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Title: Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. - Zwei Erzählungen
Author: Külpe, Frances
Language: German
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[Illustration: Cover]



Philipp Reclams

Universal-Bibliothek.


Bis Oktober 1911 sind =5340= Nummern erschienen.

=Jedes Werk ist einzeln käuflich.= -- =Preis 20 Pfennig die Nummer.=

Ein vollständiges Verzeichnis ist durch jede Buchhandlung gratis zu
beziehen.


Neueste Erscheinungen:

    5321--23. =Bücher der Naturwissenschaft= herausgegeben von
      =Professor ~Dr.~ Siegmund Günther=. 10. Band. =Robert Geigel, Die
      Wärme.= Mit 4 Tafeln und 32 Zeichnungen im Text. Geb. 1 Mk., in
      Leder- oder Pergamentband 1.75 Mk.

    5324. =Rich. Voß=, Amata. -- Liebesopfer. Zwei antike Erzählungen.
      Geb. 60 Pf.

    5325. =Heinrich v. Kleist=, Penthesilea. Trauerspiel. In vier
      Aufzügen =für die Bühne= eingerichtet von =P. Lindau=.

    5326. =Franz Michael Felder=, Liebeszeichen. Eine Erzählung aus
      dem Bregenzerwald. Mit dem Bildnis des Verfassers und einer
      Einleitung von =Martin Bilgeri=. Erste Buchausgabe.

    5327. =Musiker-Biographien.= 30. Bd.: François Frédéric Chopin. Von
      =Else Redenbacher=.

    5328. =Karl von Holtei=, Dreiunddreißig Minuten in Grüneberg oder
      Der halbe Weg. Possenspiel in 1 Aufzug. Mit einer Musikbeilage.

    5329. =Fritz Friedmann-Frederich=, Meyers. Schwank in 3 Aufzügen.

    5330. =Hans Land=, Ja -- die Liebe! Und andere Novellen. Mit dem
      Bilde des Verfassers und einer Einleitung v. =C. W. Neumann=.
      Geb. 60 Pf.

    5331--35. =Reichsversicherungsordnung= nebst =Einführungsgesetz=.
      Textausgabe mit Einleitung und Sachregister. Herausgegeben von
      =Geh. Regierungsrat Sanftenberg=. In Tascheneinband 1.25 Mk., in
      Ganzleinenband 1.50 Mk.

    5336. =Frances Külpe=, Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei
      Erzählungen.

    5337. =Erläuterungen zu Meisterwerken der Tonkunst. 22. Band.=
      Richard Strauß: Der Rosenkavalier. Komödie für Musik in drei
      Aufzügen. Geschichtlich, szenisch und musikalisch analysiert, mit
      zahlreichen Notenbeispielen von =Max Chop=.

    5338. =Luise Algenstaedt=, Frau Rübezahl und andere Novellen.

    5339. =Wilhelm Wolters=, Leander im Frack. Schwank in 3 Aufzügen.

    5340. =Josef Willomitzer=, Eine Nacht im Mittelalter und andere
      Geschichten. Mit dem Bildnis des Verfassers und einer Einleitung
      von =~Dr.~ Robert Reinhard=. Geb. 60 Pf.


=Einband-Decken= in Ganzleinen zur Universal-Bibliothek (dieselben wie
zu Reclams Miniaturausgaben) ohne Titeldruck in 9 Größen, für Bände im
Umfang von 5, 8, 12, 16, 20, 25, 30, 35 u. 42 Bogen, sind für je 30 Pf.
durch alle Buchhandlungen zu beziehen.



    Der Silbergarten.

    Der Stein des Pietro.

    Zwei Erzählungen

    von

    Frances Külpe.

    Leipzig

    Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.



Der Silbergarten.


Das Abendlicht lag mit einem rötlichen Schimmer über den weiß
verschneiten Parkbäumen. Durch die hohen Fenster des Herrenhauses
leuchtete es nachdenklich und klar in das Kinderzimmer hinein.

An den weißen Wänden saß im Halbkranze eine zahlreiche Gesellschaft
stocksteif und winzig auf kleinen Stühlchen und starrte mit
teilnahmlosen Glasaugen in die Mitte des Raumes.

Hier ging etwas Seltsames vor.

Ein kleines weißgekleidetes Mädchen mit aufgelöstem Blondhaar schwang
sich mit feierlicher Anmut in einem Tanze, den es offenbar selbst
erfunden hatte, vor dem Puppenpublikum hin und her.

Bald glitt es in gebückter Haltung, die Händchen weit hinter sich
gestreckt, mit wunderlichen, schleichenden Bewegungen langsam vorwärts,
bald stand es auf den Zehenspitzen und hob die schmächtigen Arme in
einer verzückten Gebärde zur Zimmerdecke empor, bald drehte es sich,
wie zu einer getragenen Musik, langsam um sich selbst -- endlich blieb
es stehen, wie erstarrt, das lange Haar wie einen goldenen Schleier mit
den Händen fassend, die es auseinandergebreitet hielt, die verträumten
Augen ernsthaft vor sich hin gerichtet.

»Das war der Sonnentanz!« sagte die Kleine leise. »Habt ihr auch
ordentlich zugeschaut?«

Die steifen, rotbäckigen Puppengesichter mußten wohl genickt haben,
denn mit einer hoheitsvollen Bewegung hob die kleine Sibylle den Arm
und sprach: »Wenn ich einmal gestorben bin, dann werdet ihr nicht
trauern, das nutzt gar nichts -- aber da ich nun doch eure Königin bin,
so sollt ihr mir ein Denkmal setzen. Weiß muß es sein, ganz schneeweiß,
aus Marmor, wie Großmama eins hat, und darauf muß mit goldenen
Buchstaben stehen: Demut und Gerechtigkeit. Habt ihr's gehört? Hebt
also den rechten Arm und versprecht es!«

Wie ein Feldherr, der Umschau über seine Truppen hält, kreuzte sie die
Arme über der Brust, runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück.

Dann nickte sie herablassend und gnädig.

»Ich will euch aber auch eine gute Königin sein, solange ich lebe, und
niemandem werde ich unser Geheimnis sagen -- auch nicht Arno.«

Hierbei krauste sich die klare Kinderstirn wieder nachdenklich, ja fast
schmerzlich -- aber ruhig wiederholte das kleine Mädchen: »Nein, auch
nicht Arno, nur dann, wenn er ... euer König sein will.

Und jetzt -- seid gehorsam, schwatzt nicht und zankt euch nicht. Geht
artig zu Bett und schlaft bald ein. Dann sollt ihr auch morgen den
Schneetanz zu sehen bekommen.«

Die Tür ging auf und eine zarte Frau trat ein. »Mit wem redest du denn
da, Silly?«

Die Kleine lief der Mama freudig entgegen. »Mit meinen Puppen, Mama.
Ich muß sie noch zu Bett bringen.«

»Ich wollte dir etwas Hübsches sagen, Kind. Arnos Eltern reisen in der
nächsten Woche nach Italien, und solange sie fortbleiben, kommen Arno
und Elisabeth zu uns mit ihrem Hauslehrer. Nun, freust du dich denn
nicht?«

»Elisabeth auch?« fragte Sibylle ein wenig gedehnt. »Arno allein wäre
hübscher. Elisabeth ist immer so ... so schrecklich langweilig.«

»Aber, Silly!« sagte die Mutter mit leisem Tadel, »die Kinder werden
unsere Gäste sein -- und gegen Gäste ist man immer sehr liebenswürdig.
Komm jetzt mit nach unten, du sollst Arnos Mama begrüßen.«

Freifrau v. Wolf-Rüdinghausen fuhr nervös zusammen, als die Tür sich
öffnete und die Gräfin mit Sibylle am Arm in den Salon trat. Ihre Augen
lagen tief in den Höhlen, ihre Züge waren scharf und gespannt; jetzt
verklärten sie sich zu einem erfreuten Dulderlächeln.

Das Kind hatte sich zärtlich an die Mutter geschmiegt und sah dem Gast
mit einem frischen Glanz in den Augen erwartungsvoll entgegen.

»Ich freue mich sehr auf Arno und ... Elisabeth!« sagte die Kleine
artig und küßte der Freifrau nach einem schönen Knicks die Hand.

Während sich die Damen über den näheren Termin unterhielten, an dem die
Kinder in Wangen eintreffen sollten, hörte sie aufmerksam zu. Als die
Freifrau lachend erzählte, daß Arno und Elisabeth am liebsten ihren
ganzen Kaninchenstall auf dem Nachbargute einbürgern wollten, schlug
Sibylle die durchsichtigen grauen Augen bittend zu ihr auf.

»Ach ja, erlauben Sie es doch! Und Arnos Reitpferdchen lassen Sie doch
mitkommen, Tante Marga, bitte!« sagte sie leise. »Er wird sich doch
langweilen ohne sein Pony.«

Die Freifrau warf der Gräfin einen amüsierten Blick zu. »Mein Arno hat
eine tapfere Fürsprecherin in Silly,« sagte sie wohlgefällig. »Wenn die
Kinder doch nur künftig ebenso zusammenhielten wie wir Erwachsenen!«
fügte sie mit einem schmerzlichen Seufzer hinzu. »Wissen Sie auch,
Liebe, daß mein Mann sich mit dem Gedanken trägt, Rüdinghausen zu
verkaufen?«

Ihre eingesunkenen Augen füllten sich mit Tränen. Scharf zeichnete sich
unter der blaßgelben Haut der feine Backenknochen.

»Nein -- davon habe ich kein Wort gehört.«

»Es ist so -- leider!« erwiderte die Freifrau wehmütig. »Arno soll aufs
Gymnasium, ich unter die Obhut der Ärzte und vor allem -- meinen Mann
zieht's nach Berlin. Nun, hoffentlich findet sich sobald kein Käufer!«
schloß sie mit einem leichtsinnigen Lächeln, das sie sehr verjüngte,
»denn unter uns gesagt, Beste, die Männer lieben es, ihren eigenen
Wünschen das Mäntelchen eines Opfers für die Gattin umzuhängen. Gott,
ich fühle mich ja eigentlich ziemlich wohl -- das böse Husten, das sich
im Frühjahr immer regelmäßig einstellt, das werde ich auch in Berlin
behalten.«

»Sillchen, geh jetzt nach oben zum Fräulein,« sagte die Gräfin
freundlich.

Das Kind, das in den letzten Augenblicken ganz blaß geworden war,
verbeugte sich und bog den Kopf zurück, um sich von der Freifrau auf
die Stirn küssen zu lassen, dann glitt es aus dem Zimmer. Die Freifrau
verfolgte die zierliche Gestalt mit den Blicken.

»Was ist Ihre Silly für ein liebliches kleines Wunder!« sagte sie
enthusiastisch. »Ich war vorhin ganz frappiert, als Sie mit ihr
hereinkamen. Einen Charme hat sie, um den manche Prinzessin sie
beneiden dürfte!«

»Vor allem ein gutes, reines Herzchen, aber leider auch eine allzu
große Empfindsamkeit und -- eine Phantasie, für die es keine Grenzen
gibt. Ich freue mich von ganzem Herzen auf unsere jungen Gäste und
hoffe viel von dem gesunden Einfluß Ihrer Kinder!«

Die Freifrau erhob sich und stand lang und schmal der Gräfin gegenüber.
Sie streckte ihr herzlich beide Hände entgegen. »Nochmals vielen,
vielen Dank!« sagte sie bewegt. »Auch in Fritzens Namen. Und Ihrem
Gatten die schönsten Grüße. Auf Wiedersehen also im Sommer, liebe
Gerda!« -- --

Es war zwei Wochen später.

»Du, Arno, ich ... ich möchte dir etwas zeigen!« flüsterte Sibylle
eines Morgens, »komm mit mir ins weiße Zimmer, aber so, daß es
Elisabeth nicht merkt, ja, willst du?«

Elisabeth saß steif und gerade vor dem Piano und spielte gewissenhaft
ihre Tonleitern.

Arno sah leuchtend von seinem Buche auf und nickte. Er war ein schöner
Knabe von etwa zwölf Jahren. Seine Züge waren regelmäßig und klar. Das
nußbraune Haar lockte sich ein wenig und fiel in die hochgewölbte weiße
Stirn. An den Schläfen spielte leicht ein zartes blaues Geäder. Ein
paar stahlgraue Augen blitzten keck über der kühn geformten Nase und
widersprachen in ihrem Ausdruck der frauenhaften Zartheit des Mundes.

Lebhaft sprang er auf, aber Sibylle hielt ihn schüchtern am Arm fest.

»Möchtest ... möchtest du gern König sein?« flüsterte sie gespannt.

Er sah sie lachend an. »Lieber schon Indianerhäuptling, aber warum
fragst du, Silly?«

Sie antwortete nicht. Über ihr schmales Gesichtchen flog eine leise
Röte. Mit leichten Schritten verließ sie das Zimmer, Arno folgte ihr
hastig.

»Wohin gehst du, Arno?« fragte Elisabeth.

Er sah sie spöttisch an. »Wohin ich will!« sagte er ungeduldig. »Du
hast nicht immer aufzupassen.«

Er lief mit Sibylle die Treppe empor. Beide Kinder traten gleichzeitig
in das Kinderzimmer.

Aufrecht an die Wand gelehnt standen Sillys Puppen in Reih und Glied.

»Das ist ja wie zu einem großartigen Empfang!« rief er lachend. »Auf
wen warten denn deine Puppen, Sillchen?«

»Auf dich ... und mich!« sagte sie leise und feierlich. »Denn ich bin
ihre Königin. Sag das aber niemand. Möchtest du nicht ihr König sein?«
fragte sie mit einem flehenden Ausdruck.

»Puppenkönig ...?« Ihm spukten noch die Indianergeschichten im Kopf
herum, aber ein Blick in ihre gespannten Züge ließ ihn die entrüstende
Zumutung sanftmütiger hinnehmen. »Nein, Silly,« sagte er endlich
ehrlich, »alles, was du willst, aber das -- kann ich nicht.«

In ihre durchsichtigen grauen Augen traten Tränen. »Du sollst ja nicht,
wenn du nicht willst,« sagte sie traurig und hing den Kopf, »aber dies
mußt du doch von mir annehmen. Es ist die liebste und kleinste, die ich
habe, und sie heißt Lady Rosalind.«

Sie drückte ihm ein gewöhnliches Zündholzschächtelchen in die Hand und
bat flehend: »Geh, geh jetzt, Arno, mach die Schachtel nicht hier auf,
bitte. Später, wenn du allein bist!«

Betroffen von dem schmerzlich-leidenschaftlichen Ton ihrer Stimme blieb
der Knabe unschlüssig stehen und sah Sibylle an.

Aber sie drängte und schob ihn zur Tür hinaus.

»Bitte, bitte geh!« flüsterte sie.

Er ging.

Auf der Treppe öffnete er das Schächtelchen. Ein winziges,
rosagekleidetes Püppchen mit einer langen seidenen Schleppe lag darin.

Wie versteinert blieb Sibylle vor ihren Puppen stehen, dann brach sie
in ein leises, trostloses Weinen aus. Bittend und demütig trat sie den
Puppen näher.

»Er will nicht euer König sein -- ich kann nichts dafür,« sagte sie
gepreßt. »Und ich weiß wohl, daß ich nun auch nicht mehr Königin sein
darf, weil ich ihm das Geheimnis gesagt habe. Die weiße schöne Frau im
Traum hatte es mir ja verboten. Nun ist's zu spät. Verzeiht mir und
lebt wohl!«

Das Puppenreich hatte seine kleine Königin auf immer verloren. -- --

Die Obstbäume standen in Blüte. Baum an Baum reihten sich die
schneebedeckten Kuppeln. Ein leichter Wind fuhr durch die weißen Wipfel
und wehte die Blütenblätter ins Gras.

Sibylle stand unter den Kirschbäumen und fing die Blüten in ihrem
Kleide auf, das sie wie ein Schürzchen hochhielt. Blüten über Blüten
fielen über sie hin, blieben in ihrem Haar hängen und rieselten leicht
zur Erde nieder.

Graf Theodor stand am Fenster und schmunzelte. »Sieh nur, Gerda,« sagte
er, »ist das nicht ein hübsches Bild?«

Langsam kam die Gräfin herbei und lehnte sich an ihren Gatten.

»Mir ist manchmal um das Kind bange, Theo,« sagte sie wehmütig.
»Sibylle ist so anders wie andere Kinder. Statt sich zu Elisabeth oder
Arno zu halten, den sie offenbar bevorzugt, geht sie immer eigene Wege.«

Graf Theodor zog die Augenbrauen hoch. »Die Exklusivität liegt ihr eben
im Blut, mag sie doch!« meinte er zufrieden. »Mir ist sie gerade recht,
wie sie ist.«

»Du verstehst nicht, wie ich's meine. Das Kind ist seelisch so zart und
verletzlich, dazu so wunderlich verschlossen -- wie wird sie das Leben
tragen können?«

»Ist sie denn etwa nicht glücklich?« forschte der Vater. Sein kluges,
hochmütiges Gesicht wurde weich.

Gerda schüttelte den Kopf. »Es gibt Seelen, so zart und keusch, daß
sie sich vor ihrer eigenen Verletzlichkeit scheuen. Wie die Bäume des
Winters kommen sie mir vor, wenn sie sich in den Rauhreif hüllen. So,
unter dieser weißen silbernen Hülle, entfaltet sich ihr stilles Wesen
und spinnt eigene leise Träume. Die Welt aber nennt sie kalt. Hast du
schon bemerkt, Theo, wie ähnlich Sibylle solchen Winterbäumen ist?«

»Meiner Treu,« sagte der Graf behaglich, »mich dünkt, sie gleicht eher
unseren Kirschbäumen. Übrigens ist dein Vergleich sehr hübsch, Gerda,
es fragt sich nur, ob er stimmt.«

»Seltsam ist auch ihre Vorliebe für alles Weiße,« fuhr Gerda fort.
»Farbige Blumen mag sie fast gar nicht, aber weißen Flieder, weiße
Rosen, weiße Nelken trägt sie sich immer behutsam zusammen.«

Der Graf stutzte. »Sieh!« flüsterte er aufmerksam.

