Goethe nach Jena. Tieck hatte die „Genoveva“
vollendet, und sie den Freunden mitgetheilt, jetzt kam die Gelegenheit,
das Gedicht auch ihm vorzulesen. Goethe wohnte auf dem Schlosse. Da
der erste Abend nicht ausreichte, so konnte die Vorlesung erst am
folgenden beendet werden. Aufmerksam und theilnehmend war Goethe ihr
gefolgt. Er sprach sich wohlwollend und anerkennend aus. Dann wandte er
sich zu seinem neunjährigen Sohne, der am zweiten Abend zugegen war.
Indem er ihm mit der Hand über das Haar hinstrich, sagte er: „Nun, mein
Söhnchen, was meinst du denn zu allen den Farben, Blumen, Spiegeln und
Zauberkünsten, von denen unser Freund uns vorgelesen hat? Ist das nicht
recht wunderbar?“ Einige Einwendungen, welche Goethe machte, wurden
später berücksichtigt.

Auch den „Zerbino“ lernte er kennen. Er schenkte den ernsten
Charakteren und den lyrischen Partien vollen Beifall, und forderte
Tieck auf, diese zusammenzuziehen, und zu einem Ganzen abzurunden,
welches alsdann auf der weimarischen Bühne dargestellt werden sollte.
Obgleich es Goethe war, von dem dieser Vorschlag ausging, konnte sich
Tieck doch nicht entschließen darein zu willigen. Beide Theile, der
satirische wie der dichterische, gehörten unmittelbar zusammen, sie
gewannen erst durcheinander ihre Bedeutung. Ein Streichen des einen
Theils würde einem Zerstören des Ganzen gleichgekommen sein.

Vor allem wünschte Tieck den Meister auch im Reiche der Bühne kennen
zu lernen, auf einem Gebiete, welches er selbst so allseitig studirt
hatte, und dem noch immer seine Neigung angehörte. Konnte ihm doch
selbst damals noch der Gedanke kommen, Goethe um die Erlaubniß zu
ersuchen die Bühne zu betreten. Wäre es auch nur einmal gewesen, er
wünschte wenigstens den Versuch eines öffentlichen Spiels gemacht zu
haben. Indeß gab er diesem Einfalle keine weitere Folge.

Die weimarische Gesellschaft hatte er früher in Lauchstädt spielen
sehen, und in ihre unbedingte Anerkennung nicht einstimmen können.
Seiner Meinung nach verdienten manche Schauspieler nicht den Ruf, in
welchem sie standen. Graff’s Pathos unterschied sich wenig von dem
verrufenen tragischen Gurgelton. Jetzt wohnte er an Goethe’s Seite
einer Vorstellung der „Maria Stuart“ bei, die soeben auf die Bühne
gebracht worden war. Auch diesmal konnte er nicht anderer Meinung sein.
Den künstlerischen Instinct, welchen er an Fleck bewunderte, fand
er hier nicht wieder. Alles war auf ein gewisses durchschnittliches
Mittelmaß zurückgeführt. Ein ihm aus Berlin bekannter Schauspieler
gab den Leicester in so ungeschickter Weise, daß er die Bemerkung
nicht unterdrücken konnte, wie dieser das Ganze entschieden störe.
„Ich kann es nicht finden“, antwortete Goethe trocken, „er thut seine
Schuldigkeit gleich allen Andern.“

Bei den wiederholten Besuchen in Weimar lernte Tieck auch Herder
kennen. Dieser empfing ihn in freundlicher Weise, doch nicht ohne
abgemessene Würde. Nach den ersten Wechselreden trat der Kritiker aus
dem „Gestiefelten Kater“ ein, Böttiger, den Tieck hier zum ersten Male
sah, und dem er später noch öfter begegnen sollte. Böttiger stand mit
Herder in gelehrter Verbindung, und pflegte ihn häufig zu besuchen.
Eingedenk der Rolle, welche Tieck ihn spielen ließ, hatte er Herder
erzählt, wie man in Berlin jeden abgeschmackten Einfall schlechtweg mit
den Worten bezeichne: „Das ist gerade so thöricht wie der ‚Gestiefelte
Kater‘.“ Nicht ohne Ironie stellte Herder dem Eintretenden den jungen
Dichter des „Gestiefelten Katers“ vor. Böttiger, welcher das Bedürfniß
hatte Complimente zu machen, und stets einige in Bereitschaft zu
haben pflegte, gerieth in sichtbare Verlegenheit. Mit einem komischen
Auf- und Niederzucken der Augenbrauen, das ihm eigenthümlich war,
beschränkte er sich darauf, mit sauersüßem Lächeln zu wiederholen: „Ei!
Ei! das ist ja recht schön!“

Weniger erfreulich war ein späterer Besuch. Herder litt seit längerer
Zeit an tiefer Misstimmung. Er stand nicht mehr mit Goethe in gutem
Einvernehmen. Der scharfe kritische Ton der jüngern Schule hatte
ihn verletzt, und die Kantische Philosophie, die in seiner Nähe
namhafte Verehrer hatte, regte ihn zu heftigem Widerspruche auf.
Seine „Metakritik“ war bereits erschienen, ein Buch, das selbst seine
Anhänger nicht gutheißen wollten. In muthwilligem Scherze hatte Tieck
die Allegorie von Hugo und Hägesa, welche die Metakritik einleitet,
in den „Zerbino“ hineingezogen, und sie durch den Epilog als ein
deutsches Nationallustspiel ankündigen lassen, das nächstens zur
Aufführung kommen solle. Herder war nicht der Mann, einen solchen
Spaß durchschlüpfen zu lassen, oder ihn mit Humor aufzunehmen. Tieck
hatte genug von seiner Empfindlichkeit gehört, um zu wissen, wie er
jetzt gegen ihn gesonnen sein werde. Ungern folgte er daher einer
Aufforderung von Novalis, ihn zu Herder zu begleiten, der unmöglich
einen leichten Scherz schwerer nehmen könne, als er gemeint sei.

Dennoch hatte Tieck Recht. Herder war gekränkt, und verfehlte nicht es
merken zu lassen. Er erschien kalt und fremd, fast umgewandelt. Seine
Frau, die eine unangenehme Schärfe besaß, zeigte sich noch abstoßender.
Nur der Gegenwart des Freundes mochte es Tieck zu danken haben, daß
eine Einladung, den Thee mit ihnen zu trinken, erfolgte. Eine peinlich
verlegene Scene entstand, welche durch das trübselige Helldunkel des
Zimmers für Tieck einen noch grausigern Charakter annahm. Kein freies
offenes Gespräch wollte in Gang kommen, alle fühlten sich gedrückt.
Eine Art Befreiung war es, als endlich ein neuer Gast, der Kunst-Meyer,
eintrat. Dieser mußte nun die Kosten der Unterhaltung übernehmen. Er
wußte Mancherlei zu erzählen. Dem jüngern Stolberg sei durch seine
Freunde eine ganz absonderliche Weihnachtsbescherung bereitet worden.
Man habe ihm eine Krippe mit einer Puppe darin aufgebaut, und diese
habe er dann angebetet. Solchen und andern spöttischen Reden machte
Herder durch ein entschiedenes Wort ein Ende, das auch in dieser
peinlichen Stimmung auf Tieck Eindruck machte. „Lassen wir das, mein
Freund“, sagte er, „man muß einem Jeden seine Hausreligion lassen!“ Da
indeß der Einklang nicht wieder herzustellen war, so verabschiedeten
sich Tieck und Novalis bald darauf.

Auch später zeigte sich Herder nicht versöhnlicher. Als er im Jahre
1803 auf der Bibliothek in Dresden seine Studien für den „Cid“ machte,
traf er wiederum mit Tieck zusammen, aber er blieb fremd wie zuvor. Ein
schadenfroher Zufall war es, daß sie sich noch einmal bei der Frau von
Berg begegnen mußten, die in der Hoffnung einiger genußreicher Stunden
die beiden Dichter allein zu Mittag eingeladen hatte. Herder ließ auch
hier nichts von jener Liebenswürdigkeit ahnen, die ihm, wenn er wollte,
zu Gebote stand. Er war einsylbig, verschlossen und mürrisch.

Eng verbunden mit ihm war Jean Paul, der sich ebenfalls in Weimar
aufhielt. Die Schriften des humoristischen und sonderbaren Dichters
hatte Tieck bereits vor Jahren kennen gelernt, als er mit Wackenroder
einige Tage in Braunschweig war. Zufällig fand er damals bei einem
Bücherhändler die „Unsichtbare Loge“. Der von allem Bekannten
abweichende Ton bestimmte ihn, das Buch mit sich zu nehmen. Er begann
Wackenroder daraus vorzulesen, bei dem es aber nur eine kühle Aufnahme
fand. Noch übler erging es Jean Paul’s ersten Schriften bei den
berliner Kunstrichtern, denen solche humoristische Sprünge gar nicht
behagen wollten. Auch für ihn hatte Tieck manche Lanze zu brechen, und
die aufgeklärten Gegner unterließen nicht ihm auch die Anerkennung
Jean Paul’s zum Verbrechen zu machen. Indeß war diese Verehrung nicht
so unbedingt, daß er die Schwächen, ja Unbegreiflichkeiten mancher
Dichtungen hätte übersehen sollen. Vieles erklärte sich ihm jetzt
erst aus der Persönlichkeit des Dichters. Mit tiefem Humor und Gefühl
verbanden sich Laune und grillenhaftes Wesen, das an eine Kindernatur
erinnerte, und oft in den bizarrsten und sonderbarsten Aeußerungen zum
Vorschein kam.

Merkwürdig wiederholte sich mit Jean Paul eine Scene, wie sie Tieck
früher mit Nicolai gehabt hatte. Unter den Volksmärchen stellte er den
„Blonden Ekbert“ allen andern voran. Er sprach seine volle Bewunderung
aus, und schloß endlich mit der Frage: „Gestehen Sie es nur, wo
haben Sie die Geschichte her?“ Auf Tieck’s Versicherung, er habe
sie erfunden, antwortete er: „Nein, nein! Sagen Sie was Sie wollen!
Dergleichen erfindet sich nicht! Das muß schon vorher dagewesen sein!“

Unter so verschiedenartigen Anregungen steigerte sich Tieck’s eigene
Dichterlust, und nach allen Seiten hin erwies er sich thätig. „Zerbino“
und „Genoveva“ waren zum Abschluß gekommen, der „Treue Eckart“ und der
„Tannhäuser“ wie „Melusine“ reihten sich im Tone der Volksmärchen an.
Diese Dichtungen erschienen bei Frommann als „Romantische Dichtungen“,
ein Titel, der mit vollster Unbefangenheit gewählt, bald allgemeine
Bedeutung als literarischer Parteiname erhalten sollte. Eine neue oder
gar höhere Art der Poesie damit bezeichnen zu wollen, war seine Absicht
nicht im mindesten. Höchstens wollte er andeuten, daß der Leser in
die entgegengesetztesten Regionen des Gefühls, der Leidenschaft, der
Phantasiewelt in raschem Wechsel eingeführt werden solle. Daneben gab
er ein poetisches Journal heraus, dessen Aufgabe sein sollte, in die
ältere englische und spanische Literatur einzuführen. Dafür übersetzte
er Ben Jonson’s „Epicöne“, nahm in den Briefen über Shakspeare die
Kritik über den Dichter wieder auf, und gab eine Anzahl von kleinern
Beiträgen.

Tieck stand in der Mitte geistvoller, strebender und theilnehmender
Freunde, der Schöpfer einer glänzenden Welt der Poesie und Phantasie,
reich an Gedanken und Gefühlen, an Hoffnungen und Entwürfen.
Siebenundzwanzig Jahre alt, war er bereits ein anerkannter Dichter.
In die Reihe der edelsten Geister des Volkes war er eingetreten, und
von ihnen als ebenbürtig anerkannt. Die kühnsten Träume seiner Jugend
waren zur Wirklichkeit geworden, der Genius hatte den Jüngling bereits
auf die Höhen des Lebens geführt. Er stand auf jenem Gipfel, zu dem er
früher sehnsüchtig hinaufgeschaut hatte. Es war die Fülle geistiger
und sinnlicher Kraft, in der er lebte, noch wirkte Alles zusammen,
um ein Dasein zu schaffen, wie es dem Menschen nur in erhöhten
Augenblicken verstattet ist. Mit diesem Gefühl blickte er später auf
die schöne Zeit in Jena zurück. Aber schon gingen diese sonnenhellen
Tage vorüber; in den Frühling wehte ein rauher Herbstwind hinein, und
künftige lange und schwere Leiden kündeten sich an.

Tieck war gewohnt auf seine Gesundheit und die volle Stärke seines
Körpers sich zu verlassen. Noch in Jena hatte er die alten ritterlichen
Künste geübt, und durch Gewandtheit und Unerschrockenheit die Freunde
zu Zeiten überrascht. Als er einst mit Schlegel und Schelling in der
Nähe von Jena einen Spazierritt machte, führte er sein Pferd über einen
Balken, der als Steg über einen zwar trockenen, aber doch mehrere Fuß
tiefen Graben gelegt war. Mitten auf dem schmalen Pfade scheute das
Thier, und er stürzte mit demselben bügellos in den Graben hinab. Seine
Begleiter glaubten ihn verunglückt, aber lachend erhob er sich, klopfte
den Staub von den Kleidern, und saß im nächsten Augenblicke wieder im
Sattel.

Rastlose geistige Arbeit und Nachtwachen wechselten bei ihm mit starken
Körperanstrengungen. Als Knabe und Jüngling hatte er sich Stunden lang
dem Sturm und Regen preisgegeben, und die Nächte unter freiem Himmel
zugebracht; schon damals mochte seine Gesundheit gelitten haben. In
der letzten Zeit begannen rheumatische Schmerzen ihn zu quälen. Da
fühlte er sich eines Tages heiterer und freier als je. So leicht, so
aufgelegt zu Humor und Dichtung war er lange nicht gewesen. Es war
als wenn Jugendkraft und Gesundheit mit diesem letzten erfrischenden
Hauche hätten auf immer von ihm Abschied nehmen wollen. Tages darauf
erkrankte er ernstlich. Die rheumatischen Schmerzen zeigten sich als
ausgebildete Gicht im Knie. Eine langwierige Cur begann; er blieb auf
sein Zimmer beschränkt, nur mit Mühe und Schmerzen vermochte er zu
gehen. Schwäche und Abspannung machten das Arbeiten auf längere Zeit
unmöglich.

Als der Frühling kam, erholte er sich allmälig. Er brachte ihm mit den
warmen Lüften Schmerzensfreiheit und Arbeitslust wieder. Ein Ausdruck
der wiederkehrenden Heiterkeit war die Tragödie „Rothkäppchen“ und das
Märchen „Melusine“. Neu belebt durch den ersten vollen Sonnenschein
schrieb er sie, in einer blühenden Laube sitzend, im Frühling des
Jahres 1800.

Endlich schied er von den Freunden; es war zu Ende des Monats Juli. Er
ging nach Hamburg, dann nach Berlin, die Angehörigen seiner Frau wie
seine eigenen wiederzusehen.

In Hamburg fand er Veranlassung zu einem letzten großen Gedichte,
welches die Reihe mystischer Poesien abschloß. Auf dem Wege nach einem
Vergnügungsorte an der Elbe, wo sich eine Gesellschaft versammeln
sollte, fand er in einem Bücherkram an der Straße das Volksbuch vom
Kaiser Octavianus. Er kannte es noch nicht, und die Freunde erwartend,
las er es sogleich durch im Angesichte des heitern Flusses, in der
herrlichsten Sommerluft. Es war ein reiner und voller Zug, den er
that. Schon während des Lesens erhob sich ihm der Gedanke, diesen
bunten Stoff dramatisch zu bearbeiten; klar und deutlich traten ihm die
einzelnen Gestalten entgegen. Mit Vorliebe und planvoller Ueberlegung
ging er an das Werk. Im Jahre 1801 hatte er den ersten Theil, gegen
Ende des Jahres 1802 das Ganze beendet. Noch wirkten die Vorbilder der
spanischen Poesie. Sie zeigten sich in dem Inhalte, wie in der freien
Behandlung der Form, die neben dem Dramatischen auch Lyrisches und
Episches in reichem Maße enthielt. Wieder trat die christliche Welt der
heidnischen entgegen. Das siegreich fromme Dulden und die Leidenschaft,
der Glaube und die Naturgewalt, das Wunder der Legende und der Zauber
des Märchens standen einander gegenüber. In dem allegorischen Vorspiele
erschienen die Mächte, welche diese Welt bewegten. Der Glaube und die
Liebe, der Scherz und die Tapferkeit, und in ihrer Mitte die Romanze.

Noch einmal erfüllte sie das Herz ihres Dichters mit trunkener
Begeisterung, und eine versunkene Welt beschwor er herauf mit dem
geheimnißvollen und mächtigen Rufe:

    Mondbeglänzte Zaubernacht,
    Die den Sinn gefangen hält,
    Wunderbare Märchenwelt,
    Steig’ auf in der alten Pracht!



                             Drittes Buch.

                           Kampf und Leiden.

                              1800-1819.



1. Bewunderer und Gegner.


Fünf Jahre waren verflossen, seit der Name des Dichters durch
die Nachtstücke „Abdallah“ und „Lovell“ bekannt geworden war. In
überraschenden Wendungen war er dann zum Humor, zum volksthümlichen
Märchen und den romantischen Dichtungen übergegangen. Hier hatte er die
vergessene Sage des Mittelalters neu belebt, und der Sehnsucht nach dem
dichterischen und religiösen Glauben Worte gegeben.

Die dämonischen Romane fanden nicht die Theilnahme, welche er erwartet
haben mochte. Es fehlte an ungünstigen Beurtheilungen nicht. Das
Publicum verhielt sich diesen Erscheinungen gegenüber gleichgültig.
Dann hatte der abweichende Ton der Volksmärchen überrascht und gereizt.
Wenn Manche bedenklich wurden oder sich zu leidenschaftlicher Kritik
hinreißen ließen, so gab es doch auch Solche, deren Beifall um so
entschiedener war. Im Allgemeinen mußte man anerkennen, man habe es mit
einem eigenthümlichen Dichtergeiste zu thun, der Glauben genug an sich
selbst besitze, um seine eigenen Bahnen zu suchen und zu verfolgen. Die
romantischen Dichtungen, die Verbindung mit den Schlegel und Novalis
brachte Tieck’s Stellung zum Abschlusse. Ein bedeutender Erfolg blieb
dieses Mal nicht aus, und die Poesie, welche wechselsweise den Humor
und die Verherrlichung des Wunders voranstellte, fand auch in weitern
Kreisen ihr Echo. In der literarischen Meinung des deutschen Nordens,
mindestens in der Berlins, bereitete sich ein Umschwung vor.

Das Ansehen der ältern Schule, ihrer Philosophen und moralischen
Dichter war in ein bedenkliches Schwanken gerathen. Aus Kritikern und
Richtern wurden sie Kritisirte und Gerichtete. Schon ihr Gegensatz
gegen alle großen und glänzenden Erscheinungen der letzten Jahrzehnde
mußte ihre innere und ursprüngliche Dürftigkeit klar machen. Die
neue Wendung der Philosophie, Goethe’s und Schiller’s Siege, die
schonungslosen Urtheile der Schlegel, die Dichtungen Tieck’s, Alles
wirkte zusammen.

Aber schon ward auch die Aufklärung zum Stichwort des Spottes,
Bezeichnung des Seichten und Oberflächlichen. Die Angriffe auf ihre
Vertheidiger wurden zahlreicher, und die Unberufenen fingen an, von
dem Tiefsinnigen und Geheimnißvollen viel zu reden. Unverkennbar hatte
die „Genoveva“ großen Eindruck gemacht. Je glänzender die verklärenden
Strahlen der Dichtung waren, in denen dieses Heiligenbild sich zeigte,
um so ärmlicher erschien die ältere nüchterne Poesie. Das jüngere
Geschlecht sah die Stellung der Parteien mit andern Augen an. Wie ganz
anders wurden nicht Gefühl und Phantasie durch die neuen Dichtungen
angeregt! Zunächst in Berlin bildeten sich neben den Kreisen der
Freunde, der Anhänger und Bewunderer, auch die der Nachahmer und
Nachsprecher.

Als Tieck im Herbste des Jahres 1800 aus Hamburg zurückkehrte, mußte er
bereits mehr, als ihm lieb war, von Mystik und Wunder, von Mittelalter
und Romantik reden hören. Es waren Wendungen und Formen, die man ihm
und seinen Freunden abgelernt hatte. Andere, die keinen Beruf dazu
hatten, stimmten in den abschreckenden Ton der neuen Kritik ein. Sie
gebrauchten deren Stichworte fleißig, gleichviel ob sie passen mochten
oder nicht. Eine Wendung der Schlegel vornehmlich ward zur beliebten
und stehenden Redensart. Bis zur Religion sollte Alles getrieben
werden, nicht allein Kunst und Poesie, sondern zuletzt auch jede
Trivialität des gewöhnlichen Lebens. So entstand eine Parteisprache,
die für Niemand verdrießlicher war als für Tieck selbst. Das jüngere
Geschlecht, das genial und erhaben sein wollte, war um nichts
besser als das ältere pedantische. Wieder waren es unwahre Gefühle,
nachgesprochene Redensarten, angelernte Gedanken, denen er begegnete.

So ernst seine Stimmung damals war, so regte sich doch bei diesen
Wahrnehmungen die humoristische Laune. Die freie Bewegung des
Dichters hatte er gegen den alten Schul- und Parteizwang in Schutz
genommen, jetzt wollte er auch des jüngern vorlauten und zudringlichen
Geschlechts nicht schonen, dem er selbst die Waffen in die Hände
gegeben hatte. In Jena hatte er für sein poetisches Journal eine
Parodie: „Der neue Hercules am Scheidewege“, geschrieben, in welcher
er seinem Unwillen, seiner Verachtung der seichten und unmündigen
Bewunderer Luft machte. Er war jener Autor, der am Scheidewege
zwischen dem falschen und dem wahren Ruhme steht, und dem sich die
verschiedensten Stimmen und Meinungen aus dem Publicum aufdrängen.
Das Gegenbild zu den kindischen Huldigungen des Bewunderers gaben die
platten Einwürfe des alten Mannes, der als eifriger Vorfechter der
alten Schule den Dichter mit der Autorität Lessing’s zu schrecken sucht.

Indessen erhoben sich auch die Gegner. Seit langer Zeit hatten sich
infolge der kritischen Neckereien Verdruß und Aerger angesammelt,
endlich mußte es zum Ausbruche kommen. Seit ihrem ersten Auftreten als
Kritiker und Dichter hatten die Schlegel eine Reihe neuer Ansichten
und Behauptungen aufgestellt, die durch Schärfe und Paradoxie reizten.
Persönliche Angriffe, die sich damit verbanden, hatten erbittert. Zwei
Namen waren es, für deren unbedingte Anerkennung sie kämpften, Goethe
und Fichte. Die Beschränktheit und Engherzigkeit der Gegner vermehrte
die Misverständnisse, die Furcht vor dem Neuen machte sie um ihre
Stellung besorgt, das scharf Ausgesprochene, das Eigenthümliche ward
lästig und unbequem.

Seit 1798 war das „Athenäum“ der Träger dieser neuen einschüchternden
Kritik. Nur auf eine geringe Zahl von Mitarbeitern beschränkte man
sich. Außer den beiden Schlegel hatten Novalis, Schleiermacher,
Bernhardi und Hülsen Beiträge gegeben, und sie trafen schonungslos
eine nicht unbedeutende Anzahl von Namen, die in der Literatur bisher
gegolten hatten.

Am meisten verletzten A. W. Schlegel’s satirische Ausfälle in seinem
literarischen „Reichsanzeiger“. Nicht nur Nicolai und Kotzebue, Jenisch
und Schmidt von Werneuchen wurden verspottet, auch Kästner, selbst
Wieland blieb nicht unangetastet, ebenso wenig als Matthisson und Voß
verschont wurden. Wußte man doch, daß Schlegel auch mit Schiller nicht
in gutem Vernehmen stehe. Wenn aber die Neuerer Männer, welche einen
unleugbaren Einfluß auf die Literatur gehabt hatten, in dieser Weise
behandelten, wenn sie Zweifel erhoben, wo man bisher nur zu bewundern
gewohnt war, so lag darin für die kleinen Geister kein geringer Trost,
dergleichen Mishandlungen nicht allein erfahren zu haben. Nun konnten
sie die glänzenden, allgemein anerkannten Namen voranschieben. Eine
noch bessere Waffe für die Gegner war die „Lucinde“. Dieser Roman
machte durch seinen Cultus der Sinnlichkeit, durch die Zügellosigkeit,
welche die sittlichen Schranken durchbrach, auch die Freunde irre, er
drohte praktisch in das Leben einzugreifen. Jetzt appellirte man an den
Richterstuhl der öffentlichen Moral. Es handelte sich nicht mehr um
philosophische oder ästhetische Kritiken und Lehrmeinungen. Auf dies
Buch hin glaubte man alle diese jüngern Schriftsteller als eine Sekte
gefährlicher Bilderstürmer angreifen zu können.

Tieck hatte sich von dem fachmäßigen Betriebe der literarischen
Kritik fern gehalten. Einige übernommene Aufträge für die „Jenaische
Literaturzeitung“ hatte er später abgelehnt, und sich bei dem
„Athenäum“ nicht betheiligt. Nur in einigen Jahrgängen des berlinischen
„Archivs der Zeit“ hatte er die neuesten Musenalmanache besprochen.
Somit blieben allein die humoristischen Scherze und Angriffe in
seinen Dichtungen übrig. Hier waren viele einzelne Züge von bekannten
Persönlichkeiten entlehnt, die meistens Berlin angehörten. Außer
Kotzebue, Böttiger und manchem Modeschriftsteller, fand man auch
Nicolai, Iffland, Gedike, Biester und Engel wieder. In der Vision „Das
jüngste Gericht“, hatte Tieck eingeräumt, sie verspottet zu haben.
Dennoch konnte er mit Recht sagen, nicht das Persönliche, sondern das
Allgemeine in diesen Charakteren habe er dargestellt. Eine bestimmte
Richtung der Zeit hatte er in ihnen angegriffen, den unverbesserlichen
Prosaismus geschildert. Nicht als privilegirter Satiriker, nicht als
schwerfälliger oder gallsüchtiger Moralist war er aufgetreten, als
Dichter hatte er die Waffen des Spiels und der Phantasie gebraucht. In
seiner rein humoristischen Laune war er des Vorrechts der Poesie, den
Scherz um des Scherzes willen treiben zu können, so gewiß, daß er mit
dem besten Gewissen versichern konnte, nichts habe ihm ferner gelegen
als persönliches Uebelwollen; die Schuld des Misverständnisses liege
zum Theil an dem schwerfälligen Ernste seiner Landsleute, die überall
Räthsel suchen und lösen wollten, und nicht im Stande seien, den Scherz
ohne irgendeine hinterhaltige Absicht zu denken.

Wirklich war er über die Grenzen des literarisch Erlaubten nicht
hinausgegangen. Er sprach nicht von dem moralischen Charakter dieses
oder jenes bekannten Mannes, sondern von Zuständen, von Ansichten, die
in Büchern offen vor Aller Augen lagen. Wie harmlos seine Angriffe
waren konnte ihre Vergleichung mit denen Schlegel’s am besten zeigen.
Mit dem kältesten Blute und der ruhigsten Ueberlegung waren diese
ausgeführt und mitunter giftig zu nennen.

Ein komischer, aber entschiedener Beweis der schlagenden Kraft seiner
Dichtungen war es, wenn Personen sich für angegriffen erklärten, an
welche er nicht gedacht hatte, die er kaum kannte. Durch Einiges im
„Gestiefelten Kater“ war ein fernstehender Bekannter, der Maler Darbes,
verletzt worden. Die eifrigsten und aufrichtigsten Versicherungen des
Gegentheils hatten den Zürnenden nicht zu besänftigen vermocht. In
schildaischer Weise wollten andere Ueberkluge in dem „Prinzen Zerbino“
den Kriegsrath Zerboni wiedererkennen, der infolge seiner Händel mit
dem Minister Hoym als des Jakobinismus verdächtig, zur Untersuchung
gezogen und auf die Festung abgeführt worden war. Freilich nur dunkle,
aber für den Eingeweihten doch kenntliche Anspielungen auf diese
vielbesprochene Tagesgeschichte sollten sich in Tieck’s romantischer
Dichtung finden.

Aus diesem Spähen nach einem verborgenen satirischen Sinne ergaben sich
nicht geringe persönliche Belästigungen. Zudringliche ließen keine
Gelegenheit vorübergehen, um ihm vertraulich näher zu rücken und ihn
auszuforschen, wen er wol mit diesen Gestalten gemeint haben könne.
Inquisitorische Examina hatte er zu bestehen, die in der Regel mit dem
Vorwurfe der Verschlossenheit und des Mangels an freundschaftlichem
Vertrauen endeten. Nichts aber war ihm verhaßter als das plumpe und
täppische Zufahren der Biedermänner, welche in ihrer treuherzigen
Offenheit vertrauliche Mittheilungen und Geständnisse als Pflicht der
Freundschaft in der ersten halben Stunde oberflächlicher Bekanntschaft
in Anspruch nahmen.

Zu diesen kleinen Quälereien kamen auch literarische Angriffe, die
einen ärgerlichen Charakter trugen. Zuerst griff Johannes Falk der
Satiriker zu den Waffen. Mit einem gewissen Geräusch war dieser
Schriftsteller in die Literatur eingetreten. Wieland hatte ihn als
neuen Aristophanes proclamirt; sieben große satirische Geister der
Vorzeit sollten in ihm versammelt sein. Seit dem Jahre 1797 speicherte
er für die Freunde des Scherzes und der Satire seine Einfälle
in jährlich wiederkehrenden Taschenbüchern auf. Trotz Wieland’s
schützender Privilegien konnte Tieck in diesen Satiren nichts von
dem finden, was darin liegen sollte. Er vermißte den pomphaft
angekündigten Scherz. In seiner Kritik des „Taschenbuchs für 1798“
im „Archiv der Zeit“ führte er aus, wie schwerfällig Falk die Satire
als eine überlieferte literarische Stilgattung, als ein nützliches
Geschäft moralischer Besserung nach der Definition älterer Lehrbücher
betreibe; sein breiter und selbstgefälliger Witz beruhe nur auf einigen
allbekannten und verbrauchten Kunstgriffen, und sei der Poesie ebenso
fern, als er sich dem Pasquillantischen nähere. Er greife mit seinem
gewichtigen Apparate nur unwesentliche und gleichgültige Dinge auf von
rein localer Bedeutung, während er den Charakter der Zeit im Ganzen
weder aufzufassen noch darzustellen vermöge.

Diese Bemerkungen waren geeignet, Tieck’s eigene Scherze im rechten
Lichte erscheinen zu lassen, und ihr Verständniß im Gegensatze zu
der absichtsvollen sogenannten moralischen Satire zu eröffnen. Falk
indeß fühlte sich durch diese ernste Kritik, wie durch die scherzhafte
im „Zerbino“ gleich sehr verletzt. Es schien mit seiner Freundschaft
für Scherz und Satire kein rechter Ernst zu sein. Im „Taschenbuch für
1799“ antwortete er in zornig-höhnischen Angriffen auf Rambach, den
Herausgeber des „Archivs der Zeit“, der an jenem Urtheile unschuldig
war. In den nächsten Jahrgängen wandte er sich gegen die Schlegel, das
„Athenäum“ und ihre Freunde. Auf einem beigegebenen Bilde hatte er
sogar Tieck, auf seinem „Gestiefelten Kater“ reitend, darstellen lassen.

Auch Garlieb Merkel, der vorlaute und oberflächliche Publicist,
ergoß sich in seinen „Briefen an ein Frauenzimmer über die schöne
Literatur“, dann später in seinem „Freimüthigen“ in den niedrigsten
Schmähungen über Tieck. Zu der beliebten Anklage des Obscurantismus,
der Bänkelsänger- und Sachs-Poesie kamen Verdächtigungen der gemeinsten
Art.

Selbst die Uebersetzung des „Don Quixote“ wurde in diesen Parteistreit
hineingezogen. Gleichzeitig mit derselben war auch die von Soltau
erschienen. Dieser hatte in Schlegel’s anerkennender Beurtheilung der
Tieck’schen Arbeit in der „Literaturzeitung“ von 1799 eine Herabsetzung
seiner eigenen Leistungen gefunden, und es nöthig gehalten, in dem
Jahrgange von 1800 sich dagegen zu verwahren. Es sollte die keineswegs
unbedingte Anerkennung, welche Tieck’s Uebersetzung zu Theil geworden,
ein berechnetes Verfahren einer Partei sein, deren Absicht war, kein
anderes Verdienst als ihr eigenes gelten zu lassen. Auch an sonstigen
gelegentlichen Ausfällen ließ er es nicht fehlen. Im nächsten Stücke
des „Athenäum“ erfolgte darauf eine Gegenkritik Schlegel’s, welche
nun die Schwächen der Soltau’schen Arbeit offen darlegte. Soltau war
in Spanien gewesen, er kannte die Sprache aus lebendigem Gebrauche,
und hatte gewiß mit bessern Mitteln gearbeitet als Tieck. Dennoch war
auch er von Irrthümern nicht frei geblieben. Aber seine Uebersetzung
litt an prosaischem Unverständniß des Cervantes überhaupt. Wenn er
Tieck in manchen Punkten übertraf, so hatte er doch sicher nichts von
dem nachdichtenden und umbildenden Geiste, der für den Uebersetzer des
Cervantes unerläßlich ist.

Unzweifelhaft war unter diesen Händeln der ärgerlichste der mit Iffland.

In Berlin hatten neben Tieck’s Dichtungen und Schlegel’s Kritiken
Bernhardi’s Theaterrecensionen keinen geringen Anstoß gegeben. Auch
er war des scharfen, kritischen Stils vollkommen Meister, und hatte
durch den bestimmten, abschreckenden Ton im „Archiv der Zeit“ die
Schauspieler und den Führer der Bühne gegen sich aufgebracht. Er
erkannte Iffland’s großes mimisches Talent an, aber nicht unbedingt,
nur innerhalb gewisser Grenzen; auch er wollte es nur für die mittlern
und gemäßigten Rollen gelten lassen. Als dramatischen Schriftsteller
hatte er ihn in seiner Posse „Seebald, der edle Nachtwächter“, die ein
treffendes Abbild der rührenden Familiengeschichten ist, kritisirt.
Bernhardi’s Verhältniß zu Tieck war bekannt, in ihrer Verbindung mit
den Schlegel galten sie als Partei, die es auf gegenseitige Lobpreisung
und Erhebung, auf ein Tyrannisiren des Geschmacks und der Literatur
abgesehen habe. Ein Vorwurf, der, soweit er Tieck betraf, vollkommen
unbegründet war. Wiederholt war Iffland Gegenstand kritischer Zweifel
und satirischer Neckereien geworden. Er war gereizt, und dachte
seinerseits einen Schlag gegen die lästigen Angreifer zu führen, der
nicht ihn allein, sondern zugleich alle, die überhaupt gekränkt worden
waren, rächen sollte.

Gegen Ende des Jahres 1800 ward ein Lustspiel, „Das Chamäleon“, auf
die Bühne gebracht, das sich in veränderter Gestalt bis in die spätern
Zeiten auf den Bretern erhalten hat. Verfasser war der Schauspieler
Beck, ein ehemaliger College Iffland’s. Dieses schwache Machwerk, das
ursprünglich harmlos gemeint sein mochte, war zu einer persönlichen
Satire gegen Tieck und seine Freunde ausersehen. Es erschien darin
ein hungeriger Schriftsteller und Gelegenheitsdichter, der sich
durch trügliche Annahme des Adels in das Haus eines vornehmen Mannes
einschleicht, um sich satt zu essen und womöglich Bezahlung seiner
Schulden zu erlangen. Er spricht in mystischen und sonderbaren
Redensarten, die an ähnliche Wendungen Friedrich Schlegel’s erinnern;
er ist Verfasser eines schmuzigen Romans, betitelt „Lorraine“; er
hat romantische Dichtungen herausgegeben, er hat unter dem Namen
Peter Walter geschrieben. Mit diesen Producten hat er einen ehrbaren
Buchhändler an den Bettelstab gebracht. Er gehört einer Clique von
Fünfen an, in welcher man sich gegenseitig in Sonetten preist, und in
der ganzen deutschen Literatur nur einen großen Dichter anerkennt,
um alles Andere desto rücksichtloser in den Staub ziehen zu können.
Dies geschieht in einem Journal, das sich durch seinen impertinenten
Ton auszeichnet; es heißt der Wahrheitsrachen. Aber zum Troste der
Biedermänner und Freunde der ältern literarischen Autoritäten erscheint
der hungerige Poet in der jammervollsten Verfassung. Er ist die
Zielscheibe aller seichten Witze der Gebildeten und Ungebildeten.
Willig läßt er sich als Spielball der rohesten Neckereien und
Verhöhnungen gebrauchen. Er streift an der bedenklichen Grenze der
Prügel hin; Nachts bringt er auf der Straße, in leeren Portechaisen und
Schilderhäusern zu.

Es war nicht zu verkennen, die ganze neuere ästhetische Kritik sollte
in diesem elenden Sudler der Verhöhnung öffentlich preisgegeben werden.
Nur aus literarischen Anspielungen war diese Figur zusammengesetzt. Bei
der Clique von Fünfen hatte man an Tieck und Bernhardi, an die beiden
Schlegel und etwa noch an Novalis gedacht, der ebenfalls Beiträge zum
„Athenäum“ geliefert hatte.

Soweit sich diese plumpen Ausbrüche auf literarischem Gebiete hielten,
hätte Tieck sie ruhig ertragen mögen; aber man suchte den bürgerlichen
Charakter der Angegriffenen verdächtig zu machen, und sie moralisch vor
dem Publicum an den Pranger zu stellen. Dieser hungerige Poet war ein
literarischer Gauner. Tieck erkannte bald, daß Iffland’s eigenes Spiel
nicht frei von feindseliger Absicht war. Er gab den alten Grafen, der
ein Bewunderer Gellert’s ist; dessen „Leben der schwedischen Gräfin“
kann er nicht oft genug lesen. Die Behauptung des Poeten, Gellert
sei kein Genie, beantwortet er mit einem Wuthausbruche. „Aber er war
ein ehrlicher Mann!“ schreit er, indem er mit einer ausdrucksvollen
Bewegung, in der Iffland Meister war, sich auf die Taschen klopft. Um
Gellert’s Manen zu rächen, will er am Ende den armseligen Kritiker mit
Hunden vom Hofe hetzen lassen.

Bei diesem Acte gemeiner Rache fiel ein großer Theil der Schuld auf
Iffland, unter dessen Leitung das Stück einstudirt worden war. Er hätte
alle Veranlassung gehabt, die rohesten und schreiendsten Farben zu
mildern. Aber er war ein glücklicher Improvisator, und der Verfasser
lebte fern von Berlin. Die Vermuthung war nicht abzuweisen, manche von
diesen Zügen seien ihm erst von hier aus an die Hand gegeben, oder
während der Darstellung von den Schauspielern hineingelegt worden.

Bei einer so pasquillantischen Beleidigung glaubte Tieck nicht
schweigen zu dürfen, obgleich man bei spätern Wiederholungen des Stücks
die anstößigsten Stellen gestrichen hatte. In einem Besuche bei Iffland
forderte er die Auslieferung des Manuscripts, um sich zu überzeugen,
wieviel von diesen Gemeinheiten auf Rechnung des Verfassers komme. Mit
unerwarteter Bereitwilligkeit ging Iffland auf dies Verlangen ein. Er
gab zu, Einiges könne vielleicht auf ihn und seine Freunde gedeutet
werden; er bot sogar die Unterdrückung des Stücks an, wenn er es
wünsche, und lieferte ihm schließlich das Manuscript zur Durchsicht
aus. Doch als Tieck darauf schriftlich eine öffentliche Ehrenerklärung
verlangte, zog Iffland nicht nur die gemachten Zugeständnisse zurück,
sondern stellte auch in Abrede, daß man in diesem Lustspiele auf ihn
oder irgendeinen seiner Freunde habe zielen wollen.

Bisher hatte Tieck an keiner literarischen Fehde Theil genommen, doch
jetzt, von den verschiedensten Seiten angegriffen, verlästert und
roh geschmäht, schien es ihm an der Zeit, seine Stimme zu erheben.
Er schrieb einige polemische Blätter, die unter den unverständigen
und böswilligen Gegnern von Falk bis Merkel aufräumen sollten. Da
man seine Sprache des dichterischen Humors nicht verstand, so wollte
er versuchen, in der offenen und unumwundenen Sprache der kritischen
Grobheit sich deutlich zu machen. Auch er wollte zeigen, daß er Lessing
mit Erfolg studirt und gelesen habe. Und diese Blätter bewiesen, er
verstehe das Schwert der Polemik zu führen. Schon näherte sich die
Schrift dem Abschlusse. Bernhardi verband in dem Decemberhefte des
„Archivs der Zeit für 1800“ mit dem Abschiede, den er vom Publicum
als Theaterkritiker nahm, die Anzeige, daß im Namen derer, welche in
dem Lustspiele „Das Chamäleon“ angegriffen worden, Tieck in einer
besondern Schrift nächstens antworten werde. Dennoch kam es anders.
Es widerstrebte ihm zu sehr, in den wüsten Lärm der literarischen
Tageszänkereien einzustimmen, auch wenn ihn selbst diese Schmähungen
trafen. Der augenblickliche Zorn verrauchte, und machte der
schweigenden Verachtung Platz. Jene Blätter blieben unvollendet liegen
und wurden vergessen.

Gehässiger als diese öffentlichen Schmähungen waren die geheimen
Verdächtigungen und Einflüsterungen Kotzebue’s. Die einen waren darauf
berechnet, Tieck in der öffentlichen Meinung zu verderben, ihn vor
dem Publicum um Ehre und Ansehen zu bringen, die andern wollten den
politischen Verdacht erregen, und den literarischen Gegner durch die
Gewalt der Polizei zu Boden schlagen.

Niemals hatte Tieck mit den Aeußerungen seiner sittlichen und
kritischen Abneigung gegen Kotzebue zurückgehalten. Auch im „Zerbino“
kamen Hindeutungen dieser Art vor. Dennoch hatte Kotzebue früher einen
Versuch der Annäherung gemacht. Im Gefühle seiner unvortheilhaften
Stellung in Weimar, mit allen Größen in Feindschaft zu stehen, hatte
er den Wunsch, in dem Anschluß an irgendeinen bedeutenden Namen Schutz
zu suchen. Freilich galt sein Lob für ein bedenklicheres Zeichen als
sein Tadel, und denen, welche davon betroffen wurden, mochte gar nicht
wohl dabei zu Muthe sein. Eine Zeit lang machte er Miene, auf Goethe’s
Kosten Schiller zu verherrlichen. Dann schien er Tieck huldigen zu
wollen, und die frühern Verspottungen großmüthig zu vergessen.

Als die „Genoveva“ erschienen war, schlug er sich unerwartet auf
die Seite der Bewunderer der Romantik, und er, der Rationale und
Aufgeklärte, wollte den Heiligenschein gelten lassen. Er erklärte
Schiller’s Mortimer für das Abbild des Golo, und ließ durch einen
Bekannten bei Tieck anfragen, ob er etwas dagegen habe, wenn man seine
Tragödie in Weimar zur Aufführung bringe. Er verspreche nur solche
Abkürzungen zu machen, die durch die Bühne geboten seien, im Uebrigen
aber sich jeder Aenderung zu enthalten. Dies war kein unpraktischer
Vorschlag, der vielleicht Tieck’s dramatischen Dichtungen den Zugang
zum Theater eröffnet hätte. Später, als diese Gegensätze erloschen
waren, bedauerte er selbst, ihn so entschieden abgewiesen zu haben.
Der Gedanke einer Verstümmelung seines Gedichts, und zwar durch diese
Hand, war ihm unerträglich. Hatte er doch einen ähnlichen Vorschlag in
Betreff des „Zerbino“ abgelehnt, und der kam von Goethe! Er antwortete
daher mit scharfer Betonung, sein Gedicht sei gedruckt und öffentliches
Eigenthum, es könne ein Jeder damit thun was ihm gutdünke. Die
Darstellung unterblieb, und Kotzebue, der sich hatte wohlwollend zeigen
wollen, war doppelt gekränkt.

Im Jahre 1802 ging er auf einige Zeit nach Berlin. Er erlangte Zutritt
bei Hofe, und bald schien sich eine treffliche Gelegenheit der Rache
darzubieten. Er erdreistete sich, die Paradescene im „Zerbino“ nicht
ohne unverschämte Andeutungen dem Könige vorzulesen. Aber der unwürdige
Versuch mislang. Großartig überhörte der König die Insinuation, und
sie blieb ohne weitere Folgen. Tieck hatte die Absicht, welche ihm
hier untergelegt werden sollte, nicht einmal haben können. Denn jene
Scene war bereits 1796 unter ganz andern Verhältnissen geschrieben.
Es waren die Eindrücke seiner Jugend, die Gefühle, welche das straffe
Militärwesen ihm erregte, die er hatte darstellen wollen.

Auf den unmittelbaren literarischen Streit mit seinen zahlreichen
Gegnern hatte er verzichtet, die Waffen, welche hier geführt wurden,
waren zu plump. Umsomehr kam ihm die Lust, die unverbesserlichen
Philister mit dichterischem Scherze anzugreifen, der bisjetzt noch
nie die Wirkung versagt hatte. Im Sommer 1801 entstand der Plan
eines umfassenden humoristischen Lustspiels, in welchem er noch
manches Andere auszusprechen dachte, was er auf dem Herzen hatte. Die
Fabel war aus Ben Jonson’s „~The devil is an ass~“ entlehnt.
Es war die Geschichte eines dummen Teufels, welcher sich vermißt,
der alterschwachen Hölle, die in Folge der Bildung ihren Einfluß
vollständig verloren hat, die klug gewordene Welt wiederzugewinnen,
aber die Probe mit Schimpf und Schanden besteht. Er nannte diese
Dichtung „Anti-Faust“. Da er sich und seine Werke nicht schonte,
so konnte es für erlaubt gelten auch über Andere frei und offen zu
sprechen. Und er durfte den Aristophanes selbst einführen, denn
vielleicht nie hatte sich sein Witz zu dieser Aristophanischen
Kraftfülle und Schlagfertigkeit erhoben. Leider verrieth er das
Geheimniß zu früh. Er hatte einigen Buchhändlern von dem neuen Gedichte
erzählt, doch als diese hörten, auch Herder’s Humanitätsbriefe würden
nicht verschont, erschraken sie, und wiesen einen so gefährlichen
Verlagsartikel ab. Verstimmt und unlustig legte er das Begonnene für
bessere Zeiten bei Seite; aber die glückliche Stimmung, welche es
vollenden sollte, kehrte nicht wieder.

Durch die Kämpfe mit Iffland und andere unangenehme Erfahrungen war
ihm der Aufenthalt in der Vaterstadt verleidet. Nach dem reichen Leben
in Jena konnte sie überhaupt nichts gewähren, was ihm genügt hätte.
Die Eintönigkeit der Natur erdrückte ihn, er hielt sich für einen
Gefangenen, den man bei armseliger Kost eingeschlossen habe. Nach der
Poesie der Berge, Bäche und Wälder sehnte er sich. Viel mehr schon
gewährte Dresden. Dorthin übersiedelte er sich im Frühlinge des Jahres
1801.

Auf sein dichterisches Schaffen hatten die letzten Zeiten hemmend
eingewirkt. Durch Misverständniß und Angriffe gereizt, zwischen Zorn,
Verachtung und satirischer Laune schwankend, von Zweifeln umdrängt
und beunruhigt, vermochte er den Octavian, der das Erbtheil einer
frischeren Zeit war, nur langsam dem Abschlusse entgegenzuführen.



2. Zweifel und Verlust.


Aber er hatte überhaupt das Behagen an seinen Schöpfungen verloren.
Die lebensvollen Gestalten des Humors begannen ihm kalt und matt zu
erscheinen, die Lust am dichterischen Schaffen sank, die heitere
und unbefangene Freude der Jugend war von ihm gewichen. Zu Zeiten
dünkte es ihm ein leeres unerquickliches Treiben, ein frevelhaftes
Spiel mit dem Leben. Wenn die Schwermuth auf der Seele des Knaben und
Jünglings lastete, dann war es die ihrer selbst bewußt werdende Kraft
des Talentes, die Hoffnung auf die Erfolge der Zukunft, die Trost
gewährten und ihn aufrecht hielten. Jetzt war die Zukunft zur Gegenwart
geworden, er hatte ausgesprochen, was damals sein Herz dunkel bewegte,
und nach dessen Gestaltung Sinn und Phantasie rangen; konnte er sagen,
er sei darum glücklicher, mehr mit sich selbst eins und im Frieden?
Bisweilen meinte er nur an bitteren Erfahrungen reicher, an schönen
Hoffnungen ärmer geworden zu sein. Zu den Anfeindungen kamen Verluste,
schmerzliche Todesfälle und unglückliche Verhältnisse in seiner Familie.

Gleichzeitig hatte sich die Mystik seiner Seele ganz bemächtigt.
Nie hatte ihn Jakob Böhme mehr erfüllt. Das Studium des deutschen
Philosophen führte ihn zurück auf die Mystiker des Mittelalters, auf
Tauler, auf die Mystiker anderer Völker, endlich auf die Kirchenväter.
Mit Eifer las er die Schriften des Augustinus, seine Bekenntnisse, sein
Buch vom Reiche Gottes. Unmerklich hatten sich diese Kreise erweitert,
immer mehr wurde er hinabgezogen in ihre Tiefen.

Wie anders zeigten sich ihm Philosophie und Religion, Welt und
Leben, seit er sich gewöhnt hatte sie in diesem Lichte zu sehen!
Schien sich manches Räthsel zu lösen, so kamen dafür andere und
vielleicht schwierigere hervor. Die Unbefangenheit, mit welcher er
hineingetreten war in das grüne, jugendliche Leben, war vorüber. Was
er von seinem Sternbald gesagt hatte, war auch ihm geschehen; er hatte
das Paradies der Jugend verloren. Was war er, sein Leben in diesem
großen Zusammenhange? War es nicht leichtsinnig sich an einem Talente
zu erfreuen, das die Kluft nicht auszufüllen, nur mit seinen Blüten
zu verdecken wußte? Ja oft erschien ihm dieses Talent selbst als das
Böse, als die Sünde. Er glaubte sich von einer finstern Magie umgarnt,
die ihn ins Verderben reißen müsse. Vor dieser Macht sank alle Poesie
unter, das Leben und Alles, was sonst als Schönheit, Glück und Liebe
erschienen war. Dann aber erhob sich wieder die Frage, warum war ihm
dieses Talent geworden? War es nicht das seine? Gehörte es nicht zu
seinem Wesen? So drehte er sich im Kreise von Zweifeln und Fragen
umher, die ihn wie Gespenster verfolgten. Er las, er studirte, er
suchte Gesellschaft auf, um der innern Angst zu entfliehen, dieser
fieberischen Erregung, die mit trüber Gleichgültigkeit wechselte. Es
war umsonst. Wie in der Jugend wünschte er in einem stillen Kloster
sich verbergen zu können. Er sehnte sich, der Welt, sich selbst zu
entfliehen, nach dem Frieden der Versenkung in den ewigen Gedanken
Gottes.

Und um diese Zeit trafen ihn neue, schwere Verluste. Zuerst entriß
ihm der Tod Novalis, den kaum noch gefundenen Freund. Seit dem Sommer
1800 kränkelte Novalis. Neue Erschütterungen, der plötzliche Tod eines
Bruders hatte seine wankende Gesundheit auf das tiefste angegriffen.
Ein Blutsturz folgte; immer mehr neigte sich sein Leben abwärts.
Am Neujahrstage 1801 schrieb er im Gefühle unheilbarer Krankheit
zum letzten Male an Tieck. Darauf verfiel er in ein abzehrendes
Fieber. Am 25. März entschlief er sanft und schmerzlos in den Armen
Friedrich Schlegel’s, der gekommen war, um ihn noch einmal zu sehen.
Achtundzwanzig Jahre war er alt geworden.

Nicht ganz zwei Jahre waren verflossen, seit Tieck und Novalis sich
zum ersten Male begegnet waren. Sogleich verband sie die innigste
Freundschaft; sie hatten das Gefühl, sich vorausahnend ohne Worte zu
verstehen. Ueberraschend sprach einer oft die Gedanken des andern aus.
Es war eine gemeinschaftliche Wurzel, aus der sie emporwuchsen. Vieles
war bei Tieck erst in diesem Elemente lebendig geworden, er fühlte,
Novalis sei seinem Wesen nothwendig. Er klagte, es sei ihm, als habe
durch diesen Tod die Liebe selbst in ihm einen Riß bekommen.

In der Ahnung eines frühen Todes hatte Novalis gewisse Papiere
bezeichnet, die von Tieck oder F. Schlegel eröffnet werden sollten.
Ihnen allein traute er das rechte Verständniß seiner Gedanken zu. Sie
waren dadurch zu Vollziehern seines literarischen Testamentes bestimmt,
das freilich nur zu zeigen vermochte, was der Dahingeschiedene bei
längerm Leben der deutschen Dichtung hätte werden können. Von dem
Roman „Heinrich von Ofterdingen“ war der erste Theil vollendet. Aus
seinen Erinnerungen und den Gesprächen mit dem Freunde versuchte
Tieck ergänzend auszuführen, wie ungefähr der Dichter dieses Buch
abzuschließen gedachte. Dazu kamen seine nicht zahlreichen lyrischen
Gedichte, und einige zerstreute Fragmente aus dem „Athenäum“ und andern
Zeitschriften. Im Jahre 1802 erschien dieser Nachlaß unter dem Namen,
welchen sich der Dichter nach einem Landgute, das seiner Familie
gehörte, beigelegt hatte.

Um Ostern desselben Jahres starben Tieck’s Aeltern, Vater und Mutter
in einer Woche, an einer Krankheit. Zwei ihrer Kinder konnten sie zu
Grabe geleiten. Die Tochter Sophie, die seit zwei Jahren an Bernhardi
verheirathet war, und Friedrich, der nach mehrjähriger Abwesenheit
soeben zurückkehrte.

Friedrich Tieck hatte die künstlerischen Lehrjahre vollendet, und war
auf dem Wege sich zu einem Meister der Kunst auszubilden. Das letzte
Ziel jener Reise, welche er als Begleiter Wilhelm’s von Humboldt und
Burgsdorff’s unternommen hatte, war Paris. Die großen Schätze alter
und neuer Zeit, die sich hier angesammelt hatten, machten es zur
Kunstschule. Zu Anfang 1798 trat er in die Akademie ein, um einen
Lehrgang der Bildhauerei, dann der Malerei durchzumachen. Er arbeitete
eine Zeit lang unter David’s Leitung; doch fand er in diesem Institute
Eifer, Kunstsinn, Methode, ja selbst die Einrichtungen weit hinter dem
zurückstehend, was er von der berliner Akademie kannte. Im Verkehre
mit Humboldt und seiner Familie fehlte es ihm an bedeutender Anregung
nicht. Auch lernte er manche interessante Persönlichkeit kennen. Er
lebte im Umgange mit Gustav von Brinckmann, der bei der schwedischen
Gesandtschaft stand, dem Baron Bielfeld, und Baggesen, der bald darauf
nach Paris kam. Auch die Bekanntschaft der Staël machte er.

Dennoch hatte er mitten in dieser reichen Welt Stunden und Tage des
Kampfes, die an ähnliche Zustände seines Bruders erinnerten. Ihn
erfüllte wie eine höhere Macht die Begeisterung für seine Kunst. Aber
sie war zu stiller, zu friedlicher Natur, als daß sie in dem Strome
großer politischer Bewegungen, in der Welt eines rastlosen Ehrgeizes
sich hätte entfalten können. Die Politik widerte ihn an; er fühlte
sich als einen Gegner dessen, der sie beherrschte, Bonaparte’s. Aber
auch in sich selbst fand er keine Befriedigung. In das Studium der
großen Meisterwerke wünschte er sich ganz zu versenken. Doch hier
ergriffen ihn Muthlosigkeit, ja Verzweiflung. Er fühlte sich von ihrer
Größe überwältigt, vernichtet. Seine Studien schienen ihm leerer Tand
und Spielerei, ein nutzloses Ringen nach einem Ziele, das stets in
weitere Ferne rückte. Er glaubte seinen Beruf verfehlt zu haben, und
fühlte sich unverstanden und allein; das Heimweh ergriff ihn oft mit
unwiderstehlicher Gewalt. Er sehnte sich nach dem geistigen Austausche,
in dem er mit seinen Geschwistern gelebt hatte, doch nur selten erhielt
er Nachricht von Hause; er glaubte sich vergessen. Seine Einsamkeit
ward noch drückender, als Humboldt nach Spanien, Burgsdorff nach
England reiste. Er dachte daran, die Anerbietungen Alexander’s von
Humboldt anzunehmen, ihn nach Amerika zu begleiten. Sein ganzes Leben
würde eine andere Wendung erhalten haben. Aber der Wunsch Italien, die
Antiken auf dem classischen Boden selbst zu sehen, der Gedanke an seine
Familie hielt ihn zurück.

Endlich 1801 kehrte er heim. Er ging nach Weimar und Jena, machte
die Bekanntschaft der Schlegel, und schloß mit dem ältern eine
enge Freundschaft. Er lernte Goethe kennen, begann dessen Büste zu
modelliren, und wurde durch diese und andere Arbeiten für einige Zeit
an Weimar gefesselt. Nun kam er nach Berlin zurück, um der Mutter,
deren Liebling er gewesen war, die Augen zuzudrücken. Sie starb an
einer entzündlichen Brustkrankheit, die zuletzt in ein Nervenfieber
überging.

Der Tod der Mutter wirkte tödtlich auf den Vater. Er war in sich
gebrochen. Laut klagend ging er Tage und Nächte lang im Zimmer auf
und nieder. Still und lautlos folgte er dem Sarge, dann stellten
sich ähnliche Krankheitszeichen bei ihm ein, bald war sein Zustand
hoffnungslos. Acht Tage nach dem Tode seiner Frau that auch er den
letzten Athemzug. In Folge dieses zwiefachen Todesfalls erkrankte
die Tochter so heftig, daß man an ihrem Leben verzweifelte. Als
Tieck in Dresden die erste Nachricht von der schweren Erkrankung der
Mutter erhielt, war sie bereits gestorben. Gleich darauf folgte die
Trauerkunde von dem Tode des Vaters.

Der Lebensabend des alten Tieck war nicht ohne Leiden und Sorgen
gewesen. Doch eine Genugthuung war ihm geworden. Er sah das reiche
Talent seiner Kinder, für deren Erziehung er gearbeitet hatte, in
voller Entfaltung, und zu den berühmten Namen des Vaterlandes hörte er
auch den seinen zählen. Aus den engen Schranken des Handwerks, wo man
nur ängstlich für das Heute arbeitete, waren sie hinausgetreten in den
weiten Kreis des geistigen Lebens, um die kleinen und stillen Freuden
und Leiden mit größern zu vertauschen.

Unter diesen Eindrücken und Kämpfen ermattete bei Tieck die Kraft des
dichterischen Schaffens. Auf die hochgehende Strömung der ersten zehn
Jahre schien die Ebbe einzutreten. Zwar regten ihn Freunde und manche
Ereignisse vorübergehend an. Aber meistens blieb es bei Entwürfen, es
waren Ansätze und Versuche ohne Abschluß, ohne Lust, ohne Vertrauen.

Im Jahre 1801 sah er Steffens in Dresden wieder. In lebhaftem
Umgange bildete sich erst jetzt ein entschiedenes Verhältniß zwischen
ihnen aus. Steffens wohnte in Tharand, häufig kam er nach der Stadt
Tieck zu besuchen, in dessen Hause er bald heimisch ward. Auch bei
dem Hofsecretär Ernst, einem sächsischen Beamten, der die Schwester
der Schlegel geheirathet hatte, sahen sie sich oft. Steffens’
naturphilosophische Richtung kam ihm entgegen. Die Natur und ihre
Geheimnisse, Poesie, Philosophie und Religion waren Gegenstände
häufiger stundenlanger Unterhaltungen. Sie trafen zusammen in Jakob
Böhme und den Mystikern. Aus diesen Gesprächen bildete sich jenes
schauerliche Märchen „Der Runenberg“, in dem die Natur als dunkle und
unwiderstehliche Macht erscheint, die den freien sittlichen Entschluß
des Menschen vernichtet. Es war das Abbild der damaligen Stimmung
Tieck’s. Im Walde, in der Pflanzenwelt wehte ein verwandter Hauch,
der ihn geheimnißvoll durchschauerte. Er glaubte hineinzublicken in
ferne, untergegangene Riesenwelten, und sie in ihren Erinnerungen
wiederzuerkennen. In sich erfuhr er die uralten Wandlungen der Natur,
von der Sage und Mythos dunkel erzählten; sie waren ihm nichts
Vergangenes, sondern ein Gegenwärtiges. Natur, Geschichte, Poesie floß
in eins, und es blickte ihm entgegen mit einem Auge der Liebe und des
Schreckens zugleich. Der „Runenberg“ erschien in einem Taschenbuche für
das Jahr 1802 im Druck.

Durch Steffens war er früher in Giebichenstein mit einem jungen
Landsmann desselben, Namens Möller, bekannt geworden, der ebenfalls,
für deutsche Wissenschaft und Literatur begeistert, nach dem Süden
gekommen war. Erzogen und aufgewachsen in dem strengsten Lutherthum,
erfüllte ihn eine leidenschaftliche Abneigung gegen die katholische
Kirche, welche er nur aus Büchern und den im Vaterlande herrschenden
Ansichten kannte. In Gesprächen mit Tieck und Andern, ging er oft
zur heftigsten Polemik über. Kaum ein christliches Element wollte er
in ihr anerkennen, er meinte sie verhalte sich zum protestantischen
Bewußtsein nicht viel anders als der Mythos der Griechen. Gegen so
einseitige Angriffe vertheidigte Tieck die katholische Kirche von
seinem Standpunkte aus. Auch sie sei eine Form des Christenthums,
und zwar eine nicht minder berechtigte, außerdem sei sie die ältere.
In den einzelnen Theilen des katholischen Cultus liege ein Sinn, der
historisch wol anzuerkennen sei. Uebrigens werde das wahre Wesen der
Frömmigkeit dadurch kaum berührt, denn zu allen Zeiten, wie auch jetzt
noch, habe es unter den Katholiken fromme und wahrhafte Christen
gegeben. Der junge Norweger wies diese Entgegnungen hartnäckig ab;
er behauptete sogar, nur in seiner Heimat könne man das Abendmahl in
voller Reinheit empfangen, und schickte sich bereits an deswegen dahin
zurückzukehren.

Plötzlich erkrankte er. Eine Umwandlung ging mit ihm vor. Alles was er
über die Anerkennung der katholischen Kirche gehört und gelesen hatte,
kam zu einem unerwarteten Durchbruch. Mit demselben ausschließlichen
Eifer, mit welchem er vorher an dem Lutherthum gehangen hatte, umfaßte
er nun den Katholicismus. Nur hier war die Wahrheit, nur im Schoose
dieser Kirche Friede und Seligkeit. Bald darauf trat er über, und
verbannte sich dadurch aus seinem Vaterlande für immer. Er heirathete
eine ältere Schwägerin Tieck’s, und zog auch diese zu sich herüber.
Sein Bekehrungseifer war erwacht. Alles was er je aus Tieck’s Munde
gehört hatte, wandte er nun gegen ihn. Er sah in ihm einen schwachen
und unentschiedenen Anhänger des Glaubens. Mündlich und schriftlich
forderte er ihn auf wiederzukehren in den Schoos der wahren Kirche,
als berühmter Mann ein großes Beispiel der Bekehrung zu geben, das von
den glänzendsten Folgen begleitet sein werde. Nur mit Mühe erwehrte
sich Tieck dieser Zumuthungen. Auf die Anerkennung des tiefen Sinnes,
der in jeder echten Frömmigkeit ruht, welche Formen sie haben möge, war
es ihm angekommen. Seine Neigung zum Mystischen, ein lebhaftes Gefühl
der Gerechtigkeit hatten ihn getrieben, den alten Glauben der von den
Aufgeklärten geschmähten katholischen Kirche anzuerkennen. Aber weil er
dies that, sollte er darum seine Freiheit dem System, das jene Schätze
bewahrte, aber in drückender Weise verwaltete, unterwerfen?

Aus diesen Erfahrungen ging im Jahre 1802 der Entwurf einer Dichtung
hervor, welche einen ähnlichen Bildungsgang darstellen sollte. Ein
Jüngling begegnet den Verkündigungen des Wunders und der Heiligkeit
der Religion, die er aus dem Munde eines Greises vernimmt, mit Spott
und Zweifel. Niemals sind ihm ähnliche Gedanken gekommen. Aber seine
Augen öffnen sich, die neue Offenbarung erfüllt bald sein Herz. Als ein
Umgewandelter kehrt er zu dem Greise zurück, und verlangt die Aufnahme
in die Kirche, welche er jetzt erst hat schätzen lernen. Aber nun
eröffnet ihm der Greis zum zweiten Male ein neues Verständniß. Er klärt
ihn darüber auf, wie er im Begriffe sei statt des Ewigen eine andere
endliche, dem Mangel und Irrthum unterworfene Form zu ergreifen; er
heißt ihn heimgehen und den gefundenen Schatz in seinem Innern bewahren.

Um diese Zeit machte Tieck auch die Bekanntschaft einiger Maler, die
eine ähnliche Richtung hatten; es waren Hartmann, Fridrich, und Philipp
Otto Runge. Die beiden letzten, aus Schwedisch-Pommern gebürtig, in der
Malerei vornehmlich der Landschaft zugewendet, machten diese zum Träger
einer mystischen Symbolik. Besonders Runge hatte einen eigenthümlichen
Mysticismus der Farben ausgebildet, in dem Kunst, Religions- und
Naturphilosophie ineinander verschwammen. Er war tiefsinnig, streng
gläubig, doch fern von aller Kopfhängerei, jugendlich kräftig,
witzig und heiter. Schon früher hatte der „Sternbald“ einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht; er schätzte sich glücklich, jetzt mit dem
Dichter selbst befreundet zu sein, denn so gestaltete sich bald das
Verhältniß beider. Tieck bewunderte ebenso sehr seinen Tiefsinn wie
sein Talent, und nahm lebhaften Antheil an den berühmten symbolischen
Kupferstichen, die vier Tageszeiten, die damals eben im Entstehen
waren. Später sagte er von ihm, er habe die spielende Arabeske zu einem
philosophisch-religiösen Kunstausdruck erziehen wollen.

Auch Lafontaine, den er zur Zielscheibe seiner literarischen Satire
gemacht hatte, lernte er während eines kurzen Aufenthaltes in Leipzig
kennen. Eines Abends war er bei Mahlmann, dem Buchhändler und
Schriftsteller, der auch zu den Gegnern Kotzebue’s gehörte. Hier traf
er, außer F. Schlegel und einigen andern Bekannten, einen Mann, den nur
der Zufall in diese Gesellschaft geführt haben konnte, da er mit den
Wortführern unter den Anwesenden offenbar unbekannt, sich mit großer
Unbefangenheit über seine eigenen schriftstellerischen Leistungen
aussprach. In diesem fetten, rothen Manne hätte Niemand Lafontaine,
den Verfasser so vieler thränenreicher Romane vermuthet. Endlich mußte
ihm klar geworden sein, in welche bedenkliche Gesellschaft er gerathen
sei, denn er entfernte sich stillschweigend. Kaum war er gegangen,
als eine Flut des Gelächters und der Spottreden hinter ihm losbrach,
über seine Romane, seine Persönlichkeit und Autoreitelkeit. Plötzlich
aber wurde dieser Muthwille durch eine wohlbekannte Stimme mit den
Worten unterbrochen: „Lieber Mahlmann, ich kann aus Ihrem Hause nicht
hinausfinden!“ Es war Lafontaine, der unerwartet wie der steinerne
Gast in der lustigen Gesellschaft wieder erschien. Da er die Hausthür
verschlossen gefunden hatte, war er zurückgekehrt, und hatte, unbemerkt
hinter den Kritikern stehend, ihre schonungslosen Reden eine Zeit lang
schweigend angehört. Schnell unterbrach Schlegel die augenblickliche
Bestürzung mit den Worten: „Da geht es Ihnen hier gerade so wie in
Ihren Romanen, da können Sie sich auch nicht hinausfinden.“ Und nun
fand Lafontaine den Weg aus dem Hause um so rascher.

Es war stets eine Erholung für Tieck, wenn er dem steifen Ernste der
großen Bühne, die er in Dresden nicht besser fand als in Berlin,
entfliehen und sich an den harmlos volksthümlichen, oft auch wahrhaft
albernen Spielen der Bretertheater in den Vorstädten erheitern konnte.
In Dresden erwies ihm das Sommertheater auf dem Linke’schen Bade,
wo eine wandernde Truppe spielte, diesen Dienst. Hier sah er das in
seiner hohen Abgeschmacktheit kindisch unbefangene Liederspiel „Das
Donauweibchen“, welches zu den beliebtesten Stücken des Tages gehörte.
Einige von diesen Gestalten faßte er auf, und suchte sie zu Trägern
eines phantastischen Märchens umzubilden. Auch entwarf er den Plan zu
einer dramatischen Bearbeitung der „Magelone“, die zwischen „Octavian“
und „Genoveva“ in die Mitte treten sollte, und eine Tragödie „Niobe“
wollte er im Wettkampfe mit den Schlegel, die diesen Stoff ebenfalls zu
behandeln dachten, schreiben. Zugleich trug er sich seit 1797 mit dem
Gedanken eines Romans „Alma“, in dem er die Liebe, wie im „Sternbald“
die Kunst, verherrlichen wollte. Rasch, wie wechselnde Bilder, gingen
diese Pläne durch seine Seele.

Endlich kam ein anderer Gedanke zur Ausführung, den er schon 1800
mit A. W. Schlegel gemeinschaftlich gefaßt hatte, die Herausgabe
eines Musenalmanachs. Daß dieser für das Jahr 1802 wirklich zu Stande
gebracht wurde, war die Folge von Schlegel’s Thätigkeit und gewandter
Geschäftsführung. Schiller’s „Musenalmanach“, der dem Werthe nach bei
weitem die erste Stelle eingenommen hatte, war 1800 zum letzten Male
erschienen. Hier hatten auch die Freunde Manches beigetragen. An den
andern zahlreichen Almanachen fand sich Vieles auszusetzen. Bei der
Art, wie man sie beurtheilt hatte, bei den hohen Anforderungen, die man
machte, war es unmöglich, sich irgendeinem anzuschließen. Es entstand
daher der Wunsch, einen eigenen Musenalmanach herauszugeben, zu dem
nur die besten Freunde das Beste beisteuern sollten. Es lieferten
außer den Herausgebern Friedrich Schlegel, Schelling unter dem Namen
Bonaventura, Tieck’s Schwester und Bernhardi die hervorragendsten
Beiträge. Was außer einigen Gedichten von Novalis von Andern herrühren
mochte, war von geringerer Bedeutung. Zugleich ward diese Sammlung
zu einem zwiefachen dichterischen Todtenopfer. Es galt nicht allein
der Erinnerung an Novalis, den geschiedenen Dichter und Freund,
sondern auch an Auguste Böhmer, jenes geistvolle junge Mädchen, das
in hoffnungsvollster Jugend im Jahre 1800 dem Tode verfallen war. Zur
Herstellung ihrer Gesundheit hatte Schlegel seine Stieftochter nach
Boclet ins Bad begleitet, wo sie statt der Gesundheit den Tod fand.
Ihrem Andenken widmete er unter dem Namen „Todtenopfer“ eine Reihe von
Sonetten, die den Haupttheil des Musenalmanachs bildeten.

Durch das Studium der Mystiker war Tieck mit den allgemeinen Gedanken
des Mittelalters vertrauter geworden, es lag daher der Uebergang zur
altdeutschen Poesie in ihrer ursprünglichen Gestalt nahe. Er hatte sie
von seinem Freunde Wackenroder gewissermaßen geerbt; jetzt nahm er
sie, etwa 1801, selbständig auf. Es war ein Seitenweg des dichterischen
Lebens, den er einschlug. In diesen Werken fand seine Richtung auf das
Tiefsinnige und Eigenthümliche, die Vorliebe für das Althistorische
und für literarische Gelehrsamkeit ihre Befriedigung. Bald kam es zu
Versuchen der Uebersetzung, Nachbildung und Umdichtung. Die fremde
Dichterkraft beschäftigte ihn, während die eigene ruhte.

Zunächst zog ihn das schwäbische Zeitalter an. In der Vergessenheit
alter Drucke und Handschriften, von deren Dasein nur wenige Gelehrte
Kunde hatten, und deren noch wenigere sie werthachteten, erkannte er
die Schöpfungen einer volksthümlichen Dichtung, die aus dem Staube
hervorgezogen, dem Verständnisse der Gegenwart wieder zugänglich
gemacht werden müsse. Es kam darauf an, dem Volke die Denkmale seines
Geistes, seine eigene Sprache zu deuten. Ein solches Unternehmen war
damals, wo die Herbeischaffung der unentbehrlichsten Hülfsmittel
mit großen Schwierigkeiten verbunden war, wo man nicht ahnte, daß
sich auch hier eine Wissenschaft aufbauen könne, doppelt kühn und
anerkennenswerth. Seine Begeisterung gehörte dazu, dieses Leben aus
langem Schlafe wiederzuerwecken. An ihr haben sich dann jüngere Kräfte
entzündet. Wie auch eine spätere, klüger gewordene Kritik über diese
Versuche urtheilen möge, Tieck’s großes Verdienst ist es, den ersten
einladenden Pfad durch die romantische Wildniß, durch den grünen,
rauschenden Wald der ältern deutschen Poesie gebahnt zu haben, durch
welchen jetzt manche befahrene Heerstraße führt. Die erste Frucht
dieser Thätigkeit war die Uebersetzung der Minnelieder, die er 1803 dem
Publicum übergab.



