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Title: Der Sohn einer Magd
Author: Strindberg, August
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Sohn einer Magd" ***

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Anmerkungen zur Transkription

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. Folgende
Zeichen sind für die verschiedene Schriftformen benutzt:

  _kursiv gedruckter Text_
  +gesperrt gedruckter Text+



  STRINDBERGS WERKE
  DEUTSCHE GESAMTAUSGABE

  UNTER MITWIRKUNG VON EMIL
  SCHERING ALS ÜBERSETZER VOM
  DICHTER SELBST VERANSTALTET

  ABTEILUNG: LEBENSGESCHICHTE
  1. BAND: DER SOHN EINER MAGD



                           AUGUST STRINDBERG

                          DER SOHN EINER MAGD

                    MIT DEM NACHGELASSENEN VORWORT

                    AUS DEM SCHWEDISCHEN ÜBERTRAGEN
                                  VON
                             EMIL SCHERING

                            [Illustration]


                                 1921
                      GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN



+Einzige vom Dichter und seinen Erben autorisierte deutsche Ausgabe+

24. bis 33. Tausend.


Copyright 1918 by Georg Müller Verlag Akt.-Ges., München.



VORWORT ZUR ERSTEN AUSGABE

1886

Aus dem Nachlasse übertragen


+Interviewer.+ Was ist das für ein Buch, das Sie jetzt herausgeben?
Roman, Biographie, Memoiren oder was?

+Autor.+ Das steht auf dem Titel: Die Entwicklung einer Seele, 1849-67.
Ich gebe zu, da müßte noch stehen: Im mittleren Schweden und unter
den im Buche angegebenen Voraussetzungen: die Erblichkeit von Mutter,
Vater und Amme; die Verhältnisse während der Schwangerschaft; die
wirtschaftliche Lage der Familie; die Weltanschauung der Eltern; die
Natur des Verkehrs; Schule und Lehrer, Kameraden, Geschwister, Diener
usw.

+Interviewer.+ Es wird also ein physiologischer Roman sein?

+Autor.+ Kein Roman und nicht nur physiologisch. Es ist, wie ich gesagt
habe: Die Entwicklung einer Seele, 1849-67, im mittleren Schweden...

+Interviewer.+ Etwas ganz Neues jedenfalls?

+Autor.+ Es gibt ja nichts Neues. Vielleicht etwas „Anderes‟, mit einem
Wort: die Entwicklung...

+Interviewer.+ Eine Apologie, eine Konfession?

+Autor.+ Nein, keine Selbstverteidigung und keine Bekenntnisse, denn
ich habe nichts zu verteidigen und will nichts bekennen, weil ich nicht
daran denke, um Verzeihung zu bitten. Ich beginne (merken Sie, ich
sage: beginne) zu glauben, daß der Mensch nicht verantwortlich ist,
weil ihm der freie Wille zu fehlen scheint.

+Interviewer.+ Das klingt ja vielversprechend für die literarischen und
politischen Widersacher, wenn Sie nämlich ebenso mild gegen die sind,
wie gegen sich selbst.

+Autor.+ Ebenso mild kann man nicht sein und darf es auch nicht, wenn
man nämlich, wie ich glaube, die größten und ersten Pflichten gegen
sich selbst hat. Daß ich nicht ebenso milde gegen sie bin, hat auch
einen anderen Grund.

+Interviewer.+ Welchen Grund?

+Autor.+ Daß ich recht habe und sie unrecht; daß sie also mir unrecht
tun, ich ihnen aber recht.

+Interviewer.+ Wie wissen Sie, daß Sie recht haben?

+Autor.+ Ich schließe es aus triftigen Gründen. Nur die Zukunft kann
urteilen.

+Interviewer.+ Sie als einzelner glauben der Gesellschaft gegenüber
recht zu haben.

+Autor.+ Jeder einzelne ist ein Vertreter; und ich vertrete die
einzelnen, die der jetzigen Gesellschaft gegenüber recht haben.

+Interviewer.+ Wer hat Sie zum Vertreter gewählt?

+Autor.+ Gewählt bin ich nicht, hätte aber gewählt werden können,
wenn ich mich hätte wählen lassen wollen. Übrigens sollten Sie, da
Sie Monarchist sind, nicht sagen, der einzelne dürfe nicht gegen die
Gesellschaft auftreten, da der König, der ein einzelner ist, das
Veto gegen die +gewählten+ Vertreter der Gesellschaft hat: was Sie
ja richtig finden! -- Etwas anderes: ich bin nicht „der einzelne
gegen die Gesellschaft‟, ich bin nur der einzelne gegen die +jetzige+
Gesellschaft. Ich bin im Gegenteil der einzelne für die Gesellschaft,
die künftige nämlich.

+Interviewer.+ Das klingt nicht so dumm: Sie hoffen also, daß die
künftige Gesellschaft Ihnen dankbar sein wird?

+Autor.+ Ich glaube nicht, daß die künftige Gesellschaft irgend
jemandem dankbar sein wird, weil die künftige Gesellschaft nicht nach
den Motiven der Person urteilen wird, sondern nach dem Nutzen der
Handlung.

+Interviewer.+ Warum schlagen Sie denn solchen Lärm?

+Autor.+ Weil ich nicht anders kann. Warum ich nicht anders kann, das
steht in meinem Buche zu lesen.

+Interviewer.+ Etwa wie Jago sagt: Ich lebe nicht, wenn ich nicht
hecheln darf?

+Autor.+ Eben!

+Interviewer.+ Und die Motive sollten also gleichgültig sein?

+Autor.+ Durchaus!

+Interviewer.+ Sie geben also zu, daß Ihre Motive egoistisch sind.

+Autor.+ Ja! Ich habe mir eine Zeit lang eingebildet, ich sei Wunder
was für ein Altruist, aber das war vielleicht ein Irrtum. Ich
schlage nicht Lärm, um direkt etwas zu gewinnen, denn ich will weder
Abgeordneter, noch Minister, noch reich werden! Ich stehe mir selbst in
der Sonne, sagt man, und ich könnte sowohl Abgeordneter wie vermögend
sein, wenn ich es hätte wollen können. Mein Egoismus ist also von der
Art, daß er schließlich allen nützt, nur mir selbst nicht; höchstens
vielleicht meinen Kindern, die eine andere Luft atmen werden; aber
daran denke ich selten.

+Interviewer.+ Aber ich finde, Sie haben den Helden Ihres Buches in ein
vorteilhaftes Licht gestellt.

+Autor.+ Das kann ich nicht finden. Er wird ja nach Ihren Begriffen
ein lasterhafter, feiger, neidischer, selbstsüchtiger, hochmütiger,
ungehorsamer, unmoralischer, gottloser Lümmel! Ist das so vorteilhaft?

+Interviewer.+ Dann ist es jedenfalls dumm, den Helden so zu
schildern. Auf diese Weise vernichten Sie ja die Wirkung Ihrer ganzen
schriftstellerischen Tätigkeit?

+Autor.+ Das kann ich nicht glauben. Man nimmt die Wahrheiten nicht
an, weil sie von Herrn Strindberg ausgesprochen werden, sondern weil
sie sich als wahr erweisen. Und übrigens, wer hat Luthers segensreiche
Tätigkeit geleugnet, weil er im Verdacht stand, an einer venerischen
Krankheit zu leiden? (Ja, das läßt Schück in seinem Buche über
Shakespeare durchblicken!) Oder verwirft man Luthers Reformation,
weil er die Nebenabsicht, zu heiraten, hatte? Wer fragt danach, ob
Edison verschuldet war, ehe er das Telephon preist? Lassalle hat die
alte Volkswirtschaft entlarvt und sich für den Arbeiter interessiert,
obwohl er Austern und schöne Frauen liebte! Wer hat nicht seine Freude
an Walter Scotts Romanen, trotzdem der Dichter tatsächlich für Geld
schrieb, um das Schloß seiner Väter zurückkaufen zu können? Wer liebt
nicht Tegnérs Dichtungen, trotzdem der Verfasser Onanist war? Gambetta
hat die französische Republik gerettet, trotzdem er +auch+ eine Million
an Spekulationen verdiente; L. O. Smith hat dem schwedischen Arbeiter
genützt, obwohl er ihn benutzt hat; C. O. Berg hat der Abstinenz
gedient, trotzdem er eine Schlachthausgesellschaft bildete.

+Interviewer.+ Aber Lehre und Leben müssen doch eins sein.

+Autor.+ Wie können sie das? Bei euch Christen müßten sie es, aber
bei uns Heiden liegt kein Grund vor. Ich glaubte einst, ich könnte
Abstinent werden, aber ich bin dazu verurteilt, zu trinken, solange
ich lebe, weil meine Väter seit Urzeiten getrunken haben. Das hindert
mich aber nicht, den Nutzen der Mäßigkeit einzusehen (Abstinenz ist ein
Irrtum), ja sie sogar zu empfehlen. Wir Atheisten haben also das Recht,
größere Forderungen an euch Christen zu stellen, als ihr an uns stellen
könnt. Beginnen Sie also diesen persönlichen Gesichtspunkt abzulegen,
dann werden wir fortfahren! Eher beginne +ich+ nicht.

+Interviewer.+ Ich will jetzt auf das Buch zurückkommen. Es ist kein
Roman; es muß also etwas Neues sein.

+Autor.+ Wenn Sie mich durchaus auf dieser Leimrute fangen wollen,
meinetwegen etwas Neues. Es ist ein Versuch, den ich in der Literatur
der Zukunft mache.

+Interviewer.+ Das habe ich mir gedacht!

+Autor.+ Zola selbst hat in seinem letzten Roman „L'Oeuvre‟ gewittert,
daß seine Methode weiter entwickelt werden muß. Er findet seine Bücher
trotz aller Wahrheitsliebe „lügnerisch‟. Ja, in welchem Verhältnis der
Impressionist Manet, den er in diesem Buche schildert, zur Familie
Rougon-Macquart steht, begreife ich nicht, und die Erblichkeit ist
schließlich ganz verschwunden. Außerdem geht Manets Tätigkeit über das
zweite Kaisertum hinaus. Ich halte Zola noch immer für den Meister im
heutigen Europa, glaube aber, daß er zuweilen den Einfluß des Milieus
überschätzt hat. Wenn eine Frau in einer Orangerie verführt wird,
braucht man die Verführung nicht mit allen Topfpflanzen in Verbindung
zu bringen, die dort vorhanden sind, und sie aufzuzählen. Von anderer
Bedeutung werden dagegen die Möbel in einem Elternhause, weil sie die
allgemeine wirtschaftliche Lage der Familie angeben; und die Bücher
des väterlichen Bücherschrankes sind nicht gleichgültig für die erste
Entwicklung eines literarisch veranlagten Sohnes. Ferner glaube ich,
daß die ausführliche Schilderung +eines+ Menschenlebens wahrer wird
und mehr aufklärt als die einer ganzen Familie. Wie soll man wissen,
was in einem anderen Gehirn vorgeht; wie soll man die verwickelten
Motive wissen, welche die Handlung eines anderen veranlassen; wie soll
man wissen, was die und die in einer vertraulichen Stunde sagten?
Man konstruiert! Aber bisher ist die Homologie, die Wissenschaft
vom Menschen, wenig von den Dichtern gepflegt worden: mit dürftigen
Kenntnissen in der Psychologie haben sie sich erdreistet, das so tief
verborgene Seelenleben zu schildern. Man kennt nicht mehr als +ein+
Leben, sein eigenes. Wenn man sein eigenes Leben schildert, hat man den
Vorteil, daß man mit einem sympathischen Menschen zu tun hat, nicht
wahr, und da sucht man zu den Handlungen immer Motive. Gut! Das Suchen
nach den Motiven, das war der Zweck dieses Buches.

+Interviewer.+ Aber die Motive zu den Handlungen der anderen?

+Autor.+ Die kennt man selten. Entweder läßt man sich zu übertriebener
Milde verlocken, aus Furcht, ungerecht zu werden, oder man wird hart
aus Antipathie, Selbstverteidigung und so weiter. Sehen Sie nun genau
nach, ob ich +versucht+ habe, gerecht zu sein. Daß ich es nicht ganz
habe sein können, weiß ich, und das tut mir leid, aber bedenken Sie
auch, daß die Nebenpersonen zuletzt so geschildert werden, wie sie
in ihrem Verhältnis zu -- dem, der über sie schreibt, aufgefaßt
wurden. Sehen Sie doch, wie ich den Vater in seinen vielen Beziehungen
schildere: zum Sohne, zur Mutter, zur Stiefmutter, zu Schwestern,
Buchhaltern, Kunden, Dienstboten, Vorgesetzten usw. Der Stiefmutter
gebe ich recht als Gattin; ich bin ihr nur abgeneigt, weil sie
Stiefmutter ist; führe also ihr Motiv an: ihre schiefe Stellung; und
ich schlage sogar, damit es nicht erst zu einer solch schiefen Stellung
kommt, als Heilmittel vor, daß die Kinder aus dem Hause geschickt
werden. Ich stehe also schließlich auf ihrer Seite!

+Interviewer.+ Das soll also die Literatur der Zukunft sein? Hm! Die
ist aber weder schön noch heiter.

+Autor.+ Nein, das ist sie nicht, aber sie ist bestimmt nützlich.
Ich erinnere mich, daß ich als junger Literat, als ich bereits die
Mängel der konstruierten Literatur eingesehen hatte, mit dreiviertel
Ernst den Plan zu einer wirklichen Literatur der Zukunft entwarf, die
Dokumente über die Geschichte der Seele liefern sollte. Diese Literatur
sollte aus der Selbstbiographie eines jeden Bürgers bestehen, die, bei
gewissem Alter, anonym, ohne daß Namen im Text genannt werden, dem
Archiv der Gemeinde eingereicht wird. Das würden Dokumente sein, nicht
wahr? Haben Sie Pitaval und Feuerbach gelesen, über das Leben berühmter
Verbrecher? Dort ist Psychologie zu finden. Schade, daß es nur die von
sogenannten Verbrechern ist.

+Interviewer.+ Dann glauben Sie, daß die Romanliteratur aussterben wird?

+Autor.+ Gewiß! Töten will ich sie nicht, aber ich weiß, daß sie im
Sterben liegt. Zola hat den letzten Kompromiß mit ihr geschlossen und
scheint sie jetzt durchschaut zu haben. „L'Oeuvre‟ war kein Roman für
mich, da ich Emile Zola hinter Sandor und Edouard Manet hinter Claude
Lantier sah und eben das Gemälde „Plein air‟ in Paris gesehen hatte.
Man liest indessen, und das ist das Symptom, am liebsten Zola, denn
man ist überzeugt, daß es wahr ist. Warum soll es denn arrangiert
werden? Die Gerichtsreferate der Zeitungen sind doch zuverlässiger, und
wie werden die verschlungen! Die Unterklasse, die zuweilen gesunden
Menschenverstand hat, hält sich am liebsten an die volle Wirklichkeit
und liest darum nur die Zeitung -- oder Abenteuer. Jemand aus der
Unterklasse, der „Germinal‟ liest, wird sich sicher fragen: Wie
weiß der Autor, was Etienne und seine Geliebte sprachen, als sie in
der Grube eingeschlossen waren? Ja, wie? Noch schlimmer ist, wenn
die letzten Worte des Selbstmörders erzählt werden, ohne daß Zeugen
dabei gewesen sind. Wieviel Konventionelles ist nicht im Roman! Die
Liebeserklärung zum Beispiel. Ich habe mindestens fünfundzwanzig von
meinen verheirateten Bekannten gefragt, wie sie gefreit haben, und sie
haben erklärt, die Worte „Ich liebe dich‟ seien nie über ihre Lippen
gekommen. -- Wollen Sie noch etwas wissen?

+Interviewer.+ Nein, danke, jetzt weiß ich genug!

+Autor.+ Schreiben Sie denn etwas Gutes über mein Buch. Ich lese es
doch nicht, denn ich habe meinen Kopf für mich. Ich bin, der ich
geworden bin. Wie ich es geworden bin, das steht in meinem Buche!

  Mai 1886.      August Strindberg.



VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE[1]

1909.


Dies ist die Geschichte eines 60jährigen Menschenschicksals. Die
ersten Teile sind im Alter von 40 Jahren verfaßt worden, und zwar vor
dem Tode, wie ich glaubte, denn ich war müde, sah keinen Zweck mehr
im Dasein, hielt mich für überflüssig, verworfen. Ich lebte damals
nämlich in der trostlosen Weltanschauung, die ein halb gottloser
Mensch besitzt, wollte aber doch Bücherabschluß machen und die Lage
überschauen, mich vielleicht von falschen Beschuldigungen befreien.
Im Laufe der Arbeit entdeckte ich jedoch einen gewissen Plan und eine
Absicht in meinem bunten Leben, und ich fand die Lust zu leben wieder,
getrieben meist aus Neugier, wie es weitergehen und welches Ende ein
solches Leben nehmen würde.

Ich lebte im fremden Lande, vergessen und vergessend, ganz vertieft in
die Naturwissenschaften, nachdem ich das Dichten aufgegeben, als ich
mit dem Jahre 1896 in eine Epoche trat, die ich „Inferno‟ genannt habe;
unter diesem Titel erschien jenes Buch 1897, das ein Wendepunkt in
meinem Leben wurde. Die „Legenden‟ setzten 1898 die Schilderungen fort
von der Verwüstung, die meine Person durchmachte; nach welcher Prozedur
die heftige Produktion entsprang, die dann begann und sich in Dramen,
Gedichten, Romanen, fast ohne Zahl, ergoß.

Viele Dichtertypen treffen wir hier, aber jeder ist ein echter Ausdruck
seiner Zeitepoche, mit ihren Bewegungen, Gegenbewegungen, Irrtümern.
Jetzt zu streichen oder ändern, was ich mißbillige und verabscheue,
hieße ja den Text fälschen, darum werden die Urkunden fast genau so
herausgegeben, wie sie entstanden sind. Ich habe mich wohl gefragt, ob
es recht ist, diese Brandpfeile wieder loszulassen, aber nach reifer
Überlegung habe ich gefunden, daß die Handlung mindestens indifferent
ist. Ein Mensch mit festen Begriffen in der Moral und mit klarer
Vorstellung von den höchsten Dingen läßt sich nicht von Sophismen
verführen, und wer in Auflösung steht, findet kaum eine Stütze in
diesen Deduktionen, die bereits widerlegt sind.

Ob der Dichter wirklich, wie er zuweilen glaubte, mit Standpunkten
experimentiert oder sich in verschiedenen Persönlichkeiten verkörpert,
sich polymerisiert hat, oder ob eine gnädige Vorsehung mit dem Dichter
experimentierte, mag für den aufgeklärten Leser aus den Texten
hervorgehen. Denn die Bücher sind sehr aufrichtig niedergeschrieben,
natürlich nicht ganz, denn das ist unmöglich. Hier werden Bekenntnisse
abgelegt, die niemand verlangt hat, und Schuld gestanden, die
vielleicht nicht so gefährlich war, da der Verfasser sogar seine
stillen Gedanken straft.

Ziemlich wahrhaftig sind auch die Beziehungen, können aber nicht ganz
exakt sein. Wenn ich z. B. mit 60 Jahren durchlese, was ich mit 40
schrieb, kommt mir manches unbekannt vor, als sei es nicht passiert.
Ich habe also gewisse Einzelheiten aus der Kindheit während der letzten
20 Jahre vergessen, aber ich bin beinahe sicher, daß ich mich mit
40 Jahren ihrer erinnerte. Und eine Geschichte kann auf viele Arten
erzählt, von verschiedenen Seiten beleuchtet, gefärbt und entfärbt
werden. Hat der Leser also hier eine Geschichte gefunden, die auf
andere Art erzählt ist als in einer meiner späteren Schriften, wo sie
wiederholt wird, so mag er sich erinnern, was ich hier gesagt habe.

Dies ist die Analyse von meinem langen abwechslungsreichen Leben, die
Ingredienzen zu meiner Dichtung, das Rohmaterial. Wer das Resultat
sehen will, der nehme und lese das „Blaubuch‟: das ist die Synthese
meines Lebens!



Nachschrift.


Jetzt, nachdem ich vom ersten Teil die Korrektur gelesen habe, muß
ich beteuern, daß mir die Arbeit ein unsagbares Leiden gewesen ist.
Aber die Ausgabe unterdrücken zu suchen, fällt mir doch nicht ein. Das
Opfer ist einmal gebracht; ich kann es nicht zurücknehmen! Dagegen
habe ich die Neigung gehabt, die Mitmenschen, die bloßgestellt werden,
zu schonen, doch das ist nicht mehr möglich. Bleibt mir nur übrig
zu sagen: Es gibt Handlungen, vor denen man zurückschreckt, die man
aber dennoch begehen muß, weil sie eine Aufgabe haben. Der Beruf des
Dichters ist eine Selbstopferung, aber dieses Buch, das „vorm Tode‟
geschrieben wurde, war damals ein Untersuchungsprotokoll über das Kind
und den Jüngling; jetzt ist es ein Urteil geworden, aber ein bedingtes.

Stockholm, 7. Februar 1909.

                                                     August Strindberg.



ÜBERSICHT


  1. Furchtsam und hungrig                                             3
  2. Die Abrichtung beginnt                                           28
  3. Fort von Hause                                                   38
  4. Berührung mit der Unterklasse                                    48
  5. Mit der Oberklasse                                               70
  6. Die Schule des Kreuzes                                           87
  7. Erste Liebe                                                     108
  8. Eisgang                                                         127
  9. Er ißt fremdes Brot                                             158
  10. Charakter und Schicksal                                        175
  11. Im Vorhof                                                      187
  12. Unten und oben                                                 210
  13. Der Arzt                                                       247
  14. Vor dem Vorhang                                                261
  15. Wie er Aristokrat wird                                         272
  16. Hinter dem Vorhang                                             283
  17. Er wird Dichter                                                292
  18. Die Verbindung Runa                                            298
  19. In den Büchern und auf der Bühne                               320
  20. „Zerrissen‟                                                    329
  21. Der Schützling eines Königs                                    342
  22. Auflösung                                                      356



[Illustration: STRINDBERG 1862 dreizehnjährig]



                          DER SOHN EINER MAGD
                               1849-1871

                                  von
                        Johan August Strindberg



Geschrieben 1886 in Frankreich



1.

+Furchtsam und hungrig.+


Die vierziger Jahre waren zu Ende. Der dritte Stand, der sich in
Schweden durch die Revolution des Jahres 1792 einige Menschenrechte
erkämpft hatte, war jetzt daran erinnert worden, daß es einen
vierten und fünften Stand gab, die vorwärts wollten. Die schwedische
Bürgerschaft, die Gustav III. bei seiner königlichen Revolte geholfen
hatte, war längst in die obere Klasse aufgenommen worden, unter der
Großmeisterschaft des früheren Jakobiners Bernadotte, und hielt dem
Adel und den Beamten die Wage, die Carl Johan mit seinen proletarischen
Instinkten haßte und fürchtete. Nach achtundvierzigjährigen Zuckungen
kam die Bewegung in die Hände des aufgeklärten Despoten Oscar I.
Der hatte eingesehen, daß man der Entwicklung keinen Widerstand
leisten kann, und wollte darum die Gelegenheit benutzen, Reformen
durchzuführen, um sich beliebt zu machen. Er fesselt die Bürgerschaft
an sich, indem er ihr Gewerbefreiheit und Freihandel gewährt, natürlich
unter gewissen Beschränkungen; entdeckt die Macht der Frau und
bewilligt den Töchtern das gleiche Erbrecht wie den Söhnen, ohne jedoch
den Söhnen als künftigen Familienversorgern ihre Last zu erleichtern.
Seine Regierung stützt sich auf den Bürgerstand, während Adel und
Priesterschaft die Opposition bilden.

Noch besteht die Gesellschaft aus Klassen, aus ziemlich natürlichen
Gruppen, die nach Beruf und Beschäftigung getrennt sind und einander
in Schach halten. Dieses System hält eine gewisse Volksherrschaft
aufrecht, wenigstens in den höhern Klassen. Man hat die gemeinsamen
Interessen noch nicht entdeckt, welche die oberen Klassen
zusammenhalten; und noch gibt es nicht die neue Schlachtordnung, die
nach Ober- und Unterklasse aufgestellt ist.

Deshalb gibt es auch noch keine besonderen Viertel in der Stadt, der
Hauptstadt Stockholm, in denen die obere Klasse das ganze Haus bewohnt
und die durch hohe Mieten, herrschaftliche Aufgänge, strenge Pförtner
abgesondert sind. Darum ist das Gebäude am Klarakirchhof, trotz der
vorteilhaften Lage und hohen Einschätzung, noch in den ersten fünfziger
Jahren ein recht demokratisches Familienhaus. Es bildet ein Viereck
um einen Hof. Die Straßenfront wird zu ebener Erde vom Baron, eine
Treppe hoch vom General, zwei Treppen hoch vom Reichsgerichtsrat, der
Hauswirt ist, drei Treppen hoch vom Kaufmann und vier Treppen hoch vom
pensionierten Küchenmeister des seligen Königs Carl Johan bewohnt. Im
linken Hofflügel wohnt der Tischler, der Hausverwalter, der ein armer
Teufel ist; im andern Flügel wohnt der Lederhändler und einige Witwen;
im dritten Flügel wohnt die Kupplerin mit ihren Mädchen.

Drei Treppen hoch in dem großen Gebäude erwachte der Sohn des
Kaufmanns und der Magd zum Selbstbewußtsein und zum Bewußtsein vom
Leben und dessen Pflichten. Seine ersten Empfindungen, an die er sich
später noch erinnerte, waren Furcht und Hunger. Er fürchtete sich im
Dunkeln, fürchtete sich vor Schlägen, fürchtete sich, etwas verkehrt
zu machen, fürchtete sich zu fallen, sich zu stoßen, im Wege zu sein.
Ihm war bange vor den Fäusten der Brüder, vorm Zausen der Mägde, vor
der Schelte der Großmutter, vor Mutters Rute und Vaters Rohrstock.
Er fürchtete sich vorm Burschen des Generals, der mit Pickelhaube
und Faschinenmesser unten im Hausflur stand; er fürchtete sich vor
dem Hausverwalter, wenn er beim Müllkasten auf dem Hof spielte; er
fürchtete sich vor dem Reichsgerichtsrat, der Hauswirt war.

Über ihm waren Machthaber mit Vorrechten, von den Altersvorrechten der
Brüder bis zum höchsten Gericht des Vaters; über dem stand jedoch der
Hausverwalter, der ihm die Haare zauste und immer mit dem Hauswirt
drohte; dieser war jedoch selten zu sehen, weil er auf dem Lande
wohnte; vielleicht wurde er gerade darum am meisten gefürchtet. Aber
über ihnen allen, sogar über dem Burschen mit der Pickelhaube, stand
der General; besonders wenn er in Uniform ausging, mit dreieckigem Hut
und Federn. Das Kind wußte nicht, wie ein König aussah, aber es wußte,
daß der General zum Könige ging. Die Mägde erzählten auch Märchen vom
König und zeigten des Königs Meerkatze. Die Mutter sprach ihm auch das
Abendgebet vor, aber einen klaren Begriff von Gott hatte er nicht; doch
mußte Gott etwas Höheres sein als der König.

Diese Furcht war wahrscheinlich dem Kinde nicht eigentümlich, falls
nicht die Stürme, welche die Eltern durchmachten, als die Mutter es
trug, einen besonderen Einfluß auf das Kind ausgeübt hatten. Es hatte
nämlich gehörig gestürmt. Drei Kinder waren vor der Ehe geboren,
und Johan kam im Anfang der Trauzeit zur Welt. Willkommen war er
wahrscheinlich nicht, am allerwenigsten, da ein Konkurs seiner Geburt
vorangegangen war; er also in einer geplünderten Häuslichkeit, die
vorher behäbig gewesen, in der jetzt aber nur noch Betten, Tische und
Stühle vorhanden waren, geboren wurde. Der Bruder des Vaters starb zur
selben Zeit, und zwar als des Vaters Feind, weil der Vater sein freies
Verhältnis nicht auflösen wollte. Der Vater liebte dieses Weib und
zerriß das Band nicht, sondern knüpfte es fest fürs Leben.

Der Vater war eine verschlossene Natur; hatte vielleicht deshalb einen
kräftigen Willen. Er war Aristokrat von Geburt und Erziehung. Es gab
einen alten Stammbaum, der im siebzehnten Jahrhundert Adel nachwies.
Später waren die Vorfahren Geistliche gewesen, aus nordschwedischem,
vielleicht finnischem Blut. Dann hatte sich das Blut gemischt.
Des Vaters Mutter war von deutscher Geburt und stammte aus einer
Tischlerfamilie. Des Vaters Vater war Kaufmann in Stockholm, Führer der
Bürgerwehr und hoher Freimaurer gewesen; auch hatte er König Carl Johan
verehrt. (Ob er den Franzosen, den Marschall oder den Freund Napoleons
verehrte, ist noch nicht entschieden.)

Johans Mutter war die Tochter eines armen Schneiders; ihr Stiefvater
hatte sie ins Leben hinaus geschickt, zuerst als Magd, dann als
Kellnerin. In dieser Stellung war sie von Johans Vater entdeckt worden.
Sie war Demokratin aus Instinkt, sah aber zu ihrem Manne auf, weil er
„aus guter Familie‟ war; und sie liebte ihn, ob als Retter, Gatte oder
Familienversorger, ist schwer zu sagen.

Der Vater duzte Knecht und Magd und wurde von ihnen Herr genannt. Er
war trotz seiner Niederlage nicht zu den Mißvergnügten übergegangen,
sondern verschanzte sich mittels religiöser Resignation: es war
eben Gottes Wille. Auch isolierte er sich in seiner Häuslichkeit.
Schließlich blieb ihm immer noch die Hoffnung, wieder in die Höhe zu
kommen.

Aber er war Aristokrat aus dem Grunde, bis in seine Gewohnheiten
hinein. Sein Gesicht hatte einen veredelten Typus angenommen:
glattrasiert, feinhäutig, das Haar wie Ludwig Philipp. Dazu trug er
eine Brille, kleidete sich immer fein und liebte reine Wäsche. Wenn der
Knecht seine Stiefel putzte, mußte er Handschuhe anziehen: dessen Hände
hielt der Herr für so schmutzig, daß er sie nicht in seinen Stiefeln
haben wollte.

Die Mutter blieb in ihrem Innersten Demokratin. Sie war immer einfach
aber rein gekleidet. Die Kinder sollten immer heile und reine Kleider
haben, aber nicht mehr. Sie war vertraulich zu den Dienstboten und
bestrafte ein Kind, das gegen einen von ihnen unhöflich gewesen war,
sofort, ohne den Fall zu untersuchen, auf die bloße Anzeige hin. Gegen
Arme war sie immer barmherzig; mochte der eigene Haushalt noch so
knapp sein, niemals ließ sie einen Bettler von ihrer Tür gehen, ohne
ihm etwas Essen zu geben. Alle alten Ammen, vier Stück, kamen oft auf
Besuch und wurden dann wie alte Freundinnen empfangen.

Furchtbar war der Sturm über die Familie dahingefahren, und wie
erschrockene Hühner waren die zerstreuten Mitglieder zusammengekrochen;
Freunde und Feinde durcheinander; denn sie fühlten, sie hatten sich
gegenseitig nötig und sie konnten sich gegenseitig beschützen.

Tante mietete zwei Zimmer der Wohnung ab. Sie war die Witwe eines
berühmten englischen Erfinders und Fabrikbesitzers, der ruiniert
gestorben war. Sie hatte Witwenpension; von der lebte sie mit ihren
beiden Töchtern, die eine feine Erziehung genossen hatten. Sie war
Aristokratin, hatte ein glänzendes Haus gehabt, hatte mit vornehmen
Leuten verkehrt. Sie hatte ihren Bruder geliebt, seine Ehe aber nicht
gebilligt, jedoch seine Kinder zu sich genommen, als der Sturm kam.
Sie trug eine Spitzenhaube und ließ sich die Hand küssen. Lehrte die
Kinder ihres Bruders gerade auf dem Stuhl sitzen, schön grüßen, sich
sorgfältig ausdrücken.

Ihre Zimmer trugen Spuren des früheren Luxus und der zahlreichen
und vermögenden Freunde. Ein gepolstertes Jakarandamöbel mit einem
gehäkelten Überzug in englischem Muster. Die Büste des verstorbenen
Mannes, im Frack der Akademie der Wissenschaften, mit dem Wasaorden.
An der Wand ein großes Ölporträt vom Vater in der Majorsuniform der
Bürgerwehr. Die Kinder glaubten immer, das sei der König; er hatte
nämlich soviel Orden, die sich später aber als Zeichen der Freimaurer
herausstellten.

Tante trank Tee und las englische Bücher.

Ein anderes Zimmer wurde vom Bruder der Mutter bewohnt, der am Heumarkt
einen Materialwarenhandel hatte; außerdem von einem Vetter, dem Sohn
des verstorbenen Bruders des Vaters, der in die Technische Hochschule
ging.

In der Kinderstube hielt sich die Großmutter mütterlicherseits auf.
Eine scharfe Alte, die Hosen flickte, Kittel ausbesserte, Abc lehrte,
wiegte und zauste. Sie war religiös und kam jeden Morgen um acht Uhr,
nachdem sie erst in der Klarakirche ihr Morgengebet verrichtet hatte.
Im Winter trug sie eine Laterne, denn Straßenlaternen gab es noch nicht
und die Argandschen waren gelöscht.

Sie kannte ihre Stellung, liebte den Schwiegersohn und dessen Schwester
wahrscheinlich nicht. Die waren ihr zu fein. Der Vater behandelte sie
mit Achtung, aber nicht mit Liebe.

In drei Zimmern wohnte der Vater mit seiner Frau und sieben Kindern
nebst zwei Dienstboten. Die Möbel bestanden fast nur aus Wiegen und
Betten. Kinder lagen auf Plättbrett und Stühlen, Kinder in Wiegen und
Betten. Der Vater hatte kein Zimmer für sich, war aber stets zu Hause.
Nahm nie eine Einladung von seinen vielen Geschäftsfreunden an, weil er
sie nicht wieder einladen konnte. Ging nie in die Kneipe und nie ins
Theater. Er hatte eine Wunde, die er verbergen und heilen wollte. Sein
Vergnügen war ein Klavier. Die eine Tochter der Schwester kam jeden
zweiten Abend, und dann wurden Haydns Symphonien vierhändig gespielt.
Nie etwas anderes. Später auch Mozart. Nie etwas Modernes.

Als die Verhältnisse es ihm wieder erlaubten, hatte er später auch
noch ein anderes Vergnügen. Er hielt sich Blumen in den Fenstern.
Aber nur Pelargonien. Warum Pelargonien? Johan glaubte später, als er
älter wurde und die Mutter nicht mehr lebte, seine Mutter immer neben
einer Pelargonie oder beide zusammen zu sehen. Die Mutter war blaß,
sie machte zwölf Kindbetten durch und wurde lungenkrank. Ihr Gesicht
glich wohl den durchsichtig weißen Blättern der Pelargonie mit ihren
Blutstreifen, die im Grunde dunkeln und eine beinahe schwarze Pupille
bilden, schwarz wie die der Mutter.

Der Vater ließ sich nur bei den Mahlzeiten sehen. Traurig, müde,
streng, ernst war er, aber nicht hart; er sah strenger aus, als er
war, weil er bei der Heimkehr immer ohne weiteres eine Menge Sachen
entscheiden sollte, die er nicht beurteilen konnte. Auch wurde sein
Name immer benutzt, um die Kinder in Schrecken zu versetzen. „Wenn Papa
das erfährt‟ bedeutete Schläge. Das war gerade keine dankbare Rolle,
die man ihm gegeben. Gegen die Mutter war er immer mild. Er küßte sie
immer nach der Mahlzeit und dankte ihr fürs Essen. Dadurch gewöhnten
sich die Kinder daran, sie als die Geberin aller guten Gaben und den
Vater als den aller bösen zu betrachten. Das war ungerecht.

Man fürchtete den Vater. Wenn der Ruf: „Papa kommt!‟ zu hören war,
liefen alle Kinder davon und versteckten sich; oder eilten in die
Kinderstube, um sich zu kämmen und zu waschen. Bei Tisch herrschte
Todesschweigen, und der Vater sprach nur wenig.

Die Mutter hatte ein nervöses Temperament. Flammte auf, wurde aber bald
wieder ruhig. Sie war verhältnismäßig zufrieden mit ihrem Leben, denn
sie war gestiegen auf der sozialen Stufenleiter und hatte ihre eigene
Stellung wie die ihrer Mutter und ihres Bruders verbessert. Sie trank
des Morgens Kaffee im Bett; hatte Ammen, zwei Dienstboten, Großmutter
zur Hilfe. Wahrscheinlich überanstrengte sie sich nicht.

Für die Kinder war sie aber immer die Vorsehung. Sie schnitt die
Niednägel, verband verletzte Finger, tröstete und beruhigte immer,
wenn der Vater gestraft hatte, trotzdem sie der öffentliche Ankläger
war. Das Kind fand sie kleinlich, wenn sie dem Papa „petzte‟; Achtung
wenigstens erwarb sie sich dadurch nicht. Sie konnte ungerecht, heftig
sein; zur Unzeit strafen, auf die bloße Anzeige eines Dienstboten; aber
das Kind bekam auch Essen aus ihrer Hand, wurde von ihr getröstet;
darum war sie beliebt, während der Vater immer ein Fremder blieb, eher
ein Feind als ein Freund.

Das war des Vaters undankbare Stellung in der Familie. Aller Versorger,
aller Feind. Kam er müde, hungrig, finster nach Hause und wagte, fand
er den Fußboden frisch gescheuert und das Essen schlecht bereitet,
einen Tadel auszusprechen, so erhielt er eine etwas kurze Antwort. Er
lebte in seinem eigenen Hause wie auf Gnade, und die Kinder verbargen
sich vor ihm.

Der Vater war mit seinem Leben weniger zufrieden, denn er war
hinabgestiegen, hatte seine Stellung verschlechtert, mußte entsagen.
Und wenn er die, denen er das Leben gegeben und das Essen schenkte,
unzufrieden sah, wurde er nicht froh.

Aber die Familie selbst ist keine vollkommene Einrichtung. Für die
Erziehung hatte niemand Zeit; die nahm die Schule da auf, wo die Mägde
aufgehört hatten. Die Familie war eigentlich eine Speisewirtschaft,
eine Wasch- und Plättanstalt; aber eine unzweckmäßige. Nie etwas
anderes als Kochen, Einkaufen, Waschen, Plätten, Scheuern. So viele
Kräfte in Bewegung für so wenig Personen. Der Gastwirt, der Hunderte
speiste, wandte kaum mehr auf.

Die Erziehung bestand aus Schelten und Zausen, wies hin auf Gebet und
Gehorsam. Das Leben empfing das Kind mit Pflichten, nur mit Pflichten,
nicht mit Rechten. Aller andern Wünsche durften sich äußern, die des
Kindes wurden unterdrückt. Das Kind konnte keinen Gegenstand anfassen,
ohne etwas Unrechtes zu tun; nicht umherlaufen, ohne im Wege zu sein;
nicht ein Wort äußern, ohne zu stören. Schließlich wagte es sich nicht
mehr zu rühren. Seine höchste Pflicht und seine höchste Tugend war: auf
einem Stuhle stillsitzen und ruhig sein.

-- Du hast keinen Willen, so lautete es immer. Und damit wurde der
Grund zu einem willenlosen Charakter gelegt.

-- Was werden die Menschen sagen, hieß es später. Und damit wurde sein
Selbst angegriffen: er konnte nie er selber sein, war immer abhängig
von fremder Ansicht, die sich ändert; traute sich selber nichts zu,
ausgenommen in den wenigen Augenblicken, in denen er seine energische
Seele unabhängig von seinem Willen arbeiten fühlte.

Der Knabe war äußerst empfindsam. Weinte so oft, daß er deshalb einen
besonderen Schimpfnamen bekam. Jeder kleine Tadel verletzte ihn; er war
in beständiger Unruhe, einen Fehler zu begehen. Er achtete aber auf
Ungerechtigkeiten und wachte über die Verfehlungen der Brüder, indem
er hohe Anforderungen an sich selber stellte. Wenn die Brüder nicht
bestraft wurden, fühlte er sich tief gekränkt; wenn sie zur Unzeit
belohnt wurden, litt sein Gerechtigkeitsgefühl. Darum wurde er für
neidisch gehalten. Er ging dann zur Mutter, um sich zu beklagen. Bekam
einige Male recht, wurde aber ermahnt, es nicht so genau zu nehmen.
Aber man war ja so genau gegen ihn, und es wurde ihm befohlen, genau
gegen sich selbst zu sein. Er zog sich zurück und wurde bitter. So
wurde er scheu und verschlossen. Verbarg sich ganz hinten, wenn etwas
Gutes verteilt wurde, und weidete sich daran, wenn er übersehen wurde.
Er fing an, Kritik zu üben und bekam Geschmack für Selbstquälerei.
Bald war er melancholisch, bald war er mutwillig.

Sein ältester Bruder war hysterisch; konnte, wenn er beim Spiel
geärgert wurde, unter konvulsivischem Lachen, das ihn zu ersticken
drohte, niederfallen. Dieser Bruder war der Liebling der Mutter und der
andere der des Vaters. Lieblinge gibt es in allen Familien. Es ist nun
einmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt als das andere;
weshalb, ist nicht zu entscheiden. Johan war niemandes Liebling. Das
fühlte er und das grämte ihn. Die Großmutter sah es und nahm sich
seiner an. Er lernte das Abc bei ihr und half ihr beim Wiegen. Aber er
war mit dieser Liebe nicht zufrieden; er wollte die Mutter gewinnen.
Und er wurde zutunlich, betrug sich aber so plump dabei, daß er
durchschaut und zurückgestoßen wurde.

Es wurde strenge Zucht im Hause gehalten. Lüge wurde schonungslos
verfolgt und Ungehorsam auch. Kleine Kinder lügen aber oft aus
mangelhaftem Gedächtnis. Was hast du getan? fragt man sie. Es ist vor
zwei Stunden geschehen, und das Kind denkt nicht so weit zurück. Da
das Kind die Handlung für gleichgültig hielt, hat es sie sich nicht
gemerkt. Darum können kleine Kinder lügen, ohne es zu wissen. Darauf
muß man achten.

Sie können auch aus Notwehr lügen. Sie wissen, daß sie bei einem Nein
frei ausgehen und daß sie bei einem Ja Schläge bekommen.

Sie können auch lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Es ist
eine der ersten Entdeckungen des erwachenden Verstandes, daß ein
glücklich angebrachtes Ja oder Nein recht nützlich sein kann.

Das Häßlichste ist, wenn sie sich gegenseitig beschuldigen. Sie wissen,
der Fehltritt wird bestraft werden, einerlei an wem. Es kommt also
darauf an, einen Sündenbock zu finden. Da hat die Erziehung schuld.
Diese Strafe ist reine Rache. Der Fehltritt soll nicht bestraft werden,
denn das heißt, noch einen Fehler begehen. Der Übeltäter soll gebessert
werden; belehrt werden, um seiner selbst willen den Fehltritt nicht
wieder zu begehen.

Diese Gewißheit, daß der Fehltritt bestraft wird, ruft die Furcht beim
Kinde hervor, daß es für den Schuldigen gehalten wird; so schwebte
Johan in einer beständigen Furcht, man würde irgendeinen Fehltritt
entdecken.

Eines Mittags besichtigt der Vater die Weinflasche, die Tante benutzte.

-- Wer hat den Wein ausgetrunken? fragt er und sieht sich unter den
Kindern um.

Niemand antwortet, aber Johan errötet.

-- So, du bist es gewesen, sagt der Vater.

Da Johan niemals das Versteck der Weinflasche auskundschaftet hat,
fängt er an zu weinen und schluchzt:

-- Ich habe den Wein nicht ausgetrunken.

-- Was, du leugnest auch noch!

Auch noch!

-- Du sollst was erleben, wenn wir von Tisch aufstehen!

Der Gedanke, was dann geschehen würde, und die Betrachtungen, die der
Vater über Johans verschlossenes Wesen fortsetzt, veranlassen Johan,
noch mehr zu weinen.

Man steht vom Tische auf.

-- Komm, sagt der Vater, und geht in die Schlafstube.

Die Mutter folgt.

-- Bitte Papa um Verzeihung, sagt sie.

-- Ich habe es nicht getan, schreit er jetzt.

-- Bitte Papa um Verzeihung, sagt die Mutter und zaust ihn.

Der Vater hat hinter den Spiegel nach der Rute gegriffen.

-- Lieber Papa, verzeih mir, brüllt der Unschuldige.

Jetzt aber ist es zu spät. Das Bekenntnis ist abgegeben. Die Mutter
hilft bei der Exekution. Das Kind heult vor Harm, vor Wut, aus Schmerz,
am meisten aber vor Schande, vor Demütigung.

-- Bitte Papa jetzt um Verzeihung, sagt die Mutter.

Das Kind sieht sie an und verachtet sie. Es fühlt sich allein,
verlassen von der, zu der es sich stets flüchtete, um Milde und Trost
zu suchen, aber so selten Gerechtigkeit fand.

-- Verzeih, lieber Papa, sagt er mit zusammengebissenen lügenden Lippen.

Nun schleicht er in die Küche zu Luise hinaus, dem Kindermädchen, das
ihn zu waschen und zu kämmen pflegt, und weint sich in ihrer Schürze
aus.

-- Was hast du getan, Johan? fragt sie teilnehmend.

-- Nichts! antwortet er. Ich habe es nicht getan.

Mama kommt in die Küche.

-- Was sagt Johan? fragt sie Luise.

-- Er sagt, er habe es nicht getan.

-- Leugnet er noch!

Johan wird zurückgeführt, um dazu gezwungen zu werden, zu bekennen, was
er nie begangen hat.

Und jetzt bekennt er, was er nie begangen hat.

Herrliche, sittliche Einrichtung, heilige Familie, unantastbare,
göttliche Stiftung, die Bürger zu Wahrheit und Tugend erziehen soll! Du
angebliches Heim der Tugenden, wo unschuldige Kinder zu ihrer ersten
Lüge gezwungen, wo die Willenskraft durch Willkür geknickt, wo das
Selbstgefühl von enge wohnenden Egoismen getötet wird. Familie, du bist
das Heim aller sozialen Laster, die Versorgung aller bequemen Frauen,
die Ankerschmiede des Familienvaters, die Hölle der Kinder!

Seit diesem Tage lebte Johan in ewiger Unruhe. Nicht der Mutter, nicht
Luise, noch weniger den Brüdern und am wenigsten dem Vater wagte er
sich zu nähern. Feinde überall. Gott kannte er noch nicht anders als
durch das Abendgebet. Er war Atheist, wie das Kind ist; aber im Dunkeln
ahnte er wie der Wilde und das Tier böse Mächte.

Wer trank den Wein aus? fragte er sich. Wer war der Schuldige, für
den er litt? Neue Eindrücke, neue Sorgen ließen ihn bald die Frage
vergessen, aber die aufregende Handlung blieb ihm im Gedächtnis haften.

Er hatte das Vertrauen der Eltern, die Achtung der Geschwister, die
Gunst des Vaters verloren; Großmutter verhielt sich still. Vielleicht
schloß sie aus andern Gründen auf seine Unschuld, denn sie schalt ihn
nicht, aber sie schwieg. Sie hatte nichts zu sagen.

Er war wie ein bestrafter Mensch. Bestraft für eine Lüge, die man im
Hause so verabscheute, und für Diebstahl, ein Ausdruck, der nicht
einmal genannt werden durfte. Hatte sein bürgerliches Ansehen verloren,
war eine verdächtige Person; wurde von den Geschwistern verhöhnt, daß
er sich habe ertappen lassen.

Und das alles mit seinen Folgen, die für ihn volle Wirklichkeit hatten,
beruhte auf etwas, das nicht vorhanden war: das war seine Schuld.

       *       *       *       *       *

Es herrschte nicht gerade Armut im Hause, aber Übervölkerung.
Kindtaufe, Begräbnis, Kindtaufe, Begräbnis. Zuweilen zwei Taufen ohne
Begräbnis dazwischen. Das Essen wurde streng eingeteilt und war nicht
gerade kräftig; Fleisch gab es nur Sonntags. Trotzdem wuchs Johan doch
tüchtig und war seinem Alter voraus.

Er wurde jetzt zum Spielen auf den Hof gelassen. Es war ein
gepflasterter Brunnen wie gewöhnlich, in den die Sonne niemals kam. Die
Schatten blieben über dem ersten Stockwerk stehen, weiter reichten sie
nicht. Ein großer Müllkasten, der einer alten Kommode mit Klappe glich,
geteert, aber aufgesprungen, stand auf vier Füßen an der Wand. Spül-
und Mülleimer wurden hier ausgegossen, und aus den Rissen rann eine
schwarze Sauce auf den Hof. Große Ratten hielten sich unter dem Kasten
auf und guckten dann und wann hervor, um in den Keller zu fliehen.
Holzställe und Aborte begrenzten die eine Hofseite. Da war schlechte
Luft, Feuchtigkeit und kein Licht. Sein erster Versuch, den Sand
zwischen den großen Feldsteinen aufzugraben, wurde von dem mürrischen
Verwalter unterbrochen. Der hatte einen Jungen. Johan spielte mit ihm,
fühlte sich ihm gegenüber aber nie recht sicher. Der Junge war ihm an
körperlicher Stärke und geistigem Verstand unterlegen, wußte sich aber
immer bei Zwistigkeiten auf seinen Papa, den Verwalter, zu berufen.
Seine Überlegenheit bestand darin, eine Autorität auf seiner Seite zu
haben.

Der Baron im Erdgeschoß hatte eine Treppe, deren Geländer aus Eisen
waren. Das war ein hübscher Ort zum Spielen, aber jeder Versuch, auf
das Geländer hinauf zu klettern, wurde von einem herausstürzenden
Bedienten vereitelt.

Auf die Straße zu gehen, war streng verboten. Blickte er aber durch
den Torweg und nach dem Kirchhof hinauf, hörte er Kinder dort spielen.
Er verlangte nicht danach, dabei zu sein, denn ihm war bange vor den
Kindern. Wenn er die Gasse hinuntersah, erblickte er das Wasser der
Klarabucht und die Waschbrücken. Das sah neu und geheimnisvoll aus,
aber er fürchtete sich vor dem See. An stillen Winterabenden hatte
er Notschreie von Ertrinkenden gehört, die in den Mälarsee gegangen
waren. Das geschah recht oft. Man saß um die Lampe in der Kinderstube.
-- Still! sagte eine der Mägde. Alle lauschten. Lange, anhaltende Rufe
waren zu hören. -- Es ertrinkt jemand, sagte einer. Man lauschte, bis
es wieder still wurde. Dann wurden Geschichten von Ertrinkenden erzählt.

Die Kinderstube lag nach dem Hof hinaus, und von deren Fenster sah man
ein Blechdach und einige Dachkammern. In denen standen alte abgelegte
Möbel und anderes Hausgerät. Diese Möbel ohne Menschen wirkten
unheimlich. Die Mägde sagten, es spuke dort. -- Was ist das, spuken?
Das konnten sie nicht sagen, aber ungefähr war es, daß tote Menschen
umgingen.

So wurde Johan von den Mägden erzogen, und so werden wir alle von der
Unterklasse erzogen. Das ist ihre unwillkürliche Rache, daß sie unsern
Kindern unsern abgelegten Aberglauben geben. Dieser Umstand ist es
vielleicht, der die Entwicklung in so hohem Grade aufhält, wenn er auch
den Klassenunterschied etwas ausgleicht. Warum gibt die Mutter diese
wichtigste Aufgabe aus der Hand, während sie doch vom Vater unterhalten
wird, um die Kinder zu erziehen? Nur zuweilen betete Johans Mutter das
Abendgebet mit ihm, meistens aber war es das Kindermädchen. So hatte
dieses ihn ein altes katholisches Gebet gelehrt, das lautete: „Ein
Engel ging um unser Haus, er trug zwei goldne Lichter voraus...‟

Wenn es der Traum des Menschen ist, sich von Arbeit zu befreien, so
scheint die Frau durch die Ehe diesen Traum verwirklicht zu haben.
Darum steht die Familie als soziale Einrichtung der Herde sehr nahe:
Männchen, Weibchen und Junge; und nicht eine Stufe über der Horde, da
die Sklaven (Diener) hinzugekommen sind. Darum wird man für die Familie
(Speiseanstalt) erzogen und nicht für die Gesellschaft, wenn man
überhaupt erzogen wird.

       *       *       *       *       *

Die andern Zimmer lagen nach dem Klarakirchhof hinaus. Über den Linden
erhob sich das Schiff der Kirche wie ein Berg, und auf dem Berge
saß der Riese mit dem kupfernen Hut, der einen nie ruhenden Lärm
vollführte, um den Lauf der Zeit anzugeben. Der schlug Viertel im
Diskant und Stunden im Baß. Der läutete Frühgebet um vier Uhr mit einer
kleinen Glocke, er läutete Morgengebet um acht Uhr, er läutete Abend um
sieben Uhr. Der schlug zehn Uhr vormittags und vier Uhr nachmittags.
Der tutete alle Stunden von zehn bis vier Uhr nachts. Der läutete
mitten in der Woche bei Begräbnissen, und jetzt während der Cholerazeit
läutete er oft. Und Sonntags, o, da läutete er so, daß die ganze
Familie weinerlich aussah und niemand hörte, was der andere sagte.

Das Tuten nachts, wenn Johan wach lag, war sehr unheimlich. Am
schlimmsten aber war die Feuerglocke. Als er diesen tiefen dumpfen
Klang zum ersten Male in der Nacht hörte, bekam er Schüttelfrost und
weinte. Das Haus wachte immer auf. -- Es brennt! flüsterte einer. --
Wo ist es? Man zählte die Schläge und dann schlummerte man wieder ein;
Johan aber schlief nicht. Er weinte. Da konnte Mutter aufstehen, ihm
die Decke ordentlich zustopfen und sagen: -- Sei nicht bange, Gott
behütet die Unglücklichen schon! -- Das hatte er bisher von Gott nicht
gedacht.

[Illustration: GROSSVATER ZACHARIAS STRINDBERG Major der Bürgerwehr,
dramatischer Schriftsteller 1758-1828

Nach einem Ölbild von Professor Sandberg]

Morgens lasen die Mägde im Blatt, es habe im Süden der Stadt gebrannt
und zwei Menschen seien im Feuer umgekommen. -- Dann war es Gottes
Wille, sagte Mutter.

Sein erstes Erwachen zum Leben wurde immer von Läuten und Tuten
begleitet. In alle seine ersten Gedanken und Wahrnehmungen läuteten
Begräbnisglocken hinein, und sein ganzes erstes Lebensjahr wurde mit
Viertelschlägen abgemessen. Heiter machte ihn das wenigstens nicht,
wenn es auch seinem künftigen Nervenleben keine bestimmte Farbe gab.
Doch wer weiß! Die ersten Jahre sind ebenso wichtig, wie die neun
Monate vorher.

       *       *       *       *       *

Mit fünf Jahren kam Johan in den Kindergarten. Er konnte seine Aufgaben
und lernte auswendig. Das Zusammenleben mit den kleinen Freunden
und Freundinnen löste die häusliche Einförmigkeit ab; der Verkehr
mit Altersgenossen aus andern Gesellschaftsklassen erweiterte seine
Gedanken, verscheuchte die monotone Kritik an Geschwistern und Eltern,
gab Erziehung.

Wenn er, sehr viel später, an diese Zeit dachte, waren nur noch
zwei Erinnerungen von Bedeutung ihm geblieben. Die eine, die später
sein Erstaunen erregte, war: ein siebenjähriger Knabe sollte in
geschlechtlichem Verhältnis zu einem gleichaltrigen Mädchen stehen.
Sein Geschlechtsleben war noch nicht erwacht; er wußte also nicht,
um was es sich eigentlich handelte; an das Wort, das den Vorgang
bezeichnete, erinnerte er sich. Das Vorkommnis soll übrigens nicht so
vereinzelt sein, nach dem, was Ärzte in ihren Büchern berichten, und
seine eigenen späteren Beobachtungen, die er an Bauernkindern machte,
zeigten, daß die Angabe wenigstens glaubhaft war.

Die zweite Erinnerung war diese: Ein Knabe hatte auf seiner
Schiefertafel einen alten Mann gezeichnet und darunter geschrieben:
Gott. Dafür wurde er bestraft. Dieser Knabe, der schon Gebete konnte
und den Katechismus gelernt, hatte also keine höhern Begriffe von dem
höchsten Wesen erworben als den, der durch die Gott Vater vorstellende,
den Zehn Geboten vorgedruckte Figur dargestellt wird. Der rechte
Gottesbegriff scheint also nicht angeboren zu sein. Wenn er durch die
Erziehung erworben werden soll, müßte das offizielle Lehrbuch nicht so
niedrige Vorstellungen von einem alten Mann erwecken, der sich nach
einer Arbeit von sechs Tagen ausruhen mußte.

       *       *       *       *       *

Die Erinnerungen der Kindheit zeigen alle, wie zuerst die Sinne
erwachen und die lebhaftesten Eindrücke aufsaugen, wie der geringste
Hauch die Gefühle in Bewegung setzt; wie später sich die Beobachtungen
hauptsächlich auf grelle Ereignisse richten, zuletzt auf moralische
Verhältnisse, Gefühl von Recht und Unrecht, Gewalt und Barmherzigkeit.

Die Erinnerungen liegen ungeordnet, ungestaltet gezeichnet wie die
Bilder im Thaumatrop; dreht man aber die Scheibe, so schmelzen sie
zusammen und bilden ein Bild; ob nun bedeutungslos oder bedeutungsvoll.

Eines Tages sieht er große bunte Bilder von Kaisern und Königen in blau
und roten Uniformen, welche die Mägde in der Kinderstube angebracht
haben. Er sieht ein anderes Bild, das ein Gebäude vorstellt, das in die
Luft gesprengt wird und voller Türken ist. Er hört aus einer Zeitung
vorlesen, wie man mit brennenden Kugeln in Städte und Dörfer schießt,
in einem entfernten Lande; erinnert sich sogar an Einzelheiten:
die Mutter weinte, als von armen Fischern gelesen wird, die mit
ihren Kindern aus den brennenden Hütten heraus mußten. Diese Bilder
bedeuteten: Kaiser Nikolaus und Napoleon der Dritte, die Stürmung
Sewastopols und die Beschießung der finnischen Küste.

Vater ist einen ganzen Tag zu Hause. Man stellt alle Trinkgläser des
Haushalts auf die Fensterbänke; füllt die Gläser mit Schreibsand und
steckt Stearinlichter hinein. Abends werden alle Lichter angezündet.
Es ist warm und hell in den Zimmern. Und Lichter brennen in der
Klaraschule und in der Kirche und im Pfarrhaus. Und Musik ist aus der
Kirche zu hören. Was war das? Das war die Illumination bei der Genesung
König Oscars des Ersten.

Großer Lärm in der Küche. Die Flurglocke hat geläutet, und Mutter ist
hinausgerufen worden. Da steht ein Mann in Uniform mit einem Buch in
der Hand und schreibt. Die Köchin weint, die Mutter bittet und spricht
laut; aber der Mann im Helm spricht noch lauter.

Das ist die Polizei!

Die Polizei, heißt es in der ganzen Wohnung. Die Polizei. Und es
wird den ganzen Tag von der Polizei gesprochen. Der Vater wird aufs
Polizeirevier gerufen. Soll er verhaftet werden? Nein, er soll drei
Reichstaler und sechzehn Schillinge bezahlen, weil die Köchin am Tage
einen Aufwascheimer in den Rinnstein gegossen hat.

Eines Nachmittags sieht er, wie man unten auf der Straße die Laternen
ansteckt. Eine der Kusinen macht ihn darauf aufmerksam, daß sie ohne
Öl und Docht brennen, nur mit einer Metallröhre. Das sind die ersten
Gaslaternen.

Er liegt viele Nächte zu Bett, ohne am Tage aufzustehen. Er ist müde
und schläfrig. Ein gestrenger Herr kommt ans Bett und sagt, er müsse
die Hände unter der Decke halten. Er muß mit einem Löffel etwas
Unangenehmes einnehmen; bekommt nichts zu essen. Man flüstert im Zimmer
und Mutter weint. Dann ist er wieder aufgestanden und sitzt am Fenster
in der Schlafstube. Es läutet den ganzen Tag. Grüne Bahren werden über
den Kirchhof getragen. Ein dunkler Knäuel Menschen steht um einen
schwarzen Kasten. Totengräber mit ihren Spaten kommen und gehen. Er muß
eine Kupferplatte an einem blauen Seidenband auf der Brust tragen und
den ganzen Tag an einer Wurzel kauen. Das ist die Cholera von 1854.

Eines Tages geht er mit einer der Mägde weit fort. So weit geht er,
daß er Heimweh bekommt und nach der Mama weint. Das Mädchen geht mit
ihm in ein Haus. Sie sitzen in einer dunkeln Küche neben einer grünen
Wassertonne. Er glaubt, sie werden nie mehr wieder nach Hause kommen.
Aber sie gehen noch weiter. An Schiffen und Prahmen vorbei, an einem
unangenehmen Hause aus Backsteinen mit langen hohen Mauern vorüber, in
dem Gefangene sitzen. Er sieht eine neue Kirche, eine lange Allee von
Bäumen, eine staubige Landstraße, an deren Seiten Kuhblumen stehen.
Jetzt trägt das Mädchen ihn.

Schließlich kommen sie an ein großes Haus aus Stein; neben dem steht
ein gelbes Haus aus Holz, das ein Kreuz trägt; und ein großer Hof
liegt da mit grünen Bäumen. Sie sehen weißgekleidete Menschen, die
blaß sind, hinken, trauern. Sie kommen in einen großen Saal hinauf,
in dem braungestrichene Betten stehen. In den Betten liegen nur alte
Frauen. Die Wände sind weißgetüncht, die alten Frauen sind weiß, das
Bettzeug ist weiß. Und es riecht schlecht. Sie gehen an einer Menge
Betten vorbei und bleiben mitten im Saal an einem Bett rechter Hand
stehen. Da liegt eine jüngere Frau mit schwarzem gekräuselten Haar,
in weißer Nachtjacke. Sie liegt halb auf dem Rücken. Ihr Gesicht
ist abgemergelt, sie hat ein weißes Tuch über Kopf und Ohren. Ihre
mageren Hände sind zur Hälfte mit weißen Lappen umwunden, und die Arme
schwingen unaufhörlich im Bogen nach innen, so daß die Fingerknöchel
sich aneinander reiben. Als sie das Kind erblickt, schlottern Arme und
Knie heftig, und sie bricht in Tränen aus. Sie küßt den Jungen auf den
Kopf. Dem ist nicht wohl zumute; er ist schüchtern und dem Weinen nahe.
-- Kennst du Christel nicht wieder? fragt sie. -- Er muß es wohl nicht.
Und dann trocknet sie wieder ihre Augen. -- Sie beschreibt nun dem
Mädchen ihre Leiden, und diese holt aus einem Arbeitsbeutel Eßwaren.
Die alten Frauen beginnen jetzt halblaut zu plaudern, und Christel
bittet das Mädchen, nicht zu zeigen, was es im Beutel hat, denn sie
seien so neidisch, die andern. Und darum schmuggelt das Mädchen einen
gelben Reichstaler in das Gesangbuch, das auf dem Nachttisch liegt.

Die Zeit wird dem Knaben lang. Sein Herz sagt ihm nichts; nicht, daß
er das Blut dieser Frau, das einem andern gehörte, getrunken; nicht,
daß er seinen besten Schlaf an diesem jetzt eingesunkenen Busen
geschlafen; nicht, daß diese schlotternden Arme ihn gewiegt, ihn
getragen haben. Das Herz sagt ihm nichts; denn das Herz ist nur ein
Muskel, der Blut pumpt, einerlei, aus welchem Brunnen.

Als er aber beim Abschied ihre letzten brennenden Küsse empfangen
hat und endlich, nachdem er sich vor den alten Frauen und der
Krankenpflegerin verbeugt hat, aus der Krankenluft herausgekommen ist
und unter den Bäumen auf dem Hofe Atem holt, fühlt er eine Schuld;
eine schlecht angelegte Schuld, die er nicht anders bezahlen kann
als mit ewiger Dankbarkeit und etwas Essen in einem Beutel und einem
Reichstaler im Gesangbuch. Und er schämt sich, daß er froh ist, von den
braungestrichenen Betten des Leidens fortzukommen.

Das war seine Amme, die fünfzehn Jahre unter Krämpfen und
Ausmergelung in demselben Bette lag, bis sie starb. Sein Bild mit
der Gymnasiastenmütze wurde ihm von der Leitung des Krankenhauses am
Sabbatsberg zurückgesandt. Lange Jahre hatte es dort gehängt, nachdem
der erwachsene Jüngling schließlich nur einmal im Jahr ihr eine Stunde
unbeschreiblicher Freude geopfert, die für ihn eine Stunde leichter
Gewissensqual war. Wenn er auch von ihr Brand ins Blut, Krampf in die
Nerven bekommen hatte, empfand er doch eine Schuld, eine repräsentative
Schuld, denn persönlich war er ihr nichts schuldig, da sie ihm nichts
anderes geschenkt hatte, als was sie verkaufen mußte. Daß sie gezwungen
war, ihr Blut zu verkaufen, war das Verbrechen der Gesellschaft. Und
als Mitglied der Gesellschaft fühlte er sich gewissermaßen mitschuldig.

       *       *       *       *       *

Auf dem Kirchhof ist er zuweilen. Da ist ihm alles fremd. Steinerne
Keller mit Deckeln, die Buchstaben und Figuren tragen; Rasen, auf den
man nicht treten darf; Bäume mit Laub, das man nicht anrühren darf.
Großmutter bricht eines Tages einen Zweig ab, aber da kommt die Polizei.

Das große Gebäude, gegen dessen Fundament er immer anstößt, versteht
er nicht. Leute gehen aus und ein; Gesang und Musik sind von innen zu
hören; die Glocken läuten, und die Uhr schlägt. Es ist geheimnisvoll.
Und auf dem östlichen Giebel sitzt ein Fenster, das ein vergoldetes
Auge hat. -- Das ist Gottes Auge! -- Das versteht er nicht, aber es ist
jedenfalls ein sehr großes Auge, das weit sehen muß.

Unter dem Fenster ist ein vergittertes Kellerloch. Großmutter zeigt
dem Knaben, daß dort unten weiße Särge stehen. -- Dort wohnt die Nonne
Klara. -- Wer war das? -- Das weiß er nicht, aber es war wohl ein
Gespenst.

Er steht in einem außerordentlich großen Raum und weiß nicht, wo er
zu Hause ist. Es ist sehr schön; alles in Weiß und Gold. Eine Musik,
wie von hundert Klavieren, singt über seinem Kopf, aber er sieht weder
die Instrumente noch den Spielmann. In langer Allee stehen Bänke da
und ganz vorn ist ein Gemälde, wahrscheinlich aus der biblischen
Geschichte. Zwei weiße Menschen liegen auf den Knien und haben Flügel,
und da stehen große Leuchter. Das ist wahrscheinlich der Engel mit den
beiden vergoldeten Lichtern, „der um unser Haus geht‟. Und dort steht
ein Herr in rotem Rock und kehrt einem still den Rücken zu. In den
Bänken beugen sich die Menschen nieder, als ob sie schliefen. -- Nehmt
die Mützen ab, sagt der Oheim und hält den Hut vors Gesicht.

Die Knaben sehen sich um und erblicken dicht neben sich einen
braungestrichenen ungewöhnlichen Schemel, auf dem zwei Männer in grauen
Mänteln und Kapuzen liegen; sie haben eiserne Ketten an Händen und
Füßen, und Gardisten stehen neben ihnen.

-- Das sind Diebe, flüstert der Oheim.

Der Knabe findet es unheimlich, unerklärlich, ungewöhnlich, streng,
auch kalt. Das finden die Brüder sicher auch; denn sie bitten den
Oheim, gehen zu dürfen, und er geht sofort.

Unbegreiflich! Das ist sein Eindruck von dem Kultus, der die einfachen
Wahrheiten des Christentums malen soll. Grausam! Grausamer als Christi
milde Lehre. Das mit den Dieben war am schlimmsten. Eiserne Ketten und
solche Mäntel!

       *       *       *       *       *

Eines Tages, als die Sonne warm scheint, ist Unruhe im Hause. Möbel
werden gerückt, Schubladen geleert, Kleider verstreut. Am nächsten
Morgen kommt eine Droschke und holt sie. Und dann reist man; die einen
auf Ruderbooten, die andern in der Droschke.

Am Hafen riecht es nach Öl, Talg und Steinkohlenrauch. Die
frischgestrichenen Dampfer leuchten in glänzenden Farben und ihre
Flaggen wehen. Karren rasseln an den großen Linden vorbei; das gelbe
Reithaus liegt staubig und schäbig neben dem Holzschauer. Er soll auf
dem Wasser fahren. Erst aber begrüßen sie den Vater in seinem Kontor.

Der Knabe ist erstaunt, einen fröhlichen, rüstigen Mann zu treffen,
der mit braungebrannten Dampferkapitänen scherzt, freundlich und
wohlwollend lächelt. Ja, er ist sogar jugendlich und hat einen
Pfeilbogen, mit dem die Kapitäne nach dem Fenster des Reithauses zu
schießen pflegen. Es ist eng im Kontor, aber sie dürfen hinter die
grüne Schranke kommen und hinter einer Gardine ein Glas Porter trinken.
Die Buchhalter sind höflich, achtsam, wenn der Vater sie anspricht.
Johan hatte den Vater noch nie in seiner Tätigkeit gesehen; nur zu
Hause als den müden und hungrigen Familienversorger und Richter, der
lieber mit neun Personen in drei Zimmern wohnte als allein in zweien.
Er hatte nur den beschäftigungslosen, essenden, zeitunglesenden Vater
bei seinen nächtlichen Besuchen im Hause gesehen, nicht den Mann in
seinem Tätigkeitskreis. Er bewunderte ihn, fühlte aber, daß er ihn auch
jetzt weniger fürchtete; ja er glaubte, daß er ihn einst werde lieben
können.

Er hat Furcht vor dem Wasser, aber ehe er sich's versieht, sitzt er
in einem ovalen Zimmer in Weiß und Gold, mit roten Samtsofas. Ein so
feines Zimmer hatte er noch nie gesehen. Aber alles klirrt und zittert.
Er sieht durch ein kleines Fenster und erblickt grüne Ufer, blaugrüne
Wellen; Heukähne und Dampfer ziehen vorbei. Es ist wie ein Panorama
oder so, wie das Theater sein soll. Auf den Ufern marschieren kleine
rote Häuser und weiße, vor denen grüne Bäume mit Blütenschnee stehen;
große grüne Flächen mit roten Kühen ziehen vorbei, ganz wie in den
Weihnachtsschachteln. Die Sonne macht eine Schwenkung und der Dampfer
fährt unter Bäumen mit gelben Fransen und braunen Raupen hindurch,
an Landungsbrücken mit bewimpelten Segelbooten; an Hütten, vor denen
Hühner picken und ein Hund bellt, vorbei. Die Sonne scheint auf
Fensterreihen, die auf dem Boden liegen, und alte Männer und Frauen
geben mit Gießkannen und Harken umher. Dann kommen wieder lauter grüne
Bäume, die sich aufs Wasser neigen, gelbe und weiße Badehäuser. Ein
Kanonenschuß knallt über seinem Kopfe, das Pochen und Zittern hört auf;
die Ufer machen Halt; er sieht eine Mauer über seinem Kopfe und Hosen
und Röcke von Menschen, sowie eine Menge Schuhe. Er wird die Treppe
hinaufgeführt, die ein goldenes Geländer hat, und er sieht ein großes,
großes Schloß.

-- Hier wohnt der König, sagt jemand.

Das war das Schloß von Drottningholm; die schönste Erinnerung aus
seiner Kindheit, die Märchenbücher mitgerechnet.

In einer weißen Hütte oben auf einem Hügel werden die Sachen
ausgepackt, und dann rollen sich die Kinder im Grase, in richtigem
grünen Grase, in dem keine Kuhblumen wachsen wie auf dem Klarakirchhof.
Der Himmel ist so hoch und hell, und Wälder und Meeresflächen grünen
und blauen in der Ferne.

Vergessen ist der Müllkasten, das Schulzimmer mit dem Geruch nach
Schweiß und Urin; die schweren Kirchglocken dröhnen nicht mehr, die
Totengräber sind fort.

Abends aber läutet es in einem kleinen Glockenstuhl, der ganz in der
Nähe ist. Er sieht mit Erstaunen die kleine gefällige Glocke, die in
der freien Luft schwingt und gerade recht über Park und Buchten singt.
Er denkt an die grimmen Bässe im Turme zu Hause, deren dunklen Schlund
er einen Augenblick gesehen hat, wenn sie durch die Luken schwangen.

Abends, wenn er müde und frischgewaschen nach allen Schweißbädern
einschlummert, hört er das Schweigen in den Ohren klingen; vergebens
wartet er darauf, daß die Glocke schlägt und der Turmwächter tutet.

Und am nächsten Morgen erwacht er, um aufzustehen und zu spielen. Er
spielt, tagaus, tagein, eine ganze Woche. Niemals ist er einem im Wege,
und alles ist so friedlich. Die Kleinen schlafen drinnen, und er ist
den ganzen Tag draußen.

Der Vater ist nicht zu sehen. Aber am Sonnabend kommt er hinaus.
Dann hat er einen Strohhut auf und ist heiter; kneift die Jungen in
die Backen und lobt sie, daß sie gewachsen und braun geworden sind.
Er schlägt nicht mehr, denkt das Kind. Es versteht nicht, daß das
von etwas so Einfachem abhängen konnte, daß hier draußen mehr Raum
vorhanden und die Luft reiner ist.

Der Sommer war glänzend, hinreißend wie ein Zaubermärchen. Unter
Pappelalleen Lakaien mit silberbeschlagener Uniform; auf dem See
himmelblaue Drachenschiffe mit richtigen Prinzen und Prinzessinnen; auf
dem Wege gelbe Kaleschen, purpurrote Landauer und arabische Pferde, die
zu vieren vor zügellangen Peitschen liefen.

Und das Schloß des Königs mit dem spiegelnden Fußboden, den goldenen
Möbeln, den Kachelöfen aus Marmor, den Gemälden. Der Park mit seinen
Alleen, die wie lange, hohe, grüne Kirchen waren; die Wasserkünste mit
den Figuren, die nicht zu verstehen waren und wohl aus Märchenbüchern
stammten; das Sommertheater, das ein Rätsel blieb, aber als
Labyrinth benutzt wurde; der gotische Turm, immer geschlossen, immer
geheimnisvoll, ohne eine andere Aufgabe, als das Echo von den Stimmen
der Sprechenden wiederzugeben.

Im Park wurde er von seiner Kusine begleitet, die er Tante nannte.
Ein eben erwachsenes hübsches Mädchen mit feinen Kleidern und einem
Sonnenschirm. Sie kommen in einen Wald, den dunkle Fichten düster
machen; sie wandern ein Stück weiter, immer weiter; da hören sie
Gemurmel von Stimmen, Musik und das Klappern von Tellern und Gabeln;
sie stehen vor einem kleinen Schloß, das keinem andern gleicht. Drachen
und Schlangen schlängeln sich vom Dachfirst herab; Greise mit gelben,
eirunden Gesichtern blicken mit schwarzen schiefen Augen herunter und
haben Zöpfe im Nacken; Buchstaben, die er nicht lesen kann, die etwas
gleichen und doch so verschieden von allem andern sind, kriechen am
Dachgesims entlang. Unten aber im Schloß bei offenen Fenstern sitzen
Könige und Kaiser zu Tisch, essen von Silber und trinken Weine.

-- Dort sitzt der König, sagt die Tante.

Ihm wird bange, und er sieht nach, ob er auf den Rasen getreten
ist oder etwas Böses tun will. Er glaubt, der König, der schöne,
wohlwollende Züge trägt, sieht mitten durch ihn hindurch; und er will
fortgehen. Aber weder Oscar I. noch die französischen Marschälle oder
russischen Generäle sehen ihn an, denn sie denken jetzt an den Pariser
Frieden, der dem orientalischen Kriege ein Ende machen soll. Polizisten
dagegen gehen umher wie brüllende Löwen, und an die erinnert er sich
nicht gern. Wenn er nur einen sieht, fühlt er sich schuldig und denkt
an drei Reichstaler und sechzehn Schillinge.

Er hat indessen die höchste Offenbarung der Macht gesehen, die höher
ist als die der Brüder, der Mutter, des Vaters, des Verwalters, des
Hauswirts, des Generals mit den Federn, der Polizei.

       *       *       *       *       *

Es ist ein anderes Mal. Wieder mit der Tante. Sie gehen an einem
kleinen Hause neben dem Schloß vorbei. Auf einem sandigen Hofe steht
ein Mann in Zivil: Panamahut und Sommeranzug. Er hat einen schwarzen
Bart und sieht stark aus. Rings um ihn läuft an einer Leine ein
schwarzes Pferd. Der Mann rasselt mit einer Hasenklapper, knallt mit
einer Peitsche, gibt Schüsse ab.

-- Das ist der Kronprinz! sagt Tante.

Er sah gerade so aus wie ein gewöhnlicher Mensch und war wie Oheim
gekleidet.

Ein anderes Mal, im Park, tief im Schatten unter den hohen Bäumen, hält
ein Offizier auf einem Pferd. Er grüßt die Tante, hält sein Pferd an,
spricht zu Tante und fragt den Knaben, wie er heiße. Der antwortet
wahrheitsgemäß, wenn auch etwas schüchtern. Das dunkle Gesicht sieht
ihn mit guten Augen an, und er hört ein tiefes, dröhnendes Lachen.
Darauf verschwindet der Reiter.

-- Das war der Kronprinz!

Der Kronprinz hatte ihn angesprochen! Er fühlt sich sehr gehoben und
etwas sicherer. Der furchtbare Machthaber war ja nett.

Eines Tages erfährt er, daß Vater und Tante alte Bekannte eines Herrn
sind, der auf dem großen Schlosse wohnt, ein Dreikant auf dem Kopfe
und einen Säbel an der Seite hat. Das Schloß erhält ein anderes,
freundlicheres Aussehen. Er ist so gut wie bekannt mit denen dort oben,
denn der Kronprinz hat mit ihm gesprochen und Papa duzt den Rendanten.
Jetzt versteht er, daß die bunten Lakaien unter ihm stehen, besonders
als er erfährt, daß die Köchin mit einem abends ausgeht.

Er hat eine Ahnung von der sozialen Abstufung bekommen und entdeckt,
daß er wenigstens nicht ganz unten steht.

Ehe er sich's versieht, ist das Zaubermärchen aus. Der Müllkasten und
die Ratten sind wieder da; doch macht der Junge des Verwalters keinen
Gebrauch mehr von seiner Überlegenheit, wenn Johan das Steinpflaster
aufgraben will; denn Johan „hat mit dem Kronprinzen gesprochen‟ und die
Herrschaften „haben auf Sommerfrische gewohnt‟.

Der Knabe hat die Herrlichkeit der Oberklasse in der Ferne gesehen.
Er verlangt danach, wie nach einer Heimat, aber das Sklavenblut der
Mutter erhebt sich dagegen. Aus Instinkt verehrt er die Oberklasse,
verehrt sie zu sehr, als daß er zu hoffen wagte, dorthin zu kommen. Und
er fühlt, daß er nicht dahin gehört. Aber er gehört auch nicht zu den
Sklaven.

Das wird ein Zwiespalt in seinem Leben.



2.

+Die Abrichtung beginnt.+


Der Sturm war vorüber. Die Vereinigung der Verwandten begann sich
aufzulösen. Man konnte selber gehen. Aber die Überbevölkerung, das
tragische Schicksal der Familie, dauerte fort. Doch lichtete der Tod.
Im Hause gab es immer schwarze Papiere von Begräbnisbonbons, die auf
die Wände der Kinderstube geklebt wurden. Die Mutter trug beständig
eine Schoßjacke, und alle Vettern und Tanten waren zu Gevattern
verbraucht worden; jetzt mußte man sich an Buchhalter, Kapitäne,
Restauratrizen wenden. Trotzdem schien der Wohlstand allmählich
zurückzukehren.

Da der Raum allzu eng wurde, zog die Familie in einen Vorort und
mietete in der Nordzollstraße sechs Zimmer nebst Küche. Gleichzeitig
trat Johan im Alter von sieben Jahren in die höhere Lehranstalt von St.
Klara ein.

Es war ein langer Weg für die kurzen Beine, zumal da vier Male am Tage
gegangen werden mußte, aber der Vater wollte die Kinder abhärten.
Das war richtig und löblich, aber soviel unnötiger Verbrauch der
Muskel hätte durch kräftige Nahrung ersetzt werden müssen; das aber
erlaubten die Mittel des Hauses nicht. Auch konnte die übertriebene
Gehirntätigkeit nicht durch die einseitige Gehbewegung aufgehoben
werden, zu der noch das Tragen der schweren Schulmappe kam.

Plus und Minus hoben sich nicht auf, und dieser Mangel an Gleichgewicht
hatte neuen Zwiespalt zur Folge.

Im Winter wird der Siebenjährige mit seinen Brüdern um sechs Uhr
geweckt, während es noch ganz dunkel ist. Er ist nicht ausgeschlafen,
sondern hat noch das Schlaffieber im Körper. Vater und Mutter,
Geschwister und Mägde schlafen weiter. Er wäscht sich mit kaltem
Wasser; trinkt eine Tasse Gerstenkaffee und ißt ein Franzbrot, während
er in Rabes Grammatik die Endungen der vierten Deklination durchnimmt;
ein Stück von „Joseph wird von seinen Brüdern verkauft‟ durchliest; den
zweiten Artikel nebst Erklärung herplappert.

Dann werden die Bücher in den Ranzen gesteckt und man geht. Auf der
Nordzollstraße ist es noch dunkel. Jede zweite Öllaterne schaukelt in
dem kalten Wind an ihren Stricken, und der Schnee liegt tief. Kein
Knecht ist noch draußen gewesen und hat geschaufelt. Ein kleiner Streit
entsteht zwischen den Brüdern über die Schnelligkeit ihres Marsches.
Nur Bäckerwagen und Schutzleute sind in Bewegung. Bei der Sternwarte
sind die Schneehaufen so hoch, daß Stiefel und Hosen feucht werden. Auf
der Königshöhe tritt man beim Bäcker ein und kauft sich zum Frühstück
ein Franzbrot, das gewöhnlich auf dem Wege verzehrt wird. Beim Heumarkt
trennt er sich von den Brüdern, die in eine private Realschule gehen.

Als er schließlich an der Ecke der Klaraberggasse anlangte, schlug
die Uhr, die verhängnisvolle Uhr der Klarakirche. Die Beine bekamen
Flügel, der Ranzen schlug ihn in den Rücken, die Schläfen klopften,
das Gehirn sprang unter den heftigen Schlägen der Pulse. Als er in die
Kirchhofsgasse kam, sah er, daß die Klassen leer waren. Es war zu spät.

Die Pflicht war für ihn wie ein abgelegtes Versprechen. Höhere Macht,
zwingende Not, nichts konnte ihn davon lösen. Der Schiffskapitän hat
es gedruckt auf dem Frachtbrief, daß er sich verpflichtet, die Ware
unbeschädigt an dem und dem Tage abzuliefern, „wenn Gott will‟. Wenn
Gott Sturm oder Schnee sendet, ist er entbunden. Der Knabe aber hatte
keine derartige Vorsichtsmaßregel getroffen. Er hatte seine Pflicht
vernachlässigt, und er sollte bestraft werden: das war alles.

Schweren Schrittes ging er in die Klasse. Dort war nur der Kustos, der
ihn anlächelte und seinen Namen auf die schwarze Tafel schrieb, unter
der Überschrift: Sero.

Eine qualvolle Weile vergeht. Dann ist ein starkes Geschrei aus der
zweiten Klasse zu hören und die Hiebe eines Rohrstockes fallen dicht.
Das ist der Rektor, der an den Zuspätkommenden seine Pflicht tut oder
sich Bewegung macht. Johan beginnt zu weinen und zittert am ganzen
Körper. Nicht vor dem Schmerz, sondern vor der Schande, übergelegt zu
werden wie ein Schlachttier oder ein Missetäter.

Da wird die Tür geöffnet. Er fährt auf. Aber es ist die Aufwärterin,
welche die Lampe putzen will.

-- Guten Tag, Johan, sagt sie. Bist du zu spät gekommen? Du bist doch
sonst so ordentlich! Wie geht's Hanna?

Johan antwortet, daß es Hanna gut geht, und daß es auf der
Nordzollstraße sehr geschneit hat.

-- Seid ihr nach der Nordzollstraße gezogen?

Jetzt wird wieder die Tür geöffnet und der Rektor kommt herein.

-- Nun, du?

-- Sie dürfen nicht unfreundlich gegen Johan sein, Herr Rektor; er
wohnt auf der Nordzollstraße.

-- Still, Karin, gehen Sie, sagt der Rektor.

-- So, du wohnst auf der Nordzollstraße? Das ist allerdings weit. Aber
du mußt doch rechtzeitig hier sein!

Damit ging er.

Karins Verdienst war es, daß er keine Schläge bekam. Es war das
Verdienst des Schicksals, daß Hanna beim Rektor mit Karin zusammen
gedient hatte. Es war die Macht der Beziehungen, die ihn von einer
Ungerechtigkeit rettete.

       *       *       *       *       *

Und dann die Schule mit ihrem Unterricht! Ist nicht genug geschrieben
über Latein und Rohrstock? Vielleicht! Denn er übersprang später alle
Stellen in Büchern, die von Schulerinnerungen handelten; er las keine
Bücher, die dieses Thema behandelten. Seine schwersten Träume, die er
als Erwachsener hatte, wenn er abends etwas Schweres gegessen oder
einen ungewöhnlich kummervollen Tag gehabt, bestanden dann, daß er sich
in der Klaraschule befand.

Nun verhält es sich so, daß der Schüler eine ebenso einseitige
Vorstellung vom Lehrer bekommt wie die Kinder von den Eltern. Der erste
Klassenlehrer, den er hatte, sah aus wie der Menschenfresser in dem
Märchen vom Däumling. Er schlug stets und sagte, er würde die Kinder so
hauen, daß sie am Boden kriechen sollten; er würde sie kurz und klein
hauen, wenn sie ihre Aufgabe nicht könnten.

Er war indessen nicht so schlimm, denn als er Stockholm verließ,
überreichten Johan und seine Kameraden ihm ein Album; ja, der Lehrer
war recht beliebt, galt für eine alte ehrliche Haut. Der Mann endete
als Landwirt und Held eines Idylls.

Ein anderer galt für ein Ungeheuer an Bosheit. Er schien wirklich aus
Neigung zu schlagen. -- Hol den Rohrstock, so begann er die Stunde,
in der er darauf ausging, so viele wie möglich dabei zu ertappen, daß
sie ihre Aufgabe nicht gelernt hatten. Sein Ende war, daß er sich nach
einem scharfen Zeitungsartikel aufhing.

Als Johan aber Student war, hatte er ihn ein halbes Jahr vor seinem
Tode im Walde der Eulenbucht getroffen und war gerührt worden, als
sich der alte Lehrer über die Undankbarkeit der Welt beklagte. Er
hatte vor einem Jahre von einem früheren Schüler aus Australien einen
Kasten Steine als Weihnachtsgeschenk empfangen. Kameraden des grimmigen
Lehrers sprachen auch von ihm wie von einem wohlwollenden Narren, den
sie zu hänseln pflegten.

So viele Gesichtspunkte, so viele Urteile! Aber noch heute können
alte Klaristen nicht zusammentreffen, ohne sich mit Entsetzen und
Haß über die größte Unbarmherzigkeit auszusprechen, die sich je in
Menschengestalt offenbart habe, wenn sie auch alle anerkennen, daß er
ein ausgezeichneter Lehrer war.

Sie wußten es wohl nicht besser, waren so erzogen, die Alten; und wir,
die ja alles verstehen wollen, sind wohl auch verpflichtet, alles zu
verzeihen.

Das hinderte nicht, daß die Schulzeit, die erste, als eine Lehrzeit für
die Hölle und nicht fürs Leben galt; daß die Lehrer dazusein schienen,
um zu quälen, nicht um zu strafen; daß das ganze Leben wie ein
schwerer drückender Alp Tag und Nacht auf einem lag; es half ja nicht,
daß man seine Aufgaben konnte, wenn man von Hause fortging. Das Leben
war eine Strafanstalt für Verbrechen, die man begangen hatte, ehe man
geboren war; darum lief das Kind fortwährend mit einem bösen Gewissen
herum.

Aber Johan lernte auch etwas fürs Leben.

Klara war eine Schule für Kinder besserer Leute, denn die Gemeinde war
reich. Johan hatte Lederhosen und Schmierstiefel, die nach Tran und
Wichse rochen. Man saß deshalb nicht gern neben ihm, wenn man eine
Samtbluse anhatte.

Er beobachtete auch, daß die, welche arm gekleidet waren, mehr Schläge
kriegten, als die, welche gut gekleidet waren; ja die hübschen Knaben
gingen ganz frei aus. Hätte er damals Seelenkunde und die Lehre vom
Schönen gelernt, hätte er diese Erscheinung verstanden; nun verstand er
sie nicht.

Der Prüfungstag hinterließ eine schöne, unvergeßliche Erinnerung.
Die alten schwarzen Zimmer waren frisch gescheuert; die Kinder
hatten ihre Feiertagskleider an; der Rohrstock war fortgelegt; alle
Hinrichtungen ausgesetzt. Es wär ein Tag des Jubels und Klanges, da
man in diese Marterkammern eintreten konnte, ohne zu zittern. Die
Rangordnung, die in der Klasse am Morgen vorgenommen wurde, bereitete
einige Überraschungen; die Heruntergekommenen stellten Vergleiche
und Betrachtungen an, die nicht immer schmeichelhaft für das Urteil
der Lehrer ausfielen. Die Zeugnisse wurden für ziemlich summarisch
gehalten; mußten es aber wohl sein. Doch die Ferien winkten: bald würde
alles vergessen sein. Bei der Schlußfeier dankte der Erzbischof den
Lehrern, aber die Schüler wurden getadelt und ermahnt. Doch machte die
Anwesenheit der Eltern, besonders der Mütter, die kalten Zimmer warm.
Ein unwillkürlicher Seufzer: warum kann es nicht immer so friedlich
sein wie heute? entrang sich den Lippen der Kinder.

Zum Teil sind die Seufzer erhört worden; die Jugend sieht jetzt nicht
mehr in der Schule eine Strafanstalt, wenn sie auch noch keinen
rechten Sinn in dem vielen überflüssigen Lernen sehen kann.

[Illustration: STRINDBERGS VATER Oskar Strindberg 1865

Aufnahme von Malmberg in Stockholm]

Johan war kein Licht in der Schule, aber auch kein Taugenichts. Da
er infolge seiner früheren Kenntnisse durch Erlaß in die Lehranstalt
eingetreten war, als er das erforderliche Alter noch nicht erreicht
hatte, war er immer der Jüngste. Als er aber nach der zweiten Klasse
versetzt werden sollte, wurde er, trotzdem sein Zeugnis durchaus
genügte, ein Jahr in der Klasse zurückgehalten, um zu reifen. Das war
ein schwerer Rückschlag in seiner Entwicklung. Seine ungeduldige Laune
litt darunter, daß er ein ganzes Jahr die alten Aufgaben noch einmal
lernen mußte. Zwar hatte er viel freie Zeit, aber seine Lust zum Lernen
ließ nach; auch fühlte er sich übergangen. Zu Hause war er der Jüngste,
in der Schule auch, aber nur an Jahren, denn der Verstand war älter.

Der Vater schien seine Lust zum Lernen bemerkt zu haben und ihn
zum Studenten machen zu wollen. Er nahm seine Aufgaben durch, denn
er besaß Elementarbildung. Als aber einmal der Achtjährige mit
seiner lateinischen Übersetzung kam und um Hilfe bat, mußte der
Vater eingestehen, daß er nicht Latein könne. Das Kind fühlte die
Überlegenheit, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Vater sie
auch anerkannte. Der ältere Bruder, der gleichzeitig mit Johan in der
Klaraschule angefangen hatte, wurde schleunigst herausgenommen, weil
Johan eines Tages dem Älteren die Aufgabe zeigte. Es war unverständig
vom Lehrer, es soweit kommen zu lassen, und klug vom Vater, das
Mißverhältnis zu berichtigen.

Die Mutter war stolz auf das Wissen des Sohnes und prahlte damit ihren
Freundinnen gegenüber. In der Familie spukte oft das Wort Student. Bei
dem Studentenkongreß zu Anfang der fünfziger Jahre war die Stadt von
weißen Mützen überschwemmt.

-- Wenn du erst eine weiße Mütze bekommst! sagte die Mutter.

Als Studentenkonzerte abgehalten wurden, sprach man mehrere Tage davon.
Bekannte aus Upsala kamen auch zuweilen nach Stockholm und sprachen
immer von dem frohen Leben, das der Student führe. Ein Kindermädchen,
das in Upsala gedient hatte, nannte Johan den Studenten.

       *       *       *       *       *

Mitten in dem furchtbaren Geheimnisvollen des Schullebens, in dem das
Kind niemals einen ursächlichen Zusammenhang zwischen lateinischer
Grammatik und dem Leben finden konnte, tauchte etwas neues
Geheimnisvolles auf, um nach einer kurzen Zeit wieder zu verschwinden.

Die neunjährige Tochter des Rektors wohnte den französischen Stunden
bei. Sie wurde mit Absicht auf die hinterste Bank gesetzt, damit sie
nicht gesehen werden sollte; und sich auf dem Platz umzudrehen, war ein
grobes Verbrechen. Sie war indessen im Zimmer und wurde wahrgenommen.
Das körperliche Geschlechtsleben des Knaben war noch nicht erwacht,
aber er, wie wahrscheinlich die ganze Klasse, verliebte sich. Die
Aufgaben in den Stunden, denen sie beiwohnte, gingen immer gut; der
Ehrgeiz war geweckt; niemand wollte in ihrer Gegenwart geprügelt
oder gedemütigt werden. Sie war allerdings häßlich, aber sie war
fein gekleidet. Ihre Stimme klang weicher als die der Knaben, die
Stimmwechsel hatten, und des Lehrers gestrenges Gesicht lächelte, wenn
er zu ihr sprach. Wenn er ihren Namen aufrief, wie schön der klang! Und
ein Vorname unter all diesen Familiennamen!

Johans Liebe äußerte sich in einer stillen Traurigkeit. Er konnte nicht
mit ihr sprechen, und würde es auch nicht gewagt haben. Er fürchtete
sie und sehnte sich nach ihr. Wenn aber jemand ihn gefragt hätte, was
er von ihr wolle, hätte er es nicht sagen können. Er wollte nichts von
ihr. Sie küssen? Nein, man küßte sich in seiner Familie nicht. Sie
anfassen? Nein! Viel weniger also sie besitzen. Besitzen? Was sollte er
mit ihr machen? Er fühlte, daß er an einem Geheimnis trug. Das quälte
ihn so, daß er litt, und sein ganzes Leben dunkel wurde. Eines Tages
nahm er zu Hause ein Messer und sagte: ich schneide mir den Hals ab.
Die Mutter glaubte, er sei krank. Was es war, konnte er nicht sagen. Er
war damals etwa neun Jahre alt.

Wären es nun ebensoviel Mädchen wie Knaben in der Schule gewesen,
und in allen Stunden, wären wahrscheinlich kleine unschuldige
Freundschaftsverbindungen entstanden; die Elektrizitäten wären
abgeleitet worden, die Madonnenverehrung auf ihr richtiges Maß
herabgesetzt, unrichtige Begriffe vom Weib hätten nicht ihn und seine
Kameraden durchs Leben begleitet.

       *       *       *       *       *

Des Vaters beschauliche Natur, seine Menschenscheu nach den
Niederlagen; der Verruf, in den er bei der Gesellschaft durch seine
anfangs ungesetzliche Verbindung mit der Mutter geraten war, all das
hatte ihn dazu gebracht, sich nach der Nordzollstraße zurückzuziehen.
Da hatte er ein Vorstadthaus mit einem großen Garten gemietet, mit
ausgedehnten Kuhweiden, mit Pferdestall, Viehstall, Gewächshaus. Er
hatte immer das Land geliebt und gern das Feld bestellt. Früher hatte
er einmal ein kleines Gut vor der Stadt gemietet, hatte es aber nicht
bewirtschaften können. Jetzt wollte er einen Garten haben, vielleicht
sowohl für sich selbst wie für die Kinder; diese bekamen nun eine
Erziehung, die etwas an die von Rousseaus Emile erinnerte.

Durch lange Bretterzäune war das Grundstück von den benachbarten
getrennt. Die Nordzollstraße war eine Baumallee, die noch keine
gepflasterten Bürgersteige hatte und wenig bebaut war. Sie wurde
meist von Bauern und Milchwagen befahren, die nach und von dem
Heumarkt kamen. Leichenwagen, die zum Neuen Kirchhof hinauszogen;
Schlittenpartien nach der Brunnenbucht; junge Leute, die nach den
Wirtshäusern vor der Stadt fuhren: das war der weitere Verkehr.

Der Garten, der das kleine einstöckige Haus umgab, war groß. Lange
Alleen mit wenigstens hundert Apfelbäumen und unzähligen Beerenbüschen
kreuzten sich. Dichte Lauben aus Flieder und Jasmin waren hier und
dort angepflanzt, und in einer Ecke stand noch eine gewaltige alte
Eiche. Da war es schattig, geräumig und gerade so weit verfallen, daß
es stimmungsvoll war. Östlich vom Garten erhob sich ein Hügelzug,
der mit Ahorn, Birke, Eberesche bewachsen war. Ganz oben stand ein
Tempel aus dem vorigen Jahrhundert. Die andere Seite des Hügelzugs war
zwar hier und dort nach Kies angegraben, der sich nicht als ergiebig
erwiesen, bot jedoch schöne Partien von Tälchen mit Faulbeerbäumen und
Gesträuchen aus Weiden und Dornbusch. Von dieser Seite sah man weder
Haus noch Straße. Nur wenige vereinzelte Häuser waren weit entfernt zu
sehen, dagegen Tabakscheunen und Gärten in Unendlichkeit.

Man sollte also das ganze Jahr über auf Sommerfrische wohnen, und
dagegen hatten die Kinder nichts einzuwenden. Jetzt konnte Johan aus
nächster Nähe die Geheimnisse und Schönheiten des Pflanzenlebens sehen
und entdecken; und der erste Frühling war eine wunderbare Zeit der
Überraschungen.

Wenn die frisch umgegrabene Erde mit ihrer tiefen Schwärze unter dem
weißen und hellroten Sonnenzelt der Apfelbäume lag, wenn die Tulpen in
ihren orientalischen Farben leuchteten, da war es für ihn feierlich
im Garten; feierlicher als bei der Prüfung und in der Kirche, den
Weihnachtsgottesdienst nicht ausgenommen.

Die Folge war, daß das körperliche Leben sich beschleunigte. Die
Knaben wurden in die Bäume hinauf geschickt, um das Moos von den Ästen
zu kratzen; sie reinigten die Beete von Unkraut; schaufelten Wege,
begossen und harkten. Der Viehstall war von einer Kuh bevölkert, die
kalbte. Der Heuboden wurde zur Schwimmschule, indem man von den Balken
herabsprang; das Pferd im Stall wurde zur Tränke geritten.

Die Spiele auf dem Hügelzug wurden wild; Steinblöcke wurden
hinabgerollt, Baumwipfel geentert, Streifzüge unternommen.

Die Wälder und Gebüsche des Hagaparkes wurden durchsucht; in den
Ruinen stieg man auf junge Bäume und fing Fledermäuse; die eßbaren
Eigenschaften von Sauerklee und Engelsüß wurden entdeckt; Vogelnester
geplündert. Bald wurde auch das Pulver erfunden, nachdem man Pfeil und
Bogen abgelegt, und zu Hause auf den Hügeln wurden bald Kramtsvögel
geschossen.

Die Folge war eine gewisse Verwilderung. Die Schule wurde immer
widriger und die Straßen der Stadt immer unangenehmer.

Zu gleicher Zeit begannen die Jugendbücher die Rückkehr zur Natur zu
fördern. Robinson war epochemachend, und Die Entdeckung Amerikas,
Der Skalpjäger und andere weckten einen aufrichtigen Ekel vor den
Schulbüchern.

Die Wildheit nahm während der langen Sommerferien so zu, daß die Mutter
die unbändigen Knaben nicht mehr lenken konnte. Sie wurden zuerst
versuchsweise in die Schwimmschule nach dem Ritterholm geschickt, aber
der halbe Tag wurde unterwegs auf den Straßen verbracht. Schließlich
faßte der Vater den Entschluß, die drei ältesten auf dem Lande in
Pension zu geben; den Rest vom Sommer sollten sie dort bleiben.



3.

+Fort von Hause.+


Er steht auf dem Vorderdeck eines Dampfers, der mitten auf dem
Inselmeer dahinfährt. Es ist während der Fahrt so viel zu sehen
gewesen, daß er keine Langeweile empfunden hat. Jetzt aber ist es
Nachmittag, der immer etwas Trauriges hat wie das erste Alter; die
Schatten der Sonne fallen so neu und verändern alles, ohne wie die
Nacht alles zu verbergen. Er beginnt etwas zu vermissen. Er hat ein
Gefühl von Leere; er fühlt sich verlassen; glaubt etwas abgebrochen
zu haben. Er will nach Hause; und die Verzweiflung, daß er das nicht
sofort kann, erfaßt ihn so, daß er sich entsetzt und weint. Als die
Brüder ihn fragen, warum er weine, antwortet er, er wolle nach Hause
zu Mama. Sie lachen ihn aus. Jetzt aber taucht das Bild der Mutter
auf. Ernst, milde, lächelnd erscheint sie ihm. Hört ihre letzten Worte
beim Dampfer: Sei gehorsam und höflich gegen alle Menschen, achte auf
deinen Anzug und vergiß nicht dein Abendgebet. Er denkt daran, wie
ungehorsam er gegen sie gewesen ist, und er fragt sich, ob sie krank
ist. Ihr Bild steigt auf, gereinigt, verklärt, und zieht ihn an mit den
niemals reißenden Fäden der Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach der Mutter
begleitete ihn durchs ganze Leben. War er zu früh zur Welt gekommen?
War er nicht ausgetragen worden? Was hielt ihn so mit der Mutter
verbunden?

Darauf erhielt er nie eine Antwort, weder in den Büchern noch im
Leben; aber die Tatsache blieb bestehen: er wurde nie er selbst,
nie ein abgeschlossenes Individuum. Er blieb eine Mistel, die nicht
wachsen konnte, ohne von einem Baum getragen zu werden; er wurde
eine Kletterpflanze, die eine Stütze suchen mußte. Er war von Natur
schwächlich und furchtsam; er übte sich in allen männlichen Sportarten,
war ein guter Turner, ritt auf fliegendem Pferd, führte alle Arten
Waffen, schwamm und segelte: aber nur, um nicht schlechter als die
andern zu sein. Sah niemand zu, wenn er badete, kroch er ins Wasser;
sah einer zu, warf er sich kopfüber vom Dach des Badehauses hinein.
Er fühlte seine Bangigkeit und wollte sie verbergen. Er fiel niemals
Kameraden an; wurde er aber angegriffen, schlug er zurück, auch wenn
der Gegner stärker war. Er kam erschrocken zur Welt und lebte in einem
beständigen Schreck vor Leben und Menschen.

Der Dampfer läßt die Inseln zurück, das Meer öffnet sich: eine blaue
Fläche ohne Strand. Das neue Schauspiel, der frische Wind, die
Munterkeit der Brüder heitert ihn auf. Er denkt daran, daß er bald
achtzehn schwedische Meilen auf der See gefahren ist, als der Dampfer
in die Bucht von Nyköping einfährt.

Als der Landungsteg gelegt ist, kommt ein Mann mittleren Alters mit
hellem Backenbart auf den Dampfer, spricht mit dem Kapitän und nimmt
die Knaben in Empfang. Er sieht freundlich aus und ist heiter. Es ist
der Küster von Vidala.