Sibylle hatte das Röckchen voller Blüten mit einer raschen Bewegung
hochgeschnellt -- wie Schneeflocken wirbelten die Blüten um ihren
Kopf, um Haar und Arme, flogen und tanzten lustig an ihr nieder. Nun
kniete das Kind unter diesem Blütenregen ins Gras und breitete selig
die Arme aufwärts. Es war, als sähe es in den weißen Baumwipfeln eine
Erscheinung.

»Wie so 'n Elfenmädel!« brummte der Graf wohlgefällig. Energisch
pochte er an die Fensterscheibe. »Ich will sie mal fragen, was all der
Hokuspokus bedeuten soll,« sagte er mit gutmütigem Lachen.

Doch Gerda fiel ihm rasch in den Arm. »Ich bitte dich, tu's nicht!«
rief sie. »Du würdest dem Kinde die Unbefangenheit nehmen. Wenn Silly
sich beobachtet wüßte, es wär' ihr auch nicht lieb. Ich habe auch sonst
allerlei Wunderliches an ihr bemerkt,« fuhr sie zögernd fort; »neulich
als sie mir aus meinem eigenen früheren Kinderbuche vorlas, ließ sie
die Worte Demut und Gerechtigkeit in der Erzählung, die ich genau
kannte, absichtlich aus und ersetzte sie durch andere. Dabei wurde sie
blutrot, der Atem stockte ihr, und ich fühlte, wie ihr Herzchen pochte.
Was mag nur in ihr vorgegangen sein?«

»Kinderphantasien! Auch ich hab' einmal als Tertianer das Kunststück
fertiggebracht, einen Aufsatz einzuliefern, in dem kein einziges Mal
der Buchstabe r vorkam. Diese Leistung brachte mir die ungeteilte
Anerkennung meiner Klassenkameraden ein, unser Lehrer war freilich
anderer Meinung.«

»Silly ... Silly! Wo bist du?« hörte man jetzt rufen.

Arno stürmte durch den Obstpark. Er hielt einen flatternden
beschriebenen Bogen hoch.

Sibylle trat langsam unter den Kirschbäumen hervor. Der Knabe ergriff
sie bei der Hand und zog sie eifrig zu einer Bank.

Sie setzte sich ruhig. Arno warf sich der Länge nach ins Gras, stützte
die Ellbogen auf den Boden und den Kopf in die Hände. Dann begann er
ihr ernsthaft vorzulesen. Sie nickte und faltete still die Hände. -- --

Viermal hatte die Erde ihr grünes Kleid mit dem weißen vertauscht, und
wieder war es Winter. Und Jahr um Jahr gleichförmig, und dennoch im
Innersten wunderseltsam bewegt, spann sich Sibylles Leben durch die
wechselnden Jahreszeiten.

Schlanker und zarter war Sibylle geworden, verständiger und wehrloser.
Ihre durchsichtigen Augen voll feiner Schwermut sahen ernsthaft und
groß ins Weite. Ihr schüchterner junger Mund flüsterte oft heiße,
abgerissene Dichterworte vor sich hin, die sie irgendwo gelesen, deren
dunklen Sinn sie mehr ahnte als begriff. Wenn sie nachts in ihrem
kühlen Bett wach lag, regte sich ein geheimnisvolles Träumen in ihren
jungen Gliedern, und sie fühlte, daß das Leben viel, viel schöner sein
müsse, als sie es bisher gekannt.

Die Eltern nahmen sie einmal mit in die Stadt, und sie hatte
zum erstenmal eine naturwissenschaftliche Bilderfolge in einem
Kinematographen gesehen.

Wie die Raupen sich seltsam verpuppten, wie sie sich, ihrem Instinkt
zufolge, selbst einspannen in das starre graue Gehäuse, in dem
sie nun wehrlos gefangen waren, bis aus der unschönen Hülle, in
glänzender Verwandlung, fremdartig und lieblich, das geflügelte
Schmetterlingsinsekt herausschlüpfte -- das hatte Sibyllens Herz vor
Spannung und heiligem Staunen klopfen gemacht. Nun begann sie sich
eifrig mit naturwissenschaftlichen Büchern zu beschäftigen. Die Mutter
sah das gern. So würde ihr Kind aus seinem Hinträumen zu positiven
Kenntnissen geleitet.

Arnos früherer Hauslehrer, Herr Brandt, der nach Übersiedlung der
freiherrlichen Familie nach Berlin ins Haus gezogen war, unterstützte
Sibylle darin. Im übrigen hatte er sich nicht so recht an seine neue
Schülerin gewöhnt. Elisabeths eiserne Pflichttreue und ihr Ehrgeiz
waren Sibylle ebenso fremd wie Arnos leidenschaftliche Hingabe an
alles Neue. Sie lernte nicht eigentlich ungern, doch wollte es Herrn
~cand. theol.~ Tobias Brandt scheinen, als glaube die kleine Gräfin,
ihm persönlich einen gnädigen Gefallen zu erweisen, wenn sie lerne,
so völlig gleichgültig ließen sie die Ereignisse der Weltgeschichte,
die Taten, Meinungen und Dogmen der großen Männer aller Zeiten. Das
empörte Herrn Brandts Autoritätsbewußtsein. Dagegen begrüßte er das
Interesse Sibyllens an den Vorgängen der Natur mit gemischten Gefühlen.
Auf diesem Gebiet fühlte er sich nicht heimisch, auch hatte es ihn
nie sonderlich beschäftigt, und ihre ernsten Fragen setzten ihn oft
in Verlegenheit. Immerhin war es ihm eine Genugtuung, daß seine
Schülerin sich für etwas Besonderes interessierte, denn er stand nun
einmal in dem Rufe, ein anregender Lehrer zu sein, und er hätte von
seinem schwerverdienten Renommee auch nicht ein Titelchen freiwillig
hergegeben.

So wuchs Sibylle eigengeartet und fremd unter den Augen ihrer
liebevollen Eltern heran, gehütet, umhegt, halbverstanden und einsam.

Das Land lag weiß und still verschneit in fleckenloser Reinheit, wie
Sibylle sie liebte. Sie kam von einem Gange durch den Park zurück,
erfrischt und geheiligt. Da hörte sie vom Fenster her die Stimme der
Mutter, die sie rief.

Die Gräfin trat in der Vorhalle ihr entgegen, einen Brief in der Hand.
Sie ließ Sibylle, ihrer Gewohnheit entgegen, kaum Zeit, den Mantel und
die weißgestrickte Sportmütze abzunehmen. Erregt sagte sie: »Weißt du,
Kind, Arno ist todkrank gewesen.«

Sibylle blieb wie angewurzelt stehen. »Todkrank ...?« wiederholte sie.

»Ja, denke dir, eine schwere Lungenentzündung. Tante Marga muß eine
entsetzliche Zeit durchgemacht haben. Immerzu hat der Junge geredet
und phantasiert, keine Minute ist er ruhig gewesen. Elisabeth hat sich
musterhaft benommen -- wie zur Krankenschwester geboren, schreibt Tante
Marga.«

Sibyllens leicht gerötete Wangen waren blaß geworden. »Elisabeth ist ja
immer musterhaft,« sagte sie kurz.

Die Gräfin überhörte den bitteren Unterton in ihres Kindes Stimme. »Ich
will dich etwas fragen, Silly,« sagte sie zögernd; »es ist mir nicht
ganz verständlich, wie die Sache zusammenhängt -- aber ... in seinen
Fieberphantasien hat Arno immerzu von einem Versprechen geredet, das er
dir halten müsse -- was ist das für ein Versprechen gewesen?«

Sie sah Sibylle an und erschrak.

Völlig verstört stand das Kind da, sehr blaß, die Arme schlaff
niederhängend, die Augen voll eines wunderlichen, hilflosen Ausdrucks.

»Was ist das für ein Versprechen gewesen, Silly?« wiederholte Gerda
eindringlich und beruhigend. »Hast du denn kein Vertrauen zu mir?«
fragte sie nach einer Pause schmerzlich verwundert.

Sibylle zuckte zusammen. »O ja, Mama -- aber -- aber bitte, frage mich
nicht.«

Sollte es gar eine frühreife Liebesaffäre sein? dachte Gerda ängstlich,
doch nein, das ist ja nicht möglich -- solche Kinder!

Nach einer Weile sprach sie weiter: »Die andere Frage betrifft nicht
dich, doch nehme ich an, daß du etwas davon weißt: wer ist Lady
Rosalind?«

Jetzt wurde Sibylle rot wie mit Blut übergossen -- ihre Finger
krampften sich unstet ineinander, ihre zarte, lang aufgeschossene
Gestalt zitterte, sie schlug die Augen auf und zu und blinzelte, als
sähe sie in die Sonne.

»Weißt du es?«

»Ja!« flüsterte Sibylle bedrückt. Sie schien einer Ohnmacht nahe.
Flehend sah sie ihre Mutter an.

Ach, es war ja eigentlich kein Geheimnis, nur eine Kinderei -- gab es
etwas Harmloseres, als daß Arno ihr versprochen hatte, zum Zeichen, daß
er an sie denke, ein Tagebuch im Namen des rosenfarbenen Püppchens,
das Sibylle ihm geschenkt, zu schreiben? Es war dies eine ritterliche
Pönitenz, die er sich selbst auferlegt, weil er Sibylle mit seiner
Weigerung, Puppenkönig zu werden, so weh getan. Nachher hatte ihm die
Sache Spaß gemacht, und der begabte, phantasievolle Knabe fand ein ganz
ungewöhnliches Vergnügen daran, sich in die Seele einer englischen
holdseligen Lady hineinzudenken und aus dieser heraus die Welt zu sehen
und das Leben zu beschreiben. Den ersten Teil dieses literarischen
Machwerkes kannte Sibylle bereits und hatte ihn begutachten müssen.
Sollte sie das jetzt preisgeben? Nein, es war unmöglich.

»Es ... es ist nichts Unrechtes --« stotterte sie endlich mühsam.

»Das setze ich auch nicht voraus,« erwiderte die Gräfin gehalten, »aber
gerade deshalb ...«

Sibylle trat einen Schritt vor, auf die Mutter zu und hob die Arme.
»Bitte ... bitte, nicht fragen, Mama ...«

Die Gräfin wurde einen Moment irre an ihrem Kinde. Nicht ohne
Härte sagte sie kühl: »Gut, ich will nicht mehr fragen, aber du
selbst, Sibylle, vergiß das nicht, hast eine Schranke zwischen uns
aufgerichtet.«

Sie bereute sofort das gesprochene Wort. Sibylle sah sie starr an und
schwankte ein wenig, dann fiel sie still und schwer zu Boden. -- --

Ein wunderliches Innenleben, ein Traumleben, fern, still und abseits
von allem Hergebrachten, hielt Sibylle in seinem zwingenden Bann.

Sie wuchs, erblühte und wurde fast schön. Sie sah die Dinge um sich
her und sah sie doch wieder nicht. Es war, als hätte sie kein Organ
für die täglichen kleinen Geschehnisse ringsum; für den Wandel der
Natur jedoch, für den großen allgemeinen Zug allen Werdens und Wirkens,
Blühens und Vergehens hatte sie weit offene Sinne.

Sie liebte die Dämmerstunden der heißen Juli- und Augusttage, wenn
die Bäume zu horchen schienen und die Springbrunnen lauter murmelten;
sie liebte die klaren Herbstnächte mit ihrem zärtlichen Sternenglanz,
liebte die frühen Maimorgen, wenn die Obstbäume, noch betaut von der
Nacht, ihre weißen Blütenreigen spannten; vor allem aber liebte sie den
Winter, zu allen Stunden des Tages und der Nacht.

Ihr Verhältnis zu Herrn Tobias Brandt war unpersönlich geblieben wie
am ersten Tage. Pflichtgemäß lernte sie, was sie zu lernen hatte, nur
fühlte sie jetzt manchmal einen sonderbar aufdringlichen Blick aus
seinen runden blauen Augen, den sie instinktmäßig von ihrem Antlitz
wegzuwischen versucht war.

Der Sommer brütete heiß über dem Park. Die Blumen schlossen müde ihre
Kelche, der weidenumsäumte Parkteich schillerte wie aus Stahl gegossen,
und der Hauslehrer ging schwitzend und rot die Kastanienallee auf und
nieder, ein Buch in der Hand.

Sibylle sah ihn von weitem und schlüpfte an den Obstbäumen vorbei,
zwischen den Beerenhecken an ihr Lieblingsplätzchen, den Teich. Hier,
im Schutz der alten Bäume und des dichten Gestrüpps, pflegte sie
manchmal in der Dämmerung unbemerkt zu baden.

Sie zog ein Buch aus der Tasche, setzte sich auf einen alten, weit
über den Teich hineinragenden Stamm einer Weide, entkleidete ihre Füße
und ließ sie in die kühle Frische hineinhängen. In einem halbwachen
Zustande von Traum und Leben schaute sie auf die glatte, silberne
Fläche. Schwärme von Mücken tanzten im Abendsonnenschein, hin und
wieder hüpfte ein Fischlein aufwärts und zog schnell sich weitende
Wasserringe. Schweigsam und reglos, sommermüde und träumend, standen
die Bäume. Ihr war sehnsüchtig und fragend zumute. Mit scheuer Schwere
war zum erstenmal bange die Frage in ihr aufgetaucht, wer das Ich sei,
das sie als das ihre empfand -- warum war sie gerade -- sie selbst?
Woher kam sie? Wohin trieb sie? Warum mußte sie sein wie sie war?
Gehörte sie außer sich selbst, außer ihren Eltern, einem unbekannten
Reiche an, wie die Bäume und Pflanzen der Natur? Glich sie der
silberstämmigen Birke oder gar der ernsten dunklen Tanne? Konnte sie
für ihre Wesensart?

Die Fragen jagten einander in wunderlicher Hast. Sie wurde sich des
erwachten Zustandes ihrer Seele fast schmerzhaft bewußt.

Langsam begann sie ihr Blondhaar aufzulösen. Wie ein lichter
Mantel hing es weit über die Hüften nieder und verhüllte das weiße
Sommerkleid. Ein Durst nach Kühlung dehnte ihr die Glieder. Die
Schatten der Bäume waren länger geworden und senkten sich weit über das
ruhende Wasser. Sie widerstand nicht länger, rasch schlüpfte sie aus
ihren Kleidern und ließ sich in das Wasser hineingleiten.

Sibylle stand vorgeneigt und horchend im Wasser, mit einem scheuen
Ausdruck in dem schmalen Gesicht -- hatte es nicht soeben im Gebüsch
geknackt?

Das Wasser stieg ihr bis über die Knie, sie faßte ihr Haar wie
einstmals als Kind mit den Fingerspitzen und ging, sich leise wiegend,
weiter hinein. Sie mußte an ihre Puppen denken, die seit Jahren in enge
Kisten verpackt, einen totenähnlichen Schlaf schliefen. »Die Armen,«
sagte sie mitleidig vor sich hin, »das Puppenreich ist zu Ende -- kommt
jetzt ein anderes Reich ...? Ja es kommt,« flüsterte sie freudig, »ich
fühl's --« Um ihre Lippen war ein Lächeln von einer scheuen, verirrten
Seligkeit.

Wieder knackte es im Gebüsch, und sie schrak zusammen. »Ist jemand da?«
fragte sie halblaut.

Stille, Schweigen. Jetzt fiel ihr ein, daß sie schon manchmal beim
Baden gemeint hatte, jemand könnte da sein und sie belauschen.

»Wie dumm!« murmelte sie vor sich hin -- und nun kam ein Hochgefühl,
etwas wie ein Wonnerausch über sie -- sie bückte sich tief, teilte
das Wasser mit ihren schlanken Armen, ließ ihre jungen, schüchternen
Glieder von dem schmeichelnden Gewässer umkosen, glitt behutsam weiter,
hob die Arme dem verglühenden Abendhimmel entgegen und begann leise
zu summen: »Es kommt -- es kommt ... das neue Königreich kommt ...«
Ihr war töricht leicht ums Herz geworden -- vorbei alle düsteren,
sehnsüchtigen Fragen.

Unbefangen und froh wie ein Kind spielte sie dahin -- irgendeine Macht
weihte sie, sich eins zu fühlen mit der träumenden Stille, die sie
umgab, eins mit Luft und Wasser, Laub und Sonne.

Endlich hatte sie genug und warf langsam und müde ihre Kleider wieder
über.

Sie flocht sich das Haar, steckte es ruhig auf, saß noch ein Weilchen
träumend und ließ die Füße im Wasser plätschern. Ohne Eile zog sie
Strümpfe und Schuhe an, nahm ihr Buch und schritt durch die dämmernden
Schatten der Bäume wieder dem Hause zu, die Augen zu Boden gesenkt.

Da blieb sie plötzlich stehen -- verwundert, betroffen -- auf dem
Boden, etwa zehn Schritte vom Ufer, lag ein kleines rotes Notizbuch.
Sie kannte es wohl, es gehörte Herrn Brandt. Wie war es dahin
gekommen? Vorhin war es nicht dagewesen ...

Ah! Nun wußte sie. Ihr Herz tat einen ungeheuren Schlag -- alles Blut
strömte ihr ins Antlitz -- so hatte er sie belauscht ... pfui!

Ein Ausdruck unsäglichen Ekels spannte ihre Züge; sie hob das Büchlein
auf, weit ab von sich mit gespreizten Fingern hielt sie es ... endlich
pflückte sie ein großes Klettenblatt und wickelte es hinein.

Sibylle sah an diesem Tage Herrn Brandt nicht wieder.

Am nächsten Morgen um neun wartete sie wie gewöhnlich im Schulzimmer
auf ihren Lehrer. Sie sah eigentümlich blaß aus; ein Zug von einsamer
Entschlossenheit lag um ihren Mund. Die überwachten Augen waren von
dunklen Rändern umsäumt.

Herr Brandt trat geschäftig herein, begrüßte sie und setzte sich an den
Tisch.

