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Title: Die Deutschen Volksbücher VII - Die Schildbürger - Doktor Faustus
Author: Schwab, Gustav
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Deutschen Volksbücher VII - Die Schildbürger - Doktor Faustus" ***

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    Buches.



    Die Deutschen Volksbücher

    Für Jung und Alt wiedererzählt

    von

    Gustav Schwab

    Siebenter Band:

    Die Schildbürger · Doktor Faustus

    Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig



Vgl. die Einleitung im ersten Heft der Deutschen Volksbücher.
(Univ.-Bibl. Nr. 1424.)

Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig

~Printed in Germany~



Die Schildbürger


In dem großmächtigen Königreich Utopien, hinter Kalekutta, liegt ein
Dorf oder Bauernstädtchen, Schilda genannt, von welchem mit allem Fug
das alte Sprichwort gerühmt werden konnte:

    Wie die Eltern geartet sind,
    So sind gemeiniglich die Kind'.

Denn auch die Schildbürger waren in ihrer Voreltern Fußstapfen
getreten und darin verharrt, wenn sie nicht die Not, der kein Gesetz
vorgeschrieben ist, oder die Förderung des lieben Vaterlandes nötigte,
einen andern Weg zu treten.

Der erste Schildbürger war ein hochweiser und verständiger Mann, und es
ist wohl zu erachten, daß er seine Kinder nicht wie die unvernünftigen
Tiere herumlaufen ließ. Ohne Zweifel war er ein strenger Vater, der
ihnen nichts Arges nachsah; vielmehr unterwies er sie als ein getreuer
Lehrer, und sie wurden mit allen Tugenden aufs höchste geziert,
ja überschüttet, so daß ihnen in der ganzen weiten Welt niemand
vorzusetzen oder auch nur zu vergleichen war. Denn zu derselben Zeit
waren die weisen Leute noch gar dünne gesäet, und war es ein seltenes
Ding, wenn einer derselben sich hervortat. Sie waren gar nicht so
gewöhnlich, wie sie jetzt unter uns sind, wo ein jeder Narr für weise
gehalten werden will. Deswegen verbreitete sich der Ruhm von ihrem
hohen Verstand und ihrer seltenen Weisheit über alle Lande und ward
Fürsten und Herren bekannt; wie sich denn ein so herrliches Licht
nicht leicht verbergen läßt, sondern, wo es sich finden mag, seine
Strahlen von sich wirft.

So kam es oft, daß aus ferne gelegenen Orten von Kaisern und Königen
Botschaften an sie abgefertigt wurden, um sich in zweifelhaften Sachen
Rats zu erholen, der immer überflüssig bei ihnen zu finden war, da
sie voll von Weisheit steckten. Auch fand man immer, daß die treuen
Ratschläge, die sie gaben, nicht ohne besonderen Nutzen abgegangen.
Dadurch schufen sie sich in der ganzen Welt einen großen Namen und
wurden mit viel Silber, Gold, Edelstein und anderen Kleinodien begabt,
weil Geistesgaben damals viel höher geschätzt wurden als in dieser
Zeit. Endlich kam es gar so weit, daß Fürsten und Herren, die ihrer
keineswegs entbehren konnten, es viel zu weitläufig fanden, Botschaften
zu ihnen zu schicken, sondern jeder begehrte einen der Schildbürger in
Person bei sich am Hofe und an seiner Tafel zu haben, damit er sich
desselben täglich in allen Vorkommenheiten bedienen und aus seinen
Reden, als aus einem unerschöpflichen Brunnen des frischesten Wassers,
Weisheit schöpfen und lernen könnte.

Daher wurde täglich aus der Zahl der Schildbürger jetzt einer, bald
wieder einer, beschickt und in entlegene Länder von Hause abgefordert.
In kurzem kam es dahin, daß fast keiner mehr in der Heimat blieb,
sondern alle von Hause abwesend waren. Darum sahen sich die Weiber
genötigt, der Männer Stelle zu vertreten und alles zu versehen,
das Vieh, den Feldbau und was sonst einem Manne zusteht; jedoch
behauptet man, sie hätten dieses nicht ungerne getan. Wie es aber noch
heutigentags zu gehen pflegt, daß Weiberarbeit und Weibergewinn gegen
das, was Männer erwerben, soviel sie sich bemühen, dennoch sehr gering
ist, so ging es auch zu Schilda. Darunter ist freilich nur Männerarbeit
zu verstehen. Im übrigen ist die eigentümliche Arbeit der Männer und
der Weiber wohl unterschieden; wie denn alle Männer nicht könnten ein
einziges Kindlein, wie klein es wäre, zur Welt bringen, sie wollten es
denn ausbrüten, wie jener Narr den Käse voll Milben, aus welchem er
Kälber aushecken zu können hoffte. So wie man im Gegenteile viel Weiber
haben müßte, wenn man die feste Stadt Wien in Österreich (welche der
Gott der Christenheit lange Zeit in seinen Schutz nehmen möge) oder die
namhafte Stadt Straßburg mit Gewalt gewinnen wollte.

So fingen zu Schilda aus Mangel an Bebauung die Güter des Feldes
an abzunehmen, denn die Fußtritte des Herrn, die den Acker allein
gehörig düngen, wurden nicht darauf gespürt. Das Vieh, das sonst
durch des Herren Auge fett wird, wurde mager, verwildert und unnütz;
alle Werkzeuge und Geschirre wurden schadhaft, nichts verbessert
und zurechte gemacht; und, was das ärgste war, Kinder, Knechte und
Mägde wurden ungehorsam und wollten nichts Rechtes mehr leisten. Sie
beredeten sich selbst, weil ihre Herren und Meister nicht einheimisch
seien und man doch Herren und Meister brauche, so stände es wohl ihnen
selbst zu, Meister zu sein. Kurzum, während die frommen Schildbürger
jedermann zu dienen begehrten und richtig machen wollten, was irgendwo
in der Welt unrichtig war, nicht um des lieben Geldes willen und aus
Geiz, sondern der allgemeinen Wohlfahrt wegen, so gerieten sie dadurch
in verderblichen Schaden, und es ging ihnen gerade wie dem, der zwei
Leute, die sich prügeln, scheiden will; zuletzt ist er es, der alle
Schläge davonträgt.

Weil denn das Weib nicht ohne den Mann, und dieser nicht ohne jenes
bestehen kann, so trat zu Schilda die ganze weibliche Gemeinde, die
indessen das Regiment führen und der Männer Amt verwalten mußte,
zusammen, um das gemeine Beste zu bedenken und dem drohenden Verderben
zu steuern. Nach langem Geschnatter und Gerede wurden endlich die
Frauen einig, daß sie ihre Männer abfordern und heimrufen wollten. Um
dieses ins Werk zu richten, ließen sie einen Brief aufsetzen und durch
eigene Boten nach allen Orten und Enden abschicken, wo sie wußten, daß
ihre Männer sich aufhielten. Der Brief lautete folgendermaßen:

»Wir, die ganze weibliche Gemeinde zu Schilda, entbieten euch, unsern
getreuen, herzliebsten Ehemännern samt und sonders unsern Gruß und
fügen euch zu wissen: Da, Gott sei Dank, unser ganzer Stamm mit
Weisheit und Verstand so hoch begabt und vor andern gesegnet ist, daß
auch ferne gelegene Fürsten und Herren solche zu hören und zu allen
Geschäften zu gebrauchen eine besondere Lust haben, auch deswegen
euch alle zu sich von Haus und Hofe, von Weib und Kindern abfordern,
und so lange Zeit bei sich behalten, daß zu besorgen ist, sie möchten
euch irgend mit Gaben und Verheißungen ganz und gar anfesseln und
verstricken: so sind wir darum in großen Sorgen. Unseren Sachen zu
Hause ist dabei weder geraten noch geholfen; das Feld verdirbt, das
Vieh verwildert, das Gesinde wird ungehorsam, und die Kinder, die
wir armen Mütter gemeiniglich mehr lieben als gut ist, geraten in
Mutwillen, andern vielen Unwesens zu geschweigen. In Betracht dieser
Ursachen können wir nicht unterlassen, euch hiermit an Amt und Beruf
zu erinnern und zur Heimkehr aufzufordern. Bedenket, wie so lange Zeit
wir von euch verlassen gewesen; denket an die Kinder, euer Fleisch und
Blut, welche nun allbereits zu fragen anfangen, wo doch ihre Väter
seien. Welchen Dank meinet ihr, werden sie euch sagen, wenn sie nun
erwachsen sind und von uns vernehmen, daß sie ohne Trost und Hilfe
von euch verlassen worden und dem Untergange preisgegeben sind? Und
vermeint ihr, der Fürsten und Herren Gunst gegen euch werde allezeit
beständig sein? Die alten Hunde, wenn sie sich mit Jagen abgearbeitet
und ausgedient haben, so daß sie mit ihren stumpfen Zähnen die Hasen
nicht mehr packen können, pflegt der Jäger an den nächsten besten Baum
aufzuhängen und belohnt so ihre getreuen Dienste. Wieviel löblicher und
nützlicher wäre es daher, wenn ihr daheim und zu Hause, eure eigenen
Händel auswartend, in guter Freiheit und Ruhe leben und euch mit Weib
und Kind, Freunden und Verwandten erfreuen wolltet. Auch könnet ihr
fremden Leuten dienen und doch in der Heimat bleiben. Wer euer bedarf,
der wird euch wohl suchen und finden, oder es tut ihm nicht sonderlich
not. Solches alles, liebe Männer, werdet ihr viel besser erwägen, als
wir schreiben können. Deswegen hoffen wir, daß ihr euch unverzüglich
aufmachen und umkehren werdet, wenn ihr nicht bald fremde Vögel in
eurem eigenen Neste sehen wollet und hören, daß sie zu euch sprechen:
Vor der Tür ist draußen! Darum seid vor Schaden gewarnt. Beschlossen
und gegeben zu Schilda, mit eurem eigenen Siegel, das eurer wartet.«

Sobald den Männern dieses Schreiben eingehändigt worden und sie den
Inhalt eingesehen, wurde ihr Herz gerührt, und sie fanden es höchst
notwendig, sogleich heimzukehren. Sie nahmen daher von ihren Herren
gnädigen Urlaub und kamen nach Hause. Hier trafen sie eine solche
Verwirrung in allen Sachen, daß sie, so weise sie waren, sich nicht
genug verwundern konnten, wie in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit
so vieles sich hatte verkehren können. Aber freilich, Rom, das in so
vielen Jahren mit Mühe gebauet worden ist, kann an einem Tage gebrochen
und zerstört werden! Die Weiber der Schildbürger wurden über die
Zurückkunft ihrer Männer sehr froh; doch empfing nicht jede ihren Mann
gleich, wie sie denn gar verschiedener Komplexion waren. Die einen
nahmen ihre Männer ganz freundlich und liebevoll auf, wie eine ehrliche
Frau billig tun soll, vermöge der Tugenden, mit welchen das weibliche
Geschlecht absonderlich geziert ist; andere aber fuhren die ihrigen mit
rauhen und zweigespitzten Worten an und hießen sie in alles Bösen Namen
willkommen; wie dies denn auch in unsern Tagen viele Weiber gegen die
Natur im Brauche haben; so daß diesen Männern besser gewesen, sie wären
mit dem Vieh hereingekommen und heimlich in die Ställe geschlüpft. Im
übrigen waren sie allzumal fröhlich und begingen ein Freudenfest; dann
aber setzten sie ihren Männern auseinander, wie notwendig es war, daß
sie wieder heimgekommen, und baten sie, das Versäumte hereinzubringen
und fernerhin des Hauswesens und Gewerbes besser wahrzunehmen, welches
die Männer ihnen auch bei Treu und Ehren zusagten.

       *       *       *       *       *

Auf dieses traten die Schildbürger zusammen, einen Rat zu fassen, was
zu tun wäre, daß sie von ausländischen Herren nicht mehr, wie bisher,
geplagt und abgefordert würden. Weil es aber spät am Tage und der
Handel wichtig war, so ließen sie es für heute bei einer guten Mahlzeit
bewenden, bei der sie sich mit weisen Reden, die süßer als Honig und
schöner als Gold und Silber sind, aber auch mit Speise und Trank nach
Notdurft, als vernünftige Leute, genugsam ergötzt hatten.

Am folgenden Tage verfügten sich meine Herren, Rat zu halten, unter die
Linde. Denn dort pflegten sie sich von alters her zu versammeln, solang
es Sommer war. Winters über war das Rathaus der Versammlungssaal, und
der Richterstuhl stand hinter dem Ofen. Als sie nun zuvörderst den
großen Schaden, der ihrem Hauswesen erwachsen war, erwogen und mit dem
Nutzen verglichen, der ihnen aus dem Dienste bei den fremden Herren
erwuchs, so fanden sie, daß der Nutzen den Schaden bei weitem nicht
ersetzen konnte. Es wurde daher eine Umfrage getan, wie doch den Sachen
zu helfen wäre. Da hätte einer sollen die weisen und hochverständigen
Ratschläge hören, die so gar vernünftig vorgebracht wurden! Einige
meinten, man sollte sich der auswärtigen Herren gar nicht mehr
annehmen; andere, man sollte sie nicht ganz abtun, sondern nur ihnen
so kalte Ratschläge geben, daß sie von selbst abständen und die
Schildbürger unbekümmert ließen. Zuletzt trat ein alter Schildbürger
auf und brachte sein Bedenken vor, dieses Inhalts: Da doch ihrer aller
hohe Weisheit und großer Verstand die einzige Ursache sei, warum sie
von Hause abgefordert und da- und dorthin beschickt würden, so dünke
ihm das beste zu sein, wenn sie sich durch Torheit und Aberwitz
vor künftiger Zudringlichkeit beschirmten. Wie man sie früher ihrer
Klugheit wegen in fremde Lande berufen hätte, so würde man sie jetzt
ihrer Dummheit halber zu Hause lassen. Deswegen sei er der Meinung,
daß sie alle einhellig, niemand ausgeschlossen, Weiber und Kinder,
Junge und Alte, die abenteuerlichsten und seltsamsten Sachen anfangen
sollten, die nur zu ersinnen wären; ja was jedem Närrisches in den Sinn
käme, das sollte er tun. Dazu brauche man aber gerade die Weisesten und
Geschicktesten; denn es sei keine geringe Kunst, Narrenamt recht zu
verwesen. Wenn nämlich einer die rechten Griffe nicht wisse, und es ihm
so mißlinge, daß er gar zum Toren werde, der bleibe sein Leben lang ein
Narr; wie der Kuckuck seinen Gesang, die Glocke ihren Klang, der Krebs
seinen Gang behält.

Dieses Bedenken wurde von allen Schildbürgern mit dem höchsten Ernst
erwogen und, weil der Handel gar schwer und wichtig war, noch manche
Umfrage darüber getan. Am Ende beschlossen sie, daß eben jene Meinung
in allen Punkten aufs genaueste aufzusetzen und dann ins Werk zu
richten sei. Hiermit ging die Gemeinde auseinander mit der Abrede, daß
jeder sich besinnen sollte, bei welchem Zipfel die neue Narrenkappe
anzufassen wäre. Freilich hatte gar mancher ein heimliches Bedauern,
daß er, nachdem er so viele Jahre voll Weisheit gewesen, jetzt erst
in seinen alten Tagen ein Narr werden sollte. Denn die Narren selbst
können es am wenigsten vertragen, daß ihnen ihre Torheit, über der es
ihnen selbst ekelt, durch einen Narren vorgeworfen werde.

Jedoch, um des gemeinen Nutzens willen, für den jeder ja selbst sein
Leben mit Lust aufopfern soll, waren sie allzumal willig, sich ihrer
Weisheit zu begeben: und damit hat in unserer Geschichte die Weisheit
der Schildbürger ein Ende.

       *       *       *       *       *

Da sie nun forthin ein anderes Regiment, anderes Wesen und Leben
anzunehmen und zu bestellen entschlossen waren, so sollte zu
einem recht glückhaften Anfange zuerst ein neues Rathaus auf
gemeinschaftliche Kosten erbaut werden, ein solches, das auch Raum
für ihre Narrheit hätte und dieselbe wohl ertragen und leiden könnte.
Da sie sich nun ihrer Weisheit noch nicht ganz verziehen hatten, und
sie nicht mit ihrer Narrheit auf _einen_ Stoß hervorbrechen wollten,
weil dadurch leicht verraten worden wäre, daß ihre Torheit nur eine
angelegte sei: so beschlossen sie, fein gemächlich zu Werke zu
gehen. Doch schien ihnen der Bau eines neuen Rathauses immerhin das
Dringlichste zu sein. Sie nahmen sich dabei ihren eigenen Pfaffen zum
Exempel. Dieser war so eifrig, daß er, so oft er läuten hörte, allezeit
meinte, er müßte mit seiner Postille auf die Kanzel rumpeln. Deswegen
begehrte er, als er zuerst von den Schildbürgern angenommen wurde, daß
sie ihm, noch ehe er predigte, eine neue Kanzel von guten, starken
eichenen Brettern, mit Eisen wohlbeschlagen, machen lassen sollten, die
seine gewichtigen Worte, so er jederzeit vorbringen wolle, auch recht
dulden könne. Ebenso nun dachten die Schildbürger vor allen Dingen an
ein geduldiges Rathaus.

Und wie nun alles verabredet war, was zu einem so wichtigen Werke
notwendig erfordert wird, fand sich's, daß nichts mehr mangelte, als
ein Pfeifer oder Geiger, der mit seinem lieblichen Sang und Klang, wie
ein Orpheus oder Amphion, Holz und Steine herbeigeholt hätte, um sie in
feiner Ordnung zu diesem Bau aufeinanderzulegen. Da aber ein solcher
nirgends zu finden war, so vereinigten sie sich, gemeinschaftlich das
Werk anzugreifen, jeder dem andern zu helfen und nicht eher aufzuhören,
als bis der ganze Bau aufgeführt und vollendet wäre. Offenbar waren die
Schildbürger, deren Weisheit nur allmählich, wie ein Licht, ausgehen
sollte, noch viel zu weitsichtig, da sie wußten, daß man zuvor Bauholz
und andere Sachen mehr haben müsse, ehe man mit bauen anfangen könne.
Denn rechte Narren würden wohl ohne Holz, Stein und Kalk zu bauen
sich unterstanden haben. Deswegen zogen sie samt und sonders einmütig
miteinander ins Holz, das jenseits des Berges in einem Tale gelegen
war, und fingen an, nach dem Rate ihres Baumeisters das Bauholz zu
fällen. Als es von den Ästen gesäubert und ordentlich zugerichtet war,
da wünschten sie nichts anderes zu haben, als eine Armbrust, auf der
sie es heimschießen könnten; durch solches Mittel, meinten sie, würden
sie unsäglicher Mühe und Arbeit überhoben sein. So aber mußten sie die
Arbeit selbst verrichten, und schleppten die Bauhölzer nicht ohne viel
Schnaufen und Atemholen den Berg hinauf und jenseits wieder mit vieler
Mühe hinab; alle bis auf eines, das nach ihrer Ansicht das letzte war.
Dieses fesselten sie gleich den andern auch an, brachten es mit Heben,
Schieben und Stoßen vor und hinter sich, rechts und links den Berg
hinauf, und auf der andern Seite zur Hälfte hinab. Sei es nun aber, daß
sie es übersehen hatten, oder daß Stricke und Seile zu schwach waren:
kurz, das Holz entging ihnen und fing an, von selbst fein allgemach
den Berg hinabzurollen, bis es zu den andern Hölzern kam, wo es wie
ein anderer Stock stille liegen blieb. Solchem Verstande dieses groben
Holzes sahen die Schildbürger bis zu Ende zu und verwunderten sich
höchlich darüber. »Sind wir doch alle«, sprach endlich einer unter
ihnen, »rechte Narren, daß wir uns solche Mühe gegeben, bis wir die
Bäume den Berg hinabgebracht; und erst dieser Klotz mußte uns lehren,
daß sie von selbst besser hätten hinuntergehen können!« -- »Nun, dem
ist Rat zu schaffen,« sagte ein anderer; »wer sie hinabgetan hat, der
soll sie auch wieder hinauftun! Darum, wer mit mir dran ist, spute
sich! Wenn wir erst die Hölzer wieder hinaufgeschoben, so können wir
sie alle miteinander wieder hinunterrollen lassen; dann haben wir mit
Zusehen unsere Lust und werden für unsere Mühe ergötzt.«

       *       *       *       *       *

Dieser Rat gefiel allen Schildbürgern über die Maßen wohl; sie schämten
sich einer vor dem andern, daß er nicht selbst so witzig gewesen, und
wenn sie zuvor, als sie das Holz den Berg hinabgebracht, unsägliche
Mühe gehabt hatten, so hatten sie jetzt gewiß dreifache Arbeit, bis
sie dasselbe wieder hinaufbrachten. Nur das eine Holz, das von selbst
die Hälfte des Berges hinabgerollt war, zogen sie nicht wieder hinauf,
um seiner Klugheit willen. Nachdem sie sich so überschafft hatten, und
alle Hölzer wieder oben waren, ließen sie dieselben allmählich, eins
nach dem andern, den Berg hinabtaumeln, standen droben und ließen sich
den Anblick wohl gefallen. Ja, sie waren ganz stolz auf die erste Probe
ihrer Narrheit, zogen fröhlich heim und saßen ins Wirtshaus, wo sie
kein kleines Loch in den Beutel der Stadt hinein zehrten.

Das Bauholz war gefügt und gezimmert, Stein, Sand, Kalk
herbeigeschafft, und so fingen die Schildbürger einmütig ihren Bau
mit solchem Eifer an, daß, wer nur immer zusah, gestehen mußte, es
sei ihr bitterer Ernst gewesen. In wenig Tagen hatten sie die drei
Hauptmauern von Grund aus aufgeführt; denn weil sie etwas Besonderes
haben wollten, so sollte das Haus dreieckig werden. Auch aller Einbau
ward wohl vollendet, doch ließen sie nebenzu an einer Seite ein großes
Tor in der Mauer offen, um, wie sie dachten, das Heu, das der Gemeinde
zuständig wäre, und dessen Erlös sie miteinander vertrinken durften,
hineinzubringen. Dies Tor kam denn auch -- woran sie nicht gedacht
-- ihrem Herrn Schultheißen wohl zustatten, sonst hätte dieser, samt
Gerichts- und Ratsherrn, wenn sie in den Rat gehen wollten, über
das Dach hineinsteigen müssen, was zwar wohl ihrer Narrheit ganz
angemessen, aber doch allzu unbequem und dazu halsbrechend gewesen wäre.

Hierauf machten sie sich an das Dach. Dieses wurde nach den drei Ecken
des Baues dreifach abgeteilt, der Dachstuhl auf die Mauern gesetzt und
so das ganze Werk, nach ihrer Meinung, bis auf den Giebel untadelig
hinausgeführt. Das Dach zu decken verschoben sie auf den folgenden
Tag und eilten dem Hause zu, wo der Wirt den Reif aufgesteckt. Am
andern Morgen wurde mit der Glocke das Zeichen gegeben, vor welchem
bei Strafe niemand arbeiten durfte. Da strömten alle Schildbürger
zusammen, stiegen auf den Dachstuhl und fingen an, ihr Rathaus zu
decken. So standen sie alle hintereinander, die einen zu oberst auf
dem Dache, die andern unten, wo sie an den Latten besserten; etliche
noch auf der Leiter, wieder andere auf der Erde, zunächst der Leiter,
und so fort bis zu dem Ziegelhaufen, der einen guten Steinwurf
vom Rathause entfernt war. Auf diese Weise ging jeder Ziegel durch
aller Schildbürger Hände, vom ersten, der ihn aufhob, bis auf den
letzten, der ihn auf seine Statt legte, daß ein Dach daraus würde.
Wie man aber willige Rosse nicht übertreiben soll, so hatten sie die
Anordnung gemacht, daß zu einer gewissen Stunde die Glocke geläutet
würde, zum Zeichen des Ausruhens. Sowie nun derjenige, der zunächst
am Ziegelhaufen war, den ersten Streich der Glocke hörte, ließ er den
Ziegel, den er eben aufgehoben hatte, fallen und lief dem Wirtshause
zu. So geschah es, daß diejenigen, die zuletzt ans Werk gekommen
waren, die ersten im Wirtshause und die obersten hinter dem Tische
wurden. Dasselbe taten auch die Zimmerleute. Sowie ihrer einer den
ersten Glockenstreich gehört, ließ er die Axt, die er schon zum Streich
aufgehoben, fallen und lief dem Trunke zu, welches alles zur Narrheit
der Schildbürger vortrefflich paßte.

Endlich, nach vollendetem Werke, wollten sie in ihr Rathaus gehen, um
dasselbe zu aller Narren Ehre einzuweihen und in aller Narren Namen
zu versuchen, wie es sich darin raten lasse. Kaum aber waren sie in
Ehrbarkeit hineingetreten -- siehe, da war es ganz finster, so finster,
daß einer den andern kaum hören, geschweige denn sehen konnte. Darüber
erschraken sie nicht wenig und konnten sich nicht genugsam verwundern,
was doch die Ursache sein möchte; ob vielleicht irgendwo ein Fehler
beim Bauen gemacht worden, wodurch das Licht aufgehalten würde. So
gingen sie denn zu ihrem Heutor wieder hinaus, um zu sehen, wo sich der
Mangel befinde. Da standen alle drei Mauern gar vollkommen da; das Dach
saß ordentlich darauf; auch an Licht mangelte es draußen nicht. Sobald
sie aber wieder hereinkamen, zu forschen, ob der Fehler drinnen liege,
da war es wieder finster wie zuvor. Die wahre Ursache aber war, daß sie
die Fenster an ihrem Rathause vergessen hatten; die konnten sie nicht
finden noch erraten, so sehr sie sich auch ihre närrischen Köpfe darob
zerbrachen.

       *       *       *       *       *

Als der festgesetzte Ratstag gekommen, stellten sich die Schildbürger
zahlreich ein, denn es hatte allen gegolten, und nahmen ihre Plätze
ein. Einer von ihnen hatte einen brennenden Lichtspan mitgebracht und
ihn, nachdem sie sich niedergesetzt, auf seinen Hut gesteckt, damit sie
in dem finstern Rathaus einander sehen könnten, auch der Schultheiß bei
der Umfrage einem jeden seinen Titel und Namen zu geben imstande wäre.
Hier ließen sich nun über den vorgefallenen Handel gar widersprechende
Meinungen vernehmen. Die Mehrheit schien sich dahin zu neigen, daß
man den ganzen Bau wieder bis auf den Boden abbrechen und aufs neue
aufführen sollte: da trat einer hervor, der, wie er früher unter allen
der allerweiseste gewesen, so jetzt sich als den allertörichtesten
zeigen wollte, und sprach: er habe, solange seine Weisheit gewährt,
manchmal vernommen, daß man durch Beispiel vieles klarer machen könne;
solchem nach wolle auch er den Schildbürgern eine schöne Geschichte
erzählen: »Meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohn«, hub er darauf
an, »hörte eines Tages einen sagen: Ei, wie sind die Rebhühner so
gut! -- Hast du denn schon welche gegessen, fragte meiner Großmutter
Großvaters Bruders Sohn, daß du es so gut weißest? Nein, sagte der
andere, aber es hat mir's einer vor fünfzig Jahren gesagt, dessen
Großmutter Großvater sie in seiner Jugend von einem Edelmann hatte
essen sehen. Über diese Rede bekam meiner Großmutter Großvaters Bruders
Sohn ein Kindbetterin-Gelüste, daß er gern etwas Gutes essen möchte,
und sagte deswegen zu seinem Weib, sie solle ihm Küchlein backen, denn
Rebhühner könne er doch nicht haben. Sie aber, die besser wußte als
er, was der Butterhafen vermöge, entschuldigte sich, sie könne ihm
diesmal keine Küchlein backen, weil ihr die Butter oder das Schmalz
ausgegangen. Sie bat ihn deshalb, er möchte mit den Küchlein bis auf
eine andere Zeit sich gedulden. Damit hatte aber meiner Großmutter
Großvaters Bruders Sohn keine Küchlein gegessen und sein Gelüste nicht
gebüßt. Er wollte sich mit einem so trockenen Bescheide ohne Salz und
Schmalz nicht abweisen lassen und bestand darauf, die Frau sollte ihm
Küchlein backen, und hätte sie nicht Butter oder Schmalz, so sollte sie
es mit Wasser versuchen. Es tut's nicht, sagte die Frau, sonst wär' ich
selbst nicht so lang ohne Küchlein geblieben, weil ich mich das Wasser
nicht hätte dauern lassen. Er aber sprach: du weißt es nicht, weil du
es noch nie probiert hast. Versuch es einmal, und erst, wenn es nicht
geraten will, kannst du sagen, es tu' es nicht. Wollte die Frau Ruhe
haben und zufrieden sein, so mußte sie dem Mann willfahren; sie rührte
also einen Kuchenteig an, ganz dünn, als wollte sie Sträublein backen,
setzte eine Pfanne Wasser über das Feuer, und nun mit dem Teig darein.
Der Teig zerfloß im Wasser, und es wurde ein Brei daraus, darüber die
Frau zornig, der Mann leidig ward. Denn jene sah Arbeit, Holz und
Mehl verloren; meiner Großmutter Großvaters (seligen) Bruders Sohn
aber stand dabei, hielt den Teller hin und wollte die erstgebackenen
Küchlein, so warm sie aus der Pfanne kamen, essen, ward aber betrogen.
Seine Frau verwünschte das Kuchenbacken mit Wasser; er jedoch sagte
langmütig: ›Laß dich's nicht gereuen, man versucht ein Ding auf so
viel Weise, bis es zuletzt gelingen muß. Ist es diesmal nicht geraten,
so gerät's ein andermal. Es wäre ja doch eine feine, nützliche Kunst
gewesen, wenn es von ungefähr geglückt wäre!‹ -- ›Ich meine ja wohl,
sagte meiner Großmutter Großvaters Bruders Sohns Frau; dann wollt' ich
selbst alle Tage Küchlein essen!‹

»Und nun« -- so schloß der Schildbürger -- »diese Geschichte auf unser
Vorhaben zu beziehen: wer weiß, ob das Licht oder der Tag sich nicht in
einem Sack tragen läßt, gleichwie das Wasser in einem Eimer getragen
wird. Unser keiner hat es jemals versucht; darum, wenn es euch gefällt,
so wollen wir drangehen; gerät's, so haben wir's um so besser und
werden, als Erfinder dieser Kunst, großes Lob damit erjagen! Geht es
aber nicht, so ist es doch zu unserem Vorhaben, der Narrheit halber,
ganz willkommen und bequem!«

Dieser Rat gefiel allen Schildbürgern dermaßen, daß sie beschlossen,
demselben in aller Eile nachzuleben. Deswegen kamen sie nach Mittag,
wo die Sonne am besten scheint, bei ihrem Eide gemahnt, alle vor das
neue Rathaus, ein jeder mit einem Geschirr, in das er den Tag zu fassen
gedachte, um Ihn hineinzutragen. Einige brachten auch Schaufeln,
Kärste, Gabeln mit, aus Fürsorge, daß ja nichts verabsäumt werde.

Sobald nun die Glocke eins geschlagen, da konnte man Wunder sehen,
wie sie zu arbeiten anfingen. Viele hatten lange Säcke, derein ließen
sie die Sonne scheinen bis auf den Boden; dann knüpften sie den Sack
eilends zu und rannten damit in das Rathaus, den Tag auszuschütten.
Andere taten dasselbe mit verdeckten Gefäßen, als Hafen, Kesseln,
Zubern und was dergleichen ist. Einer lud den Tag mit einer Strohgabel
in einen Korb, der andere mit einer Schaufel; etliche gruben ihn aus
der Erde hervor. Eines Schildbürgers soll besonders gedacht werden,
welcher den Tag in einer Mäusefalle zu fangen gedachte, und ihn so, mit
List bezwungen, nach Hause tragen wollte. Jeder verhielt sich, wie es
sein Narrenkopf ihm eingab. Und solches trieben sie den langen, lieben
Tag, solang als die Sonne schien, mit solchem Eifer, daß sie vor Hitze
fast erlechzten und unter der Müdigkeit fast erlagen. Sie richteten
aber so wenig damit aus, als vor Zeiten die Riesen, da sie Berge
aufeinander türmten, um den Himmel zu erstürmen. Darum sprachen sie
zuletzt: »Nun, es wäre doch eine feine Kunst gewesen, wenn es geraten
wäre!« Und darauf zogen sie ab und hatten doch so viel gewonnen, daß
sie auf gemeine Kosten zum Weine gehen und sich so wieder erquicken und
erlaben durften.

       *       *       *       *       *

Die Schildbürger waren mitten in ihrer Arbeit, als von ungefähr ein
fremder Wandersmann durch die Stadt und an ihnen vorüberreiste. Dieser
stand lange stille, sah ihnen mit offenem Maule zu und vergaß es wieder
zuzumachen; ja, bald wäre er auch zu einem Schildbürger geworden, so
sehr zerbrach er sich den Kopf darüber, was denn das bedeuten sollte.
Abends in der Herberge, wo er des Wunders willen sich niedergelassen,
um das Abenteuer zu erfahren, fragte er nach der Ursache, warum er sie
denn so eifrig in der Sonne habe arbeiten sehen, ohne begreifen zu
können, was sie täten. Die umstehenden Schildbürger antworteten ihm
ohne Bedenken, daß sie versucht hätten, ob sie das Tageslicht in ihr
neugebautes Rathaus tragen könnten.

Der fremde Geselle war ein rechter Vogel, genetzt und geschoren, wie
es sein sollte, nur daß er weder Federn noch Wolle hatte. Er war
nicht gesinnt, den Raub, der sich ihm hier anbot, aus den Händen zu
lassen: deswegen fragte er sie ernsthaft, ob sie mit ihrer Arbeit etwas
ausgerichtet hätten? Da sie mit Kopfschütteln antworteten, so sagte der
Geselle: »Das macht, daß ihr die Sache nicht so angegriffen habt, wie
ich euch wohl möchte geraten haben!« Dieser Tagesschimmer von Hoffnung
machte die Schildbürger sehr froh, und sie verhießen ihm vonseiten
des ganzen Fleckens eine namhafte Belohnung, wenn er ihnen seinen
Rat mitteilen wollte. Dem Wirt befahlen sie, ihm tapfer aufzutragen
und vorzusetzen, so daß der gute Geselle diese Nacht ihr Gast war
und redlich ohne Geld zechte; wie das billig war, da er forthin ihr
Baumeister sein sollte.

Am folgenden Tag, als die liebe Sonne den Schildbürgern ihren Schein
wieder gönnte, führten sie den fremden Künstler zum Rathaus und besahen
es mit allem Fleiße von oben und unten, vorn und hinten, innen und
außen. Da heißt sie der Geselle, der indessen mit der Schalkheit Rat
gepflogen, das Dach besteigen und die Dachziegel hinwegnehmen, welches
auch alsogleich geschah. »Nun habt ihr,« sprach er, »den Tag in eurem
Rathause; ihr mögt ihn darin lassen, solang es euch gefällig ist. Wenn
er euch beschwerlich wird, so könnet ihr ihn wohl wieder hinausjagen.«
Aber die Schildbürger verstanden nicht, daß er damit meinte, sie
sollten das Dach nicht wieder daraufdecken, sonst würde es wieder so
finster werden, wie zuvor, sondern sie ließen die Sache gut sein,
saßen in dem Hause zusammen und hielten den ganzen Sommer über Rat.
Der Geselle nahm die Verehrung, zählte das Geld nicht lange, sondern
zog hinweg und schaute oft hinter sich, ob ihm niemand nacheile,
den Raub wieder von ihm zu nehmen. Er kam auch nie wieder, und noch
heutigestages weiß niemand, woher er gewesen und wohin er gekommen; nur
dies sagten die Schildbürger von ihm aus, daß sie ihn am Rücken das
letztemal gesehen hätten.