Am Strande steht eine Droschke mit einer schwarzen Mähre. Bald sind sie
in der Stadt und halten auf dem Hof des Kaufmanns, wo auch die Bauern
einkehren. Es riecht nach Hering und Dünnbier auf dem Hofe, und das
Warten wird unerträglich. Er fängt noch einmal an zu weinen. Endlich
kommt Herr Lindén und bringt auf einem Bauernwagen das Gepäck. Nach
vielen Händedrücken und kleinen Gläsern geht's aus der Stadt heraus. Es
ist Abend, als man den Zoll passiert.

Brachfelder und Feldzäune öffnen eine weite, öde Fernsicht. Über roten
Dörfern ist in der Ferne ein Waldrand zu sehen. Durch den Wald muß
man hindurch, und man hat drei Meilen zu fahren. Die Sonne geht unter
und man fährt durch den dunkeln Wald. Herr Lindén plaudert und sucht
den Mut der Knaben aufrechtzuerhalten. Er spricht von Spielkameraden,
Badestellen, Erdbeerpflücken. Johan schläft ein. Erwacht bei einem
Wirtshaus, in dem berauschte Bauern lärmen. Die Pferde werden
ausgespannt und getränkt.

Die Fahrt geht weiter durch dunkle Wälder. Bei den Anhöhen muß man
absteigen und gehen. Die Pferde rauchen und schnauben, die Bauern auf
dem Gepäckwagen scherzen und trinken, der Küster plaudert mit ihnen und
macht Witze. Und dann fährt man wieder und schläft ein. Erwacht wieder,
steht auf und rastet. Noch mehr Wälder, in denen früher Räuber gehaust
haben; schwarze Fichtenwälder unter dem Sternenhimmel, Hütten und
Zauntüren. Der Junge ist ganz verwirrt und nähert sich dem Unbekannten
mit Beben.

Schließlich wird die Landstraße eben; heller wird's, und die Wagen
halten vor einem roten Hause. Diesem Hause gegenüber steht ein hohes,
schwarzes Gebäude. Eine Kirche. Wieder eine Kirche. Eine alte Frau,
wie er glaubt, groß und mager, kommt und empfängt die Kinder, um sie
in ein Zimmer zu ebener Erde zu führen, in dem ein Tisch gedeckt ist.
Sie hat eine scharfe Stimme, die nicht freundlich klingt, und Johan ist
bange. Man ißt im Dunkeln, aber das Essen schmeckt nicht, denn es ist
ungewöhnlich; man ist müde und das Schluchzen sitzt einem im Halse.

Dann wird man auf die Bodenkammer hinaufgeführt, immer im Dunkeln;
kein Licht wird angesteckt. Es ist eng; Bettstellen stehen da, und auf
Stühlen und am Boden sind Betten gemacht; es riecht furchtbar. Die
Bettdecken bewegen sich und ein Kopf erscheint. Dann noch einer. Man
kichert und flüstert, aber die Kömmlinge können keine Gesichter sehen.
Der älteste Bruder bekommt ein eigenes Bett, aber Johan und der zweite
Bruder sollen mit den Füßen gegeneinander liegen. Das ist neu. Nun,
sie kriechen hinein und ziehen an der Decke. Der große Bruder streckt
sich ungeniert aus, aber Johan erhebt Einspruch gegen den Übergriff.
Sie treten sich und Johan wird geschlagen. Er weint sofort. Der älteste
Bruder schläft bereits.

Aus einer Ecke tief unten am Boden ertönt eine Stimme.

-- Liegt still, Bengels, und schlagt euch nicht.

-- Was sagst du? antwortet der Bruder, der ein kühner Junge ist.

Die Baßstimme antwortet:

-- Was ich sage? Ich sage, er soll den Kleinen nicht quälen!

-- Geht das dich etwas an?

-- Ja, das geht mich an. Komm her, ich werde dich durchhauen.

-- Durchhauen? Du?

Im Hemd steht der Bruder auf. Der Baß kommt ihm entgegen. Es ist ein
vierschrötiger Junge mit breiten Schultern; das ist alles, was man
sehen kann. In den Betten richten sich viele Zuschauer auf.

Sie schlagen sich und der große Bruder kriegt Prügel.

-- Nein, schlag ihn nicht; schlag ihn nicht.

Der kleine Bruder wirft sich dazwischen. Er konnte niemals sehen,
daß einer von seinem Blut Schläge bekam oder sonst zu leiden hatte,
ohne es in seinen Nerven zu fühlen. Wieder seine Unselbständigkeit,
die unlösbaren Blutsbande, die Nabelschnur, die nicht durchschnitten
werden, nur abgenagt werden konnte.

Dann wird es still und der Schlaf kommt, der bewußtlose, der dem Tode
gleichen soll und der darum so viele zur vorzeitigen Ruhe verlockt hat.

       *       *       *       *       *

Ein neues Leben beginnt. Die Erziehung ohne Eltern; denn der Knabe
ist draußen in der Welt unter fremden Menschen. Er ist furchtsam
und vermeidet sorgfältig, daß er getadelt werden kann. Greift
niemand an, aber verteidigt sich gegen Übergriffe. Übrigens sind die
Knaben zahlreich genug, um Gleichgewicht halten zu können; und die
Gerechtigkeit wird von dem Breitschultrigen ausgeübt, der einen Buckel
hat, vielleicht aber darum immer dem Schwächeren hilft, wenn dieser
ungerecht angefallen wird.

Des Vormittags wurde gelernt; vorm Essen gebadet; nachmittags draußen
gearbeitet. Man jätet im Garten, trägt Wasser von der Quelle, putzt
die Pferde im Stalle. Es ist der Wunsch des Vaters, daß die Kinder
körperlich arbeiten sollen, obwohl sie die gewöhnliche Pension zahlen.

Aber Johans Gehorsam und Pflichtgefühl reicht nicht aus, um ihm das
Leben erträglich zu machen. Die Brüder ziehen sich Tadel zu, und
darunter leidet er ebensosehr. Er fühlt sich mit ihnen solidarisch und
wird diesen Sommer nicht mehr als ein Drittel Mensch. Andere Strafe
als Stubenarrest kommt nicht vor, aber Tadel ist genug, um ihn zu
beunruhigen. Die Arbeit macht seinen Körper stark, aber die Nerven sind
ebenso empfindlich gegen Eindrücke. Bald trauert er um die Mutter,
bald ist er äußerst aufgeräumt und leitet die Spiele, besonders die
ausgelassenen. Im Kalksteinbruch Steine lösen, auf dem Boden des
Steinbruchs Feuer anzünden, auf Brettern steile Berge hinunterrutschen.
Furchtsam und verwegen, ausgelassen und grüblerisch: kein Gleichgewicht.

Die Kirche stand auf der andern Seite der Landstraße und warf mit ihrem
pechschwarzen Dach und ihrer leichenweißen Wand einen Schatten über
das sommerliche Gemälde. Grabkreuze ragen über die Kirchenmauern und
gehören schließlich zu seiner täglichen Fensteraussicht. Die Kirche
schlägt nicht den ganzen Tag über wie die Klarakirche in Stockholm,
aber abends um sechs Uhr dürfen die Knaben mit der Leine, die vom Turm
herunterhängt, läuten. Es war ein großer Augenblick, als er zum ersten
Male an die Reihe kam. Er fühlte sich fast als Beamten der Kirche, und
als er drei Male die drei Schläge zählte, glaubte er, Gott, Pastor,
Kirchspiel würden zu Schaden kommen, wenn er einmal zuviel anschlage.

Sonntags durften die großen Knaben in den Turm hinaufsteigen und
die Glocken läuten. Dann stand Johan auf der dunkeln Holztreppe und
bewunderte sie.

Später im Sommer kam eine Bekanntmachung mit schwarzen Rändern. Als sie
in der Kirche vorgelesen wurde, entstand große Aufregung. König Oscar
I. war gestorben. Man erzählte viel Gutes von ihm, wenn auch niemand
ihn gerade betrauerte. Jetzt aber wurde täglich zwischen zwölf und eins
geläutet.

Die Kirchenglocken schienen ihn zu verfolgen.

Auf dem Kirchhof spielte man zwischen den Gräbern, und die Kirche wurde
ihm bald vertraut. Des Sonntags wurden alle Pensionäre aufs Orgelchor
geschickt. Wenn der Küster das Kirchenlied begann, waren die Knaben
an den Stimmen aufgestellt: bei einem Nicken des Meisters wurden alle
Stimmen auf einmal ausgezogen und die Jugend brach los im Chor. Das
machte immer eine große Wirkung auf die Gemeinde.

Indem er die heiligen Dinge aus der Nähe sah und selber mit dem Zubehör
zum Kultus zu tun hatte, wurden die hohen Dinge ihm bald vertraut und
seine Ehrfurcht verringerte sich. So erhob ihn das Abendmahl nicht
mehr, als er am Abend vorher in der Küche des Küsters von dem heiligen
Brot gegessen hatte; dort wurde es gebacken und mit einer Stanze
gestempelt, auf die das Kruzifix graviert war. Die Knaben aßen es und
nannten es Mundlack. Einmal wurde er nach dem Abendmahl zusammen mit
den Kirchenvorstehern in die Sakristei geladen und bekam dort Wein zu
trinken.

Trotzdem erwachte jetzt, nachdem er von der Mutter losgerissen worden
und sich von unbekannten drohenden Mächten umgeben fühlte, ein starkes
Bedürfnis, sich an einen Schutzgeist anzuschließen. Sein Abendgebet
sprach er mit ziemlicher Andacht; morgens, wenn die Sonne schien und
der Körper ausgeruht war, empfand er dieses Bedürfnis nicht.

Eines Tages, als die Kirche gelüftet wurde, liefen die Kinder hinein
und spielten darin. In einem Anfall von Wildheit wurde der Altar
gestürmt. Aber Johan, der zu weiteren Großtaten angestachelt wurde,
stieg auf die Kanzel, kehrte das Stundenglas um und predigte aus der
Bibel. Dieser Streich machte großes Glück.

Als er wieder herunter kam, lief er oben auf den Kirchenstühlen durch
die ganze Kirche, ohne den Boden zu berühren. Als er an den ersten
Kirchenstuhl beim Altar kam, der dem Grafen gehörte, trat er so heftig
auf das Gesangbuchpult, daß es krachend zu Boden stürzte. Eine Panik
entsteht; alle Kameraden eilen aus der Kirche. Allein stand er da, wie
vernichtet.

Jetzt wäre er gern zur Mutter gestürzt, um seine Schuld zu bekennen
und sie um Hilfe zu bitten. Aber sie war nicht da. Er erinnert sich an
Gott. Fällt vorm Altar auf die Knie und betet das ganze Vaterunser.
Stark und ruhig, als habe er einen Gedanken von oben bekommen, steht
er vom Boden auf, untersucht den Kirchenstuhl, sieht, daß die Zapfen
nicht abgebrochen sind; nimmt die Leiste, paßt Fugen und Zapfen ein;
zieht einen Stiefel aus, um ihn als Hammer zu benutzen; und mit einigen
wohlgezielten Schlägen ist das Pult in Ordnung gebracht. Er prüft sein
Werk; es hält.

Verhältnismäßig ruhig verläßt er die Kirche. Wie einfach, dachte er
jetzt. Er schämte sich, daß er das Vaterunser gebetet hatte. Warum
schämte er sich? Vielleicht fühlte er dunkel, daß es in diesem wirren
Komplex, der Seele heißt, eine Kraft gibt, die, in der Stunde der Not
zur Selbstverteidigung aufgerufen, eine recht große Fähigkeit sich zu
helfen besitzt. Daß er nicht glaubte, Gott habe ihm geholfen, ging
daraus hervor, daß er nicht niederfiel und für die Hilfe dankte; und
dieses unbestimmte Gefühl von Scham entstand wahrscheinlich daher, daß
er einsah, er sei über den Fluß gegangen, um Wasser zu holen.

Das war aber nur ein vorübergehender Augenblick von Selbstgefühl. Er
verblieb ungleich und wurde jetzt auch launenhaft. Laune, Kapuze,
diables noirs, wie der Franzose sagt, ist eine noch nicht ganz erklärte
Erscheinung. Das Opfer ist besessen: es will das eine, tut aber das
Gegenteil; es leidet unter dem Verlangen, sich Böses zuzufügen, und
genießt beinahe die Selbstquälerei. Es ist eine Seelenkrankheit, eine
Krankheit des Willens; und ältere Psychologen wagten eine Erklärung,
indem sie auf die Zweiheit im Gehirn hinwiesen; dessen beide Halbkugeln
könnten unter gewissen Umständen selbständig wirken, jede für sich,
und im Kampfe gegen einander. Doch hat man diese Erklärung verworfen.
Die Doppelheit der Persönlichkeit haben viele beobachtet, und Goethe
hat sie im „Faust‟ behandelt. Launenhafte Kinder, die „nicht wissen,
was sie wollen‟, enden mit Weinen, in das sich die Nervenspannung
auflöst. Sie „betteln um Schläge‟, sagt man auch; und eigentümlich ist,
wie eine leichte Züchtigung bei solchen Gelegenheiten die Nerven ins
Gleichgewicht bringt und dem Kinde beinahe willkommen zu sein scheint;
es beruhigt sich sofort, ist versöhnlich, durchaus nicht bitter über
die Strafe, die es nach seiner Ansicht ungerecht erlitten hat. Das Kind
hat wirklich um Strafe als Medizin gebettelt.

Aber es gibt eine andere Art, die schwarzen Geister auszutreiben.
Man nimmt das Kind in seine Arme, damit es den Magnetismus eines
freundlichen Menschen fühlt, und es beruhigt sich. Diese Art ist besser
als alle anderen.

Der Knabe hatte solche Anfälle. Wenn ein Vergnügen winkte, ein Ausflug
zum Beispiel, um Beeren zu pflücken, bat er, zu Hause bleiben zu
dürfen. Er wußte, er werde sich zu Hause sehr langweilen. Er wollte
so gern mitgehen, aber er wollte vor allem zu Hause bleiben. Ein
anderer Wille, stärker als seiner, befahl ihm, zu Hause zu bleiben.
Je mehr man auf ihn einredete, desto fester wurde der Widerstand.
Kam dann aber jemand, packte ihn scherzhaft beim Kragen und warf ihn
auf den Leiterwagen, dann gehorchte er und war froh, daß er von dem
unerklärlichen Willen befreit worden. Er gehorchte im allgemeinen gern
und wollte niemals sich aufspielen oder befehlen. Er war von Geburt zu
sehr Sklave; die Mutter hatte ihre ganze Jugend hindurch gedient und
gehorcht und war als Kellnerin höflich gegen alle gewesen.

Eines Sonntags waren sie im Pfarrhaus. Da waren Mädchen. Er mochte sie
gern, ihm war aber bange vor ihnen. Die große Kinderschar zog aus, um
Erdbeeren zu pflücken. Einer schlug vor, man solle die Beeren zusammen
tun und, wenn man nach Haus gekommen, in Zucker mit Löffeln essen.
Johan pflückte fleißig und hielt die Übereinkunft, aß nicht eine Beere,
sondern lieferte seinen Teil ehrlich ab. Er sah aber andere mogeln.
Bei der Heimkehr werden die Beeren von der Tochter des Geistlichen
ausgeteilt; die Kinderschar umdrängt das Mädchen und jeder bekommt
seinen Löffel voll. Johan steht hinten; wird vergessen und bekommt
keine Beere.

Übergangen! Mit Bitterkeit im Herzen geht er in den Garten hinaus
und versteckt sich in einer Laube. Er fühlt sich als der Letzte, der
Schlechteste. Jetzt aber weint er nicht, sondern fühlt etwas Hartes und
Kaltes in sich aufsteigen, gleich einem Gerippe aus Stahl. Er beginnt
die ganze Gesellschaft zu kritisieren und findet, daß er der Redlichste
war, denn er hat draußen auf der Lichtung nicht eine Beere gegessen.
Also -- da kam der Fehlschluß -- weil er besser als die anderen war,
wurde er übergangen. Ergebnis: er hielt sich für besser als die
anderen. Und es war ihm ein großer Genuß, daß er übergangen worden.

Er hatte auch eine Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen und sich
abseits zu halten, so daß er übergangen wurde. Einmal brachte der
Vater einen Pfirsich mit zum Abendtisch. Alle Kinder erhielten eine
Scheibe von der seltenen Frucht, aber aus irgendeinem Grunde wurde
Johan vergessen, ohne daß der sonst gerechte Vater es merkte. Der
Knabe war so stolz darauf, daß er von neuem an sein hartes Schicksal
erinnert worden, daß er später am Abend den Brüdern gegenüber damit
prahlen mußte. Sie glaubten ihm nicht, für so unerhört fanden sie die
Geschichte. Je unerhörter, desto besser!

Auch von Abneigungen wurde er gequält. Eines Sonntags kam ein
Wagen voll Kinder auf den Küsterhof gefahren. Heraus stieg ein
schwarzhaariger Knabe von tückischem, aber kühnem Aussehen. Johan lief
bei seinem Anblick fort und versteckte sich auf dem Boden. Man suchte
ihn auf, der Küster suchte ihn zu begütigen, aber er blieb in seinem
Winkel sitzen und hörte zu, wie die Kinder spielten, bis der schwarze
Junge wieder abfuhr.

Weder kalte Bäder, wilde Spiele, noch strenge Körperarbeit konnten
seine schlaffen Nerven abhärten, die zuweilen einen Augenblick lang
aufs äußerste gespannt werden konnten.

Er hatte ein gutes Gedächtnis, lernte ordentlich, am liebsten
Wirklichkeiten wie Geographie und Naturwissenschaft. Arithmetik nahm er
mit dem Gedächtnis auf, aber Geometrie haßte er. Eine Wissenschaft von
Unwirklichkeiten beunruhigte ihn; erst später, als er ein Handbuch der
Feldmessung erhielt und den praktischen Nutzen der Geometrie einsah,
bekam er Lust zu dem Stoff: er maß Bäume und Häuser, schritt Gärten und
Alleen ab, konstruierte Figuren aus Pappe.

Er war jetzt in seinem zehnten Jahr. War breitschulterig und
braungebrannt; das Haar war blond und über einer krankhaft hohen und
hervortretenden Stirn in die Höhe gekämmt. Diese Stirn veranlaßte die
Verwandten zu manchem Gerede und zog ihm den Spitznamen „Professor‟ zu.

Er war nicht mehr Automat, sondern sammelte eigne Beobachtungen und zog
Schlußfolgerungen; darum näherte er sich dem Zeitpunkt, da er sich von
seiner Umgebung absondern und einsam werden mußte. Aber die Einsamkeit
mußte für ihn eine Wüstenwanderung werden, denn er besaß keine genügend
starke Persönlichkeit, um für sich gehen zu können. Seine Neigung
für die Menschen blieb unbeantwortet, weil ihre Gedanken nicht mit
den seinen gleichen Schritt hielten. Später mußte er sein Herz dem
ersten besten anbieten, aber niemand wollte es annehmen, denn es war
ihnen fremd; so mußte er sich in sich selber zurückziehen, verletzt,
gedemütigt, übersehen, übergangen.

       *       *       *       *       *

Der Sommer ging zu Ende und er fuhr nach Hause, da die Schule wieder
begann. Doppelt traurig kam ihm jetzt das dunkle Haus am Klarakirchhof
vor. Wenn er die lange Reihe von Zimmern sah, die in genau bestimmten
Jahren durchlaufen werden mußten, ehe eine neue Reihe von Zimmern auf
dem Gymnasium begann, fand er das Leben nicht gerade verlockend.

Gleichzeitig beginnt sich sein Selbstdenken gegen die Aufgaben zu
empören. Die Folge werden schlechte Zeugnisse.

Ein Halbjahr später, nachdem er in der Rangordnung heruntergekommen,
nimmt der Vater ihn aus der Klaraschule und bringt ihn in die
Jakobischule. Zur selben Zeit bricht die Familie von der Nordzollstraße
auf und zieht nach der Großen Graubergstraße beim Sabbatsberg.



4.

+Berührung mit der unteren Klasse.+


Christinenberg, so wollen wir das Vororthaus nennen, lag noch
einsamer als das an der Nordzollstraße. Die Graubergstraße war nicht
gepflastert. Stundenlang konnte man höchstens einen einsamen Wanderer
sehen, und Wagenlärm war ein solches Ereignis, daß man ans Fenster
gelockt wurde, um nachzusehen, was es gab. Das Haus lag in einem mit
Bäumen bewachsenen Hofe und glich einer Pfarre auf dem Lande. War
von Gärten und großen Tabakspflanzungen umgeben. Weite Felder mit
Teichen erstreckten sich bis zum Sabbatsberg. Jetzt aber pachtete
der Vater kein Land; die freie Zeit verging darum in Faulenzen. Die
Spielkameraden waren jetzt armer Leute Kinder, die Jungen des Müllers
und des Kuhhirten. Die Spielplätze waren besonders die Mühlenberge, und
die Windmühlenflügel waren die Spielsachen.

Die Jakobischule war die Schule der armen Kinder. Hier kam er in
Verkehr mit der unteren Klasse. Die Schulkameraden waren schlechter
gekleidet, hatten wunde Nasen und häßliche Züge, rochen übel. Seine
eigenen Lederhosen und Schmierstiefel machten hier keine schlechte
Wirkung. Er fühlte sich ruhiger in dieser Umgebung, da sie ihm anstand;
wurde vertraulicher zu diesen Kindern als zu den hochmütigen in der
Klaraschule.

Aber viele von diesen Kindern waren groß im Lernen ihrer Aufgaben,
und das Genie der Schule war ein Bauernjunge. Dagegen waren viele
sogenannte „Strolche‟ in den unteren Klassen, und diese hörten
gewöhnlich in der zweiten auf. Johan ging jetzt in die dritte Klasse
und kam mit ihnen nicht in Berührung, und sie rührten niemals einen in
einer höheren Klasse an.

[Illustration: STRINDBERGS ELTERNHAUS bei der Klarakirche zu Stockholm]

Diese Kinder hatten gleichzeitig irgendein Gewerbe, hatten schwarze
Hände, waren recht alt, bis zu vierzehn, fünfzehn Jahren. Viele von
ihnen segelten im Sommer mit der Brigg Carl Johan und erschienen dann
im Herbst in teerigen Leinwandhosen, mit Schmachtriemen und Messer. Sie
schlugen sich mit Schornsteinfegern und Tabaksbindern, tranken einen
Appetitschnaps in der Frühstückspause, besuchten Kneipen und Cafés.
Unaufhörlichen Untersuchungen und Ausweisungen waren diese Knaben
ausgesetzt und galten allgemein, aber sehr mit Unrecht, für schlechte
Kinder. Viele von ihnen sind seitdem tüchtige Bürger geworden, und
einer, der auf Carl Johan (der Strolchbrigg) gesegelt hat, endete
später als Offizier bei der Garde. Er hat niemals von seiner Segelfahrt
zu sprechen gewagt; wenn er aber die Wachtparade am Hafen vorbeiführt
und die berüchtigte Brigg dort liegen sieht, überläuft ihn ein
Schauder, sagt er.

Eines Tages traf Johan einen früheren Kameraden von der Klaraschule. Er
suchte ihm auszuweichen. Der aber geht auf Johan zu und fragt ihn, in
welche Schule er jetzt gehe.

-- So, du gehst in die Strolchschule, sagte der Kamerad.

Johan fühlte, daß er „heruntergekommen‟ war, aber er hatte es selbst
gewünscht. Er stach durchaus nicht von den Kameraden ab, sondern fühlte
sich bei ihnen zu Hause, mit ihnen verwandt; er gedieh hier besser als
in der Klaraschule, denn hier drückte nichts von oben. Er wollte selber
nicht in die Höhe steigen und irgendeinen unterdrücken, sondern er
litt unter Druck von oben. Er wollte nicht hinauf, sondern hatte den
Wunsch, daß es dort oben überhaupt niemand gebe. Aber es wurmte ihn
doch, daß die alten Kameraden glaubten, er sei heruntergekommen. Und
als er beim Schauturnen in die dunkle Schar der Jakobiner kam und den
lichten Rotten der Klaristen mit ihren feinen Sommeranzügen und hellen
Gesichtern gegenüberstand, da sah er den Klassenunterschied; fiel dann
das Wort „Strolche‟ vom anderen Lager, dann war Krieg in der Luft.
Zuweilen schlugen die beiden Schulen sich, aber Johan ging nie mit,
Er wollte die alten Freunde nicht sehen und seine Erniedrigung nicht
zeigen.

Der Prüfungstag bot in Jakob einen anderen Anblick als in Klara.
Handwerker, dürftig gekleidete Mütter, herausgeputzte Speisewirtinnen,
Fuhrleute, Schenkwirte bildeten die Zuschauer. Und die Rede, die der
Schulvorsteher vor der Versammlung hielt, war etwas anderes als die
heitere Blumenrede des Erzbischofs. Er las die Namen der Faulen (oder
fürs Lernen schwach Begabten); schalt Eltern, weil ihre Kinder zu spät
gekommen oder ausgeblieben waren. Der Saal hallte wider vom Weinen
armer Mütter, die vielleicht diese leichterklärlichen Versäumnisse
nicht verschuldet hatten. Jetzt glaubten sie in ihrer Einfalt,
schlechte Söhne zu haben.

Dann kamen die Prämien. Es waren immer die Söhne wohlhabender Bürger,
die sich ganz ihren Aufgaben hatten widmen können, die jetzt als
Musterschüler begrüßt wurden.

Die Moral, die doch die Lehre von Pflichten und Rechten sein sollte,
schließlich aber eine Lehre von den Pflichten unseres Nächsten gegen
uns geworden ist, trat nur als eine große Gesetzsammlung von Pflichten
auf. Noch hatte das Kind nicht von einem einzigen menschlichen Recht
sprechen hören. Alles erhielt es aus Gnade: lebte aus Gnade, aß aus
Gnade, durfte aus Gnade die Schule besuchen. Hier in der Schule der
Armen verlangte man noch mehr von den Kindern: man verlangte von den
Armen, daß sie heile Kleider hatten. Wo sollten sie die hernehmen?
Man tadelte ihre Hände, weil sie durch Berührung von Teer und Pech
schwarz geworden waren. Man verlangte Aufmerksamkeit, feines Benehmen,
Höflichkeit -- also alles, was man nicht verlangen konnte. Der
Schönheitssinn des Lehrers verführte ihn oft zu Ungerechtigkeiten.

Johan hatte einen Nebenmann, der nie gekämmt war, eine Wunde unter
der Nase hatte, aus dessen Ohren ein übelriechender Fluß kam. Seine
Hände waren unrein, seine Kleider fleckig und zerrissen. Selten
konnte er seine Aufgaben, wurde immer getadelt und kriegte Schläge
auf die Handfläche. Eines Tages wurde er von einem Kameraden
beschuldigt, Ungeziefer in die Klasse verschleppt zu haben. Da wurde
ihm ein besonderer Platz angewiesen; er war ausgestoßen. Er weinte
bitter, o wie bitter. Dann blieb er aus. Johan wurde als derzeitiger
Klassenkustos ausgeschickt, um ihn zu suchen. In der Totengräbergasse
wohnte er. In einem Zimmer wohnte die Malerfamilie mit Großmutter und
vielen kleinen Kindern. Georg, so hieß der Junge, hatte eine kleine
Schwester auf dem Schoß, die verzweifelnd schrie. Die Großmutter
hatte ein anderes Kind in ihren Armen. Vater und Mutter waren auf
Arbeit gegangen, jeder an seine Stelle. In diesem Zimmer, das niemand
aufräumte und das nicht aufgeräumt werden konnte, roch es nach den
Schwefeldämpfen des Koks und dem Unrat der Kinderchen; hier wurden
Kleider getrocknet, Essen bereitet, Ölfarbe gerieben, Kitt geknetet.

Hier lagen alle Motive zu Georgs Immoralität klar zutage. Aber, wendet
immer ein Moralist ein, man ist nie so arm, daß man sich nicht heil und
rein halten kann. Wie einfältig! Als ob Nähen (wenn man etwas Heiles
zu nähen hat), Seife, Wäsche, Zeit nichts kosten! Heile Kleider haben,
rein sein, sich satt essen können, ist wohl das Höchste, das der Arme
erreichen zu können glaubt. Georg konnte es nicht und deshalb wurde er
ausgestoßen.

Neuere Moralisten haben die Entdeckung zu machen geglaubt, daß die
Unterklasse unmoralischer ist als die Oberklasse. Unter unmoralisch
verstand man dieses Mal, daß sie soziale Verträge nicht so gut hält wie
die Oberklasse. Das ist ein Irrtum, wenn nichts Schlimmeres. In allen
Fällen, in denen die Unterklasse nicht von Not gezwungen wird, ist
sie pflichttreuer als die Oberklasse. Sie ist auch barmherziger gegen
ihresgleichen, milder gegen die Kinder, vor allem geduldiger. Wie lange
hat sie nicht geduldet, daß ihre Arbeit von der Oberklasse benutzt
wird, bis sie schließlich ungeduldig geworden ist!

Übrigens hat man immer die Moralgesetze so schwebend wie möglich halten
wollen. Warum werden sie nicht in Schrift und Druck festgelegt wie das
göttliche und das bürgerliche Gesetz? Vielleicht weil ein ehrlich
geschriebenes Moralgesetz auch die Rechte des Menschen aufnehmen müßte.

       *       *       *       *       *

Johan begann sich jetzt gegen die Aufgaben zu empören. Zu Hause las er
alles Mögliche, aber die Aufgaben machte er nachlässig. Die vornehmsten
Lehrfächer der Schule waren jetzt Latein und Griechisch. Die Methode
des Unterrichts war sinnlos. Ein halbes Jahr brauchte man, um einen
Feldherrn im Nepos zu übersetzen. Der Lehrer hatte eine Art, die
Sache verwickelt zu machen; die bestand darin, daß der Schüler „die
Konstruktionsordnung herausnehmen‟ sollte. Aber er erklärte nie, was
das zu bedeuten hatte. Es bestand nämlich darin, daß man die Worte des
Textes in einer gewissen Ordnung vorlas; aber in welcher, das sagte er
nie. Mit der Übersetzung fiel sie nicht zusammen. Als der Knabe einige
Versuche gemacht hatte, den Zusammenhang zu begreifen, aber nicht zur
Klarheit kommen konnte, schwieg er. Er wurde halsstarrig, und als er
zum Übersetzen aufgerufen wurde, schwieg er, obwohl er die Aufgabe
konnte. Denn sobald er anfing, hagelte es Tadel: über den Tonfall der
Worte, das Tempo, die Stimme.

-- Kannst du nicht? Verstehst du nicht? rief der Lehrer außer sich.

Der Knabe schwieg und blickte den Pedanten verächtlich an.

-- Bist du stumm?

Er schwieg. Jetzt war er zu alt, um Schläge zu bekommen, die man sich
außerdem abzugewöhnen anfing. Und so mußte er sich setzen.

Er konnte den Text übersetzen, aber nicht auf die einzige Art, die der
Lehrer wollte. Daß der Lehrer es nur auf eine einzige Art haben wollte,
fand der Junge albern. Er hätte den ganzen Cornelius Nepos in wenigen
Wochen durchgestürmt; dieses absichtliche, unvernünftige Kriechen,
während man doch laufen konnte, drückte ihn nieder. Er sah keinen Sinn
darin.

Dasselbe war in der Geschichtsstunde der Fall.

-- Nun, Johan, sagte der Lehrer ungefähr, erzähle uns jetzt, was du von
Gustav dem Ersten weißt.

Der Knabe erhebt sich von seinem Platze, und zügellos kommen ihm die
Gedanken ungefähr so:

-- Was ich von Gustav dem Ersten weiß? Oh, das ist sehr viel. Aber das
wußte ich in der ersten Klasse schon (jetzt ist er in der vierten),
und das weiß der Lehrer auch. Was hat es denn für einen Zweck, alles
herzuplappern?

-- Ist das alles, was du weißt?

Er hat nicht ein Wort gesagt, und die Kameraden lachen. Jetzt wird er
böse. Er versucht zu sprechen, aber die Worte bleiben ihm im Halse
stecken. Womit soll er beginnen? Gustav war auf Lindholm in der
Landschaft Roslagen geboren. Aber das wußte er ja vorher und der Lehrer
auch. Wie dumm, das noch einmal wiederzukauen.

-- Du kannst also deine Aufgabe nicht? Du weißt gar nichts von Gustav
dem Ersten?

Jetzt öffnet er den Mund und sagt kurz und bestimmt:

-- Doch, das kann ich gewiß!

-- So, du kannst es? Warum antwortest du denn nicht?

Er war der Ansicht, der Lehrer frage zu dumm; jetzt wollte er nicht
antworten. Er ließ alle Gedanken an Gustav den Ersten fallen und dachte
mit aller Gewalt an etwas anderes: an die Karten an der Wand, die
Lampen an der Decke. Er machte sich taub.

-- Dann setz dich, da du deine Aufgabe nicht kannst, sagt der Lehrer.

Er setzt sich und läßt seinen Gedanken freien Lauf, nachdem er sich
dafür entschieden, daß der Lehrer gelogen hat.

Es lag darin etwas von Sprachstörung, der Unfähigkeit oder Unlust zu
sprechen. Diese Aphasie begleitete ihn lange durchs Leben, bis der
Rückschlag kam in der Form von Schwatzhaftigkeit, der Unfähigkeit,
den Mund zu halten; dem Trieb, alles auszusprechen, was der Gedanke
erzeugte.

Die Naturwissenschaften lockten ihn. In den Stunden, in denen der
Lehrer der Schulbotanik farbige Figuren von Pflanzen und Bäumen zeigte,
schien ihm das dunkle Zimmer heller zu werden. Wenn der Lehrer aus
Nilssons Fauna über das Leben der Tiere vorlas, dann lauschte er und
merkte sich alles.

Aber der Vater sah, daß es mit den andern Lehrfächern schlecht ging.
Besonders mit Latein. Aber Johan mußte Latein und Griechisch lernen.
Warum? Er war wohl dazu ausersehen, Student zu werden. Der Vater
stellte eine Untersuchung an. Als er vom Lateinlehrer hörte, der halte
seinen Sohn für einen Idioten, muß das sein Selbstgefühl verletzt
haben. Er beschloß, den Jungen aus der Schule herauszunehmen und in
eine Privatlehranstalt zu geben, deren Methoden vernünftiger waren. Ja,
der Vater war so gereizt, daß er sich zu der Vertraulichkeit herabließ,
Johans Verstand zu loben und zum ersten Male etwas Böses über seinen
Lehrer zu sagen.

Indessen hatte diese Berührung mit den ärmeren Klassen bei Johan einen
deutlichen Unwillen gegen die höheren erzeugt. In der Jakobischule
herrschte ein demokratischer Geist: die Gleichalterigen fühlten
sich immer auf gleicher Höhe mit einander. Keiner entzog sich des
andern Gesellschaft aus andern Gründen als persönlicher Abneigung.
In Klara gab es Kastenunterschied und Geburtsunterschied. In Jakob
hätte Vermögen eine Aristokratie bilden können, aber es gab keine
Vermögenden. Und die ganz Armen wurden von den Kameraden mit Teilnahme
behandelt, ohne Herablassung, wenn auch der dekorierte Schulvorsteher
und die akademisch gebildeten Lehrer Widerwillen gegen die Elenden
zeigten.

Johan fühlte sich mit den Kameraden solidarisch und verwandt, war ihnen
wohlgesinnt, empfand aber Scheu vor den Höheren. So wich er den großen
Straßen aus. Ging immer die traurige Holländerstraße oder die arme
Badestubenstraße.

Aber die Kameraden lehrten ihn die Bauern geringschätzen, die hier
ihre Quartiere hatten. Das war Städteraristokratismus, den auch das
unbedeutendste Stadtkind, wie arm es sein mag, eingesogen hat. Diese
eckigen Figuren in grauen Röcken, die auf Milchkarren und Heufuhren
saßen, wurden als lächerliche Menschen behandelt, untergeordnete Wesen,
die man ungestraft mit Schneebällen bewerfen konnte. Sich an deren
Schlitten anhängen, galt für ein selbstverständliches Vorrecht. Sie
anschreien, das Wagenrad drehe sich rund, und sie dazu bringen, sich
das Wunder anzusehen, war ein ständiger Witz.

Aber wie sollten Kinder, die nichts anderes sahen als eine
Gesellschaft, in der das Schwerste unten lag und das Leichteste
oben schwamm, umhin können, das, was unten lag, für schlechter zu
halten? Aristokraten sind wir alle. Das ist allerdings zum Teil wahr,
aber es ist dafür nicht gut, und wir müßten aufhören es zu sein.
Die Unterklasse ist indessen in Wirklichkeit demokratischer als die
Oberklasse: sie will nicht höher steigen, sondern nur auf ein Niveau
kommen. Am liebsten möchte die Unterklasse das Gleichgewicht dadurch
erreichen, daß sie das Niveau herabsetzt; dann braucht sie sich nicht
bis zur Verzweiflung anzustrengen, um sich zu „erheben‟. Es gibt
Aristokraten mit dem Namen Demokraten, die sich zu erheben suchen, um
Druck ausüben zu können, aber sie sind bald durchschaut. Ein wahrer
Demokrat möchte lieber das unberechtigt Erhöhte herabsetzen als sich
„erheben‟. Man sagt von ihm, er wolle einen auf seinen niedrigen
Standpunkt herabziehen. Der Ausdruck ist korrekt, hat aber eine
falsche, häßliche Bedeutung erhalten.

Die Gesellschaft gehorcht dem Gesetz des Archimedes vom Gleichgewicht
der Flüssigkeiten in zusammenhängenden Röhren. Beide Flächen streben
danach, in die gleiche Lage zu kommen. Aber Gleichgewicht kann
nur dadurch eintreten, daß die höhere Fläche sinkt; dadurch wird
gleichzeitig die niedrige erhöht. Dahin strebt die Arbeit der modernen
Gesellschaft. Und es kommt dahin! Sicher! Und dann wird es ruhig.

Da er jetzt keine körperliche Arbeit mehr zu Hause tat, wurde sein
Leben ausschließlich ein inneres, unwirkliches Gedankenleben. Er las
zu Hause alles, was er in die Hände bekam. An den freien Nachmittagen
Mittwochs und Sonnabends saß der Elfjährige in Schlafrock und
Rauchmütze, die er vom Vater bekommen, eine lange Pfeife im Munde, die
Finger in die Ohren gebohrt, vertieft in irgendein Buch, am liebsten
ein Indianerbuch. Er hatte bereits fünf verschiedene Robinsonaden
gelesen und sich unglaublich an ihnen ergötzt.

Aber in Campes Bearbeitung hatte er, wie alle Kinder, die Moral
übersprungen. Warum hassen alle Kinder Moralpredigten? Sind sie
unmoralisch von Natur? Ja, antworten die neuen Moralisten, denn sie
sind noch Tiere und erkennen den Gesellschaftsvertrag nicht an. Ja,
aber die Moral tritt bei den Kindern auch nur mit Pflichten und keinen
Rechten auf. Die Moral ist darum ungerecht gegen das Kind, und das Kind
haßt die Ungerechtigkeit.

Neben der Lektüre hatte er ein Herbarium angelegt, eine
Insektensammlung, eine Mineralsammlung; auch las er die Flora von
Liljeblad, die er in Vaters Bücherschrank gefunden hatte. Dieses Buch
liebte er mehr als die Schulbotanik; darin standen eine Menge kleiner
Dinge über den Nutzen der Pflanzen, während das andere Buch nur von
Staubfäden und Stempeln sprach.

Wenn die Brüder ihn mit Absicht in seiner Lektüre störten, konnte
er auffahren und sie mit Schlägen bedrohen. Dann sagte man, er sei
überstudiert.

Die Verbindung mit den Wirklichkeiten des Lebens löste er auf; lebte
ein Scheinleben in fremden Ländern, in seinen Gedanken; war unzufrieden
mit dem grauen einförmigen täglichen Dasein; mit seiner Umgebung, die
ihm immer fremder wurde. Aber der Vater wollte nicht, daß er sich in
seinen Phantasien verlor, deshalb gab er ihm kleine Aufträge, ließ ihn
Zeitungen holen, schickte ihn zur Post. Johan hielt das für Eingriffe
in seine persönlichen Rechte und tat es immer mit Mißvergnügen.

Es wird jetzt soviel über die Wahrheit und über „die Wahrheit sagen‟
gesprochen, als wäre das eine schwere Sache, die Lob verdiene. Wenn
man vom Lob absieht, so ist es nicht ganz ohne, daß es schwierig ist,
zu erfahren, wie sich etwas in Wirklichkeit verhält; denn das bedeutet
ja die Wahrheit. Ein Mensch ist nicht immer der, für den sein Ruf ihn
ausgibt; ja, eine ganze öffentliche Meinung kann falsch sein; hinter
jedem Gedanken lauert eine Leidenschaft, jedes Urteil ist von einer
Neigung gefärbt. Aber die Kunst, Sachverhalt von Neigung zu trennen,
ist grenzenlos schwer; so konnten sechs Berichterstatter zu gleicher
Zeit sechs verschiedene Farben auf dem Krönungsrock des Kaisers sehen.
Neue Gedanken werden von unsern automatischen Gehirnen nicht gern
angenommen; ältere Leute glauben nur an sich selbst; Ungebildete bilden
sich ein, daß sie doch ihren eigenen Augen glauben können, obwohl es
soviel Gesichtstäuschungen gibt.

In Johans Häuslichkeit wurde die Wahrheit verehrt.

-- Sprich immer die Wahrheit, was auch geschehen möge, wiederholte der
Vater oft; dann erzählte er eine Geschichte von sich selber. Er hatte
einmal einem Kunden versprochen, eine Ware an einem bestimmten Tage
abzusenden. Er vergißt es, kann sich aber entschuldigen; denn als der
wütende Kunde aufs Kontor kommt und ihn mit Schimpfworten überschüttet,
antwortet der Vater damit, daß er demütig seine Vergeßlichkeit
eingesteht, um Verzeihung bittet und sich bereit erklärt, den Verlust
zu ersetzen. Moral: Der Kunde ist höchst erstaunt, reicht ihm die
Hand, bezeugt seine Achtung. (Nebenbei: Kaufleute müssen nicht so hohe
Forderungen an einander stellen!)

Der Vater hatte einen guten Kopf und als älterer Mann war er seiner
Schlußfolgerungen sicher.

Johan, der niemals beschäftigungslos sein konnte, hatte eine Entdeckung
gemacht: daß man sich den langen Weg nach und von der Schule
vertreiben und zugleich reicher werden konnte. Er hatte einmal auf der
trottoirlosen Holländerstraße eine Schraubenmutter gefunden. Die gefiel
ihm, denn sie konnte an einer Schnur ein guter Schleuderstein werden.
So ging er mitten auf der Straße und nahm alles Eisen auf, das er fand.
Da die Straßen schlecht waren und übermütiges Fahren nicht verboten
war, wurden die Wagen und Geräte sehr mißhandelt. Ein aufmerksamer
Wanderer konnte sicher sein, jeden Tag einige Hufnägel, einen Bolzen
und mindestens eine Schraubenmutter zu finden, manchmal auch ein
Hufeisen. Johan liebte am meisten die Schraubenmuttern; die machte er
zu seiner Spezialität. In wenigen Monaten hatte er wohl eine halbe
Metze gesammelt.

Eines Abends spielt er damit, als der Vater ins Zimmer kommt.

-- Was hast du da? fragt der Vater und macht große Augen.

-- Das sind Schraubenmuttern, antwortet Johan sicher.

-- Woher hast du die?

-- Die habe ich gefunden.

-- Gefunden? Wo?

-- Auf der Straße.

-- An einer Stelle?

-- Nein, an vielen. Man geht mitten auf der Straße und sieht auf die
Erde.

-- Nein, hör mal, das glaube ich nicht. Das lügst du. Komm, ich muß
anders mit dir reden.

Die Rede wurde mit dem Rohrstock gehalten.

-- Willst du jetzt bekennen!

-- Ich habe sie auf der Straße gefunden.

Es wird geprügelt, bis er „bekennt‟.

Was sollte er bekennen? Der Schmerz und die Furcht, der Auftritt werde
kein Ende nehmen, zwangen ihm diese Lüge ab:

-- Ich habe sie gestohlen.

-- Wo?

Nun wußte er nicht, wo eine Schraubenmutter am Wagen sitzt, aber er
mutmaßte, sie sitzen unten.

-- Unter Karren.

-- Wo?

Die Phantasie rief einen Ort hervor, wo viele Karren standen.

-- Beim Bau gegenüber der Schmiedegasse.

Die genaue Bestimmung der Gasse machte die Sache wahrscheinlich. Der
Alte glaubte jetzt sicher die Wahrheit erfahren zu haben. Und die
Schlußfolgerungen begannen.

-- Wie konntest du sie mit den bloßen Fingern nehmen?

Daran hatte er nicht gedacht. Er sah den Werkzeugkasten des Vaters vor
sich.

-- Mit einem Schraubenzieher.

Man kann Muttern nicht mit einem Schraubenzieher nehmen, aber die
Phantasie des Vaters war einmal im Gang und ließ sich anführen.

-- Aber das ist ja furchtbar! Du bist ja ein Dieb! Wenn nun die Polizei
gekommen wäre.

Johan dachte einen Augenblick, ihn mit der Erklärung zu beruhigen, es
sei ja alles Lüge; aber die Aussicht, mehr Schläge zu kriegen und kein
Abendbrot zu bekommen, hielt ihn zurück.

Als er sich am Abend niedergelegt hatte und die Mutter kam und ihn bat,
sein Abendgebet zu sprechen, sagte er pathetisch und mit erhobener Hand:

-- Hol mich der Teufel, ich habe die Muttern nicht gestohlen.

Die Mutter sah ihn lange an; dann sagte sie:

-- Du mußt nicht so fluchen!

Die Körperstrafe hatte ihn gedemütigt, ihn gekränkt; er war böse auf
Gott, Eltern und am meisten auf die Brüder, die nicht für seine Sache
Zeugnis abgelegt, obwohl sie den Verlauf kannten. Er sprach kein Gebet
an diesem Abend, aber er wünschte, es möge Feuer ausbrechen, ohne daß
er anzustecken brauche. Und auch noch Dieb!

Seit diesem Abend war er verdächtig, oder richtiger, sein schlechter
Ruf hatte sich befestigt. Lange wurde er damit gepeinigt, daß man ihn
an diesen Diebstahl erinnerte, den er nicht begangen hatte.

       *       *       *       *       *

Ein anderes Mal machte er sich selber der Lüge schuldig, aber durch
eine Unachtsamkeit, die er lange nicht erklären konnte. (Wird Eltern
zum Nachdenken empfohlen.) Ein Schulkamerad kommt mit seiner Schwester
an einem Sonntagmorgen im Frühling zu ihnen und fragt, ob er mit in den
Hagapark kommen wolle.

-- Ja, das möchte ich, aber ich muß erst Mama um Erlaubnis fragen.
(Papa war fort.)

-- Dann beeile dich!

Ja, aber er muß dem Schulfreund erst sein Herbarium zeigen.

-- Wollen wir jetzt gehen?

-- Ja, aber ich muß erst Mama fragen.

Ein kleiner Bruder kommt und will mit dem Herbarium spielen. Der Unfug
wird verhindert, jetzt aber soll der Besuch auch seine Mineralsammlung
sehen.

Während der Zeit wechselt er seinen Kittel. Dann nimmt er ein Stückchen
Brot aus dem Eßschrank. Die Mutter kommt und begrüßt die Kinder. Man
spricht von dem einen und dem andern. Johan hat es eilig, bringt die
Sachen hinein und führt seine Freunde in den Garten hinaus, um ihnen
den Froschteich zu zeigen. Endlich gehen sie nach Haga. Er, ruhig in
dem vollen Glauben, die Mutter um Erlaubnis gefragt zu haben.

Der Vater kommt nach Haus.

-- Wo bist du gewesen?

-- Ich bin mit den Freunden im Hagapark gewesen.

-- Hast du von Mama Erlaubnis gehabt?

-- Ja.

Die Mutter widerspricht. Johan verstummt vor Bestürzung.

-- So, du lügst?

Er ist sprachlos. Aber er war so sicher, daß er die Mutter um Erlaubnis
gebeten hatte, um so mehr, als keine abschlägige Antwort zu befürchten
war. Er war ja fest entschlossen gewesen, es zu tun, aber die
Nebenumstände waren dazwischen gekommen; er hatte es vergessen und er
wollte dafür sterben, daß er nicht log.

Kinder sind im allgemeinen zu ängstlich, um zu lügen; aber ihr
Gedächtnis ist kurz, die Eindrücke wechseln so schnell; und sie
verwechseln Wünsche und Entschlüsse mit vollzogenen Handlungen.

Lange lebte der Junge in dem Glauben, die Mutter habe gelogen. Als er
später oftmals über das Vorkommnis nachdachte, glaubte er, sie habe die
Sache vergessen oder seine Bitte nicht gehört. Viel, viel später begann
er zu argwöhnen, daß sein Gedächtnis ihn vielleicht getäuscht habe.
Aber er war berühmt wegen seines guten Gedächtnisses, und es handelte
sich ja nur um zwei, drei Stunden Zwischenzeit.

Sein Argwohn, daß die Mutter nicht die Wahrheit gesprochen (und
warum sollte sie nicht eine Unwahrheit sagen können, da Frauen ihre
Halluzinationen so leicht mit Wirklichkeiten verwechseln?) wurde kurz
darauf bestärkt. Die Familie hatte ein neues Möbelstück gekauft. Das
war ein großes Ereignis! Die Knaben sollten gerade der Tante einen
Besuch machen. Mutter wollte die Neuigkeit verheimlichen, um Tante bei
deren nächstem Besuch überraschen zu können. Darum bat sie die Kinder,
von dem Ereignis nicht zu sprechen.

Sie kamen zu Tante. Sie fragt sofort:

-- Hat Mama das gelbe Möbelstück gekauft?

Die Brüder schweigen, aber Johan antwortet fröhlich:

-- Nein!

Nach der Rückkehr werden sie beim Mittagtisch von Mutter gefragt:

-- Hat Tante nach dem Möbelstück gefragt?

-- Ja!

-- Was habt ihr geantwortet?

-- Ich habe nein gesagt, rief Johan.

-- Was, du bist so dreist, zu lügen, legt der Vater los.

-- Ja, Mama hat es gesagt, antwortet der Junge.

Die Mutter erbleicht und der Vater verstummt.

Es war ja eigentlich unschuldig, aber es war nicht so bedeutungslos
in seinem Zusammenhang. Leise Zweifel an der Wahrheitsliebe der
„andern‟ erwachten beim Kinde und eröffneten jetzt einen neuen
Belagerungszustand von Gegenkritik.

Die Kälte gegen den Vater nimmt zu; er forscht jetzt nach Unterdrückung
und macht trotz seiner Schwäche kleine Versuche, sich zu empören.

Jeden Sonntag wurden die Kinder in die Kirche befohlen, in der die
Familie einen Kirchenstuhl besaß. Der sinnlos lange Gottesdienst und
die unbegreiflichen Predigten hörten bald auf, Eindruck zu machen.
Ehe man Heizung eingeführt hatte, war es eine vollständige Marter,
im Winter zwei Stunden im Kirchenstuhl zu sitzen und an den Füßen
zu frieren; aber man mußte doch dahin, ob fürs Heil der Seele oder
der Ordnung halber oder um das Haus in Ruhe zu lassen, wer weiß.
Vater selbst war eine Art Theist. Er las lieber die Predigten von
Wallin, als daß er in die Kirche ging. Dafür neigte die Mutter zum
Pietismus. Sie lief hinter Olin und Elmblad und Rosenius her und hatte
Freundinnen, die den „Pietisten‟ und die „Taubenstimme‟ ins Haus
brachten. Die „Taubenstimme‟ wurde von Johan untersucht: sie enthielt
lustige Geschichten von den Missionären in China und Beschreibungen von
Schiffbrüchen. Den „Pietisten‟ ließ er liegen: das war nur Dekokt von
den Episteln des Neuen Testaments.

Eines Sonntags bekommt Johan, vielleicht infolge einer unvorsichtigen
Bibelerklärung in der Schule, indem dort von der Freiheit der Geister
gesprochen wird, den Einfall, nicht in die Kirche zu gehen. Er bleibt
ganz einfach zu Hause. Mittags, ehe der Vater nach Hause kommt, erklärt
Johan vor Geschwistern und Tanten, niemand könne das Gewissen eines
andern zwingen; darum ginge er nicht in die Kirche. Er wurde für etwas
sonderbar gehalten: darum entkam er dieses Mal der Schläge; wurde aber
wieder in die Kirche geschickt.

       *       *       *       *       *

Der Verkehr der Familie konnte außerhalb der Verwandtschaft nicht groß
sein, weil die Ehe nicht nach Gesetz und Regel geschlossen worden.
Aber Leidensgenossen suchen sich gegenseitig auf: so wurde der Verkehr
mit einem der Jugendfreunde des Vaters unterhalten, der seine Geliebte
geheiratet und deshalb von Eltern und Kameraden verstoßen worden war.
Er war Jurist und Beamter. Bei ihm war eine dritte Familie zu treffen,
auch aus dem Beamtenstand, mit demselben Eheschicksal. Die Kinder
wußten natürlich nichts von dem Trauerspiel, das hier aufgeführt
wurde. Alle Familien hatten Kinder, aber Johan fühlte sich nicht zu
ihnen hingezogen. Seine Schüchternheit und Menschenfurcht hatte nach
den Martergeschichten in Haus und Schule zugenommen; auch hatten die
Übersiedlung nach der entlegenen Stadtgegend wie die Sommeraufenthalte
auf dem Lande ihn verwildert. Er wollte nicht tanzen lernen; er fand
die Knaben albern, die sich so vor den Mädchen brüsteten. Als die
Mutter ihn bei einer Gelegenheit ermahnte, höflich gegen die Mädchen zu
sein, fragte er: warum denn? Er war jetzt recht kritisch geworden und
wollte immer wissen: warum?

Als man einst einen Ausflug ins Grüne machte, suchte er die Knaben zur
Meuterei zu bewegen, da sie die Schals und Sonnenschirme der Mädchen
trugen.

-- Warum sollen wir diese jungen Dinger bedienen? sagte er; aber die
Knaben hörten nicht auf ihn.

Schließlich wurde er es so müde, mitzugehen, daß er sich krank stellte
oder seinen Anzug im Teich naßmachte, damit er aus Strafe zu Hause
bleiben mußte. Er war kein Kind mehr; darum war ihm nicht wohl unter
den andern Kindern; aber die Älteren sahen in ihm nur ein Kind. So
wurde er einsam.

       *       *       *       *       *

Im Alter von zwölf Jahren wurde er eines Sommers nach einem neuen
Küsterhaus in der Nähe von Mariefred am Mälarsee geschickt. Da waren
viele Pensionäre, alle von sogenannter unehelicher Geburt. Da der
Küster keine größeren Kenntnisse besaß, reichte sein Wissen nicht aus,
Johans Aufgaben mit ihm durchzunehmen. Beim ersten Versuch in Geometrie
fand der Lehrer Johan so bewandert, daß er am besten allein weiter
arbeite. Da war er hoch! Er arbeitete allein weiter.

Der Küsterhof lag neben dem Park des Herrensitzes, und in dessen
königlichen Umgebungen ging er spazieren, frei von Arbeit, frei von
Aufsicht. Die Flügel wuchsen ihm und die Mannbarkeit näherte sich.

Durch erworbenes und vielleicht natürliches Schamgefühl hat
man so lange die wichtige Frage der Mannbarkeit und der damit
zusammenhängenden Erscheinungen verborgen gehalten. Schlechte Bücher
von medizinischen Spekulanten und von Pietisten, die um jeden Preis
Propaganda machen wollen; furchtsame oder unwissende Eltern haben,
manche in guter Absicht, alles getan, um junge Sünder vom Weg der
Untugend zu scheuchen. Spätere und aufgeklärtere Untersuchungen
kenntnisreicher Ärzte haben sich wieder die Aufgabe gestellt, die
Ursachen der Erscheinung zu suchen und vernünftige Heilmittel zu
finden. Vor allem aber das Kind von der übertriebenen Furcht vor den
Folgen zu befreien, weil es sich gezeigt hat, daß gerade Schreck und
Gewissensqual die Ursache waren zu den verhältnismäßig wenigen Fällen
von Wahnsinn und Selbstmord, die vorgekommen sind. Ferner hat man
entdeckt, daß nicht das Laster selbst, sondern der unbefriedigte Trieb
die krankhafte Erscheinung hervorruft. Ein neuer französischer Arzt
ist so weit gegangen, die Handlung zu verteidigen, da sie der Natur
nachhelfe, ohne Schaden zu tun. Das sei dahingestellt.

Tatsache ist indessen, daß gerade die Geisteskranken mit dieser
schlechten Gewohnheit behaftet sind. Aber der Fehlschluß liegt
darin, daß man Ursache und Wirkung verwechselt. Geisteskranke werden
eingeschlossen: was sollen sie denn da machen? Bei Geisteskranken hat
mit dem Erlöschen des Seelenlebens das vegetative und animalische Leben
überhand genommen; darum sucht sich der Trieb, wie er kann, seine
Befriedigung, ohne daran gehindert zu werden. Ein zweiter Fehlschluß:
jeder Geisteskranke wird ausgeforscht, ob er schon einmal Hand an
seinen Körper gelegt hat. Alle Geisteskranken haben es. Doch deshalb
ist das noch nicht die Ursache der Krankheit; denn man weiß jetzt, daß
viele Menschen einmal Hand an ihren Leib gelegt haben. Das wird aber
geheim gehalten. Deshalb glauben eine Menge junger Sünder, allein das
eingebildete Verbrechen zu begehen; glauben, daß die gestrengen Lehrer,
die sie einschüchtern, unschuldig gelebt haben.

Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Übertreibung
Krankheiten zur Folge haben kann; dann ist es aber die Übertreibung,
die sie verursacht hat. Und wird die schlechte Gewohnheit so lange
fortgesetzt, daß die natürliche Art nicht zu ihrem Recht kommt, so
entstehen eben dadurch Übelstände. Daß Widerwille gegen das andere
Geschlecht die Folge werden soll, ist nicht wahr; denn lasterhafte
Burschen sind später große Weiberhelden, gute Gatten, glückliche Väter
geworden. Eigentümlich ist auch, daß die Frauen Unschuldigen nicht ihre
Gunst gewähren.

Wie war es denn zugegangen? Auf die gewöhnlichste Art. Ein älterer
Kamerad ging beim Baden mit dem Beispiel voran, und die jüngeren
folgten. Ein Gefühl von Scham oder Sünde verspürte man nicht, und
niemand machte ein Geheimnis daraus. (Diese in den Schulen oft
vorkommende Unart hatte gerade zu dieser Zeit Aufsehen erregt,
Untersuchungen zur Folge gehabt und war sogar öffentlich in der Presse
besprochen worden. Man vergleiche unten Kapitel 8.) Die ganze Sache
schien kaum einen Zusammenhang mit dem höheren Geschlechtsleben zu
haben; denn in ein Mädchen war der Junge schon im Alter von acht Jahren
verliebt gewesen, als der Trieb noch vollständig schlief.

Gleichzeitig bekam Johan Kenntnis davon, daß die Schulkinder des Dorfes
im Walde mit einander zu verkehren pflegten, wenn sie aus der Schule
kamen. Diese Kinder waren acht bis neun Jahre alt. Die Eltern bekamen
Wind von der Sache, mischten sich aber nicht hinein. Dieser Zustand
oder Übelstand soll eine Regel auf dem Lande sein; er müßte in Betracht
gezogen werden, wenn man so übersicher über Laster und Anstiftung zum
Laster schreibt.

Einen Wendepunkt im Seelenleben des Knaben bildete dieses Ereignis
nicht; denn zum Grübler war er geboren, und zum Einsiedler machten ihn
seine neuen Gedanken. Übrigens legte er das Laster bald ab, als ihm ein
warnendes Buch in die Hand fiel. Da aber trat an die Stelle des Lasters
ein Kampf gegen die Begierde, die er nicht besiegen konnte, weil sie
ihn in der Form von Gaukelbildern während des Schlafs überfiel, wenn
seine Kraft nicht zugegen war. Und nicht eher konnte er ruhigen Schlaf
genießen, bis er im Alter von achtzehn Jahren den Verkehr mit dem
andern Geschlecht begann.

       *       *       *       *       *

Später im Sommer verliebte er sich in die Tochter des Inspektors, eine
Zwangzigjährige, die nicht im Küsterhause verkehrte. Er kam nicht dazu,
mit ihr zu sprechen; spähte aber ihre Wege aus und kam oft in die Nähe
ihrer Wohnung. Das Ganze war eine stille Verehrung ihrer Schönheit, aus
der Entfernung, ohne irgendwelche Begierde, ohne irgendeine Hoffnung.
Die Neigung glich eher einer stillen Trauer und hätte sich vielleicht
ebensogut auf eine andere gerichtet, wenn er mehrere Mädchen gekannt
hätte. Es war eine Madonnenverehrung, die nichts begehrte; es müßte
denn sein, ein großes Opfer zu bringen: am liebsten ein Ertrinken im
See, aber in ihrer Gegenwart. Es war ein dunkles Gefühl davon, daß er
nur ein halber Mensch sei, der nicht leben wollte, ohne sich durch die
andere, „bessere‟, Hälfte ergänzt zu haben.

Der Kirchendienst wurde fortgesetzt, machte jetzt aber keinen
besonderen Eindruck mehr. War nur langweilig.

Dieser Sommer war indessen sehr wichtig in seiner Entwicklung, weil
er ihn vom Elternhaus löste. Keiner von den Brüdern war dabei. Keine
Nabelschnur verband ihn mehr mit der Mutter. Das machte ihn reifer und
härtete die Nerven ab; allerdings nicht sofort, denn gelegentlich, wenn
er nicht froh war, packte ihn das Heimweh furchtbar. Dann erschien ihm
die Mutter in dem alten verklärten Licht: huldvoll und beschützend, als
Wärmequelle, als fürsorgliche Hand.

Anfang August kam ein Brief mit der Nachricht, der ältere Bruder Gustav
werde nach Paris fahren, um dort in einem Pensionat die Sprache zu
lernen und sich kaufmännisch auszubilden; vorher solle er einen Monat
auf dem Lande zubringen und dort den Bruder ablösen. Der Gedanke an
die nahende Trennung, der Glanz der großen Weltstadt, die Erinnerung
an manche lustige Streiche, die Sehnsucht nach dem Elternhause, die
Freude, einen seines Blutes wiederzusehen: alles vereinigte sich jetzt,
um Johans Gefühle und Phantasie in Bewegung zu setzen. Während der
Woche, in der er den Bruder erwartete, dichtete er ihn um zu einem
Freunde, einem überlegenen Manne, zu dem er aufsah. Und Gustav war ihm
als Mensch überlegen. Er war ein kühner frischer Jüngling, zwei Jahre
älter als Johan, mit dunkeln, starken Zügen; grübelte nicht, sondern
besaß ein tatkräftiges Temperament; war klug, konnte schweigen, wenn's
nötig war; zuschlagen, wenn's darauf ankam; verstand zu wirtschaften
und zu sparen. Er ist zu klug, meinte der träumende Johan. Die Aufgaben
konnte er nicht, denn er schätzte sie gering, aber er verstand die
Kunst des Lebens: fiel ab, wenn's nötig war; schritt ein, wenn's sein
mußte; war niemals traurig.

Johan hatte ein Bedürfnis, jemanden zu verehren; in einem andern Stoff,
als sein eigner schwacher Ton war, ein Bildwerk zu kneten, in das er
seine schönen Wünsche legen konnte. Acht Tage lang übte er diese Kunst.
Er traf Vorbereitungen zur Ankunft des Bruders, indem er ihn allen
seinen Freunden aufs vorteilhafteste ausmalte, ihn dem Lehrer empfahl,
Spielplätze mit kleinen Überraschungen aussuchte, bei der Badestelle
ein Sprungbrett anbrachte...

Am Tage vor der Ankunft ging er in den Wald und pflückte Multbeeren und
Blaubeeren, mit denen er den Gast erfreuen wollte. Darauf deckte er
einen Tisch mit weißen Papierbogen. Auf die legte er die Beeren, immer
eine gelbe und eine blaue, und in der Mitte ordnete er sie in Form
eines großen G. Das Ganze wurde mit Blumen umgeben.

Der Bruder kam; warf einen flüchtigen Blick auf die Anordnung, aß, nahm
aber nicht Notiz von der Feinheit mit dem Namenszug; vielleicht fand er
es albern. In der Familie galten nämlich alle Ausbrüche von Gefühl für
albern.

Darauf badete man. Als Gustav das Hemd ausgezogen hatte, lag er im
nächsten Augenblick im Wasser und schwamm, ohne anzuhalten, nach der
Boje hinaus. Johan bewunderte ihn, wäre ihm gern gefolgt; dieses Mal
aber fand er es netter, der Schlechtere zu sein und dem Bruder den
Glanz zu lassen. Er war der erste Junge, der bis zur Boje geschwommen
war.

Beim Mittagstisch ließ Gustav ein fettes Schinkenstück auf dem Teller
liegen. Das hatte noch niemand gewagt. Gustav wagte alles. Als man am
Abend läutete, bot Johan die Leine Gustav an. Der läutete mindestens
zehn Male. Johan kriegte einen Schrecken, als seien die Schicksale des
ganzen Kirchspiels in Gefahr; bald lachte er, bald flehte er, doch
aufzuhören.

-- Ach was, das hat nichts zu bedeuten! sagte Gustav.

Dann lud Johan ihn zu seinem Freunde ein, dem erwachsenen Sohn des
Tischlers, der vielleicht fünfzehn Jahre alt war. Sofort entstand
Vertraulichkeit zwischen den Gleichalterigen: der Freund verließ Johan,
der ihm zu klein war. Aber Johan empfand keine Bitterkeit, obwohl die
beiden Großen ihn hänselten und allein Jagdausflüge mit der Flinte
unternahmen.

Er wollte nur geben: er hätte sogar seine Geliebte gegeben, wenn
er eine besessen. Ja, er machte ihn auf die Tochter des Inspektors
aufmerksam, an welcher der Bruder sehr richtig Gefallen fand. Statt
aber hinter den Baumstämmen zu seufzen, ging er zu ihr und plauderte
mit ihr, natürlich in aller Unschuld. Das war die kühnste Handlung,
die Johan in seinem Leben hatte ausführen sehen; er selbst hatte das
Gefühl, als sei er gewachsen. Er vergrößerte sich, seine schwache
Seele handelte gleichsam durch die starken Nerven des Bruders; er
identifizierte sich mit ihm. Er war ebenso glücklich, als hätte er
selbst das Mädchen angesprochen.

Er gab Ideen zu Ausflügen, Streichen, Rudertouren, und der Bruder
setzte sie ins Werk. Er entdeckte Vogelnester und der Bruder enterte
den Baum und plünderte sie.

Das aber dauerte nur eine Woche. Am letzten Tage, als Johan abreisen
sollte, sagte er zu Gustav:

-- Wir wollen Mama einen schönen Blumenstrauß kaufen.

-- Ja, das wollen wir.

Sie gingen zum Gärtner des Gutes. Gustav bestellte: er müsse fein sein.
Während der Strauß gebunden wurde, ging er in den Garten und aß ganz
offen Beeren. Johan wagte nicht, etwas anzurühren.

-- Iß doch, sagte der Bruder.

Nein, er konnte nicht.

Als der Strauß fertig war, zog Johan seine Geldtasche und bezahlte ihn
mit vierundzwanzig Schillingen. Gustav ließ sich nichts merken.

Dann trennten sie sich.

Als Johan nach Haus kam, überreichte er den Strauß mit einem Gruß von
Gustav.

Die Mutter war gerührt.

Beim Abendbrot erregten die Blumen die Aufmerksamkeit des Vaters.

-- Die hat Gustav mir geschickt, sagte die Mutter. Er ist doch immer
nett.

Und Johan bekam einen traurigen Blick, denn er war so hart.

Des Vaters Auge schimmerte unter der Brille.

Johan empfand keine Bitterkeit. Die schwärmerische Opferlust des
Jünglings hatte sich geäußert, der Kampf gegen Ungerechtigkeiten hatte
ihn zum Selbstquäler gemacht, und er schwieg. Er schwieg auch, als der
Vater dem Gustav Taschengeld schickte und ihm in ungewöhnlich gerührten
Worten schrieb, wie tief er diesen feinen Zug seines guten Herzens
empfunden habe.

Er schwieg sein ganzes Leben hindurch über diese Geschichte, auch
als er Anlaß hatte, Bitterkeit zu fühlen. Er sprach erst, als er,
übermannt, in den schmutzigen Sand der Arena niedergefallen war, einen
groben Fuß auf seiner Brust fühlte, ohne eine Hand zu erblicken, die
Gnade winkte. Da war es nicht Rache, sondern nur die Selbstverteidigung
des Sterbenden!



5.

+Mit der Oberklasse.+


Die Privatlehranstalt war als eine Opposition gegen die
Schreckensregierung der öffentlichen Schulen entstanden. Da ihre
Existenz vom guten Willen der Schüler abhing, hatte man ihnen große
Freiheiten erlaubt und einen äußerst humanen Geist eingeführt.
Körperstrafe war verboten; die Schüler waren gewohnt, sich äußern zu
dürfen, Einspruch zu erheben, sich gegen Anklagen zu verteidigen; mit
einem Wort, sie wurden wie denkende Wesen behandelt.

Hier erst erfuhr Johan, daß er menschliche Rechte hatte. Wenn sich
der Lehrer in einer Tatsache geirrt, konnte er sich nicht auf seine
Autorität berufen; er wurde von der Klasse berichtigt und unkörperlich
gelyncht, indem sie ihm seinen Irrtum nachwies. Auch waren vernünftige
Methoden in den Unterricht eingeführt. Wenig Aufgaben. Fortlaufende
Übersetzungen gaben den Schülern einen Begriff, was der Unterricht in
Sprachen für einen Sinn hat: nämlich übersetzen zu können. Auch waren
Ausländer für die lebenden Sprachen angestellt; das Ohr gewöhnte sich
an den richtigen Akzent; man lernte, wie eine Sprache gesprochen wird.

Eine Menge Jünglinge waren aus den Staatsschulen in diese
Privatlehranstalt geflohen; Johan traf hier viele Kameraden aus Klara
wieder. Aber er fand auch Lehrer wieder sowohl aus Klara wie aus Jakob.
Diese machten hier ein ganz anderes Gesicht und nahmen eine ganz andere
Art an. Johan verstand jetzt, daß sie in gleicher Verdammnis gewesen
waren wie ihre Opfer, denn sie hatten Direktor und Schulrat über sich
gehabt.

Endlich schien sich also der Druck von oben zu verringern, sein Wille
und seine Gedanken Freiheit zu bekommen; er hatte ein Gefühl von Glück
und Wohlbefinden. Zu Hause lobte er die Schule, dankte den Eltern für
die Befreiung; erklärte, es gefiele ihm nirgends so gut wie in der
Schule. Er vergaß alte Ungerechtigkeiten, wurde weicher in seinem Wesen
und freimütiger. Die Mutter begann sein Wissen zu bewundern. Außer der
Muttersprache lernte er fünf Sprachen; nur ein Jahr hatte er noch bis
zum eigentlichen Gymnasium. Der älteste Bruder war schon in Stellung
auf einem Kontor, der zweite Bruder war in Paris. Johan war jetzt im
Elternhaus gleichsam eine Altersstufe aufgerückt und schloß persönliche
Bekanntschaft mit der Mutter. Er erzählte ihr aus seinen Büchern von
Natur und Geschichte; und sie, die sich nie Kenntnisse hatte erwerben
können, lauschte mit Andacht.

Wenn die Mutter aber eine ganze Weile zugehört hatte, holte sie das
einzige Wissen hervor, das den Menschen glücklich machen könne; ob
sie sich nun erheben wollte oder wirklich die weltliche Weisheit
fürchtete. Sie sprach von Christus. Johan kannte die Rede wohl wieder,
aber die Mutter verstand es, sie an ihn persönlich zu richten. Er
müsse sich vor geistigem Hochmut hüten und immer einfältig bleiben.
Der Knabe verstand das Wort einfältig nicht, und die Rede über Jesus
glich nicht den Worten der Bibel. Es war etwas Ungesundes in ihrer
Anschauung; er glaubte des Ungebildeten Widerwillen gegen Bildung zu
bemerken. Warum denn dieser lange Schulkursus, fragte er sich, wenn er
doch für nichts gilt im Vergleich mit diesen dunkeln zusammenhanglosen
Lehren von Jesu kostbarem Blut? Er wußte auch, daß die Mutter diese
Sprache aus Gesprächen mit Ammen, Nähmädchen, alten Frauen nahm, die
zu den Herrnhutern gingen. Sonderbar, daß diese gerade die höchste
Weisheit gepachtet haben sollten, von der weder der Geistliche in der
Kirche noch der Lehrer in der Schule eine Ahnung hatte. Er fand, diese
Demütigen waren geistig recht hochmütig; und der Weg zur Weisheit durch
Jesus war ihm ein erfundener Richtweg.

Dazu kam, daß zu seinen Schulkameraden jetzt Grafen und Barone
gehörten; und wenn man Namen auf -helm und -schwert in seinen
Geschichten aus der Schule hörte, warnte man ihn vor Hochmut. War
er hochmütig? Wahrscheinlich! In der Schule suchte er niemals die
Vornehmen auf. Er sah sie lieber als die Bürgerlichen: sie sprachen
seinen Schönheitssinn an durch ihre guten Kleider, feinen Gesichter,
leuchtenden Brillantnadeln. Er fühlte, daß sie eine andere Rasse waren,
eine Stellung besaßen, die er nie erreichen konnte; nach der er nicht
einmal strebte, denn er wagte nicht, vom Leben etwas zu verlangen. Als
aber eines Tages ein Baron ihn um Hilfe bei einer Aufgabe bat, fühlte
er sich mindestens ebenso gut wie dieser, ja in einem Falle über ihm.
Damit hatte er entdeckt, daß es etwas gab, was ihn den Höchsten der
Gesellschaft ebenbürtig machen konnte: Kenntnisse! Die konnte er sich
verschaffen!

An dieser Lehranstalt herrschte gerade infolge ihres liberalen Geistes
eine Demokratie, die er nicht in Klara gefunden hatte: Grafen und
Barone, die meist faul waren, hatten kein Vorrecht vor den andern. Der
Direktor, selbst ein Bauernjunge aus Småland, hatte nicht die geringste
Ehrfurcht vor hoher Geburt; ebensowenig wie er ein Vorurteil gegen
die Adeligen hegte, die er keineswegs ducken wollte. Er duzte alle,
Kleine wie Große; war gegen alle gleich vertraulich, studierte jeden
einzelnen, rief ihn beim Vornamen, hatte ein Herz für die Jugend.

Durch den täglichen Verkehr zwischen bürgerlichen und adeligen Kindern
wurde der Respekt aufgehoben. Kriecher gab es nur in den höhern Klassen
des eigentlichen Gymnasiums. Da kamen einige junge Edelleute mit
Reitgerte und Sporen in die Klasse, während ein Gardist unten das Pferd
hielt. Diese Jünglinge wurden von den Klugen aufgesucht, die schon
einen Einblick in die Kunst des Lebens getan hatten. Weiter als bis zum
Café oder einem Besuch in der Wohnung reichte dieser Weg jedoch nicht.

Im Herbst kehrten einige der vornehmen Jünglinge von sommerlichen
Ausfahrten zurück, die sie als außerordentliche Seekadetten unternommen
hatten. Sie kamen dann in Uniform und mit Seitengewehr in die
Klasse. Sie wurden viel bewundert, von manchem beneidet, aber Johans
Sklavenblut war niemals vermessen in dieser Beziehung: er erkannte
das Vorrecht an, träumte sich nie auf diese Höhe hinauf; hatte ein
Gefühl, dort würde er noch gedemütigter sein als hier; darum wollte er
nicht dorthin. Aber auf eine Höhe mit ihnen kommen durch Verdienste,
Arbeit, davon träumte er kühn. Als im Frühling die Abiturienten in die
Klasse kamen, um sich von ihren Lehrern zu verabschieden, da sah er
ihre weißen Mützen, ihre freie Art, ihre frischen Gesichter; da sehnte
er sich in ihre Lage, denn er merkte auch, wie die Seekadetten mit
Bewunderung nach der weißen Mütze guckten.

       *       *       *       *       *

In der Familie war ein gewisser Wohlstand eingetreten. Man war wieder
nach der Nordzollstraße gezogen. Dort war es angenehmer als am
Sabbatsberg, und die Knaben des Hauswirtes waren Schulkameraden. Den
Garten aber pachtete der Vater nicht mehr, und Johan beschäftigte sich
auch meistens mit den Schulbüchern. Er führte jetzt das Leben eines
wohlhabenden Jünglings. Im Hause herrschte Heiterkeit; erwachsene
Kusinen und die vielen Buchhalter des Kontors besuchten es Sonntags;
und Johan nahm trotz seinen jungen Jahren an ihrem Verkehr teil.
Er legte jetzt Wert auf seinen Anzug, und als vielversprechender
Gymnasiast genoß er ein höheres Ansehen, als seine Jahre bedingten.
Er ging im Garten spazieren, und weder Beerenbüsche noch Apfelbäume
führten ihn jetzt noch in Versuchung.

Dann und wann kamen Briefe von dem Bruder in Paris. Die wurden laut
und mit großer Andacht vorgelesen. Das war ein Trumpf der Familie. Zu
Weihnachten kam das Bild des Bruders in französischer Schuluniform.
Das war Trumpfas. Johan hatte jetzt einen Bruder, der Uniform trug
und Französisch sprach. Er zeigte das Bild in der Schule, und sein
gesellschaftliches Ansehen hob sich. Die Seekadetten grinsten
allerdings und sagten, es sei keine richtige Uniform, denn sie habe
kein Seitengewehr. Aber sie hatte Käppi und blanke Knöpfe und etwas
Gold am Kragen.

Zu Hause wurden Stereoskopbilder von Paris gezeigt, und man lebte nur
noch in Paris. Die Tuilerien und der Triumphbogen waren bekannt wie das
Stockholmer Schloß und Gustav Adolfs Denkmal. Es hatte den Anschein,
als sei die Redensart, der Vater lebe in seinen Kindern, wirklich
begründet.

Das Leben lag jetzt hell vor dem Jüngling. Der Druck hatte
nachgelassen, er atmete leichter; wäre wahrscheinlich einen ebenen
geraden Weg durchs Leben gegangen, wenn die Umstände es nicht gefügt
hätten, daß der Wind ihm verkehrt ins Segel kam.

Die Mutter war längst schwächlich gewesen nach ihren zwölf
Wochenbetten. Jetzt mußte sie sich niederlegen und stand nur dann
und wann auf. Ihre Laune wurde heftiger und rote Flammen erschienen
auf ihren Wangen, wenn man ihr widersprach. Letzte Weihnacht war sie
mit ihrem Bruder in einen heftigen Zwist über pietistische Prediger
geraten. Der Bruder hatte am Weihnachtstisch behauptet, „Fredmans
Episteln‟ von Bellman seien tiefsinnig und ständen an Gedankenreichtum
hoch über den Predigten der pietistischen Prediger. Da fing die Mutter
Feuer und bekam einen hysterischen Anfall. Das war nur ein Symptom.

Sie begann, solange sie noch auf war, die Wäsche und Kleider der Kinder
in Ordnung zu bringen und Schubladen aufzuräumen. Sie sprach oft mit
Johan über Religion und andere hohe Fragen. Eines Tages zeigte sie ihm
einige goldene Ringe.

-- Die sollt ihr haben, wenn Mama stirbt, sagte sie.

-- Welcher gehört mir? fragte Johan, ohne sich um den Gedanken an den
Tod zu kümmern. Sie zeigte einen geflochtenen Mädchenring mit einem
Herzen. Der machte einen starken Eindruck auf den Knaben, da er niemals
etwas aus Gold besessen hatte; oft dachte er an den Ring.

Ein Fräulein kam für die Kinder ins Haus. Sie war jung, sah gut aus,
sprach wenig. Zuweilen lächelte sie kritisch. Sie war vorher bei
einem Grafen in Stellung gewesen und glaubte wahrscheinlich in ein
etwas einfaches Haus gekommen zu sein. Sie sollte Kinder und Mägde
überwachen, verkehrte aber mit den letzten beinahe vertraulich.

Es waren jetzt drei Mägde im Haus, dazu das Fräulein, ein Knecht, ein
Bauernmädchen. Die Mägde hatten ihre Bräutigame und lebten ein lustiges
Leben in der großen Küche, die mit ihrem Kupfer und Zinn stattlich
aussah. Da wurde gegessen und getrunken und die Knaben wurden auch
eingeladen. Sie wurden Herren von den Bräutigamen genannt, und man
trank auf ihr Wohl. Der Hausknecht jedoch war nie dabei; er fand es
„säuisch‟, so zu leben, während die Frau krank war.

Das Haus kam herunter. Der Vater hatte schlimme Sträuße mit den
Dienstboten zu bestehen, seit sich die Mutter zu Bett gelegt hatte.
Aber die Mutter blieb die Freundin der Mägde bis in den Tod. Sie gab
ihnen aus Instinkt recht. Und die Mägde mißbrauchten die Parteilichkeit
der Mutter.

Es war streng verboten, die Kranke aufzuregen, aber die Dienstboten
intrigierten gegen einander und sicherlich gegen den Hausherrn auch.
Eines Tages hatte Johan in einem silbernen Löffel Blei geschmolzen. Die
Köchin petzte es der Mutter. Die wurde heftig und sagte es dem Vater.
Den aber reizte nur die Anzeige. Er ging zu Johan und sagte freundlich,
als müsse er sich beklagen:

-- Du mußt Blei nicht in silbernen Löffeln schmelzen. Auf den Löffel
kommt es mir nicht so sehr an; der kann wieder gemacht werden; aber
die verdammte Friederike hat Mama Kummer bereitet. Zeig es den Mägden
nicht, wenn du was Dummes anstellst; sag es mir, dann werden wir es
wieder in Ordnung bringen!

Zum ersten Male waren sie Freunde, Vater und er; jetzt liebte er den
Vater, da er zu ihm hinabstieg.

       *       *       *       *       *

Eines Nachts wird er von der Stimme des Vaters aus dem Schlaf geweckt.
Er fährt auf. Es ist dunkel im Zimmer. In der Dunkelheit hört er die
Stimme des Vaters, die tief und zitternd sagt:

-- Ihr Knaben, kommt an Mutters Totenbett!

Wie ein Blitzschlag traf es ihn. Er fror so, daß die Glieder gegen
einander schlugen, während er die Kleider anzog; die Kopfhaut war zu
Eis geworden; die Augen standen weit offen und strömten so von Tränen,
daß die Lichtflamme wie eine rote Blatter erschien.

Dann standen sie am Krankenbett. Sie weinten eine Stunde, weinten zwei,
drei. Die Nacht kroch weiter. Die Mutter war bewußtlos und erkannte
niemanden. Der Todeskampf hatte mit Röcheln und Notschreien begonnen.
Die jüngsten Kinder wurden nicht geweckt.

Johan saß da und dachte über alles Böse nach, was er getan hatte.
Nicht eine Gegenrechnung gegen die Ungerechtigkeiten kam vor. Nach
drei Stunden hörten die Tränen auf. Die Gedanken kamen und gingen.
Der Tod war das Ende. Wie sollte es werden, wenn Mama nicht mehr da
war? Öde und leer. Kein Trost, kein Ersatz. Es war nur ein dichtes
Dunkel von Unglück. Er spähte nach einem einzigen Lichtpunkt. Das
Auge fällt auf Mutters Kommode, auf der Linné steht, aus Gips, eine
Blume in der Hand. Da lag der einzige Vorteil, den dieses bodenlose
Unglück ihm brachte: er würde den Ring bekommen. Er sah ihn an seiner
Hand. -- Das ist eine Erinnerung an meine Mutter, könnte er sagen. Er
würde bei dieser Erinnerung weinen, aber er konnte den Gedanken, ein
goldener Ring am Finger sei fein, nicht unterdrücken. -- Pfui! Wer
konnte solch niedrigen Gedanken am Totenbett der Mutter denken? Ein
schlaftrunkenes Hirn, ein verweintes Kind. Nein bewahre, ein Erbe.
War er geiziger als andere? Hatte er Anlage für Geiz? Nein, dann
hätte er nie von der Geschichte gesprochen, denn sie war tief bei ihm
begraben. Aber er erinnerte sich sein ganzes Leben daran; sie tauchte
dann und wann auf, und wenn sie kam, in einer schlaflosen Nacht, in
den beschäftigungslosen Stunden der Müdigkeit, dann fühlte er die Röte
an den Ohren brennen. Dann stellte er Betrachtungen über sich selbst
und sein Betragen an und bestrafte sich als den Niedrigsten von allen
Menschen.

Erst als er älter wurde, eine große Anzahl Menschen und die Mechanik
des Gedankenapparates kennenlernte, kam er auf die Idee, daß das
Gehirn ein sonderbares Ding ist, das seine eignen Wege geht; und daß
sich die Menschen gleichen, auch in dem Doppelleben, das sie führen:
was zu sehen ist und was nicht zu sehen ist; was gesprochen wird und
was still gedacht wird.

Zu diesem Zeitpunkt aber fand er nur, daß er schlecht sei. Und als er
in den Pietismus hineinkam, der vom Kampf gegen böse Gedanken spricht,
sah er ein, daß er recht böse Gedanken hatte. Woher kamen die? Von der
Erbsünde und vom Teufel, antworteten die Pietisten. Das gefiel ihm,
denn er wollte die Verantwortung für einen so häßlichen Gedanken nicht
übernehmen; er konnte aber doch nicht umhin, sich verantwortlich zu
fühlen, denn er kannte noch nicht die Lehre vom Determinismus oder der
Unfreiheit des Willens. Die Verkündiger dieser Lehre hätten gesagt:
ein gesunder Gedanke bei dir, mein Junge, von einem Übel das kleinste
Übel zu suchen; ein Gedanke, den alle Erben, große und kleine, gedacht
haben, und, wohlgemerkt, gedacht haben müssen, nach allen Gesetzen vom
Denken. Die christliche Moral der Selbstverleugnung mit dem Ideal des
Säulenheiligen nennt diese Gedanken böse, die nur der Selbsterhaltung
dienen. Aber das ist ungesund, denn die erste und heiligste Pflicht des
einzelnen ist, sein Selbst zu schützen, soweit es möglich ist, ohne
andern zu schaden.

Aber seine ganze Erziehung war ja nach damaliger niedriger Vorstellung
in der bestimmten Rücksicht auf Himmel und Hölle eingerichtet. Die
einen Handlungen galten für böse, die andern für gut. Die ersten
sollten bestraft, die letzten belohnt werden. So galt es für eine
Tugend, die Mutter tief zu betrauern, ganz abgesehen davon, wie sich
diese Mutter gegen ihr Kind betragen hatte. Die Dauerhaftigkeit der
Gefühle war eine Tugend; wessen Gefühle nicht so beschaffen waren, galt
nicht für tugendhaft. Die Unglücklichen, die diesen Mangel bei sich
merkten, wollten sich umschalten, sich besser machen. Daraus folgte
Heuchelei, Falschheit gegen sich selbst. Jetzt ist man soweit gekommen,
in der Empfindsamkeit eine Schwäche zu entdecken, die in älteren
Stadien zum Laster gestempelt wäre.

Die französische Sprache behält noch dasselbe Wort „vice‟ für Gebrechen
und Laster bei. Überfluß an Gefühl und Phantasie, der die Wahrheit
verbirgt, soll jetzt den niedrigen Stufen der Entwicklung angehören:
des Wilden, des Kindes, des Weibes; wird jetzt brachgelegt wie ein
durch Überkultur ausgesogener Boden. Die Epoche des reinen Denkens
steht jetzt[2] vor der Tür.

Der Jüngling war ein Quadro aus Romantik, Pietismus, Realismus,
Naturalismus. Darum wurde er auch nur Flickwerk.

Johan dachte gewiß nicht nur an den armen Schmuck; das Ganze war die
Zerstreuung eines Augenblicks, zwei Minuten einer monatelangen Trauer.
Als es schließlich still im Zimmer wurde und Vater sagte: Mama ist tot,
da war er trostlos. Er schrie wie ein Ertrinkender.

Wie kann der Tod die, welche an ein Wiedersehen glauben, in solch
furchtbare Verzweiflung bringen? Es muß doch in diesen Augenblicken
schlecht bestellt sein um den Glauben, wenn sich vor unsern Augen die
Vernichtung der Persönlichkeit mit unerbittlicher Konsequenz vollzieht.

Der Vater, der sonst die äußere Gefühllosigkeit des Isländers hatte,
war jetzt weich geworden. Er nahm die beiden Söhne bei der Hand und
sagte:

-- Gott hat uns heimgesucht. Jetzt müssen wir wie Freunde
zusammenhalten. Die Menschen glauben, sich selbst genug zu sein; dann
kommt der Schlag, und man sieht, wie alle einander nötig haben. Laßt
uns aufrichtig gegen einander sein und nachsichtig.

Im Nu nahm die Trauer des Knaben ab. Er hatte einen Freund bekommen,
und zwar einen mächtigen, klugen, männlichen Freund, den er bewunderte.

Die Fenster wurden jetzt mit weißen Laken verhängt.

-- Du brauchst nicht in die Schule zu gehen, wenn du nicht willst,
sagte der Vater.

Wenn du nicht willst! Sein Wille wurde also anerkannt.

Dann kamen Tanten, Verwandte, Kusinen, Ammen, alte Dienstboten: alle
segneten die Tote. Alle halfen beim Nähen der Trauerkleider: drei
kleine Kinder waren da und drei große. Da saßen junge Mädchen und
nähten in dem halben Licht, das durch die weißen Laken fiel; und
sie sprachen halblaut. Das war mystisch, und die Trauer erhielt ein
ganzes Gefolge von ungewöhnlichen Wahrnehmungen. Noch nie hatte der
Knabe soviel Teilnahme gefunden, noch nie hatte er soviel warme Hände
gefühlt, soviel freundliche Worte gehört.

Am Sonntag las der Vater eine Predigt von Wallin über den Text: Unsere
Freundin ist nicht tot, sie schläft nur. Mit welchem unerhörten
Vertrauen faßte er diese Worte buchstäblich auf! Wie wußte er die
Wunden aufzureißen und sie zugleich zu heilen! Sie ist nicht tot, sie
schläft nur, wiederholte er froh. Die Mutter schlief drinnen in dem
kalten Salon, und wohl niemand erwartete, daß sie erwachen werde.

Das Begräbnis stand bevor. Der Grabplatz war gekauft. Die Schwägerin
nähte mit. Sie nähte und nähte, die alte Mutter von sieben mittellosen
Kindern, die einst reiche Bürgerfrau, nähte für die Kinder dieser
Ehe, die der Bruder verdammt hatte. Sie steht auf und bittet, mit dem
Schwager sprechen zu dürfen. Sie flüstert mit ihm in einer Ecke des
Saals. Die beiden Alten fallen sich in die Arme und weinen.

Der Vater teilt mit, daß die Mutter auf Oheims Grabstätte begraben
werden soll. Oheims Grabstätte war ein sehr bewundertes Denkmal auf dem
Neuen Kirchhof, das aus einer eisernen Säule mit einer Urne bestand.
Die Kinder begriffen, daß der Mutter eine Ehre widerfahren sei; aber
sie verstanden nicht, daß ein Brüderhaß damit erloschen war; daß
man einem guten und pflichtgetreuen Weibe, das man geringgeschätzt,
weil es Mutter wurde, ehe es den Titel Frau bekam, ihren guten Ruf
zurückgegeben hatte.

Das Haus strahlte jetzt von Versöhnung und Friede. Man überbot sich
gegenseitig in Freundlichkeiten. Man suchte des andern Blicke, vermied
störende Beschäftigungen, las Wünsche in den Augen.

Dann kam der Begräbnistag. Als der Sarg zugeschraubt und durch den Saal
getragen wurde, der von schwarzgekleideten Menschen erfüllt war, bekam
eine kleine Schwester einen Anfall. Sie schrie und warf sich Johan an
die Brust. Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich, als sei
er ihre Mutter und wolle sie schützen. Und als er fühlte, wie sich der
kleine zitternde Körper an seinem festklammerte, empfand er eine Kraft,
die er lange vermißt hatte. Obwohl selbst trostlos, konnte er Trost
geben; als er sie beruhigte, wurde er selbst ruhig.

Es war übrigens der schwarze Sarg und die vielen Menschen, die sie
erschreckt hatten; denn die Kleinen vermißten die Mutter kaum, weinten
nicht nach ihr und hatten sie in kurzer Zeit vergessen. Das mütterliche
Band ist nicht so leicht geknüpft; das geschieht nur durch eine lange
persönliche Bekanntschaft. Johans wirkliches Vermissen dauerte kaum ein
Vierteljahr. Er trauerte lange, aber das war mehr ein Bedürfnis, in der
Stimmung weiterzuleben, die ein Ausdruck für seine natürliche Schwermut
war: die hatte jetzt in der Trauer um die Mutter eine geeignete Form
gefunden.

       *       *       *       *       *

Auf den Todesfall folgte ein langer Sommer in Muße und Freiheit. Johan
verfügte zusammen mit dem ältesten Bruder, der nicht vor sieben aus
seinem Geschäft kam, über zwei Zimmer eine Treppe hoch. Der Vater war
den ganzen Tag abwesend, und wenn sie sich trafen, schwiegen sie. Die
Feindschaft war abgelegt, aber Freundschaft war unmöglich. Der Jüngling
war jetzt sein eigener Herr; kam und ging, schaltete und waltete. Das
Hausfräulein wich ihm aus, und sie gerieten niemals in Konflikt. Den
Verkehr mit Kameraden ließ er, schloß sich auf seinen Zimmern ein,
rauchte Tabak, studierte und grübelte.

Immer hatte er gehört, Kenntnisse seien das Höchste; das sei ein
Kapital, das nie verloren gehen könne; damit könne man sich immer
wieder hinaufhelfen, wie tief man auch gesellschaftlich sinkt. Alles
kennen lernen, alles wissen, war bei ihm eine Manie geworden. So hatte
er die Zeichnungen des ältesten Bruders gesehen und sie rühmen hören.
In der Schule hatte er nur geometrische Figuren gezeichnet. Er wollte
also zeichnen. Während der Weihnachtsferien kopierte er in einem Zuge
und mit einer Art Raserei alle Zeichnungen des Bruders. Die letzte der
Sammlung war ein Pferd. Als er fertig war und gesehen hatte, daß es
keine Kunst war, hörte er auf zu zeichnen.

Alle Kinder spielten ein Instrument, nur Johan nicht. Johan hörte
so oft Tonleiter und Übungen auf Klavier, Geige und Cello, daß
er's nicht mehr aushalten konnte: die Musik wurde ihm, was die
Kirchenglocken gewesen. Er wollte spielen können, aber er wollte
nicht die Tonleiter durchmachen. Er nahm insgeheim Noten und spielte
sofort die Stücke. Es war schlecht, aber er hatte ein Vergnügen daran.
Um sich zu entschädigen, unterrichtete er sich bei allem, was die
Geschwister spielten, über Komponist und Werk, um ihnen in Kenntnis
der Musikliteratur überlegen zu sein. Einmal wurde ein Notenschreiber
gesucht, um die „Zauberflöte‟ für ein Geigenquartett zu kopieren. Johan
erbot sich dazu.

-- Kannst du Noten schreiben? wurde er gefragt.

-- Ich will's versuchen, sagte er.

Er übte sich einige Tage und dann schrieb er alle vier Stimmen aus. Es
war eine lange und langweilige Arbeit; er wäre beinahe müde geworden,
aber er kriegte sie schließlich fertig. Hier und dort war es wohl etwas
nachlässig, aber es konnte benutzt werden.

Er hatte keine Ruhe, bis er alle Pflanzen der Stockholmer Flora
kennengelernt hatte. Als er sie kannte, ließ er den Stoff fallen. Eine
botanische Exkursion machte ihm kein Vergnügen mehr; Wanderungen in
der Natur boten ihm nichts Neues; er konnte keine unbekannte Pflanze
mehr finden. Die wenigen Mineralien kannte er. Die Insekten besaß er in
seiner Sammlung. Die Vögel kannte er an ihren Stimmen, ihren Federn,
sogar an ihren Eiern.

All das waren nur äußere Erscheinungen; Namen von Dingen, die bald ihr
Interesse für ihn verloren. Er wollte das Innere sehen. Man pflegte
ihn Zerstörungsgeist zu schelten, denn er nahm alles auseinander, erst
Spielsachen, dann alles, was ihm in die Hände kam. Zufällig geriet er
in eine Vorlesung der Akademie der Wissenschaften und sah chemischen
und physikalischen Experimenten zu. Die ungewöhnlichen Geräte fesselten
ihn. Der Professor war ein Zauberer, aber einer, der erzählte, wie
das Wunder zugeht. Das war ihm neu, und er wollte in das Verborgene
eindringen.

Er sprach dem Vater von seiner neuen Neigung. Der hatte sich in
jungen Jahren mit Galvanoplastik beschäftigt und gab ihm jetzt Bücher
aus seinem Bücherschrank: Focks Physik, Girardins Chemie, Figuiers
Entdeckungen und Erfindungen, Nyblaeus' Chemische Technologie. Auf
dem Boden befand sich außerdem eine galvanische Batterie mit sechs
Elementen des alten Daniellschen Kupfer- und Zinksystems. Die bekam
er schon als Zwölfjähriger in die Hände und hantierte so viel mit
Schwefelsäure, daß er Handtücher, Servietten, Kleider verdarb. Nachdem
er alle Gegenstände, die er geeignet fand, galvanisiert hatte, ließ er
diese Beschäftigung liegen.

Jetzt im Sommer in der Einsamkeit warf er sich mit Ungestüm auf die
Chemie. Aber er wollte nicht die Experimente machen, die im Lehrbuch
standen: er wollte Entdeckungen machen! Alle Mittel fehlten ihm: Geld,
Apparate; aber das hinderte ihn nicht. Seine Natur war nun derart und
wurde es noch mehr nach dem Tode der Mutter, als er sein eigener Herr
geworden, daß sich sein Wille durchsetzen mußte, trotz allem und allem.
Spielte er Schach, plante er einen Anfall auf den König des Gegners;
ging rücksichtslos darauflos, ohne auf seine Verteidigung zu achten;
überrumpelte zuweilen den Gegner durch seine Rücksichtslosigkeit,
verlor aber oft die Partie.

-- Hätte ich noch einen Zug gehabt, wärest du matt gewesen, sagte er.

-- Ja, aber diesen Zug hast du nicht mehr, darum bist +du+ matt.

Wollte er an eine Schublade und der Schlüssel war nicht zur Hand, nahm
er die Feuergabel und brach das Schloß so auf, daß Schrauben und Schloß
losgerissen wurden.

-- Warum hast du das Schloß entzweigemacht? fragte man.

-- Weil ich an die Schublade wollte!

Es war jedoch eine gewisse Beharrlichkeit in diesem Draufgängertum;
aber nur solange die Raserei dauerte.

Er wollte sich eine Elektrisiermaschine machen. Oben auf dem Boden
fand er einen Spinnrocken. Von dem brach er fort, was er nicht
gebrauchen konnte, um nun das Rad durch eine runde Glasscheibe zu
ersetzen. Er verfiel auf ein Innenfenster. Mit einem Quarzsplitter
schnitt er die Scheibe aus. Nun sollte sie aber rund werden und ein
Loch in der Mitte erhalten. Mit einem Schlüsselbart brach er Splitter
nach Splitter ab, oft nicht größer als ein Sandkorn. Das nahm mehrere
Tage in Anspruch. Rund wurde nun die Scheibe. Aber wie sollte er ein
Loch hinein bekommen? Ein Loch in eine Glasscheibe. Er machte sich
einen Drillbohrer. Für den Bügel brach er einen Regenschirm entzwei,
um ein Fischbein zu bekommen, und nahm eine Geigensaite zum Strang.
Dann ritzte er die Scheibe mit Quarz, befeuchtete sie mit Terpentin
und drillte. Er merkte aber keinen Erfolg. Als er dem Ziel so nahe
war, verlor er Geduld und Besinnung. Er wollte das Loch durch eine
Sprengkohle erzwingen. Die Scheibe zersprang.

Da warf er sich auf sein Bett, machtlos, müde, hoffnungslos. In den
Verdruß mischte sich auch das Gefühl der Armut. Hätte er nur Geld!
Er ging oft an das Schaufenster von Spolander auf der Westlichen
Langgasse, um sich die chemischen Apparate anzusehen. Er hätte gern
gewußt, was sie kosteten, wagte aber nicht hineinzugehen und zu fragen.
Was hätte das für einen Zweck gehabt? Er hätte ja doch kein Geld vom
Vater erhalten.

Nachdem er sich von seinem Mißgeschick erholt hatte, wollte er machen,
was noch niemand gemacht hat und niemand machen kann: ein Perpetuum
mobile. Der Vater hatte erzählt, längst sei ein großer Preis auf
die Erfindung des Unmöglichen ausgesetzt. Das war etwas, das ihn
lockte. Er stellte einen Wasserfall, der eine Pumpe zog, mit einem
Heronsbrunnen zusammen. Der Fall sollte die Pumpe in Gang setzen, die
Pumpe sollte wieder das Wasser hochziehen, und der Heronsbrunnen dabei
helfen. Er mußte auf den Boden gehen und eine Razzia abhalten. Nachdem
er alle möglichen Dinge zerbrochen hatte, um Material zu sammeln,
begann die Arbeit. Ein Kaffeekocher mußte eine Röhre hergeben, eine
Sodawassermaschine gab das Sammelbecken, die Kommode gab Beschlag, der
Sekretär Holz, ein Vogelbauer lieferte Eisendraht, eine Ampel wurde ein
Becken und so weiter.

Der Tag war gekommen, als die Probe gemacht werden sollte. Da kommt
das Hausfräulein und fragt, ob er mit den Geschwistern nach Mamas Grab
gehen will. -- Nein, er habe nicht Zeit. -- Ob nun das böse Gewissen
ihn bei der Arbeit störte oder ob er nervös war, genug: der Versuch
mißlang. Da nahm er, ohne den Fehler gutmachen zu wollen, den ganzen
seltsamen Apparat und zerschlug ihn an den Steinen des Kachelofens. Da
lag das Werk, das so vielen nützlichen Dingen den Garaus gemacht hatte.

Später entdeckte man, wie er auf dem Boden gehaust hatte. Er bekam
Schelte, machte sich aber nichts daraus.

Um sich für den Hohn, den er sich durch seine mißlungenen Versuche
im Hause zugezogen hatte, zu entschädigen, machte er einige
Knallgasexplosionen und fertigte eine Leidener Flasche an. Einer toten
schwarzen Katze, die er auf dem Hügel der Sternwarte gefunden, zog er
das Fell ab und trug es in seinem Taschentuch nach Hause.

Eines Nachts, als der älteste Bruder und er von einem Konzert nach
Hause kamen, waren keine Streichhölzer zu finden, und sie wollten das
Haus nicht wecken. Johan suchte Schwefelsäure und Zink hervor, stellte
beim Schein der Gaslaterne Wasserstoffgas her, schlug Feuer mit dem
Elektrophor und steckte die Lampe an. Damit war sein Ruf als „Chemiker‟
gemacht.

Er stellte auch Jönköpinger Streichhölzer nach dem Rezept der
Technologie her. Deshalb war er sehr erstaunt, daß die Jönköpinger
Streichhölzer später ein Patent erhielten; übrigens waren die bereits
im Handel gewesen als Björneborger Wachsstreichhölzer.


Dann ließ er die Chemie wieder für einige Zeit liegen.


Vaters Bücherschrank enthielt eine kleine Sammlung, die jetzt zu
Johans Verfügung stand. Da waren, außer den oben erwähnten chemischen
und physikalischen Arbeiten: Gartenbücher, eine illustrierte
Naturgeschichte, Meyers Universum, Handbuch für Mütter nebst
Entbindungskunst, eine deutsche Anatomie mit Figuren, eine deutsche
Geschichte Napoleons mit Stahlstichen, Wallins, Franzéns und Tegnérs
Gedichte, Wallins Predigten, Blumauers Aeneis, Don Quichotte, Frau
Carléns und Fredrika Bremers Romane, Deutsche Klassiker...