Mit einer ihm eigentümlichen Bewegung strich er sich flott zweimal
durch das struppige Blondhaar, zupfte seine maisgelbe Krawatte zurecht,
räusperte sich, schlug das Geschichtsbuch auf und begann: »Wir waren
also bei der Verfallszeit Roms stehengeblieben. Was wissen Sie mir
darüber zu sagen?«

Sibylle sah auf ihren Schoß nieder und schwieg.

»Nun?« sagte er ermunternd, »es handelt sich um die letzte Kaiserzeit,
geben Sie mir ein Bild dieser Cäsaren. Auf Caligula also folgte wer?«

Zwei brennrote Flecken flogen wie fremde Gäste auf Sibyllens Wangen,
sie atmete schwer und preßte die Lippen fest zusammen.

Herr Brandt sah sie erstaunt an und fuhr fort: »Am 13. Oktober 54
nach Christo bestieg Claudius Nero, 17 Jahre alt, den römischen
Kaiserthron, der Sohn der Agrippina, einer Schwester des Caligula. Was
wissen Sie von Nero?«

Ein wunderliches Schweigen wie vorhin.

»Wollen Sie mir etwa nicht antworten?« fragte Herr Brandt streng.

Da hauchte sie zitternd: »Nein!«

Herr Brandt glaubte nicht recht gehört zu haben. »Wie? Sie wollen nicht
antworten? Wie soll ich das verstehen? -- Sind Sie krank?« Sein Ton war
ängstlich besorgt.

Sibylle schüttelte den Kopf.

»Nun also -- erklären Sie sich. Wollen Sie antworten oder nicht?«

Wieder ein stummes Kopfschütteln, diesmal energisch, ja heftig.

»Ja, wissen Sie, für Launen bin ich nicht zu haben,« sagte Herr Brandt
selbstbewußt; »ich will Ihnen Zeit zum Nachdenken geben.« Er legte
seine Taschenuhr auf den Tisch. »Wenn Sie mir innerhalb einer Minute
nicht sagen, was los ist, gehe ich zu Ihrer Frau Mutter und beschwere
mich -- ja!«

Eine Reihe von blitzschnellen Augenblicken jagte stürmisch vorüber.
Sibylle fühlte ihre Pulse pochen.

Herr Brandt bemühte sich gewaltsam, sie nicht anzusehen, und blickte
mit gekränkter Würde zum Fenster hinaus.

Mit einem Male sah sie von ihrem Schoß auf und sprach langsam: »Ich
werde Ihnen nie mehr antworten, Herr Brandt. Bitte ... nehmen Sie Ihren
Abschied von sich aus.«

Er fuhr zusammen, kalt überlaufen, und starrte seine junge Schülerin
an.

Da saß sie, weiß, großäugig und fein -- einen stahlharten Zug um den
Mund.

»Wa--was soll denn das heißen ...? Sind Sie -- Sind Sie ...?« Er brach
ab.

Ganz still legte sie ein grünes Etwas auf den Tisch. Aus einem welken
Klettenblatt sah sein rotes Notizbüchlein schämig hervor.

»Sie wissen schon warum ...« murmelte Sibylle tonlos. Dann stand sie
auf und glitt aus dem Zimmer.

An demselben Tage hatte Herr Brandt einen dringenden Brief von daheim
erhalten, nahm unverzüglich seinen Abschied und verließ das gräfliche
Haus. -- --

Wieder war es Winter. Der Himmel hing wie eine riesige weiße Glocke
über der silbernen Winterwelt. Die Bäume träumten schneebedeckt vor
sich hin.

Unter der Kastanienallee hervor traten zwei Mädchengestalten ins Freie.

»Ja, Sibylle, Arno macht sich, er ist in maßgebenden Kreisen ungeheuer
beliebt, die Uniform steht ihm großartig.«

»Und du, Elisabeth -- wirst du wirklich Diakonissin? Dein Vater wird
dich doch furchtbar entbehren.«

Elisabeth streckte ihre herbe Gestalt im Trauerkleide und ließ ihre
kühlen blauen Augen auf Sibylle ruhen.

»Ja, weißt du -- zum Dahinträumen haben wir keine Zeit. Seit unsere
gute Mama starb, geht jedes von uns seinen Pflichten nach. Werte müssen
wir schaffen, Nutzen bringen. Der Diakonissenberuf ist ja nicht leicht,
Demut vor allem müssen wir lernen, dann aber --« sie atmete tief auf,
»haben wir auch einen herrlichen Lohn -- Einfluß auf die Kranken und
Leidenden und ihr Vertrauen. Wir ersetzen ihnen ja auch ihre Familien
und alle, die ihnen nahestehen -- nicht?«

Sibylle schauerte in sich hinein. Weshalb hörte sie unter Elisabeths
Worten, die so gut und vernünftig klangen, einen Unterton von
Herrschsucht heraus?

»Die armen Menschen,« murmelte sie, »leiden müssen und dann noch von
denen getrennt, die sie lieben.«

»Ja, meinst du denn, daß wir unsere Kranken nicht lieben? Freilich,
die egoistische, persönliche Liebe, die auf Gegenliebe rechnet, fällt
bei uns weg. Wir müssen einen Trunkenbold, ein unappetitliches altes
Weib ebenso umsorgen, wie das liebenswürdigste junge Mädel oder
ein sympathisches Kind aus gutem Hause. Auch kommen wir kaum zur
persönlichen Anhänglichkeit, das Material wechselt ja beständig -- was
hast du, Sibylle?«

Das Wort Material hatte Sibylle einen Ruck gegeben. Jäh stand sie
still, über und über mit Rot übergossen. Ach, sie fühlte es, mit der
nüchternen, braven Verständigkeit Elisabeths konnte sie sich nimmer
befreunden.

So schleppten sich ihr die Wochen von Elisabeths Besuch mühselig
dahin. Wenn die Nachbarn nicht genug Worte des Lobes für Elisabeth und
ihre entsagungsvolle Tätigkeit finden konnten, so hörte Sibylle fast
teilnahmlos zu, denn die Wahrhaftigkeit und Zartheit ihrer Wesensart,
die durch Elisabeths Auffassung schmerzlich berührt worden war, ließ
sich weder irre machen noch beeinflussen.

Um die Frühjahrszeit erkrankte Sibyllens Vater unvermutet an einer
Lungenentzündung. Und nun war es, als habe die schlummernde Kraft in
Sibylle nur auf ein Ereignis dieser Art gewartet, um sich zu bewähren.
Sie begann den Vater mit einer Umsicht, Geduld und Treue zu pflegen,
die sie ihm unentbehrlich machte. Sie wurde der Trost und die Stütze
ihrer Mutter. Ihr Vertrauen zu seiner Genesung gab der Gräfin den
verlorenen Mut wieder; ihre Ruhe und Anmut, die ein Ausströmen ihrer
inneren Harmonie war, wirkte Außerordentliches, während sie sich nur
bewußt war, einfach ihre Pflicht zu tun.

In der Tiefe ihrer Seele lebte ein stiller Glaube, den ihr nicht der
Unterricht Herrn Brandts und nicht Bücher, nicht Angeerbtes und nicht
Erworbenes gegeben hatten, sondern der von Anfang an in ihr war -- ein
Geschenk der Gnade, das ihre Kräfte immer wieder am rechten Ort und an
rechter Stelle wach und tätig sein ließ. Sie wußte: die Welt war voller
Schönheit und Gott war gut. Es verstand sich von selbst für sie, daß
sie streben müsse, gut zu werden, und alle Forderungen der Sittlichkeit
faßte sie, wie schon unbewußt als kleines Kind, in zwei einfache
Begriffe zusammen: Gerechtigkeit und Demut. In ihrem Verhalten zu den
Menschen, deren es manche gab, die sie nicht lieben konnte, glaubte
sie Gerechtigkeit üben zu müssen, und aus dem Gefühl der Schönheit der
Dinge und dem Bewußtsein der Größe ihres Schöpfers entsprang ihr ganz
naturgemäß jene kindliche Stimmung vertrauender Ehrfurcht, die sich als
Demut zu äußern pflegt.

Das unbestimmte Gefühl ihres inneren Reichtums erfüllte sie mit
einer zuversichtlichen Ahnung kommenden Glücks. Vorbei war ihr
Kindertraum vom Puppenreich -- ein anderes, schöneres Reich schwebte
wie eine duftige Verheißung in der Ferne. Durfte ihr denn unter diesen
Vorgefühlen etwas so Schmerzliches widerfahren wie der Tod ihres
Vaters? Nein, sie wußte, ihr Vater würde und mußte genesen.

Und er genas.

Der Arzt war heute dagewesen und hatte Sibylle und ihre Mutter
beglückwünscht, und die Gräfin hatte Sibylle, die in der letzten Zeit
wenig in die frische Luft gekommen war, ins Freie geschickt.

Dämmerung lag auf dem Frühlingsgelände. Wieder standen die Kirschbäume
in Blüte und reihten sich duftig Baum an Baum. Im grünlichen Himmel
hing ein mattgoldener Mond. Sibylle zog die reine Luft ein, wandelte
unter den Bäumen, wiegte sich erleichtert in den Hüften und dachte.

Ja so -- heute war ein Brief von Elisabeth gekommen, Arno habe sich
verlobt, schrieb sie.

Sibylle hatte im Laufe des Tages nur flüchtig daran gedacht, da sie
um den Vater beschäftigt gewesen war, nun aber stand die Tatsache
plötzlich klar und sonderbar vor ihr, so als gewahre sie nach einem
langen Gang durch einen Tunnel plötzlich einen rotfarbenen Himmel, den
sie zuvor anders gesehen. Sie empfand etwas wie einen Schrecken und
schüttelte mehrmals leise den Kopf.

Nicht Wehmut, nicht Schmerz fühlte sie, nur eine Art Leere. Wie war das
nur gekommen? Und mußte es so sein? Elisabeth schrieb über Arnos Wahl
sehr befriedigt. »Ella ist sehr tüchtig,« schrieb sie, »liebenswürdig
und talentvoll. Die Beverns machen ein großes Haus, und in pekuniärer
Hinsicht ist Arno völlig gesichert.«

Wie seltsam das alles war -- gerade wie bei einem Pferdekauf! dachte
Sibylle verwundert.

Sie zog den blütenbedeckten Zweig eines Kirschbaums zu sich nieder und
versenkte ihr Gesicht in die kühlen Blüten.

Ist nicht überall Zufall? Wäre Arno in Paris gewesen statt in Berlin,
er hätte sich wahrscheinlich mit einer Französin verlobt -- und wäre er
hier in Wangen, dann -- wer weiß ...?

Sie lächelte träumerisch und schüttelte wieder den Kopf.

Unser Pastor sagt, es gebe keinen Zufall, alles sei Gottes Wille, spann
sie weiter. Wer kann das entscheiden? Nehmen wir nicht die Dinge, die
für uns viel bedeuten, zu schwer, und andere wieder zu leicht? Wenn ich
Arno auf der Straße begegnet wäre, während ich an ihn gedacht hätte, so
wäre das nichts, ein Zufall; da er sich nun aber verlobt hat, wo ich in
dieser Woche so oft in Gedanken bei ihm war, kommt mir das ungeheuer
wichtig vor -- warum? So mag er sich doch verloben -- was ist denn
weiter dabei?

Sie lachte leise, bog wieder einige Zweige zu sich nieder und ließ sie
spielerisch zurückschnellen -- die Blütenblätter regneten sanft über
sie hin.

Da legte sie die Hände ineinander und sah mit sehnsuchtsschweren Augen
ins Weite. »Ich wollte, es wäre wieder Winter,« flüsterte sie, »und ich
wäre alt, steinalt wie die weiße Trude im Armenhause. Die freut sich
wie ein Kind auf ihre Abendsuppe und über jeden Groschen. Und ich? Ich
kann mich nicht einmal freuen, wenn Arno sich verlobt. Ja, ich bin
recht schlecht.«

Und auf einmal begann sie zu weinen, hilflos wie ein Kind. Weinte sie
über ihre eigene Schlechtigkeit oder über Arnos Verlobung ...? -- --

Der Doktor hatte Sibyllens Vater eine Nachkur in einem Sanatorium
verordnet, und da der Graf sich von Frau und Kind nicht trennen mochte,
reiste man gemeinsam in eine süddeutsche Heilstätte.

Hier sah Sibylle zum erstenmal Berge. Die Pracht der schneebedeckten
fernen Gebirgszüge stand vor ihr auf -- ein schimmerndes Wunder -- und
füllte sie mit Ehrfurcht und Begeisterung. Wenn nun noch die sinkende
Sonne Kuppen und Grate in Röte und Glanz tauchte, staunte sie wie
verzaubert und wagte kaum zu atmen. Sie bedurfte keiner Beziehungen zu
neuen Menschen, um ein gesteigertes Lebensgefühl zu empfinden, ihre
Welt war von jeher die Natur gewesen und das Reich, das ihre Phantasie
sich selber schuf und bevölkerte.

Aber wie sich auch Sibylle von den Gesunden und Kranken zurückhalten
mochte, sie konnte es nicht hindern, daß ihr bewundernde Blicke folgten
und daß dieser oder jener Sanatoriumsgast merklichen Anteil an ihr zu
nehmen begann. Einmal in die eigentümliche Luft eines Genesungsheims
mit seinen vielen verschiedengearteten Insassen versetzt, mußte sie
sich der Lebensweise der Gesündesten unter ihnen anpassen, und das gab
natürlich Gelegenheit zu Berührungen.

Da waren vor allen zwei junge Leute, die ihr bei jeder Gelegenheit in
den Weg zu kommen versuchten.

Der eine war Polytechniker, ein braver, blonder Bursch, dessen blaue
Augen sich vor Innigkeit mit einem schüchternen Glanze füllten,
wenn er Sibylle erblickte. Sie brachte die rätselhaften Spenden von
Alpenveilchen und anderer Gebirgsflora, die sie morgens auf dem Flur
in ihren gesäuberten Stiefeletten zu entdecken pflegte, mit ihm in
Zusammenhang, denn er galt als tüchtiger Bergsteiger.

Der andere war Balte, ein langhaariger, düsterer Jüngling; er fristete
in München ein ärmliches Bohêmedasein und hatte es der Gunst eines
reichen Freundes zu verdanken, daß er seine angegriffenen Lungen
im Sanatorium zurechtpflegen durfte. Mit so gewöhnlichen Dingen,
wie Blumen es sind, befaßte er sich nicht, doch schien Sibyllens
Fußbekleidung auch für ihn von besonderer Anziehungskraft zu sein,
denn alle drei Tage etwa fand sie neben den duftenden Blüten ein
formvollendetes Sonett in einem ihrer kleinen Schuhe, die sie abends
auf den Gang hinauszustellen pflegte, und da Herr Bruno Treu jedesmal,
wenn sie eine poetische Gabe erhalten hatte, in ein grüblerisches Auf-
und Niedergehen verfiel, wobei er mit gerunzelten Brauen die Lippen
bewegte und skandierend den Arm hob und senkte, so bedurfte Sibylle
keines besonderen Scharfsinns, um in ihm den Urheber jener Verse zu
erraten.

Übrigens waren diese Sonette keine Liebesgedichte, weit gefehlt. Sie
bezogen sich teils auf die schönsten und lautersten Dinge der Natur,
auf Quell und Strom, die Gebirgswelt und die weite Ebene, teils auf
die erhabensten Gefühle der Menschenseele. Immer aber brachten sie ein
künstlerisches, höchst empfindliches Schönheitsgefühl zum Ausdruck, und
nur wie ein Hauch zog sich eine Stimmung von Sehnsucht und verhaltener
Leidenschaft durch sie hin.

Sibylle wurde unter diesen ungewohnten Huldigungen, die die jungen
Leute mit Ausdauer und Eifer fortsetzten, fast ein wenig übermütig,
ohne jedoch etwas von ihrer Zurückhaltung zu verlieren.

An einem sonnigen Morgen war Sibylle nacheinander ihren beiden
heimlichen Verehrern im Sanatoriumsparke begegnet.

Irgendein Schalk hüpfte ihr in den Nacken, rasch trat sie auf den
Polytechniker zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen
herzlich für Ihre schönen Gedichte, Herr Weber,« worauf der arme Junge
mit puterrotem Kopf stotterte:

»Aber, Komtesse, die ... die sind ja gar nicht von mir -- ich ... ich
habe mir ja nur erlaubt, Ihnen die Blumen ...«

Sibylle lachte hell auf. »Aber Ihre Blumen sind ja auch Gedichte, nur
in einer anderen Sprache geschrieben. Vielen schönen Dank, Herr Weber.«

Als sie um die Wegbiegung schritt, traf sie den Balten, der mit
schwungvoller Miene vor sich hinredete. Als er Sibylle sah, ruckte
er zusammen und machte ihr eine ausdrucksvolle Verbeugung. Sie blieb
stehen, sah ihn an und lächelte schelmisch.

»Es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Herr Treu, mich mit den
köstlichen Blumen zu bedenken. Tausend Dank!«

»Blumen ...?« Der Poet starrte sie wild an. »An den Blumen bin ich,
weiß Gott, unschuldig, wenn Sie aber, gnädigstes Fräulein, meine Verse
für Blumen zu nehmen geneigt sind, so habe ich nur zu danken!«

Von nun an änderte sich das Bild. Sibylle fand jetzt Verse, die in
hergebrachten Reimen hergebrachte Gefühle schüchtern zum Ausdruck
brachten, und Wiesenblumen, ungeschickt zusammengestellt und in solcher
Menge, daß ihre Schuhe bis in die Spitzen hinein damit vollgepfropft
waren. Die Verehrer hatten ihre Rollen getauscht, und die Beteiligten,
Sibylle mit eingeschlossen, befanden sich im Nachteil dabei.

Wie das so oft im Leben zu gehen pflegt, daß die Mühen einzelner
Personen nicht gewertet werden und andere, die sich nach keiner
Richtung besonders hervorgetan haben, ihnen den Rang ablaufen, so
geschah es auch hier zum Kummer der beiden Liebenden.

Sibylle lernte einen Offizier kennen, der mit Arno in einem Regiment
diente und sofort allein dadurch ihr Interesse erweckte. Freiherr
v. Zur-Linden, ein hagerer, überschlanker Leutnant mit aufgewecktem
Gesicht und treuherzigen blauen Augen, wurde oft mit Sibylle von den
unglücklichen Nebenbuhlern erspäht, wenn er im Gespräch mit ihr die
Parkgänge auf und nieder wandelte.