Nun hatten sie mit ihrem Rathause solches Glück, daß es den ganzen
Sommer über, so oft sie zu Rate saßen, nie regnete. Inzwischen aber
begann der liebliche Sommer sein lustiges Antlitz zu verbergen, und der
leidige Winter streckte seinen rauhen Schnabel hervor. Da merkten die
Schildbürger bald, daß, wie einer unter einem großen Wetterhut, wie die
sind, welche junge Lappen gewöhnlich aus fremden Landen mitbringen,
sich vor dem Regen sicher stellte, so auch sie sich mit dem Dache, wie
einem Hute, gegen Schnee und Ungewitter schirmen müßten. Sie hatten
daher nichts eiligeres zu tun, als das Dach mit gemeinschaftlicher
Handreichung wieder zu decken. Aber, siehe da, wie das Dach wieder
eingedeckt war und sie ins Rathaus gehen wollten, da war es leider
wieder ebenso dunkel darin, als es zuvor gewesen war, ehe sie von der
Ersparungskunst des Wanderers die Erfindung gelernt hatten, Tag in dem
Hause zu machen, ohne ihn hineinzutragen. Und jetzt erst merkten sie,
daß er sie häßlich hinter das Licht geführt habe. Sie mußten aber zu
der geschehenen Sache das Beste reden, setzten sich wieder mit ihren
Lichtspänen auf den Hüten zusammen und hielten geschwind einen Rat
darüber, der sich weit in den Tag hineinzog. Endlich kam die Umfrage
auch an einen, der sich nicht den Ungeschicktesten dünkte. Dieser
stand auf und sagte, er rate eben das, was sein Vater raten werde.
Nach diesem weisen Rate trat er aus der Versammlung, sich zu räuspern,
wie denn die Bauern oft einen so bösen Husten haben, daß niemand um
sie bleiben kann. Wie er nun in der Finsternis (denn sein Lichtspan
war ihm erloschen) an der Wand hin und her krabbelte, wird er von
ungefähr eines kleinen Risses in der Mauer gewahr. Auf einmal erinnert
er sich mit großem Seufzen seiner ersten Weisheit, deren sich alle
verziehen hatten; daher tritt er wieder hinein und spricht: »Erlaubet
mir ein Wort zu reden, liebe Nachbarn!« Als ihm dies vergönnt wurde,
sprach er weiter: »Nun, ich frage euch alle darum, sind wir nicht alle
doppeltgebohrte Narren? Wir haben so ängstliche und üble Zeit mit
unserem Rathaus, wenden Unkosten an und geraten noch dazu in große
Verachtung. Und dennoch ist keiner von uns so gescheit gewesen, daß er
gesehen hätte, daß wir in das Haus keine Fenster gemacht haben, durch
die das Licht hereinfallen konnte. Das ist doch gar zu grob, zumal im
Anfange unserer Torheit; da sollten wir nicht so auf einmal und mit
einem Satz hineinplumpen, so daß es auch ein rechter, geborner Narr
merken könnte!«

Über diese Rede erschraken und verstummten die andern alle. Sie sahen
einander an und schämten sich einer vor dem andern wegen der gar
zu plumpen Wahrheit. Ohne die Umfrage abzuwarten, fingen sie darauf
miteinander an, aller Orten die Mauern des Rathauses durchzubrechen,
und da war kein Schildbürger unter allen, der nicht sein eigenes
Fenster hätte haben wollen. Also wurde das Rathaus vollführt, bis auf
den Einbau, von welchem sogleich Meldung getan werden soll.

       *       *       *       *       *

Nachdem ihrem Rathause sein großes Laster abgewöhnt und es endlich
sehend geworden war, fingen die Schildbürger an, auch das Eingeweide
des Hauses zurechtzumachen und die Gemächer zu verschlagen. Unter
anderm machten sie drei abgesonderte Stuben, eine Witzstube, eine
Schwitzstube und eine Badestube; diese mußten vor allen Dingen
fertiggemacht werden, damit die Schildbürger, wenn sie über wichtige
Sachen ratschlagen sollten, nicht behindert würden. Nun, meinten sie,
sei das ganze dreieckige Rathaus aufs vortrefflichste fertig gemacht,
und weihten es zu aller Narren Ehre feierlich ein.

Inzwischen war der Winter ganz hereingebrochen, und es war kalt
geworden. Nun sollten sie an einem Ratstage Gericht halten, und der
Kühhirt hatte mit seinem Horn den Ratsherren die Losung gegeben. Da
brachte denn jeder, damit das gemeine Wesen nicht beschwert würde,
sein eigenes Scheit Holz mit, um die Stube zu wärmen. Aber, als sie
sich nach der Heizung umsahen, siehe, da fand sich's, daß sie den
Ofen vergessen hatten, ja nicht einmal Raum gelassen, wo man einen
hinstellen könnte. Darüber erschraken sie abermals heftig bei sich
selbst und schalten sich über ihre Torheit. Als sie nun anfingen, den
Handel zu erwägen, da fielen gar mancherlei Meinungen. Einige waren der
Ansicht, man sollte ihn hinter die Türe setzen. Da es aber herkömmlich
war, daß der Schultheiß den Winter über hinter dem Ofen seinen Sitz
haben mußte, so schien es schmählich zu sein, wenn er hinter der Türe
säße. Zuletzt riet endlich einer, man sollte den Ofen vors Fenster
hinaus setzen, und ihn nur zur Stube hereingucken lassen. Zu Zeiten
dann, wenn es not täte, könnte er bei Abzählung der Stimmen auch mit
gerechnet werden, denn, riete er schon nicht zur Sache, so sei er doch
auch nicht dawider. Dem Schultheiß sollte man den nächsten Ort dabei
einräumen. Diesem Rate ward von allen Bänken her einhelliger Beifall
zugerufen. Doch sagte ein Alter unter ihnen, welcher schon länger Narr
war als die andern: »aber, lieber Freund, die Hitze, die sonst in
die Stube gehört, wird zum Ofen hinausgehen! Was hilft uns dann der
Ofen?« -- »Dafür weiß ich ein Mittel,« rief ein dritter. »Ich habe
ein altes Hasengarn, das will ich der Gemeinde zum besten geben. Wir
wollen es vor die Ofentüre hängen, daß es die Hitze im Ofen beschließe!
Dann haben wir nichts Arges zu besorgen, nicht wahr, lieber Nachbar?
Dann wollen wir tüchtig sieden und braten und die Äpfel in der Kachel
umkehren!« Dieser Schildbürger wurde wegen seines so weisen Rates hoch
gepriesen und ihm mit allen seinen Nachkommen der allernächste Sitz
hinter dem Ofen zunächst bei der Äpfelkachel vergönnt.

       *       *       *       *       *

So schloß der Handel; der Ofen wurde gemacht, und bei einer zweiten
Ratswahl das Rathaus aufs neue mit Narren besetzt. Die neuen Ratsherrn
berieten sich vornehmlich darüber, wie man einen Vorrat hinterlegen
könnte, dessen man sich bedienen dürfte, wenn einmal eine Teuerung
einfiele. Besonders aber hörten sie vom Salze, dessen Kauf ihnen,
wegen der obwaltenden Kriege, abgeschnitten war, und an dem sie eben
darum großen Mangel litten; man riet ihnen, sie sollten es doch so
weit bringen, daß sie eigenes Salz hätten, das sie in der Küche so
wenig entbehren könnten als den Dünger auf dem Acker. Da faßten sie
nach langer Ratschlagung den Beschluß: weil es doch offenbar sei, daß
der Zucker, der ja dem Salz ganz ähnlich sehe, erwachse, so müsse wohl
daraus folgen, daß das Salz gleichermaßen aus dem Felde hervorwachse;
wie denn das Salz so gut Körnlein habe als der Weizen, und man
ebensowohl sage: ein Salzkorn, als: ein Weizenkorn; darum beschließe
ein wohlweiser Rat, daß man ein großes, der Gemeinde zustehendes Stück
Feld umbrechen solle, und darauf in Gottes Namen Salz säen. Es sei kein
Zweifel, daß sie dann ihr eigen Salz bekommen würden und nicht andern
zu Füßen fallen dürften, um Salz zu erhalten.

Der Acker ward gepflügt und nach dem Beschlusse ihrer Wohlweisen mit
Salz besäet. Sie selbst und alle Schildbürger waren in bester Hoffnung
und zweifelten nicht, Gott werde seinen Segen im Überfluß zu der Arbeit
geben, weil sie ja in seinem Namen gesäet hätten; auch wäre ein solcher
Gewinn, als ein Erdwucher, nicht schändlich, sondern von jedermann
gebilligt. In diesem Vertrauen stellten sie auch Hüter und Bannwarte
auf, die, mit einem langen Vogelrohr in der Hand, die Vögel schießen
sollten, wenn sie etwa das ausgesäete Salz wie andern Samen auffressen
oder auflecken wollten.

Es währte nicht lange, so fing der Acker an aufs allerschönste zu
grünen und die frechsten Kräuter heraufzuschicken. Die Schildbürger
hatten eine unsägliche Freude darüber und meinten, diesmal wäre ihnen
die Sache wohl geraten. Sie gingen alle Tage hinaus, zu sehen, wie
das Salz wüchse: ja, sie beredeten sich selbst, sie hörten das Salz
wachsen, wie jener das Gras. Und je mehr es wuchs, desto mehr wuchs in
ihnen die Hoffnung, und da war keiner unter ihnen, der nicht im Geiste
schon ein ganzes Simri Salz gegessen hätte. Deswegen befahlen sie den
Bannwarten, wenn etwa eine Kuh, ein Pferd, ein Schaf oder eine Geiß auf
den Salzacker sich verirrte, so sollten sie diese Tiere auf alle Weise
und ohne Schonung fortjagen. Dessenungeachtet kam das unvernünftige
Vieh auf den wohlbebauten und besäeten Salzacker und fraß nicht nur die
herrliche Aussaat von Salz, sondern auch das, was noch hätte wachsen
sollen. Der Hüter, der dieses sah, wußte wohl, was ihm auferlegt sei.
Aber er verlor den Kopf, denn er war ein Schildbürger, und anstatt
das Vieh hinauszutreiben, lief er in die Stadt und meldete das Unheil
dem Schultheißen und Rat. Dieser sah auch bald ein, daß dem Bannwart
sein Vogelrohr gegen die vierfüßigen Tiere nichts helfen konnte; sie
faßten daher, nachdem sie sich lang die Köpfe zerbrochen hatten, den
weisen Beschluß: ihrer viere des edeln Rates, vor denen die Tiere sich
vielleicht mehr als vor schlechten Leuten scheuen würden, sollten den
Bannwart auf eine geflochtene Truhe setzen, ihm eine lange Rute in die
Hand geben und ihn so auf dem Salzacker herumtragen, bis er das lose
Vieh herausgetrieben hätte. Dies geschah, der Bannwart hielt seinen
Umzug, als wäre er der Papst zu Rom, und die vier Ratsherren wußten
mit ihren breiten Füßen so subtil einherzugehen, daß durch sie dem
kostbaren Acker kein allzu großer Schaden widerfuhr.

Wirklich blühte und zeitigte das Salzkraut nicht anders, als ob es
Unkraut gewesen wäre, auf das eher ein fruchtbarer Regen fällt, ehe
denn es verdirbt. Wie nun ein ehrlicher Schildbürger über den herrlich
grünenden Acker ging, konnte er es nicht lassen, ein weniges von dem
edeln Salzkraut auszuraufen und es, bescheiden kostend, an den Mund
zu führen. Nun ist es wahr, es bissen ihn die Brennesseln auf die
Zunge, daß er hätte schreien mögen; aber eben das machte ihn ausnehmend
fröhlich, er rannte, als wäre er ein rechter Narr, vor Schmerz und
Freuden aus und ab und schrie mit heller Stimme: »Es ist Leckerwerk;
Leckerwerk ist es!« Darauf lief er recht eilig, damit ihm niemand das
Botenbrot abgewänne, nach dem Flecken Schilda und stürmte mit der
großen Glocke, damit alle Schildbürger zusammenkämen und die gute
Mär vernähmen. Als sie versammelt waren, zeigte er ihnen vor Freude
zitternd an, sie sollten fröhlich und guten Mutes sein; das Kraut sei
schon so scharf, daß es ihn auf der Zunge gebissen habe; es sei hieraus
abzunehmen, daß ein recht gutes Salz daraus werden werde.

Dadurch veranlaßte er die Schildbürger, alle miteinander auf den Acker
zu gehen, den Schultheiß an der Spitze. Dieser raufte ein Krautblatt
heraus, reckte die Zunge und kostete es; und ihm taten es alle nach,
und alle fanden es so, wie der Bote ihnen verkündet hatte. Sie waren
sehr froh, und jeder dachte sich in seinem Sinne schon als einen
mächtigen Salzherrn. Und als endlich die Zeit der Ernte gekommen
war, da kamen sie herbei mit Roß und Wagen, um mit Sicheln das Salz
abzuschneiden und heimzuführen. Etliche hatten gar ihre Dreschflegel
gerüstet, um es gleich an Ort und Stelle auszudreschen. Als sie aber
Hand anlegen und ihr gewachsenes Salz abschneiden wollten, da war es
so herb und hitzig, daß es ihnen allen die Hände verbrannte. Dies
hatten sie auch, von der großen Kraft des Salzkrautes unterrichtet,
wohl überlegt, jedoch es nicht gewagt, sich mit Handschuhen zu
versehen, weil der Sommer so gar heiß war, und sie fürchteten, man
möchte ihrer spotten. Nun meinten einige, man sollte es abmähen wie
das Gras; andere, weil es so gar hitzig wäre, so sollte man es mit
der Armbrust niederschießen wie einen tollen Hund. Das letzte gefiel
ihnen am allerbesten. Weil sie aber keinen Schützen unter sich hatten
und befürchteten, wenn sie nach einem fremden schickten, so möchte
ihre Kunst verraten werden, so ließen sie es bleiben. Kurzum, die
Schildbürger mußten das edle Salzkraut auf dem Felde stehen lassen,
bis sie einen besseren Rat fänden. Und hatten sie zuvor wenig Salz
gehabt, so hatten sie jetzt noch weniger, denn was sie nicht verbraucht
hatten, das hatten sie ausgesäet. Deswegen litten sie großen Mangel an
Salz, zumal am Salze der Weisheit, das bei ihnen ganz dünn geworden
war. Daher zerbrachen sie sich auch den Kopf darüber und sannen
nach, ob etwa der Acker nicht recht gebaut worden, und hielten viele
Ratssitzungen darüber, wie man es ein andermal besser machen könnte.

       *       *       *       *       *

Nun weiß jedermann, daß vorzeiten die Weisheit der Schildbürger weit
und breit durch alle Lande gerühmt war, so daß jedermann etwas davon zu
sagen wußte. Doch war dies schon gar lange her. Aber das Gerücht von
ihrer Torheit verbreitete sich in kurzer Zeit noch viel weiter, so daß
bald niemand auf der ganzen Welt war, der nicht alles gewußt hätte, was
sich bei ihnen zugetragen hatte.

So geschah es, daß dem Kaiser des großen Reiches Utopia, als er wegen
Reichsgeschäften in diejenige Gegend seines Landes kam, in welcher
der Flecken Schilda lag, vieles von den abenteuerlichen Schildbürgern
erzählt wurde. Darüber wunderte sich der Kaiser um so mehr, weil
er sich früher auch in wichtigen Sachen ihrer Weisheit bedient und
sich Rates bei ihnen erholt hatte. Weil er nun doch in jener Gegend
verziehen mußte, bis sich die Stände des Reiches, die er dorthin
beschieden, versammelt hätten, so verlangte ihn, einen persönlichen
Besuch in Schilda zu machen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es
sich mit der Torheit seiner dortigen Untertanen verhielte. Er fertigte
daher einen Gesandten ab, um ihnen seine Ankunft zu verkündigen, damit
sie ihre Zurüstungen treffen könnten. Dabei ließ er ihnen anzeigen,
daß er sie bei allen ihren althergebrachten Privilegien und Freiheiten
schirmen, auch mit weiteren begnaden wolle, unter der Bedingung, daß
sie ihm auf die erste Rede, die er an sie richten werde, so antworten
könnten, daß sein Gruß und ihre Antwort sich _reime_.

Die armen Schildbürger erschraken über dieser Botschaft wie eine
Katze, wenn sie sich unversehens vor dem Kürschner, oder eine Ziege,
wenn sie sich vor einem Schneider findet. Obwohl sie nur Bauersleute
waren, welche, wie man meint, das Recht haben, einfältig zu sein, so
fürchteten sie doch, der Kaiser -- der mit seinen Augen, obschon sie
nicht größer sind als anderer Leute Augen, doch viel weiter sehe und
mit seinen Händen länger reiche -- möchte merken, daß ihre Narrheit nur
eine angelegte sei, und sie selbst möchten nicht nur seine allerhöchste
Ungnade erfahren müssen, sondern vielleicht gar gezwungen werden,
wieder witzig und verständig zu sein. Denn es ist freilich nicht
ein Geringes, sich selbst zum Narren zu machen und seinen Verstand
mutwillig dem allgemeinen Nutzen zu entziehen. Man sollte wenigstens
warten, bis man entweder von selbst ein Narr oder durch andere zu einem
Narren gezimmert wird. Dann kann man sich mit gutem Gewissen einen
Narren schelten lassen von jedermann, und wäre dieser auch gleich
ein zehnmal größerer Narr. Die Schildbürger nun suchten in solchem
Schrecken bei ihrer alten, hinterlegten Weisheit Rat und Hilfe. Sie
ordneten alles, was in Stall und Küche notwendig war, aufs fleißigste,
um den Kaiser so stattlich als möglich in ihrem Dorfe zu empfangen.
Unglücklicherweise aber hatten sie damals gerade keinen Schultheißen,
denn der im Anfang ihrer Torheit gewählte war, aus Kummer über seine
aufgegebene Kunst und Weisheit, zu einem rechten, völligen Narren und
daher zu seinem Amte unbrauchbar geworden. Nachdem sie sich nun lange
über eine neue Wahl beraten, kamen sie endlich darin überein, weil
sie ja dem Kaiser auf seine ersten Worte in Reimen antworten müßten,
so sei es wohl am besten, daß derjenige Schultheiß werde, der auf den
folgenden Tag den besten Reim hervorbringen könnte. Darüber wollten
sie die Nacht schlafen. Nun zerbrachen sich die weisen Herren die
ganze Nacht den Kopf, denn da war keiner von allen, der nicht gedacht
hätte, Schultheiß zu werden. Aber am unruhigsten schlief derjenige
Schildbürger, der bisher einer andern Gemeinde vorgestanden, das
heißt, der die Schweine gehütet hatte. Er warf sich so wild hin und
her, daß seine Frau endlich erwachte und ihn fragte, was ihm fehle.
Der Schweinehirt aber wollte nicht aus dem Rate schwatzen, und nur
mit vieler Mühe konnte ihn sein Weib bewegen, ihr zu sagen, was sich
Wichtiges begeben habe. Als er ihr aber endlich anvertraut, womit die
Schildbürger umgingen, da wäre des Schweinehirten Frau ebenso gern
Schultheißin gewesen als der Schweinehirt Schultheiß. »Kümmere dich
über diesen Handel nicht, lieber Mann,« sagte sie. »Was willst du mir
geben, wenn ich dich einen Reim lehre, daß du Schultheiß werdest?«
-- »Wenn du das kannst,« sprach der Schweinehirt vergnügt, »so will
ich dir einen schönen neuen Pelz kaufen.« Damit war die Frau sehr
zufrieden, besann sich eine kleine Weile und fing an, ihm folgenden
Reim vorzusprechen:

    Ihr lieben Herrn, ich tret' herein,
    Mein feines Weib, die heißt Kathrein,
    Ist schöner als mein schönstes Schwein,
    Und trinkt gern guten, kühlen Wein.

Diesen Reim sprach die Schildbürgerin, die sich nicht wenig auf ihre
Dichtkunst zugute tat, ihrem Hauswirt neunundneunzigmal vor und er
ebenso oft ihr nach, bis er ihn ganz gekaut und verschluckt zu haben
meinte. Aber auch die andern Schildbürger hatten nicht gerastet,
vielmehr hatten alle vom eifrigen Reimen größere Köpfe gekriegt, und da
war ihrer keiner, der nicht die ganze Nacht über Schultheiß gewesen
wäre.

Als nun der angesetzte Tag erschien, an welchem ein weiser Rat
zusammentrat, um zur Wahl eines Schultheißen zu schreiten, da hätte man
Wunder hören können, welch zierliche, wohlgeschlossene Reime von ihnen
vorgebracht wurden. Freilich war es schade, daß die edlen Ratsherren
samt und sonders, in langer Ausübung ihrer verstellten Narrheit, zu
einem so schwachen Gedächtnisse gekommen waren, daß ihnen allemal
das rechte Schlagwort des Reimes beim Hersagen ausging, so daß zum
Beispiel der fünfte (denn der ersten vier vortreffliche Reime sind
verlorengegangen) seinen Reim also vorbrachte:

    Ich heiße Meister Hildebrand
    Und lehne mein'n Spieß an die -- Mau'r.

worüber denn jedesmal die andern alle lachten, jeder, bis das Reimen an
ihn selber kam. Der Schweinehirt stand weit hinten, und wegen seines
niedrigen Standes kam die Reihe unter den letzten an ihn. Er war in
tausend Ängsten, denn er fürchtete immer, es möchte ein anderer seinen
Reim vorbringen und dadurch Schultheiß werden. Und so oft ein anderer
nur ein einziges Wörtchen sagte, das auch in seinem Reime vorkam, so
erschrak er, daß ihm das Herz hätte mögen entfallen. Da nun die Ordnung
endlich auch an ihn kam, stand er auf und sprach mit kühner Stimme:

    Ihr lieben Herrn, ich tret' -- hieher,
    Mein feines Weib, das heißt Kathrein,
    Ist schöner als mein schönstes -- Ferk'l,
    Und trinkt gern guten, kühlen -- Most!

»Das ist einmal ein Reim!« riefen die Ratsherren von Schilda einmütig
und verwundert; »das lautet wie etwas! Das möcht's heben und
ausrichten!« Und bei der Umfrage fiel die Wahl einhellig auf den
Schweinehirten, denn sie waren fest überzeugt, er würde dem Kaiser wohl
reimweise antworten können und ihm würdige Gesellschaft leisten. So war
der Schweinehirt von Schilda über Nacht Schultheiß geworden.

       *       *       *       *       *

Diese Ehre und Würde tat dem Hüter der Schweine so wohl, daß er alsbald
beschloß, seinen Hirtenschweiß und Staub abzuwaschen und in die
Nachbarschaft ins Bad zu gehen, denn zu Schilda war kein Bad. Unterwegs
begegnete ihm ein anderer, der vor Jahren mit ihm Schweine gehütet, und
begrüßte ihn als alten Mithirten und Gesellen mit einem freundlichen
Du. Jener aber verbat sich dieses feierlich und fügte hinzu: »Wisse,
daß wir nicht mehr sind, der wir zuvor waren; wir sind jetzt unser
Herr, der Schultheiß zu Schilda!« Da wünschte ihm der andere Glück zu
seinem neuen Amte bei dem ungezogenen Volk der Schildbürger und ließ
ihn ziehen.

Also zog unser Herr, der Schultheiß, fort und kam in das Bad. Hier
stellte er sich gar weise, saß in schweren, tiefen Gedanken, zählte von
Zeit zu Zeit seine Finger ab, so daß alle, die ihn zuvor kannten, sich
über diese Veränderung verwunderten und ihn für melancholisch hielten.
Indessen fragte er einen, der neben ihm saß, ob dies die Bank sei,
auf welcher die Herren zu sitzen pflegen? »Ja!« ward ihm geantwortet.
»Ei, wie fein habe ich es getroffen,« dachte da der Schultheiß, »ist
es doch, als habe mir's die Bank angerochen, daß ich Schultheiß zu
Schilda sei!« Wie er nun lange so sitzt und vor lauter Nachdenken
tüchtig schwitzt, kommt der Bader, sieht, daß sein Kopf naß ist, und
meint, er habe schon gebadet. »Guter Freund,« sprach er, »Ihr habt
den Kopf gewaschen, aber Ihr habt Euch noch nicht reiben und kratzen
lassen! Ist dies nicht geschehen, so will ich Lauge herlangen und
Euch ausreiben!« Der Schultheiß, der in tiefen Gedanken geschwitzt,
antwortete: »Lieber Bader! Ich weiß wahrlich eigentlich nicht, ob ich
gebadet habe, aber gerieben bin ich noch nicht! Unsereiner hat gar viel
zu sinnen und zu denken, sonderlich ich, der ich trachten soll, wie
ich dem Kaiser reimweise antworte. Denn versteht mich recht: ich bin
der Schultheiß von Schilda!« Über diese Rede des Schweinehirten, die
doch sein bitterer Ernst war, fingen alle, die im Bade waren, zu lachen
an, ließen ihn jedoch bei seinen Ehren bleiben und noch eins darauf
schwitzen.

Als er wieder nach Hause kam, vergaß unsere gnädige Frau, die
Schultheißin, nicht, den verheißenen Pelz, den sie wohl verdient hatte,
recht oft zu fordern, und als der Schultheiß wieder einmal, wichtiger
Geschäfte halber, in die Nachbarschaft gehen wollte, unterließ sie
nicht, ihn an den Pelz zu mahnen. Ehe noch der Schultheiß die Stadt
betrat, fragte er schon den Torwart nach dem Hause des Kürschners;
als dieser ihm solches wies, fragte er ferner, ob es auch der sei,
bei welchem die Schultheißenfrauen ihre Pelze kaufen. Da merkte der
Torwart erst, daß der Mann verrückt sein müsse, deswegen wies er ihn
nun zu einem Kübler, einem lustigen Gesellen, bei diesem sollte er
nach Schultheißenpelzen fragen. Der gute Schultheiß geht in aller
Ehrbarkeit, wohin er gewiesen war, sagt dem Kübler, er sei der
Schultheiß von Schilda und wolle Schultheißenpelze kaufen. Der Kübler
merkt bald, woran er ist, und erwidert: Es sei ihm sehr leid, seine
Wohledeln nicht fördern zu können, wie er wollte; aber gestern sei
Markttag gewesen, da habe er alle vorrätigen Pelze abgegeben. Damit ihm
aber geholfen würde, so weiset er ihn in eine andere Vorstadt, zu einem
Wagner; dort werde er Pelze finden nach seinem Begehren. Nun brachte er
sein Anliegen bei dem Wagner vor. Dieser aber, der auch ein Spottvogel
war, weist ihn zu einem Schreiner, der Schreiner zu einem Sporer, der
Sporer zu einem Sattler, der Sattler zu einem Orgelmacher, der zu einem
Studenten, der zu einem Buchbinder, der zu einem Druckergesellen, der
zu einem Buchhändler; der Buchhändler endlich zu einem Lebküchner: dort
finde er sie, wie er's nur haben wollte, zum fressen schön.

Als nun der Schultheiß auch hier nach Pelzen fragte, da antwortete ihm
der Lebküchner: Er habe diesmal keine; wenn er aber eine kleine Zeit
Geduld habe wolle, so werde er ihm einen feinen Pelz von Lebkuchen
anmessen, anschneiden und backen; den könnte er, wenn er seinem Weibe
nicht gefiele, selber essen, alle Morgen einen Mund voll. Der Herr
Schultheiß bedankte sich aufs höchste, erklärte aber, daß er nun so
lange nach einem Pelz herumgelaufen sei und keine Zeit mehr habe, zu
warten; er müsse heim, seinem Amte wieder obzuliegen, denn er sei
Schultheiß zu Schilda. Der Lebküchner, der etwas gutmütiger war als
die andern, dachte, der Herr Schultheiß sei genug zum Narren gehalten,
und wies ihn deswegen recht, zu einem Kürschner, wo er nun Pelze aller
Gattung fand, wie er nur begehrte. Und hier kaufte er endlich einen
prächtigen Pelz, dessen sich eine Schultheißin auch in der Stadt nicht
hätte schämen dürfen. Als er heimkam, empfing die Frau den Pelz mit
Freuden, bekleidete sich mit ihm auf der Stelle, drehte sich nach allen
Seiten und ließ sich sagen, wie er ihr stehe. Der Schultheiß aber
verlangte, jetzt sollte sie für seinen Dienst ihm auch Küchlein backen;
er wollte eine Wurst, die er aus der Stadt mitgebracht, dazu geben
und eine Maß Wein dazu bezahlen. Da begann seine Frau, wie vorzeiten,
grobe, dicke Schnitten zu backen; er aber stieß die ersten, die aus der
Pfanne kamen, voll Unmuts zurück. »Wofür hast du mich angesehen,« sagte
er, »meinst du nicht gar, ich sei ein Schweinehirt? Weißest du nicht,
daß ich der Herr Schultheiß allhier zu Schilda bin?« Da mußte die Frau
ihm Sträublein backen, die zehrten sie miteinander auf und tranken
einen guten Schluck Weins dazu.

Die folgende ganze lange Nacht lag die neue Frau Schultheißin in
tiefsinnigen Gedanken, auf welche Weise sie doch den neuen Pelz
anlegen und in demselben ihrem Mann und seinem Amte zu Ehren vor den
Schildbürgern prangen möchte. Deswegen stand sie früh auf, und weil
es eben Sonntag war, fing sie mit allem Eifer an, sich zu putzen, um
sich von allen Nachbarn beschauen zu lassen. In diese Gedanken war sie
so verirrt, daß sie sogar das Läuten in die Predigt überhörte. Ihr
Herr, der Schultheiß, stand vor ihr und mußte ihr den Spiegel halten,
und wohl hundertmal fragte sie ihn, ob sie auch von vorn und von der
Seite recht wie eine Frau Schultheißin aussehe; und als er dies bejaht,
ging sie endlich aus dem Hause der Kirche zu. War sie nun aber zu lang
vor dem Spiegel gestanden, oder hatte der Mesner zu frühe geläutet:
-- siehe, als sie mit ihrem neuen Pelz zur Kirche hineinrauschte,
war eben die Predigt aus, so daß jedermann aufstand. Die gute Frau
aber legte dieses ganz anders aus: sie beredete sich selbst, weil ihr
Mann Schultheiß und sie Frau Schultheißin sei, zudem weil sie einen
nagelneuen Pelz anhabe, so stehen die Nachbarn ihr und ihrem Kleide zu
Ehren auf. Sie sprach deswegen so sittig und tugendlich, als sie es in
der kurzen Zeit gelernt haben konnte, indem sie sich gar gnädig nach
beiden Seiten mit Verneigung kehrte: »Liebe Nachbarn, ich bitte euch,
wollet doch stille sitzen: denn ich denke wohl noch an den Tag, wo ich
ebenso arm und zerlumpt zur Kirche hineingegangen bin wie ihr; darum
so setzet euch doch wieder!« Bald darauf kam auch der Herr Schultheiß,
welcher bis auf diesen Augenblick an seinem Barette gestriegelt hatte,
in die Kirche hineingetreten; als er aber die andern Schildbürger alle
die Kirche verlassen sah, und nur seine Frau, die Schultheißin, noch in
Erwartung der Predigt in ihrem Stuhle sitzen, nahm er sie an dem Arm
und führte sie heim.

       *       *       *       *       *

Endlich war der Kaiser auf dem Wege nach Schilda. Das wußten die
Schildbürger und berieten sich aufs eifrigste, wie sie ihn würdig
empfangen sollten. Am Ende beschlossen sie, dem Kaiser zuvorzukommen
und das erste Wort an ihn zu richten. Deswegen sollte der Schultheiß
ihn zuerst anreden und mit den Worten: »Seid uns willkommen!«
empfangen. Dann mußte der Kaiser notwendig antworten: »Und du auch!«
Und darauf hatte der Schultheiß schon einen Reim bereit: »Der witzigste
unter uns ist ein Gauch!« Mit dieser Erfindung hielten sie ihre
Freiheiten und Privilegien für gesichert. Über die Frage aber, wie
man dem Kaiser entgegenziehen solle, waren die Meinungen geteilt:
Einige wollten zwei Haufen haben, der eine sollte reiten, der andere
zu Fuße gehen, je ein Reiter und ein Fußgänger in einem Glied. Andere
vermeinten, es sollte ein jeder den einen Fuß im Stegreif haben und
reiten und mit dem andern auf dem Boden gehen; das wäre ja auch halb
gegangen und halb geritten. Wieder andere meinten, man sollte dem
Kaiser auf hölzernen Pferden entgegengehen, denn man pflege auch im
Sprichwort zu sagen: Steckenreiten sei halb gegangen; zudem seien
solche Pferde fertiger, hurtiger, geduldiger und bald gezäumt und
gestriegelt. Dieser letzten Meinung fielen alle bei, und es wurde
beschlossen, daß jeder mit seinem Rosse gefaßt sein sollte. Dies
geschah von seiten aller mit großer Bereitwilligkeit; denn da war
keiner so arm, der sich nicht beim Tischler um ein weißes, schwarzes,
graues, braunes, rotes, auch gesprenkeltes Pferd umgesehen hätte;
dieselben tummelten sie und richteten sie meisterlich ab.

Als nun der festgesetzte Tag herbeigekommen und der Kaiser mit seinem
Gefolge heranrückte, sprengten die Schildbürger hinaus mit ihren
Steckenpferden, ihm entgegen. Wie der Schultheiß den Kaiser gewahr
wurde, sprang er im Eifer von seinem Gaul auf einen Misthaufen und
band sein hölzernes Roß vorsichtig an einen danebenstehenden Baum.
Und weil er dazu beide Hände brauchte, nahm er den Hut zwischen die
Zähne, behielt ihn auch darin, nachdem das Steckenpferd angebunden war,
und murmelte zwischen den Zähnen: »Nun seid uns willkommen auf unserm
Grund und Boden, fester Junker Kaiser!« Der Kaiser erkannte zwar auf
den ersten Blick und auf das erste Wort, wie es mit den Schildbürgern
beschaffen sei, und hatte Mühe, den Gruß zu verstehen, doch merkte er,
was der Schultheiß sagen wollte, und erwiderte: »Hab Dank, mein lieber
Schultheiß! und du auch!« Aber der Schultheiß hatte seinen Hut, den er
halb losgelassen, wieder fest mit den Zähnen gefaßt und konnte nicht
antworten. Schnell besann sich sein Nebenmann, warf den verabredeten
Reim in seinem Kopf herum, konnte aber über das Endwort nicht bei sich
einig werden, ob es hieße Narr oder Gauch oder etwas anderes, und
platzte endlich heraus mit den Worten: »Der Schultheiß ist ein Narr!«

Auf diese Weise wurde der Kaiser empfangen, und als er noch zu guter
Letzt den Schultheiß lächelnd befragte: »Warum stehst du denn auf dem
Mist?« so erwiderte dieser mit einem Funken seiner alten Weisheit:
»Ach, Herr, ich armer Tropf bin nicht wert, daß mich der Erdboden vor
Euch trage!« Hierauf geleiteten sie den Kaiser in die Wohnung, die für
ihn zugerichtet war, aufs Rathaus. Und weil der Tag noch lang war,
so baten sie ihn um die Erlaubnis, ihn auf ihren Salzacker führen zu
dürfen, und zeigten ihm hier ihr vortreffliches Gewächs; auch brachten
sie die untertänigste Bitte vor, wenn ihnen diese Kunst geraten sollte,
sie mit gnädigem Privilegium dafür auszustatten. Welches alles ihnen
der Kaiser mit lachendem Munde gewährte.

Am andern Tage luden die Schildbürger den Kaiser zu Gaste, und
dieser, dem ihre Schwänke und Possen wohl gefielen, erzeigte sich,
um der Kurzweil willen, die ihn erwartete, willig dazu. Nachdem sie
ihn daher in dem Dorfe herumgeführt und ihm ihre Misthaufen gezeigt,
geleiteten sie ihn in ihr merkwürdiges Rathaus und hießen ihn an
dem frischgedeckten Tische Platz nehmen. Das vornehmste Gericht,
das aufgetischt wurde, war eine frische, kalte, saure Buttermilch:
auf diese Seltenheit taten sich die Schildbürger am meisten zugute.
Der Schultheiß setzte sich mit dem Kaiser zu Tische; die übrigen
Bürger standen aus Ehrfurcht vor beiden um sie herum und langten
von oben herab in die Schüssel. Sie hatten aber weislich zweierlei
Brot in die Milch gebrockt. Vor des Kaisers Platz schwammen weiße
Semmelwecken in der Sahne, vor den Bauern lagen die schwarzen Brocken
in der Grundsuppe. Während sie nun aßen, der Kaiser das weiße, die
Schildbürger das Haberbrot, erwischt von ungefähr ein grober Bauer
einen Brocken von dem weißen Brote. Kaum hatte der Schultheiß diesen
groben Verstoß gegen den Kaiser wahrgenommen, als er den Bengel auf
die Hände schlug und ihn zornig anfuhr: »Flegel! willst du des Kaisers
Brot essen?« Der Schildbürger erschrak, zog den Löffel schleunig zurück
und legte den gekosteten Bissen fein bescheidentlich wieder in die
Schüssel. Der Kaiser, der dieses wahrgenommen, hatte des Mahles genug
und schenkte den Schildbürgern die saure Milch mitsamt dem weißen Brot.

       *       *       *       *       *

Im übrigen blieb der Kaiser länger bei den Schildbürgern, als er sonst
willens gewesen war, denn ihre Narrheit gefiel ihm über die Maßen. Als
aber die Reichsgeschäfte ihn nötigten, heimzukehren, erbot er sich zur
Abhilfe aller Beschwerden, die sie etwa vorzubringen hätten, und wollte
sich ihnen als einen recht gnädigen Herrn erweisen. Da war ihre einzige
Bitte, daß es ihnen vergönnt sein möge, ihrer schädlichen Weisheit
fernerhin überhoben bleiben zu dürfen, dagegen in ihrer heilsamen
Narrheit durch ein kaiserliches Privilegium für ewige Zeiten gesichert
zu werden, so daß niemand sie hinfort darin hindern oder darüber
anfechten dürfte. Diese Bitte gewährte ihnen der Kaiser willig und
unter vielem Lachen, und es wurde ihnen ein förmlicher Freiheitsbrief
für ihre Narrheit mit des Kaisers Unterschrift und Siegel ausgestellt
und eingehändigt. Und so zog der Kaiser von dannen, nachdem er den
Schildbürgern eine gute Mahlzeit, sich zu letzen, hinterlassen.

