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Title: Berels Berta - Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen
Author: Zanen, Jean-Pierre
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Berels Berta - Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen" ***

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made available by the HathiTrust Digital Library.)



  ####################################################################

                     Anmerkungen zur Transkription

    Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe
    so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
    Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
    inkonsistente Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
    unverändert. Passagen in luxemburgischer Sprache wurden dem
    Original entsprechend übernommen.

    Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden in deren Umschreibung
    dargestellt (Ae, Oe, Ue). Besondere Schriftschnitte wurden in der
    vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

        gesperrt:      +Pluszeichen+
        Antiqua:       ~Tilden~
        fett:          =Gleichheitszeichen=
        unterstrichen: _Unterstriche_

    Das Caret-Symbol (^) bezeichnet einen nachfolgenden hochgestellten
    Buchstaben.

  ####################################################################



                             Berels Berta


                         Eine Bauerngeschichte
                       aus dem Luxemburgischen.


                                Novelle

                                  von

                          ~J. vun der Hardt.~



                            Preis 30 Sous.


                            [Illustration]

     Verlag von Charles Beffort, Luxemburg, Heiliggeiststraße 14.



        ~Copyright 1915 by Charles Beffort, Verlag, Luxemburg.~



Begleitwort.


Ich bin stolz auf meinen Bauernbetrieb.

Weil ich als freier Mann ein freies Leben führe. Weil mein Hof rentabel
und neuzeitlich und bequem ist. Und weil meine Wirtschaftsweise bei
allen Landwirten Anklang und Nachahmung findet.

Das war nicht immer so.

Es gab eine Zeit, wo ich anders dachte.

Kaum zwei Jahre sind es her. Damals hatte ich meine fortschrittlichen
Bestrebungen verflucht und zu allen Teufeln gewünscht.

Wegen einer Freierei. Wegen eines bildschönen Mädchens. Und wegen der
Borniertheit seines Vaters.

Das waren schwere Tage.

Beinahe hätte ich alles im Stiche gelassen. Vater und Mutter und Hof.
Und ich wäre nach Amerika geflüchtet, um die Unglücksgeschichte zu
vergessen.

Nun ist alles anders gekommen. Eine tüchtige Frau waltet an meiner
Seite im lieben Elternhause.

Wir leben im reinsten Glücke.

Und wo glückliche Menschen übereinstimmend nach einem Ziele streben, da
ist das Leben schön und leicht. Und da auch mehrt sich der Gewinn.

Wie das alles gekommen ist, Freund, will ich dir erzählen.



Ich hatte schon über 25 Jahre. Meine Mutter war alt und schwach. Und
es war auch wirklich zu viel Arbeit im Haushalt. Seitdem meine beiden
Schwestern geheiratet hatten, war sie öfters unwohl.

„~Der mußt èng Schnauer an d’Haus kréen~,“ meinte jedesmal mein
Oheim von der Meß, wenn er auf Besuch kam.

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Ich war ja auch im richtigen
Alter.

Länger als 30 Jahre soll man nicht warten. Sonst wird man zu alt, ehe
man die Kinder groß hat.

Dann ist keiner da, der die Wirtschaft weiterführt. Und dann geht es
bergab mit dem Hofe.

So sagten Vater und Mutter. So auch meinte der Oheim. „~An~,“
fügte er hinzu, „~wann’s du nach mé lâng warts, da gêt et dîr wé mîr.
Da kris du net mé, wâts du wölls; an da wölls du net, wâts du nach
kanns kréen~...“

Ich wollte nicht so durchs Leben gehen wie der Oheim. Nicht als
Junggeselle.


Vor zwei Jahren, Ende November, einige Wochen nach unserer Kirmes,
schrieb der Oheim, er hätte das Richtige gefunden. Ein tüchtiges
Mädchen aus einem guten Bauernhause an der Syr. Vermögen wäre auch
genug da. Nur zwei Kinder. Das Mädchen hätte erst 24 Jahre, die andere
wäre seit einem Jahr ins Haus verheiratet. Am folgenden Sonntag würde
ich die ~Joffer Berta Berels~ kennen lernen.

Natürlich war ich ganz einverstanden.


Wir wurden freundlich empfangen.

Das Mädchen gefiel mir auf den ersten Blick. Es war kein gewöhnliches
Landmädchen. Geweckt, offen, mit großen, treuen, schwarzen Augen. So
war auch die Mutter.

Die Berelsleute schienen eher für zwanzig gekocht zu haben als für fünf.

Der alte Berelsvater schnitt vor, aß tüchtig, sah selten vom Teller
auf und sprach wenig. Das besorgten hauptsächlich der Oheim und die
Berelsfrau.

Es war ein Essen ohne Ende. Vier Gänge hatten wir schon hinter uns. Da
brachte Berta den ~Quetscheflûot~. Ich atmete erleichtert auf.
Auch der Oheim reckte sich im Stuhle.

„~Nu, Joffer Berta~,“ seine Stimme hatte einen vollen, breiten
Klang, „~nun hâlt emol èng Kéer opp mat dem Erânbrèngen! Kommt, setzt
êch emol bei eìs.~“

„~Meija, Berta, komm, fliéw hinnen emol. Sie wöllen neischt mé éssen.
Ech mèngen, d’schmâcht hinnen net.~“

Berta setzte sich mir gegenüber.

Wir waren bald in eifrigem Geplauder von diesem und jenem, von der
Gegend und vom Wetter der letzten Tage.

Es wurde so recht gemütlich. Das Gespräch verlief ungezwungen. Und wenn
ich Berta in die schönen, schwarzen Augen blickte, las ich darin, daß
wir uns verstehen würden.

Auch der alte Berelsvater ging allmählich aus seiner steifen
Schwerfälligkeit heraus.

Er zog ~d’Tubaksblos~ aus der Tasche und reichte sie dem Oheim
herüber. „~Hei, lôsse mer emol èng umâchen.~“

Das Gespräch ging weiter, wurde lebhafter, zog größere Kreise. Vom
Wetter kamen wir auf landwirtschaftliche Fragen, auf Vieh- und
Butterpreise und auf den Pferdehandel.

Mein Oheim schwärmte immer für schöne, belgische Pferde. Auch der
Eidam interessierte sich sehr dafür. Er schien ein tüchtiger Landwirt
zu sein.


Die Uhr schlug zwei. Da nahm der Eidam seinen Hut und ging hinaus.
„~Der mußt mech entschölligen, ech muß nach kuken go’en, ob de
Kniécht mat Fidderen fèrdig aß.~“

„~Ma, da losse mer mat go’en~,“ meinte der Berelsvater, „~da
gesit der eise Perdsstall an èngems!~“

„~An och eise Késtall~,“ ergänzte die Berelsfrau.

Im Stalle standen 4 kräftige Arbeitspferde und 3 Fohlen.

Der Eidam war stolz auf seinen Bestand. Er hatte die Ställe sauber in
Ordnung. Die Pferde waren gut besorgt und ordentlich im Futter.

Wir standen einen Augenblick allein, etwas abseits. Ich lobte seine
Pferde.

„~Et sin nach Pèrd vum âle Schlâg~,“ sagte er, fast als wollte er
eine Entschuldigung vorbringen. „~Sie könnten eppes mé schwéer sin.
An am Késtall könnte mer och Hollänner hun. Awer mei Schwéerpapp aß
nach vun der âler Èrd. Dèn héert net mat dèm Oûer.~“

Der Kuhstall war wirklich nicht zeitgemäß. Der Bestand war allerdings
hoch, 10 Milchkühe und 7 Stück Jungvieh. Aber alles Landrasse, an der
sich die Veredlungen des staatlichen Importes kaum abzeichneten.

Auch über die veralteten Stallungen klagte der Eidam. Der Berelsvater
trat zu uns. Wir mußten das Gespräch abbrechen.

Der Eidam hatte richtiges Verständnis für die Wirtschaft. Er war
fleißig, strebsam. Die Ueberzeugung hatte ich gewonnen. Schade,
jammerschade, daß er seine Kräfte nicht ganz entfalten konnte. Der
hätte den Hof in Schwung bringen können. Er mußte am alten Tau den
alten Karren im alten Geleise weiter ziehen. Jahre lang, viele Jahre
hindurch. Und so verzehrten sich seine besten Kräfte, unnütz, fruchtlos.


Wir setzten den Rundgang fort.

So will es eine alte Bauernsitte. ~D’kêft ên kèng Kâtz am Sâk~,
sagt ein Sprichwort.

Darum ist es auch ein schöner, alter Brauch, das ganze Haus zu
schauen, ~wann ên d’Gelèenhêt kuken gêt~. Das ist alte, ererbte,
treuherzige Bauernehrlichkeit.

Ich hielt mich meistens in der Nähe des Eidams auf. Der Mann war mir
auf einmal sympathisch geworden.

In dem einen Jahre hatte er zwar ganz nach dem alten Schema
gewirtschaftet. Und doch war er ein schlauer Kopf. Er wirtschaftete so,
weil er seinen Schwiegervater kannte. Der war in seinen jungen Jahren
auf die alte Wirtschaftsweise eingepflügt worden.

Der konnte nicht mehr anders.

Und was der nicht konnte, durfte auch der Eidam nicht wollen.

So sind viele unserer alten Bauern.

Mit eisernem Hebel hemmen sie den Fortschritt. Und dann zwingen sie
noch die Jüngeren, mitzubremsen. Die darben in harter Fron. Und doch
müssen sie aushalten, weil der Friede des Hauses höher steht als der
Fortschritt.

So wird die junge, tüchtige Kraft in Ketten gelegt.

Und so bleibt der Rückstand in manchem Bauernhause.

Das ist ärgerlich, aufreibend, nervenzerstörend. Und das frißt das
Feuer der Begeisterung.

Auch hier war für den Eidam der goldene Ehering zur eisenfesten Kette
geworden.

Die lastete schwer auf ihm.

Er arbeitete, er schuftete wie eine Ameise. Das sah man auf Schritt und
Tritt. In den Stallungen, in der Scheune, im Hofe, überall herrschte
die beste Ordnung.

Aber nirgends war eine Spur von neuzeitlicher Landwirtschaft, nirgends
ein Zeichen von Aufschwung.


„~Geseîste Jämpi, an der âler Zeit hun d’Leit vill mé solid gebaut wé
haut. Wé âl aß èrt Haûs schon?~“

Der alte Berelsvater, der als Führer voranschritt, drehte sich um. In
dem wettergebräunten, runzlichen Gesichte leuchtete der alte, ererbte
Bauernstolz.

„~Meî Groûßpapp huôt et schon fierun der Revoluziôun gebaut. An dèm
Gebei leît gutt êche Gehölz.~“

„~Jô, jô~,“ setzte der Oheim hinzu, „~geseit ê baußen a bannen,
daß et dât bèscht aus dem ganzen Duôrf aß~.“

So klang die Melodie weiter.

Mein Oheim lobte alles, fortwährend in einem Atemzuge. Bei kleinlichen
Neuerungen, die gar keine Beachtung verdienten, blieb er stehen,
schaute und staunte. Dabei machte er ein Gesicht, als würde ihn die
Sache sehr interessieren. Er nahm Maße, erkundigte sich nach den
Herstellungskosten, schritt zwei-, dreimal auf und ab, drehte den Kopf
etwas zur Seite und musterte.

Dann trat er an den alten Berelsvater heran: „~Wât sed dîr emol
e schlaue Kapp!~“ Dabei klopfte er ihm ganz zutraulich auf die
Schulter. „~Esoû en Haus, dât muß Geschäfte mâchen.~“

Mir war das Gerede sehr zuwider. Auch der Eidam empfand es peinlich.
Darum schritten wir beide etwas voraus. Und als wir wieder außer
Hörweite waren, redete der Eidam offen und machte mich auf vieles
aufmerksam, das er neuzeitlicher einrichten möchte. „~Awer esoûlâng,
ewé mei Schwéerpapp Mèschter aß, aß neîscht ze wöllen~,“ fügte er
jedesmal kleinlaut, als Entschuldigung, hinzu.

Der Eidam hatte gesunde Ansichten.


Beim Schweinestall wurden wir von Berta und ihrer Mutter erwartet.

„~Da kommt och nach e wénig hei erân kuken. Hei aß, woû mîr Frâleit
Mèschter sin.~“

Die Türe war breit aufgestoßen. Wir schritten durch den sauber
geputzten Gang.

Wieder altmodische Ställe. Ich schaute sofort über die Wände in die
einzelnen Abteilungen.

„~Jesses, wât hutt dîr e schéne Schweîstall~,“ fiel gleich der
Oheim ein. Er stand noch nicht einmal mit beiden Füßen im Gang. „~A
wât schén Zûchtsei! A wievill sen et der? -- Eng, zwoû, dreî, véer,
fönef!~“ Er zählte mit lauter, erhobener Stimme.

„~Alt e bösse loûs!~“ fiel die Berelsfrau ein. „~Et sen awer nömmen
dreî Zûchtsei! An fönef Brillicken! An siewen Fetter!~“

„~Mä, èr Zûchtschweîn sin gutt am Flèsch~,“ griff ich ins Gespräch ein.
Was ich sagte, war wirklich meine Ueberzeugung. Keine Aufschneiderei.

„~Jô, jô~,“ meinte der Oheim, und seine Stimme klang noch einen Ton
höher, „~geseît ên, dat dichtèg Frâleit an desem Haus sin!~“

Die alte Berelsfrau hatte sich neben mich gestellt.

„~D’sin âl Ställ~,“ sagte sie ein wenig bedrückt. „~Mer mussen ömbauen.
Hei eisen Émchen wöllt nach net. Mä, am Fréjohr gin mer eis awer drun.
Elo hu mîr den Hâri op eiser Seît. Da se mîr mé stârk!~“

Das gefiel mir von der alten Frau.


Wir gingen ins Haus zurück. Die Berelsfrau sprach noch immer von dem
Umbau des Schweinestalles. Sie hatte Sinn für das Praktische -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

In der Küche hantierte die junge Frau bei der Kochmaschine. Es brodelte
in mehreren Töpfen.

„~Da gin mer elo nach op de Speîcher~,“ bat die alte Berelsfrau. „~Der
musst jo och nach de Klèderschâf mam Léngend gesin!~“

In einem Zimmer stand ein schöner, solider Eichenschrank. Den sollte
Berta bekommen. So erklärte die Berelsfrau. Sie öffnete breit die
beiden Türen.

Ihre Augen leuchteten. „~An hei aß sei Léngend. D’aß nach e lauter
Hausmâchenduch. Mer hun et selver gezîllt a gesponnen!~“ Der Schrank
war angefüllt von unten bis oben.

Wir setzten den Rundgang fort. Der Oheim lenkte immer wieder auf das
richtige Gespräch ein und bahnte den Weg weiter. Und er bestimmte die
Zeit des nächsten Besuches.

In zwei Wochen sollte ich wiederkommen. So hatten wir es abgemacht.

Dumpf schlug die Hausuhr. Es klang durchs Haus bis herauf zu uns.
Viermal rief sie „~Tink~“, wie eine helle Kinderstimme. Dann
setzte sie fünfmal „~Bum~“, mit dumpfem Tone hintendran.

„~Jesses, scho fönef Auer!~“ stöhnte der Oheim, „~elo musse mer
eis tommeln! Em sechs Auer fîrt eisen Zug!~“


Die Berelsleute suchten uns zu überreden, doch zu bleiben, wie das so
Brauch ist.

Aber der Oheim ließ nicht nach. Wir aßen ein Stück von der alten ~Hâm~
und tranken von dem guten Grächen -- -- --

       *       *       *       *       *

„~Dajé! Iwer véerzeng Dèg, Joffer Berta!~“

Ich drückte ihr die Hand zum Abschied, fester als am Morgen. Und ich
blickte in die tiefschwarzen, treuen Augen.

Alle waren freundlich.

Wir schritten durch den Hof. Ich schaute noch einmal zurück und grüßte.
Im ~Hîrzel~ des Scheunentores lugte jemand. Das war der Knecht...

Wir waren schon weit fort. Da reckte der noch immer den Hals heraus,
guckte uns nach und witterte................


„~Net, Jämpi, dât aß d’Mädche fir dech. An d’wärd dîr och gefall
hun.~“

Der Oheim sah mich fragend an.

„~Jô, jô~,“ sagte ich, „~d’Mädchen gefällt mer. Mä, den
A-a-l-e-n!~“....

Der Oheim drehte sich plötzlich auf dem Absatze herum und blickte mich
ganz ärgerlich an.

„~Mä, du ges jo net mat dem Aalen bestoûd! Wann d’Mädchen der
gefällt, dât aß d’Hâptsâch!~“....

„~Jô, d’Mädchen gefällt mer ausgezèchent, an Vermégen schént jo och
genug do ze sen, awer.... awer~“....

„~Dajé~,“ fiel der Oheim ungeduldig ein, „~eraus mat der
Sprôch!~“

„~Awer d’Gut könt mé neimoûdesch sin.~“

Der Oheim schüttelte den Kopf und lachte.

„~Dât aß erem esoû eng fix Idi vun dîr~,“ sagte er scharf, mit
Betonung. „~Du ges jo net bei dem Aalen âgesalzt.~“

Ich holte tief Atem.

„~A mat dengen neien Idéen, dât aß och esoû eng Sâch. Et mussen der
vun allerhand Zorten sin. Esoû hoût den Härgott et gemâcht. An esoû aß
et gutt.~“

Dann zeigte er mit dem Arm hinüber in das Halbdunkel.

„~Kuk, do iwer dè Bichebösch. Wé stêt dèn elo do?~“

Der gute Grächen hatte den Oheim redselig gemacht. Und er erzählte von
dem Buchenwald.

„Der ruht ja auch im Winter, bis der Frühling kommt. Dann stellt sich
wieder neues Leben ein. So will es die Natur. So auch ist es in den
Bauernhäusern. Da kommt eine Generation, ein junger Stamm, der schafft,
ist fortschrittlich, neuzeitlich und bringt das Gut auf die Höhe. Aber
auch für diese kommt der Herbst und der Winter des Lebens. Dann schläft
der Fortschritt ein, und auf dem Gute herrscht Stillstand, bis wieder
andere kommen. So will es der ewige Wechsel im Kreislauf der Natur-
und Menschengeschichte. Auch das Feld will eine Brachzeit. Der alte
Berelsvater hat Brachzeit. Auch für mich kommt sie bald,“ meinte der
Oheim.

Ich hatte noch nie so recht darüber nachgedacht. Ganz richtig
ist es allerdings nicht. Es gibt ja Betriebe, die bleiben immer
fortschrittlich, neuzeitlich. Die kennen keine Brachzeit. Aber ganz
falsch ist es auch nicht. In den meisten Häusern geht es wirklich von
Generation zu Generation bald auf, bald ab. Nach einer Periode des
Aufschwunges kommt eine Zeit des Stillstandes.

Aber Berta und ich, wir sind noch im Frühling des Lebens. Vor uns liegt
noch ein langer Sommer mit viel Sonnenschein. Und wir denken noch gar
nicht an den Winter....


In das Dunkel der Nacht fiel ein trautes, anheimelndes Licht....

Bei dem saßen Vater und Mutter und warteten auf mich, warteten auf
meine Erlebnisse.

Darum war ich so rasch durch den kalten, dunklen Abend geeilt.

Noch nie hatte es mich so sehr nach der Heimat gezogen wie an dem Abend.

Ich war ganz eingenommen von einer neuen Sehnsucht, von neuen Gefühlen.
Die konnte ich nicht gut allein tragen. Die mußte ich Vater und Mutter
anvertrauen...

Rasch schritt ich durch die lange Pappelallee.


„~Baß d’erem?~“ Es war das erste Wort der Mutter, als ich eintrat.

Die Stube war überheizt. Es war drückend warm.

Ich warf den Ueberzieher ab und sank müde auf den Stuhl.

Der Vater richtete sich hinter dem Ofen auf.

Er blieb scheinbar gleichgültig, ruhig. Aber er schaute mich so
sonderbar groß an, so forschend.

Die Mutter hatte sich zu mir an den Tisch gesetzt.

„~A fir wât schwèst d’esoû? D’méngt ên, d’wir der net gut gâng op der
Rès.~“

Unruhe klang aus ihrer Stimme. Die Falten in ihrem Gesicht schienen mir
plötzlich viel zahlreicher, viel tiefer.

„~Dach, séer gut, Mamm.~“ Und ich erzählte von dem guten Erfolg der
Reise, von den zuvorkommenden Leuten, von dem schönen Empfang und dem
tüchtigen Mädchen.

„~A wé hêscht et dann?~“

„~Berta.~“

„~Berta~,“ wiederholte die Mutter.

„~O wat~,“ sagte der Vater kurz, fast bissig, „~de Noûm aß
Niéwesâch; dé mêcht d’Médchen net besser a net schlechter!~“

Er blies ein paar dicke Rauchwolken in das Zimmer.

Die Mutter saß andächtig da, die müden Hände wie zum Gebet auf dem
Schoße gefaltet.

„~Berta~,“ lispelte sie nochmals still vor sich hin. Dabei blickte
sie mich sorgenvoll an.

„~Aß et dann en dichtègt Médchen? A kann ên et och allnenne
weisen?~“

Das versicherte ich ihr mit überzeugenden Worten.

„~A wât fir e Gleîch hoût et dann? Aß et zimlech groûß?~“

Ich nannte mehrere Dorfschönen, ~Schmatz Ketti, Mäsch Sisi a Wônesch
Henriette~.