Sibyllens Interesse wuchs, als sie hörte, daß er auch Arnos Braut
kannte. Er mußte ihr von Ella Bevern erzählen. Und er erzählte so
geschickt, daß seine Schilderungen stets ein unausgesprochenes
Kompliment für seine Zuhörerin enthielten.

So hatten sich die beiden jungen Menschen einander unwillkürlich
genähert, doch wie unbefangen und ruhig auch Sibylle blieb -- der
Leutnant hatte sich trotz seines wohlgezügelten Temperaments über Hals
und Kopf in sie verliebt. Sie trafen einander wieder und wieder. Er
kannte die Wege alle, die Sibylle zu wandern liebte, und er stellte
sein Wild wie nur ein geübter Jäger. An einem heißen Sommertage trat
er ihr aus einem Boskett entgegen, in das sie sich vor der Schwüle des
Tages mit einem Buche zurückziehen wollte.

Er sah hagerer und leidender aus denn je.

»Ist Ihnen heute nicht gut, Herr von Zur-Linden?« fragte Sibylle
teilnehmend.

»Seit einem Augenblick geht's mir ausgezeichnet.«

Sie sah in sein gequältes Gesicht, und ihr wurde weh zumute.

»Ich habe mich oft gefragt,« begann er leise und entschlossen, »ob das
Interesse, das Sie meinem Kameraden Wolf-Rüdinghausen schenken, nicht
so stark ist, daß es anderen Empfindungen hinderlich sein könnte.«

Es schien, als habe er sich diesen Satz wohl einstudiert.

Sibylle war blaß geworden. »Ich verstehe nicht,« sagte sie verwirrt,
»ich ... es ist nur eine Kinderfreundschaft, ich habe Arno seit seinem
dreizehnten Jahre nicht wieder gesehen.«

»Bei Ihrer Veranlagung, Komtesse -- es gibt Tiefen, die ein
gewöhnlicher Sterblicher nicht zu ermessen vermag --«

Das junge Mädchen zuckte zusammen und schlug die Augen nieder. »Ich
weiß nicht ...« murmelte sie hilflos, »bin ich denn --?«

»Sie sind eigenartig, einzig -- wie im Traum leben Sie Ihr Leben dahin
-- wie eine geheimnisvolle Blume -- und dennoch wissen Sie, was Sie
wollen.«

»Was ich will?« wiederholte Sibylle und sah ihn mit erschreckten
Kinderaugen an, »ich will ja nichts Besonderes -- nur in meiner Art
sein, in meiner Art -- leben --, das tut doch ein jedes,« setzte sie
etwas kühner hinzu, mit einem zarten Lächeln, das über ihre Züge
hinrieselte.

»Ihre Art zu sein, ist mir heilig, Sibylle --« er stockte, »soll mir
heilig sein bis ans Ende, wenn Sie, o Sibylle, sprechen Sie nur ein
Wort, sagen Sie, daß Sie mir ein wenig gut sind, daß Sie mein Kleinod,
meine Frau sein wollen!«

»Ihre ... Frau?«

Ihre Augenwimpern zitterten, ihr Gesicht zuckte. Sie schüttelte kaum
merklich den Kopf und sah mit starren Augen vor sich hin. »Ich bin
Ihnen recht gut,« flüsterte sie, »aber das, das -- kann ich nicht.«

Er trat einen Schritt zurück. »Ich wußte es ja!« sagte er schwer.

Sibylle kam ihm näher und legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm.
»Bitte, bitte, seien Sie mir nicht böse ... aber nicht wahr, was man
nicht aus vollem Herzen tun kann, das soll man nicht. Ich bin Ihnen
herzlich gut wie einem Kameraden, mehr ist nicht in mir und --« Sie
brach in ein leises, kummervolles Weinen aus. -- --

Einige Tage später saß Sibylle allein in dem efeuumrankten Boskett,
grübelte und sann. Der Leutnant war in der Morgenfrühe ohne Abschied
abgereist. Die poetischen und Blumengaben waren seltener geworden.
Scheu und vorwurfsvoll suchten die beiden bekümmerten Jünglinge die
schöne Ursache ihres Leides zu meiden. Sibylle kam sich auf einmal frei
und erleichtert vor, und doch ...

Der Laubeneingang verdunkelte sich. Ein altes Fräulein, das Sibylle
gern mochte, auch eine Rekonvaleszentin, hüstelte und trat ein wenig
näher. »Störe ich Sie nicht, mein liebes Kind?«

Sibylle war aufgesprungen. »O nein ... bitte.«

Die alte Dame setzte sich neben sie und streichelte zärtlich ihre
Hände. »Ja, ja,« sagte sie dabei und nickte, »ja ja.« Ihre weißen
Lockenwickel zitterten. »Ich habe Ihnen auch einen Gruß zu bringen --«

»Von Leutnant Zur-Linden?« fragte Sibylle.

Die alte Dame nickte wieder und fuhr fort, die jungen Mädchenhände zu
streicheln. Ihre zarte Art griff Sibylle ans Herz. Gedämpft und voll
eines plötzlichen Vertrauens, das sie sich nicht zu erklären wußte,
begann sie zu sprechen.

»Es ist so unbegreiflich, so schmerzlich ...« murmelte sie stockend in
die heiße Sommerluft hinein, »man will doch niemandem wehe tun und tut
doch wehe. Da kommen sie und bringen einem Blumen und Verse und sind
betrübt und enttäuscht und reisen ab, wo es für ihre Gesundheit gut
wäre, die Kur zu Ende zu brauchen, und quälen sich und andere ...«

Das alte Fräulein nickte wieder und sah sie gütig an. »Ist es denn
eine so schwere Last, Liebe zu erwecken? Ja ja, ich verstehe, wenn man
selbst nicht --«

»Ja!« rief Sibylle, »und ach, ich weiß nicht ... vielleicht kann ich
überhaupt nicht ... ich muß doch sein, wie ich bin!«

»Sie haben Ihr eigenes Leben und Ihren eigenen Maßstab, Kindchen, da
haben Sie recht. Aber das Leben liegt noch vor Ihnen, und es kann gut
und schön werden so oder so. Wir Alten -- wir sind über all das hinaus;
für uns haben sich die goldenen Tore des Lebens geschlossen, was wir
sehen, wenn wir zurückblicken, ist wie Traum und Schatten, auch das
Leid, das wir erlebt haben. Wie in einem winterlichen Silbergarten
stehen wir, bereifte alte Bäume, und schauen nach innen und träumen und
warten ...«

»Ach ja!« seufzte Sibylle, »so gerade, so ist mir's auch, das kenn' ich
so gut.«

»Sie ...?« Die alte Dame sah sie grübelnd an und lächelte mild. »In
unseres Herrgotts Garten wachsen verschiedene Bäume und Blumen,« sagte
sie leise. »Jedes hat sein Recht und seine Art, da läßt sich nichts
dreinreden. Es gibt Blumen, die nur einmal blühen, aber zum Blühen und
zur Vollendung soll ein jedes kommen, früher oder später. Sieh da --
Sibylle, ist das nicht Ihre Mutter, die Sie sucht?«

Sibylle trat vor den Laubeneingang und schaute hinaus. Die Gräfin stand
an der Biegung eines Parkweges, hielt die Hand über die Augen gebreitet
und spähte umher. »Sibylle!« rief sie.

»Ja, Mama, ich komme!« Dann eilte das junge Mädchen noch einmal in die
Laube zurück, beugte sich über die Hand der alten Dame und küßte sie.
»Ich danke Ihnen.« -- --

Nach Zur-Lindens Abreise gestaltete sich das Verhältnis der Eltern
zu Sibylle liebevoller als je. Sie hatte der Mutter offen von
seinem Antrage erzählt. Glaubte das Ehepaar, seinem Kinde für den
jugendlichen, sympathischen Verkehr, der mit Zur-Linden verloren
gegangen war, einen Ersatz bieten zu müssen, oder war den Eltern bewußt
geworden, daß sie Sibylle schwerlich lange für sich allein würden
behalten dürfen, kurz, das Zusammenleben der drei war von erquicklicher
Harmonie und Innigkeit.

Auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Wie ein kostbares Kleinod, das
fremden Augen nicht preisgegeben werden durfte, hüteten und wahrten
diese drei Menschen den Schatz ihrer gegenseitigen Liebe und ihres
Verständnisses füreinander.

Der Graf hatte für Sibylle als Überraschung daheim ein
Jungmädchenzimmer von auserlesener Zartheit herrichten lassen, das
Sibylle bewundernd ihr Silberparadies nannte. Es war in der Tat ein
solches. Silberweiß die Wände und weißlackiert die Möbel, selbst die
Bücher im zierlichen Schrank waren in weißes Leder gebunden. Duftige
Fenstervorhänge und eine schwere, weißseidene Portiere schlossen diesen
festlich-anmutigen Raum vor der übrigen Welt ab.

Hier stand Sibylle oft träumend an einem der Fenster und blickte in die
Winterpracht hinaus. Im Frühjahr, Herbst und Winter, wenn die Bäume
noch nackt aufragten, konnte sie von ihrer Höhe einen See erspähen,
der wie ein unheimliches Auge in den grauen Wolkenhimmel emporstarrte
oder an schönen Tagen die Bläue des Himmels glitzernd widerspiegelte.
An diesen See knüpfte sich eine Sage: alle zehn Jahre, hieß es, müsse
er sein Opfer haben, und Sibylle erinnerte sich, als Kind von einem
blinden Manne gehört zu haben, der beim Überschreiten des Eises
eingebrochen und ertrunken war. Jenseits des Sees lag ein Gutshof, in
den jetzt das Glück eingekehrt war. Die älteste Tochter des Freiherrn
v. Wrede hatte sich verlobt.

Der gesellschaftliche Verkehr beschränkte sich hauptsächlich auf diese
Familie Wrede und den alten Pastor, der Sibylle konfirmiert hatte, und
dem sie herzlich zugetan war.

Wenn der verwitwete alte Herr mit dem klugen, ehrwürdigen Gesicht
ins Schloß kam, war's immer eine Freude für Sibylle, und die beiden
pflegten sich in einer Art zu unterhalten, die an das Gespräch mit dem
greisen Fräulein im Sanatorium erinnerte. Pastor Büttner behauptete oft
der Gräfin gegenüber, er erbaue sich an der Weise Sibyllens, die eine
stille Naturfrömmigkeit zum Ausdruck bringe, mehr als an den frommen
Redensarten seiner anderen Gemeindeglieder.

»Lieber Herr Pastor,« sagte Sibylle einmal nachdenklich, »warum
fürchten die Menschen den Tod, da er doch nur ein Übergang ist? Sterben
wir nicht alle viele Male, wenn wir aus einem Zustande in einen anderen
übergehen? Stirbt nicht die Natur, um zu leben? Ich weiß nicht, wie es
kommt, aber ich fühle mit dem Wasser, wenn es langsam zu Eis erstarrt;
mir ist, als sei ich mitten unter den absterbenden Herbstblättern, und
ich bin auch wieder in den jungen treibenden Knospen -- ich fühle mich
als sie, und mir ist, als wüßten alle diese Dinge viel mehr und als
seien sie viel weiser als wir Menschen.«

Der alte Geistliche wiegte den grauen Kopf, sah das junge Mädchen
sinnend an und sagte sanft: »Sie denken mit dem Herzen, Sibylle, und
darum sind Sie reich -- wie die Kindlein, derer das Himmelreich ist.
Aber warum meinen Sie, daß die Dinge weiser sind als wir?«

»Sie widerstreben nicht, sie tun, was die Jahreszeit von ihnen will und
ihre eigene Art,« antwortete Sibylle. »Wir Menschen aber, wir wollen
uns nicht fügen -- das ist ja auch manchmal sehr schwer,« fügte sie
entschuldigend mit einem verirrten Lächeln hinzu.

Im Laufe dieses Winters ward Sibylle von seltsamen Träumen heimgesucht,
die sich ihr mit außerordentlicher Deutlichkeit einprägten.
Insbesondere war es ein immer wiederkehrender Traum; sie sah ihm mit
einem Gefühl von Unruhe, ja Angst entgegen, weil er immer, in derselben
ihr unbekannten Gegend anhebend, sich mit wenigen Veränderungen
abspielte und ihr ein schweres Wehegefühl hinterließ. Sie stand in
einer hohen Felsschlucht, auf einer schwebenden Brücke, unten kochte
der Gebirgsbach, oben sah der freie Himmel hinein, und zu beiden Seiten
wand sich die Schlucht in einen finsteren Grund weiter. Neben ihr, auf
der Brücke, stand ein Mann in einem dunklen, faltigen Mantel, und sie
hörte ihn die Worte sprechen: »Natur und eine geliebte Menschenseele --
welch ein wundervoller Zusammenklang!« Dann aber, wie sie sich nach ihm
umsah, war sie allein auf der Brücke, und unten in der tosenden Tiefe
sah sie sehnsüchtige Hände, die nach ihr langten und sie nicht fassen
konnten. Und es war ihr, als seien es die Hände ihrer Eltern. Sie
sprach zu niemand von diesem furchtbaren Gesicht. Die Worte des alten
Fräuleins fielen ihr ein: »Was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist
nur Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt.« War nicht auch
Traum und Schatten, was man vor sich sah? Sibylle wußte es nicht.

Inzwischen begann man sich zur Hochzeit Selma Wredes zu rüsten.
Da Sibylle Brautschwester sein sollte, so gab das eine angenehme
Geschäftigkeit. Immer wieder fand die Gräfin etwas an den Toiletten zu
verändern und zu vervollkommnen. Schneiderinnen bekamen alle Hände voll
zu tun, und auch die Gräfin fand noch eine wehmütige Freude daran, sich
selber zu schmücken. Botschaften gingen über den See hin und her.

Endlich war alles, wie man es sich wünschen konnte, und strahlend
in Heiterkeit und Anmut, trat die Mutter am Hochzeitsmorgen Selma
Wredes in Sibyllens Stübchen. Wie erschrak sie, als sie ihr Kind mit
dunkelumränderten, fiebrigen Augen im Bett sitzen sah.

»Sibylle, was ist?«

»Ach, Mamachen, nichts von Bedeutung, aber ich fürchte, ich werde
das Fest nicht mitmachen können, ich habe die ganze Nacht durch
Halsschmerzen gehabt.«

Bestürzt beugte sich die Mutter zu Sibylle nieder und faßte ihre Hände.
»Du fieberst ja, Kind!«

Sibylle lächelte, bog sich zurück und küßte die Hand ihrer Mutter.
»Nein, küsse mich nicht, Mama, ich könnte dich anstecken --
wahrscheinlich nur eine gewöhnliche Halsentzündung.«

Der Arzt ward geholt und bestätigte Sibyllens Annahme. Die Sache sei
durchaus nicht gefährlich, natürlich aber dürfe die Komtesse nicht
ausfahren.

Nun wollte auch die Gräfin zu Hause bleiben, aber Sibylle ließ ihr
keine Ruhe, das würde Selma doch zu sehr enttäuschen. Sie bat und
flehte, bis ihre Mutter endlich nachgab und auf das Fest zu gehen
versprach. Vor Sibyllens Augen ließ sich die Gräfin von der Jungfer
ankleiden, obwohl ihr die Freude an dem Tage gänzlich verdorben war.

»Was habe ich noch für eine schöne, junge Mama!« sagte Sibylle zärtlich
mit feucht glänzenden Augen -- »wie heller Flieder bist du, laß dich
von allen Seiten anschauen! Und Väterchen soll sich auch präsentieren!«

Betrübt nahmen die Eltern Abschied, und Sibylle horchte angestrengt auf
die verhallenden Schlittenglocken.

Eine halbe Stunde etwa mochte vergangen sein, als Sibylle von einer
grauenvollen Unruhe befallen ward. Unheimlich kroch eine Angst, die
sie sich nicht zu erklären vermochte, über ihre Glieder und schüttelte
sie. Von Schauern durchrieselt, warf sie sich in ihrem Bett hin und
her, ächzend richtete sie sich auf, langte mühsam nach einem Schal,
hüllte sich hinein und starrte verloren vor sich hin. Was sie empfand,
war nahezu Verzweiflung -- warum? weshalb? Sie wußte es sich nicht zu
erklären. Ich bin doch kränker als ich glaubte, dachte sie; gut, daß es
Mama nicht gemerkt hat!

Vor Erschöpfung schlief sie endlich ein.

Als sie erwachte, war es heller Tag. Sie griff erschreckt nach der
Glocke, um dem Mädchen zu klingeln. Es war doch unerhört, daß sie
die Rückkehr ihrer Eltern verschlafen hatte! Aber kaum schrillte
der Glockenton durch das Haus, als im Zimmer nebenan ein erregtes
Flüstern hörbar wurde -- Sibylle vernahm ein Huschen, ein unterdrücktes
Räuspern, die Tür ward aufgeklinkt, der weiße Vorhang beiseite
geschoben, und vor ihr stand der alte Pastor.

Er sah feierlich und so blaß aus, daß Sibylle ihn entsetzt anstarrte.

»Lieber Herr Pastor -- was ist ...« flüsterte sie.

Der alte Mann trat näher, setzte sich auf ihr Bett und nahm ihre beiden
Hände. Er mußte reden. Nie war ihm eine Aufgabe so jammervoll schwer
geworden.

»Mein liebes Kind,« murmelte er, »Gott der Herr muß wohl unbegreifliche
Dinge mit Ihnen vorhaben, Geben und Nehmen liegt in seiner Hand --
liebe Sibylle -- er helfe Ihnen in Ihrem Leide ... Ihre Eltern sind
beide ...«

»Tot --?« flüsterte Sibylle erstarrt.

Der Pastor beugte sein greises Haupt und brach in Tränen aus, er
zitterte vom Kopf bis zu den Füßen.

Sie saß da in ihrem Bett wie zusammengebrochen, den Kopf kraftlos
gebeugt, die Augen halb geschlossen, totenblaß. Alles um sie herum
schien zu kreisen. Es war, als habe sie einen Schlag vor die Stirn
bekommen wie ein zum Töten bestimmtes wehrloses Tier.