Diesen war es jetzt erst, nachdem der Kaiser fort war und sie im
sichern Besitz ihrer Narrheit belassen hatte, recht wohl in ihrer Haut.
Sie sprengten mit ihren Steckenpferden in das nächste Dorf, wo ihnen
das kaiserliche Mahl angerichtet war. Als sie satt und trunken waren,
kam sie das Verlangen an, auf eine grüne, schöne Aue hinauszuspazieren
wie andere Junker, hier sich zu erlustigen und der Verdauung zu
pflegen; doch vergaßen sie einige gute Flaschen Weines nicht und fuhren
fort, im grünen Grase gelagert, bis in den Abend hinein zu zechen. Nun
hatten sie aber alle Beinkleider von einerlei Farbe an, und im Zechen
die Beine durcheinander geschränkt. Wie es nun an dem war, daß sie
heimgehen sollten, siehe, da war eine große Not: keiner konnte mehr
seine Füße oder Beine erkennen, weil sie alle gleichgefärbt waren;
saßen da, guckte einer den andern an, und fürchtete jeder, ein anderer
möchte ihm seine Füße nehmen, oder er einem andern seine Beine; sie
waren deswegen in großer Angst. Während sie einander so angafften,
ritt von ungefähr ein Fremder vorüber; den riefen sie und klagten ihm
ihren Jammer, mit der flehentlichen Bitte, wenn er ein Mittel wüßte,
einem jeden wieder zu seinen eigenen Beinen zu verhelfen, möchte er
es um des Himmels willen anwenden, sie wollten sich gewiß mit guter
Bezahlung dankbar erweisen. Der Fremde sprach, das könne wohl sein,
stieg ab, und nachdem er sich vom nächsten Baum einen guten Prügel
gehauen, fuhr er unter die Bauern und fing an, die nächsten, die besten
auf die Beine zu schlagen; und welchen es traf, der sprang schnell auf,
und mit den Streichen hatte ein jeder auch seine Füße wieder, denn der
Geselle hatte sie ihm gefunden. Zuletzt blieb einer ganz allein sitzen,
der sprach: Lieber Herr, soll ich meine Beine nicht auch haben? Wollt
Ihr das Geld nicht auch an mir verdienen? Oder sind vielleicht diese
Beine mein?« Der Fremde sprach: »Das wollen wir gleich sehen!« und
zog ihm einen Streich darüber, daß es flammte. So sprang auch dieser
letzte auf, und alle waren froh, daß sie ihre Beine wieder hatten.
Sie schenkten dem Reiter ein gutes Trinkgeld und nahmen sich vor, ein
andermal fürsichtiger mit ihren Füßen zu sein.

       *       *       *       *       *

Allmählich hieß es bei den Schildbürgern: die Gewohnheit ist eine
zweite Natur. Sie trieben ihre Narrheit nicht mehr aus purer Weisheit,
sondern aus rechter, erblicher, angeborener Torheit. Sie konnten nichts
mehr tun, was nicht närrisch gewesen wäre; alles, was sie dachten,
geschweige erst, was sie anfingen, war lauter Torheit und Narreteidung.

So waren zwei unter ihnen, die hatten einmal gehört, daß die Leute
zuzeiten durch Tauschhandel viel gewonnen hätten, und dies bewog sie,
auch gegeneinander ihr Heil zu versuchen. Sie wurden deswegen einig,
ihre Häuser miteinander zu tauschen. Und dieses geschah beim Wein, als
sie des Kaisers Letze verzechten. Denn solche Sachen pflegen gerne zu
geschehen, wenn der Wein eingeschlichen und der Witz ausgewichen ist.

Als nun jeder dem andern sein Haus einräumen sollte, ließ der eine,
der zu oberst im Dorfe wohnte, sein Haus abbrechen und führte dasselbe
stückweise in das Dorf hinab; der andere aber, der bisher zu unterst
im Dorfe gewohnt hatte, tat dasselbe und führte das seinige dagegen
hinauf. Auf diese Weise hatten sie redlich gegeneinander getauscht.

Ein andermal gingen die Schildbürger, die gar ernstlich auf den
allgemeinen Nutzen bedacht waren, hinaus, eine Mauer zu besehen, die
noch von einem alten Bau übriggeblieben war, ob sie nicht die Steine
mit Vorteil anwenden könnten. Nun war auf der Mauer schönes, langes
Gras gewachsen, das dauerte die Bauern, wenn es verloren sein sollte,
deswegen hielten sie Rat, wie man es etwa benutzen könnte. Die einen
waren der Meinung, man sollte es abmähen; aber niemand wollte sich dem
unterziehen und auf die hohe Mauer wagen; andere meinten, wenn Schützen
unter ihnen wären, so dürfte es das beste sein, wenn man es mit einem
Pfeile abschösse. Endlich trat der Schultheiß hervor und riet, man
sollte das Vieh auf der Mauer weiden lassen, das würde mit dem Gras
wohl fertig werden; so dürfe man es weder abmähen noch abschießen.
Diesem Rate neigte sich die ganze Gemeinde zu, und zur Danksagung
wurde erkannt, daß des Schultheißen Kuh die erste sein sollte, die
den guten Rat zu genießen hätte. Darein willigte der Schultheiß mit
Freuden. So schlangen sie denn der Kuh ein starkes Seil um den Hals,
warfen dasselbe über die Mauer und fingen auf der andern Seite an zu
ziehen. Als nun aber der Strick zuging, wurde, wie vorauszusehen,
die Kuh erwürgt und reckte die Zunge aus dem Schlunde. Als ein langer
Schildbürger dies gewahr wurde, rief er ganz erfreut: »Ziehet, ziehet
nur noch ein wenig!« und der Schultheiß selbst schrie: »Ziehet, sie hat
das Gras schon gerochen! Seht, wie sie die Zunge danach ausstreckt!
Sie ist nur zu tölpisch und ungeschickt, daß sie sich nicht selbst
hinaufhelfen kann! Es sollte sie einer hinaufstoßen.« Aber es war
vergebens; die Schildbürger konnten die Kuh nicht hinaufbringen und
ließen sie daher wieder herab. Und jetzo wurden sie erst inne, daß die
Kuh schon lange tot war.

       *       *       *       *       *

Den Schildbürgerinnen ging es nicht anders als den Schildbürgern. Sie
gebärdeten sich so närrisch, als wenn sie es von jeher gewesen wären.
Eine Witwe, die nur eine einzige Henne hatte, welche ihr alle Tag ein
Ei legte, hatte einst so viele Eier gesammelt, daß sie hoffen durfte,
drei Groschen dafür zu lösen. Sie nahm deswegen ihr Körbchen und zog
damit zu Markte. Unterwegs, da sie keine Gefährten hatte, fielen ihr
allerlei Gedanken ein; und so dachte sie unter anderem an den Kram, den
sie zu Markte trug; den ganzen Weg über redete sie mit sich selbst und
machte sich folgende Rechnung: »Siehe,« sagte sie zu sich, »du lösest
auf dem Markte drei Groschen. Was willst du damit tun? Du willst damit
zwei Bruthennen kaufen, die zwei, samt denen, die du hast, legen dir in
soundso viel Tagen soundso viel Eier. Wenn du diese verkaufest, kannst
du noch drei Hennen kaufen; dann hast du sechs Hennen. Diese legen dir
in einem Monat soundso viel Eier; die verkaufst du und legst das Geld
zusammen. Die alten Hennen, welche nicht mehr legen, verkaufst du
auch; die jungen fahren fort, dir Eier zu legen, und brüten dir Junge
aus; diese kannst du zum Teil ziehen und deine Hühnerzucht dadurch
mehren, zum Teil Geld daraus lösen, endlich auch rupfen, wie man die
Gänse rupft. Aus dem zusammengelegten Gelde kaufst du dir danach
etliche Gänse, die tragen dir auch Nutzen mit Eiern, mit Jungen, mit
Federn. So kommst du in acht Tagen so weit, daß du eine Ziege kaufen
kannst; die gibt dir Milch und junge Zicklein. Auf diese Weise hast
du junge und alte Hühner, junge und alte Gänse, Eier, Federn, Milch,
Zicklein, Wolle. Vielleicht läßt sich gar die Ziege auch scheren, du
kannst es wenigstens versuchen; darauf kaufst du ein Mutterschwein;
da hast du Nutzen über Nutzen, von jungen Spanferkeln, von Speck,
Würsten und anderem. Daraus lösest du so viel, daß du eine Kuh kaufen
kannst; die gibt dir Milch, Kälblein und Dünger. Was willst du aber
mit dem Dünger anfangen? Wahrhaftig, du mußt auch einen Acker kaufen;
der gibt dir Korn genug; dann brauchst du keines mehr einzukaufen!
Danach schaffest du dir Rosse an, dingst Knechte, die versehen dir das
Vieh und bauen dir den Acker. Alsdann vergrößerst du dein Haus, daß du
Hausgesinde beherbergen und dein Geld aufheben kannst. Danach kaufst du
noch mehr Güter, denn es kann dir nicht fehlen; du hast ja den Nutzen
von Hühnern, von Gänsen, von Eiern, von Geißmilch, von Wolle, von
Zicklein, von Milchlamm, von Spanferkeln, von Kühen -- denen kannst du
noch dazu die Hörner absägen und sie an den Messerschmied verkaufen;
-- du hast ferner den Nutzen von Kälbern, von Äckern, von Wiesen, von
Hauszins und anderem. Danach willst du einen jungen Mann nehmen, mit
dem kannst du in Freuden leben und eine reiche, stolze Frau sein! O,
wie wohl willst du dir es sein lassen und niemand ein gutes Wörtchen
geben! Juchhe, Juchheisa, Hopsasa!« So jubelte die junge Witwe, warf
dazu einen Arm in die Höhe und tat einen Sprung. Aber als sie sich so
aufschwang und dazu jauchzte, da stieß sie von ungefähr mit ihrem Arm
an den Eierkorb, daß dieser ganz ungestüm zu Boden fiel und die Eier
alle zerbrachen. Da waren alle ihre Wünsche mit zerbrochen, nur der
Junggesell nicht, den sie sich zum Manne erkoren hatte. Der konnte ja
noch immer kommen. So stand sie nun auf dem Wege zum Markte und wartete
sein.

       *       *       *       *       *

Die Schildbürger hatten eine Mühle gebaut, zu der sie auf einem hohen
Berge in einer Steingrube einen Stein ausgehauen; dieser war von ihnen
mit großer Mühe und Arbeit den Berg herabgebracht worden. Als sie
ihn drunten hatten, fiel ihnen ein, wie sie vorzeiten die Bauhölzer,
welche sie zu ihrem Rathause brauchten, mit so geringer Mühe den Berg
hinuntergebracht, indem sie dieselben von selbst hinablaufen ließen.
»Sind wir doch große Narren,« riefen sie, »daß wir uns abermals so
viele Mühe gegeben haben!« Und nun trugen sie auch den Mühlstein mit
größter Anstrengung den Berg wieder hinauf. Wie sie ihn aber eben
wieder abstoßen wollten, fiel es einem Schildbürger ein, zu fragen:
»Wie wollen wir aber wissen, wo er hingelaufen sei? Wer da drunten kann
uns das sagen?« -- »Ei,« sagte der Schultheiß, welcher den Rat gegeben
hatte, »diesem ist leicht zu helfen; es muß einer von uns sich in das
Loch stecken und mit hinablaufen.« Das war gut, und alsobald ward
einer ausgewählt, welcher den Kopf in das Loch stoßen und mit dem Stein
hinunterrollen mußte. Nun war zu unterst an dem Berge ein Fischweiher;
in diesen fiel der Stein mitsamt dem Schildbürger, und beide sanken
zu Grunde, so daß die Schildbürger Mann und Stein verloren und nicht
wußten, wo beide hingekommen seien. Da fiel ihr Verdacht auf den armen
Gesellen, der mit und in dem Stein gelaufen war, als wäre derselbe mit
dem Mühlstein davongegangen. Sie ließen daher in allen umliegenden
Städten, Dörfern und Flecken offene Briefe anschlagen: »Wo einer kommen
würde mit einem Mühlstein am Halse, den sollte man einziehen, und über
ihn als einen Gemeindedieb Recht ergehen lassen.« Der arme Narr aber
lag tief im Weiher und hatte zuviel Wasser getrunken, daher er sich
nicht verteidigen und rechtfertigen konnte.

       *       *       *       *       *

Nicht ferne von Schilda floß ein Wasser vorüber, an dessen Gestade
ein mächtiger Nußbaum haushielt. Von diesem hing ein großer Ast hinab
bis über das Wasser, und es fehlte wenig, so hätte er es berührt. Die
Schildbürger sahen solches, und weil sie einfältige, fromme Leute
waren, wie man heutzutage der Bauern wenige mehr findet, so hatten sie
herzliches Erbarmen mit dem guten Baum und gingen darüber zu Rate,
was denn dem armen Nußbaum fehlen möge, daß er sich so schwermütig
zum Wasser neige. Als darüber mancherlei Meinungen laut wurden, sagte
letztlich der Schultheiß: ob sie nicht närrische Leute wären! Sie sähen
doch wohl, daß der Baum an einem dürren Orte stände und sich deshalb
nach dem Wasser beuge, weil er gerne trinken möchte. Er denke auch
gar nicht anders, als daß der niedrigste Ast der Schnabel des Baumes
sei, den er nach dem Trunke ausstrecke. Die Schildbürger saßen ganz
kurz zu Rate, sie dachten, ein Werk der Barmherzigkeit zu tun, wenn
sie ihm zu trinken gäben; deswegen legten sie ein großes Seil oben um
den Baum, stellten sich jenseits des Wassers und zogen den Baum mit
Gewalt herunter, indem sie glaubten, ihn auf diese Weise tränken zu
können. Als sie ihn ganz nahe bei dem Wasser hatten, befahlen sie einem
ihrer Mitbürger auf den Baum zu steigen und ihm den Schnabel vollends
ins Wasser zu tunken. Indem nun der Mann hinaufsteigt und den Ast
hinunterzwängt, so bricht den andern Bauern das Seil; der Baum schnellt
wieder über sich, und ein harter Ast schlägt dem Bauern den Kopf ab,
daß er ins Wasser fällt, der Körper aber purzelt vom Baume herab und
hat keinen Kopf mehr.

Darüber erschraken die Schildbürger und hielten auf der Stelle eine
Umfrage: Ob er denn auch einen Kopf gehabt habe, als er auf den Baum
gestiegen sei? Aber da wollte keiner etwas wissen. Endlich sagte der
Schultheiß: Er sei so ziemlich überzeugt, daß derselbe keinen gehabt
habe. Denn er habe ihn drei- oder viermal gerufen, aber nie eine
Antwort von ihm gehört. Mithin müsse er keine Ohren gehabt haben,
folglich auch keinen Kopf. Doch wisse er es nicht so ganz eigentlich.
Darum sei sein Rat, man sollte jemand heim zu seinem Weibe schicken
und sie fragen lassen, ob ihr Mann auch heute morgen den Kopf gehabt
hätte, als er aufgestanden und mit ihnen hinausgegangen sei. Die Frau
erwiderte: Sie wisse es nicht, nur so viel sei sie sich bewußt, daß
sie ihn noch letzten Sonnabend gestriegelt; da habe er den Kopf noch
gehabt. Seitdem habe sie nie so recht Achtung auf ihn gegeben. »Dort an
der Wand«, sagte sie, »hängt sein alter Hut; wenn der Kopf nicht darin
steckt, so wird er ihn ja wohl mit sich genommen haben, oder hat er
ihn anderswohin gelegt, was ich nicht wissen kann.« So sahen sie unter
den Hut an der Wand; aber da war nichts. Und im ganzen Flecken konnte
niemand sagen, wie es dem Schildbürger mit seinem Kopf ergangen sei.

       *       *       *       *       *

Auf eine Zeit verbreitete sich im Lande die Sage von einem großen
Kriege. Die Schildbürger wurden für ihre Habe und Güter besorgt,
es möchten ihnen dieselben von den Feinden weggeführt werden;
besonders angst war ihnen für eine Glocke, die auf dem Rathause
hing. Auf diese, dachten sie, könnte das Kriegsvolk ein besonderes
Auge haben und Büchsen daraus gießen wollen. So wurden sie denn nach
langem Ratschlagen eins, dieselbe bis zu Ende des Krieges in den
See zu versenken, und sie, wenn der Feind abgezogen wäre, wieder
herauszuziehen und aufzuhängen. Sie bestiegen also ein Schiff und
fuhren mit der Glocke auf den See. Als sie aber die Glocke hineinwerfen
wollten, da fiel es einem unter ihnen ein: wie sie den Ort denn auch
wiederfinden könnten, wo sie die Glocke ausgeworfen hätten? »Da laß dir
keine grauen Haare darüber wachsen,« sagte der Schultheiß und schnitt
mit dem Messer einen Kerf in das Schiff, an dem Ort, wo sie die Glocke
in den See versenkten; »hier bei dem Schnitt«, sprach er, »wollen wir
sie wiedererkennen«. So ward die Glocke hinausgeworfen und versenkt.
Lange nachher, als der Krieg vorüber war, fuhren sie wieder auf den
See, ihre Glocke zu holen. Den Kerfschnitt an dem Schiffe fanden sie
richtig wieder, aber den Ort, wo die Glocke war, zeigte er ihnen nicht
an. So mangelten sie forthin ihrer guten Glocke.

       *       *       *       *       *

In dieser gefährlichen Zeit hatte sich ein unschuldiger, armer Krebs
verirrt, und als er vermeinte, in ein Loch zu kriechen, kam er zu
allem Unglück gen Schilda ins Dorf. Als ihn hier einige Bürger gesehen
hatten, daß er so viele Füße habe, daß er hinter und für sich gehen
könne, und was ein ehrlicher Krebs dergleichen Tugenden mehr an sich
hat, gerieten sie in großen Schrecken, denn sie hatten noch nie zuvor
einen Krebs gesehen. Sie schlugen deswegen Sturm, kamen alle über das
ungeheure Tier zusammen und zerquälten sich mit Nachsinnen, was es denn
wohl sein möge. Niemand konnte es wissen, bis zuletzt der gelahrte
Schultheiß sagte: es müsse wohl ein Schneider sein, dieweil er zwei
Scheren bei sich habe. Um dies herauszubringen, legten die Schildbürger
den Krebs auf ein Stück niederländisch Tuch, und wo der Krebs hin
und her kroch, da schnitt ihm einer mit der Schere hintennach, denn
sie dachten nicht anders, denn der Krebs, als ein rechtschaffener
Meisterschneider, entwerfe das Muster eines neuen Kleides, welches sie
dann sofort nachäffen wollten. So zerschnitten sie am Ende das Tuch
ganz, daß es zu nichts mehr nütze war, und merkten endlich den Betrug.
Da trat einer unter ihnen auf und sagte, daß er einen erfahrenen Sohn
habe, der sei drei Tage lang auf der Wanderschaft gewesen und auf zwei
Meilen Wegs weit und breit gereiset, habe viel gesehen und erfahren;
er zweifle nicht daran, dieser werde dergleichen Tiere mehr gesehen
haben und wissen, was es sei. So wurde der Sohn in den Rat berufen.
Dieser besah das Tier lang von hinten und von vorn: er wußte gar nicht,
wo er es anfassen sollte, und wo es den Kopf hätte; denn weil der
Krebs hinter sich kroch, so meinte er, der Kopf wäre, wo der Schwanz
ist. Endlich sprach er: »Nun habe ich doch meine Tage viel Wunders
hin und her gesehen, so etwas ist mir aber noch nicht vorgekommen!
Wenn ich aber sagen soll, was es für ein Tier sei, so spreche ich nach
meiner Einsicht: wenn es nicht eine Taube ist oder ein Storch, so ist
es gewiß ein Hirsch, denn er scheint ein Geweih zu haben. Aber unter
diesen dreien muß es eines sein.« Jetzt wußten die Schildbürger soviel
wie zuvor, und als ihn einer anfassen wollte, erwischte ihn der Krebs
mit der Schere dermaßen, daß dieser um Hilfe zu rufen und zu schreien
anfing: »Ein Mörder ist's, ein Mörder!« Als die anderen Schildbürger
dies sahen, hatten sie daran genug, setzten sich eilig auf der Stätte
selbst, wo der Bauer gebissen worden, zu Gerichte und ließen folgendes
Urteil über den Krebs ergehen: »Sintemal niemand wisse, was es für ein
Geschöpf sei, es aber sich befinde, daß dasselbe sie betrogen und sich
für einen Schneider ausgegeben, während es doch offenbar nur ein Leute
betrügendes und schädliches Tier sei, ja ein Mörder: so erkennen sie,
daß es solle gerichtet werden als ein Betrüger und Mörder, und zwar, zu
mehrerer Schmach, im Wasser ersäuft werden.«

Demzufolge ward einem Schildbürger der gefährliche Auftrag gegeben: den
Krebs zu fassen und auf ein Brett zu legen, dieser trug ihn dem Wasser
zu, und die ganze Gemeinde von Schilda ging mit; da ward er, in Beisein
und Zusehen jedermänniglichs, ins Wasser geworfen. Als der Krebs sich
wieder in seinem Elemente fühlte, da zappelte er und kroch hinter sich.
Die Schildbürger aber sahen es nicht ohne großes Mitleid an. Einige
huben an zu weinen und sprachen: »Schauet doch, wie tut der Tod so
wehe!«

       *       *       *       *       *

Das Geschrei von einem Kriege, weswegen die Schildbürger ihre Glocke
in den tiefen See versenkt hatten, war nicht so nichtig, daß sie
nicht selbst in der Tat etwas davon empfunden hätten. Denn innerhalb
weniger Tage kam ihnen der Befehl zu, eine Anzahl Knechte zur Besatzung
in die Stadt zu schicken, dem sie auch nachlebten. Einer dieser
abgeordneten Schildbürger, nicht der geringste, begegnete, als er in
die Stadt einzog, dem Kuhhirten, der eben seine Untertanen, Ochsen,
Kühe und Kälber, austreiben wollte; und eine der Kühe berührte den
Kriegsmann aus Schilda ein wenig mit ihrem Horn. Erzürnt und mutig zog
der Schildbürger den Dolch aus seinem Gürtel, trat gegen die Kuh und
sprach: »Bist du eine ehrliche und redliche Kuh, so stoße noch einmal!«
Womit er diesen Feind glücklich aus dem Felde schlug.

Einige Zeit darauf taten die Städter einen Ausfall, um auf den Feind zu
streifen und den Bauern Hühner und Gänse abzunehmen. Nun hatte jener
Schildbürger kurz zuvor ein Panzerstück, eine Hand breit, gefunden,
und weil er sich gerade eine neue Kleidung machen ließ, so befahl er
dem Schneider, dieses Blech unter das Futter ins Wams zu vernähen
und gerade vor das Herz zu setzen, damit er desto sicherer wäre und
auch einen tüchtigen Puff aushalten könnte; denn schon früher sei
ihm ein solches Glück widerfahren, daß, als er ein halbes Hufeisen
gefunden und dasselbe unter den Gürtel gesteckt, er damit einen Schuß
aufgefangen, welcher ihm sonst das Leben gekostet hätte. Der Schneider
versprach, es ihm nach Willen zu machen; setzte lächelnd hinzu, er
wolle den rechten Fleck mit dem Panzerstücke schon treffen. Wie die
Kleidung fertig war, lief der Schildbürger getrost unter den andern
hinaus, gute Beute zu erjagen; aber ehe er sich's versah, waren die
Bauern über ihn hergefallen und jagten ihn. In der Angst wollte er über
einen Zaun setzen, blieb aber mit den Hosen, welche hinten einen Zug
hatten, an einem Zaunstecken hängen. Da stach einer der Bauern nach
ihm mit der Hellebarde, so daß er vollends über den Zaun hinüberflog.
So lag er drüben lange in Todesangst und seiner Meinung nach schwer
verwundet. Als aber die Feinde vorübergezogen waren und er nichts von
einer Wunde spürte, verwunderte er sich sehr und beschaute sich seine
Hosen, ob nicht wenigstens diese durch und durch gestoßen seien. Da
befand sich's, daß der Schneider den rechten Fleck für das Panzerstück
ausersehen und es hinten in die Hosen gesetzt und hier ins Futter
vernäht hatte. »Ei nun danke ich Gott«, sprach der Kriegsknecht, »und
dem klugen Manne, der mir dieses Kleid gemacht hat. Wie fein hat er
gewußt, wo einem braven Schildbürger das Herz sitzen muß!«

       *       *       *       *       *

Der Krieg war glücklich vorüber, aber die Stunde der Schildbürger
hatte geschlagen, obgleich sie keine Glocke mehr besaßen. In ihrem
Flecken gab es nämlich keine Katzen, wohl aber so viel Mäuse, daß vor
denselben auch im Brotkorbe nichts sicher war. Was sie nur neben sich
stellten, ward ihnen gefressen und zernagt. Darüber waren sie in großen
Ängsten. Da begab es sich, daß wieder ein fremder Wandersmann durch
ihr Dorf zog; der trug eine Katze auf dem Arm und kehrte bei dem Wirt
ein. Der Wirt fragte ihn, was doch dieses für ein Tier sei? Er sprach:
es sei ein Maushund. Nun waren die Mäuse in Schilda so einheimisch
und zahm, daß sie vor den Leuten gar nicht mehr flohen und am hellen
Tage ohne Scheu hin und her liefen. Darum ließ der Wandersmann die
Katze laufen; und diese erlegte vor den Augen des Wirts nicht wenig
der Mäuse. Als der Gemeinde dies durch den Wirt angekündigt wurde,
fragten die Schildbürger den Mann, ob ihm der Maushund feil wäre; sie
wollten ihm denselben gut bezahlen. Er antwortete: der Hund sei ihm
zwar nicht feil, weil sie aber seiner so gar bedürftig wären, wollte
er ihnen denselben angedeihen lassen, und das um einen billigen Preis.
Und so forderte er hundert Gulden dafür. Die Bauern waren froh, daß er
nicht mehr verlangt hatte, und wurden mit ihm des Kaufes eins in der
Art, daß sie ihm die Hälfte der Summe bar darlegen sollten, das übrige
Geld sollte er nach Verfluß eines halben Jahres abholen. Der Kauf ward
eingeschlagen; der Fremde trug den Schildbürgern den Maushund in ihre
Burg, in der sie ihr Getreide liegen hatten, und wo es auch am meisten
Mäuse gab. Der Wanderer zog eilends mit dem Gelde weg; er fürchtete
sich, der Kauf möchte sie gereuen, und sie möchten ihm das Geld wieder
abnehmen. Im Gehen aber sah er oft hinter sich, ob ihm nicht jemand
nacheile.

Nun hatten die Bauern vergessen zu fragen, was der Maushund esse.
Darum schickten sie dem Wandersmann in Eile einen nach, der ihn
deshalb fragen sollte. Als nun der mit dem Gelde sah, daß ihm jemand
nachlaufe, eilte er nur desto mehr. Der Bauer aber rief ihm von ferne
zu: »Was isset Er? Was isset Er?« Jener antwortete: »Wie man's beut!
Wie man's beut!« Der Bauer aber verstand: »Vieh und Leut! Vieh und
Leut!« Er kehrte in großem Unmut heim und zeigte das dem Rate, seinen
gnädigen Herren, an. Diese erschraken sehr darüber und sprachen: »Wenn
er keine Mäuse mehr hat, so wird er unser Vieh fressen und endlich
uns selber, ob wir schon ihn mit unserem guten Gelde an uns gekauft
haben!« Sie hielten deswegen Rat über die Katze und wollten sie töten.
Es hatte aber keiner das Herz, sie anzugreifen. Endlich beschlossen
sie einmütig, die Burg, in welcher die Katze sich befand, mit Feuer
zu vertilgen; denn ein geringer Schaden wäre besser, als daß sie alle
um Leib und Leben kommen sollten. Und somit zündeten sie ihr eigenes
Schloß an.

Als aber die Katze das Feuer roch, sprang sie zu einem Fenster hinaus,
kam davon und floh in ein anderes Haus. Das Schloß aber brannte vom
Boden hinweg. Niemand war in größerer Angst als die Schildbürger, da
sie des Maushundes nicht loswerden konnten. Sie hielten aufs neue Rat,
kauften das Haus, in dem die Katze jetzt war, und zündeten es auch an.
Aber die Katze entsprang auf ein Dach; da saß sie eine Weile und putzte
sich nach ihrer Gewohnheit mit der Tatze den Kopf; die Schildbürger
aber meinten, der Maushund hebe die Hand auf und schwöre, daß er
solches nicht ungerächt lassen wolle. Da nahm einer einen langen Spieß,
um damit nach der Katze zu stechen. Sie aber ergriff den Spieß und fing
an, an demselben herabzulaufen. Darüber entsetzten sich die Bürger und
die ganze Gemeinde, liefen davon und ließen das Feuer brennen. Dieses
verzehrte das ganze Dorf bis auf ein einziges Haus; die Katze aber kam
gleichwohl davon.

       *       *       *       *       *

Die Schildbürger waren mit Weib und Kind in einen Wald geflohen. Damals
verbrannte auch ihr dreieckiges Rathaus und ihre Kanzlei, so daß von
ihren Geschichten nichts Ordentliches mehr zu finden ist und ihre Taten
nur vom Gerüchte aufbewahrt werden. Die armen Bürger waren in großer
Not: Habe und Gut waren dahin; dazu fürchteten sie den Eid und die
Rache des Maushundes. Sie fanden deswegen nichts Besseres, als andere
Wohnungen zu suchen, wo sie vor dem Untier sicher bleiben könnten. So
verließen sie ihr Vaterland mit Weib und Kind und zogen voneinander,
der eine da-, der andere dorthinaus, ließen sich an vielen Orten nieder
und pflanzten ihre Zucht weit und breit fort. Und seit dieser Zeit gibt
es Schildbürger in der ganzen Welt.



Doktor Faustus


1

Johannes Faustus, der weitberühmte Schwarzkünstler, ward geboren in der
Grafschaft Anhalt, und haben seine Eltern gewohnt in dem Markt oder
Flecken Sondwedel; die waren arme, fromme Bauersleute. Er hatte aber
einen reichen Vetter zu Wittenberg, welcher seines Vaters Bruder war,
derselbe hatte keine Leibeserben, darum er denn diesen jungen Faustus,
welchen er wegen seines fähigen Geistes herzlich liebgewonnen hatte, an
Kindes Statt auferzog und zur Schule fleißig anhielt; worauf dieser mit
zunehmendem Alter von ihm auf die hohe Schule zu Ingolstadt geschickt
worden. Hier tat sich der junge Faustus in Künsten und Wissenschaften
trefflich hervor, so daß er in der Prüfung elf andern Meistern der
freien Künste vorangesetzt und selbst mit dem Magisterkäppchen
geschmückt wurde.

Damals aber, da das alte päpstliche Wesen noch überall im Schwange
ging, und man hin und wieder viel Segensprechen, Geisterbeschwören,
Teufelsbannen und ander aberglaubisches Tun trieb, beliebte auch
solches dem Faustus überaus. Weil er denn zu böser und gleichgesinnter
Gesellschaft, ja unter solche Bursche geriet, welche mit dergleichen
aberglaubischen Zeichen-Schriften umgingen, die Studien aber auf die
Seite setzten, war er gar bald und leicht verführt. Zu diesem kam noch,
daß er sich zu den damals umschweifenden Zigeunern fleißig hielt und
von ihnen die Chiromantie, wie man nämlich aus den Händen wahrsagen
möge, erlernte: dazu in allerlei Zauberkünste, wo er nur Gelegenheit
fand, sich einweihen ließ.

Als er nun in diese Dinge ganz versunken war und sich also den Teufel
gar einnehmen ließ, fiel er von der Theologie ab, legte sich mit
Fleiß auf die Arzneikunst, erforschte den Himmelslauf, lernte den
Leuten, was sie von ihrer Geburtszeit an für Glück und Unglück erleben
sollen, verkündigen, und wußte mit Kalender- und Almanach-Rechnung
wohl umzugehen. Endlich kam er gar auf die Beschwörungen der Geister,
welchen er dergestalt nachgrübelte und darin er dermaßen zunahm, daß
er zuletzt ein ausgemachter Teufelsbeschwörer wurde. Bei seinen Eltern
und seinem Vetter wußte er sich indessen recht schlau zu rechtfertigen,
brachte auch von der Universität zu Ingolstadt ein gutes Zeugnis
mit; und so war ihm denn der wohlhabende und gutmütige Vetter selbst
behilflich, daß er nach dreien Jahren Doktor in der Medizin werden
konnte.

       *       *       *       *       *

Seit nun Doktor Faustus solchem teuflischen Wesen sich sogar ergeben,
vergaß er dabei Gottes und seines Worts: und weil er durch den Tod
seines Vetters zu Wittenberg zu einem schönen Erbe gelangte, so fand
er daselbst bald Gesellschaft seinesgleichen: war nicht mehr viel
nüchtern, wurde vielmehr zu allem unlustig und verdrießlich. Und
obwohl, weil die Barschaft des Vetters bei täglichem Fressen, Saufen
und Spielen in Abnahme geriet, er sich in etwas der Gesellschaft
entschlug, so war der doch darum bei solchem Müßiggang nicht viel
besser, sondern trachtete nur stets, wie er andere Gesellschaft,
nämlich der Teufel und bösen Geister Kundschaft und durch solcher
Hilfe zeitliche Freude und tägliches Wohlleben möchte überkommen;
weswegen er hin und wieder bei leichtfertigen Leuten allerhand
teuflische Bücher, aberglaubische Charaktere, gottesvergessene
Beschwörungen zusammenraffte, zum öftern abschrieb und sich vorsätzlich
darin übte. Unter solchem Studium fand er denn nicht nur, daß er selbst
mit einem hochfliegenden und herrlichen Geiste begabt sei, sondern
auch, daß die Geister eine besondere Zuneigung zu ihm hatten. In dieser
Meinung wurde er noch mehr bekräftigt, als er etlichemal nacheinander
in seiner Stube einen seltsamen Schatten an der Wand vorüberfahren,
auch darauf oftmals, wenn er aus seiner Schlafkammer bei Nacht blickte,
viel Lichter hin und wieder bis an seine Bettstatt gleichsam fliegen
sah, und zugleich dabei Laute vernahm, als ob Menschen miteinander
leise redeten; dessen er sich denn höchlich erfreuete und in den
Stimmen Geister und Gespenster erkannte, jedoch noch nicht so viel Mut
hatte, dieselben anzusprechen.

       *       *       *       *       *

Als nun Doktor Faustus in seiner teuflischen Kunst erlernt und
studieret, soviel ihm dienstlich sein würde, dasjenige zu überkommen,
was er lang zuvor begehret hatte: siehe, da geht er einst an einem
heitern Tage aus der Stadt Wittenberg, um einen bequemen und gelegenen
Ort zu finden, wo er füglich seine Teufelsbeschwörungen ins Werk
setzen möchte, und findet auch endlich, ungefähr einer halben Meile
Wegs von der Stadt gelegen, einen Wegscheid, welcher fünf Ausfahrten
hatte, dabei auch groß und breit und also ein erwünschter Ort war.
Hier verblieb er den ganzen Nachmittag, und nachdem der Abend
herbeigekommen und er gesehen, daß keine Fuhre mehr oder jemand anders
durchging, nahm er einen Reif, wie die Küfer oder Büttner haben, machte
daran viel wunderseltsame Charaktere und setzte daneben noch zween
andere Zirkel oder Kreise. Und da er solches alles nach Ausweisung der
Nekromantie bestermaßen angestellt hatte, ging er in den Wald, der
allernächst dabei gelegen war, der Spessartwald genannt, und erwartete
mit Verlangen die Mitternachtszeit, wo der Mond sein volles Licht
haben würde: kaum aber ist die Zeit herbeigekommen, so beschwört er
gleich zum Anfang, in den mittlern Reif tretend, unter Verlästerung des
göttlichen Namens, den Teufel zum ersten- und andern- und drittenmal.

Kaum waren die Worte recht ausgeredet, da sah er alsobald, während
der Mond schon hell schien, eine feurige Kugel anherkommen, die ging
dem Kreise zu mit solchem Knallen, gleich als ob eine Muskete wäre
losgebrannt worden, fuhr aber gleich darauf mit einem feurigen Strahl
in die Luft, ob welchem allen denn der Doktor Faustus sehr erschrak,
so daß er auch aus dem Kreise laufen wollte. Weil er jedoch, dem Reif
entwichen, nicht mehr lebendig heimzukommen hoffte, so faßte er sich
wieder einen Mut und beschwor den Teufel von neuem auf obige Weise;
aber da wollte sich nichts mehr regen, noch ein Teufel sehen lassen.
Er nahm derhalb eine härtere Beschwörung zur Hand. Alsbald entstand
im Wald ein solcher ungestümer Wind und solches Brausen, daß es das
Ansehen hatte, als ob alles zugrunde gehen wollte; kurz darauf rannten
etliche Wägen mit Rossen bespannt bei dem Reif in _einem_ Rasen
vorbei und machten einen solchen Staub, daß Faustus, bei dem hellen
Mondschein, nichts sehen konnte. Da endlich, obwohl Doktor Faust, wie
leicht zu glauben, so erschrocken und verzagt war, daß er schier auf
seinen Füßen nicht mehr stehen konnte und wohl mehr als hundertmal
wünschte, daß er hundert Meilen Wegs von da wäre, sah er wider alles
Verhoffen, gleich als unter einem Schatten, ein Gespenst oder einen
Geist um den Kreis herumwandern. Mutig beschwor er den Geist: er sollte
sich erklären, ob er ihm dienen wollte oder nicht? er sollte nur frei
reden. Der Geist gab gar bald zur Antwort: er wolle ihm dienen, jedoch
mit diesem Bedinge, daß, so er anders etlichen Artikeln nachkommen
wollte, welche er ihm vorhalten werde, er die Zeit seines Lebens nicht
von ihm scheiden werde. Doktor Faustus vergaß auf dieses all seines
vorigen Leides und empfundenen Schreckens und war in seinem Gemüte
recht fröhlich und zufrieden, daß er endlich, nach so vielen Sorgen,
dasjenige überkommen sollte, wonach sein Herz so lange Zeit verlanget
hatte; daher sprach er getrost zu dem Geist: »Wohlan, dieweil du mir
dienen willst, so beschwöre ich dich nochmals zum ersten-, andern- und
drittenmal, daß du morgen in meiner Behausung erscheinen sollest; allwo
wir denn von allem dem, was ich und du zu tun haben, zur Genüge reden
und handeln wollen.« Dieses sagte der Geist dem Doktor Faustus zu:
alsobald zertrat dieser den Zirkel mit Füßen, ging mit Freuden heraus,
eilte der Stadtpforte zu und erwartete mit sehnlichem Verlangen den
bald ankommenden Tag.

