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Title: Geschichte der Medizin - 1. Band
Author: Neuburger, Max
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte der Medizin - 1. Band" ***

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  |                                                                    |
  | Die Schreibweise im Text (wie z. B. Ae statt Ä) ist beibehalten.   |
  | Typografische und Fehler bei der Zeichensetzung sind still-        |
  | schweigend korrigiert.                                             |
  |                                                                    |
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  | Die leicht abgesetzten und eingerückten Passagen im Text sind von  |
  | gleicher Schriftgröße wie die Fußnoten. Im Original sind die Fuß-  |
  | noten auf jeder Seite von 1 bis 9 nummeriert, in der Transkription |
  | fortlaufend je Kapitel oder Abschnitt.                             |
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                               GESCHICHTE
                              DER MEDIZIN

                                  VON

                          D^{R}. MAX NEUBURGER

    a. ö. Professor für Geschichte d. Medizin an der k. k. Universität
   in Wien, Ehrenmitgliede der R. Accad. di szienze lettere ed arti in
  Modena, corr. Mitgliede d. R. Acad. de Buenas Letras in Barcelona, des
  Vereins f. innere Medizin in Berlin, der phys.-mediz. Gesellschaft in
   Würzburg, d. Gesellschaft d. Ärzte in Stockholm, d. k. Gesellschaft
  d. Ärzte in Konstantinopel, des Vereins d. Ärzte u. Naturforscher in
  Jassy, d. k. mediz. Akademien in Turin, Madrid, Barcelona u. Granada.

                          ZWEI BÄNDE. I. BAND.

                             [Illustration]

                               STUTTGART.

                       VERLAG VON FERDINAND ENKE.
                                 1906.



                     Welches Vergnügen und welche Erhebung schöpft nicht
                   unsere Seele aus dem ununterbrochenen Verkehr mit den
                       Werken der Philosophen und Aerzte früherer Zeiten
                  und der übrigen Führer auf dem Gebiete der allgemeinen
                                   geistigen Bildung?       _Athenaios._

                     Dem Kundigen eine rückblickende Erinnerung, für den
                              Unwissenden ohne Belehrung.       _Galen._

                  An dem Lichte der Alten sollte die Jugend ihre Fackeln
                                          entzünden.       _Rokitansky._

                    Wir ernten, was wir nicht gesät haben, und wir säen,
                      was wir nicht ernten werden.        _v. Bismarck._

       Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.



                                 Herrn

                Hofrat Chem. Dr. u. Med. univ. Ehr.-Dr.

                              ERNST LUDWIG

    o. ö. Professor f. angew. med. Chemie a. d. k. k. Universität in
  Wien, Obersanitätsrat, Herrenhausmitgl., corr. Mitgl. d. k. Akad. d.
  Wissenschaften Wien, Mitgl. d. k. Leop.-Karol. Akad. d. Naturforscher,
                    d. Acad. de méd. Paris etc. etc.

               widmet diesen Band als Zeichen besonderer
              Hochschätzung und tiefgefühlter Dankbarkeit

                             der Verfasser.



                                Vorrede.


Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei vor allem nachdrücklich betont,
daß der Titel dieses Buches nur der Kürze halber gewählt wurde.

Die vom Herrn Verleger freundlichst angeregte, teils im Studierzimmer,
teils im Hörsaal entstandene Arbeit wendet sich an werdende
und ausübende Aerzte, sowie auch an gebildete Laien, denen eine
orientierende Uebersicht geboten werden soll.

Aus diesem Grunde richtete Verfasser das Hauptaugenmerk auf den
~Zusammenhang zwischen der allgemeinen Kultur und der Medizin und auf
den Entwicklungsgang des medizinischen Denkens~; hingegen wurde das
philologisch-bibliographische, literarhistorische Rüstzeug nur, wo es
unumgänglich nötig erschien, berücksichtigt. Der Hauptzweck, welchen
akademische Vorlesungen über dieses Fach verfolgen sollen, leuchtete
dabei vor, denn nie ist außer acht zu lassen, daß Geschichte der
Medizin nicht an der philosophischen, sondern an der ~medizinischen~
Fakultät gelesen wird. Mit welchem Erfolg die neueren Forschungen --
ich weise nur auf die bahnbrechenden Arbeiten des Freiherrn v. Oefele
-- benützt wurden, wie die eigenen Auffassungen des Verfassers zu
werten sind, mögen die Fachgenossen, unter denen ich neben anderen
insbesondere den Herren Professoren Pagel und Sudhoff persönliche
Anregung und Belehrung verdanke, beurteilen. Der Verfasser wäre
schon mit einem Urteile zufrieden, das sich in die Worte eines
mittelalterlichen Dichters zusammenfassen ließe:

    Nam quae sparsa locis tot erant, haec scriptor in unum
    Sedulus instar apis cuncta coëgit opus.

Seit hundert Jahren erscheint zum ersten Male wieder eine das
Gesamtgebiet der Geschichte der Medizin behandelnde Schrift aus der
Feder eines österreichischen Arztes. Möge sie innerhalb und außerhalb
der schwarzgelben Grenzpfähle freundliche Aufnahme finden!

~Wien~, im Mai 1906.

                             Der Verfasser.



                                Inhalt.


                                                                   Seite
  Eingangsworte                                                       1
  Primitive Medizin                                                   3

                        Die Medizin des Orients.

  Die Medizin in Mesopotamien                                        19
  Die Medizin der alten Aegypter                                     33
  Die Medizin der alten Perser                                       54
  Die Medizin im Alten Testament                                     61
  Die Medizin der Inder                                              66
  Die Medizin der Chinesen und Japaner                               92
  Anhang                                                            120

                  Die Medizin im klassischen Altertum.

  Einleitung                                                        127
  Homerische Heilkunst und priesterliche Medizin                    135
  Die Aerzte. Asklepiaden, Gymnasten, Rhizotomen                    144
  Anfänge der medizinischen Theorie                                 152
  Medizinische Schulen (Knidos, Kos, Sizilische Schule)             164
  Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum)              174
  Hippokrates                                                       183
  Die Medizin der Hippokratiker im allgemeinen                      202
  Die einzelnen medizinischen Wissenszweige im Corpus Hippocraticum 221
  Die Dogmatiker                                                    236
  Die Medizin des alexandrinischen Zeitalters                       253
  Einleitung                                                        253
  Herophilos, Erasistratos und ihre Anhänger                        262
  Die Schule der Empiriker. Chirurgen und Pharmakologen             276
  Die Verpflanzung der griechischen Heilkunde nach Rom              285
  Asklepiades                                                       294
  Die Methodiker                                                    303
  Die Medizin bei den römischen Enzyklopädisten. Celsus, Plinius    310
  Rezeptliteratur und Heilmittellehre                               322
  Die Pneumatiker und Eklektiker                                    327
  Aretaios, Rhuphos, Soranos                                        337
  Anhang. Anatomie und Physiologie                                  348
  Galenos                                                           351
  Antyllos                                                          403
  Register                                                          406



                             Eingangsworte.

                                       Viel Gewaltiges lebt, doch nichts
                                            Gewaltigeres als der Mensch.
                                        -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
                         Nur dem Tod allein weiß er nicht zu entfliehen,
                          Doch bei schwerer Krankheit ersann er Rettung.

                                                    Sophokles, Antigone.


Die gesamte Kultur empfängt ihren Richtzug durch das Streben, den
Mechanismus der Naturgewalten für die Zwecke der Menschheit nutzbar
zu machen und die dunklen Triebe des Innenlebens auf jene veredelnden
Bahnen überzuleiten, welche der Verstand anweist. ~Zweckbewußte
Tätigkeit des Intellekts, welche in den Ablauf des unbewußten
Naturgeschehens eindämmend, steigernd, regulierend eingreift und dem
gegebenen Kräftespiel eine unerschöpfliche Differenzierung verschafft,
tritt auf materiellem, wie auf ethischem Gebiete immer schärfer
hervor.~

Bedeutet somit ~die Kultur~ ein Hinauswachsen über die tierische
Organisation durch Steigerung oder Entlastung ihrer Leistungen,
eine eigenartige Daseinsform mit reichster Anpassungsfähigkeit
und Entwicklungsmöglichkeit, so stellt sie im Grunde doch nur
eine ~Fortsetzung der Natur selbst~, dar, ohne jemals ~die Grenzen
mechanischer Kausalität~ überschreiten zu können, an welche ihr Wirken
stets gebunden bleibt.

Nicht am wenigsten offenbart •die Medizin• dieses Gesetz.

Ihre erdenklich höchste Entfaltung berührt sich mit den primitivsten
Anfängen insofern, als die ~Heilkraft der Natur~, d. h. die auf Reize
mechanisch vor sich gehende, aber regulatorisch-kompensatorisch
wirkende Reaktion des Organismus, die letzte Entscheidung bringt.
Auch die idealste Aktivität des Arztes findet ihren Schwerpunkt und
ihr Maß in den natürlichen Heilkräften. Aber ~das Durchblicken der
Reaktionserscheinungen~ in ihrer Mechanik und Wirkungsbreite, verknüpft
mit dem Besitz jener Potenzen, welche die schlummernden Spannkräfte
des Organismus in lebendige Kräfte umzusetzen im stande sind, erhebt
den Arzt zum Techniker höchsten Ranges; ~es läßt ihn zielbewußt die
Naturheilkraft meistern~, die Hindernisse ihrer Wirkungstätigkeit
hinwegräumen, ~es gibt ihm die Macht zur zweckmäßigen Gestaltung blind
waltender Naturvorgänge~, während Unkenntnis und Unerfahrenheit bald
tatlos zusehen, bald störend in das Räderwerk eingreifen.

Zwischen beiden Polen, der gänzlichen Ohnmacht und der idealen
Medizin, liegt die unendliche Reihe der Zwischenstufen des Instinkts,
des Zufalls, der Spekulation, der Beobachtung, der Erfahrung und der
planmäßigen Forschung mit ihrer verwirrenden Fülle von Modifikationen,
wie sie Zeit, Ort und führende Personen hervorbringen.

Die Schilderung dieses Werdeprozesses mit seinen Erfolgen und
Irrtümern, in seiner Abhängigkeit von günstigen und ungünstigen
Kulturverhältnissen bildet den Inhalt -- ~der Geschichte der Medizin~.



                           Primitive Medizin.


Auf der Suche nach dem Ursprung einer Kulturerscheinung strebt der
forschende Geist über die geschichtliche Zeit, welche zumeist schon
einen Höhepunkt, nicht den Anfang der Entwicklung bezeichnet, hinaus
und fragt nach dem Aeltesten, sei es auch nur in nebelhaften Fernen,
in schwankenden Umrissen zu erspähen.

Bei der Medizin läßt sich, wenn auch dürftig, umso eher eine
Rekonstruktion versuchen, weil, abgesehen von manchen ~direkten
Ueberresten der grauen Vorzeit~, nicht wenige „Ueberbleibsel“ in der
Sprache und den Gebräuchen der Gegenwart (~Volksmedizin~) erhalten
sind, und die Beobachtung des eigenen Ich und der Mitmenschen so
manchen Rückschluß gestattet; zudem finden alle diese Momente eine
Beleuchtung durch die Heilkunde jener Volksstämme, welche auch in
der Jetztzeit noch ein ähnliches Dasein wie der Urmensch führen
(~Naturvölker~).

Rechnet man zur Medizin im weitesten Sinne schon jene zweckmäßigen
Instinkthandlungen, welche zur Linderung des Schmerzes oder des
Juckreizes dienen, und eigentlich eine Projektion der Naturheilkraft
nach außen darstellen, dann reicht sie nicht nur bis in die Kindheit
des Menschengeschlechts herab, sondern wir können sogar von einer
~Eigenmedizin der Tiere~ sprechen. Man weiß, daß Tiere sich in kaltem
Wasser erfrischen, wenn sie erhitzt sind, daß sie die steifen Glieder
an der Sonne wärmen, daß sie die quälenden Parasiten verjagen und
vernichten[1]. Katzen und Hunde belecken ihre Wunden; Hunde fressen
Gras bei verdorbenem Magen, um Erbrechen zu erregen; sie gehen nach
einem erlittenen Knochenbruch auf drei Beinen und halten das gebrochene
derart, daß der Bruch ohne nennenswerte Verkürzung zur Heilung gelangt;
Affen suchen das rinnende Blut durch Auflegen der Hand auf die Wunde
zurückzuhalten und ziehen sich mit großer Geschicklichkeit Fremdkörper,
z. B. Dornen, aus. Die Eigenmedizin der Tiere bleibt übrigens nicht
bei der ~Selbsthilfe~ stehen, sondern erweitert sich auch bisweilen
zur ~Nächstenhilfe~; diese kommt namentlich dann zur Erscheinung, wenn
es sich um die Jungen handelt.

   [1] Auf Abwehr z. B. der Parasiten sind ursprünglich vielleicht
       manche Reflexvorgänge zurückzuführen, wie das Wischen, das noch
       beim dekapitierten Frosch beobachtet wird.

   Außer diesen allgemein bekannten Beispielen haben in neuerer
 Zeit glaubwürdige Forscher eine Anzahl von höchst überraschenden
 Beobachtungen gesammelt, und manche der Fälle lassen sich sogar
 ohne Annahme einer freien, über den Instinkt weit hinausgehenden,
 Ueberlegung gar nicht verstehen. Fälle der Nächstenhilfe werden
 insbesondere bei solchen Tieren beobachtet, welche ~sozial~ leben, z.
 B. bei den Bienen oder den Ameisen, welch letztere ihre Verwundeten
 pflegen.

   Griechische und römische Autoren überliefern eine Menge von Fabeln,
 wonach eine ganze Reihe von Heilverfahren und Heilmitteln Tieren zu
 danken wären. Beispielsweise wird erzählt, daß sich der ägyptische
 Ibis mit seinem Schnabel klistiere, daß sich das Flußpferd, wenn es
 sich überfressen hat, den scharfen Stumpf eines Rohres in eine Vene
 hineindrücke und so zu Ader lasse; Schwalben sollen zum Aufhellen
 trüber Augen den Saft des Schöllkrauts, Bären zur Behebung von
 Verdauungsstörungen die Blätter des Arum, Schildkröten als Gegenmittel
 gegen Schlangenbiß eine Origanumart gebrauchen, Hirsche heilen ihre
 Wunden durch Verzehren von Dictamnusblättern, Wiesel durch Verzehren
 von Rauten u. s. w.

   In Indien, wo die bittere Wurzel der Ophiorrhiza mungo als
 vorzügliches Mittel gegen Schlangenbiß gilt, bezeichnen die
 Eingeborenen den kleinen Ichneumon als denjenigen, von welchem sie
 die Wirkung der Wurzel kennen gelernt hätten.

Auch für die Medizin des Menschen werden die eben angedeuteten
primitiven Akte die Grundlage gebildet haben, und tagtäglich können wir
bei Kindern oder Erwachsenen zweckmäßig wirkende ~Reflexaktionen~ und
~Heilinstinkte~ bemerken, wie das Kratzen, das Reiben oder Drücken, die
instinktive Haltung oder Lageveränderung bei Schmerz, das Befeuchten
der Wunden mit dem Speichel oder das Aussaugen derselben, das Anhauchen
(Blasen) u. s. w. (Einige dieser primitiven Handlungen sind bekanntlich
ausgebaut und in hohem Grade differenziert worden; so hat sich aus
dem Reiben, Streichen und Kneten die Massage entwickelt.)

Gewisse ~einfache aktive Eingriffe~, die schon sehr früh vorgenommen
wurden, lassen bereits Spuren des zweckbewußten Intellekts erkennen,
so z. B. das Herausziehen von Fremdkörpern (Dornen) aus der Haut mit
den Fingern, das Auswaschen der Wunden, das Auflegen von kühlenden
Blättern auf verletzte Stellen, das Beschmieren der Haut mit Lehm
zum Schutz gegen Kälte und Insekten, das Wundkratzen (aus welchem das
Skarifizieren entstand) u. s. w.

   Interessant ist es, daß aus manchen medizinischen Eingriffen später
 Volkssitten hervorgingen, so z. B. aus dem Beschmieren der Haut mit
 Erde -- das Bemalen des Körpers, aus dem Wundkratzen und nachfolgendem
 Einreiben mit Erde oder Ruß (je nachdem der Schmerz gestillt oder
 gesteigert werden soll) -- das Tätowieren.

Neben der Hilfe, die sich die Stammesgenossen gegenseitig bei
~Verletzungen~ durch Verbinden der Wunden leisteten, sind manche
Handgriffe zur Unterstützung der ~Gebärenden~ uralten Ursprungs, ebenso
~die Pflege des Kindes~: ~hier ist das Weib der älteste Arzt und erhält
sich in dieser Stellung auch bei den Kulturvölkern unendlich lange~.

Den Beginn der eigentlichen ~Chirurgie~ markiert der Moment, da
die Waffen der Kultur, die ~Werkzeuge~ des täglichen Gebrauchs,
auch zu Heilzwecken verwendet wurden. Solche waren in der frühesten
Epoche Feuersteinsplitter, Dornen, Holzsplitter, Muschelscherben,
Fischgräten, spitze Knochenstücke, Zähne, Hornfragmente u. a. Mit
solchen Hilfsmitteln konnte man ~Fremdkörper extrahieren~, Abszesse
eröffnen, skarifizieren, zur Ader lassen. Mit den Werkzeugen des
täglichen Gebrauchs gingen auch die Fertigkeiten des gemeinen Lebens
in die Heilkunst über, so z. B. wurde die Art, wie man zerbrochene
Waffen wieder zusammenfügte, mustergültig für die primitive Behandlung
der Beinbrüche. Die zufällig (z. B. in Kämpfen) gemachten Erfahrungen,
daß gewisse Verletzungen nicht nur überstanden werden, sondern sogar
manche Uebel zur Heilung bringen können, mögen die Idee für einige
Eingriffe gegeben haben, und mit der Vervollkommnung der Werkzeuge in
der Kupfer- und Bronzezeit wuchs die chirurgische Gewandtheit. Manche
Stammesgenossen zeichneten sich wohl durch besondere Geschicklichkeit
aus, und erwarben sich den Ruf als erfahrene, heilkundige Männer;
allmählich wird sich aus ihren Nachkommen der Stand der ~ärztlichen
Empiriker~ herausgebildet haben.

Höchst überraschend wirkt die Tatsache, daß man sich erwiesenermaßen
schon in der jüngeren Steinzeit an einen so schweren Eingriff, wie
es die ~Trepanation des Schädels~ ist, heranwagte -- ein Phänomen,
das allerdings durch die Operationslust und das chirurgische Können
mancher der heutigen Naturvölker dem Verständnis näher gerückt wird.

   Trepanierte Schädel aus der ~neolithischen Periode~ sind in den
 meisten Ländern Europas, in Algier, auf den Kanarischen Inseln, in
 Nordamerika, Mexiko, Peru und Argentinien aufgefunden worden.

Die gutübernarbten Trepanlöcher mancher dieser Schädel bezeugen es,
daß die Operierten zuweilen sogar zwei- bis dreimal den schweren
Eingriff überstanden haben. Die Knochenstücke wurden entweder Punkt für
Punkt herausgemeißelt oder durch das bogenförmige Hin- und Herziehen
eines scharfen Steininstruments (Feuersteinsäge) entfernt, vielleicht
stellte man die Schädelöffnungen auch durch das Dünnschaben des
Knochens mit einem Feuersteine her. Die Indikation für die Trepanation
können möglicherweise -- wenn ein Rückschluß aus den Verhältnissen
heutiger Naturvölker gestattet ist -- Kopfschmerzen, Krampfleiden und
Geisteskrankheiten gegeben haben.

   Ueberlebsel der vorhistorischen chirurgischen Technik erhielten
 sich noch lange auch im geschichtlichen Zeitalter, insoferne bei
 manchen Völkern gewisse altehrwürdige Operationen nur mit den
 ~Steinmessern~ gemacht werden durften, so z. B. die Leicheneröffnung
 vor dem Einbalsamieren bei den Aegyptern, die Beschneidung bei diesen
 und den Juden. Ebenso ist es bemerkenswert, daß längst, nachdem
 das Eisen zur Vorherrschaft im Alltagsleben gelangt war, die große
 Mehrzahl der chirurgischen Instrumente nicht aus diesem, sondern aus
 Bronze verfertigt wurde, wie die zahlreichen Funde auf dem Boden des
 römischen Reiches beweisen.

   Zahlreiche Funde werfen ein Licht auf die Erkrankungen und
 Verletzungen des Knochensystems der ~neolithischen~ Menschen, so
 wurden unter anderem (auch fast ohne Deformität geheilte) Frakturen
 verschiedener Knochen, Verletzungen (durch Feuersteinpfeilspitzen),
 Ankylosen, entzündliche Prozesse, Karies, Nekrose, Rhachitis
 beschrieben; das gleiche gilt für die ~Bronzezeit~, aus deren
 Gräberfeldern z. B. Fälle von Pfeilspitzenverletzungen, Arthritis
 deformans bekannt sind.

Ohne feste Wohnsitze, von wilden Tieren umlagert, allen Unbilden
des Klimas und der Witterung preisgegeben, in steter Fehde lebend,
nicht selten an Nahrungsmangel leidend und starrend von Schmutz,
waren die rohen Jäger- und Fischervölker, abgesehen von Verletzungen
verschiedenster Art, Insektenstichen, Parasiten, Geschwüren,
Hautkrankheiten, Katarrhen, Entzündungen innerer Organe, Fiebern,
Vergiftungen ausgesetzt.

Innere Leiden, die oft zu schwerem Siechtum führten, mußten der
Naturheilkraft überlassen bleiben, bis allmählich ~aus manchen
Nahrungs- und Genußmitteln und aus Giftpflanzen -- Arzneien~ wurden.
Daß ~Zufall~ und ~Empirie~ schon in sehr frühen Epochen zur Kenntnis
von Heilmitteln führte, kann mit Bestimmtheit vorausgesetzt werden,
weil die Mythen[2] aller Völker auf Kenntnisse aus prähistorischer
Zeit hindeuten, und weil wir alle Kulturvölker, sobald der erste
Morgenstrahl der Geschichte auf sie fällt, ebenso wie die heutigen
Naturvölker, im Besitze eines höchst ansehnlichen Heilschatzes finden.
Der schöpferische Zufall und die verborgenen Wege, welche die, an
einzelne Individualitäten gebundene medizinische Empirie einschlug,
entziehen sich für immer der geschichtlichen Nachforschung umsomehr,
als die ~mystische Denkweise des primitiven Menschen~ die Natur und das
Leben beinahe völlig in den undurchdringlichen Schleier des Magischen
einhüllt.

   [2] Vergl. z. B. die altbabylonische Izdubarsage, die äygptische
       Horusmythe, die Argonautensage u. a. Die Erkenntnis, daß das
       vorhandene medizinische Wissen nicht das Werk eines gewöhnlichen
       Sterblichen oder einer Generation sein könne, fand in der
       Herleitung der Medizin von Göttern (z. B. bei den Aegyptern und
       Indern) oder von mythischen Herrschern (z. B. bei den Chinesen)
       ihren Ausdruck.

Es würde zu weit führen, wollten wir an dieser Stelle die
Weltanschauung des primitiven Menschen in ihrem Stufengang vom
Fetischismus und Ahnenglauben zum Animismus und Polytheismus darlegen
oder die höchst interessanten Wechselbeziehungen zwischen dem
Dämonismus und der Medizin bis in die Einzelheiten verfolgen -- es
genüge der Hinweis auf die psychologische Quelle und die Hauptformen
des mystischen Denkens in der Heilkunst der Urzeit.

~Nochmals sei nachdrücklichst betont, daß eine allerdings höchst
dürftige Empirie die Grundlage des medizinischen Denkens bildete~; auch
für den Urmenschen war der kausale Zusammenhang in Fällen von Trauma
(durch Biß, Stich, Hieb, Pfeilschuß etc.), in Fällen von Schmerz durch
einen eingedrungenen Fremdkörper oder Parasiten vollkommen klar, ebenso
verständlich erschien ihm der Tod infolge von schweren Verletzungen,
Blutverlust, Hunger. Bei diesen Typen durchsichtiger Aetiologie
konnte aber der Kausalitätstrieb nicht verharren, zwang doch schon der
Schmerz und die Angst zum Nachdenken über die Ursachen auch solcher,
oft plötzlich und unversehens hereinbrechender Krankheiten, für welche
keiner der bekannten Anlässe vorlag. Die Not des Tages heischte nach
Linderung; wo die Existenz des Lebens auf dem Spiele steht, drängt,
wenn schon nicht der Erkenntnis-, so doch der Erhaltungstrieb ungestüm
dazu, die Lösung des Rätsels zu versuchen. Die logische Schlußkette
des primitiven Menschen -- die erste medizinische Theorie -- war
bei dem ungemein kleinen Vorstellungskreise, der nur über das eigene
Ich als Maß verfügte, sehr kurz. ~Dem primitiven Denken galt jeder
Krankheitsfall, wo die Ursache nicht grob sinnlich wahrnehmbar war,
wo Ursache und Wirkung einander nicht unmittelbar folgten -- also die
überwiegende Mehrzahl der Krankheiten --, als Ausfluß eines stärkeren,
bösen Willens, einer dämonischen Macht, und ebenso waren ihm z. B.
Vergiftungen, wo anscheinend ein kolossales Mißverhältnis zwischen
Wirkung und Ursache bestand, nichts anderes als -- Zauber.~

    Die ~Grundirrtümer~, in welchen sich das medizinische Denken
 des primitiven Menschen bewegt, sind im wesentlichen dieselben, die
 sich in mancherlei Spielarten durch weite Strecken der Geschichte
 der Medizin verfolgen lassen. Sie sind darin gelegen, ~daß man
 alles, was die temporäre Erfahrung und Denkstufe übersteigt,
 kurzweg als übernatürlich und transzendental erklärt, daß man das
 Unbekannte in ein Persönliches~ (Ontologie) ~umwandelt, welches
 über den mechanischen Gesetzen des Naturgeschehens stehen soll~
 (Animismus), ~daß man subjektiv Vorstellungen in Relation bringt,
 denen kein Zusammenhang der Objekte in der Realität entspricht~. (Ein
 charakteristisches Beispiel für den letztgenannten logischen Fehler
 bildet folgender Schluß: Als die Jakuten während eines Ausbruchs der
 Pocken zum ersten Male ein Kamel erblickten, erklärten sie dieses als
 die feindliche Gottheit, welche die Seuche über sie gebracht habe.)

Die Art, wie man sich den Urheber des Zaubers und den Mechanismus
des magischen Einflusses dachte, wechselte je nach Oertlichkeit
und Denkstufe; im Laufe der Zeiten liefen verschiedene Ansichten
nebeneinander her, auch bei demselben Volksstamme. •Die Grundideen
sind aber dieselben auf der ganzen Erde• und knüpfen stets an konkrete
Wahrnehmungen an, die zu falschen Analogieschlüssen verwendet werden.

Solche, der Sinneserfahrung noch am nächsten stehende Anschauungen
waren z. B. jene, welche als Urheber des Leidens einen bösen,
zaubergewaltigen Menschen beschuldigten, oder jene, welche die
Krankheit durch einen magischen Schlag, Stich, Schuß, durch ein Gift,
einen bösen Hauch, durch ein unversehens eingedrungenes Tier (z. B.
Wurm) oder einen Fremdkörper (Stein, Knochen, Holzstück, Strohhalm)
zu stande kommen ließen. Man sieht hier deutlich, wie wirkliche
Vorkommnisse der medizinischen Erfahrung, gewisse Schmerzempfindungen
etc. phantastisch verwoben werden. Nach anderen Vorstellungen sind es
die Geister der Verstorbenen, dämonische Tiere etc., welche Leiden
hervorrufen oder selbst in den Körper des Kranken hineinfahren
(Besessenheit); daran schließt sich der Glaube an spezifische
Krankheitsdämonen, d. h. Personifikationen bestimmter Affektionen. Der
Ursprung dieser Vorstellungen ist in den Bildern der (vom primitiven
Menschen für real gehaltenen) Traumwelt zu suchen, insbesondere im
Alptraum mit seinen beängstigenden Truggestalten, ferner in der
Beobachtung von Konvulsionen oder Irrsinn, wo die Verzerrung des
Gesichts, die Veränderung der ganzen Individualität die Besitznahme
durch ein fremdes Wesen vortäuscht. Abstrakter ist endlich die
schon einem höheren ethischen Empfinden entsprechende Annahme, daß
Krankheiten als Strafen der Gottheiten wegen Verfehlungen oder als
Prüfungen aufzufassen seien.

    Wiewohl es unter den heutigen ~Naturvölkern~ einige gibt, welche
 aus einer einst hohen Kultur in die gegenwärtigen rohen Verhältnisse
 allmählich zurückgesunken sind, so erschließen sie uns doch noch
 am besten die medizinische Denkweise des primitiven Menschen; die
 Verläßlichkeit dieser Quelle ergibt sich durch die prinzipielle
 Uebereinstimmung in den medizinischen Vorstellungen der Naturvölker
 untereinander, noch mehr durch die vielfachen Analogien mit den
 abergläubischen Resten in der Medizin der alten Kulturvölker und
 mit der Volksmedizin. Von oben nicht erwähnten (in der Medizin der
 Naturvölker oder in der Volksmedizin vorkommenden) vermeintlichen
 Krankheitsursachen seien beispielsweise noch erwähnt: der „böse
 Blick“, der Vampir, die zauberhafte Wegnahme der Seele, des Schattens
 oder eines Körperteils (Nierenfett), die Ortsveränderung eines
 Organs, die sympathetische Krankheitsübertragung. Bemerkenswert
 ist es übrigens, daß bei manchen Volksstämmen sehr niedriger Kultur
 nebstdem auch natürliche Krankheitsursachen angenommen werden, z. B.
 böse Winde, unzweckmäßige Ernährung, körperliche Ueberanstrengung,
 „Ansteckung“ (bei Lungentuberkulose), Vererbung (bei Aussatz,
 Epilepsie).

   Außer den Traumerscheinungen haben auf die Vorstellung der
 Dämonenwelt noch andere, ins Gebiet der Medizin fallende Beobachtungen
 gestaltend eingewirkt, z. B. die Betrachtung der menschlichen
 Mißgeburten.

   Unter den Tieren, welche das Modell für Seelenvorstellungen oder
 Krankheitsgeister lieferten, spielt der „Wurm“ keine geringe Rolle.
 Es hängt dies damit zusammen, daß auf dem verwesenden Körper Maden
 beobachtet wurden (bei den madagassischen Stämmen „Seelenwurm“), und
 daß man wirkliche Würmer als Krankheitserreger bei Tier und Mensch
 beobachtete oder unter der Rinde absterbender Bäume auffand. -- Es
 sei hier an den Glauben an „~Zahnwürmer~“, wie er in der europäischen
 Volksmedizin und in der orientalischen Medizin auftritt, erinnert.

Da die primitive Medizin den Ursprung und das Wesen der Krankheit
auf Grund der dämonistischen Hypothese erfaßt zu haben glaubt, so ist
ihre ~Therapie~ konsequenterweise eine ~kausale~, eine ~ätiologische~:
~Zauber muß durch Gegenzauber behoben werden~.

Im Denken des primitiven Menschen erscheint die Krankheit und die
Heilung als ein Kampf zweier zauberkundiger Gegner, als ein Kampf,
für welchen die Waffen aus der Rüstkammer des Uebernatürlichen, des
Mystischen, der ~Magie~ geholt werden. ~Diese bedeutet den Versuch,
die Naturgesetze zu durchbrechen, statt auf dem Wege der Erkenntnis
in den Ablauf des Naturgeschehens einzugreifen: die Dienstbarmachung
der Natur durch übernatürliche Mittel.~

Nur einzelnen Stammesgenossen, welche über geheimnisvolle Kenntnisse
und unheimliche Fähigkeiten (namentlich im Gebrauch der Giftpflanzen)
verfügen, ist die Gabe verliehen, mit der Geisterwelt in Verkehr
zu treten, Zauber unwirksam zu machen, Dämonen abzuwehren und zu
verjagen, die Mittel anzugeben, wie die erzürnte Gottheit zu versöhnen
sei. Es waren die Fetischpriester, welche dort, wo die gewöhnliche
Heilkunst versagte, als ~Zauberärzte~ hervortraten, so wie sie auch
mit magischen Künsten das Wetter beeinflußten, den günstigen Ausfall
der Jagd, die glückliche Entscheidung des Kampfes bewirkten, die
Zukunft vorhersagten. Namentlich in Zeiten des Unheils, der ~Seuchen~
groß geworden, beruht ihr übermächtiges Ansehen darauf, daß sie das
wachsende Erfahrungswissen mit dem Nimbus des dämonenbezwingenden Kults
klug zu bekleiden verstanden; an dem Glauben der übrigen erstarkte
ihr Selbstvertrauen, und unleugbar erfüllten sie ihre Aufgabe als
Heilkünstler teils durch ~Anwendung wirksamer Heilverfahren, welche
freilich mit phantastischem Beiwerk dicht umrankt waren~, teils
durch ~Beeinflussung der Psyche~ und damit der natürlichen Heilkraft
(~Suggestion~).

Aus der Urzeit sind begreiflicherweise nur spärliche Zeugen der
magischen Heilkunst auf uns gekommen, nämlich Amulette aus der jüngeren
Steinzeit und aus der jüngeren Bronzezeit (Medikamententasche eines
nordischen Arztes). Die ersteren sind Knochenscheiben, die man aus
den Schädeln Verstorbener heraustrepanierte und an einer Schnur trug;
die letzteren bestehen aus Tierzähnen, Wieselknochen, Katzenklauen,
Eichhörnchenunterkiefern, Vogelluftröhren, Natternwirbeln u. a. Diese
Reste sprechen eine beredte Sprache, denn sie beweisen nicht bloß das
hohe Alter der dämonistischen Ideen[3], sondern sie zeigen durch die
Uebereinstimmung mit noch existierenden volksmedizinischen Gebräuchen,
wie sogar die Formen der mystischen Medizin den Wandel der Zeiten,
die verschiedenen Stadien des religiösen Bewußtseins überdauern. Umso
sicherer können wir aus dem medizinischen Mystizismus der ältesten
Kulturmedizin und aus den Zauberprozeduren der Medizinmänner der
Naturvölker Rückschlüsse auf das magische Heilverfahren der Urzeit
machen. Auch dieses wird aus Kulthandlungen (Opfern, Gebeten,
Räucherungen, Reinigungen, Fasten u. a.), sowie aus eigentlichen
Zaubermitteln und Zauberprozeduren bestanden haben, wohin namentlich
das ~Amulett~, die ~sympathetische Krankenübertragung~, ~das
Besprechen~, ~das Beschwören~, ~die Dämonenaustreibung und symbolische
Handlungen~ in ihren verschiedenartigsten Modifikationen gehören,
zumeist verknüpft mit Heiltränken oder rationellen Heilmethoden,
z. B. mit der (verdeckten) Massage, der Blutentziehung, mit Bädern
und diätetischer Behandlung. ~Mancher Heilgebrauch, der einst
aus Instinkt oder Beobachtung hervorgegangen war, fand jetzt eine
sekundäre dämonistische Umdeutung, welche den ursprünglichen Sinn
vergessen ließ~; so wurde z. B. das Streichen, Kneten und Drücken
schmerzhafter Stellen zum Mittel der Dämonenaustreibung, das Anblasen,
Anhauchen, das Bespeicheln, das Bemalen, Tätowieren u. a. erhielt eine
mystische Bedeutung als Gegenzauber gegen geisterhafte Einflüsse, die
Bäder, Waschungen, die Räucherungen, gewisse diätetische Maßnahmen
verwandelten sich in Kulthandlungen[4]. Und bei einer kritischen
Untersuchung zeigt es sich deutlich, ~daß im Grunde die meisten
Prozeduren der mystischen Heilkunst nichts anderes als die symbolische
Anwendung jener Gebräuche, jener Verteidigungs- und Angriffsmittel
darstellen, welche auch sonst im gewöhnlichen Leben zur Abwehr der
Gefahr dienten, nur daß sie hier gegen einen unsichtbaren Feind
benützt werden~. So sind z. B. Opfer und Kasteiung Versuche, die Gunst
der höheren Mächte zu gewinnen; die Besprechung, die Beschwörung
ist eine Aufforderung, eine Drohung, und die Art der primitivsten
Dämonenaustreibung durch listiges Weglocken, Verjagen durch Lärm,
Aufführen von Tänzen, Schütteln oder Schlagen des Patienten erinnert
an die Vorgänge im Kampf mit wirklichen Feinden[5].

   [3] Darauf weisen auch die ältesten Krankheitsnamen.

   [4] Dahin gehört auch z. B. die kultische Blutentziehung, ja sogar
       das rituelle Erbrechen bei manchen Indianerstämmen.

   [5] Burjätische Schamanen glauben die bösen Geister durch
       Pfeilschüsse töten zu können.

       Es mangelt der Raum, von diesem Standpunkte hier alle Typen
       oder gar die Einzelheiten der Volksmedizin und der Heilkunst
       der Naturvölker zu analysieren, es genüge die bloße Anregung
       zur Nachprüfung.

~Das Amulett ist die älteste Form der Krankheitsprophylaxe~ und ging
ursprünglich aus der ~Idee~ hervor, daß man sich durch den Besitz
~fremder Körperteile auch in den Besitz ihrer Funktionen setzen~
(also die eigene Naturheilkraft verstärken) ~zu können glaubte~. Aus
dem anfänglichen Verzehren der Organe (z. B. des Marks, des Gehirns,
der Hoden etc.) entwickelte sich das abgekürzte Verfahren, tierische
Körperteile, giftfeste Tiere (z. B. Spinnen), seltene, stark glänzende
oder riechende Dinge u. s. w. bloß am Leibe zu tragen[6].

   [6] Es ist merkwürdig, wie sich die modernsten Ideen (Organ- und
       Serumtherapie) mit dieser ältesten Form der Prophylaxe im
       Prinzip berühren. -- Das Gegenstück zum Amulett bildet jene
       Form des sympathetischen Zaubers, wo man sich in den Besitz
       von einzelnen Körperteilen einer Person (z. B. der Haare,
       der Zähne, des Harns, der Exkremente etc.) setzt und durch
       symbolische Manipulationen mit dem Objekt eine Erkrankung bei
       dem ursprünglichen Besitzer hervorzurufen beabsichtigt.

Wo Dämonismus die Theorie, wo Magie die Praxis bildet, kann die
medizinische ~Diagnostik~ und ~Prognostik~ nur aus Visionen
und Götteroffenbarungen schöpfen. So wird die Erkenntnis des
Krankheitswesens und die Vorhersage des Ausgangs teils im ~Traum~
oder im Zustand der ~Ekstase~ von den höheren Mächten offenbart, teils
aus zufällig eintretenden ~Vorzeichen~ oder aus der ~Orakelbefragung~
ermittelt. Unter den Arten der letzteren erlangte ~die Eingeweideschau~
eine hohe Bedeutung -- führte sie doch zu anatomischen Kenntnissen
primitivster Art.

    Einen lebensvollen Eindruck vom Gehaben der Zauberärzte empfängt
 man aus der Schilderung der bei den Naturvölkern bestehenden
 Verhältnisse. Der größte Teil der Heilkunst liegt in den Händen der
 ~Medizinmänner~. Die oft höchst absonderliche Lebensweise derselben
 ist von der Absicht geleitet, den Nimbus übernatürlicher Fähigkeiten
 zu bewahren und das Volk in staunender Furcht zu erhalten. „Sie essen
 getrennt und zu ungewöhnlichen Zeiten, sie schlafen, wenn die anderen
 wachen, und sie behaupten lange Wanderungen zu unternehmen, wenn die
 anderen im Lager alle im Schlafe liegen; selten jagen und fischen
 sie oder tun irgend eine Arbeit.“ Bei manchen Stämmen leben sie
 zurückgezogen und vermeiden gewisse Nahrungsmittel (z. B. bestimmte
 Fleischsorten); auch in der äußeren Erscheinung ihrer Wohnung drückt
 sich die Ausnahmsstellung aus, welche die Medizinmänner genießen.
 Ihre zauberärztlichen Prozeduren pflegen sie meistens in einer
 besonderen Amtstracht vorzunehmen, welche in grotesker Vermummung
 besteht. Bei manchen Stämmen ist der Beruf ein erblicher, oder es
 geben gewisse Absonderlichkeiten der Geburt (z. B. Zwillingsgeburt),
 oder besondere Erlebnisse (Träume, Ueberstehen von Krankheiten etc.)
 Veranlassung, daß jemand für die ärztliche Laufbahn bestimmt wird;
 insbesondere bei den ~Schamanen~ der sibirischen Volksstämme scheint
 eine nervöse und zu epileptiformen Anfällen geneigte Konstitution
 die nötige Voraussetzung für ihre Suggestivwirkungen zu bilden, oder
 zum mindesten können sich dem Berufe nur solche (psychopathische?)
 Individuen mit Erfolg widmen, die unter dem Einfluß der Tradition
 und des häufigen Anblicks der Konvulsionen eine solche Fertigkeit
 der Autosuggestion erlangen, daß sie sich beim Einwirken äußerer
 Momente (Anwesenheit der Gläubigen, Hersagen von Beschwörungsformeln,
 Schlagen der tamburinähnlichen Zaubertrommel, Tanzbewegungen u.
 s. w.) nach Belieben in Ekstase zu versetzen und konvulsivische
 Anfälle zu produzieren vermögen. Um das magisch ärztliche Können
 als Ausfluß höherer Inspiration erscheinen zu lassen, hat sich der
 Novize unter bestimmter Anleitung oft einer harten, mit Kasteiungen
 und geheimnisvollen Zeremonien verbundenen Vorbereitung in der
 Einsamkeit zu unterwerfen, bis ihm die „Berufung“ zu teil wird, d.
 h. bis er in einen Zustand versetzt wird, der an gewisse Formen der
 Hysterie erinnert und mit der Hypnose verwandt ist. Besonders hohe
 Ansprüche stellt man z. B. bei den nordamerikanischen Indianern an
 jenen Kandidaten, welcher die Aufnahme in den Geheimbund der Mide
 wünscht, und es dauert oft eine ganze Reihe von Jahren, bis alle Grade
 bis zur höchsten Weihe durchlaufen werden. Wo es zu einer Art von
 Organisation der Zauberärzte gekommen ist, wird der Novize älteren
 Mitgliedern zur fachlichen Ausbildung anvertraut, wo dies nicht der
 Fall, schließt sich der Kandidat längere Zeit an einen Medizinmann an,
 erhält durch ihn Unterweisung (im Ausgraben der Heilkräuter, in der
 Bereitung der Arzneien u. s. w.) und erreicht durch Assistenz bei den
 magischen Heilprozeduren allmählich die nötige praktische Fertigkeit
 (auch in der Taschenspielerkunst). Bei manchen Volksstämmen erlangt
 der Adept die Approbation erst nach einer Art von ärztlichem Examen.
 Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß es bei manchen Naturvölkern
 ärztliche Lehrbücher (Beschwörungsformeln und Rezepte) gibt, daß die
 Medizinmänner oft Heilgehilfen haben und auch gemeinsam untereinander
 beraten, daß auch Weiber in den Stand Aufnahme finden (zumeist als
 Medium bei den Zauberhandlungen).

   Das Honorar ist bisweilen recht ansehnlich, jedoch ist der Beruf
 nicht ohne Gefahr und bei unglücklichem Ausgang der Kur kommt alles
 darauf an, die Hinterbliebenen zu überzeugen, daß ein böswilliger
 Medizinmann eines feindlichen Stammes den Tod des Patienten verursacht
 hat. Bei den Einwohnern von Haiti z. B. zogen die Verwandten, wenn
 sie an die Schuld des Arztes glaubten, denselben zur Rechenschaft
 und bestraften ihn unter Umständen aufs Grausamste. Dort, wo aus den
 Zauberpriestern ein wirkliches Priestertum mit Götterkultus entstand,
 wie bei den alten Kulturvölkern, trifft die Verantwortung für den
 unglücklichen Ausgang der Kur nicht mehr den Priester, sondern es
 war einfach der übermächtige Wille der zürnenden Gottheit, welche die
 Heilung versagte. (Bemerkenswert ist es, daß selbst im nigritischen
 Afrika die spätere Abtrennung des ärztlichen Berufs vom Priestertum
 in bescheidenen Anfängen angedeutet ist.)

    Zum Handwerkszeug des Medizinmannes gehört der Medizinsack,
 welcher allerlei absonderliche Dinge, Krallen von Raubtieren,
 Fußwurzelknochen, Schneckenhäuser, seltsame Medizinsteine etc.
 enthält, ferner die Trommel und die Rassel, welche zur Erzeugung von
 betäubendem Lärm (Musik, Hypnose) bei den Tänzen und Beschwörungen
 benützt werden. Opfer und Gebete leiten meistens die übernatürliche
 Behandlung ein, diese selbst besteht aus sympathetischer
 Krankenübertragung, Ausräucherungen, Exorzismen, symbolischen
 Handlungen, welche z. B. das Zurückbringen von „geraubten“
 Körperteilen, das Zurückholen der Seele, das Fangen, Festbannen und
 Vernichten des Dämons darstellen sollen u. s. w. Den Ursprung aus
 der empirischen Medizin verraten insbesondere das Kneten, Streichen,
 Drücken, die Massage, wobei der Schmerzpunkt des Patienten vorher
 aufgesucht wird, sowie das Bepusten und Bespeien (mit Wasser oder
 medikamentösen Flüssigkeiten). An die versteckte Massage schließt
 sich das symbolische Herausnehmen oder ~Heraussaugen~ der Krankheit
 (Vorbild der Fremdkörper!), als dessen Ergebnis vom Medizinmann z.
 B. ein schon vorher bereit gehaltener Stein (Medizinstein) mit allen
 Finessen des Taschenspielers produziert wird. Plastisch schildert
 nachfolgende Skizze die Kur eines Zauberarztes der Buschmänner:
 „Der Arzt beginnt, fortwährend sprechend, den Kranken an allen
 Gliedmaßen strichweise zu reiben und zu kneten, und zwar stets von
 den Extremitäten oder der Peripherie aus nach der Stelle, die der
 Kranke als besonders schmerzhaft bezeichnet. Abwechselnd mit dieser in
 immer schnellerem Tempo geführten Massage, bestreicht der Operateur
 das erwähnte Schmerzzentrum mit dem seinen Achselhöhlen entnommenen
 Schweiße und bespuckt dasselbe außerdem noch ausgiebig, fortwährend
 an kleinen, um den Hals getragenen Amuletthölzchen knuspernd. Nach
 Verlauf von zehn oder fünfzehn Minuten, je nach dem Zustande des
 Kranken wird die geschilderte Prozedur unterbrochen. Nun preßt der
 Arzt, gleichzeitig heftig saugend, seinen Mund krampfhaft auf die
 Körperstelle, nach welcher hin die Richtung der Reibung ging. Bald
 darauf beginnt er, sich heftig zu winden, zu stöhnen, das Gesicht zu
 verziehen, die Augen zu rollen, alles unter der Einwirkung starker
 Schmerzen. Die Fremdkörper, denn solche sind es, die das Wohlbefinden
 störten, sind nun in den Arzt übergegangen; während er sich am Boden
 windet, greift er plötzlich nach den Ohren oder dem Kopfhaar und
 bringt unerwartet die aus seinem Körper entfernten Gegenstände z. B.
 ein Stück Kohle oder eine Kaurimuschel zum Vorschein. ‚Diese Dinge
 haben dich krank gemacht,ʻ belehrt er den Kranken, ‚ich werde sie nun
 begraben, und damit sind deine Schmerzen fortʻ“ (Stoll, Suggestion und
 Hypnotismus, Leipz. 1904, S. 286). Daß bei Seuchen ein ganzer Apparat
 von mystischen (oft verdeckt empirischen) Gebräuchen in Wirksamkeit
 tritt, ist klar.

   Wenn der Dämonismus auch vorwaltet und das nüchterne Denken
 lähmt, so zeigt doch eine vergleichende Rundschau, daß die Medizin
 der Naturvölker über nicht wenige wirksame Heilsubstanzen und
 therapeutische Maßnahmen verfügt.

    Was zunächst den ~Heilschatz~ anlangt, so genügt zu seiner
 Beurteilung der Hinweis, daß unsere Pharmakopöe nicht wenige der
 wertvollsten Mittel den Naturvölkern schuldet und allem Anschein
 nach, wird die Zukunft noch so manches aus dieser Quelle schöpfen.
 Bekannt sind den Naturvölkern zahlreiche ~Abführmittel~, ~Stomachika~,
 ~Brechmittel~ (auch prophylaktisch verwendet), ~Narkotika~,
 ~Vermifuga~, ~Aphrodisiaka~, Aromatika, Vesikantia, Rubefacientia
 etc. Neben den Medizinalpflanzen, die vereinzelt sogar eigenst
 angebaut werden, verwendet man auch mineralische und tierische
 Substanzen, unter den letzteren kommen Fette, Tran, Organe, Blut,
 Galle, Speichel, pulverisierte Knochen und Zähne, Konkremente,
 Harn und Fäces vor. Von Arzneiformen sind am häufigsten Dekokte,
 Kataplasmen, Umschläge, Einreibungen, Salben und Pflaster, selten
 dagegen Pulver, Infuse und Pillen; bei einigen Völkern verabreicht
 man mit primitiven Hilfsmitteln ~Klistiere~ und kennt den Gebrauch
 von ~Räucherungen~, Inhalationen, Schnupfpulvern, Nasenduschen,
 Instillationen. Interessant ist es, daß bei manchen Stämmen die
 ~Impfung~ gegen Blattern (bei den Aschanti) oder gegen Schlangenbiß
 vorgenommen wird, indem man Pockeneiter bezw. Präservativmittel gegen
 Vergiftung in Hauteinschnitte einreibt; in dunkler Vorahnung des
 isopathischen Prinzips werden auch Einreibungen mit dem Fett giftiger
 Tiere, Skorpionöl etc. zur Bekämpfung von tierischen Vergiftungen
 gemacht. Mit dem Einsammeln der Drogen, mit dem Bereiten und Einnehmen
 von Arzneien ist stets eine Menge von absonderlichen mystischen
 Gebräuchen verknüpft.

   Außer der arzneilichen Therapie spielen auch ~diätetische
 Vorschriften~, ~Massage~ (in den verschiedensten Modifikationen vom
 leisen Berühren bis zum Stoßen und Treten), die ~Wasserbehandlung~
 (kalte Bäder, kalte und warme Uebergießungen, medikamentöse Bäder,
 Thermen, Dampfbäder) und Trinkkuren eine Rolle. All dies ist mit
 einer Menge von rituellen oder abergläubisch-suggestiven Gebräuchen
 umgeben, die als Hauptsache imponieren. -- Bemerkenswerterweise
 kennt man auch die schmerzstillende Wirkung des ~zirkulären Drucks~
 (Zusammenschnüren der schmerzhaften Stelle z. B. des Kopfes, der
 Brust mit einem Band, Gürtel etc.). -- Eigentümlich ist eine, statt
 der kalten oder warmen Uebergießung angewendete Methode, welche darin
 besteht, daß der Medizinmann z. B. bei fieberhaften Zuständen den
 Körper des Kranken von oben bis unten mit einem Sprühregen von Wasser
 (oder einer medikamentösen Flüssigkeit) aus seinem Munde berieselt.

   Weit verbreitet in verschiedenen Formen ist die Heilmethode des
 ~Schröpfens~ und der ~Blutentziehung~. Das ~Schröpfen~ wird teils
 durch kräftiges Saugen mit dem Munde ausgeführt, teils benützt man
 einfache Hilfsinstrumente (knöchernes Rohr, Ochsen- oder Büffelhorn,
 dessen durchbohrte Spitze nach dem Saugen schnell mit Wachs
 verschlossen wird), selten wirkliche Schröpfköpfe. ~Skarifikationen~
 macht man mit Dornen, Fischgräten, Steinsplittern, Muschelsplittern,
 Knochenstückchen, Glasscherben oder Messern. Mit Steinsplittern oder
 Messern wird auch der ~Aderlaß~ an verschiedenen Venen vorgenommen;
 häufig armiert man zu diesem Zwecke einen Holzgriff mit einem
 Feuersteinsplitter, der nur so weit hervorragt, als er in die Vene
 eindringen soll; die Venäsektion erfolgt dann durch Einstich oder in
 der Weise, daß man mit einem Stück Holz einen Schlag auf den Handgriff
 des aufgesetzten Instruments ausführt. Bei den Isthmusindianern und
 den Papuas schießt man mittels zierlicher Bögen einen kleinen (mit
 ganz kurzen Steinspitzen armierten) Pfeil aus geringer Entfernung in
 die Vene.

    Die ~chirurgischen~ Leistungen sind nicht unansehnlich, ja
 bei dem Mangel an anatomischen Kenntnissen überraschen sie durch
 die Kühnheit der Eingriffe. Mit Dornen oder irgendwelchen anderen
 scharfspitzigen Gegenständen (auch die Pinzette kommt vor) werden
 Fremdkörper extrahiert, Abszesse eröffnet, bei der Wundbehandlung
 kommt das Aussaugen in Betracht, bisweilen sogar eine Art von Drainage
 (durch Wieken von Baumbast), ferner Wundbalsam und Kataplasmen; die
 Naht oder die feste Bandagierung, um Verwachsung zu erzielen, ist bei
 gewissen Stämmen nicht unbekannt. Zum Nähen kleiner Wunden werden z.
 B. Dornen verwendet, welche man quer durch beide Wundränder steckt
 und dann umschlingt. Bei einigen Indianerstämmen Brasiliens ist es
 üblich, die beiden Wundränder von den scharfen Kopfzangen einer großen
 Ameise fassen zu lassen, welcher sodann schnell der Leib abgeschnitten
 wird; eine Ameise um die andere ansetzend, schließt man die Wunde.
 Bei Behandlung von Geschwüren erfreut sich die Kauterisation (mit
 heißer Asche, erhitzten Blättern, Glüheisen) großer Beliebtheit.
 Die Blutstillung macht den Naturvölkern meist sehr erhebliche
 Schwierigkeiten, zumeist wissen sie gar nichts damit anzufangen.
 Manchmal führen jedoch pflanzliche und mineralische Styptika zum
 Ziele, seltener sucht man durch zirkulären Druck (fest herumgelegte
 Binden) der Blutung Herr zu werden. Die Behandlungsweise der
 Verrenkungen ist ohne jede Rationalität (Kataplasmen, Glüheisen etc.),
 hingegen besitzen wir erstaunliche Berichte darüber, wie geschickt
 man Knochenbrüche zu behandeln versteht. Nicht nur ~Schienenverbände~
 (aus Holz, Baumrinde, Bambusstücke u. s. w.) und Lagerungsapparate,
 sondern sogar ~erhärtende Verbände~ (aus Ton) wissen die Naturvölker
 herzustellen.

   Von den Operationen betreffen die meisten die Sexualsphäre, wie die
 ~Beschneidung~ der Knaben (zirkuläre Abtragung des Präputiums oder
 Längsschnitt in dasselbe), die sogenannte Beschneidung der Mädchen
 (Abschneiden eines Stückchens von dem Praeputium clitoridis), die
 ~Infibulation~, die ~Kastration~, die ~Mikaoperation~ (Urethrotomia
 externa vom Orifizium der Eichel bis zum Hodensack, zum Zweck der
 Beschränkung der Nachkommenschaft, bei australischen Stämmen üblich),
 der ~Kaiserschnitt~ an der Schwangeren, die ~Ovariotomie~. Einen
 gleich großen chirurgischen Mut setzen voraus: die ~Trepanation~
 und die Aufschabung der Röhrenknochen (bis zur Eröffnung der
 Markhöhle wegen rheumatischer Affektionen), wie sie die Eingeborenen
 der Loyalitätsinseln in der Südsee zu machen pflegen, oder die
 Exstirpation der Halsdrüsen (wegen Schlafkrankheit). Berauschung,
 Betäubung durch Narkotika oder Hypnose des Patienten sind die
 Voraussetzung für derartige schwere Eingriffe. Der nicht selten
 glückliche Ausgang der Operationen kann, da das Verfahren jeder
 Antiseptik Hohn spricht, nur darauf beruhen, daß die Naturvölker einen
 bedeutend höheren Grad von Widerstandsfähigkeit gegen Wundinfektion
 besitzen, als die hochzivilisierten Nationen. -- Die ~Geburtshilfe~,
 welche fast ausschließlich in den Händen der Frauen liegt, zeigt bei
 den einzelnen Völkern eine sehr verschiedene Entwicklungshöhe; es sei
 nur beispielsweise darauf hingewiesen, daß man bei den malaiischen
 Völkern durch Massage die ungünstige Lage der Frucht im Mutterleibe
 zu verbessern sucht, daß in Kochinchina durch vorsichtiges Treten
 des Leibes die zögernde Nachgeburt zu entfernen versucht wird u. a.
 -- Menstruierende halten sich von den übrigen Familienmitgliedern
 abgesondert, die Geburt erfolgt bei manchen Stämmen in besonderen
 Gebärhütten, die sodann nach beendetem Wochenbett meistens
 niedergebrannt werden. -- Auf den Watubelainseln ist die Mutter
 im Falle der Erkrankung des Säuglings verpflichtet, Medikamente zu
 nehmen, damit dieselben dem Kinde auf dem Wege der Milch zugeführt
 werden.

   Die Zahl der Krankheiten, welche unterschieden werden, ist ziemlich
 bedeutend, was auf die diagnostischen Fähigkeiten ein Streiflicht
 wirft; hinsichtlich der Prognostik wäre zu erwähnen, daß z. B. die
 Bedeutung des blutigen Auswurfs voll erfaßt wird. Verfahren manche
 Nomaden- und Jägervölker äußerst grausam gegen unheilbare Kranke
 (durch Aussetzung oder Tötung), so sind uns dagegen von anderen
 Stämmen Züge von zärtlicher Fürsorge (Krankentransport in Hängematten
 oder Sänften) berichtet (z. B. für Geisteskranke, die meist gut
 verpflegt werden), und nicht selten findet man Einrichtungen, die
 sogar an ~Krankenanstalten~ erinnern (bei Indianerstämmen wird der
 wichtigste Teil der ärztlichen Behandlung in der „Medizinhütte“
 vollzogen oder die Hütte des Kranken wird vom Verkehr abgesperrt, in
 Neuguinea war um das Haus eines Papuadoktors eine Anzahl von Hütten
 für die Patienten errichtet).

    Anfänge der ~privaten und öffentlichen Gesundheitspflege~
 sind schon in vielen Gebräuchen zu erblicken, wenn dieselben
 auch in der Regel den hygienischen Grundgedanken in mystischer
 Verbrämung verbergen. Zur individuellen Hygiene zählen absichtlich
 hervorgerufenes Erbrechen und Purgieren, Massage und Skarifikationen
 (zur Bekämpfung der Uebermüdung), Bäder, Schwitzen, die
 Kauterisation (als vorbeugende Mittel gegen Krankheiten), mancherlei
 Schutzvorrichtungen, wie z. B. die Augenschirme, Schneebrillen etc.
 der nordischen Völker. Ins Gebiet der öffentlichen Gesundheitspflege
 fallen einzelne Maßnahmen zur Assanierung des Wohnortes (z. B. Anlage
 von abseits gelegenen Plätzen für die Defäkation), namentlich aber
 Vorkehrungen gegen die Verbreitung der Seuchen durch Schutz vor
 der Berührung mit den Infizierten (Absperrung der Wohnsitze gegen
 verdächtige Fremde, Fortschaffen und Unterbringen der Infizierten an
 streng überwachten Orten, z. B. Lepröser, Pockenkranker, Flucht vor
 der Seuche), durch abergläubisch-hygienische Reinigungen oder durch
 das Niederreißen der infizierten („warmen“) Hütten, eventuell durch
 das Verbrennen der gesamten Habe des Toten. Bemerkenswert ist es, daß
 besonders die Lepra als ansteckende Krankheit gefürchtet wird, und
 daß Eingeborene Brasiliens die Lungentuberkulose für infektiös halten.
 Ein merkwürdiger Gebrauch ist von den Samoanern berichtet: „Wenn eine
 Person an einem Leiden starb, das auf einige andere Familienglieder
 überging, so öffneten sie die Leiche, um die Krankheit zu suchen. Traf
 es sich, daß sie irgend eine entzündete Substanz fanden, so nahmen
 sie dieselbe heraus und verbrannten sie, in dem Glauben, daß dies
 dem Uebergreifen der Krankheit auf andere Familienglieder vorbeugen
 würde. Dies geschah, wenn der Leichnam im Grabe lag.“ (~Primitive
 Anfänge einer pathologischen Anatomie!~)

Trotz des Dämonismus und der Zauberärzte erlosch die reine ~Empirie~
nie völlig, wenn sie sich auch nur innerhalb der Schranken ~einzelner
chirurgischer Fertigkeiten~ hielt. Ebensowenig vermochte der
Mystizismus ~die Erkenntnis des primitiven Menschen zu ersticken, daß
das Leben an die Atemluft und das wärmende Blut gebunden sei~ -- der
Tod rief diese Grundlehre immer von neuem ins Gedächtnis.

Die Zukunft aber gehörte den ~Priestern~! Dort, wo es zur
Staatengründung, zur ~Organisation einer Priesterkaste~ kam, wo unter
günstigen Verhältnissen allmählich eine Kultur entstand, wuchsen auch
aus den vereinzelten, hie und da hingestreuten Keimideen der primitiven
Medizin jene bewundernswert geschlossenen theurgisch-empirischen
Systeme hervor, die wir in der Heilkunde der alten Kulturvölker
vorfinden und die den Ausgangspunkt aller höheren medizinischen
Entwicklung darstellen.



                        Die Medizin des Orients.


Die Medizin in Mesopotamien.

(Sumerer, Babylonier, Assyrer.)


Mesopotamien ist die älteste Pflegestätte, vielleicht sogar die Wiege
der Kultur überhaupt.

Die Wissenschaft des Spatens und der Lupe, die Entzifferung
der Keilschrifttexte verschafft uns tagtäglich mehr Einblick in
eine Zivilisation von ungeahnter Höhe und Vielseitigkeit, deren
Denkmäler schon im 3. Jahrtausend v. Chr. auf eine lange Entwicklung
zurückblicken.

Nach den jetzigen Forschungsergebnissen waren es die ~Sumerer~,
welche im 4. (oder 5.) Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien die Saat
der Kultur ausstreuten, das vorher unwirtliche Land durch Kanalbauten
bewohnbar und fruchtbar machten, die Grundzüge der altorientalischen
Weltanschauung, Religion und staatlichen Organisation entwarfen,
die Bilderschrift, aus der sich die Keilschrift herausschälte,
ersannen, Astronomie und Naturkenntnis, Künste und Gewerbe pflegten.
Von den Sumerern entlehnten sodann die semitischen Eroberer des
Zweistromlandes, ~Babylonier~ und ~Assyrer~ die Elemente der Gesittung,
Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit, um sie in eigenartiger Umprägung
und Nachschöpfung, mit wechselndem Schicksal weiterzubilden und zur
höchsten Blüte zu bringen, bis zu den Tagen, da die Indogermanen das
Zepter der Macht und die Fackel der uralten Kultur ergriffen.

~Babylon~, die prächtige Zierde der Chaldäer und ~Ninive~ „die
göttlichgroße Stadt“ repräsentieren somit nicht die Anfänge einer
geistigen Entwicklung, sondern die geschichtlich bedeutsamste Phase
derselben; Babylonier und Assyrer geben einer Kultur den Namen, die im
Wesen bereits vor ihrer politischen Herrschaft bestand und auch nach
dem Sturz derselben nicht gänzlich erlosch. ~Mesopotamien selbst machte
allmählich die Völker verschiedenster Rassen in geistigem Sinne zu
„Babyloniern“, zu Trägern der weit über die räumlichen und zeitlichen
Grenzen hinausreichenden „babylonischen Kultur“!~

   Die Vorläufer der babylonischen Kultur -- die Sumerer -- wurden
 von den aus Südwest vordringenden semitischen Eroberern aufgesogen,
 doch erhielt sich ihr Name in dem babylonischen Herrschertitel
 („König von Sumer und Akkad“), und ihre Schrift, Sprache und Kultur
 überlebten Jahrtausende hindurch den Untergang des Volkes. Die Sumerer
 besaßen ursprünglich eine (gleich der ~chinesischen~) in senkrechten
 Zeilen (von rechts nach links) verlaufende Bilderschrift, welche
 sich allmählich (durch Vierteldrehung) in die von links nach rechts
 laufende Keilschrift verwandelte, hauptsächlich bedingt durch das
 Schreibmaterial (Lehmtafeln und Griffel). Von den Babyloniern und
 Assyrern wurde das Sumerische (auch nachdem es aus dem Kreis der
 lebenden Sprachen trat) als Sprache des Kultus und der Gelehrsamkeit
 -- ähnlich wie das Lateinische im Mittelalter -- wissenschaftlich
 weiter gepflegt; die sumerische Schrift übernahm man in doppelter
 Weise, indem dasselbe Keilschriftzeichen sowohl als Begriffsausdruck
 wie auch als Silbe (nach dem sumerischen Lautwert) diente. --
 Vermutlich stammten die Sumerer aus Zentralasien; nach einer älteren
 Hypothese hatten sie neben Ariern (Indern) und Chinesen ihren Ursitz
 im Tarymbecken und an den Oberläufen des Oxus und Iaxartes, von wo
 aus dann gemeinsame Anschauungen und Kenntnisse (namentlich in der
 ~Astronomie~) in die späteren Wohnsitze dieser Völker: Mesopotamien,
 Indien, China verpflanzt wurden. Die Analogien, welche in mancher
 Hinsicht zwischen sumerisch-babylonischer und chinesischer Kultur
 bestehen, würden dadurch ebenso eine ungezwungene Erklärung finden,
 wie manche Momente des indischen Geisteslebens, die sonst auf direkte
 babylonische (früher auf griechische) Einflüsse bezogen werden müssen.

   Die Mehrzahl der Inschriften und Urkunden, welche unsere
 Quellen bilden, stammen aus assyrischen Ruinenstädten und sind in
 assyrischer Sprache abgefaßt; die assyrische Hegemonie (etwa von
 900 v. Chr. bis zum Falle Ninives 606 v. Chr.) ist jedenfalls die
 Blütezeit der semitischen Großmachtstellung; dennoch bezeichnet
 man mit Recht die ganze Kulturepoche als „~babylonisch~“, weil
 die Babylonier ihre eigentlichen Begründer waren und jederzeit am
 meisten die Wissenschaft und Kunst, den Handel und die Gewerbe
 förderten, während die vornehmste Seite des künstlerisch und
 wissenschaftlich mehr epigonenhaften Assyrertums in der militärischen
 und Verwaltungsorganisation, im Prunk und Glanz des Hoflebens
 zu suchen ist. Wie die assyrische Kunst sich durch stilisierende
 Darstellungsweise von der Ursprünglichkeit und Behandlungsfreiheit
 der babylonischen abhebt, so imponieren die assyrischen Bibliotheken
 durch den Reichtum, nicht durch die (sehr geringfügige) Originalität
 der Literatur.

Daß „die Chaldäer“ die Sternkunde und Mathematik, besonders aber die
Sterndeuterei in hervorragender Weise betrieben, wußte man stets
auf Grund der unvollkommenen Ueberlieferungen aus dem klassischen
Altertum, aber erst die Autopsie der Gegenwart, die Ausgrabungen
haben den Umkreis, die Tiefe und weltumspannende Bedeutung der Kultur
des Zweistromlandes wirklich klar gelegt. Lange vor der Zeit, da
Griechenland erst in den Gesichtskreis der Geschichte rückt, verstanden
es die Babylonier mit erstaunlicher Genauigkeit astronomische
Beobachtungen und Berechnungen anzustellen; das Schriftwesen, die
künstlerische Darstellung, die Kriegstechnik und das Rechtswesen vieler
Völker wurden von Mesopotamien unmittelbar oder indirekt beeinflußt;
das Gewichts- und Maßsystem läßt noch heute den Erfindersinn der alten
Bewohner der Euphrat- und Tigrisländer erkennen, und unsere ganze
Zeitmessung, unsere Kreiseinteilung beweist wie vieles andere, daß
Babel im Reiche des Geistes, im Getriebe des Weltverkehrs fortzuwirken
niemals aufgehört hat.

   Die keilinschriftlichen astronomischen Bestimmungen erregen
 nicht nur die Bewunderung der modernen Astronomen, sondern finden
 sogar praktische Verwertung. Astrolabien sind bereits gefunden
 worden. Die Babylonier hatten zwei vollständig ausgebildete
 astronomische Maßsysteme, zwei große Mondrechnungsysteme (27
 Mondstationen) und mehrere Systeme der Planetenbeobachtung. Sie
 kannten die Periodizität der Finsternisse, gaben die Daten für
 Konstellationen von Ekliptiksternen, bezeichneten die heliakischen
 Auf- und Untergänge der Planeten, ihre Opposition mit der Sonne,
 berechneten vom Herbstäquinoktium ausgehend die Anfangstermine der
 astronomischen Jahreszeiten, die Geschwindigkeit des Mondes, das
 Gesetz, nach welchem sich die Sonnengeschwindigkeit ändert, die
 Jahresdauer, den mittleren synodischen Monat, beobachteten Meteore,
 Sternschnuppen und die Witterung u. s. w. Selbstverständlich war
 die Mathematik (Landesvermessung) dementsprechend entwickelt (z.
 B. Kenntnis der arithmetischen Reihe); zwei Zahlensysteme, das
 dekadische und das ~Sexagesimalsystem~, standen nebeneinander in
 Gebrauch. Auf babylonischen Ursprung zurückzuführen sind unter anderem
 die Wasseruhr, die Teilung des Kreises, die Zeitmessung nach dem
 Sexagesimalsystem (360 Grade, Doppelstunde, 60 Minuten, 60 Sekunden),
 das Maß- und Gewichtssystem vieler Völker (Meile, Doppelelle, Mine,
 Talent), die meisten Namen der Tierkreissternbilder, die 12 Monate,
 die 7 Tage der Woche, das Wertverhältnis von Gold und Silber (Sonne
 : Mond = 360 : 27 = 13⅓ : 1). Das Keilschriftsystem verbreitete
 sich bis nach Cypern und Aegypten (das Babylonische war um 1400 v.
 Chr. Diplomatensprache -- Fund von Tell-el-Amarna). Die Babylonier
 brachten die Belagerungstechnik, das Verkehrswesen (Einführung
 des Pferdes; Feuerpost) zu hoher Blüte, betrieben weithin den
 Handel, besaßen eine vortreffliche (von Religion und Priesterschaft
 unabhängige) Rechtspflege und leisteten Meisterhaftes im Kunstgewerbe
 (Buntweberei, Teppichweberei, Majolikatechnik, Glasarbeiten) und
 in der Steinschneidekunst (Siegelzylinder). In der Skulptur tritt
 namentlich ihre naturwahre Tierdarstellung hervor, die Architektur
 (Paläste, Tempelbauten mit Terrassenkonstruktion, Stufenpyramiden,
 Straßen, Kanäle, Brücken, Dämme etc.) ist höchst anerkennenswert; was
 die Musik (7 Töne, Lehre von der Sphärenmusik) anlangt, so sei nur
 bemerkt, daß die elfsaitige Leier auf einer babylonischen Skulptur
 frühester Zeit dargestellt ist.

   Babylonische Kultureinflüsse haben sich namentlich auf dem Gebiete
 der Schreibekunst, Mathematik, Astronomie und Meterologie, aber
 auch in der Kunst und Mythologie (z. B. der Perser) geltend gemacht.
 Diese Einflüsse erstreckten sich direkt auf die Völker Westasiens,
 auf Aegypten und wahrscheinlich auch auf Indien (Mathematik,
 Astronomie). Immerhin ist festzuhalten, daß die Aufnahme babylonischer
 Kulturelemente das selbständige Schaffen nicht beeinträchtigte,
 daß die Schüler ihre Meister nicht selten übertrafen. So entstand
 z. B. die Lautschrift auf dem „von Babylonien und Aegypten aus
 vorgepflügten“ Boden Syriens als neue selbständige Erfindung, ebenso
 waren es die Lyder, welche zuerst Münzen prägten, wenn auch in
 Babylon verbreitete Edelmetallstückchen von bestimmtem Gewicht das
 Vorbild abgaben, und welchen ethischen Inhalt die Religion Israels
 den übernommenen Mythen verlieh -- bedarf keiner besonderen Darlegung!

Den Gipfel der babylonischen Kultur, die sublimste, esoterische
Denkfrucht einer erlesenen gelehrten Priesterschaft, bildet aber die
aus der Arbeit vieler Generationen hervorgegangene umfassende, völlig
abgerundete Weltanschauung, aus der alle Einzelheiten des staatlichen,
sozialen und wissenschaftlichen Lebens mit dem Scheine mathematischer
Evidenz hergeleitet wurden.

Das Axiom, in welchem das ganze System wurzelt, bestand in der
Vorstellung, daß alle Dinge den Ausfluß göttlichen Waltens darstellen,
daß alles Geschehen durch göttlichen Willen vorausbestimmt ist
und sich in der unwandelbar festgelegten Ordnung einer zahlenmäßig
prästabilierten Harmonie vollzieht. ~Der Wille, die Wirksamkeit der
göttlichen Macht zeigt sich überall, dieselben Kräfte und Gesetze
beherrschen das Größte wie das Kleinste, alle Reihen der mannigfachen
Erscheinungen entsprechen sich gegenseitig wie Abbilder.~ Die
vornehmste Offenbarung aber ist in den Gestirnen und ihren scheinbar
verworrenen, doch tatsächlich von höchster Regelmäßigkeit geleiteten
Bahnen zu erblicken. -- ~Der Sternenhimmel ist daher das große
Buch, in dem das Gesetz des gesamten Weltalls verzeichnet ist, alles
Irdische hat am Himmel sein entsprechendes Abbild, die Astronomie,
die Wissenschaft der Wissenschaften, gewährt den klarsten Einblick in
die Gesetze und den Zusammenhang des Weltgeschehens, ihre praktische
Anwendung auf das Leben -- die Astrologie -- gibt die Handhabe für
das Verständnis der Gegenwart, für die Vorhersage aller Zukunft.~

    Die Astrologie, welche in Babylonien wahrscheinlich ihren Ursitz
 hat, ging von einzelnen, an sich vollkommen richtigen Tatsachen aus,
 die aber unter kritikloser Verwendung des post hoc ergo propter hoc
 zu grotesken Verallgemeinerungen ausgesponnen wurden. Man beobachtete
 nämlich Reihen von periodisch auftretenden kosmischen und tellurischen
 Vorgängen, welche mit Recht infolge ihrer ~steten~ Koinzidenz in
 ursächliche Beziehung gebracht wurden (z. B. Sonnenstand, Klima,
 Jahreszeiten, Vegetation). Und so, wie man z. B. zwischen dem
 Sonnenstand und den Sternaufgängen einerseits, den Jahreszeiten und
 der Wärmeverteilung anderseits eine Relation erkannte oder die kausale
 Beziehung zwischen den Mondphasen und den Witterungsvorgängen, der
 Höhe von Ebbe und Flut wahrnahm, glaubte man in voreiliger Abstraktion
 durchgehends eine Beziehung zwischen den Himmelskörpern und den Dingen
 auf der Erde, zwischen den Vorgängen in der Sternenwelt und irdischen
 Ereignissen voraussetzen zu dürfen und nachweisen zu können. Anfangs
 wurde die Aufmerksamkeit nur auf besonders ~auffallende~ oder ~die
 Allgemeinheit berührende Erscheinungen~ gerichtet, z. B. Seuchen,
 Kriegsnot, Schicksal des Königs. Das zufällige Zusammentreffen von
 derartigen Vorkommnissen, über die man sorgfältige Listen führte, mit
 gewissen genau verzeichneten kosmischen Erscheinungen erweckte bei
 der Voreingenommenheit für die Hypothese den trügerischen Schein,
 daß die bloß zeitliche Koinzidenz auch ursächlich bedingt sei,
 und daß man daher bei einem neuerlichen Auftreten einer bestimmten
 Himmelserscheinung, z. B. eines Kometen, kurzwegs berechtigt wäre,
 das anscheinend entsprechende irdische Vorkommnis, z. B. Pest, Krieg,
 Tod des Königs, voraussagen zu dürfen. Von dem Großen und Allgemeinen
 zum Kleinen und Individuellen herabzusteigen, dazu war logisch nur
 ein Schritt nötig, denn für die unendliche und nach festen Gesetzen
 wirkende Macht der Gestirne konnte es doch keine Schranken geben.
 Immer an der Hand von Aufzeichnungen und Vergleichungen, unter
 mißbräuchlicher Anwendung von Analogieschlüssen, kam man endlich
 dahin, die Abhängigkeit des Menschen von der Außenwelt nicht nur im
 allgemeinen zu betonen, sondern im Individuum bis auf die kleinsten
 Einzelheiten ein Abbild des Weltalls, einen Mikrokosmus zu sehen,
 dessen körperliche Zustände, dessen Lebensschicksal im letzten Grunde
 von der Gestirnstellung bedingt und aus ihr zu erkennen wären. Es
 erwuchs ein ganzes System naturforschender Phantastik, das sich
 weithin verbreitete und mannigfach modifiziert, von der Kruste der
 Zeit überdeckt bekanntlich fast bis in die Gegenwart fortlebte.

Im Rahmen der altorientalischen Weltanschauung werden die äußerst
spärlichen Bruchstücke verständlicher, welche bisher von der
~babylonisch-assyrischen Medizin~ zum Vorschein gekommen sind. Stehen
uns auch bei dem jetzigen Stande der Forschung bloß die wichtigsten
Grundsätze und einige illustrierende Fakten zu Gebote, so wirft doch
schon dieses geringfügige Material so manches grelle Streiflicht auf
die Anfänge der Systembildung in der Heilkunde überhaupt.

   Das meiste, was wir heute von der babylonisch-assyrischen
 Medizin wissen, stammt aus der im British Museum befindlichen
 Kujundschiksammlung, welche bei 20000 in den Ruinen von Ninive
 gefundene Keilschrifttafelfragmente umfaßt. Diese Sammlung -- Rest
 der Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal (Sardanapal 668-626 v.
 Chr.) -- repräsentiert die gesamte Kultur des damaligen Assyriens und
 (soweit die Medizin in Betracht kommt, noch mehr) die babylonische
 Zeit. Medizin, Naturwissenschaften und naturwissenschaftlicher
 Aberglaube bilden den Inhalt von ungefähr 1000 Tafelfragmenten,
 wovon aber bis jetzt erst ein verschwindender Teil herausgegeben
 ist. Einiges Medizinische ist auch aus dem, zu Niffer gefundenen, im
 Museum zu Konstantinopel bewahrten Keilschriftwerk bekannt geworden.

   Bei dem zähen Konservatismus, welcher der Heilkunde aller Völker
 eignet, wäre schon von vornherein anzunehmen, daß die medizinischen
 Ideen und Heilgebräuche der semitischen Babylonier-Assyrer zum Teile
 aus der Vorkultur der Sumerer herstammen. Ihren Beweis findet diese
 Annahme in der Tatsache, daß nicht allein naturwissenschaftliche
 Begriffsnamen aus der sumerischen Sprache übernommen worden sind,
 sondern daß sogar in der uralten sumerischen Sprache abgefaßte Texte
 noch in der späten Blütezeit der Assyrer in Gebrauch standen. Eine
 Trennung zwischen sumerischer und mesopotamisch-semitischer Medizin
 läßt sich jedoch bis jetzt noch nicht vornehmen, ebensowenig eine
 Scheidung der babylonischen von der assyrischen Heilkunde, wenn
 letztere auch in höherem Maße als die erstere den abergläubischen
 Prozeduren und subtilen Theorien gehuldigt zu haben scheint.

Die babylonisch-assyrische Medizin besitzt im allgemeinen einen
~theurgisch-empirischen~ Charakter, d. h. von der Zeit an, wo es
unter dem Einflusse eines gelehrten Priestertums zur Theoretisierung
des Erfahrungstoffes kam, wurden die empirisch erworbenen Tatsachen
unter dem Gesichtspunkt einer religiös-dämonistischen Weltanschauung
mit astrologischer Färbung vereinigt, und dieses solcherart gebildete
System beherrschte in der Folge das gesamte ärztliche Denken und
Handeln. Nebenher liefen freilich als Ueberbleibsel rein theurgische
oder, nach den bisherigen Aufschlüssen zu urteilen sehr vereinzelt,
rein empirische Heilverfahren und Ideen.

Leben, Gesundheit und Krankheit sind in letztem Grunde von
metaphysischen Gewalten, Göttern und Dämonen abhängig, von den
Einflüssen der Gestirne in ihrem Ablauf geregelt, anderseits aber
werden sie vorwiegend mit dem Blute und dessen Veränderungen --
~hämatische Theorie~ -- in Zusammenhang gebracht, während der Atmung
nur hie und da wie einer sekundären Funktion gedacht wird.

   Was die Vorstellungen der Babylonier über Lebensfunktionen und
 Körperbau betrifft, so läßt sich aus dem spärlichen Material etwa
 folgendes feststellen. Der belebte Körper besteht aus Seele und
 Leib, Sitz des Verstandes ist das Herz, Zentralorgan des Blutes die
 Leber. ~Das Blut~ wurde als eigentliches ~Lebensprinzip~ betrachtet;
 bemerkenswerterweise unterschied man zwei Arten desselben, Blut
 des Tages (?) und Blut der Nacht (?), d. h. helles-arterielles und
 dunkles-venöses. -- Die Anschauung, daß die Körpersäfte, namentlich
 das ~Blut~, die Grundlage des Lebens bilden, leuchtet schon aus
 dem Schöpfungsmythus hindurch, wonach die Erschaffung des Menschen
 erfolgte, indem einem Gotte der Kopf abgeschlagen, und dessen Blut mit
 Erde vermengt wurde. In den Mythen wird vom „Lebenswasser“ gesprochen,
 was auch auf die vorwiegende Humoraltheorie hindeutet -- eine Lehre,
 die schon von vornherein durch die Betrachtung angeregt wurde, daß
 Mesopotamien seine Fruchtbarkeit und kulturelle Blüte dem Euphrat und
 Tigris dankt. Es ist jedoch festzuhalten, daß die Bedeutung der Atmung
 selbstverständlich keineswegs entging (in einem Gebet heißt es: Gott,
 mein Schöpfer, meine Hand ergreife; den Atem meines Mundes leite!),
 nur spielte sie wahrscheinlich in der Lebens- und Krankheitstheorie
 der Babylonier nicht jene Rolle wie in der Medizin anderer Völker.

   Unter den Ideogrammen der sumerischen Bilderschrift finden sich
 solche, welche verschiedene Körperteile darstellen. Die in den (bisher
 entzifferten) Keilschrifttexten vorkommenden Bezeichnungen deuten nur
 auf die primitivste Kenntnis, wie sie aus Küchen- und Opferanatomie
 hervorgeht. Große Bedeutung besaß die ~Opferschau~ zum Zwecke der
 Weissagung, wobei man vornehmlich auf wirkliche oder vermeintliche
 Abnormitäten der Leber achtete. Darüber hatte sich ein ganzes System
 gebildet. Als Modell für die Leberschau dienten Nachbildungen von
 Schafs- oder Ziegenlebern; zwei derartige aus dem 3. Jahrtausend v.
 Chr. stammende ~Lebermodelle~ aus Terrakotta sind bereits aufgefunden
 worden. Die Unterseite ist durch ein Netzwerk von geraden Linien
 in viereckige Felde eingeteilt, außerdem sieht man viele Löcher,
 die entweder durch die ganze Lebersubstanz durchgehen oder nur
 als Grübchen erscheinen. Die planmäßig, an bestimmten Leberstellen
 angeordneten Inschriften stellen Sätze dar, welche sich auf zukünftige
 Zustände des Landes oder auf das Schicksal des Königs beziehen und
 dienten zu Prophezeiungen.

~Krankheit galt jedenfalls immer als etwas dem Körper Fremdes, von
außen Eingedrungenes, das häufig als Dämon personifiziert gedacht ist,
die Heilung erfolgt durch Vertreibung des Dämons, durch Vernichtung
und Austreibung der Krankheitsmaterie auf dem Wege der Sekretion und
Exkretion~; bei Kolik und anderen abdominellen Affektionen lag es
nahe, Schleim, Galle und Wind als Krankheitsgrundlagen anzusehen.

   Für die Therapie war der ~Dienst gewisser Götter~ vorgeschrieben,
 doch zeigen sich, entsprechend den vielerlei Schwankungen des
 babylonisch-assyrischen Pantheons, manche lokale oder zeitliche
 Wandlungen, je nachdem die Gottheiten bestimmter Städte infolge
 politischer Ereignisse, oder die göttlichen Repräsentanten der
 einzelnen Priesterärzteschulen in den Vordergrund traten. -- Dem
 Babylonier war jedenfalls Marduk (der Stadtgott von Babylon = die
 aus dem Meere aufsteigende Frühsonne) der Bezwinger der Tiamat, der
 mächtigste Gott, welcher Krankheit vertreibt und Gesundheit verleiht;
 in seinem Tempel befand sich ein Brunnen mit „Lebenswasser“, das
 im heiligen Strome des Euphrat geschöpft wurde. Marduk galt als
 Vermittler zwischen Göttern und Menschen, als Herr der Beschwörungen
 und Schicksalstafeln, welcher ein gütiges Geschick bestimmen, ein
 ungünstiges noch zu rechter Zeit abwenden kann. Bemerkenswerterweise
 wendet er sich vor seinen Hilfeleistungen stets an den Urborn der
 Weisheit, seinen Vater Ea (das Meer), er tritt zu seinem Vater Ea
 ins Haus und spricht: „Mein Vater, was soll dieser Mensch tun? Er
 weiß nicht, womit er Heilung erlangt.“ Da antwortete Ea seinem Sohne
 Marduk: „Mein Sohn, was wüßtest du nicht? Was sollte ich dich lehren?
 Was ich weiß, weißt auch du. Aber gehe, mein Sohn, und“ ... (es
 folgt die Vorschrift). Andere Mittler zwischen Menschen und Göttern,
 welche als Herren der Beschwörung angerufen wurden, waren z. B. der
 Feuergott Gibil, die Göttin Zarpânîtu (Gemahlin des Marduk), der
 Heros Gilgamisch, besonders aber der Sohn des Marduk, der Gott aller
 Wissenschaft und Medizin, Nabû (Nebo), welcher späterhin seinen Vater
 aus der Tempelschule von Borsippa gänzlich verdrängte und namentlich
 das Leben der Neugeborenen überwachte. -- Die Kriegsgöttin Ischtar
 (Joledeth-Eileithyia) wirkte auch als Geburtsgöttin (sie besitzt die
 Geburtspflanze), die Herrin der Unterwelt Allatu sendet Schmerzen,
 besitzt aber auch das „Lebenswasser“, welches nicht nur Kranke heilen,
 sondern selbst Tote wieder lebendig machen kann. Die Götter des
 ärztlichen Standes waren: der Gott Ninib (Ninrag) und die Göttin Gula.

   Als Bringer von Seuchen (Pest) waren gefürchtet: Urugal, Nergal.

    ~Die dämonische Pathologie läßt eine Spezialisierung erkennen~,
 indem die einzelnen Dämonen verschiedene Affektionen hervorrufen. So
 bringt Asakku Fieber in den Kopf, Namtar bedroht das Leben mit Seuchen
 (Pest), der Utukku packt den Hals, der Alu die Brust, der Gallu
 die Hand, der Rabisu die Haut, Lilu und Lilit bringen „die Gebreste
 der Nacht“. -- Die schrecklichsten Dämonen waren die Totengeister,
 die Schatten der Verstorbenen. In einem Beschwörungstexte klagt ein
 Kranker, der Zauberer und die Zauberin hätten ihn der Gewalt eines
 umherirrenden Totengeistes ausgeliefert; ein andermal wird das Leiden
 eines Schwerkranken darauf zurückgeführt, daß der böse Totengeist
 heraufgekommen sei. In der Gebetsammlung aus der Zeit des Assurbanipal
 befindet sich das Gebet eines Menschen, der von einem Totengeist
 besessen ist. Es wird geklagt, daß der Totengeist den Kranken Tag
 und Nacht nicht losläßt, so daß ihm die Haare zu Berge stehen und
 seine Glieder wie gelähmt sind. Der Sonnengott möge ihn befreien von
 diesem Dämon, sei es nun der Schatten eines Familienmitgliedes oder
 der eines Ermordeten, der sein Wesen treibt. Zum Schutze dienten
 besondere Amulette.

   Beispiele von ~Beschwörungen~ sind folgende:

   „Ich halte empor die Fackel; ich stecke in Brand die Bilder des
 Uttuku, des Sêdu, des Râbisu, des Ekîmmu, des Lamartu, des Labâsu,
 des Achchazu, des Lîlu, der Lîlîtu, der Magd des Lîlu, und alles
 Feindliche, das die Menschen ergreift. Euer Rauch steige empor zum
 Himmel und Funken mögen verdecken die Sonne. Es breche euern Bann
 der Sohn des Gottes Ea.“

   „Beschwörung. Wer bist du, Geiferhexe, in deren Herzen das Wort
 meines Unglücks wohnt, auf deren Zunge meine Verzauberung entstand,
 auf deren Lippen meine Vergiftung entstand, in deren Fußstapfen der
 Tod steht? Du Hexe, ich packe deinen Mund, ich packe deine Zunge,
 packe deine funkelnden Augen, packe deine behenden Füße, packe deine
 ausschreitenden Kniee, packe deine fuchtelnden Hände, binde dir
 die Hände auf den Rücken. Der leuchtende Mondgott vernichte deinen
 Körper, werfe dich in einen Schlund von Wasser und Feuer! Wie der
 Umkreis dieses Siegels möge dein Gesicht, du Hexe, fahl werden und
 erblassen!“ (Verbrennen von Hexen- und Dämonenbildern unterstützten
 wirksam die Beschwörung!)

   Direkt an die Krankheit (resp. den Krankheitsdämon) gerichtet war
 die Formel:

    „Böse Schwindsucht, arge Schwindsucht,
    Schwindsucht, die den Menschen nicht verläßt,
    Schwindsucht, die nicht auszutreiben ist,
    Schwindsucht, die sich nicht entfernt, schlechte Schwindsucht,
    Im Namen des Himmels sei beschworen, im Namen der Erde sei
            beschworen!“

          „Vor dem grausamen Plagegeist des Kopfes,
          Vor dem starken Plagegeist des Kopfes,
          Vor dem Kopfplagegeist, der nicht scheidet,
          Vor dem Kopfplagegeist, der nicht geht,
          Vor dem Kopfplagegeist, der nicht fort will,
          Vor dem schlimmen Plagegeist des Kopfes,
          Bewahre uns der Himmelskönig,
          Bewahre uns der Herr.“

   Was die ~symbolischen~ Handlungen zu theurgisch-therapeutischen
 Zwecken anbetrifft, so gehörte hierher z. B. das Schälen einer
 Zwiebel, das Zerzupfen eines Wollbausches (wobei die Abfälle davon
 ins Feuer geworfen wurden, mit dem Wunsche, daß ein Gott in gleich
 gründlicher Weise die Krankheit vernichten möge).

   „Wie diese Zwiebel gehäutet und ins Feuer geworfen wird, so
 verbrennt es die brennende Flamme. ... Die Krankheit, welche in meinem
 Körper, meinem Fleische ist, wie diese Zwiebel soll sie abgeschält
 sein, und sofort möge sie die brennende Flamme verbrennen!“

   Ferner zählt dazu der Gebrauch, Getreide auszustreuen und wieder
 wegzukehren, den Kranken zu fesseln und dann wieder unter Gebeten
 von den Fesseln zu befreien, ferner das Knüpfen und Lösen bestimmter
 Knoten. Der Lösung des Knotens sollte die Befreiung des von einer
 Krankheit gleichsam gefesselten Kranken entsprechen. Häufig trug man
 schon in gesunden Tagen solche Knoten als Amulett, damit dieselben
 im Erkrankungsfalle gelöst werden oder es wurde erst unmittelbar vor
 der Zeremonie ein Knoten für den Kranken geschlungen. Vergl. hierzu
 den noch heute volkstümlichen Gebrauch des „Nestelknüpfens oder
 Senkelknüpfens“.

    Wenn Kinder von einem Dämon befallen wurden, stellte man ein
 Tonbild des Dämons samt dem Bilde eines schwarzen Hundes 3 Tage zu
 Häupten des kleinen Kranken auf, zerschlug und begrub es dann und
 begoß es mit Mehlwasser.

   ~Amulette~ kamen vielfach zur Anwendung.

   Ein noch in byzantinischer Zeit gegen Kolik empfohlenes Amulett,
 der „medische Stein“, geht auf den babylonischen Heros Gilgamisch
 zurück, resp. auf den Gebrauch, einen Siegelzylinder zu tragen, in
 den die Löwenbezwingung des babylonischen Herakles eingegraben war,
 ebenso wird in der pharmakologischen Literatur noch sehr spät ein
 geburtsförderndes Amulett aus Jaspis empfohlen, ausdrücklich als
 „assyrischer Stein“.

   Auf ~die magische Kur mit Speichel~ weist eine Stelle in einem Gebet
 an den „Totenerwecker“ Marduk, wo es heißt: „Die Lebensbeschwörung
 ist dein, der Speichel des Lebens ist dein.“

   ~Die Namen von Krankheitsdämonen bedeuten übrigens nicht selten
 echte Krankheitsnamen.~ Sonst könnte es nicht vorkommen, daß z. B.
 „~gegen Ekîmmu~“ (Name eines Dämons, der eine bestimmte Krankheit
 erzeugt) ganze Rezepte, aus mineralischen und pflanzlichen Drogen
 bestehend, angeführt werden. Labâsu ist die Fallsucht, Lamartu der
 Alp, d. h. Krankheitsdämon = personifizierte Krankheit; damit stimmt
 es auch überein, daß in einer Beschwörungsformel der Krankheitsdämon
 aufgefordert wird, den Körper zu verlassen in Form von Urin, Milch,
 Nasenschleim, Ohrenschmalz (Materia peccans, ~Humoralpathologie~!).
 ~Dies beweist, daß die nüchterne empirisch erworbene Erkenntnis der
 dämonistischen Spekulation vorausging.~

Das Gewebe von Mystik und der mehr nüchternen
physiologisch-pathologischen Spekulation, mit verschiedenartigen
Uebergängen der einen zur anderen, läßt sich in der teils theurgischen,
teils empirischen Behandlungsweise deutlich erkennen: ~Gebete,
Kultgebräuche, Beschwörungen, Zauberformeln, Amulette und symbolische
Handlungen begleiten oder verdecken die über einen reichen Heilschatz
gebietende Rezepttherapie und die übrigen ärztlichen Maßnahmen~.

   So werden in manchen Gebeten oder Hymnen rationelle Heilmethoden
 (z. B. nasse Umschläge gegen Kopfschmerz) erwähnt, und im Laufe der
 Zeiten bildeten sich unter dem zunehmenden Mystizismus vernünftige
 Rezepte in abergläubische Beschwörungen um.

   Die Heilmittel entnahm die babylonische Medizin aus allen drei
 Reichen, doch herrscht über die Deutung der meisten Namen noch so
 viel Zweifel, daß wir von einer Aufzählung absehen. Am beliebtesten
 waren innerlich Kräuter, äußerlich Salben, für welch letztere
 hauptsächlich Sesamöl die Grundlage bildete. Als Geschmackskorrigens
 dienten besonders Dattelsirup und Honig, zum Extrahieren von Drogen
 Wasser, Milch, Oel oder Kwaß. Manche aus mehreren Stoffen bestehende
 Rezepte, welche mit anderen kombiniert wurden, trugen Geheimnamen, z.
 B. „Arznei des Sonnengottes“, „Zunge des Hundes“, „Haut der gelben
 Schlange“, „Medikament vom Gebirge des Menschengeschlechtes“. Von
 äußeren Prozeduren sind bemerkenswert: Salbungen, Einreibungen mit
 Oel, medikamentöse Klistiere, Bäder, ~Güsse mit kaltem Wasser~ (z.
 B. bei Leibschneiden), ~Schröpfen~; bei diesem kamen eine mit zwei
 Krummbolzen an den Schnurenden versehene Doppelpeitsche zum Schlagen
 von Schröpfwunden und gerundete Schröpfköpfe zur Verwendung (dem
 Schröpfinstrument „Skorpion“ widmete man sogar kultische Heiligung).
 Auf einem Siegel aus der Zeit Gudeas (ca. 3300 v. Chr.) findet sich
 eine Darstellung. Daß Aderlässe ausgeführt wurden, ist anzunehmen.

Von Krankheiten unterschieden die Babylonier-Assyrer viele Arten, wobei
es sich natürlich um bloße ~Symptomenkomplexe~ handelt. „Erkrankung des
Kopfes“, Augen- und Ohrenleiden, Affektionen der Nase, des Mundes, der
Lippen, der Zunge, Leiden der Brust, Magenschmerz, Leibschneiden und
andere abdominelle Affektionen, Erkrankungen der Arme, Finger, Nägel,
Haut- und Geschlechtsleiden, Schlangenbiß, Skorpionstich, Frauenleiden
(Entzündung und Geschwulst der Mamma), Kinderkrankheiten u. a. kommen
in den Texten vor; die Geisteskrankheiten -- durch Zauber von Dämonen
oder Hexen erregt -- sitzen nach babylonischer Anschauung im Herzen.
Epidemische Krankheiten finden häufig Erwähnung, jedoch lassen sich
die Angaben für eine sichere Identifizierung noch nicht verwerten.

Weit weniger als bei ihren antiken und mittelalterlichen Ausläufern
kann derzeit bei der babylonischen Medizin selbst, der Zusammenhang
mit der altorientalischen Weltanschauung (astrologische Analogien,
Zahlenglaube, Tagewählerei etc.) bis in die Einzelheiten nachgewiesen
werden; immerhin aber deuten schon die bisher aufgefundenen Spuren
unverkennbar auf ein von diesem Geiste durchwehtes großes medizinisches
System.

Vor allem ist es in höchstem Grade wahrscheinlich, daß die babylonische
Astrologie bei der ~Vorhersage von Epidemien oder von Geburtsvorgängen~
nicht stehen blieb, sondern sich zur Krankheitsprognose allmählich
entwickelt hat.

   Beispiele von epidemiologischen Prognosen etc. sind folgende:

   „Wenn beim Sichtbarwerden des Mondes Westwind weht, so wird
 Krankheit herrschen in diesem Monat ... es ist schlimm für Aharrû
 (das Westland).“

   „Nähert sich Venus dem Sternbilde des Krebses, wird Gehorsam und
 Wohlfahrt im Lande sein. ... Die Kranken im Lande werden genesen.
 Schwangere Frauen werden ihre Niederkunft zum glücklichen Ende
 bringen.“

   „Wenn Merkur am 15. Monatstage aufgeht, wird es Leichen geben. Ist
 das Sternbild des Krebses verdunkelt, wird ein verderblicher Dämon
 das Land besitzen, und es wird Leichen geben.“

   „Wenn Merkur im Monat Tammuz aufgeht, wird es Leichen geben.“

   „Wenn Merkur im Monat Tammuz kulminiert, wird es Leichen geben.“

   „Ist Mars sichtbar im Monat Tammuz, wird das Bett des Kriegers weit
 sein. Wenn Merkur im Norden steht, wird es Leichen geben.“

   „Mars ist sichtbar im Monat Tammuz; er ist düster. Wenn Mars
 sichtbar ist im Tammuz, wird das Bett des Kriegers weit sein....
 Tritt Merkur in Konjunktion mit Mars, werden die Pferde vom Sterben
 befallen werden.“

   „Wenn ein Planet kulminiert im Monat Ab, wird das Bett des Kriegers
 weit sein.“ (= Die Krieger werden in Massen einer Epidemie zum Opfer
 fallen.)

    „Wenn Jupiter und die anderen Planeten einander gegenüberstehen,
 wird Leid das Land treffen; treten Mars und Jupiter in Konjunktion,
 so wird Viehsterben einfallen.“

   „Wenn der größere Hof den Mond umgibt, wird Verderben die Menschen
 umfangen.“

   „Wenn eine Sonnenfinsternis am 28. Tage des Monats Ijar sich
 ereignet, werden die Tage des Königs lange sein. ... Wenn die Sonne
 verfinstert wird am 29. Tage des Monats Ijar ... werden Leichen sein
 am ersten Tage“ (des kommenden Monats).

   „Wenn eine Finsternis sich ereignet am 14. Tage des Monats Siwan ...

   Eine Finsternis der Morgenwache (d. h. in den letzten 4
 Nachtstunden) bewirkt Krankheit.

   ... Wenn eine Finsternis sich ereignet (nämlich am 14. Siwan) in
 der Morgenwache und sie die Wache durchdauert, während Nordwind weht,
 so werden die Kranken in Akkad genesen.“

   „Wenn's donnert im Monat Tisri, wird Feindschaft im Lande sein;
 wenn's regnet im Monat Tisri, wird es kranke Menschen und Rinder
 geben.“

   „Wenn den Mond ein Hof umgibt und Regulus darinnen steht, werden
 die Frauen männliche Kinder tragen.“

   „Wenn Regulus im größeren Mondhofe steht, werden Frauen Knaben
 tragen.“

   „Wenn Sonne und Mond ... am 15. Tage ‚Erhöre mein Gebetʻ soll er
 sagen, ... laß ihn sich schmiegen zu seinem Weibe, sie wird einen
 Sohn empfangen.“

In der Verfolgung der ~Lehre von der Korrespondenz des menschlichen
Körpers mit dem Weltall~ (~Makrokosmus-Mikrokosmus~) waren
wahrscheinlich die einzelnen Körperregionen unter die Herrschaft
der Tierkreisbilder gestellt, und ~wie sehr die Beachtung der
Konstellation~, ~der Kalender~, ~die Therapie beherrschte~, läßt sich
aus einzelnen Vorschriften bezüglich der Anwendungszeit der Medikamente
(wobei übrigens oft rationelle Ursachen, z. B. Berücksichtigung der
Jahreszeit und Witterung zu Grunde lagen) ersehen.

   So wird z. B. ein Karminativum beim Aufgang des Ziegensterns
 gereicht, da derselbe dem Anus vorsteht.

Der ~Zahlenglaube~ an die böse Sieben verpönte ausdrücklich, daß der
Arzt am •7.•, •14.•, •19.•, •21.• und •28.• Tage (d. h. an allen mit
7 teilbaren Tagen und am 49. Tage des vorhergehenden Monats) die Hand
an den Patienten bringe (Tagwählerei). Ebenso verrät der Aufbau der
Rezepte die Vorliebe für Zahlenspielerei; hierher gehört das Zählen
der Drogen (am Schlusse wird häufig die Zahl der Drogen angegeben,
wobei die 7 oder Potenzen zumeist zur Beobachtung gelangen), die
Zusammensetzung feststehender Rezepte aus einer bestimmten Zahl von
Arzneistoffen (Arzneistoffgruppen)[7].

   [7] Der aus der Astronomie und Astrologie abgeleitete Glaube, daß
       alles an bestimmte Zeiten und Zahlen gebunden sei, wurde zum
       Gemeingut der Völker.

    Die Menge von Stein- und Pflanzenlisten, welche die Bibliothek des
 Assurbanipal enthält, macht es wahrscheinlich, daß die babylonischen
 Aerzte zur Anfertigung ihrer Medizinen solche Substanzen wählten,
 welche unter dem Einfluß bestimmter Gestirne stehend gedacht
 worden; ebenso ließ man vielleicht bestimmte Pflanzenteile -- deren
 verschiedene Wirkung gewiß schon der Empirie nicht entging -- von
 gewissen Sternbildern regiert sein (wie es in der mittelalterlichen
 Medizin der Fall war).

Am deutlichsten dokumentiert sich die Abkunft der babylonischen
Medizin von der astrologisch-fatalistischen Weltanschauung in der
~Prognostik~, welche den Höhepunkt ihres ärztlichen Könnens ausmacht.
~Deutlich klebte ihr die Eierschale der priesterlichen Prophetie noch
an und nirgends zeigte sich klarer, als in der babylonischen Medizin,
wo der Ursprung der ärztlichen Krankheitsvorhersage zu suchen, mit
welcher Denkmethodik sie in ihrer ersten Entwicklungstufe arbeitete,
in welcher Art der Uebergang vom supranaturalistischen zum ärztlichen
Denken erfolgte!~

Wir müssen hier vorausschicken, daß die Astrologie eigentlich nur
ein Teilgebiet der allgemeinen Omenlehre ausmacht, gemäß welcher
nicht allein die Erscheinungen am Himmel, sondern auch alle sonst
vorkommenden merkwürdigen Ereignisse, Begegnungen etc. den Wert von
„~Vorzeichen~“ gewinnen, welche Einblick in das kommende Schicksal
gewähren. Die Priesterschaft Babyloniens hatte auf Grund von ungeheuer
reichen Aufzeichnungen und durch Systemisierung derselben eine ganze
Literatur geschaffen, so daß die ~Omentexte~ einen integrierenden
Bestandteil der Bibliothek Assurbanipals bilden. Besonders wurden
die Erscheinungsformen und Bewegungen der verschiedensten Tiere (z.
B. plötzliches Auftauchen eines bestimmten Tieres in einem Hause,
am Torwege, Begegnungen mit Hunden, Kälbern, die Art des Brüllens
der Ochsen, ~Art des Vogelflugs~), das Vorkommen von ~Mißgeburten
von Menschen und Tieren~, die ~Träume~ beachtet, und aus all diesen
Vorkommnissen zog man -- wie heute noch in abergläubischen Kreisen
-- Schlüsse für die Zukunft. Die Medizin leistete also, wie man aus
dem Angeführten ersieht, der priesterlichen Prophezeiung Dienste,
ihre Beobachtungen wurden zur Wahrsagerei benützt (Mißbildungen,
Geburtsanomalien).

   Dies ist z. B. aus folgendem Text zu ersehen:

   „Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das Löwenohren hat, so wird ein
 starker König im Lande sein. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem das
 rechte Ohr fehlt, so werden die Tage des Fürsten lang sein. Wenn eine
 Frau ein Kind gebiert, dem beide Ohren fehlen, so bringt es Trauer ins
 Land und das Land wird verkleinert. Wenn eine Frau ein Kind gebiert,
 dessen rechtes Ohr zu klein ist, so wird des Mannes Haus zerstört
 werden. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das einen Vogelschnabel hat,
 so wird das Land im Frieden bleiben. Wenn eine Frau ein Kind ohne
 Mund gebiert, so muß die Herrin im Hause sterben. Wenn eine Frau ein
 Kind gebiert, dem die Finger der rechten Hand fehlen, so wird der
 Herrscher von seinen Feinden gefangen werden. Wenn ein Schaf einen
 Löwen gebiert, werden die Waffen des Königs siegreich sein und der
 König wird seinesgleichen nicht haben.“

~Das priesterliche Interesse für die Omina gab umgekehrt die Anregung
dazu, Serien von Aufzeichnungen über Krankheiten aufzuzeichnen,
und so entstand die Krankengeschichte, zunächst bloß zum Zwecke der
Prophetie, sodann um das Schicksal des Kranken, den Ausgang des Leidens
vorherzusagen.~ In diesem Sinne hatten die Beobachtungen, die man am
Kranken machte (z. B. die Beschaffenheit des Gesichtes, das Verhalten
des Haares, die Beschaffenheit des Aderlaßblutes, des Urins u. s. w.),
den Wert der „Omina“; jedes Symptom blieb, da man den Kausalnexus
mit dem Krankheitsprozeß gar nicht verstand, ein „Vorzeichen“ (der
Genesung oder des Todes), ein Hinweis bloß auf die „Prognose“, nicht
auf die Diagnose! Deshalb finden sich auch die empirischen Tatsachen
der Krankenbeobachtung mit den ~Träumen~ und den astrologischen
Grübeleien auf ~eine~ Stufe gestellt. Der nächste Schritt, welcher die
medizinische Erkenntnis weiter brachte, bestand in der ~Elimination
der „abergläubischen“ Momente~ aus den prognostischen Prämissen, d.
h. in der Beschränkung auf die mit der Krankheit erfahrungsgemäß im
Zusammenhang stehenden Erscheinungen -- dieser Schritt konnte nicht im
alten Orient, sondern nur in einem Lande, in einer Zeit getan werden,
wo die Abtrennung des Aerztestandes vom Priestertum zur Tatsache
geworden: im freien Hellas, in einer Epoche, die durch Hippokrates
verkörpert ist.

   Aus der Keilschriftliteratur sind schon jetzt bekannt: Das
 19-Tafelwerk, welches nach seinen Anfangsworten den Titel trägt:
 „Wenn in das Haus des Kranken ein Beschwörungsarzt geht“, ferner das
 25-Tafelwerk: „Wenn ein Neugeborenes ...“, „Wenn ein Weib gebiert
 ...“. In dem erstgenannten Werke finden sich Vorhersagungen auf
 Grund von ~Beobachtungen an den Körperteilen des Patienten~, die,
 systematisch gegliedert, die Sprache, den Gesichtsausdruck, die
 Stirne, das rechte, das linke Auge, die Zunge, das rechte Ohr, den
 Hals, die ausgestreckte rechte Hand, die Brust, den Fuß betreffen.

   Daß die Babylonier die ~Harnschau~ und ~Blutschau~ übten, scheint
 aus einigen Ueberlieferungen aus der spätgriechischen Literatur
 hervorzugehen, welche fälschlich diese Methoden auf die ~persische~
 Medizin zurückführten. Bei den religiösen Grundanschauungen der
 Perser, welche die Berührung mit allem Unreinen verboten, wozu das
 vom Körper Ausgeschiedene in erster Linie gehörte, ist die Herleitung
 aus der persischen Medizin höchst unwahrscheinlich, außerdem wissen
 wir, daß in Mesopotamien und Syrien babylonische Kultur und Medizin
 auch nach dem Sturze Babels fortdauerten.

    Die ~Oneiroskopie~ wurde in Babylonien-Assyrien eifrigst gepflegt;
 ~daß auch der Tempelschlaf (d. h. das absichtliche Zubringen einer
 oder mehrerer Nächte in einem Heiligtum, um im Traum von einem Gott
 Offenbarungen bezüglich der Heilung von Krankheiten oder anderer
 Dinge zu empfangen)~ in Mesopotamien geübt wurde, ist wahrscheinlich
 -- soll doch der Gott „Sarapis“ als Alexander der Große zu Babylon im
 Sterben lag, von den mazedonischen Großen mittels Tempelschlafes im
 Hinblick auf eine mögliche Heilung befragt worden sein[8]. Spuren des
 Zahlenglaubens, der Traumschau und Astrologie finden sich noch in den
 hippokratischen Schriften, wobei aber bald ein gegensätzlicher, bald
 ein beistimmender Standpunkt angenommen wird. Der Astrologie wurde
 von Hippokrates jedenfalls die abergläubische Spitze abgebrochen,
 sie löste sich auf: in nüchterne Berücksichtigung der klimatischen
 und meteorologischen Einflüsse auf Gesundheit und Krankheit.

   [8] Nach der Erzählung des Jamblichus gingen die babylonischen
       Frauen in den Tempel der Göttin Zarpanitu schlafen, um im Traume
       Offenbarungen zu empfangen.

Die Aerzte des Zweistromlandes bildeten einen Teil der Priesterschaft,
ihr Ansehen stieg und fiel mit dieser. Wahrscheinlich gab es eigene
Beschwörungsärzte, auch dürfte der Schröpfkopfsetzer und Pflasterleger
dem priesterlichen, wissenschaftlich gebildeten Arzte untergeben
und (als Sklave) in dessen Diensten gewesen sein. Die Hauptschulen
bestanden in Uruk (Erech) und Borsippa. Das ärztliche Honorarwesen
und die Medizinalgesetzgebung waren durch genaue Vorschriften schon
unter Hammurabi (ca. 2200 v. Chr.) fixiert.

   Die einschlägigen Gesetze Hammurabis lauten:

   „Wenn ein Arzt jemandem eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser
 aus Bronze macht und ihn heilt, oder wenn er jemand eine Geschwulst
 (Höhlung) mit dem Operationsmesser aus Bronze öffnet und das Auge
 des Mannes erhält -- so soll er 10 Sekel Silber erhalten.“

   „Wenn es ein Freigelassener war, so erhält er 5 Sekel Silber.“

   „Wenn es jemands Sklave war, so soll dessen Eigentümer dem Arzt 2
 Sekel Silber geben.“

   „Wenn ein Arzt jemand eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser
 aus Bronze macht und ihn tötet oder jemand eine Geschwulst mit dem
 Operationsmesser aus Bronze öffnet und sein Auge zerstört, so soll
 man ihm die Hände abhauen.“

   „Wenn ein Arzt dem Sklaven eines Freigelassenen mit dem
 Operationsmesser aus Bronze eine schwere Wunde macht und ihn tötet,
 soll er einen Sklaven für den Sklaven ersetzen.“

   „Wenn er ihm seine Geschwulst mit dem Operationsmesser aus Bronze
 öffnete und das Auge zerstört, so soll er seinen halben Preis zahlen.“

   „Wenn ein Arzt jemandes zerbrochenen Knochen heilt oder kranke
 Eingeweide heilt, so soll der Kranke dem Arzt 5 Sekel Silber geben.“

   „Wenn es ein Freigelassener ist, soll er 3 Sekel Silber geben.“

   „Wenn es jemandes Sklave ist, so soll der Eigentümer des Sklaven
 dem Arzte 2 Sekel Silber geben.“



Die Medizin der alten Aegypter.


Tiefere Spuren als Babel hat das Reich der Pharaonen im Gedächtnis der
Menschheit zurückgelassen, durch alle Zeiten blieb die Erinnerung an
die Kultur des Nillandes lebendig wegen ihrer innigen und wiederholten
Verknüpfung mit der Gesittung und Bildung der Mittelmeervölker.

Seit Jahrtausenden wachen die himmelstarrenden Pyramiden darüber, daß
die Glanzepoche ihres Heimatlandes sich unvergessen im Bewußtsein
zahlloser Geschlechter erhält; Bibel und Homer, hellenische
Philosophen und Geschichtschreiber trugen weithin den Ruhm der
ägyptischen Wissenschaft und Kunst, längst nachdem die Hieroglyphen
zum unentwirrbaren Rätsel geworden. Und gerade in düsteren Zeiten
und dort, wo nur das Dämmerlicht des Wunderglaubens trübe flackerte,
wurde das ägyptische Priestertum als Urquell tiefster Mystik und
verborgenster Künste gefeiert. Ein verhülltes Bild, mehr angestaunt
als erfaßt, wirkte die uralte Weisheit mit magischem Nimbus auf Gemüt
und Phantasie, gerade, weil niemand im stande war, der schweigenden
Sphinx die Zunge zu lösen.

Ein Zipfel des Schleiers, der die ägyptische Kultur der Neugier entzog,
konnte erst gelüftet werden, als die Dreispracheninschrift, „der Stein
von Rosette“, den Schlüssel zum Verständnis der vergessenen Schrift und
Sprache des Pharaonenlandes in die Hände spielte, als der Scharfsinn
der Gelehrten die Geistesschätze verflossener Jahrtausende aus Tempel-
und Grabbauten, aus Inschriften und Papyrushandschriften wieder an den
Tag brachte. Dank der mühevollen Arbeit des vergangenen Jahrhunderts,
dank dem Wüstensand und dem fast regenlosen Klima Aegyptens,
welche die Konservierung der altersgrauen Kulturreste überraschend
begünstigten, vermögen wir heute weit besser als die zeitlich so
viel näherstehenden Griechen und Römer, wenigstens in großen Zügen,
~die jahrtausendelange Entwicklung~ zu überblicken: die politische
Geschichte und Staatswirtschaft der Aegypter, ihre Lebensformen,
ihre Religionsanschauungen, ihre künstlerischen, gewerblichen und
technischen Leistungen, den Inhalt ihrer Wissenschaft. Viele neue
Perspektiven eröffneten sich nach Erschließung der Trümmerhügel und
Ruinenstätten, aber auch manches überschätzende Urteil schmolz dahin
unter dem Läuterungsfeuer der kritischen Autopsie.

Die imposante Architektonik, die dekorative Geschicklichkeit
und Naturwahrheit der Kunstdarstellungen, die erstaunlich
entwickelte chemische Technologie, der früh aufkeimende und in der
Konstruktion der verschiedensten Bauten glänzend zu Tage tretende
mathematisch-geometrische Sinn, das reiche Schrifttum mit seiner
Verzweigung in religiös-philosophische, rein wissenschaftliche
und dichterische Werke (lyrisch-didaktische Poesie, Märchen-,
Romanliteratur) -- all dies übertrifft, namentlich im Hinblick
auf die Entstehung in grauer Vorzeit, auch die gespanntesten
Erwartungen. Anderseits aber ist nicht zu verkennen, daß die bisher
aufgefundenen Urkunden den weltumspannenden Ruhm der ägyptischen
Mathematik und Astronomie nicht ganz begründet erscheinen lassen,
wenn die entsprechenden babylonischen Leistungen das Vergleichsobjekt
bilden. Und nicht minder fällt es auf, daß wir den, jede individuelle
Regung alsbald unterdrückenden ~Schematismus des geistigen Lebens
nirgends~, weder in Religion noch in der Naturerkenntnis, ~zu einer
einheitlichen Auffassung, zur reinen Abstraktion aufsteigen~ sehen[9],
daß sich überall, auch in den sublimsten Fragen, nur eine unklare
Begriffsbestimmung und ein ~übermäßiges Hangen am Sinnlichen, am
Stofflichen~ bemerkbar macht, welches der Völkerpsychologie Afrikas
im besonderen Grade eigen ist. (Fetischismus, tierköpfige Götter.
Ueberwiegen der Lokalgötter gegenüber den kosmischen Mächten.) Mögen
zukünftige Funde diesen Eindruck modifizieren, schon jetzt aber wird
es immer mehr offenkundig, daß die vorher behauptete Abgeschlossenheit
der ägyptischen Kultur durchaus nicht für den ganzen Umfang ihrer
Entwicklung zu Recht besteht (dies beweist schon die Sprache, die
Religion und die Kunst mit den vielfachen Entlehnungen), sondern
daß sich eine ~schubweise, wiederholt geltend machende asiatische
Befruchtung~ (unter der Hyksosherrschaft, in der Amarnazeit u. s. w.)
verfolgen läßt, welche die autochthone Neigung zur Erstarrung, den
Hang zur frühzeitigen Kodifizierung der Errungenschaften überwindet und
neue Impulse zu weiteren Fortschritten einflößt. Tatenfroher Realismus
im Bunde mit einem Mystizismus, der stark an das Sinnliche gekettet
ist, geben dem Aegyptertum die charakteristische Prägung.

   [9] Dies zeigt sich besonders in der Geometrie, welche stets nur
       auf die Lösung einzelner Probleme gerichtet war, ohne sich zu
       allgemeinen Sätzen zu erheben. Ebenso blieb den Aegyptern der
       Gedanke einer Erdkarte fremd, und man beschränkte sich nur auf
       die geographische Wiedergabe einzelner Bezirke u. s. w.

Den gleichen Eindruck empfängt man auch von der ~ägyptischen
Heilkunst~, soweit die bisher erschlossenen Quellen ein abschließendes
Urteil gestatten, nur mit dem Unterschiede, daß hier der gesunde
Realismus in Form einer überaus reichen ~Empirie, die selbst durch
den Mystizismus hindurchleuchtet~, dem Gesamtbilde sehr zum Vorteil
gereicht, während die mangelnde höhere Abstraktion, namentlich in
Anbetracht der frühen Entwicklungsstufe, nur wenig in die Wagschale
fällt.

Der Ruf, den die ägyptischen Aerzte und die sanitären Zustände des
Pharaonenreiches genossen, war sehr bedeutend; wohl die höchste
Anerkennung, welche das klassische Altertum zu bieten vermochte, lag
darin, daß manche der griechischen Denker, angesichts der Pyramiden,
im Nillande die Vorbilder für die heimischen Leistungen vermuteten.
Schon Homer deutet auf die uralten Einflüsse hin und preist den hohen
Standpunkt der Medizin der Aegypter, indem er von ihrem Lande sagt:

            „Dort bringt die fruchtbare Erde
    Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung.
    Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an Erfahrung
    Alle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlecht Paëons.“

                                           (Odyssee IV, 229-232.)

   Nachrichten über ägyptische Medizin finden sich bei Herodot, Diodor,
 dem kirchlichen Schriftsteller Clemens Alexandrinus (2. Jahrhundert
 n. Chr.), ferner in der Naturgeschichte des Plinius, der ebenso wie
 Dioskurides ägyptische Heilmittel erwähnt.

   ~Herodot erklärt Aegypten für das gesündeste Land~ (neben
 Libyen), ~doch erfüllt von Aerzten, von denen „der eine nur die
 Leiden des Auges, der andere diejenigen des Kopfes, der Zähne, des
 Unterleibs oder der inneren Organe behandle“~; auch berichtet er
 (ebenso Xenophon), daß Kyros und Dareios ägyptische Aerzte zu sich
 beriefen. ~Diodor sagt, daß die ägyptischen Aerzte von übermäßiger
 Nahrungsaufnahme die Entstehung der Krankheiten herleiteten,
 vorzugsweise durch Fastenlassen, Brech- und Abführmittel heilten~ und
 zur unentgeltlichen Behandlung der Krieger und Reisenden verpflichtet
 waren, da sie ohnedies vom Staate Besoldung empfingen; derselbe
 Autor bemerkt auch, ~daß der unglückliche Ausgang einer Kur, welche
 der gesetzmäßig festgelegten Behandlungsweise entsprach, dem Arzte
 nicht zur Last fiel, während ein eigenmächtiges Vorgehen, das sich
 über die herkömmlichen Schranken hinwegsetzte, im Falle des Exitus
 letalis sogar Todesstrafe nach sich ziehen konnte~. Die medizinische
 Wissenschaft soll nach dem Berichte des Clemens Alexandrinus, in den
 sechs letzten der 42 ~hermetischen Bücher~ festgelegt gewesen sein,
 deren Abfassung dem Gotte Thot (= Hermes der Griechen, daher der Name
 „hermetisch“) zugeschrieben wurde; sie hießen (nach den Anfangsworten
 Ha em re em per em hru = es fängt an das Buch vom Bereiten der
 Arzneien für alle Körperteile) Ambre oder Embre und betrafen der
 Reihe nach: den Bau des menschlichen Körpers, die Krankheitslehre, die
 Chirurgie, die Arzneimittel, die Augenkrankheiten, die Frauenleiden.
 Die von Dioskurides angeführten ägyptischen Drogenbezeichnungen
 konnten nur zum allergeringsten Teile identifiziert werden.

Das Zeugnis Homers und die Hinweise der griechischen Geschichtschreiber
ließen zwar ein hohes Alter der ägyptischen Medizin vermuten, doch
reichten die Schätzungen nicht entfernt an die Wirklichkeit heran.
Heute wissen wir, daß die Griechen, als sich ihnen im 7. Jahrhundert
das Nilland eröffnete, nicht die Blüte, sondern den Verfall der
ägyptischen Medizin antrafen, und daß deren höchste Entwicklungsstufe,
wenn die Originalität der literarischen Produktionen den Maßstab
abgibt, vor das zweite Jahrtausend zu verlegen ist. Denn, wie sicher
erwiesen, wurden die beiden Papyrusrollen, welche hauptsächlich
für unsere Kenntnis der ägyptischen Heilkunde in Betracht kommen:
~der Papyrus Ebers und der~ (größere Berliner medizinische)
~Papyrus Brugsch~, um die Mitte des 16. bezw. im 14. Jahrhundert
v. Chr. niedergeschrieben; beide Werke sind aber nichts anderes als
Kompilationen aus älteren Schriften, die zum Teil auf die Pyramidenzeit
(3. oder 4. Jahrtausend) zurückdatiert werden.

    Der im Besitze der Leipziger Universitätsbibliothek befindliche
 ~Papyrus Ebers~ übertrifft die übrigen bisher aufgefundenen
 medizinischen Papyri durch den Reichtum des Inhalts, durch
 die Schönheit der Schrift und durch seine beinahe vollkommene
 Lückenlosigkeit. Er besitzt eine Länge von mehr als 20 m, eine
 Höhe von 30 cm, und besteht aus 108 Spalten mit 20-22 Zeilen in
 hieratischer Schrift; durch ein Versehen des Schreibers sind bei
 der Numerierung der Spalten die Zahlen 28 und 29 übergangen, so daß
 die letzte Tafel nicht mit 108, sondern mit der Zahl 110 schließt.
 Mittels einer Kalendernotiz, die von anderer Hand geschrieben auf
 der Rückseite der ersten Spalte steht, konnte festgestellt werden,
 daß der Papyrus spätestens um 1550 v. Chr., vielleicht aber schon
 zur Zeit der Hyksos, abgefaßt worden ist. Die Vorderseite trägt
 einen, aus verschiedenen kleineren Stücken ungleichartigen Ursprungs
 bestehenden Text, der aus ~Heliopolis~ und ~Sais~ herstammen soll; die
 12 Spalten umfassende Rückseite, deren Hauptabschnitte ein Traktat aus
 ~Letopolis~ und eine ~thebanische~ Schrift vorwiegend chirurgischen
 Inhalts bilden, nimmt auf die Vorderseite des Papyrus keinen Bezug.
 Das Ganze stellt demnach keine Originalarbeit, sondern eine lose
 Kompilation von Abschnitten dar, was schon daraus hervorgeht, daß
 an einigen Stellen mitten im Text die Worte quem-sen = „gefunden
 zerstört“ stehen; im wesentlichen ist es eine Rezeptsammlung (über
 900) gegen eine beträchtliche Anzahl von Affektionen (Symptome und
 Symptomenkomplexe). Einige Abschnitte besitzen ein sehr hohes Alter,
 so namentlich Taf. 103, welche beginnt: „~Anfang des Buches vom
 Vertreiben der uchedu~ in allen Gliedern einer Person, so wie es in
 einer Schrift unter den Füßen des Gottes Anubis in der Stadt Letopolis
 gefunden wurde; es wurde zu Sr. Majestät dem König von Ober- und
 Unterägypten Husapaït (Usaphaïs) gebracht.“ Husapaït (Chasty) war
 der fünfte König der ersten Dynastie (um 3700 v. Chr.), der Abschnitt
 stammt also aus dem ~4. Jahrtausend v. Chr.~ Weiteren Kreisen ist der
 Papyrus Ebers durch eine Edition und eine Uebersetzung zugänglich
 gemacht worden: Papyros Ebers. Das hermetische Buch über die
 Arzneimittel der alten Aegypter in hieratischer Schrift. Herausgegeben
 mit Inhaltsangabe und Einleitung versehen von ~Georg Ebers~. Mit
 hieroglyphisch-lateinischen Glossen von Ludwig Stern. 2 Bände,
 Leipzig 1875. -- Papyros Ebers. Aus dem Aegyptischen zum ersten Male
 vollständig übersetzt von ~H. Joachim~, Berlin 1890. -- Der Inhalt
 des Pap. E. ist vorwiegend ~pharmakotherapeutisch~, das theurgische
 Element (mit dem Ueberwiegen der Gebete über Beschwörungen) steht im
 Hintergrunde.

   Der weit schwerer lesbare, schlecht erhaltene, 5 m lange ~Papyrus
 Brugsch~ major des Berliner Museums, welcher aus 24 Spalten besteht,
 viel stärkere Spuren des fleißigen Benützens trägt und aus dem 14.
 Jahrhundert v. Chr. (Epoche Ramses II.) herrührt, ist von Brugsch
 herausgegeben (Recueil de Monuments egyptiens II, Tafel 85-107),
 aber bisher nur teilweise übersetzt worden. Er besitzt ein ähnliches
 Gepräge wie der Pap. Ebers (170 ~Rezeptformeln~), doch tritt in
 ihm die magische Therapie (besonders in der Geburtshilfe) schon
 etwas stärker hervor. Die Quellen, aus denen der Papyrus Brugsch
 zusammengestellt worden war, decken sich zum großen Teil mit jenen
 des Pap. Ebers, wobei jedoch ersterer in einzelnen Abschnitten
 ausführlicher gehalten ist. Zu dem oben zitierten Abschnitt aus Pap.
 Ebers „Anfang des Buches vom Vertreiben der uchedu“ findet sich (Taf.
 15) eine Parallelstelle, die noch weitere Aufschlüsse erteilt: „Anfang
 des Buches vom Vertreiben der Krankheiten, gefunden in einer alten
 Schrift in einer Kiste mit Schreibsachen unter des Gottes Anubis
 Füßen in Letopolis unter Sr. Majestät des ägyptischen Königs Usaphaïs
 Regierung. Nachdem er gestorben war, wurde das Buch zu Sr. Majestät
 dem König von Aegypten, Sent, auf Grund seiner Vortrefflichkeit
 gebracht.“ Sent (Sendi) war der fünfte König der zweiten Dynastie.

   Der in neuester Zeit von G. A. Reisner (Leipzig 1905) edierte
 ~Papyrus Hearst~, stammt ungefähr aus derselben Zeit wie der Pap.
 Ebers und besteht etwa zu ⅔ aus Abschnitten, die mit dem Papyrus E.
 identisch sind, und zwar sind nicht nur einzelne Rezepte, sondern
 ganze Rezeptgruppen manchmal die gleichen. Es scheint demnach eine
 bedeutende Anzahl kleiner Rezeptsammlungen damals gegeben zu haben,
 welche nach Belieben geordnet wurden.

   ~Der kleinere Berliner medizinische Papyrus~ 3027 (in der Zeit des
 Uebergangs vom mittleren zum neuen Reich abgefaßt und aus 15 Seiten
 bestehend) wurde unter dem Titel „Zaubersprüche für Mutter und Kind“,
 von A. Erman herausgegeben und übersetzt (Berlin 1901). Sein Inhalt
 bezieht sich nur auf die abergläubischen Gebräuche der Wochen- und
 Kinderstube; mit Ausnahme von drei eigentlichen Rezepten bringt die
 Schrift bloß Zauberformeln.

   Weitere Aufschlüsse sind zu erwarten von der Herausgabe des Londoner
 Papyrus Birch (aus der Zeit der 18.-19. Dynastie), neben welchem
 sich im British Museum noch ein zweiter medizinischer Papyrus (aus
 der 12. Dynastie) befindet. In den Beginn des „mittleren“ Reiches
 (Zeit der 12. Dynastie) fällt die Abfassung der beiden ältesten
 unter den bisher bekannten Papyris, nämlich des ~Veterinärpapyrus~
 und des ~gynäkologischen Papyrus von Kahun~, welche Flinders Petrie
 auffand und Griffith veröffentlichte; ~beide wurden Ende des 3.
 oder spätestens im Anfang des 2. Jahrtausends niedergeschrieben~.
 Der (hieroglyphische) Veterinärpapyrus steht auf streng empirischem
 Standpunkte und enthält rationelle chirurgische und sonstige äußere
 Vorschriften zur Behandlung wohl erfaßter ~Symptomenkomplexe~ (nicht
 einzelner Symptome!), der gynäkologische Papyrus, welcher in sehr
 schlechtem Zustande erhalten ist (die ersten Spalten wurden schon vor
 4000 Jahren beschädigt und durch Aufkleben kleiner Makulaturstreifen
 auf dem Rücken ausgebessert), stellt eine Kompilation aus zwei
 Quellen dar; seine therapeutischen Maßnahmen sind zumeist arzneilich,
 ~frei von Theurgie~(?); dem Uterus wird ein Steigen und Fallen, also
 Herumschweifen im Leibe zugeschrieben.

    Von geringerer Bedeutung für die Kenntnis der altägyptischen
 Medizin sind die Texte magisch-medizinischen Inhalts in den Museen
 zu Leiden, Turin, Paris und Boulaq. Die demotisch geschriebenen
 Texte sind frühestens im 1. Jahrtausend v. Chr. (teilweise in den
 ersten nachchristlichen Jahrhunderten) niedergeschrieben worden;
 ihre Rezeptur und ihre medizinische Ausdrucksweise entspricht der
 Altägyptischen Medizin, doch findet sich das rationell-empirische
 Moment in einem Wust von krassem ~Aberglauben~ (Wortzauber,
 Tagwählerei, Omenbeachtung) und ~Geheimniskrämerei~ (hermetische
 Umnennung der Drogen) vergraben -- ein deutliches Zeichen der
 Verfallszeit und der überwiegenden fremden Einflüsse. Als Zeugen der
 nüchternen empirischen Geistesart der Aegypter zur Zeit der Ptolemäer
 sind bisher nur die auf den Tempelwänden aufgezeichneten Rezepte für
 verschiedene Räuchermittel und Salböle bekannt.

Wie die meisten alten Kulturvölker gaben die Aegypter der Heilkunst
einen überirdischen Ursprung und brachten gewisse Gottheiten in nahen
Zusammenhang mit der Medizin. Am öftesten werden in dieser Hinsicht
genannt: der Sonnengott Ra, die Erfinderin vieler Arzneimittel,
die zauberkundige Isis (Erde) mit ihrem Sohne Horus, die in Saïs
verehrte Neit, der Mondgott Thot (Duhit = Hermes, Erfinder der Rechen-
und Meßkunst, Urheber des religiös-wissenschaftlichen, daher auch
medizinischen Schrifttums) und der Sohn des Ptah Imhotep (= Asklepios,
vielleicht ein vergöttlichter Priesterarzt), dessen Hauptheiligtum sich
in Memphis befand. Thot wurde durch den Hundsaffen, Kynokephalos und
den Ibis verkörpert (ibisköpfig dargestellt) und galt als eigentlicher
Aerztegott; ihm wurde auch die Erfindung des Klistiers zugeschrieben
(beruhend auf der angeblichen Beobachtung, daß der Ibis sich mit seinem
langen Schnabel Meerwasser in den Anus eingießt). Das Ansehen des
Imhotep (= der in Frieden kommt) stieg in dem Maße, als die Bedeutung
von Memphis und seiner Priesterschule anwuchs. -- Als Schutzgötter
des Kindersegens und der Entbindung verehrte man den widderhörnigen
Gott Chnum, die löwen- oder katzenköpfigen Göttinnen Sechmet, Pacht,
Bastet. -- Bringer der epidemischen Krankheiten war der (eselsköpfige)
Gott Set = Typhon, welcher das böse Prinzip repräsentierte.

    Zu einem wirklich einheitlichen Religionssystem kam es niemals
 in Aegypten; trotz des allmählichen Aufgehens im Gesamtreiche
 wußten die ursprünglichen Einzelstaaten ihre Selbständigkeit
 in religiösen Dingen zu wahren. Dies drückt sich auch in der
 medizinischen Mythologie deutlich aus, und demgemäß zeigen nicht
 nur die einzelnen Texte untereinander Verschiedenheiten, sondern
 auch ein und derselbe Papyrus läßt, sofern er, wie der Pap.
 Ebers, aus Schriften verschiedener Herkunft kompiliert ist, eine
 Vielgestaltigkeit des Götterkultus erkennen. Ein orientierender Faden
 ist, ähnlich wie in der mesopotamischen Mythologie, in dem Auftreten
 von Göttertriaden (väterlicher Gott, Mutter, Sohn) zu finden, welche
 darin übereinstimmen, daß der väterliche Gott als höchste Instanz
 der Heilkunst galt, dem Sohne die eigentliche Heiltätigkeit oblag,
 während der Mutter vorwiegend magische Kräfte und die Beeinflussung
 der Frauenkrankheiten zugeschrieben wurden. In der Osirismythe (Heimat
 Abydos) ist der Isis und ihrem Sohne ~Horus~ diese Rolle zugewiesen,
 in On (Heliopolis) bilden: Ra, Ast und ~Thot~ die Göttertrias, in
 Memphis: Ptah, Sechet und Imhotep, in Theben: Amun, Mut und Chonsu;
 in anderen Städten wurden andere Götterkreise verehrt (so war z. B.
 in Sechem [Letopolis] Anubis der göttliche Sohn, in Saïs Neit die
 Göttermutter). Thot (Duhit) wird vermutungsweise mit Athotis (Teti,
 zweiter König der ersten Dynastie) oder dessen Nachfolger Itath in
 Zusammenhang gebracht, Imhotep mit (dem König der dritten Dynastie)
 Zoser Sa, Tosorthos.

   In der Mythologie spielen auch Krankheiten der Götter eine Rolle.
 Der alternde Rā erkrankt durch einen, aus seinem eigenen Sputum
 bereiteten „Wurm“, welcher ihn von der Ferse aus infiziert. Isis
 wurde in den Sümpfen des Delta von einer Entzündung der Mamma
 ergriffen. Der Sohn des Osiris und der Isis, Horus, erkrankte einmal
 an Skorpionstichen, ein anderes Mal an einer Art von Dysenterie, im
 Entscheidungskampf mit dem bösen Set (Typhon) büßt dieser die Hoden
 ein, kommt Horus beinahe um ein Auge, wird aber wieder geheilt.
 Anspielungen auf die Götterkrankheiten bezw. Heilungen machen den
 Hauptinhalt mancher magischer Formeln aus, und Rezeptsammlungen heben
 jene Arzneimischungen besonders hervor, welche angeblich von Göttern
 stammen oder für sie bereitet wurden. Im Pap. Ebers z. B. wird ein
 Mittel erwähnt, das der Gott Rā, ferner andere, welche der Gott
 Sŭ, der Gott Seb, die Göttinnen Tefnut, Nut und Ast zusammengesetzt
 haben. In der Einleitung dieses Papyrus heißt es: „Möge mich Isis
 heilen, so wie sie Horus heilte von allen Schmerzen, die ihm sein
 Bruder Set angetan hat, da er seinen Vater Osiris tötete. O Isis, du
 große Zauberin, heile mich, erlöse mich von allen bösen, schlechten,
 typhonischen Dingen, von den dämonischen und tödlichen Krankheiten
 und Verunreinigungen jeder Art, die sich auf mich stürzen, so wie
 du erlöst und befreit hast deinen Sohn Horus.“ Eine der Formeln,
 welche über ein Augenmittel zu sprechen ist (Joachim, Pap. Ebers p.
 93), enthält den Namen des Horus. Der Horusknabe, welcher von bösen
 Tieren, Feuer und anderem Unglück bedroht war, aber aller Gefahr durch
 den Zauber der Isis entging (oder Isis mit dem Horuskinde), wurde
 späterhin, wie Amulette bewiesen, zum Schutzgeist gegen schädliche
 Tiere und erfreute sich namentlich in der Krankenstube der Kinder
 großer Verehrung. Von den einschlägigen Stellen im Berliner Papyrus
 3027 (Zaubersprüche für Mutter und Kind) seien hier nur folgende
 erwähnt: „Meine Hände liegen auf diesem Kinde, und die Hände der
 Isis liegen auf ihm, wie sie ihre Hände legt auf ihren Sohn Horus.“
 -- Ansprache an ein krankes Kind, das ebenso wie Horus genesen wird:
 „Du bist Horus und du erwachst als Horus. Du bist der lebende Horus;
 ich vertreibe die Krankheit, die in deinem Leibe ist, und das Leiden,
 das in deinen Gliedern ist.“

~Der Arzt~ (Sun-nu) ~gehörte der Priesterschaft an~, d. h. jener
Kaste, welcher neben dem Kultus die Pflege der gesamten Gelehrsamkeit
anvertraut war. Wie die übrigen Wissenszweige wurde auch die Medizin
in den, mit den Tempeln in Verbindung stehenden Schulen gelehrt --
die berühmtesten waren in ~On~, ~Saïs~, ~Memphis und Theben~ --,
die ärztlichen Adepten empfingen aber gewiß nicht nur theoretischen
Unterricht (auf Grund der vom Gotte Thot inspirierten heiligen
Bücher und deren Erklärungsschriften), sondern auch praktische
Unterweisung; für diese war dadurch Gelegenheit gegeben, daß sich viele
Heilungsbedürftige in den Tempeln einfanden, und die Priesterärzte
die Kranken auch in ihren Wohnungen besuchten. Das Aufgehen des
Aerztestandes im Priestertum brachte Vorteile und Nachteile,
einerseits war für eine geregelte Ausbildung gesorgt, gegen welche
das Pfuschertum nicht aufkam, und die Aerzte wurden als Mitglieder
der Priesterkollegien aus dem Tempelfond besoldet, anderseits aber
verschmolz die Wissenschaft mit der Theurgie und verblieb im Banne
einer „göttlich“ inspirierten, erstarrten Tradition, welche der
individuellen Betätigung die engsten Schranken zog; ~wir hören daher
vieles von berühmten Aerzteschulen, aber nichts von hervorragenden
ärztlichen Individualitäten~, und mögen die Schulen in einzelnen
Auffassungen voneinander abgewichen sein, von einem ärztlichen
Sektenwesen konnte keine Rede sein. Die Scheidung der Priesterärzte:
in den Arzt engeren Sinnes, Chirurgen und Beschwörer, läßt sich früh
nachweisen (der Beschwörer besaß das höchste Ansehen), die Sonderung
in Spezialärzte aber (worüber Herodot berichtet) dürfte wohl erst der
Zeit des zunehmenden Kastenwesens, des Niedergangs der ägyptischen
Medizin eigen sein; die einzelnen Priesterschulen haben jedenfalls, wie
aus Papyrus Ebers hervorgeht, gewisse Zweige der Heilkunde besonders
kultiviert.

Den Priesterkollegien kam, als Körperschaft, die Bedeutung einer
Medizinalbehörde zu, welche die ärztliche Tätigkeit überwachte (der
Oberpriester von Saïs z. B. führte den Titel „Oberster der Aerzte“).
-- Die Geburtshilfe (und Kosmetik) lag in den Händen kundiger Frauen,
an deren Spitze Oberhebammen standen.

   Das Kastenwesen der Aegypter war keineswegs von solcher Schroffheit
 wie das indische. Daher erschlossen Fleiß und Begabung den Jünglingen
 aller Stände die gelehrten Berufe. Daß alle Aerzte der Priesterschaft
 angehörten (ähnlich wie im europäischen Mittelalter dem Klerus),
 scheint sichergestellt, zweifelhaft aber bleibt es, ob nicht ein
 gewisser Grad von ärztlichem Wissen einen Teil der Priesterbildung
 überhaupt ausmachte. -- Die hierarchische Gliederung der Aerzte
 unter Leitung eines „Oberarztes“ bestand schon im „alten Reich“. Das
 soziale Ansehen, das die Aerzte als Mitglieder der Priesterkollegien
 genossen, war ein hohes, und die Geschichte berichtet von manchem,
 der sogar den Königsthron einnahm, z. B. Athotis und Tosorthos. -- Die
 Genesenden spendeten für die Tempel ~Weihgaben~, z. B. Nachbildungen
 der erkrankt gewesenen Körperteile, z. B. von Armen, Fingern, Augen,
 Ohren u. a.

Die Priesterwissenschaft lieferte der Heilmittellehre und
Arzneibereitung keine unbedeutende naturwissenschaftliche Grundlage
(zoologisch-botanisch-chemische Kenntnisse; es gab botanische Gärten;
die Chemie, deren Name auf die heimische Bezeichnung Aegyptens χημι
zurückgeführt wird, erreichte eine ansehnliche Höhe) -- das Wissen über
~Bau und Funktionen des menschlichen Körpers~ verharrte aber auf sehr
niedriger Stufe. Mögen die zugänglichen Quellen, da sie nur praktisch
medizinische Werke, Rezeptbücher, darbieten, für ein abschließendes
Urteil keinen hinlänglichen Stützpunkt gewähren, sie lassen doch
deutlich erkennen, daß es ganz unberechtigt war, wenn man, wie es
früher geschah, den Aegyptern ein bedeutendes anatomisches Wissen
auf Grund des Einbalsamierungsverfahrens andichtete; denn was bisher
bekannt geworden, steht weit unter dem Niveau von Kenntnissen, die bei
diesem Verfahren möglicherweise hätten erworben werden können! Zudem
ist nicht außer acht zu lassen, daß die der Balsamierung vorausgehende
Entfernung der Eingeweide nicht durch Aerzte, sondern durch Handwerker
vorgenommen wurde, und daß die kultische Weihe des ganzen Gebrauchs
die Befriedigung der wissenschaftlichen Neugier beinahe ausschloß.
Die spärlichen Einblicke in die Anatomie, welche der ägyptische
Arzt besaß, sind auf zufällige Erfahrungen und auf die Beobachtungen
beim Schlachten der Tiere zurückzuführen -- Beobachtungen, die wie
bei anderen Völkern in ein Netz vorgefaßter naturphilosophischer
Spekulationen verwoben wurden.

   In der ältesten Zeit, der „Negadaperiode“, gab es, wie die
 Ausgrabungen lehren, zwei Beerdigungsarten, nämlich die Bestattung
 (des in Hockstellung gebrachten) mit einer Hülle von Fellen bedeckten
 Leichnams und die Beisetzung der Skelettteile des zerstückelten
 Leichnams, nach Entfernung aller Weichteile (ähnlich wie bei manchen
 Stämmen des heutigen Afrika). Das Einbalsamieren entwickelte sich erst
 allmählich; zur Zeit der zweiten Dynastie stand es bloß teilweise
 im Gebrauch und noch bis in die Epoche der fünften Dynastie läßt
 sich (neben der Einbalsamierung) die Sitte der Leichenzerstückelung
 (und Abschabung des Fleisches von den Knochen) verfolgen. Ausgehend
 von dem Glauben an die ~Auferstehung~ in irdischer Gestalt, von der
 Ansicht, daß das Wohl der Seele an die ~Konservierung des Leibes~
 geknüpft sei, suchte man der in dem heißen Klima so rasch eintretenden
 Verwesung entgegenzuwirken -- die gleichzeitig zur Geltung kommenden
 hygienischen Vorteile bildeten wohl nur ein sekundäres, jedenfalls
 bemänteltes Moment. Die natürliche Ausdörrung der Leichen, wie sie bei
 solchen eintrat, die man in Berghöhlen beisetzte oder im Wüstensand
 vergrub, zeichnete den einzuschlagenden Weg vor; zur schnelleren,
 künstlichen Austrocknung dienten in erster Linie das Natron, welches
 den Geweben das Wasser entzieht und die Fettteile vernichtet, sodann
 fäulniswidrige Substanzen, Myrrhen, Weihrauch, Kassia u. a.; eine
 notwendige Ergänzung fand das Verfahren in der, sogleich nach dem Tode
 vorgenommenen Entfernung der Eingeweide, woran sich die Ausspülung
 mit Palmwein und die Ausfüllung der Höhlung mit syrischem Salz,
 Balsam, Zedernpech, Asphalt, Hobelspänen, Mumienbinden etc. schloß.
 Hierauf wurde der Leichnam mit Binden umwickelt, jeder Körperteil
 für sich; die fertige Mumie legte man in einen Holzsarg, der dann
 wohl (bei Reichen) von einem Steinsarkophag umschlossen wurde.
 Die Einbalsamierung erfolgte in den „Totenstädten“ (wo die mit dem
 Totenkultus berufsmäßig in Verbindung stehenden Leute wohnten), die
 Beisetzung geschah in alter Zeit in unterirdischen Kammern, später
 in eigenen hierzu bestimmten oberirdischen Räumen.