»Tot ...« murmelte sie mit irrem Lächeln, »tot -- Herr Pastor, nein,
das ist ja nicht möglich -- ein böser Traum ... sagen Sie, daß es nicht
wahr ist, bitte, bitte, Herr Pastor ...«

Sie sprach wie im Schlafe mit einer kleinen, zerbrochenen Stimme, die
fremd und wunderlich klang.

Als der Pastor schwieg, malte sich ein steinernes Grauen auf ihren
Zügen, der Kopf sank tief auf die Brust nieder, und flüsternd fragte
sie: »Der See ...?«

Der alte Mann nickte nur, dann fiel er vor dem Bett in die Knie, rang
die Hände hoch empor und begann laut zu beten: »Herr, hilf deinem
Kinde! Herr, sei deinem Kinde barmherzig und gnädig, Herr, gib Kraft zu
tragen ...«

Scheu hob er das Haupt und sah Sibylle an.

»Ertrunken ...« murmelte sie abwesend, »ertrunken -- zuviel, zuviel --«

Sie ächzte leise auf, stieß einen furchtbaren, durchdringenden Schrei
aus und fiel vornüber, bewußtlos.

       *       *       *       *       *

Die ersten Wochen nach dem entsetzlichen Ereignis vergingen dumpf
wie ein lastender Traum. Sibylle war in einen Zustand teilnahmloser
Schwäche geraten, aus dem sie nichts, weder die zärtliche Hingabe der
Wredeschen Familie, noch die liebevolle Fürsorge ihres geistlichen
Freundes zu reißen vermochte. Die Baronin Wrede war für einige Tage
ganz zu Sibylle hinübergezogen; eine ältere Verwandte, ein Fräulein v.
Trebnitz, hatte man aus Berlin herbeidepeschiert zur Pflege Sibyllens
und zur Leitung des Hauswesens. Unter ungeheurem Zudrang der nahen und
ferneren Nachbarschaft waren die Leichen, die man aus dem See gezogen
hatte, in der Familiengruft beigesetzt worden. Nur der alte Kutscher
allein hatte sich gerettet. In dem Moment, als der Coupéschlitten
einbrach, war er halb besinnungslos vor Schrecken ins Wasser geglitten.
Die stolpernden, bäumenden Pferde hatte er zuvor noch zurückreißen
können, hinter sich aber hatte sich das Coupé plötzlich gesenkt --
ein Krachen, Bersten, Auseinanderklaffen und eiskalte Fluten Wassers
-- als er wild um sich greifend, eine Eisscholle gepackt hatte, war
alles verschwunden, versunken. Geschrien hatte er wie ein Wahnsinniger
-- einen Pferdekopf hatte er noch einen Moment gesehen, dann nichts
mehr. Laut weinend erzählte er den furchtbaren Hergang und nahm sofort
seinen Abschied. »Ich könnte ja der Komtesse nie mehr unter die Augen
treten,« sagte er, »obwohl ich ja bei Gott keine Schuld habe. Noch tags
zuvor bin ich ja mit dem Lastschlitten, den Möbelkisten, die unsere
Herrschaft der Baroneß Wrede geschenkt hatte, über dieselbe Stelle
gefahren, und die Kisten waren wahrhaftig schwerer als das leichte
Coupé. Da hat der Teufel seine Hand im Spiel gehabt -- ich kann das
Unglück nicht begreifen!«

Es verhielt sich in der Tat so, wie der alte Mann ausgesagt hatte.
Untersuchungen und Vernehmungen ergaben die Richtigkeit seiner
Behauptungen. Man mühte sich, die Ursache des Unglücks in einer
verstärkten Strömung des Unterwassers zu erklären, die durch
außerordentliche Herbstregengüsse hervorgerufen sein könne und
vielleicht das unterseeische Strombett eines durchziehenden Flüßchens
verändert habe; man erschöpfte sich in Hypothesen und Vermutungen --
die ältesten Bauern aber schüttelten düster die Köpfe und meinten,
der See habe nun wohl auf zwanzig Jahre Ruhe, da er mit einem Male
zwei Opfer gefordert -- daß es aber die liebe, gütige Herrschaft habe
treffen müssen -- das sei bitter hart.

Daß Sibylle zur Beisetzung ihrer Eltern nicht hatte zugegen sein
können, empfand man als ein Glück für sie. Es war auch ein Glück, daß
sie die lieben, entstellten Züge nicht mehr gesehen hatte. Täglich
regnete es von allen Seiten Erkundigungen und Nachfragen, und täglich
konnte Fräulein v. Trebnitz nur dieselbe trübe Antwort finden: »Immer
noch völlig teilnahmlos.«

Sibylle war wie ein gebrochenes Rohr. Still, blaß und wie bewußtlos lag
sie viele Stunden, ohne sich zu rühren, mit geschlossenen Augen und
nahm gehorsam Stärkungsmittel und Nahrung zu sich mit einem gemurmelten
Danke. Arzt und Pastor kamen täglich, verhandelten flüsternd
miteinander und mit Fräulein v. Trebnitz, und verließen bekümmert das
Haus.

»Sie sollte sich doch einmal aufraffen können,« meinte die ältliche,
spitznasige Verwandte seufzend und schüttelte ergeben in fremdes Leid
den dünnen, graubezopften Kopf. »Wo bleibt denn das Vertrauen zu
unserem Herrgott?«

»Man muß ihr Zeit lassen; eine so zarte Seele wie die ihre, die sich
die Erleichterung des Aussprechens versagt, braucht mehr Zeit als
andere!« murmelte der alte Pastor weich. Im geheimen wünschte auch er
schmerzlich, Sibylle möge ihren Trost dort suchen, wo er ihn selbst
gefunden: im Glauben und im Gebet.

Und eines Tages, als er wieder bei ihr saß und sie wie immer liebevoll
nach ihrem Befinden gefragt hatte, hob Sibylle mühsam den Kopf aus den
Kissen, sah ihn mit einem scheuen, langen Blick an und streckte ihm
eine abgezehrte Hand entgegen.

»Sie sind so gut und geduldig, mein lieber alter Freund, viel zu gut
sind Sie, und ich ...« Sie schwieg, ein wundes Zucken rann über ihr
Gesicht.

»Und Sie ...?« fragte der alte Herr gespannt.

»Ich habe vor, sehr undankbar zu sein,« sagte Sibylle matt, »und Sie
alle zu verlassen -- ich kann es nicht mehr ertragen, in meinem Heim zu
leben wie früher -- zu schwer, zu entsetzlich ist das. Fort will ich --
irgendwohin, in den Süden, in die Berge, wo es -- so anders ist. Ich
will Wangen verkaufen und nie, nie mehr wiederkehren ...«

»Wangen -- verkaufen?« Der Pastor starrte sie entsetzt an.

»Ja ... kann ich denn hier leben? Sagen Sie selbst, Herr Pastor, wo
alle Dinge tausend Augen haben und mich so weh anstarren --« Schnell
und leise sprach sie weiter: »Fort, fort muß ich um jeden Preis -- in
die Berge, in die Stille, in den tiefen, einsamen Winter hinein, wo
niemand mich kennt, niemand fragt, niemand weiß. Dann will ich sehen,
was mir zu lernen not tut -- nicht vergessen, Herr Pastor, o nein, nur
mich selbst finden, wenn ich -- anderen -- etwas sein kann.«

Der alte Mann seufzte tief auf und schwieg. Hatte er sich früher in
den hellen, glücklichen Tagen an Sibyllens Weise gefreut, so erschien
ihm jetzt ihre Art fremd. Die Kinder des Glaubens pflegten sich
Schicksalsschlägen gegenüber zu beugen mit Weinen, mit Beten, mit
Reue und Selbstanklagen, mit Flehen um Trost und Gnade, oder aber
sich aufzulehnen mit Empörung, Trotz und Hader. Sibylle aber duldete
schweigend wie eine gebrochene Blume, und da, wo man es am wenigsten
erwartete, da handelte sie. Er empfand, daß er wenig von ihrer Seele
wußte, so gut er sie auch zu kennen geglaubt. Ihre Natur zog sich still
und stolz in sich selbst zurück und wich einfach aus, wo sie sich
gebunden und gehemmt fühlte, ohne sich über sich selbst zu äußern.

»Wen Gott der Herr liebt, den züchtigt er,« sagte er leise.

Sibylle schlug die durchsichtigen Augen zu ihm auf und sah ihn
schmerzlich an. »Es ist ja gleich,« flüsterte sie, »ob wir leiden oder
uns freuen -- im letzten Grunde kommt es darauf nicht an für unsere
Seele, so schwer auch das Leiden ist, nur wir selbst müssen wir zu
bleiben suchen und die Wege gehen, die uns dazu führen.«

Es lag eine Art schmerzlicher Stille über ihrem schmalen Gesicht, wie
sie bei Menschen erscheint, die sich zu einer läuternden Wahrheit
durchgerungen haben.

»Dürfen wir aber die Aufgaben verlassen, in die uns Gott hineingesetzt
hat?« fragte der alte Herr zögernd, von ihren frühreifen Worten
betroffen.

»Wenn uns eine Wahl bleibt -- ich glaube ja. Ich muß innen gesund
werden, ehe ich an Aufgaben denken kann, und das kann ich nur allein
und fern von hier.«

»Sie sind ja noch so jung, Sibylle -- wenn Sie später anders
dächten ...«

»Ich bin mündig, Herr Pastor. Bitte, seien Sie gut und veranlassen Sie
meinen Vormund, Baron Klaus Wrede, morgen zu mir zu kommen. Ich muß
alles mit ihm besprechen.«

Sibyllens Entschluß, abzureisen und das Stammgut ihrer Eltern zu
verkaufen, rief eine allgemeine Mißbilligung hervor. Baron Klaus Wrede,
ein Freund ihres Vaters und der Vater Selmas, ein Mensch von strengen
Grundsätzen, widersetzte sich mit Entschiedenheit ihren Wünschen.

Der stattliche Herr mit dem Wallensteinkopf wurde fast ausfahrend.
Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen saß er Sibylle gegenüber und
räusperte sich bei jedem Satz, den er mißmutig hervorstieß.

»Ahem, nein, Sibylle, solche Auffassungen kann ich nicht begutachten,
da verlangen Sie zuviel -- wie? was? Wangen verkaufen? Das geht denn
doch nicht, Kindchen, hm.«

Sibylle sah ihn durchdringend an. »Ich muß darauf bestehen!« sagte sie
sanft.

Er fuhr auf, sich während des Sprechens immer mehr und mehr ereifernd.
»Hm, was verlangen Sie? Ich kann das nicht verantworten. Reisen Sie
denn in Gottes Namen, aber so wie es für eine Dame Ihres Standes
schicklich ist, mit Begleitung. Ich will meinetwegen den Verwalter Berg
hersetzen, das ist ein ordentlicher Mensch, und Ihnen halbjährlich
eine Summe hinaussenden -- aber -- verkaufen? Ne -- wäre ja Unvernunft,
Kindchen!«

Gequält schloß Sibylle die Augen. »Ich reise allein,« murmelte sie,
»weil ich muß, gleichviel, was die Leute denken, und Wangen möchte ich
verkauft haben ...«

Baron Klaus wurde blaurot. Mühsam beherrschte er sich. »Nach zwei
Jahren wollen wir uns wieder darüber aussprechen,« sagte er kühl. »Wenn
Sie dann noch auf Ihrem Willen bestehen, hm, dann ja, meinetwegen.
Aber das sind so kranke Ideen, man verkauft doch nicht ohne weiteres
ein Prachtgut wie Wangen; Ihre Eltern, die hier gewirkt und gearbeitet
haben, wären schwerlich damit einverstanden gewesen!« schloß er wieder
zornig.

Er hatte mit Härte das schroffste Argument hervorgeholt, das ihm zu
Gebote stand. Nun war er selber darüber erschrocken.

Sibylle schwieg lange. Endlich sagte sie einfach: »Das ist keine
Laune, Baron Klaus. Wenn meine Eltern wüßten, wie es in mir ist, sie
würden mich verstehen und meinen Wunsch billigen. Man kann auch -- an
Überwindung -- zugrunde gehen,« hauchte sie, blaß wie eine Sterbende.

Es blieb Baron Wrede nichts übrig, als ihr zu willfahren.

So reiste denn Sibylle an einem trüben Märztage nach Süden, von den
guten Wünschen und kritischen Prophezeiungen ihrer nachbarlichen
Freunde begleitet. Fräulein v. Trebnitz besonders fühlte sich tief
verletzt, sie konnte es nicht fassen, daß ihre junge Verwandte ihre
Gegenwart so offenbar scheue und meide.

Wohin Sibylle sich wenden wollte, wußte sie selber kaum, es trieb sie
nur fort von den tausend Augen der Dinge im heimatlichen Hause, die ihr
Glück und ihre Qual angesehen hatten und kannten.

In ihrem Coupéabteil saß sie endlich allein und rang die schmalen
Hände, die sich wie weiße Blütenblätter von dem Schwarz des
Trauergewandes abhoben.

»Ich wollte ja niemand wehe tun,« flüsterte sie und weinte leise vor
sich hin, »und ich habe es doch getan, weil niemand weiß, wie ich
leide. Niemand, niemand weiß ...« wiederholte sie und sah starr vor
sich hin, »und ich bin daheim viel einsamer als allein.«

Als sich der Wagen allmählich zu füllen begann, glitt mancher
neugieriger Blick über die junge Fremde hin, die versunken dasaß, das
leibhaftige Leid, und niemand wagte es, sie anzureden. Wie Rauch und
Ruß hingen die Wolken dunkel und niedrig am Himmel und zogen langsam
vorüber. Städte, Dörfer und Ortschaften tauchten auf, verschwanden.
Müdigkeit und Trauer wiegten Sibylle traumhaft in einen zeitlosen
Zustand von innerer Tiefhörigkeit. Zwischen Möglichkeiten, halb
verhüllten Reichtümern, seltsamen Offenbarungen und unbekannten
Hoffnungen schwebte ihre Seele wie ein taumelnder Schmetterling über
bunte Wiesen ...

Ich muß wieder leben lernen, sann sie, leben lernen ... als ich ein
Kind war, da lebte ich ... ich hatte meine Puppen lieb und Arno und
Mutter ... jetzt will ich die Berge lieben. Lieben -- lieben muß ich
etwas außer dem Unsichtbaren ...

Die Großstadt Berlin, eine rauhe Wirklichkeit, riß sie aus ihren
Träumen. Sie empfand jedoch mit einer flatternden Freude, daß etwas
Neues und Bedeutsames über sie gekommen sei. Der Lärm, das Tosen der
wechselnden Bilder hatte nur auf einige Zeit vermocht, ihren seelischen
Zustand zu überdecken. Die Gewißheit dessen, was sie wollte, trat
wieder unversehrt und klarer in ihr hervor. Und als sie auf dem Wege
nach München von einigen Mitreisenden laut die Schönheit der Tiroler
Dolomiten rühmen hörte, beschloß sie in sich, dorthin zu ziehen.

Von nun an handelte sie wie nach inneren unbekannten Gesetzen,
planmäßig und überlegt. Die Großartigkeit des Hochgebirges versetzte
ihr immer wieder den Atem. Ja, hier in dieser stolzen Schneeeinsamkeit,
in dieser winterlichen Ruhe, angesichts dieser steinernen Riesenwunder
mußte sie Frieden, mußte sie sich selbst finden.

Sie scheute keine Mühe. In einer Talschlucht, die von beiden Seiten
mit dunklen, aufklimmenden Tannenzügen bewachsen war, nahm sie bei
einfachen Bauersleuten Quartier auf einige Tage und erbat sich deren
Rat und Hilfe. Die ältliche Bäuerin war eine prächtige Frau. In ihrer
biederen, schnellerfassenden Art hatte sie bald heraus, was das
blasse junge Blut wollte -- einen Herzenskummer überwinden. Da tat es
nichts zur Sache, daß sie die Trauerkleidung ihres Gastes mit einem
verlorenen Liebsten in Zusammenhang brachte. Sie umgab Sibylle mit
der derbfreundlichen Sorgfalt, die durch ihre Ehrlichkeit wohltat,
und verletzte sie nicht durch aufdringliches Ausfragen. Ihre beiden
Söhne, den Jockel und den Franzl, schickte sie in die umliegenden
Gastwirtschaften und Sommerhäuser auf Kundschaft aus, und so kam es,
daß sie Sibylle eines Tages mit freudestrahlendem Gesicht begrüßte,
die Hände in die breiten Hüften gestemmt, lachend wie eine runde, gute
Sonne.

»Die Buabn han schon was Guats g'funden, Freili.«

»Wo denn, Mutter Walser, ist's weit?«

»Sell schon, aber guat ischt's.«

So stieg denn Sibylle in Begleitung der beiden Burschen auf mühsamen
verschneiten Pfaden durch einsame Wälder aufwärts und fand sich endlich
vor einer seltsam geformten Burg. Ein paar alte Leute hausten als
Kastellane darin und waren von den Besitzern befugt, einen Teil der
Räume an Fremde zu vermieten.

Die Burg stand keck und wuchtig hoch über dem Dorfe auf einer
Bergkuppe; dicht darunter lag eine Gastwirtschaft mit mehreren
Gehöften, wo Sommerfrischler einzukehren pflegten. Ein dunkler
Gebirgsbach brodelte mit steilem Gefälle an den vereisten weißen
Ufern vorüber, überschlug sich und tanzte jäh zu Tale nieder. Was
aber Sibyllens Freude zum Entzücken steigerte, war ein ausgedehnter,
parkartiger Wald von Tannen und Lärchenbäumen, der die Rückseite der
Burg erhellte, da er in ein silbernes Prachtgewand gekleidet war.
Hoch, hoch darüber stiegen, unnahbar und fern, schroffe Gesteinswände,
türmten und zackten in königlicher Majestät ihre Zinken wolkenwärts.

Sibylle beschloß sofort, hier zu bleiben. Das war es, was sie gesucht
hatte.