3. Ein alter Freund.


Seit er Berlin verlassen hatte, dachte er daran, eine neue Heimat
zu suchen. Aber wie lange dauerte es, ehe er sie fand! Während die
Schwierigkeiten des Lebens wuchsen, Leiden und körperliches Ungemach
zunahmen, fehlte es ihm an einem festen Herde. Und doch wollte er sich
nicht binden.

Einen Augenblick eröffnete sich die Aussicht auf eine dauernde
Stellung und einen Wirkungskreis, der seinen Neigungen entsprach. Bei
dem Stadttheater in Frankfurt a. M. suchte man 1801 einen Regisseur,
der nicht Schauspieler, sondern dramaturgisch gebildeter Kenner des
Theaters sein sollte. Brentano, seit den Zeiten in Jena ein warmer
Freund Tieck’s, faßte den Gedanken, ihm diese Stelle zu verschaffen.
Auch Frommann, der in Frankfurt Verbindungen hatte, nahm sich der Sache
an. Durch ihn kam sie an Goethe, dessen Rath man schon bei ähnlichen
Gelegenheiten eingeholt hatte. Doch wollte dieser in einem an Tieck
gerichteten Briefe keineswegs zureden, die schwierige und schwankende
Stellung anzunehmen. Während der Verhandlungen aber eilte eine
Gegenpartei, das Amt in ihrem Sinne zu besetzen.

Bald darauf kam ihm sein alter Freund Burgsdorff wieder nahe. Seit
längerer Zeit hatten sie einander aus den Augen verloren; jeder war
seines Weges gegangen. Während Tieck dichtete und mit sich kämpfte,
hatte Burgsdorff die innere Unruhe, die Lust am vollen Leben und seinem
Genusse in die Welt hinausgetrieben; er hatte das westliche Europa
durchkreuzt. Nicht auf die gewöhnlichen Gebiete des Ehrgeizes führte
ihn seine Neigung, nicht Aemter oder Stellen zogen ihn an. Auch er
wollte frei und unabhängig sein, Erfahrung und Studium, Bildung und
Genuß miteinander vereinen, das Leben in seinen wechselnden Gestalten
an den Quellen kennen lernen. Sein abenteuerndes Reiseleben erinnerte
an jene deutschen Edelleute des siebzehnten Jahrhunderts, die erst
dann, wenn sie den reichern Süden und Westen kennen gelernt hatten, in
dem eintönigen Vaterlande, auf ihren abgelegenen Landsitzen Ruhe fanden.

Nach der Rückkehr aus Göttingen hatte er abwechselnd in Berlin und
Dresden gelebt. Er gehörte zu den geistreichen und eleganten jungen
Männern, die sich um Rahel sammelten. Dann begleitete er Wilhelm
von Humboldt mit Friedrich Tieck nach Wien und Paris. Hier lebte er
mitten im Strudel der gewaltigsten Weltbegebenheiten als stiller
und genießender Beobachter. Der Verlauf der Revolution hatte seinen
frühern Enthusiasmus abgekühlt. Im Jahre 1799 ging er nach Spanien, im
Spätherbste nach London, wo er den Winter und den Sommer des folgenden
Jahres in angenehmen Verhältnissen verlebte. Die Empfehlungen, die er
mitbrachte, die Verbindungen, welche er in der Heimat hatte, eröffneten
ihm die höhern Kreise. Mit Engländern, mit Deutschen und Franzosen
verkehrte er. Im Hause des preußischen Gesandten Jakobi fanden sich die
in London lebenden Preußen zusammen, zu denen sich auch andere Deutsche
gesellten. Hier sah er den Grafen Neal, der mit den Verhältnissen des
preußischen Hofes wohl bekannt war, die Grafen Degenfeld und Einsiedel
und den dänischen Gesandten Wedell.

Ein anderer Sammelplatz der Preußen war der kleine Hof, welchen
der Markgraf Karl Alexander von Ansbach und Baireuth in seiner
Zurückgezogenheit hielt. Nachdem er die Regierung seiner Stammlande
niedergelegt, und als der Letzte der markgräflichen Linie an Preußen
abgetreten hatte, heirathete er die Witwe des Lord Craven, und schlug
seinen Wohnsitz in England auf. Brandenburgh-House, in Benham in
Berkshire an der Themse, war als Fürstensitz von Geschmack und Eleganz
auch bei den Engländern bekannt; man rühmte den Park, die Galerien,
die trefflichen Pferdeställe. Der Markgraf führte seinen Hof mit dem
üblichen Glanze kleiner deutscher Fürsten, aber ohne Sorge und Anspruch
in einem Lande, wo man eben nicht geneigt war, Rücksicht auf ihn zu
nehmen.

Hier wurde auch Burgsdorff eingeführt. Der erste Empfang geschah am
Spieltische. Der Ton war frei und ungezwungen, und gern verweilte
er einige Tage in diesem gastlichen Hause. Der Markgraf war bequem,
gesprächig, doch nicht ohne fürstliche Haltung. Nach dem ersten Diner
zog er Burgsdorff in ein Gespräch über Deutschland und die Revolution.
Mit Heftigkeit äußerte er sich über die deutschen Universitäten; er
nannte den Geist ihrer Gelehrten einen revolutionären, besonders schalt
er auf Schlözer und dessen Staatsanzeigen. Die Markgräfin hielt die
Mitte zwischen der englischen Lady und der emporgekommenen deutschen
Prinzessin. Sie sprach sich im Sinne aristokratischer Opposition
aus. Sie klagte über den steigenden Druck der Taxen, über das damit
verbundene Herabkommen der Gentry, von dem auch ihre Familie betroffen
werde. Auch mit ihrem Sohne erster Ehe, Mr. Keppel, und einigen andern
ihrer Verwandten ward Burgsdorff bekannt. Ein alter Kammerherr, ein
Freund des Markgrafen, dessen Resident er lange Zeit in Italien gewesen
war, das Abbild eines deutschen Hofbeamten des vorigen Jahrhunderts,
geleitete ihn durch Schloß und Park. Alles war reich, bequem, fast
verschwenderisch eingerichtet. Ein kleines Theater gab es, das nach
dem Muster von Drurylane erbaut war. Auch an einer Jagdpartie fehlte es
nicht, an welcher der Gast Theil nahm.

Später wurde Burgsdorff durch den preußischen Gesandten dem Herzoge
von York, dann dem Könige Georg vorgestellt. Dies verschaffte ihm
Gelegenheit, Zeuge eines längern Gesprächs zwischen dem Könige, dem
preußischen, und dem russischen Gesandten Woronzow zu sein. Es betraf
die Revolution und einige Einrichtungen, die zu ihren Folgen gehörten,
die Departementseintheilung, den neuen Kalender und Anderes der Art.

Vor allen Dingen wünschte der Reisende Pitt, den Führer des Kampfes
gegen die Revolution, zu hören. Im Januar 1800 wurde das Parlament
eröffnet. Nach manchen vergeblichen Versuchen gelang es ihm, den
großen Mann auf seinem Schlachtfelde zu sehen. Der Gegenstand der
Verhandlungen war nicht von Bedeutung, doch redete Pitt ausführlich.
Umsomehr konnte die Aufmerksamkeit bei dem Redner verweilen. Beim
ersten Anblicke entsprach er den Erwartungen nicht, die der Beobachter
mitbrachte. Sein Wesen trug weder den Stempel des Edeln oder des
Schönen, noch hatte sein Gesicht die charakteristische Häßlichkeit
mancher anderer ausgezeichneter Menschen. Seine Bewegungen waren steif
und eckig, zuweilen streiften sie an die Caricatur. Die Stimme war
kräftig und volltönend, fast schien sie zu seinem Körper nicht zu
passen. Es war der sittliche Anstand, die Würde, die Alles durchdrang,
und ihm einen hohen Ausdruck verlieh. Er zeigte sich als Meister der
Rede im großen Stil, Inhalt und Form beherrschte er, er stand hoch über
ihnen. Seine Gründe waren schlagend; von den mildesten Aeußerungen
stieg er bis zu den kräftigsten, je nachdem es der Augenblick
erforderte. Mitunter nahm seine Rede den Lehrton an; aber dies schien
nothwendig, da er einem großen Theile des Hauses die Sache erst
nahebrachte und die leitenden Gesichtspunkte angab.

Einen merkwürdigen Kreis bildeten die französischen Emigranten, die
in großer Anzahl in London lebten. Burgsdorff verkehrte mit ihnen,
ohne in ihre übertriebenen Ansichten einzustimmen. Der bedeutendste
Mann war ohne Zweifel der Genfer Ivernois, bekannt als politischer und
nationalökonomischer Schriftsteller. Aus Frankreich verbannt, stand er
jetzt bei der schwedischen Gesandtschaft in London. Er war allseitig
gebildet und besaß hohes Talent. Ihm am nächsten kam Montansier,
ein ehemaliger Constitutioneller; der altfranzösische Emigrant in
seiner vollen carikirten Einseitigkeit war ausgebildet in dem Abbé
de Lisle. In ihrem hoffnungslosen Exil lebten diese Emigranten im
sonderbarsten Hader untereinander, der bisweilen einen erbitterten
Charakter annahm. Für sie war die wichtigste Frage, wer ~pur~ sei und
wer nicht, wie weit Jemand mit der Revolution gegangen, wie früh oder
wie spät er ausgewandert sei, oder ob er gar eine Zeit lang Dienste
genommen habe. Bei den verschiedenen Erklärungen des ~pur~ kamen
politischer Glaube und Fanatismus im vollsten Umfange zu Tage. Nach de
Lisle’s Meinung konnte Niemand darauf Anspruch machen, ~pur~ zu sein,
der je etwas von der englischen Verfassung gehalten, oder gar an die
Möglichkeit ihrer Einführung in Frankreich gedacht hatte. Diese galten
ihm höchstens für Moderantisten. Bailly hieß kurzweg ~scelerat~,
Bonaparte ~homme infame~.

Ueberwiegend aber nahmen Kunst und Leben im Großen den Reisenden in
Anspruch. Die Neigung der jüngern Generation in Berlin für Theater und
Literatur verließ ihn auch in London nicht. Im bunten Wechsel eines
geräuschvollen Weltlebens behielt er Zeit genug, den Shakspeare mit
Eifer zu lesen. Häufig besuchte er die Theater; er sah Kemble als
Richard III., die Siddons in ihren Hauptrollen in Shakspeare’schen
Stücken. Er besuchte Kirchen, Galerien und Fabriken, versäumte Märkte
und Ausstellungen nicht, war Zuhörer bei den Proceßverhandlungen, und
Zuschauer, wenn Gehenkte vom Galgen losgeschnitten wurden. Nach allen
Seiten hin machte er sich mit dem Leben der Weltstadt bekannt. Endlich
folgte eine Reise in die Provinzen und nach Schottland. Dazu hatte er
sich mit Ivernois und einem Landsmanne, dem Landrathe von Vincke aus
Minden, verbunden. Man besuchte Oxford und Birmingham, die Höhle von
Castleton, sah die alterthümlichen Schlösser und Landsitze reicher und
kunstliebender Lords, und hielt sich einige Zeit in Edinburg auf. Von
hier gingen sie nach den Hochlanden. Bald darauf kehrte Burgsdorff nach
der Heimat zurück, die er seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte.

Er wollte versuchen, auf seiner Scholle das stillere Leben des
Ackerbauers, des Jägers zu führen. Ihm gehörte das Gut Ziebingen
in der Neumark. Bald indeß verkaufte er es an seinen Oheim, den
Grafen Finkenstein. Im Jahre 1801 sah er nach langer Trennung seinen
melancholischen Jugendfreund in Dresden wieder. Beide hatten Vieles
und sehr Verschiedenes erlebt, beide waren in mancher Hinsicht anders
geworden, und doch im Grunde dieselben geblieben. Aber auch die alte
Freundschaft war dieselbe. Dringend forderte Burgsdorff den Freund auf,
ihm nach Ziebingen, wo er noch wohnte, zu folgen, und eine Zeit lang
seine Heimat bei ihm aufzuschlagen. Tieck nahm diese Einladung an, und
sie ward für ihn Veranlassung zu einer neuen Freundschaft.

Im Jahre 1802 lernte er den Grafen Finkenstein in Madlitz bei
Frankfurt an der Oder kennen. Der Graf war ein gebildeter und würdiger
Mann. Ein Sohn jenes bekannten Ministers Friedrich’s des Großen, hatte
er früher die juristische Laufbahn eingeschlagen, als Rath an dem
berühmten Processe des Müllers Arnold Antheil genommen und sich fest
und unerschrocken gezeigt. Jetzt hatte er den Staatsdienst verlassen,
und lebte auf seinen Gütern, deren Verwaltung neben literarischen
Studien und Liebhabereien seine Muße füllte. In Madlitz legte er
einen berühmten Park an. Den Landbau übte er praktisch, dabei las
und studirte er die ländlichen Dichter der Römer und Griechen,
und versuchte sie sogar zu übersetzen. Seine Familie war eine der
liebenswürdigsten, die Mutter wie ihre drei Töchter. Alles schien
sich vereint zu haben, um ihre Erscheinung zu einer harmonischen zu
machen. Nichts, was Kunst, Poesie und Literatur darbot, war ihnen
fremd. Wie Goethe’s Bedeutung hier eine anerkannte und abgemachte war,
so hatten auch schon die jüngern Dichtungen Eingang gefunden. Man las
Tieck’s „Romantische Dichtungen“, und die Lieder aus dem „Sternbald“
wußte man auswendig. Die ernste Musik der alten italienischen Meister
des strengen kirchlichen Stils war hier heimisch. Man hörte die im
Norden Deutschlands sonst unbekannten Werke Marcello’s, Lotti’s und
Palestrina’s.

Mit der liebenswürdigsten und reinsten Gastfreundschaft nahm man den
Dichter auf, und ein geistiger Verkehr entspann sich, der gerade
in dieser Zeit beruhigend und erhebend auf ihn zurückwirkte. Der
alte Graf, offenen und freien Blicks, verschloß sich den Anregungen
des jüngern Zeitalters nicht, weil ihn keine gelehrten Theorien
und Vorurtheile beschränkten. Gern ging er auf Tieck’s Ansichten
ein, nachdem er ihn näher kennen gelernt hatte, und folgte dessen
begeistertem Lobe Shakspeare’s und des Mittelalters in die ältere
englische und deutsche Poesie.

Gegen Ende des Jahres 1802 übersiedelte sich Tieck auf Burgsdorff’s
Einladung mit Frau und Kind auf längere Zeit nach Ziebingen. Von den
Erinnerungen an die alte Freundschaft und der Gegenwart kam man auf die
Zukunft, und es entstand der Plan einer gemeinschaftlichen Rundreise
durch Deutschland. Seit den Studienjahren hatte sich Tieck nur zwischen
Berlin und Jena, Hamburg und Dresden bewegt.

Im Juni 1803 brachen sie auf. Sie gingen über Guben nach Dresden, wo
Tieck Fouqué sah, der damals noch preußischer Lieutenant, durch A.
W. Schlegel angeregt, sich den jüngern Dichtern angeschlossen hatte.
Eben fing er an, mit der ältern deutschen Poesie und den nordischen
Sagenkreisen sich bekannt zu machen.

Darauf schlugen sie den Weg nach Böhmen ein. Bei dem herrlichsten
Wetter überstiegen sie die Nollendorfer Höhen, und blickten in das
reiche böhmische Land hinab, das sich zu ihren Füßen ausbreitete.
Doch als die Sonne sank, folgte auf den ersten Rausch des Entzückens
ein verdrießliches Abenteuer. Statt, wie sie wünschten, Teplitz mit
dem Abend zu erreichen, langten sie erst in der Nacht daselbst an.
Des Weges unkundig, hielt der Fuhrmann in tiefer Finsterniß vor
einem großen Thore, das die Einfahrt zum Gasthofe sein sollte. Nach
mancherlei Fragen und Untersuchungen ergab sich, man stand vor dem
Kirchhofe und hatte Einlaß begehrt.

In Karlsbad trafen sie Novalis’ jüngern Bruder, Karl von Hardenberg,
der sich unter dem Namen Rostorf als Dichter versucht hatte, ohne
das Talent und den Tiefsinn des Bruders zu besitzen. Ein trefflicher
Charakter, lebte er in der Erinnerung des Geschiedenen. Die Verbindung,
in welche Tieck durch die Herausgabe des Nachlasses mit ihm gekommen
war, ward zu einer persönlichen und freundschaftlichen.

Dann betraten sie das Fichtelgebirge und den wohlbekannten Boden des
Frankenlandes. Sie sahen die Ruine von Berneck, Erlangen, Pommersfelde
wieder, und das geliebte Nürnberg. Ueberall wurden alte Erinnerungen
aufgefrischt, und alte Bekanntschaften erneuert. Dann ging es nach
Bamberg, weiter nach Würzburg und durch den Spessart nach Heidelberg,
wo sie Daub und Creuzer sahen. In Heilbronn kehrten sie um. Sie gingen
durch das Kocherthal, und im Andenken an Götz und Goethe, den Helden
und den Dichter, besuchten sie Jaxthausen. In Kissingen standen sie am
Grabe der Auguste Böhmer, und kamen endlich nach Liebenstein, wo sie,
wie verabredet worden, mit Hardenberg wieder zusammentrafen.

Durch diesen wurden sie dem Herzoge von Sachsen-Meiningen vorgestellt.
Diesem begegnete Tieck bald darauf in einer Breterbude, wo ein
Marionettentheater aufgeschlagen war, das er selbst nicht unbesucht
lassen konnte. Hier saß der Herzog als Zuschauer, um einen rohen
Kunstgenuß mit Badegästen, Soldaten und Bauerndirnen zu theilen, mitten
in einem undurchdringlichen Tabacksdampfe, den er selbst nicht wenig
vermehrte.

Zufällig ward Tieck in einem öffentlichen Garten auch mit dem
Schriftsteller Cramer bekannt, der als Forstmeister im Meiningischen
lebte. Als unerschöpflicher Autor roher und geschmackloser
Ritterromane, war dieser Mann oft Gegenstand seiner humoristischen
Angriffe gewesen, wie ein Anderer desselben Schlages, den er früher in
Tharand gesehen hatte, Schlenkert. Im eifrigen Gespräche saß Cramer im
Kreise seiner Bekannten. Das Gesicht war pockennarbig, der Ausdruck
platt und gewöhnlich, die Stimme hart und rauh. Die Pausen der Rede
füllte er durch lange Züge aus einer großen Meerschaumpfeife; in dicken
Qualmwolken blies er den Rauch umher. Er sprach in einer sonderbaren
Mischung der überschwänglichsten und niedrigsten Redensarten,
Schimpfwörter wurden in seinem Munde zum Ausdrucke der Anerkennung. Er
erzählte von seinen alten Freunden. Es waren alle herrliche, erhabene,
idealische Kraftmenschen; sie schienen die Urbilder seiner Ritter und
Kämpen zu sein. Leider hatten die meisten von ihnen im Gefängnisse
oder im Krankenhause ein elendes Ende genommen. Einen pries er vor
Allen, welcher die größten undenkbarsten Gedanken gedacht habe; er
würde ein ganz idealischer Mensch gewesen sein, wenn er nicht einen
übelriechenden Athem gehabt hätte.

Doch die Reise sollte mit einem Abenteuer enden, dem Schiffbruche
ähnlich, welcher zehn Jahre früher die studentische Fahrt durch das
westliche Deutschland beschlossen hatte. An der Bank zu Liebenstein
wollte Burgsdorff sein Glück versuchen. Doch binnen kurzer Zeit verlor
er bis auf einen dürftigen Rest das gesammte Reisegeld. So schnell
als möglich eilte man nach Dresden, wo man Freunde und Unterstützung
zu finden hoffte. Aber das Geld schmolz noch schneller. In Chemnitz
mußten die Reisenden ihr Gepäck als Pfand zurücklassen, doch zum Glück
fanden sie in der letzten Nacht in einem einsam gelegenen Forsthause
gastfreie Aufnahme. Sie waren froh, Dresden endlich zu erreichen. Noch
einmal war es ein Abenteuer aus der Jugendzeit, und wenn auch reich
an Unbequemlichkeiten, dennoch unterhaltend und in der Erinnerung ein
trefflicher Spaß.



4. Ein Naturdichter.


Als Tieck in den folgenden Monaten in Dresden verweilte, gab es ein
heiteres Erlebniß, welches sich den Reiseerinnerungen wohl anschloß. Er
machte die Bekanntschaft des gefeierten Naturdichters Hiller.

Es war eine eigenthümliche Fügung, daß dieser Mann ihm gewissermaßen
gegenübergestellt wurde. Wenn Jemand, war Tieck ein Dichter von Natur
und der Natur. Er hatte die Poesie geübt, ehe er ihre Bedeutung
kannte, sie war sein Leben selbst. Jetzt fand sich ein Mann, den viele
Aesthetiker von Fach für einen wirklichen Dichter erklärten, wie er
unmittelbar aus der Hand der Natur hervorgegangen sei. Sie staunten
ihn wie ein Wunder an, weil er, ohne den Schulcursus der Bildung
durchgemacht zu haben, darauf verfallen war, einige Reime miteinander
zu verknüpfen, um gewöhnliche Betrachtungen auszusprechen, die sich in
schlichter Prosa hätten besser sagen lassen. Die Verherrlichung eines
solchen Naturtalents hätte trefflichen Stoff für ein Capitel in der
Literatur der Schildbürger gegeben.

Hiller war nacheinander Fuhrmann, Strohflechter und Ziegelstreicher
gewesen, als er in die Hände bildungseifriger Menschenfreunde gerieth,
die ihn für ein Genie hielten, weil er Wieland’s Schriften las und
zu einigen Reimen angeregt wurde. Seine Gönner erwiesen ihm einen
zweideutigen Dienst, als sie ihn aus dem engen Leben herausrissen und
nach Berlin brachten. In ihrem Eifer ruhten sie nicht eher, als bis er
bei Hofe vorgestellt wurde. Dadurch wurde sein Ruf in weitere Kreisen
verbreitet; nur ein ausgezeichneter Mann konnte so geehrt werden.

Auch die Wissenschaft, die eben aufkommende Schädellehre, deren Orakel
man anzustaunen begann, nahm sich des Genies an. Gall hatte an diesem
Dichter seine Demonstrationen gemacht, und seine Lehre wurde durch die
Natur selbst bestätigt. Er fand das Dichterorgan an ihm ausgebildet.
Hiller, so erzählte man, hatte vor dem Katheder Gall’s gesessen, und
dieser sollte die Zuhörer darauf angeredet haben: „Sie werden an
diesem Manne durchaus nichts Bemerkenswerthes finden; es könnte sogar
scheinen, er sei ein dummer Mensch. Dennoch ist er im Gegentheil ein
großer Dichter!“

Tieck sah den bewunderten Naturdichter zuerst in Dresden im Theater,
wo er Gegenstand der Neugier ward. Man gab ein schlechtes Ritterstück,
„Kunz von Kaufungen“, dessen Verfasser ein gewisser Naumann war. Es
machte auf den Natursohn einen bedeutenden Eindruck. Er erklärte es für
ein treffliches Werk, und meinte, der Verfasser müsse ein Genie sein;
er habe nicht geglaubt, daß ein berühmter Kapellmeister zugleich ein
großer Dichter sein könne.

Einige Tage darauf kam er zu Tieck, das Handwerk zu grüßen. Er sammelte
Subscribenten für seine Gedichte, die als Beweis seines Talents
herausgegeben werden sollten. Mit naiver Zuversicht behandelte er Tieck
als seines Gleichen. Als dieser bemerkte, wie lästig das Sammeln von
Subscribenten sei, ein Zeichen der Abhängigkeit des Schriftstellers vom
Publicum, das ihn schließlich vergesse, antwortete mit schlauer Miene
der Naturdichter zu seinem Troste: „Neh! Hören Se, wir zwee Beede sind
dadrüber weg!“



5. Schmerz und Krankheit.


Die Sommerreise im Jahre 1803 war eine geistige Erfrischung gewesen,
deren Tieck in seinem Trübsinn gar sehr bedurfte. Er litt nicht allein;
schon seit längerer Zeit sah er auch seine Schwester leiden. Ihre Ehe
mit Bernhardi war keine glückliche; man wünschte auf beiden Seiten
eine Trennung. Auch Tieck zerfiel jetzt mit dem alten Freunde. Die
Gesundheit seiner Schwester war tief erschüttert; sie mußte sich aus
der Lage, in der sie sich befand, herausreißen. Ein südliches Klima
sollte sie aufsuchen, am liebsten zu ihrer Herstellung nach Italien
gehen. Sie wünschte dringend, der Bruder möge sie begleiten, der wie
sie der Stärkung bedurfte.

Zunächst beschloß Tieck, mit der Schwester nach München zu reisen,
wo man dem ersehnten Lande des Südens soviel näher war. Hier
verschlimmerte sich ihr Zustand seit dem Herbste 1804. Ihr Leben war in
Gefahr, eine weitere Reise unmöglich; man mußte sich, so gut es gehen
wollte, heimisch zu machen suchen.

Manche Bekanntschaft ward indeß angeknüpft, mit Radlof, dem
wunderlichen Sprachforscher, mit Sailer, dem frommen Bischofe, endlich
mit Franz Baader, der für Tieck durch seine theosophische Weisheit der
Merkwürdigste war.

Als er den Philosophen zum ersten Male aufsuchen wollte, führte ihn
der Zufall irre; statt zu Baader kam er zu Babo, der als Verfasser des
„Otto von Wittelsbach“ damals der Bekanntere war. Früher würde ihm der
Mann anziehender gewesen sein als jetzt. Er fand den Schriftsteller
mitten unter den Apparaten für seine ritterlichen Dramen sitzend. An
den Wänden des Zimmers hingen Waffen des Mittelalters. Nach einem
gleichgültigen Gespräche verließ er ihn, um den rechten Baader zu
suchen.

Selten mag Jemand ein größeres Talent für die augenblickliche Rede
besessen haben als Baader, und niemals trat es glänzender hervor,
als wenn es Gegenstände tiefsinniger Wissenschaft, der Religion, der
Philosophie betraf. Unaufhaltsam flossen dann seine Worte, jeden
Einwurf brachte er zum Schweigen, die Gewalt seiner Ueberredung riß
mit sich fort. Das nächste Thema, was beiden am Herzen lag, war
Jakob Böhme. In einem dreistündigen Monologe ergoß sich Baader; die
Unterhaltung hörte auf. Alles Verwandte aus andern Mystikern, was er
sonst über sie gelesen hatte, war ihm gegenwärtig. Er zeigte eine
umfassende Gelehrsamkeit in dieser Literatur, und Fülle der Gedanken,
mystischen Tiefsinn. Doch war es selbst für Tieck’s damalige Ansichten
des Geheimnisses, der orakelmäßigen Dunkelheit zu viel. Er vermochte
ihm in die verschlungenen Gänge seiner Speculation nicht zu folgen.
Später zeigten sich auch Schwächen, Widersprüche und Sonderbarkeiten.
Er war ein erregbarer, schwer zu fassender Charakter, der oft
unerklärlichen Einflüssen unterlag. Philosophischer Tiefsinn und
Aberglaube, Haß und Liebe verbanden und durchkreuzten sich.

Größere persönliche Wichtigkeit erhielt die Freundschaft mit Rumohr. Im
Frühjahr 1805 kam dieser nach München. Enthusiastisch, rasch wechselnd
in Gefühlen und Ansichten, schwankte er, weniger unentschlossen als
zu lebhaft erregt, stets zwischen entgegengesetzten Richtungen.
Doch für das Studium der Kunst und ihrer Geschichte hatte sich sein
Talent bereits entschieden. Tieck’s Dichtungen kannte er, und als er
dessen Anwesenheit in München erfuhr, eilte er ihn zu sehen. In der
Begeisterung für die deutsche Kunst begegneten sie sich. Beim Abschiede
schenkte ihm Rumohr als erstes Zeichen der neuen Freundschaft ein Bild
Albrecht Dürer’s in altem Holzdruck.

Bei wiederholten Besuchen glaubte Tieck zu erkennen, daß auch
Rumohr sich in gedrückter Stimmung befinde. Endlich erfuhr er,
sein neugewonnener Freund sei im Augenblicke in nicht geringer
Verlegenheit. Er habe die Heimat verlassen, um katholisch zu werden
und in ein Kloster zu gehen, da er der Welt überdrüssig sei; in einem
zurückgelassenen Briefe habe er dies den Seinigen angezeigt. Diese
schienen sich in Folge dessen von ihm losgesagt zu haben, und er sei
für jetzt mittellos. Den raschgefaßten Entschluß mochte er schon
bereuen, denn er ließ sich von Tieck, der zu helfen versprach, soweit
er es vermöge, bereden, durch einen versöhnenden Brief an seine Familie
den Frieden herzustellen. Auch er war ein unberechenbarer Charakter.
Ein Gedanke, ein Gefühl beherrschte ihn stets ausschließlich. Dann gab
es für ihn kein zweites. Er schien nie anders gewesen zu sein, nie
anders sein zu können. Doch eine unscheinbare Veranlassung reichte hin,
ihn in die entgegengesetzte Stimmung hineinzuwerfen, und es wiederholte
sich auf der andern Seite dieselbe Erscheinung. Er war gutmüthig,
liebenswürdig, aufopfernd; dann plötzlich kalt, fremd, abstoßend.
Es war nicht mehr derselbe Mensch. Er war bescheiden und anmaßend,
nachgiebig und hochfahrend, wankelmüthig und eigensinnig, Cyniker und
Elegant, Demokrat und Aristokrat zugleich. Gegen Tieck zeigte er die
freundschaftlichste Ergebenheit, und bald fand er Gelegenheit, sie
durch die That zu bewähren.

Noch war Tieck’s Schwester nicht hergestellt, als er selbst
lebensgefährlich erkrankte. Die Gicht, die ihn seit Jena heimsuchte,
trat mit nicht gekannter Heftigkeit auf. Wahrscheinlich hatte
schon früher eine äußere Veranlassung die Krankheit vollständig
entwickelt. Ohne ein Jagdliebhaber zu sein, hatte er einmal an einer
Entenjagd Theil genommen. Mit durchnäßten Kleidern mußte er sich dem
Zugwinde aussetzen; auf dem Leibe waren sie ihm getrocknet. In den
verschiedensten Gestalten erschien jetzt die Krankheit, bald als
reißender Gliederschmerz, bald warf sie sich auf die innern Theile.

Auch der Gesundheitszustand der Schwester verschlimmerte sich. Es hieß,
nur in Italien werde sie Rettung finden, sobald irgend thunlich, sollte
sie abreisen. Er selbst stimmte diesem Rathe bei. Man hatte den jüngern
Bruder gebeten, ebenfalls nach München zu kommen. In dieser Hoffnung
trat die Schwester die Reise an.

Jetzt nahm sich Rumohr, der mit Tieck zusammenwohnte, des Kranken mit
unermüdlicher Sorgfalt an. Nicht Tag, nicht Nacht wich er von seinem
Lager, er schaffte herbei, was ihm Erleichterung gewähren konnte,
er bewachte und pflegte ihn mit der Treue eines Bruders. Tieck litt
wie noch nie. Des Gebrauchs der Glieder war er beraubt, Schmerzen,
Fieberhitze, die furchtbarsten Träume quälten ihn unablässig. Die ganze
Gewalt seiner Phantasie war entfesselt. Mit zerschlagenen Gliedern,
als Leiche sah er sich auf weitem Schlachtfelde, in tausendfacher,
grausiger Wiederholung.

Sein Arzt war ein Brownianer, und behandelte ihn mit den stärksten
Mitteln. Während den Kranken ein unauslöschlicher Durst quälte, war
ihm jedes Getränk auf das strengste untersagt. Seinen lauten Klagen
setzte der Arzt die Forderung der Geduld und die Vertröstung auf einen
baldigen bessern Erfolg entgegen. Aber er lechzte nach einem Tropfen
Wasser, er sah und träumte nichts als kühlende Getränke, Citronen und
Orangen. Endlich beschloß er, der Sache auf eigene Hand ein Ende zu
machen. Eines Morgens ließ er sich ein großes Glas frischen Wassers
bringen, eine Limonade mußte bereitet werden. Mit unersättlicher
Gier trank er in wenigen Zügen die ganze Masse aus. Ein solcher Trank
konnte nicht ohne Wirkung bleiben; er fing an sich leichter, ruhiger
zu fühlen. Als der Arzt erschien und seinen Zustand sah, verkündete er
mit triumphirender Miene, das sei der verheißene Erfolg seines Systems.
Das war dem Kranken zu viel. Nicht ohne Ingrimm erzählte er, nicht
seinem Systeme, sondern der Limonade verdanke er die Erleichterung.
Voll Verwunderung meinte der Arzt jetzt, in Folge der Menge genossenen
Wassers hätte er eigentlich den Tod haben müssen, worauf ihm Tieck
andeutete, daß er nach solchen Erfahrungen auf seinen fernern Rath mit
Vergnügen verzichte.

Trotz der Schmerzen erwachte doch die Sehnsucht nach literarischer
Beschäftigung. Zuerst nahm er die altdeutschen Studien wieder
auf. Schon früher war er von den Minnesängern zu den Nibelungen
übergegangen, er hatte sie eifrig gelesen und sich an den nationalen
Heldengestalten gestärkt. Mit A. W. Schlegel war mancher Brief darüber
gewechselt worden. Bei vorschreitendem Studium zog er die nordischen
Poesien, die Edda, die Wilkinasage in seinen Kreis. Zuletzt war ihm
der Gedanke entstanden, auch dieses Heldenlied nachzudichten. Da er
Lücken zu entdecken glaubte, beschloß er nach Anleitung der verwandten
Sagen zu ergänzen und abzurunden. In erneuter Gestalt sollte das alte
Volksgedicht erscheinen. Schon im Winter 1804 las er in Ziebingen
die ersten Proben dieser Umarbeitung dem Grafen Finkenstein vor. In
München hatte er die Schätze der Bibliothek benutzt. Von dem schlechten
Abdrucke bei Müller war er auf die dortige Handschrift zurückgegangen,
und erkannte nun die strophische Form, auf welche A. W. Schlegel schon
früher aufmerksam gemacht hatte. In der Genesung begann er die Arbeit
von neuem. Noch war er zu schwach, die Feder selbst zu führen, seine
Hand war gelähmt. Daher übernahm es Rumohr, nach seinem Dictate die
Verse niederzuschreiben.

Aus den Unterhaltungen mit diesem ergab sich für ihn ein neuer Stoff.
Viel und eifrig beschäftigte sich Rumohr mit italienischer Literatur,
besonders mit der ältern Novelle. In Bandello’s Sammlung fand er eine
Erzählung, die ihn anzog; sie behandelte die Geschichte Balduin’s,
des ersten lateinischen Kaisers von Konstantinopel. Unter dem Titel
„Der griechische Kaiser oder die hochgehängte Hoffart“ wollte er sie
in Versen bearbeiten. Aber abspringend, wie er war, ward er bald des
Dinges überdrüssig; dagegen fing Tieck an, diesen Stoff zu gestalten.
Zuerst wollte er ihn in der Weise der spanischen Dramen darstellen.
Indeß auch er kam in seinem krankhaften Zustande zu keinem bestimmten
Ergebnisse, und dieser Plan blieb liegen, bis er dreißig Jahre später
in ganz anderer Gestalt in der bekannten Novelle zur Ausführung kam.

Endlich traf Friedrich Tieck in München ein, und übernahm die Sorge für
den Kranken, der allmälig zu genesen begann.

Jetzt trat auch der Gedanke, der Schwester nach Italien zu folgen,
in den Vordergrund. Die Aerzte verordneten den Gebrauch der Bäder
von Pisa, und verhießen Herstellung unter dem lauen italienischen
Himmel. Längst waren Friedrich Tieck’s sehnlichste Wünsche dahin
gegangen. Auch Rumohr, der den Plan mit Eifer ergriff, hoffte seine
Kunststudien dort fortzusetzen. Auf seinen Betrieb gesellten sich die
Gebrüder Riepenhausen, als Zeichner und Maler bekannt, zu ihnen. Eine
vollständige Reisegesellschaft hatte sich zusammengefunden.

Aber unvermuthet schlug es bei Rumohr um. Er, der die Sache am
eifrigsten betrieben hatte, erhob allerlei Einwendungen. Die
neugeworbenen Reisegefährten misfielen ihm, er zeigte sich verletzt und
empfindlich, und erklärte endlich, zur Reise jetzt keine Zeit zu haben.
Längst habe er gewünscht, gründlich Hebräisch zu lernen, es biete sich
nun eine treffliche Gelegenheit dar, die er nicht dürfe vorübergehen
lassen; er habe einen gelehrten alten Juden kennen gelernt, der bereit
sei, ihn zu unterrichten. Nun beschloß Friedrich Tieck, den Reiseplan
um jeden Preis zu retten. Er besaß die Gabe eines nachdrücklichen
Freimuths, der, wo es erforderlich war, in die offenste Grobheit
übergehen konnte. Mit der ganzen Kraft dieser Beredtsamkeit setzte
er Rumohr auseinander, wie es seine Pflicht sei, bei der getroffenen
Verabredung zu bleiben, wie er sich überhaupt ändern müsse, wenn er
sich durch sein unstetes, abspringendes Wesen nicht zu Grunde richten
wolle. Auf diese Ermahnungen ging Rumohr wirklich in sich. Endlich
waren alle Vorbereitungen glücklich beendet, und im Sommer 1805 brachen
sie nach dem gelobten Lande auf, in dem sie Kunst, Heilung und Frieden
zu finden hofften.



6. Der italienische Himmel.


Ihr Weg führte sie durch Tirol nach Trient, dann nach Verona, dessen
Mauern schon die reichsten Erinnerungen einschlossen. Hier war
die große Arena. In einem armseligen Ausschnitte, der mit Bretern
abgeschlagen war, sahen sie Werther’s und Lottens Geschichte, die
zum italienischen Familienstücke umgewandelt war, unter reichlichem
Thränenergusse der Zuschauer darstellen. Sie sahen die prächtigen
Denkmäler der Scaliger und den dürftigen Stein, welchen man als Julia’s
Grab zeigt. Dann gingen sie über Mantua nach Florenz. Der Gebrauch
der Bäder in Pisa mußte aufgegeben werden, da man den Aufenthalt
daselbst in der heißen Jahreszeit allgemein widerrieth. Endlich
betraten sie Rom. Tieck war in jener ewigen Stadt, wo die Strömungen
des christlichen und antiken Lebens zu einem gewaltigen Weltstrome sich
verbinden!

In Begleitung des Bruders und ergebener Freunde war er gekommen, die
Schwester und andere Freunde sollte er finden; unter diesem Himmel war
ihm Genesung verheißen, nach dieser Natur, nach diesen Kunstwerken
hatten alle Wünsche hingedrängt, wie hatte er sich gesehnt, aus dieser
Quelle des Lebens den heißen Durst zu löschen! Hier, so schien es, wenn
irgendwo auf der Erde, mußte er finden, was er suchte. Noch auf der
Reise hatte er mit heftigen Anfällen der Krankheit gekämpft und einige
Male gefürchtet, zurückbleiben zu müssen.

Die Wohnung, welche er am Monte-Cavallo bezog, trug den heitern
italienischen Charakter. Schon der Blick aus dem Fenster auf den
kleinen Garten vor der Thür, wo zwischen Orangen- und Citronenbäumen
friedlich und still zwei Springbrunnen rauschten, erquickte ihn. Wie
anders war es hier, als unter den Kiefern der Heimat! Aber er war
derselbe mit seiner Krankheit und seinem Grame. Hier im Lande seiner
Sehnsucht, mitten in dem Reichthume dieses Lebens, ergriff ihn wieder
ein schmerzliches Heimweh nach dem dürftigen und geschmähten Boden, an
dem dennoch sein Herz hing, und auf dem so Vieles lebte, was ihm theuer
war.

So ward ihm auch die erste Zeit in Rom zu einer unendlich traurigen.
Mit Schmerzen ringend, schlich er am Stocke durch die Straßen, über die
Plätze. Oft trat die Gicht in den Arm, in die Hand, welche, auf dem
Stocke ruhend, die ganze Wucht des schweren und hinfälligen Körpers
zu tragen hatte. Durch die Eindrücke, welche er erhielt, wurden ihm
diese mühseligen Spaziergänge zur zwiefachen Qual. In den Straßen Roms
kehrten ihm die angstvollen Empfindungen seiner Jugend wieder. Wenn er
zwischen den Palästen und Ruinen hinging, von denen er oft geträumt
hatte, und sich sagte, jetzt stehe er auf dem Boden Roms, wenn er auf
sich und seine Hülflosigkeit sah, wie die Last der Krankheit ihn zu
Boden drückte, dann erfaßte ihn eine unnennbare Angst, ein Entsetzen
vor sich selbst, vor den Dingen, die ihn umgaben. Fremd, gespenstisch,
traumartig erschienen sie. Alles verkehrte sich. Seine Jugend mit ihrer
Sehnsucht war die Wirklichkeit, die Gegenwart ein Traum, aus dem er
vergeblich zu erwachen rang. Mußte er so hier erscheinen, gebrochen,
das Herz von Gram erfüllt, er, der einst kräftige, begeisterte
Jüngling? War er es wirklich? Schadenfroh erhob sich aus seinem Innern
eine Stimme: „Was du einst so inbrünstig gewünscht hast, ist dir jetzt
zu deiner Pein gewährt.“

Qualvoller noch waren die Nächte, wenn er umsonst die Augen schloß,
und der Schmerz ihn wach erhielt, bis der Morgen graute. Da murmelten
die Springbrunnen so traurig, und in das Rauschen des Windes hallten
eintönig klagend die Glocken der nahen Klöster hinein. Es war die
schwermüthige Begleitung seiner trüben Gedanken. Jeder alte Gram stieg
wieder in seinem Herzen auf, und er ward ihm von neuem zur Beute. Oft
brach er in heiße Thränen aus, die doch keine Linderung brachten. War
er endlich eingeschlafen, so begann eine neue schrecklichere Qual. Die
gräßlichsten Bilder kamen ihm in seinen Träumen. Sie verfolgten ihn am
Tage; er wagte nicht daran zu denken, noch weniger davon zu sprechen,
und doch standen sie vor ihm und wichen keinem Wechsel der Gegenstände.
So begann sein Tag und endete mit Schmerzen; Furcht und Entsetzen
lösten einander ab, er schien gekommen um ganz elend zu werden. Und
dieser grauenhafte Zustand dauerte Wochen, Monate lang.

Genesung sollte er unter dem italienischen Himmel finden! Und er fand
sie trotz jener furchtbaren Angst, die ihn wieder bis zum Wahnsinn
fortzureißen drohte. Seine ursprünglich starke Natur arbeitete sich
durch Krankheit und Schwermuth durch. Dazu that die italienische
Sonne das Ihre; allmälig erweckte sie die gesunkene Lebenskraft.
Instinctmäßig suchte er sonnige Plätze und Straßen auf. Stunden lang
setzte er sich mit Behagen den vollen Sonnenstrahlen aus, und ließ sich
durchwärmen, niemals konnte es ihm zu heiß sein. Mit Verwunderung sahen
selbst Römer dem kranken Spaziergänger nach, der an der Spanischen
Treppe in der Mittagssonne unermüdlich auf- und niederging. Diese Cur
schlug endlich an.

Mit der allmäligen Befreiung kehrte die Theilnahme am Leben wieder.
Sein Auge, das der Schmerz geschlossen hatte, öffnete sich der großen
Gegenwart, die ihn umgab. Jetzt erst sah er im Vatican die Werke
Rafael’s, und alle Denkmale, zu denen er schon vor Jahren seinen
Sternbald geführt hatte; Michel Angelo’s jüngstes Gericht und die
Peterskirche, die er verherrlicht hatte, ohne sie gesehen zu haben.
Auf dem Capitol und in den Riesenbauten des Colosseums trat ihm der
alte Römergeist näher als jemals zuvor. In diesen Trümmern fand er jene
Größe, welche moderne Forscher ihm bisher vergebens gepriesen hatten.
Auch das Grab der Cäcilia Metella suchte er auf, jene Gegend, die er
zum Schauplatz einer furchtbaren Episode im „Lovell“ gemacht, und die
er als Jüngling zu beschreiben gewagt hatte. Hier mußte er staunen, wie
nahe er der Wirklichkeit gekommen war, er glaubte nicht zum ersten Male
unter diesen Ruinen zu stehen.

Mit der Kunst und Natur verbanden sich die Wirkungen des kirchlichen
Lebens. Beruhigend und erhebend kamen sie ihm entgegen; er sah den
Cultus im vollen Glanze, welchen er in der Heimat oft gegen die
Angriffe der Eiferer in Schutz genommen hatte. Alle Stufen der hohen
kirchlichen Feste machte er durch; die heilige Woche mit ihren Musiken
und Messen bis auf den Segen, welchen der Papst vom Altan herab der
gläubigen Menge ertheilt.

Auch in die gesellige Welt trat er ein. Hier fand er seine Schwester
bereits heimisch. Mit bedeutenden Personen stand sie in Verbindung,
obgleich auch sie noch stets leidend war. Der Erzherzogin Marianna von
Oestreich, der Schwester des Kaisers, die in Rom in Zurückgezogenheit
lebte, war sie bekannt geworden. Helfend und schützend hatte diese sich
ihrer angenommen, und sie in die Kreise ihres Umganges hineingezogen.
Tieck lernte in der Prinzessin eine edle und geistvolle Frau kennen.
Auch mit einigen hohen Würdenträgern der Kirche ward er bekannt, mit
dem Cardinal-Großvicar, einem angenehmen und unterrichteten Manne, und
dem Cardinal Somaglio, der ihm manche Freundlichkeit erwies.

Für die Deutschen war das Haus des Prinzen von Sachsen-Gotha ein
gastlicher Sammelplatz. Dieser Fürst liebte es, Gesellschaften,
ausgezeichnete Reisende und Landsleute um sich zu versammeln. In
seinen Cirkeln verlebte man heitere Stunden. Indeß war die deutsche
Theaterliebhaberei auch hier zu Hause, und selbst in Rom, unter den
mächtigsten Eindrücken, konnte man das kleine heimische Vergnügen, und
den Lieblingsschriftsteller, an dessen Umgang man gewöhnt war, nicht
vergessen.

So geschah denn das Unerhörte. In Rom, wo Tieck von den Thorheiten des
Vaterlandes weit entfernt zu sein meinte, mußte er seinem Antipoden
Kotzebue begegnen. Und nicht allein das; er mußte ihn feiern helfen,
wenn er gegen den Prinzen, der ihn auszeichnete, nicht undankbar
scheinen wollte. In dieser deutschen Hofgesellschaft war beschlossen
worden Kotzebue’s Lustspiel, „Der Wirrwarr“, aufzuführen. In Tieck
hatte man eine bühnenkundige Autorität gefunden, er wurde daher
aufgefordert die Rolle des Regisseurs und Souffleurs zu übernehmen.
Von der Pflicht selbst als Schauspieler aufzutreten, rettete ihn sein
Leiden. Aber die wiederholten Proben wurden ihm nicht erspart, die
man mit allem pedantischen Kunsteifer anstellte, um schließlich eine
gewöhnliche Darstellung eines noch gewöhnlichern Stückes zu eigenem
Vergnügen zu Stande zu bringen.

Sonderbar mischte sich mit der Frivolität naive Frömmigkeit. Eine
Hauptrolle war einer jungen Gräfin zugetheilt. Mit sichtlicher Lust,
und doch niemals ohne die unerläßliche Angst, spielte sie ihr Theil
ab. So oft sie aus den Coulissen trat, unterließ sie nicht das Kreuz
zu schlagen. So gerüstet glaubte sie muthiger an das Thorenwerk gehen
zu können. Tieck sah es als reichliche Buße an, die er in Rom für alle
literarischen Sünden zu leisten habe, daß er als Einhelfer verdammt
ward, ein Lustspiel gerade dieses Mannes nicht in einer, sondern in
allen Rollen auswendig zu lernen. Ihm wurde in der That eine Strafe
auferlegt, die er in seinem „Jüngsten Gericht“ muthwilligerweise seinen
Gegnern zuerkannt hatte.

Auch im Hause Wilhelm’s von Humboldt, der in Rom preußischer Resident
war, fand er freundliche Aufnahme. Ebenso sah er Elise von der Recke
wieder, die sich von ihrem Freunde Tiedge hatte nach Rom führen lassen.
Auch in die Kreise der Künstler wurde er durch seinen Bruder und Rumohr
eingeführt.

Doch unter allen Deutschen war ihm keiner merkwürdiger als der Maler
Müller, dessen Dichtungen ihn früher in hohem Grade angezogen hatten.
Als er sich nach der Vollendung der „Genoveva“ im Sommer 1800 in
Hamburg aufhielt, hatte er Müller’s Manuscript zum zweiten Male
zur Hand genommen. Er las die Arbeit des Vorgängers mit doppelter
Theilnahme, und erkannte wie verschieden beide Gedichte seien, und
daß sie darum wol nebeneinander stehen könnten. Erschien Manches
in Müller’s Tragödie übertrieben, fast roh, so hatte sie dennoch
große dichterische Züge, und er sah es als ein Unrecht an, ein so
eigenthümliches Werk der öffentlichen Kenntniß zu entziehen. Dann war
er zu den verschollenen Idyllen übergegangen. Es waren Naturbilder
im kräftigsten Stile, fern von der gezierten Natürlichkeit, welche
seit Geßner den sogenannten ländlichen Dichtungen eigen war. Voll
Eifer, das Andenken des Dichters herzustellen, ließ er später durch
den Architekten Genelli wiederholt bei Müller anfragen, ob er die
Herausgabe der „Genoveva“ verstatte, ohne daß er eine Antwort erhalten
hätte.

Auf der Sommerreise 1803 machte er in Erlangen die Bekanntschaft
des reformirten Predigers Le Pique. Dieser Mann, der für Poesie und
Literatur eine lebhafte Theilnahme zeigte, war ein Bewunderer Müller’s.
Wie dieser ein geborener Pfälzer, war er mit den Verhältnissen in
Manheim und der dortigen Buchhandlung, in deren Verlag die ersten
Drucke erschienen waren, bekannt. Er erbot sich, die erforderlichen
Schritte zu einer Erneuerung des literarischen Andenkens Müller’s zu
thun. Jetzt sah Tieck in Rom den sonderbaren Mann selbst.

Hier war Müller seit fast dreißig Jahren eine bekannte Figur. Früher
hatte er von einer kurpfälzischen Pension gelebt, die jedoch in
Folge der Kriegswirren nicht weiter gezahlt worden war. Ohne als
Künstler productiv zu sein, hatte er sich mit antiquarischen und
kunsthistorischen Studien beschäftigt. In Folge seiner Bekanntschaft
mit Rom und dessen Schätzen pflegte er bei angesehenen Fremden den
Cicerone zu machen. Er gehörte zu den Deutschen, welche mit dem
Vaterlande gebrochen hatten. Manche Hoffnungen und Erwartungen
waren ihm daheim unerfüllt geblieben. Dazu waren noch persönliche
Verwickelungen gekommen. Er glaubte sich zu wenig anerkannt. Ein
Altersgenosse Goethe’s, selbst leidenschaftlich bewegt, ward er durch
diesen in den Schatten gestellt. Verstimmt schied er vom deutschen
Boden. Jetzt fast verschollen, rächte er sich durch Vergessen und
Geringschätzung an der Heimat. Dennoch hatte er der Poesie und
Schriftstellerei nicht ganz entsagt, nur waren seine spätern Producte
von dem naturwahren Charakter der frühern weit entfernt.

In Rom kannte man Müller’s Schwächen und Sonderbarkeiten aus langer
Erfahrung. Zu manchen komischen Anekdoten hatte er Veranlassung gegeben
durch seine Neigung zu lächerlichen Uebertreibungen und Prahlereien;
auch der Bekanntschaft, ja der Freundschaft Goethe’s hatte er sich
früher gerühmt. Als nun die Nachricht kam, Goethe werde nächstens in
Rom eintreffen, baten ihn einige Deutsche vorsorglich, sie mit dem
großen Dichter bekannt zu machen, was er auch willig zusagte. Eines
Tages hieß es, Goethe sei wirklich angekommen, man wollte ihn bereits
einige Male zu einer bestimmten Stunde des Tages an der Spanischen
Treppe gesehen haben. Müller wurde aufgefordert sein Wort zu lösen.
Man begab sich an Ort und Stelle. Goethe kam, doch Müller, der
voreilig vermuthet haben mochte, man wolle ihn irreführen, sagte mit
entschiedenem Tone: „Ich kenne Goethe! Der da ist es nicht!“

In dieser Weise lernte ihn auch Tieck kennen. Er zeigte sich zuerst
mistrauisch, dann absprechend und rechthaberisch; alles kannte er
besser oder hätte es besser machen können. Er verfiel nicht selten in
einen aufschneiderischen Ton, und die Wahrheit war schwer zu ermitteln,
da es kaum zu erkennen war, ob er täuschen wolle oder sich selbst
täusche. Später kam er mit seiner Ansicht über Goethe offener hervor.
Er kritisirte ihn scharf, und war weit entfernt in die allgemeine
Bewunderung einzustimmen; ihn erfüllte Eifersucht, seine Stimmung war
herb, fast bitter. Als einst von der „Iphigenia“ die Rede war, meinte
er, das sei nichts, auch er habe eine Iphigenia gedichtet, das sei
ein ganz anderes Werk, da werde man erkennen, wie das antike Drama
zu behandeln sei; gelegentlich werde er es Tieck einmal mittheilen.
Obgleich dieser wußte, was er von solchen Reden zu halten habe,
unterließ er doch nicht Müller an das gegebene Versprechen zu erinnern.
Er erhielt indeß nie einen andern Bescheid, als daß er zu seiner Zeit
jenes geheimnißvolle Drama schon kennen lernen solle. Doch kam diese
Zeit nicht, solange Tieck sich in Rom aufhielt.

Ein anderes Mal erzählte Müller mit der größten Zuversicht, einst
sei ihm in Manheim der Teufel erschienen; die Gesichtszüge des Bösen
hätten sich ihm so fest eingeprägt, daß es ihm gelungen sei, ein
wohlgetroffenes Porträt zu entwerfen. Zugleich brachte er die Skizze
eines Kopfes zum Vorschein, der in der That eigenthümlich genug aussah.

Ein besserer Gegenstand der Unterhaltungen waren Müller’s ältere
Dichtungen. Tieck erzählte ihm, sie seien in Deutschland keineswegs
vergessen, vielmehr habe sich ein jüngeres Geschlecht mit Theilnahme
dem Anfange der deutschen Poesie in den siebenziger Jahren zugewendet.
Gewiß werde eine Sammlung derselben, da sie bereits zur literarischen
Seltenheit geworden seien, mit großem Beifall aufgenommen werden.
Müller ging darauf ein, und ermächtigte ihn eine neue Ausgabe zu
veranstalten, und die „Genoveva“ darin aufzunehmen. Auch verwies er ihn
auf eine bedeutende Anzahl alter Papiere, welche er in einen Koffer
gepackt, bei der Abreise aus Deutschland auf dem Lager der Schwan’schen
Buchhandlung in Manheim zurückgelassen habe.

Endlich war Tieck auch zu den eigenen altdeutschen Studien
zurückgekehrt, sobald es seine Gesundheit erlaubte. Nicht ohne
Unterbrechungen vermochte er zu arbeiten, aber der glückliche
Augenblick förderte ihn doppelt. Auf der Vaticanischen Bibliothek fand
er reiche Schätze dieser Literatur. Dem Cardinal Somaglio verdankte
er eine seltene Begünstigung. Man wies ihm ein eigenes Zimmer zur
Arbeit an, und verstattete ihm selbst während der Ferien den Zutritt.
Seine gelehrten Forschungen wurden zum heilsamen Gegengewichte gegen
körperliche und geistige Leiden. Indem er Handschriften abschreibend,
vergleichend und ausziehend, eine reiche Ernte hielt, bildete sich der
Gedanke aus, eine umfassende Nachricht von den deutschen Handschriften
im Vatican, dann eine Geschichte der altdeutschen Poesie aus denselben
zu geben. Zunächst blieb er bei dem Heldenliede und den Nibelungen
stehen. Das Gedicht vom „König Rother“ und andere Stücke der Heldensage
schrieb er ab; auch die karolingische Sage, „Tristan und Isolde“,
den „Titurel“ und anderes zog er herbei. Als er sicherer geworden
war, entwickelte er eine unermüdliche Ausdauer. Vom Morgen an konnte
er nüchtern bis weit über Mittag hinaus, halbe Tage lang, unter
Handschriften und alten Drucken sitzen, ohne Abspannung zu fühlen.

Neben diesen strengern Arbeiten sprach er seine Empfindungen und
Erlebnisse in einer Reihe kleinerer Gedichte aus, die sich allmälig zu
einem dichterischen Tagebuche zusammenschlossen.

Fast ein Jahr war um. Er mußte an die Heimkehr denken. Der wohlthuende
Einfluß des italienischen Himmels hatte sich bewährt. In den letzten
Monaten fühlte er sich genesen, die Schmerzen hatten ihn verlassen,
die Herrschaft über den Körper war ihm wiedergekommen. Die politischen
Wirren machten es unmöglich nach Neapel zu gehen. Dagegen unternahm er
einen glücklichen Reiseversuch in die Romagna und das Gebirge. Zuletzt
sah er Subiaco und das Kloster des heiligen Benedict; dann wurde die
Rückreise vorbereitet. Bruder und Schwester ließ er in Rom zurück,
aber Rumohr, der sorgsame Freund, der ihn nach Italien geleitet hatte,
führte ihn im Sommer 1806 wieder der Heimat zu.

Ueber Siena gingen sie nach Florenz und Fiesole, dann nach Pisa,
Bologna und Mailand. Nicht ohne Anstrengung überstiegen sie den
Gotthard, aber auch dieses bestand Tieck glücklich. Er war wieder auf
deutschem Boden.



7. Die Heimat.


In Deutschland war zunächst St.-Gallen wichtig wegen seiner
Handschrift der Nibelungen. In Manheim nahmen Müller’s Papiere seine
Aufmerksamkeit in Anspruch. Er trat mit der Götze’schen Buchhandlung,
auf welche der Schwan’sche Verlag übergegangen war, in Unterhandlung.
Sein Freund Le Pique, der inzwischen nach Manheim versetzt worden
war, unterstützte ihn dabei. Der von Müller bezeichnete Koffer fand
sich. Er enthielt alte Papiere, Briefe, Entwürfe und Zeichnungen, eine
Masse unzusammenhängender und schwer zu lesender Blätter, über welche
in kurzer Zeit keine Uebersicht zu gewinnen war. Erst später konnte
er die Sichtung und Anordnung durchführen. Das Ergebniß war kein so
bedeutendes als er erwartet hatte. Unterdeß war das Vorhandensein der
Müller’schen „Genoveva“ weiter bekannt geworden, und schon ließen sich
böswillige Stimmen vernehmen, Tieck verdanke seine eigene Dichtung der
Kenntniß derselben, und habe daher Grund mit der Bekanntmachung zu
zögern, oder sie dem Publicum ganz vorzuenthalten. Nachdem er daher
den Stoff geordnet hatte, überließ er die Besorgung der neuen Ausgabe
seinem Freunde Le Pique. Doch die Verhandlungen mit Müller gingen nur
langsam. Misverständnisse mit der Verlagshandlung kamen hinzu. Erst
1811 erschien die neue Sammlung von Müller’s Schriften in Heidelberg.

Von Manheim ging man nach Heidelberg, wo Tieck Creuzer wiedersah, und
auch Voß besuchte, der kurze Zeit vorher dorthin versetzt worden war.
Voß empfing seinen alten Bekannten von Giebichenstein her mistrauisch;
wie er selbst später drucken ließ, sah er in ihm einen Angehörigen
jenes Ordens, dessen Bekämpfung seine Lebensaufgabe war, einen
Obscuranten und heimlichen Katholiken. Ueberhaupt bemerkte Tieck,
daß man seinem Aufenthalte in Italien die wundersamsten Deutungen
unterlegte. Glaubte man früher ihn für die katholische Kirche gewinnen
zu können, so war man jetzt überzeugt, er sei wirklich übergetreten.

In Frankfurt verweilte er einige Zeit. Er sah Brentano und dessen
Schwester Bettina, die eigenthümlich und excentrisch erschien. Tieck
und seinen Dichtungen wie der jüngern Literatur hatte sie ihre
Theilnahme zugewendet. Ihr verdankte er die Bekanntschaft mit Goethe’s
Mutter. Es war eine noch im höchsten Alter regsame und theilnehmende
Frau, die selbst an manchen kleinen Eitelkeiten des Lebens Gefallen
fand. Von dem Sohne wußte sie natürlich vieles zu erzählen. Auf einem
Bücherbrete in ihrem Zimmer habe sie lange sechs Bände Manuscript aus
Goethe’s früherer Zeit bewahrt, welche die älteste, später verworfene
Bearbeitung des „Wilhelm Meister“ enthielten. Von dem Inhalt theilte
sie manches mit; hier sollte die Heirath Wilhelm’s und Marianens den
Abschluß machen. Leider gelangte Tieck nicht zur Einsicht dieser
merkwürdigen Papiere.

Von der Mutter ging er den Sohn in Weimar zu besuchen. Auch diesmal
verlebte er einige Abende mit Goethe. Doch wenn er an seine Jugendliebe
dachte, fühlte er sich ihm fremder geworden. Dazu hatte namentlich der
erkältende Eindruck der „Natürlichen Tochter“ beigetragen. Kurz zuvor
hatte Goethe Oehlenschläger kennen gelernt. Der nordische Dichter,
der nach Weimar gekommen war, der deutschen Poesie seine Huldigungen
darzubringen, hatte ihn ganz für sich gewonnen. Auch sprach Goethe
schon von den „Nibelungen“, wie er im Vereine mit Oehlenschläger den
Versuch gemacht habe, sie zu lesen, was denn freilich nicht sonderlich
habe von Statten gehen wollen.

Ueberraschend war es ihm in einer Mittagsgesellschaft bei Goethe mit
einem Landsmanne, dem Kapellmeister Himmel aus Berlin, dem Componisten
des gefeierten Singspiels „Fanchon“ zusammenzutreffen. Die Eitelkeit
und Selbstgenügsamkeit dieses Mannes war bekannt. Er schlug seinen
Werth sehr hoch an, und wirkte durch die naive Art, dies auszusprechen,
mitunter komisch. Auch dem Dichterfürsten gegenüber verließ ihn
seine Sicherheit nicht. Er suchte zu beweisen, er sei ebenso sehr
Sprachtalent als Musiker; dadurch habe er sogar die Beamten der
Vaticanischen Bibliothek in Staunen gesetzt. Hebräische, chaldäische
und andere orientalische Handschriften habe er in rascher Folge
durchgesehen und Stellen daraus laut gelesen. Endlich fragt einer der
Beamten, wer er denn sei. „Der Kapellmeister Himmel aus Berlin!“ Voll
Schrecken aber ruft jener aus: „Sie mögen wol der Teufel sein, aber
kein Kapellmeister aus Berlin!“ Mit stillem Lächeln, in olympischer
Ruhe, hörte Goethe diese Märchen an.

Ohne zu wissen in welchen Beziehungen Tieck zu Reichardt stehe,
unterwarf Himmel seinen ehemaligen Amtsgenossen als Musiker wie
als Menschen einer scharfen Kritik. Auch Tieck kannte Reichardt’s
Schwächen, aber er hielt es für Pflicht ihn gegen ungerechte Angriffe
zu schützen. Himmel stutzte. Er lenkte ein, und gutmüthig suchte er
Tieck in seiner Weise zu versöhnen. Als Tabacksraucher schätzte er ein
treffliches Weichselrohr, das er besaß, ganz besonders hoch, er bot es
Tieck als Friedenspfeife an. Dieser mußte des gutgemeinten Geschenks
lachen, das für Niemand weniger paßte als für ihn, den abgesagtesten
Feind des Rauchens.

Endlich im Herbste traf er in Dresden ein, wo er die nächsten Wochen zu
bleiben beschlossen hatte. Sogleich erzählte ihm der Maler Hartmann,
Oehlenschläger sei angekommen und wünsche seine Bekanntschaft
zu machen, bald darauf traf er diesen selbst auf der Galerie.
Oehlenschläger war eine reichbegabte und überschwängliche nordische
Natur. Voll erregten Gefühls und Phantasie, jedem Eindrucke offen, ließ
er sich in Verehrung und Abneigung leicht bestimmen. Doch er war auch
voll starken Selbstbewußtseins, das als hoher nordischer Nationalstolz,
und bald als kleinliche persönliche Eitelkeit erschien. Er überschätzte
seine Originalität, und hielt manches für Eigenthum, was er deutschen
Anregungen verdankte. Widerspruch konnte er nicht vertragen, noch
viel weniger Tadel. Eine leise Andeutung war hinreichend, ihn in
heftigen Zorn zu versetzen. Er besaß eine Beredtsamkeit, gegen die man
vergeblich ankämpfte. Er hörte auf keinen Einwurf, und beachtete keinen
Versuch des andern Theils, zu Worte zu kommen.

Nächst Goethe, den er schwärmerisch verehrte, hatte er Tieck’s Poesien
mit Eifer studirt, und in ihnen vielleicht ein noch verwandteres
Element gefunden. Am Abend desselben Tages sahen sie sich in einer
Gesellschaft wieder, die Hartmann bei einem Italiener versammelt hatte.
Im Sturme suchte Oehlenschläger Tieck’s Freundschaft zu erobern, und
trug ihm mit leidenschaftlichem Enthusiasmus Brüderschaft an. Seitdem
sahen sie sich öfter. Oehlenschläger theilte dem neuen Freunde seine
nicht längst vollendete Tragödie „Hakon Jarl“ mit; obgleich Tieck sie
als einen Beweis des Talents anerkannte, war er doch mit dem fünften
Acte nicht einverstanden. Sogleich suchte der Dichter im Gegentheil
zu beweisen, wie gerade dieser der beste sei. Bald darauf verließ er
Dresden.

Während dieses harmlosen Verkehrs waren kriegerische Stürme
losgebrochen, unter denen die deutsche Erde erbebte. Der
verhängnißvolle October des Jahres 1806 war gekommen. Preußen war
in den Sturz der ältern Staaten hineingerissen worden. Mit dem
dichterischen und literarischen Stillleben war es zu Ende.

Schon von Italien hatte Tieck auf die politische Lage des Vaterlandes
den Blick voll Besorgniß zurückgewendet. Man konnte sich dem
drückenden Gefühle nicht entziehen, daß man einer entscheidenden Zeit
entgegengehe. Während der Rückreise waren die Dinge rasch gereift.
Mit jedem Schritte, weiter gegen Norden, mehrten sich die drohenden
Anzeichen. Als er in Weimar eintraf, waren die Häuser mit preußischer
Einquartierung gefüllt. Alles war voll ängstlicher Erwartung. Die
Schlacht entschied Preußens Schicksal, und die Eroberung ergoß sich
jetzt über die fernen Provinzen.

Der Sturz des Staates bedrohte die Existenz der Einzelnen; auch manche
Freunde Tieck’s wurden betroffen. Zu diesen gehörte Reichardt. Von den
neuen Lehren erfüllt war er nach Frankreich gegangen, und hatte die
Revolution in verschiedenen Entwickelungspunkten kennen gelernt. Zuerst
1792. Die Frucht dieser Reise waren seine „Vertrauten Briefe über
Frankreich“ gewesen; dann abermals 1802. In Paris hatte er mannichfache
Verbindungen angeknüpft, auch mit dem Grafen Schlaberndorf, dem
bekannten Sonderlinge. Wie dieser war auch Reichardt ein Gegner des
neuen Herrschers. Hier entstand jenes Buch: „Napoleon Bonaparte und das
französische Volk unter seinem Consulate“, zu dem ihm Schlaberndorf
manche Daten gab. Es erschien 1804. Seine kühne Sprache machte
Aufsehen; bald begannen die Nachforschungen französischer Agenten
nach dem unbekannten Verfasser. Jetzt, da die feindlichen Truppen
vorrückten, mußte Reichardt auf seine Sicherheit denken. Er hatte
beschlossen nach den östlichen Provinzen zu gehen; nur mit großer
Vorsicht konnte er sich in die Nähe der Franzosen wagen.

In dieser Zeit hatten sich Tieck und einige Andere in Sandow, dem
Gute seines Freundes Burgsdorff, vereint. Hier traf auch Achim von
Arnim ein. Er brachte einen Begleiter mit, der für seinen Bedienten
gelten sollte. Es war Reichardt. Solche Vorkehrungen schienen um so
nothwendiger, da auch dieses Gut mit französischer Einquartierung
belegt worden war. Man hatte einen Husarenoffizier als Gast erhalten.
Es war ein Mann von straffer, militärischer Haltung; des Deutschen
schien er nicht mächtig zu sein.

Man saß bei Tische und unterhielt sich unter so eigenthümlichen
Umständen gut genug. Tieck fand, daß Herr Richard, so hieß der
französische Offizier, ein ganz angenehmer Mann sei. Da fiel ihm
eine häufig wiederkehrende Bewegung des Fremden auf. Lachend hatte
er im lebhaften Gespräche mit der Hand auf die Lende geschlagen. Mit
voller Gewißheit trat eine alte dunkle Erinnerung vor seine Seele. Der
Franzose war Niemand anders als Hensler, Reichardt’s Stiefsohn, sein
Jugendfreund, der seit Jahren für ihn verschollen war.

Auch Hensler’s Lebensgang war kein gewöhnlicher. Ein Jahr früher
als Tieck, 1791, hatte er Gedike’s Schule verlassen, als Reichardt
mit seinen berlinischen Verhältnissen unzufrieden, sich nach Halle
übersiedelte. Hier begann er die Rechte zu studiren; doch begleitete
er schon zu Anfang des folgenden Jahres seinen Stiefvater nach
Frankreich. Er sah Lyon und Paris, und obgleich diese Reise nur wenige
Monate dauerte, waren diese Eindrücke doch hinreichend, ihn in einen
französischen Demokraten umzuwandeln. In Kiel setzte er seine Studien
fort, aber bald ward es ihm zu eng in Deutschland; 1796 ging er
abermals nach Paris. Er brach mit dem Vaterlande, um sich dem neuen
politischen Leben ganz hinzugeben. Obgleich Schlaberndorf und andere
Freunde sich seiner mit Rath und That annahmen, zeigte sich doch,
wie schwer es einem Fremden sei, eine Stellung zu gewinnen. Endlich
warf er alle deutschen Träume hinter sich, und trat als Commis in
ein Handelsgeschäft. Sogar den deutschen Namen legte er ab, nannte
sich Richard, und ward zum Franzosen. Mit dem gesammten Frankreich
machte er den Uebergang vom revolutionären Freiheitsschwindel zum
militärischen Despotismus durch. Er ward mit dem nachmaligen General
Guilleminot bekannt, und trat in die Armee. Als sein Stiefvater 1802
nach Paris kam, hatte er eben das Patent als Offizier erlangt. Vier
Jahre später kehrte er mit dem Heere des Eroberers in das Vaterland
zurück.

So führte ein gewaltiges Weltgeschick nach langer Trennung die Freunde
zusammen, die in der Jugend dichterisch und künstlerisch miteinander
geschwärmt hatten, und dann ihre verschiedenen Wege durch die Welt
gegangen waren. Bald schlug die Stunde der Trennung wieder; Hensler
mußte dem Commando weiter folgen. An den spätern Feldzügen nahm er
Antheil. Er ging nach Spanien, stieg durch Avancement, und starb nach
geschlossenem Frieden als Oberst im Hôtel der Invaliden.

Jener Aufenthalt in Sandow im Spätherbste 1806 führte auch zu einer
nähern Beziehung zwischen Tieck und Arnim, die sich schon früher in
Halle gesehen hatten.

Um mehrere Jahre jünger als Tieck, gehörte auch Arnim zu denen,
welche der neuen Richtung der Poesie folgend statt des Ideales
Volksthümlichkeit und Natürlichkeit verlangten. Er hatte zuerst
in Halle Naturwissenschaften studirt, nicht ohne Hinneigung zur
mystischen Seite; dann war er zur Poesie übergegangen. Später hatte
er in Göttingen gelebt und im Hause des jüngern Buchhändlers Dietrich
viel verkehrt. Im Verlage desselben erschienen 1804 die „Offenbarungen
Ariel’s“ in denen er seine naturphilosophischen Ansichten mit den
Ergebnissen der Studien der germanischen Urzeit verband. Denn er
beschäftigte sich lebhaft auch mit der ältern deutschen Dichtung.

Während des Aufenthalts in Sandow ward sie in wiederholten Gesprächen
zwischen Tieck und Arnim eine Quelle der Kräftigung und Hoffnung für
die Zukunft, deren man in dieser schmerzlichen nationalen Niederlage
doppelt bedurfte. Tieck theilte seine Bearbeitung der Nibelungen
mit. Dagegen verhieß Arnim ihn mit einem Werke der ältern Literatur
bekannt zu machen, über das er staunen werde. Ohne sein Geheimniß zu
verrathen, suchte er Tieck’s Neugier aufs höchste zu spannen. Erst
am folgenden Tage kam er mit dem verheißenen Schatze zum Vorschein.
Es war das Trauerspiel des Andreas Gryphius „Cardenio und Celinde“,
welches er später zur Grundlage seiner phantastischen Dichtung
„Halle und Jerusalem“ machte. Für Tieck war diese Mittheilung keine
überraschende, denn die Anfänge des deutschen Dramas hatten längst
seine Aufmerksamkeit erregt.