Außer den Indianerbüchern und Tausendundeiner Nacht hatte Johan noch
keine Dichtungen gelesen. Er hatte in Romane hineingeblickt, sie
aber langweilig gefunden, besonders weil sie keine Illustrationen
hatten. Als jetzt aber die Chemie und alle andern Wirklichkeiten der
Natur durchforscht waren, stattete er eines Tages dem Bücherschrank
einen Besuch ab. Er blickte in die Gedichte hinein. Da fühlte er
sich in der Luft schweben und wußte nicht, wo er zu Hause war. Er
verstand sie nicht. Dann bekam er Fredrika Bremers „Schilderungen
aus dem Alltagsleben‟ in die Hand. Daraus schlug ihm Familienklatsch
und Tantenmoral entgegen, und er stellte sie zurück. Dann las er den
„Jungfrauenturm‟. Das waren Erzählungen und Abenteuer. Die unglückliche
Liebe rührte ihn. Aber wichtiger als alles war, daß er sich unter
diesen erwachsenen Menschen erwachsen fühlte. Er verstand, was sie
sprachen; er merkte, daß er kein Kind mehr war. Diese Erwachsenen waren
ja seinesgleichen. Er war unglücklich verliebt gewesen, hatte gelitten,
gekämpft, war aber im Gefängnis der Kindheit zurückgehalten worden.
Und jetzt kam es ihm ganz zum Bewußtsein, daß seine Seele im Gefängnis
lag. Sie war längst flügge gewesen, aber man hatte ihre Schwingen
beschnitten und sie ins Bauer gesetzt.

Er suchte den Vater auf, um mit ihm zu sprechen wie mit einem
Gleichaltrigen, aber der Vater verschloß sich und brütete auf seiner
Trauer.

       *       *       *       *       *

Im Herbst wurde Johan von neuem zurückgesetzt und aufgehalten. Er
war reif für das eigentliche Gymnasium, wurde aber in der Schule
zurückgehalten, weil er zu jung sei und reifen solle. Er raste.
Zum zweiten Male riß man ihn am Rock zurück, als er laufen wollte.
Er fühlte sich wie ein Omnibuspferd, das unaufhörlich anzieht und
unaufhörlich zurückgehalten wird.

Das riß sein Nervenleben entzwei, erschlaffte seine Willenskraft, legte
den Grund zu seiner künftigen Mutlosigkeit. Er wagte nie etwas recht
lebhaft zu wünschen, denn er hatte oft gesehen, wie seine Wünsche
vereitelt wurden. Er wollte sich der Arbeit hingeben, aber Arbeit half
ja nicht: er war zu jung. Nein, die Schule war zu lang! Die zeigte
das Ziel in der Ferne, setzte aber dem Läufer Schlagbäume. Er hatte
ausgerechnet, daß er mit fünfzehn Jahren Student werden könne. Er wurde
es erst mit achtzehn. Und in den letzten Jahren, als er den Ausgang
aus dem Gefängnis so nahe sah, wurde ihm noch ein weiteres Strafjahr
auferlegt, da die höchste Klasse zweijährig gemacht wurde.

Kindheit und Jugend waren für ihn recht qualvoll; er war des ganzen
Lebens müde und suchte jetzt den Trost im Himmel.



6.

+Die Schule des Kreuzes.+


Die Trauer hat die glückliche Eigenschaft, sich selbst aufzuzehren. Sie
stirbt Hungers. Da sie im wesentlichen ein Abbruch von Gewohnheiten
ist, kann sie durch neue ersetzt werden. Da sie ein leerer Raum ist,
wird der bald wieder gefüllt wie durch einen wirklichen horror vacui.

Eine zwanzigjährige Ehe war aufgelöst. Ein Kamerad im Kampfe gegen die
Widrigkeiten des Lebens war gefallen; eine Gattin, an deren Seite ein
Mann gelebt hatte, war dahingegangen und ließ einen Cölibatär zurück.
Die Leiterin des Hauses hatte ihren Posten aufgegeben: alles geriet
in Unordnung. Die kleinen schwarz gekleideten Kinder, die überall, in
den Zimmern, im Garten, dunkle Flecken bildeten, hielten die Trauer
am Leben. Der Vater glaubte, sie seien verlassen und schutzlos. Er
kam von seiner Arbeit oft schon nachmittags heim und saß dann allein
in der Lindenlaube an der Straße. Er hatte die älteste Tochter, die
sieben Jahre alt war, auf dem Schoß, und die andern spielten zu seinen
Füßen. Oft sah Johan den grauhaarigen Mann mit den hübschen traurigen
Zügen dort in dem grünen Halblicht der Laube sitzen. Er konnte ihn
nicht trösten und er suchte ihn nicht mehr auf. Er sah, daß der Vater
weich sein konnte, was er nicht geglaubt hatte; sah, wie er die Tochter
anstarrte, als suche er in den unbestimmten Gesichtslinien des Kindes
die Züge der Toten. Dieses Bild sah er oft von seinem Fenster aus,
zwischen den Stämmen der Bäume, in der langen Perspektive der Allee.
Es machte ihn warm und erschütterte ihn; ihm wurde bange um den Vater,
weil dieser nicht mehr derselbe war wie früher.

Sechs Monate waren vergangen, als der Vater eines Herbstabends mit
einem fremden Herrn nach Hause kam. Es war ein alter Mann, der
außerordentlich gemütlich aussah. Er scherzte gutmütig, war freundlich
und artig gegen Kinder und Dienstboten; er hatte eine unwiderstehliche
Art, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Er wurde Rendant genannt,
war ein Jugendfreund von Johans Vater; man hatte entdeckt, daß er im
Hause nebenan wohnte. Die Alten sprachen von den Erinnerungen an ihre
Kindheit. Da war ein Vorrat, der den leeren Raum füllen konnte. Zum
ersten Male erweichten sich die erstarrten Züge des Vaters, wenn er von
dem geistreichen und lustigen Mann zum Lächeln verlockt wurde. In einer
Woche lachte er, und mit ihm die ganze Familie, wie nur die lachen
können, die lange geweint haben. Der Rendant war ein Spaßmacher ersten
Ranges; dazu spielte er Geige, Gitarre und sang Bellman. Neue Luft kam
ins Haus, neue Anschauungen in die Menschen, die Trugbilder der Trauer
verdunsteten. Der Rendant hatte auch Trauer gehabt: er hatte seine
Braut verloren und war dann Junggeselle geblieben. Das Leben hatte ihm
nicht gelächelt, aber er hatte die Sache mit dem Leben nie recht ernst
genommen.

Dann kam Gustav heim von Paris; in Uniform, mengte französische Worte
unter schwedische; war eine lebhafte Natur, hatte schnelle Gebärden.
Der Vater empfing ihn mit einem Kuß auf die Stirn, und eine Wolke von
Trauer zog vorbei, denn der Sohn war bei Mutters Tod nicht zu Hause
gewesen. Dann aber wurde es wieder klar, und Leben kam ins Haus. Gustav
trat ins Geschäft ein; jetzt hatte der Alte einen, mit dem er von dem
sprechen konnte, was ihn interessierte.

An einem Abend spät im Herbst nach dem Essen, als der Rendant da war
und alle zusammensaßen, stand der Vater auf und bat ums Wort. -- Meine
Kinder und mein Jugendfreund, begann er. Dann verkündete er seine
Absicht, seinen kleinen Kindern eine neue Mutter zu schenken. Er fügte
hinzu, daß die Zeit der Leidenschaften für ihn vorbei sei, und daß
nur das Interesse für die Kinder ihn zu dem Entschluß bestimmt habe,
Fräulein X. zu seiner Ehefrau zu machen.

Es war das Hausfräulein.

Dies sagte er mit einem überlegenen Tone, als wolle er ausdrücken: das
geht euch eigentlich nichts an; aber ihr müßt es doch erfahren!

Dann wurde das Fräulein gerufen, um die Glückwünsche entgegenzunehmen;
die des Rendanten waren recht warm, aber die der drei Jünglinge sehr
gemischt.

Zwei von ihnen hatten ein nicht ganz reines Gewissen; sie hatten sie
heftig, aber unschuldig angebetet. Der dritte, Johan, hatte in letzter
Zeit mit ihr auf dem Kriegsfuß gestanden. Wer am meisten verlegen war,
ist nicht zu entscheiden.

Eine lange Pause entstand. Die Jünglinge prüften Herz und Niere,
stellten ihr Konto auf, überlegten die Folgen dieses nicht erwarteten
Ereignisses.

Johan muß sich zuerst in die neue Situation gefunden haben, denn er
ging noch am selben Abend in die Kinderstube und trat direkt auf das
Fräulein zu. Ihm wurde schwarz vor den Augen, als er diese kleine Rede
hielt, die er in der Eile nach Art des Vaters zusammengestellt und
auswendig gelernt hatte.

-- Da wir jetzt in ein ganz anderes Verhältnis zu einander kommen
werden, so bitte ich Sie, Fräulein, das Vergangene zu vergessen und uns
Freunde sein zu lassen.

Das war aufrichtig gemeint, klug gehandelt, hatte keinen
Hintergedanken. Es war ein Abschluß der Vergangenheit und ein guter
Wunsch für die Zukunft.

Am nächsten Mittag kam der Vater zu Johan in seine Kammer hinauf und
dankte ihm für sein edles Benehmen gegen das Fräulein. Als Ausdruck
seiner Freude überreichte er ihm ein kleines Geschenk, ein lange
ersehntes sogar: einen chemischen Apparat.

Johan schämte sich, das Geschenk anzunehmen, und fand seine Handlung
nicht edel. Die war eine natürliche Folge, sie war klug. Aber Vater und
Fräulein wollten sie durchaus erhöhen und in ihr eine gute Vorbedeutung
für ihr Liebesglück lesen. Sie mußten natürlich bald ihren Irrtum
einsehen, der dann auf das Schuldkonto des Knaben gesetzt wurde.

Daß sich der Vater der Kinder wegen wieder verheiratete, daran war
nicht zu zweifeln; daß er aber auch das junge Weib liebte, das ist
sicher. Und warum sollte er nicht? Das ging niemanden etwas an. Aber
die Erscheinung ist konstant: sowohl daß sich Witwer bald wieder
verheiraten, wie schwer die Ehe auch gewesen sein mag; wie daß sie eine
Untreue gegen die Verstorbene zu begehen glauben. Sterbende Gatten
pflegen in der letzten Stunde am meisten von dem Gedanken gequält zu
werden, daß der Überlebende sich wieder verheiraten könnte.

Die Brüder nahmen die Sache flott und beugten sich. Sie trieben den
Vaterkultus wie Religion: glauben und nicht zweifeln. Sie hatten nie
daran gedacht, daß die Vaterschaft nur eine zufällige Eigenschaft war,
die jedem zufallen konnte.

Aber Johan zweifelte. Er geriet in endlose Erörterungen mit den Brüdern
und griff den Vater an, weil er sich vor Ausgang des Trauerjahres
verlobt hatte. Er beschwor den Schatten der Mutter, weissagte Unglück
und Verderben, wurde zu Übertreibungen gereizt und ging weiter, als er
wollte.

Das Argument der Brüder war: es geht uns nichts an, was Papa tut!

-- Es ist wahr, daß ihr nicht darüber urteilen dürft; aber angehen tut
es euch sehr.

-- Wortklauber, sagten sie, denn sie wußten nicht, daß die Worte
mehrere Werte haben können.

Eines Abends kurz darauf, als Johan von der Schule nach Hause kam,
sah er, daß das Haus erleuchtet war und hörte Musik und Geplauder. Er
ging auf das Zimmer und setzte sich hin, um zu arbeiten. Da kam das
Hausmädchen: der Vater bitte ihn, hinunter zu kommen; es sei Besuch da.

-- Wer?

-- Die neuen Verwandten.

Er bat, einen schönen Gruß zu bestellen und zu sagen, er habe keine
Zeit.

Dann kam ein Bruder herauf. Der schalt zuerst, bat dann aber. Des Alten
wegen könne er wohl hinunter kommen, nur einen Augenblick, um guten
Tag zu sagen. Er müsse sofort kommen.

-- Ja, ich will's mir überlegen.

Schließlich ging er hinunter; sah den Saal voller Damen und Herren:
drei Tanten, eine neue Großmutter, ein Großvater, ein Oheim. Die Tanten
waren junge Mädchen. Er machte mitten im Zimmer eine Verbeugung, artig
aber steif.

Der Vater war böse, wollte es aber nicht zeigen. Er fragte Johan, ob
er ein Glas Punsch nehmen wolle. Johan nahm es. Darauf fragte der Alte
ironisch, ob er soviel für die Schule zu arbeiten habe. Ja, das habe
er. Dann ging er wieder auf sein Zimmer hinauf.

Dort war es kalt und halbdunkel. Arbeiten konnte er kaum, da er von
unten Musik und Tanz hörte. Die Köchin kam und rief zum Essen. Er wolle
nichts haben. Hungrig und außer sich ging er im Zimmer auf und ab.
Oft wollte er hinuntergehen, wo es warm, hell und fröhlich war; viele
Male hatte er die Türklinke in der Hand; immer aber kehrte er wieder
um. Er war schüchtern. Von Natur furchtsam vor den Menschen, war er
während des Sommers, in dem er mit niemandem gesprochen hatte, noch
wilder geworden. So ging er hungrig zu Bett und hielt sich für den
unglücklichsten Menschen, den es geben konnte.

Am folgenden Tag kam der Vater auf sein Zimmer hinauf. Jetzt sagte er
ihm, er sei falsch gewesen, als er damals das Fräulein um Verzeihung
gebeten.

-- Um Verzeihung? Er hatte ja nichts begangen!

Jetzt aber wolle der Vater ihn beugen, wenn er sich auch noch so hart
mache.

-- Versuch's nur, dachte Johan.

Die Versuche blieben eine Zeit lang aus; aber Johan stählte sich
unterdessen, um ihnen zu begegnen.

       *       *       *       *       *

Der Bruder saß oben auf der Kammer bei der Lampe und las. Johan fragte:
Was liest du? Der Bruder zeigte den Titel auf dem Umschlag. Da stand in
großen Frakturbuchstaben auf gelbem Umschlag der berüchtigte Titel:
„Eines Jugendfreundes Warnung vor dem gefährlichsten Feinde der Jugend.‟

-- Hast du das gelesen? fragte Gustav.

Johan antwortete ja und zog sich zurück. Als Gustav mit dem Lesen
fertig war, legte er das Buch in seine Schublade und ging hinunter.
Johan öffnete die Schublade und nahm die unheimliche Schrift an sich.
Die Augen liefen über die Seiten, ohne daß sie es wagten, haften zu
bleiben. Die Knie klapperten, das Blut verschwand aus dem Gesicht,
die Pulse froren. -- Er war also mit fünfundzwanzig Jahren zum Tode
oder zum Wahnsinn verurteilt. Sein Rückgrat und sein Gehirn würden
schrumpfen, sein Gesicht einem Totenkopf ähnlich werden, sein Haar
ausfallen, die Hände zittern -- es war entsetzlich. Und das Heilmittel?
Jesus! Aber Jesus konnte den Körper nicht heilen, nur die Seele. Der
Körper war zum Tode verurteilt -- bei fünfundzwanzig Jahren -- blieb
einem nur übrig, die Seele von ewiger Verdammnis zu retten.

Das war Dr. Kapffs berüchtigte Parteischrift, die so viele Jünglinge
ins Irrenhaus gebracht hat, aus dem einzigen Grunde, um die Anzahl der
protestantischen Jesuiten zu vermehren. Eine solche Schrift, so tief
unsittlich, so schädlich, müßte wahrhaftig verfolgt, beschlagnahmt,
verbrannt werden. Oder wenigstens durch aufgeklärte Gegenschriften
unschädlich gemacht werden.

Eine solche gab es wirklich. Sie fiel später in Johans Hände, der dann
alles tat, um sie zu verbreiten, denn sie war so selten. Sie hieß
„Onkel Palles Rat an junge Sünder‟ und sollte von Medizinalrat Wistrand
verfaßt sein. Es war ein herzliches Buch, das die Sache unbefangen
auffaßte; aufmunternd zu den Knaben sprach; besonders betonte, daß
man die Gefahren des Lasters übertrieben habe. Auch gab es praktische
Ratschläge und gesundheitliche Anweisungen.

Aber noch heute (1886) herrscht Kapffs unvernünftige Schrift, und Ärzte
werden von Sündern überlaufen, die mit klopfenden Herzen das Bekenntnis
ablegen. Vor nicht langer Zeit kam ein Student zu einem berühmten
Stockholmer Arzte und gestand mit Tränen in den Augen, er habe sein
Leben vergeudet und warte nur noch auf den Tod.

-- Ach Geschwätz, Herr, antwortet der Arzt. Sehen Sie mich an: niemand
hat die Unart so getrieben wie ich.

Der Sünder sah ihn an und fand vor sich einen fünfundvierzigjährigen
Herkules, der eine starke, ungestörte Intelligenz besaß.

Johan aber bekam ein ganzes Jahr lang kein Wort des Trostes in seiner
schweren Betrübnis zu hören. Er war zum Tode verurteilt; es blieb ihm
nur übrig, ein tugendhaftes Leben in Jesu zu leben, bis der Schlag kam.
Er holte die alten pietistischen Schriften der Mutter hervor und las
über Jesus. Er betete und peinigte sich. Hielt sich allein für einen
Verbrecher, demütigte sich. Als er am nächsten Tage durch die Straßen
ging, trat er vor jedem Menschen vom Trottoir hinunter. Er wollte sein
Selbst töten und in Jesus aufgehen; seine Zeit ausleiden und dann in
seines Herrn Freude eingehen.

Eines Nachts erwachte er und sah die Brüder um ein Licht sitzen. Sie
sprachen davon. Er kroch unter die Decke, steckte die Finger in die
Ohren, um nicht zu hören. Aber er hörte doch. Der Bruder erzählte von
Pensionen in Paris, in denen Jünglinge in ihren Betten gebunden wurden,
ohne daß dieses Mittel jedoch half. Er wollte in die Höhe stürzen,
ihnen bekennen, um Gnade bitten, um Hilfe flehen, aber er wagte nicht,
sein Todesurteil bestätigt zu hören. Wenn er das getan hätte, würde
er vielleicht Trost und Hilfe gefunden haben. Aber er schwieg. Er
schwitzte und betete zu Jesus, nicht mehr zu Gott. Wohin er auch kam,
überall sah er das fürchterliche Wort in schwarzen Frakturbuchstaben
auf gelbem Grund, an Hauswänden, auf den Tapeten des Zimmers. Und der
Schreibtisch, in dem das Buch lag, enthielt die Guillotine. Jedesmal,
wenn sein Bruder an die Schublade ging, zitterte Johan und lief hinaus.
Er stand stundenlang vor dem Spiegel und sah nach, ob die Augen
eingesunken, das Haar ausgefallen, der Totenschädel hervorgetreten war.
Aber er sah gesund und rot aus.

Er wurde verschlossen und still und wich allem Verkehr aus. Der
Vater bildete sich ein, Johan wolle zeigen, daß er Vaters neue Ehe
mißbillige; Johan sei hochmütig. Jetzt mußte er gebeugt werden. Er war
schon gebeugt und als er sich schweigend unter dem neuen Druck beugte,
triumphierte der Vater, daß seine Kur gelungen sei.

Das reizte den Jüngling, und zuweilen erhob er sich. Zuweilen kam ihm
eine schwache Hoffnung, daß der Körper gerettet werden könne. Er ging
in die Turnhalle, wusch sich mit kaltem Wasser, aß wenig zu Abend.

Übrigens, Pietist sein oder Jesus lieben, ist nicht etwas Ganzes; das
muß man nicht glauben. Das ist eine Stimmung, die in Augenblicken
kommt und geht wie ein Gewitter; das ist eine Art, die Dinge zu sehen;
das ist eine Rolle, die man nicht so schnell lernt. Pessimist sein,
wenn man jung und stark ist, das geht nicht so leicht; der Jesuismus
war nämlich reiner Pessimismus, da er glaubte, die Welt sei durch und
durch elend. Die Lebensfreude liegt da, und man sieht viele sogenannte
aufrichtige Selbstbetrüger unter den Pietisten, die recht munter
sind. Sind sie verheiratet und gesund, müssen sie unbedingt oftmals
Augenblicke haben, in denen sie Jesus ganz und gar vergessen. Das sind
gerade die Augenblicke, in denen sich die Lebenskraft so vervielfacht,
daß sie über den einzelnen hinaus auf die Gattung reicht.

Durch Leben, Schulverkehr, Unterricht war das Ich des Jünglings
ein ziemlich reicher Komplex geworden, und wenn er sich mit andern
einfacheren Ichs verglich, fand er sich überlegen. Jetzt aber kam Jesus
und wollte sein Ich töten. Das ging nicht so leicht, und der Kampf
wurde schwer, wild. Er sah auch, wie kein andrer sein Ich verleugnete:
warum denn in Jesu Namen sollte er seins verleugnen?

Auf der Hochzeit empörte er sich. Er trat nicht vor, um die Braut zu
küssen, wie die andern Geschwister; er zog sich vom Tanz zu den Grog
trinkenden alten Herren zurück, bei denen er sich etwas berauschte.

Jetzt sollte die Strafe kommen und sein Selbst niedergebrochen werden.

Er wurde Gymnasiast. Das stimmte ihn nicht heiterer. Es kam zu spät,
wie eine Schuld, die längst verfallen war. Diesen Genuß hatte er
als Vorschuß vorweggenommen. Niemand gratulierte ihm, und er bekam
nicht gleich die Gymnasiastenmütze. Warum nicht? Sollte er geduckt
werden? Oder wollte der Vater nicht, daß Johans Wissen noch äußerlich
hervorgehoben werde? Schließlich wurde vorgeschlagen, eine Tante solle
den Kranz auf den Sammet sticken, der auf eine gewöhnliche schwarze
Mütze genäht wurde. Sie stickte einen Eichen- und einen Lorbeerzweig,
aber schlecht; er wurde deshalb von den Kameraden geuzt. Er war der
einzige, der eine Zeitlang nicht die gewöhnliche Mütze trug. Der
einzige! Gezeichnet allein, übergangen allein!


Darauf wurde das Frühstücksgeld, das in der Schule sich auf fünf
Pfennige belaufen hatte, auf vier herabgesetzt. Das war eine unnötige
Grausamkeit, denn das Haus war nicht arm, und ein Jüngling braucht mehr
Essen. Die Folge war, daß Johan nie mehr Frühstück aß, denn das Geld
ging für Tabak auf. Er hatte einen furchtbaren Appetit und war immer
hungrig. Wenn es Kabeljau zu Mittag gab, aß er sich mit den Kiefern
müde, stand aber hungrig vom Tische auf. Kriegte er wirklich zu wenig
zu essen? Nein, denn es gibt Millionen Körperarbeiter, die viel weniger
bekommen; aber die Magen der höheren Klassen müssen sich an stärkere
und bessere Nahrung gewöhnt haben. Ihm blieb deshalb seine ganze Jugend
wie ein langes Hungern in der Erinnerung haften.


Unter der Herrschaft der Stiefmutter wurde die Diät noch mehr
herabgesetzt und das Essen ward schlechter. Die Wäsche wurde von jetzt
an auch nur einmal in der Woche gewechselt, während sie früher zwei
Male gewechselt wurde. Es war zu spüren, daß eine aus der Unterklasse
ans Steuer gekommen war. Der Jüngling war nicht so hochmütig, daß er
auf die niedrige Geburt des frühern Hausfräuleins herabgesehen hätte;
wenn sie aber als unterdrückende Macht auftrat, die von unten gekommen
und über ihn gesetzt war, dann empörte er sich -- da aber trat Jesus
dazwischen und bat ihn, auch die andere Backe hinzuhalten.

Er wuchs und trug Anzüge, aus denen er herausgewachsen war. Die
Kameraden fingen an, ihn wegen seiner kurzen Hosen zu uzen, nachdem
sie über seinen selbstgemachten Kranz auf der Mütze gespottet. Seine
Schulbücher wurden antiquarisch in alten Auflagen gekauft; daraus
entstand ihm viel Verdruß in der Schule.

-- So steht es in meinem Buche, antwortete Johan.

-- Zeig mir dein Buch!

Skandal! Und Befehl, die neueste Auflage zu kaufen, was nie geschah.

Die Ärmel seines Hemdes endeten am halben Arm und konnten nicht
zugeknöpft werden. In der Turnhalle behielt er immer die Jacke an.
Eines Mittags sollte er als Rottenführer besonderen Unterricht beim
Leutnant haben.

-- Zieht die Jacken aus, Jungen; wir wollen uns etwas Bewegung machen,
sagte der Leutnant.

Alle warfen die Jacken ab, nur Johan nicht.

-- Nun, ist die Jacke noch nicht ausgezogen?

-- Nein, mich friert, sagte Johan.

-- Du wirst bald warm werden, sagte der Leutnant. Zieh nur die Jacke
aus.

Er weigerte sich. Der Leutnant trat freundlich scherzend auf ihn zu und
zog an den Ärmeln. Er leistete Widerstand. Der Lehrer sah ihn an.

-- Was ist dir denn? Ich bitte freundlich, und du willst mir nicht den
Willen tun? Dann geh deiner Wege!

Der Jüngling wollte etwas zu seiner Verteidigung sagen; sah den
freundlichen Mann, bei dem er sich immer gut gestanden hatte, betrübt
an -- aber er schwieg und ging!

Er fühlte, wie er niedergehalten wurde. Armut, als Demütigung ihm von
der Grausamkeit auferlegt, nicht von Not hervorgerufen. Er beklagte
sich den Brüdern gegenüber; die aber sagten, er solle nicht hochmütig
sein. Die Kluft, welche die ungleiche Bildung zwischen ihnen gezogen,
klaffte. Sie gehörten jetzt verschiedenen Gesellschaftsklassen an. Die
beiden Brüder gingen auf Vaters Seite über, da er zu ihrer Klasse
gehörte und die Macht besaß.

Ein andermal bekam er eine Jacke, die aus einem blauen Frack mit
blanken Knöpfen geändert war. Die Kameraden verhöhnten ihn: er wolle
wohl Kadett spielen. Das war das letzte, das er wollte: mehr +sein+
als scheinen, darin lag sein Hochmut. Unter dieser Jacke litt er
unglaublich.

Darauf begann man ihn systematisch zu beugen. Er wurde früh aus dem
Bett geholt und auf Besorgungen ausgesandt, die er vor der Schule
erledigen mußte. Er schützte Aufgaben vor; das half aber nicht. Dir
wird das Lernen so leicht; du lernst doch nur andern Kram, hieß es.

Daß er Besorgungen machte, während ein Knecht, ein Bauernmädchen,
Dienstboten sich im Hause befanden, war unnötig. Er sah ein, das war
die Zuchtrute. Jetzt haßte er seine Unterdrücker, und sie ihn.

Darauf begann ein anderer Kursus der Dressur. Er mußte des Morgens früh
aufstehen, um den Vater in die Stadt zu fahren; und zwar ehe er in
die Schule ging; mußte mit Pferd und Wagen zurückkommen, ausspannen,
den Stall fegen, das Pferd füttern. Dasselbe Manöver wurde mittags
wiederholt. Also Aufgaben lernen, die Schule besuchen und zwei Male am
Tage nach dem Ritterholm hin und zurückfahren.

Er fragte sich in reiferen Jahren, ob es aus irgendeiner Fürsorge
geschehen sei; ob der kluge Vater eingesehen, seine Gehirntätigkeit
sei ihm schädlich, er brauche körperliche Arbeit. Oder ob es aus
wirtschaftlichen Gründen geschah, um die Arbeitszeit des Knechtes zu
sparen. Körperliche Arbeit ist ja nützlich und sollte allen Eltern
zur Erwägung empfohlen werden. Johan aber konnte kein Wohlwollen
darin sehen, denn das Ganze ging so boshaft zu, so offen boshaft wie
möglich, zeigte so die Absicht, ihm Böses zuzufügen, daß er keine guten
Absichten darin entdecken konnte, die sich ja auch neben den bösen
hätten finden können.

Als die Sommerferien kamen, artete das Fahren zum Stalldienst aus. Das
Pferd mußte zu bestimmten Zeiten gefüttert werden; Johan mußte sich
zu Hause halten und auf den Glockenschlag passen. Mit seiner Freiheit
war es aus. Und er empfand die große Veränderung, die in seiner Lage
eingetreten war und die er der Stiefmutter zuschrieb. Früher war er ein
freier Mann gewesen, der über seine Zeit und Gedanken verfügen konnte;
jetzt war er Diener geworden: du kannst dich fürs Essen etwas nützlich
machen! Und wenn er sah, wie die andern Brüder mit der Knechtesarbeit
verschont wurden, war er davon überzeugt, daß es Bosheit war. Häcksel
schneiden, den Stall kehren, Wasser tragen, all das war sehr gut
für ihn, aber die Absicht verdarb alles. Wenn der Vater ihm gesagt
hätte, es sei sehr nützlich für seine Gesundheit, besonders für sein
Geschlechtsleben, dann hätte er es mit Vergnügen getan. Jetzt aber
haßte er es. Er fürchtete sich im Dunkeln, denn er war wie alle Kinder
von Mägden erzogen worden; und er mußte sich große Gewalt antun, um
abends auf den Heuboden gehen zu können. Er verwünschte es jedesmal,
wenn er dahin mußte. Aber das Pferd war ein gutmütiges Tier; mit dem
sprach er oft und beklagte sich. Auch war er Tierfreund und hielt sich
Kanarienvögel, die er sorgfältig pflegte.

Er haßte diese Arbeit, weil sie ihm wegen der Hausdame auferlegt wurde,
die sich rächen wollte, um ihre Überlegenheit über seine Überlegenheit
zu zeigen. Er haßte diese Arbeit, weil sie ihm als Bezahlung für seine
Studien auferlegt wurde. Jetzt hatte er die Absichten, die man mit
seinem Studium hatte, durchschaut. Man prahlte mit ihm und seinem
Wissen; also nicht aus Güte erhielt er den Unterricht.

Da trotzte er und fuhr eine Feder des Wagens entzwei. Wenn sie auf dem
Markt vorm Ritterhaus abstiegen, besichtigte der Vater immer den ganzen
Wagen. Jetzt sah er, daß eine Feder entzwei war.

-- Fahr zum Schmied, sagte er.

Johan schwieg.

-- Hast du gehört?

-- Ja, ich habe gehört.

Er mußte also nach der Malerstraße fahren, wo der Schmied wohnte.
Der erklärte, er brauche drei Stunden, um die Feder auszubessern.
Was war da zu machen? Ausspannen, das Pferd nach Haus bringen und
wiederkommen. Aber ein angeschirrtes Pferd durch die Hauptstraße der
Stadt führen, während er die Gymnasiastenmütze trug? Vielleicht die
Jungen bei der Sternwarte treffen, die ihm seine Mütze neideten;
oder, was noch schlimmer, die schönen Mädchen auf der Nordzollstraße,
die ihn freundlich anzulächeln pflegten. Nein, lieber alles andere!
Er wollte den Braunen einen Umweg führen; dann aber mußte er an der
Kadettenanstalt Karlberg vorbei, und dort kannte er Kadetten. Er
blieb auf dem Hofe, in der Sonnenglut auf einem Balken sitzend, und
verwünschte sein Schicksal. Er dachte an die Sommer, die er auf dem
Lande zugebracht hatte; an alle Kameraden, die jetzt auf dem Lande
wohnten; und danach maß er sein Unglück. Hätte er aber an die Brüder
gedacht, die jetzt zehn Stunden lang auf heißen, dunkeln Kontoren
saßen, ohne Hoffnung, einen einzigen Tag frei zu bekommen, dann wäre er
zu einem andern Ergebnis über seine Lage gelangt. Daran dachte er jetzt
aber nicht. Doch hätte er gern mit ihnen getauscht. Sie verdienten
wenigstens ihr Brot und brauchten nicht zu Hause zu hocken. Ihre
Stellung war klar, aber seine war unklar. Warum hatten die Eltern ihn
am Apfel riechen lassen, um den dann wegzureißen? Er sehnte sich fort,
wohin es auch sein mochte. Seine Stellung war falsch, und er wollte sie
richtig machen. Hinunter oder hinauf, aber nicht zwischen die Räder, um
zermalmt zu werden!

Darum ging er eines Tages zum Vater und bat, mit der Schule aufhören
zu dürfen. Der Vater machte große Augen und fragte freundlich, warum.
Er habe alles satt, lerne nichts Neues, wolle ins Leben hinaus, um zu
arbeiten und sich selbst zu ernähren.

-- Was willst du denn werden?

Das wußte er nicht. Und dann weinte er.

Einige Tage danach fragte der Vater ihn, ob er Kadett werden wolle.
Kadett? Es blitzte ihm vor den Augen. Er wußte nicht, was er antworten
solle. Das war zuviel. Solch ein feiner Herr mit einem Säbel werden.
So kühn hatte er nicht geträumt.

-- Überleg es dir, sagte der Vater.

Er überlegte den ganzen Abend. Dort auf Karlberg, wo er beim Baden von
den Kadetten fortgejagt worden, dort sollte er in Uniform einziehen.
Offizier werden, das heißt zu Macht kommen: die Mädchen würden ihn
anlächeln und -- niemand würde ihn mehr unterdrücken. Ihm war, als
werde das Leben heller, als hebe sich der Druck von der Brust, als
erwache die Hoffnung. Aber das war zuviel für ihn. Das paßte weder für
ihn noch für seine Umgebung. Er wollte nicht hinauf, um zu befehlen; er
wollte nur nicht blind gehorchen, nicht bewacht werden, nicht geduckt
werden. Der Sklave, der nichts vom Leben zu verlangen wagt, erwachte
bei ihm! Er sagte nein! Es war zuviel für ihn!

Aber der Gedanke, das werden gekonnt zu haben, nach dem sich vielleicht
alle Jünglinge sehnen, war ihm genug. Er verzichtete, stieg hinunter
und nahm seine Kette wieder auf. Als er später selbstgefälliger Pietist
wurde, bildete er sich ein, um Jesu willen der Ehre entsagt zu haben.
Das war nicht wahr, aber etwas Selbstquälerei lag sicher in dem Opfer.

Indessen hatte er wieder den Eltern in die Karten gesehen: Ehre sollte
er ihnen einbringen. Wahrscheinlich kam die Kadettenidee von der
Stiefmutter!

       *       *       *       *       *

Neue Zwistigkeiten entstanden, und zwar von ernsterer Natur. Johan
hatte zu bemerken geglaubt, daß die jüngeren Geschwister schlecht
gekleidet waren; auch hatte er Geschrei aus der Kinderstube gehört.

-- Sie schlägt sie!

Er spionierte. Eines Tages bemerkte er, wie das Kindermädchen auf
eine verdächtige Art mit dem jüngeren Bruder spielte, als dieser zu
Bett lag. Der Junge wurde böse und spuckte in seiner Entrüstung dem
Mädchen ins Gesicht. Die Stiefmutter wollte eingreifen, aber Johan trat
dazwischen. Er hatte Blut geleckt. Die Sache wurde verschoben, bis der
Vater heimgekehrt sei.

Nach dem Mittagessen mußte die Entscheidung fallen. Johan war bereit.
Er fühlte sich als Vertreter der toten Mutter. Es begann. Als ihm
Anzeige gemacht wurde, wollte der Vater den Knaben schlagen.

-- Schlag ihn nicht! schrie Johan in einem befehlenden und drohenden
Ton und rückte dem Vater auf den Leib, als wollte er ihn beim Kragen
packen.

-- Was in Jesu Namen sagst du?

-- Rühr ihn nicht an! Er ist unschuldig.

-- Komm in mein Zimmer, damit ich mit dir sprechen kann; du bist ja
ganz närrisch, sagte der Vater.

-- Ja, ich komme, fuhr Johan fort, einem Besessenen gleich.

Der Vater gab einen Augenblick diesem sichern Ton nach, und sein klarer
Verstand mußte ihm gesagt haben, daß die Sache faul sei.

-- Was hast du zu sagen, fragte er ruhiger, aber immer noch mißtrauisch.

-- Ich sage, es ist Karins Schuld; sie hat sich schlecht betragen, und
wäre Mama noch am Leben, so...

Der Hieb saß!

-- Was schwatzest du von Mama! Du hast jetzt eine neue Mama. Beweise,
was du sagst. Was hat Karin getan?

Ja, das war gerade das Unglück, daß er das nicht sagen konnte, denn er
fürchtete einen empfindlichen Punkt zu berühren. Er schwieg, und er
fiel. Tausend Gedanken fuhren ihm durch den Kopf. Wie sollte er sich
ausdrücken? Die Worte drängten sich und er sagte eine Dummheit, die er
aus einem Schulbuch nahm.

-- Beweisen? sagte er. Es gibt klare Dinge, die weder bewiesen werden
können noch es brauchen. (Pfui Teufel, wie dumm, dachte er, aber es war
zu spät!)

-- Nein, hör mal, jetzt bist du dumm, sagte der Vater und hatte das
Übergewicht.

Johan war geschlagen, aber er wollte noch immer zubeißen. Eine neue
Redensart aus der Schule, die man ihm selbst an den Kopf geworfen und
die noch schmerzte, fiel ihm ein.

-- Wenn ich dumm bin, ist es ein Naturfehler, den mir niemand vorwerfen
darf.

-- Ach, schäme dich, solchen Unsinn zu schwatzen. Mach, daß du hinaus
kommst! Und komm mir nicht wieder!

Er wurde hinausgeworfen.

Seitdem wurden alle Bestrafungen abgemacht, wenn Johan fort war. Man
glaubte, er werde ihnen an die Kehle fliegen, wenn er etwas höre; und
das war nicht ganz unwahrscheinlich.

       *       *       *       *       *

Es gab auch eine andere Art, ihn zu beugen, eine schauderhafte Art, die
leider oft in Familien Brauch ist. Man hielt ihn im Wachstum zurück,
indem man ihn zwang, mit jüngeren Geschwistern umzugehen. Kinder werden
oft dazu gezwungen, mit jüngeren Geschwistern zu spielen, ob sie
einander sympathisch sind oder nicht. Das ist ein grausamer Zwang; aber
ein älteres Kind zum Verkehr mit einem viel jüngeren zwingen, das ist
ein Verbrechen gegen die Natur; das heißt einen jungen, wachsenden Baum
verstümmeln. Johan hatte einen jüngeren Bruder, ein Kind von sieben
Jahren, ein nettes Kind, das allen vertraute und keinem zu nahe trat.
Johan achtete genau darauf, daß man ihn nicht mißhandelte und hatte ihn
gern. Aber mit einem so kleinen Knaben sprechen oder vertraulich mit
ihm verkehren, ging nicht, da er des Älteren Gedanken und Sprache nicht
verstand.

Jetzt mußte er es. Am ersten Mai, als Johan mit Kameraden ausgehen
wollte, sagte der Vater ganz einfach: Nimm Pelle mit und geh in den
Tiergarten, aber achte auf ihn. -- Widerspruch kam nicht in Frage.

Sie kamen in den Tiergarten, wo sie Kameraden trafen, und Johan empfand
den kleinen Bruder wie einen Block am Bein. Er führte ihn, damit er
nicht von den Leuten getreten werde, aber er wußte, daß er ihn nach
Hause wünschte. Der Knabe sprach und zeigte auf Vorübergehende; Johan
korrigierte ihn. Da er sich aber mit ihm solidarisch fühlte, schämte
er sich in seinem Namen. Warum mußte er von neuem solche Empfindungen
durchmachen, wie Scham für Fehler der Etikette, wenn er sie nicht
selber beging? Er wurde steif, kalt, hart.

Der Knabe wollte das Kasperletheater sehen, aber Johan wollte nicht.
Er wollte nichts von allem, was der Bruder wollte. Und dann schämte
er sich über seine Härte. Verwünschte seine Selbstsucht, haßte sich,
verachtete sich, konnte sich aber von den schlechten Gefühlen nicht
befreien. Pelle verstand nichts; er sah nur traurig und entsagend aus,
war aber geduldig und mild. -- Du bist hochmütig, sagte Johan zu sich
selbst; du raubst dem Kinde ein Vergnügen. Sei doch weich! -- Aber er
wurde hart.

Schließlich bat der Kleine Johan, ihm Pfefferkuchen zu kaufen. Johan
peitschte sich, um den Einkauf zu machen. Aber wenn ihn jemand sähe?
Ein Gymnasiast, der Pfefferkuchen kauft! Die Kameraden saßen in der
Wirtschaft und tranken Punsch. Er kaufte die Pfefferkuchen und steckte
sie dem Kinde in die Tasche. Dann gingen sie weiter.

Zwei Kadetten, die Johans Kameraden gewesen sind, kommen ihnen
entgegen. Johan sieht sie auf sich zugehen. In diesem Augenblick reicht
ihm ein Händchen einen Pfefferkuchen: -- Da, Johan, hast du auch! -- Er
stößt das Händchen zurück. Und er sieht zwei blaue, treuherzige Augen,
die fragend, bittend zu ihm aufsehen. -- Er wollte vergehen, weinen,
das verletzte Kind in seine Arme nehmen, es um Verzeihung zu bitten;
das Eis auftauen, das sich in seinem Herzen kristallisierte. Er war ein
Elender, der eine Hand fortstieß.

Sie gingen nach Hause.

Er wollte sein Vergehen abschütteln, konnte es aber nicht. Er rief das
Bild der Mitschuldigen hervor, die ihn in die jämmerliche Lage gebracht
hatten, und er peitschte sie in seinen Gedanken.

Er war zu alt, um sich in gleicher Höhe mit dem Kind zu befinden; und
er war zu jung, um zum Kind hinuntersteigen zu können.

Der Vater, der durch seine Verbindung mit einem vierundzwanzigjährigen
Mädchen wieder aufgelebt war, wagte jetzt auch, Johans gelehrten
Autoritäten zu widersprechen; auch auf diesem Gebiet wollte er ihn
ducken. Als der Abendtisch abgedeckt war, saßen sie da, der Vater
mit seinen drei Stockholmer Zeitungen, „Abendblatt‟, „Allerlei‟,
„Postzeitung‟, Johan mit einem Schulbuch.

-- Was lernst du da? fragte der Vater.

-- Philosophie!

Lange Pause. Die Knaben nannten Logik immer Philosophie.

-- Was ist Philosophie eigentlich?

-- Die Lehre vom Denken.

-- Hm! Muß man das Denken erst lernen? Kann ich mal sehen?

Er schob die Brille in die Höhe und las.

-- Glaubst du, die Bauern im Reichstag (er haßte die Bauern, jetzt aber
brauchte er sie) haben Philosophie gelernt? Das glaube ich nicht, aber
doch hauen sie den Professoren auf die Finger, daß es eine Lust ist.
Ihr lernt soviel Unnötiges!

Damit war die Philosophie verabschiedet.

Auch des Vaters Sparsamkeit versetzte Johan in höchst unangenehme
Lagen. Zwei Kameraden erboten sich, ihn während der Ferien in
Mathematik zu unterrichten. Johan fragte den Vater um Erlaubnis.

-- Ja, meinetwegen.

Als sie nachher aber ein Honorar bekommen sollten, meinte der Alte, sie
seien so reich, daß man sie nicht bezahlen könne.

-- Aber man könnte ihnen ein Geschenk geben, meinte Johan.

Sie haben nichts erhalten!

Er schämte sich ein ganzes Jahr und empfand zum ersten Male das
schauderhafte Gefühl einer Schuld. Die Kameraden gaben zuerst feine
Winke, dann grobe. Er wich ihnen nicht aus, lief hinter ihnen her, um
seine Dankbarkeit zu zeigen. Er fühlte, daß sie Stücke seiner Seele,
seines Körpers besaßen, daß er ihr Sklave war und daß er nicht frei
werden konnte. Oft machte er Versprechungen, indem er sich einbildete,
sie erfüllen zu können; aber sie wurden nie erfüllt, und die
Schuldenlast wurde durch gebrochene Gelübde vermehrt. Es war eine Zeit
endloser Qualen, die damals vielleicht noch bitterer waren, als sie ihm
später in der Erinnerung vorkamen.

Um ihn im Wachstum zurückzuhalten, wurde auch die Konfirmation
aufgeschoben. Er lernte Theologie in der Schule und las die Evangelien
auf Griechisch, aber er war nicht reif für die Konfirmandenprüfung!

Der Zwang im Elternhause wurde um so drückender, je mehr seine Stellung
in der Schule die eines freien Mannes wurde. Er hatte als Gymnasiast
dort Rechte erhalten. Er konnte die Klasse verlassen, ohne erst um
Erlaubnis bitten zu müssen; blieb bei den Fragen sitzen und wagte
dem Lehrer seine Meinung zu sagen. Er war der Jüngste in der Klasse,
saß aber unter den Ältesten und Längsten. Die Lehrer traten mehr als
Vorleser auf, als daß sie Aufgaben abfragten.

Der frühere Menschenfresser aus Klara war ein Patriarch, der Ciceros
„Alter‟ und „Freundschaft‟ erklärte und sich nicht viel um die Vokabeln
kümmerte. Ja, er ging soweit, Didos und Aeneas' Begegnung in der Grotte
zu erläutern, indem er damit anfing, „dem Reinen sei alles rein‟. Er
ließ sich über die Liebe aus, kam auf Abwege und wurde melancholisch.
(Die Jünglinge erfuhren nachher, daß er gerade im Begriff war, um ein
altes Fräulein zu freien.) Er schlug nie mehr einen hochmütigen Ton
an, sondern war so hochherzig, einmal, als er einen Fehler machte
(er war schwach im Latein), ganz offen zu bekennen, daß man niemals
unvorbereitet in die Schule kommen dürfe, wenn man auch noch so
befähigt sei. Das machte großen Eindruck auf die Jünglinge. Er gewann
als Mensch, wenn er auch als Lateiner verlor. Seitdem half man sich
gegenseitig bei den Übersetzungen.

Da er in den Naturwissenschaften bewandert war, wurde Johan in den
Verein „Freunde der Naturwissenschaft‟ gewählt. Da er der einzige aus
seiner Klasse war, galt es für eine große Ehre. Jetzt konnte er mit
Kameraden aus den obersten Klassen zusammen sein, die im nächsten Jahr
Studenten wurden.

Er sollte einen Vortrag halten. Er erzählte es zu Hause, daß er einen
Vortrag halten solle. Er schrieb eine Abhandlung über die Luft und las
sie vor.

Nach der Zusammenkunft ging der Verein in eine Kneipe am Heumarkt, wo
man Punsch trank. Johan war den großen Herren gegenüber schüchtern,
fühlte sich aber merkwürdig wohl. Zum ersten Male war er aus seiner
Altersklasse emporgehoben worden. Der Reihe nach wurden unanständige
Anekdoten erzählt. Er erzählte nur eine unschuldige und schämte sich
sehr dabei.

Später besuchten die Herren ihn im Elternhause; dabei nahmen sie seine
besten Alpenpflanzen und einige chemische Apparate mit.

       *       *       *       *       *

Aus reinem Zufall hatte Johan einen Freund in der Schule bekommen. Als
er Primus in der obersten Klasse war, kam der Rektor eines Tages mit
einem großen Herrn herein, der Gehrock, Schnurrbart, Kneifer trug.

-- Hör mal, Johan, sagte er, nimm dich dieses Burschen an, er kommt
eben vom Lande, und mach ihn mit den Verhältnissen vertraut.

Der Kneifer sah verächtlich auf das Bürschlein in Jacke, und es kam zu
keiner Annäherung. Aber sie saßen neben einander; Johan hielt das Buch
und sagte dem ältern vor, der nie etwas konnte, aber von Getränken und
Cafés sprach.

Eines Tages spielt Johan mit dem Kneifer und die Feder bricht ihm
entzwei. Der Kamerad wurde böse. Johan versprach, den Kneifer wieder
heil machen zu lassen. Er nahm ihn mit nach Hause. Er war schwer zu
tragen, denn er wußte nicht, wie er das Geld bekommen solle: So machte
er sich selbst ans Werk. Nahm die Schrauben heraus, durchbohrte eine
alte Uhrfeder; aber es gelang ihm nicht.

Der Kamerad erinnerte. Johan verzweifelte. Der Vater würde es nie
bezahlen.

-- Dann lasse ich's machen; du kannst es später bezahlen.

Der Kneifer wurde repariert; kostete fünfzig Pfennige. Am nächsten
Montag lieferte Johan zwölf Schillinge in Kupfer ab und versprach den
Rest für den nächsten Montag.

Der Kamerad verstand den Zusammenhang.

-- Das ist dein Frühstücksgeld, sagte er. Hast du nur zwölf Schillinge
in der Woche?

Johan errötete und bat ihn, sie zu nehmen. Am nächsten Montag brachte
er die andern Kupferstücke. Neuer Widerstand, neues Drängen.

Die beiden Jünglinge hielten seitdem zusammen, auf der Schule in
Stockholm, auf der Universität in Upsala und noch länger. Der
Freund war eine heitere Natur und nahm die Welt ohne alle Umstände.
Disputierte etwas mit Johan, brachte ihn aber meist zum Lachen.

Durch den Gegensatz zu dem freudlosen Elternhause wurde ihm die
Schule jetzt ein heiterer, heller Zufluchtsort, wohin er vor der
Familientyrannei flüchtete. Daraus aber entstand ein Doppelleben, das
ihn wieder in allen Gelenken verrücken sollte.



7.

+Erste Liebe+.


Wenn der Charakter des Menschen schließlich die Rolle ist, bei der
er in der Komödie des sozialen Lebens stehen bleibt, so war Johan
in dieser Periode sehr charakterlos; das heißt recht aufrichtig. Er
suchte, fand nicht und konnte bei nichts bleiben. Seine brutale Natur,
die jedes Geschirr, das man ihm auflegte, abwarf, beugte sich nicht;
und sein Gehirn, das zum Empören geboren war, konnte nicht automatisch
werden. Er war ein Reflexionsspiegel, der alle Strahlen, die ihn
trafen, zurückwarf. Ein Kompendium aller seiner Erfahrungen, aller
wechselnder Eindrücke und voller streitender Elemente.

Einen Willen hatte er, der stoßweise arbeitete und dann fanatisch.
Gleichzeitig aber wollte er eigentlich nichts; war sanguinisch und
hoffte alles. Hart wie Eis im Elternhaus, war er oft gefühlvoll
bis zur Empfindsamkeit; konnte in einen Torweg treten und sich die
Unterjacke ausziehen, um sie einem Armen zu geben; konnte weinen, wenn
er eine Ungerechtigkeit sah. Sein Geschlechtsleben, das sich nach der
Entdeckung der Sünde gelegt hatte, brach jetzt in nächtlichen Träumen
los, die er dem Teufel zuschrieb; gegen den rief er Jesus als Helfer
an. Er war jetzt Pietist. Aufrichtig? So aufrichtig jemand sein konnte,
der sich in eine veraltete Weltanschauung einleben wollte. Er war
es aus Bedürfnis zu Hause, wo alles seine geistige und körperliche
Freiheit bedrohte. In der Schule war er ein heiterer Weltmann,
ohne Empfindsamkeit, weich und umgänglich. Dort wurde er für die
Gesellschaft erzogen und hatte Rechte. Im Elternhause wurde er wie eine
eßbare Pflanze für den Gebrauch der Familie gezogen und hatte keine
Rechte. Er war auch Pietist aus geistigem Hochmut wie alle Pietisten.
Beskow, der bußfertige Leutnant, war von Christi Grab heimgekehrt, wo
er den Richtweg über die theologische Prüfung zum Himmel gefunden
hatte. Seine „Reise‟ wurde zu Hause von der Stiefmutter gelesen, die
den Pietismus beschnupperte. Beskow brachte den Pietismus in Mode, und
dieser Mode folgte jetzt ein großer Teil der Unterklasse. Der Pietismus
war damals, was der Spiritismus jetzt (1886) ist: ein wohlfeiles
Wissen, eine angeblich höhere Kenntnis verborgener Dinge. Deshalb
traten ihm auch alle Frauen und Ungebildeten mit Begier bei; er drang
schließlich auch bei Hofe ein....

Kam das von einem allgemeinen geistigen Bedürfnis? War die Zeit
so hoffnungslos reaktionär, daß man Pessimist werden mußte? Nein!
Der König führte auf Ulriksdal ein munteres Wesen und gab dem
gesellschaftlichen Leben einen heiteren, vorurteilsfreien Ton.
Frische Ströme brausten im politischen Leben, in dem man jetzt eine
Änderung der Volksvertretung vorbereitete. Der deutsch-dänische
Krieg machte aufs Ausland aufmerksam; die Blicke richteten sich über
die Landesgrenzen hinaus; Bürgerwehr und Schützenbewegung weckten
Land und Stadt mit Trommeln und Spiel; die neuen Oppositionsblätter
„Dagens Nyheter‟ und der ungestüme „Söndags-Nisse‟ wurden Ventile
für eingeschlossenen Dampf, der heraus mußte. An allen Enden wurden
Eisenbahnen eröffnet, die Einöden in Verbindung mit den großen
motorischen Nervenzentren brachten. Es war durchaus kein dunkler
Niedergang; im Gegenteil eine helle, hoffnungsvolle Jugendzeit des
Erwachens.

Wo kam der Pietismus denn her? Es war ein wehender Wind; vielleicht
auch eine Rettung für die von der Bildung Vernachlässigten vor dem
Druck der Gelehrsamkeit. Es lag auch ein demokratisches Element darin,
daß eine für hoch und niedrig gemeinsame Weisheit zugänglich war, die
alle Gesellschaftsklassen auf ein Niveau brachte. Da der Geburtsadel im
Rückgang war, wurde der Bildungsadel um so drückender empfunden. Durch
den Pietismus schaffte man den auf einmal ab, glaubte man.

Johan wurde Pietist aus vielen Gründen. Bankerott auf Erden, da er mit
fünfundzwanzig Jahren mit eingeschrumpftem Rückgrat und ohne Nase
sterben mußte, suchte er den Himmel. Schwermütig von Natur, aber voller
Wildheiten, liebte er das Schwermütige. Der Lehrbücher, die nicht
lebendiges Wasser gaben, weil sie nichts mit dem Leben zu tun hatten,
müde, fand er bessere Nahrung in einer Religion, die unaufhörlich
auf das tägliche Leben angewandt werden konnte. Dazu kam noch
unmittelbarer, daß die ungelehrte Stiefmutter, die seine Überlegenheit
in Bildung fühlte, auf der Jakobsleiter über ihn hinaus zu kommen
suchte. Sie sprach oft mit dem ältesten Bruder von den höchsten Dingen;
war Johan dann in der Nähe, bekam er zu hören, wie sie seine weltliche
Weisheit verachtete. Das reizte ihn und er mußte hinauf zu ihnen;
mußte über sie hinauskommen. Ferner hatte die Mutter ein Testament
hinterlassen, in dem sie sich gegen geistigen Hochmut aussprach und auf
Jesus hinwies. Zuletzt kam die Gewohnheit, im Kirchenstuhl der Familie
jeden Sonntag einen pietistischen Geistlichen predigen zu hören. Auch
war das Haus überschwemmt mit pietistischen Schriften. Von allen Seiten
drang der Pietismus auf ihn ein.

Die Stiefmutter und der älteste Bruder pflegten zusammen zu sitzen und
in der Erinnerung eine gute pietistische Predigt durchzugehen, die sie
in der Kirche gehört hatten. Eines Sonntags, als der Kirchendienst zu
Ende war, machte sich Johan ans Werk und schrieb die ganze bewunderte
Predigt auf. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, sie der
Stiefmutter zu überreichen. Das Geschenk wurde nicht gerade mit
Wohlwollen aufgenommen. Geduckt war sie. Aber sie gab nicht einen Zoll
nach.

-- Gottes Worte sollen im Herzen geschrieben sein und nicht auf dem
Papier, sagte sie.

Das war nicht übel gesagt, aber Johan sah, daß es Hochmut war. Sie
glaubte, weiter auf dem Weg der Heiligung gekommen und schon Gottes
Kind zu sein.

Das Wettlaufen beginnt, und Johan geht in außerkirchliche Betstunden.
Darauf wird mit einem halben Verbot geantwortet, denn er sei noch nicht
konfirmiert; also nicht reif für den Himmel. Die Erörterungen mit dem
ältesten Bruder werden fortgesetzt. Johan sagt, Jesus habe erklärt,
daß auch die Kinder ins Himmelreich gehören. Man schlägt sich um den
Himmel. Johan kann die Theologie von Norbeck, aber die wird ungesehen
verworfen. Er nimmt Krummacher, Kempis und alle Pietisten zu Hilfe.
Nein, es hilft nicht -- So muß es sein! -- Wie? -- Wie ich es habe,
aber wie du es nicht haben kannst! -- Wie ich! Das ist die Formel der
Pietisten: Selbstgerechtigkeit.

Eines Tages sagte Johan, alle Menschen seien Gottes Kinder! --
Unmöglich! dann wäre es ja keine Kunst, selig zu werden! -- Es sollte
eine Kunst sein, die nur sie konnten! -- Sollen denn alle selig werden?
-- Ja gewiß, Gott ist die Liebe und will niemandes Verderben. -- Wenn
alle selig werden, was hat es dann für einen Zweck, sich zu quälen? Ja,
das ist eben die Frage! -- Du bist also ein Zweifler, ein Heuchler?

Sehr wohl möglich, daß sie es alle waren!

       *       *       *       *       *

Johan wollte jetzt den Himmel stürmen und ein Kind Gottes werden;
vielleicht damit auch die anderen ducken. Die Stiefmutter war nämlich
nicht konsequent. Sie ging ins Theater und tanzte gern. Eines
Sonnabends im Sommer wurde verkündet, die ganze Familie werde am
nächsten Sonntag einen Ausflug machen. Das war ein Befehl. Johan hielt
es für Sünde und wollte die Gelegenheit benutzen, um in der Einsamkeit
Jesus zu suchen, den er noch nicht gefunden hatte. Die Bekehrung sollte
nämlich nach der Beschreibung wie ein Blitzschlag eintreten; dem würde
die Gewißheit folgen, daß man ein Kind Gottes sei; und dann sei der
Friede da.

Als der Vater am Abend die Zeitung las, trat Johan an ihn heran und
bat, zu Hause bleiben zu dürfen.

-- Warum denn? fragte er freundlich.

Johan schwieg. Er schämte sich.

-- Wenn deine religiöse Überzeugung es dir verbietet, dann folg deinem
Gewissen.

Die Stiefmutter war geschlagen. Sie wollte den Sabbat entheiligen, er
aber nicht.

Die Familie fuhr ab. Johan ging in die Bethlehemskirche und hörte
Rosenius. Der Raum war dunkel, unheimlich, und die Menschen sahen aus,
als hätten sie die verhängnisvollen fünfundzwanzig Jahre erreicht.
Bleigrau im Gesicht, erloschne Blicke. Sollte dieser Dr. Kapff sie alle
zu Jesus gescheucht haben? Sonderbar war es.

Rosenius sah wie der Friede selbst aus und strahlte von himmlischer
Freude. Er gestand allerdings, daß er ein alter Sünder sei, aber Jesus
habe ihn gereinigt, und jetzt sei er glücklich. Er sah auch glücklich
aus. War es möglich, daß es einen glücklichen Menschen gibt? Warum
wurden dann nicht alle Pietisten!

Johan hatte jedoch die Gnadenwirkung noch nicht erfahren; in ihm war
noch Unfriede. Es war ein zu kleines Publikum, als daß er hätte glauben
können, nur in diesem Haus hätten die Seligen ihre Wohnung. Alle die
großen Kirchen, in denen tote Priester predigten, waren ja voll von
künftigen Unseligen.

Am Nachmittag las er Thomas a Kempis und Krummacher. Darauf ging er
nach Haga hinaus und betete die ganze Nordzollstraße entlang, daß Jesus
ihn suchen möge. Im Hagapark saßen kleine Familien mit Eßkörben, und
die Kinder spielten. War es möglich, daß all diese in die Hölle kommen
sollten? Ja allerdings! Unmöglich, antwortete sein guter Verstand.
Aber es war so. Eine Kalesche mit feinen Herren und Damen fuhr vorbei.
Und die dort, die waren längst verurteilt! Aber sie waren wenigstens
lustig. Die lebhaften Bilder fröhlicher Menschen verdüsterten ihn noch
mehr, und er empfand die furchtbare Einsamkeit in einer Volksmenge.

Er hatte sich müde gedacht und ging nach Hause, niedergeschlagen wie
ein Dichter, der mit Gewalt Eingebung gesucht, sie aber nicht hat
finden können. Er legte sich auf sein Bett und sehnte sich fort von dem
ganzen Leben.

Abends kamen die Geschwister nach Hause, fröhlich und geräuschvoll, und
fragten, ob er sich vergnügt habe.

-- Ja, antwortete er; und ihr?

Und er mußte Einzelheiten von dem Ausflug hören und fühlte jedesmal
Stiche im Herzen, wenn er sie beneidete. Die Stiefmutter sah ihn nicht
an, denn sie hatte den Sabbat entheiligt. Das war sein Trost!

Jetzt müßte der durchschaute Selbstbetrug sich aufgezehrt haben und
gestorben sein; da aber tritt ein neuer wichtiger Faktor in sein Leben
ein, der die Selbstquälerei zum Fanatismus treibt, bis sie dann Knall
und Fall stirbt.

       *       *       *       *       *

Sein Leben war während dieser Jahre nicht von so furchtbar einförmiger
Tristheit gewesen, wie es sich später in der Perspektive zeigte, als
alle dunklen Punkte so zahlreich waren, daß sie zu einem einzigen
grauen Hintergrund zusammenschmolzen. Aber hinter und unter allem ruhte
seine zurückgesetzte Stellung als Kind, während er mannbar war; der
Lehrstoff konnte ihn nicht mehr interessieren; er war darauf gefaßt,
daß er mit fünfundzwanzig Jahren sterben müsse; sein Geschlechtstrieb
war unbefriedigt; seine Umgebung hatte einen ganz andern Bildungsgrad
und konnte ihn infolgedessen nicht begreifen.

Mit der Stiefmutter kamen drei junge Mädchen ins Haus, ihre Schwestern.
Sie schlossen bald Freundschaft mit den Stiefsöhnen, machten gemeinsame
Spaziergänge, fuhren zusammen auf der Rutschbahn, spielten mit ihnen.
Sie suchten immer Versöhnungen zustande zu bringen; erkannten an, daß
die Schwester dem Jüngling gegenüber schuld hatte; und damit war er
sofort zufrieden, so daß sich sein Haß legte.

Auch die Großmutter übernahm die Rolle der Vermittlerin, trat
schließlich entschieden als Freund Johans auf und beschwor oftmals den
Sturm. Aber ein verhängnisvolles Geschick ließ ihn auch diesen Freund
bald verlieren. Die Tante hatte die neue Ehe nicht geliebt, und ein
Bruch mit dem Bruder war eingetreten. Das war ein großer Kummer für
den Alten. Der Verkehr hörte auf, und man sah sich nicht mehr. Es war
natürlich Hochmut. Aber eines Tages trifft Johan die Kusine, damals
ein älteres Mädchen, das sehr fein gekleidet ist, auf der Straße. Sie
ist neugierig, will etwas über die neue Ehe hören und geht mit Johan
spazieren.

Als er nach Hause kommt, trifft er Großmutter, die ihm in scharfen
Worten vorhält, daß er sie auf der Straße nicht gegrüßt habe; er sei
wohl in zu feiner Gesellschaft gewesen, um die Alte zu grüßen. Er
beteuert seine Unschuld; es ist aber vergebens.

Da er nicht viele Freunde zu verlieren hatte, war dieser Verlust
schmerzlich.

Auch mit andern jungen Mädchen aus dem Bekanntenkreis der Stiefmutter
verkehrte man. Es wurden Spiele gespielt, Pfänderspiele nach den
einfachen Sitten der Zeit; dabei küßte man die Mädchen und faßte sie
um die Taille. Eines Tages hatte er tanzen gelernt und wurde nun
ein eifriger Walzertänzer. Das war eine sehr gute Erziehung für den
Jüngling: dadurch wurde er daran gewöhnt, den weiblichen Körper zu
sehen und zu berühren, ohne daß seine Leidenschaften erwachten. Als
er zum ersten Male geküßt werden sollte, zitterte er, bald aber war
er ruhig. Die Elektrizität verteilte sich, die Phantasien nahmen
feste Form an, und die Träume wurden nicht mehr so oft gestört. Aber
das Feuer brannte, und die Kühnheit trat einige Male hervor. Als die
Pfänder in einem dunklen Zimmer gelöst wurden, faßte er ein junges
hübsches schwarzhaariges Mädchen an die Brust, die nur von einem dünnen
Garibaldihemd verborgen wurde. Sie fauchte. Er schämte sich nachher,
konnte aber nicht umhin, sich männlich zu fühlen. Wenn sie nur nicht
gefaucht hätte!

Einen Sommer weilte er mit der Stiefmutter bei einem ihrer Verwandten,
einem Landwirt in Östergötland. Dort wurde er als Weltmann behandelt
und ward gut Freund mit der Stiefmutter. Auch das währte nicht lange,
und bald brach der Streit wieder in hellen Flammen aus. So ging es auf
und nieder, hin und zurück.

Zu dieser Zeit, im Alter von fünfzehn Jahren, geht er seine erste
Liebesverbindung ein, wenn es Liebe war. Die Kulturliebe ist ein
sehr verfälschtes und verwickeltes Gefühl und im Grunde ungesund.
Reine Liebe ist ein Widerspruch in sich, wenn man nämlich unter rein
unsinnlich versteht. Die Liebe als Geschlechtstrieb muß sinnlich sein,
wenn sie gesund sein soll. Als sinnliche Liebe muß sie den Körper
lieben. Während des Rausches passen sich die Seelen einander an und
Sympathie entsteht. Sympathie ist Waffenruhe, Ausgleich. Darum bricht
die Abneigung gewöhnlich aus, wenn sich das sinnliche Band gelöst
hat, nicht umgekehrt. Aber das Wort sinnlich hat durch die tote Moral
des Christentums eine niedrige Bedeutung erhalten: „Der Geist ist im
Fleisch gefangen.‟ „Töte das Fleisch und laß den Geist frei.‟ Geist und
Fleisch sind jedoch eins; tötet man das Fleisch, so tötet man auch den
Geist.

Kann Freundschaft zwischen den beiden Geschlechtern entstehen und
dauern? Nur scheinbar, denn die beiden Geschlechter sind geborene
Feinde; + und - bleiben immer Gegensätze, positive und negative
Elektrizität sind feindlich, aber suchen einander, um einander zu
ergänzen. Freundschaft kann nur entstehen zwischen Personen mit
denselben Interessen, ungefähr denselben Anschauungen. Mann und Weib
sind durch die gesellschaftliche Ordnung mit verschiedenen Interessen,
verschiedenen Anschauungen geboren. Darum kann Freundschaft zwischen
den Geschlechtern nur in der Ehe entstehen, in der die Interessen
dieselben geworden sind; dann aber nur, solange das Weib sein ganzes
Interesse der Familie widmet, für die der Mann arbeitet. Sobald sie
sich einer Sache widmet, die außerhalb der Familie liegt, ist der
Vertrag gebrochen; dann haben Mann und Weib verschiedene Interessen,
und es ist aus mit der Freundschaft. Darum ist eine geistige Ehe
unmöglich, weil sie zur Sklaverei des Mannes führt: diese Ehe löst sich
denn auch bald auf.

Der Fünfzehnjährige verliebte sich in ein Weib von dreißig Jahren. Wäre
es reine, sinnliche Liebe gewesen, dann hätte man etwas Ungesundes bei
ihm argwöhnen können; aber er konnte zu seiner Ehre damit prahlen, daß
seine Liebe unsinnlich war.

Wie er dazu kam, sie zu lieben? Viele Gründe wie immer, nicht nur
einer.

Sie war die Tochter des Hauswirts, nahm als solche eine höhere Stellung
ein, und das Haus war reich und gastfrei. Sie war gebildet, wurde
bewundert, herrschte im Hause, stand intim mit der Mutter; sie konnte
die Wirtin machen, führte die Unterhaltung, war von Herren umgeben, die
alle von ihr beachtet zu werden wünschten. Dazu war sie emanzipiert,
ohne jedoch den Männern feindlich zu sein; sie rauchte und trank ihr
Glas, aber nicht etwa auf geschmacklose Art. Dazu war sie mit einem
Manne verlobt, den der Vater haßte und den er nicht zum Eidam haben
wollte. Der Bräutigam weilte im Auslande und schrieb selten. Im Hause
verkehrten ein Amtsrichter, Studenten der Technischen Hochschule,
ein Literat, Geistliche, Bürger. Alle umschwärmten sie. Johans Vater
bewunderte sie, die Stiefmutter fürchtete sie, die Brüder warteten ihr
auf.

Johan hielt sich hinter allen andern zurück und beobachtete sie. Es
dauerte lange, ehe sie ihn entdeckte. Schließlich eines Abends, als sie
alle Herren angesprüht und entzündet hatte, zog sie sich müde in einen
Salon zurück, in dem Johan saß.

-- Gott, wie unglücklich bin ich! sagte sie zu sich selbst und warf
sich auf ein Sofa.

Johan machte eine Bewegung und ward gesehen. Er glaubte etwas sagen zu
müssen.

-- Sie sind unglücklich? Sie lachen doch beständig! Sie sind sicher
nicht so unglücklich wie ich!

Sie sah den Burschen an, setzte das Gespräch fort, und sie waren
Freunde.

Seitdem sprach sie am liebsten mit ihm. Das erhob ihn. Er war verlegen,
wenn sie einen Kreis erwachsener Männer verließ, um sich neben ihn zu
setzen. Er begann in ihrer Seele zu forschen, stellte Fragen nach ihrem
Seelenzustand, die verrieten, daß er viel beobachtet und viel gedacht
hatte. Er bekam die Oberhand und wurde ihr Gewissen. Wenn sie einen
Abend zu lebhaft gescherzt hatte, kam sie zu dem Jüngling, um bestraft
zu werden. Das war eine Art Geißelung, angenehm wie eine Liebkosung.

Schließlich begannen sich die Herren um den Jüngling zu kümmern.

-- Können Sie sich denken, sagte sie eines Abends, sie behaupten, ich
sei in Sie verliebt.

-- Das sagen sie von allen Menschen verschiedenen Geschlechts, die
Freunde sind.

-- Glauben Sie, daß es Freundschaft zwischen Mann und Weib geben kann?

-- Ja, davon bin ich überzeugt, antwortete er.

-- Danke, sagte sie und reichte ihm ihre Hand. Wie sollte ich, die
ich doppelt so alt bin wie Sie, die ich häßlich und krank bin, in Sie
verliebt sein können! Und dann bin ich ja auch verlobt!

Nein, das war natürlich nicht möglich, daß eine ältere und häßliche
Frau in den Körper eines jungen, durch Turnen gut entwickelten
Jünglings verliebt sein konnte, zumal der Jüngling kleine fleischige
Hände mit langen, wohlgepflegten Nägeln, kleine Füße und schlanke Beine
mit starken Waden hatte; auch noch einen frischen Teint mit keimendem
Bartwuchs besaß. Aber die Logik ist nicht stark, wenn das Herz verletzt
ist. Daß Johan dagegen ein dreißigjähriges Weib, das groß gewachsen
und männlich gestaltet war, das Zuckerkrankheit und Wassersucht hatte,
liebte, das war beinahe unmöglich.

Seit diesem Abend aber hatte sie das Übergewicht. Sie wurde mütterlich.
Das packte ihn. Und als sie dann wegen ihrer Neigung geneckt wurde,
fühlte sie sich beinahe verlegen und ließ alle Gefühle fallen, mit
Ausnahme der mütterlichen; auch begann sie an seiner Bekehrung zu
arbeiten, denn auch sie war Pietistin.

Sie trafen sich in einem französischen Konversationszirkel und gingen
den langen Weg nach Hause zusammen; dabei sprachen sie französisch.
Es war leichter, heikle Sachen in einer fremden Sprache zu sagen.
Auch fing er an, französische Aufsätze für sie zu schreiben, die sie
korrigierte.

Vaters Bewunderung für das alte Mädchen nahm ab, und dieses
Französischsprechen war der Stiefmutter unangenehm, weil sie es nicht
verstand. Des älteren Bruders Vorrecht auf Französisch war auch damit
aufgehoben. Das ärgerte den Vater so, daß er eines Tages zu Johan
sagte, es sei unpassend, eine fremde Sprache in Gegenwart von Menschen
zu sprechen, die sie nicht verstehen; er begreife nicht, wie Fräulein
X., die so gebildet sein solle, sich eine solche Taktlosigkeit erlauben
könne. Aber die Bildung des Herzens sei nicht dieselbe wie die Bildung
durch Bücher.

Sie wurde im Elternhaus nicht mehr gern gesehen, und man „verfolgte‟
die beiden. Dazu kam, daß die Familie in den benachbarten Hof zog; der
Verkehr wurde daher etwas weniger lebhaft.

Am ersten Tage nach dem Umzug war Johan aufgerieben. Er konnte ohne
ihre tägliche Gesellschaft nicht leben; er konnte nicht leben ohne
ihre Hilfe, die ihn aus seiner Altersklasse herausgehoben und unter
die Erwachsenen versetzt hatte. Zu ihr gehen und wie ein lächerlicher
Liebhaber sie aufsuchen, nein, das konnte er nicht. Blieb nur übrig,
Briefe zu schreiben.

Jetzt beginnt ein Briefwechsel, der ein Jahr dauerte. Die Schwester der
Stiefmutter, die das intelligente und fröhliche Mädchen vergötterte,
überbrachte heimlich die Briefe. Die Briefe wurden französisch
geschrieben, damit sie nicht gelesen werden konnten, wenn sie einmal
in falsche Hände fielen. Auch konnte man sich leichter bewegen unter
dieser Deckung.

Wovon die Briefe handelten? Von allem. Von Jesus, dem Kampf gegen
die Sünde, vom Leben, vom Tode, von Liebe, Freundschaft, Zweifel.
Obwohl sie Pietistin war, verkehrte sie mit Freidenkern und litt unter
Zweifeln, zweifelte an allem. Johan war bald ihr gestrenger Lehrer,
bald ihr bestrafter Sohn.

Lange Auseinandersetzungen und Beweisführungen hatten sie auch über
ihr Verhältnis. War es Liebe oder Freundschaft? Aber sie liebte ja
einen andern Mann, von dem sie fast nie sprach. Johan betrachtete
niemals ihren Körper. Er sah nur ihre Augen, die tief und ausdrucksvoll
waren. Es war auch nicht gerade die Mutter, die er verehrte, denn er
sehnte sich niemals danach, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen; was
er dagegen gern bei andern Frauen getan hätte. Er hatte beinahe ein
Entsetzen davor, sie anzurühren; nicht das Entsetzen der verborgenen
Begierde, sondern des Ekels. Er tanzte einmal mit ihr, aber tat es
nicht wieder. Wenn es draußen windig war und ihr Kleid wurde aufgeweht,
sah er fort. Es war wohl Freundschaft, und ihre Seele war so männlich,
und ihr Körper auch, daß eine Freundschaft entstehen und dauern konnte.

Geistige Ehen können darum nur zwischen mehr oder weniger
Ungeschlechtlichen stattfinden; und wo es die gibt, wird man immer
etwas Anormales beobachten können. Die besten Ehen, das heißt die
am besten ihre wirkliche Bestimmung erfüllen, sind gerade die „mal
assortis‟.

Abneigung, Verschiedenheit der Ansichten, Haß, Verachtung können die
wahre Liebe begleiten. Verschiedene Intelligenzen und Charaktere
bringen die reichsten Kinder hervor, die beider Anlagen erben. Frau
Maria Grubbe, die an Überkultur litt, sucht und sucht mit vollem
Bewußtsein einen geistigen Gatten. Sie wird unglücklich, bis sie einen
Stallknecht bekommt, der ihr gibt, was sie braucht, und Schläge dazu.
Das hatte sie nötig als Ergänzung.

       *       *       *       *       *

Inzwischen näherte sich die Konfirmation. Die war so lange wie möglich
aufgeschoben worden, um den Jüngling unter den Kindern zurückzuhalten.
Und auch die sollte benutzt werden, um ihn zu ducken. Als der Vater ihm
seinen Entschluß mitteilte, sprach er die Hoffnung aus, der Unterricht
werde sein Eis ums Herz schmelzen.

Es wurde eine gehörige Strafaufgabe. Zuerst kam er unter die Kinder der
Unterklasse, Tabaksbinder und Schornsteinfeger, Lehrlinge aller Art. Er
empfand wie früher Mitleid mit ihnen, aber er liebte sie nicht, konnte
sich ihnen nicht nähern und wollte es auch nicht. Er war durch seine
Erziehung ihnen entwachsen, wie er seiner Familie entwachsen war.

Er wurde wieder Schuljunge; wurde geduzt und mußte auswendig lernen;
bei den Fragen aufstehen und zusammen mit dem Haufen Schelte anhören.

Der Geistliche war Hilfsprediger und Pietist. Er sah aus, als leide er
an einer ansteckenden Krankheit oder habe Dr. Kapff gelesen. Streng,
unbarmherzig, gefühllos, ohne ein Wort der Gnade oder des Trostes.
Cholerisch, jähzornig, nervös, war dieser eingebildete Bauernjunge der
Liebling aller Damen. Aber dadurch, daß er oft gehört wurde, machte er
schließlich Eindruck. Er predigte vom Schwefelpfuhl, verfluchte Theater
und alle Arten Vergnügen. Lehre und Leben sollten eins sein.

Johan begann mit sich selbst und seiner Freundin. Sie wollten ihr Leben
ändern; nicht tanzen, nicht ins Theater gehen, nicht scherzen. Er
schrieb jetzt in der Schule pietistische Aufsätze und nahm sich vor,
nicht mehr leichtsinnige Geschichten anzuhören.

-- Pfui Teufel, du bist ja Mucker, sagte eines Tages ein Kamerad
öffentlich.

-- Ja, das bin ich, sagte er. Er wollte seinen Erlöser nicht verleugnen.

Die Schule wurde jetzt unerträglich. Er litt jetzt ein Martyrium; ihm
war bange vor den Lockungen der Welt, denn er hatte empfunden, wie das
Leben lockte. Er fühlte sich auch als Mann und wollte ins Leben hinaus,
um zu arbeiten, sich selbst zu ernähren und sich zu verheiraten. Sich
verheiraten war sein Traum, denn unter einer andern Form konnte er sich
die Verbindung mit einem Weib nicht denken. Es mußte gesetzlich und
geheiligt sein.

Unter diesen Träumen erzeugte er einen Entschluß, der wohl etwas
seltsam war, aber seine Gründe hatte. Ein Beruf mußte es sein, der
leicht zu erlernen war, der seinen Mann bald ernährte; eine Stellung,
in der er nicht der Letzte war, aber auch nicht der Höchste; eine
unbedeutende, demütige Stellung, die aber ein bewegliches, gesundes
Leben in der freien Luft mit einer bald errungenen wirtschaftlichen
Selbständigkeit vereinigte. Die Bewegung in der freien Luft, ein
Leben in Turnen war vielleicht der Hauptgrund, daß er sich dafür
entschied, Unteroffizier in einem Reiterregiment zu werden, um diesem
fatalen Todesjahr zu entgehen, vor dem der Geistliche ihn von neuem
gewarnt hatte. War es vielleicht auch die Uniform und das Pferd? Wer
weiß? Der Mensch ist ein sonderbares Geschöpf. Aber er hatte ja die
Kadettenuniform ausgeschlagen.

Die Freundin riet ab, so sehr sie nur konnte; sie malte die Sergeanten
als die schlimmsten von allen Menschen aus. Aber er war stark und
sagte, der Glaube an Jesus werde ihn rein von aller Ansteckung halten;
ja, er werde ihnen Christus predigen und sie alle rein machen.

Er ging zum Vater. Der faßte das Ganze als eine Phantasie auf; sprach
von dem nahen Studentenexamen, das ihm eine ganze Welt öffnen werde. So
mußte er vorläufig die Sache aufschieben.

Die Stiefmutter hatte einen Sohn bekommen. Johan haßte den aus
Instinkt, als einen Konkurrenten, der seine jüngeren Geschwister in
den Hintergrund drängen mußte. Aber die Macht der Freundin und des
Pietismus war so stark, daß er aus Selbstkasteiung sich auferlegte, den
Kleinen zu lieben. Er trug ihn auf seinen Armen und wiegte ihn.

-- Das ist sicher gewesen, wenn niemand es sah, sagte die Stiefmutter,
wenn er mit diesem Beweis seines guten Willens kam.

Ja, eben, wenn niemand es sah, denn er wollte nicht damit prahlen. Oder
schämte sich darüber. Das Opfer war aufrichtig, als es geschah; als es
ihm widrig wurde, hörte es auf.

       *       *       *       *       *

Gründlich wurde man für die Konfirmation zurechtgewiesen, privatim wie
öffentlich, im halbdunkeln Chor der Kirche, während einer Reihe von
Passionspredigten, endlosen Gesprächen über Jesus, Kasteiungen; höher
konnte die Stimmung nicht hinaufgeschraubt werden. Nach der Prüfung
schalt er die Freundin aus, weil er gesehen hatte, wie sie lachte.

Am Tage des Abendmahls hielt der Pfarrer die Predigt. Es war der
wohlwollende Rat eines alten aufgeklärten Mannes, den er der Jugend
fürs Leben gab; es war herzlich und tröstend; keine Posaunen des
Gerichts, keine Strafe für nicht begangene Sünden. Während der Predigt
fielen ihm die Worte oft wie Balsam aufs verwundete Herz, und zuweilen
kam es ihm vor, als habe der Alte recht.

Der Akt selbst am Altar, von dem er sich soviel versprochen hatte,
verfehlte seine Wirkung. Die Orgel spielte stundenlang „O Lamm Gottes,
erbarme dich unser‟. Knaben und Mädchen weinten und waren halbtot, wie
beim Anblick einer Hinrichtung. Aber Johan war nur benommen; er wußte
weder aus noch ein. Die Gnadenmittel hatte er im Küsterhause aus der
Nähe gesehen, und die Sache war jetzt bis ins Sinnlose getrieben. Sie
war reif zum Fallen. Und sie fiel!

       *       *       *       *       *

Er bekam einen hohen Hut; erbte die abgelegten Kleider des Bruders,
die weit und fein waren. Der Freund mit dem Kneifer nahm sich jetzt
seiner an. Er hatte ihn allerdings auch nicht verlassen, als Johan
Pietist war. Der nahm die Sache leicht, wohlwollend, nachsichtig;
bewunderte ein wenig das Märtyrertum und den festen Glauben, den Johan
in Handlung umsetzen wollte. Jetzt aber griff er ein. Er nahm Johan mit
auf den Mittagspaziergang. Zeigte ihm die Schönheiten der Stadt; sagte
ihm die Namen der Schauspieler, die sie trafen; nannte die Offiziere,
welche die Parade anführten. Johan war noch schüchtern und besaß kein
Selbstvertrauen.

Eines Mittags um zwölf, als sie ins Gymnasium gehen wollten, sagte der
Freund:

-- Komm, wir wollen in den „Drei Römern‟ Frühstück essen.

-- Nein, wir müssen in die griechische Stunde!

-- Ach, wir schwänzen das Griechische heute.

Schwänzen! Das war das erstemal. Aber etwas Schelte konnte man ja
ertragen.

-- Ja, aber ich habe kein Geld.

-- Das brauchst du auch nicht; ich habe dich ja eingeladen.

Der Freund schien verletzt zu sein.

Sie gingen in die Kneipe. Ein schöner Geruch von Beefsteak schlug ihnen
entgegen; die Kellner nahmen ihnen die Mäntel ab und hingen die Hüte an.

-- Die Speisekarte! rief der Freund mit Sicherheit, denn er aß seit
einigen Jahren in der Kneipe.

-- Willst du ein Beefsteak haben?

-- Ja, bitte!

Er hatte nicht mehr als zwei Male in seinem Leben Beefsteak gegessen.

-- Butter, Käse und Branntwein; und zwei Halbe Bier!

Ohne Umstände goß Fritz den Schnaps ein.

-- Nein, ich weiß nicht, ob ich darf!

-- Hast du noch keinen Schnaps getrunken?

-- Nein!

-- Ach, nimm nur, der tut einem gut!

Er nahm ihn. Ab! Das wärmte den Körper, die Tränen traten ihm in die
Augen, und ein leichter Nebel lagerte sich über das Zimmer; aber
durch den Nebel klärte es sich auf; die Kräfte wuchsen, der Gedanke
arbeitete, es kamen neue Gesichtspunkte, die dunkle Vergangenheit wurde
heller.

Dann kam das saftige Stück Fleisch. Das war Essen!

Der Freund aß noch ein Butterbrot mit Käse. Johan fragte:

-- Was sagt der Wirt dazu?

Der Freund lächelte ihn wie ein alter Onkel an:

-- Iß nur; es kostet ebensoviel!

-- Nein, aber Käsebutterbrot zum Beefsteak! Welche Unsitte!

Aber wie gut das schmeckte! Es war ihm, als esse er heute zum ersten
Male. Und dann Bier.

-- Soll jeder eine ganze halbe Flasche trinken? Bist du verrückt?

Das war doch einmal Essen! Das war kein so leerer Genuß, wie der blasse
Mann behauptet hatte! Nein, das war ein solider Genuß, starkes Blut in
halbleere Ader rollen zu fühlen, welche die Nerven zum Kampf des Lebens
versehen sollten. Es war ein Genuß, zu fühlen, wie die entschwundene
Manneskraft zurückkehrte; zu fühlen, wie sich die schlaffen Sehnen
eines halb gebrochenen Willens wieder spannten. Die Hoffnung erwachte,
der Nebel wurde eine rosenrote Wolke; und der Freund ließ ihn in die
Zukunft blicken, wie sie von der Freundschaft und der Jugend gedichtet
wird.

Diese Illusionen der Jugend über das Leben, woher kommen sie? Aus
Kraft, sagt man. Aber der Verstand, der so viele Wünsche der Kindheit
in nichts hat aufgehen sehen, müßte den Schluß ziehen können, daß es
unmöglich ist, die Illusionen der Jugend zu verwirklichen. Alle diese
Träume sind ungesunde Illusionen, die von unbefriedigten Trieben
hervorgerufen werden, und sie werden einst verschwinden; dann werden
die Menschen verständiger werden und glücklicher.

Johan hatte nichts anderes vom Leben fordern gelernt als Freiheit
von Tyrannei und Mittel zum täglichen Brot. Das genügte. Er war kein
Aladdin und glaubte nicht ans Glück. Er besaß Kräfte genug, aber kannte
sie nicht. Der Freund mußte ihn erst entdecken.

-- Du mußt öfters mit uns ausgehen und dich etwas aufrütteln, sagte er;
sitz nicht soviel zu Hause!

-- Das kostet Geld, und ich bekomme keins.

-- Dann gib Stunden!

-- Stunden? Ich? Glaubst du, ich könnte Stunden geben?

-- Du hast ja so gute Kenntnisse; das muß sehr leicht gehen.

Er hatte gute Kenntnisse! Das war eine Anerkennung oder eine
Schmeichelei, wie die Pietisten es nannten, und die fiel in fruchtbaren
Boden.

-- Aber ich habe keine Bekannte! Keine Verbindungen!

-- Sag es nur dem Direktor, dann geht's! Es ist ja für mich gegangen!

Johan wagte kaum an ein solches Glück zu glauben, daß er sich Geld
verdienen könne. Aber wenn er hörte, daß andere es konnten, und er sich
mit ihnen verglich! Ja, aber die hatten Glück!

Der Freund brachte ihn in Bewegung. Bald hatte er des Abends die
Schulaufgaben durchzunehmen und war Lehrer in einem Mädchenpensionat.

       *       *       *       *       *

Jetzt erwachte sein Selbstgefühl. Die Mägde des Elternhauses nannten
ihn Herr Johannes, und die Lehrer in der Schule redeten die Klasse
an: meine Herren. Auf eigne Faust begann er jetzt sein Schulwesen zu
reformieren. Zuerst hörte er mit dem Griechischen auf. Längst hatte
er den Vater gebeten, ihm das zu erlassen; aber vergeblich. Jetzt tat
er's auf eigene Faust, und der Vater erfuhr es erst lange nach dem
Studentenexamen. Darauf stellte er die Mathematik ein, nachdem er
erfahren, daß ein Lateiner das Recht hatte, in diesem Lehrstoff auf ein
Zeugnis zu verzichten. Ferner wurde er nachlässig in Latein. Er wollte
in einem Monat vor der Prüfung alles noch einmal durchnehmen, indem
er büffelte. Dann führte er die Gewohnheit ein, während der Stunden
französische, deutsche, englische Romane zu lesen. Die Fragen gingen
gewöhnlich der Reihe nach; er hatte sein Buch vor sich, bis sich die
Frage näherte; er rechnete aus, was er für eine Stelle bekommen werde,
und bereitete sich rasch vor. Die lebenden Sprachen wurden jetzt seine
Stärke, neben den Naturwissenschaften.

Mit Minderjährigen die Aufgaben durchnehmen, war eine neue furchtbare
Strafarbeit, aber es war eine Arbeit, die sich bezahlte. Natürlich
hatten nur Knaben, die widerwillig lernten, einen besonderen Lehrer. Es
war eine grausame Arbeit für sein lebhaftes Gehirn, sich diesen Köpfen
anzupassen. Sie waren einfach unmöglich! Sie konnten nicht aufmerksam
sein. Er glaubte, sie seien störrisch. Die Wahrheit war, daß ihr Wille
die Aufmerksamkeit nicht erzwingen konnte. Mit Unrecht galten diese
Knaben für dumm. Sie waren im Gegenteil aufgeweckt; aber ihre Gedanken
drehten sich um wirkliche Dinge. Später scheinen sie die Torheit der
Lehrstoffe durchschaut zu haben. Viele von ihnen sind dann tüchtige
Männer im Leben geworden; und noch mehrere wären es geworden, wenn sie
nicht von ihren Eltern gezwungen wären, ihrer Natur Gewalt anzutun und
die Studien fortzusetzen.

Im Mädchenpensionat arbeitete er nur mit den Kleineren. Die Großen
dagegen gingen frei im Zimmer herum und zeigten ihre Strümpfe gegen
Tischbeine und Stuhlfüße. Er war ihnen gut, wagte sich aber nicht ihnen
zu nähern.

Als die Freundin die Änderung in seinem Wesen bemerkte, entstand ein
neuer Streit. Sie warnte ihn vor dem Freund, der ihm schmeichle; und
sie warnte ihn vor den jungen Mädchen, von denen er mit einer gewissen
Wärme sprach. Sie war eifersüchtig. Sie berief sich auf Jesus, aber
Johan hörte nicht zu. So zog er sich von ihr zurück.

Er führte jetzt ein munteres und tätiges Leben. Mittags Parade und
einen Trunk. Abends Serenaden, denn er sang jetzt in einem Quartett,
Punsch und etwas Liebelei mit Kellnerinnen. Er verliebte sich in eine
kleine Blonde, die hinter dem Ladentisch saß und schlief. Er wollte
sie für sich retten, sie auf einer Pfarre in Pension geben, selbst
Geistlicher werden und sich mit ihr verheiraten. Aber die Liebe ging
bald vorüber, als er eines Abends sah, wie die Kameraden sie in einem
Privatzimmer an die Brust faßten.

Währenddessen war Jesus aus seinem Amt entsetzt worden, aber ein
schwacher Grundton von Frömmlertum und Askese klang noch nach. Er
betete noch aus Gewohnheit, aber ohne Hoffnung, daß sein Gebet erhört
werde; er hatte ja so lange diese Bekanntschaft gesucht, die so leicht
zu finden sein soll, wenn man nur ein wenig an die Tür der Gnade
klopfe. Um die Wahrheit zu sagen, es lag ihm nicht soviel daran, beim
Wort genommen zu werden. Wenn sich die Tür geöffnet und der Gekreuzigte
ihn hereingerufen hätte, er wäre nicht erfreut gewesen. Sein Fleisch
war zu jung und zu gesund, um sich gern kreuzigen zu lassen.



8.

+Eisgang.+


Die Schule erzog, nicht das Elternhaus. Die Familie ist zu eng und
hat zu kleine, selbstsüchtige, antisoziale Zwecke. Treten dann noch
obendrein so abnorme Verhältnisse ein wie Wiederverheiratung, so ist
es mit der einzigen Berechtigung der Familie zu Ende. Das Kind einer
verstorbenen Mutter müßte ganz einfach aus der Familie herausgenommen
werden, wenn der Vater sich wieder verheiratet. Damit wären die
Interessen aller Teile gewahrt; nicht am wenigsten des Vaters, der
vielleicht am meisten leidet, wenn er eine neue Familie bildet. In der
Familie gibt es nur einen (oder zwei) Willen, der herrscht, gegen den
keine Berufung möglich ist; deshalb ist Gerechtigkeit ausgeschlossen.
In der Schule ist eine ständige und wache Jury, die Kameraden wie
Lehrer schonungslos beurteilt.

Die Jünglinge begannen ihre Wildheit abzulegen; soziale Instinkte
erwachten; man fing an einzusehen, daß die eigenen Interessen gemeinsam
durch Ausgleich gefördert werden müßten. Unterdrückung durfte nicht
stattfinden, denn der Mitglieder waren genug, um eine Partei zu bilden
und sich zu empören. Ein Lehrer, der von einem Schüler schlecht
behandelt wurde, konnte am ehesten Gerechtigkeit erlangen, wenn er
an die Schüler appellierte. Aber auch die Teilnahme an größeren
allgemeinen Angelegenheiten, des Volkes, des Landes, der Menschheit,
begannen sich zu zeigen.

Während des deutsch-dänischen Krieges bildete man einen Fonds zum
Einkauf von Kriegsdepeschen; die wurden an der schwarzen Tafel
angeschlagen, von den Lehrern mit Interesse gelesen und veranlaßten
vertrauliche Gespräche, in denen die Lehrer über Ursachen und
Entstehung des Krieges sprachen. Man war natürlich einseitig
skandinavisch, und die Frage wurde vom Gesichtspunkt der Studententage
beantwortet. Für den künftigen Krieg wurde jetzt der Grund gelegt zu
einem Preußen- und Deutschenhaß, der schon beim Begräbnis des beliebten
Turnlehrers Leutnant Betzholtz einen leisen fanatischen Zug annahm.

Das Jahr 1865 näherte sich. Der Geschichtslehrer, Edelmann und
Aristokrat, ein gefühlvoller und freundlicher Mann, suchte die
Jünglinge in der Frage der Volksvertretung heimisch zu machen. In
der Klasse hatten sich Parteien gebildet; einer von den Söhnen der
Sprecher des Herrenhauses, ein Graf S., der allgemein beliebt und
geschätzt war, wurde das Haupt der Opposition. Er war von alter
deutscher Schwertritterfamilie, aber arm, verkehrte mit seinen
Kameraden vertraulich, hatte aber doch ein starkes Geburtsgefühl. An
den Tagen vor der letzten Abstimmung hatten die Kameraden geholfen, den
geistlichen Stand anzuspeien. Eine Schlacht, eher ein Spiel, entstand
in der Klasse, und Tische und Bänke wurden umgeworfen.

Die Sache des Volkes war durchgesetzt. Graf S. blieb aus. Der
Geschichtslehrer sprach mit Bewegung von dem Opfer, das Ritterschaft
und Adel auf dem Altar des Vaterlandes gebracht hätten, als sie auf
ihre Privilegien verzichteten. Der gute Mann wußte noch nicht, daß
Privilegien keine Rechte sind, sondern Vorrechte, die man an sich
gerissen hat, die aber zurückgenommen werden können, wie Eigentum bei
gewissen nicht ganz gesetzlichen Käufen. Der Lehrer bat die Klasse,
Mäßigung über den Sieg zu zeigen und die Besiegten nicht zu verletzen.
Der junge Graf wurde auch mit ausgesuchter Achtung empfangen, als er
wieder in die Klasse eintrat. Aber die Gefühle überwältigten ihn, als
er die vielen Unebenbürtigen sah, die jetzt mit ihm auf gleicher Stufe
standen, dermaßen, daß er in Tränen ausbrach und hinausgehen mußte.

Johan war in der Politik nicht zu Hause. Die war natürlich als ein
allgemeines Interesse vom Elternhaus ausgeschlossen, in dem nur
Privatinteressen gewahrt wurden, allerdings auch recht schlecht.
Söhne werden erzogen, als sollten sie ihr ganzes Leben lang Söhne
bleiben, ohne daß man daran denkt, daß sie einmal Väter werden sollen.
Aber Johan hatte seinen Unterklasseninstinkt, der ihm sagte, eine
Ungerechtigkeit werde abgeschafft; die obere Fläche senke sich so weit,
daß die untere auf das gleiche Niveau kommen konnte. Er war natürlich
liberal; da aber der König auch liberal war, so war man zugleich
Royalist.

       *       *       *       *       *

Parallel mit dem starken Gegenstrom, dem Pietismus, lief der neue
Rationalismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Das Christentum,
das man mit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zur Mythologie
verwiesen hatte, war wieder in Gnaden aufgenommen worden; und da
die Lehre Staatsschutz genoß, konnten die Söhne der Restauration
sich nicht gegen die von neuem eingeimpften Dogmen wehren. Aber 1835
hatte Strauß' „Leben Jesu‟ eine neue Bresche geschlagen, und auch in
Schweden sickerte neues Wasser in die vermodernden Brunnen. Das Buch
wurde Gegenstand eines Prozesses, aber auf dieser Grundlage wurde
dann das ganze moderne Reformationswerk aufgebaut; von selbständigen
Reformatoren wie immer, denn die andern reformieren nicht.

Pfarrer Cramér hat die Ehre, der erste gewesen zu sein. Schon 1859
gab er seinen „Abschied aus der Kirche‟ heraus, eine populäre, aber
kenntnisreiche Kritik des Neuen Testaments. Er besiegelte seinen
Glauben mit der Tat und trat aus der Staatskirche aus, indem er sein
Amt niederlegte. Seine Schrift grub am tiefsten, und wenn auch Ignells
Bücher mehr von Theologen gelesen wurden, bis zur Jugend gelangten sie
nicht.

Im selben Jahre erschien „Der letzte Athener‟ von Victor Rydberg.
Dessen Wirkung wurde dadurch sehr abgeschwächt, daß man die Arbeit als
literarischen Erfolg begrüßte und auf das neutrale Gebiet der Dichtung
verwies. Tiefer griff 1862 Rydbergs „Lehre der Bibel von Christus‟,
welche die Theologen zur Götterdämmerung weckte. Renans „Leben Jesu‟,
in der Übersetzung von Ignell, packte alle Leute, alte wie junge, wie
ein Sturm; und es wurde in der Schule neben Cramér gelesen, was mit
der „Lehre‟ nicht der Fall war. Und mit Boströms Angriff auf die
Höllenlehre von 1864 waren die Pforten geöffnet für den Rationalismus
oder das Freidenkertum, wie es genannt wurde. Boströms eigentlich
unbedeutende Schrift wirkte doch außerordentlich durch den großen Namen
des Professors der Universität Upsala und frühern Prinzenlehrers, den
der mutige Mann aufs Spiel setzte; und den niemand nach ihm aufs Spiel
gesetzt hat, seit es keine Ehre mehr ist, Freidenker zu sein oder für
die Freiheit des Gedankens und dessen Rechte zu arbeiten.

Genug, alles war bereit, und nur ein Hauch war nötig, um das Kartenhaus
des Jünglings umzustoßen. Da kam ein junger Ingenieur auf seinen Weg.
Der war sogar Mieter im Hause der Freundin. Der beobachtete Johan
lange, ehe er an ihn herantrat. Johan hatte Achtung vor ihm, weil er
einen guten Kopf haben sollte; und er war wohl auch etwas eifersüchtig.
Die Freundin bereitete Johan auf die Bekanntschaft vor und warnte ihn.
Es sei ein äußerst interessanter Mensch, ein brillanter Kopf, aber
er sei gefährlich. Johan traf den Mann. Es war ein stark gebauter
Wermländer mit groben ehrlichen Zügen; einem kindlichen Lächeln, wenn
er lächelte, was nicht oft geschah; eher still als geräuschvoll. Sie
waren sofort bekannt.

Am ersten Abend wurden nur einige Hiebe gewechselt. Es handelte sich um
Glauben und Wissen.

-- Der Glaube müßte die Vernunft töten, meinte Johan nach Krummacher.

-- Pfui, sagte der Freund. Die Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den
Menschen über das Tier erhebt. Soll denn der Mensch sich zu einem Tier
erniedrigen, indem er Gottes Gabe verwirft?

-- Es gibt Dinge, antwortete Johan (nach Norbeck), die man sehr wohl
glauben kann, ohne daß man einen Beweis verlangt. Wir glauben an den
Kalender, ohne selbst etwas von den Bewegungen der Planeten zu wissen.

-- Ja, antwortete der Freund, wir glauben, wenn wir nicht fühlen, daß
unsere Vernunft etwas annimmt. Meine Vernunft hat sich nicht gegen den
Almanach erhoben.

-- Ja, antwortete Johan, aber zu Galileis Zeit war es gegen alle
Vernunft, anzunehmen, daß die Erde um die Sonne läuft. Das ist nur
Widerspruchsgeist, sagte man; er will originell sein.

-- Wir leben nicht in Galileis Zeit, antwortete der Freund; und es ist
gegen die Vernunft unserer aufgeklärten Zeit, an Christi Gottheit und
die ewigen Strafen zu glauben.

-- Über diese Dinge wollen wir nicht streiten, sagte Johan.

-- Warum nicht?

-- Die stehen über allem Streit!

-- Genau dasselbe habe ich vor zwei Jahren auch gesagt, als ich gläubig
war.

-- Sind Sie.. Pietist gewesen?

-- Ja, das bin ich gewesen.

-- Hm! Und Sie haben jetzt Frieden?

-- Jetzt habe ich Frieden!

-- Wie haben Sie den gefunden?

-- Ich lernte durch einen Prediger den Geist des wahren Christentums
kennen.

-- Sind Sie denn Christ?

-- Ja, ich bekenne Christus!

-- Aber Sie glauben nicht, daß er Gott war?

-- Das hat er selbst nie gesagt. Er nennt sich nur Gottes Sohn, und
Gottes Söhne sind wir alle.

Die Freundin kam und brach das Gespräch ab, das, nebenbei gesagt,
typisch für religiöse Wortstreite von 1865 war.

Johans Neugier war geweckt worden. Es gab Menschen, die nicht an
Christus glaubten und doch Frieden hatten. Nur Kritik aber hätte die
alten Götterbilder nicht gestürzt; die Furcht vor dem leeren Raum hielt
ihn zurück, bis ihm Parker in die Hand fiel. Predigten ohne Christus
und Hölle, das war, was er brauchte. Und so schöne Predigten. Johan las
sie äußerst schnell, und es lag ihm am meisten daran, daß Geschwister
und Angehörige sie genossen, auf daß sie ihn mit ihrer Mißbilligung
verschonten. Er verwechselte nämlich fremde Mißbilligung mit bösem
Gewissen; war so gewohnt, andern recht zu geben, daß er in Zwietracht
mit sich selbst geriet.

Aber Christus, der Inquisitor, fiel; die Gnadenwahl, das jüngste
Gericht, alles stürzte zusammen, als sei es längst reif zum Fallen
gewesen. Er war erstaunt, daß es so schnell ging. Es war, wie alte
Kleider ablegen und neue anziehen.