Eine Zimmerflucht der alten Burg war in gutem Zustande, da die Besitzer
ab und zu einmal einen Sommer hier zu verleben pflegten. In den
letzten Jahren aber, so erzählte die greise Kastellanin, lebten die
Herrschaften da unten in Italien, denn ihr Sohn sei länger krank, und
die Familie wolle sich nicht von ihm trennen. »Machen Sie es sich nur
bequem, gnädiges Fräulein,« sagte die saubere alte Frau knicksend;
»es ist durchaus nicht gesagt, daß Sie bloß Ihre zwei Zimmer benutzen
dürfen. Uns Alte wird es freuen, mitten in der harten Winterwelt ein
junges Blut in den dunklen Räumen zu sehen. Ein Klavier ist auch zur
Verfügung,« setzte sie ermutigend hinzu, »und drüben in der Kapelle
haben wir ein Harmonium. Früher hat mein Alter darauf gespielt.«

So richtete sich denn Sibylle häuslich ein. Sie packte ihre Bücher
in den weißen Lederbänden aus und ordnete sie auf den geschnitzten
Regalen. Sie stellte die Bilder ihrer Eltern, des alten Pastors und
ein Kinderbild Arnos auf einen Ecktisch, die Photographie ihres
heimatlichen Hauses ließ sie tief unten im Boden ihres Koffers ruhen.
Sie versank in den dunklen Möbeln, stand oft wie verzaubert vor den
hohen Bogenfenstern und schaute in das Wunder von Tiefeinsamkeit und
Bergesfrieden hinaus. Oder sie ließ träumerisch eine Melodie auf dem
alten Klavier erklingen, und niemand störte sie in ihrem Tun und Lassen.

Wenn des Morgens lebendiger Hauch den lockeren Schnee von den Bäumen
wehte, wenn das junge Licht purpurn durch die Tannen blinkte, wenn
der Felsen Wolkenzinken im goldenen Flammenstrahl erblitzten, und
wenn der Silbermond sein sanftes Licht flimmernd über das reißende
Gewässer streute und die ganze Welt in seinen keuschen Mantel hüllte --
dann weinte wohl Sibylle vor Weh und Lust, und sie kam sich vor wie
verwunschen und verzaubert. Das Leben aber schien ihr schmerzlich süß
und lebenswert.

Es kamen aber auch Tage, wo die Wälder wimmerten, ächzten und
erzitterten und der Sturmwind heulend um die einsame Burg fuhr, Tage,
an denen die Welt erstorben dalag wie verpackt in dichte weiße Tücher,
in unablässig wandernde Schneeflockenwände, wo ein banges Gefühl
Sibyllen übermannte, und es ihr war, als gehe sie am Leben vorüber.
An solchen Tagen wanderte sie ruhelos durch die dunklen braunen
Schloßräume wie ein Gefangenes und gedachte des fernen, verwaisten
Heims mit bitteren Tränen. Wie unbestimmt und lückenhaft aber auch die
Erkenntnisse auf sie einströmten, die die Einsamkeit und das Schweigen
ihr zuflüsterten -- Erkenntnisse waren es dennoch, und sie füllten ihre
trauernde Seele mit Stille und Frieden.

Es machte sich allmählich von selbst, daß man die Fremde drunten in
der Gastwirtschaft und den zerstreuten Gehöften ringsum kannte. Wenn
die junge zarte Gestalt in den Trauerkleidern an den Kindern und
Erwachsenen vorüberwanderte, grüßte man sie freundlich. Sie kannte
schließlich die verschiedenen kleinen Resis, Vronis, Seppls und Tonis
bei Namen, und obwohl sie selten mit ihnen sprach, hatte sie doch ihre
Lieblinge unter ihnen. Als die Kastellanin eines Tages seufzend von der
schweren Erkrankung eines kleinen Mädchens sprach, faßte sich Sibylle
ein Herz, stieg den Berghang hinab, klopfte an die Tür der Bauersleute
und fragte nach der kleinen kranken Resi.

Man ließ sie eintreten. Das hübsche blonde Kind lag in seiner
Wandbettlade in hitzigem Fieber und ächzte. Vater und Mutter standen
ratlos dabei.

»Dreie sein uns scho wegstuorben -- d' Hals geht dem Resele so vial
zua!« klagte weinend die Frau.

Sibylle faßte die heißen Kinderhände, richtete das Kind auf, bat um
einen Löffel und ermöglichte es, der Kleinen in den entzündeten,
verschwollenen Rachen zu schauen.

Sie sah beruhigt auf. »Es ist nur eine schlimme Halsentzündung liebe
Frau,« sagte sie lächelnd, »das habe ich selber vielmal durchgemacht
und bin doch immer wieder gesund geworden. Jetzt wollen wir dem Resele
einen Halsumschlag machen, und nachher komm' ich wieder und bring'
ein Gurgelwasser, und wenn sie's artig nimmt, soll sie was Schönes
geschenkt bekommen. Gelt, Resele, du willst doch gesund werden?«

Sibyllens liebe Art weckte Vertrauen. Als sie fand, daß die Leute ihre
Verordnungen nicht richtig einhielten und das Fieber des Kindes durch
übermäßige Stubenwärme und erhitzenden Wein steigerten, bat sie sich
aus, die Kleine auf ihre Weise pflegen zu dürfen, und blieb halbe Tage
bei den Hubersleuten. Sie hatte den schönsten Erfolg, das Dirnchen
genas, das Vertrauen der Umgebung war ein für allemal gewonnen. Man
wandte sich auch in anderen Krankheitsfällen an sie, und da Sibylle
einsah, wie wenig erfahren sie sei, ließ sie sich medizinische
Handbücher kommen und begann sich gründlich mit diesen Dingen zu
beschäftigen.

Eine Tätigkeit war gefunden, ohne daß sie sie gesucht hatte. Mit dem
gleichen Vertrauen begannen sich die Leute auch in schweren Fällen an
sie zu wenden. Sie lernte es, Notverbände bei Quetschungen und Wunden
aller Art anzulegen, und wo sie nicht Rat wußte, da schickte sie zum
Arzt. Bald war auch die weitere Umgegend ihres Lobes voll, und die
Leute kamen aus dem Dorf, um sich Rats bei ihr zu erholen.

Ein schmerzliches Mitgefühl mit allem, was lebte und litt, beseelte
sie, und mit ihrem stillen Wirken wuchs auch eine eigene Ruhe und
gesammelte Stimmung in ihr und breitete einen seltsamen Schimmer über
ihr Wesen.

Allmählich begannen die Wälder von Vogelstimmen zu hallen, die
Bäche brausten wilder von den Bergen, erwärmend ruhte die Sonne
auf Wiesen und Auen und lockte das feine Grün hervor, und auch in
diese hohen Regionen zog der König Frühling. Wie lebte da Sibylle
mit den knospenden Blüten und Blättern, wie freute sie sich an
den silberglänzenden Wiesen, wo das taubedeckte Gras schüchtern
hervorsproßte, wo hin und wieder ein farbiges Blümchen fromm-verwundert
in den blauen Himmel blickte, umgaukelt von eifersüchtigen
Schmetterlingen und Bienen -- wie von neuem staunte sie das heilige
Wunder alles Werdens an! Liebte sie auch den Winter um seiner herben
Reinheit willen mehr als die übrigen Jahreszeiten -- ein Frühling im
Hochgebirge war etwas Berauschendes, und die alten steinernen Riesen
hüllten sich noch immer in ihre Schneemäntel, das hatten sie nun einmal
vor der Ebene voraus, und Sibylle liebte sie um so mehr dafür.

Wie kurze, grelle Visionen flogen oft die Bilder ihres jungen Lebens
an ihr vorüber. Jene Zeit war die glücklichste gewesen, da sie, ein
fröhlich-ernstes Kind, über ihrem Puppenreich gewaltet hatte. Wie ein
Traum leuchtete der Sommerabend vor ihr auf, als sie in grenzenlos
gesteigertem Lebensgefühl und seliger Ahnungen voll im Bade von
ihrem Hauslehrer belauscht worden war. Hernach die Erkrankung ihres
Vaters, Arnos Verlobung -- wie war das alles schon lange her -- und
die unruhige Zeit im Sanatorium. Warum hatte ihre frohe Ahnung nicht
gehalten, was sie versprochen? Lag das nicht auch an ihr? Aus dem
Reiche der Kindheit war sie leise, leise in das Reich der Jugend
hinübergeglitten, und tottraurige, furchtbare Dinge hatte sie erlebt.
Wer hinderte sie aber nun, sich ein eigenes, stilles Reich zu schaffen,
ein Reich, da sie herrschte durch Liebe und durch Dienen?

Und Sibylle schrieb an ihren Vormund, sie befinde sich wohl und bereue
ihren Auszug nicht, sie bitte ihn jedoch, ihr die Kisten mit ihren
alten Puppen senden zu lassen.

Um Pfingsten bereitete sie sich ein Fest. Wo Kinderaugen lachten,
wurden sie groß und strahlend vor Entzücken: Sibyllens alte Puppen
fanden Eingang in die engen Bauernstuben und brachten ein wenig
Märchentum und Poesie und viel Glückseligkeit mit hinein. Sich
selbst aber hatte Sibylle am seligsten beschenkt: Für die vergebenen
Puppen gewann sie sich die Kinderherzen. Wo sie an den Bauernhäusern
vorüberging, grüßten sie zutrauliche, glänzende Kinderaugen, und das
»schiane Freili« stand, ehe sie's selber wußte, mit beiden Füßen in
einem holden, sonnigen Reich der Liebe.

Aber Liebe erlegt Pflichten auf, und Herrschen ist nur ein versetztes
Dienen. Das mußte Sibylle an ihrem Teil erfahren. Es dauerte gar
nicht lange, so wußte sie um die Sorgen und Kümmernisse der großen
und kleinen Leute Bescheid und teilte auch ihre einfachen Freuden mit
ihnen. Den kümmerlichen Alten las sie vor und verplauderte manch
Stündlein mit dem rüstigen blinden Sepp, der ihr ergeben war wie ein
treuer Hund. In letzter Zeit beschäftigte sie sich damit, ihn die
Blindenschrift zu lehren.

Und über all ihrem stillen Tun erfuhr sie, daß sie nicht leer ausging.
Sie sah und lernte das Hinleben dieser einfachen Menschen mit ihren
einfachen Bedürfnissen verstehen, sie tat blitzartige Einblicke in das
Kreisen von Lust und Schmerz, sie erfaßte das große und wunderliche
Leben und die notwendige Folge von Schuld und Leid.

Wogende Nebel schwammen über dem Tale, und die Sonne konnte nicht
durchblitzen, obwohl in der Höhe ein klarer Maimorgen lachte und
strahlte. Im Dorf unten hatten sich schon die ersten Ausflügler
und Sommerfrischler gezeigt; auf den Gassen regte sich ein buntes
Treiben. Kinder standen vor den Häusern und betrachteten neugierig
die städtischen Fremden, die, Maireiser auf dem Hut und Rucksäcke
auf dem Rücken, zu Fuß in das Dorf gewandert kamen oder auf dem Rade
lustig hineinfahren. Eine Gesellschaft hielt gar mit einem prächtigen
Zweispänner vor der Gastwirtschaft, und unter den geputzten Federhüten
neigten sich lachende Frauengesichter aus dem Wagen.

Die Straße herauf kam eine schlanke, schwarzgekleidete Mädchengestalt
daher; »'s schiane Freili«, jauchzten die Kinderstimmen, Kinderaugen
funkelten, Mützen und Kappen flogen von den struppigen Bubenköpfen.
Sibylle schritt lächelnd und grüßend an den Kindern vorüber, die sie
umdrängten, ließ sich hier und da ein Händchen geben und fragte nach
diesem und jenem.

Heute war die Lust jählings über sie gekommen, auch einmal einen
weiteren Ausflug zu machen und andere Menschen zu sehen als diese
Dörfler. Die Kastellanin hatte ihr schon lange von der Falkenschlucht
gesprochen und ihr den Weg dahin, der zunächst durch das Dorf führte,
genau beschrieben.

Sibylle war so recht von Herzen froh. Eine ruhige, erwartungsvolle
Heiterkeit war in ihr, deren sie sich fast schämte, wenn sie des
furchtbaren Unglücks gedachte, das sie in diese stille Welt getrieben.
Die ganze, in Blütenwonne aufgelöste Natur atmete Duft und Frische.
Die Nebel hatten sich allmählich geteilt und verzogen sich wie
lichtdurchwobener Dampf und Rauch; hellfreundlich strahlten die
Bergwände die Morgensonne wieder. In zackigen Schneelinien hob sich
hoch und herrlich die ferne, wogende Bergwelt.

Rüstig schritt Sibylle die Talmulde entlang, die von beiden Seiten eng
in Bergwände hineingelagert war; immer enger schoben sie sich zusammen,
immer steiler wurden sie. Bäche rieselten nieder ins duftende Gras,
flüsterten und rauschten, junge Birkenbäume schmiegten sich vereinzelt
in geschützte Eckchen und schüttelten ihr lichtdurchstrahltes zartes
Laub, bunte Blumen tanzten auf dem sonnigen Grün, ein leiser Wind
wehte, der Himmel lachte ...

Und mit blitzartiger Erkenntnis wurde der Gedanke in Sibylle lebendig,
daß die Natur selbst ein Spiegel unserer eigenen, inneren Welt sei.
Wer sie anschaut, wer in ihre Tiefen dringt, dem muß sie manche Frage
beantworten, dem kann sie innere Rätsel lösen, und wer sie liebt, so
recht aus voller Seele, der wird sich in ihr verstanden fühlen. Sie
lügt und schmeichelt nie, sie schüttet Reichtümer aus über Bedürftige,
sie erfreut und bezaubert unsere Augen und erleuchtet unseren Geist
durch ihre tiefere Bedeutung.

Sibylle lächelte in sich hinein, während sie weiterschritt. War nicht
auch eine übereinstimmende Bedeutung in der weißsilbernen Winternatur
und ihrer eigenen, scheuen Seele, die aus Gefühlsüberschwang herbe
wurde und kalt zu sein schien? Hatte sich der Rhythmus ihres eigenen
Wesens nicht schon in jenen feierlichen, einsamen Tänzen geäußert, die
sie als Kind vor ihren Puppen aufzuführen gepflegt? Weshalb war sie
nie mit ihren stummen porzellanenen Untertanen intim geworden? War
ihr nicht das Bedürfnis, Distanz zu halten, eingeboren? Warum wohl?
Sie wußte es jetzt mit einem Male: es war Selbstschutz, nicht Mangel,
sondern Tiefe des Empfindens. Und taten nicht die schneebedeckten Berge
das gleiche? War da nicht eine innere Verwandtschaft?

Sie nickte ihren weißen, glitzernden Freunden heimlich zu und lächelte
glücklich. Nie hatte sie sich nach der üppigen Natur der Tropen mit
ihren glänzenden, prallen Farben, mit ihrer tastenden Aufdringlichkeit
gesehnt. Ihr Reich war der reifbedeckte Märchenwald, der Silbergarten,
wo das Schneelicht leuchtete, wo der Mond kühl und geheimnisvoll durch
die flimmernden Zweige spielte, wo die Stille horchte und das Schweigen
redete ...

Der Wagen mit den nickenden Federhüten holte sie rollend ein, sie hörte
Stimmen lachen und schwatzen -- wie er an ihr vorüber war, erschien ihr
alles ringsum lebendiger. Hastiger quirlten und sprudelten die Bäche,
liefen eiliger an ihr vorüber, lauter flüsterte das Birkengezweig,
tönender summten die Bienen -- die lustige Gesellschaft hatte die
Stille mit fortgenommen.

In Gedanken wanderte Sibylle dahin. Ihre Seele war wach und rege. Die
Felsschlucht begann einen düsteren, schwermütigen Charakter anzunehmen,
steiler und drohend drängten sich die Wände zusammen, enger, kühler und
dunkler ward es. Die spielenden Gewässer hatten sich, ehe sie es gewahr
wurde, in einem steinigen Flußbett gefangen und schwollen zu einem Bach
an, der düster grollend an ihr vorüberrauschte. Bedrückt und seltsamer
Ahnungen voll wanderte sie wohl eine halbe Stunde weiter -- plötzlich
stand in einer Wegbiegung ein gewaltiger Felsblock vor ihr auf, hoch
und still wie eine Mauer, als wolle er ihr den Weg versperren. Ein
ängstliches Vorgefühl machte ihre Pulse klopfen -- was würde nun noch
kommen? Sie schloß die Augen und eilte vorwärts, erst hinter jener
jähen Wegbiegung wollte sie wieder hinsehen, sie zählte ihre Schritte,
15, 30, 60, sie blinzelte zwischen den halbgeschlossenen Wimpern --
noch etwa zehn Schritte, die Wendung war erreicht. Verwirrt blieb sie
stehen und spürte einen furchtbaren Ruck in ihrem Körper: kannte sie
denn etwa diese Gegend nicht? Wenn etwas in der Welt, so sollte sie
dieses Bild kennen, war es doch mit ihr gewandert in ahnungsvollen
Schauern, hatte es sich ihr leidvoll eingeprägt und war von ihr oftmals
und immer wieder und wieder in ihren Träumen gesehen worden!

Das war die finstere Schlucht ihrer Träume, ja, das war sie -- hier das
treibende Gewässer, dort die hängende Brücke, vor ihr die düsteren, eng
aneinander gerückten Felsen, hoch oben in dem schmalen Spalt ein blauer
Himmelsstreif -- und dort, Herr Gott, es war so, schritt ein Mann in
dunklem Faltenmantel über die Brücke --

Sibylle fühlte, wie ihr Herz stillstand -- war nicht alles wieder nur
Traum? Etwas Entsetzliches ging in ihr vor. »Kehre um, kehre um!« rief
eine Stimme in ihr, und »Nein, bleibe, steh und erkenne!« eine andere.