Die sorglich vorbereitete Bearbeitung der Nibelungen hatte inzwischen
für ihn die erste Frische verloren. Je nachdem ihm neue Hülfsmittel
zugekommen waren, hatte er sie mit unermüdlichem Eifer umgestaltet. Er
hatte sie auf fünf Bücher berechnet, die in eine Reihe von Gesängen
zerfielen. Die Klage sollte das letzte Buch beschließen. Mit dem
jüngern Dietrich waren Verabredungen über den Verlag getroffen, der
Meßkatalog für 1805 kündigte bereits die neue Bearbeitung an, und A.
W. Schlegel sprach in der „Jenaischen Literaturzeitung“ öffentlich
darüber. Dennoch gab Tieck den Plan auf. Ein anderer Bearbeiter war ihm
zuvorgekommen. Im Jahre 1807 erschien F. v. d. Hagen’s Uebersetzung der
Nibelungen. Mit gleicher Begeisterung für älteres deutsches Volksthum
und Dichtung, und mit allen Mitteln der damaligen Gelehrsamkeit
ausgerüstet, war auch dieser an die Bearbeitung des alten Heldenliedes
gegangen.

Im Herbste sah Tieck die Vaterstadt wieder, nachdem der zerschmetternde
Schlag gefallen war. Auch jetzt fehlte es nicht an Bewegung und
bedeutenden Persönlichkeiten.

Johannes Müller hatte dem preußischen Ruhme die Grabrede gehalten.
Tieck lernte den berühmten Geschichtschreiber kennen, und auch den
damals nahe mit ihm verbundenen Karl von Woltmann, einen Gelehrten
von vornehmer und anspruchvoller Haltung, der sich als Diplomat
und Weltmann zu bewegen versuchte. Dieser pflegte ungemein graciös
und kostbar zu thun, und ward dadurch für Andere verletzend. Beide
Geschichtschreiber hatten an den Gesellschaften des Prinzen Louis
Ferdinand Theil genommen, der dem Kriege als eines der ersten Opfer
gefallen war. Tieck hatte den genialen und unglücklichen Prinzen
früher aus der Ferne gesehen. Im Theater saß er zu Zeiten seiner Loge
gegenüber. Es war eine glänzende und doch wehmüthige Erscheinung.

Ein dauernder Gewinn war Hagen’s Bekanntschaft, die durch
die Nibelungen vermittelt worden war. Ein literarischer und
freundschaftlicher Verkehr entspann sich, und beide beschlossen
auf ihrem gemeinsamen Wege miteinander zu gehen. Später ergab sich
daraus ein neuer literarischer Plan, den sie im Vereine ausführen
wollten, eine Erneuerung der gesammten Heldensage, wie sie in
dem jüngern Heldenbuche vorlag. Zu diesem Zwecke gab Tieck seine
früher angefertigte Bearbeitung des „König Rother“, und fügte den
kleinen „Rosengarten“ und andere Theile der Dietrichssage hinzu.
Schon 1808 erschien ein Bruchstück des „König Rother“ in Arnim’s
Einsiedlerzeitung. Indeß ließen Krankheit und wechselnde Verhältnisse
auch dieses Unternehmen nicht zum Abschlusse kommen.

Um diese Zeit tauchten noch einmal Erinnerungen an den „Zerbino“ und
die kleinen Plagen auf, die ihn begleitet hatten. Der holländische
Gesandte in Berlin, Goldberg, wünschte durch Hagen’s Vermittelung
Tieck kennen zu lernen. Bei diesem trafen daher Diplomat und Dichter
eines Abends zusammen, man unterhielt sich angenehm, und als man
aufbrach, machte der Gesandte Tieck das Anerbieten, ihn in seinem Wagen
nach Hause zu fahren. Arglos nahm dieser es an, doch fiel ihm auf,
daß der Kutscher die Weisung erhielt, eine andere Richtung als die
gewöhnliche einzuschlagen. Als beide im engsten Raume nebeneinander
saßen, begann der Diplomat: „Jetzt habe ich Sie sicher! Nun müssen Sie
mir ausführlich erzählen, wen und was sie in Ihrem ‚Zerbino‘ gemeint
haben; ich lasse Sie nicht los!“ Und zugleich nahm der Staatsmann, der
in dem literarischen Scherze politische Satire witterte, den Dichter
in ein scharfes Kreuzverhör. Von Allem, was jener meinte, war Tieck
weit entfernt gewesen. Als er daher mit der Forderung antwortete, einen
Scherz doch einfach nur als solchen zu nehmen, setzte ihn der Gesandte
nach einer langen und peinlichen Fahrt endlich vor seinem Hause ab.



8. Wanderleben.


In stiller Zurückgezogenheit lebte Tieck im Winter des Jahres 1808 auf
dem einsamen Landgute bei Frankfurt seinen Freunden und den Studien.
Doch führte ihn der Sommer nach Dresden. Dieses Mal wollte er weiter
gehen, nach Wien, welches er schon auf der Rückkehr aus Italien zu
sehen gehofft hatte. Die literarischen Schätze, die künstlerische
Bedeutung und politische Wichtigkeit gerade in diesem Zeitpunkte
forderte zu einem längern Besuche auf.

Wenige Wochen in Dresden reichten hin, den Kreis bedeutender Männer,
die er kennen gelernt hatte, um einen merkwürdigen Charakter zu
erweitern. Dieser war Heinrich von Kleist. Noch war der geniale Dichter
dem größern Publicum kaum bekannt. Im Jahre 1803 war seine Tragödie,
„Die Familie Schroffenstein“, erschienen, in der sich echt Tragisches
und Großes mit Plattem, ja Rohem mischte, und soeben hatte für ihn sein
Freund, Adam Müller, das Lustspiel „Amphitryon“ herausgegeben. Aber man
wußte, wie anerkennend sich die ersten Dichter über Kleist’s großes
dramatisches Talent ausgesprochen hatten. Auch hatte man allerlei von
seinen Reisen und Sonderbarkeiten gehört. Kürzlich erst war er aus
französischer Gefangenschaft zurückgekehrt.

Als ihn Tieck kennen lernte, stand er in vertrautem Umgange mit Adam
Müller, einem seiner eigenen frühesten Schulgefährten. Diese Entdeckung
hätte ihn von der neuen Bekanntschaft fast abgeschreckt. Adam Müller
war F. Schlegel’s mystisch-kritischer Richtung gefolgt und übertrug sie
auf das Gebiet der Politik. Auf Tieck machte er stets einen abstoßenden
Eindruck. Er war rechthaberisch, hochfahrend, und vornehm geheimnißvoll.

Trotz seines sonderbaren Wesens war Kleist liebenswürdig. Wenn auch
scheu und schroff, war er doch bieder, wahr und aufrichtig, aber
wechselnden und zweifelvollen Stimmungen unterworfen. In guten Stunden
nahm er unbefangen und lebhaft an der Unterhaltung Theil. Dann fiel ein
unbedeutendes Wort, auf welches Niemand Werth legte, aber ihn berührte
es in unbegreiflicher Weise, und sogleich ward er stumm, finster,
und zog sich mistrauisch Tage lang in sich selbst zurück. In solchen
Augenblicken des Schweigens schien er geistig abwesend. In seiner
Bildung hatte er die verschiedenartigsten Gegensätze durchgemacht,
ohne sie zu überwinden. Kantische Philosophie und Militärdisciplinen,
Poesie und Naturwissenschaften, Skepsis und gläubige Mystik hatten
ihn angezogen und erfüllt. Namentlich glaubte er Kant’s Philosophie
trefflich zu kennen. Von allen Seiten her suchte er die Räthsel des
Lebens aufzufassen, und angstvoll arbeitete er sich an ihrer Lösung
ab, ohne weiter zu kommen. Seine äußere Stellung war eine unsichere;
die Hoffnungslosigkeit Deutschlands drückte ihn vollends nieder. Der
Sturz Preußens erschütterte ihn heftig. Ein tiefer sittlicher Unwille,
ein bitterer Ingrimm erfaßte ihn, der sich sarkastisch und schlagend
äußerte. Und oft warf sich dieser Haß auf einzelne Personen.

Bisweilen war er fixen Ideen unterworfen. So glaubte er einmal Adam
Müller’s Frau leidenschaftlich zu lieben, und sagte offen, daß er
diesem das Leben nehmen müsse. Wirklich machte er einmal den Versuch,
seinen Freund von der Elbbrücke in den Fluß zu stürzen. In dieser
Zeit war er bereits mit seinem Hauptwerke „Käthchen von Heilbronn“
beschäftigt. Er gewann Zutrauen genug, es Tieck mitzutheilen. Auch
dieser erkannte das bedeutende dramatische Talent, aber zugleich
auch, wie der Dichter im Kampfe mit den Zweifeln und Versuchungen zu
unterliegen drohe, deren Gewalt er an sich selbst erfahren hatte.

In den nächsten Sommermonaten lebte Tieck in Wien. Bekanntschaften,
Geselligkeit, Kunst und Literatur wirkten anregend. Freundschaftlich
kamen ihm die beiden Brüder Collin entgegen, die als literarische
Vertreter Oestreichs einen Namen zu gewinnen anfingen. Mit Ernst und
Eifer, welche tief in seinem Charakter lagen, hatte sich der Aeltere,
Heinrich, auf das Drama geworfen. Sein „Regulus“ war erschienen,
andere Stoffe suchte er zu gestalten, darunter auch „Coriolan“. In
wiederholten Gesprächen bemerkte Tieck mit Staunen, daß Collin nicht
wußte, auch Shakspeare habe eine Tragödie dieses Namens gedichtet.
So stand es hier noch mit der Kenntniß seines Lieblings! Collin’s
eigene Trauerspiele waren bei weitem mehr Producte des reflectirenden
Verstandes, als der Phantasie, kalt, steif und frostig.

Um so anspruchsloser zeigte sich der Dichter im persönlichen Umgange,
ebenso sein jüngerer Bruder Matthäus. Ihren Wünschen nachgebend,
nahm Tieck den Entwurf zu dem phantastisch-dramatischen Spiele, „Das
Donauweib“, wieder auf, und fügte den in Dresden verfaßten Scenen
einige neue hinzu, da der ältere Collin eine Art nationaler Vorliebe
dafür hatte.

In Hormayr, dem vielseitigen Staatsmanne und Geschichtsforscher, gewann
er einen eifrigen Freund, und Karoline Pichler, die Schriftstellerin,
fand er angenehmer als ihre Romane.

Auch das Theater machte sein Anrecht an den Liebhaber wieder geltend.
Merkwürdig war der Schauspieler Lange, ein Veteran der alten Schule,
der eine lebhafte Erinnerung an die beste Zeit der deutschen Bühne
erweckte, welche für Tieck bereits damals eine vergangene war. Da
man jenen oft gerühmt hatte, suchte er ihn auf. Ein einfacher,
älterer Mann trat ihm in gewöhnlicher Hauskleidung entgegen. Im
Gespräche kamen sie auf die frühere Zeit der Bühnenwelt. Lange
erzählte von seinen Rollen, und machte das Anerbieten, eine Probe
seiner Darstellungsweise zu geben. Ohne Vorbereitung, im Schlafrocke,
begann er die leidenschaftliche Rede des Herzog Albrecht vor den
Turnierschranken aus Törring’s „Agnes Bernauerin“ zu recitiren. Er
sprach nicht, sondern er spielte mit so unmittelbarer Wahrheit, daß er
zum Jünglinge zu werden schien. Gleich darauf wiederholte er dieselbe
Rede, aber nun in ganz anderer Weise. Jetzt war es mehr der Ton der
Mäßigung, der sich zügelnden Kraft. Tieck war zweifelhaft, welcher
Auffassung er den Vorzug geben solle, als Lange ihn mit der Ankündigung
überraschte, er werde nun eine dritte, mittlere folgen lassen, die er
für die angemessenste halte. Und auch dieses Mal löste er seine Aufgabe
vortrefflich.

Fast wäre Tieck hier an das Theater gefesselt worden. Collin wünschte
für ihn eine Anstellung am Burgtheater zu gewinnen, und that
dafür einige vermittelnde Schritte. Auch der Graf Palfy, der eine
entscheidende Stimme hatte, war ihm günstig. Dennoch war dieser Plan
nicht sogleich durchzuführen. Man hatte kurze Zeit zuvor Iffland
die Leitung der kaiserlichen Bühne unter vortheilhaften Bedingungen
angetragen. Seine Antwort mußte abgewartet werden, und die Entscheidung
verzögerte sich. Schon vorher war Tieck nach München gegangen, wo man
ihm einen ähnlichen Antrag machte. Gleich darauf erkrankte er von
neuem, und so scheiterten auch diese Verhandlungen.

Im Herbst 1808 sah er in München Baader und Rumohr, seinen treuen
Pfleger, wieder; auch Bruder und Schwester trafen ein. Zu diesen
gesellten sich noch Friedrich Jacobs, Wiebeking und Jacobi, in deren
Familien er die gastfreundlichste Aufnahme fand.

In Jacobi begegnete er einem Meinungsgenossen. Aehnlich, wie er selbst,
stand dieser zur systematischen Philosophie. Auch Jacobi war bei
den Thatsachen des Bewußtseins stehen geblieben. Die Schilderungen,
welche man Tieck von dem Philosophen gemacht hatte, waren ungünstig.
Ein empfindlicher und krankhaft reizbarer Mann war ihm angekündigt.
Er war erfreut, weder das Eine noch das Andere zu finden. Einfach
und natürlich kam ihm Jacobi entgegen. In ihren Gesprächen herrschte
der Ton der ruhigen und offenen Erörterung, die der Sache gilt, und
jedes zeigte den Denker, den wahrhaft gebildeten Mann. Nie war Tieck
bis jetzt einem Philosophen näher gekommen als diesem. Mit vollster
Unbefangenheit sprach Jacobi von seinen Schriften; ruhig hörte er
Einwürfe und Bedenken an.

In spätern Unterhaltungen war die Rede von Baader und F. Schlegel.
Mit jenem stand Jacobi in keinem guten Vernehmen, obgleich es an
Berührungspunkten nicht fehlte. Baader konnte in Jacobi den Fremden und
Protestanten nicht vergessen, und dieser glaubte Veranlassung zu haben,
seine Aufrichtigkeit zu bezweifeln. Einst erzählte Tieck, mit welcher
Verehrung Baader zu ihm über Schlegel gesprochen habe, wie er ihn eine
prophetische Natur, einen zweiten Apostel Paulus genannt habe. Ruhig
erwiderte Jacobi: „Halten Sie mich für einen ehrlichen Mann? Nun wohl,
treten Sie hierher“, sagte er, indem er auf einen Punkt hindeutete.
„Sehen Sie, auf dieser Stelle hat Baader zu mir gesagt, Schlegel sei
ein wahrer Judas Ischarioth!“

Bald war Tieck in Jacobi’s Hause heimisch. Er las dramatische
Dichtungen vor, machte Mittheilungen aus seinen Papieren, und verlebte
hier manche angenehme Stunde. Zugleich hatte er auch Gelegenheit zu
sehen, wie Jacobi Gegenstand feindseliger Angriffe und Verdächtigungen
ward.

Von einer andern Bewegung war indessen Rumohr ergriffen worden. Die
Gährung, welche Deutschlands Befreiung herbeiführen sollte, hatte
begonnen. Es glühte unter der Asche. Die Bewunderung, welche man früher
Napoleon’s dämonischer Größe zollte, wich der steigenden nationalen
Erbitterung. Tieck hatte nie in jenen Ton eingestimmt. Er konnte das
Genie nicht für eine Berechtigung zur Tyrannei halten. Der eiserne
Druck, der alles Eigenthümliche zermalmte, empörte ihn. Das deutsche
Volksleben schien geknickt und zerbrochen.

Leidenschaftlicher hatte Rumohr ähnliche Gesinnungen kundgegeben.
Dazu war München, wo französische Politik herrschte, nicht der Ort.
Uebereilte Aeußerungen, welche an Revolution erinnerten, brachten ihn
in den Ruf eines Demokraten; er galt für verdächtig und gefährlich. Als
unruhiger Kopf sollte er verwiesen werden. In dieser Bedrängniß riefen
seine Freunde die Vermittelung des östreichischen Gesandten, Grafen
Stadion, an, mit dem auch Tieck bekannt war. Erst auf dieses mächtige
Fürwort ward es Rumohr verstattet, in München zu bleiben.

Bald zeigte sich, daß Tieck das wechselnde Klima nicht ertragen könne.
Im Winter 1809 erkrankte er zum zweiten Male schwer. Doch standen
ihm dieses Mal seine Geschwister zur Seite. Es traten Augenblicke
vollständiger Lähmung ein, in denen er kein Glied zu regen vermochte,
ja selbst die Sprache verlor. Es war ein Starrkrampf, auf den nervöse
Abspannung und Schwäche folgte.

Als er so weit hergestellt war, um an der Unterhaltung Theil zu nehmen,
dachte man auf Zerstreuungen. Erfinderisch benutzte Friedrich Tieck
das Nibelungenlied. Er fertigte ein Spiel Karten an, in dem jedes der
zweiundfunfzig Blätter einen Charakter aus dem Heldenliede darstellte,
während der Spielwerth der Karte am Rande angedeutet war. Zu den
Freunden, welche in dieser Krankheit um Tieck Sorge trugen, gehörte
auch Brentano’s Schwester, Bettina. Oft besuchte und unterhielt sie ihn
in ihrer humoristischen Weise.

Langsam erholte er sich. Aber welche Veränderung war in dieser
schweren Zeit mit ihm vorgegangen! Kaum kannte er sich selbst wieder.
Der jugendfrische Dichter hatte sich zum entsagenden Leidensträger
umgewandelt. Die Hand des Schmerzes hatte seinen Körper vor der Zeit
gebeugt und niedergedrückt. Erst jetzt fühlte er sich krank, schwach
und elend. Ein Leiden hatte begonnen, das fortan mit seinem Leben Eins
sein sollte.

Endlich war der Kranke in erträglicher Weise hergestellt. In Begleitung
seines Bruders erprobte er die wiederkehrenden Kräfte in weitern
Spaziergängen. Auch die alten Liebhabereien erwachten, und er hatte
Muth genug gewonnen, ihnen selbst mit Gefahr für seine Genesung
nachzugehen.

Auf einem Volkstheater in der Vorstadt spielte ein Hanswurst, oder
wie man ihn kurzweg nannte, der Lipperle, mit großem Beifall. Tieck
konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese gerühmten Späße kennen
zu lernen. An einem heißen Sommertage wallfahrtete er daher mit seinem
Bruder zum Lipperletheater hinaus. Während er sich in der Bude an dem
Witze des Lipperle mit Behagen ergötzte, kam ein drohendes Gewitter
herauf. Es war in vollem Anzuge, als die Vorstellung endete. Eilig
machte man sich auf den Weg. Aber schon brach es los. Nach einigen
Stößen heftigen Wirbelwindes ergoß sich unter steigender Finsterniß ein
rauschender Regen. Tieck vermochte sich im Sturme nicht aufrecht zu
halten, er mußte sich an den stärkern Bruder anklammern, der ihn mehr
trug als führte. Nirgends gab es ein Obdach. Endlich erreichte man das
Haus. Der Kranke wurde in ein erwärmtes Bett gebracht; man wandte alle
Mittel an, um der vielleicht tödtlichen Erkältung zu begegnen. Während
der Bruder diesen Dienstleistungen sich mit ängstlichem Eifer unterzog,
machte er zugleich seinem Zorne in einer Flut von Vorwürfen Luft. Er
schalt auf die thörichte Vorliebe für abgeschmackte Theaterpossen,
denen Tieck am Ende noch sein Leben opfern werde. Diese Scheltworte
standen zu der sorglichen Hülfe in einem so komischen Contraste, daß
der Kranke trotz der eigenen Besorgniß, sich des Lachens und der Lust
an seinem unbesonnenen Streiche nicht erwehren konnte. Zum Glücke ging
die Erkältung ohne schlimmere Folgen vorüber.

Während er zwischen Genesung und Rückfällen schwankte, kam der Winter
in München zum zweiten Male heran; auch der Frühling des folgenden
Jahres fand ihn leidend. Schon zwei Jahre war er von den Seinen
getrennt, und noch war an die Heimreise nicht zu denken. Für den Sommer
1810 sollte der Gebrauch eines nicht allzu fernen Bades eintreten.
Er ging daher nach Baden-Baden. Auch der Kronprinz von Baiern hielt
sich hier auf. Schon in München war er von diesem ausgezeichnet
worden, jetzt sah und sprach er ihn fast täglich, und freute sich
seiner Begeisterung für deutsche Kunst und Dichtung. Auch mit Sulpice
Boisserée trat er hier in nähere Verbindung. Endlich im Herbste kehrte
er nach Ziebingen zurück, wo indessen die Seinen gelebt hatten.

Der Zustand seiner Gesundheit war kein besserer. Er war empfindlicher
und schwerfälliger geworden, er bedurfte der Hülfe und des Beistandes.
Bald ward es klar, es werde auf die Cur in der Fremde eine zweite
daheim folgen müssen. Ein frankfurter Arzt rieth ihm im Sommer 1811
den Gebrauch von Warmbrunn. Aber dies vermehrte seine Leiden. Die
gichtischen Schmerzen behaupteten sich hartnäckig, und das Bad führte
neue Gebrechen herbei, von denen er früher nichts gewußt hatte.

Kraft und Gesundheit waren für das Leben dahin, sein Körper schwach und
gebrechlich, von jedem Luftzuge abhängig. Von der Natur, mit der er von
Jugend auf im innigsten Verkehr gelebt hatte, mußte er Abschied nehmen.
Die Tage des dauernden Leidens und der Entsagung waren gekommen.



9. Phantasus.


Seit dem Abschlusse des „Octavian“ war beinah ein Jahrzehnd verflossen.
Wie verschieden war es nicht von dem ersten, in dem jene Werke
entstanden waren, welchen er seine Stelle unter Deutschlands Dichtern
verdankte. War das frühere reich gewesen an Muth und Zuversicht, an
Streben und Erfolg, und vor allem an dichterischen Schöpfungen, so
war das zweite reich an Zweifeln, Schmerzen und Krankheit, an bittern
Erfahrungen und Entsagung. Der Dichter war zum Dulder geworden. Die
Poesie, welche ihm sonst tröstend zur Seite gestanden hatte, schien
verstummt.

Was hätte auch Großes unter diesen unaufhörlichen Schmerzen entstehen
sollen? Bei einzelnen Gedichten, Versuchen und Entwürfen war es
geblieben. Mehr in den Werken Anderer als in den eigenen lebte er.
Das Studium, welches sich mit gelehrter und literarischer Forschung
verband, hielt ihn aufrecht, und gewährte ihm Trost und Zerstreuung.
Zwei Bücher gingen daraus hervor. Im Jahre 1811 erschien das
„Altenglische Theater“, im folgenden Jahre „Ulrich’s von Lichtenstein
Frauendienst“. Diese Bearbeitung gab ein Lebensbild aus dem deutschen
Mittelalter, und jene Sammlung verwirklichte endlich einen Theil des
Plans, den er in frühern Jahren in Göttingen entworfen hatte. Die
Uebersetzung älterer englischer Dramen sollte das Verständniß der Zeit
Shakspeare’s eröffnen; doch nahmen seine Arbeiten jetzt eine andere
Stellung ein. In diesen zwanzig Jahren war Schlegel’s Uebersetzung
des Shakspeare erschienen. Aber umsomehr Veranlassung gab es, in die
unbekannteren Gegenden einzuführen. Man sollte den großen Dichter im
Zusammenhange mit seinem Lande, mit Vorzeit und Mitwelt auffassen und
würdigen lernen. Nur aus der Vergleichung mit dem, was Andere vor und
neben ihm gethan, konnte die volle Erkenntniß hervorgehen.

Doch auch Tieck’s dichtende Kraft ließ sich nicht verleugnen und noch
weniger ertödten. Sie konnte gehemmt, aber nicht gebrochen werden.

Zuerst warf er einen Blick rückwärts, auf die Versuche und Dichtungen
seiner Jugend. Sie waren ihm fremd geworden. Mängel und Einseitigkeiten
ließen sich nicht verkennen. Vieles würde er jetzt anders aufgefaßt und
dargestellt, Anderes gar nicht geschrieben haben. Dennoch schienen ihm
manche der minder gelungenen als Zeugnisse seines Lebens des Erhaltens
und Sammelns werth.

Schon 1810 hatte er den Plan zu einer solchen Sammlung gemacht,
die auch äußerlich die Periode, welche hinter ihm lag, als eine
abgeschlossene darstellen sollte. Einen Theil der verständigen
Erzählungen, die ohne seinen Namen in den „Straußfedern“ erschienen
waren, die „Volksmärchen“, was er später im Tone derselben
gedichtet, und die humoristisch-satirischen Spiele beabsichtigte er
zusammenzustellen. Ausgeschlossen blieben die großen dramatischen
Werke. Dagegen sollte eine Anzahl neuer Erzählungen und Dramen
hinzukommen, und manches ältere Stück einer vollständigen Umarbeitung
unterworfen werden, z. B. „Die sieben Weiber des Blaubart“. Diese
Erzählung war bestimmt, den satirischen Stoff, der sich inzwischen
angesammelt hatte, aufzunehmen. An den „Gestiefelten Kater“ und die
„Verkehrte Welt“ sollte sich der „Anti-Faust“ anschließen, und die
Zahl aller Stücke, der Erzählungen und Dramen, auf funfzig gebracht
werden. Sie alle wurden durch einen gemeinsamen und novellistischen
Rahmen zu einem Ganzen verbunden. In einem Kreise befreundeter Männer
und Frauen werden diese Dichtungen vorgetragen. Der lesenden Personen
sind sieben, verschieden nach Charakter und Ansichten, Neigung und
Empfindungsweise. Dem entsprechen ihre Vorträge und die Art, wie sie an
der allgemeinen Unterhaltung Theil nehmen. Indem sie sich gegenseitig
bedingen, anziehen und abstoßen, entstehen unter ihnen selbst
mannichfache Verhältnisse, die sich allmälig zu einem Ganzen runden.
Aus den Gesprächen der Gesellschaft bildet sich eine neue Novelle,
welche alle übrigen in sich schließt. Sie knüpfen die einzelnen Stücke
aneinander, und ziehen sich als lyrisch begleitende Musik zwischen
ihnen hindurch. Sie geben dem Dichter Gelegenheit, seine Ansichten über
Kunst, Literatur und Alles, was ihm an Herzen liegt, auszusprechen, und
Lebenserfahrungen und Episoden ungezwungen einzuflechten.

Zu den ältern Märchen und Volkssagen fügte er einige neue hinzu, die
ähnlich zwar, doch schon ein anderes Element in sich trugen. Er selbst
bezeichnete sie später als in seinem neuen Stile geschrieben. Waren
die „Elfen“ anmuthig und natürlich, so ging der „Liebeszauber“ bis
zur höchsten Steigerung des Entsetzens. Im „Pokal“ verband sich das
menschlich Rührende mit dem Wunderbaren.

Den Stoff der beiden letzten Erzählungen verdankte er zum Theil äußern
Umständen, die er zur dichterischen Wirkung zu erheben wußte. Als er in
München lebte, hatte ein Haus, welches seiner Wohnung gegenüber lag,
seine Aufmerksamkeit erregt. Ueber die enge Gasse blickte er in ein
Zimmer, an dessen Fenster sich zuweilen ein junges Mädchen mit einem
Kinde auf dem Arme zeigte. Sie pflegte mit demselben zu spielen und zu
tändeln. Abends wurden die Fensterladen sorglich geschlossen, doch aus
den Spalten drangen helle Lichtstreifen hervor. Auch jetzt noch war es
möglich, in das Innere des Zimmers zu sehen. Schattenhaft glitt sie am
Fenster vorüber, oder saß mit dem Kinde beschäftigt hinter dem Lichte
am Tisch. Der Einblick in die enge Häuslichkeit, die sich einfach gab,
wie sie war, zog ihn an und beschäftigte ihn. Aus diesen abgerissenen
Bildern gestaltete die dichtende Phantasie jene grauenvolle Geschichte,
in welcher der Lichtstrahl aus den Fugen der Fensterladen hervorquillt
und todtbringend auf den Beobachter fällt, der jenseit der Straße in
nächtlicher Stille lauschend steht.

Die zweite Erzählung, „Der Pokal“, war aus einigen Nachrichten
entstanden, welche ihm über die frühern Schicksale des Malers
Müller zugegangen waren. Zu den Widerwärtigkeiten, welche diesen
aus Deutschland vertrieben hatten, sollte die Auflösung eines
Liebesverhältnisses gehört haben, in dem er mit einem jungen Mädchen
höhern Standes gewesen war. Ränke und Zwischenträgereien hatten darauf
hingearbeitet, und Müller’s schroffes Wesen und Wunderlichkeit mochte
die Folge eines so verbitterten Lebens sein. Einen geringfügigen
Vorfall, den er selbst erlebt hatte, verflocht er in den Eingang der
Erzählung. Als er eines Sonntags in Florenz bei herrlichem Wetter
vor der Thür der Hauptkirche stand, und auf die Menge hinsah, welche
über den Platz von verschiedenen Seiten heranströmte, fiel ihm die
jugendliche Gestalt einer schönen Frau auf. Niedergeschlagenen Blicks
ging sie die Stufen hinan. Doch bevor sie die oberste erreicht
hatte, trat sie fehl. Er eilte der Strauchelnden entgegen, um sie zu
unterstützen. Erröthend dankte sie und eilte in die Kirche.

„Phantasus“ nannte er in einem einleitenden Gedicht diese Sammlung.
Es war eine Erinnerung an ein ähnliches, in welchem er schon im
„Sternbald“ die Phantasie verherrlicht hatte, die Macht, aus der ihm
seine Leiden und Freuden kamen.

Als der erste Band im Jahre 1812 erschien, erweckten die Personen
des dialogischen Zwischenspiels bei Einigen mehr Theilnahme als die
Erzählungen. Bei Bekannten und Unbekannten kehrte die Frage wieder,
ob diese Charaktere aus dem Leben genommen seien. Wen stellen sie
vor? Ist nicht Dieser oder Jener dahinter zu suchen? Schon wollten
Manche herausgefunden haben, wer gemeint sei; Andere glaubten sich
selbst wiederzuerkennen. Hatte er bei diesen Charakteristiken eine
bestimmte Absicht, so war es die, die verschiedenen Seiten seiner
Eigenthümlichkeit auszusprechen. Er selbst war der krankhaft reizbare
Phantast, der Humorist, der Freund deutscher Poesie und Alterthums, der
Enthusiast für Theater und dramatische Kunst. Daher hatte er eine Reihe
einzelner Episoden aus seinem Leben eingeschaltet, und den Erzählern
als Selbstbekenntnisse in den Mund gelegt. Als er endlich den Fragenden
einige Aufschlüsse darüber gab, wie er es gemeint habe, waren sie wenig
zufrieden. Hatten sie vorher Rechenschaft von ihm gefordert, warum er
sie dargestellt habe, so hätten sie nun eine Geringschätzung darin
finden mögen, daß er diese Absicht überhaupt nicht gehabt habe.

Die begonnene Sichtung der ältern Gedichte führte zu dem Plane,
auch die größern einer nachträglichen Kritik zu unterwerfen. Eine
zweite Ausgabe des „Lovell“ erschien im folgenden Jahre. Nahe lag die
Frage, ob auch der „Zerbino“ einer Erneuerung bedürfe. Die Zustände
der literarischen Welt, welche damals Bedeutung gehabt hatten,
waren vorübergegangen, und die alten Thorheiten fast verschollen.
Es konnte gerathen scheinen, das ganze Gedicht in die Gegenwart zu
übersetzen. Auch hier gab es reichen Stoff. Aber das würde eine
völlige Umgestaltung erfordert haben; das Gedicht selbst wäre ein
anderes geworden. Herausgerissen aus dem natürlichen Boden, in dem es
gewachsen war, hätte es Ursprünglichkeit und historischen Charakter
verloren. Daher schien es besser es bestehen zu lassen, wenn auch nicht
ohne Commentar verständlich, doch eigenthümlich. So war es ein Zeugniß
der Zeit, in welcher es entstand.



10. Auswanderung.


Während Tieck in ländlicher Stille sich mit seinen Jugenddichtungen
beschäftigte, rückte der große Kampf der Entscheidung näher. Die Zeit
der Befreiung war gekommen. Geräuschlos hatte sich ein großer Umschwung
vorbereitet.

Als die mittlern Provinzen im Sommer 1813 zu Schlachtfeldern wurden,
hielt er es bei seinem unbehülflichen Zustande gerathen, sich und die
Seinen den Wechselfällen des Kriegs, die nothwendig auch den nicht
kriegerischen Theil treffen müssen, nicht zum zweiten Male auszusetzen.
Wie viele Andere beschloß er nach Prag zu gehen. Durch Wilhelm von
Humboldt, der preußischer Gesandter in Wien war, hatte er einen Paß und
Empfehlungen an den Oberst-Burggrafen Kolowrat erhalten. Dort verlebte
er den größten Theil des Sommers.

Die alte Stadt hatte ihren Charakter geändert. Der Friedenscongreß war
eröffnet worden. Sie war der Sammelplatz der verschiedensten Personen,
ihrer Hoffnungen und Befürchtungen. Wer dem unmittelbaren Drange des
Krieges sich entziehen, wer den Ausgang in der Nähe beobachten, oder
auf die weitere Entwickelung der Dinge einwirken wollte, Alles floß
hier zusammen. Hohe Staatsmänner, Diplomaten, Agenten aller Art,
Schriftsteller, Künstler und Auswanderer bewegten sich durcheinander,
alle von gleicher Spannung beherrscht.

Einzelne bedeutende Erscheinungen erregten allgemeine Aufmerksamkeit
und Theilnahme. Auch Tieck kam der staatsmännischen Welt näher. Er
sah Stein, Humboldt kam von Wien, Niebuhr’s Bekanntschaft, mit dem er
schon früher zusammengekommen war, erneuerte er. Doch die weiten Kreise
dieser Männer waren nicht die seinen; es blieb bei gelegentlichen und
vorübergehenden Berührungen.

Niebuhr’s stark ausgeprägter Charakter, seine Sicherheit, Gelehrsamkeit
und umfassendes Gedächtniß, welches ihm in jedem Augenblicke Massen
des verschiedensten Wissens darbot, erregten Tieck’s Bewunderung. So
theilnehmend und freundlich sich auch Niebuhr zeigte, trat doch die
Verschiedenheit der Naturen und Anschauungsweisen bald hervor. Es
war der Gegensatz des strengen, realistischen Geschichtsforschers,
des Staatsmanns und des Dichters. Wo dieser Phantasie und Kunst
voranstellte, setzte jener die Anforderungen der praktischen Moral
entgegen. In den Gesprächen und Kritiken über Dichter ward dies
deutlich. Tieck schloß einmal eine Vorlesung des „Macbeth“ mit
einer Darlegung seiner Ansicht der beiden Hauptpersonen, wie sie
ursprünglich edle und großartig angelegte Charaktere seien. Eine
Verkettung eigenthümlicher Umstände wandelt ihre Naturen um, und sie
verfallen in eine Bösartigkeit, die sich zum Wahnwitze steigert.
Diese Darstellung, welche den Entwickelungsgang Macbeth’s erklären
wollte, schien seine Frevel zu entschuldigen. Niebuhr dagegen legte
den historisch moralischen Maßstab an, und sah in Macbeth nur den
verwerflichen Usurpator und Tyrannen. Er brach in die Worte aus: „Ich
bitte Sie, liebster Freund, sprechen Sie doch nur so nicht! Es sind
die abscheulichsten Charaktere, die es geben kann!“

Unter den ältern Freunden, welche Tieck wiedersah, war auch Brentano,
mit dem er nach langer Unterbrechung hier in vertrauterem Umgange
lebte. Brentano hatte sich in seiner Weise ausgebildet. Einige
phantastische Dichtungen hatte er herausgegeben, im Geschmacke der
romantischen Poesie, für deren bedeutendsten jüngern Vertreter er
bereits galt. Ebenso geistvoll als sonderbar, war er doch eine
ursprüngliche Natur. In Tieck sah er seinen Meister, mit ihm fühlte er
sich in mehr als einem Punkte in Uebereinstimmung. Durch wiederholte
Versuche, für ihn eine Stellung ausfindig zu machen, hatte er seine
Freundschaft thatsächlich bewährt.

Brentano’s erster Eindruck war ein liebenswürdiger und gewinnender.
Er war frisch, heiter, voll des besten Humors; schlagende Einfälle,
unerwartete Wendungen standen ihm in Fülle zu Gebote. Es war schwer
seinen Scherzen auf die Dauer Unmuth entgegenzusetzen. Er wußte
trefflich zu erzählen, und hatte die anmuthig überredende Beredtsamkeit
in seiner Gewalt; alles trug den Charakter der natürlichen
Aufrichtigkeit, der man unmöglich zürnen konnte. Sah er sich des
Irrthums überwiesen, so war Niemand bereitwilliger zu bereuen als er.
Laut und heftig klagte er sich der Verkehrtheit an, und versprach mit
sichtlicher Bewegung sich zu bessern. Bei längerem Umgange fielen indeß
wiederholte Erfahrungen dieser Art auf. Er war weder so einfach, noch
so unbefangen, als viele meinten. Er pflegte sonderbare Geschichten zu
erzählen, die er erlebt haben wollte. Im Anfange glaubte man ihm, dann
stiegen Bedenken auf, endlich kam man dahinter, er habe seinen Zuhörern
Märchen aufgebunden. Ward er zur Rede gestellt, so erfolgten jene
bewegten Versicherungen der Besserung, die nicht länger vorhielten als
bis zur nächsten Geschichte derselben Art.

Für den Kundigen, der Brentano’s Verfahren kannte, war dieses
Spiel eine Probe glänzenden Talents, aber auch eine merkwürdige
psychologische Erscheinung. Tieck glaubte nie einen bessern
Improvisator gesehen zu haben, aber auch Niemand, der graziöser und
anmuthiger zu lügen verstanden hätte. Diese Verbindung von Witz und
Schelmerei erinnerte ihn an die Charaktermasken des italienischen
Lustspiels. Dies schien Truffaldin in seiner Urgestalt zu sein.

Schon in Jena als Student hatte Brentano dergleichen Geschichten
aufgetischt. Er erzählte von einer kostbaren Ausgabe des Shakspeare,
die er besessen und durch einen sonderbaren Zufall verloren habe. Eines
Abends habe er eifrig in einem Bande gelesen, die übrigen standen vor
ihm aufgereiht. Vom Lesen ermattet fallen ihm die Augen zu, er schläft
ein. Plötzlich weckt ihn ein heller Lichtschein, er ist in Gefahr zu
verbrennen. Das Licht hat die Bücher ergriffen, und sein kostbarer
Shakspeare geht in Flammen auf. Ruhig ließ sich Tieck die Geschichte
erzählen, dann fragte er: „Heißen Sie etwa davon Brentano?“

Bedenklicher ward es, wenn diese Abenteuerlichkeiten mit dem Anspruche
sittlichen Ernstes, oder als moralische Beichte auftraten. Nirgends
brachte er dergleichen lieber an als bei Frauen. Gern und viel
unterhielt er sich mit gebildeten und empfindungsvollen Frauen, dann
entfaltete er mit Behagen alle glänzenden Seiten seines Talents,
man hing an seinem Munde, und bald war er der erklärte Liebling der
Damengesellschaften. Er wußte nicht nur zu unterhalten, sondern auch
das Herz leicht zu rühren, und die Thränen in Fluß zu bringen. Nichts
that er lieber als das. Das nächste und bequemste Thema für solche
Gespräche war er selbst. Er begann mit Selbstanklagen, er schilderte
seine Seelenzustände. Viele Vorwürfe habe er sich zu machen, und vieles
zu bereuen, er sei ein schlechter Mensch. Aber es habe ihm an der
nöthigen Leitung gefehlt; wie ganz anders würde sein Leben geworden
sein, wenn er immer in so trefflicher Gesellschaft hätte sein können.
Doch noch sei es nicht zu spät; er werde sich bessern, wenn es edle
Frauen übernähmen ihn auf den rechten Weg zu leiten. Ein solcher
Aufruf an den Tugendeifer verfehlte selten die Wirkung. War es endlich
zur Rührung gekommen, so brach er ab und ging seines Erfolges froh
von dannen. Er lachte seiner weichherzigen Zuhörerinnen und rief im
nächsten Augenblicke aus: „Nun glauben die Gänse dort wirklich alles,
was ich ihnen erzählt habe!“

Tieck hielt es für gerathen, sein Haus durch ein bestimmtes Abkommen
vor diesen magischen Einwirkungen zu schützen. „Lügen Sie den Frauen
vor, soviel Sie wollen, nur eine Bedingung mache ich, lassen Sie es
heiter sein!“ Brentano versprach die Rührung nicht in Anwendung zu
bringen. Dennoch konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Eines
Tages benutzte er Tieck’s Abwesenheit, um seine gewöhnlichen Künste
spielen zu lassen. Als dieser nach Hause kam, fand er die Frauen in
Thränen, und Brentano in ihrer Mitte. „Plagt Sie denn der Teufel?“
rief er dem Improvisator zornig zu. „Sie haben ja unsere Verabredung
vergessen!“

Dieses Talent bewährte sich auch in anderer Weise. Später als
gewöhnlich kehrten beide eines Tages vom Spaziergange zurück. Brentano
hatte die Entschuldigung übernommen, und sich anheischig gemacht,
die absonderlichsten Dinge vorzubringen und Glauben zu finden. Er
erzählte mit dem Anscheine reinster Wahrheit eine abenteuerliche
Geschichte, die ihnen widerfahren sein sollte. Als er die Zuhörerinnen
überzeugt sah, wendete er um. Er wolle es eingestehen, er habe sich
einen Scherz erlaubt, doch jetzt werde er ihnen sagen, wie sich die
Sache in der That verhalten habe. Nun begann ein zweites Märchen, dem
endlich noch ein drittes folgte, und alle drei fanden Glauben, obgleich
eines das andere Lügen strafte. Jedes Mal war seine Erfindung neu und
eigenthümlich, und endete mit einem vollständigen Siege, bis er selbst
dieses Spiels müde ward.

Es war ein gefährliches Talent, denn oft spann er sich so in seine
Erfindungen ein, daß er selbst daran glaubte. Dämonisches Wesen,
Phantasie, Reizbarkeit des Gefühls, Selbsttäuschung und Lust an der
Täuschung gingen ineinander über; es war schwer, seinen Seelenzustand
klar zu erkennen. Später wurden die wiederkehrenden Vorwürfe und
Anklagen bei ihm stehend. Diese Gemüthsanlage bekam eine andere
Richtung, er war in einem Zustande dauernder Selbstpeinigung, und
suchte endlich Ruhe in streng kirchlicher Frömmigkeit und katholischer
Ascetik.

Auch Ludwig Robert aus Berlin näherte sich Tieck freundschaftlich.
Flüchtig hatte er diesen jungen Mann früher in den Gesellschaften
seiner Schwester Rahel gesehen. Jetzt führten die Kriegswirren
auch ihn nach Prag. Es war eine kleine, feine Gestalt, das Gesicht
häßlich, aber charakteristisch. Er besaß Geist und Talent, doch seine
dichterischen Versuche hatten etwas Hartes, Sprödes. Er war mehr
reflectirt und absichtsvoll als einfach und unmittelbar. Früh war er
mit den Wortführern der neuern Schule bekannt geworden. Doch diese
phantastische Richtung, in der er sich anfänglich bewegte, entsprach
seinem Wesen nicht. Dann ward er ein entschiedener Anhänger Fichte’s.
Eine gewisse Herbigkeit blieb ein Grundelement seines Charakters;
Sarkasmen und schneidende epigrammatische Schlagworte waren in Rede
und Schrift seine Lieblingsform. Diese Bitterkeit wuchs durch seine
persönliche Stellung. Obwol zum Christenthum übergetreten, war doch ein
Stachel in ihm zurückgeblieben. Vergebens suchte er einen Punkt, wo er
die Kräfte angemessen entfalten konnte. Die Formen des öffentlichen
Lebens genügten ihm nicht. Er sagte wol von sich, er mache Opposition
gegen Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft. Seine Stimmung war
unbefriedigt und ruhelos; er ward mistrauisch und empfindlich, gereizt
und bitter.

Als Dichter hatte er sich dem Drama mit Vorliebe zugewendet, und
suchte nach einer realistischen Poesie; zugleich ward sie der Ausdruck
seiner Verstimmung. So entstand das bürgerliche Trauerspiel „Die Macht
der Verhältnisse“, welches er in Prag Tieck vorlas, auf den es den
peinlichen Eindruck eines Tendenzstücks machte.

Zu den merkwürdigsten Bekanntschaften gehörte die Beethoven’s.
Mozart hatte einen Nachfolger gefunden, um den sich zahlreiche
Bewunderer reihten. Nicht unbedingt vermochte Tieck einzustimmen,
er gehörte der ältern Richtung an. Wenngleich er die Genialität,
die gewaltige und erschütternde Kraft des jüngern Meisters in
der Instrumentalmusik erkannte, so sprachen ihn doch weder seine
Liedercompositionen noch selbst seine Oper an. Er vermißte in beiden
das eigentlich Gesangmäßige, die einfachsten Töne der Musik, jene hohe
und klare Heiterkeit, die den Tonwerken Mozart’s den Charakter der
abgeschlossenen und vollendeten Kunst verlieh. Auf Beethoven’s Musik
lastete der Druck der Schwermuth, der Schmerz einer gewaltigen Natur.

Er selbst machte einen unheimlichen Eindruck. Er war finster,
auffahrend, jähzornig und unberechenbar in den Ausbrüchen seines
Gefühls. Dennoch gestaltete sich das Verhältniß zwischen ihm und
Tieck freundlich; dieser besuchte ihn nicht selten. Dann setzte er
sich an das Instrument, phantasirte Stunden lang, und entfaltete eine
staunenswerthe Gewalt. Doch plötzlich ergriff es ihn wie eine fremde,
dämonische Macht, mitten im Takte sprang er auf, und stürmte zur Thür
hinaus. Heftiger noch brach ein anderes Mal die Leidenschaft hervor.
Tieck hatte auf dem Schreibtische einen zierlichen Gypsabguß bemerkt.
Es war der Porträtkopf eines vornehmen östreichischen Magnaten, mit
dem Beethoven in Verbindung stand. Er machte einige gleichgültige
Bemerkungen über die Arbeit; da springt Beethoven zornig auf, ergreift
die Statuette, stürzt in den Vorsaal, und schleudert sie unter lauten
Verwünschungen über das Geländer der Treppe, daß sie zerschellend auf
dem gepflasterten Boden der Hausflur niederfällt. An eine Fortsetzung
der Unterhaltung war für heute nicht zu denken.

Gemüthlicher war der Umgang mit Liebich, dem Director des ständischen
Theaters. Er gehörte zu den maßvollen und verständigen ältern
Schauspielern. Künstlerische Einsicht verband sich bei ihm mit
Anspruchslosigkeit und Einfachheit. Im bürgerlichen Schauspiele und
feinern Lustspiel war er ausgezeichnet. Er besaß Iffland’s sicheres
und wirksames Spiel, ohne in dessen Manier zu verfallen, und auch als
Mensch war er achtungswerth.



11. Visionen in Berlin.


Sommer und Herbst des Jahres 1813 waren verflossen; der Norden
Deutschlands war frei. Tieck war wiederum in Ziebingen.

Hier erwartete ihn sein alter Feind. Im Winter erkrankte er am
Scharlachfieber, und kaum war er hergestellt, als schwere Erkrankungen
in seiner nächsten Umgebung ihn mit Sorgen erfüllten. Ein Fall, der
tödtlich zu werden drohte, rief ihn im Sommer 1814 unerwartet nach
Berlin. Der Eintritt in die Stadt war von dem sonderbarsten Abenteuer
begleitet, das ihn fast in die träumerische Zeit seiner Jugend
versetzte.

In angestrengter Eile legte er den Weg zurück. Tag und Nacht war er
in drückender Hitze gefahren. Ermattet traf er in den Mittagsstunden
bei seinem Schwager, dem Staatsrath Alberti, ein. Nach den ersten
Begrüßungen und Erkundigungen zog er sich zurück. Ueberwacht, von
Anstrengung, Hitze und Spannung abgemattet, bedurfte er der Ruhe. In
einem obern Stockwerke des Hauses wies man ihm ein Zimmer an. Es lag
mitten in einer Reihe weitläufiger zusammenhängender Gemächer, die vor
kurzem nach dem Tode des letzten Bewohners geräumt worden waren. Die
Dienerschaft erhielt Befehl, jeden unzeitigen Besuch abzuwehren, und
jede Störung zu vermeiden. Zu größerer Sicherheit schloß er selbst die
Thüren.

Noch einen Augenblick trat er an das Fenster. Er sah auf den Hof hinab.
Eine schwüle Mittagshitze brütete auf dem engen Raume. Die Diener
waren mit den Pferden beschäftigt; man putzte und ordnete, klapperte
und schwatzte durcheinander. Ohne die Kleider abzulegen, warf er sich
auf das Bett. Er blickte im Zimmer umher. Es war wüst und unheimlich;
die Wände verstaubt, hin und wieder Nägel darin. Einst waren sie mit
Gemälden und Kunstgegenständen geschmückt gewesen. Abgespannt und
gleichgültig lag er, verworrenes Geräusch tönte vom Hofe herauf; noch
schlief er nicht.

Da ward plötzlich die nach innen führende Thür mit Heftigkeit geöffnet.
Aufgeschreckt fuhr er in die Höhe. Ein hagerer ältlicher Mann in
blauem Frack und altmodischer Haltung tritt ein. Sein Gesicht ist
blaß, die Züge fest und markirt, starke weiße Brauen überschatten die
Augen. Eine Hand hatte er unter den Brusttheil des Rockes geschoben,
er schien etwas verbergen zu wollen. Tieck glaubte einen kleinen
Gipsabguß zu erkennen. Indem der Eintretende mit dem eiligen Schritte
eines Beschäftigten durch das Zimmer ging, streifte ein gleichgültiger
Seitenblick über Tieck hin. Bevor dieser fragen konnte was ihn
herführe, hatte er die zweite Thür aufgerissen, und war in den Vorsaal
hinausgetreten. Unwillig über diese Störung warf sich Tieck zurück,
um jetzt zu schlafen. Doch bald wird die Thür abermals geöffnet, in
derselben Haltung kehrt der Alte zurück und verschwindet. Nach einiger
Zeit schreitet der Eindringling zum dritten Male durch das Zimmer.
Jetzt sprang Tieck zornig auf. Er will ihn zur Rede stellen, aber der
Alte wirft ihm einen festen und scharfen Blick zu, öffnet die Thür nach
dem Vorzimmer, und verschwindet abermals. Endlich hatte er Frieden und
schlief ein.

Nach einer Stunde festen Schlafes kehrte er zur Gesellschaft zurück.
Die Unterhaltung begann, er hatte den störenden Vorfall vergessen.
Erst später erinnerte er sich desselben, und erzählte scherzend, wie
er trotz der Vorsichtsmaßregeln nicht weniger als drei mal gestört
worden sei. Die Möglichkeit wurde in Abrede gestellt. Man verhörte die
Dienerschaft. Kein Besuch war gekommen, man hatte Niemand gesehen,
Niemand war nach dem obern Stockwerk hinaufgegangen. Man fing an
zu zweifeln; die Störung sei ein Traum gewesen. Aber Tieck glaubte
beschwören zu können, den Alten mit wachenden Augen gesehen zu haben,
er war vollkommen klar und seiner bewußt gewesen. Er beschrieb ihn,
den Anzug, die Haltung, das markirte Gesicht; die Gesellschaft ward
stumm, eine Pause trat ein. Endlich hieß es, diese Beschreibung passe
allein auf den alten Beeren, den neulich verstorbenen Bewohner des
obern Stockwerks.

Dieser Mann gehörte zu den Sonderlingen Berlins. Schon sein Name war
eigenthümlich; er hieß Geist genannt von Beeren. Tausend wunderliche
Geschichten wurden von ihm erzählt. Er war reich, hatte eine geräumige
Wohnung in der Stadt, und in der Nähe derselben einen Landsitz,
der heute seinen Namen trägt. Im bürgerlichen Leben galt er für
einen Rechthaber und Querulanten, mit allen Behörden stritt er, mit
aller Welt processirte er. Seine Erwiderungen waren nach Umständen
grob, sarkastisch, oder abenteuerlich sonderbar. Er war Sammler und
Kunstkenner, und hatte in seinen Zimmern Gemälde und Gypsabgüsse
aufgehäuft, auf die er einen hohen Werth legte. Niemals hatte Tieck
diesen Mann gesehen, doch früher Manches von seinen Wunderlichkeiten
gehört. Beim Eintritt in das Zimmer hatte er nicht an ihn gedacht,
aber er erinnerte sich jetzt, im Vorsaal einige Gypsabgüsse gesehen
zu haben. Es waren Reste der Sammlung, welche man einstweilen
zurückgelassen hatte.

Diese Erörterungen hinterließen einen unangenehmen Eindruck. Es
wurde beschlossen, Tieck sollte ein anderes Zimmer beziehen. Doch
er widersprach, er fing an auf den weitern Verlauf der Geschichte
begierig zu werden. Nicht ohne Schauer betrat er am Abend das spukhafte
Zimmer, doch die Nacht verging ohne Störung, er schlief nach allen
Anstrengungen trefflich, und hat den alten Beeren nie wieder gesehen.

Es schien damals in Berlin eine geisterhafte Atmosphäre zu herrschen.
Die Erscheinungen des thierischen Magnetismus fingen an Aufsehen zu
erregen. Sie setzten Aerzte, Naturforscher und Philosophen in Bewegung.
Man hatte Beobachtungen und Erscheinungen, zu denen man kein Gesetz
auffinden konnte. Man stritt und haderte, und Gläubige und Zweifler
theilten sich in feindliche Heerlager. Es hatte sich ein früher nicht
geahntes Geheimniß aufgethan. Die berufene berlinische Aufklärung war
alterschwach geworden, sie wußte mit diesen Dingen nichts anzufangen.

Auch für Tieck waren diese Wunder anziehend; immer hatte er die
geheimnißvolle Seite der Natur im Auge gehabt. Dennoch stand er
diesen Dingen kühler gegenüber. Ohne über die Erscheinungen an sich
aburtheilen zu wollen, waren die Ergebnisse derselben häufig sehr
geringfügig. In der Mitte der Gläubigen stand ein als Magnetiseur
bewunderter und gesuchter Arzt, der Medicinalrath Wolfardt. Als Tieck
ihn einst besuchte, sah er ein junges Mädchen im magnetischen Schlafe
auf dem Sopha liegen, mehrere beobachtende Personen standen umher.
In einem entfernten Nebenzimmer war Wolfardt; er suchte nach einem
Recepte, dessen er im Augenblicke bedurfte. Da erschien die Hellseherin
unerwartet an der Schwelle des Zimmers. „Sie suchen rechts!“ sagte sie,
„das Recept liegt in dem Schubfache links, oben.“ Und wirklich fand es
sich hier.

Bisweilen konnte Tieck sich kaum des Gedankens erwehren, dieser Mann
übe auf ihn selbst einen magnetischen Einfluß aus. Von heftigen
Kopfschmerzen geplagt, mußte er eine Gesellschaft besuchen. Als er
eintrat, stand der Magnetiseur in der Mitte aufmerksamer Zuhörer,
er sprach eifrig und unter lebhaften Bewegungen der Hände. Tieck
trat hinzu und blieb längere Zeit in seinem Bereiche. Die Schmerzen
verschwanden allmälig, und er fühlte sich frei und leicht.

Ueberhaupt gehörte sein Aufenthalt in Berlin diesmal zum großen Theil
den Aerzten. Er sah Hufeland, Behrens und Reil. Als er Behrens wegen
seines Leidens befragte, gab ihm dieser den praktischen Rath, viel
Burgunder und Champagner zu trinken, dann werde er ohne Zweifel das
Podagra bekommen, und von allen andern Uebeln befreit werden.

Anders fiel seine Unterredung mit Reil aus, dessen Scharfblick und
Originalität bekannt war. Beobachtend und ohne ihn zu unterbrechen,
hörte dieser die Geschichte seiner Krankheit an. Dann sagte er: „Gehen
Sie im Zimmer auf und nieder, aber fest und schnell!“ Tieck folgte dem
Befehle. „Nun sprechen Sie so laut Sie können!“ Es geschah. „Holen Sie
tief Athem, und hauchen Sie mich an!“ „Jetzt lesen Sie eine halbe Seite
aus diesem Buche!“ So folgte eine Weisung der andern. Endlich schwieg
er und sah Tieck durchdringend an. „Ich habe in meinem Leben viel
unverschämte Kranke gesehen“, begann er, „aber keinen der unverschämter
gewesen wäre als Sie. Alle diese Bewegungen können Sie sicher ausführen
und sind noch nicht zufrieden? Was verlangen Sie denn noch mehr bei
Ihrem Zustande? Danken Sie Gott, daß Sie soviel Kraft und Gesundheit
haben!“ Es war der Trost der Trostlosigkeit, den ihm der große Arzt
gab, doch er erschien im Gewande des Humors und verfehlte seine Wirkung
nicht.



12. Neue Freunde.


Einen Wendepunkt in Tieck’s Leben bezeichnete die Freundschaft mit
Solger. Dieser war fast um acht Jahre jünger. Ursprünglich Kameralist
lebte er doch allein dem Studium der Philosophie, der alten Sprachen
und der neuen Literatur. In der Zeit des ersten Eindrucks der Kritik
der Schlegel und der Dichtungen Tieck’s hatte er sich gebildet. Wie
er Goethe verehrte, entschied er sich auch für Tieck, dessen weitere
Entwickelung er mit Theilnahme verfolgte. Endlich begann er in der
Philosophie nach Schelling einen eigenen Weg zu gehen. Er wurde als
Professor nach Frankfurt an der Oder berufen, und von da an die neu
begründete Universität zu Berlin versetzt.

Im Frühjahr 1808, vor seiner Reise nach Wien, sah ihn Tieck zum
ersten Male bei dem gemeinschaftlichen Freunde Hagen. Zwei Jahre
später, als er nach dem Norden Deutschlands zurückkehrte, besuchte
er ihn in Frankfurt. Es kam zu einer Annäherung, und aus allgemeinen
literarischen Berührungen entstand ein geistiger Verkehr, der durch
Briefwechsel und Besuche unterhalten und gesteigert wurde. Entscheidend
war eine gemeinsame Reise im Jahre 1811. Tieck hatte soeben seine
Badecur in Warmbrunn beendet, als Solger auf einer Gebirgsfahrt
begriffen dort eintraf. Bis Schmiedeberg reisten sie zusammen, und seit
diesen Gesprächen stand ihre Freundschaft fest.

In keinem entscheidendern Augenblicke hätte sie eintreten können.
Tieck fühlte, die frühere Richtung in Poesie und Wissenschaft konnte
er nicht mehr verfolgen, er suchte nach einer andern, neuen. Noch
schien es zweifelhaft, wohin seine Natur ihn führen werde. Durch das
Studium Jakob Böhme’s war das Dunkle und Mystische in ihm, dem er
früher unbewußt, als einer ursprünglichen Kraft seines Wesens gefolgt
war, zur Entfaltung gekommen. Immer mehr hatten ihn diese wunderbaren
Gedanken umsponnen, sie erwuchsen zu einer furchtbaren Macht, welche
alles Andere zu verschlingen drohte, sie beherrschten Talent, Gefühl
und Stimmung. Aus ihm selbst hatte sich etwas erhoben, das nicht mehr
er selbst war.

Während seiner Krankheit in Italien fing er an sich den alten
Zauberkreisen zu entziehen. Hatte Jakob Böhme in der That die letzten
Räthsel gelöst? Wie wollte er seinen Lucifer mit Gott ausgleichen?
Gerieth er nicht in die Gefahr eines furchtbaren Dualismus? Mit
diesen Zweifeln kehrte auch die alte Unsicherheit zurück, aber nicht
der jugendliche Muth, der früher siegreich darüber hingegangen war,
und in seinen Schöpfungen Genüge gefunden hatte. Es war ein festes
geschlossenes System, das ihn beherrschte, ein philosophischer Glaube,
den er aufgeben mußte, wenn er frei werden wollte. Aber nun wurden
Zweifel und Schwankungen doppelt quälend.

Da trat ihm Solger entgegen, ein Charakter wie er ihn suchte; klar
und vielseitig, gelehrt und tiefsinnig, forschend und sicher ohne
absprechend zu sein, offen und voll Antheil an jeder Seite menschlichen
Daseins. Er sah die Welt in Religion und Geschichte, in Kunst und
Poesie, er wollte sie nicht construiren, nicht von neuem schaffen, er
suchte nach den gestaltenden Principien. Er war ein Bewunderer der
alten, aber nicht minder der großen modernen Dichter. Mit Shakspeare
und der spanischen Literatur war er vertraut. Hier war nichts von
dem, was Tieck bei Philosophen und Philologen fürchtete, und weshalb
er sie stets mit einer Art Scheu betrachtet hatte; nichts von der
herrschsüchtigen Zuversicht des Systems, von einseitiger Schärfe und
zersetzender Splitterrichterei, keine fertige Schulmanier, die für
Alles ein Schlagwort in Bereitschaft hat; es war überall Erlebtes.
Er fand wieder, was ihn selbst erfüllte. Mit keinem seiner Freunde
vermochte er ein so offenes, eingehendes und allseitiges Gespräch zu
führen als mit Solger. Es war ein ruhiges Versenken in den Gegenstand,
ein wahres Zwiegespräch, ein Austausch der Geister. So große
persönliche Anregungen hatte Tieck seit Novalis nicht empfangen.

Aus dem „Erwin“ und den „Dialogen“ machte er ein Studium. Der Genuß
wurde für ihn dadurch erhöht, daß ihm Solger die eben beendeten
Gespräche im Manuscript zuschickte, und seine Bemerkungen darüber
erbat. Stets sah er diesen Sendungen mit Spannung entgegen. Mit
derselben Begeisterung, wie in der Jugend die Dichter, las er jetzt den
Philosophen. Ergänzend kamen Solger’s Briefe hinzu. In diesen Werken
erkannte er seine innersten Gedanken und Erfahrungen.

Mit keinem Philosophen war er so weit gekommen, auch mit Jacobi nicht,
der ihm noch am nächsten gestanden hatte. Immer war es ihm gewesen,
als wenn sie über eine trennende Kluft zueinander hinübersprächen. Das
unmittelbare Leben, welches er bei großen Dichtern und Mystikern fand,
das er in seinen Dichtungen darzustellen suchte, von dem er sprach
als von etwas Geheimnißvollem, hatten manche als Träume seiner Poesie
behandelt, und wollten es nicht kennen. Hier war ein Philosoph, der
ihn verstand; nicht in unsichern Umrissen, oder versetzt mit fremden
und trüben Mischungen, sondern in festen Formen fand er seine Gedanken
wieder. Es war die innere Blutsverwandtschaft der Religion, der
Philosophie, der Kunst, an welche er stets geglaubt hatte, und die ihm
in andern Systemen im abstracten Gegensatze, in feindlicher Trennung
erschienen waren. Seine Ahnungen wurden zum gesetzmäßig Gedachten,
und die Denkformen erfüllten sich mit einem realen Inhalte. Jetzt war
ihm die Philosophie weder eine bloße Gymnastik des Denkens, noch ein
Construiren und Entstehenlassen Gottes. In einen neuen Zusammenhang
rückte Alles ein, er lernte im wahren Sinne des Worts.

Bisher hatte er in einem instinctiven Zustande gelebt, und sich
dem Eindrucke der Kunst und des Schönen hingegeben, ohne das
philosophische Bedürfniß zu haben, sich über das Wesen desselben
klar zu werden. Was es an sich war, was es in ihm wirkte, war ihm
unterschiedlos Eins; er nahm Eines für das Andere. Aus dieser Quelle
war in seinen Phantasien und Dichtungen manches entsprungen.

Der unmittelbare Verkehr mit Solger hielt diese Bewegung in stetem
Flusse. Kein Jahr verging, wo sie sich nicht gesehen hätten, wo Tieck
nicht auf einige Tage in Berlin gewesen, oder der Freund ihn nicht im
Frühlinge oder Herbste besucht hätte. Oft begannen ihre Unterhaltungen
am frühen Morgen, und nach kurzen Unterbrechungen fand der späte Abend
sie noch im tiefen Gespräche. Einzelne, oft nur leichte Andeutungen
Solger’s durchzuckten ihn mit der Gewalt des Blitzes, und warfen vor-
und rückwärts auf ganze Gedankenreihen ein neues, helles Licht. So
wirkte eine Aeußerung über das Böse als das reale Nichts wie eine
plötzliche Offenbarung auf ihn, und von hier aus entwickelten sich ihm
neue fruchtbare Gedanken, die er später mannichfach verarbeitete.

Kein Gedanke aber ergriff ihn tiefer vom ersten Augenblicke, wo er ihm
bei Solger begegnete, und beschäftigte ihn länger als der der Ironie,
über die am Schlusse des „Erwin“ einige Andeutungen gegeben waren, und
von der Solger ihm später einmal im Jahre 1818 schrieb: „Die Mystik
ist, wenn sie nach der Wirklichkeit hinschaut, die Mutter der Ironie,
wenn nach der ewigen Welt, das Kind der Begeisterung oder Inspiration.
Sie haben das, was ich Mystik nenne, Poesie genannt; ich nenne es
auch so, auch Religion, je nachdem sie sich ihrer nach beiden Seiten
bewußt oder unbewußt ist. Was ich aber Mystik für sich nenne, ist
die lebendige und unmittelbare Einsicht, die sie auf allen Stufen in
sich selbst hat, und deren Entwickelung wieder die Philosophie ist.“
Das waren Gedanken, die ihn seit früher Zeit dunkel erfüllt hatten,
und denen er bei seinen ersten Dichtungen unbewußt gefolgt war; schon
beim „Lovell“, dann bei seinen satirischen Dramen. Um die unmittelbare
Gegenwart des Göttlichen zu offenbaren, mußte die menschliche
Wirklichkeit verschwinden; dies war die tragische Seite der Ironie,
während das Göttliche aufgehend in das Leben der Zerstückelung und
Widersprüche, in die menschliche Sphäre verpflanzt, zum Gegenstand der
Komödie wird; darum ist auch in dem Komischen von der Ironie der Ernst
unzertrennlich.

Zu ihnen gesellte sich auch Friedrich von Raumer, der früher schon mit
Solger in freundschaftlicher Verbindung gestanden hatte. Unter der
Leitung des Staatskanzlers Hardenberg hatte er im Fache der Verwaltung
gearbeitet; doch entsagte er dieser Laufbahn, um eine Professur der
Geschichte und Politik in Breslau anzunehmen. Schon 1810 besuchte er
Tieck in Ziebingen. Auch hier ergab sich aus den ersten Unterredungen
ein näheres Verhältniß, das durch Briefe und Besuche fortgesetzt wurde,
und zu einer wahren und dauernden Freundschaft führte. Mit Interesse
verfolgte Tieck die historischen Forschungen Raumer’s. Er sah das Werk
über die Hohenstaufen entstehen, und las es, nicht ohne eine bedeutende
Rückwirkung zu erhalten, zum großen Theil bereits im Manuscripte. So
traten ihm Politik, Geschichte, die historische Gegenwart ebenfalls
näher.

Ausschließlich hatte er früher der Vergangenheit gelebt, soweit sie der
Sage und Literatur angehörte, die thatsächlichen Zustände der Gegenwart
im Einzelnen beschäftigten ihn wenig. Andere Kräfte und Elemente
kamen jetzt hervor, und indem der Dichter in der Mitte zwischen dem
Philosophen und Geschichtsforscher stand, und in ein neues Verhältniß
zur idealen und realen Welt trat, vollendete sich seine Umbildung. Der
Verkehr der drei Freunde war der innigste und reichste. Sie ergänzten
und förderten sich gegenseitig, da jeder eine eigenthümliche Seite des
Lebens darstellte. Daraus ergab sich der Gedanke einer Zeitschrift
für Philosophie, Poesie und Geschichte, deren Herausgeber Solger sein
sollte, und in der sie die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Thätigkeit
niederlegen wollten.

Aber auch in der engern Umgebung fehlte es nicht an Freunden, bei
denen Tieck in seinen Studien und Dichtungen Anregung und Theilnahme
fand. Außer seiner Familie waren Graf Finkenstein, Burgsdorff und
dessen Angehörige, und Wilhelm von Schütz, einer seiner frühesten
Schulfreunde, der seit einiger Zeit in Ziebingen lebte, die nächsten;
selbstthätig nahm dieser an der romantischen Poesie Theil. Nach
spanischen Musterbildern war sein Trauerspiel „Lacrimas“ gearbeitet,
das eine Zeit lang neben F. Schlegel’s „Alarcos“ unter den Dramen der
Romantiker einen gewissen Ruf hatte. Er war enthusiastisch aber unklar.
Auch in Kadach, dem Prediger in Ziebingen, einem verständigen und
wissenschaftlichen Manne, hatte Tieck einen Freund gefunden.

So lebte er in diesen Jahren ein einfaches Stillleben, das ohne
bedeutende äußere Unterbrechung zwischen Freunden, dichterischen
Productionen, geistiger Arbeit, und körperlichen, niemals ganz ruhenden
Leiden, sich auf- und abbewegte. Es war ein enger Kreislauf, von dem
die Welt nur selten wie von einem fern entlegenen Dasein Kunde erhielt.
Fast schien er in einem zeitlosen Zustande zu leben. Mit Befriedigung
sah er Auf- und Niedergang der Sonne, Frühling und Herbst an sich
vorüberziehen, und was er einst als Knabe über ländliche Einsamkeit
geschrieben hatte, erfüllte sich hier. Wenn er die Mitwelt vergaß, so
blieb ihre Rache nicht aus, indem sie ihn als einen Verschollenen
zu betrachten anfing, der schon mehr der Literaturgeschichte als dem
gegenwärtigen Leben angehöre. Sonderbare Gerüchte waren über ihn in
Umlauf gekommen. Früher hatte es geheißen, er denke daran in Ziebingen
Prediger zu werden. Ein anderes Mal übersandte ihm ein Durchreisender
einen Zettel mit der Aufforderung, durch die Kraft seiner Muse das
vergessene Ziebingen wieder in Ruf zu bringen.

Seit dem Erscheinen des ersten Theils des „Phantasus“ waren
mehrere Jahre verflossen. Jetzt kam diese Sammlung zu einem
gewissen Abschlusse. In den Jahren 1815 und 1816 vollendete er den
„Fortunat“. Es war ein alter, im Jahre 1800 entworfener Plan, der
endlich ausgeführt wurde. Zum letzten Male behandelte Tieck einen
dem Mittelalter entlehnten Sagenstoff dramatisch. Aber schon dieses
Werk gab Zeugniß von der eingetretenen Umwandlung, es war weder so
mittelalterlich gläubig wie „Genoveva“, noch so bunt wie „Octavian“.
Er suchte sich in den Grenzen der Bühne zu halten; auf eine mehr
dramatisch wirksame Concentrirung war er ausgegangen. In dem zweiten
Theile, den er für den vollendetern ansah, bewältigte die Dichterkraft
den Märchenstoff. Hier hielten sich Humor und Tragik das Gleichgewicht;
hier wehte der Geist Shakspeare’s. Zugleich gab die 1817 erscheinende
Sammlung „Altdeutsches Theater“ und die Vorrede dazu einen neuen Beweis
seiner allseitigen dramaturgischen Studien.



13. London und Paris.


Längst hatte er gewünscht das Vaterland seines Dichters kennen zu
lernen, den Boden, der zugleich Schauplatz der meisten und gewaltigsten
Tragödien desselben war. Es war von Wichtigkeit, in die Hülfsmittel
Englands für diese Literatur Einsicht zu gewinnen. Im Verlaufe einer
fünfundzwanzigjährigen Erforschung Shakspeare’s und des englischen
Dramas, hatte er eine umfassende Kenntniß dessen erworben, was die
deutschen Bibliotheken darin aufzuweisen hatten. Aus eigener Anschauung
oder durch Vermittelung von Freunden wußte er was Göttingen, Dresden,
Berlin und Kassel besaß. Viele ältere englische Dramen, selbst solche,
die unter Shakspeare’s Namen gingen, suchte man hier vergeblich. Es
schien nicht möglich sie in Deutschland herbeizuschaffen. Mit Freuden
ergriff er daher auch diesmal einen Plan seines reisefertigen Freundes
Burgsdorff, ihn 1817 nach England zu begleiten.

Endlich war ein allgemeiner und dauerhafter Friede gewonnen. Mit dem
Gefühle der Sicherheit kehrten auf allen Lebensgebieten die alten, lang
zurückgedrängten Neigungen wieder. Es war anziehend, jetzt im ersten
Augenblicke friedlicher Beruhigung London und Paris, denn auch dieses
sollte besucht werden, zu sehen.

In den ersten Tagen des Mai 1817 traten sie die Reise an. Sie nahmen
ihren Weg durch das nördliche Deutschland nach den Rheingegenden
und den Niederlanden, die Denkmäler der alten Kunst wurden zunächst
Gegenstand der Betrachtung, soweit es die Eile verstattete. Die
Augen des lebenden Geschlechts hatten sich für die Größe nationaler
Vergangenheit geöffnet, die Kunstwerke der deutschen Vorzeit, über
die man kalt und gleichgültig hinweggesehen hatte, erschienen jetzt in
neuem, glänzenden Lichte.