„~Awer~,“ ergänzte ich gleich meine Aufzählung, „~d’Berta aß
navell mé dichtèg, wé engt vun dènen~.“

Bei jedem Namen, den ich anführte, winkte sie bejahend mit dem Kopfe,
und ihre Augen leuchteten.

Einen Augenblick war es still im Zimmer.

„~An hâten sie sech och ziemlech gerîcht?~“ fragte die Mutter
weiter. „~A wât hâten se gekacht?~“

Ich erzählte umständlich von den vielen Gängen.

„~A wé aß dann d’Geheiß?~“ unterbrach der Vater unser Gespräch.

Ich machte den Rundgang durch das Berelshaus und berichtete bis auf
nebensächliche Einzelheiten.

„~Awer~,“ ergänzte ich, „~d’Haus an d’Ställ, alles aß ziemlech
âlmoûdesch~.“

„~O wat~,“ meinte der Vater in ganz wegwerfendem Tone, „~dât hoût ké
Wèrt. Wann d’Médchen nömmen net ze âlmoûdesch aß. Mä~,“ setzte er
gleich hinzu, und dabei betonte er scharf jedes einzelne Wort, „~ze
vill neimoûdesch brauch et och net ze sin. Eng Stiédspöppchen, dé passt
nu goûr net an e Bauernhaus!~“

„~Jô, jô~,“ seufzte die Mutter, „~nömme kèngt, dât de ganzen Dâg firum
Spiegel stêht~........... ~An dât d’Arbecht scho fièrt, ir et se
geseît.... A wéné hoûst de versprach, erem hannescht ze go’en?~“

„~Iwer véerzeng Dèch.~“

Der Vater hatte die Pfeife ausgeraucht, klopfte sie aus und steckte sie
vorsichtig in die Tasche.

„~Esoû, iwer véerzeng Dèch gêst dû hannescht. Mä, da kann jo nach fir
d’Foûsend eppes d’raus gin.... Dajè, gut Noûcht! Elo gin ech schlôfen.
Da könnt dîr nach e wéneg babbelen!~“ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Uhr hatte schon lange elf geschlagen, da plauderte die Mutter und
ich noch über Berta und die Hochzeit, die Einladungen und die kommenden
Zeiten.


Am nächsten Tage war der Vater neugieriger als am Abend. Wenn wir
allein waren, ohne die Knechte, brachte er sofort das Gespräch auf den
Verlauf der gestrigen Reise.

Er verstand es, mit kurzen Fragen so manches aus mir herauszuholen.

Die Mutter ließ mich während des Tages ziemlich in Ruhe.

Abends, wenn die andern bereits schlafen waren, war ihre Zeit. Dann
besprachen wir so mancherlei.

Die Mutter war stets goldiger Laune. Wenn auch der Tag Aerger gebracht
hatte, so ließ sie sich diese Plauderstunde doch nicht verderben.

„~A wât werd Wônesch Henriette e Gesîcht mâchen, wann dât eppes
heivun héert!~“

Ihre Augen strahlten. Es war ihr ein wirklicher Genuß, dieses Mädchen
gründlich abblitzen zu können.

„~Dât dommt hoûfrigt Dèngen!~“ Sie machte eine kleine Pause.
„~Dât dommt Steck mat dem decken Tuppi.~“ Das sagte sie langsam,
gezogen. Denn sie war ganz von der Wichtigkeit ihrer Worte überzeugt.

„~Hât dèn Èfalt sèch jo net an de Kapp gesât, hat mîsst dèch
kréen.~“

Die Mutter redete sich nach und nach in einen förmlichen Eifer hinein.
„~Mä, mat mèngem Wöll wär et nie hei erân kom.~“

Meine Mutter konnte ~Henriette~ nie leiden. Sie war kein übles
Ding, diese ~Henriette~. Drei Jahre hatte sie die Pension besucht.
Und war dann noch zwei Jahre in ~Nancy~ gewesen.

~Henriette~ war wirklich ~chic~. Immer neumodisch gekleidet.
Darum hatte sie es uns allen angetan. Ein richtiger Lockvogel, diese
~Henriette~.

Es ist doch gut, daß man auf Freiersfüßen nicht ganz freien Lauf behält!

Es schadet gar nichts, wenn alte, erfahrene Leute bei Zeiten bremsen.

Derartiges hatte die Mutter mir schon oft vorgehalten.

„~An daß nach lang neîscht esoû Dichtiges, dât Henriette~,“ schloß
sie jedesmal ihre Predigt. „~D’aß èng domm Gäns! Schién Plommen
mâchen schién Fullen. Wäret zwê Johr an d’Haushaltungsschoûl gângen,
an d’hätt geléert kachen a brachen, an plâtz sèch ze fiezen, da wär et
vleicht èng Hausfrâ gin.~“

Früher, wenn ich dieses alles anhören mußte, ärgerte ich mich jedesmal.

Heute blieb ich ziemlich ruhig. Die Flamme, die einmal hellauf in
meinem Herzen für ~Henriette~ gebrannt hatte, flackerte wohl noch
ein wenig. Aber sie war stark am Erlöschen. Berta schüttete Asche auf
dieses alte Feuer und erstickte es. Und es war gut so.

Wenn ich mir das Berelshaus so recht vorstellte, wo alles wie geleckt
war, und dann die Küche der ~Henriette~, bekam ich einen Ekel vor
diesem Modepüppchen.

~Henriette~ war ein richtiger Firlefanz, mit dem man gerne den
Bauernsonntag der Schobermesse in Luxemburg verlebte und den man auch
wohl gern auf einer Kirmes traf.

Aber sie war nichts für den langen Weg des Lebens.


Mizi war vom Schoß der Mutter heruntergesprungen und duckte sich näher
an den Ofen. Dem war das Schnarchen vergangen. Da schob ich noch zwei
Scheite nach; es war erst zehn Uhr.

„~D’aß och goûr net nédèg, daß d’Bauereméderchen mat dem allerneiste
Moûd fiergin........ Kuck, Mäsch Sisi. Dât aß èngt dichtègt Kand. Dât
wêß sèch ze klèden, proper a fein. Mä d’aß kê Klédergeck. A wann dât
net dohèm âbestoûd mißt gin, wär dât d’Médchen fir dech gewéscht!~“

~Mäsch Sisi~ war nicht übel. Ich war auch einmal in die ~Sisi~
verliebt. ~Sisi~ ist wirklich ein gutes, nettes Mädchen.

Aber ~Berta~ gefällt mir besser.

Ich erzählte der Mutter noch einmal lang und breit, was mir so gut im
Berelshause gefallen hatte.

Daß es kein neuzeitlicher Betrieb war, dafür konnte ~Berta~ nicht. Sie
war tüchtig und fleißig und liebte die Ordnung.

Und sie war schön und jung.

Das alles malte ich der Mutter mit warmen Worten aus -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Uhr war rasch auf elf gesprungen.

Wir wollten schon schlafen gehen. Da dachte ich noch an eine süße
Pflicht.

„~Ech muß awer nach èng Ansichtskârt mat eisem Haus un se schéken!~“
Die Mutter lächelte.


Fünf Tage später kam schon die Antwort:

    Meinen besten Dank für die schöne Karte. Hoffentlich werden Sie den
    Besuch nicht zu lange aufschieben.

    Es grüßt Sie herzlichst im Namen des ganzen Hauses

    ~Berta Berels.~

Rosig fiel ein Sonnenstrahl durch den grauen Winterhimmel.

Und in meinem Herzen war lauter Sonne und Helle und Wärme.

~Berta~, noch zehn Tage, zehn lange Tage, dann werde ich dich
wiedersehen!


An dem Sonntag war ich schon früh auf den Beinen. Ueber Nacht war der
Winter ins Merschertal gekommen. Handhoch lag der Schnee auf den jungen
Saaten.

Die kalte Luft tat mir wohl, und ich schritt lustig zum Bahnhof
hinunter.


In meinem Coupé saß nur eine alte Frau. Die fuhr zu ihrer Tochter nach
Luxemburg. Wir plauderten gemütlich mit einander.

Die gute Frau erzählte mir von ihrer Tochter. Vor zwei Jahren hatte sie
geheiratet. Einen kleinen ~Fonktionär~ hatte sie genommen. Gegen
den Willen der Eltern. Die wollten die Tochter auf dem Lande behalten
und mit einem braven Jungen aus dem Dorfe verheiraten. ~Jäng~ hieß
der Junge. Der hatte ziemlich Land, sechs Milchkühe, zwei Pferde, und
er war ein fleißiger und tüchtiger Landwirt.

~Lisa~ konnte ihn auch recht leiden, und ~Jäng~ kam oft auf
Besuch. Die Freierei war flott im Gange. Und die Eltern sahen das gerne.

Da kam eines Tages ein junger ~Fonktionär~ ins Dorf. Der war
tüchtig herausgefiezt. Er konnte so schön tun, erzählte allerhand Faxen
und hatte bald dem Mädchen den Kopf verdreht. So berichtete die alte
Frau.

Die Sache interessierte mich sehr.

„~A wé aß et dû gângen?~“

„~Wé et gângen aß! Krâch a Streit hu mir an t’Haus krit. D’Lisa konnt
de Jäng net mé leiden. An hat hoût him Frechhèten gemâcht, wo et nömme
konnt, an~....“

„~Jô, an~....“, warf ich ein, um die alte Frau, die sich in einen
förmlichen Eifer hineingeredet hatte, etwas ausschnaufen zu lassen.

„.... ~an dât dommt Steck hoût hién missen hun.~“

„~An dû?~“

„~An dû hu mir dem Här Fonktionär seng Scholden misse bezoûlen.~“

Ich nickte mißfällig.

Es entstand eine Pause. Die alte, energische Frau atmete schwer. Sie
hatte sicherlich noch etwas auf dem Herzen, was sie drückte und das sie
nicht sagen wollte.

„~Wé an engem Prisong sötzt et do~,“ spann sie den Faden weiter.
„~A wann et kê Kand hät, dann dét et sech zu Doûd lângweilen.~“

„~Kanner brengen Frid an de Stod~,“ bemerkte ich, um das Gespräch
abzuschließen.

Mein Ausspruch gefiel der Alten. Ihre Augen leuchteten.

„~Ganz richteg, jongen Här. Wann dât Kand net wär, dann géng ech och
nach haut net no hinnen kucken.~“

„.... ~Dir hud e gut Hiérz, Madam!~“

„~Dat könnt hinnen elo gut~,“ betonte kräftig die alte Frau.
„~Et get ên hinnen jo och giér, wât ên huôt, Botter, Solperflêsch, a
frösch Èer; awer d’Henger léen elo esoû wéneg, an~....“

„~Letzeburg! Alles aussteigen!~“

Da war unser Gespräch abgerissen. Ich reichte der Frau den Korb
hinunter. Er war ordentlich schwer -- -- -- -- -- -- --


~Lisa!~

Ich saß allein im Coupé mit meinen Gedanken. Und immer wieder kam mir
die alte, energische Frau in den Sinn. Und die ~Lisa~.

Wie diese ~Lisa~ gibt es viele, sehr viele. Die hat das Leben der
Stadt geblendet. Anmutig und sorgenlos und genußreich scheint ihnen das
Leben.

Aber sie kennen es nicht, weil sie oberflächlich urteilen. Weil sie
alles nach Aeußerlichkeiten bewerten.

Arme ~Lisa~! Denk doch etwas weiter!

Was ist Glück?

Das Glück hängt nicht an einem schönen Kleide, an einem neumodischen
Hute, an gelben Schuhen, an durchbrochenen Strümpfen.

Warum hatte die ~Lisa~ den ~Jäng~ nicht gewollt? Weil der zu
schwerfällig war, zu ernst und zu alltäglich. Weil er nicht begriff,
daß das Weib auch Sonnentage begehrt, an denen es nichts hören will von
der rauhen Sprache der Arbeit.

~Jäng~ kannte nur diese Sprache der Arbeit.

Darum schnappte ihm der ~Fonktionär~ die ~Lisa~ weg.

So darf man nicht ums Weib anhalten. So will ich nicht um ~Berta~
freien.

Mit den rauhen Händen der Arbeit und einem Herzen voll Sonne wirbt man
um die Braut.

Die rauhen Hände sind für die Alten, das junge, sprudelnde Herz ist für
die Braut.

So muß man auftreten können. Nicht immer wie ein sorgender Großvater.
Und auch nicht immer streng und grießgrämig wie ein barmherziger Bruder.

Mut, Lebensfreude, Humor, das suchen die Mädchen.

Ein freundliches, lustiges Wort, das dringt zum Herzen. Mit
Freundlichkeit kann man die Welt erobern.

So rüstet man sich für die Werbung. So ging auch ich auf Brautschau.


Auf dem Bahnhof erwartete mich der Eidam.

In ~Heinrich Holmer~ hatte ich ein unbegrenztes Vertrauen.

Merkwürdig. Es gibt Menschen, die wirken stets abstoßend, entfremdend.
Andere wieder ziehen uns an und öffnen uns das Herz und sind unsere
Freunde.

Das sind Sonntagskinder. Die dürfen niemals unglücklich werden.

~Heinrich Holmer~ gehörte zu denen.

Wir plauderten zusammen, wie zwei, die sich schon lange, sehr lange
kennen und sich gut verstehen.

Wir sprachen vom Wetter, vom ersten Schnee, von den jungen Saaten und
von ~Berta~.

~Holmer~ erzählte mir von ~Berta~.

Ich hätte gute Aussichten, viele Chancen, meinte er. Wenn er es sagt,
kann ich es glauben.

„~D’Mamm aß ganz derfir. An d’Berta natirlech och. Nömmen~....“

Ich blickte ihn etwas erschrocken an. Ein kalter Schauer fuhr mir durch
die Glieder.

„.... ~nömmen de Papp wöllt nach e böschen zereckhâlen.~“

Stürmisch trieb der Wind den Schnee vor mir her.

„~Esoû. A woûfir?~“

„~Woûfir! Well hién en âle Man aß. E Man vun der âler Èrd.~“

Dann schwieg er.

So schritten wir eine Weile weiter.

Vor uns auf der Anhöhe lag das Dorf. Im Schneegestöber erkannte ich
schon den hohen Kirchturm.

In der Stille klangen die Mittagsglocken. Manchmal laut, feierlich;
dann wieder leise, gebrochen, wimmernd.

„~Mä, dât hoût neischt ze bestellen~,“ griff ~Holmer~ das
Gespräch wieder auf. „~D’Sâch wärd schon an d’Rei go’n.~“

In den Pappeln stöhnte der Wind.

„~Hei, do kommen se jo!~“ rief er auf einmal und zeigte mit dem
Arm auf die Beiden, die unten aus dem Dorfe herkamen.

„~Sie kommen aus der Möß~,“ fügte er erklärend bei.

Nun erkannte auch ich ~Berta~ und ihren Vater. Wir gingen rascher.

Vor dem Berelshause trafen wir uns.

„~Der brengt Schné a Kèlt mat. Kommt, loß mer an t’Haus go’en~,“
sagte der Berelsvater.

Ich drückte ~Berta~ fest die Hand. Sie blickte mir offen in die
Augen und ich verspürte ihren noch kräftigeren Händedruck.


Der Empfang war wieder sehr freundlich.

~Berta~ servierte das Essen, wie bei meinem ersten Besuche. Und
als sie die Torte aufgetragen hatte, machte die Mutter ihren Platz
frei. Dahin setzte sich ~Berta~. Dicht neben mich.

Dann sprachen wir von meiner Heimat.

„~D’aß nach ewell e groûßt Duôref~,“ meinte der Berelsvater.

~Berta~ brachte die Ansichtskarte. Und nun mußte ich erklären.
Dort unten die Kirche. Links der Bahnhof eine halbe Stunde vom Dorfe;
hier unser Haus mit den Ställen zur rechten Seite.

Der Berelsvater hatte seine alte Hornbrille aufgesetzt und war etwas
näher gerückt.

„~An hei aß eise Bongert hannert dem Haus.~“

Mit Interesse folgte er meinen Worten.

„~Aß dé groûß?~“ warf er dazwischen.

„~Anerhalve Moûrgen.~“

„~Soû!~“

„Und daneben haben wir noch ein großes Feld, das jetzt als Weide für
Jungvieh und Schweine eingezäunt ist. Die Tiere können direkt aus dem
Stall hineingelangen.“

Der Berelsvater war auf seinen Stuhl zurückgesunken und horchte
gespannt.

„~Ei, dât aß kamoûd~,“ rief ~Berta~ mit heller Stimme
dazwischen.

„Ja, sehr bequem. Uebrigens haben wir fast all unser Land in der
nächsten Nähe des Hauses. Etwas weiter am Berg haben wir noch vier
Hektar, die auch aneinander liegen; das war früher Ackerland. Aber
seitdem ich am Ruder bin, haben wir es uns bequemer gemacht und...“

Der Berelsvater machte große Augen.

„.... und haben es zu Viehweiden angelegt.“

„Ist das rentabel?“

„Und ob? Es bringt viel mehr Gewinn als früher, wo wir es ganz unter
dem Pfluge hatten. Und wo man sich zu Tode schinden konnte. Nur einen
Nachteil hat diese Weide noch.“

„So! Und welchen?“ Der Berelsvater zeigte großes Interesse für diese
neue Ausnutzung des Landes.

„Es fehlt noch an Wasser. Wir haben uns lange den Kopf zerbrochen, was
da wohl zu machen wäre. Die Wasserleitung können wir nicht hinführen.
Und Wasser ist oben im Berg nicht zu finden, da....“

„Da wird wohl nicht viel zu machen sein,“ meinte wegwerfend der
Berelsvater.

„Ja doch. Es ist schon zu machen. Und im nächsten Jahr wird’s gemacht.
Dann setzen wir einen Windmotor hin, der uns das Wasser aus der Tiefe
heraufpumpt. Wasser ist da. Wir haben gebohrt und in 6 Meter Tiefe
Wasser gefunden. Aber es muß mit einem Windmotor heraufgepumpt werden.“

„Ein Windmoootooor?....“ Der alte Berelsvater war ganz erstaunt.

„Und was kostet der?“ fügte er gleich hinzu.

„Was der kostet? Ich schätze die Einrichtung mit der Pumpe auf etwa
sechshundert Mark.“

„Sechshundert Mark!“ klang seine Stimme gedehnt zurück.

„Ja, so viel wird es wohl kosten. Aber es macht sich sicherlich gut
bezahlt. Denn eine Viehweide ohne Wasser ist und bleibt immer nur eine
halbe Weide.“

Einen Augenblick war es ruhig im Zimmer. Hastig tickte die alte Uhr die
Sekunden herunter.

„So ist es mit vielen Ausgaben in der Landwirtschaft,“ griff der Eidam
ins Gespräch ein. „Wenn man immer davor zurückschreckt, bleibt man im
alten Geleise stecken und kommt überhaupt nicht voran.“

Das freute mich.

Auch ~Berta~ nickte bejahend zu.

„Ja, so ist es,“ spann die alte Berelsmutter das Gespräch weiter, „man
muß einmal mit den veralteten Einrichtungen aufräumen. So ist es auch
mit unserm Schweinestall, der muß für’s Frühjahr neu gemacht werden.“

Der alte Berelsvater warf ihr einen finstern Blick zu.

Ich erzählte von unsern Schweineställen, die erst vor einem Jahr
umgebaut worden waren und jetzt ganz praktisch sind.

Auch von dem Trockenfütterungsapparat und der automatischen
Selbsttränke erzählte ich.

Damit hatte ich die Neugier aller geweckt. ~Berta~ und die junge
Frau und die Mutter bestürmten mich mit Fragen. Wie das eingerichtet
wäre. Und ob es sehr bequem sei. Und ob es sich gut rentiere.

Auf die Rentabilität ging ich näher ein, wegen des alten Berelsvaters.
Einnahmen und Gewinn, damit muß man die Alten ködern. Von Ausgaben sind
die kein Freund.

Darum erzählte ich, wie das Körnerfutter in geschrotenem Zustande viel
besser verwertet wird. Und wie vorteilhaft es ist, das Schroten selbst
zu besorgen.

„Von allen Maschinen scheint die Schrotmühle sich am besten bezahlt zu
machen, hat man mir schon oft gesagt,“ ergänzte der Eidam.

„Schro-o-otmühle.“ Es lag so ein sonderbarer Klang in der Stimme des
Berelsvaters. „Und womit treibt man diese Schrotmühle?“

„Wir haben schon seit vier Jahren einen fünfpferdigen Benzinmotor, der
treibt die Schrotmühle, die Dreschmaschine, die Häckselmaschine und
eine Kreissäge.“

„Und eine Kreissäge,“ wiederholte der Berelsvater. „Dann müßt ihr
ja bei den vielen Maschinen beständig einen ‚~Mécanicien~‘ zum
Reparieren haben.“

Ich mußte lachen. „Nein, der ~Mécanicien~ bin ich selbst.“

„So-o-o!“

„Ja! Vor vier Jahren habe ich im Winter in ~Mons~ einen
Maschinenkursus, den die Regierung organisiert hatte, mitgemacht. Mein
Vater hielt darauf und ich auch. Um diese Zeit ist ja doch nur sehr
wenig zu Hause zu tun. Ich lernte den Motor und das Montieren genau
kennen. Und zugleich habe ich mich wieder etwas mehr im Französischen
geübt.“

~Berta~ blickte mich erstaunt von der Seite an. Es gefiel ihr, daß
ich all die Sachen kannte.