Eines Sonntagmorgens ging er mit dem Ingenieur in den Hagapark
hinaus. Es war Frühling. Der Hasel blühte und die Leberblümchen waren
herausgekommen. Das Wetter war halbklar, die Luft weich und feucht nach
einem nächtlichen Regen. Sie sprachen von der Freiheit des Willens.
Der Pietismus hatte eine sehr schwankende Auffassung von der Sache.
Man hatte keinen freien Willen, Gottes Kind zu werden. Der Heilige
Geist würde einen aufsuchen: also Prädestination. Johan hatte wohl den
Willen gehabt, bekehrt zu werden, es aber nicht werden können. „Herr,
schaff in mir einen neuen Willen‟, hatte er beten gelernt. Wie aber
konnte er denn für seinen bösen Willen verantwortlich sein? Durch den
Sündenfall, antwortete der Pietist; da der mit freiem Willen begabte
Mensch das Böse wählte, wurde sein Wille böse durch Vererbung; böse für
alle Zeiten und hörte auf, frei zu sein. Und er konnte diesen bösen
Willen nur durch Jesus und durch die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes
loswerden. Aber von neuem geboren werden, hing nicht von seinem eigenen
Willen ab, sondern von Gottes Gnade. Also unfrei. Aber obwohl unfrei,
blieb er verantwortlich. Da lag der Fehlschluß.

Der Ingenieur war ein Verehrer der Natur, und Johan auch. Was ist
diese Naturverehrung, die heute für so kulturfeindlich gilt? Ein
Rückfall in die Barbarei, sagen die einen; eine gesunde Rückkehr von
der Überkultur, sagen die andern. Als der Mensch in der Gesellschaft
eine Einrichtung entdeckt, die auf Irrtümern und Ungerechtigkeiten
beruht; als er einsieht, daß die Gesellschaft gegen kleine Vorteile
auf Triebe und Begierden harten Zwang legt; als er die Illusion, er
sei ein Halbgott und ein Kind Gottes, durchschaut und findet, daß er
ganz einfach eine Tierart ist: flieht er die Gesellschaft, die mit
Rücksicht auf den göttlichen Ursprung des Menschen aufgebaut ist, und
geht in die Natur, in die Landschaft hinaus. Da fühlt er sich in seinem
Milieu als Tier, fühlt sich als Staffage ins Gemälde eingestellt, sieht
seinen Ursprung, die Erde, die Wiese; sieht den Zusammenhang der ganzen
Schöpfung in lebendem Auszug; die Berge, die Erde geworden; den See,
der Regen ward; die Wiese, die zerbröckelter Berg ist; der Wald, der
aus Berg und Wasser gestiegen; sieht die Luft, die er und alle lebenden
Wesen einatmen, in großen Massen (den Himmel); hört die Vögel, die von
den Insekten leben; sieht die Insekten, welche die Pflanze befruchten;
schaut die Säugetiere, von denen er selbst lebt. Er ist bei sich zu
Hause.

In der heutigen Zeit mit ihrer naturwissenschaftlichen
Weltanschauung könnte eine einsame Stunde in der Natur, wo die ganze
Entwicklungsgeschichte in lebenden Bildern gezeichnet ist, der einzige
Ersatz für einen Gottesdienst sein. Aber die Evolutionsoptimisten
ziehen es vor, in einer Gassenhöhle zusammenzukommen, um dort dieselbe
Gesellschaft, die sie verachten und bewundern, zu verwünschen. Sie
preisen sie als höchste Höhe der Entwicklung, wollen sie aber stürzen,
da sie mit dem wahren Glück des Tieres unvereinbar sei. Sie wollen sie
umbilden und entwickeln, sagen einige. Aber ihre Umbildung kann nicht
geschehen, ohne daß das Bestehende gestürzt wird; und halbe Maßregeln
wollen sie nicht. Sehen sie denn nicht, daß die bestehende Gesellschaft
eine mißlungene Evolution ist, selber kulturfeindlich, wie zugleich
naturfeindlich?

Die Gesellschaft ist wie alles ein Produkt der Natur, sagen sie, und
Kultur ist Natur. Ja, aber es ist schlechte Natur; Natur, die sich auf
Abwegen befindet, da sie ihrem Zweck, dem Glück, entgegenwirkt.

Diese Naturverehrung des Ingenieurs, des Vorläufers und Zeitgenossen
Johans, entdeckte die Mängel der Kulturgesellschaft und bahnte einen
Weg für die neue Ansicht von der Abstammung des Menschen. Schon 1859
war Darwins „Abstammung der Arten‟ erschienen, aber noch war sie nicht
durchgedrungen, hatte noch weniger blühen und befruchten können.
Moleschott wurde damals gepredigt, und Kreislauf der Materie war das
Schlagwort. Mit dem und seiner Geologie zerpflückte der Ingenieur die
mosaische Schöpfungsgeschichte. Er sprach noch vom Schöpfer, denn er
war Theist, und sah dessen Weisheit und Güte in den geschaffenen Werken.

Während sie im Hagapark spazierengehen, beginnen die Glocken in der
Stadt zu läuten. Johan bleibt stehen und lauscht: das waren die
furchtbaren Glocken von Klara, die seine traurige Kindheit eingeläutet;
das waren die von Adolf Friedrich, die ihn in die blutigen Arme des
Gekreuzigten getrieben; das war die Johanniskirche, die des Sonnabends
der Jakobischule verkündet hatte, daß die Woche zu Ende sei. Ein
leiser, südlicher Wind trug das Geläute aus der Stadt, und unter den
hohen Kiefern klang es wider, mahnend, warnend.

-- Willst du in die Kirche gehen? fragte der Freund.

-- Nein, sagte Johan, ich gehe nie mehr in die Kirche.

-- Folg nur deinem Gewissen, sagte der Ingenieur.

Zum ersten Male blieb Johan aus der Kirche fort. Er trotzte sowohl dem
Gebot des Vaters wie der Stimme seines Gewissens. Er erhitzte sich und
legte los gegen Religion und Familientyrannei; er sprach von Gottes
Kirche in der Natur; sprach mit Entzücken von dem neuen Evangelium,
das Seligkeit für alle, Leben und Glück für alle verkündete. Dann aber
verstummte er.

-- Du hast ein böses Gewissen, sagte der Freund.

-- Ja, sagte Johan, entweder nicht tun, was man bereut; oder nicht
bereuen, was man tut!

-- Das letzte ist besser!

-- Aber ich bereue doch! Bereue eine gute Handlung, denn es wäre
unrecht, zu heucheln. Mein neues Gewissen sagt mir, daß ich recht habe;
und mein altes Gewissen, daß ich unrecht habe. Ich kann keinen Frieden
mehr finden!

Das konnte er auch nicht. Sein neues Ich stand auf gegen sein altes,
und sie lebten in Uneinigkeit, wie unglückliche Ehegatten, sein ganzes
Leben hindurch, ohne sich trennen zu können.

Die Reaktion gegen das Alte, das ausgerodet werden sollte, brach
in heftigen Angriffen hervor. Die Furcht vor der Hölle war fort,
Selbstentsagung war Einfalt, und die Natur des Jünglings nahm sich ihr
Recht. Als Konsequenz entstand eine neue Moral, die er auf sein Gefühl
hin so formulierte: was keinem Mitmenschen schadet, ist mir erlaubt.
Er fühlte, der Familiendruck war ihm schädlich und niemandem nützlich:
so erhob er sich gegen diesen Druck. Den Eltern, die ihm nie Liebe
erwiesen, aber auf Dankbarkeit pochten, weil sie ihm aus Gnade und
unter Demütigung sein gesetzliches Recht gaben, zeigte er nun seine
wirklichen Gefühle. Sie waren ihm antipathisch: er zeigte ihnen Kälte.
Auf die ununterbrochenen Angriffe gegen das Freidenkertum antwortete er
frank und frei, vielleicht übermütig. Sein halbgebrochener Wille begann
sich zu erheben, und er sah ein, daß er vom Leben Rechte zu fordern
habe.

Der Ingenieur, dem man die Rolle des Bösen zuerteilte, wurde verflucht
und von der Freundin bearbeitet, die jetzt einen Freundschaftsbund
mit der Mutter geschlossen. Der Ingenieur war der Frage nicht auf
den Grund gegangen: indem er Parkers Kompromiß annahm, hatte er die
Selbstverleugnung des Christentums beibehalten. Man sollte liebevoll
und verträglich sein, Christi Beispiel folgen und so weiter. Johan
hatte alles fortgeworfen und geriet jetzt in Gegensatz zu seinem
Lehrer. Von der Freundin, für die er eine stille Neigung nährte,
aufgefordert, über die Konsequenzen seiner Lehren erschrocken,
schrieb der Ingenieur diesen Brief nieder. Furcht vor dem Feuer,
das er entzündet, Liebe zur Freundin, Freundschaft für den Schüler,
aufrichtige Überzeugung hatten den diktiert.

  „An meinen Freund Johan!

    Wie froh begrüßen wir den Frühling, der uns jetzt mit seiner
    göttlichen Frische berauscht und mit seinem herrlichen Grün
    entzückt! Die Vögel stimmen ihre heiteren und leichten Melodien an,
    Leberblümchen und Anemonen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus,
    unter den flüsternden Zweigen der Tanne.‟

-- Es ist doch merkwürdig, dachte Johan beim Lesen, wie dieser
natürliche Mann, der so einfach und wahr spricht, so schwülstig
schreiben kann. Dies ist unwahr.

    „Welche Brust, sie sei alt oder jung, weitet sich nicht, um die
    frischen Düfte des Frühlings einzusaugen, die in jedes Herz
    himmlischen Frieden bringen; eine Sehnsucht, die eine selige Ahnung
    von Gott und seiner Liebe sein muß. (Dieser Frühlingsduft wird wie
    ein Atemzug Gottes genossen.) Kann jetzt noch etwas Böses in unserm
    Herzen wohnen? Können wir nicht verzeihen? O doch! Wir +müssen+ es
    jetzt, nachdem die Liebesstrahlen der Frühlingssonne die kühlende
    Schneedecke von Natur und Herz fortgeküßt haben. Wir warten darauf
    und sehnen uns danach, den schneefreien Boden grünen zu sehen;
    die guten und liebevollen Taten des guten und warmen Herzens
    zu begrüßen; Friede und Seligkeit sich durch die ganze Natur
    verbreiten zu sehen.‟

-- Verzeihen? Ja gewiß, wenn man nur sein Benehmen änderte und ihn
freigab. Aber +man+ verzieh ja +ihm+ nicht! Mit welchem Recht forderte
man dann Nachsicht von seiner Seite? Mit welchem Recht? Es müßte doch
gegenseitig sein!

    „Johan, Du glaubst in der Natur und durch die Vernunft Gott auf
    eine bessere Art aufgefaßt zu haben, als Du es bisher getan
    hast, da Du an Christi Gottheit und die Bibel glaubtest; aber Du
    begreifst die Idee nicht mit Deinen eigenen Gedanken. Du hast nur
    den Schatten aufgefaßt, den das Licht hinter einen Gegenstand
    wirft, aber nicht die Hauptsache, das Licht selbst. Du glaubst,
    ein wahrer Gedanke wird den Menschen immer veredeln; das ist aber
    leider nicht der Fall; das merkst du wohl selber in Deinen bessern
    Augenblicken. Mit Deinen frühern Ansichten konntest Du einen
    Fehler bei einem Mitmenschen verzeihen; Du konntest eine Sache von
    ihrer guten Seite auffassen, wenn sie auch böse zu sein +schien+.
    Wie aber steht es jetzt? Du bist heftig und bitter gegen eine
    liebevolle Mutter; Du beurteilst unzufrieden die Handlungen Deines
    zärtlichen, erfahrenen, grauhaarigen Vaters.‟

-- Mit seinen früheren Ansichten konnte Johan nie einen Fehler bei
jemandem verzeihen, am wenigsten bei sich selbst; manchmal bei andern;
aber das war dumm. Das war ja schlaffe Moral! -- Eine liebevolle
Mutter? Die liebevoll? Wie kam Axel zu dieser Ansicht? Sie hatten
ja die harte Frau zusammen kritisiert! Und einen zärtlichen Vater?
Warum sollte er dessen Handlungen nicht beurteilen? Hart gegen hart
in Selbstverteidigung! Nicht noch die linke Backe hinhalten, wenn die
rechte brennt.

    „Früher warst Du ein anspruchsloses, liebenswürdiges Kind; jetzt
    aber bist Du ein selbstsüchtiger und eingebildeter Jüngling.‟

-- Anspruchslos? Doch, das war er sicher; gerade darum wurde er
geduckt; jetzt aber fühlte er seine rechtmäßigen Ansprüche! --
Eingebildet! Haha! Der Lehrer fühlte sich von dem undankbaren Schüler
vernachlässigt.

    „Deiner Mutter warme Tränen strömen über ihre Backen...‟

-- Meiner Mutter? Habe keine Mutter! Und die Stiefmutter weint nur,
wenn sie böse ist! Wer zum Teufel hat das diktiert?

    „... wenn sie in der Einsamkeit an Dein hartes Herz denkt...‟

-- Was hat sie mit meinem Herzen zu schaffen, da sie einen Haushalt und
sieben Kinder zu besorgen hat?

    „... und Deinen elenden Seelenzustand...‟

-- Das ist ja Pietismus! Meine Seele hat sich niemals so gesund und
lebenskräftig gefühlt wie jetzt!

    „... und die Brust Deines Vaters springt fast vor Kummer und
    Sorge...‟

-- Das war eine Lüge. Vater ist selber Theist und bekennt Wallin;
übrigens hat er nicht Zeit, an mich zu denken. Er weiß, daß ich fleißig
und ehrlich bin und nicht zu Mädchen gehe. Er hat mich sogar in diesen
Tagen gelobt.

    „... Du begreifst nicht die traurigen Blicke Deiner Mutter...‟

-- Die hat andere Gründe, denn die Ehe ist nicht glücklich.

    „... Deines Vaters liebevolle Warnungen. Du bist wie eine Kluft
    oberhalb der Schneegrenze, aus der die Küsse der Frühlingssonne
    den Schnee nicht fortschmelzen noch einige Körner davon in einen
    Tropfen Wasser verwandeln können.‟

-- Er muß Romane lesen. Übrigens war Johan überaus freundlich und weich
gegen seine Freunde in der Schule. Aber gegen die Feinde zu Hause war
er kalt geworden; das war ihre Schuld.

    „Was werden die Menschen denken von Deiner jetzigen Religion, da
    sie so elende Früchte trägt? Man wird sie verwünschen. (Und Deine
    Ansichten geben einem unbedingt ein Recht dazu.)‟

-- Kein Recht, aber die Veranlassung!

    „... Man muß den niedrigen Elenden, der dieses höllische Gift in
    Dein unschuldiges Kinderherz getan, hassen und verachten.‟

-- Da haben wir's. Der niedrige Elende! Er war überflügelt.

    „Beweise fortan durch Deine Handlungen, daß Du die Wahrheit nicht
    so übel auffassest, wie Du bisher getan hast. Denke daran, duldsam
    zu sein...‟

-- Die Stiefmutter!

    „... mit Liebe und Milde die Fehler und Mängel Deiner Mitmenschen
    zu übersehen...‟

-- Nein, das wollte er nicht! Sie hatten ihn gequält, bis er log; sie
waren in seine Seele gedrungen und hatten gute Saat als angebliches
Unkraut herausgerissen; sie wollten sein Ich ersticken, das ebensoviel
Recht auf Dasein hatte wie ihres. Sie hatten niemals Nachsicht mit
seinen Fehlern gehabt: warum sollte er sie mit ihren haben? Weil
Christus gesagt hatte... Er gab nichts mehr darauf, was Christus
gesagt hatte; das war nicht mehr anzuwenden. Übrigens kümmerte er sich
nicht um die zu Hause; er verschloß sich in sich selbst. Sie waren
ihm antipathisch und konnten niemals seine Sympathie gewinnen. Das
war alles! Sie besaßen indessen Fehler und wollten seine Verzeihung
erhalten! Schön! Er verzieh ihnen! Wenn sie ihn nur in Frieden ließen!

    „Lerne dankbar gegen Deine Eltern sein, die keine Mühe (hm!)
    gescheut haben, um Dich zufrieden und glücklich zu machen.‟

    „Daß Deine Liebe zu Gott Deinem Schöpfer, der Dich in dieser
    veredelnden (hm! hm!) Schule hat geboren werden lassen, um Dich
    schließlich zu Frieden und Seligkeit zu führen, es dahin bringe,
    dafür betet trauernd aber hoffnungsvoll

  Axel.‟

Ich habe genug von Beichtvätern und Inquisitoren, dachte Johan. Seine
Seele war gerettet und er fühlte sich frei. Sie streckten die Krallen
nach ihm aus, aber er floh. Der Brief des Freundes war unwahr und
gemacht; er fühlte Esaus Hände. Er antwortete nicht, sondern brach den
Verkehr mit Freund und Freundin ab.

Sie nannten ihn undankbar. Wer auf Dankbarkeit pocht, ist schlimmer
als ein Gläubiger; er gibt erst ein Geschenk, mit dem er prahlt, um
dann später die Rechnung zu schicken. Diese Rechnung kann nie bezahlt
werden, denn ein Gegendienst soll die Dankbarkeitschuld nicht tilgen
können; das ist eine Einschreibung auf die Seele eines Menschen, die
nicht bezahlt werden kann und sich übers ganze Leben erstreckt. Nimmst
du einen Dienst an, so verlangt der Freund, du sollst dein Urteil über
ihn fälschen; seine eignen schlechten Handlungen wie die seiner Frau
und seiner Kinder loben.

Aber Dankbarkeit ist ein tiefes Gefühl, das den Menschen ehrt und das
ihn erniedrigt. Mögen wir dahin kommen, daß wir für eine Wohltat,
die vielleicht nur eine Pflicht und Schuldigkeit war, nicht durch
Dankbarkeit gebunden sind.

Johan schämte sich über den Bruch mit den Freunden; aber er fühlte,
daß sie ihn zurückhielten und unterdrückten. Übrigens: was hatten sie
ihm an Freude des Verkehrs geschenkt, das er ihnen nicht zurückgegeben
hätte?

       *       *       *       *       *

Fritz, so hieß der Freund mit dem Kneifer, war ein kluger Weltmensch.
Beide Worte, klug und Weltmensch, hatten damals eine häßliche
Bedeutung. Klug sein während der spätromantischen Epoche, als alle
etwas gestört waren -- das war ein Zeichen der Oberklasse -- klug sein
war damals gleichbedeutend mit etwas schlecht sein. Ein weltlicher
Mensch sein, während sich alle, so gut sie konnten, in den Himmel zu
schmuggeln suchten, war noch schlimmer. Fritz war klug. Er wollte sein
einziges Leben gut und angenehm leben; Karriere machen und so weiter.
Darum suchte er die Vornehmen auf. Das war klug, denn die hatten Macht
und Geld. Warum sollte er sie nicht suchen?

Wie er dazu kam, sich um Johan zu kümmern? Vielleicht animalische
Sympathie, vielleicht vieljährige Gewohnheit. Interessen konnte Johan
nicht fördern, höchstens daß er ihm vorsagte und mit seinen Büchern
aushalf. Fritz bereitete sich nämlich niemals vor und kaufte Punsch für
das Geld, das für Bücher bestimmt war.

Als Fritz jetzt sah, daß Johan inwendig gesäubert und sein äußerer
Mensch präsentabel sei, führte er ihn in seinen Kreis ein. Es war ein
kleiner Kreis von teils vermögenden, teils vornehmen jungen Leuten aus
der Klasse, in die Johan ging. Der war zuerst etwas schüchtern gegen
die netten Herren; bald aber wurde er vertraut mit ihnen. Eines Tages
kommt Fritz, um Johan zu erzählen, er sei zu einem Ball geladen.

-- Ich auf Ball, bist du verrückt? Dazu tauge ich nicht!

-- Solch ein netter Bursche, wie du bist, wird Glück bei den Mädchen
machen.

Hm! Da sah er seine Person aus einem neuen Gesichtspunkt. Sollte er --
hm? Und zu Hause bekam er nie etwas anderes als Tadel zu hören!

Er ging auf den Ball. Es war in einem bürgerlichen Hause. Die Mädchen
hatten Bleichsucht, einige andere waren rot wie Beeren. Johan liebte am
meisten die weißen, die um die Augen blau oder schwarz waren. Die sahen
so leidend und schmachtend aus; warfen so bittende Blicke, so bittende.
Da war eine, die war leichenblaß, ihre Augen brannten kohlschwarz in
tiefen Höhlen; die Lippen waren so dunkel, daß sich der Mund beinahe
wie ein schwarzer Strich öffnete. Die machte Eindruck auf ihn; er wagte
aber nicht, es auf sie abzusehen, denn sie hatte schon ihren Anbeter.
So blieb er bei einer nicht ganz so Blendenden, die mehr süß und mild
war.

Auf dem Balle fühlte er sich wohl. Mit fremden Menschen zusammen sein,
ohne die kritischen Augen eines einzigen Verwandten zu sehen! Aber es
wurde ihm so schwer, mit den Mädchen zu sprechen.

-- Was soll ich ihnen sagen? fragte er Fritz.

-- Kannst du nicht etwas Unsinn mit ihnen schwatzen! Es ist schönes
Wetter; macht Ihnen das Tanzen Vergnügen; laufen Sie Schlittschuh;
haben Sie die und die Schauspielerin gesehen? Flott sein muß man.

Johan ging und haspelte das Programm herunter; aber der Gaumen wurde
ihm trocken, und beim dritten Tanze empfand er Ekel. Er wurde auf sich
selbst böse und schwieg.

-- Macht dir das Tanzen kein Vergnügen? fragte Fritz. Muntere dich auf,
alter Leichenbitter!

-- Das Tanzen ist ja ganz nett, wenn man nur nicht sprechen müßte. Ich
weiß nicht, was ich sagen soll.

Das war tatsächlich der Fall. Er hatte die Mädchen gern; es machte ihm
Freude, sie zu umfassen; das war so männlich. Aber mit ihnen sprechen?
Er fühlte, daß er es mit einer andern Art homo zu tun hatte, die in
gewissen Fällen höher, in andern niedriger stand. Er betete in der
Stille die kleine Milde an und hatte sie zu seiner Frau erkoren. Nur
unter der Form von Ehefrau konnte er sich das Weib denken.

Er tanzte unschuldig; fing aber furchtbare Reden von den Kameraden auf,
die er erst später verstand. Die konnten nämlich einen Walzer rückwärts
durch den Saal tanzen, auf unkeusche Art, und sprachen geringschätzig
von den Mädchen.

Sein ewiges Grübeln, sein beständiges Prüfen seiner Gedanken hatte ihm
das Unmittelbare genommen. Wenn er mit einem Mädchen sprach, hörte er
seine eigene Stimme, kritisierte seine eigenen Worte. Dann fand er
den ganzen Ball albern. Und die Mädchen? Was war es, das ihnen fehlte?
Sie genossen ja dieselbe Erziehung wie er; konnten Weltgeschichte
und lebende Sprachen; lernten Isländisch im Seminar und waren in
Wortwurzeln bewandert; rechneten Algebra. Sie besaßen also dieselbe
Bildung; und doch konnte man nicht mit ihnen sprechen!

-- Schwatz Unsinn mit ihnen, sagte Fritz.

Das aber konnte er nicht. Und er dachte auch höher vom Mädchen.

Er wollte nicht mehr auf einen Ball gehen, da er dort keine glückliche
Figur spielte; aber er wurde mitgeschleppt. Es schmeichelte ihm, daß
man ihn einlud; auch rüttelte es ihn immer etwas auf. Eines Tages war
er in einer adeligen Familie, deren Sohn Kadett war. Dort traf er zwei
Schauspielerinnen vom Dramatischen Theater. Mit denen mußte er doch
sprechen können! Sie tanzten mit ihm, antworteten ihm aber nicht. Er
war zu unschuldig. Da lauschte er auf Fritzens Worte, mit denen der die
Mädchen unterhielt. Aber um Gottes willen, von was für Dingen der in
eleganten Ausdrücken sprach! Und die Mädchen waren hingerissen von ihm.
So also mußte man sprechen! Aber das konnte er nicht! Es gab Dinge, die
er begehen wollte: aber davon sprechen? Nein! Seine asketische Religion
hatte sogar den Mann bei ihm getötet: er fürchtete das Weib wie der
Schmetterling, der weiß, daß er sterben wird, wenn er befruchtet hat.

Eines Tages sprach ein durchreisender Freund im Vorbeigehen davon,
daß ein älterer Bruder bei einem Mädchen gewesen sei. Ein Entsetzen
kam über ihn; er wagte den Bruder nicht anzusehen, als er sich abends
ins Bett legte. Der Verkehr mit einem Mädchen war für ihn mit der
Vorstellung von nächtlichen Schlägereien, Polizei und furchtbaren
Krankheiten verbunden. Er war einmal an dem gelben langen Zaun der
Handwerkerstraße vorbeigegangen, als ein Kamerad zu ihm sagte: Dort
ist ein Bordell. Nachher ging er heimlich wieder hin und suchte durch
die Tür zu blicken, um etwas Furchtbares zu sehen. Es lockte und
erschütterte ihn wie einst ein Leierkastenbild an einer Stange, das
eine Hinrichtung darstellte. Er wurde von diesem Anblick so aufgewühlt,
daß es trübes Wetter für ihn wurde, obwohl die Sonne schien. Und als er
abends in der Dämmerung nach Hause kam, hatten ihn einige zum Trocknen
ausgebreitete Laken, die an das Bild der Hinrichtung erinnerten, so
erschreckt, daß er in Tränen ausbrach. Ein Kamerad, den er als Leiche
gesehen, erschien ihm nachts im Schlaf.

Als er an einem Bordell in der Apfelbergstraße vorbeiging, zitterte
er vor Entsetzen, nicht vor Lust. Die ganze Prozedur hatte für ihn
scheußliche Formen angenommen. Die Kameraden in der Schule hatten
ansteckende Krankheiten, hielten sich gegenseitig für verloren. Nein,
niemals zu solchen Mädchen gehen, aber sich verheiraten; zusammen mit
der Einzigen wohnen, die er liebte; sie pflegen und von ihr gepflegt
werden; Freunde bei sich sehen: das war sein Traum. In jedem Weib, für
das er entflammte, sah er ein Stück von einer Mutter. Er verehrte daher
nur solche, die mild waren; und er fühlte sich geehrt, wenn man ihn
gut behandelte. Vor den geputzten, umschwärmten, lachenden Mädchen war
ihm bange. Die sahen aus, als gingen sie auf Raub aus und wollten ihn
verschlingen.

Diese Bangigkeit war zum Teil angeboren wie bei allen Knaben, würde
aber vergangen sein, wenn die Geschlechter nicht abgesondert lebten.
Der Vater hatte früher einmal vorgeschlagen, die Söhne in eine
Tanzschule zu bringen; die Mutter war aber dagegen gewesen. Da hatte
sie einen Fehler gemacht.

Johan war von Natur schamhaft. Er wollte sich nicht entkleidet zeigen
und beim Baden zog er gern Schwimmhosen an. Ein Dienstmädchen, das
seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, schlug er am nächsten
Morgen, als die Brüder es ihm mitteilten, mit einem Rohrstock.

Auf die Bälle folgten Serenaden und auf diese Punschabende. Johan hatte
großes Verlangen nach starken Getränken; es war ihm, als habe er einen
konzentrierten flüssigen Nahrungsstoff getrunken.

Seinen ersten Rausch holte er sich auf einem Schmaus, den die Kameraden
in einem Wirtshause im Tiergarten veranstalteten. Der Rausch machte ihn
selig, selig froh, stark, freundlich und mild; später aber wahnsinnig.
Er schwatzte Unsinn, sah Bilder in den Tellern, trieb Possen.

Dieses Spielen kam ihm in Augenblicken, wie dem ältesten Bruder, der,
obwohl tiefer Melancholiker in der Jugend, doch einen gewissen Ruf
als Komiker hatte. Er verkleidete sich, maskierte sich und spielte
eine Rolle. Sie hatten auch ein Stück auf dem Boden gespielt; aber
Johan war schlecht, fühlte sich verlegen; er war nur gut, wenn er eine
überspannte Stelle wiederzugeben hatte. Als Komiker war er unmöglich.

       *       *       *       *       *

Jetzt tritt ein neues Moment in die Entwicklung des Jünglings ein. Das
ist die Ästhetik.

In Vaters Bücherschrank hatte Johan Lenströms Ästhetik, Boijes
Malerlexikon, Oulibicheffs Mozart gefunden; außer den schon erwähnten
klassischen Dichtern. Aus einem Nachlaß kam zu dieser Zeit auch ein
großer Ballen Remittenden eines Verlages. Der trug viel dazu bei, daß
Johan früh Kenntnisse in der schönen Literatur erwarb.

Da waren in mehreren Exemplaren die Gedichte von Talis Qualis, die er
ungenießbar fand. Byrons „Don Juan‟ in Strandbergs Übersetzung konnte
er nie Geschmack abgewinnen, denn die beschreibende Poesie haßte er
und Verse liebte er nicht; die übersprang er regelmäßig, wenn sie in
Prosa vorkamen. Tassos „Befreites Jerusalem‟ in Kullbergs Übersetzung
war langweilig. Carl von Zeipels Erzählungen unmöglich. Walter Scotts
Romane zu lang, besonders die Schilderungen. (Darum verstand er Zolas
Größe nicht, als er nach vielen Jahren dessen überladene Schilderungen
las; daß die nicht fähig waren, einen Totaleindruck zu geben, davon
hatte Lessings „Laokoon‟ ihn überzeugt.) Dickens blies Leben in seine
leblosen Gegenstände und stellte etwas mit ihnen dar; stimmte die
Landschaft mit Mensch und Situation. Das verstand Johan besser. Eugen
Sues „Wandernden Juden‟ fand er großartig; den wollte er kaum zu den
Romanen rechnen, denn „Roman‟ war etwas aus der Leihbibliothek und
Mädchenkammer. Dies aber war eine weltgeschichtliche Dichtung, meinte
er, und der Sozialismus darin fand leicht Eingang bei ihm. Alexander
Dumas' Romane waren für ihn Indianerbücher; mit denen begnügte er sich
nicht mehr; jetzt mußte er einen Inhalt haben. Den ganzen Shakespeare
verschlang er in Hagbergs Übersetzung. Aber es wurde ihm immer schwer,
Dramen zu lesen, weil das Auge von den Personennamen zum Text springen
mußte. Seine übertriebenen Erwartungen von „Hamlet‟ erfüllten sich
nicht, und die Lustspiele schienen ihm reiner Schund zu sein.

Die Familie hielt sich verwandt mit Holmbergsson, dessen Bild an der
Wand hing und von dem man Geschichten erzählte. Er war wohl ein Vetter
des Vaters. Schillers und Goethes Büsten standen auf dem Bücherschrank,
und über dem Klavier hingen Bilder aller großen Komponisten.
„Lithographisches Allerlei‟ wurde gehalten, in dem die großen Künstler
der Zeit ihren Lebenslauf erhielten. Der Vater war Mitglied des
„Vereins für nordische Kunst‟; liebte, wie schon erwähnt, Musik,
spielte Klavier und etwas Cello. Die erwachsenen Söhne und die älteste
Tochter veranstalteten jetzt Geigenquartette, und zwar nur von Haydn,
Mozart und Beethoven. Das Elternhaus hatte also einen leichten Anflug
von Kunstliebhaberei erhalten, nachdem es die kleinen Verhältnisse
eines dürftigen Bürgerhauses durchgemacht.

In der Schule hatte Johan Svedboms Lesebuch und Bjurstens
Literaturgeschichte gelesen, die letzte unter Bjursten selbst in
der Klaraschule. Ein Junge wußte, daß Bjursten ein Dichter war. Was
bedeutete Dichter? Ja, das wußte niemand so genau. Später pflegte Johan
seinen dichtenden Freunden zu erzählen, wie er von Herman Bjursten
bestraft wurde, weil er während der Stunde ein Märchenbuch las. Das
sollte ein Vorzeichen für seinen künftigen Beruf sein, wie man damals
glaubte. Noch später, als man Bjursten geringschätzte, wurde die
Geschichte als Spaß erzählt.

An der Privatlehranstalt wurde die schöne Literatur recht gut vom
Lehrer der schwedischen Sprache gepflegt, der etwas literarisch war. In
der vierten Klasse hatten sie Runebergs „Fähnrich Stahl‟ gelesen. Der
Direktor, der Lateiner war, fragte eines Tages, was sie lesen:

-- „Fähnrich Stahl‟!

-- Den müssen Sie nicht lesen; der verschlechtert den Geschmack, sagte
er zum Lehrer, der damals ein Regimentspastor und Naturforscher war.
Realismus, Barbarei!

Der spätere Lehrer hatte bessern Geschmack. Man mußte Runebergs
langweilige „Könige von Salamis‟ lesen, die damals in allen gebildeten
Familien vorgelesen wurden. Ein literarischer Verein war gebildet
worden, und dort las man an den Feiertagen Gedichte. Fritz hatte ein
großes Gedicht geschrieben, das von der Ritterholmskirche handelte und
„Die schwedische Nekropolis‟ hieß. Es ging nach der Melodie: „Ich stand
am Ufer bei der Königsburg‟ und war wohl recht schlecht.

Johan konnte Poesie nicht leiden. Die sei gemacht, unwahr, fand er. Die
Menschen sprachen nicht auf diese Weise und sprachen selten so schöne
Dinge. Jetzt aber wurde er aufgefordert, einen Vers in Fannys Album zu
schreiben.

-- Dazu kannst du dich wohl aufschwingen, sagte der Freund.

Johan saß die Nächte auf, kam aber nicht über die beiden ersten Zeilen
hinaus; auch wußte er nicht, was für einen Inhalt er nehmen solle.
Seine Gefühle konnte man doch nicht so vor allen Leuten auskramen.
Fritz half ihm schließlich, und zusammen kamen sechs oder acht
Reihen, die reimten. Snoilskys später so bekannter Sperling auf der
Fensterscheibe aus dem „Weihnachtsabend in Rom‟ mußte Federn dazu
hergeben. Eigentümlich war, daß Fritz seitdem nie mehr im Leben einen
Vers schrieb.

Der Begriff „Genie‟ war oft Gegenstand der Erörterung. Der Lehrer
pflegte zu sagen: die Genies stehen über allem Rang wie die
Exzellenzen. Johan dachte über dieses Wort viel nach und meinte,
auf diese Weise könne man auf die gleiche Höhe wie die Exzellenzen
kommen, ohne hoch geboren zu sein, ohne Geld zu haben, ohne Karriere
zu machen. Was aber Genie war, wußte er nicht. Er äußerte einmal
in einem empfindsamen Augenblick zu der Freundin, er wolle lieber
ein Genie sein als ein Kind Gottes; dafür hatte er eine scharfe
Zurechtweisung erhalten. Ein andermal sagte er zu Fritz, er möchte ein
gelehrter Professor sein, der wie ein Strolch gekleidet sein und sich
roh benehmen könne, ohne sein Ansehen zu verlieren. Wenn aber jemand
fragte, was er werden wolle, antwortete er: Geistlicher. Er sah, daß
alle Bauernjungen das werden konnten, und er glaubte, das passe für
ihn. Als er Freidenker geworden war, wollte er den Doktor machen. Und
dann? Das wußte er nicht. Aber Lehrer wollte er um keinen Preis werden.

Der Lehrer war natürlich Idealist. Braun war Barbierstubendichter;
Sehlstedt war nett, aber ohne Idealismus; Bjurstens
„Napoleon-Prometheus‟ mußte laut gelesen werden; das Dekameron, das
damals in schwedischer Übersetzung erschien, konnte ohne Gefahr nur von
starken Charakteren verdaut werden, war sonst eine klassische Arbeit;
Runeberg war in den „Elchschützen‟ ein starker Realist in der Form,
wurde aber zuweilen roh, wo er klassisch einfach sein wollte; so in dem
verlausten „Aron am Herd‟.

Zu Weihnachten bekam Johan zwei Bände Gedichte von Fritz: Topelius und
Nyblom. Topelius lernte er allmählich lieben, weil der Liebesqualen
Worte lieh und in den „Träumen des Jünglings‟ das damalige Ideal für
einen Jüngling formulierte. Nyblom war dürftig als Poet, spielte aber
eine gewisse Rolle als Vertreter der Ästhetik, teils durch seine
italienischen Briefe an die „Illustrierte Zeitung‟, teils durch seine
Vorlesungen für Damen, die er in der Börse hielt. Nyblom war noch in
seinen Vorlesungen kein gesunder Realist, sondern Verehrer der Antike.

Eine größere Bedeutung hatte das Theater, das ein starkes
Bildungsmittel für Jugend und Ungebildete sein kann, die sich noch
von bemalter Leinwand und unbekannten Schauspielern, mit denen sie
noch keine Brüderschaft getrunken haben, täuschen lassen können. Als
achtjähriger Knabe hatte Johan ein Stück gesehen, von dem er keine
Spur verstand. Es war wohl der „Reiche Oheim‟ von Blanche; alles,
was ihm in der Erinnerung geblieben, war ein Herr, der eine silberne
Schnupftabaksdose in die See warf und von Rio Janeiro sang. Später sah
er Blanches „Engelbrecht‟ und war hingerissen. Und zur selben Zeit
den „Besieger des Bösen‟ von dem Dänen Overskou. Dann folgten Opern,
die während der pietistischen Periode für gut angesehen wurden, weil
sie weniger sündhaft seien. Einmal war er im Dramatischen Theater
und erinnerte sich später an den Schauspieler Knut Almlöf in einem
französischen Stück „Die schwache Seite‟ und an die Schauspielerin
Hammarfeldt im „Ausflug ins Grüne‟.

Die Sittenkomödie der Zeit, die nicht ohne Einfluß war, bestand aus
Jolins Stücken: „Müllerfräulein, Meister Smith, Lachen und Weinen,
der Schmähschreiber‟. In „Meister Smith‟ wurde bewiesen, laut dem
Kompromiß nach den mißlungenen Revolutionen des Jahres 1848, daß wir
alle Aristokraten seien. Wie aber diesem Übelstand abzuhelfen sei,
davon erfuhr man nicht das geringste. Die Tatsache blieb, und man war
zufrieden mit der Tatsache. Im „Müllerfräulein‟ wurde die Revolution
von 1865 vorbereitet, denn darin wies Jolin nach, daß der Adel keine
höhere Rasse ist. „Der Schmähschreiber‟ machte Aufsehen, weil er unter
dem Gesindel der Zeitungsreptile aufräumte: einen Besen warf man dem
Autor auf die Bühne. Das Stück war indessen so realistisch -- der Autor
hatte unter anderm den lebenden Schriftsteller Nybom auf die Bühne
gebracht --, daß die Ausfälle, die Jolin später in seinem Alter gegen
modernen Realismus machte, nicht befugt waren.

Etwas Angenehmes und Sympathisches hatte Jolin; und seine Bedeutung für
das Theater war beinahe größer als die von Blanche, der schließlich zu
einem Cliquendichter des Opernkellers herabsank.

Frans Hedberg, der mit dem Pamphlet „Vier Jahre beim Provinztheater‟
eine ärgerliche Aufmerksamkeit erregte und dann durch sein
„Sendschreiben an den Theaterdirektor Stedingk‟ die mehr scherzhafte
als ernsthafte Aufforderung erzielte, die Schauspielerschule des
Theaters zu leiten, rettete sich vom vollständigen Sonnenuntergang
durch die „Hochzeit von Ulfåsa‟, die volkstümlich wurde und sowohl
„Wermländer‟ wie „Engelbrecht‟ überglänzte.

Die „Hochzeit‟ ist tot, aber Södermanns Marsch lebt. Das Stück hatte
übrigens keine Bedeutung in der Entwicklung Johans oder eines andern
Zeitgenossen. Es war ein Schattenspiel, hohl wie ein Operntext, und
wurde nur von den Damen hochgehalten, denen darin ein Rauchopfer
im großen Stile des Mittelalters gebracht wurde. Der unterjochte
Mann murrte allerdings und wollte sich in dem Helden Beugt nicht
wiedererkennen; das aber wurde nicht so genau genommen.

Von größerer Bedeutung wurde das Erscheinen von Offenbachs Operette
auf dem Königlichen Theater. Nachdem der Autor der „Schönen Helena‟
in die Französische Akademie aufgenommen ist, wird es wohl nicht mehr
lebensgefährlich sein, wenn man gerecht gegen ihn ist. Halevy und
Offenbach waren Israeliten und Pariser unter dem zweiten Kaisertum.
Als Israeliten hatten sie keine Pietät vor den Ahnen der europäischen
Kultur, vor Griechen und Römern, deren Bildung sie als Morgenländer
nicht hatten durchmachen müssen. Als Israeliten waren sie skeptisch
gegen abendländische Kultur und am meisten gegen die christliche Moral
des Abendlandes. Sie sahen eine christliche Gesellschaft die strengste
Moral bekennen und wie Heiden leben. Sie entdeckten den Widerspruch in
Lehre und Leben; dieser Widerspruch konnte nur dadurch gelöst werden,
daß man die veraltete Lehre änderte; denn das Leben war nicht zu
ändern, man hätte denn ins Kloster gehen oder sich kastrieren lassen
müssen. Die Menschen waren es müde, heucheln zu müssen; sie freuten
sich, daß sie eine neue Moral bekamen, die in voller Übereinstimmung
mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur und allgemeiner Sitte
stand. Offenbach gefiel, weil die Sinne vorbereitet waren und man
allgemein die unbequeme Mönchskutte satt hatte. Dann lieber nackt!
Offenbachs Operette packte fest zu, denn sie lachte über die ganze
veraltete Kultur des Abendlandes, über Geistlichkeit, Königstum,
Speisehaus, Ehe, die zivilisierten Kriege; und über was man lacht,
das wird nicht mehr verehrt. Offenbachs Operette hat dieselbe Rolle
gespielt wie die Komödie des Aristophanes; ist ein ähnliches Symptom
gewesen am Ende einer Kulturperiode und hat darum ihre Aufgabe erfüllt.
Sie war scherzhaft, aber Scherz ist gewöhnlich maskierter Ernst. Nach
dem Lachen kam der reine Ernst, und da stehen wir jetzt (1886).

Die Juden lächelten beim Ausgang der Epoche über diese Christen,
die zwei Jahrtausende lang eine Hölle aus dem fröhlichen Erdenleben
zu machen gesucht hatten und jetzt erst einsahen, daß Christi Lehre
eine subjektive ist. Für die geistigen Bedürfnisse ihres Urhebers und
seiner Zeitgenossen, die unter der römischen Herrschaft seufzten, war
sie geeignet, mußte aber den neuen Verhältnissen angepaßt werden.
Die von Natur Positivisten waren und ganze Epochen durchlebt hatten,
ohne an Christi Lehre teilzunehmen, sahen jetzt, wie die Christen das
Christentum fortwarfen, und sie lächelten. Das war die Rache des Juden
und seine Mission in Europa.

Der Jüngling von 1865, der von der Stigmatisierung noch zittert, vom
Kampf gegen das Fleisch und den Teufel entnervt ist, dessen Ohren
von Glockenläuten und Kirchenliedern gepeinigt worden, kommt in den
festlich erleuchteten Zuschauerraum, mit kühnen Jünglingen von guter
Geburt und guter Stellung; sieht vom ersten Rang aus diese Bilder des
fröhlichen Heidentums sich aufrollen; hört eine Musik, die ursprünglich
ist, etwas Gemüt hat, denn Offenbach war germanisiert, liederreich,
mutwillig. Schon die Ouvertüre bringt ihn zum Lächeln. Und dann! Der
Tempeldienst hinter den Vorhängen erinnert ihn an das Brotbacken in
der Küche des Küsters; der Donner erweist sich als eine unverzinnte
Eisenplatte; die Göttinnen sind drei schöne Schauspielerinnen; die
Götter unsichtbare Regisseure.

Aber hier wurde auch die ganze antike Welt gestrichen. Diese Götter,
Göttinnen, Helden, die durch die Lehrbücher einen Anflug von Heiligkeit
erhalten hatten, wurden gestürzt. Griechenland und Rom, auf die man
sich immer berief als auf den Ursprung aller Bildung, wurden auf ihr
richtiges Niveau gebracht. Das war demokratisch, denn nun fühlte man
den Druck weniger; und die Furcht, sich nicht so hoch erheben zu
können, war einem genommen.

Dann aber kam das Kapitel von der Lebensfreude. Menschen und Götter
paarten sich durcheinander, ohne erst zu fragen; Götter halfen jungen
Mädchen, alten Greisen zu entlaufen; der Priester tritt aus dem Tempel,
da er das Heucheln satt hat, flicht die Weinranke um die feuchte Stirn
und tanzt Cancan mit den Hetären.

Das war offenes Spiel! Das nahm Johan auf wie Gottes Wort; er hatte
nichts dagegen einzuwenden; es war, wie es sein sollte. War es
ungesund? Nein! Aber es aufs Leben anzuwenden, dazu fühlte er kein
Verlangen. Es war ja ein Theaterstück; es war unwirklich, und sein
Gesichtspunkt war noch der ästhetische.

Was war dies Ästhetische, unter dessen Begriff soviel eingeschmuggelt
werden, unter dessen Deckung soviel Zugeständnisse gemacht werden
konnten? Ja, Ernst war es nicht; Scherz auch nicht; es war etwas
sehr Unbestimmtes. Das Dekameron verherrlichte das Laster, aber sein
ästhetischer Wert blieb bestehen. Was war das für ein Wert? Ethisch
war das Buch zu verdammen, ästhetisch aber zu loben. Ethisch und
ästhetisch! Eine neue Zauberschachtel mit doppeltem Boden, aus der man
nach Belieben Mücken oder Kamele hervorholte.

Aber das Stück wurde mit Autorität vom Königlichen Theater gegeben und
von den hervorragendsten Künstlern dargestellt; Knut Almlöf selber
spielte Menelaus. Der Generalprobe folgte ein Frühstück, bei dem der
König und Gardeoffiziere die Wirte machten. Das wußten die Jünglinge
durch den Sohn des Kammerherrn, der ihnen Karten gab. Man spielte das
Stück beinahe auf höchsten Befehl!

Das Geschrei stieg jedoch ebenso hoch wie das Entzücken. Man konnte
nicht mehr sprechen, ohne einen Ausdruck aus der „Schönen Helena‟ zu
benutzen. Man konnte Virgil nicht mehr lesen, ohne daß man Achilles
mit dem hochnäsigen Achilles übersetzte. Johan sah das Stück erst,
als es schon ein halbes Jahr gespielt wurde; deshalb verstand er
seinen Lateinlehrer nicht, als der ein Zitat aus der „Schönen Helena‟
gebrauchte. Da fragte der, ob er das Stück nicht gesehen habe. -- Nein!
-- Ist nicht möglich! Aber das müssen Sie sehen! Man mußte es sehen;
und er sah es.

Der Lehrer in Literatur, der etwas Pietist war, predigte dagegen und
warnte; aber er griff das Stück vorsichtigerweise vom ästhetischen
Gesichtspunkte an; sprach von schlechtem Geschmack, simplem Ton. Das
machte auf einige Eindruck, und auf des Lehrers Aufforderung gingen
diese ästhetischen Snobs in den „Ritter Blaubart‟ und zischten,
natürlich, nachdem sie sich gründlich amüsiert hatten.

Das Stück hatte das bedrückte Herz des Jünglings etwas erleichtert und
ihn über Götzen lächeln gelehrt; aber auf sein Geschlechtsleben oder
seine Auffassung vom Weibe hatte es keinen Einfluß.

Tiefer drang dagegen der schwermütige Hamlet. Wer ist dieser Hamlet,
der noch heute lebt, nachdem er zur Zeit Johans des Dritten von
Schweden das Rampenlicht erblickt hat? Der noch ebenso jung geblieben
ist? Man hat ihn zu so vielem gemacht und zu allen möglichen Zwecken
benutzt. Johan nahm ihn sofort für seine in Anspruch.

Der Vorhang geht auf: König und Hof in glänzenden Trachten, Musik
und Freude. Dann kommt der blasse Jüngling im Trauergewand und lehnt
sich gegen den Stiefvater auf. Aha! Er hat einen Stiefvater! Das ist
mindestens ebenso schlimm wie eine Stiefmutter haben, denkt Johan.
Das ist mein Mann! Und nun soll er gedemütigt werden, man will ihm
Sympathie mit den Tyrannen abzwingen. Das Ich des Jünglings erhebt
sich. Empörung! Aber sein Wille ist gelähmt; er droht, aber kann nicht
zuschlagen. Er züchtigt jedoch die Mutter! Schade nur, daß es nicht der
Stiefvater war! Dann aber kommt die Gewissensqual. Gut, gut! Er ist
Grübler, wühlt in seinem Innern, bedenkt seine Handlungen so lange, bis
sie sich in nichts auflösen. Und dann liebt er die Braut eines andern.
Das stimmt ja vollständig. Johan beginnt zu zweifeln, daß er eine
Ausnahme ist. So geht es also gewöhnlich im Leben zu? Schön! Dann muß
ich's mir nicht so nahe gehen lassen, darf aber auch kein Original sein
wollen.

Der zurechtgehauene Schluß verfehlte seinen Eindruck, wenn ihm
auch Horatios schöne Rede etwas aufhalf. Den heillosen Fehler des
Bearbeiters, Fortinbras zu streichen, merkte der Jüngling nicht. Aber
Horatio, der jetzt der Gegensatz wurde, war kein Gegensatz; er war eine
ebensolche Memme wie Hamlet und sagte nur ja und nein. Fortinbras, das
war der Mann der Tat, der Sieger, der den Thron heischt; aber er war
gestrichen, und nun schloß alles mit „Jammer und Elend‟.

Aber es war schön, sein Schicksal beweinen zu können und sein Schicksal
beweint zu sehen. Hamlet blieb für ihn vorläufig nur der Stiefsohn;
später wurde er der Grübler; noch später der Sohn, das Opfer für die
Familientyrannei. So wächst die Auffassung. Der Schauspieler Schwartz
gab den Phantasten, den Romantiker, der sich mit der Wirklichkeit
nicht versöhnen kann; mit dieser Auffassung erfüllte er, was der
damalige Geschmack verlangte. Eine positivistische Zukunft, welche die
Romantik ganz lächerlich gemacht hat, wird vielleicht in Hamlet einen
Don Quichotte sehen, der von einem Komiker gespielt wird. Hamletische
Jünglinge sind schon längst dem Lächeln verfallen, denn ein neues
Geschlecht ist heute (1886) gekommen, das ohne Visionen denkt und
handelt, wie es denkt.

Das neutrale Gebiet der schönen Literatur und des Theaters, auf dem
die Moral nichts zu sagen hatte; wo sich die Menschen nackt in grünen
Hainen trafen, um das Tier mit den beiden Rücken zu spielen; wo man
Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen; wo man, wie in „Ritter
Blaubart‟, auf höchsten Befehl die Königlichkeit zum Narren halten
konnte; diese Unwirklichkeiten der Dichtung mit ihrer Wiederherstellung
einer Welt, die besser ist als die vorhandene -- wurde von dem Jüngling
als etwas mehr als Dichtung aufgefaßt. Bald verwechselte er Dichtung
und Wirklichkeit; bildete sich ein, das Leben außerhalb seines
Elternhauses, also seine Zukunft, sei ein solcher Lustgarten. Besonders
das nächste Paradies, die Universität Upsala, begann ihm jetzt vor
Augen zu schweben als die Stätte der Freiheit. Dort konnte man schlecht
gekleidet gehen, arm sein und doch zu den Studenten, das heißt zur
Oberklasse, gehören. Dort durfte man singen und trinken, berauscht nach
Hause kommen, sich mit der Polizei herumschlagen, ohne sein Ansehen zu
verlieren. Das war das Idealland.

Wer hatte ihn das gelehrt? Wennerbergs „Burschen‟, die er jetzt mit
seinem Bruder sang. Aber er wußte nicht, daß die „Burschen‟ die Sache
vom Gesichtspunkt der Oberklasse aus sehen; daß diese Lieder Stück
für Stück entstanden, um von Prinzen und künftigen Königen gehört zu
werden; daß die Helden von Familie waren. Er dachte nicht daran, daß
Pumpen nicht so gefährlich ist, wenn eine Tante im Hintergrund lebt;
die Prüfung nicht so streng, wenn man den Bischof zum Oheim hat; das
Einschlagen von Fensterscheiben nicht so teuer, wenn man in guter
Gesellschaft ist.

Jedenfalls, die Zukunft begann ihn zu beschäftigen; ihm war die
Hoffnung auf eine Zukunft wiedergekommen; das verhängnisvolle
fünfundzwanzigste Jahr wirkte nicht mehr so erschreckend. Das hatte
seinen Grund darin, daß die Schuldirektionen Maßregeln getroffen
hatten, um sich über den Sittlichkeitszustand in den Schulen der
Hauptstadt zu unterrichten. Der Bericht wurde in den Abendzeitungen
gedruckt. Das kam Johan zu Ohren. Die Untersuchung hatte erwiesen,
daß die meisten Knaben und die meisten Mädchen einem Laster verfallen
waren, das der gefährlichste Feind der Jugend war. Also konnte man in
guter und zahlreicher Gesellschaft in den Himmel eingehen! Er war nicht
allein ein Sünder! Dazu kam, daß man in der Schule offen von der Sache
sprach, als gehöre sie zur Vergangenheit eines jeden; und zwar sprach
man nicht ernsthaft und gewichtig davon, sondern in Anekdotenform.
Johan wurde es nun klar, daß es keine geschlechtliche Krankheit ist,
sondern daß diese nur entstehen konnten, wenn man mit einer Frau
verkehrt hatte. Er war jetzt beruhigt, zumal sich keine üblen Folgen
gezeigt hatten. Seine Gedanken waren mit Arbeiten beschäftigt oder mit
unschuldigen Flammen für reine Mädchen, welche die Bleichsucht hatten.

       *       *       *       *       *

Zu dieser Zeit blühte die Scharfschützenbewegung. Das war ein schöner
Gedanke, der Schweden ein Heer gab, das größer war als das stehende
Heer: 40 000 gegen 37 000.

Johan trat als Aktiver ein, erhielt Uniform, machte sich Bewegung,
lernte schießen. Aber er kam auch in Berührung mit jungen Leuten
aus andern Klassen der Gesellschaft. In seiner Kompagnie waren
Handwerkergesellen, Ladenburschen, Kontoristen, jüngere Schauspieler
ohne Namen. Die waren ihm sympathisch, aber fremd. Er suchte sich ihnen
zu nähern, aber sie nahmen ihn nicht auf. Sie sprachen ihr Argot, die
Sprache ihres Kreises, die er nicht verstand. Jetzt merkte er, wie
die Bildung ihn von den Kameraden seiner Kindheit getrennt hatte, und
er wurde verschlossen. Von vorneherein galt er für hochmütig. Aber er
sah im Gegenteil in gewisser Hinsicht zu ihnen auf. Sie waren naiv,
furchtlos, selbständig, wirtschaftlich besser gestellt als er, denn sie
hatten immer Geld.

Das Gefühl, auf langen Märschen im Trupp zu gehen, hatte etwas
Beruhigendes für ihn. Er war nicht zum Befehlen geboren und gehorchte
gern, wenn er nur nicht Übermut und Herrschsucht im Befehlen merkte.
Er sehnte sich nicht danach, Korporal zu werden; dann mußte er für die
andern denken und, was schlimmer war, beschließen. Er blieb Sklave
aus Natur und Neigung, empfand aber die Unbefugtheit des Tyrannen und
bewachte ihn genau.

Bei einem größeren Manöver konnte er seine Ansicht über gewisse
Sonderbarkeiten nicht unterdrücken. Die Infanterie der Garde hielt
bei einer Landung den Kanonen der Flotte stand, welche die Prahme
bedeckten, auf denen Johan war. Die Kanonen spielten auf einige
Klafter Entfernung den Gardisten mitten ins Gesicht; die blieben aber
dennoch stehen. Sie gehorchten wohl, sie auch, ohne zu begreifen.
Johan schimpfte und fluchte, aber er gehorchte, denn er hatte sich zum
Gehorchen verpflichtet.

Während einer Rast auf Tyresö im Stockholmer Inselmeer rang er aus
Scherz mit einem Kameraden. Der Kompagniechef trat dazwischen und
verbot etwas barsch das Ringen. Johan antwortete scharf, es sei jetzt
Rast, und sie spielten nur.

-- Aber das Spiel kann ernst werden.

-- Das kommt auf uns an! antwortete er und gehorchte.

Aber er fand es frech vom Chef, sich in solche Einzelheiten zu mischen.
Ein gewisser Unwille des Vorgesetzten verfolgte ihn seitdem. Der wurde
Doktor genannt, weil er für Zeitungen schrieb; aber er war nicht einmal
Student. Da haben wir's, dachte Johan; er will mich ducken. Und jetzt
bewachte er ihn. Die Abneigung dauerte auf beiden Seiten das Leben
hindurch.

Die Scharfschützenbewegung war zunächst vom deutsch-dänischen Krieg
hervorgerufen worden und hatte einen gewissen Nutzen, wenn sie auch
vorübergehend war. Sie machte der Jugend Vergnügen und nahm dem Militär
etwas von seinem allzu hohen Ansehen, da die unteren Klassen jetzt
sahen, daß es nicht so schwer ist, Soldat zu spielen. Später war diese
Einsicht Ursache, daß man gegen die preußische Wehrpflicht stimmte,
für deren Einführung viel agitiert wurde, seit König Oscar II. in
Berlin Kaiser Wilhelm I. gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, die
schwedischen und preußischen Truppen würden noch einmal Waffengenossen
werden.



9.

+Er ißt fremdes Brot.+


Ein kühner Traum war ihm in Erfüllung gegangen: er hatte eine Stellung
für den Sommer erhalten. Warum nicht früher? Er hatte es nicht zu
hoffen gewagt; also sich nicht darum bemüht. Was er recht lebhaft
wünschte, danach wagte er nicht die Hände auszustrecken, aus Furcht,
eine Enttäuschung zu erleben. Eine vereitelte Hoffnung war das
schwerste, was er sich denken konnte. Jetzt aber schüttete das Glück
auf einmal sein ganzes Füllhorn über ihn aus: die Stellung war in einem
vornehmen Hause, das in der schönsten Natur lag, die er kannte: im
Stockholmer Inselmeer; und zwar in der poetischesten Gegend des ganzen
Inselmeers: Sotaskär hieß sie.

Er liebte jetzt die Vornehmen. Die Stiefmutter hatte ihn schlecht
behandelt; die Verwandten standen immer auf der Lauer, Hochmut bei ihm
zu entdecken, wo nur überlegener Verstand, Edelmut und Opferwilligkeit
war; die Kameraden bei den Scharfschützen hatten sich bemüht, ihn zu
ducken: all das hatte ihn von der Klasse verjagt, aus der er gekommen
war; er dachte nicht mehr wie sie, fühlte nicht mehr wie sie; hatte
eine andere Religion, andere Begriffe vom Leben. Seinen Schönheitssinn
hatte das maßvolle Wesen der vornehmen Kameraden, ihre harmonische
Art und ihr sicheres Auftreten angesprochen; er fühlte sich ihnen
durch seine Erziehung näher und der Unterklasse ferner. Ihm schienen
die Vornehmen nicht so hochmütig wie die Bürgerlichen zu sein; sie
räkelten sich nicht, traten andere nicht; schätzten Bildung und Talent;
sie waren in gewisser Weise, da sie ihn als ihresgleichen aufnahmen,
demokratischer gegen ihn als seine Verwandten, die ihn wie einen recht
Untergeordneten, Unterlegenen behandelten.

Fritz zum Beispiel, der ein Müllersohn vom Lande war, wurde beim
Kammerherrn empfangen und spielte mit den Söhnen Komödie vor dem
Direktor des Königlichen Theaters, der ihm Engagement anbot: niemand
fragte, was sein Vater gewesen sei. Als Fritz aber einmal in Johans
Elternhaus auf Ball war, wurde er von vorn und hinten untersucht; und
mit großem Vergnügen hatte ein Verwandter auskundschaftet, Fritzens
Vater sei zuerst nur Müllerknecht gewesen.

Johan war Aristokrat geworden, ohne seine Sympathien für die
Unterklasse aufzugeben. Und da der Adel um 1865 sehr liberal war,
herablassend und augenblicklich volkstümlich, wurde er getäuscht. Er
begriff nicht, daß die, welche einmal oben waren, andere nicht mehr
zu treten brauchten; daß die, welche auf der Höhe saßen, herablassend
sein konnten, ohne herabzusteigen. Er sah nicht ein, daß die, welche
unten waren, sich von denen, die an ihnen vorbei und hinaufsteigen
wollten, getreten fühlten; daß die, welche keine Aussicht hatten,
hinaufzukommen, nur den Trost besaßen, die herunterzuholen, die
oben oder auf dem Wege dorthin waren. Das war ja das Gesetz des
Gleichgewichts, das er noch nicht eingesehen hatte. Er war entzückt, zu
den Vornehmen zu kommen.

Fritz gab ihm Vorschriften, wie er sich zu benehmen habe. Man solle
nicht kriechen, nur bescheiden sein; nicht alles sagen, was man denke,
denn das verlange niemand zu wissen; könne man Artigkeiten sagen, ohne
grob zu schmeicheln, sei es gut; konversieren, aber nicht räsonnieren,
vor allem nicht disputieren, denn recht bekomme man doch nicht. War
das ein kluger Jüngling! Johan fand ihn entsetzlich, verbarg das Wort
aber in seinem Herzen. Was er gewinnen konnte, war eine akademische
Stellung, vielleicht eine Reise ins Ausland, nach Rom oder Paris, mit
den Schülern. Das war das höchste, was er von den Vornehmen verlangte.
Das hielt er für sein Glück, und nach diesem Glück wollte er jetzt
jagen.

Er machte seinen ersten Besuch bei der Baronin an einem
Sonntagnachmittag, als sie in der Stadt war. Sie glich dem alten
Porträt einer Dame mittleren Alters. Adlernase, große braune Augen,
das Haar über die Schläfen gekräuselt. Sie war elegisch, hatte einen
schleppenden Ton, sprach etwas durch die Nase. Johan fand nicht, daß
sie fein aussah, und die Wohnung war dürftiger als sein Elternhaus.
Aber sie hatten ja das Herrenhaus, das Schloß, auf dem Lande. Sie
gefiel ihm jedoch, denn sie hatte einen Zug, der ihn an seine Mutter
erinnerte. Sie prüfte ihn, sprach mit ihm, ließ ihr Knäuel fallen.
Johan sprang auf, nahm das Knäuel, aber gab es mit einer Miene zurück,
die selbstzufrieden sagte: das kann ich, denn ich habe schon viele
Taschentücher für die Damen aufgehoben. Die Prüfung fiel zu seinem
Vorteil aus, und er wurde angenommen.

Am Morgen des Tages, an dem sie aus der Stadt abfahren sollten, fand er
sich in der Wohnung ein. Der Königliche Sekretär, so wurde der Hausherr
genannt, stand in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und band sein Halstuch.
Er sah stolz und milzsüchtig aus, grüßte kurz und kalt. Johan nahm
ungebeten einen Stuhl, versuchte die Unterhaltung zu beginnen; das
gelang ihm aber nicht, weil der Sekretär ihm den Rücken drehte und kurz
antwortete.

-- Das ist kein Vornehmer, dachte Johan; das ist ein Knoten!

Und sie waren einander antipathisch als zwei aus der Unterklasse, von
denen jeder scheel auf das Hinaufklettern des andern sah.

Der Wagen stand vor der Tür. Der Kutscher hatte Livree an und grüßte
mit der Mütze in der Hand. Der Sekretär fragte Johan, ob er im Wagen
oder auf dem Kutschbock sitzen wolle; jedoch in einem Ton, daß Johan
beschloß, fein zu sein und die Einladung auf den Kutschbock zu
verstehen. Er setzte sich also neben den Kutscher.

Als die Peitsche knallte und die Pferde anzogen, hatte Johan nur einen
Gedanken: Fort von Haus! Hinaus in die Welt!

Beim ersten Gasthaus, wo sie rasteten, stieg Johan ab und trat
ans Wagenfenster. Dort erkundigte er sich in einem leichten,
verbindlichen, vielleicht etwas vertraulichen Ton nach dem Befinden der
Herrschaft; erhielt aber von dem Herrn eine kurze scharfe Antwort, die
jede weitere Annäherung abschnitt.

Was hatte das zu bedeuten?

Sie saßen wieder auf. Johan steckte sich eine Zigarre an und bot auch
dem Kutscher eine; der aber antwortete flüsternd, er dürfe auf dem
Kutschbock nicht rauchen. Dann versuchte er den Kutscher auszufragen;
erfuhr etwas über den Verkehr und dergleichen, aber nur wenig.

Gegen Abend langten sie auf dem Herrensitz an. Das Gebäude lag auf
einem mit Bäumen bewachsenen Hügel und war ein weißes Steinhaus mit
Markisen. Das Dach war flach, und dessen stumpfer Winkel gab dem
Gebäude etwas Italienisches; aber diese rot- und weißgestreiften
Markisen, das war wirklich etwas Feines.

Johan wurde in einen Flügel gewiesen, der aus einem besonderen Häuschen
von zwei Zimmern bestand; in dem einen sollte er mit drei Knaben
hausen, während das andere vom Kutscher bewohnt wurde.

Als er acht Tage auf dem Gut gewesen war, hatte Johan entdeckt, daß
er ein Diener war, und zwar in einer recht unangenehmen Stellung. Der
Knecht seines Vaters hatte ein besseres Zimmer, und vor allem ein
eigenes Zimmer; der Knecht seines Vaters war doch einige Stunden am
Tage Herr über seine Person und seine Gedanken; Johan nie. Nacht und
Tag sollte er mit den Kindern zusammen sein, mit ihnen spielen, mit
ihnen arbeiten, mit ihnen baden. Nahm er sich einen Augenblick Freiheit
und jemand von der Herrschaft erblickte ihn, fragte man sofort: Wo
sind die Kinder? Die Knaben pflegten nämlich zu den Instleuten zu
laufen; dort durften sie sich aber nicht aufhalten, weil das Flüßchen
dort vorbeifloß. Johan lebte in beständiger Unruhe, es könne etwas
passieren. Er war für das Betragen von vier Personen verantwortlich:
sein eigenes und das dreier Knaben. Wurden sie getadelt, bekam er etwas
ab. In seinem Alter war niemand da, mit dem er sich hätte aussprechen
können; keine jungen Leute. Der Inspektor hatte den ganzen Tag zu tun
und war nie zu sehen.

Aber zweierlei entschädigte ihn: die Natur und die Freiheit vom
Elternhause.

Die Baronin behandelte ihn vertraulicher, beinahe mütterlich; es
unterhielt sie, mit ihm über Literatur zu sprechen. Da hatte er
Augenblicke, in denen er sich durch seine Belesenheit ebenbürtig und
überlegen fühlte; kam aber nur der Sekretär nach Haus, war er wieder
Kindermädchen.

Die Landschaft des Inselmeers hatte für ihn einen größeren Reiz als die
Ufer des Mälarsees, und die zauberischen Erinnerungen an Drottningholm
und Vibyholm verblaßten. Das Jahr vorher war er bei einem Plänkeln
mit den Scharfschützen bei Tyresö auf eine Höhe hinaufgekommen. Es
war tiefer Fichtenwald. Zwischen Blaubeeren und Wacholder krochen
sie, bis sie an eine steile Klippe kamen. Da öffnete sich plötzlich
ein Gemälde, so entzückend, daß ihn fror. Meer und Inseln, Meer und
Inseln, weit, weit, bis in Unendlichkeit. Er hatte, obwohl Stockholmer,
das Inselmeer noch nie gesehen und wußte nicht, wo er sich befand.
Dieses Gemälde machte einen solchen Eindruck auf ihn, als habe er ein
Land wiedergefunden, das er in schönen Träumen gesehen, oder in einem
früheren Dasein, an das er glaubte, von dem er aber nichts wußte.

Die Jägerkette zog sich nach der Seite in den Wald hinein, aber Johan
saß auf der Klippe und betete an; das war das richtige Wort. Die
feindliche Kette hatte sich genähert und gab Feuer; es sauste ihm um
die Ohren; er verbarg sich; fortgehen konnte er nicht. Das war seine
Landschaft, das wahre Milieu seiner Natur: Idyllen, arme, holperige
Inseln aus Graustein, bedeckt mit Fichtenwald, auf große, stürmische
Meeresflächen hinausgeworfen; und im Hintergrunde, in gehöriger
Entfernung, das unendliche Meer.

Er blieb dieser Liebe auch treu, die nicht damit erklärt ist, daß sie
die erste war. Weder die Alpen der Schweiz, noch die Olivenhügel des
Mittelmeers, noch die Felsenküste der Normandie konnten sie verdrängen.

Jetzt war er in diesem Paradies, wenn auch etwas zu weit im Innern;
die Ufer bei Sotaskär waren grüne, fette Weiden unter dem Schatten
von Eichen, und das Meer öffnete sich nach Mysing zu, aber in weiter
Entfernung. Das Wasser war rein und salzig; das war neu.

Während der Streifzüge mit Flinte, Hunden, Knaben kam er an einem
sonnenhellen Tage an den Strand hinunter. Auf der andern Seite lag
ein Schloß; ein großes, altmodisches Schloß aus Stein. Er hatte jetzt
entdeckt, daß er nur auf einem Gute wohnte; daß sein Herr nicht adelig
und nur Pächter war.

-- Wer wohnt in diesem Schloß? fragte er die Knaben.

-- Dort wohnt Onkel Wilhelm, antworteten die.

-- Wie heißt der?

-- Baron X.

-- Besucht ihr denn den nicht?

-- Doch, zuweilen.

Es gab also doch ein Schloß, mit einem Baron darin. Hm! Johans
Spaziergänge schlugen seitdem fast regelmäßig die Richtung nach dem
Strand ein, von wo er das Schloß sah. Es war von einem Park und einem
großen Garten umgeben. Seine Herrschaft hatte keinen Garten. Dies war
etwas anderes!

Eines Tages teilte ihm die Freiherrin mit, er solle am nächsten Tage
die Knaben zu Barons begleiten; dort sollten sie den Tag über bleiben.
Sie und der Herr Sekretär würden nicht mitfahren; er müsse also das
Haus vertreten, fügte sie scherzend hinzu.

Er fragte nach seiner Toilette.

Er könne in seinem Sommeranzug hinfahren, aber den schwarzen Rock auf
den Arm nehmen, um sich in dem kleinen Gobelinzimmer zu ebener Erde für
das Mittagessen umzukleiden.

Gobelinzimmer? Hm! Müsse er vielleicht Handschuhe anziehen.

Sie lachte. Nein, behüte, keine Handschuhe.

Er träumte die ganze Nacht vom Baron, vom Schloß, vom Gobelinzimmer.

Am nächsten Morgen fuhr ein Leiterwagen auf den Hof, um die Jugend zu
holen. Nein, den liebte er nicht; der erinnerte an den Küsterhof.

Sie fuhren ab. Kamen in eine große Lindenallee, fuhren auf den Hof,
hielten vorm Schloß. Es war wirklich ein Schloß, wie aus Dahlbergs
„Suecia‟, und es datierte von der Unionszeit. Aus einer Laube hörten
sie die wohlbekannten Laute des Brettspiels. Und heraus trat ein Herr
mittleren Alters in weitem Anzug aus Hanfleinen. Sein Gesicht war
nicht vornehm, eher bürgerlich, und von einem graugelben Seemannsbart
bedeckt. Er hatte auch Ohrringe.

Johan nahm den Hut in die Hand und stellte sich vor. Der Baron begrüßte
ihn freundlich und bat ihn, in die Laube zu kommen. Dort stand ein
Brettspiel, und da saß ein kleiner Greis, der einen Frühstücksschirm an
der Mütze hatte und sehr entgegenkommend war. Er wurde vorgestellt als
Rektor aus einer Kleinstadt. Johan bekam Kognak und mußte Neuigkeiten
aus Stockholm erzählen. Er vertiefte sich in Theaterklatsch und
dergleichen, und man hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu.

Da haben wir's, dachte er; die wirklich Vornehmen sind viel
demokratischer als die nicht ganz Vornehmen.

-- Verzeihen Sie, Herr..., sagte der Baron; wie war doch der Name? --
Ja, so war es. Sind Sie mit Oskar verwandt?

-- Das ist mein Vater!

-- Ist das wirklich wahr? Das war ja mein alter Freund, als ich den
Dampfer Strengnäs führte.

Was? Johan traute seinen Ohren nicht! Der Baron hatte einen Dampfer
geführt? Ja, das hatte er.

Aber der Alte ging weiter und wollte Auskunft haben über Oskar und
dessen Schicksal.

Johan sah das Schloß an und fragte sich, ob es auch der Baron selbst
sei. Da kam die Baronin herunter. Die war ebenso einfach und freundlich
wie der Baron.

Man läutete zum Essen.

-- Jetzt wollen wir einen Schnaps trinken, sagte der Baron, kommen Sie.

Johan machte eine Volte im großen Flur und wollte den Gehrock hinter
einer Tür anziehen; daraus wurde aber nichts. Er tat es doch, denn die
Freiherrin hatte es gesagt.

Sie kamen in den großen Saal. Doch, es war ein richtiges Schloß.
Steinfußboden; die Decke aus Holz geschnitzt; Fensternischen, tief
wie kleine Zimmer; ein Kamin, in dem ein Klafter Holz Platz hatte;
ein Klavier auf drei Füßen; eine Krone, deren Gläser so groß wie
Pfefferkuchen waren; schwarze Porträts an den Wänden. Es war ganz, wie
es sein sollte.

Das Essen war vorbei und Johan fühlte sich heimisch. Am Nachmittage
spielte er Brett mit dem Baron und trank Grog. Alle Artigkeiten, die er
sich ausgedacht, wurden eingestellt. Und als sein Tag zu Ende ging, war
er sehr zufrieden damit.

In der großen Allee drehte er sich um und sah auf das Schloß zurück.
Es sah jetzt nicht mehr so stattlich aus; beinahe dürftig. So paßte
es besser für ihn, aber dieses Märchenschloß vom andern Ufer war
schöner anzusehen. Jetzt hatte er nichts mehr, zu dem er hinaufsehen
konnte. Aber er stand nicht mehr so tief unten. Vielleicht war es doch
angenehmer, etwas dort oben zu haben, nach dem man gaffen konnte!

Als er nach Hause kam, wurde er von der Freiherrin ausgefragt.

-- Wie finden Sie den Baron?

-- Er ist nett und herablassend.

Johan war schon so klug, die Bekanntschaft mit dem Vater zu
verschweigen. Das werden sie doch schon erfahren, dachte er. Ihm war
jetzt etwas wärmer in den Kleidern, und er war nicht mehr so demütig.

Eines Tages lieh er sich ein Reitpferd vom Sekretär, ritt aber so wild,
daß die Pferde beim nächsten Male nicht zu haben waren. Da schickte er
einen Jungen von den Instleuten ins Kirchspiel, um ein Pferd zu mieten.
Es war ein stolzes Gefühl, so hoch zu sitzen und dahin zu eilen; es
war, als habe er eine neue Kraft bekommen.

Illusionen hatten sich zwar aufgelöst, aber es war doch angenehm, auf
dem gleichen Niveau zu stehen, ohne daß man einen hatte herunterreißen
müssen. Er schrieb an den Bruder nach Haus und prahlte. Bekam aber
eine abweisende Antwort. Da er allein war und mit niemandem sprechen
konnte, schrieb er ein Tagebuch an den Freund. Der hatte eine Stellung
bei einem Kaufmann am Mälarsee gefunden, bei dem es Mädchen, Musik,
Jugend und gutes Essen gab. Johan wünschte zuweilen an dessen Stelle zu
sein; er hatte die Empfindung, als sei er in eine unglückliche Familie
gekommen. Im Tagebuch suchte er die Wirklichkeit umzudichten, und es
gelang ihm auch, den Neid des Freundes zu erregen.

Die Geschichte, daß der Baron Johans Vater kannte, verbreitete sich.
Die Baronin glaubte schlecht von ihrem Bruder sprechen zu müssen. Johan
hatte schon so viel Verstand, daß er einsah, hier lag etwas aus einem
Majoratstrauerspiel vor. Da das ihn aber nichts anging, wollte er auch
nicht danach forschen.

       *       *       *       *       *

Bei einem Besuche im Pfarrhaus hörte der Unterpfarrer von Johans
Plänen, Geistlicher zu werden. Da der Pfarrer aus Altersschwäche zu
predigen aufgehört hatte, war sein Vertreter der einzige, der den
Dienst versah. Und der fand die Arbeit so schwer, daß er nach jungen
Studenten fahndete, die debütieren wollten. Er fragte Johan, ob er
nicht einmal predigen möchte. -- Aber er sei ja noch nicht Student. --
Das tue nichts. -- Hm! Er wolle es sich überlegen!

Der Unterpfarrer ließ nicht locker. Hier hätten schon so viele
Studenten und Gymnasiasten gepredigt; ja, die Kirche habe einen
gewissen Ruf, weil der berühmte Schauspieler Knut Almlöf dort in seiner
Jugend gepredigt habe. -- Menelaus? In der „Schönen Helena‟? -- Eben
der! -- Das Evangelienbuch wurde aufgeschlagen, Postillen geliehen,
und Johan versprach, sich am Freitag einzufinden, um die Predigt zu
probieren.

Ein Jahr nach der Konfirmation sollte er also auf die Kanzel steigen
und im Namen des Herrn sprechen; und die andern, sein Hausherr, die
Baronin, die Mädchen, würden als andächtige, demütige Zuhörer dasitzen.
Schon am Ziel, so schnell, ohne theologisches Examen, ja sogar ohne
Studentenprüfung. Mantel und Kragen würde er leihen, das Stundenglas
umkehren, Vaterunser beten, die Aufgebote vorlesen. Das stieg ihm zu
Kopf; er wuchs um eine halbe Elle. Als er wieder nach Haus fuhr, war er
überzeugt, daß er kein Knabe mehr sei.

Zu Hause aber erwachten die Bedenken. Er war ja Freidenker. War es
ehrlich, zu heucheln? Nein, nein! Aber sollte er darum verzichten? Das
war ein zu großes Opfer. Die Ehre winkte; vielleicht konnte er auch
einige Samen freier Gedanken aussäen, die einst keimen würden. Ja,
aber das war unehrlich! Er sah nämlich mit seiner alten Egoistenmoral
auf die Absicht des Handelnden, nicht auf den Nutzen oder Schaden
der Handlung. Es war nützlich für ihn, zu predigen, und es war nicht
schädlich für andere, ein neues, wahres Wort zu hören: also... Aber
es war nicht ehrlich! Er kam nicht davon los. So erleichterte er sein
Gewissen bei der Baronin.

-- Meinen Sie, der Geistliche glaubt an alles, was er sagt?

Das sei Sache des Geistlichen, er aber könne nicht.

Schließlich ritt er nach der Pfarre und bekannte kurz. Der Unterpfarrer
war wenig erfreut, sein Vertrauen entgegennehmen zu müssen.

-- Aber sie glauben doch wohl an Gott, in Jesu Namen!

-- Ja, das tue ich gewiß!

-- Nun, dann sprechen Sie nicht von Jesus. Bischof Wallin erwähnte
niemals Jesu Namen in seinen Predigten. Aber berühren Sie den Punkt
nicht; lassen Sie mich nichts davon wissen.

-- Ich werde mein Bestes tun, sagte Johan, froh, seine Ehre gerettet zu
haben!

Sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot, und die Sache war
abgemacht.

Es war etwas, wie er mit seinem Tabak und seinen Postillen dasaß: als
der Sekretär nach dem Hauslehrer fragte, antwortete die Magd:

-- Der Herr Lehrer schreibt an seiner Predigt.

Er hatte den Text vor sich, über den er sprechen sollte. Es war der
siebente Sonntag nach Trinitatis, und die Worte lauteten so:

„Jesus sagte: Jetzt ist des Menschen Sohn verkläret, und Gott ist
verkläret in ihm. Ist nun Gott in ihm verkläret, so wird auch Gott ihn
in sich selber verklären; und wird ihn bald verklären.‟

Das war alles. Johan drehte und wendete den Text, fand aber keinen
Sinn darin. Das ist etwas dunkel, dachte er. Aber es berührte den
empfindlichsten Punkt: Christi Gottheit. Wenn er sich nun ein Herz
faßte und Christi Gottheit forterklärte, dann hätte er eine große Tat
vollbracht. Die Aufgabe lockte ihn, und mit Parkers Hilfe dichtete er
ein Loblied in Prosa über Christus als Sohn Gottes. Äußerst vorsichtig
rückte er damit heraus, daß wir alle Gottes Söhne sind, Jesus aber,
Gottes auserwählter lieber Sohn, an dem Gott ein besonderes Gefallen
fand und dessen Lehren wir hören müssen.

Das war aber nur die Einleitung, und das Evangelium wurde ja nach der
Einleitung vorgelesen. Worüber sollte er denn predigen? Jetzt hatte er
sein Gewissen beschwichtigt, indem er seine Überzeugung von Christi
Gottheit ausgesprochen. Das Fieber glühte, der Mut wuchs: er fühlte,
daß er einen Beruf zu erfüllen habe. Er wollte das Schwert gegen die
Dogmen ziehen, gegen Gnadenwahl und Pietismus. Das war eine Aufgabe.

Als er dann nach Verlesung des Textes sagen sollte: Auf Grund des
verlesenen heiligen Textes wollen wir in dieser kurzen Stunde zum
Thema der Betrachtung nehmen ... schrieb er: Da der Text des Tages
uns zu weiteren Betrachtungen keine Veranlassung gibt, wollen wir in
dieser kurzen Stunde ein Thema betrachten, das von größerer Bedeutung
als etwas anderes ist... Dann betrachtete er Gottes Gnadenwerk in der
Bekehrung.

Das waren zwei Angriffe: einer gegen die Textkommission, einer gegen
die Lehre der Kirche von der Gnadenwahl.

Er sprach zuerst von der Bekehrung als von einer ernsten Sache, die
ihre Opfer fordere und von dem freien Willen des Menschen abhänge. (Das
war ihm nicht ganz klar.) Er berührte die Ordnung der Gnade und schlug
schließlich die Tore des Himmelreichs für alle auf: Kommet her zu
mir, die ihr mühselig und beladen seid. Zöllner und Sünder, Huren und
Statthalter: alle sollten in den Himmel kommen! Sogar der Räuber hörte
die frohe Botschaft: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Das war
Jesu Evangelium für alle. Niemand solle glauben, die Schlüssel zum
Himmel zu besitzen, und sich einbilden, allein ein Kind Gottes zu sein
(das war für die Mucker!), sondern die Türen der Gnade ständen offen
für alle, alle!

Er wurde jetzt ernst und fühlte sich wie ein Missionar.

Am Freitag fand er sich in der Kirche ein und las von der Kanzel herab
einige Stellen aus der Predigt vor. Er wählte die unschuldigsten.
Darauf wurden die Gebete wiederholt, während der Unterpfarrer unter der
Orgel stand und „lauter, langsamer!‟ rief. Johan ward approbiert, und
sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot.

Am Sonntag war die Kirche besetzt. Johan wurde in der Sakristei mit
Mantel und Kragen angetan. Einen Augenblick fand er es lächerlich; dann
aber kam die Angst über ihn. Er betete zu dem einzigen wahren Gott
um Hilfe, da er jetzt für seine Sache das Schwert ziehen solle gegen
tausendjährigen Irrtum. Als der letzte Laut der Orgel verklungen war,
stieg er unbefangen auf die Kanzel hinauf.

Alles ging gut. Als er aber an die Stelle kam: „Da der Text des Tages
uns keine Veranlassung zu weiteren Betrachtungen gibt‟, und er die
vielen weißen Flecke, die Gesichter waren, sich unten in der Kirche
bewegen sah, zitterte er. Aber nur einen Augenblick. Dann begann er,
und mit ziemlich starker und sicherer Stimme las er seine Predigt vor.

Als er ans Ende kam, war er selber so gerührt über die schönen Lehren,
die er verkündete, daß seine Tränen die Schrift auf dem Papier
undeutlich machten.

Er atmete auf. Las alle Gebete, bis die Orgel wieder anfing; dann stieg
er hinunter.

Da stand der Unterpfarrer und empfing ihn mit einem „Danke‟.

-- Aber, aber, fügte er hinzu, es ist nicht gut, vom Text abzugehen.
Wenn das Konsistorium das erfährt! Aber es hat wohl niemand gemerkt,
wollen wir hoffen. Am Inhalt selbst war nichts auszusetzen.

Dann gab es ein Essen in der Pfarre. Man spielte mit Mädchen und es
wurde getanzt. Johan war so etwas wie der Held des Tages.

-- Das war eine sehr gute Predigt, sagten die Mädchen, sie war so kurz.

Er hatte zu schnell gelesen. Und dann hatte er ein Gebet übersprungen.

-- Alle sind Kinder am Anfang, sagte der Unterpfarrer.

       *       *       *       *       *

Im Herbst kehrte Johan mit den Knaben nach der Stadt zurück, um bei
ihnen zu wohnen und die Aufgaben mit ihnen zu machen. Sie gingen in die
Klaraschule. Wieder eine Strafarbeit. Dieselbe Klaraschule, derselbe
Direktor, derselbe Lehrer in Latein. Johan arbeitete gewissenhaft mit
den Knaben, überhörte sie und konnte darauf schwören, daß sie ihre
Aufgaben gelernt hatten. Und doch kamen sie mit einem Tadel nach Haus,
und in ihren Büchern las der Vater von soundsoviel Aufgaben, die sie
nicht gekonnt.

-- Das ist eine Lüge, sagte Johan.

-- Es steht jedenfalls hier zu lesen, sagte der Vater.

Es war eine schwere Arbeit. Gleichzeitig bereitete er sich auf die
Studentenprüfung vor.

Als die Weihnachsferien anfingen, fuhr man wieder aufs Land. Man saß
am Kamin, knackte Nüsse auf, einen ganzen Sack, und las „Frithjofs
Sage, Axel, Die Abendmahlskinder‟ von Tegnér. Die Abende waren lang und
unerträglich. Johan aber entdeckte einen neuen Inspektor, der beinahe
wie ein Knecht behandelt wurde. Das reizte Johan, mit ihm Bekanntschaft
zu machen; auf dessen Zimmer brauten sie Punsch und spielten sie Karten.

Die Baronin sagte Johan tadelnd, der Inspektor sei keine Gesellschaft
für ihn.

-- Warum nicht?

-- Er hat keine Bildung!

-- Hm! Das ist nicht so gefährlich.

Sie sagte auch, es sei ihr angenehm, wenn der Hauslehrer abends die
Gesellschaft der Familie wähle oder wenigstens sich im Zimmer der
Knaben aufhalte. Er zog das letzte vor, denn oben war es dumpfig; auch
war er es müde, vorzulesen und die Unterhaltung zu führen.

Er saß also auf dem Zimmer der Knaben, das zugleich das seine war.
Der Inspektor kam dorthin und sie spielten ihre Partie. Die Knaben
bettelten, mitspielen zu dürfen. Warum nicht? Johan hatte in seinem
Elternhaus stets mit Vater und Brüdern Whist gespielt; dieses
unschuldige Vergnügen wurde als Erziehungsmittel in Disziplin, Ordnung,
Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit angewandt; um Geld hatte er nie gespielt.
Mogeln wurde augenblicklich zurückgewiesen, unzeitiger Jubel über
Gewinnen zum Schweigen gebracht, mißvergnügte Mienen über Verlieren
verspottet.

Die Sache ging durch, ohne daß ein Tadel ausgesprochen wurde, denn
die Herrschaft war zufrieden, daß die Knaben beschäftigt waren und
ihnen nicht selbst zur Last fielen. Aber den Verkehr mit dem Inspektor
liebten sie nicht. Im Sommer hatte Johan einmal aus seinen Schülern und
den Knaben der Instleute eine Truppe gebildet, die er auf dem Felde
übte. Sofort erging das Verbot, nicht mit den Kindern der Instleute zu
verkehren.

-- Jede Klasse soll für sich bleiben, sagte die Baronin.

Aber Johan konnte den Grund nicht verstehen, da der Klassenunterschied
ja 1865 aufgehoben war!

Das Gewitter zog inzwischen auf und konnte jeden Augenblick losbrechen.
Eine Kleinigkeit entzündete es.

Eines Morgens schlug der Herr des Hauses Lärm, weil seine
Fahrhandschuhe fortgekommen seien. Er warf seinen Argwohn auf den
ältesten Knaben. Der leugnete und beschuldigte den Inspektor: der habe
auf einer Fahrt nach der Pfarre die Handschuhe benutzt.

Der Inspektor wird gerufen.

-- Sie haben meine Fahrhandschuhe genommen; was soll das heißen?

-- Nein, ich habe sie nicht genommen!

-- Was sagen Sie? Hugo behauptet es!

Johan, der zugegen ist, tritt, ohne aufgefordert zu sein, vor und sagt:

-- Hugo lügt. Er selbst hat sie genommen.

-- Was sagen Sie?

Er gibt dem Inspektor einen Wink, zu gehen.

-- Ich sage die Wahrheit!

-- Wie können Sie sich unterstehen, meinen Sohn in Gegenwart eines
Knechtes zu beschuldigen?

-- Herr X. ist kein Knecht! Und übrigens ist er unschuldig!

-- Ja, Sie sind unschuldig! Sie spielen Karten mit den Knaben und
trinken mit ihnen! Das ist sauber!

-- Warum haben Sie diesen Tadel nicht früher ausgesprochen? Dann hätten
Sie erfahren, daß ich nicht mit den Knaben trinke!

-- Verdammter Junge, was erlauben Sie sich!

-- Sie können sich einen andern Jungen zum Hauslehrer für Ihre Jungen
nehmen, da Sie so geizig sind, daß Sie keinen Erwachsenen nehmen wollen.

Damit ging Johan.

Am selben Tag mußten sie nach der Stadt fahren, da die Weihnachtsferien
zu Ende waren. Nach Hause also, wieder nach Hause. Hals über Kopf
zurück in die Hölle, wo er verhöhnt und geduckt werden würde; sieben
Male schlimmer, seit er mit seiner neuen Stellung geprahlt und
Vergleiche mit dem Elternhaus gezogen hatte. Er weinte vor Grimm, aber
er konnte nach einer solchen Beschimpfung nicht wieder zurück.

Die Baronin schickte nach ihm. Er ließ sie warten. Darauf schickte sie
noch einmal. Jetzt ging er mürrisch zu ihr hinauf. Sie war recht milde.
Bat ihn, noch einige Tage zu bleiben, bis sie einen neuen Hauslehrer
bekommen hätten. Er versprach, als sie dringend bat.

Die Baronin wollte mit den Knaben mitfahren.

Der Schlitten fuhr vor. Der Sekretär stand daneben und sagte:

-- Sie können auf dem Kutschbock sitzen.

-- Ich kenne meinen Platz, antwortete Johan.

Indessen muß die Furcht des Sekretärs vor seiner Frau größer gewesen
sein als seine Lust, Johan zu demütigen, denn bei der ersten Rast bat
die Baronin Johan, in den Schlitten zu steigen.

Nein, er wolle nicht!

In der Stadt blieb er noch acht Tage in seiner Stellung. Während dieser
Zeit schrieb er einen etwas spanischen Brief in weltmännischem Tone
nach Haus; der Ton gefiel dem Alten aber nicht, trotzdem Johan ihm
schmeichelte.

-- Ich finde, du hättest erst fragen müssen, ob du wieder nach Haus
kommen darfst, sagte er.

Da hatte er recht. Der Sohn aber hatte sich das Elternhaus nie anders
gedacht als ein Hotel, in dem man umsonst ißt und wohnt.

So war er wieder zu Hause.

Durch eine unergründliche Naivität hatte sich Johan bewegen lassen,
noch einige Zeit zu seinen früheren Schülern zu kommen, um die Aufgaben
mit ihnen durchzugehen. Eines Abends wollte Fritz ihn mit in ein Café
nehmen.

-- Nein, sagte Johan, ich muß Stunden geben.

-- Wo?

-- Beim Königlichen Sekretär!

-- Was? Bist du noch nicht fertig mit ihnen?

-- Nein, ich habe versprochen, so lange zu kommen, bis sie einen neuen
Hauslehrer haben.

-- Was kriegst du denn dafür?

-- Was ich dafür kriege? Ich habe Wohnung und Essen gehabt!

-- Ja, aber was kriegst du jetzt, nachdem du nicht mehr Wohnung und
Essen hast?

-- Hm! Daran habe ich nicht gedacht!

-- Du bist ein Narr, wenn du die Kinder von reichen Leuten umsonst
unterrichtest! Jetzt gehst du mit mir und setzest nie mehr einen Fuß in
das Haus!

Johan kämpfte auf dem Trottoir einen Kampf mit sich aus.

-- Ich habe versprochen!

-- Du mußt nicht versprechen! Komm und schreib ab!

-- Ich muß Abschied nehmen!

-- Das ist nicht nötig! Man hatte dir zu Weihnachten eine Gratifikation
versprochen; die gehörte zu deinen Bedingungen; aber du hast nichts
erhalten. Und dann läßt du dich wie einen Knecht behandeln. Komm mit
und schreib!

Er wurde in die Kneipe geschleppt. Die Kellnerin holte Papier und
Feder. Nach dem Diktat des Freundes schrieb er, mit Rücksicht auf sein
nahes Examen könne er keine Stunden mehr geben!

Er war frei!

-- Aber ich schäme mich, sagte er.

-- Weshalb schämst du dich?

-- Ich schäme mich, weil ich unhöflich gewesen bin.

-- Ach, Geschwätz! Eine halbe Punsch!



10.

+Charakter und Schicksal.+


Die Zeit hatte sich zusammengenommen und war lebhaft geworden. Die
Ausstellung von 1866 war eine Neuheit und außerdem eine Äußerung von
realistischem Skandinavismus. Die Eröffnung des Nationalmuseums,
Dietrichsons Vorlesungen, die Bildung des Kunstvereins gab der Ästhetik
einen neuen Impuls. Die Wahlen von 1867 waren eine Überraschung, welche
die ganze Nation zum Nachdenken veranlaßte, denn die Reform hatte die
Gesellschaft so gründlich umgekehrt, daß der Bodensatz nach oben kam.

Schwache Dünungen waren in der höchsten Klasse der Lehranstalt
zu merken, wo sich jetzt junge Männer für allgemeine Fragen
interessierten. So war die schwarze Tafel eines Morgens mit Namen
vollgeschrieben. Der Direktor, der die Morgenzeitung noch nicht
gelesen hatte, fragte, was diese Liste zu bedeuten habe. Es waren die
Stockholmer Wahlen zur Zweiten Kammer. Darauf gab der Direktor einen
Überblick über die Zusammensetzung der Kammer, äußerte Befürchtungen,
ob die neue Volksvertretung auch von Nutzen für Land und Reich werden
könne.

Man begann schon Unrat zu wittern; und die Begeisterung war vorüber.

Die Klasse war auch eingeteilt in Freihändler oder Schutzzöllner.

Eifrig wurde die Fräuleinreform besprochen. Johan hielt diese Reform
für gut. Hatte er doch eben gesehen, wie drei alte Fräulein sich die
Haare rauften und in feiner Gesellschaft den „Zeitgeist‟ verfluchten,
weil der ehrlichen Leuten das nehme, was ihre Väter ehrlich erworben.
Die Reform nahm aber den Fräulein nichts, denn sie durften ihren Titel
behalten, gab nur allen das gleiche Recht. Es verhielt sich mit dem
Titel ebenso wie mit der Seligkeit. Niemand schätzte ihn mehr, als er
allen erlaubt wurde.

-- Dann wird man die Mägde auch Mamsell nennen, schrie ein Fräulein.

-- Mindestens, antwortete Johan.

Aber diese Reform ließ noch auf sich warten, aus unbekannten Gründen.
Die Mägde sollten natürlich Fräulein genannt werden, aber man konnte
sie zuerst wenigstens zu Mamsells erheben, damit sie nicht lächerlich
gemacht würden.

Das Freidenkertum nahm an Ausdehnung zu. Johan hatte es nach der
Predigt als einen Beruf, eine Pflicht empfunden, die neue Lehre
auszubreiten und für sie einzutreten. Er begann also vom Morgengebet
fortzubleiben und blieb in der Klasse sitzen, während die andern in den
Betsaal zogen.

Der Direktor kam, um ihn und seine Mitschuldigen hinauszutreiben.
Johan antwortete, seine Religion verbiete ihm, an einem fremden Kult
teilzunehmen. Der Direktor berief sich auf Gesetze und Verfassung.
Johan antwortete, die Juden brauchten am Gebet nicht teilzunehmen.
Der Direktor bat ihn schön, des Beispiels wegen doch zu kommen. Er
wolle doch kein schlechtes Beispiel geben. Der Direktor bat herzlich,
freundlich; berief sich auf alte Bekanntschaft. Johan gab nach. Aber
er sang die Kirchenlieder nicht mit und seine Kameraden auch nicht.
Da geriet der Direktor außer sich und hielt eine Strafpredigt; nannte
Johan bei Namen und schmähte ihn. Johan antwortete damit, daß er einen
Streik organisierte.

Er und Gleichgesinnte kamen regelmäßig so spät zur Schule, daß das
Gebet aus war, wenn sie anlangten Kamen sie doch zu früh, blieben sie
im Flur sitzen und warteten. Dort beim Holzkasten trafen sie Lehrer,
mit denen sie von diesem und jenem plauderten. Der Direktor entdeckte
dies. Um die Aufrührer zu zermalmen, ließ er, sobald das Gebet zu Ende
ging, während die Schule hoch versammelt war, die Tür zum Flur öffnen
und die Revolutionäre hereinrufen. Diese defilierten mit frechen Mienen
und unter einem Schauer von Schelte durch den Gebetsaal, aber ohne
dort zu bleiben. Schließlich wurde ihnen dies zur Gewohnheit: aus
freien Stücken traten sie ein und nahmen die Schelte hin, wenn sie
durch den großen Gebetsaal zogen.

Der Direktor begann Johan zu grollen und gab zu verstehen, daß er ihn
durchs Examen fallen lassen wolle. Johan setzte hart gegen hart und
arbeitete Nächte und Tage.

Die theologischen Stunden arteten jetzt zu Disputationen mit dem
Lehrer aus. Der war Geistlicher und Atheist. Zuerst machten ihm die
Antworten Spaß, dann aber wurde er müde und befahl, nach dem Lehrbuch
zu antworten.

-- Wie viele Personen sind in der Gottheit?

-- Eine!

-- Aber was sagt Norbeck?

-- Der sagt drei!

-- Dann sagen Sie auch drei!

Im Elternhause war es still. Johan wurde in Ruhe gelassen. Man sah, er
war verloren, und es war zu spät, auf ihn einzuwirken. An einem Sonntag
machte der Vater einen Versuch im alten Stil, bekam aber Bescheid.

-- Warum gehst du nie mehr in die Kirche? fragte er.

-- Was habe ich dort zu tun?

-- Eine gute Predigt ist immer von Nutzen.

-- Predigten kann ich selbst machen.

Schluß!

Die Pietisten ließen einen Geistlichen für Johan in der
Bethlehemskirche beten, als sie ihn an einem Sonntagvormittag in
Scharfschützenuniform gesehen hatten.

       *       *       *       *       *

Im Mai 1867 bestand er die Studentenprüfung.

Sonderbare Dinge kamen an den Tag. Da waren Kerle mit Bart und
Brille, welche die Halbinsel Malakka Sibirien nannten und die
ostindische Halbinsel für Arabien hielten. Leute bekamen das Zeugnis
in Französisch, die eu wie y aussprachen und die Hilfsverben nicht
konjugieren konnten. Es war unglaublich. Johan selbst war der Meinung,
er sei vor drei Jahren stärker in Latein gewesen. In Geschichte wäre
jeder durchgefallen, wenn man nicht von den Fragen Wind bekommen
hätte. Man hatte zu viel gearbeitet und zu wenig gelernt. Kompendien
in allen Stoffen hätten mehr genützt; mit denen hätte man die
Studentenprüfung in der vierten Klasse machen können. Aber es war mit
der Studentenprüfung und ist es noch heute, wie mit der Seligkeit und
dem Fräuleintitel: sie verliert allen Reiz, wenn sie Gemeingut wird;
dann aber würde sie reizvoller für alle und viel nützlicher sein.

Die Prüfung endete mit einem Gebet, das von einem Freidenker gesprochen
wurde; der stockte beim Vaterunser; das schrieb man aber fälschlich
seiner Erregung zu.

Als Johan am Abend Student war, zogen die Kameraden mit ihm in die
Stadt hinein, um ihm eine weiße Mütze zu kaufen. (Er selbst hatte
nie Geld.) Dann ging er nach dem Kontor, um dem Vater eine Freude zu
machen. Johan traf ihn im Flur; er war im Begriff, nach Hause zu gehen.

-- Also, bestanden? fragte der Vater.

-- Ja!

-- Und du hast schon die Mütze?

-- Die habe ich auf Kredit gekauft!

-- Geh zum Kassierer, dann kannst du sie bezahlen.

Dann trennten sie sich. Kein Glückwunsch, kein Händedruck. Nun, es war
die Isländernatur des Alten, keine zärtlichen Gefühle äußern zu können.

Als Johan nach Haus kam, saßen alle am Abendtisch. Er war fröhlich und
hatte Punsch getrunken. Aber seine Freude verstimmte. Alle schwiegen.
Die Geschwister gratulierten nicht. Da wurde er verstimmt und schwieg
selbst.

Als er vom Tische aufstand, ging er sofort wieder weg, in die Stadt,
zu den Kameraden. Da herrschte Freude. Kindliche, dumme, übertriebene
Freude, mit allzu großen Hoffnungen.

Im Sommer gab er Stunden in großem Stile, indem er zu Hause wohnte. Mit
dem Geld wollte er im Herbst nach der Universität Upsala fahren, um den
Doktor zu machen. Der Geistliche lockte ihn nicht mehr; der lag hinter
ihm; auch war es gegen sein Gewissen, den Eid als Geistlicher abzulegen.

Diesen Sommer war er zum ersten Male bei einem Mädchen. Er fühlte sich
enttäuscht, wie so viele andere. -- Das war also alles! -- Seltsam war,
daß es gegenüber der Bethlehemskirche geschah. Aber warum war es nicht
früher geschehen; dann wären ihm so viele qualvolle Jahre erspart,
soviel Kraft erhalten geblieben. Als es geschehen war, kam eine große
Ruhe über ihn; er fühlte sich gesund und froh, als habe er eine Pflicht
erfüllt.

Im Herbst fuhr er nach Upsala. Die alte Grete packte ihm die
Reisetasche, in die sie Kochgeschirr und Gedeck legte. Darauf zwang sie
ihn, fünfzehn Kronen von ihr zu leihen.

Vom Vater erhielt er eine Tasche mit Zigarren und die Aufforderung,
sich selber zu helfen.

Achtzig Kronen besaß er selbst; die hatte er sich durch Stunden
erworben; mit denen wollte er das erste Vierteljahr auskommen.

Die Welt stand ihm jetzt offen. Die Eintrittskarte hatte er in der
Hand. Blieb nur übrig, hinein zu kommen. Nur!

       *       *       *       *       *

„Des Menschen Charakter ist sein Schicksal‟, war zu dieser Zeit eine
beständige und sehr gebilligte Redensart. Jetzt, da Johan in die Welt
hinaus sollte, um sein Schicksal zu machen, wandte er viele freie
Stunden darauf an, sein Horoskop aufzustellen, indem er von seinem
Charakter ausging. Er glaubte nämlich, sein Charakter sei fertig. Die
Gesellschaft ehrt mit dem Namen Charakter die, welche ihre Stellung
gesucht und gefunden, ihre Rolle übernommen, gewisse Gründe für ihr
Betragen ausgedacht haben und nun automatisch danach handeln.

Ein sogenannter Charakter ist eine sehr einfache mechanische
Einrichtung; er sieht die so äußerst verwickelten Verhältnisse des
Lebens nur von einem Gesichtspunkt; er hat sich entschlossen, für sein
Leben eine und dieselbe Ansicht über eine bestimmte Sache zu haben.
Um sich nicht der Charakterlosigkeit schuldig zu machen, ändert er
nie seine Ansicht, wie einfältig oder sinnlos sie auch sein mag. Ein
Charakter muß also ein ziemlich gewöhnlicher Mensch sein und was man
dumm nennt. Charakter und Automat scheinen zusammenzufallen. Dickens'
berühmte Charaktere sind Puppen für Leierkasten und die Charaktere auf
der Bühne müssen Automaten sein. Ein gut gezeichneter Charakter ist
gleichbedeutend mit einer Karikatur.