Die Freunde betraten zuerst die alten Dome in Magdeburg und
Halberstadt, und rasteten dann in Göttingen. Es war ein bewegtes
Wiedersehen nach der Studienzeit, die nun schon ein Vierteljahrhundert
hinter ihnen lag. Sie besuchten die Bibliothek, die jetzt unter der
Leitung des in der neuen Literatur gelehrten Beneke stand, sie sahen
Hugo, Heeren und einige andere Notabilitäten der Universität, auch
Fiorillo, ihren alten Lehrer. In Marburg erfreuten sie sich der alten
Kirche, dann der herrlichen Lage Wetzlars und Limburgs und der dortigen
Alterthümer. In Koblenz verweilten sie bei Görres, der auch der
altdeutschen Kunst lebte. Er besaß nicht unbedeutende Sammlungen, mit
denen er seine Wohnung geschmückt hatte, und hielt es für Pflicht den
Dichter der „Genoveva“ zur Kapelle der heiligen Genoveva bei Andernach
zu führen, die sammt der Quelle beim Volke im Rufe heilbringender
Kraft stand. Wichtiger war es für Tieck Max von Schenkendorf kennen
zu lernen, den Dichter der Freiheitskriege, dessen schönes lyrisches
Talent er achtete. Görres begleitete sie nach Köln, dem deutschen Rom,
wo sie mit Walraf, Grote und andern Alterthumsforschern bekannt wurden.

Weiter ging es nach Brüssel, Mecheln, Antwerpen, Gent und Brügge.
Es waren zum Theil die Kunstwanderungen seines Sternbald, welche
Tieck zwanzig Jahre später nachholte. In diesen Städten war noch das
alte deutsche Leben in ursprünglicher Fülle zu Hause. Hier gab es
Kathedralen, Bilder von Eyck, Hemlink, Rubens. Auch der Menschenschlag
trug den festen, sichern Zuschnitt eines wohlgegründeten,
althistorischen Daseins.

Von Calais gingen sie über den Kanal. Am Morgen des 29. Mai sahen sie
die Küste von England. Im Nebel, zwischen grauer See und Wolken,
lagen die Kreidefelsen von Dover vor ihnen. Es war trübes Wetter, und
der erste Anblick kein heiterer. Doch für manche Unannehmlichkeiten
entschädigte schon der Besuch der Kathedrale von Canterbury. Tages
darauf waren sie in London. Bald fanden sich alte und neue Bekannte
zusammen; Burgsdorff’s alter Freund, der Baron von Bielfeld, Leopold
von Buch, der geniale Naturforscher und Reisende, der durch sein
schroffes, aber immer originales Wesen anzog.

Für Tieck gab es in London zwei Punkte, die vor andern seine
Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, das Museum und das Theater. Bald
überzeugte er sich, wie unentbehrlich die Kenntniß der Schätze des
ersten für seine Shakspearestudien sei. Aus Handschriften und seltenen
Drucken copirte er manches alte Drama. Eine freundliche Unterstützung
dieser Arbeiten fand er bei dem jüngern Schlichtegroll, der auf dem
Britischen Museum beschäftigt war, und auch später manchen Auftrag für
ihn ausführte.

Auf der Bühne war es Tieck vergönnt, Kemble und Kean nebeneinander
zu sehen. Der erste war im Begriffe, seine theatralische Laufbahn
zu schließen. Tieck sah ihn in den größten Rollen Shakspeare’s, als
Brutus, Percy, Wolsey, Hamlet, endlich als Coriolan, worin man sein
Spiel stets am meisten bewundert hatte. Lange war er der Liebling des
Publicums gewesen. Unter ausbrechenden Thränen nahm er nach der letzten
Vorstellung von den Zuschauern und der theatralischen Wirksamkeit
Abschied. Wahrhaft wüthende Ausbrüche der Verehrung folgten, mit denen
das Publicum den berühmten Schauspieler überschüttete. Es war eine
Scene des ungeheuersten Lärms und Tumults. Kemble war ein bedeutender
Schauspieler, dennoch entsprach er nicht dem, was Tieck von der
Kunstvollendung forderte, und selbst gesehen hatte. Früher mochte
Kemble’s Spiel wirksamer gewesen sein; jetzt im vorgerückten Alter
hatte er an Kraft und Stimme eingebüßt. Für jugendliche Rollen reichten
beide nicht mehr aus. Er declamirte mehr als er spielte. Doch in der
Herrschaft über Sprache und Ton zeigte er sich als Meister. Seine Rede
glich einem klaren, gleichmäßigen Flusse, der aber endlich ermüdet. Um
so größer war die Wirkung, die er durch einzelne, unerwartet und selten
angewendete Accente hervorrief. Oft glaubte Tieck Iffland wieder zu
hören.

Mit andern Mitteln wirkte Kean als Hamlet und Richard III. Er war der
vollendete Gegensatz Kemble’s, und bei weitem mehr Manierist. Sein Ton
war scharf, eindringend, zum Humoristischen neigend. Er zerschnitt und
zerriß die Rede, er war in steter Unruhe; heftig fuhr er auf der Bühne
hin und her. Die wirklich bedeutenden Momente waren bei ihm seltener.
Man kam nicht zum ruhigen Genusse. Talma zu sehen gelang nicht. Mit
der George gab er einzelne Scenen auf dem Theater der großen Oper bei
einem nach deutschen Begriffen ungeheuer hohen Eintrittsgelde. Im
Ganzen stand das englische Theater tiefer als das heimische. Die Manier
herrschte, der letzte Ton der Naturwahrheit war verloren gegangen. Ohne
Verständniß und Achtung des Dichters verarbeitete man Shakspeare’s
Dramen durch Abkürzungen und Zusammenziehungen wahrhaft barbarisch, oft
bis zur Unkenntlichkeit. Von der Bedeutung und Wirkung des Ganzen hatte
man keine Idee.

Was neben den Studien an Zeit übrig blieb, gehörte den Kirchen und
Galerien, dem Tower, der Stadt, dem Leben im Allgemeinen. Auch bei der
Einweihung der neuen Waterloobrücke waren sie zugegen. Doch war für
Tieck dies Treiben nicht eben leicht. Oft seufzte er über die weiten
Entfernungen in der großen Stadt, und die Eigenthümlichkeiten der
Sitte gaben ihm, der an deutsche Hausordnung gewöhnt war, in Scherz
und Ernst zu mancher Aeußerung des Unmuths Gelegenheit. Er fand,
das Leben werde bei allen Vorrichtungen zur Bequemlichkeit wieder
unbequem; und wer Deutschland in seiner Weise wolle schätzen lernen,
müsse ins Ausland gehen. Auch London wollte ihm nicht gefallen. Der
alterthümlichen Reste waren weniger als er geglaubt hatte, und diese
wurden durch neue Bauwerke, und das Handels- und Fabriktreiben der
modernen Welt verdrängt.

Doch mußte er die Freundlichkeit der Engländer, deren Bekanntschaft er
machte, rühmen. Man wußte mehr von ihm, als er erwartet hatte. Das Lob,
welches ihm die Staël ertheilt hatte, war nicht ohne Wirkung geblieben.
Seine Schriften waren bekannt, und die Arbeiten über Shakspeare
konnten auf Zustimmung und Förderung rechnen. Unter den englischen
Schriftstellern fand er einen Bekannten wieder, Coleridge, den Kenner
der deutschen Literatur und Uebersetzer des „Wallenstein“. Er hatte ihn
zehn Jahre früher in Rom gesehen, und in freundlichen Beziehungen zu
ihm gestanden. Auch schätzte Coleridge Tieck als Dichter und Kritiker.

Shakspeare war Gegenstand ihrer häufigen Unterhaltungen. Coleridge
kannte seine Ansichten über die englischen Commentatoren, und daß er
über den Entwickelungsgang des Dichters und die Reihenfolge der Stücke
eine andere Meinung aufgestellt habe. Eines Abends bat er ihn um
ausführliche Mittheilung derselben. Tieck erklärte sich bereit, wenn
er sie im Zusammenhange und ohne Unterbrechung vortragen könne. Es war
zehn Uhr Abends, als er begann, Mitternacht vorüber, als er schloß.
Schweigend hatte Coleridge zugehört; ohne ein Wort der Erwiderung
sagte er gute Nacht. Am andern Abende kam man wieder zusammen. „Ich
habe“, fing er an, „Ihre Ansichten die ganze Nacht hindurch überlegt;
und Neues daraus gelernt. Ich finde, Sie haben in vielen Punkten
Recht.“ Auf eine so unumwundene Zustimmung hatte Tieck nicht gehofft.
„Dennoch“, fuhr er fort, „kann ich sie nicht annehmen!“ „Und warum
nicht?“ fragte Tieck überrascht. „Weil ich sie nicht annehmen will,
denn sie widersprechen Allem, was man bisher in England über Shakspeare
gedacht und geschrieben hat.“ Gegen einen so nationalen Gesichtspunkt
auch in der Kritik war schwer anzukämpfen. Doch erwies sich Coleridge
freundlich und behülflich, und durch seine Vermittelung kam Tieck in
Berührung mit Southey und dem Novellisten Godwin.

Endlich wünschte man England außerhalb Londons kennen zu lernen.
Wohin anders konnte dieser Ausflug gehen, als nach dem Geburtsorte
Shakspeare’s? Zuerst nach Oxford. Aber auch der Natur konnte Tieck
keinen Geschmack abgewinnen. Es war ein üppig grünendes, ein herrlich
bestelltes Land, durch das sie fuhren; aber es war eine gemachte,
eine zugeschnittene Natur, den Charakter der Ursprünglichkeit hatte
sie verloren. Es fehlte ihr die Unmittelbarkeit, jene Heiligkeit, wie
er es nannte, welche das Gefühl anspricht, und die ihn selbst in den
ärmlichen Gegenden der Heimat oft gerührt hatte. Durch die Industrie
war sie des dichterischen Duftes beraubt worden.

In Warwickshire standen sie auf dem Boden Shakspeare’s und seiner
Helden. Herrlich war die Wirkung des alten Schlosses von Warwick, mit
seinen Mauern, von dichtem Epheu umsponnen. Die reiche Sammlung alter
Waffen, die hier aufbewahrt wurde, erhöhte den lebendigen Eindruck.
Man bestieg einen der mächtigen Thürme, der einen überraschenden
Blick auf das Land gewährte. Dann besuchten sie die Ruinen des einst
glänzenden Schlosses Kenelworth, an dessen Namen sich viele bedeutende
Erinnerungen knüpften. Zuletzt waren sie in dem kleinen Stratford
am Avon, das ein Dichter zum berühmten Wallfahrtsorte gemacht hatte.
So waren die Dinge in Erfüllung gegangen! Er, der Dichter, stand in
frommer Verehrung an der Wiege des Dichters, an dessen Geiste im fernen
Lande und nach Jahrhunderten sich der seine entzündet, dessen Namen er
im Herzen getragen hatte, seit er seiner selbst bewußt geworden.

Ueber die Felder von Glocestershire, wo die blutigen Schlachten der
beiden Rosen geschlagen worden waren, über Bristol und Bath, reisten
sie nach Salisbury, wohin sie außer der alten Kathedrale auch das
fabelreiche Feld von Stonehenge zog, welches die Sage zum Schauplatze
Merlin’s macht. Mit diesem Ausfluge schloß ihr Aufenthalt in England.

In den ersten Tagen des Juli trafen sie in Paris ein, wo sie von
Alexander von Humboldt, Oelsner und Andern freundlich empfangen wurden.
Die eigenthümlichste Erscheinung unter den Deutschen in Paris war
Schlaberndorf, der seine heimischen Verhältnisse zum Opfer gebracht
hatte, um hier als Einsiedler und Weltmann zugleich zu leben. Seine
Sonderbarkeiten hatten die Revolution überdauert. Von den herkömmlichen
Gesetzen des geselligen Lebens befreit, beschränkte er sich auf den
Raum eines dürftigen Zimmers, das er nicht mehr verließ. Schon aus
dem Bette aufzustehen, war ihm eine wichtige Veränderung; oft blieb
er Tage lang liegen. Dennoch war er mitten in den Dingen. Es fehlte
ihm nicht an Berichten aus der politischen und literarischen Welt.
Die ausgezeichnetsten Personen besuchten den Sonderling. Er war eine
lebendige Chronik der französischen Revolution, und überschaute die
politische Lage mit dem Blicke eines Staatsmanns und der Ruhe eines
Diogenes. Tieck suchte ihn in seiner Einsiedlerhöhle auf. Er fand
einen alten Mann mit starkem grauen Barte, von verwildertem Ansehen.
Das Hauptstück seines Anzugs war ein zerrissener Schlafrock, der die
Blöße des Körpers, und den Mangel der gewöhnlichsten Unterkleider nur
unzureichend bedeckte. Es war das Bild eines Anachoreten; aber seine
volle Theilnahme gehörte dem Leben und der Gegenwart. Beredt sprach er
von der Revolution. Er ging mit dem Gedanken um, seine Erinnerungen
aufzuzeichnen. In seinem Kopfe war das Buch fertig. Auch hatte er es
auszuführen angefangen. Zum Beweise brachte er einige Bogen Papier zum
Vorschein, auf deren erster Seite der zierlich geschriebene Titel des
Buches stand. Weiter war er noch nicht gekommen. Tieck wiederholte
diese merkwürdigen Besuche, erregte aber dadurch den Zorn Leopold’s
von Buch, der nur spottend und verwerfend von dem sonderbaren Manne
sprechen konnte, der in seinen Augen ein vollkommener Revolutionär war.

Auch in Paris war die Bibliothek das Wichtigste, über deren Besitz
in der ältern deutschen und dramatischen Literatur Tieck sich zu
unterrichten suchte; dann die Theater. Hier ereignete sich ein
merkwürdiges Abenteuer. Wiederholt bemerkte er, daß er unter den
zunächst Sitzenden eine gewisse Aufmerksamkeit und eine Bewegung
hervorrief, die sich weiter verbreitete, so oft er eintrat. Was konnte
es sein? Als deutscher Dichter war er sicherlich nicht Gegenstand der
Neugier. Endlich kam es an den Tag. Es bestätigte sich, was ihm früher
schon Freunde gesagt hatten; seine auffallende Aehnlichkeit mit dem
Kaiser war es, die Aller Blicke auf ihn lenkte. Diese großen dunkeln,
schwermüthigen Augen, die hohe Stirn, die obere Hälfte des Gesichts
erinnerte lebhaft an Napoleon in späterer Zeit. Ein Nordamerikaner,
der den König Joseph persönlich kannte, meinte, diesem sähe er noch
ähnlicher. Tieck, kein Bewunderer Napoleon’s, hatte dergleichen
scherzende Bemerkungen immer halb unwillig abgewiesen, jetzt mußte er
sich von ihrer Wahrheit überzeugen. Aeltere Offiziere des Kaiserreichs
nahten sich ihm forschend, selbst auf der Bibliothek umgab man ihn,
sodaß es ihm zuletzt lästig ward, Gegenstand dieser neugierigen
Betrachtung zu sein.

Nach einem Aufenthalte von mehreren Wochen trat man die Rückreise an.
Durch das Lothringische und über Trier gingen sie nach Koblenz, wo sie
bei Görres den Präsidenten von Meusebach, den bekannten Sammler für
ältere deutsche Literatur, sahen. In Frankfurt a. M. trafen sie F.
Schlegel. Unerwartet begegneten sie darauf in Heidelberg Jean Paul. Zu
den ältern Freunden, Daub und Creuzer, kam noch der Mediciner Nägele,
ein heiterer, humoristischer Mann, und Hegel, dessen Ruf als Philosoph
um diese Zeit begann. Auch bewunderten sie Boisserée’s Sammlung
altdeutscher Gemälde, die an Werth und Umfang Alles übertraf, was sie
auf der Reise an Denkmälern alter Kunst gesehen hatten.

Endlich verwandten sie noch einige Tage auf das südliche Deutschland.
Ueber Karlsruhe gingen sie nach Baden-Baden, Stuttgart und Würzburg,
dann durch Thüringen nach Weimar. Wie konnte Tieck hier sein, ohne
Goethe wenigstens begrüßt zu haben? Denn mehr verstattete dieses Mal
der kurze Aufenthalt nicht, da er noch an demselben Tage weiter reiste.
Goethe meinte später von Tieck’s Besuche, es sei ja diese Zusammenkunft
ganz gut abgelaufen.

In Weißenfels besuchten sie Müllner, einen Dichter neuen Schlages,
dessen schnell erworbener Ruhm für ein Zeichen der Zeit gelten konnte.
Tieck hatte ihn früher einmal gesehen, jetzt wünschte auch Burgsdorff,
den Schicksalstragöden kennen zu lernen. Im Gefühle reichlich
genossener Anerkennung war Müllner so zuversichtlich, daß er einen
komischen Eindruck machte. Man unterhielt sich einen ganzen Abend
lang. Tieck wagte einige Zweifel über „Die Schuld“ zu äußern. Müllner
überhörte sie, oder fertigte sie mit der wiederholten Versicherung ab,
in der Vorrede zur bevorstehenden vierten Auflage werde er diese und
andere Einwürfe widerlegen. Dies kehrte so häufig wieder, daß es klar
ward, er hielt die vierte Auflage seiner „Schuld“ für eine Waffe, an
der alle Kritik zunichte werden müsse. Nach einem flüchtigen Besuche
bei Adam Müller in Leipzig langten sie im September in Berlin an.

Hier sah Tieck viele Freunde älterer und neuerer Zeit, Brentano, Arnim,
Solger, Schinkel, mit dem er in froher Gesellschaft zusammenkam, auch
F. A. Wolf und Schleiermacher. Seit seiner Studentenzeit war er Wolf
hin und wieder begegnet. Er fand den schlagfertigen, epigrammatischen
Alterthumsforscher wieder, der die Alten auch praktisch wohl studirt
hatte. Schleiermacher besuchte er in seiner Kirche. Mit Bewunderung
hörte er den großen Redner. Seine Predigt war einfach, klar, treffend,
belehrend. Dennoch genügte sie dem, was Tieck von kirchlicher
Erbauung forderte, nicht ganz. Am Mittage desselben Tages war er in
einer Gesellschaft bei seinem Verleger Reimer. Im eifrigen Gespräche
begriffen, fühlte er einen leichten Schlag auf der Schulter. Es war
Schleiermacher, der ihn am Morgen von der Kanzel aus bemerkt hatte.
Originell rief er ihm zu: „Wie Teufel, Tieck, kommen Sie denn in meine
Kirche?“

Auch Oehlenschläger hielt sich in Berlin auf. Ueber Wien war er aus
Paris zurückgekehrt, wohin er einen vornehmen jungen Dänen begleitet
hatte. Er war ganz der Alte, gutmüthig, aber reizbar und blindlings
zufahrend. Dies führte zu einer komischen Täuschung. Er war ein
Bewunderer Shakspeare’s, und „Hamlet“ nahm bei ihm auch darum die erste
Stelle ein, weil er darin eine Verherrlichung des skandinavischen
Nordens sah. Kühn trat ihm Tieck mit der Behauptung entgegen, eben in
dieser Tragödie habe der Dichter mit klaren Worten ausgesprochen, daß
die Dänen keine Vernunft besäßen. Aufbrausend rief Oehlenschläger, das
sei unmöglich. Tieck versprach den Beweis zu führen, und zeigte ihm
jenen Vers, in dem der König sagt: „Ihr könnt nicht von Vernunft dem
Dänen reden.“ Oehlenschläger brach in eine Flut von Verwünschungen aus.
Solche Einseitigkeit, ja Barbarei sei unerhört! Ein ganzes Volk der
Vernunftlosigkeit anzuklagen! Wer so spreche, sei gewiß kein Dichter!
Aber er sage sich jetzt von Shakspeare los; öffentlich werde er die
leichtgläubige Welt darüber aufklären, welchen Götzen sie angebetet
habe. Sein Zorn steigerte sich zur Berserkerwuth, der die Freunde
umsonst Einhalt zu thun suchten.

Am andern Tage, als man wieder zusammenkam, schalt er in demselben Tone
weiter, als wenn er soeben erst aufgehört hätte. Jetzt mußte der Sache
ein Ende gemacht werden. Solger und Schleiermacher, die zugegen waren,
ergriffen den Widerstrebenden an den Armen, und drückten ihn auf den
Stuhl nieder. Den Shakspeare in der Hand, trat Tieck vor ihn und schrie
ihm in die Ohren: „Mensch, bist du unsinnig geworden? Höre an! Laß dich
bedeuten!“ Schon der folgende Vers erkläre ja, wie es zu verstehen sei;
nur aus dem Zusammenhange gerissen, gebe jener Vers einen so verkehrten
Sinn. Der Däne sei der König, dieser bestimmte König von Dänemark,
nicht die Dänen, das Volk überhaupt. Allmälig ward Oehlenschläger
stiller, er fing an zu begreifen, warum es sich handle. Erschöpft saß
er auf dem Stuhl; der Schweiß lief ihm von der Stirn. Endlich sagte
er: „Böses Volk ihr! Einem so zuzusetzen!“ Doch seine Gutmüthigkeit
ließ ihn nicht lange zürnen, und bald stimmte er in das Gelächter der
Freunde ein.



14. Uebersiedelung.


Mit reicher Ernte war Tieck nach Ziebingen zurückgekehrt. Es war eine
Reise, wenn auch nur von kurzer Dauer, doch von höchstem Werthe. An
Kenntniß der Literatur, des gegenwärtigen Kunstzustandes, an Ueberblick
seines Stoffes hatte er gewonnen. Er fing an, diese neuen Eindrücke in
sich zu verarbeiten. Er fühlte sich frisch und angeregt; die nächste
Zukunft versprach reichhaltige und belehrende Arbeit. Doch anders
gestalteten sich die Dinge.

Im Frühjahr 1818 starb der alte Graf Finkenstein, das Oberhaupt der
Familie, mit welcher Tieck in naher Verbindung stand. Er war der
Mittelpunkt des geselligen Zusammenlebens gewesen. Theilnehmend und
vielseitig, war er für Tieck ein väterlicher Freund, und dieser Verlust
berührte auch ihn schmerzlich. Es war eine nicht wieder zu füllende
Lücke. Diese Verhältnisse, welche zu gewohnten geworden waren, neigten
der Auflösung zu.

Seit funfzehn Jahren gehörte ihnen Tieck an, in der zweiten Hälfte
dieses Zeitraums hatte er fast ausschließlich in ihnen gelebt,
Ziebingen war seine Heimat geworden. Aber es war nur eine Seite des
Lebens; auch fehlte es an Beschwerden nicht. Er war abgeschnitten
von dem literarischen Verkehr. Hatte er auch eine nicht unbedeutende
Bibliothek zur Hand, so konnte diese doch unmöglich überall ausreichen.
Nicht ohne Schwierigkeiten wurden die Hülfsmittel durch Freunde von
Frankfurt, später von Berlin gesendet. In dem bewegten Leben einer
größern Stadt lag an sich schon eine bedeutende Anregung; selbst der
Gegensatz, auf den man hier gefaßt sein mußte, ward zur treibenden
Kraft. Anderes boten die Künste dar. Endlich war bei einem dauernd
leidenden Zustande die Stadt an Aushülfen reicher als das Land.

Im Sommer 1819 übersiedelte er sich nach Dresden, das sich vor andern
Städten zu längerm Aufenthalte empfahl. Es kehrte ihm die Erinnerung
früherer Jahre zurück, die er hier verlebt hatte, wo trübe Schwermuth
ihn gefangen hielt, und die heitere, freundliche Natur ihre Kraft für
ihn verloren hatte. Jetzt sah er die Welt mit andern Augen an. Er war
ruhiger, er erwartete weniger, und fand mehr. Die bekannten und doch
neuen Gegenstände bewegten ihn. Diese Gärten und Weingelände, dieser
Strom mit seinen Bergen, Alles rollte sich wie ein altes, lange nicht
gesehenes, und darum doppelt frisches Bild vor ihm auf. Dazu die
Galerie mit ihren Meisterwerken, die sich auch jetzt noch, nach Italien
und England, in altem Glanze behaupteten, die Bibliothek, das Theater,
freundschaftlicher Umgang; Alles gestaltete sich günstig.

Kaum aber war Tieck heimisch geworden, als ihn ein neuer Verlust traf.
Vor Ablauf des Jahres starb Solger. Noch im Frühlinge hatte er ihn
gesehen, und unter den ersten heitern Eindrücken im September zum
letzten Mal an ihn geschrieben. Nicht ohne Besorgniß sah er, wie der
Freund, der im jugendlichen Mannesalter stand, seit einiger Zeit zu
kränkeln anfing. Beim letzten Wiedersehen fand er ihn verändert und
niedergeschlagen, der sonst so klar und sicher die Dinge überschaute.
Oft hatte er sich an dieser festen Natur aufgerichtet, jetzt mußte
er den Zuspruch übernehmen. Ein Besuch Karlsbads gewährte in diesem
krankhaften Zustande nur eine vorübergehende Hülfe. Im November starb
Solger nach kurzer Krankheit an einem entzündlichen Halsübel.

Für Tieck war es ein schwer zu verschmerzender Schlag. Dieser Freund
machte einen Theil seines eigenen Lebens aus. Sein Umgang, sein Wort,
seine Schriften übten eine tiefe Einwirkung aus, und hatten die Zeit
innern Ringens zum Abschluß gebracht. Er war ihm mehr als Freund
gewesen; mit aufrichtigster Dankbarkeit nannte er ihn seinen Lehrer. Zu
der freudigen Erhebung gesellte sich jetzt der Schmerz, und erst durch
beide ward ihm der neue Wohnort zur Heimat.



                             Ludwig Tieck.

                            Zweiter Theil.



                             Ludwig Tieck.

                             Erinnerungen

                                aus dem

                          Leben des Dichters

                              nach dessen

              mündlichen und schriftlichen Mittheilungen

                                  von

                             Rudolf Köpke.

                            Zweiter Theil.

                               Leipzig:

                           F. A. Brockhaus.

                                 1855.



Inhalt des zweiten Theils.


                                                           Seite

    +Viertes Buch.+ Ruhm und Anerkennung. 1820-1841.           1

      1. Restauration und romantische Schule                   3

      2. Dresden                                              14

      3. Amt und Würden                                       28

      4. Die Kunstreise                                       36

      5. Die Novellen                                         42

      6. Das Haus des Dichters                                57

      7. Das alte und das junge Deutschland                   73

      8. Anerkennung                                          83

      9. Auflösung                                            91


    +Fünftes Buch.+ Tod des Dichters. 1841-1853.             101

      1. König und Dichter                                   103

      2. Theater, Literatur und Politik                      111

      3. Lebensweise und Eigenthümlichkeiten                 120

      4. Die letzten Tage                                    134

      5. Tieck’s Werke                                       149


    +Sechstes Buch.+ Unterhaltungen mit Tieck. 1849-1853.    167

      1. Tieck über sich und seine Werke                     169

        Individualität                                       169

        Ueberzeugung                                         169

        Scherz und Ernst                                     170

        Aufklärung                                           170

        Kritiker                                             171

        Sternbald                                            171

        Romantische Dichtungen                               172

        Romantische Schule                                   173

        Ironie                                               173

        Der junge Tischlermeister                            175

        Vittoria Accorombona                                 175

        Das junge Deutschland                                176

        Pietät                                               177

        Theater                                              177

        Vorlesen                                             178

        Resignation                                          180

      2. Deutsche Literatur                                  180

        1. Klopstock                                         180

        2. Wieland                                           182

        3. Lessing                                           183

        4. Herder                                            185

        5. Bürger                                            186

        6. Goethe                                            187

        7. Schiller                                          193

        8. Sturm- und Drangperiode                           198

        9. Lenz                                              199

        10. Klinger                                          201

        11. Heinrich von Kleist                              201

        12. Fouqué                                           202

        13. Achim von Arnim                                  203

        14. Brentano                                         204

        15. Z. Werner                                        205

        16. Zschokke                                         205

        17. Hoffmann                                         206

        18. Immermann                                        206

        19. Platen                                           207

        20. Heine                                            208

        21. Moderne Literatur                                208

      3. Fremde Literatur                                    211

        1. Die Alten                                         211

        2. Dante                                             213

        3. Camoens                                           214

        4. Shakspeare                                        214

        5. Ben Jonson                                        223

        6. Alfieri                                           224

        7. Goldoni                                           224

        8. Rousseau                                          225

        9. Byron                                             225

        10. Walter Scott                                     226

      4. Theater                                             226

        Fleck                                                228

        Schröder                                             230

        Iffland                                              231

        Wolff                                                232

        L. Devrient                                          232

      5. Aesthetisches                                       234

        Die Novelle                                          234

        Das Tragische                                        235

        Das Komische                                         236

        Humor                                                236

        Romantisch                                           237

        Ironie                                               238

        Ideal                                                240

      6. Gegenwart und Vergangenheit                         241

        Instinct                                             241

        Individualität                                       241

        Bildung                                              242

        Erziehung                                            243

        Falsche Humanität                                    244

        Gewerbefreiheit                                      244

        Emancipation der Juden                               245

        Fortschritt                                          245

        Kosmopolitische Ideen                                247

        Geschichte                                           247

      7. Religion                                            249

        Systematik                                           249

        Glaube und Forschung                                 250

        Das Wunder                                           251

        Ebenbild Gottes                                      251

        Mittler                                              251

        Baum der Erkenntniß                                  251

        Ahnungen des Christenthums                           251

        Versuchung Christi                                   252

        Reden Christi                                        252

        Christenthum                                         253

        Lehrformeln                                          253

        Frömmigkeit                                          254

        Das Elend                                            254

        Die Skepsis                                          254

        Unsterblichkeit                                      255

        Resignation                                          256


    +Beilagen.+                                              257

      1. Geheimer Rath Loebell in Bonn an den Verfasser      259

      2. Geheimer Rath Carus an den Verfasser                266

      3. Anmerkungen                                         267

      4. Chronologisches Verzeichnis von Tieck’s Werken      285



                         Viertes Buch.

                     Ruhm und Anerkennung.

                          1820-1841.



1. Restauration und romantische Schule.


Das sechsundvierzigste Lebensjahr hatte Tieck zurückgelegt, als er
sich nach Dresden übersiedelte. Er stand auf der Höhe des Lebens, die
Mittagssonne über seinem Haupte. Durch den mannichfaltigsten Wechsel
der Menschen, ihrer Kämpfe, Leiden und Hoffnungen war er gegangen.

Deutschland hatte sich in dem letzten Vierteljahrhundert umgestaltet.
Throne und Staaten waren gestürzt und wieder aufgerichtet worden, auf
Schmach und Unterdrückung waren Sieg und Erhebung gefolgt, und neue
Stimmungen und Bedürfnisse, Wünsche und Neigungen rasch emporgewachsen.
Wer hätte in diesem Deutschland von 1820, jenes von 1807, oder gar das
von 1792 wiedererkennen mögen? Selten hatte sich im Völkerleben ein
größerer und gewaltigerer Umschwung in kürzerer Zeit vollzogen. Die
deutsche Dichtung seit Goethe und die Wissenschaft durften einen Theil
dieser Siege für sich in Anspruch nehmen; auch mit ihren Waffen waren
Schlachten geschlagen worden.

In diesen Kämpfen hatte Tieck in erster Reihe gestanden. Wo aber
war jenes Geschlecht geblieben, gegen das er in den letzten Jahren
des verflossenen Jahrhunderts die schärfste Spitze des Witzes
und humoristischer Dichtung wenden mußte? Die Aufklärung war
vorübergegangen und vergessen. Nur noch dunkel erinnerte man sich
ihrer als eines alten Hausgeräthes, das man einst nicht entbehren zu
können glaubte, und das nun längst bei Seite gestellt worden war.
Man nannte die Namen der Kritiker, Moralphilosophen und Dichter, die
früher das große Wort führten, nicht mehr; kaum daß man ihnen einen
stillen Platz in der Literaturgeschichte gönnen wollte. Wer hätte sich
jetzt nicht geschämt in dem einst gefürchteten Nicolai einen Kritiker
zu erkennen? Wer hätte Ramler noch für einen Dichter gehalten? Wem
galt Engel’s Philosoph für die Welt noch für einen Philosophen, oder
Moses Mendelssohn für den modernen Sokrates? Sie alle waren in den
Hintergrund getreten. Hier war seit Fichte und Schelling alles neu
geworden.

Aber auch das geniale Geschlecht der Stürmer und Dränger, dessen
Einbruch die Aufklärer umsonst abzuwehren suchten, war nicht mehr, der
Kreis der großen Dichter hatte sich aufgelöst. Schon war manches Jahr
über Schiller’s Grab hingegangen, der durch sein gewaltiges Wort die
Nation zuletzt erschüttert hatte. In Weimar war es still geworden.
Nur einer noch war übrig, der Erste, der Größeste, Goethe. Es war
der alte Goethe, der unmittelbar einzuwirken aufgegeben hatte, der
der stillen Poesie des Orients, seinen eigenen Lebenserinnerungen
und den Naturstudien zugewendet, in einsamer Hoheit thronte und in
mystischer Beschaulichkeit die wechselnden Gestalten der Zeit an sich
vorüberziehen ließ. Er war der Erhabene, der in aller Welt Anerkannte.
Daß es Zeiten gegeben hatte, wo auch er sich durchkämpfen mußte,
und die jüngeren Kritiker jene Anerkennung zuerst aussprachen, war
vergessen, wie fast alle literarischen Kämpfe, welche die deutsche Welt
beschäftigten, als Tieck zuerst auftrat.

Selbst von jenen Gefährten, mit denen Tieck im engen Bunde gestanden
hatte, nannte er kaum Einen mehr den Seinen. Sie waren gestorben oder
das Leben hatte sie von seiner Seite gerissen. Rambach, der ihn in
die Literatur eingeführt hatte, war im fremden Lande verschollen;
Reichardt, dem er die erste Kunsterziehung verdankte, war todt, und
in seiner Kunst überflügelt. Bernhardi hatte sich der praktischen
und gelehrten Thätigkeit hingegeben; jetzt war auch er gestorben.
Wackenroder und Novalis waren ihm längst vorangegangen. Nur zwei Männer
aus jenem Kreise lebten noch, eben die, welche im Vereine mit Tieck
jene Bewegung geleitet hatten, die beiden Schlegel. Aber das alte
Einverständniß hatte aufgehört. Alle drei hatten verschiedene und weit
auseinander führende Wege eingeschlagen.

A. W. Schlegel war zum weltmännischen Gelehrten und Kunstkritiker
geworden; statt des deutschen hatte er einen universellen Charakter
angenommen. Mit der Staël hatte er in Genf und Coppet gelebt und
den Dolmetscher deutscher Dichtung und Wissenschaft gemacht. Dann
verkehrte er an den Höfen der Fürsten und in den Heerlagern der
kämpfenden Parteien, wo er sich in der Theilnahme an politischen
Verhandlungen zum Diplomaten zu machen versuchte. Er war in Wien und
Stockholm zu finden gewesen, er schrieb vortrefflich französisch wie
er vortrefflich deutsch geschrieben hatte, und politische Pamphlets
wie früher Kritiken. Er bespiegelte sich in der Eleganz dieser Formen.
Er ward Ritter mehrerer Orden und in den Adelstand erhoben. Dann
begleitete er die Staël nach Italien, und lebte in Pisa und Florenz
künstlerischen und antiquarischen Studien. Er hielt sich in Paris auf,
und nach dem Tode der Staël nahm er einen Ruf als Professor an die neu
begründete rheinische Universität an. Der deutsche Gelehrte kam wieder
zum Vorschein. Mit kalter und diplomatischer Haltung, doch nicht ohne
eine gewisse Bitterkeit sah er auf die meisten Genossen seines ersten
jugendlichen Strebens in Dichtung und Wissenschaft zurück. Er war
innerlich überzeugt, ihr Bestes hätten sie mehr oder minder ihm und
seinen Anregungen zu verdanken.

Immer tiefer hatte sich F. Schlegel in seine mystische Weisheit
hineingearbeitet, er war zur katholischen Kirche übergetreten und dann
wie Gentz und Adam Müller, östreichischer Diplomat geworden. Sein
früheres kritisch dichterisches Wirken lag in dunkler Vergangenheit
hinter ihm. Nach tausendfachen Kreuzfahrten in Poesie und Philosophie
war er endlich in einen Hafen eingelaufen, wo er Ruhe zu finden
glaubte. Niemand machte es anschaulicher als er, welche vollständige,
vorher nicht zu ahnende Umwandlung die Welt in den letzten zwanzig
Jahren erfahren hatte. Auf die Umstimmung der literarischen Ansichten
in Deutschland hatte er selbst wesentlich eingewirkt, indem er den
Gedanken des Romantischen als einer besondern geheimnißvollen Poesie
und Wissenschaft entwickelte.

Schon in den Zeiten, wo die neue Kritik mit den kühnen Lehrsätzen des
„Athenäums“ sich Bahn machte, zeigte F. Schlegel bei allen Paradoxien
ein bei weitem mehr mystisches und positives Element als sein Bruder,
der überwiegend scharf und verneinend auftrat. Es war seine Sturm- und
Drangperiode, als er nur die Originalität für moralisch gelten ließ,
die wahre Tugend in die Genialität setzte, und in der Sinnlichkeit
die Unschuld, ja Kunst und Religion fand, und dennoch den heiligen
Müßiggang quietistisch verherrlichte und ihn zur Religion machen
wollte. Schon im „Athenäum“ von 1798 suchte er die Bedeutung der
romantischen Poesie systematisch darzulegen. Wenn er sagte, ihr erstes
Gesetz sei, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide,
sie sei die Dichtkunst selbst, und alle Poesie sei romantisch, so
konnten seine Freunde ihm darin noch beistimmen. Doch bedenklich ward
es, wenn er behauptete, die romantische Dichtart werde Poesie und
Prosa, Philosophie und Rhetorik, Genialität und Kritik, Kunst und Natur
mischen und verschmelzen, sie solle die Poesie lebendig und gesellig,
das Leben und die Gesellschaft poetisch machen. Nur sie allein könne
ein Spiegel der Welt sein, ihr Wesen sei ewig zu werden, nie vollendet
zu sein, sie sei unerschöpflich und unendlich. Dieser neuen Poesie,
die Alles in Allem sein sollte, gab er bald darauf einen andern Namen;
als ihren Kern bezeichnete er die Mythologie. In dem Mangel dieser sah
er die Schwäche der gegenwärtigen Dichtung, und zugleich sprach er in
prophetischem Tone aus, die Zeit sei nicht mehr fern, wo man eine neue
Mythologie gewinnen werde. Aus der tiefsten Tiefe des Geistes sollte
sie hervorgehen, ein neues Gefäß des alten ewigen Urquells der Poesie,
und ein unendliches Gedicht sein, welches die Keime aller andern in
sich trage, ein hieroglyphischer Ausdruck der Natur in der Verklärung
von Phantasie und Liebe. Dazu sollte die Kenntniß Indiens beitragen,
und das Höchste des Romantischen nur im Orient gefunden werden.

Damals war ihm der Katholicismus noch das naive, der Protestantismus
das sentimentale Christenthum, er fand in diesem noch ein
revolutionäres Verdienst, er war ihm eine universelle und progressive
Religion. Anders dachte er wenige Jahre später. Seit 1802 studirte er
in Paris mittelalterliche, mehr noch orientalische Poesie. Dorthin
drängte ihn das dunkle, mystisch-mythische Element. Im Jahre 1804, als
er die „Anthologie“ aus Lessing herausgab, war ihm der Katholicismus
schon die positive, der Protestantismus die negative Religion, eine
Religion des Krieges, bis zur innern Feindschaft und zum Bürgerkriege.
Der katholischen Religion war es gelungen, den künstlerischen Glanz,
Reiz und Schönheit der alten Mythologie sich zu eigen zu machen.
Eine esoterische Poesie sollte entstehen, deren Aufgabe es war, die
unnatürliche Trennung von Dichtung und Wissenschaft aufzuheben, die
Mythologie herzustellen, den alten Fabeln ihre Bedeutung wiederzugeben
und das gemeine Leben zu poetisiren. Eine Wiedergeburt der Welt
sollte vor sich gehen, in welcher die Eisenkraft des Nordens mit der
Lichtglut des Orients verschmolz. In diesem Sinne versuchte er in der
Restaurationsperiode nicht nur am Aufbau der alten Kirche, sondern
auch an der Herstellung des alten Staates Theil zu nehmen; er gab
diesem eine religiöse Weihe, und nannte das die legitime Ansicht der
Geschichte. In einem Propheten- und Orakeltone, der an Dunkelheit
zunahm, predigte er die neue Philosophie in verschiedenen Schriften
und Vorlesungen. Er ward der Oberpriester aller philosophischen,
politischen und poetischen Mystiker.

Unter diesen verschiedenartigen Einwirkungen hatte sich ein drittes
Geschlecht herangebildet, dem die Gegenwart gehörte. Es waren
diejenigen, welche die Poesie Goethe’s und seiner Zeitgenossen, die
Dichtungen Tieck’s und die frühern kritischen Urtheile der Schlegel
als ein anerkanntes und ausgesprochenes Erbe überkommen hatten. Für
sie war zum ruhigen Besitz geworden, was jene erkämpft hatten. In
einem ganz andern Luftkreise waren sie aufgewachsen. War man früher
aufgeklärt gewesen, so war man jetzt gläubig, und an die Stelle des
freigeistigen Rationalismus sollten Mystik und Tiefsinn treten.
Früher glaubte man in der Moral die Religion entbehren zu können,
jetzt war die Moral in Verruf gekommen; früher verlachte man das
Wunder und den Glauben als eine geistige Schwäche und Trägheit, jetzt
sah und fand man das Wunderbare überall. Hatte sonst die breite
Altklugheit das Wort geführt, so hörte man jetzt fast nur das Stammeln
und Lallen der Natur, der Unschuld und sogenannten Kindlichkeit.
Einst war Alles weltbürgerlich, human, von Freiheitsgedanken erfüllt
gewesen; aus abstracten Grundsätzen construirte man einen allgemeinen
Kosmopolitismus, nun war Alles historisch, volksthümlich, germanisch,
mittelalterlich und kirchlich geworden. Die einst verspotteten Gedanken
hatten ihre frühere Verachtung gerächt.

Das Streben, eine geschmälerte Nationalität herzustellen, und die
Sehnsucht nach einer einst glänzenden Vergangenheit war auch Inhalt
der Poesie geworden. Volksthümliche Lieder, die in der Zeit des
Kampfes entstanden waren, sangen von ritterlichem Streiten und Siegen
der Ahnherren, von ihrem treuen Glauben, von Kaiser und Reich, von
der Kirche und ihren Wundern. Nun aber waren die Siege errungen, das
Joch zerbrochen, und um die Lösung anderer Aufgaben handelte es sich
jetzt. Aber das Singen und Sagen von ritterlichen Thaten wollte nicht
enden. Die Zeit der Rittergedichte brach herein. Die tölpelhaften
und ungeschlachten Kämpen der Spieß’schen und Cramer’schen Romane
hatten sich in tugendhafte Fouqué’sche Nordlandsrecken, in blonde,
tapfere, sittige und wohlgezogene Jünglinge umgewandelt. Da war
alles ritterliche Ehre, Minne, Biederkeit und Frömmigkeit, selbst
die lichtbraunen Rößlein und die Rüden und Bracken waren verständig.
Schien es doch als wenn die Dichtung nur im Mittelalter, im deutschen
Mittelalter, im ritterlich frommen deutschen Mittelalter ihre Heimat
habe, und hier allein ebenbürtige Formen finden könne.

Aber nicht allein die deutsche Dichtung älterer Zeiten, auch die
der südwestlichen Völker war wieder entdeckt worden. Früher war
ausschließlich von der Mustergültigkeit antiker Poesie die Rede
gewesen, jetzt sollte die romantische mindestens ebenso viel, ja
noch mehr gelten. Seit Schlegel’s Uebersetzung war Shakspeare’s Name
in aller Munde, fast gewöhnte man sich ihn neben den eigenen großen
Dichtern als einen Deutschen anzusehen. Die Voß’sche Uebersetzung
folgte, und ihr manche andere. Rascher noch war man von der ersten
dürftigen Kunde der spanischen Literatur, von schwachen Versuchen
zu umfassenden Studien, Uebersetzungen, Nachbildungen und einer
schwärmerischen Bewunderung fortgeschritten. In den spanischen
Romanzen und im Drama lebte noch der echt ritterliche Geist, die alte
Frömmigkeit und eine alte Kunst. Calderon sollte wie Shakspeare, ja
mehr noch Inbegriff und Muster aller wahren dramatischen Dichtung
sein. An allen schwierigen romanischen Versmaßen, nicht an Sonetten
allein, mühte man sich ab, und Sterne, Perlen, Jasmin und narkotische
Blumendüfte durfte der Dichter nicht sparen.

Gerade die reichsten Talente wurden von diesem dunkeln Zuge am
stärksten ergriffen. Arnim und Brentano, mit denen Tieck in
mannichfacher persönlicher Verbindung gestanden hatte, verloren sich
in phantastischer Willkür, bei Werner war alles Traum und Vision, und
weiter noch gingen Andere. Es war die Frage, ob die ältern Meister,
welche die neue Kunst eingeführt hatten, diese allerneuesten Künste
gutheißen würden.

Wenn Tieck diese Bewegung überschaute, welche in dem letzten Jahrzehnd
eine allgemeine geworden war, so mußte er sich gestehen, er und seine
Freunde hatten dazu einen ersten Anstoß gegeben.

Unendlich oft hörte er die Worte wiederholen, die er als Jüngling
ausgesprochen hatte, aber hatte man sie damals nicht verstanden, so
schien man sie heute zu misverstehen. Es war dasselbe, was er gewollt
hatte, und doch etwas ganz Anderes; es waren die Farben, welche er
gebraucht hatte, und doch ein fremdartiges Bild. Oft wollte es ihm als
eine Caricatur seiner Jugend erscheinen; und er war über die Jugend
hinaus. Diesen neuen Genies gegenüber kam er sich nicht selten wie ein
Philister aus der Vergangenheit vor, und fast lächerlicher noch als
die Aufklärung waren ihm jetzt diejenigen, welche auf sie schalten,
nachdem sie dieselbe von ihm verachten gelernt hatten. Die allgemeine
Ansicht des Publicums war jetzt ungefähr auf dem Punkte angekommen,
wo er vor zwanzig Jahren gestanden hatte. Wenn man ihm von vielen
Seiten zurief, nun stimme man mit ihm überein, man wolle nur was er
gewollt habe, so war ihm diese Anerkennung mitunter bedenklicher,
als alle frühern Angriffe. Jetzt konnte er mit größerm Rechte seinen
Nachahmern entgegenrufen, was er schon 1800 im „Neuen Hercules“ den
Autor zum Bewunderer sagen ließ: „So streut man nur Worte in den Wind,
die nachher zum Misbrauch gut genug sind.“ Die Standpunkte hatten sich
geändert, die Entfernung, welche sie voneinander trennte, war dieselbe
geblieben.

Nachdem er Jahre lang die mystische Philosophie studirt, und mit
ihr gerungen hatte, waren seine Kräfte in ein mehr harmonisches
Gleichgewicht getreten. Die Idee der Ironie als der höchsten und
klarsten Beherrschung des Stoffes war ihm aufgegangen. Ein freier
und leidenschaftsloser Ueberblick des Lebens und ein reineres
künstlerisches Gestalten war damit verbunden. Es lag darin der Gedanke,
sich sittlich über den Erscheinungen zu halten, sich nicht von ihnen
unterwerfen oder fortreißen zu lassen.

Eben das aber war bei den meisten der Fall. Man hörte nur von
Geheimniß, Dunkel und Mystik, und Freund und Feind schienen darin
einig zu sein, daß ein consequentes Fortschreiten auf diesem Wege zur
katholischen Kirche führen müsse. Brentano war katholisch, F. Schlegel
war es geworden, andere folgten dem Beispiele, und Werner hatte seine
Feder der Mutter Gottes geopfert. Die Eifrigsten forderten laut die
Unterwerfung aller Poesie unter das katholische System. Konnte aber
Tieck geneigt sein, als Mann gutzuheißen, was er unter ganz anderen
Einflüssen und Stimmungen schon als Jüngling von sich abgewiesen hatte?
Er hatte die historische katholische Kirche als eine alt begründete,
als frühere Bewahrerin der Legende, der Poesie und aller Künste, gegen
unverständige Angriffe vertheidigt; aus dichterischem Gefühlsdrange,
aus innerer Gerechtigkeit, aus freier Ueberzeugung hatte er es gethan,
folgte daraus die Nothwendigkeit sich dem gegenwärtigen Katholicismus
unterzuordnen? In der Poesie lag an sich schon das Wunderbare,
Religiöse, aber das hatte man ihm nicht glauben wollen, darum hatte
er den spießbürgerlichen Utilismus der ältern Zeit bekämpft, aber
den modern überspannten, den katholisirenden konnte er ebenso wenig
gutheißen.

Ganz anders sahen viele der jüngern Dichter die Sache an. Sie wollten
aus der dichterischen Wahrheit eine praktische machen, und waren
Dichter und Helden ihrer Romane und Epen zugleich. Die Einen wollten
Mönche, die Andern kreuzfahrende Ritter sein. Dichtung und Leben
verschwammen hier in Eines, die Dichter verloren sich an ihre Stoffe,
dies konnte schließlich nur Zerrbilder geben. Oft genug ward Tieck
an Don Quixote erinnert; diesem war es mit seinen Thaten nicht mehr
Ernst als den neuen ritterlichen Dichtern, die nicht daran dachten,
daß diese Minne, diese Rittertugend, dieses Vasallenthum, welches sie
verherrlichten, weder jetzt noch jemals existirt habe. Er stand hier
auf Goethe’s Standpunkte, das heißt auf dem aller wahren Dichter. Aus
dem Leben selbst mußte die Poesie quellen; aber eine angebliche Poesie,
was der Einzelne dafür hielt, in das Leben hineintragen zu wollen,
konnte nur mit Verkehrtheit und Abgeschmacktheit enden. Ueberall
vermißte er die unverfälschte Wahrheit der Natur, ohne welche keine
Kunst bestehen kann; überall blickte das Gemachte, das Willkürliche
durch.

Dieses neue System nannten Anhänger und Gegner die romantische Schule,
und Tieck galt ihnen für das Haupt derselben. Aber dies war ein großes
Misverständniß. Stets hatte er die Schule bekriegt, nun sollte er
selbst der Stifter einer solchen sein. Niemals hatte er daran gedacht;
zu einem Partei- und Sektenhaupte, zu einem literarischen Agitator
fehlte ihm nicht mehr als Alles. In seiner Weise kämpfte er, aber in
die Tagesliteratur hatte er sich nie gemischt. Er hatte zu viel mit
sich selbst zu thun, um an eine bewegliche und sich zersplitternde
Thätigkeit zu denken; er war zu tief, wenn man will zu schwerfällig,
zu bequem. Alles Parteiwesen haßte er; er haßte es auch darum, weil es
Unterordnung und Aufgeben des Individuellen verlangte.

Als er mit den Schlegel und Novalis verbunden war, hatte man auch von
einer neuen Partei, von einer kritischen oder einer Schlegel’schen
Schule gesprochen. Allerdings waren sie durch ein freundschaftliches
Verhältniß miteinander verknüpft, wie überall diejenigen, welche in
gewissen Grundansichten übereinstimmen. Schon damals wurden sie von den
Gegnern als unterschiedslose Masse behandelt und Einer für den Andern
verantwortlich gemacht. An ein planmäßiges Machen und Organisiren
dachten sie selbst nicht, auch wenn man sich im „Athenäum“ vereinte und
auf einander Sonette dichtete. Und was bewiesen am Ende diese Sonette?
Hatten nicht Klopstock, seine Freunde und die ältern Dichter des
achtzehnten Jahrhunderts genug Oden und Lieder auf einander gemacht?
Niemand hatte Anstoß daran genommen. Auch ging Tieck von Anfang an
so selbständig seinen Weg, daß dies mehr als ein Mal Veranlassung
ernstlicher Entzweiung mit dem ältern Schlegel zu werden drohte.

Jetzt aber noch viel weniger als früher wollte er eine romantische
Schule anerkennen. Er konnte nicht einstimmen, wenn man ihm von der
Romantik, als einer besondern Gattung der Poesie, reden wollte. Unter
wechselnden historischen Bedingungen konnte diese erscheinen, an
sich aber mußte sie immer dieselbe sein und bleiben. Damit war seine
Stellung in jener Zeit, als er seinen Wohnsitz in Dresden aufschlug,
entschieden. In dem Augenblicke, wo man ihn als zweites dichterisches
Haupt Deutschlands begrüßte, war er dennoch innerlich isolirt. Es
konnte nicht anders sein. Wie alle bedeutenden Naturen war er zu eigen
gebildet, zu allseitig, als daß er jemals in den allgemeinen Ruf des
Tages hätte einstimmen können, auch wenn seine Worte zum Feldgeschrei
gemacht wurden. Im Munde Anderer wurden es andere Worte.



2. Dresden.


Gegensätze und Meinungsverschiedenheit dieser Art waren in Dresden
nicht zu befürchten. Die literarischen Kreise, welche hier herrschten,
und mit denen eine Berührung nicht ausbleiben konnte, waren ganz
anderer Natur; sie stammten zum Theil noch aus jenen Zeiten, die
längst für abgethan galten. Es gab eine locale Tagesliteratur,
welche, durch bekannte Männer geleitet, auf die öffentliche Meinung
keinen geringen Einfluß ausübte, und als eine Art von Macht auftrat.
Eine Anzahl mittlerer, gewandter, federfertiger Talente war hier
vereinigt. Ohne Tiefe und entschiedene Richtung waren sie zufrieden,
dem Bedürfnisse und Geschmacke des Tages zu dienen, und das Publicum zu
unterhalten. Sie stimmten darin überein, nicht entschiedene Anhänger
der romantischen Schule zu sein. Nach Bildung und Neigung gehörten sie
vielmehr der alten Aufklärung an, doch je nach Umständen ließen sie
sich auch in dem neuen Tone vernehmen.

Die anerkannteste und geehrteste Autorität war Böttiger, mit dem Tieck
fast fünfundzwanzig Jahre nach dem „Gestiefelten Kater“ durch ein
eigenes Geschick dauernd zusammengeführt wurde. Nach Herder’s Tode
nach Dresden berufen, machten ihn Gelehrsamkeit, Vielseitigkeit und
Vielthätigkeit bald zum Führer und Lehrer der öffentlichen Meinung
in gelehrten und künstlerischen Dingen. Als eleganter Philolog und
Alterthumsforscher hatte er eine entsprechende Stellung bei dem
Antikencabinet; aber auch über Literatur, Schauspiel und Kunst im
Allgemeinen ließ er sich nicht selten öffentlich vernehmen.

Wie Böttiger stammte der namhafteste der dortigen Dichter ebenfalls
aus der ältern, ja ältesten Schule her, Tiedge, der Freund
Elisa’s von der Recke, der vielgefeierte und bekränzte Sänger der
„Urania“. Seine Poesie war noch vor Goethe’schen Datums, denn in
Gleim’s Freundeskreisen war er gebildet. Der Kern dieser Ansichten
und Dichtungen war die gute, alte, nüchterne Prosa, die bis auf
den „Werther“ Vielen für mehr gegolten hatte. Tiedge war dabei
nicht stehen geblieben. Nicht ohne Formtalent hatte er sich den
sentimental-declamatorischen Ton späterer Zeiten angeeignet, und unter
bilderreichen, wohltönenden, schäumenden Versen verbarg sich die
ursprüngliche Trockenheit. Wenig wurde hier durch Vieles ausgedrückt;
aber diese rednerische und nüchterne Tugend fand ungemeinen Beifall.
Seine „Urania“ erlebte Auflage nach Auflage, und alte fromme Damen und
junge Mädchen wallfahrteten, um den sinnigen Dichter zu verehren.

Tieck und Tiedge, aus früherer Zeit miteinander bekannt, hatten beide
gleichzeitig im Jahre 1819 sich nach Dresden übersiedelt. Ohne nähere
Beziehungen zu haben, setzten sie den geselligen und literarischen
Verkehr in bequemer Weise miteinander fort. Als Tiedge mit seinem
letzten Lehrgedichte, „Der Markt des Lebens“, beschäftigt war, bat er
Tieck, ihm irgendeinen lesbaren neuern Philosophen nachzuweisen, da
er in dieser Literatur unbekannt sei, in seinem Gedichte aber doch
davon zu sprechen wünsche. Tieck schlug ihm Solger’s Schriften vor,
ohne damit große Ehre einzulegen. Denn als Tiedge auf eine scharfe
Kritik Klopstock’s stieß, warf er das Buch mit Abscheu von sich. Zu
komischen Verwechselungen gab nicht selten die Aehnlichkeit der Namen
Veranlassung. Tieck behauptete bisweilen im Scherze, er habe manche
Huldigung übereifriger Bewunderer stillschweigend und duldend hinnehmen
müssen, die eigentlich seinem Collegen gegolten habe. Einmal kam es
sogar vor, daß ein bekannter, aber in der Literatur wenig heimischer
Arzt, der seine Hochachtung vor Dichtern beweisen wollte, in einer
Gesellschaft Tieck’s Wohl mit den Worten ausbrachte: „Vivat Oranien!“
„Das war ein großer Held“, erwiderte Tieck, heiter darauf eingehend,
„den können wir schon leben lassen!“

Ein dritter vielbeliebter Romanschriftsteller war Friedrich Schulze,
in der Bücherwelt Laun genannt. Schon im Jahre 1801 hatte Tieck seine
Bekanntschaft gemacht, und ein Sonett von ihm im Schlegel’schen Tone
hatte, ohne daß man den Verfasser kannte, durch die dritte Hand
Eingang in den Musenalmanach für 1802 gefunden. Es war ein stiller,
anspruchsloser Charakter, und ein gewandtes, leichtes Talent. In
zurückgezogener Aemsigkeit sorgte er schon seit den neunziger Jahren
durch eine lange Reihe von Romanen und Erzählungen, in denen er
bald in das gewöhnliche Kleinleben, bald in die Ritterzeit oder in
die Gespensterwelt hineingriff, für die Unterhaltung des Publicums.
Eine wahre Fabrikthätigkeit auf diesen Gebieten entwickelte Gustav
Schilling, der es bis auf hundert Bände brachte, und Richard Roos gab
ihm darin wenig nach.

Die Inhaber der Tagespresse waren Friedrich Kind und Theodor Hell. Der
erste war als Erzähler aufgetreten und hatte das Publicum nach und
nach mit seinen „Malven“, „Tulpen“ und „Lindenblüten“ beschenkt, zu
denen noch das „Vergißmeinnicht“ von Hell kam. Kind versuchte sich auch
im Schauspiele und gewann bald darauf durch seinen „Freischütz“ eine
rasch vorübergehende Berühmtheit. Hell arbeitete im Lustspiel; er hielt
sich an die Vaudevilles der Franzosen. Zu diesen gesellte sich später
als tragischer Schriftsteller Eduard Gehe. Einen gemeinschaftlichen
Mittelpunkt besaßen sie in dem früher von Laun, Hell und Kuhn
gestifteten literarisch-geselligen Verein, der Liederkreis, und ihr
Tagesblatt war die „Abendzeitung“, welche Kind und Hell seit 1817
gemeinschaftlich herausgaben, an der auch Böttiger Antheil nahm.

Alle diese Schriftsteller gingen in Ansichten und Begabung über die
behagliche Mittelmäßigkeit nicht hinaus. Die meisten von ihnen waren
in Dresden geboren, sie waren untereinander mannichfach verbunden, und
bildeten eine geschlossene Reihe. Die Uebersiedelung eines Mannes wie
Tieck nach Dresden war für sie ein wichtiges Ereigniß, ihre Stellung
mußte eine andere werden, sobald sie eine große dichterische Autorität
neben sich hatten. Reibungen konnten nicht ausbleiben. Ohnehin
war es eine Zeit, wo man in politischer Abspannung literarischen
Parteikämpfen, Personalien und Localinteressen eine übermäßige
Wichtigkeit beizulegen anfing.

Fühlte sich Tieck schon im Gegensatze gegen diejenigen, welche sich
seine Freunde und Anhänger nannten, wie hätte er sich mit denen
verständigen können, die weder das eine noch das andere waren,
und gelegentlich den modernen Spuk mit dem alten Rationalismus zu
verbinden wußten. Wie in frühern Jahren, fand er daher auch jetzt
Veranlassung genug, immer wieder von Goethe und Shakspeare als den
großen Mustern der Dichtkunst zu sprechen. Es erregte auf jener Seite
ein unbehagliches Gefühl, wenn er Meisterwerke vorlas, über sie schrieb
und sprach, und das Alltägliche, Flache und Mittelmäßige beim rechten
Namen nannte oder ganz übersah. Dagegen vernahm man den literarischen
Stoßseufzer, man dürfe nicht mehr lachen, wenn Kotzebue kitzele,
nicht mehr weinen, wenn Iffland’s Ernst rühre, beide würden gemein
gescholten, und deutsche Originale weggewitzelt, um Holberg’s Nuditäten
und unverstandene Briten und Spanier zu bewundern.

Dennoch wurden beide Theile erträglich miteinander fertig. Böttiger war
ein höflicher und auch gutmüthiger Mann, mit dem sich leben ließ. Auch
mit den Uebrigen kam ein Einvernehmen insoweit zu Stande, daß Tieck
seit dem Jahre 1820 dramatische Kritiken für die „Abendzeitung“ schrieb.

Dagegen schlossen sich einige jüngere Dichter, die mit wärmstem Eifer
der Romantik huldigten, in persönlicher Freundschaft an, und machten
ihn zum Mittelpunkte eines eigenen Kreises. Zuerst Ernst Otto von
der Malsburg, ein junger Mann, der, ganz erfüllt von dem Gedanken
der modernsten Poesie, durch Schlegel zum Studium der spanischen
Dichtung und zur Uebersetzung Calderon’s angeregt worden war. Mit Glück
lieferte er eine Fortsetzung des spanischen Theaters; sie erschien
seit dem Jahre 1817. Die Atmosphäre spanischer Ritterlichkeit und
Gläubigkeit entsprach seinem Charakter und Talente, und in seinen
lyrischen Dichtungen reproducirte er mit Empfindung, was er dort
aufgenommen hatte. Er war nicht original oder schöpferisch, doch warm,
innig, überschwänglich. Persönlich war er liebenswürdig, treu und
hingebend als Freund, gewandt, heiter und voll gutmüthigen Humors als
Gesellschafter. Auf seine Kenntniß des Spanischen legte Tieck hohen
Werth, und seiner Uebersetzung des Calderon gab er vor der Gries’schen
den Vorzug. Für beide war das Studium der spanischen Literatur ein
Einigungspunkt. Beide waren Liebhaber und Sammler alter Drucke,
und scherzweise verabredeten sie, daß der zuerst Sterbende seine
spanische Bibliothek dem Ueberlebenden als Erbe hinterlassen solle.
Durch Malsburg’s frühen Tod ward dieser Scherz nur zu bald zum Ernst.
Im Jahre 1817 war er als kurhessischer Geschäftsträger nach Dresden
gekommen, wo er mit einigen Unterbrechungen die letzten Jahre seines
Lebens zubrachte.

Gleich an Jahren, aber als Schriftsteller älter und bekannter, war
der Graf Heinrich Loeben, der unter dem Namen Isidorus Orientalis
Mancherlei in Vers und Prosa geschrieben hatte. Neben Fouqué war er
der allseitigste Vertreter der neuesten Romantik. Durch seinen ersten
Roman „Guido“ zog sich ein wunderlicher und verworrener Nachhall von
Novalis’ „Ofterdingen“. Zu der mittelalterlichen Ritterlichkeit kam ein
unklarer und mit sich selbst ringender Sinn, der oft mit Gleichnissen
nur spielte, und katholisirende Neigungen. Bald war er der andächtige
Pilgersmann, bald ein irrender Ritter oder ein klagender Schäfer. Der
Karfunkel, die Hyacinthe und Narcisse, alle Blumen und Edelsteine der
spanischen Dichter gingen durch seine Hand. Mit ungemeiner Leichtigkeit
producirte er. Sein beweglicher Vers war der Ausdruck einer unruhigen
und überreizten Phantasie. In schweren Krankheiten und anhaltenden
Leiden schienen sich diese Seelenkräfte auf Kosten der Gesundheit zu
steigern.

Befreundet mit beiden war Karl Förster, Lehrer an der dresdener
Cadettenanstalt, eine offene, einfache und weiche Natur. Mit
vielseitiger Gelehrsamkeit ausgerüstet, war er besonders Kenner der
italienischen Literatur und Kunst. Seine Uebersetzungen des Petrarca
und Tasso zeigten, wie seine eigenen Gedichte, ein nicht unbedeutendes
Formtalent.

Zu ihnen kam der Graf F. Kalkreuth, Sohn des Feldmarschalls; auch er
hatte Manches im romantischen Ton geschrieben; und endlich Tieck’s
älterer Freund, Wilhelm von Schütz, welcher als ein eifriger Anhänger
F. Schlegel’s, die Ueberschwänglichkeit der jüngern Romantiker noch
überbot.

Diese bildeten den engeren Kreis, der sich ohne Tieck’s Zuthun um
ihn sammelte. Alle waren jüngere Männer, begabt, begeistert für eine
eigenthümliche Auffassung der Poesie, als deren Meister sie Tieck
anerkannten. Reine Hingebung und aufrichtige Bewunderung seiner
Dichtungen brachten sie ihm entgegen. Durch die Einfachheit und
vollendete Durchbildung, die es ihm unmöglich machte, irgendeinen
geistigen Druck auf Andere ausüben zu wollen, durch die feine Sitte
und gesellige Form, die seine Natur war, wurden sie gefesselt. Sie
selbst bedurften eines Mittelpunktes, eines Namens, an den sie sich
anschlossen; so erhoben sie Tieck auf den Schild und nannten ihn
ihren Meister. In seiner mittelalterlichen Sprache bezeichnete Loeben
ihn als seinen Ritter und sich als getreuen Knappen. Gewann es für
die Gegner den Anschein, als wenn sich Tieck wirklich zu einem
Sektenhaupte erheben wolle, so konnte doch nur der so urtheilen, der
ihn nicht kannte. Unbekümmert um die Deutungen, welche dies Verhältniß
erfuhr, ließ er geschehen, was sich von selbst machte. Weder stimmte
er mit seinen Freunden in allen oder den wichtigsten Punkten überein,
noch verkannte er ihre Einseitigkeiten und Schwächen, aber nicht
minder schätzte er ihre Treue und liebenswürdige Hingebung. Ungesucht
bildete sich eine literarische Gesellschaft, die sich regelmäßig
versammelte, in der man eigene oder fremde Dichtungen vorlas und mit
freundschaftlicher Kritik beurtheilte.

Zu den Freunden, welche in Dresden lebten, kamen vorübergehend auch
auswärtige, welche Abwechselung und manche neue Anregung brachten. Nach
langer Trennung sah Tieck im Jahre 1820 seine Schwester, jetzt Frau von
Knorring, wieder, welche einen ihrer Söhne aus Livland nach Heidelberg
begleitete. Noch beschäftigte sie sich eifrig mit Poesie und Literatur.
Ihre Gedichte und Dramen trugen den Charakter der modernen bunten
Romantik, welche märchenhafte Stoffe in klingende romanische Versmaße
einkleidete. Auch sein Bruder Friedrich kam, der nach einem unruhigen
Wanderleben in der Schweiz, lange in Carrara gelebt hatte, und jetzt
bei der Kunstakademie in Berlin angestellt war. Im Sommer 1822 erschien
Jean Paul, mit dem Tieck heitere Tage verlebte. Im Anfange hatte
sich eine gewisse kühle Rückhaltung und Befangenheit zwischen beide
gelagert; sie mochten sich erinnern, daß sie bei aller Anerkennung
nicht immer glimpflich über einander geurtheilt hatten. Doch endlich
wurde das Eis gebrochen; offen und unbefangen besprachen sie ihre
Dichtungen und ihre gegenseitige Stellung, und zu Jean Paul’s großem
Ergötzen las Tieck den „Attila Schmelzle“ vor.

Dem engern Freundeskreise schloß sich auch Wilhelm Müller an, der
mit Loeben befreundet war. Seine „Müller- und Waldhornistenlieder“
fanden allgemeinen Anklang; einen tiefen Eindruck machten bald darauf
die „Griechenlieder“. Die Verständigung mit ihm war leicht. Er war
gesund, frisch, wahr, von allem Grillenwesen entfernt, und für die
einfache Liederpoesie in hohem Grade begabt. Als er einst Tieck einen
dramatischen Versuch mittheilte, und dieser ihm auseinandersetzte, daß
das Drama nicht sein Beruf sei, verwarf er ohne Empfindlichkeit und mit
voller Anerkennung der dargelegten Gründe seine Dichtung, und hielt
sich seitdem von dieser Gattung fern. Auch Ludwig Robert und Holtei
kamen zeitweise nach Dresden.

Eine der seltsamsten Erscheinungen tauchte von anderer Seite auf,
die auf Tieck einen überraschenden Eindruck machte. Unter vielen
dichterischen Erstlingswerken, welche ihm zugesendet wurden,
empfing er im Herbst 1822 ein Manuscript, das schon äußerlich durch
Umfang und Gewicht gegen die übrigen nicht wenig abstach. Es war
eine Tragödie, betitelt „Theodor von Gothland“. Der Verfasser hieß
Grabbe, und bat um Tieck’s richterliches Urtheil. Auf den ersten
Blick erkannte er die große, aber rohe und verwilderte Kraft. Da war
nichts von Schwächlichkeit, nichts von dichterischer Koketterie, es
war das Arbeiten eines ungebändigten, dunkel bewußten Talents. Der
Verfasser hatte Shakspeare studirt und in sich aufgenommen, aber
die dichterische Wuth führte ihn weit hinaus über Alles, was die
ältern Genies sich erlaubt hatten. Die Weichlichkeit des herrschenden
Geschmacks bestärkte ihn in seiner natürlichen Richtung. Es fehlte
nicht an tragischen Momenten und Gedanken, aber Vieles war hart,
bizarr, ja blutig und entsetzlich. Mit der Raserei der Leidenschaft,
die sich selbst zerfleischte, paarte sich bisweilen ein widerlicher
Cynismus; die Kraft schlug in ein krampfhaftes Wüthen, in einen
unpoetischen Materialismus über. So konnte nur ein großes Talent und
ein unglücklicher Mensch sich darstellen. Voll Theilnahme sprach sich
Tieck in einem Briefe in diesem Sinne aus, und sogleich antwortete der
Dichter mit der Uebersendung eines zweiten Stücks. Dieses Mal war es
ein Lustspiel.

Tieck hatte Recht. Ein unglücklicher Mensch hatte dies geschrieben; es
war ein Talent, das schon im Augenblicke des Auslaufens zu scheitern
drohte. Grabbe studirte damals in Berlin. In Detmold, wo sein Vater
Zuchthausbeamter war, empfing er unter drückenden Verhältnissen die
erste Ausbildung. Doch seine Anlagen zeichneten ihn aus; man erwartete
von ihm Bedeutendes, und nahm sich seiner an. Auf verschiedene Weise
suchte man auf ihn zu wirken und ihn nutzbar zu machen. Eine Zeit
lang sollte er Prediger, dann Archivar und Diplomatiker werden. Er
häufte Massen entgegengesetzter und verworrener Kenntnisse auf, die
ihn zuletzt anwiderten und ihm die gelehrten Studien verleideten.
Aber er spürte etwas vom Dichter in sich, und bald schien das Gefühl
in ihm Oberhand zu gewinnen, daß man die Kraft in ihm am wenigsten
würdige, auf die er stolz war. Er zeigte sich abspringend und reizbar,
wunderlich, hochmüthig und voll Leidenschaft. Endlich ging er nach
Leipzig und Berlin, um die Rechte zu studiren; hier vollendete er seine
früher begonnenen Dichtungen.

Jetzt suchte er nach irgendeinem Mittel des Unterhalts. Bei seiner
Vorliebe für das Drama glaubte er auch Beruf für dessen Darstellung zu
haben; er beschloß Schauspieler zu werden. Er glaubte mit den größten
Naturmitteln ausgestattet zu sein; seine Einbildung spiegelte ihm
vor, auf der Bühne müsse er ungeheuern Eindruck machen. Inzwischen
war er nach Leipzig zurückgegangen, von wo er Tieck seine Wünsche und
Absichten im März 1823 mittheilte. Er schilderte seine unwiderstehliche
Neigung für das Theater; er besitze eine Stimme, die aller Modulationen
fähig sei; sein Talent sei das vielseitigste, Hamlet, Lear und
Falstaff vermöge er darzustellen. Er beschwor ihn, seine Anstellung
bei der dresdener Bühne zu vermitteln, und ihn dadurch zugleich einer
drückenden Lage zu entreißen. Durch diese Ankündigungen ward Tieck auf
das höchste gespannt.

Es war im Frühling 1823, als ein Fremder zu ihm ins Zimmer trat; eine
schwächliche Figur, ein bleiches Gesicht, von Sorge und Leidenschaft
zerstört. Verlegen und unbehülflich, kündigte er mit polternder Stimme
an, er sei Grabbe. Kaum konnte es eine größere Selbsttäuschung auf der
einen, und Enttäuschung auf der andern Seite geben. Von allen Talenten,
die Grabbe von sich gerühmt hatte, besaß er keines, weder Stimme, noch
Haltung, noch Wandlungsfähigkeit. Alles beruhte auf einer Einbildung,
die sein Unglück vermehrte. Für nichts paßte er weniger, als für ein
öffentliches Auftreten auf den Bretern. Der Druck enger Verhältnisse,
und das trotzige Gefühl seiner Kraft hatten ihm etwas Störrisches
gegeben. Einige Leseproben, auf denen er bestand, fielen ungünstig aus,
und bestätigten, daß er für das Theater keinen Beruf habe. Auch ergab
sich, daß durch häufigen Genuß geistiger Getränke seine Gesundheit
zerrüttet sei.

Bei seiner Zügellosigkeit paßte er in kein bürgerlich geordnetes
Verhältniß. Er war schwer unterzubringen; seine Dramen, auf die er
hoffte, ließen sich nicht darstellen. Auf Tieck’s Verwenden suchte
indeß die Intendanz des dresdener Theaters ihn anderweitig zu
unterstützen. Aber dies konnte ihm nicht genügen. Er vermochte von
seinen Einbildungen nicht zu lassen, und glaubte sich verkannt und
zurückgesetzt. Er hatte sich Tieck in die Arme geworfen, von ihm
erwartete er Hülfe, Erleichterung seines Zustandes und Erfüllung
phantastischer Wünsche, in der er eine Anerkennung seines Werthes sah.