Einen Augenblick stockte das Gespräch.

„~A woû hut dir èrt Franzéscht geléert?~“ forschte der Berelsvater
weiter.

Da erzählte ich von der Ackerbauschule und von dem Hofe bei ~Nancy~,
wo ich ein Jahr lang gearbeitet hatte. Es ist gut, wenn man auf einem
Musterbetriebe andere Leute wirtschaften sieht. Sonst ererbt man die
alte Wirtschaftsweise und bleibt ganz im alten Geleise.

Der Eidam nickte mir zu. „~D’get ên en ânere Kiérel~,“ meinte er.

Der Berelsvater schaute wieder einmal groß auf.

„~Dât aß ganz rîchteg~,“ ergänzte die Berelsfrau. „~An doûfir hun ech
drop gehâlen, dat ons zwé Méderchen d’Pensioûn matgemâcht hun.~“

Dann erzählte die Berelsfrau viel über die Pensionszeit der ~Berta~,
und was sie alles da gelernt hatte -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- --


~Berta~ hatte unterdessen den Tisch gedeckt. Denn die Uhr zeigte
schon auf halbfünf. Und um sechs ging mein Zug.

Natürlich wollte das ganze Haus mich wieder überreden, zu bleiben. Aber
das ging nicht.

Wir aßen von der saftigen ~Hâm~, vom frischen Braten und tranken
von dem guten ~Grächen~.

Der Abschied kam. Wir wurden ernster und besprachen das Weitere. Wann
die Berelsleute zu uns kommen würden, fragte ich.

„~An enger Woch komme mer~,“ bekräftigte die Berelsmutter.
~Berta~ war etwas befangen. Ein leichtes Rot huschte über ihr
Gesicht. Aber in ihren Augen leuchtete eine selige Freude.

„~Jô, da komme mer, wann d’Wiéder net ze schlecht get~,“ meinte
der Berelsvater. Seine Stimme klang tiefer, tiefer als gewöhnlich.

„~Papa, d’Wiéder get net esoû schlecht!~“ ~Berta~ war
ungeduldig.

Ich blickte ihr tief in die Augen. Sie lächelte.

„~E schéne Groûß fir èr Mamm an ère Papp~,“ flüsterte sie. Und sie
lehnte sich dicht an mich, daß ich die Wärme ihres Atems spürte.

„~Eddé dann, bis iwer âcht Dèch!~“

„~Jô, oder iwer véerzeng Dèch. Mir schreiwen iéch!~“ rief der alte
Berelsvater mit seiner harten, unfreundlichen Stimme.

Wir schritten durch den Hof die Straße hinunter, der Eidam und ich.

Einmal noch schaute ich zurück. Berta stand auf der Türe und winkte. Da
winkte auch ich.

Im ~Hîrzel~ des Scheunentores lag wieder jemand.

Das war der Knecht....

Der reckte noch lange den Hals heraus und witterte -- -- -- -- -- -- --
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Der Eidam gab mir eine gute Strecke das Geleite.

„.... ~Dajé! Loß mer hoffen, daß mer bâl Familjen gin!
Eddi!~“..........

Vom Berge her klangen die Abendglocken. Hell und silbern zitterten sie
durch die stille, kalte Winterluft.

Nun wird ~Berta~ zur Andacht gehen und beten, damit wir uns finden.

~Mei léft, gut, bravt Kand!~

Mir war so wohl, so leicht ums Herz. Und goldiger Laune schritt ich
hinunter durch das frostige Halbdunkel.

Liebeslieder, Heimatslieder zogen mir leise durch die
Seele..............


Der Zug war vollgepfropft mit langweiligen Menschen. Die rochen nach
Bier und Schnaps und protzten mit ihrer Kraft.

„~Hackernondikaß! Ech hun haut véerzeng Humpen gepackt!~“ brüllte
ein kleiner, dickgesetzter Bursche aus der Ecke.

Jeder wollte mehr vertragen können als der andere.

Und sie stritten sich um diese Ehre. Ein sonderbares Vergnügen, diese
Sauferei.

Blutjunge Kerls waren darunter. Von sechzehn, siebzehn Jahren. Das
waren die wildesten.

~Aarem Médercher, dé d’Ongléck hun, esoû ên opzetrommen.~

Bis Luxemburg mußte ich in dieser Gesellschaft ausharren.

Da suchte ich mir ein ruhiges Plätzchen in dem Merscher Zuge. Ich
wollte allein sein mit meinen Gedanken, mit meinen Erlebnissen, mit
meinen Erinnerungen....


„~Endlech!~“ Das war das erste Wort der Mutter, als ich eintrat.
„~Wât aß mir haut Zeit lang gin!~“

Wir gingen in die warme Stube. Nun mußte ich erzählen und Antwort
stehen.

Das tat ich gern und leicht und lachenden Mundes.

Es war schon halb elf. Wir plauderten immer noch von den kommenden
Zeiten.

„~Da mâch an deser Woch alles gut an d’Reih~,“ sagte der Vater
noch beim Schlafengehen. „~Vun der éschter Impressioûn hängt vill
of. An dû wês, elo am Enn vom Johr gin Kniécht mé lidderèg. Kuk hinnen
doûfir mé op d’Fangeren!~“


In den folgenden Tagen war ich sehr geschäftig. Ueberall war noch zu
säubern und zu ordnen.

Vom ersten Augenblick an muß es den Berelsleuten bei uns gefallen. So
wollte ich es.

In der Scheune lag noch ein Haufen Weizen vom Samstag. Der sollte in
diesen Tagen gereinigt und abgeliefert werden. Ich ließ ihn liegen.
Wegen des Berelsvaters. Damit der sehe, was wir alles zu verkaufen
haben. Alte Leute muß man zu ködern wissen.

Mit den Knechten war ich strenger als sonst. In Ställen, Scheune und
Schuppen mußte alles in bester Ordnung sein.

Wenn der Berelsvater das sieht, wird er staunen.

Eine Drillmaschine hat er ja auch noch nicht. Da werde ich ihm die
unserige zeigen.

Und dann erst die Motor-Einrichtung. Schade, daß der Besuch an einem
Sonntag stattfindet. Sonst könnte ich ihm alles in Betrieb setzen.

Na, vielleicht lasse ich den Motor nur mit der Schrotmühle laufen. Das
macht nicht so viel Spektakel.

Die Schrotmühle möchte ich ihm jedenfalls zeigen. Wegen des Eidams und
des Futterautomaten.

Der wird ~Berta~ gefallen, dieser Futterautomat mit der
Selbsttränkanlage.

Da ist wenig Arbeit, viel weniger als früher. Und rentabel ist es auch.
Natürlich muß es richtig gemacht werden. Und richtig gemacht wird es
schon. Dafür sorge ich.

Und wenn das Wetter gut ist, gehen wir noch in den Jungviehpark und
hinauf in die neue, große Weide, wo wir nächstes Jahr den Windmotor
aufstellen. Von da aus kann ich ihm einen Ueberblick über unsere Flur
geben. Auch werde ich ihm dort zeigen, wo wir das meiste Land haben.
Dann sieht er, wie bequem unser Betrieb ist.

Das alles muß ihm gefallen.


Jeden Tag wartete ich auf einen Brief der Berelsleute.

Es kam nichts.

Ich wurde verdrießlich. Die Tage lasteten schwer auf mir und nahmen mir
alle Freude.

Mein Vater ging mißgestimmt aus und ein.

Die Mutter suchte mich zu beruhigen.

„~Sie wêrde woûl mâr schreiwen~,“ sagte sie jeden Abend.

So hoffte ich auf den kommenden Tag.

So verbrachte ich unruhige Nächte.

Ob der Brief wohl morgen kommt?


Erst Samstags schrieben sie.

Ich riß den Brief erregt auf und las.... Der Brief zitterte in meiner
Hand. Und ein Zittern ging mir durch den Körper.

„~Nondikaß! A woûfir schreiwt dén esoû e Bréf?~“ Kalt lief es mir
den Rücken herunter. „~Woûfir schreiwt dén esoû e Bréf?~“

Ich spürte ein Stechen in der Brust.

Und Lebenslust und Freude fielen von mir ab wie Blüten vom
sturmgeschüttelten Aste. Ich knitterte an dem Brief und wollte ihn in
Stücke zerreißen.

„~Hun se geschriewen?~“ rief die Mutter herüber von der Haustüre.

Aerger stieg mir im Halse herauf und würgte mich an der Kehle. Mein
Atem stockte. Die Lunge keuchte.

„~Kommen se net?~“ rief sie wieder.

Da reichte ich ihr den Brief. „~Do liést, Mamm.~“.................

Wir schritten langsam ins Haus.

Der Vater kam uns entgegen.

„~Hun se geschriewen?~“

„~Jô, Papp!~“

Die Mutter las. Ihre Hand zitterte.

„~D’aß gefèhlt, Piér! D’aß gefèhlt!~“ Sie schüttelte den Kopf.

„~Mä, wât schreiwen se dann?~“ Der Vater war ärgerlich. „~Liéß
emol hârt, wat se schreiwen!~“

Da las ich mit zitternder Stimme in abgerissenen Sätzen:

    Geehrter Herr ~Welsch~!

    Ich tue Ihnen zu wissen, daß wir die Sache einstweilen wegen des
    schlechten Wetters ausgesetzt haben, und daß ich mir mit der
    ~Berta~ die Sache anders überlegt habe. Sie ist übrigens noch
    jung und kann noch ganz gut ein Jahr warten.

    Grüßt bestens

    ~Johann Baptist Berels~.

Stürmisch peitschte der Wind nassen Schnee gegen die Fenster.

Im Zimmer war es einen Augenblick still.

Schwermütig tickte die alte Wanduhr.

„~Wèrd woûl ên eppes gént eis geschriewen hun!~“ sagte der Vater
mit ziemlicher Ruhe. Er verstand es sich zu beherrschen.

Die Mutter sah mich groß, fragend an.

„~Wât mengst du, Jämpé?~“

Was sollte ich meinen?... Mir war es elend und erbärmlich... Die ganze
Welt hätte ich in Stücke schlagen können...

Ich ging hinaus in den Stall zu den Knechten. Die waren mit Ausmisten
beschäftigt. Ich musterte die Arbeit und schimpfte. Ich fand den Dünger
schlecht ausgebreitet. Und die Türe der Ställe stand zu groß auf. Das
gäbe Zugluft, schimpfte ich. Darüber wetterte ich aus voller Lunge.

Die Knechte sagten nichts, stießen die Türe zu und arbeiteten weiter
wie Tiere.

Nachmittags gingen wir in den Wald. Dort fällten wir Bäume, bis der
Abend kam.

Wald, Einsamkeit, Kälte, harte Arbeit, das alles brauchte ich.


So starb der unselige Tag dahin.

So kam der Abend.

Ich haßte diesen Abend. Weil wieder von dem Briefe gesprochen wurde.
Weil ich nichts für das Herzeleid meiner Eltern hatte, keinen Trost,
keine Aussicht.

Eltern denken mehr an unsere Zukunft als wir.

Dieser verfluchte Brief!

Warum hat der Berelsvater den geschrieben? Warum?

Die Mutter saß am Tisch über dem Nähzeug gebückt. Schweigend reihte
sie einen Stich an den andern. Und mit jedem Stich reihte sie einen
schmerzlichen Gedanken zum andern.

Der Vater sog mißgestimmt an der Pfeife.

Schwermütig schleppte sich das Gespräch durch die Abendstunden.

Schwermütig tickte die Uhr.

Schwermütig rasselte der Wind.

Ich trug in die Buchführung ein, um eine Beschäftigung zu haben. Und
ich blätterte rückwärts, vorwärts, stellte Konten auf, erdrosselte den
Abend.

Ich ging bald schlafen, früher als sonst.

Lange stand ich noch am Fenster und schaute hinunter in das winterliche
Alzettetal.

Warum schrieben sie diesen Brief? Warum?

Es kam eine stürmische Nacht, ohne Sterne, ohne Mond.

Dunkel war es draußen und dunkel in meinem Herzen.

Ich schlief schlecht.

Wirre Träume jagten mir durch den Kopf. Träume von Liebe und Glück. Ich
wachte auf. Die Bilder zerbrachen. Andere folgten. Zerbrochene....

„~Berta! Berta!~“ Wir haben uns doch so lieb!

Warum dieser Brief? Warum?....


Sonst freute ich mich immer auf den Sonntag.

Heute haßte ich ihn. Weil er mir zu viel Zeit zum Nachgrübeln brachte.
Lange Stunden, die ich nicht in Arbeit ersticken konnte.

Ich war aufgeregt, streitsüchtig. Das machte die schlechte Laune. Die
mußten die Knechte austrinken. Bei der Morgenfütterung blieb ich in den
Ställen, bis sie mit der Arbeit fertig waren.

Als ich zur Kirche ging, hatte es schon abgeläutet. Ich kam später als
sonst. Keinen Kameraden wollte ich treffen. Keinen Menschen wollte ich
lachen sehen.


Neben mir, in der zweiten Reihe, saßen ~Mäsch Sisi~ und ~Wônesch
Henriette~.

Als ich nach ihnen umschaute, gingen meine Gedanken weit fort, über den
Grünewald, hinüber ins Syrtal.

Nein, wie ~Berta~, gab es kein zweites Mädchen. Wie ein blankes
Goldstück unter altem Kupfergeld, so stach ~Berta~ unter allen
hervor....


Der Pfarrer stieg auf die Kanzel.

Der Gesang verstummte.

Die Männer murmelten mit tiefer Stimme:

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

„Unser tägliches Brot....“

Ich stand da, murmelte mit und grämte mich....

Nicht vom Brote allein lebt der Mensch....

„Vergib uns unsere Schuld!“

War es meine Schuld?....

War ich schuldig?....

Ich sann, sann....

Der Pfarrer verlas das Evangelium.

Ich schenkte ihm wenig Beachtung, ich grübelte weiter, sann,
suchte...., bis auf einmal das Geräusch mich aufrüttelte....

Wir setzten uns....

In den Stühlen ward es ruhig. Das Husten ließ nach, schwieg. Man
fühlte, wie die Leute aufmerksam wurden.

Der Pfarrer sprach mit schöner, voller Stimme, mit heiligem Feuer, mit
himmlischer Begeisterung.

Es ging eine Kraft von ihm aus, die alle erfaßte. Und sie saßen da,
gespannt, hingerissen.

In mir war Trauer....

Ich war ohne Trost, ohne Hoffnung seit diesem verfluchten Brief.

Was konnten die schönen Verheißungen des Pfarrers nutzen? All die
großen Seligkeiten, die er versprach, was konnten die mir helfen?

Verlorene Liebe ist doch immer verlorener Glaube....

Seine Stimme wuchs. Und sie beherrschte die ganze Kirche. „Arbeiten und
hoffen und nie verzweifeln!“ In seinen Worten lag Klang, metallischer,
alles überwältigender Klang.

In mir blieb Trauer....

„Wirken müssen wir, so lange es Tag ist. Wirken und hoffen und nie
verzweifeln.“

Er liebte es, seine Predigt an Naturbilder des Tages anzuknüpfen. In
feierlichem Tone sprach er von der winterlichen Erde, die unter Schnee
und Eis erstorben ist und von der trauernden, kränkelnden Sonne, die
über uns steht, matt und altersschwach, wie eine Sterbende.

„Sollen wir verzweifeln! Sollen wir nicht mehr auf einen neuen Frühling
hoffen!“

Dann redete er von Job und seinem Elende und seiner Ergebung. Und er
feierte Job’s Vertrauen und Job’s Belohnung.

„Darum glaubet, darum hoffet, darum liebet wie Job!“ Seine Stimme klang
prophetisch, versprechend, gnadenspendend.

Wie Weihwasser, wie segnendes Weihwasser flutete sein Schlußsatz:

„Des Glaubens Stärke ist die Hoffnung! Des Glaubens Krone ist die
Liebe! Und keine Seele, die liebet, verzweifelt an göttlicher Liebe!
Amen....“

Der Chor stimmte ein Adventslied an....

Es liegt eine unendliche Sehnsucht in den Adventsliedern, eine
Sehnsucht nach einem fernen Glück....

Dieser Sehnsucht gingen meine Gedanken nach.... Sie suchten nach
freudiger Erfüllung. Aber sie fanden keinen Weg.


Die Kerzen brannten, schimmerten. Der Weihrauch stieg empor, erfüllte
die Kirche mit weihevollem Duft. Ein Sonnenstrahl drang durch die hohen
Fenster und malte rote, grüne und blaue Flecken an die Wand....

Meine Gedanken hingen sich an dieses Durcheinander, flogen hinaus durch
die bunten Fenster und suchten nach Licht und Wärme....

Eine quälende Sehnsucht trieb mich immer wieder zu der, auf die ich
meine Zukunft aufgebaut hatte.

„Dem Job gab der Herr alles wieder. All seine Kamele und Esel und
Rinder gab er ihm wieder. In doppelter Zahl schenkte ihm der Herr
alles, weil Job geglaubt und gehofft hatte.“ So hatte der Pfarrer
gepredigt.

Warum sollte ich nicht hoffen? Warum?

Meine Gedanken sammelten sich. Ich wurde ruhiger.

Warum sollte ich nicht hoffen? Wer ist gegen mich? -- Nur der
Berelsvater. Nur der.

Und wer ist für mich? -- ~Berta~. Und die Mutter. Und die
Schwester. Und der Eidam. Die alle, alle Vier. Nur einer nicht.

Also brauchte ich nicht zu verzagen.

Dieser lumpige Brief kann doch nicht mein Glück zerstören, kann doch
nicht die Entscheidung bringen.

So grübelte ich, als ich heimging.

Ich schloß mich keinem an. Ich wollte allein bleiben mit meinen
Gedanken.

~Henriette~ schielte nach mir herüber. Ich sah nicht nach ihr.

Die konnte mich nicht glücklich machen, die nicht.

Nur die eine! Nur die eine!....


Im Schnee pipste ein Distelfink. Zwei Schritte vor mir hüpfte er,
streckte das Köpfchen zutraulich zur Seite und suchte nach Nahrung.
Dann flog er zu dem alten, kahlen Birnbaum. Dort stand noch sein Nest
vom letzten Jahr.

Das war verschneit, zerfallen.

Auch er hofft auf den Frühling, auf Sonne und Glück....

„~Hé, Här Welsch!~“

Ich wandte mich rasch um. Wer rief?

Unten kam der Briefträger.

„~Houd der eppes?~“

„~Ei, natirlech!~“

Er lachte. „~E Bréf mat enger feiner Schröft. D’Freiesch werd éch
woûl geschriewen hun.~“

„~Merci!~“

Von ~Berta~. Ich erkannte sofort die Schrift. Ein plötzliches Rot
überflog mein Gesicht. Als wäre ich auf einer bösen Tat ertappt worden,
so wurde mir.

Ich riß den Brief auf.... Mein Herz klopfte....

Ich las:

    Mein lieber Herr ~Welsch~!

    Ich schreibe Ihnen heimlich, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie immer
    herzlich liebe und ich sehr bedaure, daß mein Vater gegen unsern
    Willen gestern den Brief an Sie....

Warm sandte die Sonne ihre Strahlen auf die kalte Erde. Oben im Baum
trillerte der Fink wie im Frühjahr.

Mir war, als hätte ich eine schwere Last abgeworfen.

Ich las den Brief noch einmal....

Und ich faßte ihn fester, aus Furcht, ich könnte ihn verlieren....

Der Pfarrer hatte Recht.

Hoffen! Hoffen! Und nie verzweifeln!

~Berta~, ich hoffe auf dich! ~Berta~, ich liebe dich. Dich
allein, einzig und immer und ewig....

Dieser Tag mußte kommen, mußte kommen .....................


~Berta!~ Könnten wir uns jetzt sehen!

Dann würde ich einen Kuß auf deinen rosigen Mund drücken und wir würden
„Du“ zu einander sagen. Denn wir gehören zusammen. Und wir müssen uns
finden, müssen, müssen.

Heimlich hast du mir geschrieben, heimlich, aus Sehnsucht, aus Liebe.

Dein Vater weiß nichts von deinem Brief, darf auch nichts davon wissen.

Du hast mir das Herz erleichtert und du hast mir Hoffnung und
Zuversicht gegeben. Weil du mir schreibst, daß deine Mutter und deine
Schwester von deinem Briefe wissen. Und weil sie auf unserer Seite
stehen, gegen den Vater.

Wir siegen, schreibst du; der Vater muß in einigen Monaten einwilligen,
muß.

Wie schön ist deine Zuversicht, ~Berta~, wie schön und tröstlich!

Gerade so groß ist meine Liebe.

Einen Besuch soll ich einstweilen nicht machen. Weil ich hierdurch
deinen Vater nicht besser stimmen würde. Und weil du meinen letzten
Besuch bis jetzt nicht erwidern konntest.

Meine liebe ~Berta~! Ich füge mich deinem Rate, weil ich Vertrauen
in dich habe.

Aber, wenn es sein müßte, würde ich tausendmal zu dir kommen.
Tausendmal würde ich den Weg zu Fuß machen, wenn ich dich damit erobern
könnte.

~Berta~, ich füge mich, weil dein Vorschlag in mir neue Hoffnung
weckt. Denn du schreibst, daß du mich auf dem Neumarkt[A] in Luxemburg
wiedersehen willst, um mir noch vieles zu sagen, um mir dein Herz
auszuschütten.