       *       *       *       *       *

Nun saß er unter tausenderlei verwirrten Gedanken in seinem Stüblein.
Eine, zwei und mehr Stunden laufen vorbei, der Geist will doch nicht
erscheinen; hinter, vor und neben sich forschet ohne Unterlaß Doktor
Faustus, ob er noch nichts erblicken möge; aber alles vergebens,
so daß er sich schon des Geistes und seiner Erscheinung verzeihen
wollte: endlich, da ersiehet er zur Mittagszeit etwas nahe bei dem
Ofen gleich als einen Schatten hergehen, und dünkte ihm doch, es
wäre ein Mensch; aber bald sieht er denselben auf eine andere Weise;
daher er denn zur Stunde seine Beschwörung aufs neue anfing und den
Geist beschwor, er sollte sich recht sehen lassen. Da ist alsobald
der Geist hinter den Ofen gewandert und hat den Kopf als ein Mensch
hervorgestreckt, sich sichtbarlich sehen lassen, und vor dem Doktor
Faustus sich wieder und wieder gebücket und seine Reverenz gemacht.
Nach einigem Bedenken begehrte Faust, der Geist sollte hervorgehen
und ihm, seinem Versprechen nach, die Punkte vorhalten, unter deren
Beding er ihm dienen wolle. Der Geist schlug ihm solches anfangs ab und
meinte, er sei so gar weit nicht von ihm, er könne dennoch mit ihm von
allerhand nötigen Dingen Unterredung pflegen. Da ereiferte sich Faustus
und wollte aufs neue seine Beschwörung anfangen und ihm noch härter
zusetzen; das aber war dem Geist nicht gelegen, und so ging er hinter
dem Ofen hervor. Da sah nun Faust mehr als ihm lieb war, denn die Stube
ward in einem Augenblick voller Feuerflammen, die sich hin und wieder
ausbreiteten; der Geist hatte zwar einen natürlichen Menschenkopf,
aber sein ganzer Leib war gar zottigt, gleich als eines Bären, und mit
feurigen Augen blickte er Faustum an, worüber dieser sehr erschrak
und ihm befahl, er sollte sich wieder hinter den Ofen ducken, wie er
auch tat. Darauf fragte ihn Doktor Faustus, ob er sich nicht anders,
denn in einer so abscheulichen und greulichen Gestalt zeigen könnte?
Der Geist antwortete: nein; denn, sagte er, er wäre kein Diener,
sondern ein Fürst unter den Geistern; wenn er ihm dasjenige leisten und
halten wolle, was er ihm vorhalten werde, so wolle er ihm einen Geist
zuschicken, der ihm bis an sein Ende dienen werde und nicht von ihm
weichen, ja in allem und jedem willfahren, was nur seinem Herzen würde
belieben zu wünschen und zu begehren.

Auf solchen Vorschlag des Satans antwortete Faust, er solle ihm
nur sein Verlangen eröffnen und vorhalten. Der Teufel spricht: »So
schreibe sie denn von Wort zu Worten auf und gib alsdann richtigen
Bescheid, es wird dich nicht gereuen! Ich will dir hiermit fünf Artikel
vorschreiben: nimmst du sie an, wohl und gut; wo aber nicht, sollst du
mich hinfüro nicht mehr zwingen zu erscheinen, wenn du auch gleich alle
deine Kunst zu Rate ziehen würdest.« Also nahm Doktor Faustus seine
Feder zur Hand und verzeichnete, wie folgt:

1) Er soll Gott und allem himmlichen Heer absagen.

2) Er soll aller Menschen Feind sein, und sonderlich derjenigen, so ihn
seines bösen Lebens wegen würden strafen wollen.

3) Den Pfaffen und geistlichen Personen soll er nicht gehorchen,
sondern sie anfeinden.

4) Zu keiner Kirche gehen, die Predigten nicht besuchen, auch die
Sakramente nicht gebrauchen.

5) Den Ehestand hassen, sich in denselben nicht einlassen, nie
verehelichen.

Wenn er diese fünf Artikel wolle annehmen, so solle er sie zur
Bestätigung mit seinem eigenen Blute bekräftigen und ihm einen
Schuldbrief, von seiner eigenen Hand geschrieben, übergeben, alsdann
wolle er ihn zu einem Mann machen, der nicht allein alle erdenkliche
Lust und Freude haben und die Zeit seines Lebens über genießen solle,
sondern es sollte auch seinesgleichen in der Kunst nicht sein.

Doktor Faustus saß hierüber in sehr tiefen Gedanken, und je mehr und
öfter er diese greuliche und gottsvergessene Artikel übersah und
überlas, je schwerer sie ihm zu halten fallen wollten: doch bedachte
er sich endlich und meinte, weil doch der Teufel ein Lügner sei, und
ihm schwerlich alles dasjenige, wonach etwa sein Herz verlangen würde,
seiner Zusage nach, schaffen und zuwege bringen würde, so wolle er auch
alsdann noch wohl andern Sinnes werden. Und wenn es ja mit der Zeit
dahin käme, daß er ihn als sein wahres Unterpfand haben und hinnehmen
wollte, so könnte er wohl beizeiten ausreißen und sich wiederum mit der
christlichen Kirche versöhnen; würde ihm denn über alles Verhoffen Zeit
und Raum zu kurz, sich zu bekehren, so habe er gleichwohl nach seines
Herzens Lust und Begierde in dieser Welt gelebt: halte der Geist etwa
in einem und andern keinen Glauben, trotz seiner Zusage, so sei er ihm
auch hinwiederum nicht Glauben zu halten schuldig.

So sagte er endlich in Leichtsinn und Gottesvergessenheit zu einem
Artikel um den andern laut und unumwunden ja. Der Geist aber, auf des
Doktors deutliche Erklärung, wendete nichts weiter ein und sprach:
»So komm denn, soviel dir immer möglich ist, diesen Forderungen nach;
aber deine eigene Handschrift mit deinem Blut gezeichnet wirst du mir
geben; stelle es also an und lege sie auf den Tisch, so will ich sie
holen.« Doktor Faustus antwortete: »Wohlan, es ist so gut: aber eines
bitte ich dich zum letzten, daß du mir nicht mehr so greulich und in
deiner jetzigen Gestalt erscheinen wollest, sondern etwa in eines
Mönchs oder eines andern bekleideten Menschen Gestalt;« welches denn
der Geist dem Faustus zusagte und also verschwand.

       *       *       *       *       *

Nachdem nun der höllische Geist gewichen, vielleicht die Zeit zu
gewinnen, um die versprochene Handschrift zu fertigen, hätte Faust
wohl noch Zeit gehabt, seinen Abfall von Gott mit reuigem, bußfertigem
Herzen gutzumachen; allein er trachtete nur dahin, wie er seine Wollust
und sein Mütlein in dieser Welt recht abkühlen möchte, und war eben
auch der Meinung, welcher jener vornehme Herr gewesen, der unter anderm
auf dem Reichstage zu etlichen gesagt hat: Himmel hin, Himmel her, ich
nehme hier das meinige, mit dem ich mich auch erlustige, und lasse
Himmel Himmel sein; wer weiß, ob die Auferstehung der Toten wahr sei?

So nahm denn Faustus ein spitziges Schreibmesser und öffnete sich an
der linken Hand ein Äderlein; das ausfließende Blut faßte er in ein
Glas, setzte sich nieder und schrieb mit seinem Blut und eigener Hand
nachfolgenden Schuldbrief:

»Ich, Johannes Faustus, Doktor, bekenne hier öffentlich am Tag, nachdem
ich jederzeit zu Gemüt gefasset, wie diese Welt mit allerlei Weisheit,
Geschicklichkeit, Hoheit begabet, und allezeit mit hochverständigen
Leuten geblühet hat; dieweil ich denn von Gott dem Schöpfer nicht
also erleuchtet und doch der Magie fähig bin, auch dazu meine Natur
himmlischen Einflüssen geneigt, zudem auch gewiß und am Tage ist,
daß der irdische Gott, den die Welt den Teufel pflegt zu nennen, so
erfahren, gewaltig und geschickt ist, daß ihm nichts unmöglich ist;
so wende ich mich nun zu ihm, und nach seinem Versprechen soll er mir
alles leisten und erfüllen, was mein Herz, Gemüt und Sinn begehret und
haben will, und soll an nichts ein Mangel sichtbar werden; und so denn
dem also sein wird, so verschreibe ich mich hiermit mit meinem eigenen
Blut, welches ich, obwohl ich bekennen muß, daß ich's von dem Gott des
Himmels empfangen habe, samt Leib und Gliedmaßen, so mir durch meine
Eltern gegeben sind, mit allem, was an mir ist, samt meiner Seele,
hiemit diesem irdischen Gott zu Kaufe gebe, und verspreche mich ihm mit
Leib und Seele.

Dagegen sage ich vermöge der mir vorgehaltenen Artikel ab allem
himmlichen Heer und allem, was Gottes Freund sein mag. Zur Bekräftigung
meiner Verheißung will ich diesem allem treulich nachkommen; und
dieweil unser aufgerichtetes Bündnis _vierundzwanzig Jahr_ währen soll,
so soll denn der Satan, wenn diese Jahre verflossen sind, dieses sein
Unterpfand, Leib und Seele, angreifen und darüber zu schalten und zu
walten Macht haben; soll auch kein Wort Gottes, auch nicht die solches
predigen und vortragen, hierin einige Verhinderung tun, ob sie mich
schon bekehren wollten.

Zur Urkund dieser Handschrift habe ich solche mit meinem eigenen Blute
bekräftiget und eigenhändig geschrieben.

            Faustus, Doktor.«

Als er nun solche gräßliche Verschreibung verfertigt hatte, erschien
bald darauf der Teufel in eines grauen Mönchs Gestalt und trat zu ihm,
da denn Doktor Faustus ihm seine Handschrift eingehändigt, darauf
dieser gesagt: »Fauste, dieweil du denn mir dich also verschrieben
hast, so sollst du wissen, daß dir auch soll treulich gedienet werden.
Ich jedoch, als der Fürst dieser Welt, diene persönlich keinem
Menschen; alles, was unter dem Himmel ist, das ist mein, darum diene
ich niemand: aber morgenden Tags will ich dir einen gelehrten und
erfahrnen Geist senden, der soll dir die Zeit deines Lebens dienen und
gehorsam sein; sollst dich auch vor ihm nicht fürchten noch entsetzen,
er soll dir in der Gestalt eines grauen Mönchs, wie ich anjetzo,
erscheinen und dienen. Hiermit nehme ich diese deine Handschrift; und
gehabe dich wohl.« Also verschwand er.

       *       *       *       *       *

Gleich abends, als Doktor Faustus nun zu Nacht gegessen hatte und kaum
in seine Studierstube gekommen war, siehe, da klopft jemand sittiglich
an der Stubentüre, dessen Faustus sonst nicht gewohnt war, zumal die
Haustüren allbereits verschlossen waren. Er merkte aber bald, was es
bedeute, und öffnete die Türe: da stand ihm gegenüber eine lange, in
grauen Mönchshabit gekleidete Person, dem Ansehen nach eines ziemlichen
Alters; denn der Fremde hatte ein ganz graues Bärtlein; den hieß er
alsbald in die Stube gehen und sich zu ihm auf die Bank niedersetzen,
welches der Geist auch getan. Auf das Befragen des Doktors, was denn
des Geistes Geschäft sei, antwortete dieser: »O Fauste, wie hast du mir
meine Herrlichkeit genommen, daß ich nun eines Menschen Diener sein
muß! Dieweil ich aber von unserm Obersten dazu gezwungen worden, muß
ich es wohl lassen geschehen. Wenn aber das Ziel wird erreichet sein,
so wird es mir eine kurze Zeit gewesen dünken, dir aber wird es ein
Anfang sein einer unseligen, unendlichen Zeit! So will ich mich nun von
jetzo dir ganz unterwürfig machen, sollst auch keinen Mangel bei mir
haben, ich will dir treulich dienen; so sollst du dich auch vor mir
nicht entsetzen, denn ich bin kein scheußlicher Teufel, sondern ein
~Spiritus familiaris~, das ist ein vertraulicher Geist, der gerne bei
den Menschen wohnet!«

»Wohlan denn,« sagte hierauf Doktor Faustus, »so gelobe mir im Namen
deines Herrn Luzifer, daß du allem fleißig nachkommen wollest, was
ich dir werde zumuten und von dir begehren.« Der Geist beantwortete
solches mit Ja. »Du sollst zugleich wissen,« sagte er, »daß ich werde
Mephistopheles genennet: und bei diesem Namen sollst du mich hinfort
jederzeit rufen, wenn du etwas von mir begehren willst, denn also
heiße ich.« Doktor Faustus erfreute sich hierüber in seinem Gemüte,
daß nun sein Begehren einmal zu einem erwünschten Ende gekommen sei,
und sprach: »Nun, Mephistopheles, mein getreuer Diener, wie ich
verhoffe, so wirst du dich allezeit gehorsamlich finden lassen und in
dieser Gestalt, wie du jetzund erschienen bist. Ziehe nun für dieses
Mal wiederum hin, bis auf mein ferneres Berufen.« Auf diesen Bescheid
bückte sich der Geist und verschwand.

       *       *       *       *       *

Obwohl nun Doktor Faustus vermeinte, es könne ihm hinfüro nichts mehr
mangeln, weil er einen so getreuen Diener an dem Geiste habe, wollte
es doch gleichwohl nach und nach an einem und dem andern fehlen. Denn
die baren Mittel von der Verlassenschaft seines vor etlichen Jahren
verstorbenen Vetters hatten nunmehr ein Ende, und war von diesem allen,
außer der Behausung, in welcher er wohnte, und etlichen Wiesen und
Feldern weniges mehr übrig, wegen des Spielens und Bankettierens, zu
dem der Erbe sehr geneigt war. Daher hielt er mit seinem Mephistopheles
Rat, wie er doch andere Mittel anstatt der verlornen erlangen möchte,
damit er eine bessere Haushaltung führen könnte. Der Geist sagte: »Mein
Herr Fauste, gib dich zufrieden und beschwere dein Gemüt nicht mit
dergleichen kummerhaften Gedanken, sorge doch hinfüro für nichts mehr,
ich bin ja dein Diener, dein getreuer Diener, und solang du mich haben
wirst, sollst du keinen Mangel an irgend etwas haben: darum sollst du
nicht sorgen noch trachten, wie deine Haushaltung möge fortgeführet
werden, weil du weniges Einkommen hast und das andere fast aufgezehret
ist. Denn wenn du nur Schüsseln, Teller, Kannen und Krüge hast, so
hast du schon übrig genug; für Essen und Trinken aber darfst du nicht
sorgen, ich will dein Koch und Keller sein; dinge nur keine Magd,
die es vielleicht verraten möchte; aber einen Famulus oder Jungen
magst du wohl haben, ingleichen auch Gäste und gute Freunde, so dir
Gutes gönnen, und des deinigen bisher leidlich genossen: die magst du
immerhin einladen und berufen und mit ihnen fröhlich und guten Mutes
sein.«

Daß nun dieses Anerbieten des Geistes dem Doktor Faustus erfreulich
müsse zu hören gewesen sein, ist wohl zu glauben; allein er wollte
fast darob zweifeln, weswegen er auch zum Geist sprach: »Mein lieber
Mephistopheles, ich muß doch gleichwohl fragen, wie und woher willst
du solches alles überkommen?« Der Geist lächelte hierüber und sprach:
»Dafür sorge du nur nicht; aus aller Könige, Fürsten und großer Herren
Höfen kann ich dich sattsamlich versehen; an Kleidern, Schuhen und
anderm Gewand sollst du auch keinen Mangel leiden. Nur, Getränk und
Speise zu bekommen, dazu mußt du freilich auch das deinige tun; denn
ich weiß nicht, was du am liebsten issest und trinkest: darum was du
abends und morgens verlangest und haben willst, das verzeichne und lege
das Verzeichnis auf den Tisch, daß ich es hole und alles dir zu rechter
Zeit verschaffe.« Dessen erfreute sich Faustus gar sehr und tat dem
also, verzeichnete zur Stunde die Kost nebst einem guten Trunk zweier-
oder dreierlei Weingewächse, um zu sehen, ob ihm der Geist auch das
getane Versprechen erfüllen würde.

Abends um sieben Uhr wurde ihm hierauf zum erstenmal der Tisch gedeckt,
auf welchen denn der Geist ein zierlich vergoldetes Trinkgeschirr
setzte. Auf die Frage, woher denn der schöne Becher stamme, antwortete
der Geist: er solle danach nicht fragen, er habe ihm dieses in das Haus
verehrt, dessen sollte er sich ins Künftige bedienen; worauf Faustus
schwieg und zugleich sah, daß Semmel und andere Dinge mehr auf dem
Tische lagen, ja nicht lang hernach fanden sich da sechs oder acht
Gerichte, welche alle warm und auf das beste zugerichtet waren, wie
wenn auch die Weine nacheinander auf den Tisch gestellt wurden.

       *       *       *       *       *

Da nun Faustus für nichts mehr zu sorgen hatte, woher er Essen,
Trinken, Geld und anders überkäme, brachte er Tag und Nacht im
Saus und Brause hin, spielte, fraß und soff mit seinen Zechbrüdern,
Goldmachern, etlichen Studiosen so, daß nach einiger Zeit fast
jedermann in der Stadt, sonderlich die Nachbarschaft, weil Doktor
Faustus sich um nichts mehr bekümmerte, weder um die Praxis noch um
seine Äcker und Wiesen, die er von seinem Vetter ererbt hatte, zu
zweifeln anfing, ob dieses recht zugehe, weil Faustus nicht von der
Luft leben könne, dazu er ohnedem schon wegen Zauberei in ziemlichem
Verdacht bei jedermänniglich stand. Diesen Argwohn den Leuten zu
benehmen, ermahnte der Geist seinen Herrn, eine bessere Haushaltung
zu führen, selbst die Äcker zu besämen, das Heu und Grummet von
seinen Wiesen abzumähen und einzubringen, die Frucht zu schneiden und
einzuernten; legte sofort in Fausts Namen Hand an und brachte diesen
wieder in ehrlicheren Ruf. Es war damals aber eine unbequeme Zeit und
die Frucht nicht wohl geraten; dennoch schnitt Faustus dreifach soviel
von seinen geerbten Gütern, als sein nächster Nachbar tat.

Allein dem Doktor Faust wollte in die Länge dieses eingezogene, ehrbare
Leben nicht gefallen, er sprach deshalb mit allem Ernst zu seinem
Geiste: »Schaffe mir, o Mephistopheles, Geld, woher du es gleich nehmen
solltest, denn ich bin gar geneigt zum Spielen, welches ich auch für
meine liebste Beschäftigung halte; damit will ich nicht allein meine
Zeit vertreiben, sondern auch außerhalb dieses meines Hauses meine
Lust in guten Gesellschaften recht büßen. Meinest du, Mephistopheles,
ich habe mich deinem Fürsten, dem Luzifer, so hoch verpflichtet, daß
ich ein mönchisches, eingezogenes Leben führen wolle? O nein, es ist
viel anders gemeint. Schaffe du mir, nach deines Herrn Versprechen,
ein gutes Leben auf dieser Welt und verrichte daneben das meinige
wie bisher, um den Leuten den Argwohn zu benehmen.« Mephistopheles
antwortete hierauf: »Mein Herr Fauste, was habe ich dir jemals versagt?
habe ich nicht durch Wartung der Felder und Wiesen, durch Einsammlung
der Früchte so viel zuwegen gebracht, daß du deine Haushaltung hast
führen mögen, sondern auch dadurch den Leuten ziemlich aus den Mäulern
bist kommen?« Doktor Faustus bejahete solches und sprach: »Es ist wahr,
und ich danke dir wegen deines Fleißes und deiner Vorsorge; allein,
mein Diener, es wird mir solches zu halten in die Länge beschwerlich
fallen, darum will ich nun hiermit mein ganzes Herz vor dir
ausschütten; willst du nicht alles dasjenige tun und verrichten, was
ich haben will, und mir meine übrige Lebenszeit alle gehörige Notdurft
und ersinnliche Ergötzlichkeit verschaffen, so sage ja, oder nein.«

Mephistopheles sah wohl, daß sich Doktor Faustus ereifert hatte,
und antwortete demnach: »Wohlan, mein Herr, ich bekenne es, daß ich
dein Diener und also schuldig bin, dir allen gebührenden Gehorsam zu
leisten. Damit du mich nun nicht für einen Lügengeist halten mögest,
so sollst du sehen und in der Tat erfahren, daß keine Unwahrheit an
mir sei, ich will dir Geld und alles was du vonnöten hast, zur Genüge
verschaffen; aber eines bitte ich dich, dieweil etliche dich eben darum
werden anfeinden, daß es dir so wohl ergehet, so halte auch deine mit
deinem Blut geschriebene Zusagung, daß du alle diejenigen wollest
verfolgen, die dich etwa deines Lebens wegen strafen werden; dessen
erinnere ich dich nochmals.«

Doktor Faustus gab dem Geist wiederum gute Worte, und dieser erfüllte
nun in allem und jedem seinen Willen; Geld ward ihm zugetragen, er
wurde mit Kleidung, Schuhen, Bettgewand versehen, an allerhand Speisen
und Getränken mangelte es nie, kein Holz kaufte er je, und hatte doch
dessen einen großen Vorrat. Hernach aber wollte es der Geist auch nicht
mehr schaffen, sondern Doktor Faustus mußte das seinige dabei tun und
mit seiner Kunst etwas zuwege bringen, wie wir bald hören werden.

       *       *       *       *       *

Doktor Faustus hatte nun gute Tage und tägliches Wohlleben, weil
ihm an nichts gemangelt, wonach sein Herz gelüstete; jedoch konnte
es unter solcher Zeit nicht wohl fehlen, daß nicht etwa ein einiger
guter Gedanke in seinem Herzen hätte sollen aufstehen, der ihm von der
Allmacht, Güte und Treue des Gottes, den er ja so schändlich wider
besser Wissen und Gewissen verleugnet, hätte sollen heimlich predigen
und sein Gewissen rühren; zumalen ihm solches sonst, wegen verbotener
Besuchung des Gottesdiensts und verwehrten Genusses des heiligen
Sakraments, nicht gerühret werden mochte. So sprach er denn einstmals
zu sich selber: »Ich habe gleichwohl bei mir die heilige Bibel und
noch andere christliche Bücher mehr; ich kann in diesen wohl lesen, ob
mir gleich die Kirche und der Gottesdienst verboten ist; mit diesen
will ich zu Hause meine Kirche anstellen; es muß mein böses Gewissen
dem Teufel nicht allezeit offen stehen; es ist doch noch bei mir ein
kleines Fünklein einiger Zuversicht und eines Andenkens an Gott! Wer
weiß, Gott möchte sich meiner dermaleins noch erbarmen!«

Hierauf ist der Geist Mephistopheles zu ihm getreten und hat ihm diese
seine Gedanken vorgehalten, sprechend: »Mein Herr Fauste, ich will dir
deines jetzigen Vorhabens halber ganz und gar nicht zuwider oder daran
hinderlich sein; allein eins bitte ich dich, betrachte wohl, was du
in dem vierten Artikel deiner Verschreibung zugesagt und versprochen;
das halte, willst du nicht in Unglück geraten. Das Bibelbuch belangend
(denn die andern achte ich nicht), soll dir wohl darin zu lesen
vergünstiget sein; jedoch nicht mehr als das erste, andere und fünfte
Buch Mosis; der andern Bücher aller, ohne den Hiob, sollst du müßig
gehen. Den Psalter Davids lasse ich nicht zu; desgleichen im Neuen
Testament magst du drei Jünger, so von Taten Christi geschrieben haben,
als den Zöllner, Maler und Arzt lesen (der Geist meinte den Matthäus,
Markus und Lukas): den Johannes meide; den Schwätzer Paulus und andere,
so Episteln geschrieben haben, lasse ich auch nicht zu! Darnach wisse
dich zu richten. Darum wäre mein Rat: gleichwie du anfänglich in der
Theologia studiert, nämlich in den Schriften der Kirchenväter, daß
du darin fortfahren möchtest, diese will ich dir nicht verwehren;
so hast du dich auch verschworen, du wollest der Dreifaltigkeit
absagen, wollest auch davon nichts reden oder viel disputieren, wie
ingleichen von den Sakramenten und andern Glaubenspunkten: so du aber
je mit Disputieren dich willst erlustigen, so nimm dazu Anlaß von
den Konzilien, Zeremonien, Messe, Fegfeuer und andern dergleichen
Glaubenssachen mehr zu reden!«

Doktor Faustus ereiferte sich und sagte: »Ja lieber Gesell, du wirst
mir nicht allezeit Maß und Ordnung vorschreiben, was ich hierin tun
oder lassen soll!«

Mephistopheles, ganz erzürnt, gab ihm diese Antwort: »So sage und
schwöre ich bei meinem höchsten Herrn, der unter dem Himmel ein Fürst,
ja ein mächtiger und gewaltiger Fürst, regieret, du mußt dieses meiden
und die Bücher, die ich dir verboten habe, verfolgen und darin nicht
lesen, oder dir soll etwas begegnen, das dir nicht lieb sein wird!«

Faustus antwortete: »Nun leider sehe ich, wie hoch ich mich an
Gott vergriffen und wie vermessentlich ich mich durch jene Artikel
verpflichtet habe, daß ich nicht mehr lesen und reden darf, was doch
andere frei und ungehindert tun dürfen; ach, was hab' ich getan!
-- Wohlan,« sagte er weiter, »besagte Bücher der Heiligen Schrift
will ich nicht lesen, dazu von Glaubenssachen nicht disputieren; das
aber verlange ich von dir, du tuest es gern oder nicht, daß du mir
verheißest, mein Prädikant zu sein, und mir alles dasjenige, wovon ich
gerne einen Unterricht und Wissenschaft haben möchte, kurz und deutlich
berichten, und als ein hocherfahrener Geist lehren«, welches ihm denn
der Geist treulich zu tun zusagte.

Da berichtete ihm denn der Geist ausführlich, zu welcher Klasse
von Geistern er selbst gehöre, wieviel der bösen Geister seien,
warum der Teufel aus dem Himmel verstoßen worden; er erzählte ihm,
wiewohl widerwillig und voll Ingrimm, vom Himmel und den himmlischen
Heerscharen, von den Engeln vor Gottes Thron, vom Paradies; dann
wieder von der Ordnung der Teufel, von ihrer Hoffnung, dereinst noch
selig zu werden, und von der Hölle. Da denn der Geist seine Rede mit
den nachdenklichen Worten beschloß: »Wenn ich aber ein Mensch geboren
worden wäre, wie du, o Fauste, so wollte ich Tag und Nacht meine Hände
mit Danksagung gegen Gott im Himmel aufheben, daß er seinen Sohn mit
dem menschlichen Fleisch und Blut bekleidet hat; sich des menschlichen
Geschlechtes annimmt, daß er es von des Teufel Gewalt erlöse, der
Teufel ärgster Feind worden, und dem Menschen das ewige Leben gibt;
dagegen muß der Teufel in der Hölle wiederum büßen, was er verderbet
hat: solcher Erlösung, mein Herr Fauste, bist auch du teilhaftig
gewesen, aber nun, wegen deiner zeitlichen Pracht, Ehrgeizes und
Hoffart, hast du solche verscherzt und mußt ohne allen Zweifel gleicher
Verdammnis mit dem Teufel, den du hiezu gleichwohl herbeigerufen hast,
in der Höllen gewärtig sein.« Auf diese ungescheute Aussage des Geistes
schwieg Doktor Faust und entließ den Geist.

Als er aber des Nachts zu Bette gegangen, klangen ihm die Reden des
Geistes unaufhörlich in den Ohren, wie ein ferner Sturmwind, worüber
er seufzte und also mit sich selbst sprach: »Ach, du elender und
verfluchter Mensch, dir hat Gott Leib und Seele gegeben, diese solltest
du besser verwahret haben! Zudem, wie hätte doch Gott der Herr seine
Güte, Gnade und Barmherzigkeit reichlicher gegen dich ausschütten oder
dir zueignen können, denn daß er seinen einigen Sohn in diese Welt
gesendet, auf daß er das verderbte menschliche Geschlecht wiederum
zurecht brächte, und die Menschen das ewige Leben hierdurch im Glauben
erlangen möchten? Dafür sollte ich ja billig, wie der Geist ganz recht
gesagt, mein Lebenlang dankbar gewesen sein! Ach! daß ich um eines so
kurzen und zeitlichen wollüstigen Lebens willen mich mit dem Teufel
also böslich verbunden habe! Nunmehr aber ist es mit meiner Buße und
Reue ohne allen Zweifel zu spät. Ach! daß ich nur noch ein kleines
Fünklein eines rechten Glaubens hätte zu Christo, oder daß ich Macht
und Erlaubnis hätte, mich mit einem Geistlichen zu unterreden, auf daß
ich von ihm einigen Trost, oder wohl gar die Vergebung meiner schweren
Sünde empfinge! Aber von nun an wird es leider viel zu spät sein!«

       *       *       *       *       *

So saß denn einmal Doktor Faust, den Kopf in der Hand haltend, daheim
in großem Unmut und dachte seinem künftigen bösen Zustand nach, wie
er sich so leichtfertig dem Teufel ergeben hätte, der ihn nun nach
seinem Gefallen regiere und führe: daher er seinen Geist ob der
Mittagsmahlzeit, da er niemand um sich gehabt, fragte, ob ihn denn der
Teufel wie andere sichere und gottlose Menschen schon vorlängst auch
regiert und besessen hätte? Dem gab Mephistopheles zur Antwort: »Ja,
dein Herz oder vielmehr dein ganzes Leben war von Jugend auf nicht
recht beschaffen noch richtig nach Gottes Wort; daher wir es bald
eingenommen, denn wir sahen deine Gedanken, womit du umgingst, und wie
du niemand sonst zu deinem Vorhaben möchtest gebrauchen können, denn
den Teufel; siehe, so machten wir deine Gedanken, womit du umgingst,
noch frecher und kecker, auch so begehrlich, daß du Tag und Nacht
nicht Ruhe hattest, sondern daß dein Dichten und Trachten nur dahin
stand, wie du Zauberei zuwegen bringen möchtest: auch da du hernach
uns beschwurest, machten wir dich erst so frech und verwegen, daß du
dich eher dem Teufel hättest hinführen lassen, ehe du von solchem
Zauberwerk wärest abgestanden: hernach verhärteten wir dein Herz noch
mehr, bis wir es so weit gebracht, daß du nunmehr von deinem Vornehmen
nimmer würdest abstehen, allezeit dahin trachtend, wie du einen Geist
möchtest herbeilocken, bis es uns endlich gelungen, daß du dich mit
Leib und Seel' unserm Fürsten Luzifer ergeben; was alles dir denn, mein
Herr Faust, nicht unbekannt sein kann!«

»Es ist wahr,« sagte hierauf Doktor Faustus, »nun kann ich aber
nicht mehr anders tun, auch habe ich mich selbst gefangen; hätte ich
gottseligere Gedanken gehabt, mich mit dem Gebet zu Gott gehalten und
den Teufel nicht so sehr bei mir einwurzeln lassen, so wäre mir solches
alles nicht begegnet; ei, was habe ich getan!« Da antwortete der Geist:
»Da siehe du zu.« Also stand Doktor Faustus zur Stunde vom Tisch auf
und ging traurig aus dem Haus hin zu guter Gesellschaft, damit er
daselbst seine Schwermut und Melancholie besser vertriebe und die Zeit
anders zubrächte.

       *       *       *       *       *

In Wahrheit hatte aber Faust auch ein herrliches Leben voll zeitlicher
Macht und Wollust. In einem schönen, stattlichen Hause bewohnte er zwei
Säle, dort vernahm man mitten in der Winterszeit den Zusammenklang
eines lieblichen Vogelgesanges; die Amsel, die Wachtel schlug
fröhlich, die Nachtigall tirilierte unvergleichlich; der Papagei,
gegenüberhängend, redete aufs zierlichste: die Zimmer waren mit den
schönsten Tapeten behangen, mit herrlichen Gemälden geziert und mit
Kostbarkeiten aller Art ausgestattet. Im Vorhofe des anstoßenden
Zaubergartens sah man mit Lust indianische Hähne und Hennen, Rebhühner
und Haselhühner, Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche, ohne alle
Scheu, lustwandeln. Der Garten selbst war nicht sonderlich groß, aber
ausbündig herrlich, denn da, wiewohl sonst zur Winterszeit in der
Stadt alles mit Schnee bedeckt war, sah man nie Winter, sondern immer
nur lustigen, fröhlichen Sommer mit Gewächsen, Laub und Gras und den
buntesten Blumen; dazu waren schöne Weinstöcke zu sehen mit mancherlei
Trauben behängt, alle schon reif; bunte Tulpen, gefüllte Josephsstäbe,
Narzissen und Rosen blühten und flammten dazwischen. An den Mauern
des Gartens der Länge nach waren Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-
und Zitronenbäume in schnurgeraden Reihen aufgestellt; Kirschen-,
Birn- und Apfelbäume standen bunt durcheinander, wie ein Wald, und
alle hingen immer voll Früchte. Ja, da mochte man erst Wunder sehen,
denn da waren Birnbäume, die trugen Datteln, und junge Kirschbäume,
daran hingen Feigen; und wiederum an dichten Apfelbäumen waren zeitige
schwarze Kastanien zu sehen. Zu oberst im Hause, da stand ein schmuckes
Taubenhaus, darin flogen Tauben aller Art und von den seltensten
Farben, und nicht nur zahme, sondern auch wilde Feldtauben aus und ein.
Unten aber im Hause, vor einem Stall an der Einfahrt, lag des Doktor
Faustus großer Zauberhund, der ihm, wenn er aus dem Hause ging, nicht
von der Seite wich. Sein Name war Prästigiar oder Hexenmeister; der
hatte Augen ganz feuerrot und graulich, und schwarzes zottiges Haar;
wenn ihm aber Faust über den Rücken fuhr, verwandelte sich seine Farbe
und wurde bald grau, bald weiß, bald gelblich oder braun, und das
Tier machte gar seltsame Sprünge und Gaukeleien, wenn es mit seinem
wunderlichen Herrn, der auch seinen eigenen Schritt hatte, dahinpudelte.

       *       *       *       *       *

Nun lasset euch aber auch eins um das andere von den lustigen Stücken
und Teufeleien erzählen, die der Erzschwarzkünstler Doktor Faustus mit
Hilfe seines Geistes Mephistopheles da und dort in der Welt ausübte.

Es studierten zu der Zeit, nämlich Anno 1525, drei junge Freiherren
zu Wittenberg samt ihrem Hofmeister. Diese, als sie erfahren, daß
das kurfürstlich bayerische Beilager mit nächstem sollte zu München
vollzogen werden, wie denn bereits dazu allerhand erdenkliche kostbare
Zubereitung mit großer Pracht wäre gemacht worden, ging ihnen dieses
alles mächtig zu Herzen, und sie waren sehr begierig, etwas von
solchem zu sehen, weil allda auf einmal viel zu schauen wäre. Redeten
demnach miteinander und wußten doch nicht, wie sie die Sache angreifen
sollten; der ein wollte, sie sollten mit ihm ziehen, weil übermorgen
der Hofmeister auf eines Freundes Hochzeit, wiewohl nicht weit von der
Stadt, verreisen würde; er wollte schon Rosse zu reiten bekommen, bei
dem Hofmeister wollten sie sich wohl entschuldigen usf. Der andere
war mit diesem wohl zufrieden und verlangte nur Zeit der Abreise,
wiewohl ihm des Hofmeisters Abwesenheit im Wege stand. Der dritte
aber sprach: »Ihr lieben Herren Vettern, wenn ihr mir folgen wollet,
so wüßte ich wohl zu diesem Handel einen guten Rat, wobei wir weder
Sattel noch Pferde dazu bedürften, könnten nichtsdestoweniger bald, ehe
man es auch allhier unter andern wahrnähme, wiederum zu Hause sein.
Euch ist allesamt wohl bewußt, wie Doktor Faustus allhier als ein
sonderlicher Freund und guter Gönner der Studenten uns, die wir viel
Kurzweil und Ergötzlichkeit zu verschiedenen Malen in seiner Behausung
genossen haben, geneigt und gewogen sei, auch was er zuwege bringen
und vermittelst seiner, wiewohl in stiller Heimlichkeit gehaltenen,
Schwarzkunst verrichten möge. Dieses nun unser Verlangen, das
fürstliche Beilager zu sehen, wollen wir ihm vortragen, ihn deswegen
beschicken und freundlich darum ansprechen, unter dem Versprechen
einer stattlichen Verehrung, so er uns in diesem Stücke zu Willen
sein würde.« Dieser Rat mißfiel den zweien andern nicht; es wurde
beschlossen, eine stattliche Zusammenkunft zu veranstalten, zu der sie
auch den Doktor Faustus beriefen. Nach einem kleinen Umtrunke gaben
sie ihm ihr Verlangen und die Ursache seines Beschickens zu verstehen;
darein er denn alsobald einwilligte und ihnen aufs möglichste zu dienen
zusagte, nur daß sie solches in der Stille halten möchten.