Tieck that, was in seinen Kräften stand; er behielt ihn in seiner Nähe,
und zog ihn zu seinen Gesellschaften. Aber es war schwer mit ihm zu
verkehren. Die Gegenwart Anderer war ihm lästig; er war bald scheu,
bald hochfahrend. An keinem Gespräche nahm er Theil; oft stand oder saß
er stumm auf einer Stelle, oder sah, unbekümmert um die Gegenwärtigen,
zum Fenster hinaus. Es war ein seltsames Gemisch von Stolz und
Unbehülflichkeit. Am beredtesten war er in der Mitte ungebildeter
Leute. Als Tieck einst zufällig an einer gewöhnlichen Schenkwirthschaft
vorüberging, sah er Grabbe in der Mitte mehrerer Spießbürger beim Biere
sitzen, denen er erhitzt und großsprecherisch von sich und seinen
Dramen erzählte, obgleich sie schwerlich je etwas von Poesie, und von
seinem Namen gewiß nichts gehört hatten.

Endlich zeigte sich, daß er auch in Dresden nicht finde, was er suchte.
Mit erhöhter Bitterkeit schied er, um sein Glück anderweitig zu
versuchen. Tieck gab ihm Empfehlungen an einige Freunde mit. Zuerst bot
Grabbe seine Dienste dem braunschweiger Theater an. Aber Klingemann,
der Vorsteher desselben, wußte ihn nicht zu beschäftigen. Er schrieb an
Tieck, es sei eine heraustobende Natur, die bei allem Drange für die
Bühne gar nicht passe. Ein ähnliches Schicksal hatte er in Hannover.
Man bot ihm ein Gehalt, das einem Almosen gleich kam. Hoffnungslos
und verzweifelt kehrte er nach Detmold zurück. In der Nacht schlich
er sich in das Haus seiner Aeltern, denen er von seinem Berufe so
viel erzählt, und die an ihn geglaubt hatten. Im August 1823 rief er
Tieck’s Hülfe von neuem an; er sei bereit Allem zu entsagen, und mit
einer Schreiberstelle zufrieden zu sein.

Später nahm Grabbe’s Schicksal für einige Zeit eine günstigere
Wendung. Seinem Andenken an Tieck mischte sich aber ungerechterweise
eine gewisse Gereiztheit bei. Sie war nicht zu verkennen in den halb
widerlegenden Anmerkungen, mit denen er fünf Jahre später Tieck’s
Brief über den „Theodor von Gothland“ begleitete, als er seine
dramatischen Dichtungen herausgab. Noch minder in der Abhandlung über
Shakspearomanie, in welcher er in absichtlichem Gegensatze zu Tieck
Shakspeare’s nachtheiligen Einfluß auf die deutsche Poesie zu beweisen
suchte. Und doch war Grabbe selbst eine Zeit lang ein so exaltirter
Bewunderer Shakspeare’s gewesen, daß Tieck hatte mäßigen und zügeln
müssen.

Im Herbste des folgenden Jahres 1824 kam F. Schlegel nach Dresden.
Manches Jahr war verflossen, seit sie sich nicht miteinander
ausgesprochen hatten. Auf der Rückkehr von England sah Tieck den Freund
flüchtig in Frankfurt a. M., Briefe waren nur gelegentlich gewechselt
worden. Ein Blick auf ihre gegenwärtige Stellung und ihr Verhältniß
zueinander, und die Erinnerung an frühere Zeiten erweckte ernste
Betrachtungen. Schon äußerlich war Schlegel bedeutend verändert. Er
war corpulent geworden, sein Gesicht hatte breite, zerfließende Züge
angenommen; man erkannte den Feinschmecker, dem bei aller Prophetik
die Freuden der Tafel keineswegs gleichgültig waren. Er war wortkarg
und bequem, nicht ohne Vornehmheit; in Gegenwart minder Bekannter
schweigsam. Er schien nur Bedeutendes, Tiefsinniges sagen zu wollen.

Gleich in den ersten Gesprächen zeigte sich, daß sie das frühere
persönliche Wohlwollen, das vollständig kaum je erlöschen konnte,
zwar noch bewahrten, aber eine Verständigung schien nicht erreichbar.
In den Zeiten des Idealismus hatte Schlegel das Wissen und die Kunst
vergöttert, jetzt wollte er sie kaum noch dulden. Die Kirche und ihre
Formen sollte Eines und Alles sein. Doch weder damals noch jetzt konnte
Tieck diesen Ansichten beistimmen. Die Philosophie als Wissenschaft
verachtete Schlegel, besonders die Dialektik. Zum Theil verwarf er
hier, was er nicht kannte, und im stolzen Gefühle, zu besitzen, was
noththue, hielt er es für überflüssig, die einzelnen Erscheinungen
kennen zu lernen. Als Tieck Solger rühmte, sprach er von diesem als
einem unfertigen jungen Manne, aus dem vielleicht mit der Zeit hätte
etwas werden können. Alles Studium hielt er für zu umständlich, zu
weitläufig und für unnöthig, da man dies Alles auf kürzerm Wege haben
könne. In der Poesie erkannte er nur Calderon an, höher noch standen
ihm die Orientalen, sie enthielten Alles in Allem.

Seine Urtheile über Tieck’s neuere Dichtungen waren daher nichts
weniger als schmeichelhaft. Er bestritt die Möglichkeit, das moderne
Leben dichterisch zu behandeln; überhaupt jede Gegenwart entziehe
sich dem Dichter, nur die Vergangenheit könne er darstellen. Von den
Novellen meinte er, sie seien schwacher Wein der Poesie mit vielem
Wasser des Verstandes vermischt. Als er hörte, Tieck beschäftige sich
mit dem „Aufruhr in den Cevennen“, und denke einen religiösen Stoff zu
behandeln, rieth er besorgt von einem solchen Vorhaben ab; hier dürfe
nichts übereilt werden, in so wichtigen Dingen könne Unreife oder
Verstimmung leicht zur Sünde werden.

Tieck dachte zu billig, um Schlegel Vorwürfe zu machen, aber es war
eine Geduldprobe, wenn dieser stets nur aus dem höchsten Tone sprach,
wenn er überall voraussetzte, Alles um ihn her liege im Argen, oder
sei im Traume befangen, er allein kenne die Zeit und wisse, wie ihr zu
helfen sei. Besonders gegen Tieck liebte er, im untrüglichen Orakeltone
zu reden. Stellte er ihn gleich als Dichter hoch, so sprach er ihm
doch jede Einsicht in die Philosophie ab, und pflegte ihn mit der
zuversichtlichen Ueberlegenheit anzuhören, mit welcher der Meister
die schwachen Versuche eines eben geweihten Schülers oder eines Laien
geduldig erträgt. In das eigenthümliche Wesen seiner Ansichten und
Dichtungen einzugehen, hielt er nicht der Mühe werth, er glaubte
sie ohne das zu erkennen. Jedes Gespräch ließ bei Tieck das tiefe
Bedauern zurück, daß ein so reiches Talent der Verblendung maßloser
Selbstüberschätzung gerade in dem Augenblicke verfallen mußte, wo es
sich der größten Selbstverleugnung rühmte.



3. Amt und Würden.


Tieck’s Leben in Dresden hatte sich jetzt fester gestaltet. Sein
dauernder Aufenthalt daselbst blieb nicht ohne Einfluß. Als mittlere
Residenzstadt, im Besitze großer künstlerischer und wissenschaftlicher
Hülfsmittel, gewährte es bedeutende Anregungen, aber es war nicht
groß genug, um eine solche geistige Macht zu neutralisiren oder in
den Hintergrund zu drängen. Viele Verhältnisse waren angeknüpft,
Anerkennung und Widerspruch hatten sich eingestellt, dichterisch
schaffend und studirend führte Tieck ein Leben, welches ihm ganz
zusagte. Sich selbst, seiner Kraft verdankte er Alles. Durch keine
Schranke beengt, wollte er sich diese Freiheit bewahren. Auch war
Niemand weniger geeignet, sich äußern Dienstverhältnissen zu fügen;
er kannte keine andere Ordre als die seines Genies, und keine andere
Arbeit als die dichterische Muße.

Anders dachten seine Freunde. Manche wünschten ihm eine sorgenfreie
Existenz, welche der Staat sicherstellte; andere wollten ihn in
eine geregelte Thätigkeit des bürgerlichen, oder wenigstens des
wissenschaftlichen Lebens hineinziehen. Sie dachten sein kritisches
Talent, seine künstlerische Erfahrung, seine Kenntniß der neuern
Literatur und ausgedehnte Buchgelehrsamkeit dem praktischen Nutzen
dienstbar zu machen. Sie meinten ihm eine Wohlthat zu erweisen, selbst
gegen seinen Willen. Man wollte ihn bei der Leitung des Theaters
beschäftigen, oder als Lehrer auf das Katheder stellen. Schon 1804
wünschten ihm Einige an der reorganisirten Universität Heidelberg
eine Stellung zu schaffen. Auch Creuzer war dafür gewonnen worden;
vorbereitende Schritte geschahen, aber sie führten zu keinem Ergebniß.
Im Jahre 1812 trug ihm der Minister von Wietersheim die Stelle eines
Oberbibliothekars in Dresden an, und 1816 ward ihm die unvermuthete
Anerkennung einer wissenschaftlichen Corperation zu Theil, indem die
Universität Breslau ihm das Ehrendiplom eines Doctors der Philosophie
übersandte.

Später wurde eine mögliche Anstellung Tieck’s im Dienste des Staats
und der Wissenschaft von Solger eifrig betrieben. Mit der Wärme
des Freundes und dem Nachdrucke des Geschäftsmannes nahm er sich
der Sache an. Schon in der Zeit des Aufenthalts in Ziebingen war
Tieck dem Fürsten Hardenberg bekannt geworden. Er hatte auf diesen
einen günstigen Eindruck gemacht. Der Mann war für ihn, welcher
Alles durchsetzen konnte. Wiederholt hatte Hardenberg ihn zu Tische
eingeladen. Es war eine ebenso gewinnende als imponirende Erscheinung.
Er mußte früher schön gewesen sein; in der vollendeten Bildung des
vornehmen Aristokraten und mächtigen Staatsmannes trat er ihm entgegen.
Die würdigste Haltung verband sich mit einnehmender Freundlichkeit,
fern von beleidigender Herablassung. Auch waren in Hardenberg’s Nähe
Personen, welche diese wohlwollende Stimmung für den Dichter zu nutzen
suchten. Zu diesen gehörte Koreff, der selbst ein Romantiker sein
wollte; auch Stägemann. Mit Solger vereinigte sich F. v. Raumer, der
1819 von Breslau als Professor nach Berlin berufen worden war. Auch
wollte man wissen, daß der Kronprinz, ein Gönner und Liebhaber der
Poesie, Tieck’s Dichtungen besonders günstig sei.

Der Staatskanzler forderte darauf den Cultusminister v. Altenstein auf,
für Tieck’s Anstellung geeignete Vorschläge zu machen. Dieser hielt es
gerathen, den Dichter selbst zu hören. Er fragte bei ihm an, ob er eine
Stellung bei der Universität, der Akademie der Wissenschaften oder der
Künste wünsche, wobei zugleich die Aussicht auf eine dramaturgische
Thätigkeit beim Theater eröffnet wurde. Aber auch hier lagen manche
Schwierigkeiten in der Sache selbst; noch schlimmer war es, daß durch
Solger’s plötzlichen Tod dieser Plan im entscheidenden Augenblicke
seinen eifrigsten Beförderer verlor. Nun faßte man den Gedanken, Tieck
an Solger’s Stelle zum Professor der Aesthetik zu berufen. Aber dagegen
sträubte sich seine Pietät; er fühlte sich durch den Antrag erschüttert
und verletzt. Wie hätte er daran denken können, den Lehrstuhl eines
Mannes einzunehmen, als dessen Schüler er sich bekannte, und jetzt,
wo er den Verlust mit dem tiefsten Schmerze empfand? Er war Dichter
und nicht Philosoph; das Katheder erforderte ein System, und er hatte
keines. Niemand sprach trefflicher als er, aber die Stimmung mußte
ihn leiten, und diese ließ sich durch keinen Lectionsplan gebieten.
Ein solcher Lebenswechsel, eine so fremdartige, bisher nie geübte
Thätigkeit noch im reifern Mannesalter zu übernehmen, war bedenklich.
Erwog er dann seine Kränklichkeit, die Schmerzen, die ihn oft plötzlich
und heftig überfielen, seine Schwerfälligkeit und Abhängigkeit von
äußern Dingen, so ward er vollends unsicher und zaghaft. Er gestand
sich, auf dem fremden Gebiete, als Professor, der dociren solle, werde?
er immer nur ein Stümper und halber Mensch bleiben. Nur widerstrebend
hatte er sich durch seine Freunde in diese Sache verwickeln lassen. Er
hatte gezögert und ihre Geduld auf die Probe gestellt; endlich ward
Solger’s Tod die Veranlassung, den Plan ganz fallen zu lassen.

Bald darauf, es war 1822, hatten andere Freunde in Breslau eine
ähnliche Absicht. Nun wollte man ihn zum Professor der neuern Literatur
und Dramaturgen des Theaters machen, aber auch dies zerschlug sich.

Tieck kannte seine Natur besser als die Freunde, die ihn versorgen
wollten. Er wußte, daß ein festes amtliches Verhältniß für ihn nicht
geeignet sei; es konnte fraglich sein, ob es irgendein Amt gebe,
welches er zu führen im Stande sei. Das Talent, die Kunst dienstbar
und nützlich zu machen, war ihm platterdings versagt; er hatte es so
oft verspottet und verlacht. Er zog es daher vor, frei zu bleiben und
aus eigener Kraft die Bedrängnisse zu überwinden, die von der Stellung
eines modernen und eines deutschen Dichters nicht zu trennen sind.

Doch es gab noch einen Lehrstuhl, der für ihn der entsprechende war,
eben der, welchen er längst schon inne hatte, der kritische beim
Theater. Endlich trat auch hier eine glückliche Wendung ein. Schon
früher hatte die berliner Bühne, welche unter der Leitung des Grafen
Brühl stand, Tieck’s Rath für Einzelnes zu nutzen gesucht. Als Ludwig
Devrient 1816 „Richard III.“ einstudirte, wollte man ihn darüber hören,
und als darauf Wolff den „Blaubart“ zur Darstellung zu bringen dachte,
gab dies Veranlassung zu neuen Besprechungen. Später, als der Fürst
Radziwill in seinem engern Kreise die Aufführung einiger Scenen aus
dem „Faust“ mit seiner Composition veranstaltete, lud er Tieck ein,
derselben beizuwohnen. Er wünschte sein Urtheil zu hören, und obgleich
Tieck sonst ein Gegner der Versuche der Faustdarstellungen war, fand er
dennoch Vieles anzuerkennen. Nächst der Musik machte der Herzog Karl
von Mecklenburg-Strelitz als Mephistopheles einen bedeutenden Eindruck.
Nie hatte er einen Schauspieler diese Rolle besser auffassen und
darstellen sehen.

Endlich eröffnete sich die Aussicht, von Dresden einen größern Einfluß
auf die berliner Bühne auszuüben. In Berlin war das königliche Theater
das allein herrschende. Es gab kein vorstädtisches, volksthümliches,
wie in den südlichen Städten. Zum Charakter dieser ruhigen,
genießenden Friedensjahre gehörte eine gesteigerte Theaterlust. Man
sah in der Bühne zwar keine Erziehungsanstalt für das Volk, aber
das wichtigste Kunstinstitut. Es waren die einzigen öffentlichen
Interessen, die öffentlich besprochen werden konnten; alles drehte
sich um diesen Mittelpunkt. Man entwarf den Plan zu einer zweiten
unabhängigen, nur von Privatleuten unterstützten Bühne. Endlich war
die Concession gewonnen. Es war für Berlin ein großes Unternehmen,
welches Schauspieler, Kunstkenner und Liebhaber, Beamte, Journalisten
und officielle Kritiker gleich sehr in Aufregung setzte. Die durch
das Privilegium geschützte Kunst sollte aufhören, und eine Volksbühne
gegründet werden. Das war die Meinung der Enthusiasten, und die
Freunde Tieck’s wünschten, in ihm eine Autorität dafür zu gewinnen.
Die erste Nachricht gab ihm Ludwig Robert. Einer der Hauptleiter des
Unternehmens erschien selbst in Dresden, und 1823 erfolgte die amtliche
Einladung der Direction des neuen Königstädtischen Theaters, an dessen
Einrichtung Theil zu nehmen, ein Repertoire aufzustellen, und für die
Eröffnung ein Vorspiel zu schreiben.

Einen Augenblick glaubte auch Tieck an diese Entwürfe. Er dachte sich
eine wirkliche Volksbühne, ein mittleres bürgerliches Theater, wie er
es in seiner Jugend gesehen hatte; er hielt es für möglich, ein solches
herzustellen. Bei mäßigen Mitteln konnten übertriebene Ansprüche
nicht gemacht werden, der blendende, für den Geschmack verderbliche
Pomp sollte fern bleiben, damit das einfache, bürgerliche Schauspiel,
welches mit Unrecht jetzt ganz verachtet wurde, das harmlose
Singspiel und der Volkswitz wieder Raum gewinne. Nicht ein kritisch
nasenrümpfendes und überbildetes Publicum dachte er sich, sondern ein
bürgerliches, wie es in den entlegenern Theilen der Stadt inzwischen
entstanden war. In die Zeiten ihrer Jugend und Unbefangenheit sollte
die Bühne zurückkehren, um von neuem heranzuwachsen. Er stellte ein
Verzeichniß älterer Lustspiele zusammen, auf dem Schröder, Jünger,
Holberg, Gozzi standen, auch Kotzebue und Iffland waren nicht
ausgeschlossen.

Doch bald ward es klar, auf so schlichtem Wege waren die Dinge
nicht mehr zu führen. Die Leiter des Unternehmens waren mit der
anspruchslosen Hausmannskost der Väter, welche ihnen zugemuthet wurde,
nicht zufrieden. Auch verlangten sie, Tieck solle auf Bestellung Verse
machen und Stücke schreiben. Damit durfte man ihm am wenigsten kommen.
Er eilte sich zurückzuziehen und bereute das umsoweniger, als auch
hier Alles die verkehrte Bahn einschlug, gegen die er unaufhörlich
eiferte. Keine Volksbühne, sondern eine glänzende Oper entstand, und
jener unerhörte Sturm der Theaterwuth brach los, den der Kritiker als
das Zeichen einer abgespannten und an großen Interessen armen Zeit
nicht ohne Bitterkeit belächelte.

Am nächsten stand Tieck die dresdener Bühne; sie war auf ihn
angewiesen. Schon sein vollendetes Vorlesen dramatischer Werke mußte
unwillkürlich einen bildenden Einfluß ausüben. Für den Schauspieler
konnte es keine bessere Schule geben. Und er las nur, was vollendet
war, oder mindestens nach einer Seite hin bedeutenden Werth hatte.
Auch für die Darstellung größerer dramatischer Dichtungen erholte man
seinen Rath. Schon 1821 war der „Kaufmann von Venedig“ nach seinen
Angaben in drei Acten zur Aufführung gekommen. Bald darauf setzte er es
durch, daß Kleist’s „Prinz von Homburg“ gegeben wurde. Zugleich hatte
er Veranlassung, als Dramaturg öffentlich aufzutreten. Seine Kritiken
fanden Eingang in die „Abendzeitung“, und bildeten in den Jahren 1823
und 1824 einen stehenden Artikel derselben. Ueber dem Standpunkte des
gewöhnlichen Tageskritikers stehend, hatte er stets das Ganze der
Kunst und Literatur, und ihre Entwickelung im Auge. Das Niedere und
Mittelmäßige fertigte er kurz ab, oder übersah es, zum Verdrusse der
Verfasser, um das wirklich Classische um so allseitiger zu besprechen.
Wie Lessing, kam er von den Künstlern auf die Kunst, und seine Kritiken
erwuchsen allmälig zu einer dresdener Dramaturgie.

Ungesucht, aus den Verhältnissen hatte sich diese Stellung gebildet.
Zu seinem und des Theaters Vortheil wünschten die Freunde sie in eine
ausgesprochene und dauernde zu verwandeln. Auf diesen Punkt wiesen
ihn Talent, Gelehrsamkeit und Vorliebe gleichmäßig hin. Bei Hofe
war man ihm günstig gesonnen; die Königin, die Prinzen und andere
einflußreiche Personen wollten ihm wohl, so kam es zur Entscheidung.
Mit Beginn des Jahres 1825 wurde er bei der Hofbühne als Dramaturg mit
einem jährlichen Gehalt von 700 Thalern und dem Titel eines Hofraths
angestellt. Den Kreis seiner Pflichten hatte man weit und allgemein
gezogen, sie sollten keine Last für ihn sein. Als literarischer
Rathgeber trat er dem neuen Chef des Theaters, Herrn von Lüttichau, an
die Seite. Bei Besetzung, Anordnung und Einstudirung der Stücke sollte
er gehört werden, an der Aufstellung des Repertoires Theil nehmen. Vor
allem hofften seine Freunde, er werde durch das Vorbild, welches er
gab, durch Kritik, Einsicht und edle Humanität auf die allgemeinere
Durchbildung und künstlerische Erziehung der Schauspieler wirken.

So war denn endlich in Erfüllung gegangen, was er schon früher als
seinen Beruf erkannt hatte. Von Amtswegen wurde ihm eine Stelle in
jenem Kunsttempel angewiesen, in den er sich als Knabe heimlich zu
schleichen suchte; Alles, was er studirt und erfahren hatte, kam zur
Anwendung. Dazu erhielt er noch den Titel eines Hofraths, und die
Hofräthe waren gerade die Personen, deren er in seinen jugendlichen
Dichtungen oft genug gespottet hatte. Diese Ironie hob er nicht ohne
Selbstbefriedigung hervor. Er hatte Recht gehabt, eine solche Wendung
abzuwarten, und voll des besten Humors schrieb er bald darauf: „Nun
werde ich doch endlich einmal dafür bezahlt, daß ich reise und Komödie
sehe! Es ist meine verdammte Schuldigkeit, daß ich mich amüsire, und
Dienst. Prügel dafür in der Jugend bekommen, im Alter Hofrath geworden;
so gebührt es sich!“



4. Die Kunstreise.


Also ein Amt hatte Tieck, und dieses Amt legte Pflichten auf,
welche erfüllt sein wollten. Eine der ersten und angenehmsten war
eine Kunstreise. Er sollte den Intendanten bei einer theatralischen
Rundreise durch Deutschland begleiten. Freundschaft, Neigung und Humor,
ja selbst Gesundheit, Alles kam zusammen, ihm diese Amtshandlung so
leicht als möglich zu machen.

Er fühlte sich frisch und kräftig, wenngleich er manchen Anfall zu
bestehen gehabt hatte. Die Krankheit war mit ihm nach Dresden gewandert
und mußte ebenfalls heimisch werden. Wochen, Monate lang war er leidend
gewesen. Zu Zeiten lähmte die Gicht Arm und Hand, sie machte das
Schreiben fast unmöglich; er fühlte sich in allem gehemmt, was ihm
Lebensbedürfniß war. Von neuem duldete er, trug die Schmerzen mit Ruhe,
ja Heiterkeit, und benutzte die Pausen, die ihm gegönnt waren. Wiederum
ward ein regelmäßiger Besuch der Bäder nothwendig. Das nächste und
geeignetste war Teplitz. Mit Erfolg brauchte er es in den Jahren 1821,
1823 und 1824. Diese Leiden waren jetzt so weit zurückgedrängt, daß er
an eine weitere Reise denken konnte.

Mit seinem Vorgesetzten, den er begleiten sollte, verband ihn ein
näheres Verhältniß. Das Haus desselben war ein Sammelplatz der
gebildeten und künstlerischen Gesellschaft Dresdens. Hier hatte er
nicht nur Anerkennung und Verständniß seiner Dichtungen, sondern auch
bedeutende Anregungen und vor allem die edelste Freundschaft gefunden.
So gestaltete sich die Amtsreise doppelt angenehm. In den ersten
Tagen des Mai 1825 brachen sie auf. Der nächste Zielpunkt, wo man
länger verweilen wollte, um die Theaterzustände kennen zu lernen, war
Wien. Der Weg führte über Teplitz und das wohlbekannte Prag. Bei jeder
Meile, welche sie weiter zurücklegten in diesen heitern, oft gesehenen
und doch immer neuen Landschaften, fühlte er sich freier, und erlebte
wieder jene Empfindungen, welche ihm früh das Gedicht eingegeben
hatten, „über Reisen kein Vergnügen, wenn Gesundheit mit uns geht!“ Es
war ihm eine Probe dafür, daß er noch nicht so alt und hinfällig sei,
wie er oft in den Stimmungen der Krankheit und des Unmuths geglaubt
hatte. Er konnte die zweiundfunfzig Jahre seines Alters und die trüben
Erfahrungen vergessen, und mit freudigem Staunen schrieb er nach Hause,
er fühle, daß er seit 1819 jünger geworden sei.

In einen weiten Kreis alter Freunde, neuer Bewunderer und
Kunstgenossen, und aristokratisch glänzender Gesellschaften trat er in
Wien ein. Auch hier ging der literarische Enthusiasmus über die engern
Grenzen hinaus. Ein Jeder wollte gelesen haben, wollte gebildet sein
und Verständniß für die Literatur zeigen. Alles, was dazu gehörte, ward
zur öffentlichen Frage, ein berühmter Dichter mußte Aufsehen erregen.

Tieck lernte die wiener Literatur kennen; Grillparzer, dessen
liebenswürdige Persönlichkeit ihn fast mit seinen Trauerspielen
aussöhnte, den vielgenannten Castelli, West, Kurländer und
Deinhardstein, die schnellfertigen Theaterschriftsteller. Er machte die
Bekanntschaft des Grafen Dietrichstein und des Hofraths von Mosel, die
an der Spitze des Theaterwesens standen. Noch manchen wohlbekannten
Schauspieler fand er wieder, darunter Lange; neue Talente sah er in
Anschütz und Sophie Müller, und das kaiserliche Burgtheater bewährte
auch vor ihm seinen Ruf. Die reichen Kunstschätze bewunderte er wie
früher, die Stadt, den Prater mit seiner bunten Menschenmenge. Auch
F. Schlegel suchte er in den eigenen Zauberkreisen auf, und erkannte
bald, daß auch hier seine Prophetie nicht so viel gelte, als er selbst
glaubte.

In den höhern Gesellschaften empfing ihn sein alter Bekannter Hormayr
mit voller Ueberschwänglichkeit. Bei der Fürstin Hohenzollern, der
Gräfin Salm, den Grafen Zichy, Palfy und Andern wurde er eingeführt.
Er ward der Mittelpunkt ihrer Gesellschaft, er sollte vorlesen,
conversiren, diniren und soupiren. Er ging von einer Hand in die
andere, um sich bewundern zu lassen, und überall mußte er die Seite
feinster geselliger Bildung und dichterischer Liebenswürdigkeit
herauskehren. Mit aufrichtig gemeinten Huldigungen kam man ihm überall
entgegen; man wollte zeigen, daß man einen Dichter zu ehren verstehe.
Doch mitten unter dieser Bewunderung, im glänzenden Kreise der Damen,
in den strahlenden Salons ergriff ihn bisweilen eine dichterische und
menschliche Selbstironie, die um so unwiderstehlicher zu werden drohte,
je weniger er sie äußern durfte. In der sonderbaren Stimmung hätte
er über sich selbst lachen mögen, wo er sich ernsthaft mußte feiern
lassen. Das gewaltsame Niederkämpfen dieses schadenfrohen Kitzels
erregte ihm beinahe körperliches Unbehagen. Jetzt erstickte er im
Lehnsessel fast an der Fülle des Ruhms, nach dem er als heranwachsender
Jüngling oft sehnsüchtig geseufzt hatte.

Nächst Wien war München das bedeutendste Reiseziel. Sie gingen über
den Traunsee, Ischl, durch das Salzburgische. München war für Tieck
ein Ort schmerzlicher Erinnerungen; kaum erkannte er es wieder.
Manche, mit denen er damals verkehrt hatte, waren gestorben, andere
ihm entfremdet; die Stadt selbst trug ihren alten Charakter nicht
mehr. Seitdem hatte sich das neue Baiern erhoben, und neben dem alten
München war ein neues entstanden. Auch hier trat das Alterthümliche,
das Volksmäßige, Vieles, was an die Vergangenheit erinnerte, vor einer
glänzenden Gegenwart zurück. Prachtbauten im griechischen Stile standen
neben altbairischen Kirchen, Galerien und Sammlungen wurden geöffnet,
eine Kunstschule gebildet, München sollte eine großstädtische Residenz
werden. Auch ein glänzendes Theater gab es; die volksthümlichen Spiele
waren herabgekommen. Man war stolz darauf, in Eßlair den ersten
tragischen Schauspieler Deutschlands zu besitzen.

Bei einem der ersten Besuche des Theaters wurde Tieck dem Könige Max
und der Königin in ihrer Loge vorgestellt. Der König war noch ganz der
einfache, bürgerlich-schlichte Mann, wie er ihn früher gesehen hatte.
Mit wohlwollender Gutmüthigkeit unterhielt er sich eine Zeit lang
mit Tieck. Tags darauf hatte dieser eine Audienz bei dem Kronprinzen
Ludwig, den sein enthusiastisches Interesse für Kunst und Literatur
längst ausgezeichnet und beliebt gemacht hatte. Der Prinz begrüßte ihn
als alten Bekannten, und begann ein literarisches Gespräch, in dem
er zuletzt sagte: „Eine große Ehre für mich, Ihren Namen zu haben!
Heiße auch Ludwig. Große Ehre für mich, ebenso zu heißen, wie ein
ordentlicher Dichter.“

Von den neugeordneten Kunstschätzen wurden die Reisenden nicht minder
in Anspruch genommen, als von dem geselligen Verkehr. Tieck sah seinen
literarischen Freund Schlichtegroll wieder, er lernte Thiersch und
Klenze, den Schöpfer der münchener Prachtbauten, kennen, und in dem
Ministerialrath Schenk einen liebenswürdigen Dichter, der ihn ganz für
sich einzunehmen wußte.

Von München ging die Reise nach Stuttgart, wo man abermals die
Boisserée’sche Gemäldesammlung bewunderte. Dann über Konstanz,
Winterthur und Zürich nach Schaffhausen und Strasburg. Hier sahen sie
die französische Schauspielerin George in zwei der größten tragischen
Rollen, als Mutter der Makkabäer und Lady Macbeth, an einem Abend
auftreten. Endlich erreichten sie Karlsruhe und Manheim.

Winterthur hatte Tieck zu berühren gewünscht, um den schweizerischen
Schriftsteller Ulrich Hegner persönlich kennen zu lernen. Alles, was
dieser Mann geschrieben hatte, sprach ihn in hohem Grade an, besonders
das treffliche Buch „Saly’s Revolutionstage“, welches Hegner bereits
zu einem Briefe an Tieck Veranlassung gegeben hatte. Der einfache
und natürliche Zug dieser Schriften hatte ihn gewonnen. Er glaubte
darin etwas von seinem eigenen Wesen zu erkennen, und wünschte nun in
mündlicher Unterredung manche Andeutung weiter ausgeführt zu hören.
Erwartungsvoll eilte er, den unbekannten Freund aufzusuchen. Er fand
ihn in seinem altväterischen Hause, dessen ganze Einrichtung die
Erinnerung an altschweizerisches Leben erweckte, und eine überlieferte
feststehende Sitte verkündete. Als er ins Zimmer trat, erhob sich
ein starkgliederiger und corpulenter Mann, der in den Sechzigen sein
mochte, schwerfällig vom Sessel. Er hatte ein breites, bleiches Gesicht
und einen kalten Blick. In ruhiger phlegmatisch massiver Haltung trat
er auf ihn zu. Doch als er hörte, wer der Ankömmling sei, belebte sich
sein Gesicht, ein eifriges Gespräch begann, welches mit der Einladung
endete, längere Zeit zu verweilen, damit man sich ganz aussprechen
könne. Tieck mußte dies natürlich ablehnen, bat aber für heute mit
seinem Reisegefährten wiederkehren zu dürfen. Auf dieses unbefangene
Wort hin änderte sich plötzlich die Scene. Die Aussicht, einen ihm
unbekannten, hochgestellten Mann ohne Vorbereitung bei sich zu sehen,
machte den an altfränkische Höflichkeit gewöhnten Schweizer stutzig. Er
ward verlegen, kalt und einsilbig, das Gespräch stockte, er ließ die
Einladung fallen; Tieck erkannte, daß es Zeit zum Rückzuge sei. Er ging
nicht ohne Verstimmung über den wunderlichen Mann, der sich um einer
Aeußerlichkeit willen in demselben Augenblicke eigensinnig verschloß,
wo er sich mitzutheilen wünschte.

In Karlsruhe sah Tieck den rheinischen Hausfreund Hebel, dessen großes
Talent volksthümlicher Dichtung er bewunderte. Wer Hebel recht kennen
lernen wollte, that am besten, ihn im Wirthshause aufzusuchen, wo
er bürgerlich bei Bier und Pfeife Abends zu sitzen pflegte. Er fand
den schlichten, kindlichen Mann wieder, den er aus den Gedichten
kannte. In der Unterhaltung kam man auf die Anekdoten des „Rheinischen
Hausfreundes“. In zutraulichem Tone fragte Tieck: „Aber, lieber Mensch,
warum schreiben Sie denn nicht mehr solche hübsche Sachen?“ Mit naiv
trocknem Humor antwortete Hebel: „Jo, i wees nischt mehr.“

Während eines kurzen Aufenthalts in Manheim fand Tieck auch seinen
ältesten Freund Bothe wieder, der ihm die ersten Seelenschmerzen
verursacht hatte. Dieser war als rühriger Philolog bekannt. Wol seit
dreißig Jahren mochte ihn Tieck nicht gesehen haben. Wie jener sich
auch äußerlich verändert hatte, selbst in der freundschaftlichen
Aufregung erkannte er ihn innerlich wieder. Das Gespräch kam auf das
Sonett, welches Tieck an ihn gerichtet hatte, und wie er ihn jetzt
beurtheilte, sah er wohl, daß nur schwärmerischer Jugendenthusiasmus
eine Freundschaft zwischen zwei so entgegengesetzten Naturen für
möglich halten konnte.

Der nächste Besuch galt den Theatern von Darmstadt und Frankfurt a.
M., wo Tieck zugleich den Rath Schlosser und manchen andern Bekannten
wiedersah. Darauf folgte ein Ausflug in den Rheingau, dann wandten sie
sich nach Kassel zurück, dessen Bühne ebenfalls zu berücksichtigen
war. Kurze Zeit verweilten sie in Hannover und Braunschweig. Ende Juni
war Tieck wiederum daheim. Ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Teplitz
schloß sich zur Stärkung und Erholung sogleich an.

So endete diese inhaltvolle Reise. In den Raum weniger Wochen drängte
sich das Bedeutendste zusammen. Die böhmischen Gebirge, die Tiroler-
und Schweizeralpen und den Harz, die Donau und den Rhein hatte er in
raschem Fluge gesehen. Die mannichfaltigsten Erscheinungen in Kunst und
Natur waren an ihm vorübergegangen; er hatte einen Ueberblick des neuen
deutschen Lebens gewonnen.



5. Die Novellen.


Die Rundreise durch Deutschland hatte den Beweis geliefert, daß Tieck’s
dichterisches Ansehen in der allgemeinen Meinung fest stehe. Ueberall
hatten sich alte und neue Freunde um ihn geschart; es sprach sich der
Gedanke aus, nächst Goethe verehre man in ihm den größten der lebenden
Dichter Deutschlands. Man erkannte, er sei es gewesen, der nach
Goethe der Literatur noch einmal eine neue eigenthümliche Wendung zu
geben vermocht habe. Aber man feierte nicht allein den Dichter einer
glänzenden Vergangenheit. Denn in den letzten Jahren war er mit einigen
Werken hervorgetreten, welche bewiesen, der neuen Zeit werde er sich
in anderer Weise gegenüberstellen. Soeben hatte das Publicum den ersten
Eindruck seiner Novellen empfangen.

Die Wirkung dieser neuen Erscheinungen war überraschend. Man war
geblendet, befremdet; man zweifelte, wie man diese Novellen zu
verstehen habe, mochte man dabei den Dichter oder die Literatur im Auge
haben, in welche sie eingriffen. Und diese stand in einem wunderbaren
Gegensatze zu denselben.

In neuerer Zeit ist die erzählende Dichtung für die mannichfaltigen
Wandlungen des öffentlichen Geistes immer am empfänglichsten gewesen.
Häufig geht sie allein aus dem Bedürfnisse des Tages hervor, und
hat kaum einen andern Zweck, als der Unterhaltung zu dienen. Keine
dichterische Form sinkt leichter zum Mittelmäßigen, Gewöhnlichen, ja
Gemeinen herab. In seiner Jugend hatte es Tieck mit Spieß und Cramer,
Schlenkert und Meißner zu thun. Sie waren mit dem Tage vorübergegangen.
Aber das Bedürfniß einer leichten Nahrung, einer augenblicklichen
Zerstreuung, das Wohlgefallen am Gewöhnlichen war geblieben. Es machte
keinen Unterschied, daß die größten Geister die Literatur umgewandelt
hatten; es gab Viele, die nichts gelernt und nichts vergessen hatten.

Mit dem Jahre 1820 neigte sich die Glanzzeit der neuen Ritterromane
und Nordlandshelden ihrem Ende zu. Fouqué’s Stelle als Beherrscher
der Modeliteratur theilte mit ihm ein anderes bizarr neckendes und
irregehendes Talent, E. T. A. Hoffmann. In der Region der Erzählung,
wo das Furchtbare und das Grausen heimisch war, welches vorzugsweise
für romantisch galt, war er der Erste. Hier gab es alle erdenkliche
Zerrgebilde krankhafter Phantasie, den bis zum Schwindel gesteigerten
Wechsel brennender Farben. Alles verwandelte sich in Alles; der
Wahnwitz war zuletzt der wahre Tiefsinn, und das Leben erfüllte sich
mit Gespenstern, die ebenso gräßlich als scurril waren. Die Fieberhitze
dieser Nachtstücke und Teufelselixire ging auf das Publicum über; durch
den nervösen Schreck wollte es ergriffen und geängstigt werden. In
den „Serapionsbrüdern“ gab Hoffmann eine Nachbildung des „Phantasus“,
aber nur die Caricatur davon vermochte Tieck wiederzuerkennen. Andere
schrieben abgeschwächt in Hoffmann’s Weise; doch auch die Erzählungen
Contessa’s und Weißflog’s wurden gern und viel gelesen.

Auf die Krämpfe folgte Abspannung. Jetzt war das wässerige Gebräu der
trivialen Geister sehr willkommen. Mit gleicher Gier verschlangen
die Leser die seichten, unsittlichen Erzählungen von Clauren, dessen
Taschenbücher Deutschland überfluteten. Seine „Mimilis“ und „Lislis“,
seine „Dijonröschen“ und „Christpüppchen“, die hungerigen und lüsternen
Schilderungen von Dinées und Toiletten; die breite Darstellung gemeiner
Sinnlichkeit fand nicht allein in den Leihbibliotheken, sondern auch
bei denen, die für gebildet galten, reichen Beifall.

Endlich stellte sich der historische Roman mit seiner ganzen Schwere
in den Vordergrund. Er vorzugsweise war das Product der Poesie, welche
sich der Vergangenheit zuwendet. Die Romane des großen Unbekannten,
die Waverley-Novellen, hatten einen Eindruck ohne Gleichen gemacht,
und drohten alles Andere zu verdrängen. Die deutschen Uebersetzer und
Buchhändler waren haufenweise zur Arbeit bereit, und die Nachahmer
eilten, auf dem neugebahnten Wege zu folgen. Historisches Leben und
Charaktere wurden verlangt; Schlachtstücke, Burgen, Costüme bis auf
die Strumpfbänder, Alles sollte historisch sein. In van der Velde und
Tromlitz war mehr als ein deutscher Walter Scott gefunden, der ebenso
schnell producirte wie der englische, ohne zu besitzen, was diesen groß
machte, die nationale Grundlage.

Diesen Erscheinungen der Tagesliteratur fehlte, was allein einen
bleibenden Werth verleihen kann, die schöpferische Idee, der tiefere
geistige Gehalt, der das Leben zum Leben macht. Und eben hier lag die
Stärke der Novellen Tieck’s.

Seit dem zweiten Theile des „Fortunat“ hatte er keine eigenen
Dichtungen herausgegeben. Jetzt erschien in Wendt’s Taschenbuche „Zum
geselligen Vergnügen“ von 1822 die erste Novelle, „Die Gemälde“; gleich
darauf eine zweite, „Die Verlobung“ im „Berliner Taschenkalender für
1823“, mehrere andere kamen in rascher Folge hinzu. War der Tieck,
welcher hier die Verhältnisse der Gegenwart in hellem und scharfem
Lichte darstellte, derselbe, welcher einst den Heiligenschein,
das mystische Dämmerlicht des Mittelalters und die mondbeglänzte
Zaubernacht in trunkener Begeisterung besungen hatte? War es wirklich
der Dichter der „Genoveva“, des „Octavian“ und „Phantasus“, der hier
mit nüchterner Dialektik und Ironie die Verkehrtheiten der neuesten
Zeit nachwies? so fragte man sich zweifelnd und bedenklich. Kaum daß
man die alten, wohlbekannten Züge in diesem Bilde wiedererkennen
wollte. Er schien ein Anderer geworden, von sich abgefallen. In ihm
selbst mußte irgendwo ein Widerspruch, eine Inconsequenz liegen, so
wenig begreiflich schien diese überraschende Wandlung. Oder sollte
sie etwa ihren Ursprung in eigensinniger Laune und Willkür, in der
offenbaren Caprice des Romantikers haben?

Es mußte überraschen, wenn er gewissen Modeneigungen, welche sich
gerade auf ihn beriefen und in seinen ältern Dichtungen ihre Quelle
zu haben behaupteten, den Krieg erklärte. In der Novelle, „Die
Gemälde“, wurde die Ansicht der Malerei, welche Genie und Beruf aus
der Frömmigkeit und andächtigen Verehrung der alten Kunst herleiten
wollte, von der unzweideutigsten Ironie getroffen. Es war die Zeit der
Deutschthümelei, der altdeutschen Röcke und breiten Spitzenkragen,
der langen, wallenden Haare und Sammetbaretts. Der fromme und biderbe
Sinn der Altvordern sollte mit ihrem harten Kunststile wieder lebendig
werden. Eine Caricatur war entstanden, die sich vaterländisch und
altdeutsch, in der Kunst fromm und heilig begeistert nannte. Noch mehr
Entrüstung erregte es, als er es wagte, in der zweiten Novelle, „Die
Verlobung“, das neumodische, ausschließende Christenthum in seiner
Zweideutigkeit darzustellen. Es hatten sich Kreise gebildet, in denen
man die Geheimnisse der christlichen Lehre besser zu verstehen und
tiefer zu fühlen meinte, als die außerhalb Stehenden, wo man durch
besondere Erleuchtungen und Begnadigungen zu besitzen wähnte, was die
nicht Erweckten in der Irre gehend umsonst suchen. In eine allein
gültige Form des christlichen Lebens sollte Alles hineingezwängt
werden, und Kunst, Wissenschaft und Philosophie glaubte man nicht
allein entbehren zu können, sondern auch verfolgen zu müssen, weil sich
in ihnen die Weisheit und Eitelkeit der Welt bespiegele.

Wenn die Schilderung solcher Zustände die Anklage hervorrief, daß Tieck
den religiösen Geist jetzt selbst verfolge, den er in der Zeit des
Abfalls habe erwecken helfen, so mochte Vielen, die seine Entwickelung
nicht kannten, dieser Vorwurf annehmlich scheinen. Er und sein Freund
Wackenroder hatten zuerst von dem frommen Glauben, der Einfalt der
alten deutschen Kunst mit jugendlicher Begeisterung gesprochen. Sein
„Sternbald“ war das Abbild dieser alten Meister, und ward nun das
Urbild dieser jungen altdeutschen Künstler, die alle zu sternbaldisiren
anfingen. Aber weil man Kunst und Kunstsinn zuerst in den Formen des
Mittelalters wiedergefunden hatte, folgte daraus, daß man sich von dem
griechischen Kunstwerke, als einem heidnischen Gräuel, mit frommem
Schauder abwenden mußte? War denn die altdeutsche Kunst die einzige,
die Kunst überhaupt? Wenn in einer Zeit der Unbefangenheit Glauben und
Kunst miteinander verschwistert waren, wenn fromme Männer treffliche
Maler gewesen waren, hatten darum die Nachahmer Recht, welche Künstler
zu sein behaupteten, weil sie fromm waren, und fromm zu sein wähnten,
weil sie eckige und hölzerne Heiligenbilder malten? Weil Wackenroder’s
künstlerischer Glaube tief und wahr gewesen war, hatten darum die
Recht, welche ihm gedankenlos nachsprachen? War es eine nothwendige
Folge, alle Zerrbilder gutzuheißen, weil man das Urbild anerkannte?
Keinem Freierblickenden konnte es zweifelhaft sein, daß bei diesem
Pochen auf Genie und Frömmigkeit, bei dieser Verehrung des Einseitigen
in der altdeutschen Malerei, die Kunstbildung selbst gefährdet war.

Ebenso stand es mit Tieck’s Widerspruch gegen die ausschließliche
und anmaßliche Frömmigkeit. Er hatte den Katholicismus von sich
abgewiesen, sollte er sich jetzt einem puritanischen Systeme gefangen
geben, welches viel inconsequenter als jener, die Freiheit im Glauben
aufzuheben, und aller Wissenschaft und Kunst den Krieg zu erklären
drohte? Den Quell des ewigen, unveräußerlichen religiösen Gefühls
suchte er wieder aufzudecken, als er im Sande zu verrinnen schien, und
jetzt wollten Manche unter dem Vorgeben, ihm ein neues Bette zu graben,
ihn von neuem verschütten. Die beschränkten Aufklärer hatten das
Christenthum herabgesetzt, weil sie seinen Inhalt glaubten entbehren
zu können; die beschränkten Eiferer setzten es herab, weil sie allein
in seiner äußern Gestalt es in Wahrheit zu besitzen wähnten. Es waren
zwei entgegengesetzte Systeme, welche nur Eines miteinander gemein
hatten, die Intoleranz.

Andere Tadler wollten die Ironie, mit welcher Tieck diese Fragen
behandelte, verwerflich finden. Man vergaß, daß die schärfsten Waffen
des Dichters gegen die verhaßte Aufklärung Witz und Ironie gewesen
waren. Hätte er als Mann, bei soviel reiferer Entwickelung und
freierm Blicke nicht wagen dürfen, was er als Jüngling unter Beifall
und Anerkennung der Unbefangenen gewagt hatte? Oder waren etwa die
Vorurtheile der Gegenwart soviel besser, als die der Vergangenheit?

Aus den Verhältnissen erwuchsen ihm die ergiebigsten Novellenstoffe,
welche die Ironie in sich selbst trugen. Der Gemäldesammler, der auf
seine Kennerschaft stolz ist, läßt sich durch einen groben Betrug
täuschen; in einer musikschwelgerischen Zeit, wo Alles singt und
musicirt, sind die Unmusikalischen die Lautesten; die selbstgerechten
Frommen erscheinen als unfromm; oder wenn endlich der Hüter der Thoren
mit ihnen selbst zum Thoren wird, so war das nicht willkürlich gesucht,
sondern eine Ironie, für welche sich Hunderte von Beispielen aus dem
Leben herausgreifen ließen. In diesen Novellen entwarf er eine Reihe
von Zeitbildern, die man ironisch oder dialektisch, oder social nennen
konnte, denn sie enthielten alle diese Bestandtheile zusammen. Die
musikalische Ueberschwänglichkeit der zwanziger Jahre stellte er in den
„Musikalischen Leiden und Freuden“ dar; die Vorliebe für Hoffmann’sche
Spukgeschichten im „Zauberschloß“; die wiederauftauchende Wundersucht
in den „Wundersüchtigen“; das Selbstbelügen, das für seine Truggebilde
zuletzt mit gläubigem Eifer auftritt, in dem „Geheimnißvollen“ und der
„Gesellschaft auf dem Lande“. Die Frage, auf welchem Wege das sittliche
Element im Menschen sich entwickeln könne oder müsse, ob und welche
Zwischenstufen durchzumachen seien, behandelte er in einer andern
Novelle, deren Anfänge in seine früheste Zeit zurückgingen. Schon
1819 waren die ersten Bogen des „Jungen Tischlermeister“ gedruckt,
doch erst viel später kam er zum vollständigen Abschluß. Aber diese
Novelle hatte noch eine andere Seite. Sie übernahm die Darstellung und
Vertheidigung des ältern deutschen Handwerkslebens, das sich in stiller
Selbstbeschränkung durch ämsigen Fleiß und künstliche Arbeit zur
Kunst erhebt. In ihm wie in den Zünften sah er ein altehrwürdiges und
nothwendiges Element des deutschen Lebens, das er gegen die mechanische
Gleichmacherei des wachsenden Fabrikwesens gewahrt wissen wollte.

Den Novellen lag überall ein bestimmter Inhalt und eine feste Ansicht
zu Grunde, die fast vorsätzlich verkannt wurde, wenn man behauptete,
daß die Ironie in ihrem dialektischen Spiel die Dinge und zuletzt
sich selbst auflöse, um den Leser auf ödem und unfruchtbarem Boden
unbefriedigt zurückzulassen. Vielmehr diente die Ironie dazu, das
Positive zu entwickeln. Man that ihm Unrecht, wenn man ihm Kälte,
Zurückhaltung und ein gleichgültiges Spielen mit seinen Stoffen zum
Vorwurfe machte. Wenn er sich an diese nicht aufgab und verlor, so
bekundete das seine volle dichterische Reife. In diesem sicheren und
schöpferischen Wirken, das die Natur des Stoffes zugleich in der
künstlerischen Form offenbart, lag ihm die höchste, die künstlerische
Ironie selbst. Welchen Antheil er menschlich an den tiefsinnigsten
Fragen unausgesetzt nahm, bewiesen schon die Stoffe selbst, welche er
für die Novellen wählte. Wie ihn in der Jugend die religiösen Räthsel
erfüllt hatten, so noch jetzt, nur war es natürlich, daß der Mann,
der an sich und Andern so viel erfahren hatte, sie in anderer Weise
zu lösen suchte, als der Jüngling. Hatte er sie damals mit größerer
Glut aufgefaßt, so war er jetzt im Stande, sie mit größerer Tiefe und
Milde zu beantworten. In verschiedener Beleuchtung kehrte dieser Inhalt
in der „Verlobung“, „Dichterleben“, den „Wundersüchtigen“, im „Alten
vom Berge“ und vor allen im „Aufruhr in den Cevennen“ wieder. Schon im
Jahre 1806 war er auf diesen merkwürdigen Stoff, der alle jene dunkeln
Elemente in sich schloß, aufmerksam geworden, doch erst 1820 begann er
die Bearbeitung.

Das Verhältniß des Menschen zum Göttlichen war der eine Punkt, auf
den alles ankam. Früher hatte er dessen Ausdruck in der Legende und
Mystik gefunden. Auch jetzt war er weit entfernt Wunder und Geheimniß
anzugreifen, wie man ihm Schuld gab; vielmehr faßte er es tiefer und
unmittelbarer auf. Das Gesetz, von dessen scheinbaren Ausnahmen wir
als von einem Wunder sprechen, ist selbst das Wunder, hier liegt das
Geheimniß, es umgibt uns, in ihm leben wir, aber wir nehmen es nicht
wahr. Darum kann und soll die vereinzelte Thatsache eines Wunders
niemals zum ausschließlichen Mittelpunkte des religiösen Bewußtseins
oder Bedürfnisses gemacht werden. Die Offenbarung bedarf dessen nicht,
und die unruhige Wundersucht, welche immer nach neuen Bestätigungen des
Ewigen sucht, ist am Ende Irreligiosität oder Schwärmerei. Das höchste
aller Wunder aber begibt sich in dem Menschen selbst, wenn das Herz des
Bereuenden oder Gleichgültigen sich unwiderstehlich zu Gott hingezogen
fühlt. Denn hier geht der Schöpfungsproceß zum zweiten Male vor sich,
in dieser Wiedergeburt wird aus Nichts Etwas geschaffen.

Der Mensch ist ewigen Ursprungs, aber das Böse ist in ihn eingedrungen,
es ist die Unkraft, der Ungrund, das reale Nichts. Ist er dagegen
absolut schlecht, so hat alles von vornherein ein Ende. Aber ohne die
Offenbarung und ihre Aufnahme gibt es keinen Sinn im Tiefsinn, keinen
Geist in der Geschichte, keinen Trost in der Natur, keinen Scherz,
keine Kunst, keine Liebe. Er, der Quell und Keim aller Liebe ist,
kann sich dem Herzen nicht entziehen, das ihn mit seinen heiligsten
Kräften sucht und ihm entgegenstrebt. Doch die höchste Entzückung
kann nicht gleichmäßig fortdauern; der gewonnene Besitz wird durch
den Zweifel angefochten, er scheint sich uns wieder zu entziehen,
das ist die Schwäche und Beschränktheit der menschlichen Natur. Aber
der Zweifel ist der Diener des Glaubens; wer nie gezweifelt hat,
wird auch nicht im vollen Sinne glauben können. Der Sichere wird
nur um so eher zu Falle kommen. Wer vor der in Entzückung erkannten
Wahrheit nicht in Ehrfurcht zurücktritt, wird in geistiger Schwelgerei
untergehen, oder sich zu fanatischer Verfolgungssucht verhärten. Die
abschreckendsten Verzerrungen treten aber da hervor, wo die höchsten
göttlichen Erhebungen der nichtigen Leidenschaft dennoch verfallen
und sich mit den dunkeln Naturkräften und dem dämonischen Nichts
verbinden. Hier entsteht wilde Schwärmerei. Jede Schwärmerei aber ist
die Zwillingsschwester der ihr scheinbar unähnlichsten, und die ewige
Wahrheit wird herabgezogen und entweiht. Vor diesen Verirrungen bewahrt
nur Demuth, Entsagung, einfacher Wandel und Gebet. Das Christenthum
aber in seiner unendlichen Milde weist kein wahres Bedürfniß und
keine wahre Sehnsucht ab. Wie es ein unendliches und allgemeines
ist, so ist es auch für Jeden ein besonderes; darin liegt seine
Freiheit. Beschränktheit ist es, seinen ganzen tiefen Inhalt auf eine
Silbe stellen, und diese Silbe aller Welt aufdrängen zu wollen, und
Profanation des Heiligen, es unaufhörlich im Munde zu haben. Es gibt
viele Wege, die zu Gott hinführen.

Das Höchste, Unsichtbare suchte Tieck hier dichterisch faßlich und
gegenständlich zu machen. Denn das war ihm die Aufgabe der Poesie,
daß die wahre Begeisterung auch im Geringen das Hohe, im Irdischen
das Ueberirdische wiedererkenne, und Gott auch da sehe, wo das blöde
Auge verschlossen bleibt. Auf diesen Gipfel wahrhaft prophetischer
Seherkraft erhob er den Dichter in den Novellen „Dichterleben“, und
dieser Seher trug den Namen Shakspeare.

Wie in der Jugend war ihm die Poesie auch jetzt noch eine Offenbarung,
welche das Göttliche in ihrer Weise aussprechen sollte. In den frühern
Naturdichtungen und Sagen hatte er stets das altkluge bewußte Thun und
Machen der Menschen im Gegensatze zu der instinctiven Macht des Geistes
dargestellt. Während die Klugen und Weisen zu Schanden werden, fällt
den Kindlichen und geistlich Armen das Höchste ungesucht zu. Das war
die ewige Ironie der Weltordnung. Auch in den Novellen faßte er sie so
auf. Nichts anderes war es, wenn im „Funfzehnten November“ der dunkle
Instinct des Blödsinnigen die Todesgefahr lange vorher ahnt, und die
Klugen, die ihn verspotten, daraus errettet, und wenn dieser Instinct
die Macht Gottes genannt wird.

An diesen Stoffen bildete sich die dialektische Entwickelung und
sinnlich gegenständliche Darstellung zur Meisterschaft. Wo hätte
man ausgeprägtere mannichfaltigere Charaktere gefunden? Es war eine
Galerie der eigenthümlichsten Menschen, die aufgestellt wurde.
Aber es waren keine Bilder, sondern Menschen von Fleisch und Blut.
Man sieht sie sinnlich, handgreiflich vor sich, in ihrem Thun und
Lassen, in allen ihren Bewegungen. Selten hatte sich das große Talent
der Menschendarstellung glänzender bewährt. Wie behaglich in ihrer
Selbstzufriedenheit trat nicht die Thorheit auf, und hier wie überall
zeigt sich die ungetrübte Komik, die von jeder böswilligen Absicht
fern, sich nur um ihrer selbst willen gibt, und so zu reiner Wirkung
gelangt. Und wie schwebte über Allem, was scharfe Beobachtung des
Lebens, reife und allseitige Erfahrung gesammelt hatte, die versöhnende
Milde des Urtheils, der Tiefsinn, die verklärende Kraft der Dichtung.
Freilich war es eine andere Strahlenbrechung der Poesie als in der
„Genoveva“, im „Octavian“ und „Phantasus“, aber es war Poesie hier
wie dort; und wo das reichere Licht sei, darüber konnte man kaum
zweifelhaft sein.

Konnte man die ältesten Erzählungen in den „Straußfedern“ grobe aber
charakteristisch derbe Holzschnitte nennen, die Märchen im „Phantasus“
schaurige Nachbtilder, so waren die Novellen vollendete Gemälde, auf
denen das helle Tageslicht des Kunstwerkes ruhte. Muster und Vorbilder
waren ihm Boccaz und Cervantes, dann Goethe, der in der deutschen
Literatur die ersten Beispiele reiner novellistischer Kunstform gab.
Durch Tieck kam sie jetzt zum Abschlusse, und den ältern Meistern
der Novelle gesellte er sich als der jüngste zu. Diese Gattung der
Erzählung, die bisher schwankend und zweideutig gewesen war, ward nun
fast die populärste. Die Idee der Novelle bildete sich schärfer und
klarer aus.

Auch seine Theorie derselben enthielt nichts Anderes, als was er zu
allen Zeiten in den Dichtungen darstellen wollte. Eine hervortretende
Spitze, einen Brennpunkt sollte die Novelle haben, in welchem ein
bestimmtes Ereigniß in das hellste und schärfste Licht gesetzt wird.
Dieses Ereigniß mag alltäglicher, ja scheinbar geringfügiger Natur
sein, und dennoch ist es wunderbar, ja vielleicht einzig, weil es nur
unter diesen Umständen geschehen, und nur diesen Personen widerfahren
kann. Es erscheint somit das Wunder in unserer gewöhnlichen Umgebung,
und doch in der eigenthümlichsten und überraschendsten Weise
ausgeprägt. Von nicht minder wunderbarer Einwirkung ist es auf die
Welt der Geister. Es bildet den dialektischen Wendepunkt der Handlung,
und um ihn sammelt sich die gespannteste Theilnahme des Lesers. Die
Novelle, welche das Wunder im täglichen Laufe der Dinge zu enthüllen
sucht, ist mehr auf die Stoffe der Gegenwart, als der Vergangenheit
angewiesen. Daraus folgte der Uebergang von den Legenden und Sagen der
Vorzeit zu den Problemen des Tages.

Er, der einst das romantische Land eröffnete, wollte nun zeigen, die
wahre Poesie sei frei und unbedingt; daß sie den romantischen Glanz wol
annehmen könne, aber zu ihrem Wesen seiner nicht nothwendig bedürfe.
Die Verhältnisse und Eigenthümlichkeiten der neuen Zeit erschließen
sich dem klaren dichterischen Auge nicht minder als die Vergangenheit;
ward doch auch für Cervantes seine Zeit zum Stoffe reicher und
tiefsinniger Darstellung. Nicht allein die Lebensfülle der Gegenwart
in ihren besondern Gestalten und Charakteren war darzustellen, auch
die großen Fragen, welche die Parteien in Staat, Kirche und Literatur
beschäftigten, die oft in Familien und häusliche Verhältnisse
zerstörend eingriffen, gerade sie vorzugsweise mußten zur Sprache
kommen. Die Gegensätze der Geister, die scharfen und schneidenden
Contraste der Ansichten konnten sich in der Handlung bis zur Wirkung
der Tragödie erheben; aber sie ließen sich auch zum Gegenstande der
ruhigen Erörterung und des Dialogs machen. In diesen Gesprächen, welche
tiefsinnig ernst, oder leichtscherzend und humoristisch große Stoffe
behandelten, bewährte sich die Meisterschaft künstlerischer Dialektik.
Es war eine bestimmte, aber doch höchst dehnbare Form der Erzählung
gewonnen, die jeder Erweiterung fähig war, und jedem Gegenstande sich
anschmiegte. Immer aber sollte die Novelle den höchsten Standpunkt
des Dichters festhalten, sie sollte die Welt nicht allein abspiegeln,
sondern die Widersprüche des Lebens, die Wirren und Kämpfe der
Leidenschaft auflösen und zur versöhnenden Auffassung erheben.

In derselben Zeit entwickelte Tieck auch als literarischer Sammler
und Forscher eine ungemeine Thätigkeit. Es hatte sich ihm eine Reihe
von Aufgaben gebildet, welche er allmälig zu lösen hoffte. Immer noch
stand hier sein Shakspeare voran; was er für diesen that, galt ihm nur
für eine Vorbereitung, für einen Abschlag auf das Hauptwerk, dessen
Gedanke der Mittelpunkt aller seiner Studien war. Unterstützt durch
das Talent jüngerer Freunde, gab er seit 1823 eine Reihe altenglischer
Stücke, unter dem Titel „Shakspeare’s Vorschule“ heraus, und begleitete
sie mit einer historisch-kritischen Einleitung. Da Schlegel von der
Uebersetzung des Shakspeare sich vollständig zurückgezogen hatte,
übernahm er es sie zu vollenden. Diese neue Ausgabe des sogenannten
Schlegel-Tieck’schen Shakspeare erschien seit 1825; die einzelnen
Stücke begleitete er mit kritischen Anmerkungen und Excursen. 1827 gab
er die Uebersetzung von Espinel’s „Leben des Marcos Obregon“ heraus,
und führte in der umfassenden Vorrede in die gleichzeitige spanische
Literatur ein.

Ebenso thätig war er für die deutsche Literatur, wo er durch Sammlung
und Herausgabe anderer Dichter und Schriftsteller eine persönliche
Schuld abtragen, eine Pflicht der Pietät erfüllen wollte. Von dem hohen
Talente H. v. Kleist’s überzeugt, von seinem tragischen Geschicke tief
erschüttert, sah er in der Erhaltung des Andenkens des halbvergessenen
Dichters eine unerläßliche Pflicht. Er wollte die Nachwelt zu der
Anerkennung nöthigen, welche die Mitwelt verweigert hatte. Ihm verdankt
man die Erhaltung von Kleist’s bestem Werke, des „Prinzen von Homburg“.
Er erinnerte an das einzige noch vorhandene Manuscript, welches unter
den Papieren einer hohen Person, die sich einst dafür interessirt
hatte, vergessen worden war. Schon 1821 gab er Kleist’s hinterlassene
Schriften, 1826 die gesammelten Werke heraus, und in demselben Jahre
vereint mit Raumer, Solger’s Nachlaß und Briefwechsel. Auch Lenz war
damals ein verschollener Dichter. Er zog ihn aus der Vergessenheit
hervor und sammelte seine Dramen, für deren derbe Natürlichkeit er
seit der Jugend eine große Vorliebe hatte, aufs neue. Die Einleitung
dazu gestaltete sich zu einer literarhistorischen Darstellung der
Epoche, in welcher Goethe zuerst auftrat. Auch schrieb er manche Kritik
oder Vorrede, oft auf Bitten der befreundeten Verfasser, und seine
dramatischen Recensionen in der „Abendzeitung“ gab er 1826 unter dem
Titel „Dramaturgische Blätter“ gesammelt heraus.

Endlich legte er Hand an die erste Gesammtausgabe seiner Schriften. Sie
sollte zugleich der Weiterverbreitung der verschiedenen unrechtmäßigen
Ausgaben (eine solche war zuletzt in Wien erschienen) entgegentreten.
Die erste Lieferung von fünf Bänden wurde 1828 ausgegeben. Ihr, wie den
beiden folgenden, ging ein ausführliches Vorwort voran. Hier erläuterte
er Veranlassung und Entstehung seiner ältern Werke, die schon in den
Hintergrund getreten waren. Es waren zugleich die ersten Ansätze, die
er zu einer Geschichte seines Lebens- und Bildungsganges machte. Leider
sind es die einzigen geblieben.



6. Das Haus des Dichters.


Vielleicht niemals war Tieck’s Leben in sich befriedigter gewesen und
gleichmäßiger verflossen als in dem Jahrzehend von 1820 bis 1830. Die
Schwermuth, welche ihn früher oft lange niederdrückte, hatte sich
gemildert, er war zu einer abgeschlossenern und zugleich heiterern
Auffassung des Lebens gekommen. Die aufsteigenden Zweifel fanden ein
siegreiches Gegengewicht in der stillen Resignation, die immer mehr der
Mittelpunkt seiner Gedanken ward. In dieser Seelenruhe öffneten sich
die Quellen der Dichtung von neuem, und in der raschen Production der
Novellen schienen ihm die Jugendkräfte wiedergekehrt. Nicht mit Unrecht
mochten Freunde und Fernerstehende über diese zweite, fast reichere
Ernte staunen, welche nach längerer Ruhe eingetreten war. Es war eine
späte und glänzende Verjüngung des Dichterruhms, den er zuerst vor
einem Menschenalter gewonnen hatte.

Auch die Krankheit hatte mit ihrer Dauer an Kraft verloren, und es
war möglich, ihr zeitweise den Stachel abzubrechen. Anderes, was ihn
früher bedrängte, war ausgeglichen, seine äußere Stellung gesichert,
bedeutende Verhältnisse nach allen Seiten hin angeknüpft, und sein Haus
der Sammelplatz eines reichen literarischen und künstlerischen Lebens
und edelster Geselligkeit.

Der Kreis der nächsten Angehörigen und Freunde trug wesentlich dazu
bei, seinem Hause den für alle geistigen Kräfte so anziehenden
Charakter zu geben. Neben Tieck’s Frau standen seine beiden Töchter,
und die Gräfin Finkenstein, eine alte Freundin des Hauses, war der
Familie nach Dresden gefolgt. Frau von Lüttichau und die Witwe seines
Freundes Solger hatten sich ihnen in treuer Ergebenheit angeschlossen.

Eigenthümlich entwickelte sich die ältere Tochter Dorothea. Sie war
ein so bestimmtes geistiges Element in diesem Verkehre, daß sie bald
nicht allein den Freunden und Verehrern des Vaters eine merkwürdige
und anziehende Erscheinung war. Bei der Uebersiedelung nach Dresden
war sie etwa zwanzig Jahre alt gewesen. Schon früh zeigte sie reiche
Fülle des Talentes und eine Kraft, die ihren eigenen Weg gehen wollte.
An den Dichtungen des Vaters bildete sie sich heran und wußte deren
besondern Charakter aufzufassen. Mit reger Theilnahme verfolgte sie
seine Thätigkeit, und ward die Genossin seiner Studien. Unter seiner
Anleitung lernte sie die neuern Sprachen kennen und ihre Dichter
lieben. Schon vor dem zwanzigsten Lebensjahre war sie mit Shakspeare
und Calderon vertraut.

Kaum bedurfte es der Anregung durch solche Geister, um sie in die
Tiefen des Lebens blicken zu lassen. Früh genug waren schmerzliche
Gefühle in ihr erwacht. Nicht allein ein Theil des Talentes und der
schnellen Auffassungskraft des Vaters war auf sie übergegangen, sie war
auch Erbin seines Tiefsinns und seiner Schwermuth. Wie reich ihr Leben
nach einer Seite hin ausgestattet war, immer vermochte sie es nur mit
dem Blicke des Ernstes zu betrachten. Und dieser Blick war schärfer
für die schneidenden Contraste, welche das Auge verwunden, als für die
hellern wohlthuenden Farben. Dieselben Zweifel, mit denen Tieck so
oft gekämpft hatte, wiederholten sich bei ihr, und warfen früh einen
dunkeln Schatten auf ihr Leben.

Aber das war es nicht allein. Die geistigen Schwingungen, welche die
Romantik hervorgerufen hatte, setzten sich hier in einer spätern
Generation fort. Die dichterische Stimmung, welche die Legende
wiederbelebte und sich zum Glauben des katholischen Mittelalters
neigte, war bei ihr zur Ueberzeugung geworden und in das Leben
übergegangen. Das sehnsüchtige Bedürfniß der Religion fand nur in
diesen Formen Ruhe und Frieden. Schon als Kind war sie mit ihrer
Mutter zur katholischen Kirche übergetreten. Doch was ihr Frieden gab,
war von manchen Gegensätzen unzertrennlich. Tieck’s eigene religiöse
Ueberzeugung war wesentlich protestantisch, das sprachen alle seine
neuern Dichtungen aus. So kamen Augenblicke, wo sie sich von den
Nächststehenden nicht verstanden glaubte, und bei der kindlichsten
Liebe zu ihren Aeltern sich dennoch einsam fühlte. War es doch als wenn
gerade aus dem Verkehre mit den Menschen, mit welchen man am innigsten
verbunden ist, die man am meisten liebe, auch die reichsten Schmerzen
erwachsen müßten. Und was wollte dieses Leben überhaupt, in dem Freude
wie Schmerz, wenn sie vorübergegangen waren, nur wie ein dunkler und
fernliegender Traum erschienen? Wie bunt trieb alles durcheinander!
Mit welchem Eifer jagten die Menschen dem Geringfügigen, Vergänglichen
nach! In solchen Augenblicken konnte sie alles für ein leeres Spiel
halten. Aber dennoch machte die Gegenwart immer wieder ihre Ansprüche
geltend. Hatte man denn kein Recht auf Glück? War es wirklich ein
leerer Traum, wenn die Kindheit sich ein solches Bild ausmalte? Von
einer tiefen und mit den Jahren steigenden Sehnsucht nach innerer Ruhe
wurde sie ergriffen, in der sie diese verwirrenden Netze von sich
abstreifen und den Gedanken, die einander anklagen und freisprechen,
auf immer entfliehen könne. Nur die Einsamkeit eines Klosters erschien
als ein Hafen der geängstigten Seele, als letzte Lösung aller Fragen
der Tod.

Doch sie fühlte, diese Seelenstimmung bedürfe eines Gegengewichts,
wenn sie nicht zu Grunde gehen wolle. In diesem einsamen Zurückziehen
auf sich selbst schien ein geistiger Egoismus zu liegen. Auch bot
ihr das Leben manches Mittel der Entwickelung mehr als Andern. Mit
aller Kraft begann sie dann gegen die Schwermuth zu kämpfen; ruhiger
wollte sie werden. So gewann sie sich Zeiten gleichmäßiger Stimmung
ab, in denen sie mittheilend, selbst heiter erschien. Sie unternahm
geregelte Studien und literarische Arbeiten, die ihr Zerstreuung und
geistige Sammlung gewährten. Von den neuern Sprachen ging sie auf die
alten zurück, und gewann einen reichen Schatz von Kenntnissen, die
man Gelehrsamkeit nennen konnte. Die Homerischen Gedichte und den
Virgil, die griechischen Tragiker und den Horaz, den Herodot und den
Livius las sie, und nicht ein Mal, sondern zu wiederholten Malen. Es
war keine Neugier, kein gewöhnlicher Dilettantismus; eine Zeit lang
lebte sie in diesen Schriftstellern, und suchte sich mit dem antiken
Charakter vertraut zu machen. Aber sorgfältig verbarg sie diese
Studien, kein Fremder hätte eine Ahnung davon haben dürfen; sie waren
ihr Sache des Herzens wie ihre innern Kämpfe. Darum war sie fern von
der kokettirenden Vielwisserei gelehrter Frauen. Alles Prunken mit
Kenntnissen, alles was als moderne Emancipation hätte gedeutet werden
können, haßte sie in tiefster Seele. Nur die vertrautesten Freunde
wußten darum, allen Andern wollte sie eine Frau sein, die sich durch
nichts über das hergebrachte weibliche Dasein erhebe. Mit demselben
Eifer unterzog sie sich daher auch den kleinen weiblichen Arbeiten.

Dennoch konnte sich eine so eigenthümliche Erscheinung nicht
verleugnen, selbst wenn sie es wollte. Die Art ihres Seins war nicht
die gewöhnliche. Jedes Urtheil, jede Meinung trug das Gepräge ihrer
ernsten Stimmung. Wer so Vieles in sich selbst durchgearbeitet
hatte, konnte Menschen und Verhältnisse nicht in gewöhnlicher Weise
ansehen. Die Wahrheit war ihr Bedürfniß; alles gemachte, alles falsche
Scheinwesen haßte sie, aber sie sprach die Wahrheit nicht ohne Schärfe
aus, und erschien Fremden oft streng, herb, ja schroff. Auch das
gehörte zu den Prüfungen ihres Lebens. Alle diese Gegensätze waren
schwerer zu überwinden für die Frau, welcher eine große praktische
Einwirkung auf die Welt versagt war. Auch war ihr literarisches Talent
ein receptives; wol zum Nachbilden, nicht zu eigenen dichterischen
Hervorbringungen fühlte sie sich befähigt. Vielleicht waren ihre
Empfindungen zu tief und verzehrend, um sie schöpferisch zu gestalten.
So blieb ihr Wesen räthselhaft, unverstanden, aber eigenthümlich und
anziehend.