Außerdem soll ein Charakter wissen, was er will. Was weiß man denn
davon, was man will? Man will oder man will nicht, das ist alles.
Sucht man über seinen Willen nachzudenken, hört der Wille gewöhnlich
auf. In Gesellschaft und Leben muß man immer die Folgen bedenken, die
eine Handlung über einen selbst und andere haben kann, und muß daher
überlegen. Wer augenblicklich handelt, ist unklug, selbstsüchtig, naiv,
unbewußt. Solche Menschen kommen weiter im Leben, denn sie sehen nicht
nach, ob ihre Handlungen andern schaden können, sondern sie sehen nur
darauf, welchen Nutzen die Handlung für sie selbst hat.

Johan hatte ja die christliche Gewohnheit angenommen, Herz und Nieren
zu prüfen; so fragte er sich jetzt, ob er einen Charakter habe, der für
einen Mann passe, welcher seine Zukunft machen will.

Er erinnerte sich, daß die Magd, die er geschlagen, weil sie seinen
Körper entblößt hatte, als er schlief, nach dem Vorfall sagte: -- Es
ist Charakter in dem Jungen! -- Was meinte sie damit? -- Sie hatte
gesehen, daß er Tatkraft genug besaß, in den Park zu gehen, einen
Stock zu schneiden und sie zu bestrafen. Hätte er den gewöhnlichen Weg
eingeschlagen und es den Eltern gepetzt, hätte sie ihn wohl für eine
Memme gehalten. Die Mutter dagegen, die damals noch lebte, hatte seine
Handlung anders beurteilt: sie hatte ihn rachgierig genannt.

Da hatte er also zwei Auffassungen derselben Sache. Er hielt sich
natürlich an die, welche die weniger ehrende war, denn an die glaubte
er am meisten. Rache? Das war doch Strafe! Hatte er ein Recht zu
strafen? Recht? Wer hatte ein Recht? Die Eltern rächten sich ja immer!
Nein, sie straften. Sie hatten also ein anderes Recht als er, und es
gab zwei Rechte.

Doch, er war wohl rachgierig. Ein Junge vom Klarakirchhof hatte
offen gesagt, Johans Vater habe im Halseisen gestanden. Das war eine
Beschimpfung der ganzen Familie. Da Johan schwächer als der Junge war,
bot er seinen älteren Bruder auf, und beide zusammen übten mit einigen
Schneeballen Blutrache aus. Ja, sie übten die Rache noch weiter aus,
denn sie prügelten auch dessen jüngern Bruder, der verhältnismäßig
unschuldig war, aber großschnauzig aussah.

Das war wohl alte gute Familienrache mit allen ihren Symptomen. Was
hätte er denn tun sollen? Dem Lehrer petzen? Nein, das tat er nie. Er
war also rachgierig. Das war ein schwerwiegender Vorwurf.

Dann aber dachte er nach. Hatte er sich am Vater gerächt für die
Ungerechtigkeiten, die der ihm zufügte, oder an der Stiefmutter? Nein!
Er vergaß und zog sich zurück.

Hatte er sich an den Lehrern der Klaraschule gerächt, indem er ihnen
Kasten voll Steine zu Weihnachten geschickt? Nein! War er denn streng
gegen die andern und war er kleinlich, wenn er ihre Handlungsweise
ihm gegenüber beurteilte? Nein, behüte, er war nicht schwer zu
behandeln, glaubte leicht und konnte zu allem verleitet werden, wenn
er nur nicht Zwang oder Druck fühlte. Kameraden hatten ihm gegen
ein Tauschversprechen sein Herbarium, seine Insektensammlung, seine
chemischen Apparate, seine Indianerbücher abgelockt. Hatte er sie
gemahnt oder sie schikaniert? Nein, er schämte sich, in ihrem Namen,
und nahm fürlieb. Am Ende eines Vierteljahrs hatte der Vater eines
Schülers vergessen, Johan zu bezahlen. Er schämte sich zu mahnen, und
erst ein halbes Jahr später mußte er auf Verlangen seines Vaters die
Forderung eintreiben.

Es war ein eigentümlicher Zug bei Johan, daß er sich mit andern
identifizierte, im Namen anderer litt, sich schämte. Wenn er im
Mittelalter gelebt hätte, würde er sich stigmatisiert haben.

Wenn ein Bruder eine Dummheit oder Geschmacklosigkeit sagte, schämte
sich Johan. In der Kirche hörte er einmal einen Chor Schulkinder
gröblich falsch singen. Er verbarg sich im Kirchenstuhl und schämte
sich sehr.

Er schlug sich mit einem Kameraden, und es gelang ihm, diesem einen
starken Stoß gegen die Brust zu versetzen; als er aber sah, wie sich
das Gesicht des Jungen vor Schmerz verzog, fing er an zu weinen und
reichte ihm die Hand.

Wenn jemand ihn um eine Sache bat, die er höchst ungern tun wollte,
litt er in dessen Namen, dessen Wunsch er nicht erfüllen konnte.

Er war so feige, daß er niemand ungehört von sich gehen ließ, aus
Furcht vor dem Anblick eines Unzufriedenen. Er fürchtete sich noch im
Dunkel, fürchtete sich vor Hunden, Pferden, fremden Menschen. Doch
konnte er, wenn's sein mußte, mutig sein; zum Beispiel, als er sich in
der Schule auflehnte, obwohl es seine Studentenprüfung kosten konnte;
oder als er sich gegen den Vater empörte.

„Ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh‟, stand in dem alten Abcbuch.
Da man jetzt entdeckt hat, daß die Tiere sehr religiös sind; daß, wer
Wissenschaft besitzt, keine Religion braucht; so wird die nützliche
Wirkung der Religion sehr herabgesetzt. Indem er stets die Kraft nach
außen, in Gott, verlegte, hatte der Jüngling die Kraft und den Glauben
an sich verloren. Gott hatte sein Ich geschwächt. Er betete immer und
alle Augenblicke, wenn er in Not war. Er betete in der Schule, wenn
die Frage an ihn kam; er betete am Spieltisch, wenn die Karten gegeben
wurden. Die Religion hatte ihn verdorben: sie hatte ihn zum Himmel
erzogen statt zur Erde. Die Familie hatte ihn verdorben: sie hatte ihn
für die Familie gebildet statt für die Gesellschaft. Die Schule hatte
ihn für die Universität entwickelt statt fürs Leben.

Er war unschlüssig, schwach. Wenn er Tabak kaufen wollte, fragte er den
Freund, welche Sorte. Daher fiel er immer in die Hände von Freunden.
Das Bewußtsein, beliebt zu sein, nahm ihm die Furcht vorm Unbekannten,
und die Freundschaft stärkte ihn.

Noch verfolgten ihn Launen. Eines Tages, als er in Stellung auf dem
Lande war, fuhr er nach der Stadt, um von dort aus Fritz zu besuchen.
Als er in die Stadt kam, fuhr er nicht weiter, sondern blieb zu Hause
bei den Eltern auf einem Bett liegen, indem er stundenlang mit sich
kämpfte, ob er zu Fritz hinausfahren solle oder nicht. Er wußte, der
Freund erwarte ihn; sehnte sich selber danach, Fritz zu treffen, fuhr
aber nicht. Am nächsten Tage fuhr er zurück zu seiner Herrschaft,
schrieb einen klagenden Brief an Fritz und suchte sich zu erklären.
Aber Fritz wurde böse und verstand keine Launen.

In all seiner Schwäche fühlte er zuweilen einen ungeheuern Fonds von
Kraft: dann traute er sich alles zu.

Im Alter von zwölf Jahren sah er ein französisches Jugendbuch, das der
Bruder aus Paris mitgebracht hatte. -- Das wollen wir übersetzen und zu
Weihnachten erscheinen lassen, sagte er. -- Sie übersetzten es; dann
wußten sie aber nicht, was weiter zu machen sei, und das Buch blieb
liegen.

Er bekam eine italienische Grammatik und lernte Italienisch.

Als er in Stellung war, wollte er, da kein Schneider zu erreichen war,
ein Paar Hosen ändern. Er trennte die Nähte auf, nähte sie anders
wieder zu und plättete mit dem großen Stallschlüssel.

Er flickte auch seine Schuhe.

Wenn er die Geschwister Quartette spielen hörte, war er nie zufrieden
mit der Ausführung. Er spürte eine Lust, aufzuspringen und ihnen die
Instrumente fortzunehmen, um ihnen zu zeigen, wie es sein mußte.

Wenn er seine Singstimme übte, benutzte er das Cello. Wenn er nur
gewußt hätte, wie die Saiten hießen.

Johan hatte die Wahrheit sagen gelernt. Log ein wenig, wie alle Kinder,
aus Selbstverteidigung oder auf naseweise Fragen; es machte ihm aber
ein brutales Vergnügen, mitten in einer Unterhaltung, wenn man mit der
Wahrheit Umstände machte, gerade heraus zu sagen, was alle dachten. Auf
einem Ball fragte seine Dame, als er schweigsam war, ob ihm das Tanzen
kein Vergnügen mache.

-- Nein, durchaus nicht.

-- Warum tanzen Sie denn?

-- Weil ich dazu gezwungen bin.

Er hatte Äpfel gestohlen, wie alle Knaben, und das bedrückte ihn nicht;
er machte kein Geheimnis daraus. Es war ja hergebracht.

In der Schule hatte er niemals Verdrießlichkeiten gehabt. Einmal am
letzten Tage des Vierteljahrs hatte er einen Kleiderhaken abgebrochen
und alte Schreibhefte zerrissen, aber mit andern zusammen. Er allein
wurde bestraft. Es war eine Unart, ein Ausbruch wilder Freude und wurde
nicht weiter tragisch genommen.

Wie er jetzt über sich zu Gericht saß, begann er die Urteile anderer
Menschen über sich zu sammeln; jetzt erst war er bestürzt über die
wechselnden Urteile. Der Vater hielt ihn für hart; die Stiefmutter
für boshaft; die Brüder für sonderbar; die Mägde hatten ebenso viele
Urteile, wie ihre Zahl war; die letzte hatte ihn gern, war der Meinung,
die Eltern behandelten ihn schlecht und er sei nett; die Freundin hielt
ihn zuerst für gefühlvoll; der Ingenieur zuerst für ein liebenswürdiges
Kind; Freund Fritz für einen Kopfhänger, aber voller Wildheiten; nach
den Tanten hatte er ein gutes Herz; nach Großmutter hatte er Charakter;
seine Geliebte, die eine Kellnerin war, vergötterte ihn natürlich;
die Lehrer in der Schule wußten nicht recht, was sie mit ihm anfangen
sollten; gegen die schroffen war er schroff, gegen die freundlichen
freundlich. Und die Kameraden? Die sagten es nie; Schmeichelei war
nicht gebräuchlich, dagegen Schelte und Schläge, wenn's nötig war.

Johan fragte sich jetzt, ob er ein so vielseitiger Mensch sei, oder
ob die Urteile so vielseitig waren. War er falsch? Zeigte er sich
anders gegen die einen als gegen die andern? Ja, und davon hatte die
Stiefmutter Witterung. Sie sagte immer, er tue schön, wenn sie etwas
Gutes über ihn hörte. Ja, aber alle taten schön. Sie, die Stiefmutter,
war freundlich gegen ihren Mann, hart gegen die Stiefkinder, weich
gegen ihr eigenes Kind, war demütig gegen den Hauswirt, hochmütig gegen
die Mägde, knickste vor dem Geistlichen, lächelte die Mächtigen an,
grinste über die Ohnmächtigen.

Das war das Gesetz der Anpassung, das Johan noch nicht kannte. So waren
die Menschen; es war ein Trieb, sich anzupassen; der war berechnet,
konnte aber auch unbewußt, eine Reflexbewegung sein. Wie ein Lamm gegen
seine Freunde, wie ein Löwe gegen seine Feinde.

Wann aber war man wahr? Und wann war man falsch? Wo war das Ich zu
finden? Das der Charakter sein sollte? Es war nicht auf der einen noch
auf der andern Seite: es war auf beiden. Das Ich ist kein Selbst; es
ist eine Menge Reflexe, ein Komplex von Trieben und Begierden, von
denen bald die einen unterdrückt, bald die andern losgelassen werden!

Der Komplex des Jünglings war, durch viele Kreuzungen des Blutes,
streitende Elemente im Familienleben, reiche Erfahrungen aus Büchern,
bunte Erlebnisse im Leben, ein ziemlich reiches Material, aber
ungeordnet. Er suchte noch seine Rolle, da er seine Stellung noch nicht
gefunden hatte; darum fuhr er fort „charakterlos‟ zu sein.

Er war noch nicht dazu gekommen, sich zu entscheiden, welche Triebe zu
unterdrücken seien und wieviel vom Ich für die Gesellschaft geopfert
werden müsse, in die er jetzt eintreten sollte.

Hätte er sich selber sehen können, würde er erkannt haben, daß die
meisten Worte, die er sprach, den Büchern und den Kameraden entlehnt
waren; seine Gebärden Lehrern und Freunden; seine Mienen Verwandten;
seine Natur Mutter und Amme; seine Neigungen dem Vater, dem Großvater
vielleicht. Sein Gesicht trug keine Züge, weder von der Mutter noch
vom Vater. Da er weder den Vater der Mutter noch die Mutter des Vaters
gesehen hatte, konnte er über seine Ähnlichkeit mit diesen beiden nicht
urteilen. Was hatte er denn von sich selbst und in sich selbst? Nichts!
Aber zwei Grundzüge waren in seinem Seelenkomplex, die für sein Leben
und sein Schicksal bestimmend wurden.

Der Zweifel! Er nahm die Gedanken nicht kritiklos an, sondern
entwickelte sie, verglich sie miteinander. Darum konnte er nicht
Automat werden und sich nicht in die geordnete Gesellschaft eintragen
lassen.

Empfindlichkeit gegen Druck! Darum suchte er teils den Druck zu
verringern, indem er sein eigenes Niveau hob, teils das höhere zu
kritisieren, um einzusehen, daß es nicht so hoch steht, also nicht so
erstrebenswert ist.

So trat er ins Leben hinaus! Um sich zu entwickeln, und doch immer zu
bleiben, wie er war.



11.

+Im Vorhof+.

(1867)


Der in Upsala einfahrende Dampfer ist an der Domkirche vorbeigekommen;
Universität und Bibliothek treten hervor. -- Jetzt beginnt das
eigentliche Steinwerfen! ruft ein Kamerad aus, einen Ausdruck von den
Straßenunruhen von 1864 gebrauchend. -- Das eigentliche! Die fröhliche
Stimmung, die nach dem Frühstück und dem Punsch geherrscht hat, legt
sich; man fühlt, es ist Ernst in der Luft und der Kampf wird beginnen.
Man verspricht einander nicht ewige Freundschaft, versichert sich nicht
gegenseitig der Hilfe. Die Jugend ist aus dem Rausch der Romantik
erwacht. Man weiß, bei der Landung scheidet man voneinander; neue
Interessen werden die Schar zerstreuen, die das Klassenzimmer bisher
zusammengehalten hat; der Wettstreit wird Bande zerreißen; alles wird
vergessen werden. Das eigentliche Steinwerfen wird beginnen.

Johan mietete mit dem Freunde Fritz zusammen ein Zimmer in der
Klostergasse. Darin waren zwei Betten, zwei Tische, zwei Stühle und
ein Schrank. Es kostete dreißig Kronen fürs Vierteljahr, also fünfzehn
Kronen für jeden. Das Mittagessen wurde von der Aufwärterin geholt und
kostete zwölf Kronen im Monat, also sechs Kronen für jeden. Morgens
und abends wurden ein Glas Milch und ein Butterbrot verzehrt. Das war
alles. Holz kaufte man von einem Bauern auf dem Markt, für vier Kronen
eine Bauernklafter. Dann erhielt Johan einen Glasballon mit Petroleum
von Haus als Geschenk; auch durfte er seine Wäsche nach Stockholm
schicken. Er hatte achtzig Kronen in seiner Tischschublade; damit
sollte er alle Ausgaben des Vierteljahrs bestreiten.

In eine neue eigentümliche Gesellschaft, die von jeder andern
verschieden war, trat er jetzt ein. Sie hatte Vorrechte wie das alte
Herrenhaus und eigenen Gerichtsstand. Aber es war eine Kleinstadt;
es roch nach Bauern. Alle Professoren waren Bauern, kein einziger
Stockholmer. Häuser und Straßen waren die einer typischen Kleinstadt.
Und hierher war das Hauptquartier der Bildung verlegt, infolge einer
Inkonsequenz der Regierung, die doch ganz sicher die Hauptstädte für
die großen Mittelpunkte der Bildung hielt.

Man war Student und als solcher Oberklasse in der Stadt, deren Bürger
mit dem verächtlichen Namen „Philister‟ bezeichnet wurden. Der Student
stand noch außer und über dem bürgerlichen Gesetz. Fenster einschlagen,
Zäune niederbrechen, mit der Polizei raufen, den Straßenfrieden stören,
ins Eigentumsrecht eingreifen -- war erlaubt, denn es wurde nicht
bestraft; höchstens mit einem Verweis, da der alte Karzer im Schlosse
nicht mehr benutzt wurde. Ja, man genügte sogar seiner Militärpflicht
in eigener Uniform, die Vorrechte genoß. So wurde man planmäßig zum
Aristokraten erzogen, bildete einen neuen Herrenstand, nachdem das
Herrenhaus gestürzt war. Was für den „Philister‟ ein Verbrechen, war
für den Studenten Spiel und Ulk. Auch befand sich der Studentengeist
jetzt auf seiner höchsten Höhe infolge einer Sängerfahrt nach Paris.
Die studentischen Sänger hatten dort Glück gehabt und wurden bei ihrer
Heimkehr als Sieger und Triumphatoren begrüßt.

Johan wollte jetzt auf den Doktor arbeiten, besaß aber kein Buch. --
Im ersten Semester muß man sich orientieren, hieß es. Er ging in die
Landsmannschaft. Die Landsmannschaft war ein veralteter Überrest der
landschaftlichen Verfassung; und zwar so veraltet, daß die annektierten
Provinzen Schonen, Halland, Blekinge nicht unter den Landsmannschaften
vertreten waren.

Die Landsmannschaft war wie eine wohlgeordnete Gesellschaft in Klassen
geteilt, jedoch nicht nach Fähigkeiten, sondern nach Alter und gewissen
verdächtigen Verdiensten; und noch stand im Verzeichnis das Wort
„Nobilis‟ hinter den Namen der Adeligen. Auf viele Arten konnte man
sich in der Landsmannschaft zur Geltung bringen: durch adeligen Namen,
Beziehungen, Verwandtschaft, Geld, Talent, Kühnheit, Geschmeidigkeit.
Das letzte allein genügte jedoch nicht gegenüber so skeptischen und
verständigen jungen Herren.

Am ersten Abend, den er in der Landsmannschaft verbrachte, machte Johan
seine Erfahrungen. Alte Kameraden aus der Klaraschule waren in Menge
zu treffen; denen wich er aber am liebsten aus und sie ihm. Er hatte
die Fahne verlassen und einen Richtweg über die Privatlehranstalt
eingeschlagen, während sie ihren Trott durch die staatliche Schule
weiter getrabt waren. Nach seinem Eindruck waren sie alle zu korrekt
und etwas verkümmert. Fritz dagegen stürzte sich sofort unter
die Aristokraten, ließ sich vorstellen, schloß mit Leichtigkeit
Bekanntschaften, fühlte sich wohl.

Als sie in der Nacht heimgingen, fragte Johan, wer der Snob sei, der
eine Sammetjacke getragen und auf dessen Benoitonkragen[3] Steigbügel
gemalt waren. Fritz antwortete, es sei kein Snob; und es sei kleinlich,
Leute nach feinen Kleidern zu beurteilen; ebenso kleinlich, wie sie
nach schlechten zu beurteilen. Das verstand Johan mit seinen Begriffen
aus der Unterklasse nicht und blieb bei seiner Auffassung. Fritz
beteuerte, es sei ein überaus netter Mensch; auch sei er Ältester in
der Landsmannschaft. Um Johan zu necken, fügte Fritz hinzu, dieser
„Snob‟ habe seine Anerkennung über Art und Betragen der Neulinge
ausgesprochen; sie besitzen Haltung, habe er gesagt. „Früher sahen die
Stockholmer wie Gesellen aus, wenn sie hierher kamen.‟ Johan wurde von
dieser Mitteilung verletzt und fühlte, etwas war zwischen sie gekommen.
Fritzens Vater war zwar nur Müllerknecht gewesen, aber seine Mutter
von adeliger Geburt. Er hatte von seiner Mutter geerbt, was Johan von
seiner geerbt.

Die Tage vergingen. Fritz zog jeden Morgen seinen Frack an und ging, um
den Professoren den Hof zu machen; er wollte Jurist werden. Da konnte
man Karriere machen! Die Juristen allein konnten sich solche Kenntnisse
 erwerben, die für das öffentliche Leben von Nutzen waren; sie allein
konnten in die Organisation der Gesellschaft hineinsehen, mit Handel
und Wandel des täglichen Lebens in Kontakt treten. Das waren die
Realisten.

Johan hatte keinen Frack, keine Bücher, keine Bekannte.

-- Nimm doch meinen Frack, sagte Fritz.

-- Nein, ich will mich nicht lieb Kind bei den Professoren machen,
sagte Johan.

-- Du bist dumm, sagte Fritz.

Da hatte er nicht ganz unrecht. Die Professoren gaben wirklich Auskunft
über den Lehrgang, wenn auch unbestimmte. Es war eine Art Hochmut bei
Johan, daß er nur der eignen Arbeit sein Fortkommen danken wollte. Was
schlimmer war, er hielt es für schimpflich, als Kriecher durchschaut
zu werden. Würde nicht ein alter Professor sofort wissen, daß Johan
vor ihm kroch? Daß Johan ihn benutzen wollte? Sich Vorgesetzten
unterordnen, war nämlich gleichbedeutend mit kriechen.

Alles war übrigens recht unbestimmt. Die Universität, die dem Jüngling
als die Hochschule der freien Forschung vor Augen geschwebt hatte,
war im Grunde nur eine Prüfungsanstalt; eine Schule mit Pensum und
Überhören; nach den Aufgaben aber mußte man Kameraden fragen, denn die
Professoren wollten es nicht wahr haben, daß es Aufgaben waren. Sie
hielten Vorlesungen des Aussehens halber oder des Gehaltes wegen, und
ohne Seminar (Privatstunden) war kein Examen möglich.

Johan beschloß, Vorlesungen zu besuchen, die nichts kosteten. Er ging
also in die Universität, um Geschichte der Philosophie zu hören. In der
dreiviertel Stunde, welche die Vorlesung dauerte, nahm der Professor
die Einleitung zur Ethik des Aristoteles durch. Las er drei Male in der
Woche, hätte er also vierzig Jahre gebraucht, um die Geschichte der
Philosophie durchzunehmen. Vierzig Jahre, dachte Johan, das dauert zu
lange für mich: also ging er nicht mehr hin.

Aber so war es überall. Ein Dozent las über Shakespeares „Heinrich
VIII.‟. Er erklärte ihn auf englisch vor einem Publikum von fünf
Personen. Johan hörte einige Male zu; merkte aber, daß es zehn Jahre
dauern würde, bis der Dozent mit „Heinrich VIII.‟ zu Ende käme.

Es begann ihm jetzt ein Licht aufzugehen, was beim Examen verlangt zu
werden pflegte. Das erste war, öffentlich einen lateinischen Aufsatz zu
schreiben. Also noch mehr Latein. Das war ihm zuwider. Als Hauptfächer
hatte er Ästhetik und lebende Sprachen ausersehen. Aber die Ästhetik
umfaßte die Geschichte der Architektur, Skulptur, Malerei, Literatur;
dazu die ästhetischen Systeme. Um das alles zu durchdringen, dazu
gehörte ein Leben. Lebende Sprachen waren Französisch, Deutsch,
Englisch, Italienisch, Spanisch; dazu vergleichende Sprachwissenschaft.
Woher sollte er die Bücher nehmen? Und er hatte kein Geld, um Kollegs
zu belegen!

Er machte sich indessen an die Ästhetik. Hatte erfahren, daß man auf
der Landsmannschaft Bücher leihen könne; so lieh er sich die Teile von
Atterboms „Sehern und Dichtern‟, die zufällig vorhanden waren. Sie
handelten leider nur über Swedenborg und enthielten Thorilds Briefe.
-- Ja, aber das sollte man doch wohl um Himmels willen nicht auswendig
lernen? Darauf konnte niemand antworten. Swedenborg kam ihm albern vor,
und Thorilds Briefe an Per Tamm gingen ihn nichts an.

Swedenborg und Thorild waren zwei echte Schweden, die im Lande der
Einsamkeit von der Krankheit der Einsamkeit, dem „Größenwahn‟,
ergriffen wurden. Die Krankheit ist in Schweden gerade wegen der
abgesonderten Lage und der über eine große Fläche verteilten kleinen
Volksmenge recht gewöhnlich und oft ausgebrochen: in Gustav Adolfs
Kaiserplänen, Karls X. Ideen von einer europäischen Großmacht, Karls
XII. Attilaprojekt, Rudbecks Atlantikamanie; zuletzt in Swedenborgs und
Thorilds Phantasien vom Stürmen des Himmels und vom Brande der Welt.
Johan kamen sie verrückt vor, und er warf das Buch fort. Und das sollte
man lernen?

Er dachte über seine Lage nach. Was sollte er in Upsala tun?
Mit achtzig Kronen in sechs Jahren den Doktor machen? Und dann?
Darüber hinaus dachte er nicht. Keine größeren Zukunftspläne, keine
ehrgeizigeren Träume als: den Doktor machen. Lorbeerkranz, Doktorhut,
und dann bis an sein selig Ende Lehrer an der Jakobischule. Nein, das
wollte er doch nicht!

Die Zeit verging und die Weihnacht nahte. Das Geld schmolz langsam aber
sicher in der Tischschublade. Und dann? Eine Hauslehrerstelle fanden
die Studenten nicht mehr so leicht, seit die Eisenbahnen die Verbindung
zwischen dem Lande und den Städten, wo es Schulen und Gymnasien gab,
verbessert hatten. Es war ein Wahnsinn von ihm gewesen, die Universität
zu beziehen.

Als keine Bücher mehr zu haben waren, begann er sich bei den Kameraden
umherzutreiben. Er entdeckte Leidensgenossen. Traf zwei, die das ganze
Semester Schach gespielt hatten und nicht mehr als ein Gesangbuch
besaßen, das die Mutter ihnen in den Koffer gesteckt. Sie stellten sich
auch die Frage: Was habe ich hier eigentlich zu schaffen? Das Examen
kam nicht zu einem, sondern man mußte die geheimen Wege aufsuchen,
Pedelle mit Kolleggeldern bestechen, durch Löcher kriechen, für Bücher
Schulden machen, sich in Vorlesungen sehen lassen: oh, es war soviel,
soviel!

Um die Zeit auszufüllen, lernte er im Sextett der Landsmannschaft das
B-Kornett blasen; dazu hatte Fritz ihn beredet, der die Tenorposaune
blies. Aber die Übungen wurden unregelmäßig abgehalten und stifteten
Zwietracht im Haushalt.

Johan spielte auch Brett. Fritz aber haßte das Spiel; darum wanderte
Johan mit dem Brettspielkasten bei Bekannten umher und spielte
mit ihnen. Das war ziemlich stumpfsinnig; ebenso stumpfsinnig wie
Swedenborg lesen, meinte er.

-- Warum studierst du nicht? fragte Fritz oft.

-- Ich habe keine Bücher, antwortete Johan.

Das war wirklich ein Grund.

Freiheit, die hatte er wenigstens, Freiheit von Glockenschlag und
Überwachung; sie wurde aber drückend empfunden. Wenn es Lehrer und
Schulbücher gegeben hätte, wäre es besser gewesen, und mancher junge
Mann wäre nicht verloren gegangen. Die Freiheit wurde nur wie ein
leerer Raum empfunden, den die, welche nicht das Geld hatten, um sich
in der Arbeit des Universitätslebens heimisch zu machen, unmöglich
ausfüllen konnten. Die aufgedrungene Faulheit war unerträglich; wäre es
mit seiner Ehre vereinbar gewesen, Johan wäre umgekehrt.

Kneipen konnte er nicht besuchen, weil er kein Geld hatte. In
„Bierstuben‟ schlüpfte er mit hinein; sah dort schlimme Dinge. Junge
Leute standen hintereinander, saßen auf Tischen und Kommoden herum
und tranken Bier, während sie abwarteten, bis sie an die Reihe kamen.
Einmal sah er, wie ein Weib, das schon fünfzig Jahre alt war, Jünglinge
empfing; ein andermal, wie sich ein Ehemann nach der Wand drehte,
während seine Frau empfing; dabei saßen Studenten auf dem Bettrand und
hielten das Licht. Die vielen andern, die nicht dazu gelangen konnten,
erschöpften ihre Manneskraft durch Gewalttätigkeiten. So hatten einige
eines Nachts einen Balken von fünfzehn Ellen genommen und damit ein
Holzhaus zu demolieren versucht. Es war vollständiger Wahnsinn.

Es jammern heute so viele über das harte Schicksal der Prostituierten,
weil sie glauben, Not und Verführung sind die einzigen Ursachen. Johan
fand dagegen während seines langen Junggesellenlebens kein einziges
Freudenmädchen, das sentimental gewesen oder sein Leben hätte ändern
wollen. Sie hatten es aus Geschmack gewählt, befanden sich wohl dabei,
waren alle vergnügt. Es waren beinahe alle Dienstmädchen, die ihre
Stellungen verlassen hatten, weil die ihnen zu langweilig waren. Von
dem Verführer sprachen sie nie anders als von dem Ersten; und einer
mußte doch der Erste sein. Daß sie untersucht wurden, war ihnen
natürlich nicht angenehm; aber der Rekrut wird auch untersucht. Um
wieviel berechtigter ist da nicht die hygienische Maßregel bei den
Frauen, welche die Krankheit verschulden; was die Männer nicht tun.

Allgemein und offen beklagte man sich darüber, daß der nächtliche
Schlaf durch Phantasien gestört wurde; und die verlorene Kraft
ersetzte man durch Punsch und Grog. Johan lebte äußerst nüchtern; zu
Mittag wurde nur Wasser getrunken; wenn er und Fritz am Sonntag ihre
halbe Flasche Bier nahmen, wurden sie halb berauscht, blieben bei Tisch
sitzen und erzählten einander zum hundertsten Male gemeinsame Abenteuer
aus der Schulzeit.

       *       *       *       *       *

Ein kleines Ereignis von ungewöhnlicher Beschaffenheit veranlaßte
Johan, seine Erfahrung auf einem Gebiet zu bereichern, das beinahe
luftdicht verschlossen ist. Es ist aber an der Zeit, es zu öffnen,
damit man die Frage erörtern kann. Eines Morgens im Anfang des
Semesters erhielten Johan und Fritz eine Visitenkarte mit der
Einladung, den Freund von X., Legationssekretär der ...schen
Gesandtschaft zu Stockholm, im Gasthaus zu besuchen.

-- Ist der hier? sagte Fritz. Dann gibt es ein feines Mittagessen!

-- Erinnerst du dich nicht, daß er uns zu besuchen versprach, wenn er
nach Upsala käme?

-- Ich glaubte, das hätte er vergessen.

Wie die feine Bekanntschaft geschlossen wurde? Im Sommer nach der
Studentenprüfung war Johan mit seinem Kreise in dem vornehmen
Restaurant Hasselbacken (Haselhöhe) im Stockholmer Tiergarten gewesen.
Dort wurden sie dem Legationssekretär von X. vorgestellt, der sich zu
ihnen gesetzt hatte. Es war ein älterer Mann mit seimigen Augen, dessen
Wesen aber recht gemütlich, herablassend war. Er trank mit den jungen
Leuten, von denen einige ihn aus den Gesellschaften beim Kammerherrn
kannten, Brüderschaft.

Man trank mehr, als man vertrug, und Herr von X. mußte aufbrechen. Er
nahm eine Droschke; Johan und Fritz begleiteten ihn. Unterwegs tauschte
sich Herr von X. eine Studentenmütze ein, die er sich aufsetzte; das
erregte allgemeine Aufmerksamkeit unter den Leuten auf der Straße.
Schließlich sagt von X.:

-- Kommt zu mir hinauf und trinkt ein Glas Champagner.

Johan nimmt dankend an, Fritz aber blinzelt mit den Augen und sagt nein.

-- Wir sind eingeladen, sagt er, und müssen erst nach Hause gehen, um
uns umzuziehen.

Johan macht Augen, aber Fritz tritt ihn auf den Fuß.

-- Wo wohnt ihr denn? Ich werde euch nach Hause bringen, sagt von X.

-- Brunkebergsmarkt Nummer 11, lügt Fritz.

Johan begriff nichts.

Die Droschke hält am Brunkeberg, und Fritz zieht Johan in den Torweg.

-- Was soll das bedeuten? fragt Johan.

-- Ach, das ist ein altes Schwein, sagte Fritz, und ich wollte ihn
loswerden.

Johan kam das etwas mystisch vor; doch wurde die Sache vergessen. Jetzt
wurde sie wieder hervorgeholt. Sie gingen ins Hotel, wo sie einen
Kameraden des alten Kreises trafen, der auch geladen war.

Man fuhr nach den Hügeln vor Upsala hinaus. In einem Buche stehen dort
noch ihre Namen eingeschrieben: eine zweideutige Erinnerung an eine
etwas schlecht gewählte Gesellschaft. Die Kameraden sind jetzt (1886)
tot, der feine Herr des Landes verwiesen, wie man sagt; allein Johan
ist noch etwas am Leben.

Man kehrte nach der Stadt zurück, um zu Mittag zu speisen, in einem
innern Zimmer des Restaurants. Champagner wurde auf Eis gelegt; das
Beste, was es gab, bestellt. Beim Champagner wurden Reden gehalten;
politische von den Jünglingen. Aber der alte Herr lächelte und teilte
Indiskretionen mit, von Kabinettsgeheimnissen, wie er behauptete. Das
war etwas Besonderes, Reichsgeheimnisse aus erster Hand zu erhalten.

Jetzt will Herr von X. die Tür zum öffentlichen Saal schließen; das
wird ihm jedoch untersagt. Studenten kommen und essen ihre halben
Portionen, während sie nach der lustigen Gesellschaft schielen. Man ist
berauscht und auf das Kapitel von ewiger Freundschaft gekommen; will
den Freund besuchen, wenn man ins Ausland reist; und so weiter. Herr
von X. umarmt und küßt sie auf die Backe; wie er behauptet, nach der
Sitte seines Landes.

Man bricht auf und geht ins „Flugloch‟, um Kaffee zu trinken. Herr von
X. will hineingehen; die Jünglinge aber wollen ihre feine Bekanntschaft
zeigen und deshalb draußen sitzen. Dabei bleibt es.

Jetzt scharen sich adelige Studenten um ihren Tisch, begrüßen Herrn
von X. als Bekannten, aber in scherzhafter Weise und lachen über seine
Gesellschaft.

-- Worüber lachen die? sagt Johan.

-- Wir sind natürlich bezecht.

Es wird Abend, und von X. will mit dem Zuge abreisen. Die Kameraden
begleiten ihn zum Bahnhof. Fritz und Johan bleiben auf dem Bahnsteig
stehen, aber ein anderer folgt ihm in den Wagen. Er kommt rücklings
wieder heraus und wirft die Tür zu, indem er schreit: Geh zur Hölle!

-- Das Aas wollte mich auf den Mund küssen! sagt er noch zitternd und
zieht die Kameraden mit sich durch die Volksmenge.

-- Was war das?

-- Das war seine Art, meint Fritz.

-- Nein, das ist ein Teufel, sagt der andere.

-- Hat er uns zum besten gehabt? fragt Johan. Deshalb lachten sie so im
„Flugloch‟.

Man kam zu keinem Ergebnis, fühlte sich aber betrogen und unbefriedigt.

Was war das? Es war die Geschichte von dem „Alten Herrn‟, die jeder
Jüngling wohl einmal erlebt hat. Johan erinnerte sich jetzt, daß beim
Küster in Vidala eine geheimnisvolle Geschichte erzählt wurde, von
einem Jungen, der von einem „alten Herrn‟ eine goldene Uhr und soviel
Geld, wie er wollte, bekam. Warum? Das wußte der Gewährsmann nicht.

       *       *       *       *       *

Das Semester kroch dahin, unerträglich langsam, ohne Ergebnis,
entnervend. Johan fühlte: bis hierher hatte er sich als Unterklasse
durchschlagen können, weiter aber nicht. Jetzt scheiterten seine Pläne
an einer Geldfrage. Oder war er dieses einseitigen Gehirnlebens ohne
Muskelarbeit müde? Kleine Erfahrungen, auf die er hätte gefaßt sein
müssen, taten das Ihrige, um ihn zu verbittern.

Eines Tages brachte Fritz einen jungen Grafen mit nach Haus. Fritz
stellte die Herren einander vor. Der Graf suchte sich zu erinnern, daß
sie in der Klaraschule Kameraden gewesen seien. Johan glaubte sich
auch daran zu erinnern. Die alten Freunde und Nebenmänner titulierten
einander Herr Graf und Herr.

Jetzt erinnerte sich Johan, wie er und der junge Graf in einer
Tabakscheune am Sabbatsberg gespielt hatten; wie Johan damals bei einer
Gelegenheit vorhergesagt: „In einigen Jahren, mein Lieber, kennen wir
uns nicht mehr‟. Der Graf hatte lebhaft widersprochen und sich verletzt
gefühlt.

Warum dachte Johan gerade jetzt an diesen Fall und nicht an so viele
andere, da es ja ganz natürlich ist, daß man einander entwächst,
wenn man lange nicht miteinander verkehrt hat? Weil er beim Anblick
des Adeligen das Sklavenblut kochen fühlte. Man hat geglaubt, der
Rassenunterschied habe diesen Haß erzeugt. Das kann aber nicht stimmen;
dann würde sich die stärkere Rasse der Unterklasse der schwächeren des
Adels überlegen fühlen. Es ist wohl ganz einfach Klassenhaß.

Der Graf war ein blasser magerer Jüngling, mit recht gewöhnlichen
Zügen, ohne Haltung; war recht arm und sah aus, als habe er gehungert.
Er hatte einen guten Kopf, war fleißig und durchaus nicht übermütig.
Später im Leben wurde er noch einmal Johan vorgestellt; da war er
ein freundlicher humaner Mann, der eine anspruchslose und stille
Beamtenlaufbahn eingeschlagen hatte, unter Schwierigkeiten, die denen
Johans glichen. Warum sollte er den hassen? Und sie lächelten zusammen
über den Unverstand der Jugend. Sie konnten damals lächeln, denn Johan
war gerade, was man „oben‟ nennt; sonst würde Johan wenigstens nicht
gelächelt haben.

„Steh auf, damit ich mich setzen kann,‟ so hat man mehr boshaft als
aufklärend das heutige Streben der unteren Klasse formuliert. Aber
man hat sich geirrt. Früher rieb man sich auf, um zu den andern
emporzukommen; jetzt will man die andern herunterziehen, um nicht mit
vieler Mühe nach oben klettern zu müssen, wo es kein oben gibt.

„Rück etwas, dann können wir beide sitzen,‟ müßte es eigentlich heißen.
Man hat gesagt, die jetzt oben sind, sind aus Notwendigkeit dahin
gekommen und würden unter allen Umständen dort sitzen; der Wettbewerb
sei frei; jeder könne hinaufkommen; und unter neuen Verhältnissen werde
der gleiche Wettlauf von neuem beginnen.

Gut, laß uns denn den Wettlauf von neuem beginnen; aber komm her und
stell dich hier unten auf, wo ich stehe, sagt die Unterklasse. Jetzt
hast du einen Vorsprung durch Kapital und Vorrechte; auch müssen wir
mit Wagengeschirr oder englischem Reitsattel gewogen werden, nach den
Forderungen der neueren Zeit. Daß du vorgekommen bist, beruht darauf,
daß du gemogelt hast! Das Wettrennen wird daher für ungültig erklärt,
und wir fangen von neuem an; falls wir uns nicht einigen, das ganze
Wettrennen zu lassen, als einen veralteten Sport vergangener Zeiten!

Fritz sah die Sache von einem andern Gesichtspunkt. Er wollte die
Oberen nicht in den Rock beißen, er wollte sich ihnen anpassen, zu
ihnen hinaufsteigen, ihnen ähnlich werden. Er fing an zu lispeln,
machte elegante Gebärden mit der Hand, grüßte wie ein Minister; warf
den Kopf, als ob er Zinsen beziehe. Aber er hütete sich, lächerlich
zu werden und ironisierte sich selbst und sein Streben. Die Sache
verhielt sich nun so, daß die Aristokraten, denen er gleichen wollte,
einfache, ungekünstelte, sichere Manieren hatten, einige sogar recht
bürgerliche, während Fritz nach einem alten Theatermodell arbeitete,
das nicht mehr vorhanden war. Er wurde darum auch im Leben nicht, was
er erwartet hatte, trotzdem er manchen Sommer auf den Schlössern seiner
Freunde verbrachte. Er endete auf einem recht bescheidenen Posten als
Beamter. Als Student wurde er ins Fremdenzimmer aufgenommen, weiter kam
er nicht; und der Amtsrichter wurde nicht vorgestellt in den Salons, in
die der Student gekommen war, ohne vorgestellt zu sein.

Die Wirkungen des verschiedenartigen Verkehrs begannen sich zu zeigen.
Zuerst Kälte, dann Feindschaft. Eines Nachts am Spieltisch kam es zum
Ausbruch.

Fritz hatte eines Tages gegen Ende des Semesters zu Johan gesagt:

-- Du mußt nicht mit solchen Duckmäusern verkehren!

-- Was haben sie denn für einen Fehler?

-- Keinen Fehler, aber du könntest mich lieber zu meinen Freunden
begleiten.

-- Wir gedeihen nicht zusammen!

-- Sie gedeihen doch mit mir; aber sie glauben, du seist hochmütig!

-- Ich?

-- Ja! Um zu zeigen, daß du es nicht bist, komm heute abend mit zum
Punsch.

Johan folgte ihm, aber widerstrebend.

Es waren sichere solide Juristen, die Karten spielten. Zuerst war es
Préférence. Man erörterte den Point, und es gelang Johan, den auf ein
Minimum herabzusetzen, obwohl die Herren saure Gesichter machten.

Dann wurde Tippen vorgeschlagen. Johan sagte, er spiele niemals Tippen.

-- Aus Grundsatz? fragte man.

-- Ja, antwortete er.

-- Wann hast du diesen Grundsatz angenommen? fragte Fritz giftig.

-- Jetzt!

-- Eben? Hier?

-- Ja, eben, hier! antwortete Johan.

Ein gehässiger Blick wurde gewechselt. Damit war es aus. Sie gingen
schweigend heim; legten sich schweigend zu Bett; standen schweigend
wieder auf. Sie aßen fünf Wochen lang mittags am selben Tisch,
schweigend, und sie sprachen nicht mehr. Die Kluft hatte sich
geöffnet, die Freundschaft war aus, der Verkehr war zu Ende, eine
Beziehung zwischen ihnen war nicht mehr vorhanden.

Wie kam das?

Ihre entgegengesetzten Naturen waren fünf Jahre lang durch Gewohnheit,
Klassenzimmer, Interesse zusammengehalten, von gemeinsamen
Erinnerungen, Niederlagen, Siegen zueinander gezogen worden. Es war
ein Kompromiß zwischen Feuer und Wasser, der aufhören mußte und
jeden Augenblick aufhören konnte. Er platzte nun auch wie ein Schuß;
die Masken fielen; sie wurden nicht Feinde, sondern entdeckten ganz
einfach, daß sie geborene Feinde seien; das heißt, zwei verschieden
geschaffene Naturen, die nach verschiedenen Richtungen strebten.
Man stellte kein Konto auf unter Zänkereien und anzüglichen
Beschuldigungen, sondern machte ein Ende, ohne daran zu denken. Es ging
von selbst.

Es war ein unheimliches Schweigen oft am Mittagstisch, wo sich die
Hände kreuzten, während die Blicke einander auswichen. Manchmal
bewegten sich Fritzens Lippen, als wollten sie sprechen, aber der
Kehlkopf arbeitete nicht. Was sollte man sagen? Sie hatten nichts zu
sagen, nichts anderes, als das Schweigen sagt: zwischen uns ist es aus!

Und doch war noch etwas da! Bald konnte Fritz abends nach Haus kommen;
aufgeräumt und sichtlich in der Absicht, zu sagen: komm mit und heitere
dich auf, alter Freund; blieb aber mitten im Zimmer stehen, von Johans
Kälte erstarrt, um dann wieder zu gehen. Bald überkam es Johan, der
unter dem Bruche litt, zum Freunde zu sagen: wie dumm sind wir doch!
Dann aber erfror er wieder, wenn er dessen weltmännische Art sah.

Sie hatten die Freundschaft dadurch verbraucht, daß sie zusammenzogen.
Sie konnten einander auswendig; der eine kannte des andern Geheimnisse
und Schwächen; wußte, was der andere auf seine Anrede antworten würde.
Es war aus!

Eine elende, entnervende Zeit folgte. Losgerissen aus dem Zusammenleben
der Schule, wo er wie der Teil einer Maschine gesessen und in
gemeinsamer Arbeit mit den andern Teilen tätig gewesen, hörte er jetzt,
sich selbst überlassen, auf zu leben. Ohne Bücher, Zeitungen, Verkehr
wurde er leer; denn das Gehirn produziert sehr wenig, vielleicht
nichts, und zum Kombinieren muß es Material von außen haben. Es
kam aber nichts von außen, die Kanäle waren verstopft, die Wege
abgeschnitten; seine Seele hungerte.

Zuweilen nahm er Fritzens Bücher und blickte hinein. Darunter fand er
zum ersten Male Geijers Geschichte. Geijer war ein großer Name, war
ihm nur bekannt durch die schlechten Gedichte: „Köhlerknabe, Letzter
Kämpe, Wiking‟ und andere. Jetzt wollte Johan den Historiker lesen.
Er las den Teil über Gustav Wasa. Er war erstaunt, weder einen großen
Gesichtspunkt noch neue Aufschlüsse zu finden. Und der Stil, von dem
man damals viel sprach, war alltäglich. Sie glich einer Gedächtnisrede,
diese kurze Geschichte der Regierung eines so lange lebenden Königs.
Und summarisch war sie auch, wie ein richtiges Lehrbuch. In kleiner
Schrift und ohne Anmerkungen gedruckt, hätte die ganze Regierung dieses
schöpferischen Königs nur eine Broschüre gebildet.

Johan fragte eines Tages die Kameraden, was sie von Geijer hielten. --
Der ist jämmerlich, antworteten sie. -- Das war damals die allgemeine
Ansicht, als noch keine Jubiläums- und Denkmalsrücksichten einen daran
hinderten, seine Meinung auszusprechen.

Dann warf er einen Blick in die Grundgesetze. Huh! Es war schauerlich,
so etwas lernen zu müssen! Durch Elternhaus und Christentum hatte
Johan einen solchen Unwillen gegen alles bekommen, was allgemeine
Interessen betraf. Auch hatte er unaufhörlich den alten Satz gehört,
die Jugend solle sich nicht mit Politik befassen, das heißt, mit dem
allgemeinen Wohl. Durch den Individualismus des Christentums, mit
dessen ewigem Wühlen im eigenen Ich und dessen Gebrechen, war er aus
Konsequenz Egoist geworden. „Wenn jeder seine Arbeit tut...‟, war ja
das erste Gebot der christlichen Egoistenmoral. Darum las er auch nicht
Zeitungen, kümmerte sich nicht darum, wer regierte und wer regiert
wurde; was sich draußen in der Welt zutrug; wie sich die Schicksale der
Völker gestalteten; was die großen Geister der Zeit dachten.

Darum kam es ihm auch nie in den Sinn, die Sitzungen der
Landsmannschaften zu besuchen, auf denen allgemeine Angelegenheiten
behandelt wurden. Das besorgen sie wohl allein, meinte er. Und er
war nicht der einzige, der so dachte. So wurden die Sitzungen der
Landsmannschaften von einigen flinken Kerlen geleitet, die vielleicht
mit Unrecht für Egoisten galten, die das allgemeine Interesse für
ihr eigenes benutzten. Johan, der die Angelegenheiten der kleinen
Gesellschaft gehen ließ, wie sie gingen, war wohl ein größerer Egoist,
da er sich mit den Privatangelegenheiten seiner Seele beschäftigte.
Doch zu seiner Entschuldigung und zu der vieler Landsleute muß gesagt
werden, daß er schüchtern war. Aber diese Schüchternheit hätte die
Schule durch Übungen in öffentlichem Auftreten und Unterricht im
Reden aufheben sollen. In der Schüchternheit lag doch auch Feigheit:
die Furcht vor Widerspruch, Gelächter; am meisten aber fürchtete
man, für frech gehalten zu werden; und jeder junge Mann, der sich
hervortun wollte, wurde sofort geduckt, denn hier herrschte die
Altersaristokratie in hohem Grade.

Wenn die Kammer ihm zu schwül wurde, ging er vor die Stadt. Aber die
furchtbare Landschaft mit ihrem endlosen Lehmboden machte ihn traurig.
Er war kein Bewohner der Ebene, sondern hatte seine Wurzeln in dem
durchschnittenen Gelände und der von Wasserzügen belebten Natur der
Stockholmer Gegend. Er litt unter der Landschaft von Upsala und hatte
eine Art Heimweh nach seiner eignen Landschaft. Als er Weihnachten nach
Hause kam und die lächelnden Strandkonturen der Brunnenbucht sah, wurde
er bis zur Empfindsamkeit gerührt; sein Auge ruhte auf den weichen
Laubwaldlinien des Hagaparkes, bis er seine Seele wieder gestimmt
fühlte, nachdem sie lange unharmonisch gewesen. So abhängig war sein
Nervenleben von der Umgebung.

Als eine kleinere Stadtgemeinde müßte die Kleinstadt Upsala ihn mehr
angesprochen haben als die Großstadt, die er haßte. Wäre die Kleinstadt
wirklich eine entwickelte Form des Dorfes, unter Beibehaltung der
einfachen Mittel des Landes für Gesundheit und Wohlbefinden, mit
Stücken der Landschaft zwischen den Häusern, so wäre sie vorzuziehen.
Jetzt ist die Kleinstadt eine dürftige, anspruchsvolle Kopie des
Irrtums der Großstadt: darum ist sie so widrig.

In Upsala war auch alles kleinstädtisch. Dieses unaufhörliche Erinnern
an die Landsmannschaft: -- Mein Name ist Peterson, Ostgote. -- Ich
heiße Andersson, Småländer. -- Und dann der Rangneid zwischen den
Landsmannschaften. Die Stockholmer hielten sich für die erste, wurden
deshalb von den „Bauern‟ beneidet und verachtet. Welche war die erste?
Darüber wurde viel gestritten. Große Männer hatten die Wermländer, in
deren Saal Geijers Porträt hing, und die Småländer, die Tegnér und
Linné besaßen, hervorgebracht. Die Stockholmer, die nur Bellman hatten,
wurden „Rinnsteinjungens‟ genannt. Das war nicht sehr witzig, besonders
da es von einem Studenten aus Kalmar kam; dem wurde denn auch mit der
Frage geantwortet, ob es in Kalmar keine Rinnsteine gebe. Die Kalmarer
hatten sich von den Småländern losgelöst und besaßen zwei Zimmer für
sich. Besonders entwickelte sich der Lokalpatriotismus, wenn es sich
darum handelte, die Vertreter der Studentenschaft zu wählen.

Auch wie sich die Professoren durch Zeitungsartikel und Pamphlete um
die Beförderung zankten, das hatte etwas Klatschnestartiges an sich;
dabei entschied der Kanzler der Universität, der in Stockholm saß,
doch in letzter Hand, wer auf den Lehrstuhl berufen werden solle. Man
sprach auch von sonderbaren Berufungen. Die Übergangenen wurden oft auf
eigentümliche Art getröstet; so wurde einer, der Dozent der Ästhetik
war, zum Kommerzienrat und Ritter des Nordsternordens ernannt.

Die Universität von Upsala hatte 1867 keinen einzigen hervorragenden
Lehrer, der sich über die Menge erhoben hätte. Einige waren alt und
geradezu heruntergekommene Grogonkels. Andere waren junge unerprobte
Dilettanten, die durch ihre Frauen und Talentchen weitergekommen waren.
Der einzige, der ein gewisses Ansehen genoß, war Swedelius. Mehr
jedoch wegen seiner humanen gutmütigen Art und der Anekdoten, die er
in Umlauf setzte, als wegen seines Geistes. Seine gelehrte Tätigkeit
beschränkte sich darauf, Lehrbücher und Gedächtnisreden zu verfassen;
beide in einem derben überschwedischen Tone; sie waren weder streng
wissenschaftlich, noch verrieten sie selbständige Forschung.

Im großen ganzen war alles, was gelesen wurde, vom Ausland geholt,
am meisten aus Deutschland. Die Lehrbücher der meisten Fächer waren
in deutscher oder französischer Sprache verfaßt. In englischer
dagegen selten, denn die konnte man nicht. Selbst der Professor der
Literaturgeschichte konnte die englische Aussprache nicht; er begann
seine Vorlesungen immer damit, daß er sich deswegen entschuldigte.
Daß er die Sprache kenne, brauchte er nicht zu erklären, da man seine
Übersetzungen englischer Dichtungen kannte. Aber warum lernt er nicht
die Aussprache? fragten sich die Studenten. Die meisten Doktorschriften
waren nur schlechte Bearbeitungen aus dem Deutschen; sogar Fälle
direkter Übersetzung kamen vor und veranlaßten Skandale.

Das war jedoch für die Epoche nicht bezeichnend, denn eine schwedische
Bildung gibt es ebensowenig wie eine belgische, eine schweizerische
oder eine ungarische, trotzdem es einen Linné und einen Berzelius gab,
von denen aber keiner in Schweden einen Nachfolger erhalten hat.

       *       *       *       *       *

Johan litt unter dem Mangel an Unternehmungslust. Die Schule hatte
ihm Arbeit in die Hände gegeben. Die Universität überließ alles ihm
selber. Mutlosigkeit und Trägheit ergriffen ihn. Gequält von dem
Gedanken, was er anfangen solle, wenn dieses Vierteljahr zu Ende war,
faßte er den Entschluß, eine Anstellung zu suchen, die ihm Brot geben
könne.

Von einem Kameraden hatte er gehört, daß man Volksschullehrer auf dem
Lande werden könne, ohne eine Prüfung bestanden zu haben; auf einer
solchen Stelle könne man leben. Es war Johans Traum, auf dem Lande zu
leben. Er hatte einen angeborenen Widerwillen gegen die Stadt, obwohl
er in der Hauptstadt geboren war. Er konnte sich nicht in dieses Leben
ohne Licht und Luft finden; nicht gedeihen auf diesen Straßen und
Märkten. Die waren wie dazu gemacht, die äußeren Zeichen zu Markt zu
bringen, die das Steigen oder Fallen auf der sinnlosen sozialen Skala
angeben, auf der Nebensachen wie Kleider und Benehmen soviel bedeuten.
Johan hatte die Kulturfeindschaft im Blut, fühlte sich immer als ein
Produkt der Natur, das sich von dem organischen Zusammenhang mit der
Erde nicht lösen lassen will. Er war eine wilde Pflanze, die vergebens
mit ihren Wurzeln nach einer Metze Erde zwischen den Straßensteinen
sucht; ein Tier, das sich nach dem Walde sehnt.

Es gibt einen Fisch, der auf Bäume klettert; der Aal kann aufs Land
gehen, um das Erbsenfeld zu besuchen: beide aber kehren immer wieder
ins Wasser zurück. Die Hühner sind schon so lange zu Haustieren
gemacht, daß die Vorfahren ausgestorben sind, aber dennoch hat der
Vogel die Gewohnheit behalten, auf einem Pflock zu schlafen. Das ist
der Nachtzweig des Auerhuhns und Birkhuhns. Die Gänse werden unruhig im
Herbst, denn ihr Blut erinnert sich daran, daß es Zugzeit ist. Besser
steht es nicht um die Anpassung! Strebt immer zurück!

So ist es auch mit dem Menschen. Der Bewohner des Nordens hat sich
nicht, die Gewohnheiten der Kultur beibehaltend, dem nördlichen Klima
anpassen können; darum ist Lungenentzündung eine nordische Krankheit.
Magen, Nerven, Gehirn, Haut können sich anpassen, aber die Lungen
nicht. Der Eskimo dagegen, der auch ein Südländer ist, hat sich dem
Eise angepaßt, mußte dabei aber die Kultur aufgeben. Und die Sehnsucht
des Nordländers nach dem Süden? Was ist die anders als ein Streben,
wieder in seine erste Umgebung zu kommen, in ein sonnigeres Land, an
die Ufer des Ganges, wo die Wiege stand. Und des Kindes Widerwillen
gegen Fleischnahrung, sein Verlangen nach Früchten, seine Neigung
zum Klettern: lauter Zurückstreben! Darum ist die Kultur: leben in
ewiger Spannung, in einem ewigen Kampfe gegen Rückgang. Durch die
Erziehung wird die Uhr aufgezogen; ist aber die Feder nicht stark
genug, so springt sie, und die ganze Maschinerie schnurrt ab, wieder
zurück, bis Ruhe eintritt. Je größer die Kultur wird, desto größer die
Spannung, und die statistischen Darstellungen des Wahnsinns zeigen
immer mehr Ziffern in der Kolumne. Man kann gegen den Kulturstrom nicht
anstreben, aber man kann sich aufs Land retten. Der Sozialismus, der
jetzt (1886) kommt und die Oberklasse mit ihrem wertlosen „Höher‟,
das einen verlockt, in die Höhe zu streben, abfieren will, ist eine
Bewegung in zurückgehender gesunder Richtung. Die Spannung muß sich ja
vermindern, wenn sich der Druck vermindert. Aber damit wird ein großer
Teil Luxuskultur abgeschafft werden. In gewissen Gegenden der deutschen
Schweiz hat sich bereits verhältnismäßige Ruhe eingefunden. Da jagt
man nicht unruhig nach Ehrenstellen und Auszeichnungen, weil es die
nicht gibt. Ein Millionär wohnt in einer größeren Hütte und lacht den
geschnürten und geputzten Städter aus; lacht ein gutes Lachen und nicht
neidisch bitter, denn er weiß, er könnte diesen Putz gegen bar kaufen,
wenn er nur wollte. Aber er will nicht, denn seine Nachbarn schätzen
den Luxus nicht.

Die Menschen können also glücklicher werden, wenn das Jagen nicht mehr
so hitzig ist; und sie werden glücklicher werden, denn das Glück ist
wohl hauptsächlich Friede, weniger Arbeit und weniger Luxus. Nicht die
Eisenbahnen sind zu tadeln, sondern das übermäßige Anlegen von Bahnen;
in der arkadischen Schweiz hat man schon Gegenden mit Bahnen ruiniert,
in denen nichts zu verfrachten ist und die Passagiere zu Fuß gehen. Ja,
man zählt noch heute die Entfernungen nach der Fußwanderung. -- Es sind
acht Stunden nach Zürich, sagt man. -- Acht? Das ist nicht möglich! --
Doch, das ist sicher. -- Auf der Bahn? -- Ach so, auf der Bahn, da sind
es wohl nur anderthalb.

In Schweden gibt es eine Bahn, die regelmäßig drei Passagiere in ihren
drei Klassen hat: Fabrikbesitzer, Verwalter, Buchhalter. Vielleicht
erleben wir's, daß man anfängt die Bahnhöfe zu schließen aus Mangel
an Kohlen, wenn die Grubenstreiks die Preise erhöht haben; aus Mangel
an Schaffnern, wenn die Löhne gestiegen sind; und aus Mangel an
Frachten, wenn Hafer und Holz nicht mehr ausgeführt werden können. Das
Eisen ist schon zu teuer, um die Bahn zu benutzen, und muß die alten
Wasserstraßen aufsuchen.

Die Predigt gegen die Kultur hilft nicht; das weiß man wohl; wenn man
aber die Bewegungen der Zeit verfolgt, wird man sehen, daß ein Rückgang
zur Natur im Gange ist; wird bereits mit dem von Turgenjew eingeführten
Wort „Vereinfachung‟ bezeichnet. Es ist der Irrtum der Evolutionisten,
daß sie in allem, was sich in Evolution oder Bewegung befindet, einen
Fortschritt zum Glück der Menschheit sehen; denn sie sehen nicht, daß
sich eine Krankheit auch zur Krisis, Genesung oder Tod, entwickelt.

Welch loses Anhängsel ist doch die Kultur! Mach einen Adeligen
betrunken, und er wird ein Wilder werden; laß ein Kind ohne Erziehung
in den Wald (angenommen, es kann sich dort ernähren), und es wird
nicht einmal sprechen lernen. Aus einem Bauernjungen, der so niedrig
stehen soll, kann man (in derselben Generation also) einen Gelehrten,
Minister, Erzbischof, Künstler machen. Hier kann man nicht von
Vererbung sprechen, denn der Bauer, der Vater, der auf einem für
niedrig geltenden Standpunkt stehen geblieben ist, hat doch nichts
von veredelten Gehirnen erben können. Und die Kinder der Genies sind
gewöhnlich nichts anderes als ausgebrannte Gehirne; oft bleibt eine
gewisse Meisterschaft im Beruf des Vaters; die ist jedoch meist durch
täglichen Verkehr mit dem Vater erworben.

Die Stadt ist die Feuerstätte, die das lebendige Brennholz vom Lande
verschlingt; um die jetzige soziale Maschinerie im Gang zu halten,
das ist wahr; aber dieses Brennmaterial wird auf die Dauer zu teuer,
und darum wird die Maschine stehen bleiben. Die künftige Gesellschaft
wird diese Maschine nicht brauchen, um arbeiten zu können; oder es
wird gehen, indem man Brennmaterial spart. Aber von dem Bedürfnis der
gegenwärtigen Gesellschaft auf das der künftigen zu schließen, ist ein
Fehlschluß.

Die jetzige Gesellschaft ist vielleicht ein Naturprodukt, aber ein
unorganisches; die künftige Gesellschaft wird erst ein organisches
Produkt, also ein höheres, werden, weil sie den Menschen nicht von den
ersten Grundbedingungen für ein organisches Dasein löst. Es wird der
gleiche Unterschied werden wie zwischen Steinstraße und Wiese.

       *       *       *       *       *

Die Träume des Jünglings verließen oft die künstliche Gesellschaft, um
die Natur aufzusuchen. Die Gesellschaft war zustande gekommen, indem
die Menschenhand den Naturgesetzen Gewalt angetan hatte. Man kann eine
Pflanze vergewaltigen, indem man sie unter einem Blumentopf bleicht;
man bringt dann zwar ein für den Menschen nützliches Salatgewächs
hervor, verdirbt aber die Pflanze als Pflanze in ihrer Fähigkeit,
gesund zu leben und sich fortzupflanzen. Der Kulturmensch ist eine
solche Pflanze, ist durch Kunstbleiche für die gebleichte Gesellschaft
nützlich gemacht, aber unglücklich und ungesund als einzelner. Soll
denn das Bleichen immer weiter gehen, damit die morsche Gesellschaft
bestehen bleibt? Soll der einzelne unglücklich leben, um eine ungesunde
Gesellschaft aufrecht zu erhalten? Und kann die Gesellschaft gesund
sein, wenn die einzelnen krank sind? Der einzelne kann wohl nicht
verlangen, daß die Gesellschaft seinetwegen geopfert wird; aber +die+
einzelnen oder die Mehrheit haben das Recht, Änderungen im Zustand
der Gesellschaft zu fordern, damit sie sich wohlbefinden; denn die
Gesellschaft, das sind sie ja selber!

Auf dem Lande mit seinen einfacheren Verhältnissen glaubte Johan in
einer unbemerkten Stellung gedeihen zu können, ohne es zu spüren, daß
er gesunken oder herabgestiegen sei. In der Stadt dagegen nicht, denn
dort wurde er unaufhörlich an die Höhe und den Fall erinnert. Gutwillig
herabsteigen, ist nicht peinlich, wenn die Zuschauer nur überzeugt
werden können, daß es gutwillig geschieht; fallen aber ist bitter,
zumal ein Fall immer mit Applaus von den unten Stehenden begrüßt
wird. Steigen oder Emporstreben, seine Stellung verbessern ist ein
Gesellschaftstrieb geworden; der Jüngling wurde davon getrieben, obwohl
er nicht immer einsah, daß das Empor auch höher führe.

Johan wollte jetzt ein Ergebnis haben, ein Leben in Tätigkeit
finden, das ihn ernährte. Er sah die vielen Anzeigen der offiziellen
„Postzeitung‟ durch, in denen Volksschullehrer verlangt werden. Da
waren Stellen mit 300 Kronen, 600 Kronen, Wohnung, Kuhweide, Garten.
Er bewarb sich um die eine Stellung nach der andern, bekam aber keine
Antwort.

Als das Semester um war und die 80 Kronen verzehrt waren, fuhr er nach
Hause, ohne zu wissen, wohin er sich wenden, was er werden, wovon er
leben solle. Er hatte in den Vorhof hineingeblickt, um zu sehen, daß
dort kein Platz für ihn war.



12.

+Unten und oben+.

(1867-68)


Hast du jetzt ausgelernt? Mit solchen und ähnlichen Fragen wurde er
ironisch bei der Heimkehr begrüßt. Der Vater nahm die Sache ernster
und versuchte Pläne zu machen, ohne einen durchführen zu können. Johan
war Student; das war eine Tatsache, aber was weiter? Es war Winter,
und so konnte nicht einmal die weiße Studentenmütze dem Jüngling einen
mildernden Glanz verleihen oder der Familie Ehre gewähren. Man hat
gesagt, der Krieg würde aufhören aus Mangel an Offizieren, wenn man
ihnen die Uniformen nehme; sicher ist, daß nicht so viele Studenten
würden, wenn sie nicht das äußere Abzeichen trügen. In Paris, wo es
nicht gebräuchlich ist, verschwinden die Studenten in der Menge;
niemand macht ein Geschäft aus ihnen. In Berlin dagegen drängen sie
sich als ein bevorrechtigter Stand neben die Offiziere. Darum ist auch
Deutschland ein Doktorenland und Frankreich ein Mitbürgerland.

Der Vater sah nun, daß er einen Taugenichts für die Gesellschaft
erzogen, der nicht zu graben vermochte, sich vielleicht aber nicht
schämte zu betteln. Die Welt stand dem Jüngling offen, darin zu
verhungern, darin unterzugehen. Seinen Plan, Volksschullehrer zu
werden, billigte der Vater nicht. Welch ein geringes Ergebnis von
soviel Arbeit! Alle seine ehrgeizigen Träume würden auch unter
einem solchen Herabsteigen leiden. Volksschullehrer, das war ja wie
Unteroffizier; Unterklasse ohne Hoffnung auf Steigen; und gestiegen
mußte werden, solange alle andern stiegen; gestiegen muß werden, bis
man sich den Hals bricht, solange die Klassen- und Ranggesellschaft
existiert. Johan hatte die Studentenprüfung nicht machen dürfen, um
sich Kenntnisse zu erwerben, sondern um Oberklasse zu werden; und
jetzt stand er doch im Begriff, Unterklasse zu werden!

Es wurde ihm peinlich zu Hause; er glaubte Gnadenbrot zu essen, als
Weihnachten vorüber war und er nicht länger als Gast gelten konnte. Da
trifft er eines Tages zufällig auf der Straße einen bekannten Lehrer,
den er lange nicht gesehen hat. Sie sprechen von der Zukunft, und
der Freund schlägt Johan die Stockholmer Volksschule als einen guten
Lebensunterhalt vor, während man für den Doktor arbeitet; da habe man
einen Gehalt von tausend Kronen und sei täglich um ein Uhr frei.

-- Überall, nur nicht in Stockholm, meint Johan.

-- Oh, es sind mehrere Studenten an der Volksschule angestellt.

-- Wirklich? Dann hat man ja Leidensgenossen!

-- Ja, und einer ist früher Lehrer an der Neuen Elementarschule gewesen.

Johan ging hin, meldete sich an und wurde angestellt, mit 900 Kronen.
Der Vater billigte den Entschluß, als er hörte, daß Johan dabei für den
Doktor arbeiten könne. Johan versprach, sich im Elternhaus in Pension
zu geben.

       *       *       *       *       *

An einem Wintermorgen um halb acht Uhr ging Johan von der
Nordzollstraße nach Klara hinunter. Ganz wie er im Alter von acht
Jahren getan hatte. Dieselben Straßen, dieselben Klaraglocken. Und in
der untersten Klasse. Es war eine Strafarbeit, die elf Jahre alt war!
Ebenso furchtsam, ja noch furchtsamer, zu spät zu kommen, trat er in
die große Klasse ein, in der er nebst zwei Lehrerinnen über einhundert
Kinder unterrichten sollte. Und da saßen sie jetzt, dieselben Kinder
wie von Jakob, aber in jüngerer Auflage. Häßlich, verkrümmt, blaß,
hungrig, kränklich; mit niedergeschlagenen Gesichtern, groben Kleidern,
schweren Schuhen. Das Leiden, am meisten vielleicht +das+ Leiden,
daß andere es besser haben und daß sie es immer besser haben werden,
denn das glaubte man damals, hat aufs Gesicht der Unterklasse diesen
hoffnungslosen Zug gedrückt, den weder die religiöse Resignation noch
die Hoffnung auf den Himmel austilgen kann. Mit bösem Gewissen flieht
die Oberklasse vor ihnen, baut ihre Häuser außerhalb der Stadt und
überläßt es der Armenpflege, mit diesen Ausgestoßenen in persönliche
Berührung zu treten.

Das Kirchenlied wurde gesungen, das Vaterunser gebetet; alles war noch
ebenso wie früher, nichts hatte Fortschritte gemacht; nur die Bänke
waren gegen Stühle und Tische ausgetauscht und das Zimmer war hell und
luftig. Johan mußte die Hände falten und das Kirchenlied mitsingen.
Sofort wurde seinem Gewissensfrieden Gewalt angetan.

Das Gebet war zu Ende und der Rektor kam. Er sprach etwas väterlich zu
Johan. Es war also ein Vorgesetzter, Vorschläge und Ratschläge wurden
ihm mitgeteilt. Diese Klasse sei die schlechteste und der Lehrer müsse
streng sein.

So führte denn Johan seine Klasse in ein besonderes Zimmer, um die
Stunde zu beginnen. Das Zimmer glich auf ein Haar der Vorschule von
Klara, und dort stand das furchtbare Katheder mit den Treppenstufen,
das einem Schafott glich und rotgebeizt war, als sei es mit Blut
besudelt. Und dann bekam er einen Stock in die Hand, mit dem er bald
aufklopfen, bald schlagen sollte. -- Er sollte schlagen! Er besteigt
das Blutgerüst. Er war diesen dreißig Knaben- und Mädchengesichtern
gegenüber schüchtern, die spähend in seinem Gesicht zu lesen suchten,
ob er schwierig sei.

-- Was habt ihr aufbekommen? fragte er.

-- Das erste Gebot! schrie die ganze Klasse.

-- Nein, nur einer darf antworten! Du dort rechts: wie heißest du?

-- Hallberg, schrie die ganze Klasse.

-- Nein, nur einer soll antworten: den ich frage.

Die Kinder kicherten.

-- Der ist nicht gefährlich, meinten sie.

-- Nun, wie lautet das erste Gebot? fragte Johan den, der ganz rechts
saß.

-- Du sollst keine Götter haben neben mir!

Das konnte er also.

-- Was ist das? fragte er von neuem, indem er versuchte, so wenig
Betonung wie möglich auf „das‟ zu legen.

Das ging auch.

Darauf fragte er fünfzehn Kinder das gleiche, und eine Viertelstunde
war vergangen. Johan dachte, das ist idiotisch. Was sollte er jetzt
machen? Von Gott sprechen, was er wußte? Aber auf dem damaligen
Standpunkt der Forschung war man bescheiden dabei stehen geblieben, daß
man nichts von Gott wisse. Johan war Theist und glaubte wohl noch an
einen persönlichen Gott, aber etwas Näheres konnte er nicht über ihn
sagen. Am liebsten hätte er Christi Gottheit angegriffen, dann aber
wäre er entlassen worden.

Eine Pause entstand. Es war unheimlich still, während er über seine
falsche Stellung und die Albernheit im Unterrichten nachdachte. Wenn
er jetzt hätte sagen dürfen, man wisse nichts von Gott, so wäre der
ganze Katechismus und die ganze Biblische Geschichte überflüssig
gewesen. Daß sie nicht stehlen durften, das wußten sie; und daß sie
nicht lügen durften, auch. Warum denn soviel Wesen davon machen? Er
bekam eine tolle Lust, freundlich gegen die Kinder zu sein und sie wie
Mitschuldige zu nehmen.

-- Nun, was sollen wir jetzt tun? fragte er.

Der eine guckte den andern an und die ganze Klasse kicherte.

-- Der Lehrer ist aber nett, dachten sie.

-- Was pflegt der Lehrer zu tun, wenn er die Aufgabe überhört hat?
fragte er den Ersten.

-- Er pflegt sie zu erklären, antwortete der und noch einige.

Freilich konnte Johan Entstehung und Geschichte des Gottesbegriffes
erklären, aber das durfte er ja nicht.

-- Ihr könnt euch rühren, sagte er, aber ihr dürft nicht schreien.

Die Kinder sahen ihn an und er sie. Sie lächelten sich gegenseitig zu.
-- Findet ihr nicht auch, daß dies idiotisch ist? hatte er auf den
Lippen; es nahm aber keine konkretere Form an als im Lächeln.

Aber Johan wurde bald ernst, als er sah, daß sie ihn auslachten. Diese
Methode geht nicht, dachte er.

Er bat sich Ruhe aus und begann das Gebot noch einmal durchzugehen, bis
alle eine Frage bekommen hatten. Nach unerhörten Anstrengungen wurde
die Uhr wirklich neun, und die Stunde war aus.

Jetzt versammelten sich die drei Abteilungen der Klasse wieder in
dem großen Saal, um sich bereitzumachen, auf den Hof zu gehen und
frische Luft zu schöpfen. Bereitmachen ist das richtige Wort, denn
eine so einfache Sache, wie auf den Hof gehen, erforderte eine lange
Vorbereitung. Eine genaue Beschreibung würde einen Druckbogen füllen
und vielleicht zu den modernen Karikaturen gezählt werden; wir müssen
uns mit einer Andeutung begnügen.

Zuerst mußten alle einhundert Kinder stillsitzen, regungslos, absolut
regungslos auf ihren Stühlen sitzen und still, absolut still sein, als
sollten sie photographiert werden. Die ganze Schar sah einen Augenblick
vom Katheder aus wie ein grauer Teppich mit hellen Mustern; aber im
nächsten Augenblick bewegte einer den Kopf; die Wirkung war verdorben;
das Opfer mußte aus seiner Reihe treten und sich an die Wand stellen.
Das Ensemble war gestört, und es mußte noch oft geklopft werden, ehe
die zweihundert Arme parallel auf der Tischplatte lagen und die hundert
Köpfe im rechten Winkel zum Schlüsselbein saßen. Als die Ruhe beinahe
wieder eingetreten war, begann ein neues Klopfen, welches das Absolute
forderte. Aber im selben Augenblick, in dem das Absolute eintreten
sollte, wurde ein Muskel müde, erschlaffte ein Nerv, ließ eine Sehne
nach. Wieder Auflösung, Schläge, Geschrei und neue Arbeit am Absoluten.
Es endete gewöhnlich damit, daß die Lehrerin (die Lehrer trieben es
nicht bis ins Absolute) ein Auge zumachen und tun mußte, als sei es
absolut.

Jetzt trat der wichtige Augenblick ein, da die hundert auf ein neues
Klopfen von ihren Plätzen aufstehen sollten, um sich auf den Boden
zu stellen; aber nichts weiter. Das war ein heikler Augenblick:
Schiefertafeln polterten und Lineale klapperten. Sie mußten sich wieder
setzen. So saßen sie wieder und mußten die Übung von neuem beginnen,
indem sie absolut still sitzen sollten.

Waren sie wirklich auf die Beine gekommen, so begann der Marsch nach
dem Hof in Abteilungen, aber auf Zehen, absolut. Sonst mußte man
wieder umkehren und sich wieder setzen, und wieder aufstehen. Und so
weiter, und so weiter. Oh! Sie mußten auf Zehen gehen, in Schuhen mit
Holzsohlen, in feuchten Stiefeln, in Schuhen mit Pechnaht. Das war
ein großer Mißgriff: er erzog die Jugend zum Schleichen und gab ihrem
ganzen Auftreten etwas Katzenhaftes, Hinterlistiges.

Auf dem Hofe mußte der Lehrer jetzt die Trinkenden in eine gerade
Linie vor die Wasserleitung stellen, die sich beim Eingange befand;
gleichzeitig die Abtritte beaufsichtigen, die auf der andern Seite des
langen Hofes lagen; außerdem Spiele anordnen und die Spiele mitten auf
dem Hofe überwachen.

Darauf wurden die Kinder wieder aufgestellt und marschierten hinein.
Kamen sie nicht still hinein, so mußten sie wieder hinausgehen. Oh!

Dann begann eine neue Stunde. Ein vaterländisches Lesebuch wurde
gelesen, dessen Zweck hauptsächlich darauf hinauszugehen schien, den
Kindern Ehrfurcht vor der Oberklasse und vor Schweden einzupflanzen.
Schweden sollte das beste Land von Europa sein, obwohl es in
klimatischer und wirtschaftlicher Hinsicht eines der schlechtesten ist;
obwohl seine Kultur vom Ausland entlehnt ist und alle seine Könige
von ausländischer Geburt sind. Solche Lehren wagte man den Kindern
der Oberklasse in der Klaraschule und der Privatlehranstalt nicht zu
bieten. Doch in der Jakobischule hatte man den Mut, die armen Kinder
ein Lied vom Herzog von Östergötland singen zu lassen, in dem sich
eine Strophe an die Mannschaft der Flotte wandte und ihr Siege in
erwünschten Schlachten versprach: der Sieg sei selbstverständlich, denn
„Prinz Oskar führt uns an‟.

Gleich am Anfang der Stunde kommt der Schulvorsteher. Johan will
das Lesen unterbrechen, doch der Vorgesetzte gibt ihm einen Wink,
fortzufahren. Die Kinder haben nach der Katechismusstunde den Respekt
verloren und sind unaufmerksam. Johan zankt sie aus, aber ohne Erfolg.
Da tritt der Vorsteher mit einem Rohrstock vor; nimmt das Buch vom
Lehrer und hält eine kleine Rede. Diese Abteilung sei die schlechteste
und der Lehrer sollte nun sehen, wie man sie behandeln müsse.

Die Übung, die jetzt folgte, schien zum Hauptzweck zu haben, absolute
Aufmerksamkeit zu erzwingen. Das Absolute schien das Ziel zu sein, zu
dem man bei der Abrichtung dieser Menschenkinder kommen wollte, in
dieser unvollkommenen Welt des Relativen.

Der Lesende wurde unterbrochen und ein Name aus der Menge aufgerufen.
Im Text folgen und aufmerksam sein, hielt dieser alte Mann für das
Einfachste von der Welt, obwohl er sicher oft erfahren, wie die
Gedanken ihre eigenen Wege gehen, während das Auge über eine Seite im
Buche irrt. Der Unaufmerksame wurde bei den Haaren oder den Kleidern
gezogen und mit dem Rohrstock gehauen, bis er sich unter Geheul am
Boden wälzte.

Dem Lehrer wurde anbefohlen, den Rohrstock fleißig zu gebrauchen; damit
ging der Vorsteher. Es blieb nichts anderes übrig, als die Methode zu
befolgen oder abzugehen. Da das letzte nicht möglich war, blieb Johan.
Er hielt eine Rede an die Kinder und bezog sich auf den Vorsteher.

-- Jetzt wißt ihr, wie ihr euch betragen müßt, um keine Schläge zu
kriegen. Wer sich Schläge zuzieht, hat sie selbst verschuldet. Gebt
mir nachher nicht die Schuld. Hier liegt der Rohrstock, dort ist die
Pflicht; erfüllt die Pflicht, sonst kommt der Rohrstock -- ohne mein
Verschulden.

Das war recht listig gesprochen, war aber doch unbarmherzig, denn man
hätte erst in Erfahrung bringen müssen, wieweit die Kinder die Pflicht
erfüllen können. Sie konnten es nicht, denn sie waren die lebhaftesten
und darum die unaufmerksamsten. Der Rohrstock war also den ganzen Tag
in Bewegung. Notschreie gellten, Angst stand in den Gesichtern der
Unschuldigen geschrieben: es war schauerlich.

Aufmerksam sein fällt nicht unter das Machtgebiet des Willens; darum
war all dieses Strafen lauter Marter. Johan fühlte, wie sinnlos seine
Rolle war, aber er hatte ja seine Pflicht hinter sich. Oft wurde er
müde und ließ es gehen, wie es ging; dann aber kamen Kameraden, Lehrer
und Lehrerinnen und machten ihm freundliche Vorstellungen. Oft fand er
das Ganze so wahnsinnig, daß er mit den Kindern lächeln mußte, während
der Rohrstock in Bewegung war. Beide Teile sahen ein, daß sie an dem
Unmöglichen und Unnötigen arbeiteten.

Ibsen, der weder an den Geburtsadel noch an den Geldadel glaubt, hat
jüngst (1886) seinen Glauben an den neuen Adel des Industriearbeiters
ausgesprochen. Warum soll es denn durchaus Adel sein? Wenn die
Entartung daher kommt, daß man überhaupt nicht mit dem Körper arbeitet,
so entartet man vielleicht noch leichter durch zuviel körperliche
Arbeit und durch Not. Alle diese Kinder, die Körperarbeiter zu Eltern
hatten, sahen kränklicher, schwächlicher, unverständiger aus als die
Kinder der Oberklasse, die Johan gesehen hatte. Der eine oder andere
Muskel mochte stärker entwickelt sein, du Schulterblatt, eine Hand,
ein Fuß, aber das Blut sah schlecht aus, wie es durch die blasse Haut
schimmerte. Viele hatten große Köpfe, die von Wasser aufgeschwollen zu
sein schienen; Ohren und Nasen liefen, die Hände waren erfroren. Die
Berufskrankheiten der städtischen Arbeiter schienen sich vererbt zu
haben: hier sah man in kleinerem Maßstab die Lungen und das Blut des
Gasarbeiters, die durch Schwefeldämpfe verdorben waren; die Schultern
und ausgebogenen Füße des Schmieds; das von Firnissen und giftigen
Farben angegriffene Hirn des Malers; den skrofelartigen Ausschlag des
Schornsteinfegers; die eingedrückte Brust des Buchbinders. Hier hörte
man das Echo von dem Husten des Metallarbeiters und Asphaltbereiters;
roch die Gifte des Tapetendruckers; beobachtete die Kurzsichtigkeit des
Uhrmachers in neuen Auflagen. Das war wahrhaftig keine Rasse, der die
Zukunft gehörte oder auf welche die Zukunft bauen konnte; auch kann
sie sich auf die Dauer nicht vermehren, denn die Reihen der Arbeiter
rekrutieren sich immer vom Lande.

Erst gegen zwei war der Saal geleert, denn fast eine Stunde dauerte
es, bis sie unter Klopfen und Schlägen aus dem Zimmer auf die Straße
kamen. Das Unpraktischste war, daß die große Menge Kinder erst in den
Flur marschierte, um die Mäntel anzuziehen, und dann wieder in den Saal
zurückmarschierte, statt direkt nach Hause zu gehen.

Als Johan auf die Straße kam, fragte er sich: ist das die berühmte
Erziehung, die man mit so großen Opfern der Unterklasse gegeben hat?
Fragen konnte er, und man antwortete: wie ist es anders möglich?
Nein, mußte er antworten. Hatte man die Absicht, eine sklavische
Unterklasse zu erziehen, die immer gehorcht, so schlagt die Kinder mit
dem Rohrstock; habt ihr die Absicht, einen Proletarier zu erziehen,
der nichts vom Leben fordern darf, so lügt ihnen einen Himmel vor. Sag
diesen Kindern, der Unterricht sei sinnlos, erlaub ihnen Kritik, laß
ihnen ihren Willen in einem Punkt, und wir gehen der Auflösung der
Gesellschaft entgegen. Aber die Gesellschaft ist ja auf eine gehorsame
pflichttreue Unterklasse gebaut; also unterdrück sie von Anfang an,
nimm ihnen den Willen, nimm ihnen die Vernunft; lehre sie, nicht
hoffen, aber doch zufrieden sein. Es lag System in der Torheit.

Aber es gab in der Volksschulmethode, was den Unterricht betraf, sowohl
Gutes wie Böses. Gutes: man hatte ein Anschauungsmaterial eingeführt;
das war eine Erbschaft des schon 1827 gestorbenen Pestalozzi, des
Schülers Rousseaus. Böses: die in die Volksschule eintretenden
Studenten hatten die „Wissenschaft‟ eingeführt. Es genügte nicht mehr,
das Einmaleins einfach zu können: man mußte es verstehen. Verstehen?
Und doch kann ein Ingenieur, nachdem er die Technische Hochschule
durchgemacht hat, nicht erklären, +warum+ ein Bruch durch drei gekürzt
werden kann, wenn die Summe der Zahlen durch drei zu teilen ist.
Sollten die Seeleute nicht Logarithmentafeln benutzen, obwohl sie die
Logarithmen nicht „ausrechnen‟ können? Daß man nicht auf dem schon
Gebauten weiterbaut, sondern immer wieder den Grundstein legen will,
dürfte wohl ein Luxus sein: daher das viele Lernen in den Schulen.

Man könnte einwenden, Johan hätte sich erst selbst als Lehrer
reformieren sollen, ehe er den Unterricht reformierte. Aber er
durfte ja nicht, denn er war ein willenloses Werkzeug in den Händen
des Vorstehers, der Geschäftsordnung, der Schulbehörde. Die besten
Lehrer, das heißt, welche die schlechtesten (hier besten) Ergebnisse
herausgeschlagen hatten, waren die ungebildeten Lehrer, die vom
Seminar kamen. Die zweifelten nicht an der Methode, waren nicht
zart gegen die Kinder; aber vor ihnen hatten die Kinder am meisten
Respekt. Ein großer grober Kerl, der von der Stellmacherzunft gekommen
war, hatte die langen Jungen vollständig in Händen. Die Unterklasse
sollte also mehr wirkliche Achtung und Furcht vor ihresgleichen haben
als vor der Oberklasse? Großknecht und Werkführer sollten also mehr
Respekt genießen als Inspektor und Meister? Woher kommt das? Sieht
die Unterklasse, daß sie mehr Teilnahme erwarten kann von dem, der
ihre Leiden gelitten hat und nicht fürchten kann, daß er zu ihnen
herunterkommt? Ist sie darum diesem gegenüber nachgiebiger? Oder sieht
sie ein, daß der Vorgesetzte, der aus ihren Reihen gekommen ist, ihre
Sache besser versteht und darum mehr Achtung verdient?

Auch die Lehrerinnen genossen mehr Respekt als die Lehrer. Sie
waren pedantisch, forderten das Absolute und waren durchaus nicht
weichherzig, eher grausam. Sie liebten die raffinierte Strafe, Schläge
auf die Handfläche zu geben; dabei legten sie einen Unverstand an den
Tag, den das oberflächlichste Studium der Physiologie berichtigt hätte.
Wenn das Kind infolge der Reflexbewegung die Finger fortzog, wurde es
noch mehr gestraft, weil es die Finger nicht still halte. Als ob man
das Blinzeln unterlassen könnte, wenn einem Staub ins Auge weht!

Die Lehrerinnen hatten den Vorteil, daß sie nicht soviel von den
Lehrfächern wußten, um von Zweifeln gequält zu werden. Daß sie
weniger Gehalt hatten als die Lehrer, war eine Unwahrheit. Sie
hatten verhältnismäßig mehr; und wenn sie mit einem dürftigen
Lehrerinnenexamen mehr als die Studenten hatten, war das ungerecht. Sie
wurden außerdem begünstigt, für ein Wunder gehalten, wenn sie tüchtig
waren, und erhielten Stipendien, um ins Ausland zu reisen.

Als Kameradinnen waren sie freundlich und hilfreich, wenn man höflich
und bescheiden war und ihnen die Zügel überließ. Von einer Liebelei war
nicht die Spur zu sehen; auch sahen die Männer sie in Situationen, die
alles andere als gewinnend waren, und von Seiten, die Frauen sonst dem
andern Geschlecht nicht zu zeigen pflegen, nämlich als Profose. Sie
machten sich Notizen über alles, bereiteten sich auf die Stunden vor,
waren kleinlich und zufrieden, durchschauten nicht. Es war eine sehr
passende Beschäftigung für sie unter den damaligen Verhältnissen.

Wenn Johan nicht mehr schlagen wollte oder über ein Kind nichts
vermochte oder an allem zweifelte, schickte er das Kind zu einer
Lehrerin, die mit Vergnügen die garstige Rolle des Henkers übernahm.

Was den geeigneten Lehrer macht, ist wohl nicht festgestellt. Die einen
wirkten durch ihre Ruhe, die andern durch ihre nervöse Art; andere
wieder schienen die Kinder zu magnetisieren, andere schlugen sie;
andere wirkten durch ihr Alter, ihr männliches Äußeres. Die Frauen
wirkten als Frauen, das heißt durch eine halbvergessene Überlieferung
von einer vergangenen Mutterherrschaft.

Johan war ungeeignet. Er sah zu jung aus und war ja auch erst achtzehn
Jahre alt; zweifelte an der Methode und an allem; war in einem Winkel
seines ernsten Innern spielerisch und knabenhaft; auch war ihm alles
nur eine Nebenbeschäftigung, denn er war ehrgeizig und wollte weiter;
wohin, das wußte er nicht.

Auch war er Aristokrat wie seine Zeitgenossen. Durch die Erziehung
waren seine Gewohnheiten, seine Sinne verfeinert worden oder entartet,
wenn man will. Er ertrug also nur schwer schlechten Geruch, häßliche
Gegenstände, entstellte Körper, unschöne Aussprache, zerlumpte
Kleider. Das Leben hatte ihm ja doch viel gegeben, und diese täglichen
Erinnerungen ans Elend quälten ihn wie ein böses Gewissen. Er hätte
selbst einer von der Unterklasse sein können, wenn seine Mutter sich
mit einem ihres Standes verheiratet hätte.


Er sei hochmütig, hätte ein Ladenbursche gesagt, der es zum Redakteur
einer Zeitung gebracht; derselbe Redakteur, der damit prahlte, daß er
mit seinem Los zufrieden sei; ganz vergessend, daß er zufrieden sein
konnte, da er aus seiner geringgeachteten Stellung emporgestiegen war.
Er sei hochmütig, hätte ein Schuhmachermeister gesagt, der lieber
ins Wasser ginge, als daß er zum Gesellen niederstiege. Johan war
hochmütig, daran ist nicht zu zweifeln; ebenso hochmütig, wie Meister
Schuhmacher; vielleicht doch nicht ganz so hochmütig, da er vom
Studenten zum Volksschullehrer herabgestiegen war. Aber das war keine
Tugend, sondern eine Notwendigkeit; auch prahlte er nicht mit seinem
Schritt, noch wollte er sich den Schein eines sogenannten Volksfreundes
geben. Über Sympathie und Antipathie ist man nicht Herr, und wenn man
von unten immer Liebe und Aufopferung von der Oberklasse verlangt, so
ist das Idealismus. Die Unterklasse ist für die Oberklasse geopfert,
aber wahrhaftig, sie hat sich gutwillig geopfert. Sie hat das Recht,
ihre Rechte zurückzunehmen, aber sie soll es selbst tun. Niemand gibt
seine Stellung gutwillig auf; darum darf die Unterklasse nicht darauf
warten, daß Könige oder Oberklasse es tun. Reißt uns herunter! Aber
alle auf einmal!


Will ein Aufgeklärter aus der Oberklasse dabei helfen, so können die
Unteren dankbar sein, zumal eine solche Hilfe immer der Beschuldigung
unreiner Motive ausgesetzt ist. Die Unterklasse sollte daher die Motive
ihrer Helfer nicht so genau beschnüffeln: das Ergebnis der Handlung
wird immer das gleiche für sie. Das scheint die höchste Oberklasse
eingesehen zu haben: darum hält sie immer den aus der Oberklasse, der
mit der Unterklasse stimmt, für einen Verräter. Er ist ein Verräter
gegen seine Klasse, das ist wahr, das müßte ihm aber die Unterklasse in
Rechnung setzen.

Johan war nicht so sehr Aristokrat, daß er das Wort Pack benutzte
oder die Armen verachtete. Er stand durch seine Mutter in zu naher
Verwandtschaft mit ihnen, aber ihnen war er ein Fremder. Das war
die Schuld der Klassenerziehung. Diese Schuld kann für die Zukunft
aufgehoben werden, wenn die Volksschule reformiert wird, indem man die
bürgerlichen Kenntnisse aufs Programm setzt, und obligatorisch für alle
ist, von der man sich nicht freikaufen kann. Dann wäre es ja keine
Schande mehr, Volksschullehrer zu werden, wie es jetzt tatsächlich
eine ist: sogar als Vorwurf und Beschimpfung wird es benutzt, daß man
Volksschullehrer gewesen ist. Dieser Kummer wäre dann vorüber; daraus
geht hervor, daß die Reformen der Gesetze vorangehen müssen; nachher
werden wir selbst reformiert werden.

Um sich obenzuhalten, verlegte er sich auf seine zukünftige Arbeit.
Jetzt konnte er Bücher kaufen, und er kaufte sie. Mit seiner
italienischen Grammatik, die er zwischen den Stunden auf dem Schulhof
lernte, glaubte er sich gleichsam obenzuhalten. Er war so ehrlich,
daß er diese Bemühungen, hinaufzuklettern, nicht in einen idealen
Durst nach Erkenntnis oder in ein höheres Streben für die Menschheit
umdichtete. Wenn er auch zuweilen von Verzweiflung niedergedrückt
wurde, er bildete sich nicht ein, im Himmel einige gutmütige
Professoren zu treffen. Er studierte für die Doktorprüfung, das war die
Sache.

Aber die schwache Diät in Upsala, das schlechte Mittagessen, die
Milch und das Brot hatten ihm die Kraft genommen; dabei war er in der
genußsüchtigen Zeit der Jugend. Zu Hause war es langweilig, und abends
saß er im Café oder in der Kneipe, wo er Freunde traf. Die starken
Getränke gaben ihm Kraft, und er schlief gut danach.

Dieses Verlangen nach Alkohol scheint regelmäßig im mannbaren Alter
eines jeden Jünglings aufzutreten. Er, wie das ganze Geschlecht,
ist ja von Trinkern geboren, Glied von Glied seit der ältesten
Heidenzeit, als Bier und Meth getrunken wurden: wie sollte da nicht
das Verlangen Bedürfnis werden? Bei Johan war es ein Bedürfnis; wenn er
es unterdrückte, so war die Folge, daß sich seine Kräfte verminderten.
Und fragen kann man, ob die Enthaltsamkeit in Getränken nicht dieselben
Gefahren für uns haben mag, wie für den Arsenikesser der Entschluß, das
Gift nicht mehr zu benutzen. Wahrscheinlich wird die sonst lobenswerte
Bewegung mit Mäßigkeit schließen: das wäre eine wirkliche Tugend und
nicht eine Kraftprobe, die Prahlerei und Selbstgefälligkeit zur Folge
hat.

Johan begann jetzt auch, sich fein zu kleiden, nachdem er bisher nur
abgelegte Kleider aufgetragen hatte. Das Gehalt kam ihm so unglaublich
groß vor, daß es in seiner vergrößernden Phantasie unerhörte
Dimensionen annahm. Die Folge war, daß er bald Schulden hatte.
Schulden, die wuchsen und wuchsen und niemals bezahlt werden konnten,
wurden der Geier, der an seinem Leben hackte, der Gegenstand seiner
Träume, der Wermut seiner Freuden. Welche Leichtgläubigkeit, welch
außerordentlicher Selbstbetrug lag doch hinter diesem Schuldenmachen!
Was hoffte er? Den Doktor zu machen? Und dann? Lehrer zu werden mit
einem Gehalt von 750 Kronen; das war weniger, als er jetzt hatte.

       *       *       *       *       *

Nicht am wenigsten quälend war, sein Gehirn den Auffassungsgaben der
Kinder anzupassen. Das bedeutete auch, sich auf das Niveau der Jüngeren
und Unverständigeren herablassen; den Hammer so weit niederschrauben,
daß er den Amboß traf, wodurch die Maschine beschädigt wurde.

Wirklichen Gewinn brachten dagegen die Beobachtungen in den Wohnungen
der Kinder, die er als Lehrer am Sonntag aufsuchen mußte. Ein Junge war
der schwierigste von allen. Er war schmutzig und schlecht gekleidet;
war ungekämmt; grinste beständig; konnte sich erlauben, ungenötigt
und geräuschvoll zu stinken; wußte niemals seine Aufgaben und kriegte
immer Schläge. Er hatte einen zu großen Kopf mit Glotzaugen, die
unaufhörlich schielten und rollten. Johann mußte seine Eltern
aufsuchen, um sich nach seinem unregelmäßigen Schulbesuch und
unordentlichen Betragen zu erkundigen. Er wanderte also nach der
Apfelbergstraße, in der die Eltern eine Kneipe hatten. Der Vater war
auf Arbeit gegangen; aber die Mutter stand hinter dem Ladentisch.
Die Kneipe war dunkel und stank; Männer füllten sie, die drohend
auf den eintretenden Herrn sahen, den sie wahrscheinlich für einen
Geheimpolizisten hielten. Johan sagte der Mutter, was ihn herführe, und
er durfte hinter den Ladentisch kommen, um in die Kammer zu gelangen.
Er brauchte nur das Zimmer und dessen Lage zu sehen, um zu verstehen.
Die Mutter schalt den Jungen bald, bald entschuldigte sie ihn; und
das letzte konnte sie. Das Kind pflegte Reste zu trinken. Das war die
Lösung, und die genügte. Was war dabei zu machen? Die Wohnung ändern,
ihm bessere Nahrung geben; eine Bonne, die ihn überwachte -- alles
Geldfragen!

Dann kam Johan ins Armenhaus von Klara, das von alten Armenhäuslern
geräumt und während des Mangels an Wohnungen vorläufig Familien
geöffnet war. In einem großen Saale lagen und standen wohl ein Dutzend
Familien, die den Boden mit Kreidestrichen geteilt hatten. Da stand
ein Tischler mit einer Hobelbank; dort saß ein Schuhmacher mit seinem
Tisch; rings herum auf beiden Seiten des Kreidestrichs kribbelten
Kinder und Frauen; der Kreidestrich war zu schmal, um zu verbergen, was
verborgen zu werden pflegt.

Was konnte Johan da machen? Bericht erstatten über eine bekannte Sache,
Holzmarken austeilen, Essen und Kleider anweisen.

Dann stieß er auf die stolze Armut oben in den Bergen des Viertels
Königsholm. Dort wurde er hinausgewiesen.

-- Wir brauchen uns gottlob noch nicht an die Armenpflege zu wenden.
Wir stehen uns gut!

-- So? Dann dürfen Sie aber Ihr Kind im Winter nicht in zerrissenen
Schuhen gehen lassen.

-- Das geht Sie nichts an, Herr!

Damit wurde die Tür zugeschlagen.

Oft gab es schauerliche Szenen. Das Kind krank, das Zimmer von den
Schwefeldämpfen des Koks erfüllt, alle hustend, von der Großmutter bis
hinab zum Allerjüngsten. Was konnte Johan dabei tun? Ihm wurde schlecht
zumut, und er floh! Ein andres Heilmittel als Armenpflege gab es
damals nicht, und die Literatur, die das Elend schilderte, konnte nur
beklagen; von einer Hoffnung wußte man nichts. Darum hatte man nichts
anderes zu tun als zu beklagen, für den Augenblick zu helfen und zu
fliehen, um nicht zu verzweifeln.

Diese Beschäftigung lag wie eine drückende Wolke auf ihm, und er verlor
die Lust zur Arbeit. Hier war etwas verkehrt, das fühlte er, aber es
konnte ja nicht besser werden; das sagten alle Zeitungen und Bücher,
und die Menschen auch. Es sollte wohl so sein. Das Emporklettern stand
ja jedem frei! Klettere doch auch!

       *       *       *       *       *

An den Nachmittagen studierte Johan und ergänzte die lebenden Sprachen
durch Italienisch. Er hatte erfahren, daß man Boccaccios „Dekameron‟
übersetzen müsse. Das ist ein sonderbares Prüfungsbuch, dachte er.
Es enthielt recht unmittelbare Aufforderungen zur Unsittlichkeit und
machte sich über die Männer, die von ihren Frauen betrogen wurden,
lustig. Sehr unterhaltend war es gerade nicht. Es hatte auch andere
Seiten, die Johan aus der Literaturgeschichte kannte. Es war ein
Oppositionsbuch gegen das Mönchsleben des Mittelalters, geschrieben
gegen Ende des Mittelalters, und es machte sich über die Ehe lustig.
Boccaccio scheint zuerst die lächerliche Stellung des Ehemanns
durchschaut zu haben: der hat die Familie zu versorgen und seine
Vaterschaft ist nicht immer ganz zweifellos, nachdem die Frau dem
Manne die Arbeit aufgebürdet und ihn allein für alle ihre Kinder
verantwortlich gemacht hat. Es ist also eine Satire auf das köstliche
Patriarchat, das die Frau zu ihrem Vorteil gegen das vernünftigere
und ursprünglichere Matriarchat eingetauscht hat. Während sie die
Unterdrückte zu sein schien, wählte sie die günstigere Stellung,
indem sie sich keine anderen bürgerlichen Rechte vorbehielt als die
Befehlshaberstellen der Kaiserin, Königin, Äbtissin, Mutter und Madonna.

Indessen schien diese franke Behandlung geschlechtlicher Geschichten
dem Trieb Sanktion zu geben, und jetzt säte er seinen Wildhafer nach
allen Seiten aus. Er hatte gewöhnlich zu gleicher Zeit drei Flammen.
Eine große heilige reine, wie er sie nannte, aus der Entfernung, mit
Heiratsplänen im Hintergrunde; also ein Ehebett, aber rein. Dann eine
kleine Liebelei mit einem Wirtshausmädchen. Schließlich die ganze große
Freischar: blonde, braune, rothaarige, schwarze. Es sah aus, als wachse
die Reinheit des Gefühls im Verhältnis zur Schwierigkeit, aber auch mit
dem Bildungsgrad. Eine wirkliche Liebe kann wohl nur zwischen Personen
derselben Klasse entstehen. Auch die Liebe ist eine Klassensache
geworden, obwohl sie schließlich dieselbe Sprache in allen Klassen hat.

Johan hatte ein Jahr lang eine Verbindung mit einer Kellnerin
unterhalten. Da er Frauen immer mit einer gewissen Achtung behandelte
und nicht eher brutal wurde, bis die Situation reif war, begann das
Mädchen eine Neigung zu ihm zu fassen, schien an ernste Absichten zu
glauben, obwohl er nichts dergleichen andeutete, noch irgendwelche
Versprechungen gab. Es bewilligte jede Gunst, nur die letzte nicht.
Es war ein entnervendes Leben, und Johan beklagte sich einem Freunde
gegenüber.

-- Du bist zu schüchtern, sagte der Freund. Die Mädchen lieben nun
einmal kühne Männer.

-- Aber ich bin nicht schüchtern, beteuerte Johan.

-- Aber du bist es anfangs gewesen. Man muß sofort seine Absichten
zeigen.

Es war wirklich zu spät. Diese Beobachtung fand er dann oft bestätigt.
Wenn es keine Hoffnung auf Ehe gab, dann war es leicht; sonst nicht.

Zwei Jahre verlor er an dieser Neigung, ohne zu einem Ergebnis zu
kommen. Oft schien es ganz nahe zu sein. Er durfte sie in der Nacht
treffen, auf einer Feuerleiter zum Fenster hinaussteigen, sich mit
Kettenhunden herumschlagen, am Zaun die Kleider zerreißen, ohne etwas
anderes als halbe Gunst zu erreichen. Es endete mit Tränen und Bitten.