    Bildliche Darstellungen des Einbalsamierens finden sich auf
 mehreren Mumien, ziemlich genaue Angaben bei Herodot und Diodor;
 es gab drei Arten des Verfahrens (die Leichen der Armen wurden
 bloß in eine Natronlösung gelegt), weibliche Leichen übergab man
 Frauen zum Einbalsamieren und überließ sie dem männlichen Personal
 frühestens nach 4 Tagen. Auf das hohe Alter der Sitte weisen gewisse
 Formalitäten, die gemäß den griechischen Berichten bei der Eröffnung
 der Leichen zum Zweck der Herausnahme der Eingeweide eingehalten
 wurden: zuerst zeichnete der γραμματεῦς die Richtung des Schnittes
 vor, worauf der παρασχίστης mit einem äthiopischen Stein --
 ~Feuersteinmesser~ -- in die ~linke Unterleibsseite~ einschnitt und
 davonrannte, während ihm die Anwesenden Steine nachwarfen (Hindeutung
 auf die Todesstrafe durch Steinigung wegen des Verbrechens der
 Leichenschändung!). Das Gehirn entfernte man mittels eines bronzenen
 Hakens durch die Nase(?). Mit den Eingeweiden scheint man verschieden
 verfahren zu haben, nach einer Angabe brachte man sie in ein Gefäß und
 warf dieses unter Anrufung des Rā in den Nil, nach einer anderen legte
 man sie nach ihrer Reinigung und Einbalsamierung in die Leiche wieder
 zurück. Häufig setzte man sie aber in vier Gefäßen, entsprechend
 den vier Totendämonen, gesondert bei (das Gefäß, dessen Deckel den
 Menschenkopf des Amset zeigte, enthielt den Magen und die großen
 Eingeweide, das zweite, welches dem hundsköpfigen Hapi geweiht war,
 die kleinen Eingeweide, das dritte mit dem Schakalkopf des Duamutef
 barg Herz und Lunge, das vierte mit dem Sperberkopf des Kebsenuf
 Leber und Galle).

   Die Hauptbestandteile des Körpers -- freilich ohne Berücksichtigung
 feinerer Einzelheiten -- spielten in der Schrift, Sprache
 und Mythologie der Aegypter eine wichtige Rolle. Nicht wenige
 Hieroglyphenzeichen stellen Körperabschnitte vor; die Sprache enthält
 nicht nur eine ansehnliche Zahl von Benennungen derselben, sondern
 benützte sie auch zur Versinnlichung abstrakter Begriffe; der ganze
 Himmel wurde anthropomorph vorgestellt (Sternbilder als Glieder), und
 selbst die Landeseinteilung war eine Gliederung im buchstäblichen
 Sinne des Wortes, da jeder der 14 Bezirke einem Körperteil des
 Osiris entsprach. Noch unterliegt die Bestimmung der ägyptischen
 Termini manchen Schwierigkeiten, die unter anderem darauf beruhen,
 daß bisweilen dasselbe Wort zur Bezeichnung ganz verschiedener
 Körperteile dient, z. B. von Ohr und Nase (~die gleiche Bezeichnung
 von Herz und Magen~ und die daraus resultierende Konfusion in der
 medizinischen Auffassung der entsprechenden Symptome läßt sich
 fortwirkend noch heute sprachlich verfolgen, Cardia, Herzgrube).
 Wie aus den Ideogrammen der Hieroglyphenschrift und aus bildlichen
 Darstellungen hervorgeht, wurden die Befunde der Tierzergliederung
 (Küchen- und Opferanatomie) per analogiam auf den Menschen übertragen,
 so figuriert z. B. die Lunge immer als sechslappig (Säugetierlunge).

    Eine anatomische Spezialschrift ist nicht auf uns gekommen, doch
 soll angeblich eines der hermetischen Bücher eine Schilderung des
 Körperbaues enthalten haben, und nach einheimischer Ueberlieferung
 (Manetho) galt der zweite König der ersten Dynastie, ~Athotis~, als
 Verfasser anatomischer Werke (vielleicht eine volksetymologische
 Verwechslung mit dem ägyptischen Hermes, dem Gotte Thot). Zur
 Beurteilung der anatomischen Kenntnisse stehen nur gelegentlich
 eingestreute Bemerkungen zur Verfügung, z. B. Aufzählungen von
 Körperteilen (im Totenbuch, in Zaubersprüchen etc.); Genaueres
 erfahren wir höchstens über ~das Gefäßsystem, als dessen Zentrum man
 das Herz ansah~. ~Im Papyrus Ebers~ ist an zwei Stellen (Taf. 99
 und Taf. 103) die Rede von den Gefäßen (metu), wobei unter dieser
 Bezeichnung außer den Adern auch Hohlgänge verschiedener Art,
 sowie Nerven und Sehnen zu verstehen sind. An der ersten Stelle
 (Joachim, Pap. Ebers p. 180-182) werden nach dem „Geheimbuch des
 Arztes“ folgende „metu“ genannt: 4 in der Nase (2 geben Schleim, 2
 Blut), 4 an den Schläfen (sie versorgen auch das Auge), 4 im Kopf
 (Ausbreitung am Hinterhaupt), 2 zum Jochbein, je 2 zum rechten Ohr
 (für den ~Lebenshauch~) und zum linken Ohr (für den ~Todeshauch~),
 6 zu beiden Armen, 6 zu den Füßen, 2 zu den Hoden, 2 zu den Nieren,
 4 zur Leber (Feuchtigkeit und Luft führend), 4 zum Mastdarm und zur
 Milz (ebenfalls Feuchtigkeit und Luft führend), 2 zur Blase (Urin
 führend, also Harnleiter), 4 in den After („sie bringen in ihm
 hervor Feuchtigkeit und Luft“). An der zweiten Stelle (Joachim, p.
 186-187), die dem uralten Buche „Vom Vertreiben der uchedu“ entnommen
 sein soll (vergl. S. 36), heißt es: Der Mensch hat 12 Herzgefäße,
 die sich in alle Glieder ausbreiten; es sind je 2 Gefäße in ihm in
 seiner Brustgegend, je 2 ziehen zum Schenkel, zum Arm, zum Hinterkopf,
 zum Vorderkopf, zum Auge, zur Augenbraue, zur Nase, zum rechten Ohr
 (Lebenshauch), zum linken Ohr (Todeshauch); „~sie kommen in ihrer
 Gesamtheit von seinem Herzen~ und verteilen sich in seine Nase, sich
 sammelnd in ihrer Gesamtheit in seinen beiden Hinterbacken.“ Nach
 dem Pap. Brugsch „hat der Kopf 32 Adern, von ihm aus schöpfen sie den
 Atem nach der Brust, so daß sie den Atem allen Gliedern geben“. Diese
 auf flüchtiger Beobachtung und Spekulation beruhende phantastische
 Gefäßlehre (vergl. unten die chinesische und indische) war in Aegypten
 noch im 14. Jahrhundert v. Chr. gültig und reichte, wenn die Angabe
 bezüglich der Abfassung des Buches vom Vertreiben der uchedu richtig
 ist, ins 4. Jahrtausend zurück. Interessant ist es, daß auch der
 Ausläufer der ägyptischen Medizin, nämlich die koptische Medizin, 300
 Adern vom Nabel entspringen ließ, also noch in den gleichen Bahnen
 verharrte.

   Eine sehr wertvolle Ergänzung der dürftigen literarischen Dokumente
 bilden hinsichtlich der ägyptischen Anatomie die erhaltenen Weihgaben
 (z. B. ein Ohr aus Terrakotta, eine Steintafel mit zwei ausgemeißelten
 Ohren, ein elfenbeinerner Vorderarm nebst Hand), namentlich aber die
 Skulptur und Malerei (eigenartige verfehlte Perspektive, strenger
 Proportionskanon, getreue Wiedergabe der Rassenmerkmale).

Die ~physiologische~ Spekulation der Aegypter beruhte auf Analogien
zwischen der äußeren Natur und dem Menschen, wobei man den Blick,
weit weniger als in Mesopotamien, nach den Gestirnen wandte, da in
Aegypten die Jahreszeiten nicht so sehr durch den Himmel, als durch
das Steigen und Fallen des Nil reguliert werden. Die scharfe Trennung
des durch die Ueberschwemmung kulturfähig gemachten Bodens (~Wasser~ --
~Erde~), der Einfluß der Sonnenwärme (~Feuer~) und der Winde (~Luft~),
das periodische An- und Abschwellen des Nil, die nützliche Wirkung
des Kanalisationssystems, welches die richtige Berieselung des Landes
vermittelte, schien dem Bau und Leben des Organismus zu entsprechen,
seiner Zusammensetzung aus festen Bestandteilen (Knochen, Fleisch --
•Erde•, Humus) und Flüssigkeiten (•Wasser•), seinem vielverzweigten
Gefäßsysteme (Kanäle), welches das Blut führt und durch den Puls an
das Steigen und Fallen des Nils erinnert, der inneren Wärme (•Feuer•),
der Atmung (•Luft•, Wind). Eine Lokalfärbung besitzt die ägyptische
Physiologie dadurch, daß -- im Gegensatz zur vorzugsweisen hämatischen
Theorie des Zweistromlandes -- auf die vitale Bedeutung der ~Atmung~
ein besonderer Nachdruck gelegt (~Pneumalehre~), und daher die
Körperluft als wichtigstes Agens aufgefaßt wurde.

    Die höchstwahrscheinlich in Aegypten zuerst entwickelte Lehre von
 den ~vier~ Elementen -- manche Forscher glaubten den Gedanken sogar
 in der Gestalt der Pyramiden und Obelisken sichtbar ausgedrückt zu
 finden -- ist nirgends klar ausgesprochen. -- Die Herleitung des
 Lebens von der Atmungsluft und den Körperflüssigkeiten spielte auch
 im Kultus eine wichtige Rolle, bot dieser doch den Göttern wie den
 Abgeschiedenen ~gute Luft~ als Weihrauch und ~Lebenswasser~ in Form
 von Weihwasser. Das ~lokale~ Moment der naturphilosophischen Analogien
 tritt markant z. B. darin hervor, daß die Aegypter die Hypersekretion,
 das andauernde Wässern des Auges bei Entzündung desselben als
 „~Aufsteigen~ von Wasser in die Augen“ (vom Herzen aus) bezeichnen
 (im Gegensatz zur griechischen Auffassung, welche ein Herabfließen vom
 Kopfe für die Entstehung desselben Phänomens verantwortlich machte).
 In Aegypten entsteht eben die Bewässerung nicht, wie bei uns, durch
 den herabfallenden Regen, sondern durch das Emporsteigen des Nils.

Die Atmungsbewegung setzte das Einströmen der Luft in den Körper und
das Ausströmen außer Zweifel -- und auch die Wege, auf denen das Pneuma
im Körper zirkulieren sollte, scheinen mit täuschender Exaktheit schon
in sehr alter Zeit durch die Beobachtung an Tier- und Menschenleichen
aufgedeckt worden zu sein; denn ein Teil der Gefäßstränge des Kadavers
fand sich stets blutgefüllt, ein anderer Teil dagegen -- die Arterien
-- leer (= lufthaltig); die letzteren wurden mit dem Anschein des
unzweideutigen Beweises als Kanäle des Pneuma in Anspruch genommen,
indem man von den Verhältnissen am Kadaver auf den Lebenden schloß.

Als ~Ursprung der Blutadern~ wurde ~das Herz~ erkannt.

   Papyrus Ebers und Brugsch enthalten in dem oben erwähnten Buche vom
 Vertreiben der uchedu, in welchem von luftführenden Gefäßsträngen die
 Rede ist, •die älteste Quelle für die Pneumatheorie•. Bemerkenswert
 ist es, daß hierbei ein Unterschied von gutem und schlechtem
 Pneuma, nämlich „Pneuma des Lebens“ und „Pneuma des Todes“, gemacht
 wird, welche auf verschiedenen Wegen zirkulieren, worunter kaum
 etwas anderes als In- und Exspirationsluft verstanden werden kann.
 [Dieser Unterscheidung entspricht in der vorzugsweise hämatischen
 Lebenstheorie der Babylonier die Sonderung des Blutes in Blut des
 Tages (helles Aderlaßblut, arterielles) und Blut der Nacht (dunkles
 Aderlaßblut, venöses).]

   Herz und Magen (hieroglyphisch mit demselben Determinativ, dem
 Bilde des Kochtopfes bezeichnet) wurden als Doppelsystem betrachtet,
 in welchem die Lebenswärme aus der aufgenommenen Nahrung das Blut
 bereitet. -- Vom Herzen glaubte man, daß es sich mit zunehmendem
 Alter verkleinere.

In der ~Pathologie~ (namentlich der epidemischen Krankheiten) spielt
das religiös-abergläubische Moment zwar keine geringe Rolle, doch
treten rationelle Beobachtungen stark in den Vordergrund. Die Aegypter
leiteten die Krankheiten meist von übermäßiger Nahrung oder Würmern
(wirklichen und bloß supponierten) her.

Je nach den Texten, Zauberpapyri oder Rezeptbücher, herrscht die
superstitiöse oder empirische Aetiologie vor. Der Mystizismus ließ die
einzelnen Körperteile unter der Herrschaft bestimmter Gottheiten stehen
und dem unheilvollen Einfluß bestimmter Dämonen ausgesetzt sein. --
Daß der „•Wurm•“ geradezu zum •Grundsymbol der Krankheit• wurde, kann
nicht wundernehmen in einem Lande, wo tatsächlich tierische Parasiten
so häufig als Krankheitserreger wirken. Generalisierend schloß man auf
das Vorhandensein von krankmachenden „Würmern“ auch dort, wo sie nicht
nachweisbar waren und meinte, daß sie aus den verdorbenen Körpersäften
entstehen.

Was man „Krankheit“ nannte, waren entweder nur einfache Symptome oder
Gruppen von Symptomen (Symptomenkomplexe). Die letzteren erforderten
begreiflicherweise schon ein entwickelteres diagnostisches Räsonement.

   Im Papyrus Ebers wird die Rezepttherapie für eine Menge von
 differenzierten Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe)
 angeführt; die Deutung der Krankheitsbezeichnungen ist aber mit
 sehr großen philologischen und medizinischen Schwierigkeiten
 verbunden, welche noch nicht in Gänze überwunden werden konnten.
 Erwähnt sind unter anderen: Abdominelle Affektionen (darunter
 wahrscheinlich auch Dysenterie), Eingeweidewürmer, Entzündungen am
 After, Hämorrhoiden, (schmerzhafte) Affektionen des Epigastriums,
 Herzkrankheiten, Schmerzen im Kopfe, Störungen der Harnsekretion,
 Dyspepsie, Schwellungen am Halse, Angina, ein Leberleiden, etwa 30
 Augenkrankheiten, Haarkrankheiten, Hautleiden, Frauenkrankheiten,
 Kinderkrankheiten, Nasen-, Ohren-, Zahnkrankheiten, Geschwülste und
 Geschwüre.

Bezüglich der ~Diagnostik~ läßt sich als erwiesen annehmen, daß der
ägyptische Arzt nicht nur die ~Inspektion~ und ~Palpation~ übte,
sondern auch den ~Harn~ besah. Von größtem Interesse aber ist es,
daß man, wie aus Papyrus Ebers hervorzugehen scheint, auch die
Schallphänomene nicht außer acht ließ; denn kaum anders als im Sinne
der ~Auskultation~ ist der Satz zu deuten: „Das Ohr hört darunter.“

Die ~Therapie~ umfaßt den größten Teil der ägyptischen Medizin. Die
halb priesterliche, halb empirische Zwittergestalt des Arzttums brachte
es mit sich, daß ~theurgische~[10] und ~rationelle~ Maßnahmen in der
Behandlungsweise bald rivalisieren, bald gleichwertig nebeneinander
bestehen oder sich gegenseitig durchdringen. In den jüngeren Texten
und in den Laienpapyri herrschen Gebete, Segenssprüche, Zauber- und
Beschwörungsformeln, symbolische Handlungen vor, in den älteren und
ältesten Rezeptbüchern prävaliert die ~Pharmakotherapie~, ohne daß aber
das theurgische Moment vermißt wird; denn nicht selten gehen Gebete und
Beschwörungen den Rezepten voran, zauberkräftige Sprüche begleiten die
Bereitung der Arzneien oder sind vom Kranken beim Gebrauch derselben
zu sprechen, und zum mindesten wird die suggestive Wirkung gewisser
Mixturen dadurch gesteigert, daß man ihre Komposition als göttliche
Erfindung (z. B. der Isis, der Nut, des Set) bezeichnet.

  [10] Wie die demotischen Texte zeigen, wurde Aegypten späterhin,
       namentlich in nachchristlicher Zeit die Hauptstätte der
       ~magischen~ Therapie. Die Sitte des ~Tempelschlafes~ dürfte
       schon früh in den Heiligtümern des Isis und des Serapis gepflegt
       worden sein (Diodor, Strabo) vergl. S. 32.

Entsprechend dem Grundprinzip der Krankheitsauffassung wurde die
Materia peccans insbesondere durch ~Brechmittel~, ~Abführmittel~,
~Klistiere~ beseitigt, der gleichen Absicht dienten auch Aderlässe,
Schwitzmittel, Diuretika, Niesemittel; das verdorbene Pneuma
suchte man durch Erregung von Ructus und Flatus (Zwiebel, Lauch,
Bohnen) zu entfernen. Der Arzneischatz -- aus dem Pflanzen-, Tier-
und Mineralreich entnommen -- war ungemein reichhaltig. Besonders
hervorzuheben sind: die Verwendung von Kupferverbindungen und
~Oxymel scillae~ als Brechmittel, des Rizinusöls (mit Bier) als
Abführmittel, der Granatäpfel gegen Wurmleiden, des Opiums, der
Mandragora; der Import der auswärtigen (arabischen, indischen) Drogen
dürfte hauptsächlich durch Vermittlung der ~Phönizier~ erfolgt sein;
~ein Abschnitt des Papyrus Ebers~ (Augenmittel) ~ist phönizischen
Ursprungs~; die (älteste bekannte) kommerzielle Forschungsexpedition
der ägyptischen Königin Hatschepsut (um 1500 v. Chr.) nach den
Küstenländern am Roten Meere war eine Ausnahme; direkt lernten
die Aegypter nach glücklichen Feldzügen gegen asiatische Völker
(unter Thutmose III., Ramses II.) eine Menge fremder Drogen kennen
(zugleich mit diesen auch eine Fülle von medizinischem Mystizismus
der mesopotamischen Priesterschaft).

    Von pflanzlichen Arzneistoffen kommen unter anderem in Betracht:
 Absinth, Acacia, Anagallis, Calamus, Chelidonium, Coriander,
 Cyperus, Datteln, Gerste (Bier), Granatwurzelrinde (gegen Bandwurm),
 Hyosciamus, Kümmel, Lactuca, Lauch, Leinsamen, Lotus, Mandragora,
 Mohn (Opium), Myrrhe, Oliven, Pfefferminze, Rettichsaft, Rizinusöl
 (mit Bier als Abführmittel), Rosen, Safran, Scilla, Sesamöl,
 Strychnos, Wacholder, Weihrauch, Zimt, Zwiebel. Von mineralischen
 wären zu erwähnen z. B. Antimonsulfid und verschiedene Bleipräparate
 (zu kosmetischen Zwecken), Kupferverbindungen (Brechmittel), Lapis
 lazuli, Natron, Seesalz u. a. Von tierischen sind sicher: Honig,
 ~Milch~ von verschiedenen Tieren und ~von einer Frau, die einen
 Knaben geboren hat~, Fette (von Rindern, Böcken, Ziegen, Schweinen,
 Eseln, Gazellen, Antilopen, Mäusen, von mehreren Vögeln, Fischen,
 Schlangen, vom Nilpferd, Krokodil), Galle (vom Rind, Schwein,
 von Fischen). Außerdem finden sich in buchstäblicher Lesung viele
 Dinge verzeichnet, die an die chinesische Apotheke oder zum Teil
 an die moderne Organtherapie erinnern, wie Blutsorten, Eingeweide,
 Fleisch, Haut, Haare, Stacheln, Hörner, Klauen, Knochen, Gräten,
 Exkremente, sowie ganze Tiere, wie Kanthariden, Würmer, Schlangen,
 Eidechsen, Fledermäuse. Unterliegt die Deutung der ägyptischen
 Drogenbezeichnungen schon im allgemeinen großen Schwierigkeiten, so
 gilt dies namentlich für die „animalischen“ Stoffe, da man es hier
 -- wenn auch die Aegypter gewiß einige tierische Mittel anwendeten
 -- vielleicht weit öfter als bisher nachgewiesen worden ist, mit
 solchen Substanzen nicht-tierischer Herkunft zu tun hat, deren Name
 oder hermetische Geheimbezeichnung zu einer falschen Annahme führt.
 Es sei z. B. darauf verwiesen, daß unter der ägyptischen Bezeichnung
 „Mäuseschwanz“ die Malve zu verstehen ist und daran erinnert, daß auch
 viele der noch heute verbreiteten volkstümlichen Pflanzennamen einen
 Uneingeweihten täuschen könnten (z. B. Storchschnabel, Löwenmaul,
 Löwenzahn, Mäusedarm, Hühnerdarm, Bärenklaue). Insbesondere sind
 jene Stoffe verdächtig, welche den Namen von heiligen Tieren tragen,
 z. B. Krokodilshoden; wissen wir doch, daß manche Pflanzen nach
 Körperteilen oder Körperbestandteilen der Gottheiten benannt wurden,
 z. B. Anethum = Glied des Duhit, Potentilla = Finger des Duhit, und
 daß stellvertretend für den Namen des Gottes jener seines heiligen
 Tieres (Duhit -- Ibis oder Hundsaffe) eingesetzt wurde, z. B. Träne
 des Hundsaffen = Dillsaft, Haare des Hundsaffen = Dillsame, Glied
 des Hundsaffen = Dill oder Krallen des Ibis = Potentilla. Diese
 „hermetischen“ Umnennungen, welche natürlich zu suggestiven Zwecken
 und zur Fernhaltung des Laienelements dienten -- entsprechend der
 sumerischen Geheimsprache babylonischer Priesterärzte -- sind unter
 anderem verbürgt durch ein Räucherrezept (Tempelinschrift in Edfu), wo
 zwischen je zwei Bezeichnungen (Geheimname -- Vulgärname) regelmäßig
 die Worte „Name für“ eingefügt erscheinen, ferner durch einen Papyrus
 aus der römischen Kaiserzeit, welcher die Synonyma von 37 meist
 vegetabilischen Arzneidrogen enthält unter der Kapitelüberschrift:
 „Hermetische Auflösung aus den Gelehrtenbüchern, gemäß dem Gebrauche
 der Schriftgelehrten. Gegenüber dem Vorwitze der Laien nämlich, nennen
 sie die Pflanzen und die übrigen Drogen nach göttlichen Symbolen um,
 damit die Laien wegen der resultierenden Fehler in ihrer gewohnten
 Diensteifrigkeit nicht pfuschen können.“ Am öftesten kommen diese
 tierischen Substanzen als Ingredienzen von äußeren Medikamenten vor,
 nämlich in Augenmitteln (Blutsorten, Gehirnsubstanz, Exkremente),
 Haarwuchsmitteln (Blut von schwarzen Tieren, Körperteile), Salben
 und Pflastern; in der internen Medikation des Pap. Ebers werden sie
 weniger genannt.

Die Formen, in denen die Arzneistoffe zur Anwendung gelangten, waren
Arzneitränke, Elektuarien, Kaumittel und Gurgelwässer, Schnupfpulver,
Inhalationen, Salben, Pflaster, Umschläge, Einspritzungen,
Suppositorien, ~Klistiere~ (galten als ägyptische Erfindung!),
~Räucherungen~. Die letzteren -- im Geiste der Pneumalehre -- hatten
den Zweck, die „schlechte Luft“ (d. h. den üblen Geruch derselben)
durch noch schärfere Gerüche zu beseitigen oder durch Wohlgerüche
zu verbessern. Harze, Benzoe, Styrax etc. waren hierzu geeignet, am
beliebtesten aber war ein aus Wacholder, Myrrhe, Kalamus und ähnlichen
Substanzen zusammengesetztes Räuchermittel, das den Namen ~Kyphi~
führte. (Noch unter den Ptolemäern wurde das Rezept zu demselben in
die Wände des Tempels von Edfu eingegraben.)

Die Arzneitherapie unterlag festen Regeln, und gerade auf ihrem Gebiete
wirkte der drückende Zwang, welcher die individuelle Tätigkeit des
Arztes lähmte, am meisten. Vor allem durften akute Affektionen nur 5
~Tage~ lang behandelt werden, und zwar bestand die Medikation darin,
daß man am ersten Tage ein drastisches Mittel (als Einleitungskur
zur eventuellen Ausleerung des Krankheitsstoffes), sodann an den
folgenden 4 Tagen andere Arzneien (zur Nachkur) darreichte; deshalb
findet sich bei den Rezepten die Bezeichnung „für 1 Tag“ oder
„für 4 Tage“. Die Rezepte besaßen einen ähnlichen Aufbau wie die
modernen, bestanden aus Grundstoffen, Hilfsstoffen, Auszugsmitteln
und Geschmackskorrigentien; den einfachen Rezepten der älteren Zeit
stehen sehr umfangreiche Rezeptkompositionen aus der späteren Epoche
gegenüber. Die Dosierung war aufs genaueste bestimmt; auffallenderweise
erscheint derselbe Stoff mit wenigen Ausnahmen immer in der gleichen
Menge und die Drogengewichte verhalten sich wie 1:2:4:8:16:32:64
(duales Gewichtssystem).

Ueber die ~Chirurgie~ der Aegypter wissen wir noch wenig, doch ist
die Vermutung begründet, daß sie auch hierin Hervorragendes geleistet
haben; erwiesen sind bisher (abgesehen von der ~Beschneidung~ und
~Kastration~) nur ~Geschwulstoperationen~. Die ~Geburtshilfe~ lag in
den Händen der Hebammen. Die Geburt erfolgte auf dem Geburtsstuhle
unter Assistenz von vier Hebammen: ~die Oberhebamme hockte vor
der Kreißenden, außerdem wurde dieselbe von zwei Frauen an beiden
Seiten und von einer dritten von rückwärts unterstützt~. Auch die
Augenheilkunde (die ägyptischen Augenärzte erfreuten sich eines
besonders guten Rufes!), die Ohren- und Zahnheilkunde ist in den
medizinischen Texten vertreten.

    Auf Grund des bisher erschlossenen handschriftlichen Materials,
 welches nur wenig Chirurgisches enthält, darf noch kein abschließendes
 Urteil gefällt werden, denn es könnten einschlägige Texte noch in
 der Verborgenheit schlummern. Der Kahuner Veterinärpapyrus beweist,
 daß man jedenfalls bei Tieren schon in sehr alter Zeit auch vor
 solchen Eingriffen nicht zurückschreckte, die eine gewisse Technik
 erfordern; Ausgrabungsgegenstände demonstrieren, daß die Befähigung
 zur Konstruktion geeigneter Instrumente -- Schröpfköpfe, Messer,
 Haken, Pinzetten, Metallstäbe, Nadeln etc. -- vorhanden war; die
 Geschicklichkeit, mit welcher die Einbalsamierer das Gehirn aus der
 Schädelhöhle (mit mehr als 30 cm langen bronzenen Haken), ohne die
 Form der Gesichtszüge zu beeinträchtigen, entfernten, läßt manuelle
 Gewandtheit auch auf anderen verwandten Gebieten vermuten. Die Texte
 berichten uns freilich höchstens von Geschwulstexstirpationen,
 bei Mumien fand man neben gut ausgeheilten Knochenbrüchen auch
 solche mit einer Uebereinanderschiebung von fast 4 cm; von
 vorgenommenen Amputationen ließ sich noch keine Spur entdecken. Im
 Papyrus Ebers ist die Rede von Wunden (auch Biß- und Brandwunden,
 Insektenstiche), Fremdkörpern, Brand, Eiteransammlungen, Pusteln,
 stinkenden Geschwüren, Geschwülsten (Fetttumoren, Abszessen am Halse,
 Drüsengeschwülsten, Mammatumoren u. a.), äußerlichen Erkrankungen des
 Rumpfes und der Glieder (Pusteln, Blasen, Verhärtungen, Quetschungen
 u. a.), Hämorrhoiden etc. Beim Verbande kamen teils Leinwand, teils
 Charpie (aus Flachs, Leinwand oder Baumwolle) zur Anwendung; die
 Salben und Pflaster bestanden namentlich aus Oel, Fettarten (Gänse-,
 Rinder-, Schweine-, Esel-, Katzen-, Nilpferdfett), Wachs, Honig,
 vermischt mit mannigfachen anderen Substanzen; in Höhlungen wurden
 Suppositorien oder Charpiebauschen, mit entsprechenden Mitteln
 bestrichen, eingeführt; zur Entfernung von Fremdkörpern (und Filaria
 medinensis) benützte man eitererregende Pflaster, zu operativen
 Eingriffen diente Lanzette oder Glüheisen. Folgende Beispiele aus
 Papyrus Ebers illustrieren die Untersuchungsweise (Inspektion,
 Palpation) und Behandlungsmethode. „Wenn du einen Eitertumor in
 einem beliebigen Glied einer Person triffst und findest die Spitze
 davon erhöht, begrenzt und mit rundlicher Form, so sag du dazu: ‚es
 ist ein Eitertumor, der in seinem Fleische umläuftʻ. Ich werde die
 Krankheit mit dem Messer behandeln“ (Joachim, p. 191-192). -- „Wenn
 du ein Gewächs an der Kehle eines Patienten triffst ... worin Eiter
 ist ... und du findest seine Spitze hoch aufgerichtet gleich einer
 Warze, der Eiter bewegt sich darin“ ... (ibidem p. 188). -- „Wenn
 du ein Fettgewächs in seiner Kehle triffst und findest es wie einen
 Abszeß des Fleisches, der unter deinen Fingern erweicht ist ... so
 sag du dazu: ‚er hat ein Fettgewächs in seiner Kehleʻ. Ich werde die
 Krankheit mit dem Messer behandeln, indem ich mich vor den Gefäßen
 in acht nehme“ (ibid. p. 189). -- „Wenn du einen Tumor des Fleisches
 in einem beliebigen Körperteil einer Person triffst und du findest
 ihn wie Haut an seinem Fleisch; er ist feucht, er bewegt sich unter
 deinen Fingern, ausgenommen, die Finger werden ruhig gehalten, denn
 die Bewegung entsteht durch die Finger, so sag dazu: ‚es ist ein
 Tumor des Fleischesʻ. Ich werde die Krankheit behandeln, indem ich
 versuche, es mit Feuer zu heilen ...“ (ibidem p. 190).

   Die Angaben aus dem Altertum, daß die Aegypter die ~Beschneidung~
 von jeher geübt haben, finden ihre Bestätigung durch die Befunde
 an den Mumien und durch bildliche Darstellungen (so führt z. B. ein
 Gemälde aus der Zeit Ramses II. die Ausführung der Operation an einem
 Knaben vor). Die Priester und Vornehmen unterwarfen sich jedenfalls
 der Zirkumzision. Auch die Beschneidung der Mädchen scheint schon
 sehr früh in Aegypten eine weit verbreitete Sitte gewesen zu sein.

   Was die ~Augenheilkunde~ der alten Aegypter anlangt, so fällt
 es auf, daß derselben im Papyrus Ebers ein sehr bedeutender
 Abschnitt eingeräumt wird, aber aus dieser Quelle kann weder über
 die epidemische „ägyptische“ Augenentzündung -- sie gewann erst im
 Mittelalter jene Rolle, welche sie heute spielt -- noch über die
 Kenntnis der Staroperation etwas entnommen werden; das Ausrupfen
 der Haare bei Trichiasis ist die einzige Operation, die im Papyrus
 vorkommt. Von Affektionen sind zu erkennen: der Bindehautkatarrh,
 dessen Hauptsymptome Rötung, Schwellung und Absonderung der Augen,
 jedes für sich abgehandelt wird, entzündliche Hornhauttrübung,
 Hornhautabszeß, Triefauge, Verengerung (Verschließung) der Pupille,
 Hagelkorn, weiße Hornhautnarbe, Blutunterlaufung der Lider, Schielen,
 Milium, Gerstenkorn, Chemosis, Ptosis, Trichiasis u. a. Hinsichtlich
 der Therapie ist es besonders bemerkenswert, daß die ~lokale
 Behandlung~ in den Vordergrund tritt (z. B. Einpinseln mit der Feder
 eines Geiers). Zu den Mitteln zählen: Schwefelblei, Spießglanz (in
 Schminken), Grünspan, Kupfervitriol, Kupferkarbonat, Bleivitriol,
 Rötel, Lapis lazuli, Salpeter, viele Harzarten, Pflanzenkohle, Myrrhe,
 Schöllkraut, Urin (zum Waschen der Augen), Frauenmilch, bei Trichiasis
 nach dem Ausrupfen der Haare das Blut von Eidechse, Fledermaus,
 Rind, Esel, Schwein, Windhund und Ziege (möglicherweise sind dies nur
 hermetische Umnennungen von Drogen). Einmal wird als Lösungsmittel
 für ein metallisches Präparat Honig und „Wasser aus Schweinsaugen“
 empfohlen. Auf die ~Ohrenheilkunde~ beziehen sich Rezepte des Pap.
 Ebers (gegen Ohrenfluß und Ohrgeschwüre), in einem derselben findet
 sich als Bestandteil Eselsohr. Hinsichtlich der ~Zahnheilkunde~ ist
 zu erwähnen, daß der Papyrus einige zusammengesetzte Mittel anführt,
 und Mumienbefunde auf eine gewisse Technik des Ersatzes und der
 Konservierung hinweisen.

   Auch die ~Geburtshilfe~ und ~Gynäkologie~ ist in den beiden uralten
 ägyptischen Handschriften vertreten, mit Schwangerschaftsdiagnosen,
 Rezepten zur Beförderung der Konzeption, zur Wehenbeförderung
 (Suppositorien), zur Vermehrung der Milchsekretion (Salben auf die
 Brüste appliziert), zur Anregung der Menstruation (Einspritzung
 von Dekokten in die Scheide), zur Behebung der Uteruswanderungen
 (Hysterie), Mammaerkrankungen, Dysmennorrhöe, Fluor von verschiedenen
 entzündlichen Affektionen der weiblichen Genitalorgane (Irrigationen,
 Räucherungen, Suppositorien) etc. Beispielsweise sei aus Papyrus
 Brugsch angeführt, mit welchen Methoden man auf Schwangerschaft oder
 den Verlauf der Entbindung schloß.

    „Ein anderes Rezept, um zu sehen, ob eine Frau gebiert oder ob
 sie nicht gebiert: Wassermelone zerstoßen, überschütten mit Milch der
 Mutter eines Knaben und mache es sie trinken. Wenn sie sich erbricht,
 wird sie gebären, wenn sie aber nur Blähungen hat, wird sie nimmermehr
 gebären.“

   „Es werde ihr ein warmer Umschlag gemacht mit Nilpferdkot. Wenn
 sie hierauf uriniert und ihr Urin ist unrein, oder wie vom Sturm
 aufgeregtes Wasser, oder von schmutzig gelbroter Farbe, dann wird sie
 gebären. Wenn dies nicht der Fall ist, dann wird sie nicht gebären.“

   „Indem sie ausgestreckt liegt, salbe du ihre Papillen, ihre Arme,
 ihre Schultern mit neuem Oele.“ Je nachdem sich dann am anderen
 Morgen die Muskeln infolge der Einreibung präsentierten und je nach
 ihrem Verhalten beim Drücken und Streichen, schloß man auf einen
 günstigen oder ungünstigen Verlauf der Entbindung (d. h. von der Art
 der Muskelerregbarkeit auf die Kontraktilität des Uterus).

   Eine Methode zur Schwangerschaftsdiagnose und Geschlechtsbestimmung
 bestand darin, daß man Weizen und Gerste in zwei gesonderten Säcken
 in den Urin der Frau legte; fangen die Körner an zu keimen, so wird
 die Frau gebären, und zwar, im Falle der Weizen keimt, einen Knaben,
 im Falle die Gerste treibt, ein Mädchen.

   Im Papyrus Ebers lautet ein Rezept, „~um den Uterus wieder an seinen
 Ort eintreten zu lassen~“: „Einen Ibis von Wachs auf Kohle tun; den
 Dampf davon in ihr Geschlechtsorgan eindringen zu lassen.“

   Aus der ~Kinderheilkunde~ interessiert es uns besonders, ~daß
 man die Ammen Medizin einnehmen ließ, um die Säuglinge zu heilen~.
 Bemerkenswert ist auch die Prognose für ein Kind am Tage, an dem es
 geboren wird: „Wenn es ni schreit, wird es leben, wenn es ba schreit,
 wird es sterben.“

Höher als die therapeutische Polypragmasie ist die ~Hygiene~ und
~Krankheitsprophylaxe~ der Aegypter zu werten. Nicht nur im Rahmen
ihrer Zeit, sondern selbst von der Warte der Gegenwart betrachtet,
verdienen die meisten ihrer hygienischen Maßnahmen (namentlich unter
Berücksichtigung des heißen Klimas) vollste Anerkennung, und sie lassen
so recht den Ausspruch Herodots begreiflich finden: „Die Aegypter
seien neben den Libyern das gesündeste Volk.“ Sicher auf Kosten sehr
weit zurückreichender Erfahrungen, insbesondere über Seuchen aller
Art, dürfte in Aegypten jener Wunderbau der Sozialhygiene errichtet
worden sein, der zwar in erster Linie und voller Strenge für den König,
die Priesterschaft und die obersten Kasten galt, aber doch auch die
weitesten Schichten des Volkes in der ganzen Lebensführung beeinflußte;
war es doch die hehrste Pflicht des Königs, die Reinheit des Volkes
zu wahren.

Die Herleitung der meisten Krankheiten von Nahrungsüberschüssen und
die Erkenntnis, daß es leichter ist, Krankheiten vorzubeugen, als
die schon entstandenen zu heilen, rief (nach den Angaben Herodots und
Diodors) den Gebrauch hervor, 3 Tage in jedem Monat hintereinander bloß
aus prophylaktischen Gründen Brechmittel und Klistiere anzuwenden.
In tiefer Kenntnis der Völkerpsychologie, getreu der Maxime, daß die
Menschheit einer gewissen Denkstufe, autoritativ im Interesse ihres
eigenen Wohles zunächst zu Handlungen getrieben und erst sekundär zum
Nachdenken veranlaßt werden solle, regelten Religionsgesetze, kraft
göttlicher Inspiration, die öffentliche Gesundheitspflege und die
ganze Lebensweise, die Körperpflege, die Bekleidung, die Nahrung, das
sexuelle Leben u. s. w., und stellten, wie viele Tempelinschriften
besagen, den Frommen, d. h. den ~Reinen~ und ~Mäßigen~, statt
transzendentaler Güter ein langes Leben und Gesundheit ohne Begrenzung,
sowie reiche Nachkommenschaft in Aussicht. „Die ganze Lebensweise,“
sagt Diodor, „war so gleichförmig geordnet, daß man glauben sollte,
sie wäre nicht von einem Gesetzgeber geschrieben, sondern von einem
geschickten Arzte nach Gesundheitsregeln berechnet.“

    Zu den öffentlichen Maßnahmen zählen z. B. das schon im
 alten Reiche angelegte Kanalisationssystem, das Bestattungswesen
 (Verhütung des Eindringens von Fäulnisstoffen in die Erde und das
 Grundwasser), die Räucherungen (namentlich bei Seuchen) und eine Art
 von ~Fleischbeschau~, welche von sachverständigen Priestern vor und
 nach dem Schlachten (Schächten) in Form der äußeren Besichtigung
 der Tiere, der Besichtigung des Leibesinnern und der Untersuchung
 des Blutes durch Beriechen vorgenommen wurde. Wie die Fleischbeschau
 zwar als Kulthandlung erschien (Opferung; als die besten Teile galten
 die ~vorderen~ Extremitäten und das Herz), aber bewußt oder unbewußt
 hygienischen Interessen diente, da der Mensch sicherlich kein Fleisch
 genoß, das vom Opfer zurückgewiesen wurde, so lassen sich die meisten
 Lebensregeln der Aegypter von beiden Gesichtspunkten betrachten;
 praktisch genommen, kommt jedenfalls das hygienische Moment in
 Betracht, wird die religiöse Idee zum bloßen Deckmantel. In Befolgung
 des religiös-hygienischen Grundgesetzes richtete man vor allem große
 Aufmerksamkeit auf die ~Reinheit der Wohnung~ (Waschen, Räuchern),
 auf die ~Körperpflege~ (Bäder, Scheren der Haare, „damit weder eine
 Laus, noch irgend ein anderes Ungeziefer sich einnisten könnte“,
 Nagelpflege, Salbungen, ~gymnastische~ Uebungen), auf die ~Kleidung~
 und ~Nahrungsweise~ (auch Reinheit der Eßgeräte und Trinkbecher).
 Selbstverständlich waren die Priester die beispielgebenden Vertreter
 der strengsten Reinheitsgesetze, sie badeten zweimal an jedem Tage
 und zweimal in jeder Nacht, schoren an jedem dritten Tage die Haare
 auf dem ganzen Körper -- in der Epoche des neuen Reiches erschienen
 sie regelmäßig kahlköpfig -- trugen weiße Kleidung (während des
 Tempeldienstes nur solche aus Leinenstoff) und vermieden in sorgsamer
 Nahrungsauslese insbesondere ~Schweinefleisch~, ~Bohnen~ und Zwiebeln
 (wegen der entstehenden Blähungen); das Wasser wurde in späterer
 Zeit nur abgekocht oder filtriert getrunken; das Lieblingsgetränk
 der Aegypter war die Gabe des Osiris, eine Art von Bier, das man
 aus Gerste braute. Wie die bildliche Darstellung eines ägyptischen
 Studentengelages anschaulich zeigt und mehrere Stellen in Texten
 beweisen (z. B. Ansprache an einen Studenten: „Du verläßt die Bücher,
 du gibst dich dem Vergnügen hin, gehst von Kneipe zu Kneipe -- der
 Biergeruch verscheucht die Menschen von dir“), waren die Aegypter
 dem Trinken nicht abhold. Dem Uebermaß auf diesem Gebiete, sowie
 im Geschlechtsgenuß -- Perversitäten bezeugt der Turiner obszöne
 Papyrus, die Mythe des Horus und Set verbürgt den uralten Gebrauch
 der Päderastie, zwei erhaltene Märchen erzählen von Ehebruchsszenen
 -- traten Priestervorschriften und allgemein gültige Gesetze nach
 Möglichkeit entgegen. Den Priestern war der Besitz nur ~einer~ Ehefrau
 gestattet. Die Tötung der Frucht im Mutterleibe und das Aussetzen der
 Kinder bedrohten Gesetze mit schweren Strafen, der Verkehr während der
 Menstruation war untersagt -- im Totenbuche wird die Selbstbefleckung
 als Laster genannt. Im Gegensatz zu unseren Anschauungen galten
 Geschwisterehen bekanntlich als empfehlenswert und herrschten in den
 Königshäusern vor (bis herab in die Ptolemäerzeiten). Ins Gebiet der
 Sexualhygiene fällt die, als Kultushandlung aufgefaßte ~Beschneidung~,
 welche bei den Knaben der Priester- und Kriegerkaste zwischen dem
 6. und 10., nach anderer Angabe im 14. Jahre mit einem Messer aus
 Feuerstein vollzogen wurde.

   Der Hygiene des Kindesalters wandten die Aegypter große Sorgfalt
 zu. Der Säugling wurde in große weiche Tücher eingehüllt (nicht in
 Binden gewickelt!) umhergetragen, nach der Entwöhnung gab man anfangs
 nur Kuhmilch, später Pflanzenspeisen und zum Getränk Wasser; bis zum
 5. Lebensjahre völlig unbekleidet (bis zum 10. unbeschuht), hielten
 sich die Kinder meist im Freien auf, unter munteren Spielen (Reifen,
 Bälle, Puppen fanden sich in Kindergräbern), um von dieser Zeit an
 Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen (3-4 Stunden täglich) in
 den Schulen zu empfangen; körperliche Uebungen (bei den Kindern der
 Vornehmen auch Schwimmen) ergänzten die vortrefflich aber strenge
 geleitete (Prügel- und andere Strafen) Jugenderziehung. Bei den
 arbeitenden Klassen begann die schwere Berufsarbeit freilich frühe,
 wie ein ägyptischer Text besagt, wo es heißt: „Das Kind wird nur
 erzeugt, um aus den Armen der Mutter gerissen zu werden; wenn es dazu
 gelangt, ein Mann zu werden, so sind seine Knochen zerschlagen wie
 die eines Esels.“

   Mit der Körperpflege, teilweise auch mit der Prophylaxe hängt die
 bei den Aegyptern ganz besonders entwickelte ~Kosmetik~ zusammen; von
 dieser geben uns Gräberfunde eine lebhafte Vorstellung (z. B. der im
 Berliner Museum aufbewahrte Toilettenkasten der Königin Mentuhotep
 aus dem 3. Jahrtausend), ferner Rezeptformeln für ~Augenschminken~
 (ursprünglicher Zweck: Verhütung von Bindehautaffektionen),
 ~Haarwuchsmittel~ (das älteste für die Königin Schesch aus der dritten
 Dynastie bestimmte befindet sich im Pap. Ebers), ~Räuchermittel~ (zur
 Parfümierung, unter anderem auch der weiblichen Genitalien), Mittel
 zum Glätten der Haut, Verschönerung der Gesichtsfarbe etc. Hieran
 reihen sich Eingriffe zur Konservierung der Zähne (Ersatz durch
 durchbohrte Kronen und Golddrahtgeflechte), Zahnmittel.

Die anerkanntermaßen hoch entwickelte Hygiene der Aegypter
überstrahlt weitaus das, was uns bis heute die zugänglichen Texte
über die medizinischen Kenntnisse dieses Volkes zu sagen wissen.
Das Mißverhältnis ist anscheinend ein so bedeutendes, daß sich fast
die Vermutung regt, es könnten noch verborgene oder unerschlossene
Literaturdenkmäler möglicherweise einmal die bestehende Kluft
überbrücken.

Vielleicht aber beweist gerade dieses Mißverhältnis, daß eine
hochstehende Hygiene auch aus dem Boden einer bloß scharf
beobachtenden, und namentlich durch Theorien unbeirrten Empirie
hervorwachsen kann!

Eines aber liegt schon heute klar zu Tage: ~Aegypten hat zum mindesten
auf die Anfänge der Medizin in Hellas[11] und auf die Sozialhygiene
Judas einen mächtigen, bahnbrechenden Einfluß ausgeübt und damit auf
die Entwicklung der Menschheit~.

  [11] Gewährsmänner sind Herodot, Aristoteles, Diodor, Strabo,
       Plutarch, Ammianus Marcellinus, Lactantius, Eusebius, Clemens
       Alexandrinus, Jamblichus u. a.

Keilschrift- und Hieroglyphenmedizin wirkten über die Grenzen
ihrer Heimat hinaus, und manche Spur läßt vermuten, daß sich an den
Brennpunkten des Verkehrs allmählich auch neue, wenn auch minder
bedeutende Pflegestätten der orientalischen Kulturmedizin entwickelten.
Ein solches Zentrum dürfte z. B. die Hauptstadt Lydiens gewesen sein,
~Sardes~, auf dessen Bedeutung in diesem Sinne manche griechische
Quelle hinweist.

Dort, wo die politischen und allgemein kulturellen Einflüsse
des Pharaonen- und des Zweistromlandes am heftigsten aufeinander
prallten, also in Syrien und Palästina, wäre von vornherein auch
eine Durchkreuzung der babylonischen und der ägyptischen Heilkunst
anzunehmen. Für die Prüfung dieser Konjektur reicht aber das
zugängliche Forschungsmaterial umsoweniger aus, als es uns bisher nicht
einmal einen genügenden Einblick in die medizinischen Kenntnisse der
einstigen Bewohner dieser Länder gewährt.

Von den ~Phönikern~[12] ist es bekannt, daß sie nicht nur Drogen in
den internationalen Verkehr brachten, medizinische Erfahrungen und
Erfindungen vermittelten, sondern auch eine eigene, von der ägyptischen
zum Teil abweichende Pharmakotherapie besaßen -- im Papyrus Ebers
sind phönizische Rezepte angeführt. In jüngster Zeit wurde der Tempel
des phönizischen Heilgottes, ~Eshmun~ in Sidon, ausgegraben, wobei
man auch Weihgeschenke auffand[13]. -- Hinsichtlich der ~Aramäer~ ist
es bemerkenswert, daß zahlreiche Pflanzennamen in der Sprache dieses
Volkes vorhanden sind, welche vielleicht auch einen Rückschluß auf
einschlägige Kenntnisse gestatten. -- Den meisten Aufschluß, wenigstens
über die medizinischen Einrichtungen bei den alten ~Israeliten~, gibt
die Bibel; dort spiegelt der „Elohist“ und der „Jahwist“ den Wettstreit
der ~hämatischen~ (mesopotamischen) und ~pneumatischen~ (ägyptischen)
Lebenstheorie mit ihren praktischen Konsequenzen wider.

  [12] Ihre Kunst stand ganz unter ägyptischem Einfluß.

  [13] Aus der Bibel (Könige II, 1) erfahren wir, daß Ahasja während
       seiner Krankheit Boten zu dem phönikischen Gotte Baal-Sebub in
       Ekron sandte, um zu fragen, ob er genesen werde.



Die Medizin der alten Perser.


Der Sieg des großen Kyros verlöschte den Namen Babels in den Annalen
der Staatengeschichte und berief das jugendfrische Volk der Perser
zur Herrschaft über ganz Vorderasien, zu einer Großmachtstellung,
welche die vorausgegangene semitische noch übertraf. Vom Indus bis zum
Mittelländischen Meere erstreckte sich das Reich der Achämeniden, ja
zuletzt schloß es sogar das Land der Pharaonen mit ein.

Die kulturelle Geschichtsentwicklung Babylons dauerte aber im Wesen
auch unter den geänderten politischen Verhältnissen fort; was Sumerer
und Semiten in jahrtausendelanger Arbeit auf dem Boden Mesopotamiens
geschaffen, blieb unangetastet bestehen, auch nachdem das Zepter
in die Hände der Iranier, der Indogermanen, übergegangen war. In
dem weiten, aber völkergemischten Reiche der Perser wurde jedem der
vielen Stämme seine angeerbte Religion, Sitte und Sprache belassen
-- die Texte der Inschriften in drei Sprachen legen unter anderem
davon Zeugnis ab. Und mit großzügiger Politik strebten die Herrscher
sogar dahin, die nationale Eigenart des Zendvolkes mit den fremden
Elementen zu einem Ganzen zu verschmelzen -- eine Absicht, welche
namentlich die Baukunst und Skulptur, mit ihrer starken Anlehnung an
die assyrischen, ägyptischen, ionischen Vorbilder, trotz zur Schau
getragener Selbständigkeit, durchblicken läßt.

Große Erfolge waren allerdings der eklektischen Tendenz nicht
beschieden, das Völkerkonglomerat wuchs zu keinem Organismus zusammen,
weil es dem aus kleinlichen patriarchalischen Verhältnissen plötzlich
zur Weltherrschaft gelangten Zendvolke an der nötigen Energie
gebrach, den ausgeprägten Formen uralter Kulturen Aequivalente
gegenüberzustellen. Abgesehen von den großen religiösen Ideen,
nimmt sich das, was die Iranier aus Eigenem zurücklassen konnten,
verschwindend aus. Ganz besonders gilt dies von der Heilkunde, wenn
man, wie billig, von der Medizin im Perserreiche die nationale Medizin
der Perser unterscheidet und damit nicht jenes babylonische Lehngut
zusammenwirft, welches fälschlich unter der Flagge des Zendvolkes
später dem Abendland überliefert worden ist.

Ueber ~die Medizin der alten Perser~ können wir uns bei dem fast
völligen Schweigen aller sonstigen Quellen nur aus den noch heute
von den Parsen gehüteten Religionsschriften, dem ~Zend-Avesta~ und
seinen literarischen Ausläufern ganz allgemeine Vorstellungen bilden,
~wobei aber zu berücksichtigen ist, daß, genau genommen, manche der
darin enthaltenen Angaben bloß für die strengen Anhänger des Zoroaster
(Zarathuschtra) maßgebend waren~.

   In Iran besaßen eigentlich drei Religionen Geltung: 1. ~Der alte
 medische Magismus~, welcher sich durch Vergötterung der Elemente,
 Sterndienst sowie Zauberei charakterisiert und durch Babylon stark
 beeinflußt war. 2. ~Die polytheistische Naturreligion des alten
 Perservolkes.~ 3. Die daraus entstandene reformatorische ~Lehre
 des Zoroaster~ (Verehrung des Ahuramazda, dessen Abglanz das Feuer
 ist). Letztere, das Produkt gesteigerter Abstraktion und sittlicher
 Vertiefung, eine Buchreligion, war wegen mangelnder Sinnlichkeit
 nicht in der Masse des Volkes verbreitet oder wurde wenigstens
 in voller Tiefe und Reinheit nur von einem relativ kleinen Kreise
 befolgt. Beweise dafür bieten unter anderem: die Inkongruenz, welche
 zwischen dem Avesta und dem religiösen Inhalt der achämenidischen
 Keilinschriften besteht, oder der später für den Westen so
 bedeutungsvolle Kult des ~Mithra~. Daß man jedenfalls im Reiche der
 Achämeniden die Vorschriften Zoroasters nur sehr lax ausübte, zeigt
 schon allein die Tatsache, ~daß die alten Perser ihre Toten zumeist
 begruben oder verbrannten~, während das Avesta dies doch verpönt und
 dafür die noch heute von den Parsen geübte Aussetzung der Leichen
 an einsamen Stätten, zum Fraß für die Raubvögel anbefiehlt, und daß
 man im Gegensatz zum Avesta Ungläubige, Aegypter und Griechen als
 Aerzte heranzog. Die Achämenidenkönige erwiesen sich national und
 religiös sehr tolerant -- schon Cyrus wurde von der babylonischen
 Priesterschaft geradezu als Befreier begrüßt, Gott Marduk „hieß ihn
 nach Babel ziehen“. Eigentliche Staatskirche scheint der Zoroastrismus
 erst unter den Sasaniden geworden zu sein. Nach der Tradition der
 Parsen wurden die auf Zoroaster zurückgeführten religiösen Schriften
 auf Befehl Alexanders des Großen zum größten Teile vernichtet;
 die schon unter den letzten Arsakiden begonnene, zumeist auf
 Grund mündlicher Ueberlieferung vorgenommene Sammlung führte im 3.
 Jahrhundert n. Chr. zu einer neuen Redaktion des Avesta, von dem aber
 heute nur etwa der vierte Teil noch vorhanden sei. -- Neben dem Avesta
 bieten auch die in der Pehlevisprache abgefaßten Werke Dinkart (aus
 dem 9. Jahrhundert n. Chr.) und Bundehesch (eine Kosmologie aus dem
 13. Jahrhundert n. Ch.) einige für die Medizin interessante Stellen.

Die altpersische Medizin ging, wie die indische, aus der gemeinsamen
•arischen Urmedizin• hervor und dankt ihre Eigenart den Einflüssen
des nationalen Religionssystems.

   Die meisten der im Avesta vorkommenden Namen für Körperbestandteile
 wurden nicht erst von den Iraniern erfunden, sondern sind arischen
 Ursprungs. Es gibt eigene Bezeichnungen für Haut, Fleisch und Knochen,
 Blut, Mark und Fett. Von den Körperteilen sind benannt: das Haupt
 (Haupthaar und Bart), Angesicht und Stirne, Auge, Augenbraue, Nase,
 Mund mit Zähnen und Zunge, Kinnlade oder Wange und Ohr; Nacken,
 Rücken, Schulter, Achselgrube, Brust (die weibliche führt einen
 besonderen Namen), Rippen; Körpermitte, Bauchhöhle, Nabel, Hüfte,
 Schenkel, männliche und weibliche Scham; Arm, Ellbogen, Hand, Finger,
 Faust; Oberschenkel, Knie, Wade und Schienbein, Fuß, Vorfuß, Ballen
 und Ferse. Von inneren Organen sind im Avesta erwähnt: Herz und Lunge.

Die bedeutende Rolle, welche die Heilkunde im Leben und Denken der
Verehrer des (Ormuzd) Ahuramazda spielte, kommt deutlich im Avesta
zur Geltung; das Gesetzbuch desselben, der Vendidād, widmet ihr
sogar fast ausschließlich die drei letzten Kapitel; dort wird auch
über ihre Entstehung berichtet. ~Thrita~, so heißt es, war der erste
„der helfenden, einsichtigen, mächtigen, verständigen, reichen, zum
Geschlechte der Paradhāta gehörigen Menschen“, welcher Krankheit
und Tod bekämpfte. Sowohl die arzneiliche wie die chirurgische
Behandlungsweise vermochte er, dank göttlicher Gnade, auszuüben;
Ahuramazda ließ nämlich auf sein Gebot die unzählige Menge der
Heilpflanzen wachsen und schenkte ihm ein metallenes Operationsmesser.

   Der Name Thrita erinnert an den griechischen Τρίτων. Die Mythe
 bringt dadurch vielleicht die Grundanschauung zum Ausdruck, daß das
 Wasser die erste Heilpotenz darstellt.

Entsprechend der streng dualistischen Weltanschauung galten die
Krankheiten in ihren unzähligen Formen als Wirkung des bösen Prinzips,
des Teufels, des ~Angra Manju~ (Ahriman), welcher die Anhänger
Gottes auf jede Art zu schädigen trachtet. ~Krankheit war also stets
etwas Dämonisches, der Kranke ein Besessener.~ Zu den stärksten
Landplagen zählten die mannigfachen Fieber (die Avestasprache
enthält mehrere Bezeichnungen, von denen einige auf Hitze und
Frost hindeuten) und Hautkrankheiten (Krätze, Aussatz). Erwähnung
finden ferner: Kopfschmerz, Schwindsucht, Geschlechtsaffektionen,
Mißbildungen, Vergiftungen (durch Schlangenbiß oder giftige Pflanzen),
Frauenkrankheiten (Puerperalfieber, Menstruationsstörungen, eine
über 9 Tage dauernde Menstruation wurde als krankhaft betrachtet).
Was der Glaube mit dem Geist des Bösen und den Dämonen (Daevas) in
Verbindung setzte, sah man als ~unrein~ an, also die ~Krankheit, die
Ausscheidungen des Körpers, die Leiche~. Bemerkenswert ist es, daß auch
die menstruierenden Frauen und Wöchnerinnen zu den „Unreinen“ gehörten,
deshalb isoliert wurden und sich genau fixierten Reinigungsvorschriften
unterwerfen mußten.

    Nach der Legende war es Dschahi, die Dämonin der Unzucht, bei
 welcher zuerst die Menstruation erschien, als Angra Manju sie
 auf das Haupt küßte. Die menstruierende Frau ist unrein und wirkt
 verunreinigend, daher wurde sie (durchschnittlich 4 Tage) isoliert,
 in einem mit trockenem Staube beschütteten, vom übrigen Hause
 getrennten Raume, 15 Schritte von Feuer und Wasser, den reinen
 Elementen, entfernt, untergebracht. Selbstverständlich untersagt
 das Avesta für diese Zeit jeden Geschlechtsverkehr und erst nach
 entsprechenden Reinigungen war es der Frau gestattet, wieder mit
 Menschen zu verkehren. Ebenso galten Wöchnerinnen als unrein und
 durften sich erst nach Ablauf einer bestimmten Frist (40 Tage)
 und nach vorgenommener Reinigung dem Manne hingeben. Sehr strenge
 Verhaltungsmaßregeln wachten über die Isolierung jener Frauen, die
 eine Fehlgeburt gehabt hatten, weil das Abnorme den Einfluß des
 Bösen in höchstem Grade manifestiert. Bei den Reinigungen legte man
 namentlich Wert auf die ~Waschung~ der neun Pforten oder Oeffnungen
 des Körpers, der Augen, Ohren und Nasenlöcher, des Mundes, der
 Scham und des Afters. -- Konsequenterweise hielt man die Berührung
 der Leiche für ganz besonders verunreinigend -- eine Anschauung,
 welche von vornherein den Aufschwung der Medizin lähmte. Der Leib
 des Verstorbenen fällt nach der Schilderung des Avesta den bösen
 Mächten anheim, das Leichengespenst bemächtigt sich seiner Beute in
 Gestalt der Fliegen; von dem Leichnam verbreitet sich die Unreinheit
 auf das Haus, in welchem er liegt, und auf alles, was darinnen ist,
 sie überträgt sich auf die Angehörigen und zwar umsomehr, je näher
 sie dem Toten standen. Die Aussetzung des Toten besorgten (die
 gewerbsmäßig diesen Beruf ausübenden, aufs tiefste verabscheuten)
 Leichenträger. Die Anverwandten mußten sich eine Zeitlang des Verkehrs
 mit den Menschen enthalten. -- Wie ungemein tief der ~Dämonenglaube~
 im iranischen Volke wurzelte, geht auch aus dem großen Nationalepos
 Schahname hervor.

   An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß nach der Meinung
 der Zoroastrier, welche den ~Unsterblichkeitsglauben~ und die
 ~Auferstehung~ nachdrücklich betonten, der Tod die Trennung des
 Leibes von der Seele bedeutet. Die persische Psychologie kannte
 jedoch als unterste seelische Kraft ~die Lebenskraft~, welche die
 körperlichen Funktionen leitet, erst mit dem Körper entsteht und mit
 der Materie zu Grunde geht. Neben der Lebenskraft sind mit dem Leib
 noch verbunden, ohne mit ihm auch zu schwinden: ~das Gewissen~, ~der
 Geist~, ~die Seele~ im engeren Sinne (die Willenskraft), die Fravaschi
 (Schutzgeist, Genius).

~Die Behandlung der Krankheiten bestand~, vom zoroastrischen Standpunkt
betrachtet, ~in der Vertreibung der Krankheitsdämonen, in der
Reinigung~ (sowohl im religiösen als im hygienischen Sinne genommen)
und lag in der Hand der Priester. Als Mittel kamen in Betracht vor
allem Gebet und Sprüche (das heilige Wort). •„Viele Kuren geschehen
durch Kräuter und Bäume, andere durch Wasser und noch andere durch
Worte: denn durch das göttliche Wort werden die Kranken am sichersten
geheilt.“• Wie aus diesem Satze zu ersehen, stand der eigentlichen
~Theurgie~ die „~Heilung durch Pflanzen~“ am nächsten, hatte doch
Ahuramazda, um den Einwirkungen der Dämonen Schranken zu ziehen, in
die Pflanzen (z. B. Lauch, Aloe, Cannabis)[14], namentlich in die
giftigen, heilsame Kräfte gelegt[15]. Gleich den Indern schätzten die
Perser auch das Wasser -- das ja zur Entsühnung und Reinigung diente --
als Heilmittel. (Ueber Wasser und Pflanzen gebieten die Genien eines
langen und eines gesunden Lebens.) Gewisse Leiden nahmen endlich die
Heilung durch das „Messer“ in Anspruch, doch scheinen es die alten
Perser in der Chirurgie nicht weit gebracht zu haben -- sonst wäre z.
B. der König Darius I. nicht genötigt gewesen, einen griechischen Arzt
für die Behandlung einer Sprunggelenksluxation in Anspruch zu nehmen.
In den Vorschriften über die Erlaubnis zur Ausübung ärztlicher Praxis
wurde freilich gerade auf die operative Befähigung großes Gewicht
gelegt, denn nur derjenige, dem drei Operationen (an Ungläubigen!)
gelangen, durfte an den Verehrern des Ahuramazda die Kunst ausüben.
Der Lohn für die ärztliche Bemühung war nach den Vermögensverhältnissen
in einer bestimmten Taxe normiert und wurde pauschaliter in Naturalien
entrichtet.

  [14] Kultischer Verehrung erfreute sich die bei den Indern
       berauschend wirkende Somapflanze (Haoma).

  [15] Die persischen Aerzte waren wegen ihrer Giftkenntnis berühmt.

   Bezüglich des theurgischen Heilverfahrens wäre zu bemerken, daß
 das Avesta die „Zauberei“ -- wie sie z. B. Babylonier, Turanier,
 Meder betrieben -- verpönte; gerade die Irrgläubigen sollten (mit
 Hilfe des Ahriman) im Besitze der Fähigkeit sein, behexen zu können.
 Gegen die Bosheit der Dämonen bildete ~das Gebet~ den vornehmsten
 Schutz. Es ist aber sicher, daß auch beim Zendvolke in gewissen Fällen
 und namentlich bei Krankheiten, nicht das heilige Wort überhaupt,
 sondern ~ganz bestimmte Sprüche~ •als Gegenzauber• geschätzt wurden.
 Außerdem bediente man sich auch der •Amulette• (Federn und Knochen
 des Vogels Varadschan, des Raben?). Man fand eben wahrscheinlich
 einen Unterschied in der Zauberei, je nachdem die guten oder bösen
 Dämonen angerufen wurden, so wie im Mittelalter die weiße Magie von
 der verbotenen „schwarzen“ Magie differenziert wurde.

   Ueber die Ausübung der Heilkunde und das Honorar sagt das
 Gesetzbuch: „Schöpfer! wenn die Mazdajasnas (Gläubigen) sich zu
 Aerzten ausbilden wollen, an wem sollen sie sich zuerst versuchen,
 an den Daivajasnas (Ungläubigen) oder den Mazdajasnas. Wenn einer
 zum ersten Male an einem Daivajasna schneidet, und dieser stirbt,
 wenn er zum zweiten Male an einem Daivajasna schneidet, und dieser
 stirbt, wenn er zum dritten Male an einem Daivajasna schneidet, und
 dieser stirbt, so ist er unfähig zur Heilkunde für immerdar.“

   Wagte es jemand trotz des mißlungenen Befähigungsnachweises die
 Praxis auszuüben und starb ihm sodann ein Patient an den Folgen
 unrichtiger Behandlung, so wurde dies wie ein vorsätzlicher Mord
 betrachtet.

    „... Wenn einer zum ersten Male an einem Daivajasna schneidet,
 und dieser kommt davon, wenn einer zum zweiten Male an einem
 Daivajasna schneidet, und dieser kommt davon, wenn einer zum dritten
 Male an einem Daivajasna schneidet, und dieser kommt davon, so ist
 er fähig für immerdar; nach Belieben soll er an den Mazdajasnas
 Versuche ärztlicher Behandlung machen, nach Belieben schneide er an
 Mazdajasnas, nach Belieben heile er durch Schneiden. Einen Priester
 heile er für ein frommes Gebet, den Hausherrn für den Preis eines
 kleinen Zugtieres, den Herrn des Geschlechtes für den Preis eines
 mittleren Zugtieres, den Herrn des Stammes für den Preis eines
 vorzüglichen Zugtieres, den Herrn der Provinz heile er für den Preis
 eines vierspännigen Wagens; wenn er zum ersten Male die Frau des
 Hauses heilt, so ist eine Eselin sein Lohn, wenn er die Frau des Herrn
 des Geschlechtes heilt, so ist eine Kuh sein Lohn, wenn er die Frau
 des Herrn des Stammes heilt, so ist eine Stute sein Lohn, wenn er
 die Frau des Herrn der Provinz heilt, so ist eine Kamelin sein Lohn;
 einen Knaben aus dem Geschlechte heile er für den Preis eines großen
 Zugtieres, ein großes Zugtier heile er für den Preis eines mittleren
 Zugtieres, ein mittleres Zugtier heile er für den Preis eines kleinen
 Zugtieres, ein kleines Zugtier heile er für den Preis eines Stückes
 Kleinvieh, ein Stück Kleinvieh um den Preis von Futter.“ -- Wie sich
 aus den letzten Sätzen ergibt, behandelten die persischen Aerzte so
 wie die ägyptischen auch Tiere. Speziell gab es Vorschriften über die
 Heilungsversuche, welche bei toll gewordenen Hunden gemacht werden
 mußten. Man sollte ihnen Arznei beizubringen suchen, erst wenn das
 nichts fruchte, Gewalt anwenden. -- Die Taxen brauchten wohl nur bei
 gelungenen Kuren erlegt zu werden.

Der Vendidād verpflichtete zwar die Aerzte zu rascher Hilfeleistung,
warnte jedoch vor jeder Uebereilung in der Behandlung, diese sollte
offenbar erst nach sorgfältiger Beobachtung der Symptome bestimmt
werden. Einen gewissen Schematismus verrät die Vorschrift: „Ist eine
Krankheit am Morgen ausgebrochen, so soll man am Tage zur Behandlung
schreiten; wenn am Tage, soll es in der Nacht geschehen; wenn in der
Nacht, so muß der ärztliche Eingriff mit Tagesanbruch erfolgen.“

Die tief einschneidende religiöse Bevormundung verhinderte die
persische Medizin, die theurgisch-empirische Entwicklungsphase mit
einer höheren zu vertauschen. Aber der priesterliche Symbolismus
barg, beabsichtigt oder auch, ohne daß seine Schöpfer sich dessen
vollbewußt waren, einen ~hygienischen~ Kern in seinem Innern, der
sicherlich der Volksgesundheit sehr zu statten kam. Die mit Waschungen
verbundenen religiösen Zeremonien, die aus Priestermund stammenden
und daher stark •suggestiv• wirkenden Vorschriften über körperliche
Reinheit, diätetisches Verhalten, die Regelung des Geschlechtslebens,
die strengen Verbote sexueller Exzesse oder Perversitäten und vieles
andere mußten bei dem Fernstehenden einen Eindruck erwecken, welchem
Plinius durch die Worte Ausdruck verlieh, die Lehre Zoroasters sei
von der Heilkunde ausgegangen.

    Zoroasters Lehre war ein Kultus der seelischen und körperlichen
 Reinheit (symbolisiert in der Verehrung des läuternden Feuers, dem
 Abglanz des Ahuramazda) und wandte sich gegen alles Unreine, sei es
 in Gedanken, Worten und Handlungen, sei es im physischen Leben des
 Menschen oder in der Natur (repräsentiert durch den bösen Geist Angra
 Manju, symbolisiert namentlich durch das Gewürm und die Schlange). In
 der praktischen Konsequenz wurde der physischen Reinigung, allerdings
 unter dem Gesichtspunkt der seelischen Läuterung, in höchstem Ausmaß
 Rechnung getragen -- im Gegensatz zu den Ungläubigen, besonders
 den unreinen Reitervölkern der Steppen (Szythen, Turaniern). Als
 verdienstvoll galt z. B. die Tötung gewisser schädlicher unreiner
 Tiere und die Ablieferung derselben an den Priester; verboten
 war es, in einen Fluß zu spucken, zu harnen, ja sogar sich darin
 zu waschen; neben Gebeten, religiösen Zeremonien gingen bei den
 verschiedensten Ereignissen Reinigungen (Räucherungen, Einreibung mit
 Erde), Waschungen einher; Körperschmutz, Verunreinigung von Kleidern,
 Gefäßen, Gerätschaften etc. zu beseitigen, war religiöse Pflicht,
 wobei der Grad der Verunreinigung minutiös festgestellt und gegen
 die Uebertragung oder weitere Verbreitung der Unreinigkeit (z. B.
 von Kranken, Verstorbenen) Vorsorge getroffen war. Mit den härtesten
 Strafen im Diesseits und ewiger Verdammnis im Jenseits bedroht das
 Avesta die sexuellen Laster: Ehebruch, Prostitution, Masturbation,
 Päderastie und verbrecherischen Abortus. Vom ~Päderasten~ heißt es, er
 ist vor dem Tode schon ein Teufel und nach dem Tode ein unsichtbarer
 Unhold. „~Nachdem er sich zum vierten Male hat mißbrauchen lassen,
 dörren wir ihm aus die Zunge und das Fett.~“ Den religiös-nationalen
 Bestrebungen entsprach die Empfehlung der Inzucht, ja sogar die
 Verwandtenehe nächsten Grades (Brüder und Schwestern!). Schon hieraus
 ergibt sich, daß jedenfalls in der Beurteilung religiös-hygienischer
 Maßnahmen der alten Orientalen vom modernen Standpunkte eine gewisse
 Vorsicht am Platze ist; vieles, was wir als hygienisch vorteilhaft
 beurteilen, war dies wahrscheinlich nur sekundär und leitete sich
 keinesfalls aus anderen, als religiösen Motiven her. Finden wir
 beispielsweise die Reinigungen, Waschungen, die Krankenisolierung
 etc., so dürfen wir bei der Beurteilung nicht außer acht lassen, daß
 der Dämonenglaube an diesen Maßnahmen eher mehr Anteil hat als die
 Vorahnung der Antiseptik. Sonst wäre es wohl schwer verständlich,
 weshalb die zoroastrischen Priester bei den feierlichen „Reinigungen“
 und Waschungen fast ausschließlich Besprengungen mit -- ~Kuhurin~
 vorzunehmen pflegten. Die Kuh galt den Persern sowie den Indern eben
 als heiliges Tier (Symbol der Seßhaftigkeit) -- eine Anschauung,
 die sich aus arischen Urzeiten herleitete. -- Eine harte Konsequenz
 der Lehre von der „Unreinheit“ der Krankheiten war die Isolierung
 Unheilbarer.

Die Bedeutung Persiens für die Weltmedizin liegt am wenigsten in seiner
nationalen Heilkunst -- ägyptische, griechische und indische Aerzte
liefen den einheimischen weitaus den Rang ab --, sondern eher in der
Rolle, die es als Verkehrsland zwischen Ost und West (Ideenaustausch,
Drogenhandel) spielte. Das dauerndste, ja ein unschätzbares Verdienst
haben sich späterhin die Sassanidenfürsten erworben, als sie trotz
ihres flammenden Nationalgefühls, zu einer Zeit, als die europäische
Kultur ihrem Verfall zueilte, mit der klassischen Bildung auch der
griechischen Heilkunst eine Heimstätte boten, dieselbe hüteten und
endlich den siegreichen Arabern überlieferten.



Die Medizin im Alten Testament.


Ueber die Heilkunde der alten Israeliten zur Zeit ihrer politischen
Selbständigkeit gibt keine ärztliche Schrift Aufschluß, sondern die
Bibel, welche die medizinischen Verhältnisse begreiflicherweise nur
so weit beleuchtet, als kultuelle Vorschriften, religiöse Gesetze
davon berührt werden. Mag dieses Material auch durch gelegentlich in
die Geschichtserzählung eingestreute Hinweise, durch Gleichnisse der
religiösen Dichtung u. a. erweitert, ein ansehnliches sein, niemals
darf doch außer acht gelassen werden, daß wir streng genommen, nicht
über die Medizin der Juden, sondern eben nur über die ~Medizin in der
Bibel~ unterrichtet sind.

Den Glanzpunkt der Medizin im Alten Testament bildet die
~Sozialhygiene~, deren Verwirklichung das Wohl und die Erhaltung des
Volkes befördern mußte, welche Leitideen auch immer ursprünglich
zu Grunde lagen; wahrscheinlich gipfelte übrigens die mosaische
Gesetzgebung, wie die anderen orientalischen Religionssysteme in dem
Gedanken, daß entsprechend der Doppelnatur des Menschen physische und
ethische ~Reinheit~ zumeist zueinander in Wechselbeziehung stehen.

Die Vorschriften betreffen die Prophylaxe und Bekämpfung der Seuchen,
die Bekämpfung venerischer Krankheiten und der Prostitution, die
Hautpflege, Bäder, Nahrung, Wohnung und Kleidung, die Regelung der
Arbeit, das Geschlechtsleben, die Züchtung der Rasse u. a. Viele dieser
Vorschriften, wie die Sabbatruhe, die Beschneidung, die Speisegesetze
(Verbot des Blutgenusses, des Schweinefleisches etc.), die Maßnahmen
bei Menstruierenden, Wöchnerinnen, Gonorrhoikern, die Isolierung der
an Aussatz Leidenden, die Lagerhygiene u. a., besitzen namentlich
unter Würdigung der Zeitumstände und klimatischen Verhältnisse einen
überraschend hohen Grad von Rationalität und lassen selbst angesichts
der modernen Wissenschaft das Wort zur Wahrheit werden: „Diese Gebote
werden eure Weisheit und Vernunft sein in den Augen der Völker“ (Exodus
IV, 6). Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Hygiene des Pentateuchs
ihr Vorbild vorzugsweise in der ägyptischen Priesterhygiene hatte
(vergl. S. 51). -- Dazu gesellten sich bei der späteren Redaktion der
Bibel (in den Einzelheiten des Reinigungsverfahrens) wahrscheinlich
auch babylonische und parsische Ideen, mit denen die Juden während
der babylonischen Gefangenschaft vertraut werden konnten. -- ~Die
charakteristische Leistung der mosaischen Gesetzgebung ist aber darin
zu suchen, daß sie sich nicht auf eine besondere Kaste, sondern auf
das ganze Volk erstreckt~: „Ihr werdet mir sein ein Reich von Priestern
und eine heilige Nation“ (Exodus XIX, 6).

   Auf die ~ägyptische~ Herkunft der mosaischen Gesetzgebung weist
 das Neue Testament mit den Worten: „Und Moses ward gelehret in aller
 Weisheit der Aegypter“ (Apostelgeschichte VII, 22); Philo erzählt
 auf Grund der altjüdischen Tradition, daß Moses am Pharaonenhofe
 von ägyptischen und chaldäischen Weisen erzogen wurde (also auch
 babylonische Einflüsse!); Clemens Alexandrinus läßt Moses bei
 ägyptischen Aerzten Medizin und nebstdem auch chemische Künste
 erlernen. -- Der ~Parsismus~ hat auf die Religionsvorstellungen (z.
 B. Engellehre, Glaube an den Satan, Auferstehungsglaube) der Juden
 mächtigen Einfluß geübt, und damit wurde auch gewiß manches von
 den parsischen Kultgebräuchen, insbesondere ~Reinigungsverfahren~,
 herübergenommen. Wie aber das Judentum den babylonischen Sagen die
 polytheistische Spitze abbrach und ihnen einen ethischen Gehalt
 gab, so prägte es auch den Begriff der sittlichen Reinheit, der
 bei Zoroaster noch ganz mit dem Begriff der körperlichen Reinheit
 zusammengeworfen wird, zu voller Schärfe aus. Außer den Aegyptern,
 Babyloniern und Parsen wurde von einigen auch den ~Sabäern~, welche
 ungemein strenge Gesetze gegen jede „Verunreinigung“ besaßen und
 bekanntlich zur Zeit Salomos zu den Hebräern in Beziehung traten,
 ein Einfluß auf die jüdischen Reinigungsgesetze zugeschrieben.
 -- Bezüglich der Hygiene des Geschlechtslebens ist unter anderem
 erwähnenswert die Vorschrift des Badens nach dem Koitus, Verbot der
 Kohabitation mit einer Menstruierenden und mit einer Wöchnerin (40
 Tage nach der Geburt). --

   ~Um die Verbreitung ansteckender Krankheiten~, namentlich Zaraath
 („Aussatz“), ~zu verhüten~, schrieb das Gesetz nach Feststellung der
 Diagnose nicht nur strenge ~Isolierung und Reinigung des Geheilten~
 vor, sondern ordnete auch ~Desinfektion der Kleider~ (Waschung,
 eventuell Verbrennung) ~und der Wohnung~ (eventuell sogar Abtragung
 des Hauses) an. Ein Desinfektionsmittel nach Berührung toter Körper
 war die Reinigung durch die „Asche der roten Kuh“. Eine junge
 makellose Kuh mußte in einem Feuer von Zedernholz, Ysop und Karmesin
 verbrannt werden; die so gewonnene Asche wurde an einem reinen Orte
 aufbewahrt und stets vorrätig gehalten; bei Bedarf schüttete man einen
 Teil dieser Asche in ein Gefäß und goß darüber „lebendiges“ Wasser;
 jemand, der von keiner Krankheit behaftet war, nahm einen Ysopzweig,
 tauchte ihn in das Wasser ein und besprengte mit diesem Wasser alle,
 die den toten Körper berührt hatten.

Medizinisches im engeren Sinne findet sich zwar nicht wenig im Alten
Testament -- so werden z. B. Seuchen (Pest?), „Aussatz“, Lähmungs-
und Krampfzustände, Geisteskrankheiten, Geschlechtsaffektionen,
Geburtsanomalien, Hautkrankheiten, Mißbildungen erwähnt -- doch
sind die Krankheitsschilderungen so fragmentarisch, daß die sichere
Deutung der Affektionen nur selten möglich wird. Dies gilt sogar
für den biblischen „Aussatz“, der bei Berücksichtigung •aller•
einschlägigen Stellen nicht einwandfrei mit der Lepra identifiziert
werden kann, sondern wahrscheinlich neben dieser eine ganze Reihe von
Hautaffektionen in sich schließt, und dabei ist der „Aussatz“ gerade
jene Krankheit, deren differentialdiagnostische Eigentümlichkeiten
wegen der nötigen Isolierungsmaßregeln noch die eingehendste
Darstellung erfahren (Leviticus XIII).

Was die Krankheitsauffassung anlangt, so galten besonders die,
das ganze Volk befallenden Seuchen als Schickungen, bezw. Strafen
Jahwes, vereinzelt lassen sich aber auch Spuren einer nüchternen
Krankheitsätiologie verfolgen.

   Es ist eine natürliche Folge des strengen Monotheismus, daß der
 Glaube an krankmachende Dämonen im Alten Testament verpönt ist. Dies
 gilt aber durchaus nicht für das jüdische Volk, wie aus dem Neuen
 Testament und dem Talmud erhellt. Mit götzendienerischen Anwandlungen
 schimmern z. B. im „Elohisten“ des Pentateuch auch volksmedizinische
 Reste durch.

Die Heilung der Krankheiten erhoffte man von Gebeten und Opfern,
außerdem aber wurden, anscheinend spärlich, auch diätetische
und medikamentöse Mittel verwendet; zu letzteren zählten z. B.
Bäder (im Jordan, in Heilquellen, Oelbäder), Wein, Feigen (als
Pflasterbestandteil), Oel, Fischgalle (als Augenmittel), Pflaster,
Salben, Räucherungen; daß man die günstige Einwirkung der Musik auf
die Melancholie kannte, beweist das Harfenspiel Davids vor dem König
Saul. -- Von chirurgischen Operationen ist nur die Ausführung der
Beschneidung erwiesen, von Eunuchen (Zerstoßene und Verschnittene)
ist zwar im Alten Testamente die Rede, doch erscheint es sehr
zweifelhaft, ob die Kastration von den Juden selbst ausgeführt wurde.
Zum Wundverband dienten Oel, Wein, Balsam, bei Knochenbrüchen legte
man einen Verband an. Den Kreißenden standen Hebammen zur Seite, die
sich jedoch hauptsächlich nur auf tröstenden Zuspruch beschränkten;
der Gebärstuhl scheint früh bekannt gewesen zu sein.

Der untrennbare Zusammenhang, welcher zwischen der ~Sanitätspolizei~
und der ~Religion~ bestand, brachte es mit sich, daß die ~Priester~,
die Leviten, als ~Gesundheitsbeamte~ fungierten; ihr praktisches Können
beruhte wohl auf einem esoterischen Wissen, das sich wahrscheinlich
auf dem Wege mündlicher Tradition fortpflanzte, ~nirgends aber ist
es erweisbar, daß sie außer den sanitätspolizeilichen Obliegenheiten
die Heilkunst berufsmäßig ausübten~. Daß den Propheten die ärztliche
Kunst nicht ferne lag, schon deshalb, weil gerade medizinische
Wundertaten zu allen Zeiten am meisten begehrt wurden -- geht aus
den glücklichen Heilungen, welche manche unter ihnen -- Elisa, Elia,
Jesaia -- vollzogen, hervor, sowie aus gewissen Redewendungen; in
den ~Prophetenschulen~ dürfte auch die ~Heilkunst~ in den Bereich des
Unterrichts gezogen worden sein!

   Nach einer Ueberlieferung waren insbesondere Esra und Nehemia
 über die Wirkungsweise gewisser •Drogen• eingehend unterrichtet.
 Interessant ist es, daß noch bei byzantinischen und salernitanischen
 Autoren eine Rezeptformel unter dem Namen des Esdra = Esra (?)
 angeführt wird. Der Einfluß der babylonischen Medizin machte sich
 gewiß zur Zeit des Exils in pharmakologischer Hinsicht geltend.

Eines ganz besonderen Rufes als Arzneikundiger erfreute sich in der
jüdischen Tradition der weise König •Salomo•, unter dessen Regierung
sich bekanntlich lebhafte Kulturbeziehungen zu den Nachbarvölkern auf
verschiedenen Gebieten geltend machten. Ihm schreibt die Legende sogar
die Abfassung eines Werkes über Krankheiten und deren Heilung zu,
welches jedoch von dem frommen König Hiskia beiseite geschafft worden
sein soll. Wahrscheinlich war es ein Kräuterbuch mit magischen Formeln.
Bekanntlich spielt Salomo in der Magie noch lange eine bedeutende
Rolle[16].

  [16] Nach einer Legende habe schon Noah auf Grund göttlicher
       Eingebung und Belehrung durch die Engel ein Buch geschrieben,
       in welchem pflanzliche Heilmittel gegen die Krankheiten und
       gegen die Verführungskünste der Dämonen aufgezeichnet gewesen
       wären. Also auch hier, wie bei den meisten Völkern Anspielung
       auf den göttlichen Ursprung der Heilkunde.

~Irrtümlicherweise hat sich lange die Annahme erhalten, daß es im
biblischen Zeitalter keine Berufsärzte gegeben habe, sondern daß die
Heilkunst ausschließlich in den Händen der Priester lag. Diese Annahme
entbehrt jeder Stütze, gerade das Gegenteil läßt sich aus den Quellen
entnehmen.~ Vor allem muß es auffallen, daß in der Bibel dort, wo vom
Heilen im nichtfigürlichen Sinne gesprochen wird, niemals die Priester
genannt werden -- wobei noch in Anschlag zu bringen ist, daß diese doch
selbst die Schrift redigierten. Aber auch positive Gründe sprechen
dafür, daß es mindestens zur Zeit der Propheten eigentliche Aerzte
gab. Der Ausdruck für den Berufsarzt „rophe“ ist in dieser Epoche
schon ganz geläufig. Von König Asa wird ausdrücklich erwähnt, er habe
nicht bei Jahwe, sondern bei den Aerzten Hilfe gesucht, Jeremia hält
es für unglaublich, daß in Gilead kein Arzt sein sollte, Hiob nennt
seine Freunde nichtige Aerzte. Aus späteren Angaben wissen wir, daß
für die Priester, welche durch die kalten Bäder, die leichten Kleider,
das Barfußgehen auf den kalten Steinen häufig Unterleibserkrankungen
ausgesetzt waren, eigene Tempelärzte angestellt waren.

Wie hoch das Ansehen des ärztlichen Standes gewesen, beweisen die
schönen Worte Jesus, des Sohnes Sirachs (um 180 v. Chr.): „Halte den
Arzt in Ehren, so wie es ihm zukommt, damit er dir zur Verfügung stehe
-- seine Kunst als Arzt erhöht sein Haupt und angesichts der Großen
wird er bewundert. Der Herr schafft aus der Erde Heilmittel, und der
verständige Mann wird sie nicht verschmähen.“

   Daß die Aerzte Honorar für ihre Bemühungen empfingen, ließe sich
 schon aus Exodus XXI, 18-20 folgern, wo es heißt: Wenn sich Männer
 miteinander streiten, und einer schlägt den andern mit einem Stein
 oder mit der Faust ... kommt er auf, so daß er ausgehet an seinem
 Stabe, so soll, der ihn schlug, straflos sein, aber ihm bezahlen,
 was er versäumt hat und das ~Arztgeld~ geben.

Auch aus der nachbiblischen Zeit der jüdischen Medizin ist keine
Fachliteratur auf uns gekommen, immerhin läßt sich ein Einblick durch
den Talmud gewinnen, wo nicht selten medizinische Fragen zur Erörterung
gelangen. Die starke Beeinflussung der talmudischen Medizin durch die
spätgriechische weist ihrer Darstellung einen Platz an späterer Stelle
zu.



Die Medizin der Inder.


Die Medizin der Inder reiht sich den besten Leistungen dieses Volkes,
wenn auch nicht gleichwertig, so doch würdig an und nimmt durch den
Reichtum der Kenntnisse, durch die Tiefe der Spekulation und den
systematischen Aufbau einen hervorragenden Platz in der Geschichte der
orientalischen Heilkunde ein. Dank den reichlich sprudelnden Quellen
der Sanskritliteratur läßt sich ihre Entwicklung von den Uranfängen
primitiver Empirie und Theurgie bis zur Höhe eines abgeschlossenen
Lehrsystems, wenigstens in großen Zügen, überblicken.

   Diese Entwicklung ist in doppelter Hinsicht interessant. Einerseits
 weist sie zur Heilkunst der Griechen manche Parallele auf --
 entsprechend den sonstigen großen wissenschaftlichen Errungenschaften
 der Inder (in der Philosophie, Astronomie, Mathematik, Geometrie,
 Sprachwissenschaft) und ihrer blühenden Dichtkunst (Lyrik, Epos,
 erzählende Dichtung -- von allen orientalischen Völkern sind die
 Inder die einzigen, welche selbständig das ~Drama~ schufen!);
 anderseits ergibt sich deutlich, welchen bestimmenden Einfluß der
 Orient und die seinem Boden entsprießenden allgemeinen kulturellen
 Verhältnisse auf den Verlauf des medizinischen Denkens ausübten; denn
 ebenso wie bei den Semiten, Hamiten und Mongolen und trotz einer,
 der hellenischen gewiß kaum nachstehenden Begabung erlahmte auch
 bei dem arischen Hinduvolke die geistige Triebkraft, und unter dem
 Drucke des Dogmatismus machte die individuelle Entfaltung allzu früh
 einem Beharrungszustande Platz, welcher in grübelnder Spekulation, in
 subtilem Formalismus und in bizarrer Phantastik gipfelte -- Züge, die
 sich auch in der grotesk-phantastischen, von Harmonie und Schönheit
 oft weit entfernten Kunst (Architektur, Plastik) aussprechen.

In der Geschichte der indischen Medizin, wie in der indischen Kultur
überhaupt, werden allgemein drei Epochen unterschieden: 1. ~die
vedische~, welche von der Einwanderung der Hindu in Pendschab bis
ungefähr 800 v. Chr. reicht; 2. ~die brahmanische~, welche, durch
die Vorherrschaft der Priesterkaste gekennzeichnet, das indische
Mittelalter repräsentiert, und 3. die ungefähr um 1000 n. Chr.
beginnende ~arabische Epoche~.

Die vedische Epoche führt ihren Namen daher, weil sich ihr
Kulturzustand, inklusive der Medizin, in den vier Vedas,
d. h. den uralten (vorzugsweise aus religiösen Hymnen und
dogmatisch-wissenschaftlicher Exegese bestehenden) heiligen Schriften
der Inder widerspiegelt.

    Die ~vedische~ Epoche besitzt keinen einheitlichen Charakter,
 sondern bedeutet eine wandlungsreiche, über viele Jahrhunderte
 gedehnte Evolution, welche das Hinduvolk von den arischen Uranfängen
 zu seiner spezifischen Eigenart geleitet. Dieser ganze Kulturprozeß
 -- eine Folge der fortschreitenden Landeseroberung, der staatlichen
 und wirtschaftlichen Umwälzung, der Einflüsse von seiten der Natur
 -- spiegelt insbesondere seine religiösen und sozialen Phasen in der
 Vedenliteratur (Rigveda, Sâmaveda, Yajurveda, Atharvaveda) deutlich
 wieder. Im Beginn der Epoche -- repräsentiert durch den ~Rigveda~ --
 leuchtet noch echt indogermanische, von Priestersatzungen ungebeugte,
 kraftstolze, weltfreudige Sinnesart hervor, verbunden mit einem
 naiven, naturwüchsigen, farbenprächtigen Polytheismus. Das Ende
 der Epoche nähert sich zunehmend jenen Wesenszügen, die gemeinhin
 als national-indisch gelten. Dahin gehören: phantastische Romantik,
 weltfremde, leidgeborene, zur Askese hinneigende Verinnerlichung,
 ein in sublimer Theosophie verblassender Götterglaube, starre
 ständische Gliederung (Brâhmana, Kshatriya, Vâiçya, Çûdra, d. h.
 Priester, Krieger, Volk, Nichtarier) unter Führung einer vergötterten
 Priesterkaste, ein höchst kompliziertes Ritual, dessen massenhafte
 Zeremonien das ganze Leben von der Empfängnis bis zum Tode regeln
 und denen eine ungeheure symbolische Wichtigkeit beigelegt wird, ein
 die gesamte Kultur beherrschender theologischer Dogmatismus. All dies
 mehr oder weniger im Sâmaveda und Yajurveda mit ihren Unterabteilungen
 entwickelt, erstarrt sodann in der zweiten Hauptperiode der indischen
 Kultur, der ~brahmanischen~, welche dem Mittelalter entspricht. Der
 vierte Veda, der ~Atharvaveda~, steht zu dem Sâmaveda und Yajurveda
 in einem gewissen Gegensatz. Mehr dem häuslichen Kultus dienend, eher
 der Weisheit des Volkes als der Wissenschaft der Priestergeschlechter
 entsprungen, enthält er zumeist Beschwörungen, Besprechungen,
 Besegnungen (gegen verderbliche Wirkungen der Götter, Dämonen,
 Feinde, Krankheiten u. a.), welche bisweilen der Urzeit entstammen.
 Ebenso, wie der Rigveda, ist auch der Atharvaveda eine Hauptquelle
 des indischen Volkstums, nur zeigt uns der erstere Lebensfreude,
 starkes Selbstbewußtsein, warme Liebe zur Natur, der letztere aber
 scheue Furcht vor den dämonischen Naturkräften und Zaubergewalten --
 ein Ausdruck des hierarchischen Druckes und des Aberglaubens, der am
 Ende der vedischen Epoche über dem Volke lastete. Bezeichnenderweise
 wurde der Atharvaveda, der eine Art von Reaktion gegen das offizielle
 Priestertum darstellt, am spätesten und niemals unbestritten
 kanonisiert!

Für die Medizin haben der Rigveda (1500 v. Chr.) und der Atharvaveda
die Hauptbedeutung. Man ersieht aus diesen Literaturdenkmälern, daß die
älteste indische Heilkunde, empirische Kenntnisse in den Rahmen des
Götterglaubens und der dämonistischen Naturauffassung einfügend, den
Schwerpunkt auf die •Theurgie• legt. Die ~Empirie~ erstreckt sich auf
einige anatomische Grundtatsachen und Krankheiten (auch Vergiftungen),
auf die Wirkung gewisser Heilkräuter, des kalten Wassers, auf die
Kenntnis von der luftreinigenden Eigenschaft der Winde etc. und
gebietet über primitive chirurgische Hilfeleistungen. Die Spuren
physiologischer Spekulation, welche hie und da auftreten, beziehen sich
auf die Vorgänge der Befruchtung und verraten, ~daß man vorwiegend in
der Luft (Atem) den Träger der Lebenskraft erblickte~. Die Theurgie ist
(entsprechend der Entwicklung des religiösen Bewußtseins) verschieden
in der älteren und jüngeren vedischen Epoche. ~Im Rigveda herrschen
Gebete und Anrufungen der Götter vor~ (Krankheiten sind Folge von
Verfehlungen); ~im Atharvaveda dominiere Magie und Bannformeln, welche
gegen die Krankheitsdämonen selbst, oder gegen die vermeintlichen
Urheber des Krankheitszaubers~ (böse Menschen) ~gerichtet sind~. Unter
den Krankheiten, deren nicht wenige genannt werden, spielt der ~Takman~
(= bösartiges Fieber) die wichtigste Rolle. Hinsichtlich der magischen
Handlungen, zu denen neben ~Gebeten und Opfern, der Amulettgebrauch~
und verschiedenartige Abwehrversuche der Dämonen (z. B. durch
~Beschwören~, durch Lärmmachen) zählen, wäre besonders hervorzuheben,
daß man Krankheiten durch Zauber in Menschen oder Tiere (z. B. das
kalte Fieber in den Frosch, Gelbsucht in Papageien) zu bannen (=
übertragen) suchte. Die Heilkräuter, an ihrer Spitze die heilige (zum
Kult verwendete) ~Somapflanze~ (vielleicht Asklepias Syriaca), stehen
unter dem Einfluß höherer Mächte und wurden, dämonisch personifiziert,
gegen die Krankheiten angerufen. Interessant ist es, daß die älteste
indische Medizin (wie die primitive Heilkunst überhaupt) bisweilen
gewissermaßen vom iso- oder homöopathischen Prinzip Gebrauch macht,
indem man gelbe Pflanzen gegen Gelbsucht, vergiftete Pfeile gegen Gift
u. a. anwendete. Lag ursprünglich die Zaubermedizin in der Hand der
Priester, so scheinen ~die Aerzte~ wenigstens in der jüngeren vedischen
Zeit einen ~selbständigen Stand~ gebildet zu haben, der sich in einem
gewissen Gegensatz zu den Brahmanen befand. In einem Kästchen führte
der altindische Heilkünstler seine Arzneimittel mit sich, und seine
Kuren unternahm er, wie angedeutet wird, weniger aus Menschenliebe
als unter dem Gesichtspunkte des Erwerbs.

   Während es später Gottheiten mit besonderer ärztlichen Funktion
 (z. B. Dhanvantari der Götterarzt) oder Seuchengötter (z. B. die
 Pockengöttin Sitalā) gab, findet sich in der älteren vedischen
 Epoche noch keine derartige Spezialisierung, sondern es wurden nur
 gewisse allgemeine Gottheiten (Naturmächte) mehr als andere mit der
 Heilkunst und den Krankheiten in Beziehung gebracht. Dahin gehören
 namentlich die Asvins, die Verkünder der Morgenröte (Dioskuren),
 „die roßgestaltigen Himmelsärzte“, welche Götter und Menschen heilen,
 insbesondere chirurgisch tüchtig sind, Rudra, der Vater der schnellen
 Winde mit seinem Hauptmittel, dem Kuhurin, Agni, der Gott des Feuers
 (die Erzeugung des Feuers mit den Reibhölzern galt als Symbol der
 Entstehung des Lebens), Sarasvati, Savitar, der Gott aller Bewegung,
 Dhātar, der „Setzer“, „Bildner“, „Ordner“ (heilt namentlich Frakturen
 etc.). Krankheitsbringer sind der erwähnte Rudra, noch mehr die
 bösen Dämonen (Rāksasas). Personifiziert und daher beschworen bezw.
 angerufen werden Krankheiten, z. B. das Fieber, der Takman, die
 Heilkraft der Wässer (~in Indien wurden schon in sehr früher Zeit
 Bade- und Trinkkuren gebraucht, die Wirkung gewisser Quellen entdeckt,
 Bäder in Ganges etc.~), die Heilkraft gewisser Pflanzen (namentlich
 die Somapflanze, aus welcher wie bei den Persern ein berauschender
 Opfertrank bereitet wurde).

   Im Rigveda wird die heilsame Wirkung der Seewinde und des kalten
 Wassers gepriesen:

       „Zwei Winde wehen eilend her, vom Ozean, vom fernen Ort,
       Kraft wehe dir der eine zu, der andere dein Leiden fort.“

       „Heilkräftig ist des Wassers Schwall, das Wasser kühlet
             Fiebers Glut,
       Heilkräftig gegen alle Sucht, Heil bringe dir des Wassers
             Flut!“

   Die Zauberformeln des Atharvaveda erinnern lebhaft an jene der
 übrigen Völker (z. B. Babylonier, Aegypter, nordamerikanischen
 Indianer etc.), namentlich aber stimmen sie mit den Besprechungen und
 Beschwörungsformeln der Germanen überein -- mehr in uralter Volks-
 als in der Priestermedizin ist ihr Ursprung zu suchen. Ein Beispiel,
 wie man Krankheiten durch schmeichelnde Verehrung in fremde feindliche
 oder verachtete Völker zu bannen suchte, ist folgendes: „Dem Takman,
 der glühende Waffen hat, sei Verneigung! O, Takman, zu den Mudschavant
 gehe oder weiter. Das Çudraweib falle an, das strotzende; dieses
 schüttle etwas, o Takman“ u. s. w. Gegenzauber enthalten z. B. die
 Sprüche: „Ein Adler fand dich auf, ein wilder Eber grub dich mit der
 Schnauze; suche zu schaden, o Kraut, den Schädiger, schlage zurück
 den Hexenmeister.“ „Die Zauber sollen auf den Zauberer zurückfallen,
 der Fluch auf den Fluchenden; wie ein Wagen mit guter Nabe rolle der
 Zauber wieder zu dem Zauberer zurück.“ „Wenn du von göttlichen Wesen
 (sic!) angetan bist, oder von Menschen angetan, mit Indra als Genossen
 führen wir dich dem wieder zu.“ ~Als Rest urarischer Medizin ist der
 Spruch zu betrachten, welcher bei Verrenkungen, Verletzungen etc.
 üblich war und vollkommen mit dem berühmten sogenannten „Merseburger
 Segen“ übereinstimmt~, welcher die europäische Volksmedizin später
 auch in christianisierter Form durchwandert hat. Nach dem Atharvaveda
 heißt es:

       „Zusammen sei mit Mark dein Mark, zusammen sei mit Glied
             dein Glied!
       Zusammen wachs' dein altes Fleisch und auch der Knochen
             wachs' dazu!
       Zusammen füg' sich Mark mit Mark und mit der Haut verwachs'
             die Haut!
       So wachs' dein Blut und auch das Bein, das Fleisch
             verwachse mit dem Fleisch!
       Das Haar verein' sich mit dem Haar, die Haut verein' sich
             mit der Haut!
       So wachs' dein Blut und auch das Bein, zusammenleg'
             Zerbrochnes, Kraut!“

   Der Schluß des „Merseburger Segens“, wo Wodan spricht, lautet:

       „So Beinrenkung,
       So Blutrenkung,
       So Gliedrenkung:
       Bein zu Beine,
       Blut zu Blute,
       Glied zu Gliedern,
       Als ob sie geleimet seien.“

   Neben den Zaubersprüchen werden bei Behandlung chirurgischer
 Fälle auch Heilkräuter erwähnt, und es wirft ein helles Licht auf
 die altindische Wundarzneikunst, daß die Vedas der Extraktion von
 Pfeilen mit nachfolgendem Verband, künstlicher Glieder, der Kastration
 etc. gedenken. Die empirischen Kenntnisse waren überhaupt nicht
 unansehnlich, man unterschied eine Menge von Krankheiten, darunter
 Skropheln, Schwindsucht, Hydrops, Epilepsie, Gicht, Herzkrankheit,
 Gelbsucht, Hemiplegie, Haut- und Geschlechtsaffektionen, hereditäre
 Krankheit, Lepra, Wurmleiden u. a. Unter den Heilmitteln der Vedas
 befinden sich auch Abortiv- oder konzeptionsbefördernde Mittel und,
 was für indische Medizin charakteristisch, Aphrodisiaka.

   Im Rigveda sagt der Arzt:

       „Vom Kraut, das aus der Urzeit stammt, drei Alter vor den
             Göttern selbst,
       In hundertsiebenfacher Art, vom Grünenden will dichten ich.
       Wenn ich, Ihr Arzneien, euch in meine Hände drohend fass',
       So macht das Siechtum sich davon, es bangt ihm vor des
             Häschers Griff.“

   Auf die Gewinnsucht des Arztes -- aber auch aller übrigen Stände
 -- wird mit den Worten angespielt: „Die Wünsche der Menschen
 sind verschieden, der Fuhrmann verlangt nach Holz, der Arzt nach
 Krankheiten, der Priester nach Libationen.“ Ein im Rigveda erwähnter
 Arzt hofft durch seine Kuren „Roß, Rind und ein Gewand“ zu erlangen.

~Gänzlich überwunden wurde die Theurgie niemals~, und, wie die
Theologie das indische Geistesleben beständig im Banne hielt,
so bezieht sich die spätere wissenschaftliche Literatur der
Aerzte fortwährend auf den Atharvaveda, zu dem sie geradezu
als Anhang (upaveda) betrachtet wird, ja sie stimmt mit der
religiös-philosophischen Exegese (z. B. den Upaniṣads) in der
Nomenklatur, in den physiologischen oder hygienischen Anschauungen
nahezu vollkommen überein. Neben der rationellen Therapie dauern auch
die religiösen Zeremonien, abergläubischen Gebräuche, Beschwörungen
(z. B. Schlangenzauber) unangetastet weiter fort, besonders auf dem
Gebiete der Geburtshilfe und Kinderheilkunde, sowie in der Behandlung
der Geisteskrankheiten.

~Die brahmanische Epoche~, welche als Typus und Glanzzeit der
indischen Medizin ausschließliches Interesse verdient, da die weitere
Entwicklung unter arabischem Einfluß teils wenig Neues bringt, teils
des nationalen Gepräges entbehrt, charakterisiert sich durch einen
vom Priestertum losgetrennten hochangesehenen Aerztestand, durch eine
reiche wissenschaftliche Literatur, durch hochentwickelte medizinische
Unterrichtsweise und Deontologie.

    Die Aehnlichkeit der ~indischen~ und ~hellenischen~ Heilkunde
 während dieses Stadiums ist in den allgemeinen Grundanschauungen
 und gewissen Einzelheiten so auffallend, daß es nicht wundernimmt,
 wenn von mancher Seite die Originalität der ersteren bezweifelt
 oder gar in Abrede gestellt wurde, umsomehr, als die Datierung der
 maßgebenden indischen Werke mit großen Schwierigkeiten verknüpft
 ist und vor den neuesten Handschriftfunden gänzlich haltlos hin-
 und herschwankte. Im Hinblick auf die hervorragenden selbständigen
 indischen Leistungen in den meisten Wissens- und Kunstzweigen, die
 Abneigung gegen fremdartige Einflüsse und unter Berücksichtigung der
 neueren Forschungsergebnisse, herrscht heute die Ansicht, ~daß die
 indische Medizin im wesentlichen Originalität besitzt~ -- autochthon
 ist namentlich die Anatomie, Materia medica, Diätetik, Hygiene
 -- ~und wenn sie vorübergehend theoretisches und praktisches Gut
 von den Griechen aufnahm~, dieses doch in ganz eigenartiger Weise
 verarbeitete und assimilierte. Aehnliches war, wie sicher erwiesen,
 auch der Fall z. B. auf dem Gebiete der Astronomie oder in der
 Novellendichtung (möglicherweise vielleicht auch in der dramatischen
 Dichtung), und wie dort stießen die griechischen Einwirkungen auf
 eine jahrtausendalte, in der Hauptsache festgestaltete, in sich
 abgeschlossene Kulturwelt, so daß das Wesen des Ganzen kaum mehr
 tiefgehend umzumodeln war. Die griechische Beeinflussung erfolgte
 hauptsächlich nach dem Zuge Alexanders des Großen, als in Indien
 zunächst eine bald wieder verschwindende mazedonische Satrapie
 bestand, sodann als lebhafte Beziehungen mit dem mächtigen, damals
 Medien und Persien einschließenden Seleukidenreiche gepflegt wurden,
 und die Herrscher des griechisch-baktrischen Reiches von weiten
 Landstrecken Nordindiens Besitz ergriffen, insbesondere aber in den
 ersten nachchristlichen Jahrhunderten, als griechische Schulen in
 Syrien und Persien entstanden. Der Buddhismus, welcher seinem Prinzip
 nach, die Schranken der Nationalität durchbrach, arbeitete den fremden
 Einflüssen kaum entgegen.

Die Medizin lag nur so lange in der Hand der Brahmanen, als die
Empirie, namentlich die Chirurgie hinter der Theurgie zurückstand.
Nunmehr gehörten die wissenschaftlich gebildeten Aerzte der
hochstehenden Mischkaste der Ambaṣtha (~Vaidya~) an, welche
väterlicherseits ihre Herkunft von den Brahmanen herleiteten; neben
ihnen wirkte eine untergeordnete Gattung von Empirikern, Heilgehilfen,
die in der weniger angesehenen Kaste der ~Vaisya~ vereinigt waren.

   Es ist nämlich zu beachten, daß nur die zwei ersten Kasten,
 Brahmanen und Krieger, wirkliche Stände bildeten. Die dritte Kaste
 (Vâiçya) umfaßte im Gegensatz zu den nichtarischen Çûdra das ganze
 arisch-indische Volk (soweit es nicht Priester oder Richter waren), d.
 h. die Ackerbauer, Viehzüchter, Hirten u. s. w. In dem Maße, als sich
 (durch das verpönte Connubium) die ursprünglichen Kasten untereinander
 vermengten, tauchten eine ganze Menge von neuen Mischkasten auf, die
 sich dem Range nach abstuften und denen eine bestimmte Lebensweise und
 ein bestimmter Beruf vorgeschrieben waren. Die Rangstellung dieser
 „unreinen“ Mischkasten richtete sich nach der Kaste, welcher der
 Vater angehörte; daher stand z. B. ein Ambaştha, d. h. der Sohn eines
 Brahmanen von einem Vâiçyamädchen, relativ hoch. -- Natürlich hatten
 auch die höheren Mitglieder höherer Klassen Zutritt zum ärztlichen
 Stand, während die Çûdra ausgeschlossen blieben, bis der Buddhismus
 auch da seine nivellierenden Einflüsse äußerte.

Spuren von der priesterlichen Herkunft des Aerztestandes (welche
bei den Indern anfangs sogar mit der natürlichen Abstammung seiner
Vertreter von den Brahmanen zusammenfiel) zeigen sich in der ganzen
Unterrichtsweise und Standesethik. Erstere war der Erziehung des
Brahmanenschülers geradezu nachgeahmt. Bei der ärztlichen Berufswahl
bildeten gute Abkunft (am besten aus einer ärztlichen Familie),
manuelle Befähigung und gewisse körperliche, wie sittliche und
intellektuelle Eigenschaften die Voraussetzung; die Lebensweise
und Studienordnung des Schülers unterlagen genauen Bestimmungen;
Ehrfurcht gegen die Brahmanen, die Lehrer und Vorgänger wurde
beständig eingeflößt. Die Aufnahme des Jüngers erfolgte im Winter,
bei zunehmendem Monde, an einem glückverheißenden Tage in Gegenwart
von Brahmanen, und der Unterricht leitete sich durch eine feierliche
Einweihungszeremonie ein, an deren Schlusse der Adept das Gelöbnis
ablegen mußte, daß er alle Vorschriften der Standesordnung und die
religiösen Pflichten getreu beobachten werde. Ein Lehrer durfte nur
4-6 Schüler gleichzeitig unterweisen. Der Unterricht, welcher 6 Jahre
währte, basierte auf einem erprobten und anerkannten Lehrbuche, und
bestand einerseits aus dem Auswendiglernen der vom Lehrer erklärten
Lehrsätze, anderseits in der ~praktischen~ Ausbildung (Krankenbesuch
und besonders ~chirurgischen~ Uebungen). •„Wer nur theoretisch
gebildet ist, aber unerfahren in der Praxis, weiß nicht, was er tun
soll, wenn er einen Patienten bekommt, und benimmt sich so töricht,
wie ein Jüngling auf dem Schlachtfelde. Anderseits wird ein Arzt,
der nur praktisch, nicht aber theoretisch ausgebildet ist, nicht die
Achtung der besseren Männer erringen.“• Medizin und Chirurgie mußte in
gleichem Maße beherrscht werden, denn „der Arzt, dem die Kenntnis des
einen dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur einem Flügel“.
Nach Vollendung der Studien war die Erlaubnis des Königs zur Ausübung
der ärztlichen Praxis zu erwirken. Stets von wissenschaftlichem Eifer
erfüllt, wurde dem Arzte nahegelegt, seine Kenntnisse im Verkehr mit
Fachgenossen zu erweitern und hierbei Bescheidenheit an den Tag zu
legen. Bis in alle Details war das äußere Auftreten, das Verhalten
gegenüber dem Patienten und den Angehörigen, die Honorarfrage geregelt;
Jäger, Vogelsteller, aus der Kaste Verstoßene, Verbrecher -- aber
auch Unheilbare sollten nicht in Behandlung genommen werden. Mehr von
ärztlicher Politik als von Ethik eingegeben, war der Rat, Leuten,
welche beim König oder beim Volk mißliebig sind, keine Arznei zu
verordnen. Welchen Eindruck die indischen Aerzte im Volksbewußtsein
hinterließen, beweist der Spruch: „Ist man krank, so ist der Arzt
ein Vater; ist man genesen, so ist er ein Freund; ist die Gesundheit
wiederhergestellt, so ist er ein Hüter.“ Unrichtiges Verfahren wurde
nach den Gesetzen bestraft, gute Aerzte durften nach dem Tode den
Himmel Indras zum Lohne erwarten! Das Zentrum der medizinischen
Wissenschaft lag in dem hochheiligen Benares am Ganges, der uralten
Stadt (der glänzenden „Kasi“), wo auch der Sitz brahmanischer
Gelehrsamkeit war.

    Ueber die Beschaffenheit des zur Medizin tauglichen Schülers
 und des richtigen Lehrers waren unter anderem folgende Ansichten
 verbreitet: „Der Schüler muß eine feine Zunge, schmale Lippen,
 regelmäßige Zähne, ein edles Antlitz, wohlgeformte Nase und Augen,
 ein heiteres Gemüt und feinen Anstand haben und fähig sein, Mühen und
 Schmerzen zu ertragen.“ „Der Lehrer soll das heilige Buch Schritt
 für Schritt, Vers für Vers vorlesen, er soll deutlich, aber ohne
 Anstrengung reden, ohne zu stocken, weder zu schnell, noch zu langsam,
 ohne zu näseln und ohne ein Zeichen der Ungeduld zu verraten“ u.
 s. w. -- Am Schlusse der Aufnahmszeremonie wurde der Adept ermahnt,
 keusch und enthaltsam zu sein, einen Bart zu tragen, die Wahrheit zu
 reden, kein Fleisch zu essen, dem Lehrer in allen Dingen Gehorsam zu
 leisten, als Arzt die Brahmanen, die Lehrer, die Armen, die Freunde
 und Nachbarn, die Frommen, die Waisen unentgeltlich zu behandeln u.
 s. w. „Gegen die Götter, das Feuer, die Brahmanen, den Guru (Lehrer),
 die Alten und die seligen Lehrer mußt du alle Pflichten beobachten.
 Tust du es, so mögen dir dieses Feuer, alle Säfte, alle Düfte, Schätze
 und Körner und die genannten Götter alle günstig sein! Wo nicht --
 so seien sie dir ungünstig!“ Auf diese Worte des Lehrers spricht der
 Schüler: „So geschehe es.“ An bestimmten Tagen, in der Dämmerung,
 bei Donner und Blitz, zur Zeit der Krankheit des Königs, bei großen
 Festen, Naturereignissen etc. durfte nicht studiert werden, damit das
 Studium nicht mit halber Aufmerksamkeit betrieben werde. Nicht nur
 mit dem Ohr, sondern mit dem Verstande ist dem Unterricht zu folgen,
 sonst „gleicht der Schüler dem Esel, der eine Ladung Sandelholz trägt,
 und nur deren Gewicht, nicht aber deren Wert kennt“. ~Die Einübung
 von chirurgischen Operationen geschah in der Weise, daß man dem
 Schüler die Schnitte an Früchten, Punktionen an gefüllten Schläuchen,
 Harnblasen (von Tieren) oder Taschen zeigte, das Skarifizieren an
 gestreckten, noch behaarten Tierfellen, den Aderlaß an den Blutgefäßen
 toter Tiere oder an Lotusstengeln, das Sondieren an wurmstichigem
 Holz, röhrenförmigen Gegenständen, das Herausziehen an den Zähnen
 toter Tiere, das Oeffnen von Abszessen an einem Wachsklumpen, welcher
 auf Holz aufgestrichen war, das Nähen an dicken Kleidern, das Anlegen
 von Verbänden an Figuren, das Aetzen und Brennen an Fleischteilen u.
 s. w. lehrte.~ Unter den Vorschriften, die dem Arzt beim Eintritt in
 die Praxis gegeben werden, heißt es: „Laß dir die Haare und die Nägel
 kurz schneiden, halte deinen Körper rein, trage weiße Kleider, ziehe
 Schuhe an und nimm einen Stock oder Schirm in die Hand. Dein Aeußeres
 sei demütig und dein Gemüt rein und ohne Arglist.“ Wenn der Arzt
 die Wohnung des Kranken betritt, soll er wohl gekleidet, gesenkten
 Hauptes, nachdenklich, in fester Haltung und mit Beobachtung aller
 möglichen Rücksichten auftreten. Ist er drinnen, so darf Wort, Gedanke
 und Sinn auf nichts anderes gerichtet sein, als auf die Behandlung
 des Patienten. Die Vorgänge im Hause dürfen nicht ausgeplaudert,
 auch darf von dem bevorstehenden Ende nichts mitgeteilt werden, wo
 es dem Kranken oder sonst jemand Nachteil bringen kann. Besonders
 wird auch von jeder Vertraulichkeit mit Frauen abgeraten und gewarnt,
 mit ihnen zu klatschen oder zu scherzen und Geschenke außer etwa
 Speisen anzunehmen. -- Das Honorar des Arztes richtete sich nach den
 Verhältnissen des Patienten und war unter Umständen sehr hoch. Als
 höchstes Ziel für den Arzt erschien es, Hofarzt zu werden. Im Kriege
 wurden die Truppen von Aerzten begleitet.

Die berühmtesten Vertreter der medizinischen Literatur Indiens
sind ~Caraka~, ~Suśruta~ und ~Vāgbhaṭa~ -- die „alte Trias“. Das
vielumstrittene Problem der chronologischen Fixierung dieser Aerzte
oder der unter ihrem Namen überlieferten Schriften hat erst in der
neuesten Forschung einige sichere Anhaltspunkte gefunden. Darnach fällt
die Lebenszeit des Caraka wahrscheinlich in den Beginn der christlichen
Zeitrechnung; Suśruta wurde jedenfalls schon im 5. Jahrhundert n.
Chr. als Autor einer weit zurückliegenden Vergangenheit betrachtet,
und was Vāgbhaṭa anlangt, so ist sein echtes Werk, in welchem Caraka
und Suśruta zitiert werden, kaum nach dem 7. Jahrhundert n. Chr.
entstanden.

    Da von Chronologie bei den Indern keine Rede ist, und der Ursprung
 der medizinischen Literatur ganz ins Gewand der Sage gehüllt wird,
 so schwankten die Historiker bis vor kurzem ganz außerordentlich
 hinsichtlich der Entstehungszeit der Monumentalwerke indischer
 Heilwissenschaft. Ein Teil verlegte sie sehr weit zurück in die
 vorchristliche Epoche, andere, welche in der indischen Medizin
 nichts anderes als eine schattenhafte Reproduktion der griechischen
 erblicken wollten, gaben das 10. bis 15. Jahrhundert n. Chr. als
 Abfassungszeit an. Konnte letztere Ansicht schon durch ein arabisches
 Werk aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts n. Chr. sowie durch eine
 Inschrift aus dieser Zeit, worin rühmend des Suśruta gedacht ist,
 zurückgewiesen werden, so fiel ganz unerwartet neues Licht auf die
 Frage, als eine 1890 von Leutnant ~Bower~ von zwei einheimischen
 Kaufleuten erworbene Handschrift entziffert und übersetzt worden war.
 Die •Bowerhandschrift•, welche ein auf Birkenrinde geschriebenes,
 ziemlich gut erhaltenes Manuskript von 54 Seiten darstellt, lag
 unter einem buddhistischen Denkmal in Kaschgarien (China) verborgen;
 der in altertümlichem Sanskrit und in Versen abgefaßte Text enthält
 außer einer Sprichwörtersammlung einen Panegyrikus auf den Knoblauch
 (gegen alle möglichen Leiden), Angaben über Verdauung, über richtige
 Mischung der Arzneistoffe, Kinderpflege, Sterilität, Behandlungen
 der Schwangeren und Wöchnerinnen, süßen Harn, an dem die Hunde
 lecken (Diabetes), ferner zahlreiche Heilformeln zu äußerlichem
 und innerlichem Gebrauch, einen Schlangenzauber gegen den Biß
 der Kobra etc. Die eminente Bedeutung der Bowerhandschrift, die,
 nach den paläographischen Kriterien zu urteilen, um 450 n. Chr.
 geschrieben ist, liegt zunächst darin, daß sie den Bestand einer
 systematischen medizinischen Wissenschaft der Inder mit all den
 charakteristischen Eigentümlichkeiten, wie dieselben bei Caraka und
 Suśruta auftreten, zum mindesten schon für das 4. bis 5. Jahrhundert
 n. Chr. sicher nachweist, nebstdem aber erwähnt sie noch in der
 Einleitung unter anderen alten Aerzten ausdrücklich den Suśruta
 und stimmt sogar an mehreren Stellen mit ihm sowie mit Caraka
 wörtlich überein. Für die Lebenszeit des Caraka hat sich weiterhin
 ein Anhaltspunkt dadurch ergeben, daß eine ungefähr um 405 n. Chr.
 verfaßte chinesische Uebersetzung (einer Sanskriterzählung) von
 Caraka als von einer ganz bekannten Persönlichkeit spricht und ihn
 zum Zeitgenossen des Königs Kaniska macht, welcher im Anfang des 1.
 Jahrhunderts n. Chr. regierte. -- Auch andere, neuerdings bearbeitete
 zentralasiatische Handschriften, welche zum Teil noch älter sind
 als das Bowermanuskript, z. B. die um 350 n. Chr. geschriebene
 Macartneyhandschrift, bekräftigen die obigen Angaben.

In welchem Ausmaße die heute vorhandenen Ausgaben nur späte Redaktionen
der ursprünglichen Originalwerke darstellen und aus älteren und
jüngeren Teilen zusammengesetzt sind, kann die Zukunft möglicherweise
klären -- bezeichnend für das Alter und die Macht der medizinischen
Tradition bleibt es jedenfalls, daß ~Caraka~ und ~Susruta~ sich
lediglich als jüngere Bearbeiter des uralten, ~in letzter Linie von
Brahman~ inspirierten •„Ayurveda“• (Wissenschaft des Lebens) betrachtet
wissen wollen, welcher aus 1000 Abschnitten, ein jeder zu 100 Stangen
bestanden haben soll. Mit dieser mythischen Einkleidung, der sicher ein
historischer Kern entspricht, harmoniert die Fülle der Kenntnisse --
das Produkt vieler Generationen -- und die auffällige inhaltliche und
formelle Uebereinstimmung beider Autoren. Gemeinsam ist ihnen nicht
nur das Lehrsystem und die Terminologie, sondern auch der Wechsel
von Prosa und gebundener Rede; nur kennzeichnet sich ~Caraka~ durch
größere Ausführlichkeit der Darstellung, ~Suśruta~ durch eine mehr
trockene Behandlung des Stoffes und viel eingehendere Berücksichtigung
der ~Chirurgie~.

   Aus den Werken Carakas und Suśrutas wurden wiederholt einzelne
 Kapitel oder sehr bedeutende Abschnitte ins Englische übertragen.
 Von Suśruta existiert auch eine vollständige, aber nach dem Urteil
 der Fachmänner höchst mangelhafte lateinische Uebersetzung (Susrutas
 Ayurvedas. Nunc primum ex Sanskrita in Latinum sermonem vertit, Dr.
 Franciscus Hessler, Erlangen 1844-1850, 3 Bände. -- Kommentar in
 2 Heften, Erlangen 1852 u. 1855). -- Das Werk des Caraka besteht
 aus acht Hauptteilen (sthāna): 1. sūtrasthāna über Pharmakologie.
 Nahrungsmittel, Diätetik, gewisse Krankheiten, Kurmethoden, Aerzte
 und Pfuscher, über Physiologie, Psychologie u. a. 2. nidānasth.
 über acht Hauptkrankheiten. 3. vimānasth. über Geschmack, Ernährung,
 allgemeine Pathologie, ärztliches Studium. 4. sarīrasth. über Anatomie
 und Embryologie. 5. indriyasth. über Diagnostik und Prognostik. 6.
 cikitsāsth. über spezielle Therapie. 7. kalpasth. und 8. siddhisth.
 über allgemeine Therapie. -- Das Werk des Susruta zerfällt in folgende
 Hauptabschnitte: 1. sūtrasthāna, Ursprung der Heilkunde, Propädeutik,
 Instrumentenlehre, ~Chirurgie~, Arzneimittellehre, Diätetik etc.
 2. nidānasth. Pathologie. 3. sarīrasth. Anatomie, Embryologie.
 4. cikitsāsth. Therapie. 5. kalpasth. Toxikologie. 6. uttarasth.
 (Schlußabhandlung) spezielle Pathologie und Therapie, Hygiene. --
 Die Schriften des Vagbhāta folgen in ihrer Einteilung vollkommen
 dem Susruta. -- Die drei Autoren, ebenso wie spätere, nahmen einen
 göttlichen Ursprung der Medizin an und bezeichnen als Grundquelle
 den Ayurveda (der einen upaveda = Nebenveda bildet); dieser
 enthielt ursprünglich acht Teile: große Chirurgie, kleine Chirurgie,
 Behandlung der Krankheiten, Dämonologie, Kinderheilkunde, Toxikologie,
 Elixiere, Aphrodisiaka. „Brahman, nachdem er das bedeutungsvolle
 ewige Ambrosia des Ayurveda erkannt hatte, übergab es dem Daksa,
 dieser den beiden Asvins, und diese dem Satakratu (Indra).“ In der
 weiteren Darstellung der Ueberlieferung des Ayurveda an die Menschen
 weichen die Autoren voneinander ab. Während nach Susruta Indra den
 Ayurveda an den Wundarzt der Götter ~Dhanvantari~ (d. h. Kenner der
 Chirurgie), verkörpert als König Divodāsa von Benares (Kāsirāja),
 übergibt, der dann Susruta nebst sechs Genossen darin unterrichtet,
 mit Voranstellung der Chirurgie, ist nach Caraka Bharadvāja der
 erste Sterbliche, dem Indra den Ayurveda offenbart. Von den Weisen,
 die ihn umgeben, teilt einer, nämlich ~Atreya~, die von Bharadvāja
 empfangene Lehre sechs Schülern, ~Agnivesa~, ~Bhela~, Jatukarna,
 Parāsàra, ~Hārīta~, Ksārapāni, mit. Jeder derselben verfaßte ein
 Lehrbuch; dasjenige, welches von Agnivesa herrührte, wurde von Caraka,
 wie er selbst wiederholt versichert, revidiert und bearbeitet. Nahe
 verwandt mit Caraka, vielleicht nur eine andere Rezension der Vorlage
 des Caraka, ist die noch ungedruckte Bhelasamhitā; über das Alter
 des unter dem Namen des Hārīta gehenden Werkes ist die Untersuchung
 noch nicht abgeschlossen.

Alles weitere Schrifttum der Hindu knüpft an die alten Meister an
und bescheidet sich damit, die grundlegenden Werke zu kommentieren,
durch etwaige frische Erfahrungen zu ergänzen, zu verbessern, ohne
das theoretische Fundament oder die altertümlichen Rezepte auch nur
im leisesten anzutasten.

    •Nicht nur die mittelalterliche, sondern sogar die sehr emsige
 schriftstellerische Produktion der indischen Aerzte der Gegenwart
 bewegt sich wesentlich im alten Geleise•, so daß die neuesten ihrer
 Lehrbücher ebensogut vor 1000 Jahren abgefaßt sein könnten. Die
 berühmtesten Schriften des Mittelalters sind die Diagnostik (nidāna)
 des Mādhava (beschreibt die Pocken), die nosologischen Handbücher
 des Vangasèna, Cakradatta und Sārngadhara; dem 16. Jahrhundert,
 welches der indischen Kultur aber leider keine Renaissance brachte,
 entstammt das noch jetzt allgemein geschätzte umfassende Handbuch
 (des Bhāvamisra) Bhāvaprakāsa, worin die Syphilis (Frankenkrankheit,
 „phiranga roga“) beschrieben ist, und zuerst ausländische Arzneimittel
 Erwähnung finden.

Das Haupthindernis für einen wahrhaft wissenschaftlichen Aufbau
der Heilkunde ist in dem religiösen Verbot zu suchen, welches die
Beschäftigung mit Leichen aufs strengste untersagte und daher die
Pflege der Anatomie unmöglich machte. Freilich wurde, da die Chirurgie
doch eine gewisse Kenntnis derselben voraussetzte, das Verbot im
Interesse derselben hie und da in der Weise übertreten, daß man
Leichen 7 Tage im Wasser liegen ließ, nach der Mazeration die äußeren
Teile mit Pflanzenrinde abschabte und die freigelegten inneren Teile
besichtigte. Ein solches Verfahren konnte natürlich keine wirkliche
Kenntnis des Sachverhalts vermitteln und eröffnete der Spekulation
auf einem Gebiete, wo sie am wenigsten angemessen ist, die Pforten.

   Die indische Anatomie ist keine Beschreibung, sondern eine bloße
 Aufzählung und Klassifikation der Bestandteile des Körpers; sie
 charakterisiert sich durch Zahlenspielerei, wobei namentlich die
 •Fünf- und die Siebenzahl• hervortritt. Die oft ungeheuerlichen
 numerischen Angaben erklären sich zum Teil aus der Zerfaserung der
 Leichen durch das oben angegebene Verfahren.

   Der Körper besteht aus 6 Haupt- und 56 Nebengliedern, die Haut
 zerfällt in 6 (oder 7) Schichten, es gibt 5 Sinnesorgane, 5 „Werkzeuge
 der Tat“ (Hände, Füße, After, Genitalien, Zunge), 7 Behälter (z.
 B. für Luft, Galle, Schleim, Blut, Harn, unverdaute und verdaute
 Speisen, bei Frauen noch einen achten Behälter für den Fötus), 15
 innere Organe, 9 Oeffnungen, 10 Hauptsitze des Lebens, 7 Grundstoffe,
 7 Unreinigkeiten (zu denen auch die Haare und Nägelränder gehören),
 107 Stellen, deren Verletzung gefährlich oder tödlich ist (z.
 B. Leistengegend, Hohlhand, Fußsohle), 360 Knochen, 210 Gelenke,
 900 „Bänder“, 500 Muskeln, 16 Sehnen, 16 „Netze“, 6 „Ballen“ (an
 Händen, Füßen, am Hals), 4 „Stricke“ am Rückgrat, 7 Nähte (am Kopf,
 ferner je eine an der Zunge und am Penis), 14 Knochengruppen mit
 „Scheidelinien“; in Bezug auf die Gefäße oder das Röhrensystem
 schwanken die Angaben, einerseits ist von 700 Adern mit dem Nabel
 als Ausgangspunkt die Rede[17] (je 175 Adern enthalten Luft,
 bezw. Galle, Schleim, Blut), anderseits wird von 10 aus dem Herzen
 entspringenden Grundadern (Leiter der Lebenskraft) gesprochen, davon
 zu unterscheiden sind 24 Röhren (Nerven), die vom Nabel ausgehen,
 ferner jene Kanäle, von denen je 2 für den Atem, die Speisen, das
 Wasser, den Chylus, das Blut, Fleisch, Fett, den Harn, Kot, Samen,
 das Menstrualblut bestimmt sind. Wie bei den Aegyptern werden also
 Gefäße, Nerven und Hohlgänge aller Art zusammengeworfen. -- Den
 mangelhaften anatomischen Kenntnissen entspricht es auch, daß in der
 indischen Plastik Knochenbau und Muskulatur wenig erkennbar sind.

  [17] Vergl. oben die Medizin der Aegypter.

Nach der medizinischen Theorie der Inder durchdringen ~drei
Elementarstoffe, Luft, Schleim und Galle~, den Körper und leiten,
abgesehen von der Seele, die Lebensvorgänge[18]. Die Luft vermittelt
die Bewegung und ist vornehmlich unterhalb des Nabels lokalisiert,
die wärmespendende Galle hat ihren Hauptsitz zwischen Nabel und Herz,
der Schleim, welcher die Tätigkeit der Organe ermöglicht, oberhalb des
Herzens. Die drei Elementarstoffe bewirken die Entstehung der ~sieben
Grundbestandteile~: Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und
Samen. Den sieben Grundbestandteilen entsprechen sieben Unreinigkeiten
(Sekrete, Exkrete). Der Chylus geht aus der gehörig verdauten Nahrung
(Verdauung erfolgt durch das innere Feuer) hervor, strömt vom Herzen
aus durch 24 Röhren durch den ganzen Körper und verwandelt sich in
je 5 Tagen sukzessive in die sechs anderen Grundbestandteile, so daß
also in einem einmonatlichen Bildungsprozesse zunächst Blut, sodann
aus dem Blute Fleisch, aus dem Fleische Fett, aus dem Fett Knochen,
aus den Knochen Mark, aus dem Mark Samen erzeugt wird. Die Quintessenz
aller sieben Substanzen stellt die Lebenskraft dar, welche, als sehr
feiner, öliger, weißer, kalter Stoff gedacht, durch den ganzen Körper
verbreitet ist und die Funktionen regelt.

  [18] Vergl. die Medizin in Mesopotamien.

   Die Luft (der Wind) herrscht im späteren Lebensalter, die Galle im
 mittleren, der Schleim in der Kindheit vor; das gleiche Verhältnis
 hinsichtlich des Vorherrschens eines der Elementarstoffe besteht
 in Bezug auf Ende, Mitte und Anfang des Tages, der Nacht und der
 Verdauung, ebenso beruht der Charakter, das Temperament auf der
 Präponderanz des einen oder anderen Urstoffs. Von jedem derselben
 werden Unterarten mit spezifischen Eigentümlichkeiten und Funktionen
 unterschieden, also 5 Arten der Luft, 5 Arten der Galle, 5 Arten
 des Schleims. Sehr bemerkenswert ist es, daß manche Autoren --
 analog zur griechischen Humoraltheorie -- das ~Blut~ wegen seiner
 hervorstechenden Wichtigkeit unter den Elementarstoffen als vierten
 aufzählen. Hier sei übrigens erwähnt, daß die Lehre von vier Elementen
 schon in den Reden Buddhas vorkommt.

~Gesundheit ist der Ausdruck der normalen Beschaffenheit und des
normalen quantitativen Verhältnisses der Elementarsubstanzen; sind
diese oder die Grundbestandteile verdorben, abnorm vermehrt oder
vermindert, so entstehen Krankheiten.~

In der Klassifikation der Krankheiten, von denen überaus zahlreiche
Arten supponiert werden, kommt zwar hauptsächlich die Lehre von den
Elementarsubstanzen und Grundbestandteilen zur Geltung -- aber nicht
ausschließlich, indem noch andere, teils religiös-spekulative, teils
empirische Momente als Einteilungsprinzipien fungieren, nämlich
~ätiologische Momente~ (natürliche Krankheitsursachen, wie Fehler in
der Ernährung und Lebensweise, Klima und Wetter, psychische Affekte,
~Vererbung~, Gifte, Seuchen oder übernatürliche Einwirkungen, Zorn der
Götter, Dämonen und, der indischen Wiedergeburtslehre entsprechend,
„Karma“, d. h. Verfehlungen im früheren Leben), ~der Krankheitssitz~
(äußere, innere, lokale, allgemeine, körperliche, geistige Leiden),
~die Heilbarkeit~ (heilbare, nur zu lindernde, unheilbare Affektionen).
Im Grunde aber bilden stets Luft, Schleim, Galle, das Blut oder
einer der übrigen Stoffe den Angriffspunkt, und je nachdem nur eine
oder aber mehrere der Elementarsubstanzen beteiligt sind, werden
die mannigfachen, leichteren oder schwereren Krankheitsformen
hervorgebracht.

   Nach Susruta gibt es 1120, nach Caraka unzählige Krankheiten;
 letzterer nennt 80 Wind-, 40 Gallen-, 20 Schleimkrankheiten (womit
 aber die Aufzählung schon deshalb nicht erschöpft sei, weil eine
 Menge von Affektionen vorkomme infolge von zufälligen oder äußeren
 Ursachen, z. B. Verletzungen aller Art, Blitzschlag, dämonischen
 Einflüssen etc.). Er unterscheidet im wesentlichen drei Gruppen:
 natürliche, geistige, dämonische Krankheiten. Susruta teilt die
 Krankheiten in „körperliche“ (d. h. Abnormitäten der Grundstoffe),
 von Verletzung herrührende, durch Gemütsaffekte bedingte und
 „natürliche“ Leiden (Alterskrankheiten, Inanition, angeborene).
 Vāgbhata klassifiziert „natürliche“ und geistige, dämonische
 Krankheiten, wobei bei den ersteren die Störung der Grundsäfte das
 Primäre, bei den letzteren das Sekundäre ist. Welcher Krankheitsstoff
 (d. h. Abnormität des Windes, des Schleims, der Galle, des Blutes,
 des Chylus, des Marks, des Samens u. s. w.) vorliegt, ist aus
 den Symptomen zu ersehen. Neben der erwähnten findet sich bei
 Susruta noch eine andere Einteilung in 7 Klassen: 1. vererbte, 2.
 im Mutterleib erworbene, 3. von den Grundsäften herrührende, 4.
 durch Verletzung, 5. durch Witterungseinflüsse, 6. durch dämonische
 Einwirkungen oder ~ansteckende~ Berührung, 7. durch Hunger, Durst,
 Alter etc. entstandene Krankheiten. -- Gewisse Krankheiten beruhen
 auf ~Karma~, d. h. Verfehlungen in einem früheren Leben (z. B. der
 Mörder eines Brahmanen leidet an Anämie, der Ehebrecher an Gonorrhoe,
 ein Brandstifter an Erysipel, ein Spion verliert das Auge, die
 Elephantiasis ist die Strafe für Unkeuschheit). Solche Kranke haben
 sich Sühnezeremonien und Bußen zu unterziehen; wo aus geringfügigen
 Anlässen schwere Leiden entstehen, da liegt ein Zusammenwirken der
 gestörten Grundstoffe mit Karma vor. Medizinisch läßt sich als Kern
 dieses Mystizismus die Erkenntnis herausschälen, daß die gewöhnliche
 Aetiologie an manchen Affektionen scheitert. -- Seuchen wurden auf
 anhaltende Dürre, Regengüsse, Einfluß der Gestirne, Ausdünstungen etc.
 zurückgeführt oder als von den Göttern verhängte Strafen aufgefaßt.

Die ~Diagnostik~ der Krankheiten bewegte sich zwar in den Grenzen
des wissenschaftlichen Dogmatismus, basierte aber auf sorgsam geübter
Sinnestätigkeit.

Der indische Arzt bediente sich nicht allein der ~Inspektion~,
~Palpation~, ~Auskultation~, sondern stellte sogar den ~Geruch- und
Geschmacksinn~ in den Dienst der Medizin. So nahm man mit dem Auge
Zu- und Abnahme des Körpers, das Aussehen der Haut, der Zunge, der
Exkrete, die Gestalt, den Umfang von Schwellungen u. a. wahr; mit
dem Ohre achtete man auf Veränderungen der Stimme, auf das Geräusch
beim Atmen, auf das Krachen der Gelenke, Krepitation frakturierter
Knochen, Kollern der Gedärme u. a.; mit dem Tastsinn untersuchte
man die Temperatur, die Glätte, Rauhigkeit, Härte oder Weichheit der
Haut u. a.; der Geschmack belehrte z. B. über die Beschaffenheit des
Urins (~süßer Geschmack des diabetischen Harns~), der Geruch über die
Ausdünstungen. All diese Untersuchungsweisen ergänzten die Anamnese,
welche man durch sorgfältiges Befragen in Betreff der Herkunft,
Lebensweise, Krankheitsdauer, subjektiven Symptome des Patienten etc.
erhoben hatte.

   In den späteren Werken erscheint die Diagnostik noch subtiler,
 aber dafür auch dogmatischer, indem z. B. aus der Beschaffenheit der
 Augen, der Zunge, des Urins weitreichende und spekulative Schlüsse
 auf die krankmachende Ursache und den Krankheitssitz gezogen werden.
 Wahrscheinlich infolge fremder Einflüsse legte die indische Medizin
 der späteren Epochen auf die ~Pulsuntersuchung~ ein Hauptgewicht.
 Frauen ist der Puls auf der linken, Männern auf der rechten Seite zu
 fühlen, der Arzt hat hierbei die drei mittleren Finger der rechten
 Hand aufzulegen und die Kompressibilität, Frequenz, Regelmäßigkeit,
 Größe zu beachten. Affektionen, die von der Luft verursacht sind,
 verraten sich durch einen dahinschleichenden Puls (wie eine Schlange
 oder ein Blutegel); der wie ein Frosch, eine Krähe oder Wachtel
 hüpfende Puls kündigt die Prävalenz der Galle an, der langsam gegen
 die Finger schlagende (wie ein Schwan, Pfau oder Tauben) weist auf den
 Schleim. Für die meisten Krankheiten sind charakteristische Pulsarten
 aufgestellt.

Außerordentlich fein wurde die ~Prognostik~ ausgebildet, und •diese
zeigt in ihrer Eigenart noch ganz deutlich den Zusammenhang, welcher
historisch unleugbar zwischen der priesterlichen Omenlehre und der
ärztlichen Vorhersage besteht•. Deshalb liefert die indische Prognostik
einerseits Zeugnisse von bewundernswertem Scharfblick und praktischer
Beobachtungsgabe, während sie anderseits von uraltem Aberglauben
geradezu strotzt. In dieser Hinsicht genügt der Hinweis, daß man nicht
bloß auf die Träume achtete, sondern sogar ganz zufälligen Begegnungen
vor dem Krankenbesuche ominöse Bedeutung zuschrieb.

Die ärztliche Politik erforderte schon von vornherein eine Orientierung
über den wahrscheinlichen Verlauf im allgemeinen und demgemäß war
festzustellen, ob die Krankheit heilbar oder unheilbar ist (letzterer
Fall, ebenso alljährliche Verschlimmerungen, geboten Ablehnung
der Behandlung), ferner ob die Qualität des Patienten an sich, die
Behandlung erleichtert oder den Erfolg in Frage stellt (z. B. bei
Herrschern oder Brahmanen, Greisen, Frauen und Kindern entfallen
heroische Mittel, die unter Umständen oft allein heilend wirken; durch
Nichtbefolgung der Vorschriften infolge von Geiz, Armut, Stupidität
wird die ärztliche Tätigkeit und damit die ganze Kur lahmgelegt). Als
sehr wichtig galt es, noch vor Uebernahme der Behandlung ein Urteil
über die Lebenskraft des Kranken zu gewinnen; die Langlebigkeit wurde
aus gewissen Merkmalen geschlossen, z. B. aus den großen Dimensionen
der Hände, Füße, der Zähne, der Stirne, der Ohren, der Schultern, der
Brustwarzen, aus dem tiefliegenden Nabel u. s. w. Kurze Finger und
langes Sexualorgan galten als Zeichen der Kurzlebigkeit. Eingehend
schildern die indischen Autoren die Vorboten des Todes und die
prognostischen Symptome sowohl im allgemeinen, wie bei jedem einzelnen
Leiden, wobei auffallende körperliche oder geistige Veränderungen des
Patienten, z. B. Sinnestäuschungen, Delirien, Insomnie oder Sopor,
Anästhesie, plötzliche Lähmungszustände, plötzliche Temperaturabfälle,
Schweißausbrüche, Hervortreten der Adern, Dyspnoe, Schwerbeweglichkeit
und Trockenheit der Zunge u. a., in ihrer Bedeutung erkannt wurden.

   Als günstiges Omen galt es, wenn der Bote, der zu dem Arzt gesendet
 wird, weiß gekleidet, rein, von angenehmem Aeußeren, von gleicher
 Kaste wie der Kranke ist, in einem von Rindern gezogenen Wagen
 sitzt u. a. Ungünstig dagegen war es, wenn der Bote einer höheren
 Kaste als der Kranke angehört, ein Eunuch oder eine Frau oder selbst
 krank, traurig, furchtsam oder erschreckt ist, oder wenn läuft, ein
 abgetragenes, schmutziges Gewand trägt, kahl geschoren ist, auf einem
 Esel oder Büffel reitet, um Mitternacht, zu Mittag, zur Zeit einer
 Mondsfinsternis etc. oder dann eintrifft, wenn der Arzt schläft,
 nackt auf dem Boden liegt, das Haar offen trägt, den Göttern opfert
 u. a. Günstige Vorzeichen waren es, wenn der Arzt auf dem Wege zum
 Patienten zufällig einer Jungfrau, einer Frau mit Säugling, zwei
 Brahmanen, einem rennenden Pferd u. a. begegnete. Ungünstig dagegen:
 Schlange, Oel, Feind, streitendes Volk, Bettler, Asket, Einäugiger
 u. a. m.

   Bezüglich der Prognose bei einzelnen Affektionen wäre z. B.
 anzuführen, daß man Harnruhr für tödlich erklärte, wenn gefährliche
 Geschwüre entstanden, ebenso die „Hämorrhoiden“, wenn Schwellung des
 Mundes, der Hände, Füße, der Hoden, des Nabels, des Afters auftrat,
 der Ausfluß von Blut sehr stark war, Durst, Appetitlosigkeit, Kolik
 und Fieber hinzukam u. s. w. Als besonders schwere Krankheiten mit
 ungünstiger Prognose wurden Ascites, Aussatz, Gonorrhoe, Hämorrhoiden,
 Mastdarmfisteln, abnorme Kindslage, Lithiasis, Tetanus betrachtet.

In der Behandlung der Krankheiten schrieb man der ~Hygiene und Diät~
zum mindesten eine ebenso große Bedeutung zu wie dem Arzneischatz und
den eigentlichen therapeutischen Eingriffen.

    Es hängt dies damit zusammen, daß die Inder, im Banne einer
 Religion, welche durch sozialhygienische Vorschriften die ganze
 Lebensweise bis auf die kleinsten Einzelheiten pedantisch regelte,
 schon in gesunden Tagen die körperliche Reinheit mehr als alle
 übrigen Völker pflegten und auf richtige Ernährungsweise bedacht
 waren. Religion und Medizin fallen hinsichtlich der Hygiene und
 Prophylaxe vollkommen zusammen, was in der Uebereinstimmung der
 einschlägigen Angaben seinen Ausdruck findet; eine Ausnahme ist
 nur darin zu erblicken, daß die medizinischen Autoren den durch die
 Religion verpönten Genuß von Fleisch und geistigen Getränken nicht
 prinzipiell untersagten. Die Vorschriften beziehen sich auf folgendes:
 a) ~Die tägliche Reinigung~, Sorge für den Stuhlgang, ~Reinigung der
 Zähne~ mittels frischer Zahnstöckchen (die von gewissen Baumzweigen
 mit zusammenziehendem, bitterem Geschmack, genommen sein müssen),
 zweimaliges Bürsten der Zähne, Abschaben der Zunge, Ausspülen des
 Mundes, Waschen des Gesichtes, Bestreichung der Augen mit Salben,
 Einreiben des Körpers mit wohlriechenden Oelen, Einölen des Kopfes,
 der Ohren, der Fußsohlen, Mundpflege (mittels Betelblättern, Kampfer,
 Kardamomen und anderen Gewürzen), Haar-, Bart-, Nägelpflege (alle fünf
 Tage zu schneiden). b) ~Die Mahlzeiten und Ernährungsweise~ -- täglich
 zwei Mahlzeiten zwischen 9 und 12 Uhr Vormittags, 7 und 10 Uhr Abends,
 vorher Anregung des Appetits durch etwas Salz und Ingwer, Vorschriften
 über das Speisegerät, über das Sitzen beim Speisen, über die Ordnung
 der Gerichte, mäßiges Trinken während der Mahlzeit (Wassertrinken am
 Anfang der Mahlzeit verzögere die Verdauung, mache mager, reichliches
 Trinken am Ende derselben mache fettleibig etc.), nach dem Speisen
 sorgfältige Mundpflege, kleiner Spaziergang; wichtigste Nahrungs-
 und Genußmittel: die verschiedenen Getreidearten, besonders Reis,
 Früchte, Gemüse, Knollenfrüchte, Ingwer, Knoblauch, Salze, Wasser
 (das beste sei Regenwasser), Milch, Oel, zerlassene Butter, Honig,
 Zuckerrohr, vom Fleisch am ehesten Wildbret, Vögel, Büffelfleisch;
 als wenig gesundheitsförderlich galten Schweine-, Rindfleisch und
 Fische; die Quantität der Nahrung ist der Verdauungskraft anzupassen.
 c) ~Bewegung und Ruhe, Massage, Bäder und Kleidung~ -- Gymnastik,
 Schlaf (am Tage nur nach großen Anstrengungen, in der Nacht bis eine
 Stunde vor Sonnenaufgang), warme und kalte Bäder (die heiligsten im
 Ganges), täglich ein Bad (nach dem Essen sei es schädlich, ebenso
 bei Erkältung, bei kaltem Fieber, Diarrhöe, Ohren-, Augenkrankheit),
 warme Bäder oder Waschungen seien nur für die untere Körperhälfte
 zuträglich, für die obere schädlich, Seebäder, Heilquellen; Kleidung
 muß sauber sein (schmutzige rufe Hautkrankheiten hervor), Schirm,
 Stock und Schuhe zu tragen sei ratsam, •das Tragen von Kränzen,
 Schmuck, Kleinodien erhöhe die Lebenskraft und wende böse Geister
 ab•. d) ~Regelung des Coitus~ (nachher soll man Milch trinken;
 Verbot desselben am 8., 14. und 15. Monatstage und am Morgen etc.).
 e) ~Prophylaktische Maßnahmen~: einmal in der Woche ein Vomitiv,
 einmal im Monat ein Laxans, zweimal im Jahre Venäsektion. -- Die
 diätetisch-hygienischen Maßnahmen erlitten natürlich vielfache
 Modifikationen je nach den Jahreszeiten (das indische Jahr zerfiel
 in sechs Abschnitte), und nicht geringe Aufmerksamkeit wurde auch
 der ~klimatischen~ Beschaffenheit zugewendet (sumpfige, trockene und
 Gegenden mit gemischtem Charakter).