Bald nach dem Jahre 1820 begann die Tochter an der literarischen
Thätigkeit des Vaters Theil zu nehmen. Sie übersetzte die Sonette
Shakspeare’s und die altenglischen Stücke des ersten Bandes der
„Vorschule Shakspeare’s“, mit Ausnahme der „Hexen von Lancashire“. Im
Publicum schrieb man diese Arbeiten längere Zeit Tieck selbst zu. Als
er die Fortsetzung des Schlegel’schen Shakspeare übernahm, führte sie
einen großen Theil derselben aus, während ein jüngerer Freund das Werk
nicht minder eifrig förderte. Der Graf W. Baudissin hatte sich seit
1827 in Dresden niedergelassen, und theilte bald Tieck’s Studien des
englischen Theaters. Dieser selbst hatte schon früher manches aus den
von Schlegel zurückgelassenen Dramen nach Stimmung und Laune übersetzt.
Einzelne Bruchstücke des „Macbeth“, „Othello“ und des Lustspiels „Der
Liebe Müh umsonst“, waren da. Jetzt vollendete seine Tochter das erste
dieser Stücke, und übersetzte den „Coriolan“, „Cymbeline“, „Timon von
Athen“, „Die beiden Veroneser“ und „Das Wintermärchen“ vollständig.
An einigen andern hatte sie keinen unwesentlichen Antheil. Ueberhaupt
sah man diese Arbeit als eine gemeinschaftliche an. Die Uebersetzungen
wurden vorgelesen, mit dem Originale verglichen, geprüft und
verbessert. Schwierige Stellen besprach man gründlich, und bisweilen
nahm die endgültige Feststellung weniger Verse einen ganzen Vormittag
ein.

Ein zweiter Kreis theilnehmender und mitstrebender Freunde war in
dieser Zeit entstanden. Denn schon hatte der erste sich aufgelöst.
Nach einem bewegten Leben war Burgsdorff, der dem Freunde nach Dresden
gefolgt war, 1822 gestorben. In ihm verlor Tieck einen der ältesten
Jugendgenossen, der bei aller Verschiedenheit des Charakters ihm stets
treu ergeben gewesen war. Zwei Jahre später wurde Malsburg daheim auf
seinem Gute Escheberg vom Nervenfieber unerwartet fortgerafft. Im Jahre
1825 erlag Loeben langen und schweren Leiden; einige Jahre später
folgte ihnen Wilhelm Müller. Keiner dieser jüngern Dichter erreichte
das vierzigste Lebensjahr.

Dem neuen Kreise gehörte Rehberg an, der in Staatsgeschäften alt
geworden war, und noch spät eine aufrichtige Freundschaft mit Tieck
schloß. Er kam 1823 nach Dresden, nachdem er der öffentlichen
Thätigkeit entsagt hatte. Bekannt als einer der ersten und
geistreichsten Gegner der französischen Revolution, faßte er die Dinge
überall scharf mit eindringendem Blicke auf. Der Verschiedenheit der
Stellungen, und zum Theil auch der Ansichten, ungeachtet, einigte sich
Tieck in den Hauptsachen dennoch mit dem realistischen Staatsmanne. So
gingen z. B. ihre Urtheile über Goethe weit auseinander; Tieck hatte
aber vor dem Scharfblick Rehberg’s eine so hohe Achtung, daß er einem
Briefe, den dieser, angeregt durch die Einleitung zu Lenz’ Schriften,
über Goethe an ihn geschrieben hatte, eine Stelle in derselben
einräumte. Immer sah er es als ein freudiges Ereigniß an, noch in
spätern Jahren einen wahren Freund gewonnen zu haben. Zu den heimischen
Freunden Tieck’s gehörten K. M. Weber, der Hofmarschall von Lüttichau,
Carus, Quandt, der Kunstkenner, Ungern-Sternberg, Karl Förster, Graf
Baudissin, die Maler Dahl und Vogel. Eine Zeit lang versammelte man
sich regelmäßig zu literarischen Mittheilungen und Vorlesungen.

Eine reiche geistige Anregung gewährten die literarischen Cirkel,
welche der Prinz Johann um sich versammelte. Es war die sogenannte
Dante-Gesellschaft, in der die Kenner der italienischen Literatur,
Förster, Tieck, Carus und Baudissin, sich unter dem Vorsitze des
Prinzen zur Lectüre und Erklärung des Dichters in Dresden oder Pillnitz
vereinten. In der Regel ließ der Prinz die einzelnen Abschnitte seiner
Uebersetzung des Dante von Tieck vorlesen. Ueberall zeigte er ein
tiefes Verständniß des Dichters und eine seltene Gelehrsamkeit in der
scholastischen Philosophie. Mit Unbefangenheit und Freimuth besprach
man den Gegenstand allseitig, eine vollkommene Debatte entspann sich.
Ganz als Gelehrter, dem es allein um die Sache zu thun ist, erschien
der Prinz; er nahm Kritik an, wie er sie ausübte, und ließ das
Uebergewicht, welches ihm seine Stellung gab, vollständig vergessen.
Frei und ungezwungen bewegte man sich. Heimische und fremde, alte und
neue Literatur, Kunst und Wissenschaft boten einen unerschöpflichen
Inhalt, an dem man Geist und Kenntnisse förderte.

Es war ein behagliches, heiteres Leben damals in Dresden. Es gibt
Zeiten der Ruhe, wo Noth und Mühsal vergessen scheinen, und die
geistige Entwickelung, die oft nur im heißen Kampfe zu gewinnen
ist, zum befriedigenden Genusse wird. Dresden konnte an das reiche
Leben in Weimar und in jenen italienischen Städten erinnern,
welche sprüchwörtlich geworden sind. Da eilen die Maler, Kenner und
Kunstfreunde des Morgens nach den Galerien. Vor der Sixtinischen
Madonna oder den Gemälden Correggio’s sind sie versammelt; mit Eifer
tragen sie ihre Ansichten vor, sie vertheidigen ihre Lieblinge,
und suchen einander zu überzeugen. Dann hält der alte Böttiger im
Antikencabinet eine Vorlesung über Pallas oder Artemis, man geht in die
Werkstätte eines befreundeten Malers, um irgendein eben vollendetes
Gemälde zu betrachten, oder man sitzt im Laden des Italieners beim
Glase Wein und unterhält sich tiefsinnig, oder schwatzt gemüthlich
über Kunst, Welt und Leben. Am Abende wird es im Theater ein neues
Trauerspiel oder eine neue Oper geben, das beschäftigt die Gemüther
und hält sie in Spannung. Tieck wird vor auswärtigen Gästen ein
Drama von Shakspeare, eine Dichtung aus seiner ältern Zeit, oder im
Kreise der vertrautesten Freunde eine neue Novelle aus dem Manuscript
lesen. Dann gibt es irgendein Fest zu feiern, ein Liederfest, ein
Künstlerfest, den Geburtstag des Dichters. Man besingt und bekränzt
ihn, man stellt in scenischen Versuchen Einzelnes aus seinen Dichtungen
dar, und versammelt sich abermals an seinem Sessel, oder macht am
Frühlingsabende eine Fahrt in das Elbthal. Man wird nicht müde zu
sprechen von Poesie und Malerei, von Drama und Novelle, von Shakspeare
und Goethe.

Dann kommen auf längere oder kürzere Zeit auch auswärtige Freunde.
Schon früher hatte Uechtritz seine ersten dramatischen Arbeiten dem
Urtheile Tieck’s unterworfen, und 1827 gab dieser das Trauerspiel
„Alexander und Darius“ mit einer Vorrede heraus.

Auch Eduard von Schenk hatte durch seine liebenswürdige Persönlichkeit
Tieck schon während des Aufenthalts in München für sich eingenommen.
Als Dichter wünschte er seine Kritik, und als Staatsmann suchte er für
ihn zu wirken. Bei der Begründung der neuen Universität in München
zählte König Ludwig auch Tieck zu den Autoritäten, die gewonnen werden
sollten. Dieses Mal wiederholte sich die Zumuthung, das Katheder zu
besteigen, unter glänzenden Bedingungen. Man bot ihm eine Professur der
neuern Literatur mit einem Gehalte von 2500 Gulden. In der Wahl und
Anordnung der Vorlesungen sollte er die vollste Freiheit behalten, und
in seinen literarischen Arbeiten in keiner Weise gestört werden. Doch
dieses Anerbieten lehnte er ab; er war in Dresden heimisch geworden,
und fühlte sich nicht geneigt, nachdem er das funfzigste Lebensjahr
überschritten, eine neue Laufbahn zu beginnen. Auch war seinen
körperlichen Leiden das wechselnde Klima von München nicht zuträglich,
das ihn zwei Mal an den Rand des Grabes gebracht hatte.

Außer diesen jüngern Freunden besuchten ihn in regelmäßiger Wiederkehr
auch manche der ältern. Einen lebhaften Briefwechsel unterhielt er mit
F. von Raumer, der an Allem, was Tieck berührte, den wärmsten Antheil
nahm, und im Frühjahr und Herbst einige Wochen bei ihm zu wohnen
pflegte. Mit treuer Freundschaft stand er diesem in den Zeiten heftiger
und ungerechter politischer und literarischer Angriffe zur Seite.
Auch Steffens kam, der mit seinem vielgelesenen Roman „Walseth und
Leith“ Tieck auf das Gebiet der Novellendichtung folgte; nicht minder
Tieck’s Bruder und sein Neffe Gustav Waagen. Rumohr schlug zu Zeiten
seinen Wohnsitz in Dresden auf. Er war noch der Alte; geistreich,
sanguinisch, unruhig und abspringend. Aber immer kehrte er wieder.
Heiter und durch ihre eigenthümliche Küche ausgezeichnet waren die
Gesellschaften, die er in seinem Gartenhause auf einem Weinberge
bei der Stadt gab; obgleich er stets behauptete, in ganz Dresden sei
kein Bissen genießbares Essen zu finden. Denn längst hatte er den
Geist der Kochkunst praktisch studirt. Später las er die „Deutschen
Denkwürdigkeiten“ Tieck vor, und zeigte sich auch hier reizbar und
wunderlich. Ein leichter Tadel, den er eines vereinzelten Wortes wegen
erfuhr, erregte seinen heftigen Zorn, und lange war er nicht von dem
Gedanken abzubringen, Tieck verfolge ihn feindselig, und wolle ihm
seine Schriftstellerei verleiden. Dagegen räumte er gutwillig ein, daß
seinem Buche der Schluß fehle, und auf Tieck’s Aufforderung fügte er
einen vierten Theil hinzu.

In diesen glänzenden und bewegten Kreis älterer und neuerer Freunde
trat 1827 als Zeuge einer längst entschwundenen Zeit Tieck’s
ältester, fast vergessener Jugendfreund Piesker, jener altkluge
Mentor, der unter den Jünglingen die Rolle des strafenden Gewissens
zu übernehmen liebte. Seinem verständigen und ehrenfesten Wesen
gemäß war er in die Beamtenlaufbahn eingetreten, und war dann nach
Polen verschlagen worden; endlich hatte ihn Tieck während seiner
Sturm- und Drangperiode ganz aus den Augen verloren. Der dürftige
Briefwechsel war eingeschlafen; Tieck wußte nicht einmal, ob der alte
Freund noch lebe. Jetzt kündigte er plötzlich nicht nur sein Leben,
sondern auch seinen Besuch in Dresden an, und zwar mit einem Theile
seiner ziemlich zahlreichen Familie. Er war unterdeß als arbeitsamer
Actenmann Landgerichtsrath in Meseritz geworden. Es war die freudigste
Ueberraschung, den ältesten Jugendfreund so unerwartet wiederzusehen,
den einzigen von jenen Genossen, der noch lebte. Alte Zeiten wurden
in diesem Wiedersehen neu. Doch bald wich die überschwängliche Freude
andern Betrachtungen. Der Landgerichtsrath aus Meseritz war ein guter
und pflichteifriger Mann, dessen Geist in dem kleinen Beamten- und
Stadtleben zusammengeschrumpft war. In der ersten Begeisterung las ihm
Tieck Einiges von seinen Dichtungen vor, und führte den wenig Gereisten
in Dresden umher. Doch statt aller theilnehmenden Aeußerungen hörte er
stets nur die eine Gegenbemerkung, daß, dies und jenes ausgenommen,
Alles in Meseritz ebenso sei. Es war vergeblich, aus ihm einen Funken
herauszuschlagen, und Tieck konnte schließlich nicht begreifen, wie
er in der Jugend im Verein mit diesem gutmüthigen, aber trockenen
Gefährten Trauerspiele hatte schreiben wollen.

Einen anziehenden Charakter gewann dieses freundschaftliche und
literarische Zusammenleben durch Tieck’s dramatische Vorlesungen.
Längst waren sie mehr gewesen als eine anregende Unterhaltung für
die Familie und die nächsten Freunde. Sie waren eine Vermittelung
für Fernerstehende, ein künstlerisches Vorbild für Schauspieler,
Gegenstand der Bewunderung oder Neugier für Fremde, und Mittelpunkt
der Geselligkeit. Ihr Ruf ging weit über Dresden hinaus, und Tieck’s
Meisterschaft im dramatischen Lesen trug vielleicht ebenso viel dazu
bei, ihn zur öffentlichen Person zu machen, als sein dichterischer
Ruhm. Seine Vorlesungen wurden zu Dresdens Merkwürdigkeiten gezählt.
Bisweilen fragten sogar die Lohnbedienten der Gasthöfe im Namen
angekommener Fremden an, ob heute Abend Vorlesung sein werde. Man
sprach von ihnen, wie von der Gemäldegalerie, von der Kapelle der
katholischen Kirche, oder dem Theater. Wer nach Dresden kam, mußte
Tieck besucht, irgendeine seiner Vorlesungen gehört haben, das war
unerläßlich. Sie vollendeten den künstlerischen Charakter der Stadt.
Wie Goethe zu Weimar, gehörte Tieck zu Dresden.

Dem Huldigungseifer der Fremden kam er mit Unbefangenheit,
Gutmüthigkeit und der edelsten Liberalität entgegen. Selten mag eine
uneigennützigere Gastfreiheit ausgeübt worden sein. Er empfing seine
Gäste wie der feingebildete Mann, der zugleich Dichter ist. Wenn in der
deutschen Geselligkeit irgend etwas den vielgerühmten literarischen
pariser Salons entsprach, so fand es sich im Hause Tieck’s. Nur
mit den mäßigen Mitteln eines deutschen Privatmannes und Gelehrten
ausgestattet, sah er dennoch fast an jedem Abende Gäste; außerdem
galt der Sonnabend als officieller Empfangstag. Die Versammlung in
seinem Lesezimmer war in der Regel sehr zahlreich. Mitunter stellten
sich gegen die Sitte des Hauses noch um zehn Uhr Abends Fremde ein.
Die verschiedensten Menschen und Gestalten fanden sich zusammen;
die nächsten Freunde, Reisende, Bekannte und Unbekannte, Künstler,
Schriftsteller und Gelehrte, neben den Deutschen oft Franzosen, Dänen,
Engländer, Russen oder auch Nordamerikaner. Es war eine bunte Menge,
wie sie Freundschaft, Verehrung, Neugierde oder fremde Empfehlung
zusammengeführt hatte. Denn ein Wort, eine Zeile irgendeines Bekannten,
eine anspruchslose Selbsteinführung reichte hin, diesen Kreis jedem
Gebildeten zu öffnen. Man fühlte nichts von der Herrschaft, welche die
geistige Größe auf ihre Umgebung unwillkürlich ausübt. Er dachte nicht
daran, daß er der Mittelpunkt sei, und war weit entfernt, das Gespräch
an sich zu ziehen.

Die Vorlesung erfüllte ihn jedes Mal ganz; er ging persönlich so
vollständig in seinen Dichter auf, daß er der Gesellschaft umher oft
entrückt wurde, und nach dem Schlusse nur allmälig zu seiner Umgebung
zurückkehrte. Die künstlerische Vollendung, mit der er las, mochte
damals den höchsten Punkt erreicht haben. Während man früher Vorlesen
für ein Leichtes hielt, was sich von selbst verstehe, zeigte er, auch
der Vorleser vermöge ein Kunstwerk zu schaffen, welches die Wirkung der
Bühne überbiete. Unter den Stücken, die er zu lesen pflegte, standen
die Shakspeare’schen obenan; häufig las er auch Goethe oder Schiller,
Calderon oder Holberg, ein älteres deutsches Lustspiel, oder er griff
zu einer neuesten dramatischen Dichtung eines jüngern Freundes. In
ausgewähltern Kreisen ging er nicht selten auf Sophokles zurück, stets
nach Solger’s Uebersetzung. Gern und unter tiefem Eindrucke las er den
Euripides, nur vor Männern, in der Regel im Hause eines der Freunde
auch den Aristophanes. Diese eigenthümliche Mischung von kühnem Witz
und Phantasterei schien ihm besonders zusagend. Die Theilnahme der
Zuhörer stieg, wenn er eines seiner eigenen Werke vortrug, und als
Dichter und Vorleser zugleich auftrat. Fühlte er sich ganz kräftig, so
konnte er wol zwei fünfactige Dramen, eine Tragödie und ein Lustspiel
ohne größere Pause oder merkliche Ermattung hintereinander lesen. Die
Jahreszeit machte keinen Unterschied; an den Sommerabenden fanden
sich die Fremden vielleicht noch zahlreicher ein. Das Lesepult ward
aufgestellt, man sammelte sich mit einer gewissen Andacht, und bald
nach sechs Uhr begann die Vorlesung.

Manches gleichgültige Gesicht, welches er nie wiedergesehen hat, ging
damals an ihm vorüber, und mancher Name wurde ihm genannt, dessen
er sich nicht wieder erinnerte. Doch auch die berühmtesten Männer
saßen vor seinem Lesepulte. Fast jeder Abend erweiterte den Kreis der
persönlich Bekannten. Schon 1820 besuchte ihn Hegel, den er auf der
Rückreise von England in Heidelberg kennen gelernt hatte. Dieser hatte
seitdem sein System im ganzen Umfange entwickelt, er war eine Autorität
geworden, welche die Stimmung der Wissenschaft zu beherrschen anfing.
Eine innere Annäherung oder Ausgleichung zwischen beiden war unmöglich.
Bei Tieck’s Stellung zur Philosophie konnte er sich am wenigsten mit
der Strenge und scharfen Dialektik Hegel’s befreunden, und diesem lag
die Plastik antiker Kunst näher, als das moderne Gefühl. Später wurde
Tieck durch Hegel’s Kritik über Solger verletzt. Er sah darin ein
Verkennen der tiefsten Gedanken seines Freundes, die auch sein eigenes
Leben gebildet hatten.

Diesmal kamen Dichter und Philosoph auf dem neutralen Boden
dramatischer Vorlesung zusammen. Tieck las im Kreise seiner Freunde
den „Othello“. Am Schlusse machte Hegel einige Bemerkungen über den
Charakter des Jago; er sah darin einen Beweis des unbefriedigten
Gemüths des Dichters selbst. Bei Tieck stand der Gedanke der reinsten
künstlerischen Stimmung Shakspeare’s fest. Im Eifer herausfahrend, rief
er: „Professor, sind Sie denn des Teufels, so etwas zu behaupten?“ ein
Gefühlsausbruch, der auf Hegel keinen günstigen Eindruck machte.

Zu den Vertretern der deutschen Kunst- und Dichterwelt, welche bei
Tieck erschienen, und mit denen er zum Theil im brieflichen Verkehr
blieb, gehörten Thorwaldsen, Cornelius, Schadow, Jean Paul, Robert,
Häring, Holtei, Hauff, Schall, Immermann, Eduard Devrient, die
Uebersetzer Gries, Kauffmann und Regis. Ein unbequemer Gast war
Müllner. Er war absprechend und hochfahrend, umsomehr, da er Tieck’s
Widerwillen gegen seine Trauerspiele kannte, und sich nicht hinreichend
geehrt glaubte. Er hielt es überwiegend mit den Gegnern, und ließ es in
seinem „Mitternachtsblatte“ an Ausfällen nicht fehlen.

Unter den Gelehrten schloß sich ihm in naher Freundschaft Loebell
an, der neben seinen Fachstudien an den Geschicken der deutschen
Literatur und Tieck’s Einwirkung auf dieselbe lebhaften Antheil
nahm. Auch mit Ottfried Müller war er in nähere Verbindung getreten,
dessen Liebenswürdigkeit und geistvolle Gelehrsamkeit gleich sehr
fesselte. Er stand mit Thorbecke, Hormayr, A. Wendt, Adolf Wagner im
Briefwechsel; gelegentlich auch mit A. von Humboldt, Schleiermacher,
Neander. Herbart, Ranke und andere Gelehrte sah er in seinem Hause. Als
er 1828 Teplitz mit Baden-Baden vertauschte, lernte er auf der Reise
durch das Würtembergische Wolfgang Menzel kennen, der mehr als einmal
seine Vertheidigung gegen ungerechte Angriffe übernahm; dann Kerner
und Eschenmaier, welche ihm die Seherin von Prevorst nicht erließen.
Durch die Schweiz über Strasburg ging er nach Bonn, um nach langer
Zeit seinen alten Freund Schlegel zu besuchen. Hier hielt er sich
vierzehn Tage auf, und obgleich ihm die indische Gelehrsamkeit durchaus
fern lag, verständigten sie sich doch bald. Schlegel misbilligte die
mystische Richtung seines Bruders in so harten Ausdrücken, daß Tieck
mäßigen mußte.

Auf der Rückreise, es war in den ersten Tagen des October, berührte er
Weimar. Zehn Jahre waren verflossen, seit er Goethe nicht gesehen
hatte. In dieser Zeit waren ihre Berührungen nur vorübergehender
Natur gewesen. Als Goethe Tieck’s Novelle, „Die Verlobung“, gelesen
hatte, dankte er ihm schriftlich dafür, und öffentlich sprach er seine
Anerkennung aus. Jetzt war Tieck mit seiner Familie einen Mittag bei
Goethe, den Dorothea durch eine gelungene Recitation eines Theiles
der „Iphigenia“ aus dem Gedächtnisse überraschte. Am folgenden Abend
las Tieck in einem größern Kreise bei Goethe’s Schwiegertochter den
„Clavigo“. Goethe selbst erschien nicht; er hatte sich entschuldigen
lassen.

Indeß war Tieck auch dem Auslande als Dichter bekannt geworden.
Zuerst vielleicht im skandinavischen Norden, wo die nationalverwandten
Gemüther für die romantische Poesie große Vorliebe zeigten. Die
Einwirkungen von Steffens und Oehlenschläger waren nicht ohne Erfolg
geblieben. Selten ging ein namhafter Däne nach Deutschland, ohne
Tieck aufzusuchen. Noch 1831 kam Oehlenschläger nach Dresden; zu
andern Zeiten Heiberg, Ingemann, Hauch, Herz und Anderssen; später die
Schweden Atterbom und Beskow.

Seit die deutsche Literatur in Frankreich Gegenstand eifrigen Studiums
geworden war, fehlte es auch an französischen Besuchern nicht.
Ampère und Marmier, welche Deutschland in Deutschland kennen lernen
wollten, verweilten bei Tieck. Obgleich er sich mit Abscheu von der
neufranzösischen Romantik abwandte, die ihm nicht als Poesie, sondern
als Krankheit galt, ward der literarische Verkehr doch nicht gestört.
Auch brachte die „~Revue des deux Mondes~“ einen eingehenden und
anerkennenden Artikel über seine dichterische Entwickelung. Später
kamen Barante, Montalembert, der Marquis Cubières, der, wie Marmier,
ihn in französischen Versen besang, Carnot, der Schauspieler St.-Aubin
und mancher Andere. Mit England blieb er durch Shakspeare in steter
Verbindung, durch die Kenner der altenglischen dramatischen Literatur
Coleridge, Dyce, Hayward und Colliers. Auch besuchten ihn die Russen
Schukowski, Uwarow und Stackelberg. Von Nordamerikanern lernte er den
Theologen Robinson und den Literarhistoriker Ticknor kennen.



7. Das alte und das junge Deutschland.


Mit dem Ablauf des dritten Jahrzehends ging dieses gleichmäßige
künstlerische Stilleben zu Ende. Neue Ereignisse traten ein, denen
Verstimmung und Unruhe, Schmerz und Erschütterung in den engen Grenzen
nächster Verhältnisse wie im öffentlichen Leben folgten. Für Tieck
wurde dieser Lebensabschnitt durch zwei Todesfälle bezeichnet, die ihn
tief ergriffen. Zu Anfang des Jahres 1829 starb Friedrich Schlegel,
dann folgte der Tod Goethe’s.

Von dem Wunsche getrieben, den wohlbekannten Boden des nördlichen
Deutschland auf längere Zeit wiederzusehen, kam Schlegel im Spätherbste
1828 nach Dresden. Er beabsichtigte in den Wintermonaten eine Reihe
von öffentlichen Vorlesungen in alter Weise zu halten. Er wollte darin
die Ergebnisse seiner philosophischen und historischen Studien, seine
Lebensphilosophie, wie er es nannte, vortragen. Mehr als je erschien
er von dunkler Mystik und Prophetik erfüllt. Er sprach mitunter
glänzend, es war ein Aufblitzen des alten Talents, öfter sophistisch,
unklar und verworren; Paradoxie und Anmaßung waren vorherrschend.
Seine neuen Vorlesungen waren bei weitem mehr Gegenstand der Neugier
und des Staunens, als der wahren Theilnahme. Für Tieck waren sie
ungenießbar. Es gab Augenblicke, in denen er nicht ohne Schrecken
die apokalyptischen Verkündigungen seines Freundes anhörte. Fast
gespenstisch erschien er ihm. Wie hatte sich dieser reiche Geist aus
den weitesten Räumen in die engste Dürftigkeit zusammengezogen! Im
Willkürlichen, Abenteuerlichen, Verkehrten fand er Genügen, und gerade
jetzt meinte er auf der Höhe der Weisheit angelangt zu sein.

Dem reinsten Aberglauben war er verfallen; jedes Gespräch zeigte nur
die immer größer werdende Kluft. Er behauptete wirklich prophetisch
in die Zukunft zu blicken, die er aus einzelnen Bibelsprüchen deuten
wollte. Diese nahm er aber nur aus der Vulgata. Wenn Tieck sich
erlaubte, bescheidene Zweifel zu äußern, wies er ihn pathetisch mit
den Worten ab: „Mein Sohn, auf deinem Standpunkte verstehst du das
nicht.“ Als ihm Tieck einmal einen phantastischen Traum erzählte,
erkannte Schlegel darin einen Wink der heiligen Jungfrau, die es gut
mit Tieck meine, und ihn in den Schoos der Kirche zurückführen wolle.
Ein anderes Mal kündete er die Nähe des jüngsten Tages an, dann würden
die Gestirne des Himmels sich gegeneinander bewegen, und die Gestalt
eines Crucifixes bilden. Unwillkürlich brach Tieck bei diesem Orakel in
den Ruf aus: „Mensch, sage einmal, glaubst du denn wirklich das Alles?“
Nach solchen Zweifeln sprach dann Schlegel sein tiefes Bedauern aus,
daß der Freund, der doch alle Elemente des Glaubens in sich trage, sich
zum Glauben selbst nicht erheben könne.

Schlegel sollte seine Vorlesungen nicht beenden. Es war am 10. Januar,
als er noch einmal in heiterer Geselligkeit mit den Freunden vereint
war; in der Nacht darauf wurde er vom Schlagfluß getroffen.

Am 22. März 1832 starb Goethe. Die letzte Berührung hatte Tieck mit
ihm, als 1829 zur Feier von Goethe’s Geburtstage auf der dresdener
Bühne der „Faust“ zur Aufführung gebracht wurde. Er war mit diesem
Plane nicht einverstanden, weil er darin eine Beeinträchtigung des
Gedichts fand, dennoch schrieb er für die Darstellung einen Prolog.
Wenige Tage später erhielt er ein danksagendes Schreiben von Goethe’s
Hand.

Jetzt war auch er dahingegangen, der in dem Reiche deutscher Dichtung
sechzig Jahre lang als König geherrscht, an dem sich die spätern
Geister alle gemessen oder emporgerankt hatten. Es war eine tiefe
Lücke im deutschen Leben selbst. An Goethe’s Dichtungen hatte Tieck
in kindischem Spiele gelernt, von ihm als Knabe geträumt, für ihn
als Jüngling voll Begeisterung gekämpft. Unaufhörlich hatte er seine
frühern Werke studirt, in ihnen lebte er. Wie viel hatte er nicht
seit dreißig Jahren über Goethe’s dichterischen Genius gedacht,
gesprochen und geschrieben! Doch nie war es zu einer dauernden
persönlichen Verbindung zwischen ihnen gekommen. Sie standen einander
zu nah und doch auch fern. Aber nur um so klarer ward Tieck’s reine
und uneigennützige Pietät. Es war ein innerstes Verständniß, welches
das Zufällige von dem Unvergänglichen trennte, und deshalb in den
hergebrachten Ton der Bewunderung nicht überall einstimmen konnte.
Goethe’s Tod wirkte auf ihn mit schmerzlicher Gewalt. Wochen lang
war er in schwermüthiger Trauer, und vermochte seiner Rührung nicht
Herr zu werden. Familie und Freunde fingen an für seine Gesundheit zu
fürchten. Ergreifend sprach er das Gefühl seiner tiefen Wehmuth aus,
als er einmal sagte, Goethe sei der Stern gewesen, der seiner Jugend
vorgeleuchtet habe; wie Ferdinand für Egmont, habe er für Goethe
gefühlt. In dem Epilog zum Andenken Goethe’s, der nach der Darstellung
der „Iphigenia“ gesprochen wurde, legte er ein letztes Zeugniß für
ihn als Vorbild, Lehrer, Freund und hohen Meister ab, indem er ihn
mit Dante und Shakspeare zusammenstellte, und sie als das leuchtende
Dreigestirn der Poesie bezeichnete.

Es war, als wenn mit dem Scheiden Goethe’s, des Schöpfers der
nationalen Poesie, und Schlegel’s, des Vorkämpfers der Mystik, eine
große Zeit hätte abschließen sollen. Denn jetzt drängte gewaltsam ein
jüngstes Geschlecht nach, in dessen Augen die alten Lorbern längst
vertrocknet waren, welches Talent, geistige Kraft und Bedeutung
allein für die Gegenwart und für sich selbst in Anspruch nahm. Die
Julirevolution war ausgebrochen, und der Widerhall der heftigen
Explosion erschütterte zunächst Deutschland. Eine fieberhafte Bewegung
durchzuckte das Leben. Alle Unzufriedenheit, alles gesellschaftliche
Misbehagen, dessen Aeußerungen die Restaurationspolizei bisher
niedergedrückt hatte, brach hervor, und suchte sich einen politischen
Ausweg zu bahnen. Aber seit lange lag es im Charakter des deutschen
Geistes, die Schlachten, die er sich selbst liefert, vorzugsweise auf
dem Gebiete der Literatur zu schlagen. So geschah es auch jetzt.

Die Jahre der Ruhe gehörten überwiegend den jüngern Romantikern, deren
Letzte die Nachzügler Walter Scott’s waren. Sie priesen unaufhörlich
die gute alte Zeit, und suchten sie auf allen Wegen. Man war sicher
und stolz geworden im Besitze der wiedergewonnenen Güter. Aber die
ausschließende Einseitigkeit bereitete sich selbst den Fall. Nicht
Alle dachten so, wie die Tonangeber. In der Stille erhoben sich andere
Kräfte, deren Erbitterung mit ihrer Unterdrückung wuchs, und die um so
begieriger waren, sich hören zu lassen, je weniger man sie zu Worte
kommen ließ.

Lord Byron war das Urbild der literarischen Oppositionsmänner neuester
Zeit, der Dichter des Schmerzes, der sittlichen Zerfallenheit, der
Verzweiflung und auch der Koketterie mit der Verzweiflung. Er war
das Ideal der modernen Fauste und himmelstürmenden Titanen, der
volle Ausdruck der durchbrechenden Zeitverstimmung, welche die
Selbstgenügsamkeit der herrschenden Restauration verspottete, nichts
mehr glaubte, an Allem zweifelte, Alles bestritt, und dem Misbehagen
der Welt durch eine radicale Umwandlung abhelfen wollte. Vorher war
Alles positiv und althistorisch gewesen, jetzt sollte Alles negativ und
jung sein. Raum sollte gemacht werden für das Neue. Aber was war das
Neue?

Was den deutschen Nachahmern Byron’s an Kraft und Tiefe fehlte,
ersetzten sie durch Systematik. In der lyrischen Poesie hatte sich mit
Heine’s Liedern ein verneinender Geist in glänzender und populärer
Hülle erhoben, deren bestes Theil von Goethe entlehnt war. Der scharfe,
fressende Hohn, der Alles, was über dem einzelnen Menschen steht,
angriff, das Gefühl verspottete und endlich sich selbst vernichtete,
war in diesen leichten Versen durch Deutschland getragen worden.
Börne’s Kritiken, die sich mit Zerstörungslust auf alles Deutsche
warfen, wurden das Signal zu heftigen und maßlosen Angriffen. Die
Literatur schien übersättigt, von Ekel vor sich selbst ergriffen.
Solange hatte man gedichtet und Bücher geschrieben, jetzt wollte man
Thaten; man hatte Dichter bewundert und gepriesen, jetzt sollte die
Zeit gekommen sein, wo man sie hassen und sich selbst verhaßt machen
müsse, um zu wirken. Hatte man bisher an Autoritäten geglaubt, so
sollte jetzt die Axt an die Götzenbilder gelegt werden. Goethe’s Name
war der erste, der fallen mußte. Was man hier verlor, behaupteten
die Neuerer durch die Einwirkung auf Volk, Staat und Gesellschaft
tausendfach zu ersetzen. Dem Leben sollte im Leben selbst zu seinem
Rechte verholfen werden. Das junge Deutschland wollte diese Thaten
ausführen. Unter seinen Händen nahm die bisher so harmlose Tagespresse
einen andern Charakter an, und bald erscholl in Zeitungen und Journalen
in allen Tonarten der Ruf nach Emancipation.

Aber es war keine dichterische Schule, es war eine halb politische,
halb literarische Partei, dieses junge Deutschland. Die Freiheit sah
sie auch in der Zerstörung dessen, was seit fast einem Jahrhunderte
das Eigenthümlichste des deutschen Lebens gewesen war, und die
Anerkennung ihrer Gedanken forderte sie mit einem Terrorismus, der
alles Frühere überbot. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Lessing und
Goethe gegen Gottsched, wo Tieck und die Schlegel gegen Nicolai das
junge Deutschland gewesen waren. Sie hatten die Poesie, das Genie
für sich, aber niemals war es ihnen eingefallen, sich das junge
Deutschland zu nennen. Man war sehr wenig, wenn man nichts weiter war,
als jung; es war bedenklich, von dem allgemeinsten und vergänglichsten
aller Vorzüge, von der Jugend, das Parteizeichen herzunehmen. Auch
Goethe’s und Tieck’s Polemik war eine scharfe gewesen; aber ihre Werke
zeigten, daß sie nicht im Zerstören ihre Aufgabe fanden. Goethe’s
dichterisches Schaffen war ein urkräftiges Behagen, Tieck erklärte, nur
in der Poesie sein höchstes Gesetz zu finden; die neue Partei wollte
nicht diese, sondern in ihr Politik und sociale Reform. Dem System
der neuen Freiheit, des Staats, der Gesellschaft sollte die Poesie
unterthan sein. Diese Politik war keine deutsche, keine volksthümliche,
vielmehr bekämpfte sie, was bisher dafür gegolten hatte. Französische
Schriftsteller hatten ein allgemeines, patentirtes Schema einer
kosmopolitischen, socialen Politik aufgestellt. Die Nationalität war
auch nur eine Schranke; der Mensch sollte sich erweitern.

An das eigenthümliche Leben des deutschen Volks hatte Tieck in Kunst
und Poesie sich angeschlossen. Niemand studirte auch die Literaturen
fremder Völker eifriger als er; er that es um ihres besondern
Charakters willen, und diesen achtete er. Aber der Gedanke einer
allgemeinen Weltliteratur lag ihm fern. Von einer solchen hatte Goethe
in der Zeit seiner letzten allegorisirenden Dichtung öfter gesprochen,
und diesen Gedanken griff die neue Partei auf, und beutete ihn aus.
Doch das Allgemeinste im Menschen, was jedem verständlich sein mußte,
war die sinnliche Kraft, der Naturtrieb; dieser sollte in sein Recht
eingesetzt werden. Es war die Emancipation des Fleisches.

Tieck hatte den Freiheitstaumel der französischen Revolution, an seinen
eigenen Freunden den älteren Kosmopolitismus erlebt, und wußte welche
Emancipationsideen schon damals zu Tage gekommen waren. Die neuen
Schriften dieser Art besaßen nicht die Originalität von Schlegel’s
„Lucinde“. Nur wer diese vergessen hatte, konnte jene für neu halten.
Man wiederholte in tumultuarischer Weise, was in der Sturm- und
Drangperiode und später gesagt worden war.

Auch die literarischen Productionen der jüngsten Schule bewegten sich
nur auf engem Raume. Es waren lyrische Lieder oder Kritiken, immer
wieder Charakteristiken von Personen und Zuständen der Gegenwart, ein
unaufhörliches Sprechen über die Literatur. Oder man benutzte die
Novelle, weil man hier den ganzen Inhalt politischer und socialer
Polemik ausschütten konnte. Die Novelle lernte man von Tieck behandeln
und gebrauchen, wie man das literarische Raisonnement von den Schlegel
gelernt hatte.

Während die Neuerer Goethe als einen höfischen Dichter anklagten, der
des Sinnes für Freiheit und volksthümliche Entwickelung entbehre,
machten sie vorzugsweise Schiller, als den Dichter der Sittlichkeit
und des Fortschrittes der Menschheit, zu ihrem Helden. Noch heftiger
waren die Angriffe auf die romantischen Dichter, die jetzt den
vollen Rückschlag ihrer eigenen Einseitigkeit erfuhren. Sie hatten
Ritterthum und Mittelalter besungen und oft carikirt, dafür wurden
sie als Träger des Servilismus, als Feinde des Volks bezeichnet. Sie
galten für Kryptokatholiken, Vertheidiger der geistigen Unfreiheit
und Obscuranten. Romantisch hieß alles, was der freien Entwickelung
zuwider war, und Romantik war planmäßige Verfinsterung. Diese Anklagen
nahmen einen systematischen Charakter an, je mehr sich ihrer die
letzten Jünger der Philosophie bemächtigten. Hier sollte der neueste
Fortschritt logisch erwiesen und die Nothwendigkeit dargethan werden,
daß vorerst unter den alten Größen aufgeräumt werden müsse. Der
philosophische und politische Radicalismus trat auf. In voller Stärke
erschien er in dem Kriegsmanifest, welches die „Hallischen Jahrbücher“
gegen die Romantik, und Alles was damit zusammenhing, erließen.

Diese Feindseligkeit der jüngern Schriftsteller sammelte sich immer
entschiedener auf Tieck. Manche mochten bei ihm Sympathien erwartet
haben, eine Voraussetzung, die sich als irrthümlich erweisen mußte.
Er hatte das Wort gegen die falsche Frömmigkeit ergriffen, andere
Thorheiten der Gegenwart gelegentlich berührt, und von seinen eigenen
überfrommen Anhängern sich abgewendet. Noch viel kecker war der
Ton seiner Jugenddichtungen. Aber niemals hatte er dem politisch
literarischen Radicalismus gehuldigt. Die Ueberzeugung, daß Misbräuche
vorhanden seien, welche Abhülfe erforderten, gab noch kein Recht, die
Grundlagen des Staats selbst anzutasten. Eben weil der Mensch nur in
der geordneten Gesellschaft zum echten Menschen werden kann, ist es
nothwendig, ihre Formen mit heiliger Scheu zu behandeln. Wer immer nur
das Einzelne tadelte und angriff, bewies, daß er für das Ganze keinen
Sinn hatte, und löste auf, ohne etwas besseres dafür geben zu können.
Diese Ansichten sprach er wiederholt mündlich und schriftlich aus.

Die jüngern Kritiker behandelten den Glauben an Tieck’s dichterischen
Genius als Aberglauben, seinen Einfluß auf die Literatur als ein
Unglück, ihn selbst als einen Abtrünnigen, als gewandten aber
gesinnungslosen Taschenspieler, der mit seiner Ironie ein kindisches,
oder boshaft perfides Spiel treibe. Alle möglichen Schmähungen, aus
allen Winkeln hergeholt, wurden auf ihn gehäuft. Er selbst ließ sich
durch dieses wüste Geschrei nicht beirren. Er kannte diese Anklagen
und Vorwürfe aus alter Zeit, sie erschienen nur mit neuen Stichwörtern
ausgerüstet. Die vergessene Aufklärung war diesmal im Bunde mit dem
neuen Liberalismus und darum doppelt intolerant. Jede Gelegenheit ward
von den Parteiblättern zu Verunglimpfungen oft der niedrigsten Art
benutzt. Selbst seine körperliche Gebrechlichkeit wurde nicht geschont.

Dennoch geschah es, daß er die Gegner in seinem Hause sah, um
Erfahrungen mit ihnen zu machen, die noch weniger erbaulich waren.
Offen und unbefangen, häufig auch unbekannt mit dem augenblicklichen
Einflusse der gefürchteten Tagesschriftsteller, nahm er manchen auf,
der sich dem berühmten Manne demüthig nahte. Nicht selten las er bald
darauf in irgendeinem öffentlichen Blatte das Gespräch, welches er
geführt hatte. Man conterfeite ihn und seine Umgebung, man schalt ihn
absprechend, hochmüthig, unfähig andere Meinungen zu ertragen, man
verdrehte seine Worte, kritisirte sie, oder hatte sie misverstanden.
Da alles öffentlich sein sollte, mußte auch das unbefangene Wort, das
ein bekannter Mann gesprochen hatte, sogleich in die Oeffentlichkeit
kommen. Einst übersandte ihm ein Tagesschriftsteller ein Drama mit der
Bitte um ein anerkennendes Urtheil und Darstellung auf der dresdener
Bühne. Wirklich äußerte er sich beifällig darüber. Doch bald änderte
der Verfasser seine Politik und ließ nun drucken, er selbst sei an
seinem Stücke irre geworden, als er gehört habe, es sei von Tieck
gelobt worden.

Ein anderes Mal lehnte er den Besuch eines Publicisten den er früher in
seinem Hause gesehen, ab, weil er sich, wie oft, in einem leidenden
Zustande befand, der die Unterhaltung mit Fremden nicht erlaubte.
Sogleich schrieb dieser einen drohenden Brief, mit der Anzeige, er
werde dieser Beleidigung zu seiner Zeit eingedenk sein. Ein anderer
wollte gar eine Art von Conspiration gegen ihn zu Stande bringen.
Er besuchte einen namhaften Mann im südlichen Deutschland, dessen
Verbindung mit Tieck er nicht kannte, und trug ihm vor, wie alle
literarischen Kräfte sich einigen müßten, um Tieck in der Meinung des
Publicums zu stürzen.

Mit nichtachtender Großartigkeit ließ er diese Flut von
Verunglimpfungen über sich ergehen. Nur den heitern Gleichmuth und
die scherzende Laune der Poesie setzte er ihr entgegen, und auch hier
führte er nicht allein seine, sondern auch Goethe’s Vertheidigung. Die
nüchternen Philister alten Schlages waren ausgestorben, nun war es
nöthig ihn gegen die modernen Philister in Schutz zu nehmen, welche
seinen Standpunkt längst überwunden zu haben glaubten. Den Vandalismus
der kritischen Bilderstürmer, das Literatenthum, die Einseitigkeit
dieser politischen Glaubenssätze, die Intoleranz und dichterische
Unfruchtbarkeit, dies Alles stellte er in Andeutungen oder Ausführungen
in einigen spätern Novellen dar. Zu diesen gehörten „Der Mondsüchtige“,
„Die Reise ins Blaue“, „Die Vogelscheuche“, „Der Wassermensch“,
„Liebeswerben“.

So oft behaupteten die neuen Kritiker, daß es mit ihm und seinen
Dichtungen vorüber sei. Neben den polemischen bewiesen andere Novellen,
daß die Dichterquelle immer noch frisch und reich sprudele. Einen
wahrhaft volksthümlichen Dichter verherrlichte er in Camoens, der
getragen von einem glänzenden, ritterlichen und ruhmreichen Volksleben,
in dessen Mitte verkannt, still und einfach, ja als Bettler lebt,
der zufrieden, den Ruhm seines Vaterlandes, das sich nicht dankbar
erwies, besungen zu haben, mit dessen Unabhängigkeit stirbt. Die
Sehnsucht des Phantasus erkennt man wieder in der „Reise ins Blaue“.
Wie die Cevennen, eröffnet „Der Hexensabbath“ die Abgründe religiöser
Schwärmerei, und tiefsinnig und versöhnend ist „Der Schutzgeist“.

Daneben vollendete er andere literarische Arbeiten. Er übersetzte
die vier altenglischen Schauspiele, welche er gegen die hergebrachte
Kritik Shakspeare zuschrieb. Auch war er immer noch bereit, jüngeren
Freunden den Eintritt in die Literatur durch ein empfehlendes Wort
oder ausgeführtere Einleitungen zu erleichtern. In dieser Zeit gab er
Eduard von Bülow’s literarische Sammlungen und Uebersetzungen heraus.
Er erneuerte das Andenken seiner im Jahre 1833 gestorbenen Schwester,
deren letzten Roman „St.-Evremont“ er veröffentlichte. Endlich empfahl
er die ersten novellistischen Versuche eines vielversprechenden
jugendlichen Talentes, welches unter dem Namen Franz Berthold auftrat.



8. Anerkennung.


Zu allen Zeiten war Tieck von den Wortführern und Anhängern
herrschender Richtungen in Philosophie, Religion und Politik
angegriffen worden, weil er stets der überflutenden Strömung
entgegentrat und jeder einseitigen Gleichmacherei sich widersetzte.
Um so häufiger fand er Freunde unter den Naturen, welche, wie er
selbst, ihr eigenes Wesen der im Augenblicke geltenden Stimmung nicht
unterordnen wollten. Die scharf ausgeprägten Persönlichkeiten konnten
sich in manchen Punkten um so eher verständigen und einander nähern,
je weniger sie darauf rechneten sich gegenseitig zu bestimmen. Das
Eigene und Originale, das wodurch der einzelne Geist gerade das
war, was er war, hatte ihn überall am meisten angezogen. Auch jetzt
gewann er manchen neuen Freund. Schon früher war er mit einem Manne
in Berührung gekommen, dessen Gegensatz gegen die Richtung der Zeit
der schärfste war. Vereinzelt, und trotz zahlreicher Productionen
wenig beachtet, war die Stellung S. Wiese’s, der es sich zur Aufgabe
machte, das christliche Dogma in Drama und Roman darzustellen. Es
war eine bestimmte Auffassung des Christenthums, welche zugleich das
höchste Kunstprincip sein sollte. Obgleich Tieck hier Talent und Ernst
anerkannte, so war er, fortgesetzter Ausgleichungsversuche ungeachtet,
nicht im Stande, diese Ansichten zu theilen. Doch es bestand zwischen
beiden ein freundschaftliches Verhältniß, welches auf gegenseitiger
Anerkennung des Eigenthümlichen ruhte.

Ein männlich kräftiger und stark ausgeprägter Charakter war Immermann.
Auch seine Stellung war eine abgesonderte und eigenthümliche. Obgleich
angeregt durch die Nachwirkungen der romantischen Poesie, war er weit
davon entfernt, sich ihren hergebrachten Glaubensartikeln zu beugen,
oder Anhänger irgendeines Systems zu sein. Seine Dichtung, das ihm
verliehene Talent wollte er ausbilden, und fern von dem allgemeinen
Strome suchte er seinen eigenen Weg zu gehen. Darum fanden seine ersten
Werke keinen Anklang, sie erschienen hart, dunkel und schwerfällig. Im
Jahre 1820 besuchte er Tieck zum ersten Male, bald darauf übersandte er
ihm eines seiner Trauerspiele. Sogleich erkannte Tieck in dem damals
noch sehr jungen und bescheiden auftretenden Manne eine eigene Natur.

Indem Immermann unter manchen Angriffen sein Talent weiter ausbildete,
ward er zu einem markirten Charakter, der sich Anerkennung erzwang.
Nach längerer Unterbrechung knüpfte er die Verbindung mit Tieck wieder
an, und aus fortgesetztem Briefwechsel und wiederholten Besuchen
erwuchs eine Freundschaft zweier verschiedener aber ebenbürtiger
Geister. Er besaß ein männliches starkes Selbstvertrauen, in seinem
Wesen lag etwas Kampfbereites, Zornglühendes. Er konnte schroff
und bitter sein, Manche wollten ihn dämonisch unheimlich finden.
In steigendem Maße gewannen seine Dichtungen Tieck’s Theilnahme,
besonders der zweite Theil des „Alexis“, an dessen Aufführung man in
Dresden dachte, die indeß aus manchen Rücksichten unterbleiben mußte.
Seinen „Merlin“ las Immermann während eines Besuches 1831 vor. Später
übersandte er die „Epigonen“, dann den „Münchhausen“, in dem Tieck
den ausgezeichnetsten Roman der Gegenwart anerkannte. Einen andern
Einigungspunkt bildete das Theater, an dessen Hebung und künstlerische
Fortbildung Immermann glaubte, und für die er mit eifriger und
aufopfernder Thätigkeit arbeitete. Als er die Leitung der düsseldorfer
Bühne übernommen hatte, ließ er 1835 Tieck’s „Blaubart“ aufführen, was
ihm Dichter und Schauspieler ebenso sehr wie die Zuschauer dankten.

Schon vor 1830 hatte Tieck’s geselliger und freundschaftlicher
Kreis ein neues Mitglied in der Verfasserin der Novellen gewonnen,
welche später unter dem Namen Franz Berthold erschienen. Unter den
zahlreichen deutschen Schriftstellerinnen ist Adelheid Reinbold eine
der begabtesten, und doch ist kaum eine weniger anerkannt worden. Was
sie besaß und vermochte, selbst ihre Dichtungen, hatte sie dem Leben
in hartem Kampfe abgerungen. Schon als junges Mädchen war sie auf
sich selbst, auf ihre eigene Kraft angewiesen. Sie stammte aus einer
hannoverischen Beamtenfamilie, in der, wie nicht selten in den mittlern
Ständen, Bildung, Anlage und Lebensansprüche nicht durch genügende
Mittel unterstützt werden konnten. Früh machte sie manches verborgene
Leiden durch. Dennoch erwarb sie reiche Kenntnisse in Sprachen und
Wissenschaft, und suchte sich dadurch eine selbständige Stellung zu
schaffen. Zuerst hatte sie in Rehberg’s Familie eine freundschaftliche,
und für ihre Ausbildung folgenreiche Aufnahme gefunden, dann ging
sie nach Wien, wo sie im Hause des Bankiers Pereira sieben Jahr als
Erzieherin lebte, und zugleich in die Welt der großen Gesellschaft
eingeführt wurde. Als sie ihre Aufgabe gelöst hatte, schied sie mit
einer Pension aus, und ging nach Dresden, wo sie Tieck kennen lernte.

Sie war eine glänzende Erscheinung, schön, lebhaft, geistreich, von
seltener Schnellkraft und Thätigkeit, und im vollsten Besitze der
modernen geselligen Bildung. Berufen für das Leben in der großen Welt,
war sie an die engsten und beschränktesten Verhältnisse gebunden.
Sie war fern von jeder Weichheit und Sentimentalität, und besaß eine
männliche Kraft des Talentes. Zu weiterer Fortbildung, zu eigenen
Schöpfungen fühlte sie sich hingedrängt, sie wollte aussprechen, was
sie in sich und unter schweren Verhältnissen erlebt hatte. Zuerst
theilte sie Tieck ein Trauerspiel „Saul“ mit, welches sie auf seinen
Rath mehrfach umarbeitete, dann ein zweites „Semiramis“. Auch in der
Novelle versuchte sie sich mit dem besten Erfolg. Sie verstand es
Gestalten zu schaffen, die Bewegung anschaulich zu machen, was sie
darstellte, lebte; manches war von ergreifender Wirkung. Auch Malerin
war sie, indeß eine eintretende Schwäche der Augen machte ihr eine
weitere Ausbildung unmöglich. Mit den künstlerischen und literarischen
Studien wußte sie auch praktische und häusliche Gewandtheit zu
verbinden.

Zu ihrer Familie nach Mariensee zurückgekehrt, empfand sie das
Drückende ihrer Lage tief. Sie wollte vorwärts und wurde bei
jedem Schritte gehemmt. An der Seite einer hinsterbenden Mutter,
eines kränkelnden und aus dem Dienste geschiedenen Vaters, unter
zahlreichen jüngern Geschwistern, für die gesorgt werden sollte,
führte sie ein Leben des Leidens und Kummers. Von jedem anregenden
geistigen Verkehr, von den gewöhnlichsten literarischen Hülfsmitteln
war sie abgeschnitten. Dennoch ergriff sie das Anerbieten, welches
ihr gemacht wurde, für einige öffentliche Blätter, namentlich für
das „Morgenblatt“, Artikel zu schreiben. In diesem erschienen unter
angenommenem Namen ihre ersten Novellen. 1831 ging sie nach München, wo
sie eine Zeit lang in der Familie Schelling’s lebte. Doch nahm sie bald
nachher abermals eine Stelle an als Erzieherin in einem fürstlichen
Hause in Sachsen. Aber diese Verhältnisse erforderten ein volles
Aufgeben ihrer Selbständigkeit und ihres Talents, und beide wollte
sie sich bewahren. Sie wagte es, sich eine unabhängige literarische
Stellung zu begründen. Da sie an allgemeinen und wissenschaftlichen
Fragen den lebhaftesten Antheil nahm, so begann sie auch Kritiken zu
verfassen, die sich durch reifes Urtheil, Schärfe und schlagenden
Witz auszeichneten. Sie erschienen in den „Blättern für literarische
Unterhaltung“.

Der politische Umschwung des Jahres 1830 machte auch auf sie tiefen
Eindruck. Mit gespannter Erwartung folgte sie den auswärtigen
Verhältnissen und den Verfassungskämpfen im südlichen Deutschland.
Unter diesem Einflusse stellte sie in der erst später erschienenen
dramatisirten Novelle „Der Prinz von Massa“ einen Volkshelden dar, den
die Popularität zum Führeramte erhebt, ihn aber vernichtet, als er
sich ihm nicht gewachsen zeigt. Daran schloß sich ein zweites Drama
„Masaniello“, welches sie anonym an Rotteck schickte, mit der Bitte
den Druck zu vermitteln, weil sie in ihrer Heimat nicht hoffen könne,
die Strenge der Censur zu überwinden. Rotteck’s Antwort bewies, daß
er in dem Verfasser einen liberalen Parteigenossen vermuthete. Seit
1834 lebte sie in Dresden, wo sie einen ihrer jüngern Brüder auf
die Militäranstalt gebracht hatte. Mit voller Selbstverleugnung und
Aufopferung verwandte sie ihr Talent, um die Ihren zu unterstützen;
sie selbst beschränkte sich auf das Nothwendigste. In der Familie
eines einfachen Handwerkers hatte sie sich eingemiethet, deren kleines
häusliches Leben sie theilte. Auf ihrem Zimmer schrieb sie Dramen,
Novellen und Kritiken, und in der Gesellschaft erschien sie als
Weltdame. Jetzt ward sie in Tieck’s Familie heimisch. Ihm selbst fast
leidenschaftlich ergeben, war sie ein belebendes Element der Kreise,
welche sich bei ihm versammelten. Sie beherrschte die Unterhaltung
vollkommen, mochte ihr der Diplomat oder Philosoph, der Engländer,
Franzose oder der deutsche Dichter gegenüberstehen. Stets erschien sie
heiter, witzig, sprühend. Sie war ein Gegenbild zu Tieck’s Tochter
Dorothea, die nicht minder talentvoll, ja gelehrt, einfach und
tiefsinnig neben dieser glänzenden Erscheinung stand.

Als treuer Hausfreund schloß sich um diese Zeit auch Eduard von Bülow
an, der auf manche Seiten von Tieck’s literarischen Studien eifrig
einging und sie auszuführen suchte.

Im Spätherbst 1834 gewann Tieck einen andern Freund in dem Bildhauer
David, der selbst Gegenstand der Theilnahme und Bewunderung ward. Es
konnte überraschen, daß ein ausgezeichneter französischer Künstler
allein durch seine Neigung für deutsche Literatur und die entschiedene
Vorliebe für einen Dichter nach Dresden geführt worden war. Tieck’s
ältere phantasievolle Dichtungen hatte er sich mit künstlerischer Wärme
angeeignet. Es lebte in ihm deutsches Gefühl. Man konnte den Franzosen
leicht vergessen; auch seine äußere Erscheinung verrieth ihn kaum. Er
war untersetzt, blond und hatte blaue Augen. Sein Gesicht hatte durch
Blatternarben gelitten, aber es war weder entstellt noch abstoßend,
eine tiefe Glut zuckte darüber hin, wenn er lebhaft ward. In Dresden
selbst ließ er ein Denkmal seiner Kunst zurück. Er modellirte Tieck’s
Kopf in kolossalem Maßstabe, die in Marmor ausgeführte Büste übersandte
er ihm zwei Jahr später als Geschenk zu seinem Geburtstage. Es war ein
Kunstwerk, welches durch Großartigkeit der Auffassung und Ausführung
allgemeine Bewunderung gewann. Zugleich war es ein Denkmal der edelsten
Gesinnung und der Versöhnung, welche selbst in Zeiten feindlicher
Aufregung die nationalen Gegensätze auf dem höhern Gebiete der Kunst
finden. Tieck schenkte später die Büste der königlichen Bibliothek
in Dresden, in deren großem Saale sie aufgestellt ist. Ein zweites
Exemplar übergab der Künstler seiner Vaterstadt Angers, wo schwerlich
je ein deutscher Dichter in dieser Weise gefeiert worden ist. Auch
fertigte er eine kleine Statuette an, Tieck in ganzer Figur auf dem
Sessel sitzend.

Diese Kunstwerke veranlaßten zugleich die Entstehung eines andern. Der
Maler Vogel, in dessen Atelier David gearbeitet hatte, entlehnte daraus
das Motiv zu einem Genrebilde. Er stellte Tieck und David nebeneinander
dar. Jener sitzt auf einem erhöhten Stuhle, hinter dem seine Tochter
Dorothea steht, vor ihm David an dem fast vollendeten kolossalen Kopfe
formend. Beide sind umgeben von einem Kreise zahlreicher Freunde,
welche die Arbeit des Künstlers aufmerksam verfolgen. In einer Ecke
steht der Maler, er ist im Begriff, die ganze Gruppe aufzunehmen. Bald
darauf vollendete Vogel ein zweites Bild Tieck’s in Lebensgröße. Auch
Friedrich Tieck modellirte um diese Zeit eine Büste seines Bruders, und
auch ein zweites Porträt von Stüler folgte.

Zu diesen Anerkennungen gesellten sich andere. Die königliche Familie
zeichnete ihn durch Aufmerksamkeiten in mancher Weise aus. Auch am
Hofe schätzte man die Kunst des Vorlesers, und es geschah wol, daß
er vor dem Könige Friedrich August oder auch bei der Anwesenheit
fremder Fürsten las. Auch in weitern Kreisen besaß er immer noch
Freunde, welche trotz aller Angriffe jüngerer Kritiker in ihm das
Haupt der deutschen Dichtung ehrten. Ein Jahr nach dem Tode Goethe’s,
am 31. Mai 1833, wurde in Berlin eine öffentliche Feier seines
Geburtstages veranstaltet. Er war jetzt sechzig Jahre alt. Mehrere
Hundert seiner Freunde und Verehrer hatten sich zu diesem Acte der
Huldigung versammelt. An ihrer Spitze standen Raumer, Rauch, Häring
und Holtei; den Haupttoast brachte Steffens aus und begleitete ihn mit
einer längern Rede, in welcher er Tieck’s Einfluß auf die deutsche
Dichtung entwickelte. Der Mittelpunkt der Feier war die Recitation des
Vorspieles zum „Octavian“, zu der sich die bedeutendsten Schauspieler
der beiden berliner Bühnen vereint hatten. Der Dichter, der so oft die
Romanze besungen hatte, wurde jetzt von ihr gefeiert.

Ein Jahr später, abermals an seinem Geburtstage, ließ ihm der König von
Baiern durch seinen Geschäftsträger den Civil-Verdienstorden mit einem
eigenhändigen Schreiben, König Ludwig dem Meister Ludwig, überreichen.
Später folgten andere Orden, Patente und Ehrendiplome. Es waren reiche
äußerliche Ehren, die ihm bewiesen, daß er nicht vergessen sei. Diese
Auszeichnungen deuteten auf ein Leben voll reicher Wirksamkeit,
aber sie wiesen auch darauf zurück als auf ein vergangenes, hinter
ihm liegendes. Wenn er alle diese zusammentreffenden Anerkennungen
überblickte, so schien es ihm, als wenn sie ihn an den Abschluß mahnen
sollten, und der Kreislauf sich erfüllt habe.



9. Auflösung.


Eine trübe Stimmung beherrschte ihn, als er sich im Sommer 1836 zur
Reise nach Baden-Baden anschickte, das er schon 1830 und 1834 besucht
hatte. Bei seiner stets regen Reiselust, war es ihm nie widerfahren,
daß er unter so ängstigender Beklemmung gegangen wäre, als damals.
In bedenklichem Krankheitszustande ließ er seine Frau zurück. Er
glaubte sie nicht wiederzusehen, denn er schied fast mit der stillen
Ueberzeugung, daß er selbst von dieser Reise nicht zurückkehren werde.

Wenig fehlte, so hätte diese Ahnung Recht gehabt. Bei Wiesloch hinter
Heidelberg auf dem abschüssigen Straßendamme gingen die Pferde durch,
der Wagen wurde gegen eine Mauer geschleudert, und bewußtlos zog man
ihn unter den Trümmern desselben hervor. An der rechten Seite der Stirn
und im Nacken war er lebensgefährlich verwundet. Man schaffte ihn
zunächst nach dem Wirthshause in Wiesloch, wo mit Hülfe des dortigen
Arztes der erste Verband angelegt wurde, einen zweiten Arzt holte man
aus Heidelberg herbei. Sobald es sein Zustand verstattete, setzte man
in Begleitung eines Arztes die Reise fort. In Baden-Baden konnte für
alle erforderlichen Hülfsmittel gesorgt werden. Sechs Tage wurden
unter Fieber und Schmerzen die Eisumschläge fortgesetzt, denn bei der
Stärke des Falles fürchtete man eine Gehirnerschütterung. Auch dieses
Mal kämpfte sich seine gute Natur durch, und der Gebrauch der Bäder
förderte die Genesung. Doch behielt er ein Wahrzeichen dieses Unglücks.
Den Halswirbeln blieb eine Steifigkeit zurück, die eine etwas schräge
Stellung des Kopfes verursachte, und zugleich an der Stirn eine Narbe.
Es war ein trauriges Wiedersehen, als er im Herbst schwächer, leidender
und mit vermehrten Schmerzen zu den Seinen zurückkehrte.

Auch hier fand er Krankheit. Schon seit Jahren hatte sich bei seiner
sonst so kräftigen Frau ein Krankheitszustand entwickelt, der mit
Wassersucht endete. Mit günstigem Erfolge überstand sie mehrere
Operationen, man glaubte auf Besserung hoffen zu dürfen, doch Schwäche
und Entkräftung wuchsen, ihr Leben neigte dem Ende zu.

Die langwierige Krankheit der Mutter, das gesteigerte Siechthum des
Vaters, der Verlust mancher Freunde, und die wachsenden geistigen
Wirren gaben auch dem Ernste, welcher in Dorothea’s Charakter lag,
reichen Stoff. Eine dunkle Schwermuth legte sich um ihre Seele. Sie
sah in dem Leben eine Schule fortgesetzter Entsagung, und in dem
vernichtenden Wechsel alles Irdischen und dem Verluste dessen, was dem
Herzen am theuersten ist, fand sie nur einen Trost, der Stand halte,
und nur Eines, was noth sei. Denn welche Sicherheit vermochte dieses
glänzende, eine Zeit lang blendende Leben zu gewähren? Jugend und
Gesundheit, mit ihren reichen Hoffnungen waren dahingeschwunden. Hatten
Poesie und Kunst den innern Zwiespalt heben, die Wunden heilen können?
Ein herbstlicher Reif war auf den Frühling der Poesie gefallen, und
öde, kalt und traurig lagen die einst reichen Blumengefilde da. Und
gab es denn überhaupt eine Zukunft auf Erden? Jede Zukunft wird einst
Vergangenheit. Nur in Einem heben sich alle Gegensätze auf, nur in
Einem hört Freude und Leid auf ein schmerzlicher Wechsel zu sein, im
Glauben.

Unermüdlich pflegte sie ihre Mutter; sie stand ihr zur Seite während
der schmerzhaften Operationen, sie saß an ihrem Bette, sie umgab
sie Tag und Nacht, und freute sich jedes freiern und erträglichern
Augenblicks. Er ward ihr stets ein neues göttliches Geschenk, und darum
schien es ihr eine Wohlthat, daß es auf Erden keinen dauernden Besitz
gebe. Sie sah in den Leiden eine fortwährende Erlösung, und in jedem
Schmerze eine tiefere Einführung in die göttlichen Geheimnisse.

Endlich fiel der lange gefürchtete Schlag. Am 11. Februar 1837 erlag
Tieck’s Frau ihrer Krankheit. Für alle war es ein schwerer Verlust.
Dorothea fühlte, eine Hälfte des Lebens sei von ihr losgerissen. Sie
wußte, was sie ihrem kranken, tiefgebeugten Vater sei, daß sie für ihn
leben müsse, daß er sie nicht entbehren könne, dennoch ward es bei ihr
zur Ueberzeugung, daß auch ihr Tod nicht mehr fern sei. Ihr Leben war
eine fortgesetzte Vorbereitung darauf.

Nicht, daß sie jede Thätigkeit aufgegeben hätte, vielmehr eifriger
ward sie als je, jede Minute Zeit kaufte sie aus, aber alle Thätigkeit
hatte nur einen Zweck, nur ein Ziel. Ihre literarischen Arbeiten und
Studien sah sie als eine ihr auferlegte Pflicht an. Nicht lange vor dem
Tode der Mutter hatte sie die Uebersetzung der „Leiden des Persiles
und der Sigesmunde“ beendet. Jetzt übernahm sie auf Raumer’s Rath, und
unter seiner Leitung, die Bearbeitung von Spark’s „Leben und Briefen
Washington’s“. Auch die Beschäftigung mit den alten Sprachen setzte
sie fort, aber immer mehr gewann dieses Studium einen religiösen,
kirchlichen Charakter. Sie las die Schriften des heiligen Bernhard,
der heiligen Therese, dann das neue Testament im Urtexte, endlich
lernte sie Hebräisch. Auch ihre Theilnahme an den Künsten, besonders
der Musik, hatte diese Richtung. Sie studirte Generalbaß, um die alten
kirchlichen Meister zu verstehen. Mit tiefster Erschütterung hörte sie
Bach’s Passion; dann glaubte sie, wie sie sagte, am Kreuze Christi
selbst zu stehen. Denn was war alles Wissen? Ihr Wahlspruch ward:
„Christum lieb haben ist besser denn alles Wissen.“

Eine kirchlich praktische Thätigkeit wollte sie sich schaffen. Mit der
Frühmesse begann sie ihren Tag. Die erste im Hause erhob sie sich,
und eilte jeden Morgen um sechs Uhr zur katholischen Kirche. Mit der
Laterne ging sie im Winter über die dunkeln Plätze und Straßen; die
Jahreszeit machte keinen Unterschied, nicht Wind, nicht Wetter scheute
sie. Dann erst fing ihr weltlicher Tag an. Sie ward Mitglied eines
katholischen Frauenvereins, und übernahm in einer Armenschule den
Unterricht in weiblichen Handarbeiten. Hier saß sie oft des Nachmittags
in der Mitte verwildeter Mädchen, und suchte sie in den ersten
Handgriffen zu unterrichten. Für die Aermsten unter ihnen fertigte sie
zu Hause die nothwendigsten Kleidungsstücke an. Sie that abermals einen
tiefen Blick in das menschliche Leben. Wie viel leibliches Elend, wie
viel geistige Noth und Versunkenheit gab es in diesen dunkeln Regionen.
Den Lehren und Heilsmitteln ihrer Kirche gab sie sich ganz hin, Symbole
und Cultus umfaßte sie mit vollem Glauben, die Kirche war das Heil und
der Trost, sie der Fels, der Rettung verhieß, wenn die Welt um sie her
versank.

Während sie so auf den Tod bedacht war, riß er ein anderes volles,
blühendes Leben von ihrer Seite. Unerwartet starb am 14. Februar 1839
Adelheid Reinbold. Auch sie trug manchen Kummer im Herzen, aber sie
stellte der Noth des Lebens den Kampf entgegen, und suchte die Welt
in der Welt zu bezwingen. Obgleich niedergedrückt durch die geringe
Anerkennung, welche ihre Dichtungen im Allgemeinen fanden, hoffte
sie dennoch, und jetzt mehr als früher. Ihre letzte Novelle in der
„Urania“ war beifällig aufgenommen, und die ersten Bogen ihres „König
Sebastian“ ihr soeben zugesandt worden. Da nahm ein leichtes und wenig
beachtetes Halsübel plötzlich eine lebensgefährliche Wendung. Es ward
zur brandigen Bräune; in acht Tagen war sie todt.

Ein jäher Schreck traf alle Freunde. Mitten aus einer vollen, wenn
auch oft angestrengten Thätigkeit, in der Blüte der Jahre war sie
hingerafft worden. Durch ihre Heiterkeit, ihre lebhafte und geistvolle
Unterhaltung, ihre hülfreiche und entgegenkommende Theilnahme bei
allen Vorfällen des Lebens hatte sie sich ihren Freunden unentbehrlich
gemacht. Eine zweite nicht zu füllende Lücke war entstanden. In
Tieck’s geselligen Kreisen begann es stiller zu werden. Ihre Grenzen
zogen sich enger zusammen, mehr auf die ältesten und vertrautesten
Freunde beschränkte man sich. Das sonst an Abwechselungen reiche
Leben nahm eine eintönige und dunkle Farbe an. Todesfälle, steigende
Kränklichkeit, das Unbefriedigende der literarischen Verhältnisse
vereinten sich, um die trübe Stimmung zur herrschenden zu machen.

Auch das Theater gewährte keine Zerstreuung mehr. Einen Kunstgenuß,
selbst ein augenblickliches Vergnügen hatte Tieck seit vielen Jahren
dort nicht mehr gesucht, aber immer noch hatte er ihm seine Theilnahme
erhalten. Er suchte zu fördern, zu helfen, er wünschte das Gute zu
entwickeln, wo es sich noch zeigte, er warnte vor Uebelständen, die
der Verderb der Bühne werden mußten. Die glänzenden Gestalten, welche
seine Jugenderinnerung bewahrte, waren freilich nicht herzustellen,
aber er ward doch nicht müde, darauf hinzuweisen und eine Annäherung
zu versuchen. Immer noch sah er in dem Theater eine wichtige, und für
das Volk bedeutsame Anstalt, welcher er durch seine Erfahrung und
Kenntniß zu nützen dachte. Aber auch dies Interesse erlosch. Er begann
sich von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen, er ward
gleichgültig und theilnahmlos.

Sonderbares Geschick der größten deutschen Dichter, die in
glaubensvoller Begeisterung einen Theil ihres Lebens an dieses Institut
setzten, um es zu einer künstlerischen und sittlichen Schule zu machen,
und sich dann enttäuscht, verstimmt, voll Entrüstung, ja Verachtung
von demselben abwandten! Voll Bitterkeit hatte Lessing über den
gutherzigen Einfall gelacht, ein nationales Theater haben zu wollen, da
wir Deutsche ja noch keine Nation seien; umsonst hatte Schiller sich
gemüht, Goethe hatte die Breter vor einem Hunde räumen müssen, und
Immermann gab seine mit jugendlichem Muthe unternommenen Versuche bald
wieder auf. Keiner von ihnen hatte an der ausübenden Kunst des Theaters
selbst mehr Antheil, Keiner hatte einen größern Glauben gehabt als
Tieck, und wie er das Theater ein ganzes Leben hindurch verfolgt; und
auch er nahm die Ueberzeugung von der vollständigen Versunkenheit der
Bühne mit sich fort. Siebzig Jahre nach Lessing, nach Schiller, nach
Goethe und seiner eigenen langen Thätigkeit kam er auf die Grundfrage
zurück, ob die Deutschen überhaupt eine dramatische Nation seien. Er
war geneigt, diese Frage mit Nein zu beantworten!

Dichter und Schauspieler, Publicum und Kritiker sah er einer gleichen
Verwilderung entgegengehen. Wie viel schlimmer war es nicht in den
letzten dreißig Jahren seit Müllner geworden! In Müllner erkannte Tieck
ein starkes, fast massives und handfestes Talent; um so übler war
es, wenn es sich verirrte und das Publicum mit allen Schreckmitteln
bearbeitete. Die Flut der Schicksalstragödien brach ein. Auf Müllner
folgten Grillparzer und Houwald und andere Nachahmer. In diesen Dramen,
wo die sittliche Freiheit aufhörte, sollte das Verbrechen als solches
interessiren, es sollte Tragik, Poesie sein! Das Rohe, das Gräßliche
verband sich mit dem Abgeschmackten, und sich selbst überschlagend,
machte es beinahe eine komische Wirkung. Sonderbar ging die antike
Schicksalsidee mit Calderon’s Wunderglauben zusammen, und beides wurde
in das alte pedantische Schema der drei Einheiten hineingezwängt.