Dumpf und starr vor Grauen schritt sie weiter, die Augen fest auf die
Brücke gerichtet. Wie im Nebel gewahrte sie, daß die Schlucht sich in
zwei Arme gabelte; der eine Arm wand sich, von dem Bache begleitet, in
eine vertiefte, unheimliche Finsternis hinein, der andere, breitere,
schien wieder allmählich in die grüne Gotteswelt hinauszuführen. Hier
stand, eng an die Felswand gedrückt, das Gefährt, das an Sibylle
vorbeigerollt war. Es war leer. -- Helle Frauengestalten traten aus dem
dunklen Gang ans Licht. Ein kleiner Knabe eilte ihnen voraus und kam
hastig auf den Mann, der auf der Brücke stand, zugelaufen.

Eine junge Frau folgte. »Arno,« rief sie ängstlich, »nicht so schnell,
vorsichtig, Arno!«

»Papa!« jauchzte der Kleine und umfaßte die Knie des einsamen Mannes.
Dieser hob das Kind hoch empor, küßte es und stellte es wieder auf die
strammen Beinchen.

Sibylle fühlte, wie alles Blut ihr nach dem Herzen trieb. »Arno ...«
wiederholte sie flüsternd, »der Mann da ist Arno, und das ist sein
Kind!«

Sie betrat die Brücke nicht. Während sie daran vorüberschritt, warf
sie einen scheuen Blick in das dunkle Männerantlitz. Er ist's! jubelte
sie innerlich, das sind seine grauen Augen, das ist seine Stirn, sein
Mund, sein Lächeln ... aber ist er denn nicht glücklich ...?

Sie zögerte einige Augenblicke, sie sehnte sich, seine Stimme zu hören;
ob sie in ihr wohl den warmen Klang seiner Knabenstimme wiederfände?

Die Dame nahm zuerst das Wort. »Ich finde es hier schauerlich öde,
ich dächte, wir brächen wieder auf. Was fesselt dich eigentlich so an
dieser unheimlichen Gegend, Arno?«

Die Stimme gefiel Sibylle nicht, sie hatte einen oberflächlichen Ton.

Er reichte seiner Frau die Hand. »Also dann auf Wiedersehen in zehn bis
vierzehn Tagen am Gardasee, Pension Dante, Garda, vergiß das nicht.
Ich mache meine Dolomitenreise zu Fuß weiter, wie verabredet. Viel
Vergnügen!«

Sibylle ging ruhig weiter. Ihre seelische Tiefhörigkeit raunte ihr eine
schwere, bange Wahrheit zu: sie wußte, Arno war es, und Arno war nicht
glücklich. Wie kühl hatte sein Abschied geklungen! O fort, fort von
hier, ehe er sie erkannte!

Schnell entschlossen kehrte sie um und eilte beflügelten Schritts den
Weg zurück, den sie gekommen war. Hinter sich her hörte sie scherzen
und lachen, hörte durcheinander schwirrende, mutwillige Frauenstimmen,
sie hörte wie der Wagen aus der Stelle rückte, wie der Kutscher den
Pferden zuredete -- noch einmal schaute sie zurück: in dem Gefährt
unter den anderen Damen saßen Arnos Frau und Arnos Kind -- jetzt rollte
es mit seiner munteren Bürde nach der entgegengesetzten Seite hinaus
ins Freie. Sie sah es nicht wieder.

Und jetzt kam ein brennendes Weh über sie -- sie senkte das Haupt
-- über ihre schmalen Wangen stürzten schnell hintereinander bittere
Tränen. Das Bewußtsein ihrer schmerzlichen Einsamkeit beugte sie nieder
wie ein Rohr im Winde.

So würde sie auch Arno nie wieder sehen! Ein Fremder war er ihr
geworden, ein Fremder mußte er ihr bleiben. Sie vermochte das Weh, das
sie gepackt hatte, kaum zu fassen, noch weniger zu bändigen. Weshalb
hatte dieses Wiedersehen ihr Wesen in den furchtbaren Aufruhr versetzt?
Wußte sie es nicht seit Jahren, daß Arno verheiratet war? »Aber er war
doch mein einziger Freund, mein letztes Stückchen Heimat ...« klagte
ihre weinende Seele. Doch groß und schwer wie eine verhüllte Frau stand
plötzlich die Wahrheit vor ihr auf und sprach herb und streng: »Du
betrügst dich selbst; Arno hast du geliebt seit deinen Kinderjahren um
seiner selbst, nicht um deiner Heimat willen. Die Heimat hast du ohne
besondere Kämpfe verlassen.«

Betreten stand Sibylle still und schaute wirr um sich. Ja, ja -- es war
so. Sie hatte ihn immer geliebt, liebte ihn immer noch, trotzdem er
einer anderen gehörte -- sie liebte ihn jetzt mehr als jemals. O fort,
fort mit diesen Gedanken, fort aus Arnos Nähe!

Besinnungslos begann sie zu laufen, als hetzten sie Gespenster ... sie
lief und lief atemlos, ohne nach rechts und links zu sehen, sie lief,
als liefe sie um ihr Leben -- da -- schlug ihr Fuß an einen Stein, sie
stürzte jählings und blieb mit einem schneidenden Schmerz im Knöchel
liegen.

Betäubt richtete sie sich auf und brachte sich mühsam in eine sitzende
Stellung, sie konnte den Fuß nicht bewegen -- er war verstaucht.

Der ganze Jammer ihrer Verlassenheit brach über ihr zusammen -- was nun?

Da saß sie, hilflos, allein in der feierlichen Einsamkeit, das
brennende Bewußtsein einer furchtbaren Entdeckung in der Seele,
preisgegeben dem Mitleide jedes Vorübergehenden, unfähig sich auch nur
zu rühren und ein Stück vorwärts zu kriechen. Der Schmerz in ihrem
Knöchel wurde immer heftiger -- »Wasser, ach Wasser!« ächzte Sibylle
mit zitternden Lippen; halb ohnmächtig schloß sie die Augen.

Die Zeit ging hin; langsam, unerträglich langsam schlichen die Minuten
dahin, oder waren es Stunden? Schon stand die Sonne im Zenit und sandte
ihre heißen Strahlen auf den steinigen Weg. Ermattet, erschöpft, völlig
unfähig zu denken, schmerzlich ergeben in ihr Schicksal, versuchte es
Sibylle, ihren Fuß in eine erträgliche Lage zu bringen. Sie starrte
versunken vor sich nieder, ihre Lider wurden schwerer und immer
schwerer, endlich schlief sie ein.

Sie erwachte von einer leisen Berührung.

Ein Ton, der sich erschüttert wie aus einer dunklen Tiefe rang, schlug
an ihr Ohr: »Mein Gott, sind Sie -- bist du es -- Sibylle?«

Noch benommen von Schlaf und Weh, streckte sie die Arme empor und
stammelte mit einem leisen Aufschluchzen: »Arno ...!«

Er kniete zu ihr nieder, er küßte ihre Hände -- ach, nun war ja alles,
alles gut. Er faßte sie und hob sie empor -- mit einem Wehlaut brach
sie zusammen und wies auf ihren Fuß.

Schnell, gewandt knüpfte er den kleinen Stiefel auf, entblößte den Fuß
-- jetzt sprang er an den Bach, tauchte sein Taschentuch in das kalte
Wasser und legte es sorglich auf das geschwollene Gelenk.

»Liebling,« flüsterte er, »armes Herz, wie ist denn das gekommen? Ach,
wenn du einen Moment Mut haben wolltest, ich glaube, ich könnte es
richten.«

»Nur zu!« murmelte sie lächelnd, »ich halte aus.«

Mit weichen, sorgsamen Händen faßte er das Füßchen, dehnte, zog und
richtete -- »Da, nun ist's gut, schon vorüber!« sagte er triumphierend.
»Aber sag, Kind, um des Himmels willen, wie kommst du denn hierher? Und
allein?«

»Ich ... ich lebe ja hier -- schon seit Monaten, seit das Furchtbare
mit den Eltern geschah, daheim konnt' ich nicht bleiben.«

»Ich verstehe,« sagte er hastig, als fürchte er, die Wunde ihrer Seele
zu berühren, »ich hörte davon. Ich wagte dir nicht zu schreiben --
Worte sind ja so armselig -- Und hast du mich denn gleich erkannt?«

Sie lächelte traumhaft. »Schon drüben -- in der Schlucht!«

»In der Schlucht?« wiederholte er, »so warst du die fremde dunkle
Erscheinung -- und du hast mich nicht begrüßen wollen; aber, Sibylle,
warum das?«

Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Ach, Arno, die Vergangenheit ... es
war zu schmerzlich --«

Düster sah er sie an. »Ja, ja, du hast recht, o Sibylle, es hätte
alles, alles anders werden können!«

»Und du --?« fragte sie scheu, »hast du mich denn auch gleich erkannt?«

»Nicht gleich ...« sagte er heiß; »ich sah von weitem eine Dame mitten
auf der Straße liegen, Herrgott, dachte ich, eine Ohnmacht oder
ein Raubüberfall, ich sprang herzu, ich stand und sah dich an. Du
schliefst wie ein Kind, du hattest geweint, die Tränen hingen dir noch
an den Wimpern, und aus deinen schlafenden Zügen stieg mit einem Male
die kleine Silly vor mir auf. Ich erschrak -- an dieses Glück wagte ich
ja kaum zu glauben -- da sprach ich --«

»Ach ja,« murmelte Sibylle selig, »ein Glück, ein Glück ...«

Er kauerte neben ihr nieder, schlang seinen Arm um sie und küßte sie
auf die Stirn. »Wir haben uns ja noch gar nicht begrüßt, Sibylle.«

In trunkener Selbstvergessenheit nestelte sie sich näher an ihn heran,
ihre Lippen fanden sich -- ein langer, heißer, seliger Kuß --

Erschrocken fuhr sie zurück -- »Deine Frau, Arno ...«

Ihn übergoß eine heiße Glut. »Jawohl!« sagte er bitter. »Sibylle, meine
kleine Silly, warst du nicht meine Silly?«

»Früher einmal --« flüsterte sie.

»Und jetzt -- jetzt!« rief er stark. »Es ist noch nicht aller Tage
Abend -- Silly, jahrelang hab' ich ja nur an dich gedacht, jahrelang --
weißt du noch unser Geheimnis, Lady Rosalind?«

»Ich weiß, weiß alles.«

»Und dann kam eine bunte, tolle Zeit, Geselligkeit, Tanz, Mädchen,
Schulden, ein Strudel, ein Wirbel sag' ich dir, das riß mich mit -- ich
mußte mich rangieren, da vergaß ich -- aber ich hab's bereut, bitter
bereut, Silly, hörst du?«

Ja, sie hörte, sie trank jedes Wort von seinen Lippen, noch ehe es
ausgesprochen war; sie lächelte irr vor Seligkeit und Hingebung.

»Ich war ein Narr!« sagte er dumpf, »aber auch Narrheiten lassen sich
überwinden, wieder gutmachen. Alles hängt nur an dir.«

»An mir ...?« hauchte sie. Sie lächelte wie eine Sterbende und schloß
die Augen. Was wollte er damit sagen? Und als fürchte sie den Sinn
seiner Worte, deren Wahrheit sie nur halb begriffen hatte, als wolle
sie dieser Wahrheit keinen Raum lassen, sagte sie schüchtern: »Denk
nur, Arno -- diese Schlucht habe ich heute zum erstenmal mit Augen
gesehen und doch, ich kannte sie, kannte sie schon lange. Wie oft sah
ich sie im Traum, ehe das Schreckliche mit den Eltern geschah!«

»Du sahst sie im Traum?« wiederholte er staunend.

»Ja, auf ein Haar genau, und auch den Mann sah ich auf der Brücke --
ach, Arno, wie war mir zumute, als ich dich erkannte! Ich dachte, ich
müßte wahnsinnig werden --«

»Mein Gott,« sagte er erschüttert, »wie seltsam, wie unfaßlich!« Er
schwieg einige Augenblicke, dann leuchteten seine Augen auf und er
sprach, rings um sich blickend: »Sollte das eine Vorbedeutung gewesen
sein? Herr Gott im Himmel, was kann es denn auch Größeres geben, als
große Natur und eine Menschenseele, die uns versteht?«

Sibylle war totenblaß, ihre Lippen öffneten sich -- abwehrend hielt sie
die Hände vor sich -- sie atmete in kurzen Stößen.

»Was ist dir, Liebling?« stammelte er.

»Auch das!« flüsterte sie, vor Grauen geschüttelt. »Diese Worte, genau
so, sagte mir der Mann auf der Brücke, sagtest du mir, Arno. Und dann
-- war ich -- allein ...«

Ihr Kopf fiel hintenüber, mit einem schwachen Seufzer sank sie
bewußtlos zusammen.

Entsetzt nahm er sie in seine Arme, hob sie auf und trug sie zärtlich
an den Bach. Hier bettete er sie in dem Schatten einer Birke, kühlte
ihre Schläfen und murmelte angstvolle, sinnlose, heiße Worte.

Endlich schlug sie die Augen wieder auf und sah in sein verstörtes
Gesicht.

»Ach, es ist nichts,« sagte sie tonlos, »nur eine Schwäche. Ich habe
das manchmal. Hast du dich erschreckt, Arno?«

Er nickte gepreßt. Und er schwur sich, diese zarte Mädchenblume nie
durch leidenschaftliche Äußerungen aus dem kristallklaren Zustande, der
ihrer Seele gemäß war, zu scheuchen. Er würde an sich halten, hüten
würde er sich. Vor Bewegung unfähig zu sprechen, nickte er wieder und
beugte sich über die hingestreckte Gestalt.

»Wie kannst du nur so ängstlich sein, du großer, lieber Junge?«
versuchte sie zu scherzen und strich ihm zaghaft mit zwei Fingern über
die Stirn. »Sieh mal, wie groß und braungebrannt du bist! Schön bist du
geworden, Arno, schon als Knabe warst du immer schön ... weißt du noch,
wie du nicht Puppenkönig werden wolltest? Von dem Tage an spielte ich
nie mehr mit meinen Puppen.«

Ihm traten die Tränen in die Augen. »Warum denn?«

»Weil ich sie verraten hatte!« sagte sie ernsthaft. »Jedenfalls faßte
ich das damals so auf, und im Grunde hatte ich recht, denn wenn mein
Gelöbnis auch nur auf einem eingebildeten Grunde beruhte, ein Gelöbnis
war es immerhin, und das soll man halten.«

Er richtete sie behutsam auf. »Fühlst du dich noch sehr schwach?«

»Kaum der Rede wert. Aber, Arno, gehen werd' ich nicht können!«

»Ich trag' dich!« rief er jubelnd. »Wohnst du im Dorf?«

»Nein, oberhalb, in der Burg. Ich hab's da gut, Arno, meine alte
Kastellanin verwöhnt mich riesig, und mit allen Dorfkindern bin ich gut
Freund. Ich hab' sie mir auch allmählich gezähmt, weißt du. Wenn sie
krank wurden, pflegte ich sie, und alle meine Puppen hab' ich an sie
verteilt. Kinder sind so lieb, Arno.«

Seine Züge strafften sich. »Ja, o ja!«

»Und dein Söhnchen erst!«

»Ich habe auch noch ein Töchterchen,« sagte er gepreßt, »das ist bei
den Großeltern, es heißt Marie-Sibylle.«

»O!« rief sie strahlend. »Und wie alt?«

»Erst ein Jahr.«

»Wie mußt du glücklich sein mit den Kindern!« sagte sie träumerisch.

Er schwieg und beugte sich über den kranken Fuß. »Das sieht ja schon
besser aus,« sagte er froh. »Jetzt ziehen wir den Strumpf wieder an und
tragen unser müdes Kind heim.«

»Ach ja,« murmelte sie, »ich wäre gern dein Kind, Arno.«

Er hob sie auf, sie schlang ihre Arme vertrauend um seinen Nacken und
schmiegte ihr Köpfchen an seine Schulter. »Bin ich dir auch nicht zu
schwer?« fragte sie, vor Behagen blinzelnd.

»Kinderleicht!« rief er feurig. Und wacker begann er auszuschreiten.

Sibylle lachte leise vor sich hin. »Was werden meine guten Dörfler
sagen, wenn sie ihr ›schianes Freili‹ so wiedersehen? Die Kastellanin
kriegt sicher Krämpfe vor Mitleid.«

Er drückte seine leichte Bürde zärtlich an sich. »Sonnenkind!«
flüsterte er zärtlich und dann: »Willst du nicht schlafen?«

»Schlafen? Wie kann man denn schlafen, wenn man so glücklich ist?
Nach dem Furchtbaren, weißt du, da hab' ich wochenlang nicht schlafen
können. Und als ich fort wollte, da waren alle bös mit mir, die Tante
Betty Trebnitz und der Vormund Klaus Wrede, auch der gute Pastor
... das war schrecklich, aber fort mußte ich dennoch, denn alle
Dinge hatten Augen bekommen und sahen mich fürchterlich an in meiner
Verlassenheit -- ich wäre wahnsinnig geworden. Am schwersten war es,
so mitten im Winter fortzuziehen -- die lieben alten Bäume ... unser
Garten ... die Gräber, aber es mußte ja sein. Daheim glauben sie, ich
hätte kein Herz für die Heimat. Aber konnt' ich denn anders? Und hier
hat's lange gedauert, bis ich ruhiger wurde. Die weißen Berge und die
feierlichen Bäume machten mich allmählich ruhig, und dann zuletzt auch
meine Pflichten.«

»Pflichten?« fragte er lächelnd.

»Aber ja, gewiß. Siehst du, man kann doch nicht nur für sich selbst
dahinleben.« Und sie begann ihm ausführlich zu erzählen von ihrem
blinden Sepp, den sie die Blindenschrift gelehrt hatte -- die habe sie
ja selbst zunächst lernen müssen, und da habe es anfangs gar nicht
geklappt, von der Großmutter Gräsern, der alten Mutter Koppen, den
beiden Hubergreisen, von den medizinischen Büchern, die sie studiert
habe, und von dem Vertrauen, das die Leute ihr schenkten.

Ein reines, reiches Leben voller Unschuld, Tiefe und Tätigkeit tat sich
vor ihm auf, und während sie sprach, wußte er: so mußte es sein, so war
Sibylle, und nur so hatte sie werden können. Das entsprach ihrem Sein,
ihr Wesen aber hatte sich ihm in seiner Ganzheit offenbart und intuitiv
eingegraben, und wenn er immer wieder neue Fragen einwarf, so tat er es
kaum, um mehr von ihr zu erfahren, denn er kannte sie ja schon, sondern
um ihre holde, süße Stimme zu hören, die ihn bezauberte und beruhigte
wie Brunnenplätschern und Quellengeriesel.