Die zweckmäßige Regelung der Ernährung und Verdauung hat dem
Heilverfahren im engeren Sinne stets vorauszugehen, und auch bei
diesem spielen ~Mastkuren~ oder ~Entziehungskuren~ keine geringe
Rolle; ~äußerliche Applikationen~ (Bäder, Einreibungen, Pflaster,
Fomentationen, Räucherungen, Inhalationen, Gargarismen, Niesemittel,
Einträufelungen, Klysmen, Suppositorien, Injektionen in die Harnröhre
und Scheide, Blutentziehung u. a.) erfreuten sich besonderer Vorliebe.
Unter dem Namen „die fünf Verfahrungsarten“ wurden die wichtigsten
Kurmethoden zusammengefaßt, nämlich ~Brechmittel~, ~Purgiermittel~,
~Klistiere~, ~ölige Klistiere und Niesemittel~; denselben wurden
zumeist Fett- und ~Schwitzmittel~ vorangeschickt. Die Indikationen
waren zahlreich und genau umschrieben.

    Zur Unterstützung der Brechwirkung steckte sich der Kranke einen
 Rizinusstengel in den Hals, während ein Diener ihm den Kopf und die
 Seiten hielt, das Erbrochene mußte der Arzt untersuchen. -- Der
 Apparat zur Vornahme von Klysmen bestand aus dem Klistierbeutel
 (eine Tierblase oder Lederbeutel) und einer spitz zulaufenden,
 metallenen, hörnernen oder elfenbeinernen Röhre. Unfälle scheinen
 bei Klistieren nicht selten vorgekommen zu sein. -- Die für Kopf-
 und Halsleiden besonders geeignet befundenen Nasenmittel dienten
 teils zur Purgation des Kopfes, teils zur Stärkung, es wurde dabei
 eine Arznei oder ein mit Arznei vermischtes Oel in die Nasenlöcher
 gebracht oder tropfenweise aufgesogen. -- Fette und Oele, unvermischt
 oder mit Zusätzen, kamen äußerlich und innerlich zur Anwendung.
 -- Das Schwitzen erzeugte man durch Auflegen von (in einem Tuch
 erhitzten) Kuhmist, Sand etc., durch Dampfbäder (in einer Tonne, in
 einer Schwitzstube, die durch einen Ofen mit vielen Löchern geheizt
 wurde, Liegen auf einer erhitzten Steinplatte, Eingraben eines mit
 Arzneien und glühenden Steinen gefüllten Kruges unter dem Bett des
 Patienten, Applikation von Röhren, deren eines Ende im Kochtopf
 steckte, während das andere dem kranken Körperteil genähert wurde
 u. s. w.). -- Für Inhalationen war folgendes Verfahren üblich: Man
 pulverisierte die Arzneistoffe, knetete die Masse zu einem Teig,
 der über einen Rohrhalm geklebt wurde. War der Teig trocken, so zog
 man den Halm heraus, steckte die so erhaltene Teigröhre in ein Rohr
 von Metall, Holz oder Elfenbein, zündete sie an und brachte das
 andere Ende des Rohres in den Mund oder die Nase. -- ~Blutegel~,
 ~Schröpfen~, ~Skarifikationen~ und ~Aderlaß~ waren die Mittel zur
 Blutentziehung. Für die Aufbewahrung und Applikation der Blutegel
 sind detaillierte Vorschriften überliefert; beim Schröpfen kam ein
 Kuhhorn, an dessen Spitze ein Stückchen Tuch festgebunden war, oder
 ein hohler Flaschenkürbis, in welchen ein brennender Docht gesetzt
 wurde, zur Anwendung; die Venäsektion, für welche sehr sorgfältige
 Indikationen und Kontraindikationen, auch bezüglich der Wahl der
 Stelle (je nach dem Sitz des Leidens, Adern der Stirn, der Nase, am
 Augenwinkel, am Ohr, an der Brust u. s. w.) existierten, nahm man mit
 der Lanzette vor; der Patient wurde vorher eingesalbt, und während
 der Operation hielt ihn ein Diener an einem Tuche fest, das um den
 Hals gelegt worden war.

Der ~Arzneischatz~ ist, entsprechend der fruchtbaren Natur des
Landes, überaus reichhaltig und verleiht der indischen Medizin eine
charakteristische Signatur; nichts spricht mehr für die Originalität
desselben, als daß unter den zahlreichen Pflanzenmitteln kein
einziges europäische Herkunft besitzt. Die überwiegende Mehrheit der
Arzneisubstanzen war ~vegetabilisch~; Caraka kennt 500, Susruta 760
Heilpflanzen (wobei Wurzeln, Rinden, Säfte, Harz, Stengel, Früchte,
Blüten, Asche, Oele, Dornen, Blätter etc. zur Anwendung kamen); nicht
gering aber ist nebstdem die Zahl der ~tierischen~ und, was ganz
besonders bemerkenswert, auch die Zahl der ~mineralischen~ Heilmittel.
~Früh wurden die mineralischen Mittel bei den Indern nicht nur
äußerlich, sondern auch innerlich gebraucht~, und gerade ihnen maß
man die kräftigste Wirkung bei.

    ~Von Indien aus kamen viele Arzneipflanzen oder Drogen nach dem
 Westen, wie Narde, Zimt, Pfeffer, Sesamum orientale, Kardamonum, der
 Saft des Zuckerrohres u. a.~ -- Von den animalischen Stoffen wären zu
 erwähnen: Blut (als Stärkungsmittel), Galle, Milch (menschliche, Kuh-,
 Elefanten-, Kamel-, Schaf-, Stutenmilch), Butter (ein sehr beliebtes
 Mittel), Molken, Honig, Fett, Mark, Fleisch, Haut, Samen, Knochen
 (Ziegenknochen für Salben), Zähne (von Elefanten), Sehnen, Hörner,
 Klauen, Nägel (Räucherungen gegen Wechselfieber), Haare (verbrannte
 gegen Hautwunden), Gallensteine (des Rindes), •Harn (von der Kuh)•,
 Fäces (Kuhmist gegen Entzündungen, Elefantenmist gegen Aussatz). --
 Außerordentliches Ansehen genossen die mineralischen Stoffe (Metalle,
 darunter auch Gold, Kupfersulfat, Eisensulfat, Bleioxyd, Bleisulfat,
 Bleiglätte, Schwefel, Arsenik, Borax, Alaun, Pottasche, Kochsalz,
 Chlorammonium, ~Edelsteine~ u. a.). Die Zubereitungen mineralischer
 Art setzen erstaunliche chemische Fertigkeiten (Reinigung, Oxydation,
 Sublimation u. s. w.) voraus. Gold wurde gereinigt, indem man es
 in dünne Blättchen schlug, siebenmal glühte und mit verschiedenen
 Flüssigkeiten abschreckte; oxydiert, wurde es als Stimulans,
 Aphrodisiakum oder ~Lebenselixir~ empfohlen! Aehnlich wie mit dem
 Gold verfuhr man mit den übrigen Metallen. Was das Quecksilber
 anlangt, so wird es in der älteren Literatur nur einige Male erwähnt
 (in der Bowerhandschrift kommt es nicht vor, wohl aber bei Susruta),
 und vor der mohammedanischen Epoche kannte man kaum die zu seiner
 pharmazeutischen Verwendung nötigen metallurgischen Prozesse;
 späterhin wurde es eines der beliebtesten Mittel (bei Hautleiden,
 Fieber, Nerven-, Lungenleiden, Syphilis, zur Lebensverlängerung), „der
 König der Metalle“, und ein Sprichwort lautete: „Der Arzt, welcher
 die Heilkräfte der Wurzeln und Kräuter kennt, ist ein Mensch; der,
 welcher die des Wassers und Feuers kennt, ein Dämon; wer die Kraft
 des Gebetes kennt, ein Prophet, wer die Kraft des Quecksilbers kennt,
 ein Gott.“ Da die Inder in der chemischen Technik Hervorragendes
 leisteten, so erlangte auch die ~pharmazeutische Hantierung~ bei
 ihnen eine hohe Stufe, und zahlreich sind daher die Arzneiformen.
 Bekannt waren Auszüge von Pflanzensäften durch Mazeration, Infusa,
 Dekokta, Latwergen (aus eingedickten Abkochungen mit Oel, Butter,
 Honig und dergl.), Mixturen, Sirupe, Pillen, Pasten, Suppositorien,
 Pulver, Tropfen, Kollyrien, Salben, Räuchermittel, gegorene mit
 verschiedenen Arzneistoffen versetzte Tränke u. a. m. Die Dosen waren
 nach einheimischen Gewichten (Samenkörner von Abrus precatorius)
 bestimmt.

   Die meisten Rezepte waren hoch zusammengesetzt und mit volltönenden
 Titeln geschmückt, wie das „Ambrosia von zerlassener Butter“,
 „Zitronenpillen der Asvins“ (Dioskuren, siehe oben). Die Aerzte
 sollten selbst die Arzneien aufsuchen, sich von Hirten, Asketen,
 Jägern belehren lassen. Sie führten in einem Kästchen eine Art Reise-
 oder Hausapotheke mit sich. Bei Susruta finden sich Angaben über die
 besten Standorte, über Zeit und Art des Einsammelns der Pflanzen
 und Vorschriften über die Räumlichkeit, wo die Arzneien bereitet
 werden -- geschützte Lage gegen Rauch, Regen, Wind, Feuchtigkeit. Der
 Mystizismus ging natürlich nicht leer aus, ebensowenig die bisweilen
 in seinem Gewande auftretende Scharlatanerie. Gebete, Beschwörungen
 mußten auch die pharmazeutischen Prozeduren einleiten; von Laien
 gesammelte und zubereitete Arzneisubstanzen galten als wirkungslos
 etc.

Klassifiziert wurden die Arzneimittel nach den Krankheiten, gegen
welche sie helfen, und nach der Wirkung (z. B. Brech-, Purgier-,
Beruhigungsmittel, Tonika, Aphrodisiaka u. s. w.). In dieser
Weise stellt Caraka 50 Gruppen auf. Andere Einteilungsgründe waren
allgemeine Eigenschaften, nämlich die elementare Beschaffenheit,
der Geschmack (süß, sauer, salzig, scharf, bitter, zusammenziehend),
die Umwandlungsfähigkeit (durch den Verdauungsprozeß), die Qualität
~erhitzende~ (~heiße~), ~abkühlende~ (~kalte~), aufweichende,
austrocknende (~trockene~), reinigende, schlüpfrig machende (~feuchte~,
~ölige~) Mittel u. a.

   In der indischen Kosmologie werden vorherrschend ~fünf Elemente:
 Luft oder leerer Raum, Wind, Feuer, Wasser, Erde unterschieden~.
 Abführmittel z. B. haben die Eigenschaft von Erde und Wasser, sind
 daher schwer und gehen unter, sie müssen einem Boden entnommen
 werden, in welchem Erde und Wasser vorherrschen. Brechmittel haben
 die Qualität von Feuer, Luft und Wind etc.

Ein grelles Streiflicht auf die indische Kultur wirft es, daß Kosmetika
(namentlich Haarfärbemittel), Lebenselixire (Kraft und körperliche
Schönheit spendend), Aphrodisiaka, Gifte und Gegengifte (auch
Universalantidota) im Vordergrund standen.

   In einem Lande, wo Kinderlosigkeit als größtes Unglück galt, wo
 Lingam und Yoni göttlich verehrt wurden, wo Impotenz erbunfähig
 machte, waren Liebesmittel, neben diätetischen und suggestiven
 Maßnahmen (Gesang, Musik, Blumen) natürlich sehr gesucht. In der
 Literatur sind sie sehr zahlreich angeführt, von einem aus Sesam,
 Bohnen, Zucker etc. bestehenden sagt Susruta: Vir hac pulte comesa
 centum mulieres inire potest. Auch künstliche Vergrößerung des Penis
 suchte man (z. B. durch Biß oder durch Insektenstich) zu erzielen.
 -- Einen noch größeren Raum nehmen die Gifte und Gegengifte ein; der
 Arzt muß dieselben wegen des häufigen Vorkommens von Vergiftungen
 genau kennen; tatsächlich waren die indischen Aerzte wegen ihrer Kunst
 in der Behandlung des Schlangenbisses sehr berühmt. -- Namentlich
 war es Aufgabe der Hofärzte, den König vor Vergiftung zu schützen,
 weshalb auch die Inspektion der Küche zu seinem Beruf gehörte.
 Durch den ~Tierversuch~ (z. B. an verschiedenen Vögeln, an Affen, an
 Fliegen) stellte man fest, ob eine Speise vergiftet oder unschädlich
 ist. Einen Giftmischer soll man an seinen Reden und Gebärden zu
 erkennen suchen. In der eingehendsten Weise sind in der Literatur
 die Symptome beschrieben, welche bei Vergiftung durch pflanzliche
 und mineralische Stoffe oder nach dem Biß oder Stich giftiger Tiere
 (Schlangen, Tiger, Affen, wütende Hunde, Ratten, Mäuse, Fische,
 Eidechsen, Skorpionen, Stechfliegen, Spinnen u. a. m.) hervortreten;
 ebenso wird darauf aufmerksam gemacht, welche Zeichen auf leichtere
 und schwerere Fälle, auf das Stadium der Vergiftung hindeuten. In
 der Behandlung kommen neben Zaubersprüchen, Gebeten, Musik zum Teil
 recht rationelle Eingriffe zur Anwendung (kaltes Wasser, Niesemittel,
 Brechmittel, Aderlaß, bei Wunden Umschnürung der oberhalb gelegenen
 Teile, Aussaugen der Wunde mit den durch eine Blase geschützten
 Lippen, Ausschneiden, Schröpfen, Kauterisation).

   Die beliebtesten Antidota waren unter anderen: Convolvulus
 Turpethum, Curcuma longa, Nymphaea odorata, Brassica latifolia,
 Aconitum ferox, ferner verschiedene zusammengesetzte Spezifika, wie
 das aus den fünf Salzen, langem und schwarzem Pfeffer, Ingwer und
 Honig bestehende, innerlich oder als Niesemittel gebrauchte Antidot.
 Noch ungeklärt ist das Wesen der indischen „Giftmädchen“, deren Umgang
 tötete.

Die Fülle der Arzneimittel, welche die Empirie zusammengetragen hatte,
verlockte umsomehr zur Polypharmazie, als die herrschende Doktrin eine
Unzahl von selbständigen Krankheitsformen hypostasierte. So beschrieb
man 26 Fieberarten (wovon 7 auf Störung eines, 13 auf der Störung
mehrerer Grundsäfte, 1 auf Verletzung oder anderen äußeren Ursachen
beruhten, 5 in die Gruppe des Wechselfiebers gehörten), 13 Arten von
Unterleibsanschwellung, 20 Wurmkrankheiten, 20 Formen von Harnleiden
(~darunter der von den Indern zuerst beschriebene Diabetes mellitus~,
auf den man dadurch aufmerksam wurde, weil Fliegen und Insekten den
süßen Harn aufsuchen), 8 Formen der Strangurie, 5 Arten der Gelbsucht
-- Bleichsucht (mit Eisenpräparaten behandelt), je 5 Arten von
Husten, Asthma und Schlucken, 18 Formen des „Aussatzes“ (worunter
sehr verschiedene Hautaffektionen zusammengeworfen sind), 6 Arten
von Eiterbeulen, 4-7 Arten der Impotenz, 5 Arten der Mastdarmfistel,
15 Geschwürsformen, 76 Augenkrankheiten, 28 Ohrenleiden, 65
Mundaffektionen, 31 Nasenleiden, 18 Krankheiten der Kehle, eine Menge
von Geisteskrankheiten u. s. w. Es ist hierbei zu berücksichtigen,
daß diese Krankheitstypen nichts anderes als vage ~Symptomenkomplexe~
waren, welche natürlich bei der geringsten Abweichung vom fingierten
Typus in eine Anzahl neuer Kategorien aufgelöst werden konnten. Bei
mancher der genannten Krankheitsformen läßt sich aber nicht verkennen,
daß neben der Aetiologie und den Symptomen, die mit bewundernswerter
Sorgfalt beobachtet wurden, neben der doktrinären Herleitung von
Grundsätzen, auch das ~anatomische Moment~ hie und da durchschimmert.
So heißt z. B. eine Form der Unterleibsschwellung, weil sie auf einem
Herabsinken und einer Vergrößerung der Milz beruhe („die hart wie
Stein und gewölbt wie der Rücken einer Schildkröte die linke Seite
ausfülle“), der „Milzbauch“; die gleichen Symptome auf der rechten
Seite heißen „Leberanschwellung“.

Die natürliche Konsequenz einer solchen ~lokalpathologischen~
Auffassung war eine vorherrschende -- ~Lokaltherapie~.

Von Genauigkeit der Beobachtung zeugen insbesondere die Schilderung der
verschiedenen Beschaffenheit der Fäces und des Harns, die Beschreibung
der Schwindsucht, der ~Hautkrankheiten~, ~der venerischen Affektionen~,
der Apoplexie, Epilepsie, Hemikranie, des Tetanus, Rheumatismus, des
Irrsinns u. a. Bei der ~Cholera~ verordnete man Brechmittel, Erwärmung
des Körpers, Cauterium (an den inneren Knöcheln), sodann Asa foetida
mit Adstringentien oder Opium mit weißem Pfeffer. Die Pocken sind wohl
bei Susruta (nicht aber bei Caraka und im Bowermanuskript) angedeutet,
finden aber erst später angemessene Darstellung -- auch der Kult einer
Pockengöttin und der „sieben Pockenschwestern“ ist späteren Ursprungs;
von irgendwelcher Impfung läßt sich in der älteren Literatur keine
Spur entdecken[19].

  [19] Die Inokulation wurde in Indien späterhin in der Weise
       vorgenommen, daß man Einschnitte in die Haut machte und ein
       Jahr alten Pockenschorf auf die entblößten Stellen brachte.

    „Fieber“ wird mit den schwersten Elementarereignissen auf
 gleiche Stufe gestellt und auf die verschiedenartigsten Ursachen
 zurückgeführt. Im Beginne (bis zu 7 Tagen) hat der Patient eine
 sehr strenge Diät (dünne Abkochungen, gewärmtes Wasser) einzuhalten
 oder zu fasten; besonders zu fürchten ist jenes Fieber, das aus
 einer Störung aller drei Grundstoffe hervorgeht; am 7., 10. oder 12.
 Tage nimmt es einen gefährlichen Charakter an, worauf es entweder
 aufhört oder zum Tode führt. Die Typen der Malaria (Therapie Brech-
 und Abführmittel) werden daraus erklärt, daß bei der Quotidiana das
 Fleisch, bei der Tertiana das Fett, bei der Quartana das Mark und die
 Knochen ergriffen sind. Den sieben Grundbestandteilen des Körpers
 entsprechen ebensoviele Fieberarten; todbringend ist das Fieber
 im Samen. Wie bei anderen Krankheiten (z. B. Geschwülsten) werden
 auch bei den Fiebern verschiedene Stadien (~das rohe, reifende und
 reife Stadium~), je nach dem Vorwalten charakteristischer Symptome,
 unterschieden. -- Unter den „Würmern“ sind teils Spulwürmer,
 vielleicht auch Tänien, in der großen Mehrheit aber allerlei falsch
 gedeutete Dinge zu verstehen, die man in Krankheitsprodukten sah oder
 zu sehen glaubte. Wie die babylonische und ägyptische, so machte auch
 die indische Medizin „~Würmer~“ für sehr viele Leiden (namentlich
 solche, die mit stechenden, bohrenden Schmerzen, Jucken etc. verbunden
 oder geweblichem Zerfall verknüpft sind) verantwortlich, und glaubte
 demgemäß z. B. an ~Augen-, Zahn-, Ohr-, Kopf-, Herz- und andere
 „Würmer“~. In der vedischen Medizin kommen verschiedene „~Wurmsegen~“
 vor (namentlich bei Kinderkrankheiten). -- Einen Schwindsüchtigen, der
 die sechs Symptome: Husten, Durchfall, Seitenschmerzen, Heiserkeit,
 Appetitlosigkeit und Fieber hat oder mit den dreien: Fieber, Husten
 und Blutsturz behaftet ist, soll ein nach Ruhm strebender Arzt nicht
 behandeln. Besteht die „Schwindsucht“ bereits ein Jahr, so kann das
 Leiden nur noch gelindert werden. -- Die „Lepra“ wird, abgesehen von
 vielen anderen Ursachen, auch auf den häufigen Genuß von Milch mit
 Fischen zurückgeführt. -- In den indischen Schriften seit dem 16.
 Jahrhundert n. Chr. findet man die Syphilis als „Frankenkrankheit“
 beschrieben, wobei eine äußere, innere (Schmerzen wie bei Rheuma)
 und gemischte Form erwähnt wird. Therapie: Quecksilber innerlich in
 einer Pille mit Weizen, als Räucherungsmittel oder Verreibung mit den
 Händen; Sarsaparille. -- Die Behandlung der Irrsinnigen war teils
 somatisch (Purgier-, Brechmittel, Aderlaß etc.), teils psychisch.
 Zwar ist auch von Aufheiterung des Kranken durch freundliche
 Zusprache die Rede, zumeist aber bediente man sich barbarischer Mittel
 (Hungernlassen, Brennen, Peitschen, Einsperren in einem dunklen Raum,
 Erschrecken durch Schlangen, Löwen, Elefanten, Todesandrohungen etc.).
 Die schlimmeren Formen des Irrsinnes sah man als Besessenheit an und
 suchte aus der Art des Benehmens der Kranken zu schließen, welcher
 der zahlreichen Dämonen von ihm Besitz ergriffen hat.

Den Glanzpunkt bildet die ~Chirurgie~, die zwar als ultimum refugiens
angewendet wurde, aber über eine ausgezeichnete Technik verfügte und
naturgemäß der Spekulation entrückt war. Die Sorgfalt und Reinlichkeit,
welche schon im allgemeinen den indischen Arzt auszeichnete, kam gerade
diesem Zweige besonders zu gute und sicherte auf manchen Gebieten
Erfolge, welche der medizinischen Kunst anderer Völker lange Zeit
unerreichbar blieben.

    Die chirurgischen Operationen zerfallen in acht Arten: Ausschneiden
 (z. B. Tumoren, Fremdkörper), Einschneiden (z. B. Abszesse),
 Skarifizieren (z. B. bei Halsentzündung), Punktieren (z. B. Hydrocele,
 Ascites), Sondieren (z. B. Fisteln), Ausziehen (z. B. Fremdkörper),
 Ausdrücken (z. B. Abszesse), Nähen (mit Fäden aus Flachs, Hanf,
 Sehnen oder Schweifhaaren). Das Instrumentarium zerfällt nach Susruta
 in 101 stumpfe und 20 scharfe Instrumente. Zu den ersteren gehören
 verschiedenartige Pinzetten, Zangen, Haken, Tuben, Sonden, Katheter,
 Bougies etc., ferner vielerlei Hilfsinstrumente, wie der ~Magnet
 (zum Herausziehen von Fremdkörpern)~, Schröpfhörner, Klistierbeutel
 u. a. „Das wichtigste Hilfsinstrument aber ist die Hand, da man
 ohne dieselbe keine Operation ausführen kann.“ Unter den scharfen
 Instrumenten sind Messer, Bisturis, Lanzetten, Sägen, Scheren,
 Trokare, Nadeln etc. aufgezählt. Die Instrumente waren aus Stahl --
 den die Inder schon in sehr früher Zeit herzustellen verstanden --
 verfertigt, und wurden in hölzernen Büchsen verwahrt. Noch lieber
 als das Schneiden wandte man das Aetzen (besonders mit Pottasche) und
 Brennen (mit Brenneisen verschiedener Form, siedenden Flüssigkeiten
 etc.) an. „Das Brennen ist noch wirksamer als das Aetzen, insofern als
 es Leiden heilt, die durch Arzneien, Instrumente und Aetzmittel nicht
 heilbar sind, und weil die damit geheilten Leiden nie wiederkehren.“
 Bei Milzschwellungen pflegte man glühende Nadeln ins Milzparenchym
 einzustoßen. -- Von Verbänden gab es vierzehn nach ihrer Form benannte
 Arten, als Verbandstoffe dienten Baumwolle, Wolle, Seide, Leinwand,
 die Schienen waren aus Baststreifen und Holzstückchen von Bambus
 und anderen Bäumen hergestellt. -- Die Blutstillung erfolgte durch
 Heilkräuter, Kälte, Kompression, heißes Oel. Die der allgemeinen
 Bezeichnung nach mit den Geschwüren zusammengeworfenen Wunden
 (Schnitt-, Stich-, Hieb-, Quetschwunden etc.) wurden zum Teil ~genäht~
 (z. B. jene des Kopfes, Gesichts, der Luftröhre). -- Die Operationen
 durften nur unter glücklichen Konstellationen stattfinden, wurden
 unter religiösen Zeremonien begonnen und beendigt; der Chirurg muß
 gegen Westen, der Patient gegen Osten gewendet sein. Die Narkose
 bewirkte man durch Berauschung.

Die chirurgische Therapie stützte sich auf reiche Erfahrung, die in
der Kühnheit der Eingriffe, in der Treffsicherheit der Prognose, nicht
zum mindesten auch in der bedächtigen Nachbehandlung hervortritt.
Die Behandlung der ~Frakturen~ (unter den Symptomen ist auch der
Krepitation gedacht), der ~Luxationen~, der Tumoren (Exstirpation),
der Fisteln (Spaltung oder Aetzung), die Entfernung der Fremdkörper
(15 Verfahrungsarten), die Vornahme der Paracentese, bei Wassersucht
u. a. beruhte auf durchwegs rationellen Erwägungen und gefestigten
Kenntnissen. ~Das Ueberraschendste aber leisteten die indischen
Chirurgen auf dem Gebiete der Laparotomie (Darmnaht), des Steinschnitts
und der plastischen Operationen~ (Oto-, Cheilo-, Rhinoplastik).

    Die Darmnaht wurde folgendermaßen hergestellt: Nach Vornahme des
 Eingriffes soll der Arzt die verletzten und gereinigten Stellen der
 Gedärme „von schwarzen Ameisen beißen lassen, worauf er ihre Körper
 abreißt, die Köpfe aber innen stecken läßt“[20]. -- Blasensteine
 wurden durch die Sectio lateralis entfernt: „Wenn der Stein bis
 unterhalb des Nabels gebracht ist, führe der Arzt den Zeigefinger und
 Mittelfinger der linken Hand eingeölt und mit beschnittenen Nägeln
 in den After des Kranken ein, dem Mittelfleisch entlang, bis er den
 Stein fühlt, bringe ihn zwischen After und Harnröhre und drücke so
 lange darauf, bis er wie ein Knoten hervorragt. Nunmehr erfolgt mit
 einem Messer der Einschnitt auf der linken Seite, ein Gerstenkorn
 weit von der Rhaphe, unter Umständen auch auf der rechten Seite, der
 Größe des Steines entsprechend.“ -- Den Hauptanlaß für die plastische
 Chirurgie bildete der Umstand, daß Ohren- oder Nasenabschneiden als
 ein gesetzlich fixiertes Strafmittel im Schwange stand. Bezüglich der
 Rhinoplastik heißt es bei Susruta: „Wenn jemand die Nase abgeschnitten
 ist, schneide der Arzt ein Blatt von gleicher Größe von einem Baume
 ab, lege es auf die Wange und schneide aus derselben ein ebenso
 großes Stück Haut und Fleisch heraus, vernähe die Wange mit Nadel
 und Faden, skarifiziere das noch vorhandene Stück der Nase, stülpe
 rasch aber sorgsam die abgeschnittene Haut darüber, füge sie gut an
 mit einem tüchtigen Verband und nähe die neue Nase fest. Dann stecke
 er sorgfältig zwei Röhren hinein, um die Atmung zu erleichtern, und
 nachdem sie dadurch erhöht ist, benetze er sie mit Oel und bestreue
 sie mit rotem Sandel und anderen blutstillenden Pulvern; hierauf
 ist sorgsam weiße Baumwolle darauf zu legen und öfter mit Sesamöl zu
 besprengen.“

  [20] Vergl. hierzu das Kapitel über primitive Medizin.

Was die Augenheilkunde anbetrifft, so war auch hier die Therapie
ziemlich zweckmäßig -- als Ort des Sehens galt die Linse --, aber
die bei Susruta vorkommende Beschreibung der Staroperation leidet an
großer Unklarheit.

Von geburtshilflichen Methoden wurden der ~Kaiserschnitt~ (an der
Toten) und die Embryotomie ausgeführt, die kombinierte Wendung war
unbekannt.

Höchst anerkennenswert sind die Vorschriften über die Diätetik der
Schwangeren, die Pflege der Wöchnerin und des Neugeborenen.

   Der Embryo ist das Produkt aus dem Samen und dem Menstrualblut,
 welche beide aus dem Chylus hervorgehen. Im dritten Monat entstehen
 die Ansätze zu allen Körperteilen, Beine, Arme, Kopf, im vierten
 erfolgt die deutliche Ausbildung der Körperteile und des Herzens, im
 fünften nehmen Fleisch und Blut zu, im sechsten kommen die Haare, die
 Nägel, Knochen, Sehnen, Adern u. s. w. zur Ausbildung, im siebenten
 ist der Embryo mit allen Existenzbedingungen ausgestattet, im achten
 wird die Lebenskraft bald aus der Mutter in das Kind, bald aus dem
 Kind in die Mutter geleitet, wegen dieses Hin- und Herschwankens ist
 ein in diesem Monat geborenes Kind nicht lebensfähig. Von der Mutter
 stammen die weichen, vom Vater die harten Körperteile. Die Ernährung
 geschieht auf dem Wege der Gefäße, welche Chylus von der Mutter zur
 Frucht führen. Während der Schwangerschaft befindet sich der Fötus
 in der Gebärmutter, dem Rücken der Mutter zugekehrt, den Kopf nach
 oben, die Hände über der Stirn gefaltet, auf der rechten Seite der
 Mutter liegend, wenn er männlichen, auf der linken, wenn er weiblichen
 Geschlechtes ist; vor der Geburt erfolgte die Culbute.

    Der Uterus hat die Gestalt eines Fischmaules. Die geeignetste Zeit
 für die Konzeption ist in den zwölf Nächten nach dem Eintritt der
 Menses. Da das Geschlecht des Kindes vom Ueberwiegen des Samens oder
 des Menstrualblutes abhängt und letzteres an den ungeraden Tagen an
 Quantität zunimmt, so wird das Kind männlich, wenn die Empfängnis an
 einem geraden, weiblich, wenn die Empfängnis an einem ungeraden Tage
 (nach Eintritt der Menses) zu stande kommt. Während der in der Regel
 zehn Monate währenden Gravidität ist eine sehr sorgfältige Diät zu
 beachten und namentlich das Versehen zu vermeiden. Im neunten Monat
 begibt sich die Schwangere unter religiösen Zeremonien in die mit
 allen nötigen Gegenständen eingerichtete Gebärhütte. •Bei der Geburt
 assistieren vier Frauen•, wobei allerlei religiöse und suggestive
 Gebräuche zur Beschleunigung zu Hilfe genommen werden. Die zögernde
 Nachgeburt wird durch äußeren Druck, Schütteln, Brechmittel zu
 entfernen gesucht. Die Wöchnerin steht am zehnten Tage auf, hat aber
 sechs Wochen stramme Diät zu halten. Das Kind wird erst am dritten
 Tage an die Mutterbrust gelegt (vorher erhält es Honig und Butter).
 Tritt an Stelle der Mutter die Amme, so wird dieselbe vom Arzt erst
 genau untersucht und sehr zweckmäßigen diätetischen Vorschriften
 unterworfen. Mit außerordentlicher Sorgfalt ist die Pflege des
 Säuglings bis in alle Einzelheiten (z. B. Nahrung, Liegen, Sitzen,
 Schlaf, Spiele etc.) geregelt und namentlich bezieht sich eine Unmenge
 von Gebräuchen auf die Abwehr der dem Kindesalter so gefährlichen
 Dämonen. Vom sechsten Monat an wird die Abgewöhnung eingeleitet,
 indem man mit der Ernährung durch Reis beginnt. -- Die Behandlung
 der Dystokien stand nicht auf der Höhe der übrigen Medizin. Magische
 Prozeduren spielten auch hier ihre Rolle. Man kannte das enge Becken
 nicht, ebensowenig die kombinierte Wendung auf den Kopf oder die
 Wendung auf die Füße. Bei unvollkommener Fuß- und Steißlage holte
 man den zweiten Fuß, bezw. beide Füße hervor. Ebenso mangelhaft war
 die Gynäkologie.

Die indische Medizin gebietet über einen imponierenden Schatz
von empirischen Kenntnissen und technischen Fertigkeiten, sie
erklomm die Höhe systematischen, theoretisierenden Denkens; aber
um in die Bahnen echter Wissenschaft einzulenken, dazu fehlte
es an der erforderlichen individuellen Schaffensfreiheit, an der
voraussetzungslosen Unbefangenheit, an der Möglichkeit einer Kritik,
die auch vor ehrwürdigen Doktrinen nicht halt zu machen braucht. In
den seltsamen, drückenden Kulturverhältnissen wurzelt das Geschick,
welches den Werdeprozeß abschnitt und zur scholastischen Versteinerung
brachte. Keine Neuzeit dämmerte für dieses Mittelalter heran! •Wie in
längst verrauschter Vergangenheit ragt noch heute das Bollwerk der
indischen Heilkunst empor•, unzerstört, aber einsam entrückt, fern
vom stetig flutenden Strom der Entwicklung. Dennoch ist das Sammeln,
Denken und Schaffen der indischen Aerzte für die Weltmedizin nicht
spurlos dahingegangen. Gleich den Zahlzeichen, den Fabeln und Märchen,
philosophisch-religiösen Ideen wanderte auch die Medizin der Inder
nach West und Ost auf den Straßen des Handels. Wenn auch nicht immer
offen zu Tage liegend, bestehen Zusammenhänge zwischen der indischen
Heilkunde und ihrer glücklicheren griechischen Schwester; bis ins
Abendland trug die Vermittlungskunst der Araber so manche der indischen
Leistungen, und soweit der ~Buddhismus~ seine Kreise zog, dankt Asien
gerade indischen Einflüssen einen größeren oder kleineren Teil seiner
medizinischen Kultur.

    Daß die griechische Medizin indische Arzneistoffe und einzelne
 Heilmethoden aufgenommen hat, geht aus der Literatur (Hippokrates,
 Dioskurides, Galenos u. a.) deutlich hervor. Die Berührungen zwischen
 beiden Kulturkreisen wurden allerdings erst durch den Alexanderzug
 inniger und dauerten von da an ununterbrochen fort während der
 Diadochenherrschaft, während der römischen und byzantinischen Epoche.
 Hauptknotenpunkte des Verkehrs bildeten Alexandrien, Syrien, später
 Persien (besonders zur Zeit der ~Sassaniden~). Indische Aerzte,
 Heilmittel und Heilverfahren finden bei griechisch-römischen und
 byzantinischen Autoren öfters Erwähnung, ebenso manche in Indien
 endemische, vorher unbekannte Krankheiten. Während der Regierung
 der ~Abbasiden~ erlangten die indischen Aerzte noch höheres Ansehen
 in Persien, wodurch die indische Heilkunst in die arabische Medizin
 verpflanzt wurde -- ein Effekt, der kaum noch in der Zeit arabischer
 Herrschaft über Indien verstärkt werden konnte. Im Gewande der
 arabischen Heilkunst drangen indische Elemente neuerdings nach
 dem Abendland vor. Die im 15. Jahrhundert in Sizilien anscheinend
 unvermittelt auftauchende Rhinoplastik spricht für eine lange
 Nachwirkung indisch-arabischer Einflüsse.

   Die plastische Chirurgie des 19. Jahrhunderts ist direkt durch
 das Vorbild der indischen Methode angeregt worden; den ersten Anlaß
 hierzu gab die 1794 aus Indien nach Europa gedrungene Kunde, daß ein
 Mann aus der Ziegelmacherkaste einem Eingeborenen mit Hilfe eines
 Stirnhautlappens die abgeschnittene Nase ersetzt habe. -- •Auch auf
 die Verbreitung des Hypnotismus dürfte Indien, wo die empirische
 Praxis der Suggestion mehr als irgendwo ausgebildet worden ist, zum
 mindesten indirekt Einfluß genommen haben.• Um nur eine Tatsache
 anzuführen, war es wohl kein Zufall, daß gerade in Kalkutta der
 englische Arzt Esdaile auf die Idee kam, zahlreiche Operationen in der
 Weise auszuführen, daß er die Anästhesierung mit Hilfe des Hypnotismus
 vornahm (1852).

Durch die Buddhisten, welche gleich den abendländischen Mönchen,
weniger aus wissenschaftlichem Interesse, als geleitet von
Nächstenliebe, die Medizin pflegten (Lieblingsmittel Kuhurin), wurde
in der Heimat die ~Krankenpflege~ mächtig gefördert (Errichtung
von ~Hospitälern~ oder Anstalten für ärztliche Konsultation und
Verabreichung von Arzneien), und nach außen unter der Flagge religiöser
Propaganda auch die indische Heilkunde verbreitet. (Uebersetzung von
medizinischen Werken, z. B. ins Tamulische.) Die älteste Pflanzstätte
war ~Ceylon~, am stärksten machte sich der indische Einfluß in der
Medizin ~Tibets~ geltend (von wo aus weitere Verbreitung, z. B.
nach Südsibirien, stattfand), ebenso blieben der indische Archipel
(namentlich ~Java~), Hinterindien (~Kamboja~, ~Birma~) und selbst
China nicht unberührt.

    Die Bowerhandschrift stammt von Buddhisten her, buddhistische
 Spuren finden sich auch bei Vagbhata. Nach den Angaben des
 chinesischen Buddhisten I-tsing (Ende des 7. Jahrhunderts n. Chr.)
 stimmt die buddhistische Heilkunst mit Caraka und Susruta völlig
 überein. Die altbuddhistische Schrift des Mahavagga (4. Jahrhundert
 v. Chr.?) kennt bereits die drei Grundstoffe. Der buddhistische
 König Asoka (3. Jahrhundert v. Chr.) errichtete, wie aus Inschriften
 hervorgeht, Spitäler (für Menschen und Tiere); in ~Ceylon~ gab es
 schon seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Krankenhäuser; Buddhadas,
 König von Ceylon (4. Jahrhundert n. Chr.), schrieb selbst ein
 medizinisches Werk, stellte Truppenärzte an und gab seinem Lande
 eine Sanitätsorganisation, der zufolge Asyle für Unheilbare und
 Verlassene, ferner Hospitäler errichtet wurden und Distriktsärzte
 (für je zehn Dörfer) ein fixes Einkommen zugewiesen erhielten. Die
 modernen singhalesischen Drucke beruhen durchaus auf Sanskritvorlagen.
 Schon um 900 n. Chr. war die Geschicklichkeit Susrutas in ~Kamboja~
 sprichwörtlich; die Nomenklatur der Medizin in ~Birma~ stammt aus
 dem Sanskrit, desgleichen viele Kenntnisse der ~Siamesen~. Die
 neuerdings erschlossene Heilkunde ~Tibets~ stützt sich größtenteils
 auf Uebersetzungen medizinischer Sanskrittexte ins Tibetische und
 zeigt daher in vielen Dingen die eklatanteste Uebereinstimmung mit
 der indischen, wie aus den Lehrsätzen über Anatomie, Embryologie
 und Pathologie (drei Grundstoffe, Würmer, Dämonologie), aus der
 Terminologie und aus den verwandten Drogen hervorgeht[21]. Von Tibet
 aus verbreiteten sich indische Grundsätze und Kenntnisse weiter,
 einerseits zu den Himalayavölkern, anderseits zu den ~Burjäten~,
 Dsungaren, Tanguten und ~Wolga-Kalmücken~. Selbstredend erreichte
 oder bewahrte diese verpflanzte indische Medizin keineswegs die Höhe,
 welche sie im Heimatlande einnahm, das gilt namentlich hinsichtlich
 der Chirurgie, welche in Hinterindien und auf den Inseln des
 indischen Archipels (z. B. ~Java~) auf sehr primitiver Stufe steht;
 hingegen fiel die medizinische Dämonologie der Inder überall auf sehr
 fruchtbaren Boden und vermischte sich mit den autochthonen Gebräuchen
 und mystischen Vorstellungen (z. B. der Malayen!).

  [21] Nebstdem kommt in Tibet aber auch der chinesische Einfluß als
       gleichwertig in Betracht.



Die Medizin der Chinesen und der Japaner.


Unabhängig von historisch erweisbaren äußeren Einflüssen, ein seltsames
Produkt der versteinernden Zeit, bietet die Medizin der Chinesen noch
heute das gleiche Bild wie vor Jahrtausenden. Entrückt dem Strome
fortschreitender Entwicklung, ergänzt sie noch in aktueller Gegenwart
durch lebendige Anschauung unsere lückenhaften Vorstellungen über
die altorientalische Heilkunde, mit welcher sie in den wesentlichsten
Gesichtspunkten übereinstimmt.

Die mit dem Menschentypus harmonisch verwachsene, aus der
Eigentümlichkeit geographisch-geschichtlicher Verhältnisse entsprungene
eigenartige Kultur verleiht auch der Medizin jene Züge, die wir
gleichförmig auf allen übrigen Gebieten des chinesischen Geisteslebens
finden. Solche sind die ~Abgeschlossenheit nach außen, mit dem Dünkel
der Superiorität, der blinde Autoritätsglaube und die übertriebene
Altertumsverehrung, die kindische Pedanterie und der subtilste
Formalismus mit der geistigen Erstarrung als notwendige Konsequenz, die
bizarre Mischung von größter Nüchternheit im Denken mit verworrenster
Phantastik, von praktischem Beobachtungstalent und hellem Erfindersinn
mit dem Mangel an Fähigkeit zur höheren Abstraktion~.

    Bei der in ihrer Art trotzdem höchst anerkennenswerten Kultur
 der Chinesen ist zu berücksichtigen, daß ihr jener Vorteil gänzlich
 fehlte, welcher der mesopotamischen, ägyptischen, arischen Kultur und
 der darauf gebauten europäischen zu gute gekommen ist, nämlich der
 fortwährende Wechselverkehr der Nationen, die beständige Anregung
 und Läuterung durch fremde Ideen, die reiche Differenzierung. Die
 Anfänge der Gesittung und Bildung (Kalenderwesen, Schrift[?] u.
 a.) dürften die Chinesen in vorhistorischen Zeiten allerdings vom
 Westen erhalten haben, wenn die Hypothese richtig ist, daß sie die
 Ursitze mit Ariern und Sumerern teilten; nachdem sie sich einmal in
 ihrem ungeheuren Reiche festgesetzt hatten, blieben sie jedenfalls
 Jahrtausende fast ganz isoliert vom Kulturstrom Westasiens und
 trafen auf ihren Wegen nur Völker niedrigerer Entwicklungsstufe, mit
 denen ihre Geschichte verschmolz. Mußte dadurch nicht der Dünkel der
 Superiorität der eigenen Leistungen über alles Fremde entstehen?
 Und als sie endlich mit höheren Kulturvölkern in Berührung kamen,
 da war ihre eigene Entwicklung schon so abgeschlossen, und in so
 eigenartigen Formen erstarrt, daß neue Elemente nur aufgenommen werden
 konnten, wenn sie dem Organismus des chinesischen Lebens und Denkens
 nicht widersprachen. Die Umgestaltung, welche der Buddhismus in
 China erfuhr, beweist, daß selbst die kräftigsten fremden Einflüsse,
 wenn sie überhaupt zur Geltung gelangten, sich dem Grundcharakter
 des Chinesentums anpassen mußten, statt dieses zu modifizieren. --
 Gelehrsamkeit, Industrie, Technik haben in überraschend früher Zeit
 eine erstaunliche Reife erreicht, es sei nur hingewiesen auf die
 mathematischen und astronomischen Leistungen, auf die vielverzweigte
 Literatur aller Wissensgebiete, auf die Erfindung des Kompasses
 (schon um 1100 v. Chr.), die Entdeckung des Porzellans, Erfindung
 der Buchdruckerkunst, auf die Seidenraupenzucht, Glasbereitung,
 Papierverfertigung, Purpurfärberei, Goldstickerei, Metallbearbeitung,
 Darstellung künstlicher Schmucksteine und Emaillen, der Tusche u. s.
 w. Und besonders rühmenswert ist es, daß der Gelehrte wohl in keinem
 Lande der Welt so geschätzt wird, wie in China, was sich in seinem
 hohen sozialen Rang deutlich genug ausdrückt.

   Die medizinische Literatur ist außerordentlich reich. Eine Reihe
 von grundlegenden Werken besitzt unzweifelhaft ein sehr hohes
 Alter, wenn auch nicht ein solches, wie es ihnen die Tradition
 zuspricht; ungeheurer Fleiß und subtiler Scharfsinn zeichnet wohl
 die meisten der medizinischen Schriften aus, Originalität ist aber
 nur in denjenigen vorhanden, welche bis zum 10. Jahrhundert n. Chr.
 reichen, von dieser Zeit an begnügen sich die Autoren mit der Rolle
 des kritischen Sammlers und Kommentators. Die Mehrzahl der Werke
 behandelt die gesamte Medizin, leitet sich mit einem historischen
 Ueberblick ein und widmet den größten Teil der Darstellung einerseits
 der Pulsbeschaffenheit bei den verschiedenen Krankheiten, anderseits
 der Therapie; der Umfang besonders der Enzyklopädien ist erstaunlich
 groß. Neben diesen gibt es aber auch Spezialschriften, z. B. über die
 Pulslehre oder über eine bestimmte Gruppe von Krankheiten (Frauen-,
 Kinder-, Augenkrankheiten etc.) oder über eine einzelne Affektion,
 z. B. Lepra. Zum Zwecke der leichteren Einprägung bringen Lehrbücher
 den Gegenstand auch in Versen.

    Die einheimische Ueberlieferung verlegt den Beginn der
 medizinischen Literatur in die sagenumsponnene Epoche der
 halbmythischen Kaiser und bringt dieselben mit der Entstehung der
 wissenschaftlichen Heilkunde in Zusammenhang. ~Das erste medizinische
 Kräuterbuch pen-tsao~, auf dem die heute noch geltende Pharmakopöe
 basiert, soll der Kaiser Schin-nung (angeblich 2838-2699 v. Chr.)
 verfaßt haben; es ist dies jener Herrscher, der sich auch sonst um
 das Wohl seiner Untertanen durch kulturelle Großtaten (Einführung
 der Feldfrüchte, Erfindung der Ackergerätschaften, Errichtung der
 Märkte) verdient machte. Schin-nung lehrte die Menschen, von welchen
 Brunnen sie trinken sollten und untersuchte alle Pflanzen seines
 weiten Reiches auf ihre Heilwirkung; wie die Legende erzählt, besaß
 er eine so dünne Magenwand, daß er durch dieselbe hindurchschauen
 konnte -- eine Eigenschaft, die es ihm gestattete, an sich selbst
 mit zahlreichen Giften und Gegengiften Versuche anzustellen. Noch
 größere Förderung empfing die Medizin angeblich von dem „gelben“
 Kaiser Hoang-ti (2698-2599 v. Chr.), welcher auch als Erfinder
 der Rechenkunst und Musik, als Ordner des Kalenderwesens gefeiert
 wird. Auf ihn führen die Chinesen das noch heute im Gebrauch
 stehende Werk über innere Krankheiten ~Noi-king~ zurück -- ein
 Werk, das gewiß viel jüngeren Ursprungs ist, die Lehre vom Bau des
 Menschen und die systematische Darstellung der Medizin nach den
 Prinzipien der Naturphilosophie enthält. Der Epoche des Hoang-ti
 soll auch ein medizinisches Kräuterbuch, die Aufstellung der ersten
 Pulslehre und die Erfindung der Heilgymnastik zu danken sein.
 Unter der Tscheu-Dynastie (1125-255 v. Chr.) wurde das Buch Sai-Shi
 verfaßt, worin die Lehre von den sechs Lebensgeistern dargestellt
 ist, und schrieb Hen-jaku mehrere bedeutende Werke, von denen
 namentlich das ~Nan-king~ (über schwierige Probleme) betitelte,
 hohes Ansehen erlangte. Die berühmte Pulslehre ~Min-king~ des
 Leibarztes Wang-schu-scho, ein kanonisches Werk, das wiederholt
 neu aufgelegt worden ist, stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.
 Von ganz besonderer Bedeutung für die Weiterentwicklung war die
 schriftstellerische Tätigkeit des Cho-Chiyu-kei, der um 200 n.
 Chr. lebte und zwei außerordentlich wichtige Bücher hinterließ;
 das eine derselben führt den Titel ~Schang-han-lun~ (Lehre von den
 fieberhaften Krankheiten), das andere heißt ~Kin-kwéi~ (goldener
 Kasten) -- nach japanischer Aussprache zitiert ~Scho-kan-ron~ bezw.
 ~Kin-ki~. Bemerkenswert ist es, daß sich der Verfasser, im Gegensatz
 zu Späteren, von mystischen Heilweisen möglichst fern hält und
 vorzugsweise die empirisch-rationalistische Richtung vertritt; als
 interessantes Faktum verdient hervorgehoben zu werden, daß nach seiner
 Anschauung die fieberhaften Krankheiten durch Giftstoffe entstehen,
 die Stärke des Fiebers von der Art und von der Verbreitungsweise des
 Giftes (durch Verdauungswege, Blutgefäße oder Atmungswege) abhänge,
 die Therapie im wesentlichen auf Entgiftung beruhen müsse. Den
 Höhepunkt des Klassizismus erreichte Tschang-ki, der zur Zeit der
 Nach-Han-Dynastie im 10. Jahrhundert lebte; seine Schriften, welche
 das Gesamtgebiet der Medizin (z. B. Pulslehre) betreffen, sind in
 dem Sammelwerke „~Der goldene Spiegel der ärztlichen Stammhäuser~“
 (~I-tsung-kin-kien~) aufgenommen und vielfach kommentiert worden.
 Weiterhin behandelt die sehr reiche Literatur die verschiedensten
 Gebiete der Heilkunde, bescheidet sich aber trotz ihrer Vielseitigkeit
 damit, als Supplement und Kommentar der vorhergehenden klassischen zu
 dienen. Eines der beliebtesten neueren Werke ist „~Der bewährte Führer
 im ärztlichen Fache~“ (~Ching-che-chun-ching~); von den 40 Bänden
 desselben enthalten sieben die Nosologie, acht die Pharmakologie,
 fünf die Pathologie, sechs die Chirurgie, der Rest Kinder- und
 Frauenkrankheiten.

Das altehrwürdige medizinische Lehrgebäude der Chinesen ist geradezu
das Paradigma eines streng einheitlichen geschlossenen Systems,
welches die empirischen Errungenschaften zu einem Ganzen harmonisch
verbindet, frei von allen inneren Widersprüchen, durchweht von strammer
Denkmethodik. Ein Wunderwerk des Formalismus, ein Zerrbild echter
Wissenschaft, verdankt es solche Vorzüge jedoch nicht der objektiven
Wahrheit seines Inhalts, sondern dem Umstand, daß seine Prämissen der
herrschenden Weltanschauung entstammen und deshalb jedweder Kritik
entzogen die Bürgschaft der dauernden Anerkennung in sich tragen,
ja die Bedeutung unerschütterlicher Axiome besitzen. Im Lichte
der abendländischen Weltanschauung verbleicht freilich diese Blume
wissenschaftlicher Romantik sehr rasch, und es steht zu befürchten,
daß selbst einer unbefangenen historischen Analyse der Schmelz ihrer
Farbenpracht entschwindet.

Der leitende Gedanke des Systems ist der bizarr-phantastischen,
großzügigen chinesischen ~Naturphilosophie~ entnommen, welche seit
Jahrtausenden das gesamte Geistesleben in ehernen Banden festhält
und die empirische Forschung dazu zwingt, in den Sklavendienst einer
geistreich blendenden, hochthronenden Spekulation zu treten; er
gipfelt in dem Satze, ~daß der menschliche Leib mit seinen Kräften
bis in die kleinsten Einzelheiten das Abbild des Naturgeschehens im
Weltall darstelle, daß zahlreiche Analogien~ (z. B. hinsichtlich
der Zahlenverhältnisse, Elementarbeschaffenheit) ~zwischen
Makrokosmus und Mikrokosmus und zwischen den einzelnen Körperteilen
untereinander bestehen, deren Ineinandergreifen die vielverschlungenen
Wechselbeziehungen~ (die Korrespondenz) ~erkläre~. Im Banne dieser
Idee und in der sicheren Ueberzeugung, daß die Aufdeckung der
Analogien das Verständnis der normalen wie krankhaften Lebensvorgänge
jedes Einzelfalles vermittle, schwebte den ärztlichen Denkern nur
die spekulative Erforschung der geheimnisvollen Zusammenhänge als
erstrebenswertes Ziel vor, während der Empirie die Aufgabe zufiel,
die durch Tradition erstarrten Doktrinen womöglich zu befestigen,
keineswegs aber zu korrigieren.

Unter derartigen Umständen konnte vor allem jener Wissenszweig
nicht emporkommen, dessen Entwicklung ganz besonders an die Freiheit
und Voraussetzungslosigkeit der Untersuchung geknüpft ist -- ~die
Anatomie~; denn wie sollte diese gedeihen, wenn jeder Schritt --
abgesehen von religiösen Anschauungen, welche die Zergliederung
menschlicher Leichen verpönten -- durch die Voraussetzungen der
Spekulation gehemmt wurde? Eine Anatomie, welche, statt ein Korrektiv
zu sein, nur willkürliche Annahmen stützen soll, kann nur ein Zerrbild
werden, und ein solches stellt tatsächlich die chinesische Lehre vom
Körperbau dar: einen Wust von Phantasmen, der kaum mehr, als einige
wenige grobe Tatsachen, wie sie der Zufall offenbart, in sich schließt.

   Nach der religiösen Anschauung ist demjenigen, welcher mit
 verstümmeltem Körper das Totenreich betritt, eine Vereinigung mit
 den Vorfahren nicht möglich. Aus diesem Grunde werden sogar von den
 Operierten die amputierten Körperteile (z. B. von den Eunuchen die
 Geschlechtsorgane) aufbewahrt und nach dem Tode ins Grab mitgenommen.
 Eine Leichensektion widerspräche der Pietät und wäre geradezu eine
 Beleidigung des Toten, eine Unzukömmlichkeit gegenüber den Lebenden.
 Nur in ganz vereinzelten Fällen dürfte mit Verbrecherleichen eine
 Ausnahme gemacht worden sein. Vielleicht bildeten solche gelegentliche
 Uebertretungen des religiösen Verbots in älterer Zeit, hauptsächlich
 aber wohl die Beobachtungen an gemarterten Verbrechern oder bei
 zufälligen schweren Verletzungen Quellen für die oberflächliche
 Kenntnis der Gestalt und Lage der Eingeweide; die Osteologie konnte
 auch dadurch gewinnen, daß man alle Ueberreste der Toten sorgsam
 aufbewahrte. Zergliederungen von Tieren scheinen nicht zum Vergleich
 herangezogen worden zu sein.

    Die anatomischen Beschreibungen der Chinesen sind infolge ihrer
 schwülstigen Nomenklatur oft schwer zu deuten; sie beziehen sich,
 da die Zwecke der praktischen Medizin allein in Betracht kommen,
 vorwiegend auf die Lehre von den Eingeweiden (wobei Maße und
 Gewichte angegeben werden) und auf das Gefäßsystem. Einen Vorzug
 der einschlägigen Literatur würden die beigefügten anatomischen
 Abbildungen ausmachen, wenn sie durch ihren groben Schematismus von
 der Naturwahrheit nicht zu weit entfernt wären. Nach chinesischer
 Darstellung beträgt die Zahl der Knochen 365; dabei gelten der
 Schädel, der Vorderarm, der Unterschenkel, das Becken als je ein
 Knochen. Ueber das Muskel- und Nervensystem, desgleichen über die
 Sinnesorgane scheinen keine näheren Kenntnisse vorhanden zu sein.
 Merkwürdigerweise wird vom Gehirn behauptet, daß es nur einen
 kleinen Raum in der Schädelhöhle einnehme; das Rückenmark soll in
 den Testikeln enden. Das Herz, in welches man den Larynx münden läßt,
 wird mit der Blüte einer Wasserlilie verglichen; es besitzt 7 Löcher
 und 3 Spalten und stützt sich gegen den 5. Wirbel; die Lunge ist am
 3. Wirbel angeheftet, hat 8 Lappen und ist von 80 kleinen Löchern
 durchbohrt; die Leber besteht aus 7 Lappen und stützt sich gegen den
 9. Wirbel; die Gallenblase ähnelt einem Weingefäß; die Milz ist am
 11. Wirbel befestigt; der Dünndarm, ebenso wie der Dickdarm, macht 16
 Krümmungen; die bohnenförmigen Nieren sind am 14. Wirbel aufgehängt.
 Außer den erwähnten Organen, an welche sich die Beschreibungen des
 Magens, der Blase mit den Harnleitern anreihen, kennt die chinesische
 Anatomie noch ein aus drei Abschnitten bestehendes Hohlorgan, ohne
 welches die Eingeweide ihre Funktionen nicht auszuüben vermöchten, es
 ist dies das ~San-tsiao~, das vielleicht mit dem Brust- und Bauchfell
 zu identifizieren sein dürfte. Der Verlauf der Gefäße wird ganz
 phantastisch geschildert.

   Der Versuch des Kaisers Kang-hi (1662-1723), der chinesischen
 Medizin die abendländische Anatomie aufzupflanzen -- er veranlaßte
 eine Uebersetzung der Anatomie des Pierre Dionis durch den Jesuiten P.
 Perennin --, scheiterte an dem Widerstande der einheimischen Aerzte.
 Seit dem 19. Jahrhundert sind in China zwar Kopien europäischer
 anatomischer Abbildungen verfertigt worden, von einem tieferen Einfluß
 auf die Anschauungen ist jedoch bisher nichts zu merken.

   Was die Entwicklungsgeschichte anlangt, so findet sich darüber
 folgende Ansicht verbreitet: Im ersten Monate gleicht der Fötus
 einem Wassertropfen; im zweiten einem Pfirsichblatte; im dritten
 differenziert sich das Geschlecht; im vierten nimmt die Frucht
 menschliche Gestalt an; im fünften lassen sich Knochen und Gelenke,
 im sechsten die Haare erkennen. Wenn es ein Knabe ist, so bewegt sich
 am Ende des siebenten Monats die rechte Hand links im Mutterleibe,
 ist es ein Mädchen, so bewegt sich am Ende des achten Monats die
 linke Hand rechts im Mutterleibe; am Ende des neunten Monats bemerkt
 man beim Palpieren des Unterleibs drei Veränderungen in der Lage der
 Frucht; am Anfang des zehnten Monats ist die Entwicklung beendigt.
 Die Dauer der Schwangerschaft beträgt 270 Tage. Das Geschlecht der
 Kinder läßt sich aus dem Pulse der Mutter erkennen: ist der rechte
 Puls derselben erhoben, so deutet dies auf einen Knaben, ist es der
 linke, so deutet es auf ein Mädchen. ~Knaben entstehen auf der linken,
 Mädchen auf der rechten Seite der Gebärmutter.~

~Die Physiologie~ ist geradezu ein Teilgebiet der allgemeinen
Naturphilosophie, ohne die sie gar nicht verstanden werden kann; es
sind dieselben Prinzipien, welche im Weltall, wie im menschlichen
Organismus, der nur eine Manifestation des universellen Lebens
darstellt, zur Geltung gelangen.

~Der Kosmos ist nach chinesischer Anschauung aus dem Zusammenwirken
zweier heterogener Urkräfte~ (Polaritäten) ~hervorgegangen, der
männlichen, Yâng, und der weiblichen, Yin -- sein Gleichgewicht beruht
auf der harmonischen Tätigkeit beider.~

    Yang (das aktive, positive Prinzip, Urwärme, Licht) ist vorwiegend
 repräsentiert durch den Himmel, Yin (das passive, negative Prinzip,
 Urfeuchtigkeit, Finsternis) durch die Erde. Vermöge beständiger,
 gegenseitiger, graduell verschiedener Einwirkung der männlichen
 (zeugenden, entwickelnden) auf die weiblichen (rückgängigen,
 auflösenden) Kräfte entsteht die große Mannigfaltigkeit der
 Dinge; die Verschiedenheit der Geschlechter, Charaktere, der
 hervorstechenden Eigenschaften und Formen ist im letzten Grunde die
 Folge des Ueberwiegens des Yang oder des Yin. Ersteres ist wirksam
 in der Sonne, im Licht, im Frühling und Sommer, in der Jugend, als
 Stärke, als Hitze, Trockenheit, Härte etc. ... letzteres im Mond, im
 Schatten, im Herbst und Winter, im Greisenalter, als Schwäche, Kälte,
 Feuchtigkeit, Weichheit etc. ... (die Analogie stellt also gemäß den
 beiden heterogenen Prinzipien dualistische Reihen auf). --

~Die Materie besteht aus 5~ (Urgrundstoffen) ~Elementen, nämlich
Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser; jedes Ding ist aus ihnen (in
mannigfachen Verhältnissen) zusammengesetzt.~

   Wie beim Schöpfungsakt aus dem Wasser das Holz (die Pflanzen),
 aus dem Holz (Reibung) das Feuer, aus dem Feuer die Erde (Asche)
 hervorging und die Erde das Metall aus sich entstehen ließ, so setzt
 sich im Weltgeschehen der Kreislauf des Stoffwechsels in gleicher
 Richtung fort. Daraus leitet die chinesische Naturphilosophie die
 Beziehungen der Elemente zueinander ab, nämlich: ~Deszendenz~,
 ~Freundschaft~, ~Feindschaft~. So hat z. B. das ~Feuer~ das ~Holz~
 zur ~Mutter~ (weil es aus dem Holz hervorgeht), ~Erde~ zum ~Sohne~
 (Asche ist das Produkt des Feuers), ~Wasser~ zum ~Feinde~ (weil dieses
 das Feuer auslöscht), das ~Metall~ zum ~Freunde~ (weil das Metall
 keine Wirkung auf das Feuer ausübt). Die gleichen Beziehungen werden
 bei jedem Grundstoff angegeben, wobei immer die Freundschaft mit
 Feindschaft erwidert wird (Feuer ist der Freund des Wassers [d. h. es
 kann diesem nichts anhaben], hingegen ist Wasser Feind des Feuers;
 Feuer ist der Feind des Metalls [weil es dieses zerstört], hingegen
 ist das Metall der Freund des Feuers).

~Mit den 5 Elementen stehen in Wechselbeziehung~ (Sympathie,
Korrespondenz), ~die 5 Planeten~ (Jupiter, Mars, Saturn, Venus,
Merkur), ~die 5 Luftarten~ (Wind, Hitze, Feuchtigkeit, Dürre, Kälte),
~die 5 Weltgegenden~ (Osten, Süden, Mittag, Westen, Norden), ~die 5
Jahresabschnitte~ (neben unseren 4 Jahreszeiten werden die letzten 18
Tage des Frühlings, Sommers, Herbst und Winters als eigene Jahreszeit
unterschieden), ~die 5 Tageszeiten, die 5 Farben~ (grün-blau, rot,
gelb, weiß, schwarz), ~die 5 Töne u. s. w.~[22].

  [22] Unverkennbar besitzt die babylonische Kosmologie ~viel
       Aehnlichkeit mit der chinesischen~, nur daß bei dieser
       einerseits die Pedanterie auf die Spitze getrieben ist,
       anderseits die astrologische Grundlage stark verdeckt wird.
       In dieser Hinsicht beschränken wir uns auf den Hinweis,
       daß in der chinesischen Geomantie und Wahrsagerei aus dem
       Panzer der Schildkröte Astrologisches noch immer durchschlägt
       (Himmelsregionen, Planeteneinfluß). Was die Ausbildung der
       Analogien zwischen Gestirn, Farbe etc. anlangt, so ist es
       interessant, daß auch bei den Babyloniern jedes ~Gestirn~
       mit einer bestimmten ~Farbe~ in Verbindung gesetzt wurde. Die
       Ausgrabungen von Tempeltürmen (Birs Nimrud) zeigten, daß ihre
       einzelnen Stockwerke mit ~verschiedenfarbigen~ Backsteinen oder
       Metallplatten überzogen waren, je nach den Gottheiten-Gestirnen,
       welchen der Turm geweiht war, Schwarz-Saturn, Orange-Jupiter,
       Rot-Mars, Gold-Sonne, Weiß-Venus, Dunkelblau-Merkur,
       Silber-Mond.

   Die Zahlensymbolik spielt in der chinesischen Naturphilosophie --
 so, wie überhaupt in der orientalischen und der durch sie beeinflußten
 Spekulation -- eine große Rolle; die Fünfzahlentheorie ist besonders
 charakteristisch.

~Wie im Kosmos, so sind auch im Menschen die beiden Urkräfte Yâng
und Yin Grundbedingungen aller Vorgänge~; wie die Materie überhaupt,
so ist auch ~der menschliche Leib aus den 5 Elementen gebildet~, und
diese finden in bestimmten Organen ihre vornehmste Vertretung; ~auf dem
Gleichgewicht des männlichen und weiblichen Prinzips, auf dem richtigen
quantitativen Verhältnis der Grundstoffe beruht die Gesundheit~.

Das männliche Prinzip -- die Lebenswärme -- regiert, entsprechend
seiner Tendenz zur Expansion, namentlich die kontraktilen Hohlorgane,
„Kammern“ (wie Dick- und Dünndarm, Harnblase, Gallenblase, Magen); das
weibliche Prinzip -- die Grundfeuchtigkeit -- sitzt in den solideren
„Eingeweiden“ (Leber, Herz, Lunge, Milz, Niere); jedes der Prinzipien
besitzt ein Sammelbecken, und beide zusammen zirkulieren mit dem Blut
und der Lebensluft, die ihnen als Vehikel dienen, im Gefäßsystem; durch
dieses werden sie den Organen und sodann allen Körperteilen zugeführt;
gestörte Zirkulation (durch Schwere, Reibung etc.) bedingt Krankheit.

   Das Gefäßsystem besteht aus 12 Hauptadern (king), von diesen
 enthalten 6 den positiven Urstoff (yang), 6 andere den negativen
 Urstoff (yin); teils beginnen, teils enden sie an den Händen
 oder Füßen. Vervollständigt werden die 12 Adern noch durch 2
 Hauptsammelkanäle, von denen der eine, an der Rückseite des Körpers
 verlaufend, den positiven, der andere, an der Vorderseite verlaufend,
 den negativen Urstoff führt. Die 14 Adern haben 23 Aeste; außerdem
 werden noch eine Reihe anderer kleiner Gefäße beschrieben.

   Interessant ist es, daß die chinesische Physiologie eine Zirkulation
 des Blutes und der Lebensluft annimmt, und behauptet, daß in 24
 Stunden 50 Umläufe stattfinden, während eines Atemzuges legen Luft
 und Blut 6 Zoll zurück. Die Bewegung äußert sich im Puls, welcher in
 24 Stunden 54000-67000mal schlage.

~Die 5 Elemente sind im menschlichen Körper durch 5 Hauptorgane
(Eingeweide) repräsentiert, denen 5 andere (Hohlorgane, „Kammern“)
als Gehilfen (Brüder) zur Seite stehen resp. eine verwandte Funktion
besitzen.~ Dem Holz entspricht der Qualität nach -- die Leber; dem
Feuer -- das Herz; der Erde -- die Milz; dem Metall -- die Lungen; dem
Wasser -- die Nieren. Die Leber hat zum Gehilfen die Gallenblase, und
beide dienen zur Filtration der Säfte; das Herz empfängt den Chylus
und verwandelt ihn in Blut, sein Gehilfe, der Dünndarm, verwandelt
die Nahrung in Chylus; Milz und Magen besorgen die Verdauung; die
Lunge läßt das Blut laufen und reinigt es vom Schleim, ihr Gehilfe,
der Dickdarm, hat die Aufgabe, die groben und unreinen Stoffe zu
entleeren; die Niere mit dem Ureter teilt sich in die Sekretion des
Harns, der in die Blase gelangt. Im besonderen wird der rechten Niere,
der „Pforte des Lebens“, die Rolle zugewiesen, den Samen zu bilden
(Sitz der Kraft), während die Leber als Sitz der Seele, die Galle als
Sitz des Mutes gilt, und die Lungen die Stimmung regulieren sollen.

Gemäß der Elementarbeschaffenheit läßt die chinesische Physiologie
jedes der 5 Hauptorgane mit einer kosmisch-tellurischen Erscheinung
(Gestirn, Himmelsgegend, Luftart, Jahres-, Tageszeit etc.), und ebenso
mit einem der 5 Töne, Gerüche, mit einer der 5 Farben, Geschmacksarten
u. s. w., korrespondieren; außerdem beeinflußt jedes Organ neben der
Hauptfunktion noch ein entferntes Körpergebiet (z. B. einen bestimmten
Gesichtsteil, eine bestimmte Gewebsart) und steht zu anderen Organen
im Verhältnis der Sympathie oder Antipathie (Deszendenz, Freundschaft,
Feindschaft). ~Das wichtigste Charakteristikum findet es aber in
einer nur ihm eigentümlichen Pulsgattung.~ Diese bis ins Maßlose
gezogenen Analogien sind nach chinesischer Anschauung auch von größter
praktischer Bedeutung, weil sich jede krankhafte Störung durch eine
Abweichung von dem als Norm geltenden Korrespondenzsystem bemerkbar
macht.

~Die Diagnostik und Prognostik~ legt relativ wenig Wert auf
die Anamnese und basiert vorwiegend auf sorgfältiger objektiver
Untersuchung des ganzen Körpers; jedoch handelt es sich -- obwohl
einzelne erfahrungsgemäß erworbene gute Beobachtungen unterlaufen
-- hauptsächlich um allerlei ausgeklügelte Subtilitäten, die den
Irrgängen der mystischen Korrespondenzlehre entstammen. Der chinesische
Arzt nimmt Kenntnis vom Habitus und Allgemeinbefinden, von der
Gemütsbeschaffenheit, von den Geruch- und Geschmacksempfindungen,
ja sogar von der Appetitrichtung und den Träumen des Patienten, er
verfolgt die Atmung und die Schalläußerungen (Stimme, Weinen, Lachen,
Seufzen etc.), er prüft die Temperatur (durch Palpation) und die
Art der Ausscheidungen (Menge, Farbe, Konsistenz des Nasenschleims,
Sputums, Harns, der Fäces), er achtet auf die Farbe gewisser Venen
und läßt selbst die Beschaffenheit der Behaarung nicht aus dem Auge.
All dies, wobei auf die Uebereinstimmung oder Dissonanz der Zeichen,
sowie auf den Einfluß der Atmosphäre, der Jahreszeit, Tagesstunde
u. s. w. Rücksicht genommen wird, bildet aber nur die Ergänzung
der Untersuchungsergebnisse, welche durch ~die beiden wichtigsten
diagnostischen Methoden~ gewonnen werden, durch ~die Prüfung des Pulses
und die Inspektion des Gesichtes und der Zunge~.

Die chinesische Pulslehre ist ungemein kompliziert und erfordert in der
Praxis ein äußerst umständliches Verfahren, das schon im einfachsten
Falle 10 Minuten, bisweilen aber selbst einige Stunden in Anspruch
nimmt.

   Man kennt 11 Stellen, an denen der Puls gefühlt werden kann, jede
 derselben hat ihren eigenen Namen.

Gewöhnlich wird die Betastung an der Radialis vorgenommen und zwar
in der Weise, daß man zuerst den Mittelfinger auf das Köpfchen des
Radius, sodann neben ihn den Zeige- und Ringfinger anlegt, während
der Daumen sich auf das Dorsum des Carpus stützt. Die Untersuchung
findet auf beiden Seiten statt, wobei der Arzt mit seiner rechten
Hand die linke Radialis, mit seiner linken die rechte prüft. Die
jederseits ermittelten 3 Stellen werden als 3 Pulse aufgefaßt und mit
den Namen „Zoll“, ~tsuen~, „Engpaß“, ~kouan~, und „Schuh“, ~tché~,
bezeichnet, von denen der erste unter dem Ringfinger, der zweite
unter dem Mittelfinger, der dritte unter dem Zeigefinger fühlbar ist.
Auf beiden Seiten untersucht, ergeben sich somit 6 Pulse, von denen
jeder einzelne mit einem bestimmten Organe korrespondiert und dessen
normalen oder pathologischen Zustand verrät. So entspricht z. B. der
„Engpaß“, kouan, rechts palpiert dem Magen und der Milz, links der
Leber und Gallenblase. Jeder Puls muß 3mal für sich allein, zuerst mit
schwachem, dann mittlerem, endlich starkem Drucke während der Dauer
von 9 Atemzügen untersucht werden, wobei auf Qualität, Frequenz und
etwaige Intermissionen zu achten ist. Die Zahl der Pulsvarietäten ist
eine kaum übersehbare.

   Da nach der chinesischen Sphygmologie jedes Organ neben seinem
 natürlichen noch einen entgegengesetzten, mit den Jahreszeiten
 wechselnden Puls besitzt, die Pulse schon unter normalen Verhältnissen
 je nach dem Einfluß der Gestirne, Jahres- und Tageszeiten, je nach
 Alter, Konstitution und Geschlecht differieren, in krankhaften
 Zuständen aber störend ineinander eingreifen, so kommt bei der
 verwirrenden Fülle von Kombinationen eine Unzahl von Varietäten
 zu stande, deren -- uns illusorisch erscheinende -- Kenntnis ein
 stupendes Gedächtnis, einen erstaunlichen Tastsinn voraussetzt.
 Eine Vorstellung davon gibt schon die ~eine~ Tatsache, daß nicht
 weniger als 51 Haupttypen, nämlich 7 „äußere“ Pulse (entsprechend dem
 positiven Urprinzip), 8 innere (entsprechend dem negativen Urprinzip),
 9 „Weg“-Pulse (entsprechend den großen Kommunikationskanälen) und 27
 Pulse, welche letalen Ausgang anzeigen, die elementare Grundlage der
 Untersuchung bilden.

    Bezüglich der Frequenz wäre zu erwähnen, daß 4-5 Schläge während
 eines Atemzuges als normal gelten, 3 Schläge deuten auf eine, durch
 das Vorwalten des weiblichen Prinzips (Kälte), 6-7 Schläge auf eine,
 durch das Vorwalten des männlichen Prinzips (Hitze) entstandene
 Krankheit, 1-2 oder 8-9 Pulse geben eine letale Prognose. Was den
 aussetzenden Puls anlangt, so ist ein einmaliges Aussetzen nach 50
 Schlägen mit der Gesundheit vereinbar, ein Aussetzen nach 40, 30,
 20, 10 Schlägen weist darauf hin, daß 1, 2, 3, 4 Eingeweide ohne
 Lebensluft sind und der Tod binnen 4, 3, 2, 1 Jahr erfolgen wird.

   Die Pulslehre ist übrigens von den einzelnen Autoren
 verschiedenartig bearbeitet worden und sogar hinsichtlich der
 vermeintlichen Beziehungen der Organe zu den drei Handgelenkspulsen
 links und rechts herrschen bedeutende Differenzen in den Angaben.

~Aus dem Pulse allein glaubt man die Art und den Sitz der Krankheit
diagnostizieren zu können.~ Nach einem beliebten Gleichnis stellt der
menschliche Körper ein Saiteninstrument dar, dessen einzelne Teile ihre
bestimmte Klangfarbe (Organpulse) besitzen und dessen Töne (Pulse)
die Harmonie (Gesundheit) oder Disharmonie (Krankheit) zum Ausdruck
bringen.

Mit der Pulsuntersuchung wetteifert an Bedeutung die Inspektion des
Gesichtes und der Zunge, wobei vornehmlich auf die ~Farbe~ geachtet
wird. Die Glossosemiotik verfügt über 37 Typen.

   Wie aus folgender Tabelle hervorgeht, entspricht jedem der Organe
 eine bestimmte Farbe, wobei das zugrundeliegende Element wohl den
 Ausschlag gibt. Im menschlichen Körper entstehen die Farben durch die
 in die Eingeweide eindringende Luft. Für diagnostische Zwecke wird es
 verwertet, daß die Organfarben aufsteigend auf dem Antlitz erscheinen.
 Bei krankhaften Störungen zeigt die prävalierende Farbe den Sitz der
 Krankheit an. Die Prognose richtet sich danach, ob der dominierende
 Organpuls mit der dominierenden Farbe im Einklang ist oder nicht. Im
 ersteren Falle steht die Prognose günstig, im letzteren hängt es davon
 ab, ob die Farbe einem freundlichen oder feindlichen Organ entspricht.
 Vergl. die Tabelle zu folgendem Beispiel: Es sei der dominierende Puls
 der Milzpuls, die vorherrschende Farbe gelb -- Prognose günstig. Wird
 die Farbe rot oder schwarz, so besteht keine große Gefahr, denn dies
 bedeutet, daß das Herz oder die Niere prävaliert, d. h. die „Mutter“
 oder der „Freund“ der Milz; wird die Farbe aber weiß oder grün, so
 ist die Prognose letal, denn dies bedeutet, daß Lunge oder Leber, der
 „Sohn“ oder der „Feind“, die Oberherrschaft erlangt hat. Das Eintreten
 der „Mutter“ (also hier des Herzens für die Milz) gilt nämlich als
 natürlicher Vorgang, hingegen das Prävalieren des „Sohnes“ (also hier
 der Lunge) als widernatürliches Vorkommnis. Bezüglich der Erklärung
 der „Freundschaft“ und „Feindschaft“ der Organe vergl. S. 97. Die
 Inspektion der Farbe erfolgt hauptsächlich in jenem Teil des Kopfes
 und Gesichts, welcher mit dem betreffenden Organ in Korrespondenz
 steht. Ein solcher ist z. B. für das Herz -- die Zunge. Beobachtet
 man also bei einer Erkrankung des Herzens, daß die normalerweise
 rote Zunge schwarz wird (Farbe der Niere), so bedeutet dies, daß die
 Niere, d. h. der Feind des Herzens, die Oberhand erlangt hat, weshalb
 die Prognose auf Destruktion des Herzens, also letal zu stellen ist.

~Krankheit ist eine Disharmonie, eine Gleichgewichtsstörung~, bedingt
durch das Vorherrschen des männlichen oder weiblichen Urprinzips (der
Stärke oder Schwäche, Hitze oder Kälte, Trockenheit oder Feuchtigkeit).
Sie äußert sich in Störungen der Zirkulation der Lebensluft und des
Blutes, worunter die Organe leiden.

   Eine Folge ist das ~Mißverhältnis der Elemente~, so z. B. entsteht
 Schiefwerden des Mundes durch fehlerhaften Ueberschuß des Holzinhalts
 über den Metallinhalt, wodurch die Muskeln sich zusammenziehen.

Das Verständnis der chinesischen Physiologie und Diagnostik wird durch
folgende Uebersichtstabelle wesentlich erleichtert.

 +=+=+=+=+=+=+
 ǁ   •Element•   | •Holz• | •Feuer• |    •Erde•    |•Metall•| •Wasser• ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁPlanet         |Jupiter |Mars     |Saturn        |Venus   |Merkur    ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁHimmelsrichtung|Osten   |Süden    |Mitte         |Westen  |Norden    ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁAtmosphäre     |Wind    |Hitze    |Feuchtigkeit  |Dürre   |Kälte     ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁJahreszeit     |Frühling|Sommer   |Die letzten   |Herbst  |Winter    ǁ
 ǁ               |        |         |18 Tage       |        |          ǁ
 ǁ               |        |         |jeder         |        |          ǁ
 ǁ               |        |         |Jahreszeit    |        |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁTageszeit      |Morgen  |Mittag   |Die           |Abend   |Nacht     ǁ
 ǁ               |        |         |Zwischenzeiten|        |          ǁ
 +=+=+=+=+=+=+
 ǁ •Hauptorgan•  |•Leber• | •Herz•  |    •Milz•    |•Lunge• | •Niere•  ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁBeherrschendes |Niere   |Leber    |Herz          |Milz    |Lunge     ǁ
 ǁOrgan Mutter   |        |         |              |        |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁAbhängiges     |Herz    |Milz     |Lunge         |Niere   |Leber     ǁ
 ǁOrgan Sohn     |        |         |              |        |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁGehilfe        |Gallen- |Dünndarm |Magen         |Dickdarm|Ureter undǁ
 ǁ(Bruder)       |  blase |         |              |        |Harnblase ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁHat zum Freund |Milz    |Leber    |Niere         |Leber   |Herz      ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 +=+=+=+=+=+=+
 ǁHat zum Feind  |Lunge   |Niere    |Leber         |Herz    |Milz      ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁEinflußsphäre  |Sehnen  |Palma    |Fleisch       |Haut    |Knochen   ǁ
 ǁ               |Gefäße  |Stirne   |Arm           |Haare   |Zähne     ǁ
 ǁ               |Nägel   |Zunge    |Bein          |Schul-  |Bart      ǁ
 ǁ               |Augen   |         |Mund          |tern    |Ohr       ǁ
 ǁ               |        |         |              |Nase    |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁKorrespondie-  |Augen   |Zunge    |Lippen        |Nase    |Ohr       ǁ
 ǁrender         |        |         |              |        |          ǁ
 ǁGesichtsteil   |        |         |              |        |          ǁ
 +=+=+=+=+=+=+
 ǁ•Korrespondie-•| •grün• |  •rot•  |    •gelb•    | •weiß• |•schwarz• ǁ
 ǁ•rende Farbe•  |        |         |              |        |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁPuls           |Kouān   |Tsuén    |Kouān         |Tsuén   |Tché      ǁ
 ǁ               |links   |links    |rechts        |rechts  |beider-   ǁ
 ǁ               |        |         |              |        |seits     ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁAbhängig       |Farben  |Gerüche  |Geschmacks-   |Töne und|Fluida    ǁ
 ǁ               |        |         |arten         |Stimme  |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁSchalläuße-    |Seufzer |Lachen   |Singen        |Weinen  |Schluchzenǁ
 ǁrungen         |        |         |              |        |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁSekrete        |Tränen  |Schweiß  |Speichel      |Schleim |Harn      ǁ
 ǁ               |        |         |              |Sputum  |          ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁGeschmack      |sauer   |bitter   |süß           |scharf  |salzig    ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁGeruch         |ranzig  |brenzlig |wohl-         |nach    |nach      ǁ
 ǁ               |        |         |riechend      |frischem|faulem    ǁ
 ǁ               |        |         |              |Fleisch |Fleisch   ǁ
 +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+
 ǁAppetit auf    |Hirse   |Reis     |Hülsen-       |Lein-   |Weizen    ǁ
 ǁ               |Hammel- |Pferde-  |früchte       |samen   |Rind-     ǁ
 ǁ               |fleisch |fleisch  |Schweine-     |Geflügel|fleisch   ǁ
 ǁ               |        |         |fleisch       |        |          ǁ
 +=+=+=+=+=+=+

~Die Pathologie~ betrachtet Wind, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit,
Affekte und Leidenschaften, ~Gifte~, aber auch böse Geister
und imaginäre Tiere (Fuchssagen!) als Krankheitsursachen. Die
Klassifikation ist nach verschiedenen Gesichtspunkten durchgeführt (z.
B. je nach dem Pulse), am rationellsten ist die Einteilung in innere
und äußere Affektionen oder nach den Körperregionen oder nach den
Organen. Da die einzelnen Typen nur (oft vagen) Symptomenkomplexen
entsprechen, und bei der oberflächlichen Beschreibung ganz
verschiedenartige Prozesse zusammengeworfen werden, kann es nicht
wundernehmen, daß die chinesische Pedanterie eine Menge von Unterarten,
z. B. von der Dysenterie 14 Formen, unterscheidet. Immerhin finden
sich in der Literatur vortreffliche Beschreibungen, besonders der
Infektionskrankheiten.

Das am meisten ausgebaute Gebiet der chinesischen Medizin -- die
~Therapie~, verfügt über nicht wenige Hilfsmittel, ja der gewaltige
Arzneischatz überragt an Menge den jedes anderen Volkes. Die
Ueberzeugung, daß in der Natur ein Heilmittel für jedes Leiden
vorhanden sein müsse, das wirksam sei, wofern nicht das menschliche
Schicksal es verwehre, führte dahin, alle erdenklichen Substanzen,
sowohl pflanzlicher als tierischer, in geringerem Ausmaß auch
mineralischer Art, zu erproben. Mag die jahrtausendalte emsige
Empirie neben wirklich heilkräftigen einen Wust von nutzlosen Dingen
aufgespeichert haben, vieles bedarf noch der Nachprüfung, um richtig
bewertet werden zu können, und als sicher ist anzunehmen, daß eine
solche Nachprüfung für die Weltmedizin von Nutzen sein wird. Nicht
gar so gering ist die Zahl jener Arzneistoffe, in deren Verwendung
bei gleicher Indikation die europäische Medizin mit der chinesischen
übereinstimmt; zu diesen gehören z. B. Rhabarber, Granatwurzel (gegen
Würmer), Kampfer, Akonit, Cannabis, Eisen (gegen Blutarmut), Arsenik
(gegen Malaria und Hautleiden), Quecksilber (gegen Hautkrankheiten),
Schwefel (gegen Hautleiden), Natrium- und Kupfersulfat (Brechmittel),
Alaun, Salmiak, Moschus (Nervenmittel).

   Den Rhabarber dankt die Heilkunde des Westens unzweifelhaft der
 chinesischen, er wurde durch den zentralasiatischen Handel zugeführt.
 Abgesehen vom Opium, nahm die chinesische Pharmakopöe nur die sehr
 geschätzte ~Asa foetida~, Muskatnüsse, Zimt und Pfeffer vom Ausland
 auf.

Das höchste Ansehen von allen Arzneisubstanzen genießt die
~Ginsengwurzel~ (Panax Ginseng Nees), welche wegen ihrer
tonikoexzitierenden Wirkung geradezu als Panacee betrachtet und mit
dem dreifachen Gewichte Goldes aufgewogen wird.

   Der Name Ginseng bedeutet menschliche Kraft oder Weltwunder. Es
 gibt eine Menge von Ginsengpräparaten, die gewöhnlich mit Zusatz von
 Ingwer etc. verabreicht werden. Beim Einsammeln müssen eine Reihe
 von Vorschriften eingehalten werden, die teils der Erfahrung, teils
 dem Aberglauben entspringen. Dasselbe ist übrigens bei den meisten
 pflanzlichen Mitteln der Fall, da nach verbreiteter Ansicht ihre
 Wirksamkeit den Einflüssen des Bodens, der Sammelzeit (Jahreszeit
 und Tagesstunde), der Art und Weise des Trocknens (in der Sonne oder
 im Schatten) unterliegt. Ueber die wunderbaren Heilwirkungen der
 Ginsengwurzel (z. B. als Verjüngungsmittel) existiert eine ganze
 Literatur.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch, wie aus den Rezeptformeln
hervorgeht, Pachyderma cocos, Magnolia hypoleuca, Auszug
von Minzblättern (po-hô), Arumknollen, Radix Tang-kui (gegen
Dysmennorrhöe), Süßholz, Bärengalle, veraschtes Haar, Realgar, Zinnober
u. a. Der Zinnober, welcher in der chinesischen Alchemie die Rolle
des Steins der Weisen spielte, dient zur Bereitung merkurieller
Präparate und wird für die Räucherungstherapie der Syphilis benützt
(man steckt eine mit Zinnober gefüllte Papierrolle in ein Nasenloch,
brennt dieselbe an und läßt die Quecksilberdämpfe einatmen). Wie bei
uns, ist die merkurielle Behandlung der Syphilis seit Jahrhunderten
in China üblich, doch wird sie milder gehandhabt (statt mit grauer
Salbe Einreibungen mit roter Quecksilberoxydsalbe; innerlich Kalomel,
Sublimat, gemischt mit Kalksulfat), auch bildet sie nicht die einzige
Behandlungsmethode (unter anderem werden als innere Mittel Smilax,
Perlen- und Perlmutterpulver verwendet). Einer Menge von Stoffen wird
eine erwärmende, kühlende, zerteilende oder blutverbessernde Wirkung
beigemessen, zahlreich sind die Purgativa, Emetika, Expektorantia,
und neben ihnen kommen schweiß- und harntreibende Medikamente
in Betracht. Außerdem besitzt die chinesische Medizin sehr viele
Emenagoga, Galaktogoga, Abortiva und Aphrodisiaka, welch letztere
den Hauptbestandteil der außerordentlich verbreiteten und öffentlich
angepriesenen Geheimmittel ausmachen.

   Die Lehre von den Arzneimitteln ist namentlich in den zumeist
 illustrierten Kräuterbüchern niedergelegt, von denen das älteste,
 wie schon erwähnt, von dem sagenhaften Schin-nung herrühren soll.
 Zweifellos ist die reiche Erfahrung vieler Generationen auf diesen
 mythischen Urheber zurückgeführt. Ein mehrere Jahrhunderte v. Chr.
 verfaßtes Wörterbuch über Kräuterkunde, Rha ya, enthält zur Hälfte
 naturgeschichtliche Tatsachen. Von den 40 Bänden des bewährten
 „Führers zur ärztlichen Praxis“, ~Ching-che-chun-ching~, behandeln
 acht die Pharmakologie (Luy-fang). Als maßgebendstes Werk aber wird
 jenes betrachtet, welches der Stadtpräfekt Li-schi-tschin um die
 Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr. unter dem Titel Pen-tsao-kang-mu
 abzufassen begann. Dieses aus 52 Bänden bestehende Monumentalwerk
 beruht auf Exzerpten aus der vorausgehenden Literatur und beschreibt
 über 1800 vorwiegend pflanzliche Heilstoffe hinsichtlich des Fundorts,
 der Zubereitung, Aufbewahrung, Anwendungs- und Wirkungsweise.

Eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeiten der chinesischen Arzneikunst
liegt in ihrem Reichtum an Substanzen ~animalischen~ Ursprungs.
Mystizismus, doch auch das unklare Vorgefühl jener Ideen, die
bei uns in neuerer Zeit zur organotherapeutischen geleitet haben,
bilden höchstwahrscheinlich das Leitmotiv, wenn z. B. Präparate
aus der Leber, Lunge, Niere verschiedener Tiere gegen Leber- bezw.
Lungen- und Nierenleiden verordnet werden, oder wenn man z. B.
den Samen junger Männer oder Nervensubstanzen von Tieren gegen
Schwächezustände, Hühnermagen gegen Magenleiden, Hoden verschiedener
Tiere gegen Impotenz, Placenta zur Erleichterung der Geburt u. s. w.
anwendet. Neben Substanzen solcher Art finden sich -- ähnlich wie
in der Pharmakopöe anderer Völker und in der europäischen Medizin
verflossener Jahrhunderte -- ganz absonderliche und widerwärtige Dinge
(Auswurfstoffe).

   Aus der Tierwelt werden unter vielem anderen verwendet:
 Eidechsen, Kröten, Salamander, Schlangen, Schildkröten, Skorpione,
 Regenwürmer, Blutegel, Seidenraupen, Tausendfüßer; Haut, Fleisch,
 Fett, Blut, Milch, Galle, Eingeweide, Exkremente, Knochen, Zähne
 etc. verschiedener Tiere. So benützt man pulverisierte Tiger- und
 Elefantenknochen gegen Abmagerung, Elefantenzähne gegen Epilepsie,
 Fischotterleber gegen Anämie, gepulverte Tieraugen mit Frauenmilch
 gegen Augenentzündungen, die Spitzen der Hirschhörner gegen
 Schwächezustände, Darmkonkremente von Antilopen als Expektorantia,
 Bärengalle als Purgans u. s. w.

   Auch der Mensch selbst wird als Heilkörper herangezogen: die Milch
 junger Frauen als Verjüngungsmittel, die Placenta gegen Chlorose,
 der Harn 3-4jähriger Kinder gegen Ohnmachten, menschliche Exkremente,
 Abortreste u. s. w. Das Volk schreibt dem ~Blute Enthaupteter~ eine
 besonders kräftigende Wirkung zu.

Zur animalischen Therapie ist auch die (wahrscheinlich aus Indien
stammende) prophylaktische ~Inokulation der Blattern~ zu rechnen,
welche, angeblich von einem Philosophen erfunden, mindestens seit
dem 11. Jahrhundert in China geübt wird und als Vorläuferin der
Serumtherapie angesehen werden kann. Man führt zu diesem Zwecke einen
mit dem Inhalt einer frischen Pockenpustel getränkten Baumwollenbausch
in die Nase des Impflings ein (bei Knaben ins linke, bei Mädchen ins
rechte Nasenloch) oder benützt Pulver von einer getrockneten Pustel,
das eingerieben oder durch eine Röhre in die Nase eingeblasen wird.
Aus gewissen spekulativen Gründen darf am 11. und 15. des Monats
nicht geimpft werden. (Die Vaccination wurde im letzten Jahrhundert
eingeführt.) Die Klassifikation der Arzneisubstanzen, denen
~spezifische Beziehung zu den Organen und Krankheiten~ zugeschrieben
wird, ist sehr subtil im Geiste des naturphilosophischen Systems
durchgeführt, und namentlich spielen hierbei die ~Spekulationen über
die Analogien zwischen der Elementarbeschaffenheit, der Farbe, dem
Geschmack und der spezifischen Wirkungsweise der Mittel~ eine wichtige
Rolle.

   So sollen die grünen Mittel und die sauer schmeckenden Arzneien
 vorzugsweise die Leber beeinflussen wegen des Holzes, das ihren
 Hauptbestandteil bilde; nach dem gleichen Prinzip wirken die roten
 und bitteren Mittel (Feuer) besonders auf das Herz, die gelben und
 süßen (Erde) auf die Milz (Magen), die weißen und scharfen (Metall)
 auf die Lungen, die schwarzen und salzigen (Wasser) auf die Nieren.
 Alle erwärmenden oder kühlenden, stark wirkenden Stoffe besitzen
 mehr die Eigenschaften des männlichen Urprinzips, des Yang, während
 die schwach schmeckenden, mit ausgesprochenem saueren, bitteren,
 süßen, würzigen oder salzigen Geschmacke mehr die Eigenschaften
 des Yin haben sollen; den Leiden der oberen Körperhälfte, wo das
 Yang überwiege, entsprechen die aus den oberen Pflanzenteilen
 (Knospen, Blüten) hergestellten Arzneien, den Krankheiten der unteren
 Körperhälfte hingegen die aus den Wurzeln bereiteten Mittel, weil in
 ihnen das Yin vorherrsche. Schließlich werden die Heilmittel sogar
 mit den Jahreszeiten in Analogie gesetzt, beispielsweise gleichen
 die mehr nach oben wirkenden den treibenden Kräften des Frühlings,
 die schweren, wässerigen, mehr nach unten wirkenden, dem sinkenden
 Streben des Herbstes u. s. w. Bei der Verordnung kommen neben der
 höchst anerkennenswerten jahrtausendalten Empirie die Stellung des
 Mittels im naturphilosophischen System, die Berücksichtigung der
 Jahreszeit und des Wetters, das Geschlecht des Patienten in Betracht.

   Bisweilen ist für die Wahl des Arzneimittels auch die ~Signatur~
 bestimmend (d. h. die Berücksichtigung der Form oder Farbe etc.,
 welche symbolisch auf die Wirkung hindeuten sollen). Beispielsweise
 werden deshalb die roten Blüten von Hibiscus als Emenagogum, der
 Safran wegen der gelben Farbe gegen Icterus, Bohnen wegen ihrer
 Gestalt als Nierenmittel, Leuchtkäfer als Bestandteil von Augenwässern
 verwendet.

Die Quantität der einzelnen Arzneimischungen, welche dem Patienten
zugemutet wird, ist sehr bedeutend; äußerlich sind die Präparate oft
recht gefällig ausgestattet, anlockend, und die Namen, die sie führen,
(z. B. das Pulver der drei Höchstweisen, das Pulver des fünffachen
Ursprungs) sind geeignet, auf die Phantasie zu wirken, den Nimbus zu
verstärken. Manche Aerzte bereiten die Arzneien selbst, gewöhnlich
aber wandern die (auf rotes Papier geschriebenen) Rezepte in die meist
luxuriös ausgestatteten, sauber gehaltenen Apotheken. Das Rezept ist
in der Regel aus einer Anzahl von Drogen (selten weniger als 9 oder
10), zusammengesetzt; die Mittel werden nach ihrer Wirksamkeit in
Herrscher, Minister und Subalterne -- entsprechend unserem Remedium
principale, R. adjuvans, R. constituens et corrigens -- eingeteilt.
Sowohl bei der Komposition der Rezepte wie bei der Bestimmung der
Einzelgaben kommt der Zahlenglaube in Betracht; so stellt die Zahl der
verordneten Substanzen häufig ein Multiplum von 5 dar, und man gibt
gewöhnlich 5 Einzelgaben etc.

   Gegen jede einzelne Affektion gibt es eine ganze Reihe von
 Mitteln, die Auswahl derselben unterliegt jedoch genau präzisierten
 Indikationen, welche auf den pathogenetischen Anschauungen basieren.
 So kommen z. B. bei ~Bronchialkatarrh~, je nachdem eine exzitierende,
 sedative oder expektorierende Wirkung beabsichtigt ist, folgende
 Arzneisubstanzen zur Anwendung: Sellerie, Ingwer, Akonit, Enzian,
 Zimt, Opium, Thuja, Bambus, Huflattich, Veilchen, verbrannte
 Schildkrötenschuppen, Krötenspeichel, Pillen aus altem Lehm u. a.
 Unter den Heilmitteln gegen chronische Bronchitis fällt insbesondere
 die Schweinslunge auf, unter jenen gegen ~Lungenentzündung~ (neben
 Clematis und Aristolochia) mit Ammoniak versetztes Süßholz; dieses
 Medikament wird in der Weise bereitet, daß man Süßholz in Bambusrohre
 stopft, dieselben mit Wachs verschließt und eine Zeitlang in
 Abortgruben liegen läßt. Die ~Phthisis~ wird mit Lungensubstanz
 oder mit kompliziert zubereiteten Orangenrinden behandelt, oder
 man verwendet eine Gelatine von in Arrak gekochter Eselshaut.
 Gegen ~Herzaffektionen~ sollen, je nach der vermeintlichen Ursache,
 Anaphrodisiaka, kleine Dosen von Mennig, ein Infusum von Clematis,
 die Wurzel von Chelidonium majus, pulverisiertes Steinbockshorn
 gute Dienste leisten. ~Oedeme~ hofft man durch Präparate aus
 Wasserwegerich, Smilax, Convolvulus, schwarze Bohnen u. a. zu
 beseitigen, ~Hämmorrhagien~ durch Enzian, Akonit, Ingwer, Nelombo,
 Gips, Borax, Haarasche, Knoblauch, pulverisiertes Rhinozeroshorn
 oder pulverisierte „Drachenknochen“ (Reste fossiler Tierarten?); bei
 ~Gebärmutterblutungen~ macht man Irrigationen mit Brennesselabsud.
 Bei ~Leberkongestionen~ empfiehlt die chinesische Therapie neben
 Basilienkraut, Bambusknospen und Elefantenhaut besonders ein Extrakt
 von Schweinsleber, Ochsengalle oder Bärengalle mit Arrak; bei
 ~Nierenkrankheiten~ auch Schweinenieren. Sehr ansehnlich ist die Zahl
 der Arzneisubstanzen gegen ~Magendarmleiden~, hier kommen in Betracht
 als Stomachika z. B. Pfeffer, Gewürznelken, grüne Orangenrinde,
 Koriander, Magnolia hypoleuca, Kropf von jungen Hühnern u. a., als
 Brechmittel z. B. Betonia, als Abführmittel: Pflaumen, Tamarinden,
 schwefelsaures Natron, Rhabarber, Schweinegalle, Crotonharz u. a.;
 als Styptika z. B. Enzian oder brauner Ocker -- das souveräne Mittel
 aber bleibt die Ginsengwurzel. Außer den einfachen Stoffen stehen
 aber noch vielerlei Mixturen in Gebrauch und keinesfalls wird das
 diätetische Regime vernachlässigt.

    Gegen ~Dysenterie~ (von der eine akute und chronische, nebstdem
 aber noch mehrere Arten unterschieden werden) sind zahlreiche
 Medikamente empfohlen, neben rationellen (Aloe, Rhabarber,
 Granatwurzel, Zimt, Muskat, Ginseng etc.) Fledermausexkremente,
 Schlangenhaut u. a. Die ~Fettleibigkeit~, welche in China nicht selten
 vorkommt, sucht man durch kein Mittel zu bekämpfen. Den ~Affektionen
 des Nervensystems~ steht ein reicher Heilschatz gegenüber, wovon
 nur einiges angedeutet sein möge. Ein Lieblingsmittel gegen
 Migräne ist Menthaöl; gegen Kopfschmerz wird unter vielen anderen
 Substanzen auch das Hirn und Mark des Hirsches (bei Gehstörungen
 ebenfalls) verwendet; gegen Schwächezustände, die auf sexuelle
 Exzesse zurückgeführt werden, wirken pulverisiertes Hirschhorn
 und zahlreiche Aphrodisiaka; Epilepsie wird mit Seidenwürmern und
 Rhemaniawurzel behandelt. Lähmungszustände (von denen verschiedene
 Formen unterschieden sind) mit Ahornwurzeln, Strychnos, Zinnober,
 Tigerknochen, Moschus, Grillenbälgen u. a.; Konvulsionen mit einer
 Valerianaart; bei Psychosen verabreicht man mit Vorliebe das Kinthiap,
 d. h. Menschenkot, welcher 3 Jahre lang in einem Gefäß vergraben
 gelegen hat. -- Die gebräuchlichsten Mittel gegen ~Gelenkrheumatismus~
 sind: Schilfrohr, Smilax, Aristolochia, kohlensaurer Kalk; gegen
 ~Wechselfieber~: Magnolia hippoleuca, gekochte Schildkrötenköpfe,
 Büffelkäse, Eisensuperoxyd, Potensilla. Sehr umfangreich und
 durch eine Fülle von Indikationen geregelt ist die Therapie der
 ~Blattern~ (interne und externe Behandlung), die ~Cholera~ sucht man
 mit den oben erwähnten Darmmitteln zu bekämpfen, die ~Diphtherie~
 durch Revulsion (künstliche Erzeugung von Ekchymosen am Halse) und
 Insufflation von adstringierenden Pulvern zu beheben, bei der ~Pest~
 verwendet man Purganzen, Diuretika, Sudorifera u. s. w. -- Die
 Therapie der ~Hautkrankheiten~ -- •Krätze wird auf einen Parasiten
 zurückgeführt• -- zählt unter ihren Mitteln z. B. Schwefel, Alaun,
 Arsenik, Quecksilber, welche äußerlich appliziert werden, doch vergißt
 man dabei auch die interne Medikation (besonders Abführmittel)
 keineswegs. Was die ~Frauenkrankheiten~ anlangt, so unterscheiden
 die chinesischen (wie alle orientalischen) Aerzte eine ganze Reihe
 von Menstruationsstörungen als selbständige Affektionen, je nach dem
 abnormen Eintritt, der Dauer, nach der Farbe der Menstrualflüssigkeit,
 nach den ätiologischen Momenten; insbesondere die Farbe gibt dem
 chinesischen Arzte entsprechend dem pathologischen System die
 Handhabe bei der Wahl des Medikaments. Die Anzahl der verwendeten
 Heilmittel, insbesondere der Emenagoga, ist Legion, natürlich auch der
 Abortiva. Der Behandlung der ~Kinderkrankheiten~, wovon mindestens 57
 verschiedene Arten differenziert werden, ist -- natürlich im Geiste
 des spekulativen Systems -- große Sorgfalt zugewendet. Die Dosierung
 unterliegt der folgenden Vorschrift: Ein Mittel, das Erwachsenen
 in der Gewichtsmenge von 12-20 g verabreicht wird, ist bis zum 7.
 Jahre in der Dosis von 4-6 g, in der Zeit vom 8.-13. Jahre in der
 Dosis von 6-8 g und in der Zeit vom 13.-18. Jahre in der Dosis von
 8-12 g zu geben. Merkwürdigerweise benützt man bei Kinderkrankheiten
 als wichtigstes diagnostisches Zeichen die wechselnde (rote, gelbe,
 weiße, blaue oder schwarze) Farbe eines am Zeigefinger sichtbaren
 Blutgefäßes (bei Knaben an der linken, bei Mädchen an der rechten
 Hand).

Mit der Arzneitherapie rivalisieren die bei allen möglichen Zuständen
verwendeten Behandlungsmethoden der ~Moxibustion und Akupunktur~.

Zu den Moxen benützt man kleine Röllchen oder Kegel, die am häufigsten
aus der wolligen, zunderähnlichen Masse der Artemisiablätter (aber
auch aus Schwefel, ölgetränktem Binsenmark) geknetet werden; man
klebt dieselben mit Speichel auf oder setzt sie mittels einer
Metallplatte auf die Körperoberfläche und zündet sie an. Für die
Wahl der Applikationsstelle, die Zahl und Anordnung (bei starken
Personen bis 50) der Moxen, welche der gestockten Krankheitsmaterie
einen Ausweg verschaffen oder sie ableiten sollen, gibt es genaue
Vorschriften; bei Brustkrankheiten werden sie auf dem Rücken, bei
Magenkrankheiten auf den Schultern, bei venerischen Leiden auf der
Wirbelsäule appliziert. Bemerkenswerterweise dient die Moxibustion
auch als vorbeugendes Mittel. Die Akupunktur, welche eine chinesische
Erfindung zu sein scheint, besteht darin, daß man feine (5-22 cm lange)
Nadeln aus gehärtetem Stahl, Silber oder Gold (während der Kranke
hustet) durch die gespannte Haut mehr oder minder tief einsticht (oder
durch einen Schlag mit einem kleinen Hammer auf den spiralig gekehlten
Kopf der Nadel eintreibt) und rotierend in die Tiefe weiterführt.
Nach der Entfernung der Nadel wird auf die Einstichstelle mit der
Hand ein Druck ausgeübt oder eine Moxe gesetzt. Die Zahl der Nadeln,
welche zur Anwendung kommen, die Richtung der Rotationsbewegung
(nach links oder rechts), die Tiefe der Einführung (gewöhnlich
3-3,5 cm), die Dauer des Liegenlassens (einige Minuten) hängt von
der Art und Schwere des Einzelfalles, bezw. von den Vorstellungen,
welche die chinesische Krankheitstheorie damit verbindet, ab. Mit
dieser im Zusammenhang steht es, daß der Wahl der Einstichstelle
eine geradezu peinliche Sorgfalt zugewendet ist, wenn dabei gewiß
auch die Vermeidung von Verletzungen, z. B. der Nerven, im Auge
behalten wird. Es sind am ganzen Körper 388 mit Namen versehene
Stellen bestimmt, wo die Akupunktur vorgenommen zu werden pflegt;
die genaue Kenntnis derselben bildet für den chinesischen Arzt eine
Voraussetzung und wird an mit Papier überklebten durchlöcherten
Phantomen eingeübt. ~Der Akupunktur liegt die Idee zu Grunde, daß
der Körper von einem Röhrensystem durchzogen ist, und daß durch das
Verfahren schädliche Stoffe nach außen befördert, Bewegungshindernisse
in der Säftezirkulation behoben, frische Lebensgeister zugeführt
werden.~ Wenn auch vorzugsweise bei schmerzhaften oder entzündlichen
Zuständen angewendet, spielt die Methode bei den mannigfachsten Leiden
(namentlich Unterleibsaffektionen, Steinbeschwerden, aber auch bei
Frakturen) eine Hauptrolle.

Die Vorliebe für die Moxibustion und Akupunktur erklärt es, daß
die ohnedies blutscheuen chinesischen Aerzte vom ~Aderlaß~ nur sehr
selten Gebrauch machen; hingegen zählt das ~Schröpfen~ (trockenes, mit
kupfernen Schröpfköpfen) zu den üblichen ableitenden Methoden und kommt
bei einigen Krankheiten in Betracht. Mit großer Geschicklichkeit wird
die ~Massage~ (Klopfen, Kneten etc.) zumeist von Blinden oder alten
Frauen gehandhabt, und die seit uralten Zeiten bekannte ~Heilgymnastik~
-- die Erfindung wird dem mythischen Tschi-sung-tin um die Mitte des
3. Jahrtausends v. Chr. zugeschrieben -- ist zu einem ganzen System
ausgebildet, bestehend aus rhythmisch geordneter Ein- und Ausatmung
in bestimmten Körperstellungen, Reibung des Unterleibs, Schlagen der
Brust und des Rückens (mittels eines mit Kieseln gefüllten Sackes),
planmäßigen Muskelübungen, Widerstandsbewegungen u. s. w. Die ganze,
über Monate sich hinziehende, mit diätetischem Regime verknüpfte Kur
bezweckt, die Zirkulation der Lebensluft und der Säfte zu regulieren.
-- Endlich wäre auch der Bäder zu gedenken, die als Mittel zur
Erhaltung der Gesundheit sehr geschätzt sind, und der •suggestiven•
Therapie, welche in den mannigfachen Formen der Theurgie versteckt
auftritt.

   Hauptvertreter des therapeutischen Mystizismus sind die
 Taoistenpriester, welche infolge des weitverbreiteten Geisterglaubens
 sehr häufig in Krankheitsfällen zu Hilfe gerufen werden. Sie
 halten im Krankenzimmer Gebete ab, bringen Opfer dar, suchen durch
 Tücher, die mit magischen Zeichen versehen sind, die Geister zu
 verscheuchen, machen einen großen Lärm mit Feuerwerk etc. Die
 abergläubischen Gebräuche der Volksmedizin (Amulette, Beschwörungen
 etc.) finden besonders während der Schwangerschaft, bei Kreißenden
 und bei Kinderkrankheiten ausgedehnte Anwendung. Epidemien führt
 der Volksglaube auf den Einfluß des großen Drachens zurück, der in
 Gestalt irgendwelcher harmlos aussehender Tiere erscheinen könne;
 Prozessionen, Feuerwerke u. a. sollen die erzürnten Götter versöhnen.
 Um den Krankheitsdämonen den Eintritt in das Haus zu verwehren, bringt
 man zauberkräftige Gegenstände, wie Tigeraugen, Kalmusstengel etc.,
 vor der Türe an; auch mit List sucht man sich bisweilen zu helfen,
 so wird z. B., um Kinder vor Pocken zu bewahren, ein ausgehöhlter
 Flaschenkürbis neben der Schlafstätte aufgehängt, in der Erwartung,
 daß der Dämon hineinfährt (statt in den Körper des Kindes)[23].

  [23] Die Oneiroskopie dient auch zu medizinischen Zwecken; auch die
       Sitte des Tempelschlafs ist den Chinesen bekannt.

~Die Chirurgie~ hat sich bei dem Mangel an anatomischen Kenntnissen und
der nationalen Blutscheu nicht über die primitivste Stufe erhoben; ~die
Geburtshilfe~ blieb nahezu ausschließlich den Hebammen vorbehalten.

    Das chirurgische Instrumentarium der chinesischen Aerzte besteht
 aus schlecht angefertigten, rohen Werkzeugen, welche eher für
 einen Schuhflicker als für einen Wundarzt passen. -- Die Behandlung
 der Frakturen und Luxationen steht, entsprechend den anatomischen
 Kenntnissen, auf primitiver Stufe; schwierigere Lagekorrektionen
 werden unterlassen, die Hauptsache des Heilverfahrens bildet ein
 klebendes Pflaster und die Immobilisierung durch Bambusschienen
 und Binde; bei den mit offenen Wunden komplizierten Knochenbrüchen
 streut man nach versuchter Reposition auf die Wunde ein heilendes
 Pulver und bedeckt sie mit einem frisch geschlachteten Hühnchen,
 aus dem vorher alle Knochen entfernt worden sind. Zur Stillung von
 Blutungen benützt man Styptika und Bandagen. Oberflächliche Abszesse
 werden (unzureichend) inzidiert, aber erst nachdem viel Zeit mit
 der beabsichtigten Reifung (durch Auflegen eines Präparates von
 getrockneten Kröten oder Bleiglätte etc.) verloren gegangen ist.
 Da die Ansicht vorherrscht, es werde bei allen Verletzungen auch
 die Leber in einen krankhaften Zustand versetzt, so kommt außer dem
 äußeren, zumeist auch ein inneres Heilverfahren zur Anwendung (bei
 Frakturen z. B. interner Gebrauch von Knabenurin). Zur Heilung von
 Geschwüren dienen Salben; die Kauterisierung mit dem Glüheisen zieht
 man bei alten Geschwüren (sowie gegen den Biß toller Hunde) heran.
 Bemerkenswert ist es, daß die Chinesen einerseits bei dem Mangel
 größerer Industrieanlagen weniger Unfällen ausgesetzt sind, anderseits
 eine größere Toleranz gegen Verletzungen und Operationen als die
 Europäer besitzen, wie dies namentlich bei komplizierten Frakturen
 hervortritt.

   Ueber die Methode, mit welcher ~die Kastration~ vorgenommen wird,
 gibt es zwei verschiedene Berichte. Nach dem einen Bericht macht man
 die Geschlechtsteile durch Kneten im heißen Bade oder bestimmte Mittel
 unempfindlich, wickelt sodann Penis und Skrotum sehr fest wurstförmig
 ein und schneidet die Organe dicht vor dem Schambogen mit einem
 Schnitte ab, während auf die Wunde eine Handvoll styptischen Pulvers
 gedrückt wird. Nach der mittels Kompression bewirkten Blutstillung
 und Einführung eines nagelförmigen Stöpsels in die Harnröhre legt
 der Operateur den Verband an und läßt denselben 3 Tage lang liegen,
 während welcher Zeit der Operierte nichts trinken darf. Eine andere
 Angabe schildert die unblutige Methode, die darin besteht, daß
 man durch allmählich verstärkte Torsionen und Ligaturen (mittels
 Seidenfäden) Gangrän der unempfindlich gemachten Genitalorgane
 herbeiführt; die Abstoßung erfolgt nach 15-20 Tagen, die Heilung nach
 2 Monaten. -- Die künstliche ~Verkrüppelung der Füße~ der Chinesinnen
 kommt dadurch zu stande, daß etwa vom 7. Lebensjahre an, durch sehr
 fest angelegte Binden die vier äußeren Zehen untergebogen und das
 Fersenbein senkrecht gestellt wird.

   Die ~Zahnheilkunde~ liegt im argen; reizende Pasten, Moxe und
 Akupunktur bilden die Hauptmittel, höchstens locker gewordene Zähne
 werden mit hebelartigen Instrumenten extrahiert. ~Die Augenheilkunde~
 kennt einige Operationsmethoden (z. B. Paracentese der vorderen
 Kammer) und verfügt über viele oft höchst absonderliche Heilsubstanzen
 (z. B. Chelidonium mit Bocksgalle oder Frauenmilch, Moskitoaugen mit
 Fledermausexkrementen gegen entzündliche Prozesse); die Behandlung
 der Refraktionsanomalien mit korrigierenden Gläsern wird seit
 Jahrhunderten geübt.

   Die •allgemeine Anästhesie• ist den Chinesen bekannt und wird
 erzeugt durch Eingeben eines narkotischen Absuds, z. B. von Akonit.
 Angeblich soll man die künstliche Herbeiführung von Schmerzlosigkeit
 durch einschläfernde Arzneitränke (Ma-yo, vielleicht Hanfpräparat)
 schon in alten Zeiten gekannt haben, und von dem im 3. Jahrhundert
 n. Chr. lebenden Arzte Hoa-tho (Chua-to) wird -- freilich wenig
 glaubwürdig -- erzählt, daß er mit Hilfe der Narkose Amputationen,
 Trepanationen und andere große Operationen ausgeführt habe.

    Der Mangel an anatomisch-physiologischen Kenntnissen tritt auch
 in der ~Geburtshilfe~ deutlich zu Tage, welche zwar über manche
 zweckmäßige Maßnahmen und Handgriffe verfügt, im wesentlichen aber auf
 haltlosen Vorurteilen aufgebaut ist. Die Tätigkeit der Aerzte wird nur
 selten in Anspruch genommen und erstreckt sich bloß auf die Verordnung
 innerer Mittel (gegen Krämpfe, Schmerzen, ja sogar zur Verbesserung
 der Kindeslage!); die Erleichterung des Geburtsaktes sollen
 verschiedene Arzneitränke bewirken, zu deren Bestandteilen neben
 rationellen Ingredienzien (z. B. Mutterkorn) auch ganz merkwürdige
 Substanzen, wie Fledermausexkremente mit Kinderurin, gewählt werden.
 Gerade die eingreifenden Handgriffe bei schwierigen Entbindungen
 sind den Hebammen zugewiesen: Prozeduren zur Verbesserung der
 Kindeslage, Reposition des vorgefallenen Armes, Extraktion, Entfernung
 des abgestorbenen Kindes mittels eines eisernen Doppelhakens nach
 eventuell vorgenommener Zerstückelung. -- Der Schwangeren ist
 eine bestimmte Diät (kühle und ölhaltige Speisen) vorgeschrieben;
 der Kreißenden wird angeraten, von Zeit zu Zeit langsam im Zimmer
 herumzugehen, damit die Wendung der Frucht erleichtert werde (nach
 chinesischer Ansicht stellt sich die Frucht erst zuletzt mit dem Kopfe
 nach unten!); mit Beginn der stärkeren, austreibenden Wehen sucht man
 die Kreißende in einer halbgebeugten Stellung zu erhalten und bringt
 unter sie ein hölzernes Becken, um das Kind aufzufangen; die Wöchnerin
 muß mindestens 3 Tage im Bette in erhöhter Lage zubringen, ihre
 Nahrung besteht aus Hirse und Reiswasser, 14 Tage darf sie sich nicht
 waschen und kämmen, innerlich wird ihr zur Beseitigung des schlechten
 Blutes eine Tasse von Urin eines 3-4jährigen Kindes, zur Bekämpfung
 der Anämie getrocknete Placenta verabreicht; dem Neugeborenen setzt
 man auf das Nabelschnurende am 4. Tage eine Moxe oder kauterisiert
 mit Meerrettich, das Stillen dauert bis zum 3. Lebensjahr des Kindes;
 außer diesen und anderen Maßnahmen ist die Pflege der Wöchnerin und
 des Neugeborenen noch einer Unmenge von Vorschriften unterworfen, die
 dem traditionell geheiligten Mystizismus der Hebammen entspringen. --
 Trotz gesetzlicher Verbote ist der künstliche Abortus sehr verbreitet
 und wird durch vielerlei Mittel (z. B. Aufstreuen pulverisierter
 Rindsläuse oder Applikation von Blutegeln auf den Gebärmutterhals)
 angestrebt. -- Ueber die Kindeslagen und die Krankheiten der Säuglinge
 handeln eigene Spezialwerke.

Obzwar schon die älteste chinesische Literatur zum Teil sehr
vernünftige Lebensregeln, z. B. hinsichtlich der richtigen Verteilung
von Arbeit und Ruhe, der angemessenen Regulierung von Speise, Trank und
Kleidung, je nach der Jahreszeit u. a., enthält -- ist die öffentliche
~Hygiene~ ein unbekannter Begriff. Der Unrat in den Straßen der
Hauptstädte illustriert die mangelnde Vorsorge hinlänglich.

   In dem Werke Tschang-Seng = langes Leben (von dem Jesuitenpater
 D'Embrecolles ins Französische übertragen) wird unter anderem
 empfohlen: immer früh aufzustehen, vor dem Verlassen der Wohnung
 zu frühstücken, vor dem Essen ein wenig Tee zu trinken, zur
 Mittagsmahlzeit gut gekochte, nicht zu salzige Speisen zu nehmen,
 langsam zu essen, nachher 2 Stunden lang schlafend auszuruhen, Abends
 nur wenig zu genießen, vor dem Schlafengehen den Mund mit Teeaufguß
 auszuspülen und die Fußsohlen sich durch Reiben erwärmen zu lassen.

~Die gerichtliche Medizin~ der Chinesen sieht auf ein hohes Alter
herab und ist durch einen offiziellen Kodex geregelt, welcher aus dem
Jahre 1248 n. Chr. stammt, also aus einer Zeit, da es in Europa noch
kein entsprechendes Werk gab.

    Der Titel desselben lautet Si-yuen-luh, d. h. Sammlung der
 Verfahren, mit deren Hilfe man ein Unrecht rächt. Das Werk zeichnet
 sich zwar durch Präzision der Angaben aus, ist aber anderseits wegen
 des bindenden Charakters seiner dogmatisch festgehaltenen Thesen dazu
 geschaffen, zu Mißgriffen der Rechtspflege zu führen, Justizmorde
 zu decken. Es zerfällt in 5 Bücher, von denen das erste über die
 tödlichen Verletzungen, Leichenbesichtigungen, den kriminellen Abortus
 und Kindsmord handelt, das zweite den Selbstmord, den Tod durch
 Erhängen, Ertrinken und Verbrennen bespricht, während das dritte und
 vierte die Kennzeichen der Vergiftungen angeben und das letzte Buch
 eine allgemeine Darstellung über gerichtliche Untersuchungen enthält.

Wie alles übrige in China, kennzeichnet sich auch ~die gerichtliche
Medizin~ durch ein pedantisches, an nebensächlichen Details haftendes,
gelehrt schillerndes Wesen, wobei die wahrhaft gründliche Untersuchung
der scholastischen Spiegelfechterei nachsteht. Richtiges praktisches
Denken und phantastische Spekulation sind -- gerade auf diesem
Gebiete in gemeingefährlicher Weise -- dicht durcheinander gemischt.
Die gerichtliche Leichenbeschau ist bei zweifelhaften Todesursachen
obligatorisch; das Regulativ der Leichenbeschauer ist peinlichst genau
festgesetzt, aber -- Sektionen gibt es nicht, und die schwerwiegendsten
Folgerungen stützen sich auf äußere Besichtigung oder auf solche
Versuche, welche oft sehr zweideutig oder gar rein phantastisch zu
nennen sind.

   Einige Proben sind folgende. Nicht deutlich sichtbare Wunden können
 am Leichnam sichtbar gemacht werden durch Aufgießen von Essig und
 durch Betrachtung im Sonnenlicht, das man auf ein Stück mit Oel
 getränkter Seide fallen läßt. Von einem Messer entfernte Blutspuren
 erscheinen wieder, wenn man das Eisen bis zur Rotglut erhitzt und
 Essig aufgießt. Die Verwandtschaft zweier Personen ist erwiesen,
 wenn die ihnen entnommenen Blutproben im Wasser zusammenfließen;
 zur Agnoszierung des Skeletts ihrer Eltern lassen die Kinder auf
 dasselbe ihr Blut tropfen, dringt dieses in die Knochen ein, so sind
 es die elterlichen. Ein Schlag auf das Seil, an welchem ein Erhängter
 baumelt, spricht bei Erzittern des Seils für Selbstmord, andernfalls
 für Mord. Um Vergiftungen zu konstatieren, bringt man eine (vorher
 in einem Aufguß von Mimosa saponaria gewaschene) silberne Nadel
 in den Mund der Leiche und stopft mit Papier zu; wird die Nadel
 nach einiger Zeit blauschwarz und bleibt es auch beim Abwaschen,
 so ist die Vergiftung erwiesen; dasselbe ist der Fall, wenn ein
 Huhn zu Grunde geht, dem man von Reis, der 24 Stunden im Munde der
 Leiche gelegen hat, zu fressen gibt. Als Zeichen, daß im Wasser tot
 aufgefundene Personen lebend hineingekommen sind, werden angesehen:
 stark aufgetriebener Leib, am Kopfe klebendes Haar, Schaum vor dem
 Munde, steife Hände und Füße, weiße Fußsohlen, Sand unter den Nägeln.

Die Stabilität der chinesischen Medizin ist gewiß nur dadurch
vorgetäuscht, daß wir über die Phasen ihres Werdeprozesses ungenügend
orientiert sind. Zur Fixierung der medizinischen Theorie mit dem
Charakter vollkommener Geschlossenheit konnte es nur auf dem Wege
einer sehr langen Entwicklung kommen, deren Endresultate von der
nationalen Tradition freilich sehr weit zurückdatiert wurden. Hie und
da aber verrät die bekannt gewordene Literatur (z. B. hinsichtlich
der Pathogenese, Krankheitsklassifikation oder Pulslehre) das Bestehen
abweichender Lehrmeinungen und läßt die Reste überwundener Doktrinen
hindurchleuchten. Der gegenwärtige Zustand ist jedenfalls als Decadence
zu bezeichnen, wie von chinesischen Autoren selbst zugestanden wird.


   Der Verfall findet seinen deutlichsten Ausdruck in den
 traurigen Unterrichtsverhältnissen, die höchstens den Schatten
 einer einst blühenden Organisation darstellen. Während es zur
 Zeit der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.) im ganzen Reiche stark
 frequentierte, von Forschern geleitete Schulen gab, und während das
 Prüfungswesen seit dem 13. Jahrhundert festen Normen unterworfen
 war, existiert heute nur ein kaiserlicher Medizinalhof in Peking,
 mit der Bestimmung, durch theoretischen Unterricht Amts-, Hof-
 und Leibärzte heranzubilden, und die ärztliche Praxis gilt als
 freies Gewerbe, ohne Prüfungszwang, das jeder -- oft nur als
 Nebenbeschäftigung oder aus Liebhaberei -- ausüben kann. Um den
 Unterricht und den Befähigungsnachweis kümmert sich die Regierung
 nicht; die Fortentwicklung der Wissenschaft aber unterbinden der
 Medizinalhof (welcher als Hüter der alten medizinischen Klassiker
 für die Einhaltung der Lehren der Schulmedizin sorgt) und das
 Strafgesetz, welches jede Abweichung von dem Kanon aufs strengste
 bedroht. Mit Ausnahme der Mitglieder des Medizinalhofes, die den
 Rang von Mandarinen (7.-4. Klasse) besitzen, gehören die Aerzte
 (I-scheng = Herr Arzt) zum Volke und stehen sozial zwar über den wenig
 angesehenen Priestern, aber unter den Geomanten und Schullehrern.
 Die reguläre Ausbildung erfordert es, daß sich der Kandidat
 zuerst hinreichende theoretische Kenntnisse aus den medizinischen
 Klassikern erwirbt, sodann unter Leitung eines erfahrenen Praktikers
 die Krankenuntersuchung (namentlich das Pulsfühlen) und die
 Behandlungsweise erlernt; 2 Jahre sind hierzu mindestens erforderlich.
 Am meisten Vertrauen bringt man jenen entgegen, die aus Aerztefamilien
 stammen, die väterliche Unterweisung genossen haben und auf die
 größte Zahl von Berufsahnen hinweisen können. Zu den Nachkommen aus
 Aerztefamilien, deren es viele gibt, gesellt sich eine Unmenge von
 Literaten, die im Staatsdienst keine Versorgung finden und daher
 zu einem anderen Erwerb greifen müssen, abgesehen von Autodidakten
 und Scharlatanen aller Art. Das Spezialistentum ist in China sehr
 entwickelt, es gibt Aerzte für innere, äußere und Kinderkrankheiten,
 daneben solche für Frauen-, Augen-, Zahnkrankheiten, Ausschläge etc.
 Offiziell waren unter der Ming-Dynastie 13 Zweige der Heilkunst
 anerkannt, später wurden dieselben auf 11, gegenwärtig auf 9
 reduziert: 1. Krankheiten der großen, 2. Krankheiten der kleinen
 Blutgefäße, 3. Fieber, 4. Frauenkrankheiten, 5. Hautkrankheiten, 6.
 Fälle von Akupunktur, 7. Augenleiden, 8. Hals-, Mund-, Zahnleiden,
 9. Knochenleiden.

   Ständige Hausärzte haben nur die Mandschu. Im allgemeinen ist
 das Honorar sehr gering und wird oft pauschaliter oder für die
 verabreichten Medikamente entrichtet. Die Literaten behandeln sich
 meistens selbst nach den Büchern, außer in schweren Fällen. Das
 Volk, welches dem Stande hohe Achtung entgegenbringt (man spricht
 von dem „Meister der Medizin“, dem „erhabenen Heilkünstler“ etc.),
 sucht ärztliche Hilfe häufig auf. Ständige Hausärzte haben aber
 nur die Mandschu, sonst besuchen die Aerzte die Kranken nicht
 fortlaufend, sondern nur auf wiederholte Einladung -- eine Sitte,
 die natürlich eine wirkliche Beobachtung des Krankheitsprozesses
 und der Arzneiwirkung unmöglich macht. Den wichtigsten Teil des
 Krankenbesuchs, der gewöhnlich Morgens abgestattet wird, bildet,
 abgesehen von den einleitenden Zeremonien der Etikette, die
 Pulsuntersuchung, während der Anamnese weit weniger Aufmerksamkeit
 zugewendet wird.

    Was die ärztliche Ethik anlangt, so heißt es in einem zur Zeit
 der Ming-Dynastie verfaßten Werke: Der Arzt soll stets folgendes
 beherzigen: „~Wenn jemand schwer krank ist, so behandle ihn, wie du
 selbst behandelt sein möchtest.~ Wenn dich jemand zur Konsultation
 ruft, so gehe unverzüglich zu ihm und säume nicht. Bittet er dich um
 Medizin, so gib sie ihm sofort und frage nicht erst, ob er reich oder
 arm ist. Brauche immer dein Herz, um Menschenleben zu retten und alle
 zu befriedigen, so wird dein eigenes Glücksgefühl gehoben. Mitten
 im Dunkel der Welt gibt es sicher einen, der dich beschützt. Wenn du
 Gelegenheit hast, zu einem akut Erkrankten gerufen zu werden und du
 nur mit aller Gewalt darauf bedacht bist, viel Geld herauszuschlagen,
 wenn du also dein Herz nicht in Nächstenliebe schlagen läßt, so gibt
 es im Dunkel der Welt sicher einen, der dich bestraft. Ich kannte
 einen ausgezeichneten Arzt, Chön-in-ming mit Namen. Die Buddhisten
 und Taoisten, arme Bücherleser und Soldaten, Mandarine, Beamte
 und alle Klassen von Armen kamen zu ihm, um sich von ihm heilen zu
 lassen. Von keinem nahm er Honorar an. Ja, er gab ihnen sogar eine
 Geldunterstützung und Reis. Auch zu den ärmsten Patienten ging er,
 wenn er gerufen wurde. Gaben ihm reiche Leute ein Honorar für seine
 Medikamente, so fragte er nicht, ob viel oder wenig. Er versah sie
 reichlich mit Heilmitteln, um sie sicher zu kurieren. Auch kalkulierte
 er nicht in seinem Herzen, daß sie noch einmal kommen sollten, um ihn
 für eine neue Gabe Medizin noch einmal zu bezahlen. Schwerkranken,
 von denen er wußte, daß sie nicht mehr gerettet werden konnten, gab
 er doch gute Mittel, um ihr Herz zu trösten, und nahm dafür keinen
 Lohn. So kann man mit Recht sagen, daß er unter allen Aerzten an
 erster Stelle steht. Als eines Tages mitten in der Stadt eine große
 Feuersbrunst ausbrach, welche alles verzehrte, da war sein Haus das
 einzige, welches inmitten der Verwüstung verschont blieb. Einst brach
 eine große Rinderpest aus. Da blieben von allen Wasserkühen nur die
 auf seinem Lande am Leben. Die Geister schützten ihn und waren seine
 Hilfe, das ist klar erwiesen. Sein Sohn war ein Bücherleser und war
 stets der erste, den man weiter empfehlen konnte. Er hatte auch zwei
 oder drei Enkel, groß und stark, strotzend von Gesundheit, prächtige
 Burschen. Der Himmel segnet die Tugendhaften, das steht fest. Würde
 er stets nach Geld getrachtet und nicht sein Herz gefragt haben, so
 hätte er alles verloren. Was er zusammengescharrt hätte, würde nicht
 genügen, seinen Verlust zu decken. Wie sollten sich die Kollegen da
 nicht warnen lassen? Wenn sie immer mit ganzem Herzen ihrem Beruf
 nachgehen, so werden sie einst an den reinen Ort kommen und werden
 ein Leben erster Klasse führen. Falls jemand krank ist oder einen
 Kummer hat und von seinem Arzt ermahnt wird, an den Ort der Seligen
 zu denken, so wird er ihm gewiß Glauben schenken. Der Kranke wird ein
 großes Gelübde ablegen, gutes zu tun oder zu verbreiten, um seine
 früheren Sünden so wieder gut zu machen. So hofft er, daß er von
 seiner Krankheit wieder genesen wird. Sicher wird sich dann erfüllen,
 um was er gebeten hat. Wenn ihm aber doch bestimmt ist, zu sterben, so
 wird sein Wunsch auch erfüllt werden, denn er geht heim und lebt am
 Orte der Seligen. Wenn du, selbst gut, immer die Menschen ermahnst,
 sich zu bessern, so wirst du nach diesem Leben in der Metamorphose
 nicht nur zur ersten Klasse der Menschen gehören, nein, es werden
 auch die Menschen auf der Welt dich ehren und preisen. So wird Glück
 ohne Ende dich begleiten.“

Der Einfluß der chinesischen Medizin erstreckt sich über die Grenzen,
welche das Reich der Mitte umschließen. Er läßt sich z. B. in der
Heilkunst der ~Annamiten~ und ~Siamesen~ nachweisen, deren Kenntnisse
allerdings im allgemeinen die Höhe ihrer Lehrmeister nicht zu erreichen
vermochten.

    In Annam werden chinesische Aerzte den einheimischen vorgezogen,
 die medizinischen Werke sind Kompilationen aus der chinesischen
 Literatur; in dem Hauptwerke der siamesischen Medizin heißt es, daß
 die Frau fünf Blutarten besitze, von denen eine jede zu Krankheiten
 führen könne. Die Heilkunde beider Völker enthält übrigens -- da die
 Buddhisten Vermittler waren -- viel Indisches neben der autochthonen
 Empirie und Theurgie. Gleich den ~Malaien~ schreiben die Siamesen
 die meisten Krankheiten dem Winde oder dem Ueberwiegen eines der den
 Körper konstituierenden Elementarstoffe (Luft, Feuer, Wasser, Erde)
 zu.

Im Norden bildete ~Korea~, welches die beste Sorte der Ginsengwurzel
liefert, eine Hauptkolonie für die chinesische Heilkunst, zugleich
aber das Vermittlungszentrum zur Verbreitung nach Japan.

Bevor nämlich die europäische Kultur im Lande des Mikado Einlaß
fand, bedeutete China für Japan das, was Hellas einst für Rom
gewesen: die Quelle aller höheren Gesittung und Bildung. Lange Zeit
empfing „das Land der aufgehenden Sonne“ die Keime chinesischer
Wissenschaft und Religion, Kunst und Technik nur auf dem Umweg über
Korea, mit dem es in nächster Beziehung stand; erst der Umschwung
der politischen Verhältnisse bahnte den direkten Verkehr zwischen
den beiden bedeutendsten Völkern Ostasiens. Dieser Verkehr gab auch
der chinesischen Heilkunst eine neue Heimstätte in Japan, wo sie im
9. Jahrhundert die einheimische Medizin völlig verdrängte und nicht
ohne eigenartige Weiterentwicklung bis in das letzte Drittel des
verflossenen Jahrhunderts herrschend blieb.

   Was die europäische Medizin in neuester Zeit in Japan überwunden
 hat, ist im wesentlichen nichts anderes als chinesische Medizin.
 Vor und eine Zeitlang neben dieser gab es eine uralte autochthone,
 ~altjapanische~ Heilkunde, welche frei von Spekulationen, gestützt
 auf primitive Beobachtung, eine ansehnliche Zahl von Affektionen
 unterschied und über einen umfangreichen, meist aus einheimischen
 Arzneipflanzen bestehenden, Heilschatz gebot. Nach der Legende waren
 es zwei Götter, welche viele Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung
 die Heilkunde einführten, indem sie die Bereitung von Arzneien
 lehrten; in dieser mythischen Epoche sollen sogar Tierversuche
 mit Medizinalpflanzen und anatomische Zergliederungen an Affen
 vorgenommen worden sein. Die altjapanischen Aerzte kannten vier
 Pulsarten, stellten ihre Diagnosen auf Grund von Beobachtung, Befragen
 und Befühlen, beherrschten die einfachsten chirurgischen Methoden
 (Schnitt, Verband) und verordneten bittere, adstringierende Substanzen
 gegen Durchfall, diuretische gegen Harnleiden, kalte Bäder gegen
 Fieber, Schwitzmittel gegen Erkältungskrankheiten. --

    Die Invasion der chinesischen Medizin begann (abgesehen von
 vereinzelten Versuchen, deren Beginn bis auf das 2. vorchristliche
 Jahrhundert zurückdatiert wird) im 3. Jahrhundert n. Chr. Von dieser
 Zeit an entwickelte sich nämlich ein sehr lebhafter Verkehr mit Korea,
 der als bedeutungsvollste Frucht chinesische Kultur und damit auch
 die chinesische Heilkunst (wenn auch aus zweiter Hand) nach Japan
 brachte. Berief anfangs zwar nur der Hof die fremden Heilkünstler,
 so kamen doch unter seinem Schutze immer häufiger, immer zahlreicher,
 koreanische Aerzte ins Land, um als Instruktoren zu wirken und junge
 Talente mit der chinesischen Wissenschaft vertraut zu machen -- ein
 Bestreben, das durch die einwandernden chinesischen Buddhisten gewiß
 sehr gefördert wurde. Ende des 7. Jahrhunderts fing man bereits an, in
 der Hauptstadt und in den Provinzen Medizinschulen unter koreanischer
 Leitung zu errichten und mit staatlicher Unterstützung strebsame junge
 Leute nach China zu Studienzwecken an Ort und Stelle zu entsenden.
 Hierdurch erhielt die chinesische Medizin in Japan einen offiziellen
 Charakter, während die einheimische zunehmend an Geltung verlor, in
 die kulturfremden Dörfer, in das Dunkel der Schintotempel flüchtete
 und zur -- Volksmedizin herabsank. Zeitweilig mag es zwar nicht an
 nationalen Reaktionsbewegungen gefehlt haben, und eine solche kam
 z. B. darin zum Ausdruck, daß im Beginn des 9. Jahrhunderts auf
 kaiserlichen Befehl eine Sammlung der altjapanischen Heilvorschriften
 und Rezepte veranstaltet wurde. Doch es war zu spät, das mit vieler
 Mühe herausgegebene Werk Daido-rui-schiu-ho (nach Klassen geordnete
 Rezeptsammlung aus der Periode Daido) blieb ein literarisches Denkmal
 ohne realen Einfluß und geriet überdies bald in Vergessenheit (erst
 im 19. Jahrhundert wurde es angeblich aufgefunden und ans Licht
 gezogen). Die chinesische Heilwissenschaft bürgerte sich vom 9.
 Jahrhundert an vollkommen ein; ein blühendes Unterrichtswesen (an dem
 sich auch die Frauen beteiligten) sorgte für ihren Bestand, und auch
 für ihre Beliebtheit im Volke wirkten die neu errichteten Hospitäler
 und Anstalten, wo Arzneien an Arme verteilt wurden. Während der
 schrecklichen Bürgerkriege, welche vom 12. bis zum 16. Jahrhundert
 das Land zerwühlten, verfiel die Medizin zwar sehr, ohne aber würdiger
 Vertreter ganz zu entbehren. Im Beginn des 16. Jahrhunderts erwachte
 sie aus ihrer Erstarrung und wiewohl im allgemeinen die Richtung der
 chinesischen Lehrmeister noch lange Zeit maßgebend blieb, so erkühnten
 sich doch bereits einige ärztliche Denker, an den Doktrinen kritisch
 zu rütteln und neben der eigenen Erfahrung so manche Ueberbleibsel
 aus der altjapanischen Medizin wieder zur Geltung zu bringen.

   In der älteren Zeit widmeten sich dem ärztlichen Berufe in Japan
 fast nur die Angehörigen der vornehmsten Kreise, aus dem niederen
 Stande höchstens alte Leute. Das im Anfang des 17. Jahrhunderts
 eingeführte Feudalsystem, das erst 1868 sein Ende fand, unterschied
 Fürstenärzte und Volksärzte. Die ersteren, streng hierarchisch
 gegliedert (Aerzte des Mikado, des Shogun, der Daimio), gingen aus
 der Adelskaste hervor und setzten sich aus den zum Kriegsdienst
 untauglichen Mitgliedern derselben zusammen; letztere gehörten dem
 gemeinen Volke an. Beide besaßen dieselbe (langärmlige) Amtstracht,
 die Fürstenärzte trugen aber das auszeichnende Schwert, später eine
 Scheinwaffe. Während die Fürstenärzte je nach dem Range feste Bezüge
 hatten und mit allerlei Titeln dekoriert wurden, lieferte man die
 Volksärzte der Großmut der Patienten aus, indem man die Bestimmung des
 Honorars diesen gesetzlich überließ. „Wenn die Jünger der Heilkunde
 auch,“ so hieß es, „die Krankheiten geschickt heilen und Erfolge
 haben, so dürft Ihr ihnen doch keine großen Einkünfte verleihen, denn
 sie würden dann ihren Bedarf vernachlässigen.“ Das durchschnittliche
 Honorar betrug das 2-4fache des Medikamentenpreises, der den Aerzten
 außerdem für die stets selbstbereiteten Arzneien erstattet wurde. Um
 zu seinem Rechte zu gelangen, konnte sich der bedrückte schutzlose
 Arzt nur einer Waffe bedienen -- der Schmeichelei. Diese konnten
 schon die Jünger der Heilkunde erlernen, wenn sie ihren Meister bei
 seinen Krankenbesuchen -- wie es üblich war -- begleiteten.

Wenig begabt, eine selbständige Kultur zu schaffen, hingegen
ungewöhnlich befähigt für die Assimilation fremder Bildungselemente,
eigneten sich die Japaner sehr rasch das Wesentlichste der
chinesischen Medizin aus den Hauptwerken an und produzierten
eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur, welche vollkommen
den Vorbildern entspricht. In der Theorie konnte die japanische
Geisteseigentümlichkeit, abgesehen von textkritischen Erörterungen oder
erklärenden Zusätzen, wenig zur Geltung kommen -- denn die Fesseln des
chinesischen Systems machen eine weitere Entwicklung der Spekulation
unmöglich --; die Praxis aber, welcher die japanischen Aerzte bei
ihrer realistischen Veranlagung ohnedies gewiß das meiste Interesse
entgegenbrachten, scheint wenigstens hie und da eine eigene, lokale
Färbung angenommen zu haben, wobei die Traditionen der verblaßten
autochthonen Heilkunde den Hintergrund bildeten. Dahin zählten z. B.
die häufige Anwendung von schweißtreibenden Mitteln bei Katarrhen
und der Gebrauch von heißen Bädern, wobei namentlich die heißen
Mineralquellen des Landes in Betracht kommen.

   ~Die Moxibustion~ (mit Artemisia vulgaris auch zu prophylaktischen
 Zwecken vorgenommen) und ~die Akupunktur~ (Drehnadeln oder mit
 Kanüle versehene Schlagnadeln) sind auch in China die beliebtesten
 therapeutischen Methoden, desgleichen ~die Massage~ (Streichen,
 Drücken, Kneifen, Zupfen), welche mit großer Geschicklichkeit und nach
 gewissen theoretischen Grundsätzen ausgeführt wird; für die Akupunktur
 gibt es eigene Spezialisten, die Moxen werden nicht von Aerzten
 gesetzt, sondern von niedrigen Leuten (besonders alten Weibern), die
 Massage besorgen am besten blinde Kneter. Der Arzneischatz ist nach
 dem Muster des chinesischen zusammengestellt; die Chirurgie blieb auf
 primitiver Stufe (plumpe Verbände, Salben- und Pflasterbehandlung,
 keine blutigen Operationen), bevor die europäische einwirkte;
 eigenartig ist die japanische Zahnextraktion (zuerst Lockerung mittels
 eines hölzernen Stöckchens und eines Hammers, dann Extraktion mit
 den Fingern).

Seit dem 16. Jahrhundert begannen allmählich Emanzipationsbestrebungen
hervorzutreten, und zunächst zeigt sich wenigstens bei einzelnen
guten Beobachtern oder in einzelnen Gebieten der Medizin eine gewisse
Unabhängigkeit vom Dogmatismus der Chinesen. Repräsentanten der neuen
Richtung waren Manase Shokei und sein Schüler Tamba (welche Hitze
und Feuchtigkeit als wichtigste Krankheitsursachen betrachteten,
die Kuren mit Schwitzmitteln eröffneten und auf die Untersuchung des
Harns sowie der Fäces den größten Wert legten), ganz besonders aber
der große ~Nagata Tokuhon~. Dieser treffliche Beobachter -- dem man
geradezu das Ehrenprädikat eines japanischen Hippokrates beilegen
sollte -- betrachtete die Natur als den größten Arzt und vereinfachte
die komplizierte Therapie, ausgehend vom Gedanken, daß es im Wesen
nur darauf ankomme, die Naturheilkraft (riyō-no) zu unterstützen.
Bei dieser freien Auffassung kam er natürlich mit dem chinesischen
Formelzwang häufig in Konflikt und erkühnte sich beispielsweise,
Fieberkranken den Genuß von kaltem Wasser zu gestatten. Tiefe
Menschenkenntnis verrät es auch, daß Nagata Tokuhon Nervenkranke nicht
mit Arzneien plagte, sondern durch die psychische Beeinflussung zu
heilen suchte, nachdem er die Ursache des Leidens ergründet hatte: zum
Landmann sprach er vom fruchtbaren Regen, zum Mädchen von zukünftiger
Heirat, zur Frau von der baldigen Rückkehr des abwesenden Gatten.

   Hier sei erwähnt, daß die von den Priestern des Shintoismus und
 des Buddhismus vertretene theurgische Behandlungsweise zwar in der
 älteren Epoche und späterhin bei den unteren Volksschichten eine
 Rolle spielt, ohne aber jene Bedeutung wie in China zu erreichen.

Eine von der chinesischen ganz unabhängige, selbständige Ausbildung
erfuhr im 18. Jahrhundert ~die Geburtshilfe~, hauptsächlich deshalb,
weil sie der allgemeinen Praxis entzogen, in den Händen von eigenen
Spezialisten lag, die zum Teil auf rationellen Gebräuchen der
altjapanischen Medizin weiterbauten.