Bis dahin sind es noch dreiundzwanzig Tage. Aber ich warte. Weil du es
willst...

Etwas hast du mir nicht geschrieben. Warum ist dein Vater gegen mich,
gegen uns? Warum?....

  [A] „Neumarkt“ ist der erste Jahrmarkt im Monat Januar.


Eine Erlösung brachte der Brief in unser Haus. Und eine erlösende
Freude legte sich auf die alternden, still leidenden Herzen meiner
Eltern, wie heilendes Oel auf eine schmerzende Brandwunde.

Einen Korb hatte ich nicht bekommen. Das war ihnen ein Trost.

Als die Mutter den Brief las, traten ihr Tränen in die Augen. Es
war ihr eine große Genugtuung, daß dieser Brief auf den des alten
Berelsvaters gefolgt war.

Der Vater verstand es, sich zu beherrschen.

„~D’aß e sonderbare Bréf~,“ meinte er, „~d’Médchen schéngt ganz
an dech verschossen ze sin~.“

Er schüttelte den Kopf und lachte.

„~An d’Mamm schéngt jo och ganz derfir ze sin~,“ ergänzte die
Mutter. „~Ower wofir aß de Papp dergént? Wofir?~“

Die Sonne lächelte durchs Fenster und streute Gold über den Tisch und
auf den Brief.

Bisweilen schleppte sich eine Schneewolke über die Sonne und stahl das
Gold.

Ja, warum ist der Berelsvater dagegen? Ich wußte es nicht. Ich konnte
mir es nicht erklären.

„Alte Leute sind oft eigensinnig,“ meinte der Vater.

„... und kneckig,“ ergänzte die Mutter.

Ja, kneckig ist der Berelsvater. Das hatte ich bei meinen Besuchen
überall gemerkt. Das hatte auch der Eidam gesagt.

Die Schatten huschten vorüber. Hell schimmerte die Sonne.

Der Vater erzählte von den alten, kneckigen Bauern.... Die möchten oft
gern die Kinder verheiraten, wenn sie ihnen nichts mitzugeben brauchten.

Sie bretzen sich mit dem ~Helligsgut~. Und wenn sie damit
herausrücken sollen, winden sie sich wie ein Wurm, auf den man tritt.

Zu der Sorte gehörte vielleicht auch der Berelsvater.

Ich schüttelte den Kopf. „~Wât aß do ze mâchen?~“

„~Wât do ze mâchen aß~,“ griff meine Mutter schnell ins Gespräch
ein, „~mä, dât aß einfach. Dei Mononk muß emol mat dène Leiden iwer
dé Sâch schwetzen~.“

Das war das Richtigste. Ich schrieb gleich dem Oheim und lud ihn zu
Weihnachten auf ein Stück „~Gesolpertes~“ ein. Er müsse bestimmt
kommen. Wir hätten Wichtiges zu besprechen.

Den Berelsleuten bedauerte ich, daß das schlechte Wetter den Besuch
unmöglich gemacht habe, und drückte den Wunsch aus, sie an einem der
kommenden Sonntage erwarten zu können.

So gefiel der Brief meinem Vater. Es war nichts zu viel darin. Darunter
setzte ich freundliche Grüße von uns allen an die Berelsleute und ganz
besonders an ~Berta~ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann trug ich die beiden Briefe hinunter in den Kasten an der Schule.

~A Mäsch~, neben der Kirche, stand ~d’Sisi~ auf der Haustüre,
die Hände unter die Schürze vergraben.

Ich grüßte.

„~Jämp, héerst du se sangen?~“

Ich lauschte.

„~Jô, Sisi!~“

„~D’sin d’Amerikaner. Sie hun haut d’Karte krit, fir ze foûren. Den
éschte Februar gêht d’Schöff zu Antwerpen fort~,“ sagte sie mit
trauriger Stimme.

„~Soû! Schon den éschte Februar?~“

Wir lauschten.

Traurig, schwermütig klangen die Abschiedslieder in den stillen Abend.

Einen Augenblick verstummte der Gesang. Die Harmonika stimmte eine
neue Weise an, ein neues Lied von unglücklicher Liebe, von unerfüllter
Sehnsucht, von trauriger Verlassenheit.

~Sisi~ stand dicht neben mir. Wir sprachen kein Wort und horchten.
~Sisi~ atmete schwer.

Traurig klang die Weise:

    „Hab geliebt dich ohne Ende,
    Hab dir nichts zu Leid getan,
    Und du drückst mir stumm die Hände
    Und du fängst zu weinen an.
    Ach weine nicht.... Und geh nicht fort....“

~Sisi~ hatte meine Hand ergriffen und schluchzte.

„~Jämpé, solle mer mat sangen?~“ Sie lehnte sich an mich und
weinte....

„~Sisi! Wât aß dir?~“ Ich drückte ihr fest die Hand und ging
hinunter zu den Kameraden. Was hat heute eigentlich die ~Sisi~?
Was hat sie? -- -- -- -- -- -- -- --


Lange saß ich bei den Kameraden.

Bisweilen blickte ich hinüber nach dem ~Mäsch~-Hause. ~Sisi~
stand noch immer auf der Türe. Was die ~Sisi~ heute hatte....


Am nächsten Tage fuhr ich den Weizen zum Bahnhof.

Ich ließ gleich nach Mittag anspannen, um mit der Nacht wieder zu Hause
zu sein.

Fast geräuschlos rollte der Wagen über den verschneiten Weg.

Als ich bei ~Mäsch~ vorbeifuhr, stand ~Sisi~ auf der
Haustüre, die Schürze zu einer Schoßtasche zusammengeschlagen. Sie
streute Brotkrümchen und Tischreste in den Hof. Spatzen, Goldammern und
Finken flogen heran und flatterten herum bis dicht an ~Sisi~, ohne
Furcht.

Ich blickte hinüber.

„~Moûrgen Sisi! Wé gêt et?~“

Sie schüttelte den Kopf und kam herüber durch den Hof bis an die Straße.

„~Bast de bés, Sisi?~“

„~Jo--o! Iwer dech!~“

„~Oho--o!~“ Ich schaute ihr forschend in die Augen.

„~Du brauchs net esoû ze kuken. Zönter der Kirmes wölls du mech jo
net mé gesinn.~“

„~Zönter der Kirmes!~“ Ich war ganz verwundert.

„~Jô, zönter der Kirmes!~“ Ich hörte ihren tiefen Atem. Sie sprach
schnell, aufgeregt, mit hoher Stimme. „~De lèschte Sonndég, no der
Maß, baß du lanscht mech gedauscht. An e Méndeg den Owend hâst du
knapps Zeit mat mir ze schwetzen.~“

Ein Zucken ging um ihren Mund.

Ich rieb mir die kalten Hände, in leichter Befangenheit.

„~Sisi, sef dach kê Kand!~“

Ich ließ die Peitsche knallen. Die Pferde zogen kräftig an. Der Wagen
rollte weiter, über die Schneestraße am ~Mäsch~-Hause vorbei,
hinunter in das weite, tote Tal.

Auf den hohen Pappeln saßen ein paar Krähen. Sie schielten hinauf nach
dem grauen Winterhimmel, hinunter auf die schneebedeckten Wiesen,
hinüber in den öden, toten Wald.

Als ich näher kam, flogen sie krächzend fort. Und sie riefen einander
heisere Worte zu von Elend und Kummer....


Der Abend kam früher als sonst.

Als ich das Dorf erreichte, lag schon mattes, rotes Licht hinter den
halbverhüllten Fenstern. Dort sah man die gekochten Kartoffeln dampfen.
Es roch angenehm nach ~Grévefett~.

Was die ~Sisi~ wohl jetzt machte?

Ich blickte hinüber. Im Hof war kein Mensch. In der Küche war Licht.
Und aus den Ställen klang dünn, klagend ein Lied:

    „Der Mensch soll nicht lieben, wenn’s Ernst ihm nicht ist,
    Denn schwer ist zu heilen, was Liebesgram frißt....“

Wie die ~Sisi~ das so traurig sang.

Traurig wirkt ein solches Lied aus einem jungen Munde.

Ich knallte mit der Peitsche; der Wagen rollte geräuschvoll weiter.
Aber immer noch klagte das Lied:

    „Gar mancher hat gebrochen ein Herz lieb und wert,
    Das endlich erst Ruhe fand, tief unter der Erd.
    Das endlich erst Ruhe fand....“

       *       *       *       *       *

Der Wagen rollte weiter. Das Lied verstummte....


Nach dem Essen trug ich in die Buchführungshefte ein. Ich stellte die
Konten für die Knechte, Tagelöhner und die Handwerker auf.

Immer wieder klang mir die Melodie von ~Sisi’s~ Lied im Kopf. Und
immer wieder dachte ich an die ernsten Worte der schwermütigen Weise.

Eine Ermüdung kam über mich, wie nach einer langen Anstrengung.

Ja, die ~Sisi~ hatte ich früher geliebt, in reiner, ernster
Absicht, mit treuer Liebe.

Ich hing diesen Gedanken nach. Die flogen rückwärts, acht Jahre, zu
meiner ersten Liebe.

An einem schönen Sonntagabend war es, Ende Mai. Wir kamen vom letzten
Abendzuge. Die Bäume standen in der Blüte. Die Feldgrillen zirpten. Und
die Luft war durchsetzt vom süßen Hauch der Frühlingsblumen....

~Sisi~ und ich kamen zuletzt. Einen Steinwurf vor uns gingen
die andern, ~Sisi’s~ Eltern und mein Vater. Sie diskutierten
über landwirtschaftliche Fragen, über den Stand der Saaten und die
Geldaussichten des Jahres.

Wir blickten weiter, viel weiter in die Zukunft. Die schien uns schön,
wie der Abend, wie unsere Jugend.

Ich nahm ~Sisi~ leise bei der Hand und schritt mit ihr glücklich
durch die schöne Frühlingsnacht.

Beim alten Birnbaum vor dem Dorfe zog ich sie fest an mich und gab ihr
einen Kuß, einen langen Kuß....

Es war unser erster Kuß.

Die Bäume dufteten. Ein frischer Wind strich leise durch die Kronen und
schüttelte Blüten auf uns. Weiße Blüten.

Damals hatte ich ~Sisi~ ein silbernes Herzchen versprochen.

Am folgenden Sonntag war ich nach Mersch gefahren. Irgend einen Grund
hatte ich meinen Eltern angegeben. Und ich kaufte ein silbernes
Herzchen mit einer silbernen Kette. Fünf Franken und acht Sous hatte es
mich gekostet, fast den ganzen Bestand meiner Barschaft.

Um Abend, vor der Andacht, suchte ich ~Sisi~ auf. Ich traf sie im
Stalle, ganz allein. Schüchtern legte ich ihr das dünne Kettchen mit
dem silbernen Herzchen um den Hals. Hastig, aufgeregt, fürchtend, es
könnte jemand uns sehen.

Und am folgenden Tage, als ich das Vieh zur Weide trieb, schnitt
ich ein Herz mit einem ~S~ und einem ~J~ in die Rinde der
Grenzbuche.

So war unser Bündnis besiegelt....

„~Drêmst de?~“ Meine Mutter blickte von der Handarbeit herüber.

„~Nê, Mamm! Ech iwerléen, wé mer eis Buchführung am nächste Johr nach
besser mâche können~.“

„~Esoû!~“ Sie ließ mich weiter träumen.

.... So war unser Bündnis besiegelt.

Seit dem Tage traf ich die ~Sisi~ oft. Fast täglich.

Unsere Eltern sahen es gern und waren ganz damit einverstanden.

Dann kam der Tod im vorletzten Winter. Der riß ~Sisi’s~ einzigen
Bruder hinweg, im Alter von 25 Jahren.

Nun war ~Sisi~ einzige Tochter.... Sie mußte in ihr Elternhaus
einheiraten.

Ich aber konnte nicht fort von Hause, weil meine beiden Schwestern
ausverheiratet waren.

So wurden meine Pläne vernichtet. Ich trug meine Hoffnungen zu Grabe.
Aber ich fügte mich in das Schicksal. Wir sahen uns trotzdem noch oft;
denn ~Sisi~ war ein gutes Mädchen.

Ich hatte sie wirklich vernachlässigt, seit unserer letzten Kirmes. Das
merkte ich jetzt.

Aber daß ~Sisi~ meinte, wir könnten uns heiraten, war mir ganz
unverständlich.

Das war doch unmöglich, ganz unmöglich, seit dem Tode ihres Bruders.

Wie konnte ~Sisi~ dieser Hoffnung immer noch nachhängen?....

„~Wé aß et mat der Schloßrechnong vum Jôr?~“ Der Vater blickte
über die Zeitung. „~Bast de bâl ferdig mat denger Buchführung?~“

„~Nach net, Papp!~“

Jahresabschlußrechnung....

Auch mit ~Sisi~ muß ich jetzt abschließen....

Sie muß doch wissen, daß wir uns nicht heiraten können.

Ich kann doch nicht von unserm Hof fortgehen....

Und ~Sisi~ will ja auch ihr Elternhaus nicht verlassen.

Ich muß mit ihr sprechen, muß ihr die Sache klar machen. Dann ziehen
wir einen Strich durch die ganze Rechnung. Und damit Punktum....

Die ~Sisi~ kann mir doch keinen Vorwurf machen....

In meinem Kopfe klang immer wieder das traurige Lied von der
unglücklichen Liebe.

Nein, die ~Sisi~ kann mir keinen Vorwurf machen, kann nicht.

„Man liebt auch Mädchen bei frohen Zeiten“.... das soll sie auch mal
singen. So hatten wir ja noch auf der letzten Kirmes gesungen....


An den folgenden Tagen hatten wir in der Scheune zu tun.

Nachmittags schroteten wir auf Vorrat für die Christtage, bis es Zeit
zur Abendfütterung wurde.

Das war die Stunde, wo ~Sisi~ gestern so traurig gesungen hatte.
Ich wurde unruhig.

Es hielt mich nicht mehr länger in unserm Hause....

Ich will mit dem Mädchen sprechen. ~Sisi~ muß sich den dummen
Gedanken aus dem Kopfe schlagen.

Wenn ich jetzt hinuntergehe, treffe ich ~Sisi~ vielleicht allein.
Ihr Vater wird wohl noch nicht von seiner Reise zurück sein.

Ich gehe jetzt, jetzt gleich. Eine gute Ursache habe ich, um in
ihr Haus zu kommen. Ich frage nach der Arnikaflasche, die ich dem
Mäschvater vor acht Tagen geliehen hatte, um der ~Bleß~ die
eiternde Wunde am Fuße zu heilen.

Ich ging hinunter....

Aus dem Stalle klagte wieder das schwermütige Lied. Ich trat in die
Küche. Kein Mensch. Die Lampe wachte allein bei der Kochmaschine. Dort
brodelten die Kartoffeln. Ich schritt leise durch den Gang in den
Stall.

„~Jesses, baß dû dât!~“ Sisi war erschrocken.

„~Jô, Sisi! A wé gêt et mat der Koû?~“

„~Gut, Jêmp!~“

„~Dât frèt mech. Dann hoût d’Möttel awer geholef?~“

„~Jô, Jêmp! d’aß e séer gut Möttel!~“

Ich trat heran an die schöne, schwarzweiße Kuh, streichelte über den
glatten, geraden Rücken und besah den Fuß. „~D’aß ganz hêl.~“ Dann
erzählte ich von unserm alten ~Fox~, der sich am ~Kéler~ wund
gerieben hatte, und bei dem ich jetzt die Flasche brauchte.

~Sisi~ war vom Stuhl aufgestanden und hatte den Milcheimer in die
Mitte des Ganges gestellt.

Ich hustete ein paarmal. Einen Augenblick war es ruhig. Man hörte das
Reiben der kauenden Kühe.

Dann kam ich auf die eigentliche Ursache meines Besuches.

~Sisi~ stand dicht neben mir und schaute mich groß an. Sie ließ
mich aussprechen.

Noch nie war sie mir so tüchtig vorgekommen, wie an diesem Abend.

Sie schien gefaßt, sehr ruhig. Nur ihr Atem ging schwerer und stärker
als sonst.

„~Nê, Jämp, kên âneren! A wann ech och eng âl Joffer mîßt gin. An
t’brauch kên mir en âneren ze bréngen. Meî Papp net, a kê Mensch!~“

Das Weinen war ihr nahe. Müde lehnte sie sich an den eisernen Träger.
Ein tiefer Seufzer straffte die flanellene Bluse.

„~Sisi, sef dach verstäneg! Dû muß dach âgesinn, dat et net ka
sinn!~“

Sie schwieg und schaute mich groß, sehnsüchtig an.

Dann griff sie an den Hals und zog unter der Wolljacke ein dünnes
Kettchen hervor: „~Kennst et nach?~“

Am Kettchen hing das silberne Herzchen.

„~Zönter dêr Zeit hun ech et nach ömmer gedrô’en.~“

In ihren Augen lag ein feuchter Glanz. Eine lange Pause folgte. Eine
große, andächtige Stille. Wir atmeten tief in dieser wehen und doch so
schönen Erinnerung...

~Sisi~ lehnte den Kopf an meine Schulter, schloß halb die Augen und
erzählte mit flüsternder, schluchzender Stimme, wie das Herzchen ihr
stets ein Unterpfand unserer Liebe gewesen. Und wie treu und aufrichtig
und ergeben sie mich liebte. Nur mich, mich allein. Und daß sie alles
für mich täte, alles....

Ihre Stimme klang klagend, flehend. Die Aufregung machte ihr das Atmen
schwer und hatte ihre jugendlichen Wangen rot gefärbt.

Ich ergriff ihre Hand. ~Sisi~ ließ es ruhig geschehen. Ich hielt die
warme Mädchenhand in der meinen wie etwas Liebes, das man nur gezwungen
fortgibt.

„~Sisi, mer gin dach net bés ausenâner?~“

Eine Träne leuchtete in den blauen Augen, perlte über die roten Wangen
und fiel brennend auf meine Hand.

Ganz leise weinte sie vor sich hin -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- --

Aus der Küche kamen Tritte.

„~Meng Mamm!~“ ~Sisi~ fuhr erschrocken auf und hielt erregt
den Atem an.

„~Meng Mamm!~“

Hastig fuhr sie mit der Schürze über das Gesicht, trocknete die Tränen,
ergriff den Eimer und den Melkstuhl und setzte sich zu einer Kuh, das
Gesicht nach der Wand gekehrt.

In schnellem Takte folgte das Zischen der Milchstriche. Bisweilen
rasselte eine Kuh an der Kette. Sonst war es ruhig.

Die Tritte kamen näher....

Es war ihre Mutter.

Ich stand bei der kranken Kuh, strich ihr über den Rücken und besah den
Fuß.

Die alte Frau trat freundlich zu mir und bedankte sich für das gute
Mittel. Sie wolle sich auch mal erkenntlich weisen. „~É Gefâlen aß
enges ânere wèrt~,“ sagte sie in treumütterlichem Tone.

~Sisi~ sah nicht um, drückte den Kopf fest an die Flanke der Kuh
und melkte weiter....

Wir gingen in die Küche. Die alte Frau gab mir die Arnikaflasche und
begleitete mich hinaus bis auf die Haustüre.

Der Himmel stand voll funkelnder Sterne. Drüben im Walde klagte ein
Käuzchen.

Schaurig drang sein wimmernder Schrei in die große, kalte Einsamkeit.

„~Den Doûdevull~,“ sagte kurz die alte Frau. „~Erem ên, dé
stiérven muß~....“


    „Stille Nacht, heilige Nacht,
    Alles schläft....“

Anheimelnd klang die liebe Weise aus der Schule herüber. Dort übten die
Kinder ihr Weihnachtslied für das morgige Fest.

Es war schon lange über die Schulzeit hinaus, bereits halb fünf, als
die kleinen Sänger entlassen wurden. Geräuschvoll ergoß sich der
Schwarm ins Freie. Es kam Leben, jugendliches, rasch pulsierendes Leben
auf die neubeschneite, stille Straße. Die Knaben tummelten sich herum,
machten Schneebälle, johlten, warfen nach den Mädchen. Die standen noch
ganz unter dem Einfluß des heiligen Liedes. Sittsam, ruhig, in kleinen
Gruppen, gingen sie nach Hause. Nur wenn die Jungen ihnen zu arg mit
den Schneeballen zusetzten, liefen sie schreiend fort.

„~Ob d’Kreschtköndchen och mûr könnt?~“ meinte traurig eine der
Kleinen.

Die andern blickten besorgt auf.

„~A woûfir soll d’Kreschtköndchen dan net kommen?~“ Fast
gleichzeitig kam die Frage von allen Seiten.

„~Well ze vill Schné fällt. Wan et net dran stéchen bleiwt.~“

„~Nên, et dârf net dran stéchen bleîwen~,“ sagte flehend ein
kleines, blondes Ding. „~Mîr béden, dat den Hergott deß Nûcht ké
Schné mé herofschitt, da könt d’Kreschtköndchen secher.~“

„~A mîr sin och ömmer brav gewescht, da werd et dach bei eis
kommen~,“ ergänzte schüchtern ein kleines Schwarzhaariges.

„~Hähähä!~“ fiel lachend ein Junge, der sich herangeschlichen
hatte, ins Gespräch. „~Kreschtköndchen! Hähähä!~.... ~D’könt
gewéß e Kreschtköndchen!~.... ~D’Mamm aß d’Kreschtköndchen! An
d’Sâche kèft se bei Gudekâfs Nékel oder beim Schoûlklos~....“

Die Mädchen blickten den frechen Jungen erstaunt, bös an, stießen ihn
von sich und liefen weg, so rasch sie konnten.