Den Abend nun zuvor, als morgenden Tags darauf das fürstliche Beilager
seinen Anfang nehmen sollte, beruft Faustus die drei Freiherren
in seine Behausung, befiehlt ihnen, sie sollen sich aufs schönste
ankleiden, das denn zur Stunde geschah; bedeutet ihnen zugleich: Er
wolle wohl ihres Willens sein und sie in gar kurzer Zeit nach München
bringen, aber sie sollten ihm treulich verheißen und zusagen, daß
keiner unter ihnen während dieser Fahrt ein Wort reden, auch, ob sie
schon in den fürstlichen Palast kämen und man mit ihnen reden würde,
daß sie ja keine Antwort geben sollten; wenn sie solches leisten
würden, so wolle er sie sicher und ohne Gefahr dahin führen und von da
wiederum nach Hause bringen; wo sie aber dem nicht würden nachkommen,
sondern während der Zeit etwas reden und sich versehen, so wollte er
außer der Schuld sein, und solle alle Gefahr alsdann auf ihrem Halse
liegen. Darauf sie denn solches ihm zu tun zusagten und mit aller
Pünktlichkeit einhalten zu wollen versprachen.

Vor Tages nun richtete Doktor Faustus seine Fahrt also zu: er legte
seinen Nachtmantel ausgebreitet auf ein Beet im Garten seines Hauses,
setzte die drei jungen Baronen darauf, sprach noch einmal ihnen
tröstlich zu, sie sollten unerschrocken sein und sich nicht fürchten,
und nur ihres Versprechens eingedenk sein, nicht zu reden, sie würden
bald an dem verlangten Ort sein; und siehe, da erhob sich bald ein
Wind, der schlug den Mantel zu, daß sie zusamt dem Faustus darin wohl
geborgen lagen, und so hob der Wind den Mantel empor, und fuhren sie
miteinander in des ††† Namen, den Doktor Faustus beschworen, fort,
erschienen auch nach Verfluß etlicher Stunden, bei schon hellem Tage,
in dem Vorhofe des fürstlichen Palasts zu München, ohne daß jemand
ihrer gewahr geworden, wie und welcher Gestalt sie dahingekommen.
Nachdem sie sich aber dem Palaste genähert und der Hofmarschall ihrer
ansichtig geworden, empfing dieser sie gar höflich und ließ sie, als
Fremde, durch andere, weil er selbst sehr beschäftiget war, in den
obern Saal begleiten. Es kam aber zuerst dem Hofmarschall und nachmals
dem Hofjunker, der sie begleitete, wunderseltsam vor, daß sie sogar
auf keine Frage, woher und von wannen sie wären und kämen, etwas
antworteten, sondern, gleich als ob sie stumm wären, mit tiefster
Reverenz ihre Gegenehrerbietung zu verstehen gaben. Und weil mehr zu
tun und nicht Zeit war, der Sache ferner nachzudenken, wurden die
Freiherrn dagelassen, bis die Trauung geschehen und es nun an dem war,
daß man bei herannahendem Abend zur Tafel sitzen wollte. Nachdem nun
die fürstlichen Personen ihre Stelle an der Tafel genommen, und man
auch mit dem Handwasser auf Befehl des Kurfürsten (dem indessen der
Hofmarschall von diesen drei stummen Herren einige Meldung getan, daß
sie sich nicht zu erkennen geben wollten) bis zu ihnen gelangt war,
spricht der eine von ihnen, seines Versprechens vergessend, er bedanke
sich wegen solcher hohen Ehren zum allerhöchsten! Nun muß man wissen,
daß Doktor Faustus, wie oben gedacht, ihnen ausdrücklich befohlen,
sie sollten nicht ein Wort reden, und wenn er würde zweimal sprechen:
wohlauf, wohlauf, so sollten sie alsobald nach seinem Mantel greifen,
sodann würden sie alsbald wieder den Weg unsichtbar fahren, den sie
hergekommen; diesem zufolge hatten nun sofort die beiden, auf das
an sie ergangene Wort des Faustus, den Mantel ergriffen und fuhren
miteinander unsichtbar dahin; der dritte aber, der sich wegen des
gereichten Handwassers und der Berufung zur Tafel bedankt, ist ganz
erschrocken dahinten gelassen worden.

Es ist leicht zu ermessen, wie diesem Hinterlassenen müsse zumut
gewesen sein, zumal es ja nicht lang verschwiegen bleiben mochte,
und je einer dem andern von dem Handel etwas in die Ohren lispelte,
bis es endlich vor die Ohren des Kurfürsten selbst gelangte, der
denn bald Nachfrage halten ließ, wie es mit solchem allen eigentlich
beschaffen wäre. Wie sollte aber dieser Halbgefangene auf ein und
anderes Ausfragen besser antworten, als mit Verschwiegenheit, weil
er leichtlich erachten konnte, wenn er seine Herren Vetter verraten
und den ganzen Verlauf entdecken würde, dieses gar bald ihren Eltern
und ihnen selbst zu großer Beschimpfung kundgetan werden dürfte? Er
getröstete sich dabei, als er auf Befehl des Kurfürsten sofort an
einen wohlverwahrten Ort, gleich als in Gefangenschaft geführt wurde,
daß seine Vettern ihn nicht lassen würden, sondern den Doktor Faust
vermögen, daß er aus seiner Gefangenschaft wieder befreiet werden
möchte. Welches denn auch nicht lange nachher geschehen; denn ehe der
folgende Tag recht angebrochen, machte sich Doktor Faustus auf, kam
an den Ort, wo der junge Freiherr gefangen lag, und als er sah, daß
das Gemach mit etlichen von der Leibwache des Fürsten verwahrt war,
bezauberte er sie als mit einem süßen Schlaf, eröffnete mit seiner
Kunst Schloß und Türe, schlug seinen Mantel um den Freiherrn, der
noch gar sanft schlief, und brachte ihn also unvermerkt zu seinen
beiden Vettern nach Wittenberg. Darüber waren sie denn sehr erfreuet,
bedankten sich aufs höchste und beschenkten den Doktor mit einer
ansehnlichen Verehrung.

       *       *       *       *       *

Wahr ist es, daß der Geist Mephistopheles eben genug zu tun hatte, Geld
und Mittel zu verschaffen, daß sein wollüstiger und verschwenderischer
Herr genug zu bankettieren und zu verschlemmen hatte; er wollte daher
dieses so sehr nicht mehr tun, sondern warf ihm einst mit allem
Ernst vor: er wäre nun schon eine lange Zeit her mit aller Kunst und
Geschicklichkeit versehen und begabt worden, daß er sich deren wohl
bedienen und sich wohl selbst ernähren könnte, ohne daß er, der Geist,
hinfort etwas mehr dabei täte; dawider denn Doktor Faustus sich nicht
wohl setzen durfte, weil er bei sich bedachte: Es ist wahr, was soll
mir meine Kunst und Geschicklichkeit, wenn ich deren nicht gebrauche?
wie will denn mein Name ausgebreitet werden? Er ließ es demnach dabei
beruhen. Damit er nun beizeiten Geld überkommen möchte, auch solches
mit guten Gesellen zu verspielen hätte, wollte er ein Stücklein seiner
Kunst seine guten Freunde sehen lassen; er verfügte sich daher mit
ihnen zu einem sehr reichen Juden, um bei ihm Geld aufzubringen, obwohl
er nicht im Sinn hatte, dasselbe wiederzugeben: er begehrte deswegen
von dem Juden sechzig Taler auf einen Monat lang, die wolle er ihm
alsdann mit Dank wiederum bezahlen, oder aber sollte er ihm ein Bein
statt des Unterpfands abnehmen (welches er selbst nur scherzweise
redete, der Jud aber für Ernst aufnahm); und so leihet ihm denn der Jud
-- nachdem er die andern Anwesenden zu Zeugen angerufen -- die Summe.

Als nun die Zeit bereits verflossen, und der Jude, der nichts Gutes
ahnte, sich in Doktor Fausts Behausung verfügte, allda sein Geld samt
den Zinsen zu holen, empfing dieser ihn aufs freundlichste und sprach
zu ihm: »Lieber Jud, ich weiß mich gar wohl zu entsinnen, daß ich dir
nach Verfluß dieser Zeit dein Geld samt dem Interesse wiederzugeben
versprochen, allein wer kann dafür, daß ich anjetzo nicht bei Geld
bin? Willst du nicht länger borgen, so magst du laufen, ich gönne dir
eher keine Bratwurst!« Leicht ist zu erachten, daß dieses dem Juden
die Galle überlaufen machte, und weil noch zwei andere Juden mit ihm
erschienen waren, brach er ganz entrüstet in Drohworte gegen Doktor
Faustus aus: er sollte ein für allemal anderen Sinnes werden, oder er
wollte sich mit Gewalt an sein versprochenes Unterpfand halten, und das
sei einer von seinen Füßen! Doktor Faust stellte sich, als wüßte er
nichts hievon, und begehrte von ihm solches auf seiner Obligation zu
lesen, weil er's nicht glauben könnte; als er's nun gelesen, sagte er:
»Mein Mausche, es ist wahr, ich hab' verloren, weiß dich auch sobald
nicht zu bezahlen, deswegen magst du dich an dein Unterpfand halten,
und hiermit hast du deinen Bescheid.« Der Jude, ganz rasend, dachte:
Ich habe wohl schon ein mehrers als sechzig Taler auf einmal verloren!
wollte sich auch kurzweg an sein Unterpfand halten und den Fuß haben;
er stellte sich aber nur so, um dem Doktor Faust einen nicht geringen
Schrecken einzujagen.

Aber was geschieht? Doktor Faustus tut, als sei ihm bei der Sache
ganz wohl, nimmt eine Säge, legt sich auf das Faulbett, gab jene dem
Juden und sprach: er sollte nun in aller Henker Namen sein Unterpfand
hinnehmen, jedoch mit dieser ausdrücklichen Bedingung, daß ihm der Fuß
innerhalb solcher Zeit und sobald er die ganze Summe würde entrichten
wollen, wiederum alsobald zu Handen möchte gestellt werden: welches
nicht allein der Jude ihm zusagte, sondern stracks darauf als ein
rechter Christenfeind über den Schenkel herfuhr, den Fuß mit jüdischer
Begierde absägte, das Blut mit einer aufgelegten Salbe stopfte, den
guten Faustus aber, seiner Meinung nach halbtot, hinter sich ließ. Der
Jude zog samt seinen Gesellen mit dem Fuß fort, dachte unterwegs und
sagte zu den andern, was ihm jetzt dieser Stümmel frommen möchte? Der
Fuß könnte ihm noch teuer genug zu stehen kommen, wenn Doktor Faust
deswegen sterben sollte; deswegen warf er ihn, weil die andern gleiches
sagten, als er über eine Brücke nach Hause ging, in ein fließendes
Wasser und zog seinen Weg, an nichts anders denkend, als daß er
nimmermehr bezahlt wäre.

Mittlerweile, als es dem Doktor Faust Zeit dünkte, sein Unterpfand
zu lösen, beruft dieser seinen Gläubiger, den Juden, durch etliche
Studenten, seine vertrauten Freunde, wie auch zween Gerichtsbediente,
in seine Behausung auf einen bestimmten Tag, wo er dem Juden gegen
Zurückgabe seines Unterpfands seine Schuld abstatten wollte. Wer
erschrak mehr als der Jude, da er diese unverhoffte Post überkam, und
noch viel mehr, da er mit Gewalt mitzugehen gezwungen ward! Faustus
aber stellte sich auf des Juden Ankunft sehr verdrießlich und dabei
recht ungeduldig, daß der Jude mit dem Fuß so lange ausgeblieben
wäre, da er doch schon vor etlichen Tagen das Geld beisammen gehabt
und nun nichts anders zu erhalten verlange als sein Unterpfand. Der
Jude, weil er's nicht mehr bei Handen hatte, konnte dieses (wie dem
Faustus keineswegs verborgen war) nicht mehr herbeischaffen; er stand
deswegen in nicht geringen Sorgen, und erbot sich, er wolle die
Schuldverschreibung wieder einhändigen und hinfüro der Schuldforderung
nicht mehr zu gedenken, sondern sie als bezahlt unterschreiben, nur
sollten sie ihm das Unterpfand erlassen. Das war eine angenehme Zeitung
für unsern Faustus; der Jude aber machte sich hierauf bald zur Türe
hinaus und war froh, daß er so gut davongekommen; Faust indessen stand
vom Bett auf, machte sich mit den Studenten nach seiner Weise mit des
Juden Geld recht lustig, und alle konnten über den Possen, den Doktor
Faust dem Juden angetan, nicht genug lachen.

       *       *       *       *       *

Gleicherweise spielte er auch einem Roßtäuscher, bald nachher, auf
einem Jahrmarkte mit, der zu Pfeifering gehalten wurde. Denn Faust
richtete sich durch seine Kunst ein schönes lichtbraunes Pferd zu,
mit welchem er auf den Markt geritten kam, eben zu der Zeit, da es am
meisten Käufer gab. Er fand ihrer viel, die das Pferd feil machten,
und weil es von schöner Höhe, dazu hübsch proportioniert aussah,
trieben die Käufer einander hinauf, bis letztlich Doktor Faust mit
einem übereinkam, der ihm vierzig Gulden bar bezahlte, dazu sich nicht
anders einbildete, als er hätte einen sehr guten Kauf gemacht. Ehe nun
Faustus das Geld zu sich zog, bittet er den Roßtäuscher, er sollte das
Pferd unter zweien Tagen nicht in die Schwemme reiten, welches ihm
der Roßtäuscher versprach und so groß eben nicht auf dies Versprechen
achtete, also davonritt und voller Hoffnung war, ein Ansehnliches dabei
zu gewinnen. Dem Roßtäuscher fällt unterwegs, da er an ein fließendes
Wasser kam, ein, was doch sein Verkäufer damit möchte gemeint haben,
daß er das Pferd unter zweien Tagen nicht in die Schwemme reiten solle;
wollte es demnach versuchen und also den nächsten Weg durchs Wasser
fortreiten: als er nun aber fast in die Mitte des Wassers kam, siehe,
da verschwand das Pferd, der Roßtäuscher aber saß auf einem Büschel
Stroh und hätte es leicht geschehen können, er wäre in Gefahr geraten.

Der Mann, der vor Erstaunen und Schrecken nicht gewußt, was er tat,
nachdem er aus dem Wasser gewatet, lauft spornstreichs zurück in den
Flecken, wo der Markt gewesen, gleich dem Wirtshause zu, wo vorher sein
Verkäufer gesessen, zur Zeit aber eben auf der Bank lag und tat, als ob
er fest schliefe. Der Roßtäuscher, ganz ergrimmt, da er Fausten also
liegen und schlafen sieht, erwischt ihn beim Fuß und wollte ihn von der
Bank herabziehen, damit er ihm sein Geld wiedergebe; aber da ging jenem
der Schenkel gar aus, und fiel der Roßtäuscher mit demselben rücklings
in die Stube, darauf denn Doktor Faustus Zetermordio zu schreien anhub,
daß die Leute herbeiliefen; der Roßtäuscher aber lief über Hals und
Kopf davon, nicht anders meinend, als er hätte dem Faustus den Fuß
ausgerissen.

       *       *       *       *       *

Es studierten damals zu Wittenberg einige vornehme polnische Herren
von Adel, welche mit Doktor Faust viel umgingen und gute Kundschaft
bei ihm hatten. Nun war eben zu der Zeit die Leipziger Messe: sie
verlangten daher sehr, dieselbe einmal zu besuchen, teils, weil sie von
ihr oft und viel gehört, teils, weil etliche gedachten, allda von ihren
Landsleuten Geld zu erheben. So baten sie denn den Doktor, er wollte
doch, wie sie wohl wüßten, daß er's könnte, mit seiner Kunst so viel
zuwegen bringen, daß sie dahin gelangen möchten. Doktor Faustus wollte
sie keine Fehlbitte tun lassen und schaffte durch seine Kunst, daß des
andern Tages vor der Stadt draußen ein mit vier Pferden bespannter
Landwagen stand, auf welchem sie getrost aufsaßen und in schnellem
Laufe fortfuhren. Kaum aber waren sie etwa bei einer Viertelstunde
fortgerückt, da sahen sie sämtlich quer über das Feld einen Hasen
laufen, was sie für ein böses Reisezeichen hielten, wie sie denn mit
diesen und andern Gesprächen etliche Stunden zubrachten, so daß sie
noch vor Abends zu ihrer großen Verwunderung in Leipzig ankamen.

Folgenden Tages besahen sie die Stadt, verwunderten sich über die
Kostbarkeiten der Kaufmannschaft, verrichteten ihre Geschäfte, und
als sie wieder nahe zu ihrem Wirtshaus kamen, nahmen sie wahr, daß
gegenüber in einem Weinkeller die sogenannten Wein- und Bierschröter
allda ein Faß Wein, sieben oder acht Eimer haltend, aus dem Keller
schroten oder bringen wollten, vermochten aber doch solches nicht,
wie sehr sie sich auch deswegen bemühten, bis etwa ihrer noch mehr
dazukämen. Doktor Faustus und seine Gesellen standen da still und
sahen zu; da sprach Faust (der auch hier seiner Kunst wegen wollte
bekannt werden) fast höhnisch zu den Schrötern: »Wie stellet ihr euch
doch so läppisch dazu, seid eurer so viel und könnet ein solches Faß
nicht zwingen, sollte es doch einer wohl allein verrichten können,
wenn er sich recht dazu schicken wollte!« Die Schröter waren über
solche Rede recht unwillig und warfen, dieweil sie ihn nicht kannten,
mit herben Worten um sich, unter andern: Wenn er denn besser als sie
wüßte, solch Faß zu heben und aus dem Keller zu bringen, so sollte
er's in aller Teufel Namen tun, was er sie viel zu vexieren hätte?
Unter diesem Handel kommt der Herr des Weinkellers herzu, vernimmt die
Sache, und sonderlich, daß der eine gesagt, es könnte das Faß einer
wohl allein aus dem Keller bringen; deswegen spricht er halb zornig zu
ihm: »Wohlan, weil ihr denn so starke Riesen seid, welcher unter euch
das Faß allein wird herauf und aus dem Keller bringen, dessen soll
es sein!« Doktor Faustus aber war nicht faul, und weil eben etliche
Studenten dazugekommen, ruft er diese an zu Zeugen dessen, das vom
Weinherrn versprochen worden, ging also hinab in den Keller, setzte
sich recht breit auf das Faß, gleich als auf einen Bock, und ritt, so
zu reden, das Faß, nicht ohne jedermanns Verwundern, herauf; darüber
denn der Weinherr sehr erschrak; und ob er wohl vorwandte, daß dieses
nicht natürlich zuginge, mußte er doch sein Versprechen halten, wollte
er anders nicht den Schimpf zusamt dem Schaden haben. Also ließ er
das Faß mit Wein dem Doktor Faustus verabfolgen, der es denn seinen
Gesellen, zugleich auch den Zeugen, den Studenten, zum besten gegeben,
welche alsbald Anstalt machten, daß das Faß in das Wirtshaus geliefert
wurde, wohin sie noch mehr andere gute Freunde baten und sich etliche
Tage davon lustig machten, solange ein Tropfen Wein darin war.

       *       *       *       *       *

Einst wurde zu Wittenberg bei einer fröhlichen Gesellschaft von
einem Studenten des vortrefflichen Poeten Homer Meldung getan, der
eben selbiger Zeit auf der hohen Schule gelesen wurde, welcher von
vielen berühmten griechischen Helden handelt, und deren rühmliche
Taten erzählt, namentlich von Menelaus, Achilles, Hektor, Priamus,
Alexander, Ulysses, Agamemnon, Ajax; und lobte einer des Poeten
zierliche Redeweise, der andere, daß er darin jene Personen so schön
vorgemalt, als wenn sie zugegen wären, und so rühmte der eine dies,
der andere ein andres. Alsbald erbot sich Doktor Faustus, die oben
aufgeführten Helden morgenden Tags im Hörsaal in ihrer eigenen Person
vorstellig zu machen, welches denn mit höchster Danksagung von allen
angenommen wurde. Und da sie deswegen Doktor Faust des andern Tags
mit sich in den Hörsaal führten, fing dieser also an zu reden: »Ihr
lieben Herren und gute Freunde, weil ihr ein großes Verlangen traget,
die trojanischen Kriegshelden und etwa noch andere, deren der Poet
Homer sonderlich gedenket, in der Person, wie sie damals gelebet und
einhergegangen sind, anzuschauen, so soll euch solches anjetzt gewähret
werden; nur daß keiner ein Wort rede, oder jemand zu fragen begehre;«
welches sie ihm auch sofort zusagten. Darauf klopfte Doktor Faust mit
dem Finger an die Wand, alsobald traten jene griechischen Helden in
ihrer grauen, zu jener Zeit üblichen Rüstung einer nach dem andern in
den Hörsaal herein, sahen sich zur Rechten und Linken mit halb zornigen
und strahlenden Augen um, schüttelten die Köpfe und gingen wiederum wie
zuvor nacheinander zur Türe hinaus.

Doktor Faust wollte es dabei nicht bewenden lassen, sondern noch einen
kleinen Schrecken hinzufügen, klopfte deshalb noch einmal; bald tat
sich die Tür auf, zu welcher halb gebückt der ungeheure greuliche Riese
Polyphemus eintrat, der an der Stirne nur ein Auge hatte, mit einem
langen, zottigen, feuerroten Bart, der hatte ein klein Kind, das er
gefressen, noch mit dem Schenkel am Maul hangen und war so grausam und
schrecklich anzusehen, daß ihnen allen miteinander die Haare zu Berge
standen, worüber denn Doktor Faustus genug lachte; auch wollte er
seine Zuschauer noch mehr ängstigen und schaffte, daß, als Polyphemus
wiederum wollte zur Tür hinausgehen, er sich zuvor noch einmal umsah
mit seinem erschrecklichen Gesichte und sich nicht anders gebärdete,
als wollte er nach etlichen greifen; stieß zugleich mit seinem großen,
ungeheuern Spieß wider den Erdboden, daß das ganze Gemach zu schüttern
begann. Doktor Faustus aber winkte ihm mit dem Finger, da trat er
auch hinaus, und so hatte denn Doktor Faustus seine Zusage erfüllt.
Die Studenten waren es alle wohl zufrieden; doch hatten sie genug und
begehrten hinfüro keine solche Vorstellung mehr von ihm.

       *       *       *       *       *

In der Schlossergasse zu Erfurt stand ein Haus, zum Anker genannt,
darin wohnte damals ein Stadtjunker, bei welchem, als einem Liebhaber
der Schwarzkunst, sich Doktor Faustus oftmals aufhielt, welchen auch
dieser Junker stets hochachtete. Es begab sich aber auf einen Tag, daß
Doktor Faust, der auch auf der hohen Schule zu Erfurt in großem Ansehen
stand, einem andern zu Gefallen nach Prag verreist war; der Junker
aber beging eben seinen Namenstag, wozu er denn etliche gute Freunde,
allesamt Gönner Doktor Fausts, berufen: diese nun waren bis in die
späte Nacht recht lustig und wünschten sämtlich nichts mehr, als daß
nun ihr guter Freund Faustus dabei und gegenwärtig wäre, sie wollten
noch viel fröhlicher sein.

Einer aber unter ihnen, der bereits einen guten Rausch hatte, nahm ein
Glas mit Wein, streckte das in die Höhe und sprach: »O, guter Gesell
Fauste, wo steckest du jetzund, daß wir deiner also entbehren müssen?
Wärest du allhier, wir würden ohne Zweifel etwas von dir sehen, das
unsere Fröhlichkeit vermehren sollte; weil es aber für diesmal nicht
sein kann, so will ich dir dies zur Gesundheit gebracht haben; kann es
aber sein, so komm zu uns und säume dich nicht!« Darauf tat er einen
Jauchzer und trank das Glas aus.

Nach etwa einer Viertelstunde aber pocht jemand an die Haustüre gar
stark; ein Diener lauft an das Fenster, zu schauen, wer da wäre; da
stieg eben Doktor Faustus von seinem Pferd ab, führte solches bei dem
Zügel und gab sich dem Diener, der die Türe öffnen wollte, zu erkennen,
mit der Bitte, dem Junker und gesamten Gästen zu sagen, wie der zur
Stelle und gegenwärtig wäre, nach dem sie allesamt so sehr verlanget
hätten. Der Diener voll Erstaunens lauft eilends und zeiget solches
dem Junker und gesamter Gesellschaft an; diese lachen und sagen, ob
er ein Tor oder voll Weins wäre? Doktor Faust sei ja verreist und
könne nicht über die Mauern herfliegen, nicht er werde es, sondern ein
anderer sein. Indessen klopfte Faustus noch einmal stark an, daß also
der Junker genötigt ward, von der Tafel aufzustehen; er sah aber kaum
zum Fenster hinaus, da nahm er des Doktor Faust beim Mondschein gewahr
und schenkte also des Dieners Anbringen Glauben: alsbald ward die Tür
geöffnet, Doktor Faustus aber von allen freundlich empfangen und sein
Pferd durch den Knecht in den Stall geführt und gefüttert. Die erste
Frage war, daß die gesamten Gäste zu wissen verlangten, wie er doch
so bald, und ehe sie sich dessen versehen täten, von Prag wiederkäme?
Er antwortete kurz darauf: »Da ist mein Pferd gut dazu. Weil mich
die sämtlichen Herren so sehr herbeigewünscht, mich auch zum öftern
mit Namen gerufen, hab' ich ihnen willfahren und bei ihnen allhier
erscheinen wollen, wiewohl ich nicht lang verbleiben kann, sondern bei
anbrechendem Tag, der angefangenen Geschäfte wegen, wiederum zu Prag
sein muß!« Darüber wunderten sich alle nicht wenig, fingen inzwischen
das Spiel wieder an, wo sie es gelassen, waren fröhlich und guten
Mutes, dabei nun auch Doktor Faustus das seinige tun wollte, deswegen
spricht er zu den Gästen: ob sie nicht auch einmal von fremden und
ausländischen Weinen einen Trunk versuchen möchten: es wäre gleich,
Rheinwein, Malvasier, Spanischer oder Franz-Wein; worauf sie bald mit
lachendem Munde sprachen: »Ja, ja, sie sind alle gut.« Zur Stund'
fordert Doktor Faustus von dem Diener einen Bohrer, fängt an, auf die
Seiten des Tischblatts vier Löcher nacheinander zu bohren, verstopft
solche mit vier Zäpflein und hieß alsdann ein paar Gläser schwenken
und herbringen; da diese gebracht waren, ziehet er ein Zäpflein
nach dem andern aus: da sprangen die genannten Weine heraus in die
Gläser, dessen sich die Gäste höchlich verwunderten, lachten und waren
recht guter Dinge, versuchten auch die Weine und genossen derer auf
Zusprechen und Versichern Fausts, daß es natürliche Weine wären, mit
großer Begierde.

Während solcher Kurzweil, nach Verfluß von drei Stunden, kommt des
Junkers Sohn, der spricht zum Doktor Faust: »Herr Doktor, wie muß man
das verstehen? Euer Pferd frißt so unersättlich, daß der Stallknecht
beteuert, er wollte wohl zwanzig Pferde mit dem, was es bereits
gefressen hat, füttern; gleichwohl will dieses alles nicht flecken,
ich glaube, der Teufel frißt aus ihm, es stehet noch immer und siehet
sich um, wo mehr sei.« Über diese recht ernstlichen Worte, wie sie
der junge Mensch vorbrachte, lachten sie alle, Faust aber am meisten,
der darauf antwortete: er sollte es nur dabei verbleiben lassen, das
Pferd hätte diese Art; es hätte für diesmal genug gefressen, denn sonst
würde es wohl allen Hafer von dem Boden hinwegfressen, wenn man seinen
unersättlichen Magen füllen wollte. Es war aber dieses unersättliche
Pferd sein Geist Mephistopheles. Mit solchen und dergleichen andern
Kurzweilen brachten sie die Nacht hin, daß der frühe Morgen bald
begann anzubrechen, da tat Fausts Pferd einen hellen, lauten Schrei,
daß man es in dem ganzen Hause hören mochte. »Nun,« sagte alsbald
Doktor Faustus, »bin ich zitiert; ich muß fort!« und wollte also
Abschied nehmen: aber die Gäste hielten ihn auf; da machte er an
seinen Gürtel einen Knoten, den Aufbruch nicht zu vergessen, und sagte
ihnen noch ein Stündlein zu, nach Verfluß dessen aber fing das Pferd
an zu wiehern, da wollte er wieder kurzweg fort, doch ließ er sich
erbitten, weil er von einem magischen Stück zu erzählen angefangen,
noch ein halbes Stündlein zu verbleiben. Jetzt tat das Pferd aber den
dritten Schrei, da wollte sich Faust nicht länger aufhalten lassen
und nahm seinen Abschied von ihnen allen; diese bedankten sich bei
ihm der unverhofften Einsprache wegen, und gaben ihm das Geleite bis
zur Haustüre, da er sich denn auf sein Pferd setzte und immer die
Schlossergasse hinaufritt, bis zum Stadttor, das noch nicht geöffnet
war; dessenungeachtet schwang sich sein Pferd mit ihm in die Luft, daß,
die ihm nachsahen, ihn bald aus dem Gesichte verloren: Faust aber kam
noch bei frühem Tage in sein voriges Haus in der Stadt Prag.

       *       *       *       *       *

Einst reisten einige Kaufleute mit Doktor Faust hinab gen Frankfurt auf
die Messe und kamen im Odenwald abends in ein Städtlein, Boxberg; nun
lag auf einem Berge daselbst ein Schloß, auf welchem ein Vogt hauste,
der der Verwandte eines Kaufmanns unter der Gesellschaft war; dieser,
da er gerne seinem Vetter eine Ehre erweisen wollte, berief die ganze
Gesellschaft folgenden Tags zu sich auf das Schloß, das hoch lag, und
traktierte sie nach bestem Vermögen. Da sie nun einander mit dem Trunk
ziemlich zugesetzt und allbereits Abschied nehmen wollten, weil es
aussah, als ob ein ander Wetter kommen wollte, spricht einer unter der
Gesellschaft, der indessen zum Fenster hinausgesehen: »Nein, nein, es
hat keine Not des Regenwetters halber, es stehet ein schöner Regenbogen
am Himmel!« Da Doktor Faustus das vernahm, stand er vom Tisch auf,
ging zum Fenster, sah hinaus und sagte: »Was soll es gelten, ich will
mit meiner Hand diesen Regenbogen ergreifen!« Die andern, denen die
Kunst Doktor Fausts nicht so gar bekannt war, liefen sämtlich vom
Tisch, diesem unmöglichen Ding zuzusehen; denn der Regenbogen stand
noch weit von da, um die Gegend Boxbergs herum. Bald aber strecket
Doktor Faustus seine Hand aus, und siehe, da ging der Regenbogen über
dem Städtlein her, gegen das Schloß zu, bis an das Fenster; so daß er
den Regenbogen mit der Hand augenscheinlich faßte und gleichsam hielt.
Er sagte auch darauf, so die Herren möchten zusehen, so wollte er auf
diesen Regenbogen sitzen und davonfahren: aber sie wollten nicht und
verbaten sich's. Zur Stunde zog Faust die Hand ab, da schnellte der
Regenbogen hinweg und stand wiederum wie zuvor an seinem Ort.

       *       *       *       *       *

In der Stadt Braunschweig wohnte ein Vornehmer von Adel, der an der
Schwindsucht krank lange Zeit danieder gelegen; und ob er wohl alle
in und außer der Stadt befindliche Ärzte zu sich gefordert, so wollte
doch nichts helfen. Weil denn alle natürlichen Mittel vergebens waren,
wollte er sich endlich auch der magischen Kur des damals in der Nähe
auf einem Schlosse sich aufhaltenden Doktor Faust, auf den Rat eines
guten Freundes, unterwerfen, berief daher diesen schriftlich und unter
dem Versprechen einer reichlichen Belohnung, wo er ihm helfen werde,
zu sich. Doktor Faustus sandte den Boten gleich wieder nun zurück und
versichert den Herrn, daß er bald kommen und nicht säumen wollte: und
ob er wohl gute Gelegenheit von dem Herrn des Schlosses sowohl zu
reiten als zu fahren hatte, wollte er doch lieber, weil es auch sonst
seine Gewohnheit war, zu Fuße gehen. Als er nun von Ferne die Stadt
erblickte, ward er gleich hinter sich eines Bauern gewahr, der mit
einem leeren Wagen, mit vier Rossen bespannt, gerade der Stadt zufahren
wollte; diesen sprach Doktor Faust mit guten Worten an, er sollt ihn
auf den Wagen sitzen lassen und ihn, weil er sehr müde wäre, führen
bis an das Stadttor. Der Bauer aber schlug es rund ab und meinte, er
würde ohne das genug aus der Stadt zu führen haben, könnte nicht erst
sich mit ihm verweilen und ihn aufsetzen; wiewohl es dem Doktor Faust
nicht ernst war, sondern er machte nur einen Versuch, ob der Bauer so
dienstwillig sein würde. Nun tat ihm die grobe Weise und unbillige
Antwort des Bauern sehr weh; und er gedachte bei sich selbst: Wart',
du grober Esel, du mußt mir herhalten, ich will dich mit gleicher
Münze bezahlen; tust du solches einem Fremden, was wirst du sonst tun?
Alsobald spricht er etliche Worte, da sprangen die vier Räder zugleich
vom Wagen und fuhren zusehend in die Luft hinweg, gleichermaßen fielen
auch die Pferde nieder, als wären sie vom Hagel getroffen worden,
und regten sich nicht mehr. Als der Bauer dies sah, erschrak er, wie
leicht zu glauben, von Herzen, weinte und bat mit aufgehobenen Händen
den Doktor Faust, er solle ihm Gnade erweisen, er wisse wohl, daß er
sich grob an ihm, als einem Fremden, versündigt hätte, er wolle es
gewiß nicht mehr tun! Was sollte nun Doktor Faustus machen? Er sagte:
»Ja, du grober Gesell, tue es hinfüro keinem mehr, was du mir getan
hast, ich will diesmal deiner verschonen: damit du aber nicht gar leer
ausgehest und zugleich ein Andenken haben mögest, andere Fremde nicht
solchergestalt zu traktieren: so nimm immerhin das Erdreich unter
deinen Rossen und wirf es auf sie!« Der Bauer gehorcht dem Faust und
wirft die Erde auf sie, alsobald richteten sie sich wieder auf. »Aber«,
fuhr Doktor Faustus fort, »deine Räder wiederum zu bekommen, gehe der
Stadt zu; bei den vier Toren wirst du ein jegliches Rad finden und
antreffen!« Der Bauer brachte also den halben Tag zu, bis er seine
Räder wieder bekam. --

Als nun Doktor Faust mit obgedachten Kaufleuten gen Frankfurt gekommen,
wurde er -- wie bei solcher Meßzeit allerhand Gaukler und Abenteurer
gemeiniglich erscheinen und zusammenkommen -- von seinem Geist
Mephistopheles berichtet, daß in einem Wirtshaus bei der Judengasse
vier verwegene Gaukler und Schwarzkünstler seien, darunter der eine
der Meister, die andern seine Knechte. Diese hieben einander die
Köpfe ab, ließen den abgeschlagenen Kopf durch einen dazu bestellten
Barbier waschen und säubern und setzten den dem Leibe wieder auf,
zu jedermanns Verwundern, welches denn auch diesen Schwarzkünstlern
ein großes Geld eintrug, weil viel Herren und auch reiche Kaufleute
der Stadt sich dahin verfügten und zuschaueten. Solches verdroß den
Doktor Faust nicht wenig, denn er meinte, er wäre allein des Teufels
Hahn im Korb; deswegen nahm er sich gleich vor, seine Kunst auch hier
sehen zu lassen, und ging dahin, nebst andern dem Handel zuzuschauen.
Er sah aber daselbst bald eine rote Decke auf der Erde ausgebreitet
liegen. Auf der Seite des Zimmers stand ein Tisch und auf demselben ein
verglaster Hafen, darin, wie sie vorgaben, ein destilliertes Wasser
wäre, in welchem Wasser vier grüne Lilienstengel standen, die nennten
sie die Wurzeln des Lebens.