   Schon in Altjapan wandte man der Behandlung Schwangerer größte
 Sorgfalt zu. Es gab ein besonderes Geburtszimmer, in dem die Frau 3
 Wochen vor und 3 Wochen nach der Geburt verweilte. In der zweiten
 Hälfte der Schwangerschaft (und 5 Wochen nach der Entbindung)
 wurde eine zweckmäßige Leibbinde getragen, und durch Reibungen des
 Unterleibs auf die richtige Lage des Kindes einzuwirken versucht.
 Während der Geburt und in den ersten 8 Tagen nach derselben kam
 ein besonderer Geburtsstuhl zur Anwendung. Seit der Mitte des
 18. Jahrhunderts nahm die Geburtshilfe bedeutenden Aufschwung
 durch den ehemaligen Kneter und Akupunkturisten Kagawa Shigen.
 Derselbe veröffentlichte 1765 ein grundlegendes Spezialwerk
 San-ron (Abhandlung über die Geburt), in welchem er viele falsche
 Anschauungen der Chinesen bekämpfte und manche gute Beobachtungen,
 untermischt mit Vorurteilen, zusammenfaßt. Durch die Nachkommen
 des Kagawa Shigen fanden die rationellen Bestrebungen eine würdige
 Fortsetzung. Zu erwähnen wären folgende Einzelheiten: Geburtsstellung:
 Knieellenbogenlage; Dammschutz; doppelte Ligatur der Nabelschnur,
 Durchschneidung mit der Schere; Styptikum: Galläpfelpulver; Entfernung
 der zögernden Nachgeburt durch Reiben des Unterleibs und Ziehen
 am Nabelstrang, eventuell instrumentelle Extraktion; Stillen erst
 vom 4. Tage an. Operationen: Extraktion bei Fußlage, Wendung auf
 den Kopf durch äußere und innere Handgriffe, Wendung auf den Fuß
 durch äußere und innere Handgriffe, Perforation und Dekapitation
 (mit einem scharfen Schlüsselhaken). Seit dem Anfang des 19.
 Jahrhunderts verwendeten die japanischen Geburtshelfer zur Extraktion
 die Fischbeinschlinge. Ob das geburtshilfliche Instrumentarium auf
 europäischen Einfluß zurückzuführen ist -- wiewohl derselbe erst seit
 der Mitte des 19. Jahrhunderts von Hindernissen aller Art befreit
 wurde -- oder unabhängig davon erfunden worden ist, bildet noch eine
 Streitfrage.

Derart vorbereitet, wurde Japan bald ein empfänglicher Boden für die
europäische Medizin, und wenn diese auch infolge außerordentlicher
Hindernisse nicht vor den drei letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts
zur Herrschaft gelangte, so lassen sich doch weit früher die Etappen
ihres allmählichen Vordringens, das mit der Missionstätigkeit der
Portugiesen begann und mit der Gründung der medizinisch-chirurgischen
Akademie in Tokio (1871), nach deutschem Muster, die Höhe erreichte,
deutlich erkennen. Heute hat die japanische Medizin ihre Sonderstellung
aufgegeben, sie ist ein würdiges Mitglied im Bunde der Weltmedizin
geworden.

    Die Japaner nahmen einstens die chinesische Kultur zwar mit
 virtuoser Rezeptivität äußerlich an, in Ermangelung einer besseren
 und geblendet von ihrer Superiorität, aber im Innersten widerstrebte
 die bewegliche, leidenschaftliche Volksseele der „Franzosen
 des Ostens“ dem starren Formalismus, dem stetigen Festhalten an
 vererbten Traditionen, der kalten, nüchternen Selbstzufriedenheit.
 Der mit feiner Beobachtungsgabe gepaarte Realismus, der regsame
 Forschungssinn, das schaffenslüsterne Erfindungstalent ließ
 die chinesische Unempfänglichkeit für äußere Einflüsse niemals
 ganz zur integrierenden Eigenschaft der Nation werden, wiewohl
 politische Motive lange Zeit die Abschließung gegen das Abendland
 als Notwendigkeit vorspiegelten. Die chinesische Kultur war nur ein
 Gewand, das die Japaner in Ermangelung eines besseren angenommen
 hatten und das sie ablegten, als die reiche Mannigfaltigkeit der
 europäischen Zivilisation ihren Nachahmungstrieb reizte. Sobald sie
 die Superiorität derselben erfaßt hatten, warfen sie sich ihr in die
 Arme mit einer Anpassungsfähigkeit, die das Erstaunen der ganzen Welt
 erregt! Gerade die europäische Medizin war es, welche durch Taten
 des Geistes und der Menschenliebe vielleicht zuerst die Bewunderung
 im fernen Osten erregte und den Weg zur Annäherung bahnte.

   Portugiesischen Aerzten, welche mit Missionären im Laufe des 16.
 Jahrhunderts ins Land kamen, danken die Japaner die Anfänge operativer
 Chirurgie: Eröffnung von Abszessen, Aufschneiden von Mastdarmfisteln
 u. a. Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Einfluß der
 Holländer maßgebend. Die Aerzte der holländischen Faktorei bei
 Nagasaki wirkten unausgesetzt unter den größten Schwierigkeiten
 als Pioniere, indem sie teils wißbegierige Jünger heranbildeten,
 teils Kranke behandelten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in
 Nagasaki die erste offizielle Medizinschule in europäischem Stile
 gestiftet. Längst vorher aber hatte die Saat, welche die Holländer
 ausgestreut, reiche Früchte getragen. Im Jahre 1775 erschien zum
 ersten Male ein anatomisches Werk in japanischer Sprache (Uebersetzung
 der holländischen Ausgabe der Anatomie des Joh. Ad. Kulmus);
 der Uebersetzer Sugita Gempaku hatte sich bei der Sektion einer
 Verbrecherin von der Richtigkeit der europäischen Anatomie und von der
 Unrichtigkeit der chinesischen Angaben überzeugt, durch Verbreitung
 der gewonnenen Kenntnisse wurde er gleichsam der Vesal seiner Heimat.
 Zu Anfang des 18. Jahrhunderts machte Hanaoka Shin Amputationen,
 Geschwulstexstirpationen und andere größere Operationen, wobei er sich
 der Narkose (intern Dekokt von fünf narkotischen Kräutern) bediente;
 sein Schüler Honma Gencho führte zuerst die Ligatur der Arterien aus.



Anhang.


   Mit der orientalischen Medizin teilt die ~Heilkunde der alten
 amerikanischen Kulturvölker~ manche Aehnlichkeit, und zwar erstreckt
 sich dieselbe nicht nur auf einzelne Encheiresen, sondern sogar auf
 die leitenden Systemgedanken.

   Diese merkwürdige Erscheinung steht insofern nicht isoliert
 da, als die gesamte Kultur der Maya, Azteken, Quiché und Inka
 zahlreiche Analogien zur orientalischen Welt darbietet - es sei nur
 beispielsweise an die Kultgebräuche, an das Kalenderwesen und die
 Astrologie, an die Schrift (peruanische Knotenschrift, aztekische
 Bilderschrift), an den Kunststil (Pyramiden, Hakenkreuz als Ornament)
 und an die staatlichen Einrichtungen (Kastenwesen im Inkareiche)
 erinnert.

    Relativ am besten bekannt ist bis jetzt die ~Medizin der Azteken~,
 welche jedenfalls zur Zeit der Eroberung Mexikos auf eine sehr lange
 Entwicklung zurückblickte. Die altmexikanische Heilkunst lag damals
 in den Händen eines selbständigen, Aerztestandes, der in Mediziner
 engeren Sinnes und Chirurgen zerfiel, von denen die Aderlasser
 eine niedrigere Kategorie bildeten; die Geburtshilfe übten die, in
 besonderem Ansehen stehenden Hebammen aus, das Sammeln der Simplicia
 besorgten Arzneikrämer, welche auf dem Markte ihre Heilkräuter,
 Salben und Wässerchen feilboten. Wo das empirische Können versagte,
 traten eigene Zauberärzte auf den Plan, welche Meister in der Technik
 des Suggestivverfahrens waren. Besonders hervorzuheben ist es, daß
 die alten Mexikaner Hospitäler (speziell für invalide Krieger) und
 Pflegestätten für Unheilbare besaßen.

   Der erste theoretische Unterricht dürfte in den Kollegien der
 Priesterschaft erteilt worden sein, welche als Trägerin des Kultus und
 der Wissenschaft (Himmelskunde, Astrologie, Geschichte, Naturkenntnis
 u. a.) die Erziehung leitete; die praktische Ausbildung, welche der
 Jünger meist vom Vater empfing, bezog sich auf die Krankheitslehre,
 Heilmittelzubereitung und Tätigkeit am Krankenbette. Besonders
 bemerkenswert ist es, daß die Mexikaner, bei denen die beschreibenden
 Naturwissenschaften zu bedeutender Blüte gelangten (die botanischen
 und zoologischen Klassifikationen sind höchst anerkennenswert,
 zur Förderung der Studien dienten unter anderem Menagerien),
 botanische Gärten besaßen, welche sich durch die Mannigfaltigkeit
 der Medizinalpflanzen auszeichneten; dieselben dienten den Aerzten zu
 Studienzwecken, und wie ernst man dabei verfuhr, beweist die Tatsache,
 daß man sogar kolorierte Pflanzenatlanten zusammenstellte. Wohl eher
 auf Kuriositätenliebhaberei als auf wissenschaftliche Bestrebungen
 ist es zurückzuführen, daß Montezuma sich in seinem Palast eine
 lebende pathologische Sammlung hielt, in Gestalt von Mißgeburten,
 Lahmen, Buckligen, Zwergen u. s. w. Ueber das Ausmaß der anatomischen
 Kenntnisse der Azteken läßt sich heute noch kein Urteil abgeben, da
 der als Quelle allein in Betracht kommende vorhandene anatomische
 Text eben erst bearbeitet wird.

   Die Mythologie der alten Mexikaner hatte einen stark medizinischen
 Anstrich, die Medizin wurde auf göttlichen Ursprung zurückgeführt,
 es gab eine eigene Göttin der Heilkunst, Personifikationen von
 Krankheiten oder Heilmitteln, Gottheiten, die bestimmte Krankheiten
 über die Menschheit brachten oder dieselben heilten. Feste zu Ehren
 der Götter, Gebete, Opfer, Sühnungen, Kasteiungen, Weihgeschenke
 dienten dazu, den Schutz der höheren Mächte zu erflehen oder ihren
 Zorn zu besänftigen. Eigentümlich war den Azteken die rituelle
 Blutentziehung aus den Ohren, den Augenlidern, der Nase, den Lippen,
 den Armen. -- Substitution der Menschenopfer, welche freilich zur
 Behebung von Seuchen auch in toto ausgeführt wurden. Die Ueberzeugung,
 daß die Krankheiten Strafen der Götter oder Wirkungen von feindseligen
 Zauberern (z. B. der „Wadenfresser“, der „Herzfresser“) sind, stützte
 natürlich die ~Theurgie~ und medizinische Magie, ganz besonders aber
 war -- wie bei den Orientalen -- die Geburtshilfe und Kinderheilkunde
 von mystischen Gebräuchen aller Art durchsetzt. Von Rationalismus
 zeugt anderseits die Lehre, daß gewisse Krankheiten durch Kälte
 und Feuchtigkeit, schädlichen Einfluß des Windes, Potus, durch das
 Trinken von über Nacht gestandenem Wasser, durch übermäßigen Koitus
 oder Ansteckung entstünden.

    Am Beginne der Kur gab man zumeist dem Patienten eine aus einer
 Nieswurzart bereitete Arznei, um Ausscheidung zu bewirken, woran sich,
 begleitet von Götteranrufung und allerlei religiösen Zeremonien, die
 eigentliche Behandlung reihte. Um zu entscheiden, ob die Krankheit
 heilbar oder unheilbar ist, ließ man den Patienten Nieswurzpulver
 aufschnupfen; trat Niesen ein, so galt dies als günstiges Zeichen
 (Prüfung auf die Erregbarkeit!). Der Arzt diagnostizierte wohl
 aus der Beobachtung der Symptome das Leiden und verfügte über eine
 erfahrungsmäßig erworbene Arzneikenntnis, den Hauptanhaltspunkt für
 Prognose und therapeutische Eingriffe bildete aber ~die Astrologie~,
 d. h. ~der Kalender~, der bei den alten Mexikanern als höchstes
 Orakel galt. Ganz wie bei den alten Kulturvölkern wurden Gestirne,
 bestimmte Tage, Körperteile und Heilmittel durch das System
 der ~Korrespondenzlehre~ in Zusammenhang gebracht; die unseren
 Tierkreisbildern vergleichbaren Tageszeichen regierten die einzelnen
 Körperteile, je nach dem Zeitpunkt der Entstehung beurteilte man den
 Krankheitsverlauf, je nach dem Tageszeichen wählte man die Heilmittel,
 an den fünf letzten Tagen des Jahres (dies nefasti) durfte kein
 Eingriff vorgenommen werden. Die magische Heilkunst prognostizierte
 das Schicksal des Kranken auch aus dem Vogelflug, aus Tierstimmen
 oder durch gewisse symbolische Handlungen (Loswerfen mit Maiskörnern,
 Fadenknüpfen und Knotenlösen[24] etc.); in dieses Gebiet gehörte
 auch das Heraussaugen der Krankheit (der „Würmer“, Fremdkörper),
 die mystische Transplantation von fieberhaften oder kontagiösen
 Krankheiten auf andere Personen u. s. w. Ein Mittel, um zur Diagnose
 zu gelangen, bestand in schwierigen Fällen auch darin, daß man den
 Patienten durch gewisse Arzneistoffe in den Zustand der ~somnambulen
 Ekstase~ versetzte, in der Erwartung, daß das Medium dann selbst
 seine Krankheit und deren Sitz bezeichne.

  [24] Vergl. hierzu namentlich die Medizin in Mesopotamien.

   Die Azteken unterschieden eine beträchtliche Zahl von
 Symptomenkomplexen als selbständige Affektionen, worunter namentlich
 verschiedene Harnleiden, venerische Affektionen (höchstwahrscheinlich
 kannten sie nicht allein Gonorrhoe und Schanker, sondern auch
 ~Syphilis~) und Hautkrankheiten auffallen. In der Therapie spielten
 Aderlässe, Skarifikationen, ~Bäder und Diät~ die Hauptrolle neben
 der ungemein reichhaltigen ~medikamentösen~ Behandlungsweise.
 Die Menge der pflanzlichen Mittel -- die mexikanische Botanik
 beschrieb ungefähr 1200 Pflanzen -- ist nur der indischen oder
 chinesischen vergleichbar und bildete das Hauptmaterial, aus welchem
 die mannigfachen Arzneiformen bereitet wurden; die mineralischen
 Stoffe traten in den Hintergrund, zu den animalischen zählten z. B.
 Bestandteile der Viper, des Chamäleons, der Eidechse, der Schwanz
 eines Beuteltiers, das Fleisch des Jaguars, Würmer, Insekten. Für die
 oft aus zahlreichen Stoffen zusammengesetzten Arzneikompositionen
 gab es Magistralformeln. Von äußeren Applikationen kannten die
 alten Mexikaner auch Suppositorien, das Klysma, Einspritzungen (in
 die Harnröhre), die Inhalation, Schnupf- und Riechmittel. Viele
 Arzneipflanzen trugen einen Namen, welcher die spezifische Heilwirkung
 bezeichnete, z. B. hieß das Spezifikum gegen nanauatl (Bubonen)
 nanauapatli. Der Heilschatz umfaßte Brech-, Abführ-, Schwitzmittel,
 Narkotika, Sedativa, Adstringentia, Antipyretika, sehr zahlreiche
 ~Abortiva~, ~Aphrodisiaka~, Diuretika und Hämostatika. ~Man
 applizierte auch entfernt vom Locus dolens Revulsiva.~ Reich war die
 Erfahrung über Gifte und Gegengifte, eines der beliebtesten Antidota
 war die Dorstenia contrayerba, welche auch gemäß der ~Identifizierung
 von Krankheitsagens und Gift als antitoxisches~ Prophylaktikum bei
 Epidemien diente (dasselbe Mittel stand späterhin auch in Europa lange
 Zeit in gleichem Sinne in Verwendung!). Das Prinzip der ~Isopathie~
 kam in einem Universalgegengift zum Ausdruck, welches aus der Mischung
 von allerlei animalischen Giften (Asche von giftigen Tieren) bestand.

    Außerordentliches Lob spenden die spanischen Zeitgenossen --
 sogar der große Eroberer Cortez -- der chirurgischen Gewandtheit der
 mexikanischen Heilkünstler. Abgesehen von der Behandlung der Wunden,
 Geschwüre, Verbrennungen, für welche sie zahlreiche Topika besaßen (z.
 B. Balsamarten, Tabak-, Agavenblätter), verstanden es die Azteken, den
 Aderlaß, Skarifikationen (mit den Stacheln der Agave) vorzunehmen,
 und kannten die Naht (mit reinen Haaren). In Ermangelung des Eisens
 waren die Instrumente aus Obsidian verfertigt. Abszesse inzidierte
 man mittels Kreuzschnitt, ödematöse Schwellungen wurden skarifiziert.
 Die größte Sorgfalt aber wandte man der Behandlung von Knochenbrüchen
 zu. Nach Adaption der Teile legten die aztekischen Aerzte ~starre
 Verbände~ an, welche gewöhnlich 20 Tage liegen bleiben; diese
 Verbände bestanden zunächst aus einem zähen, sehr fest anhaftenden
 Pflaster, darüber kamen Federn zur Deckung, sodann vier parallel
 gestellte Täfelchen (Schienen), die mit Riemen befestigt wurden. Vor
 größeren Eingriffen gab man dem Patienten ein Narkotikum, hingegen
 wurde die Blutstillung nur durch intern gegebene oder äußerlich
 applizierte Hämostatika versucht; die Anwendung des Glüheisens und der
 Blutegel war unbekannt, bei der Reinigung der Wundhöhlen spielte als
 Spülflüssigkeit auch der Urin eine große Rolle. Bemerkenswerterweise
 ergänzte man auch in chirurgischen Fällen die Lokaltherapie durch
 die Allgemeinbehandlung, so wurde z. B. jeder Patient, der einen
 Knochenbruch erlitten hatte, auch venäseziert.

   Die der Obsorge von Hebammen anvertraute Geburtshilfe, ebenso
 wie die Kinderpflege war durchsetzt von religiös-abergläubischen
 Maßnahmen, hinter denen sich aber mancher hygienisch-medikamentöser
 Gedanke verbarg. Schon die Lebensweise der Schwangeren, ihre
 Nahrung, Beschäftigung, Geschlechtsfunktion (Enthaltung vom
 Koitus) wurde, wenigstens bei den Vornehmen, peinlich geregelt;
 beim Eintritt der Wehen untersucht man wiederholt die Kindeslage,
 nahm eventuell durch äußere Handgriffe eine Korrektion vor, gab
 Medikamente, welche die Wehen verstärken, die Schmerzen vermindern,
 Knochenbrüche des Kindes verhüten sollten, und nebstdem wirkte
 ermunternder Zuspruch suggestiv. Erfolgte die Geburt in normaler
 Weise, so durchtrennte man die Nabelschnur, brachte den Neugeborenen
 unter religiösen Zeremonien ins Bad, skarifizierte ihn an den
 Genitalien -- ~die Skarifikation hatte überhaupt bei den Azteken eine
 religiös-hygienische Bedeutung~ -- und unterwarf die Mutter einem
 strengen Regime, zu welchem auch wiederholte Ausspülung der Scheide,
 Räucherungen, Bäder gehörten; mit noch größerer Vorsicht wurde der
 Säugling umgeben, die vollständige Entwöhnung erfolgte erst nach zwei
 Jahren. In den Fällen, wo die Geburt nicht normal von statten ging,
 suchte man durch Gebete, Suggestion, Emmenagoga, äußere Wendung,
 Erschütterung (Stöße zwischen die Schulterblätter) den günstigen
 Ausgang herbeizuführen. Half dies alles nichts, so brachte man die
 Gebärende in einen abgeschlossenen Raum, verdoppelte den Eifer in den
 angegebenen Bemühungen und entschloß sich nach langem Warten, wenn
 schon Anzeichen des Fruchttodes vorlagen, zur Embryotomie, welche
 die Hebamme mit dem Steinmesser in der primitivsten Weise ausführte.
 Zur Vornahme der Operation gehörte aber die Einwilligung der Eltern;
 wurde sie verweigert, so konnte nur der Tod die Unglückliche
 erlösen. Der Volksglaube stellte den Tod im Wochenbette dem Tod
 auf dem Schlachtfelde als gleichwertig an die Seite und erwies den
 Verstorbenen göttliche Verehrung, auch weil man fürchtete, daß sie
 als Gespenster den Neugeborenen Schaden zu bringen suchen.

   Auf verhältnismäßig hoher Stufe stand die ~Hygiene~, welche sich
 auf das öffentliche und private Leben erstreckte und wenigstens
 theoretisch waren strenge Gesetze gegen sexuelle Ausschweifungen und
 Trunksucht erlassen. Die erstaunliche Entwicklung der Aztekenmedizin
 frappiert umsomehr, da es bisher trotz der vielfachen Analogien mit
 der orientalischen Heilkunde nicht gelungen ist, einen Zusammenhang
 mit dieser nachzuweisen.

    Weit weniger sind wir über die Medizin der anderen Kultur-
 oder Halbkulturvölker Altamerikas unterrichtet, doch scheint die
 aztekische Heilkunst den Höhepunkt bedeutet zu haben. Die ~Quiché~ in
 Guatemala besaßen anerkennenswerte Erfahrungen in der Zahnheilkunde,
 Augenheilkunde, Psycho- und Hydrotherapie; andere Stämme Zentral-
 und Südamerikas waren mit der Diagnostik der Hautkrankheiten so
 vertraut, daß sie bereits mehrere Arten von Dermatosen kannten und
 mit bestimmten Namen belegten. Auf diesem Gebiete zeichneten sich
 namentlich die alten ~Peruaner~ aus, deren realistische Darstellungen
 von Hautaffektionen (auch Lepra und Syphilis) auf ~Tongefäßen~ das
 größte Interesse erweckt. (Es bildet eine merkwürdige Erscheinung, daß
 die peruanischen Plastiker, wenn sie menschliche Figuren darstellten,
 stets häßliche pathologische Objekte wählten, was sich daraus erklärt,
 daß ihnen alles vom Typus Abweichende, Abnorme, Verzerrte umsomehr
 der Anbetung würdig zu sein schien, je garstiger es war.) Unter den
 Inkaperuanern herrschte die Sitte, dem Kopfe des Neugeborenen durch
 verschiedene Hilfsmittel (Brettchen, Binden, Schnüre etc.) eine
 gewisse vorgeschriebene Form zu erteilen. Von dieser künstlichen
 ~Schädeldeformation~ gab es 4 Arten: es waren dies: der Rundkopf,
 Breitkopf, der schmale, lange Schädel, der Spitzkopf. Die Sitte
 dieser Kopfpressung soll deshalb eingeführt worden sein, damit die
 Kinder (durch Beschränkung der intellektuellen Fähigkeiten) gehorsam
 werden. (?) Was die Medizin im Inkareiche anlangt, so scheint dieselbe
 weit weniger als in Mexiko entwickelt gewesen zu sein, weil trotz
 schimmernder Außenseite das tyrannische Regierungssystem und der
 Priesterdruck jede Selbständigkeit unterdrückte und den herrschenden
 ~Wunderglauben~ geradezu züchtete; die Azteken waren jedenfalls
 ein kräftigeres und geistig gesünderes Volk als die Inkaperuaner.
 Damit steht nicht im Widerspruch, daß bei ihnen die Baukunst, das
 Kunstgewerbe (Weberei, Wirkerei, Keramik), die Technik zu hoher
 Blüte gelangten. Die Mythologie kannte medizinische Gottheiten (z.
 B. wurde dem Mondgott von den Frauen in Geburtsnöten geopfert), die
 Priesterärzte kurierten teils durch Beschwörungen, Massage, Reiben,
 Aderlassen, teils durch Vegetabilien in Abkochungen und Aufgüssen.
 Der Aderlaß wurde gewöhnlich an den Venen der Nasenwurzel vorgenommen
 mittels eines zugespitzten, scharfen Steinsplitters, der in ein
 gespaltenes Hölzchen eingeklemmt und festgebunden war. Das gemeine
 Volk schenkte in der Regel den alten Weibern Vertrauen oder eines gab
 dem anderen irgend einen Rat oder ein Heilmittel, so daß die Epidemien
 schrankenlos wüteten. Bei jeder ärztlichen Behandlung spielten die
 Opfer eine große Rolle. Die Priesterärzte, sowie auch die Hebammen
 gaben bei ihrem ersten Auftreten stets vor, daß sie durch eine
 Erscheinung im träumenden Wachen zu diesem Geschäfte bestimmt worden
 seien. Die Hebammen ließen ein etwa fingerlanges Stück Nabelschnur am
 Kinde zurück; wenn dieser Rest abfiel, wurde er sorgfältig getrocknet,
 aufgehoben und dem Kinde, wenn es erkrankte, als sicherstes Heilmittel
 zum Saugen gegeben. -- Mißbildungen (Polydaktylie, Hasenscharte,
 Wolfsrachen u. a.), Zwillingsgeburten etc. gaben zu abergläubischen
 Vorstellungen (Omenlehre) Anlaß; Epileptiker wurden gerne in den
 Priesterstand aufgenommen.



                  Die Medizin im klassischen Altertum.



Einleitung.


Die vergleichende Rundschau über die Heilkunde der orientalischen
Völker bietet, abgesehen von nationaler Färbung, ein einförmiges Bild,
mag der Blick auch über Jahrtausende hinwegschweifen.

Nach vielversprechender Anhäufung von Einzelkenntnissen und
Heilverfahren zwängt eine straff organisierte, meist priesterliche
~Gelehrtenkaste~ die zerstreuten Tatsachen in groß angelegte Synthesen,
welche der herrschenden unantastbaren Weltanschauung ihre Leitideen
danken und gleich dieser zu unverrückbar festgelegten ~Traditionen~
erstarren. Die Entwicklung vollzieht sich, wenn von einer solchen
gesprochen werden kann, in einer Welle, die so lange ist, daß sie
flach erscheint. Ohne den belebenden Pulsschlag einer kritischen, die
Grundlagen stets aufs neue prüfenden Methode wird die Wissenschaft
zur dogmatisch-phantastischen Gelehrsamkeit, die ursprünglichen
Gedanken verblassen, es bleibt nur die formbildende Hülle, und unter
dem Druck des ~Konventionalismus~, der die selbständige Schaffenslust
des einzelnen mit toten Regeln eindämmt, sinkt die Kunst zu einem, vom
Nimbus des Mystizismus verhüllten Handwerk herab. Der reine Trieb nach
tiefgründender Erkenntnis versandet im Utilitarismus, und demgemäß
dämmert, wie die gesamte Kultur, auch die Medizin dahin, unberührt von
jenem prometheischen Ringen, das dem Westen zum Fluch und zum Segen
gereicht.

Was an Gedanken und Erfahrungen vom Morgenland aufgespeichert worden,
mußte, um fortwirken zu können, in neue biegsame Formen gebracht
werden. Dies geschah auf dem Boden des freien, durch Traditionen nicht
gebundenen Griechenlands. Jahrtausende später als die orientalische
Heilkunde tritt die Medizin der Griechen in die historische
Perspektive, als Erbin uralter mesopotamisch-ägyptischer Ueberlieferung
und dennoch durch eine Welt des Geistes von ihr geschieden -- ein
Organismus mit reichster Differenzierung, dessen Lebensäußerungen
bis in die Gegenwart fortwirken. Unvermittelt durch klärende
Zwischenglieder reiht sie an die Literaturreste des Morgenlandes
jene unvergleichliche Schriftensammlung, welche den Namen des größten
aller Aerzte, des Hippokrates, tragend auf einem Teilgebiet die ganze
Schönheit, die ganze ~Freiheit des Griechentums~, wie ein Gegenstück
zum finsteren ~Denkzwang des Orients~ enthüllt. Hier erscheint die
Heilkunst auf einer Höhe, die nur vollwertigen ~Individualitäten~ zu
vertreten gegönnt ist, hier findet die schöpferische ~Spekulation~ nur
in den Argumenten der ~Kritik~, nicht in Dogmen, in Tatsachen, nicht
in Satzungen ihr Gegengewicht.

   Lange galt die hippokratische Schriftensammlung, dieses
 überragende Denkmal, weil es allein über den Fluß der Zeiten
 hinübergerettet zu sein schien, als Anfang des wissenschaftlichen
 Denkens in der Medizin, während es doch nur einen Gipfel der
 griechischen Heilwissenschaft bezeichnet, welche unablässig
 nach dem Ideal strebend, alle spätere Entwicklung schon im Keime
 vorbildet, alle kommenden Richtungen andeutet. Der Jahrhunderte
 lang währende historische Prozeß, der zu solchem Ergebnis führte,
 liegt unseren Blicken noch mehr verhüllt als die stufenförmige
 Entwicklung von orientalischen Vorbildern zu den Blüten der
 hellenischen Kunst und Philosophie. Bisher sind nur wenige
 Schrittsteine ermittelt, welche den Weg der orientalischen
 Tradition durch die Anfangsstadien der griechischen Medizin bis
 Hippokrates verraten.

Wie die Eigenart der griechischen Kultur nicht allein auf
Stammesvorzügen beruht, sondern vorwiegend aus einer merkwürdigen
Verkettung glücklichster Umstände, begünstigt von Zeit und
Oertlichkeit, hervorging, so leitet sich auch die überraschende
Sonderstellung der griechischen Heilkunde in letzter Linie von jenen
großen Momenten her, welche das gesamte Kulturleben mit dem Richtzug
zur Schönheit und Freiheit erfüllten. Die griechische Kultur floß
aus verschiedenen Rinnsalen zusammen. Gerade die ~Mischung und
Durchdringung von Gegensätzen~ jeder Art erzeugte die außerordentliche
Plastizität, welche der Volksanlage und erworbenen Geistesart
der Hellenen den weitesten Spielraum für ihre verstandesklaren,
formsicheren Schöpfungen gestattete. Durch neuere Forschungen, welche
die Entstehung einzelner Sagen (Kadmos, Danaos) und Traditionen,
die Herkunft mancher Kulte (Kabiren, Aphrodite, Adonis, Kybele) und
die Etymologie gewisser Ortsbezeichnungen ins volle Licht setzen,
ist es zweifellos sichergestellt, daß die Griechen schon während
ihrer Wanderung nach Kleinasien und Hellas sowie später nach ihrer
dauernden Niederlassung unter den ~kulturellen Einflüssen der mächtigen
Nachbarvölker~ standen, daß ihnen zu Lande die Chetiter, auf den
Inseln die Karer (Zypern, Kreta), zur See die Phönizier Naturprodukte,
Erzeugnisse des Kunstfleißes und manche geistige Errungenschaften
~Aegyptens~ und ~Mesopotamiens~ übermittelten[1]. Mit sidonischen
Mischkrügen, kyprischen Metallpanzern, mit linnenen Gewändern,
Kulturpflanzen und Haustieren fanden in friedlichem Handelsverkehr
orientalische Maße, Gewichte, orientalische Kunststile, die Schrift
und selbst so manche der Kulte und Götter des Morgenlandes Eingang in
die griechische Welt.

   [1] Damit soll die überragende Eigenleistung der Hellenen nicht
       in Frage gestellt werden; sie verstanden die aus dem Orient
       übernommenen Elemente der materiellen Gesittung gleichwie die
       Anfänge künstlerischer Tätigkeit in einer Weise fortzubilden
       und zur Basis neuer Schöpfungen zu machen, wie dies am
       Ursprungsorte nie erreicht werden konnte. Das hellenische
       Volk gleicht in seiner Stellung zu den übrigen Nationen des
       Altertums dem Genie, welches das Wissen oder Können seiner Zeit
       durch ganz neue Assoziationen auf eine noch nicht dagewesene
       Höhe erhebt.

Das Zeitalter der homerischen Helden entspricht nicht der Kindheit,
sondern blickt schon auf eine lange Epoche der Mykenäkultur zurück,
in welcher indogermanische Urkraft mit den Einwirkungen Aegyptens und
Babylons nach versöhnendem Ausgleich rang, in welcher das von außen
Ueberkommene, entsprechend den lokalen Verhältnissen, unter Anpassung
an die eigene Stammestradition selbständig umgestaltet wurde.

Schon frühzeitig macht sich veredelnder Schönheitssinn, Weitblick
und Klarheit der Vorstellungen, ja sogar eine tiefe Ahnung der
unerschütterlichen ~Gesetzmäßigkeit des Weltgeschehens~ bemerklich --
Geisteszüge, welche den heiteren Himmel, die helle Luft, die weiten
und doch scharfumrissenen Horizonte, die mannigfache und doch stets das
Ebenmaß einhaltende Natur Griechenlands widerspiegeln. Darum fallen die
Tierköpfe ab von den Göttergestalten, die Kunst beginnt mehr in der
harmonischen Gliederung ihr Ideal zu suchen, als das Erhabene durch
überschwengliche Phantastik oder gigantische Kolossalität der Massen
anzudeuten, und die Mythologie der homerischen Gesänge stellt, frei
von Mystizismus und düsterem Grauen, sogar die Allmächtigen unter das
unverbrüchliche Gebot der schicksalbringenden Moira.

Nach dem Vordringen der Dorer und Ionier, denen die Führerrolle
zufallen sollte, machte die ursprüngliche Gleichförmigkeit der
Achäerkultur jener vielgestaltigen ~Eigenentwicklung der hellenischen
Bruderstämme~ Platz, welche die Zerrissenheit des Landes in zahlreiche
Bergkantone als ~Stätten ausgeprägten Sonderlebens~ gleichsam von
vornherein vorgezeichnet hatte. Einerseits ~ungestört durch gewaltsame
äußere Eingriffe~ -- denn die relative Unergiebigkeit des Landes
mit seinen natürlichen Schutzwällen lockte nicht zum Angriff --
anderseits vor Erstarrung bewahrt durch das allseitig eindringende
~Meer~ mit seinen wechselnden Eindrücken, mit seinem Ansporn zum
Handel und Seeverkehr, vollzog sich die Entwicklung in stetigem Flusse
und zugleich mit reich abgestufter Individualität, unter zunehmender
~Arbeitsteilung~, unter fortwährender ~Steigerung der Begabung~ infolge
der Kreuzung von Familien der Schiffer, der Handwerker und Jäger, der
Ackerbauer und Hirten.

Doch die angehäuften Spannkräfte bedurften eines größeren
Wirkungskreises, als das kleine Land ihnen bot; Griechenland
mußte entsprechend der zunehmenden Volksmenge und ihrer steigenden
Bedürfnisse schon sehr frühzeitig über seine Grenzen hinauswachsen
durch Gründung von Pflanzstätten. Schon im 8. Jahrhundert hatte das
hochstrebende Milet eine befestigte Faktorei am Nil, und im gleichen
Zeitraum wurden an der Ostküste des Schwarzen Meeres und in Sizilien
die ersten Niederlassungen gegründet; in der Mitte des 7. Jahrhunderts
legten Ansiedler von Thera die Stadt Kyrene an der Nordküste Afrikas
an. In rascher Folge entsteht ein Kranz von ~Kolonien~, der sich vom
äußersten Osten zu den Säulen des Herkules erstreckt.

So bedeutungsvoll die zahlreichen Pflanzstätten für die materielle
Kultur wurden, als Stützpunkte des Seehandels, als neu erschlossene
Absatzquellen des Gewerbefleißes, wichtiger noch war ihre
Rückwirkung auf das politische und Geistesleben des Mutterlandes. Im
befruchtenden Wechselverkehr, ja durch einzelne der heimkehrenden
Kaufleute, Kolonisten und Abenteurer wurden so manche Kenntnisse
von fernen Völkern, manche umgestaltende Anschauungen verbreitet,
die sich im harten Kampfe ums Dasein, unter neuen Verhältnissen,
unter dem Eindrucke der kritischen Vergleichung fremder Sitten
und Staatseinrichtungen und nicht am wenigsten infolge der bunten
Rassenkreuzung herausgebildet hatten. Die größere Freiheit im Urteil
regte Neuerungen auf allen Gebieten an oder erschütterte doch die
engherzigen Traditionen; politisch äußerte sich dies durch den
Uebergang des Königtums auf dem Wege der Adelsherrschaft und Tyrannis
in Demokratie.

Da der neugewonnene Boden am raschesten Fortschritt gestattete,
so erreichte die Kultur gerade an den ~Brennpunkten des Verkehrs~
den ersten Höhepunkt. Dies gilt namentlich für das ~ionische~
Kleinasien, welches die kommerzielle Verbindung mit Aegypten und dem
Orient herstellte. Die aus den verschiedensten griechischen Stämmen
zusammengesetzte, mit Karern und Phöniziern gemischte Bevölkerung
des kleinasiatischen Küstensaumes stand räumlich der orientalischen
Kultur am nächsten durch die Vorländer Lydien und Phrygien, sie empfing
babylonische Maße, Gewichte, astronomische Beobachtungsmittel am
frühesten und übertrug anderseits wieder griechische Sitte nach dem
Osten. In ~Ionien~ erblühte zuerst das Epos, die elegische Dichtung,
die Lyrik, hier nahm durch phrygische Einflüsse die Musik einen
bedeutenden Aufschwung, und gleich der Prägung der Münzen, wurde am
Berührungspunkte von Orient und Okzident auch im Reich des Gedankens
ein neuer Wertmesser geschaffen: die ~Kritik~. Diese reinigte den
Mythenkreis von wucherndem Unkraut (vergleichende Sagenkritik des
Hekatäus), eröffnete die rationelle Geschichtschreibung der Logographen
und ging bis zu den letzten Quellen des Wissens, zur Lehre von der
Erkenntnis.

Die ionische ~Naturphilosophie~, unter Führung des Thales, in dessen
Adern griechisches und phönizisches Blut floß, der babylonische
Gestirnkenntnis und ägyptische Geometrie vermittelte, erhob das Panier
der ~freien Forschung~ gerade zu rechter Zeit. Denn mit den fremden
Kultureinflüssen, mit dem Aufkommen des Bürger- und Bauernstandes in
den demokratischen Staaten machten sich Strömungen geltend, welche
dem Mystizismus unleugbar zutrieben. Hesiods Theogonie hatte der
homerischen Mythologie einen ernsteren, mehr sittlichen Anstrich
verliehen und manchen abergläubischen Ueberlieferungen der niederen
Stände Geltung verschafft; die zahlreichen künstlerischen Tempelbauten
seit dem 7. Jahrhundert hoben unzweifelhaft den religiösen Sinn, auch
fanden orientalische Kulte Eingang; der Subjektivismus, welcher in der
politischen Stellung des Bürgers, in der Dichtung und darstellenden
Kunst immer mehr hervortrat, fühlte lebhafter das metaphysische
Bedürfnis nach Göttern, die nicht nur dem Großen, dem Staat oder der
Gemeinde zugewandt bleiben, sondern auch der religiösen Inbrunst
des einzelnen Individuums zugänglich sind. Opferschau, Sühnopfer,
Totenkult nehmen zu; die Orakelsprüche steigen an Ansehen; in der
thrazischen Orphik, die im 6. Jahrhundert emporkommt und durch
symbolistische Umdeutung der Sagen im Geiste des Ostens Ansätze
zu einer Offenbarungstheologie bildet, in orientalischen Kulten
mit geheimnisvollen Mysterien, die den Unsterblichkeitsglauben
allegorisieren, findet der tiefere religiöse Drang wachsende
Befriedigung. Dem Zuge von Osten kommt ein ähnlicher vom Westen
entgegen in Form des Pythagoreismus, einer philosophischen Richtung,
die mit der mathematisch-physikalischen Weltanschauung die Lehre
von der Seelenwanderung, die autochthone und morgenländische Mystik
im Zeitalter des Buddha und Zarathustra wundersam zu einem festen
Bunde verknüpft. So wurde allenthalben der Keim des Wunderglaubens
ausgestreut und auch für Hellas der Grund gelegt zur Zwingburg des
freien Gedankens -- es fehlte nur an den richtigen Baumeistern!

Daß die ionische und ihre Nachfolgerin, die eleatische ~Philosophie~
mit ihrer auf freiester kosmogonischer Spekulation oder schrankenloser
Erkenntniskritik beruhenden Weltanschauung dem wachsenden
Mystizismus, den Ansätzen einer Theologie wirksam zu begegnen
und die ~Wissenschaft~, als ~eigene Kulturtätigkeit~, mit eigenen
Prinzipien und eigener Methode von religiösen Ueberlieferungen frei
zu machen vermochte -- ~diese tief einschneidende Cäsur zwischen
Orient und Okzident ist darauf zurückzuführen, daß es in Griechenland
zur Entwicklung einer organisierten, das gesamte geistige Leben
beherrschenden Priesterkaste nicht gekommen ist~. Die griechische
Wissenschaft verdankt ihren gewaltigen Vorsprung zum Teil dem
glücklichen Umstande, daß die Griechen die Weltanschauung, die
hochstehenden Leistungen der babylonisch-ägyptischen Priesterkaste auf
dem Gebiete der Mathematik, Geometrie, Astronomie, Naturkunde etc. mit
Wahlfreiheit benutzen konnten, ohne die Schranken beachten zu müssen,
welche die Herrschaft des Dogmatismus dem fessellosen Fortschritt
entgegenstellte; nur so konnten die Widersprüche der zunehmenden
Erfahrungserkenntnis mit ehrwürdigen Traditionen offen zu Tage treten,
nur so konnten sie auch auf positiv-wissenschaftlichem Wege beseitigt
werden. ~Mangels starrer politischer Konzentration~ entstand bei den
Hellenen keine Hierarchie -- nach Verstaatlichung der Kulte einzelner
Geschlechter wurden die Priester staatliche, der Volkswahl unterworfene
Funktionäre --, die Religion selbst erwuchs nicht von ~einem~ Punkte
aus zum geschlossenen System, sondern durch freien Zusammenschluß der
Stammeskulte, ohne unantastbare Dogmatik, ohne allgemein anerkannte
geschriebene Urkunde und bildete sich zum größten Teile außerhalb der
Priestergeschlechter weiter auf den Schwingen der Kunst und Poesie.

Waren schon die gottesdienstlichen Verrichtungen nicht ausschließlich
an einen bestimmten Stand gebunden, so fehlten auch alle
Grundbedingungen zur politischen Machtstellung des Priestertums
und damit zu seiner Führerrolle auf geistigem Gebiete. Rhapsoden,
Dichter, später Philosophen waren Träger der Geisteskultur. Am Ausgang
des 6. und im Beginne des 5. Jahrhunderts schien es allerdings, als
ob, vorbereitet durch den Mystizismus zahlreicher Wanderpropheten,
Weissager und Zeichendeuter, das Orakel von Delphi die Führerschaft
der hellenischen Welt erobern werde -- schon hoffte der Perserkönig,
daß die delphische Priesterschaft ihm in Hellas dieselben politischen
Dienste werde leisten können wie die geistliche Autorität in Aegypten
und Juda -- aber die Schlachten von Salamis und Platää erfochten
auch auf geistigem Gebiet die volle Freiheit des Griechentums und
verhinderten, daß die Wissenschaft wie im Orient völlig im religiösen
Dogmatismus aufging[2].

   [2] Mit den Persern zugleich wurde die orientalische Magie in
       Schranken gehalten. Welche Folgen eine Eroberung Griechenlands
       durch die Perser für die Geistesfreiheit gehabt hätte, geht
       daraus hervor, daß, nach dem Berichte des Plinius, der persische
       Magier Osthanes, welcher Xerxes begleitete, überall wo er
       hingekommen gleichsam den Samen seiner übernatürlichen Kunst
       ausgestreut habe. Unter dem Drucke einer den Persern ergebenen
       Priesterkaste wäre der Obskurantismus zur Herrschaft gelangt.

Von all diesen kulturellen Faktoren wurde am bedeutungsvollsten für
den Aufschwung der Medizin: die frühzeitige und dauernde ~Berührung mit
den älteren Kulturen des Ostens~, ohne daß dieser Vorteil auf Kosten
der selbständigen Entwicklung erkauft werden mußte (auf solchem Wege
kamen Arzneimittel, Heilmethoden und manche theoretischen Grundideen
aus Mesopotamien und Aegypten in die griechische Medizin), -- ~der
rivalisierende Wetteifer zahlreicher Bildungszentren~, in welchen der
überpflanzte oder selbst erworbene Erfahrungsstoff mit individueller
Eigentümlichkeit verarbeitet wurde, und namentlich -- ~der Mangel
einer geschlossenen gelehrten Priesterkaste~, welche, wie überall,
die Wissenschaft durch Verquickung mit den religiösen Anschauungen
zur Stabilität gezwungen hätte. So wird es verständlich, warum die
Heilkunst zuerst an der Peripherie von Hellas, besonders an Orten,
wo sie an vorgriechische Kulturen angeknüpft werden konnte oder
an Brennpunkten des Verkehrs zu jener Denkstufe gelangte, die sie
gleicherweise über die Empirie wie über den dogmatischen Formalismus
erhob, und warum sich die griechische Medizin so erstaunlich früh vom
Tempelkult loszulösen vermochte, um unter Führung der Philosophie,
im freiwaltenden Widerstreit empirischer, spekulativer, methodischer
Gegensätze Synthesen des medizinischen Wissens gleichsam organisch
aufzubauen.

Wo so viel Licht, dort konnte es auch an Schatten nicht fehlen! Die
Freiheit mit Maß zu gebrauchen, die Grenzen des Erkennbaren zu erfassen
und mit weiser Selbstbeschränkung darüber nicht hinauszustreben --
das war nur der Ausnahmsgestalt eines ~Hippokrates~ gegeben, welcher
nicht nur den Dogmatismus einer Kaste, sondern auch das Element
willkürlicher Spekulation ausschaltete. Den vorherrschenden Zug empfing
die griechische Wissenschaft weniger durch nüchterne Tatsachenforschung
und unbefangene Einzelbeobachtung als durch geniale ~Intuition~,
welche dem herrschenden Ideal umso näher kam, je weniger ihr vom Staub
der Empirie anzuhaften schien. Denn jener Künstlersinn, welcher den
Schweiß der Arbeit hinter seinen Schöpfungen verbirgt, belebt im Grunde
auch das wissenschaftliche Streben der Griechen. Und ebenso wie die
Plastik der Blüteepoche die vollendetsten ~Typen~ edler Menschlichkeit,
~keineswegs aber einzelne Individuen~ darstellt, so sucht auch der
Forscherdrang ~das Wesen der Dinge~ mittels plastischer Konzeption zu
ergründen, bevor noch eine annähernd genügende Menge kritisch geprüfter
~Einzelfakten~ ein grundlegendes Gesetz durchschimmern läßt.

In der sicheren Erwartung, daß aus einer befriedigenden Gesamtansicht
von selbst die Kenntnis der Einzelheiten hervorgehen müsse, tragen,
im Hinblick auf Mathematik und Astronomie, philosophische Denker
intuitiv erfaßte Ideen, aprioristische Prinzipien und späterhin
physiologisch-pathologische Verallgemeinerungen als Prämissen in die
Medizin hinein und teilen ihr, die noch lange im Stadium der Empirie
zu verharren hatte, vorschnell die ~Deduktion~ als souveräne Methode
zu.

Verdanken wir auch der klassischen Antike eine ansehnliche Reihe
mustergültiger Heilmethoden, eine erstaunliche Menge von Erfahrungen,
eine große Zahl von meisterhaften Krankheitsschilderungen, wurde
auch der Untersuchungstechnik die gebührende Aufmerksamkeit nicht
versagt; das Hauptziel, das den Gang der griechischen Medizin bestimmt,
bildet doch weniger die Erforschung der einzelnen Krankheiten als
die ~Spekulation über das Wesen der Krankheit~. Katastrophenartig,
durch den Subjektivismus unterbrochen, nicht in allmählicher ruhiger
Evolution verläuft daher ihre Geschichte, mit wechselndem Schauplatze
(~Hellas~, ~Alexandria~, ~Rom~), um schließlich in dem großen
Sammelbecken ~Galens~ pomphaft zu enden, und wenn auch nicht selten
die Unerfahrenheit Mutter der Weisheit ward, viele der herrlichsten
Geisteskräfte zersplitterten sich in grotesken Verirrungen, die manche
wertvolle Teilwahrheit verdunkelten.

Das große Ziel, das all den Denkern vorschwebte, ~die hippokratische
Kunst in eine systematische Wissenschaft umzuwandeln~, schien freilich
in dem Monumentalwerke eines ~Galen~ erreicht zu sein, und viele
Jahrhunderte glaubten, daß die Entwicklung der Medizin in dem großen
Arzte von Pergamon schon ihren Schlußpunkt gesetzt habe. Die nagende
Zeit mit ihren Fortschritten hat auch diesen Gedankenbau zerbröckelt
und nur so viel davon stehen gelassen, als tatsächlich auf Erfahrung,
auf wirklich biologischen Kenntnissen beruhte. Alles andere aber, was
seine Größe und Schönheit ausmachte, die rationelle Verknüpfung durch
philosophische Prinzipien und dialektischen Scharfsinn, die ganze
Syllogismentektonik ist dahingeschwunden. Unanfechtbar bleibt immerhin
der methodologische Wert! ~Nie~ wurde erhabener, nie wurde mit dem
Aufwand eines größeren Ideenschatzes der indirekte Beweis erbracht,
daß gerade die glänzendste spekulative Systematik dem Fortschritt
den Weg verbaut, daß die aprioristische Deduktion, soweit sie nicht
erfahrungsgemäß rektifizierbar ist, gefährliche medizinische Irrwege
eröffnet. Und so bleibt denn die Nachwelt nicht nur wegen der positiven
Errungenschaften, sondern auch wegen der Aufdeckung der Fehlerquellen
ewige Schuldnerin der Griechen.



Homerische Heilkunst und priesterliche Medizin.


Von der vorhistorischen Heilkunde der Hellenen ist anzunehmen, daß
sie aus der indogermanischen Urmedizin hervorgegangen, späterhin
den Charakter der Mykenäepoche trug, d. h. aus den benachbarten
Kulturländern Drogen und Heilverfahren aufnahm, welche namentlich
das seegewaltige Handelsvolk der Phönizier übermittelte. Empirie
und Theurgie sind die Elemente, aus denen sich überall die Anfänge
zusammensetzen, denn wenn Heilmittel im Stiche lassen, treten Gebete,
Besprechung, Opfer und sonstige Kulthandlungen an ihre Stelle. Auch
bei den Griechen entfaltet sich die Theurgie allmählich zu einem
System von mystischer Tempelmedizin, ohne aber die Entwicklung der
Erfahrungsheilkunst zu hemmen oder gar zu überwuchern.

Durch Homer erhalten wir den ersten Einblick in die griechische
Medizin. In den zahlreichen Schlachtenbildern findet der Dichter
Gelegenheit, Verletzungen der verschiedenen Körperteile realistisch zu
schildern und bei deren kunstmäßiger Behandlung (Ausziehen von Pfeil-
oder Lanzenspitzen, Blutstillung, Anwendung von schmerzstillenden
Arzneien, Verbänden, kräftigenden Heiltränken) zu verweilen. Es sind
zwar vornehmlich die tapferen Helden, gleichwie in der Sangeskunst auch
in der Heilkunst wohlerfahren, doch gedenkt die Ilias andeutungsweise
auch anderer Heilkundiger, welche mit dem Prädikate πολυφαρμάκος
ausgezeichnet werden, und die Odyssee kennt sogar bereits Berufsärzte,
die man gegen Entgelt, so wie die anderen Demiurgen (die Sänger, Seher
und Baumeister) von weither ins Haus ruft. Welches hohe Ansehen die
ärztliche Kunst genoß, erhellt aus dem berühmten Verse: ἰητρὸς γὰρ
ἀνὴρ πολλῶν ἀντἀξιος ἄλλων = denn ein Arzt wiegt viele andere Männer
auf.

   Die homerische Heilkunst repräsentiert im wesentlichen noch
 volkstümliches Wissen und Können. Schärfe der Beobachtung und Klarheit
 des ursächlichen Denkens geben ihr das charakteristische Gepräge
 -- soweit nicht mythische Erklärungsgründe die breiten Lücken des
 damaligen Wissens ausfüllen mußten. Letzteres war namentlich bei den
 spärlich erwähnten inneren Krankheiten der Fall, die vorwiegend auf
 den Götterzorn zurückgeführt werden (Seuchen, Melancholie). In der
 homerischen Chirurgie überrascht die Exaktheit, mit der die Folgen
 bestimmter Verletzungen vorher erkannt wurden.

   Die Entfernung der Geschosse wurde, wenn das einfache Ausziehen
 mit Schwierigkeiten verbunden war, durch Erweiterung der Wunde oder
 Ausschneiden bewerkstelligt; von chirurgischen Instrumenten ist bloß
 das gewöhnliche Messer genannt; die schmerzstillenden Substanzen,
 z. B. Wurzeln, streute man entweder in Pulverform auf oder wendete
 sie in Form von Umschlägen an; als Stärkungsmittel diente für die
 Verwundeten eine Mischung von Pramnischem Wein mit Zwiebeln, Honig,
 geschabtem Ziegenkäse und Mehl. -- Die anatomischen Kenntnisse
 des homerischen Zeitalters -- die Nomenklatur zählt 150 Worte --
 beruhten nebst der Opferschau (in ältester Zeit auch Menschenopfer)
 zum großen Teile auf den Beobachtungen bei der Pflege Verwundeter
 (namentlich solcher mit Frakturen, Verrenkungen etc.); ebenso war
 es ein allerdings unvollkommener Erfahrungsschluß, wenn man das
 Leben, den Lebensgeist (θυμὸς, ψυχὴ) als Hauch auffaßte und in das
 Zwerchfell (φρὲνες) verlegte, dessen Verletzung als tödlich erkannt
 wurde. -- Als Heilkundige erscheinen in den homerischen Gesängen vor
 allem die tapferen Helden, welche sich gegenseitig Hilfe leisten:
 ~Achilleus~, der seine Kunst dem weisen Kentauren Cheiron verdankt,
 ~Patroklos~, ~Nestor~, namentlich aber ~Machaon~ und ~Podaleirios~,
 die beiden Söhne des ~thessalischen~ Fürsten Asklepios; neben ihnen
 sind auch Frauen erfahren in der Heilkunde, wie in der Krankenpflege:
 die Zauberin Kirke, die Kräuterkennerin Agamede und Helene, welche
 bezeichnenderweise der ~Aegypterin~ Polydamna so manches Arzneimittel
 verdankt, besonders das φάρμακον νηπένθες, den Heiltrank, der jedes
 Leid vergessen macht (wahrscheinlich ~Opium~). -- ~Nicht zu übersehen
 ist es, daß Homer mit seinem übrigen Bildungsschatz auch das hoch
 entwickelte volkstümliche medizinische Wissen allen späteren Zeiten
 übermittelte!~

Es bildet eine überraschende Tatsache, daß in der Ilias zwar vom Zorn
des Pest sendenden Apollon, von Entsühnung die Rede ist, keineswegs
aber ein Heilverfahren mit abergläubischen Sprüchen oder Beschwörungen
verbunden wird, -- selbst der Götterarzt Paieon heilt nur mit Balsam
die Wunde des Ares; erst in dem jüngeren Heldengedicht, in der
Odyssee, welche einer schon vorgerückteren Kulturepoche entspricht und
die Anfänge des städtischen Lebens schildert, kommt die Besprechung
(ἐπῳδαί) als Hilfsmittel bei der Wundbehandlung vor (Episode von der
Eberjagd auf dem Parnaß). ~Dies zeigt schlagend, daß der Mystizismus,
als erste Form der Theoriebildung, der Empirie im historischen
Werdegang erst nachfolgt und anfangs gerade mit dem Aufschwung der
Kultur zunimmt.~

   Blickt man durch den Schleier hindurch, so bergen auch die meisten
 griechischen Mythen, soweit sie auf Medizin Bezug nehmen, einen
 ganz rationellen ~empirischen~ Inhalt, der nur phantastisch verhüllt
 ist. Der sagenhafte Melampus heilt z. B. den impotenten Iphiklus mit
 Eisenrost, die drei wahnsinnigen Töchter des Proetus mit Nieswurz,
 Bädern, Bewegung; des Herakles Hautleiden wird durch Schwefelbäder
 vertrieben, des Minos ansteckende venerische Krankheit wird durch
 ein Ziegenblasenkondom unschädlich gemacht u. s. w. Die Unwissenheit
 erkennt nicht den Zusammenhang der einfachen, nüchternen Tatsachen,
 glaubt vielmehr in ~Nebenumständen~ die Ursachen des „Wunders“ zu
 erblicken und stattet dieselben phantastisch aus.

Deshalb finden in der nachhomerischen Literatur, von Hesiod angefangen,
immer häufiger abergläubische Heilgebräuche, Besprechungen, Amulette,
heilbringende Träume, krankmachende Dämonen u. s. w. Erwähnung, um
sich besonders in der Orphik des 6. Jahrhunderts mit ihrer Beobachtung
der Vorzeichen, peinlichen Tagwählerei und mystischen Formeln zu einem
ganzen System zu vereinigen. Diese Zunahme des Mystizismus erklärt
sich freilich aus den wachsenden Einflüssen des Orients und aus dem
Aufkommen der religiösen Anschauungen der niederen Volksschichten:
Dämonenglaube und Zauber mit Kräutern, Steinen, Worten (ephesische
Buchstaben), Amulette (zum Teil Reste vorgriechischer Fetische), die
den bösen Blick und Krankheiten bannen, Zauberringe gegen Schlangenbiß
etc. sind Projektionen dieser Denkrichtung, welche bis ins Zeitalter
des Peloponnesischen Krieges fortdauerte.

Unter den verschiedenen Formen, in welchen die Mystik zu Tage
trat, nehmen die ~Traumorakel~ die erste Stelle ein; sie befanden
sich zumeist in solchen Gegenden, wo die Götter durch auffallende
Naturerscheinungen ihre Macht vor Augen führten, z. B. in der Nähe
von Höhlen mit schädlichen, betäubenden Ausdünstungen, auf Inseln,
die häufig von Erdbeben betroffen wurden, in der Umgebung von heißen
Quellen u. s. w. Manche dieser Orakel erlangten auch Bedeutung im
medizinischen Sinne, insofern die Gottheit durch Traumoffenbarung
Heilung gewährte, wie das ~Plutonische~ Heiligtum bei Acharaka
in Lydien, wo die Priester auch statt der Kranken träumten, die
Wundergrotte des ~Trophonius~ zu Lebadea in Böotien, namentlich aber
das uralte Traumorakel des chthonischen Gottes ~Amphiaraos~ zu Oropos,
bei dessen Besuch sich die Kranken 3 Tage des Weines und 24 Stunden
aller Speisen enthalten mußten. Nahe bei dem letztgenannten Heiligtum
befand sich eine Quelle, welche zu Reinigungen oder Opfern nur dann
benutzt werden durfte, wenn jemand durch einen Orakelspruch geheilt
wurde; in diesem Falle war es üblich, eine silberne oder goldene
Münze in das heilige Wasser zu werfen und dem Gotte Nachbildungen der
geheilten Körperteile als Votivgaben zu weihen.

Die genannten und andere Kultstätten wurden aber nur ~nebenbei~,
keineswegs ausschließlich, von Kranken aufgesucht, so wie man sich
auch mit Gebeten um Heilung an jeden der Hauptgötter, namentlich an
~Apollo~, ~Artemis~ und ~Athene~ wenden durfte. Erst in nachhomerischer
Zeit entstand der Kult eines besonderen Heilgottes, dem keine andere
Funktion oblag, als Krankheiten zu heilen und die Gesundheit zu
erhalten, nämlich der Kult des ~Asklepios~ (Σωτήρ, Ἰατρός, Ὄρθιος,
Παιἀν), dessen Tempel die wichtigste, späterhin die einzige Stätte
der theurgischen Medizin bildeten und sich solchen Ansehens erfreuten,
daß sie sogar den Sturz der Olympier überdauern konnten.

   Wie die gesamte Mythologie der Griechen trotz der systemisierenden
 Weisheit Hesiods in stetem Flusse begriffen ist und in ihrem
 fortwährenden Ausbau den historischen Zusammenschluß der Stämme, die
 Aufnahme fremder Kulturelemente deutlich widerspiegelt, so zeigt auch
 der Glaube an Heilgottheiten und sein Kult ein beständiges Werden,
 immer weitere Ausgestaltung. Die medizinische Mythologie läuft
 auch zur feineren Krankheitsunterscheidung und differenzierenden
 Berufsteilung parallel. In der ältesten Zeit wird ohne Unterschied
 ~allen~ Göttern die Macht zu heilen, die Krankheiten oder den Tod
 zu senden zugeschrieben. Erst später treten einzelne Gottheiten in
 nähere Beziehung zu Heilkunde oder nur zu bestimmten, scharfumgrenzten
 Teilen derselben. Unter diesen ragen die drei obersten Heilgötter
 Τρισσοἰ ἀλεξἱμοροι hervor: ~Apollon~, Erfinder der Heilkunst, aber
 auch durch ferntreffende Geschosse (Sonnenstrahlen) Seuchen und
 Tod bringend, frühzeitig mit dem Götterarzt Paieon identifiziert,
 ~Artemis~ als Schützerin der Frauen und Kinder, späterhin auch mit der
 dem Orient entstammenden Geburtsgöttin Eileithya zusammengeworfen,
 und Pallas ~Athene~, die Heilende (Hygieia), unter dem Namen
 ὀφθαλμιτις als Schützerin des Augenlichts verehrt. Neben ihnen sind
 besonders bemerkenswert: Aphrodite (Geschlechtsleben), Poseidon, in
 beschränkterem Sinne auch Hekate, Pan, Dionysos, Persephone u. a.
 An bestimmte Orte geknüpft oder nur von gewissen Ständen gepflegt,
 war die Verehrung des Herakles (Schutzgott der Athleten), des Hektor
 (in Theben), der Helene (Geburtsgöttin der Lakedämonierinnen), des
 Amphiaraos (Rhamnos und Oropos), des Aristomachos (Marathon), des
 Polydamas (Olympia), des heroisierten Skythen Toxaris (Athen),
 des Amynos (Athen), der Heroen im allgemeinen. -- Auf fremde
 Kultureinflüsse weisen wahrscheinlich zum Teile die sagenhaften
 Gestalten der Medeia, Gattin des Jason aus dem giftreichen Kolchis,
 des „hyperboreischen“ Olen, des thrakischen Orpheus (mit seinem
 Schüler Musäus) und des Zamolxis, des Abaris, des nordischen Aristeas,
 der Skythen Toxaris und Anacharsis (vielleicht Apotheosen historischer
 Personen). Als Hauptgründer der Heilkunst galt der „gerechteste“
 aller Kentauren, der thessalische Cheiron, der Lehrer der vornehmsten
 hellenischen Helden in der Jagdkunst und Arzneikunst. (Pflanzennamen
 Chironium und Centaurea; Chironisches Geschwür!) Schüler des Cheiron
 war nach der herkömmlichen Darstellung auch der zum Heilgott erhobene
 Sohn Apollons: ~Asklepios~.

   Die ~Asklepiosmythe~ zeigt eine außerordentliche Vielgestaltigkeit,
 welche sich nicht nur durch raffinierte Priesterfabeln zu Gunsten
 bestimmter Heiligtümer, sondern auch als natürliches Produkt
 jahrhundertelanger Sagenwanderung entwickelte; fortwährende Zutaten
 haben sich zu einem dichten Schleier verwoben, durch den schon zur
 Zeit eines Strabon oder Cicero nur schwer hindurchzublicken war.
 Wahrscheinlich ist Asklepios ursprünglich ein chthonischer Stammesgott
 (Erddämon) Thessaliens, der gleich anderen Lokalgottheiten (wie
 z. B. Herakles) beim Zusammenschluß der Mythen zur griechischen
 Gesamtreligion zunächst nur als Heros verehrt wurde -- bei Homer,
 Hesiod und Pindar ist er noch nicht als Gott bezeichnet, -- um dann
 mit zunehmender Kultverbreitung und entsprechend der universellen
 Bedeutung der ärztlichen Wundertaten von neuem zum Rang einer Gottheit
 als Sohn Apollons aufzusteigen (ähnlich wie der ägyptische Imhotep
 [Imuthes] vom Sondergott zum Sohne des Ptah avanciert). Auf den
 ~chthonischen Ursprung~ weisen das Attribut der ~Schlange~ und das
 mit seinen Tempeln verknüpfte ~Traumorakel~. In der Sage über Geburt
 und Verwandtschaft, Leben und Taten des Asklepios, sowie in seinem,
 mit orientalischem Mystizismus verbrämten Kult sind ganz disparate
 Elemente vereinigt, einerseits Anknüpfungen an den phönizischen
 Heilgott Eshmun, anderseits phantastisch aufgeputzte Reminiszenzen
 an wirkliche Personen, endlich Allegorien der ärztlichen Kunst und
 der Naturheilkräfte. Nach der ältesten Darstellung gelten als Eltern
 des Asklepios Ischys, der Elatide, und Koronis, die Tochter des
 Herakliden Phlegyas. Bei Homer wird er als schlichter Heros genannt,
 als thessalischer König und Vater der heilkundigen Helden ~Machaon~
 und ~Podaleirios~, welche an der Spitze der Streiter von Ithome,
 Trikka und Oichalia vor Troja zogen. Die spätere Sage erhebt dagegen
 Asklepios zum Halbgott. Sein Vater ist Apollon, welcher ihn entweder
 selbst mit der Heilkunst vertraut macht oder aber auf dem Berge
 Pelion durch den Kentauren Cheiron darin unterweisen läßt. Bezüglich
 des Namens der gottgeschwängerten Mutter und der Geburt entstanden
 zugleich mit der Wanderung des Asklepioskultes nach der Peloponnesos
 verschiedene Versionen. Bald wird Koronis als Mutter genannt, bald
 Arsinoë, die Tochter des Inachus (in Arkadien), bald Arsinoë, die
 Tochter des Leukippos (in Messenien). Die einen erzählen, Apollon
 selbst oder Hermes habe den Asklepios aus dem Leib der toten Mutter
 herausgeschnitten, andere wieder berichten, Koronis habe heimlich
 den Neugeborenen auf einem Berge bei Epidauros ausgesetzt (eine der
 auf dem Berge weidenden Ziegen gab dem Kinde Milch, und der Hund,
 der die Herde schützte, bewachte es).

   An der Verschiedenheit der Erzählung haben die Priester
 den Hauptanteil, da es in ihrem Interesse lag, die Kultstätten
 mit der Geburtssage des Heilgotts in Zusammenhang zu bringen.
 (Die Hauptredaktion erfolgte in Epidaurus, welches seit dem 5.
 Jahrhundert die Oberherrschaft über alle anderen Asklepiostempel
 an sich riß.) Asklepios soll eine Reihe von wunderbaren Kuren
 (z. B. Blindenheilungen) vollzogen und zuerst die therapeutische
 Anwendung der Musik und Gymnastik (spätere Zutat der Mythe!) in die
 Medizin eingeführt haben. Hauptsächlich bestand seine Therapie in
 chirurgischen Eingriffen, Pflanzenmitteln, Bädern, Einreibungen und
 Theurgie. Wegen der häufigen Todeserweckungen, worüber Pluton Klage
 führte, wurde er von Zeus mit dem strafenden Blitzstrahl getötet;
 nach anderer Ueberlieferung zog er sich den Groll des Götterkönigs
 wegen seiner Gier nach Gold (Bezahlung der ärztlichen Hilfe) zu oder
 starb eines natürlichen Todes. Je nach Geburt, Leistungen und Tod
 unterschied schon Cicero drei verschiedene Aeskulape. Nach seinem
 Tode wurde Asklepios in den Olymp erhoben oder als Schlangenträger
 unter die Sterne versetzt. In seinen Tempeln waren neben seiner (Zeus
 ähnlichen) Bildsäule stets mehrere andere Statuen anzutreffen, die
 sich als Verkörperung von Heilfaktoren, wie Wärme, Luft, Licht etc.,
 erweisen. Schon die Namen der Gattinnen und Kinder des Asklepios
 deuten auf stilisierte Mythe. Als Gattin erscheint neben Xanthe
 Lampetie oder Epione; als Kinder werden erwähnt: Hygieia, Euamerion,
 Aigle, Panakeia, Jaso, Akeso, Janiskos, Telesphoros (Knabengestalt
 mit Kapuze; wahrscheinlich orientalische Entlehnung oder identisch mit
 dem ägyptischen Harpokrates) neben den homerischen Helden Machaon und
 Podaleirios. In der Aethiopis des Dichters Arktinos gilt ~Machaon~ als
 ~Chirurg~, ~Podaleirios~ als ~Vertreter der inneren Medizin~, mit der
 Fähigkeit: „Unsichtbares zu kennen und Unheilbares zu heilen“. Beide
 (vielleicht historische Personen) verbreiteten den Kult des Asklepios;
 Machaon im Peloponnes, Podaleirios in Kleinasien. Neben den in der
 Asklepiosmythe vorkommenden Tieren: Schlange, Hund, Ziege, werden als
 Attribute des Gottes erwähnt oder bei Darstellungen (Standbilder und
 Münzen) am häufigsten benützt: Stab (Schlangenstab) und Lorbeerkranz.
 Mit Vorliebe wurden ihm Hähne oder Hennen geopfert.

   Das älteste Heiligtum des ~Asklepios~ bestand im thessalischen
 ~Trikka~; dieses, sowie die Tempel in ~Epidauros~ und ~Kos~ (in
 viel späterer Zeit ~Pergamon~) waren die besuchtesten. Der Kult des
 jungen Gottes -- ~erst 420 v. Chr. (durch den Dichter Sophokles)
 in Athen eingeführt~, wo früher allein Amynos als Heilgott verehrt
 wurde -- wanderte ziemlich rasch über ganz Hellas, vorwiegend
 unter Leitung der Priesterschaft von Epidauros, welche bei neuen
 Tempelgründungen die Schlange, das Symbol des Gottes, des Heilenden,
 verschickte; ungiftige, gezähmte und abgerichtete Schlangen wurden
 in den meisten Heiligtümern gehalten und oft zu allerlei Gaukeleien
 verwendet. (Hinsichtlich der Frage des ägyptischen Ursprungs des
 Asklepiosdienstes ist daran zu erinnern, daß die Schlange, der Wurm,
 in der ägyptischen Krankheitsauffassung eine Hauptrolle spielte.)
 Als Kultstätten kommen neben den schon erwähnten noch in Betracht:
 Titane (die älteste im Peloponnes), Gerenia, Argos, Pharai, Messene,
 Leuktra, Sparte, Epidauros -- Limera, Tithorea, Acharnai, Peiraieus,
 Eleusis, Sikyon, Kyrene, Balagrai, Rhodos, Thasos, Melos, Paros,
 Kalymna, Knidos, Syrna, Samos; auf italischem Boden: Kroton, Tarent,
 Rom (auf der Tiberinsel 293 v. Chr. errichtet) u. a.

Der Asklepioskult fand bemerkenswerterweise seine Stätte in solchen
Gegenden, welche mit ihren klimatischen und hygienischen Vorzügen den
Charakter von Luftkurorten besaßen. Der Aufenthalt in den Gnadenorten,
die sich auf Bergen oder Hügeln, in der windgeschützten Nähe von
Wäldern, an Flüssen oder Quellen befanden, bot die geeignetste
Grundlage für die Heilung; wohlschmeckendes Trinkwasser stand
zur Verfügung. Die erquickende Luft verfehlte nicht ihre Wirkung,
wohlgepflegte Gärten in der Umgebung des Heiligtums erheiterten das
Gemüt, prachtvolle Aussicht in die Ferne erfüllte die bekümmerten
Herzen mit neuer Hoffnung auf Genesung. Manche der Asklepieien
dankten ihren großen Ruf auch dem Besitz von Mineralquellen oder
Thermen. An schlichte Altäre, die ursprünglich bei heiligen Brunnen
(z.B. ~Burinnaquelle auf Kos~), in der Nähe heilspendender Quellen
errichtet wurden, schlossen sich später prächtige Tempelbauten, Anlagen
für Festspiele, Gymnasien (Ringschulen), in denen chronische Leiden
durch Leibesbewegung, Bäder, Salben behandelt wurden, und, wie die
Ausgrabungen zeigen, auch Wohnräume (Krankenzimmer) für Patienten.
Strenge Vorschriften hygienischen Inhaltes wachten darüber, daß die
gesundheitsförderlichen Zustände intakt erhalten blieben und bereiteten
die frommen Pilger für die mystische Kur durch Regelung der Lebensweise
in rationeller Weise vor. Unreinen und Ungeweihten war der Zutritt
zum Heiligtum unmöglich gemacht, Gebärende, moribunde Personen wurden
ferngehalten, kein Toter durfte im Gebiete des heiligen Bezirks
bestattet werden, für Unterkunft und Verpflegung der Kranken sorgten
Herbergen und Kosthäuser in der Nähe des Tempels. Die Hilfesuchenden
mußten sich einer sorgfältigen Reinigung unterziehen, im Meere, im
Flusse oder in der Quelle baden, eine vorgeschriebene Zeit hindurch
fasten, sich vom Wein oder gewissen Speisen enthalten und durften
den Tempel erst betreten, wenn sie durch Waschungen, Einreibungen,
Räucherungen etc. genügend vorbereitet waren. An diese mehrtägige,
teils diätetisch, teils suggestiv und ermüdend wirkende Vorkur reihten
sich Gebete, Opfer, fromme Gesänge, ein durch Symbole die Phantasie
tief ergreifender Gottesdienst mit feierlichem Gepränge -- Eindrücke,
die noch vertieft wurden durch den Anblick kostbarer Weihgeschenke der
Genesenen, durch die Erzählungen der ehrfurchtgebietenden Priester,
welche den Kranken die Inschriften in den Tempelhallen erklärten und
durch Hinweis auf die zahlreichen Wundertaten die frohesten Hoffnungen
zu erregen verstanden.

So vorbereitet, in die höchste Spannung versetzt, verbrachten die
Pilger sodann eine oder mehrere Nächte im Hieron, zu Füßen der Statue
des mildstrengen Asklepios, in Erwartung der heilbringenden, vom
Gotte inspirierten Träume, in denen die mächtig erregte Phantasie die
ungewohnten Eindrücke der letztverlebten Tage seltsam verwob. Denn
wie im Amphiaraion, so wurde auch in den Asklepieien den Kranken die
göttliche Hilfe oder die Offenbarung von wunderbaren Heilmitteln im
Traume zu teil während des ~Tempelschlafes~ (ἐγκοίμησις, lateinisch
incubatio).

   Aus Inschriften des Tempels zu Epidauros (welche mit der burlesken
 Darstellung des Dichters Aristophanes in seinem Lustspiel Plutos
 übereinstimmen) ist zu schließen, daß in älterer Zeit der Gott
 direkte Heilung spendete, d. h. daß der Priester Nachts in der Maske
 des Gottes (begleitet von den Priesterinnen, die als Hygieia, Jaso,
 Panakeia figurierten) erschien und, wahrscheinlich unterstützt von den
 ursprünglich mit der Priesterschaft wohl zusammenhängenden angeblichen
 Nachkommen des Asklepios (den ~Asklepiaden~, ὑιοί τοῦ θεοῦ) wirkliche
 Kuren vollzog, die den schlaftrunkenen oder halbschlafenden Kranken
 nur erträumt zu sein schienen (Verbinden, Auftragen von Salben,
 Verabfolgung oder Eingeben von Arzneien, mündlich formulierte
 Ordinationen). In späterer Zeit dagegen beschränkte sich Asklepios,
 ohne selbst manuell einzugreifen, darauf, den Inkubanten oder deren
 Stellvertretern (denn auch solche waren zulässig) nur Weisungen
 und Vorschriften im Traume zu erteilen, bisweilen deutlich, oft nur
 symbolisch. Die Asklepiaden, von der Priesterschaft oder mindestens
 vom Mystizismus derselben losgelöst, haben an dem Tempelspuke in
 dieser Periode keinen Anteil mehr, sie sind selbständige Aerzte
 geworden, welche nebenbei höchstens die inspirierten Ratschläge des
 Gottes auf Wunsch der Kranken zur tatsächlichen Ausführung bringen.

In den Traumgesichten, welche erst von den kundigen Priestern
gedeutet werden mußten (d. h. nämlich mit ihrem ärztlichen Plan
in Uebereinstimmung zu bringen waren!), ordnete Asklepios zumeist
rationelle Kuren (~Diät~, ~Bewegungen~ in Form von Reiten, Jagen,
Waffenübungen, ~psychische Mittel~, z. B. Anhören eines Liedes, eines
Lustspiels u. s. w., seltener ~Aderlässe~, ~Abführmittel~ u. s. w.)
an oder scheinbar Widersinniges mit suggestivem Endzwecke. Der Erfolg
war stets ein neues Wunder des Gottes, der Mißerfolg wurde von den
schlauen Priestern sehr leicht auf ein oder das andere Versehen des
Patienten geschoben. Die Genesenen mußten sich dem Heilpersonal und
dem Gotte erkenntlich zeigen. (In Epidauros fordert Asklepios einmal
selbst den Lohn mit den Worten: „Geheilt bist du, nun mußt du aber
das Honorar zahlen.“)

Nach uralter Sitte widmete man „~Anathemata~“, bildliche Darstellungen
der geheilten Körperteile in Gold, Silber, Elfenbein, Marmor u. s. w.
oder klebte Münzen mit Wachs an die Schenkel der Götterstatuen oder
warf dieselben in die heilige Quelle als Weihgeschenk; in manchen
Heiligtümern wurden die Krankengeschichten und die verwendeten Mittel
auf die Tempelsäulen eingezeichnet oder auf Votivtafeln aus Metall oder
Stein (πίνακες) niedergeschrieben, die man an den Säulen und Pfosten
anbrachte. Dem Gotte zu Ehren feierte man auch Feste Asklepieia, welche
in musischen Wettspielen bestanden.

Der Heilbetrieb in den einzelnen Asklepieien scheint sehr verschieden
gewesen zu sein, je nachdem man bei den Kuren den Schwerpunkt auf
den Mystizismus oder auf ein rationelles Heilverfahren legte --
ein Unterschied, der in letzter Linie damit zusammenhing, ob die
Priesterschaft den angeblichen Nachkommen des Gottes, den Asklepiaden,
welche als Tempelärzte fungierten, einen größeren oder geringeren
Einfluß gönnte.

   In dieser Hinsicht können Epidauros mit seiner ausgesprochenen
 Thaumaturgie und Kos mit seiner Hinneigung zum Rationalismus als
 Repräsentanten gelten. Als Kultort behielt das erstere stets den
 Vorrang und suchte seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über
 alle übrigen Asklepieien zu erlangen; die Hegemonie drückte sich
 symbolisch darin aus, daß die ehrgeizige epidaurische Priesterschaft
 zur Einweihung heilige Schlangen nach dem abhängigen Heiligtum
 schickte. Die Mythe erzählt, daß die Sendung nach Kos erfolglos
 blieb, d. h. die dortige Priesterschaft erklärte sich mit den
 Umtrieben der Epidaurier nicht einverstanden und huldigte in der
 Therapie Grundsätzen, welche im Sinne des Rationalismus von den
 wissenschaftlich forschenden koischen Asklepiaden ausgebildet
 wurden. Die koischen Tafeln, πίνακες, dürften darum im Inhalt ihrer
 Heilberichte wesentlich verschieden gewesen sein von den epidaurischen
 und verwandten, die, soweit sie jetzt bekannt sind, nur Zeugnis vom
 absurdesten Aberglauben liefern.

In welchem Geiste aber auch immer die therapeutischen Vorschriften
von der Priesterschaft gegeben wurden, so handelte es sich formell
doch immer um Theurgie -- es war Asklepios selbst, der durch den
Mund seiner Diener Vorschriften verkündete. Mochten dieselben von der
anwachsenden Erfahrung noch so viel Nutzen ziehen, offiziell konnte die
Priesterschaft vom Bestande einer Sammlung kritischer Beobachtungen
-- die ihre Richtschnur gewiß im geheimen bildete -- keinen Gebrauch
machen; die göttliche Offenbarung tat in jedem einzelnen Falle
ein Wunder. Um den Schein des Supranaturalismus zu wahren, mußten
die Priester anderen Männern die Begründung der wissenschaftlichen
Heilkunst überlassen, nämlich solchen, die dem Kultus fernstanden.
So wirkte, abgesehen von dem Mangel eines geschlossenen religiösen
Dogmatismus, gerade die strenge Gebundenheit der Priester an den Kultus
als Faktor für die freie Bearbeitung der griechischen Medizin neben
und außerhalb der Tempel.



Die Aerzte.

Asklepiaden, Gymnasten, Rhizotomen.


Der Asklepioskult bildet nur ~eine~ Form der medizinischen
Entwicklung; verhältnismäßig spät auftauchend, stößt er sehr bald
auf Gegenströmungen älteren Ursprungs, und infolge der fehlenden
Möglichkeit, sich an bestehende universelle Priestersysteme
anzuschließen gewinnt er wenigstens in den höheren Schichten des
Volkes kaum vorübergehend jene geistige Macht, welche der Theurgie in
der Heilkunde des Ostens die Oberherrschaft sicherte. ~Tiefer als der
Obskurantismus wurzelt bei den Griechen die freie ärztliche Kunst.~

Seit Homer erwähnen Dichter und Historiker nichtpriesterliche
Aerzte, welche, ungehindert von der Tempelmedizin, in vollster
Freizügigkeit ihren Beruf ausüben, ihre Erfahrung nach selbsterworbenen
Gesichtspunkten verwerten konnten, und schon frühzeitig entstand die
Sitte, daß politische Gemeinwesen ~Amtsärzte~ anstellten, mit der
Obliegenheit, gegen fixen Gehalt die Armen unentgeltlich zu behandeln,
bei Seuchen die entsprechenden Anordnungen zu treffen, vor Gericht
als Sachverständige auszusagen; ebenso ist es sicher verbürgt, daß
Aerzte Heer und Flotte begleiteten (bereits Lykurg führte ~Feldärzte~
ein!) oder, daß sie als Hof- und ~Leibärzte~, wie z. B. Demokedes im
6. Jahrhundert v. Chr., dem Rufe von fremden Fürsten Folge leisteten.

Die ärztliche Praxis, die zu den Gewerben zählte, war jedem gestattet,
der das erforderliche Wissen zu besitzen glaubte (Frauen war der Beruf
allerdings verschlossen und Unfreie durften nur Sklaven behandeln);
diese Freiheit brachte es mit sich, daß sehr verschiedenartige
Elemente, Männer von höchster Bildung (Philosophen), tüchtig
ausgebildete Praktiker, aber auch rohe Empiriker, nichtswürdige
Scharlatane und armselige Dilettanten ihr Kontingent stellen durften.

   Drei Typen sind es namentlich, die unter den Aerzten hervortreten:
 der einfache Praktiker (δημιουργός), der regelrecht gebildete,
 mit seinem Assistenten arbeitende Meister (ἀρχιτεκτονικός) und der
 dilettantische Kenner (πεπαιὀευμένος), welch letzterem (entsprechend
 dem spekulativen hellenischen Wissenschaftsbegriff) ebenso wie den
 beiden vorgenannten ein maßgebendes Urteil über Kunstfehler zukam.

Im engeren Sinne galten als eigentlich gebildete Aerzte (τεχνῖται,
χειροτέχναι) nur solche, welche bei einem anerkannten Meister
entsprechenden theoretisch-praktischen Unterricht genossen hatten.
Dieser Nachweis war namentlich für Amtsärzte (δημοσιεύοντες)
erforderlich, z. B. in Athen, wo sie nach Vorstellung der Kandidaten
von der Volksversammlung gewählt wurden.

   Die Aerzte übten ihre Praxis (sowohl innere Medizin als Chirurgie)
 teils an ihrem ständigen Wohnsitz aus, teils zogen sie umher als
 Periodeuten. Die Kranken wurden entweder zu Hause behandelt oder in
 den ärztlichen Werkstätten (ἰατρεῖα, ἰατρικὰ ὲργαστήρια), die auch
 mit Krankenzimmern zur vorübergehenden Verpflegung verbunden waren.
 Solche Iatreien errichteten größere Aerzte, welche von Gehilfen
 und Schülern umgeben waren, auf eigene Kosten, oder dieselben
 wurden für die Amtsärzte von den Gemeinden (besondere Steuern sind
 inschriftlich nachgewiesen) erhalten. Vornehmlich dienten sie zur
 Ausführung von Operationen und enthielten in ihren lichten Räumen
 alle nötigen Instrumente, Schüsseln, Schwämme, Verbandmaterial,
 Badewannen, Spritzen, Schröpfköpfe, Arznei- und Salbenbüchsen
 etc. Schüler und Gehilfen, welche hier ihre Kenntnisse erwerben
 oder vervollkommnen konnten, standen den Aerzten zur Seite und
 nahmen auch leichtere Fälle (namentlich unbemittelte Patienten!)
 selbständig in Behandlung; zuweilen begleiteten sie ihren Lehrer bei
 Krankenbesuchen in Privatwohnungen. Auf ärztlichen Reisen nahm man
 einen Handapparat mit, der aus den unentbehrlichsten Instrumenten,
 Verbandzeug, Salben, Pflastern, Brechmitteln und Purganzen bestand.
 (Solche Kästchen sind aufgefunden worden.) Außergewöhnliche Leistungen
 wurden mit Dotationen, Steuerfreiheit, Bürgerrecht, Ehrendekreten,
 goldenen Kränzen, Statuen u. s. w. belohnt. Beispielsweise berichten
 Inschriften von derartigen Ehrungen, welche die dankbaren Mitbürger
 dem ~Onasilos~, ~Euenor~ und ~Menokritos~ erwiesen haben.

Die berühmtesten Pflegestätten fand die rationelle Medizin
charakteristischerweise zuerst in den Kolonien, wo die intensivste
Befruchtung durch asiatisch-ägyptische Einflüsse stattfand, an Orten,
wo die ~Philosophie~ blühte oder ~Asklepiostempel~ bestanden. Zu den
ersteren zählten ~Kyrene~ und ~Kroton~, zu den letzteren die Schulen
von ~Rhodos~, ~Knidos~ und ~Kos~.

   Zur Zeit Herodots erfreuten sich die Aerzte von Kroton und nach
 ihnen die kyrenaischen des höchsten Ruhmes. Kyrene, Hauptstadt der
 Landschaft Kyrenaia, eine Kolonie von Thera, dankte ihren Reichtum
 dem Silphium (Gewürz- und Arzneipflanze, eine Art Narthex. L.), das
 sie im Wappen führte und zeichnete sich durch Pflege der Philosophie
 schon sehr frühzeitig aus. Kroton war Sitz der Pythagoreer und besaß
 eine Aerzteschule. Die Aerzte von Rhodos, Knidos und Kos waren
 ~Asklepiaden~. Die Geschichte der rhodischen Schule, welche bald
 unterging, ist in Dunkel gehüllt.

Auf den ersten Blick erscheint es schwer verständlich, wie sich eine
rationelle Heilkunde und freie Heilkunst auch im Schatten der Tempel
von Knidos und Kos entwickeln konnte, ungehindert durch die Theurgie
der Asklepiospriester. Das Befremdende der Tatsache schwindet aber,
wenn man erwägt, daß nicht die Priester Träger des Fortschrittes waren,
sondern die Tempelärzte, die sogenannten ~Asklepiaden~, welche in
historischer Zeit nur eine lose oder gar keine Beziehung zum Kultus
hatten und nach freiem Ermessen außerhalb des Heiligtums, ja sogar in
der Fremde ihren Beruf ausüben konnten. Jedenfalls in dem Jahrhundert,
welches dem Zeitalter des Hippokrates am nächsten liegt, sind die
knidischen oder koischen ~Asklepiaden nur eine scharf begrenzte Gruppe
der griechischen Aerzte~, welche sich von den übrigen durch eine
straffe Organisation charakterisiert, die in bestimmten Satzungen und
Formalitäten ihren Ausdruck findet. Diese liefen darauf hinaus, in der
Asklepiadenzunft nur solche Elemente zu vereinigen, welche durch die
gemeinsame Verehrung des Heilgottes, durch gleiche wissenschaftliche
Anschauungen eng aneinander gekettet, ihre Aufgabe in hervorragender
ärztlicher Tätigkeit erblickten und sich eidlich verpflichteten, die
Würde der Kunst zu erhalten, die Ethik bei der Ausübung des Berufes
zu wahren, Dankbarkeit gegen die Lehrer, brüderliche Gesinnung gegen
deren Nachkommen zu pflegen und die Profanation der Geheimnisse an
Unberufene zu verhüten.

Der Zug von ~familiärer~ Pietät, der im Bunde der Asklepiaden deutlich
hervortritt, und die ans Priestertum lebhaft erinnernde Geheimhaltung
der Lehren (die Mysterienvereinigungen z. B. in Eleusis oder der
Pythagoreerbund sind Analoga) stützten sich auf die Tradition, daß
die Asklepiaden ursprünglich eine Genossenschaft von Blutsverwandten
bildeten, die ihre ~Herkunft vom göttlichen Stammvater der Medizin~
ableiteten und ihre ~Kunst als Familienvermächtnis~ hüteten. Aeußere
Momente bewirkten es, daß diese Vereinigung von Blutsverwandten
sich allmählich durch Aufnahme von Fremden (ἔξω τοῦ γένους) zu einer
geistigen Familie von Aerzten erweiterte, aber auch diese bewahrte
unter dem Mantel altehrwürdiger Formen die Reinheit der überkommenen
Lehre und deutete noch durch mancherlei Aeußerlichkeiten, insbesondere
durch den Verbandssitz in Tempelorten, ihren ehemaligen Zusammenhang
mit dem Asklepiospriestertum an.

   Die älteren Historiker der Medizin hielten die Asklepiaden
 für identisch mit den Asklepiospriestern. Diese Ansicht hat sich
 als unrichtig herausgestellt; man ging später aber so weit, jede
 Verbindung zwischen beiden zu leugnen. Gegenwärtig stehen maßgebende
 Forscher auf einem vermittelnden Standpunkt, indem sie den
 ursprünglichen Zusammenhang der Asklepiaden mit den Priestern, die
 Mitwirkung der „Söhne des Gottes“ bei den Kulthandlungen in älterer
 Zeit anerkennen, aber besonders in Kos und Knidos eine allmähliche
 und tiefgreifende Lostrennung der Asklepiaden von allem Tempelspuk
 annehmen. Vielleicht waren die sogenannten Asklepiaden ursprünglich
 Familien, in denen sich seit grauer Zeit der ärztliche Beruf forterbte
 und die Kunstgeheimnisse als Vermächtnis bewahrt wurden, wie es in
 abgelegenen Gegenden noch heute Familien gibt, die ärztliche Kunst
 oder nur einzelne Spezialitäten (z. B. Bruchoperationen, Steinschnitt,
 Frakturenbehandlung u. s. w.) seit Jahrhunderten pflegen und sich
 auf uralte Ueberlieferungen berufen. Ihren symbolischen Ausdruck
 fand diese Familienmedizin im Kultus des angeblichen Urahns,
 des ἡρως κτἰστης 'Ασκλαπιός, so wie die Schmiede den Hephaistos
 verehrten. Infolge des wachsenden Ansehens und der Verbreitung der
 Familienangehörigen, zu denen sich allmählich Fremde unter gewissen
 Bedingungen gesellen durften, wurde der angebliche Stammesheros
 zum allgemein anerkannten Heilgotte erhoben, verwandelte sich der
 Stammeskult in einen Staatskult mit besonderen Heiligtümern und
 staatlichen Priestern. Es prägt sich dieses Verhältnis darin aus,
 daß Asklepios zum Sohn des Heilgotts Apollon gemacht und mit anderen
 älteren Heilgottheiten zusammen verehrt wurde, daß seine Statue z.
 B. neben der des Apollon, der Hygieia u. s. w. ihren Platz fand; wie
 die Ausgrabungen z. B. auf Paros zeigen, wurde Asklepios (vielleicht
 nach Erschließung einer neuen Heilquelle) in das Heiligtum des Apollon
 Pythios aufgenommen. Die angeblichen Nachkommen des Asklepios gingen
 teils in der Tempelmystik auf, teils pflegten sie, z. B. in Kos
 rationelle Medizin und beeinflußten sogar die Priesterschaft gegen
 den schwindelhaften Wunderbetrieb. (Wie oben erwähnt, weigerte sich,
 nachgewiesenermaßen, die koische Priesterschaft, den nach Einheit
 strebenden Herrschaftsgelüsten von Epidauros Folge zu leisten!)

Gerade an den Tempelorten bot sich reichliche Gelegenheit, Leiden
aller Art zu sehen, die Wirksamkeit von Kuren und Mitteln zu erfahren,
aus manchen der aufgezeichneten Krankengeschichten die Erfahrung
zu bereichern. Im Tempelarchiv von Rhodos, Kos und Knidos befanden
sich reiche Bibliotheken, in denen der Wissensschatz für Schüler
und Nachfolger niedergelegt war; ihre Praxis übten die Asklepiaden
entweder in den Iatreien oder in den Behausungen der Patienten aus,
manche folgten auch dem Rufe in die Fremde -- ein Zeugnis, wie wenig
sie durch priesterliche Abgeschlossenheit gebunden waren.

Eine Weihinschrift in Athen zeigt, daß schon im 6. Jahrhundert die
koischen Asklepiaden wegen ihrer anerkannten Tüchtigkeit in ferne Teile
Griechenlands berufen wurden; die in jüngster Zeit veranstalteten
Ausgrabungen des koischen Asklepieions beweisen, daß dasselbe als
Archiv für Ehrungen koischer Aerzte diente, und daß die dortigen
Asklepiaden trotz ihrer Verbindung mit der Priesterschaft rationell
gebildete Aerzte waren, welche Berufungen ins Ausland gerne Folge
leisteten.

Während in älterer Zeit der Vater oder ein älterer Verwandter den
Sprößling der Familie in der Heilkunst unterwies, wurden später,
als sich die Zunft den Fremden erschloß, ~Asklepiadenschulen~
eigens eingerichtet, in denen Bürgerssöhne gegen oft bedeutendes
Honorar in allen Kenntnissen und Fertigkeiten theoretischen und
praktischen Unterricht empfingen; für die Söhne der Asklepiaden war
der Unterricht unentgeltlich, da sich die Schüler nach erlangter
Ausbildung verpflichten mußten, die Söhne ihres Meisters ohne Anspruch
auf Entschädigung in der Heilkunst zu unterweisen. Der Unterricht
erstreckte sich auf den Bau und die Funktionen des Körpers -- nach dem
Zeugnis Galens wurden die Asklepiadenjünger schon in früher Jugend
in die Anatomie (Tierzergliederungen) eingeführt --, weiterhin auf
die Lehre von den Krankheitsursachen etc., und fand seine Ergänzung
in ~praktischer~ (klinischer) Unterweisung über die verschiedenen
Leiden und ihre Behandlung (Heilmittel, Operationen etc.) an konkreten
Fällen, wie sie namentlich im Iatreion zur Beobachtung gelangten; die
vorgeschrittenen Schüler durften unter Aufsicht des Lehrers selbst mit
Hand anlegen. Die Aufnahme in die Asklepiadengenossenschaft erfolgte
nach beendeter Ausbildung und nach Ablegung des ~Schwures~, welcher das
neue Mitglied für immer zur Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen
und ethischen Traditionen verpflichtete.

   Der auf uns gekommene, in der hippokratischen Schriftensammlung
 enthaltene Schwur lautet folgendermaßen: „Ich schwöre bei Apollon,
 dem Arzte, bei Asklepios, Hygieia und Panakeia und bei allen Göttern
 und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen mache, daß ich diesen meinen
 Eid und diese meine Verpflichtungen erfüllen werde nach Vermögen
 und Verständnis, nämlich denjenigen, welcher mich in dieser Kunst
 unterwiesen hat, meinen Eltern gleichzuachten, sein Lebensschicksal
 zu teilen, ihm auf Verlangen dasjenige, dessen er bedarf, zu gewähren,
 das von ihm stammende Geschlecht gleich meinen männlichen Geschwistern
 zu halten, sie diese Kunst, wenn sie dieselbe erlernen wollen, ohne
 Entgelt und ohne Schein zu lehren und die Vorschriften, Kollegien
 und den ganzen übrigen Lernstoff meinen Söhnen sowohl wie denen
 meines Lehrers und den Schülern, welche eingetragen und verpflichtet
 sind nach ärztlichem Gesetze, mitzuteilen, sonst aber niemand. --
 Diätetische Maßnahmen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der
 Kranken nach meinem Vermögen und Verständnis, drohen ihnen aber
 Fährnis und Schaden, so werde ich sie davor zu bewahren suchen.
 Auch werde ich keinem, und sei es auf Bitten, ein tödliches Mittel
 verabreichen, noch einen solchen Rat erteilen, desgleichen werde
 ich keiner Frau eine abtreibende Bougie geben. Lauter und fromm will
 ich mein Leben gestalten und meine Kunst ausüben. Auch will ich bei
 Gott keinen Steinschnitt machen, sondern ich werde diese Verrichtung
 denjenigen überlassen, in deren Beruf sie fällt. In alle Häuser aber,
 in wie viele ich auch gehen mag, will ich kommen zu Nutz und Frommen
 der Patienten, mich fernhaltend von jederlei vorsätzlichem und Schaden
 bringendem Unrechte, insbesondere aber von geschlechtlichem Verkehre
 mit Männern und Weibern, Freien und Sklaven. Was ich aber während
 der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im
 gewöhnlichen Leben erfahre, das will ich, soweit es außerhalb nicht
 weitererzählt werden soll, verschweigen, indem ich derartiges für
 ein Geheimnis ansehe. -- Wenn ich nun diesen Eid erfülle, ohne ihn
 zu brechen, dann möge mir ein glückliches Leben und eine glückliche
 Kunstausübung beschieden sein und ich bei allen Menschen für immer in
 Ehren stehen, wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, möge
 das Gegenteil geschehen.“

Der Mystizismus der Asklepiaden schwand einerseits in dem Maße,
als Fremde in ihrem Bund Aufnahme fanden, wodurch sich gewiß die
Geheimhaltung der Kunstgeheimnisse lockerte, anderseits infolge der
wachsenden Konkurrenz mit Aerzten, welche den Philosophenschulen
(namentlich der Pythagoreer) eine höhere wissenschaftliche Auffassung
verdankten oder aber beim Volke durch empirische Tüchtigkeit Vertrauen
erworben hatten. Philosophen, die über ärztliche Kenntnisse oder sogar
Fertigkeiten verfügten, wie z. B. Pythagoras, Empedokles und ihre
Schüler, bewiesen, daß auch fern von den Asklepiostempeln Heilung
zu finden ist; philosophisch gebildete Aerzte erweckten durch ihre
Schriften spekulativ-theoretischen Inhaltes -- lange vor Hippokrates
gab es eine ansehnliche medizinische (auch populär-medizinische)
Literatur -- allgemeines wissenschaftliches Interesse, und von
Ruhmsucht oder Geldgier getrieben, ließen es auch Sophisten, die über
alles zu reden wußten, nicht daran fehlen, durch öffentliche Vorträge
ihre dilettantischen Kenntnisse ins hellste Licht beim Publikum
zu setzen, wodurch die ärztliche Tätigkeit, dem Urteil von Laien
preisgegeben, nicht wenig von ihrem einstigen Nimbus einbüßte.

Wie aus dem Eid der Asklepiaden hervorgeht, überließen sie manche
Operationen, die wegen mangelhafter anatomischer Kenntnis und Technik
nur auf die roheste Weise unternommen werden konnten (Kastration,
Steinschnitt), den „Handwerkern“ und versagten ihre Mithilfe bei
gewissen Zumutungen (Fruchtabtreibung), die mit der Standesehre
dieser ärztlichen Elite nicht vereinbar schienen. Gerne ersetzten
herumziehende Quacksalber oder ~Empiriker~, die zumeist mit mehr
Kühnheit als Sachkenntnis zugriffen, ihre Stelle und erwarben durch
die Willfährigkeit, mit der sie sich zu verpönten oder zweifelhaften
Dingen herbeiließen, großen Anhang.

Diese Empiriker, welche sich zumeist mit Spezialitäten
(Blasenoperationen, Augenleiden, Zahnleiden etc.) abgaben, bilden den
Uebergang zu allerlei Dilettanten, welche, ursprünglich untergeordnete
Gehilfen der Berufsärzte, gerne die Rolle der Aerzte spielten und mit
dem ganzen Fanatismus der Einseitigkeit ihre spärlichen Methoden oder
Handgriffe für unfehlbare Universalmittel ausgaben. Hierher zählen
die ~Gymnasten~, d. h. die Lehrer und Vorturner in den Ringschulen
(Gymnasien), welche als ~Jatrolipten~ auch die Einsalbung des Körpers
vornahmen. In Anbetracht der großen Bedeutung, welche den Ringschulen
im öffentlichen Leben der Griechen zukam, kann es nicht wundernehmen,
daß die Gymnasten, zumal sie bei den Verletzungen, Frakturen oder
Luxationen vor dem Eintreffen des Arztes die erste Hilfe leisten
mußten und über den heilsamen Einfluß der Lebensweise und der
Leibesübungen anscheinend die größte Erfahrung besaßen, geradezu als
Aerzte (ιατροἰ, ὑγιεινοἰ) betrachtet wurden. Von Gesunden und Kranken
über Diät und Gymnastik zu Rate gezogen, überschritten manche von
ihnen ihren Wirkungskreis und gaben vor, durch bestimmte Körperübungen
und diätetische Maßregeln allein, namentlich chronische Krankheiten
heilen zu können. Es soll den Gymnasten gewiß nicht das Verdienst
bestritten werden, daß sie früher als Asklepiaden und sonstige
Berufsärzte die Bedeutung der Leibesbewegung und Stoffwechselkuren
erfaßten; ihre Halbbildung verleitete sie aber kritiklos, diätetische
Mittel, Salbungen, Dampfbäder, Massage, Körperbewegungen bei allen
möglichen Zuständen anzuwenden und mit maßloser Uebertreibung ihre
gläubigen Patienten zu Kuren zu verhalten, die eher zur Trainierung
robuster Athleten als zur Behandlung von Krankheiten ausgesonnen zu
sein scheinen. Wie gewisse moderne Wundertäter, beriefen sich manche
Gymnasten auf die Erfahrung am eigenen Leibe und machten für ihre
Grundsätze in Schriften sophistischer Art erfolgreiche Propaganda,
z. B. ~Ikkos von Tarent~ und ~Herodikos von Selymbria~. Letzterer
verordnete mit Vorliebe ermüdende Spaziergänge (z. B. von Athen bis
Megara und ohne Aufenthalt wieder zurück = 9,2 km) und suchte das
Fieber durch Laufen, Ringen und äußere Wärme zu vertreiben. Seine
Kur der Wassersucht (Abführen, Erbrechen gleich nach dem Essen,
laue Bähungen, Schlagen der Geschwulst mit gefüllten Schläuchen)
fand übrigens noch in späteren Jahrhunderten große Anerkennung. Dem
Heilsystem des ~Herodikos~ und den empirischen Maßnahmen der Gymnasten
lag eine Teilwahrheit zu Grunde, welche später mit Vorsicht von der
rationellen Medizin benützt wurde.

Um ein vollkommenes Bild von dem griechischen Heilpersonal zu erhalten,
müssen wir noch einen Blick auf das üppig wuchernde Kurpfuschertum
werfen, das sich aus Leuten rekrutierte, die in betrügerischer Absicht
auf den Aberglauben der Menge spekulierten und mit kecker Hand
in das Heilgewerbe einzugreifen verstanden. Außer allerlei Hirten
und Quacksalbern (φαρμακοἰ), die namentlich sympathetische Kuren
verrichteten, spielten bei den Griechen die sogenannten ~Rhizotomen~
und ~Pharmakopolen~ die Hauptrolle. Die Aerzte bereiteten in älterer
Zeit die Arzneien selbst, bedurften aber natürlich solcher Handlanger,
die sich mit dem Sammeln von Pflanzen, mit der Zerlegung in die
Bestandteile, mit dem kunstgerechten Aufbewahren der Blätter, Blüten,
Wurzeln, Säfte u. s. w. abgaben. Nach ihrer Hauptbeschäftigung,
dem Wurzelsammeln, hießen solche Personen Rhizotomen. Viele unter
ihnen verblieben aber, wie es stets zu gehen pflegt, keineswegs
bei ihrem eigentlichen Metier, sondern nützten die gelegentlich
aufgelesenen dürftigen pharmazeutischen und medizinischen Kenntnisse
in verwerflicher Weise aus und umgaben sich durch verschiedenartige
abergläubische Prozeduren mit einem Nimbus, der ihren Geschäftszwecken
sehr zu Gute kam. Gefährlicher waren die Arzneihändler (φαρμακοπῶλαἰ),
welche in ihren Buden nicht nur das Rohmaterial feilhielten, sondern
neben Kuriositäten (z. B. Brenngläsern), auch selbstgebraute Medizinen,
Geheimmittel (z. B. Aphrodisiaca), Schönheitsmittel, Gifte etc.
verkauften und dabei fleißig quacksalberten.

Es würde überraschen, wenn die „weisen“ Frauen und Hebammen dem
Bunde der Kurpfuscher ferngeblieben wären. War auch das Heilgewerbe
bei den Griechen den Frauen verschlossen, im geheimen konnten sie
ihrem Triebe frönen, umsomehr, als das Schamgefühl der Leidenden
den Weg dazu ebnete. Die „Aerztinnen“ (ἰατρἰναι) beschäftigten
sich zwar hauptsächlich mit der Bereitung von Liebestränken und
Schönheitsmitteln, hielten aber mit ihrem Rat auch bei ernsten
Frauenkrankheiten nicht zurück. Wie zu allen Zeiten beschränkten
sich natürlich auch die Hebammen nicht bloß darauf, die Schwangeren
zu überwachen, Geburten durch Zuspruch, Gesänge, Beschwörungen und
Arzneien zu befördern, die Nabelschnur der Neugeborenen zu durchtrennen
u. s. w., sondern sie nahmen mit sträflichem Vorwitz gynäkologische
oder pädiatrische Eingriffe vor (scheintote Kinder versuchten sie
dadurch zu beleben, daß sie das Blut der Nabelgefäße nach innen
drückten); Abortivmittel, Kuppelei und Heiratsvermittlung bildeten
außerdem ihr lohnendes Nebengewerbe.



Anfänge der medizinischen Theorie.


Sammlung und Beobachtung von Tatsachen bilden die erste Stufe zur
Wissenschaft, nicht diese selbst. Die ökonomische Veranlagung des
menschlichen Geistes erheischt Gruppierung der Einzelfakten unter
ordnende Gesichtspunkte, der Erkenntnistrieb erhebt die Forderung
nach klarer Einsicht in die Gesetze, welche die Erscheinungswelt
beherrschen.

Lange bevor die Bedingungen für eine methodische Ableitung
oberster Prinzipien aus dem medizinischen Erfahrungsstoff auch nur
angedeutet waren, versuchte kühn vorgreifendes Denken die ärmliche
Empirie wissenschaftlich zu durchdringen, indem man ~Elemente der
Weltanschauung~ in die Medizin hineintrug als ~Leitsätze~, aus denen
sich bekannte oder noch unbekannte Tatsachen, wie Folgerungen mit
logischer Notwendigkeit ergeben sollten.

 Die Priesterärzte des mesopotamisch-ägyptischen Kulturkreises
verankerten die Theorie der Heilkunst an den Satzungen ihres
religiös-kosmosophischen Dogmatismus, das ~medizinische Denken
der Griechen~ schloß sich vorwiegend an die schwankenden Theoreme
~philosophischer Spekulation~ mit ihren verwegenen weit ausgreifenden
Schlüssen an. Wurde es so zum Spiel der Wogen, welche ein fesselloses
Gedankenmeer vielgestaltig, im beständigen Wechsel emporwarf, so
überwog den Nachteil der Unstetigkeit der unschätzbare Vorteil
beständiger ~Kritik~, die im Wandel der Systeme geboren wurde und
wenigstens mit ~einem~ Ende an ~empirischer Naturforschung~ haftete.
Denn die vorsokratischen ~Philosophen~ verschleierten oft spärliche,
aber sicher gewonnene Erfahrungsergebnisse durch scheinbar rein
intuitive Ideen und richteten ihr Streben nicht bloß auf die Analyse
der Begriffswelt, sondern mit Vorliebe auch auf Naturerkenntnis,
einschließlich des Baues, der Entwicklung und der Lebenstätigkeit
organischer Wesen; sie waren ~Naturforscher~ und manche unter ihnen
selbst ~Aerzte~, welche beherrscht vom Gedanken einer allumspannenden
Regelmäßigkeit einzelne Erfahrungen kühn verallgemeinerten.
~Biologische Forschung, Kosmologie und Dialektik schließen sich noch
zu einer Kreislinie, deren Ausgangspunkt beliebig angenommen werden
kann.~

   Es sei beispielsweise auf einige empirische Stützen der ältesten
 naturphilosophischen Systeme hingewiesen. Wenn ~Thales~ von Milet
 (624-548/5 v. Chr.) das ~Wasser~ für den Grundstoff aller Dinge
 erklärt, so konnte seine Anschauung aus der Erwägung hervorgehen,
 daß Feuchtigkeit für die Vegetation unentbehrlich ist, Regengüsse
 und Ueberschwemmungen (Nil) Fruchtbarkeit erzeugen, die Nahrung
 von Pflanzen und Tieren feucht ist, Lebendiges aus Flüssigem
 (Samenflüssigkeit) entsteht u. s. w. Die Lehre des ~Anaximenes~
 (geb. zwischen 528 und 524 v. Chr.) oder später des ~Diogenes von
 Apollonia~ (um 430 v. Chr.), daß die ~Luft~ den Urstoff bildet, aus
 dem sich alles entwickelt, konnte damit bekräftigt werden, daß die
 Luft überall hindringt, die Atmung das Leben unterhält, die Winde
 von größtem Einfluß auf Temperatur, Wachstum und Gesundheit sind
 -- nach Homer ist Zephyros Erzeuger der Früchte, dem Hesiod ist
 Luft überhaupt weizenbringend, dem Boreas wurden in Athen Feste
 gefeiert, den Windgöttern brachte man wegen des Kindersegens vor
 der Hochzeit Opfer etc. Ebenso beruht es auf einseitiger, aber doch
 realer Naturbetrachtung, wenn ~Herakleitos~ aus Ephesos (535-475)
 aus dem fortwährenden Wechsel von Aufbau und Zerstörung, in allen
 Naturvorgängen (namentlich im Lebendigen) denjenigen „Stoff“, der
 niemals zu ruhen scheint, Umwandlungen in den flüssigen, gasförmigen
 oder festen Aggregatzustand (Schmelzung, Verdampfung, Asche)
 hervorruft und der außerdem auch der Lebenswärme (Beseelung) höher
 organisierter Wesen als Prinzip zu Grunde liegt, für die Urmaterie
 erklärt -- das ~Feuer~. Die Bedeutung der Lebenswärme kommt auch bei
 ~Parmenides~ aus Elea (geb. um 540 v. Chr.) zur Geltung, wenn er das
 ~Warme~ als Grund des Lebens ansieht und die Menschen aus Erdschlamm
 vermittels der Sonnenwärme entstehen läßt. -- Die tausendfältige
 Beobachtung der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der Sinneswelt,
 manche Erfahrung abnormer Sinnesempfindungen (z. B. das Sehen des
 Gelbsüchtigen) führte die ~eleatischen~ Philosophen zu ihrem System,
 nach welchem „wir das Seiende weder schauen noch erkennen“. -- Die
 Pflege der Mathematik, das Studium der Regelmäßigkeiten geometrischer
 Körper, die Begründung der wissenschaftlichen Tonlehre (wobei das
 bisher Unfaßbare, die Tonhöhe, die Harmonie als Wirkung bestimmter
 Zahlenverhältnisse erkannt wurde) erweckten den Gedanken des
 ~Pythagoras~ von Samos (etwa 575 v. Chr. bis zur Jahrhundertwende),
 daß die ~Zahl~ das Wesen der Dinge ausmacht. -- Dem ~Anaxagoras~
 aus Klazomenä (geb. um 500 v. Chr.) galten die zu seiner Zeit für
 einfach gehaltenen Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) als
 die kompliziertesten Stoffe, voll von „Samen“ jeder erdenklichen
 Art, er glaubte, es gäbe so viele Grundstoffe, als uns die Sinne
 Modifikationen der Materie vorführen, bestehend aus unendlich kleinen
 unveränderlichen Teilchen (z. B. Gold aus Goldteilchen, Silber aus
 Silberteilchen etc.) -- ~Homöomerientheorie~. Die Wurzel dieser
 grotesken Verirrung ist darin zu suchen, daß der Philosoph den
 ~Ernährungsprozeß~ zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung nahm und
 erwog, wie mannigfache Gebilde, z. B. Haut, Fleisch, Blut, Adern,
 Sehnen, Knochen, Haare u. s. w., aus dem Nahrungsstoff hervorgehen; es
 müßten daher bereits in der Nahrung, z. B. im Brot, im Wasser u. s.
 w., die unsichtbaren Teilchen (also Fleisch-, Blut-, Knochenteilchen
 u. s. w.) vorhanden sein, um beim Ernährungsprozeß unter günstigen
 Umständen zusammentreten zu können. -- ~Empedokles~ von Agrigent
 (etwa 495-435 v. Chr.) nahm bekanntlich eine begrenzte Zahl (4)
 von Grundstoffen an -- ~Feuer, Wasser, Luft und Erde~ (letztere
 bei Parmenides und Xenophanes aus Kolophon [etwa 575-480 v. Chr.]
 als Grundstoff erwähnt) -- und ließ aus deren Vereinigung oder
 Trennung, aus den quantitativen Verhältnissen ihrer Zusammensetzung
 die verschiedenen Dinge der Natur hervorgehen. Um die Lehre von
 der ~Mischung der Elemente~ verständlich zu machen, erinnert er
 bezeichnenderweise an den Prozeß, der sich auf der Palette des Malers
 abspielt. Mit seinen vier Grundstoffen vergleicht er die Grundfarben
 (Weiß, Schwarz, Rot, Gelb), deren sich die Malerkunst bediente
 und aus deren vielfach abgestufter Mischung unzählige Nüancen zu
 stande kommen. Daraus ergibt sich, wie sehr auch dieser Denker von
 positiven Wahrnehmungen ausging; deshalb ist gewiß anzunehmen, daß
 sein Weltgesetz: „~Gleiches zieht sich wechselseitig an~“ auf der
 Beobachtung der Massenansammlung gleichartiger Stoffe (Luft, Erde,
 Wolken, Meer) beruht. -- Zum Schlusse möge noch darauf hingedeutet
 sein, daß die ~Atomenlehre~ eines ~Leukippos~ oder ~Demokritos~
 aus Abdera (geb. 460 v. Chr.) sich anschaulich vorstellen ließ
 in der Betrachtung der Sonnenstäubchen, mit ihrer, selbst bei
 scheinbar vollständiger Ruhe der Luft, unablässigen Bewegung.
 -- An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß die verschiedenen
 Phasen der hellenischen Spekulation die philosophischen Grundlehren
 orientalischer Völker widerspiegeln; so erinnert die mathematische
 Weltanschauung des ~Pythagoras~ (Harmonielehre) und manche
 Eigentümlichkeit seiner Ethik an die ~chinesische~ Philosophie,
 die ~eleatische~ Lehre an die Vedantaphilosophie der ~Inder~, die
 Vierelementenlehre des ~Empedokles~ an die ~Aegypter~, das System
 des ~Herakleitos~ an ~Zoroaster~.

Unter den Philosophen, welche auf die Medizin den frühesten und
nachhaltigsten Einfluß ausübten, gebührt ~Pythagoras~ die erste Stelle.
Der Weise von Samos, welcher nach langen Studienreisen (in Aegypten
und wahrscheinlich auch Babylon) in Kroton einen religiös-sittlichen
Bund gründete, beschäftigte sich nicht allein in bahnbrechender
Weise mit Mathematik, Astronomie und Akustik, sondern auch mit
Untersuchungen über Körperbau, Zeugung und Entwicklung, Sinnesfunktion
und Seelentätigkeit, sowie mit der Behandlung von Kranken. Von seinen
theoretischen Forschungsergebnissen wäre besonders erwähnenswert, daß
er die Entstehung von Lebewesen aus faulenden Stoffen leugnete und
durchwegs auf Samen zurückführte, ferner daß er die Affekte (θυμός)
vom Verstand (νοῦς) scharf unterschied, wodurch die Lokalisation des
Intellekts im Gehirn vorbereitet wurde.

Mit seinem System, wonach strenge Gesetzmäßigkeit, ein bestimmtes
Zahlenverhältnis alle Naturvorgänge beherrscht, ließ sich die ~Lehre
von den kritischen Tagen~ so ungezwungen vereinigen, daß man dieselbe
gerne auf seine Autorität zurückführte. Was die Therapie anlangt, so
verwendeten Pythagoras und seine Schüler, unter denen sich viele Aerzte
befanden, unter Vernachlässigung der Chirurgie einfache Pflanzenmittel,
Umschläge, Salben, theurgische Gebräuche (Sühnungen, Beschwörungen,
magische Kräuter, Zaubergesänge, religiöse Musik), besonderer Nachdruck
wurde aber auf die Regelung der Lebensweise und Leibesbewegungen
gelegt (Pflege der ~Gymnastik~ und gewisse ~diätetische~ Vorschriften
-- Einschränkung des Fleischgenusses, Verbot der Fische und der
Bohnen -- zählten bekanntlich zu den wichtigsten Einrichtungen des
Pythagoreerordens). Nach Sprengung des Bundes (infolge politischer
Ereignisse kurz vor 500) verbreiteten sich viele Aerzte, die im Geiste
des Stifters gebildet waren, über ganz Griechenland; die medizinische
Schule von Kroton stand zweifellos mit den Pythagoreern in Beziehung.

   Die Schule von Kroton wurde durch den knidischen Asklepiaden
 ~Kalliphon~ zu hoher Blüte gebracht. Dessen Sohn ~Demokedes~ verließ
 526/5 die Heimat, wurde Gemeindearzt in Aigina, hierauf in Athen,
 und folgte sodann einem Rufe des Polykrates von Samos. In dessen
 Mißgeschick verflochten, geriet er in persische Gefangenschaft,
 gelangte aber später zu hohen Ehren, weil er den König Dareios I. von
 einer Fußverrenkung, die Königin Atossa von einer Mastitis heilte. Von
 Sehnsucht nach der Heimat erfüllt, griff er zur List, ließ sich als
 Kundschafter nach Hellas senden und benutzte die günstige Gelegenheit,
 um die goldenen Ketten des Perserhofs mit dem Aufenthalt in Kroton zu
 vertauschen. Als krotoniatische Aerzte werden genannt die Philosophen
 ~Philolaos~, ~Alkmaion~ und ~Hippon~, ferner ~Hippasos~ (der nach
 anderen aus Metapont stammte).

Die höchste Bedeutung für die Entwicklung der medizinischen Theorie
ist einem jüngeren Zeitgenossen des Pythagoras zuzusprechen, dem
tiefdenkenden Arztphilosophen ~Alkmaion~ von Kroton. ~Mit seiner
Schrift über die Natur~, περὶ φύσεως, welche leider schon früh
verschollen war, ~beginnt das griechische medizinische Schrifttum~.
Er gilt als erster, der ~Sektionen~ anstellte, als Entdecker des
Sehnerven (fälschlich auch der Eustachischen Röhre), er unterschied
(in der Leiche) blutleere Adern (φλεβες) und blutführende Adern
(αἰμόρροοι φλεβες), kannte die Luftröhre (ἀρτηρἰη); die Entstehung
des Geschlechtes führte er auf das Ueberwiegen des männlichen oder
weiblichen Samens zurück und lehrte, daß sich der Kopf zuerst bilde,
damit der Mund schon im Uterus die Nahrung aufsaugen könne. Den Schlaf
erklärte Alkmaion aus dem Zurückstauen des Blutes in die blutführenden
Gefäße; wegen der bei Gehirnerschütterung eintretenden Sinnesstörungen
meinte er, daß Blindheit oder Taubheit dann entstehe, wenn das aus
seiner Normallage gerückte Gehirn die Wege der Sinnesempfindung (πόροι)
verschließe; dem allgemein verbreiteten Vorurteil, daß der Same aus
dem Rückenmark stamme, trat er mit dem tatsächlichen Befund entgegen,
daß das Mark der Rückenwirbel bei Tieren, die nach dem Zeugungsakt
getötet werden, keine Verminderung aufweise.

Die bedeutendste Leistung des großen Forschers liegt aber darin,
daß er zuerst im ~Gehirn das Zentralorgan der Geistestätigkeit~
erkannte. ~Gesundheit~ wird nach ihm durch das ~Gleichmaß~ (Isonomie)
der im Körper vorhandenen Stoffqualitäten erhalten (des Kalten, des
Feuchten, des Warmen, des Trockenen, des Süßen, des Bitteren u. s.
w.). ~Krankheit~ entsteht durch das ~Vorherrschen~ (μοναρχἰα) ~einer
Qualität~ (z. B. des Kalten, des Feuchten, des Bitteren, des Süßen
etc.), ~Heilung~ erfolgt durch ~Wiederherstellung des Gleichgewichts~,
indem die entgegengesetzte Qualität (z. B. Wärme beim Vorherrschen des
Kalten, Feuchtigkeit beim Uebermaß der Trockenheit) zugeführt werde.

   Ἀλκμαἰων τὴς μὲν ὑγεἰας εἶναι συνεκτικὴν τὴν ἰσονομἰαν των ὀυναμέων,
 ὑγροῦ, ξηροῦ, ψυχροῦ, θερμου, πικρου, γλυκεος καἰ των λοιπων, την δ'
 ὲν αυτοις μοναρχιαν νοσον ποιητικην: φθοροποιὸν γὰρ έκατέρου μοναρχἰαν
 (~Aetius, Plac.~ V, 30). -- Zu den Pythagoreern wird von manchen auch
 ~Epicharmos~ (etwa 550-460 v. Chr.) gerechnet, bekannt als Dichter
 (dorisch-sizilianische Komödie) und Arzt; er schrieb u. a. über den
 ~Kohl als Heilmittel~.

Von den Anhängern des Pythagoras ist ~Philolaos~, der die Lehre seines
Meisters weiter ausbildete (5 Elemente nach den 5 Sinnesqualitäten und
5 regelmäßigen Körpern), bemerkenswert wegen einiger physiologischer
und pathologischer Grundsätze. Was später durch Plato und Aristoteles
fixiert wurde, die ~Unterscheidung der sensorischen, animalischen
und vegetativen Funktionen~ und deren Lokalisation, findet sich bei
ihm schon angedeutet, indem er das „Menschliche“ ins Gehirn (wo
der Verstand seinen Ursprung hat), das „Tierische“ ins Herz, das
„Pflanzliche“ (Wachstum) in den Nabel, Besamung und Erzeugung in die
Geschlechtsteile verlegt. ~Der Körper bildet sich aus dem Warmen, die
Atmung dient zur Kühlung. Krankheitsursachen sind Galle, Blut und
Schleim.~ Anlässe zum Krankwerden sind zu viel oder zu wenig Wärme
oder Nahrung u. a. Entzündung entsteht durch Anhäufung des (an sich
warmen) Schleims.

Die von den Pythagoreern verfochtene Theorie, daß Gesundheit auf
Harmonie oder, wie ~Alkmaion~ sagt, auf dem fortdauernden Gleichgewicht
differenter Qualitäten beruht, ist nur die spezielle Anwendung des
~Gedankens vom Widerstreit und versöhnenden Ausgleich der Gegensätze
im gesamten Naturleben~. Dieser Gedanke kehrt in den Spekulationen
mehrerer späterer Philosophen wieder und erhält sich mit großer
Konstanz.

   Die Tafel der Gegensätze, eine aus ~Babylon~ stammende Lehre,
 spielt im System der Pythagoreer eine große Rolle. Ihr zufolge geht
 aus dem weltbildenden Gegensatz des Begrenzten und Unbegrenzten
 eine Reihe von anderen Gegensätzen hervor, jene des Ungeraden und
 Geraden, des Einen und Vielen, des Rechts und Links, des Männlichen
 und Weiblichen, des Geraden und Krummen, des Lichts und Dunkels, des
 Guten und Uebeln, des Quadrates und Rechteckes. -- Es sei hier auch
 auf den Dualismus im persischen Religionssystem, in der chinesischen
 Naturphilosophie u. s. w., sowie darauf hingewiesen, daß von den
 ionischen Philosophen namentlich Herakleitos („der Streit ist der
 Vater Dinge“) die Koexistenz der Gegensätze und ihre Vereinigung zur
 „unsichtbaren“ Harmonie auf den verschiedensten Gebieten verfolgt hat.
 Nach ~Parmenides~, welcher das ~Warme~ als Träger des Lebens (daher
 altern = Folge der Wärmeabgabe) betrachtet, hängt das Geschlecht
 des Fötus vom Ueberwiegen des männlichen oder „weiblichen“ Samens
 ab; Knaben entstehen aus dem rechten Hoden und in der rechten
 Gebärmutterhälfte, Mädchen unter den entgegengesetzten Bedingungen;
 das weibliche Geschlecht (blutreicher, was aus den Menses geschlossen
 wird) ist das wärmere; Männer entstanden im Norden, Frauen im Süden.
 In der Kosmologie des Parmenides ist das Zusammenwirken der Gegensätze
 des Leeren -- Dichten, des Lichts -- der Finsternis u. s. w. besonders
 betont.

~Empedokles~ beschränkte die Zahl der Gegensätze, indem er nur die
Enantiosen Warm -- Kalt, Feucht -- Trocken in den Vordergrund der
Betrachtung rückte und dementsprechend (statt der ~einen~ Urmaterie
der ionischen Naturphilosophen oder der zahllosen Urstoffe des
Anaxagoras) ~vier Elemente~, ῥιζώματα ~Feuer~, ~Luft~, ~Wasser~ und
~Erde~ hypostasierte, die er sich beseelt, d. h. mit Kraft ausgestattet
dachte. Der qualitative Unterschied der Dinge kommt lediglich durch
die, in den quantitativ mannigfachsten Proportionen vor sich gehende
Vereinigung der vier (an sich unveränderlichen) Grundqualitäten zu
stande. (Fleisch und Blut sollten z. B. gleiche Gewichtsteile der vier
Elemente, Knochen hingegen ½ Feuer, ¼ Erde und ¼ Wasser enthalten.) Da
der menschliche Körper, so wie alle Naturkörper, aus den vier Urstoffen
besteht, ~so wird Gesundheit durch das Gleichgewicht, Krankheit durch
das Mißverhältnis der vier Elemente bedingt~. Diese Anschauung des
Empedokles durchzieht, wenn auch modifiziert, die Physiologie und
Pathologie bis an die Schwelle der Neuzeit.

   ~Empedokles~ war Philosoph, Arzt, Seher, Priester und Staatsmann in
 einer Person. Wie ein Gott von den Zeitgenossen verehrt, erstreckte
 sich sein Einfluß auf ganz Hellas; sein Leben, seine Taten und sein
 Ende wurden geradezu mythisch ausgeschmückt. „Im goldumgürteten
 Purpurgewand, den priesterlichen Lorbeer im lang herabwallenden, das
 düstere Antlitz umrahmenden Haare, von Scharen bewundernder Verehrer
 und Verehrerinnen umgeben, durchzog er die Gaue Siziliens. Tausende,
 ja Zehntausende jubelten ihm zu und hefteten sich an seine Sohlen
 und heischten von ihm gewinnbringende Zukunftsverkündigung, nicht
 minder Heilung von Krankheit und Gebresten aller Art.“ Die Stadt
 Selinunt befreite Empedokles von einer verheerenden Seuche durch
 Entsumpfung des Bodens, seiner Vaterstadt Agrigent verschaffte er
 günstige klimatische Verhältnisse durch Verstopfen einer Bergspalte,
 eine pestähnliche Seuche vertrieb er durch Räucherungen und brennende
 Scheiterhaufen, einen Tobenden besänftigte er durch Musik, eine
 Scheintote erweckte er aus dem Starrkrampfe. -- Das Selbstgefühl, mit
 welchem ihn solche Wundertaten erfüllten, drückt sich in den Worten
 aus, die er seinen Getreuen zuruft: „Ich bin euch ein unsterblicher
 Gott, nicht mehr ein Sterblicher“. Im Alter von 60 Jahren starb er
 auf fremder Erde, im Peloponnes, infolge eines Unfalles -- der Legende
 nach soll er sich in den Flammenschlund des Aetna gestürzt haben.

   Von den Werken des Empedokles war das dem ~Pausanias~, einem
 italischen Arzte, gewidmete Lehrgedicht φυσικά, über die Natur
 (Vorbild für Lucretius), das hervorragendste; er verfaßte auch
 καθαρμοἰ (Sühnungen) und das Gedicht ἰατρικὸς λόγος (vielleicht
 identisch mit den ἰατρικά, die wahrscheinlich einen Bestandteil der
 φυσικά bildeten).

~Empedokles~ ist einerseits Mystiker (magische Heilungen),
anderseits nähert er sich in vielem den modernsten Anschauungen
mechanistischer Naturauffassung. Dahin gehören schon in erster Linie
seine Grundprinzipien, welche an chemische Gesetze lebhaft erinnern:
Annahme einer bestimmten Zahl von Elementen, Aufbau aller Körper aus
Verbindungen der Elemente in wechselnder Proportion, Erklärung der
qualitativen Unterschiede aus quantitativer Verschiedenheit.

Wichtig ist ferner die ~Kräftelehre~. Zwei weltbeherrschende
Grundkräfte φιλἰα καἰ νεἰκος, Liebe und Haß, gestalten in wechselnder
Oberherrschaft den Aufbau, die Entwicklung, den Untergang aller
Gebilde und unterhalten die mannigfachen Prozesse des Werdens und der
Zersetzung, indem sie bald Verbindung ungleichartiger Grundstoffe,
bald Zerfall der Formen herbeiführen, wobei dann jedes Grundteilchen
(nach dem Gesetze: Gleiches zieht sich wechselseitig an) seinem
Elemente zustrebt -- Luftiges zur Luft, Erdiges zur Erde etc.[3]. Das
~Gesetz der Anziehung des Gleichartigen~ und die Annahme von ~Poren~
(Kanäle) als Vermittlungswege der Außen- und Innenwelt verwertete
Empedokles ausgiebig in der Sinnesphysiologie[4]. Die Emanationen der
leuchtenden, schallenden, riechenden Dinge strömen in die Poren des
Körpers und werden durch Gleichartiges wahrgenommen, z. B. wird das
Sichtbare (das Helle = Feuer, das Dunkle = Wasser) von den Feuer- und
Wasserteilchen des Auges angezogen, der Schall wird im Ohrlabyrinth,
welches Empedokles entdeckt haben soll, aufgefangen und hängt von
den Poren ab, durch welche er sich bewegt (die Emanationslehre wurde
später durch Demokrit ausgebaut). ~Physikalisch~ gedacht ist auch seine
~Theorie der Atmung~, welche nicht nur durch die Lungen, sondern auch
durch die ~Haut~ erfolge. Hier erinnert er an die Wasseruhr oder daran,
daß ein Gefäß, dessen nach unten gerichtete Oeffnung vorsichtig mit
dem Finger verschlossen und solcherart in ein Wasserbecken getaucht
wird, sich auch nach Entfernung desselben nicht mit Wasser füllt,
weil die Luft ein Hindernis bilde, während sonst das Wasser sofort
einströme. Ebenso dringe die Luft in die Lungen und Poren, wenn sich
das ~Blut als Träger der tierischen Wärme~ (Lebenskraft, ~Seele~) in
die inneren Körperteile zurückziehe und werde bei dem darauffolgenden
Zurückströmen des Blutes an die Oberfläche hinausgetrieben; der
regelmäßige Wechsel dieses Vor- und Rückwärtsströmens bedinge den
Rhythmus der Respiration. -- In überraschender Antizipation moderner
Ideen behauptete Empedokles, daß die Lebewesen aus unvollkommenen
Formen, einzelnen Gliedern, die nachher zusammenwuchsen, hervorgegangen
seien, wobei sich nur innerlich zusammenstimmende Kombinationen als
lebensfähig und fortpflanzungsfähig erhielten -- eine phantastische
Vorstellung, welche im Grunde nicht bloß den Entwicklungsgedanken
enthält, sondern wie der ~Darwinismus~ die Teleologie einfach auf das
„Ueberleben der Tauglichsten“ zurückführt.

   [3] Im hippokratischen Buche über die Natur des Menschen, περὶ
       φύσεως ἀνθρώπου, heißt es ganz in diesem Sinne: „ ... es ist
       eine Naturnotwendigkeit, daß, wenn der Körper des Menschen zu
       Grunde geht, ein jedes zu seiner ihm eigentümlichen Qualität
       zurückkehrt, das Feuchte zum Feuchten, das Trockene zum
       Trockenen, das Warme zum Warmen und das Kalte zum Kalten.“

   [4] Γαίη μὲν γαιαν οπώπαμεν, ὑδατι δ' ὑδωρ, αιθέρι δ' αιδερα ὀιον,
       ὰτὰρ πυρὶ πῦρ αιὀηλον. Erde sehen wir mit Erde und Wasser mit
       Wasser, mit Aether schaun wir den göttlichen Aether, mit Feuer
       leuchtendes Feuer.

   Was die Embryogenie anbelangt, so glaubte der Philosoph, daß die
 Frucht in 40 Tagen im Uterus ausgebildet werde, wobei zuerst das
 ~Herz~ entstehe. Das Geschlecht richte sich nach dem Ueberwiegen
 des männlichen oder „weiblichen“ Samens oder nach dem Vorwiegen der
 Kälte oder Wärme seitens der Eltern; nehme die Frau kalte und feuchte
 Nahrung, so werde sie eine Tochter gebären (im Gegensatz zu Parmenides
 entspricht bei Empedokles das Weib der kalt-feuchten, der Mann der
 warm-trockenen Elementarqualität); Zwillinge entstehen, wenn viel
 Same in beide Uterushörner gelange.

   Als Schüler des Empedokles treten die Aerzte ~Pausanias~, dem er
 sein Lehrgedicht ἰατρικά widmete und ~Akron von Agrigent~ hervor;
 letzterer schrieb eine Diätetik Gesunder, bekämpfte eine Seuche (nach
 Plutarch die athenische „Pest“) durch Anzünden von Scheiterhaufen
 und stellte als nüchterner Arzt die ~Empirie~ über die Spekulation.
 Diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß Akron von Empedokles
 in einer Komödie verspottet und später als Begründer der empirischen
 Sekte angesehen wurde.

Der Zeitgenosse des Empedokles, ~Anaxagoras~ von Klazomenä -- Lehrer
des Perikles und bekannt durch seine Homöomerientheorie, sowie durch
die Annahme einer vernünftigen Weltseele -- gehört gleich Herakleitos
zu denjenigen Philosophen, welche, dem leuchtenden Vorbild Alkmaions
folgend, die ~Tierzergliederung~ pflegten. ~Anaxagoras~ legte den
Grund zur ~Gehirnzergliederung~, bemerkte die seitlichen Gehirnhöhlen
und erwähnte als pathologisches Faktum den Befund einer einzigen
Gehirnhöhle bei einem einhörnigen Bocke. Das Gehirn bilde sich zuerst
in der Frucht.

   Im Anschluß an die Lehrmeinungen des Herakleitos lehrte Anaxagoras,
 daß der Embryo sich allein aus dem Samen des Mannes kraft der
 eingepflanzten Wärme entwickle, daß die Knaben -- was schon
 ~Parmenides~ behauptet hatte -- aus dem rechten Hoden entstehen und
 auf der rechten Seite des Uterus liegen, Mädchen aus dem linken Hoden
 und auf der linken Seite des Uterus.

In der Krankheitslehre charakterisiert sich der Philosoph durch ein
Theorem, das in der späteren medizinischen Spekulation mit zäher
Lebensdauer immer wieder hervortritt, nämlich durch die ~Behauptung,
daß die meisten akuten Affektionen durch die Galle~ (wobei er zwei
Arten, ~gelbe~ und ~schwarze~, unterschied) ~verursacht würden~, indem
dieselbe ins Blut dringe oder in die Organe (z. B. Lunge) versetzt
werde.

Auch der Hauptgründer der Atomistik, des Leukippos hochberühmter
Schüler, der vielgereiste ~Demokritos~ von Abdera, steht in Beziehung
zur theoretischen und praktischen Medizin.

   Abgesehen davon, daß sein System in seinen Ausläufern bis auf den
 heutigen Tag den Ausgangspunkt jeder wahren Naturforschung bildet,
 erscheint der Philosoph in der Ueberlieferung als der bedeutendste
 Vorgänger des Aristoteles auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher
 Empirie und erklärte ~die Erfahrung als letzte Quelle unseres Wissens
 von der Natur~.

~Demokritos~ beschäftigte sich eifrig mit Zootomie, er verfaßte sogar
eine eigene Abhandlung über den Bau des Chamäleons, erweiterte die
Sinnesphysiologie (im Anschluß an die Erkenntniskritik der Eleaten)
und die Zeugungslehre (Same = Produkt des ganzen Körpers, im Embryo
entsteht zuerst der Nabel, dann Kopf und Bauch). Bemerkenswerterweise
achtete er auf den Puls (φλεβοπαλίη), erklärte die ~Entzündung aus
Anhäufung von Schleim~ und führte die Hundswut auf Nervenentzündung
zurück; das massenhafte Auftreten der epidemischen Krankheiten
sollte nach seiner Theorie durch die versprengten Atome zerstörter
Himmelskörper zu stande kommen.

   Die Frage der Echtheit ist bei den Schriften, welche die
 Ueberlieferung dem Demokritos zuschreibt -- eine derselben handelt
 über ~Seelenheilkunde~, eine andere über die ~Heilwirkung der Musik~
 --, noch nicht entschieden; wie weit aber sein Einfluß reichte, ist
 daraus zu ersehen, daß der Philosoph durch die Legende und angebliche
 Briefe des Hippokrates mit dem „Vater der Heilkunde“ in nahe
 Verbindung gebracht wurde, und daß man noch in später Zeit Schriften
 magischen und alchimistischen Inhalts auf Demokrit zurückzuführen
 bemüht war.

Von den Ausläufern der Naturphilosophie verdienen ~Hippon~,
~Archelaos~, namentlich aber ~Diogenes von Apollonia~ Erwähnung, da
man manchen ihrer Ideen bei den Aerzten dieses Zeitalters begegnet.

   ~Hippon~ aus Rhegion (zweites Drittel des 5. Jahrhunderts v.
 Chr.), von dem Dichter Kratinos als „Allseher“ verspottet, gehörte
 nach Aristoteles wegen der Dürftigkeit seiner Gedanken überhaupt
 kaum zu den Philosophen -- er war mehr empirischer Forscher. Nach
 seinem System, das die Lehren des Thales und Parmenides zu vereinigen
 strebte, stand an der Spitze des Weltprozesses „~das Feuchte~“, aus
 dem „das Kalte“ und „das Warme“ (Wasser und Feuer) hervorging. Die
 Seele war ihm eine aus dem ~Samen~ entwickelte Feuchtigkeit. Die
 Krankheiten erklärte er aus dem ~Uebermaß oder der Verminderung~, doch
 auch ~aus der Konsistenz~, ~dem Dick- oder Dünnsein der Feuchtigkeit~.

   ~Archelaos~ von Athen, Schüler des Anaxagoras, kombinierte mit
 der Lehre seines Meisters die Spekulationen mehrerer Vorgänger und
 ließ aus dem Urstoff Luft (Anaximenes), dem Sitze des geistigen
 Prinzips (Anaxagoras), durch Verdünnung und Verdichtung (Anaximander)
 das Warme und das Kalte entstehen -- zwei Qualitätsbegriffe,
 die in der zeitgenössischen und späteren Physiologie resp.
 Pathologie stets wiederkehren. Mehr noch als Archelaos erinnert
 ~Diogenes von Apollonia~ (etwa 430) an Anaximenes, wenn er von der
 ~vernunftbegabten~ Luft das körperliche und geistige Leben abhängig
 macht. (In den „Wolken“ des Aristophanes, wo Sokrates in einem
 Hängekorbe über der Erde schwebt, um die reinste Luft und damit
 zugleich die lauterste Intelligenz einzuatmen, wird diese Theorie
 lächerlich gemacht.) Die Identifizierung von Leben (das ohne Atmen
 nicht bestehen kann) und Denken liegt dieser ~Pneumalehre~ zu Grunde.
 Die Luft ist ihm das Vehikel der Sinneswahrnehmung -- die Sinnesnerven
 leiten den erhaltenen Eindruck zum eigentlichen Sensorium, zum Gehirn.
 Mischt sich die Luft leicht zum Blute, so resultiert wegen dessen
 beschleunigter Bewegung ein Lust-, im entgegengesetzten Falle ein
 Schmerzgefühl. Diogenes kannte den Puls und wandte den Gefäßen, welche
 allen Körperteilen die Luft zuleiten sollten, besondere Aufmerksamkeit
 zu. --

   An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß wir der Ueberlieferung
 des Aristoteles die ~ältesten griechischen Beschreibungen des
 Gefäßsystems~ danken; dieselben stammen ~von Syenesis dem Kyprier
 und von Diogenes von Apollonia~. Trotz großer Verworrenheit bedeutet
 die Beschreibung des letzteren schon einen Fortschritt, jedoch bildet
 auch bei ihm das Herz noch nicht den Ausgangspunkt der Gefäße.

Aus dem fruchtbringenden Wechselverkehr von Philosophie und Medizin
gewann die letztere nicht wenige wertvolle theoretische Gesichtspunkte,
welche für die ganze fernere Entwicklung der Lehre von der Krankheit
maßgebend wurden. Die Entstehung der Krankheit wurde ~zumeist auf die
Gleichgewichtsstörung der den Körper konstituierenden Urstoffe, auf das
Uebermaß einer der Elementarqualitäten~ (des Kalten, des Warmen, des
Trockenen, Feuchten etc.), also auf ein ~quantitatives~ Mißverhältnis
zurückgeführt.

Während diese Theorie gleichsam als Konsequenz der naturphilosophischen
Weltanschauung auftrat, stützte sich eine zweite, damit parallel
laufende Hypothese, welche die Krankheiten von Abnormitäten der
Körperflüssigkeiten (Blut, Schleim, Galle u. s. w.) ableitete, mehr
auf empirisch beobachtete Tatsachen. Findet man schon bei einigen
der oben genannten Philosophen ~Qualitätsveränderungen~ (z. B.
übermäßige Verdünnung oder Verdichtung des Feuchten, ~Hippon~)
oder abnorme Anhäufung der Säfte (Schleimanhäufung = Entzündung,
~Philolaos~, ~Demokritos~) oder endlich Versetzung der Säfte (z. B.
der Galle, ~Anaxagoras~) in Körperteile, wo sie sonst nicht vorkommen
(error loci), als Krankheitsursachen angeführt, so wuchsen solche
~humoralpathologische~ Ideen geradezu mit Notwendigkeit aus der
ärztlichen Erfahrung hervor. Lehrten doch so viele Fälle, daß nach
dem Abgang von Schleim, Eiter etc., nach dem Aufstoßen, Erbrechen von
bitteren, sauren, salzigen Flüssigkeiten, nach Darmentleerungen oder
nach Aderlässen Besserung eintrat, Fieber und Schmerzen aufhörten,
Heilung erfolgte. Wie nahe lag es also, getreu dem post hoc ergo
propter hoc zu schließen: ~Die meisten Krankheiten sind durch
veränderte, vermehrte oder abnorm lokalisierte Säfte bedingt~.

   Seit der Entzifferung des Papyrus Nr. 137 des Britischen Museums
 (1891 von F. G. Kenyon aus Aegypten nach London gebracht, 1893 von
 H. Diels unter dem Titel Anonymi Londinensis ex Aristotelis latricis
 Menoniis et aliis medicis Eclogae herausgegeben) können wir sicher
 annehmen, ~daß die Humoralpathologie~ mit mancherlei Modifikationen
 ~einen langen Entwicklungsgang durchzumachen hatte~, bevor sie in der
 hippokratischen Schule zur fixen Ausgestaltung gelangte. In diesem
 Papyrus liegt nämlich das Geschichtswerk ~Menons~ (eines Schülers des
 Aristoteles) fragmentarisch vor und enthält ~damit die pathologischen
 Ansichten einiger Vorgänger und Zeitgenossen der Hippokratiker~
 in primitivster Form. Den Ausgangspunkt nahm die humorale Doktrin
 zum Teile von der Erfahrung, daß ~Verdauungsstörungen~ den meisten
 Krankheiten vorangehen oder sie begleiten. Deshalb schrieben manche
 Aerzte der älteren Zeit den „Nahrungsüberschüssen“, περισσώματα,
 bezw. den subjektiv und objektiv wahrgenommenen ~bitteren, saueren,
 scharfen oder salzigen Säften~, die aus ihnen hervorgehen, die
 Bedeutung von Krankheitsursachen zu. Nach ~Herodikos von Knidos~
 hängen die Krankheiten einerseits von diesen Säften, welche infolge
 des Mißverhältnisses zwischen Nahrungsaufnahme und Körperbewegung
 entstehen, anderseits von der Stelle ab, an welcher sich dieselben
 festsetzen. ~Alkamenes von Abydos~ und ~Timotheos von Metapont~ lassen
 die Nahrungsüberschüsse zum Kopfe aufsteigen, der sie dann wieder
 überallhin in den Körper versendet; sind die Durchgangswege infolge
 von Temperatureinflüssen oder Verletzungen verstopft, so entstehen
 bei der Stauung salzige oder scharfe Flüssigkeiten, die irgendwohin
 durchbrechen und je nach der Stelle verschiedene Affektionen erzeugen.
 ~Abas~ erklärte die Krankheiten aus übermäßigen Absonderungen des
 Gehirns nach der Nase, den Ohren, Augen, dem Mund, wodurch fünf Arten
 von Katarrhen (Flüssen) hervorgerufen werden können. Nach ~Ninyas~,
 dem Aegypter, welcher vererbte und erworbene Leiden unterschied,
 sind die letzteren Folge der ~Nahrungsüberschüsse~, die im Körper
 liegen bleiben. ~Thrasymachos von Sardeis~ meinte, daß ~Umwandlungen
 des Blutes in Schleim, Galle oder Fäulnisstoffe~ die Ursache von
 Krankheiten bilden, während ~Phaeitas von Tenedos~ die Ablagerung
 der Flüssigkeiten an ungeeigneter Stelle beschuldigte.

Wie die bei ~Alkmaion~ der Zahl nach noch unbestimmten Qualitäten des
Trockenen, Feuchten, Warmen, Kalten, Süßen, Bitteren u. s. w. seit
Empedokles in die kanonische ~Vierzahl~ gebannt wurden, so läßt sich
auch bei den Aerzten allmählich die Tendenz verfolgen, an Stelle von
mannigfachen krankhaften Säften nur die Abnormitäten einer beschränkten
Zahl von lebenswichtigen Körperflüssigkeiten als Krankheitsursachen
anzunehmen. Es kamen hierbei ~das Blut~, ~der Schleim~ (Sputum,
Nasensekret, Speichel), ~das Wasser, die Galle, von welch letzterer
später zwei Arten, gelbe und schwarze, unterschieden wurden~, in
Betracht.

   Daß die Begriffe der Humoralpathologie den volksmedizinischen
 Anschauungen (wie noch heute!) plausibel erschienen oder aus
 der Volksmedizin hervorgingen, beweist ihr Vorkommen in der
 nichtmedizinischen Literatur der Griechen. Die ~„schwarze“
 Galle~ kennt auch Aristophanes. Zur Annahme einer schwarzen Galle
 kam man durch Fehlschlüsse aus realen Beobachtungen, z. B. des
 schwarzgefärbten Erbrochenen, des schwarzgefärbten Stuhls. Vielleicht
 trug noch mehr der Umstand bei, daß man bei der Beobachtung der
 Blutgerinnung (gelegentlich der seit ältester Zeit vorgenommenen
 Aderlässe) vier verschiedene Teile unterscheiden konnte, wobei der
 Farbe nach, das Blutserum als gelbe Galle, der hochrote Blutkuchen
 als Blut, der dunklere, fast schwarze Teil desselben als schwarze
 Galle, das Wässerige als Schleim aufgefaßt wurden.

Der nächste Schritt, welchen die medizinische Theorie, um sich mit der
philosophischen Spekulation völlig zu decken, machte, bestand sodann
darin, die Kardinalflüssigkeiten mit den vier Elementen in Beziehung
zu setzen, d. h. ~vier Grundflüssigkeiten~ zu hypostasieren (gewöhnlich
Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), ~welche dem Feuer, der Luft,
dem Wasser und der Erde oder dem Warmen, dem Kalten, dem Feuchten und
dem Trockenen als besondere Modifikationen der Materie~ entsprechen.