Nein, mit dem wollten sie keine Gemeinschaft halten....

Ich ging gerade vorüber, hinunter zur Station.

Das war doch etwas ganz Eigentümliches, dieser kindliche Glaubensstreit.

Kaum zehn Jahre hatten die Mädels. Und der Junge war auch nicht älter.

Wie die Mädchen sich gegen die Lästerung wehrten! Ihren heiligen
Glauben wollten sie sich nicht rauben lassen, nicht von diesem dummen,
naseweisen Jungen, dem sie in der Schule weit überlegen waren.

So sind die Mädels. Den Puppen geben sie eine Seele. Und das
Christkindchen lassen sie in kalter Winternacht durch den Schnee
kommen....

So bleiben sie auch später. Und so ist ~Mäsch Sisi~ noch heute....

Vor mir reckte der alte Birnbaum seine dürren Aeste breit in den
nebligen Abend.

Damals stand er in weißer Blüte, als ich ~Sisi~ das kleine
Herzchen geschenkt hatte. An diesem Herzchen hängt ~Sisi~ noch
heute mit ganzer Seele.

Kinder waren wir damals. Große Kinder mit kindlichem Glauben an eine
gemeinsame, glückliche Zukunft. Die hatte der Tod geraubt, als er
~Sisi’s~ Bruder mit fortriß. Das war hart. Ich fügte mich in das
Schicksal. Aber ~Sisi~ hängt noch immer an dem erstorbenen Glauben.

So sind die Mädchen. Sie können die rauhe Wirklichkeit nicht leicht
fassen. Und sie wollen sich nie von den goldigen Jugendträumen
trennen....

Drunten durchs Tal rasselte der Zug. Ich griff erschrocken nach der
Uhr.... Nein, es war noch Zeit, noch eine halbe Stunde....

Der Zug eilte vorüber. Ein fahler Lichtstreifen jagte dahin, verlor
sich im Nebel....

Diesem Lichtstreifen gingen meine Gedanken nach, von Station zu
Station, über die hohen Brücken, nach Luxemburg.

Dort mußte jetzt der Oheim abfahren.... Dort sollte ich in drei Wochen
mein Liebchen sehen....

Vielleicht weiß der Oheim etwas Neues über die Freierei. Vielleicht
hat der alte Berelsvater ihm etwas geschrieben....


Der Zug hatte über eine Viertelstunde Verspätung. „~Wè’nt dé ville
Leiten, dé elo résen~,“ meinte der Oheim. Er war der Einzige, der
mit mir ins Dorf ging. So war es ganz recht. Da konnten wir ungestört
mit einander plaudern.

„~A wé stömmt et dann?~“ Er blickte mich fragend, neugierig an.

Ich erzählte meine Erlebnisse.

Der Oheim lauschte, stellte Fragen, lauschte.

„~D’aß dach koriés~,“ meinte er. Dabei schüttelte er den Kopf.

Eine Weile schritten wir still durch den Schnee. Er zog seine kurze
Holzpfeife aus der Tasche, stopfte auf, blieb stehen, zündete an.

„~Da wären sî jo all derfir, bis op den âlen Berels?~“ Er blinzelte
durch die Rauchwolke und schaute mich fragend an.

„~Jô, all~!“

„~A wofir soll dén dergént sin?~“ Er faßte mich am Arm.

„~Mononk, ech hun keng Ahnong. Aß et fleicht aus Knéckigkét?~“....

„~Mengst de?~.... ~Dan erziél mer emol gené, wé et op dengem leschte
Besuch gângen aß~.“

Ich erzählte.

„~Soû, vun èrem Doûref hut der geschwât~.... ~A vun denge Pîrchen~....
~A vun dengem Motor~.... ~An denger Schroûtmillen~....“

Der Oheim nickte gewichtig bei jedem Wort.

„~A wât sot du den âle Berelspapp?~“

„~Pô! En âle Mann. Hé kennt ze wéneg derfun. An hién aß~....“

Der Oheim ließ mich nicht aussprechen. Er faßte mich am Arm.

„~Kuck, Jämp, hoûl mer et net iwel. Ech mengen, du häß dech fleicht ze
vill gebrätzt.~“

Ich machte ein saures Gesicht. „~Mä Mononk, ech~....“

„~Los mech emol ausschwetzen. Dir jong Leit wöllt den ânere Leit èr
Sâch ze vill opdrängen.~“

Wieder blieben wir einen Augenblick stehen.

„~Kuck, Jämp, ech kennen dech jo wé kên zwêten. Du baß e ganz dichtege,
fleißege Jong. All Respekt derfir. Awer du baß nach e böschen jonk.~“

„~Wé meng der dât, Mononk?~“

Er räusperte sich und schob die ausgebrannte Pfeife in die Tasche.

„~Mä, du baß dach net bei den âle Berelspapp gângen, fir dèn ze
beléeren.~“

„~Nên, Mononk.~“

Er legte mir die Hand auf die Schulter.

„~Du kenns jo dât âlt Sprechwoûrt: Um Klank erkennt ên d’Klack.~“

Ich nickte.

„~D’Muß ên fir d’éscht lauschteren, dat ên de Klank erkennt. Awer dir
jong Leit, dir lauschtert net genug. Dir zéht ömmer nömmen un èrer
Klack. An dir git gleich un dé groûß Klack zéhen.~“

Langsam schritten wir zwischen den hohen Pappeln durch die kalte
Einsamkeit.

„~Verstehst de, wât ech wöll so’n?~“

„~Jô, Mononk!~“

„~Jämp! Jidder Mönsch mengt, hié méch et am beschten. Ech wöll
dem Berelspapp sei Bauerewiésen net loûwen. D’aß net zeitgeméß. Mä,
de Berelspapp mengt, wât et wär. A wann nun e jonge Borscht kömt,
an dé sèt him: „Päterchen, èr Sâch aß Brach“, mengst du, dé kréch
d’Médchen?~“

Ich wurde ärgerlich. „~Mononk, esoû hun ech awer net gebroßelt.~“

Der Oheim reckte sich vor mir in seiner ganzen Länge. „~Dât gléwen
ech. Mä du hoûs him net genug an sei Krom geschwât.~“

„~Dât ka sin.~“

Wir waren bei den ersten Häusern angelangt. Da lenkte der Oheim das
Gespräch ab.

Ich lauschte hinüber nach dem ~Mäsch~-Hause, etwas verdrießlich,
gedrückt.

Hatte ich mich geirrt? Mir war, als hätte ich ihre Stimme gehört....
Nein, es war nichts....

Wir kamen näher. Leise, feierlich klang es herüber:

    „Stille Nacht, heilige Nacht,
    Alles schläft, einsam wacht
    Nur das traute hochheilige Paar
    holder Knabe im lockigen Haar....“

       *       *       *       *       *

„~Eng schén Stömm~,“ bemerkte der Oheim.

„~Jô, Mononk.~“

Das war nicht mehr das schwermütige Lied von der unglücklichen
Liebe.... nicht mehr, wie gestern Abend.

Also hat ~Sisi~ sich doch gefügt.... also doch....


Als der Oheim die beiden Briefe gelesen hatte, war er beruhigt.

„~Um Neimârt wèrde mer jo héeren, wé et stêt~,“ meinte er.
Natürlich käme er auch hin. Und wenn alles gut stände, würde er einige
Tage später zu den Berelsleuten gehen. Dann würde er auch wohl das
„Jawort“ erhalten.

So war das Weihnachtsfest doch noch ein Hoffnungsfest geworden.

Und so erwartete ich vom neuen Jahr, was das alte nicht eingelöst hatte.


Aus blauem Himmel lächelte die Sonne dem neuen Jahre. Das hatte seinen
schönsten Winterschmuck angelegt. Im Rauhreif glitzerten die Bäume.

So kam das neue Jahr zu uns ins Merschertal, festlich, feierlich.

Auch in meiner Seele war es festlich, hoffnungsfreudig.

Was ~Berta~ wohl schreiben wird?... .....................


Der Briefträger kam sehr spät; erst nach Mittag.

„~Prosit neit Jährchen, Här Welsch!~“ Er reichte mir die
Postsachen.

Ich musterte schnell die Adressen, suchte. Wirklich, da war ihr Brief.
Ich riß hastig den Umschlag auf und las....

Herrje, wie ~Berta~ das so schön sagen konnte von den herzlichen
Neujahrsgrüßen, der treuen Liebe und dem Wiedersehen in Luxemburg.

Ich sprang ins Haus.

„~Hei aß de Bréf!~“

Die Mutter las. Der Vater setzte die Brille auf. „~A wât aß nach
kommt?~“

Ach ja, die andern Briefe. Ich schaute. Die interessierten mich wenig.
Einige Neujahrskarten von Kameraden, einige Prospekte....

„~A wât aß dât elei dann?~“ Aus einem großen Umschlage zog mein
Vater eine bunte, farbige Karte. Er drückte ein wenig daran und
blätterte. Die Karte öffnete sich und wurde zu einem schönen, mit rotem
und grünem Seidenpapier gefüllten Blumenstrauß.

„~D’aß nach ewell eng deier Neijorschkart~,“ meinte er. „~A vu
wêm aß dé?~“

Ich schaute. Vom ~Sisi~ war sie, vom ~Mäsch Sisi~....
„~Bonne et heureuse année, Sisi.~“ so stand unter der bunten Karte.

Mein Vater schüttelte den Kopf und lachte.

„~An hei, kuck hei, elo könt dei Wandmôtor jo och!~“

Ich las. In den nächsten Tagen würde die Sendung eintreffen, meldete
die Firma.

„~Mä, d’schreift schén~,“ bemerkte die Mutter, die noch immer ganz
vertieft in ~Bertas~ Brief war und nun erst aufschaute.

Sie reichte meinem Vater den Brief. „~Hei, liés! D’mengt ên, d’Sâch
mîßt gutt stôn!~“

Dann sah sie nach den übrigen Briefschaften. „~Aß dât dem Sisi seng
Kârt?~“ Sie musterte die bunte Karte. Ein Lächeln spielte um ihren
Mund....


So blickte ich voller Hoffnung in das neue Jahr. Es lag nicht mehr
verschlossen vor mir. Nein, ich sah hell und klar in die Zukunft. Die
hatte ihr Tor geöffnet, ein ganz klein wenig, an dem Tage, wo ich
~Bertas~ Brief erhielt. Heute war dieser Spalt größer geworden.
Durch die Oeffnung schaute ich hinüber in die kommenden Monate. Die
schienen mir voll Sonne und Seligkeit.

Diese Zuversicht erwärmte meine Seele und färbte nachts meine Träume
mit dem Glanze des jungen Frühlings.

So ging die Zeit, in der ich arbeitete und wirkte und wartete auf mein
Glück.

So gingen die Nächte, in denen ich träumte und mich sehnte nach meinem
Glück.

Und so kam der Tag des Luxemburger Neumarktes.


Vor dem Bahnhof trafen wir uns.

~Berta~ trug den grauen Mantel und das kleidsame Pelzkäppchen, wie
damals bei meinem Besuche.

Wie eine Prinzessin war sie in dieser einfachen, schönen Kleidung.

Schon von weitem erkannte ich sie in dem Strom der fremden Menschen.

~Berta~ sprach schweren Herzens von den Briefen, von dem
aufgeschobenen Besuche und dem Grolle ihres Vaters.

Der Vater ist also wirklich gegen uns.

Er ist gegen mich, weil ich ihm für seine ~Berta~ nicht ganz
passe. Weil ich zu neuzeitlich, zu modern bin. Und weil unser Betrieb
zu fein eingerichet ist.

„~Esoû aß mei Papp~,“ sagte ~Berta~ besorgt. Eine Träne
leuchtete in ihren schönen schwarzen Augen.

„~Da kann ère Papp mech net recht leiden?~“

Berta antwortete nicht auf meine Frage, sondern blickte mich
flehentlich an.

„~Wa mir mat enên bestoûd wären, da wöllt mei Schwor och alles esoû
fein angerìcht hun, mengt mei Papp. An dât kascht ze vill Geld.~“
Sie atmete tief, schwer. Und sie drückte sich an mich, als würde sie
fürchten, mich zu verlieren.

„~Esoû, aß dât d’Ursach?~“

Wir schritten still durch die belebte Straße hinüber in den ruhigen,
fast menschenleeren Park.

„~Aß dât d’Ursâch eleng?~“ Ich blickte sie fragend an. „~Aß
neischt gént mech geschriwen gin?~“

Sie nickte ab. „~Nên, neischt.~“

Eine Weile herrschte Stille.

„~A wât séd èr Mamm dann?~“

Da schaute sie mich glücklich an. Ihre tiefschwarzen Augen leuchteten.

„~Menger Mamm gefâlt dir ganz gut~....“

~Berta~ ging ganz nahe neben mir. Unsere Hände faßten sich.

„~An ech hun éch ganz gér esoû. An ech wöll kên aneren, kên
aneren~.... ~Do kann mei Papp so’en, wât e wöllt~....“

Das sagte sie ganz langsam. Jedem Wort gab sie eine bedächtige
Betonung. Wie ein Schwur klang ihr Bekenntnis.

Ich zog das liebe gute Mädchen in meine Arme.

„~Berta, ech loßen dech och nie, nie!~“...

Sie lehnte zärtlich den Kopf an meine Schulter. Ihre leuchtenden Augen
schauten sehnsüchtig in die meinen.

„~Ech dech och nie~,“ lispelte sie leise.

Ich hielt sie fest umschlungen. „~Berta, vun haut un so’e mir ömmer
„Du“ zu enâner. Wölls du?~“....

„~Ganz gêr, Jämp.~“ Sie drückte meinen Arm fest an ihre Seite.

Ein Sonnenstrahl huschte durch die kahlen Bäume und streute Gold in den
winterlichen Park.

Wir vergaßen für einen Augenblick unsere Sorgen und schritten glücklich
über den stillen Weg.

Drüben auf der Straße spielte der Orgelmann die alte Weise von der
jungen Liebe:

    „Jeder Druck der Hände deutlich mirs beschrieb,
    Und der sagt, s’ist wahr, s’ist klar: ich hab dich lieb!“....

„~Aß et esoû, Berta?~“

„~Jô, Jämp!~“

Ihre Augen strahlten. Ihre Wangen glühten. Und ich zog sie an mich und
küßte sie heiß, leidenschaftlich....


Langsam schritten wir am Amaliendenkmal vorbei, hinüber in die
Neutorstraße.

Bauernjungen kamen vom Jahrmarkt, kräftige, kerngesunde Gestalten. Sie
stießen sich in die Hüfte und sahen sehnsüchtig nach meinem schönen
Mädchen.

Studenten gingen vorüber. Dünne, schmächtige Kerls.

„~Hei, kuck sie zwé!~“ So hörte ich den einen zu seinem Kameraden
sagen. „~D’aß e flott Médchen!~“

Die Studenten blieben stehen, drehten sich um, blickten uns nach und
zogen den Mund spitz zusammen.

„~Jô, esoû hu mîr der wéneg an der Stâd.~“ Das sagte einer laut,
daß Berta es hören mußte. Ein tiefes Rot huschte über ihre Wangen.

Eine freche Bande, diese Studenten. Aber Recht hatten sie.... Wie die
~Berta~, gibt es nicht viele in der Stadt.


~Berta~ wollte schon mit dem Mittagszuge nach Hause fahren. So
würde der Vater nichts von der Zusammenkunft merken.

Das gefiel mir nicht. Nein, sie durfte so früh nicht fort dieses erste
Mal. Das konnte nicht sein an diesem schönen heiligen Tage.

Sie blickte mich groß, angstvoll in die Augen. „~Da get mei Papp
granzég~,“ meinte sie schüchtern.

„~Da loß dé granzen. Hé wöllt jo dach net onst Gleck. Dât musse mir
ons selver sichen.~“

Endlich willigte sie ein.

Wir gingen hinunter in die Stadt, durch die Großstraße, über den
Wilhelmsplatz, zum „Goldenen Anker.“

Das Haus war voll lärmender Menschen. Wir setzten uns gleich an den
Tisch. Wir aßen, ohne viel zu plaudern. Bisweilen suchten sich unsere
Blicke.

„~Hei bleiwe mer net lâng~,“ meinte ~Berta, „d’sen ze vill Leit
hei. D’Könnt e Könnigen eis gesinn, an dohém mengem Papp eppes so’en.
An da wär d’Feier am Stréi.~“

Ich nickte.

„~Jô, Berta, Du huôs Recht. Mä, mir mussen nach e bösche wârden, mei
Mononk sollt mech nach hei fannen.~“

„~Dei Mononk?~“

„~Jô, Berta!~“

Da sah sie mich voll Vertrauen an.

„~Da bleiwe mer.~“ Sie war gleich einverstanden.


Der Oheim kam bald, ließ sich einen Kirsch geben und bestellte
eine Flasche Bordeaux. Es wurde recht gemütlich in unserer kleinen
Gesellschaft. Der Oheim hatte das richtige Zeug zum ~Hellechsman~.
Und er hatte auch bald gemerkt, wie der Wind wehte.

„~Joffer Berta, ech kommen nach an deser Woch bei ère Papp, da kucken
ech, dat d’Sâch an d’Rei gêt.~“

Sie lächelte. „~Jô kommt. Vun éch hölt hién éschter eppes un.~“


Als wir hinausgingen, verabschiedete er sich „~Dajè, eddé
Kanner~.“ Er drückte ~Berta~ und mir die Hand, nickte mit
dem Kopfe und blinzelte mit dem rechten Auge, wie er immer tat, wenn
er guter Laune war. „~Eddé, ech loßen éch jong Leit nach e beschen
elèng. Dir hutt jo och neischt dergént.~“ Er schmunzelte. „~An
ech hun wirklech och nach eppes Geschäften.~“


Wir gingen über den Wilhelmsplatz, sahen uns die vielen schönen
Geschäfte an, fanden manches, das wir uns später für unsern Haushalt
anschaffen würden und plauderten von der Zukunft.

~Berta~ hatte noch einige Einkäufe zu besorgen. Die erledigten
wir zusammen. Und ich kaufte ihr noch ein Dutzend Blutorangen für
die Mutter und ein Päckchen Gebäck für ihre Schwester und die kleine
Nichte. Für ~Berta~ suchte ich eine schöne ~Bonbonnière~ aus
mit einem Vergißmeinnicht auf dem Deckel. Darunter stand in großen
goldenen Buchstaben: „~Elle te dira que je ne t’oublie pas!~“

~Berta~ lächelte und dankte mit einem treuen, lieben Blick.

So vergingen die paar kurzen Stunden. Als der Zug hinauseilte ins
Syrtal, hatte sich der Entschluß in zwei Herzen festgesetzt: wir werden
uns finden, wir müssen uns finden.

Sanft entschlief der Tag. Und mit silbernem Monde und goldenen Sternen
kam die Nacht.

Nie in meinem Leben werde ich diesen schönen Tag vergessen....


„~Da wärd de Mononk d’Sâch an d’Rei kréen.~“ Die Augen meiner
Mutter glänzten. Zufriedenheit lag auf ihrem welken Gesichte.

Ich erzählte weiter. Meine Worte brachten Freude in unser Haus. Und
auch meine Mutter gewann ihre Zuversicht wieder.

„~Los mer eis awer net zevill an de Kapp setzen~,“ meinte mein
Vater. „~Ech trauen dem Aalen nömmen hallef.~“

Ich war nicht so kleingläubig.

Nein, der Berelsvater muß einwilligen, muß, muß.... Wie sollte der
gegen sein ganzes Haus ankämpfen.... Gegen seine Frau und seine
Kinder.... Nein, er muß einwilligen. Das wird ihm der Oheim schon
beibringen....

Ich blieb voller Hoffnung; und ungeduldig wartete ich auf die Nachricht
vom Oheim.

„~Hén wärd woûl den nächste Sondég mat der Norîcht kommen~,“
meinte die Mutter.


Dann kam etwas ganz Unerwartetes.

Vom Berelsvater erhielt ich Donnerstags folgenden Brief:

    Herr ~Welsch~!

    Ich tue Ihnen zu wissen, daß Sie sich nicht mehr um meine Tochter
    ~Berta~ zu bemühen brauchen, und wenn ich vorher etwas von
    der Zusammenkunft in Luxemburg gewußt hätte, so wäre meine Tochter
    nicht hingekommen. Das können Sie mir glauben, und Sie können
    sich anderswo eine moderne Frau suchen, da mit meinem Willen
    niemals etwas aus der Sache wird. Ich hoffe nun hiermit mit Ihnen
    abgerechnet zu haben.

    ~Jean Baptist Berels.~

Eiskalt kroch es mir über den Rücken. Eine Weile starrte ich auf den
Unglücksbrief.

„~Jesses, Jesses! Wât aß dîr?~“

Die Mutter stand auf der Haustür und blickte mich besorgt an.

„~Wât aß dîr?~“

Ich suchte mich zu beherrschen.

„~Neîscht, Mamm! Neîscht!~“ Ich atmete schwer.

„~Neischt! Kommt.~“ Wir gingen hinein ins Haus.

Langsam entfaltete ich den Brief und las mit zitternder Stimme.

Die Mutter sank auf einen Stuhl und stützte den Kopf schwer in die Hand.

„~D’aß gefélt, Piér! D’aß neischt mé ze wöllen~,“ sagte sie
traurig, niedergeschlagen.