In grellerm Contraste stand damit die leichte Fabrik- und Dutzendarbeit
der französischen Vaudevilles, mit denen der deutsche Markt nicht
minder überschwemmt wurde, und die trocken docirenden historischen
Trauerspiele der folgenden Jahre. Der Prunk in Oper und Ballet, die
Pedanterie des sogenannten historischen Costüms trugen dazu bei, die
Phantasie des Zuschauers träger zu machen. Und was sollte Tieck von
einem Publicum denken, das Stücke von Calderon und Shakspeare, die er
einstudirt hatte, auspochte? Eine armselige Rolle spielte die Kritik.
Ueberall Oberflächlichkeit, Halbwisserei, oft Unkenntniß des Ersten
und Unerläßlichsten. Um eine Theaterkritik zu schreiben, brachte, wer
soeben der Schule entlaufen war, immer noch genug mit. Nirgend galt es
der Sache. Schmähungen, durch irgendein Parteiinteresse eingegeben,
wechselten mit abgeschmackten Liebeserklärungen, und Klatschgeschichten
wurden in den Correspondenzen gelesener Journale und obscurer
Winkelblätter breitgetreten. Mit Ueberdruß wandte sich Tieck von diesem
Treiben ab.

Auch seine persönliche Wirksamkeit am dresdener Theater erfuhr manche
Hemmung. Vieles davon kam auf Rechnung der allgemeinen Stimmung und des
Zeitgeschmacks, Anderes lag in Verhältnissen, die sich mit dem besten
Willen nicht ändern ließen. Er selbst war nicht immer im Stande, mit
gleichmäßiger Kraft einzugreifen. Der Vorwurf ward laut, er erfülle die
Erwartungen nicht. Dann stieß er bei Schauspielern und Kritikern auf
entschiedenen Widerspruch. Einige schlossen sich ihm freundschaftlich
an, Andere zeigten sich reizbar, rechthaberisch und eitel; sie glaubten
einer Leitung nicht zu bedürfen, und die Sache mindestens ebenso gut
zu verstehen. Sprach er einmal ein entschiedenes Wort, so erhob sich
der Ruf, daß er tyrannisch verfolge und unterdrücke, und durch alle
Instanzen hindurch, bis hinauf zu den höchsten, verklagte man ihn. So
fanden seine Ansichten, sein Vorlesen, sein Einstudiren der Rollen bei
denen, auf die er zunächst wirken sollte, vielleicht die geringste
Anerkennung. Der Gedanke, sich aus allen diesen Verwickelungen zu
befreien, und ein undankbares Geschäft aufzugeben, kam zur Reife.

Unter diesen Verlusten und Widerwärtigkeiten sammelte er dennoch Kräfte
zu einem größern Werke. Im Juli 1840 vollendete er die 1836 begonnene
„Vittoria Accorombona“. Es war seine letzte Dichtung. Er nannte es
nicht Novelle, sondern Roman; es war ein ausgeführtes Zeitbild, das
dem historischen Roman nach Walter Scott eine neue Richtung gab. Die
volle schöpferische Phantasie trat noch einmal hervor und führte in
die Welt verzehrender Leidenschaft und schwarzen Verbrechens ein.
Dies Bild Italiens am Ausgange des sechzehnten Jahrhunderts war
ein furchtbares Nachtstück, das an manche seiner Jugenddichtungen
erinnerte. Auch in dieser letzten seines Alters lag etwas Herbes,
Gewaltsames, Dämonisches. Er schilderte einen hohen, starken Charakter,
der inmitten einer verderbten und ruchlosen Zeit sich im Bewußtsein der
Kraft überhebt, und in den allgemeinen Sturz hinabgezogen wird. Auch
hatte dieser Stoff zuerst in der Jugend, vor fast funfzig Jahren, seine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein altenglisches Drama in Dodsley’s
Sammlung hatte ihn 1792 in Göttingen darauf hingeleitet.

Der Eindruck war ein getheilter. Indem man die frische Kraft des
Dichters anerkannte, wurde Einzelnes sittlich anstößig, das Ganze
im Geschmacke der sogenannten französischen Romantik gefunden. Die
strengsten Kritiker sahen ihn auf dem Wege, zu den Feinden überzugehen,
zu den Schriftstellern der Emancipation und des gesellschaftlichen
Radicalismus. Von Allem, was die Anklage so zuversichtlich gegen ihn
aussprach, wußte er sich frei, nichts davon hatte er gewollt oder
beabsichtigt.

Auch das Jahr 1840 war durch einen Todesfall bezeichnet. Immermann, der
fast dreißig Jahre jüngere Freund, starb in einem Augenblicke, wo er
zum ersten Male allgemeine Anerkennung fand. In seinem letzten Briefe
hatte er Tieck mitgetheilt, daß er mit der Erneuerung von „Tristan und
Isolde“ beschäftigt sei. Es war ihm nicht vergönnt, dieses Werk zu
vollenden.

Endlich erfüllte sich auch die Todesahnung, welche sich bei Dorothea
Tieck zur festen Ueberzeugung gesteigert hatte. Die Studien,
die häuslichen Beschäftigungen, ihre Wohlthätigkeit hatte sie
ununterbrochen fortgesetzt. Weder innere Bewegungen noch wankende
Gesundheit konnte sie bestimmen, von dem streng geregelten Gange ihrer
Zeiteintheilung abzuweichen. Im Anfange des Februar 1841 erkrankte
sie an den Masern. Als dies überwunden schien, trat plötzlich ein
Nervenfieber hinzu. Sie starb am 21. Februar, vierzehn Tage nach
der Erkrankung. Es waren dieselben Wochen, in denen vor zwei Jahren
Adelheid Reinbold, vor vier Jahren die Mutter gestorben war.

Vom ersten Augenblicke hatte Tieck das Schlimmste gefürchtet. Eine
tödtliche Angst und Unruhe quälte ihn. Mit diesem Leben wurde Vieles
von ihm losgerissen, sein eigenes wankte. Wie nimmer war seine Natur
in ihren Grundlagen angegriffen worden, es faßte ihn ein krampfhaftes,
zusammenpressendes Schmerzgefühl, das vergebens nach einem Ausdrucke
rang. Kalt, starr, thränenlos, ohne ein Wort oder irgendeinen Laut zu
finden, verbarg er sich in dem entlegensten Zimmer. Keinen Menschen
wollte er sehen, keinen Zuspruch hören; die Stunden, Tag und Nacht
gingen gleichgültig und unbemerkt an ihm vorüber. Für seine Umgebung
hatte dieses stumpfe Hinstarren etwas Schreckenerregendes. Am Tage der
Beerdigung übersandte die Königin einen reichen Blumenkranz. Als man
ihm davon Nachricht gab, fand er die ersten Thränen.

Tief bewegt waren seine zahlreichen Freunde, und die wenigen, welche
die schweren Kämpfe der Hingeschiedenen gekannt hatten. Wer wußte,
was sie dem Vater gewesen war, konnte zweifeln, ob er diesen Schlag
verschmerzen, und im Stande sein werde, das Leben noch fernerhin zu
tragen. Wie ihre Gesichtszüge ein Abbild der seinen waren, so besaß
sie einen Theil seines reichen Geistes; seine Liebe für Dichtung,
Sprachen und Literatur, die Beweglichkeit des Talents, die tiefe
Empfindung, den sinnenden Ernst und die dunkle Schwermuth, die ihm
so oft das Leben verhüllte. Sie hatte ihm zur Seite gestanden, sie
theilte seine Arbeiten und Studien und den dichterischen Ruhm. Konnte
er auch die Abgeschlossenheit ihres kirchlichen Glaubens weder
annehmen noch überall billigen, so war dieser Gegensatz doch nur
selten hervorgetreten, da sie bei aller Stärke der Ueberzeugung von
Unduldsamkeit fern war.

Seine Kränklichkeit nahm zu, das Alter war da, die besten Kräfte
dahingeschwunden; seine Arbeiten widerstanden ihm, das Leben ward ihm
zur Last. War es möglich, es noch lange in dieser Weise zu tragen?

Aber noch war das Ende nicht da. Noch ein letzter Act sollte beginnen.
Wenige Tage nach dem Tode der Tochter traf ein Brief aus Berlin ein.
Er brachte eine königliche Einladung, den Sommer in Potsdam zu wohnen.
Tieck’s Entschluß war gefaßt; er folgte diesem Rufe. Er wurde Berlin,
seiner Vaterstadt, wiedergegeben.



                             Fünftes Buch.

                         Der Tod des Dichters.

                              1841-1853.



1. König und Dichter.


Friedrich Wilhelm IV. hatte die Regierung angetreten. Es war ein
Ereigniß, dem man mit Spannung entgegengesehen hatte, und an welches
sich eine neue geistige Bewegung knüpfte. Auch auf die gegenwärtigen
Zustände der wissenschaftlichen und künstlerischen Welt konnte es
nicht ohne Einwirkung bleiben. Bekannt war die persönliche Theilnahme,
welche der König vornehmlich diesen Seiten des Lebens zuwandte. Man sah
bedeutenden Veränderungen entgegen, und hörte, daß er die berühmtesten
Männer, welche die deutsche Wissenschaft und Kunst aufzuweisen hatte,
in Berlin um sich zu versammeln gedenke.

Kein Augenblick war günstiger, um auch an Tieck zu erinnern, und
die oft besprochene Rückberufung nach seiner Vaterstadt endlich
durchzusetzen. Man wußte, daß der König schon in früherer Zeit
sich über seine Dichtungen mit voller Anerkennung ausgesprochen
hatte, daß er in ihm den letzten großen Vertreter einer glänzenden
Literaturperiode sehe, und an dem Menschen keinen geringern Antheil
nehme als an dem Dichter. Schon im Sommer 1840 hegten Tieck’s Freunde
in Berlin den Wunsch, daß diese Umstände zu einer Veränderung seiner
Stellung führen möchten. Soeben hatte er die „Vittoria Accorombona“
geendet. Es schien angemessen, daß er den neuesten Roman dem Könige
als Zeichen der Huldigung gerade in dieser Zeit übersende. Da er dessen
günstige Gesinnungen kannte, überwand er die natürliche Scheu, welche
ihn von allen Schritten der Art zurückgehalten hatte, um so eher. Es
war das erste Mal, daß er eine seiner Dichtungen einem regierenden
Fürsten überreichte. Aber dieser Fürst war der König seines Vaterlandes
und ein Bewunderer seiner Poesie.

Zugleich hatte der König selbst den Gedanken gefaßt, Tieck wenn nicht
dauernd zu berufen, ihn doch als Gast an seinen Hof einzuladen. Schon
im August machte der preußische Gesandte in Dresden, Jordan, in diesem
Sinne Eröffnungen. Die Frage war nur, ob Tieck bei seiner Kränklichkeit
das ruhigere Leben in Dresden mit einem längern Aufenthalte am Hofe in
Sanssouci werde vertauschen können; ob die mannichfachen Verhältnisse,
in denen er zu Sachsen stand, dies überhaupt verstatten würden. Der
König entschied in der edelsten Weise. Er wollte ihm keinen Zwang,
am wenigsten auf Kosten der Gesundheit, auferlegen; nur seine äußere
Lage wünschte er günstiger zu gestalten. Die nächste Absicht war, ihm
zu der sächsischen Pension eine jährliche Zulage zu geben; erlaube es
seine Gesundheit, so solle er zum Besuch nach Sanssouci kommen, wo
im Schlosse eine passend eingerichtete Wohnung bereit stehen werde.
Man werde seine Zimmer mit den Bildern älterer Dichter und Meister
schmücken, und in jeder Weise für ihn Sorge tragen. Es war die
wohlwollendste königliche Gesinnung, die humanste Rücksicht, welche
ihm überall entgegenkam, und ihm noch jetzt das Leben erfreulicher zu
gestalten wünschte. Tieck selbst fühlte sich schon in näherer Beziehung
zu den neuen Zuständen. Als man am 15. October das Huldigungsfest
und zugleich den Geburtstag des Königs feierte, verfaßte er für die
glänzende Vorstellung im Opernhause den Festprolog.

Im Winter endlich nahten die Dinge einem ersten Abschlusse. Bei seiner
Anhänglichkeit an hergebrachte und gewohnte Verhältnisse möchte er
sich vielleicht doch nur schwer entschlossen haben; aber Eins gab den
Ausschlag, der Tod seiner Tochter Dorothea. Tief erschüttert durch die
Leiden der letzten Zeit, richtete er sich allmälig an dem Gedanken der
neuen Aussicht wieder auf, welche sich ihm unerwartet im Alter eröffnet
hatte. Er wünschte seinen bisherigen Wohnort wenigstens auf einige Zeit
zu verlassen; er mußte sich mit dem Leben von neuem befreunden. Die
Einladung, welche er wenige Tage nach dem Tode seiner Tochter erhielt,
war entscheidend. Der König wünschte die Darstellung einer griechischen
Tragödie auf dem Theater des Neuen Palais in Potsdam; Tieck als
bühnenkundige Autorität erhielt die Aufforderung, sie durch Rath und
That zu unterstützen, und mit andern gelehrten Männern des Fachs leiten
zu helfen.

Zunächst aber bedurfte er der Stärkung. Er hoffte sie wieder in
Baden-Baden zu finden. Im Mai reiste er ab. In Heilbronn verweilte er
einige Zeit bei Kerner, dann in Baden; im Sommer kehrte er zurück. Als
er durch Heidelberg kam, in dessen Nähe er auf der letzten Reise jenen
fast tödtlichen Unfall gehabt hatte, brachten ihm die Studenten ein
Lebehoch und einen Fackelzug. Endlich traf er in Sanssouci ein.

Der König empfing ihn huldvoll. Er wünschte vor allem einen freien,
ungezwungenen geistigen Verkehr, und freie Bewegung allein konnte
diesen gewähren. Tieck sollte zu nichts verpflichtet sein, und sich nur
als befreundeten Gast ansehen. Ohne die üblichen Förmlichkeiten sollte
er, so oft es seine Gesundheit erlaube und so oft er wolle, an der
königlichen Tafel, wie des Abends in den engern Kreisen erscheinen.

Er fühlte sich kräftig genug, noch einmal in ein neues Leben, welches
königliche Gunst ihm bot, einzutreten. Ein Verhältniß entwickelte
sich, welches den edelsten dieser Art an die Seite gesetzt werden
kann. Hier ging in der That der Dichter mit dem König. In den freien
Unterhaltungen, deren Mittelpunkt nur die höchsten Interessen bildeten,
herrschte ein unbefangenes Geben und Nehmen. Nächstdem machten auch
hier Tieck’s Vorlesungen, die eine Zeit lang regelmäßig fortgesetzt
wurden, den größten Eindruck. Er las die „Antigone“, dann Tragödien des
Euripides und Shakspeare, oder auf Verlangen seine eigenen Dichtungen.

Auch zu einer bestimmten Thätigkeit kam es. Es sollte der Versuch
gemacht werden, die „Antigone“ durch eine Darstellung dem Verständnisse
der Gegenwart näher zu bringen. Nicht das Stück in seiner tragischen
Wirkung allein, auf der antiken Bühne sollte es hergestellt werden. Es
war eine großartige Studie des Alterthums. Nachdem Tieck die Tragödie
mehrere Male nach der Uebersetzung von Donner vorgelesen hatte,
begannen mit den dazu auserlesenen Schauspielern Einstudirung und
Proben. Felix Mendelssohn hatte die Chöre componirt, die Herstellung
der Bühne war nach den Angaben von Böckh versucht worden. Am 28.
October fand die Aufführung im Neuen Palais zu Potsdam in einem Kreise
eingeladener Zuschauer statt. Sie gelang über Erwarten gut; die Wirkung
war eine so großartige, so unbedingt für sich selbst sprechende, daß
man es später unternehmen konnte, die Tragödie vor dem großen Publicum
zu wiederholen. Auch hier bewährte sich die Gewalt des antiken Dichters.

Tieck’s nächste Aufgabe war jetzt erfüllt. Mit dem Beginn des
Winters kehrte er nach Dresden zurück. Zugleich aber zeigte sich,
es war nicht möglich, dieses doppelte Verhältniß zu Dresden und
Berlin dauernd aufrechtzuerhalten, sich zwischen beide zu theilen
und Pflichten und Rücksichten gegen zwei Höfe zu erfüllen. Tieck’s
Natur war auf nichts weniger als auf einen Hofmann angelegt. Schon
seine Gesundheit, sein Alter, geistige und körperliche Lebensweise
machten es unmöglich. Er fühlte jetzt erst, wie viel ihn an Dresden
fessele. Es war die Gewohnheit von fast einem Vierteljahrhundert; die
reichsten und ruhigsten Jahre des Lebens hatte er hier zugebracht.
Die freundschaftlichen und künstlerischen Verbindungen, selbst die
Erinnerung waren Mächte, die ihn hätten halten können. Auf der andern
Seite bot sich die Aussicht auf ein zwar ungewohntes, aber inhaltvolles
und durchaus sorgenfreies Leben dar, vielleicht auf eine nochmalige
bedeutende Wirksamkeit. Endlich war es seine Vaterstadt, in der ihm
dies geboten wurde, wo er seinen Bruder, Raumer und noch manchen Freund
wiederfand. Nach vierzigjähriger Abwesenheit in Folge des ehrenvollsten
Rufes zurückzukehren, hier wieder heimisch zu werden, nachdem er so
lange ein Fremdling gewesen war, darin lag eine innere Ausgleichung und
Gerechtigkeit, ein künstlerischer Abschluß seines Lebens. Auch das war
von Bedeutung und der Berücksichtigung wol werth.

Im April 1842 erfolgte eine zweite Einladung zum Besuche in Sanssouci,
welche einer förmlichen Berufung gleichkam. Ein bedeutendes Jahrgehalt
wurde verheißen, und nur im Allgemeinen der Wunsch ausgesprochen,
Tieck möge sich des Theaters annehmen, und in Verbindung mit dem
Intendanten der königlichen Schauspiele Mittel und Wege berathen, wie
der gesunkenen Bühne aufzuhelfen sei. Für gewisse Stücke, namentlich
Shakspeare’s, sollte er völlig freie Hand behalten, sie sollten ganz
nach seinen Anordnungen dargestellt werden. Er beschloß dem ehrenvollen
Rufe zu folgen, und ging für den Sommer nach Sanssouci. Hier wurden
ihm neue Anerkennungen zu Theil. Schon früher hatte ihm der König
den Rothen Adlerorden dritter Classe und den Titel eines Geheimen
Hofraths verliehen. Um diese Zeit war der neue Orden für Verdienst
in Wissenschaft und Kunst gestiftet worden, dessen geschlossene
Mitgliederzahl nur die hervorragendsten Notabilitäten umfassen sollte.
Am 31. Mai, dem Geburtstage Tieck’s, überreichte ihm der König
persönlich in einer Versammlung im Neuen Palais die Decoration dieses
Ordens. Ein Jahr früher hatte ihm Guizot das Kreuz der Ehrenlegion
übersandt.

Im September kehrte er zum letzten Male nach Dresden zurück, um
Abschied zu nehmen und sein Hauswesen aufzulösen. Der große Umfang
seiner Bibliothek erschwerte die Uebersiedelung nicht wenig. Endlich
war man so weit. Aber den Eintritt in das neue Leben mußte er mit
Krankheit erkaufen. Auf der Reise wurde er von einem Schlaganfalle
getroffen. Noch erreichte er Potsdam, aber sein Zustand schien
lebensgefährlich. Die Sprache versagte ihm und die rechte Seite war
gelähmt. Ein langwieriges Krankenlager folgte. Erst in den nächsten
Monaten wurde er hergestellt, doch blieb eine Schwäche in der Hand
zurück, die zu Zeiten das Schreiben erschwerte. Vor Ablauf des Jahres
1842 konnte er indeß die Winterwohnung in Berlin beziehen.

In der Folge wurde ihm auf Befehl des Königs eine eigene Wohnung in
Potsdam eingerichtet. Sie war in einem Hause vor dem Brandenburger
Thore, das unmittelbar an der Hinterseite des Parks von Sanssouci und
nicht fern vom Schlosse lag. Ueber der Thür war die Gestalt einer
Muse nach einem Modell von F. Tieck angebracht. Hier erholte er sich
vollständig. Es war für ihn eine schöne Zeit; Poesie, Natur, und
dieses Mal auch die weltliche Ehre, nahten ihm vereint. Der Schein
eines glänzenden Abendroths ging über sein Leben dahin. Berathungen
über künstlerische Fragen, Vorlesungen der Lieblingsdichter wechselten
mit Gespräch und Geselligkeit. Auch an den Lustpartien des Königs in
der Umgegend Potsdams und auf der Havel nahm er Theil. Er erfuhr die
mannichfachsten Beweise königlicher Huld. Bis auf den Stuhl, auf dem
er saß, und den Mantel, den er trug, erstreckte sich die vorsorgliche
Rücksicht auf sein Alter und seine Gesundheit. War er unwohl, so
geschah es, daß der König selbst ihn in seiner Wohnung besuchte. Da
auch ein Wagen zu seiner Verfügung stand, so lernte er jetzt die
anmuthigen Havelufer nach langer Entfremdung von neuem kennen.

Hier traten die Bilder der frühesten Jugend wieder hervor. In den
Havelgegenden lebten die Verwandten seiner Mutter, und länger als
funfzig Jahre war es her, daß er als wandernder Schüler in diesen
Waldungen und Hügeln umhergestreift war. Er erinnerte sich jener
verklungenen Gefühle und Rührungen, die ihn damals erfüllten, und der
Menschen, welche sie mit ihm getheilt hatten. Zu diesen gehörte ein
Freund, wie er ihn zu jener Zeit nannte, der Sohn des Schulmeisters in
Lehnin, den er als Knabe häufig besuchte. Später heirathete dieser eine
Tochter von Tieck’s mütterlichem Oheim, aber nie hatte er von ihm etwas
gehört; er wußte nicht, ob er noch am Leben sei. Jetzt erfuhr er, der
Jugendgenosse lebe noch, und sei ebenfalls Schulmeister in Lehnin. Er
beschloß ihn aufzusuchen.

Es erregte nicht wenig Aufsehen, als der königliche Wagen erschien,
und die darin Sitzenden nach dem Cantor Hinneberg fragten. Bei dem
Superintendenten stieg Tieck ab, und durch diesen wurde der alte
Schulmeister citirt. Voll Erwartung, was eine so außerordentliche
Vorladung zu bedeuten habe, kam er. Welch ein Wiedersehen war es!
Es war ein alter, stumpf gewordener Mann, der bei der Verwunderung
stehen blieb, daß der Herr Superintendent ihn habe rufen lassen. Es
überraschte ihn nicht, unvermuthet einen Jugendfreund zu finden,
obgleich er nie wieder von ihm gehört hatte; er wußte nichts von seinen
Dichtungen, nichts von seinem Ruhme, nichts von der Rückkehr nach
Potsdam. Als er von Tieck’s Stellung beim Könige hörte, und daß er ihm
vorläse, erregte es nur sein Staunen, daß Tieck bei so vorgerücktem
Alter feinen Druck zu lesen im Stande sei; er selbst habe das längst
aufgegeben und beschränke sich nur noch aufs Grobe. Im engsten Raume
war sein Leben verflossen, für Alles, was darüber hinauslag, hatte er
Sinn und Kraft verloren, oder nie besessen.

Aehnliche Gefühle bewegten Tieck, als um dieselbe Zeit auch die
Erinnerung an seinen ältesten Jugendfreund Piesker wieder auftauchte.
Auf jenes erste Wiedersehen in Dresden war eine lange Pause gefolgt.
Dann hörte er einmal, der Freund sei gestorben. Jetzt brachte ihm ein
Mitglied von Piesker’s Familie die Nachricht, er lebe noch, habe aber
seinen Abschied genommen. Mehrere Briefe von ihm selbst bestätigten
es gleich darauf. Zum zweiten Male war es eine erschütternde Freude,
welche ihn bei dieser Auferstehung, wie er es nannte, erfüllte. Da
er gerade damit umging, für seine Denkwürdigkeiten zu sammeln, so
forderte er den Freund auf, ihm Alles zu schreiben, was er von ihrem
jugendlichen Zusammenleben noch wisse. Doch lächeln mußte er, als
jener ihm nicht nur mancherlei Notizen schickte, sondern auch den
gutgemeinten Vorschlag machte, da sie jetzt beide Zeit genug hätten,
die vor mehr als funfzig Jahren begonnenen Tragödien gemeinschaftlich
zu beenden. Es war in der That eine Rückkehr in die Kindheit, welche
das ganze dazwischenliegende Leben und die Kluft vergaß, welche das
Talent des Dichters von dem engen Sinne des Kleinbürgers trennte. Wohl
mochte Tieck sein Geschick trotz aller Leiden preisen, welches ihn über
die staubigen Heerstraßen auf die freien Höhen des Lebens gehoben hatte.



2. Theater, Literatur, Politik.


Eine nicht unwichtige Frage war, ob es in Berlin, selbst bei den
reichsten Mitteln und einem entgegenkommenden Willen, möglich
sein würde auf das Theater einzuwirken. Zunächst fuhr man mit der
Herstellung der antiken Tragödie fort. Am 7. August 1843 wurde
Euripides’ „Medea“ mit der Musik von Taubert, am 1. November 1845
„Oedipus? in Kolonos“ mit der Musik von Mendelssohn im Schlosse zu
Potsdam aufgeführt. An der Einstudirung beider hatte Tieck Antheil.
Aber schon blieb der allgemeine Eindruck hinter dem der „Antigone“
zurück. Manches lag in diesen Stücken der Gegenwart ferner, und konnte
für das moderne größere Publicum nicht ansprechend sein. Glücklicher
war der Erfolg des „Sommernachtstraums“, der zuerst am 14. October 1843
mit Mendelssohn’s Composition aufgeführt wurde. Man hatte Shakspeare’s
Bühne zum Theil hergestellt; Alles griff wohl ineinander, und auch
dieses Drama des großen Dichters wurde dadurch dem Theater dauernd
gewonnen.

Anders fielen die Versuche aus, welche man mit einigen von
Tieck’s ältesten Stücken zu machen wagte. Am 20. April 1844 kam
„Der gestiefelte Kater“, am 1. Februar 1846 „Der Blaubart“ zur
Darstellung. Nicht auf Tieck’s Wunsch, vielmehr gegen denselben
fanden die Aufführungen statt. Er wußte, welche Schwierigkeiten
diesen eigensinnigen Dichtungen entgegenstanden, darum hatte er in
Dresden, wo es in seiner Macht gewesen wäre, nie daran gedacht sie
auf die Bühne zu bringen. Es war eine höchst misliche Aufgabe, ein
humoristisches Spiel wie „Der gestiefelte Kater“ aus der Phantasie
in die sinnliche Wirklichkeit zu übersetzen. Vollends die der Breter
mit ihren Maschinerien war zu eng dafür. Die Phantasie wurde überall
auf ein geringeres Maß herabgesetzt. Alles hatte man voller, frischer
erwartet und war geneigt die Dichtung entgelten zu lassen, daß man
sich getäuscht sah. Aber man bedachte nicht, daß man Ansprüche machte,
die sie weder erfüllen wollte noch konnte, daß ihre Darstellung auf
der Bühne eine Vergröberung war, bei der sie nothwendig verlieren
mußte. Auch war Manches ohne Commentar kaum verständlich, obgleich
die historischen Anspielungen für die allgemeine Auffassung nicht die
Wichtigkeit besaßen, welche einige Kritiker ihnen beilegten. Doch in
Einem behielt der Kater Recht, die Zuschauer von vor funfzig Jahren
waren noch ein lebendiges und getreues Abbild des Publicums, welches
im Augenblicke vor den Coulissen saß, und sich selber darstellen sah,
ohne sich zu verstehen. Man hörte diesseits dieselben Kunsturtheile
wie jenseits. Als die Katergeschichte zu Ende war, entfernte sich der
größte Theil, ohne den Epilog der Zuschauer abzuwarten.

Auch mit der Darstellung des „Blaubart“ konnte man nicht den Erfolg
erreichen, der noch unter Immermann’s Leitung in Düsseldorf möglich
gewesen war. Die matte Haltung der meisten Schauspieler, die
Gleichgültigkeit des Publicums und die kritische Opposition gegen
dergleichen Erneuerungen hemmten auch hier den Erfolg.

Tieck selbst hatte von diesen Versuchen nichts erwartet. Zwar fehlte es
ihm nicht an Freunden in der Theaterverwaltung, doch auch Widerspruch
und Misverständnisse erhoben sich. Die glänzenden Mittel der berliner
Bühne waren nicht im Stande, ihm eine andere Meinung vom Theater
überhaupt zu geben; vielmehr traten manche Uebelstände erst hier in ein
grelles Licht. Vor der schweren Aufgabe einer durchgreifenden Reform
würde selbst eine jüngere Kraft zurückgeschreckt sein, sein Zustand
erlaubte ihm solche Anstrengungen nicht mehr, er beschränkte sich daher
allmälig nur auf gelegentliche Rathschläge und Gutachten, wenn sie
ausdrücklich verlangt wurden.

Diese Theaterversuche waren zugleich für sein Verhältniß zum Publicum
wichtig. Freilich war es nur ein einseitiges, soweit die öffentliche
Meinung und die, welche in ihrem Namen sprachen, Gelegenheit fanden,
über seine Berufung und Wirksamkeit zu urtheilen. Ihm selbst war es
durch die Umstände geboten, diesen Aeußerungen gegenüber zu schweigen,
die zum Theil ein deutliches Echo jener Ansichten waren, die sich
seit 1830 kundgegeben hatten. Sahen Viele in seiner Berufung einen
Act königlicher Liberalität, so fragte doch auch manche laute Stimme,
was Gegenwart und Zukunft von einem Dichter zu erwarten habe, der
an der Grenze des Lebens stehe; seine Dichtungen seien zum größten
Theile veraltet und unverständlich, die Zeit sei über ihn und sie
hinweggegangen, sie verlange anderes als dichterische Spielerei,
romantisches Geflimmer und mittelalterliches Halbdunkel. Ihn und seinen
Einfluß machte man für vieles verantwortlich, was ganz außerhalb
desselben lag. In der Aufführung seiner Stücke wollte man das Gelüsten
romantischer Reaction erkennen; seine Auffassung der englischen Bühne
und Shakspeare’s galt für willkürlich, sonderbar und grillenhaft, und
erfuhr wie seine dramaturgische Kritik harte Angriffe, in welchen der
Meister meistens mit den eigenen Waffen bekämpft wurde.

Andere hatten von Tieck’s Einwirkung auf Theater und Publicum
bedeutenderes erwartet, und bestätigten nun jene feindlichen Ansichten.
Sie hatten geglaubt, er werde einen Kreis um sich bilden und die
geistige Herrschaft, die er in Dresden geübt, fortsetzen. Aber weder
das Eine noch das Andere war möglich; sie übersahen, daß in Berlin
Alles anders stand als in Dresden.

Ihm selbst war es ein fremder Ort geworden. Nur auf kurze Zeit und als
Fremder hatte er es in den verflossenen Jahrzehnden besucht, er mußte
auf dem alten und doch neuen Boden erst wieder heimisch werden. Ihm
schwebte das Berlin aus dem Anfange des Jahrhunderts vor, welches kaum
zur großen Stadt zu werden anfing. Wie sehr war es seitdem räumlich
und geistig gewachsen! Zu den Erinnerungen an Friedrich waren die
Wirkungen der Freiheitskriege hinzugekommen, die Universität war
begründet, auf die Romantiker und Fichte war Hegel, auf Teller und
Zöllner Schleiermacher gefolgt, und viele bedeutende Persönlichkeiten
herbeigezogen worden. Ueberall war System und Organisation, eine Masse
gelehrter Kenntnisse und scharfer Kritik hatte sich angesammelt. Dazu
kamen die tausendfach gespaltenen Interessen der großen Haupt- und
Residenzstadt, welche die verschiedenartigsten und oft feindlichsten
Elemente in sich vereinigt. Trotz aller Centralisation und der
augenblicklichen Anstöße, welche die öffentliche Meinung bald nach der
einen oder der andern Seite hin trieben, war es doch unmöglich die
bedeutendsten Kräfte um einen Mittelpunkt zu sammeln. Es gab hier eine
Art von Republikanismus der Geister, der keine Herrschaft eines Geistes
anerkannte. In jedem Augenblick war man mit einer schlagfertigen
Kritik, mit einem Witzworte bei der Hand, und stets geneigter Fehlendes
zu vermissen als Vorhandenes anzuerkennen. Die kritisirenden Gebildeten
hatten Alles längst besser gewußt, die Frommen kreuzigten sich vor dem
weltlichen Treiben, welches auf Wissenschaft und Kunst einen hohen
Werth legte, und die politischen Reformer riefen immer lauter auf, das
Spielzeug bei Seite zu werfen, weil man der Männer und Thaten bedürfe.
Und in diese Bewegungen hätte ein greiser Dichter mit harmlosen
dramatischen Vorlesungen und Kritiken eingreifen sollen?

Auch er war nicht mehr derselbe wie in Dresden; er war alt, von
Leiden gebeugt, die letzten Jahre des Lebens setzte er ein. Schon
darum konnte er nicht mehr, wie er früher gethan, ein offenes Haus
halten. Um so gehässiger war der Vorwurf, daß er sich absichtlich mit
kleinen Geistern umgäbe, welche ihm nichts Fremdes und Unbequemes
nahe zu bringen vermöchten, und ihm die Mühe jedes Streites und der
Vertheidigung seiner Autorität ersparten. Es verrieth sich darin
die kleinliche Eitelkeit, die sich zurückgesetzt glaubte und seine
einfache Weise nicht kannte. Der Zutritt stand auch jetzt noch einem
Jeden offen, und wer sich ihm in unbefangener Weise nahte, konnte der
freundlichsten Aufnahme gewiß sein.

Aber er war darum nicht vereinzelt. Immer sammelten sich genug der
Geister um ihn, und es waren die bedeutendsten darunter, und die
zahlreichen Sendungen, Briefe und Anfragen, die er empfing, bewiesen,
daß er noch im Mittelpunkte der literarischen Welt stehe. Sein
Verhältniß zum Theater brachte ihn in nähere Berührung mit Felix
Mendelssohn, Meyerbeer; er verkehrte mit Rauch und Kaulbach. Mit
Wärme hatte A. v. Humboldt das alte freundschaftliche Verhältniß
aufgenommen. Auch andere berliner Gelehrte, namentlich v. d. Hagen,
standen ihm nahe. Fremde, besonders Engländer, darunter Carlysle und
der Negerschauspieler Aldridge, versäumten es nicht ihn aufzusuchen;
ebenso viele Schriftsteller und Dichter der jüngern Literatur.

Seine literarische Thätigkeit hatte in dieser Zeit einen sichtenden und
sammelnden Charakter. Zunehmende Kränklichkeit, dann wieder nach außen
ablenkende Zerstreuungen ließen es zu nichts Anderm kommen. Zwar war er
immer noch reich an Plänen und literarischen Stoffen, die er bearbeiten
wollte, oft mahnte ihn auch die Fortsetzung der „Cevennen“ als eine
Schuld, die abzutragen sei, doch dies Alles trat vor einem andern
Gedanken zurück. Er dachte ernstlich daran, die Denkwürdigkeiten seines
Lebens zu schreiben. Mehr als funfzig Jahre, voll der gewaltigsten
Umwälzungen, überblickte er; so vieles hatte er in sich und mit Andern
erlebt und mit bedeutenden Männern in naher Verbindung gestanden.
Es war ein Leben, wohl würdig, daß davon ausführlicher gesprochen
werde. Schon im Jahre 1838 hatte er diesen Plan. Er hatte es, wie er
damals an seinen Bruder schrieb, als eine Pflicht erkannt, in unserer
verwirrten Zeit, Umstände und Personen, soweit sie ihn angingen, in
das gehörige Licht zu setzen. Zu demselben Zwecke ordnete er mit Hülfe
eines jungen Beamten, den der König ihm als Secretär zugegeben hatte,
seine umfassende Briefsammlung, die von 1792 bis auf die Gegenwart
herabging. Seine literarhistorischen Schriften, die gelegentlich als
Vorreden und Einleitungen erschienen waren, gab er gesammelt unter dem
Titel „Kritische Schriften“ in zwei Bänden heraus. Eduard Devrient, der
sich ihm schon früher in freundschaftlicher Verehrung angeschlossen
hatte, fügte ihnen später die „Dramaturgischen Blätter“, durch eine
Nachlese vermehrt, als dritten und vierten Band hinzu. Außerdem fand
sich öfter Gelegenheit, hier und da ein empfehlendes oder einleitendes
Wort öffentlich zu sagen. Er führte ein ehrenvolles und gleichmäßiges
literarisches Stillleben. Da kam das Jahr 1848.

Fünfundsiebzig Jahre war er alt geworden, als er diesen jähen
politischen Umsturz erlebte. Er erinnerte sich der Aufregungen beim
Ausbruch der Französischen Revolution, der Napoleonischen Herrschaft
und ihres Falles, der Kämpfe von 1830, aber keine Revolution war
unerwarteter und unter drohendern Zeichen hereingebrochen als diese. Am
18. März erbaute man Barrikaden und schoß und schlug sich unter seinen
Fenstern. Mit seinen Büchern beschäftigt blieb er die Nacht über aus
dem Bette. Für das Dasein irgendeiner staatlichen Ordnung wurde in den
nächsten Monaten gestritten, und alles was die Gemüther vorher harmlos
beschäftigt hatte, war von einer vernichtenden Flut fortgerissen. Wen
kümmerten jetzt noch die Streitfragen der Romantik!

Der regelmäßige Besuch des Hofes ward unmöglich, obgleich Tieck,
um den fortwährenden Unruhen zu entgehen, die Sommerwohnung in
Potsdam frühzeitig bezogen hatte. Mit tiefer Empörung betrachtete er
diese Ereignisse. Verhaßter, widerwärtiger war ihm nichts als ein
anarchisches Straßenregiment, in dessen wilden Strudeln Staat und
politische Vernunft, Sitte und Ordnung, Dichtung und Wissenschaft
gleichmäßig unterzugehen drohten. Herangewachsen im Zeitalter
Friedrich’s des Großen hatte er, wenn sonst auch nichts, doch Eines
aus demselben mit herübergenommen, die Ueberzeugung eines strengen
Monarchismus. Dennoch hatte er bei Gelegenheit des „Gestiefelten
Katers“ von übereifrigen Royalisten den Vorwurf gehört, durch jenen
marionettenhaften König das Königthum erniedrigt zu haben. Was er
dagegen in dem kurzen Bericht über die Aufführung des Lustspiels sagte,
war seine vollste Ueberzeugung: „Ich behaupte, daß die Macht des Königs
die natürlichste, begründetste und wohlthätigste von allen politischen
Einrichtungen ist. Dem Poeten ist nun vollends die Erscheinung eines
Königs groß und bedeutend; er wird seinen poetischen Standpunkt völlig
einbüßen, wenn ihm diese natürlichste Würde und Hoheit nicht mehr mit
Glanz entgegentreten sollte. Die Republik ist der Prosaismus, und wenn
sie auch große Erscheinungen bietet, wie es im Alterthum der Fall war,
so kann sie sich poetisch nicht mit dem Königthum messen.“

So war ihm Alles zuwider, was in jenen Tagen geschah. Vom Liberalismus
erwartete er nichts, den Kosmopolitismus in seiner nebelhaften
Allgemeinheit verachtete er, die rohen Ausbrüche der Tagesdemokratie
haßte er. Es war ihm höchst zweifelhaft, ob die Kammern mit ihren
Debatten und oft schwierigen Beschlüssen das Wohl des Landes zu fördern
vermöchten. Er sah in ihnen kein Gegengewicht monarchischer Allgewalt.
Ueberall wollte er strenge, feste Ordnung. Für das bürgerliche
Kleinleben, und auch das war eine jugendliche Erinnerung, liebte er die
Zünfte. Ein fester, vernünftiger Wille sollte die Dinge entscheiden.
Nächst den wohlbegründeten Ordnungen der Verwaltung fand er nur in
dem offenen, wohlmeinenden und unerschütterlichen Freimuth der Räthe
und guten Patrioten eine politische Schranke. Auch hier war ihm die
tüchtige, durchgebildete Persönlichkeit Alles.

Obgleich er nichts mehr floh als politischen Streit, so war es doch
bei der herrschenden Aufregung unmöglich, ihm selbst in engern Kreisen
zu entgehen. Ward er durch heftigen Widerspruch, oder unverständige
und übertriebene Aeußerungen allzu sehr gereizt, so schlug sein
gewöhnlicher Gleichmuth in heftigen Zorn um. Alter und Lage würden
ihn völlig entschuldigt haben, wenn er sich von allen öffentlichen
Handlungen ferngehalten hätte. Dennoch konnte er sich nicht versagen
für die gute Sache seine Stimme als Urwähler abzugeben. Das war für ihn
kein kleines Opfer. Große Versammlungen, lautes und leidenschaftliches
Durcheinanderreden, der Aufenthalt in stickiger Luft waren ihm physisch
unerträglich. Aber er überwand Alles und hielt mehrere Stunden,
eingehüllt von dichten Tabackswolken, in einem Wahllocale aus, bis
er seine Stimme abgegeben hatte. Als er an der Treppe seiner Wohnung
anlangte, ward er fast ohnmächtig, und erreichte das Zimmer nur mit
Mühe.

Auch andere Opfer brachte er bereitwillig. Als nach dem Eintritt des
ersten Rückschlags fast alle Häuser mit militärischer Einquartierung
belegt wurden, wies man ihm einen jungen Lieutenant zu, der höchlich
erfreut war, auf diesem Wege die Bekanntschaft des Dichters zu machen.
Mittags aß Tieck mit ihm und lud ihn, so oft es der Dienst erlaubte,
auch Abends zu den Vorlesungen ein.

Obgleich entschieden monarchisch gesinnt, sah er doch die rückwärts
drängende Bewegung, welche auf den demokratischen Sturm folgte,
nicht ohne Besorgniß. In den Uebertreibungen eines einseitigen
Parteipatriotismus konnte er das Heil ebenso wenig finden, als in
der formalen Strenge der Kirchlichkeit. Indeß nur selten sprach er
seine abweichenden Ansichten aus, aber stets ebenso entschieden und
freimüthig als maßvoll und würdig, nie im Tone der politischen Partei,
die für ihn überhaupt keine Bedeutung hatte.



3. Lebensweise und Eigenthümlichkeiten.


Die Katastrophe von 1848 machte einen Abschnitt in seinen letzten
Lebensjahren. Die Verhältnisse und Kreise, in denen er zuerst gestanden
hatte, waren dadurch zum großen Theil aufgelöst worden. Anderes, was
ihn persönlich berührte, war hinzugekommen. Schon 1843 hatte sich seine
zweite Tochter nach Schlesien verheirathet, 1847 war die langjährige
Freundin seines Hauses, die Gräfin Finkenstein, gestorben. Er, für den
Gespräch und geistiger Verkehr eine Nothwendigkeit geworden, war jetzt
allein, und saß manche Stunde einsam unter seinen Büchern. Die Pflege
und Hülfe, deren er in jedem Augenblick bedurfte, übernahm nun eine
treue Haushälterin, welche seit mehr als fünfundzwanzig Jahren seinem
Hause angehörte.

Je weniger es die oft lang anhaltende körperliche Abspannung erlaubte,
seine Freunde aufzusuchen, um so lieber versammelte er sie in jedem
günstigen Augenblicke um sich. Häufig geschah es Mittags, und wenn
seine Stimmung irgend heiter war, so belebte er durch anmuthigen
Witz und manche Mittheilungen aus seinem Leben die Unterhaltung.
Die vieljährigen Leiden und das Alter hatten seine innerste Kraft
angegriffen, aber nicht vernichtet. Das bewiesen die dramatischen
Vorlesungen, die er auch jetzt noch fortsetzte. Sie waren ihm
geistiges, fast auch körperliches Bedürfniß geworden. Er konnte die
lange Gewohnheit nicht missen, und die Anstrengung eines drei- bis
vierstündigen lauten und affectvollen Vorlesens vertrat zuletzt
die Stelle körperlicher Bewegung, welche er ganz aufgegeben hatte.
Freilich mußte er sich engere Grenzen ziehen als früher. Der Kreis
der Zuhörer war kleiner geworden; selten waren es mehr als zehn oder
zwölf Personen, meistens nähere Freunde, von denen manche wie sein
Bruder stehende Gäste waren. Doch fanden sich auch Fremde ein, und oft
waren es die berühmtesten Männer. In der Wahl des Stückes richtete er
sich häufig nach den Wünschen der Anwesenden. Nur eines verweigerte er
entschieden, Tragisches oder Shakspeare zu lesen; dazu reiche seine
Kraft nicht mehr aus, auch greife es ihn innerlich zu sehr an. Er
beschränkte sich daher auf Komisches; die Lustspiele von Schröder und
Holberg, Goethe’s kleinere Singspiele und seine eigenen satirischen
Dramen lagen ihm zunächst. Bisweilen zog er auch eine Novelle oder
seine Briefe vor. Noch las er mit alter Meisterschaft; an diesem
kräftigen, vollen Tone hätte Niemand den siebenundsiebzigjährigen Mann
erkannt. Wer ihn wenige Male auch nur diese leichtern Stücke lesen
hörte, wie er beinahe alle mimische Mittel, die der gewandte Vorleser
zu brauchen pflegt, verschmähte, mußte bald erkennen, daß das Geheimniß
seines Lesens auf einer ganz andern Stelle zu suchen sei. Der Dichter
that mehr als der Vorleser, den oft verblaßten Gestalten hauchte er
Leben ein, und indem er las, schaffte er dichterisch von neuem; wie
die einzelnen Charaktere ward das Ganze in ihm lebendig. Es gab eine
einfache Probe. Wer später im Buche nachlas, was er zuerst aus seinem
Munde gehört hatte, erkannte es nicht wieder, und fand nur todte und
langweilige Buchstaben, wo er vorher Leben und Bewegung gesehen und
gehört hatte.

Nichts war ihm lieber als mit zwei oder drei Freunden allein zu sein.
Das unbefangene, ruhige, eindringende Gespräch zog er jeder bewegtern
Unterhaltung vor. Den wahren Austausch der Gedanken, die Wechselwirkung
der Geister wollte er. Kaum mag es je einen größern und zugleich
liebenswürdigern Meister des Gespräches gegeben haben. Es war ihm
ein Zauber eigen, dem auch entschiedene Gegner selten zu widerstehen
vermochten, wenn sie in seine Nähe kamen. Alle seine Freunde, in
welchen Lebensperioden sie auch mit ihm verbunden sein mochten, haben
diese Gewalt kennen gelernt. Es war nicht das lebendige, leicht und
anmuthig fließende Wort allein, welches diesen Eindruck machte, es war
sein bald tiefsinniger, bald humoristischer Inhalt, diese geistige
Durchsichtigkeit, die Bewegung, welche man überall fühlte und die sich
dem Zuhörer mittheilte. Was er erzählte, auch das Kleinste, gestaltete
sich zum anschaulichen Bilde, zu einer mündlichen Novelle.

Doch nur zum Theil lag der hohe Reiz dieser Unterhaltungen in dem,
was er im Zusammenhange gab, vielmehr darin, wie er die Gedanken
des Mitsprechenden aus der Tiefe der Seele hervorzuholen wußte.
Kann man von einer Sokratischen Kunst reden, die dunkel geahnten
Gedanken Anderer zur Klarheit zu bringen, so besaß er sie, aber nicht
als angelernte, sondern als angeborene Kunst. Da war nichts von
Ueberhebung, von drückender oder abweisender Vornehmheit, nichts von
Bevormundung und gemachter Würde. Mit ungetheilter Aufmerksamkeit
folgte er der Gegenrede. Ohne Empfindlichkeit hörte er Ansichten,
welche den seinen entschieden widersprachen, ja er forderte dazu
heraus. Auf jeden Einwand und leisen Zweifel ging er ein. Er erwog
ihn, gewann ihm überraschende Seiten ab, und baute daraus eine Brücke,
auf der das Gespräch sich weiter bewegte, und jenseits that sich eine
neue, vorher nicht geahnte Gegend auf. Unterredungen, in denen ihm
Befangenheit oder Phlegma nur beistimmte, langweilten ihn, machten ihn
verlegen, verdrießlich und endlich stumm. Dieselbe Wirkung hatte auch
das unruhige Durcheinander der gewöhnlichen Unterhaltung, wo jeder
nur spricht um sich selbst zu hören. Manche Besucher glaubten sich
vor ihm in die beste geistige Toilette werfen zu müssen, erhitzten
sich, wollten genial erscheinen, und überschütteten ihn mit langen
Auseinandersetzungen fertiger Gedanken. Nichts brachte ihn sicherer zum
Schweigen als das. Sein Gespräch belehrte, hob und befreite unmerklich;
in diesen geistigen Regionen fühlte man sich zu eigenem Erstaunen
fähiger, klarer, kräftiger.

Es wirkte schon anregend, ihm während er sprach, in das geistvoll
bewegte Gesicht zu sehen. Auf dieser hoch gewölbten, glänzenden Stirn
sah man die Gedanken aufsteigen; schwarze anliegende Haare bedeckten
noch den Hinterkopf bis zum Scheitel. Eine unergründliche Tiefe schien
sich in den großen, dunkeln braunen Augen zu öffnen, aus denen bald
die Schwermuth, bald die Schalkheit hervorblickte. Hier ruhte der
Zauber des Phantasus neben der Ironie der Novelle. Die Nase war edel,
etwas langgezogen, der Mund anmuthig, er hatte einen weichen, fast
weichlichen Ausdruck. Bei der Beweglichkeit der Züge war das Gesicht
der unmittelbare Spiegel jeder Stimmung; sie wechselten mit den
Gedanken, die ihn beherrschten. Oft schien es kaum dasselbe Gesicht
zu sein. Wenn er das Kinn mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand
stützend, unbeweglich saß und sinnend in sich hineinschaute, wurde
man unwillkürlich an einen ruhenden alten Löwen erinnert. Dann trat
auch die Aehnlichkeit mit den Porträts Napoleon’s aus dessen späterer
Zeit, etwa mit denen von Vernet, überraschend hervor. Dagegen ging ein
helles Licht über seine Züge, sie nahmen einen schalkhaft graziösen
Ausdruck an, wenn er einen ironischen Gedanken verfolgte, oder dessen
Eintritt und Wirkung erwartungsvoll vorhersah. Sein Lächeln hatte etwas
Glänzendes; er lachte gern, aber nichts verabscheute er mehr als den
Ton des rohen Gelächters, das ihm als Zeichen höchster Unbildung galt.
Fühlte er sich matt und leidend, so veränderte sich die Scene völlig;
wie ein trüber Schleier lag es auf seinem Gesicht, die Züge hängend,
der Mund schlaff und heruntergezogen. Doch selbst in der Krankheit
reichten wenige Minuten der Unterhaltung, ja ein treffendes Wort hin,
ihn zu erwecken; man kannte ihn nicht wieder, sobald er geistig Theil
nahm.

Die Umgebung, in welcher man sich bei ihm befand, machte den
behaglichsten Eindruck. In den letzten zehn Jahren seines Lebens wohnte
er in einem ältern geschlossenen Hause in der Friedrichstraße 208.
Auf der Hausflur und der breiten Treppe herrschte noch die bequeme
Raumverschwendung früherer Zeiten. Das Geländer der Treppe lief in
eine kolossale Lyra aus, auf welche der Blick des Eintretenden zuerst
fiel. Seine Wohnung war weitläufig, die ganze Zimmerreihe eines
Stockwerkes hatte er inne. Schon seine große Bibliothek erforderte
einen bedeutenden Raum; Bücher waren sein Hauptbesitzthum, und ein
Hauptschmuck der Zimmer. Bis zur Decke hinan erfüllten sie die Wände.
Die seltenern waren in dem eleganten Salon aufgestellt, in welchem
er Abends die Vorlesung hielt. Hier war Alles einladend, nichts
prahlerisch, oder überladen. Auf Repositorien und freien Postamenten
standen die Büsten Holberg’s, F. H. Jacobi’s, Solger’s und seines
Bruders Friedrich, über dem Sopha hing sein eigenes lebensgroßes Bild
von Stieler. Im Studirzimmer umgaben ihn die Bücher, mit denen er sich
vorzugsweise beschäftigte. Alles war auf Bequemlichkeit berechnet;
Lehnstühle von verschiedenen Formen und Größen waren hier vertheilt.
Ueber dem Schreibtisch hing das jugendliche Gemälde von Novalis,
welches E. von Bülow wiederaufgefunden hatte, daneben ein Gypsmedaillon
Wackenroder’s, eine der ersten Arbeiten seines Bruders, auf der
andern Seite ein Bild seiner Tochter Dorothea. Außerdem sah man einige
Kupferstiche nach Rafael und aus der Boisserée’schen Sammlung.

In der Regel fand man ihn im schwarzen Sammetrocke hinter einem
niedrigen Tischchen, das mit Papieren bedeckt war, im Lehnstuhl sitzen.
Fremde empfing er stehend, und wer ihn nicht kannte, folgte den
Bewegungen der gebeugten Gestalt mit Besorgniß; doch diesen Eindruck
vergaß man, sobald er im Stuhle aufrecht saß. Für den befreundeten
Besucher war schon sein gewöhnlicher Gruß, „Ah, da sind Sie ja, lieber
Freund!“ der helle Blick, die Handbewegung, womit er ihn begleitete,
erheiternd. Man setzte sich und das Gespräch begann.

Es ist mehr als einmal bemerkt worden, daß in seiner Haltung sich eine
ruhige und bequeme Vornehmheit ausgesprochen habe, ein aristokratischer
Zug, durch den der Besucher sich bald angezogen, bald abgewiesen
fühlte. Es war eine Vornehmheit im edelsten Sinne des Wortes, welche
der Ausdruck der wahren Durchbildung und des Seelenadels ist. Eben
darum ist sie Vornehmheit, weil sie äußerlich weder angeeignet noch
auch verloren werden kann. Daher das wohlthuende Gleichmaß im Thun
und Lassen, seine Sicherheit, niemals die Grenzen des Erlaubten und
Ziemlichen zu überschreiten. Zeichen der Unbildung und Roheit machten
ihn scheu und verstimmt. Zu den ungeselligen und übeln Angewohnheiten
rechnete er auch das Tabackrauchen, das er bei Freunden nur widerwillig
ertrug. Er schilderte es als ein verderbliches Laster, und kämpfte mit
allen ästhetischen und moralischen Gründen dagegen, der unausbleibliche
Raucherzug um den Mund gebe jedem Gesichte einen rohen Ausdruck, ihn
selbst mache der Rauch krank u. s. w. Wie unzertrennlich die feine
Form von seinem Wesen war, spricht er charakteristisch in einem Briefe
aus, den er 1825 von Wien nach Hause schrieb: „Vornehm und reich,
heißt es hier, können nicht Alle sein, aber was ich begehre, kann auch
der Geringste sich verschaffen, die Entfernung alles Widerwärtigen,
Gemeinen, was uns das Leben so erbärmlich erscheinen läßt. Noch im
Gefängniß und in Ketten wird man den Gentleman vom gemeinen Menschen
unterscheiden können. -- Ueber jene Bosheit der Menschen und alle
Schlechtigkeit will ich bald hinwegkommen, weil es mich nur berührt,
soviel ich davon zulassen will; aber jene Kläglichkeit und Gemeinheit,
die sich im Sitzen und Stehen, Gähnen und Sprechen, Schweigen und
Schwatzen, Essen und Trinken kundgibt, kann mich so elend machen, weil
es sich mir immerdar aufdrängt, daß es mein ganzes Leben zerstört. --
Gute Erziehung, Feinheit des Betragens ist mir immer das nothwendigste
Element gewesen, um nur zum Bewußtsein zu kommen, daß ich eine Seele im
Leibe habe.“

Auch wer es aus seinen Dichtungen nicht gewußt hätte, würde aus jeder
Unterredung, die über die nächsten Grenzen hinausging, erkannt haben,
daß es in ihm eine geheimnißvolle, dem gewöhnlich Verstandesmäßigen
abgekehrte Seite gab. In plötzlich aufleuchtenden Geistesblitzen und
Anschauungen, in Ahnungen und Träumen, sah er eine höchste, und darum
räthselhafte geistige Macht.

Auf Träume gab er viel. Er meinte, statt sie zu verlachen, solle man
mehr auf sie achten; in ihnen kämen verborgene Seiten der menschlichen
Natur zum Vorschein, die für den nüchternen Verstand des Tages gar
nicht da seien. Von sich selbst, der im Leben der Humanste und
Gutmüthigste war, behauptete er, in Träumen sei er schadenfroh, ja
diabolisch grausam und blutdürstig, sodaß ihn in der Erinnerung
daran ein Grauen erfasse. Wirklich waren sie noch in spätern Jahren
entsetzlich, und wiederholten sich oft, genau in derselben Gestalt,
mehrere Nächte hintereinander. Eine Zeit lang wurde er durch einen
kalten Luftzug geweckt, der über die Augen hinstrich. Er blickte
auf, sah das Zimmer erhellt und an seinem Bette drei leichenhafte
Mönchsgestalten, die soeben dem Grabe entstiegen schienen. Jedes Mal
wurde er von Fieberschauern ergriffen. Doch hatten seine Träume auch
einen sehr bestimmten geistigen Inhalt. Als er Correggio’s Gemälde
kennen lernte, konnte er ihre gepriesene Trefflichkeit nicht einsehen,
und mühte sich vielfach um ihre Auffassung. Da träumte er, er sei auf
der Galerie, der Meister selbst träte zu ihm, und rede ihn kurzweg mit
den Worten an: „Bist du nicht ein dummer Mensch, das Treffliche nicht
zu erkennen?“ Darauf habe er ihn vor die Gemälde geführt, und ihm ihre
Schönheit eröffnet. Er erwachte, und voll von diesen Gedanken, konnte
er die Zeit des Eintritts in die Galerie kaum erwarten. Sogleich eilte
er zu Correggio’s Gemälden. Wie ein Blitz leuchteten sie ihm entgegen,
die Augen waren ihm aufgegangen, und seit der Zeit war er ihr größter
Bewunderer. Auch hier spielte Shakspeare eine große Rolle. Einmal
entdeckte er im Traume ein neues, völlig unbekanntes Stück desselben;
deutlich bis ins Einzelne hinein lag es vor ihm, es war vortrefflich.
Wie verstimmt war er, es beim Erwachen seinen Händen entschwunden zu
sehen, und sich keines einzigen Wortes entsinnen zu können. Dann war
er gestorben. Die erste Frage in jener Welt war, wo er Shakspeare, den
Vielbewunderten, treffe. Man antwortete ihm, der große Geist sei nicht
mehr hier, sondern in einer noch höhern Welt zu suchen, er aber werde
ihn schwerlich jemals erreichen. So habe er ihn von Stufe zu Stufe
vergebens verfolgt.

Dieser mystischen Seite gehörte auch der Zahlenaberglaube an, den er
sich öfter scherzend vorwarf. Vor den Zahlen 7 und 9 hatte er eine
dunkle Furcht, in deren humoristischer Ausmalung er sich gefiel.

Er lebte in der Welt der Phantasie und Anschauung. Lange konnte
er lautlos sitzen, und der Bewegung seiner Gedankenwelt und den
auftauchenden Gestalten zuschauen. In solchen Augenblicken war er
dichterisch am thätigsten; er producirte innerlich, wenn er äußerlich
unthätig schien. Freilich hatte dieses Versinken oft auch andere
Ursachen. Fast mit periodischer Regelmäßigkeit kamen Zeiten, in denen
die alte Schwermuth ihn immer wieder ergriff, wo ihn Muthlosigkeit,
ein Verzweifeln an sich und seinen Kräften, und wahrer Lebensüberdruß
überfiel. Er klagte, seine Seelenkräfte seien dann wie erlahmt, die
Fäden seines Innern zerrissen. Jede Störung war ihm unbequem, und es
war fast unmöglich, ihn diesen Krisen zu entziehen. Er fuhr jähzornig
auf. Er schalt sich selbst, daß in jüngern Jahren oft eine blinde Wuth
wie eine unwiderstehliche Gewalt über ihn gekommen sei, von der er
sich nur mit Mühe, und immer noch nicht ganz frei gemacht habe. Der
geheimnißvolle Instinct stand ihm überall obenan, er lauschte auf seine
Stimme und wartete darauf, mitunter auch da, wo das Leben zur That
drängte.

Mit dieser Eigenthümlichkeit hing es zusammen, daß er sich vor jedem
unmittelbaren und entscheidenden Handeln scheute. Ebenso wenig liebte
er ein abwägendes, verstandesmäßiges Ueberlegen. Selbst in kleinen
Dingen vermied er nothwendige Entschlüsse solange als möglich, und
endlich im Drange des Augenblicks that er nicht, was er wollte, sondern
was er mußte. Selbst das Briefschreiben schob er Monate, in manchen
Fällen Jahre lang hinaus, während er sich des Lasters des Aufschiebens
unaufhörlich bitter anklagte. Viele Unannehmlichkeiten seines Lebens
flossen aus dieser Quelle, und ließen ihn vor der Welt ganz anders
erscheinen, als er war, die ihn dafür durch schonungsloses Verurtheilen
hart genug strafte.

Am heftigsten zürnten ihm jüngere Dichter und Schriftsteller, welche
ihm zwei, drei Manuscripte nacheinander zusandten, und auf keines
Antwort erhielten, während sie in verzeihlicher Autorenungeduld
brannten, irgendein anerkennendes Wort aus dem Munde des Meisters zu
hören. Sie sahen darin Laune, Geringschätzung, oder gar literarische
Eifersucht, die unlautersten Beweggründe schoben sie ihm unter, und es
war nur der Widerwille, sich seinen Gedanken zu entreißen, die Furcht,
einen Brief schreiben zu müssen. Zu diesen Gegnern gehörte auch der
unglückliche Skepsgardh, der das Wohlwollen, welches ihm Tieck bewiesen
hatte, durch hämische Angriffe und Verdächtigungen in seinem Romane
vergalt.

Ueberhaupt beurtheilten Fernstehende ihn oft falsch, und entwarfen sich
nach einzelnen Zügen in seinen Schriften ein Bild, das mit der Wahrheit
nichts gemein hatte. Man hielt ihn für scharf, absprechend, intolerant,
oder auch für böswillig. Man hatte aber, wie er selbst darüber an
Solger schrieb, das Unabsichtliche, Arglose, ja Leichtsinnige in den
Dichtungen nicht herauserkannt. Es war eben seine volle und reine
Unbefangenheit, die man ihm nicht zutraute. Er konnte auch über Freunde
scherzen, und Niemand stellte seine wahren Freunde höher als er; nur da
könne man wahrhaft lieben, wo man das Menschliche auch in den Schwächen
erkenne. Ebenso mit Recht sagte er, daß er die Schriftsteller, welche
er früher angriff, niemals gehaßt habe.

Güte, ja Weichheit des Herzens waren Grundzüge seines Wesens.
Keiner Bitte, keiner Forderung, die seine Unterstützung in Anspruch
nahm, vermochte er zu widerstehen. Ueberall war er bereit, mit Rath,
Verwendung oder Geld zu helfen. Er ermüdete nicht, selbst einem häufig
wiederkehrenden, und mehr als dreisten Ansinnen zu genügen. Praktische
Freunde suchten oft zu seinem Vortheile dieser Wohlthätigkeit ein
Ende zu machen. Aber er selbst kannte die kleinlichen und drückenden
Verlegenheiten, die das Leben bereitet, aus frühern Zeiten nur zu
gut. Geld hatte nur als ein leidiges, aber unentbehrliches Mittel der
gegenwärtigen Subsistenz Werth für ihn, darum gab er mit vollen Händen
und ohne Berechnung, um der augenblicklichen Noth Anderer abzuhelfen.
Es ließ ihm innerlich keine Ruhe, bis er weggegeben hatte, was er
selbst irgend entbehren konnte. Manchen alten Schulbekannten, manches
darbende Talent befreite er aus der dringendsten Noth, ohne dafür Dank
zu ernten oder zu erwarten. Großartig vergaß er, was er gethan hatte.
Auch seinen Einfluß machte er zum Vortheile Anderer geltend, während er
für sich selbst nichts wünschte.

Gegen äußere Ehren war er gleichgültig. Obgleich Inhaber des bairischen
Civilverdienstordens pflegte er doch sarkastisch über Diejenigen zu
lächeln, welche von dem persönlichen Adel, der damit verbunden ist,
Gebrauch machten. Auf die Frage, welche Orden er habe, wußte er kaum zu
antworten.

Bei der praktischen Beurtheilung der Menschen leitete ihn seine Milde
in späterer Zeit mitunter irre. Der Herzenskündiger in der Novelle,
vor dessen klarem Blicke die feinsten Schattirungen des Charakters
und die Beweggründe des Handelns offen dalagen, übersah im Leben
die augenscheinlichsten Mängel und Fehler. Unbefangen setzte er
überall das Beste voraus; es war daher in gewöhnlichen Dingen leicht,
diesen Glauben zu täuschen und zu misbrauchen. Bis auf den letzten
Augenblick hielt er an seiner guten Meinung fest, und in den Versuchen
der Freunde, ihn aufzuklären, sah er übertriebenen Eifer oder gar
Verfolgungssucht.

Wie das dichterische Talent wurzelte in seinem dämonischen Wesen manche
andere Eigenthümlichkeit, ja Sonderbarkeit, die den außerordentlichen
Menschen verrieth, der die gerade gezogenen Linien des Lebens
unbewußt oder mit humoristischer Keckheit überschritt. Aus seiner
Wandlungsfähigkeit ergab sich das schauspielerische Talent. Es war
nicht allein die mimische, sondern die dichterische Kraft sich in die
verschiedenen Stimmungen, Leidenschaften und Charaktere zu versetzen
und sie wiederzugeben. Die Größe derselben hat Niemand treffender
gewürdigt als Brentano, der in einem Briefe sagt: „Ludwig Tieck ist
allein beauftragt, der Mimik ein Licht aufzustecken, da er das größte
mimische Talent ist, was jemals die Bühne +nicht+ betreten.
Dieser Dichter, der als darstellender Künstler die Bühne zu einer
Ehre gebracht haben würde, deren sich wenige diesseit oder jenseit
der Lampen träumen, ist kein Schauspieler geworden, worüber Thalia
und Melpomene mit inniger Beschämung trauern sollten, denn er hat den
innersten Beruf und ein Talent zur Bühne, wie es sich alle Jahrhunderte
einmal hinauf verirrt.“

Aus der Zeit des frühern Mannesalters wußten seine Freunde von den
Wirkungen dieses Talents Staunenswerthes zu erzählen. Ergötzlich
berichtet Steffens, wie er ein höchst drastisches Lustspiel: „Der Affe
als Liebhaber“, improvisirt und in allen Rollen allein aufgeführt habe.
Auf einem Stuhle sitzend oder liegend parodirte er zu allgemeinstem
Jubel der Zuschauer die mimischen Darstellungen der Händel-Schütz als
Sphinx oder Ariadne. Es kam vor, daß er in den Kreis wohlbekannter
Freunde trat, und in einem angenommenen Charakter längere Zeit sprach,
ohne erkannt zu werden, oder daß er in der Menge zudrängender Menschen,
etwa im Theater, von ihrer Seite fortgerissen schien, während er nur
einen fremden Ausdruck des Gesichts angenommen hatte. Noch aus dem
Jahre 1806, wo er durch Krankheit bereits geschwächt war, erzählt er in
seinen italienischen Reisegedichten eine ähnliche List. Um in Rom einem
lästigen Schwätzer zu entgehen, den er aus der Ferne heraneilen sah,
erhob er seine Gestalt und änderte die Züge so vollständig, daß der
Herzutretende stutzig ward, den Hut zog und ihn mit der Entschuldigung
verließ, daß er sich in der Person geirrt habe.

Die Lust, mimisch zu agiren, zeigte sich auch in der Liebhaberei für
Bleisoldaten. An diesem phantastischen Spiele nahm früher Bernhardi,
später Dorothea Theil. Durch Kauf und Geschenk kam er in den Besitz
eines bleiernen Heeres, für das eigene Kisten und Tische angefertigt
werden mußten. Auch das war eine Selbstironie; während ihm im Leben das
militärische Wesen zuwider war, unterhielt er sich mit den Abbildern
desselben im Spiele. Die letzten Trümmer dieser großen Armee gab er
in den Kindergesellschaften preis, welche er noch in Berlin ab und
zu veranstaltete. Hier präsidirte er unter großem Freudengeschrei
der Theilnehmer, und das Fest endete gewöhnlich damit, daß er
„Rothkäppchen“, „Die Elfen“ oder sonst ein Märchen vorlas.

Diesen Eigenthümlichkeiten stand ein anderes Element seines Charakters
gegenüber, das er als angeborene Pedanterei und Philisterei
bezeichnete. Es war ein heilsames Gegengewicht der dunkeln
Naturkräfte, und seinen gelehrten Neigungen und Arbeiten verdankte
er oft Zerstreuung und Rettung in innern Kämpfen. Er behauptete, zu
Zeiten Tabellen und registrirende Schriften mit dem größten Vergnügen
angefertigt zu haben; schon das mechanische Schreiben sei ihm dann
angenehm gewesen.

Zu den gelehrten Liebhabereien gehörte vor allen das Ankaufen und
Sammeln von Büchern. Schon in Dresden war er im Besitze einer
Bibliothek, die mit Recht berühmt genannt werden konnte, und
deren Umfang endlich auf 16000 Bände stieg. Für alle Zweige der
philologischen, historischen und dichterischen Literatur sammelte
er, jedoch für keine mehr als für das Drama, und am liebsten für
das altenglische und spanische. Er besaß eine bedeutende Anzahl
sehr seltener Drucke Shakspeare’s, Cervantes’, Lope de Vega’s und
Calderon’s, und eine fast vollständige Literatur dieser Dichter. Mit
den namhaftesten Antiquaren und Buchhändlern stand er in Verbindung,
und nie ließ er einen Freund nach Frankreich oder England reisen, ohne
ihm Aufträge mitzugeben. Für den alten Druck eines dramatischen Werks
war ihm kaum ein Preis zu hoch, und manches Vergessene brachte er durch
seine wiederholte Nachfrage wieder in Gang. In früherer Zeit in Dresden
besuchte er selbst die Bücherauctionen, die ihm zu einem Glücksspiele
wurden, an dem er mit Eifer und Leidenschaft Theil nahm. Schon die
Lectüre von Auctionskatalogen gewährte ihm besonderes Behagen. Auf
dem Zimmer verfolgte er die Bücherauctionen in Halle oder Leipzig mit
dem Katalog in der Hand, indem er sie sich dramatisch ausmalte, und
im Stillen mitbot. „Jeder Mensch“, sagte er, „hat seine Narrheit und
seinen Wahnsinn; ich bin ein unverbesserlicher Büchernarr.“

Zu seinem Vergnügen gehörte es auch, die Bücher stets nach neuen
Gesichtspunkten zu ordnen oder durch seinen Diener ordnen zu lassen.
Mehr als einmal drohte ihn die Masse derselben aus der Wohnung zu
verdrängen. Im Jahre 1849 ward er ihrer plötzlich überdrüssig. Was
er Jahre lang umsichtig und sorgfältig gesammelt hatte, ward ihm zu
einer Last, von der er je eher je lieber befreit zu sein wünschte.
Ein namhafter Antiquar kaufte die Bibliothek und brachte sie zur
Versteigerung. Mit Recht fürchteten seine Freunde, er werde den
Eindruck der kahlen Wände nicht ertragen, und seine geliebten Bücher
schmerzlich vermissen. Kaum war er die erste Bibliothek los geworden,
so begann er eine zweite zu sammeln, die in kurzer Zeit ebenfalls
11000 Bände betrug. Bei dieser Gelegenheit ward ihm ein neuer Beweis
königlicher Huld zu Theil. Der König ließ eine bedeutende Anzahl
der seltensten alten spanischen Drucke aus der ersten Bibliothek
zurückkaufen, und überraschte ihn am nächsten Weihnachtsfeste mit
diesem Geschenke.



4. Die letzten Tage.


Seit der schweren Krankheit und lebensgefährlichen Operation, die er
1845 bestanden, hatte die körperliche Schwäche zugenommen. Spaziergänge
in freier Luft hatte er schon früher selten gemacht, jetzt gab er sie
ganz auf; nur an den heißesten Sommertagen pflegte er auszufahren.
Im Jahre 1850 bezog er zum letzten Male seine Wohnung in Potsdam.
Hier saß er fast den ganzen Tag auf dem geschützten Balkon in der
Sonne. Dieser Luftgenuß gewährte ihm große Stärkung. Der Blick auf den
grünen Park von Sanssouci war der letzte in jenes Naturreich, das ihn
oft unwiderstehlich an sich gezogen hatte. Er, der einst die Nächte
unter freiem Himmel, im Walde durchwachte, war des Waldesrauschens so
entwöhnt, daß er freie Luft und Bewegung scherzweise ein Vorurtheil
schalt, und über den leisesten Zugwind in heftigen Zorn ausbrach.
Damit und seinen übrigen körperlichen Gebrechen hing es zusammen,
daß er auf Reisen die Eisenbahnen soviel als möglich vermied. Der
schneidende Luftzug, der Kohlenstaub, das Gerassel der Schienen, das
Menschengewirr, die Eile, Alles war ihm unerträglich und übertäubte ihn
nervös bis zur Krankheit. Ihn verdroß die fabrikmäßige Hast, mit der
das Reisen betrieben wurde, der Untergang aller Reisepoesie, in der ihm
das Leben stets am glänzendsten erschienen war. Darum blieb er bei dem
alten Reisewagen, und der Eisenbahn zum Trotz fuhr er nach Potsdam nie
anders als auf der einsamen Poststraße.