Wie sich aus dem obigen ergibt, besitzen wir nur einen dürftigen
Einblick in die vorhippokratische Epoche und entnehmen denselben
lediglich den Zitaten, die sich bei Aristoteles und anderen Autoren
finden. Immerhin läßt sich deutlich erkennen, daß das medizinische
Denken durch den regen Ideenumlauf der Philosophen in ständiger
Bewegung erhalten wurde. Ihren Ausdruck fand diese Regsamkeit in
einer mächtig anschwellenden medizinischen Literatur, welche sogar
populäre Werke umfaßte. Im 5. Jahrhundert -- zu einer Zeit, da die
griechische Fachschriftstellerei sich auf alles menschliche Tun von
der Kochkunst und Landwirtschaft bis zur Theorie des Städtebaues und
zur Technik des Bühnenwesens erstreckte -- gewann nach dem Zeugnis
Xenophons auch das medizinische Schrifttum eine ganz besondere
Ausdehnung. Leider ist davon nichts auf uns gekommen, mit Ausnahme
der ~hippokratischen Schriftensammlung~. Majestätisch ragt sie empor,
als stolzer Bau, während die einst belebten Straßen und Plätze, die
zu ihr führten, verschwunden sind.



Medizinische Schulen.

(Knidos, Kos, Sizilische Schule.)


Die Schriftensammlung, welche dem größten der Aerzte, Hippokrates,
zugeschrieben wird, gewährt uns die Handhabe, um die Hauptrichtungen,
welche das ärztliche Denken bei den Griechen anfangs einschlug,
einigermaßen verfolgen zu können. Abgesehen von den Spuren der
ägyptischen[5] und mesopotamischen Heilkunde und den genialen Ideen
der großen philosophischen Denker, findet man in der hippokratischen
Schriftensammlung die beiden Asklepiadenschulen von ~Knidos~ und ~Kos~
und die unter philosophischem Einfluß stehende italisch-sizilische
Schule vertreten[6]. Auf die Gefahr hin, dem historischen
Entwicklungsgange voranzueilen, wollen wir die hervorstechendsten
Eigentümlichkeiten dieser Schulen, soweit es bei den spärlichen
Nachrichten möglich ist, beleuchten, bevor wir an die Betrachtung des
Hippokratismus im engeren Sinne herantreten.

   [5] Es sind durch die neueren Forschungen (namentlich des Dr. Felix
       Freiherrn v. Oefele) sogar wörtliche (!) Uebereinstimmungen in
       Rezepten zwischen dem Corpus Hippocraticum und Papyrus Ebers
       nachgewiesen worden.

   [6] „Aber einst,“ sagt Galen, „war ein nicht kleiner Streit
       unter den Koern und Knidiern, wer den andern an Menge der
       Erfindungen übertreffe, denn damals gab es nur noch diese beiden
       Asklepiadengeschlechter in Asien, indem das zu Rhodos nicht
       mehr vorhanden war. Es stritten aber den trefflichen Streit mit
       ihnen die italischen Aerzte: Philistion, Empedokles, Pausanias
       und deren Schüler. Die meisten und besten Chorführer wurden
       den Koern zu teil, nahe standen ihnen die Knidier, aber auch
       die Italer sind nicht geringer Erwähnung würdig.“

~Die Schule von Knidos~ (lakedaimonische Kolonie in der asiatischen
Doris) ist anscheinend älter als ihre Rivalin von Kos. Abgesehen von
Zitaten aus späterer Zeit besitzen wir ein Urteil aus dem Munde eines
Vertreters der koischen Schule[7], der zwar anerkennt, daß die Knidier
richtig beschrieben haben, „was die Patienten bei jeder einzelnen
Krankheit zu leiden haben und welchen Ausgang einige Krankheiten
genommen haben“, aber es mit herben Worten tadelt, daß die Verfasser
der „~Knidischen Sentenzen~“ (Κνἰδιαι γνῶμαι) die subjektiven abnormen
Empfindungen der Kranken gegenüber der objektiven Untersuchung des
Arztes in den Vordergrund stellten, nach unwesentlichen Symptomen und
zufälligen Merkmalen eine ~große Zahl schematischer Krankheitstypen~
statuierten, denen ~ohne Individualisierung~ der einzelne Fall
willkürlich untergeordnet wurde, daß sie die Diät vernachlässigten und
in ganz schablonenhafter Anwendung wenige Heilmittel (bei chronischen
Affektionen ausschließlich Abführmittel, Milch, Molken) benützten.
Streng genommen bezieht sich dieses Urteil einerseits nicht auf die
knidische Schule in toto, sondern nur auf das Hauptwerk derselben, auf
die „Knidischen Sentenzen“, und anderseits sagt der Tadler selbst, daß
„diejenigen, welche ~späterhin~ die ‚Knidischen Sentenzenʻ noch einmal
bearbeitet[8] haben, wohl etwas mehr medizinische Darlegungen bezüglich
der in den einzelnen Fällen anzuwendenden Mittel gegeben haben“. In
Erwägung, daß selbst der wissenschaftliche Gegner einen Fortschritt
der Schule (in der zweiten Auflage der Knidischen Sentenzen) zugibt,
und nach Prüfung derjenigen Schriften der hippokratischen Sammlung,
welche die Forschung als knidische ansieht, dürfen wir über die
medizinische Richtung der Knidier ein wesentlich günstigeres Urteil
fällen und können ungefähr folgendes aussagen. Aehnlich wie die
mesopotamischen und ägyptischen Aerzte differenzierten die Knidier eine
große Anzahl von Symptomenkomplexen als selbständige Krankheitstypen;
ihre Rezepttherapie war sehr reichhaltig, namentlich auf dem Gebiete
der Frauenkrankheiten, die lokale Therapie scheint gegenüber einer
individualisierenden Allgemeinbehandlung den Vorrang behauptet zu
haben.

   [7] Einleitung zu der Hippokratischen Schrift περὶ διαίτης ὁξέων =
       de diaeta in acutis.

   [8] Galen lagen noch beide Auflagen vor.

   Galen berichtet, daß die knidischen Aerzte sieben Krankheiten der
 Galle, zwölf der Harnblase, vier der Nieren, ebensoviele Arten der
 Strangurie, drei des Tetanus, drei Gelbsuchten, drei Schwindsuchten,
 zwei Krankheiten des Schenkels, fünf des Fußes, vier Bräunen etc.
 unterschieden. Aus knidischen Schriften des Corpus Hippocraticum
 ersieht man, daß sie drei Formen der Schwindsucht (je nachdem
 der vom Kopfe herabfließende Schleim oder Samenverluste oder eine
 Ueberfüllung des Rückenmarks mit Blut und Galle beschuldigt wurde),
 mehrere Formen der Brustwassersucht (auch eine durch zerplatzende
 Hydatiden entstandene), drei Leberleiden, fünf Milzleiden, drei Ileus,
 vier „dicke“ Krankheiten nervöser Art voneinander trennten; von der
 Wassersucht kannten sie drei Arten (Verhärtung der Leber, der Milz,
 durch schlechtes Trinkwasser verursacht), vom Typhus fünferlei Spezies
 (z. B. infolge von Indigestion oder durch Samenverluste oder durch
 Anhäufung von Galle in den Gelenken hervorgebracht) u. s. w.

~Es lag im Bestreben der knidischen Aerzte, die grob regionäre
Bestimmung des Krankheitssitzes unter dem Einfluß der humoralen
Spekulation und des anatomischen Denkens in eine Lokalpathologie
umzuwandeln, der auch die Vorliebe für örtliche Mittel (auch
chirurgische) entsprach (Lokaltherapie).~

Die ~Krankheitsklassifikation der Knidier~ beruhte auf einzelnen
vortrefflichen Beobachtungen, auf der Berücksichtigung der
ätiologischen Momente und war, was besonders hervorzuheben ist,
~von dem Gedanken geleitet, daß ähnliche Symptome durch ganz
verschiedenartige pathologische Vorgänge hervorgerufen werden können~.
Allerdings bei dem niedrigen Stand der anatomischen Kenntnisse, bei
der mangelhaften Einsicht in den Zusammenhang der physiologischen
Funktionen und ihrer Störungen wurde begreiflicherweise das
vorschwebende Ideal nur zum kleinsten Teile tatsächlich erfüllt;
verleitet durch Spekulationen über Krankheitsentstehung (wobei Schleim
und Galle die Hauptrolle spielten), mit Hilfe einer scheinbar exakten
Akribie der Symptome (wobei wesentliche und unwesentliche nicht
getrennt und die kausalen Zusammenhänge nicht erkannt wurden), kam man
dazu, eine Unzahl von zumeist nur erdichteten Schemen zu konstruieren,
welche nur selten das Wesen der Krankheitstypen in sich schlossen.
~Wie so oft im Laufe der Geschichte der Medizin trübte anscheinende
Wissenschaftlichkeit die unbefangene Beobachtung und führte auf
Irrwege, die gefährlicher waren als die roheste Empirie.~ Schlimmer als
die verzerrten doktrinären Krankheitsbilder, wobei oft nur Formen einer
Krankheit für selbständige Typen galten, war die Vernachlässigung der
individuellen Eigentümlichkeiten des einzelnen Falles. Immerhin gebührt
den Knidiern das große Verdienst, daß sie im Streben nach scharfer
~Diagnostik~ die Sinne in jeder Weise übten und in bewundernswerter
Weise die Untersuchungsmittel am Krankenbette vermehrten: Geht
doch, ganz im Gegensatz zu dem oben erwähnten Tadel der knidischen
Sentenzen, mit Sicherheit aus manchen ihrer Schule angehörigen
Schriften hervor, daß sie der ~objektiven Krankenuntersuchung~ ganz
besonderen Wert beilegten, die ~Auskultation~ bei Brustaffektionen
bereits anwendeten (Kenntnis des pleuritischen Reibens und der
kleinblasigen Rasselgeräusche) und, was bezeichnend ist, gerade in
der ~Gynäkologie~ Hervorragendes leisteten. Dem Lokalisationsgedanken
entsprechend, scheint auch ihre Therapie, vorwiegend örtlich, mehr
radikal als abwartend und individualisierend gewesen zu sein. Mit
Messer und Glüheisen rasch zur Hand, nahmen sie kühn Trepanation
der Rippen beim Empyem, Nephrotomie bei Nierenabszessen vor, und
ebenso scheuten sie nicht vor übermäßigen Purgier- und Diätkuren
oder vor der Anordnung anstrengender Spaziergänge zurück. Zu
ihren Lieblingsmitteln zählten bei chronischen Krankheiten Milch
(namentlich von einer Frau, die einen Knaben geboren hat, ganz wie
in den Rezepten des Papyrus Ebers!), Molken, die „rohe Lösung“ (in
verschiedener Weise zu Mehl verarbeitete Gerste mit oder ohne Zusatz).
Im lokalisierend-physikalischen Sinne gedacht, waren die folgenden
therapeutischen Methoden: Eingießen von Flüssigkeiten in die Luftröhre,
um Husten zu erregen -- zur Herausbeförderung von Schleim oder Eiter
aus der Lunge, Inhalationen, Aufbinden von ledernen Schläuchen zum
Zwecke der Bähung, Schaukelbewegungen etc.

Die Schule von Knidos dankte gewiß vieles der Berührung mit dem Orient
-- Reste davon waren die Neigung zur Traumauslegung, die symbolischen
Bezeichnungen in ihrer wissenschaftlichen Terminologie[9] --, später
aber scheint sie innige Beziehungen zu den großen Naturphilosophen,
namentlich Großitaliens, gehabt zu haben, woher auch sicherlich die
Vorliebe für anatomische Studien und Probleme über die Zusammensetzung
des Körpers stammte. Dabei ist es charakteristisch, daß die knidischen
Denker von großzügigen Analogieschlüssen ausgiebigen Gebrauch machten,
namentlich die Parallelisierung körperlicher Vorgänge mit kosmischen
Vorgängen oder Erscheinungen des Tier- und Pflanzenlebens verwerteten
und ganz besonders häufig ~physikalische~ Vergleiche heranzogen[10].

   [9] Z. B. ὄσχοι = Schößlinge = Zweige = Uterusbänder; ἀλώπηξ = Fuchs
       = Lendenmuskel.

  [10] Die Hippokratische Schrift περὶ νούσων δ' = de morbis IV ist
       geradezu eine Fundgrube für ~physikalische Vergleiche~. Die
       ~mechanistische~ Schule der Alexandrinerzeit unter Führung des
       Erasistratos nahm von dieser Richtung ihren Ursprung.

Unter den zahlreichen Aerzten, die der Schule von Knidos angehörten,
ragen berühmte Zeitgenossen des Hippokrates, ~Euryphon~ und ~Ktesias~,
hervor. ~Euryphon~ hat sicherlich einen tiefgreifenden und lange
nachwirkenden Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde ausgeübt. Mit
größter Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß er an der Abfassung der
„Knidischen Sentenzen“ in besonderem Maße beteiligt war und manche
der knidischen Schriften der hippokratischen Sammlung wenigstens
mittelbar inspirierte. Aus Zitaten in der späteren Literatur erfahren
wir, daß Euryphon Anatomie trieb, ein Buch über das „livide Fieber“
(πελιὴ νόσος) schrieb, die Pleuritis als Lungenaffektion erklärte,
die Schwindsucht mit Esels- oder Frauenmilch und mit dem ~Glüheisen~
behandelte (auf welch letztere Methode sich vielleicht eine Szene bei
dem Komiker Platon bezieht, in der ein Phthisiker Kinesias, auf der
Brust mit Brandschorfen bedeckt, auftritt). Ferner wird angeführt,
daß er ~die Krankheiten von mangelhafter Entleerung und den nach
dem Kopfe aufsteigenden Nahrungsüberschüssen ableitete~ und annahm,
Hämorrhagien könnten nicht nur aus Venen, sondern auch aus Arterien
erfolgen (im Gegensatz zur herrschenden Lehre, die den Arterien
Blutgehalt absprach). ~Für die tiefe Auffassung, welche Euryphon vom
Wesen der ärztlichen Kunst hatte, spricht es, daß er die Zeit seine
Lehrmeisterin~ nannte.

   ~Euryphon~ beschäftigte sich auch eifrig mit Geburtshilfe und
 Gynäkologie. Zur Diagnose der Konzeptionsfähigkeit machte er eine
 Räucherung, die Nachgeburt suchte er durch harntreibende Mittel
 oder durch Schütteln der an einer Leiter festgebundenen Wöchnerin zu
 entfernen, bei Uterusprolaps hing er die Frau kopfüber an einer Leiter
 auf und ließ sie dann rücklings fallen. Wie der Gymnast ~Herodikos~,
 behandelte er Hydrops durch Schlagen mit gefüllten Blasen.

Von ~Ktesias~, der lange am Perserhof lebte und durch Schriften
über Indien und Persien zur Vermittlung orientalischer Kenntnisse
wohl vieles beitrug, ist es bekannt, daß er eine Arbeit über die
medizinische Verwendung des Helleborus (Nieswurz) verfaßte und in einer
Polemik gegen Hippokrates die Möglichkeit einer dauernden Reposition
des luxierten Oberschenkels leugnete.

   ~Ktesias~, Zeitgenosse des Xenophon, diente im Heere des Kyros gegen
 dessen Bruder Artaxerxes Mnemon, wurde von diesem in der Schlacht
 bei Kunaxa gefangen genommen und stand bei ihm 17 Jahre lang wegen
 seiner ärztlichen Tätigkeit in hoher Gunst. Gleichzeitig mit ihm lebte
 ein anderer gefangener griechischer Arzt, ~Polykritos von Mende~, am
 Perserhofe. Ktesias sammelte während seines Aufenthalts in Persien
 ein reiches Material geschichtlicher und geographischer Notizen,
 die er in seinen Werken Ἰνδικὰ und Περσικὰ niederlegte; hiervon sind
 zahlreiche Bruchstücke auf uns gekommen. -- Vom Helleborus sagt er,
 daß man die Dosierung desselben zur Zeit seines Vaters noch wenig
 kannte, weshalb die Kranken auf die häufig tödliche Wirkung dieser
 Arznei aufmerksam gemacht wurden.

~Die Schule von Kos~ ließ aus ihrer Mitte den größten der Aerzte
hervorgehen. Verdankt sie diesem glücklichen Umstand einen Ruhm, der
alle übrigen Schulen in den Schatten stellt, so werden anderseits
ihre Traditionen und Leistungen durch das Genie des unvergleichlichen
Hippokrates, durch die Verdienste der hippokratischen Aerztefamilie
so sehr erdrückt, daß sich heute nicht mehr mit voller Sicherheit
erkennen läßt, was der koischen Schule an sich angehört.

   Kos, eine den Sporaden zugerechnete Insel, den Städten Knidos
 und Halikarnassos gegenüber gelegen, im Altertum berühmt durch
 ihren Wein, war wegen besonders günstiger klimatischer Verhältnisse
 wie geschaffen zum Kultort des Asklepios. Das Heiligtum desselben
 befand sich westlich von der Hauptstadt Kos und wurde zur Zeit der
 höchsten Blüte mit den Meisterwerken des Apelles und Praxiteles
 (Aphroditestatue) ausgeschmückt. In jüngster Zeit wurde die ehrwürdige
 Stätte des koischen Asklepieions bloßgelegt, wobei man eine Menge
 von Weihgeschenken, sowie eine Reihe von Inschriften (bis zum 3.
 Jahrhundert n. Chr. herab) auffand. Es ergibt sich, daß das koische
 Asklepieion, wiederholt durch prächtige Neubauten erweitert, zu
 den ausgedehntesten heiligen Anlagen des Altertums zählte. Zu den
 wiederholten Neubauten und Erweiterungen gab das Erdbeben von 412
 v. Chr. oder ein Brand, später die Gunst der Ptolemäer und der
 Herrscher von Pergamon, endlich der Römer Anlaß. Wann das Heiligtum
 verödete, ist noch nicht festgestellt, niedergeworfen wurden seine
 Bauten wahrscheinlich durch das gewaltige Erdbeben vom Jahre 554 n.
 Chr. Die an weithin sichtbarer Stelle heute noch gezeigte sogenannte
 Hippokratesplatane war Zeuge der alten Herrlichkeit. Auf den
 Ausgangspunkt des Asklepioskults von einem Brunnen in einem heiligen
 Hain deutet es, daß die Dichter direkt für Asklepieion den Namen der
 (fälschlich auch nach Hippokrates bezeichneten) schon bei Theokrit
 sagenberühmten Quelle Burinna einsetzten. Die koischen Asklepiaden
 erfreuten sich schon im 6. Jahrhundert eines weitreichenden Ansehens;
 dafür besitzen wir Zeugnisse in einer historischen Ueberlieferung,
 nach welcher die Delphische Priesterschaft, bedrängt von den
 Einwohnern Kirrhas, um 584 v. Chr. den Asklepiaden ~Nebros~ und seinen
 Sohn ~Krisos~ zu Hilfe riefen, ferner in einer zu Athen aufgefundenen
 Weiheinschrift des ~Aineios~, Großoheims des Hippokrates. Unter den
 Vorgängern des Hippokrates ist namentlich ~Apollonides~ bekannt,
 welcher als Leibarzt des Artaxerxes I. tätig war und wegen Vergehungen
 mit der Schwester des Königs, Amytis, hingerichtet wurde. Nach den
 kürzlich gefundenen Inschriften in Kos sandte die Schule sehr häufig
 ihre besten Vertreter ins Ausland; zahlreiche Ehrendekrete fremder
 Staaten, welche im Asklepieion verwahrt wurden, berichten von den
 hervorragenden Leistungen der koischen Aerzte. -- Wie die knidischen,
 so besaßen auch die koischen Asklepiaden schon im 5. Jahrhundert v.
 Chr. eine große Bibliothek und eine reiche Literatur.

Wenn wir unten das Wissen und Können der Hippokratiker schildern,
so ist darunter implizite auch die koische Schule verstanden. Hier
sei nur ganz im allgemeinen auf ihre wissenschaftliche Auffassung im
Gegensatz zur knidischen verwiesen. ~Daß sich ein solcher Gegensatz in
demselben Zeitalter zwischen zwei Asklepiadenschulen trotz innigster
geistiger Verwandtschaft und räumlicher Nachbarschaft schon so
frühzeitig entwickeln konnte, daß Knidos und Kos in ihren Prinzipien
sogar vorbildlich für die ganze weitere medizinische Entwicklung
wirkten -- spricht wohl mehr als vieles andere für die unvergleichliche
Vielseitigkeit des hellenischen Geistes!~

Gleich den Knidiern, vom Streben erfüllt, die Medizin über rohe
Empirie zu erheben, mit mindestens der gleichen Sorgfalt die Symptome
beobachtend, schien den ~Koern nicht so sehr die naturgeschichtliche
Beschreibung der Krankheitsindividuen, sondern vielmehr das Schicksal
des erkrankten Individuums, nicht so sehr die Diagnose, als die
Prognose Hauptobjekt des ärztlichen Denkens zu sein~. Während die
Knidier mittels vager Differenzierung zahlreiche Krankheitstypen
konstruierten, suchten die Koer dieselben durch das Band der Prognose
zu vereinigen, indem sie aus den vom Typus abweichenden Symptomen auf
einen veränderten Verlauf und Ausgang derselben Krankheit schlossen;
~ihre Pathologie und Therapie berücksichtigte nicht so sehr den
Sitz der Krankheit als den Gesamtzustand des Kranken~. Wurden von
beiden Schulen Fehler begangen, von der knidischen durch Fiktion von
Krankheitstypen auf Grund unwesentlicher Merkmale, von der koischen
durch das Zusammenwerfen pathologisch und ätiologisch differenter
Krankheitseinheiten, so gebührt doch den Koern in theoretischer
Beziehung der Vorrang, weil zu ihrer Zeit eine wirkliche Erkenntnis
der zu Grunde liegenden pathologischen Vorgänge eben unmöglich war,
in praktischer Hinsicht, weil ihre Methode zur individualisierenden
Behandlung führte. Mochten die knidischen Krankheitsklassifikationen
den Schein der Wissenschaftlichkeit für sich haben, tatsächlich lag es
damals in den Grenzen wahrer Wissenschaft einzig und allein, auf Grund
kritisch geläuterter Empirie, den Krankheitsausgang aus gewissen, der
Erfahrung nach, günstigen oder ungünstigen Symptomen vorauszusagen[11].

  [11] Das Prinzip der knidischen Schule (die Krankheitslokalisation)
       konnte erst nach dem Aufschwung der pathologischen Anatomie
       mit Erfolg durchgeführt werden. Bemerkenswerterweise erfuhr
       die Lokalpathologie und Lokaltherapie, welche in der ersten
       Hälfte des 19. Jahrhunderts fast zur Alleinherrschaft gelangte,
       in den letzten Dezennien durch die ätiologische Richtung
       und durch zahlreiche, auf den Allgemeinzustand gerichtete
       Behandlungsmethoden wieder eine Korrektur, welche lebhaft an
       die Reaktion der koischen Schule gegen die knidische erinnert.

Historisch bemerkenswert ist es, daß diese Stufe des medizinischen
Denkens, die Pflege der Prognostik, sich logisch fast ungezwungen aus
der weissagenden Tempelheilkunde ableiten läßt (nur daß an Stelle der
göttlichen Vorzeichen die dem Kundigen viel bedeutenden krankhaften
Lebenserscheinungen getreten sind) und ein Analogon darstellt zur
Vorhersage von Himmelserscheinungen und Vorzeichen durch Babylons
sternkundige Priester. Wie diese aus uralten Aufzeichnungen das
Gesetz der zyklischen Wiederkehr kosmischer Vorgänge aufdeckten, und
ein Thales auf Grund dessen eine Mondfinsternis zum Erstaunen seiner
Mitbürger voraussagen konnte, so war es den Asklepiaden ermöglicht, aus
der Vergleichung zahlreicher in dem Tempelarchiv verwahrter ähnlicher
Krankheitsgeschichten, aus gehäufter Erfahrung Anzeichen des günstigen
oder ungünstigen Ausgangs festzustellen, Gesetze des Krankheitsverlaufs
~empirisch~ zu formulieren.

Mit Vorliebe wandte man sich der Beobachtung jener •akuten Leiden•
(z. B. der Lungenentzündung) zu, welche durch den Typus ihrer
Symptome, durch den Rhythmus ihres Verlaufs ein Gesetz ahnen ließen,
das an den Zyklus der Sternwelt, an die Zahlenverhältnisse der Töne,
wie sie Pythagoras gefunden, in seiner Regelmäßigkeit erinnerte.
Spekulation und tatsächliche Erfahrungen arbeiteten sich in die Hände.
So bildete sich denn als Folge der Betrachtung des Gesamtverlaufs
typischer Krankheitsbilder, vielleicht auch im Hinblick auf die
Astronomie und die Pythagoreische Zahlenmystik ~die Lehre von den
Krisen~, d. h. von der Krankheitsentscheidung, ~und die Lehre von
den kritischen Tagen aus~, d. h. von den Zeitverhältnissen, an welche
die Wendung der Krankheit zum Guten oder Schlimmen gebunden ist. Die
Richtschnur für die Vorhersage am Krankenbette bildete, abgesehen vom
Allgemeinbefinden und verschiedenen Merkmalen, namentlich das Fieber
und das Verhalten der Exkrete und Sekrete, die nach der herrschenden
Säftelehre als ausgeschiedene Krankheitsstoffe galten und durch den
Wechsel ihrer Konsistenz den Mischungszustand der konstituierenden
Grundflüssigkeiten offenbarten. Ausgehend von Bildern des gemeinen
Lebens und vom Verdauungsprozesse, erblickte man im Zusammentreffen
des ansteigenden und absteigenden Fiebers mit zähflüssigen oder
dünnflüssigen Auswurfstoffen einen Kochungsprozeß der Säfte durch die
Körperwärme und gelangte zur ~Aufstellung dreier Krankheitsstadien,
des Stadiums der Roheit der Säfte (ἀπεψία), der Kochung (πέψις) und
der Krisis~ (Ausscheidung oder Ablagerung der Krankheitsstoffe).

Die Erfahrungen und Anschauungen der koischen Aerzte wurden vor
Hippokrates in den „Koischen Lehrmeinungen“ niedergelegt, welche
höchstwahrscheinlich als Vorlage für die eine oder andere prognostische
Schrift der hippokratischen Sammlung benützt wurden.

Waren die Koer vom Geiste nüchterner, echt klinischer Beobachtung
erfüllt, vertraten die Knidier mehr eine Richtung, welche zwar
treu auf dem Boden der Erfahrung verläuft, aber dennoch dem Idol
temporärer Wissenschaftlichkeit die Naturwahrheit nur allzu leicht
zum Opfer bringt, ~so scheint die sizilische Aerzteschule, die sich
von Empedokles herleitete, ihr Hauptziel darin erblickt zu haben, die
ärztliche Kunst in eine Wissenschaft umzuwandeln~, auf dem Wege der
Naturforschung und philosophischen Spekulation oberste Prinzipien zu
gewinnen, aus denen sich ~deduktiv~ die Theorie der Krankheiten und
die Norm für das ärztliche Handeln ergibt. Aus den kargen Bruchstücken,
welche scharfsinnige Forscher in letzterer Zeit aus der Vergessenheit
emporgezogen haben, erhellt es immer mehr, ~daß die sizilischen
Aerzte~, als deren vornehmste Vertreter die Schüler des Empedokles,
~Akron und Pausanias~, insbesondere aber der Zeitgenosse Platons,
~Philistion aus Lokroi~, genannt werden, ~sich um die Entwicklung
der Anatomie und Physiologie ganz besonders verdient gemacht~ und
die wichtigsten Bausteine zur Krankheitstheorie, wie sie im Corpus
Hippocraticum entwickelt ist, gelegt haben.

Den Spuren des Alkmaion folgend, beschäftigten sich die
hervorragendsten Aerzte der sizilischen Schule eifrig mit der
Tierzergliederung, wobei sie anscheinend den ~Gefäßen~ besonderes
Augenmerk zuwendeten. Hierzu dürfte wohl die Lehre des Empedokles, daß
das Blut Sitz der eingepflanzten Wärme (der Seele) sei, und daß die
•Atmung• nicht allein durch Mund und Nase, sondern auch •vermittels
der Hautporen durch das Röhrensystem des ganzen Körpers• erfolge[12],
den Anlaß gegeben haben. (Es sei hier daran erinnert, daß auch
der philosophische Hauptvertreter der Pneumatheorie, Diogenes von
Apollonia, eine Schilderung des Gefäßsystems hinterlassen hat.) Nach
der Ansicht maßgebender Forscher steht gerade die beste anatomische
Schrift, das Corpus Hippocraticum, welche vom Herzen handelt (περὶ
καρδίης) und eine vortreffliche Beschreibung der Aortenklappen, des
Herzbeutels, Herzbeutelwassers etc. enthält, unter dem Einfluß der
sizilischen Aerzte; ~wie von den Aegyptern, wurde die Lehre vertreten,
daß das Herz Mittelpunkt des Gefäßsystems und Quelle alles Blutes ist.~

  [12] Vergl. die Physiologie der Aegypter. Die koischen Aerzte nahmen
       nur Atmung durch Mund und Nase an.

Neben allgemein naturwissenschaftlichen Erwägungen über die
Bedeutung der Luft und der Windströmungen[13] mag auch die anatomische
Beobachtung der postmortalen Leerheit der Arterien dazu geführt haben,
daß die sizilischen Aerzte das Pneuma als wichtigsten Regulator des
organischen Lebens betrachteten[14]; das Pneuma sollte sich durch die
Adern verbreiten, mit dem Blute zirkulieren[15], zur Abkühlung der
Körperwärme dienen, alle Sinneswahrnehmungen und Bewegungen, sowie
durch Erregung von Fäulnisvorgängen[16] (zusammenwirkend mit der Wärme)
die Verdauung vermitteln. ~Als Zentralorgan des Pneuma betrachtete
man das Herz[17].~ Gerade diese auf anatomische Kenntnisse (Herz =
Mittelpunkt der Gefäße) begründete Lehre wurde verhängnisvoll für
Physiologie und Pathologie, insofern nämlich die sizilische Schule
dementsprechend -- im Gegensatz zu Alkmaion und den Koern -- den
Sitz der Seele in das Herz verlegte und die Geisteskrankheiten als
Affektionen des Herzens ansah. Ein bedeutender Rückschritt, der wie
bei den Knidiern durch scheinbare Exaktheit verursacht wurde!

  [13] ~Akron von Agrigent~ unterschied verschiedene Arten von
       Luftströmungen und zog aus ihrer Qualitätenmischung Schlüsse
       auf den Gesundheitszustand der Menschen. Damit im Zusammenhang
       steht es, daß er bei einer Seuche Feuer anzünden ließ, um die
       kalte und feuchte Luft trocken und warm zu machen. Vergl. hierzu
       die Seuchenbekämpfung durch Empedokles.

  [14] In einzelnen Büchern des Corpus Hippocraticum (namentlich
       über die Winde, περὶ φυσῶν, und über die heilige Krankheit
       [Epilepsie], περὶ ἰερὴς νούσου) wird ebenfalls (beeinflußt von
       Diogenes von Apollonia) dem Pneuma die Hauptrolle zugeschrieben.
       -- Bedenkt man, daß, wie noch heute in der Volksmedizin, das
       Symptom der Blähungen (Aufstoßen und Flatus) als Abgang eines
       krankmachenden Stoffes aufgefaßt wurde (verschlagene Winde),
       so liegt es nahe, daß dem verdorbenen ~Pneuma~ auch in der
       Pathologie eine große Bedeutung eingeräumt wurde.

  [15] In der Lehre vom Pneuma könnte man den ersten Keim der Wahrheit
       finden, daß der Sauerstoff eine Hauptrolle im Organismus spielt.

  [16] Die gleiche Ansicht vertritt der Verfasser der hippokratischen
       Schrift „Ueber die alte Heilkunst“ (περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς).

  [17] Nach koischer Anschauung gelangt das Pneuma zuerst in das Gehirn
       und wird von dort aus nach dem ganzen Körper verbreitet (περὶ
       ἰερὴς νούσου).

In der Krankheitslehre wurde dem ~Pneuma~ und den ~vier Elementen~
oder ~Elementarqualitäten~ gleiche Berücksichtigung zu teil. Solange
die Bewegung des Pneuma (Atmung) ungestört vor sich geht, ist der
Mensch gesund; wird sie gehindert, indem Schleim- oder Gallenanhäufung
die Wege verlegt, so entstehen Krankheiten; neben äußeren Einflüssen
(Verletzungen, Temperatur) oder Diätfehlern führt aber auch das
Uebermaß oder der Mangel einer der Qualitäten (des Warmen, Feuchten
u. s. w.) an sich, zur Erkrankung.

Hinsichtlich der Therapie wäre mit Anerkennung hervorzuheben, daß die
sizilische Schule auf die ~Diät~ besonderes Gewicht legte -- eine
Nachwirkung der Pythagoreer; ihre Koryphäen ~Akron und Philistion~
verfaßten eigene Werke über diesen Gegenstand, ja der letztere wurde
von Galen sogar unter den vermutlichen Autoren der hippokratischen
Schrift περὶ διαίτης aufgezählt.

Wir sind in unserer Darstellung mit der sizilischen Lehre zwar nicht
über die Zeit, in der die „hippokratischen“ Schriften entstanden
sind, hinausgeeilt, wohl aber über die Epoche des großen Hippokrates.
Diese Ueberschreitung war nötig, weil es galt, die Grundlagen der
„~hippokratischen~“ Schriften bloßzulegen, zu welchen aber neben
koischen und knidischen nicht zum mindesten auch die Lehrmeinungen
der sizilischen Schule gehören.

   Anhangsweise seien noch einige, zur Zeit des Hippokrates lebende
 Aerzte erwähnt, welche keiner besonderen Schule zugerechnet werden.
 ~Meton~ von Athen, als Astronom bekannt, suchte die Medizin mit der
 Astronomie in Verbindung zu setzen. ~Bolos~ schrieb über die Heilkraft
 der Natur. ~Diagoras von Melos~, Gegner des Opiums, Erfinder eines
 Collyriums gegen chronischen Augenkatarrh, wurde wegen Atheismus mit
 Verbannung bestraft.



Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum).


Die ehrwürdige ~hippokratische~ Schriftensammlung, welche als ältestes
Denkmal der Glanzepoche hellenischer Heilkunst erhalten blieb,
bezeichnet den Kreuzungspunkt aller früheren Richtungen und verknüpft
in sich die vielverschlungenen Fäden, die einerseits zur grauen Vorzeit
zurück, anderseits bis mitten in die Gegenwart hinein reichen.

~Die Tradition macht einen einzigen zu ihrem Urheber, Hippokrates,
den unvergleichlichen Arzt von Kos~, der seinen Namen in Flammenzügen
an die dunkle Wand der Jahrhunderte hinschrieb; ~vor dem Richterstuhl
prüfender Kritik dagegen sind die „Werke des Hippokrates“ nichts
anderes, als die bunt zusammengewürfelte Arbeit von Generationen~, das
Geistesprodukt sehr verschiedenartiger Verfasser, deren Einzelstimmen
nur der Zufall zu einem, nicht immer zusammenklingenden Chor vereinigt
hat.

Wie es jetzt vorliegt, so wurde im wesentlichen das Corpus
Hippocraticum im Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. von einer
Kommission alexandrinischer Gelehrter im Auftrag der bücherfreundlichen
Ptolemäer zusammengestellt und redigiert[18]. Schon damals war man
in Zweifel, welche Schriften dem großen Hippokrates mit Sicherheit
zugesprochen werden können, und kaum war eines der Bücher frei von
Veränderungen und Zusätzen geblieben. Bemüht, die echten Bücher
in einer Sammlung zu vereinigen, anderseits aber auch bestrebt,
möglichst wenig verloren gehen zu lassen, sichtete die Kommission
zwar die große Zahl von anonymen Dokumenten, welche als angeblich
hippokratisch durch Kaufleute aller Länder herbeigeschafft wurden,
verfuhr aber dabei mit so wenig Kritik, daß neben Meisterwerken
mit dem Stempel echt ärztlichen Geistes und schriftstellerischer
Klassizität auch bloße Kompilationen und dürftige Auszüge oder
Entwürfe, neben koischen auch Schriften anderer Schule, in das Corpus
Hippocraticum aufgenommen wurden. Unter sich zeigen die einzelnen
Schriften die größten Verschiedenheiten hinsichtlich des Dialekts,
des Stils und der Darstellung, ja sogar hinsichtlich der theoretischen
Grundanschauungen; neben vollkommen abgeschlossenen Abhandlungen stehen
bloße Notizensammlungen oder Krankenjournale, neben Fachschriften auch
phrasenhafte Sophistenreden, die sich an das große Publikum richten,
und was den Ursprung anbelangt, so stammt ein nicht unbeträchtlicher
Teil der Schriften gar nicht aus der koischen Schule oder entstand
nicht einmal im Zeitalter des Hippokrates, sondern vor und nach seiner
Schaffensperiode!

  [18] Die Zahl der Bücher wird von den Autoren verschieden angegeben,
       je nachdem einzelne derselben als ganz selbständige Abhandlungen
       geführt oder nur als Fortsetzungen anderer angesehen werden;
       in diesem Sinne schwanken die Angaben zwischen 53 und 72.
       Aus gelegentlichen Bemerkungen in den vorhandenen Schriften
       und aus den Angaben der Alten ist zu ersehen, daß eine ganze
       Reihe von Abhandlungen schon im Altertum verloren gegangen
       ist; außerdem fehlen aber in der überkommenen Sammlung auch
       Schriften, welche noch im späteren Altertum bekannt waren.
       In den älteren Handschriften ist nur ein Teil des Corpus
       Hippocraticum enthalten. -- Unter den älteren Ausgaben der
       Werke des Hippokrates sind die wichtigsten: die Ausgabe von
       ~Cornarius~ (Basil. 1538), von •Anutius Foësius• (Francof. ad
       M. 1590 u. öfter), von Mercurialis (Venet. 1588), von van der
       Linden (Lugd. Batav. 1665) und von Chartier (Paris 1639-1679).
       In neuerer Zeit veranstalteten ~Kühn~ (Lips. 1825-1827) und der
       um die Hippokratesforschung ganz besonders verdiente ~Emile
       Littre~ (Paris 1839-1861) und Franz Zach. Ermerins (Traj. ad
       Rhen. 1859-1864), letztere beide kritische Ausgaben. Unter
       Benützung neuen handschriftlichen Materials lassen neuerdings
       Joh. Ilberg und H. Kühlewein eine neu revidierte Textausgabe
       erscheinen. Von den zahllosen Partialeditionen ist namentlich
       die Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Pétrequin (Paris 1877)
       erwähnenswert. -- Ungemein zahlreiche Kommentare und viele
       Uebersetzungen der gesamten Werke oder einzelner Schriften
       wurden seit alter Zeit in den verschiedensten Sprachen verfaßt,
       sie besitzen großes literarhistorisches Interesse. Die älteren
       deutschen Uebersetzungen von Grimm, Lilienhain und Upmann sind
       durch die moderne Uebertragung von Robert Fuchs (Hippokrates,
       Sämtliche Werke, München 1895-1900) überholt worden.

Seit der Zeit der alexandrinischen Bibliothekare beschäftigen sich
gelehrte Forscher mit der Frage, welche Schriften von Hippokrates
selbst herrühren, welchen Verfassern oder wenigstens welcher Schule
die „unechten“ Bücher zuzuschreiben sind. Da im ganzen Corpus
Hippocraticum kein Autor genannt ist, gleichzeitige zuverlässige Zeugen
für die Echtheit fehlen und die Kommentatoren des Altertums meist
tendenziös verfuhren, indem sie ihre eigenen medizinischen Grundsätze
durch angeblich „echte“ Schriften zu stützen suchten, so wird der
subjektiven Kritik ein um so größerer Spielraum eingeräumt, als leider
auch textkritische, etymologische und sogar reale (medizinische)
Unterscheidungsmomente keine genügenden exakten Anhaltspunkte geben,
oder doch sehr häufig versagen. Das Schlimmste liegt noch darin, daß
gerade dasjenige, was wir der Schriftensammlung nicht entnehmen können,
nämlich die persönlichen theoretischen Ansichten und Kenntnisse des
Hippokrates selbst, einen ausschlaggebenden Faktor bei der Beurteilung
bildet, weshalb die Kritiker unter der Voraussetzung der idealen Größe
des koischen Arztes nur zu leicht der Versuchung unterliegen, dasjenige
als echt hippokratisch anzusehen, was den temporären Vorstellungen
von medizinischer Vollkommenheit entspricht. Trotzdem das Problem der
Echtheit seit 2000 Jahren von einer Unzahl von Forschern mittels der
verschiedenartigsten Kriterien angegangen wurde, konnte kaum in der
Kritik der einen oder anderen Schrift volle Einigkeit erzielt werden,
und wie sehr das Urteil schwankt, zeigt, daß die Zahl der „echten“
Schriften (von den 31, die der Kommentator Erotianos [zur Zeit Neros]
anerkannte, oder von den 13, die noch Galenos anerkannte) schon auf
zwei, ja auf Null herabgesunken war und sich in der neuesten Kritik
kaum auf sechs erhoben hat. Dasselbe gilt für die Frage, wer die
Autoren der unterschobenen Bücher sind. ~Als sicheres Ergebnis kann es
nur angesehen werden, daß die „hippokratischen“ Schriften fast sämtlich
vor Aristoteles verfaßt wurden und einen Zeitraum von mehr als einem
Jahrhundert umspannen, daß in ihnen die Grundsätze der koischen Schule
zwar überwiegend, so doch nicht ausschließlich hervortreten, und daß
nicht wenige Schriften von den Lehren oder Leistungen, namentlich
der knidischen, aber auch der sizilischen Aerzte mehr oder minder
beeinflußt sind.~

Dieses dürftige Resultat bezeichnet eine klaffende Lücke, welche sich
zwar in der Literaturgeschichte sehr störend bemerkbar macht, aber für
eine historische Betrachtung, welche mehr den Tatsachen, Ideen, der
gesamten wissenschaftlichen Entwicklung als den Personen zugewendet
ist, von wenig Belang ist. •War es doch das Corpus Hippocraticum in
seiner Totalität, das die Wissensquelle für unzählige Aerzte bildete,
Theorie und Praxis im Laufe zweier Jahrtausende beeinflußte und diese
gewaltige Geistessumme von Ideen und Kenntnissen liegt, unbeschadet der
Echtheitsfrage, klar vor uns.• Und entzieht sich auch die historische
Person des Hippokrates unseren Blicken, die geistige Persönlichkeit,
welche die medizinische Forschung von spekulativen Irrwegen abrief
und ins Fahrwasser der nüchternen Beobachtung lenkte, die ärztliche
Berufstätigkeit mit dem Gefühl der Standeswürde erfüllte, sie spricht,
wenn auch nicht mit derselben Reinheit, aus allen, auch aus den
minderwertigen Teilen der Schriftensammlung, gleich wie sich die Sonne
auch im Tümpel spiegelt. Anders erscheint Sokrates in Platons Dialogen,
anders in Xenophons Auffassung; so bergen auch die „hippokratischen“
Schriften bald mehr, bald weniger von echt hippokratischem Geiste,
ganz unbeeinflußt von seinem Genius sind aber wohl nur wenige unter
ihnen. Ohne daher auf die Feinheiten philologischer Kritik einzugehen,
wollen wir zunächst von den Schriften der hippokratischen Sammlung
Kenntnis nehmen, hierauf untersuchen, worin der tiefere Wesenszug
des Hippokratismus besteht und schließlich den materiellen Inhalt der
„hippokratischen Schriften“ in summarischer Uebersicht betrachten.


Schriften allgemeinen Inhalts.

   1. ~Ὅρκος.~ ~Jusjurandum~ = ~Eid.~ Eidesformel der Schüler.
 Wahrscheinlich von der koischen Schule überkommenes Asklepiadenstatut,
 das später dem berühmtesten aller Aerzte, Hippokrates, zugeschrieben
 wurde.

   2. ~Νόμος.~ ~Lex~ = ~Das Gesetz.~ Behandelt die zur Erlernung der
 Medizin nötigen Anlagen und Kenntnisse.

   3. ~περὶ τέχνης.~ ~de arte~ = ~Die Kunst.~ Verteidigung der
 ärztlichen Kunst gegen ihre Widersacher.

   4. ~περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς.~ ~de prisca medicina~ = ~Die alte
 Medizin.~ Polemik gegen die Philosopheme der Neueren, Lob der
 alten Kunst, welche ihren Ursprung von diätetischen Erfahrungen bei
 Gesunden und Kranken nahm. Das Warme und Kalte, Feuchte und Trockene
 ist nicht die Krankheitsursache, sondern das Süßeste, Bitterste,
 Sauerste, Herbste etc. -- eine Säftetheorie, welche stark von Alkmaion
 beeinflußt erscheint.

   5. ~περὶ ἰντροῦ.~ ~de medico~ = ~Der Arzt.~ Deontologie und
 Vorschriften über die ärztliche Werkstätte. (Für den Anfänger
 bestimmte Schrift.)

   6. ~περὶ εὐσχημοσύνης.~ ~de habitu decenti~ = ~Ueber den Anstand.~
 Aerztliche Ethik. (Wahre und falsche Wissenschaft; Philosophie und
 Medizin; Untersuchung und Verhalten am Krankenbette.) Im 5. Kapitel
 dieser Schrift findet sich der berühmte Satz: „~denn ein Arzt,
 der zugleich Philosoph ist, steht den Göttern gleich~“ (ἰητρος γὰρ
 φιλόσοφυς, ἰσόθεος).

   7. ~Παραγγελὶαι.~ ~Praecepta~ = ~Vorschriften.~ Aerztliche
 Sittenlehre, welche in dem Satze gipfelt: ~Wo Liebe zum Menschen ist,
 da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden~.

   8. ~Ἀφορισμοί.~ ~Aphorismi~ = ~Die Aphorismen~ (Lehrsätze). Bücher,
 deren letztes in viel späterer Zeit verfaßt wurde und nur eine höchst
 mangelhaft redigierte Kompilation darstellt. Die Aphorismen sind
 der berühmteste Teil der ganzen hippokratischen Schriftensammlung,
 wurden in fast alle Sprachen übersetzt und unzählige Male kommentiert,
 sie enthalten in zumeist lapidarer Kürze das Resumé der Prognostik
 der koischen Schule. Wenn auch dem Werte nach ungleichartig, finden
 sich unter den Aphorismen Thesen und Sinnsprüche, welche von echt
 hippokratischem Geiste durchweht, in ihrer prägnanten Fassung an
 die Aussprüche der sieben Weisen erinnern und zu den Perlen der
 Weltliteratur zählen. Zu geflügelten Worten sind namentlich die
 folgenden beiden geworden: „~Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang,
 der rechte Augenblick ist rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch,
 das Urteil ist schwierig~“ (I, 1)[19] und „~Was Arzneien nicht
 heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer,
 was das Feuer nicht heilt, das muß man als unheilbar betrachten~“
 (VIII, 6)[20]. Das erste Buch betrifft hauptsächlich die diätetische
 Therapie; das zweite die Prognostik; das dritte Krankheitsdisposition,
 Einfluß der Jahreszeiten und des Lebensalters; das vierte handelt
 von Brech- und Abführmitteln und von der Diagnose, insbesondere
 fieberhafter Krankheiten; das fünfte von Krämpfen, von der Wirkung
 der Wärme und Kälte, namentlich bei chirurgischen Affektionen, von
 Frauenkrankheiten; das sechste enthält in seinem sehr bunt gemischten
 Inhalt Bemerkungen über die Symptomatologie chirurgischer Krankheiten;
 das siebente handelt von Nebenerscheinungen, Komplikationen mit
 Prognose und über die Aufeinanderfolge von Krankheiten.

  [19] Ὅ μεν βίος βραχύς, ἥ δε τέχνη μακρή. ὅ μεν καιρὸς ὀξύς, ἥ δε
       πεῖρα σφαλερή.

  [20] Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται· ὄσα σίδηρος οὐκ
       ἰῆται, πῦρ ἰῆται ὅσα δε πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρῆ νομίζειν
       ἀνίατα.


Zur Anatomie und Physiologie.

   9. ~περὶ ἀνατομῆς.~ ~de anatomia~ = ~Die Anatomie.~ Kurzes
 Fragment, welches die innerhalb des Rumpfes gelegenen Organe
 beschreibt.

   10. ~περὶ καρδίης.~ ~de corde~ = ~Das Herz.~ Wahrscheinlich unter
 dem Einfluß der sizilischen Schule verfaßte Schrift, enthält eine
 genaue Beschreibung des Herzens als Sitz der Seele.

   11. ~περὶ σαρκῶν.~ ~de carne~ = ~de musculis~ = ~Das Fleisch.~
 Besonders bemerkenswert durch die in Anlehnung des Herakleitos
 und Parmenides ausgesponnenen physiologischen Hypothesen, sowie
 durch die Theorie von der Bedeutung der Zahl Sieben für die
 Entwicklungsgeschichte und den Krankheitsverlauf. (Knidisch.)

   12. ~περὶ ἀδένων.~ ~de glandulis~ = ~Die Drüsen.~ In der
 Beschreibung der Drüsen wird das Gehirn als die größte bezeichnet
 und angeführt, daß von demselben sieben Arten von Flüssen = Katarrhen
 ihren Ursprung nehmen. (Wahrscheinlich knidisch.)

   13. ~περὶ ὀστέων φύσιος.~ ~de natura ossium~ = ~Die Natur der
 Knochen.~ Enthält außer einer unvollständigen Aufzählung der Knochen
 nichts Osteologisches, sondern eine verworrene Schilderung des
 Gefäßsystems.

   14. ~περὶ φύσιος ἀνθρώπου.~ ~de natura hominis~ = ~Die Natur des
 Menschen.~ Das Buch ist aus verschiedenartigen Stücken zusammengesetzt
 und entstand wahrscheinlich nach der Konsolidierung der sizilischen
 Schule. Es ist die Haupturkunde der koischen (= hippokratischen)
 Humoralpathologie, da es die Zusammensetzung des Körpers aus vier
 Qualitäten bezw. den entsprechenden Kardinalflüssigkeiten Blut,
 Schleim, gelber und schwarzer Galle verteidigt und die Krankheiten von
 einem Mißverhältnis derselben ableitet (Kap. IV). Indes wird (Kap. X)
 auch dem Pneuma bei der Entstehung endemisch-epidemischer Krankheiten
 eine Hauptrolle zugewiesen, gegenüber den Fehlern der Lebensweise,
 welche individuelle Leiden verursachen. Die Venenbeschreibung, welche
 das Buch (Kap. XII) enthält, stammt nach Aristoteles von Polybos.

   15. ~περὶ γονη̄ς.~ ~de semine~ (~genitura~) = ~Der Samen.~

   16. ~περὶ φύσιος παιδίου.~ ~de natura pueri~ = ~Die Entstehung des
 Kindes.~

   17. ~περὶ νούσων δ'.~ ~de morbis IV~ = ~Die Krankheiten IV.~

   Drei Schriften, wahrscheinlich knidischen Ursprungs, welche nach
 sehr begründeten Vermutungen maßgebender Autoren ursprünglich ein
 einziges Buch bildeten. Inhalt: Theorien über Zeugung und Entwicklung,
 über Krankheitsentstehung (aus den Elementarstoffen Schleim, Blut,
 Galle, Wasser), Lehre von den Krisen und kritischen Tagen.

   18. ~περὶ τροφη̄ς.~ ~de alimento~ = ~Die Nahrung.~ Aphoristische
 Sätze über Nahrung und Entwicklung des Menschen, in philosophischem
 Geiste gehalten (Herakleitos und Diogenes von Apollonia). Vergleiche
 aus dem Pflanzen- und Tierleben, sowie •physikalischer Art•.


Zur Diätetik.

   19. ~περὶ διαίτης~ I-III. ~de diaeta~ (~victu~) I-III = ~Die Diät~
 I-III; wozu noch als viertes Buch die Schrift ~περὶ ὲνυπνίων~, ~de
 somniis~ = ~Die Träume~ hinzukommt. Abhandlung über Diätetik und
 Gymnastik, basierend auf dem Grundsatze, daß die Gesundheit von dem
 richtigen Verhältnis der Nahrungsaufnahme zu den körperlichen Uebungen
 abhänge. Das Buch über die Träume schildert die Vorzeichen, durch
 welche sich Gesundheitsstörungen zu erkennen geben.

   20. ~περὶ διαίτης ὑγιεινη̄ς.~ ~de diaeta~ (~victu~) ~salubri~ =
 ~Die Hygiene der Lebensweise.~ Vorschriften über Speisen, Getränke,
 Kleidung, Bewegung, je nach der Jahreszeit, der Körperbeschaffenheit,
 dem Lebensalter etc.


Zur allgemeinen Pathologie.

   21. ~περὶ ἀὲρων, ὑδάτων, τόπων.~ ~de aere, aquis et locis~ = ~Ueber
 Luft, Wasser und Oertlichkeit.~ Diese meisterhafte Schrift betont
 die Wichtigkeit der Meteorologie, Klimatologie und Astronomie für die
 Medizin und schildert in großzügiger Betrachtung den Einfluß von Klima
 und Bodenbeschaffenheit auf den Organismus und auf die Entstehung von
 Krankheiten -- •medizinische Geographie•. Ueber den Rahmen der Medizin
 im engeren Sinne hinausstrebend, zeigt der Verfasser die Abhängigkeit
 der geistigen Eigentümlichkeiten und staatlichen Einrichtungen von
 topographisch-klimatischen Verhältnissen.

   22. ~περὶ χυμῶν.~ ~de humoribus~ = ~Die Säfte.~ Notizensammlung
 vorwiegend über Krankheitsentstehung, Symptomatologie und Prognostik
 im Sinne der humoralpathologischen Auffassung.

   23. ~περὶ κρίσεων.~ ~de crisibus~ = ~Die Krisen.~ Exzerpte über
 kritische Vorgänge.

   24. ~περὶ κρισίμων.~ ~de diebus criticis~ = ~Die kritischen Tage.~
 Minderwertige Kompilation.

   25. ~περὶ ἑβδομάδων.~ ~de hebdomadibus~ = ~Die Wochen~ (Ueber die
 Siebenzahl). Nur in barbarischem Latein und in arabischer Umschreibung
 erhaltene Schrift knidischen Ursprungs. Aus dem Inhalt besonders
 bemerkenswert die Beziehung zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus,
 wobei der Siebenzahl in phantastischer Weise die höchste Bedeutung in
 kosmischen, physiologischen und pathologischen Vorgängen (Stufenjahre,
 Krisen) zugesprochen wird.

   26. ~περὶ φυσῶν.~ ~de flatibus~ = ~Die Winde.~ Nach Ansicht
 mancher Autoren sophistische Schrift, nach anderen Jugendwerk des
 Hippokrates. Der Inhalt steht in schärfstem Gegensatz zur koischen
 Humoralpathologie, indem die Luft (innerhalb des Körpers φῦσαι,
 Winde) zur primären Ursache aller Krankheiten gestempelt wird. Nach
 dem Berichte des Aristotelesschülers Menon (Iatrika, vergl. oben S.
 161, das über Anonymus Londinensis Gesagte) habe Hippokrates diese
 Anschauung tatsächlich vertreten.

   27. ~προγνωστικὸν.~ ~prognosticum~ = ~Das Buch der Prognosen.~

   28. ~προῤῥητικὸν α'.~ ~praedicta~ (~prorrheticum~) I = ~Die
 Vorhersagungen~ I.

   29. ~προῤῥητικὸν β'.~ ~praedicta~ (~prorrheticum~) II = ~Die
 Vorhersagungen~ II.

   30. ~Κωακαὶ προγνώσεις.~ ~praenotiones Coacae~ = ~Koische
 Prognosen.~

   Von diesen vier Schriften, welche den besten Einblick in das Wesen
 der koischen Symptomatologie und Prognostik gewähren, enthalten
 Prognosticum und Prorrheticum II einen Schatz von klinischen
 Erfahrungen, der mit Kennerblick verwertet wird. Prorrheticum I ist
 die Arbeit eines wenig gewandten Koers, ein ungeschickter Auszug aus
 dem Prognosticum. Die „Koischen Prognosen“ danken ihre Berühmtheit dem
 Titel, bilden aber nur einen geordneten Auszug aus anderen verwandten
 Schriften.


Zur speziellen Pathologie.

   31. ~Ἐπιδημιῶν βιβλία ἑπτἀ.~ ~Epidemiorum libri~ VII = ~Die
 epidemischen Krankheiten~ I-VII.

   Die Schriften schildern den Verlauf von Krankheiten unter bestimmter
 Witterungsgestaltung (Katastase) an bestimmten Orten. Buch I und III
 gehörten ursprünglich zusammen, ihr Inhalt besteht in der Beschreibung
 der Witterung und der Krankheiten auf der Insel Thasos während
 dreier Jahre, sowie eines vierten ohne Angabe des Ortes; im ganzen
 werden 42 Krankengeschichten vorgeführt, besonders Malariafieber
 der warmen Klimate. Buch II, IV und VI bilden eine von V und VII
 geschiedene Gruppe; letztere sind späteren, wahrscheinlich knidischen
 Ursprungs. Die Orte, von denen Witterungsgestaltung und Krankenjournal
 mitgeteilt werden, sind Kranon, Larissa (Thessalien), Perinthos (an
 der thrakischen Propontis) u. a.

   32. ~περὶ παθῶν.~ ~de affectionibus~ = ~Die Leiden.~ Populäre
 Schrift der knidischen Schule (Schleim und Galle Krankheitsursachen;
 Milch -- Molkenkur, Purgiermittel).

   33. περὶ νούσων α'. de morbis liber I = Die Krankheiten I.

   34. περὶ νούσων β'. de morbis liber II = Die Krankheiten II.

   35. περὶ νούσων γ'. de morbis liber III = Die Krankheiten III.

   Größtenteils knidischen Ursprungs, enthalten diese Bücher eine
 Uebersicht über die Aufgaben des Arztes, über Krankheitsentstehung
 und über den Verlauf der wichtigsten Krankheiten; am Schlusse des 3.
 Buches Rezepte.

   36. ~περὶ τῶν ἑντὸς παθῶν.~ ~de affectionibus internis~
 = ~Die inneren Krankheiten~. Für die Kenntnis der knidischen
 Schule besonders wichtige Schrift, behandelt die häufigsten
 Lungenaffektionen, die verschiedenen Arten der Schwindsucht,
 Nierenkrankheiten, der Leber-Milzkrankheiten, die verschiedenen Formen
 von Wassersucht, Ikterus, Typhus, Ischias, Tetanus u. s. w.

   37. ~περὶ ἱερη̄ς νούσου~. ~de morbo sacro~ = ~Die heilige
 Krankheit~. Inhalt: Die Epilepsie ist ebensowenig göttlichen
 Ursprungs wie irgend eine andere Krankheit, weshalb die gewöhnlich
 verwendeten abergläubischen Mittel nur auf Irrtum oder Betrug beruhen.
 Krankheitssitz ist das Gehirn, welches den Sitz der Wahrnehmung bildet
 -- nicht das Herz oder Zwerchfell. Einfluß des Pneuma.

   38. ~περὶ τόπων τῶν κατ' ἄνθρωπον~. ~de locis in homine~ = ~Die
 Stellen am Menschen~. Eine Art von „Kompendium eines italischen
 Dorers“, der seine Anschauungen mit den Lehren der Knider vermengte.
 Die Krankheitstheorie geht einerseits von den festen Bestandteilen
 des Körpers (~Solidarpathologie~) aus und verbreitet sich anderseits
 über die Schleimflüsse (Katarrhe).


Zur Therapie.

   39. ~περὶ διαίτης ὸξἑων~. ~de ratione victus in acutis~ = ~Die Diät
 bei akuten Krankheiten~. Polemik gegen die Verfasser der knidischen
 Sentenzen, welche einer symptomatischen Krankheitsauffassung huldigen
 und die diätetischen Heilmittel vernachlässigten; Vorschriften über
 den Gebrauch des Getreideschleimes (Ptisane), des Weins, des Hydromel,
 des Oxymel und des Wassers. Der Appendix der Schrift wurde schon früh
 als unecht erkannt.

   40. ~περὶ ὑγρῶν χρήσιος~. ~de liquidorum usu~ = ~Ueber den Gebrauch
 der Flüssigkeiten~. Notizensammlung über die Anwendung des Wassers,
 Salz- und Meerwassers, des Weins und Essigs in kaltem und erwärmtem
 Zustande.


Zur Chirurgie.

   41. ~κατ' ἰητρεὶον~. ~de officina medici~ = ~Die ärztliche
 Werkstätte~. Für fortgeschrittene Schüler bestimmter Abriß über die
 wichtigsten allgemeinen Hilfsmittel des Wundarztes.

   42. ~περὶ ἑλκῶν~. ~de vulneribus et ulceribus~ = ~Die Wunden
 und Geschwüre~. Allgemeine Therapie der Wunden und Geschwüre;
 Wundmittelformeln.

   43. ~περὶ αιμορροιδων~. ~de haemorrhoidibus~ = ~Die Hämorrhoiden~.

   44. ~περὶ συριγγων~. ~de fistulis~ = ~Die Fisteln.~ Diese und die
 vorige bildeten ursprünglich ein Ganzes.

   45. ~περὶ τῶν ἐν κεφαλῇ τρωμάτων~. ~de capitis vulneribus~ =
 ~Die Verletzungen am Kopfe~. Eine der vorzüglichsten Schriften des
 Hippokrates, welche auf erlesenster Beobachtung basierte. Inhalt:
 Deskriptive Schädelanatomie, Verletzungen des Schädels, Trepanation
 und andere Heilverfahren.

   46. ~περὶ ὰγμῶν~. ~de fracturis~ = ~Die Knochenbrüche~ und

   47. ~περὶ ᾰρθρων ὲμβολης~. ~de articulis~ (reponendis) = ~Die
 Einrichtung der Gelenke~, zwei Bücher von besonderer Bedeutung, welche
 den hohen Stand der griechischen Chirurgie beweisen.

   48. ~μοχλικός~. ~vectiarius~ = ~Ueber die Einrenkung~ (Das Buch
 vom Hebel). Auszug aus de fracturis und de articulis.


Zur Augenheilkunde.

   49. ~περὶ ὄψιος~. ~de visu~ = ~Vom Sehen~.
 Wahrscheinlich knidische Schrift.


Zur Gynäkologie, Geburtshilfe und Kinderheilkunde.

   50. ~περὶ παρθενίων~. de his, quae (ad) virgines spectant = Die
 Krankheiten der Jungfrauen. Behandelt die psychischen Störungen
 hysterischer Art bei Mädchen. Auch in dieser Schrift wird der Verstand
 in das Herz verlegt.

   51. ~περὶ γυναικείης φύσιος~. ~de natura muliebri~ = ~Die Natur
 der Frau~. Knidisches Kompendium der Frauenkrankheiten, stammt aus
 den folgenden beiden Büchern.

   52. περὶ γυναικείων α'. de morbis mulierum I = Die Frauenkrankheiten
 I (knidisch).

   53. περὶ γυναικείων β'. de morbis mulierum II = Die
 Frauenkrankheiten II. Am Schlusse Rezepte für gynäkologische und
 kosmetische Zwecke. Rohe physikalische Vergleiche deuten auf den
 knidischen Ursprung.

   54. ~περὶ ὰφόρων~. ~de sterilitate~ = ~Die Unfruchtbarkeit
 der Frauen~. Gehört wahrscheinlich als 3. Buch zu den beiden eben
 genannten. Aus dem Inhalt wären hervorzuheben: Versuchsmittel zur
 Feststellung der Sterilität, Symptomatologie der Schwangerschaft,
 Mittel zur Konzeption. Im 2. Kapitel (Mittel zur Feststellung der
 Gravidität) finden sich ~wörtliche Uebereinstimmungen mit Papyrus
 Ebers~!

   55. ~περὶ ἑπικυήσιος~. ~de superfoetatione~ = ~Die Ueberfruchtung~.
 Außer dem im Titel angegebenen Thema Auszug aus den früher genannten
 gynäkologischen Schriften der Knidier.

   56. ~περὶ ἑπταμήνου~. ~de septimestri partu~ = ~Das
 Siebenmonatskind~ und

   57. ~περὶ ὸκταμήνου~. ~de octimestri partu~ = ~Das Achtmonatskind~
 bildeten einst ein Buch.

   58. ~περὶ ἑγκατατοη̄ς ἑμβρύου~. ~de embryonis in utero excisione~
 = ~Die Zerstückelung des Kindes im Mutterleibe~. Entlehnung aus den
 anderen knidischen Schriften.

   59. ~περὶ ὸδοντοφυίης~. ~de dentitione~ = ~Ueber das Zahnen~.
 Aphorismen über Kinderkrankheiten, namentlich in der Zahnungsperiode.

   Außer diesen 59 Büchern enthält die Sammlung noch unechte Schriften,
 darunter solche, welche auf den Legenden über die Lebensgeschichte
 des Hippokrates basieren. ~Die Briefe~ beziehen sich hauptsächlich
 auf die Berufung des H. an den Perserhof und auf seinen Verkehr mit
 dem vermeintlich geisteskranken Demokrit, ~der Beschluß der Athener,
 die Rede am Altar, die Gesandtschaftsrede~ des ~Thessalos~ berühren
 die angeblichen Dienste des H. in der Pest von Athen.



                              Hippokrates.

                                                                ~Motto:~

         Die Theorie ist nicht die Wurzel, sondern die Blüte der Praxis.
                                               Ernst von Feuchtersleben.


So wenig uns die hippokratische Schriftensammlung darüber Aufschluß
erteilt, wer die Verfasser der einzelnen Schriften gewesen sind, was
die persönlichen Leistungen und Anschauungen des Hippokrates ausmachte,
so widersprechend die verschiedenen Teile des Corpus Hippocraticum
in der Theorie und selbst Praxis oft erscheinen -- die Tatsache steht
doch fest, ~daß die Eigenart, welche den „hippokratischen“ Schriften
eine Sonderstellung in der gesamten medizinischen Literatur verbürgt
und als gemeinsamer Wesenszug innewohnt, direkt oder indirekt auf den
mächtigen Einfluß einer überragenden Persönlichkeit zurückzuführen
ist~.

Es ist nicht der Erfahrungsstoff, es ist nicht der Ideenreichtum,
wodurch sich die hippokratische Heilkunde kennzeichnet gegenüber
allem Vorausgegangenen, gegenüber der weiteren Entwicklung. ~Was den
Hippokratismus zum Gipfel der griechischen Medizin erhebt, ja selbst
zum Jugendbrunnen der medizinischen Wissenschaft aller Zeiten macht,
liegt nicht in Doktrinen oder Kenntnissen, sondern in der Auffassung
des ärztlichen Berufes, in der ewig wahr bleibenden Methode des
ärztlichen Denkens und Handelns!~

Möge daher die immer tiefer schürfende Forschung den Beweis erbringen,
daß die medizinischen Einzelkenntnisse und Handgriffe, wie sie im
Corpus Hippocraticum vorliegen, zum Teile auf jahrtausendelange
Vergangenheit zurückblicken und Lehngut aus fremden Kulturen sind,
möge es auch nie gelingen, das spezielle Wissen und Können der
hippokratischen Schule im engeren Sinne des Wortes zu umgrenzen, die
Monumentalgestalt des großen Hippokrates bleibt unberührt von all
diesen Streitfragen in ihrer lichten Höhe als Verkörperung einer neuen
Entwicklungsepoche im Laufe der medizinischen Geschichte, als Sinnbild
idealster Ethik im ärztlichen Berufe, als Wahrzeichen unbeugsamer
Denkstrenge in der ärztlichen Forschung.

Alles wahrhaft Große verliert sich in seinen Schöpfungen! Wir können
die gewaltige Triebkraft des unsterblichen Arztes an dem Unterschied
der zwischen der hippokratischen Medizin und der Heilkunst vor ihm
in ~prinzipiellen Momenten~ besteht, ermessen; wir erkennen, wie
die Flamme seiner Persönlichkeit durch die seinen Namen tragenden
Schriften hindurchleuchtet; wir spüren seinen belebenden Hauch, der
die Geschichte durchweht -- vom historischen Hippokrates selbst aber
wissen wir weit weniger als vom traditionell festgelegten Begriff des
Hippokratismus, und nur dürftige oder legendenhaft entstellte Kunde
gewähren die Quellen über den Lebensgang des unvergänglichen Meisters.

Nach verbreitetster Annahme wurde Hippokrates (zum Unterschied
von seinem gleichnamigen Großvater als der Zweite bezeichnet) 460
oder 459 v. Chr. auf der Insel Kos geboren. Er war der Sohn des
Asklepiaden Herakleides und der Phainarete (oder Praxithee, Tochter
der Phainarete) und leitete seinen Stammbaum väterlicherseits von
Asklepios, mütterlicherseits von Herakles ab. Den ersten ärztlichen
Unterricht empfing Hippokrates von seinem Vater im Geiste der koischen
Schule -- nach Menons Iatrika[21] wurde er aber auch von einem sonst
unbekannten ~Herodikos von Knidos~ beeinflußt. Um seinen Bildungsdrang
zu befriedigen und sich als Arzt unter verschiedenen Verhältnissen zu
betätigen, unternahm er Reisen durch ganz Hellas, wobei er angeblich
auch zu dem Gymnasten ~Herodikos von Selymbria~, dem berühmten Rhetor
Gorgias und dem Philosophen Demokritos in Beziehung trat. In den
hippokratischen Schriften (z. B. besonders Epidemiorum libri VII)
werden zwar häufig Ortschaften genannt, doch gewähren diese Angaben
deshalb keine ganz verläßliche Auskunft über die Stätten, welche
Hippokrates auf seiner Wanderung besuchte, wo er als Arzt tätig war,
weil viele der Schriften wahrscheinlich unecht sind und anderseits sich
manche der Mitteilungen über medizinische Verhältnisse in bestimmten
Gegenden auch bloß auf fremde Berichte stützen konnten. Jedenfalls kam
Hippokrates nach der Insel Thasos, wo sich ein alter Asklepiostempel
befand und weilte an verschiedenen Orten Thessaliens (besonders
Larissa und Meliboia), Thrakiens (Abdera), an der Propontis (Kyzikos).
Möglich, aber unbewiesen ist der Aufenthalt in Athen und namentlich am
Asowschen Meere, im Lande der Skythen, in Kleinasien, in Nordägypten,
Libyen -- Vermutungen, die sich auf das berühmte Buch de aëre aquis et
locis stützen. In Larissa beendete der große Koer sein inhaltsvolles
Leben, nach wahrscheinlichster Angabe im Jahre 377 v. Chr. Neben seinen
beiden Söhnen, welche ebenfalls auf Wanderungen auszogen, ~Thessalos
und Drakon~, zählen sein Schwiegersohn ~Polybos~, ferner ~Apollonios
und Dexippos von Kos~, wahrscheinlich auch ~Praxagoras von Kos~ zu
seinen berühmtesten Schülern. Erwiesenermaßen nahm ~Polybos~ Anteil
an der hippokratischen Schriftensammlung und wirkte wohl auch als
Stellvertreter in der Schule. Unter den Nachkommen führten noch fünf
den Namen Hippokrates und taten sich als ärztliche Schriftsteller
hervor.

  [21] Vergl. S. 161.

   Die dankbare Nachwelt hat die Lebensgeschichte des großen Arztes mit
 Legenden reichlich ausgeschmückt, und besonders einige tendenziöse
 Schriften aus späterer Zeit enthalten davon eine ganze Menge.
 Dahin gehört z. B. die Erzählung, daß Hippokrates von den Abderiten
 aufgefordert worden sei, den vermeintlich wahnsinnigen Demokritos
 auf seinen Geisteszustand zu untersuchen (wobei er den Philosophen
 wegen seiner Aeußerung, er studiere die Torheit der Menschen, für
 den Weisesten aller Menschen erklärt habe); die Anekdote, daß er
 mit Euryphon die „Phthisis“ des Königs Perdikkas von Makedonien
 als Liebessehnsucht zu seines Vaters Nebenfrau Phila erkannt habe;
 die vom Patriotismus eingegebene schroffe Absage an Artaxerxes I.
 Makrocheir; die Geschichte, daß er seine Heimat vor der Eroberungslust
 der Athener rettete, indem er die Thessalier zu Hilfe rief. Fabelhaft
 sind auch die Behauptungen, daß Hippokrates am persischen Hofe die
 größte Auszeichnung erfahren, daß er aus Ehrsucht das Tempelarchiv
 von Kos oder Knidos verbrannt habe, um sich den Erfinderruhm zu
 sichern und nachher zu den Thrakischen Edonen geflohen sei -- wohl
 eine Anspielung auf die kritische Benützung der Weihtafeln und
 literarischen Tempelschätze. Unverläßlich ist jedenfalls die Angabe,
 daß er in Delphoi ein Skelett gestiftet habe, in die athenischen
 Mysterien eingeweiht und der Speisung im Prytaneion gewürdigt worden
 sei. Bezüglich seiner angeblich verdienstvollen Leistungen in der
 „Pest“ von Athen (430-425) ist es jedenfalls höchst auffallend,
 daß Thukydides derselben in seiner glänzenden Schilderung auch
 nicht mit einer Silbe gedenkt. In der unterschobenen Schrift de
 legatione erklärt Hippokrates seinen Sohn Thessalos als Marinearzt
 der sizilischen Expedition des Alkibiades mitgeben zu wollen.

~Hippokrates~ stand schon bei Lebzeiten in hohen Ehren -- von Platon
wurde er dem Polykleitos und Pheidias gleichgestellt --, nach seinem
Tode wuchs sein Ruhm in solchem Maße, daß er das Ansehen aller
vorausgehenden und nachfolgenden Aerzte verdunkelte. ~Er wurde der Arzt
κατ' ἑξοχὴν!~ Schon zur Zeit des Aristoteles hieß er der „Große“, bei
Galenos der „Göttliche“, und bis in die Gegenwart galt er als „Vater
der Heilkunde“. Seine Landsleute, die Koer, feierten am 26. des Monats
Agrianos sein Andenken, und noch im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das
Grabmal des Hippokrates zwischen Gyrto und Larissa gezeigt. Die Sage
erzählt, daß sich in demselben ein Schwarm Bienen ansiedelte, deren
Honig gegen den Soor der Kinder sehr heilsam war.

 Was die Familie des Hippokrates, was die koische Schule, was viele
der Vorfahren und nächsten Nachfolger geleistet, all dies wurde in
begeistertem Heroenkultus auf das Haupt des Einzigen gehäuft, und
immer mehr entzog sich im Nimbus der Huldigung die historische Person
des Gefeierten. Ungeschwächt, ja stets von neuem verjüngt, überdauert
sein Ruhm den Wandel der Zeiten. Jede Nation zeichnet ihren größten
Arzt mit dem Namen Hippokrates als Ehrentitel aus, die Medizin heißt
nach ihm die hippokratische Kunst, und was das Höchste bedeutet, er
lebt, wie die Literatur aller Völker beweist, im Volksbewußtsein fort
als unvergleichlicher, unerreichbarer Arzt!

Die Wirkungsepoche des Hippokrates fällt mit der höchsten Entfaltung
des politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens in Hellas
zusammen mit der Zeit, wo „am Baume der Menschheit sich Blüt an Blüte
drängte“. Es ist die Epoche, welche die Staatskunst des Perikles,
die Philosophie des Sokrates, die Geschichtschreibung des Thukydides
weckte, es ist das Zeitalter des Sophokles und Euripides, des Pheidias,
Polykleitos und Praxiteles, des Polygnotos, des Zeuxis und Parrhasios!
Niemals zuvor oder nachher ergoß sich über einen so engen Raum während
einer so kurzen Zeitspanne eine solche Fülle von Geist und Schönheit.
Auch die blendendste Schilderung steht hinter einer Wirklichkeit
zurück, welche der Persönlichkeit freieste Entwicklung aller Anlagen
gestattete, nur in den Gesetzen des Ebenmaßes, der Schönheit, des
Wohlklangs Grenzen der Schaffenssphäre anerkannte, das Recht der
Individualität nur durch die Interessen der Gesamtheit beschränkte.
Auf allen Gebieten bildete der ~Individualismus~ den durchbrechenden
Wesenszug.

   Unter dem Schutze der Bürgerfreiheit wagte es der Künstler,
 losgelöst von den Fesseln des Konventionalismus den Gegenstand
 zu gestalten, wie er ihn schaut, erkühnte sich der Dichter, der
 philosophische Denker, wie mit tiefgehender Pflugschar, selbst
 den geheiligten Boden der Tradition durch rückhaltlose ~Kritik~
 aufzuwühlen. An Stelle der geschlossenen Weltanschauung der älteren
 Kultur tritt die subjektive Ueberzeugung des einzelnen Individuums
 hervor, erscheinen die Typen der Mythologie in neuer Beleuchtung,
 erfahren die herkömmlichen Begriffe dialektische Zersetzung,
 verkündet sophistische Rhetorik die Relativität aller Erkenntnis,
 aller Sittlichkeit. Im Drama, wo der Chor seit Aischylos immer mehr
 an Bedeutung einbüßt, und in der Geschichtschreibung erstarkt das
 Recht der Persönlichkeit; die Komödie des Aristophanes, die Malerei
 erhebt sich zur ~Naturwahrheit~, ja zur Porträtähnlichkeit, und
 derselbe freie Kunstgeschmack, welcher die erhabenen Schöpfungen der
 Bildhauerkunst mit Leben, Bewegung und Ausdruck erfüllte, verdrängte
 selbst die steife Fältelung des Gewandes aus der Mode und verlieh
 der Kleidung des einzelnen individuelles Gepräge.

In der Kunst zur höchsten Blüte führend, zog der ~Individualismus~ in
der Wissenschaft in dem Maße, als es an positiven Tatsachen gebrach,
sehr bald den äußersten ~Skeptizismus~ nach sich; denn unaufhaltsam
mußte sich die ~Kritik~, nachdem sie vergeblich die Tradition mit
den neuen Erkenntnissen zu versöhnen versucht hatte, mit ätzender
Schärfe auch gegen die stets neu auftauchenden, wechselnden Lehren und
Anschauungen wenden, wenn nicht durch den Augenschein das Element der
Willkür von vornherein auszuschalten war.

   Nicht minder, als die Geisteswissenschaften, wurde auch die
 Naturforschung fortwährend von Schwankungen erschüttert, und gerade
 hier, wo die Spekulation trotz mancher überraschender Fortschritte
 (besonders in der Astronomie und Mathematik) wahre Orgien feierte,
 folgte dem anfänglichen Siegesrausch eine Ernüchterung, welche
 allmählich von der Kritik zum ~Relativismus~ und von diesem bis
 zur totalen ~Negation der Erkenntnismöglichkeit~ gelangte. Von
 den schweren Krisen, welche die darauf fußende Weltanschauung
 erschütterten, geben die Dramen des Euripides ergreifende Kunde,
 eines Dichters, der als Vorkämpfer der Neuerungen begann und mit der
 Proklamation des Bankrotts der Wissenschaft endete. Ein Metrodoros
 von Chios, Demokrits berühmtester Schüler, stellte die Möglichkeit
 jedes sicheren Wissens in Abrede, der Herakliteer Kratylos wagte
 überhaupt kein Urteil auszusprechen, weil das Wesen des Seins nicht
 zu erfassen wäre.

   ~Hauptträger der mächtigen Geistesbewegung, welche auf allen
 Gebieten Probleme aufwarf~ -- sittliche, religiöse, wissenschaftliche
 --, ~waren die Sophisten~. Diese verstanden es wohl, das Denken
 aufzurütteln, mit sublimer Dialektik scharfe Begriffsbestimmungen
 vorzunehmen, die wissenschaftliche Phraseologie außerordentlich
 zu verfeinern, sie glaubten aber, gleich den mittelalterlichen
 Scholastikern, der empirischen Kenntnisse entbehren zu können,
 identifizierten ihre spitzfindigen, abstrakten Wortanalysen mit realen
 Gegensätzen in der Natur und machten in ihrer Vorliebe für das Formale
 die Eristik, die ~Rhetorik~ zur Wissenschaft. Von Männern, welche als
 kostspielige Wanderlehrer mit der Virtuosität allumspannenden Wissens
 prunkten, ohne über wirkliche Sachkenntnis zu verfügen, ja diese
 geringschätzten und beifallslüstern ihren höchsten Ehrgeiz darein
 setzten, das Pro und Kontra jeder Frage überzeugend verteidigen zu
 können, war keine Rettung aus dem Wirrsal zu erwarten.

   Die Zeit der alten Naivität, der ungeschulten Empirie war vorbei,
 und umsonst suchten die Altgläubigen und politischen Reaktionäre
 im Bunde mit heuchlerischen Demagogen das Rad zurückzudrehen
 oder den neuerungsliebenden Geist der Aufklärung durch den Mund
 des Aristophanes zu verhöhnen, oder gar durch Verbannung einiger
 Philosophen den Fortschritt zu hemmen. Eine Ueberwindung des
 Skeptizismus war nur dadurch möglich, daß der Individualismus auf
 sittlichem Gebiete das Ich zur Gesamtheit erweiterte, intellektuell
 zur phänomenologischen Auffassung der Dinge fortschritt, welche sich
 gemäß der Erkenntnis der Grenzen des menschlichen Begriffsvermögens
 mit der Sinneserfahrung begnügte und nur das verknüpfende kausale
 Band, die Gesetze, aufzudecken strebte. Diesen Weg beschritt Sokrates.

   In dem Wirbel der Widersprüche schienen auch alle erfahrungsmäßig
 erworbenen Kenntnisse versinken zu müssen, und tatsächlich sahen
 sich die Denker vor die Wahl gestellt, entweder auf das Streben nach
 wahrer Erkenntnis verzichten oder zum Glauben an die Ueberlieferung
 zurückkehren zu müssen. Die befreiende Tat dankt der Intellektualismus
 dem weisen Sokrates. Schüler der Sophisten, überwindet er doch die
 Sophistik, bei aller Neigung zur Dialektik bewahrt er sich doch
 den Sinn für das Wirkliche, bei aller Empfänglichkeit für das Neue
 wirft er doch das Alte nicht fort, überall Wissen vom Scheinwissen
 trennend, baut er auf, wo die anderen niederreißen. Auch Sokrates,
 und noch mehr als seine Vorgänger, erfaßt die Grenzen der Erkenntnis,
 die Relativität unserer Wahrnehmung; mit sublimster Disputierkunst
 zerfasert auch Sokrates jeden herkömmlichen Begriff, aber er bleibt
 nicht auf halbem Wege wie die anderen stehen, sondern beschränkt
 die Forschung auf das Studium „der menschlichen Dinge“, findet
 Normen des Denkens, entdeckt das Sittengesetz in der menschlichen
 Brust und erkennt die Realität der die Erscheinungen beherrschenden
 Ideen (Gesetze). In seiner Auffassung wird der Individualismus
 zum Altruismus, indem das Glück des einzelnen mit dem Wohl der
 Gesamtheit eins wird, und trotz der anerkannten Unlösbarkeit der
 naturphilosophischen Probleme mit den Mitteln der zeitgenössischen
 Forschung, zieht er nicht die Folgerung, daß alles Bemühen um die
 Naturerkenntnis ein erfolgloses sei, sondern empfiehlt sie seinen
 Jüngern, soweit ~praktische~ Zwecke in Betracht kommen und wirkliche
 Erfahrungen die Grundlage bilden.

~Was Sokrates für die Philosophie, bedeutet Hippokrates für die
Medizin. In beiden verkörpert sich die Reaktion der praktischen
Vernunft gegen Seichtheit und theoretischen Ueberschwang, beide
vertreten inmitten von Unklarheit, Spekulationssucht und unfruchtbarer
Hyperkritik die goldene Mittelstraße der an nüchterne Wirklichkeit
gebundenen Reflexion, beide stecken die Grenzen ihres Gebietes mit
weiser Selbstbeschränkung ab und finden im Sittengesetz, im Prinzip
des idealsten Utilitarismus den Schwerpunkt für ihr Handeln.~

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts war die griechische Medizin an
einem entscheidenden Wendepunkt angelangt, der geradezu gebieterisch
nach einem führenden Genius heischte. Unter der Gunst vollster
Geistesfreiheit, welche dem Subjektivismus breitesten Spielraum
gewährte, hatten in rascher Folge mannigfache, der Naturphilosophie
entlehnte Hypothesen nicht nur von der Krankheitslehre Besitz
ergriffen, sondern auch die praktische ärztliche Tätigkeit in die
gefährliche Abhängigkeit von wandelbaren Systemen gebracht. Der stete
Wechsel sophistisch verteidigter Spekulationen bedrohte den Schatz von
sicheren Kenntnissen und Erfahrungen, welche mühsam erworben worden
waren, erschütterte das Vertrauen in die Heilkunst als solche und
ebnete jenen unberufenen Elementen den Weg, welche, wie die Gymnasten,
einzelne Heilmethoden in maßloser Ueberschätzung zur Panacee erhoben
oder als beifallslüsterne Wanderlehrer (Iatrosophisten) das Publikum
mit einer hohlen, kaum von Sachkenntnis getrübten Rhetorik betörten.
~Iatrosophisten~ einerseits, ~fanatische Empiriker~ anderseits,
stritten um die Palme, und schon schien es unabwendbar, daß die Medizin
in uferlose Spekulation zerrinnen oder in öder Schablone, seichtem
Banausentume versanden müsse.

Die nüchterne ärztliche Beobachtung, im Bunde mit vorsichtiger, an
Tatsachen haftender Reflexion, besaß fast nur in den Asklepiadenschulen
eine wahre Pflegestätte; denn dort verschloß sich die altehrwürdige
Tradition zwar keineswegs den zeitgeborenen Neuerungen, wußte aber
den Flug der Spekulation in feste Bahnen zu zwingen. Um ihre große
Mission zu erfüllen, um den Tageslärm ärztlicher Modephilosophen, die
Scharlatanerie gewissenloser Marktschreier in die Schranken weisen
zu können, war es jetzt nötig, daß die von Generationen gesammelte
Asklepiadenweisheit sich ihrer letzten Reste von esoterischer
Engherzigkeit gänzlich entledige und ihre Wissensschätze, ihre Methode,
ihre Ethik zum Gemeingut aller Aerzte mache. Diese Großtat wurde nach
mancherlei vorbereitenden Ereignissen durch den edelsten Sprößling
der Asklepiadenfamilie, durch Hippokrates vollbracht. Erst in ihm hat
der Hellenismus auf medizinischem Gebiete bewiesen, daß er sich nicht
allein von den Fesseln orientalischen Denkzwangs zu befreien vermochte,
sondern auch ohne das leitende Gängelband einer priesterlichen
Kaste die Stufe ~rationeller Wissenschaft~ und ~sittlicher Würde~ zu
erklimmen verstand.

Der Uebergang von der Asklepiadenzunft zum freien Arzttum macht gerade
die wesentlichen Eigentümlichkeiten des Hippokratismus verständlicher.
Gleich Schrittsteinen verraten die beiden ersten Schriften der
hippokratischen Sammlung die Spur: „~Der Eid~“, dieses uralte
Erbstück der koischen Schule, worin die Pflichten des Asklepiaden
gegen Lehrer, Schüler und Kranke enthalten sind, und „~Das Gesetz~“,
dessen Schlußsatz auf die Weihen anspielt, die der Aufnahme in die
Zunft vorangingen[22]. Nicht nur in diesen, sondern auch in einigen
anderen Schriften, welche von der hippokratischen Auffassung des
ärztlichen Berufes durchweht sind („Der Arzt“, „Ueber den Anstand“,
„Vorschriften“, „Aphorismen“) wird der ~Ethik~ und ärztlichen Etikette
ein ganz besonderer Platz eingeräumt und der Deontologie die Rolle
eines integrierenden Bestandteils des medizinischen Unterrichts
zuerkannt. Abgesehen von der Reaktion gegen die Umtriebe mancher
Standesgenossen spricht sich darin die Tatsache aus, ~daß gerade der
freie Arzt~ -- noch mehr als der priesterliche oder halbpriesterliche
Zunftarzt -- ~sich der Verantwortlichkeit seines Tuns und Lassens,
seiner Standespflichten bewußt sein müsse~, um seine schwer zu
begrenzende Berufsfreiheit nicht zu mißbrauchen.

  [22] Heilige Dinge aber werden nur geheiligten Männern offenbart,
       sie Laien zu verraten, ist nicht eher erlaubt, als bis sie in
       die Geheimnisse der Wissenschaft eingeweiht sind.

   So heißt es in der Schrift „Der Arzt“ anfangs: „In Bezug auf seine
 Geistesverfassung muß er auf folgendes achten. Er muß nicht allein zur
 rechten Zeit zu schweigen verstehen, sondern auch ein wohlgeordnetes
 Leben führen; denn das trägt viel zu seinem guten Rufe bei. Seine
 Gesinnung sei die eines Ehrenmannes, und als solcher zeige er sich
 gegenüber allen ehrwürdigen Menschen freundlich und von billiger
 Gesinnungsart. Denn Ueberstürzung und Voreiligkeit liebt man auch
 dann nicht, wenn sie von Nutzen wären. ... Was seine Haltung angeht,
 so zeige er ein verständiges Gesicht und schaue nicht verdrießlich
 drein, weil das anmaßend und misanthropisch aussehen würde. Wer
 anderseits gern lacht und allzu heiter ist, fällt einem zur Last,
 wovon man sich am meisten zu hüten hat. ... Der Arzt aber hat nicht
 wenige Beziehungen zu seinen Patienten, geben sich diese doch den
 Aerzten ganz in die Hand und kommen jene doch zu jeder Stunde mit
 Frauen, jungen Damen und Gegenständen von höchstem Werte in Berührung.
 In allen diesen Fällen muß man sich zusammenzunehmen wissen.“ In der
 Schrift „Ueber den Anstand“ wird das Hineintragen der Philosophie
 in die Medizin empfohlen, „~denn ein Arzt, der zugleich Philosoph
 ist, steht den Göttern gleich~“. In diesen Worten, die leicht zu
 Mißverständnissen Anlaß geben könnten, ist unter Philosophie nicht
 etwa die Spekulation, sondern im sokratischen Sinne vornehmlich
 die Ethik verstanden, wie aus dem folgenden hervorgeht: „Ist doch
 kein großer Unterschied zwischen beiden, weil die Eigenschaften
 der Philosophie auch sämtlich in der Medizin enthalten sind:
 Uneigennützigkeit, Rücksichtnahme, Schamhaftigkeit, würdevolles
 Wesen, Achtung, Urteil, Ruhe, Entschiedenheit, Reinlichkeit, Sprechen
 in Sentenzen, Kenntnis des zum Leben Nützlichen und Notwendigen,
 Abscheu vor Schlechtigkeit, Freisein von Aberglauben, göttliche
 Ergebenheit.“ ... „Beim Eintreten aber erinnere man sich an die Art
 des Niedersitzens, an die würdevolle Haltung, an die gute Kleidung, an
 den Ernst, an die knappe Sprache, an die Kaltblütigkeit beim Handeln,
 an die sorgfältige Wartung des Patienten, an die Fürsorge, an die
 Antwort auf die erhobenen Widersprüche, an die Zurückweisung von
 Störungen, an die Bereitwilligkeit zu Hilfeleistungen.“ ... „Man mache
 häufig Krankenbesuche, untersuche genau, indem man dabei Täuschungen
 bei den Veränderungen entgegentritt.“ -- Die „Vorschriften“ empfehlen
 unter anderem: „Wenn man von dem Honorare anfängt -- denn das
 hat ja einen gewissen Bezug auf das Ganze --, so wird man bei dem
 Patienten die Vorstellung erwecken, daß man ihn, wenn es nicht zur
 Vereinbarung kommt, im Stiche lassen und davongehen oder aber daß
 man ihn vernachlässigen und im Augenblicke keine Ratschläge erteilen
 wolle.“ ... „Besser ist es, denen, welche davongekommen sind, Vorwürfe
 zu machen, als diejenigen, welche in Gefahr schweben, im voraus
 gehörig anzufahren.“ ... „Ich rate, daß man in der Härte nicht zu
 weit gehe, sondern auf das Vermögen und Einkommen Rücksicht nehme.“
 ... „Es hat nichts Ungehöriges an sich, wenn ein Arzt, der sich im
 Augenblicke bezüglich eines Patienten in Verlegenheit befindet und
 infolge seiner nicht genügenden Erfahrung nicht klar sieht, auch
 andere Aerzte zur Konsultation hinzuzieht. ... Niemals sollen die
 zu einer gemeinsamen Beratung zusammentretenden Aerzte miteinander
 zanken oder sich gegenseitig lächerlich zu machen suchen.“ ...
 „Zu vermeiden aber hat man auch den Luxus von Kopfbedeckungen, um
 Praxis zu bekommen, desgleichen kostbare Parfüms.“ ... „Beiseite zu
 lassen hat man den Gedanken an das Zurschaustellen der Anwendung von
 pomphaften Instrumenten und dergleichen.“ ... „Wenn man um der Menge
 willen eine öffentliche Vorlesung veranstalten will, so ist das kein
 sehr rühmliches Verlangen.“

Die hohe ethische Auffassung des ärztlichen Berufes wird bei
Hippokrates zum Ausgangspunkt der sorgfältigsten Ausbildung, der
genauesten Beobachtung am Krankenbette, der gewissenhaftesten
Krankenbehandlung. Das Wohl des Kranken bildet den einzigen Zielpunkt
des ärztlichen Denkens und Handelns. „~Denn wo Liebe zum Menschen
ist, da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden.~“ In diesem erhabenen
Satze, der in den „Vorschriften“ steht, findet das schöne Verhältnis
der Ethik zum Intellektualismus wahrhaft charakteristischen Ausdruck.
Ethische Momente sind es neben erkenntnistheoretischen, in denen beim
echt hippokratischen Arzte der ~Glaube an die wahre Heilkunst~ und die
ebenso wichtige ~Erkenntnis ihrer Grenzen~ wurzeln. Beide sind ganz
besonders zu werten in einer Entwicklungsphase, welche durch Sophistik
und Scharlatanerie sogar die Grundlagen der wissenschaftlichen
Erkenntnis und das Vertrauen in die ärztliche Tätigkeit bedenklich
ins Wanken gebracht hatte.

   Was die ärztliche Ausbildung anlangt, so fordert das „Gesetz“:
 „natürliche Anlage, Schulung, einen geeigneten Ort, Unterweisung von
 Kindheit an, Arbeitslust und Zeit.“ Der bewußte Zusammenhang zwischen
 Ethik, Standeswürde und Praxis verrät sich auch darin, daß in den
 oben genannten deontologischen Schriften zugleich mit den ethischen
 Vorschriften zumeist auch gewisse zur therapeutischen Technik gehörige
 Kunstgriffe empfohlen werden. So heißt es in der Schrift „Ueber den
 Anstand“: „Man muß in der ärztlichen Kunst unter Beobachtung der
 nötigen Würde Sorge tragen für alles, was betrifft das Palpieren,
 das Einreiben, die Affusionen, die elegante Haltung der Hände, die
 Charpie, die Kompressen, die Verbände, die Folgen der Temperatur,
 die Purganzen, die Wunden und die Augenleiden, und zwar in diesen
 Fällen wieder muß man für das Spezielle Sorge tragen, damit einem
 die Instrumente, die Maschinen und das übrige Eisen in gutem Stande
 sei. ... Man hat aber auch auf die Lagerstätten zu achten, und zwar
 sowohl was die Jahreszeit, als auch was die Art der Lagerung angeht.
 Dieses alles soll man mit Ruhe und mit Geschick tun, indem man vor
 dem Patienten während der Hilfeleistung das meiste verbirgt. Was zu
 geschehen hat, soll man mit freundlicher und ruhiger Miene anordnen,
 dem Patienten, indem man sich von seinen eigenen Gedanken losmacht,
 bald mit Bitterkeit und ernster Miene Vorwürfe machen, bald ihm
 wieder mit Rücksicht und Aufmerksamkeit Trost zusprechen, indem man
 ihm nichts von dem, was kommen wird und ihn bedroht, verrät.“

   Die Schrift „Ueber die Kunst“ ist eine noch jetzt passende Apologie
 der Medizin, welche mit treffenden Argumenten den sophistischen
 Widersachern begegnet und die unproduktive Skepsis widerlegt. ~Sehr
 richtig sagt der Autor, daß man von der Heilkunst nur fordern dürfe,
 was ihre Grenzen nicht übersteigt~: „Denn wenn einer annimmt, daß eine
 Kunst oder die Natur, wo sie aufhört, es zu sein, solches vermöchte,
 so leidet der an einem eher an Wahnsinn als an Unwissenheit grenzenden
 Unverstande.“ Der Hippokratiker zieht übrigens aus der Kenntnis
 der Kunstgrenzen eine Konsequenz, die unser Empfinden befremdet, er
 nimmt davon Abstand, Unheilbaren Hilfe zu leisten. Die Medizin ist
 ihm nämlich die Kunst, „die Kranken von ihren Leiden gänzlich zu
 befreien, die schweren Anfälle der Krankheiten zu lindern und ~sich
 von der Behandlung derjenigen Personen fernzuhalten, welche von der
 Krankheit schon überwältigt sind~, da man wohl weiß, daß hier die
 ärztliche Kunst nichts mehr vermag“.

Das zweite Erbgut, welches Hippokrates aus der Asklepiadenmedizin
(Weihinschriften, Tempelarchive) für den freien Arzt herübernimmt,
ist die mit der Ethik innerlich zusammenhängende -- ~Tradition~. ~Wie
alle wahrhaft großen Aerzte ist auch Hippokrates weit davon entfernt,
die Geschichte der Heilkunst zu verleugnen, die Arbeit der Vorgänger,
auf deren Schultern jeder steht, in dünkelhafter Selbstüberschätzung
zu mißachten, weil Irrtümer darin vorhanden sind.~ „Ich behaupte
nicht,“ heißt es in der Schrift „Die alte Medizin“, „daß man die
alte Heilkunde deshalb über Bord werfen soll, als ob sie gar nicht
bestünde oder ihre Untersuchungen nicht richtig anstellte, wenn sie
nicht in jeder Beziehung genau ist, sondern ich meine vielmehr, man
müsse sie, weil sie durch ihre Betrachtungsweise der Wahrheit so nahe
kommen konnte, weiter zu Rate ziehen und die Entdeckungen bewundern,
die trotz vieler Unkenntnis gemacht wurden.“ Diese auch heute noch
sehr beherzigenswerten Worte zeugen nicht bloß von der pietätvollen
Gesinnung, die den Meister persönlich beseelte, sie enthalten auch
geradezu einen Programmpunkt jener großartigen Aktion, mittels welcher
der Hippokratismus die aus den Fugen gerissene Heilkunst des Zeitalters
wieder ins Gleichgewicht brachte. Denn der Hauptschaden, welchen
der naturphilosophische Spekulationsgeist mit seinen willkürlichen
Deduktionen stiftete, lag eben darin, daß man die schon erworbenen
Erfahrungskenntnisse leichtsinnig aufs Spiel setzte, wenn sie nicht
ins System paßten, daß man die ungeschulte Empirie der alten Aerzte im
Selbstgefühl der dialektischen Superiorität geringschätzig verwarf. Ein
Denker, der in tiefster Einsicht den unvergänglichen Spruch münzte:
„~Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick ist
rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch, das Urteil ist schwierig~“,
ein Arzt, der denjenigen noch laut zu preisen bekennt, „der nur kleine
Fehler macht“, erfaßte jede Einzelleistung, so groß sie auch sein
mag, nur als Glied der langen Entwicklungskette und wußte, daß auch
die anscheinend glänzendsten medizinischen Errungenschaften eines
Zeitalters neben Fragmenten der Wahrheit eine Summe von Irrtümern
enthalten, die erst der Zukunft zu verbessern gegönnt ist.

Hippokrates knüpft die zerrissenen Fäden wieder an die „alte“
Medizin -- aber er geht nicht in ihr auf[23]. Er rettet den Kern
von Tatsachen und entwickelt ihn zu etwas ganz Andersartigem, das
sich zum Ueberkommenen verhält, wie die Reflexion zur Naivität. Den
höchsten Zielen zugewendet und doch stets am Realen haftend, durchgärt
den Erfahrungsstoff fermentartig ein Neues -- die (hippokratische)
~Methode~. Mögen die meisten der erhaltenen Schriften, mögen viele der
Fortschritte im einzelnen nur fälschlich dem Hippokrates zugeschrieben
werden, die charakteristische Forschungsmethode ist das Eigentum des
großen Koers, und hier gewinnt er unbestreitbar dieselbe Bedeutung für
die Medizin, wie Sokrates für die Philosophie, wie Thukydides für die
Geschichtschreibung.

  [23] In diesem Sinne heißt es im I. Kap. der Schrift „Die Diät“:
       „Es wäre unbillig, wenn man einem von den Vorgängern daraus
       einen Vorwurf machen wollte, wenn sie das Richtige nicht finden
       konnten, man hat vielmehr alle ohne Ausnahme zu loben, weil
       sie überhaupt die Erforschung dieser Fragen versucht haben.
       ... Ich setze aber diese Ausführung als Einleitung voran, weil
       gar viele Menschen, wenn sie die Erklärung eines Früheren über
       einen Gegenstand angehört haben, die Darlegung eines Späteren
       über denselben Gegenstand nicht annehmen wollen, in Unkenntnis
       darüber, daß es die Aufgabe derselben Ueberlegung ist, zu
       erkennen, was richtig gesagt ist, wie zu finden, was nicht
       richtig gesagt ist.“

~Hippokrates ist der erste, welcher die Medizin zur Selbständigkeit
erhebt.~ Diese Selbständigkeit konnte nur durch eine Verzichtleistung
begründet werden, indem sich die ärztliche Forschung in erster
Linie auf das Heilen beschränkte und von allem absah, was nicht
mit dem Verständnis des Krankheitsverlaufs und Heilprozesses in
klarer Beziehung stand. Aehnlich, wie Sokrates die Philosophie
durch Abtrennung von kosmologischer Spekulation und Beschränkung
auf die Ethik zu praktischen Zielen führte, betont Hippokrates
den ausschließlich praktischen Zweck alles ärztlichen Denkens und
Forschens. Wurde nunmehr der ~Tatbestand der Krankheit~ und ~die
Frage des Krankheitsausgangs~ in den Vordergrund gestellt, die
Pathogenie dagegen nur so weit in den Blickpunkt gerückt, als die
~durchsichtigsten ätiologischen Faktoren~ in Betracht kommen, so
war es ermöglicht, von den transzendenten Einflüssen, wie sie die
Priestermedizin aufstellte, und ebenso von den phantastischen Ideen
der Naturphilosophie über die Krankheitsentstehung loszukommen und
somit die Heilkunst nicht nur von der Theurgie, sondern auch von der
philosophischen Spekulation unabhängig zu machen.

   Im Buche „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ wird die Ansicht
 bekämpft, daß irgend eine Krankheit auf göttlicher Schickung beruhe;
 der Verfasser der Schrift „Von der heiligen Krankheit“ erklärt es
 als grundlos, eine Krankheit göttlicher als eine andere zu nennen,
 insofern alles durch die großen natürlichen Agentien hervorgebracht
 werde: „Alles ist göttlich und alles ist menschlich“. -- Die
 Opposition gegen die vagen naturphilosophischen Spekulationen kommt
 namentlich im Buche „Die alte Medizin“ zur Geltung. Dort heißt es:
 „Ich meinerseits glaube, ~daß dasjenige, was dieser oder jener Sophist
 oder Arzt über die Natur gesagt oder geschrieben hat, sich weniger
 auf die ärztliche Kunst als auf die Malerei bezieht~.“ Die Hypothesen
 von unsichtbaren und zweifelhaften Dingen werden zurückgewiesen,
 „denn wenn einer behaupten würde, er kenne die Beschaffenheit dieser
 Dinge, so wäre doch weder ihm noch seinen Zuhörern deutlich, ob das
 Gesagte wahr ist oder nicht, ~weil ja nichts vorhanden ist, auf das
 man sich, um Gewißheit zu erlangen, beziehen könnte~“. Die Verwerfung
 ~unbeweisbarer~ Hypothesen erinnert lebhaft an den Philosophen
 Xenophanes (welcher ausruft: Volle Gewißheit über das Wesen der Götter
 und dessen, was ich die Gesamtnatur nenne, hat noch keiner erlangt
 und wird keiner jemals erlangen. ~Wenn es ihm auch noch so sehr
 gelänge, auf das Richtige zu treffen, er wüßte es doch nicht~) und
 an Herodot (der bezüglich der Erklärung der Nilschwelle meint: Jener
 aber, der den Okeanos herbeizieht und so die Sache auf das Gebiet des
 Unergründlichen hinüberspielt, ~entzieht sich jeder Widerlegung~).
 Es ergibt sich daraus, wie eine und dieselbe Welle des kritischen
 Geistes verschiedene Gefilde der griechischen Wissenschaft bespülte.

Mit der Erkenntnis von der Hinfälligkeit der naturphilosophischen
Prämissen fällt auch die Methode der spekulativen Heilkunst, welche
mittels ~Deduktion~ aus einer fiktiven Grundursache die Krankheiten
ableitete und die Wirkung der Heilmittel aus dem Vorherrschen der
Elementarqualitäten, des Warmen oder Kalten, des Trockenen oder
Feuchten erklärte. An Stelle des deduktiven Verfahrens erhält bei
Hippokrates die ~Empirie~ wieder den Wert, der ihr früher zukam, ja
er erklärt es für unmöglich, auf einem anderen Wege als auf dem der
Erfahrung Fortschritte in der Heilkunde zu erzielen. „Die ärztliche
Kunst,“ meint der Verfasser der „alten Medizin“, „besitzt von alter
Zeit her alles, ein Prinzip sowohl als auch die Methode, der zufolge
die vielen schönen Entdeckungen in geraumer Zeit gemacht sind und
auch das übrige noch entdeckt werden wird, wenn man befähigt und des
bereits Entdeckten kundig von da ausgehend seine Forschungen anstellt.“

Knüpft sich aber an den Namen des großen Koers die Reaktion gegen
leere Hypothesen und deren praktische Konsequenzen, so war er doch
weit davon entfernt, zur rohen Zufallsempirie eines primitiven
Zeitalters zurückzukehren, umsomehr, als schon seine Ahnen, die
koischen Asklepiaden, die zahllosen Einzelerfahrungen durch das Band
der Prognose verknüpften und in weitumspannender Generalisation
die „Koischen Prognosen“ verfaßten. Die Tatsachenbeobachtung, die
Sinneswahrnehmung ist ihm nur der Ausgangspunkt für eine Methode,
welche den verallgemeinernden Denkprozeß durchaus nicht beiseite
schiebt, sondern vielmehr gebieterisch erfordert. Die von Hippokrates
auf die Fahne geschriebene Methode ist die von Tatsachen ausgehende,
im ganzen Verlauf ihrer Beweisführung Tatsachen heranziehende, nach
Gesetzen strebende -- •Induktion•.

   In den ersten Kapiteln der „Vorschriften“ sind die Grundsätze
 der hippokratischen Methode in lapidarer Fassung niedergelegt.
 Dort wird die τριβὴ μετὰ λόγου, d. h. also Praxis und Verstand,
 Sinnesempfindung und Geistesarbeit, denkende Beobachtung als Fundament
 alles medizinischen Handelns und Wissens hingestellt. „Der Sinn,
 zuvor affiziert und die Dinge dem Verstande vermittelnd, besitzt
 ein wirkliches Vorstellungsvermögen. Der Verstand aber, welcher oft
 Eindrücke aufnimmt, beobachtet das Wodurch, das Wann und das Wie,
 nimmt es in Verwahrung bei sich und erinnert sich so. ~Ich lobe
 die Ueberlegung, die von dem Ereignis ihren Ausgang nimmt und in
 methodischer Weise aus den Ereignissen ihren Schluß zieht.~ Denn wenn
 die Ueberlegung ihren Ausgang von den sich wirklich vollziehenden
 Ereignissen nimmt, befindet sie sich, wie man leicht erkennen kann,
 in der Herrschaft des Verstandes. ... Wenn die Ueberlegung jedoch
 nicht von einem tatsächlich vorhandenen Ausgangspunkt (d. h. von
 einer Sinneswahrnehmung), sondern von einer plausiblen Vorstellung
 ausgeht, so schafft sie oft eine schwierige und unangenehme Lage.
 ... Aus diesem Grunde muß man sich im allgemeinen an die Tatsachen
 halten und sich durchaus nicht wenig mit ihnen abgeben, wenn man sich
 jene leichte und unfehlbare Fertigkeit erwerben will, welche wir eben
 ‚ärztliche Kunstʻ nennen.“

   Im IV. Kap. der Schrift „Ueber den Anstand“ heißt es: „Die
 Einbildung bringt nämlich vorzüglich in der ärztlichen Kunst denen,
 die sie haben, Verschuldung, denen aber, die davon Gebrauch machen,
 Verderben.“

Hippokrates, auf dessen Methode kein Geringerer als Platon an mehreren
Stellen anspielt, begnügt sich nicht mit der allgemeinen Formulierung
des Erkenntnisweges, sondern gibt direkte Vorschriften darüber,
wie der Arzt im einzelnen Falle vorzugehen hat. Diese Vorschriften
beziehen sich auf die Kritik, Anordnung und Zusammenfassung der
Sinneswahrnehmungen, welche die Basis für die Urteilsbildung abgeben
sollen. Im Buche „Die ärztliche Werkstätte“ wird gesagt, der Arzt
solle, wenn er zum Kranken komme, zunächst das Aehnliche oder
Unähnliche (gegenüber dem Zustand der Gesundheit) zu erkennen suchen,
d. h. man sollte durch Beobachtung des Kranken vor allem ermitteln,
durch welche Erscheinungen derselbe vom gesunden Zustand abweiche.
Und hierbei sollten wieder zuerst die am leichtesten erkennbaren
Erscheinungen Beachtung finden.

   Bei akuten Krankheiten -- heißt es im Prognosticon (Kap. II) -- muß
 man zunächst das Gesicht des Patienten betrachten, ob es wie das von
 gesunden Personen, vorzüglich aber, ob es wie gewöhnlich aussieht.
 In diesem Falle stünde es nämlich am besten; würde es sich hingegen
 bezüglich seines Aussehens weit davon entfernen, so wäre die größte
 Gefahr vorhanden. Die Schrift „Ueber die Einrichtung der Gelenke“
 (Kap. X) lehrt, man müsse, um die Luxation zu erkennen, den gesunden
 Teil mit dem kranken vergleichen.

Im Anschluß hieran hatte man durch möglichst viele, bis in die
feinsten Einzelheiten vordringende Sinneswahrnehmungen nicht nur
das kranke Organ, sondern das gesamte körperliche Verhalten des
Kranken einer Prüfung zu unterziehen. ~So bewunderungswürdig aber die
Feinheit solcher Beobachtungen war, das Wesen des Hippokratismus,
„die Kunst“~ (der Krankenbeobachtung) ~lag erst darin, daß man in
jedem einzelnen Fall zu beurteilen verstand, welche Wahrnehmungen
in ihrer Zusammenfassung für die Beurteilung des Krankheitszustands
in prognostischer Hinsicht, sowie für den Zeitpunkt und die Art des
therapeutischen Eingriffs Schlüsse zuließen~. Es galt, Wesentliches
vom Unwesentlichen im Symptomenkomplex zu trennen, die Beobachtungen
nicht planlos zu häufen, sondern unter den Gesichtspunkt des Ganzen zu
bringen. Daher werden die Verfasser der „Knidischen Sentenzen“ trotz
ihrer Beobachtungen in der Einleitung zur „Diät bei akuten Krankheiten“
so heftig getadelt, weil sie sich in unwesentliche Einzelheiten
verlieren, die Krankheiten nach zufälligen Merkmalen willkürlich
klassifizieren, über der Analyse die Synthese vergessend, bei ihrer
Betrachtung der Details nicht zum Blick über das Ganze kommen[24].
„Mir aber erscheint es angemessen,“ sagt der Tadler, „den Blick auf
die ganze Kunst zu richten.“ Zwischen knidischer und hippokratischer
Klinik waltet eben derselbe Gegensatz, der in der Geschichtschreibung
des Herodot gegenüber derjenigen des Thukydides erkennbar ist. Bei
ersterem handelt es sich mehr um Geschichten als um Geschichte, aus dem
Mosaik der Schilderungen entsteht keine einheitliche Auffassung der
Vorgänge, daher kein reales Bild der Schlachten, Kriegsoperationen,
der Persönlichkeiten, wie dies bei Thukydides der Fall ist. Und hier
treffen wir auf ein neues Grundelement des Hippokratismus, das eine
ganze Reihe seiner Eigentümlichkeiten, sowohl in denkmethodischer als
in therapeutischer Hinsicht aufklärt, auf den -- •Individualismus•.

  [24] Der Denkprozeß, welcher die Krankheitserscheinungen zu einem
       Ganzen zusammenfaßt, ist dem Wesen des ~Dramas~ verwandt,
       welches die Einzelhandlungen in ~eine~ Handlung auflöst.
       ~Vielleicht ist es kein Zufall, daß die höchste Stufe des Dramas
       mit der höchsten Entwicklung des medizinischen Denkens bei den
       Griechen zusammenfällt!~

Wie als Ausfluß des Zeitgeistes die Persönlichkeit im Drama, in
der Plastik und Malerei mehr und mehr hervortritt -- vom Schauen
erhob man sich zum Sehen, an Stelle der älteren Kunst, welche bloß
auf Frontalität berechnet war, entwickelte sich der Sinn für die
Tiefe --, wie Sokrates das Denken auf den Menschen selbst hinlenkte,
wie bei Thukydides die Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt
wird, so nimmt die hippokratische Medizin ihren Ausgang vom Subjekt
des künstlerisch betrachtenden Arztes und findet ihren Zielpunkt
nicht in der Mikrographie der Symptome, in spekulativ ersonnenen
Krankheitsschemen, sondern im -- ~kranken Individuum~. Hippokrates
verknüpft die idealistische und realistische Richtung, die Empirie
und höchste Generalisation in einer Art des Individualismus, welche
mit der individualistischen Willkür der sophistischen Aerzte seines
Zeitalters nur den Namen gemein hat.

Jeder einzelne Krankheitsfall ist ihm Naturobjekt, welches mit allen
Hilfsmitteln der Beobachtung unter Heranziehung der eigenen und fremden
Erfahrung, unter Berücksichtigung der besonderen Eigentümlichkeiten und
Beziehungen zur Gesamtnatur studiert werden muß. Frei von Schablone
hat der hippokratische Arzt in jedem einzelnen Falle, je nach dem
besonderen Tatbestande, im Hinblick auf den wahrscheinlichen Verlauf,
sein therapeutisches Vorgehen einzurichten, den richtigen Zeitpunkt
für sein Eingreifen zu wählen und niemals über lokal-pathologischen
Zuständen den Gesamtzustand aus dem Auge zu lassen. ~Nicht so sehr
die Krankheit als das kranke Individuum, weniger die Diagnose als die
Prognose, nicht so sehr die naturwissenschaftliche Pathologie als das
Heilen steht im Mittelpunkt seines Interesses.~ „Man muß ein bestimmtes
Maß zu erlangen suchen; ein Maß aber, sei es ein Gewicht oder eine
Zahl, die als Richtschnur dienen kann, wirst du nicht finden, keine
andere als die körperliche Empfindung“ -- sagt der Verfasser der „alten
Medizin“, d. h. er bestreitet die Möglichkeit einer exakten Begründung
der Medizin und sieht im ~Individualisieren~ das Wesen der Heilkunst.
Weder Rezeptpraktiker noch theoretisierender Systematiker, wird der
Arzt im Geiste des Hippokrates individualisierender Heilkünstler[25].

  [25] Darum konnte Hippokrates aus der diätetisch-hygienischen
       Therapie der Gymnasten das Gute entnehmen, ohne ihre
       Uebertreibungen mitzumachen. ~Es ist besonders bemerkenswert,
       daß er im Gegensatz zur Sozialhygiene der alten Gesetzgeber
       oder der Pythagoreer auch die Diät der Gesunden und Kranken
       zuerst individualisierte.~

Aus der künstlerisch-individualisierenden Richtung erklären sich
manche anscheinende Gegensätzlichkeiten, welche als Widersprüche nur
dann zu Tage treten, wenn sie aus dem Zusammenhang herausgerissen,
von anderem Standpunkt betrachtet werden. Dahin gehört zunächst die
Tatsache, daß Hippokrates allen Scharfsinn bei der Untersuchung
in Anspruch nimmt, ohne aber die überkommenen Krankheitsbilder
schärfer zu sondern oder durch neue Beobachtungen zu mehren[26]
-- sucht er doch nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame der
Krankheiten zu erkennen, um die Prognostik zu sichern. Ebenso wird
es verständlich, weshalb Hippokrates weder bloß kausale noch bloß
symptomatische Therapie einschlägt, zumeist nach dem Grundsatze
Contraria contrariis vorgeht, aber auch in gewissen Fällen das Prinzip:
Gleiches durch Gleiches (zu bekämpfen) nicht verschmäht, daß er bald
mit heroischen Mitteln eingreift, bald zuwartend einer exspektativen
Behandlung huldigt -- ist doch das Verhalten des einzelnen Falles
dafür entscheidend. Im Lichte der praktischen Tendenzen ist es auch
bedeutungslos, daß die hippokratische Medizin die krankhaften Phänomene
nicht über eine gewisse Grenze hinaus zergliedert, die Spekulation
verwirft und doch von pathologischen Theorien, namentlich von der
Säftelehre, ganz durchsetzt ist. Für den Koer war diese Theorie nicht
das einzig ausschlaggebende, starre Prinzip, aus dem die Therapie
einfach deduziert wurde, sondern ein ~zeitgemäßer Ausdruck empirischer
Tatsachen~, eine Hypothese von außerordentlichem heuristischen
Werte, welche der naiven Betrachtung durch die verschiedenartigsten
Erscheinungen im Krankheitsverlauf hinlänglich gestützt zu sein schien;
hierdurch waren aber auch andere Hypothesen (Pneumalehre) nicht ganz
ausgeschlossen. Dasselbe gilt auch für die Lehre von den kritischen
Tagen, für die Lehre von den Wechselbeziehungen des Makrokosmus und
Mikrokosmus u. a., wobei Hippokrates aus dem Wust von Aberglauben den
Kern von Wahrheit ausschälte[27]. Nicht jeder seiner Schüler folgte
ihm freilich auf diesem Wege der naturwissenschaftlichen Nüchternheit,
ja manche wollten ihn in diesem oder jenem Punkte überbieten und
fielen gerade in solche Irrtümer zurück[28], welche der Meister eben
glücklich überwunden hatte, daher der verschiedene innere Wert der
hippokratischen Schriften, von denen jede, aber manche sehr verzerrt,
die Gedanken des göttlichen Greises widerspiegelt. Das Schicksal,
nur von wenigen Jüngern verstanden zu werden, teilt Hippokrates mit
allen bahnbrechenden Denkern! Nicht im Ideengebiet des Meisters,
sondern zwischen einzelnen der hippokratischen Schriften klafft auch
jener scheinbar fundamentale Widerspruch, der von vornherein darin
besteht, daß Hippokrates die Medizin auf das Studium des kranken
Lebens[29], auf das Heilgeschäft einengt, und anderseits den Blick
auf die Wechselbeziehungen des Individuums zur Gesamtnatur richtet,
daß er die Medizin von der damals rein spekulativen Naturforschung
abzieht und doch das rationelle therapeutische Handeln von der gesamten
Naturerkenntnis abhängig macht. Der Fehlschluß basiert nur auf der
Verwechslung von deduktiver Naturphilosophie mit realer Naturforschung;
erstere verwarf Hippokrates, letztere sollte sich nach seiner Meinung
auf dem Felsgrunde der Erfahrung mit dem Gerüst der Induktion aufbauen.
So wird es klar, wie der Verfasser der „alten Medizin“ die Philosophen,
welche ohne Erfahrung die Einzelkenntnisse aus der Gesamtauffassung der
Natur deduzieren, verspotten darf, und wie doch wiederum, ebenfalls
im Sinne des Koers, gerade in dem Meisterwerke „Ueber Luft, Wasser
und Oertlichkeit“ sogar der „Astronomie“ eine wesentliche Bedeutung
für die ärztliche Kunst zugeschrieben ist[30], wie in der Schrift
„Ueber die Natur des Menschen“ die Kenntnis der Körperbeschaffenheit
zur Basis der Medizin gemacht wird und doch wiederum diejenigen Tadel
finden, die „in der Erörterung über die menschliche Natur weitergehen,
als sie zur ärztlichen Kunst in Beziehung steht“. Denn das Ideal,
welches dem Hippokrates als höchstes vorschwebt, die individualistische
Behandlung im wahrsten Sinne des Wortes, steht am Ende eines Weges,
der gerade mit der Auffassung des Individuums als eines Stückes der
Gesamtnatur parallel läuft, oder wie Platons Phaidros mit Berufung
auf die hippokratische Denkmethodik sagt, nicht betreten werden kann:
ἄνευ τη̄ς τοῦ ὅλου φύσεως.

  [26] Am Schlusse der „Prognosen“ heißt es daher: „Man vermisse
       aber ja keinen einzigen Namen einer Krankheit, welche sich
       hier nicht beschrieben fände, denn alle Krankheiten, welche in
       den vorerwähnten Zeilen ihre Entscheidung finden, wird man an
       denselben Zeichen erkennen.“

  [27] Es zeigt sich dies gerade in der Lehre von den kritischen Tagen
       besonders deutlich. Während Hippokrates zwar den rhythmischen
       Verlauf akuter Krankheiten, auch das häufige Auftreten der
       Krise an bestimmten Tagen beobachtete, so heißt es doch im
       Prognosticon (37), daß die Berechnung unsicher ist (ebenso
       in der Schrift „Die Krisen“, Kap. VII). Was den Einfluß der
       cälestischen Erscheinungen anlangt, so eliminierte Hippokrates
       die astrologische Vorstellung vom Einfluß der Gestirne auf das
       Einzelindividuum, betonte aber die Wirkung im großen auf den
       allgemeinen Gesundheitszustand etc.

  [28] Vergl. die Schrift „Die Wochen“ (wo der Siebenzahl eine
       phantastische Bedeutung zugeschrieben wird). Im Buche über
       die Diät I und über die Träume wird die Analogie zwischen
       Makrokosmus und Mikrokosmus in mystischem Schematismus
       durchgeführt.

  [29] In der „alten Medizin“ heißt es: „Ich bin überzeugt, daß man
       bezüglich der Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis
       kommen kann, als durch die ärztliche Kunst. ... Mir scheint
       die Notwendigkeit vorzuliegen, daß ein jeder Arzt die Natur
       kennen lernt und sich alle Mühe gibt, wenn er anders seine
       Pflicht recht erfüllen will, kennen zu lernen, wie sich der
       Mensch dem Essen und dem Trinken gegenüber verhält, wie sonst
       den Lebensgewohnheiten gegenüber.“

  [30] Sollte aber einer der Ansicht sein, daß diese Fragen lediglich
       in das Gebiet der Himmelskunde gehören, so wird er erfahren, daß
       die Astronomie nicht eine geringe, sondern eine sehr wesentliche
       Bedeutung für die ärztliche Kunst hat. Denn zugleich mit den
       Jahreszeiten ändern sich beim Menschen auch die Verdauung und
       die Krankheiten.

Naturerkenntnis ist dem Hippokrates vorwiegend das Verständnis
der Natur des Menschen im gesunden und kranken Zustande, in ihren
Beziehungen zur Außenwelt. Die spärlichen anatomischen Tatsachen,
die spekulative Physiologie der Naturphilosophen erschienen ihm
mit Recht als ungenügende Grundlage, er konnte sie entbehren, da
er rein praktische Tendenzen (die Heilung) verfolgte und sich für
diese die Natur am Krankenbette hinreichend offenbarte, wenn man zu
sehen verstand. Wie die Griechen ohne anatomisches Wissen im heutigen
Sinne auf Grund ihrer Beobachtungen in Gymnasien und Athletenschulen
ihren Kanon formulieren konnten, so erblickte das Künstlerauge des
Hippokrates im Wirrsal der klinischen Erscheinungen, trotz mangelnder
Erfassung der tieferen Zusammenhänge im einzelnen, ~das ordnende
Gesetz, welches die krankhaften Symptome zum Ausdruck der Reaktion
auf krankhafte Reize gestaltet~. Ihm waren die klinischen Phänomene,
namentlich das Fieber, nichts anderes als reaktive Erscheinungen,
als Vorgänge, welche die Heilung anbahnen. Der Inbegriff der den
einzelnen Individuen verliehenen Fähigkeit, je nach dem Maße der
Energie ihrer lebendigen Kräfte krankhafte Zustände auszugleichen,
ist die ~Physis~. „~Die Naturen sind die Aerzte der Krankheiten“ --
„Νούσων φύσεις ἰητροί~“[31]. Den ersten Lichtblick dieser Erkenntnis
mag der Asklepiadensprößling vielleicht gerade aus der kritischen
Vergleichung der Weihinschriften empfangen haben; ließen doch die
Wunder des Asklepios, in Anbetracht der mannigfachen und häufig
absurden Heilarten, das Walten eines großen, gemeinschaftlichen
Heilfaktors ahnen -- der Natur. Daran gemahnt die fast priesterliche
Ehrfurcht, welche Hippokrates der Physis entgegenbringt, die in seiner
Anschauung an Stelle des Heilgottes getreten ist; darauf deutet auch,
daß sich Hippokrates nicht als Meister, sondern als ~Diener der Natur~
betrachtet. Gegründet konnte diese Erkenntnis aber erst werden durch
eine reiche Beobachtung, durch eine Fülle von Krankheitsbildern, in
denen die Heiltätigkeit der Natur zum Vorschein kam, ohne daß der
Blick durch die herkömmliche Polypragmasie getrübt wurde. Solche Bilder
finden sich namentlich im ersten und dritten Buche der „Epidemischen
Krankheiten“, Schriften, welche geradezu als Tagebücher der Natur
bezeichnet werden können.

  [31] Epid. VI, 5. Wiewohl diese Stelle in einem „unechten“ Buche
       vorkommt, verleiht sie doch dem Hippokratismus den prägnantesten
       Ausdruck.

Die erfahrungsmäßig erworbene ~Erkenntnis, daß die Natur viele
Affektionen zur Heilung bringt, ohne aktives Eingreifen von Seite des
Arztes, daß im Grunde jede Kunstheilung nur mittels der zielbewußten
Inanspruchnahme der natürlichen Kräfte zu stande kommt~ -- eine
Lehre, die sich gerade im Lichte der neuesten Medizin bewahrheitet --,
führte den Meister nicht zur Leugnung des medizinischen Könnens, zum
therapeutischen Skeptizismus oder Nihilismus, sondern zur ~scharfen
Begrenzung der ärztlichen Wirkungssphäre~. Wie Sokrates überwindet auch
der Koer die Skepsis durch positive, produktive Kritik. Die Physis,
im Sinne des Hippokrates, handelt nämlich nicht planmäßig, nicht nach
bewußten Zwecken, wenn ihre Aeußerungen in der Regel auch zweckmäßig
für die Restitution des Organismus werden. Wie jede Naturkraft bedarf
sie einer Anregung, Zügelung oder Lenkung in bestimmte Bahnen, denn
nur zu häufig wird die Erhaltung des Organismus durch zu stürmische
oder zu schwache oder durch solche Reaktionserscheinungen in Frage
gezogen, welche an einem ungeeigneten Orte stattfinden. Sache des
denkenden Arztes ist es daher, den Verlauf zu beobachten und ~im
rechten Zeitpunkte~ in den Gang der Ereignisse nach Möglichkeit
hemmend, bahnend oder Richtung gebend einzugreifen. Im Banne der
Anschauungen seiner Zeit versteht Hippokrates darunter besonders die
Beförderung und Mäßigung der Ausscheidung der kranken Säfte bezw. die
Unterdrückung ihres Durchbruchs an gefährlichen Stellen, die Grundsätze
gelten aber für jede pathologische Auffassungsweise. ~Die Therapie des
Hippokrates ist daher beobachtend~ (auf die natürlichen Heilvorgänge
gerichtet) ~und je nach den Vorgängen im Einzelfalle mehr oder minder
eingreifend, vor allem aber zielt sie dahin, die Kräfte des kranken
Individuums zu erhalten~. Letzterem Zwecke dient vornehmlich die
Steigerung, Beschränkung und richtige Auswahl der Nahrungsaufnahme --
die individualisierte Diät.

So steht Hippokrates an der Grenze zweier Weltalter, in der grauesten
Vergangenheit wurzelnd und doch noch für die jüngste Gegenwart
Ziel und Richtung gebend, ein leuchtendes Muster der Menschenliebe
und Berufstreue, ein Wahrheitssucher mit dem Vollbewußtsein der
Unzulänglichkeit. Aus einer gärenden Zeit herausgeboren, überwand er
die Zeit und übt noch über die reifsten Alter des Menschengeschlechts
eine wunderbar ungebrochene Macht aus, durch seine nüchterne
Beobachtung, durch seine weitblickende Methode, durch seine der Natur
abgelauschten therapeutischen Grundsätze, welche keinem Fortschritt
hinderlich entgegenstehen und unübertroffen bleiben. Er gleicht einem
Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten
braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt.
Von allen bewundert, von wenigen wahrhaft verstanden, von vielen
nachgeahmt, von keinem erreicht, wurde er der Meister der Heilkunst
aller Zeiten!



Die Medizin der Hippokratiker im allgemeinen.


Die Schriften des Corpus Hippocraticum enthalten wohl alle etwas von
den Leitgedanken des großen Koers, aber nicht jede derselben ist davon
in ihrer ganzen Tiefe durchsetzt. Die Medizin der Hippokratiker, wie
sie uns in der Sammlung vorliegt, ist daher keineswegs völlig identisch
mit dem -- Hippokratismus. Dieser bleibt ewig jung über alle Zeiten
hinweg, ewig wahr inmitten der fortgeschrittensten wissenschaftlichen
Entwicklung; jene dagegen birgt manches in sich, was aus der Epoche
heraus geboren, mit ihr zu Grabe getragen ist. Es erklärt sich daraus,
daß Schüler, Zeitgenossen und Nachfahren des Meisters dasjenige in
feste Regeln zu bannen suchten, was freiwaltend seine künstlerische
Persönlichkeit in sich trug, und bei solchem Streben wurde nicht
immer die feine Linie eingehalten, welche die sichere Erfahrung von
der wahrscheinlichen Hypothese scheidet. Zudem kommen in der bunt
zusammengewürfelten Schriftensammlung, die ja manches Erzeugnis
literarischer Falschmünzerei in sich schließen mag, auch andere
Schulen neben der koischen zum Wort. Da viele Jahrhunderte lang
die mangelnde Kritik jeden Satz dem Hippokrates selbst zusprach, so
konnten sich im Laufe der Geschichte die mannigfachsten Richtungen
mit ihren Extremen scheinbar mit gleicher Berechtigung auf angeblich
hippokratische Aussprüche berufen, die zwar nebeneinanderstehen, aber
sich oft unversöhnlich widersprechen, ja nicht selten das Prinzip der
Nüchternheit, Mäßigung und Selbstbeschränkung ins Gegenteil verkehren.
~Die Art, wie sich Hippokrates im Geiste der Zeitalter spiegelt und
bald den ertötenden Buchstabenglauben, bald die tiefere Auffassung des
Hippokratismus in den Vordergrund rückte, ist an sich ein Gradmesser
für den medizinischen Fortschritt.~

Die ~Krankheitslehre~ der Hippokratiker entstand aus dem Zusammenfluß
von Erfahrungen mit spekulativen Ideen. ~Da die Induktion klinischer
Beobachtungen zwar über den Tatbestand des Krankheitsbildes aufklärt,
aber über die Ursachen dieses Tatbestandes nichts aussagen kann, so
mußten bei dem Mangel eines anatomisch-physiologischen Unterbaues
Hypothesen herangezogen werden, wollte man auf die Erkenntnis der
Krankheitsursachen nicht gänzlich verzichten.~ So spukt an manchen
Stellen, z. B. in der Einleitung der „Prognosen“ oder in der Schrift
„Ueber die Träume“ noch ein Rest der Theurgie, wenn unbekannte
Krankheitsursachen kurzwegs für göttlich oder übernatürlich erklärt
werden. Solche Rückschläge sind aber bedeutungslos im Hinblick auf
die vorherrschende Auffassung, welche besonders im Buche de aëre
aquis et locis[32] oder in der Schrift de morbo sacro[33] jedweden
medizinischen Aberglauben scharf zurückweist. Wichtiger waren die
naturphilosophischen Krankheitshypothesen. Hatten die Naturphilosophen
-- dies waren alle Naturforscher dieses Zeitraumes -- den Aberglauben
gebannt, so war man umso geneigter, ihren spekulativen Theorien
Gefolgschaft zu leisten, je mehr dieselben an uralte Volksanschauungen
anknüpften und daher gar nicht als Hypothesen erschienen. Daher
finden wir in den hippokratischen Schriften stellenweise Abnormitäten
des ~Pneumas~[34] oder der eingepflanzten Wärme, das Mißverhältnis
der Elemente, Elementarqualitäten[35], Körpersäfte[36], namentlich
aber quantitative, qualitative oder topische Anomalien der sogen.
Grundflüssigkeiten (Blut, Schleim, Galle, Wasser, bezw. gelbe und
schwarze Galle) als Krankheitsursachen angeführt[37]. Die Ideen der
führenden Naturphilosophen schimmern, bald da, bald dort, deutlich
durch, der Kampf zwischen Pneumatikern und Humoralpathologen, mit ihren
mannigfach abgestuften Spielarten[38], die ganze geistige Bewegung,
welche die Säftelehre mit der Theorie der Elementarqualitäten zur
endgültigen Uebereinstimmung zu bringen trachtete, läßt sich im
farbenfrischen Inhalt des Corpus Hippocraticum ohne Schwierigkeit
wiedererkennen. Zu einem Abschluß ist es darin noch nicht gekommen;
welchem pathologischen System Hippokrates selbst anhing, ist
zweifelhaft[39] und von geringer Bedeutung, da sein ärztliches Handeln
hierdurch am wenigsten bestimmt wurde[40]. Tatsächlich galt aber in
späterer Zeit das Buch de natura hominis, welches in seinem ersten
Teile ~die Theorie von den vier Kardinalsäften Blut, Schleim, gelbe
und schwarze Galle~ dogmatisch formuliert, als Urkunde der koischen
(hippokratischen) ~Humoralpathologie~[41].

  [32] Die sexuelle Neurose (νοῦσος θήλεια) der Skythen, welche als
       Götterstrafe galt, wird hier auf vieles Reiten zurückgeführt.

  [33] „Mit der sogenannten heiligen Krankheit (= Epilepsie) verhält es
       sich folgendermaßen.“ Sie scheint mir in keiner Beziehung einen
       mehr göttlichen Ursprung zu haben als die übrigen Krankheiten.
       ... Die Menschen aber haben infolge ihrer Unerfahrenheit und
       Verwunderung geglaubt, ihre Beschaffenheit wie ihre Veranlassung
       seien etwas Göttliches, weil sie in keinem Punkte den anderen
       Krankheiten gleicht. ... Wenn sie aber wegen des Wunderbaren
       für etwas Göttliches gehalten werden sollte, so wird es viele
       heilige Krankheiten geben und nicht eine einzige. ... Ich
       für meine Person jedoch halte nicht dafür, daß der Körper des
       Menschen durch einen Gott besudelt wird.

  [34] Besonders in der Schrift de flatibus, wo das Pneuma als
       primäre Ursache aller Krankheiten erklärt wird. Als entferntere
       Krankheitsursache gilt es auch in Kap. X des Buches de nat.
       homin., wo es heißt: „Die Krankheiten entstehen teils durch
       die Lebensgewohnheiten, teils durch das Pneuma.“

  [35] De diaeta z. B. anerkennt zwei Elemente, Feuer (warm -- trocken)
       und Wasser (kalt -- feucht); de nat. hom. dagegen die vier
       Empedokleischen Qualitäten.

  [36] De prisca medicina, Kap. XIV: „Denn es steckt tatsächlich im
       Menschen das Bittere, das Salzige, das Süße, das Sauere, das
       Herbe, das Fade und noch vieles andere, mannigfaltig in Wirkung,
       Menge und Stärke. Dies alles nun tritt miteinander vermischt und
       vermengt nicht zu Tage, verursacht auch dem Menschen keinerlei
       Beschwerden, wird hingegen eines von ihnen abgesondert und
       selbständig, dann tritt es zu Tage und verursacht dem Menschen
       auch Beschwerden.“ Vergl. hierzu Alkmaion.

  [37] Galle und Schleim z. B. de morb. sacro, in den meisten
       knidischen Schriften, z. B. de morbis I, de affectionibus, de
       affectionibus internis u. a. Galle, Wasser, Schleim und Blut
       z. B. de morbis IV. Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle de
       nat. homin.

  [38] Sitz des Pneumas im Gehirn de morb. sacro, im Herzen de corde.

  [39] Nach dem Anonymus Lond. (resp. Menons Iatrika) Kap. IX war
       Hippokrates Anhänger der pneumatischen Theorie, was vielleicht
       für den Beginn seiner Laufbahn gelten könnte; wie wenig sicher
       diese Angabe aber ist, erhellt schon daraus, daß Menon im
       darauffolgenden Kapitel anhebt: „~Wie aber Hippokrates selbst
       sagt~“ und sodann die humorale Lehre entwickelt.

  [40] Weder die Anomalien der Säfte, noch diejenigen des Pneumas oder
       die Fehler der Ernährung bilden allein für sich den Schwerpunkt
       der hippokratischen Krankheitsauffassung; worauf Hippokrates
       das Hauptgewicht legt, das ist die Störung der harmonischen
       Einheit des Organismus, welche zur Norm wieder zurückgeführt
       werden muß.

  [41] Im XXII. Kap. der Schrift de prisca medicina wird jedoch im
       einzelnen ausgeführt, ~wie sehr die Beschaffenheit der Organe
       an sich bestimmend auf die Krankheitsformen~ wirkt. Weiter geht
       noch die Einleitung von de locis in homine, wo gesagt wird:
       „Das von Natur Trockene scheint mir von Krankheiten befallen zu
       werden und mehr Schmerz zu empfinden, das Feuchte hingegen in
       geringerem Grade; denn die Krankheit, welche in dem Trockenen
       ihren Sitz hat, nistet sich dort fest und hört nicht wieder
       auf, diejenige hingegen, welche im Feuchten ihren Sitz hat,
       zerfließt gleichsam und sucht bald diesen bald jenen Körperteil
       in höchstem Grade heim.“ Hier, wo also auf die Festteile des
       Körpers besonderer Nachdruck gelegt wird, ist schon die spätere
       „~Solidarpathologie~“ vorgezeichnet!

   Im IV. Kap. heißt es dort: „Der Körper des Menschen hat in sich
 Blut, Schleim und zweierlei Galle, die gelbe und die schwarze. Diese
 Qualitäten sind die Natur seines Körpers und durch sie wird er krank
 und gesund. Am gesündesten aber ist er, wenn diese Qualitäten in Bezug
 auf Mischung, Wirkung und Menge in einem angemessen gegenseitigen
 Verhältnisse stehen und am innigsten miteinander vermengt sind,
 krank hingegen, wenn eines von diesen in geringerer oder größerer
 Menge vorhanden ist oder sich im Körper absondert und nicht mit der
 Gesamtheit der übrigen vermischt ist.“

Das Leben ist an die vier Grundflüssigkeiten gebunden, welche durch
ihre Qualitäten den vier Elementen entsprechen. Das (aus dem Herzen
stammende) ~Blut~ repräsentiert das ~Warm-Feuchte~, die ~gelbe Galle~
(welche von der Leber abgesondert wird) das ~Warm-Trockene~, die
~schwarze Galle~ (mit dem Ursprung in der Milz) das ~Kalt-Trockene~,
der ~Schleim~ (welcher im Gehirn bereitet wird) das ~Kalt-Feuchte~.
Mittels der Ernährung findet eine stetige Zufuhr von Stoffen statt,
welche die Kardinalflüssigkeiten erneuern.

~Von dem Gleichgewichte, von der normalen Mischung (εὐκρασία) der
Säfte, von der Harmonie der ihnen innewohnenden Kräfte hängt die
Gesundheit ab. Fehlerhafte Mischung~ (δυσκρασία), ~übermäßiges
Vorwiegen und abnorme Anhäufung der einen oder anderen Grundflüssigkeit
bedeuten Krankheit~. Lokale Affektionen ergreifen den gesamten
Organismus und rufen, entsprechend den Wechselbeziehungen der Organe,
auch in entfernten Körperteilen Erkrankungen hervor[42].

  [42] De loc. in hom: „Es scheint mir keinen Anfang im Körper zu
       geben, sondern alles in gleicher Weise Anfang und alles Ende
       zu sein. ... Desgleichen scheinen mir auch die Krankheiten in
       gleicher Weise von dem gesamten Körper auszugehen. ... Beim
       Körper aber rufen alle seine einzelnen Teile der eine bei dem
       anderen ... eine Erkrankung hervor, der Leib im Kopfe, der Kopf
       in den Fleischteilen und im Leibe und auch alles Uebrige im
       entsprechenden Verhältnis. ... Wollte einer den kleinsten Teil
       des Körpers nehmen und ihm Schaden zufügen, so würde der gesamte
       Körper das Leiden wahrnehmen und zwar aus dem Grunde, weil der
       kleinste Teil des Körpers alles enthält, was auch der größte
       Teil enthält. Dieser aber überträgt, welches Leiden ihm auch
       zustoßen mag, dasselbe in jedem einzelnen Falle immer auf die
       ihm verwandten Teile.“ Letzterer Satz beruht auf der Erkenntnis
       des ~physiologischen Wechselverhältnisses der Organe~, der
       sogen. ~Sympathie.~ De alimento heißt es (Kap. XXIII): ~Ξύρῥοια
       μια, ξύμπνοια μια, ξυμπαθέα πάντα~, Ein Zusammenströmen, eine
       Vereinigung, eine Sympathie. Die „Sympathie“ der Teile wird
       besonders berührt in den Büchern de fracturis, de articulis,
       Epid. III, sec. V. Aphorism. V, 50 (Uterus -- Mammae).

   Uebermäßig vom Kopfe herabfließender Schleim kann als
 „Fluß“ (κατάρῥος, ῥευματισμὸς) je nach den Teilen, wohin er
 dringt, verschiedene Krankheiten bewirken, z. B. Lungen- und
 Brustfellentzündung, Schwindsucht, Wassersucht, Hüftschmerz, Diarrhöe,
 Dysenterie etc. Werden Schleim und Galle (durch das „anschwellende
 Fleisch“) abgeschlossen, wodurch die Abkühlung und Ausscheidung
 verhindert ist, oder dringen sie ins Blut, so entsteht Fieber, und
 zwar Fieberhitze durch die Galle, Fieberfrost durch den Schleim.
 Verderbnis des Blutes oder „Schmelzung des Fleisches“ verursacht
 Eiterung.

Die Dyskrasie der Säfte macht nach hippokratischer Auffassung das
Wesen der Krankheiten aus; die auslösende ~Krankheitsursache~ ist aber
in ~schädlichen äußeren Einflüssen, Fehlern der Lebensweise~, zum Teil
auch in krankhafter ~Vererbung~ (Same-Produkt des ganzen Körpers) zu
suchen.

   Schon in der physiologischen Breite untersteht die Zusammensetzung
 der vier Kardinalsäfte dem Einfluß von außen, wie dies besonders
 scharf in den verschiedenen Jahreszeiten hervortritt. So überwiegt
 im Frühling das Blut, im Sommer die gelbe, im Herbst die schwarze
 Galle, im Winter hat der Schleim die Uebermacht. Das Warme, das
 Feuchte, das Trockene, das Kalte, die Elementarqualitäten sind das
 verknüpfende Band zwischen Grundflüssigkeiten und Jahreszeiten; wie
 in diesen bald die eine, bald die andere Qualität die Oberherrschaft
 hat, so prävaliert auch im Organismus bald der eine, bald der
 andere Kardinalsaft. „Im Frühjahre ist der Schleim noch das stärkere
 Element, und das Blut beginnt zuzunehmen, läßt doch auch der Frost
 nach und stellen sich Regengüsse ein. Das Blut aber nimmt zu jener
 Zeit zu infolge der Regengüsse und der warmen Tage; denn dieser Teil
 des Jahres ist ihm am meisten konform, weil er feucht und zugleich
 warm ist. ... Im Sommer aber hat das Blut noch die Herrschaft, und
 die Galle beginnt sich im Körper zu erheben; ihre Herrschaft dauert
 bis zum Herbste an. Zur Herbstzeit aber nimmt das Blut ab, denn der
 Herbst ist ihm seiner Natur nach entgegengesetzt. Die Galle hingegen
 beherrscht den Körper während des Sommers und des Herbstes. ... Der
 Schleim ist dafür im Sommer schwächer als sonst, denn diese Jahreszeit
 ist ihm ihrer Natur nach entgegengesetzt, weil sie trocken und heiß
 ist. Das Blut aber erreicht im Herbste sein Minimum im menschlichen
 Körper, denn der Herbst ist trocken und beginnt bereits den Menschen
 abzukühlen. Die schwarze Galle hingegen ist während des Herbstes
 in größter Menge vorhanden und am stärksten. Wenn aber der Winter
 herannaht, kühlt sich die Galle ab und nimmt ab; während anderseits
 der Schleim wieder zunimmt, sowohl infolge der Regengüsse als auch
 infolge der Länge der Nächte.“

   Der phantastisch angehauchte Schematismus, welchen der Charakter
 der Jahreszeit mit der hervorstechenden Grundeigenschaft der
 Körperflüssigkeit in Parallele setzte, war nur ein Teil der
 Analogisierung kosmischer Erscheinungen mit organischen Vorgängen
 (Makrokosmus -- Mikrokosmus), besaß aber eine empirische Stütze in
 reellen Beobachtungen über den Wechsel der Krankheiten je nach der
 Jahreszeit. „Daß aber der Winter den Körper mit Schleim anfällt,
 kann man aus folgenden Beobachtungen entnehmen: Zur Winterszeit
 speien und schneuzen die Menschen Sekrete aus, die zum größten Teile
 Schleim sind, die weißen Geschwülste entstehen vorzüglich zu dieser
 Jahreszeit und nicht minder die übrigen Schleimkrankheiten. ... Im
 Frühjahr und im Sommer werden die Menschen am meisten von Dysenterien
 befallen, das Blut fließt ihnen aus der Nase hervor, und sie selbst
 sind am heißesten und rötesten. Zur Herbstzeit aber nimmt das Blut
 ab; die Galle hingegen beherrscht den Körper während des Sommers und
 Herbstes. Das kann man aus folgenden Tatsachen entnehmen: Die Menschen
 speien von selbst zu jener Jahreszeit Galle, und bei den Purgationen
 werden mehr gallige Bestandteile abgeführt. Klar erkennbar ist diese
 Tatsache aber auch an den Fiebern und der ~Färbung der Haut~ bei den
 Menschen.“

   In den „Aphorismen“ finden sich eine Menge von Bemerkungen über das
 Vorherrschen gewisser Krankheiten in bestimmten Jahreszeiten. Im 3.
 Buche derselben heißt es: „Die Krankheiten entstehen ohne Unterschied
 zu jeglicher Jahreszeit, manche hingegen entstehen und verschlimmern
 sich in manchen Jahreszeiten mit Vorliebe. So im Frühjahre
 Geisteskrankheiten, Melancholie, Epilepsie, Blutflüsse, Halsbräune,
 Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Aussatz, Flechten, Vitiligo, viel
 verschwärende Ausschläge, Geschwülste und Gelenkschmerzen; im
 Sommer außer einigen der eben genannten Krankheiten auch andauernde
 Fieber, Brennfieber, die meisten Tertianfieber, Erbrechen,
 Diarrhöen, Augenentzündungen, Ohrenleiden, Mundgeschwüre, eitrige
 Entzündungen der Genitalien und Schweißfriesel; im Herbste außer
 vielen Sommerkrankheiten auch Quartanfieber und Febres erraticae,
 Milzleiden, Wassersucht, Schwindsucht, Harnstrenge, Lienterie,
 Dysenterie, Hüftweh, Halsbräune, Asthma, Ileus, Epilepsie, Irrsinn
 und Melancholie; im Winter Brustfellentzündung, Lungenentzündung,
 Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Schmerzen in der Brust, in der Seite,
 in den Hüften und im Kopfe, Schwindel und Apoplexie.“

In mustergültiger Weise wird besonders in den Schriften ~de aëre
aquis et locis~, de humoribus, de diaeta und in den Aphorismen
ausgeführt, welchen Einfluß das Klima, die Jahreszeit[43], die
Witterung, der Wohnort auf das Entstehen der Krankheiten hat, welche
Bedeutung einerseits Winde, Wärme und Kälte, Sonnenhitze und Schatten,
ungesundes Wasser und schädliche Ausdünstungen, anderseits Lebensalter,
Lebensweise, Nahrung, Kleidung etc. für die ~Aetiologie~ besitzen,
und wie es Pflicht des Arztes sei, über die endemischen Verhältnisse
bei den Einwohnern Erkundigung einzuziehen, „denn in einer zahlreichen
Bevölkerung gibt es immer viele, welche darüber etwas aussagen können“.