-- Ich liebe dich zu sehr! sagte sie.

Was sollte das heißen? Oder war sie ganz einfach vor den Folgen bange?
Das ist ihm nicht klar geworden.

       *       *       *       *       *

Die Zeit verging und der Frühling näherte sich. Johans nächster
Verkehr war ein Lehrer an der Kunstgewerbeschule, der dichtete und in
der Literatur Bescheid wußte, auch musikalisch war. Sie machten ihre
Spaziergänge nach dem Wirtshaus „Stallmeisterhof‟ hinaus, sprachen
von Literatur und aßen dort zu Abend. Während Johan seiner Kellnerin
den Hof machte, spielte der Lehrer auf dem Piano. Zuweilen leistete
der Lehrer sich das Vergnügen, lustige Verse an die Mädchen zu
schreiben. Johan war darauf versessen, Verse zu schreiben, aber er
konnte es nicht. Das mußte angeboren sein und auf einmal kommen, wie
die Bekehrung. Er war ganz deutlich nicht berufen. Wie gern wäre er es
gewesen! Er fühlte sich von der Natur vernachlässigt, wie mit einem
Gebrechen behaftet.

Eines Abends, als Johan mit dem Mädchen plauderte, sagte sie ganz
plötzlich zu ihm:

-- Freitag ist mein Namenstag. Du wirst mir doch einige Verse schreiben?

-- Ja, sagte Johan, das will ich tun.

Als er dann den Lehrer traf, erzählte er dem sein übereiltes
Versprechen.

-- Ich werde sie dir schreiben, sagte der.

Am nächsten Tage lieferte er Johan ein Gedicht ab, das fein ins Reine
geschrieben und in Johans Namen verfaßt war. Es war durchsichtig
unanständig und lustig. Am Morgen des Namenstages wurde es abgesandt.

Am Abend desselben Tages kamen die beiden Lehrer, um zu gratulieren und
zu Abend zu essen. Das Mädchen war eine Weile nicht zu sehen, denn sie
hatte Gäste zu bedienen. Den Herren wurde gedeckt, und sie fingen an zu
essen.

Das Mädchen erschien in der Tür und winkte Johan. Sie sah beinahe ernst
aus. Johan stand auf und folgte ihr eine Treppe hoch.

-- Hast du diese Verse geschrieben? fragte sie.

-- Nein, sagte Johan.

-- Das habe ich mir gedacht! Die Büfettmamsell sagt, sie habe sie schon
vor zwei Jahren gelesen; da habe sie dieser Lehrer an die alte Marie
geschrieben, die ein schlechtes Mädchen war. Pfui, Johan!

Er nahm seine Mütze und wollte hinausstürzen; aber das Mädchen
umschlang ihn mit seinen Armen, um ihn zurückzuhalten, denn es sah,
er war leichenblaß und außer sich. Er riß sich jedoch los und lief in
den Bellevuepark hinaus. Von dort stürmte er in den Wald hinein, indem
er die gebahnten Wege verließ. Die Zweige der Büsche schlugen ihm ins
Gesicht, Steine rollten ihm um die Füße, erschrockene Vögel flogen auf.
Er war vor Scham ganz wild geworden und suchte aus Instinkt den Wald
auf, um sich zu verbergen.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung: in den Wald laufen ist der
höchste Ausbruch der Verzweiflung, ehe der Mensch ins Wasser geht.
Der Wald ist das vorletzte, das Wasser das allerletzte. Man erzählt
von einem berühmten Dichter dies: Zwanzig Jahre lang sei er populär
gewesen, aber bei einer plötzlichen Wendung seiner Dichtung wurde er
vollständig unpopulär und von seiner Höhe herabgestürzt. Wie vom Blitz
war er getroffen, wurde rasend und schämte sich; verließ die Stadt, um
den Wald aufzusuchen. Dort erholte er sich. Der Wald ist die Urheimat
der Barbarei und der Feind des Pfluges, also der Kultur. Wenn nun ein
Kulturmensch plötzlich seiner Kulturherrlichkeit entkleidet wird,
seines so künstlich gewebten Rufes, wird er in einem Augenblick Barbar
oder Wild. So lose hängt das Kleid der Kultur auf dem Körper. Wenn ein
Mensch verrückt wird, wirft er die Kleider ab. Was könnte also die
Verrücktheit sein? Ein Rückgang? Ja, manche halten das Tier auch für
wahnsinnig.

Es war Abend, als Johan in den Wald kam. In einem Dickicht legte
er sich auf einen großen Steinblock. Er schämte sich, das war der
Haupteindruck. Ein empfindlicher Mensch ist sehr viel strenger gegen
sich selbst, als andere glauben. Er war unbarmherzig und er geißelte
sich. Er hatte zuerst mit geliehenen Federn glänzen wollen, also
gelogen; hatte zweitens ein unschuldiges Mädchen in ihrer Tugend
gekränkt.

Der erste Punkt der Anklage schloß auch einen zweiten in sich, einen
sehr empfindlichen: seine Unfähigkeit als poetische Intelligenz. Er
wollte mehr, als er konnte. Er war unzufrieden mit seiner Stellung, die
Natur und Gesellschaft ihm angewiesen hatten. Aber (jetzt begann die
Selbstverteidigung, nachdem sich das Blut von der Abendkühle beruhigt
hatte) man wurde ja immer in der Schule ermahnt, emporzustreben; man
sprach ja lobend von emporstrebenden Naturen; damit erklärte man ja
das Mißvergnügen mit der zufälligen Stellung für berechtigt. Ja, aber
(da kam die Geißel) er hatte ja durch Betrug weiterkommen wollen.
Durch Betrug! Dagegen gab es keine Berufung! Er schämte sich. Er
war entkleidet, entlarvt; konnte seinen Rückzug nicht decken. Durch
Mogelei, Falschheit, Betrug! So war es.

Der älteste Beschreiber Japans erzählt von einem japanischen Mädchen,
das buchstäblich vor Scham starb, weil ihr ein natürliches Unglück in
einer Gesellschaft passierte. Man kann also vor Scham sterben. Als
alter Christ fürchtete Johan am meisten, einen Fehler zu besitzen; und
als Mitglied der Gesellschaft hatte er die Furcht, daß dieser Fehler zu
sehen sei. Fehler hatte man, das war bekannt, aber es galt für zynisch,
sie zu bekennen, denn die Gesellschaft will immer besser scheinen als
sie ist. Manchmal aber verlangte die Gesellschaft, man solle bekennen,
wenn man Verzeihung erlangen wollte; das war aber nur eine Täuschung,
denn die Gesellschaft wollte das Bekenntnis nur, um das Vergnügen
der Strafe zu genießen. Die Gesellschaft war sehr trügerisch. Johan
hatte sofort bekannt, war bestraft worden, fühlte sich aber doch als
Missetäter.

Der zweite Punkt war auch schwierig. Das Mädchen hatte ihn also rein
geliebt, und er hatte sie nur besitzen wollen. Wie roh, wie gemein! Wie
konnte er glauben, daß eine Kellnerin nicht unschuldig lieben kann!
Seine eigene Mutter war ja in derselben Stellung gewesen wie dieses
Mädchen! Er hatte sie gekränkt. Schäme dich, schäme dich!

Jetzt hörte er im Park halloen und seinen Namen rufen. Die Stimmen
des Mädchens und des Lehrers hallten von den Bäumen wider, er aber
antwortete nicht. Einen Augenblick fiel ihm sein ganzes Strafgerät aus
den Händen; er wurde nüchtern und dachte: Ich gehe zurück, wir setzen
das Abendbrot fort, holen Riekchen und trinken ein Glas mit ihr. Dann
ist es vorüber. Aber nein! Er war zu hoch oben, und man kann nicht auf
einmal hinabsteigen.

Die Rufe verstummten. Er blieb betäubt liegen und mahlte wieder und
wieder an seinem doppelten Verbrechen. Er hatte gelogen und er hatte
ihre Gefühle gekränkt.

Die Dunkelheit senkte sich. Es prasselte in den Büschen; er fuhr
zusammen, geriet in Angstschweiß. Dann ging er weiter und setzte sich
auf eine Bank. Dort saß er, bis es taute. Er fror und war feucht. Stand
auf und ging heim.

Jetzt war sein Kopf klar, und er dachte. Wie dumm, diese ganze
Geschichte! Es war ja nicht meine Absicht, daß sie mich für den Dichter
halten sollte; ich war ja bereit, sie den Zusammenhang wissen zu
lassen. Es war ja nur ein Scherz. Und ihre Gefühle, hm, so rein waren
sie gerade nicht gewesen, als ich zu ihrem Fenster hinauskletterte.
Übrigens dieser Lehrer hatte ihn ja auch angeführt. Aber das war
einerlei!

Als er auf seine Kammer kam, lag der Lehrer in Johans Bett und schlief.
Er wollte aufstehen, aber Johan sagte nein. Er wollte sich noch einmal
geißeln. Er legte sich auf die Erde, nahm eine Zigarrenkiste unter den
Kopf und breitete einen Scharfschützenmantel über sich.

Als er am nächsten Morgen erwachte, fragte Johan mit zitternder Stimme:

-- Wie hat sie es aufgenommen?

-- Sie hat gelacht, dann haben wir Punsch getrunken, und dann war es
vorüber. Sie fand die Verse ganz festlich!

-- Sie hat gelacht? War sie nicht böse?

-- Durchaus nicht!

-- Und doch hat sie mir gegenüber immer die Tugendhafte gespielt!

-- Ja, du hast sie immer zu sentimental genommen. Dieser lange Hornberg
sagte neulich, es sei nicht soweit her mit Riekchens Tugend. Er hätte
sie haben können....

-- Was? Hornberg?

-- Jaja! Er hat sie nicht bekommen, aber jedenfalls ... Du weißt, sie
ist früher bei den „Wildkatzen‟ gewesen, und da...

Johan wollte nicht mehr hören. Und um diese Kleinigkeit hatte er eine
entsetzliche Nacht durchlitten. Er schämte sich zu fragen, ob sie nicht
um ihn unruhig gewesen seien. Aber da sie Punsch getrunken und gelacht
hatten, war es wohl nicht so ernst gewesen! Nicht einmal unruhig um
sein Leben!

Er kleidete sich an und ging zur Schule.

       *       *       *       *       *

Die egoistische Selbstkritik des Christentums hatte Johan daran
gewöhnt, sich mit seinem Ich zu beschäftigen, es zu hätscheln; sich
mit ihm zu befassen, als sei es eine andere geliebte Person. So gut
gepflegt, wuchs das Ich und sah immerfort nach innen, statt nach
außen auf die Welt zu sehen. Es wurde eine interessante persönliche
Bekanntschaft, ein Freund, dem geschmeichelt werden, der aber auch die
Wahrheit hören und korrigiert werden mußte.

Es war die Krankheit der Zeit, in ein System gebracht von Fichte, nach
dem alles im Ich und durch das Ich war; ohne das Ich gab es keine
Wirklichkeit. Das war die Formel für die Romantik und den subjektiven
Idealismus. „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟, „Ich wohne tief im
Berge‟, „Ich kleiner Knabe wache am Tor‟, „Ich denke der holden Tage‟
hatten alle denselben Ton. War diese „Ichheit‟ denn so hochmütig? War
nicht das Ich des Dichters bescheidener als das königliche Wir des
Journalisten?

Der heutige Realismus hat dieses bescheidene Ich wieder aufgenommen,
das „für meinen geringen Teil‟ bedeutet. Gleichzeitig hat die
naturwissenschaftliche Philosophie „so scheint es mir‟ gegen „so
ist es‟ vertauscht. Ist es wirklich so? Ja, dann haben wir einen
Fortschritt auf die Wahrheit zu gemacht, das heißt auf die Entdeckung,
wie es sich wirklich verhält. Ist es nicht so, dann haben wir, Gott sei
uns gnädig, eine neue Theologie auf dem Halse.

Dieses Versinken ins Ich oder die neue Kulturkrankheit, von der
jetzt (1886) geschrieben wird, ist wohl bei allen Menschen, die
nicht mit dem Körper gearbeitet haben, konstant gewesen. Das Gehirn
ist nur ein Impulsorgan für die Muskeln. Wenn nun die Impulse des
Gehirns beim Kulturmenschen nicht auf die Muskeln wirken, niemals
ihre Kraft ausgeben können, wird das Gleichgewicht erschüttert, wie
bei dem unbefriedigten Geschlechtstrieb. Das Gehirn bekommt Träume;
von Säften überfüllt, die nicht in Muskeltätigkeit kommen können,
setzt es die unwillkürlich um, in Systeme, Gedankenverbindungen, in
Maler-, Bildhauer-, Dichterhalluzinationen. Geschieht kein Abfluß, so
kann Stockung eintreten, heftige Ausbrüche, Depression, schließlich
Wahnsinn. Die Schule, die ein solcher Vorkursus zum Irrenhaus ist,
mußte zum Turnen als Korrektiv greifen. Aber mit welchem Erfolge? Es
besteht kein Zusammenhang zwischen der Gehirntätigkeit des Lernens und
der Muskeltätigkeit des Turnens; die gehorcht ja durch das Kommandowort
nur einem fremden Willen.

Alle studierenden Jünglinge bekommen solches Steigen nach dem Gehirn.
Daß diese aus Instinkt oft auf Verbesserung oder Verschönerung der
Gesellschaft ausgehen, ist ein Glück; besser aber würde es sein, wenn
das Gleichgewicht wiederhergestellt würde, und eine gesunde Seele
in einem gesunden Körper wohnte. Man hat das Heilmittel gesucht,
indem man körperliche Arbeit in den Schulen einführte. Besser wäre
es wohl, den ersten Unterricht ins Haus zu verlegen, die Schule zu
einer Mitbürgerschule zu machen, und dann jeden für sich selbst
sorgen zu lassen. Übrigens wird die Emanzipation der Unterklasse
die Kulturmenschen zu etwas körperlicher Arbeit zwingen, die jetzt
von den Haussklaven verrichtet wird; dann wird wohl Gleichgewicht
eintreten. Daß die Intelligenz darunter nicht leidet, wird man
glauben, wenn man sieht, daß die stärksten Geister der Zeit wenigstens
Nebenbeschäftigungen gehabt haben: wie Mill, der Beamter; Spencer, der
Ingenieur; Edison, der Telegraphist war.

Die Studentenzeit, die ungesundeste Zeit, weil nicht diszipliniert,
ist auch die gefährlichste. Das Gehirn soll aufnehmen, unaufhörlich
aufnehmen, aber niemals abgeben, nicht einmal in geistiger Produktion,
während gleichzeitig das ganze Muskelsystem brachliegt.

Bei Johan war zu dieser Zeit eine Überproduktion von Gedanken und
Phantasie vorhanden. Und die mechanische, sich beständig in denselben
Kreisen bewegende, mit gleichen Fragen und Antworten angeordnete
Schularbeit gab keinen Abfluß. Sie vermehrte im Gegenteil seinen Vorrat
der Beobachtungen von Kindern und Lehrern. Da lagen Materialsammlungen
von Erfahrungen, Beobachtungen, Kritik, Gedanken in einer ungeordneten
Masse und gärten. Er suchte darum Gesellschaft auf, um sich aussprechen
zu können. Als das aber nicht reichte und er niemanden fand, der
immer den Resonanzboden hergeben konnte oder wollte, fing er an zu
deklamieren.

Das Deklamieren war Ausgang der 1860er Jahre sehr in Mode gekommen.
In den Familien las man Runebergs Tragödie „Die Könige von Salamis‟
vor; auf Konzerten, die damals zahlreich, besonders von Scharfschützen
veranstaltet wurden, deklamierte man. Und beinahe immer dieselben
Stücke! „Asenzeit‟, „Milchstraße‟. Sehlstedt und so weiter. Die
Deklamation war im Begriff zu werden, was der Quartettgesang gewesen:
ein Abfluß all der Begeisterung, der hoffnungsvollen Freude, die auf
die nationale Erweckung von 1865 gefolgt war. Da der Schwede weder
geborener noch erzogener Redner ist, wurde er Sänger und Deklamator;
vielleicht auch weil sein Mangel an Originalität den fertigen Ausdruck
suchen muß. Ausführend, aber nicht schöpferisch.

Der gleiche Mangel an Eigenem zeigte sich auch im Junggesellenleben, in
dem die Anekdotenerzählung blühte. Diesen schlechten und langweiligen
Zeitvertreib hat man aufgegeben, da man aus den neuen Fragen des Tages
Stoff genug für Gespräch und Erörterung erhält.

Eines Tages kam Johan zu seinem Freunde dem Elementarlehrer hinauf, bei
dem er andere junge Lehrer traf. Als das Gespräch zu stocken anfing,
griff der Freund nach einem Band Schiller, der damals in einer neuen
wohlfeilen Auflage erschienen war und hauptsächlich dieses billigen
Preises wegen gekauft wurde. Er schlug die „Räuber‟ auf und man las.
Johan erhielt Karl Moors Rolle. Die erste Szene des ersten Aktes ist
zwischen dem alten Moor und Franz. Dann kam die zweite Szene. Johan
las: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in
meinem Plutarch lese von großen Menschen....‟

Johan kannte die „Räuber‟ nicht, hatte sie niemals spielen sehen. Er
las zuerst zerstreut, aber während er las, begann er aufzuleben. Das
waren neue Töne. Seine dunklen Träume waren in Worte umgesetzt, seine
revoltierende Kritik in Druck. Es gab also einen andern Menschen,
und zwar einen großen berühmten Dichter, der den gleichen Ekel vor
der ganzen Schul- und Universitätsbildung empfunden; der lieber
ein Robinson oder Straßenräuber sein, als sich in diese Armee, die
Gesellschaft heißt, einschreiben lassen wollte.

Johan las weiter; die Stimme zitterte, die Wangen wurden heiß, die
Brust arbeitete schwer. „Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit
abgeschmackten Konventionen....‟

Da stand ja alles zu lesen, alles!

-- Und das ist Schiller? rief er aus. Derselbe Schiller, der die elende
Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und das zahme Theaterstück
„Wallenstein‟ geschrieben hat, die man in der Schule liest! Ja, es war
derselbe.

Hier war der Aufruhr gepredigt; der Aufruhr gegen Gesetze,
Gesellschaft, Sitten, Religion. Das war die Revolution von 1781,
also acht Jahre vor der großen Revolution. Das war das Programm der
Anarchisten hundert Jahre vor ihrer Zeit, und Karl Moor war der
Nihilist. Das Drama erschien mit einem Löwen auf dem Titel und dem
Motto: „In Tyrannos‟. Der Dichter, damals zweiundzwanzig, mußte
fliehen. An der Absicht des Stückes war also nicht zu zweifeln. Es
trug auch ein zweites Motto, aus Hippokrates, das die Absicht ebenso
deutlich zeigt: „Was Arznei nicht heilt, heilt das Eisen; was Eisen
nicht heilt, heilt das Feuer‟.

Ist das nicht deutlich genug? Dann aber war da ein Vorwort, in dem
der Dichter um Entschuldigung bittet und zurücknimmt. Er leugnet,
Franzens Sophismen zu teilen; erklärt, daß er das Laster in Karl habe
strafen wollen. Und dann sagt er über die Religion: „Auch ist jetzt
der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu
lassen (wie Voltaire und Friedrich der Große), daß man beinahe für kein
Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren
heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt.... Ich kann hoffen, daß
ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft
habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner
schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.‟

War nun Schiller wahr, als er das Drama schrieb, und falsch, als er das
Vorwort schrieb? Gleich wahr in beiden Fällen, denn der Mensch ist ein
Doppelgänger, tritt bald als Naturmensch, bald als Gesellschaftsmensch
auf. Am Schreibtisch, in der Einsamkeit, als die stillen Buchstaben
niedergeschrieben wurden, scheint Schiller wie andere, besonders junge
Dichter unter dem Einfluß des blinden Spiels der Naturtriebe gearbeitet
zu haben, ohne auf das Urteil der Menschen Rücksicht zu nehmen, ohne
an ein Publikum oder Gesetze und Verfassungen zu denken. Die Hülle
wurde einen Augenblick gehoben, und der Betrug der Gesellschaft in
seiner ganzen Größe durchschaut. Das Schweigen der Nacht, in der die
Arbeit, besonders bei der Jugend, betrieben wird, erinnert nicht an das
lärmende, kunstvoll zusammengesetzte Leben draußen; das Dunkel verhüllt
diese Steinmassen, in die sich schlecht angepaßte Tiere niedergelassen
haben. Dann kommt der Morgen, das Tageslicht, der Straßenlärm, die
Menschen, die Freunde, die Polizei, die Glockenschläge, und der Seher
bebt vor seinen Gedanken. Die öffentliche Meinung erhebt ihr Geschrei,
die Zeitungen schlagen Lärm, die Freunde verlieren sich, es wird einsam
um einen, und ein unwiderstehliches Entsetzen packt den Angreifer der
Gesellschaft. Willst du nicht mit uns sein, sagt die Gesellschaft,
so geh, geh hinaus in den Wald. Bist du ein schlecht angepaßtes Tier
oder ein Wilder, so deportieren wir dich nach einer niedrig stehenden
Gesellschaft, in die du passest.

Und die Gesellschaft hat von ihrem Standpunkt aus recht und bekommt
leider recht. Aber die künftige Gesellschaft feiert den Empörer, den
einzelnen, der eine Verbesserung der Gesellschaft angeregt hat; lange
nach seinem Tode bekommt der Empörer recht.

Im Leben eines jeden wachen Jünglings tritt ein Augenblick ein, gerade
beim Übergang von der Familie zur Gesellschaft, in dem das ganze
künstliche Kulturleben ihn anekelt und er losbricht. Bleibt er dann in
der Gesellschaft, so wird er von allen diesen vereinigten Dämpfern der
Gefühle und des Brotes bald unterdrückt; er wird müde, wird geblendet,
gibt den Kampf auf und überläßt die Fortsetzung andern Jünglingen.
Dieser unbeirrte Blick auf die Dinge, dieser Ausbruch einer gesunden
Natur, der sich notwendigerweise bei dem unverkümmerten jungen Manne
finden muß, der dann von der Gesellschaft getrübt, gedämpft wird, ist
mit einem Namen gestempelt worden, der den Wert der guten Absichten
des Jünglings verringern soll. Man spricht von „Frühlingsflut‟ und
will damit sagen, es sei nichts anderes als eine Kinderkrankheit,
die vorübergeht; eine Saftsteigung, die Blutstockung und Schwindel
hervorruft. Wer weiß, ob der Jüngling nicht richtig sah, ehe die
Gesellschaft ihm die Augen ausstach? Und warum dann den Geblendeten
höhnen?

Schiller mußte in den Staat hineinkriechen und Brotstellen annehmen,
um leben zu können. Sogar das Gnadenbrot von Herzögen essen. Darum
ging es mit seiner Dichtung immer mehr abwärts, wenn auch nicht
aus ästhetischem oder untergeordnetem Gesichtspunkt. Aber seinen
Tyrannenhaß kann er doch nicht verleugnen. Der schlägt jetzt nieder
auf Philipp von Spanien, Doria von Genua, Geßler von Österreich; darum
hören aber die Schläge auf zu wirken. Schillers Opposition, die sich
zuerst gegen die ganze Gesellschaft richtete, richtet sich später
gegen die Monarchie allein. Und er beschließt seine Laufbahn auch mit
diesem Rat an einen Weltverbesserer (jedoch nachdem er auf die große
Revolution die Reaktion hatte folgen sehen):

    Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter laß du
    den Himmel, Freund, sorgen wie gestern so heut.

Der Himmel, der unglückselige alte Himmel sollte dafür sorgen, ebenso
+gut+ wie früher.

Wie man einmal seiner Wehrpflicht genügt im Alter von zwanzig Jahren,
so genügte Schiller seiner. Wie viele haben sich nicht davon gedrückt!

Johan nahm es nicht so genau mit dem Vorwort und dessen Folgerungen
oder sah die nicht; er nahm Karl Moor wörtlich und identifizierte sich
mit ihm, denn der paßte ihm. Er ahmte ihn nicht nach, denn er war ihm
so ähnlich, daß er ihm nicht nachzuäffen brauchte. Ebenso aufsässig,
ebenso schwankend, ebenso unklar; immer bereit, bei Alarm sich den
Händen der Gerechtigkeit zu überliefern.

Der Lebensüberdruß wurde noch größer; er begann Pläne zu entwerfen, wie
er aus der geordneten Gesellschaft fliehen könne. Einmal war er darauf
verfallen, nach Algier zu reisen und in die Fremdenlegion einzutreten.
Es wäre schön, dachte er, in der Wüste leben zu können, in einem
Zelt, auf halbwilde Volksstämme schießen und vielleicht erschossen
werden. Diese Unruhe und dieser Lebensekel rührten nicht etwa von der
Unterdrückung seines geschlechtlichen Lebens her, denn jetzt versagte
er seinen Trieben nichts mehr. Es war wohl die Frühlingsflut, die alle
Dämme und Pfahlwerke, die Schule und Elternhaus errichtet hatten,
niederriß.

Zur rechten Stunde aber traten Umstände ein, die ihn für eine Zeit
wieder mit den Verhältnissen aussöhnten. Durch die Empfehlung eines
Freundes wurde ihm die Stelle eines Hauslehrers für zwei Mädchen in
einem reichen und gebildeten Hause angeboten. Die Kinder sollten nach
neuen freisinnigen Methoden erzogen werden, weder ins Mädchenpensionat
gehen noch eine Gouvernante haben. Das war ein wichtiger Beruf,
dem sich Johan nicht gewachsen fühlte. Auch, wandte er ein, ein
Volksschullehrer? Weiß man nicht, daß ich das bin? Gewiß. Und doch? Man
ist liberal in dem Hause! Wie liberal man damals war!

Ein neues Doppelleben begann. Aus der Strafanstalt der Volksschule
mit Katechismus und Biblischer Geschichte, mit Armut, Elend und
Grausamkeit, ging er um ein Uhr, um Mittag zu essen, das er in einer
Viertelstunde verschlang, und war um zwei an Ort und Stelle. Es war
damals das feinste Haus in Stockholm, mit Portier, pompejanischem
Aufgang, bemalten Flurfenstern. In einem schönen großen hellen
Eckzimmer mit Blumen, Vogelbauern, Aquarium sollte er zwei gut
gekleideten, gewaschenen und gekämmten Mädchen, die fröhlich waren und
sich sattgegessen hatten, Unterricht geben. Und zwar sollte er seine
eigenen Gedanken aussprechen dürfen. Der Katechismus war verbannt; man
sollte nur ausgewählte Erzählungen aus der Biblischen Geschichte lesen,
indem man Leben und Lehre des Idealmenschen freisinnig erläuterte, denn
die Kinder sollten nicht konfirmiert, sondern zu neuen Menschen erzogen
werden. Und jetzt wurde Schiller gelesen und für „Wilhelm Tell‟ und das
kleine glückliche Land, „das Land der Freiheit‟, geschwärmt. Man sog
den Saft aus Shakespeares Roheiten, die noch nicht als Unsittlichkeiten
gestempelt waren. Johans gesundes Geschlechtsleben machte, daß er über
die heiklen Stellen in „Julius Caesar‟ frei und offen sprechen und auf
die wißbegierigen Fragen der frischen Kinder nach den Geheimnissen des
Geschlechtslebens bei Pflanzen und Tieren antworten konnte, wenn sie
Naturwissenschaft hatten. Er lehrte sie alles, was er wußte; sprach
mehr, als er fragte; weckte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei
ihnen und teilte diese Hoffnung selbst.

Hier bekam er einen Einblick in eine Gesellschaftsklasse, die er
noch nicht kannte: die des gebildeten und reichen Mannes. Da fand er
Freisinn und Mut und Verlangen nach Wahrheit. Unten in der Volksschule
war man feige, konservativ, unwahrhaftig. Wären die Eltern der Kinder,
auch wenn die Schulbehörde es vorschlug, willig gewesen, die Religion
aus der Schule auszuscheiden? Wahrscheinlich nicht! Mußte also die
Aufklärung von oben kommen? Sicherlich; nicht von ganz oben, sondern
von der Republik der Männer der Wissenschaft, welche die Wahrheit
suchten. Johan fühlte auch, daß man oben sitzen mußte, um gehört zu
werden. Also: nach oben streben, oder die Bildung herunterreißen und
die Funken unter alle ausstreuen! Es war wirtschaftliche Unabhängigkeit
nötig, um freisinnig zu sein; eine Stellung, um seine Worte zu Geltung
zu bringen; also auch da Aristokratie.

       *       *       *       *       *

Es gab damals eine Gruppe junger Ärzte, Gelehrter, Schriftsteller,
Abgeordneter, die eine freisinnige Gesellschaft bildeten, ohne sich
als Verein zu konstituieren. Sie hielten populäre Vorlesungen;
versprachen, keine Orden anzunehmen; hatten freimütige Ansichten über
die Staatskirche, schrieben in Zeitungen. Die bekanntesten Namen
waren: Axel Key, Nordenskiöld, Christian Lovén, Harald Wieselgren,
Hedlund, Viktor Rydberg, Meijerberg, Jolin und mehrere ungenannte. Sie
wirkten für sich im stillen, ohne größeren Lärm zu machen, allerdings
mit einer Ausnahme. Nach der Reaktion von 1872 verblaßten sie, wurden
müde; in eine Partei konnten sie nicht aufgehen; und das war gut, da
die agrarische Partei bereits anfing durch den jährlichen Stockholmer
Aufenthalt und den Besuch bei Hofe korrumpiert zu werden. Jetzt (1886)
gehören sie alle zu der gemäßigt oder vornehm liberalen Partei, soweit
sie nicht zu den Gleichgültigen und Müden übergegangen sind; was ganz
natürlich wäre, nachdem sie so viele Jahre nutzlos gekämpft hatten.

Durch die Familie seiner Schülerinnen kam Johan in äußerliche Berührung
mit dieser Gruppe; sah deren Mitglieder wenigstens aus der Nähe und
hörte sie bei Diners und Soupers sprechen. Manchmal dachte er, das
seien die richtigen Männer, die es machen würden, indem „sie zuerst
aufklären und dann reformieren‟. Hier traf er auch den Leiter der
Volksschule und wunderte sich, ihn unter den Liberalen zu finden. Aber
er hatte ja die Schulbehörde über sich und war so gut wie machtlos.
Bei einem fröhlichen Diner, als Johan kühn geworden, faßte er sich ein
Herz und wollte mit dem Herrn ein verständiges Wort sprechen. Hier,
dachte er, können wir wohl Auguren sein und ein gutes Champagnerlächeln
über alles lächeln. Der Vorgesetzte aber wollte nicht lächeln, sondern
ersuchte ihn, das Gespräch aufzuschieben, bis sie sich in der Schule
treffen würden. Nein, das wollte Johan nicht, denn in der Schule hatten
sie, alle beide, andere Ansichten: darum sprach man jetzt von „etwas
anderm‟. Sowohl Johan wie der Volksschulleiter hatten sich selber
reformiert, durften darum aber nicht andere reformieren; das war nur
eine Posse von dem, der es versprochen hatte.

       *       *       *       *       *

Die Schulden wuchsen und die Arbeit vermehrte sich. Von acht bis
eins in der Volksschule; Mittag essen und zu den Privatstunden gehen
innerhalb einer halben Stunde; atemlos ankommen, während der Verdauung,
die in Schlaf überzugehen droht; bis vier Unterricht erteilen; dann
nach Hause gehen, um neue Stunden zu geben; am Abend zu den beiden
Schülerinnen zurückkehren; nachts für seine Doktorprüfung arbeiten,
nachdem er zehn Stunden Unterricht erteilt. Das war Überanstrengung.
Der Schüler findet seine Arbeit schwer, aber er ist Wagen, während der
Lehrer Pferd ist. Es ist bestimmt schwerer, Lehrer zu sein als an der
Schraube oder dem Kran einer Maschine zu stehen, und ebenso einförmig.

Das von Arbeit und gestörter Verdauung betäubte Gehirn mußte angeregt
werden, die Kräfte mußten ersetzt werden, und er wählte das nächste und
beste Mittel: in ein Café gehen, ein Glas trinken, eine Weile sitzen.
Es war gut, daß es solche Erfrischungsräume gab, wo junge Leute zu
treffen waren, wo Familienväter sich einen Augenblick bei einer Zeitung
ausruhen oder in einem Geplauder von „etwas anderm‟ sprechen konnten.

Während des folgenden Sommers zog er mit einer Sommerkolonie in den
Tiergarten hinaus. Dort unterrichtete er die beiden Mädchen einige
Stunden allein und einen ganzen Schwarm anderer Kinder außerdem. Es war
ein reicher und abwechselnder Verkehr. Die Kolonie war in drei Lager
geteilt: das gelehrte, das künstlerische, das bürgerliche Lager. Johan
gehörte allen dreien an. Man hat gesagt, die Einsamkeit sei schädlich
für die Entwicklung des Charakters (zum Automaten), und man hat gesagt,
viel Verkehr sei schädlich für die Entwicklung des Charakters. Man kann
alles sagen und alles kann wahr sein; es kommt nur auf den Standpunkt
an. Aber für die Entwicklung einer Seele zu einem reichen, freien
Leben ist viel Verkehr notwendig. Je mehr Menschen man sieht, mit je
mehr Menschen man spricht, desto mehr Gesichtspunkte lernt man kennen,
desto mehr Erfahrungen erwirbt man. Jeder Mensch hat immer ein Korn,
das seine Originalität ist; jeder einzelne hat seine Geschichte. Johan
fühlte sich bei allen wohl. Er sprach gelehrte Dinge mit den Gelehrten,
über Kunst und Literatur mit den Künstlern, sang Quartette und tanzte
mit der Jugend, unterrichtete die Kinder; botanisierte, segelte,
ruderte, schwamm mit ihnen. Wenn er aber einige Zeit im Gewimmel
gewesen war, zog er sich in die Einsamkeit zurück, auf einen Tag oder
mehrere, um seine Eindrücke zu verdauen.

Die sich wirklich vergnügten, waren die Bürger. Sie kamen von ihrer
Arbeit in der Stadt, warfen ihre Bürde ab und spielten am Abend. Alte
Großkaufleute warfen Ring, tanzten, spielten Spiele, sangen wie
Kinder. Die Gelehrten und Künstler saßen auf Stühlen, sprachen von
ihrer Arbeit, wurden von ihren Gedanken wie vom Alp geritten, sahen
nie wirklich glücklich aus. Sie konnten sich nicht von der Tyrannei
der Gedanken befreien. Die Bürger hatten sich auch ein kleines
grünes Gärtchen in ihrem Herzen bewahrt, das weder Gewinnsucht noch
Spekulation noch Konkurrenz abbrennen konnte. Etwas Gefühlvolles und
Herzliches war ihnen geblieben, das Johan Natur nennen wollte. Sie
konnten lachen wie Narren, schreien wie Wilde, gelegentlich sich leicht
rühren lassen. Sie weinten auch über das Unglück oder den Tod eines
Freundes, umarmten sich in den Augenblicken der Entzückung, konnten
über einen schönen Sonnenuntergang hingerissen sein. Die Professoren
saßen auf Stühlen und sahen die Landschaft nicht, weil sie eine Brille
trugen; ihre Blicke waren nach innen gerichtet, und ihre Gefühle
zeigten sie nie. Ihr Gespräch bestand aus Schlüssen und Formeln; ihr
Lachen war bitter; bei all ihrer Gelehrsamkeit schienen sie Marionetten
zu sein. Ist das etwa ein höherer Standpunkt? Ist es nicht ein Mangel,
ein ganzes Gebiet des Seelenlebens brachgelegt zu haben?

Mit dem dritten Lager wurde Johan jedoch am intimsten. Das war ein
kleiner Kreis, der aus der Familie eines Arztes und dessen Verkehr
bestand. Da sang der berühmte Tenor W., während Professor M. ihn
begleitete; da spielte und sang der Komponist J.; da sprach der alte
Professor P. von seinen römischen Reisen mit Malern vom alten Stamm.
Hier war Gefühlsleben in reichem, aber künstlerischen Maße. Man genoß
den Sonnenuntergang, aber man analysierte die Lichtwirkung und die
Schlagschatten, sprach von Linien und Werten. Die geräuschvolleren
Vergnügungen der Großkaufleute wurden als störend empfunden und
ihr Spiel als unkünstlerisch. Für die Kunst, das schöne Spiel,
schwärmte man hier. Johan fühlte sich einige Stunden wohl unter
diesen liebenswürdigen Menschen; wenn er aber von der Villa nebenan
Quartettgesang und Tanzmusik hörte, verlangte er dorthin; da war es
bestimmt lustiger.

In einsamen Stunden las er; jetzt erst schloß er wirkliche
Bekanntschaft mit Byron. „Don Juan‟, den er schon kannte, hatte
er nur leichtsinnig gefunden. Der handelte von nichts, und die
Naturschilderungen waren unerträglich lang. Das sind nur Abenteuer
oder Anekdoten, dachte er. In „Manfred‟ machte er von neuem die
Bekanntschaft mit Karl Moor, wenn auch in anderer Tracht. Manfred
war kein Menschenhasser; er haßte mehr sein Ich und ging in die
Alpen, um sich selber zu fliehen, fand sich aber immer neben sich mit
seinem Verbrechen; Johan begriff sofort den Gedanken, daß Manfred
in verbrecherischem Verhältnis zu seiner Schwester steht. Heute
glaubt man, Byron habe dieses Verbrechen, das in Wirklichkeit nicht
vorhanden war, durchschimmern lassen, um sich interessant zu machen.
Interessant sein wie die Romantiker, zu welchem Preis auch immer,
würde man jetzt (1886) übersetzen mit: sich von andern unterscheiden,
über die andern hinausstreben. (Dieses ewige Streben!) Das Verbrechen
galt für ein Zeichen von Kraft; darum wollte man mit einem Verbrechen
prahlen können, aber mit einem, das nicht bestraft wurde; mit Polizei
und Gefängnis wollte man nichts zu tun haben. Es lag wohl auch etwas
von Opposition gegen Gesetz und Moral in dieser Prahlerei mit einem
Verbrechen.

Manfred gefiel Johan, weil er mit dem Himmel und der himmlischen
Regierung unzufrieden ist. Wenn Manfred sein Pfui über die Menschen
ruft, so gilt es wohl der Gesellschaft, aber die Gesellschaft war
noch nicht entdeckt. Keineswegs waren diese, Rousseau und Byron und
die andern, unzufriedene Menschenhasser. Altes Christentum ist die
Forderung, daß man die Menschen lieben soll. Wenn man sagte, man
interessiere sich für sie, wäre das bescheidener und wahrer. Menschen
fürchten kann der wohl tun, der im Kampf überlistet und abgetan ist,
aber hassen kann sie wohl niemand, da sich ja jeder solidarisch mit der
Menschheit fühlt und weiß, daß der Verkehr der größte Genuß des Lebens
ist. Byron war ein Geist, der früher geweckt wurde als die andern und
der theoretisch die Volksmenge seiner Zeit hassen mußte, der aber doch
für aller Wohl kämpfte und duldete.

Als Johan sah, daß die Dichtung in ungereimten Versen geschrieben war,
begann er sie zu übersetzen; kam aber nicht weit, da er von neuem
entdeckte, daß er keine Verse schreiben konnte. Er war nicht berufen.

Bald schwermütig, bald mutwillig, empfand er oft ein unwiderstehliches
Verlangen, im Rausch das brennende Feuer des Gedankens zu löschen und
das Gehirn in seinem Laufe anhalten zu lassen. Von Natur schüchtern,
fühlte er sich zuweilen getrieben, vorzutreten, aus sich etwas zu
machen, Zuhörer zu sammeln, aufzutreten. Wenn er viel getrunken hatte,
wollte er deklamieren. Große Gedichte, feierliche. Aber mitten im
Vortrag, wenn die Ekstase am größten war, hörte er seine eigene Stimme,
wurde schüchtern, verlegen, fand sich lächerlich und schlug plötzlich
um, ging in einen niedrigeren Ton über, geriet ins Komische hinein, um
mit einer Grimasse zu enden. Er hatte Pathos, aber nur für eine Weile;
dann kam die Selbstkritik, und er lachte über seine übertriebenen
Gefühle. Die Romantik lag im Blut, aber die nüchterne Wirklichkeit war
im Begriff zu erwachen.

Auch Anfälle von Launen und Selbstquälerei verfolgten ihn. So blieb
er von einem Mittagessen fort, zu dem er geladen war, lag auf seinem
Zimmer und hungerte bis zum Abend. Er schob die Schuld darauf, daß er
sich verschlafen.

Der Sommer näherte sich seinem Ende und er sah dem Beginn der
Volksschule mit Überdruß und Furcht entgegen. Jetzt war er in Kreisen
gewesen, in denen die Armut nie ihr verheertes Gesicht gezeigt hatte;
jetzt hatte er den lockenden Wein der Bildung gekostet und die Lust,
wieder nüchtern zu werden, verloren.

Seine Schwermut nahm zu, er zog sich auf sich selbst zurück und
verschwand aus dem Verkehrskreis. Aber eines Abends klopfte man an
seine Tür; der alte Arzt, der sein intimster Verkehr gewesen und in
derselben Villa wohnte, trat ein.

-- Wie steht es mit dem Humor? fragte er und setzte sich nieder wie ein
alter väterlicher Freund.

Johan wollte nicht bekennen. Wie sollte er sagen, daß er mit seiner
Stellung unzufrieden war? Wie bekennen, daß er Ehrgeiz habe und es in
der Welt zu etwas bringen wolle?

Aber der Doktor hatte das alles gesehen und verstanden.

-- Sie müssen Arzt werden, sagte er. Das ist eine Tätigkeit, die für
Sie paßt und Sie mit dem Leben in Berührung bringen wird. Sie haben
eine lebhafte Phantasie, aber Sie müssen sich über sich selbst klar
werden, sonst geht es Ihnen schlecht. Sie haben ja Lust für den Beruf?
Nicht wahr? Habe ich recht geraten?

Er hatte recht geraten. Durch die Berührung mit diesen neuen Propheten,
die auf die Geistlichen und Beichtväter gefolgt waren, hatte Johan in
ihren praktischen Kenntnissen vom Menschenleben die Höhe menschlicher
Weisheit gesehen. Ein Weiser werden, der die Rätsel des Lebens
versteht, das war augenblicklich sein Traum. Augenblicklich, denn
er wollte eigentlich keine bestimmte Laufbahn einschlagen, auf der
er in die Gesellschaft eingeordnet würde. Nicht etwa aus Furcht vor
Arbeit, denn er arbeitete mit Leidenschaft und litt unter Müßiggang.
Er wollte sich aber nicht in die Listen der Gesellschaft einschreiben
lassen, keine Nummer werden, kein Zahnrad, keine Schraubenmutter. Er
konnte nicht gezähmt werden. Er wollte draußen stehen und betrachten,
lehren und verkünden. Die Laufbahn des Arztes war in gewissem Sinne
frei. Er war nicht Beamter, hatte keine Vorgesetzte, saß auf keinem
Dienstzimmer, war nicht an den Glockenschlag gebunden. Das war ja
ziemlich verlockend, und Johan wurde gelockt. Aber wie sollte das
zugehen? Acht Jahre Studium!

Daran hatte der freundliche Mann auch gedacht.

--Wohnen Sie bei uns in der Stadt und unterrichten Sie meine Knaben.

Das war ja ein reines Geschäft, eine Stellung und keine demütigende
Wohltätigkeit. Aber die Schule? Seinen Posten aufgeben?

-- Das ist nicht Ihr Platz, schnitt der Doktor ab. Jeder soll nach
seinen Gaben wirken. Ihre Gaben können nicht in der Volksschule wirken,
wo sie den Unterricht, wie ihn die Schulbehörde verlangt, geben sollen.

Das fand Johan vernünftig, aber die Mönchslehre war ihm so in Fleisch
und Blut übergegangen, daß er einen Stachel im Herzen fühlte. Er wollte
so gern aus der Volksschule fort, aber ein sonderbares Pflichtgefühl
hielt ihn zurück. Daß man ihm Ehrgeiz, einen so menschlichen Trieb,
vorwerfen könnte, erregte seine Scham. Und seine Stellung, die war ihm,
dem Sohn der Magd, dort unten angewiesen. Aber der Vater hatte ihn ja
hinaufgezogen, buchstäblich hinaufgezogen: warum sollte er denn wieder
hinunter, um dort unten Wurzel zu fassen?

Er kämpfte einen kurzen, blutigen Kampf; dann nahm er das Anerbieten
mit Dank an und verabschiedete sich von der Schule.



13.

+Der Arzt.+

(1868)


Bei den Heimatlosen, den Israeliten, fand Johan jetzt sein neues
Heim. Sofort schlug ihm eine neue Luft entgegen. Keine Erinnerung ans
Christentum. Man quälte weder sich selbst noch andere. Kein Tischgebet,
kein Kirchenbesuch, kein Katechismus. Was wollen die, welche an die
Bedeutung des Christentums in der Entwicklung glauben, von einem Volke
sagen, das zweitausend Jahre der Weltgeschichte ohne Christentum
gelebt und sich zu einer solchen Kulturhöhe wie die andern erhoben
hat, daß es beinahe vollständig in die christliche Gesellschaft hat
aufgehen können? Sollte vielleicht die europäische „Weltgeschichte‟
das Christentum entbehren können: Kirchenversammlungen, Päpste,
Inquisition, Dreißigjährigen Krieg, Luther entbehren können?
Sollte vielleicht das Christentum ganz einfach eine Periode der
Vermenschlichung gewesen sein, die eintreten mußte und nur mit der
Entstehung der Kirche zusammenfiel, aber nicht von ihr abhängig war?
Der Mohammedaner und der Buddhist können ja ebenso human sein wie
der Christ, trotzdem die ersten den letzten nur treffen, wenn von
Menschlichkeit keine Rede ist: nämlich in Kriegszeit.

Hier ist gut sein, dachte Johan; das sind befreite Menschen, die aus
den Kulturen aller Länder das Beste geholt haben, ohne das Schlechte
haben mitnehmen zu müssen. Sie waren viel auf Reisen gewesen, hatten
Verwandte im Ausland, sprachen alle Sprachen, empfingen Ausländer
im Hause. Alle großen und kleinen Angelegenheiten des Landes wurden
besprochen und mit den ausländischen Originalen verglichen; dadurch
bekam man einen größeren Gesichtskreis und konnte das Vaterländische
richtiger einschätzen.

Die patriarchalische Leitung der Familie hatte nicht die Form von
Familientyrannei angenommen; im Gegenteil behandelten die Kinder ihre
Eltern mehr wie ihresgleichen, und die Eltern waren zärtlich, ohne
kleinlich zu sein. In einen unfreundlichen Weltteil verschlagen, von
halben Feinden umgeben, suchten die Mitglieder der Familie Schutz
beieinander und hielten zusammen. Ohne Vaterland sein, was man für
so schwer hält, hat den Vorteil, daß die Intelligenz immer am Leben
erhalten wird. Unaufhörliche Wachsamkeit, beständige Beobachtung,
neue und reiche Erfahrungen bieten sich dem Wandernden, während der
Stillsitzende träge wird und sich auf andere verläßt.

Die Kinder Israel nehmen eine eigentümliche Ausnahmestellung in
sozialer Hinsicht ein. Sie haben die Messiasverheißung vergessen
und glauben nicht daran. In den meisten Ländern Europas sind sie
Mittelklasse geblieben. Unterklasse zu werden, war ihnen wohl
verweigert, wenn auch nicht in der Ausdehnung, wie man gewöhnlich
glaubt. Oberklasse zu werden, ebenfalls. Darum fühlen sie sich nicht
verwandt mit der Unterklasse und auch nicht mit der Oberklasse. Sie
sind Aristokraten aus Gewohnheit und Neigung, haben aber dasselbe
Interesse wie die Unterklasse: nämlich den Stein, der oben liegt und
drückt, abzuheben. Aber sie fürchten den Proletarier, denn der ist
religiös verdummt und liebt die Reichen nicht. Darum fliehen die Kinder
Abrahams lieber nach oben, als daß sie unten Sympathie suchen.

Zu dieser Zeit, 1868, begann man die Frage, wie weit sich die Rechte
der Juden erstrecken, zu erörtern. Alle Liberalen stimmten dafür. Damit
dankte das Christentum ab. Taufe, Trauung, Konfirmation, Kirche, alles
wurde unnötig für den Bürger einer christlichen Gemeinschaft. Solche
scheinbar kleinen Reformen wirken auf den Staat wie der Tropfen auf den
Felsen.

Es herrschte deshalb eine fröhliche Stimmung in der Familie, da die
Zukunft der Söhne nun heller zu werden schien, als die des Vaters
gewesen war, dessen akademische Laufbahn die Gesetzgebung einmal
gehindert hatte.

Ein freigebiger Tisch wurde im Hause gehalten; alles war von bester
Ware und in reichlicher Menge. Die Dienstboten hielten haus und hatten
freie Hände in allem; wurden niemals als Dienstboten behandelt. Das
Hausmädchen war Pietistin, durfte es sein, soviel sie wollte. Sie hatte
eine gute und humoristische Natur und scherzte, unlogisch genug, mit
dem im Hause herrschenden frohen Heidentum. Niemand scherzte dagegen
mit ihrem Glauben. Johan selber wurde bald als vertrauter Freund, bald
als Kind behandelt; er wohnte mit den Knaben zusammen. Sein Dienst war
leicht. Es lag dem Vater mehr daran, daß er den Kindern Gesellschaft
leiste, als daß er sie unterrichte. Er wurde hier etwas „verwöhnt‟, wie
man zu sagen pflegt, mit der gewöhnlichen Auffassung, daß die Jugend
zurückgesetzt werden müsse. Erst neunzehn Jahre alt, wurde er als einer
ihresgleichen unter bekannte und reife Künstler, Ärzte, Schriftsteller,
Beamte aufgenommen. Er begann sich für erwachsen zu halten, und die
Rückschläge wurden darum desto härter.

Seine medizinische Laufbahn begann mit chemischen Versuchen auf der
Technischen Hochschule. Da bekam er die erträumten Herrlichkeiten
seiner Kindheit aus nächster Nähe zu sehen. Aber wie trocken und
langweilig waren die Wurzeln der Wissenschaft! Säuren auf Salze gießen
und sehen, wie die Lösung ihre Farbe ändert, das war nicht angenehm.
Aus einigen Lösungen Salze hervorbringen, nicht sehr interessant.
Später, als die Analyse kam, begann das Geheimnisvolle. Einen Becher,
so groß wie ein Punschglas, mit einer wasserklaren Flüssigkeit füllen
und dann auf dem Filter die vielleicht zwanzig Stoffe, die sie enthält,
vorzeigen, das hieß doch etwas in die Geheimnisse eindringen.

Wenn er allein im Laboratorium war, machte er kleine Versuche auf
eigene Faust. So stellte er sich unter ziemlich großer Gefahr eine
kleine Flasche mit Blausäure her. Die zu haben, war ein merkwürdig
angenehmes Gefühl. Der Tod, in wenigen Tropfen unter einem Glaspfropfen
eingeschlossen.

Gleichzeitig beginnt er die Studien in Zoologie, Anatomie, Botanik,
Physik, Latein. Noch mehr Latein! Lesen, sich eine Übersicht schaffen,
den Stoff bezwingen, das ging; aber auswendig lernen, das war ihm
zuwider. Der Kopf war schon mit so vielen Dingen erfüllt, daß noch mehr
nur schwer hineinging. Aber es mußte.

Schlimmer war es, daß soviel anderes jetzt mit der Medizin zu
konkurrieren anfing. Das Dramatische Theater lag einen Steinwurf
von Hause entfernt; dorthin ging er einige Male in der Woche auf
den dritten Rang, Stehplatz. Von dort sah er jetzt die elegante und
heitere Welt der französischen Komödie, die man auf Brüsseler Teppich
spielte. Diese leichte gallische Natur, die der schwermütige Schwede
als sein fehlendes Komplement bewundert, nahm ihn gefangen. Welches
Gleichgewicht, welche Widerstandskraft gegen die Schicksalsschläge
besaß doch dieses Volk eines südlicheren, sonnigeren Landes! Seine
Gedanken wurden noch schwerer, als er seinen germanischen „Weltschmerz‟
fühlte, der einen solchen Flor über alles breitete, daß hundertjährige
französische Erziehung ihn nicht hatte fortblasen können. Er wußte aber
nicht, daß das Bühnenleben der Pariser nicht das Leben ist, das der
emsige und sparsame Pariser hinter dem Pult oder dem Ladentisch führt.
Die französische Komödie war für die reichen Emporkömmlinge des zweiten
Kaisertums geschrieben: Politik und Religion standen unter Zensur,
aber nicht Moral. Sie war aristokratisch, wirkte aber befreiend, indem
sie die Wirklichkeit packte, wenn sie auch nicht unter Marquis und
Kaufleute hinunterstieg. Sie gewöhnte die Zuschauer daran, sich in
dieser feinen Welt heimisch zu fühlen; man vergaß dabei die andere
niedrigere Welt, und wenn man aus dem Theater kam, glaubte man, auf
Souper bei seinem Freunde dem Herzog gewesen zu sein.

Der Zufall wollte auch, daß die Frau Doktor eine gute Bibliothek mit
der schönen Literatur der ganzen Welt besaß. Das war ein Schatz! Und
der Doktor besaß eine Galerie schwedischer Meister und eine wertvolle
Sammlung Kupferstiche.

Die Ästhetik, die jetzt ungehemmt blühte, brach ins Leben und sogar
in die Schule ein, in der literarische Vereine Vortrag hielten. In
der Familie sprach man so viel von Gemälden und Künstlern, Dramen und
Schauspielern, Büchern und Dichtern, daß der Doktor sich oft veranlaßt
sah, das Gespräch mit einer starken Dosis aus seiner Praxis zu würzen.

Jetzt beginnt Johan auch Zeitungen zu lesen. Das politische und soziale
Leben mit seinen mannigfaltigen Fragen offenbart sich ihm, stößt ihn
aber zuerst zurück, da er Ästhet und Familienegoist geworden ist. Die
Politik gehe ihn nichts an, dachte er; das sei eine Fachwissenschaft
wie alle andern.

Seinen Unterricht bei den beiden Mädchen setzte er fort, auch
verkehrte er weiter in ihrer Familie. Außer dem Hause verkehrte er
mit erwachsenen Verwandten, die Kaufleute waren, und deren Bekannten.
Sein Kreis war also ausgedehnt; er sah das Leben nicht von einem
Gesichtspunkt. Aber diese unaufhörliche Beschäftigung mit Kindern muß
ihn niedergehalten haben. Er fühlte nicht, daß er älter wurde; und er
konnte die Jugend nicht überlegen behandeln. Er merkte jetzt schon,
daß die Jungen ihm voraus waren; daß sie mit neuen Gedanken geboren
wurden; daß sie dort weiter bauten, wo er aufgehört hatte. Wenn er
später erwachsene Schüler traf, sah er beinahe zu ihnen auf, als seien
sie älter. Sie schienen ihn überholt zu haben, wenn sich auch die
Gesichtstäuschung dahin auflöste, daß sie sich selber überholt hatten,
wie er sie früher gesehen.

       *       *       *       *       *

Der Herbst 1868 war da. In den Folgen der neuen Staatsverfassung hatte
man sich so verrechnet, daß man mißvergnügt war. Die Gesellschaft war
auf den Kopf gestellt. Die Bauern bedrohten Stadt und Kultur, und die
Erbitterung war allgemein.

Ist das letzte Wort schon gesagt von der Bauernpartei? Wahrscheinlich
nicht. Sie begann äußerst demokratisch reformatorisch, und ihr Angriff
auf die Zivilliste war das Kühnste, was man gesehen hatte. Das
bedeutete, auf gesetzlichem Wege die Monarchie stürzen. Bewilligte der
Reichstag so wenig Geld, daß sich der König verletzt fühlte, dann ging
er. Das war ebenso einfach als genial.

In einer Zeit, die das Recht der Mehrheit verkündet, hätte man nicht
erwartet, daß das Vorgehen der Bauern auf Widerstand stoßen werde.
Schweden war ein Bauernreich, denn die Landbevölkerung bestand aus
vier Millionen; bei einer Volksmenge von viereinhalb Millionen ist
das wohl die Mehrheit. Sollte nun die halbe die vier regieren oder
umgekehrt? Das letzte scheint billiger zu sein. Nun sprechen natürlich
die Städter von der Selbstsucht und Tyrannei der Bauern. Aber haben
denn die Arbeiter auf ihrem Programm einen einzigen Punkt, der die
Lage der Bauern, Instleute und Kätner verbessern will? War nicht
ihre Selbstsucht größer, als sie den Brotpreis der vierzehn Prozent
gegen das ganze Gewerbe und Dasein der sechsundachtzig Prozent durch
Schutzzölle schützen wollten? Wie dumm, von Selbstsucht zu sprechen, da
ja jeder einzige dem Ganzen nützen soll, wenn er sich selber nützt!

Jetzt, 1868, entdeckten die Mißvergnügten eine Partei, die der
gesetzlichen und löblichen Mehrheit gegenübergestellt werden sollte und
die alle gründlichen Reformen auf ihr Programm schrieb. Das war die
neuliberale Partei, die meist aus Schriftstellern bestand, dann aus
einigen Handwerkern, einem Professor und andern. Diese Partei wieder
erweckte die städtischen Industriearbeiter als einen neuentdeckten
Stand. Mit dieser Handvoll Personen, die nicht die größeren und
wichtigeren Interessen des Grundbesitzes hatten, deren Stellung so
wenig gesichert war, daß eine Teuerung sie zu Proletariern machen
konnte, sollte jetzt die Gesellschaft umgeschaffen werden. Was wußten
die Arbeiter von der Gesellschaft? Wie wollten sie die haben? Zu ihren
Gunsten sollte sie umgeschaffen werden, wenn auch der Bauernstand
draufging! Aber das hieß sich die Beine absägen, denn Schweden ist
kein exportierendes Industrieland. Daher würden die vier Millionen
Kunden auf dem Lande im selben Augenblick, in dem sich ihre Kaufkraft
verringerte, ohne es zu wollen, die Industrie ruinieren und die
Arbeiter auf die Straße setzen. Daß die Arbeiter vorwärts kommen, ist
eine Notwendigkeit; aber alle Menschen, wie die Industriesozialisten es
fordern, zu Industriearbeitern machen wollen, ist viel unvernünftiger,
als alle Menschen zu Bauern machen, wie die Bauernsozialisten
beabsichtigen. Das Kapital, das die Arbeiter jetzt angreifen, ist doch
wohl das Fundament der Industrie; rührt man das an, so stürzt die
Industrie zusammen; dann müssen die Arbeiter zurück, woher sie gekommen
sind und noch täglich kommen -- aufs Land.

Noch war die Bauernpartei nicht verdorben durch den Verkehr mit feinen
Herren; war weder konservativ geworden noch machte Kompromisse.
Der Krieg schien zwischen Land und Stadt auszubrechen. Jedenfalls
war Gewitter in der Luft. Die kleinste Veranlassung konnte Blitze
hervorbringen, wenn sie auch nur von Bärlappsamen waren.

Die Hauptstadt mit ihrem hohen Interesse für die Kultur wollte Karl
XII. eine Statue errichten. Warum? War dieser letzte Ritter des
Mittelalters das Ideal der Zeit? War das Idol von Gustav IV. Adolf und
Karl XII. ein Ausdruck für die neue unkriegerische Zeit geworden, die
begann? War es ein Echo von der Zeit des Skandinavismus, da Er selbst
in höchsteigener Person den sterbenden Kriegsruhm Schwedens neu beleben
wollte? Oder ging das Ganze, wie es so oft geschieht, vom Atelier
des Bildhauers aus? Wer weiß? Das Standbild war fertig und sollte
enthüllt werden. Tribünen für die Zuschauer wurden errichtet, aber so
ungeschickt, daß die Feier von der Volksmenge nicht gesehen werden
konnte, während der abgesperrte Raum nur den Hof und die Eingeladenen,
die Sänger und die Gehilfen faßte. Da das Volk auch zum Denkmal
gesammelt hatte, glaubten alle das Recht aufs Schauen zu haben. Die
Tribünen machten böses Blut. Man schrieb in den Zeitungen, reichte eine
Bittschrift ein, daß die Tribünen abgebrochen würden; die Antwort war
aber nein. Das Volk sammelte sich, um die Tribünen niederzureißen; da
aber zog Militär auf.

Der Doktor gab ein Diner für die italienische Operngesellschaft. Man
war vom Nachtisch aufgestanden, als Laute von der Straße zu hören
waren. Zuerst klang's wie Regen, der auf ein Blechdach fällt, dann
war deutlich das Massengeschrei zu hören. Johan horchte auf. Es war
nichts mehr zu hören. Die Weingläser klangen zwischen italienischen und
französischen Phrasen, die über den Tisch hin und her geworfen wurden;
Lachen schallte und Witze hagelten; die Fischgesellschaft hörte sich
selber kaum. Da aber drang ein Brüllen von der Straße herauf, gleich
danach Pferdegetrappel, Gerassel von Waffen und Sattelzeug. Einen
Augenblick wurde es still, der eine und der andere erbleichte.

-- Was ist das? fragte die Primadonna.

-- Das Pack lärmt, antwortete ein Professor.

Johan stand vom Tische auf, ging in sein Zimmer, nahm Hut und Mantel
und eilte hinaus. Das Pack! klang's in seinen Ohren, während er die
Straße hinunterging. Das Pack! Das waren die früheren Klassengenossen
seiner Mutter, das waren seine Schulkameraden und dann seine Schüler;
das war dieser dunkle Hintergrund, auf dem die hellen Gemälde dort
oben wirken konnten. Er hatte wieder dieses Gefühl, als sei er
desertiert; habe unrecht getan, sich in die Höhe zu arbeiten. Aber
er mußte doch erst in die Höhe kommen, um für die in der Tiefe etwas
ausrichten zu können. Ja, so hatten viele gesprochen: waren sie aber
erst hinaufgekommen, hatte es ihnen so gut dort oben gefallen, daß
sie die dort unten vergaßen. Diese Reiter zum Beispiel, die aus den
allerdunkelsten Löchern gekrochen waren, wie brüsteten die sich! Mit
welchem ungemischten Vergnügen hieben sie auf ihre Kameraden ein;
wenn man auch zugeben mußte, daß sie noch lieber die schwarzen Hüte
niedergehauen hätten.

Er ging weiter und kam auf den Markt, wo das neue Denkmal stand. Die
Tribünen hoben sich vom Abendhimmel ab wie riesige Marktbuden, und
unten um sie wimmelte es von Menschen. Aus der Mündung der Straße war
Pferdegetrappel zu hören, ein kurzer Schritt nur. Und dort kamen sie
angeritten, die blauen Gardereiter, die Stützen der Gesellschaft, auf
die sich die Oberen verließen. Johan wurde von einem rasenden Verlangen
ergriffen, dieser Masse Pferde, Menschen, Säbel entgegenzugehen, als
sähe er in ihnen den ganzen Druck verkörpert. Das war der Feind! Also
los auf ihn. Die Truppe reitet weiter, und Johan stellt sich mitten auf
die Straße.

Woher hatte er seinen Haß gegen die Aufrechterhalter der Ordnung, die
einst ihn und seine Rechte verteidigen würden, nachdem er emporgekommen
und auf die andern drückte? Wenn diese Volksmenge, mit der er sich
jetzt solidarisch fühlte, freie Hände bekommen, hätte sie vielleicht
den ersten Stein durch das Fenster geworfen, hinter dem er eben mit
vier Weingläsern gesessen. Gewiß, aber das hinderte doch nicht, daß er
ihre Partei ergriff; man sieht ja oft, wie die Oberklasse, allerdings
inkonsequent, Partei gegen die Polizei ergreift. Diese abstrakte
Freiheitsmanie ist wohl eigentlich des Naturmenschen ewiger kleiner
Aufruhr gegen die Gesellschaft.

Er geht der Reiterei entgegen, mit einer dunkeln Absicht, sie alle zu
Boden zu schlagen, als ihn glücklicherweise jemand beim Arm packt,
kräftig, aber freundlich. Man bringt ihn wieder nach Haus zum Doktor,
der jemanden ausgesandt hat, um ihn zu suchen. Nachdem er sein
Ehrenwort gegeben, diesen Abend nicht mehr hinauszugehen, sinkt er auf
ein Sofa nieder und fällt in Fieber.

Am Tage der Enthüllung sang er unter den Studenten mit, befand sich
also unter den Auserwählten, den „oberen Zehntausend‟, und hatte allen
Grund, für sein Teil zufrieden zu sein.

Als die Feier beendet war, stürmte das Volk vor. Die Polizei drängte es
zurück. Da aber begann das Volk mit Steinen zu werfen. Die Schutzleute
zogen ihre Säbel und hieben ein, verhafteten und mißhandelten.

Johan war auf den Platz vor der Jakobikirche gekommen, als ein
Kommissär auf einen Kerl einhieb, während es Steine regnete und den
Schutzleuten die Helme abgeschlagen wurden. Ohne zu zögern, sprang er
auf den Polizisten los, packte ihn beim Kragen, schüttelte ihn und
schrie:

-- Lassen Sie den Mann los!

Der Kommissär blickte bestürzt auf den Angreifer.

-- Wer sind Sie? fragte er zögernd.

-- Ich bin der Satan, und ich werde Sie holen, wenn Sie den Mann nicht
loslassen.

Jener ließ wirklich los, aber nur, um Johan zu packen. In diesem
Augenblick schlug ihm ein Stein seinen dreikantigen Hut herunter. Johan
riß sich los.

Mit Bajonetten wurde jetzt die Volksmasse nach der Wache getrieben,
die sich auf dem Gustav-Adolf-Platze befand. Hinterdrein folgten viele
Menschen, Herren aus höheren Gesellschaftsklassen, wild, schreiend; wie
es schien, fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien. Johan lief
mit. Es war, als habe ein Sturmwind sie vorwärts geführt. Menschen, die
durchaus nicht belästigt, nicht zurückgedrängt worden waren, die eine
hohe Stellung in der Gesellschaft einnahmen, stürzten blind vorwärts,
setzten Stellung, Familienglück, Brot, alles aufs Spiel. Johan fühlte,
wie eine Hand seine faßte. Er drückte sie ebenfalls und sah neben sich
einen fein gekleideten Herrn mittleren Alters, dessen Züge verzerrt
waren. Sie kannten einander nicht, sie sprachen nicht miteinander, aber
sie liefen Hand in Hand wie zwei, die von dem gleichen Geist ergriffen
sind. Sie stießen auf einen Dritten. Johan kannte einen Schulkameraden
wieder, der schon Beamter war, den Sohn eines Ministers. Dieser junge
Mann hatte die Opposition in der Schule niemals mitgemacht, galt im
Gegenteil für einen Reaktionär, der eine Zukunft vor sich habe. Er
war jetzt weiß im Gesicht wie eine Leiche, die Wangen waren von Blut
geleert, die Muskeln lagen dicht am Schädel: er glich einem Totenkopf,
in dem zwei Augen brannten. Die drei konnten nicht sprechen, aber sie
faßten sich gegenseitig bei den Händen und liefen auf die Wache zu,
die gestürmt werden sollte. Die Flutwoge stürmte vorwärts, vorwärts,
bis sie sich, wie immer, an den Bajonetten brach, um sich in Schaum
aufzulösen.

Eine halbe Stunde später saß Johan mit einigen Studenten bei einem
Beefsteak im Opernkeller. Er erzählte sein Abenteuer als etwas, das
außerhalb von ihm und ohne seinen Willen geschehen sei. Ja, er scherzte
darüber. Das konnte Feigheit gegenüber der öffentlichen Meinung sein;
aber auch ganz einfach, daß er seinen Ausbruch objektivierte, ihn
jetzt in Ruhe als Mensch der Gesellschaft beurteilte. Die Luke war
einen Augenblick geöffnet worden, der Gefangene hatte seinen Kopf
herausgesteckt, dann flog die Luke wieder zu.

Sein unbekannter Mitschuldiger war, wie er später entdeckte, ein
durchaus konservativ gesinnter Großkaufmann. Der wich nun Johans
Blicken aus, wenn sie sich trafen. Einmal stießen sie auf einem
Trottoir zusammen und mußten einander ansehen. Sie lächelten nicht.

Während sie im Opernkeller saßen, kam die Nachricht vom Tode des
Dramatikers Blanche. Die Studenten nahmen sie ziemlich kühl auf.
Künstler und Bürger wärmer. Aber die Unterklasse sprach von Mord. Sie
wußte, daß er wegen der Tribünen persönlich beim König vorstellig
geworden war. Sie wußte, daß er immer, obwohl er alles Gute dieser
Welt besaß, an sie dachte, und sie war dankbar. Dumme Menschen wandten
wie gewöhnlich ein: es war keine Kunst von ihm, sich eine Rede für die
Armen zu leisten, da er reich und gefeiert war. War es keine Kunst? Die
größte Kunst!

Eigentümlich war, daß sich die ganze Unzufriedenheit gegen den
Oberstatthalter und die Polizei entlud, nicht wie sonst gegen den
König. Karl XV. war eine Persona grata; er durfte tun, was er wollte,
ohne unpopulär zu werden. Er war nicht herablassend oder demokratisch,
eher hochfahrend. So erzählte man sich Geschichten, daß Günstlinge in
Ungnade gefallen seien, weil sie bei frohem Gelage den Respekt außer
acht gelassen. Er konnte Soldaten Tabak in den Mund stecken, aber er
beschimpfte Offiziere, die seinen Launen nicht sofort gehorchten.
Bei Feuersbrünsten teilte er Ohrfeigen aus. Lachte nicht, wenn er
im Witzblatt karikiert wurde, wie man annahm. Er war der Herrscher
und glaubte sowohl Krieger wie Staatsmann zu sein. Griff selber in
die Regierung ein, konnte Fachmänner anschnauzen: „das verstehst du
nicht.‟ Aber er war populär und blieb es. Der Schwede, der darunter
zu leiden scheint, wenn ein Wille versagt, bewunderte diesen Willen
und beugte sich vor ihm. Eigentümlich war auch, daß der Schwede ihm
sein unregelmäßiges Leben verzieh, vielleicht, weil er kein Geheimnis
daraus machte. Er hatte sich seine eigene Moral geschrieben, und nach
der lebte er. Daher besaß er Harmonie, und Harmonie ist immer ein
angenehmer Anblick.

Man konnte Empörer aus Instinkt sein, aber an die notwendige
Übergangsform zu einer besseren Staatsverfassung, der Republik, glaubte
man nicht. Man hatte in Frankreich gesehen, wie auf zwei Republiken
neue Monarchien gefolgt waren. Man war heimlich Anarchist, aber nicht
Republikaner, und man hatte sich einreden lassen, die Monarchie sei
kein Hindernis für die Entwicklung der Freiheit.

So dachten die Jungen. Die Älteren dagegen, wie der Dramatiker Blanche,
sahen die ganze Rettung in der Republik. Darum ist die altliberale
Schule heute (1886) so etwas wie konservativ republikanisch geworden.

       *       *       *       *       *

Als der Doktor sah, daß die schöne Literatur seiner Frau Johans
medizinische Studien überwucherte, beschloß er, ihn in die Geheimnisse
seines Berufes blicken zu lassen; ihm einen Vorgeschmack davon
zu geben, der ihm helfen sollte, die langwierigen Vorstudien zu
überwinden, die er selbst für zu weitläufig hielt. Johan konnte jetzt
mehr Chemie und Physik als der Arzt; und der war der Ansicht, es sei
nur Bosheit, durch schwere Vorstudien den Konkurrenten die Laufbahn zu
erschweren. Warum nicht sofort wie in Amerika an der Leiche arbeiten,
da es doch ein Fachstudium war? So durfte Johan direkt von seinen
anatomischen Büchern als Amanuensis in die Praxis übergehen.

Das war ein neues, abwechslungsreiches Leben voller Wirklichkeit. Man
fuhr in eine dunkle Gasse, kam in ein Pförtnerzimmer, wo ein Weib im
Fieber lag. Trat ans Bett, zwischen arme Kinder, Großmutter und andere
Verwandte, die auf Zehen gingen und das Urteil erwarteten. Nahm die
muffige, zerlumpte Decke ab, entblößte eine eingesunkene, arbeitende
Brust, zählte die Pulsschläge. Dann griff man zu Papier und Feder.

Dann fuhr man in die Villenstraße, wurde auf weichen Teppichen durch
glänzende Zimmer in eine Schlafstube geführt, die wie ein Tempel
aussah. Hob eine blauseidene Decke, schiente das Bein eines in Spitzen
gekleideten, engelhaften Kindes. Betrachtete auf dem Rückweg eine
Gemäldesammlung und sprach von Künstlern.

Das war neu, das war interessant. Aber was für einen Zusammenhang hatte
das mit Titus Livius und der Geschichte der Philosophie?

Dann aber kamen die chirurgischen Einzelheiten. Man wird um sieben
Uhr morgens geweckt, kommt in die schwarze Kammer des Doktors, muß
beim Ausbrennen einer Wunde mit Hand anlegen; einer Wunde, die von
einer geschlechtlichen Krankheit herrührt. Das Zimmer riecht nach
Menschenfleisch und das ist widerlich bei fastendem Magen. Oder muß
einem Patienten den Kopf halten, während der Doktor mit einer Gabel
Drüsen aus dem Rachen zieht; fühlen, wie der Kopf des Patienten unter
dem Schmerz zuckt.

Daran gewöhnt man sich bald, sagte der Doktor, und das war
wahrscheinlich. Aber Johans Gedanken waren jetzt bei Goethes
Faust, Wielands leckern Romanen, George Sands sozialen Phantasien,
Chateaubriands Naturschwärmereien, Lessings verständigen Theorien. Die
Phantasie war in Bewegung gesetzt, und das Gedächtnis wollte nicht
arbeiten; die Wirklichkeit mit ihren Brandwunden und geronnenem Blut
war unschön; die Ästhetik hatte den Jüngling so gefaßt, daß das Leben
ihm traurig und abstoßend vorkam.

Der Verkehr mit Künstlern hatte seine Augen für eine neue Welt
geöffnet: eine freie Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie kamen an den
reichen und gebildeten Tisch schlecht gekleidet, mit schwarzen Nägeln
und unreiner Wäsche, als seien sie nicht nur den andern ebenbürtig,
sondern überlegen. Worin? Sie konnten kaum ihren Namen schreiben, sie
liehen Geld, um zu bezahlen, sie führten eine rohe Sprache. Alles war
ihnen erlaubt, das andern nicht erlaubt war. Warum? Sie konnten malen.
Aber das konnte man ja auf der Akademie lernen, und die Akademie fragte
nicht, ob alle, die eingeschrieben wurden, auch Genies seien? Wie
wußte man also, daß sie Genies waren? War Malen denn mehr als Wissen,
Kenntnisse besitzen, gelehrt sein?

Und diese Künstler hatten ein eigenes Moralgesetz, das anerkannt wurde.
Sie mieteten sich ein Atelier und ließen sich Frauen kommen, die sich
nackt entkleideten. Sie prahlten mit ihren Geliebten, während sich
andere ihrer schämten und ihretwegen getadelt wurden. Sie konnten in
Geldverlegenheit sein und scherzten darüber, während andere dadurch
belastet wurden; ja, es gehörte zu einem richtigen Künstler, ein „Lump‟
zu sein, wie man es sonst nannte.

Das sei eine heitere, freie Welt, dachte Johan; in der werde er sich
wohl fühlen, ohne alle konventionelle Fesseln, ohne Pflichten gegen
die Gesellschaft, vor allem aber ohne Berührung mit der langweiligen
Wirklichkeit. Aber er war kein Genie; wie sollte er also da
hineinkommen? Sollte er malen lernen, um den Freibrief zu erhalten?
Nein, das ging nicht; er hatte nie ans Malen gedacht, dazu war er
nicht berufen; auch würde die Malerei nicht alles ausdrücken, was er
sagen wollte, wenn er einmal zum Sprechen käme. Sollte es etwas sein,
+wenn+ es etwas sein sollte, so wäre es das Theater. Der Schauspieler
durfte vertreten und alle diese Wahrheiten sagen, wie bitter sie auch
sein mochten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das war
sicherlich eine schöne Laufbahn.



14.

+Vor dem Vorhang.+

(1869)


Johans Versuch, die Universität Upsala nach Stockholm zu verlegen,
sollte nicht ohne Folgen bleiben; die Kameraden hatten ihn ja gewarnt.
Als er also zeitig im Frühling nach Upsala fuhr, um seine lateinische
Arbeit zu schreiben, hatte er durch die Post an den Dozenten die
üblichen drei Probeaufsätze und die festgesetzten fünfzehn Kronen
vorausgeschickt. So gelang sein Attentat oder wurde nicht bemerkt, und
die Arbeit leistete er.

Jetzt aber im Mai wollte er die Vorprüfung in Chemie machen. Um
ganz sicher zu gehen, ließ er sich vom Assistenten der Technischen
Hochschule prüfen. Der erklärte, er besitze mehr Kenntnisse, als zur
medizinischen Prüfung notwendig seien. So vorbereitet, fuhr Johan nach
Upsala. Den ersten Besuch machte er bei einem Kameraden, der schon die
Vorprüfung in Chemie bestanden hatte und die Geheimnisse kannte.

-- Ich kann Synthese und Analyse; auch kenne ich die organische Chemie,
begann Johan.

-- Das ist gut, denn wir brauchen nur die Synthese zu kennen; aber das
hilft nichts, denn du hast nicht auf +seinem+ Laboratorium gearbeitet.

-- Das ist wahr, aber das der Hochschule ist viel besser.

-- Das hilft nichts, denn es ist nicht seins.

-- Wir werden doch sehen, ob Kenntnisse nicht genügen.

-- Wenn du so sicher bist, dann mach den Versuch; aber höre auf das,
was ich dir jetzt sage. Zuerst mußt du zum Dozenten gehen, um die
Fragen kennen zu lernen.

-- Was?

-- Für eine Krone paukt er eine Stunde mit dir; er fragt dich alle die
merkwürdigeren Fragen, die der Professor während des letzten Jahres
gestellt hat. So pflegt er jetzt zu fragen, ob man aus seinem Kadaver
Streichhölzchen und Ammoniak aus deinen alten Stiefeln machen könne.
Aber die Fragen erfährst du vom Dozenten. Zweitens darfst du nicht in
Frack und weißer Binde kommen, am allerwenigsten so fein gekleidet, wie
du jetzt bist. Darum will ich dir meinen Reitrock leihen, der auf den
Schultern grün und an den Nähten rot ist, und meine Schaftstiefel, denn
Stiefeletten liebt er nicht.

Johan befolgte die Instruktion und ging zuerst zum Dozenten. Der
stellte an ihn die Fragen, die zuletzt vorgekommen waren. Zum Entgelt
mußte Johan versprechen, unter allen Umständen zurückzukehren und die
Fragen zu nennen, die er selbst erhalten. Mit denen wollte der Dozent
sein Material an Fragen vermehren.

Am nächsten Tage ging Johan zu dem Kameraden, um sein Kostüm
anzuziehen. Die Hosen wurden hochgezogen, damit die Schäfte der Stiefel
zu sehen seien; der Kragen wurde auf der einen Seite aufgebogen, damit
die Haut zwischen Bündchen und Kragen zu sehen war.

So vorbereitet ging er zu seinem ersten Tentamen.

Der Professor der Chemie war ein früherer Fortifikationsoffizier, der
seinerzeit von der gelehrten Gilde in Upsala nicht gern empfangen
worden. Er war Soldat, nicht akademisch gebildet, also eine Art
„Philister‟. Das hatte ihn gereizt und leberkrank gemacht. Um sein
laienhaftes Äußeres zu verwischen, affektierte er den überstudierten
und geradsinnigen Gelehrten. Ging schlecht gekleidet und machte sich
ungewöhnlich. Schüler des Berzelius, viele Hunderte waren das wohl
gewesen, liebte er's, daran zu erinnern. Das war sein Trumpf. Berzelius
trug unter anderm zerrissene Hosen; daher war ein Loch in den Hosen das
Kennzeichen eines tüchtigen Chemikers. Daher alle diese Sonderbarkeiten.

Johan stellte sich vor, wurde mißtrauisch betrachtet und gebeten, in
einer Woche wiederzukommen. Da erklärte er, er sei besonders hergereist
und könne sich, da er arm sei, keine Woche in der Stadt aufhalten.
Wirkte sich die Erlaubnis aus, am nächsten Tage wiederkommen zu dürfen.
-- Es würde bald erledigt sein, meinte der Alte. -- Was?

Am nächsten Tage saß Johan auf einem Stuhl vor dem Professor. Es war
ein sonniger Nachmittag im Mai und der Alte schien sein Mittagessen
schlecht verdaut zu haben. Er sah unheimlich aus, als er von seinem
Schaukelstuhl seine erste Frage hinwarf.

Zuerst kamen die Antworten korrekt. Dann wurden die Fragen gewundener,
als seien sie Schlingen.

-- Wenn ich ein Stück Land habe und vermute Salpeter, wie soll ich's da
anfangen, um eine Salpeterfabrik anzulegen?

Johan antwortete, indem er eine Salpeteranalyse vorschlug.

-- Nein.

-- Dann weiß ich nichts anderes.

Es wurde still und die Fliegen summten. Lange still, unangenehm still.

-- Jetzt werden die Stiefel bald kommen oder die Streichhölzchen,
dachte Johan; da werde ich glänzen. Aber es kam nichts. Johan brachte
sich in Erinnerung und hustete. Aber der Professor schwieg. Johan
überlegte sich, ob er durchschaut sei und der Alte den Prüfungsrock
wiedererkannt habe.

Dann kam eine neue Frage, die unbeantwortet blieb. Dann noch eine.

-- Es ist zu früh, sagte der Alte und stand auf.

-- Aber ich habe ein Jahr auf dem Laboratorium gearbeitet und kann auch
Analyse.

-- Die Rezeptur können Sie wohl, aber Sie haben sie nicht verdaut!
Sehen Sie, auf der Hochschule ist man Handwerker, hier aber ist man
Gelehrter.

Es verhielt sich nun gerade umgekehrt, denn die Mediziner beklagten
sich darüber, daß sie wie Köchinnen dastehen und Mixturen und Salze
bereiten müßten, ohne eine Analyse machen zu dürfen; während doch
diese gerade Aufgabe des Arztes war; die Synthese hatte der Apotheker
zu machen. Jetzt aber hatte die einige Jahre früher angeregte Frage,
ob die Universität nicht nach Stockholm zu verlegen sei, Upsala gegen
die Hauptstadt erhoben; auch war das Laboratorium der neu erbauten
Technischen Hochschule zu Stockholm ebenso berühmt wegen seiner
vortrefflichen Einrichtungen, wie das der Universität Upsala wegen
seiner erbärmlichen berüchtigt war. Hier spielte also kleinlicher Sinn
mit, und Johan fühlte die Ungerechtigkeit.

-- Ich bekomme also kein Zeugnis?

-- Nein, Herr, nicht dieses Jahr; aber kommen Sie nächstes Jahr wieder!

Er schämte sich zu sagen: Gehen Sie auf mein allein seligmachendes
Laboratorium.

Johan war außer sich. Also weder Kenntnisse noch Fleiß, allein Geld und
Kriechen. Hatte er etwa Richtwege gesucht? Nein, im Gegenteil, er hatte
Umwege gehen müssen, weite und mühsame, während die andern die gerade
Straße zogen, und der direkte Weg ist der kürzeste!

Er kam in den Park der Bibliothek, böse wie eine Biene. Wollte zuerst
gar nicht wieder in die Stadt hinein, sondern setzte sich auf eine
Bank. Hätte er das verdammte Loch nur in Brand stecken können. Ein
Jahr? Nein, niemals! Er hatte alles satt. Warum soviel Unnötiges
lernen, wenn es doch vergessen wurde und nie in der Praxis vorkam. Und
so lange schuften, um schließlich diesen schmutzigen Beruf auszuüben:
Urinproben analysieren, im Auswurf stochern, in allen Winkeln des
Körpers wühlen? Pfui Teufel!

Wie er da sitzt, kommt eine Gesellschaft fröhlicher Menschen und
bleibt lachend vor der Rückseite der Bibliothek stehen. Sie blicken
nach den Fenstern hinauf, wo die langen Bücherreihen zu sehen sind,
Gestell neben Gestell! Sie lachen! Damen und Herren lachen über die
Bücher! Er glaubte sie zu erkennen! Ja, es sind Levasseurs französische
Schauspieler, die er in Stockholm gesehen hat und die jetzt in Upsala
gastieren. Sie lachen die Bücher aus. Glückliche Menschen, die Träger
der Bildung und des Geistes sein können, ohne Bücher zu studieren!
Vielleicht hatte jede Seele etwas zu geben, was nicht in den Büchern
stand, aber einst darin stehen würde. Ja, gewiß, so war es. Er selbst
besaß ja solche Vorräte an Erfahrungen und Gedanken, die sicherlich die
Wissenschaft vom Menschen bereichern konnten; und reif lagen sie da.

So beschlich ihn wieder der Gedanke, in diesen bevorrechtigten Stand
einzutreten, der außerhalb und über allen kleinen Gesetzen der
Gesellschaft stand, der keinen Rang kannte, in dem man sich also nicht
als Unterklasse fühlte. Da konnte man sich auf das allgemeine Urteil
berufen und in voller Öffentlichkeit arbeiten. Das war etwas anderes
als hier in einem abgelegenen dunkeln Loch aufgehängt zu werden, ohne
Untersuchung, ohne Urteil, ohne Zeugen.

Gestärkt von dem neuen Gedanken, stand er auf, lächelte über die Bücher
oben in der Bibliothek und ging in die Stadt hinein, entschlossen, nach
Hause zu fahren und um ein Debüt auf dem Königlichen Theater zu bitten.

       *       *       *       *       *

Jeder Stadtmensch wird einmal in seinem Leben die Lust empfunden
haben, als Schauspieler aufzutreten. Das ist wohl der Kulturtrieb,
sich zu vergrößern, etwas aus sich zu machen, sich mit andern,
größern, erdichteten Personen zu identifizieren, der hier wirkt. Bei
Johan, der Romantiker war, sprach auch das Verlangen mit, vorzutreten
und zum Volke zu sprechen. Er glaubte nämlich, daß er sich seine
Rollen wählen könne, und er wußte schon, welche. Daß er, wie alle
andern, die Fähigkeit zu haben glaubte, kam wohl von dem Überschuß
an unverbrauchter Kraft, den der Mangel an körperlicher Arbeit
hervorbringt, und von dem daraus folgenden Vergrößerungstrieb beim
Gehirn, das durch die geistige Überanstrengung unregelmäßig arbeitet.
In dem Beruf selbst sah Johan keine Schwierigkeit, erwartete aber
Widerstand von anderer Seite.

Vererbung annehmen, weil die Neigung in der Familie gewesen, dürfte
vielleicht übereilt sein, da wir eben angenommen haben, daß sich
das Verlangen bei den meisten findet. Doch hatte der Großvater
väterlicherseits, Bürger von Stockholm, Theaterstücke für eine
Liebhaberbühne geschrieben, und ein junger entfernter Verwandter lebte
noch als warnendes Beispiel. Dieser letzte war Ingenieur gewesen,
hatte in einem großen Eisenwerk gelernt, war an einer Bahn angestellt.
Hatte also eine schöne Zukunft vor sich gehabt, aber plötzlich seine
Laufbahn abgebrochen und war zum Theater gegangen. Johan erinnerte
sich noch, wie in seiner Jugend zu Hause bei dem Verwandten Stücke von
Studenten der Technischen Hochschule eingeübt wurden; er hatte auch
eine solche Aufführung im Saal eines Restaurants gesehen. Der Schritt
des Ingenieurs wurde ein Familienkummer, der sich niemals legte, und
der viel bedauerte junge Mann war zu dieser Zeit noch nichts geworden,
sondern reiste mit einer namenlosen Provinzgesellschaft umher. Das also
war der schwierigste Punkt. -- Ja, das ist er, antwortete Johan sich
selber, aber ich werde Glück haben! -- Warum? Weil er es glaubte. Und
er glaubte es, weil er es wünschte.

Man könnte vielleicht die Lust für angeboren halten, weil Johan als
Kind viel mit einem kleinen Kindertheater spielte; aber alle Kinder
spielen Theater. Er hatte wohl die Lust dadurch bekommen, daß er andere
spielen sah. Und das Theater war ja eine unwirkliche, bessere Welt, die
einen aus der langweiligen wirklichen herauslockte. Die letzte wäre
einem nicht so langweilig vorgekommen, wenn die Erziehung harmonischer,
realistischer wäre, nicht so romantisch, wie sie ist.

Genug, der Entschluß war gefaßt. Ohne irgend einem etwas zu sagen, geht
er zum Leiter der Schauspielerschule, dem Dramaturgen des Königlichen
Theaters.

Als er seine eigenen Worte hörte: ich will Schauspieler werden,
schauderte ihn. Es war ihm, als risse er sich angeborene Scnüchternheit
ab und tue seiner Natur Gewalt an.

Der Lehrer fragte, was er sei.

-- Ich wollte Arzt werden.

-- Und eine solche Laufbahn wollen Sie verlassen, um die schwerste und
schlechteste von allen zu wählen?

-- Ja!

Das sagten alle Schauspieler von ihrer Laufbahn: die schwerste und
schlechteste, obwohl sie es so gut hatten. Das geschah nur, um einen
abzuschrecken.

Johan bat um Privatstunden, damit er debütieren könne. Der Lehrer
wollte gerade aufs Land reisen, denn die Spielzeit war zu Ende; aber
er ersuchte Johan, am ersten September wiederzukommen, dann werde das
Theater wieder eröffnet und die Direktion sei wieder in der Stadt. Das
war eine Verabredung, und er war zufrieden.

Als er auf die Straße hinunterkam, ging er mit aufgesperrten Augen
dahin, als sehe er in eine helle Zukunft hinein; den Sieg hatte er
selbstverständlich in der Hand, er war bereits davon berauscht und
flog, aber mit schwankenden Schritten, die Straße hinunter.

Im Hause des Doktors sagte er nichts, auch allen andern gegenüber
schwieg er. Drei Monate lagen vor ihm: in denen wollte er für sich
alles lernen, um bereit zu sein. Aber geheim, denn er war schüchtern
und feig. Feig vor dem Kummer des Vaters, feig vor der Enttäuschung
des Doktors; schüchtern vor der ganzen Stadt, die erfahren würde,
daß er sich zum Schauspieler zu eignen glaubte; schüchtern vor dem
Hohn der Verwandten, dem Grinsen und Abraten der Freunde. Das war die
Frucht der Erziehung: was werden die Menschen sagen? Und die Furcht
wurde so übertrieben, daß seine Einbildung die Handlung zu einem
Verbrechen machte. Es war ja auch ein Eingriff in den Seelenfrieden
vieler Menschen, denn Verwandte, Freunde, Bekannte fühlen ja eine
Erschütterung, wenn ein Glied gewaltsam aus der Kette gerissen wird.
Das empfand er, darum mußte er die Bedenklichkeiten des Gewissens
abschütteln.

Als Debütrollen hatte er sich Karl Moor und Wijkanders Lucidor gewählt.
Das war kein Zufall, sondern streng logisch. In diesen beiden hatte
er beim Lesen sein Inneres ausgedrückt gefunden, deshalb wollte er
in ihren Zungen sprechen. Lucidor, den schwedischen Dichter des
siebzehnten Jahrhunderts, faßte er als eine höhere Natur auf, die,
durch Armut untergraben, unzufrieden wurde und unglücklich endete.
Natürlich eine höhere Natur! In diesen Schwärmereien fürs Theater
tauchte auch etwas von dem auf, was er empfunden, als er predigte, als
er sich beim Schulgebet empörte; das war der Verkünder, der Prophet,
der Wahrheitsager!

Was seine Vorstellungen von der hohen Bedeutung des Theaters noch
erhöhte, war die Lektüre von Schillers Vorlesung „Die Schaubühne, als
moralische Anstalt betrachtet‟. Sätze wie diese zeigten doch, wie
hoch das Ziel war, nach dem er strebte: „Die Schaubühne ist der große
Kanal, in dem das Licht der Weisheit von dem denkenden bessern Teil
des Volkes herniederströmt, um sich in milden Strahlen über den ganzen
Staat auszubreiten.‟ -- „In dieser künstlichen Welt träumen wir uns
von der wirklichen fort, wir finden uns selbst wieder, unser Gefühl
wird geweckt, heilsame Gemütsbewegungen erschüttern unsere schlummernde
Natur und treiben unser Blut in raschen Wellen. Der Unglückliche
weint hier seinen eigenen Kummer in fremdem aus, der Glückliche wird
nüchtern, der Sichere nachdenklich. Der empfindsame Weichling härtet
sich zum Mann, der rohe Unmensch beginnt hier erst zu fühlen. Und
dann endlich, welch ein Triumph für dich, Natur! -- so oft zu Boden
getretene, so oft wiederauferstehende Natur! -- wenn Menschen aus allen
Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und
der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch +eine+
allwebende Sympathie verbrüdert, in +ein+ Geschlecht wieder aufgelöst,
ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich
nähern. Jeder einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt
und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust
gibt jetzt nur einer Empfindung Raum -- es ist diese: ein Mensch zu
sein!‟

So schrieb der fünfundzwanzigjährige Schiller, und der zwanzigjährige
Jüngling unterschrieb es.

Das Theater ist wohl eine Bildungsanstalt für Jugend und Mittelklasse,
die sich noch von Schauspielern und bemalter Leinwand täuschen lassen
können. Für Ältere und Gebildete ist es ein Vergnügen; besonders die
Kunst des Schauspielers nimmt die Aufmerksamkeit gefangen. Darum ist es
beinahe eine Regel, daß alte Kritiker unzufrieden und brummig werden.
Sie haben die Illusion verloren und lassen keinen Fehler in der Technik
durch.

Die neueste Zeit hat das Theater, besonders die Kunst des
Schauspielers, bis zum Äußersten überschätzt; darauf ist dann der
Rückschlag erfolgt. Die Schauspieler haben nämlich ihre Kunst von der
Dramatik losgerissen, indem sie sich einbildeten, auf eignen Füßen
gehen zu können. Daher das Sternwesen, die Schauspielerverehrung. Dann
kam die Opposition. In Paris, wo man am weitesten gegangen, zeigte sich
der Gegenstrom zuerst. Der Figaro rief die Helden am Théatre-Français
zur Ordnung und erinnerte sie daran, daß sie die Puppen der Dichter
seien.

Daß heute (1886) alle großen europäischen Theater herunterkommen,
deutet an, daß die Kunst an Interesse verliert. Die Gebildeten gehen
nicht mehr ins Theater, weil der Wirklichkeitssinn sich entwickelt
hat und die Phantasie, ein Überrest des Wilden, zurückgeht. Die
Ungebildeten haben weder Zeit noch Geld, um ins Theater zu gehen. Dem
Varieté, das ergötzt, ohne zu erziehen, scheint heute die Zukunft zu
gehören, denn es ist Spiel und gewährt Erholung. Alle bedeutenden
Dichter wählen eine andere, geeignetere Form, um die großen Fragen zu
behandeln. Ibsens Stücke haben immer ihre Wirkung in Buchform ausgeübt,
ehe sie gespielt wurden; und wenn sie gespielt werden, dreht sich das
Interesse am meisten darum, +wie+ man sie spielt -- also ein Interesse
zweiten Grades.

Johan machte den gewöhnlichen Fehlschluß der Jugend, daß er
Schauspieler und Dichter vermengte. Der Schauspieler war der Verkünder,
und der Dichter war der Verantwortliche, der hinter jenem steht.

Jetzt im Frühling verließ Johan seine alte Stellung als Hauslehrer bei
den beiden Mädchen; er hatte also freie Zeit genug, um während des
Sommers seine Kunst zu studieren, im geheimen und auf eigene Faust.
Er hatte über die Bücher gelächelt, und die ersten, die er jetzt
aufsuchte, waren die Bücher. Darin standen die Gedanken und Erfahrungen
der Menschen, und mit diesen, von denen die meisten tot waren, konnte
er jetzt vertraulich sprechen, ohne verraten zu werden. Er hatte
gehört, daß im Schloß eine Bibliothek sei, die dem Staate gehöre und
aus der man Bücher leihen könne. Er verschaffte sich eine Bürgschaft
und ging ins Schloß. Es war feierlich: viele, viele Bücher standen
in den kleinen Zimmern, und grauhaarige, stille Greise saßen da und
studierten. Er bekam seine Bücher und ging scheu und glücklich nach
Hause.

Er wollte seine Sache gründlich behandeln, ihr auf den Grund gehen, und
er war gründlich. Aus Schiller holte er die Äußerung von der tiefen
Bedeutung des Theaters; aus Goethe nahm er eine ganze Abhandlung,
mit direkten Vorschriften, wie man gehen und stehen, sich halten und
setzen, hereinkommen und hinausgehen solle; in Lessings „Hamburgischer
Dramaturgie‟ las er einen ganzen Band Theaterkritiken mit den
feinsten Beobachtungen. Lessing machte ihm am meisten Hoffnung; der
erklärte sogar, das Theater sei durch die Kunst der Schauspieler
heruntergekommen und verlangte, man solle mit Dilettanten aus den
gebildeten Klassen spielen; die würden die Rollen besser verstehen als
die geschulten und oft ungebildeten Schauspieler. Auch las er Remond de
Sainte Albine[4], dessen viel zitierte Beobachtungen über Bühnenkunst
von großem Wert sind.

Daneben unternahm er praktische Übungen. Zu Hause beim Doktor ordnete
er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im
Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte
und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins
Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte
den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben.
Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht
zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebe über
den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er
turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf
jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und
vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach
Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön
herabfielen.

Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde
im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt
herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte,
war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er
die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen
kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen
mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke
Sprechstimme.

Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die
Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während
er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß,
Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren
Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und
er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu
machen.



15.

+Wie er Aristokrat wird.+

(1869)


Im Hause verkehrte unter andern ein junger Mann, der die Bildhauerkunst
studierte. Er war aus den unteren Schichten der Gesellschaft gekommen,
war Schmiedejunge gewesen und jetzt in die Akademie eingetreten, wo er
sein Probestück machte. Er war glücklich und immer heiter, glaubte von
der Vorsehung auf seine neue Laufbahn berufen zu sein; erzählte, wie
er vom Geist geweckt und getrieben worden, im Dienst des Schönen zu
wirken. Johan hatte ihn gern, weil er weder grübelte noch sich selbst
kritisierte, sondern vollständig unbewußt war. Außerdem war er ein
Mitschuldiger, der dasselbe vermessene Ziel wie Johan verfolgte: aus
der Unterklasse herauszukommen; das Gefühl aber, daß er sich schuldig
mache, fehlte ihm, während Johan ständig davon geplagt wurde.

Der Bildhauer war auch gläubiger Christ, war fest in seinem Glauben;
wollte von einem andern Glauben nichts wissen. Die beiden jungen Leute
kamen sofort überein, den Glauben des andern zu achten. Johan hielt
diese Übereinkunft, während der Freund sie zuweilen vergaß. Der war als
Christ streng in theoretischer Moral, gab aber sonst dem Fleisch das
Seine. Johan betraf ihn eines Tages dabei, wie er mitten am Vormittage
ein Mädchen aus seinem Zimmer ließ. Ohne verlegen zu werden, erklärte
der Bildhauer ganz einfach, sein Fleisch verlange das, während er
gleichzeitig erzählte, andere Menschen lebten wie Schweine.

Johan fragte ihn einmal, wie seine Religion ihm das erlauben könne.

-- Ja, siehst du, antwortete der wahre Christ, wir, die wir in Christus
leben, wir haben alle Sünde auf Jesus geworfen.

Aber das Gesetz?

-- Das Gesetz hat Jesus für uns vervollkommnet. Keiner kann das Gesetz
erfüllen, darum ist Jesus in die Welt gekommen, um den Fluch des
Gesetzes aufzuheben. Und darum, mein lieber Johan, siehst du, nur mit
Christus kann man Freude und wahren Frieden haben!

Johan fand das kolossal. Jetzt begriff er den angeblichen Frieden der
Pietisten. Sie schoben die Schuld auf die Sünde und den Teufel, um die
Taten zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf. Das war eine bequeme
Religion, etwa wie Schlafrock und Pantoffeln.

-- Du bist nicht glücklich, fuhr der Freund fort, weil du unter dem
Gesetze stehst; weil du es erfüllen willst, um fehlerfrei zu werden;
das aber kann niemand.

Daran lag es also. Johan hatte immer eine Art böses Gewissen, daß er
Fehler habe. Dieses Gewissen sollte also zum Schweigen gebracht und
alles auf Jesus geworfen werden. Das aber war ungereimt: er würde also
niemals Frieden finden. Es lag etwas Humanes in solchem Pietismus, in
diesem fröhlichen Christentum, sich immer schuldfrei zu fühlen; immer
tun zu können, was man wollte, wenn man nur glaubte, Jesus sei Gott.
Das war ja moderner Determinismus, der alles entschuldigte, weil er
alles erklärte; mit der Ausnahme, daß er nur den Gläubigen zu sündigen
erlaubte; nur in Jesus durfte man sündigen und fröhlich sein.

Das sind Jesuiten, dachte Johan: wenn man mit der Partei stimmt, darf
man sündigen, kann aber streng gegen andere sein.

Eines Tages kam dieser Freund Albert zu Johan und teilte ihm mit,
er wolle nach Kopenhagen fahren, um Thorwaldsens Museum zu sehen.
Ein schlauer Unternehmer veranstalte nämlich eine Dampferfahrt nach
Kopenhagen, durch den Götakanal hin und an der Küste zurück, gegen eine
sehr geringe Summe.

-- Komm mit, sagte er.

Bald war der Entschluß gefaßt, daß Johan und einer der Knaben mitfahren
sollten. Die Veranlassung der Dampferfahrt war der Einzug der
Kronprinzessin in die dänische Hauptstadt; für sie aber war es eine
Wallfahrt nach dem Grabe Thorwaldsens.

       *       *       *       *       *

An einem Augustabend sitzt Johan neben dem Bildhauer, einem der Knaben
und einem von dessen Schulkameraden auf dem Achterdeck des Dampfers.
In der Dämmerung, die schon eingetreten ist, sieht man Herren und
Damen an Bord kommen. Die Gesellschaft scheint ganz gut zu sein.
Starke Familienväter mit Fernglas und Reisetasche, Damen in hellen
Kleidern und Hüten nach der neuesten Mode. Es ist eine Bewegung und ein
Wirrwarr; man sucht seine Schlafplätze, die allen versprochen sind.
Johan und seine Begleiter sitzen ruhig da und warten ab. Sie haben
ihren Mundvorrat wie ihre Decken und fürchten nichts.

Als der Dampfer abgestoßen ist und Ordnung in das Gewirr kommt, sagt
Johan:

-- Jetzt wollen wir ein Butterbrot essen, ehe wir uns niederlegen.

Man sucht nach der Reisetasche und dem Brotkorb. Sie sind nicht zu
finden. Man entdeckt, daß sie nicht mitgekommen sind. Das war ein
harter Schlag, denn die Kasse war nicht groß, und man hatte sich auf
den vortrefflichen Mundvorrat verlassen, den die Frau Doktor besorgt.
Nun, man ißt aus dem Kasten des Bildhauers, aber da sind nur trockene
Sachen, die nicht viel verschlagen.

Dann will man sich niederlegen. Von allen Seiten wird nach
Schlafplätzen gefragt. Es gibt keine. Die Passagiere werden erregt und
Flüche hageln. Man muß sich also aufs Deck setzen. Man schreit nach dem
Veranstalter der Fahrt, aber er ist nicht an Bord. Johan legt sich aufs
bloße Deck; die Knaben ziehen eine Persenning über, denn der Tau fällt
und eine scharfe Kälte herrscht.

Sie erwachen frierend in Södertelje, denn die Matrosen hatten ihnen die
Persenning fortgenommen.

Auf dem Kanaldamm erscheint jetzt der Veranstalter, der seines Zeichens
Tapezierer ist. Die Passagiere werfen sich über ihn und schleppen
ihn an Bord, überschütten ihn mit Vorwürfen. Er verteidigt sich und
will ans Land, aber vergebens. Ein Standgericht wird abgehalten. Man
beschließt die Fahrt fortzusetzen, behält aber den Tapezierer als
Geisel.