Es folgte eine lange Pause.

Die alte Wanduhr tickte trostlos, gleichgültig. Und müde fuhr der
Nordwind durch die kahlen Bäume des Hausgartens.

Der Vater blickte starr vor sich hin, ging schweren Schrittes durch die
Stube, trat ans Fenster, trommelte an den Scheiben.

„~Den âle Berelspapp schengt mir e groûßt Rendvéh ze sin~... ~E
richtegt âlt Pèrd~...“ Aerger und Verachtung klangen aus seinen
Worten.

„~D’wèrd woûl ên eppes gént eis geschriewen hun~,“ meinte die
Mutter und sah mich unglücklich an.

Ich verspürte eine große Leere im Herzen. Und ich sah alles
zusammenfallen, was ich in den letzten Wochen mit so viel Liebe
aufgebaut hatte.


Das Mittagessen schmeckte schlecht. Aufgeregt löffelte ich die Suppe
hinunter. Unachtsam und müde zerschnitt ich das Fleisch.

Mein Vater sank wieder in den Lehnstuhl hinter dem Ofen, stützte die
Stirne in die flache Hand, sog an der Pfeife und sprach kein Wort.

Eine tote Ruhe lag über unserm Hause und machte mich elend und
verlassen.

Den ganzen Nachmittag arbeitete ich in der Scheune mit den Knechten.
Wir reinigten Getreide. Und ich ging erst zurück ins Haus, als die
Mutter zum Essen rief.


Traurige Wintertage. Dicker Nebel liegt über dem Merschertal.
Schmutziges Schneewasser sickert durch die Straße, dringt in das Leder
der Schuhe und trägt den Husten in die Häuser.

Solche Tage sind drückend, abspannend, zehrend.

Ich fühlte mich vereinsamt, verlassen, verstoßen.

Erst jetzt spürte ich, wie sehr ich an ~Berta~ hing, wie sehr ich
sie liebte.

Seit diesem Luxemburger Markttag war ihr Bild nicht mehr aus meinem
Herzen gewichen.

Ich konnte es kaum fassen, daß ich sie nun verloren hätte.... Für immer
verloren....

Alle Hoffnung hatte dieser Brief vernichtet, grausam vernichtet.

Langsam krochen die Tage dahin. Draußen im Hofe, in den Ställen oder in
der Scheune war es noch erträglich. Aber im leeren Hause packte mich
immer das Grauen.

Ich fühlte den Kummer der Mutter. Ich merkte den verbissenen Groll des
Vaters.

Den ganzen Tag kamen dieselben traurigen Gedanken. Und abends fühlte
ich mich noch verlassener.

Dann suchte ich mir Arbeit, eine geräuschvolle Beschäftigung, womit ich
die beklemmende Einsamkeit verscheuchen konnte.

Ich brachte einzelne Teile des Windmotors in die Stube, studierte deren
Arbeitsweise, nahm die Stücke auseinander, setzte sie wieder zusammen,
hämmerte, schraubte, ölte. Und ich ließ die Reguliervorrichtung der
Windscheibe funktionieren.

Am Samstag Abend hielt ich es im Hause nicht mehr aus. Da ging ich
hinunter ins Wirtshaus. Dort saßen die Amerikaner und sangen traurige
Abschiedslieder.

Mir war die Heimat zum Ekel geworden. Sie erdrückte mich. Und ich
beneidete meine Kameraden, die bald in fernem Lande eine neue Heimat
finden sollten.

Ich blieb lange bei den Amerikanern.

Spät kam ich nach Hause.

Es folgte eine schlaflose Nacht. In wildem Traum sah ich unsere Familie
altern, aussterben -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- Müde, gebrochen stand ich auf. Dumpf hämmerte der Kopf. Und
müde kam ich zum Morgentisch.

Die Mutter sah mich besorgt an.

„~Haut wèrd woûl dei Mononk kommen, da gin mer eppes mé gewoûr~,“ sagte
sie tröstlich. Sie brachte mir eine Tasse Fleischbrühe mit einem Ei.
„~Do, drénk dât, da get et der besser.~“


Ein trauriger Sonntagmorgen.

Dumpf läuteten die Glocken. Wie Totenglocken. In gedrückter Stimmung
ging ich zur Kirche. Die Gesänge klagten wie im Leichendienste. Ich
setzte mich in einen der letzten Stühle und stützte den Kopf schwer
in die Hand. Und immer wieder kamen trübe Gedanken, die mich noch
unglücklicher machten.

Was ist das Leben? Nichts. Nichts als Kummer und Trauer und Verfallen.

Was habe ich davon, daß ich fleißig war? Was haben meine Eltern davon,
daß sie sich abgerackert haben? Was nützt es mir nun, daß ich ein
strebsamer, neuzeitlicher Bauer geworden bin? Nichts. Gar nichts. Weil
ich bei tüchtigen Landwirten gelernt habe, weil ich unsern Betrieb
modern eingerichtet habe, weil ich nicht bin, wie andere rückständige
Landwirte, darum, gerade darum soll ich das Mädchen nicht bekommen.
Gerade darum. Das ärgerte mich.

Ich wurde unzufrieden mit meinem Leben, unzufrieden mit den Menschen,
unzufrieden mit meinem Berufe -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- --


Als ich das Haus erreicht hatte, war der Oheim schon angekommen. Er
brachte keinen Trost. Alles was er sagte, machte mich noch elender.
Langsam, mit gedämpfter Stimme erzählte er. Als ob wir einen
Schwerkranken im Hause hätten, so war das Gespräch.

Noch nie habe ich mich so unglücklich gefühlt wie bei diesem Berichte
des Oheims.

Unruhig ging mein Vater auf und ab. Ungeduldig rückte er an den Stühlen.

„~Aß dén âle Kérel wirklech esoû e Rendvéh?~“ rief er aufgeregt,
mit heftiger Stimme.

Der Oheim nickte.

„~Jämp, dann aß dén neischt fir an eis Familgen. Dann aß et och gutt,
dat d’Sâch an d’Brech gêt.~“

Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf. „~Wann den âle Berels
esoû en Ochs aß, da soll hé sei Médchen behâlen.~“

Dabei fuchtelte er mit der Hand, als mache er über dem Berelshause
einen Totensarg zu.

Langsam erstarb der Tag.

Immer wieder kam das Gespräch auf die verfehlte Heiratsgeschichte und
auf meine Zukunft.

„~Et wär dach gutt, wann sech bâl eppes Passendes fir eise Jämp fanne
gév~,“ meinte die Mutter beim Abschiede des Oheims.


Ein klarer Morgen war auf eine stürmische Nacht gefolgt. Die Sonne
stand am blauen Himmel über dem Grünewalde. Kleine Wolken trieben nach
Westen dem großen Meere zu.

Nachlässig schritt ich durch den Hof, gleichgültig besorgte ich die
Pferdefütterung.

    „Amerika, du Edelmann,
    Euro-opa, du Bettelmann....“

Verschwommen klangen die Töne herauf aus dem Dorfe. Drunten sangen die
Amerikaner. Sie machten heute den großen Abschiedsgang von Haus zu Haus.

Ich stieß die obere Türe des Pferdestalles auf und blickte hinunter
zum Kirchplatz. Dort kamen sie. Viele Leute standen vor den Häusern,
drückten ihnen die Hand und trugen schwer an der Trennung. Ein solcher
Auswandertag ist ein großer Sterbetag für das ganze Dorf.

    „Euro-opa, du Bettelmann....“

Leiernd klagte die Harmonika die alte Weise.

Am liebsten würde ich mit ihnen ziehen in die weite Ferne, über das
große Meer.

~Schmitts Mischi, Theis Jäng an Kirchens Piér~, die haben es jetzt
gut. Die können die alte Heimat abschütteln und sich eine neue gründen
auf neuer Erde.

    „In Amerika, da ist gut sein,
    Da findet ein jeder sein Schätzelein!“

So ist es auch. Da würde ich auch bald mein Glück finden. Und ich
könnte all den Kummer abschütteln, vergessen.

Was ist die Heimat? Heimat ist doch nicht Hof, nicht Feld. Nein, Heimat
ist Glück, Heimat ist Frieden.

In meinem Dorfe habe ich meine Heimat verloren. Ein Fremder bin ich auf
heimatlicher Scholle....

    „In Amerika, da ist gut sein,
    Da trinken wir Bier und Champagnerwein....“

Kräftiger klang das Lied herauf.

Ich summte leise mit, schloß die Türe des Stalles und ging hinüber
durch den Hof auf die Straße....

Lauter wurde das Singen, das Lachen. Es war eine traurige Freude. Wie
Blumen auf den Allerseelengräbern....

„~Bonjour, jongen Här!~“

Hinter mir stand ein großer, älterer Mann in Ledergamaschen, mit einem
Händlerstock.

„~Bonjour!~“ Er nickte freundlich.

„~Ech hun héeren, der hät esoû e schéne Foûl~!“

„~Jô, mä dén aß net fêl.~“

„~Dât aß schoûd. Kann ech en awer vleicht gesinn?~“

„~Jô, kommt.~“

Ich schritt voran. Der Fremde musterte das schöne Tier, ging hinüber zu
den Arbeitspferden, lobte die praktische Anordnung der Fohlenställe,
der Deckenanlage, der Ventilation....

Ich vergaß meine griesgrämige Laune und führte den Händler in den
Kuhstall und in die Jungviehställe.

Mein Vater hatte uns vom Stubenfenster aus beobachtet; er kam herüber
und schloß sich uns an.

          „In Amerika, da ist gut sein,
    Da schießen wir Has’n und wilde Schwein.“

Lauter klangen die Töne im Hofe.

Wir traten an die Stalltüre. Drüben kamen die Kameraden. Sie sangen,
johlten wirr durcheinander, drückten meinem Vater die Hand, sprachen
von Glück und Gesundheit und Wiedersehen.

Und die Harmonika leierte das alte Wanderlied.

Ich nahm Abschied vom Fremden und schloß mich den Amerikanern an.


Seit gestern waren die Amerikaner fort. Eine Messe hatte der Pfarrer
noch für sie gelesen. Viele Leute hatten diesem Gottesdienst beigewohnt.

Und doch stand den Kameraden eine schlechte Fahrt bevor. Das Barometer
zeigte Sturm. Von Luxemburg her brauste ein wilder Wind durchs
Merschertal, schüttelte an den kahlen Bäumen und riß die Schiefer von
den Dächern.

So haben auch die Kameraden noch Kämpfe zu bestehen, ehe sie die neue
Heimat finden....

Auch ich muß noch kämpfen. Auch ich muß noch leiden. Aber ich will
siegen.


Schwermütige Einsamkeit in dem Dorfe. Das feuchte, nasse Wetter hatte
die Influenza in viele Häuser getragen. Die Kinder hockten beim Ofen
und husteten. Die alten Leute wärmten sich den fröstelnden Rücken und
die schlotterigen Kniee und suchten die böse Krankheit mit Kamillentee
und der ~Quetschendröpp~ zu heilen....

Auch ich war krank.

Kamillentee und Zimmerwärme brachten mir keine Heilung.

Die stille Winterruhe drückte schwer auf meine leidende Seele.

Könnte ich nur einmal mit ~Berta~ sprechen! Könnte ich nur wissen,
wie es dem guten Mädchen geht! Ob sie auch so viel leidet?

Könnte ich nur das wissen, nur das! Es wäre mir schon Trost.

Ich suchte Arbeit, anstrengende Arbeit. Wenn nichts mehr in der Scheune
oder den Ställen zu tun war, ging ich mit den Knechten in den Wald.
Dort fällten wir Bäume, schichteten Korden.

So war es mir recht. Nur keine Mußestunden. Durch Arbeit den Schmerz
betäuben, das war das beste -- -- -- -- -- -- --

Langsam starb eine Woche dahin.

Noch einige Tage, dann kam der Februarmarkt in Luxemburg. Vielleicht
könnte ich ~Berta~ dort wiedersehen....


Ich fuhr hin.

Unruhig ging ich vor dem Bahnhof auf und ab. Aus der großen Halle kamen
immer wieder Leute.

Aber ~Berta~ war nicht zu finden. Traurig schritt ich über die
neue Brücke zur Stadt. Und meine Gedanken verloren sich in weiter
Ferne, wanderten, flogen über das große Meer zu den Kameraden. Die
waren nun seit einigen Tagen in dem reichen Lande.... Wo schon so viele
das Glück gefunden....

„~Bonjour, Här Welsch!~“

Ein Fremder reichte mir die Hand. Es war ein bekanntes Gesicht. Im
ersten Augenblick wußte ich nicht recht, wo ich es schon gesehen hatte.

„~A, dir set den Här, dén eis firun drei Wochen de Foûl wollt
ofkafen.~“

„~Maija. Scheckt hién sech gut?~“

„~Ausgezéchend.~“

Neben dem Manne ging ein großes, blondes Mädchen. Ich schaute hinüber
und grüßte. Zwei tiefblaue Augen erwiderten meinen Blick. Das tat mir
wohl. Es lag etwas Ruhiges, Stilles darin.

Traurige Menschen brauchen Sonnenschein. Ihr Blick war Sonne und Wärme.

„~D’aß méng Duôchter~,“ bemerkte der Fremde.

„~An dât aß den Här, dên dé schéin Ställ an dé schéin Véhwêden
huôt.~“

Ich drückte ihr die Hand. „~Esoû schéin aß et net bei eis, mä d’aß
praktesch~,“ fügte ich hinzu, um seine Worte etwas abzuschwächen.

„~Wât praktesch aß, aß och ömmer schéin~,“ sagte das Mädchen mit
freundlicher, heller Stimme.

„~Mèngt der, Joffer!~“ Ich lächelte und wollte mich verabschieden.

Ob ich noch einen Augenblick Zeit hätte, bat der Fremde. Er möchte mich
noch einiges fragen.

„~Wann ech éch en Déngst lêschte kann, dann huôlen ech mer Zeit.~“

„~Dât aß schién vun éch.~“

Er erkundigte sich über die Anlage unserer Viehweide, über die
Grasmischung, die Wasserversorgung, die Kosten....

Das blonde Mädchen interessierte sich sehr für alles, was ich sagte.

„~Ketty, dât häst du misse gesinn~,“ unterbrach er meine
Erklärungen.

Also ~Ketty~ hieß sie. Und sie war etwas hellblonder als ~Mäsch
Sisi~.

Wir sprachen weiter über die Viehweiden.

Ich zeichnete die Einteilung der Weideflächen und die Anlage der
Wasserzufuhr mit dem Stocke in den Schnee. Ganz gespannt folgte die
~Joffer Ketty~ meinen Worten.

„~A wât der Deiwel mâcht der do?~“ Hinter uns stand der Oheim.

Er trat heran. „~Da sed dir och op de Mârt kommt, Här
Hallesch?~.... ~An hei aß secher èr Joffer~?“

Herr ~Hallesch~ nickte: „~Meija~“.

„~Ei, wé groûß an dichteg! Wann der esoû daks an Stâd kémt, Joffer,
wé ère Papp, dann hätt ech éch well mé lâng kannt.~“

Ein bescheidenes Lächeln huschte über ihr rosiges Gesicht.

„~Ère Papp an ech, mir kennen eis schon lâng. Mir gesinn eis daks
op der Bourse. Mir hun schon oft e klenge Fruchthandel mat enên
gemâcht~.... ~Den Här Hallesch~,“ dabei wandte er sich an
mich, „~dén hoût éng gutt Millen un der Syr. An och nach en dichtegt
Bauerewésen derbei. Jämp~,“ er klopfte mir auf die Schulter, „~bei
dém kannst du nach eppes léeren~.“

Der Halleschmüller winkte ab..... „~Mä~..... ~dé jongen
Här~....“

„~D’aß mei Növi~,“ fiel der Oheim ins Gespräch.

„.... ~Mä ére Növi hoût séng Sâch séer fein âgerîcht. Ech sin elo bei
him an der Schoûl.~“

„~Nên, Här Hallesch. Ech biéden éch!~“....

Wieder blickte das Mädchen mich treuherzig an.

Der Oheim begann zu trippeln. „~Hei gin et kâl Féß. Loß e mer bis bei
de Brosius go’en.~“

Herr ~Hallesch~ ging mit meinem Oheim voraus.

~Ketty~ war etwas befangen. Sie hustete verlegen, begann gleich
ein ernstes Gespräch, und erkundigte sich nach unserer Jungviehweide.
Mit welchem Alter wir die Tiere hinausließen? Was wir neben der Weide
fütterten? Das alles fragte sie mit dem Interesse der sorgsamen
Hausmutter.

Die beiden Alten blieben bisweilen einen Augenblick stehen, streckten
die Köpfe zusammen und schienen wichtige Sachen zu besprechen.


Im ~Hôtel Brosius~ bestellte der Oheim drei ~Mißerchen~ Wein
und für die ~Joffer Ketty~ ein Gläschen ~Porto~.

Die Stimmung war gemütlich. Der Halleschmüller fragte noch nach der
Windmotoreinrichtung, fand die Anlage sehr zweckmäßig und lobte mein
neuzeitliches Bestreben.

Als wir uns trennten, schüttelte er mir treuherzig die Hand. „~Dajé,
eddé, mir gesinn eis vleicht nach derno!~“

„~Eddé, Här Welsch!~“ Mehr sagte die ~Joffer Ketty~ nicht. In
ihren blauen Augen stand Güte und Milde.


Wir gingen die Philippstraße hinauf.

„~A wé aß et dann mat der Freierei?~“ leitete der Oheim
unvermittelt das Gespräch ein.

Er blickte mich prüfend an.

„~Wé soll et da sin? Ech hun d’Berta net gesinn. D’aß net hei.~“

„~Soû!~“

Der Oheim beobachtete mich eine Weile von der Seite.

„~Muß et da grad d’Berta sin? D’get jo nach vill Médercher.~“

Ich schüttelte den Kopf. „~Wé d’Berta? Nên!~.... ~Dé se râr.~“

„~Dât méngst dû. Ech wês en ânert gutt Médchen fir dech.~“

Der Oheim hatte die Pfeife ausgeraucht und schob sie vorsichtig in die
Tasche.

„~A propos! Éh ech dir vun dém schwätzen, wât méngst dû vun dem âle
Halleschmöller?~“

Er zeigte mit dem Arm hinüber nach der Maria-Theresienstraße, wo die
Beiden sich von uns getrennt hatten.

„~Po! En dichtege Bauer~.... ~En helle Kapp~....“

Er blickte mich lächelnd an.

„~An d’Médchen?~“....

„~Net iwel. D’schéngt dem Alen nogeschl’n ze sin.~“

Der Oheim schmunzelte. „~Gêlt, dât gefällt dir!~“ Er winkte
gewichtig mit dem Kopfe.

„~Wofir soll et mir net gefâlen? Wât héscht gefâlen? D’aß en dichtegt
Médchen; dât aß alles.~“

Er schaute mich groß, fragend an. „~Dât wär alles, méngst dû?~“
Er sprach die einzelnen Worte in lang gezogenem Tone. „~Nên, dât aß
nach lang net alles. An ech hoffen, dat dé Joffer ê guden Dâch d’Madam
Welsch get.~“ Er bog dabei den Kopf weit zurück.

„~Madam Welsch!~“

„~Jô, jô, d’gêht an d’Rei.~“

„~Mononk!~....“

„~Jô, Jämpi. Den Hallesch hoût mat mir iwer dech geschwât.~“

„~Iwer mech geschwât?~“

„~Jô. An doûfir wor hièn och firun zwoû Wochen bei dech kucken
komm.~“

Ich starrte ihn sprachlos an.

Also darum! Also darum war der alte Halleschmüller als Pferdehändler zu
mir gekommen.... Darum hatte er alles so lang gemustert.... Darum hatte
er sich mit meinem Vater so vertraulich ins Gespräch eingelassen....
Also darum....

Das war eine Ueberrumplung, dieser Heiratsantrag. Ich fühlte mich
beklommen, wie nach einem bösen Traume.

„~Dajé, wât sèst du derzoû?~“

„~Net vill, Mononk~.... ~Ech méngen~...“

„~Wât méngs du?~“

„~Ech méngen, den âlen Hallesch hät mech am Berelshaus
ugeschwärzt.... oder hién hät dé dreckeg Arbecht durch en ânere mâche
lôssen.~“

„~Jämp, sef net esoû éfälleg. D’aß ê ganz dichtegt Médchen. An d’aß
och éng gutt Partie. Nach vill besser wé a Berels, loß der dât gesot
sin. An d’aß och éng gesond Familgen.~“

Langsam schritten wir die Philippstraße hinauf. Ein schwerer Bierwagen
kam rasselnd in vollem Galopp herunter.

„~Zwê guder Pèrd~,“ bemerkte der Oheim.

Ich nickte und schaute zerstreut dem rollenden Wagen nach.

„~A nach eppes. D’aß en Haus, dât dir gefällt. E neimoûdeschen,
dichtege Betrieb. A wé de Papp, esoû sin d’Kanner. An d’sin der nömmen
drei, zwê Médercher an e Jong. De Jong aß âbestuôd. An d’Ketty aß dât
zwêt. D’huôt 23 Johr. An d’kret och vill mat~....“

Ich war verstimmt. Und ich blieb dabei, daß dieser Mann mich bei den
Berelsleuten hereingelegt hatte.