  [43] „Man muß wissen, in welchen Jahreszeiten die Säfte gleichsam
       in ihrer Blüte stehen, was für Krankheiten sie in jeder
       einzelnen Jahreszeit hervorrufen und was für Leiden sie bei
       jeder einzelnen Krankheit verursachen“ (de humorib. c. 8).

   Die Bücher über „die epidemischen Krankheiten“ enthalten eine
 kasuistische Zusammenstellung von nicht ausschließlich epidemischen
 Krankheiten, welche zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Orte
 unter dem Einfluß bestimmter klimatischer und Witterungsverhältnisse
 nebeneinander auftreten (Katastaseologie) und durch gewisse
 Grundkrankheiten in ihrem Verlauf und Charakter eine besondere
 Modifikation erlitten (Genius epidemicus).

Den endemischen Krankheiten stehen die ~epidemischen~ gegenüber,
welche teils durch den Wechsel der Jahreszeiten, teils durch schädliche
Beschaffenheit der Luft hervorgerufen werden. (Während der letzteren
soll man bei der gewohnten Lebensweise verbleiben, jedoch die Nahrung
vermindern, um das Atembedürfnis zu beschränken.)

Charakteristisch für die hippokratische Medizin bleibt es jedoch
(gegenüber der orientalischen), daß die Erkenntnis der Abhängigkeit
des gesunden und kranken Organismus von den großen kosmischen Agentien
nicht dahin führte, die Selbständigkeit und Eigenart des Individuums
zu übersehen: „Man muß wissen, zu welcher Krankheit die Natur am
meisten neigt. ... Was das Verhältnis der Naturen zu den Jahreszeiten
anlangt, so sind dieselben gegenüber dem Sommer oder gegenüber dem
Winter gut und schlecht disponiert, andere gegenüber den Ländern, den
Altersstufen, den Lebensgewohnheiten und den Zuständen der Krankheiten
gut und schlecht disponiert.“

   Die inhaltlich und formell als Meisterwerk zu bezeichnende
 Abhandlung „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ enthält in
 großzügiger Darstellung die Grundlagen der ~physikalischen
 Geographie~ und ~geographischen Pathologie~ und weist die innigen
 ~Beziehungen~ nach, welche ~zwischen klimatisch-topographischen,
 anthropologischen und sozial-ethischen Verhältnissen~ obwalten. Hier
 erhebt sich der Arzt zum weitblickenden, aber spekulationsfreien
 Naturforscher, gleichsam zur Illustration der Worte, welche in der
 „alten Medizin“ stehen: „Ich bin überzeugt, daß man bezüglich der
 Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis kommen kann als
 durch die ärztliche Kunst.“ Die ersten Kapitel handeln von der
 Wichtigkeit der medizinischen Topographie und von dem Einfluß,
 den die Lage eines Ortes auf die Gesundheitsverhältnisse ausübt.
 Beispielsweise wird als Folge warmer Winde folgendes angeführt:
 schwächliche Körperentwicklung, Neigung zu Dysenterie, Diarrhöen,
 Hämorrhoiden, langwierige Fieber, Schlaganfälle, Krampfkrankheiten,
 Epilepsie, Blutungen, Abortus etc. Die Bewohner von Gegenden, die
 kalten Winden ausgesetzt sind, werden dagegen kräftig, erlangen
 spät die Pubertät, besitzen längere Lebensdauer, neigen meist zu
 akuten Affektionen, aber auch zu Empyemen, Phthisis, Obstipation,
 Augenkrankheiten, Nasenbluten; die Frauen sind spärlich menstruiert
 und gebären schwer. In den folgenden Abschnitten spricht der Verfasser
 ausführlich über die Eigenschaften des Wassers, seine Abhängigkeit vom
 Boden und den herrschenden Winden. Der Genuß von schlechtem Wasser
 erzeugt Milzschwellung, Hydrops, der Genuß von verschiedenartigem
 Wasser (von Flüssen, in welche andere einmünden, von Seen, in welche
 sich viele Wasserläufe ergießen) befördert die Bildung von Blasen-
 und Nierensteinen, verursacht Harnstrenge, Hernien und Ischias.
 Nachdem er auf den Zusammenhang der Jahreszeiten (Gestirnstellung,
 Sommersonnenwende, Herbsttag- und Nachtgleiche, Wintersonnenwende,
 Frühlingstag- und Nachtgleiche) mit den Krankheiten hingewiesen,
 vergleicht Verfasser die Völker Europas mit den asiatischen und leitet
 die anthropologisch-ethisch-intellektuellen Eigentümlichkeiten von
 klimatischen Verhältnissen ab.

In der Betrachtung des Krankheitsverlaufes schwebt den Hippokratikern
die ~akute, fieberhafte Krankheit~ vor, wo die Schwankungen der
Temperatur, die in Menge und Beschaffenheit wechselnden Ausscheidungen,
die regelmäßige Wiederkehr der Erscheinungen eine Gesetzmäßigkeit
verraten, welche Schlüsse über die Entwicklungshöhe, Schwere und den
Ausgang des Leidens zu ziehen gestattet. ~Die chronischen Affektionen
sind bei den Hippokratikern nur Folgezustände der akuten Krankheiten.~

Der damaligen physiologischen Auffassung mußte das Krankheitsbild,
z. B. der Lungenentzündung, stets von neuem den Anschein erwecken,
daß die „Physis“ gegen die krankmachenden Schädlichkeiten einen
stürmisch auf- und abwogenden Kampf führt, wobei es im Wesen darauf
ankommt, die Materia peccans hinauszutreiben, und daß sich die Phasen
des Kampfes zwischen Naturheilkraft und Krankheit in dem Zustand
der flüssigen Ausscheidungen widerspiegeln, welche unter dem Einfluß
der „eingepflanzten“ Wärme (Fieberhitze) eine Reihe von Umwandlungen
erleiden. Das einfachste, von den Hippokratikern häufig herangezogene
Beispiel bietet der Schnupfen, wo die örtliche Reizung und das Fieber
von der anfangs dünnflüssigen und scharfen Schleimsekretion abgeleitet
werden, und die Besserung erst dann eintritt, wenn der Ausfluß
„dicker, weniger scharf, gleichsam ~gekocht~ und mit dem früheren mehr
gemischt ist“. Die Krankheitsstoffe, so schloß man verallgemeinernd,
bedürfen überall, um ausgeschieden werden zu können, erst der
Konsistenzveränderung „durch Mischung und Kochung“, und mit ihnen
durchläuft jede Krankheit, bald deutlicher, bald mehr verhüllt, ~drei
Stadien~; das der ~ὰπεψία~, d. h. des Nichtgekocht- oder Rohseins,
der Schärfe; das der ~πἑψις~, d. h. der Kochung oder Reifung; das der
~κρίσις~, d. h. der Lösung oder Ausscheidung, womit die Entscheidung
(Heilung oder Tod) verknüpft ist. ~Je nach dem Zeitraum bietet die
Krankheit ein verschiedenes Bild, welches über den Verlauf orientiert.~
Die Krisis[44] kann eine lokale oder allgemeine sein, sie kann sehr
schnell durch gesteigerte Sekretion und Exkretion oder Ablagerung
(ὰπόστασις)[45] der Krankheitsprodukte (im Parenchym namentlich
entfernter Organe) erfolgen; sie kann sich aber auch hinziehen in Form
der ~Lysis~ (wo die Ausscheidungen allmählich zu stande kommen) oder
sich durch den Uebergang einer Fieberform in eine andere manifestieren.

  [44] Krisis ist der Inbegriff der natürlichen Anstrengungen zur
       Expulsion der schädlichen Massen.

  [45] Im weiteren Sinne werden „Apostasen“ auch andere nicht kritische
       Wendungen, besonders Nachkrankheiten genannt.

Die gehäufte Beobachtung ließ erkennen, daß bei gewissen fieberhaften
Affektionen der Eintritt der Krise an eine gewisse Regelmäßigkeit
gebunden ist, sofern der atypische Verlauf durch medikamentöse
Eingriffe nicht gestört wird. In voreiligem Streben nach exakten
Angaben fand diese Erfahrung nur allzu leicht den unheilvollen Anschluß
an uralte Zahlenmystik, die auf griechischem Boden im Gewande der
pythagoreischen Philosophie auftrat. So entstand ~die Lehre von den
kritischen Tagen~, welche schon sehr früh zu phantastischen Spielereien
führte, in denen die ~Vierzahl~ und besonders die ~Siebenzahl~
und ihre Vielfachen eine wichtige Rolle spielten. Dort, wo in den
hippokratischen Schriften der echt nüchterne Sinn ihres intellektuellen
Urhebers zum Durchbruch kommt, wird allerdings bei aller prinzipiellen
Anerkennung des zyklischen Verlaufes fieberhafter Krankheiten davor
gewarnt, daß man die Vorhersage der Krise genau auf die Berechnung
ganzer Tage stütze.

    Nach Epid. I, 26 tritt die Krise bei Fiebern mit Steigerung an
 geraden Tagen am 4., 6., 8., 10., 14., 20., 24., 30., 40., 60.,
 80. und 120. Tage, bei solchen mit der Exazerbation an ungeraden
 Tagen, am 3., 5., 7., 9., 11., 17., 21., 27. und 31. Tage, auf. Bei
 Nichteinhaltung dieser Tage deutet die Krise auf Rückfall oder Tod.
 Im 37. Kapitel des Buches der Prognosen heißt es, daß am 4. Tage
 gutartige Fieber zur Krisis, bösartige zum Tode führen. „Das ist
 also der Endpunkt ihrer ersten Periode, die zweite aber erstreckt
 sich bis zum 7., die dritte bis zum 11., die vierte bis zum 14., die
 fünfte bis zum 17., die sechste bis zum 20. Tage. Diese am meisten
 akuten Krankheiten endigen also, indem sie von vier zu vier Tagen
 bis zu zwanzig aufsteigen.“ Aphor. II, 24 lautet: „Von sieben Tagen
 gibt der vierte die Erkennung, bei der anderen Woche ist der achte
 der Anfangspunkt; achten aber muß man auf den elften, denn dieser ist
 der ~vierte Tag~ der anderen Woche; achten aber muß man wieder auf
 den siebzehnten Tag, denn dieser ist der ~vierte~ vom vierzehnten an
 gerechnet, und der ~siebente~ vom elften an gerechnet.“ Prognostisch
 gutartig galt kritischer Fieberausbruch am 3., 5., 7., 9., 11., 14.,
 17., 21., 27., 31. und 34. Tage. (Aph. IV, 36.) Die Schrift „Die
 kritischen Tage“ gibt als Entscheidungstage der Fieber den 4., 7.,
 11., 14., 17., 21., 30., 40. und 60. Tag an. Im Buche de carne wie in
 de sept. partu ist die Zahlenspielerei bereits in ein System gebracht.
 In ersterem heißt es: „Die akuten Krankheiten entscheiden sich nach
 Ablauf von vier Tagen, d. h. von einer halben Woche, an zweiter Stelle
 in einer Woche, an dritter Stelle in elf Tagen, d. h. einer ganzen und
 einer halben Woche, an vierter Stelle in zwei Wochen und an fünfter
 Stelle in zwanzig weniger zwei Tagen, d. h. in zwei Wochen und in
 einer halben Woche.“ Nach der letzteren Schrift muß der Arzt auf alle
 ungeraden Tage achten, aber auch auf den 14., 28. und 42. Tag. „Denn
 dieses ist die Grenze, welche von manchen der Lehre von der Harmonie
 gesetzt wird, und die gerade und vollkommene Zahl. Auf diese Weise
 aber muß man seine Betrachtungen anstellen, nach Gruppen von dreien
 und vieren, nach Gruppen von dreien, indem man alle zusammenfaßt, nach
 Gruppen von vieren, indem man die Gruppen auch paarweise zusammenfaßt,
 diese Paare jedoch noch obendrein zusammenkuppelt.“ Die Triadenreihe
 verläuft also: 1 2 3 / 3 4 5 / 5 6 7 / 7 8 9 u. s. w. bis 42; die
 Tetradenreihe hingegen: 1 2 3 4 / 4 5 6 7 / 8 9 10 11 / 11 12 13 14;
 15 16 17 18 / 18 19 20 21 / 22 23 24 25 / 25 26 27 28; 29 30 31 32
 / 32 33 34 35 / 36 37 38 39 / 39 40 41 42.

Die Beobachtung der Krisen bildet eine der Säulen, auf welcher die
Vorhersage des Krankheitsausgangs ruhte.

Die ~Prognostik~ verleiht dem ärztlichen Denken der Hippokratiker die
charakteristische Färbung und läßt die ~Diagnostik~ an Bedeutung weit
hinter sich. Dieses Verhältnis -- umgekehrt in der heutigen Medizin
-- wurde durch die damalige Entwicklungshöhe der Untersuchungstechnik
bedingt und stellt den Ausdruck des rein praktischen Strebens
der hippokratischen Heilkunst dar. Ist es doch das Schicksal des
Kranken, nicht so sehr die Erkenntnis des Krankheitswesens, was der
Künstlerarzt zu erfassen sucht, und geben doch tatsächlich kritisch
geeichte klinische Beobachtungen auch ohne tieferes Verständnis ihres
inneren Zusammenhangs manchmal das Mittel an die Hand, die Schwere
und den wahrscheinlichen Krankheitsausgang eines Leidens zu bestimmen,
Anhaltungspunkte für die Behandlung zu gewinnen.

   Bei dem Mangel der Hilfswissenschaften und auf der Basis der
 damaligen Untersuchungstechnik war es dem schauenden und sehenden
 Arzte weit öfter möglich, aus der Zusammenfassung möglichst vieler
 Wahrnehmungen am einzelnen Falle und ihrer Vergleichung mit ähnlichen
 (selbst beobachteten oder von anderen überlieferten) Symptomgruppen
 einen klaren, die Prognose in sich schließenden Gesamteindruck des
 Krankheitsverlaufs zu gewinnen, als zu einer realen Diagnose der
 Krankheitsspezies zu gelangen. ~Im Lichte der engeren Zwecke des
 ärztlichen Berufes ist der Weg des hippokratischen Praktikers~
 -- der auch heute dort, wo anatomische Krankheitsbilder fehlen,
 beschritten wird -- ~nur der längere, mit größerer Unsicherheit,
 mit höheren Anforderungen an das Talent des Individuums verbundene
 Weg; aber auch er kann zu dem Ziele hinführen, das die moderne an
 anatomisch-physiologische Diagnostik mit ökonomischer Sparung der
 individuellen Leistung in kürzerer Zeit und mit weit überlegenerer
 Gewißheit erreicht~. Diese Erwägung läßt erst so recht verstehen,
 wie wenige, nicht nur dem Worte, sondern der Tat nach, Aerzte
 im hippokratischen Sinne werden konnten, und weshalb das
 Beobachtungstalent sich auch auf solche ~minutiöse Einzelheiten~
 erstrecken mußte, deren Berücksichtigung wir heute überhoben
 sind, gleichwie für den Seefahrer vor Erfindung der Bussole die
 Sternbeobachtung weit wichtiger war als jetzt.

   Die Prognostik nimmt in den hippokratischen Schriften einen
 breiten Raum ein, sind ihr doch mehrere der wichtigsten Schriften
 ausschließlich gewidmet[46]. „Es scheint mir am besten zu sein,“ sagte
 der Verfasser des Prognosticums, „daß sich der Arzt im Voraussehen des
 Krankheitsausganges Uebung erwirbt, denn wenn er bei seinen Patienten
 vorher erkennt und vorhersagt den status praesens, das Vorausgegangene
 und die Prognose, ferner das, was die Patienten bei dem Berichte über
 ihren Krankheitszustand weglassen, so wird man das feste Zutrauen
 zu ihm haben, daß er den Zustand der Patienten besser kenne, und es
 werden sich infolgedessen die Leute dem Arzte gern anvertrauen. Aber
 auch die Behandlung wird er am besten durchführen können, wenn er
 den späteren Ausgang der Krankheit voraussieht“[47].

  [46] Hinsichtlich der Standesgeschichte ist es bemerkenswert, daß
       Hippokrates sowohl an dieser als an anderer Stelle darauf
       hinweist, wie der Arzt, „~wenn er den Exitus~ oder die
       glückliche Heilung ~vorhererkannt und vorhersagt, frei von
       jeder Schuld ist~“.

  [47] Anderseits wird an zahlreichen Stellen vor leichtfertigen
       Prognosen gewarnt und zur Besonnenheit ermahnt, da man, „wenn
       man fehlgeht, nicht bloß dem Hasse anheimfällt, sondern wohl
       auch für verrückt angesehen wird“.

   Der Weg, um zu einer richtigen Prognose gelangen zu können,
 ist ein induktiver und nimmt seinen Ausgangspunkt von der
 ~Krankengeschichte~[48], deren Bedeutung an der Hand früherer
 Eigenerfahrung und fremder Kasuistik[49] zu messen ist, unter
 Berücksichtigung des Alters, Geschlechts, der Lebensweise, der Wohnung
 des Kranken, der klimatischen und epidemischen Verhältnisse. Von
 Krankengeschichten -- die ersten im heutigen Sinne -- finden sich im
 Corp. Hipp. bewundernswerte Beispiele, namentlich in den „Epidemien“.
 Im 3. Buche Kap. 16 heißt es: „Ich halte es für einen wichtigen Teil
 der ärztlichen Kunst, über das schriftlich Niedergelegte ein richtiges
 Urteil fällen zu können; denn derjenige, welcher das versteht und
 anwendet, scheint mir in Bezug auf die Kunst keinem bedeutenden Irrtum
 verfallen zu können.“

  [48] „Man muß das vor der Krankheit Gelegene angeben, den
       gegenwärtigen Stand erkennen, die Prognose voraussagen“ (Epid.
       I, 11).

  [49] Aus der Kasuistik läßt sich ermitteln, ~welche Symptome in
       ihrem Zusammentreffen~ auf günstigen und ungünstigen Ausgang
       hindeuten. Solche Zusammenstellungen finden sich besonders in
       den Koischen Prognosen, Aphorismen, Vorhersagungen. Am Schluß
       des Prognosticums sagt der Autor: „Wenn aber einer richtig
       erkennen will, wer davonkommen und wer zu Grunde gehen wird,
       bei wem die Krankheit länger oder kürzer anhalten wird, so muß
       er, nachdem er die ~Anzeichen~ kennen gelernt hat, alle Fälle
       beurteilen können, indem er ihre ~gegenseitigen Wirkungen~
       berechnet.“

Mit Aug' und Ohr, ja mit der gesamten Sinnes- und Verstandestätigkeit
suchte man ein Erfahrungsurteil über den Gesamtzustand des Patienten
zu erreichen, und ohne die subjektive Symptomatologie[50] zu
vernachlässigen, wurde die objektive Untersuchung vom Scheitel bis zur
Sohle mit einer Sorgfalt, mit einer Rührigkeit vorgenommen, die einen
hervorstechenden Wesenszug des Hippokratismus ausmacht. Diese peinlich
genaue Beobachtung und Untersuchung hatte aber auch den Zweck, die vom
Grundtypus der Krankheit abweichenden Nüancen des Krankheitsverlaufes
aus den im speziellen Falle zusammenwirkenden äußeren Einflüssen
und individuellen Eigentümlichkeiten zu erklären. ~Darum bildet die
Krankengeschichte als solche, eines der wichtigsten Charakteristika der
hippokratischen Medizin gegenüber dem Schematismus der orientalischen
Heilkunst~, die Krankengeschichte trägt der Individualität Rechnung.
Es wäre sehr zu verwundern, wenn man ermangelt hätte, aus den reichen
und zum Teil gründlichen klinischen Beobachtungen auch diagnostische
Schlüsse, in modernem Sinne, zu ziehen. Immerhin ist festzuhalten, daß
nicht rein wissenschaftliches Streben für die Pflege und Ausbildung
der Diagnostik maßgebend war, sondern daß man die Diagnostik nur, wo
die Möglichkeit vorlag, als untergeordnetes, abkürzendes Verfahren
betrachte, um zur Prognose zu gelangen und für die Therapie klare
Leitideen zu erhalten.

  [50] Sogar den Träumen wurde in prognostischer Beziehung große
       Beachtung geschenkt, wie aus de victu IV (de somniis) erhellt.
       Wie schon von Herodot, wurde auch von den Hippokratikern
       zwischen „gottgesandten“ und natürlichen Träumen unterschieden.
       Nur letztere, als Ausdruck körperlicher Zustände, fesselten
       nicht mit Unrecht die Aufmerksamkeit der Aerzte. Darin, wie
       in dem ganzen Buch über die Träume hat man keinen Rückschritt
       orientalischer Traumdeuterei, sondern eher einen Fortschritt
       im Sinne der Aufklärung zu erblicken, wenn die ganze Richtung
       im einzelnen auch begreiflicherweise in Phantastik ausartete.

   Beispielsweise zählt das Buch de morbis I gewisse Verletzungen
 (des Herzens, des Gehirns, der Leber, des Magens, der Blase etc.),
 sowie gewisse Krankheiten (z. B. Schwindsucht, Wassersucht, Erysipel
 des schwangeren Uterus) auf, aus denen sich a priori eine infauste
 Prognose ergibt; von gewissen Affektionen (Schwindsucht, Ruhr,
 Hüftweh, Nierenerkrankungen alter Leute, Blutfluß der Frauen,
 Hämorrhoiden) wird gesagt, daß sie langwierig sich hinziehen, während
 andere (Lungenentzündung, Brennfieber, Phrenitis, Angina etc.) rasch
 zur Entscheidung kommen.

   Prognostisch wichtig war auch die Kenntnis von Folgezuständen,
 die nach bestimmten Affektionen notwendig eintreten: „Wenn einen
 Starrfrost befällt, muß ihn hinterher notwendig Fieber befallen;
 wenn ein Nerv durchschnitten wird, Konvulsionen -- auch wächst ein
 durchschnittener Nerv nicht wieder zusammen und führt zu heftiger
 Entzündung --; wenn das Gehirn erschüttert wird oder bei einem
 Schlage leidet, so muß der Betreffende alsbald die Sprache verlieren
 und kann weder sehen noch hören, falls es aber verletzt wird, so muß
 Fieber und Erbrechen von Galle hinzutreten, der Körper irgendwo vom
 Schlagfluß betroffen werden und der Betreffende sterben. Wenn das
 Netz herausfällt, muß es vereitern“ (l. c. Kap. IV).

   In demselben Buche wird es auch als Kunstfehler getadelt, wenn
 jemand z. B. ein Empyem nicht erkennt, weil dann der rettende
 therapeutische Eingriff versäumt wird.

Ohne prinzipiell Diagnostik und Prognostik zu trennen, enthalten
die hippokratischen Schriften allgemeine Vorschriften über die
Untersuchungsmethode und eine ~Semiotik~ von geradezu unübersehbarem
Reichtum.

Wurde schon eine äußerliche Lokalaffektion aufs genaueste
besichtigt und betastet, um deren Lage, Größe, Form, Konsistenz,
Schmerzhaftigkeit, Temperatur, Färbung u. s. w. zu ermitteln, so kam
bei inneren („unsichtbaren“) Erkrankungen eine ganze Summe von Sinnes-
und Verstandestätigkeiten zur Anwendung.

So waren zu beachten: Alter, Temperament, Geisteszustand (Gedächtnis,
Delirien, Flockenlesen etc.), Gesichtsausdruck, Zunge, Stimme, Haltung
oder Bettlage, Ernährungs- und Kräftezustand, Bewegungsfähigkeit,
Schmerzempfindlichkeit, Verhalten des Schlafes, Hungergefühl und Durst,
Temperatur, abnorme Pulsationen, Atmung, Ausdünstung, Beschaffenheit
der Haut, Haare, Nägel, Zustand der Sinnesorgane, besonders der Augen,
etwaige Abnormitäten der Hypochondrien (Milz- oder Leberschwellung),
Auftreibung des Unterleibes, etwaige Tumoren, Abszesse etc., Menge,
Farbe, Konsistenz, Geruch, Geschmack des Blutes und der Exkretionen,
auffallende Symptome, wie Zähneknirschen, Gähnen, Aufstoßen, Niesen,
Nasenbluten, Blähungen, Jucken, Zittern, Zuckungen u. s. w.

   Allgemeine Vorschriften über die Untersuchung finden sich namentlich
 in de Epid. I, 23 und IV, 43, sowie in de humoribus, Kap. 2-4.

   Als bedenkliches Zeichen galt jene Veränderung der Gesichtszüge,
 die noch heute mit dem Namen „Facies Hippocratica“ bezeichnet
 wird: „Spitze Nase, hohle Augen, eingefallene Schläfen, kalte und
 zusammengezogene Ohren, abstehende Ohrläppchen, eine harte, straffe
 und trockene Stirnhaut, eine gelbe, schwärzliche, livide oder
 blaufarbige Färbung des ganzen Gesichtes (Prognost., Kap. II). Jedoch
 wußte man, daß diese Erscheinungen nicht bloß bei Sterbenden, sondern
 vorübergehend auch infolge von Erschöpfungszuständen (Hunger, Wachen,
 Diarrhöen) auftreten können.

   Anhaltende Rückenlage, namentlich wenn zugleich die Extremitäten
 gespreizt sind und der Mund offen steht, ebenso Bauchlage, wenn sie
 nicht auf Gewohnheit beruht, wurden ungünstig gedeutet.

   Bezüglich der äußeren Erscheinung und des Körperbaues wird Epid.
 III, 14 als Kennzeichen der Schwindsüchtigen hervorgehoben: ein wenig
 behaarter Körper, eine weißliche Haut, ein linsenfarbiger Teint,
 gelbe Augen, eine Haut, ähnlich wie bei Anasarka, hervorstehende
 Schulterblätter. Günstig ist es dagegen (Prorrhet. II, 7), wenn
 der (schwindsüchtige) Patient möglichst wenig mager ist, einen
 viereckigen, mit reichlichem Haarwuchs versehenen Brustkasten
 besitzt.“

   ~Die Temperatur wurde mit der auf die Brust gelegten Hand
 untersucht. Was den Puls anlangt~ (σφυγμός, παλμός, παλία), so
 ist (im Widerspruch gegen manche Angaben) hervorzuheben, daß die
 Hippokratiker zwar die regelmäßige Zählung und die Untersuchung mit
 all den Feinheiten, worauf später geachtet wurde, nicht pflegten,
 aber es keineswegs unterließen, aus der ~Beobachtung~ und ~Betastung~
 stärkerer (stürmischer) Pulsationen prognostische Schlüsse zu
 ziehen. Nicht wenige Stellen beweisen, daß man Pulsationen in der
 Schläfengegend, am Halse, in der Herzgegend, am Bauch, am Arm und am
 Handgelenk etc. sowohl inspizierte als palpierte.

   Großer prognostischer Wert wurde den Erscheinungen zugesprochen,
 die an den Augen zur Wahrnehmung gelangten; Stellung und Beweglichkeit
 der Augäpfel (Strabismus, Protusion), Verfärbung der Augenlider; auch
 die ungleiche Weite der Pupillen bei Gehirnkrankheiten war bekannt.

   Die höchste Aufmerksamkeit richtete man auf die Beschaffenheit der
 Absonderungen, wobei nicht bloß das Auge, sondern auch Geschmack und
 Geruch in den Dienst der Untersuchung gestellt wurden. Der Geruch
 des Schweißes, des Sputums, des Erbrochenen, des Urins, des Stuhles,
 der Wundsekrete; der Geschmack der Hautsekrete, des Ohrenschmalzes,
 des Nasenschleimes, der Tränen, des Sputums (süß oder widerlich)
 und der verschiedensten anderen Körperflüssigkeiten sollte durch den
 Arzt, zum Teil auch durch den Patienten selbst ermittelt werden. „Die
 Nase,“ heißt es Vorhersagungen I, 3, „gibt bei Fiebernden viele schöne
 Anzeichen, denn die Gerüche sind gar sehr voneinander verschieden.“
 Die kalte, warme, klebrige Beschaffenheit u. s. w. der Schweiße, ihr
 Auftreten an kritischen oder nichtkritischen Tagen, die (der Farbe,
 Konsistenz und Menge nach) verschiedenen Arten des Sputums, des
 Erbrochenen, des Harnes, des Stuhles bildeten einen Hauptfaktor bei
 der Stellung der Prognose.

   Es seien hier beispielsweise aus der überreichen Semiotik einige
 Notizen angeführt: Das ~Sputum~ muß leicht ausgesondert werden, und
 das Gelbe mit dem Sputum innig vermengt erscheinen. ... Schlimm sind
 ganz gelbe und schleimige Sputa. Wären sie aber so wenig vermischt,
 daß sie schwarz erscheinen, so wäre das noch schlimmer. ... Gelbes
 Sputum, mit ein wenig Blut vermischt, ist bei an Lungenentzündung
 Erkrankten, wenn es zu Beginn der Krankheit ausgeschieden wird, ein
 Zeichen, daß sie davonkommen, und sehr von Nutzen; tritt es erst am
 siebenten Tage oder noch später auf, so ist es ein wenig sicheres
 Anzeichen. -- Das Erbrochene ist dann im höchsten Grade zuträglich,
 wenn Schleim und Galle möglichst miteinander vermengt sind. ... Wenn
 das Erbrochene grün wie Lauch, blaß oder schwarz aussieht, so muß
 man es für schlecht halten. ... Bricht der Mensch aber in all diesen
 Färbungen, dann wird es für ihn sehr gefährlich. ... Der beste ~Stuhl~
 ist der weiche und konsistente. ... Der Stuhl muß dick werden, wenn
 die Krankheit zur Krisis kommt. ... Geht sehr wässeriger, weißlicher,
 gelber, ganz roter oder schaumiger Kot ab, so ist das stets schlimm.
 Schlimm ist es auch, wenn der Kot reichlich, zähe und gelblich ist
 und keine Klumpen enthält. Sicherer als dieser weist auf den Exitus
 hin schwarzer, fetter, blasser, rostfarbener und übelriechender
 Kot. ... Der ~Urin~ ist am besten, wenn der Bodensatz weißlich,
 ohne Klumpen und gleichmäßig ist während der ganzen Zeit bis zur
 Krisis. ... Kleienähnliche Sedimente sind bedenklich, schlimmer
 als diese sind die lamellenförmigen; weiße und dünne Sedimente
 sind sehr schlecht, gefährlicher noch als sie die schorfartigen.
 Wenn Wölkchen im Urin mitgeführt werden, sind sie gut, falls sie
 weißlich, schlecht, wenn sie schwarz aussehen. ... Verderblich ist der
 übelriechende, wässerige, schwarze und dicke Urin. Bei Erwachsenen
 ist der schwarze Urin am gefährlichsten, bei Kindern der wässerige.
 ~Man lasse sich nicht durch den Fall täuschen, daß die Blase selbst
 erkrankt ist~ und dem Urine solche Eigenschaften verleiht, weil
 das kein allgemeines Symptom für den ganzen Körper, sondern nur ein
 spezielles für die Blase ist. ... Im Urin sind weiße und unter sich
 absetzende Wolken von Nutzen, rote, schwarze und blasse Wolken aber
 sind etwas Mißliches. ... Wenn die Blase versperrt ist, so deutet
 das, zumal bei Kopfschmerz, auf Konvulsionen. ... Bei Epileptischen
 kündigt ungewöhnlich dünner und ungekochter Urin einen Anfall an.
 ... Bei denjenigen, auf deren Urin Blasen stehen, deuten sie auf
 eine Erkrankung der Nieren und auf eine lange Dauer des Leidens. ...
 Schaumiger Urin in Verbindung mit Bewußtlosigkeit und Schwäche der
 Augen deuten auf nahe bevorstehende Konvulsionen.

   Interessant ist es, daß man bereits zu Hilfsmitteln griff, um
 die Untersuchung zu erleichtern. Aphorismen V, 11 lautet: „Bei von
 Schwindsucht Befallenen deutet es auf Tod, wenn ihr Auswurf auf Kohlen
 geschüttet widrig riecht.“ Epid. VII, 25 heißt es: „Der Urin legte
 sich an einem Strohhalme an und war zäh und samenartig.“ De arte XII
 wird gesagt: „Wenn die Krankheitszeichen nicht deutlich zu Tage treten
 lassen, so hat die Natur Zwangsmaßregeln erfunden.“ Dahin gehörten
 z. B. probeweise angewendete Abführmittel, Beobachtung des Kranken
 nach anstrengendem Gehen und Laufen.

Nebst der ~Inspektion~, für welche die häufige Beobachtung des Nackten
in den Ringschulen als beste Vorschulung diente, wurde die ~Palpation~
zu einem so erstaunlichen Grade entwickelt, daß man ohne weiteres im
stande war, sich über Lage, Größen- und Konsistenzverhältnisse der
Leber, Milz, der Gebärmutter (hier kam noch Exploration per vaginam
durch die Hebamme hinzu) zu unterrichten. Darüber, ob sich die
Hippokratiker zur Diagnose des Aszites und Meteorismus der Perkussion
bedienten, ist nichts überliefert; die ~Auskultation~[51] hingegen
spielte eine gewisse Rolle bei der Untersuchung von Brustaffektionen.

  [51] Vergl. die Medizin der Aegypter.

Es scheint, daß eine von irrtümlichen Voraussetzungen ausgehende,
therapeutische Methode den Anlaß zur Lungenauskultation bildete,
nämlich die ~Sukkussion~, d. h. die Erschütterung des Thorax
vermittelst der auf die Schultern des Patienten gelegten Hände.
Dieses Schütteln (παράσεισμα) sollte den Abfluß des Eiters aus dem
Lungenparenchym in die Bronchien bewirken. Die Wahrnehmung der bei
diesem Verfahren zuweilen auftretenden Plätschergeräusche (bei Pyo-
oder Seropneumothorax, aber auch bei Bronchiektasien und Kavernen)
führte alsbald dahin, die Succussio (heute noch S. Hippocratis genannt)
auch als diagnostisches Mittel anzuwenden, nämlich um festzustellen,
ob und wo sich Eiter in der Pleurahöhle befindet[52], ferner wo die
Inzision für die Thorakozentese am passendsten gemacht werden könne.

  [52] Eiteransammlungen in der Bauchhöhle, die auch Empyem genannt
       wurden, erkennt man nach de morb. I, 17 nicht durch das
       Schütteln, sondern findet die Ansammlungsstelle durch die lokale
       Schmerzhaftigkeit, und „wenn man mit Töpfererde einen Umschlag
       macht, so trocknet sie binnen kurzem an der Stelle aus“ (wegen
       der Hitze).

   De morb. II, 47 wird die Succussio zunächst zu therapeutischem
 Zwecke bei Empyem erwähnt. Nützt sie nichts und ebensowenig die
 Eingießungen in den Schlund, welche Husten erregen und damit den
 Eiter herausbefördern sollen, dann tritt die Thorakozentese in ihre
 Rechte. „Einem solchen bereite man ein reichliches Warmwasserbad,
 setze ihn auf einen Sessel, welcher nicht wackelt, ein anderer halte
 ihm die Hände, ~man selbst aber schüttle ihn an den Schultern und
 horche, auf welcher Seite sich ein Geräusch vernehmen läßt~. An
 eben der Stelle -- es ist aber wünschenswert, daß es die linke sei
 -- mache man einen Einschnitt.“ Ebenso wird von den Geräuschen bei
 Sukkussion an mehreren anderen Orten (in de morbis I und III, 16, de
 loc. in hom. 14) gesprochen. Nach Praenot. Coac. 424 haben diejenigen
 Empyemkranken, bei welchen ein starkes Geräusch entsteht, weniger
 Eiter als diejenigen, bei welchen bei größeren Atembeschwerden ein
 schwaches Geräusch entsteht. Voll von Eiter und in Lebensgefahr
 sind jene, bei welchen hochgradigste Dyspnoe und Cyanose, aber kein
 Geräusch wahrgenommen wird.

Außer dem Plätschergeräusch bei Sukkussion beobachteten die
Hippokratiker noch andere Schallphänomene: ~Trachealrasseln,
kleinblasige Rasselgeräusche und pleuritisches Reiben~.

   Eine gefährliche Erscheinung ist es (de loc. in hom. 16), „wenn im
 Innern der Lunge noch blaßgelbe Massen vorhanden sind und dabei der
 Auswurf aufhört. An folgendem Merkmal aber hat man daran zu erkennen,
 ob noch welche darin sind oder nicht; wenn noch welche darin sind,
 so läßt sich beim Atmen in der Kehle ein Geräusch hören“. -- Bei
 der Diagnose des „Hydrops der Lunge“ wird (de morb. II, 61) gesagt:
 „~Wenn man das Ohr an die Seite hält und während längerer Zeit horcht,
 so siedet es innen wie Essig.~“ -- Ein pleuritisches Reibegeräusch
 wird wohl de morb. II, 59 beschrieben: „~Es läßt sich ein Knirschen
 vernehmen, welches von einem Lederriemen herzurühren scheint.~“

Von all den diagnostischen Methoden, welche die hippokratische Schule
verwendete, wurden gerade die Anfänge der physikalischen Diagnostik
am meisten verkannt und brach liegen gelassen, um erst nach vielen
Jahrhunderten wieder weiter entwickelt zu werden. Historisch verbürgt
ist es immerhin, daß der Begründer der modernen Auskultation, zum
Teil von den hippokratischen Schilderungen angeregt wurde und somit
schlummernde Gedankenkeime der Antike in ungeahnter Höhe zur Entfaltung
brachte!

~Die Therapie~ der Hippokratiker ist von der klaren Einsicht geleitet,
~daß nur innerhalb der Grenzen und durch das Walten der Physis Genesung
erfolgen kann, daß es Aufgabe des Arztes ist, die zumeist aber nicht
immer zweckmäßigen natürlichen Reaktionsvorgänge so zu lenken, daß
die Erhaltung des Organismus angestrebt wird~[53].

  [53] Die hippokratische Auffassung ist auch heute, selbst durch
       die moderne ätiologische Therapie nicht überholt, sondern nur
       vertieft.

Mit dem Vollbewußtsein der Ziele, der Grenzen und Leistungsfähigkeit
seiner Kunst wendet sich der Hippokratiker nur den voraussichtlich
heilbaren Krankheiten zu und tritt ans Krankenbett, erfüllt von dem
Grundsatze, „~zu nützen oder wenigstens nicht zu schaden~“[54].
Bemüht, dem Gange der Ereignisse beobachtend zu folgen, die
Wendungen vorauszusehen, greift er ~unter steter Berücksichtigung
der individuellen Eigentümlichkeiten, im Hinblick auf das Ganze~, nur
dann ~im richtigen Zeitpunkt~[55] tatkräftig ein, wenn die versagende
Energie der organischen Spannkräfte, übermäßige oder dem Gesamtzwecke
nicht entsprechende Reaktionen, den glücklichen Ausgang gefährden.
„~Nichts zwecklos tun, nichts übersehen.~“

  [54] ὼφελεὶν ὴ μὴ βλάπτειν. (Epid. I, 11.)

  [55] Auf den richtigen Zeitpunkt (καιρός) wurde ganz besonderer
       Wert gelegt; denn dieser ist rasch enteilt (Aphor. I, 1). Im
       5. Kapitel de morb. I wird über die „günstigen Augenblicke“
       gehandelt. Am dringendsten ist das rasche ärztliche Eingreifen
       bei der Ohnmacht, bei Erstickungsanfall, bei Verhaltung des
       Harnes und Stuhles, bei gebärenden oder abortierenden Frauen
       etc. Wo es nur auf Schmerzlinderung ankommt, eilt es nicht. Bei
       gewissen Fällen ist am Morgen, am Abend, an jedem dritten oder
       vierten Tage oder alle drei Monate der Augenblick zum Eingreifen
       gekommen. -- ~Bemerkenswert ist es, daß die hippokratische
       Medizin auch hier auf die Krankheitserscheinungen oder gewisse
       empirisch anscheinend festgestellte Tatsachen Rücksicht nimmt
       und sich nicht wie die orientalische Medizin an eine feste
       Schablone bindet. Dies zeigt sich besonders darin, daß man sich
       bei Vornahme des Aderlasses nicht an bestimmte Tage band.~

Da es vor allem darauf ankommt, das nötige Maß der Körperenergie
zu erhalten oder herzustellen, so bildet nach hippokratischer
Auffassung die Regelung der Lebensweise, die richtige Bestimmung
der Nahrungszufuhr und ihres Verhältnisses zum Kräfteumsatz, die
~diätetische Therapie~ im weitesten Sinne Grundlage der Behandlung. Von
der Diät, auf welche die früheren Aerzte zu wenig Rücksicht genommen,
leitet der Verfasser der „alten Medizin“ die ganze Heilkunst ab.

   Bei den akuten Affektionen, besonders zur Zeit ihres Höhepunktes,
 ist im allgemeinen Nahrungsverminderung, bei Fieberkranken und
 Verwundeten flüssige Nahrung angezeigt. Eine Hauptrolle spielte die
 πτισάνη, die Abkochung von Gerstengraupen, wobei wieder, je nach
 den individuellen Verhältnissen und dem Krankheitsstadium, eine
 bestimmte Quantität zunächst der dünnen, durchgeseihten, dann der
 nicht durchgeschlagenen Suppe verabreicht wurde. Als Getränke dienten
 Honigwasser, Sauerhonig (Essig, Honig und Wasser, ὁξυμέλι), Milch
 und verschiedene Weinsorten. Außer der Ptisane wurden auch andere
 Krankensuppen verwendet, die man aus Hirse, Mehl und Weizengraupen
 bereitete. -- Mit bewundernswerter Sorgfalt sind namentlich in de
 diaeta II die einzelnen Lebensmittel nach ihren Wirkungen abgehandelt.
 Bei den chronischen Affektionen regelten die Hippokratiker nicht nur
 die Nahrungsaufnahme, sondern entlehnten auch die Erfahrungen der
 Gymnasten und verordneten, aber nicht schablonenhaft, Spaziergänge,
 Leibesübungen, körperliche Arbeit (z. B. Holzsägen), Bäder,
 Massage, lautes Lesen, Reden, Singen etc. Fettleibigkeit erzeugte
 man durch anfangs täglich gesteigerte Märsche mit allmählicher
 Nahrungsentziehung und darauffolgender anwachsender Nahrungsaufnahme
 bei gleichzeitiger Einschränkung der Bewegung.

   Wichtig war die Regel, daß man sich bei Verordnung der Lebensweise
 von Vorsicht leiten lasse, jedes Uebermaß (Hungerkur, anstrengende
 Läufe etc. der Gymnasten) meide, nicht zu rasch die bisherigen
 Gewohnheiten ändere, „denn jedes Viel ist der Natur feindlich, das
 Allmähliche hingegen ist gefahrlos, besonders wenn man sich von dem
 einen zu dem anderen wendet“ (Aph. II, 51). Im Buche de victu in
 acut. wird empfohlen, bei der Vermehrung der Nahrungsmittel vorsichtig
 vorzugehen und bei Nahrungsentziehung darauf zu sehen, ob die Kräfte
 des Patienten es aushalten (vergl. auch Aph. I, 9).

Ganz besonders bei fieberhaften Krankheiten leuchtet der Zweck
hindurch, durch knappe Diät, durch flüssige Nahrungsmittel die Natur
in ihrem Wirken zu unterstützen. Hier sollten nämlich einerseits die
natürlichen Kräfte nicht durch die Verdauungstätigkeit in Anspruch
genommen und von ihrem Heilstreben abgezogen werden -- „je mehr man
ungereinigte Körper nährt, desto mehr schadet man ihnen“ (Aph. II, 10)
--, anderseits beabsichtigte man, durch kühlende, schleimige Getränke
die Wege zur Entleerung der verdorbenen Säfte schlüpfrig zu machen.
Zur Zeit des Höhepunktes, vor der Krisis, schien leichte Diät ein
Gebot der Notwendigkeit zu sein.

Die arzneiliche Therapie verfolgte vorzugsweise den Plan,
die Ausscheidung der krankmachenden Stoffe zu unterstützen,
bald zu steigern, bald zu mäßigen oder von abnorm ungünstigen
Durchbruchsstellen abzulenken. Bevor das Fieber seinen Typus nicht
verriet, im Stadium der „Roheit der Säfte“ nahmen die Hippokratiker
keinen Eingriff vor, sondern erst im Stadium der „Kochung“, wenn
es durch gewisse Erscheinungen angezeigt war. „Abführen und in Fluß
bringen soll man Gekochtes, nicht aber Rohes und auch nicht gleich
zu Anfang, wenn es nicht nach außen drängt“ (Aph. I, 22). „Sich
Abscheidendes oder eben erst Abgeschiedenes soll weder getrieben, noch
von neuem geschärft werden, weder durch Arzneien, noch andere Reize,
sondern in Ruhe gelassen werden“ (Ibid. 20). Mittel zur Unterstützung
stockender Entleerung waren ~milde Abführmittel~, ~Brechmittel~,
~Blutentziehung~, daneben auch Diuretika, keineswegs aber eigentliche
Schwitzmittel. Die Wege, welche die Säfte selbst einschlagen, sollen in
der Regel auch Ziel des ärztlichen Eingriffes sein, d. h. der Abfluß
ist in seiner Richtung zu fördern: „Was man ableiten muß, soll man
da, wohin es sich wendet, abführen, durch die dazu geeigneten Stellen“
(Aph. I, 21). Wollen die Säfte aber dahin gehen, wo es nicht förderlich
ist, z. B. der Schleim nach der Lunge, so muß man sie einen Seitenweg
führen oder sogar ihren Strom wenden, indem man diejenigen nach unten
zieht, die nach oben streben und umgekehrt.

Die Wahl von meistens milden Abführ- und Brechmitteln beweist schon,
daß es sich den Hippokratikern zumeist weniger um drastische Entleerung
handelte -- die sie sogar verwarfen --, als vielmehr um Ableitung der
schädlichen Säfte. Hierzu diente, namentlich bei heftigen Entzündungen,
als mächtigstes Mittel der Aderlaß, welcher verhältnismäßig selten,
dann aber in dringenden Fällen auch energisch angewendet wurde. Die
Venäsektion nahm man zumeist am Arme, am Fuß, in der Kniekehle, an der
Zunge u. s. w. vor und trieb sie, je nach dem Kräftezustand, soweit
als möglich, selbst bis zur Ohnmacht[56]; denn „für äußerste Leiden
sind mit Umsicht angewandte äußerste Heilarten am besten“. Aehnliche,
aber weit geringere Wirkung erfolgte durch das Schröpfen[57] oder
Skarifikationen; der Gebrauch der Blutegel war noch nicht bekannt.
Zugleich mit der Ableitung der Säfte wurde bei der Blutentziehung
ebenso wie bei der Kauterisation die Linderung der Schmerzen[58]
beabsichtigt.

  [56] Ueber die Ausführung des Aderlasses gaben die Schriften de
       medico, de vulnerib. et ulc. und de vict. acut. zweckmäßige
       Vorschriften. In der Regel wurden, wenn es der Kräftezustand
       erlaubte, bedeutende Blutmengen, je nach der Schwere der
       Krankheit, entzogen; bei Kindern, Greisen und Schwangeren
       wendete man größere Vorsicht an. Gewöhnlich wählte man zur
       Applikation solche Stellen, die dem leidenden Teile so nahe
       als möglich sind, oder vermeintlich mit den leidenden Teilen
       in Verbindung stehen. -- Prophylaktische Aderlässe sollen nur
       im Frühjahre ausgeführt werden.

  [57] Der Schröpfkopf (σικύᾳ) war aus Horn, Glas, Bronze oder einem
       Flaschenkürbisende verfertigt.

  [58] In leichten Fällen kamen Fomente zur Anwendung. -- Das Opium
       diente nur als schlafmachendes, nicht aber als schmerzstillendes
       Mittel.

Wie die Behandlung des Schmerzes zeigt, war die Denkweise der
Hippokratiker auf die Beseitigung der Krankheitsgrundlage gerichtet,
nicht bloß auf die Beseitigung der Symptome, sie erfüllten zum
mindesten die Indicatio morbi, wie man in späterer Terminologie sagt.
Darum wird es auch in de victu acut. (Kap. 44) als Fehler betrachtet,
wenn ein Arzt einem Kranken eine zu große Menge von Nahrung zuführt,
in der Meinung, er sei krank durch Leerheit der Gefäße, oder umgekehrt
einen anderen, der wirklich infolge von Leerheit der Gefäße erkrankt
ist, mit knapper Diät herunterbringt. ~Erscheint im Lichte unserer
heutigen Krankheitsauffassung das tatsächliche therapeutische Wirken
der Hippokratiker zumeist symptomatologisch, ihr Denken war im Rahmen
der zeitgenössischen Pathologie ätiologisch.~

Es entging ihrer Reflexion keineswegs, daß bisweilen zufällige
Nebenwirkungen der Heilmittel von Erfolg begleitet sind[59]; dieselben
Arzneien bei verschiedenen Kranken oder bei demselben Patienten
in verschiedenen Zeiten ungleich, oft sogar gegensätzlich wirken;
Substanzen, die anscheinend entgegengesetzte Eigenschaften besitzen,
denselben Effekt hervorbringen[60]. Bei dieser Betrachtung kam man
auch zu dem Ergebnis, daß Krankheiten zwar stets nur durch Aufhebung
ihrer Ursache schwinden[61], die Behebung der Ursache aber zuweilen
durch solche Heilmittel zu stande kommt, welche (bei Gesunden) Symptome
erzeugen, die den behobenen Krankheitsphänomenen ähnlich sind[62].
Darum liegt es den Hippokratikern fern -- was später geschah -- das
Dogma „Contraria contrariis“ aufzustellen, schon aus dem Grunde, weil
man, wie es in de prisca medicina heißt, die Wirkung eines Mittels
nicht a priori aus einer Elementarqualität (warm, kalt, trocken,
feucht) ableiten kann, vielmehr nur die Erfahrung den Ausschlag gibt.

  [59] De morbis I, Kap. 7.

  [60] De loc. in hom. Kap. 40.

  [61] Z. B. Aph. II, 22. „Alle durch Ueberfüllung kommenden
       Krankheiten heilt die Entleerung, alle durch Entleerung
       kommenden die Anfüllung und die übrigen ihr Gegenteil.“ De
       flatib. Kap. 1: „Mit einem Worte gesagt, ~es ist das Gegenteil
       das Heilmittel des Gegenteils~, denn die ärztliche Kunst
       ist Hinzufügung und Wegnahme, Wegnahme des Ueberschusses,
       Hinzufügung des Mangelnden.“

  [62] De loc. in hom. Kap. 40 und 41 wird eine ganze Reihe solcher
       Beispiele aufgezählt, welche den Verfasser zu dem an die
       Homöopathie anklingenden Satz hinführt: „~Durch das Aehnliche
       entsteht die Krankheit und durch die Anwendung des Nämlichen
       werden die Menschen statt krank gesund.~“ Auf Grund dieses
       Satzes wollte man bei Hippokrates eine Rechtfertigung der
       Homöopathie finden. Aber mit Unrecht; denn in demselben Kapitel
       heißt es: „Auf beiden entgegengesetzten Wegen wird der Kranke
       genesen. Wenn es sich mit allen Fällen so verhielte, so würde
       es wohl feststehende Regel geworden sein, auf diese Weise die
       einen Zustände mit dem Entgegengesetzten zu behandeln, wie sie
       nun sein und woher sie kommen mögen, die anderen hingegen mit
       dem Nämlichen.“ ... Ganz richtig erkennt auch derselbe Autor,
       ~daß das „Homöopathische“ nur in den Symptomen besteht~, wenn
       er als Beispiel anführt: „Wenn man einen Menschen, welcher
       erbricht, viel Wasser zu trinken geben wollte, so wird das, um
       dessentwillen er erbricht, beim Erbrechen mit hinuntergespült.“
       Also die causa morbi wird hier durch ein Mittel vertrieben,
       welches an sich Erbrechen erregen kann. Deutet man solche Fälle
       „homöopathisch“, dann haftet man eben nur an der Oberfläche
       der Symptome, ohne das Wesen des Vorganges zu erfassen. Der
       homöopathische Schein begleitet eben Heilformen, welche das
       contraria contrariis befolgen, ätiologisch wirken, wie z. B. die
       Opiumtherapie der Bleivergiftung, die Behandlung der Dysenterie
       mit Abführmitteln etc.



Die einzelnen medizinischen Wissenszweige im Corpus Hippocraticum.


Die ~anatomischen~ Kenntnisse der Hippokratiker sind zum größten Teile
aus Tierzergliederungen, Erfahrungen bei der Schlachtung und Opferschau
und aus der Beobachtung chirurgischer Fälle geschöpft. Von einer
~planmäßigen~ Sektion menschlicher Leichen konnte bei den strengen
religiösen Vorschriften, welche die sofortige Beerdigung geboten, bei
dem abergläubischen Abscheu vor dem Toten keine Rede sein. Wiewohl
nicht einwandsfrei bewiesen, so doch nicht ganz abzuweisen ist dagegen
die Annahme, daß einzelne hervorragende Forscher, wenn sich die seltene
Gelegenheit darbot, auch vor der Untersuchung menschlicher Körper oder
wenigstens Körperteile (namentlich Knochen) nicht zurückschreckten und
dieselbe zur Korrektur der herrschenden Anschauungen verwendeten. Die
Wahrscheinlichkeit dieser Annahme ergibt sich, abgesehen von manchen
Erzählungen[63] der antiken Autoren, insbesondere aus der Ueberlegung,
daß die Leichen von Barbaren, Vaterlandsverrätern, Verbrechern dem
Bannkreis der religiösen Satzungen entzogen waren und daher ebenso wie
die zufällig angeschwemmten Leichenteile die Neugier wissenschaftlicher
Forscher reizen konnten. Von den oft diskutierten Stellen im Corpus
Hippocraticum, die nach der Auffassung einzelner Historiker für
die Sektion menschlicher Leichen sprechen[64], ist keine absolut
beweisend, und keinesfalls sind in der Pathologie tiefere Spuren von
anatomischen Untersuchungen (an Krankheiten)[65] Verstorbener merkbar,
hingegen wird von den Hippokratikern nicht selten vergleichend auf
die zootomischen Tatsachen oder pathologisch-anatomischen Befunde,
wie sie beim Schlachten der Tiere aufstoßen mußten, hingewiesen[66].

  [63] Herodot IX, 83. Da nämlich die Platäer die Gebeine der Perser
       auf einen Platz zusammentrugen, fand sich ein Kopf, welcher gar
       keine Naht hatte, sondern aus einem einzigen Knochen bestand.
       Plinius, Hist. nat. XI, 70. Pausanias IV, 9.

  [64] Z. B. de corde X: „Wenn nun einer, der den alten Ritus kennt,
       einem Verstorbenen das Herz herausnimmt und von den beiden
       Klappen die eine stützt und die andere sich außerdem noch
       zurücklehnen läßt, so wird weder Wasser noch Luft in das Innere
       des Herzens dringen können.“ De articulis I, 1: „Gesetzt, man
       entblößte den oberen Teil der Schulter von Weichteilen ...“
       L. c. 46 wird von Wirbelluxation gesprochen und gesagt, die
       Einrichtung wäre unmöglich, „man müßte denn dem Betreffenden
       die Leibeshöhle aufschneiden, die Hand einführen und von innen
       her mit der Hand nach außen drängen, was man zwar an der Leiche,
       nicht aber am lebenden Menschen machen kann“.

  [65] Epid. V, 26 heißt es allerdings von einem an Rippenbruch mit
       konsekutiver Verjauchung Verstorbenen: „Es wurde erkannt, daß
       sich die Krankheit weiter erstreckte als unter die Haut. Selbst
       wenn der Betreffende die richtige Behandlung erfahren hätte,
       wäre er doch nicht mit dem Leben davongekommen.“

  [66] De morbo sacro 3: Das Gehirn des Menschen doppelt wie das
       der Tiere. Epid. VI, 6: Dickdarm des Menschen gleicht dem des
       Hundes. De anatome: Herz des Menschen stärker gerundet als das
       der Tiere. De carne 17: Tier- und Menschenauge. Pathologische
       Befunde: de morbo sacro: Ziegenhirn. De affect. int. XXIII:
       Hydatiden der Lunge beim Hunde, Schwein und Rind.

Der Unterricht in der Anatomie -- worauf die Asklepiaden nach Galen so
großen Wert legten -- stützte sich neben mündlicher Ueberlieferung auf
häufige Tierzergliederung; vielleicht wurden hierbei auch Nachbildungen
von Skeletten benützt, nach Art desjenigen, welches in Delphoi als
angebliches Weihgeschenk des Hippokrates verwahrt wurde[67].

  [67] Pausanias X, 2, 4.

Aus der Uebertragung zootomischer Forschungsergebnisse auf den
Menschen erklären sich viele Mängel der hippokratischen Anatomie,
z. B. die Lehre vom zweihörnigen Uterus, woran sich eine ganze Reihe
phantastischer Hypothesen knüpft.

   Die ~Osteologie~ ist in den hippokratischen Schriften
 gründlich behandelt; gute Beschreibung von Knochen und einzelnen
 Gelenksverbindungen (z. B. der Rippen mit den Wirbeln und dem
 Brustbein, Hüftgelenk, mangelhaft dagegen die Kenntnis des Knie- und
 Ellbogengelenks); man kannte Diaphyse und Epiphyse, das Periost, das
 Knochenmark, Schädelnähte, die Diploë, die beiden Schädelplatten und
 wußte von der Existenz der Synovia. -- Die ~Muskeln~ werden von den
 Weichteilen überhaupt nicht scharf getrennt. Der Begriff der Sehnen
 (νεῦρα, τένοντες) ist unklar, sie werden mit Nerven und Bändern
 zusammengeworfen. Bekannt scheinen Schläfen-, Kau-, Nackenmuskel,
 Deltoides, Pectoralis major, Biceps, Triceps, Brachialis int., Hand-
 und Fingerbeugen, Psoas, Glutäen, Biceps femoris, Achillessehne,
 Rückenmuskeln. -- Die ~Eingeweidelehre~ ist mangelhaft. Erwähnung,
 aber keine genauere Beschreibung finden die Einzelheiten der
 Mundhöhle, der Rachen, die Speiseröhre, der Magen, die Därme, die
 Leber (zweilappig) mit Pforte und Gallenblase, die Milz (ähnlich
 der Sohle des Fußes), das Mesenterion, Mesokolon, das Bauchfell,
 Nieren (herzförmig), Harnblase, Harnröhre, Hoden, Samenblasen, Ductus
 ejaculatorii, Uterus (zweihörnig) und Bänder des Uterus (Ovarien nicht
 beschrieben), äußerer und innerer Muttermund (Vagina gilt als Teil
 des Uterus, Hymen ist unbekannt). Was den Respirationstrakt anlangt,
 so kannten die Hippokratiker die Luftröhre (ἀρτηρίη), die Epiglottis,
 die Bronchien und beschrieben an der Lunge fünf Lappen. Von ~Drüsen~
 sind die Tonsillen, Lymphdrüsen des Halses, der Achselhöhle und
 Inguinalgegend, die Mesenterialdrüsen, die Brustdrüsen genannt.
 Das ~Gefäßsystem~ wird in den einzelnen Schriften sehr verworren
 geschildert. Als Ausgangspunkt gilt der Kopf, später die Aorta und
 Hohlvene, welche von der Milz und Leber entspringen; nach dem Buche
 de morbo sacro treten alle Adern des Körpers in das Herz. Unter φλέβες
 sind ursprünglich alle Hohlgänge des Körpers, später die blutführenden
 Adern zu verstehen: ἀρτηρίη bedeutet zunächst die Luftröhre und
 Bronchien, später auch die vorwiegend oder ausschließlich Luft
 führenden Arterien. Am besten bekannt sind die großen und die
 oberflächlich verlaufenden Gefäße, aber ihre Verästelung ist zumeist
 ganz phantastisch[68] dargestellt (Kreuzung, vielleicht aus der
 Beobachtung der Kreuzungserscheinungen bei zerebralen Lähmungen
 ersonnen). In der Beschreibung des Herzens (pyramidenförmig) wird des
 Herzbeutels (eine kleine Menge harnähnlicher Flüssigkeit enthaltend),
 der Herzohren, der Scheidewand, der Kammern, der Halbmondklappen, der
 Sehnenfäden gedacht. Beide Kammern kommunizieren, die linke nährt
 sich vom feinsten Bestandteil des Blutes der rechten Kammer. Ganz
 unzureichend ist die ~Neurologie~, da Nerven mit Sehnen, Bändern
 und Gefäßen zusammengeworfen werden, das Gehirn aber als eine
 mit kalter Flüssigkeit gefüllte Drüse gilt; eine dickere und eine
 dünnere Haut umgeben das in zwei Hälften zerfallende Gehirn, aus
 dem das gleichfalls umhäutete Rückenmark entspringt. Von Nerven sind
 angedeutet der Olfactorius, Opticus, Trigeminus, Vagus, Sympathicus,
 Plex. brachialis, Ulnaris, Ischiadicus, Intercostales etc. Von den
 ~Sinnesorganen~ fehlt jede tiefere Kenntnis. Am ~Auge~ beschrieb
 man drei Häute, die weiße, dünnere, spinnwebeartige Haut. Bei der
 obersten (weißen) Haut unterschied man die vor der Pupille (κόρη)
 gelegene Hornhaut (τὸ διαφανὲς, das Durchsichtige), bei der mittleren
 (dünneren) die Regenbogenhaut (τὸ μέλαν). Vom ~Ohre~ kannten die
 Hippokratiker den knöchernen Teil und das Trommelfell („dünn wie
 Spinngewebe“).

  [68] Nach der ältesten von ~Syennesis~ herrührenden Beschreibung
       entspringen die Gefäße aus dem Kopfe und kreuzen sich bei ihrem
       Uebergang auf den Rumpf; nach ~Diogenes von Apollonia~ sind zwei
       große Gefäße des Rumpfes (Aorta und Hohlvene) Ausgangspunkt der
       Adern. Die im Corpus Hippocraticum vorhandene Gefäßbeschreibung
       (de natura hominis, de natura ossium) stammt nach dem Zeugnis
       des Aristoteles von ~Polybos~. Ihr zufolge gibt es vier Paare
       von Hauptadern, von denen das erste hinten aus dem Nacken,
       ein zweites aus dem Kopfe hinter den Ohren, das dritte aus den
       Schläfen, das vierte aus der Stirn entspringt.

Die ~Physiologie~ der Hippokratiker entbehrt strenger Einheitlichkeit
infolge des verschiedenartigen Ursprungs der einzelnen Schriften und
läßt sich nur aus zerstreuten Bemerkungen zusammenstellen, welche
nicht selten miteinander im Widerspruch stehen. Deutlich verrät sich
der naturphilosophische Einfluß in den Grundideen, in der Auffassung
des Lebensprinzips und der konstituierenden Elemente des Körpers,
und nicht zum mindesten zeigen gerade die hippokratischen Schriften,
wie wechselvoll und langwierig der Meinungskampf war, der sich über
diese Fragen im Lager der Spekulation abspielte. Wir finden solche
Schriften, deren Theorie von einzelnen der vier ~Elemente~, der Luft,
oder dem Feuer, oder dem Feuer und Wasser ausgeht, andere, in welchen
der Antagonismus der ~Qualitäten~ des Warmen, Kalten, Trockenen und
Feuchten, des Herben, Süßen, Saueren etc. die Hauptrolle spielt,
endlich solche, wo alle Erscheinungen von den ~Körpersäften~ abgeleitet
werden, in denen man das Analogon oder die besondere Modifikation der
kosmischen Elemente und ihrer Qualitäten erblickte. Bald repräsentieren
~zwei Säfte~: der Schleim und die Galle, den Gegensatz des ~Kalten~
und ~Warmen~, bald sind es ~vier Kardinalflüssigkeiten, welche den vier
Elementen oder vier Qualitäten entsprechen~: das Blut, der Schleim, das
Wasser, die Galle oder das Blut, der Schleim, die gelbe, die schwarze
Galle. In dieser letzten Fassung, wie sie z. B. in der Schrift de
natura hominis hervortritt, gelangt die Vier-Säftetheorie endlich zum
Abschluß. -- Auch der uralte Streit, ob die Luft oder die Blutwärme
das eigentliche Lebensprinzip darstellt, findet bei aller Schwankung
eine Lösung, die einem Kompromiß gleichkommt: ~Die Wärme wird zum
eigentlichen Lebensprinzip erhoben, aber (vom Blute abstrahiert) von
der Zufuhr des Pneuma abhängig gemacht~.

Die beiden Hauptideen, welche die hippokratische Physiologie
durchwalten, sind die Idee der ~Zweckmäßigkeit~. -- „Die Natur ist
für alles in jeder Beziehung genügend“ (De alimento XI) und der
Gedanke, ~daß alle Organe~ in ihrer Funktion zusammenwirken, ~zu einem
einheitlichen Ganzen verbunden sind~. -- „Ein Zusammenströmen, ~eine~
Vereinigung, ~eine~ Sympathie“ (De alimento XXIII). Jede Störung
ergreift daher den ganzen Organismus.

Von methodologischem Interesse ist es, daß die Hippokratiker sehr
häufig physiologische Vorgänge durch diejenigen Stoffe und Kräfte
erläutern, auf welche die tägliche Beobachtung hinweist[69]. Der
nächste Schritt wird durch Vergleiche zwischen Makrokosmus und
Mikrokosmus, zwischen Tier- und Pflanzenleben oder, wie namentlich in
den knidischen Schriften, durch ~physikalische Vergleiche~ bezeichnet.

  [69] Beispielsweise verglich man die Anziehungskraft der Körperteile
       gegenüber den Säften mit der Wirkung der Schröpfköpfe. -- Die
       Entstehung des Geschlechtes aus dem Ueberwiegen des männlichen
       oder weiblichen Samens erläutert der Verfasser von de semine mit
       folgendem Bilde: „Nimmt man mehr Fett als Wachs und schmilzt
       beides am Feuer, bis es flüssig geworden, so kann man nicht
       sehen, welches überwiegt, wenn es hingegen wieder hart geworden
       ist, kann man wahrnehmen, daß das Fett an Menge überlegen ist.
       So verhält es sich auch mit dem männlichen und weiblichen
       Samen.“ Im Buche de morbis IV findet sich eine ganze Reihe
       von Vergleichen krankhafter Vorgänge mit der Milchgerinnung,
       Molkenbereitung, der Verdampfung etc. Im Buche de diaeta I (Kap.
       32) heißt es: „Das Feinste vom Wasser und das Lockerste vom
       Feuer deuten in ihrer Vereinigung auf den gesündesten Zustand im
       Körper des Menschen hin.... Das weichste und lockerste Kupfer
       läßt die ausgiebigste Mischung (Legierung) zu; so verhält
       es sich auch mit der Mischung des Feinsten am Wasser und des
       Lockersten am Feuer.“

Auch klinische Erfahrungen und Experimente wurden als Mittel zur
Erkenntnis herangezogen. So weist der Verfasser von de musculis
darauf hin, daß bei Selbstmördern nach Durchschneidung der Luftröhre
Stimmlosigkeit entstehe, woraus hervorgehe, daß die Stimme vom Ertönen
der Luft im Innern der Luftröhre abzuleiten sei. In der Schrift de
corde wird die Behauptung vertreten, daß ein Teil der Flüssigkeit beim
Trinken in die Luftröhre gelange und zum Beweise folgender ~Versuch~
angeführt: „Wenn man Wasser mit blauem Kupferocker oder mit Mennige
verrührt, einem fast verdurstenden Tiere, vorzüglich einem Schweine,
davon zu saufen gibt und ihm darauf, während es noch säuft, die Kehle
durchschneidet, so wird man diese durch den Trunk gefärbt finden.“ In
derselben Schrift wird gesagt, daß man sich durch den Versuch von der
Schlußfähigkeit der halbmondförmigen Klappen überzeugen könne, denn
„wenn einer das Herz herausnimmt und von den beiden Klappen die eine
stützt und die andere sich außerdem noch (von den Wänden) zurücklehnen
läßt, so wird weder Wasser, noch darauf auftreffende Luft hindurch in
das Innere des Herzens dringen können“.

   Grundprinzip des Lebens ist jedenfalls die dem Körper
 ~„eingepflanzte“ Wärme~ (ὲμφυτὸν θερμόν), welche ihren Sitz im
 linken Herzen hat. Unter dem Einfluß der „eingepflanzten“ Wärme
 werden aus den Nahrungsmitteln die flüssigen Grundstoffe und aus
 deren verschiedenartiger Mischung wieder die festen Körperteile
 gebildet; die Mannigfaltigkeit der Organe erklärt sich aus den
 verschiedenen Graden, in denen die Wärme auf das Grundmaterial wirkt.
 Das Hauptmaterial zum Organaufbau stellt das Blut dar, welches in der
 Leber bereitet wird und im rechten Ventrikel die gehörige Temperatur
 erhält. Von dort strömt es, vom pulsierenden Herzen getrieben,
 durch die „Adern“ zu allen Körperteilen. Ueber den Inhalt des linken
 Ventrikels und der Arterien ist nichts Genaues überliefert; sicher
 ist nur, daß man sich denselben entweder nur aus Pneuma oder doch
 vorwiegend aus Pneuma (neben den feinsten Blutbestandteilen) bestehend
 dachte[70]. Das bei Verletzung der Arterien hörbare Zischen, die
 Tatsache, daß in der Leiche der linke Ventrikel blutleer gefunden
 wurde, spiegelte wohl einen „exakten“ Beweis für diese irrige Annahme
 vor. Ueber den Zweck der Lungen und die ~Respiration~ finden sich
 nur unbestimmte und vielfach abweichende Angaben. Nach de anatome
 dienen die an sich kalten Lungen dazu, die kalte Luft aufzunehmen
 und das Herz abzukühlen. Diese „Abkühlung“ werde auch noch dadurch
 unterstützt, daß beim Trinken eine kleine Menge von Flüssigkeit
 auf dem Wege der Luftröhre in den Herzbeutel dringe. (Beobachtung
 der Herzbeutelflüssigkeit in der Leiche!) Anderseits werde die dem
 Herzen eingepflanzte Wärme durch die Luft, welche aus den Lungen
 und Lungengefäßen zuströme, bezw. durch das (in der Luft enthaltene,
 belebende) Pneuma stetig unterhalten.

  [70] Im Buche de corde wird ausdrücklich gesagt, daß sich der linke
       Ventrikel nur von dem „reinen und lichten Ueberschusse“ nährt,
       „welcher aus einer Blutaussonderung herstammt“, keineswegs
       aber von „sichtbarem Blute“. Die Aorta hingegen ist nach
       demselben Autor mit Blut gefüllt, welches „aus dem Leibe und
       den Eingeweiden“ stammt; der Klappenverschluß habe den Zweck,
       den Eintritt des Blutes in den linken Ventrikel zu verhüten!
       Bei der Sektion zeige sich das linke Herz völlig leer, die
       Arterie dagegen sei ebensowenig als das rechte Herz blutleer.

   In gänzlicher Unkenntnis der Bedeutung des Nervensystems
 betrachteten die Hippokratiker das ~Pneuma~ als Quelle der Empfindung
 und Bewegung. Ueber den Zentralsitz desselben divergieren die
 Anschauungen. Nach de morbo verbreitet sich das Pneuma vom Gehirn aus
 zu den übrigen Körperteilen (koische Lehre: Atmung bloß durch Mund
 und Nase), nach de corde dagegen bildet das Herz den Ausgangspunkt
 der Pneumazirkulation (sizil. Lehre: Atmung durch die gesamte
 Körperoberfläche); damit hängt es zusammen, wenn in der erstgenannten
 Schrift ~das Gehirn als Sitz des Denkens, Fühlens und Wollens gilt~,
 während der Verfasser von de corde den Verstand in das linke Herz
 verlegt.

   Das Gehirn wird zumeist nur als Drüse angesehen, als Sitz des Kalten
 und Schleimigen, mit der Aufgabe betraut, das überflüssige Wasser
 des Körpers und den Schleim an sich heranzuziehen. (Treten in diesen
 Funktionen Störungen ein, so entstehen abnorme Schleimanhäufungen
 in anderen Organen = Katarrhe.) Nebstdem dient es als Sammelstätte
 des (vom ganzen Körper abgesonderten) Samens, von wo aus derselbe
 zu den Hoden geführt wird. -- Was die ~Sinnesempfindungen~ anlangt,
 so erklärte man das Sehen durch Perzeption des Bildes, welches
 sich in der Pupille abspiegelt, das Hören durch den Widerhall der
 harten Schädelknochen und die Fortleitung zum Gehirn, der Geruch
 sollte dadurch zu stande kommen, daß die Riechstoffe auf dem Wege
 der Siebplatte in das Gehirn eindringen. -- Die ~Embryologie~ des
 Corpus Hippocraticum beruft sich auf Beobachtungen an Frühgeburten
 oder an bebrüteten Hühnereiern. Längstens am 30. oder 42. Tage sollen
 alle Teile des Kindes deutlich entwickelt sein, die menschliche Form
 wird schon am 7. Tage deutlich erkennbar. Die Frucht wird durch die
 Nabelgefäße ernährt, saugt aber auch an den becherförmigen Erhöhungen
 der Innenwand des Uterus (Kotyledonen), welche Luft zuführen. --
 Was die ~Zeugungslehre~ anbetrifft, so glaubten die Hippokratiker,
 daß der Same nicht in den Hoden bereitet, sondern als Produkt des
 ganzen Körpers aufgestapelt werde. Der Uterus ist zweihörnig (nach
 Tierbeobachtungen), vor dem Eintritt der Menses Hochstand, vor der
 Geburt Tiefstand des Orificium uteri, bei Erstgebärenden weichen die
 Hüftbeine intra partum auseinander, zwischen Uterus und Brustdrüsen
 besteht eine Wechselbeziehung, die Ursache der Menstruation
 (normalerweise 3tägig) und der Milchsekretion ist physikalischer
 Natur (die Milch wird durch den aufgetriebenen Uterus aus dem Netze
 nach den Brustdrüsen gedrückt). Auch die Frauen haben Samen, nach de
 sem. besitzen beide Geschlechter beide Arten von Samen (männlichen
 und weiblichen), das Geschlecht des Kindes hängt vom Ueberwiegen des
 männlichen (stärkeren) oder weiblichen (schwächeren) ab, im ersteren
 Falle entsteht ein Knabe, im letzteren ein Mädchen. Bei wässeriger
 Diät der Schwangeren entwickelt sich ein Mädchen, bei feuriger ein
 Knabe. In der rechten (kräftigeren) Seite des Uterus werden Knaben,
 in der linken Seite werden Mädchen geboren. Siebenmonatliche Früchte
 sind lebensfähiger als achtmonatliche.

Ueber die ~Arzneimittellehre~ der Hippokratiker erfährt man das
meiste aus den knidischen Schriften, namentlich den gynäkologischen.
Im ganzen hat man gegen 300 Heilstoffe gezählt. Bemerkenswert für
den Zusammenhang der griechischen mit der fremdländischen Heilkunde
ist es, daß so manche Mittel ägyptischen oder indischen Ursprungs
sind. An Aegypten erinnert außer manchen Heilstoffen schon die
Form der knidischen Rezepte, auch finden sich sogar wörtliche
Uebereinstimmungen mit Papyrus Brugsch oder Ebers vor[71]. Durch den
ägyptisch-phönizischen Handelsverkehr mit Indien kamen z. B. Sesamum
orientale, Cardamomum, Andropogon, Laurus Cinnamoraum, Amomum u. a.
in die griechische Medizin.

  [71] Aus Aegypten stammen wahrscheinlich auch manche der
       abergläubischen Mittel, besonders tierischer Art.

   ~Abführmittel.~ a) Leichtere: reichliche Mengen von frischer
 Milch (besonders Eselsmilch) und Molken, der ausgepreßte Saft oder
 Absud von Kohl, Runkelrübe, Melone etc. für sich oder gemischt
 mit Essighonig, Rettichsaft; b) drastische: schwarze Nieswurz, der
 Saft von verschiedenen Wolfsmilcharten, Eselsgurkensaft (Elaterium,
 bezeichnet im weiteren Sinne jedes Purgativum), Seidelbastbeeren
 (κόκκοι κνιδιοι -- knidische Kerne), Samen von Ricinus, Koloquinthen
 etc. -- Klistiere aus Nitron (kohlensaurem Natron), Honig, süßem
 Wein und Oel. -- ~Brechmittel~: Abkochung von Honig und Essig,
 warmes Wasser, Kitzeln des Schlundes, ekelerregende Mischungen mit
 Wein, weißer Nieswurz, Ysop, in Wasser gerieben, mit Essig und
 Salz, Saft der Thapsiawurzel etc. -- ~Schwitzmittel~ wurden von
 den Hippokratikern verworfen; um Schwitzen zu erregen, empfahl
 man warmes Verhalten und reichlichen Gebrauch von Getränken. --
 ~Diuretika~: Zwiebel-, Sellerie-, Petersilien-, Meerzwiebelsaft,
 „Kantharidenauszug“, Rettich, Spargel etc. -- ~Roborantia~:
 Färberröte, ägyptische Saubohnen. -- ~Narkotika~: Mohnsaft (nur einmal
 erwähnt), Lactuca, Atropa, Mandragora (innerlich und äußerlich zu
 Pessarien), Hyoscyamusarten (innerlich und zu Pessarien), Schierling
 (zu Pessarien) u. a. -- ~Aromatische Mittel~: Zimt, Cassienrinde,
 Cardamomum, Lorbeer, Minze, Baldrian, Origanum, Salbei, Anis, Wermut,
 Kamillen, Kalmus, Koriander. -- ~Harzige Mittel~ (vorzugsweise lokal
 angewendet): Silphion, das die Stelle von Asa foetida vertrat,
 Sagapenum, Galbanum, Opoponax, Myrrhe, Opobalsamum, Terpentin,
 Wacholderarten, Cypresse etc. ~Adstringierende Mittel~: Galläpfel,
 Eichenrinde, Sanguis Draconis (von Sumatra), Granatbaumwurzel,
 Weidenarten etc. -- ~Mineralische Stoffe~ (fast ausschließlich nur
 äußerlich angewendet): verschiedene Erdarten (Töpfererde, samische
 Erde etc.), Soda, Alaun, Sole, Schwefel, Asphalt (zu Räucherungen
 der weiblichen Genitalien), verschiedene Bleipräparate, geröstetes
 Kupfer, Kupferblüte, Kupferschuppen (z. B. bei Augenleiden),
 „Arsenik“ (Auripigment) und Sandarach (roter Arsenik), Eisenrost
 etc. Die wichtigsten äußerlich angewendeten Mittel waren ~Wasser~,
 ~Essig~, ~Wein~ und ~Oel~. Wasser zu Umschlägen, Güssen, Bähungen,
 Einspritzungen in die Nase, Harnblase, Wundbehandlung, Seewasser bei
 juckenden Hautausschlägen; Essig zu Güssen, Bähungen, zur Behandlung
 von Wunden, Genitalleiden, gegen Brennen in den Ohren und Zähnen;
 Wein (für sich oder mit Adstringentien) zur Wundbehandlung, Bädern,
 Injektionen u. s. w.; Oel und Fette bei Augenleiden, zu Einreibungen
 etc. ~Dampfbäder~, ~Sonnenbäder~, ~Sandbäder~ wurden von ähnlichen
 Gesichtspunkten wie heute verordnet.

Eine systematische ~Pathologie~ mit vollständiger oder geordneter
Klassifikation der Krankheitsformen läßt die hippokratische
Schriftensammlung vermissen. Nach der Verbreitung wurden epidemische,
endemische und sporadische, nach dem Verlaufe wurden akute und
chronische Krankheiten unterschieden. Im Buche de victu in acut. heißt
es: „... akute Krankheiten sind diejenigen, welche die Alten Pleuritis,
Peripneumonie, Phrenitis, Lethargus, Kausos nennen, und die übrigen
Krankheiten, welche in diesen enthalten sind, bei denen das Fieber
meist ein anhaltendes ist.“ Aus dieser Stelle geht hervor, daß die
zur Zeit des Hippokrates gebräuchliche Terminologie, von welcher so
vieles in die technische Sprache der modernen Medizin, wenn auch in
veränderter Bedeutung, übergegangen ist, schon damals auf ein hohes
Alter zurückblickt. In der knidischen Schrift de locis in hom. werden
sieben Arten von „Katarrhen“ unterschieden: der Nase, der Ohren, der
Augen, der Lungen, des Rückenmarks, der Wirbel und der Hüften.

   Die verschiedenen Krankheitstypen, welche in der hippokratischen
 Pathologie vorkommen, sind mit den modernen anatomisch-ätiologischen
 Krankheitstypen nicht immer einwandsfrei zu identifizieren, weil die
 Alten sich bei ihrer Klassifikation begreiflicherweise zumeist nur
 von den Hauptsymptomen leiten lassen mußten und daher Heterogenes
 zusammenwarfen.

   Dies gilt vor allem für die ~Fieberformen~, welche wohl am
 häufigsten subtropischen Malariatypen, bisweilen aber auch
 typhösen Erkrankungen oder der Influenza entsprechen. Man
 unterscheidet: ὰμφημερινὸς πυρετός = Eintagsfieber = Quotidiana;
 τριταῖος π. = Tertiana; τεταρταῖος π. = Quartana; ἡμιτριταῖος π.
 = Halbdreitagsfieber. Tertiana und Quartana sind durch Schleim und
 Galle verursacht. Der καῦσος = Brennfieber wird definiert als „Fieber
 mit innerlicher Hitze bei äußerlicher Kälte“; der λἡθαργος ist ein
 Fieber mit Somnolenz; die λειπυρία ist Fieber mit Brechreiz und Ekel.
 Phrenitis kann jede fieberhafte Krankheit bedeuten, bei welcher
 Störung des Denkvermögens (Delirien) als Hauptsymptom imponiert.
 Bemerkenswert ist die Erwähnung von epidemischer Parotitis mit Neigung
 zu Metastasen auf die Hoden.

   Von ~Erkrankungen der Mundhöhle~ kommen in der hippokratischen
 Schriftensammlung vor: Noma, Skorbut, Aphthen, Tonsillitis;
 von ~Erkrankungen des Intestinaltrakts~: Diarrhöe (mit Anurie),
 Lienterie, Tenesmus (als eigene Krankheit beschrieben), Dysenterie
 (durch „Abschaben“ des Darms entstehen Geschwüre, Therapie: Brech-,
 Niesmittel, Diät, warme Begießungen des Abdomens), Ileus (Ursache:
 verhärtete Kotmassen, Therapie: Lufteinblasung in den Anus). Als
 Symptome werden sehr oft genannt: Milz- und Leberschwellungen
 mit konsekutivem Icterus, Hydrops, Marasmus, Nasenbluten.
 Eiteransammlungen in der Unterleibshöhle werden durch Auflegen
 von nassem Ton erkannt, welcher an den betreffenden Stellen rasch
 trocknet.

   Krankheiten des ~Respirationstrakts~, namentlich der Lunge, finden
 besonders eingehende Darstellung. Schnupfen, Geschwüre und Polypen der
 Nase, Laryngitis, κυνάγχη (Angina) ist jede Verengerung des Larynx.
 Die Lungenentzündung (περὶπλευμονία, πλευμονία) und die πλευρίτις
 werden oft zusammengeworfen, nach de locis in hom. 14 bedeutet sogar
 die auf eine Seite beschränkte Erkrankung Pleuritis, die beider Seiten
 Pleumonie. Als Entstehungsursachen gelten (vom Gehirn) herabfließender
 Schleim, welcher reizend wirkt und in Eiter verwandelt, auch zu Empyem
 Anlaß geben kann, oder Anhäufung von Blut oder salzigem Schleim,
 aus deren Gerinnung Geschwülste (φύματα) sich bilden können. Das
 schaumige Sputum bei Lungenödem wird mit Spinngeweben verglichen.
 Pleuritis entsteht nach knidischer Lehre auch infolge von Pneumonie,
 indem nämlich die geschwollene Lunge auf die Costalpleura fällt und
 diese zur Entzündung bringt; als besondere Art der Pleuritis wird die
 „trockene“ angeführt, verursacht durch übermäßiges Dürsten. Empyem
 ist im weitesten Sinne jede Eiteransammlung, im engeren die der Lunge
 oder Pleura. Die Therapie der Pneumonie und Pleuritis bestand in
 warmen Waschungen, Umschlägen, Oeleinreibungen, warmen Bädern, Diät;
 in der Schrift de victu in acutis wird auf den Gebrauch der Ptisane
 und deren richtiger Dosierung der Schwerpunkt gelegt. Eingreifende
 Prozeduren wurden nicht vor dem siebenten Tage vorgenommen; zu diesen
 zählten behufs Schleimentleerung Niesmittel, Expektorantia (fette,
 gesalzene Speisen, herber Wein), Einspritzungen in die Luftröhre (um
 Husten zu erregen), bei Empyem Brennen am Rücken oder Thorakocentese
 (allmähliche Entleerung des Eiters, Leinwanddrainage). -- Außer den
 genannten Affektionen werden noch Hämoptoë, Hydrothorax, Erysipel der
 Lungen (ähnlich dem Alpenstich) und Phthisis erwähnt. Die Symptome der
 letzteren werden meisterhaft beschrieben und unter ihnen besonders die
 Veränderung der Stimme, Schmerzen in Brust und Rücken, das Fieber, die
 übelriechende Beschaffenheit des Auswurfs, Durchfälle, Haarausfall u.
 a. hervorgehoben; jedenfalls auf Grund von Tiersektionen kannte man
 auch die φύματα, d. h. umschriebene entzündliche Herde, welche eitrig
 erweichen und zur Bildung von Kavernen führen. Schleimanhäufung oder
 Blutspeien wurde als Ursache betrachtet. Hauptmittel waren reichliche
 Nahrung (insbesondere Milch), gewässerter Wein, Linsenwasser,
 Helleborus, Kauterisation auf der Brust.

   ~Erkrankungen des Herzens.~ Wegen der zweideutigen Benennung καρδίη,
 welche sowohl Herz als Magenmund bedeuten kann, ist es schwierig
 im einzelnen Falle zu entscheiden, was in einer hippokratischen
 Krankengeschichte gemeint ist. In de morbis IV wird gesagt, daß das
 Herz nicht von Schmerz befallen werden kann und durch Säfteandrang
 wegen seiner festen, dichten Substanz keinen Schaden nehme. An
 einzelnen Stellen, wo ausdrücklich vom παλμός Palpitation die Rede
 ist (z. B. de morbo sacro), darf man jedenfalls an das Herz denken.

   Die wichtigsten ~Nervenkrankheiten~ waren den Hippokratikern
 soweit bekannt, als die charakteristischen ~Symptomkomplexe~ in
 Betracht kommen, von der richtigen pathologischen Auffassung konnte
 aber nur zum allergeringsten Teile die Rede sein, da nicht einmal
 der anatomische Begriff des Nervensystems fixiert war. Immer ist
 es der vom Kopfe herabfließende Schleim, der je nach der Lokalität,
 wo er sich anhäuft, die verschiedenen Affektionen erzeugt. (In der
 Schrift de locis in homine heißt es, daß die „Nerven“ trockener
 sind als die „Adern“ und daher Feuchtigkeit nicht ertragen können,
 deshalb zeichnen sich ihre Krankheiten durch Hartnäckigkeit aus.)
 Dadurch, daß der Schleim die Gefäße verstopft und für Blut oder
 Pneuma unzugänglich macht, entstehen Apoplexie (Bewußtseinsverlust
 und Lähmung) und Paraplegie, Rückenmarksschwindsucht, Ischias,
 Gicht, Rheumatismen. Wichtig ist es, daß man die im Gefolge von
 Lähmungen erscheinende Atrophie kannte und wußte, daß im Verlauf von
 Rückenmarkserkrankungen Lähmung, Anästhesien, Incontinentia urinae
 et alvi auftritt. Treffend sind die Beschreibungen des Opisthotonus
 und Tetanus, der Facialisparalyse, der Hysterie und Epilepsie. Der
 Verfasser der Schrift de morbo sacro kennt die Bedeutung der Heredität
 und beschreibt die Symptome der Epilepsie vollkommen naturwahr. Das
 Wesen der Krankheit wird auf übermäßige Schleimerzeugung im Kopfe
 zurückgeführt, die Bewußtlosigkeit kommt dadurch zu stande, daß der
 sich plötzlich in die Gefäße ergießende Schleim den Zutritt der Luft
 zu den Gehirnvenen verhindert, die Konvulsionen werden damit erklärt,
 daß die durch den Schleim abgesperrte Luft nach oben und unten durch
 das Blut drängt.

   Die ~psychischen Krankheiten~ im engeren Sinne wurden von
 psychischen Begleiterscheinungen, z. B. fieberhaften Affektionen,
 nicht getrennt und gemeinhin von Fehlern der Kardinalsäfte abgeleitet,
 wie schon der Name Melancholie verrät. Außer dieser gedenken die
 Hippokratiker des puerperalen Irreseins, des Deliriums der Phthisiker,
 der Schwermut bei Chlorotischen etc. Die Behandlung war gegen die
 humoralen Störungen gerichtet, direkt (Helleborus gegen Melancholie)
 oder indirekt durch Diät, Gymnastik. Von der ätiologischen Bedeutung
 der Erblichkeit ist nichts gesagt.

   Der Begriff konstitutioneller Krankheiten fehlt in der
 hippokratischen Medizin, so wurden z. B. Skrofelgeschwülste
 beschrieben, aber zur Erkenntnis derselben als Teilerscheinung
 eines Allgemeinleidens drang man nicht vor. Eine dunkle Ahnung vom
 Krankheitsprozeß findet sich in der Auffassung der ~Wassersucht~, die
 auf vielerlei Ursachen, z. B. auf Leber- und Milzleiden zurückgeführt
 wird. Als Arten der Wassersucht werden „Hydrops“ schlechthin
 (Ascites), Oedem und Anasarka unterschieden. Die Paracentese wird
 durch einen Einschnitt neben dem Nabel oder in der Seite ausgeführt.

   Ueber die Deutung der von den Hippokratikern beschriebenen
 Hautkrankheiten, Geschwüre und Geschwülste, bezw. der reichhaltigen
 Terminologie, die sich bis heute erhalten hat, herrscht bei den
 Forschern noch größter Zwiespalt. Von Parasiten waren Bandwürmer,
 Spulwürmer und Askariden bekannt.

   Besonders hervorzuheben sind manche Beschreibungen der Affektionen
 des ~uropoetischen Systems~, der Cystitis, Lithiasis, Pyelitis,
 Nierenentzündung, akuter und chronischer Nierenabszesse. Auf
 die Untersuchung des Harns auf Geruch, Farbe, Niederschläge etc.
 wurde viel Gewicht gelegt. Unter den Krankheiten der ~männlichen
 Geschlechtsorgane~ beschrieb man metastatische Hodengeschwülste,
 Hydrocele, Geschwüre und Feigwarzen am Präputium, möglicherweise an
 einer Stelle (Aph. VII, 57) den Tripper.

Nicht minder als die innere Medizin steht auch die ~Chirurgie~ der
Hippokratiker auf einem überraschend hohen Standpunkt, der nur als
Endergebnis einer langen Entwicklung verständlich wird. Nirgends
mehr als auf diesem Gebiete konnte die Sorgfalt der Naturbetrachtung
im Verein mit nüchterner Auffassung Triumphe feiern, soweit nicht
die Mängel der Anatomie der wagemutigen Aktionslust Halt geboten.
Für alle Zeiten mustergültig wurde namentlich die Diagnostik und
Therapie der Erkrankungen oder Verletzungen des Knochensystems, die
rationelle Wundbehandlung, bei der sich bereits Ahnungen der Antiseptik
entdecken lassen, und die Verbandkunst (mitra Hippocratis!), welche
Zweckmäßigkeit mit Schönheitssinn zu vereinigen verstand.

Die Diagnostik und Behandlung der Luxationen und Frakturen, ganz
besonders auch die Lehre von den Kopfverletzungen ist in den
hippokratischen Schriften de articulis, de fracturis, de capitis
vulneribus geradezu meisterhaft dargestellt und stützt sich auf
zureichende Kenntnis des menschlichen Skeletts, auf reichhaltigste
Erfahrung, zu welcher die in Gymnasien und Athletenschulen so häufig
vorkommenden Verletzungen die günstigste Gelegenheit boten. Mit
bewundernswerter Kühnheit wagten die Chirurgen die Trepanation,
Thorakocentese, die Paracentese der Bauchhöhle, die Nephrotomie
bei Nierenabszeß und solche Operationen vorzunehmen, welche, wie
die Resektion, die Operation der Polypen, der Hämorrhoiden, der
Mastdarmfistel, entweder keinen erheblichen Blutverlust verursachen
oder sich in unblutiger Weise ausführen lassen. Die Exstirpation
größerer Geschwülste und, was besonders auffällt, die Amputation im
eigentlichen Sinne konnten die Hippokratiker deshalb nicht ausführen,
weil das wichtigste aller blutstillenden Mittel, die Gefäßligatur, noch
unbekannt war (nur bei Gangrän der Extremitäten, und zwar unterhalb der
Demarkationslinie des Brandigen schritt man zur Absetzung der Glieder).
Zur Blutstillung dienten, abgesehen von verschiedenen Stypticis,
Hochlagerung und Kompression, Kälte, Tamponade und Verband, seltener
das Glüheisen.

In der Behandlung der chirurgischen Affektionen kamen außer der
Purgation, Venäsektion und Diät eine Menge von Arzneistoffen (in Form
von Salben, Pflastern, Kataplasmen, Aetzmitteln), lokale Kälte (Eis,
Schnee, Uebergießungen) und Wärme bei entsprechender Lagerung des
Körperteils, Verbände (ein- und zweiköpfige Binden), die Kauterisation,
Moxen, das Schröpfen, die Skarifikation und verschiedenartige
Apparate (Hohlschienen, orthopädische Schuhe etc.) zur Anwendung.
Die Schriften de medico und de officina medici, worin eingehendste
Vorschriften über die Lagerung des Patienten, die Stellung des Arztes,
Beschaffenheit der Nägel, über die Obliegenheiten der Gehilfen, die
Regulierung des Lichtes, die kunstgerechte Anlegung von Verbänden,
Kompressen, Schienen u. s. w. mitgeteilt sind, gewähren darüber
Aufklärung, wie reich das Instrumentarium war, das die Hippokratiker
mit Sorgfalt und Umsicht gebrauchten. Dahin gehörten Schwämme,
Schröpfköpfe (aus Horn, Glas, Bronze), Glüheisen (sondenartig, mit
einer am Ende befindlichen Abplattung), Sonden, Spatel verschiedener
Art, Haken, Nadeln, Lanzetten, Bisturis, das Raspatorium, Kronen- und
Perforativtrepan, Kanülen in Verbindung mit Tierblasen (statt der
Spritzen, um Injektionen von Flüssigkeiten oder Luft in eine Höhle
zu machen), gebogene Katheter, Mastdarmspiegel, Geißfuß, Zahnzange,
Zäpfchenzange; statt der metallenen Glüheisen verwendete man auch
ähnlich geformte hölzerne Instrumente oder in heißes Oel getauchte
Schwämme; als Klistierspritze diente die Harnblase eines Tieres, welche
mit einem Federkiel als Ansatz versehen wurde. Bei der Untersuchung
benützte man Sonden (aus Blei, Zinn oder Erz), den Mastdarmspiegel,
die hohlen Stengel des Knoblauchs (um die Tiefe von Fisteln zu messen).

Als Mangel an Geschicklichkeit in chirurgischen Dingen wird es
bezeichnet (de morbis I, 6), „... wenn man nicht merkt, daß Eiter in
einer Wunde oder in einem Abszeß ist; wenn man Brüche und Verrenkungen
nicht erkennt; wenn man beim Sondieren am Kopfe nicht erkennt, ob der
Knochen gebrochen ist; wenn man nicht dahin gelangt, den Katheter in
die Blase zu führen; wenn man das Vorhandensein eines Steines in der
Blase nicht erkennt; wenn man bei der Sukkussion nicht merkt, daß ein
Empyem besteht; wenn man sich beim Schneiden und Brennen in der Tiefe
und Länge versieht oder wenn man da brennt und schneidet, wo es nicht
nötig ist“.

   ~Wunden und Geschwüre~ wurden von den Hippokratikern nicht scharf
 voneinander geschieden. Ruhe und richtige Lagerung des verletzten
 Teiles galten als Grundprinzipien jeder Wundbehandlung. Frische
 Wunden, die man zur Verhütung von Entzündung erst ausbluten ließ,
 sollten möglichst trocken gehalten und mit Umschlägen (aus Pflanzen,
 im Notfall aus kaltem Mehlbrei) behandelt werden; übrigens war auch
 die Naht bekannt. Zur Blutstillung dienten Hochlagerung, Kompression,
 Styptika, seltener das Glüheisen. Gequetschte oder gerissene Wunden
 brachte man dagegen zur Beförderung der Ausstoßung möglichst bald
 zur Eiterung. Abgesehen von individuellen und zufälligen Momenten,
 welche die Prognose bestimmen, betrachteten die Hippokratiker als
 gefährlichste Verletzungen die des Halses und der Weichen, dann
 die des Gehirns, Rückenmarks, Herzens, des Zwerchfells, der Leber,
 des Magens, Querwunden des Darms, Wunden der Harnblase, einer zu
 Blutfluß neigenden Ader; penetrierende Brustwunden galten als tödlich,
 Entzündungen der Sehnen und Muskeln sah man von unheilbarer Lähmung
 gefolgt, die verhängnisvollen Komplikationen des Wundverlaufs, wie
 Erysipel, Tetanus wurden nicht außer acht gelassen. -- Meisterhafte
 Darstellung finden namentlich die ~Kopfverletzungen~, von denen man
 fünf Arten unterschied, nämlich die Fissur (verbunden mit Kontusion),
 die Kontusion (ohne Fraktur und Depression), die Fraktur verbunden
 mit Depression, die Knochenwunde und die Fraktur durch Contre-coup.
 In zweifelhaften Fällen soll die Wunde erweitert werden (jedoch
 niemals an den Schläfen wegen Gefahr des Tetanus) oder man hat
 die Abschabung des Knochens mit dem Radiereisen vorzunehmen. Das
 wichtigste Heilmittel ist die Trepanation (gewöhnlich am 3. Tage
 ausgeführt), wobei die Hippokratiker bereits über vollendete Technik
 verfügten und den Perforativ- sowie den Kronentrepan benützten; aus
 Scheu vor Verletzung der Dura mater durchbohrte man den Knochen nur
 bis zur untersten Lamelle. Unter den Folgen von Schädelverletzungen
 wird der ~Lähmungen der entgegengesetzten Körperhälfte~ gedacht.
 -- Einen Glanzpunkt der hippokratischen Schriften bildet die Lehre
 von den ~Frakturen und Luxationen~. Was die Knochenbrüche anlangt,
 so unterschied man aus prognostischen Gründen einfache und offene,
 beobachtete die verschiedene Heilungsdauer (die Entstehung des
 Callus wurde in das Knochenmark verlegt) und gab für die Behandlung
 Vorschriften, welche für alle spätere Zeit mustergültig wurden.
 In bewundernswerter, wahrhaft rationeller Weise wird bis auf alle
 Einzelheiten dargelegt, wie man bei der Einrichtung (spätestens
 am 2. Tage), beim Verband, bei der Anlegung der Schienen (auch
 Hohlschienen) u. s. w. zu verfahren hat und welche Komplikationen
 zu verhüten bezw. zu beseitigen sind. Der typische Verband setzte
 sich folgendermaßen zusammen. Zunächst wurde die frakturierte Stelle
 mit einer kurzen und lockeren Binde bedeckt, auf die man eine lange
 Binde folgen ließ, die zur Fixierung der Fraktur diente. Auf diese
 unteren Binden kamen mit Wachssalbe bestrichene Kompressen, rund um
 die Bruchstelle herum und zum Ausgleich der dünneren Partien, sodann
 zur Deckung des Ganzen zwei lange Oberbinden, von denen eine von
 rechts nach links, die andere in entgegengesetzter Richtung lief.
 Von 3 zu 3 Tagen wurde der Verband unter Vermehrung der Bindenzahl
 gewechselt, am 7. Tage wurden die Schienen angelegt, welche man
 anfangs nur lose, später immer fester befestigte. Hierzu kamen noch
 für den Arm Tragbinden, für die Ruhigstellung der unteren Extremität
 die Hohlschiene etc. Auch Apparate für die permanente Extension
 waren bekannt. Hinsichtlich der komplizierten Frakturen ist es
 bemerkenswert, daß die Hippokratiker ebenso wie die moderne Chirurgie
 drei Stadien (primäres, intermediäres, sekundäres) im Verlaufe
 unterschieden und im intermediären Stadium (3.-7. Tag) die Vornahme
 operativer Eingriffe als zu gefährlich verwarfen. Zur Reposition
 bediente man sich verschiedener mechanischer Vorrichtungen; unter
 bestimmt angegebenen Indikationen schritt man auch zur Resektion
 hervorstehender Knochenenden. -- Die Symptomatologie und Behandlung
 der Luxationen ist in den hippokratischen Schriften in einer Weise
 geschildert, welche in manchen Kapiteln kaum übertroffen werden kann.
 Dies gilt hauptsächlich hinsichtlich der Verrenkung des Schulter-,
 Hüft- und Kiefergelenkes. Manuelle und maschinelle Hilfsmittel werden
 sorgfältig beschrieben. Die Einrichtung des Humerus wird, während
 die Gehilfen Zug und Gegenzug ausüben, bewirkt mit der Hand, der
 Ferse, der entgegengestemmten Schulter des Arztes, dem Stabe, der
 Leiter; bei veralteten Luxationen kam die „Ambe“ zur Anwendung (ein
 Einrichtebrett, an welchem das Glied befestigt wurde, wodurch man
 mannigfaltige und kräftige Hebelwirkungen ausüben konnte) oder die
 Lehne eines hohen thessalischen Stuhles. Zur Einrichtung des Femurs
 diente eine komplizierte Vorrichtung (später als „Bank“ bezeichnet,
 Ἱπποκράτειον βάθρον), welche die Fixierung ermöglichte, während
 auf die luxierte Extremität durch windenartige Apparate ein sehr
 kräftiger Zug und Gegenzug ausgeübt wurde. Es beweist die scharfe
 klinische Beobachtung der Hippokratiker, daß sie die verschiedenen
 Arten der Verrenkungen je nach den anatomischen Verhältnissen
 klar erkannten, vollständige und unvollständige, erworbene und
 angeborene (Hüftluxation) unterschieden. Sie wußten, daß komplizierte
 Verrenkungen äußerst gefährlich sind, daß veraltete Luxationen
 wegen Ausfüllung der Gelenkflächen mit „Fleisch“ oder Bildung von
 Pseudarthrosen der Reposition schwere Hindernisse bereiten, daß
 infolge anhaltender Unbeweglichkeit Muskelatrophie eintritt, infolge
 habitueller Humerusluxation der Arm im Längenwachstum zurückbleibt,
 Gelenkserkrankungen (Coxitis) spontane Luxationen bewirken u. a.
 -- ~Verkrümmungen~ der Wirbelsäule, sei es, daß sie traumatisch
 oder spontan durch φύματα (Tuberkel) zu stande kommen, werden
 ganz sachgemäß auch mit den Folgeerscheinungen (z. B. kongestiven
 Abszessen) geschildert; besonders interessant ist es, daß sogar
 der Befund von Tuberkeln in den Lungen Kyphotischer angeführt wird.
 Von ~Klumpfüßen~, die als kongenitale Luxationen betrachtet wurden,
 unterschied man mehrere Arten und verwendete bei der Behandlung nach
 rationellen Grundsätzen geeignete Verbände, Bleisohlen, Halbschuhe
 oder kretisches Schuhwerk (Orthopädie!).

   Ueber ~Hernien~, die am Nabel und in der Weichengegend vorkommen,
 findet sich in den hippokratischen Schriften wenig. Zur Beseitigung
 von ~Hämorrhoiden~, welche aus einer Versetzung des Schleims oder der
 Galle auf die Adern des Mastdarmes erklärt wurden, bediente man sich
 der Kauterisation, direkt oder indirekt (wobei in eine im Mastdarm
 liegende Hülse ein glühendes Eisen eingeführt wurde), der Aetzung,
 Exzision, Durchnähung, adstringierender Suppositorien. Hier wie bei
 den ~Mastdarmfisteln~ kam bei der Untersuchung bezw. Behandlung der
 Mastdarmspiegel (κατοπτὴρ) zur Anwendung. Die Fistel, deren Tiefe mit
 einem frischen Knoblauchstengel gemessen wurde, brachte man durch
 Adstringentien (Kupferblumen) oder durch die Ligatur zur Heilung.
 Die hierfür nötige, verhältnismäßig schwierige Technik bezeugt die
 Geschicklichkeit der hippokratischen Aerzte. Der ~Mastdarmvorfall~
 wurde reponiert und durch Schwamm und T-Binde zurückgehalten. -- Als
 Ursache der sehr häufigen Lithiasis nahm man den Genuß von lehmigem
 und sandigem Wasser an. Der ~Steinschnitt~ scheint ebenso wie die
 Kastration den Empirikern überlassen worden zu sein. Abszesse in
 der Niere oder deren Umgebung, die auch Folge des Steinleidens sein
 können (mit Durchbruch nach Blase, Bauchhöhle oder Darm), wurden,
 sobald sich eine Anschwellung und Emporwölbung sichtbar machte, durch
 ~Nephrotomie~ entleert.

~Geburtshilfe und Gynäkologie~ beruhten zum Teil auf bedeutenden
Kenntnissen, welche allerdings mit naturphilosophischen Spekulationen
oder voreiligen Schlüssen aus Beobachtungen an Tieren vermischt
sind. Die Geburtshilfe lag fast gänzlich in den Händen der Hebammen,
ärztliche Hilfe wurde nur in schwierigen Fällen herangezogen; aber
auch bei den Frauenkrankheiten scheint die Untersuchung vorzugsweise
von Hebammen oder kunstverständigen Frauen vorgenommen worden zu sein,
der Arzt ordnete die Behandlung zumeist nur auf Grund des mitgeteilten
Befundes an.

   Die Hippokratiker betrachteten als normal nur die Schädellage, die
 sie aus der Gravitation des schweren Kopfes erklärten und kannten
 außer dieser die einfache und gemischte Steißlage, Schieflagen,
 vollkommene und unvollständige Fußlage. Bei Geburten in vollkommener
 Fußlage verhielten sie sich passiv, sonst kamen Schüttelung der
 Kreißenden, Wendung durch äußerliche, innerliche oder gemischte
 Handgriffe in Betracht. Armvorfall bei Schieflage galt als Zeichen
 des Fruchttodes und indizierte die Embryotomie, welche mit einem
 Zermalmer und Haken ausgeführt wurde. Nicht erwähnt sind Gebährstuhl,
 Zange, Kaiserschnitt, Nabelunterbindung. Zur Entfernung der zögernden
 Nachgeburt hatte man folgendes Verfahren. Die Frau mußte auf
 einem durchlöcherten Stuhle (λάσανον oder δίφρος), der sonst auch
 zu Scheidenräucherungen diente, sitzen, während das Kind, dessen
 Nabelschnur ungetrennt blieb, auf Schläuche gelegt wurde, die sich
 mit Wasser gefüllt, auf dem Boden befanden; sodann stach man die
 Schläuche an, so daß ihr Inhalt allmählich abfloß, wodurch das Kind
 sich senkte und durch langsamen Zug seines Eigengewichtes die Placenta
 zur Lösung brachte. Eine Reihe von Krankheitsgeschichten bezieht sich
 auf Puerperalfieber, das man von Zurückhaltung der Lochien ableitete.
 -- Als wesentliche Ursache des Abortus, von dem man wußte, daß er
 sich sehr häufig zu der gleichen Zeit der Schwangerschaft wiederholt,
 galt das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Frucht und dem
 Wachstum des Uterus; verschiedene, mittels Sonden lokal applizierte
 Arzneien, Pessarien oder die Erzeugung von Fettleibigkeit, sollten
 vorbeugend wirken. Sehr häufig suchte man den Abortus künstlich
 durch Abtreibungsmittel, deren es (ebenso wie Mittel zur Verhütung
 der Konzeption) eine ganze Menge gab, herbeizuführen oder durch
 mechanische Erschütterung. So riet z. B. der Verfasser von de natura
 pueri in einem bestimmten Falle, wiederholt in die Höhe zu springen
 und hierbei mit den Fersen an die Hinterbacken anzuschlagen. -- Das
 Kapitel der Frauenkrankheiten ist von den knidischen Autoren sehr
 eingehend behandelt. Erwähnung finden Geschwüre und Verwachsung
 der Schamlippen, Amennorrhöe (Einlage von mit Harz, Kupferblüte und
 Honig imprägnierte Pessarien), verschiedenartige Flüsse (diätetische
 Behandlung, adstringierende Suppositorien, Schröpfen, Brechmittel
 etc.), Verengerung des Orificium uteri (medikamentöse Pessarien),
 Blutungen, Entzündung, Prolaps, Lageveränderung, Senkung, Hydrops,
 Karzinom des Uterus; die Behandlungsarten, namentlich soweit sie
 gegen die als Folgeerscheinung auftretende Sterilität gerichtet
 sind, zeichnen sich durch große Reichhaltigkeit aus (Pessarien,
 Injektionen, Räucherungen etc.). Die ~hysterischen Beschwerden~
 sollten durch Wanderungen des Uterus (nur so schien die proteusartige
 Symptomatologie, z. B. das Gefühl des Globus, erklärlich) zu stande
 kommen. Um den Uterus an seinen normalen Platz zurückzubringen
 (wobei die Empirie ganz richtig vorging, nur die Theorie verfehlt
 war), verwendete man mechanische Mittel (z. B. Druck, Bandagen)
 oder Räucherungen mit übelriechenden Substanzen, die man auf die
 Nase, oder wohlriechenden Stoffen, die man auf die Scheide einwirken
 ließ. Durch erstere sollte der Uterus abgeschreckt, durch letztere
 angelockt werden. Die Räucherungstherapie (auch angewendet, um
 die Konzeptionsfähigkeit zu bestimmen, je nachdem der Geruch von
 der Scheide zum Kopf dringt oder nicht) sowie viele der Mittel zur
 Erkennung der Fruchtbarkeit und Schwangerschaft, zur Verhütung der
 Konzeption, erinnern lebhaft an ägyptisch-orientalische Vorbilder.

Auch der ~Kinderheilkunde~ ist im Corpus Hippocraticum ein Plätzchen
eingeräumt. Mißbildungen, kongenitale Luxationen, verschiedene
Mundkrankheiten (Aphthen, Soor), Krämpfe, Ausschläge des Kopfes,
Ohren- und Nasenkatarrh, Husten, Verstopfung u. a. werden beschrieben,
Hydrocephalus acutus und Diphtherie wenigstens angedeutet.

Die ~Augenheilkunde~ der Hippokratiker war, soweit die Erkrankungen
der äußeren Teile des Sehorgans in Betracht kommen, ziemlich hoch
entwickelt: dem Verständnis der Pathologie des inneren Auges stand
dagegen der Mangel anatomischer Kenntnisse entgegen.

   Aeußere Augenkrankheiten beschrieben die Hippokratiker sorgfältig.
 Sie kannten akute und chronische Konjunktivitis, bösartige
 Blennorrhöen, Trachom, Pterygium, Lidrandentzündung, Gerstenkorn,
 En- und Ektropium, Trichiasis, Hornhautgeschwüre, Strabismus. Sie
 erwähnen das Schwarzwerden und Flimmern vor den Augen, Nystagmus,
 Nyktalopie, das Halbsehen bei Gehirnaffektionen, hingegen besaßen
 sie über die Erkrankungen der brechenden Medien ganz unklare und
 falsche Vorstellungen. Bläuliche Färbung der Pupille deutet auf
 Altersstar, „Amblyopie“ ist durch Schleimfluß vom Gehirn bedingt,
 „Amaurose“ entsteht bei Fieber, Blutverlusten und nach Verwundung
 der Augenbrauengegend. Abgesehen von den operativen Eingriffen
 bei Geschwülsten, Anomalien des Tarsus und Hypopion und der
 mechanisch-chemischen Reizung der Schleimhaut (Schaben, Aetzen,
 Brennen) wurde die Therapie besonders der schweren entzündlichen
 Formen und der Amblyopie von der Idee getragen, daß die Sehstörungen
 von dem krankhaften Herabfließen des Schleimes aus dem Gehirn
 zu stande kommen. Außer Abführmitteln verwendete man deshalb
 chirurgische Verfahren, welche den Schleimfluß heilen, den Zufluß
 krankhafter Stoffe zum Auge (durch Verschluß der Gefäße) verhindern,
 die Wasseransammlung im Gehirn entleeren sollten; solche Verfahren
 waren die wiederholte Applikation zahlreicher, bis auf den Knochen
 dringender Einschnitte in die Kopfhaut, die Kauterisation der vor
 dem Ohre liegenden, „fortwährend pulsierenden“ Adern, die Trepanation.

   Die ~Otologie~ konnte wegen mangelnder anatomischer Einsicht nur auf
 niederer Stufe verharren, überrascht aber durch die Kenntnis mancher
 Wechselbeziehungen zwischen Ohrerkrankungen und dem Gesamtorganismus;
 die Behandlung des Hämatoms der Ohrmuschel, der Knorpelfraktur, der
 Ohrenflüsse und Ohreneiterungen (z. B. nach Gehirnerkrankungen) findet
 eingehende Darstellung.



Die Dogmatiker.


Der Hippokratismus in seiner reinsten Auffassung dauert, wenn auch
von wenigen wahrhaft verkörpert, unabhängig von Doktrinen, über alle
Zeiten hinweg; im historischen Verlauf der griechischen Heilkunde
bedeutete er nur einen allzu rasch entschwindenden Traum, dem alsbald
wieder eine Wirklichkeit von schrillen Dissonanzen folgte. Aus der
hippokratischen Medizin, welche eine Fülle keimfähiger Gedanken in
sich barg und die früher widerstrebenden Richtungen zu dem gemeinsamen
praktischen Endzweck glücklich verschmolz, lösten sich nach und nach
einzelne Ideen und Methoden los, um in selbständiger Eigenentwicklung
vorübergehend die Oberherrschaft im medizinischen Denken oder
ärztlichen Handeln zu erlangen. Neue Einflüsse traten hinzu, die
Einheit machte einer Vielheit von Systemen Platz, von denen die meisten
wohl den traditionellen Zusammenhang mit dem „Vater der Heilkunst“
aufrecht zu halten suchten, während tatsächlich, mit zunehmender
Entfernung, Hippokrates zu einem bloßen Begriffe herabsank, welcher
willkürlich mit fremden Gedanken erfüllt wurde.

Ungetreu der nüchternen, rein klinischen Denkweise des großen Koers,
zeigt sich ein ansehnlicher Teil der hippokratischen Schriftensammlung
vom Geiste der Spekulation erfüllt und beweist, daß schon die Schüler
und Enkelschüler das Ziel verfolgten, die praktischen Prinzipien des
Hippokratismus mit aprioristischen Ideen naturphilosophischen Ursprungs
wieder in Einklang zu setzen oder die koischen Fundamentalgedanken
durch physiologisch-pathologische Theoreme anderer Schulen zu
erweitern. Im Streben über den Meister hinauszudringen, seinen
empirischen Sätzen ein pseudo-wissenschaftliches Mäntelchen
umzuhängen, nahm man mehr oder minder Unwesentliches, das ihm nur als
Hilfslinie diente, für die Hauptsache und verlor dabei nur zu oft den
Kernpunkt seiner Lehre aus den Augen. Wie früh dies geschah, zeigt
die dogmatische Formulierung der Humoralpathologie durch Polybos und
die Tatsache, daß Söhne und Enkel, sowie die unmittelbaren Jünger
des Hippokrates, ~Apollonios~ und ~Dexippos~, jene Reihe von Aerzten
eröffneten, welche den Nachdruck auf theoretisierende Reflexionen
legten und der Medizin des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine spekulative
Färbung verliehen. ~Dogmatiker~ (λογικοί), von Galenos und allen
späteren Geschichtschreibern genannt, ergänzten wohl die führenden
Forscher das überkommene empirische Material nicht unbeträchtlich
oder taten, was besonders anzuerkennen ist, die ersten Spatenstiche
zur Begründung der Hilfswissenschaften -- die Anhänger aber frönten
zumeist allein der unheilvollen Systemsucht, erblickten in dem
geistvollen, aber unfruchtbaren Spiel mit den Begriffen der Säfte-
und Qualitätenlehre die Hauptsache und zwängten vorschnell, nicht ohne
Beeinflussung der Therapie, die überkommenen Erfahrungsergebnisse in
die engen Schablonen ihres Denkens. Von den Werken der dogmatischen
Schule geben uns nur Zitate und Fragmente einige Kunde.

   ~Thessalos~, der Sohn des Hippokrates, später Leibarzt des
 Mazedonierkönigs Archelaos soll medizinische Schriften verfaßt
 haben; er nahm den Ueberfluß der Galle und namentlich des Schleims
 als Krankheitsursache an. Der Sohn des Thessalos, ~Hippokrates~
 III., war ein Anhänger der platonischen Philosophie. -- ~Dexippos~
 (Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.) und ~Apollonios~ waren
 schriftstellerisch tätig, ersterer schrieb ein ärztliches Werk in
 einem Buche, „Prognosen“ in zwei Büchern und leitete die Krankheiten
 von den Anomalien der Galle und des Schleims her. Wenn die Galle und
 der Schleim schmelzen und flüssiger werden, entstünden daraus Lymphe
 und Schweiß; wenn sie aber faul würden und sich verdickten, brächten
 sie Ohrensausen, Schnupfen und Triefaugen; wenn sie durch Eintrocknen
 fest geworden, so entstünden Fett und Fleisch u. s. w. (Anonym. Lond.
 cap. 15). Apollonios und Dexippos gaben den Fiebernden nur äußerst
 geringe Mengen von Nahrung und genau bemessene minimale Quantitäten
 von Flüssigkeit zum Trinken. Noch weiter ging ihr Zeitgenosse
 ~Petronas~ in der „dogmatischen“ Fieberbehandlung; er bedeckte die
 Fieberkranken mit vielen Kleidern, um Hitze und Durst zu erzeugen,
 beim Nachlaß gab er dann kaltes Wasser zu trinken, um Schweiß
 hervorzurufen. Trat dieser nicht ein, so mußte der Kranke noch mehr
 kaltes Wasser zu sich nehmen, und es wurde versucht durch Erregung
 von Erbrechen oder Abführen (durch Salzlake) das Fieber zu vertreiben.
 Hinsichtlich seiner Theorien sei hervorgehoben (nach Anonym. Lond.),
 daß er die Krankheiten durch Ueberfüllung oder schlechte Mischung
 der Grundstoffe verursacht sein ließ, wobei das Kalte oder Warme mit
 den Ergänzungsstoffen des Trockenen und Feuchten abnorm überwiege.
 Anklingend an Philolaos betrachtete er die Galle nicht als Ursache
 der Krankheiten, sondern als Krankheitsprodukt.

Das Schicksal, welches dem Hippokratismus durch seine Anhänger zu teil
wurde, gleicht vollkommen dem Umwandlungsprozeß, welcher die Lehre
des Sokrates durchsetzte und ihr in Gestalt der Systeme der Kyniker,
Kyrenaiker, Megariker, namentlich aber in Form der Philosophie Platons
eine im tiefsten Grunde verschiedene Prägung verlieh. Auch hier,
im Kreise der Jünger und Enkeljünger des Sokrates, empfand man die
Prinzipien des Meisters ergänzungsbedürftig und beruhigte sich nicht
mehr mit jener Einschränkung des Forschungsgebietes auf die Ethik,
welche weise Selbstbeschränkung vorgezeichnet hatte; die sokratische
Begriffszergliederung wurde jetzt vielmehr das Mittel, um mit kritisch
geschultem Urteil die physischen oder metaphysischen Spekulationen
der naturphilosophischen Vorgänger wieder aufnehmen und fortführen zu
können. Und nicht zum mindesten beruht die überragende Größe des Platon
auf der genialen Kombination und innigen Verschmelzung des Sokratismus
mit den Ideen der Eleaten, des Herakleitos, des Anaxagoras, Empedokles
und Pythagoras!

Aus ~einer~ Wurzel entsprossen, parallel verlaufend, traten Philosophie
und Heilkunde wieder in nahe Beziehung, indem erstere neuerdings die
Natur zum Objekt ihrer Spekulation wählte, letztere, wenn auch nicht
mehr ohne Befragung der ärztlichen Erfahrung, manche Leitsätze aus
den Systemen der großen Denker herübernahm. Gerade ~Platon~ (427-347
v. Chr.), der den Arzt Hippokrates wegen seiner idealen Ethik und
weitblickenden Naturauffassung außerordentlich hoch bewertete und
dessen Methode (wiewohl nicht ganz im Sinne ihres Urhebers) als
Muster hinstellte (Phaidros), anderseits selbst physiologische und
pathologische Probleme in den Bannkreis seines weltumspannenden Denkens
zog, bringt das Wechselverhältnis beider Wissenszweige an verschiedenen
Stellen, namentlich aber in der Schrift „Timaios“ in besonderem Maße
zum Ausdruck. Darf man auch der platonischen Philosophie keinen starken
Einfluß auf die zeitgenössische Medizin zusprechen -- dieser machte
sich erst viel später geltend, nachdem das System unter den Händen
der Nachfolger seine ursprüngliche Reinheit eingebüßt hatte --, so
gewähren doch die einschlägigen Darlegungen des Philosophen einen
höchst belehrenden Einblick in die damalige Kenntnis des Körperbaues
und die Auffassung von Leben und Krankheit.

   Von den physiologisch-pathologischen Spekulationen Platons
 seien hier nur einige mitgeteilt, welche den Zusammenhang mit der
 älteren Naturphilosophie und mit den Vorstellungen der Aerzte klar
 durchblicken lassen. -- Platon betrachtete die Erfahrungswelt unter
 dem Gesichtspunkte, daß darin die Urbilder der Ideenwelt in immer
 vollkommenerer Weise realisiert werden, und suchte die letzte Ursache
 für die Gestaltung der Materie in der Idee des Guten, d. h. der
 Gottheit. Der höchste Verstand schafft aus der chaotischen Materie
 die vier Elemente, welche ihre Eigentümlichkeiten der besonderen
 Zusammensetzung von Elementardreiecken zu bestimmten Grundfiguren
 verdanken. Das Feuer besitzt als Grundfigur die Pyramide, die Luft
 das Dodekaeder, das Wasser das Ikosaeder, die Erde den Würfel. Der
 Körper des Menschen ist nach den Zwecken der unsterblichen Seele
 geschaffen, welche eine Emanation der absoluten Intelligenz darstellt.
 Bindeglied zwischen Körper und Seele ist das Mark, in dessen feinsten
 kugelförmigen (also am vollkommensten gestalteten) Anhang, dem
 Gehirn -- das auch als Samenbereitungsstätte dient --, der Verstand
 wohnt, während die sterblichen, niederen Bestandteile der Seele, das
 Gemüt und die Begierde, ersteres in der Brust, letztere im Bauche
 sitzen. Unter den Werkzeugen der Seele werden zuerst die Augen
 gebildet; das Sehen erfolgt durch das Zusammentreffen des inneren,
 aus den Augen strömenden und des äußeren Feuers, das Hören durch
 Erschütterung der Luft, die sich dem Gehirn und Blute bis zur Seele
 mitteilt u. s. w. Das Leben ist an das Feuer gebunden, welches dem
 Pneuma entstammt und dem Blute innewohnt. Dieses wird mit Heftigkeit
 durch alle Glieder herumgetrieben, ernährt den Körper und besitzt
 als Quelle das Herz, die Verknüpfungsstelle aller Adern. Abkühlend
 auf die Hitze des Herzens wirken die Lungen, welche nicht nur Luft,
 sondern auch zum Teil die getrunkenen Flüssigkeiten aufnehmen.
 Letztere gelangen von den Lungen zu den Nieren und zur Blase. Der
 Mechanismus der Respiration erklärt sich aus dem horror vacui, die
 spezifische Ernährung der Teile kommt nach dem Gesetze der Anziehung
 des Gleichen zu stande. Die Leber -- Sitz des Divinationsvermögens --
 spiegelglatt und glänzend, gestaltet das aus dem Kopfe Herabkommende
 durch ihre süße und bittere Eigenschaft (Galle) entsprechend um.
 In inniger Beziehung zu ihr steht die Milz, welche zur Aufnahme
 der Unreinigkeiten dient und daher in Krankheiten anschwillt.
 Die Verdauung wird durch das eingeatmete Feuer vermittelt, die
 Gedärme verlaufen in Windungen, damit die Speisen nicht zu schnell
 hindurchgehen. Knochen und Fleisch entstehen aus dem Marke; beide
 schützen dasselbe vor Hitze und Kälte. Ein Mittelding zwischen
 Knochen und Muskeln sind die Sehnen, wie schon die Mischfarbe Gelb
 aus Rot und Weiß anzeigt; sie bezwecken das Zusammenhalten und die
 Bewegung der Gelenke. -- Schimmern schon in diesen Spekulationen
 die Theorien der naturphilosophischen Vorgänger deutlich hindurch,
 besonders des Pythagoras, Empedokles, Philolaos, Anaxagoras und
 Heraklit, erkennt man auch den hippokratischen Einschlag, so wird die
 Beeinflussung noch deutlicher in der Platonischen Krankheitslehre.
 Als ätiologische Momente kennt der Philosoph von außen kommende oder
 selbstverschuldete, wie Unmäßigkeit in der Ernährung, Mißverhältnis
 zwischen Bewegung und Nahrungsaufnahme, Exzesse im Geschlechtsgenuß
 etc. Die pathogene Grundlage bilden ~Mangel, Ueberfluß oder
 Heterotopie von Pneuma, Galle und Schleim~, oder das Mißverhältnis
 der vier Elemente. Die Epilepsie entsteht durch die Vermischung
 von Schleim und schwarzer Galle. Entzündungen, Durchfälle und Ruhr
 beruhen auf Verirrungen des Schleims, die gefährlichsten Krankheiten
 rühren von Verderbnis des Markes her. Besonders zu bemerken ist es,
 daß Platon viele Affektionen von ~Störungen~ der ~Pneuma~bewegung
 (Verstopfung der Kanäle der Luft durch Flüsse) ableitet, namentlich
 Schmerzen und Krämpfe von der Ansammlung (um die Gefäße) oder dem
 Eindringen der Luft (in das feste Fleisch), und daß er den ~Typus
 der vier Fieberarten~ aus dem ~Vorwalten der Elemente~ erklärt, d.
 h. die Continua durch Feuer, die Quotidiana durch Luft, die Tertiana
 durch Wasser, die Quartana durch Erde entstehen läßt. Die Ursache
 der Geisteskrankheiten sind schlechte Erziehung oder körperliche
 Anomalien. Arzneien im richtigen Zeitraume angewendet, namentlich
 aber Diät und Gymnastik bewirken die Heilung.

Platons Spekulationen gewinnen dadurch noch erhöhtes Interesse, weil
sie neben den koisch-hippokratischen Lehren bereits den wachsenden
Einfluß der sizilischen Schule (vergl. S. 171) erkennen lassen. Aus der
Lebensgeschichte des Philosophen wissen wir, daß Platon den Wortführer
dieser Schule, ~Philistion von Lokroi~, einen auch um die Botanik[72]
verdienten Arzt, in Syrakus zugleich mit dem Staatsmann Timaios am
Hofe des Dionysios kennen gelernt hatte, und mancherlei Anzeichen
sprechen überdies dafür, daß derselbe später vorübergehend in Athen
verweilte -- ein Umstand, der gerade für die fernere Theoriebildung
der Dogmatiker von besonderer Bedeutung wurde.

  [72] Der Pflanzenname φιλίστιον (Klebkraut) erinnert daran.

   ~Philistion~ hing den Grundsätzen des Empedokles mit besonderer
 Treue an. Der Körper ist aus den vier Elementen, bezw. den
 entsprechenden vier Qualitäten zusammengesetzt, seine Gesundheit
 beruht auf dem richtigen Atmen und Luftwechsel durch die Hautporen.
 Zweck der Atmung ist die Abkühlung der dem Herzen eingepflanzten
 Wärme. Die Ursache der Krankheiten liegt in äußeren Einflüssen
 (Trauma, Temperatureinwirkung etc.), im Uebermaß oder Mangel
 einer Elementarqualität oder in Störungen der Atmung. Im Geiste
 der sizilischen Schule führte Philistion wahrscheinlich ~die
 kontinuierlichen Fieber auf das Feuer, die Quotidiana auf die Luft,
 die Tertiana auf das Wasser, die Quartana auf das Wasser zurück~ und
 legte in der Therapie den Hauptwert auf die Diät, über welche er,
 ebenso wie über Chirurgie eigene Schriften verfaßte.

~Philistion~ war die Rolle beschieden, den Forschungsergebnissen und
Theoremen seiner Schule durch den Verkehr mit tonangebenden Vertretern
anderer Richtung größere Verbreitung zu sichern und hierdurch indirekt
durch mancherlei Umgestaltungen die Verschmelzung der sizilischen mit
koischen und knidischen Doktrinen anzubahnen.

Was die Knidier anlangt, so wissen wir, daß ~Eudoxos~ aus Knidos (der
Jüngere), ein noch mehr als Astronom und Geograph berühmter Arzt, auf
seinen Reisen nicht allein Hellas und Aegypten, sondern auch Italien
und Sizilien besuchte, woselbst er mit ~Philistion~ in Berührung kam.
Die vielerlei Einflüsse, die sein medizinisches Denken hierbei im
Umgang mit ägyptischen Priestern, Pythagoreern und italischen Aerzten
erfuhr, treten namentlich bei seinem Schüler und Reisebegleiter
~Chrysippos~ von Knidos hervor, der seine Kenntnisse nicht am wenigsten
gerade unter Leitung des Philistion besonders erweiterte. ~Chrysippos~
dankte ihm wahrscheinlich den Sinn für anatomische Zergliederung, und
mag sowohl unter dem Eindrucke der sizilischen als auch ägyptischen
Lehren ein entschiedener Anhänger der pneumatischen Richtung in der
Pathologie, ein Vorkämpfer für diätetisches Verfahren in der Therapie
geworden sein. Die Vorliebe des Chrysippos für Drogen, welche er in
Aegypten schätzen lernte, seine ~Verwerfung des Aderlasses~ (Blut:
Sitz der Seele) ~und der Abführmittel~, an deren Stelle er Brechmittel,
Klistiere und „~das Binden der Glieder~“ (Umwicklung der Arme und Beine
bei Plethora oder Blutungen, um die Blutüberfüllung herabzusetzen)
empfahl, das Verbot des Trinkens in fieberhaften Zuständen, sowie
manche andere seiner Methoden oder Anschauungen gewannen Anhängerschaft
und beeinflußten viele der späteren Aerzte.

   Chrysippos nahm Gehirn und Herz als mit Pneuma erfüllt an,
 betrachtete das Herz als Ursprung aller Gefäße und Nerven und
 bezeichnete abnorme Pulssteigerung als Hauptsymptom des Fiebers. Bei
 Wassersucht wendete er Schwitzkästen an. Ueber die Gemüse und über
 die Diätetik schrieb er eigene Abhandlungen. Unter seinen Schülern
 ragen besonders ~Aristogenes~, Leibarzt des Antigonos Gonatas, berühmt
 als Anatom und Therapeut, ~Medios und Metrodoros~, der Lehrer des
 Erasistratos, hervor.

Auch die hippokratische Schule konnte sich dem Ideenkreise Philistions
nicht entziehen, wie dies bei ihrem vornehmsten Vertreter in der
ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, ~Diokles von Karystos~, bedeutsam
hervortritt. Die Trümmer, welche von seinen vielseitigen Schriften auf
uns gekommen sind, lassen manche Uebereinstimmung mit Platon erkennen
und weisen auf den gemeinsamen Ursprung der Parallelstellen -- auf den
sizilischen Denker. Freilich wurde der erfahrene und nüchtern prüfende
Arzt von Karystos, der sich wegen seiner Menschenfreundlichkeit und
wissenschaftlichen Durchbildung bei den Mitbürgern den Namen des ἄλλος
Ἱπποκράτης erwarb, kein blinder Anhänger, sondern entnahm in kritischer
Auslese nur jene Elemente der fremden Lehre, welche ihm als nützliche
Ergänzung oder Berichtigung der koischen Auffassung erschienen und mit
der eigenen Forschung, an der er es nicht fehlen ließ, vereinbar waren.

Diokles aus Karystos, der Sohn des Arztes ~Archidamos~, gründete sein
Wissen auf das Studium der hippokratischen Schriften, unternahm aber
auch Reisen, um seine Kenntnisse in der Fremde und an verschiedenen
Pflegestätten der ärztlichen Kunst zu erweitern und wirkte, wie es
scheint, durch längere Zeit am Zentralsitze der hellenischen Bildung,
in Athen. Im attischen Dialekt verfaßte er eine ansehnliche Reihe
von vortrefflichen Werken, welche zum Teil ähnliche Titel trugen
wie die hippokratischen, sich wie diese auf die verschiedensten
Gebiete bezogen und Jahrhunderte hindurch als belehrende Quelle
dienten. Der größte Arzt nach Hippokrates -- secundus aetate famaque,
wie Plinius ihn rühmte -- wandte Diokles neben der Klinik bereits
den Hilfswissenschaften, der Anatomie, Entwicklungsgeschichte,
Arzneimittel- und Giftlehre besondere Aufmerksamkeit zu und gab, zwar
nicht frei von Systemsucht, der Spekulation ein Gegengewicht in Form
tatsächlicher Beobachtungen oder praktisch erworbener Erfahrungen.

   Seine fleißigen Tierzergliederungen, deren Ergebnisse Diokles
 in einem Spezialwerke über Anatomie niederlegte, bereicherten diese
 Wissenschaft in einer Weise, wie dies seit Alkmaion nicht geschehen
 war. Namentlich befaßte er sich mit dem Gefäßsystem, betrachtete
 das Herz als Quelle des Blutes, und unterschied zwei Grundstöcke,
 die παχεία ᾲρτηρία (Aorta), welche sich bis zu den Nieren und der
 Blase erstreckt, und die κοίλη φλὲφ (Hohlader); aus beiden gehen die
 „Adern“ hervor. Von Venen beschreibt er mehrere als seine Vorgänger,
 die Nerven wußte er ebensowenig wie diese von den Gefäßen zu trennen.
 Er erwähnt „Gänge“, die von der Leber zur Gallenblase führen, den
 „Magenmund“, „Blinddarm“, die Blindarmklappe, die Ureteren, die
 Eierstöcke und Eileiter. An dem Irrtum der Kotyledonen der Gebärmutter
 hält er noch fest. In großem Ansehen standen lange Zeit seine
 embryologischen Angaben, wonach am 9. Tage Blutpunkte, am 18. Bewegung
 des Herzens, am 27. schwache Spuren von Rückenmark und Kopf in einer
 schleimigen Membran erkennbar seien. Die Physiologie ist stark von
 der sizilischen Schule beeinflußt. Das Herz (linke Kammer) ist der
 Sitz der Seele vermöge des eingepflanzten Pneumas, welches Bewegung
 und Sinneswahrnehmung bewirkt. Vermittels der Atmung, welche auch zur
 Kühlung des Herzens dient, wird das Pneuma erneuert und verbreitet
 sich in den Adern mit dem Blute zum Gehirn und zu allen übrigen Teilen
 des Körpers. Die Ernährung erfolgt durch das Blut, das in der Leber
 bereitet wird, die Verdauung im Magen ist eine Art von Fäulnisprozeß,
 unterhalten durch die eingepflanzte Wärme, der Ueberschuß der Nahrung
 gelangt in Darm und Blase, wird aber auch als Schweiß und Ausdünstung
 ausgeschieden.

   Wie über Anatomie und Physiologie schrieb Diokles auch über
 tödliche Gifte und Pharmakologie besondere Bücher. Sein ῥιζοτομικόν
 = Wurzelschneidebuch, das älteste Kräuterbuch der Griechen, enthielt
 wichtige Angaben über Vorkommen, Kennzeichen, Nährwert, medizinische
 Wirkungen der Pflanzen und wurde von allen späteren Autoren eifrig
 benützt.

Von erkenntnistheoretischer Bedeutung ist es, daß Diokles insofern
über Hippokrates hinauszudringen suchte, indem er auf Grund
anatomisch-physiologischer Betrachtungen die Fragen nach dem ~kausalen
Zusammenhang der Symptome~, nach dem ~Krankheitssitz~ aufzurollen
begann. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht seine Behauptung, ~Fieber~
sei nur ein ~Folgesymptom anderer Krankheitsvorgänge~ (z. B. von
Wunden, Entzündungen, Verstopfung der Pneumawege etc.), ferner die
Unterscheidung einer Leber- und Milzform des Ascites, die Trennung
der Pleuritis von der Pneumonie, welch letztere in den Gefäßen der
Lunge lokalisiert sein sollte, die Trennung des Dünndarmverschlusses
vom Dickdarmverschluß. Es ist begreiflich, daß derartige Versuche,
die Bahn der exakten Naturwissenschaft zu beschreiben, von Irrtümern
gekreuzt wurden, wie dies namentlich zum Ausdruck kommt, wenn
Diokles in Gefolgschaft der bestechenden sizilischen Pneumalehre
die Geisteskrankheiten im Herzen lokalisiert (weil das Pneuma seinen
Zentralsitz an der Vereinigungsstelle der luftführenden Gefäße, d. h.
im Herzen, besitze). Solche theoretische Abirrungen hatten aber bei
Diokles keinen Einfluß auf die praktische ärztliche Tätigkeit, denn
hierin verknüpfte ihn ein untrennbares Band mit Hippokrates. Wie dieser
pflegte er ganz besonders die Semiotik, die Prognostik (wobei auf
Jahreszeit, Klima, individuelle Lebensweise u. s. w. geachtet wurde)
und vertrat den therapeutischen Grundsatz, ~daß ein örtliches Leiden
ohne Berücksichtigung des Gesamtzustandes nicht geheilt werden könne~.

   Die Pathologie des Diokles erweist sich als eine Art von Kompromiß
 zwischen koischen und sizilischen Theorien. Sie basiert auf der
 ~Annahme von der Bedeutsamkeit zweier Faktoren für das organische
 Getriebe, des Pneumas und der vier Elemente oder Qualitäten~. Unter
 der Einwirkung der Elementarqualitäten gehen aus der Nahrung Blut,
 Schleim, gelbe und schwarze Galle hervor, welche Diokles zwar als
 Kardinalsäfte, nicht aber als letzte Grundelemente des Körpers
 auffaßt. Krankheiten entstehen, abgesehen von äußeren Schädlichkeiten,
 durch Anomalien der Elementarqualitäten oder Störungen in der
 Bewegung des Pneumas. Die kontinuierlichen Fieber leitete Diokles
 von Verderbnis der gelben Galle, die Quotidiana vom Schleim, die
 Tertiana vom Blut, die Quartana von der schwarzen Galle her (vergl.
 den Unterschied gegenüber Platon bezw. Philistion). Das Schwitzen
 betrachtete er als Zeichen beginnender oder schon eingetretener
 Erkrankung und als Folge mangelhafter Verdauung. -- ~Entzündung
 ist eine Verstopfung der Blutgefäße.~ -- Phrenitis galt ihm als
 Zwerchfellentzündung, Melancholie entsteht durch Ansammlung der
 schwarzen Galle im Herzen (nach koischer Lehre im Gehirn), Melancholie
 durch Kochung des Herzblutes ohne Verstopfung (nach koischer Lehre
 durch Anhäufung der gelben Galle im Gehirn), Lethargus rühre vom
 Festwerden des Blutes um Herz und Gehirn her, Epilepsie und Apoplexie
 würde durch Verstopfung der Aorta mit Schleim verursacht. -- Mit
 großer Sorgfalt bearbeitete er die Chirurgie (eigene Schriften
 über die ärztliche Werkstätte, über Verbandlehre) und Gynäkologie,
 letztere in einem vielleicht 12 Bücher umfassenden Werke. Unter den
 Ursachen der Sterilität beschreibt Diokles Schiefstand des Uterus,
 wie er aus Sektionen an Mauleselinnen schloß, die Dystokie leitete
 er von abnormer Stellung, Verhärtung, Verschluß des Muttermunds, von
 abnormer Größe, mangelhafter Ausbildung oder vom Tod der Frucht her.
 Zur Behebung des Prolapses trieb er Luft in den Uterus und legte nach
 dessen Aufrichtung geschälte und in Essig getauchte Granatäpfel ein.
 -- In den diätetischen Schriften stellte er sich gänzlich auf den
 echt hippokratischen Standpunkt und gab genaue Vorschriften für jede
 Tagesstunde, für den Morgenspaziergang, für das Waschen, Zähneputzen,
 für die Lagerung, Wanderungen u. s. w. Im Gegensatz zu seinem Vater
 ~Archidamos~ bekämpfte er in einer dessen Namen tragenden Schrift die
 trockenen Friktionen und empfahl an deren Stelle ölige Einreibungen.

Von Diokles ausgehend, aber mit schärferer Nüancierung der neuen
Richtung wirkte sein Zeitgenosse, Jünger und Nachfolger in der Leitung
der dogmatischen Schule, ~Praxagoras~ von Kos (Blütezeit um 340 bis
320 v. Chr.). Bei ihm sehen wir bereits von manchen vorsichtigen
Andeutungen des Diokles die rücksichtslose, für die Praxis nicht
immer heilvolle Konsequenz gezogen. Die zahlreichen Schriften des
Praxagoras bezogen sich vorzugsweise auf Anatomie und Physiologie,
Arzneimittellehre, ~Diagnostik~, Diät und Gymnastik.

   Wie für Diokles war auch für Praxagoras das Herz Sitz der Seele,
 durch das Pneuma Zentralstelle der Empfindung. Praxagoras hob aber
 bereits die früher nur angedeutete ~Unterscheidung der Venen und
 Arterien~ klar hervor, behauptete, daß nur ~die ersteren Blut~
 führen, während die ~letzteren ausschließlich mit Luft erfüllt~ sein
 sollten, und ließ die (allerdings noch mit Sehnen und Blutgefäßen
 zusammengeworfenen) ~Nerven als Träger der Empfindung vom Herzen
 entspringen~. Die ~Körperwärme~ faßte er nicht als eingepflanzt,
 sondern als ~erworben~ auf, wodurch er nicht allein die damals
 herrschende Atmungslehre empfindlich erschütterte, sondern auch zu
 den späteren mechanistischen Theorien den Grund legte. Der ~Puls~
 beruhe auf der ~aktiven Tätigkeit~, auf der eigentümlichen Schlagkraft
 ~der Arterien~. -- Das Gehirn bezeichnete er als bloßen Anhang des
 Rückenmarks.

Das interessanteste Moment liegt darin, daß Praxagoras die
diagnostische ~Differenzierung der Krankheiten~, die kausale
Erklärung der Symptome und ihrer Zusammenhänge, die Kenntnis der
~Folgekrankheiten~ durch Heranziehung der exakten Forschung neben
allerdings überwiegender Spekulation auszubilden unternahm --
ein Streben, das ebenso wie bei Diokles in der Verfeinerung der
medizinischen Kunstsprache deutlichen Ausdruck fand. Beispiele seiner
lokalpathologischen Tendenzen war die Lokalisation der Fieber in die
Hohlvene, die Verlegung der Geisteskrankheiten ins Herz, die Erklärung
der Epilepsie aus Arterienverstopfung durch Schleim, die Mitteilung
lokalpathologischer Befunde bei Pleuritis. ~Mit voller Erkenntnis
seiner Bedeutung erhob Praxagoras zuerst den Puls zum wertvollen
diagnostischen Hilfsmittel~ und ließ sich in der Therapie (namentlich
in der Chirurgie) von anatomisch-physiologischen Gesichtspunkten zu
allerdings oft sehr radikalen Maßnahmen leiten.

   Die Pathologie des Praxagoras war ihrer Grundlage nach koisch,
 knüpft aber an die ältere vorhippokratische Säftelehre (Alkmaions)
 von neuem an, indem statt der vier dogmatischen Kardinalflüssigkeiten
 freilich nicht minder doktrinär 11 Säfte unterschieden wurden, die
 nach Farbe, Geschmack oder Konsistenz die Bezeichnung süß, gleichmäßig
 gemischt, glasartig, sauer, laugig, salzig, bitter, lauchgrün,
 eigelb, schabend und stockend zugesprochen erhielten. -- Was die
 Pulslehre betrifft -- zuerst soll dieselbe ~Aigimios von Elis~ in
 einer besonderen Schrift dargestellt haben --, so trennte Praxagoras
 den normalen Puls (σφυγμός) vom krankhaften und unterschied hierbei
 das Hämmern (παλμός) und Zittern (τρόμος). -- Die Diätetik des
 ~Diokles~ ergänzte er noch weiter und beschäftigte sich auch mit
 Fragen der Gymnastik. Beispiele seiner heroischen Behandlungsweise
 sind die Anwendung scharfer Klistiere bei Phrenitis, von Klistieren,
 Schwitzmitteln und Aderlaß bei Angina, von kräftigen Diureticis bei
 Hämorrhagie und Hydrops, von Brechmitteln (Rettichsaft) bei Ileus.
 Noch eingreifender war seine Chirurgie: bei Volvulus Pressen der
 Eingeweide mit der Hand und, wenn dies erfolglos, Aufschneiden des
 Dickdarms behufs Entleerung vom Kote.

Anhänger und Schüler verfolgten die Bahn, welche Chrysippos, Diokles
und Praxagoras vorgezeichnet hatten. Auf dem Gebiete der Anatomie und
Arzneimittellehre, in der Diätetik wurde manches geleistet, was später
zum wissenschaftlichen Aufbau benützt werden konnte. ~Xenophon von
Kos~, ~Pleistonikos~, ~Philotimos~, ~Mnesitheos~ und ~Dieuches von
Athen~ werden von den späteren Autoren in dieser Hinsicht gerühmt,
Euenor von Argos scheint sich als Therapeut, besonders in der
Geburtshilfe und Augenheilkunde, ausgezeichnet zu haben.

   Xenophon von Kos, Schüler des Praxagoras, erwarb sich Verdienste um
 die anatomische Nomenklatur, Pleistonikos, Philotimos (Beschreibung
 der Tuben; Gehirn = unnützer Anhang des Rückenmarks) und Dieuches
 werden von Galen als gute Anatomen erwähnt. Mnesitheos schrieb eine
 medizinische Enzyklopädie und versuchte eine ~Klassifikation der
 Krankheiten~. ~Numenios~ von Herakleia (Schüler des Dieuches) schrieb
 medizinische Lehrgedichte z. B. über giftige Tiere (θηριακά).