Am 7. Januar 1851 las er in einer kleinen Gesellschaft Goethe’s
Singspiel: „Scherz, List und Rache.“ Wie öfter in dieser Zeit wurde
er von heftigem Husten unterbrochen, der sich krampfhaft steigerte.
Verstimmt schlug er nach dem dritten Acte das Buch zu. Es war seine
letzte Vorlesung. Zustände nervöser Abspannung, besonders nach
lebhafter Unterhaltung, wurden jetzt häufiger. Zugleich war eine
Verschleimung der Brust eingetreten, die den Athem versetzte. Im März
verfiel er in eine langwierige Krankheit, welche ihn dem Tode nahe
brachte. Die Lebensfunctionen schienen aufgehört zu haben. Einmal
erwartete man mit Gewißheit vor Anbruch des Morgens seinen Tod. Aber es
war die Krisis; auch jetzt noch rang sich die starke Lebenskraft durch.
Man bewachte und pflegte ihn mit unermüdlicher Sorgfalt. Der König
schickte einen seiner Leibärzte, den ~Dr.~ Grimm, durch den er
sich über Tieck’s Befinden Bericht abstatten ließ. Sein unermüdlicher
Hausarzt war der Regimentsarzt ~Dr.~ Hauck. Nach Monate langem
Schwanken genas er so weit, als es noch möglich war. Zum Alter
gesellte sich die Schwäche der Krankheit; sie war unüberwindlich. Er
vermochte ohne Unterstützung nicht mehr zu gehen, und befand sich nur
einen Theil des Tages außerhalb des Bettes. Immer später erhob er sich,
immer früher verlangte er dahin zurück; zuletzt verließ er es nur
in den Mittagsstunden, endlich gar nicht mehr. Sobald er es sich im
Bette bequem gemacht hatte, ward er wieder gesprächig und heiter, und
leuchtend blitzte die geistige Kraft auf.

Es machte einen trüben Eindruck, den Mann auf den ärmlichsten Raum des
Daseins beschränkt und in jeder freien Bewegung schmerzlich gehemmt zu
sehen, dem einst das Leben nicht weit genug schien. Doch längst war er
im Leiden geübt, und auch mit dieser Weise befreundete er sich. Von
der letzten Höhe des Wegs schaute er aus einem andern Gesichtspunkte
auf das Leben zurück, das in neuer Beleuchtung wie ein durchmessenes
Land, von dem der Wanderer Abschied nimmt, hinter ihm lag. Noch einmal
machte er seinen Umkreis durch. Zunächst in der Lectüre; Shakspeare
und Ben Jonson, Calderon und Lope, Tasso und Goethe, alle Geister
seiner Jugend rief er auf. Er sagte, er habe versuchen wollen, welchen
Eindruck das Buch in seiner jetzigen Lage auf ihn machen werde. Auch
die Bibel las er von Anfang an durch. Abwechselungen gewährten die
neuesten Erscheinungen der Literatur, die er flüchtig durchlief, seine
Bücherkataloge und die Zusendungen von Freunden. Auf einem kleinen
Tische, neben dem alterthümlichen Himmelbette, an dessen unterm Ende
ein Lehnstuhl für den Besuchenden stand, lagen die nächsten Bücher,
sein unentbehrlicher Rothstift und das übrige gelehrte Handwerkszeug.

Noch 1850 dictirte er eine freie Uebersetzung von Sheridan’s
„Nebenbuhlern“. Dann begann er die Revision der Novellen für die neue
Gesammtausgabe, deren erste Lieferungen er noch sah. Sein letzter
literarischer Plan war, eine Auswahl seiner Briefe zu geben, die er
zu diesem Zwecke nochmals durchging. Das Letzte, was er für den Druck
schrieb im Spätherbst 1852, war das kurze Vorwort zu den Märchen von
Wahl. Der herzliche Zuruf: „So fahre denn wohl, du liebes Büchelchen!“
war sein Abschiedswort für die Literatur.

Seit er keine geselligen Kreise mehr bildete, ward die Zahl der
Freunde, die sich an seinem Bette versammelten, immer geringer. Die
Gegenwart von mehr als etwa Dreien konnte er ohnehin nicht ertragen.
Dennoch blieb er mit der Außenwelt in Verbindung. Regelmäßig gegen
Abend kam früher sein Bruder, der die letzten Stunden des Tages bei ihm
zubrachte. Es war interessant zu hören, wie ihre Erinnerungen sie in
Scherz und Ernst auf alte Zeiten zurückleiteten. Auch er war geistvoll,
in den verschiedensten Zweigen des Wissens reich an Kenntnissen, sicher
in seinem Urtheile, mit den ausgezeichnetsten Personen hatte er Umgang
gehabt, seine Unterhaltung war beredt und anziehend. Man mußte es tief
bedauern, daß Schwäche des Charakters und ungünstige Umstände ein so
reiches Talent nicht hatten zur vollen Entwickelung kommen lassen.
Nach schwerer Krankheit war er 1851 gestorben. Auch Tieck’s ältester
und treuester Freund, F. von Raumer, besuchte ihn täglich. Oft kam
er unmittelbar von parlamentarischen oder literarischen Kämpfen, und
lebendig und frisch wußte er stets Neues zu berichten, wie es draußen
in der Welt hergehe, und manches bewegte Gespräch zu veranlassen. In
allen praktischen Dingen war er seit langer Zeit der vertrauteste
Rathgeber. Aehnlich stand der Graf York-Wartenburg, ein Freund aus der
dresdener Zeit, der in Leben und Dichtung an Allem, was Tieck betraf,
den lebhaftesten Antheil nahm; so oft er in Berlin war, besuchte er
ihn. Sein Neffe, G. Waagen, Director bei dem Museum, berichtete ihm von
Kunstsachen; andere treue Freunde, der Hofrath Teichmann vom Theater,
der Professor Werder von Philosophie und Literatur. Auch manche Jüngere
fanden sich ein, und Alle brachten herbei, was sie vermochten. So ward
er mit Allem, was den Tag beschäftigte, auch mit dessen Launen und
Wunderlichkeiten bekannt, und selbst über das eben auftauchende Unwesen
des Tischrückens und der Klopfgeister lächelte er noch sarkastisch.

Gern und oft führte er aus, wie er immer reich an Freunden gewesen
sei, und wie es zum Wesen der Freundschaft gehöre, mit einem jeden
ein besonderes und eigenthümliches Leben zu führen; wie sich das auch
auf Gleichgültigeres erstrecke, denn was er dem Einen leicht, fast
unwillkürlich mittheile, komme ihm bei der Unterhaltung mit einem
Andern nicht in den Sinn. Dann ließ er alle bei sich vorüberziehen,
Wackenroder, Novalis, Fr. Schlegel, Solger, und wie er so lange sie
alle überlebt habe. In diesem Sinne schrieb er schon 1832 an Raumer:
„Ist es nicht die Seligkeit der Freundschaft, daß wir von jedem echten
Freunde auf eine ganz eigene, andere Art geliebt werden, wie wir jedem
denn auch mit einer eigenthümlichen Liebe entgegenkommen? -- -- Wie
hätte z. B. A. W. Schlegel die Liebe brauchen können, mit welcher
ich Novalis zugethan war? Wackenroder hätte mit meinen Solger’schen
Geistesergüssen nichts anzufangen gewußt, und Solger hätte sich gewiß
zurückgezogen, wäre ihm eine Freundschaft wie zu Wackenroder in mir
entgegengetreten. -- Je mehr wahre Freunde der Mensch hat, je reicher
gestaltet und entwickelt er sich selbst. Nur der selbst reiche Mensch
kann auch viele reichbegabte Freunde haben.“

Die angenehmste Unterhaltung, vielleicht der letzte Genuß, der ihm
geblieben, waren im vertrauten Gespräche seine Erinnerungen. Das ganze
Leben rollte sich vor dem Blicke auf, und in der Erzählung jugendlicher
Kämpfe und Abenteuer, von seinem ersten Dichten und Ahnen ward er
wieder jung. Jene ältern Männer, die er damals gesehen und gekannt
hatte, standen in seiner Phantasie als Greise da; er war der Jüngling,
er war kühn, unternehmend und hoffnungsvoll. Die Zeiten verschwanden
in dieser Entzückung, seine Umgebung vergaß er, und übertrug die
Bezeichnung „der alte Herr“ auf lebende Personen, welche jünger waren
als er. Neben den Freuden der Jugend durchlebte er auch alle Schmerzen
und Verluste, die er erlitten, jeden Kummer, den er an und mit Freunden
und Verwandten erfahren hatte, und alte Wunden brachen auf. Dann
vergrub er sich in verzehrenden Gram und Schwermuth. Indem er der
Geschlechter gedachte, welche an ihm vorübergegangen waren, sagte er:
„Ich fühle, was die Schrift sagen will, wenn sie die Patriarchen alt
und lebenssatt nennt. Man hat endlich auch des Lebens genug. Welche
Augenblicke kommen nicht in einsamen und schlaflosen Nächten, wo alle
Erfahrungen und Verluste an uns vorübergehen! Ich habe meine nächsten
Angehörigen und Freunde verloren. Alles, was ich mit ihnen erlebt habe,
wie ihr Verlust, ist mir wie gestern. Man kann wol zu Zeiten heiter
sein, aber dergleichen verschmerzt sich nicht.“

Diese gramvollen Erinnerungen, die ihn Tage und Nächte lang
beschäftigten, führten ihn wieder auf wohlbekannte allgemeine
Betrachtungen. Wie räthselhaft waren nicht Talent, Glück und Unglück
im Leben vertheilt! Was wollte das Uebel, das Böse in der Welt, was
war Gottes Rathschluß mit ihr? Es waren dieselben Fragen, vor denen er
als Jüngling gestanden hatte. Doch zwischen jetzt und damals lag ein
langes Leben, sein Ergebniß war eine fromme und demüthige Weisheit.
Stets schloß er mit dem Gedanken hingebender Resignation ab. Wohin
immer Zweifel und Forschung führen, was er auch erlebt habe, oder die
Zukunft ihm bringen möge, er stehe in der Macht und Hand Gottes, was
sein unendlicher Rathschluß ihm zutheile, sei das Beste. Seit er diese
Hingebung an einen heiligen Willen gewonnen, könne er die ruhige und
versöhnte Stimmung nie ganz verlieren, auch wenn sie von Zweifeln
angefochten werde, sie sei der Anfang der wahren Weisheit. In diesem
Glauben söhnte er sich mit allen Schmerzen aus, die ihm so reichlich
zu Theil geworden waren. Es war dieselbe Ansicht, die er 1832 in einem
Briefe an Raumer aussprach: „Und warum sollen wir denn unsere Schmerzen
nicht ausdulden, sind sie nicht unser kostbarstes Gut? Ohne die echten
wäre ja unser Leben nur ein Spiel und die Freude nüchtern.“

Blickte er auf die hellen Seiten des Lebens, auf das, was ihm vor
vielen Andern geworden war, wog er Schmerz und Freude, Verlust und
Besitz gegeneinander ab, so schloß die Rechnung mit tiefster Demuth und
der frommsten Dankbarkeit gegen Gott. Was hatte er gethan, um diese
reichen Talente, diese Entzückungen zu verdienen? Warum war es gerade
ihm gegeben? „Alles ist Wohlthat und unverdiente Gnade“, sagte er.

Diese Frömmigkeit war stets eine Grundstimmung seines Herzens,
aber niemals hatte er sie auf der Zunge getragen, sondern als sein
Heiligstes, was er nur den vertrautesten Freunden zeigte, in sich
verschlossen. Nach der Feier seines sechzigsten Geburtstags schrieb
er an Raumer: „Wesentlich ist mein Leben ein glückliches gewesen.
Diese tödtlichen Krankheiten habe ich überstanden, und bin gesunder
und kräftiger als Viele meines Alters. Mir ward es vergönnt, das
Schöne und Große zu sehen und zu erkennen. Der Enthusiasmus, der mich
auf meine Bahn getrieben hat, war kein vorübergehender Jugendrausch,
die Vorzeit ist mir verständlich geworden, die Natur mir befreundet,
und viele große Geister der Weltgeschichte und Kunst sind mir kein
stummes Räthsel. Meine Arbeiten haben auf meine Zeit und edle Gemüther
eingewirkt.“ Im Jahre 1831 schrieb er an denselben Freund: „So
viele Menschen wissen ihres Jammers und der Anklage kein Ende, und
ich weiß in Dankbarkeit gegen Gott keine Ausdrücke zu finden, über
so unermeßliches Glück, dessen er mich gewürdigt hat; -- daß weder
Andacht, noch Idee, noch Kunstverständniß, ohne Gnade, ohne jene
unmittelbare Vereinigung mit dem Göttlichen, zu dem mein Ich nichts
thun kann, in mir aufgeht, und daß ich doch täglich so in verschiedener
Gestaltung, die Ewigkeit in dem Unnennbaren in meinem Innern fühle.
Wodurch habe ich es verdient, daß die Gnade mich so vor Tausenden, vor
Millionen ausgewählt hat? Dies Geheimniß bleibt unerforschlich. Der
also, der so viel für mich unwidersprechlich gethan hat, wird mich
nicht fallen lassen, wenn ich seine Gnade nicht sündlich misbrauche.
Das Innerste, der Geist dessen, was ich gedacht, gearbeitet, geschaut,
jede Begeisterung und Entzückung folgt mir nach, oder vielmehr, ich
finde sie da wieder, von wo sie mir auf Augenblicke in meine Seele
herabstieg.“

Wenn er in den letzten Tagen in einem ähnlichen erhabenen Tone sprach,
schien eine höhere Weihe und Entzückung auf ihm zu ruhen; er hatte mit
der Erde abgeschlossen. Diese tiefe Ruhe theilte sich allmächtig mit,
und wer an seinem Bette saß, fühlte sich auf einer geistigen Höhe,
zu der das verworrene Geschrei des gewöhnlichen Lebens nicht mehr
hinaufreichte.

In solchen Gesprächen kam er häufig auf die Lehren des Christenthums.
Er beugte sich vor ihrer Heiligkeit und Einfachheit, ihrem Tiefsinn
und ihrer reinigenden Kraft; sie waren ihm das Höchste, was die Welt
gesehen. Wenn er am Gemeindeleben keinen Antheil nahm, so hatte das
den nächsten Grund in seiner Kränklichkeit. Die dröhnenden Töne der
Orgel übten einen Druck auf die Nerven aus, dem er nicht widerstehen
konnte. Auch manche Predigt fand er trivial und gewöhnlich. Sein
Standpunkt konnte kein anderer sein, als der evangelischer Freiheit,
darum erhob er sich über den confessionellen Kampf. Allein aus einer
echt protestantischen Ueberzeugung ging früher seine Anerkennung
des Katholicismus hervor, welche ihm so oft die Anklage, daß er ein
heimlicher Katholik sei, zugezogen hatte. Nichts war unwahrer. Geistige
Freiheit und Selbstbestimmung vertheidigte er zu allen Zeiten, und
vor allem im Heiligthum religiöser Ueberzeugung und des Glaubens. Die
Herrschaft und amtliche Bevormundung durch Priester, die Verketzerung
und Verfolgungssucht war ihm als beschränkt und unchristlich in allen
Gestalten zuwider. Das Höchste sah er in der christlichen Milde
und Duldung, welche allein den Zwiespalt des Lebens thatsächlich
auszugleichen vermag.

Im März 1853 besuchte ihn der Prediger Sydow, den er von Potsdam her
kannte. Tieck hatte manche persönliche Berührung mit ihm gehabt, und
ihm bei seiner Reise nach England Empfehlungen an einige Würdenträger
der dortigen Kirche mitgegeben. Die theologische Richtung desselben war
ihm bekannt; er wußte, daß er der Schule Schleiermacher’s angehöre. Das
Gespräch, welches jetzt geführt wurde, faßte er im Hinblick auf sein
vielleicht nahe bevorstehendes Ende auf. „Ich wünsche“, sagte er, „daß
Sie an meinem Grabe sprechen, und nicht etwa einer von den Zeloten.“
Nachdem ihm die Zusicherung des letzten Dienstes geworden, sprach er
bald darauf denselben Wunsch gegen Raumer aus, den er als nächsten
Freund verpflichtete, für die Vollziehung seines Willens Sorge zu
tragen. Das letzte Wort, das über ihn als Mensch gesagt wurde, sollte
ein Wort der Versöhnung sein.

Immer näher rückte der Augenblick des Scheidens, auf den er sich
innerlich seit Jahren vorbereitet hatte. War doch sein Leben seit lange
nur ein Abschied vom Leben gewesen! Oft wenn er den Freunden die Hand
drückte, war es ihm, als sei es zum letzten Male geschehen. Und jetzt
schlug die Stunde. In den Wintermonaten hatten die körperlichen Kräfte
abgenommen. Die gewohnten Nahrungs- und Stärkungsmittel widerstanden
ihm, oder versagten ihre Dienste. Der Austern und Spargel, die er
leidenschaftlich gern gegessen hatte, ward er überdrüssig; der
leichte Frankenwein, den er zu trinken pflegte, erhitzte und machte
ihm Beschwerde. Seit der letzten Krankheit war das, was er zu sich
nahm, auf das geringste Maß herabgesunken, und die Appetitlosigkeit
stieg bis zum Widerwillen gegen das Essen überhaupt. Da häufig dabei
ein Verschlucken, dann lang anhaltender und heftiger Krampfhusten
eintrat, war es ihm zur Pein und ein Gegenstand ängstlicher Besorgniß
geworden. Den Mangel der Nahrungsmittel ersetzte noch ein gesunder und
regelmäßiger Schlaf; nach einer ruhigen Nacht fühlte er sich immer zu
heiterm Gespräch aufgelegt.

Es war in der Osterwoche, als sich ähnliche Anzeichen, wie sie
der letzten schweren Krankheit vorangegangen waren, einstellten;
Beklemmungen, starke Schleimansammlung auf der Brust, Luftlosigkeit,
Beschwerde beim Sprechen und steigende Schwäche. Aber das Leben
siegte noch für einen Augenblick. Am 29. März dictirte er einen
Brief, in dem er die Hoffnung auf literarische Arbeiten aussprach.
„Diese Krankheitsstimmung wird vorübergehen“, sagte er darin. Schon
am folgenden Tage kehrte sie mit verdoppelter Gewalt zurück. Die
krankhaften Beklemmungen stiegen bis zur Gefahr des Erstickens, die
Schwäche ging in Ohnmacht über, eine tödtliche Erstarrung trat ein. Als
der herbeieilende Arzt einen Aderlaß verordnete, floß das Blut erst
nach wiederholten Versuchen an beiden Armen. Mehrere Stunden währte die
Todesgefahr. Endlich trat eine Gegenwirkung ein; die sinkenden Kräfte
sammelten sich, aber die Hoffnung, das fliehende Leben festzuhalten,
war gering.

Noch kämpfte der Frühling mit einem rauhen Nachwinter. Man tröstete
sich, die warme Sonne werde ihn befreien von dem Drucke, der auf ihm
lastete. Das Bedürfniß geistiger Mittheilung erwachte wieder, und er
setzte es durch, daß seinen Freunden der Zutritt verstattet wurde.
Er hatte sich in diesen Tagen sehr verändert. Die Athemzüge gingen
in einen bald röchelnden, bald pfeifenden Ton über, die sonst so
klangvolle Stimme war rauh und heiser, das Gesicht kleiner geworden,
ein wehmüthig schmerzlicher Zug um den Mund gab ihm einen fremden
Ausdruck. Er versuchte die Unterhaltung in gewohnter Weise zu beginnen;
es ging nicht mehr. Nach wenigen Minuten mußte er, was er sonst nie
that, das Zeichen zum Aufbruch geben. Er sprach über seinen Zustand,
und klagte über schweren und doch häufig unterbrochenen Schlaf. In den
Stunden unruhigen Wachens hatte er zu den Büchern gegriffen, die ihn
zuletzt beschäftigten. Geistig war er klar wie nur sonst, und gern
kehrte er zu frühern Gedanken zurück. Von Lessing sagte er: „Welch’
eine Natur! Nie hat einer die Skeptik edler und würdiger verkündet, und
doch die Fundamente nicht berührt!“ Seinen oft wiederholten, aus tiefem
Herzen kommenden Abschiedsworten: „Leben Sie wohl, leben Sie recht
wohl!“ fühlte man die Todesschauer an. In einigen Unterredungen mit
Raumer machte er die letzten irdischen Dinge ab. Seinen Diener hatte er
schon früher der Gnade des Königs empfohlen.

Am 25. April Vormittags forderte er heftig zu essen, es war ein letztes
Aufflammen der Natur. Dann befahl er die Fenstervorhänge zu schließen,
weil er schlafen wolle. Am Abend desselben Tages traf seine Tochter aus
Schlesien ein, der man von seinem Zustande Nachricht gegeben hatte.
In der folgenden Nacht traten Augenblicke der Betäubung ein, die zwar
den angewandten Mitteln wich, aber eine noch schlimmere Wendung der
Krankheit fürchten ließ. Am 27. April Nachmittags hatte er eine letzte
Unterredung mit seiner Tochter. Er hatte mit der Erde abgeschlossen.

Seit dem Eintritt der Nacht sprach er nicht mehr. Die gereichten
Medicamente vermochte er nicht mehr zu nehmen; er verfiel in einen
dumpfen, betäubenden Schlaf. Gegen Morgen ward der Athem leiser; es war
der Todesschlummer. Ein Viertel nach sechs Uhr am 28. April that er den
letzten Athemzug. Sein Schmerzenslager war zur stillen Friedensstätte
geworden. Das tiefe Auge, die beredte Lippe hatte sich geschlossen,
aber auf dem Gesichte ruhte eine sanfte Verklärung. Es waren wieder die
wohlbekannten Züge, mild und groß, die reine hohe Stirn. Es war das
edelste Haupt!

So war denn der Traum des Lebens ausgeträumt, der dunkle Vorhang
gehoben, vor dem er so oft zweifelnd und bangend, hoffend und glaubend
gestanden hatte! Das Räthsel war gelöst. Was den Dichter in heiliger
Begeisterung durchzuckte, der Glanz, der in einzelnen Strahlen sein
geblendetes Auge getroffen hatte, war ihm ein Unvergängliches
geworden, das Geheimniß offenbart, die Schauer und Ahnungen Gottes
erfüllt.

„Tieck ist gestorben!“ so ging in den nächsten Tagen die Kunde von den
Freunden in die weitern Kreise über; sie durchlief die öffentlichen
Blätter in Berlin, in allen Gegenden Deutschlands. Lange hatten sie von
dem greisen Dichter geschwiegen; sein Tod gab Veranlassung, noch einmal
das Wort über ihn zu erheben, der Vergangenheit gehörte er jetzt an.
Es war ein Ereigniß in der literarischen Welt, dessen abschließende
Bedeutung unverkennbar war. Aus dem Geräusch handwerksmäßiger
Tagesarbeit, der Erbitterung religiöser Streitfragen und politischer
Kämpfe, und der Besorgniß allgemeiner Krisen wandte sich die
Aufmerksamkeit für einen Augenblick zu dem Manne zurück, der in dem
Garten der Poesie gelebt hatte. Das Haupt und der Fürst der Romantik,
der letzte Dichter aus einer großen Zeit war gestorben! Bei den Aeltern
stiegen die vergessenen Erinnerungen einer begeisterten Jugend auf, wo
auch sie diesen nun verklungenen Zaubertönen gelauscht hatten!

Am 1. Mai wurde er bestattet. An der Stelle, wo er so oft vor seinem
Lesepulte eine lebensvolle Welt geschaffen hatte, stand der einfache
Sarg, der die irdischen Reste einschloß. Das grüne, unverwelkliche
Lorberreis lag darauf. Er hatte es wohl verdient! Kein prunkendes
Leichengefolge hatte sich eingefunden; es handelte sich um keine
Kundgebung, keine Parteiansicht. Die Anwesenden hatte Liebe,
Freundschaft und Verehrung, oder die Anerkennung des großen Mannes
herbeigeführt. In ihrer Mitte stand ein Altersgenosse des Dichters, A.
von Humboldt, wie er Zeuge und Mitstreiter im Wettkampfe der größten
Geister. Die Vertreter der Wissenschaft und der Künste, der Akademien,
der Universität und Gymnasien, des Theaters und der Literatur, und
zahlreiche Freunde und Verehrer schlossen den Kreis, in dem sich
mancher berühmte Name fand. Der Domchor stimmte den Choral an: „Wenn
ich einmal muß scheiden“; der Prediger Sydow sprach in ergreifenden
Worten den letzten Scheidegruß, wie sie nur aus dem Verständniß des
Geistes und wahrer Verehrung hervorgehen können. Er stellte ihn dar
als einen der Hochbegabten und Hervorragenden, die berufen sind, die
großen Schlachten des Geistes zu schlagen. Und der Chor sang: „Ja, der
Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit!“ und „Christus ist die
Auferstehung und das Leben!“

In langem Zuge bewegte sich das Trauergefolge durch die versammelte
Menschenmenge, die Friedrichstraße hinab, dem Halleschen Thore zu. Der
Wagen des Königs folgte dem Sarge unmittelbar. Auf dem Friedhofe der
Dreifaltigkeitskirche, neben dem Grabe Schleiermacher’s, nicht fern
von seinem Freunde Steffens, war auch für Tieck die letzte Ruhestatt
bereitet. Nach langen winterlichen Stürmen schien die Sonne zum ersten
Male hell und warm. Sie brachte den Frühling, den klaren Himmel, und
ihm die Ruhe. Als der Sarg eingesenkt wurde, und die Erdschollen auf
die reichen Blumenkränze niederfielen, stieg oben im blauen Raume die
Lerche auf; als die Trauernden den Kirchhof verließen, schlug die
Nachtigall im jungen Grün. Die Natur blieb ihrem Dichter treu. Der
Frühling hatte ihn an der Schwelle des Lebens empfangen, er gab ihm am
Ausgange das letzte Geleit. Am 31. Mai 1773 war er geboren, achtzig
Jahre später, am 1. Mai 1853, wurde er bestattet.

Da ruht er draußen auf der Anhöhe vor den Thoren seiner Vaterstadt,
die ihn nun nicht wieder verlieren wird. Ueber dem Grabhügel rauscht
traulich der Fliederbusch und die Pappel, und über Gebüsch und Felder
blickst du hinab zur Stadt, die mit ihren Häusern, Straßen und Thürmen
sich ausbreitet unten zu seinen Füßen. Da braust der wogende Strom des
Lebens fort, auf dem auch er kämpfte, bis er sanft zum Hafen geleitet
wurde.

Sein Leben war ein volles menschliches, wie es nur Wenigen vergönnt
ist. Gefühl, Phantasie und Dichterkraft trugen ihn empor, Kunst und
Wissenschaft nannte er sein, und das Feuer höchster Begeisterung
durchglühte ihn. Aber auch Leiden, Schmerz und die Angst der
Verzweiflung, die nach dem Göttlichen sucht, waren ihm in hohem Maße zu
Theil geworden. War er an Liebe und Freundschaft reich, so ist ihm auch
Neid und Misgunst nicht erspart worden. Engherzigkeit und böser Wille
haben ihn oft geschmäht, sie riefen ihm zu, daß er schon vergessen
sei. Er ist nicht vergessen! Nur was irdisch an ihm war, deckt der
Grabeshügel. Er lebt und wird leben im Garten der Poesie mit jenen
großen Geistern, die seine entzückte Rede so oft gefeiert hat! Er lebt
und wird leben, solange das Gedächtniß deutscher Dichtung lebt!

In den prophetischen und tiefsinnigen Worten seines sterbenden Dichters
hat er auch auf sein Denkmal die Inschrift gesetzt: „Das ist eben das
Uebermenschliche in den Schicksalen großer Helden und Volkslehrer und
Wohlthäter der Menschen, daß man sie vergißt, wol verkennt; und die
tiefe Rührung unsers Herzens, das schönste Gefühl unserer Anbetung
aus der Ferne nach tausend Jahren noch, diese Huldigung der Urenkel
und spätesten Nachkommen, die jedes Gemüth, welches der Erkenntniß
des Großen und Schönen fähig ist, opfert; dieses, was nicht Gold,
noch Ehre, noch Lob ist, diese stumme Bewunderung, in der die reinste
Verehrung und ein heiliges Mitleid sich wundersam vermischen, ist jener
Helden schönster Lohn. So sind sie nicht vergessen, nicht verarmt,
vertrieben, gestorben; die Geisterwelt ist ihre Heimat, der Palast, den
sie bewohnen. Und jede gute That, jede schöne Regung, der Glaube an den
Adel der Menschennatur wächst und blüht in diesem geweihten Boden!“



5. Tieck’s Werke.


Des Dichters Werke sind sein Leben. Jede seiner Schöpfungen ist
eine That seines Geistes, in der er die höchsten Kräfte sammelte,
ein Zeichen, an dem die Abschnitte des Weges gemessen werden, den
er zurücklegte. Seine Werke sind das Erbe, welches er der Nachwelt
hinterläßt; wer sie kennt, kennt den Dichter. Aber weil sein Leben in
seinen Werken liegt, darum muß man jenes kennen, um diese zu verstehen.
Nur aus der Erkenntniß des Wechselverhältnisses zwischen Leben und
Dichtung, zwischen Mensch und Dichter ergibt sich ein klarer Einblick
in sein Wesen, eine gerechte Würdigung seiner Stellung. Alles Sammeln
zur Lebensgeschichte der Dichter, alles Erklären ihrer Werke beruht
darauf.

Auch die Erinnerungen aus Tieck’s Leben sind eine historische
Erläuterung seiner Werke; sie weisen deren Entstehung als Thaten seines
Geistes nach. Von einem andern Standpunkte aus über sie zu sprechen,
ist nicht die Absicht, obgleich es nicht an Stoff gebräche, schon darum
nicht, weil so Vieles über sie gesprochen worden ist. Doch soll zum
Schlusse noch einmal davon die Rede sein, wie er sich menschlich und
schriftstellerisch im Einzelnen zu ihnen verhielt.

„Man muß es erlebt haben!“ war sein Losungswort. Er hatte erlebt, was
er dichtete. Seine Dichtungen waren der reine Ausdruck seines innern
Lebens; sie waren etwas durchaus Persönliches, ein Theil seines Wesens.
Darin liegt ihre Bedeutung, die Tiefe ihrer Gedanken, die Kraft, die
Lebendigkeit, die Anschaulichkeit der Darstellung.

Aber auch Vieles von dem, was er äußerlich erlebte und erfuhr, hat
er darin niedergelegt. Für die Novellen hat man das immer anerkannt,
nur aus der Fülle der Erfahrungen und Beobachtungen konnten sie
hervorgehen. Wenn es sich bei ihm mehr als bei tausend Andern
bestätigt, daß es darauf ankomme, wie man die Dinge erlebe, so war er
doch in dem, was er erlebte, nicht minder bevorzugt. Freilich waren
Leiden kein geringer Theil davon. Wer sein Leben kannte, wußte, daß
auch in den frühern Dichtungen Vieles der Art zerstreut sei. Mit
historischer Treue hat er es in der Regel gegeben, höchstens, daß er
etwa einen Namen verschwieg, oder einen erfundenen an dessen Stelle
setzte. Er hatte keine Veranlassung, zu ändern und umzugestalten. Die
historische Wahrheit des Thatsächlichen verband sich ungesucht mit
der dichterischen Wahrheit. Das ist kein geringes Zeugniß für seine
Dichtungen überhaupt.

In solchen vereinzelten Darstellungen aus seinem Leben hat er
Bruchstücke der Denkwürdigkeiten gegeben, die er nicht geschrieben
hat. Aber man könnte sie daraus herstellen. Gesammelt ergeben diese
zerstreuten Züge sein Lebensbild, nicht wie er es im Ganzen entworfen
hat, aber wie es ihm aus dem Standpunkte des Augenblicks, von einer
Seite her betrachtet erschien. Die folgenden Nachweisungen machen den
Versuch, eine solche Zusammenstellung einzelner Lebensmomente nach
ihrer Zeitfolge zu geben.

Erinnerungen aus der Kindheit und dem Knabenleben finden sich in
dem „Jungen Tischlermeister“; seines Vaters Erzählungen von dem
Magister Kindleben sind bei der Schilderung des alten Magisters
benutzt. Die jugendliche Begeisterung des Tischlers für den „Götz“
ist seine eigene. Züge aus dem Jugendleben enthalten ferner: „Der
Weihnachtsabend“ die Schilderung des berliner Weihnachtsmarkts; die
Gespräche im „Phantasus“ die Geschichte des magischen Theaterbillets;
„Musikalische Leiden und Freuden“ seine jugendlichen Versuche in der
Musik; „Der junge Tischlermeister“ seine Schülerfahrten nach Jessen
und Wittenberg; die Geschichte „Peter Leberecht’s“ eine Charakteristik
seines Jugendfreundes Piesker unter dem Namen Liesker; die Novelle
„Das Zauberschloß“ die Schilderung eines andern Schulgenossen Namens
Schwieger. Den Mann mit dem rothen Rocke, der die fixe Idee hat, die
Pygmäen mit seiner Peitsche verfolgen zu müssen, der in den „Reisenden“
erscheint, hatte er als Schüler auf einer Hochzeit in einem berliner
Bürgerhause gesehen. Die Erinnerungen an Franken und seine Irrfahrten
im Fichtelgebirge mit Wackenroder hat er im „Jungen Tischler“
niedergelegt; der Mondsüchtige, der jene mondbeglänzte Zaubernacht im
Fichtelgebirge schildert, ist er. Die Eindrücke, welche er in Nürnberg
empfing, liegen dem „Sternbald“ zu Grunde; sein Abenteuer im Lager der
Reichstruppen bei Fürth erzählt er in den Gesprächen im „Phantasus“.
Die muthwillige Täuschung Wackenroder’s, daß der Hund lesen gelernt
habe, läßt er dem alten Labitte im „Hexensabbath“ widerfahren. Die
Nachtscene, die er in Göttingen beim Lesen des „Macbeth“ erlebte,
schildert er im „Lovell“; von seinen Studien des Spanischen in dieser
Zeit spricht er im „Zauberschloß“. Die Abenteuer mit jener Ophelia und
dem Irrsinnigen, der sich für einen Sohn Friedrich’s des Großen hielt,
erzählt er in den „Reisenden“ und im „Jungen Tischler“; die Geschichte
mit dem Bergmann im „Alten vom Berge“, der nie ein Kornfeld gesehen
hatte, erlebte er in Andreasberg am Harz.

Einzelne Erlebnisse aus der spätern Zeit bis zur Uebersiedelung nach
Dresden gibt er an folgenden Stellen: In den „Abendgesprächen“ die
Vision von 1798, als er seiner Braut bis Tegel entgegenging; in der
„Gelehrten Gesellschaft“ eine Schilderung seines literarischen Lebens
mit Wackenroder, Bernhardi und Andern; in der Novelle „Waldeinsamkeit“
spricht er von der Entstehung des „Blonden Ekbert“; ebenda finden
sich Erinnerungen an Jena. Die satirisch-phantastischen Lustspiele
schildern sein Verhältniß zur damaligen literarischen Welt; seine
Liebhaberei für Bleisoldaten übertrug er auf den alten König im
„Zerbino“; in den „Briefen über Shakspeare“ und den Gesprächen im
„Phantasus“ berichtet er von seiner Theaterleidenschaft. Von dem
Eindrucke, den Jakob Böhme’s Schriften auf ihn machten, erzählt er in
der Person des Pfarrers Watelet in den „Cevennen“, dessen religiöse
Ansichten die seinen sind. Seine Reise durch Deutschland im Jahre 1803
mit Burgsdorff, seine damaligen Verhältnisse und Stimmungen stellt er
in der „Sommerreise“ dar und im „Jungen Tischler“; das musikalische
Leben in der Familie des Grafen Finkenstein in den „Musikalischen
Leiden und Freuden“. Reichardt’s Buch „Napoleon Bonaparte und das
französische Volk unter seinem Consulate“ gab Veranlassung zu der
Novelle „Der Geheimnißvolle“. Ein dichterisches Tagebuch seiner
italienischen Reise enthalten die „Reisegedichte eines Kranken“;
den Eindruck der Musik in der päpstlichen Kapelle gibt er in den
„Musikalischen Leiden und Freuden“, Erinnerungen an das deutsche
Liebhabertheater in Rom im „Jungen Tischler“, an seinen Aufenthalt in
Florenz im „Pokal“. Krankheit und Leben in München wird geschildert
in den Gesprächen im „Phantasus“ und im „Liebeszauber“. Die Scenerie
für die Gesellschaft im „Phantasus“ ist aus dem Leben in Ziebingen
entnommen; der blödsinnige Theophilus ist eine Gestalt, der er dort
begegnete. Der Held der „Zopfnovelle“, der sich für einen Ziethen’schen
Husaren hält, ohne jemals Soldat gewesen zu sein, ist eine historische
Person. Er war Verwalter in Ziebingen, und wirklich stellte man zu
seiner Beruhigung Nachforschungen in Berlin an, in Folge deren seine
wunderliche Selbsttäuschung entdeckt wurde. Anekdoten aus dem Leben
Fichte’s und Oehlenschläger’s, deren Zeuge er selbst war, gibt er in
den „Uebereilungen“, seine Erfahrungen vom Somnambulismus erzählt er in
den „Wundersüchtigen“.

Endlich haben die dresdener Verhältnisse den Stoff für die
„Vogelscheuche“ geliefert, in der mehrere literarische Persönlichkeiten
jener Zeit auftreten; ebendaher ist die Dichterin im „Zauberschloß“.
Von seinen Besuchen in Sesenheim, Stratford und bei Ulrich Hegner
erzählt er im „Mondsüchtigen“. „Dichterleben“ und der „Tod des
Dichters“ enthalten eine Reihe von Selbstbekenntnissen und
Schilderungen im Munde Shakspeare’s und Camoens’. Die Ansichten
über die altenglische Bühne entwickelt er als Professor im „Jungen
Tischler“, den er auch sonst mit manchen seiner Eigenthümlichkeiten
ausgestattet hat. Seinen prosaischen Jugendfreund Piesker, wie er ihn
später in Dresden wiedersah, schildert er als Beskow in der „Reise ins
Blaue“; seine Stellung zum Jungen Deutschland bespricht er ebenda,
und im „Wassermensch“, „Eigensinn und Laune“, „Vogelscheuche“ und
„Liebeswerben“.

Den Stoff zu Novellen gaben auch Anekdoten, welche Freunde ihm
erzählt hatten, so zum „Wassermensch“, „Eigensinn und Laune“, „Die
Klausenburg“, „Der Weihnachtsabend“; die Veranlassung zum „Funfzehnten
November“ ein Kupferstich in einem holländischen Buche, der eine
Ueberschwemmung darstellte.

Ueberall, was man auch berühren möge, treten eigene Erlebnisse und
Erfahrungen entgegen. Der Stoff aus dem Leben drängte sich ihm von
allen Seiten herzu, niemals war er darum verlegen, eher war es ihm zu
viel, was er Alles noch aussprechen und darstellen wollte. War er im
Zuge der Arbeit, so reichten Zeit und Kraft kaum hin. Er arbeitete
unendlich rasch und leicht, namentlich in seiner Jugend, wo er oft
mit kühner Sorglosigkeit die Dinge unter der Feder entstehen ließ.
Alles Verbessern, Feilen und Putzen im Einzelnen war ihm verdrießlich.
Selten corrigirte er, noch seltener entwarf er Concepte. Alles, was
er schrieb, war aus einem Gusse; wie er es vorher innerlich bei sich
festgestellt hatte, so sprach er es aus. Diesen Charakter des Flüssigen
und Fertigen tragen auch seine Manuscripte. Zu dem, was einmal fertig
war, kehrte er ungern zurück.

Man kann darum nicht sagen, daß er übereilt gearbeitet habe; die
Vorbereitungen währten vielmehr oft sehr lange. Er kannte keine
abgemessene Methode des Arbeitens; thatsächlich aber lag sie in
einem steten Wechsel von träumerischem Nachdenken und Versinken und
dem angestrengtesten mechanischen Schreiben. Hatte er sich unter
vielen Plänen und Gestalten, die ihm vorschwebten, endlich für einen
entschieden, so fing er an den Stoff innerlich zu durcharbeiten und zu
bilden, indem er scheinbar müßig und versunken seine Umgebung völlig
vergaß. In solchen Zeiten ward Alles lebendig vor seiner Seele bis in
das Einzelne hinein; er machte es, wie er zu sagen pflegte, im Kopfe
fertig. Endlich kamen die Massen in Fluß, der Durchbruch trat ein. Hier
entschieden nicht selten äußere Veranlassungen, eine bevorstehende
Reise, das Drängen der Buchhändler, die sich um seine Novellen für
ihre Taschenbücher bewarben. Nun begann er zu schreiben, ohne einen
Freund zu sehen und zu sprechen, ohne sich vom Stuhle zu erheben;
kaum daß er sich Zeit zum Essen ließ. So schrieb er in wenigen Tagen
Novellen von vielen Bogen nieder. Mit unglaublicher Eile flog die Feder
über das Papier hin.

Bei dieser zuströmenden Fülle konnte er sich nie zum dictiren bequemen;
bei der Ungeduld, mit welcher er schrieb, war ihm der Umweg durch die
Feder eines Dritten viel zu lang. Nur wenn er selbst dazu griff, fand
er das rechte Wort. Die Stenographie, welche ihm in Berlin empfohlen
wurde, wies er mistrauisch ab, und erst in den letzten Jahren, als
er an das Bett gefesselt war, entschloß er sich zu dictiren, doch
beschränkte er sich meist nur auf Briefe.

Tieck’s Methode zu arbeiten hing mit seinem Wesen genau zusammen,
nur eine bedeutende Kraft konnte so arbeiten; doch fühlte er die
Nachtheile, welche damit verbunden waren, sehr wohl. Wie er sich des
Aufschiebens anklagte, so in vertrauten Briefen, auch seiner Art zu
arbeiten; er könne seinen Stimmungen nicht gebieten, er versinke in
Träumerei und arbeite dann wieder zu viel und zu rasch; nur Weniges
von dem sei geschehen, was seine jugendliche Phantasie ihm als möglich
gezeigt habe, das Beste sei unterblieben aus Uebermuth im Projectiren;
der Mensch sei unersättlich in Plänen. Es fehlte an einem gewissen
Gleichgewichte zwischen Ausführung und Entwurf; das Durcharbeiten
desselben in der Phantasie verzehrte einen Theil der Kraft, und
begünstigte am liebsten immer die neuesten Pläne und Stoffe.

In gelegentlichen mündlichen und schriftlichen Aeußerungen, in Briefen
oder auch öffentlich, entwickelte er daher einen unendlichen Reichthum
von Plänen. In solchen Andeutungen nahm er dann die Freude, welche er
sich von ihrer Ausführung versprach, vorweg. Was er wollte stand klar
und fest ausgeprägt vor seiner Seele, er sah das noch nicht Gewordene,
und die Lebhaftigkeit der Phantasie ließ ihn die Linie übersehen,
welche Gedanken und Ausführung trennte.

Von den Ausführungen solcher Entwürfe ist wenig vorhanden, denn nur in
seltenen Fällen kam er bis zum Anfange derselben. Ein Plan, der neben
dem Sternbald entstand, war, in einem Romane „Alma“, den er ein Buch
der Liebe nannte, ein Gegenstück zu jenem zu geben. Seit 1797 trug
er sich mit diesem Gedanken, seine theilweise Ausführung ist jedoch
später und fällt in die Jahre 1803-6. Er klagte oft, daß diese Papiere
verloren gegangen seien. Erhalten sind die unter dem Namen „Alma“ in
die Gedichtsammlung aufgenommenen Sonette und Liebesgedichte. Die
religiösen Fragen wollte er 1802 in einem andern Roman erörtern, dessen
Skizze er in der Novelle „Die Sommerreise“ aufbewahrt hat. Lyrische
Abschnitte aus einer dramatischen Bearbeitung der „Magelone“ finden
sich unter seinen Gedichten. Einen Faust begann er in der ziebinger
Periode zu dichten, der sich ebenfalls nicht erhalten hat. Einige
andere Bruchstücke gibt der literarische Nachlaß. Doch sind davon
nur der „Anti-Faust“, die dramatisirte „Melusine“ und ein Ansatz zu
einer „Märchennovelle“ aus der spätesten Zeit erwähnenswerth. Wirklich
angefangene und nicht vollendete Dichtungen hat er daher sicher nicht
mehr hinterlassen als andere unserer Dichter, als Lessing, Schiller,
Goethe.

Dennoch hat eine scharfe Kritik gerade bei ihm einen bedeutenden
Nachdruck darauf gelegt; sie hat seinen Genius nicht nach dem gemessen,
was er wirklich gethan und vollendet hat, vielmehr nach dem, was er
thun wollte, was er unvollendet zurückgelassen hat. Es gibt kein
ungerechteres Verfahren, als einem großen Dichter danach seine Stelle
in der Literatur anweisen zu wollen. Diese Kritik glaubt erwiesen zu
haben, daß Tieck’s Dichtungen seinem eigenen Wesen nach nur Fragmente
sein konnten. Werfen wir solchen Behauptungen gegenüber einen Blick auf
das Thatsächliche.

Tieck hat nach Ausweis des angehängten Verzeichnisses seiner Werke 23
vollendete dramatische Dichtungen hinterlassen, von denen fünf zuerst
durch den Nachlaß bekannt geworden, und drei vollständig mitgetheilt
worden sind. Zwei von jenen 23 Dramen bestehen jedes aus zwei
fünfactigen Theilen nebst einem Vorspiel, „Octavian“ und „Fortunat“,
eines, „Herr von Fuchs“, ist eine freie Bearbeitung nach Ben Jonson;
alle Uebersetzungen sind von dieser Zählung ausgeschlossen. Auf so viel
abgeschlossene und zum Theil sehr umfassende Dichtungen kommen vier
nicht vollendete; der „Anti-Faust“, „Magelone“, „Melusine“ und das
„Donauweib“.

Der erzählenden Poesie im weitesten Sinne gehören 75 vollendete
Dichtungen an, davon kommen 38 auf die spätere Novelle, 37 auf
die ältere Erzählung und den Roman, mit Einschluß der „Vittoria
Accorombona“. Diesen stehen nur drei Fragmente gegenüber, der Roman
„Sternbald“, die „Cevennen“ und das im Nachlaß mitgetheilte Bruchstück
„Hüttenmeister“. Daß die Anlage des Phantasus nicht zur Ausführung
gelangte, wird nicht in Betracht kommen, denn es ist ein Sammelwerk,
das jeden Augenblick abgebrochen werden konnte, und die einfassende
Gesprächsnovelle ist wesentlich abgeschlossen.

Außerdem hat er 16 Skizzen über Kunst in dem lyrischen Tone
Wackenroder’s geschrieben, 45 kritisch literarische und
literarhistorische Abhandlungen, die er in der Form von Briefen,
Recensionen, Einleitungen und Vorreden gab; davon verfaßte er 23 als
Herausgeber oder Vorredner für Schriftsteller der neuern Zeit und für
verstorbene oder noch lebende Freunde. Dazu kommen 107 dramaturgische
Kritiken, Abhandlungen und Anzeigen größern oder kleinern Umfanges,
ferner ein starker Band lyrischer Gedichte, und endlich die Anmerkungen
zum Shakspeare, und die Bearbeitungen und Uebersetzungen aus dem
Altdeutschen, Englischen und Spanischen.

Also neben umfassenden kritischen und literarhistorischen Arbeiten,
zahlreichen Uebersetzungen und lyrischen Gedichten stehen 98
vollendete, zum Theil große Dichtungen, in dramatischer oder
erzählender Form, und ihnen gegenüber sieben unvollendete! Kann man ein
funfzigjähriges Dichterleben besser auskaufen? Fürwahr, es gehört die
Verblendung einer übersichtigen Kritik dazu um zu behaupten, Tieck habe
seinem Wesen nach nichts vollenden können!

Stets hat man es mit Recht am meisten bedauert, daß er gerade die
Novelle, in der die Novelle über sich selbst hinausgeht, und zu einem
ebenso tiefsinnigen als großartigen historischen Gemälde sich erhebt,
nicht zum Abschlusse geführt habe, den „Aufruhr in den Cevennen“.
Es ging ihm auch hier wie öfter; die günstige Constellation, die er
abwartete, in der seine Stimmung mit den Umständen zusammentreffen
sollte, erschien nicht. Später bedauerte er oft, daß er nicht zur
Vollendung gekommen sei, da er den Schluß bei sich ganz durchgearbeitet
habe. Er hatte die weitere Entwickelung der Fabel im Kopfe fertig,
und bisweilen sprach er davon in allgemeinen Andeutungen. Der alte
Parlamentsrath Beauvais, Edmund’s Vater, wird in seinem Zufluchtsorte
im Gebirge durch den humoristischen Musikus entdeckt, der sich rühmt
ihn durch seine geheime Wissenschaft erkannt zu haben, während ihn
der Hund Hektor auf die Spur des Verfolgten geleitet hat. Der alte
Beauvais wird gefesselt von den königlichen Truppen fortgeführt, und
es ergibt sich Gelegenheit, die Grausamkeit des Marschalls Montrevel
und der Verfolger in ihrem ganzen Umfange noch einmal zu schildern.
Edmund beschließt seinen Vater mit Hülfe der Genossen zu befreien.
Dies geschieht bei jener geheimnißvollen Esche, von der der Jäger
Favart im Anfange erzählt. Hier hat einst in den Zeiten der ersten
Religionskämpfe ein hugenottisch gesinnter Sohn seinen altgläubigen
Vater durch einen Schuß getödtet. Dieser hatte flüchtend den Baum
erstiegen, und stürzt nun hinab auf den Sohn, der über seine That
wahnsinnig wird. An derselben Stelle befreit jetzt der Hugenott Edmund
seinen Vater; der Baum ist entsühnt. Edmund macht sich von seiner
Partei los, der er innerlich nicht mehr ganz angehört; er flieht mit
Vater und Schwester nach Genf; Christine folgt ihnen. An die Stelle des
grausamen Montrevel tritt Villars, der den Abschluß dieser Bewegungen
herbeiführt. Dies ungefähr sollte der Inhalt des dritten und vierten
Abschnitts sein.

Es mag kühn sein dem Dichter gegenüber, der sein Werk fortsetzen
wollte, die Ansicht festzuhalten, daß es in sich schon jetzt vollendet,
abgeschlossen sei. Ist dem so, möchte man vermuthen, vielleicht
eben darum sei es zu einer äußern Fortsetzung nicht gekommen. Die
verschiedenen Punkte, durch welche das religiöse Bewußtsein, der Glaube
sich hindurch bewegen kann, sind alle berührt; vom Atheismus bis zur
schwärmerischen Vision haben alle Formen ihre Darstellung gefunden.
Edmund erscheint zuerst als katholischer Fanatiker, der außerhalb
seiner uralt historischen Kirche kein Heil sieht, und die Unterwerfung
des Glaubensbedürfnisses und Gewissens unter ihre unwandelbaren Gesetze
erzwingen will. Er schlägt um, und wird camisardischer Schwärmer; nun
findet er das Heil allein in den Visionen und Offenbarungen, die ihm
persönlich zu Theil werden. An die Stelle der historisch gläubigen
Starrheit tritt schwärmerische Zerfahrenheit, aber er bleibt ein
religiöser Verfolger, nur von dem andern Extrem geht er aus. Da lernt
er durch den alten Geistlichen das milde und versöhnende Christenthum
kennen, das Christenthum der That, das über den Gegensätzen steht, er
ahnt, daß er aus einem schweren Irrthum in den andern verfallen sei,
er wendet sich innerlich von seinen neuen Glaubensgenossen ab, und auf
jenen Weg des Friedens und der Versöhnung fühlt er sich hingezogen.
Soweit liegt die Entwickelung in dem was Tieck gegeben hat, klar und
deutlich vor. Sollte darin nicht ein wesentlicher innerer Abschluß
erkennbar sein?

„Aber Shakspeare!“ ruft die schadenfrohe Kritik weiter; „wie war es mit
seinem vielbelobten und lang versprochenen Buche über Shakspeare?“ Ja
wol, in seiner überschwänglichen Begeisterung für Shakspeare hat er oft
von seinem Dichter und dem Buche über ihn gesprochen. Glaubte er doch
hier eine Aufgabe seines Lebens zu finden! Die Einleitung zum „Sturm“
gab er 1796 „als eine Probe einer größern Arbeit über Shakspeare“ und
schloß mit einem genauen Programm derselben; das altenglische Theater
von 1811 ist ihm ein Supplement, um über Shakspeare in seinem Buche
gründlich zu sprechen; die Andeutungen der Vorrede zur „Vorschule“
1823 hofft er ebendort genügend auszuführen, 1828 in der Einleitung zu
Lenz erwähnt er wieder dieses Werkes. Oft sprach er so davon, als sei
es vollendet, als werde es binnen kurzer Zeit erscheinen; und rührend
war es in seinen letzten Jahren ihn klagen zu hören, wie Krankheit und
Widerwärtigkeiten ihn immer noch nicht zur Vollendung seines Buches
über Shakspeare hätten gelangen lassen. Wie eine Fata Morgana war
die Idee dieses Werks vor ihm hergegangen durch das Leben. Wie oft
glaubte er sie zu ergreifen, und stets floh sie von neuem in die Ferne,
bis sie an den Grenzen mit dem Leben selbst untersank! Es war ein
unablässiges Streben nach einem Ziele, mit gleicher Begeisterung bis
an das Ende; ein Streben ohne zu erreichen, die menschliche Schwäche
in großer menschlicher Kraft. Seine Gründlichkeit ebenso sehr als das
Voraneilen seiner Phantasie ließen diesen Lieblingsgedanken nicht zur
Ausführung kommen.

Zu der Gesellschaft in der Phantasusnovelle gehört auch der gelehrte
Alterthumsforscher, dem der humoristische Kritiker nachsagt, er gehöre
zu den gründlichen Deutschen, welche nie aus den Vorbereitungen
herauskommen, und vor lauter Gründlichkeit die Sache kaum an der
Oberfläche berühren. Tieck schilderte hier eine Seite seiner Natur. Der
Name Shakspeare schloß für ihn alle Poesie, alle Begeisterung, alles
Höchste und Größte in sich. Nicht ohne Weihe und lange Vorbereitung
glaubte er dieses Heiligthum betreten zu dürfen. Alle Hülfsmittel,
deren er habhaft werden konnte, zog er von nah und fern herbei, aber
immer noch nicht schienen sie ausreichend. Unaufhörlich las, studirte
und erwog er den Sinn des Dichters, aber er glaubte in die Tiefe noch
nicht ganz hinabgetaucht zu sein, sie ganz ermessen zu haben. Immer
weiter zog er die Grenzen der Aufgabe. Die Entwickelung Shakspeare’s
wuchs ihm zur Geschichte des englischen Dramas, der abendländischen
Poesie und Cultur empor, die Welt lag in Shakspeare. Dann ward er über
seinen Vorbereitungen ungeduldig; er sah in den Keimen schon die vollen
Früchte. Im Kopfe hatte er sein Buch fertig, es schien nur nöthig
die Hand zu erheben, um es zu vollenden, und die Vollendung galt ihm
als Pflicht der Pietät gegen den großen Geist, in dessen Zauberkreis
er sich magisch gefesselt fühlte. Er faßte es als Opfer des Danks,
das er zu bringen habe. Ebenso sprach er von der Pflicht, ein Buch
über Cervantes, über Goethe und Fleck zu schreiben. Er wollte Zeugniß
ablegen für die Geister, die auf ihn gewirkt hatten, und alle Welt
sollte ihre Größe erkennen, wie er sie erkannte.

Aber die Kritik erweckte ihn aus solchen Verzückungen. Von Zeit zu
Zeit rückte sie ihm die Frage vor, wie es denn mit dem mysteriösen
Buche stehe; sie ging zur Vermuthung über, es existire überhaupt wol
nur in seinem Kopfe, und meinte endlich, es sei das nicht zu beklagen,
sein Buch würde ein antiquirtes gewesen sein, denn längst sei man
über ihn und seine Shakspearegrillen hinweggeschritten. An Tieck’s
romantischer Kritik wollten Tagesschriftsteller, kritische Philologen
und buchgelehrte Literarhistoriker zu Rittern werden.

Jene Vermuthung hat sich als unrichtig erwiesen, und wie weit die neue
Kritik mit ihren Behauptungen Recht hat wird sich erweisen, wenn die
kritischen Acten über Shakspeare geschlossen sind. Tieck’s Blick ist
auch hier bis zuletzt klar geblieben. Wenige Monate vor seinem Tode,
als ihm der Band des Collier’schen Shakspeare aus London zugesandt
wurde, welcher die neu aufgefundenen Emendationen enthält, sagte er:
„Ich kann nichts Besonderes darin sehen; die guten Verbesserungen
kannte man schon lange, und die neuen sind entbehrlich.“ Hier stimmte
er mit der Ansicht des Kritikers überein, der ihn selbst der schärfsten
Censur unterworfen hatte.

Die neue Shakspearekritik ist gegen ihn ebenso undankbar als ungerecht
gewesen. Sie selbst steht auf dem Boden, den er und Schlegel geschaffen
haben, ihr Dasein verdankt sie zum Theil seiner begeisterten Prophetie,
seinen unermüdlichen kritisch dichterischen Betrachtungen des Dichters,
in Briefen, Abhandlungen, dramaturgischen Kritiken, literarhistorischen
Einleitungen, Anmerkungen, Gesprächen und Novellen. Auch hier mied
er die abgemessene Straße des Systems, er wandelte lieber auf den
verschlungenen Pfaden des Dichters. Die neue Kritik verlangt Princip,
Consequenz, Classification der Zeugnisse, Codices, Ausgaben, Lesarten,
es ist die historisch philologische Kritik. Die seine war die
intuitive, anschauende des Dichters, durch alle Umhüllungen suchte sie
geradeswegs in das Herz der großen Erscheinung zu dringen. Die Worte
zählende Kritik machte ihn ungeduldig; wie der Geist zum Geiste sprach
wollte er hören. In diesem Sinne hat er für die Erkenntniß Shakspeare’s
unendlich viel gethan; mehr vielleicht als sein vollendetes Buch
bewirkt hätte.

In der innigen Verbindung von Poesie und Kritik liegt der Schwerpunkt
seiner nicht leicht zu fassenden und darzustellenden Eigenthümlichkeit.
Man könnte Tieck mit Lessing zusammenstellen. So unendlich verschieden
sie sind, deutet gerade dieser Gegensatz auf eine innere Beziehung
beider hin. Lessing kam von der Seite der Kritik zur Poesie; ihr
allein wollte er Alles verdanken was er vermochte; Tieck erklärte
die Poesie für seine unbeschränkte Herrscherin, die wol Gesetze zu
geben, aber keine andern als die eigenen anzuerkennen habe. Von der
Poesie kam er zur Kritik. Lessing war ein dichtender Kritiker, Tieck
ein kritisirender Dichter. Häufig zieht er die Kritik in die Dichtung
hinein, in die humoristischen Lustspiele der ersten, in die Novellen
der zweiten Periode, seine Ironie trägt ein kritisches Element in sich.
Dagegen erhebt sich die Poesie in der Kritik; seine Studien englischer,
spanischer, deutscher Dichter ruhen überall auf dichterischer
Begeisterung. Seinen Kritiken gibt er gern eine künstlerische Form.
Ueber Shakspeare schreibt er Briefe und Novellen, die Charakteristik
des Goethe’schen Zeitalters gestaltet sich ebenfalls fast zur Novelle.
Die Einleitung zur „Insel Felsenburg“ und andere Kritiken werden zum
Gespräch.

In seinen Dichtungen erscheint die Kritik oft als eine
literarhistorische, und setzt darum die Kenntniß mancher einzelner
Beziehungen voraus, und seine Ansichten tragen den Stempel abweichender
Eigenthümlichkeit. Daraus hat ein großer Theil seiner Beurtheiler
die Meinung hergeleitet, Tieck’s Dichtungen seien unpopulär. Diesen
Glaubenssatz hat man mit Vorliebe weiter ausgeführt; er suche das
Aparte, Absonderliche, Grillenhafte, er sei ein aristokratischer
Dichter für die Geistreichen, für ästhetische Theecirkel, nicht für
das Volk. Nimmermehr könne es sich mit seinen Märchen und Novellen
befreunden!

Sonderbar! War es denn nicht seine Poesie, die niedertauchte in das
erste nächste Element, in dem der Mensch athmet, in die Natur? Was
könnte populärer sein als diese! War er es nicht, der den alten
vergessenen oder verlachten Volkssagen nachging und sie wieder zu
Ehren brachte? Sprach er nicht überall mit Begeisterung gerade von
der Größe der Dichter, die volksthümlich waren? Behandelte er nicht
in seinen Novellen, was die Geister der Gegenwart erfüllte? Und doch
sollte er nichts Volksthümliches haben? Wo diese Vorwürfe nicht aus
Unkenntniß, Misverstand oder Parteilichkeit hervorgegangen sind,
ist ihr Grund in einer einseitigen Auffassung seiner kritischen
Richtung zu suchen. Gegen diese Ansicht spricht die Wirkung seiner
Dichtungen im Allgemeinen wie im Einzelnen. Männer, den verschiedensten
Lebensstellungen angehörend, wurden von ihnen in früherer und späterer
Zeit tief ergriffen, in manchen Charakteren fanden sie sich, ihre
eigenen Seelenzustände so klar dargestellt, daß sie sich gedrungen
fühlten ihm zu schreiben, und ihn am liebsten zu ihrem Gewissensrathe
gemacht hätten. Es waren ihm völlig unbekannte Personen, keine
Gelehrte, keine Literaturmenschen. Noch 1842 erhielt er einen Brief
eines Bäckers in Karlsruhe, der ihm für den „Jungen Tischlermeister“
als eine dichterische Verherrlichung des deutschen Handwerkerstandes
dankte. Es ist Thatsache, daß andere seiner Novellen von Personen, die
man sonst ungebildet zu nennen pflegt, mit Eifer und Vorliebe gelesen
worden sind.

Und was ist es mit jenem Vorwurfe der Unpopularität? Es gibt Kritiker,
die über Schiller den Stab brechen, eben weil er populär sei, die
für Goethe’s Größe einen Beweis in seiner weniger populären Haltung
finden. Was ist populär, wahrhaft volksthümlich? Nicht dasjenige, was
die Tageskritik dazu stempelt, was ein enger Kreis von Menschen, was
eine bestimmte Bildungsclasse dafür erklärt; nicht dasjenige, was
heute Recht haben muß, weil es morgen Unrecht haben wird, was heute
besprochen wird und morgen vergessen ist. Auch nicht im charakterlos
Allgemeinen, vielmehr in der Fülle des Eigenthümlichen, in dem
Geschlechter und Zeiten sich wiederfinden, liegt das Volksthümliche.

Tieck kannte das Schwierige seiner Stellung zur Gegenwart: „Irgend
etwas ist immer in Deutschland an der Tagesordnung“, schreibt er an
Solger, „das leere Form, geistlose Mode und übertriebene Einseitigkeit
wird, und immer sehen wir einige von den Besten eifrig Theil nehmen und
sich verblenden, und dieselbe Nation, die für Viel- und Allseitigkeit
schwärmt, kann immer vor irgendeiner neuen Verblendung nicht zur
Besinnung kommen. Bei meiner Lust am Neuen, Seltsamen, Tiefsinnigen,
Mystischen und allem Wunderlichen, lag auch stets in meiner Seele eine
Lust am Zweifel und der kühlen Gewöhnlichkeit, und ein Ekel meines
Herzens, mich freiwillig berauschen zu lassen, der mich immer von
allen diesen Fieberkrankheiten zurückgehalten hat, sodaß ich (seit
ich mich besonnen) weder an Revolution, Philanthropie, Pestalozzi,
Kantianismus, Fichtianismus noch Naturphilosophie als letztes einziges
Wahrheitssystem gläubig, habe in diesen Formen untergehen können.“

Und so hat er es gehalten bis ans Ende. Stets hat er an die große
unsichtbare Gemeinde der Geister geglaubt, die nicht ausstirbt,
die lebt und wirkt zu allen Zeiten. Sie entscheidet wer und was
volksthümlich sei; Tieck kann ihrem Ausspruche ruhig entgegensehen!



                            Sechstes Buch.

                       Unterhaltungen mit Tieck.

                              1849-1853.



1. Tieck über sich und seine Dichtungen.


Alles Reflectiren und Raisonniren hat meiner Natur stets fern
gelegen. Ich habe die Dinge immer aus dem Ganzen, aus dem Gefühl und
der Begeisterung heraus, aufzufassen und anzuschauen gesucht. Diese
Anforderungen haben bei mir mit dem Alter nicht abgenommen, sondern
sich gesteigert. Es ist dies meine +Individualität+.

       *       *       *       *       *

In meiner Jugend war ich ein einfacher und stiller Mensch, fern von
Selbstüberschätzung und ungern im Widerspruch mit Andern. Aber sobald
ich etwas wirklich in mir erlebt hatte, und es mir zur +Ueberzeugung+
geworden war, mußte ich es aussprechen, wenn ich eine andere Ansicht
in absprechender Weise geltend machen hörte. Dies zog mir mit Unrecht
manchen Tadel meiner Lehrer zu, die mich für anmaßend und voll
Widerspruch hielten. Später bin ich manchem weich erschienen. Vieles,
worauf Andere einen hohen Werth legen, habe ich leichter genommen,
weil es mir persönlich gleichgültig war, ob etwas der Art so oder
anders eingerichtet wurde. Man konnte mich daher in vielen Punkten für
gefällig, nachgiebig, ja lenksam halten. Doch ging das nur bis zu einer
gewissen Grenze; denn von jeher hat sich meine ganze Seele dagegen
empört, wenn ich bemerkte, daß man darauf ausgehe mich innerlich zu
bestimmen, und mein eigenstes Wesen zu beherrschen; das habe ich
niemals gelitten.

       *       *       *       *       *

Der Gegensatz des +Scherzes+ und des +Ernstes+ ist für mein Wesen
durchaus nothwendig. Bei der tiefen Schwermuth, bei dem Trübsinn, der
mich oft angefallen hat, ist er ein Glück für mich gewesen. Den Sinn
für Scherz habe ich mir stets zu bewahren gewußt. Schon in meiner
Jugend konnte man dieses doppelte Wesen nicht begreifen, und hielt mich
darum bisweilen für närrisch.

       *       *       *       *       *

Der Protestantismus war in meiner Jugend zur leeren Form geworden, und
der religiöse Sinn zum großen Theil entwichen. Die jüngern Geistlichen
glichen lange nicht mehr den ältern und würdigen, die sich auch zur
+Aufklärung+ bekannten, aber sittlichen Eifer besaßen und an sich
selbst arbeiteten. Diese waren achtungswerth; es war ihnen mit der
praktischen Moral Ernst, wie Sack, Spalding und Teller. Die jüngern
waren Prediger, wie sie auch irgend etwas Anderes hätten sein können;
daraus machten sie auch gar kein Hehl. Sie thaten ihre Amtsfunctionen
als etwas Aeußerliches ab, und wünschten sich oft sehnlich eine andere
Lebensstellung. Verhaßt war mir ihre beschränkte Selbstgenügsamkeit,
ihr Abfertigen der Dinge und ihre Besserwisserei, mit der sie glaubten
Alles erklären zu können. So konnten tiefere Gemüther wol zum
Katholicismus hingezogen werden, der wenigstens dem Gefühle zu genügen
schien.

       *       *       *       *       *

Im religiösen Leben habe ich die sonderbarsten Erfahrungen gemacht. Es
sind mir damals und auch später einseitige Eiferer vorgekommen, die,
kann man wol sagen, voller protestantischen Aberglaubens und Fanatismus
waren. Sie konnten von der katholischen Kirche nicht sprechen hören,
ohne darauf zu schelten, und sie in ihren Reden zu verfolgen. Umsonst
versuchte ich es sie zu einer billigern und gerechtern Denkweise
zu führen, und konnte ihnen kaum begreiflich machen, daß es doch
wenigstens Anerkennung verdiene, daß der Katholicismus sich mit den
Künsten verbunden, und sie lange Zeit gepflegt und entwickelt habe.
Dann plötzlich schlugen diese Leute um, wurden selbst katholisch,
gingen weit über alles hinaus, was ich ihnen früher gesagt hatte,
wollten mich bekehren, und verfolgten nun mit noch größerm Fanatismus
alles was protestantisch hieß.

       *       *       *       *       *

Beschränkt waren die +Kritiker+, welche in der Poesie und Literatur in
meiner Jugend das große Wort führten; Alles beurtheilten sie nach ihrer
Aufklärung, und auch Goethe wollten sie nicht anerkennen. Von dem neuen
Geiste, der durch die deutsche Poesie ging, hatten sie keine Ahnung,
und in ihrer Beschränktheit meinten sie ganz unbefangen, wenn sie nur
wollten, würden sie Dasselbe und Besseres als Goethe geben können. Sie
standen ihrer natürlichen Anlage nach im vollsten Gegensatze zur Poesie
überhaupt, und darum konnte man ihre Anmaßung nicht entschieden genug
bekämpfen.

       *       *       *       *       *

Man glaubt nicht wie isolirt ich stand mit den Gedanken und
Empfindungen, die ich im „+Sternbald+“ ausgesprochen habe; nicht etwa
blos den berliner Aufklärern gegenüber, sondern auch manche meiner
Freunde, z. B. die Schlegel, waren gar nicht mit mir einverstanden.
Auch sie waren ganz erfüllt von dem damals geltenden Kosmopolitismus.
Ich habe mich von der Richtigkeit dieser Ansicht nie überzeugen können;
mir galt das Vaterland als Erstes und Höchstes. Sein Leben und seine
Kunst, seine alte, einfache und treuherzige Weise, die man verlachte,
weil man sie nicht kannte, wollte ich wieder zu Ehren bringen und im
„Sternbald“ darstellen. Ich habe es immer sehr bedauert, daß ich nicht
dazu gekommen bin, den „Sternbald“ fortzusetzen; im zweiten Theile
sollte sich das innere Wesen des deutschen Lebens noch bedeutender
entfalten.

       *       *       *       *       *

Die „+Genoveva+“ habe ich mit vollster Begeisterung gedichtet. Das
alte Volksbuch war mir zufällig in die Hände gekommen, und hatte mich
durch seine Einfalt und Treuherzigkeit besonders angezogen. Auch in
diesen verspotteten und verachteten Büchern war ein echt deutscher
und natürlicher Ton, der mich unendlich rührte. Dazu kam noch, daß
ich das Studium des Jakob Böhme damals mit Eifer betrieb. Das hat auf
die Haltung dieser Dichtung keinen geringen Einfluß gehabt. Doch aber
machten sich bei mir auch andere Stimmungen als Gegengewicht geltend,
denn der „+Zerbino+“ ist fast gleichzeitig entstanden. Als ich beides
unter dem Titel „+Romantische Dichtungen+“ herausgab, kam es mir nicht
in den Sinn, diesem Worte eine besondere Bedeutung geben zu wollen;
ich nahm es so, wie es damals allgemein genommen wurde. Höchstens
wollte ich damit andeuten, daß hier das Wunderbare in der Poesie mehr
hervorgehoben werden solle. Nachher freilich ist das Wort mir selbst
bis zum Ueberdrusse gebraucht worden; es wurde dann im katholisirenden
Sinne angewendet. Schon bald nachdem ich die „Genoveva“ geschrieben
hatte, fing der romantische Wunderglaube an bei manchen Leuten in
Berlin guter Ton zu werden, namentlich bei den jungen geistreichen
Juden. Ich konnte sicher darauf rechnen, wenn Einer kam, und mir selbst
meine „Genoveva“ in dieser Weise anpries, so war es ein junger Jude,
der mir dadurch seine Tiefe und Glaubensfähigkeit beweisen wollte.

       *       *       *       *       *

Nachher hat man mich zum Haupte einer sogenannten +Romantischen Schule+
machen wollen. Nichts hat mir ferner gelegen als das, wie überhaupt in
meinem ganzen Leben alles Parteiwesen. Dennoch hat man nicht aufgehört
gegen mich in diesem Sinne zu schreiben und zu sprechen, aber nur,
weil man mich nicht kannte. Wenn man mich aufforderte eine Definition
des Romantischen zu geben, so würde ich das nicht vermögen. Ich weiß
zwischen poetisch und romantisch überhaupt keinen Unterschied zu
machen. Im „+Octavian+“ wollte ich keine neue Poesie geben, sondern nur
darstellen, wie die Poesie in einer bestimmten Zeit erschienen sei.

       *       *       *       *       *

Der Gedanke der +Ironie+ hat sich bei mir erst später vollständig
entwickelt, besonders seit ich mit Solger in nähern Verkehr getreten
war. Vorher ahnte ich mehr die Nothwendigkeit eines solchen Gedankens
für den Dichter, als daß er mir zur klaren Ueberzeugung geworden
wäre. Diese dunkeln Ahnungen hatte ich namentlich bei dem Studium
Shakspeare’s; ich fühlte heraus, das sei es, was ihn zum größten
Dichter mache, und von so vielen bedeutenden, höchst trefflichen
Talenten unterscheide. In meinen eigenen Dichtungen ist daher die
Ironie zuerst mehr unbewußt, aber doch entschieden ausgedrückt;
vor allen ist dies im „+Lovell+“ der Fall. Die directe Ironie
herrscht im „+Gestiefelten Kater+“, von der höhern findet sich
etwas im „+Blaubart+“, und entschieden ist sie im „+Fortunat+“. Die
„+Genoveva+“, welche als Heilige dargestellt werden sollte, hat
freilich nichts davon, aber die Art, wie Golo in seiner Leidenschaft
immer tiefer sinkt, streift doch an das Ironische.

       *       *       *       *       *

Später hat +Solger+ einen tiefen Abschnitt in meinem Leben gemacht.
Sein „Erwin“ ist ein vortreffliches Buch, in dem er auf die Ironie, als
auf ein Höchstes hindeutet; ihm habe ich viel zu verdanken. Unter allen
frühern Philosophen hatte mich nur Jakob Böhme gefesselt, und eine Zeit
lang vollko