Einer hatte mich dort aus dem Sattel geworfen. Das war klar. Sonst
hätte der Berelsvater nicht so plötzlich abgebrochen. Wer konnte es
gewesen sein? Jedenfalls einer, der Nutzen daran hatte. Das konnte nur
der Hallesch sein. Darum wollte ich nichts von dieser Heiratsgeschichte
wissen....

Der Oheim suchte mich zu beruhigen.

„~Dajé, bis de Mötteg beim „Wintersdorf“, daß ewell élef Auer. Ech
hun nach eppes Geschäften.~“

Er reichte mir die Hand. „~Bis éng Auer, da schwetze mer weider.~“

„~Eddi!~“

Langsam ging ich die Neutorstraße hinauf.

Handelsleute kamen in eiligem, geschäftigem Schritte vorbei. Ich
achtete nicht auf sie.

Wie doch die Zeiten ändern! Vor einem Monate erst war ich hier mit
~Berta~ gegangen. Nichts in der Welt würde uns trennen. So hatten
wir uns damals versprochen. Und schon heute kommt eine andere und will
~Berta~ verdrängen, will sie ausschalten, will sich an ihre Stelle
setzen. Ich stieß den Stock fest, unwillig auf das Pflaster. Nein, das
darf nicht sein. Ich kann ~Berta~ nicht lassen, kann nicht. Und
wenn ich auch ein ganzes Jahr warten müßte.


Endlich jemand, mit dem ich mich aussprechen konnte.

Auf dem Glacis traf ich den Eidam. Auch er freute sich über das
Wiedersehen.

„~Kommt, loße mer go’n, woû mir e Wûrt elèng schwätze können.~“
Wir drängten uns an den vielen Leuten, Karren und Teimern vorbei und
gingen hinüber in den Park.

„~Wé aß et? Wât mecht d’Berta?~“

Er blickte mich traurig an. „~Wât soll et machen? D’kreischt sech
hallef blann.~“

Ich hustete kurz, erregt.

Langsam gingen wir über den einsamen, stillen Weg. Alles, was der Eidam
sagte, drückte schwer auf meine leidende Seele.

„~Dann aß d’Berta esoû onglécklech!~“ Ich atmete beklommen.

Er nickte. „~A seng Mamm leid och vill.~“

Drüben auf der Neutorstraße spielte wieder die Drehorgel wie damals:

    „Jeder Druck der Hände deutlich mir’s beschrieb,
    Und der sagt, s’ist wahr, s’ist wahr, ich hab Dich lieb!“

Verwirrt schaute ich an ~Holmers~ Schulter vorbei hinüber nach der
Straße. Und meine Gedanken flogen mit den Tönen fort, weit fort....

„~Zönter dèr Zeit aß eist Haus wé op d’Kopp gekéert~,“ unterbrach
~Holmer~ meine Träumerei.

Ich fuhr mit der Hand übers Gesicht, als wollte ich traurige Gedanken
wegwischen, und blickte ihn zerstreut an.

„~Soll dann neischt mé ze mâchen sinn?~“

~Holmer~ schüttelte den Kopf. In seinen Augen las ich Trauer und
Teilnahme an meinem Kummer.

„~Schwéerlech!~“

Langsam gingen wir zwischen den kahlen Bäumen weiter.

~Holmer~ fuchtelte nachlässig mit dem Stocke durch den Schnee.
„~D’wor alles esoû fein. Dir hât dem Berta gleich esoû gutt gefall.
An der Mamm och~.... ~Awer~....“

Er vollendete den Satz nicht. Und er fuchtelte zerstreut mit dem Stock
weiter, als wollte er den halbausgesprochenen Gedanken abhauen.

„~Jo, awer?~“ fragte ich erregt.

„.... ~awer d’aß neischt ze mâchen. Mei Schwéerpapp aß ganz dergént.
Dém aß neischt auszechwätzen.~“

Fröstelnd lief es mir über den Rücken. Ich fühlte mich bedrückt,
beklommen. Und eine plötzliche Erregung, die vom Herzen, von der Brust
ausging, trieb mir den Schweiß auf die Stirne.

„~Neischt?~“ Eine unendliche Trauer lag in meiner Frage.

~Holmer~ schüttelte wieder den Kopf. „~Nê, Frönd, neischt!~“
Und er erzählte mir, wie sich der Schwiegervater in der letzten
Zeit geändert hatte. Sonst hätte er nie ein Glas zu viel getrunken.
Aber seit dem letzten Markttage wäre er schon öfters betrunken und
schlechter Laune nach Hause gekommen. Dann hätte er in einem fort wegen
dieser Freierei geschimpft. Und über alle wäre er hergefallen, und
~Berta~ hätte es kaum im Hause aushalten können. Meistens wäre
sie fortgeschlichen und hätte sich dann heimlich ausgeweint.

„~Dât âremt Kand!~“ Mir war das Herz wie zugeschnürt.

Eine Weile gingen wir schweigsam neben einander.

„~Soll vleicht ê mech ugeschwärtzt hun?~“

~Holmer~ runzelte die Stirne: „~D’aß méglech!~“

Eine lange Pause folgte. Ich strich mit der Hand über die feuchte
Stirne.

„~Soll den Halleschmöller mech vleicht ugeschwärzt hun?~“

~Holmer~ verneinte dies.

Dann erzählte ich von meiner Begegnung mit dem Halleschmüller und
seiner Tochter.

~Holmer~ lauschte ruhig. „~Nên~,“ fügte er hinzu, „~dât sen
gutt Leit. An Hallesch Ketty aß och e séer gutt Médchen~....“

Wieder stockte das Gespräch.

„~Nên, d’Halleschleit sin éerlech a brav. Dé hun net gestöppelt. Awer
t’könt an de lèschte Wochen e jonge Borscht aus der Stâd. Dén hoût
mei Schwéerpapp gestöppelt. Hé wèrd schons um Hypothékenamt an nach
soss nogefrot hun, wé et bei eis mam Mommes stêt. Dé wöllt ech d’Berta
wegschwätzen, an~....“

„~Dén niderträchtegen Kérel!~“

„.... ~an dén wöllt sech nach iwert èrt Bauerewésen an èr Wandmillen
löschteg mâchen.~“

„~Dén niderträchtegen Hond! Mä dé kritt et awer sénger Léwen
net!~“ Ich fuhr mit dem Arm durch die Luft, als wollte ich zwischen
dem und mir eine große Scheidewand aufrichten.

„~Nên, hién kritt et net. Duôfir suôrgt séng Mamm. An d’Berta wöllt
dé Wandjang och nie!~“

Ich atmete etwas erleichtert auf.

~Hollmer~ wollte sich verabschieden.

„~Hoûlt dem Berta a sénger Mamm e schéne Bonjour mat. A sot hinnen,
ech bléf him trei. An ech géf nach e ganzt Johr wârden, wann et mißt
sin.~“

Der Eidam drückte mir die Hand. „~Frönd, wann d’Berta nach e Johr
esoû eng Hell wé elo bei séngem Papp aushâlen muß, dann drôen mer et op
de Kîrféch.~“

Drüben in der Straße spielte der Orgelmann eine kummervolle Weise.

Ich war müde. Und ich spürte ein Stechen in den Hüften, wie nach einem
langen, arbeitsschweren Tage.

Ein starker Wind wehte herüber, riß die Töne mit sich fort und trug sie
in die leeren Baumkronen. Und die Bäume wiegten sich traurig hin und
her und klagten leise.

Ein Schneeschauer ging über den Park. Wie kleine, weiße Schmetterlinge
tanzten die Flocken um die stillen Bäume und sanken tot zur Erde.

Langsam ging ich hinunter zum „~Wintersdorf~“. Allerlei Gedanken
stürmten auf mich ein, gingen wirr durcheinander wie die Schneeflocken,
blieben unklar und erstarben.


Ich fand den Oheim allein an einem Tische über eine Zeitung gebückt.

Er legte das Blatt bei Seite und rückte mir einen Stuhl zurecht.

„~Komm, setz dech!~... ~Hoûs du der d’Sâch iwerluôgt?~“

Und gleich redete er von der ausgezeichneten Partie, von den tüchtigen
Halleschleuten und dem guten Mädchen. Dabei blieb er ganz ruhig und
sprach nur halblaut, wie zu sich selbst, ohne die Pfeife aus dem Munde
zu nehmen.

Ich zuckte die Achseln. „~Ech kann dem Berta dât net undin!~“

Er schüttelte den Kopf und blickte mich aus den dunkeln Augen scharf
an.

„~Jämp, sef dach kê Kand!~“

Eine Weile saßen wir still da.

Ich spürte in mir den Groll sich häufen. Der wuchs, drückte auf mich,
schnürte mir die Brust zu. Das alles mußte heraus, mußte gesagt sein,
mußte sich Luft machen.

„~Dir hât mir net alles gesot. An d’Berta aß ganz froû mat mir. An dé
verfluchte Wandjang soll et net onglécklech mâchen!~....“

Ich sprach erregt, in hastigen Worten. Und ich hämmerte dabei mit dem
Bierfilz auf den Tisch.

Der Oheim sammelte die Reste, schob sie in die Ecke, legte mir sanft
die Hand auf den Arm und fragte mit dünner, ruhiger Stimme: „~Hâs du
den Édem haut begént?~“

Ich erzählte weiter.

Er ließ mich ruhig ausreden. Gleichgültig zog er an der Pfeife. Wenn er
antwortete, sprach er langsam, mit schleppender, kaum verständlicher
Stimme. Er zeigte gar kein Verständnis für meine Aufregung.

Das ärgerte mich. Das Blut stieg mir immer mehr zu Kopfe. Die Schläfen
hämmerten.

Ich wurde verbissener, trotziger: „~Ech hun dem Édem versprach,
dem Berta trei ze bleiwen. An duôrfir wöll ech neischt vun der âner
Geschicht wössen! Verstit der, Mononk~ .... ~Duôrfir!~....“

Er drehte ein paar Mal verlegen an seinem Glase: „~Prost, komm loße
mer Mötteg mâchen!~“ Wir tranken aus und gingen hinüber in den
Speisesaal.


Im Eßzimmer war es ungemütlich. Zu viele Leute saßen da. Wir konnten
unser Gespräch nicht recht fortsetzen.

Am liebsten wäre ich wieder allein durch den Park gegangen und hätte
über all das nachgedacht, was der Eidam mir gesagt hatte.

Ich war froh, als wir die drei Gänge hinter uns hatten. Ich wollte
zahlen und mich sofort verabschieden.

Das ließ der Oheim nicht zu.

„~Jé, jé!~“ Dabei klopfte er mir väterlich auf die Schulter,
„~elo gin mer do iwer de Caffé drénken!~“ Und vertraulich setzte
er hinzu: „~Mir hun nach eppes ze bespréchen.~“ Er lächelte und
blinzelte mit dem einen Auge: „~Eppes ganz Wichtiges.~“

Ich ließ mich bereden. Wir setzten uns in die untere Ecke des Saales.

„~Du râchs jo och en Zigar?~“ Er winkte dem Serviermädchen.

Ich suchte eine Zigarre aus, schnitt sie ab und legte sie neben mich
auf den Tisch.

„~Hei, fänk un!~“ Er zündete ein Streichholz an und reichte mir es
herüber.

Ich ließ die Zigarre anbrennen und prüfte das Aroma.

„~Gelt, daß e guden Zigar?~“

Ich nickte. „~Jô, Mononk, net ze stârk a gutt dréchen~.“

„~Mäja. Desen Dâg verdrét eppes Besseres~!“ Er machte eine kleine
Pause, rührte mit dem Löffel im Kaffee und nippte ein wenig an der
Tasse: „~D’aß méglech, dat den Halleschmöller mat der Joffer nach bis
erân kommen. Setz déng Sondeskuk op. A sef e bößchen fröndlech!~“

Ich war ganz erstaunt. Die Zigarre zitterte ein wenig in meiner
Hand. Eine Blutwelle schoß mir ins Gesicht. „~Dât aß en ofgemâcht
Spîll!~“ sagte ich hastig, gereizt.

Der Oheim schüttelte verneinend den Kopf, lächelte sein gewohntes
Lächeln und ging langsam hinaus.

Also darum war er so freundlich! Darum suchte er mich zurückzuhalten.

Ich legte die Zigarre auf den Aschenbecher und rückte unwillig an
meinem Stuhl. Sollte ich bleiben? Nein, das wäre rücksichtslos gegen
~Berta~. Einen Augenblick trommelte ich aufgeregt auf dem Tische,
rief das Serviermädchen und verlangte meine Rechnung.


Da kamen sie.

Der Halleschmüller schritt gleich auf mich zu: „~Bonjour, Här Welsch!
Hud der èr Geschäfte gemâcht?~“ Ganz freundlich klang seine Frage,
und er drückte mir die Hand.

Ich stammelte etwas von Einkäufen, die ich noch zu besorgen hätte....

„~Jé, jé, setz dech nach e Moment~,“ fiel der Oheim gleich
dazwischen, „~mer gin jo geschwön mat~.“

Das blonde Mädchen schaute mich etwas unglücklich an. Auch ihre hellen,
blonden Augen baten darum.

Es ward mir ungemütlich. Ein Unbehagen ergriff mich, eine nervöse
Erregtheit. Laufende Ameisen, kleine, beißende Ameisen, so glitt es
mir über den Körper....

Nein, das war nicht recht vom Oheim, daß er mich so hintergangen, so
überrumpelt hatte.

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. Er ließ sich nicht beirren. Und
unbekümmert um meine schlechte Laune schob er mir einen Stuhl hin und
überließ mir die Unterhaltung mit der ~Joffer Ketty~.

„~Dann aß d’Frûcht e bößchen gestiegen?~“ wandte er sich mit
erheucheltem Interesse an den Halleschmüller.

„~Jô, fofzéng Sou om Mâler~,“ sagte derselbe in ruhigem,
geschäftlichem Tone.

So sind sie, diese Leute. Schwindeln von Geschäftsinteressen. Und
kommen mit ganz anderen Absichten....

Nein, so läßt er sich nicht fangen. So nicht.

Das Gespräch stockte.

„~Hud dir vleicht nach Frûcht?~“ fragte der Müller. „~Ech géf
éch e schéne Preîs.~“

Jawohl, ich hatte noch Getreide, noch etwa 13 Malter zu verkaufen. Aber
nicht für den Halleschmüller.

„~Nên~,“ log ich, „~eis aß all verkâft~.“

„~Dât aß schuôd!~“

„~Dêd mer léd~,“ fügte ich gleich hinzu, um nicht unhöflich zu
sein, „~ech hätt éch se soß gär verkâft~.“

Wieder suchte mich der Blick des Mädchens; über ihr weiches Gesicht
huschte ein sanftes Lächeln. Das war Dankbarkeit.

„~Zillt der mé Wês bei éch?~“ fragte sie leise. Eine starke
Erregung bedrückte ihre Stimme.

„~Jô, Joffer. An e bößchen Möschler.~“

„~Kê Kâr?~“

„~Ganz sélen, Joffer.~“

Ein stärkeres Rot stieg ihr in die blühenden Wangen. Und ihre Hand
tastete etwas erregt über den Rand des Tisches.

„~Prost!~“ rief der Oheim und warf mir einen schiefen Blick zu.
Wir stießen an.

Ein paar Mal blinzelte er noch herüber, dann spann er das Gespräch mit
dem Halleschmüller weiter.

Ich drehte verlegen an meinem Glase, ganz so, wie der Oheim es vorher
getan hatte.

„~Dir hud och schons Drechefiderong fir d’Schwein?~“ fragte das
Mädchen weiter.

Ich schaute auf.

„~Gewöß, Joffer. Schon zönter zwê Jôr.~“

„~Gelt, d’aß eppes Guddes?~“ Ihre Stimme klang sicherer, heller,
lebenslustiger.

Erst jetzt musterte ich die ~Joffer Ketty~ genauer. Sie war
wirklich schön, groß, schlank und nett gekleidet. Um den Hals trug sie
ein goldenes Kettchen mit einem kleinen Medaillon. Ganz wie die andern.

Das Gespräch ging weiter. Sie erzählte von ihren Erfahrungen. Und sie
blieb immer die ruhige, ungekünstelte, gleiche Freundlichkeit.

Ich griff bisweilen mit einer Frage ein, weil ich freundlich bleiben
wollte.

Der Oheim bestellte noch eine ~Lanter Grächen. „Dé mecht wârem~,“
bemerkte er schmunzelnd, als er mir eingoß.

Die ~Joffer Ketty~ hielt die Hand über ihr Glas und wollte
abwehren.

„~Jé, jé~,“ bat der Oheim, schob ihre Hand bei Seite und füllte
das Glas. „~Wein brecht d’Eis, Joffer.~“

Sie schmunzelte. Ihre blauen Augen durchsonnten sich.

Wir tranken.

Der Wein goß Feuer in unsere jungen Seelen. Wir wurden immer
redseliger....

„~Dir hud nach evell en dichtigen Diskur~,“ griff ihr Vater in
unser Gespräch ein. Er zog seine Uhr heraus und schaute. Auf seinem
Gesichte lag Befriedigung.

„~Mir musse go’n, Ketty! D’göt Zeit.~“

Der Oheim winkte dem Serviermädchen. Ich wollte zahlen. Auch der
Halleschmüller.

Der Oheim winkte ab. „~Nên, haut aß mein Tour!~“ Er fuhr mit der
Hand über den Tisch: „~Heit, Joffer, mâcht eise Kont. D’aß alles fir
mech!~“


Unter freiem Himmel haben wir Landleute ein freieres Auftreten.

Wir plauderten gemütlicher, ungezwungener.

Ein scharfer Ostwind hatte die Wolken weggefegt. Klar und blau war der
Himmel. Wie ihre Augen.

Der Oheim ging mit dem Halleschmüller voraus. ~Ketty~ und ich
kamen hinterher. So schritten wir langsam die Großstraße hinauf am
Palais vorbei.

Ein Wachtposten Soldaten kam vorüber. Drei stramme Kerle in langen,
schwarzen Mänteln. Auch sie lugten herüber nach der ~Joffer Ketty~
und schmunzelten.


Auf dem Wilhelmsplatz trennten wir uns.

„~Eddé, Här Welsch!~“ sagte sie mit sanfter Stimme. In ihren Augen
lag wieder der aufleuchtende, milde Glanz.

Ich war freundlich zu ihr. Mehr aber auch nicht. Und mehr wollte ich
auch nicht sein.

~Berta~ kann mir keinen Vorwurf machen.


„~Wât sést du nun?~“ meinte der Oheim. „~Gefällt et dir ewell
besser?~“

Ich zog die Schulter. „~Wôufir soll et mir net gefâlen? D’aß en
dichtegt Médchen. D’get eng dichteg Hausfra. Awer d’aß ké Berta!~“

Er wurde ärgerlich.

„~Dû mat déngem Berta!.... Dest aß d’Médchen fir èrt Haus.... An
t’muß an d’Rei go’n.... So dohém, ech kém e Sonndeg. Da schwätze mer
iwert d’Sâch~....“

Er ging und ließ mich allein mit meinen Gedanken.


Zu Hause fand ich wenig Gehör. Ich hätte Unrecht. So meinte der Vater.
So auch sagte die Mutter.

So urteilen alte Leute. Die verstehen nichts mehr von dem Feuer der
ersten Liebe. Das soll man einfach abschütteln, wie man ein Kleid
ablegt.

Wer das kann!

Ich kann das nicht. Und ich will das nicht.

Und ich lasse mich auch nicht verhandeln wie so viele....

Viele werden unglücklich in der Ehe. Ich bedaure die nicht. Sie haben
sich selbst in ihr Unglück treiben lassen.

Es ist ein Fehler der heutigen Welt, daß die jungen Leute nicht mehr
heiraten.

Die meisten werden verheiratet, verhandelt, verkauft.

Sie heiraten einen Hof mit Land und Pferden und Kühen. Die Person ist
Nebensache.

Ich lasse mich nicht verheiraten, nie, nie!

Ich werde heiraten.

Das verstanden meine Eltern nicht.

Weil sie zu alt waren.

So stand ich allein im Kampfe um die Liebe, allein gegen alle.


Am folgenden Sonntag kam etwas ganz Unerwartetes. Ein unglückseliger
Brief.

Erregt öffne ich ihn. Ich schaue, schlage um. Vier lange Seiten in
kleiner, dünner Schrift.

Ich lese... Meine Augen leuchten... Ich lese weiter... Aerger überläuft
mich... Ich fluche... stampfe mit dem Fuß auf den Boden... und atme
schwer...

Ich lege den Brief zusammen, gehe in den Garten, lese noch einmal Wort
für Wort, langsam, bis ich alles gut verstanden habe, bis ich klar in
ihr Herz sehe....

~Berta~, auch mich drückt dein Kummer. Auch ich spüre den Groll,
den dein Vater auf dich häuft....

Aber ich spüre auch deine Liebe.

Diese Liebe willst du opfern; mußt du opfern, schreibst du. Dem Hause
mußt du sie opfern, dem Hausfrieden, deinem Vater....

Diesem Elenden....

~Berta~, verzeihe mir, wenn ich deinem Vater zürne. Verzeihe mir,
wenn ich den hasse, der unser Glück vernichtet....

Verfluchen möchte ich auch den Stadtjunker, diesen gemeinen Menschen.

Der hat gestöbert, geschnüffelt, gehetzt, schreibst du.

Der hat mich angeschwärzt bei deinem Vater, hat sich über mich, über
meine Wirtschaftsweise lustig gemacht, hat mich als einen überspannten
Bauer hingestellt....