Die Pathologie der „Dogmatiker“ war zum größten Teile auf Spekulation
aufgebaut, welche nicht allein die Therapie in ihren Strudel mit
fortriß, sondern gewiß auch die Nüchternheit der Beobachtung am
Krankenbette zu Gunsten einseitiger Hypothesen trübte. Von den
Vorschriften des großen Koers war man, im frühreifen Drange nach
wissenschaftlichem Abschluß, recht weit abgewichen und namentlich
jener individualisierende Zug, der jeden einzelnen Fall als ein
eigenes Problem aufgriff, war im Verschwinden begriffen. Leicht ist es
freilich, den „Dogmatismus“ von der Warte der Gegenwart als Verirrung
hinzustellen und die Phantasien über Säfte, Elementarqualitäten oder
die Wirkung des Pneumas ad absurdum zu führen, tieferes Versenken in
den Zeitgeist und die Entwicklung des medizinischen Denkens erfordert
es hingegen, diese Verirrungen als das zu begreifen, was sie sind,
als ~psychologisch bedingte, aus den Zeitverhältnissen abzuleitende
Glieder der Entwicklungskette, welche bestimmt war, den hippokratischen
Sammelbegriff der Physis in seine Elemente aufzulösen~.

   Die Triumphe, aber auch die Irrwege des hellenischen Geisteslebens
 beruhen darauf, daß neben dem reich begabten Anschauungsvermögen
 die Neigung zur höchsten Abstraktion schon frühzeitig erwachte. Das
 Verallgemeinerungsbedürfnis führte zum wissenschaftlichen Aufbau
 und wurzelte in jenem ökonomischen Drange, welcher nach obersten
 Prinzipien aus dem Grunde fahndet, um das Bewußtsein zeitweilig von
 den zahllosen Einzelfakten entlasten und zugleich die jedesmalige
 weitere Einzelwahrnehmung entbehrlich machen zu können. ~Nicht das
 deduktive Verfahren an sich ist von schädlichen Folgen begleitet,
 sondern die Deduktion aus unzuverlässigen, falschen Prämissen.~
 Die Frühepoche brachte es mit sich, daß die Mehrzahl der damaligen
 Prinzipien nicht aus zuverlässigen, breiten Induktionsreihen
 hervorgegangen war, sondern flüchtig geprüften Prämissen oder nur
 blendender Intuition entstammte. Die Medizin als Teilerscheinung
 des gesamten Geisteslebens blieb von diesem Wesenszug umso weniger
 frei, als ihr das Beispiel der Naturwissenschaft voranleuchtete.
 Die Ausnahmsgestalt des ~Hippokrates~, der die Unzulänglichkeit der
 Prämissen für die deduktive Methode klar erfaßt, bildet mit ihrer
 überragenden Kritik nur eine vorübergehende Erscheinung; ~die von
 ihm ausschließlich empfohlene Induktion beschränkte die Medizin
 auf praktische Ziele, auf den Aufbau der Symptomenkomplexe in jedem
 einzelnen Falle, auf die Prognostik, auf die hiervon abhängig gemachte
 Therapie. Diese Einschränkung war keine willkürliche, weil die
 Induktion aus bloß klinischen Symptomen wohl über die Folgen, nicht
 aber über die Ursachen des klinischen Tatbestandes Aufschluß erteilen
 kann.~ Um über die letzteren Gewißheit zu erlangen, bedarf es wieder
 anderer Induktionsreihen, welche die moderne Medizin besonders aus
 dem Gebiete der pathologischen Anatomie und experimentellen Pathologie
 entnimmt -- Induktionsreihen, welche die Grundlage für hypothetische
 und disjunktive Schlüsse abgeben. Einerseits reiner Erkenntnisdrang,
 welcher der Pathogenie auf die Spur kommen wollte, anderseits jene
 ~Oekonomie des Denkens, welche an Stelle der in jedem Einzelfalle
 mühsam erworbenen Prognose die Diagnose und damit die Schlüssel zur
 Prognose und Therapie auf weit kürzerem Wege zu ermitteln trachtet~,
 führte immer wieder dazu, nach Grundlagen für die hierzu nötigen
 hypothetischen und disjunktiven Schlüsse auszuspähen. Damit machen
 nach Hippokrates die Dogmatiker den Anfang, d. h. sie vermeinten in
 der spekulativen Physiologie, welche anscheinend die uralte Säfte- und
 Pneumalehre ins Recht setzte, sowie in neu erworbenen anatomischen
 Tatsachen genügendes Material zu besitzen. Die späteren Schulen
 folgten ihnen zumeist auf diesem Wege. ~Die fortwährende Korrektur
 durch die praktische Erfahrung und die infolgedessen notwendig stets
 neu auftauchenden veränderten, ergänzten oder andersartigen Prämissen
 -- dies bildet den Inhalt der Geschichte der Medizin und erklärt die
 bunte Phänomenologie ihres wechselvollen Entwicklungsganges.~

Die Tendenz der rationalistischen Aerzte, das Wesen der von Hippokrates
einfach axiomatisch hingestellten „~Physis~“ zu entschleiern,
entspringt dem tieferen Erkenntnisdrang, welcher bis zu den
entferntesten Ursachen der sinnfälligen Erfahrung hinstrebt. Die
Deduktion bot sich aber umsomehr als einwandfreie Methode dar, als
die damaligen Vertreter der Naturwissenschaft das Beispiel gaben und
kein Geringerer als Platon die Berechtigung der sublimsten Spekulation
gewährleistete.

Wie wenig selbst der bedeutendste Einschlag von empirischen
Realkenntnissen geeignet war, die Denker im Geleise der streng
induktiven Forschung festzuhalten, zeigt in überzeugendster
Weise das Lehrsystem des ~Aristoteles~ (384-322 v. Chr.), welches
gerade wegen seiner positiven Unterlagen, wegen seiner universalen
Bearbeitung eines überreichen Tatsachenmaterials der Medizin das
Beispiel der ~empirischen Sammelforschung~ darbot, wegen seiner
methodischen Einheitlichkeit noch heute als unerreichtes Ideal eines
wissenschaftlichen Menschenwerkes anzusehen ist und doch am meisten
den Sieg der ~deduktiven Beweisführung~ begründete.

   Von den Gedanken des Aristoteles summarisch Kenntnis zu nehmen,
 erfordert nicht so sehr der verhältnismäßig geringe Einfluß, den
 ~Aristoteles~ auf die Heilwissenschaft ~seiner~ Epoche ausgeübt hat,
 als die Bedeutung, die dem Philosophen als höchsten Repräsentanten
 der wissenschaftlichen Entwicklung der Griechen zukommt, und ihn
 späterhin, viele Jahrhunderte hindurch, zum unbeschränkten Herrscher
 über das gesamte Geistesleben erhob.

    Aristoteles entstammte dem Geschlechte der Asklepiaden und
 wurde 384 v. Chr. zu Stageira als Sohn des mazedonischen Leibarztes
 Nikomachos geboren. Im 17. Lebensjahre kam er nach Athen, erwarb
 unter Leitung Platons seine Ausbildung und gehörte, wiewohl mit
 eigenen Forschungen beschäftigt und zu einer, von seinem Meister
 weit abweichenden Weltanschauung herangereift, durch zwanzig Jahre
 der „Akademie“ an. Nach dem Tode Platons lebte er einige Jahre in
 Kleinasien, leitete sodann die Erziehung Alexanders des Großen und
 begründete, 335 nach Athen zurückgekehrt, in einem mit dem Tempel
 des Apollon Lykeios in Verbindung stehenden Gymnasium (Λυκεῖον)
 eine eigene philosophische Schule, welche von der Gewohnheit des
 Philosophen, auch im Herumwandeln wissenschaftliche Probleme zu
 erörtern, den Namen die „~peripatetische~“ erhielt. Nach dem Tode
 Alexanders des Großen, mit dem er in den letzten Lebensjahren
 zerfallen war, drohte ihm aus politischen Gründen von Seite der
 Athener eine gerichtliche Verfolgung wegen Gottlosigkeit, der er sich
 durch die Flucht nach Chalkis auf Euboia entzog, damit sich, wie er im
 Hinblick auf das Schicksal des Sokrates sagte, Athen nicht um zweiten
 Male an der Philosophie versündige. Dort wurde er im folgenden Jahre
 (322) von einem Magenübel dahingerafft.

   Durch die Abkunft von knidischen Asklepiaden prädestiniert,
 durch den Studiengang der ersten Lehrjahre im Sinne einer
 kritisch-realistischen Geistesrichtung beeinflußt, fiel Aristoteles
 die Rolle zu, die Ideenlehre Platons mit der Erfahrungswissenschaft
 in innigen Zusammenhang zu bringen. Der Einfluß ärztlicher
 Jugendeindrücke und der Lektüre ärztlicher (besonders auch
 hippokratischer) Schriften tritt stellenweise noch in den reifsten
 Meisterwerken des Stagiriten zu Tage, wenn er beispielsweise in der
 Metaphysik den Unterschied zwischen Empirie und Kunst im Hinblick
 auf die Medizin erörtert oder wenn er die ästhetische Wirkung des
 Dramas mit der Katharsis (Säftereinigung) in Analogie bringt. Der
 Realismus führte Aristoteles dazu, sich zur Grundlegung seiner
 Weltanschauung auf ein Tatsachenmaterial zu stützen, wie es in solcher
 Reichhaltigkeit wohl nie durch einen einzigen zusammengetragen wurde,
 und welches nicht nur aus fleißiger kritischer Benützung fremder
 Erfahrungen, sondern zum größten Teile aus den eigenen Beobachtungen
 des Philosophen und seiner Schule herstammt. Gefördert durch die
 Munifizenz des Königs Philipp und späterhin des großen Alexander,
 wodurch die reichhaltigste Sammlung von Naturkörpern aller Art
 ermöglicht wurde, mit seltenem echt naturwissenschaftlichen Blick
 begnadet, arbeitete sich Aristoteles durch das gesamte Reich der
 Schöpfung hindurch, organisierte zweckbewußt die Forschertätigkeit
 seiner Jünger nach dem Prinzip der Arbeitsteilung und verfaßte auf
 breiter und allseitig gestützter Basis neben den philosophischen,
 staatsrechtlichen, rhetorischen, ethischen, ästhetischen eine
 Reihe von naturwissenschaftlichen Meisterwerken -- medizinische
 sind nicht erhalten -- die für Jahrtausende eine unerschöpfliche
 Fundgrube bildeten. Zu diesen zählen 8 Bücher φυσικαὶ ἀκροάσεις =
 naturwissenschaftliche Vorlesungen, 10 Bücher περὶ τὰ ζῷα ἱστορίαι =
 Tiergeschichte = De historia animalium (beste Ausgabe von Aubert und
 Wimmer, Leipz. 1868), 4 Bücher περὶ ζῷων μορίων = von den Teilen der
 Tiere = De partibus animalium, 5 Bücher περὶ ζῷων γενέσεως = von der
 Entstehung der Tiere = De generatione animalium (Ausgabe von Aubert
 und Wimmer, Leipz. 1860), περὶ αὶσθήσεως καἱ περὶ αἱσθητῶν = über
 Wahrnehmung und Wahrnehmbares = De sensatione, 2 Bücher περὶ γενέσεως
 = über Entstehung = De generatione, 3 Bücher περὶ ψυχῆς = über die
 Seele = De anima, 4 Bücher Μετεωρολογικά. So gewaltig der vorliegende
 Stoff ist, die erhaltenen Werke geben gleichsam nur Stichproben
 von dem ungeheuren Erfahrungsstoff, welchen Aristoteles bei seiner
 Durchforschung der physikalischen Vorgänge, des Baues und Lebens
 der Organismen angehäuft hat. Die größte Zahl der Werke ist verloren
 gegangen. Der Zweck dieser kolossalen mit durchdringendem Verstand
 durchgeistigten Materialanhäufungen war es, die Gesetze und Ursachen
 des gesamten Seins und Werdens, das Gemeinsame, das Typische im Chaos
 der Erscheinungen zu erfassen. Beobachtungen, Versuche, Abstraktion
 aus der Empirie, unter der berühmt gewordenen Voraussetzung, daß alle
 Ideen aus der Sinnestätigkeit hervorgehen (nihil est in intellectu
 quod non prius fuerit in sensu), bilden somit einen Hauptteil der
 Forschung des Aristoteles, ohne aber in dem Maße bestimmend zu werden,
 daß sie durchgehends zur wahren induktiven Methode führen würden.

    ~Platon~ hatte den sokratischen Allgemeinbegriffen eine von der
 materiellen Wirklichkeit gesonderte reale Existenz zugesprochen und
 zwei verschiedenartige Welten statuiert: die sinnlich wahrnehmbare,
 unvollkommene, stetem Wandel unterworfene Erscheinungswelt und das
 Reich der unvergänglichen, nur der Vernunft erkennbaren „Ideen“.
 (Die einzelnen Dinge sind bloß der Abglanz der Ideen, nehmen an
 diesen nur teil je nach dem Grade ihrer Vollkommenheit.) -- Diesen
 schroffen Dualismus suchte Aristoteles dadurch zu überbrücken, daß
 er den Ideen (Typen, Normen) zwar Realität zuerkannte, aber keine
 solche, welche transzendent über der Erfahrungswelt steht, sondern
 vielmehr ~immanent~ den Einzelerscheinungen als innerste Wesensform,
 als bewegende Kraft innewohnt. Jedes bestimmte Ding ist Produkt aus
 der Materie (ὓλη), welche das Substrat bildet, und der treibenden
 Idee (Gattungstypus), welche als ~Form~ (εἰδος, μορφή) den Stoff
 gestaltet; um die im Stoffe als Anlage zur Gestaltung ruhende
 Potentialität (δύναμις) in Aktualität (ἐνέργεια) umzusetzen, ist
 Bewegung (κίνησις), ein Werdeprozeß nötig, welcher zwar den nötigen
 Anstoß durch eine mechanische Ursache empfängt, im letzten Grunde
 aber in seiner Richtung durch die einem bestimmten Zwecke zustrebende
 Idee (ἐντελέχεια) bedingt wird. ~Stoff und Form, äußere Ursache
 und Zweck~ bilden die vier Prinzipien jedes Seins; die wirkenden,
 mechanischen Kräfte (causae efficientes) stehen nur im Dienste
 der Zweckursachen (causae finales), welche in der vollendeten Form
 zur äußeren Erscheinung gelangen. ~Die Idee, welche im Einzelding
 verborgen liegt, den Zweck, der seine Form bedingt, zu erkennen, das
 allein macht, nach Aristoteles, das wahre Wissen aus~, und deshalb
 versuchte er, im Streben nach Totalität, auf den verschiedensten
 Gebieten die grundlegenden Gesetze bloßzulegen, indem er an der Hand
 eines reichen Sammelmaterials das Allgemeine im Besonderen nachwies.
 Die größten Erfolge erzielte er auf dem Felde der beschreibenden
 Naturwissenschaften, wo er nicht allein einen immensen Erfahrungsstoff
 aufstapelte, sondern die ~entwicklungsgeschichtliche Betrachtung~ aufs
 glänzende durchführte, die allgemeine Anatomie (der gleichartigen
 Teile) begründete und durch glückliche Anwendung des Prinzips der
 Vergleichung zum Schöpfer der Zoologie und Botanik wurde. ~Ewig
 bleibt es eine großartige Leistung, zuerst die Analoga der Organe
 des Menschen durch das ganze Tierreich abgehandelt~, den Stufengang
 im Reich des Lebendigen nachgewiesen, die natürliche Einteilung der
 Tiere in solche, welche Blut und solche, welche nur ein Analogon
 desselben besitzen, vorgenommen zu haben. Der denkenden Betrachtung
 des Organischen, wo die Teile zum Zwecke des Ganzen angelegt sind
 und harmonisch zusammenwirken, wo der Kausalnexus sich mit der
 Zweckmäßigkeit deckt, indem der vererbte Typus die Richtung und
 das Maß der physikalisch-chemischen Kräfte anscheinend zielstrebend
 beherrscht, ist auch im wesentlichen die metaphysische Grundlehre
 des Aristoteles, welche die ~Formbestimmtheit~ in den Vordergrund
 rückt, ~dynamisch-teleologisch~ aufgebaut ist, entlehnt. Weit
 weniger bedeuten die Leistungen des Stagiriten in den „erklärenden“
 Naturwissenschaften, wo die Enthüllung des mechanischen Kausalnexus
 allein maßgebend ist und nur nüchterne Betrachtung, durch
 quantitatives Denken geleitete Versuche, zum Ziele führen können,
 jedes Hineintragen von ästhetisch-teleologischen Begriffen aber den
 Gang der Untersuchung verwirrt. Dieselben Mängel haften natürlich auch
 seiner Biologie an, insofern die einseitig teleologisch-dynamische
 Anschauungsweise zwar vermöge ihres heuristischen Wertes viele
 bleibende Ergebnisse zeitigte, aber nicht, ohne der nüchternen Analyse
 den Weg zu verlegen. Bei dem Mangel an exakten Forschungsmitteln zur
 schärferen sinnlichen Beobachtung erschien das „Besondere“ einfacher,
 als es wirklich ist, wodurch die aristotelische Ableitung aus wenigen
 Prinzipien häufig einer gewaltsamen Ausdeutung vieler Tatsachen durch
 eine leichtfertige Annahme gleichkommt. Das Quantitative der Vorgänge
 fand gar keine Berücksichtigung, und der mechanische Kausalnexus
 trat so sehr hinter die Teleologie zurück, daß Aristoteles sogar die
 Struktur der Organe aus ihrer Funktion erklärte, statt umgekehrt. ~Die
 Probleme der Naturtechnik wurden vor Enträtselung der Naturmechanik
 studiert.~ Wiewohl der Enkelschüler des Sokrates die Induktion
 theoretisch als wichtige Forschungsmethode erkannte, um allgemeine
 Gesichtspunkte zu gewinnen, so machte er dieselbe doch in der
 naturwissenschaftlichen Praxis vielfach unfruchtbar, indem er sich die
 Tatsachen von ~vornherein~ vermittels teleologischer oder ästhetischer
 Gesichtspunkte zurechtlegte. ~Die Induktion, wie sie der Begründer
 der Syllogistik und des wissenschaftlichen Beweises anwendete, war nur
 ein untergeordnetes Verfahren, das von wenigen Tatsachen ausging und
 auf voreiligen Analogien beruhte, keineswegs aber die quantitative
 Bestimmung, um theoretische Ergebnisse zu erhalten. Der Schwerpunkt
 der aristotelischen Methode lag bei dem Streben nach Zusammenfassung
 und Totalität in der Deduktion, die er nach dem Vorbilde der
 Mathematik ausbildete, wobei metaphysisch-teleologische Prinzipien
 die Stelle von Axiomen einnahmen und die Kongruenz der logischen
 Verbindungsfähigkeit von Begriffen mit der realen Verknüpfung der
 entsprechenden Objekte apodiktisch vorausgesetzt wurde.~

Die innige Durchdringung von Spekulation und Empirie offenbart
sich nicht am wenigsten in der aristotelischen Anatomie und
Physiologie, welche, unter ~teleologischem~ Gesichtswinkel gemeinsam
abgehandelt, viele Jahrhunderte hindurch als Vorbild vollkommenster
Wissenschaftlichkeit dienten. Die Anatomie des Stagiriten ließ die
Arbeiten der Vorgänger und von den Zeitgenossen die Leistungen des
Diokles nicht unbeachtet, entbehrt auch keineswegs der Verbesserungen,
besonders in der Gefäßlehre, enthält aber noch zahlreiche schwere
Irrtümer teils infolge der willkürlichen Uebertragung von Ergebnissen
der Tiersektion auf den Menschen, teils infolge vorgefaßter Meinungen.
Wertvoll ist die Begründung der allgemeinen Anatomie, der zufolge
die vier Elemente[73] zunächst die gleichartigen Stoffe des Körpers
(Homoiomerien = entsprechend den Geweben) bilden, nämlich Adern,
Sehnen, Fasern, Knochen, Knorpeln, Horn, Haut, Haare, Membranen,
Fleisch, Fett, Blut, Mark, Milch, Samen, aus deren Zusammensetzung
erst die Organe hervorgehen. Die Embryologie ist gegenüber den
Kenntnissen der Vorgänger wesentlich vorgeschritten durch das Studium
der Entwicklung des Hühnchens im Ei, der Bildung des Herzens, Gehirns,
der Augen, der Allantois und der Dottergefäße etc. In der Physiologie
ließ sich Aristoteles einseitig von einer oft naiven ~Teleologie~
leiten und setzte dem Wirkungsbereich des kausalen Mechanismus allzu
enge Schranken, indem er die Funktionen ~dynamistisch~ in letzter Linie
auf Tätigkeiten der ernährenden (und fortpflanzenden), empfindenden
oder bewegenden Psyche, d. h. auf ~organische Kräfte~ (Entelechien)
zurückführte -- eine Methodik, welche späterhin zur Ursache
jahrtausendelangen Stillstandes in der Erforschung der Lebensvorgänge
ward.

  [73] Aristoteles kennt außer den vier Elementen noch ein fünftes,
       den Aether, die quinta essentia, welches der siderischen Welt
       zukommt.

   Einige Hauptmängel der aristotelischen Anatomie sind es, wenn der
 Philosoph eine Verschiedenheit der Schädelnähte bei Männern und Frauen
 statuiert, die Rippenzahl mit acht angibt, im Herzen drei Kammern
 (Uebersehen der Vorhofscheidewand) beschreibt, die Nieren gelappt sein
 läßt, die Milz des Menschen konform mit der des Schweines schildert
 u. a. ~Das Herz gilt ihm als Mittelpunkt des Gefäßsystems~, er kennt
 die Aorta und Hohlvene sowie deren Aeste und verfolgt allerdings
 fehlerhaft den weiteren Verlauf, ohne Arterien und Venen zu trennen.
 Die Arter. spermat. führen kein Blut, sondern Pneuma und Wasser.
 Das menschliche Gehirn ist größer und feuchter als das tierische,
 aber blutlos und kalt, das Rückenmark hingegen, das dem Knochenmark
 gleichgestellt wird, ist warm. Der Ausdruck πόροι bedeutet nicht nur
 Nerven, die noch nicht differenziert werden, sondern auch Sehnen,
 Bänder, Ureteren. Die Gebärmutter gilt noch als zweihörnig, jedoch
 wird bereits die irrtümliche ~Annahme der Kotyledonen zurückgewiesen~.

   Die Physiologie des Aristoteles, wiewohl von metaphysischen
 Voraussetzungen allzu sehr durchweht, bringt das Wesen des
 ~Organischen~ zum ersten Male zu scharfer Formulierung und erblickt
 in der ~spontanen Bewegungsfähigkeit~ dessen hervorstechendes
 Kriterium. In der Mitte stehend zwischen primitivem Materialismus
 und Spiritualismus, ~dynamistischen~ Erklärungsprinzipien huldigend,
 betrachtet der Philosoph in letztem Grunde den Leib wie sämtliche
 organische Vorgänge als Aeußerungen ~zweckmäßig wirkender Kräfte~,
 deren Inbegriff die als ~Lebenskraft~ gedachte, dem Organismus
 immanente „~Seele~“ bildet. Diese wirkt im Organismus überall als
 eine bestimmte Art der Funktion, nicht als Seele (εἶδος, ἐντελέχεια)
 im allgemeinen, sondern immer entweder als ~ernährende~ (und
 fortpflanzende) oder ~empfindende~ oder ~bewegende~ oder ~denkende~,
 bezw. als eine Mehrheit von diesen zusammen. Mit Ausnahme des
 Geistes (νοῦς), des dem Menschen als solchem eigentümlichen „Teils“
 der Seele, der an kein leibliches Organ gebunden ist, besitzen die
 Seelenfunktionen, also die Bewegung, aber auch das ~Begehren~ und
 ~Empfinden~, ihre ~Zentralstätte im Herzen~. Dort ist der Urquell des,
 durch die eingepflanzte Wärme und das Pneuma belebten Blutes, welches
 das Bindeglied zwischen den Körperteilen und dem Seelensitze darstellt
 -- schon die Lage des Organs noch mehr die Tatsache, daß es beim
 Embryo zuerst entstehe und beim Tode zuletzt sterbe, weise auf die
 Bedeutung des Herzens als Hauptsitz des Lebens. Das kalte, blutlose,
 empfindungslose Gehirn ist das Gegenstück des Herzens -- jeder
 physiologische Prozeß besitze einen ihm entgegengesetzten Schwerpunkt
 --, es dient nur dazu, die (aus dem Herzen) aufsteigende Wärme zu
 kompensieren. Mittels „Kochung“ bereitet die Wärme des Herzens aus
 dem Nährmateriale Blut und bringt es zur Wallung, welche sich in
 der Pulsation manifestiert. Gleichzeitig veranlaßt die Wärme aber
 auch eine Ausdehnung der Lungen, die hierdurch wie Blasebälge Luft
 aufnehmen und durch die Venen dem Herzen behufs Abkühlung zuführen
 können, wodurch einer zu großen Anhäufung von Wärme vorgebeugt wird;
 deshalb atmen die warmblütigen Tiere am intensivsten. Das durch
 die Wärme des Herzens flüssig erhaltene Blut -- außerhalb der Adern
 gerinne es, wenn nicht die „Fasern“ daraus entfernt würden -- ergießt
 sich durch die gleichzeitig mit dem Herzen pulsierenden Adern zu
 allen Körperteilen, welche es tränkt, wie Wasserbäche, die sich in
 immer kleinere Zweige teilend, einen Garten tränken. Das reinste
 Blut empfangen das Fleisch und die Sinnesorgane, das gröbere die
 Knochen, Haare und was diesen gleichwertig ist. Das zur Ernährung
 und dem Organaufbau dienende schwärzere und dickere Blut strömt
 vornehmlich in die unteren, das dünnere und kältere, zur Vermittlung
 der Empfindung geeignete Blut in die oberen Körpergegenden, wo daher
 auch die Sinnesorgane lokalisiert seien. Die Stoffwechselvorgänge
 unterstehen der „ernährenden“ Seele (ψυχὴ θρεπτική). Die im Magen
 aufgenommene Nahrung wird unter der Wirkung der Wärme und des Pneumas
 gekocht und gelangt aus dem Darm, nach Abgang der Ueberschüsse, in
 die Mesenterialgefäße, um von diesen als ἰχώρ (Chylus) auf dem Weg der
 Hauptgefäßstämme in das Herz übergeführt zu werden, wo die Umwandlung
 in Blut erfolgt. Was die Bauchorgane anbetrifft, so besitze der Darm
 deshalb eine bedeutende Länge, damit die Nahrung nicht zu schnell
 hindurchgehe, Leber und Milz dienen zur Fixation der Gefäße und
 unterstützen durch ihre Wärme den Verdauungsprozeß, die Milz zieht
 die übermäßige Flüssigkeit aus dem Magen hinweg, an der Leber sei --
 aber nicht immer! -- die Gallenblase befestigt, welche einen unnützen
 Auswurfsstoff, die Galle enthalte, die Nieren scheiden (vermöge der
 in der fettreichen Kapsel angehäuften Wärme) aus dem Blute den Harn
 ab, der zunächst in das Nierenbecken, dann durch die Ureteren in die
 Blase und endlich durch die Harnröhre nach außen befördert wird. Um
 die edleren Organe der Brusthöhle vor den aufsteigenden Dünsten zu
 schützen, ist das Zwerchfell ausgespannt. -- Die Bewegung nimmt ihren
 Ursprung vom Herzen und kommt durch die νεῦρα zu stande, welcher
 Terminus sowohl Sehnen, Faszien, Aponeurosen als auch Nerven umfaßt.
 Die νεῦρα stehen mit den Sehnenfäden des Herzens in Verbindung. --
 Die Stimme entsteht im Kehlkopfe dadurch, daß die eingeatmete Luft
 gegen die Wände desselben anprallt und sie in Schwingung versetzt. --
 Die Empfindung ist eine Eigenschaft des Fleisches (σάρξ) überhaupt,
 und wird vom Herzen aus vermittelt durch das zuströmende Blut,
 welches auch die spezielle Tätigkeit der Sinnesorgane ermöglicht.
 Ueber die Sinnesphysiologie macht Aristoteles viele scharfsinnige
 und zutreffende Bemerkungen. -- Der Embryo ist das Produkt aus dem
 warmen männlichen Samen (= Mischung aus Wasser und Pneuma), welcher
 die bildende Seele (ψυχή φυσική) enthält, und den Katamenien der
 Weiber, welche den „Stoff“ für die Keimanlage liefern. Die Bildung
 des Samens erfolgt in den Vasa deferentia, während die Hoden den
 Zweck haben, eine langsamere Vollziehung der Begattung und geringere
 Geneigtheit dazu bewirken. Das Geschlecht des Embryos hängt nicht von
 der Entwicklung desselben in der einen oder anderen Uterushöhle ab,
 die Frucht wird von dem Amnion umschlossen, um welches sich später
 eine dem Uterus anhängende Haut, das Chorion, als Hülle schließt. Am
 14. Tage ist die männliche, am 9. Tage die weibliche Frucht so groß
 wie eine Ameise. Die Differenzierung der Organe verläuft in gehöriger
 Folge, zuerst entstehen die inneren, dann die äußeren; die oberhalb
 des Zwerchfells gelegenen Teile früher, als die unterhalb situierten.
 Zuerst bilde sich das Herz, von ihm entspringen die Adern und ernähren
 den Körper mittels des mütterlichen Blutes, welches vom Uterus her
 durch den Nabelstrang zugeführt wird. Nach dem Herzen entsteht das
 Gehirn, als ein Teil desselben sondern sich die Augen ab. Hat der
 Embryo seine Ausbildung erreicht, so wird das mütterliche Blut zu den
 Brustdrüsen geleitet und dort zu Milch umgewandelt. Dieser Umstand
 wird zum Anlaß zur Geburt. Die Gravitation wendet den zuerst im
 Fundus des Uterus liegenden, nach den Knien gerichteten Kopf kurz
 vor Eintritt der Geburt nach unten.

Von der aristotelischen Pathologie -- περὶ δὲ ὑγείας καὶ νόσου, οὐ
μόνον ἐστὶν ἰατροῦ, ἀλλὰ καὶ φυσικοῦ μέχρι τοῦ τὰς αἰτίας εἰπεῖν --
sind nur Spuren vorhanden, welche zur allgemeinen Heeresstraße der
Säftelehre führen. So erklärte der Philosoph z. B. die Pleuritis aus
der Kochung oder Verdichtung der flüssigen Teile. Die medizinischen
Schriften sind leider verloren gegangen; die pseudoaristotelischen
προβλήματα stammen aus der Alexandrinerzeit und wurden von einem
Anonymus aus zwei Büchern „arztlicher Probleme“ und aus dem Corpus
Hippocraticum zusammengestoppelt.

Die peripatetische Schule folgte der vom Meister eingeschlagenen
Richtung, und manche ihrer Hauptvertreter leisteten Hervorragendes
auf naturwissenschaftlichem Gebiete, wie besonders die unmittelbaren
Nachfolger des Aristoteles: ~Theophrastos~ von Eresos, welcher die
Methode auf Botanik und Mineralogie ausdehnte, sowie über physikalische
Probleme schrieb, der Physiker ~Straton~ von Lampsakos, ferner
~Eudemos~ von Rhodos und ~Phanias~. Für die Medizin waren außer den
musterhaften botanischen und pharmakologischen Werken viele leider
verlorene Schriften des Theophrastos und Straton, die Osteologie des
~Klearchos~ von Soloi, die Anatomie des ~Kallisthenes~ von Olynthos
und das historische Sammelwerk des ~Menon~ von großer Bedeutung.

   Die Pflanzengeschichte des Theophrastos, ἱστορίαι περὶ φυτῶν (10
 Bücher), sowie die Schrift über giftige Tiere dienten den späteren
 Autoren als wichtige Quellen für Arzneimittel- und Giftlehre. Engeren
 medizinischen Inhalts waren seine Schriften über Sinnesphysiologie,
 über den Schweiß, über Epilepsie, Schwindel, Lähmung, Erstickung,
 Melancholie, Delirien, Seuchen u. s. w. Der Anregung des Aristoteles
 entsprangen auch Werke doxographischen Inhalts, von denen die
 φυσικῦν δόξαι des Theophrastos die Lehrmeinungen der Physiker,
 die συναγωγὴ ἰατρική (ärztliche Sammlung) des Menon die Lehren
 der medizinischen Vorgänger behandeln. Letztere Schrift, die uns
 überarbeitet im Anonymus Londinensis (vergl. S. 161) vorliegt, gewährt
 einen wertvollen Einblick in die Entwicklung des ärztlichen Denkens
 bei den Hellenen. -- Kallisthenes, der Neffe des Aristoteles und
 Mitschüler Alexanders des Großen, wurde bekanntlich auf dessen Befehl
 hingerichtet. -- ~Straton~ von Lampsakos schrieb unter anderem über
 den Schlaf, die Träume, das Sehen, die sinnliche Wahrnehmung, die
 Krankheiten und die Mittel. ~Von größter Tragweite dürfte es für die
 Naturwissenschaft und medizinische Theorie gewesen sein, daß er die im
 Aristotelismus schlummernde mechanische Auffassung der Naturvorgänge
 vom metaphysischen Beiwerk möglichst befreite und zur Hauptrichtung
 erhob.~ In diesem Sinne wirkte wohl die Schrift über das ~Pneuma~
 bahnbrechend, welches er zum Träger des Seelischen (ἡγεμονικόν mit
 dem Zentralsitz in der Augenbrauengegend) erhob und neben Wärme und
 Kälte zur Erklärung der Naturvorgänge benützte.

Wiewohl der Einfluß des Aristoteles erst bei den Arabern und in der
Epoche der Scholastik allgewaltig wurde, so treten doch wenigstens
einige der Grundzüge seiner Forschungs- und Denkmethode auch schon
in der späteren Entwicklung der griechischen Medizin, wenigstens
andeutungsweise, hervor, als diese nach dem Verluste der Freiheit
des Stammlandes auf fremden Boden überpflanzt wurde. ~Der Sinn für
kritische reale Naturbeobachtung in Verbindung mit wissenschaftlicher
logisch-dialektischer Konstruktion und historischer Forschung gab den
besten Leistungen der Folgezeit die Signatur.~



Die Medizin des alexandrinischen Zeitalters.


Einleitung.

Die dogmatische Schule, deren Blüte mit dem Untergang der hellenischen
Freiheit und mit der mazedonischen Hegemonie zum Teile zusammenfällt,
fand mit ihrer Tendenz, nach ~wissenschaftlicher Begründung~ der
Heilkunst, in der nachfolgenden Geschichtsepoche, welche das ~Zeitalter
der Diadochen~ umspannt, eine kontinuierliche Fortsetzung, allerdings
mit weit besseren Hilfsmitteln, auf bedeutend breiterer Basis. Neben
dem inneren Werdeprozeß, der wegen der vielfachen Enttäuschungen auf
diesem Wege, naturgemäß auch wieder eine entgegengesetzte, regressive,
~empirische~ Bewegung hervorrufen mußte, machen sich aber gerade in
diesem Zeitraum so mannigfache äußere Einflüsse geltend, welche den
Umfang und Betrieb der Forschung in einem Maße verändern, daß füglich
von einer eigenen Entwicklungsperiode der griechischen Medizin zu
sprechen ist, die nach ihrer vornehmsten Pflegestätte, Alexandreia,
die ~alexandrinische~ genannt wird.

Die Tatsache, daß nunmehr an Stelle von Kos und Knidos das
neugegründete Emporium des Pharaonenlandes die Bedeutung eines
richtunggebenden Vororts für die griechische Heilwissenschaft
erlangt, drückt bezeichnend den gewaltigen Umschwung der Verhältnisse
aus und verkündigt den Anbruch ihrer Mission, welche weit über
die Grenzen des Mutterlandes hinausstreben sollte. Die Verlegung
des Hochsitzes der medizinischen Wissenschaft in die hellenisierte
Fremde, in die kulturvermittelnde Residenz der Ptolemäer war nur ein
Teilergebnis jenes umwälzenden welthistorischen Prozesses, der, von
den mazedonischen Waffen getragen, hellenische Sprache, Sitte und
Bildung nach Ost und Süd verbreitete, die Assimilation Vorderasiens und
Aegyptens im Sinne des Griechentums anbahnte, dieses selbst aber in der
Berührung mit dem Orient einerseits mit einer Fülle von Wissensstoff
bereicherte, anderseits aber zunehmend entnationalisierte.

Abhängig von der allgemeinen gewaltigen Kulturbewegung, zu der sich
das Griechentum nach dem Verluste der politischen Selbständigkeit
von Althellas ausdehnte, trägt die ~Medizin der Alexandrinerzeit~
die gleichen charakteristischen Züge wie die ~hellenistische Kultur~
in ihrer Gänze, und dieselben Momente, welche auf die Entwicklung
des übrigen Geisteslebens dieser Epoche bald hemmend, bald fördernd
einwirkten, kommen auch in der Gestaltung ihrer Medizin zu deutlicher
Geltung.

Das glückliche Zusammentreffen der ~realistischen~, durch
~Aristoteles~ zum Höhepunkt erhobenen (auch in der Kunst eines
Lysippos und Apelles hervortretenden) Geistesrichtung mit den
Waffenerfolgen des großen ~Alexandros~ legte den Grund zur
hellenistischen Kultur und wies ihr von vornherein feste Bahnen
an. Dankte sie dem Heldenkönig die ~Erschließung einer ungeahnten
Natur und fremdartigen uralten Geisteswelt~, so war es die Methode
des Stagiriten, welche die Bearbeitung des gewaltig anschwellenden
Erkenntnisstoffes in ersprießlicher Weise ermöglichte. Angesichts
des neu eröffneten Horizonts erwuchs dem Hellenismus ~der Drang
nach Expansion~ des eigenen Wesens -- was die Sammlung und Kritik
der bisherigen Leistungen zur Voraussetzung hatte -- ferner ~die
Aufgabe, das neue Material zu verarbeiten~ -- wodurch die Technik der
wissenschaftlichen Forschung neue Impulse empfing -- endlich die aus
der Völkermischung in den Diadochenstaaten entspringende ~Bestrebung~,
mittels Anpassung, Assimilation und Verschmelzung ~eine homogene
Kultur hervorzubringen~. Ein Abbild dieses Wogens und Werdens war
die Sprache des hellenistischen Zeitalters, welche unter zunehmenden
Einflüssen halbgriechischer oder ungriechischer Herkunft aus dem
Attischen herausgebildet, sich zu diesem, wie der Kosmopolitismus zum
Nationalismus verhielt.

~Ueberwuchernde Gelehrsamkeit, Realismus, virtuose Technik wurden
zur Signatur der Epoche!~ Begünstigt durch den Schutz und das
kulturfreundliche Interesse der Fürsten -- nicht auf dem Boden eines
freien Volkstums -- blühten alle diejenigen Kulturzweige mächtig
empor, welche ~praktischen Zwecken~ zustreben oder deren Ziele auch
durch Talente minderen Ranges auf dem Wege der ~Sammeltätigkeit~ und
~Arbeitsteilung~, durch ~Zufuhr von Wissensmaterial~ und ~Verbesserung
der Forschungsmittel~ erreichbar sind, wenn nur einmal ein großer
Gedanke als Leitmotiv durch einen Denker gegeben ist, wie die
Mathematik, Astronomie, Physik, die beschreibenden Naturwissenschaften,
die Technik und Architektur, die Geographie und Periegese, die
Kunsttheorie und Literaturgeschichte und namentlich die Philologie. Wo
hingegen bloß unabhängiges Denken, hohe Ideale, fesselfreie Phantasie
oder die Gedankentiefe eines Genius, dessen Kräfte nicht durch
zersplitterndes Spezialstudium ermattet sind, wahrhaft ursprüngliche
Schöpfungen hervorzubringen im stande sind, wie in der Poesie, in
der bildenden Kunst, in der Philosophie, da zeigten (außer einzelnen
hervorstechenden Ausnahmen) die Leistungen dieser Epoche ein ödes
Mittelmaß, ein hinsiechendes Epigonentum, welches gerade durch die
raffinierte Künstelei seiner eklektischen Philosophie und gelehrten
Poetasterei, durch seine manieriert-naturalistische Plastik und
Malerei nur umsomehr daran erinnert, daß die klassische Epoche des
ästhetisch-deduktiven Griechentums mit seiner tiefen Originalität
schon entschwunden war!

   Der hellenistischen Kultur mit ihrer expansiv-assimilatorischen
 Tendenz wurde durch Alexander den Großen nicht nur die Bahn eröffnet,
 sondern zum Teile sogar Ziel und Richtung vorgezeichnet. Er errichtete
 auf den Trümmern des Perserreichs nicht bloß eine weltgebietende
 mazedonisch-hellenische Herrschaft, sondern begünstigte auch,
 erfüllt von staatsmännischer Weisheit, die kulturelle Annäherung
 zwischen Hellenen und „Barbaren“, indem er einerseits das Panier der
 griechischen Bildung in Asien und Nordafrika aufpflanzte, anderseits
 durch einen Stab von Gelehrten alles Wissenswerte aufzeichnen ließ
 und mit Duldung den Sitten der besiegten Völkerschaften entgegenkam
 -- darin im Widerspruch mit dem streng nationalen Hellenen. Und wie
 Alexander selbst gegen Ende seiner Siegerlaufbahn allmählich den
 Lockungen des orientalischen Gepränges und der Phantastik asiatischen
 Aberglaubens nicht zu widerstehen vermochte, so gewannen ebenso auch
 in der durch Völkerverschmelzung hervorgebrachten hellenistischen
 Kultur nur allzu früh neben den griechischen die fremdartigen Elemente
 bestimmenden Einfluß, der sich in orientalischer Dialektik und Mystik
 zunehmend äußerte.

   Mag auch, so rasch wie sie entstanden, die politische Einheit der
 ungeheuren Länderkomplexe mit dem Tode des Stifters zerfallen sein,
 der gewaltige Kulturgedanke, griechisches Wesen zum Gemeingut zu
 machen, wirkte in den Teilreichen der ehrgeizigen Generale Alexanders
 fortzeugend weiter und knüpfte in der fortwährenden Völkervermischung
 neben wirtschaftlichen immer mehr geistige Verbindungen zwischen
 Hellenismus und Orient. Wie weit die hellenische Sprache, allerdings
 auf Kosten ihrer Reinheit, vordrang, beweisen z. B. die nubischen
 Inschriften, welche Verbreitung die hellenische Kunst auf dem
 Boden des Orients fand, zeigen die Schöpfungen der pergamenischen
 Kunst mit ihrem eigenartigen Mischcharakter, noch eklatanter die
 griechischen Theater, die man in Babylon aufgrub u. a.; wie sehr das
 Griechentum umgekehrt mit Natur und Geisteswelt des Ostens in nahe
 Beziehung trat, bezeugt der erstaunliche Aufschwung der Zoologie,
 Botanik, Mineralogie, Pharmako-Toxikologie und deutet das Interesse
 an, welches abgesehen von historisch-geographischen Arbeiten oder
 Reisebeschreibungen Werke über ägyptische oder babylonische Geschichte
 (Manetho, Berosos) anregte.

    Als Folge der Verbreitung des griechischen Geisteslebens in neue
 Gebiete und gemäß den geänderten politischen Verhältnissen tauchten
 neue Kulturzentren auf, welche zumeist mit den Residenzen der
 Diadochen zusammenfielen und sehr bald die bisherigen Pflegestätten in
 den Schatten stellten, nur in der Philosophie bewahrte Athen seinen
 Ruf unangetastet weiter. Die Diadochen setzten schon in der Absicht,
 die Fremdherrschaft zu verschleiern, alles daran, durch Begünstigung
 des Handels und der Gewerbe, durch Förderung der Wissenschaft und
 Kunst den Wohlstand und die Heimatsliebe ihrer Untertanen, den Ruf
 und den Glanz ihrer Residenzen zu steigern; manche derselben waren
 auch selbst von mehr als dilettantischem Eifer für Wissenschaft
 oder Kunst erfüllt, zogen Gelehrte heran und erleichterten deren
 Forschungen durch Anlage von Büchersammlungen und wissenschaftlichen
 Instituten. Rühmend ist in dieser Hinsicht einiger Seleukiden in
 Syrien und besonders der Beherrscher von Pergamos zu gedenken, welche
 der Kunst eine neue Entwicklungsphase eröffneten, Elementarschulen,
 Gelehrtenanstalten und eine großartige Bibliothek errichteten, die im
 ganzen Altertum verdienten Ruf genoß. (Bekanntlich verbot Aegypten
 später aus kleinlichem Neid die Ausfuhr der Papyrospflanze, was zur
 Erfindung des Pergaments Anlaß gab.)

    Allen voran aber glänzte das Fürstengeschlecht der ~Ptolemäer~,
 welche Aegypten zum Brennpunkt des gesamten Handelsverkehrs machten,
 ihre Schiffe bis nach Persien und Indien im Osten, bis Madera im
 Westen entsendeten, Gewerbe und Technik (besonders Schiffbau)
 begünstigten und das wirtschaftliche Aufblühen des Nillandes
 während einer langen Zeit des Friedens dazu nützten, um seinen
 Ruhm als Heimstätte der Kultur aufzufrischen: solcher Art den Zoll
 der Dankbarkeit entrichtend, den Hellas noch aus grauer Vorzeit
 für übermittelte Keime der Gesittung dem Reiche der Pharaonen
 schuldete. Unter ihrem Zepter wurde ~Alexandria~ das, was der große
 Alexander mit divinatorischem Blicke aus der geographischen Lage
 vorausgesehen hatte: ~die Metropole des Kulturlebens der antiken
 Welt~, ein Vorbild, von dem die ganze Epoche ihren Namen empfing.
 Mit hellenischem Feinsinn ausgestattet, ließen die Ptolemäer
 prächtige Paläste, Theater, Gemäldehallen, Gymnasien und Rennbahnen
 aufführen, ihre Residenz mit den erlesensten Sehenswürdigkeiten
 schmücken, zoologische und botanische Gärten anlegen; mit regster
 eigener Teilnahme an dem Aufblühen der Kunst und Wissenschaft
 beriefen sie Künstler und Gelehrte an ihren Hof und sammelten
 in bibliomanischem Eifer unter schweren Geldopfern die bis dahin
 allerorten zerstreuten Handschriften von hervorragenden Werken der
 schönen und der wissenschaftlichen Literatur, welche Kaufleute aus
 der ganzen Welt zusammenbrachten. Die beiden ersten Fürsten aus
 diesem Hause, Ptolemaios Soter (304-285 v. Chr.), der in vertrautem
 Umgang mit Philosophen lebte, sich auch selbst als Geschichtschreiber
 auszeichnete, und Ptolemaios Philadelphos (285-247 v. Chr.),
 welcher als Freund der Naturforschung (namentlich der Zoologie) die
 Interessen derselben durch große Unternehmungen förderte, errichteten
 mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit jene beiden Institute,
 welche den Ruhm Alexandrias auf wissenschaftlichem Gebiete für
 Jahrhunderte sicherten und für die ganze weitere Geistesentwicklung
 so bedeutsam wurden: ~die alexandrinische Bibliothek~ und das mit ihr
 verbundene Gelehrtenpensionat, das ~Museion~ -- Anstalten, welche
 in großartigster Weise die namentlich von ~Aristoteles~ vertretene
 Idee verwirklichten, ~durch reiche Büchersammlungen die Mittel zur
 kritisch-vergleichenden, historisch-literarischen Arbeit für jedes
 Fach herbeizuschaffen und die wissenschaftlichen Spezialarbeiter in
 Form einer Gelehrtengemeinde einheitlich zu organisieren~. Es ist
 kein Zufall, daß der Peripatetiker Demetrios von Phaleron mit seinen
 Anregungen, die aus dem Vorbilde des Peripatos geschöpft waren, an
 der Wiege dieser Institute stand. Die Bibliothek des Museions bestand
 aus vielen Tausenden von Papyrosrollen, welche sorgsam katalogisiert,
 die Schätze des hellenischen Geistes und in Uebersetzungen auch
 Literaturdenkmäler fremder Nationen bargen; das Museion selbst war
 eine im Bereich der königlichen Paläste (im Stadtteil Brucheion)
 liegende Anstalt, die mit allen zu einem angenehmen Aufenthalt und
 bequemen wissenschaftlichen Verkehr dienenden Einrichtungen versehen
 war, und in welcher Gelehrte Wohnung sowie Unterhalt fanden, damit sie
 sich, frei von jeder Sorge, außerdem noch durch hohe Jahresgehälter
 ermuntert, ausschließlich den wissenschaftlichen Forschungen und
 dem Unterrichte der von allen Gegenden zusammenströmenden Schüler
 widmen konnten -- Akademie und Hochschule zugleich. Von geringerer
 Bedeutung war eine zweite kleinere, ebenfalls von Ptolemaios
 Philadelphos errichtete, im Serapeion (im Stadtviertel Rhakotis)
 befindliche Bibliothek, welche Doubletten der ersteren zumeist besaß
 und vorwiegend zu praktischen Unterrichtszwecken verwendet worden zu
 sein scheint.

   In solchem Milieu, welches das ~Gelehrtentum~ mit all seinen
 Licht- und Schattenseiten zuerst in scharfen Gegensatz zum Volke
 stellte, mußte das ~wissenschaftlich-kritische~ Element gegenüber
 dem künstlerisch-intuitiven weitaus die Oberhand erhalten. Hohe
 Blüte erreichten insbesondere die Philologie, die Mathematik und die
 Naturwissenschaft, welche letztere nach fast völliger Abtrennung von
 metaphysischen Spekulationen, gefördert durch verbesserte technische
 Hilfsmittel, zielbewußt die Wege der ~Spezialforschung~ beschritt.
 Auf diesen Gebieten wurde die größtmöglichste Höhe erreicht, welche
 überhaupt dem Altertum beschieden war, und viele Jahrhunderte zehrten
 lediglich an den Erfolgen, welche die alexandrinische Epoche gezeitigt
 hat. Den alexandrinischen Philologen ist die Sammlung und Redaktion
 der hervorragendsten griechischen Literaturdenkmäler zu danken,
 und bis auf die moderne humanistische Gelehrsamkeit wirkt fort,
 was Männer wie Eratosthenes, Aristophanes von Byzanz (der Erfinder
 der Akzentuation) und Aristarchos von Samothrake -- von den vielen
 anderen nicht zu reden -- für Grammatik, Textkritik, Lexikographie,
 Bio- und Bibliographie geschaffen haben -- Leistungen, die durch
 die mehr historisch-antiquarische Philologenschule von Pergamos
 glücklich ergänzt wurden. Noch erstaunlicher ist das gleichzeitige
 Aufblühen der exakten Wissenschaften. So bleibt für immer mit der
 Geschichte der Mathematik der Name eines Eukleides, eines Apollonios
 (Kegelschnitte), eines Hipparchos (Trigonometrie) unzertrennlich
 verknüpft; eine Geistestat ersten Ranges bedeutet die früheste
 Erdmessung des Polyhistors Eratosthenes, und was die alexandrinische
 Astronomie anlangt, so verbleichen selbst die bewunderungswürdigsten
 Errungenschaften (Topographie des Fixsternhimmels, Berechnung
 der Größe, Entfernung, des Umlaufs der Himmelskörper, Präzession
 der Nachtgleichen, astronomische Ortsbestimmung etc.) gegenüber
 der heliozentrischen Theorie, welche, anderthalb Jahrtausende vor
 Kopernikus, Aristarchos von Samos in kühner Antizipation aufstellte.
 Auch Optik und Akustik fanden wissenschaftliche Begründung und
 systematische Bearbeitung (Eukleides). Als höchster Repräsentant der
 Epoche ist aber der Riesengeist Archimedes anzusehen, der zwar auf dem
 Felde der reinen Mathematik und theoretischen Mechanik (Hydrostatik)
 kaum Nachfolger hatte, dafür aber auf die Entwicklung der praktischen
 Mechanik durch zahlreiche technische Erfindungen (an 40 Maschinen,
 darunter Flaschenzug, archimedische Schraube, Kriegsmaschinen) höchst
 anregend wirkte. Es genüge der Hinweis auf Ktesibios, welcher die
 Wasserorgel baute, die Wasseruhr verbesserte, die Feuerspritze mit
 dem Windkessel erfand, namentlich aber die Erinnerung an den genialen
 Heron, der -- ein Mann von seltenem Erfindungsgeist -- eine große
 Zahl von Automaten ersann, bereits Apparate konstruierte, die durch
 erwärmte Luft oder Dämpfe in Bewegung gesetzt wurden und sogar der
 Lehre vom Luftdruck sehr nahe kam; seine „Pneumatik“ enthält die
 Beschreibung einer Dampfturbine, des Aeolsballs, des Heronsballs,
 der Pipette, des Saughebers, sowie der intermittierenden Brunnen --
 für die Medizin war es bemerkenswert, daß Heron die Lehre von den
 Schröpfköpfen zurechtlegte.

    Die Lichtseiten des wissenschaftlichen Lebens fanden leider
 dadurch eine starke Trübung, daß die führenden Geister mehr oder
 minder vereinzelt blieben, trotz der Masse von „Schülern“, weil diese
 es zumeist vorzogen, mit einer dialektischen Scheingelehrsamkeit
 täuschend zu prunken, statt den mühsamen, dornigen Weg der
 Tatsachenforschung ihrer Meister zu beschreiten; nicht wenig mag
 hierzu das in der Hofluft der Ptolemäer gezüchtete Strebertum und
 der im Museion großgezogene Kastengeist der Gelehrten beigetragen
 haben, denn besonders in den programmäßigen (zuweilen in Anwesenheit
 der fürstlichen Gönner abgehaltenen) Sitzungen dürfte nicht selten
 schönrednerische Rhetorik und dialektische Spitzfindigkeit den
 Augenblickserfolg über bedächtigen wissenschaftlichen Ernst mit seinen
 langsam heranreifenden Arbeiten errungen haben. Von einer wirklichen
 Durchsetzung mit jenem Geiste, der sich der reinen Wissenschaft
 an sich widmet, war bei der Mehrzahl der Autoren keine Rede, sie
 suchten, was ~effektvoll~ war oder für den niederen Kreis des Lebens
 ~sofortigen Nutzen~ bringt -- beides im Widerspruch mit dem Gange
 wahrhaft wissenschaftlichen, namentlich naturwissenschaftlichen
 Fortschritts.

    Sehr deutlich spiegelt sich dieser Zug von Virtuosentum,
 Naturalismus und Individualismus, der allerdings mehr der späteren
 alexandrinischen Epoche eigentümlich ist, auch in der Philosophie,
 in der Dichtkunst, in der Plastik und Malerei wider. Ohne wahrhaft
 neue Gedanken von ursprünglicher Tiefe, verfiel die Philosophie in
 Schulzänkereien, welche in willkürlicher Deutung der einstigen großen
 Meister, in Schönrednerei aufgingen, starren ~Dogmatismus~ oder aber
 zersetzende ~Skepsis~ hervorbrachten; auch die bedeutendsten Systeme,
 das der ~Stoa~ und dasjenige, welches ~Epikur~ zum Stifter hatte --
 in theoretischer Hinsicht nur Fortbildungen der Lehre Heraklits bezw.
 Demokrits --, dienten mit ihrem rohen Materialismus und Sensualismus
 weit weniger der Erkenntniskritik als der Individualethik, welche die
 zerfallende Religion ersetzen sollte. Die Poesie der Alexandrinerzeit
 krankte zum großen Teile an gelehrtem Ueberschwang, welcher, in
 der Sucht zu glänzen, das möglichst Unbekannte hervorzog, aber
 nicht im mindesten jenes echt künstlerische Gefühl und namentlich
 jene Empfindungstiefe zu ersetzen vermochte, die der wurzelechten
 Dichtkunst des bodenständigen Hellenentums eigen war. Der raffiniert
 überfeinerte Zeitgeschmack fand Gefallen an möglichst gekünstelten
 Dichtungsformen, die in abgeschmackte Spielereien ausarteten, und die
 sittlich degenerierende Kultur, bar jeder höheren Ideale, reflektierte
 sich in Komödien, deren Stoffkreis aus den engsten Privatverhältnissen
 gewählt war, oder in Literaturerzeugnissen, die (wie die Mimjamben
 des Herondas beweisen) den schlüpfrigsten Naturalismus vertraten, --
 nur die bukolische Idyllenpoesie des Theokritos verrät gerade durch
 ihre Sentimentalität und erfrischende Anmut das Heraussehnen aus der
 Gelehrsamkeit und Ueberfeinerung in die Einfachheit und Behaglichkeit,
 welche dem Kulturgetöse Alexandreias längst entwichen war. Was die
 schönen Künste anbetrifft, so gewann die Architektur sicherlich
 am meisten durch die Anregungen, welche der Fürstengunst und dem
 Luxus des Zeitalters entsprangen, in der Plastik und Malerei aber
 bewirkten die gleichen Einflüsse eine auf glänzende Scheinbarkeit,
 auf virtuosenhafte Behandlung hinzielende Richtung. Freilich in den
 plastischen Meisterwerken dieser Epoche (z. B. Gruppe des Laokoon,
 des farnesischen Stieres, Statue des sterbenden Galliers, Apollo vom
 Belvedere u. a.) leidet die Schönheit keineswegs unter der starken
 Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks oder der Kolossalität der Formen,
 unter der naturalistischen Charakteristik der gesuchten theatralischen
 Wirkung oder der Subjektivität der Auffassung -- immerhin entfernte
 man sich doch zunehmend von der klassischen Einfachheit und
 Ruhe; in der Malerei führte bei den Epigonen die von den Meistern
 (Zeuxis, Parrhasios und Apelles) begründete naturwahre und fein
 individualisierende Richtung mit ihrer scharfen Berücksichtigung
 der Proportionen und Lichtwirkung allmählich zu einem übertriebenen
 Naturalismus, der sich auch in der Vorliebe für derbes, niedriges
 Genre und Karikaturen, für Stilleben und Lichteffekte verband. -- Das
 alexandrinische Zeitalter erinnert in manchen Erscheinungen an die
 Gegenwart und läßt sich auch gerade von den Modernen richtig werten!
 Diese kann es nicht überraschen, daß gerade in einer Epoche der
 Ueberkultur bei den Phantasten hart neben den Fortschritten exakter
 Naturwissenschaft die Vorliebe für die „Nachtseite“ des Natur- und
 Geisteslebens, der Aberglauben zu großer Blüte gedieh -- umsomehr
 als die eindringende mystische Weisheit des Orients, mit dem Nimbus
 einer tausendjährigen Vergangenheit ausgestattet, auf alle diejenigen
 ihren Zauber ausüben mußte, welche nur in okkulten Seltsamkeiten das
 Wunder erblickten oder nach einer Verinnerlichung strebten, in deren
 Tiefen die erst aufstrebende sonnenklare Wissenschaft noch nicht
 dringen konnte. In der Literatur hat der Mystizismus breite Spuren
 zurückgelassen, welche später höchst bedeutsam wurden; dahin zählen
 zunächst die Ausartungen von naturwissenschaftlichen Werken und
 Reisebeschreibungen zu Wunderbüchern, welche in fabulistischer Manier
 und mystischer Tendenz alles Monströse und Abenteuerliche in der Natur
 oder bei fremden Völkern in den Vordergrund stellten, Steinbücher,
 welche den Glauben an die dämonische Macht der Edelsteine über Körper
 und Geist verbreiteten, Zauberbücher, die mit den ehrwürdigen Namen
 von ägyptischen Göttern oder assyrischen Königen, mit den Namen
 eines Zoroaster, Orpheus, Pythagoras oder Demokrit in Zusammenhang
 gebracht wurden, endlich -- eine Unmasse von Traumbüchern. Es läßt
 sich nicht verkennen, daß neben dem ~Emporwuchern des Aberglaubens
 aus den niederen Schichten der Gesellschaft in die höheren~, die
 innige Berührung der Griechen mit dem Orient, sowie die Anteilnahme
 hellenisierter Orientalen an der Literatur diese trunkene
 phantastische Richtung beförderte und ihr später leider zum Triumph
 über die nüchterne Wissenschaft verhalf.

~Die Medizin der alexandrinischen Epoche~, unverkennbar ein Produkt der
zumeist förderlichen Zeitverhältnisse, machte nicht allein hinsichtlich
der Summe erfahrungsmäßiger Kenntnisse und Heilmethoden, sondern auch
im Hinblick auf die Höhe der wissenschaftlichen Denkmethodik bedeutende
Fortschritte, welche aber leider nur zu bald wieder durch hochfliegende
Spekulation und spitzfindige Dialektik beeinträchtigt wurden.

Die neue Pflegestätte, Alexandreia, verfügte über alle jene
Hilfsmittel, welche geeignet waren, die Traditionen von Kos und
Knidos in der Richtung der von Aristoteles begründeten systematischen
Forschung weiterzubilden. Hier sorgten umfassende Bibliotheken für die
historisch-literarische Grundlage (deren Mittelpunkt die Redaktion
des Corpus Hippocraticum ausmachte), hier erprobten Meister von
vielseitigem Wissen, inmitten einer internationalen (aus Griechen,
Aegyptern, Juden bestehenden) Schülerschaft ihre Kunst an einer
Menge, von allerorten zusammenströmenden Kranken (zum Teil mit bisher
unbekannten Affektionen)[1], hier brachte der Handelsverkehr eine
Unzahl neuer Heilstoffe auf den Markt, und wenn man daran ging, das
anschwellende Wissensmaterial zu ordnen und zu sichten oder mit der
Fackel der Reflexion zu durchleuchten, so ließen sich nirgends leichter
Vorbilder finden als im regen Geistesleben Alexandreias, wo die mächtig
aufstrebende beschreibende und erklärende Naturwissenschaft eine feste
Stütze bieten konnte. Die Sammlung der medizinischen Handschriften,
verbunden mit dem ~Studium der medizinischen Literatur und Geschichte~,
die Pflege der Zoologie, Botanik und Steinkunde, die Heranziehung
physikalisch-technischer Errungenschaften in den Dienst der Medizin,
die Errichtung einer Art von ambulatorischer Klinik im Museion, trug
reiche Früchte für die Festlegung und Kritik der wissenschaftlichen
Ueberlieferung, für die ~Arzneimittel-~ und ~Giftlehre~, für
die ~Verfeinerung der Symptomatologie und Diagnostik~, für die
chirurgische Apparate- und Verbandlehre, und unleugbar gewann selbst
die medizinische Theorie bereits so manches durch die dem Beispiel der
Physiker entnommene quantitative Denkweise, sowie durch die zuweilen
schon angewendete Experimentalmethode. Was früher nur einzelnen
unter den größten Schwierigkeiten zu schaffen möglich war und bei der
mangelnden Zentralisation des wissenschaftlichen Betriebs verloren
ging, das floß jetzt in breitem Strome in ein großes Sammelbecken.
Den glänzendsten Aufschwung aber nahm ~die Anatomie~, welche in
Alexandreia zuerst und vielleicht ausschließlich jene vorurteilslose
Förderung empfing, die zu ihrem Gedeihen nötig ist. Vorbereitet durch
die Sitte der Einbalsamierung, wodurch die Sektion der Leichen in
Aegypten nicht wie sonst überall mit dem Odium der Pietätslosigkeit
belastet war, begünstigt durch das tatkräftige Interesse der Ptolemäer,
schritt die Anatomie von der Zootomie zur Zergliederung menschlicher
Leichen, von zerstreuten, zufälligen Einzelfunden zur Präparierung,
zur systematischen Forschung weiter und häufte ein Material zusammen,
das zur selbständigen Wissenschaft emporgewachsen, besonders in der
~Chirurgie~ und ~Geburtshilfe~ zu den kühnsten und erfolgreichsten
Eingriffen Veranlassung gab. Dauerte auch die eigentliche Blüte der
Zergliederungskunst mit ihrer Ergänzung durch die ~Vivisektion~ nicht
lange -- schon Ptolemaios Physkon vertrieb viele Aerzte und Gelehrte --
so machten sich doch noch jahrhundertelang die Nachwirkungen insoferne
geltend, als nirgends so sehr wie in Alexandreia die ärztliche
Ausbildung mit anatomischen Kenntnissen verknüpft blieb.

   [1] ~Aussatz~, ~Filaria medinensis~, ~Bubonenpest~.

   Nach den Berichten des Celsus sollen die Ptolemäer sogar die
 Erlaubnis erteilt haben, an Verbrechern die Vivisektion zu vollziehen,
 „um die Lage, Farbe, Gestalt, Größe, Anordnung, Härte, Weichheit,
 Glätte, äußere Fläche, sowie die Vorsprünge und Einbiegungen der
 einzelnen Organe während des Lebens zu studieren“. Von Gegnern sei
 gegen diese Grausamkeit eingewendet worden, „daß sie nicht bloß
 die Heilkunst entwürdige, sondern auch überflüssig sei, da die
 Leute, nachdem ihnen die Bauchhöhle aufgeschnitten, das Zwerchfell
 durchtrennt und die Brusthöhle eröffnet worden, sterben, bevor noch
 wissenschaftliche Untersuchungen am Lebenden möglich waren“. Diese
 Angaben, aus denen zu ersehen ist, in welcher Reihenfolge man bei der
 Sektion vorzugehen pflegte, finden durch keine Stelle Galens (der als
 wichtigster Gewährsmann für die alexandrinische Anatomie heranzuziehen
 ist) Bestätigung, sondern nur durch den Kirchenvater Tertullian, und
 sind vielleicht mit der Erzählung auf eine Stufe zu stellen, nach
 welcher der Maler Parrhasios einen gemarterten Sklaven als Modell
 benützt haben soll, um seinen Prometheus naturwahr mit dem Ausdruck
 des höchsten körperlichen Schmerzes darstellen zu können. -- Plinius
 erzählt, daß die ägyptischen Könige in ihrem Wissenseifer zuweilen
 sogar persönlich bei der Sektion von Leichen mit Hand angelegt
 haben. Wie sehr auch die Kunst im alexandrinischen Zeitalter von
 den anatomischen Fortschritten Nutzen zog, beweist die überraschende
 Naturalistik der Ausgrabungsgegenstände von Pergamos.

Auf die medizinische Theorie im Sinne einer realen Begründung nahm
die Anatomie leider noch keinen Einfluß -- höchstens mehren sich
die anatomischen Lokalisationen mancher Symptomenkomplexe, womit die
knidische Schule begonnen hatte -- Physiologie und Pathologie blieb
der Tummelplatz der Spekulation, und der Dogmatismus erstarkte gerade
durch die erweiterten anatomischen Kenntnisse, indem diese zuweilen
schon im Verein mit physikalischen Begriffen zur Restaurierung der
überkommenen Doktrinen mit einem Aufwand von Spitzfindigkeit verwendet
wurden und dadurch zum Schaden der Therapie den Schein der Exaktheit
vorübergehend vortäuschten. Wieder trug prunkende Zungenfertigkeit
und gelehrt schillernder Aberwitz den Sieg davon über die schlichte
Wahrheit redlicher Hände und ehrlicher Augen! Die großen Pfadfinder
auf dem Felde der Anatomie, die scharfen Beobachter am Krankenbette
hatten zumeist Schüler, welche die realen Leistungen ihrer Meister
weniger zum Richtzeiger weiterer erfahrungsmäßiger Forschung als zum
Ausgangspunkt subtiler Spekulation über das gesunde und kranke Leben
erkoren. Mit jener Büchergelehrsamkeit und Polymathie, welche dem
Beispiel der alexandrinischen Bibliothekare und Grammatiker nachfolgend
in hyperkritischen Kommentaren oder Exegesen statt des Mittels
schon den Endzweck erblickte, mit jener vorgreifenden, anmaßlichen
Systemsucht, welche unter Verkennung des grundverschiedenen Objekts die
abstrakte Deduktion der Mathematiker, die begriffszerspaltende subtile
Dialektik der Philosophen in die Medizin einschmuggelte, entfremdeten
sich die ärztlichen Gelehrten zunehmend der lebendigen Erfahrung
und entzogen, in eitlen Schulzänkereien aufgehend, der Theorie den
eigentlichen Nährboden -- die praktische Heilkunst mit ihren stets aufs
neue wechselnden, korrigierenden Bildern. Allzulange ein Spielball
scholastischer Disputationen oder als quantité neglegéable von
hochfahrender Wissenschaftlichkeit beiseite geschoben und aufs Ungefähr
verwiesen, verlor die Therapie den wahren inneren Zusammenhang mit der
dogmatischen Schule und wurde als eigener Wissenszweig von einer neuen
ärztlichen Sekte, den „~Empirikern~“, wieder dem Stamme unbefangener,
nüchterner Beobachtung aufgepfropft. So berechtigt aber die Reaktion
dieser Sekte gegen das hohle Scheinwissen der Dogmatiker war, so
bleibend auch ihre Verdienste um die Erweiterung des Heilschatzes
sind -- die „Empiriker“ verkannten doch den echten Geist des von
ihnen angerufenen Hippokratismus, indem sie mit absoluter Skepsis die
kommende Möglichkeit einer versöhnenden Annäherung zwischen Theorie und
Praxis, die Existenzberechtigung rationeller Versuche zur Begründung
einer wissenschaftlichen Theorie von vornherein endgültig verwarfen
und mit dem Unkraut der Spekulation zugleich auch die hoffnungsvoll
aufstrebende Saat der anatomisch-physiologischen Forschung auszurotten
suchten. Hingegeben einer unkritischen „Erfahrung“, die auch dem
aus dem Orient herdringenden Wunderglauben die Tore der Medizin weit
öffnete, bereiteten wenigstens die späteren Anhänger der empirischen
Sekte naturgemäß den Rückfall der Heilkunde in rohe Entwicklungsphasen
vor. Auch diese Seite der alexandrinischen Medizin ist nur ein
Ausschnitt der allgemeinen Kultur des bewegten Zeitalters, welches
beim diosmotischen Austausch zwischen West und Ost, an exaktes Denken
ziemlich jäh den tollsten ~Aberglauben~, an die rücksichtsloseste
Skepsis wie eine Konsequenz die phantastische ~Mystik~ anschloß.


Herophilos, Erasistratos und ihre Anhänger.

Was die Alexandrinerzeit für den Fortschritt der wissenschaftlichen
Heilkunde bedeutet, läßt sich, bei dem nahezu totalen Verluste der
medizinischen Literatur dieser Epoche bloß indirekt erschließen --
aus der Kritik späterer Autoren, aus den Nachwirkungen, welche in der
kommenden Entwicklung immer von neuem hervortreten. Ueber die einzelnen
Errungenschaften, über die Forschernamen, an welche sie geknüpft
waren, besitzen wir nur lückenhafte Nachrichten, immerhin erkennt
man doch hinter den wallenden Nebeln der Jahrtausende wenigstens
die Hauptrichtung, die Ziele und Hilfsmittel der alexandrinischen
Medizin, mit einiger Deutlichkeit auch jene Führergestalten, die mit
kräftigem Impuls neue Wege gangbar machten. Zwei Forscher, welche die
überkommenen Traditionen von Kos und Knidos unter Anpassung an die
neuen Verhältnisse in einem Grade ausgestalteten, daß neue Schulen
erstanden, ragen unter allen übrigen wie Könige unter Kärrnern hervor
-- ~Herophilos und Erasistratos~. Zu diesen beiden leiten alle Fäden
zurück.

~Herophilos~ aus Chalkedon (um 300 v. Chr.), ein Schüler des Praxagoras
und Chrysippos, einer der gefeiertsten Aerzte der Antike, ein Forscher
und Praktiker von dauerndem Nachruhm, wirkte unter den beiden ersten
Ptolemäern in Alexandreia, dessen medizinischer Ruf vornehmlich durch
ihn begründet wurde. Von seinen zahlreichen Werken haben sich leider
nur spärliche Bruchstücke erhalten. Den Sinn für Einzeltatsachen, wie
er der knidischen Schule eigen war, mit den großzügigen Heilprinzipien
der Koer harmonisch verbindend, dem Neuen zugewandt, ohne die Vorarbeit
der Vorgänger zu mißachten, verstand es ~Herophilos~ ebensowohl die
medizinischen Hilfswissenschaften mächtig fortzubilden, als auch die
praktische Heilkunst in allen Zweigen erfahrungsgemäß, unbefangen von
vorschneller Systemsucht, fruchtbringend auszugestalten. Voll Verehrung
für seinen Beruf, dessen kulturfördernde Bedeutung er damit begründete,
daß ohne Gesundheit auf keinem Gebiete Leistungen zu erzielen seien[2]
-- strebte er einerseits dahin, ~die klinische Erfahrung durch
exakte Methodik zu ergänzen, zu befestigen~, und hielt anderseits mit
bedächtiger Abwehr ephemerer Spekulationen an den ~Grundsätzen des
Hippokrates~ in treuer Anhänglichkeit fest.

   [2] Ἡρόφιλος δὲ ἐν τῷ Διαιτητικῷ καὶ σοφίαν φησίν ἀνεπίδεικτον καὶ
       τέχνην ἄδηλον καὶ ἰσχὺν ὰναγώνιστον καὶ πλοῦτον ἄχρειον καὶ
       λόγον ἀδύνατον ὑγεἰας ἀπούσης.

Die ~Anatomie~, deren Technik (darsis) er zu verbessern suchte, deren
Terminologie er ausbildete, bereicherte Herophilos durch wertvolle bei
der ~Sektion menschlicher Leichen~ gemachte Entdeckungen, besonders
die Nerven-, Gefäß- und Eingeweidelehre, aber auch die Kenntnis
des ~Auges~, und erst mit seinen Arbeiten beginnt überhaupt die
systematische anatomische Forschung.

   Vom Gehirn, in dessen Höhlen (namentlich in den 4. ~Ventrikel~)
 Herophilos die Seele verlegte, beschrieb er die Häute, die Ventrikel,
 Blutsinus und Plexus choroidei; der ~Calamus scriptorius~ (κάλαμος
 Ἡροφίλου) und ~Torcular~ H. erinnern noch jetzt durch ihre Namen an
 den verdienstvollen alexandrinischen Gehirnanatomen. Er unterschied
 von den Sehnen die ~Nerven~ (als verschiedene Art derselben
 Gewebsgattung), verfolgte ihren Verlauf von der Ursprungsstelle im
 Gehirn und Rückenmark und erkannte sie als Werkzeuge der Willenskraft
 sowie der Empfindung. Den vortrefflich beschriebenen Sehnerven
 bezeichnete er noch als πόρος = Hohlgang (für das Pneuma), jedoch
 kannte er den Glaskörper und drei Augenhäute, die hornartige, die
 zottige (Ader-Regenbogenhaut) und die netzartige, welch letztere
 wahrscheinlich der Tunica humoris vitrei entspricht. Mit großer
 Sorgfalt schilderte er die gröberen Verhältnisse des Gefäßsystems
 und sonderte die Blut führenden ~Venen~ von den, mit Blut und Pneuma
 gefüllten ~Arterien, welche aus dem Herzen hervorgehen und sechsmal
 stärkere Häute besitzen~; die im Bau von allen übrigen abweichende
 ~Lungenpulsader~ nannte er φλεψ ὰρτηριώδης; von den Gekrösvenen,
 die in die Leberpforte übergehen, unterschied er bereits diejenigen
 Gefäße, „welche vom Darm entspringen und in gewisse drüsenartige
 Körper eintreten“, d. h. er sah die ~Chylusgefäße~. Herophilos gab dem
 ~Duodenum~ (δωδεκαδάκτυλος) den Namen, schilderte sorgfältig die Leber,
 stellte vergleichende Untersuchungen (Leber verschiedener Säugetiere,
 Abweichungen nach Gestalt und Lage) an, beschrieb die Speicheldrüsen,
 das Pankreas und sehr treffend das Genitalsystem beider Geschlechter
 (Nebenhoden, Samenblasen, Samenstrang, Samenbildung in den Hoden aus
 dem zugeführten Blute, Ursprung der l. Vena sperm. „zuweilen“ aus
 der V. renal.; Gestalt des Uterus, Geschlossensein des Muttermunds in
 der Gravidität, Ovarien, Tuben, später nach Fallopio genannt). Seine
 Forschungsergebnisse legte er in einem, mindestens aus 3 Büchern
 bestehenden Werke (ἀνατομικά) nieder, das Auge speziell behandelte
 die Schrift περὶ ὸφδαλμῶν.

Die ~Physiologie~ des Herophilos ist (unter dem Einflusse der
Peripatetiker) von ~dynamischen~ Vorstellungen beherrscht, doch zeigt
sich bereits eine gewisse Tendenz zu ~physikalischen Erklärungen~.
~Vier Kräfte beherrschen das gesamte Getriebe des Organismus: die
ernährende, erwärmende, empfindende und denkende, mit dem Sitz in der
Leber, im Herzen, in den Nerven, im Gehirn.~

   Die Arterien ziehen das Pneuma nicht bloß aus dem Herzen (resp.
 Lungen) an, sondern von der gesamten Körperoberfläche (Hautatmung).
 Den Puls, welchen Herophilos im Gegensatz zu Praxagoras, scharf vom
 Zittern und Krampf abtrennte, leitete er von einer Kraft ab, die
 nicht den Arterien selbst innewohne, sondern diesen erst vom Herzen
 übertragen werde. Die Systole allein erfolgt durch aktive Tätigkeit
 der Arterienhäute, die Diastole ist nur passive Ausdehnung -- wie sie
 auch nach dem Tode in Erscheinung tritt. Die Lungen besitzen eine
 selbsttätige systolisch-diastolische Bewegung, vermöge welcher die
 Respiration rein ~physikalisch~ erfolge.

Als Pathologe legte ~Herophilos~ das Hauptgewicht auf die
Sinneswahrnehmung, auf die denkende Beobachtung und ~räumte der
Erfahrung den Vorrang vor der theoretischen Spekulation~ (λογικὴ
μέθοδος) ~ein~. Demgemäß bemühte er sich weniger, den Grundursachen
der Krankheiten nachzugehen, sondern hielt nur im allgemeinen an
der traditionellen Humoralpathologie fest, weil an deren Stelle
noch nichts Besseres zu setzen war und verschmähte es, über die
humorale Entstehung der einzelnen Affektionen bestimmte Theoreme
aufzustellen. Die ~Symptome~ dagegen bildeten den steten Gegenstand
seiner Aufmerksamkeit, aus ihnen suchte er Krankheitsbilder zu
gewinnen, Diagnose und Prognose abzuleiten. Unter den Symptomen
fesselte ihn am meisten das ~Pulsphänomen~, da er die Bedeutung
desselben als Gradmesser des allgemeinen Kräftezustands vollbewußt
erfaßte. Mit bewundernswerter Sorgfalt verfolgte er die wechselnde
Beschaffenheit des Pulses -- ~die Wasseruhr diente als Zeitmesser~
-- unter differenten Bedingungen (Lebensalter, verschiedene
Krankheiten), je nach Größe, Stärke, Schnelligkeit, Rhythmus und je
nach Regelmäßigkeit, Gleichmäßigkeit oder deren Gegensätzen unterschied
er verschiedene charakteristische Arten (z. B. den hüpfenden Puls,
σφυγμὸς δορκαὀδίζων). In Anlehnung an die hochentwickelte Musiktheorie
seines Zeitalters (Aristoxenos von Tarent) zog Herophilos mit gewiß
zu weit gehender Subtilität die Rhythmenlehre heran, berücksichtigte
dabei neben der Systole und Diastole auch noch die dazwischenliegenden
Ruhepausen (Intervalle), also im ganzen vier Phasen und errichtete
auf solchem Fundament eine Pulslehre (in der Schrift περὶ σφυγμῶν
πραγματεία), die wegen allzu feiner theoretischer Voraussetzung mehr
Bewunderer als ausübende Anhänger finden konnte. Ueber Semiotik
und Prognostik handelten namentlich Kommentare, welche Herophilos
zu hippokratischen Schriften (Aphorismen, Prognostikum) verfaßte;
die allgemeine Pathologie, worin vielleicht auch Sektionsbefunde
berücksichtigt wurden, betraf das Buch περὶ αἰτιῶν.

   Aus Zitaten ersehen wir, daß er ebenso wie seinen Lehrer Praxagoras
 (in der Pulslehre) auch den göttlichen Greis von Kos auf Grund eigener
 Erfahrungen bisweilen schonungsvoll zu korrigieren wagte und mit
 scharfem klinischen Blick manche bedeutungsvolle Tatsache entdeckte.
 ~Plötzlichen Tod ohne erkennbare Ursache erklärte er aus Herzlähmung~,
 das Zittern und den Krampf aus Muskel- und Nervenaffektionen, ~Lähmung
 aus mangelndem Einfluß der Nervenkraft, endlich beobachtete er, daß
 manchmal nur die Empfindung, manchmal nur die willkürliche Bewegung,
 in anderen Fällen beide aufgehoben sind~; aus dem Abgang toter Würmer
 stellte er (im Gegensatz zu Hippokrates) keine üble Prognose, vom
 Opisthotonus sagte er, daß er Biegungen der Wirbelsäule auszugleichen
 vermöge, bei Zahnleiden warnte er vor unüberlegten Extraktionen, da
 sie bisweilen den Tod nach sich ziehen könnten. -- Außer den oben
 angeführten Büchern wären hier noch zu nennen eine Worterläuterung zu
 den hippokratischen Werken (γλωσσῶν ἐξήγησις) und die Schrift wider
 die gewöhnlichen Vorurteile (πρὸς τὰς κοινὰς δόξας).

~Herophilos~ begnügte sich aber nicht nur mit der Rolle des
wissenschaftlichen Forschers, er strebte nach gleicher Vollendung
auch in der Praxis (τέλειός ἐστιν ὶατρὸς ὁ ἐν θεωρίᾳ καὶ πράξει
ἀπηρτισμένος) und gönnte den Theorien keinen Einfluß auf die
~Therapie~. Ueber „Heilungen“ schrieb er auf Grund von Versuchen und
rein empirischen Erkenntnissen ein eigenes Werk. Wiewohl im allgemeinen
den therapeutischen Prinzipien der Hippokratiker folgend, wich er
doch von der einfachen, mit wenigen Arzneisubstanzen hantierenden
koischen Behandlungsmethode in bedeutendem Maße ab, indem er von
Heilsubstanzen aller Art, besonders pflanzlichen und zusammengesetzten,
bei jeder Affektion Gebrauch machte. Die reiche Menge von Stoffen aus
den drei Naturreichen, welche der Völkerverkehr zusammentrug, weckte
die Lust zur Erprobung, auch beförderte die luxuriöse Lebensweise
des Zeitalters, der in Tagen der Krankheit die einfachen diätetischen
Vorschriften nicht mehr entsprachen, den Aufschwung verschwenderischer
Polypharmazie. Neben ~Arzneimitteln~, die er poetisch als „Götterhände“
bezeichnete, verwendete Herophilos sehr häufig auch den ~Aderlaß~
-- bei Hämorrhagien (in Gefolgschaft des Chrysippos) das Binden der
Glieder (an Kopf, Armen und Schenkeln); bei Hämoptyse gab er etwas
Gesalzenes mit Brot und Wasser. ~Diätetik~ (über die er eine eigene
Schrift verfaßte) und ~Gymnastik~, hinsichtlich welcher er ebenfalls
zu den größten Autoritäten zählte, vervollständigten den Heilplan.
Das reiche anatomische Wissen, über das er verfügte, befähigten
ihn überdies in der ~Chirurgie~ und ~Geburtshilfe~ Hervorragendes
zu leisten; auch das letztgenannte Fach machte er zum Gegenstand
des Unterrichts. Die reiche Erfahrung, welche ~Herophilos~ auf dem
Gesamtgebiete der Heilkunde erworben, die glückliche Geistesanlage,
welche den Drang nach Neuem mit der Anhänglichkeit am Alten würdig zu
paaren verstand, erhoben sein Denken über die Grenzen der Heilkunst
auf den Gipfel geläuterter, gereifter Lebensweisheit. Diese spiegelt
sich in dem lapidaren Satze, den er allen kommenden Aerztegeschlechtern
wie ein Testament hinterlassen hat: „~Der vollkommenste Arzt ist der,
welcher das Mögliche von dem Unmöglichen zu unterscheiden weiß.~“

   Ueber die Entbindungskunst schrieb Herophilos das μαιωτικόν =
 Hebammenbuch, welches noch nach mehreren Jahrhunderten mit größter
 Anerkennung genannt wurde. Als Geburtshindernisse erkannte er
 Schieflage, Enge des Mutterhalses oder Muttermundes, Verdickung der
 Fruchthülle und Zurückhaltung des Fruchtwassers, Schwäche des Uterus
 oder Muttermundes, allgemeine Schwäche, Blutungen, Fruchttod u. a.
 Der Austritt könne zuweilen, allerdings schwer ohne Sprengung der
 Häute erfolgen. Bei Prolaps falle nur der Muttermund vor. Auf den
 Unterricht in der Geburtshilfe deutet die Sage von der Agnodike,
 welche als Mann verkleidet sich von Herophilos unterweisen ließ,
 dann in Athen gegen das Gesetz, das Frauen die Ausübung der Heilkunst
 verbot, praktizierte und auf eine Anklage von seiten ihrer männlichen
 Kollegen vor den Areopag gestellt wurde, aber freigesprochen wurde. --
 Bezüglich der Chirurgie wäre zu erwähnen, daß Herophilos die Luxation
 des Oberschenkels wegen Zerreißung des Lig. teres für unheilbar hielt.

~Erasistratos~ aus Julis (auf der Insel Keos) steht dem Herophilos an
positiven Leistungen nicht nur ebenbürtig zur Seite, sondern gewinnt
noch dadurch ein ganz besonderes Interesse, daß er geradezu als
vornehmster Frühvertreter der ~exakten~ Richtung anzusehen ist, welche
von der italischen und knidischen Schule schon angestrebt wurde, aber
im alexandrinischen Zeitalter eine breitere Grundlage erlangte.

   Erasistratos dürfte etwa 330 v. Chr. als Sohn des Arztes
 ~Kleombrotos~ und der (Schwester des Anatomen Medios) Kretoxene
 geboren sein und empfing seine medizinische Ausbildung namentlich
 durch einen Schüler des Chrysippos von Knidos, durch ~Metrodoros~
 (dritten Gatten der Tochter des Aristoteles, Pythias). Auf weiten
 Reisen und durch emsiges Studium erwarb er sich eine umfassende
 Bildung, wofür seine Belesenheit im Homer, seine Beeinflussung
 durch die peripatetische Philosophie (Theophrastos) und seine
 gründliche (vielleicht auch in Kommentaren bewiesene) Kenntnis der
 hippokratischen Schriften als Zeugnis angeführt werden. Zweifelhaft
 bleibt es, wo Erasistratos seine ~anatomischen~ Forschungen anstellte,
 wo der eigentliche Schauplatz seiner Tätigkeit als Stifter einer
 eigenen Schule gewesen ist. Für den vermutungsweise angenommenen
 Aufenthalt in Alexandreia sprechen manche verbürgte Beziehungen
 zum Ptolemäerhofe und die allerdings negative Tatsache, daß die
 Möglichkeit, menschliche Leichen zu sezieren, für keinen anderen
 Ort nachgewiesen ist. Daß er aber mindestens vorher eine Zeitlang
 als Leibarzt am Seleukidenhofe in Antiocheia wirkte, darauf deutet
 die bekannte, auch in der Malerei verherrlichte, romantische
 Erzählung von dem liebeskranken Sohn des Seleukos Nikator, Antiochus.
 Erasistratos erkannte nämlich -- so heißt es -- als Ursache der
 schweren Erkrankung des Prinzen dessen heimliche Liebe zu seiner
 Stiefmutter Stratonike und wußte durch eine feine List den König dazu
 zu bewegen, mit Selbstentsagung den Wünschen des Sohnes zu willfahren.
 -- Die größten anatomischen Entdeckungen machte Erasistratos erst
 in vorgerückten Jahren, als er sich wahrscheinlich ausschließlich
 der wissenschaftlichen Forschung widmete. Er starb etwa 250/40:
 da er beim Vorgebirg Mykale begraben war, so nahm man an, daß er
 sich gegen Ende seines Lebens nach Samos (gegenüber von Mykale)
 zurückgezogen habe. Sein Tod war ein freiwilliger, er nahm Gift wegen
 eines unheilbaren Geschwüres. Seine letzten Worte: „Wohl mir, daß
 ich mich des Vaterlandes erinnere“ werden dadurch verständlich, daß
 in Keos der Selbstmord der Greise -- ein Nachklang der barbarischen
 Volkssitte der Greisentötung -- nichts Seltenes war.

   Die Schriften des Erasistratos, welche schon dem Galen nicht mehr
 vollständig vorlagen, behandelten, wie aus Zitaten zu entnehmen ist,
 „allgemeine (darunter physiologische) Prinzipien“ (περὶ τῶν καθόλου
 λόγων), Anatomie, Aetiologie, Hygiene, Arznei-, Nahrungsmittel und
 Giftlehre und wichtige Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie,
 welche monographisch dargestellt wurden, wie die Fieberarten und ihre
 Therapie, Unterleibsaffektionen, Lähmungen, Podagra, Wassersucht u. a.

Wie Herophilos, ja diesen in Einzelheiten noch übertreffend,
bearbeitete ~Erasistratos~ mit Erfolg die ~Anatomie~ und verbesserte
in fortgesetzten Untersuchungen an tierischen und menschlichen
Kadavern fremde, aber auch eigene Irrtümer. Das Größte leistete er
in der ~Nerven- und Gefäßlehre~. Anfangs Nerven mit Gefäßen noch
verwechselnd und dieselben aus der harten Hirnhaut herleitend, erkannte
er später, daß die Nerven mit Mark gefüllt sind, aus der Gehirnsubstanz
selbst entspringen und sich in ~Bewegungs- und Empfindungsnerven~
scheiden lassen; es entging ihm nicht der verschiedene Bau des
Großhirns und des Kleinhirns, sowie der Unterschied zwischen Tier-
und Menschenhirn in Bezug auf den Reichtum an ~Windungen~, was er
mit der größten ~Intelligenz~ in Zusammenhang brachte. Den Sitz der
Seele verlegte er anfangs vielleicht in die Häute, später jedoch ins
Kleinhirn (Tödlichkeit seiner Verletzung aus Beobachtungen an Tieren
erschlossen).

   Die Beschreibung des Herzens mit seinen Klappen und Sehnenfäden
 brachte er bis zur Vollkommenheit und lehrte, daß die (Pneuma
 führenden) ~Arterien und die (Blut führenden) Venen vom Herzen
 ihren Ursprung haben~; die ~Chylusgefäße~ bemerkte er (bei Ziegen),
 hielt sie aber für Arterien, die bald Luft, bald Milch enthalten.
 Der Trachea gab er ihren Namen und wußte, daß die Epiglottis
 zum Verschlusse dient. Von den Eingeweiden beschrieb er mit
 besonderer Sorgfalt die Leber und unterschied die Gallengänge.
 ~Sogar für die Pathologie zog Erasistratos bereits Nutzen aus der
 Leichenzergliederung.~ Er fand z. B., daß bei Wassersüchtigen die
 Leber steinhart werde, daß infolge der Vergiftung durch Schlangenbiß
 (einer bestimmten Art) Leber, Dickdarm und Blase erweicht würden
 (πεπονθέναι), erschloß auch auf Grund von Leichenöffnungen den
 Sitz der Erkrankung bei der Pleuritis und erkannte als Ausgang
 des pleuritischen Exsudats den Erguß ins Herz -- gewiß höchst
 ~anerkennenswerte Anfänge des anatomischen Denkens~! -- Bezüglich
 der allgemeinen Anatomie wäre hervorzuheben, daß er die Körperteile
 aus der Vereinigung (Dreigeflochtenheit τριπλοκία) der Nerven, Venen
 und Arterien bestehen läßt.

Die ~Physiologie~ des Erasistratos kennzeichnet sich dadurch,
daß sie eine Reihe der älteren Leitgedanken, wie namentlich die
~Pneumalehre~[3], bis zu den letzten Konsequenzen verfolgt und im Sinne
der ~mechanistischen~ Auffassung durch Heranziehung des physikalischen
Axioms vom horror vacui (πρὸς τὸ κενουμενον ἀκολουθία) wesentlich
und einheitlich ausgestaltet; hiezu bildeten die Traditionen der
italischen und knidischen Schule (physikalische Vergleiche begegnen
uns wiederholt in den hippokratischen Schriften dieses Ursprungs) und
die zeitgenössische Physik, die Basis, die Theoreme der Peripatetiker
(namentlich Stratons), sowie der Stoiker das lockende Vorbild[4].

   [3] Vergl. Hippokratiker; sizil. Schule (Philistion); Chrysippos;
       Diokles; Praxagoras.

   [4] ~Die Stoiker nahmen~ in ihrer grobmaterialistischen Physik ~das
       alles durchdringende Pneuma als Urstoff und als zweckmäßig,
       jedoch mit Naturnotwendigkeit wirkende Urkraft (Weltseele) an~;
       auch leugneten sie die Möglichkeit der Existenz eines leeren
       Raumes.

~In letzter Linie denkt sich Erasistratos den aus Atomen
zusammengesetzten Körper durch die von außen herbeigezogene (nicht
eingepflanzte!) Wärme belebt.~ Als Grundlagen des organischen Getriebes
betrachtet er, mit Außerachtlassung der Vierelementenlehre, einerseits
das ~Blut~, welches ausschließlich in den Venen fortbewegt wird,
anderseits das ~Pneuma~, das den Träger der Energie bildet und alle
Lebenserscheinungen beherrscht.

Die Erneuerung des Pneumas kommt durch die Atmung zu stande, wobei die
Luft auf dem Wege der Lungenvene in die linke Herzkammer eindringt.
In dieser entstehen sodann zwei Arten des Pneumas, von denen die
eine, π. ζωτικόν (Lebenspneuma), in die Arterien getrieben wird, mit
der Bestimmung, die vegetativen Vorgänge im ganzen Körper zu regeln,
während das andere, π. ψυχικόν (Seelenpneuma), in das Gehirn gelangt,
von wo aus es auf den Bahnen des Nervensystems Bewegung und Empfindung
vermittelt.

Das Blut ist das Umwandlungsprodukt der aufgenommenen Nahrung und dient
zum Aufbau des Körpers; aus seiner Ergießung geht die eigentliche
Substanz -- das ~Parenchym~ (von παρεγχέω) -- gewisser Organe (die
Leber, Lunge, Milz, die Nieren, das Gehirn -- nicht aber der Magen,
der Darm, die Blase, der Uterus, d. h. die Eingeweide mit faseriger
Struktur) hervor. Von der Leber, wo das Blut zuerst auftritt, wird es
zu den Hohlvenen entsendet und verbreitet sich durch das Venensystem.
Die Lungen empfangen ihr Blut vom rechten Herzventrikel durch die
Arteria pulmonalis, wobei die Mechanik des Stroms in der alternierenden
Aktion der Klappen ihren Regulator findet: zur Zeit der Systole öffnen
sich die Semilunarklappen, während die sich schließenden Tricuspidales
das Zurückfließen hindern. -- Arterien und Venen stehen anatomisch
miteinander in Verbindung, indem die Verästelung der Blutadern in die
feinsten Ausläufer der Schlagadern einmünden. Unter physiologischen
Verhältnissen bleiben diese „~Synanastomosen~“ verschlossen, in
pathologischen Zuständen jedoch, oder wenn eine Arterie angeschnitten
wird, finde ein Eindringen des Blutes (παρέμπτωσις) in die Pneumawege
statt. Blutung aus verletzten Arterien erfolge in der Weise, daß zuerst
das Pneuma entweiche, worauf gemäß dem ~Gesetz des horror vacui~ sofort
aus den Venen das Blut in die Arterien nachströme, damit kein leerer
Raum entstehe. (Das herausströmende Blut stamme also nicht ~aus~ der
Arterie selbst, sondern ergieße sich nur auf dem Verbindungswege der
Synanastomosen ~durch~ die Arterie.)

   Die Bewegung erfolgt, indem die Hohlräume der Muskeln mit Pneuma
 ausgefüllt werden bezw. dasselbe entleeren, die Respiration, indem
 die Luft, welche eine gewisse Dichtigkeit besitzen müsse, in den
 willkürlich erweiterten Thorax passiv einströmt; ~die Verdauung ist
 eine mechanische Zerreibung der Speisen~ infolge des abwechselnden
 Druckes der Magenwände unter dem Einfluß des Pneumas. ~Nach dem Gesetz
 des horror vacui~ (durch Apposition neuer Teilchen aus dem Blute)
 ~wird die Ernährung und das Wachstum, ebenso auch die Absonderung
 bewerkstelligt~; bei der Absonderung der Galle aus dem Blute kommt der
 Durchmesser der Gefäße in Betracht, indem die engen Gallengefäße in
 der Leber bloß die dünnflüssige Galle, nicht aber das klebrige Blut
 passieren lassen. Die unsichtbare Ausscheidung suchte Erasistratos
 ~experimentell~ zu beweisen, indem er Tiere (z. B. einen Vogel) eine
 Zeitlang hungern ließ und eine Gewichtseinbuße konstatierte, welche
 durch das Gewicht der sichtbaren Ausscheidungen nicht gedeckt wurde.

   ~In seiner konsequent mechanischen Denkweise mußte Erasistratos
 dahin kommen -- besonders auch im Gegensatze zu den Peripatetikern --
 jedwede spezifische Kraft~ (namentlich die aktive Attraktionskraft
 der Organe bei ihrer Funktion und Ernährung) ~zu leugnen~; ebenso
 anerkannte er wohl im allgemeinen -- wie die Hippokratiker und von
 den Philosophen besonders die Stoiker -- das zweckbewußte Schaffen
 der Natur (φύσις τεχνική), meinte aber, daß es im einzelnen manches
 Unnütze im Körper gäbe, wie die Milz, die Galle (vergl. Philolaos,
 Petron) u. a. ~Nachteilige Folgen für die spätere wissenschaftliche
 Entwicklung hatte es gewiß, daß er~ -- den Arzt vom Forscher trennend
 -- ~es für die Medizin für wertlos erklärte, ob man die feineren
 physiologischen Verhältnisse kenne oder nicht~, z. B. ob man wisse,
 wie die Speisen verdaut würden, wie die Säfte daraus entständen etc.
 Durch die Verweisung solcher Fragen in die reine Naturwissenschaft
 wurden die weniger wissensdurstigen Nachfolger der Empirie in die
 Arme geführt.

Unter dem Einflusse des anatomischen Schauens und der mechanistischen
Naturauffassung versuchte Erasistratos auch die ~Pathologie~ aus den
Banden der traditionellen Humoraltheorie zu befreien und auf wenige
einfache Prinzipien aufzubauen.

   Wie in der Physiologie handelte es sich auch hier zumeist
 um Wiedererweckung von solchen Vorstellungen, wie sie schon in
 vorhippokratischer Zeit und bei den knidischen Aerzten, namentlich
 aber in „hippokratischen“ Schriften aufstoßen. Dahin gehört zunächst
 die uralte Idee, daß ~Krankheit durch Uebermaß der Nahrung~ oder
 durch ungenügende Verarbeitung derselben (mit konsekutiven Störungen
 der Funktionen) entsteht (vergl. Herodikos von Knidos, Alkamenes,
 Timotheos, Ninyas, Herodikos von Selymbria, Euryphon, Dexippos,
 ferner die hippokratischen Schriften, wo als ~eine Hauptursache von
 Krankheiten~ unverhältnismäßige Anfüllung des Körpers, besonders mit
 Nahrungsstoffen, ~Plethora~ angeführt wird, z. B. De prisca med. cap.
 IX, und insbesondere De diaeta lib. III). Ferner die Vorstellung,
 daß ~Error loci~, d. h. abnorme Verlagerung von Grundstoffen an
 ungeeignete Körperstellen, bestimmte scharf lokalisierte Krankheiten
 erzeugt (vergl. Philolaos, Demokritos, Anaxagoras, Herodikos von
 Knidos, Timotheos, Phaeitas, die Lehre von den Katarrhen in den
 [knidischen] hippokratischen Schriften etc.). Endlich die Tendenz,
 die Krankheiten, bezw. die Symptome ~lokaldiagnostisch~ zu bestimmen
 (knidische Schule). Die Abstammung aus der knidischen Schule
 (Chrysippos) und die Beschäftigung mit der Anatomie wurden für
 Erasistratos die treibenden Momente zur Entwicklung dieser Prinzipien
 auf der Basis des wissenschaftlichen Fortschritts.

Die exklusiv wissenschaftliche Richtung nötigte ihn im Hinblick auf
den noch geringen Umfang anatomisch-physiologischer Erkenntnisse
manches beiseite zu schieben oder gar zu bekämpfen, was zwar klinisch
festgestellt schien, aber damals keiner kausalen Erklärung fähig
war -- wie die Lehre von den entfernteren Krankheitsursachen und die
herkömmliche Deutung der prognostischen (kritischen) Zeichen, also
Aetiologie und Semiotik, auf welche Hippokrates so großes Gewicht
gelegt hatte. (Von seiner Ueberzeugung durchdrungen, scheute er
den Gegensatz zum Altmeister der klinischen Beobachtung keineswegs
und gab demselben oft in einer Weise Ausdruck, die von Galenos
als φιλονεικία oder κακοηθεία charakterisiert worden ist.) Mit der
traditionellen Humoraltheorie brach er vollkommen, umsomehr als ihn
die Leichenzergliederung anatomisch denken gelehrt hatte und ihn auf
die festen Körperteile, als Krankheitssitze (Solidarpathologie), mehr
und mehr hinwies[5].

   [5] Vergl. S. 268. Uebrigens findet die Solidarpathologie auch schon
       in den hippokratischen Schriften ihre Vertretung, namentlich
       in der (knidischen) Schrift de locis in homine.

Da Erasistratos die ~Krankheit~ im Wesen als ~Störung der normalen
physiologischen Funktionen~ betrachtete, ~so richtete er seine
Aufmerksamkeit~ vorwiegend ~auf die sorgfältige Untersuchung
der Symptome~, d. h. der Funktionsstörungen, ~und suchte deren
Entstehungsursache, sowie den Sitz des Leidens zu ermitteln~ (οὐ μόνον
τὸ πάθος ὁποῖόν ἐστιν, ἀλλὰ καὶ τὸν πασχοντα τόπον). Diese zielbewußte,
von der Hauptsache nicht abschweifende Methode führte auch zur Analyse
des einzelnen Falles nach seinen ~individuellen Verhältnissen~ unter
Berücksichtigung der Krankheitsanlage.

In Erwägung, daß der normale Ablauf der physiologischen Funktionen
an die regelrechte Füllung der Gefäße (der Venen mit Blut, der
Arterien mit Pneuma) gebunden ist und von der ungehemmten Bewegung des
Pneumas abhängt, erklärte Erasistratos als ~häufigste Grundursache
der krankhaften Erscheinungen~: die Ueberfüllung der Gefäße mit
Nahrungsstoff, die ~Plethora~, welche in steigendem Grade zu einer
Ausdehnung der Venenwände, weiterhin zu einer Zerreißung derselben, zum
gewaltsamen Eindringen des Blutes auf dem Wege der Synanastomosen in
die Arterien (mit konsekutiver Hemmung der Aktion des Pneumas) führe.
Verdauungsstörung z. B. beruht auf der plethorischen Behinderung des
Magens, sein Volumen zu verändern; Arthritis auf Gelenksplethora;
Entzündung auf dem ~Error loci~, dem Eindringen des Blutes in die
Arterienendigungen. ~Fieber ist keine selbständige Krankheit, sondern
stets nur das Symptom irgend einer Entzündung~ und kommt bei deren
Vorhandensein dadurch zu stande, daß das Blut in die großen Arterien
gelangt, die Bewegung des Pneumas stört und das Herz in Mitleidenschaft
zieht. Entzündung und Fieber entstehen demnach durch denselben (bloß
in der Intensität verschiedenen) Mechanismus und lassen die abnorme
Pneumabewegung durch den stürmischen Puls (σφυγμός) erkennen.

   Erasistratos legte auf die Erforschung der Krankheitsursachen
 wenig Wert, da schädliche äußere Einflüsse und die Lebensweise
 nicht immer Krankheiten hervorrufen, sein Standpunkt gegenüber
 der Humoralpathologie war schroff ablehnend, während Herophilos
 nur kühle Neutralität bewahrte. Die meisten Krankheiten führte er
 in letzter Linie auf Uebermaß der Nahrung, das Unverdautbleiben
 derselben zurück, wodurch die Basis für die Plethora gegeben wird.
 Aus dieser resultieren dann je nach ihrer Ausdehnung oder nach
 ihrem Sitze Ermattung, Geschwüre, Hämorrhoiden, Blutspeien etc. und
 in Konsequenz des Blutübertritts in die Arterien die mannigfachen
 Entzündungen, z. B. Angina, Lungenentzündung (Arterien der Lunge),
 Rippenfellentzündung (Arterien der Pleura) etc. Fieber tritt bei
 verschiedenen Grundkrankheiten (z. B. Kardialgie, Gallenleiden,
 Lähmung, Dysmennorrhoe etc.) auf und kennzeichnet sich durch
 Temperatursteigerung, Pulsfrequenz, „eitrigen“ Bodensatz des Harns.
 ~Auf die Beobachtung des Pulses legte E. im Gegensatz zu Herophilos
 wenig Gewicht~ (σφυγμός ist der stürmische Puls bei Fieber und
 Entzündung), was sich aus seiner Annahme erklärt, daß die Arterien
 nur Pneuma führen. Lähmungen entstehen durch Error loci, indem
 der Schleim (infolge der Stauung im Gehirn) in die Nervenarterien
 eindringt und die Pneumabewegung stört. Hydrops ist die Folge von
 Leberaffektionen, weil durch dieselben der Blutlauf gehemmt wird und
 sich das ungereinigte Blut als wässeriges Exsudat in die Bauchhöhle
 ergießt. Als Probe der Krankheitsschilderung des Erasistratos kann die
 Geschichte der Regelverhaltung bei dem „Mädchen von Chios“ dienen,
 wo er Husten, Schleimauswurf und (für die Menses) vikariierende
 Hämoptoë beschrieb. -- Sowohl topische Diagnosen als die Herleitung
 der Krankheitsbeschaffenheit aus der Eigentümlichkeit des befallenen
 Organs finden sich spurenweise schon in hippokratischen Schriften
 (z. B. de prisca med. cap. XXII). Die Lokaldiagnostik ermutigte
 Erasistratos zuweilen sogar zu einer kühnen ~Lokaltherapie~, indem
 er unter anderem bei Leberkranken die Bauchhöhle öffnete, um die
 Medikamente unmittelbar zu applizieren.

Als konsequenter Denker strebte er dahin, die ~Therapie~ möglichst
~kausal~ zu gestalten und zu vereinfachen und dabei stets zu
~individualisieren~ -- Grundsätze, welche von der schablonenhaften, mit
möglichst hoch zusammengesetzten Mixturen hantierenden Polypharmazie
des Zeitalters grell abstechen.

   Wie sehr Erasistratos vom kausalen Denken durchdrungen war, bezeugt
 nichts stärker als die Tatsache, daß er in der Paracentese kein wahres
 Heilmittel des Ascites sah, sondern zur Behebung der Grundursache
 diätetische Vorschriften, milde Abführmittel, Klistiere, harntreibende
 Mittel, Baden, Salbungen, Reibung, event. Bewegung oder Dampfbäder
 verordnete.

Auffallend, aber einerseits aus den Traditionen seines Lehrers
Chrysippos, anderseits aus der oben skizzierten Krankheitstheorie
verständlich ist die ~Abneigung~, welche Erasistratos ~gegen den
Aderlaß~ hatte. Er begründete die sehr bedeutende Einschränkung
desselben, außer mit der Erfahrung, damit, daß die Venäsektion z.
B. bei Entzündungen nicht bloß die eigentliche krankmachende Ursache
(Uebermaß und Verderbnis der Nahrung) unbehoben lasse, sondern auch das
pathologische Eindringen des Blutes in die Arterien und die Störung
der Pneumabewegung nicht beseitige; außerdem könne man die nötige
Menge des Blutes, welche zu entziehen notwendig wäre, vorher nicht
bestimmen. Ebenso wie den Aderlaß, beschränkte er auch wesentlich den
Gebrauch der Purganzen, weil diese die Säfte verderben. Von beiden
Methoden nur äußerst selten Gebrauch machend, regelte er vor allem die
~Ernährung~, wobei sich seine Vorschriften bis auf die geringfügigsten
Einzelheiten erstreckten, und empfahl vorsichtig individualisierend
~Ruhe oder Bewegung~, ~Leibesübungen~, ~Fasten~, ~Bäder~, ~Reibungen~,
~Waschungen~, ~in geeigneten Fällen leichte Abführmittel~, ~Klistiere~,
~Brechmittel~, ~harntreibende oder Schwitzmittel~ etc., statt des
Aderlasses verwendete er das Umwickeln der Glieder (der Schultern,
Arme, Schenkel, Weichen, z. B. bei Blutungen oder Hämoptoë, in
der Annahme, daß auf solche Weise die Synanastomosen verschlossen
würden) oder ~lokale Applikationen~ (Schröpfköpfe, Brennen,
Umschläge etc.). In der Fieberbehandlung kehrte er zu den einfachen
~diätetisch-hygienischen Maßnahmen~ (auch zur Ptisane) des Hippokrates
zurück und suchte dem Kräfteverfall durch reichliche Nahrung, später
auch durch ~Wein~ vorzubeugen. -- Ueber die Chirurgie und über die
Geburtshilfe des Erasistratos ist nur wenig überliefert (~Erfindung
des S-förmigen Katheters~; Embryulcie mittels des Ringmessers).

   Erasistratos gab wohl hie und da auch zusammengesetzte Mittel,
 wie wir aus erhaltenen Rezepten wissen, huldigte aber im ganzen
 dem Grundsatz, daß man mit Diät und wenigen einfachen Stoffen mehr
 ausrichten könne als mit dem Wust von abenteuerlichen Kompositionen
 -- im Gegensatz zu Herophilos. Ganz besonders verwarf er die damals
 in die Mode gekommenen (oft ~animalischen~) Wundermittel, wie z.
 B. Galle, Blut, Exkremente oder Körperteile verschiedener Tiere.
 Bemerkenswerterweise lehrte er, daß nicht jedes Nahrungsmittel oder
 Medikament bei jedem Menschen gleiche Wirkungen hervorbringt, so daß
 in jedem einzelnen Falle wieder an die Erfahrung zu appellieren ist.

„~Wer richtig heilen will, muß sich in dem, was zur ärztlichen Kunst
gehört, üben und darf keines der das Leiden begleitenden Symptome
ununtersucht lassen, sondern er muß sich danach umschauen und
erforschen, bei welcher Disposition jedes einzelne Leiden auftritt~“ --
mit diesen Worten hat der Meister sein ärztliches Glaubensbekenntnis
ausgesprochen! In die Entwicklung der Heilwissenschaft hat er kräftig
und in verschiedener Hinsicht bestimmend eingegriffen, noch in späten
Zeiten knüpften sich wiederholt die Fäden des medizinischen Denkens
an seine hellen Ideen.

Neben den beiden Stiftern der alexandrinischen Medizin wirkte ~Eudemos~
als ~ausgezeichneter Anatom~; er bearbeitete mit großem Erfolg
die Nerven-, Gefäß-, Drüsenlehre (Pankreas) und ergänzte auch die
Osteologie durch naturgemäße Beschreibungen.

Die Schüler und späteren Anhänger des Herophilos und Erasistratos
bildeten eigene Sekten, welche Jahrhunderte hindurch an den Grundsätzen
der Meister festhielten und im Geiste derselben die Heilkunst
auszubauen bestrebt waren. Die Leistungen entsprachen aber nur zum
Teile den schönen Ansätzen. Wohl erfahren die praktischen Kenntnisse,
namentlich in der ~Chirurgie~, ~Geburtshilfe~ und ~Arzneimittellehre~
bedeutende Bereicherung, die wissenschaftliche Forschung aber und
die denkende Beobachtung der Krankheitserscheinungen wurde wenig
weitergebracht, ja sie verfiel nach und nach der Stagnation, da man
über dem ~starren Festhalten an den Schuldogmen~, über der ~subtilen
sophistischen Verteidigung~ derselben, über nutzlosen Definitionen,
allmählich den unbefangenen, kritischen und stets vorwärtsdrängenden
Geist echter Wissenschaftlichkeit gänzlich aus dem Auge verlor; von
dem, was Herophilos und Erasistratos angeregt und gelehrt, blieb später
nur die leere Schale zurück.

Die ~Herophileer~ anerkannten die Notwendigkeit der Anatomie, aber
sie verharrten zumeist nur bei den überkommenen Kenntnissen, ohne
dieselben durch neue Funde zu vermehren; die Pulsuntersuchung diente
wohl als Grundlage der Diagnostik, doch wurde die Pulslehre durch
abstrakte Distinktionen so kompliziert gestaltet, daß die Anwendbarkeit
in der Praxis allmählich darunter leiden mußte; in verdienstvoller
Weise bearbeiteten die Herophileer hingegen die Prognostik sowie
therapeutische Fragen, hier geleitet von der Erfahrung und im
Anschluß an Hippokrates, dessen Werke sie gleich denen ihres Meisters
hochschätzten und fleißig kommentierten. Die Schule der Herophileer
blühte bis zur Vertreibung der Gelehrten unter Ptolemaios Physkon in
Alexandreia, und nahm etwa um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr.
einen zweiten Aufschwung an einem neuen Vereinigungsorte, in (Menos
Karu bei) ~Laodikeia~, einer mit Alexandreia in Handelsverbindung
stehenden Stadt an der phrygisch-karischen Grenze. Unter den älteren
Herophileern ragen besonders hervor: ~Bakcheios~ von Tanagra, als
Erklärer hippokratischer Schriften und Bearbeiter der Pulslehre,
~Mantias~, als Pharmakolog, Chirurg und Gynäkologe, ~Demetrios~
von Apameia, als klinischer Beobachter und berühmter Geburtshelfer,
~Herakleides~ von Erythrai, durch Kommentare zu den „epidemischen
Krankheiten“ des Hippokrates und ~Andreas von Karystos~, durch ein
vortreffliches Werk über Arzneimittellehre.

   Außer diesen werden erwähnt ~Kallimachos~, ~Kallianax~, ~Hegetor~,
 ~Kydias~, ~Chrysermos~ (Pulslehre, leitete Puls bloß von Arterien
 ab) und ~Zenon~ (Kommentar zu Hippokrates). Ueber die oben genannten
 Autoren sind eine Menge von Zitaten in der späteren Literatur
 vorhanden, die auf ihre Leistungen in der Pathologie Streiflichter
 werfen, Titel ihrer Schriften oder Rezepte überliefern. -- Bakcheios
 und Demetrios unterschieden Blutungen infolge von Zerreißung oder
 Fäulnis der Gefäße, infolge des Durchschwitzens aus den unverletzten
 Gefäßen oder aus „Anastomosen“. ~Demetrios~ gab als Ursachen der
 Dystokien an: 1. ~abnormes Verhalten der Mutter~ (psychische oder
 physische Abnormitäten: z. B. allgemeine Erkrankungen, Affektionen des
 Uterus, schmale Hüften); 2. ~Abnormitäten des Fötus~ (Hypertrophie
 im allgemeinen oder an einzelnen Teilen, Absterben); 3. ~abnorme
 Kindslagen~ (normal nur die Kopflage!). ~Andreas von Karystos~
 erklärte unter anderem auch die Schwäche des Fötus als Ursache der
 Dystokie, weil in diesem Falle das geringe Gewicht die Erweiterung
 des Muttermunds nicht genügend unterstütze. Dieser Autor brachte die
 Fabel auf, Hippokrates habe das Archiv von Knidos eingeäschert.

Die zweite herophileische Schule verdankte ihren Ruf ~dem jüngeren
Zeuxis~ und ~Alexandros Philalethes~ (um Chr. Geb.), welch letzterer
sich neben seiner Tätigkeit als Gynäkolog und seinen Pulsdefinitionen
besonders dadurch berühmt machte, daß er ein Werk über die
Lehrmeinungen der Aerzte (Ἀρέσκοντα τοῖς ἰατροῖς) verfaßte, welches
von dem Autor des Anonymus Londinensis[6] als Hauptquelle benützt
wurde. Zu den späteren Herophileern zählen ~Dioskurides Phakas~
(Leibarzt der Kleopatra, Verfasser von 24 bedeutenden Werken, darunter
auch über die Pest; der Name Phakas kommt von φάκοι = linsenartige
Flecke im Gesicht), ~Apollonios Mys~ (berühmter Pharmakolog),
~Demosthenes Philalethes~ aus Massilia (~der angesehenste Augenarzt des
Altertums~[7], vielleicht auch Verfasser einer Kinderheilkunde) und der
Ophthalmolog ~Gaius~ aus Neapolis. Die Geschichte der herophileischen
Schule, welche im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. Geb. erlosch, wurde
mehrmals von Anhängern dargestellt, so von Bakcheios, Herakleidos,
Apollonios Mys und Aristoxenos (Schüler des Alexandros Philalethes).

   [6] Vergl. S. 161.

   [7] Demosthenes schrieb auch eine Pulslehre. Aus seiner
       Augenheilkunde haben alle Nachfolger geschöpft, noch im
       Mittelalter erfreute sich sein liber ophthalmicus großer
       Beliebtheit.

Die ~Erasistrateer~ gewannen als eigentliche Sekte im Vergleich
zu den Herophileern viel später Ansehen, erhielten sich aber bis
ins 2. Jahrhundert n. Chr. Geb. Wiewohl sie den wissenschaftlichen
Aufbau der Heilkunst als Postulat hinstellten, so dünkte es doch der
Mehrzahl unter ihnen zureichend, bei den für unfehlbar erachteten
Leitsätzen des Erasistratos, den sie wie einen Gott verehrten, zu
verharren. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, besonders in der älteren
Zeit, machten sie kaum den Versuch, die Anatomie oder gar die
Physiologie zu bearbeiten, letzterer Wissenszweig wurde geradezu bloß
als Angelegenheit der Naturforscher, nicht aber der Aerzte erklärt.
Die Leistungen und Anschauungen aller übrigen, insbesondere der
Anhänger des Hippokrates, verhöhnend, lagen sie stets streitlustig, in
unaufhörlicher Fehde mit den übrigen Sekten, und betrachteten als Um
und Auf der gesamten Pathologie: die Lehre von der Plethora und vom
Error loci. Außer vereinzelten anerkennenswerten Leistungen versank
ihre Therapie allmählich in geistlose Schablone, wiewohl sie dem Schein
der Wissenschaftlichkeit nachjagten; das Verbot des Aderlasses (vor
dem sie ein Grauen, wie vor einem Gifte empfanden) trieben sie auf
die Spitze.

   In der Literatur haben sich von Erasistrateern zum Teil bloß die
 Namen oder dürftige Notizen erhalten, z. B. ~Chrysippos~, ~Apemantos~,
 ~Charidemos~, ~Hermogenes~, ~Artemidoros von Side~, ~Athenion~.

Größere Bedeutung kommt ~dem Erasistrateer Straton~ zu, der die
Beschränkung des Aderlasses zum Verbot erhob, über den Aussatz
(Elephantiasis) schrieb und sich als Gynäkologe auszeichnete, ferner
~Apollophanes von Seleukia~, dem Leibarzte Antiochos des Großen,
Verfasser einer Schrift über giftige Tiere, ~Apollonios von Memphis~
(schrieb über Pulslehre, Chirurgie, Augenheilkunde und giftige Tiere),
~Ptolemaios~ (um 150 n. Chr. in Alexandreia, verdient um die Optik),
endlich ~dem Anatomen Martianos (oder Martialis)~. Die höchste Blüte,
die ihr beschieden war, erreichte die Schule der Erasistrateer
unter dem Freundespaar ~Hikesios von Smyrna und Menodoros~, von
ersterem rührte ein lange Zeit sehr geschätztes Werk über Arznei- und
Nahrungsmittel her.



Die Schule der Empiriker.

Chirurgen und Pharmakologen des alexandrinischen Zeitalters.


Im schroffen Gegensatz zu den Herophileern und Erasistrateern entstand
auf dem Boden Alexandreias noch eine dritte Schule -- ~die empirische~
--, welche, überdrüssig der hochfliegenden und widerspruchsvollen
Spekulation, auf dem Wege der nüchternen ~Beobachtung~ und ~Erfahrung~
ausschließlich die praktischen Ziele der Heilkunst in Angriff nahm. Den
Anlaß zur Entstehung dieser Schule, die sich bezeichnenderweise nach
keinem Stifter, sondern nach ihrer Forschungsrichtung benannte, gab
einerseits das Schulgezänke der Dogmatiker, welche in unfruchtbaren
Hypothesen oder subtilen Definitionen, in einer chimärischen
Physiologie und Pathologie ihre besten Kräfte zersplitterten,
anderseits aber auch die Enttäuschung darüber, daß die junge
anatomische Wissenschaft durchaus noch nicht jene Ergebnisse brachte,
die man unmittelbar für die ärztliche Tätigkeit erhofft hatte. Daraus
erklärt es sich, daß die „~Empiriker~“, die so manchen ehemaligen
Anhänger des Herophilos oder Erasistratos in ihrer Mitte aufnahmen,
nicht bloß die Dialektik und jede Art von physiologischen und
pathologischen Hypothesen verwarfen, sondern sogar die ~Möglichkeit
einer wissenschaftlichen Begründung der Medizin überhaupt, durch
Heranziehung der Hilfsfächer~ (namentlich der Anatomie) ~in Abrede
stellten~ und sich unter Ausschluß der theoretischen Probleme und
deduktiven Forschungsmethode lediglich auf die Krankenbeobachtung und
die Aufgaben der Krankenheilung beschränkten, umsomehr, als die Fülle
der neuen Heilmittel dazu anlockte.

   Der Ideengang der Empiriker wird am besten durch einzelne ihrer
 Aussprüche illustriert, die uns besonders Celsus überliefert hat, z.
 B.: „Auch der Landwirt und der Steuermann bilden sich nicht durch
 Disputationen, sondern durch die Praxis aus.“ -- „Es kommt nicht
 auf das an, was die Krankheiten verursacht, sondern auf das, was
 sie vertreibt.“ -- „Die Krankheiten werden nicht durch Beredsamkeit,
 sondern durch Arzneien geheilt.“

   Von allgemeinen medizinischen Sätzen hielten sie schon deshalb
 nichts, weil nach ihrer Ansicht dieselbe Affektion einer anderen
 Behandlung, z. B. in Rom als in Aegypten oder in Gallien bedürfe.
 Ein Empiriker der späteren Zeit bestritt überzeugungsvoll, mit
 Argumenten der philosophischen Skepsis, daß die Medizin jemals
 auf den Namen einer Wissenschaft werde Anspruch machen können.
 Der Verzicht auf tiefere kausale Begründung in der Medizin wurde
 überhaupt durch den Skeptizismus sehr begünstigt, welcher aus der
 Sophistik hervorgegangen, durch Pyrrhon und Timon von Phlius (einem
 Arzte) weiter entwickelt, immer mehr von den philosophischen Schulen
 Besitz nahm (Arkesilaos, Karneades). Durch erkenntnis-theoretische
 Untersuchungen war diese Richtung besonders geeignet, den Empirismus
 durch logische Argumente zu rechtfertigen -- ~schien es doch vom
 Standpunkt der Skepsis ganz aussichtslos, den wahren, aber verborgenen
 Ursachen des Erkrankens nachzugehen, vielmehr ratsam, schon bei der
 Ermittlung der offen zu Tage liegenden unmittelbaren Bedingungen der
 Krankheitsvorgänge stehen zu bleiben~. Eine eigentliche Verschmelzung
 der philosophischen Sekte der Skeptiker mit den Empirikern kam aber
 erst in sehr später Zeit zu stande (Aenesidemos, Agrippa, Menodotos,
 Sextus Empiricus). -- Die Anatomie schätzten sie gering, mit der
 Motivierung, daß sich die Teile im toten Körper ganz anders als im
 lebenden verhalten und, daß selbst bei den verabscheuungswürdigen
 Vivisektionen der Schmerz und Blutverlust die schwersten Veränderungen
 setzen -- man lerne durch solche Eingriffe nur am Toten oder
 Sterbenden, nicht aber am Lebenden die Organe kennen; höchstens die
 zufälligen Beobachtungen an chirurgischen Fällen wären verwendbar.
 -- Mit großem Stolze rühmten sich die Empiriker, daß ihre Methode
 weit älter sei, als diejenige der Dogmatiker -- was natürlich nur
 dann richtig ist, wenn man den mit logischen Argumenten und allen
 Hilfsmitteln einer vorgerückten Zeit ausgerüsteten Empirismus der
 hochstehenden alexandrinischen Sekte mit dem naiven Empirismus
 zusammenwirft, aus dem ursprünglich die Heilkunde hervorging. Deshalb
 führte man später die Sekte auf ~Akron von Akragas~, der gegenüber
 den Naturphilosophen in seiner diätetischen Therapie erfahrungsgemäß
 verfuhr, ganz willkürlich zurück.

Anklänge an den Empirismus finden sich schon bei Herophilos (keine
Systembildung in der Pathologie, Erweiterung der Therapie durch
Beobachtung und Versuch, Polypragmasie), aber auch bei Erasistratos
(Beschränkung auf die ursächliche Erforschung der Symptome; Physiologie
sei Sache der Naturforscher, nicht der Aerzte). Als eigentliche
Begründer der Richtung sind ~Philinos~ von Kos (um 250 v. Chr.), ein
Schüler des Herophilos, ~Serapion~ aus Alexandreia (um 220 v. Chr.)
und ~Glaukias~ aus Taras (etwa 50 Jahre später) anzusehen.

Wie die Hippokratiker, pflegten auch die Empiriker die ~klinische
Beobachtung~ mit rühmenswerter Sorgfalt und ließen sich, ebenso wie
die ersteren, in der Therapie ausschließlich von der „Erfahrung“
am Krankenbette leiten. Dennoch waren die Empiriker vom echten
Hippokratismus, zu dem sie anscheinend zurückkehrten, durch eine Kluft
getrennt, da sie von den Einzelwahrnehmungen nicht zu allgemeinen
Gesetzen fortzuschreiten versuchten, statt auf die Aetiologie und die
individuellen Verhältnisse gebührend Rücksicht zu nehmen, Ontologien
von Symptomenkomplexen (συνδρομή) aufstellten, und deshalb unter
Vernachlässigung der Indikationen eine Behandlung einleiteten, die
nicht den einzelnen Kranken angepaßt war, sondern sich schablonenhaft
gegen ersonnene Krankheitschemen richtete.

   Notgedrungen mußten die Empiriker in ihrer Literatur zu Hippokrates
 Stellung nehmen, schon um ihrer Lehre das erforderliche Ansehen
 zu sichern. In ebenso einseitiger Weise wie die Vertreter der
 dogmatischen Sekten, nur vom entgegengesetzten Standpunkte aus, taten
 sie dies derart, daß sie die empirischen Elemente des Hippokratismus
 allein in den Vordergrund rückten, ja am liebsten den großen Koer zu
 einem Vorläufer ihrer Richtung erhoben, hingegen alles, was sich im
 Corpus Hippocraticum an ätiologisch-pathogenetischen Anschauungen
 oder allgemeinen Folgerungen vorfand, teils bekämpften, teils
 abschwächten oder als unecht erklärten. So schrieb ~Philinos~,
 der die Humoraltheorie heftig angriff, sechs Bücher gegen den
 Hippokrateskommentar des Bakcheios; ~Serapion~ wagte es sogar, den
 Hippokrates selbst in den Staub zu ziehen; ~Glaukias~ hingegen, der
 ein Wörterbuch und einen Kommentar zu allen hippokratischen Schriften
 verfaßte, suchte den Empirismus mit der dogmatischen Lehre zu
 versöhnen, bezeichnete aber beispielsweise die Schrift de humoribus
 für eine unterschobene.

Mit Anerkennung ist dagegen hervorzuheben, daß die Väter der
empirischen Schule insofern über die Hippokratiker hinausschritten,
als sie die ~Technik der medizinischen Erfahrung~ in festere Regeln
bannten und das klinische Denkverfahren dem Subjektivismus des
einzelnen Beobachters zu entziehen suchten. Als Grundlagen der
Erfahrung galten zunächst die wiederholt gemachte eigene Beobachtung,
~Autopsie~ (τήρησις, zufällig oder durch Versuche oder Nachahmung
des Zufalles oder der Versuche erworben), respektive die Erinnerung
daran (Theorem), sodann, da der einzelne immer nur ein relativ
kleines Gebiet zu überschauen vermag, ~die Ueberlieferung fremder
Beobachtungen~ (ἱστορία) -- nach diesen beiden Erkenntnisquellen
nannten sich die frühesten Anhänger der Sekte τηρητικοὶ oder
μνημονευτικοὶ. Als dritte Stütze wurde von Serapion (der Uebergang
von dem einen Aehnlichen zu dem anderen Aehnlichen, μετάβασις ἀπὸ τοῦ
ὁμοίου), d. h. ~der Analogieschluß~ hinzugefügt, mittels dessen man
sich in neuen Fällen, für welche weder die eigene noch die fremde
Erfahrung direkten Aufschluß gewährte, in der Behandlungsweise
zurechtfinden konnte, sei es, daß man aus der Aehnlichkeit der
Krankheitssymptome oder der Aehnlichkeit der Körperregion auf das
erforderliche Heilmittel, sei es, daß man aus der Aehnlichkeit
der Wirkungsweise gewisser Heilsubstanzen auf die Aehnlichkeit der
Krankheitserscheinungen schloß. Ein unerläßliches Postulat für jede
dieser Erfahrungsquellen, welche ~Glaukias~ unter der Bezeichnung
„~Dreifuß~“ in einem erkenntnis-theoretischen Schema zusammenstellte
und im einzelnen sorgfältig analysierte, bildete es, daß sie auf
dem Wege der ~Induktion~ erworben sein mußten und ausschließlich für
~therapeutische Zwecke~ benutzt werden durften. Der Analogieschluß
der Dogmatiker, der sich auf die Erforschung der Krankheitsursache
richtete, wurde gänzlich verworfen.

   Bei diesem strengen Festhalten an der klinischen Beobachtung,
 welche zwar zu einer Sonderung der wesentlichen von den
 unwesentlichen Symptomen führte, aber höchstens die offenkundigen
 Gelegenheitsursachen berücksichtigte, bei der ängstlichen Vermeidung
 jeder, selbst auf anatomisches Wissen gegründeten Theorie konnte
 natürlich von einer ursächlichen Erfassung des pathologischen
 Tatbestandes keine Rede sein, und demgemäß stellten die
 Krankheitsdefinitionen der Empiriker, die sie Hypotyposen nannten,
 bloße Nominaldefinitionen dar, die weder die tieferen Ursachen, noch
 das Wesen des Krankheitsprozesses in sich schlossen. Schlimmer aber
 als dies war es, daß, abgesehen von den Lücken im Erkenntnisgang,
 ~in vielen Fällen eine richtige Therapie eben nur auf Grund der
 Erforschung pathogenetischer Momente eingeschlagen werden kann~ --
 eine Tatsache, welche auf die Dauer den Einsichtigen nicht entging.
 So ist es denn nicht zu verwundern, daß die empirische Schule
 einerseits mehr und mehr ins Fahrwasser der rohen Empirie gelenkt
 wurde, welche unter sanguinischer Anwendung des post hoc ergo propter
 hoc einen Schatz angeblicher Heilmittel aufstapelte, anderseits
 aber einem gemäßigten Rationalismus zusteuerte. Letztere Richtung
 erhielt späterhin eine methodische Grundlage durch ~Menodotos aus
 Nikomedeia~, welcher, um den Einwürfen der Unwissenschaftlichkeit
 wegen Nichtberücksichtigung der Krankheitsursachen zu begegnen, zum
 Denkverfahren der Empiriker den sogenannten ~Epilogismos~ hinzufügte,
 der wenigstens auf die Ermittlung verborgener Gelegenheitsursachen
 abzielte. Letzteres Verfahren wird durch folgendes Beispiel klar:
 Findet z. B. ein Arzt bei der Untersuchung eines Geisteskranken Spuren
 einer früheren Kopfverletzung, so darf er (nach Analogie anderer
 Fälle, wo erfahrungsgemäß ein solches Trauma zu einer Psychose geführt
 hatte) die vorausgegangene (aber direkter Beobachtung unzugängliche)
 Läsion als Ursache des Wahnsinns annehmen.

Entsprechend der Forschungsrichtung und Methode liegen die Verdienste
der Empiriker vorzugsweise auf dem Gebiete der ~Symptomatologie~, der
~Pharmakologie und Chirurgie~. So manche ihrer Leistungen in diesen
Fächern überdauerten die Jahrhunderte und sicherten der Schule eine
zahlreiche Anhängerschaft bis in die letzten Zeiten des Altertums.
Die Materia medica wuchs durch Aufnahme einer Menge von neuen
Heilsubstanzen beträchtlich an, die Kenntnis der Gifte und Gegengifte
nahm einen, durch die Zeitverhältnisse begünstigten Aufschwung, die
Präparation und Untersuchung der Arzneikörper wurde ein Gegenstand
sorgfältigen Studiums, und die Chirurgie erfuhr hinsichtlich der
Verbandstechnik, Apparatenlehre und Operationsmethoden bedeutende
Verbesserungen.

Die höchste Blüte erreichte die empirische Schule in ~Herakleides
von Taras~ (Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr.), einem Schüler des
Herophileers ~Mantias~, welcher auf Grund umfassender praktischer
Kenntnisse und mit gewissenhafter Benützung der vorausgegangenen
Literatur außer einem Kommentar zu Hippokrates und einer
Verteidigungsschrift der Sekte, ausgezeichnete Schriften über
Diätetik, Therapie der internen und chirurgischen Krankheiten, über die
Pulslehre, Bereitung und Prüfung der Arzneimittel, über giftige Tiere,
Kosmetik, Militärmedizin u. a. verfaßte. Auch bei den Gegnern der
empirischen Schule wegen der Schärfe der Beobachtungen und Genauigkeit
in der Wiedergabe derselben außerordentlich geschätzt, wurden diese
Werke vielfach benützt und zitiert. Die erhaltenen Fragmente werfen
nur spärliche Streiflichter auf die Anschauungen und Leistungen
des Herakleides, so daß wir die Bedeutung des Forschers nur ahnen
können. Von großer Tragweite war es namentlich, daß er zahlreiche
~Versuche mit Arzneimitteln~ anstellte, seine Behandlungsweise auf
gewissenhafte Prüfung basierte und im Gegensatz zu anderen Empirikern
mehr auf die Bereitungsweise und auf die Indikationen als auf die
Zahl, Neuheit oder Seltenheit der Heilmittel achtete; eine Anzahl der
überlieferten Rezeptformeln ist durch Zweckmäßigkeit ausgezeichnet.
Zu seinen Lieblingsmitteln gehörten Zimt, Pfeffer, Opobalsam etc.,
ganz besonders aber das ~Opium~; die Gebrauchsweise des letzteren
als Sedativum und Hypnotikum regelte er mit großer Umsicht. Neben
der Arzneibehandlung wendete er auch auf die Chirurgie (Lehre von den
Luxationen, Maschinen zum Einrichten des Oberschenkels, Operation des
Ankyloblepharon, Ohrpolypen) und Diätetik viel Aufmerksamkeit. Unter
den erhaltenen Krankheitsschilderungen sind diejenigen bemerkenswert,
welche den Ileus, den Starrkrampf, die Phrenitis (die er in
entzündliche, gastrische und von Entartung des Gehirns herrührende
Arten unterschied), die Synanche betreffen.

   Die Vorzüge des Herakleides treten deutlich hervor, wenn man ihn mit
 anderen Empirikern, insbesondere mit seinem vielschreibenden Vorgänger
 ~Serapion~ vergleicht. Dieser erblickte in der Anzahl der Arzneimittel
 das Wesen der Medizin. Bei den wahllos aufgenommenen Heilmitteln
 des Serapion lief zwar manches Gute mit unter, z. B. Schwefel gegen
 Hautkrankheiten, dafür aber schadete er durch rohe Behandlung des
 Ileus und bereicherte die (schon bei den Knidiern beliebten und auf
 ägyptischem Boden ganz besonders gedeihenden) seltsamen Mittel.

   So empfahl er gegen Epilepsie Kamelhirn, Robbenlab, Hasenherz,
 Schildkrötenblut, Eberhoden. Unter solchen Einflüssen wurde
 unter anderem der Krokodilskot ein so begehrter Arzneistoff, daß
 Verfälschungen vorkamen. Es dürften wohl bei Empfehlung derartiger
 Wundermittel auch die oft unverstandenen, falsch gedeuteten Rezepte
 der ägyptischen (hermetischen) Medizin eine Rolle gespielt haben.

In der Literatur werden von der großen Zahl der Empiriker (unter
Angabe von Rezepten und Titeln von zumeist pharmakologischen
Schriften) nachfolgende erwähnt: ~Zeuxis~ (der Aeltere, Kommentator
des Hippokrates, um 250 v. Chr.), ~Apollonios der „Empiriker“~ und
~Apollonios Biblas~ („der Bücherwurm“ um 180/160 v. Chr.), ~Zopyros~
(klassifizierte die Arzneimittel nach ihrer Wirkung und erfand ein
allgemeines Gegengift „~Ambrosia~“ um 100/80 v. Chr.), dessen Schüler
~Apollonios von Kition~ (um 60 v. Chr., Verfasser eines Kommentars zu
Hippokrates' Schrift über die Gelenke und einer Schrift über Epilepsie)
und ~Poseidonios~ (Schrift über die Pest); aus der nachchristlichen
Zeit: ~Heras aus Kappadokien~, ~Menodotos aus Nikomedeia~, ~der
Anatom Theodas von Laodikeia~ (um 100 n. Chr.), ~Ailios Promotos~,
~Agrippa~ und der als skeptischer Philosoph berühmte ~Sextus Empiricus~
(Blütezeit um 190-200 n. Chr.).

   Der Kommentar des ~Apollonios von Kition~, περὶ ἄρθρων πραγματεία,
 auf Befehl eines Königs Ptolemaios (in der Zeit zwischen 81 und 58 v.
 Chr.) verfaßt, ist handschriftlich in einer Sammlung des Byzantiners
 ~Niketas~ auf uns gekommen und zuerst von Reinhard Dietz, sodann
 1896 von Schöne (nach einem Florentiner Kodex) herausgegeben worden.
 Weniger wegen seines Inhalts als wegen der beigegebenen Abbildungen
 von den Repositionsmethoden der Hippokratiker (z. B. der berühmten
 Streckbank, βάθρον) ist das Werk von hoher Bedeutung.

Was die Empiriker oder die hervorragendsten Vertreter der übrigen
Sekten für die chirurgischen Fächer und die Arzneimittellehre
geleistet, wurde auch durch andere Praktiker und Forscher, welche,
keiner besonderen Schule angehörig, spezialistisch die eine oder andere
Disziplin kultivierten, bedeutend weitergebracht.

Hinsichtlich der Chirurgie wissen wir, daß die Leistungen des späteren
Altertums die damals erklommene Stufe kaum überstiegen, ja nicht
einmal immer erreichten und jedenfalls durchaus auf der Vorarbeit der
alexandrinischen Epoche beruhten. Von dem chirurgischen Schrifttum ist
zwar nichts erhalten geblieben, doch zeigte uns das Studium späterer
Autoren, wie ~große Fortschritte in der Lehre von den Knochenbrüchen
und Verrenkungen, in der Kenntnis und Behandlung der Hernien, in der
Verbandtechnik, in einzelnen Operationsmethoden (z. B. Steinoperation,
Starstich) erzielt~ worden sind. Von den einzelnen hervorragenden
Praktikern erfahren wir beinahe nichts mehr als die Namen. So reihen
sich an die Chirurgen, welche in der Geschichte der Sekten erwähnt
wurden, noch ~Amyntas~ (Erfinder eines Verbands für den Bruch der
Nasenbeine), ~Gorgias~, ~Heron~ (Nabelhernien, Geburtshilfe), ~Neileus~
(Apparat zur Einrichtung von Luxationen, „Plinthion“ genannt),
~Nymphodoros~ (Streckbank), ~Protarchos~, ~Sostratos~ (Bandagen,
Hernien), ~Philoxenos~ (Verfasser eines Gesamtwerkes über Chirurgie,
auch um die Gynäkologie verdient), ~Ammonios~, der Lithotom (Erfinder
eines Instruments zur Zertrümmerung solcher Blasensteine, welche sich
nach gemachtem Steinschnitt nicht ausziehen lassen).

   In Alexandreia erhielten auch die von Celsus erwähnten Chirurgen
 ~Tryphon~, ~Euelpistos~ und ~Meges~ von Sidon, welche in Rom
 praktizierten, ihre Ausbildung. Letzterer beschäftigte sich viel
 mit Fisteloperationen, untersuchte die Ursachen des Nabelvorfalls
 (Durchbruch der Eingeweide, des Netzes, Flüssigkeit) und zeichnete
 sich durch die Methode der Steinoperation (halbmondförmiger
 Perinealschnitt) aus.

Als Gynäkologe machte sich ~Kleophantos~ verdient, der übrigens
auch durch seine Fieberlehre (bloß erhöhte Pulsfrequenz), durch
seine Ausbildung der ~Diätetik~, durch seine Vorschriften über die
~medizinische Verwendung des Weins~ auf spätere Aerzte starken Einfluß
ausübte. Als Gewährsmann für Heilmittel, namentlich animalische,
erlangte auch der Hippokrateer ~Lysimachos~ (2. Jahrhundert v. Chr.)
Bedeutung.

Die ~Pharmakologie~ und ~Toxikologie~ erfreute sich nicht allein des
fleißigen Studiums der Aerzte, sondern auch des regsten Interesses
von Dilettanten; nur ein getreuer Ausdruck des Zeitgeistes war es, daß
sich die didaktische Poesie die Lehre von den Heilkräutern und Giften
als Stoff für ihre Dichtungen nicht entgehen ließ.

   Für die Aerzte bildeten wohl hauptsächlich die einschlägigen
 Werke des ~Diokles von Karystos~ und des ~Apollodoros~ des
 ~Jologen~ (um 300 v. Chr.) den Ausgangspunkt. Als Verfasser von
 Schriften über Arzneimittel, resp. Gifte oder giftige Tiere oder
 von zusammengesetzten Mitteln werden, abgesehen von den schon oben
 erwähnten Autoren, unter anderen genannt, ~Aratos~, ~Aristogenes von
 Knidos~, ~Ophion~ (kurz vor Erasistratos), ~Diagoras von Kypros~
 (von Erasistratos zitiert), ~Andron~ (von Herakleides erwähnt),
 ~Polyeides~, ~Neileus~ (vor Herakleides von Taras), ~Nymphodoros~,
 ~Sostratos~.

Der bedeutendste Vertreter der Pharmakologen war der Rhizotom
~Krateuas~ (Cratevas), welcher am Hofe des Mithradates VI.
Eupator lebend, zwei bedeutende Werke verfaßte, nämlich ein mit
Abbildungen versehenes Kräuterbuch (ῥιζοτομικόν) und eine allgemeine
Arzneimittellehre, welch letztere namentlich wegen vortrefflicher
Schilderung der Wirkung der Metalle sehr gerühmt wurde. Krateuas wurde
in der Folgezeit von vielen Autoren kompiliert.

   Fragmente sind noch erhalten im Cod. Constantinopolitanus des
 Dioskurides der Wiener Hofbibliothek. Die Pflanzenabbildungen dieses
 Kodex, sowie des gleichfalls daselbst befindlichen Cod. Neapolitanus
 sind dem Originalwerk des Krateuas entlehnt.

Von toxikologischen Werken sind die θηριακὰ und ἀλεξιφάρμακα des
~Nikandros von Kolophon~ auf uns gekommen. Die Theriaka behandeln in
958 Hexametern die Symptome und Behandlung der Vergiftung durch den Biß
giftiger Tiere, die Alexipharmaka in 630 Hexametern die Intoxikationen
durch Pflanzen- (aber auch tierische und mineralische) Gifte und die
entsprechenden Gegenmittel. Trotz vieler abergläubischer Angaben ist
diesen Schriften, welche zwar von ärztlichen Autoren wenig zitiert
wurden, aber sehr große Verbreitung fanden, ein bedeutender Wert
zuzusprechen.

   ~Nikandros~ wurde im Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. zu Kolophon
 in Lydien geboren und bekleidete in dem bei seiner Vaterstadt
 gelegenen Orte Klaros das in seiner Familie erbliche Amt eines
 Priesters des Apollon; dort starb er auch zwischen 135 und 130 v.
 Chr. Er erfreute sich eines großen Rufs als Dichter, Grammatiker und
 Arzt. Vielseitig veranlagt schrieb er über Medizin, Landwirtschaft,
 Grammatik, Literatur, Mythologie und Geographie. Die meisten seiner
 Werke, wie die von Ovid nachgeahmten Heteroiumena (Verwandlungen)
 und die von Vergil benützten Georgika sind verloren gegangen. Der
 dichterische Wert der Alexipharmaka und Theriaka wurde von Plutarch
 scharf verspottet mit den Worten, daß darin außer dem Metrum nichts
 von Poesie enthalten sei. Ausgaben von O. Schneider, Lips. 1856.
 Deutsche Uebersetzung von M. Brenning, Allg. Med. Zentral-Zeitg,
 1904, Nr. 6/7. Nikandros ist der erste, der von der ~medizinischen
 Verwendung der Blutegel~ spricht.

Weniger Wissensdurst als Furcht oder Grausamkeit waren es, welche bei
mehreren Herrschern dieser politisch so bewegten Epoche (ähnlich wie
in der Renaissancezeit) die Liebhaberei für Versuche mit Giften und
Gegengiften erregten. ~Attalos~ III. ~Philometor von Pergamon~ (138 bis
133 v. Chr.), der in beständiger Angst vor den Nachstellungen seiner
Feinde lebte, „baute mit eigener Hand giftige Gewächse, Bilsenkraut,
Nieswurz, Schierling, Sturmhut und Dorknyon in den königlichen Gärten
und sammelte ihre Säfte und Früchte, um ihre Kräfte zu studieren“.

Um sich über die Wirkung der Gifte Kenntnis zu verschaffen und
Gegenmittel aufzufinden, stellte er Versuche an Verbrechern an; die
erworbenen Erfahrungen mit giftigen und Heilkräutern hinterließ er in
Schriften, aus denen so manche seiner Arzneimischungen überliefert
wurde. Gleicher Liebhaberei huldigten ~Nikomedes von Bithynien~
und ~Antiochos~ (wahrscheinlich Epiphanes) ~von Syrien~; von diesem
stammte auch ein angebliches Universalmittel gegen Vergiftung jeder
Art. Die größte Berühmtheit erlangte aber der kenntnisreiche König
von Pontos, ~Mithradates~ VI. ~Eupator~ (120-63 v. Chr.). Nach ihm
wurden im Altertum drei Pflanzen (Mithridatia, Eupatoria, Scordion)
benannt, um seine botanischen Leistungen in ehrendem Gedächtnis zu
erhalten. Mithradates experimentierte an Untertanen und Verwandten
-- die er aus Liebhaberei auch chirurgisch behandelte -- mit den
verschiedensten Giften und Gegengiften. Das berühmteste der letzteren,
ein Universalantidot -- ~Mithridation~ -- war aus 54 Bestandteilen
zusammengesetzt und erhielt sich in zahlreichen Modifikationen viele
Jahrhunderte lang im Heilschatz der wissenschaftlichen Medizin. Um
sich vor Vergiftung zu schützen, nahm der König täglich erst das
von ihm entdeckte Antidot, dann Gift. Im Lichte der Gegenwart ist es
höchst interessant, daß er hierbei bezweckte, sich durch steigenden
Gebrauch gegen Gifte zu ~immunisieren~, wie er auch mit merkwürdiger
Intuition seinen Gegengiften das Blut von pontischen Enten deshalb
beimengte, weil es von Tieren stamme, die sich von Gift nähren
und deshalb giftunempfindlich seien. Nach der Niederlage und dem
Selbstmord des Mithradates fand man seine wertvollen Aufzeichnungen
toxikologischen Inhalts vor, welche sodann auf Befehl des ~Pompejus~
von dem Grammatiker ~Lenäus~ ins Lateinische übertragen wurden. -- Auch
unter dem Namen der ~Kleopatra~ gingen nicht wenige Rezeptformeln, die
von den ärztlichen Autoren überliefert worden sind und zwei Schriften,
von denen die eine, über Kosmetik, in Verlust geriet, während die
andere über Frauenkrankheiten (γενέσια) noch erhalten ist.