Nun war es mit dem Handel also beschaffen, daß, wenn einer von den
Gauklern niederkniete auf die rote Decke, ging bald der andere herbei
und hieb mit einem breiten Schwert diesem den Kopf ab und gab ihn
dem Barbier, der ihn zwagen und sogar barbieren mußte. Wenn dieses
verrichtet war, gab alsdenn der Barbier dem Meister den Kopf, der
solchen den Anwesenden zu beschauen darreichte; inzwischen setzte man
den Körper auf einen Stuhl, und wenn es Zeit war, so setzte je einer
nach dem andern den Kopf, mit vielen seltsamen Worten und Zeremonien,
wieder auf: sobald aber dieses geschehen, sprang eine Lilie aus den
vieren in dem Hafen auf dem Tisch in die Höhe, und wurde sobald auch
der Leib wiederum ganz; und dieses trieben sie immer so fort, bis es
auch an den Meister kam. Diesem nun, ob ihn schon vorher Doktor Faustus
sein Leben lang nicht gesehen hatte, wollte er eines versetzen und
solchem Gaukelwerk ein Ende machen. Daher, als sie zum andernmal das
Kopfabhauen anhuben, und die Reihe nun an dem Meister war, beobachtete
er genau, welcher Lilienstengel in dem Hafen dem Meister zugehörte,
und als dieser eben niederknien wollte, geht Doktor Faustus unsichtbar
hin zu dem Tisch, auf welchem der Hafen mit dem Lilienstengel stand,
und schlitzte mit einem Messer des Meisters Lilienstengel voneinander,
machte sich hierauf wieder unsichtbar von dannen und zur Türe hinaus,
welches auch die Anwesenden nicht gewahr wurden. Der Knecht schlägt
indessen dem Meister, wie vorhin mehr geschehen, das Haupt ab, läßt es
waschen und barbieren, und will es nun wieder auf den Körper setzen;
aber siehe, da fiel es wieder herab. Alle Anwesende, besonders aber
die Knechte des Schwarzkünstlers, erschraken in ihre Seele hinein, und
noch mehr entsetzten sie sich, als sie entdeckten, daß des Menschen
Lilie oder Wurzel des Lebens in dem Hafen voneinander geschlitzt war
und der Meister tot auf der Erde lag.

       *       *       *       *       *

Doktor Faustus kam auf eine Zeit, Geschäfte halber, die er für andere
dort zu verrichten hatte, in die Stadt Gotha, etwa um die Zeit des
Brachmonats, wo man allenthalben mit dem Heumachen und Einführen
beschäftiget war. Eines Tags nun war er, seiner Gewohnheit nach,
ziemlich bezecht und ging abends mit etlichen seiner Zechbrüder
spazieren vor das Tor hinaus; indem begegnet ihm ein Wagen wohlbeladen
mit Heu; Doktor Faustus aber ging mitten im Fuhrwege, daß ihn also der
Bauer, der das Heu einführte, notwendig ansprechen mußte, er solle ihm
aus dem Weg weichen und seinen Weg nebenhin nehmen. Faust aber zögerte
mit der Antwort nicht: »Ich will bald sehen,« sprach er, »ob ich dir
oder du mir weichen müssest; höre, Bruder, hast du niemals gehört, daß
einem vollen Mann ein geladener Wagen ausweichen solle?« Der Bauer war
über die Verzögerung recht unwillig, gab dem Faust viel unnütze Worte,
und wenn er nicht gehen wolle, werde er ihm den Weg weisen; Faust
aber erwiderte ihm auf der Stelle: »Wie, Bauer, wolltest du erst noch
pochen? Mache mir nicht viel Umstände, oder ich fresse dir beim Element
deinen Wagen samt dem Heu und den Pferden!« Der Bauer sagte darauf: »Ei
so friß auch noch etwas anders dazu.« Doktor Faustus, nicht unbehende,
rückte mit seiner Kunst hervor, verblendet den Bauern dergestalt, daß
er nicht anders meinte, denn jener habe ein Maul groß wie ein Zuber,
und daß er bereits seine Pferde samt dem Wagen und Heu verschlungen
und gefressen hätte. Der Bauer erschrak heftig hierüber und entlief
eilends, denn er meinte, wenn er lang allda verharren würde, möchte es
letztlich auch an ihn selber kommen; eilet deswegen der Stadt und dem
Bürgermeister zu, klagt ihm seine Not, wie ihm ein ungeheurer und doch
dem Ansehen nach nicht großer Mann begegnet sei, der hab' ihm nicht aus
dem Fuhrwege wollen weichen, da er ihn doch darum gütlich angesprochen;
darauf habe er ihm bald gedroht, er wolle ihm den Wagen mitsamt den
Pferden fressen, wenn er ihm, als einem Trunkenen, nicht ausweichen
wolle: wie denn alsdann auch geschehen; er bitte um Rat und um Hilfe.

Der Bürgermeister, als er das vernahm, lachte und spottete noch des
Bauern dazu, sagte, das wäre ja nicht möglich! er sei entweder trunken
oder nicht bei sich selbst. Der Bauer beteuerte hoch, daß dem also
sei, wie er erzähle, berief sich auf seine Nachbarn und andere, die
hinter ihm hergefahren wären. Wollte anders der Bürgermeister Ruhe
haben, mußte er sich mit dem Bauern dahin verfügen und dieses Wunder
anschauen: als sie beide aber etwa einen Bogenschuß fern von da
ankamen, siehe, da standen wie zuvor Rosse, Heu und Wagen, unverletzt
und unverrückt allda; Faust aber hatte indessen einen andern Weg
genommen.

       *       *       *       *       *

Als aber Doktor Faustus einst wieder auf Wittenberg zu reiste, kam er
auf den Abend unterwegs in ein Wirtshaus, darinnen traf er Kaufleute
und andere Reisende an; da sie nun zu Nacht miteinander gespeiset
hatten und mit dem Trunk einer dem andern ziemlich zugesprochen, da
stand der Wirtsjunge jederzeit hinter Doktor Faust, und weil er ihn
für einen Abenteurer (das er auch war) ansah, schenkte der Junge
ihm allemal das Glas ganz voll ein, womit denn Doktor Faustus nicht
zufrieden war; drohete ihm auch, wenn er's noch einmal tun würde,
so wollte er ihn mit Haut und Haar fressen. Da nun der Junge seiner
spottete und sagte: »Jawohl, fressen!« und ihm darauf abermal zu voll
einschenkte, sperrte Doktor Faustus sein Maul auf und schluckte ihn,
zum Erstaunen aller, die an dem Tisch waren, hinunter, erwischte darauf
den Schwenkkessel mit dem Kühlwasser und sagte: »Auf einen guten
Bissen gehöret ein guter Trunk«, und soff den rein aus. Der Wirt, der
indessen abwesend gewesen und nichts von allem, was geschehen war,
wußte, aber mit Schrecken solches vernahm, redete deswegen dem Doktor
Faust ernstlich zu, er solle ihm seinen Jungen wieder herschaffen, oder
er wolle etwas anderes mit ihm anfangen. Da sagte Faustus ganz ruhig:
»Herr Wirt, gebt Euch zufrieden und sehet hinter den Ofen!« Da fand
man dort in dem Schwenknapf den Jungen tropfnaß, voller Schrecken und
Zittern, worüber denn die ganze Gesellschaft herzlich lachen mußte.


2

Doktor Faustus war jetzt nicht allein in der Stadt Wittenberg,
sondern auch auf dem Land wegen Schwarzkunst und Zauberei verrufen.
Deswegen ließen ihn gottesfürchtige und gelehrte Leute durch andere zu
unterschiedenen Malen erinnern und warnen, von solchem teuflischen
Leben und Wandel abzustehen; unter andern ließ sich eines Tags ein
Nachbar desselben, ein frommer alter Mann, die Mühe nicht dauern, sein
Heil zu versuchen, ob er diesen elenden Menschen bekehren möchte,
zumal er fast täglich wahrnehmen mußte, wie die jungen Bursche und
fürwitzigen Studenten in seiner Behausung aus und ein gingen, da sie
ja nichts Gutes sehen und lernen würden. Er verfügte sich deswegen
an einem Nachmittag zu Doktor Faust, und als er ihm mit freundlichen
Worten die Ursache seines Einkehrens zu erkennen gegeben, wurde er auch
von diesem freundlich empfangen; und es gehet die Sage, als sei dieser
alte Warner der getreue Eckhard gewesen, der schon seit viel hundert
Jahren zum Wächter am Venusberge bestellt ist und die unwissenden
Menschen warnt und abmahnt, daß sie nicht zu den teuflischen
Unholdinnen in den Berg hineingehen: wie denn ein Sprichwort ist, daß
man zu einem, der andere getreulich warnet und hütet, gemeiniglich
spricht: Du bist der getreue Eckhard, du warnest jedermann.

Leicht ist zu glauben, daß jener dem Doktor Faust allerhand Lehren
und Ermahnungen aus Gottes Wort werde vorgebracht und recht unter
die Augen gestellt haben, welche auf Abmahnung von seinem bisher so
ärgerlich geführten Leben und auf Anweisung zu einem bessern Wandel
werden gerichtet gewesen sein; wie denn dieser fromme Alte dem
Ansehen nach auch wirklich so viel ausrichtete, daß ihm bei seinem
Abschied Doktor Faustus gelobte, er wolle seiner heilsamen Lehre und
Ermahnung nachkommen. Auch ist es ihm denn, da er jetzt allein war,
solchergestalt zu Herzen gegangen, daß, indem er bei sich selbst
erwog, was er doch gedacht habe, daß er sich um nichtiger Wollust
willen dem leidigen Teufel ergeben habe, er sich entschloß, Buße zu
tun, weil noch Zeit vorhanden, und sein Versprechen dem Teufel wieder
zurückzuziehen. Unter solchem Vorhaben erscheint ihm der Teufel, tappt
nach ihm, stellt sich nicht anders, als ob er ihm den Kopf umdrehen
wollte, warf ihm bald vor, was ihn so ernstlich dazu bewogen hätte, daß
er sich dem Teufel ergeben, nämlich sein frecher, stolzer und sicherer
Mutwille. Er, Faustus, sei ihm, dem Teufel, nachgegangen, und nicht
er, der Teufel, ihm; er habe ihn zu vielen und unterschiedlichen Malen
mit Charakteren, Beschwörungen und andern Sachen angerufen und seiner
eifrigst begehrt. Zudem so hab' er ja ungezwungen und freiwillig die
fünf Artikel angenommen, sich auch hernach mit seinem eigenen Blut
verschrieben und verpflichtet, daß er Gott und Menschen feind sein
wolle. Diesem Versprechen nun komme er nicht nach, wolle eigenmächtig
umkehren, da es doch schon allzu spät und er nunmehr des Teufels eigen
sei, der ihn zu holen und anzugreifen gute Macht habe. So wolle denn
der Satan Hand an ihn legen, oder aber er soll sich wieder von neuem
verschreiben und solches mit seinem Blute bekräftigen, daß er sich
hinfüro von keinem Menschen mehr wolle abmahnen und verführen lassen:
wo nicht, so wolle er ihn in Stücke zerreißen. Doktor Faustus, ganz
voll Erstaunen bei Anhörung dieser schrecklichen Drohworte, bewilligte
alles mit bebenden Lippen von neuem, setzte sich nieder, schrieb mit
seinem Blut die zweite Teufelsverschreibung, welche nach seinem Tode in
seiner Behausung gefunden wurde.

       *       *       *       *       *

Nachdem er sich also dem Teufel aufs neue mit seinem Blut verschrieben,
schlug er alle treue, wohlgemeinte und seiner armen Seelen
ersprießliche Warnung jenes gottesfürchtigen Nachbarn in den Wind
und geriet, auf Anstiften des verbosten Geistes, gegen diesen alten,
ehrlichen Mann in einen solchen Haß, daß er auch nicht ruhen oder
rasten wollte, bis er sein Mütlein an ihm gekühlet und ihn womöglich an
Leib und Leben gefährdet hätte.

Wie nun, dem Sprichwort nach, ehrlicher Leute wohlgemeinte Straf' und
Ermahnung gemeiniglich schlechten Lohn erwirbt, also erging es auch
dem ehrlichen Nachbar: denn etwa nach zweien Tagen, als er nach dem
Nachtessen zu Bette gegangen und sich allbereit nach gesprochenem
Abendgebet schlafen geleget, siehe, da rüstet ihm Doktor Faustus ein
solch Poltern und Rumpeln vor der Kammer an, als ob alles über einen
Haufen fallen wollte, welches der gute Mann vorher niemal gehört;
jedoch ermunterte er sich bald und gedachte bei sich, dies würde gewiß
eine Versuchung des Teufels sein, vielleicht, weil er den Nachbar
Faust gutherziger Meinung seiner Seelen Wohlfahrt zu bedenken ermahnt
habe. In diesen Gedanken kommt das Teufelsgespenst gar zu ihm in die
Kammer hinein, grunzt wie ein Schwein und treibt es so lang, daß dem
guten Mann angst und bang darüber wird. Allein er erholt sich endlich,
gedenkt bei sich selbst: ich werde doch solch Gespenst nicht leicht von
mir treiben, als mit Verspotten und Verachten; fängt deswegen an und
sagt herzhaft: »Ei, eine solche schöne Musik ist mir mein Lebtag nicht
vorgekommen, die lieblicher zu hören gewesen denn diese; ich glaube, du
hast sie in einem Wirtshaus bei den vollen Bauern und Zechbrüdern, oder
welches glaublicher, bei dem Schweinehirten gelernet; wie ist sie doch
so trefflich angestellt, ist sie vielleicht ein höllisches Konzert? Nun
wohlan, sing du die Noten, so will ich den Text dazu singen!«

Und so fing der fromme Mann an, mit heller Stimme ein geistliches Lied
zu singen. Auf der Stelle schwieg der Teufelsspuk. Jener aber sagte:
»Meister Satan, wie gefällt dir dieses Lied? Ich hätte vermeint, du
solltest dich mit deiner lieblichen Musik etwa an einen fürstlichen
Hof begeben haben, da man vielleicht mehr darauf würde geachtet haben
als bei mir! Packe dich von hier und spare solchen Gesang bis zur
Auferstehung der Toten und Erscheinung des allgemeinen Richters; wo du
alsdann ohne Zweifel in einen Himmel kommen wirst, wo die Flammen zum
Loch ausschlagen!« Mit solchem Gespötte hat der Nachbar das Gespenst
vertrieben, und es ist hinfort nicht mehr gehöret worden.

Des andern Morgens fragte Faust seinen Geist, was er bei dem Alten
ausgerichtet habe. Da gab ihm der Geist die Antwort: er hätte ihm nicht
beikommen können, denn er wäre geharnischt gewesen.

       *       *       *       *       *

Um diese Zeit geschah es, daß Doktor Faust, zu besserer Betreibung
seines Zauberhandwerks, sich einen Famulus beigesellte. Es kam nämlich
zur rauhen Winterszeit eines Tags ein junger Schüler vor Fausts
Behausung, der sang, selbiger Zeit Gebrauch nach, das Responsorium;
diesem hörte eine Weile Doktor Faustus zu, und weil er sah, daß der
arme Mensch übel gekleidet und fast erfroren war, erbarmte er sich
seiner, forderte ihn hinauf in seine Stube, sich zu wärmen, besprach
sich mit ihm, fragte, woher er wäre und wer seine Eltern seien? Worauf
der Junge bald antwortete: er wäre eines Priesters Sohn zu Wasserburg,
hätte seines Vaters täglichen Ungestüm nicht länger ertragen können
usw. Als nun Doktor Faust aus seinen Reden und allen Anzeichen abnahm,
daß er eines gelernigen und zugleich verschmitzten Kopfes sei, nahm er
ihn zu einem Famulus an und hatte ihn hernach sehr lieb, hauptsächlich,
da er nach und nach an ihm wahrgenommen, wie er ganz verschwiegen war
und keine Schalkheit seines Herrn offenbarte, ja selbst voll böser
Lüste steckte. Darum eröffnete er ihm einst alle seine Heimlichkeit
und ließ ihn überdies eines Tags seinen Geist in der gewöhnlichen
Mönchsgestalt sehen, worüber jener nicht erschrak, sondern die
Erscheinung bald gewohnt wurde. Ja, er verrichtete hernach alle Sachen,
wie ihm der Geist befahl, so wohl und mit solchem Fleiß, daß ihn sein
Herr, Doktor Faustus, so lieb gewann, daß er ihm vor seinem Tod in
seinem Testament alle seine Verlassenschaft vermachte.

Nun Faust einen menschlichen Aufwärter bekommen, konnte er seinen
schwarzen Zauberhund Prästigiar, der auch ein Geist war, entbehren und
schenkte ihn einem Abte zu Halberstadt, der selber ein Kristallseher
war. Dieser Hund war nun in allem dem Abt gehorsam, deswegen er ihn
auch sehr lieb hatte; nach Verfluß eines Jahrs aber verfiel er in ein
großes Winseln und Seufzen, wollte sich nicht sehen lassen und verbarg
sich, wo er nur konnte; der Abt fragte ihn deswegen: wie es doch käme,
und wie er's meine? Da gab ihm der Geisterhund zur Antwort: »Ach,
lieber Abt, ich habe vermeinet, ich wolle sehr lang in deinem Dienst
verharren, aber ich sehe es leider und weiß es, daß es nicht sein kann,
und ich also vor der bestimmten Zeit von dir scheiden werde, das wirst
du bald und in kurzem erfahren, die Ursach' aber unterlasse ich für
dieses Mal!« Wie dem allen sein mochte, ehe acht Tage um waren, fiel
der Abt in eine hitzige Krankheit und starb im Aberwitz.

       *       *       *       *       *

Einsmals besuchte Doktor Faustus wieder mit einigen Studenten, seinen
vertrauten, guten Freunden, die Leipziger Messe. Es kam aber eben
damals auch daselbst ein vornehmer Kardinal, namens Campegius, an, dem
erwies der Magistrat der Stadt alle Ehre. Dieser fuhr des andern Tags
aus der Stadt mit seinen Leuten an einen nahe gelegenen lustigen Ort,
frische Luft zu schöpfen; weil nun Faust solches erfuhr und er ihn
auch gern sehen wollte, ging er mit seiner Gesellschaft zu Fuß hin an
denselbigen Ort.

Doktor Faustus gedachte bald bei sich, wie er auch hier sich mit seiner
Kunst zeigen und diesem Herrn etwas zu Gefallen tun möchte, damit er
von ihm bei seiner Heimkunft zu Rom etwas zu sagen hätte. So sprach
er denn zu seinen Gesellen: »Liebe Herren und Freunde, in Ermanglung
anderer Kurzweil will ich diesem Fürsten zu Ehren eine sonderbare Jagd
anstellen, die doch dem Landesfürsten in seinem Gebiet und den daran
haftenden Rechten nicht nachteilig sein soll; ihr aber bleibet allhier
stehen und sehet zu.«

Bald darauf zog daher sein Mephistopheles, mit vielen Hunden begleitet,
und auch er ging einher wie ein Jäger; Doktor Faustus setzte sein
Hörnlein an und blies: zur Stunde sah man in der Luft daherfahren
bald einen Fuchs, bald einen furchtsamen Hasen, welchen denn, beide
gleichfalls in der Luft, Mephistopheles mit den Hunden, Doktor Faust
aber mit seinem Hörnlein immer nachfolgten. Die Hunde ängstigten und
trieben die Füchse und Hasen bald so weit in die Höhe, daß man sie kaum
mehr sehen konnte, bald kamen sie wieder herab, und hatte der Kardinal,
der ohnedies dem Jagen sehr ergeben war, darob eine sonderliche Freude;
dies währte fast eine Stunde, alsdann verschwanden die Jäger, die
Hunde, die Füchse, die Hasen, und Doktor Faust fuhr wie aus der Luft
herab an den Ort, wo seine Gesellen standen und zuschaueten. Dies sah
auch der Kardinal, ließ seiner Diener einen dahineilen, um zu fragen,
wer doch diese Person wäre. Da ihm nun hinterbracht wurde, daß es der
Doktor Faustus wäre, von welchem er bereits viele wunderliche Abenteuer
erzählen gehört, erfreute er sich und ließ ihn durch einen Edelmann
bitten, daß er auf den Abend sein Gast sein und mit seiner Tafel
fürliebnehmen wolle.

Als Doktor Faust erschienen, erzeigte ihm der Kardinal allen geneigten
Willen, versprach ihm, wenn er mit ihm nach Rom kommen wolle, daß er
ihn allda zu einer hohen Würde befördern wollte, denn er gedachte sich
seiner als Wahrsagers zu bedienen. Faust aber bedankte sich höflich
und setzte stolz hinzu: er habe Guts und Hoheit genug, denn ihm sei
der höchste Fürst der Welt untertänig. Und damit nahm er unter vielen
Reverenzen Abschied von dem Kardinal.

       *       *       *       *       *

Der löbliche Kaiser Maximilian kam auf eine Zeit mit seiner ganzen
Hofhaltung nach Innsbruck, willens, einige Zeit lang da zu verharren
und frische Luft zu schöpfen. Weil nun Doktor Faustus auch dazumal
seiner Kunst wegen bei Hof sich aufhielt, und ein anderer probehalber
bei Ihrer Kaiserlichen Majestät in besonderen Gnaden war, geschah
es einst im Sommer nach Jakobitag, da der Kaiser das Nachtessen
eingenommen hatte und in seinem Zimmer auf und ab spazierte, daß er
den Doktor Faust allein zu sich kommen ließ und begehrte, er soll ihm
vermittels seiner Kunst etwas zu Gefallen ausrichten, es werde ihm, bei
seinem kaiserlichen Wort, nichts Arges deswegen widerfahren, sondern er
wolle es noch mit allen Gnaden erkennen.

Doktor Faustus konnte und wollte ein solches Ihrer Kaiserlichen
Majestät nicht abschlagen, und der Kaiser sprach hierauf weiter: »Ich
saß neulich in meinen Gedanken und betrachtete in meinem Gemüte, wie
meine Vorfahren so hoch in der kaiserlichen Würde und Hoheit gestiegen
und zu einem solchen Ansehen bei der Nachwelt gelangt sind, daß ich
billig Sorge trage, ob die nachfolgenden Kaiser gleicher Ehre möchten
teilhaftig werden; aber was ist dieses alles gewesen gegen die Hoheit
und das Glück Alexanders des Großen, der fast die ganze Welt in so
kurzer Zeit unter sich gebracht hat? Nun möchte ich herzlich gern
den Geist dieses unüberwindlichen Helden, wie auch seiner schönen
Gemahlin, wie sie in dem Leben gewesen, sehen und kennen.« Doktor
Faust antwortete nach einem kleinen Bedacht, er wolle dieses alles
bewerkstelligen ohne einen Betrug, nur dieses bäte er Ihre Kaiserliche
Majestät, daß sie ja während der Zeit dieser Vorstellung nichts reden
sollten, welches jener auch versprach. Faustus geht indessen vor das
Gemach hinaus, erteilt seinem Mephistopheles Befehl, diese Personen
vorstellig zu machen und geht wiederum hinein. Bald klopfet er an
die Türe, da tat sich diese von selbst auf, und herein schritt der
große Alexander, wiewohl nicht groß von Person, jedoch strengen
Ansehens; dazu hatte er einen falben Bart; er trat herein in einem ganz
vollkommenen köstlichen Harnisch und machte dem Kaiser Reverenz, dieser
aber wollte sofort dem Herrn Bruder die Hand bieten und sprang deswegen
von seinem Stuhl auf. Faust aber trat eilig dazwischen und verhinderte
es.

Als nun Alexanders Geist wieder von dannen gegangen, kam alsobald der
Geist der Königin, seiner Gemahlin, herein. Diese machte ebenfalls vor
dem Kaiser eine tiefe Reverenz, war angetan mit himmelblauem Samt, über
und über mit orientalischen Perlen besetzt; sie war dabei eine über
alle Maßen schöne Frau, lieblichen Ansehens und holdseliger Gebärden,
daß sich der Kaiser recht über solcher Schönheit verwunderte. Zugleich
fiel ihm ein, wie er öfters von dieser schönen Königin gelesen, daß
sie hinten an dem Nacken eine Warze gehabt haben sollte. Er stand
daher auf, die Wahrheit dessen zu erfahren, und ging hin zu ihr, und
als er die Warze gefunden, ist auch der Geist hinausgegangen: also
ist dem Kaiser hierin ein völliges Genüge geschehen, und er bedachte
den Schwarzkünstler mit einem recht kaiserlichen Geschenke. Dieses
nun wollte Doktor Faust mit Dankbarkeit erwidern und Ihrer Majestät
noch eine besondere Ergötzlichkeit verschaffen. Nachdem kurz hierauf
eines Abends der Kaiser Maximilian zur Ruhe gegangen und sich in sein
gewöhnliches Schlafgemach verfüget, konnte er sich frühmorgens, da
er erwachte, nicht besinnen, wo er doch wäre; denn das Schlafgemach
war durch Doktor Fausts Kunst zugerichtet als ein schöner Saal, in
welchem viel schöne, lustige Bäume von grünen Maien zu beiden Seiten
standen, neben andern, die behängt waren mit zeitigen Kirschen und
anderem Obst; der Boden des Saals war anzusehen als eine grüne Wiese
von allerlei bunten Blümlein; um des Kaisers Bettstatt aber standen
noch edlere Bäume, als Pomeranzen, Granaten, Feigen und Limonien, mit
ihren Früchten; auf dem Gesims waren zu sehen die allerwohlriechendsten
Blumen, und an den Wänden hingen bereits zeitige Trauben.

Leicht ist zu glauben, daß solche unverhoffte Veränderung seines
Schlafzimmers den löblichen Kaiser werde haben recht verwundern
gemacht, welches denn auch Ursache war, daß er etwas länger als sonst
in dem Bette verharret. Er stand aber hernach auf, tat seinen Nachtpelz
um sich und setzte sich nahe bei dem Bett auf einen Sessel: indem
hörte er lieblichen Gesang der Nachtigall, den anmutigen Zusammenklang
anderer singenden Vögel, die denn immer von einem Baum auf den andern
hüpften; auch sah er von ferne zu Ende des Saals schneeweiße Kaninchen
und junge Hasen laufen; und bald darauf überzog das obere Tafelwerk
ein Gewölk. Als nun der Kaiser diesem allem begierig zusah und
solchergestalt im Saal sich verweilete, gedachten die Kammerdiener,
wie es doch kommen möge, daß ihr allergnädigster Herr vom Bett nicht
aufstehe, es müsse ihm etwa eine Unpäßlichkeit zugestoßen sein;
sie erkühnten sich deswegen und öffneten sittiglich die Türe des
Schlafgemachs: allwo sie denn nicht allein ihren Herrn, den Kaiser,
bei guter Gesundheit antrafen, sondern aus der herrlichen Lust allda
abnehmen mußten, was die Ursache des Verweilens gewesen: der Kaiser
aber ließ alsobald die Vornehmsten am Hof zu sich berufen, die sich
denn ebenfalls ob der Zierlichkeit und Lustbarkeit des Saals nicht
genugsam verwundern konnten. Allein nach etwa einer Stunde und ehe sie
sich dessen versahen, fingen an, die Blätter an den Bäumen welk zu
werden und zu verdorren, wie auch die Früchte und Blumen; bald aber
kam ein Wind zum Gemach herein, der wehete alles ab, so gar, daß der
ganze Zauber in einem Augenblick vor ihren Augen verschwunden und ihnen
nicht anders war, als hätte es ihnen geträumt. Dem Kaiser hatte die
Lustbarkeit dieses zugerichteten Saals so wohl gefallen, daß er eine
gute Weile in Gedanken sitzend nachdachte, wer doch solches zugerichtet
haben möge; und als, wie natürlich, sein Verdacht auf Doktor Faustus
fiel, ließ er ihn zu sich berufen und fragte ihn, ob er der Meister
dieses Werks gewesen? Doktor Faust demütigte sich und sprach: »Ja,
allergnädigster Herr, Euer Kaiserliche Majestät hat mich kürzlich
wegen eines erwiesenen Kunststücks mit einer ansehnlichen Verehrung
begnadiget, dagegen ich mich denn auch, wiewohl schlecht genug, habe
müssen dankbar erweisen.« Darob der Kaiser ein gnädiges Wohlgefallen
getragen.

Nun ward eines Tages Doktor Faust inne, daß der Kaiser einigen fremden
Gesandten und andern Herren zu Ehren ein kostbares Bankett auf den
Abend zugerichtet hatte, wobei auch das Frauenzimmer zugegen sein
mußte. Es wollte aber bei solcher Fröhlichkeit Doktor Faustus seine
Kurzweil auch mit einmengen, wohl wissend, daß es hoher Orten nicht
mißliebig sein würde. Er brachte es deswegen durch seine Kunst dahin,
daß in dem großen Saal, wo das Mahl gehalten wurde, dem Ansehen nach
ein Gewölk hineinrauschte, etwas trüb, gleich als wenn es bald regnen
wollte, bald aber darauf zertrennte sich dieses Gewölk, mit Weiß und
Blau gemischt, also daß es herrlich anzusehen war; der Himmel stund
da ganz blau, und ließen sich die Sterne daran in voller Klarheit
sehen, auch nahm man den Mond in vollem Scheine wahr; etwa über eine
Viertelstunde hernach überlief das Gewölk wieder, und die Sonne tat
einen starken Blitz, daß sich alle versammelten Gäste kreuzigten, bald
aber einen schönfarbigen Regenbogen der kaiserlichen Tafel zugehen
sahen, der jedoch bald wieder verging. Als nun Doktor Faustus vermerkt,
daß bereits der Kaiser und die vornehmsten Herren mit ihm von der Tafel
aufgestanden, die Damen aber und die sie bedient und ihnen aufgewartet,
sich noch etwas aufhielten, siehe, da überlief das Gewölk durch einen
starken Wind abermal und erschien sehr trübe, da es denn bald anfing
zu blitzen und zu donnern, ja zu kieseln und stark zu regnen, so daß
alle, so in dem Saal zugegen waren, davonlaufen mußten; welches denn
dem Kaiser alsobald angedeutet wurde, der, nach einigem Schrecken, wohl
inne ward, daß das Wetter ohne Schaden abgegangen und nur ein durch
Kunst des Doktor Faust zugerichtetes Gewitter gewesen. Und so hatte er
ein besonderes Wohlgefallen auch an dieser Kurzweil.

       *       *       *       *       *

Einst kam einer von Adel nach Leipzig, und als ihm in dem Wirtshaus
über der Tafel von andern erzählt wurde, wie Doktor Faustus, der
berühmte Schwarzkünstler, verstorben, und zwar ein erbärmliches Ende
genommen hätte, da erschrak hierüber dieser Edelmann von Herzen
und sprach: »Ach das ist mir sehr leid, er war dennoch ein guter,
dienstfertiger Mann, und mir hat er eine Wohltat erzeigt, deren ich
die Zeit meines Lebens nimmermehr vergessen kann. Es war dazumal mit
mir so beschaffen; als ich vor sieben Jahren noch ledigen Stands und
unverheiratet war, auch zur selben Zeit zu Wittenberg Studierens
wegen mich aufhielt, lernte ich unter andern Freunden auch Doktor
Faust kennen, und zwar so, daß er mich, ohne Ruhm zu reden, vor
andern recht liebte und mir wohl wollte. Nicht lang hernach wurde
ich auf den Ehrentag eines Verwandten nach Dresden eingeladen, auf
welchem ich auch erschien, aber ich weiß nicht zu meinem Glück oder
Unglück; denn ich kam in ein Verhältnis mit einer adeligen, schönen,
tugendbegabten Jungfrau, die mich auch in Züchten ihre Gegenliebe
merken ließ, so, daß nach der Einwilligung unserer beiderseitigen
Verwandten in kurzem daraus eine Heirat ward. Als ich nun etwa ein
Jahr in aller Vergnüglichkeit in friedsamer Ehe lebte, da ward ich
einst von zweien meiner Vetter verführt, die Lust hatten, das heilige
Land zu besehen, daß ich trunkenerweise, jedoch bei Edelmannswort,
zusagte, daß ich mit ihnen dahin reisen wollte; ich hielt auch dies
Versprechen unverbrüchlich, und meine Hausfrau, wie sehr sie sich auch
dawidersetzte, mußte doch solches endlich geschehen lassen.

Es starben aber nach kaum halbvollbrachter Reise etliche von uns
und kamen, kurz zu sagen, mit Mühe und Arbeit nur unser drei an den
verlangten Ort; um nun in der Welt auch noch mehr zu sehen, wurden
wir darüber einig, unsern Weg über Griechenland nach Konstantinopel
zu nehmen, um des Türken Wesen desto besser einzusehen; allein, bei
einem Engpaß, durch den wir reisen mußten, wurden wir für Kundschafter
angesehen, darüber gefangen, und, mit einem Wort, wir mußten unser
hartseliges Leben in schwerer Dienstbarkeit fünf ganze Jahre zubringen.
Der eine meiner Vetter starb hierüber, und kam über Venedig die Sage
nach Deutschland zu den Ohren meiner Freunde, wie auch meiner Ehefrau,
daß ich gewiß gestorben wäre. Nun fanden sich, wie leicht zu glauben,
bald Freier, die sich um meine Frau bewarben, und ließ sich auch
diese nach halb geendigter Trauer von einem wackern Edelmann aus der
Nachbarschaft bereden, daß sie das Jawort gab, und also zur andern Ehe
schreiten wollte, wie denn bereits zur hochzeitlichen Feier Anstalt
gemacht wurde. Allein was geschiehet?

Diesem meinem alten, guten Freund und Bekannten, dem Doktor Faust,
kommt beides zu Ohren, daß ich nämlich wäre in der Türkei verstorben,
und daß daher meine Ehefrau sich wieder in ein anderes Eheverlöbnis
mit einem von Adel eingelassen hätte; der hatte nun meines vermeinten
Todes wegen mit mir ein großes Mitleiden, zumal daß ich in so schwerer
Dienstbarkeit solle verstorben sein; forderte deswegen seinen Geist
zu sich, fragte ihn, ob dem also wäre, wie die Sage von mir ginge? Ob
ich tot oder noch am Leben wäre? Und als er von dem Geist vernommen,
daß ich nicht tot sei, jedoch noch immer in harter Dienstbarkeit lebe,
daraus ich ohne Zweifel so bald nicht würde erlöst werden, befahl
er von Stund' an diesem seinem Geist, daß er sich aufmachen, mich
von da erlösen und wieder in mein Vaterland bringen sollte; welches
alsobald Mephistopheles zu leisten zusagte und auch redlich gehalten.
Denn er kam in Fausts Gestalt, eben um die Mitternachtsstunde, da ich
wachend auf der Erde (denn dieses war mein Bett) gelagert war und
mein Elend betrachtete, zu mir hinein, und es war um ihn gar helle;
ich erschrak und fürchtete mich, den Mann recht anzusehen, erkühnte
mich doch dessen einmal, und es dünkte mich, ich sollte diesen Mann
zuvor mehr gesehen haben. Er fing aber mit mir an zu reden, darüber
ich mich erfreute, weil ich ihn für ein Gespenst hielt, und sprach:
»Kennest du deinen alten Freund, den Doktor Faust, nicht mehr?
Wohlauf, du mußt mit mir und dich nach ausgestandenem Leid wiederum
ergötzen.« Ich kam also von da schlafend getragen in des Doktor Fausts
Behausung nach Wittenberg, der empfing mich mit Freuden, zeigte mir
zugleich an, wie sich meine Ehefrau bereits vor einem halben Jahr
mit einem andern Edelmann verlobet, und am dritten Tage die Hochzeit
sein sollte; es wäre demnach große Zeit, mich eilig bei derselben
einzustellen, wie ich denn auch folgenden Tags getan. Meine Ehefrau
erschrak nun zwar bei meiner Ankunft nicht wenig und wußte nicht, ob
ich ihr leibhaftiger Mann, oder aber sein Geist wäre, weil jedermann
glaubte, daß ich vorlängst schon der Würmer Speise worden. Weil ich
aber meiner Liebsten genugsame Anzeichen sehen ließ, ob schon die
Menge der Trübsale meine Gestalt um ein Merkliches verändert; ihr
auch den ganzen Verlauf meiner fünfjährigen Gefangenschaft, sowie die
erfreuliche Erlösung aus derselben erzählte, so fiel sie mir zu Füßen,
bat demütig um Verzeihung, ließ alsbald unser beider Verwandtschaft
berufen und entdeckte ihr meine Wiederankunft, erklärte auch darauf
selbst, daß sie das zweite Verlöbnis für nichtig und ungültig erkenne.
Diesem Ausspruche fiel die ganze Sippschaft bei, und weil der Edelmann
an das Gericht appellierte, so bestätigte denselben auch der Richter.
Eine solche Wohltat nun, ihr Herren, hat mir der gute Doktor Faustus
erzeigt, welche ich ihm die Zeit meines Lebens nicht werde genugsam
verdanken noch rühmen können.«

       *       *       *       *       *

Als einst die erfreuliche Fastnachtszeit herbeigekommen, berief
Doktor Faust etliche Studenten, seine vertrauten Brüder und Freunde,
traktierte sie aufs beste, und dieses währte bis in die Nacht hinein.
Obwohl nun für dieses Mal kein Mangel an irgendeinem Getränk erschien,
gelüstete doch den Doktor Faust, eine kurzweilige Fahrt anzustellen,
und weil ihm nicht unbewußt war, daß zu jener Zeit der Keller des
Bischofs zu Salzburg mit den besten und delikatesten Weinen vor andern
versehen wäre, richtete er seine Gedanken gleich dahin und eröffnete
deswegen solch Vorhaben den andern, mit der Bitte, sie sollten mit ihm
in jenen Keller fahren und allda nur die besten Weine, gleichsam zu
einer Ablöschung und Abkühlung, versuchen, er wollte ihnen für alle
Gefahr gutstehen.