Der Dampfer fährt durch den Kanal; als er aber eine Schleuse passiert,
schwingt sich der Veranstalter hinauf und verschwindet unter einem
Hagelschauer von Flüchen.

Die Fahrt wird fortgesetzt, und um die Mittagszeit ist man im
Götakanal. Auf dem Achterdeck wird der Mittagstisch gedeckt. Johan und
seine Begleiter nehmen Quartier im Rettungsboot, das am Achter hängt,
und essen ein einfaches Mittagsmahl aus dem Kasten des Bildhauers. Der
Bildhauer, der auf einem Ballen im Ladungsraum geschlafen hat, ist bei
guter Laune und kennt Stand und Namen aller Passagiere.

Der Mittagstisch ist jetzt besetzt. Präses ist der
Schornsteinfegermeister mit Familie. Dann kommen Pfandleiher,
Schenkwirt, Fuhrmann, Schlächter, Diener nebst Familie, eine Menge
junger Ladenburschen und einige Dirnen. Johan leidet, als er gedämpfte
Barsche und Erdbeeren, Rotwein und Sherry sieht, denn er ist durch
Luxus schon so verdorben, daß er von einfacher Nahrung krank wird. Das
ist die Oberklasse unter den Passagieren. Der Schornsteinfegermeister
spielt den großen Herrn. Er verzieht das Gesicht über den Rotwein und
schilt die Kellnerin; die erklärt aber, die Wirtin bestimme über die
Waren. Der Diener des Reichsarchivs macht den Gelehrten und scheint als
Beamter auf die Philister herabzusehen.

Beim Sherry werden Reden gehalten. Die Unterklasse vom Vorderdeck hängt
an Relingen und Geländern und lauscht. Nach den Parias im Rettungsboot
sieht niemand. Man weiß, daß sie da sind, aber man sieht sie nicht. Die
weiße Mütze wünscht man wohl gern fort, denn es sitzen zwei Augen unter
dem Schirm, die sehen, daß es keine bessern Leute sind. Johan empfindet
das. Er ist aus dieser Klasse heraus, der er von Geburt angehört, aber
er hat kein Essen und ist nichts. Er empfindet seine Unterlegenheit
und ihre Überlegenheit. Sie haben gearbeitet, und darum essen sie. Ja,
aber er hatte ebensoviel wie sie gearbeitet. Ja, aber nicht auf diese
Art. Er arbeitete und hatte Ehre von seiner Arbeit, sie nahmen das
schöne Essen und verzichteten auf die Ehre. Beides konnte man nicht
haben.

Die Leute saßen da, gesättigt und fröhlich, tranken Kaffee und Likör
und nahmen das ganze Achterdeck ein. Jetzt wurden sie kühn und machten
Bemerkungen über die Gesellschaft im Rettungsboot. Die konnte nur
schweigen und leiden, denn jene waren in der Mehrheit und Oberklasse,
weil sie konsumierten.

Johan fühlte sich in einem Element, das nicht das seine war. Eine
feindliche Luft war um ihn, ihm war schlecht zumute. Hier an Bord gab
es keine Polizei, die ihm helfen würde; auf keine Gerechtigkeit konnte
er sich berufen; kam es zu Händeln, würden alle ihn verurteilen. Er
brauchte nur eine spitzige Antwort zurückzugeben, so würde er Schläge
kriegen. Pfui Teufel, dachte er, dann lieber Offizieren und Beamten
gehorchen: die würden niemals solche Tyrannen sein wie diese Demokraten.

Später versuchte er, auf Alberts Rat, sich ihnen zu nähern, aber sie
waren unzugänglich.

Auf der Fahrt zwischen Venersborg und Göteborg kam es zum Ausbruch. Der
Hunger nahm so bedenklich zu, daß man eines Mittags beschloß, in den
Speisesalon hinunterzugehen, um vom Butterbrottisch zu essen. Johan und
die Knaben gingen. Da waren so viel Leute, daß man kaum an den Tisch
herankommen konnte. Johans Schüler behielt darum, und nach den Sitten
seiner Klasse, den Hut auf. Der Schornsteinfeger erblickte den Hut.

-- Hör mal, schrie er, ist dir das Zimmer etwa zu hoch?

Der Knabe tat, als verstehe er nicht.

-- Den Hut ab, Junge! rief man wieder.

Der Hut bleibt sitzen. Ein Ladenbursch schlägt ihn herunter. Der Knabe
nimmt den Hut auf und setzt ihn wieder auf den Kopf. Da bricht der
Sturm los. Wie ein Mann stürzen alle hin und schlagen den Hut herunter.
Dann geht es auf Johan los.

-- Und so ein Halunke hat einen Hauslehrer, der dem Jungen keinen
Anstand beibringen kann! Wir wissen schon, wer Sie sind.

Und nun hagelte es Scheltworte über die Eltern.

Johan versuchte die Gesellschaft darüber aufzuklären, daß man in
diesen Kreisen an öffentlichen Orten den Hut aufbehalte, +jenes+ also
kein Ausdruck von Geringschätzung gewesen sei. Das aber wurde übel
aufgenommen. +Jenes+ und in diesen +Kreisen+! Was schwatzte er für
Unsinn! Wollte er sie Anstand lehren?

Ja, das konnte er, da sie gerade von diesen Kreisen vor fünfundzwanzig
Jahren gelernt, den Hut abzunehmen, was jetzt nicht mehr Sitte war; und
er hätte ihnen sagen können, daß sie in fünfundzwanzig Jahren den Hut
aufbehalten würden, sobald sie nur Wind bekommen, daß es fein sei. Das
aber hatten sie noch nicht.

Sie gingen wieder auf Deck.

-- Mit diesen Leuten kann man sich nicht auseinandersetzen, sagte Johan.

Er war von dem Auftritt erschüttert. Er hatte einen Ausbruch des
Klassenhasses erlebt; hatte die Augen funkeln gesehen von Leuten,
die er nicht gekränkt; hatte den Fuß der künftigen Oberklasse auf
seiner Brust gefühlt. Also, sie waren seine Feinde geworden. Die
Brücke zwischen ihnen und ihm war abgebrochen. Aber das Blutsband war
noch da, und er hegte denselben Haß gegen die Gesellschaft und deren
unberechtigte Höhen wie sie; denselben Groll auf die Konvention, vor
der sie sich alle beugen mußten; ja, er hatte Karl Moors Worte im Ohr,
aber die, die ihn eben geschlagen hatten, waren alle Spiegelberger.
Kamen sie in die Höhe, würden sie alle treten, Große wie Kleine; kam er
in die Höhe, würde er nur die Großen treten. Das war der Unterschied
zwischen ihnen. Doch es war die Bildung, die ihn demokratischer als
sie gemacht hatte; also: hinüber zu den Gebildeten! Die würden für die
Unteren arbeiten, aber aus der Entfernung und von oben. Mit dieser
rohen, unförmlichen Masse konnte man nichts anfangen.

Der Aufenthalt an Bord wurde jetzt unerträglich. Jeden Augenblick
konnte man einen Ausbruch erwarten. Und der kam.

Johan saß auf dem oberen Deck, der Dampfer war jetzt auf dem Kattegatt,
als er unter sich einen heftigen Lärm, Stimmen, Geschrei hörte. Er
glaubt die Stimme seines Schülers zu erkennen. Er stürzt hinunter. Auf
dem Zwischendeck steht der Sünder, umgeben von einer Menschenmenge. Der
Pfandleiher fuchtelt mit den Armen und schreit. Johan fragt, was los
sei.

-- Er hat meine Mütze gestohlen! schreit der Pfandleiher.

-- Das ist doch wohl nicht möglich, sagt Johan.

-- Doch, ich habe es gesehen; er hat sie in diese Reisetasche gelegt.

Es war Johans Reisetasche.

-- Das ist meine Reisetasche, sagt Johan; bitte, sehen sie selbst nach!

Der öffnet die Reisetasche und -- da liegt die Mütze des Pfandleihers.
Allgemeine Bestürzung. Johan ist betroffen, und der Sturm will gegen
die beiden Diebe losbrechen. Ein Student, der stiehlt! Das war ein
Leckerbissen! Wie war das zugegangen? Jetzt erinnerte sich Johan. Er
hatte eine ebensolche graue Mütze wie der Pfandleiher, die er des
Nachts zum Schlafen benutzte. Er hatte dem Knaben gesagt, er solle die
in die Reisetasche legen; der Knabe hatte dann die falsche genommen.

Johan wandte sich an die Passagiere.

-- Meine Herren, begann er, halten Sie es für möglich, daß der Sohn
eines reichen Mannes eine fettige Mütze nimmt, wenn er selbst eine fast
neue besitzt? Sehen Sie nicht, daß ein Irrtum begangen ist?

-- Ja, antwortete die Unterklasse, es ist ein Irrtum.

Aber der Pfandleiher blieb bei seiner Behauptung.

-- Dann bleibt mir nur übrig, diesen Herrn für den Irrtum um
Entschuldigung zu bitten; und ich ersuche meinen Schüler, das gleiche
zu tun!

Das tat der, wenn auch widerstrebend. Allgemeine Befriedigung,
Gemurmel, das sei fein!

Damit war der Fall glücklich abgetan.

-- Siehst du, sagte Johan zu dem Knaben, die Leute lassen doch mit sich
reden!

-- Ach was! Sie fühlten sich nur geschmeichelt, weil Sie „Meine Herren‟
sagten. Ein verdammtes Pack!

-- Vielleicht, antwortete Johan, der die Demütigung zu groß für solch
eine Kleinigkeit fand.

Endlich waren sie in Kopenhagen. Hungrig, frierend, schlecht gelaunt,
saßen sie in Regenschauern vor Thorwaldsens Museum, das infolge des
Festes geschlossen war. Aber Albert schwor, er werde hineinkommen.
Nachdem sie eine Stunde neben dem Schornsteinfeger, dem Schenkwirt
und all den andern Passagieren gewartet hatten, kam ein alter Mann,
der gelehrt aussah. Der wollte hinein. Albert stürzt sich über ihn
her, nennt Molins, des schwedischen Bildhauers, Namen, und sie werden
hineingelassen; die andern Passagiere aber nicht. Albert war drinnen
hingerissen, konnte es aber nicht unterlassen, dem Schornsteinfeger,
der draußen stand, eine Fratze zu schneiden. Am meisten aber freute
sich der junge Sünder, der das Pack haßte.

-- Jetzt sind wir Herren, sagte er.

Johan war nicht in der Stimmung, Thorwaldsen herrlich zu finden. Das
war ein Künstler des Durchschnitts, gerade talentvoll genug, um so
berühmt zu werden. Albert fand die Antike verfeinert, wagte aber nicht,
zu widersprechen.

Den Einzug sahen sie nicht. Sie saßen auf dem Turm der Frauenkirche und
schauten sich die Aussicht an.

Gegen Nacht, als man müde und abgespannt war, wollten sie auf den
Dampfer gehen, um zu schlafen; der aber war nach Malmö hinübergefahren.
Sie standen im Regen auf der Straße. In ein Hotel konnten sie nicht
gehen, denn sie hatten kein Geld. Da faßte Albert den Entschluß,
geradeswegs in eine Schenke zu gehen und um Nachtlogis zu bitten. Es
war eine Seemannsschenke beim Zollhaus. Eine Herberge habe man wohl,
aber die sei nur für Seeleute. Das tut nichts, wir müssen unter Dach.
So wurden sie in ein Hofzimmer geführt. Dort standen zwei Bänke mit
Betten, aber eine Waschschüssel war nicht zu sehen; die Wände hatten
keine Tapeten, und es sah schäbig aus. Auf der einen Bank lag ein
Matrose. Wer sollte zu ihm hineinkriechen? Albert entschloß sich dazu;
bald war er entkleidet und lag neben dem Fremdling, der ein Holländer
war und mit einem Schnaps geweckt wurde. Bald schlief die ganze
Gesellschaft. Johan verwünschte das ganze Abenteuer; denn die Betten
rochen.

Die Heimfahrt, an der Küste entlang, war ein einziges, großes Leiden.
Ohne Essen und mit wenig Geld, mußte man das Leben fristen, indem man
in den kleinen Städten, die angelaufen wurden, rohe Eier kaufte und
trank. Dazu kam hartes Brot und Branntwein; das war die Diät für drei
Tage.

Albert allein fühlte sich wohl und vergnügte sich. Er schlief in der
Schanze bei den Matrosen und ergötzte sie mit Geschichten. Er war mit
ihnen verwandt und konnte ihre Sprache. Er trank mit ihnen und erhielt
warmes Essen; ja, er ging zuweilen in die Küche und erbettelte sich
einen Teller Suppe.

-- Wie leicht wird ihm das Leben, dachte Johan. Er vermißt den Luxus
nicht, weil er ihn nie gekostet hat; er wird nicht wie ein Fremdling
ausgestoßen, wenn er sich diesen Leuten nähert. Er kann schmausen,
während wir hungern. Er sieht nur Freunde überall. Aber sein Tag wird
auch kommen, wenn er nicht mehr Unterklasse ist; wenn Luxus und feine
Gewohnheiten ihn ebenso hilflos und unglücklich gemacht haben.

       *       *       *       *       *

Als er heimgekehrt war, tobte er sich aus. So war es überall: die oben
standen, traten die Unteren; und die unten stehen, reißen einen zurück,
wenn man hinauf will. Was ist das für ein Gerede vom Aristokraten und
Demokraten? Die Unteren sprechen von ihrer demokratischen Denkart
wie von einer Tugend. Was ist das für eine Tugend, die zu hassen,
die oben stehen? Und was bedeutet Aristokrat? Aristos bedeutet der
Beste und krateo herrschen. Also Aristokrat ist, wer will, daß die
Besten herrschen; Demokrat, wer will, daß die Schlechtesten es tun.
Aber, da kommt ein Aber: Wer sind denn die Besten? Ist niedrige
gesellschaftliche Stellung, Armut, Unwissenheit etwas, das die
Menschen besser macht? Nein, dann würde man doch nicht der Arbeit und
der Unwissenheit entgegenarbeiten? Welchen könnte man also die Macht
überlassen, mit der Gewißheit, daß sie den am wenigsten Schlechten in
die Hände fällt? Denen, die am meisten wissen? Aber dann hat man ja die
Professorenherrschaft, dann wird Upsala -- nein, nicht die Professoren!
Wer denn? Ja, darauf konnte er nicht antworten, aber sicher nicht der
Schornsteinfeger und der Fuhrmann, die auf dem Dampfer gewesen waren.

Tiefer drang er dieses Mal nicht in die Sache ein, denn man hatte die
Frage noch nicht aufgeworfen, ob man nicht allen die gleiche Bildung
geben könne, oder ob überhaupt jemand herrschen solle.

Er war auf die schlimmste von allen Aristokratien gestoßen, auf die
Oberklasse der Unterklasse, oder, wie sie mit einem häßlichen Namen
genannt wird, den Philister. Eine schlechte Kopie der Oberklasse,
stimmte er mit der Macht, äffte die Gewohnheiten der Vornehmen nach,
bereicherte sich durch fremde Arbeit, zitierte Autoritäten, haßte
Opposition, seinen stillen Widerspruch gegen die Oberen ausgenommen.
Der Schornsteinfeger wurde reich durch die Elendesten von allen, der
Fuhrmann durch die armen Kutscher und Gäule, der Pfandleiher hatte
unbilligen Gewinn an der Not. Und so weiter.

Ein Lehrer dagegen, ein Arzt, ein Künstler konnte seine Arbeit nicht
Sklaven überlassen; der mußte sie selbst verrichten, war also kein
solcher Hai, wie die dort unten. Brachte nun die Bildung den Menschen
Glück, machte Bildung die Menschen besser, so war diese Aristokratie
berechtigt, wohltätig; konnte sich für besser halten. Aber die
Bildung bekam man für Geld oder konnte sich zu ihr durchbetteln oder
durchpumpen, wie so viele Studenten es taten. Dann war es keine Tugend
wenigstens. Nein, das war es nicht, aber man mußte sich über den
andern fühlen, wenn man mehr wußte und die Gesetze des Zusammenlebens
so beobachtete, daß man niemanden kränkte. Für die wahre Demokratie
blieb nur das Nivellieren übrig, auf daß niemand sich unten zu fühlen
brauchte und niemand oben zu sein glaubte.



16.

+Hinter dem Vorhang.+

(1869)


Das schwedische Theater war zu dieser Zeit vielen Angriffen ausgesetzt,
und wann wird das Theater nicht angegriffen? Das Theater ist eine
Miniaturgesellschaft innerhalb der Gesellschaft, ebenso wie diese
eingerichtet, mit Monarch, Ministern, Beamten, einer ganzen Reihe
Volksklassen, die eine über der andern. Ist es da sonderbar, daß diese
Gesellschaft immer den Angriffen der Unzufriedenen ausgesetzt ist?

Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die Angriffe einen mehr praktischen
Zweck. Ein früherer Provinzschauspieler hatte das Königliche Theater
mit einer Broschüre beschossen, die höhere Gesichtspunkte nicht
aufwies, aber den Erfolg hatte, daß der Autor in die Direktion
berufen wurde. Das reizte zur Nachfolge, und viele schrieben jetzt
Abhandlungen, um in die Direktion zu kommen.

Das Königliche Theater war damals wohl weder besser noch schlechter
als früher. Aber, fragte man, ist das Theater eine Bildungsanstalt,
für die es sich ausgibt, warum setzt man denn Ungebildete zu Leitern
ein? Darauf antwortete man: Wir haben eben einen der gelehrtesten
Männer des Landes, Hyltén-Cavallius, auf dem Posten gehabt, und wie ist
es da gegangen? Trotzdem er den Vorteil besaß, nicht adelig zu sein,
wurde er doch von der demokratischen Presse, die ihn von unten beim
Rock riß, totgemacht. Heute (1886) ist die Utopie der Selbstregierung
verwirklicht, das Theater hat einen Mann vom Bau an der Spitze, und nun
ist die Zufriedenheit allgemein.

An dem bestimmten Tage ging Johan ins Theater, um sich zum Debüt
anzumelden. Nachdem er etwas gewartet hatte, erlangte er Zutritt und
wurde nach seinem Anliegen gefragt.

-- Debüt!

-- So? Haben Sie an ein besonderes Stück gedacht?

-- Karl Moor in den „Räubern‟! antwortete er, herausfordernder, als
nötig war.

Man blickte einander an und lächelte.

-- Aber es müssen drei Rollen sein. Haben Sie keine andere
vorzuschlagen?

-- Lucidor!

Man beriet und erklärte darauf, diese Stücke ständen jetzt nicht auf
dem Spielplan. Das hielt Johan nicht für stichhaltig, erhielt aber die
vernünftige Antwort, das Theater könne nicht für unerprobte Kräfte
so große Stücke in Szene setzen und seinen Spielplan erschüttern.
Darauf schlug der Direktor den „Fechter von Ravenna‟ vor. Nach solchen
Triumphen, wie sie der letzte Darsteller der Rolle gefeiert hatte, zu
kommen, nein, das wagte Johan nicht.

Das Ende war: Johan sollte mit dem Dramaturgen sprechen.

Nun begann ein Kampf, wahrscheinlich nicht der erste und nicht der
letzte auf diesem Zimmer.

-- Seien Sie vernünftig, Herr; man muß diesen Beruf ebenso lernen wie
alle andern. Niemand ist fertig geboren. Kriechen Sie, ehe Sie gehen.
Nehmen Sie zuerst eine kleine Rolle.

-- Nein, die Rolle muß so groß sein, daß sie mich trägt. In einer
kleinen Rolle muß man ein großer Künstler sein, um in die Augen zu
fallen.

-- Hören Sie auf mich, Herr, ich habe Erfahrung.

-- Andere haben in großen Rollen debütiert, ohne auf der Bühne gewesen
zu sein.

-- Aber Sie werden sich den Hals brechen!

-- Dann breche ich mir eben den Hals!

-- Aber die Direktion gibt nicht die erste Bühne des Landes zu
Experimenten des ersten besten her.

Das war ein Grund. Er wolle also eine kleine Rolle nehmen. Man
entschloß sich für Härved Boson in Hedbergs „Hochzeit von Ulfåsa‟.

Zu Hause las Johan die Rolle und war verdutzt. Das war keine Rolle. Die
handelte von nichts. Er zankte nur einige Male mit seinem Schwager und
dann umarmte er seine Frau. Aber er mußte die Rolle nehmen. Man hatte
eben heruntergehandelt.

Die Proben begannen. Hohle Worte ohne Bedeutung hinauszuschreien, das
war grausam.

Nach einigen Proben erklärte der Lehrer, er habe keine Zeit mehr und
empfahl Johan, den Proben der Schauspielerschule beizuwohnen.

-- Ja, aber Schüler werde ich nicht!

-- Nein, nein.

Man sprach von der Schauspielerschule wie von einem Kindergarten oder
einer Sonntagsschule. Alle möglichen Leute wurden aufgenommen, ob sie
Schulbildung hatten oder nicht. Dahin wollte Johan nicht. Nein, nur
zuhören.

Mit schweren Schritten ging er hin. Gewohnt, selbst Lehrer zu sein,
trat er als eine Art Ehrengast ein und setzte sich auf einen Stuhl.
Aber er zog sich eine unangenehme Aufmerksamkeit zu. Die Stunde verging
damit, daß die „Milchstraße‟, die er auswendig konnte, und einige
andere Gedichte hergesagt wurden.

-- Aber davon kann man doch für die Bühne nichts lernen, wagte er dem
Lehrer zu sagen.

-- Dann kommen Sie auf die Bühne und erproben Sie das Rampenlicht,
sagte der.

-- Wie ist das möglich?

-- Als Statist.

-- Statist? Hm! Das geht abwärts, ehe es begann, dachte Johan. Aber er
beschloß, alles durchzumachen.

Eines Morgens erhielt er die Ladung, sich auf der Probe von Björnsons
„Maria Stuart‟ einzufinden. Der Bote übergab ihm ein kleines blaues
Heft, auf dem geschrieben stand: Ein Edelmann. Und inwendig auf einem
weißen Blatt las er: „Die Lords haben einen Unterhändler gesandt, der
eine Herausforderung an den Grafen Bothwell überbringt‟. Das war die
ganze Rolle. Und das war also sein Debüt!

Zu der festgesetzten Zeit betrat er die kleine Hintertreppe und
gelangte am Diener vorbei auf die Bühne. Zum ersten Male stand er
hinter den Kulissen. Das war die Kehrseite. Ein großes Magazin mit
schwarzen Wänden; ein zernagelter schmutziger Scheunenfußboden; und
diese grauen Leinwandschirme mit ihrem rohen Holz!

Von hier hatte man ihm herrliche Szenen aus der Weltgeschichte gegeben,
von hier hatte Masaniello gerufen: „Nieder mit den Tyrannen‟, während
er zitternd im vierten Rang stand. Hier hatte Hamlet gehöhnt und
gelitten; von hier hatte ja auch einmal Karl Moor sein Pfui über die
Gesellschaft und die ganze Welt gerufen. Ihm wurde bange. Wie sollte
man hier, beim Anblick des rohen Holzes und der grauen Sackleinwand,
selber Illusion bekommen? Alles sah staubig und schmutzig aus; die
Arbeiter waren arme Teufel; die Schauspieler und Schauspielerinnen
sahen in ihren bürgerlichen Kleidern nach nichts aus.

Er wurde ins Foyer geführt, wo man erst eine halbe Stunde lang die
Gavotte tanzte, die das Stück eröffnete. Es war volles Tageslicht. Auf
einem Stuhl saß der alte Musiklehrer seiner Familie und strich die
Geige. Der Ballettmeister schrie und schlug in die Hände. Man wurde
aufgestellt. Das ist nicht verabredet, dachte Johan. Aber es war zu
spät.

So befand er sich mitten in einem Wechseltanz, den er nicht konnte;
wurde gestoßen und gescholten. Nein, das mache ich nicht mit, dachte
Johan, aber er konnte nicht mehr zurück.

Ein Gefühl von Scham überkam ihn. Mitten am Vormittag tanzen: das
war keine schöne Beschäftigung. Und dann vom Lehrer zum Schüler
hinabsteigen; der Letzte hier sein: soweit war er noch nie
zurückgegangen.

Es klingelte zur Probe. Man wurde auf die Bühne getrieben. Dort stellte
man sich zur Gavotte auf. An der Rampe standen die großen Schauspieler,
welche die Hauptrollen hatten; von dort zogen sich die beiden Reihen
bis in den Hintergrund.

Das Orchester spielt. Der Tanz beginnt in langsamen feierlichen
Rhythmen. Aber unten von der Rampe hört man die tiefen Stimmen der
beiden Puritaner, die über die Verderbnis des Hofes ihr Wehe rufen.

Das war von ergreifender Wirkung; Johan fühlte, wie es ihn packte. Die
Herren hatten Hüte, Mäntel und Stöcke, die Damen Mäntel und Muffe, aber
es machte doch Eindruck.

Johan stand in der Kulisse und hörte das ganze Stück. Maria Stuart
liebte er nicht, sie war grausam und gefallsüchtig; Bothwell war zu
roh und stark; Darnley, der schwache hamletartige Mann, der niemals
aufhören konnte, diese Frau zu lieben, der vor Liebe verbrannte, trotz
allem, trotz Untreue, Hohn, Bosheit: den liebte er. Und dann Knox.
Hart wie Stein mit seiner sittlichen Forderung und seinem furchtbaren
norwegischen Christentum.

Es war doch etwas, vorzutreten und im Kleide solcher Persönlichkeiten
ein Stück Geschichte zu durchleben. Es war feierlich, wie früher in der
Kirche. Nachdem er seine Rolle gesagt hatte, ging er, entschlossen,
alles zu ertragen -- für die heilige Kunst!

       *       *       *       *       *

Der Schritt war also getan. An den Vater hatte er einen exaltierten
Brief geschrieben und versprochen, er werde entweder etwas Großes
auf dieser Laufbahn werden, die er jetzt betreten, oder sich wieder
zurückziehen. Er hatte sich gelobt, nicht nach Hause zu gehen, bis er
Erfolg gehabt. Der Doktor war traurig, aber schlug keinen Lärm, denn
er sah ein, daß es unmöglich war, ihn zurückzuhalten. Aber er hatte
andere geheime Pläne zur Rettung, die er jetzt ins Werk zu setzen
begann. Zuerst hatte er Johan bewogen, einige medizinische Broschüren
zu übersetzen, für die er einen Verleger gefunden. Jetzt kam er mit
dem Vorschlag, sie sollten zusammen Artikel im „Abendblatt‟ schreiben.
Johan hatte für sich Schillers „Schaubühne als moralische Anstalt‟
übersetzt; da die Theaterfrage jetzt im Reichstag behandelt worden war,
schrieb der Doktor eine Einleitung, in der er den Bauern ernstlich ihre
Kulturfeindlichkeit vorhielt; so kam der Artikel in die Zeitung.

Eines andern Tages kam der Doktor mit einem Heft der medizinischen
Zeitschrift „The Lancet‟, das die Frage behandelte, ob die Frau
zur Ärztin tauglich sei. Ohne zu zögern, auf sein bloßes Gefühl
hin, erklärte sich Johan gegen die Bewegung. Er hatte eine
unbeschreibliche Ehrerbietung vor der Frau als Weib, Mutter, Gattin;
aber die Gesellschaft war, wie sie einmal war, auf den Mann als
Familienversorger und die Frau als Gattin und Mutter aufgebaut;
also besaß der Mann seinen Arbeitsmarkt mit vollem Recht und allen
Pflichten, die sich daraus ergaben. Jede dem Manne genommene Arbeit
wäre entweder eine Ehe weniger oder ein hart bedrängter Familienvater
mehr, denn der Trieb zur Ehe lag so tief beim Manne, daß er nie
aufhören würde, sich zu verheiraten, wenn die Not auch noch so
groß sei. Übrigens hatte das Weib seinen großen Arbeitsmarkt für
sich: es konnte Magd, Haushälterin, Näherin, Gouvernante, Lehrerin,
Schauspielerin, Künstlerin, Schriftstellerin, Königin, Kaiserin
werden, vor allem Gattin und Mutter. Aber die Unverheirateten? Für die
reichte eben der Arbeitsmarkt des Weibes. Es handelte sich also um
einen Eingriff in die Rechte des Mannes. Wollte die Frau in das Gebiet
des Mannes eindringen, so mußte der Mann auch von der Pflicht, die
Familie zu versorgen, befreit werden; durfte man die Vaterschaft nicht
ermitteln. Das aber wollte man nicht. Man begann im Gegenteil eine Jagd
auf die prostituierten Frauen, um dadurch den Mann zur Ehe zu treiben;
durch das Besitzrecht der verheirateten Frau gefesselt, würde der dann
zum Haussklaven herabsinken.

Dieses verwickelte Problem, das erst in vieljähriger Arbeit zu
entwirren war, nahm Johan instinktiv und schrieb gegen die Bewegung,
in der er den Untergang des Mannes sah. Die Frauenemanzipation hatte
in den fünfziger Jahren die wildesten Formen angenommen: der Feldruf
„Keine Herren, keine Herren‟ bezeichnete den wahren Charakter der
Bewegung, die auch in einer Komödie von Rudolf Wall, genannt „Fräulein
Garibaldi‟, lächerlich gemacht wurde. Aber während die Jahre vergingen,
hatten die Damen im stillen gearbeitet.

Groß war deshalb die Überraschung sowohl des Doktors wie Johans, als
sie ihren Artikel im „Abendblatt‟ sahen, aber so geändert, daß er für
die Bewegung sprach.

-- Der Redakteur ist in den Händen von Frauen, sagte der Doktor; damit
war die Sache erklärt.

       *       *       *       *       *

Beim Theater ging es abwärts und der Krisis zu. Johan war in eine
Garderobe, in der man Branntwein trank und es unsauber war, geschickt
worden, um sich zusammen mit Statisten anzuziehen.

-- Sie wollen mich ducken, dachte er; aber nur Geduld.

Jetzt wurde er ganz einfach als Statist für die eine Oper nach der
andern befohlen. Er erklärte, er fürchte weder Rampe noch Publikum, da
er in der Kirche gepredigt habe. Es half nicht. Aber das Schlimmste
war, stundenlang auf Proben herumzulungern, ohne etwas zu tun. Las er
dann ein Buch, mußte er hören, er habe kein Interesse. Ging er fort,
schlug man Lärm.

In der Schauspielerschule wurden jetzt Rollen gelernt. Kinder, die
nur die Kleinkinderschule durchgemacht hatten, mußten Goethes Faust
lesen, natürlich, ohne etwas zu begreifen. Aber merkwürdig, ihre
Unerschrockenheit rettete sie; ja, sie kamen so gut weiter, daß man
denken könnte, der Schauspieler brauche eigentlich nicht zu begreifen,
wenn es nur so klinge.

Nach einigen Monaten hatte Johan alles satt. Das war Handwerk. Die
größten Schauspieler waren müde und gleichgültig, sprachen nie von
Kunst, nur von Engagement und Spielhonorar. Keine Spur von dem frohen
Leben hinter den Kulissen, von dem man soviel geschrieben hatte. Still
wie Arbeiter saßen sie da und warteten auf ihr Stichwort; Tänzerinnen
und Chorsängerinnen saßen in ihren Kostümen da und nähten und stickten.
Im Foyer ging man auf Zehen, sah nach der Uhr, putzte den falschen
Bart, aber sagte kein Wort.

Eines Abends, als Björnsons „Maria Stuart‟ gegeben wurde, saß Johan
allein im Foyer und las eine Zeitung. Dahlqvist, der John Knox spielte,
kam herein. Johan, der den großen Schauspieler grenzenlos verehrte,
stand auf und verbeugte sich. Wenn er mit solch einem Manne sprechen
könnte! Bei dem Gedanken zitterte er. Knox mit seinem herrlichen weißen
langen Haar, seiner schwarzen Tracht und den halberloschenen großen
Augen in dem gewaltigen, jetzt in Falten liegenden Gesicht ließ sich am
Tische nieder. Er gähnte.

-- Was ist die Uhr? fragte er mit Grabesstimme.

Johan antwortete, es sei halb zehn, während er seine burgundische
Sammetjacke aufknöpfte, um die Uhr zu suchen, die nicht vorhanden war.

-- Das geht ja heute verflucht langsam, sagte Knox und gähnte wieder.
Dann begann er über verschiedenen Klatsch zu plaudern. Es war nur eine
Ruine der früheren Größe, die einst ihre Neider gezähmt hatte, als er
Karl Moor gab. Auch er hatte alles durchschaut, auch er hatte alles
satt. Und er hatte doch einst so hoch von seiner Kunst gedacht!

Da Johan jetzt freien Eintritt ins Theater hatte, suchte er vom
Zuschauerraum aus Studien zu machen. Aber siehe da, die Illusion war
fort. Das war Herr X. und Frau Y., dort hing der Hintergrund aus
„Quentin Durward‟, dort saß Högfelt, dort hinter der Kulisse stand
Boberg. Es war aus mit der Illusion.

Und mit der kläglichen Rolle, an der er nun täglich wiederkäute, fand
sich nach und nach der Ekel ein. Aber damit kam die Reue und die
Furcht, daß er sich nicht mit Ehre aus dem Spiel ziehen könne. Endlich
faßte er sich ein Herz und ersuchte um eine Probe. Das Stück war wohl
fünfzig Male gespielt worden, und die großen Schauspieler liebten es
nicht mehr; aber sie mußten kommen.

Die Probe fand statt, ohne Kostüm, ohne Requisiten. Johan war auf
die damals übliche Schreimanier eingeübt, und er schrie wie ein
Geistlicher. Es ging schlecht.

Nach der Probe verkündete der Lehrer das Urteil. Er solle in die
Schauspielerschule eintreten. Nein, das wolle er nicht. Er weinte vor
Grimm, ging nach Hause und nahm eine Kugel Opium, die er sich lange
aufgehoben; sie wirkte aber nicht. Dann holte ihn ein Kamerad ab, und
er trank sich einen Rausch.



17.

+Er wird Dichter.+

(1869)


Am nächsten Morgen war er zerschlagen, wund, zerrissen. Die Nerven
zitterten noch; Scham und Rausch heizten den Körper. Was sollte er
tun? Die Ehre mußte gerettet werden! Er wollte einige Monate als Eleve
aushalten, um sich dann von neuem als Schauspieler zu versuchen.

Er blieb an diesem Tage zu Hause und las die „Erzählungen des
Feldschers‟ von Topelius. Wie er so las, kam es ihm vor, als habe er es
selber erlebt. Es handelte von einer Stiefmutter und einem Stiefsohn,
die sich versöhnten. Der Bruch mit seinen Eltern hatte ihn immer wie
eine Sünde gequält, und er verlangte nach Versöhnung und Frieden. Diese
Sehnsucht nahm heute einen ungewöhnlich traurigen Ausdruck an; während
er auf dem Sofa lag, begann sein Gehirn Pläne auszusinnen, wie die
Disharmonie mit dem Elternhaus zu lösen sei. Als Frauenverehrer, der er
damals war und unter dem Einfluß des „Feldschers‟ dachte er, nur ein
Weib könne ihn mit dem Vater versöhnen. Und diese schöne Rolle gab er
der Stiefmutter.

Während er so daliegt, fühlt er ein ungewöhnliches Fieber im Körper;
während dieses Fiebers arbeitet der Kopf daran, die Erinnerungen an die
Vergangenheit zu ordnen, einige auszuscheiden und andere hinzuzufügen.
Neue Nebenpersonen treten auf; er sieht, wie sie sich in die Handlung
einmischen; hört sie sprechen. Es ist, als sehe er sie auf der Bühne.

Nach einigen Stunden hat er eine Komödie in zwei Akten fertig im Kopf.

Es war eine sowohl schmerzhafte wie wollüstige Arbeit; wenn man es eine
Arbeit nennen kann, denn es ging ganz von selber, ohne seinen Willen,
ohne sein Zutun.

Jetzt aber mußte es geschrieben werden.

In vier Tagen war das Stück fertig. Zwischen Schreibtisch und Sofa
ging er hin und her; in den Zwischenstunden fiel er wie ein Lappen auf
dem Sofa zusammen. Als das Stück zu Ende war, stieß er einen tiefen
Seufzer aus, als seien Jahre von Schmerz vorüber; als sei ein Geschwür
geschnitten. Er war so froh, daß es in ihm sang. Jetzt wollte er sein
Stück dem Theater einreichen. Das war die Rettung!

Am selben Abend setzte er sich hin, um einem Angehörigen einen
Glückwunsch zu schreiben, weil er eine Stellung gefunden. Als er die
erste Zeile geschrieben hatte, schien sie wie ein Vers zu klingen. Da
fügte er die zweite Zeile hinzu, die reimte auf die erste.

Schwerer war das nicht?

In einem Zuge schrieb er einen vier Seiten langen Brief in gereimten
Versen nieder. Er konnte also auch Verse schreiben!

Schwerer war das nicht? Und einige Monate früher hatte er einen Freund
gebeten, ihm bei Versen für einen Namenstag zu helfen; hatte aber eine
ablehnende Antwort erhalten, die ihn jedoch ehrte: Er solle nicht im
Mietswagen fahren, wenn er einen eigenen besitze.

Man wird also nicht geboren, Verse zu schreiben; man lernt es auch
nicht, trotzdem man in der Schule alle Versarten lernt; sondern es
kommt -- oder kommt nicht.

Ihm schien's der Gnadenwirkung des Heiligen Geistes zu gleichen. War
die seelische Erschütterung nach seiner Niederlage als Schauspieler so
stark gewesen, daß sie das ganze Lager von Erinnerungen und Eindrücken
umgekehrt hatte? War die Einbildungskraft unter einen so starken Druck
gebracht worden, daß sie zu arbeiten anfing? Alles war ja längst
vorbereitet! War es nicht seine Phantasie, die Bilder erzeugte, wenn
er sich im Dunkeln fürchtete? Hatte er nicht in der Schule Aufsätze
geschrieben? Nicht seit Jahren Briefe? Hatte er nicht seinen Stil
durch Lektüre, Übersetzen, Schreiben für Zeitungen gebildet? Doch, so
war es wohl, aber jetzt erst merkte er das sogenannte künstlerische
Arbeitsvermögen.

Die Kunst des Schauspielers war also nicht die Form, in der er sich
ausdrücken konnte; das war ein Irrtum, der jetzt aber leicht zu
berichtigen war.

Indessen mußte er seine Schriftstellerei ziemlich geheimhalten und
bis Ende der Spielzeit als Eleve beim Theater bleiben, damit seine
Niederlage nicht allen offenbar ward. Oder bis das Stück angenommen
war; angenommen mußte es natürlich werden, da er es für gut hielt.

Doch wollte er die Probe machen, ob es wirklich gut sei. Zu diesem
Zweck lud er zwei von seinen gelehrten Bekannten ein, die außerhalb des
Theaters standen. An dem Abend, als sie kommen sollten, räumte er seine
Bodenkammer auf. Er putzte sie, zündete an Stelle der Studierlampe
zwei Stearinlichter an, deckte den Tisch mit einem reinen Tischtuch
und stellte darauf: eine Flasche Punsch mit Gläsern, Aschenbecher und
Streichhölzchen.

Es war das erste Mal, daß er Besuch hatte, und die Veranlassung war
neu und ungewöhnlich. Man hat oft die Arbeit des Dichters mit Gebären
verglichen, und der Vergleich hat eine gewisse Berechtigung. Es war wie
der Friede des Kindbettes nach dem Sturm; man hatte das Gefühl, es sei
etwas oder jemand gekommen, das oder der vorher nicht da gewesen war;
man hatte gelitten und geschrien, und jetzt war es still und friedlich
geworden!

In Festtagsstimmung befand er sich; es war wie früher zu Hause: die
Kinder waren fein gekleidet, und der Vater in seinem schwarzen Gehrock
warf den letzten Blick auf die Anordnungen, ehe der Besuch kam.

Die beiden Bekannten langten an. Unter Schweigen las er das Stück
bis zu Ende vor. Dann wurde das Urteil gefällt: die älteren Freunde
begrüßten ihn als Dichter.

Als sie wieder gegangen waren, fiel er auf seine Knie und dankte Gott,
daß er ihn aus der Bedrängnis befreit und ihm die Dichtergabe gegeben.

Sein Verkehr mit Gott war recht unregelmäßig gewesen. Eigentümlich war,
daß er in großer Not seine Kräfte sammelte und nicht gleich zum Herrn
schrie; in der Freude dagegen fühlte er ein unwillkürliches Bedürfnis,
sofort dem Geber alles Guten zu danken. Es war umgekehrt wie in der
Kindheit; und das war natürlich, da sich der Begriff von Gott zum Geber
aller guten Gaben entwickelt hatte, während der Gott der Kindheit der
Gott der Furcht gewesen war, der alles Unglück in seiner Hand hielt.

Endlich hatte er seine Bestimmung gefunden, seine Rolle im Leben, und
nun bekam sein loses Wesen ein Gerippe. Er wußte jetzt ungefähr, was er
wollte, und damit hatte er wenigstens ein Steuer auf seinem Boot. Und
nun stieß er vom Lande, um sich auf Langfahrt hinaus zu begeben, immer
bereit, abzufallen, wenn der Wind zu hart gegen den Bug stieß; aber
nicht um in See abzutreiben, sondern um im nächsten Augenblick wieder
vollen Wind zu nehmen und anzuluven.

Nachdem er sich seinen Familienkummer vom Herzen geschrieben hatte,
brach die Erinnerung an die religiösen Kämpfe in einer dreiaktigen
Komödie hervor. Die leichtete das Schifflein bedeutend.

Seine Schaffenskraft während dieser Zeit war unerhört. Das Fieber
kam jetzt tagtäglich: in nicht mehr als zwei Monaten schrieb er zwei
Komödien und eine Tragödie in Versen; außerdem schüttelte er Verse aus
dem Ärmel.

Das Trauerspiel war sein erstes eigentliches Kunstwerk, wie man es
nennt, denn es handelte nicht von etwas, das sich in seinem eigenen
Leben zugetragen hatte. Das sinkende Hellas: nicht mehr und nicht
weniger war das Thema. Die Kompostion war ganz und klar, doch waren
die Situationen nicht neu und es wurde viel deklamiert. Das einzige,
was er aus seiner eigenen Vorratskammer holte, war strenge asketische
Moral und Verachtung des ungebildeten Demagogen. So ließ er einen
alten Mann gegen die Unsittlichkeit der Zeit und gegen den Mangel an
Vaterlandsliebe wettern. Demosthenes höhnt den Demagogen auf eine Art,
die an den Schornsteinfeger und den Pfandleiher der Kopenhagener Reise
erinnerte. Der Leiter der Schauspielerschule bekam auch seinen Teil,
weil er sich oft Johan gegenüber beklagte, er habe keine genügende
Bildung erhalten. Das Stück war aristokratisch, und die Freiheit, die
hier ausposaunt wurde, war die der sechziger Jahre: die nationale
Freiheit.

Inzwischen war die Familienkomödie der Direktion des Königlichen
Theaters eingereicht worden, jedoch anonym.

Während sie da lag, tat er frohen Mutes Dienst als Statist. Wartet
nur, dachte er, bald kommt die Reihe an mich, dann habe ich ein Wort
mitzusprechen. Er war jetzt kühn auf der Bühne und fühlte sich, auch
wenn er im „Wilhelm Tell‟ den Anzug eines Bauernjungen trug, als ein
verkleideter Prinz. „Ich bin gewiß kein Schweinehirt, wenn ihr's auch
glaubt‟, summte er vor sich hin.

Die Antwort auf das Stück ließ auf sich warten. Schließlich verlor er
die Geduld und vertraute sich dem Leiter der Schauspielerschule an. Der
hatte das Stück gelesen und Talent darin gefunden, aber -- gespielt
konnte es nicht werden.

Das war ja kein Donnerschlag für ihn, da er noch das Trauerspiel besaß.
Das ward besser aufgenommen, sollte aber hier und dort umgearbeitet
werden.

Eines Abends, als die Schule schloß, bat der Lehrer ihn, zu bleiben.

-- Jetzt haben wir gesehen, wozu Sie taugen, sagte er. Sie haben eine
schöne Laufbahn vor sich: warum denn die schlechtere wählen. Daß Sie
Schauspieler werden können, ist wahrscheinlich, wenn Sie einige Jahre
arbeiten; aber warum sich abquälen auf diesem undankbaren Gebiet?
Reisen Sie nach Upsala zurück und beendigen Sie Ihr Studium! Werden Sie
dann später Schriftsteller, denn man muß erst Erfahrungen machen, ehe
man gut schreiben kann.

Schriftsteller werden, das gefiel ihm, das Theater verlassen, auch;
aber nach Upsala zurückkehren -- nein! Er haßte die Universität und sah
nicht ein, wie das Unnütze, das man dort lernte, dem Schreiben zugute
kommen könne; dafür müßte man doch das Leben selbst studieren.

Dann aber begann er nachzudenken. Da er einsah, daß er jetzt noch
nicht ein Stück zur Annahme bringen könne, um es als Rettungsbrett zu
benutzen, griff er nach dem andern Strohhalm: Upsala. Wieder Student
werden, war mit zwanzig Jahren keine Schande; und beim Theater wußte
man jetzt, daß er kein durchgefallener Anfänger war, sondern auch ein
Dichter.

Gleichzeitig erfuhr er, daß er noch ein mütterliches Erbe von einigen
hundert Kronen ausstehen habe. Mit denen konnte er das erste Semester
leben. Er ging zum Vater, nicht als verlorener Sohn, sondern als
vielversprechender Schriftsteller und Gläubiger. Es kam zu einem
heftigen Zwist, der damit endete, daß sein Erbe ihm ausgezahlt wurde.

Er hatte jetzt ein Trauerspiel mit dem gewaltigen Titel „Jesus von
Nazareth‟ entworfen. Das behandelte Jesu Leben in dramatischer Form
und sollte mit einem Schlage und für alle Zeiten das Götterbild
zerschmettern und das Christentum ausroden. Als er aber einige Szenen
vollendet hatte, sah er ein, daß der Stoff zu groß sei und langwierige
Studien verlange.

Die Spielzeit ging ihrem Ende zu. Die Schauspielerschule gab ihre
übliche Vorstellung auf der Bühne des Dramatischen Theaters. Er
hatte keine Rolle bekommen, übernahm aber das Soufflieren. Und im
Souffleurkasten schloß seine Laufbahn als Schauspieler. Soviel war
übrig geblieben von seinem Karl Moor, den er auf der Bühne des Großen
Theaters hatte spielen wollen! Verdiente er dieses Schicksal? War er
schlechter für die Bühne ausgerüstet als die andern? Das war nicht
wahrscheinlich, wurde aber nie entschieden.

Am Abend nach der Vorstellung wurde den Schülern ein Schmaus gegeben.
Johan war auch eingeladen, hielt eine Rede in Versen, um seinen Rückzug
zu decken. Berauschte sich wie gewöhnlich, betrug sich dumm und
verschwand vom Schauplatz.



18.

+Die Verbindung Runa.+

(1870)


Das Upsala der sechziger Jahre weist Zeichen des Endes und der
Auflösung einer Periode auf, die man die Boströmsche nennen könnte.
In welchem Verhältnis steht das für die Zeit geltende philosophische
System zu der Zeit selbst? Das System scheint die Gedanken der Zeit an
dem bestimmten Zeitpunkt zusammenzufassen. Der Philosoph macht nicht
die Zeit, sondern die Zeit macht den Philosophen. Der Philosoph sammelt
die Gedanken seiner Zeit; dadurch kann er auf seine Zeit wirken; darum
ist und muß seine Wirkung mit dem Ausgang der Epoche zu Ende sein.

Die Boströmsche Philosophie hatte den Fehler, daß sie schwedisch sein
wollte, daß sie zu spät kam, daß sie über ihre Zeit leben wollte. Eine
schwedische Philosophie zu schaffen, war ein Unding; damit riß man sich
von dem großen Mutterstamm los, der draußen auf dem Festland wächst und
nur Samen nach der harten Erde der hyperboräischen Halbinsel sendet.
Sie kam zu spät, denn es ist Zeit nötig, um ein System zu schaffen; und
ehe das fertig wurde, war die Zeit weitergegangen.

Boström als Philosoph kam nicht wie aus einer Kanone geschossen. Alles
Wissen ist Sammelwerk und ist gefärbt von der Persönlichkeit. Boström
ist gewachsen aus Kant und Hegel, begossen von Biberg und Grubbe, um
schließlich einige ziemlich selbständige Schüsse zu treiben. Das ist
alles! Den Grundgedanken selbst scheint er aus Krauses Panentheismus
geholt zu haben, dem Versuch, die Kant-Fichtesche Philosophie und die
Schelling-Hegelsche auszugleichen. Diesen Eklektizismus hatte man schon
Grubbe vorgeworfen. Boström studierte zuerst Theologie, und diese
scheint seinen Geist zu binden, als er die spekulative Theologie
schreibt. Seine Sittenlehre bekam oder nahm er von Kant. Boström einen
originellen Philosophen nennen, ist Lokalpatriotismus. Sein Einfluß
erstreckt sich nicht über die Grenzen Schwedens und reicht nicht weiter
als bis zum Ausgang der sechziger Jahre. Seine Staatslehre war schon
1865 Altertumskunde geworden, als die Studenten noch, aus Ehrerbietung
gegen den Lehrer, in der Prüfung nach seinem Lehrbuch erklären mußten,
die Volksvertretung durch die vier Stände sei die einzig vernünftige;
später wurde das natürlich gestrichen.

Wie kam Boström auf eine solche Idee? Kann man aus dem zufälligen
Umstand schließen, daß er, der Sohn eines armen Mannes aus Norrland,
in eine zu nahe Berührung mit König Karl Johan und dem Hof kam,
nämlich als Lehrer der Prinzen? Konnte der Philosoph dem Schicksal
aller entgehen, in +gewissen+ Beziehungen persönliche Neigungen
oder hergebrachte Vorstellungen zu verallgemeinern? Wahrscheinlich
nicht. Boström war als Idealist subjektiv, so subjektiv, daß er der
Wirklichkeit ein selbständiges Dasein versagte, als er erklärte: „Sein
ist wahrgenommen werden‟ (vom Menschen). Die Welt der Erscheinungen
bestehe also nur in und durch unsere Wahrnehmung. Der Fehlschuß wurde
übersehen, und der war ein doppelter. Das System geht nämlich von
einem unbewiesenen Satz (petitio principii) aus und müßte wohl darin
berichtigt werden: die Welt der Erscheinungen besteht +für uns+ nur
durch unsere Wahrnehmung; das hindert aber nicht, daß sie für sich
besteht ohne unsere Wahrnehmung. Durch die Naturwissenschaft ist ja
bewiesen, daß die Erde mit einem sehr hohen organischen Leben bestanden
hat, ehe ein wahrnehmender Mensch da war.

Boström brach mit dem Christentum der Kirche, behielt aber, gleich
Kant und sogar wie die späteren Philosophen der Entwicklung, die
Sittenlehre des Christentums. Kant war mitten in dem kühnen Vorgehen
seines Gedankens infolge Mangels an psychologischen Kenntnissen stehen
geblieben und diktiert ganz einfach den kategorischen Imperativ
und die praktischen Postulate. Das Sittengesetz, das ja von der
Epoche abhängt und mit ihr wechselt, bleibt weiter ganz christlich
„Gottes Gebot‟. Boström stand noch „unter dem Gesetz‟, beurteilte den
sittlichen Wert oder Unwert einer Handlung nach dem Motiv; und das
einzig befriedigende Motiv ist die „Achtung vor dem unsichtbaren Wesen
des Verpflichteten‟, das sich im Gewissen offenbart. Aber Gewissen
gibt es ebenso viele wie Religionen und Volksstämme; darum wurde die
Sittenlehre ganz unfruchtbar.

Boström fördert die Entwicklung nur, als er 1864 gegen Bischof Beckman
im Kampfe um die Höllenlehre auftritt, obwohl diese Lehre schon damals
von den Gebildeten mit Hilfe der Neurationalisten verworfen war.
Hemmend für die Entwicklung wieder wurde Boström durch seine Schriften:
„Der Monarch nicht verantwortlich und heilig‟ und „Sind die Stände des
Reiches berechtigt, die sogenannte (!) Änderung der Volksvertretung im
Namen des schwedischen Volkes durchzuführen?‟

In seiner Eigenschaft als Idealist wird Boström für das heute (1886)
lebende Geschlecht nicht nur bedeutungslos, sondern auch reaktionär.
Er ist ein notwendiges Glied einzig und allein in der verwerflichen
Reaktionsphilosophie, die so verhängnisvoll und verdunkelnd der
Aufklärungsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts folgt. Er hat
gelebt und ist tot! Friede seiner Asche!

       *       *       *       *       *

Ein anderes Barometer der geistigen Atmosphäre soll die schöne
Literatur sein. Um das aber sein zu können, muß sie die Freiheit haben,
die Fragen der Zeit behandeln zu können; das erlaubte die damalige
Ästhetik aber nicht.

Die Poesie sollte sein und war (nach Boström) ein Spiel, ebenso wie
die schönen Künste. Die Poesie wurde unter solchen Verhältnissen und
mit der üblichen Philosophie der Ichvergötterung lyrisch; drückte des
Dichters kleine persönliche Gefühle und Neigungen aus, spiegelte darum
die Zeit nur in gewissen Zügen, die vielleicht nicht die wesentlichsten
sind.

Die schwedische Poesie der sechziger Jahre war die der Signaturen. Aber
von diesen waren nur zwei von Bedeutung: Snoilsky und Björck. Snoilsky
war, um einen Ausdruck des Pietismus zu gebrauchen, „erweckt‟; Björck
war „tot‟. Beide waren, wie man zu sagen pflegt, geborene Dichter, das
heißt, ihre Anlagen zeigten sich früher als gewöhnlich. Beide machten
sich schon in der Schule bemerkbar, kamen früh zu Ehre und Ruhm, sahen
durch Geburt und Stellung das Leben von den sonnigen Höhen. Snoilsky
war, ohne es zu wissen, von den Geistern der neuern Zeit ergriffen. Von
der Furcht vor der Hölle und der Mönchsmoral befreit, es erlebend, wie
der Adel seine Vorrechte zurückgeben muß, läßt er Geist und Fleisch
frei. Er ist Revolutionär in seinen ersten Gedichten und liebt die
phrygische Mütze; er predigt die Lebensfreude des Fleisches, hat einen
gewissen Haß gegen die Überkultur als konventionelles Band. Aber als
Dichter entging er nicht dem tragischen Geschick des Dichters: nicht
ernst genommen werden. Poesie war nun einmal Poesie, und Snoilsky war
Poet.

Björck war mit einem Sinn begabt, der für starke Eindrücke nicht
empfänglich war. Harmonisch, schlaff, fertig von Anfang an, lebt er
sein Leben versunken in inneres Nachdenken; oder er bemerkt nur die
kleinen Ereignisse der äußeren Welt und schildert die hübsch und
korrekt. Die große Mehrheit, die das harmonische Leben des Automaten
lebt, glaubt, seine Poesie atme eine unendliche Liebe zum Nächsten.
Warum aber erstreckt sich diese Liebe nicht weiter, nicht über die
großen Menschenkreise hinaus, über die ganze Menschheit? Björcks
Liebe geht nicht über die persönliche Ruhe hinaus, zu welcher der
einzelne gelangt, wenn er die Pflichten von sich fern hält, die das
Zusammenleben aufstellt. Er ist mit seiner Welt zufrieden, weil die
Welt ihm hold gewesen ist; Kampf darf es nicht geben, weil der die
persönliche Ruhe stört. Björck zeigt uns den Glücklichen, dessen
Leben nicht im Streit mit seiner Erziehung steht, der vielmehr Stein
für Stein auf dem einmal gelegten Fundament aufbaut; alles geht
handwerksmäßig nach Wasserwage und Lineal; das Haus wird fertig, wie
es gezeichnet ist, ohne daß der Plan eine Änderung erfahren hat. Von
Familientyrannei gezähmt, früh Achtung und Bewunderung der Menschen
kostend, blieb er im Wachstum stehen. Den Boströmschen Kompromiß
mit dem Christentum nahm er ungesehen an; damit hatte er sein
Lebenswerk gemacht. Seine Dichtung wird besonders als die reine, die
seraphische hervorgehoben. Was ist das Reine, das heute so schroff
dem Sinnlichen gegenüber gestellt wird? Er kriegte sie nicht, das ist
das Geheimnis; wie sich Dantes himmlische Liebe zu Beatrice aus der
gleichen unfreiwilligen Ursache herleitete. Björck besingt also das
Unerreichbare, mit der stillen Milzsucht der unbefriedigten Liebe. Aber
das war doch keine Tugend, und das Reine sollte ja eine Tugend sein.
Hätte er sie nur gekriegt!

Übrigens, wie verhielt es sich mit dem Reinen in den Herzen der
Signaturen? Blühte nicht die unanständige Anekdote, wurden nicht die
„Bierstuben‟ besucht, das Dekameron übersetzt, „Geranien und Kakamoja‟
von den Signaturen herausgegeben? Alle Menschen sind wohl sinnlich
veranlagt, aber es galt damals für unrein, seine Sinnlichkeit zu
zeigen; darum mußte sie unterirdischen Abfluß haben. Snoilsky brach mit
der Heuchelei und sang sich aus; und Björck verriet sich auch, als er
erzählte, wie er die Minderjährige auf der Heimfahrt im Wagen geküßt.
Nicht das Kind küßte er, sondern das Mädchen, und das Mädchen in kurzem
Kleid. Hans Jaegers Feinde hätten das sicher für unrein, frühreif oder
etwas noch Schlimmeres gehalten. Auch gibt es Überlieferungen von der
Zeit der Signaturen, daß der seraphischeste von allen seraphischen
Dichtern ein stürmisches Leben geführt habe und daß die Engelsflügel
erst wuchsen, als das Bocksfell Haare ließ. Sie sangen Wasser, aber sie
tranken Wein, wie die Dichter von heute (1886) beschuldigt werden, daß
sie Wein singen und Wasser trinken. Immer soll das Leben des Dichters
in Mißklang zu seinen Lehren stehen. Warum? Will er beim Dichten sich
selbst loswerden und einen andern erfinden? Ist es die Sucht, sich zu
verkleiden? Ist es Schüchternheit? Die Furcht vor der Hingabe, vorm
Entblößen der Scham? Der künftigen Wissenschaft der Seele ist da eine
tüchtige Aufgabe gestellt, das herauszubringen!

Björck sang 1865 beim Reformfest in Upsala; aber die königliche
Revolution besingt er. Harmonie sieht er in allem; wenn er von der
wiederhergestellten Eintracht zwischen Schweden und Norwegen (1864)
singt, ist er lauter Wohllaut. Auch Abraham Lincoln besingt er.
Negeremanzipation und weiße Sklaverei: das ist das Freiheitsideal der
heiligen Allianz. Revolution, aber gesetzliche Revolution von Gottes
Gnaden! Nun, er wußte es nicht besser, und wenige wußten es damals
besser. Darum kein Gericht über den Mann, sondern nur ein Urteil über
seine Tat, deren Motiv für die Nachwelt gleichgültig ist.

Die Jugend las die Signaturen, viele mit großer Erbauung. Sie
verkündeten keine neue Zeit, sondern sie weissagten hinterher: jetzt
sei das Tausendjährige Reich gekommen, die Ideale verwirklicht, die
Grenzlinie aufgehoben, ein für alle Male aufgehoben. Sie sahen mit
Befriedigung auf ihr geschaffenes Werk, rieben sich die Hände und
fanden alles gut.

Ein stiller Friede hatte sich 1870 über die ganze Universitätsstadt
Upsala gebreitet; jetzt könne man bis zum Jüngsten Tage schlafen,
meinte alt und jung. Da aber sind Mißlaute zu hören, und in den Tagen
des allgemeinen Friedens gewahrt man Feuerzeichen auf den Bergspitzen
der Nachbarn. Von Norwegen signalisert man offnes Wasser, und die
Leuchttürme werden angezündet.

Rom nahm Griechenland, aber Griechenland nahm Rom ein. Schweden hatte
Norwegen genommen, jetzt aber nahm Norwegen Schweden ein.

Lorentz Dietrichson wird 1861 zum Dozenten der Universität Upsala
ernannt, und er ist der Vorbote. Er macht Schweden mit der dänischen
und norwegischen Dichtung bekannt und gründet die literarische
Gesellschaft, aus der die Signaturen hervorgingen.

Nachdem Norwegen von der dänischen Monarchie losgerissen war und
aufgehört hatte, eine Filiale des Hauptkontors von Kopenhagen zu
sein, wurde es nicht Schweden aufgepfropft, sondern kehrte bei sich
selber ein und eröffnete gleichzeitig eine direkte Verbindung mit
dem Festland. Während das Land zur Selbständigkeit erwachte, strömte
gleichzeitig ein großer Golfstrom vom Ausland unmittelbar an seine
Küsten.

Björnson war es, der Norwegen Selbstgefühl gab, und als das zu
beschränktem Patriotismus ausartete, kam Ibsen mit der Schere.

Als dieser Kampf hitziger wird und Christiania sich nicht mehr zum
Walplatz hergeben will, wird der Streit ins gastfreundliche Schweden
verlegt. Der norwegische Wein, der stark „beschnitten‟ war, eignete
sich gut zur Ausfuhr, und die Pamphlete gewannen auf der Reise über
Land und wurden in Schweden Literatur. Die Gedanken kamen an die
Oberfläche, aber die Persönlichkeiten setzten sich auf den Boden des
Gefäßes.

Ibsen und Björnson brachen in Schweden ein; Tidemand und Gude
waren Sieger in der Kunstausstellung von 66; Kierulf und Nordraak
beherrschten Lied und Klavier.

Björnson begann als Bezauberer; Ibsen als Wecker. „Zwischen den
Treffen‟ riß die Stockholmer hin, und ganz mit Recht. Den „Bund der
Jugend‟ verstand man infolge der lokalen Anspielungen nicht; ja, man
verstand nicht einmal, daß er die neuen Bestrebungen verhöhnte, denn
er verhöhnte nicht die schwedischen Verhältnisse. Man hörte munkeln,
daß Steensgaard Björnson sein solle und daß der Schauspieler sich
porträtgetreu maskiert habe; doch das ging einen nichts an. Den „17.
Mai‟ gab man preis, aber man bewunderte Dahlqvist als Aslaksen.

Dann kam „Brand‟. Der war bereits 66 erschienen, kam aber erst 69 in
Johans Hände. Er griff tief in sein altchristliches Herz, war aber
finster und streng. Das Schlußwort vom Deus Caritatis befriedigte
nicht, und der Dichter schien zu viel Sympathie für seinen Helden
gehabt zu haben, um ihn nur ironisch dem Untergang überlassen zu können.

Brand machte Johan viel Kopfzerbrechen. Er hatte das Christentum
fallen gelassen, aber die schreckliche Moral der Askese beibehalten.
Er forderte Gehorsam gegen seine alten Lehren, die nicht mehr
anzuwenden waren; er verhöhnte das Streben der Zeit nach Menschlichkeit
und Vergleich, schließt aber damit, den Gott des Vergleichs zu
empfehlen. Brand war ein Pietist, ein Fanatiker, der gegen die Welt
recht zu haben glaubte, und Johan fühlte sich verwandt mit diesem
entsetzlichen Egoisten, der obendrein unrecht hatte. Keine Halbheit,
nur drauflosgehen, alles niederbrechen, was im Wege steht, denn du
allein hast recht! Johans zartes Gewissen, das unter jedem Schritt, den
er tat, litt, weil dieser Schritt Vater oder Freunden weh tun konnte,
wurde von Brand betäubt. Alle Bande der Rücksicht, der Liebe sollten
der „Sache‟ wegen zerrissen werden.

Daß Johan jetzt nicht mehr die ungerechte Sache der Haugianer führte,
war ein Glück, sonst wäre auch er beim Bergrutsch untergegangen! Brand
aber gab ihm den Glauben an ein Gewissen, das reiner war als das, was
die Erziehung ihm gegeben hatte, und ein Recht, das höher stand als
das gewöhnliche Recht. Und er brauchte diese Eisenstange in seinem
schwachen Rücken, denn er hatte lange Perioden, in denen er sich aus
Menschlichkeit selbst unrecht und dem ersten besten recht gab; darum
war er auch sehr leicht anzuführen.

Brand war der letzte Christ, der einem alten Ideal nachgab, darum
konnte er kein Muster für den werden, der eine dunkle Aufruhrlust gegen
alle alten Ideale fühlte.

Das Stück bleibt ein schönes Gewächs, das keine Wurzel in der Zeit hat
und darum ins Herbarium gehört.

Dann kam „Peer Gynt‟. Der ist eher dunkel als tief und hat seinen
Wert als Gegengift gegen die nationale Selbstliebe. Daß Ibsen nicht
verbannt oder verfolgt wurde, nachdem er dem stolzen norwegischen Volk
so bittere Dinge gesagt hatte, zeigt, daß man in Norwegen den Streit
ehrlicher führte als in Schweden.

Die „Komödie der Liebe‟ wirkte „peinlich‟. Sie leugnete die Liebe
und zeigte die Ehe als eine Lebensversicherung für das Weib, das die
Prämien mit ihrer Gunst bezahlt. So roh wirkte damals die Wahrheit.

Ibsen galt damals als Menschenhasser und als Björnsons Neider und
Feind. Man war in zwei Lager geteilt und der Streit, welcher von beiden
der größere sei, hatte kein Ende, denn er handelte über das Problem der
Kunst: Inhalt oder Form.

Der Einfluß der norwegischen Poesie auf die schwedische Entwicklung
ist groß gewesen und zum Teil sehr wohltuend, doch war darin etwas
eigentümlich Norwegisches, das auf Schweden, ein Land mit ganz anderer
Entwicklung, nicht anzuwenden war.

In den abgesonderten Tälern Norwegens wohnte ein Volk, das aus Not
und Mangel in den Entsagungslehren des Christentums eine fertige
Askesephilosophie vorfand, die den Himmel als Entgelt fürs Entbehren
versprach. Eine schwere, düstere und karge Natur, ein feuchtes Klima,
lange Winter, große Entfernungen zwischen des Dörfern, Einsamkeit --
alles wirkte zusammen, um das Christentum in den strengen Formen des
Mittelalters zu erhalten.

Es ist auch etwas im norwegischen Charakter, das man geisteskrank
nennen könnte, von der Art des englischen Spleens; und wer weiß, ob
nicht Norwegens intime Berührung mit dem hypochondrischen Inselvolk
Spuren in die Kultur gedrückt hat. In Jonas Lies „Hellseher‟ ist diese
Geisteskrankheit dargestellt; da herrscht die gleiche unheimliche
Stimmung, die man in den isländischen Sagen trifft. Der Kampf des
Geistes gegen das physische Dunkel, gegen die Kälte. Die Schilderung
vom traurigen Schicksal des Nordländers, von sonnigen Ländern zu den
Wildnissen des Dunkels und der Kälte verwiesen zu sein, das jetzt
seine Berichtigung in der Auswanderung sucht; deren ethnographische
Bedeutung man vor der wirtschaftlichen vergessen hat. Norwegischer
Charakter ist die Frucht von vielen hundert Jahren Tyrannei,
ungerechter Behandlung, schwerem Brotkampf, Mangel an Freude.

Diese nationalen Eigentümlichkeiten hätte der Schwede nicht mit in
den Kauf nehmen sollen, aber sie haben ihn vernorwegert. In der
schwedischen Literatur spukt noch der Dovrealte; Brand läuft mit
seinen idealen Forderungen herum, die der romanisierte und heitere
Schwede nicht aufrichtig teilen kann. Darum sitzt ihm diese fremde
Volkstracht jetzt so schlecht; darum klingt die moderne schwedische
Musik so unharmonisch, als ein Nachklang der Geige von Hardanger, die
von Grieg neu gestimmt ist; darum erscheint die neue Mundartensucht so
übel gewählt; darum schnarrt das Wort von größerer sittlicher Reinheit
im Munde des lebenslustigen Schweden. Er hat nicht unter langwieriger
nationaler Unterdrückung geseufzt und braucht sich nicht in der
Vergangenheit aufzusuchen; er ist in seinem offenen flachen See- und
Flußland nicht so düster geworden, und darum kleidet ihn die saure
Miene nicht.

Als er dagegen große, neue Gedanken via Christiania oder direkt
vom Ausland durch Ibsen und Björnson bekam, hätte der Schwede das
Nettogewicht behalten, die norwegische Tara aber lassen sollen.
Das „Puppenheim‟ sogar ist norwegisch. Nora ist verwandt mit den
isländischen Frauen, die das Matriarchat mitnahmen; gehört zur Familie
der unheimlichen herrschsüchtigen Frauen der „Krieger auf Helgeland‟:
die sind reine Norwegerinnen, bei denen die Gefühle erfroren oder
durch die Familienheiraten der Jahrhunderte verwachsen sind. Die
schwedische Frauenliteratur ist norwegisch-norwegisch, mit ihrer
unbescheidenen idealen Forderung an den Mann und mit ihrem Verhätscheln
der verwöhnten Frau; mehrere junge Schriftsteller haben norwegischen
Stil in die schwedische Sprache eingeführt, und eine Schriftstellerin
hat schließlich die Handlung nach Norwegen verlegt und den Helden
norwegisch sprechen lassen. Weiter kann man nicht gehen!

Ausländisches gern, denn das ist universal; aber nicht Norwegisches,
denn das ist provinziell, und das haben wir selbst ebenso gut!

       *       *       *       *       *

So war er wieder in Upsala, in dieser Universitätsstadt, aus der er vor
neun Monaten geflohen, in die er höchst ungern wieder zurückging.

Zu etwas gezwungen werden, was er nicht wollte, machte immer den
Eindruck auf ihn, als begegnete er einem persönlichen Feinde, der ihm
seine Wünsche und seine Abneigungen ablistete und ihn zwang, sich zu
beugen. Da er noch unter Gottes besonderer Aufsicht zu stehen glaubte,
nahm er das hin, als diene es zu seinem Besten. Später aber hatte er
das Gefühl, es gebe eine böse Macht. Aus diesem Gefühl entwickelte sich
dann der Glaube an zwei lenkende Mächte, eine böse und eine gute, die
sich in der Herrschaft teilten oder sich ablösten.

Er fragte sich wieder, was hast du hier zu tun? Den Doktor zu machen;
vor allem aber den Rückzug vom Theater zu decken. Insgeheim wollte er
wohl ein Stück schreiben, um sich unter dem Schutz des Erfolges dem
Examen zu entziehen.

In der ersten Zeit fühlte er sich durchaus nicht wohl auf seiner
einsamen Bodenkammer. Er war jetzt an Komfort gewöhnt, an große Zimmer,
guten Tisch, Bedienung und Gesellschaft. Gewohnt, als Mann behandelt zu
werden und mit älteren gebildeten Menschen zu verkehren, konnte er sich
schwer darein finden, wieder Student zu sein. Aber er warf sich ins
Gewimmel und hatte bald drei verschiedene Verkehrskreise.

Zuerst die Mittagsgesellschaft, die aus Medizinern und Naturforschern
bestand. Von ihnen hörte er zum ersten Male den Namen Darwin; dieser
Name flog an ihm vorbei wie eine Lehre, für die er noch nicht reif war.

Dann die Abendgesellschaft, die aus einem Theologen und einem Juristen
bestand; mit denen spielte er Karten bis tief in die Nächte hinein.

Er glaubte jetzt nur deshalb in Upsala zu sein, um zu wachsen, älter zu
werden; und daß es ziemlich einerlei war, was er tat, wenn nur die Zeit
verbracht wurde. Er warf jetzt ein Trauerspiel „Erich XIV.‟ nieder.
Fand es aber schlecht und verbrannte es, denn die Selbstkritik war
erwacht und die Forderungen gewachsen.

Später im Semester kam er in eine dritte Gesellschaft, die dann sein
besonderer Kreis wurde für die ganze Zeit in Upsala und noch länger.
Zufällig traf er eines Abends einen älteren Kameraden, mit dem er
die Privatschule besucht hatte. Sie sprachen von Literatur, und bei
einem Glase Grog wurde der Plan entworfen, einige junge Dichter zu
einer Gesellschaft zusammenzubringen. Das hieß eine Art Wirkungskreis
schaffen.

Der Plan wurde ausgeführt. Außer Johan und dem zweiten Stifter wurden
vier junge Studenten gewählt. Es waren vortreffliche Jünglinge, ideal
angelegt, wie man sagt; hatten gute Vorsätze und schwärmten für
unbekannte Ideale. Sie waren mit den Widerwärtigkeiten des Lebens
noch nicht in Berührung gekommen, hatten vermögende Eltern, keine
Sorgen und wußten noch nichts vom Kampfe ums Brot. Johan hatte eben
die unangenehmsten Verhältnisse verlassen, Menschen gesehen, die sich
immer die Zähne zeigten, eingebildete leere Schauspielereleven; jetzt
sah er sich in eine neue Welt versetzt. Da gingen die seligen Jünglinge
an ihren gedeckten Tisch, rauchten feine Zigarren, machten ihre
Spaziergänge, poetisierten schön über das schöne Leben, das sie noch
nicht kannten.

Satzungen wurden entworfen und die Verbindung nahm den Namen „Runa‟ an,
der Lied bedeutet. Daß man sie Runa nannte, kam wohl von der nordischen
Renaissance, die mit dem Skandinavismus gekommen war; von König Karl
XV. in der Poesie, von Winge und Malmström in der Malerei, von Molin
in der Bildhauerei geadelt wurde und jetzt ebenso schön in Björnsons
und Ibsens Dramen aus dem alten nordischen Leben aufgelebt war. Auch
trug das Studium der isländischen Sprache dazu bei, das eben an der
Universität eingeführt war.

Die Anzahl der Mitglieder sollte höchstens neun sein; jeder erhielt
als Bundesbruder eine Rune als Namen. Johan wurde Frö und der zweite
Stifter Ur. Alle Richtungen waren vertreten. Ur war ein großer Patriot
und verehrte Schweden mit dessen Erinnerungen. Das Land habe die
feinste Geschichte von Europa und sei immer frei gewesen. Sonst war
er ein realistisch veranlagter Mann, der einen ausgebildeten Sinn für
Statistik, Staatswissenschaft, Biographie besaß, ein strenger und
geschickter Kritiker der Form war, auch die Verwaltung des Bundes
führte. Verläßlicher Freund, guter Gesellschafter, hilfreich und
herzlich.

Auch ein vollblütiger Romantiker war da, der Heine las und Absinth
trank; ein gefühlvoller Jüngling, der noch für alle alten Ideale
schwärmte, aber am meisten für Heine.

Da war ein Seraph, der das unendlich Kleine besang, besonders die
Seligkeit der Kindheit.

Da war einer, der still die Natur verehrte.

Schließlich einer, der aus allem das Beste auswählte und improvisierte.
Es war ein Kind Israels; seine Fähigkeit, auf eine Aufforderung hin zu
improvisieren, war unglaublich; und zwar konnte er es in jeder Tonart.
Zwei Minuten nach der Aufforderung stand er auf und sprach aus dem
Stegreif wie Anakreon, wie Bellman, wie Horaz, wie die Edda; was es
auch sein mochte, auch in fremden Sprachen.

Die erste Zusammenkunft war bei Thurs, dem Improvisator, der am
geräumigsten wohnte, zwei Zimmer und die besten Pfeifen hatte. Als
einer der Stifter verlas Johan zuerst von allen seine Antrittsrede,
die nach den Satzungen in Versen sein mußte. Sie begann mit Brages
Harfe, die verstummt sei, und fragte nach dem Barden. Das war das
Neunordische, das man jetzt wieder ausgraben zu müssen glaubte. Mit
den Worten „das kleinliche Streben der Zeit‟ wurde das ganze Programm
der Idealisten bezeichnet. Die große Arbeit der Zeitgenossen für die
Wirklichkeit, für Verbesserung der Lebensbedingungen sei kleinlich. Der
Geist war in der Materie gefangen; darum sollte die Materie der Feind
sein: das waren die Lehren der Romantik.

Dann geht der Dichter hinaus in die Natur, hört die Glocken der
Domkirche, den Wind und die Vögel singen, um dann die sehr berechtigte
Frage zu tun: Die Natur singt, warum sollte ich denn schweigen? Er
beschließt, nicht länger zu schweigen, sondern loszusingen: vom
Frühling des Lebens, dem fröhlichen und jungen; vom Herbst des
Lebens, von der Liebe zur Heimaterde. Da kommt der weise Mann mit dem
erfrorenen Herzen, nimmt sein Lied, zerpflückt es und nennt es Unsinn.
Da verstummt der Gesang vor der Überklugheit des Tages.

Jetzt (1886) bestimmt zu sagen, was Johan damals (1870) mit
Oberklugheit meinte, ist nicht leicht; aber das waren wohl ganz einfach
Vorahnungen künftiger Kritiken; und der weise Mann war wohl niemand
anders als der Kritiker.

Dann legt er los gegen die elenden Krämerseelen, die das goldene Kalb
anbeten, aber keine Lieder lieben. Ein Zusammenhang mit dem Trachten
der Zeit war hier nicht zu finden, denn in den sechziger Jahren
herrschte infolge schlechter Ernten großer Mangel an Geld. Schwindel
und Unwesen der Aktiengesellschaften begann erst mit den siebziger
Jahren. Es war das Programm des Dichters damals, auf das goldene Kalb
loszuhacken; darum schlüpfte dieses Stichwort in die Verse hinein.

Die Rede schließt wie üblich mit Tegnérs Epilog bei der
Doktorpromotion, wenn auch die Todesgedanken des Einundzwanzigjährigen
etwas unbegründet sind:

  Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuer
  im Aug erloschen -- schlägt der Puls nur schwach,
  der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer --
  wenn wir dann hören einen Frühlingstag
  die neue Jugend ihre Lieder singen,
  hier oben in dem alten Odinshain,
  sie sollen in Erinnerung uns bringen
  den frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.

Die beiden letzten Reihen enthielten kein Versprechen, hatten überhaupt
keinen Sinn. Ein Programm wurde nicht gegeben. Daß das Lied im Norden
verstummt sei, schwebte dem Jüngling vor; wie aber der neue Ton
lauten sollte, gab er nicht an. Daß er oder die Verbindung neue Lieder
beginnen werde, ließ er nicht durchblicken. Eine dunkle Ahnung ist in
dem Gedicht, daß sie Epigonen seien. Es spricht nämlich die Besorgnis
aus, die Nachwelt werde ihnen keinen Marmor errichten, sie würden
verschwinden im Grab des Vergessens. Das Ganze ist eine Mischung von
Bescheidenheit und Unverschämtheit, die für den Mann bezeichnend ist.

Ein poetisches Faulenzerleben begann. Jeden Abend kam man zusammen,
entweder in der Kneipe oder bei einem Bundesbruder. Aber für einen
künftigen Schriftsteller war die Zeit nicht verloren. Johan konnte
aus der reichen Bibliothek der Kameraden schöpfen; durch den
Meinungsaustausch gewöhnte er sich daran, die Literatur von vielen
Gesichtspunkten zu sehen. Doch das Leben, die allgemeinen Interessen,
die Politik des Tages, die existierten noch nicht; man lebte in Träumen.

Zuweilen erwachte sein Unterklassenbewußtsein und er fragte sich, was
er unter den reichen Jünglingen zu schaffen habe. Doch er beruhigte
sein Gewissen durch Rausch und Gespräche; er redete sich Mut ein,
weiter zu gehen, etwas vom Leben zu verlangen. Denn er hatte, nach der
Ansicht der Kameraden, einen guten Einsatz.

Seine Kammer war schlecht; es regnete durchs Dach, ein Bett war nicht
vorhanden: nur eine Pritsche, die am Tage Sofa war. Wenn ihm die Zeit
lang wurde und die poetischen Gespräche ihn ekelten, suchte er seinen
alten Kameraden, den Naturforscher, auf. Da konnte er durchs Mikroskop
sehen, hörte von Darwin und der neuen Weltanschauung sprechen. Dort
fand er Rat, praktischen, wohlwollenden; und dieser Freund war es, der
ihn ermahnte, für das Königliche Theater einen Einakter in Versen zu
schreiben.

-- Nein, in einem Akt habe ich keinen Spielraum; dann lieber ein
Trauerspiel in fünf.

-- Aber das ist schwerer zur Annahme zu bringen.

Schließlich ließ er mit sich sprechen und beschloß, eine kleine Idee
auszuführen, die von Thorwaldsens erstem Besuch in Rom handelte. Sein
Freund lieh ihm Bücher über Italien, und er begann zu arbeiten.

In vierzehn Tagen war das Stück fertig.

-- Das wird gespielt werden, sagte der Freund. Das sind Rollen, siehst
du!

Da es bis zur nächsten Zusammenkunft der Verbindung noch weit war,
eilte Johan am Abend zu Thurs und Rejd hinauf und las ihnen das Stück
vor. Sie waren beide der Meinung des Naturforschers: das Stück werde
gespielt.

Und sie schmausten und tranken Champagner; hielten Reden und tranken
bis zum Morgen; bis sie auf Rejds Fußboden einschliefen, die
Punschgläser neben sich. Sie erwachten in einigen Stunden, leerten bei
Sonnenaufgang die halbvollen Gläser und gingen hinaus, um weiter zu
feiern.

Die Teilnahme der beiden war herzlich, uninteressiert, warm, ohne eine
Spur von Neid. Immer erinnerte sich Johan gern an diesen seinen ersten
Erfolg: es war eine seiner besten Jugenderinnerungen.

Der schwärmerische ergebene Rejd vermehrte die Dankbarkeitschuld, indem
er mit seiner zierlichen Handschrift das Stück ins Reine schrieb. Dann
wurde das Erzeugnis an die Direktion des Königlichen Theaters gesandt.

       *       *       *       *       *

Der Frühling kam und den Mai verlebte man in einem einzigen Rausch.
Die Verbindung hatte eine Klause im „Kleinen Verderben‟ für ihre
Abendschmäuse ausersehen. Dort wurde gesprochen, Reden gehalten,
unmäßig getrunken.

Schließlich mußte man sich trennen, da die Ferien begannen; verabredete
aber, sich noch einmal in Stockholm zu treffen, um durch einen Ausflug
ins Grüne den Feiertag der Verbindung zu begehen.

An einem Junimorgen um sechs Uhr versammelten sich die vier Stammbrüder
der Verbindung im Hafen von Stockholm, wo ein Ruderboot gemietet war.
Die Bundeslade, ein großer Karton, in dem die Akten verwahrt wurden,
verstaute man neben Mundvorrat und Flaschenkörben. Nachdem Os und
Rejd die Ruder genommen, steuerte man auf den Kanal zu, der durch
den Tiergarten führt, um den Bestimmungsort, eine Landzunge auf der
Lidinginsel, zu erreichen.

Thurs blies Bellmansche Melodien auf einer Flöte und Frö (Johan)
begleitete ihn auf einer Gitarre, die er in Upsala spielen gelernt
hatte.

Sobald man gelandet, wurde auf einer Wiese am Strande das Frühstück
gedeckt. Mitten auf das Tischtuch wurde die Bundeslade gestellt, mit
Grün und Blumen bekleidet; auf die stellte man die Branntweinflasche
nebst Gläsern. Johan, der für sein in Griechenland spielendes
Trauerspiel griechische Altertümer studiert hat, ordnet die Mahlzeit
auf griechische Art: die Gäste essen liegend und bekränzt. Darauf macht
man zwischen einigen Steinen ein Feuer und kocht Kaffee. Um neun Uhr
morgens wird Kognak und Punsch getrunken.

Johan liest sein religiöses Drama „Der Freidenker‟ vor. Nach der
Vorlesung wird es kritisiert. Dann läßt man der Beredsamkeit freien
Lauf. Thurs ist der größte Sprecher; er macht Gefühlen und Gedanken
in gebundener Form Luft. Gedichte werden vorgelesen und mit Beifall
aufgenommen.

Man musiziert. Johan singt zur Gitarre, bald romantische Volkslieder
mit weinerlichem Vortrag, bald unanständige Weisen.

Als der Mittag kommt, sind die Geister noch heiß, aber etwas schläfrig.

Am Nachmittage, als die Sonne im Westen steht, hält man einen kurzen
Schlummer. Dann wird der Rausch wieder aufgefrischt und geht in einen
neuen Abschnitt über. Thurs, das Kind Israels, hat ein Gedicht über
die Größe des Nordens vorgetragen und die alten Götter Skandinaviens
angerufen. Ur, der Patriot, versagt ihm das Recht, sich andere
Götter anzueignen. Man fängt Feuer bei der Judenfrage, Streit droht
auszubrechen, es endet jedoch mit Umarmungen.

Jetzt beginnt das sentimentale Stadium. Man muß weinen, denn
der Alkohol hat diese Wirkung auf Magenhaut und die Nerven der
Tränendrüsen. Ur fühlt das Bedürfnis zuerst, und unbewußt sucht er
etwas Trauriges auf. Er bricht in Tränen aus. Man fragt warum. Er weiß
es zuerst nicht, schließlich aber findet er, daß man ihn als Bruder
Lustig behandelt habe. Er beteuert, daß er eine sehr ernste Natur sei;
daß er großen Kummer habe, den niemand kennt. Jetzt aber erleichtert
er sein Herz und spricht von einer Familiengeschichte. Nachdem er sich
erleichtert hat, wird er wieder froh.

Aber der Abend ist lang, und man sehnt sich nach Haus. Die Gehirne
sind leer; man ist einander müde, hat Spiel und Rausch satt. Man wird
tiefsinnig und untersucht die Philosophie des Rausches. Woher haben
die Menschen diese Sucht, sich wahnsinnig zu machen? Und was liegt
dahinter? Ist es des südländischen Auswanderers Sehnsucht nach einem
verlorenen sonnigen Dasein? Ein Bedürfnis muß dem Rausch zugrunde
liegen, denn eine Unart könnte nicht, ohne einen Sinn zu besitzen, die
ganze Menschheit ergriffen haben. Ist es der Gesellschaftsmensch, der
im Rausch alle gesellschaftliche Lüge abwirft, denn Verkehr und Staat
verlangen unwillkürlich, daß man seine Gedanken nicht ausspricht? Warum
liegt sonst die Wahrheit im Wein? Warum verehrten die Griechen Bacchus
als einen, der Menschen und Sitten veredelt? Warum liebte Dionysos
Frieden und warum sollte er Reichtümer verbreiten? Hat der Wein, der
hauptsächlich vom männlichen Geschlecht genossen wird, Einfluß auf
die Entwicklung der Intelligenz und Tatkraft des Mannes gehabt, so
daß er dem Weib überlegen wurde? Und warum blieb Mohammeds Volk, das
nicht Wein trinkt, auf einer Kulturstufe stehen, die für niedriger
gehalten wird? Als das Salz der tägliche Nahrungsstoff bei Ackerbauer
und Hirt wurde, um die Salze zu ersetzen, welche die früheren Jäger
im Blut des Wildes erhielten, konnte da nicht der Wein ein Ersatz
gewesen sein für verlorene Nahrungsstoffe? Und für welche? Ein Gedanke
oder ein Bedürfnis muß einem so seltsamen Brauch zugrunde liegen.
Oder sollte das Bedürfnis, das Bewußtsein zu verlieren, dem Satz der
pessimistischen Schule recht geben, daß das Bewußte der Anfang des
Leidens ist? Man wird ja naiv, unbewußt wie ein Kind; man wird ja ein
Tier vom Wein! Ist es die verlorene Seligkeit, die man wiedergewinnen
will? Aber die Reue, die hinterher kommt? Reue und Magensäure haben
dieselben Symptome. Ist es etwa eine Verwechslung: wird als Reue
empfunden, was nur Magenkrampf ist? Oder bereut der wieder zum
Bewußtsein erwachte Trinker, daß er sich am Tage vorher entblößt, seine
Geheimnisse verraten hat? Da ist doch etwas zu bereuen! Er schämt sich,
daß er sich hat überrumpeln lassen; empfindet Furcht, weil er sich
entblößt, die Waffen fortgegeben hat. Reue und Furcht liegen ja nahe
beieinander.

       *       *       *       *       *

Noch einmal ertränkten die Bundesbrüder das Bewußtsein. Dann setzte man
sich ins Boot, um nach Hause zu fahren. Jetzt aber gerieten Johan und
Thurs in einen Streit über Bellman, der bis zum Hafen von Stockholm
dauerte und mit scharfen Wahrheiten schloß.

       *       *       *       *       *

Einen alten Groll hatte Johan auf Bellman. Als er einst in seiner
Schulzeit einen ganzen Sommer krank lag, hatte er aus Vaters
Bücherschrank zufällig „Fredmans Episteln‟ von Bellman geholt. Er fand
das Buch verrückt, aber er war zu jung, um ein begründetes Urteil zu
haben. Später kam es zuweilen vor, daß der Vater sich ans Klavier
setzte und Bellmansche Lieder summte. Unbegreiflich, dachte der Knabe,
daß Vater und Oheim das so köstlich finden können. Eine Weihnacht brach
ein sehr heftiger Streit zwischen seiner Mutter und seinem Oheim über
Bellman aus. Der Bruder seiner Mutter stellte ihn über alles, über
Bibel, über Predigten. Es sei Tiefe in Bellman. Tiefe! Wahrscheinlich
war Atterboms romantische Parteikritik durch die Zeitungen zur
Mittelklasse durchgesickert. Als Gymnasiast und Student hatte Johan die
Idyllen gesungen, natürlich ohne die Worte zu begreifen oder überhaupt
an sie zu denken. Er sang eben mit im Quartett oder Chor, denn es klang
lustig. Schließlich hatte er Ljunggrens 1867 verfaßte Vorlesungen in
die Hand bekommen, und ein Licht ging ihm auf, aber nicht das, was
Ljunggren angesteckt. Das ist Wahnsinn, dachte er. Bellman ist ein
Liedersänger, ja meinetwegen; aber ein großer Dichter, der größte
Dichter, den der Norden besitzt? Unmöglich!

Bellman hat seine nach französischem Muster zugeschnittenen Lieder vor
Hof und Freunden gesungen, aber nicht fürs Volk; das hätte Amaryllis,
Tritone, Fröja und die ganze Sippschaft des Rokoko nicht begriffen. Er
starb und wurde vergessen. Warum wurde er von Atterbom ausgegraben?
Weil die kämpfende Partei, die romantische Schule, eine Verkörperung
des Regellosen, das sie den Akademikern gegenüber rühmen wollte,
brauchte, da sie sich doch nicht selber rühmen konnte. Dann kam die
Schule zur Macht. Wenn man weiß, wie feige die Menschen gegen den Druck
einer Ansicht sind; wenn man weiß, wie die Mittelklasse nachäfft und
die Autorität verehrt, so wundert man sich nicht mehr, daß Bellman
so erhoben wurde. Ljunggren und Eichhorn kamen dann als Forscher und
mußten noch mehr Schönheit und Geist als Atterbom finden. Dann übernahm
die Geistlichkeit den Kultus, und damit war der Gott fertig. Ja,
Byström hatte bereits den kleinen Lotteriesekretär und Hofpoeten zu
Dionysos gemacht und ihm die Züge des antiken Bacchuskopfes gegeben.

Johans Opposition richtete sich vor allem gegen den Gott. Dann fand er,
als Idealist, Bellmans Humor widrig und unwahr. Kein Trunkenbold, und
wenn er noch so groß ist, liegt im Rinnstein und denkt an den Beischlaf
seiner Mutter, durch den er zur Welt gekommen ist. Keine Lustpartie
macht an einem Sonntagvormittag einen Ausflug, um beim Glockengeläut,
im Sonnenschein, den Beischlaf auszuüben. Das ist keine Lebensfreude,
denn die gehört der Jugend, und es handelt sich hier um impotente
Greise. Darum ist Bellman der Dichter für Grogonkels und der Stammvater
des garstigen alten Junggesellen Konjander.

Die Idyllen sind nachlässig, aus dem Ärmel geschüttelt, haben Notreime;
hängen so wenig zusammen wie die Gedanken in einem berauschten
Gehirn. Man weiß nicht, ist es Nacht oder Tag; der Donner rollt bei
Sonnenschein; die Wellen schlagen, wenn das Boot in Windstille liegt.
Das ist Text für Musik, und als solchen kann man sogar das Adreßbuch
benutzen. Einerlei, was es ist, wenn es nur klingt.

Wie gewöhnlich, nahm Thurs es persönlich. Es war ein Angriff auf seinen
guten Geschmack und auf seine Sitten. Johan behauptete nämlich, er
heuchle diese Bewunderung nur, er habe sie sich angelesen, sie sei
nicht echt. Thurs erklärte Johan für übermütig, weil er den größten
Dichter meistern wolle.

-- Beweise, daß er der größte ist!

-- Tegnér, Atterbom haben es gesagt....

-- Das ist kein Beweis!

-- Natürlich, Widerspruchsgeist!

-- Der Zweifel ist der Gewißheit Anfang, und Sinnlosigkeiten müssen bei
einem gesunden Gehirn Widerspruch erregen.

Und so weiter!

Während es kein allgemeines oder allgemein gültiges Urteil gibt,
da ja jedes Urteil persönlich ist, so gibt es dagegen Urteile der
Mehrheit und der Partei. Johan wurde mit diesen geduckt und schwieg
seitdem über Bellman mehrere Jahre lang. Als später der alte Fryxell
nachwies, daß Bellman kein Apostel der Nüchternheit gewesen, zu dem
ihn Eichhorn und Ljunggren gemacht hatten; auch kein Gott, sondern
ein mäßiger Liedersänger, da sah Johan einen Funken von Hoffnung, daß
sein persönliches Urteil auch einst das Urteil der Mehrheit werden
könne. Da sah er die Frage aber schon von einem andern Gesichtspunkt:
Schweden würde weder unglücklicher noch schlechter sein, wenn Bellman
niemals gelebt hätte. Da hätte er den Patrioten und Demokraten sagen
mögen: Bellman war ein Stockholmer Dichter, ein royalistischer Hofpoet,
der mit den kleinen Leuten recht grausam scherzte. Da hätte er den
Goodtemplern, die Bellman singen, sagen mögen: Ihr singt Trinklieder,
die beim Trinken geschrieben sind und das Trinken besingen.

Persönlich blieb er dabei, daß Bellman angenehm zu singen ist wegen
der leichten französischen Melodien; und von der vorurteilsfreien
französischen Moral war er durchaus nicht verletzt, im Gegenteil. Jetzt
aber mit einundzwanzig Jahren wurde er verletzt, denn er war Idealist
und verlangte Reinheit in der Poesie, ganz wie die überlebenden
Idealisten und Verehrer Bellmans von heute (1886).

Diese haben sich und ihre Moral unter das Wort Humor gerettet. Was aber
meinen sie mit Humor? Ist es Scherz oder Ernst? Was ist denn Scherz?
Des Feigen Scheu, seine Meinung zu sagen? Im Humor findet sich die
Doppelnatur des Menschen wieder: des Naturwesens Gleichgültigkeit gegen
hergebrachte Moral und des Christen Seufzen über das Unmoralische,
das doch so lockend, so verführerisch ist. Der Humor spricht mit zwei
Zungen: des Satyrn und des Mönches. Der Humorist läßt die Mänade los,
glaubt sie aber aus alten schlechten Gründen mit Ruten peitschen zu
müssen. Es ist eine Übergangsform, die im Sterben liegt und in den
unteren Stadien ihr letztes Leben lebt. Die großen modernen Geister
haben die Rute fortgefegt und heucheln nicht länger, sondern sprechen
gerade heraus. Die alte Säufersentimentalität kann nicht mehr für gutes
Herz gelten, da man entdeckt hat, daß es nur schlechte Nerven sind.

Nachdem man sich müde gestritten hatte, stieg die Verbindung an
Land. Es war jetzt helle Sommernacht. Mit Eßkörben und Gitarre, die
Bundeslade an der Spitze, zogen sie, als wahre Idealisten, zu Mädchen.

Bei Sonnenaufgang saß die Verbindung am offenen Fenster in der
Apfelbergstraße. Man tischte aus den Eßkörben auf, Gitarre und Flöte
erklangen wieder, die Lieder des Horaz an Lydien und Chloen wurden
rezitiert, und in weichen Betten wurden der Aphrodite Pandemos die
Feuer der Liebe entzündet.



19.

+In den Büchern und auf der Bühne.+

(1870)


Die Geschichte der Entwicklung einer Seele kann man zum Teil schreiben,
indem man eine einfache Bibliographie gibt; ein Mensch, der in kleinen
Kreisen lebt und niemals die Besten persönlich trifft, sucht ihre
Bekanntschaft durch die Bücher zu machen. Daß dieselben Bücher doch
nicht denselben Eindruck und dieselbe Wirkung auf alle üben, zeigt ihre
relative Unfähigkeit, jemanden zu bekehren. Die Kritik zum Beispiel,
die mit unserer Ansicht übereinstimmt, nennen wir gut; die unserer
Ansicht widerspricht, ist eine schlechte Kritik. Wir scheinen also mit
vorgefaßten Ansichten zum mindesten erzogen zu sein, und das Buch, das
diese stärkt, klärt, entwickelt, macht auf uns Eindruck. Die Gefahr
einer einseitigen Bildung durch Bücher ist die, daß die meisten Bücher,
besonders gegen das Ende einer Kulturperiode und vor allem an der
Universität, veraltet sind. Der Jüngling, der von Eltern und Lehrern
alte Ideale erhalten hat, wird also, ehe er fertig ist, notwendig
veraltet sein; beim Eintritt ins Mannesalter muß er gewöhnlich sein
ganzes Lager von alten Idealen fortwerfen und sich gleichsam aufs neue
gebären. Die Zeit ist an ihm vorbeigegangen, während er in den alten
Büchern las, und er ist ein Fremder mitten in seiner Zeit.

Johan hatte seine Jugend hingebracht, um über die Vergangenheit klar zu
werden. Er kannte Marathon und Cannae, den spanischen Erbfolgekrieg und
den Dreißigjährigen Krieg, Mittelalter und Altertum; als aber jetzt im
Sommer der große Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach,
wußte er nicht, um was es sich handelte. Er las darüber wie über ein
Theaterstück: interessierte sich für den Ausgang, um zu erfahren, wie
es gehen werde.

Während er im Sommer bei den Eltern wohnte, lag er draußen im Park
im Grase und las Öhlenschläger. Zur Doktorprüfung mußte er innerhalb
des Hauptfaches Ästhetik ein besonderes Gebiet wählen; er hatte sich,
von Dietrichsons Vorlesungen angelockt, für die dänische Literatur
entschieden. In Öhlenschläger hatte er die Höhe nordischer Poesie
gefunden; das war für ihn die Poesie der Poesie; das Unmittelbare, das
er bewunderte, vielleicht vor allem, weil es ihm fehlte. Etwas trug
dazu wohl auch die dänische Sprache bei, die ihm wie ein idealisiertes
Schwedisch vorkam und wie die Muttersprache von den Lippen eines aus
der Ferne angebeteten Weibes klang. Als er „Helge‟ gelesen, schätzte
er „Frithjofs Sage‟ gering, fand sie klotzig, nüchtern, pfaffenhaft,
unpoetisch.

Öhlenschläger war ein Buch, das durch den Gegensatz als Ergänzung
wirkte; vielleicht fand auch dessen Romantik ein Echo bei dem Jüngling,
der jetzt zur poetischen Tätigkeit erwacht war und glaubte, daß Poesie
und Romantik zusammenfallen. Auch trugen dazu bei: erstens seine
Neigung für das Nordische, das Öhlenschläger ja entdeckt hat; zweitens
seine jetzige unglückliche Liebe zu einem blonden blassen Mädchen, das
mit einem Leutnant verlobt war. Öhlenschläger machte darum auch nur
einen vorübergehenden Eindruck, der kaum ein Jahr dauerte; es war eine
leichte Frühlingsbrise, die vorbeistrich.

Schlimmer war es mit den ästhetischen Systemen, wie sie Ljunggren
dargestellt hatte. Zwei eng gedruckte Bände Berichte über die
Ansichten, die alle Philosophen über das Schöne gehabt haben; aber eine
annehmbare Definition ergab sich nicht.

Als Johan auf dem Nationalmuseum die Antike studierte, hatte er sich
gefragt, wie der häßliche „Schleifer‟ unter die schönen Künste gekommen
sei; wie die Kneipenszenen der holländischen Genremaler als Material
schön sein könnten, obwohl sie nicht verschönert waren und diese Szenen
in der Wirklichkeit schmutzig genannt wurden. Darauf antworteten die
Philosophen nicht. Sie machten Ausflüchte und stellten die eine Rubrik
nach der andern auf, ohne das Häßliche unter einem andern Vorwand
einverleiben zu können, als daß sie es als Kontrastwirkung und als
komisch hinstellten. Der Argwohn war jetzt aber erwacht, daß das Schöne
nicht immer schön sei.

Ferner plagten ihn Zweifel, ob objektive Geschmacksurteile möglich
seien. Er hatte in der eben begründeten „Schwedischen Zeitschrift‟
gelesen, wie man über Kunstwerke stritt; hatte gesehen, wie beide
Gegner gleich gut ihre entgegengesetzten Ansichten verteidigten.
Der eine suchte das Schöne in der Form, der zweite im Inhalt, der
dritte in der Harmonie zwischen beiden. Ein gut gemaltes Stilleben
kann also höher stehen als Niobe; denn diese Gruppe ist nicht schön
in den Linien; besonders der Faltenwurf der Hauptfigur ist höchst
geschmacklos, wenn auch das Urteil der Mehrheit das Werk für erhaben
hält. Das Erhabene braucht also nicht schön in der Form zu sein.

Die Frucht der Studien war, daß alle Urteile des Geschmacks sich als
subjektiv erwiesen, da sie von Subjekten gefällt werden; daß die
sogenannten objektiven Urteile nur subjektive sind, welche die Mehrheit
für sich gewonnen oder sich eingebürgert haben.

Während er diesen Grübeleien nachhing, fiel ein Buch in seine Hand,
das wie ein Blitz ins Dunkel des Zweifels einschlug und ein neues
Licht über die ganze Welt des Schönen warf. Das waren Georg Brandes'
„Kritiken und Porträts‟, die in diesem Sommer erschienen und im
„Abendblatt‟ besprochen wurden. Ein neues fertiges System lag hier
nicht vor, aber über das Ganze verbreitete sich eine neue Beleuchtung.
Alle der deutschen Philosophie entlehnten Worte: Inhalt und Form,
schön, erhaben, charakteristisch, fehlten; und ganz sicher hatte der
Autor nicht die ästhetischen Systeme angewandt, um einen Maßstab zu
erhalten. Aber welchen Zirkel er benutzte, erfuhr man noch nicht.
Brandes schrieb nicht wie die andern; sah nicht wie die andern; schien
einen feineren Gedankenmechanismus zu haben als die Alten. Er ging
von der vorliegenden Tatsache aus; untersuchte die; zerpflückte das
Kunstwerk; zeigte dessen Anatomie und Physiologie, ohne bestimmt zu
sagen, ob es schön oder nicht schön sei.

Das war die neue Methode der französischen Ästhetik, die mit Taine von
England eingeführt worden und jetzt auf die Kunst angewandt wurde.
Die ganze alte Ästhetik, die dabei stehen geblieben war, das sei gut,
das sei nicht gut, war damit abgetan. Das Kunstwerk lag da als eine
Äußerung der Tätigkeit des menschlichen Geistes, gestempelt von der
Zeit, von der es ausgegangen; geprägt von der Persönlichkeit. Es sollte
nur behandelt werden als ein Dokument, eine Handlung, welche die innere
Geschichte der Zeit betrifft. Das Schönheitsideal wechselt mit Land,
Volk, Klima; Rubens fettansetzende Frauen waren ebenso schön oder
unschön wie Raffaels zu Madonnen verkleidete Geliebte.

Damit wurde die Frage auf einen Punkt gebracht, wo sie weder von
subjektiven noch von objektiven Urteilen erreicht werden konnte. Die
Kritik hatte damit alle absoluten Urteile verworfen und erkannte nur
die Methode der Erklärung an. Wie konnte es auch anders sein, da jedes
Urteil, von einer bestimmten Persönlichkeit oder einer persönlichen
Partei gefällt, von einer eingelernten Anschauung bestimmt, von der
Epoche abhängig, nur ein relatives und persönliches Urteil werden
konnte.