Der Elende....

~Berta~, ich teile deinen tiefen Haß. Ich verstehe deine bitteren
Worte, und ich leide mit dir....

Also der hat deinen Vater umgarnt, im Wirtshaus geködert mit Wein und
Kognak, mit hohlen Redensarten....

Der hat uns von einander gerissen, hat alles zertrümmert, was wir in
reiner Liebe so schön aufgebaut hatten. Dieser....!

Und den will dein Vater dir aufbürden gegen deinen Willen, gegen den
Willen deiner Mutter....

Unglückliches Kind!

Ich lese zwischen deinen Zeilen. Und ich sehe deinen Kummer und ich
spüre dein Elend und ich empfinde deine Trostlosigkeit.

Eine Märtyrin bist du, ~Berta~. Und du hast Willensstärke genug,
um den abzuweisen, den dein Vater dir aufbürden will.

Es ist mir eine Genugtuung und eine innere Freude, daß du diesen
abweisest, daß du dein Leben nicht vertrauern willst an der Seite
dieses in öder Schreiberfron und ohne alle Selbständigkeit dienernden
Menschen, der kein Verständnis hat für deinen Wirkungskreis, der dich
nur heiraten will wegen .... wegen deines Geldes....

~Berta~, ich leide mit dir.

Ich leide mit dir, weil ich dich aus tiefstem Herzen liebe und weil ich
dich nicht aus dem Unglücke reißen kann.

Ich leide mit dir, weil ich deine edle Gesinnung sehe.

~Berta~, du bist zu gut! Du bist unendlich unglücklich, und doch
willst du mir zum Lebensglück verhelfen. In diesem Briefe deines
tiefsten Jammers schreibst du mir süße Worte von ~Hallesch Ketty~,
deiner Freundin.

~Ketty~ ist deine Jugendfreundin, deine Kameradin aus der
Haushaltungsschule, deine Herzensfreundin, ein gutes, braves Mädchen.

~Ketty~ würde eine tüchtige, fleißige Hausfrau, meinst du.

~Ketty~ würde mich sicherlich glücklich machen.

Du willst leiden und sterben, aber du willst, daß ich glücklich werde!
~Berta~, du bist edel und erhaben über viele, erhaben über alle.

Könnte ich mit dir den Weg durchs Leben gehen.... könnte ich.... könnte
ich!....


Ich drücke den Brief fest in die Hand, lehne mich an die Mauer,
schließe die Augen.

Und ich stehe da wie vor einem Sarge, der etwas verschließt, was mir
teuer war -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Ich öffne noch einmal den Brief, lese noch einmal die letzten Worte:
„.... und mit jedem Tag spüre ich mehr, daß der Schmerz um Liebe
unheilbar ist. Und doch müssen wir uns zu vergessen suchen, als ob wir
uns nie gesehen, nie gekannt hätten. Werden Sie glücklich!

    ~Berta Berels.~“

Unleserlich steht der Name unter dem Briefe. Etwas verwischt. Die Tinte
auseinandergelaufen. Dahin war wohl eine Träne gefallen....

Eine Träne der Liebe.

Eine Abschiedsträne. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Gute, liebe, unglückliche ~Berta~.

Lange stehe ich da in unsäglicher Traurigkeit.

Mußte das so endigen?

Nun ist es aus. Nun gibt es zwischen dir und mir keine Brücke mehr. Die
hat dein Vater eingerissen.

Vor uns liegt ein tiefer, schwarzer Abgrund. Darin ist alle deine
Lebensfreude begraben.

Warum all dieser Jammer, all dieses Elend, warum?....

Weil dein Vater rückständig ist, vernagelt, borniert....

Elender Berelsvater! Wie wirst du dies verantworten können vor der
Welt, vor deiner Familie, vor deinen Kindern, vor deinem Richter!....

Aergerlich und niedergeschlagen schreite ich durch den Hof.

Aus grauem Himmel fallen schwere, weiße Flocken hernieder. Langsam
legen sie sich über die Erde wie ein Leichentuch.

Durchs Merschertal klingt die Mittagsglocke. Dünn und schwach zittert
sie durch die kalte Luft, wie eine Glocke, die zum Sterben läutet.

Heute habe ich meine letzte Hoffnung begraben. -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Vier Monate sind seitdem ins Land gegangen.

Nun habe ich mein Glück doch gefunden.

Ich habe geheiratet. ~Ketty~ von der Halleschmühle ist meine Frau.

Sechs Wochen lebe ich schon in diesem Glück. Uns fehlt nichts. Wenn wir
gesund bleiben, möchte ich mit keinem Menschen tauschen.

~Ketty~ ist fleißig, haushälterisch, freundlich und zuvorkommend.
Sie versteht es, meinen Eltern jeden Wunsch von den Augen abzulesen.
Sie ist die Sonne des Hauses.

Neues Leben hat sie auf unsern Hof gebracht. Ich habe noch nie so
leicht, so gerne gearbeitet. Erst jetzt hat die Arbeit Lebenszweck.
Ich weiß, für wen ich arbeite.


Merkwürdig. Wie das alles gekommen ist seit diesem Abschiedsbrief von
~Berta~.

Ich habe gekämpft, gestrebt, mich aufgelehnt. Ich trauerte mit
~Berta~ um das verlorene, entrissene Glück. Ich wollte nicht den
neuen Weg zum neuen Glück gehen.

So ging eine Woche um die andere dahin. Meine Herzenswunde vernarbte,
und die Trauer verwandelte sich nach und nach in Entsagung, stilles
Gedenken.

Ich dachte noch oft an ~Berta~. Aber meine Gedanken hafteten nicht
untätig, gelähmt an ihr. Sie flogen weiter, suchten ~Bertas~
Freundin auf. Und die Sehnsucht ging neben uns und flüsterte mir von
Glück und schöner Zukunft. Und ~Berta~ zeigte auf ~Ketty~.
Ich hörte sie sagen: „Greif zu, dort ist dein Glück.“

So gingen meine Gedanken. Zuerst verschwommen, dann stärker,
sehnsuchtsvoller.

Das war keine Untreue. Das war der Wille ~Bertas~.

So schlich sich nach und nach das Bild der blonden ~Ketty~ in mein
Herz.

~Berta~ war nicht daraus verdrängt. Ich kann ~Berta~ nie
vergessen. Eine liebe Schwester ist sie mir geworden.


Halbfastensonntag fuhr ich mit dem Oheim hin.

Andere Besuche folgten.

In der Osterwoche feierten wir Hochzeit.

So fand ich mein Glück. Und mit diesem Glück kam neuer Aufschwung,
neues Leben auf unsern Hof.

Unsere Welt ist wunderschön.


Pfingstsonntag.

Das Merschertal träumt im Sonnenschein der stillen Nachmittagsstunden.
Ueberall Blütenschmuck, wogende Saaten.

Wir gehen über Land, meine Frau und ich. Das tun wir so gerne am
Sonntag.

Ein leichter Wind spielt in den Obstbäumen, liebkost die Blüten und
schüttelt sie tanzend auf den grünen Rasen.

Droben auf der Höhe dreht sich schläfrig die Windmühle. Einförmig singt
sie den ganzen Tag ihr zirpendes Lied. Wie die Grillen.

Dorthin setzen wir uns, ins Gras, in die blühende Weide.

Lange sitzen wir da und lauschen auf die tausend kleinen Geräusche
des stäubenden Sommers und fühlen uns so behaglich und glücklich, als
gehörte die ganze Welt uns, uns allein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Drunten im Tal zieht eine Schar singender Studenten vorüber:

    „~Vu mengem Durf gong ech hier,
    Dat frösch am Grënge leit,
    Dohannen iw’rem große Miér
    So’ weit vu mir, so’ weit~ -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mit der bitteren Wehmut eines Unglücklichen rufen diese Lebensfrohen
die Sehnsuchtsklänge nach einer verlorenen Heimat in den goldigen
Ferientag.

    „~Gett mir mein Dach vu Stré
    A mengem Durf erem,
    Ech gin iéch alles drem!~“ -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

So würde auch ich vielleicht jetzt flehen, wenn ich damals mit über das
große Meer ausgewandert wäre. So jammern auch jetzt vielleicht meine
Kameraden....

Schon so viele sind voller Hoffnung ins Dollarland gegangen und haben
dort nur schwere Enttäuschungen erfahren.

„~Eisen Haff leît awer schén~,“ unterbricht meine Frau die
Träumerei.

Ihre Augen leuchten.

Ich nicke zustimmend.

„~Gefällt déng nei Hémècht der dann grad esoû gut wé dé âl?~“
frage ich lächelnd.

„~Jô, vill besser.~“ Es klang Glück aus ihren Worten, reines Glück.

Wir haben beide das Glück gefunden.


Und doch fiel ein Schatten auf unser junges Glück.

Die ~Mäsch Sisi~.

Meine Gedanken gingen rückwärts, über drei Monate, zu der Zeit, wo
meine Freierei mit der ~Ketty~ im Dorfe bekannt wurde. ~Sisi~
war untröstlich. Sie hatte immer noch damit gerechnet, daß wir uns
heiraten könnten. So sind die Mädchen. Die glauben an das Unmögliche.
Auch ~Sisi~ konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, daß
unsere Wege sich trennten, seit jenem Unglückstage, an dem ihr Bruder
starb. Die Weiterführung des Hofes steht doch über der Liebe. Ich
konnte ja unsern Hof nicht aufgeben. Und auch sie durfte den ihrigen
nicht verlassen. Das Opfer mußte sie bringen können.

Sie wußte es nicht zu bringen, weil sie in ihrer Liebe nur ihr Herz
reden ließ. So ergeht es vielen.

Auch ich war zuerst in dieser Verfassung auf Brautschau gegangen.

Dadurch habe ich viel gelitten. Dadurch kommt viel Unglück in die Welt.

Wenn man auf Brautschau geht, soll man das Herz zu Hause lassen und nur
den Verstand mitnehmen.

So hatte der Vater mir oft gepredigt. Damals wollte ich es nie glauben.

„~Domt Geschwätz~“, hatte ich jedesmal gedacht. Und jedesmal hatte ich
mich sehr geärgert.

Jetzt urteile ich anders. Heute weiß ich, daß der Vater recht hatte.
Der Verstand muß die Bremse des Herzens sein, muß, muß. Sonst wird man
sein Leben lang unglücklich.

Leider sehen die meisten das zu spät ein. Oder sie wissen nicht zu
bremsen.

So geht ~Wonesch Henriette~ ins Unglück.

So auch leidet ~Mäsch Sisi~.

Und das bricht auch der guten ~Berta~ das Herz.

Wie traurig, daß bei der Erreichung meines Glückes das Glück anderer in
Scherben gehen mußte, wie traurig! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- --


„~Komm Jämp, mir mussen hém gôn, d’aß Zeit. Wann dem Bérelsédem
sei Bruder mat desem Zug könt, dann aß hién gleich hei. Hién könt
vleicht nach bis erân, éer hién a Mäsch geht~,“ sagte meine Frau in
sorgendem Tone. Sie schlang ihre Hand in meinen Arm.

Ich fuhr auf aus meiner Träumerei. Ganz richtig, der sollte heute
kommen, um im ~Mäsch~-Hause vorzusprechen. Es wäre mir eine
Erleichterung, wenn ich diese Heirat zustande brächte. ~Sisi~
verdient einen guten Mann. Und sie weiß auch einen Mann glücklich zu
machen. Auch dem Berelseidam würde ich es gut gönnen, wenn sein Bruder
das Mädchen heimführen könnte.

Dann würde ~Sisi~ ja auch noch sein Glück finden.

Aber ~Berta~?....


Herbstzeitlosen blühen in den Dorfwiesen. Der Sommer geht zur Neige.
Die Ernte ist eingebracht.

Wir sind bei meinen Schwiegereltern auf Besuch.

Verträumt liegt die Mühle in der tiefen Stille des Sonntagnachmittags.

Verträumt klingen die Glocken droben im Dorf. Sie läuten zur Vesper.
Dort wird Berta wohl jetzt beten.

Wir sitzen vor der Mühle in der lauen Sonne und plaudern.

Von allerhand geht das Gespräch. Von den Viehweiden, von der Ernte, von
den Berelsleuten.

„~An dât Haus aß emol vill Onglèck komm~,“ meinte mein
Schwiegervater.

Dann erzählte er von ~Berta~.

Ich stützte den Kopf schwer in die Hand. Schläfrig fuhr der Wind durch
die Bäume.

„~Do oûwen könt et!~“ Ich blickte auf. Wirklich, da kam
~Berta~ langsam den Weg herunter, gebückt, schleppenden Schrittes.

Meine Frau sprang auf, eilte ihr entgegen.

Auch ich ging hinüber.

~Berta~ lächelte. Krank lag das Lächeln auf dem eingefallenen
Gesichte.

Meine Frau küßte sie auf die Wange.

Ich drückte ihr die Hand. Schlaff und kalt lag ihre Hand in der meinen.

Sie atmete tief und war ganz erschöpft. Ihre Stirne stand voll
Schweißtropfen.

„~Dât mecht eis Fréd, daß du könns, Berta~,“ sagte meine Frau
tröstend.

~Berta~ lächelte wieder das kalte, fremde Lächeln.

„~Ech hun héren, daß dir hei wärd. An dû wollt ech iech zwé nach emol
gesinn.~“

Sie war ganz erregt und konnte kaum sprechen.

„~Dât aß schén!~“ Meine Frau legte den Arm um ihre Schulter. Eng
aneinandergeschmiegt standen sie da.

„~A wé geht et dann, Berta? Du wars krank?~“ fragte ich
teilnahmsvoll.

„~Jô, ech war krank, mä -- d’géht -- erem -- besser.~“

Ihre Brust keuchte. Sie hielt den Atem an und gab sich Mühe, nicht zu
husten. Und die Erregung malte noch einmal jugendfrische Farbe auf ihr
Gesicht.

„~Du geseîs gut aus~,“ tröstete meine Frau. ~Berta~ lächelte
wieder das kranke Lächeln.

Ich sah das blühende Rot ihrer Wangen.

Kirchhofsrosen....


Wir setzten uns auf die Bank am großen Mühlenweiher.

Die Wellen spiegelten das welke Gesicht noch durchsichtiger,
verfallener. Frühling und Sommer waren daraus verschwunden. In ihren
Augen lag der trübe Schein des freudlosen Winters.

Eine Weile saßen wir stille.

„~Ech sin froû, daß dîr zwê esoû glèckléch set.~“ Sie hatte ihren
Arm in den meiner Frau geschlungen und drückte ihr leidenschaftlich die
Hand, als wollte sie damit ihre tiefe Freundschaft bezeugen.

Meine Frau hatte ein paar Blumen gepflückt und reichte ihr das
Sträußchen hin.

Nachdenklich nahm sie eine Blume nach der andern, legte sie gleichmäßig
zusammen, blickte wehmütig auf dieselben und riß zerstreut einige
Blüten ab.

Wie tote Schmetterlinge sanken die Blätter in ihren Schoß und fielen
zur Erde.

„~Fir mech bléen keng Blumen mé!~“ Langsam sagte sie das, leise
und kummervoll. Langsam band sie Wort an Wort, wie sie die Blumen
zusammengelegt hatte. Ich dachte an das alte, traurige Lied von der
unerfüllten Liebe und dem frühen Sterben, das die Mädchen auf den
Feldern singen, wenn die Kartoffeln ausgehoben werden und der rauhe
Herbstwind über die kahlen Stoppeln treibt.

Ich suchte sie zu trösten, aufzumuntern. Sie schaute mich groß an wie
eine, für die es keine Hoffnung mehr gibt.

„~Nê, Jämpi.~“ Sie schüttelte den Kopf. Eine unendliche Wehmut
klang aus der gebrochenen Stimme.

Sie fröstelte ein wenig, zuckte mit den Schultern und wickelte die
Hände in die Schürze.

„~Jämp, du wars den Enzigen, mat dém ech froû war.~“ Ein tiefes Keuchen
drang aus ihrer Brust. Ihr Atem ging erregt, hastig. Eine dunkle Glut
schoß ihr in die Wangen. Sie hustete tief. „~D’Huôt net könne sin. Ech
hu mech drân ergin.~“ Sie preßte die Hand auf die Brust, als ob das
Atemholen ihr wehe täte. „~An ech sin dach froû, Ketty, daß du fir mech
glèckléch baß.~“

Gern hätte ich ihr jetzt eine tröstende Zärtlichkeit gesagt. Es fiel
mir nichts ein. Nichts Passendes, womit ich dem guten Mädchen hätte
Freude machen können. Da legte ich ihr leicht die Hand auf die Schulter.

„~A wé gét et dann mat déngem Papp?~“ Meine Frage rührte an eine alte
Herzwunde. ~Berta~ schlang den Arm um den meiner Frau und zog sie mit
sich fort hinunter am Mühlenteich vorbei in die Einsamkeit.

Ich stand auf und schritt langsam hinüber in den Garten. Dort sah
ich sie am äußersten Ende stehen. ~Berta~ hatte sich an eine Pappel
gelehnt, rieb sich die Augen mit dem Taschentuche und schluchzte,
schluchzte bitterlich. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- --

Langsam, geräuschlos ging ich zurück zur Mühle, sank auf die Bank und
stützte mich müde an die Lehne.

So viel Elend hat der Berelsvater über sein Haus gebracht.

So unglücklich hat er sein Kind gemacht.

Leise wanderte der Wind in den herbstlichen Bäumen. Bisweilen raschelte
ein Blatt herunter; ein gelbliches, fahles Blatt. Einen Augenblick
wirbelte es in der Herbstsonne, dann sank es tot in den großen Weiher.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


Droben am Wege kamen Schritte.

Ich schaute auf. Heinrich Holmer und seine Frau.

„~Aß d’Berta net hei?~“ fragte die junge Frau sorgenvoll.

„~Dach! D’aß mat ménger Fra e böschen spazéeren.~“ Ich bemühte
mich ruhig zu sprechen.

Wir setzten uns. Ich lenkte das Gespräch auf seinen Bruder und auf
~Mäsch Sisi~. Holmer dankte für meine Bemühungen. Er freute sich,
daß die Sache so weit geregelt war. Schon nach dem Winter sollte die
Hochzeit sein.

Meine Schwägerin trat zu uns. Die Frauen sprachen von der Obsternte und
schritten hinüber in den Garten.

So blieb ich mit Holmer allein.

„~Aß d’Berta wirkléch esoû krank?~“

„~Jô, den Dokter get et verspielt. D’hät nach spétestens bis nôm
Wanter.~“

Eine tiefe Stille. Ein drückendes Schweigen.

Ich atmete beklommen.

„~Nömme bis nôm Wanter~,“ wiederholte ich.

Er nickte. „~Jô, bis nôm Wanter.~“

Leise strich der Herbstwind durch die Pappeln.

„~A wât mecht dann de Papp?~“

„~Dén dêt et stiérwen!~“ Das sagte er stoßweise, mit verhaltenem Groll.

„~Wât mei Schwéerpapp eisem Haus schon Kreiz a Léd ugedôn hoût!....
Hién aß ganz verännert.... All Woch könnt hién e poûr môl vôl hém....
An dann péngecht hién dât aremt Kand, daß net ze soen. Mir leiden all
dröner.~“ Er machte eine lange Pause, nahm den Hut ab und fuhr mit der
flachen Hand über die Stirne. „~Awer, mir mussen et erdrohen. An d’aß
dem Berta sein Doût.~“

Der Eidam brach ab und blickte bekümmert vor sich auf den Boden. Ich
wollte nicht weiter fragen.

Jetzt wußte ich, daß es aus war mit ihr. Ich sah sie zusammenbrechen.
Und ich sah das Berelshaus leiden, abbröckeln, vergehen....

So kommen Elend und Rückgang in manches Haus.... Und der Schuldige
trägt nicht mit, weil er seine Schuld nicht einsieht. Die Unschuldigen
aber gehen daran zu Grunde. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- --


Drunten kamen sie.

~Berta~ versuchte zu lächeln. Ihre schwarzen Augen waren gerötet.
Sie hatte viel geweint.

Wir tranken den Kaffee. ~Berta~ konnte nichts essen. Sie sah elend
aus.

Ich wollte essen, wollte. Aber auch ich brachte nichts hinunter. Ein
bitterer Geschmack lag mir auf der Zunge.

Ich hörte den keuchenden Atem des unglücklichen Kindes, das erst
im Blütenalter stand, und dem kein Sommergold und kein Herbstsegen
beschieden ist, und das schon so bald abgerufen werden soll.

So bricht ein Kind zusammen, dem der Vater ein schweres Kreuz
aufgedrückt hat. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Und so erdrückt dieses Kreuz ein ganzes Haus.


Herbst und Winter waren vergangen. Schöne Tage kamen, wo die Menschen
wieder froh werden.

Damals verblaßten ~Bertas~ Wangen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- --

    Die Glocken läuten.

    Sie läuten im Merschertal.

    Sie läuten im Syrtal.

Im weißen Kleide geht ~Mäsch Sisi~ zum Traualtar, und die Sonne
streut Gold auf ihren weißen Brautkranz.

Im weißen Kleide schläft ~Berta~ den ewigen Schlaf. Dorfmädchen im
weißen Schleier tragen sie durch die Frühlingspracht zum Friedhof.

Die Glocken läuten. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- --

[Illustration]



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*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Berels Berta - Eine Bauerngeschichte aus dem Luxemburgischen" ***

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