Mit Kleopatras tragischem Schicksal († 30 v. Chr.) war die schon längst
vorher bestehende Oberherrschaft Roms über Aegypten auch äußerlich
besiegelt. ~Die medizinische Schule Alexandreias behielt aber~ -- wenn
auch die lebendige Forschung immer mehr durch spitzfindige unfruchtbare
Gelehrsamkeit verdrängt wurde -- ~auch im römischen Weltreich ihren
hervorragenden Rang, allerdings im Wettstreit mit neuen Zentren der
ärztlichen Wissenschaft~.

   Bei dem Angriff Cäsars auf Alexandreia (47 v. Chr.) ging die
 Bibliothek des Museions in Flammen auf und wurde durch die von
 Antonius geschenkte pergamenische ersetzt.



Die Verpflanzung der griechischen Heilkunde nach Rom.


Dem Eroberer mit seinen rauhen soldatischen Tugenden folgt
zumeist der Machthaber mit seinem Verlangen nach Lebensgenuß, mit
seinem Streben nach Verfeinerung der Sitten, auf dem Fuße. Dieses
geschichtliche Gesetz zwang endlich auch die Herrin des Erdkreises, das
unwiderstehliche Rom, zur Waffenstreckung vor der noch gewaltigeren
Herrscherin, vor der griechischen Kultur, welche früher als der
Legionsadler die zivilisierte Welt unterworfen hatte.

In seiner gebietenden Stellung bedurfte Rom mehr des Glanzes, mehr
des geistigen Lichts, als Latium aus Eigenem auszustrahlen vermochte;
sollte sich die Macht mit der Bildung und Schönheit vereinigen, so
mußten die Römer, da beide ihnen überall nur im griechischen Gewande
entgegentraten, dem Geist, der Sprache, der Sitte, der Kunst der
Hellenen Eingang gewähren, wenn schon die freie, selbständige Leistung
durch die allzu nüchterne Naturanlage des Volkes verwehrt war.

Mag der griechische Einfluß mit voller Deutlichkeit erst im Zeitalter
der punischen Kriege hervortreten, Spuren desselben führen schon
in die Königszeit (Tarquinier) zurück, wo sie die von den Etruskern
gegebenen Grundelemente der Kultur ergänzten; von Großgriechenland
vordringend, fand der griechische Schönheitssinn bereits in der
älteren Epoche der Republik seinen Weg zur ewigen Stadt in Form von
Religionsvorstellungen, in Form von Denkmälern der Baukunst.

   Die Etrusker waren die ersten Lehrmeister der altitalischen Völker
 im Religionswesen, im Rechtswesen und in der Kunst[8]. Die erhaltenen
 Reste ihrer Kultur weisen auf einen düsteren Kult, auf ein gelehrtes
 schriftkundiges Priestertum (Prophezie aus dem Blitz, Vogelflug und
 Eingeweideschau), auf eine ausgebildete staatliche Organisation,
 auf künstlerische und technische Fertigkeit (Städte- und Tempelbau,
 Grabkammern, Straßen, Torbogen, Abzugskanäle, Wasserleitungen;
 Metallurgie, Tonbildnerei, Gemmen, Statuen). Nicht wenig, was
 späterhin als spezifisch römisch galt, rührt von den Etruskern
 her, z. B. die religiösen Grundvorstellungen mit ihrer ausgeprägten
 Nüchternheit, das formale Zeremonialwesen, verschiedene Institutionen
 (z. B. Auguren, Haruspices, Liktoren, sella curulis, Purpurgewänder,
 Gebrauch von Kriegstrompeten u. a.), manche hygienische Gebräuche und
 Maßnahmen (Bau von Kanälen, Wasserleitungen, Straßen), verschiedene
 das Rechtsleben ordnende sehr alte Gesetze, ~der Gewölbebau~, die
 Idee der Gladiatorenkämpfe (ursprünglich Totenopfer) u. s. w.

   [8] Die Frage, ob zwischen der etruskischen und der orientalischen
       Kultur ein Zusammenhang besteht, ist noch ungelöst. Nach der
       Sage entsendete der lydische Stamm der Tyrrhener wegen einer
       Hungersnot eine Kolonie über das Meer, welche bis nach Italien
       anlangte und den Adel Etruriens bildete; dieser beherrschte
       die italische Urbevölkerung und verbreitete asiatische Sitten
       und Religionsanschauungen.

Seit die Scipionen den Beweis geliefert, wie sich römischer Heldenmut
mit hellenischer Feinheit vermählen kann, sickerte allmählich der
Hellenismus in alle Poren des römischen Daseins; er verschönerte
und vergeistigte die Religion, er wirkte auf Sitte und Familienleben
umgestaltend, er brachte die Erziehung und den Unterricht auf eine
vorher ungeahnte Stufe, und kaum anders, als eine mehr oder minder
gelungene Kopie nach griechischen Vorbildern nimmt sich das aus, was
Rom in der Dichtkunst, in der Philosophie und Rhetorik, in der Technik
und im Gewerbe hervorbrachte. ~Das Griechische wurde zum Repräsentanten
alles Geschmacks, aller Eleganz, der Wissenschaft und Kunst.~ Nur die
Architektur, die Kriegs-, Staats- und Rechtswissenschaft bewahrten
ihre Originalität.

   Die Beeinflussung Roms durch das Hellenentum tritt schon äußerlich
 in der überraschend großen Menge von griechischen Wörtern im
 Sprachschatz hervor. Seit den Zeiten der Tarquinier fanden griechische
 Götter und griechischer Kult Eingang, im 2. Jahrhundert v. Chr. formte
 sich die einheimische Religion ganz nach der griechischen um; um
 die Mitte des 3. Jahrhunderts beginnt die römische Literatur mit dem
 tarentinischen Freigelassenen Livius Andronicus, welcher ein aus dem
 Griechischen übertragenes Schauspiel in Rom zur Aufführung brachte
 und mit seiner lateinischen Uebersetzung der Odyssee ein Schulbuch
 lieferte; seine Nachfolger Nävius, Plautus, Ennius, Pacuvius,
 Statius, Terentius leiteten die Tragödie, Komödie, das Epos mehr oder
 minder sklavisch in griechische Bahnen, die auch im augusteischen
 Zeitalter nicht mehr verlassen wurden; die Lyrik hielt sich später
 an alexandrinische Muster. Die ältesten Geschichtschreiber der Römer
 bedienten sich der griechischen Sprache, die altrömische Beredsamkeit
 wich mehr und mehr von der, mit Phrasen überladenen alexandrinischen
 Rhetorik zurück. Die Philosophie der Römer, an deren Fortbildung sie
 keinen selbsttätigen Anteil nahmen, war nur eine Popularisierung und
 praktische Umformung der stoisch-epikureischen Vorlagen. Was auf dem
 Gebiete der Mathematik, Astronomie, Naturwissenschaften und Geographie
 geleistet wurde, stützt sich zum größten Teile auf alexandrinische
 Grundlagen; selbst die römisch-originale Architektur erlitt viele
 griechische Einwirkungen, die Plastik und Malerei blieb ganz in den
 Händen der Griechen.

   ~Die Nobilität ließ die Jugend von griechischen Ammen und
 Hofmeistern erziehen und schickte die Söhne zur höheren Ausbildung
 nach Griechenland; die vornehmen Römer gebrauchten seit Sulla die
 griechische Sprache in der Konversation, wie die eigene, viele
 römische Schriftsteller schrieben griechisch u. s. w.~

   Leider verstand nur eine Minderzahl aus der hellenischen
 Bildung die intellektuellen und moralischen Werte organisch in
 sich aufzunehmen und selbsttätig zu gestalten, die meisten blieben
 an den Formen haften und begnügten sich mit dem äußeren Firnis,
 statt wahrhaft in den Geist einzudringen. ~Zudem wirkte nicht das
 Zeitalter des Perikles, sondern mehr das manierierte, skeptische,
 auch sittlich nicht ganz einwandsfreie Alexandrinertum auf Rom, und
 was die~ (besonders nach der Einverleibung Achäas unter die römischen
 Provinzen) ~scharenweise nach der Hauptstadt strömenden „Graeculi“
 oder gar die als Hofmeister dienenden Sklaven als Hellenisch ausgaben,
 war manchmal wohl weit entfernt von dem echten hellenischen Wesen.
 Für äußere Eleganz wurde gewiß oft die römische Virtus, für gelehrt
 schillernden Dilettantismus die naturwüchsige Originalität zum Opfer
 gebracht.~ Doch vergeblich bemühten sich national gesinnte Römer,
 das Wissen der Zeit in der Schale des Lateinischen enzyklopädisch
 darzubieten, um die Aufpfropfung eines fremden Volkstums entbehrlich
 zu machen, umsonst erschöpften sich Cato und in der Kaiserzeit
 Juvenal, in Polterreden oder spitzigen Satiren, um das Nationalgefühl
 aufzustacheln -- ~die suggestive Werbekraft des Griechentums
 einerseits und die zu Schöpfungen auf idealen Gebieten wenig befähigte
 Anlage des römischen Volkes anderseits, bildeten ganz ungleichwertige
 Gegner~; die erstere mußte siegen. Graeci capta ferum victorem cepit
 et artes Intulit agresti Latio (Horaz).

Nicht als direkte Folge des eindringenden Hellenismus, wie die
Vertreter altrömischer Zucht und Sitte unter Führung des Cato Censorius
behaupteten, aber als auffallende Begleiterscheinung machte sich
bald der Verfall der nationalen Virtus geltend, trat an Stelle des
nationalen Patriotismus ein farbloser Kosmopolitismus, zersetzte
philosophische Skepsis den ehrwürdigen Götterglauben, ohne Besseres
an dessen Stelle zu setzen.

Die Epoche des Lucullus mit ihrem verfeinerten Lebenssinn hatte
andere Bedürfnisse und eine andere Weltanschauung als das einfache,
grobkörnige Rom des Cincinnatus! Der steigende Luxus mit seiner
Gefolgschaft von Weichlichkeit und bisher kaum beachteten oder
ungekannten Krankheiten, der Skeptizismus einer neuropathischen
Nobilität, erheischte auch eine andere Heilkunst, als die von der
Einfalt einer schlichten Landbevölkerung erworbene Empirie, als die
auf Gläubigkeit beruhende Theurgie römischer Priester. Gerade hier war
alles von dem gefeierten Hellas zu erwarten, dessen Heilkunst schon
zu einer Zeit weithin leuchtete, da man in Latium noch nicht einmal
auf den Gedanken gekommen war, daß es außer ~Opfern~, ~Gebeten~,
~Sühnungen~, ~magischen Gebräuchen~, primitiven Handgriffen, eine
auf rationeller Erfahrung, auf kritischer Beobachtung aufgebaute
medizinische Wissenschaft geben könne.

~Mancherlei Ursachen haben es bewirkt, daß das römische Volk aus
sich heraus keine Kulturmedizin zu schaffen im stande war~, die
einfache Lebensweise des kerngesunden, von Jugend auf abgehärteten
Stammes verhinderte die Entstehung vieler Krankheiten, die zeitweilig
hereinbrechenden Seuchen nährten nur den ohnedies krassen Aberglauben,
ohne den Erkenntnistrieb anzufachen, die fortwährenden Kriege ließen
wissenschaftliches Interesse nicht aufkommen, die ganze Tatkraft,
der ganze Scharfsinn des Strebenden war in den Dienst ~einer~ Idee,
des Staatswohls, der Machtvergrößerung, gestellt; das Forum oder das
Schlachtfeld galt dem Nationalrömer als einzig würdige Bühne, alles
übrige war Sklavenhänden übergeben und konnte sich nicht aus dem Staube
der Knechtschaft erheben.

~Sechs Jahrhunderte hindurch verblieb die autochthone römische Medizin
auf einer Stufe, die andere Kulturvölker Jahrtausende vorher überwunden
hatten; an religiösen Mystizismus und rohe Volksgebräuche geknüpft,
ragte sie wie ein Anachronismus in eine Epoche hinein, welche den
Hippokratismus schon wieder unter der pedantischen, spekulativen
Gelehrsamkeit Alexandriens erdrückt sah!~

Altehrwürdige Hausmittel, einfache chirurgische Handgriffe, magische
Prozeduren (Zaubersprüche), wie sie zum größten Teile von Etruskern,
Marsern und anderen altitalischen Völkerschaften herstammten, bildeten
das ganze Um und Auf der altrömischen Medizin -- ein Zustand, der am
besten durch Senecas Ausspruch gekennzeichnet wird: Medicina quondam
paucarum fuit scientia herbarum, quibus sisteretur fluens sanguis,
vulnera coirent. Vertreter dieser Volksmedizin -- bei Epidemien oder
langdauernden Uebeln konnten nur die Götter und deren Priester helfen
-- waren vor allem der Pater Familias, welcher seinen Angehörigen
und auch der Familia rustica hilfreich beistand, Frauen, Freunde,
Sklaven. ~Mit größter Wahrscheinlichkeit läßt sich aber annehmen,
daß es in Rom schon in sehr alten Zeiten Leute gegeben hat, welche
gewerbsmäßig als Haupt- oder Nebenbeschäftigung den Heilberuf ausübten~
(anfangs Etrusker, Haruspices?). Im Kriege verbanden sich die Soldaten
gegenseitig, doch wie unvollkommen die Hilfe war, geht z. B. aus der
Nachricht hervor, daß nach der Schlacht bei Sutrium mehr Krieger den
Verletzungen erlagen, als vom Feinde getötet worden waren.

   ~Die medizinische Mythologie der Römer~ ging ursprünglich aus
 dem Volksglauben der Etrusker und der alten italischen Stämme
 hervor, bereicherte sich aber zunehmend durch Entlehnungen aus
 dem Götterkreise fremder Nationen. Religion und Menschenleben
 waren bis in die kleinsten Einzelheiten verknüpft; physiologische
 Vorgänge, Krankheitsursachen und Krankheiten wurden personifiziert.
 Altitalischen Ursprungs sind ~Carna~ (die Beschützerin der Eingeweide;
 an ihren Festen „Carnalia“ betete man „ut jecinora et corda, quaeque
 sunt intrinsecus viscera, salva conservet“), ~Bona Dea~ (eine
 geheimnisvolle Heilgöttin, deren Tempel kein Mann betreten durfte),
 ~Minerva~ memor oder medica (Göttin der Weisheit, speziell der
 Heilwissenschaft), ~Diana~ (Mond- und Geburtsgöttin, als D. Thermia
 Göttin der heißen Quellen), ~Mars~ (als Beschützer vor Seuchen),
 ~Dea Febris~, ~Mefitis~ (Göttin der Miasmen, Personifikation der
 gefährlichen Schwefeldämpfe), ~Meditrina~ (oskische Göttin der
 Heilkunst, Feste Meditrinalia), ~Dea Salus~ (sabinische Göttin der
 Gesundheit), ~Angitia~ (ursprünglich von den Marsern verehrte Göttin
 der Gegengifte), ~Silvanus~ u. a.

   ~Unter dem Schutz einer ganzen Reihe von Gottheiten stand das
 Geschlechtsleben und die Kindesentwicklung.~ ~Geburtsgöttinnen~ waren
 ~Diana~ und ~Juno~, unter dem Namen ~Lucina~ (Dea Natio, Sospita,
 Conservatrix), ferner ~Carmenta~ (Feste „Carmentalia“, je nach der
 Kindeslage als Porrima [Anteverta] oder Postverta angefleht); die
 geschlechtlichen Vorgänge des Weibes bis zur Empfängnis leiteten die
 Götter Pilumnus, Fascinus, die Göttinnen Rumina, Deverra, Cunina,
 Mena, Uterina; ~Fruchtbarkeit~ spendete (entsprechend dem ~Priapus~)
 der Gott ~Mutunus Tutunus~, welchem die Frauen verhüllt zu opfern
 pflegten; bei zweifelhafter Potenz erwarteten die jungen Ehemänner
 Hilfe von den Gottheiten Deus Subigus, Dea Prema, Dea Pertunda,
 Dea Perfica etc., deren Namen deutlich genug ihre Wirksamkeit
 kennzeichnen; beim Neugeborenen behütete Intercidona den Nabel,
 Ossifraga das Knochenwachstum des Kindes. -- An den Luperkalien,
 welche zu Ehren des Wald- und Feldgottes Faunus gefeiert wurden,
 nahmen auch Frauen teil, um Fruchtbarkeit zu erlangen.

   Von den Griechen wurden übernommen: ~Apollo~ (salutaris), sodann
 ~Asklepios~ als ~Aesculapius~ (291 v. Chr. wurde sein Kult nach
 einer schweren Pest nach Rom verpflanzt), ~Hygiea~, ~Herakles~
 (als Gott der warmen Quellen) u. a. In der Kaiserzeit gewann der
 Kult der ägyptischen Heilgottheiten ~Isis~, ~Osiris~, ~Serapis~
 große Bedeutung; auf Votivtafeln, die man in Spanien fand, wird der
 rätselhafte Gott Endovellicus genannt.

   Die Heilquellen, welche bei den Römern von alters her ein sehr
 großes Ansehen genossen, beherrschten Nymphae salutiferae, und viele
 Inschriften beweisen die Verehrung, welche man ihnen erwies. Bei
 einzelnen, namentlich heißen Quellen, befanden sich Heilstätten und
 ~Traumorakel~.

   Die Genesenen dankten für die überirdische Hilfe durch Weihgaben,
 ~Donaria~. Zahlreiche Funde gewähren uns Einblick in die verschiedenen
 Arten derselben. In die heiligen Quellen warf man Schmuckgegenstände,
 Münzen, kleine Götterbilder etc.; in den Heiligtümern hing man
 Votivgaben aus Marmor, Metall oder gebrannter Erde auf, welche
 in körperlicher Nachbildung oder in Reliefbildern teils ~krank
 gewesene Körperteile~ (Augen, Ohren, Brüste, Unterleibsorgane,
 Geschlechtsteile, Arme, Hände, Beine, Füße, das Haupthaar etc.), teils
 ~kranke Personen~ (z. B. mit Schwindsucht oder Brustwunden behaftete)
 darstellen.

   Die Darstellungen von Eingeweiden, welche man auffand, beruhen
 nicht auf der Kenntnis des menschlichen Körpers, sondern auf der
 Uebertragung tierischer Formen. Sie sondern sich in Darstellungen der
 geöffneten Leibeshöhle, in Darstellungen einer Gruppe von Eingeweiden
 (auf Tafeln) oder einzelner Eingeweide (Herz, Trachea, Lunge,
 Zwerchfell, Nieren, Milz, Magen, Darmkanal, Harnblase, männliche,
 weibliche Geschlechtsorgane).

   Wie bei Orientalen und Griechen spielte auch im Kultus der Römer
 die von ~den Etruskern~[9] entlehnte ~Opferschau~ (consultatoria
 sacrificia) eine bedeutende Rolle; sie lag in den Händen der
 ~Haruspices~, welche aus den Eingeweiden (exta) ebenso weissagten,
 wie die höher angesehenen Auguren aus der Beobachtung des Vogelflugs
 prophezeiten. Da der Opferpriester zum Zwecke der Wahrsagung die
 Körperteile des Opfertieres genau betrachten mußte (hinsichtlich
 der Lage, des Aussehens, des Verhaltens beim Durchschneiden), so
 entwickelte sich natürlich auf diesem Wege ein gewisses Maß von
 anatomischem und selbst pathologischem Wissen. Die überlieferten
 Kunstausdrücke der (griechischen und) römischen Opferschauer zeigen,
 daß man eine topographische Kenntnis der Organe[10], insbesondere
 der Leber, besaß. Man beobachtete bei derselben das allgemeine
 Aussehen der Lappen (fibrae), das Ausfließen des Blutes, das Aussehen
 des Processus pyramidalis (caput jecoris) und der Gallenblase, den
 Durchschnitt der Gefäße („cellae“). Nachbildungen von Schafs- oder
 Rindslebern aus Bronze oder Alabaster -- es sind bereits zwei (~die
 Bronzeleber von Piacenza~ und ~die Alabasterleber von Volterra~)
 aufgefunden worden -- dienten den Haruspices zum Modell (vergl. die
 analogen Verhältnisse bei den Babyloniern, S. 24). Neben der Leber
 und Gallenblase kamen bei der Opferschau auch die Lunge (Oberfläche,
 Einziehungen), das Herz (Lage, Größe, Fettbelag u. a.), das Netz in
 Betracht. Um die Götter zu versöhnen, bezw. Epidemien abzuwehren,
 veranstaltete man Göttermahlzeiten, ~Lectisternia~, von Flötenspiel
 begleitete Tänze (woraus das Schauspiel entstand) etc. und mit ganz
 besonderer Feierlichkeit war die Sitte umgeben, gemäß welcher der
 eigens hierzu ernannte Diktator in Pestzeiten im Tempel des Jupiter
 Capitolinus einen Nagel einschlug (der Gebrauch war etruskisch und
 hing ursprünglich mit der Zeitmessung zusammen).

   [9] Hinsichtlich der Etrusker wissen wir (abgesehen von
       dem Mystizismus), daß ihr Land durch seinen Reichtum an
       Heilpflanzen berühmt war (in ihrem Heilschatze spielten
       Asarum, Anagallis, Weißdorn, Parthenia und Lappa minor eine
       Rolle), und daß sie die Technik des Zahnersatzes (Befestigung
       der Ersatzkronen durch Goldspangen und Goldnieten an den
       Nachbarzähnen) auf eine gewisse Höhe gebracht haben.

  [10] In der anatomischen Terminologie haben sich viele, aus alten
       Zeiten stammende echt-lateinische Ausdrücke erhalten, z. B.
       humerus, radius, scapula, clavis, femur, tibis, calcaneus,
       costa, coxa, ilia, vertebra, coronalis, parietalis, temporalis,
       articulatio ... pupilla, supercilium, intestinum, duodenum,
       jejunum, ileum, coecum, rectum, virga, vagina, vulva, testis,
       testiculi, inguina, matrix, scrotum, renes, vena. Daraus ist zu
       ersehen, daß sich das anatomische Wissen bis zu einer gewissen
       Höhe unabhängig von griechischen Einflüssen auf italischem
       Boden entwickelt hat. Dagegen ist das Lateinische arm an
       Bezeichnungen für pathologische Zustände -- hier macht sich
       der Mangel an einer medizinischen Eigenentwicklung in hohem
       Grade geltend; die lateinischen Worte beziehen sich vorwiegend
       auf äußere Affektionen, z. B. fractura, luxatio, verruca,
       varix, fistula, furunculus, pustula, struma, hernia oder grob
       sinnliche Symptome, wie convulsio, tussis u. a. Schon bei
       Ennius, Plautus, ja selbst bei Cato finden sich griechische
       Krankheitsnamen, z. B. carcinoma, dyspepsia, glaucoma, morb.
       hepatarius, ischiacus, pituita, podager, stranguria.

   Es liegt die Annahme nahe, daß die ~Haruspices~ ihre anatomischen
 Kenntnisse auch als Wundärzte benützt haben. Die Existenz eines
 ~einheimischen Aerztestandes~ in Latium ist jedenfalls erwiesen:
 schon das Wort •„medicus“•, welches italischen Ursprungs ist und
 neben mederi, medicina bei den ältesten lateinischen Schriftstellern
 vorkommt, deutet darauf hin. Man bringt den Terminus „medicus“ mit dem
 oskischen Worte „meddix“ in Zusammenhang, welches (bei den Samniten)
 eine Art von Beamten bezeichnete; mederi = imperare, curare (vergl.
 oben die Göttin Meditrina). Dionysius von Halikarnass erwähnt Aerzte
 bei der Epidemie des Jahres 451 v. Chr.; das Aquilische Gesetz (aus
 dem 4. Jahrhundert v. Chr.) „Si medicus, qui servum tuum secuit,
 dereliquerit curationem ejus et ob id mortuus fuit servus, culpae
 reus erit“ setzt einen freien Arzt voraus, den es für vernachlässigte
 Behandlung eines Operierten verantwortlich macht. Keinesfalls aber
 wußten sich die altrömischen Heilkünstler eine angesehene Stellung
 zu erwerben, sonst wären sie später nicht so rasch durch die
 eingewanderten Griechenärzte verdrängt worden.

   Ueberraschend früh tauchen bei den Römern trotz des niedrigen
 Standes der Medizin ~hygienische Maßnahmen und sanitätspolizeiliche
 Gesetze~ auf. Zu den ersteren gehören die Anlage der ~Cloaca
 maxima~, der ~Wasserleitungen~ (die erste wurde 312 v. Chr.
 durch Appius Claudius erbaut), von Myrten- und Lorbeerhainen am
 Meeresstrande (zur Abhaltung der Sumpfausdünstungen), von ~Bädern~
 (das altrömische Haus besaß einen eigenen Baderaum, lavatrina). Alte
 Gesetze ordneten die ~Leichenbestattung~ (hominem mortuum in urbe
 ne sepelito nec urito), befahlen den ~Kaiserschnitt~ an schwanger
 Verstorbenen (Lex de inferendo mortuo, l. regia des Numa Pompilius;
 Caesi, Caesones, Caesari -- sectio caesarea), setzten juristisch
 die ~Schwangerschaftsdauer auf 10 Monate~ fest (in decem mensibus
 homines gigni), stellten ~Geisteskranke unter die Vormundschaft von
 Verwandten~ (si furiosus sit, agnatorum, gentiliumque in eo pecuniaque
 ejus potestas esto), bestraften die ~Behexung~ (qui malum carmen
 incantassit, coerceto), ~verboten Frauen den Weingenuß~ (si vinum
 domi biberit, ut adulteram puniunto), wachten über den ~Verkauf von
 Lebensmitteln~ u. a.

Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. begannen, angelockt durch den
wachsenden Reichtum Roms, griechische „Aerzte“ und Hebammen
einzuwandern. Unter ihnen dürften anfangs gerade nicht die vornehmen
Repräsentanten der hippokratischen Kunst die Mehrzahl gebildet haben,
sondern eher gewinnsüchtige, von Gewissensskrupeln wenig geplagte
Abenteurer, welche in der Heimat höchstens den Rang von Heilgehilfen
in den Ringschulen eingenommen hatten und jetzt, ausgerüstet mit
gehöriger Schlauheit, reklamehaft auf die Leichtgläubigkeit der
Menge spekulierten -- ein Befähigungsnachweis wurde ja in Rom nicht
gefordert[11]. Solchen Individuen war es zum größten Teile zu danken,
daß die griechische Heilkunst, von der man das Höchste erwartete,
kaum daß sie bekannt geworden, wieder an Ansehen verlor. So sagt
Plinius vom römischen Volke: medicinae etiam avidus, donec expertam
damnavit. Freilich wirkten bei dem Mißerfolg auch die noch vorhandene
Abneigung des Volkes gegen größere chirurgische Eingriffe und der von
den einheimischen Volksärzten und Nationalisten gezüchtete Fremdenhaß
in bedeutendem Maße mit.

  [11] Im Gegensatz zu den griechischen Freistaaten.

Typisch wurde das Schicksal des ~Archagathos~, welcher 219 v. Chr. aus
dem Peloponnes eingewandert war, und der von Plinius gewiß irrtümlich
als erster griechischer Arzt in Rom genannt wird. ~Archagathos~ erwarb
anfangs durch hervorragende Geschicklichkeit in der Behandlung von
Wunden und Geschwüren größtes Vertrauen und so hohe Anerkennung, daß
ihm der Senat das Bürgerrecht erteilte und eine Offizin (Taberna) an
einem sehr belebten Platze (am acilischen Kreuzweg, in der Nähe des
Forum Marcelli) einrichtete. Ermutigt und in seinem Selbstbewußtsein
allzusehr gehoben, wagte es der „Vulnerarius“ (Wundarzt), wie ihn das
Volk ehrend nannte, jetzt auch größere Operationen vorzunehmen. Nicht
lange währte es, so erregte seine Rücksichtslosigkeit im Schneiden und
Brennen solchen Unwillen, daß das Volk den „Carnifex“, wie es ihn jetzt
schmähte, nicht mehr dulden wollte und mit ihm alle Aerzte vertrieb.
Diese Angaben rühren von dem national gesinnten Plinius her, und sind
daher cum grano salis zu nehmen. Gerade auf die Aerzte konzentrierte
sich der Griechenhaß ganz besonders, weil man wegen ihrer intimen
Beziehungen zum Volke fürchtete, daß sie die alte Mannhaftigkeit und
damit das altrömische Wesen mit der Wurzel auszurotten vermöchten.
Wahrscheinlich lagen auch einzelne, tendenziös aufgebauschte, Anlässe
vor, tatsächlich ließen sich, wie wir aus späterer Zeit wissen, freie
und Sklavenärzte pochend auf ihre Straflosigkeit oder unter dem Zwange
der Knechtschaft zu schimpflichen Diensten (sogar zu Giftmorden?)
hie und da verwenden, fest steht es aber anderseits, daß trotzdem
selbst die schärfsten Angriffe der Griechenfeinde das Vertrauen zur
griechischen Medizin, die doch die römische Volksmedizin weitaus
überragte, nicht gänzlich zu erschüttern vermochten. Wie erbittert
namentlich der Pfleger altrömischer Zucht und Sitte, der ehrliche, aber
harte Marcus Porcius Cato (234-149 v. Chr.) den Kampf führte, geht
unter anderem aus den „Praecepta ad filium“ hervor, in denen er die
griechischen Aerzte geradezu beschuldigte, daß sie sich gegen das Leben
der Römer verschworen hätten. ~Cato~ wehrte ihnen sein Haus, er widmete
sich als altrömischer Hausvater selbst der Behandlung seiner Familie
und seiner Sklaven, indem er vorzugsweise eine alte volksmedizinische
Schrift „Commentarium“ benützte. Mag ihm aber der Sohn gefolgt haben,
die Römer taten es nicht; trotz der Verbannungsbeschlüsse, die wohl
kaum ausgeführt wurden, behaupteten die griechischen Aerzte ihre
Position, und täglich schwoll ihre Zahl mehr an.

   ~Cato~ suchte den griechischen Einflüssen nicht nur durch
 seine Reden, sondern auch durch positive literarische Arbeit
 entgegenzutreten. Von dieser Absicht geleitet, schrieb er, ohne
 ausländische Quellen zu benützen, Werke über Staatswissenschaft, das
 Kriegswesen und den Landbau, sowie eine Geschichte Roms (Origines),
 damit der gebildete Römer es nicht nötig habe, auswärts Belehrung
 zu suchen. Was er von der Medizin für wichtig hielt, stellte er
 in der Schrift de agricultura (neueste Ausgabe von Keil, Leipzig
 1884, Kommentar hiezu als Band II) zusammen. Der Inhalt ist deshalb
 wertvoll, weil er uns ein anschauliches Bild von der altrömischen,
 halb empirischen, halb mystischen Volksmedizin gibt. Cato besaß
 ~achtbare chirurgische Kenntnisse~ (über Luxationen und Frakturen,
 Geschwüre, Polypen, Strangurie und Mastdarmfisteln) und kannte eine
 Menge von Rezepten (Hausmittel). Mit besonderer Vorliebe und größtem
 Zutrauen wandte er diätetische Behandlungsweisen, namentlich aber
 den ~Kohl~ (Universalmittel der Etrusker und Lieblingsmittel der
 Pythagoreer) und den ~Wein~ bei allen möglichen Affektionen an;
 daneben spielten ~Besprechungen~ und ~magische Prozeduren~ keine
 geringe Rolle. Gegen Quetschungen diente ihm z. B. folgendes: „Luxum
 si quod est, hac cautione sanum fiet. Harundinem prende. -- Incipe
 cantare in malo: S. F. (Sanitas Fracto) motas vaeta daries dardaries
 astata taries, die una paries, usque dum coeant“; gegen Luxationen:
 huat hanat huat ista pista sista. Domina damnaustra et luxato. Vel hoc
 modo, huat haut ista sis ardannabon dumnaustra. Derartige teilweise
 unverständliche und daher kräftig suggestiv wirkende „Carmina“ sind
 noch mehrere in der erwähnten auch sprachlich sehr interessanten
 Schrift angeführt.

   An seinen Sohn schrieb Cato, wie aus Plinius zu ersehen ist: „Dicam
 de istis Graecis suo loco, Marce fili. Quid Athenis exquisitum habeam
 et quod bonum sit illorum literas inspicere, non perdiscere, vincam.
 Nequissimum et indocile genus illorum, et hoc puta vatem dixisse:
 Quandoque ista gens suas literas dabit, omnia corrumpet; tum etiam
 magis, si medicos suos huc mittet. Jurarunt inter se barbaros necare
 omnes medicina. Et hoc ipsum mercede faciunt, ut fides iis sit et
 facile disperdant.“

   Da die griechischen Philosophen die Volksreligion untergruben
 und den römischen Jünglingen das Gift des Skeptizismus einflößten,
 verbot der Senat mehrmals einzelnen oder allen Philosophen und
 Rhetoren den Aufenthalt in Rom, ein solches Gesetz wurde z. B. 161
 v. Chr. gegeben. Sechs Jahre später erschien eine Gesandtschaft aus
 Athen, bestehend aus dem Akademiker Karneades, dem Stoiker Diogenes
 und dem Peripatetiker Kritolaos, von denen namentlich der erstere
 durch seine Beredsamkeit auf die jüngere Generation -- die Kenntnis
 der griechischen Sprache war schon damals sehr verbreitet -- den
 größten Eindruck machte. Auch diesmal suchte die Nationalpartei
 durch baldige Abfertigung der Gesandtschaft die Gefahr einzudämmen.
 -- Angeblich soll bald nach dem Tode Catos ein Dekret die Verbannung
 aller Griechen anbefohlen haben, wie wenig ernsthaft es durchgeführt
 wurde, beweist die Folgezeit, und selbst wenn man die Philosophen
 vertrieben hätte, die Aerzte besaßen schon hinreichende Stützen an
 den vielen Wohlwollenden, um das Verbot ignorieren zu können.

Unleugbar haftete aber, in den Augen der Römer, den griechischen
Aerzten noch geraume Zeit ein gewisser Makel an, und nachdem längst
die Poesie, Kunst und Philosophie Griechenlands die größte Anerkennung
in Rom gefunden hatte, entbehrte die hellenische Medizin noch immer
einer warmen Anhängerschaft unter den ~Gebildeten~, wie z. B. aus
einem Worte Ciceros deutlich hervorgeht. ~Es genügte nicht allein, daß
viele angebliche Aerzte zuströmten, es mußte ein Mann auftreten, der
seine Kunst mit der Bildung und Weltanschauung des vornehmen Römers
in Beziehung zu setzen verstand. Nur ihm konnte es wahrhaft gelingen,
die griechische Medizin selbst nach Rom zu verpflanzen.~



Asklepiades.


Die Einbürgerung der griechischen Heilkunde in Rom war vorzugsweise
das Werk des Asklepiades aus Prusa, eines rhetorisch gewandten,
philosophisch geschulten und äußerst lebensklugen Arztes, der die
nationalen Vorurteile durch imponierende praktische Leistungen zu
überwinden verstand und die wissenschaftliche Medizin dem Zeitgeschmack
des Römertums geschmeidig anzupassen wußte.

   Asklepiades dürfte um 124 v. Chr. in Prusa (oder in Prusias),
 einer Stadt Bithyniens, geboren sein und wandte sich frühzeitig dem
 Studium der Rhetorik, Philosophie und Medizin zu. Zur Erweiterung
 seiner Kenntnisse scheint er eine Zeitlang in Parion, am
 Hellespont, in Athen, wahrscheinlich auch in Alexandreia verweilt
 zu haben, bevor er, um sein Glück zu machen, nach Rom ging. Hier
 gelang es ihm durch seine Rednergabe und gesellige Gewandtheit mit
 vornehmen Männern, wie L. Crassus, Cicero, Atticus, M. Antonius
 und Q. Mucius in freundschaftlichen Verkehr zu treten und sehr
 bald den Ruhm eines unvergleichlichen Heilkünstlers durch eine
 anscheinend ganz neuartige Heilmethode zu erwerben. Wie weit sein
 Name drang, beweist besonders die Tatsache, daß ihn Mithradates von
 Pontus zu sich berief; Asklepiades lehnte jedoch ab und schickte
 dem Könige bloß seine Werke. Von einigen Autoren ist uns eine
 Episode überliefert, die bald als Zeugnis der bewunderungswürdigen
 Beobachtungskunst, bald als Beweis seiner, auch vor groben
 Täuschungen nicht zurückschreckenden Scharlatanerie gedeutet wird.
 „Als er sich nämlich einmal,“ so wird erzählt, „von seinem Landgut
 in die Stadt begab, erblickte er einen großen Leichenzug; er trat
 näher, damit er erfahre, wer es sei, anderseits damit er selbst
 etwas bei jenem (Toten) den Regeln der Kunst gemäß entdecken könne.
 Obgleich er dessen Gesicht mit Spezereien bestreut und dessen
 Antlitz mit wohlriechenden Salben bestrichen sah, war er doch
 aus gewissen Anzeichen sehr aufmerksam auf ihn, beobachtete ihn
 und betastete immer wieder den Körper: und er fand, daß in jenem
 noch Leben sei. Sogleich rief er, der Mann lebt noch, man möge
 die Fackeln wegnehmen, die Feuer auslöschen, den Scheiterhaufen
 abtragen und den Leichenschmaus vom Grabmal zu Tische bringen.
 Es entstand ein Gemurmel; die einen sagten, man müsse dem Arzte
 glauben, die anderen spotteten über die Heilkunst. Dann erwirkte
 Asklepiades, obwohl sich alle Verwandten sträubten -- entweder
 weil sie schon die Erbschaft hatten oder weil sie ihm noch nicht
 glaubten --, mit genauer Not einen kurzen Aufschub für den Toten.
 Den solcherart den Händen der Leichenträger Entwundenen brachte
 er, gleichsam aus der Unterwelt, nach Hause und sogleich stellte
 er das Atmen her, sogleich rief er durch gewisse Arzneien das
 Leben zurück, das in den Tiefen des Körpers verborgen war. Bei
 Tische wurde des weisen Mannes rühmend erwähnt.“ Berauscht vom
 Beifall der suggestiblen Menge, ließ sich Asklepiades als einen
 „vom Himmel Gekommenen“ feiern und verstieg sich in seinem ungemein
 entwickelten Selbstgefühl zu marktschreierischen Aeußerungen
 oder gar Handlungen, die sein Bild im Urteil der Nachwelt
 verdunkelten, die es verschuldeten, daß der treffliche, wenn auch
 etwas einseitige Therapeut und medizinische Philosoph geradezu als
 Scharlatan hingestellt wurde. Mit den meisten Reformatoren teilte
 er allerdings maßlose Eitelkeit und Verachtung der Vorgänger.
 Hochbetagt soll er durch den Sturz von einer Treppe gestorben sein
 und seinen Ausspruch bewahrheitet haben: „Er wolle nicht für einen
 Arzt angesehen werden, wenn er jemals erkranken würde.“

Noch von größerer Bedeutung aber, als die fruchtbringende Vermittlung,
war die damit verbundene Reformbewegung, welche Asklepiades im
medizinischen Denken und in der Therapie einleitete. ~Mit der ganzen
Wucht seiner impulsiven Persönlichkeit trat er gegen die erstarrte
Humoralpathologie -- als Erster -- in die Schranken und bekämpfte
den traditionellen Unfug, der im Namen des Hippokrates oder gestützt
auf angebliche „Empirie“ mit Purganzen, Brech- und Schwitzmitteln,
mit der Venäsektion oder gar abergläubischen Methoden von Seite der
späteren alexandrinischen Schule getrieben wurde und setzte an deren
Stelle eine planmäßige diätetisch-physikalische Behandlungsweise,
die sich aus einer spekulativen mechanistischen Physiologie und
Solidarpathologie ableitete.~ Hierdurch wurde er ein Faktor von größtem
Werte für die allseitige Entwicklung der griechischen Medizin, welche
im Alexandrinertum bereits zu erstarren begann, eine der markantesten
Gestalten in der Geschichte der Heilkunst, deren Leitgedanken zwar
vielfacher Korrektur bedurften, aber, soweit die Therapie in Betracht
kommt, bis auf unsere Tage fortwirken.

   Von den, in bestem Attisch verfaßten Schriften des Asklepiades
 (ungefähr 20) finden sich nur Zitate in der späteren Literatur,
 welche aber oft parteiisch, je nach dem Standpunkt des Autors
 gefärbt sind. Sie bezogen sich auf allgemeine Grundsätze,
 Atmung und Puls, akute Krankheiten und periodische Fieber,
 Phrenitis, Morbus cardiacus, Geschwüre, Wassersucht, Alopecie,
 Gesundheitsvorschriften, Heilmittel und Präparate, Klysmen,
 medizinische Verwendung des Weines u. a. Eine Schrift war
 an Mithradates gerichtet, andere bekämpften die Ernährungs-
 und Zeugungslehre des Erasistratos oder waren der Auslegung
 hippokratischer Bücher gewidmet. Sicherlich enthielten sie auch
 viel historisch-literarisches Material. Die erhaltenen Reste
 sind gesammelt in Ch. G. Gumpert, Asclepiadis Bithyni fragmenta,
 Vimar 1794. Die Herrschaft des Galenismus, welcher im schärfsten
 Gegensatz zu Asklepiades steht, bewirkte es, daß dieser Autor nach
 dem 4. Jahrhundert n. Chr. nur mehr wenig, seit dem 6. Jahrhundert
 gar nicht mehr genannt wird. Erst seit dem 16. Jahrhundert
 erscheint er wieder an der Oberfläche, und so manches System der
 neueren Medizin entlehnte ihm Grundideen. -- Im Jahre 1700 wurde
 in Rom nahe der Porta capena eine Büste ausgegraben, welche die
 Inschrift Asklepiades trägt und mit dem Bithynier in Verbindung
 gebracht worden ist.

Insoferne als ~Asklepiades~ bis auf die letzten Ursachen zurückgeht, um
Anhaltspunkte für sein therapeutisches Handeln zu gewinnen, entfernt
er sich von den „Empirikern“, hinsichtlich seiner Grundanschauungen
über den Organismus tritt er dagegen in den schärfsten Gegensatz zu den
Vertretern der rationalistischen Richtung, welche sich mehr oder minder
auf die platonisch-aristotelische Philosophie stützten. Im Lehrgebäude
des Asklepiades kommt zum ersten Male der ~Atomismus~ zur Herrschaft
und zwar in jener Modifikation, welche den Epikuros oder richtiger
Herakleides den Pontiker, zum Urheber hat. Indem der Bithynier diese
materialistische Metaphysik, die alles Teleologische, Unkörperliche
und Wunderbare ausschließt, zur Basis der medizinischen Theorie wählte,
sicherte er sich von vornherein den Beifall der römischen Geisteselite,
welche dem Epikureismus überzeugungsvoll anhing und in dem jüngeren
Zeitgenossen des Asklepiades, Tit. Lucretius Carus einen poetischen
Stimmführer fand.

   Herakleides (aus Heraklea am Pontos Euxinos um 340 v. Chr.) und
 Epikuros (um 300 v. Chr.) erklärten (im Anschluß an Leukippos
 und Demokritos) alles Geschehen aus der Bewegung der Atome im
 leeren Raum. Ein Unterschied in ihren Systemen liegt darin, daß
 die Atome im Sinne des Herakleides zersplitterbar sind, deshalb
 gebrauchte derselbe auch, anstatt des Terminus ἄτομος, das Wort
 ὄγκος als Bezeichnung für Urkörperchen. -- Der römische Dichter
 Lucretius Carus (98-54 v. Chr.) verfaßte ein hexametrisches
 Lehrgedicht De rerum natura, worin er in kunstvoller Weise die
 Grundlehren der Kosmologie, Physik, Psychologie und Ethik im Geiste
 des Epikureismus darstellt. Es ist möglich, daß er bei seiner
 Schilderung physiologisch-pathologischer Dinge besonders im 6.
 Buche neben Epikuros, der auch über Krankheiten schrieb, vieles dem
 Asklepiades verdankt. Eingebürgert hatte sich der Epikureismus bei
 den Römern seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.

Der menschliche Körper ist nach der Lehre des Asklepiades aus
unendlich vielen Urkörperchen (ὄγκοι) zusammengesetzt und auf ihrer
Bewegung beruht das Leben (einschließlich der geistigen Tätigkeit).
Verbindungen der Urkörperchen (συγκρίσεις) bilden die unzähligen, mit
Empfindung versehenen röhrenförmigen Räume, „Poren“ des Körpers, in
denen sich mehr oder weniger feine Atome unaufhörlich bewegen, und
durch welche der Säftestrom hindurchgeht. Die feinsten, kugeligen,
glatten Atome (ὄγκοι λεπτομερεῖς) stellen das Substrat der Psyche
dar und entsprechen dem Pneuma. Atmung und Ernährung führen die zur
Erhaltung nötigen Stoffe zu; alle physiologischen Vorgänge vollziehen
sich rein ~mechanisch~, ohne daß besondere (organische) Kräfte
dabei wirksam sind. Der Puls ist eine Bewegung der Arterien, deren
wechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung durch das Einströmen des
Pneuma in Erscheinung tritt; die Atmung erfolgt in der Weise, daß die
äußere Luft wegen ihrer Dichte und Schwere in die Lunge eindringt
und, sobald der Thorax die Grenze seiner Ausdehnbarkeit erreicht
hat, unter Zurücklassung der feinsten und zartesten Teilchen wieder
ausströmt; Hunger entsteht durch Erschlaffung der größeren, Durst durch
Erschlaffung der kleineren Porengänge, die Nahrungsstoffe werden nicht
verdaut im Sinne der gewöhnlichen Meinung, sondern zerfallen bloß in
ihre letzten Bestandteilchen, welche also roh, wie sie aufgenommen
worden, in den Körper gelangen und sich daselbst durch die feinsten
Kanälchen verteilen. Der Harn kommt, ohne die Nieren zu berühren, in
Dampfform in die Blase und schlägt sich dort nieder.

   ~Asklepiades leugnet die Zweckmäßigkeit der vitalen Kräfte und
 ist im Altertum der konsequenteste Vertreter der mechanistischen
 Anschauungsweise in der Medizin.~ Er folgt in seinen
 physiologischen Erklärungen zum Teil dem Empedokles, besonders aber
 dem Demokritos (wie bei letzterem ist auch bei ihm der Seelenstoff,
 Pneuma, die Summe der feinsten beweglichsten im ganzen Körper
 verbreiteten Atome). Die Lunge vergleicht er mit der κλεψύδρα, den
 Atmungsmechanismus mit der Anziehung beim Schröpfen. Als Beweis,
 daß keine „Verdauung“ = „Kochung“ stattfinde, führt er an, er
 habe weder im Erbrochenen, noch bei Magenöffnungen jemals Speisen
 in (gekochtem) verdautem Zustande gesehen. Wichtig ist es, daß
 Asklepiades die Resorption der feinsten Ernährungsbestandteile
 durch unsichtbare Kanälchen und die auf gleichem Wege vor sich
 gehende Ausscheidung, also den Stoffwechsel in den Geweben,
 vorausahnte. Vergl. darüber als Quelle auch den Anonym. Londinens.
 In Betreff der nutritiven Wahlanziehung leugnete er jede aktive
 Attraktion.

   Bemerkenswert ist es, daß Asklepiades manche Probleme der
 Physiologie auch experimentell untersuchte und z. B. die Annahme
 des Sitzes der Seele im Kopf oder im Herzen mit dem Argument
 bestritt, daß Tiere eine gewisse Zeit noch weiter leben, wenn man
 ihnen diese Teile wegnimmt. Aus einer Stelle bei Tertullian ist zu
 ersehen, daß er z. B. an Ziegen und Fliegen Versuche anstellte.
 -- Ueber die anatomischen Kenntnisse läßt sich nichts Bestimmtes
 aussagen, da einzelne spätere ungünstige Angaben schon von
 vornherein den Stempel der Gehässigkeit an sich tragen.

Was die Anhänger des Hippokratismus unter φύσις verstanden, d.
h. den Inbegriff der organischen Vorgänge und deren zweckmäßige
Reaktionsvorgänge, muß bei Asklepiades einer rein physikalischen,
jedwede Teleologie ausschließenden Auffassung Platz machen, die er
in dem Satze formuliert: „~Natur ist nichts anderes als der Körper
und dessen Bewegung.~“ Dieser Gedanke beherrscht seine Pathologie und
Therapie und treibt ihn zum kräftigsten Widerspruch gegen den großen
Arzt von Kos.

~Gesundheit beruht auf dem richtigen Verhältnis der Poren zu den
Atomen~ (συμμετρία), wodurch die Bewegung derselben in freier und
ungestörter Weise ablaufen kann. ~Krankheit ist im letzten Grunde
auf eine Störung in der Bewegung der Atome zurückzuführen~ (ἔνστασις,
στάσις). Abnorme Größe oder Gestalt der Urkörperchen, abnorme Weite,
Enge oder Knickung der Poren bewirken eine zu rasche oder zu träge
Bewegung oder Anhäufung der kleinsten Partikelchen und Verstopfung der
Poren (ἔμφραξις) und damit Krankheiten, deren Verschiedenheit von den
Wegen und der Körperstelle abhängig ist. Veränderungen der Säfte und
des Pneuma treten zwar bei leichteren Affektionen als ätiologisches
Moment hervor, sind jedoch nicht als wesentliche, sondern nur als
Gelegenheitsursachen anzusehen.

   Die von A. als Krankheitsursache vorausgesetzte Stockung
 der Atombewegung ist eine weitere Ausführung der Idee des
 ~Erasistratos~, gemäß welcher durch Error loci, d. h. Eindringen
 des Blutes in die Pneumawege, eine Stauung der Pneumabewegung und
 daher Krankheit entsteht. Wie sehr ursprünglich Asklepiades mit
 Erasistratos zusammenhängt, zeigt der Umstand, daß ersterer in
 nahem Anschluß an seinen großen Vorgänger, wenn auch sekundär,
 die Vermischung der flüssigen Stoffe mit dem Pneuma als
 Krankheitsursache bezeichnet.

   Das eintägige Wechselfieber läßt er durch Stockung der größeren,
 das dreitägige durch solche der kleineren und die Quartana durch
 solche der allerkleinsten zu stande kommen.


Die atomistische Solidarpathologie beeinträchtigte glücklicherweise
nicht im mindesten die ärztliche Beobachtungskunst des Bithyniers,
vielmehr widmete er dem ~Pulse~ eingehende Aufmerksamkeit und machte
sich um die ~Krankheitsbeschreibung~ sogar sehr verdient. So trennte
er schärfer als bisher die ~akuten~ von den ~chronischen~ Krankheiten,
schilderte vortrefflich die Malariafieber, unterschied von der
Wassersucht mehrere Arten (eine rasch, eine langsam entstehende,
eine fieberlose, eine mit Fieber einhergehende oder aus der Quartana
hervorgehende Form) und förderte im hohen Grade die Lehre von den
Krämpfen und Geisteskrankheiten. Der rhythmische Ablauf gewisser
Krankheiten entging ihm nicht, er leugnete auch keineswegs die Krisen,
doch ~verwarf er den Glauben an bestimmte kritische Tage~.

   Asklepiades sonderte die tonischen und klonischen Krämpfe
 vom einfachen Zittern, lehrte, daß Epilepsie auch durch eine
 Erschütterung oder Zerreißung der Hirnhäute (also traumatisch)
 hervorgerufen sein könne und führte die Geistesstörungen auf eine
 Affektion der Hirnhäute zurück. Mit feinem Blick differenzierte
 er die psychischen Anomalien und hinterließ entsprechende, scharf
 umgrenzte Definitionen über Phrenitis, Lethargus und Katalepsie.
 Bemerkenswerterweise trennte er die Phrenitis von jenen psychischen
 Aufregungszuständen, wie sie im Verlauf der Pneumonie oder
 Pleuritis symptomatisch vorkommen.

Wie eine logische Konsequenz seiner Krankheitstheorie nimmt sich
die therapeutische Richtung aus, welche Asklepiades mit ungeheuerem
Selbstvertrauen als die einzig wahre ansah. Dem hippokratischen
Grundsatze: die Natur ist die Heilerin der Krankheit, stellte er
den Ausspruch entgegen: ~Nicht nur, daß die Natur nichts nützt, sie
schadet sogar bisweilen. Heilung ist nichts anderes als Rückkehr zur
normalen Atombewegung~, ein Vorgang, der eben nur auf mechanischem
Wege erfolgen kann. Eine zweckmäßig regulierende Naturheilkraft
existiert bloß in der Phantasie, und ausschließlich von der
energischen Tätigkeit des Arztes ist alles abhängig. Hippokrates,
der sich mit seiner vorsichtig abwartenden, in den Krankheitsprozeß
wenig eingreifenden Therapie nur als Diener der Natur betrachtet,
wird unter solchem Gesichtswinkel freilich zu dem Vertreter
einer todbringenden Kunst (θανάτου μελέτης)! Da die Krankheiten
keineswegs Wirkungen einer Materia peccans darstellen, sondern auf
feinen mechanischen Störungen beruhen, so können nicht die groben
ausleerenden Mittel (namentlich Brech-, Abführmittel), sondern nur
jene Heilpotenzen zum Ziele führen, welche die stockende Atombewegung
wieder in normalen Gang bringen, also ~mechanische, physikalische,
hygienisch-diätetische Einflüsse~. Demgemäß legte Asklepiades
das Hauptgewicht auf entsprechende Maßnahmen: Fasten, Verordnung
eines bestimmten Regimes, Verbot von Fleischgenuß (z. B. bei
Epilepsie), Trockendiät (z. B. bei Hydrops), medizinische Anwendung
des Weines, genau geregelte Spaziergänge, Laufen, Reiten, mäßig
betriebene Gymnastik, Massage (nach Intensität und Dauer bestimmte
mit Oeleinreibungen kombinierte Streichungen), passive Bewegungen
(Getragenwerden im Sessel, in der Sänfte, Fahren, Schaukeln in
hängenden Betten etc.), kalte Waschungen, kalte, warme Schwitzbäder,
Duschen, Schaukelbäder (Balinea pensilia), Wassertrinken, Klistiere
etc. Außerdem berücksichtigte er den Einfluß der Luft, des Lichtes
(bei Geisteskranken auch der Musik). Innerliche Medikamente scheint
er relativ spärlich verwendet zu haben (besonders den Gebrauch von
Brechmitteln und drastischen Abführmitteln bekämpfte er energisch),
wohl aber benützte er äußere Applikationen (Bähungen, Pflaster,
Riech- und Niesmittel) und in indizierten Fällen chirurgische
Eingriffe, wie den Aderlaß (je nach dem Sitze der Krankheit an
genau bestimmtem Orte, aber nur bei schmerzhaften Affektionen),
Skarifikationen, das Schröpfen (z. B. bei Angina, wo er auch
eventuell Einschnitte in den weichen Gaumen machte), die Paracentese
(bei Hydrops). Bei Erstickungsgefahr empfahl er die Ausführung der --
~Laryngotomie~.

Im Lichte der therapeutischen Vorschriften des Asklepiades schwinden,
was die Idee anlangt, die Ansprüche vieler späterer Aerzte auf
Priorität hinsichtlich der physikalisch-diätetischen Richtung, und
es kann ihnen in vielen Momenten nur der zeitgemäße Aufbau oder
die technische Verbesserung als Verdienst zugesprochen werden. Aber
auch schon der Bithynier, der selbstgefällig und streitsüchtig auf
seine Originalität pochte -- οἰνοδότης wegen seiner vielfachen
~medizinischen Verordnung des Weines~, ψυχρολούτης wegen seiner
Vorliebe für ~Wasserprozeduren~ genannt --, griff tatsächlich auf
Heilmethoden zurück, die, abgesehen von einer näher liegenden
Vergangenheit, namentlich in den hippokratischen Schriften
Ausdruck gefunden haben und in letzter Linie den griechischen
Ringschulen entstammen. ~Neu war eigentlich nur seine theoretische
Begründung, seine planmäßige, ausgebreitete, sorgfältig geregelte
Anwendungsweise, seine den Fortschritten angepaßte Methodik;
reformatorisch verdienstvoll wurde es, daß er (mit verzeihlicher
Einseitigkeit) den Wert derselben betonte, zu ihrer allgemeinen
Verbreitung Anlaß gab und den Schlendrian der herkömmlichen Therapie
erfolgreich bekämpfte!~

   Asklepiades ist sowohl hinsichtlich der Praxis wie der Theorie
 nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Wellenzugs, der
 sich weit zurückverfolgen läßt und nur durch die herrschende
 Schule verdeckt wurde. ~Den innigsten Zusammenhang zeigt er mit
 Erasistratos.~ Wie die Alten uns berichten, gehörte Asklepiades
 ursprünglich zu den Anhängern des Kleophantos, der die ~Diätetik~
 ausbaute und den ~Wein~ gerne als Heilmittel verwendete. Seine
 Schule stand derjenigen des Erasistratos nahe, welch letzterer
 die Therapie wesentlich vereinfachte, milde Abführmittel,
 Klistiere, Wein, Fasten, diätetische Vorschriften, Gymnastik,
 Bäder, kalte Waschungen, Abreibungen, individualisierend geregelte
 Spaziergänge etc. im Heilplan in den Vordergrund stellte --
 nur nicht mit solchem Nachdruck und solcher Einseitigkeit
 wie Asklepiades. Erasistratos und Kleophantos schließen sich
 wieder stark an Chrysippos und hierdurch an die knidische
 Richtung der Hippokratiker, bezw. die italische Schule an, welch
 letztere namentlich ~die den Gymnasten und Athleten entlehnte
 diätetisch-physikalische Therapie~ pflegte. Es ist interessant,
 daß diese Heilart somit wieder auf italischem Boden durch
 Asklepiades einen Höhepunkt erreichte. Auch für die theoretischen
 Ansichten liegt eine Wurzel im Lehrsystem des Erasistratos und
 tiefer in der knidisch-italischen Richtung. Erasistratos verwarf
 die Vierelementenlehre, ließ den Körper aus Atomen bestehen,
 anerkannte nicht überall die Zweckmäßigkeit der Natur, suchte
 die physiologischen Erscheinungen rein physikalisch zu erklären,
 huldigte bereits in beschränktem Ausmaß der ~Solidarpathologie~,
 führte die meisten Affektionen im Grunde auf mechanische Störungen
 (Verlegung der Pneumawege) zurück und bekämpfte zuerst sehr
 energisch die Autorität des Hippokrates. Manche dieser Hauptpunkte
 (mechanistische, solidarpathologische Auffassungen) finden sich
 schon bei der knidischen oder italischen Schule vor, letzterer
 war namentlich in gewissem Sinne die ~Porenlehre~ eigentümlich.
 -- ~Daß die Ideen des Erasistratos so großen Einfluß auf
 Asklepiades hatten, nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, daß die
 erasistrateische Schule um 100 v. Chr. in Kleinasien zu neuer Blüte
 gekommen war.~

   Bezüglich mancher Einzelheiten wäre z. B. darauf zu verweisen,
 daß Asklepiades fieberhafte Krankheiten in den ersten Tagen nach
 dem Grundsatze behandelte, es müßten die Kräfte des Kranken durch
 helles Licht, anhaltendes Wachen und Versagen des Getränkes (nicht
 einmal Ausspülen war gestattet) niedergerungen werden. Im weiteren
 Verlauf aber kam er den Wünschen der Patienten durch Verordnung
 von üppigen Mahlzeiten und Wein sehr entgegen, und gerade dieser
 Umstand machte seine Behandlungsweise besonders beliebt. Vom Wein,
 den er als Hauptmittel und geradezu als Panacee ansah, sagte er:
 seine Nützlichkeit komme beinahe der Macht der Götter gleich.
 Bald ließ er ihn unvermischt, bald mit Wasser verdünnt, bald mit
 Salz versetzt oder warm darreichen, namentlich im Zustand der
 Fieberremissionen oder bei Schwäche. Den Aderlaß wandte er mit
 Vorsicht an und erklärte, daß sein Wert auch davon abhänge, in
 welchem Klima der Kranke zur Behandlung kommt, Pleuritische z. B.
 vertrügen ihn sehr gut in Parion und am Hellespont, nicht aber
 in Athen und Rom. Das Binden der Glieder, wie es die Vorgänger
 vikariierend geübt hatten, verwarf er. An Stelle der Abführmittel
 setzte er Enthaltung vom Essen oder verordnete nur, um ~mechanisch~
 die Stauung zu beseitigen, Klysmen, deren übermäßiger Gebrauch
 ihm jedoch ebenfalls schädlich erschien. Bei jeder Krankheit
 schrieb er eine genaue Diät vor, sogar bei Alopecia legte er neben
 äußeren Mitteln auf ein bestimmtes Regime (Enthaltung von Fleisch,
 Wein etc.) großes Gewicht. Interessant ist es, daß er sogar die
 Trockendiät bereits kannte (nach vorausgegangenem Laufen ließ er
 getrocknete Fische und gut durchgebackenes Brot genießen). Massage
 benützte er auch als Schlafmittel, z. B. bei Geistesstörungen, für
 welche er in verdienstvoller Weise eine ~psychische Behandlung~
 namentlich durch Musik und Gesang einführte; „Phrenitische“ ließ
 er an einen lichten Ort bringen, weil im dunklen die eingebildeten
 Bilder durch keine wirklichen Eindrücke korrigiert würden.
 Besonders eigentümlich waren: die Behandlung mit Schaukelbewegung
 in hängenden (mit Stricken befestigten) Betten und die ~Balinea
 pensilia~ (Schaukelbäder). Waschungen kamen auch bei Durchfällen
 (aber erst nach der Kräftigung des Patienten) zur Anwendung,
 desgleichen das Trinken von kaltem Wasser. -- Bezüglich der
 Chirurgie wissen wir, daß Asklepiades die spontane Luxation des
 Femurs aus einer Entzündung erklärte und den Kehlkopf- oder
 Luftröhrenschnitt(?), den er wahrscheinlich von Vorgängern
 übernahm, in geeigneten Fällen anriet.

Der Fortschritt gegenüber der zumeist rohen oder abergläubischen
Medizin, wie sie in Rom vorher herrschte, war so einleuchtend,
daß Asklepiades inmitten seines Zeitalters wie ein Wundertäter
erscheinen mußte, zumal er gewiß über große suggestive Kraft
verfügte. Das „~tuto, cito et jucunde~“ und die Maxime, daß ein
guter Arzt für jedes Uebel doppelte und dreifache Arzneien sofort
bereit haben müßte -- dies waren seine Devisen -- suchte er, soweit
als möglich, zu verwirklichen. Günstig wirkten überdies für die
Aufnahme der ~zumeist angenehmen Kurart~ zwei Momente. Einerseits,
daß sie, ihres philosophischen Mantels entkleidet, auch populär
begründet werden konnte (z. B. durch den Hinweis auf die nachteilige
Einwirkung der Arzneien auf Geschmack und Magen), anderseits, daß
sie so recht der Sehnsucht des entnervten Zeitalters nach der alten
Mannhaftigkeit durch ihre roborierende Tendenz entsprach. Darum
erlosch mit Asklepiades zwar der Zauber, der von seiner imponierenden
Persönlichkeit allein, ausging; die feine ~Individualisierung~,
wie sie der Bithynier trotz seines Gegensatzes im Geiste des
Hippokratismus ausübte, ging verloren; die auf den ~Gesamtzustand
gerichtete, mit wenigen Mitteln hantierende Behandlungsweise~
machte leider allzubald einer schematischen Richtung und später
einer schablonenhaften Polypragmasie Platz -- aber selbst noch in
der Hülle, welche von der therapeutischen Reform des Bithyniers
zurückblieb, läßt sich erkennen, daß sie einst einen Feuergeist
umschlossen hielt.

   Von der gewiß sehr zahlreichen Anhängerschaft des Asklepiades
 haben sich, abgesehen von seinem größten Schüler ~Themison von
 Laodikeia~, fast nur Namen und spärliche Angaben über ihre
 literarische Tätigkeit erhalten. So werden erwähnt: ~Titus
 Aufidius~ (chronische Krankheiten), ~Nikon von Agrigent~ (über
 Heilmittel), ~Chrysippos~ (über Würmer), ~Miltiades von Elaiussa~
 (chronische Krankheiten), ~Philonides von Dyrrhachion~ (über
 Heilkunde, Arzneimittel, Hippokrateskommentar), ~Clodius~
 (über Askariden), ~Marcus Artorius~ (rettete dem Octavianus
 in der Schlacht von Philippi das Leben; schrieb über Lyssa und
 Makrobiotik), ~Gallus Marcus~, ~Antonius Musa~, der berühmteste
 Leibarzt des Augustus (sein Vorgänger in dieser Stellung war ~Cajus
 Aemilius~ = ~Camelius~); Musa heilte den Kaiser, welcher an der
 Leber, sowie an rheumatisch-gichtischen Beschwerden litt und vorher
 erfolglos mit erhitzenden Mitteln behandelt wurde, durch eine
 systematische ~Hydrotherapie~ (Wassertrinken und kalte Bäder); zum
 Lohne erhielt er nebst reichen Geschenken den Ritterstand und eine
 Statue im Tempel des Aeskulap.



Die Methodiker.


Die Therapie unter den Gesichtspunkt einer subtilen Theorie zu
bringen und dabei doch selbständig, mit künstlerischer Freiheit, zu
verfahren, war der Begabung des Asklepiades gegönnt; der Troß von
Aerzten aber, der seiner Spur folgte, bedurfte schärfer umschriebener,
leichtfaßlicher Leitsätze, welche der Mittelmäßigkeit eine breite
Heeresstraße eröffnen, indem sie auf Kosten der individuellen Leistung
dem Schwanken zwischen Empirie und Spekulation kategorisch ein Ende
setzen und die Tätigkeit am Krankenbette in eine bequeme Technik
verwandeln.

Diesem Bedürfnis nach straffer Regelung, nach Vereinfachung des
medizinischen Denkens und Handelns entsprang, wie schon der Name
besagt, ~die Schule der Methodiker~, welche von einem Anhänger des
Bithyniers, ~Themison von Laodikeia~ (um 50 v. Chr.), gestiftet, sehr
rasch zur ebenbürtigen Rivalin des humoralen Dogmatismus heranwuchs, an
Zahl der Vertreter, an Bedeutung für die Folgezeit, dem Hippokratismus
wenig nachstehend. Der alles nivellierende Geist des Zeitalters stand
an der Wiege dieser Schule, läßt sie doch in ihrem innersten Wesen
das, auch auf den übrigen Kulturgebieten hervortretende Bestreben
erkennen, ~griechischen Geist in die starre römische Form zu gießen~.

   ~Themison von Laodikeia~ wandte sich erst in vorgeschrittenen
 Jahren von der reinen Lehre seines Meisters Asklepiades ab und
 scheint sich in seinen zahlreichen Schriften, nur allmählich zu
 seinem Systeme durchgerungen zu haben. Nach einem Spottvers des
 Juvenal war er kein glücklicher Arzt. Wie wir aus Zitaten ersehen,
 machte er sich besonders verdient um die Darstellung der Therapie der
 ~chronischen~ Affektionen (ein Gebiet, auf dem er überhaupt der erste
 Autor gewesen ist), um die Schilderung der Kachexie, der Satyriasis
 etc., um die Bereicherung des Arzneischatzes (dem er ~die Blutegel~
 und manche zusammengesetzte Mittel, z. B. das Mohnmittel ~Diacodion~,
 das Bittermittel πικρὰ, bestehend aus Aloe, Mastix, Safran, indischem
 Baldrian, Haselwurz, Zimt und Balsam, hinzufügte), endlich um die
 Bearbeitung der Gynäkologie. Er verfaßte medizinische Briefe und
 Schriften über periodische, akute und chronische Krankheiten, über
 Diät, den Wegerich und über Lepra (die erst zur Zeit des Asklepiades
 in Rom bekannt wurde, vergl. auch Lucretius Carus, de rer. nat. VI,
 1114). Angeblich soll er über die Therapie der Lyssa deshalb nichts
 veröffentlicht haben, weil er jedesmal, wenn er den Griffel zur
 Hand nahm, einen Rückfall der selbst überstandenen Wutkrankheit (?)
 befürchtete. Der Anonymus Parisinus -- eine sehr wichtige Quelle
 für die methodische Schule -- wirft vielleicht ein Schlaglicht auf
 Themison.

Wie ein Abglanz der nüchternen, zweckstrebenden römischen Denkweise,
mit ihrem Hang zum Formalismus, mit ihrer oft auf Kosten der
Tiefe errungenen selbstsicheren Klarheit, erscheint das System des
Methodismus von vornherein für die Praxis zugeschnitten und bewegt
sich unter Mißachtung weiterer Naturbetrachtung in dem engen Zirkel von
einigen wenigen, zur dogmatischen Allgemeingültigkeit emporgeschraubten
Ideen.

Neben der atomistischen Pathologie des Asklepiades bildete für Themison
die ~Vergleichung der Krankheiten~ untereinander, die Aufsuchung
gemeinsamer Merkmale den Ausgangspunkt seiner Lehre, und auf diesem
Wege gelangte er schließlich zu der einseitigen scharf formulierten
Anschauung, daß es in dem Reiche der vielgestaltigen Krankheitsvorgänge
im Wesen nur zwei gemeinsame Grundformen (κοινότητες, ~communitates~)
gäbe, nämlich den Zustand der Straffheit, Spannung -- στεγνωσις,
~status strictus~ -- oder den Zustand der Erschlaffung -- ρύσις,
~status laxus~. Beide, das strictum (τὸ στεγνόν) und das laxum (τὸ
ῥοῶδες) beruhen auf ~abnormer Beschaffenheit der Poren~, die im ersten
Falle zu sehr zusammengezogen, verengert, im letzteren Falle dagegen
zu sehr gelockert und schlaff erweitert seien (~Solidarpathologie~).
Welcher Zustand vorliegt, ob krankhafte Steigerung oder Abnahme des
normalen Tonus besteht, wäre aus dem ~allgemeinen Verhalten~ des
Körpers, namentlich aber aus dem Uebermaß oder der Verminderung des
Exkrete und Sekrete oder aus Blutflüssen etc. leicht zu erschließen;
~die Behandlung laufe im wesentlichen darauf hinaus, das strictum oder
laxum durch entgegengesetzt wirkende, den ganzen Körper angreifende
therapeutische Maßnahmen zu beheben, also durch Entspannung oder
Zusammenziehung, Tonisierung~, wobei außer der „Kommunität“ als
„~Indikationen~“ nur noch in Betracht käme, ob es sich um eine ~akute
oder chronische Krankheit~ handle, und ob sich dieselbe im ~Stadium
der Zunahme, des Stillstands oder der Abnahme~ befinde.

   ~Themison~ ließ somit die von ~Asklepiades~ zur Krankheitserklärung
 herangezogene Atomtheorie fallen und benützte lediglich jenen Teil
 seines System, der von dem Mißverhältnis der „Poren“ sprach. Es
 ist jedoch festzuhalten, daß ~Asklepiades~ sich bis zu einer so
 einseitigen Krankheitsklassifikation und Therapie nicht verstieg,
 sondern auf dem klinischen Standpunkt verblieb. Für Themison mag
 vielleicht das Vorbild der spastischen und der schlaffen Lähmungen,
 welche schon ~Erasistratos~ als auf ~Zusammenziehung oder Ausdehnung~
 beruhende Formen unterschieden hatte, maßgebend gewesen sein. Zu
 einer Aufstellung des Strictum und Laxum mit allen therapeutischen
 Konsequenzen dürfte übrigens auch er erst am Ende seiner Laufbahn
 gelangt sein.

In der Einteilung der Krankheiten nach dem Prinzip der Kommunitäten
herrschte freilich eine gewisse Willkür; die Mehrzahl der akuten
Affektionen wurde dem Status strictus, die Mehrzahl der chronischen
dem Status laxus zugerechnet. Als erschlaffende Mittel galten:
Blutentziehung (Blutegel, Schröpfen und Skarifikation, Aderlässe
auf der, der kranken gegenüberliegenden Stelle, eventuell bis zur
Erschöpfung), warme Bäder, Umschläge, Einreibungen mit warmem Oel,
Dämpfe, Fasten und entziehende Diät, die nur unter bestimmten Kautelen
und selten angewendeten Diuretika, Emetika, Diaphoretika und Laxantia,
mäßiger Geschlechtsgenuß u. a. Zu den verengernden, adstringierenden,
tonisierenden Mitteln gehörten z. B. kalte Waschungen, Umschläge und
Bäder, Aufenthalt in kalter Luft, roborierende Diät, Wein, Essig,
Alaun, Narkotika u. s. w. Das Grundprinzip des Themison mit seiner
blendenden Einfachheit mußte begreiflicherweise in dem Maße modifiziert
werden, als die praktische Anwendung die enorme Lückenhaftigkeit
der Lehre aufdeckte. Zunächst konnte es nicht entgehen, daß das
„Strictum“ und „Laxum“ bei derselben Krankheit vorkommen kann (z. B.
bei der Epilepsie, Paralyse) und somit der Zustand einer zweifachen
Behandlung bedürfe. Aus solcher Erwägung entsprang schon frühzeitig
der Hilfsbegriff des ~Status mixtus~, τὸ μεμιγμένον, welche dritte
Kommunität je nach der Präponderanz der einen oder anderen Qualität
bekämpft werden sollte. Aber auf die Dauer reichten auch diese drei
Kommunitäten nicht aus, wenn es galt, für Fälle chirurgischer Art oder
Vergiftungen die gemeinsamen Eigentümlichkeiten, die therapeutischen
Indikationen aufzustellen. So wurden denn unter dem Zwange der
Erfahrung immer weitere ~neue Gemeinbegriffe~ ersonnen, wie z. B. ~die
„prophylaktische“ Kommunität~ bei Verwundungen, Vergiftungen etc.

   In der Chirurgie wurden vier Kategorien (Kommunitäten) von
 Krankheiten unterschieden. 1. Fremdkörper, die von außen eindringen;
 sie sind auszuziehen. 2. Lageveränderungen (Brüche, Verrenkung);
 sie sind zu reponieren. 3. Fremdartige Strukturen (Geschwülste,
 Abszesse); sie sind zu entfernen oder zu inzidieren. 4. Fremdartige
 Beschaffenheit der Teile (Hemmungsbildungen, Geschwüre u. s. w.)
 durch Fehlen von Substanz; diese ist zu ersetzen.

~Solche Ergänzungen der Kommunitätenlehre durchlöcherten freilich im
Grunde die Einheitlichkeit des Prinzips, und waren tatsächlich nur der
Ausdruck von Verlegenheiten, die naturgemäß einer Krankheitstheorie
erwachsen mußten, welche von tieferer ursächlicher Erklärung, von
der Erforschung des Krankheitssitzes Abstand nahm und sich vermaß,
bei einseitiger Berücksichtigung bloß sekundärer Zustände, sowohl die
Polymorphie der Krankheiten, als auch die Individualität der Kranken
gänzlich außer acht lassen zu können.~

   Der Methodismus wollte den Klippen des Empirismus und Dogmatismus
 gleicherweise entgehen. Seine Anhänger schlugen den Mittelweg
 ein; sie blieben nicht, wie die Empiriker, bloß bei der rein
 praktischen Handhabung der Heilmittel stehen, sondern suchten die
 pathologischen Vorgänge auch theoretisch zu erklären, sie gingen über
 das Grobsinnliche hinaus, aber sie verschmähten es, im Gegensatz zu
 den Dogmatikern, bis zu den ersten Krankheitsursachen und bis zur
 Krankheitslokalisation vorzudringen oder den Kausalnexus der Symptome
 zu ergründen und blieben bei gewissen ~Krankheitszuständen~, die
 willkürlich aus der großen Menge herausgezogen wurden, haften. Nicht
 allein die Physiologie, sondern auch die Anatomie, besonders die
 pathologische, deren Anfänge in Alexandrien bereits aufgetaucht waren,
 galt der Schule der Methodiker ebenso überflüssig, wie Aetiologie
 und Symptomatologie. Die Anatomie wollten die Methodiker in der
 ärztlichen Ausbildung allerdings nicht gänzlich vermissen, manche von
 ihnen beschäftigten sich sogar intensiver mit ihr, hielten es jedoch
 im allgemeinen für genügend, die Namen der Körperteile zu wissen.

Im Lichte der neuen Lehre verloren die wissenschaftlichen Bestrebungen
der Vorgänger nahezu ihren Wert, und insbesondere fielen die großen
Ansprüche, welche der Hippokratismus an die ärztliche Ausbildung
und Individualität stellte, hinweg. Der Satz des Altmeisters der
Heilkunst „das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ wurde geradezu in
das Gegenteil verkehrt. Begreiflicherweise schwoll, wo so geringfügige
Vorkenntnisse für die medizinische Laufbahn gefordert wurden, die Schar
der Anhänger schon unter ~Themison~ gewaltig an, noch mehr aber nahm
bei der Ebbe des damaligen Geisteslebens die Zahl der unberufenen und
unlauteren Elemente zu, als dessen Schüler, der Weberssohn ~Thessalos~
aus Tralleis in Lydien im Zeitraum von 6 Monaten die ganze Medizin,
d. h. sein noch mehr vereinfachtes und für unfehlbar erklärtes System,
zu lehren vorgab.

   ~Thessalos~, unter dessen Schülern sich angeblich ehemalige
 Schuster, Färber und Schmiede befanden, warf sich zum Reformator
 der Heilkunde auf und ließ sich von seiner ungebildeten oder
 halbgebildeten Gefolgschaft als unvergleichlichen Arzt huldigen. Ueber
 unleugbar großes Talent verfügend, aber mit noch größerer Anmaßung
 begabt und zum Scharlatan geboren, erinnert er in seinem ganzen
 Auftreten und in der Tonart, mit der er zeitgenössische und frühere
 Autoritäten befehdete, an so manche unerfreuliche Erscheinungen
 der Gegenwart. Seine Aussprüche, daß vor ihm selbst kein Arzt etwas
 Nützliches geleistet habe, daß die Aphorismen des Hippokrates Lügen
 seien, charakterisieren den Mann hinlänglich, und den Gipfelpunkt
 seiner Eitelkeit bezeichnet die Inschrift, auf einem Denkmal an der
 Appischen Straße, worin das Epitheton ἰατρονίκης „Besieger der Aerzte“
 glänzte. Die Blütezeit des ~Thessalos~ fällt in die Epoche Neros, dem
 er seine Schriften widmete. Diese bezogen sich unter anderem auf Diät,
 chronische Krankheiten und auf Chirurgie, auch richteten sie eine
 scharfe Polemik gegen die berühmten Vorgänger, z. B. ~Erasistratos~.
 Von den Humoralpathologen wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er
 Organmittel, wie z. B. Leber-, Nierenmittel etc., leugnete und die
 galle- und schleimtreibenden Arzneien mit der Begründung verwarf, daß
 sie durch ihren Reiz erst die Entstehung dieser, als vermeintliche
 Materia peccans betrachteten Sekrete bewirken; übrigens spricht es
 für seine Selbständigkeit, daß er in Einzelheiten von ~Themison~
 und auch von den Dogmen der methodischen Sekte überhaupt, abwich.
 Außer manchen unbestreitbaren Verdiensten auf dem Felde der Therapie
 erheischt es die Gerechtigkeit, dem ~Thessalos~ insbesondere das eine
 nachzurühmen, daß er den ~Unterricht am Krankenbette~, wohin ihn seine
 Schüler begleiteten, erteilte und darin seiner Zeit weit voraneilte.

Bedeuten die theoretischen Prämissen der Methodiker eine Verirrung,
so fällt dagegen das Urteil über die Rolle, die diese Schule in der
antiken Medizin spielt, ganz anders und wesentlich günstiger aus,
wenn man einzig allein ihre Tätigkeit am Krankenbette ins Auge faßt.
Und nichts Besseres läßt sich wohl zu ihrem Lobe sagen, als ~daß
die Therapie, wie sie von den rationell verfahrenden Methodikern
betrieben wurde, so manchen gemeinsamen Zug mit dem scheinbar toto
coelo verschiedenen Hippokratismus aufweist~. Denn bildeten auch
die Ansichten über das Walten der Naturheilkraft, über Krisen und
kritische Tage, über den Einfluß der Individualität des Kranken auf
den Verlauf der pathologischen Vorgänge -- alles Dinge, denen die
Methodiker keine Essentialität zusprachen -- starre Scheidewände
zwischen den beiden Hauptschulen des Altertums, so stimmten sie doch
darin miteinander überein, daß sie die ~Allgemeinbehandlung~ und
die ~hygienisch-diätetische Therapie~ in den Vordergrund stellten,
nach Indikationen handelten und nur solche Mittel verwendeten,
welche einer geläuterten Erfahrung zu danken waren, hingegen alle
rohen und abergläubischen Prozeduren verwarfen, den Gebrauch der
drastischen Arzneien oder Eingriffe (z. B. Narkotika, Venäsektion,
Arteriotomie, ausleerende Mittel) wesentlich beschränkten und von
bestimmten Vorschriften abhängig machten. Obzwar von entgegengesetzten
Vordersätzen ausgehend, befleißigten sich die Methodiker, gleich den
Hippokratikern im Beginne akuter Affektionen einer exspektativen
Behandlung, und trugen auch der Individualität des Patienten,
wenigstens indirekt durch Rücksichtnahme auf die subjektiven
Beschwerden (wobei allerlei Topika zur Anwendung kamen) Rechnung; in
letzterer Hinsicht verfielen sie allerdings oft in Polypharmazie, die
sich aber zumeist nur auf äußere Applikationen erstreckte. Und wiewohl
sie den Glauben an kritische Krankheitsvorgänge in Abrede stellten, so
richteten sie sich doch in ihrem Kurplan nach dem Krankheitsstadium und
banden sich sogar bei der Behandlung ~chronischer Affektionen, deren
systematische Therapie erst durch die methodische Schule geschaffen
wurde~, mit einer geradezu übertriebenen Pedanterie an bestimmte Tage
(Dreitagsfristen, διὰ τρίτον, daher auch Diatritarii genannt) und
Zyklen.

   In wohltätiger Reaktion gegen die Humoralpathologen erweiterten
 die Methodiker die von ~Asklepiades~ wieder inaugurierte
 ~diätetisch-physikalische~ Therapie und bereicherten die Formen der
 Stoffwechselkuren, der Bäderbehandlung, Hydrotherapie, Massage,
 Kinesiotherapie (Spaziergänge, Läufe, passive Bewegungen etc.),
 Klimatotherapie (Seefahrten) u. s. w. Wie weit sie darin gingen
 erhellt schon aus der Tatsache, daß sogar die den Hippokratikern
 bekannten ~Stimmübungen~ (ἀναφώνησις, clara lectio) wieder in
 Aufnahme kamen und sogar eigene Abhandlungen darüber erschienen.
 Wenn die Schule auch in der Aetiologie auf äußere Einflüsse gar kein
 Gewicht legte, so richtete sie dafür in der Behandlung ihr besonderes
 Augenmerk auf die Beschaffenheit der Kleidung und Lagerstätte,
 auf die Verhältnisse der ~Belichtung, Temperatur und Luft[12] des
 Krankenraumes~.

  [12] Der Luft schrieben sie noch eine höhere Bedeutung als der
       Nahrung zu, weil ihre feinen Atome leichter in die Poren
       eindringen.

   Im allgemeinen reichte man (im Anschluß an Asklepiades) bei
 Fieber erst ~nach drei Tagen~ kräftige Nahrung (Typus der Malaria?).
 Diese Behandlungsweise wurde geradezu zum Paradigma für die gesamte
 Therapie, indem man sich gerne an Dreitagsfristen „Diatritos“ hielt,
 wenn stärkere Eingriffe oder Modifikationen der Kur unternommen
 wurden. Die Bedeutung der Dreizahl spielt sogar in die Theorie
 hinüber, da z. B. behauptet wurde: Narben nach Hämorrhagien
 bilden sich binnen 3 Diatritoi = 7 Tagen, wie auch in anderen
 Naturerscheinungen die Dreizahl herrsche.

So war es auch nichts anderes als ein direkter Anschluß an die (den
Gymnasten entlehnte) von den Hippokratikern geübte und ~Metasynkrise~
genannte Methode, wenn ~Thessalos~ die Therapie der dyskrasischen
Krankheiten durch ~zyklische Stoffwechselkuren~ bereicherte, die
eine Erschütterung und Umwandlung (recorporatio) des ganzen Körpers
herbeiführen sollten. Eine solche Kur bestand einerseits in dem
~Cyclus metasyncriticus oder recorporativus~ (Entziehungskur durch
Fasten in verschiedenen Graden, Genuß scharfer Substanzen, Pfeffer,
Senf, Meerzwiebel, „zehrender“ Weine, dabei Bäder, aktive und passive
Bewegung, Massage, Sinapismen, reizende Pflaster u. a.), anderseits in
dem ~Cyclus resumptivus~, welcher die Kräfte durch roborierende Diät
und geeignete Maßnahmen wiederherzustellen hatte. In Dreitagsfristen
oder auch auf längere Frist hinaus (z. B. 11 Tage), je nach den
Umständen mit dem ersten oder zweiten Zyklus beginnend, aber höchstens
nur dreimal nacheinander, wurde diese Behandlungsweise absolviert.

Der Methodismus an sich, war keiner fortschreitenden Entwicklung
fähig, sondern höchstens die Therapie konnte erweitert, verbessert
werden. Daraus erklärt es sich, daß ein großer Teil der Anhänger in
der Folge einer gedankenlosen Routine oder wüster Empirie verfiel,
während die befähigten Vertreter auf dem Wege kluger, kritischer
Beobachtung zahlreiche und wertvolle praktische Erfahrungen sammelten,
die sie der Schule zuliebe unter der Etikette des Systems subsumierten.
Bemerkenswert ist es, daß mehrere derselben sich in gründlicher Weise
mit der ~Chirurgie~ beschäftigten und insbesondere die ~Geburtshilfe~
förderten. ~In der Blütezeit des römischen Cäsarentums erfreute sich
das methodische System des größten Beifalls, Methodiker wurden von
den vornehmen Kreisen am meisten zugezogen und trugen nicht wenig
zur Hebung der sozialen Stellung bei, welche der gesamte Aerztestand
fürderhin in der Weltmonarchie einnahm.~

   Die Massenbehandlung, wie sie den römischen Sklaven in den
 Valetudinarien zu teil werden mußte, bildete eine der Hauptursachen
 der raschen und weitreichenden Aufnahme des methodischen Systems,
 denn hierzu eignete es sich ganz besonders.

   Von Methodikern, welche sich einen Namen machten, wären folgende
 anzuführen: der Chirurg ~Meges von Sidon~, ~Proklos~, ~Dionysios~
 (nahm auch eine physiologische Straffheit und Lockerheit an,
 zeichnete sich auch als Chirurg aus, Hämorrhoidenbehandlung),
 ~Mnaseas~ (führte manche Leiden, wie Lethargus, Paralyse, Katarrh auf
 beide Kommunitäten zurück), ~Antipatros~ (verfaßte mehrere Bücher
 medizinischer Briefe), ~Menemachos von Aphrodisias~ (hinterließ
 verschiedene Arzneikompositionen), ~Olympikos aus Miletos~, ~Eudemos,
 der Themisonianer~ (vergiftete auf Anstiften der Livia den Drusus),
 ~Vettius Valens~ (hingerichtet wegen seiner ehebrecherischen Beziehung
 zur Messalina), ~Asiaticus~, ~Apollonides von Kypros~, ~Julianos~
 (medizinischer Vielschreiber, der Schriften über Propädeutik und 48
 Bände gegen die hippokrat. Aphor. verfaßt haben soll) u. a. Neben
 anderen Schulmeinungen wurde auch diejenige der Methodiker benützt
 von: dem ausgezeichneten Chirurgen ~Leonides aus Alexandreia~, von
 dem um die Therapie, besonders aber um die Gynäkologie verdienten
 ~Philumenos~ (die von ihm noch erhaltenen Abschnitte über
 Unterleibsleiden ed. von Puschmann, Nachträge zu Alexander Trallianus
 etc. Berliner Studien V. 2. 1886) u. a.

Den Höhepunkt erreichte die methodische Schule in dem berühmtesten
Frauenarzt des Altertums, ~Soranos~ aus Ephesos; ihre Nachwirkungen
lassen sich durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit
verfolgen.



Die Medizin bei den römischen Enzyklopädisten.

(~Celsus~, ~Plinius~.)


Auch nach den Triumphen der griechischen Medizin verwehrte es die
nationale Tradition den vornehmen Römern, den ärztlichen Beruf zu
ergreifen und mit fremden Abenteurern, Freigelassenen oder Sklaven in
den Wettkampf zu treten; den wenigen, welche das Vorurteil überwanden,
haftete der Makel des Volksverrats an.

~Die Geringschätzung des Heilgewerbes war aber keineswegs identisch mit
einer Mißachtung der Heilkunde an sich.~ Im Gegenteil, das Interesse
für diese stieg stetig an, wegen der (für die römische Denkweise
ausschlaggebenden) praktischen Nützlichkeit, und wie sehr sich die
Wißbegierde gerade der erleuchtetsten Geister auch auf medizinische
Fragen erstreckte, beweisen zahlreiche Stellen in den Werken ~Ciceros~
und ~Senecas~, die überraschenden hygienischen Bemerkungen des
genialen Architekten der augusteischen Epoche, ~Vitruvius~ Pollio,
die interessante Notizensammlung des ~Aulus Gellius~.

   Von römischen Familien, aus denen Aerzte hervorgingen, werden
 namentlich die Quintier, Cassier, Calpetaner, Rubrier, Arruntier
 erwähnt. -- Bei ~Cicero~ kommen der Briefwechsel mit Atticus und die
 Schriften De natura deorum (cap. 54-57), de senectute in Betracht.
 Der Philosoph L. Annaeus ~Seneca~, welcher zeitlebens kränkelte,
 verfaßte eine leider verloren gegangene Schrift de immatura
 morte und bespricht in seinen Briefen mit großer Selbständigkeit
 die Entstehung von Krankheiten durch Luxus und Schwelgerei, die
 Nachteile des übertriebenen Badens, Schwitzens und Medizinierens,
 den lebensverlängernden Einfluß der Mäßigkeit und der Landluft.
 Wiederholt geißelt er in bitteren Worten das standesunwürdige
 Treiben der Scharlatane seiner Zeit, anderseits erhebt er sich in
 der schönen Abhandlung de beneficiis (lib. VI) zum höchsten Lob des
 treuen, wachsamen Arztes, für dessen unschätzbare Freundesdienste
 man auch nach Zahlung des Honorars Schuldner bleibe: pretium operae
 solvitur, animi debetur. -- In dem berühmten Werke de architectura des
 ~Vitruvius~ kommt die Rede auch auf die hygienischen Erfordernisse,
 und als günstig wird es bezeichnet, wenn ein Ort hoch liegt, weder den
 Winden noch dem Nebel, weder zu großer Kälte noch Hitze ausgesetzt
 ist und fern von Sümpfen liegt, deren giftige Dünste auf den
 Menschen verderblich wirken. Als ungünstiges Zeichen der sanitären
 Beschaffenheit einer Oertlichkeit sei es anzusehen, wenn man bei
 den Schlachttieren die Leber häufig grüngelb verfärbt vorfindet.
 Der Zutritt des Tageslichtes zu den einzelnen Zimmern des Hauses
 ist je nach dem Zwecke derselben zu regeln. Bei Besprechung der
 Wasserleitungen hebt Vitruvius den Nachteil der bleiernen Röhren
 hervor und gedenkt der Krankheiten der Bleiarbeiter. Die Entstehung
 der Kröpfe leitet er vom Trinkwasser mancher Gegenden ab. --
 ~Gellius~ (geb. um 130 n. Chr.) erklärte ein gewisses Mindestmaß von
 medizinischen Kenntnissen auch für den Laien unentbehrlich und brachte
 unter seinen Lesefrüchten aus allen Wissensgebieten auch Notizen
 über die Lebensfähigkeit von Siebenmonatskindern, über Fünflinge,
 Fehlgeburten, über die ominöse Bedeutung des 63. Lebensjahres, über
 die Pflicht des Stillens u. a.

Zu nicht geringem Teil wurzelte übrigens die dilettantische
Beschäftigung mit der Medizin auch in der Absicht, von den halb
angestaunten, halb gehaßten Fremdlingen unabhängig zu werden, die
erworbenen Kenntnisse an sich selbst, bei Verwandten und Freunden
oder in den, für die Familia rustica bestimmten Valetudinarien
praktisch anzuwenden. Wie es längst Schriften gab, welche dem
gebildeten Römer in den Lauten der Muttersprache die Geheimnisse der
Rhetorik und Philosophie, der Staatswissenschaft, des Kriegswesens
und der Landwirtschaft vermittelten, so erwuchs auch das Bedürfnis
nach einer gleichwertigen medizinischen Literatur, umsomehr, als
das alte Werk des Cato dem fortgeschrittenen Zeitgeist nicht mehr
standhielt. Die Schwierigkeiten, die es hier zu überwinden galt, waren
allerdings weit größer als sonstwo, da das Bücherstudium allein, ohne
praktische Erfahrung, für die kritische Bearbeitung der Vorlagen nicht
ausreichte und sogar die bloße Kompilation bei der Uebertragung ins
Lateinische wegen der noch mangelnden Kunstausdrücke mit bedeutenden
Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Doch, was der eiserne römische
Wille vermochte, das bewies die bewundernswerte Leistung des streng
nationalgesinnten Polyhistors ~Marcus Terentius Varro~ (117-26 v.
Chr.), welcher seine gelehrten Forschungen auf alle Wissensgebiete
ausdehnte und sowohl in seiner großen Enzyklopädie (Disciplinarum libri
IX), als auch in seiner noch erhaltenen Abhandlung über den Landbau
(Rer. rusticar. libri III) die Medizin in den Kreis der Betrachtung
zog.

   Außerdem beschäftigten sich höchstwahrscheinlich auch ~Varros~
 „Imagines“ (Biographien und Porträts) mit der Geschichte der Aerzte,
 die Schrift „Catus sive de liberis educandis“ mit ärztlichen Dingen.
 In de re rustica (zugleich mit Catos de agricultura herausgegeben
 von H. Keil, Leipzig 1895) gibt ~Varro~ hygienische Vorschriften für
 den Bau von Landhäusern, berichtet, wie er bei einer verheerenden
 Seuche auf Corcyra (Korfu) durch Ventilation, Isolierung der Kranken,
 Erneuerung der Wohnungen Hilfe brachte, und von höchstem Interesse ist
 es, daß er (ibidem l. I, 12, 2) die Malaria mit genialer Antizipation
 von unsichtbaren Lebewesen herleitet: „Animadvertendum etiam, si qua
 erunt loca palustria ...... quod crescunt animalia quaedam minuta,
 quae non possunt oculis consequi, et per aëra intus in corpus per os
 ac nares perveniunt atque efficiunt difficiles morbos.“

Dem Vorbilde nachstrebend, trug ~A. Cornelius Celsus~ wahrscheinlich
zwischen 25 und 35 n. Chr. das Wissen seiner Zeit in einer groß
angelegten Enzyklopädie zusammen, welche den Titel „Artes“ trug und
außer der Rhetorik, Philosophie und Jurisprudenz auch das Kriegswesen,
die Landwirtschaft und die Medizin behandelte. Mit Ausnahme von
spärlichen Fragmenten der Rhetorik ist davon nur der medizinische
Teil ~De medicina libri octo~ auf uns gekommen, ein Werk, das neben
dem Corpus Hippocraticum und den Schriften Galens das hochragendste
Denkmal der antiken Medizin darstellt (Hippocrates latinus).

Die Medizin des ~Celsus~, durch Frische und Prägnanz der Darstellung,
wie ein modernes Kompendium anmutend, auch hinsichtlich der
sprachlichen Eleganz eine Zierde der römischen Literatur, steht auf
der Höhe ihrer Zeit, ist aber im wesentlichen aus den Werken des
Hippokrates, der Alexandriner und der Schule des Asklepiades geschöpft;
jedoch erhebt die Selbständigkeit, mit welcher ~Celsus~ entscheidende
Urteile fällt, oft aus eigenen Erfahrungen seine Schlüsse zieht, seine
Kompilation zum Rang eines Originals. Ja, sie ersetzt uns die verloren
gegangene Literatur der Alexandriner. Wiewohl ~kein Berufsarzt~, ist
es ~ein geistvoller ärztlicher Denker, ein mustergültiger Praktiker~,
der darin das Wort führt, und geleitet von edelster Auffassung der
Heilkunst die Früchte ~hippokratischen Geistes~ in der edlen Schale
der römischen Mundart darreicht.

   Die oft aufgeworfene Frage, ob Celsus „Arzt“ im eigentlichen Sinne
 des Wortes gewesen, löst sich von selbst in ~negativem~ Sinne bei
 Berücksichtigung seiner Abstammung und der nationalen Vorurteile der
 Patrizier gegen die gewerbsmäßige Ausübung der Medizin, ferner im
 Hinblick auf die umfassenden Schriften, von denen gewiß jede einzelne
 den „Fachmann“ eines bestimmten Wissensgebietes widerspiegelte. (Nennt
 doch z. B. der spätere landwirtschaftliche Schriftsteller Columella
 den Celsus universae naturae prudentem virum.) Ebenso ist es nur
 unter dieser Voraussetzung verständlich, daß ~Celsus in der ärztlichen
 Literatur des Altertums nirgends zitiert~ wird. (Bloß Plinius gedenkt
 seiner, aber nicht als medicus, sondern als auctor.) Aber auch die
 Prüfung des Werkes selbst spricht gegen die Annahme, daß Celsus
 Berufsarzt war, denn unverhohlen äußert er wiederholt seine skeptische
 Grundanschauung über den Wert der Medizin. („Ut alimenta sanis
 corporibus agricultura, sic sanitatem aegris medicina ~promittit~.“
 -- „Ideoque multiplex ista medicina .... vix aliquos ex nobis ad
 senectutis principia perducit“ u. a.) und an mehreren Stellen rühmt er
 beinahe die Volksmedizin gegenüber der wissenschaftlichen (z. B. bei
 Besprechung der Augen- und Zahnmittel). Damit steht aber keineswegs
 im Widerspruch, daß Celsus außer dem Bücherstudium die Heilkunde aus
 Liebhaberei auch ~praktisch~ (namentlich im Valetudinarium) betrieb
 und aus eigener Anschauung (im Verkehr mit Aerzten) kennen lernte.
 Dies geht aus seiner meisterhaften Darstellung im ganzen hervor (worin
 er niemals wieder von einem „Laien“ erreicht wurde), namentlich aber
 aus den Stellen, wo er chirurgische Eingriffe beschreibt oder von
 ~eigenen~ Erfahrungen redet.

   ~Im Mittelalter war die Schrift des Celsus fast verschollen,
 jedenfalls ohne Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde.~ Die erste,
 jetzt nicht mehr bekannte Handschrift, aus welcher alle folgenden
 hervorgegangen sind (denn überall findet sich, neben kleineren,
 dieselbe große Lücke im 27. Kap. des IV. Buches), soll von dem
 späteren Papste Nikolaus V. (Thomas Perentocelli de Sarzana) im 15.
 Jahrhundert entdeckt worden sein. Die außerordentliche Anerkennung,
 welche man dem Celsus in der Renaissancezeit mit Recht zollte,
 ist daraus zu ersehen, daß sein Werk (noch früher als galenische
 oder hippokratische Schriften) als eines der ersten unter den
 medizinischen im Druck erschien: ~Editio princeps~, ~Florenz~ 1478.
 Seither wurden zahlreiche Ausgaben veranstaltet; die letzte kritische
 rührt von Daremberg her; A. Cornelii Celsi de Medicina libri octo,
 Leipzig 1859 (Teubner). Der Text derselben ist benützt in der sehr
 empfehlenswerten Ausgabe von A. Vedrenes, Paris 1876. Celsus wurde
 auch in verschiedene Sprachen übersetzt, unter den neueren deutschen
 Uebertragungen ist diejenige von Ed. Scheller (A. Cornelius Celsus,
 über die Arzneiwissenschaft, Braunschweig 1846) die beste.

In der formell, wie inhaltlich meisterhaften Einleitung (Prooemium)
schildert Celsus den historischen Werdegang der Heilkunde bis
Asklepiades und Themison, zeigt, wie sich allmählich die Therapie in
die pharmakologische, diätetische, chirurgische scheidet und urteilt
mit Würde ohne Voreingenommenheit und Leidenschaft als unparteiischer
Richter über den Wert der dogmatischen, empirischen und methodischen
Schule. Besonders der Abschnitt, worin er die Denkfehler der Methodiker
nachweist, gehört zu dem Besten, was die wenig gepflegte medizinische
Erkenntnistheorie aufzuweisen hat.

   ~Was wir über die Forschungsweise der Alexandriner und über
 die Denkmethodik der einzelnen Schulen wissen, verdanken wir
 zum großen Teile der lichtvollen Darlegung des Celsus~; dies
 gilt namentlich für die Empiriker. Mit großer Klarheit weist er
 auch nach, wie die Methodiker mehr als die übrigen doktrinär,
 „dogmatisch“ verfuhren und dabei an Tiefe der Forschung, an Weite
 des Blickfeldes zurückstanden. Dabei sei nur ihre Einseitigkeit
 neu, denn längst vorher habe Hippokrates empfohlen, das Gemeinsame
 der Krankheiten zu beachten, ohne aber dabei stehen zu bleiben. In
 der Praxis verwickelten sich die Methodiker in Widersprüche; denn
 sie müßten dabei doch z. B. verschiedene Formen der Erschlaffung,
 also verschiedene Krankheitstypen berücksichtigen und trotz ihrer
 Ablehnung der Aetiologie auf den Einfluß des Klimas, der Jahreszeiten
 u. s. w. achten. Die Art von Praxis, die sie pflegen, sei unter den
 barbarischen Völkern und in der Tierheilkunde üblich, auch besonders
 bei denen beliebt, welche die ~Massenbehandlung in den Valetudinarien~
 versehen.

Der Standpunkt, den Celsus selbst einnimmt, ist ein gemäßigter.
~Theorie und Erfahrung einander ergänzend und kontrollierend, bilden
vereint die Grundlage der wahren Heilkunst.~ Es sei zwar nicht die
naturwissenschaftliche Bildung (besonders Anatomie und Physiologie)
allein, welche an sich den Arzt machte, doch bewirke sie, daß er
Besseres in seinem Fache leistet. „Verumque est, ad ipsam curandi
rationem nihil pius conferre, quam experientiam. Quamquam igitur
multa sind ad ipsas artes proprie non pertinentia, tamen eas adjuvant,
excitando artificis ingenium. Verique simile est, et Hippocratem et
Erasistratum et quicumque alii, non contenti febres et ulcera agitare,
rerum quoque naturam ex aliqua parte scrutati sunt, non ideo quidem
medicos fuisse, verum ideo quoque majores medicos extitisse.“ Nur müsse
beherzigt werden, daß die Medizin eine Konjekturalwissenschaft sei,
in welcher scheinbar sicher gestellte Voraussetzungen im Spezialfalle
nicht immer zutreffen, und die Spekulation dürfe zwar im Denken,
nicht aber im ärztlichen Handeln eine leitende Stelle einnehmen:
„est enim haec ars conjecturalis; neque respondet ei plerumque non
solum conjectura, sed etiam experientia“ ..... rationalem quidem puto
medicinam esse debere: instrui vero ab evidentibus causis; obscuris
omnibus, non a cogitatione artificis, sed ab ipsa arte rejectis. Die
Vivisektion am Menschen sei verwerflich, die Leichensektion hingegen
nötig. Incidere autem vivorum corpora, et crudele, et supervacuum est;
mortuorum, discentibus necessarium.... Celsus ist ein Verehrer der
großen Vorgänger, und hütet ihre Verdienste mit Pietät, ohne darum den
Neuern ungerecht zu werden. „Oportet autem neque recentiores viros in
iis fraudare, quae vel reperunt, vel recte secuti sunt; et tamen ea,
quae apud antiquiores aliquos posita sunt, auctoribus suis reddere“
(lib. II, cap. 14). Aber diese Verehrung für die Autoritäten wird nicht
zum blinden Autoritätsglauben, so tritt er wiederholt nicht bloß dem
~Asklepiades~, sondern sogar dem ~Hippokrates~ (z. B. hinsichtlich
des Glaubens an die kritischen Tage) entgegen.

Der gewaltige Stoff ist folgendermaßen über die acht Bücher verteilt.
Buch I: Diätetik für Gesunde; Buch II: Allgemeine Pathologie, Semiotik,
Prognostik, therapeutische Indikationen; Buch III und IV: Spezielle
Pathologie, mit der Einteilung in allgemeine und Lokalaffektionen.
Bücher V-VIII sind chirurgischen Inhalts (besonders wertvoll ist die
•Beschreibung des Steinschnitts• und der •plastischen Operationen•)
mit Einschluß der Augenheilkunde und Geburtshilfe.

   ~Anatomie und Physiologie~ sind bei Celsus nur soweit
 berücksichtigt, als praktisch-medizinische Zwecke in Betracht
 kommen. Die Knochenlehre ist verhältnismäßig gut dargestellt
 (VIII, 1), insbesondere beruht die Beschreibung des Schädels auf
 sorgfältiger Untersuchung. Die einzelnen Muskeln finden dagegen keine
 Darstellung, caro bedeutet Weichteile im allgemeinen. Mit venae
 bezeichnet er oft Gefäße überhaupt, unterscheidet aber an anderen
 Stellen luftführende arteriae und blutführende venae. Der Terminus
 nervi bedeutet bald Nerv, bald Muskel und Sehne. Von den übrigen
 Eingeweiden viscera trennt Celsus den Darm, dessen wohl unterschiedene
 Abschnitte er insgesamt intestina benennt. Ihre grobe Schilderung
 (Lageverhältnisse) findet sich lib. IV, cap. 1. Mangelhaft und
 unbestimmt ist die Beschreibung der Sinnesorgane, auch des Auges,
 obzwar letztere sogar sehr ausführlich gehalten ist (VII, cap. 7 §
 13). Die Physiologie steht auf der Höhe des Corpus Hippocraticum.
 -- Der ~Diät und Hygiene~ im gesunden und kranken Zustand ist das
 I. Buch gewidmet, wobei teils hippokratische, teils methodische
 Anschauungen zu grunde liegen, aber auch des Autors Originalität
 und die Anpassung an römisches Leben hervortritt. Hier geht Celsus
 stark in Einzelheiten und gibt unter Berücksichtigung der einzelnen
 Krankheitszustände sorgfältige Vorschriften für die Ernährung und
 für die Lebensweise in Bezug auf den Aufenthalt (Stadt, Land, Fuß-
 und Seereisen), Temperatureinflüsse, Bäder, Tätigkeit (lautes Lesen,
 Fechten, Ballspiel, Laufen, Spazierengehen, Bergsteigen etc.),
 Geschlechtsgenuß u. s. w. Auch das Verhalten zur Zeit von Epidemien
 wird berücksichtigt. Die zweite Hälfte des II. Buches behandelt den
 Nährwert der verschiedensten animalischen sowie vegetabilischen Stoffe
 in genauester Uebersicht, und gruppiert dieselben, je nachdem sie
 „guten“ oder „schlechten Nahrungssaft“ enthalten, mild oder scharf,
 schleimverdünnend oder schleimerzeugend, zuträglich oder unzuträglich
 sind, bezw. blähend, erwärmend, kühlend, gärungserregend, abführend,
 stopfend, erhärtend, erweichend, harntreibend, narkotisch wirken.
 -- Die Lehre von den ~Heilmitteln~ und von der ~Zubereitung der
 zusammengesetzten Arzneien~ füllt nebst der ~Toxologie~ den größten
 Teil des V. Buches. Hierbei kommen je nach ihrer Wirkung zuerst die
 Simplicia, sodann die verschiedenen Formen der Arzneien, Umschläge,
 Pflaster, Pastillen, Streupulver, flüssige Einreibungsmittel,
 Mutterzäpfchen, Pillen (Catapotia) zur Sprache. Die Kapitel 23 und 27
 betreffen die Vergiftung durch den Biß oder Stich von Tieren, durch
 Speisen und Getränke. Bemerkenswert ist die Schilderung der Lyssa
 und manche zweckmäßige Vorschrift zur Behandlung; so wird angeraten,
 das Gift aus der Wunde durch Schröpfköpfe, Ausbrennen, Aussaugen
 (letzteres sei ungefährlich, wenn Lippen, Zahnfleisch, Gaumen der
 aussaugenden Person unverletzt sind) möglichst rasch zu entfernen, bei
 inneren Vergiftungen harntreibende Mittel, bezw. Oel und Brechmittel
 oder Milch anzuwenden. Unter den Universalgegengiften wird die
 Zusammensetzung der Ambrosia des ~Zopyros~ und des Mithridates (es
 werden 37 Bestandteile aufgezählt) mitgeteilt.

   Die allgemeine ~Aetiologie, Semiotik und Prognostik~ stellt den
 Inhalt der ersten acht Kapitel des II. Buches dar und ist vorwiegend
 aus Hippokrates geschöpft, wie Celsus selbst einleitend bemerkt: „non
 dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis;
 quum recentiores medici, quamvis quaedam in curationibus mutarint,
 tamen haec illum optime praesagisse fateantur.“ Wie dieser schildert
 er den Einfluß der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters, der
 Konstitution auf die Entstehung von Krankheiten und bringt eine
 Fülle von unvergänglich wahren Bemerkungen über die prognostischen
 Kennzeichen. Von höchstem Interesse ist das 2. Kapitel, welches die
 Zeichen bevorstehenden Erkrankens und das 6. Kapitel, welches die
 Zeichen des bevorstehenden Todes (darunter die Facies Hippocratica)
 angibt, ferner die (im 7. u. 8. Kapitel) angeführten prognostisch
 wichtigen Symptome bestimmter Affektionen, z. B. der Schwindsucht,
 der Wassersucht, eines Unterleibsabszesses, des Leberabszesses, der
 Nieren- und Blasenaffektionen. Besonders fesseln die Schilderung der
 Abnormitäten des Harns, der Symptome des Blasensteins, der Vorboten
 der Raserei, der letzten Stadien des Phthisikers u. a. -- alles
 von Meisterhand entworfen und noch heute lesenswert! Die folgenden
 Kapitel dieses Buches enthalten die ~allgemeine Therapie~, wobei
 Celsus mit feiner Kritik sowohl die Hippokratiker wie die Schule
 des Asklepiades zur Geltung kommen läßt. Demgemäß weist er bei der
 Indikationsstellung zum Aderlaß eine ganze Reihe von Bedenken der
 älteren Aerzte (z. B. Alter, Schwangerschaft) zurück und findet
 nur in zu großer Körperschwäche eine Gegenanzeige; vortrefflich
 sind die Anweisungen über die Ausführung der Venäsektion und
 die Warnungen vor Kunstfehlern, die hierbei vorkommen. Weiterhin
 bespricht er das Schröpfen (blutiges und trockenes, mit Schröpfköpfen
 aus Horn oder Kupfer), die Abführmittel (event. zu ersetzen durch
 laxierend wirkende Speisen, Wasser-, Schleim-, Salz-, Oelklistiere)
 und Brechmittel (bezüglich welcher er mit Asklepiades nicht ganz
 übereinstimmt), endlich die Lieblingsmethoden der damaligen Medizin:
 die Massage (frictio), die aktive und passive Bewegung (gestatio),
 das Fasten und Schwitzen (durch Wasserbäder, Sandbäder, Dampfbäder,
 warme Luftbäder, letztere z. B. in Bajä, Sonnenbäder). Mit größter
 Sorgfalt werden in diesen Abschnitten sowohl die Indikationen als
 die Technik der genannten Prozeduren besprochen. -- Die ~spezielle
 Pathologie und Therapie~ ist im III. und IV. Buche niedergelegt.
 Celsus wendet sich gegen die damals übliche Einteilung in akute und
 chronische Affektionen, er unterscheidet prinzipiell allgemeine und
 lokale Krankheiten, welch letztere a capite ad calcem vorgeführt
 werden. Unter den allgemeinen schildert er zunächst, frei von
 jedem dogmatischen Standpunkt, die verschiedenen Fieberarten und
 ihre vorzugsweise diätetische Behandlung; wichtig ist es, daß er
 die Theorie von den kritischen Tagen verwirft und, ungleich den
 Methodikern, streng individualisiert; namentlich das Verhalten
 des Pulses gibt ihm einen Maßstab für den Kräftezustand und die
 Richtschnur für das therapeutische Eingreifen, jedoch weist er auf
 die Fehler hin, die bei der Pulsuntersuchung unterlaufen können.
 Auch für die einzelnen Symptome des Fiebers, wie Kopfschmerz und
 Entzündung (falsch sei die Meinung des Erasistratos, daß jedes
 Fieber auf Entzündung beruhe), werden hygienisch-diätetische
 Behandlungsweisen angeraten. (Lib. III cap. 10 steht die berühmte
 symptomatologische Definition der Entzündung: „~Notae vero
 inflammationis sunt quatuor, rubor et tumor, cum calore et dolore~.“)
 Glänzend und von aktuellster Bedeutung ist das 18. Kapitel des III.
 Buches, in welchem die Therapie der Geistesstörungen abgehandelt wird
 und Celsus nicht nur für die üblichen Methoden (Diät, Aderlässe,
 Abführmittel, kühlende Umschläge, Uebergüsse, Massage, Einfluß
 des Lichts und der Dunkelheit, Zwangsmittel etc.), je nach den
 individuellen Verhältnissen, Indikationen angibt, sondern auf die
 ~psychische Behandlung~ das Schwergewicht legt. Hierher zählen
 freundliches Zureden, fromme List, Scheltworte oder Drohungen,
 Erregung der Aufmerksamkeit durch Gespräche, Vorlesen, Musik;
 eventuell muß der Patient selbst zu geistiger Tätigkeit z. B. zum
 Rezitieren angehalten werden: Cogendus est et attendere et ediscere
 aliquid et meminisse. In den folgenden Kapiteln des III. Buches
 bespricht Celsus die Pathologie und Therapie des „Morbus cardiacus“,
 wobei die Ernährung durch Klysmen erwähnt wird, des Lethargus, des
 „Hydrops“ (der Auftreibung des Abdomens, drei Arten: Tympanitis,
 Leukophlegmasia und Ascites), der Tabes (Auszehrung), von welcher
 die Spezies Atrophie, Kachexie und Lungenphthise unterschieden
 werden, ferner Epilepsie (Morbus comitialis), Icterus (Morb.
 arquatus sive regius), Lepra (Elephantiasis), Bewußtlosigkeit (durch
 Blitzschlag oder Schlaganfall), Lähmung (Resolutio nervorum), Tremor.
 Erwähnenswert ist die Behandlung der Neuralgien durch Auflegen
 von Schläuchen mit heißem Wasser, der Epilepsie auch durch Diät
 (Vermeidung von Wein und Coitus; hier wird auch das Volksmittel,
 Trinken von Menschenblut, angeführt: miserum auxilium tolerabile
 miserius malum fecit). In der Therapie der Phthise, die gleich ~im
 Beginne~ behandelt werden müßte, sind hervorgehoben: Milchgenuß,
 Diät, Enthaltung von Berufstätigkeit, warme Bäder, Saft des Wegerichs,
 Terpentin und Honig, Stillung der Diarrhöen und Hämoptoë, vorsichtige
 Massage und Bewegung, Seereisen, Klimaveränderung (Aegypten), in
 schweren Fällen Anwendung des Glüheisens. Das IV. Buch ist eine
 Abhandlung über die einzelnen Organleiden. Darunter sind ganz
 besonders eingehend die mannigfachen Formen des Kopfschmerzes und
 die Magendarmkrankheiten besprochen; unter den Kopfkrankheiten
 wird Hydrocephalus, unter den Nackenaffektionen Tetanus erwähnt,
 unter den Leberleiden schildert Celsus den Leberabszeß und die
 Cirrhose mit konsekutivem Hydrops, bei Milzleiden wird neben sauren
 und scharfen Speisen, Diureticis (Petersilie, Thymian), auch der
 Genuß von Rindermilz (Organtherapie!) empfohlen; für Nierenleiden
 sind warme Bäder, Klistiere und Diät vorgeschrieben, bei Ileus
 werden Oelklistiere gerühmt, gegen Bandwürmer werden nach einer
 Vorkur mit Knoblauch Granatwurzelrinde, gegen Ascariden und Oxyuren
 Oelklistiere und Pfefferminzwasser ordiniert, Gichtischen wird auch
 der Genuß von Eselsmilch geraten etc. Das letzte Kapitel beschäftigt
 sich mit der Pflege der Rekonvaleszenten. Nur allmählich dürfen
 dieselben zu einer ungeregelten Lebensweise zurückkehren. -- Die
 meisterhafte Darstellung der ~Chirurgie~ nimmt das VII. und VIII.
 Buch zur vollen Gänze ein, außerdem sind aber auch in den übrigen
 Büchern chirurgische Bemerkungen eingestreut, die Kapitel 26, 27,
 28 des V. Buches enthalten die allgemeine Chirurgie der Wunden,
 Verbrennungen, Geschwüre und Geschwülste. Im wesentlichen folgt
 Celsus dem Hippokrates, doch bildet sein Werk, da es die eminenten
 Fortschritte des folgenden mehr als vierhundertjährigen Zeitraums
 überall heranzieht, eine unschätzbare Quelle für ~die chirurgischen
 Leistungen besonders der alexandrinischen Schule~; leider sind einige
 Abschnitte weniger ausführlich gehalten, als es zu wünschen wäre,
 und manches, wie z. B. die angeborenen Luxationen, die Verkrümmung
 der Wirbelsäule, die Verletzungen des Halses, die Operation des
 Hydrothorax, ist ganz unerwähnt geblieben. Es würde zu weit führen,
 an dieser Stelle die spezielle Chirurgie bis in die technischen
 Einzelheiten zu verfolgen, nur einige besonders markante Momente
 seien hier angedeutet. Celsus bespricht die Verletzungen und
 deren charakteristischen Symptome (z. B. bei Gehirnverletzungen:
 blutiger Ausfluß aus Nase oder Ohr, Erbrechen, Nystagmus, Delirien,
 Zuckungen), die Lagerung des verletzten Gliedes, die verschiedene
 Beschaffenheit des Wundsekretes, die Blutstillung und Wundbehandlung,
 die Therapie der Frakturen, Luxationen, Caries und Nekrose der
 Knochen, die Fisteln, Fissuren, Geschwüre und Geschwülste, die
 Hernien, Hodenaffektionen, Varicen, Mißbildungen u. s. w. Mehr oder
 minder genaue Darstellung finden die Trepanation, die Resektionen,
 die Amputation, die Punctio abdominis (Einschnitt, sodann Einführung
 einer kupfernen oder bleiernen Röhre), die Radikaloperation des
 Nabelbruches, die Phimosenoperation, Infibulation, Urethrotomie,
 Kastration, der Katheterismus u. s. w. ~Blutstillung~ erfolgt
 durch Tamponade und Kompression (bei parenchymatöser Blutung),
 ~Gefäßligatur~ (bei Verletzung größerer Gefäße) oder ~Massenligatur~,
 selten durch Kauterisation. Die (in den hippokratischen Schriften
 nicht erwähnte) ~Ligatur~ wird folgendermaßen vorgeschrieben: ~venae
 quae sanguinem fundunt, apprehendendae, circaque id quod ictum est,
 duobus locis deligandae~ (Lib. V cap. 26 § 21). Als Wundverband
 diente ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm, über
 welchen eine Leinwandbinde befestigt wurde. Die Wundvereinigung
 wurde auch durch die ~Naht~ erzielt (l. c. § 23). Bei penetrierenden
 Bauchwunden und Darmverletzungen legt Celsus die ~Darmnaht~ an, und
 empfiehlt bei der ~Bauchnaht~ stets das Peritoneum mitzufassen.
 Einer besonderen Betrachtung werden die durch Geschosse (Pfeile,
 Schleuderblei, Stein) entstandenen Wunden gewürdigt, namentlich mit
 Rücksicht auf die Extraktion -- Kapitel, die in den hippokratischen
 Schriften nicht vertreten sind. Ein weiterer Fortschritt gegenüber der
 Vergangenheit ist in der Beschreibung der Fisteln und deren operativer
 Behandlung zu erblicken. Hinsichtlich der Geschwürsbehandlung ist
 das Abtragen der kallösen Ränder und die Anwendung des Glüheisens
 bemerkenswert. Was die Neubildungen anlangt, so beschreibt Celsus
 die sehr zweckmäßige Methode der Entfernung der Atherome und
 kennt die, selbst nach Entfernung mit dem Messer, vorkommenden
 ~Rezidiven des Karzinoms~. -- Ebensowenig wie bei Hippokrates ist
 die Brucheinklemmung deutlich geschildert, die Radikaloperation der
 Brüche ist undeutlich beschrieben, hingegen erwähnt der römische
 Autor bereits ~Bruchbandagen~ und das ~Durchscheinen des Lichtes als
 Symptom der Hydrokele. Die Amputation wird nur bei Gangrän und zwar
 an der Demarkationslinie des Brandigen vorgenommen.~ -- Glanzstellen
 des Werkes bilden die Abhandlung über den Seiten-~Steinschnitt~ (Lib.
 VII cap. 26 § 2) -- eine Abhandlung, die zu vielen Kontroversen Anlaß
 gegeben hat -- und die Beschreibung der ~plastischen Operationen~
 (zum ersten Male systematisch erörtert, Chirurgia „curtorum“;
 Deckung des Defektes mittels Verziehung der benachbarten Haut,
 Entspannungsschnitte), empfohlen für Defekte des Ohres (Lib. VII
 cap. 9), der Nase und Lippen, ferner für den Ersatz eines fehlenden
 Praeputiums. -- ~Auch die Mund-, Nasen-, Ohrleiden~ werden gemäß dem
 Standpunkt des damaligen Wissens sorgfältig beschrieben. Auf diesem
 Gebiete ist namentlich die Schilderung der aphthösen Geschwüre und
 kruppartigen Zustände, der operativen Behandlung des Lippenkrebses,
 der hypertrophischen Tonsillen und der Nasenpolypen anzuerkennen
 und der Tatsache zu gedenken, daß Celsus die Ozaena treffend
 charakterisiert, eine vorsichtige Therapie der Affektionen des äußeren
 Ohres empfiehlt und das Uebergreifen entzündlicher Ohraffektionen auf
 das Gehirn genügend betont. In der Technik der Ohrbehandlung spielten
 Einträufelungen, Einspritzungen mit dem „Clyster oricularis“ eine
 große Rolle; Fremdkörper wurden durch eine mit Wolle umwickelte und
 mit Terpentin getränkte Sonde, Ausspritzen und Niesemittel entfernt.

   Aus der ~Zahnheilkunde~ interessiert uns, daß man zur Erleichterung
 der Extraktion das Zahnfleisch um den ganzen Zahn löste, bei sehr
 hohlem Zahn zur Verhütung des Abbrechens die Kavität vorher mit
 gezupfter Leinwand und Blei ausfüllte, wackelige Zähne mit Golddraht
 an die Nachbarn band und sogar unter Umständen die Erhaltung des
 Zahnes durch eine Art von Plomben (ein in Wolle gewickeltes Stück
 Schiefer wurde in die Höhle gestopft) versuchte.

   Bezüglich der ~Gynäkologie und Geburtshilfe~ wäre folgendes
 hervorzuheben. Celsus kennt den Unterschied des männlichen und
 weiblichen Schambogens, den Hymen, die vikariirende Menstruation,
 bespricht die Untersuchung per rectum, den Katheterismus mit dem
 (weiblichen) Blasenkatheter, er verlangt die Untersuchung sub
 partum und benutzt für geburtshilfliche Operationen das Querbett.
 Steiß- und Fußlage gelten ihm als physiologisch, die Wendung auf
 den Fuß wird empfohlen, bei Extraktionen und Zerstücklungen der
 Frucht kommt der scharfe Haken zur Anwendung. Bei all dem unterläßt
 es Celsus nicht, die Gefahren des Wochenbetts und der Ausübung
 geburtshilflicher Operationen eindringlichst zu betonen. -- In
 der ~Augenheilkunde~ unterschied man eine ansehnliche Zahl von
 Affektionen, wobei neben allgemeiner Therapie, und den uralten
 ableitenden Methoden des Hypospathismus und Periscythismus eine Menge
 von äußeren Heilmitteln[13] und ungefähr 20 Operationsverfahren (z.
 B. bei Trichiasis, Staphylom) zur Anwendung kam. Wertvoll ist die
 •Beschreibung der Staroperation• -- die erste in der vorhandenen
 Literatur (Lib. VII cap. 7 § 14); das angegebene, auf falschen
 anatomischen Vorstellungen beruhende Verfahren (Depression, welcher
 eventuell die Zerstücklung folgte) blieb bis zum 18. Jahrhundert die
 allgemeine übliche Methode. (Man führte eine Nadel ein und drückte die
 in der Pupille befindliche, geronnene Masse nach unten.) Die ~Haut-
 und Genitalleiden~ sind sehr ausführlich besprochen, jedoch begegnet
 die Identifizierung der ersteren mit den jetzigen Krankheitstypen zum
 Teil großen Schwierigkeiten. Besonderes Interesse bietet der Abschnitt
 über Haarkrankheiten. Unter den Affektionen ist die Beschreibung der
 Gonorrhoe, der Hodenentzündung, der Strikturen, des Ulcus molle, der
 Phimose, Paraphimose, der Kondylome und Rhagaden vortrefflich. --
 So wie in der Terminologie der Chirurgie (Celsusscher Zirkelschnitt)
 hat sich auch in der Dermatologie der Name des Celsus („Area Celsi“,
 Ophiasis Celsi) bis heute erhalten.

  [13] Unter den Formen derselben sind besonders bemerkenswert die
       Collyria (κολλύρια = Brötchen). Es waren dies Gemische von
       Heilmitteln, die eine teigartige Masse bildeten, welche für
       den Gebrauch verflüssigt wurden.

War auch das Werk des lateinischen Hippokrates eigentlich für Laien (d.
h. Nichtberufsärzte) bestimmt, so hatte er doch solche im Auge, welche
ihre Kenntnisse praktisch verwerten. Darum überrascht es nicht, wenn
wir nicht wenige Aussprüche bei ihm finden, welche sich auf ärztliche
Politik und Deontologie beziehen. Manche derselben gehören zu den
Perlen der medizinischen Ethik, wie der Satz, worin er, aufblickend zu
dem erhabenen Vater der Heilkunst, sagt, ~daß der wahrhaft große Arzt
auch begangene Irrtümer nicht verhehlt~, denn „magno ingenio, multaque
nihilominus habituro, convenit etiam simplex veri erroris confessio;
praecipueque in eo ministerio, quod utilitatis causa posteris traditur;
ne qui decipiantur eadem ratione, qua quis ante deceptus est“.

   Recht charakteristisch sind unter anderen folgende Sentenzen:
 „Conjecturalem artem esse medicinam, rationemque conjecturae talem
 esse, ut quum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat“
 (II, 6) ... satius est enim anceps auxilium experiri, quam nullum
 (II, 10). ... Magis tamen ignoscendum medico est parum proficienti in
 acutis morbis, quam in longis (III, 1). ... Sed quum eadem omnibus
 convenire non possint, fere quos ratio non restituit, temeritas
 adjuvat (III, 9) ... saepe enim pertinacia juvantis malum corporis
 vincit (III, 12). ... dubia spes certa desperatione potior (VII,
 16). Ueber den Scharlatan sagt Celsus bezeichnend, daß es seine Art
 sei: parvam rem attollere, quo plus praestitisse videatur (V, 26, 1).
 Schön sind auch die Ratschläge, die er für den Eintritt des Arztes ins
 Krankenzimmer gibt: Ob quam causam periti medici est, non protinus ut
 venit, apprehendere manu brachium: sed primum residere hilari vultu,
 percontarique, quemadmodum se habeat; et si quis ejus metus est, eum
 probabili sermone lenire; tum deinde ejus corpori manum admovere (III,
 6). ... Sehr richtig meint Celsus auch: ~ab uno medico multos non
 posse curari~: eumque, si artifex est, idoneum esse, qui non multum
 ab aegro recedit (III, 4).

Von weit geringerem inneren Wert als das Werk des Celsus ist
die weltberühmte „~Naturgeschichte~“ des ~C. Plinius Secundus~
(23 bis 79 n. Chr.), die viele Jahrhunderte hindurch das Orakel
für die Naturwissenschaft bildete und, namentlich wegen ihres
erstaunlich umfangreichen ~pharmakologischen~ Inhalts, den Aerzten
der Vergangenheit zur Ausbeute diente, uns aber als unschätzbare
~historische Quelle~ den Verlust zahlloser einschlägiger Schriften
ersetzt. Da ~Plinius~, ähnlich wie Cato, äußerst geringschätzig von den
griechischen Aerzten dachte und daher zwischen wissenschaftlicher und
den verschiedenen Formen der roh empirischen Medizin keine Grenzlinie
zog, ~ohne jede Kritik~ alles aufnahm, wovon er nur irgend Kenntnis
nehmen konnte, so bietet uns seine von erstaunlichem Fleiß zeugende
Arbeit ein getreues Bild von der antiken ~Volksmedizin~, deren
unzählige, oft abenteuerliche, abergläubische Mittel dem Zusammenfluß
gräko-italischer mit orientalischer Kultur entstammten und sich im
Laufe der Zeiten über ganz Europa verbreiteten, wo sie mit mancherlei
lokalen Modifikationen und vermischt mit autochthonen Gebräuchen bis
heute zäh festgehalten werden.

   C. Plinius Secundus der Aeltere wurde 23 n. Chr. zu Novum Comum
 (Como) geboren und kam frühzeitig nach Rom, wo er eine ehrenvolle
 Amtskarriere einschlug. Trotzdem ihn der Militärdienst oft weit (z. B.
 nach Deutschland) entführte, trotzdem er mit dem größten Pflichteifer
 als Sachwalter tätig war, Hofämter oder Prokurationen (eine Zeitlang
 in Spanien) versah und zuletzt die Flotte bei Misenum befehligte,
 widmete er doch den Hauptteil seiner unermüdlichen Schaffenskraft
 unausgesetzt dem literarischem Studium, als dessen fruchtbares
 Ergebnis Werke über Kriegswissenschaft, Geschichte (darunter 20
 Bücher über die Kriege mit den Germanen), Rhetorik, Grammatik und
 die von unglaublichem Sammeleifer zeugende ~naturalis historia~
 erschienen; nur das letztgenannte riesige Sammelwerk, welches 20000
 wissenswerte Dinge bespricht und aus Exzerpten von 2000 Bänden der
 rund 100 „exquisiti“ auctores zusammengetragen wurde (direkt oder
 indirekt sind 146 römische und 327 fremde Autoren herangezogen), ist
 uns, redigiert von seinem Neffen, dem jüngeren Plinius, vollständig
 erhalten. Mitten in der Arbeit, als Opfer seiner Wißbegierde, fand
 Plinius den Tod zu Stabiä bei dem großen Ausbruch des Vesuvs am
 22. Aug. 79 n. Chr. Die Katastrophe ist in einem Brief des jüngeren
 Plinius an Tacitus in sehr anschaulicher Weise geschildert. Seinem
 Neffen danken wir auch interessante Mitteilungen über die Arbeitsweise
 des Plinius. Sein ganzes Leben verfloß über anhaltendem Lesen,
 während des Essens und beim Bade wurde vorgelesen, auf seinen Reisen
 führte er die Bücher mit sich und zugleich einen Schnellschreiber,
 der seine Notata sofort fixieren konnte, das Gleiche geschah in
 Rom, wenn er sich in einer Sänfte spazieren tragen ließ. Da er kein
 Buch las, ohne Exzerpte zu machen und die Zeit peinlich ausnützte,
 so konnte Plinius eine ungeheure, allerdings aus vielen sekundären
 Quellen oder Zitaten stammende Kollektaneensammlung anhäufen, aus
 welcher in der kurzen Spanne von bloß 2 Jahren seine erstaunliche
 Enzyklopädie der Naturwissenschaften 77 n. Chr. hervorging. Dieses
 Monumentalwerk im Stil der silbernen Latinität geschrieben, ist nach
 einem ganz sachgemäßen Plane aufgebaut, bringt zu jedem seiner Bücher
 ein Verzeichnis der benutzten Quellen und enthält im Texte zahlreiche
 Zitate; besonderer Wert kommt ihm, abgesehen von der Geschichte der
 Medizin und der Naturwissenschaften, auch für die Geschichte der
 Erdkunde und der Kunst zu (die Entwicklung der künstlerischen Technik
 ist gründlich dargestellt). Die Naturgeschichte besteht aus 37 Büchern
 mit folgendem Inhalt: 1. Buch Inhalts- und Quellenverzeichnisse;
 2. Buch mathematisch-physikalische Beschreibung des Universums;
 3.-6. Buch Geographie und Ethnographie; 7. Buch Anthropologie;
 8.-11. Buch Zoologie; 12.-27. Buch Botanik (darunter 20.-27. Buch
 ~Heilmittel aus dem Pflanzenreich~); 28.-32. Buch ~Heilmittel aus
 dem Tierreich~; 33.-37. Buch Mineralogie mit besonderer Rücksicht
 auf ~Arzneikunde~, Malerei und Bildhauerkunst. Wie das ganze Werk
 nicht auf wirklicher Naturbeobachtung, sondern vielmehr auf bloßem
 Bücherstudium beruhte --, bei dem gewaltigen Umfang des Stoffkreises
 war es auch nicht anders möglich -- so belehrte sich Plinius über die
 heilkräftigen Pflanzen allerdings in dem kleinen botanischen Garten
 des römischen Arztes ~Antonius Castor~, stützte aber im großen und
 ganzen seine zwar fleißigen, aber bloß kompilatorischen, oft mit
 Aberglauben durchsetzten oder widerspruchsvollen Ausführungen über
 medizinische Dinge auf die kritiklos hingenommenen Vorarbeiten,
 wobei ~Varro~ (für Geschichte der Heilkunde), ~Lenaeus~ (pflanzliche
 Heilmittel), ~Nigidius Figulus~ (tierische Heilsubstanzen) und
 ~Sextius Niger~ besonders berücksichtigt wurden. -- Die Enzyklopädie
 des Plinius gehörte zu allen Zeiten zu den beliebtesten Werken der
 Weltliteratur und konnte durch Auszüge, z. B. durch die Collectanea
 rerum memorabilium des C. Julius Solinus aus dem 3. Jahrhundert
 (ed. A. Goez, Lips. 1777) oder durch die Medicina Plininiana aus dem
 4. Jahrhundert (ed. Val. Rose, Lips. 1875) nicht verdrängt werden.
 Noch sind ungefähr 190 meist unvollständige Handschriften vorhanden;
 gedruckt wurde die Naturgeschichte nächst der Bibel als ältestes
 Produkt der Buchdruckerkunst bereits 1469 zu Venedig. Neueste Ausgaben
 von Sillig (Gotha 1853 ff.) und Detlefsen (Berlin 1866 ff.), deutsche
 Uebersetzungen von F. L. Strack (Bremen 1854 ff.) und Wittstein
 (Leipzig 1880 ff.).

   Welchen Nutzen die Lektüre des Plinius stiften kann, beweist
 nicht zum mindesten die Tatsache, daß C. Himly im Jahre 1800 auf die
 Pupillen erweiternde Kraft des Hyosciamus und der Belladonna durch
 eine Stelle geführt wurde, wo es heißt, daß man den Saft der Pflanze
 Anagallis vor der Vornahme der Staroperation in die Augen einrieb
 (Lib. XXV, 92).



Rezeptliteratur und Heilmittellehre.


Die mit dem zunehmenden Luxus der sinkenden Republik und noch
mehr der Kaiserzeit einhergehende Weichlichkeit ließ alsbald jene
therapeutische Richtung in den Hintergrund treten, welche eine fast
arzneilose, diätetische Behandlungsweise zum Schlagwort gemacht hatte.
Das Raffinement einer schwelgerischen Kultur, durch beifallslüsterne,
erwerbslustige Medikaster ans Krankenbett verpflanzt, äußerte sich
in geschäftiger Polypragmasie und Polypharmazie, die auf die Torheit
und den Wunderglauben spekulierte, in dem geistlosesten Empirismus
ihre Stütze fand. Wer die meisten, die seltensten Arzneien verordnete,
über geheime und abenteuerliche Mittel, insbesondere aus fernen Landen
stammende, verfügte, der erlangte in jener, zwischen extremer Skepsis
und Köhlerglauben schwankenden Zeit das höchste Ansehen als Arzt,
und täglich wuchs der Reichtum an Drogen, welche der Handelsverkehr
nach dem Mittelpunkt der lateinisch-hellenischen Welt brachte -- ein
schwacher Ersatz für die mangelnden Ideen.

Solche Zustände mußten sich auch in der Literatur deutlich
widerspiegeln, in den überhand nehmenden ~Rezeptsammlungen~, die,
bar jeder wissenschaftlichen Kritik, nur der Mode huldigten, der
Routine dienten, aber durch den Schein der praktischen Nützlichkeit
zum mindesten bei der denkfaulen Menge Ansehen erwarben; manche dieser
Opera strebten sogar nach Dichterruhm, indem sie den banalen Inhalt, im
Sinne eines bizarren Zeitgeschmacks, in metrische Formen brachten[14].
Eine Minderzahl von Aerzten unterzog sich allerdings der Mühe, die
Arzneimittel naturwissenschaftlich zu untersuchen, die einfachen
Stoffe auf ihren wahren Wert zu prüfen, in das Chaos einer regellosen
Terminologie Ordnung zu bringen, für die Bereitungsweise und Dosierung
feste Normen aufzustellen, also tatsächlich die Heilmittellehre zu
verbessern; die meisten Autoren dagegen vermehrten, von Gewinnsucht
oder falschem Ehrgeiz angestachelt, nur die Zahl der Komposita,
der Antidota, der seltsamen Panaceen, die sie mit poetischen Namen
ausstatteten; sie verdienen kaum mit Recht Pharmakologen genannt zu
werden, doch wurden ihre Rezepte durch den Strom der Literatur über
Jahrhunderte hinausgetragen und zum großen Teil in das Arsenal der
Medizin für die Dauer einverleibt, wie z. B. das schmerzstillende
Antidot des ~Philon~ von Tarsos, das Opium enthaltende „~Philonium~“
oder der „~Theriak~“ des neronischen Leibarztes ~Andromachos~, ein
aus mehr als 60 Stoffen zusammengesetztes Universalgegengift, welches
in mannigfachen Modifikationen bis an die Schwelle der Neuzeit seinen
Platz behauptete.

  [14] Freilich hatte die metrische Form auch den Zweck, das Gedächtnis
       zu unterstützen.

   Abgesehen von der im Auftrage des Pompejus vorgenommenen
 Uebersetzung der „Gedenkblätter“ des Mithradates durch ~Lenaeus~ und
 den Schriften der römischen Dilettanten: ~Publius Nigidius Figulus~
 (Operum reliquiae ed. Swoboda, Wien 1889), ~Aemilius Macer~ (Gedichte
 über Gifte und Heilkräuter, Theriaka nach dem Muster des Nikandros),
 ~C. Valgius Rufus~ (eine unvollendete Heilmittellehre, welche mit
 einer Vorrede an Augustus begann, worin derselbe um seinen Schutz
 gegen alle Leiden der Menschheit angegangen wurde) wären aus der
 pharmakologischen Literatur namentlich folgende Autoren hervorzuheben:
 ~Antonius Musa~, der Leibarzt des Augustus. Von ihm finden sich
 Rezepte bei Späteren; (hingegen rühren die beiden unter seinem Namen
 laufenden Schriften De herba betonica und De bona valetudine --
 zusammen herausgegeben von Florian Caldani, Bassano 1800 -- nicht
 von ihm her), ~Maenius Rufus~ (zur Zeit des Celsus, komponierte
 ein beliebtes Purgans), ~Philon von Tarsos~ (bei Celsus ist sein
 Kollyrium erwähnt), die beiden Römer ~Julius (oder Tullius) Bassus~
 und ~Sextius Niger~ (dessen vorzügliches Werk über Materia medica,
 περὶ ὓλης, von Plinius hauptsächlich benützt wurde), ~Petronios
 Diodotos~, ~Nikeratos~ (seine Schriften handelten unter anderem auch
 über die im Wasser lebenden, als Heilmittel dienenden Geschöpfe),
 Tiberius Claudius Quirina ~Menekrates~ aus ~Zeophleta~ (verfaßte
 neben sehr vielen anderen Schriften ein dem Claudius gewidmetes
 Buch über Heilmittel, worin die Gewichtsbestimmungen in Worten
 angegeben waren, um Verwechslungen vorzubeugen -- betitelt αὐτοκράτωρ
 ὁλογράμματος ἀξιολόγων φαρμάκων); sein ~Emplastrum diachylon~,
 Bleiglättenpflaster mit Kräuterauszügen, hat sich, wenigstens dem
 Namen nach, bis heute erhalten; ~Xenokrates von Aphrodisias~ (schrieb
 über die Materia medica und über animalische Nahrung περὶ τῆς ἀπὸ
 τῶν ζώων τροφῆς, wovon der Abschnitt über eßbare Wassertiere [π. τ.
 ἀπὸ ὲνύδρων τροφῆς] noch vorhanden, vergl. Ideler, Physici et medici
 graeci minores, Lips. 1841, I, 121 ff.); neben manchen rationellen
 Rezepten hat er ganz besonders dazu beigetragen, den Glauben an die
 Wahrsagekunst, an ~Geheimmittel~ und an die wunderbare ~Heilkraft
 tierischer Stoffe~ zu verbreiten; so kamen in seinem Arzneischatz vor:
 Teile des Nilpferdes und Elefanten, Fledermausblut, ferner ~Teile
 des menschlichen Körpers~, wie Fleisch, Gehirn, Leber, Knochen,
 Blut, Schweiß, Ohrenschmalz, Sperma, Harn und Fäces (zum Einreiben
 von Mund und Hals), ~Heras~ aus Kappadokien (schrieb ein Werk über
 Heilmittel νάρθηξ = Arzneikasten). ~Andromachos der Aeltere~ aus
 Kreta, berühmt durch seine Modifikation des Mithridations (Zusatz von
 Vipernfleisch), ~den Theriak~, θηριακὴ δἰ ὲχιδνῶν ἡ καλουμένη γαλήνη
 = Windstille, in 174 elegischen Distichen beschrieben (Bussemaker,
 Poetarum de re physica et medica reliquiae, Paris 1851). ~Der Theriak~
 genoß im späteren Altertum und Mittelalter nicht nur als Antidot im
 engeren Sinne, sondern auch als Mittel gegen Infektionskrankheiten
 das höchste Ansehen. Noch im 18. Jahrhundert wurde er unter allerhand
 Zeremonien bereitet. Sein Sohn ~Andromachos der Jüngere~ (von dem
 noch viele Rezepte überliefert sind, veröffentlichte Schriften
 über Heilmittel gegen innere, äußere und Augenkrankheiten); der
 Zeitgenosse des älteren Andromachos, ~Servilius Damokrates~, ein zu
 seiner Zeit hoch berühmter, aber für komplizierte Rezepte allzu sehr
 eingenommener Arzt, von dessen, in Versen abgefaßten pharmakologischen
 Werken Fragmente auf uns gekommen sind (Damocratis Servilii carmina
 medicinalia ed. Harless, Bonn 1833). ~Asklepiades Pharmakion~ (wandte
 menschliche und tierische Exkremente mit Vorliebe an), ~Aglaias~ aus
 Byzantion (Mittel gegen den grauen Star in 13 Distichen); der Arzt
 und Botaniker ~Pamphilos~ (Verfasser eines ~alphabetisch~ angeordneten
 Kräuterbuches mit Synonymenliste), verschieden von dem früher lebenden
 gleichnamigen Salbenhändler Pamphilos, der sich durch den Verkauf
 eines Mittels gegen Mentagra in Rom große Reichtümer erworben hatte.
 ~Ailios Promotos~ (hinterließ mehrere zum Teil handschriftlich
 erhaltene Werke über Heilmittel und Gifte).

Zu den besseren Produkten zählen die Compositiones medicamentorum
des ~Scribonius Largus~, ein ärztliches Taschenbuch, welches 271
Rezepte, nach den Körperteilen vom Kopf bis zu den Füßen angeordnet,
enthält und um das Jahr 47 n. Chr. mit einer Widmung an den Kaiser
Claudius veröffentlicht wurde. Nebst der eigenen Erfahrung benützte
der Verfasser sorgfältig die Vorarbeiten und entnahm diesen manches
Gute, doch scheute er sich auch nicht abenteuerliche, abergläubische
~Volksmittel~ in den Rahmen seiner fleißigen Zusammenstellung
aufzunehmen. Von Interesse ist es, daß Scribonius Largus als erster die
~Gewinnung des Opiums~ richtig beschrieb und ~bei heftigem Kopfschmerz~
die Applikation des ~Zitterrochens~ (elektrische Schläge!) empfiehlt.

   ~Scribonius Largus~ dankte seine sehr ausgebreitete Praxis
 vornehmlich dem Umstande, daß er auch die medikamentöse Behandlung,
 die er anknüpfend an Herophilos, gegen die orthodoxen Anhänger einer
 ausschließlich diätetischen Therapie verteidigte, mit hingebungsvollem
 Eifer pflegte. Durch den Einfluß eines mächtigen Gönners (des
 freigelassenen Julius Callistus) an den Hof gezogen, behandelte
 er auch Mitglieder der kaiserlichen Familie (z. B. Messalina) und
 begleitete den Claudius auf seinem Zuge nach Britannien. Diese Reise,
 sowie jede sonstige Gelegenheit benützte er, um seine Kenntnis der
 Arzneistoffe und seine Sammlung von Rezepten zu ergänzen; einzig auf
 dem Boden einer wenig kritischen Empirie stehend, raffte er nicht
 bloß aus der griechischen Literatur zahlreiche bewährt befundene
 Heilformeln zusammen, sondern erwarb noch außerdem von Aerzten,
 Dilettanten und Kurpfuschern manches berühmte Geheimmittel um schweres
 Geld, die uns überkommenen Compositiones (ed. G. Helmreich, Leipzig
 1887, Teubner; deutsche Uebersetzung bis Kap. 79 mit Kommentar von
 Felix Rinne, Halle 1896, in Koberts Histor. Studien) enthalten daher
 neben rationellen Rezepten viele ~Volks- und Wundermittel~ (z. B.
 gegen Epilepsie, auch ein von einer römischen Dame gebrauchtes, gegen
 Kolik ein Mittel, das von einer afrikanischen Kurpfuscherin stammte,
 abergläubische tierische Heilmittel, sogar die Leber eines getöteten
 Gladiators!). Manchmal regt sich in ihm wohl die bessere Einsicht und
 ärztliche Kritik, aber nur selten; Erklärungen für die Wirkung der
 Arzneimittel finden sich nirgends und für den ausbleibenden Erfolg
 seiner erprobten Kompositionen hat er die Entschuldigung bei der
 Hand, daß die Verschiedenheit der Körperbeschaffenheit, des Alters,
 der Zeit oder des Ortes einen nicht vorher zu bestimmenden Einfluß
 äußern könne. Immerhin weht besonders durch die Vorrede des Werkchens
 ein sympathisch berührender Zug von Gewissenhaftigkeit, womit sich
 die beredte Klage über den geistigen und sittlichen Verfall der
 zeitgenössischen Kollegen verbindet. Schön sind namentlich die Worte,
 die er dem ärztlichen Beruf widmet: „~Idcirco ne hostibus quidem malum
 medicamentum dabit, qui sacramento medicinae legitime est obligatus;
 sed persequetur eos, cum res postulaverit, ut miles et civis bonus
 omni modo, quia medicina non fortuna neque personis homines aestimat,
 verum aequaliter omnibus implorantibus auxilia sua succursuram se
 pollicetur nullique umquam nocituram profitetur.~“

Wissenschaftlicher Geist ist nur bei ~einem~ der zahlreichen
Pharmakologen diese