Damit war aber auch die Kritik für unmöglich erklärt. Denn wer anders
als der Dichter oder der Künstler selbst konnte die Entstehung des
Kunstwerkes erklären? Wer außer ihnen kannte alle geheimen Fäden, alle
Beweggründe, alle Interessen, die bei der Arbeit mitgewirkt hatten?
Aber der Dichter oder Künstler war ja parteiisch. kannte selten sich
selbst, besonders wenn er in dem seligen Selbstbetrug des Unbewußten
lebte; und er war ja gezwungen, um sich nicht zu schaden, die
Geheimnisse seines Berufes geheimzuhalten.

In der schwierigen Frage, ob der Inhalt oder die Form vorzuziehen
sei, ging Brandes bestimmt zum Inhalt über. Damit ein Kunstwerk ein
Zeitdokument werden soll, muß es in innigem Verhältnis zur Zeit stehen
und wirklich etwas enthalten. Diese Auffassung fand ihren Ausdruck in
der seitdem berühmt gewordenen Formel: „Problem unter Debatte‟. Aber
das hatte ja schon der verketzerte Tendenzroman, dessen bekanntestes
Opfer in Schweden Frau Schwartz gewesen, ins Werk gesetzt. Die Gefahr,
die in dieser Lehre liegt, einsehend, zieht sich Brandes aus dem Spiel,
indem er sich solche Folgerungen verbittet, ohne jedoch anzugeben, aus
welchem Grunde.

Jedenfalls war hier von einem Ästhetiker der erste Schritt getan, um
die Literatur aus der drückenden Sklaverei im Dienst der Kunst zu
befreien. Vorher waren bereits Schritte zur Befreiung getan worden,
indem die Zeitungsliteratur die meisten dichterischen Kräfte an sich
gezogen. Der Dichter brauchte nicht länger der für sein Zeitalter
gleichgültige Gaukler zu sein. Er konnte die Träume verlassen und in
die Wirklichkeit seiner Zeit hinabsteigen. Damit war die Bahn für die
Übergangsform eröffnet, die jetzt (1886) Realismus und Naturalismus
heißt und die wohl in Selbstbiographie enden wird. Das ist der einzige
Stoff, den ein Schriftsteller einigermaßen beherrschen kann, wenn er
sich nämlich ganz der Unfreiheit seines Willens bewußt ist; sich also
nicht scheut, aufrichtig zu sein. Das kann er nur sein, wenn er sich
ganz klar darüber ist, daß er keine Verantwortung besitzt.

       *       *       *       *       *

Victor Hugos Romane hatten in Johan einen fruchtbaren Boden gefunden.
Der Aufruhr gegen die Gesellschaft; die Naturverehrung des auf
einer einsamen Insel hausenden Dichters; die Verhöhnung der immer
herrschenden Dummheit; das Wüten gegen die Staatsreligion und das
Schwärmen für Gott als den Schöpfer des Alls -- all das, was im Keim
bei dem Jüngling lag, begann zu keimen, wurde aber noch von dem
herbstlichen Laub der alten Bücher erstickt.

Das Leben im Elternhause war jetzt still. Die Stürme hatten sich
gelegt; die Geschwister waren herangewachsen. Der Vater, der noch immer
über seinen Geschäftsbüchern saß, um zu berechnen, wie er ohne Schulden
die Kinderschar versorgen könne, war älter geworden und sah jetzt ein,
daß Johan auch älter war. Sie sprachen jetzt oft über allgemeine
Fragen. Dem Deutsch-Französischen Kriege gegenüber verhielten sie sich
ziemlich neutral. Als romanisierte Germanen liebten sie den Deutschen
nicht. Sie fürchteten und haßten ihn als älteren Bruder eines Vaters,
der ein gewisses Altersrecht vor dem Schweden hatte; aber sie vergaßen
auch nicht, daß das siegende Preußen eine schwedische Provinz gewesen.
Der Schwede war mehr Franzose geworden, als er wußte, und jetzt fühlte
er sich verwandt mit der geliebten Nation. Abends, wenn sie im Garten
saßen und der Wagenlärm aufgehört hatte, drangen die Klänge der
Marseillaise vom Konzertgarten bis zu ihnen hinaus; und sie hörten die
Hurrarufe, die bald verstummen sollten.

Im August, als die Theater wieder geöffnet wurden, erhielt Johan den so
lange ersehnten Bescheid, sein Stück sei zum Spielen angenommen. Das
war der erste Rausch des Erfolges, den er erlebte. Mit einundzwanzig
Jahren ein Stück beim Königlichen Theater angebracht zu haben, das
war etwas; das wog die ganze Last seiner Mißerfolge auf, die ihn
niederdrückte. Von der ersten Bühne des Landes sollten seine Worte ins
Publikum hinausgehen; das Mißgeschick mit dem Schauspielerberuf würde
vergessen werden; der Vater würde einsehen, daß der Sohn in seiner so
berüchtigten Unbeständigkeit richtig gewählt habe; alles würde wieder
gut werden.

Im Herbst, bevor noch die Universität begann, wurde das Stück gespielt.
Es war kindlich, fromm, verehrte die Kunst, enthielt aber einen
dramatischen Effekt, der das magere Stück rettete: Thorwaldsen vor der
Jasonstatue, die er mit einem Hammer zerschmettern will. Unverschämt
war dagegen ein Ausfall gegen die Reimer. Was bezweckte der Dichter
damit? Wie konnte ein Anfänger, der so viele Notreime hatte, es wagen,
einen Stein auf die andern zu werfen? Das war eine Dummdreistigkeit,
die sich auch bestrafte.

Johan schlich sich in den dritten Rang hinauf, um auf einem Stehplatz
sich sein Werk anzusehen. Dort stand schon Rejd und der Vorhang war
bereits in die Höhe gegangen. Johan hatte das Gefühl, als stehe er
unter einer Elektrisiermaschine. Jeder Nerv zitterte, seine Beine
schlotterten, die Tränen flossen die ganze Zeit über vor lauter
Nervosität. Rejd mußte ihn bei der Hand fassen, um ihn zu beruhigen.
Die Zuschauer äußerten hier und dort ihren Beifall, aber Johan wußte,
es waren meistens Freunde und Verwandte, und ließ sich nicht täuschen.
Jede Dummheit, die ihm in einem Verse entschlüpft war, schmerzte im Ohr
und schüttelte ihn. Er sah lauter Unvollkommenheiten in seiner Arbeit;
er schämte sich so, daß ihm die Ohren brannten; ehe der Vorhang fiel,
lief er hinaus, hinaus auf den dunklen Markt.

Er war ganz vernichtet. Der Anfall auf die Priester war dumm und
ungerecht; die Verherrlichung der Armut und des Hochmuts erschien ihm
falsch; seine Schilderung des Verhältnisses zum Vater war zynisch.
Wie konnte er sich auf diese Weise bloßstellen! Es war ihm, als habe
er seine Blöße gezeigt, und Scham war das stärkste Gefühl, das er
kannte. Die Schauspieler dagegen fand er gut; die Inszenierung war
stimmungsvoller, als er sie sich geträumt hatte. Alles war gut, nur das
Stück nicht. Er irrte unten am Wasser umher und wollte sich ertränken.

Daß er seine Gefühle gezeigt hatte, regte ihn am meisten auf! Wie
kam das? Und warum schämt man sich im allgemeinen deshalb? Warum
sind die Gefühle so heilig? Vielleicht weil Gefühle im allgemeinen
falsch sind, da sie nur eine physische Sensation ausdrücken, welche
die Persönlichkeit nicht ganz mitmacht. Wenn es wirklich so ist, dann
schämte er sich als Alltagsmensch darüber, beim Schreiben unwahr
gewesen zu sein und sich verkleidet gezeigt zu haben.

Beim Anblick der Leiden eines Menschen gerührt werden, gilt für schön
und verdienstvoll, aber es soll nur eine Reflexbewegung sein. Man
verlegt des andern Leiden in sich selbst, und man leidet über sein
eigenes Ich. Eines andern Tränen können einen zum Weinen verlocken,
ebenso leicht wie eines andern Gähnen zum Gähnen. Johan schämte sich,
daß er gelogen und sich selber ertappt hatte. Aber das Publikum
ertappte ihn nicht.

Niemand ist ein so unbestechlicher Kritiker wie der Bühnendichter, der
sein eigenes Stück sieht. Er läßt kein Wort durch sein Sieb durch. Er
schiebt die Schuld nicht auf die Schauspieler, denn die bewundert er
gewöhnlich, da sie seine Dummheiten mit solchem Geschmack sagen können.
Und Johan fand das Stück dumm. Es hatte ein halbes Jahr gelegen;
vielleicht war er ihm entwachsen.

Ein Nachstück wurde gespielt, das zwei Stunden dauerte. Während der
ganzen Zeit irrte er draußen in der Dunkelheit, in den Alleen umher und
schämte sich.

Er hatte mit Freunden und Verwandten verabredet, nach dem Stück im
Hotel du Nord ein Glas zu trinken; aber er blieb aus. Er sah, wie sie
nach ihm suchten, aber er wollte sie nicht treffen. Und sie gingen
wieder hinein, um das zweite Stück zu sehen.

Endlich war das Theater aus. Die Zuschauer strömten hinaus und
zerstreuten sich über die Alleen. Er lief von ihnen fort, um nicht ihre
Urteile hören zu müssen.

Zuletzt sah er eine einzige Gruppe unter dem Regendach des Dramatischen
Theaters stehen. Sie sahen nach allen Richtungen; sie riefen ihn.
Schließlich trat er vor, bleich wie eine Leiche und düster.

Sie gratulierten zum Erfolg. Man hatte Beifall geklatscht; es war recht
gut. Die Urteile der Nachbarn wurden wiedergegeben und man beruhigte
ihn. Dann schleppte man ihn beim Kragen ins Restaurant und zwang ihn,
zu essen und zu trinken. Dann wurde er zu Mädchen mitgenommen.

-- Das wird dir gut tun, du alter Dusterer, sagte ein Kaufmann.

Bald war er herabgerissen von seiner Himmelfahrt.

-- Wie kannst du noch düster sein, nachdem das Königliche Theater ein
Stück von dir gespielt hat?

Das konnte er ihnen nicht sagen. Sein kühnster Wunsch war erfüllt; aber
es war wahrscheinlich nicht das, was er wollte. Der Gedanke, daß es in
jedem Fall eine Ehre war, tröstete ihn nicht.

Am nächsten Morgen ging er in einen Laden und kaufte die Morgenzeitung.
Er schlug sie auf und las: das Stück habe eine schöne Sprache und sei
(da es anonym gegeben) wohl von einem bekannten Kunstkritiker verfaßt,
der die Künstlerwelt Roms gut studiert habe. Das war artig und hob
seine Stimmung.

Um die Mittagszeit fuhr er nach Upsala. Der Vater hatte ihn dort
bei der Witwe eines Geistlichen in Pension gegeben, damit er unter
richtiger Aufsicht seine Studien vollende.



20.

+„Zerrissen‟.+

(1870)


Dadurch, daß Johan in eine Pension kam, hatte er sofort einen großen,
täglichen, reichen Verkehr. Vielleicht allzu reich. Da waren Studenten
jedes Alters, jedes Faches, aus allen Provinzen. Vom älteren Theologen,
der sich auf die letzte Prüfung vorbereitete, bis zu jungen Medizinern
und Juristen hinab. Auch Damen wohnten im Hause, aber Johan war jetzt,
zum achten Male, verliebt, und wieder in eine Unerreichbare, die
verlobt war. Der reiche Verkehr überlud das Gehirn mit Eindrücken aus
allen Kreisen; die Persönlichkeit wurde schlaff, da sie sich andern
anpassen mußte, zerrissen durch dieses Unterhandeln über Ansichten, das
der Verkehr zur Folge hat. Außerdem wurde viel getrunken, beinahe jeden
Abend.

An einem der ersten Tage kam die Kritik der Abendzeitungen über Johans
Stück zum Vorschein. Die eine war sehr scharf. Sie war gerecht, und
gerade darum traf sie Johan ganz furchtbar. Er fühlte sich entkleidet
und durchschaut. Der Dichter habe seine unbedeutende Person hinter
einem großen Namen (Thorwaldsens) versteckt, aber das Kostüm kleide
ihn nicht. Und so weiter. Er war ganz bankerott. In solcher Not sucht
man sich selber zu verteidigen; er stellte Vergleiche an mit andern
schlechten Stücken, die derselbe gestrenge Herr gelobt hatte. Da fand
er die Behandlung ungerecht. Ja, von diesem Gesichtspunkt war sie auch
ungerecht; das heißt, beim Vergleich, aber für sich allein war sie
gerecht. Das Stück wurde nicht besser, weil der Kritiker schlechter
wurde.

Johan wurde scheu und wild. Dazu kam, daß sich die Landsmannschaft in
einer Bierzeitung über ihn und sein Stück lustig gemacht hatte. Er
glaubte überall Hohn und Grinsen zu lesen und suchte auf seinen Wegen
Hinterstraßen auf.

Dann aber kam noch ein Schlag, der noch härter war. Ein Freund hatte
im eignen Verlag eins seiner ersten Stücke, den „Freidenker‟, drucken
lassen. Und während einer Abendstunde bei Rejd kommt ein Bekannter mit
der verhaßten Abendzeitung hinauf. Darin stand ein höhnischer Artikel
über das gedruckte Stück; es wurde verspottet und verrissen. Johan ward
gezwungen, den Artikel in Gegenwart der Kameraden zu lesen. Er mußte,
gegen seinen Willen, zugeben, daß der Kritiker nicht ganz unrecht habe;
aber es erregte ihn furchtbar.

Warum ist es so schwer, die Wahrheit von andern zu hören, während
man doch so streng gegen sich selbst sein kann? Wahrscheinlich weil
die gesellschaftliche Maskerade jeden davor bange macht, demaskiert
zu werden; wahrscheinlich auch, weil damit Verantwortung und
Unannehmlichkeiten verknüpft sind. Man fühlt sich überlistet, geprellt.
Der da in Ruhe dasitzt und entlarvt, würde sich ebenso durchgepeitscht
und bloßgestellt fühlen, wenn seine Geheimnisse verraten würden. Das
Zusammenleben ist ein falsches Spiel, aber wer will entdeckt werden!
In einsamen Stunden, wenn die Vergangenheit unbestechlich vor einem
auftaucht, bereut man nicht seine Fehler, sondern seine Dummheiten und
notgedrungenen Grausamkeiten. Die Fehler mußten vorhanden sein, die
Notwendigkeit rief sie hervor, sie brachten Nutzen; aber die Dummheiten
schadeten nur, die hätte man nicht machen sollen.

Damit zollt der Mensch der Intelligenz eine größere Ehre als der Moral,
weil die erste eine Wirklichkeit ist, die letzte ein Gedicht. Darum ist
auch das moralische Streben unserer Zeit eine Bewegung der Oberklasse,
mit der man die vorwärtsstürmenden Massen aufhalten will.

Johan empfand dieselben Schmerzen, die nach seiner Meinung ein
Verbrecher fühlt. Er wurde angetrieben, so schnell wie möglich
den Eindruck seiner Dummheit zu verwischen. Aber er fühlte auch,
etwas Unrecht war ihm geschehen, da man ihn ganz und gar als Talent
verurteilt hatte, während sein Erzeugnis ein Jahr alt, er selbst also
ein Jahr reifer war. Aber das war nicht die Schuld des Kritikers. Es
bestand ein Mißverhältnis zwischen dem Urteil und dem Corpus delicti.

Johan warf sich jetzt auf ein Trauerspiel, das unter dem Titel
„Der Opferdiener‟ in künstlerischer Form das Christentum behandeln
und dasselbe Problem und dieselben Konflikte lösen sollte. Unter
künstlerischer Form verstand man damals, daß die Handlung in einer
vergangenen Zeit spielte, damit die bloße stoffliche Wirkung vermieden
würde. Von Öhlenschläger und den isländischen Sagen, die er jetzt in
der Ursprache gelesen hatte, beeinflußt, schrieb er.

Sein Gewissen aber machte ihm sehr zu schaffen, denn sein Vater hatte
ihm das Versprechen abgenommen, daß er nicht schreiben würde, bis
er sein Examen gemacht. Es war also ein Betrug, Vaters Unterhalt zu
genießen und dessen Bedingungen nicht zu erfüllen. Aber er betäubte die
Bedenken, indem er sich sagte: Vater wird schon zufrieden sein, wenn
sich ein großes und schnelles Ergebnis zeigt. Und damit hatte er nicht
so unrecht.

Aber andere, neue Elemente kommen jetzt in sein Leben und wirken
entscheidend auf seine Gemütsverfassung wie auf seine Arbeit. Es waren
zwei Bekanntschaften: ein Schriftsteller und eine Persönlichkeit.
Leider waren beide Ausnahmeerscheinungen, störten deshalb seine
Entwicklung nur.

       *       *       *       *       *

Der Schriftsteller war Sören Aaby +Kierkegaard+. Dessen „Entweder --
oder‟ hatte Johan von einem Bundesbruder erhalten und las es mit Furcht
und Beben. Die Kameraden hatten es auch gelesen und genial gefunden,
hatten den Stil bewundert, sich aber nicht weiter davon beeinflußt
gefühlt; ein Beweis, daß Bücher schwerlich wirken, wenn sie nicht
Leser finden, die mit dem Autor verwandt sind. Auf Johan machte es
den beabsichtigten Eindruck. Er las „Des Ästhetikers A. ersten Teil‟.
War zuweilen hingerissen, fühlte aber stets ein Unbehagen, wie vorm
Bett eines Kranken. Als er den ersten Teil hinter sich hatte, war er
wirklich leer und verzweifelt, am meisten aber erschüttert.

Das „Tagebuch des Verführers‟ hielt er für die Phantasien eines
Impotenten oder geborenen Onanisten, der nie ein Mädchen verlockt
hatte. So ging es im Leben nicht zu. Und übrigens war Johan kein
Genußmensch, war im Gegenteil zu Askese und Selbstquälerei gekommen;
auch war eine solche egoistische Genußsucht wie die A.s unsinnig,
weil das Leiden, das er, ohne es zu wollen, durch die Befriedigung
seiner Lüste zufügte, ihm selbst Leiden bringen, also seinem Zweck
entgegenwirken mußte.

Tiefer drang die „Predigt des Ethikers vom Leben als Pflicht, als
Aufgabe‟. Daraus ersah Johan, daß er ein Ästhetiker gewesen, der
das Dichten als Genuß aufgefaßt hatte. Als Beruf sollte es genommen
werden. Warum? Da versagte der Beweis; und Johan, der nicht wußte,
daß Kierkegaard Christ war, sondern das Gegenteil glaubte, denn er
kannte seine „Erbaulichen Reden‟ nicht, nahm, ohne es zu merken,
die christliche Sittenlehre mit ihrer Opferschuldigkeit und ihrem
Pflichtgefühl in sich auf. Damit war der Begriff Sünde wieder da.
Genießen war Sünde, seine Pflicht tun war Pflicht. Warum? Der
Gesellschaft wegen, der man zu Dank verpflichtet war? Nein, weil es
Pflicht war! Das war Kants kategorischer Imperativ ganz einfach.

Als er dann am Ende von „Entweder -- oder‟ kam und fand, daß auch der
Ethiker, der Sittliche, verzweifelt war; daß die ganze Pflichtlehre
nur einen Philister geschaffen, da riß er mitten durch. Nein, dann
lieber Ästhetiker! Aber man kann nicht Ästhetiker sein, wenn man fünf
Sechstel seines Lebens Christ gewesen ist, und man kann nicht Ethiker
sein ohne Christus. So wurde er wie ein Ball zwischen beiden hin- und
hergeworfen, und das Ende war sehr richtig die Verzweiflung.

Hätte er nun die „Erbaulichen Reden‟ gelesen, würde er vielleicht dem
Christentum einen Schritt näher gekommen sein; vielleicht, denn das
zu entscheiden, ist jetzt (1886) schwer; aber Christus zurücknehmen,
das hieß einen ausgerissenen Zahn wieder einsetzen, den man mit
dem Zahnweh freudig aufs Feuer geworfen hatte. Es wäre auch möglich
gewesen, daß er das ganze Buch als eine Jesuitenschrift in die Ecke
geschleudert hätte, also gerettet worden wäre, wenn er gewußt hätte,
daß „Entweder -- oder‟ einen nur zum Kreuz hinpeitschen sollte. So aber
entstand nur eine schreiende Disharmonie. Die „Wahl‟ und der „Sprung‟
sollten ausgeführt werden! Aber wie und wohin? Zwischen ästhetisch und
ethisch. Es ging hin und her. In den Weltenraum hinaus zum Paradoxon
oder Christus konnte er den Sprung nicht tun; das wäre die Vernichtung
oder der Wahnsinn gewesen. Aber Kierkegaard predigte den Wahnwitz. War
es die Verzweiflung des Überbewußten, daß er immer bewußt ist? War es
die Sehnsucht des Durchschauenden nach der Bewußtlosigkeit des Rausches?

Johan hatte wohl den Kampf zwischen seinem Willen und fremdem Willen
kennen gelernt. Er hatte dem Vater Kummer gemacht, als er dessen Pläne
kreuzte; aber das war gegenseitig; das ganze Leben bestand aus einem
Gewebe von einander kreuzenden Willen. Des einen Tod, des andern Brot;
nichts Gutes dem einen, ohne etwas Böses dem Übergangenen. Genuß und
Leiden, in ewigem Wechsel und Kampf. Seine Sinnlichkeit oder Genußsucht
hatten andere nicht gekränkt, andern nicht Kummer verursacht. Er
besuchte allgemeine Mädchen, die nichts Höheres wünschten, als sich
verkaufen zu können; er hatte niemals eine Unschuld verführt; war
niemals gegangen, ohne zu bezahlen. Er war moralisch aus Gewohnheit
oder Instinkt, aus Furcht vor den Folgen, aus Geschmack; aus Erziehung;
aber gerade daß er sich nicht unmoralisch fühlte, war ein Mangel, eine
Sünde. Nach der Lektüre „Entweder -- oder‟ fühlte er sich sündig.
Der kategorische Imperativ schlich sich an ihn heran unter einem
lateinischen Namen und ohne ein Kreuz auf dem Rücken, und er ließ sich
anführen. Er sah nicht, daß es zweitausend Jahre Christentum waren, die
sich verkleidet hatten.

Kierkegaard würde nicht so tief gegraben haben, wenn nicht eine Menge
Umstände gerade damals mitgewirkt hätten. Kierkegaard predigte in
den Briefen des Ästhetikers das Leiden als Genuß. Johan litt unter
dem öffentlichen Hohn; er litt unter den Schmerzen, die seine schwere
Arbeit hervorrief; er litt unter nicht erwiderter Liebe; er litt unter
unbefriedigtem Geschlechtstrieb, weil es in Upsala schwer war, Mädchen
zu bekommen; er litt unter dem Trinken, denn er war fast jeden zweiten
Abend berauscht; er litt in seiner künstlerischen Tätigkeit unter
Seelenkämpfen und Zweifeln; er litt unter Upsala und der häßlichen
Landschaft; er litt unter der ungemütlichen Wohnung; er litt unter
den Prüfungsbüchern; er litt unter dem bösen Gewissen, daß er nicht
studierte, sondern schrieb.

Aber all dem lag auch etwas anderes zugrunde. Er war in strenger
Arbeit und Pflichterfüllung erzogen. Jetzt lebte er gut, sorglos,
genoß eigentlich. Das Studieren war ein Genuß; das Dichten, trotzdem
es schmerzte, war ein unerhörter Genuß; das Kameradenleben war lauter
Fest und Lustbarkeit. Sein Unterklassenbewußtsein erwachte und sagte
ihm, es sei nicht recht, zu genießen, während andere arbeiteten; und
seine Arbeit war ein Genuß, denn sie brachte ihm große Ehre ein und
vielleicht auch Gold. Daher sein beständiges böses Gewissen, das
ihn ohne Ursache verfolgte. Fühlte er jetzt bereits Zeichen dieses
erwachenden Bewußtseins von unerhörter Schuld gegen die Unterklasse,
die Sklaven, die arbeiteten, während er genoß? Erwachte jetzt bei ihm
dunkel dieses Rechtsgefühl, das heute (1886) viele von der Oberklasse
so ergriffen hat, daß sie nicht ganz ehrlich erworbene Kapitalien
zurückgeben; Arbeit und Zeit der Befreiung der Unterklasse opfern; aus
Trieb, aus Gefühl, gegen ihr eigenes Interesse arbeiten, um recht zu
tun? Vielleicht!

Kierkegaard war aber nicht der Mann, die Disharmonie zu lösen. Erst
den Philosophen der Entwicklungslehre blieb es vorbehalten, zwischen
Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen Genuß und Pflicht Frieden zu
stiften. Die sollten das hinterlistige _Entweder -- oder_ streichen und
das _Sowohl -- als auch_ verkünden, dem Fleisch das Seine und dem Geist
das Seine geben.

Kierkegaards wirkliche Bedeutung wurde Johan erst viele Jahre später
klar, als er in ihm ganz einfach den Pietisten, den Ultrachristen
sah, der zweitausend Jahre morgenländische Ideale in einer modernen
Gesellschaft verwirklichen wollte. Aber Kierkegaard hatte recht in
einem Fall. +Sollte+ es Christentum sein, dann auch ordentlich; das
„Entweder -- oder‟ galt jedoch hier nur für die Priester der Kirche,
die sich Christen nennen.

Weiter sah Kierkegaard nicht; und von ihm, der sein Buch 1843 schrieb
und zum Geistlichen erzogen war, konnte man nicht verlangen, daß er
schrieb: entweder ein solches Christentum oder keins. In diesem Fall
hätte man wahrscheinlich keins gewählt. Jetzt setzte er sich dafür
ein: ob du nun ästhetisch oder ethisch bist, du mußt dich doch dem
Wahnwitz Christus in die Arme werfen. Das Falsche war, ethisch und
ästhetisch einander gegenüber zu stellen, denn sie passen recht gut
zusammen. Aber Johan brachte sie niemals zusammen, bis er nach endlosem
Kampfe im Alter von 37 Jahren ein Kompromiß versuchte, als er fand, daß
Arbeit und Pflicht auch ein Genuß sind; und das Vergnügen selbst, gut
angewandt, eine Pflicht.

Jetzt, 1870, ritt ihn das Buch wie ein Alp. Er wurde böse, als die
Kameraden es als Dichtung hinstellen wollten. Es half nicht, daß sie
es an Reichtum, Tiefe, Stil über Goethes „Faust‟ setzten. Johan konnte
damals auch nicht verstehen, daß der Säulenheilige Kierkegaard selbst
genossen hatte, als er Teil A schrieb; daß Verführer und Don Juan der
Dichter selbst sind, der seinen Trieb in der Phantasie befriedigte.
Nein, es sei Dichtung, glaubte man.

Alle Voraussetzungen für Kierkegaards Eintreten in Johans Leben waren
gegeben; dazu kam jetzt die oben angedeutete Bekanntschaft, die gar
keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht der Boden bereitet gewesen
wäre, denn auf die andern Kameraden wirkte der Mann schließlich nur
lächerlich. Damit verhielt es sich indessen so. Bruder Thurs, der Sohn
Israels, kam eines Tages und erzählte, er habe die Bekanntschaft eines
Genies gemacht, das in die Verbindung einzutreten wünsche.

-- Ah, ein Genie!

Keiner der Bundesbrüder glaubte dieser Gnadengabe teilhaftig zu sein,
nicht einmal Johan; und sehr fraglich ist, ob irgendein Dichter
eigentlich geglaubt oder gefühlt hat, daß er es sei. Man kann, wenn man
Vergleiche anstellt, finden, daß man bessere Arbeiten gemacht hat als
andere; und ein guter Kopf wird natürlich fühlen, daß er etwas besser
versteht als andere; aber ein Genie, das ist etwas Besonderes. Dieser
Titel wird gewöhnlich erst nach dem Tode ausgeteilt und fällt jetzt aus
dem Sprachgebrauch fort, nachdem man die Geschichte der Entwicklung des
Genies gegeben hat.

Die Neuigkeit erregte Aufsehen, und der Unbekannte wurde unter dem
Namen Is in die Verbindung gewählt. Er sei nicht Poet, hieß es, aber er
sei gelehrt und ein starker Kritiker.

Eines Abends, als Zusammenkunft bei Thurs war, kam er. Bei der Tür
blieb ein kleiner dünner Mensch stehen, der keinen Überrock hatte,
sondern wie ein beurlaubter Arbeiter gekleidet war. Die Kleider sahen
aus, als seien sie geborgt, denn Ellbogen und Kniekehlen hingen an
den unrichtigen Stellen. (Das wurde sofort von Johan beobachtet,
der Kleider früher zu erben pflegte.) In der Hand hielt er einen
schmutzigen Hut von der Farbe einer Biersuppe, wie man ihn nur
bei Leierkastenspielern sieht. Sein Gesicht sah aus wie das eines
südländischen Rattenfallenhändlers. Das schwarze Haar hing auf die
Schultern herab, und das Gesicht war von schwarzem Bart zugewachsen,
der auf die Brust herabfiel.

-- Ist es möglich, fragte man sich, ist das ein Student?

Er glich allem andern und sah aus, als sei er vierzig Jahre alt; er war
aber nur dreißig.

Mit dem Hut in der Hand blieb er an der Tür stehen wie ein Bettler und
wagte sich kaum vor.

Nachdem Thurs ihn ins Zimmer gezogen und ihn vorgestellt hatte, wurde
die Sitzung eröffnet. Is begann zu sprechen und man lauschte.

Es war die Stimme eines Weibes, die sich zuweilen in unverschämter Art
zu einem Flüstern senkte, als verlange der Redner Totenstille oder
spreche zu seinem eigenen Vergnügen. Wovon er sprach, würde schwer
wiederzugeben sein, denn es handelte von allem, was er gelesen hatte;
und da er zehn Jahre länger als die Zwanzigjährigen gelesen hatte,
fanden die ihn in seiner Gelehrsamkeit bewundernswürdig.

Darauf las ein anderer ein Gedicht vor. Is sollte sich darüber äußern.
Er begann mit Kant, berührte Schopenhauer und Thackeray und schloß mit
einem Vortrag über George Sand. Keiner merkte, daß er nicht auf das
Gedicht einging.

Dann zog man ins Wirtshaus, um zu essen. Is sprach immer Philosophie,
Ästhetik, Weltgeschichte. Zuweilen mit einem traurigen Ausdruck in den
schwarzen unbegreiflichen Augen, die nie auf der Gesellschaft ruhten,
sondern ein unsichtbares Publikum weit in der Ferne, in unbekannten
Räumen zu suchen schienen. Die Verbindung lauschte andächtig,
hingerissen.

Von diesem Mann sollte Johan jetzt sein Urteil hören. Er sowohl wie
einer der poetischesten Bundesbrüder fingen an, stark an ihrem Beruf zu
zweifeln. Oft, wenn sie viel getrunken hatten, fragten sie einander, ob
man glaube. Darunter verstand man, ob der andere zum Dichter berufen
sei. Es war ganz der gleiche Zweifel, den Johan empfunden, als er sich
fragte, ob er ein Kind Gottes sei. Jetzt sollte Is Johans neues Drama
lesen und sein Urteil abgeben.

Eines Morgens ging Johan zu ihm hinauf, um sein Urteil zu hören. Is
sprach bis Mittag. Wovon? Von allem. Aber er hatte jetzt in Johans
Seele eingegriffen. Er hatte die Fäden durch Thurs' Berichte kennen
gelernt und riß jetzt an ihnen nach Belieben. Nicht aus Mitgefühl
wühlte er in Johans Eingeweiden, sondern aus einem Verlangen, das an
die Spinne erinnerte. Über das Stück äußerte er sich nicht direkt,
sondern entwarf den Plan zu einem neuen, nach seinem Sinn. Er
wirkte wie ein Magnetiseur. Johan war betört, verließ ihn aber in
Verzweiflung, als habe der Freund seine Seele genommen, sie zerpflückt
und die Stücke von sich geworfen, nachdem er seine Neugier befriedigt.

Aber Johan kam wieder und saß auf dem Sofa des weisen Mannes, lauschte
auf seine Worte, als seien sie ein Orakel; fühlte sich vollständig in
seiner Gewalt. Oft glaubte er, es sei ein Geist, der auf dem Teppich
wandere, wenn sein Körper in der Tabakswolke verschwand. Er wirkte
„dämonisch‟, das heißt, beim ersten Anblick unerklärlich. Er hatte kein
Blut in den Adern, keine Gefühle, keinen Willen, keine Begierden. Es
war ein sprechender Kopf. Sein Standpunkt war keiner und alle. Er war
ein Präparat von Büchern; der Mann war typisch für einen Buchgelehrten,
der nie gelebt hatte.

Oft, wenn die Bundesbrüder allein waren, sprachen sie über Is. Thurs
war seiner schon müde und fragte sich, ob er ein Verbrechen begangen
habe, denn er schien von einer beständigen Unruhe getrieben zu werden.
Dazu kam an den Tag, daß er Poet sei, seine Poesien aber nicht zeigen
wolle, weil er von der Dichtkunst zu hoch denke. Auch wunderte man
sich, daß man nie ein Buch in der Wohnung des gelehrten Mannes fand.
Und dann fragte man sich, warum er diese Jünglinge aufsuche, denen er
so überlegen war und deren Poesie er verachten mußte.

Die Jünglinge, die selbst am Ausgang der Romantik standen, kannten den
blutlosen Romantiker nicht wieder, der den festen Boden unter den Füßen
verloren hatte. Sie sahen in dem langen Haar und dem schäbigen Hut die
Kopie von Murgers Bohémien. Sie wußten nicht, daß diese „Zerrissenheit‟
eine Pariser Mode war; daß diese hohle Weisheit von deutscher Mystik
gesponnen wurde; diese Experimentalpsychologie aus Kierkegaard stammte;
daß dieses interessante Wesen, das ein nicht begangenes Verbrechen
durchblicken ließ, einen tiefen geheimen Kummer andeutete, Byron
entlehnt war. Das verstanden sie nicht. Darum konnte Is auch mit Johans
Seele spielen und ihn in seinem Garn halten. Ja, Johan war so von ihm
eingenommen und umstrickt, daß er sich in einer Rede Gamaliel nannte,
der zu Pauli (Is') Füßen gesessen, um Weisheit zu empfangen.

Das schließliche Ergebnis war, daß Johan eines Abends sein neues Drama
verbrannte. Es war die Arbeit eines Vierteljahrs, die in Flammen
aufging. Als er die Asche sammelte, weinte er. Is hatte, ohne es zu
sagen, ihm gezeigt, daß er kein Dichter sei. Alles war ein Irrtum,
auch das! Dazu kam die Verzweiflung darüber, daß er den Vater betrogen
habe und nun keine Arbeit nach Haus bringen könne, die sein Versäumnis
gerechtfertigt hätte.

In einem Anfall von Reue und um irgendein Ergebnis aufweisen zu können,
meldet er sich zu der schriftlichen Prüfung im Latein, jedoch ohne
die erforderlichen Aufgaben und Aufsätze geschrieben zu haben. Der
Professor erblickt seinen Namen und kennt ihn nicht. Der Pedell kommt
an einem Sonntagabend, als Johan eben von einem Mittagessen angeheitert
zurückgekehrt ist. Johan geht kühn zum Professor und fragt, was er
wolle.

-- Sie gedenken die schriftliche Prüfung in Latein zu machen?

-- Ja.

-- Aber ich sehe Ihren Namen nicht auf meiner Liste.

-- Ich habe schon die erste schriftliche Prüfung in Latein bestanden.

-- Das gehört nicht hierher. Man muß sich nach Gesetzen und
Bestimmungen richten.

-- Ich kenne keine Bestimmung über die drei Aufsätze.

-- Ich glaube, Sie sind unverschämt!

-- Das mag so aussehen!

-- Hinaus, Herr, oder...

Die Tür wird geöffnet, und Johan ist hinausgeworfen. Er schwört, er
werde doch kommen und schreiben; aber am nächsten Morgen verschläft er.

Also auch dieser Strohhalm ist verbrannt.

Eines Morgens kurz darauf kommt ein Kamerad und weckt ihn.

-- Weißt du, daß W. tot ist? (W. war ein Tischgenosse im selben
Pensionat.)

-- Nein!

-- Er hat sich den Hals durchschnitten.

Johan stürzt in die Höhe, kleidet sich an und eilt mit dem Kameraden
nach W.s Wohnung. Sie stürzen die Treppen hinauf und kommen auf einen
dunkeln Boden.

-- Ist es hier?

-- Nein, hier!

Johan tappt nach einer Tür; die Tür gibt nach und fällt auf ihn. In
diesem Augenblick sieht er eine Blutlache auf dem Fußboden. Er macht
Kehrt, läßt die Tür los, ist die Treppen hinunter, ehe die Tür zu Boden
schlägt.[5]

Diese Szene erschütterte ihn unerhört. Er fing an zu grübeln. W.
hatte einige Tage vorher Johan im Park der Bibliothek getroffen, in
dem Johan die Einsamkeit suchte, um an seinem Stück zu arbeiten. W.
kam und grüßte; fragte, ob er ihm Gesellschaft leisten dürfe, oder ob
er vielleicht störe. Johan antwortete aufrichtig, er störe. W. ging
traurig davon. War es der ertrinkende Einsame, der eine Seele suchte
und zurückgestoßen wurde? Johan fühlte sich beinahe schuldig an diesem
Morde. Aber er war nicht zum Tröster berufen.

Jetzt spukte der Tote vor Johan; er wagte nicht mehr, sein Zimmer zu
besuchen, sondern schlief bei Kameraden. Eine Nacht lag er bei Rejd.
Der mußte das Licht brennen lassen und wurde in der Nacht mehrere Male
von Johan, der nicht schlafen konnte, geweckt.

Eines Tages wurde Johan von Rejd mit seiner Blausäureflasche
überrascht. Der billigte scheinbar den Plan zum Selbstmord, bat aber,
vorher einen Abschiedsbecher mit ihm zu trinken. Sie gingen ins
Wirtshaus, bestellten acht Grogs, die auf einem Tablett hineingetragen
wurden. Jeder trank vier in vier Zügen; der Erfolg war der erwünschte:
Johan ward eine „Leiche‟.

Er wurde nach Haus getragen; da aber die Haustür geschlossen war, trug
man ihn über ein Grundstück und warf ihn über seinen Zaun. Dort blieb
er in einem Schneehaufen liegen, bis er wieder auflebte und in sein
Zimmer kroch.

Die letzte Nacht, die er in Upsala war, einige Tage später, schlief er
auf einem Sofa bei Thurs, während die Kameraden über ihn wachten und
die Zimmer hell erleuchtet waren. Sie wachten gutmütig bis zum Morgen;
dann begleiteten sie ihn zum Bahnhof und setzten ihn in den Zug.

Als der Zug aus dem Weichbild von Upsala herausfuhr, atmete Johan
wieder. Es war ihm, als habe er etwas Garstiges, Unheimliches
verlassen, etwa eine nordische Winternacht mit dreißig Grad Kälte. Er
schwor, sich niemals wieder in dieser Stadt niederzulassen, in der die
Seelen, von Leben und Gesellschaft verbannt, infolge Überproduktion der
Gedanken faulten, von nicht abfließendem Grundwasser zerfressen wurden,
wie Leere mahlende Mühlsteine Feuer fingen.



21.

+Der Schützling eines Königs.+

(1871)


Als Johan wieder zu den Eltern nach Hause kam, fühlte er sich geborgen,
als sei er nach einer stürmischen und nächtlichen Bootsfahrt an Land
gestiegen. Und wieder schlief er eine ruhige Nacht in seinem alten
Zeltbett auf der Kammer der Brüder.

Hier sah er jetzt stille geduldige Menschen, die zu bestimmten Zeiten
kamen und gingen, arbeiteten und schliefen; genau ebenso wie früher,
ohne von Träumen oder ehrgeizigen Plänen beunruhigt zu werden.
Die Schwestern waren zu großen Mädchen herangewachsen und führten
den Haushalt. Alle arbeiteten, nur er nicht. Wenn er damit sein
ausschweifendes, regelloses Leben verglich, das keine Ruhe, keinen
Frieden kannte, hielt er sie für glücklicher und besser. Es war ihnen
ernst mit ihrer Lebensführung; sie verrichteten ihre Arbeit, erfüllten
ihre Pflichten, ohne zu lärmen oder zu prahlen.

Er suchte jetzt alte Bekanntschaften unter Kaufleuten, Kontoristen,
Schiffskapitänen auf und fand sie alle neu und erfrischend. Sie führten
seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück; er fühlte wieder festen
Boden unter den Füßen. Damit begann er falsche Idealität zu verachten;
wie er zugleich einsah, daß es unwürdig vom Studenten sei, den
Philister zu verachten.

Dem Vater beichtete er jetzt, einfach und offen, jedoch ohne Reue, sein
elendes Leben in Upsala und bat ihn, zu Hause bleiben zu dürfen, um von
dort aus das Examen zu machen; sonst sei er verloren. Das wurde ihm
erlaubt, und nun bereitete er seinen Feldzugsplan für den Frühling vor.
Zuerst wollte er bei einem guten Lehrer in Stockholm die lateinische
Arbeit schreiben; im Frühling wollte er dann nach Upsala fahren, um
sich durchzuschlagen. Ferner wollte er seine Abhandlung in Ästhetik
schreiben und sich für die Prüfung in diesem Fach vorbereiten. Mit
diesen Vorsätzen begann er ein ruhiges Arbeitsleben, als Neujahr kam.

Noch aber hatte er die Niederlage mit dem „Freidenker‟ nicht verwunden.
Auch reizten ihn die Fragen der Freunde, ob sie nicht bald etwas Neues
von ihm sehen würden. So entschloß er sich, in vierzehn Tagen sein
verbranntes Stück noch einmal zu schreiben, und zwar als Einakter.

Das geschah. Und dann studierte er.

Als der April kam, schrieb er eine Probearbeit für seinen Lehrer, und
der schwor darauf, daß er durchkommen werde. Dann fuhr er nach Upsala.
Dem Vater gefiel diese Kraftprobe nicht übel, als er hörte, Johan sei
ganz sicher, aber er fragte, ob es nicht praktischer sei, sich dem
Professor zu fügen.

-- Nein, jetzt sei es eine Prinzipienfrage und eine Ehrensache.

Er ging in die Sprechstunde des Professors und wartete, bis er an die
Reihe kam. Als der Alte ihn erblickte, wurde er rot und fragte:

-- Sind Sie wieder hier?

-- Ja!

-- Was wollen Sie?

-- Mich zur lateinischen Arbeit anmelden.

-- Ohne eine Probearbeit geschrieben zu haben?

-- Ich habe die in Stockholm geschrieben, und ich wollte nur fragen, ob
die Satzungen mir erlauben, die schriftliche Prüfung zu machen.

-- Die Satzungen? Fragen Sie den Dekan danach; ich weiß nur, was +ich+
verlange.

Johan ging und suchte sofort den Dekan auf. Das war ein junger,
lebhafter, sympathischer Mensch. Johan trug seine Sache vor und
schilderte den Verlauf.

-- Die Satzungen sagen nichts darüber, aber der alte P. läßt Sie ohne
Satzungen durchfallen.

-- Das werden wir doch sehen! Erlauben Sie, Herr Dekan, daß ich die
schriftliche Prüfung machen darf?

-- Das kann Ihnen nicht verweigert werden. Sie wollen also Ihren Willen
durchsetzen?

-- Ja, das will ich!

-- Sind Sie denn so sicher?

-- Ja!

-- Dann Glück auf! sagte er und klopfte Johan auf die Schulter.

Er ging zur schriftlichen Prüfung, schrieb seine Arbeit. Nach einer
Woche erhielt er ein Telegramm: Bestanden. Man schrieb diesen Ausgang
dem Edelmut des Professors zu und mißbilligte Johans unbefugtes
Vorgehen; Johan aber schob den Erfolg auf seinen Fleiß und seine
Kenntnisse, wenn er auch nicht leugnen konnte, daß der Professor ein
ehrlicher Mann gewesen, da er ihn nicht durchfallen ließ, obwohl er die
Macht dazu besaß.

Im Mai sollte die Prüfung in Ästhetik sein. Gegen allen Brauch sandte
Johan seine Abhandlung durch die Post nach Upsala und bat brieflich,
die Prüfungsstunde festzusetzen.

Die Abhandlung hieß „Hakon, der Jarl‟, behandelte Öhlenschlägers Drama
und drehte sich um Idealismus und Realismus. Ihr Zweck war: erstens dem
Professor eine Vorstellung zu geben, wie belesen der Verfasser in der
Ästhetik im allgemeinen sei und welche Kenntnisse er besonders in der
dänischen Literatur habe; zweitens dem Verfasser selbst Klarheit über
seinen Standpunkt zu verschaffen.

Nach Kierkegaard hatte Johan sich selbst und seinen überwundenen
Standpunkt in der Person des Bruders A. angegriffen. Bruder A. beginnt
mit seinen Zweifeln, ob es ein allgemein gültiges Urteil gebe, kann
aber diesen Knoten nicht lösen. Schlägt mit seinen Studien auf dem
Nationalmuseum um sich und kommt dann sofort auf „Hakon, den Jarl‟.

Bruder B. nimmt den Bruder A. vor, karikiert sich selbst, dabei auch
einige Züge von Is entlehnend; trägt seine Ansichten über die dänische
Literatur vor; um eine selbständige Ansicht zu zeigen, muß er dabei
Professor Dietrichson angreifen. Dann pflügt er mit Georg Brandes'
Kalbe in Shakespeares Stoppelfeld und stürzt sich schließlich auf
Kierkegaard.

-- Was will denn Kierkegaard? fragte er. Ich glaube, er weiß es
selbst nicht! Aber was er nicht will, ist: Unglaube, Irreligiosität,
Leichtsinn... Leider wußte Johan nicht, daß Kierkegaard das Paradoxon
wollte.

Zu der bestimmten Zeit trat Johan vor den Lehrer, der sonst für liberal
und human galt. Er merkte sofort, eine Sympathie war nicht vorhanden.
Mit einer fast verächtlichen Miene gibt ihm der Professor die Schrift
zurück. Er erklärt, sie passe am besten „für die Leserinnen der Neuen
Illustrierten Zeitung‟; auch sei die dänische Literatur nicht von
solchem Interesse, daß sie ein Spezialstudium werden könne.

Johan war verletzt und erklärte, die dänische Literatur habe größeres
Interesse für Schweden als zum Beispiel Malesherbes und Boileau, über
die andere geschrieben hatten.

Die Prüfung beginnt und nimmt den Charakter eines heftigen Streites an.
Sie wird am Nachmittage fortgesetzt und endet mit einer Zensur, die
unter der erwünschten ist und der Erklärung, Universitätstudien könnten
nur an der Universität gemacht werden.

Johan wendet ein, ästhetische Studien seien am besten in Stockholm zu
machen, wo man Nationalmuseum, Bibliothek, Theater, Hochschule der
Musik, Künstler habe.

Nein, das sei Unsinn; hier in Upsala müsse es sein.

Johan ließ etwas über Kolleg und Seminar fallen, und man trennte sich
nicht als Freunde.

       *       *       *       *       *

Das Verhältnis zum Vater war die ganze Zeit über gut gewesen, und der
Alte hatte sich bis zu einem gewissen Grad für Erziehung empfänglich
gezeigt. Aber sein unverständiger Stolz in einer so untergeordneten
Eigenschaft, wie es die Vaterschaft ist, brach zuweilen aus und
verletzte. Johan, der beständig zu Hause wohnte, brachte einige
Abendstunden mit dem Vater zu und sprach mit ihm über alle Fragen des
Lebens. Schließlich auch über Religion. Eines Tages sprach er eine
halbe Stunde über Parker; zuletzt bat ihn der Alte um das Buch. Er
behielt es einige Tage, sagte aber nichts, und Johan fand das Buch auf
seiner Kammer wieder. Der Vater war zu stolz, um einzuräumen, daß der
Freidenker ihn angesprochen habe; aber durch einen Bruder erfuhr Johan,
der Vater sei besonders über die berühmte Predigt „Vom Alter‟ entzückt
gewesen.

In der Frage der Opposition gegen den Professor verhielt sich der
Vater schwankend. Er fand auch, Recht solle Recht bleiben, aber die
Geringschätzung, mit der Johan von dem alten Professor sprach, gefiel
ihm nicht. Johan sah indessen, daß er das Spiel gewonnen hatte und daß
der Alte sich für seine Erfolge lebhaft interessierte.

Aber eines Tages im Frühling war Johan aufs Land gefahren, nachdem er
dem Hausfräulein davon einfache Mitteilung gemacht hatte. Als er am
andern Tage heimkehrte, wurde er mit Schelte empfangen.

-- Du verreisest, ohne es mir zu sagen?

-- Ich habe es dem Hausfräulein gesagt.

-- Ich verlange, daß du mich um Erlaubnis bittest, solange du mein Brot
issest.

-- Um Erlaubnis bittest? Was ist das für ein Geschwätz?

Johan stand auf und ging; lieh sich hundert Kronen von einem Kaufmann,
der ihm wohlwollte und fuhr mit drei Bundesbrüdern nach einer Insel im
Stockholmer Inselmeer, wo sie sich bei einem Fischer für dreißig Kronen
den Monat in Pension gaben.

Niemand suchte ihn zurückzuhalten. Wahrscheinlich brach die Krisis aus,
weil Johan innerhalb der Leitung des Hauses fühlbaren Einfluß auf Vater
und Geschwister auszuüben begann. Es war nämlich eine Herrin da, die
ihre Macht nicht aus den Händen lassen wollte.

Den Sommer verbrachte Johan damit, daß er tüchtig fürs Examen
arbeitete, denn jetzt hatte er keine Hilfe mehr von Hause zu erwarten.
Es war ein gesundes und strenges Leben mit unschuldigen Vergnügungen.
Er war bekleidet mit Schlafrock, Unterhosen, Wasserstiefeln. Die
Kameraden hatten noch weniger an. Man badete, segelte, focht; spielte
in freien Stunden wie Kinder. Johan gab sich ganz der zunehmenden
Verwilderung hin. Starke Getränke kamen fast nie auf den Tisch; Johan
fürchtete sie, denn sie machten ihn wahnsinnig.

Auf die Enthaltsamkeit und die Arbeit aber folgte das Verlangen, andere
zu bekehren und eine große Selbstgefälligkeit. Die letzte ist immer
die Folge, ob nun der Opferwillige fühlt, daß er in dieser Hinsicht
besser ist als die andern, oder ob das Opfer gebracht worden, um sich
besser zu fühlen. Er predigte einem Bruder, der trank, Nüchternheit;
moralisierte die andern, die nicht arbeiteten, sondern nach dem Badeort
fuhren, um zu tanzen oder stark zu essen. Er hatte Kierkegaard im
Leibe, wollte ethisch sein und wetterte gegen die Ästhetik.

Er studierte nun Philologie und nahm Dante, Shakespeare und Goethe
durch. Den letzten haßte er, weil der Ästhet war. Hinter allem lag wie
ein dunkler Hintergrund der Bruch mit dem Vater. Nach der Bekanntschaft
des letzten Winters sah er ihn indessen in einer verklärten Gestalt;
hatte ihm für die Vergangenheit recht gegeben und alle kleinen
Mißhelligkeiten der Kindheit vergessen. Am meisten vermißte er jedoch
die Geschwister, besonders die Schwestern, die ihm persönliche
Bekanntschaften geworden waren.

Die Arbeit mit Wortwurzeln und Wörterbuch war ihm eine Qual; jetzt aber
peinigte und schulte er seine Phantasie gern durch strenge Arbeit. Das
war die Pflicht, der Beruf.

Gegen Ende des Sommers war er wild und scheu. Die Kleider, die jetzt
vorgesucht wurden, waren unbequem; der Kragen, den er monatelang nicht
benutzt hatte, peinigte ihn wie ein Halseisen; die Stiefeletten waren
zu eng. Ihm kam alles wie ein Zwang vor, gleich Konvention und Unnatur.

Einmal hatte man ihn zu einer Gesellschaft nach dem Badeort Dalarö
verführt, aber er war sofort wieder umgekehrt. Er war schüchtern und
konnte Eitelkeit und Gelächter nicht vertragen. Nicht etwa, weil er
Unterklasse war, denn er hatte aufgehört das zu sein und sich als
solche zu fühlen. Die Askese hatte seinen Willen und seine Tatkraft
gestärkt.

       *       *       *       *       *

Als die Universität in Upsala wieder begann, nahm er seine Reisetasche
und fuhr hin, ohne mehr als eine Krone zu besitzen; ohne zu wissen, ob
er ein Zimmer oder etwas zu essen bekommen werde.

Er konnte bei Rejd wohnen; dort legte er sich aufs Arbeiten.

Am ersten Abend suchte er ausgehungert Is auf. Der hatte den ganzen
Sommer allein in Upsala gesessen und sah noch trauriger aus als
gewöhnlich. Seine Erscheinung war jetzt die eines Schattens. Die
Einsamkeit hatte seine Seele noch kränker gemacht. Er ging mit Johan
aus und lud ihn zum Abendessen ein.

Is sprach wie gewöhnlich und zerriß sein Opfer; doch das wehrte
sich, schlug zurück, indem es den Ästhetiker angriff. Is betrachtete
den Ausgehungerten, wie er aß, und berauschte sich selbst an der
Branntweinflasche. Er wurde mütterlich, zärtlich und erbot sich, Johan
Geld zu leihen. Der dankte gerührt und nahm zehn Kronen an, denn jetzt
borgte er ohne Furcht, weil er eine Zukunft zu haben glaubte.

Schließlich wurde Is berauscht und phantasierte. Dann schlug er
plötzlich um, nannte Johan einen Egoisten und warf ihm vor, daß er die
zehn Kronen genommen habe.

Der Selbstsucht verdächtigt werden, war das schlimmste, was
Johan kannte, denn Christus hatte ihm eingeredet, das Ich müsse
gekreuzigt werden. Sein Selbst war gewachsen, da er von Druck
befreit worden und mit der Öffentlichkeit in Berührung gekommen war.
Menschen, die hervorgetreten sind, bekommen ein größeres Ich durch
die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird; oder ziehen sich die
Aufmerksamkeit gerade deswegen zu, weil sie ein größeres Ich haben als
die andern. Er fühlte, daß er auf einem rechten Weg für seine Zukunft
arbeite; er drang vorwärts mit Arbeit und Willenskraft und vieler
Freunde Hilfe; aber nicht durch Marktschreierei oder auf Schleichwegen.

Aber diese Beschuldigung schlug ihm ins Gesicht, denn sie mußte ja alle
treffen, die ein Ego haben. Er wollte das Geld zurückgeben; da aber
setzte sich Is aufs hohe Pferd, spielte den Gentleman und fuhr fort
zu romantisieren. Johan hatte den Eindruck, dieser Idealist da sei
ein Lump, der sich dämonisch mache, um die Reue über zehn Kronen zu
verbergen.

Eine Zeitlang bildete Is eine einzige Gesellschaft, bis die Kameraden
in der Universitätstadt anlangten. Er war immer undurchdringlich,
seltsam, aber fesselnd. Schließlich, eines Abends, zeigte er eine
neue Seite. Mitten in einem Gespräch, während Johan den Inhalt seines
neuen Einakters erzählte, begannen seine Augen zu glühen; er schien
Johan nur zu sehen, nicht zu hören. Dann wurde er elegisch, sprach
schlecht von den Frauen und trat schließlich an Johan heran, um ihn
zu küssen. Im Nu hatte Johan das Rätsel gelöst, durchschaute das
Geheimnis des Scharlatans. Da packte er ihn bei der Brust und warf ihn
in eine Ecke zwischen Ofen und Kommode; wie ein Sack lag der kleine
zusammengefaltete Körper da. Darum also hatte der alte Student die
Verbindung der Jünglinge aufgesucht! Darum also!

Jetzt kamen die Studenten an und alle hatten Geld. Johan wanderte mit
seiner Reisetasche und seinen Büchern von einem zum andern; er fühlte,
wie der Willkommene unwillkommen wurde, wenn er zu lange auf fremdem
Sofa lag. So borgte er sich Geld für ein Zimmer. Es war ein elendes
Loch mit einem Zeltbett, ohne Laken und Bezug. Kein Leuchter, nichts.
Aber er legte sich ins Bett, ohne die Unterkleider auszuziehen, und
arbeitete, während ein Licht in einer Flasche brannte. Dann und wann
verschafften die Freunde ihm etwas zu essen.

Dann aber kam die Kälte. Sobald es dunkel wurde, ging er fort und lieh
sich eine Feuerung Holz, das er in seiner Reisetasche nach Haus trug.
Dann lernte er von einem Physiker, wie man Kohlenfeuer macht, wenn
das Holz schwarz gebrannt ist. Auch führte ein Schornstein durch das
Zimmer, der jeden Donnerstag, wenn gewaschen wurde, warm war. An dem
stand er dann, die Hände auf dem Rücken, und lernte aus dem Buch, das
er auf der herangeschobenen Kommode aufgestellt hatte.

       *       *       *       *       *

Johans Einakter „Der Friedlose‟ wurde gespielt und mit Kälte
aufgenommen. Der Stoff war religiös. Es drehte sich um Heidentum
und Christentum; das Christentum wurde verteidigt als eine neue
Zeitrichtung, nicht als Kirchenlehre. Christus selbst wurde beiseite
geschoben, und Gott, der Einzige, der Wahre, auf seine Kosten erhöht.

Auch ein Familienkonflikt war vorhanden. Nach der damaligen Sitte
wurden die Frauen zum Nachteil des Mannes herausgestrichen.

In einigen Sätzen deutete der Dichter auch an, wie er über des Dichters
Stellung im Leben dachte.

    DER JARL. Bist du ein Mann, Orm?

    ORM. Ich bin nur ein Dichter geworden.

    DER JARL. Darum bist du auch nichts geworden.

Johan glaubte jetzt nämlich, das Leben des Dichters sei ein
Schattenleben; er habe kein Ich, sondern lebe nur in einem andern Ich.
Aber ist es so sicher, daß der Dichter kein Ich hat, weil er nicht nur
ein einziges hat? Vielleicht ist er reicher als andere, da er mehrere
besitzt. Und warum ist es besser, ein Ich zu haben, da das einzige Ich
jedenfalls nicht mehr unser Eigentum ist als mehrere Ichs; ein Ich
ist ja ein von Eltern, Erziehern, Verkehr, Büchern zusammengesetztes
Resümee? Vielleicht weil die Gesellschaft, als eine Maschinerie,
verlangt, daß diese Einheiten, die Ichs, wie Räder, Muttern,
Maschinenteile für einen beschränkten automatischen Zweck arbeiten
sollen. Aber dann ist ja der Dichter mehr denn der Maschinenteil, wenn
er selbst eine ganze Maschine ist?

In dem Einakter hatte Johan sich in fünf Personen verkörpert. Im Jarl,
der gegen die Zeit kämpft; im Dichter, der überschaut und durchschaut;
in der Mutter, die sich empört und rächt, deren Rachgier aber durch ihr
Mitgefühl aufgehoben wird; in dem Mädchen, das mit dem Vater ihres
Glaubens wegen bricht; in dem Geliebten, der eine unglückliche Liebe
trägt. Johan verstand die Motive aller handelnden Personen; er sprach
für die Sache aller.

Aber ein Theaterstück, das für Durchschnittsmenschen geschrieben wird,
die über alles fertige Ansichten haben, muß Partei ergreifen für
mindestens einige seiner Gestalten, um das immer leidenschaftliche und
parteiische Durchschnittspublikum zu gewinnen. Das hatte Johan nicht
tun können, weil er an ein absolutes Recht oder Unrecht nicht glaubte,
aus dem einfachen Grunde, weil diese Begriffe alle relativ sind. Man
kann recht für die Zukunft und unrecht für die Zeitgenossen haben; man
hat dieses Jahr unrecht, bekommt aber nächstes Jahr recht; der Vater
kann glauben, der Sohn habe recht, während die Mutter findet, er habe
unrecht; die Tochter hat recht, zu lieben, wen sie liebt, der Vater
aber glaubt, sie habe unrecht, einen Heiden zu lieben.

Das ist der Zweifel. Warum hassen und verachten die Menschen den
Zweifler? Weil der Zweifel Entwicklung ist, und die Gesellschaft die
Entwicklung haßt, da sie ihre Ruhe stört. Aber Zweifel ist gerade wahre
Menschlichkeit und wird mit Humanität im Urteil enden. Nur der Dumme
ist sicher; nur der Unwissende glaubt die Wahrheit gefunden zu haben.
Aber Ruhe ist Glück, darum suchen die Pietisten das Glück in der Ruhe
des Stumpfsinns. Der Zweifel zehrt an der Tatkraft, sagt man. Aber ist
es denn besser, zu handeln, ohne sich zu besinnen und die Folgen der
Handlung zu überlegen? Das Tier und der Wilde handeln blind, gehorchen
der Begierde und dem Trieb; darin gleichen sie den Männern der Handlung!

Als er von der Aufführung nach Upsala zurückkehrte, wurde er wiederum
von schmähenden Kritiken verfolgt. Teils waren sie wahr; zum Beispiel,
daß die Form den „Kronprätendenten‟ entlehnt sei; aber auch das war nur
zum Teil wahr, denn Johan hatte den eiskalten Ton und die herbe Sprache
direkt aus den isländischen Sagen genommen, während er den Lebensinhalt
aus seiner eigenen Vorratskammer geholt hatte. Der Hohn verfolgte ihn;
er wurde für einen Mann gehalten, der Dichter werden wolle; das war das
Schlimmste, dessen man verdächtigt werden konnte.

       *       *       *       *       *

Während er Not leidet und arbeitet, kommt, eine Woche nach der
Niederlage, ein Brief vom Rendanten des Königlichen Theaters mit dem
Ersuchen, Johan solle sofort nach Stockholm kommen: der König wünsche
ihn zu sehen.

Krankhaft mißtrauisch, glaubt Johan der Gegenstand eines Ulks zu
sein; er geht sofort mit dem Brief zu seinem klugen Freund, dem
Naturforscher. Dieser telegraphiert noch am Abend an einen bekannten
Schauspieler des Königlichen Theaters und bittet ihn, den Rendanten zu
fragen, ob er wirklich an Johan geschrieben habe.

In der Nacht schlief Johan unruhig, zwischen Hoffnung und Furcht hin-
und hergeworfen. Am nächsten Morgen kam die Antwort: es sei richtig,
Johan solle sofort kommen. Er reiste.

Warum zögerte er nicht, die königliche Gnade anzunehmen, während
ihm doch der Empörer im Leibe saß? Weil er, ganz einfach, keiner
demokratischen Partei angehörte; weder Mutter noch Vater je versprochen
hatte, nicht die königliche Gunst anzunehmen; weil er an die
Aristokratie glaubte, daran, daß die Besten zum Herrschen berechtigt
sind. Und er glaubte nicht, daß die Besten dort unten zu finden sind;
das hatte er ja auch in seiner kleinen Tragödie „Das sinkende Hellas‟
gezeigt, in der er die Demagogen verhöhnte. Tyrannen haßte er, aber
dieser König war kein Tyrann. Zum Zaudern war also kein Anlaß, weder
außer ihm noch in ihm.

Er fuhr also nach Stockholm und wurde vorgelassen. Der König war
jetzt sehr krank, sah so abgezehrt und verfallen aus, daß er einen
schmerzlichen Eindruck machte. Er war mild, wie er da mit seiner langen
Tabakspfeife stand und den jungen bartlosen Dichter anlächelte,
der stolpernden Schrittes zwischen den Reihen der Adjutanten und
Kammerherren eintrat. Der König dankte Johan für das Vergnügen, das das
Stück ihm bereitet habe. Er habe sich selbst in seiner Jugend mit einem
Wikingergedicht beim Wettstreit der Schwedischen Akademie beteiligt und
liebe das Altnordische. Er wolle dem jungen Studenten zu seinem Doktor
verhelfen. Es schloß damit, daß er Johan an die Hofverwaltung wies, der
er zu einer ersten Auszahlung Auftrag gegeben habe. Später solle es
mehr werden. Dabei sprach er die Vermutung aus, Johan habe noch einige
Jahre bis zum Doktorexamen.

Damit war seine nächste Zukunft gesichert. Johan fühlte sich von dieser
Güte eines Königs, der an so viel und so viele zu denken hatte, dankbar
gerührt.

Er kehrte nach Upsala zurück und sah zwei Monate lang, wie der
Sonnenschein ihn in einen Stern verwandelt hatte. Der Hofmarschall, der
ihm das Geld anwies, hatte ihn gefragt, ob er +später+ ins Ministerium
oder die Bibliothek eintreten wolle. So weit waren seine Gedanken nicht
gestiegen und stiegen auch jetzt noch nicht.

Der hauptsächlichste Zweck des menschlichen Strebens scheint zu
sein und muß wohl sein: das Leben bis zum Tode auf die am wenigsten
unangenehme Art zu fristen. Dieser Zweck schließt die Fürsorge für
das Wohl der andern nicht aus; im Gegenteil, denn zum angenehmen
Leben gehört das Bewußtsein, fremdes Recht nicht unnötig verletzt zu
haben. Darum können rechtmäßig erworbene Reichtümer einem allein ein
angenehmes Leben gewähren; darum kann keine Laufbahn, die über Leichen
geht oder andere zur Seite schiebt, ein angenehmes Leben bereiten;
darum ist der Utilitarismus, die Weltanschauung, die das Glück für die
meisten will, nicht unmoralisch.

Trotz aller Askese konnte Johan nicht umhin, sich glücklich zu fühlen.
Sein Glück bestand in der halben Gewißheit, daß er sein Leben leben
könne, ohne die größeren Schmerzen zu erdulden, die Unsicherheit der
Existenzmittel verursachen. Sein Dasein war von der Not bedroht
gewesen; jetzt war er geschützt. Das Leben war ihm wiedergeschenkt,
und es ist lieblich, leben zu dürfen, wenn man noch im Wachstum steht.
Seine von Hunger und Oberanstrengung zusammengefallene Brust hob sich,
sein Rücken wurde gerade, das Leben kam ihm nicht mehr so traurig
vor. Er war mit seinem Los zufrieden, weil das Leben heller zu werden
schien; er wäre undankbar gewesen, wenn er sich zu den Mißvergnügten
gestellt hätte.

Lange dauerte das aber nicht. Als er die alten Kameraden um sich her
in ihrer früheren Lage, die sich durch +sein+ Glück nicht verändert
hatte, weiter arbeiten sah, fand er, daß eine Disharmonie eingetreten
war. Sie waren gewohnt, ihm wie einem Notleidenden zu helfen; jetzt
war das nicht mehr nötig. Sie hatten ihn gern, weil sie ihn beschützen
durften; waren gewohnt, ihn unter sich zu sehen. Als er nun in die
Höhe kam, neben sie, über sie, fanden sie ihn natürlich verändert. Die
veränderten Verhältnisse hatten ihn verändern müssen. Der Notleidende
ist nicht so kühn in seinen Ansichten und nicht so gerade im Rücken wie
der Geborgene. Er war verändert für sie, aber war er darum schlechter?
Selbstgefühl ist ja sonst eine geschätzte Ware. Genug, er verletzte nur
mit seinem Glück; noch mehr dadurch, daß er nun seinerseits die andern
glücklich machen wollte.

Das Geschenk brachte ihm Verpflichtungen, und Johan beeilte sich,
Kolleg und Seminar zu belegen. Er machte am Ende des Semesters das
Tentamen in Philologie, Astronomie, Staatswissenschaft; erhielt aber
in allen Fächern eine geringere Zensur, als er gedacht hatte. Er hatte
einerseits zu viel studiert, andererseits zu wenig.

Im Tentamen wurde er gewöhnlich von Aphasie ergriffen. Die Physiologie
schreibt diese Krankheitsform Schäden zu, die der linken Stirnwindung
zugefügt sind. Wirklich hatte Johan zwei Narben über dem linken
Auge: die eine von einem Beilhieb, die andere von einem Stein, an
dem er sich schwer geschlagen hatte, als er den Hügel der Sternwarte
hinunterstürmte. Dieser Aphasie wollte er auch eine unüberwindliche
Schwierigkeit, Reden zu halten und fremde Sprachen zu sprechen,
zuschreiben. Er saß da, ohne antworten zu können, obwohl er mehr wußte,
als gefragt wurde. Dann kam der Trotz und die Selbstquälerei, der
Mißmut und die Neigung, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Lehrbücher
kritisierte er; fühlte sich unehrlich, wenn er das lernte, was er
verachtete. Die Rolle, die man ihm gegeben, begann, ihm unbequem zu
werden; er sehnte sich fort, wohin es auch sei, wenn er nur fort komme.

Nicht daß er das Geschenk als eine Wohltätigkeit empfunden hätte. Es
war ein Stipendium, eine Belohnung für ein Verdienst, wie Künstler es
zu allen Zeiten für ihre Ausbildung erhalten hatten; und der königliche
Geber war nicht der Monarch, sondern der persönliche Freund und
Bewunderer. Darum übte dieses Geschenk auch keinen Einfluß auf seine
aufrührerischen Gedanken aus; höchstens, daß er für einen Augenblick
verleitet wurde, die Welt gut zu finden, weil es ihm selber gut ging.
Seine Opposition hatte sich jetzt auch schon vertieft; er schob nicht
mehr die Schuld für die Verkehrtheit der Gesellschaft auf die Monarchie
allein; er glaubte nicht, wie die Heiden, die Jahresernte würde besser
werden, wenn man den König auf dem Altar der Götter schlachte.

Seine Mutter würde vor Freude über seine Auszeichnung geweint haben,
hätte sie gelebt, so aristokratisch war sie.

Demokraten sind wir alle, bis zum Kronprinzen hinauf, indem wir das,
was oben liegt, zu uns herunter wünschen; sind wir aber in die Höhe
gekommen, wollen wir nicht wieder heruntergerissen werden. Die Frage
ist nur die, ob das, was oben liegt, in geistigem Sinne höher ist und
ob es wirklich dort liegen muß. Daran begann Johan jetzt zu zweifeln.



22.

+Auflösung.+

(1872)


Bei Beginn des Frühlings zog Johan mit einem ältern Kameraden zusammen,
um die Studien fortzusetzen. Als er die alten Bücher, die er schon so
lange studiert hatte, wieder vornehmen sollte, waren sie ihm sofort
zuwider. Das Gehirn war voller Eindrücke, hatte dichterisches Material
angehäuft und wollte nicht mehr aufnehmen; Phantasie und Gedanke
arbeiteten bereits und konnten dem Gedächtnis nicht mehr allein die
Herrschaft überlassen. Zweifel und Apathie stellten sich ein; manchmal
blieb er den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Oft kam ihm ein Verlangen,
alles hinzuwerfen, um in Leben und Tätigkeit hinauszukommen. Aber das
königliche Stipendium hielt ihn in Fesseln; legte ihm Pflichten auf;
hatte er doch, indem er es annahm, die Hand darauf gegeben, er werde
den Doktor machen, der jetzt halb fertig war.

So begann er Philosophie. Als er aber die Geschichte der Philosophie
gelesen hatte, fand er alle Systeme in gleichem Maße gültig oder
ungültig, und sein Gedanke leistete Widerstand gegen alle fremden
Gedanken.

In der Verbindung herrschte Spaltung und Schlaffheit. Man hatte alle
seine Jugendgedichte vorgelesen und produzierte nichts Neues; die
Sitzungen wurden nur mit Punsch abgehalten. Is hatte sich auch hier
bloßgestellt; bei einer Szene mit einem andern Bundesbruder war er
auch hier hinausgeworfen worden, hatte sein Messer gezogen und Schläge
gekriegt. Er hatte sich unter einer lächerlichen Maske gerettet und war
jetzt nur noch ein Gegenstand des Spottes, nachdem man entdeckt, daß
seine Weisheit in Referaten aus den Zeitschriften der Studentenschaft
bestand, welche die andern nicht zu benutzen wußten.

Bei Beginn des Semesters wurde außerdem vom Professor der Ästhetik ein
ästhetischer Verein gegründet, durch den die „Runa‟ überflüssig wurde.

Bei einer Sitzung dieses Vereins kam Johans Empörung gegen die
Autoritäten zum Ausbruch. Er hatte nämlich am Abend getrunken und
war halbberauscht. Während des Gesprächs mit dem Professor kam man
auf brennende Fragen. Johan wurde aus seinen Verschanzungen so weit
herausgelockt, daß er erklärte, Dante habe wenig Bedeutung für die
Menschheit und werde überschätzt. Johan hatte eine ganze Reihe guter
Gründe, konnte sie aber nicht anbringen, als der Professor ihm
zusetzte, während der ganze Verein sich um die Streiter scharte und sie
in die Ofenecke drängte.

Johan wollte zuerst sagen, die Komposition der „Göttlichen Komödie‟ sei
nicht originell, sondern eine sehr gewöhnliche Form, die kurz vorher
in der Vision des Albericus angewandt worden. Er wollte behaupten,
Dante habe in dieser Dichtung nicht die ganze Bildung und alle Gedanken
seiner Zeit geben können, da er so ungebildet gewesen, daß er nicht
Griechisch konnte. Dante sei kein Philosoph, da er den Gedanken in die
Bande der Offenbarung geschlagen; deshalb sei er auch kein Vorläufer
der Renaissance oder der Reformation. Er sei kein Patriot, denn
er huldige einem deutschen Kaisertum von Gottes Gnaden; höchstens
florentinischer Lokalpatriot. Auch Demokrat sei er nicht, denn er
träume immer von einem vereinigten Papst- und Kaisertum. Er habe
nicht das Papsttum angegriffen, sondern einige Päpste, die unsittlich
gelebt, wie er selbst in seiner Jugend. Er sei ein Mönch, ein wahrhaft
beschränktes Kind seiner Zeit, eile ihr nicht einen Schritt voraus, da
er ungetaufte Kinder in die Hölle sende. Er sei ein enger Royalist,
der Brutus neben Satan in den Brennpunkt der Hölle setze. Ihm fehle
jede Selbstkritik, da er unter die schlimmsten Verbrechen Undankbarkeit
gegen Freunde und Verrat gegen das Vaterland aufnehme, während er
selbst seinen Freund und Lehrer Brunetto Latini in die Hölle befördert
und den deutschen Kaiser Heinrich VII. gegen seine Vaterstadt Florenz
unterstützt habe. Er habe einen schlechten Geschmack, da er zu den
sechs größten Dichtern der Welt Homer, Horaz, Lucian, Ovid, Virgil und
-- sich selbst rechne. Wie könnten moderne Menschen, die so streng
gegen allen Skandal sind, Dante preisen, der durch seine Dichtung
so viele lebende Personen und Familien entehrt und seine geliebte
Vaterstadt Florenz beschimpft habe, als er unter den Dieben fünf
Florentiner von edler Geburt findet.

Wie gewöhnlich, wurde der Streit geführt, indem die Standpunkte,
sowohl des Angreifers wie des Angegriffenen, wechselten. Johan wollte
dem Professor zeigen, daß von dessen Standpunkt aus die „Komödie‟
ein Pamphlet sei; dann aber sattelte der Professor um und ging zum
Standpunkt des Feindes über und meinte, +er+ werde sie doch nicht
als Pamphlet mißbilligen. Johan antwortete, diese Bezeichnung gebe
er ihr, aber nicht die einer außerordentlichen Dichtung von ewigem
Wert, wie der Professor sie in seinem Kolleg genannt habe. Dann schlug
der Professor wieder um und wollte die Dichtung von ihrer Zeit aus
beurteilt sehen.

-- Eben, antwortete Johan, aber Sie haben sie von unserer Zeit
und allen künftigen Zeiten aus beurteilt; also haben Sie unrecht
gehabt. Aber auch von der eigenen Zeit aus gesehen, wird sie nicht
epochemachend, da sie nicht ihrer Zeit vorauseilt, sondern mitten in
ihr steht und sogar hinter ihr zurückbleibt. Sie ist ein Sprachdenkmal
für Italien, nichts mehr, und dürfte an einer schwedischen Universität
nicht gelesen werden, weil die Sprache veraltet ist und -- das letzte
Wort! -- weil sie zu wenig Bedeutung hat, um in die Entwicklungsreihe
der Bildung zu gehören.

Ergebnis: Johan wurde für unverschämt und halbverrückt gehalten.

Nach dieser Explosion war er erschöpft und unfähig zur Arbeit. Das
ganze Leben in dieser Kleinstadt, in der er sich nicht heimisch fühlte,
war ihm zuwider. Die Kameraden ermahnten ihn, sich Ruhe zu gönnen, denn
er habe zu viel gearbeitet; das hatte er allerdings.

Wieder entstanden Pläne, drängten sich vor, zeitigten aber keine
Folgen. Seine Seele befand sich in Auflösung, schwebte wie ein
Rauch, war äußerst empfindlich. Die graue, schmutzige Stadt quälte
ihn, die Landschaft peinigte ihn. Er lag auf einem Sofa und sah sich
die Illustrationen einer deutschen Zeitschrift an. Der Anblick von
Landschaften aus andern Ländern wirkte wie Musik auf ihn; er empfand
ein Bedürfnis, grüne Bäume und blaue Seen zu sehen. Er wollte aufs
Land hinaus; aber es war erst Februar und die Luft war grau wie
Sackleinwand, Straßen und Wege kotig.

Wenn er ganz niedergeschlagen war, ging er zu seinem Freunde, dem
Naturforscher. Es erfrischte ihn, dessen Herbarien und Mikroskope,
Aquarien und physiologische Präparate zu sehen.

Am meisten erfrischte ihn der stille friedliche Atheist selbst, der
die Welt ihren Gang gehen ließ, denn er wußte, daß er mit seinen
geringen Kräften mehr für die Zukunft arbeite als der Dichter mit
seinen konvulsivischen Anstrengungen. Doch war der Kamerad nicht ganz
frei von Künstlertum, denn er malte in Öl. Das interessierte Johan
außerordentlich. Eine grünende Landschaft mitten in den Nebeln dieses
furchtbaren Winters hinmalen und sie an die Wand hängen zu können: das
wäre etwas!

-- Ist malen schwer? fragte er.

-- Nein, behüte, es ist leichter als zeichnen. Versuch es nur!

Johan hatte schon ohne Bangen ein Lied für Gitarrebegleitung
komponiert: er hielt also das Malen für nicht so unmöglich. Er lieh
sich Staffelei, Farben, Pinsel. Dann ging er nach Hause und schloß
sich ein. Aus einer illustrierten Zeitung nahm er eine Zeichnung, die
eine Schloßruine vorstellte; die kopierte er. Als er die blaue Farbe
wie ein klarer Himmel wirken sah, wurde er sentimental. Als er dann
grüne Büsche und eine Wiese hervorzauberte, wurde er unaussprechlich
glücklich, als habe er Haschisch gegessen.

Der erste Versuch war gelungen. Dann aber wollte er ein Gemälde
kopieren. Das ging nicht. Alles wurde grün und braun; er konnte seine
Farben nicht auf den Ton des Originals stimmen. Da verzweifelte er.

Eines Tages, als er sich eingeschlossen hatte, hörte er, wie ein Besuch
mit dem Kameraden im äußern Zimmer sprach. Sie flüsterten, als sprächen
sie von einem Kranken.

-- Jetzt malt er auch noch! sagte der Kamerad in einem sehr
niedergeschlagenen Ton.

Was sollte das bedeuten? Hielten sie ihn für gestört? Ja, jetzt
verstand er es. So war es. Er dachte über sich selbst nach und kam zu
der Schlußfolgerung wie alle Grübler, er sei gestört. Was war da zu
machen? Wenn man ihn einsperrte, würde er verrückt werden; davon war er
überzeugt. Besser ist, dem zuvorkommen, dachte er. Er erinnerte sich,
daß man in seiner Gegenwart einst von einer Privatirrenanstalt auf dem
Lande gesprochen hatte, und er schrieb an den Vorsteher.

Nach einiger Zeit erhielt er eine freundliche Antwort, in der er
ermahnt wurde, ruhig zu sein. Der Briefschreiber habe sich bei
Kameraden nach Johan erkundigt und kenne jetzt seinen Seelenzustand.
Das sei eine Krisis, die alle empfindlichen Naturen durchmachten usw.

Also diese Gefahr war überstanden. Aber er wollte ins Leben hinaus,
wohin es auch sei.

Eines Tages sieht er, daß eine herumreisende Theatergesellschaft nach
der Stadt gekommen ist. Er schreibt einen Brief an den Direktor und
ersucht um ein Debüt. Erhält keine Antwort und macht keinen Besuch.

So wurde er hin- und hergeworfen, bis schließlich das Schicksal kam und
ihn befreite. Drei Monate waren vergangen und die Hofverwaltung ließ
nichts von sich hören. Die Kameraden rieten ihm, an den Hofmarschall
zu schreiben und höflich zu fragen, wie es sich mit dem Geld verhalte.
Das tat er und bekam diese Antwort: „Es ist nie von einer regelmäßigen
Unterstützung die Rede gewesen, sondern Seine Majestät haben die
Gratifikation nur für einmal erteilt. Jedoch mit Rücksicht auf Ihre
bedrängte Lage geruhen Majestät, noch einmal 200 Kronen zu bewilligen,
die gleichzeitig abgehen.‟

Zuerst freute sich Johan, denn jetzt war er frei; dann aber beunruhigte
ihn diese Wendung der Sache, da in den Zeitungen gestanden hatte, er
sei Stipendiat; auch war das Stipendium ja tatsächlich vom König
für „die Jahre‟ versprochen worden, die er noch zum Doktorexamen
brauchte. Auch hatte ja der Hofmarschall mit der Zukunft gewinkt, die
man doch nicht mit 200 Kronen machen konnte. Man dachte hin und her
über die Ursache. Die einen hielten es für wahrscheinlich, der König
habe die Sache vergessen; andere, seine wirtschaftliche Lage erlaube
es ihm nicht; man wußte nämlich, daß sein guter Wille nicht immer im
Verhältnis zu seinem Können stand.

Niemand sprach seine Mißbilligung aus; und Johan war froh in seiner
Seele, hätte nicht eine gewise Blamage darin gelegen, daß das
Stipendium eingezogen wurde: man konnte ihn ja verdächtigen, er habe
nur damit geprahlt. Die an eine „Ungnade‟ glaubten, schrieben diese dem
Umstand zu, daß Johan es versäumt hatte, dem König seine Aufwartung
zu machen, als er Weihnachten und Neujahr in Stockholm war. Andere
schoben die Schuld darauf, daß er seine gedruckte Tragödie „Das
sinkende Hellas‟ nicht förmlich überreicht, sondern ganz einfach ins
Schloß geschickt hatte; aber seine Geradheit hatte ihm verboten, selbst
hinzugehen.

Zehn Jahre später hörte er eine ganz neue Deutung der „Ungnade‟. Er
sollte nämlich ein Schmähgedicht auf den König verfaßt haben! Aber
diese Geschichte war eine „reine‟ Dichtung, wahrscheinlich die einzige,
die der übel bekannte Gewährsmann der Nachwelt geschenkt hat.

Die Tatsache blieb bestehen, und jetzt war der Entschluß bald gefaßt.
Er wollte nach Stockholm fahren, um Schriftsteller zu werden, wenn
möglich Dichter, falls sich seine Begabung als stark genug erwies.

Der Zimmergenosse nahm es auf sich, ihm den Rückzug zu decken; der
schützte vor, Johan müsse einige Zeit in Stockholm weilen, damit der
Wirt nicht unruhig wurde und Johan die Miete, die erst am Schluß des
Semesters zu bezahlen war, währenddessen zusammenbringen konnte.

Ein Abschiedsfest wurde gehalten. Johan dankte seinen vielen Freunden,
indem er die Verpflichtungen, die jeder gegen seinen Verkehr hat,
anerkannte, da sich eine Persönlichkeit nicht aus sich selbst
entwickelt, sondern aus jeder andern Seele, mit der sie in Berührung
kommt, einen Tropfen saugt; wie die Biene aus Millionen Blüten ihren
Honig sammelt, den sie doch selbst umschmilzt und als ihren ausgibt.

So fuhr er ins Leben hinaus, fort aus Träumen und vergangenen Zeiten,
um in seiner eigenen Zeit und in der Wirklichkeit zu leben. Aber
schlecht war er vorbereitet; die Universität war nicht die Schule
fürs Leben. Er hatte auch das Gefühl, die Stunde der Entscheidung
sei da. In einer schlecht ausgeführten Rede nannte er das Fest einen
Abschiedsschmaus, den man dem Bräutigam vor der Hochzeit gibt; denn
jetzt solle er Mann werden und die Knabenjahre hinter sich lassen;
sich in die Gesellschaft einordnen, ein nützlicher Bürger werden, sein
eigenes Brot essen.

So glaubte er damals, aber er sollte bald finden, daß die Erziehung ihn
untauglich für die Gesellschaft gemacht hatte. Und als er sich nicht
darein fand, ein Ausgestoßener zu sein, erwachten seine Zweifel, ob
nicht die Gesellschaft, zu der doch Schule und Universität gehören,
auch eine Schuld an seiner Erziehung habe; ob nicht die Gesellschaft
Gebrechen habe, die geheilt werden müssen.



ANMERKUNGEN DES ÜBERSETZERS



                        Aus Strindbergs Briefen
                     Strindbergs Lebensgeschichte
            Die parallelen Jahrzehnte in Strindbergs Leben
                   Strindbergs väterlicher Stammbaum



AUS STRINDBERGS BRIEFEN


An den Verleger Albert Bonnier.

    Wenn Sie diesen ersten Teil gelesen haben, den wir aus Rücksicht
    aufs Publikum nicht Teil nennen dürfen, vielmehr müssen wir jeden
    der fünf Bände besonders taufen, so fragen Sie sich wohl, wie
    das Publikum tun wird: Was ist das? Ist das ein Roman? Nein!
    Biographie? Nein! Memoiren? Nein!

    Ich antworte, es ist ein Buch, das ist, für was es sich ausgibt:
    Die Geschichte der Entwicklung einer Seele, 1849-67, unter den
    angegebenen Voraussetzungen. Dieses Buch gewährt auch außer
    dem Psychologischen, das die Hauptsache ist (warum auch alle
    Schilderungen vermieden und die Anekdote nur aufgenommen wurde,
    um den Charakter zu beleuchten) einige andere Interessen: es
    bildet die vollständige Biographie eines bekannten und bedeutenden
    Dichters, so wenig lügnerisch, wie eine Biographie geschrieben
    werden kann; ferner eine Geschichte der inneren schwedischen
    Verhältnisse von 1849-67. Darum wird das Buch nützlich für die
    Jugend sein, weil es die jüngste Vergangenheit erklärt, ohne deren
    Verständnis die Gegenwart nicht zu begreifen ist.
                                                     August Strindberg.
    Grèz (bei Paris), 25. April 1886.


    Ich möchte das Vorwort gern gedruckt haben, weil über Lehre und
    Leben heute so viel gefaselt wird. Auch diesen Passus bitte ich
    an geeigneter Stelle einzuschalten, etwa nach den Worten über das
    Trinken:

    +Autor.+ Ebensowenig kann ich mein Leben in Einklang bringen
    mit meiner Lehre von der sogenannten Unsittlichkeit, teils weil
    mein Trieb von Kirche und Gesetz legalisiert ist, teils weil mir
    monogame Instinkte angeboren sind.

    +Interviewer.+ Aber warum predigen Sie denn geschlechtliche
    Freiheit?

    +Autor.+ Weil ich aus der Erfahrung meiner Jugend weiß: wer nicht
    verheiratet ist, brennt; und weil ich nicht will, daß die Eiferer
    für Sittlichkeit die Triebe der anderen durch Gesetze fesseln, da
    die Eiferer für Unsittlichkeit die Sittlichen nicht unsittlich
    machen wollen. Also die wirkliche Freiheit -- für andere -- predige
    ich! Habe also in diesem Falle keine egoistischen Zwecke.

    25. Mai 1886.
                                                     August Strindberg.


Der Verleger meint, das Vorwort werde dem Buche schaden und lehnt es ab.

    Geben Sie das Interview Gustaf af Geijerstam, der das Buch wohl
    anzeigen wird. Er glaubt ja, daß die Kritik das Publikum darüber
    aufklären soll, was der Autor meint. Gut! Möge er aufklären, daß
    der Autor weder Biographie noch Verteidigung noch Bekenntnisse hat
    geben wollen, sondern sein Leben, das er am besten von allen Leben
    kennt, benutzt hat, um die Geschichte von der Entstehung einer
    Seele zu geben und den Begriff Charakter zu bestimmen -- worauf ja
    die ganze Literatur beruht. Er kann Strophen abdrucken, wenn er
    will.

    30. Mai 1886.
                                                     August Strindberg.


Geijerstam las das Interview, gab es aber dem Verleger zurück.
Inzwischen hatte Strindberg schon, bei seinem unerhörten Fleiße, den
zweiten Teil (Kapitel 11-22) vollendet. Er war inzwischen nach der
Schweiz gezogen.

    In einigen Tagen geht der zweite Teil vom „Sohn einer Magd‟ ab.
    Vielleicht schon morgen. Ich halte ihn für das bedeutendste Buch,
    das seit langem in Schweden geschrieben wurde, aber es ist für die
    Gebildeten geschrieben und kann von der Unter- und Mittelklasse
    nicht gelesen werden. Wendet sich daher an die akademisch
    Gebildeten, für die ich eigentlich schreiben müßte. Von Nisse und
    Nasse nicht verstanden zu werden, freut mich nicht, und ich kann
    sie nicht bekehren.
                                                     August Strindberg.
    Othmarsingen (Schweiz), 18. Juni 1886.

Als Untertitel schlägt Strindberg für den zweiten Teil (Kapitel 11-22)
„Sturm und Drang‟ vor; diesen +deutschen+ Titel übersetzt der Verleger
mit „Gärungszeit‟.

    Gärung ist gut, aber das ist ein Fäulnisprozeß. Paßt also nicht für
    meine gesunden Gedanken.

    18. Juli 1886.
                                                     August Strindberg.

Die deutsche Ausgabe vereinigt beide Teile in einem Bande.



STRINDBERGS LEBENSGESCHICHTE


Strindberg will seine autobiographischen Schriften als EIN GANZES
betrachtet wissen; ja, er möchte sie in einem einzigen Bande
vereinigen, damit seine Leser nur das ganze Werk erwerben können,
nicht diesen oder jenen Teil. Um diesen Wunsch des Dichters, soweit es
möglich ist, zu erfüllen, werden Teile wie „Die Beichte eines Toren‟
+nicht einzeln+ verkauft.

Strindbergs Lebensgeschichte erscheint in diesen fünf Bänden:

  1. Der Sohn einer Magd
  2. Die Entwicklung einer Seele
  3. Die Beichte eines Toren
  4. Inferno -- Legenden
  5. Entzweit -- Einsam.

In den ersten drei Bänden, die schon die an einander anklingenden
Titel als drei Teile eines Ganzen bezeichnen, rechnet der 40jährige
Strindberg in den Jahren 1886, 87, 88 mit seinem Leben ab; denn er
hatte die Absicht, sich zu töten, nachdem er sein Leben geschildert.
Durch die Lebensgeschichte aber befreite er sich, wie durch einen
Selbstmord, von seinem bisherigen Leben so vollständig, daß er ein
neues beginnen konnte.

Dieses neue Leben, das er seit seinem körperlichen „Tode‟ begann, würde
den 50jährigen Strindberg zu einem geistigen „Tode‟, dem Wahnsinn,
geführt haben, wenn er sich nicht auch vor dem errettet hätte, indem er
1897, 98 in einem neuen Band seiner Lebensgeschichte, in „Inferno‟ und
„Legenden‟, sich noch einmal von seinem Leben befreite.

Dem 50jährigen, der den leiblichen Tod wie den geistigen Tod überwunden
hatte, konnte nichts mehr etwas anhaben: mit erhabener Ruhe schilderte
er dann 1902, 03 sein früheres Leben „Zu Zweien‟ und sein jetziges
Leben als „Einsamer‟.

So sind Strindbergs autobiographische Schriften aufzufassen! Als
Testamente eines, der sterben wollte, stehen sie hoch über allem
„Skandal‟ und aller „Sensation‟. Wie Strindberg selbst als Genie eine
Ausnahme ist, so darf diese außerordentliche Lebensgeschichte nicht mit
gewöhnlichem Maß gemessen werden, sondern ist als Ausnahmeerscheinung
zu beurteilen.



DIE PARALLELEN JAHRZEHNTE IN STRINDBERGS LEBEN


Der 20jährige, bis zum _ROTEN ZIMMER_, bis 1879

  1. Religiös
  2. Nach einem Selbstmordversuch dramatische Produktion
  3. Schreibt philosophische Wissenschaft
  4. Verläßt die schwedische Heimat nicht
  5. Heiratet zum ersten Male
  6. _Das Schwedische Volk_
  7. _Das Rote Zimmer_

Der 30jährige, bis zur _LEBENSGESCHICHTE_ I-III, bis 1889

  1. Sozialist
  2. Nach dem _Roten Zimmer_ dramatische Produktion
  3. Schreibt soziale Wissenschaft
  4. Weilt fünf Jahre im Ausland
  5. Die Krisis der Ehe
  6. _Schwedische Schicksale und Abenteuer_
  7. _Die Inselbauern_

Der 40jährige, bis zur _LEBENSGESCHICHTE IV_, bis 1899

  1. Individualist
  2. Nach der _Lebensgeschichte_ dramatische Produktion
  3. Schreibt Naturwissenschaft
  4. Weilt fünf Jahre im Ausland
  5. Heiratet zum zweiten Male
  6. _Schwedische Natur_
  7. _Am offnen Meer_

Der 50jährige, bis zum _BLAUBUCH_, bis 1909

  1. Religiös
  2. Nach der _Lebensgeschichte_ dramatische Produktion
  3. Schreibt philosophische Wissenschaft
  4. Verläßt die schwedische Heimat nicht
  5. Heiratet zum dritten Male
  6. _Schwedische Historien_, _Schwedische Miniaturen_
  7. _Die Gotischen Zimmer_, _Schwarze Fahnen_



STRINDBERGS VÄTERLICHER STAMMBAUM

Nach +Paul Meijer-Granqvist+ in Stockholm.


Von seiner Herkunft schreibt Strindberg selbst: „Es gab einen alten
Stammbaum, der im siebzehnten Jahrhundert Adel nachwies.‟ Hier hat
der Dichter männliche und weibliche Abstammung vermengt; denn auf
der Schwertseite hatte die Familie kein adliges Blut in den Adern,
und der einzige Geistliche, Strindbergs Urgroßvater, Henrik, der den
Familiennamen annahm, war Bauernsohn aus dem Dorfe +Strinne+ (daher
der Name) im Kirchspiel Multrå in Ångermanland. Er war 1710 geboren
und starb 1767 als Unterpfarrer von Refsund und Sundsjö in Jämtland.
Durch ihn kommt wahrscheinlich, nach Strindbergs Worten, „die ganze
väterliche Verwandtschaft aus Jämtland, mit nordschwedischem und
vielleicht finnländischem Blut‟.

Henrik Strindberg ehelichte 1743 Maria Elisabet Åkerfelt (geb.
1725), deren Vater Hauptmann im jämtländischen Regiment war; und auf
deren väterliche Abstammung zielt wohl der Dichter mit der „alten
Stammtafel‟. Durch diese Mutter seines Großvaters stammt der Dichter
in der Tat von ihrem Urgroßvater ab, Johan Olofsson zu Rajkull, der
1646 geadelt wurde und den Namen Åkerfelt erhielt „für seine dem
König Gustav Adolf und dem Reichskanzler Oxenstjerna geleisteten
Dienste; außerdem dafür, daß er bei der Grenzkommission in Estland
und dem Burggericht auf Schloß Reffle (Reval) von Nutzen gewesen‟.
Dessen Sohn, Johan Åkerfelt, wurde Hauptmann bei der Garnison in Riga;
nahm 1682 seinen Abschied, als er einen Hof, Tulina, am Newafluß zu
Lehen erhielt; auf diesem Hof wohnte er bis 1702, da er, nach der
Familienüberlieferung, genötigt wurde, mit seinen Kindern auf einem
Boot zu entfliehen, weil die Russen seinen Hof und die Saat auf dem
Felde plünderten. Mit seiner Frau, Sabina Wolff, Tochter eines Kapitäns
bei der Adelsfahne, hafte er einen Sohn, Zacharias (geb. in Riga 1682),
der sich als tapferer Krieger unter Carl XII. bekannt machte. Nach dem
Ende des großen Unfriedens erhielt dieser den Charakter als Major,
nahm seinen Abschied und starb 1754. Während er zu Wismar in Garnison
lag (1713, nach der Schlacht bei Gadebusch), gewann er als Braut eine
Tochter des Dr. med. Martin Scheffel, der einem alten geachteten
Patriziergeschlecht in Wismar angehörte.

Zacharias Åkerfelt und Maria Elisabeth Scheffel hatten außer der
Tochter, die durch ihre Heirat mit Henrik Strindberg die Stammmutter
der Familie Strindberg wurde, mehrere Kinder (das adelige Geschlecht
Åkerfelt starb indessen bereits mit einem Enkel 1836 aus), aber von
diesen interessieren uns hier nur zwei: der Sohn Gotthard Wilhelm
Åkerfelt zeigte dieselben künstlerischen Anlagen wie sein Oheim
mütterlicherseits, der Porträtmaler Johan Heinrich Scheffel, und ward
ein zu seiner Zeit beliebter Porträtmaler. Der Bruder Kari Åkerfelt
wieder wurde ein vermögender Seidenfabrikant in Stockholm.

Das interessiert uns insofern, als es dieser Åkerfelt gewesen sein
dürfte, der die Schwesterkinder Strindberg aus Jämtland zu sich
nach Stockholm nahm, als ihr Vater 1767 verschied und die meisten
von ihnen noch unmündig waren. Von den Töchtern verheiratete sich
die eine zuerst mit einem Händler Arengren zu Stockholm, dann mit
dem bekannten Juristen Johan Holmbergsson, und wurde in letzter Ehe
Mutter des originellen +Malers+ Johan Holmbergsson, der auf den
Straßen von Stockholm einherging in „Hut, Stiefeln und Rock, die denen
Carls XII. gleich waren, und mit einem Stab in der Hand, der dem der
Veleda selbst glich‟. Er schrieb und sprach sogar das Schwedische
des 16. Jahrhunderts! „Schwedischen Schicksalen und Abenteuern‟
widmete er seinen Zeichenstift und seinen Pinsel, wie sein Verwandter
August Strindberg einige Dezennien später seine Dichterphantasie.
Unzweifelhaft war auch wohl Johan Holmbergsson „ein Stück von einem
Dichter‟.

Die beiden Priestersöhne Strindberg, Henrik und Zacharias, ließ der
Oheim mütterlicherseits, der Seidenfabrikant Karl Åkerfelt, Kaufleute
werden; der erste endete als Seidenfabrikant in Borås (wo es vielleicht
noch Nachkommen von ihm gibt), der letzte als Kolonialwarenhändler in
Stockholm. Dieser letzte, Zacharias, geboren 1758, gestorben 1828, war
des Dichters +Großvater+ und eine merkwürdige Persönlichkeit. Nicht
nur, weil er eines der hervorragendsten Mitglieder der Stockholmer
Bürgerschaft war, das im „Militärkorps der Bürgerschaft‟ es sogar
zum Stadtmajor brachte, sondern noch mehr durch die literarischen
und künstlerischen Interessen, die er mit seinen Verwandten, dem
Schwestersohn Holmbergsson, dem Onkel Gotthard Wilhelm Åkerfelt,
dem Großonkel Scheffel gemeinsam hatte. Bei dem alten Stadtmajor
fanden diese Interessen ihren besonderen Ausdruck in einer alles
verschlingenden Leidenschaft fürs Theater. Unter seiner Leitung sah der
bekannte „Aurora‟-Verein den Tag (1815), der dann nahezu anderthalb
Jahrzehnte unter seiner Großmeisterschaft stand, bis zu seinem Tode
1828, und dafür sorgte, daß der Geschmack des bürgerlichen Stockholm
für Dramatik befriedigt wurde. Ja, der Herr Stadtmajor unterließ es
sogar nicht, selbst die Feder zu ergreifen und das Repertoir mit
„schwedischen Originalschauspielen‟ zu versorgen, wenn diese auch mehr
von gutem Willen als von dramatischer Begabung und Bildung zeugen.

Stadtmajor Strindberg, der zugleich Freimaurer war, trug den
Seraphinenorden und die Pro-Patria-Medaille und führte ein gastfreies
fröhliches Haus. 1793 mit Anna Johanna Neijber verheiratet, hatte
er zwei Söhne, Ludwig und Oskar, sowie eine Tochter, die 1822 den
bekannten „suecisierten‟ englischen Erfinder und Philantropen Samuel
Owen heiratete, den Vorgänger John Ericssons in der Schöpfung und
Entwicklung der Dampferflotte.

Beim Tode des Stadtmajors 1828 und noch etwa anderthalb Jahrzehnte
befand sich die Familie in großem Wohlstand. Indessen veränderte sich
die geschäftliche Konjunktur. Owen mußte seine Faktorei verkaufen und
sein Eigentum an seine Bürgen abtreten; auch seine Schwäger Strindberg
verloren beinahe alles, was sie besaßen.

Gerade in dieser schweren Zeit kam der Dichter zur Welt (1849). Die
Familie zeigte indessen, daß sie Schneid besaß. Besonders erwies sich
die Dampferkommission, der sich August Strindbergs Vater widmete, als
ein gutes und lohnendes Geschäft, das noch heutigentags von seinem
zweiten Sohn Oskar geführt wird, der, 1847 geboren, zwei Jahre älter
als der Dichter ist. Der älteste Bruder wieder ist Beamter in der
Lebensversicherungsgesellschaft Nordstern, und ist als Orchesterleiter
bei der Oper tätig gewesen -- die Familie hat immer musikalische
Interessen gehabt. Eine Schwester ist in Stockholm verheiratet mit dem
Gymnasialprofessor Dr. v. Philp; eine andere mit Hartzell in Norrköping.

Von den Kindern des Oheims väterlicherseits müssen wieder genannt
werden die Großhändler I. O. und A. G. Strindberg, von denen der letzte
ein gutes Geschäft in Flaggentuch u. dgl. betreibt; beim ersten ist
auch etwas von der literarischen Art, die den Vetter so berühmt gemacht
hat. Der Großhändler I. O. Strindberg ist nämlich ein sehr produktiver
Gelegenheitsdichter (Signatur meist Occa). Bekannt ist auch, daß einer
seiner Söhne, Nils Strindberg, dem Namen neue Sympathien verschafft
hat, indem er sich mutig an die Seite Andrées stellte, als dieser
durch seine Ballonfahrt zum Pol ein neues Blatt zu den „Schwedischen
Schicksalen und Abenteuern‟ fügen wollte.



Druck von Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.


FUSSNOTEN:

[1] 23 Jahre brauchte Strindbergs „Sohn einer Magd‟, um eine zweite
Auflage zu erreichen; inzwischen war der Dichter ein ganz Anderer
geworden!

[2] Strindberg schrieb dies 1886.

[3] „Die Familie Benoiton‟, Schauspiel von Sardou (1865).

[4] Remond de Sainte Albine schrieb 1747 „Le Comédien‟, den Lessing
1754 in der „Theatralischen Bibliothek‟ übersetzte.

[5] Vergleiche Strindbergs Luther-Drama.



Anmerkungen zur Transkription

Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
Korrektur.


S. 220

  ihr männliches Äußere.
  ihr männliches Äußeres.

S. 232

  die naturwissenschaftliche Philisophie
  die naturwissenschaftliche Philosophie

S. 247

  weder sich selbt noch andere.
  weder sich selbst noch andere.

S. 262

  Um sein laienhaftes Äußere
  Um sein laienhaftes Äußeres

S. 324

  daß er keine Verantantwortung besizt.
  daß er keine Verantwortung besitzt.

S. 349

  Eine Zeitlang bildete Iss eine einzige Gesellschaft
  Eine Zeitlang bildete Is eine einzige Gesellschaft

S. 361

  eine gewises Blamage
  eine gewise Blamage





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