Den Herren Studenten ging dieses, weil sie Doktor Faust schon lange
kannten, daß er's nicht bös mit ihnen meinte, desto eher ein, sie
ließen sich leichtlich bereden und waren damit zufrieden. Alsobald
führet sie Doktor Faustus hinab in seinen Garten am Hause, nimmt eine
Leiter, setzt einen jeglichen auf einen Sprossen, und fuhr also mit
ihnen davon; und sie kamen bald nach Mitternacht in dem bischöflichen
Keller zu Salzburg an; da sie denn bald ein Licht schlugen und
also ungehindert die besten und herrlichsten Weine auszapften und
versuchten. Als sie nun sämtlich fast bei einer Stunde gutes Mutes
waren, lustig einer dem andern auf die Gesundheit des Bischofs ein
Glas nach dem andern zubrachte, siehe da kommt der Kellermeister und
eröffnet, ohne an etwas anders zu denken, die Türe des Kellers; will,
weil ihn und seine Gesellen der Durst nicht schlafen ließ, noch einen
Schlaftrunk holen; findet also diese nassen Bursche allda zechen,
die an nichts wenigers gedachten, als wie sie einen guten Rausch so
wohlfeilen Kaufs möchten mit sich nehmen. Es war nun beiderseits
Entsetzen und Furcht; der Kellermeister erkühnte sich jedoch letztlich
und schalt sie Diebe, denen ihr Lohn bald werden sollte; wollte auch
gleich zurücklaufen und ein Geschrei machen, daß Diebe vorhanden wären.
Dieses verdroß nun den Doktor Faust gar sehr, und noch mehr, da er
sah, daß seine Mitgesellen gar kleinmütig zu werden begannen wegen der
ihnen drohenden Strafe. Er ermahnte sie daher zum eiligen Aufbruch und
befahl, es sollte ein jeder seine Flasche, die er vorher schon mit
gutem Wein gefüllt hatte, mit sich nehmen und die Leiter ergreifen, er
aber nahm den Kellermeister bei dem Haar und fuhr mit ihnen zugleich
davon. Sie zogen aber (wie nachmals der Kellermeister ausgesagt)
aus dem Keller in die Höhe, und da sie kurz hierauf über einen Wald
hinfuhren, ersah Doktor Faust einen hohen Tannenbaum, auf diesen nun
wurde der vor Furcht und Schrecken halbtote Kellermeister gesetzt.
Faust aber kam mit seinen Burschen und dem Wein wieder nach Hause; da
sie denn erst recht herumzechten, bis der Tag anbrach.

Wie dem guten Kellermeister indessen, bis der Tag angebrochen, auf
seinem Baum müsse zumut gewesen sein, ist leichtlich zu erachten,
zumal er nicht gewußt, wo und in welcher Gegend er wäre, dazu schier
erfroren war; als aber der sehnlich verlangte Morgen anbrach und er
nun augenscheinlich sah, daß er ohne Lebensgefahr nicht von dem hohen
Baum kommen würde, rief er ohne Unterlaß mit heller Stimme so lang
und viel, bis zwei vorübergehende Bauern, welche in die Stadt gehen
und etwas von Schmalz und Käse verkaufen wollten, solches vernahmen
und also mit höchster Verwunderung diesen Vogel in den Tannenzweigen
pfeifen hörten. Die Bauern, weil der Kellermeister ihnen eine gute
Verehrung zu geben versprach, eilten desto mehr der Stadt zu, wo sie
solches verkündigten, bis sie letztlich gar nach Hofe kamen, allwo sie
denn zuerst keinen Glauben fanden, bis man ihnen wegen der Abwesenheit
des Kellermeisters, auch der noch halb geschlossenen Türe im Keller,
Glauben geben mußte, weswegen eine große Menge Volks sich aus der Stadt
mit den Bauern dorthin verfügte, wo der Kellermeister saß, welcher denn
mit großer Mühe und Arbeit herabgebracht werden mußte. So sehr man aber
mit Fragen ihm zusetzte, so vermochte er doch nicht zu sagen, wer die
Diebe gewesen, so er im Keller angetroffen, noch denjenigen zu nennen,
der ihn auf den Baum geführt und in solcher Gefahr daselbst gelassen
hatte.

Es verfügten sich auch genannte Studenten in der Fastnacht am Dienstag
in des Doktor Fausts Behausung, und hatten sämtlich sich vorgenommen,
der Zeit das Recht zu tun, und die Fastnacht in aller erdenklichen
Lust und Freude zu halten; wozu denn ihnen ohne allen Zweifel Doktor
Faustus jeglichen Vorschub tun würde, denn sie wußten wohl, daß er gar
freigebig war, wenn er nur selbst hatte, und sich freute, wenn jemand
in solchem Vorhaben zu ihm kam; allein sie wurden in ihrer Meinung
gar sehr betrogen, weil sie bei dem Nachtessen nichts anders als eine
Schüssel mit gesottenem Rindfleisch, auch keinen Wein sahen, ja gar
nichts, was man sonst bei solcher Fastnachtszeit Gutes zu speisen und
den Gästen aufzutragen pflegte. Es sah immer einer den andern an und
konnten nicht begreifen, wie solches gemeint wäre, gedachten aber
wohl, daß es Doktor Faust auf eine Schalkheit angesehen habe, welches
auch bald sich auswies. Denn er ließ kurz hierauf den Tisch aufheben,
einen neuen bereiten und sprach zu ihnen: »Ihr, meine lieben Herren und
angenehmen Gäste, ich bitte, ihr wollet mir zugut halten, daß ich euch
zum Nachtessen nicht bessere Gerichte hab' lassen vortragen, nichts
anders als ein Stück Rindfleisch und einen schlechten Trunk, das ist
aber die Ursache gewesen, daß dieses von dem meinigen und aus meinem
Beutel gegangen. Nun aber wollen wir erst recht lustig sein, und die
liebe Fastnacht einweihen und der Gebühr nach halten, und dieses soll
nicht aus meinem Beutel gehen, sondern, weil jetzund zu dieser Zeit
große Potentaten und Herren Gastereien und herrliche Mahle halten,
also will ich meinen Teil auch dabei haben, es sei ihnen lieb oder
leid.« Darauf stellte Doktor Faustus drei Flaschen, eine zu fünf, die
zwei andern jede zu acht Maß, in seinen Garten und befahl seinem Geist
Mephistopheles, daß er darein ungarischen, welschen und spanischen Wein
füllen solle, desgleichen setzte er fünf platte Schüsseln hinaus, darin
brachte der Geist nach etwa einer halben Stunde Wildbret und Gebratenes
noch fein warm herein; also setzten sie sich sämtlich zu Tische, und
sprach ihnen Doktor Faustus zu, sie sollten fröhlich und guter Dinge
sein, denn es sei keine Verblendung, sondern seien recht natürliche
Speisen und Getränke, wie sie es denn auch gefunden haben; denn sie
verfuhren mit Wein und Speisen dergestalt, daß nicht viel von allem
übergelassen wurde, und sie ganz toll und voll fast gegen den Tag erst
nach Hause gegangen.

Am folgenden Aschermittwoch, als der rechten Fastnacht, kamen diese
guten Brüder abermals zu Doktor Faust, gaben vor, sie müssen der Zeit
ihr Recht tun und also wieder anfangen, wo sie es gestern gelassen
hätten; und weil Doktor Faust sich noch einmal recht fröhlich erzeigen
wollte, ließ er den Tisch decken, mit Bitte vorlieb zu nehmen, was man
auftragen würde. Nebst zwei Braten wurde auch in die Mitte ein schöner,
großer, gebratener Kalbskopf aufgesetzt, und der Studenten einer
gebeten, solchen zu zerlegen. Als aber dieser das Messer ansetzte, fing
der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu rufen: »Mordio, Helfio, Auweh,
was hab' ich dir getan?« daß die Studenten recht von Herzen darüber
erschraken; weil sie aber sahen, daß Doktor Faust schier vor Lachen
ersticken wollte, konnten sie bald erraten, wie es damit beschaffen
sein müsse, und lachten deswegen auch mit.

Indessen fing Doktor Faust sein Gaukelspiel an, die Gemüter seiner
Gäste zu erlustigen; erstlich hörten sie in der Stube allerhand
musikalische Instrumente, da man doch nicht sehen noch wahrnehmen
konnte, wo es herkäme; ja sobald ein Instrument aufgehört, kam ein
anderes; wenn dann die Violen etwa einen lustigen Tanz machten, da
sprangen und hüpften die Gläser und Becher auf dem Tisch, und so einer
oder der andere den Becher, damit der Wein, seiner Meinung nach, nicht
verschüttet würde, mit der Hand festhalten wollte, mußte er auch
mithüpfen, so daß ein großes Gelächter entstand. Nach solcher Kurzweil
nahm Doktor Faustus zehn irdene Häfen, die stellte er mitten in die
Stube; da huben die an zu tanzen und aneinander zu stoßen, daß sie in
Stücke zerbrachen. Zum dritten ließ er einen Haushahn im Hofe fangen,
den stellte er auf den Tisch; als er ihm aber zu trinken gab, hub er
an, ganz natürlich zu pfeifen und Tänze zu machen. Danach richtete
Doktor Faust wiederum eine Kurzweil an und legte eine Harfe auf den
Tisch; da kam ein alter Aff' in die Stube herein, der machte viel gute
Possen darauf und tanzte dazu sehr zierlich.

Weil nun mit solchen und anderen Späßen etliche Stunden von dem Mittag
an verlaufen, die Zeit aber zum Abendessen bereits vorhanden war, so
wurden sie zu solchem berufen, da doch der Gäste keinen hungerte, außer
daß zwei oder drei nach einem Gerichte Vögel gelüstete; da nahm Doktor
Faust eine Stange, die reichte er zum Fenster hinaus, pfiff zugleich
aus einem Pfeiflein; alsbald kamen viele Trosteln und Krammetvögel
hergeflogen, und welche auf die Stange saßen, die mußten bleiben;
diese nahm er denn herein, und die Studenten halfen solche würgen und
rupfen, der Famulus aber briet sie. Nach dem Nachtessen, und als man
die Küchlein aufgetragen, beschlossen sie, daß sie miteinander in die
Mummerei gehen wollten, wie denn gebräuchlich war, und zog ein jeder
auf Geheiß Doktor Fausts ein weißes Hemd an; als aber die Studenten
einander ansahen, gedachte einen jeden, er habe keinen Kopf, gingen
also miteinander in etliche vornehme Häuser, Fastnachtküchlein zu
holen; darob denn die Leute sehr erschraken; nachdem man aber solche
Gäste, der Gewohnheit nach, zu Tische gesetzet, hatten sie ihre erste
Gestalt wieder, und man kannte sie; bald aber wurden sie abermal
verändert und bekamen rechte Eselsohren, großmächtige Nasen usf., das
trieben sie bis in die Mitternacht hinein, da sie dann voll und toll
nach Hause zogen.

Als am Donnerstag, den folgenden Tag, Doktor Faust noch immer seine
Fastnacht hielt und die Studenten wieder beieinander versammelt waren,
traktierte er sie wie des vorigen Tags, fing auch seine Gaukelei wieder
an, und so kamen in die Stube herein dreizehn Affen, diese gaukelten so
wunderbarlich, daß dergleichen nie gesehen worden, denn sie sprangen
immer einer auf den andern und tanzten danach in einer Reihe um den
Tisch herum, dann sprangen sie zum Fenster hinaus und verschwanden.

Weil es aber damals fast den ganzen Tag über geschneit hatte und also
ein dicker Schnee lag, rüstete Doktor Faust mit Zauberei einen schönen,
großen Schlitten zu, der hatte eine Gestalt wie ein Drache, auf
dessen Haupt saß Faust selber, und mitten innen die Studenten; dabei
waren vier Affen, auf dem Schwanz des Drachen sitzend, die gaukelten
aufeinander, ganz lustig zu sehen, unter welchen einer auf der Schalmei
pfiff, der Schlitten aber lief von sich selbst, wohin sie wollten; dies
währte lang in die Nacht hinein, mit solchem Klappern, daß einer vor
dem andern nicht hören konnte, und sie gedachten sämtlich, sie hätten
in der Luft gewandelt.

       *       *       *       *       *

Doktor Faustus verbrachte indessen, je näher das Ende seines Bündnisses
herzunahete, je mehr und mehr nach Sankt Epikurs Regel, ein rohes,
sicheres und wüstes Leben, daß er das tägliche Vollsaufen, Spielen
und Buhlen für seine höchste Ergötzlichkeit hielt. Er ersah aber zu
dieser Zeit in seiner Nachbarschaft eine schöne, doch arme Dirne,
welche vom Land herein in die Stadt gekommen und sich in Dienste bei
einem Krämer begeben hatte; diese gefiel nun Doktor Faust über die
Maßen wohl, daß er nach ihr auf allerlei Weise und Wege trachtete und
sie zu eigen haben wollte. Die Jungfrau aber wollte niemals, was man
ihr auch versprechen mochte, in seinen sündlichen Willen sich fügen,
sondern sie blieb ehrlich und wollte nur von der Ehe hören. Dazu
rieten dem verliebten Faustus denn endlich auch seine guten Brüder und
Freunde: der Geist Mephistopheles aber, als er dieses vermerkte, sprach
unverzüglich zu Doktor Faust: was er nunmehr, da die versprochenen
Jahre bald zu Ende sein würden, aus sich selbst machen wolle? Er solle
gedenken an seine Zusage und sein Versprechen, zudem, so könne er sich
in keinen Ehestand einlassen, dieweil er nicht zwei Herren zugleich
dienen könne; »denn der Ehestand ist ein Werk des Höchsten, den wir
Teufel aufs höchste hassen und verfolgen. Derohalben, Fauste, siehe
dich vor: wirst du dich versprechen zu verehelichen, so sollst du gewiß
von uns zu kleinen Stücken zerrissen werden. Denke doch bei dir selbst,
wie der Ehestand eine so große und schwere Last auf sich hat, und was
jederzeit für Unlust daraus ist entstanden, Unruhe, Widerwillen, Zorn,
Neid, Uneinigkeit, Sorge, Zerstörung der fröhlichen Herzen und Gemüter,
und was dessen mehr ist.«

Dem allen gedachte zwar Doktor Faustus eine Weile nach, er wollte aber
doch auf seiner Meinung verharren, wendete auch das Rauhe heraus und
sagte dem Geist: »Kurzum, ich will mich verehelichen, es folge gleich
daraus, was da wolle,« gehet damit hinweg und in seine obere Stube. Was
folgte aber hierauf? Alsbald gehet ein großer Sturmwind seinem Hause
zu, als wollte er's zugrund werfen, es sprangen inwendig alle Angeln
der Türe auf, und ward das Haus voller Feuer. Doktor Faust lief die
Stiege hinab, wollte die Haustüre suchen und davonlaufen, da erhaschet
ihn ein Mann, der warf ihn zurück wie einen Ball in die Stube hinein,
daß er weder Hände noch Füße regen konnte; um ihn her ging allenthalben
Feuer auf, gleich als ob er jetzt verbrennen sollte; er schrie in
diesen Nöten seinem Geist zu um Hilfe, er solle die Gefahr nur diesmal
von ihm abwenden; dann wolle er versprechen, hinfort in allem nach
seinem Willen zu leben.

Da erschien ihm der Fürst Luzifer ganz schrecklich und leibhaftig, so
grausam anzusehen, daß er auch seine Augen vor ihm zuhielt und seines
elenden Endes gewärtig war. Darauf ließ sich Luzifer also vernehmen:
»Sage nun an, wes Sinnes bist du?« Doktor Faustus, ganz kleinmütig und
erschrocken, auch mit zugetanen Augen, antwortet: »O, du gewaltiger
Fürst dieser Welt, verlängere mir meine Tage, du siehest, daß ich
ein verkehrtes, wankelmütiges Menschenherz habe, daß ich auf andere
Gedanken, welche dir zuwider sind, gefallen bin, hab' aber das Werk
noch nicht erfüllt; deswegen bitte ich dich, du wollest noch zur Zeit
nicht Hand an mich legen, ich kann bald andern Sinnes werden.« Der
Satan gab hierauf die Antwort mit kurzen Worten: »Wohlan, siehe zu, daß
dem also sein möge, und beharre darauf, das sage ich dir bei meiner
Gewalt;« und also verschwand er samt dem Feuer.

       *       *       *       *       *

Damit nun der elende Doktor Faustus seinen Lüsten genugsamen Raum
geben, und er also des Verheiratens ganz und gar vergessen möchte,
gibt ihm der Satan den Gedanken ein, wie er doch die schöne Helena
aus Griechenland, von welcher noch heutigentags die Welt so viel zu
sagen weiß, nicht allein sehen, sondern gar zu einer Liebsten bekommen
möchte. Eines Morgens frühe forderte er deswegen seinen Geist zu sich
und entdeckte ihm sein Vorhaben, mit der Bitte, es dahin zu bringen,
daß hinfüro die schöne Helena, König Menelaus' Gemahlin, um welcher
willen die herrliche Stadt Troja zugrunde gegangen, in eben der
Gestalt, wie sie im Leben gewesen, sein eigen werden möchte: welches
denn der Geist zu tun versprach.

Des andern Tags meldet Mephistopheles dem Doktor Faust an, daß er nun
seinem Begehren eine Genüge zu tun bereit wäre, und ihm die schönste
Griechin selbiger Zeit herbeischaffen wollte, mit welcher er die
folgende Zeit seines Lebens in aller Ergötzlichkeit zubringen möchte:
und folgte ihm also die Königin auf dem Fuße nach, so wunderschön, daß
Doktor Faust nicht wußte, ob er bei sich selbst wäre oder nicht. Diese
Helena erschien denn in einem köstlichen Purpurkleid, ihr Haar hatte
sie herabhängen, welches herrlich goldfarb schien, auch so lang war,
daß es ihr bis in die Kniebeuge herabhing, mit schönen, kohlschwarzen
Augen, holdseligem Angesicht und lieblichen Wangen; sie war eine
schöne, länglichte, gerade Gestalt, und war kein Tadel an ihr zu
finden. Als nun Doktor Faustus solches alles sah und wohl betrachtete,
hat diese verzauberte Helena ihm das Herz dermaßen eingenommen und
gefangen, daß er zur Stunde in heftiger Liebe gegen sie entzündet
wurde, und mit ihr bald anfing zu scherzen, ja nachgehends sie wie
sein eigenes Weib hielt, und sie so lieb gewann, daß er schier keinen
Augenblick von ihr sein konnte noch wollte, und also dabei alles
Verehelichens vergaß. Etliche Monate strichen indessen vorbei, als ihm
einst von ihr berichtet wurde, daß sie ihm ein Kind gebären würde.
Faust hielt dieses für unmöglich, denn er wußte ja, daß sie keine
natürliche, leibhafte Person wäre.

Nachdem er aber gesehen, daß sie fast zu Ende des Jahrs von
Geburtsschmerzen überfallen wurde, auch bald darauf eines Sohns
genesen, erfreute er sich höchlich darüber und nannte ihn Justus
Faustus. Welcher aber hernach, nach seines Vaters elendem Tode,
zugleich mit seiner vermeinten Mutter verschwunden.


3

Oben ist erzählt worden, wie Doktor Faustus einen jungen Menschen, der
damals um Brot sang, jedoch eines fähigen, verschmitzten Kopfes war,
mit Namen Christoph Wagner, zu einem Famulus angenommen, dem er auch,
weil er seine Verschwiegenheit mehr als einmal erfahren, seine meisten
heimlichen Sachen, Schriften und Bücher nach der Zeit anvertraute; und
weil jener sich allewege wohl in seines Herrn Kopf zu schicken wußte,
ja zu dieser und jener Schalkheit seinem Herrn treulich half, hat ihn
dieser sein Herr sehr geliebt und ihn als seinen Sohn gehalten.

Als sich nun die Zeit mit dem Doktor Faust ändern wollte, weil bald
das vierundzwanzigste Jahr seiner Verschreibung zu Ende ging, berief
er einen bekannten Notarius, daneben etliche gute Freunde aus den
Herrn Studenten, und vermachte in deren Gegenwart seinem Famulus
Wagner Haus und Garten, bei dem Eisentor in der Scheergasse an der
Ringmauer: item, was an Barschaft, liegender und fahrender, an
Hausrat, silbernen Bechern, Büchern usf. da war. Nachdem nun das
Testament aufgerichtet und bekräftiget worden, berief er nochmals
seinen Famulus zu sich, hielt ihm vor, wie er ihn in seinem Testament
wohl bedacht hätte, dieweil er sich, solang er nun bei ihm gewesen,
wohl verhalten und sonderlich seine Heimlichkeit nicht geoffenbaret
hätte. Jedoch solle er noch überdies von ihm etwas bitten, er wolle
ihm's gewiß nicht abschlagen. Da begehrte der Famulus seines Herrn
Kunst und Geschicklichkeit, und daß er ein solches Leben, wie Doktor
Faustus geführt, auch zu führen möchte in den Stand gesetzt werden.
Darauf antwortete ihm Doktor Faustus: »Wohlan, lieber Sohn, ich
habe viel Bücher und Schriften, die ich mit Mühe und großem Fleiß
zusammengebracht, diese nimm in acht, doch behalte sie bei dir und
schaffe damit deinen Nutzen, studiere fleißig darin, so wirst du außer
allem Zweifel das lernen und bekommen, was ich habe gekonnt und zuwege
gebracht. Denn diese nekromantischen Bücher und Schriften sind nicht
zu verwerfen, sondern in hohem Wert zu halten, obschon die Geistlichen
solche verwerfen, und nennen sie die Schwarzkunst und Zauberei, ein
Teufelswerk: daran kehre du dich nicht, mein Sohn, brauche dich der
Welt und laß die Schrift fahren. Denn die Nekromantie ist eine hohe
Weisheit und ist im Anfang der Welt aufgekommen, ja nur von den
Allergelehrtesten getrieben und geübt worden, die auch dadurch bei
aller Welt in großes Ansehen gekommen sind; forsche nur fleißig darin,
die werden dich schon unterrichten, wie du auch zu solcher Kunst kommen
und gelangen mögest. Danach sollst du, mein lieber Sohn, wissen, weil
meine versprochenen vierundzwanzig Jahre nach weniger Zeit werden zu
Ende gelaufen sein, daß alsdann mein Geist Mephistopheles mir weiter
zu dienen nicht schuldig ist; derohalben kann ich auch dir solchen
nicht verschaffen, wie gern ich's gleich täte; jedoch will ich dir
einen andern Geist, so du einen verlangest, zuordnen: halte dich nur
nach meinem Tod fein bescheiden, sei verschwiegen und still, und ob
man schon bei dir meine hinterlassenen Zauberbücher und Schriften von
Obrigkeits wegen suchen wollte, so werden doch alle diejenigen, die
solche zu suchen gesendet werden, also verblendet werden, daß sie deren
keines nimmer finden.«

Nach dreien Tagen fragte Doktor Faust seinen Famulus, den Wagner, ob
er noch willens wäre, einen Geist zu haben, der um und bei ihm wohnen
sollte, und in welch einer Gestalt er ihn gern haben möchte? Wagner
antwortet hierauf mit Ja: »Mein Verlangen«, spricht er, »ist nach einem
sittsamen und unbetrüglichen Geist; auch daß er die Gestalt eines Affen
an sich haben möchte.« -- »Wohlan,« sprach Doktor Faustus, »so sollst
du den bald sehen.«

Zur Stund' erschien ein Affe mittelmäßiger Größe, der sprang behende
zur Stube herein; da sprach Doktor Faust zu dem Famulus: »Siehe, da
hast du ihn, nimm ihn hin, doch wird er dir noch zur Zeit nicht zu
Willen werden, bis erst nach meinem Tod, und diesem gib den Namen
Auerhahn, denn also heißet er. Daneben bitte ich dich, daß du meine
Kunst, Taten und wunderliche Abenteuer, die ich bisher getrieben,
wollest fleißig aufzeichnen, sie zusammenschreiben und in eine Historie
bringen, dazu denn dir dein Geist Auerhahn treulich helfen wird; was
du etwa vergessen haben möchtest, dessen wird er dich fleißig erinnern
und in allem dir behilfliche Hand leisten. Allein offenbare solches
eher nicht, denn nach meinem Tod; ich weiß gar wohl, daß man meine
Geschichten und Taten von dir allerorten her wird haben wollen.«

Doktor Faustus konnte leichtlich erachten, daß seine Abenteuer nach
seinem Tod beschrieben und der Nachwelt überlassen würden, wodurch
er denn einigermaßen in seiner Betrübnis, wegen seines herannahenden
erbärmlichen Endes, getröstet wurde, daß er also doch einen Namen
möchte überkommen. Solchen noch ansehnlicher zu machen, berief er
seine Freunde, etliche Studenten, denen prophezeite er in Kraft seines
Geistes von allerlei Veränderungen in geist- und weltlichen Ständen,
welche inskünftig, nach seinem Tode, geschehen würden.

Solche Prophezeiung haben sie fleißig und mit Verwunderung angehöret,
auch durch den Famulus Doktor Fausti von Wort zu Wort aufschreiben
lassen, wie sie dieselbe denn auch hernach unter sich ausgeteilt und an
andere Orte verschickt haben.

       *       *       *       *       *

Die Glocke war nun einmal gegossen, und das Stundenglas Doktor Fausts
lief nunmehr aus, denn er hatte nur noch einen Monat vor sich, nach
welchem seine vierundzwanzig Jahr zu Ende waren. Über dieser Rechnung
brach ihm der bittere Angstschweiß aus, und war ihm alle Stund' und
Augenblick' gleich als einem Mörder, der der Strafe des Todes, die ihm
bereits in dem Gefängnis ist angekündigt worden, gewärtig sein muß:
indem er nun solches beherzigte, gehet seine Stubentür auf und tritt
herein Luzifer in selbsteigener Person, so ganz schwarz und zottigt,
gleich als ein Bär, der erhub seine gräßliche Stimme und sprach zu
ihm: »Fauste, du weißt dich noch wohl zu erinnern, wie verstockt,
ehrgeizig, auch gottesvergessen du im Anfang gewesen, und hast dich an
Gottes Gaben nicht lassen begnügen, sondern bist oben hinausgefahren,
hast mir auch keine Ruhe gelassen, bis du mich beschwurest, dir in
allem zu Willen zu sein; da mußt du nun selbst sagen und bekennen,
daß solch dein Begehren dir durch mich ganz reichlich sei erfüllet
worden, ja, daß ich dir ganz keinen Mangel gelassen, alle Wollust nach
deines Herzens Begierde dir verschafft habe; ich bin dir in aller
Gefährlichkeit beigestanden, hast mehr gesehen und erfahren, denn je
einer erfahren hat: ich habe dich hervorgezogen bei männiglich, hohen
und niedern Standes, daß du allenthalben wert und angenehm warest, das
alles mußt du selbst sagen und bekennen. Weil nun aber deine bestimmte
Zeit der vierundzwanzig Jahre bald wird aus sein, wo ich mein Pfand
nehmen und holen will, also kündige ich anjetzo dir meinen Dienst auf,
den ich dir doch jederzeit treulich habe geleistet; so halte du mir
auch treulich, was du mir versprochen hast. Dein Leib und Seele ist nun
mein, darein gib dich nur willig; und ob du schon wolltest hierüber
unwillig werden, so beschwerest und kränkest du nur dein Herz desto
mehr. Und so lade ich dich denn vor das Gericht Gottes, da gib du Rede
und Antwort, weil ich an deiner Verdammnis nicht schuld habe; und wenn
die bestimmte Zeit sich wird verlaufen haben, will ich mein Pfand
hinwegnehmen und holen.«

Doktor Faustus konnte vor Schrecken und Herzensbangigkeit nicht wissen,
wo er daheim wäre; und als er wieder zu sich kam, hub er mit leiser
Stimme als ein verzweifelter Mensch an zu reden und sprach: »Ich hab'
solches alles gefürchtet, also wird es mir auch gehen; ach, ich bin
verloren, meine Sünden sind größer, denn daß sie mir könnten vergeben
werden.« Als nun inzwischen der Teufel verschwunden, und sein Famulus,
der Wagner, solches alles gesehen und mit angehöret hatte, sagte dieser
zu seinem Herrn: er sollte nicht so kleinmütig sein und verzagen, es
wäre noch wohl Hilfe da, er sollte seine vertrauten Freunde, die um
ihn schon eine geraume Zeit gewesen, beschicken, ihnen die Sache,
wie sie wäre, entdecken, damit er von ihnen, oder so sie nach Bedarf
in der Stille einen gelehrten Magister mitbrächten, Trost aus der
Heiligen Schrift haben und nehmen möchte, und, ob ja der Leib müßte
eingebüßt werden, die Seele wenigstens erhalten würde. Dem antwortete
der geängstigte Doktor Faustus bitterlich weinend und sprach: »Ach,
was hab' ich getan, wohin hab' ich gedacht, daß ich wegen einer so
kurzen Zeit, gleich als wegen eines Augenblicks, die Seligkeit habe
verscherzt, da ich doch vielleicht auch mit andern Auserwählten der
Himmelsfreude hätte genießen können! Wie hab' ich doch so schändlich
von wegen einer so kurzwährenden Wollust der Welt die unaussprechliche
Herrlichkeit der ewigen Freude verscherzt! Es ist nunmit aus.« Und
so wollte dieser elende Mensch verzweifeln, jedoch richtete ihn aufs
möglichste sein Famulus auf, und getröstete sich des bald ankommenden
Beistandes der Studenten.

Als nun der Famulus zu einem und andern von den Studenten gegangen,
ihnen in höchster Stille den ganzen Handel erzählt, sind sie darüber
von Herzen erschrocken, und hat keiner sich mehr zu Doktor Faust
verfügen wollen, damit ihnen nicht auch ein Abenteuer begegne, denn
sie wußten wohl, daß mit dem Teufel nicht zu scherzen wäre. Der Famulus
aber hielt inständig an; damit nun der trostlose Doktor Faustus nicht
gar ohne Trost gelassen würde, nahmen sie zu sich einen gelehrten
Geistlichen, dem sie alles offenbarten, und baten ihn, daß er dem
Doktor Faust, von welchem sie etliche Jahr her viel Freundschaft
genossen hätten, recht gründlich aus der Heiligen Schrift zusprechen
und also dem Teufel begegnen möchte. Da diese nun, miteinander kommend,
den Doktor Faust in der Stube auf seinem Sessel sitzen sahen, wo er
wie ein wilder Stier sie ansah, die Hände zusammendrückte und oft
seufzte, hatten sie alle ein herzliches Mitleiden mit ihm, und nachdem
sie Sitze eingenommen, sprach der Magister zu ihm: Er solle solche
Schwermütigkeit seines Herzens ablegen, es wäre ihm noch wohl zu helfen
und zu raten: er solle nur mit festem Glauben und Vertrauen auf Gottes
Barmherzigkeit und Christi teures Verdienst hoffen und also dem Satan
Widerstand tun, weil Gott ja niemand ausschließe, sondern wolle, daß
eben allen Menschen geholfen werde: und sprach ferner zu ihm, er solle
sich fein vor Gottes Angesicht demütigen, sich für einen armen, großen
Sünder bekennen, und herzliche wahre Reue über die begangenen Sünden
zeigen; und wenn denn gleich der Teufel käme; »wie er gewißlich nicht
lange ausbleiben wird, und Euch, Herr Doktor, anklaget und spricht:
›Siehe, Fauste, du bist ein gar zu großer Sünder, du hast es mit deinen
mutwilligen Sünden gar zu grob gemacht, darum mußt du verdammt sein und
bleiben‹; so begegnet ihm und antwortet getrost: Ja, Satan, eben darum,
daß du mich für einen so großen Sünder anklagest und kurzum verdammen
willst, will ich nicht verdammt, sondern vielmehr selig werden; denn
ich halte mich an Christum, der sich selbst für meine und der Welt
Sünde dargegeben hat, darum wirst du, Satan, hier nichts ausrichten,
wenn du mir die Menge und Größe meiner Sünden so genau vorhältst, mich
damit zu schrecken und in Verzweiflung zu stürzen. Denn eben mit dem,
was du sagst, wie ich ein allzu großer Sünder sei, gibst du mir Waffen
und Schwert in die Hand, womit ich dich gewaltig überwinden, und alle
deine Streiche vernichten will. Denn, kannst du mir vorhalten, daß ich
ein großer Sünder bin, und Gott schwer und hoch beleidiget habe, so
kann ich dir hinwiederum sagen, daß Christus für die Sünder gestorben
ist, ja der ganzen Welt Sünde, also auch die meinige, auf sich geladen
hat; denn der Herr hat alle unsere Sünden und Ungerechtigkeit auf
ihn gelegt, und um der Sünde willen, die sein Volk getan, hat er
ihn geschlagen; wie geschrieben stehet bei dem Propheten Esaja im
dreiundfünfzigsten Kapitel«.

Diese und andere Tröstungen mehr hielt der Geistliche dem Doktor Faust
fleißig vor, mit Anführung anderer Sprüche mehr, aus dem Alten und
Neuen Testament; sonderlich stellte er ihm die Exempel der verrufensten
Sünder, welche doch auf ihre Reue wieder bei Gott zu Gnaden gekommen,
beweglichst vor: wofür ihm denn Doktor Faust fleißig dankte, mit der
Zusage, daß er dem allen wolle nachkommen, sich damit zu trösten;
zugleich bat er, daß der Magister und die andern Herren öfters
einkehren möchten, ihn zu trösten, wo es anders bei ihm noch möglich
wäre.

       *       *       *       *       *

Als Doktor Faustus also wiederum in seinem Herzen Trost gefunden, in
Erwägung der treuherzigen Vermahnung aus Gottes Wort, legte er sich
damit zur Ruhe nieder, und sein Famulus blieb bei ihm in der Kammer.
Indem kommt der Teufel zu ihm vor das Bette, schlug gleich anfangs ein
großes Gelächter auf und sagte mit lauter Stimme: »Mein Fauste, bist
du einmal fromm geworden, ei, so beharre darauf, schaue nur zu, was
deine Frömmigkeit dir helfen werde: Lieber, ziehe zu solcher deiner
Frömmigkeit eine Mönchskappe an, und tue stets Buße, es wird dir wohl
not sein; denn du hast es zu grob gemacht, und deiner Sünden sind mehr,
als der Sandkörnlein am Meer. Lieber, wie magst du dich der Seligkeit
trösten, der du aller Sünden, Büberei und Schalkheit voll bist? Willst
dich trösten der Zuversicht auf Christum, so du doch jederzeit diesen
gelästert hast: stelle gleich alle Zuversicht zu Gott, so wirst du
dennoch verdammt, und fährst hinunter in die Hölle, das ist dein
rechter Lohn, und warten bereits viel Teufel auf dich; wo bleibet
deine Hoffnung auf Gott? du heuchelst dir selber und dichtest dir
eine nichtige Hoffnung, während doch alles umsonst und vergebens ist;
es wird nichts daraus, hoffe so lang du willst. Kannst du dich auch
deiner guten Werke rühmen? links um, es ist zu spät mit deiner Buße. --
Noch eines, Fauste, sage mir die Wahrheit, was gilt's, es ficht dich
deine Seligkeit nicht so viel an, als wenn du bedenkest, daß du bald
sterben mußt, und mußt die angenehme Wohnung der Welt verlassen, und
mußt verlassen gute Freunde und Gesellen: sollte es dich nicht betrüben
und bekümmern, daß du von hinnen scheiden sollst? Sage, ist dem nicht
also?«

Doktor Faustus schwieg still und gab darauf keine Antwort, brachte die
Nacht zu mit schwermütigen Gedanken, und als es Tag ward, befahl er
seinem Famulus, daß er den Geistlichen wieder mit sich brächte, welcher
denn bald mit noch zwei Studenten kam. Als ihm nun Doktor Faustus,
nachdem sie Sitze genommen, angesagt, was der Teufel in der vergangenen
Nacht für ein Gespräch mit ihm gehabt, antwortete der Geistliche: »Ja,
es ist wahr, der Teufel kann solche Stücke hervorbringen, und will sich
helfen. Wenn er denn wieder zu Euch kommt, so sprecht getrost: Hörest
du, Satan, diese und jene Beschwerungen, meiner Seligkeit halber, hast
du mir vorgehalten; ich bekenne, daß ich ein armer Sünder bin, daß ich
ein schwer gefallener Sünder bin, aber die Barmherzigkeit Gottes, so er
durch die Liebe seines Sohns über alle hat reichlich ausgeschüttet, ist
weit größer. Gott hat nie einen Sünder verstoßen, der ernstliche Buße
getan hat, auch in der Stunde seines Todes nicht, wie den Schächer am
Kreuz. So hab' ich auch einen guten Herrn, einen solchen Richter, dem
wohl abzubitten ist, einen getreuen Fürsprecher Jesum Christum, den
Seligmacher, der wird mich vertreten bei seinem himmlischen Vater. Und
daß du mir die Verdammnis vorwirfst, das ist bei dir nichts Neues, das
ist dein altes Liedlein, du bist ein Lästermaul und kein Richter, ein
Verdammter und kein Verdammer. Du wirfst mir auch meine bösen Werke
vor: das bekenne ich, daß nichts Gutes um und an mir ist, aber von
meiner Ungerechtigkeit fliehe ich zu meinem Gerechtmacher Jesu Christo,
ja zu seinem Gnadenthron; in seine Hände und Barmherzigkeit befehle
ich meine Seele. Und darum, mein Herr Doktor Faust,« sagte endlich der
Geistliche, »seid ohne Sorge, und wenn der Teufel mit Disputieren
wieder an Euch will, so haltet ihm mit dem Wort Gottes diese Streiche
auf.«

Doktor Faustus hatte nun etliche Tage lang Ruhe vor dem Teufel; einst
aber zur Nachtzeit kam ihn in dem Bette eine Angst an, daß er nicht
wußte, wo er bleiben sollte: es kamen ihm allerhand verzweifelte
Gedanken in das Herz (ohne Zweifel aus Eingebung des bösen Geistes)
als: »es wird doch damit nichts sein, daß Gott mir sollte barmherzig
und gnädig werden, ich hab' es allzu grob gemacht mit meinen Sünden:
Gott kann nicht gleiche Sünde vergeben, wie wir meinen, es ist zu spät
mit meiner Buße und Bekehrung; komme ich zur Vergebung meiner Sünde und
zur Gnade Gottes, so werden gewiß auch die Teufel selig, zumal ich ja
nicht geringere Stücke getan, denn was die Teufel selbst tun: zudem so
ist das Büßen ja nicht wohl möglich, weil ich Gott, meinen Schöpfer,
hab' aufgegeben und alles himmlische Heer, denen habe ich abgesagt,
dagegen mich versprochen, daß ich dem Teufel eigen sein wolle mit
Leib und Seel'; dies ist nun eine Sünde gegen den heiligen Geist, die
nimmermehr kann und mag vergeben werden; darum kann ich nicht glauben,
daß ich bei Gott wieder zu Gnaden könne kommen.«

Mit solchen verzweifelten Gedanken schleppte er sich die ganze
Nacht, und als er früh aufstand, schickte er zum drittenmal nach dem
Geistlichen, meldete ihm, sobald er in die Stube getreten, die Ursache
solches frühen Berufens und sprach: »Es ist mir leid, daß ich Euch,
Herr Magister, so viel bemühe, denn ich besorge, daß keine Hilfe noch
Rat bei mir wird statthaben, daß ich doch verdammt sein und bleiben
werde.« Der Geistliche, von Herzen erschrocken, erinnerte ihn viel
aus der Heiligen Schrift, legte ihm nochmals die Exempel derer vor
die Augen, welche Gott, obgleich sie sich schon schwer versündiget,
wieder zu Gnaden genommen: solche verzweifelte Gedanken, sagte er,
wären lauter giftige Pfeile des leidigen Teufels; »solchergestalt hat
er Euch gleichsam Tür und Tor zur Verzweiflung aufgetan; wo Ihr nun
diesen unseligen Gedanken Raum gebet, so stehet die ewige Verdammnis
und Hölle für Euch schon offen. Darum beileibe nicht also, verbannet
vielmehr solche Gedanken aus Eurem Herzen und lasset solche bei Euch
nicht einwurzeln, denn sie rühren vom Teufel her, der machet Euer Herz
betrübt und ängstiget es, gleich als hättet Ihr einen unerbittlichen
Gott. Demnach, wenn solche Gedanken bei Euch aufsteigen, als wolle
sich Gott Euer nimmer erbarmen, so sprecht: Teufel siehe, kommst du
abermal? Ich hab' forthin nichts mehr mit dir zu schaffen, denn Gott
betrübet nicht, schrecket nicht, tötet nicht, sondern ist ein Gott der
Lebendigen, hat auch seinen eingebornen Sohn in diese Welt gesandt, daß
er die Sünder nicht schrecken, sondern trösten solle; auch ist Christus
darum gestorben und wieder auferstanden, daß er des Teufels Werk
zerstörete, ein Herr darüber würde und uns lebendig machte. Derohalben
sollet Ihr in solcher Schwermut und Anfechtung einen Mut fassen und
gedenken: ich bin forthin nicht mehr eines Menschen, viel weniger
des Teufels, sondern Gottes Kind, durch den Glauben an Christum, in
welches Namen ich mich meiner heiligen Taufe erinnere: ich hab' mir
nicht Leib und Seele gegeben, sondern der allmächtige Schöpfer hat sie
mir gegeben, darum hab' ich auch nicht Macht, mich des Bundes meiner
heiligen Taufe zu verziehen. Auf diese tröstliche Erinnerung pochet,
Herr Doktor, unverzagt; denket nicht zurück, was Ihr getan, sondern
nehmet Euch vor, wie Ihr dem Teufel und seinem Eingeben möget kräftigen
Widerstand tun mit dem Wort Gottes; und wenn Ihr zu Bette gehet, so
sprecht: Ach, lieber Gott, ich bin freilich ein armer, großer Sünder
und finde nichts denn Ungerechtigkeit bei mir; aber dein lieber Sohn
hat mehr Gerechtigkeit mir und allen bußfertigen Sündern mitzuteilen,
als wir alle von ihm nehmen und begehren können, um welches willen du,
getreuer Gott und Vater, mir wollest gnädig und barmherzig sein, Amen!«

       *       *       *       *       *

Doktor Faustus legte sich nun von der Zeit an ziemlich wider den
Teufel; denn ihm ward von einem seiner guten Freunde, der ein großes
Mitleiden mit ihm hatte, die heilige Bibel in die Hand gegeben, ja
darin die vornehmsten Machtsprüche bemerkt, daß er sie bald aufschlagen
und daraus Trost schöpfen möchte. Dieses nun war dem Teufel nicht
angenehm, und weil er ihm nicht anders beikommen konnte, versuchte er
ihn davon abwendig zu machen, kommt deswegen nach etlichen Tagen auf
einen Abend zu ihm und spricht: »Es ist nicht zu leugnen, daß dein
Herz jetzt anders gerichtet ist, als es je gewesen; es fehlet auch
nicht weit, du möchtest die Barmherzigkeit Gottes und was sein Wille
ist, ergreifen und zu solcher Erkenntnis kommen, aber eins fehlt dir
noch sehr, dahin du nimmer denken wirst. Denn Gott hat Gute und Böse
erschaffen, also bleibet es vom Anfang bis zum Ende der Welt; denn du
bist nicht erwählet zur Seligkeit, sondern bist ein Stück vom bösen
Baum, und wenn du gleich alle Tugend und Frömmigkeit dieser Welt an
dir hättest, so bist du doch nicht zum ewigen Leben versehen. Dagegen
die, so auserwählet sind, ob sie schon Sünde getan und also sterben,
so sind sie doch gute Bäume und im Anfang zu dem ewigen Leben versehen.
Denn Gott hat Gute mit den Bösen erschaffen, dabei lässet er's auch
bleiben und nimmt sich der Menschen weiter nicht an, wie sie auch
leben und sterben, bis zu dem allgemeinen Gerichte: wer denn zu dem
ewigen Leben erkoren ist, der kommt darein, also ist es auch mit den
Verdammten; darum ist es nichts mit deinem Vorhaben, daß du allererst
um dich sehen willst, wie du möchtest in das ewige Leben kommen, so du
doch von Anfang nicht dazu versehen bist.« Dieses war nun dem Doktor
Faust eine seltsame Predigt und dachte solchem eine gute Weile nach,
so daß er auch endlich sagte: »Es mag wahrlich wohl also sein, ich
werde zu dem ewigen Leben nicht geboren sein, dieweil doch Firmament
und Gestirn des Himmels ausweiset, was dem Menschen Gutes und Böses
begegnen solle, und solche Exempel ereignen sich täglich, daraus
geschlossen werden kann, wie Gott im Anfang sein Werk, alle Kreaturen,
hat verordnet, daß solcher Lauf werde fortgehen bis an der Welt Ende.
Nun ist der Mensch auch Gottes Kreatur, zum Bösen und Guten geneigt,
wie ihn Gott dazu hat erschaffen, darüber ich jetzt nicht weiter reden
will. Bin ich zum ewigen Leben versehen, so wird es sein müssen, wo
nicht, so muß ich wohl, wie andere, dahinfahren.«

Als nun gleich des andern Tags, vielleicht aus Gottes Schickung, der
Geistliche samt drei andern Studenten Doktor Faust besuchte, fand er
denselben etwas freudiger in seinem Mut als früher, vermeinte demnach,
der Trost aus dem Wort Gottes habe ein solches verursacht; allein er
fand sich in seinem Wahn betrogen, da er vernahm, daß solches aus dem
Gespräche, so der Teufel mit dem armseligen Faust von der ewigen
Versehung gehalten, herrührte: daher der gute Geistliche wohl einsah,
daß es fast mißlich sein würde mit dem Doktor Faust seiner Bekehrung
halber, denn er gebe seiner Vernunft zu viel Raum und Statt, daß ihn
daher der Teufel leichtlich gefangennehmen könnte. Darum sagte er,
nachdem er Sitz genommen, zu Doktor Faust: Er sollte seine Vernunft
in solchen hohen Artikeln der Versehung Gottes nicht urteilen lassen,
sondern sie unter den Glauben gefangennehmen, und alles das aus seinem
Sinne verbannen, was ihm der Teufel vorgeschwätzet habe. »Denn«, fährt
er fort, »menschliche Vernunft und Natur kann Gott in seiner Majestät
nicht begreifen, darum sollen wir nicht weiter suchen noch erforschen,
was Gottes Wille in diesem sei. Sein Wort hat er uns gegeben, darin er
reichlich geoffenbaret hat, was wir von ihm wissen, halten, glauben,
und uns zu ihm versehen sollen, nach demselben sollen wir uns richten,
so werden wir nicht irren; wer aber von Gottes Willen, Natur und
Wesen Gedanken hat außer dem Wort, will mit menschlicher Vernunft
und Wissenschaft aussinnen, der macht sich viel vergebliche Unruhe
und Arbeit, und fehlet sehr weit. Denn die Welt, spricht St. Paulus,
erkennet durch ihre Weisheit Gott nicht in seiner Weisheit, auch werden
diese nimmermehr lernen noch erkennen, wie Gott gegen sie gesinnet sei,
die sich darüber vergeblich bekümmern, ob sie versehen oder auserwählet
seien. Welche in diese Gedanken geraten, denen gehet ein Feuer im
Herzen an, das sie nicht löschen können, also daß ihr Gewissen nicht
zufrieden wird, und müssen endlich verzweifeln. Wer nun diesem Unglück
und ewiger Gefahr entgehen will, der halte sich an das Wort, so wird
er finden, daß unser lieber Gott einen starken, festen Grund geleget,
darauf wir sicher und gewiß fußen mögen, nämlich Jesum Christum,
unsern Herrn, durch welchen allein und sonst durch kein anderes Mittel
wir in das Himmelreich kommen und gelangen mögen: denn Er und sonst
niemand ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Sollten wir nun Gott
in seinem göttlichen Wesen, und wie er gegen uns gesinnet sei, recht
und wahrhaftig erkennen, so muß es durch sein Wort geschehen; und eben
darum hat Gott der Vater seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt,
daß er sollte Mensch werden, allerdings uns gleich, doch ohne Sünde,
unter uns zu wohnen, und des Vaters Herz und Willen uns zu offenbaren.«

Dieser Trost des Magisters, nachdem er mit den andern Abschied von
Doktor Faust genommen, wollte ebensowenig bei dem Armen fruchten
als die vorigen, und mit bekümmerten Gedanken legte er sich damals
auf den Abend ungegessen und ungetrunken zu Bette. Er hatte zwar
bei sich in der Kammer seinen getreuen Famulus, den Wagner, aber
tausenderlei Gedanken betrübten seine Seele, die ihn denn sobald, ob
er's schon wünschte, nicht einschlafen ließen, noch ihm Ruhe gönnten.
»Ach,« sprach er ganz wehmütig, »du armseliger Mensch, du bist wohl
mit allem Recht mit unter den Unseligen, da du alle Stunden den Tod
erwarten mußt, da du doch noch viel gute Zeit und Stunden hättest
erleben können! Ach, Vernunft, Mutwill, Vermessenheit und freier
Will'! O, du Blinder und Unverständiger, der du deine Glieder, Leib
und Seele so blind machest, blinder als blind! O, zeitliche Wollust,
in was Verderben hast du mich geführt, daß du mir meine Augen so gar
verdunkelt hast! Ach, schwaches Gemüt, betrübte Seele, wo ist, wo
bleibet deine Erkenntnis? O verzweifelte Hoffnung, da deiner nimmermehr
gedacht wird! Ach Leid über Leid, Jammer über Jammer, wer wird mich
daraus erlösen? wo soll ich mich verbergen? wohin soll ich mich
verkriechen oder fliehen? Ja, ja, ich sei gleich, wo ich wolle, so bin
ich gefangen.«

In solchen bekümmerten Herzensgedanken und Klagen hatte Doktor Faustus
doch die Gnade, daß er einschlummerte und endlich recht einschlief;
er schlief aber nicht so gar lange, als er von einem bösen Traum
beunruhiget und wieder aus dem Schlaf gebracht wurde. Es träumte
ihm, als sähe er in seine Kammer einhertreten mehr denn tausend böse
Geister, welche sämtlich feurige Schwerter in den Händen hatten und
ihn zu schlagen droheten, unter denen aber einer als der Vornehmste
sich hervortat und mit erschrecklicher Stimme zu ihm sprach: »Nun,
Fauste, sind wir bereit, dich einmal an den Ort zu bringen, von welchem
du oft mehrere Wissenschaft zu haben verlangt hast, wir aber haben
solches bis anher versparen wollen. Nun wirst du selber sehen, was für
ein mächtiger, großer Unterschied sein wird unter den Verdammten und
den Auserwählten, welches dir etwa vor diesem ist gleich einer Fabel
und einem Märlein gewesen.« Doktor Faust erwachte darob zu Stund' und
grämte sich heftig ob diesem Gesicht, denn er konnte sich leicht die
Rechnung machen, was des Traumes Bedeutung sein werde.

Indessen vermehrte sein herannahendes elendes Ende von Stund' zu Stunde
seine Herzensbangigkeit, daß er ganz still und einsam blieb, und war
ihm nichts lieber als solche Einsamkeit, so, daß er auch nicht mehr
zugeben wollte, daß der Magister mit den andern Studenten, die alle
ein herzliches Mitleiden mit ihm hatten und aufs wenigste seine Seele
zu erhalten suchten, zu ihm kommen und ihn trösten sollten: und ob er
schon zu unterschiedlichen Malen Trostsprüche aus dem Alten und Neuen
Testament, welche der Geistliche vor etlichen Tagen ihm bemerkt hatte,
aufschlug, so konnte er sich doch damit nicht trösten, noch daraus
ein einiges Wörtlein sich zu Herzen führen, sich damit zu stärken;
sondern, wenn ihm gleich ein Blick eines Trostspruchs vorleuchtete,
so sagte er denn bei ihm selbst: »Ach, ach! das gehet mich nicht an.«
Nun begegnete ihm auch etlichemal, weil er sich in die Einsamkeit so
sehr vertieft, voller Schwermut und Herzensbangigkeit war, auch keines
Trostes fähig werden konnte, daß er nach Messern griff, sich damit zu
entleiben; allein der Teufel ließ es nicht zu, und wenn Doktor Faust
den Selbstmord ins Werk richten wollte, so war er an den Händen gleich
als lahm, daß er nichts ausrichten konnte: und war ihm also in solch
seiner Einsamkeit wie einem Übeltäter oder Mörder, der in dem Gefängnis
alle Stunden und Augenblicke erwarten muß, wann und zu welcher Zeit er
seiner Übeltat Endurteil ausstehen solle.

       *       *       *       *       *

Doktor Faustus hatte nur noch zehen Tage zu seinem erschrecklichen
Ende, weswegen er an einem Morgen seinen Famulus, weil er bisher andere
Gesellschaft nicht leiden mochte, zu sich vor sein Bett berief, gleich
als wenn er nur von ihm Trost und Erquickung haben könnte, und ganz
zaghaft und erschrocken zu ihm sprach: »Ach, lieber Sohn, was hab' ich
mir bereitet, daß ich so roh gelebt und mein gottloses Leben bisher
also geführet habe! Was habe ich jetzt davon? ich bringe nicht allein
einen bösen Namen davon, sondern auch einen nagenden Wurm und böses
Gewissen; ach! ich sollte zeitlicher an das Ende, an mein Ende gedacht
haben! und wenn ich an solches gedenke, das nun nicht mehr ferne ist,
so überlauft meinen Leib ein eiskalter Schweiß, ein Zittern und Zagen
meines Herzens ist da, und wenn ich nun bald davon muß, und mein Leib
und Seele den Teufeln zuteil werden, so sehe ich alsdann vor mir das
strenge Gericht Gottes, ich weiß nicht, wo ich aus oder ein soll: es
wäre mir tausendmal besser, daß ich als ein unvernünftiges Tier wäre
geboren worden, oder doch in meiner zarten Kindheit gestorben! Nun
aber, ach, nun ist's aus, Leib und Seele die fahren dahin, wohin sie
geordnet sind.«

Auf solches Wehklagen und Seufzen sprach sein Famulus, den seines
Herrn jammerte: »Ach, Herr Doktor, warum seid Ihr doch fort und fort
so schwermütig und kränket Euer Herz stets? schaffet Euch einmal Ruhe,
tut dem Satan Widerstand, denn dieser peiniget und martert Euch also:
ich will's nicht mehr zugeben, daß Ihr so allein seid, sondern Ihr
müsset entweder Leute um Euch haben, daß Ihr Euch mit ihnen ergötzet,
und sie Euch die melancholischen Gedanken vertreiben, oder Ihr müsset
den Magister wieder zu Euch berufen, damit Ihr völligen Trost bekommet.
Denn es ist ja kein Sünder so groß, er kann durch seinen Widerruf,
herzliche Reue, Bekehrung und Buße zur Gnade Gottes kommen und
gelangen.« Doktor Faustus antwortete: »Mein lieber Christoph, schweige
nur, ich bin nicht wert, daß gute, ehrliche Leute mehr zu mir kommen
sollen, ich, der ich ein Leibeigener des Teufels bin; so will ich auch
von keinem Trost aus der Schrift mehr hören noch wissen, sintemal es
doch damit alles vergebens und verloren ist, mich zu bekehren; ich will
mein Leben vollends mit Trauern, Seufzen und Wehklagen zubringen.«

       *       *       *       *       *

Das Stundenglas hatte sich nunmehr umgewendet, war ausgelaufen; die
bestimmten vierundzwanzig Jahre Doktor Fausts oder die Endschaft
seiner Verschreibung war nun am nächsten: deswegen erschien ihm der
Teufel abermal, und zwar in eben dieser Gestalt, wie er damals den
verdammlichen Bund mit ihm aufgerichtet hatte, zeigte ihm seine
Handschrift, darin er ihm mit seinem eigenen Blut seinen Leib und Seele
verschrieben hatte, mit der Weisung, daß er auf folgende Nacht sein
verschriebenes Unterpfand holen und ihn hinwegführen wollte, dessen er
sich denn gänzlich versehen sollte: darauf der Teufel verschwand.

Wie dem Doktor Faust hierüber müsse zumut gewesen sein, läßt sich
leichtlich denken; es kam das Bereuen, Zittern, Zagen und seines
Herzens Bangigkeit mit aller Macht an ihn, er wandte sich hin und
wider, klagte sich selbst an ohne Unterlaß, wegen seines abscheulichen
und greulichen Falls, weinte, zappelte, focht, schrie und grämete sich
die ganze Nacht über. In solchem erbärmlichen Zustand erschien ihm sein
bisheriger Hausgeist Mephistopheles zur Mitternachtszeit, sprach ihm
freundlich zu, tröstete ihn und sprach: »Mein Fauste, sei doch nicht
so kleinmütig, daß du von hinnen fahren mußt, gedenke doch, ob du
gleich deinen Leib verlierest, ist's doch noch lang dahin, daß du vor
dem Gericht Gottes erscheinen wirst; du mußt doch ohne das sterben, es
sei über kurz oder über lang, obschon du etliche hundert Jahr, so es
möglich wäre, lebtest, und ob du schon als ein Verdammter stirbst, so
bist du es doch nicht allein, bist auch der erste nicht; gedenke an die
Heiden, Türken und alle Gottlosen, die in gleicher Verdammnis mit dir
sind und zu dir kommen werden. Sei beherzt und unverzagt, denke doch an
die Verheißung unsers Obersten, der dir versprochen hat, daß du nicht
leiden sollest in der Hölle, wie die andern Verdammten.« Mit solchen
und andern Worten wollte der Geist ihn beherzt machen und ihn etwas
aufrichten.

Da nun Doktor Faustus sah, daß dem ja nicht anders sein konnte, und
daß der Teufel sicher sein Unterpfand nicht würde dahinten lassen,
sondern auf die folgende Nacht es gewiß holen, stehet er frühmorgens
auf, spaziert etwas vor die Stadt hinaus und nach Verfluß von etwa
anderthalb Stunden, nachdem er wieder nach Haus gekommen, befiehlt
er seinem Famulus, daß er die Studenten, ehedessen seine vertrauten
Freunde, noch einmal zu ihm in das Haus berufen sollte, er hätte ihnen
etwas Notwendiges anzukünden.

Weil nun diese vermeinten, Doktor Faust würde sich vollends bekehren,
nahmen sie den Magister mit sich. Als sie aber angekommen, bat er
sie, daß sie sich doch sämtlich wollten gefallen lassen, mit ihm noch
einmal in das Dorf Riemlich zu spazieren, denn daselbst wolle er sich
mit ihnen lustig erzeigen, welches er etliche Zeit bisher unterlassen
hätte. Der Geistliche verließ auf diese Worte die Behausung des
Doktors, denn es hatte ihn ein Schauder bei seiner Rede ergriffen.
Die Studenten aber waren dessen zufrieden und spazierten miteinander
dahin, hatten unterwegs allerlei Gespräche, und nachdem sie daselbst
angelanget, ließ Doktor Faust ein gutes Mahl zurichten und stellte
sich auf das möglichste mit ihnen fröhlich, daß sie also beisammen
recht lustig waren bis auf den Abend, da sie alle, ausgenommen
Faustus, wieder nach Hause gedachten. Doktor Faustus aber bat sie gar
freundlich, daß sie doch wollten nur dieses einzige Mal die Nacht über
in dem Wirtshaus bei ihm verharren, es wäre doch schon die Zeit zur
Heimkunft zu spät, er müsse ihnen nach dem Nachtessen etwas besonders
vorhalten. Welches sie denn, weil es doch nicht anders sein können, ihm
zusagten.

       *       *       *       *       *

Als nun das Nachtmahl und der Schlaftrunk vorbei waren, bezahlte Doktor
Faustus den Wirt und bat die Gäste, sie sollten ein kleines mit ihm
in die nächste Stube gehen, er hätte ihnen etwas Wichtiges zu sagen,
welches er bisher hätte verborgen gehalten, das betreffe sein Heil und
seine Seligkeit; mit solcher Vorrede, ohne ferneren Umschweif, fing
er an und sprach: »Wohlgelehrte, ihr meine liebe, vertraute Herren!
daß ich euch heute morgen durch meinen Famulus habe ersuchen lassen,
einen Spaziergang hieher zu machen, und ihr mit einer schlechten
Mittag-Mahlzeit vorlieb genommen, auch auf mein Anhalten bei mir als
auf die Nacht anjetzo verharret, dafür sage ich schuldigen Dank; wisset
aber zugleich, daß es um keiner andern Ursache willen geschehen, als
euch zu verkündigen, daß ich mich von meiner Jugend an, während ich von
Gott mit einem guten Verstand bin begabt gewesen, jedoch mit solcher
Gabe nicht zufrieden war, sondern viel höher steigen und über andere
hinauskommen wollte, mit allem Fleiß und Ernst auf die Schwarzkunst
gelegt, in welcher ich mit der Zeit so hoch bin gekommen, daß ich
einen unter den allergelehrtesten Geistern, namens Mephistopheles,
erlangt: jedoch solche Vermessenheit geriet mir bald zum Bösen und
zu einem solchen Fall, wie er dem Luzifer selber widerfahren, da er
aus Hoffart aus dem Himmel verstoßen worden. Denn als der Satan mir
willig in allem meinem Vorhaben war, setzte er zuletzt mir zu, daß, so
ich würde einen Bund mit ihm aufrichten und mich mit meinem eigenen
Blut verschreiben, ich, nach Verfluß von vierundzwanzig Jahren, sein
wollte sein mit Leib und Seele, dazu Gott, der heiligen Dreifaltigkeit
und allem himmlischen Heer absagen, denselben nimmermehr in Nöten und
Anliegen anrufen, auch alle diejenigen anfeinden, so mich von meinem
Vorhaben abwendig machen und bekehren wollten: daß ich alsdenn nicht
allein mit hohen trefflichen Künsten begabt sein, sondern auch Geister
um und neben mir haben, die mich in aller Gefährlichkeit schützen und
meinen Widerwärtigen zuwider sein sollten; dazu, und welches eben das
meiste war, das, was ich auch in diesem Leben verlangte, Geld, gutes
Essen und Trinken und tägliches Wohlleben, das sollte mir nimmermehr
mangeln, ja, er wollte mich so hoch ergötzen nach allen meines Herzens
Begierden, daß ich das Ewige nicht für Zeitliche nehmen würde. Mit
solchen übergroßen Verheißungen erfüllte er mir das Herz, daß ich bei
mir gedachte: ›dieses Freudenleben ist gleichwohl nicht zu verwerfen,
obschon der Bund gottlos und verdammlich ist; so darf ich auch den
Satan nicht länger aufhalten, denn sonst möchte ich um all meine Kunst
kommen, und er möchte von mir weichen: dazu so bin ich vorhin geneigt
zum müßigen Leben; Fressen, Saufen und Spielen ist meine Lust, allein
die Mittel dazu hab' ich nicht, allhie könnte ich alles ohne Mühe
überkommen. Käme es denn einmal dahin, daß der Teufel sein Unterpfand
holen und haben wollte, müßte ich's wohl geschehen lassen, ich würde
doch über die bestimmte Zeit nicht viel länger leben können; zudem
so kann noch wohl die Zeit kommen, dachte ich, daß ich mich möchte
bekehren, Buße tun, und also die Barmherzigkeit Gottes ergreifen.‹ Da
denn ohne Zweifel der Teufel nicht wird gefeiert haben, sondern mich
regieret und getrieben, daß ich also den Bund mit ihm aufgerichtet,
Gott und der heiligen Dreifaltigkeit abgesaget, und mich ihm mit Leib
und Seele verschrieben habe.

Es hat aber der Teufel, wie ich's bekennen muß, anfänglich mir eine
geraume Zeit Glauben gehalten, mir alles dasjenige erfüllt und
geleistet, was mein Herz begehret hat; doch aber hat er zuweilen
gefehlt und mich in etlichen Sachen stecken lassen, mit Vorwänden,
ich sollte selbst durch meine Kunst mich fortbringen; und da ich mich
darüber beklagte, so hat er nur das Gespött damit getrieben: bin also
aus Vermessenheit und Wollust in solchen Jammer geraten, zum ewigen
Schaden meiner armen Seele, daraus mir nimmermehr kann geholfen werden.
Nun aber sind solche Jahre auf diese Nacht aus und verlaufen; da wird
denn der Teufel sein Unterpfand holen und mit mir ganz erschrecklich
umgehen; das alles will ich doch gerne ausstehen, wenn nur die Seele
erhalten würde. Ich bitte euch nun, günstige, liebe Herren, ihr wollet
nach meinem Tod alle diejenigen, so mich geliebet und wegen meiner
Kunst im Wert gehalten haben, freundlich grüßen und von meinetwegen
ihnen viel Gutes wünschen: was ich auch diese vierundzwanzig Jahr über
für Abenteuer getrieben, und meine anderen Geschichten, die werdet
ihr in meiner Behausung aufgeschrieben finden, und mein Famulus soll
sie euch nicht vorenthalten. Ihr wollet euch anjetzt miteinander zur
Ruhe begeben, sicher schlafen, und euch nichts anfechten lassen, auch,
so ihr ein Gepolter und ungestümes Wesen im Haus hören und vernehmen
werdet, wollet ihr euch darob nicht entsetzen, noch euch fürchten, denn
euch soll kein Leid widerfahren, wollet auch vom Bette nicht aufstehen;
allein dieses möchte ich zu guter Letzt von euch erbeten haben, daß, so
ihr meinen Leib findet, ihr solchen zur Erde bestatten lasset. Gehabt
euch ewig wohl, ihr Herren, und nehmet ein Exempel an meinem Verderben.
Gute Nacht, es muß geschieden sein!« -- Auf solches Lebewohl traten die
Gäste, einer nach dem andern zu Doktor Faust, hatten ein herzliches
Mitleiden und sprachen mit erschrockenen Herzen: »Herr Doktor, hiermit
wünschen wir Euch auch eine gute Nacht, und zwar eine bessere, als Ihr
vermeinet; wir bitten sämtlich nochmals: Ihr wollet Eures Heils und
Eurer Seelen Wohlfahrt bei jetziger letzten Zeit wahrnehmen; und weil
Ihr nicht anders glaubet, denn der Teufel werde diese Nacht Euren Leib
hinwegnehmen, so rufet den Heiligen Geist um Beistand an, damit er Eure
Seele möge regieren und zu einem unzweifelhaften Glauben an Christum
bringen: diesem befehlet alsdann, wenn es je nicht anders wird sein
können, Euren Geist in seine barmherzige Hände mit reuigem Herzen,
sprecht mit dem König David: Ich harre des Herrn, meine Seele harret,
und ich hoffe auf sein Wort, denn bei dem Herrn ist die Gnade, und
viel Erlösung ist bei ihm.« Darauf sagte Doktor Faustus ganz weinend:
»Ach, liebe Herren, ich will in meinem Herzen seufzen und ächzen, ob
etwa mich Verlornen Gott wieder möchte zu Gnaden aufnehmen; aber ich
besorge leider, daß nichts daraus werden dürfte, denn meiner Sünden
sind zuviel.« Unter solchen Reden sank er gleich einem Ohnmächtigen hin
auf die nächste Bank, darüber sie alle erschraken und sich bemüheten
ihn aufzurichten. In solchem Schrecken hörten sie im Haus ein großes
Poltern, darob sie sich noch mehr entsetzten und zueinander sprachen:
»Laßt uns von dannen weichen, damit uns nicht etwas Arges widerfahre,
lasset uns zu Bette gehen;« wie sie denn auch solches taten. Da sie
nun dahin gegangen waren, konnte keiner aus Furcht und Entsetzen
einschlafen; zudem, so wollten sie doch vernehmen, was es für einen
Ausgang mit dem Doktor Faust nehmen würde.

       *       *       *       *       *

Als nun die Mitternachtsstunde erschienen, da erhob sich plötzlich ein
großer, ungestümer Wind, der riß und tobte, als ob er das Haus zu Grund
stoßen wollte. Wem war nun ängster und bänger als den Studenten? Sie
wünschten zehn Meilen von da zu sein und sprangen aus den Betten mit
großer Furcht, da sie denn kurz darauf in der Stube, in welcher Doktor
Faustus liegen geblieben, ein greuliches Zischen und Pfeifen, als ob
lauter Schlangen und Nattern zugegen wären, vernommen: noch mehr aber
wurden sie bestürzt, da sie das Stoßen und Herumwerfen in der Stube
hörten, den armseligen Faust Zeter Mordio schreien, bald aber nichts
mehr. Und es verging der Wind und legte sich und ward alles wieder ganz
still. Kaum hatte es recht getaget und das Tageslicht in alle Gemächer
des Hauses geleuchtet, da waren die Studenten auf, gingen miteinander
ganz erschrocken in die Stube, um zu sehen, wo Doktor Faustus wäre, und
was es für eine Bewandtnis diese Nacht über mit ihm gehabt hätte. Sie
kamen aber kaum dahin, so sahen sie bei Eröffnung der Stube, daß die
Wände, Tisch und Stühle voll Blutes waren; ja sie sahen mit Erstaunen,
daß das Hirn Doktor Fausts an den Wänden anklebte, die Zähne lagen
auf dem Boden; und also mußten sie augenscheinlich abnehmen, wie ihn
der Teufel von einer Wand zu der andern müsse geschleudert und daran
zerschmettert haben. Den Körper suchten sie allenthalben im Hause,
fanden ihn zuletzt außerhalb des Hauses auf einem nahe gelegenen
Misthaufen liegen, er war aber ganz abscheulich anzusehen: denn es war
kein Glied an dem Leichnam ganz, alles schlotterte und war ab; der Kopf
war mitten voneinander, und das Hirn war ausgeschüttet. Sie trugen also
den Leichnam in aller Stille in das Haus und beratschlagten sich, was
ferner anzufangen sei.

       *       *       *       *       *

Als die Studenten des Doktor Fausts Leichnam gefunden und beiseits
gelegt hatten, gingen sie zu Rat, wie es nun anzugreifen wäre,
daß seiner letzten Bitte ein Genügen getan und sein Leichnam zur
Erde möchte bestattet werden, und beschlossen zuletzt: daß sie
dem Wirt ein Geschenk machen wollten, damit er schwiege und mit
ihnen übereinstimmte, daß Doktor Faustus eines schnellen Todes
wäre verstorben. Demnach näheten sie mit Beihilfe des Wirts den
zerstümmelten Leichnam in ein Leintuch ein und meldeten dem Pfarrherrn
des Orts, wie sie einem fremden Studenten hätten das Geleite gegeben,
welchen diese Nacht ein schneller Schlagfluß getroffen, der ihn auf
der Stelle seines Lebens beraubt; sie baten den Herrn Pfarrer, er
wolle es bei dem Schultheißen anbringen und um die Erlaubnis bitten,
solchen allhier zu begraben, sie wollten alle Unkosten auslegen; wie
sie denn auch dem Pfarrherrn einen Goldgulden gaben, die Sache zu
befördern, weil sie sich allda nicht lang aufzuhalten hätten. Dieses
wurde denn auch am selbigen Nachmittag ins Werk gesetzt. Es hat aber
der Wind damals, als man den Leichnam begrub, sich so ungestüm erzeigt,
als ob er alles zu Boden reißen wollte, da doch weder vor noch nach
dergleichen verspüret worden. Woraus denn die Studenten schließen
mochten, welch ein verzweifeltes Ende Doktor Faust müsse genommen haben.

Aber auch, nachdem Doktor Faustus tot und begraben war, hatte seine
arme Seele auf Erden noch keine Ruhe. Sein Geist regete sich, erschien
zum öfteren seinem Diener Christoph Wagner und hielt mancherlei
Gespräche mit ihm. Zu demselben kam auch Justus Faustus, des Doktor
Faust und der schönen Helena Sohn, der selbst ein bildschöner Mensch
war, der sprach ganz freundlich zu dem Famulus: »Nun, ich gesegne dich,
lieber Diener, ich fahre dahin, weil mein Vater tot ist; so hat meine
Mutter auch hie keines Bleibens mehr, sie will auch davon; darum so
sei du Erbe an meiner Statt, und wenn du die Kunst meines Vaters hast
recht ergriffen, so mache dich von hinnen, halte die Kunst in Ehren; du
wirst dadurch ein hohes Ansehen überkommen.« Als er solches geredet,
trat auch die schöne Helena herein, nahm ihren Sohn bei der Hand,
und beide verschwanden also vor des Wagners Augen, der nicht wußte,
was er dazu sagen sollte; so daß man sie hernach nimmer gesehen hat.
Die Nachbarn aber gewahrten den Geist des Doktor Faustus bei Nacht
oftmals in seiner Behausung im Fenster liegend, sonderlich wenn der
Mond schien. Da ging er in dem Hause herum, ganz leibhaftig, in Gestalt
und Kleidung, wie er auf Erden gegangen war. Denn Doktor Faustus war
ein höckeriges Männchen, von dürrer Gestalt und hatte ein kleines,
graues Bärtlein. Zuzeiten fing sein Geist im Hause ganz ungestüm an
zu poltern, was viele Nachbarn mit erschrockenem Herzen hörten. Sein
Famulus Wagner aber beschwor den Geist und verhalf ihm auf Erden zu
seiner Ruhe. Und ist es jetzt in diesem Hause ganz friedlich und still.

[Illustration]

    _Anm. des Herausg._: Eine andere Fassung der Faustsage
    findet sich im zweiten Teil von: Aurbachers »Volksbüchlein«.
    Univ.-Bibl. Nr. 1291/92.



Inhalt


    Die Schildbürger         3

    Doktor Faustus          57



    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

    Korrekturen:

    S. 62: hervorgesteckt → hervorgestreckt
      hat den Kopf als ein Mensch {hervorgestreckt}

    S. 87: herauf → hierauf
      der Jude aber machte sich {hierauf} bald zur Türe

    S. 94: mir → mich
      {mich} auch zum öftern mit Namen gerufen

    S. 120: wohlweilen → wohlfeilen
      guten Rausch so {wohlfeilen} Kaufs

    S. 142 gegoren → geboren
      dem ewigen Leben nicht {geboren} sein





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Deutschen Volksbücher VII - Die Schildbürger - Doktor Faustus" ***

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