Traumhaft fragte Arno, während er mit Sibylle dahinschritt: »So fühlst
du dich denn niemals einsam?«

Sie sah ihn sehnsüchtig an. Sich selbst erkannte sie nicht wieder. Wie
ein entfesselter Strom brauste ihr Wesen frei dahin, das sonst immer
so gehalten zu sein pflegte. Das macht, weil ich ihn liebe! dachte sie
voll Jubels, und er hat mich ja auch lieb, und ihm allein kann ich
alles, alles sagen.

»Jetzt erst weiß ich, daß ich einsam war,« sagte sie leise. »Aber dann
-- hatte ich ja meine Bücher. Einige davon lese ich immer und immer
wieder, ich kenne ganze Seiten davon auswendig.«

Er nickte. Auch das stimmte zu ihr. Tastend fragte er weiter: »Sehnst
du dich denn nie nach Menschen? Nach Standesgenossen, meine ich.«

Sibylle schüttelte langsam den Kopf. »Im Leid sind wir alle
Standesgenossen, und Leid gibt's überall, nur zuviel. Ich habe auch
früher niemand vermißt, weil ich ja nicht ahnte, daß ich jemals zu
einem Menschen so frei reden könnte wie zu dir, denn auch Mama ...
kannte mich nicht, wie ich mich von dir gekannt fühle.« Ihre Augen
füllten sich mit Tränen.

»Nicht weinen, Liebling!« sagte er weich. Seine ganze Seele war
gefangen, berauscht und zugleich geheiligt durch ihr liebliches
Vertrauen. Ja, er verstand sie, weil er sie liebte -- wie er sie aber
liebte, durfte er ihr das sagen?

»Ja, so ist es,« plauderte sie unbefangen weiter, »ich bin ein
richtiger Einsiedler. Die Leute erzählen mir von ihrem Kummer, ihrem
Leide. Nach dem meinen fragen sie nicht, und ich möchte auch um alles
in der Welt nicht gefragt werden. Sie meinen, ich trüge Trauer um
meinen Bräutigam.«

»Aber, Herz, so könntest du doch nicht weiterleben.« Er wußte genau,
daß sie es konnte.

»Warum nicht?« fragte sie unschuldsvoll. »Ich bin im Grunde sehr
bedürfnislos, Arno, nur frei muß ich mich fühlen können. Und was gibt
es Freieres und Schöneres als die Schnee-Einsamkeit der Berge! Da ist
auch Religion, Arno. Einsam bis ins innerste Mark, fühle ich doch das
Leben der Natur mit, das ich in seiner Größe und Schönheit anschauen
darf. So wird die Natur ein Spiegel der Seele.«

Er war hingerissen. Fast schämte er sich, sie durch seine nichtigen
Einwürfe zu veranlassen, immer mehr die Schönheit ihrer Seele zu
offenbaren.

»Aber du hast ja noch gar nicht gelebt,« sagte er leise im Gefühl
seiner Schuld.

Sie kniff die Augen ein und lachte glücklich. »Meinst du? Ich glaube,
ich lebe nur zu intensiv. Ich habe aber auch Männer kennen gelernt,
dein Regimentskamerad Zur-Linden wollte mich heiraten.«

Das hatte er nicht erwartet. »Und du?«

»Ich konnte ihn nicht lieben, wie er es wollte,« sagte sie einfach.
»Ja, ich bin in einer Beziehung sehr unerfahren,« fuhr sie schelmisch
fort; »außer einer kleinen Tanzgesellschaft bei Wredes habe ich noch
nie einen Ball mitgemacht. Aber sind denn Bälle zum Leben nötig?
Dennoch aber sagt mir ein Instinkt: dies hast du zu tun, das zu lassen.
So konnte ich auch nicht Zur-Lindens Frau werden.«

Arno fühlte sein Herz beben. Was er da in den Armen hielt, war ein
Wunder, sein heiliges Wunder! Er hatte es erfaßt, dennoch aber
überwältigte es ihn.

»Kind --« sagte er gepreßt, »ist denn das möglich, ist es denkbar, daß
ein junges Mädchen so aufwächst, in solcher Stille, solch heiligem
Frieden? Hast du denn nie schlechte Menschen getroffen?«

»O,« meinte sie eifrig nickend, »mein Hauslehrer und deiner, der Herr
Brandt, der war schlecht. Er hat mich beim Baden belauscht, aber ich
bat ihn, seinen Abschied zu nehmen, und er tat es. So hat niemand etwas
davon erfahren.«

Auch dieses Erlebnis war ihm neu, und doch schien es ihm, als kenne er
auch ihre Fähigkeit der Abwehr. »So hast du auch Stacheln?« fragte er.

»Ellenlange, wenn's nötig wird. Denke nur ja nicht, daß ich keinen
Willen habe und nur ein gefügiges Lamm bin, Arno. Die Leute haben immer
Respekt vor mir. Jetzt aber hab' ich genug von mir geredet, nun will
ich von dir hören!«

»Du weißt ja schon alles,« sagte er traurig. Dennoch begann er zu
erzählen, wie sie es wollte, und ein bitterer Schmerz brannte sich
dabei ihm in die Seele. Während sie wie ein Schmetterling in schöner
Verklärung Friede und Freude aus des Lebens mannigfachen Blüten, den
süßen und bitteren, gesogen hatte, war er wie eine Motte um flackernde
Flammen getaumelt, hatte sich die Flügel versengt und die Kraft der
Seele geschwächt. Ihm blieb nur noch eine Hoffnung: rein zu werden in
ihrer Reinheit, stark, indem er sie schützte, und frei dadurch, daß er
sich selbst befreite.

Nachdem er ausführlich berichtet, sich selbst nicht schonend, schloß
er: »Den hellen Stern meiner Kindheit hatte ich verloren, mein Gewissen
verhärtet und betäubt. Toll genug habe ich gelebt. Anfangs fand ich
viele Freunde, mit den Jahren wurden sie seltener. Mein Beruf -- nun
ja, ich suche ihm zu genügen. Ein paar Avancements -- was will das im
Grunde sagen? Das Beste im Leben ist ja doch an mir vorübergegangen,
oder ich an ihm. Äußerlichkeiten, Geselligkeit -- das ist
übriggeblieben. Meine Frau liebt das. Nie kommen wir dazu, gemeinsam
ein gutes Buch zu lesen, wir reden eben verschiedene Sprachen. Meine
einzige Stärkung ist jährlich eine einsame Fußtour in die Berge, die
ich liebe wie du.«

Sie wußte und verstand ihn, noch ehe er zu Ende gesprochen. Sie sah ihn
voll Trauer an. »Aber du hast ja doch deine Kleinen!« sagte sie leise.

»Das ist auch das beste, was ich bisher besaß,« erwiderte er
bedeutungsvoll.

Sie versanken in ein tiefes Schweigen. Er fühlte sein Herz pochen,
als wolle es ihm die Brust sprengen. Konnte, durfte er ihr von seiner
Liebe sagen? Sie liebte ihn, das fühlte er mit einer Seligkeit, die
ihn schwindeln machte. Keinen Augenblick hatte sie gestrebt, ihm ihr
Empfinden zu verbergen -- offen und klar, wie ein Gebirgssee, lag es
vor ihm da. Aber folgte daraus, daß sie einwilligen würde, seine Frau
zu werden? Würde sie ihm erlauben, die anderen Bande zu zerreißen? Wie
hatte sie doch gesagt? »Wenn mein Gelöbnis auch auf einem eingebildeten
Grunde beruhte -- ein Gelöbnis war es immerhin, und das soll man
halten.« Hatte sie ihm damit einen Fingerzeig geben wollen? Oder hatte
sie das unbewußt hingesprochen, und war es nur einfach der Ausdruck
ihres Wesens? In ihrer Hand lag sein Geschick -- er war zur Scheidung,
auch zur Trennung von seinen Kindern bereit -- ja auch von seiner
kleinen Marie-Sibylle. Aber durfte er heute schon sprechen? Er hatte ja
vierzehn Tage Zeit, vierzehn goldene, endlose Tage! -- Er schwieg, sie
aber fühlte sein rasendes Herzklopfen.

»Was ist dir, Arno?« fragte sie sanft. »Ich bin dir doch wohl auf die
Dauer zu schwer. Rasten wir ein wenig.«

Da brach es aus ihm hervor, heiß, glühend, unaufhaltsam: »O Sibylle,
o Geliebtes -- was sollen wir miteinander Versteck spielen? Du weißt
es ja, und du mußt es in jeder Fiber fühlen: Ich liebe dich, ich liebe
dich ...«

Sie wurde sehr blaß. »Ich habe dich mein Leben lang geliebt,« flüsterte
sie. »Du weißt es auch.«

»Und Sibylle ... und ... und ...?« drängte er, »willst du, kannst du
mein werden?«

»Setze mich nieder,« sprach sie erstickt. »Ich will dir zu antworten
versuchen ...«

Er setzte sie behutsam auf einen Stein, warf sich vor ihr nieder und
vergrub den Kopf in ihrem Schoß.

Sie legte die Hand auf sein Haar und rang nach Worten. Mit zitternder
Stimme begann sie zu sprechen: »Daß es so kommen würde und mußte,
wußte ich in dem Augenblick, als du vor mir standest. Ich habe dir
nichts verhehlt ... zu lange Jahre habe ich gedürstet -- nach dir,
Arno, ohne es zu wissen. Aber jetzt antworten kann ich dir noch nicht,
denn ich weiß nicht -- was ich soll. Hättest du nicht die Kleinen, die
du liebst, die an dir hängen, denen du Vater und Vorbild sein sollst --
sieh, dann wüßt' ich's. Laß mir Zeit, Arno, dränge mich nicht. Sprich
mir nicht mehr davon, ich will's dir selber sagen, wenn ich Klarheit
habe ...«

Ihre Stimme klang flehend und zerbrochen.

»Daß ich dir Kampf und Leid bringen muß!« schluchzte er.

»Du hast mir die Seligkeit meines Lebens gebracht, Arno -- ob sie
Stunden dauert oder Jahre, ist gleich. -- Es gibt Blumen, die nur
einmal blühen -- sagte mir einmal eine alte Freundin -- und vielleicht
nur eine kurze Stunde lang, aber zum Blühen und zur Vollendung kommen
sie doch, früher oder später. -- Du hast mir meine Blüte geschenkt,
Arno, und ich habe nicht umsonst gelebt. Das ist das eine, das andere
aber ist: dein Gelöbnis und daß du Vater bist und Pflichten hast.«

»Ja! Ja!« stöhnte er.

Sie sah ihn leuchtend an. »Du Armer, Lieber!« sagte sie, »daß du deine
Pflichten nicht leicht nimmst, das macht dich mir ja noch lieber.« Sie
schwieg, in sich versunken, dann fuhr sie leise und fast feierlich
fort: »Die nächsten Tage werden es mir sagen, wie lieb ich dich habe
-- denn noch kenne ich mein Herz nicht -- ob für die Ewigkeit, Arno,
und daraus folgt Trennung, oder für die Zeit. Trage mich heim, Arno,
Geliebter, und sprechen wir nicht mehr darüber. Ich sage es dir selbst.«

Er beugte sein Haupt tiefer und tiefer. Ihm war, als sei sein Urteil
schon gesprochen -- ehrfurchtsvoll, von heiligen Schauern erschüttert,
berührte er ihren Fuß mit seinen Lippen.

»Trage mich heim!« gebot sie tonlos.

Und er nahm sie wieder in seine Arme und trug sie heimwärts.
Sie sprachen kein Wort. Ihre Seelen aber redeten miteinander
ununterbrochen. -- --

Es folgten nun seltsame Tage. Sibylle mußte ihres geschwollenen Fußes
wegen der Ruhe pflegen; Arno besuchte sie auf der Burg und saß die Tage
über bei ihr in ihrem Zimmer, oder er trug sie hinunter in den Park, wo
er ihr in der breiten Hauptallee, die die Aussicht auf die Schneeberge
frei ließ, ein Ruhebett hergerichtet hatte. Da saßen sie stundenlang
schweigend Hand in Hand unter den schweigenden Bäumen, angesichts
der hart und gewaltsam aufgetürmten grandiosen Hochgebirgskette, die
Seelen voll ungesprochener tiefer Zärtlichkeit. Manchmal sah ihn
Sibylle mit einem so strahlenden Blick der Liebe an, daß er bis ins
Innerste in Hoffnung erbebte -- es war ja nicht möglich, daß sie ihn
wieder gehen hieß! Nach und nach aber wurde es ihm zur schmerzlichen
Gewißheit, daß sie gerade um der Größe ihrer Liebe auf ihn verzichten
werde. Sie konnte ruhig, fast heiter mit ihm reden. Sie sprach von
ihren Lieblingsbüchern, bat ihn, das oder jenes zu lesen, erzählte
mit freundlicher Selbstironie von ihren naturwissenschaftlichen und
medizinischen Studien, sie berührte die höchsten und tiefsten Dinge mit
schlichtem, wahrheitsuchendem Ernste, aber Tag für Tag sah er, daß sie
feiner, blasser und zarter wurde, daß sie gleichsam dahinschwand in
einer seelischen Verklärung. Manchmal fühlte er, daß sie zum Sprechen
ansetzen wollte und doch wieder innehielt, weil sie die Kraft in sich
nicht fand, oder weil sie die kostbaren Stunden weder ihm noch sich zu
verkürzen wagte.

So war ihnen jede Minute ihres Beisammenseins zum Kleinod geworden,
das sie hüteten wie einen Schatz, der ihnen unter den Händen zergehen
könnte wie ein Tropfen Wassers, ein Hauch, ein Klang ...

Qualvoll-süße, selige Stunden waren es, aber wie sie auch die
Augenblicke festzuhalten, wie sie sie auch in heiligem Schweigen zu
verlängern strebten -- diese Augenblicke schwanden unaufhaltsam,
unwiederbringlich dahin. --

Zwei Tage vor der angesetzten Zeit seiner Abreise saßen sie wieder Hand
in Hand, stumm vor seligem Leid. Arno sah, daß Sibylle mehrmals die
Lippen öffnete und tief Atem schöpfte. Aber ihre Lippen erzitterten
immer wieder, und sie schwieg. Er sah, wie sie litt. Um ihretwillen
mußte der Qual ein Ende gemacht werden. Er kniete vor ihr nieder, nahm
ihre beiden Hände, küßte sie und legte ihre Fingerspitzen auf seine
Augenlider.

»Sprich, mein Liebling!« sagte er sanft, »ich bin gefaßt.«

Es kam kein Ton als ein schwerer, leidvoller Seufzer, dann einige
unverständliche Flüsterworte. Er wartete, wie man auf den Todesstoß
wartet.

»Arno, Geliebter --« begann sie, als sie ihre Stimme gefunden
hatte, »ich habe die Tiefe meiner Liebe erkannt; sie ist wie das
Himmelsgewölbe, sie reicht so weit, daß ich selber eher alles Leid und
jeden Schmerz auf mich nehmen könnte, als das Bewußtsein, dich mir
weniger groß, weniger stark und frei zu denken. Das Bittere ist nur,
daß du leiden sollst ...«

»Süße ... Süße ...!« stammelte er.

»Du sollst dir nie vorzuwerfen haben, deinen Kindern nicht ein Vorbild
gewesen zu sein, nie sollst du dich einer unerfüllten Pflicht wegen
anklagen dürfen. Ich danke dir -- mit meinem ganzen Leben, mit jedem
Atemzuge für deine Liebe, Arno, aber wir zwei wollen nichts halb tun --
nicht wahr?«

Sie rang nach Atem, ihre Finger zitterten auf seinen geschlossenen
Lidern, sie waren eiskalt, obwohl die heiße Junisonne brannte.

»Ich darf dich weder deinen Kindern nehmen, noch will ich dich deiner
Frau stehlen,« fuhr sie tonlos fort, »du sollst mir nie schreiben,
Arno, weder Briefe noch Karten.«

Er zog ihre Hände an seine Lippen und küßte sie voll unendlichen
Schmerzes, voll unendlichen Mitleidens.

»Versprich mir das, mein Liebling --«

Er beugte das Haupt und gelobte.

»Ich ... habe nie einen Menschen geliebt wie dich und werde nie einen
Menschen lieben wie dich ...«

Jetzt sah er auf. Sie war geisterhaft bleich, um ihre Lippen zuckte ein
herzzerreißendes Lächeln.

Mit letzter Kraft hauchte sie: »Küß mich noch einmal.«

Sie umfingen sich, sie wußten: das war Abschied auf Leben und Tod.
Die schneeweißen Berge schwiegen, die Bäume horchten und staunten,
die ganze wundergroße Natur schien sich in Andacht zu beugen vor
Menschenleib und Menschengröße.

Sie konnten voneinander nicht lassen.

»Mein ... mein ... du meine Seele -- du mein Glück und mein Leid,«
murmelte er.

»Du ganzer Mensch -- ich will deiner wert zu werden suchen.« Mit einer
kleinen, fernen Stimme sagte sie noch: »Arno, wenn dein Junge einmal
groß ist, schick ihn zu mir -- ja, willst du?«

Er erhob sich schwankend -- er sah sie noch einmal an, noch einmal
streckte sie ihm die Hände entgegen, noch einmal suchte er ihren
Mund -- dann ging er. -- Die Bäume schauerten zusammen, die Berge
leuchteten. -- --

Sibylle hat ihn nie wiedergesehen. Jahre kamen und gingen, und sie
wuchs und erstarkte in ihrer Seele. Sie entfaltete sich wie eine
Wunderblume. Wie ein freundliches Gestirn sandte sie ihre Strahlen in
Nacht und Dunkel an Kranken- und Sterbebetten. Wo es Leid zu tragen und
Wunden zu heilen gab, war sie zur Stelle; wo es zu raten, zu helfen,
zu lindern galt, fand sie sich ein; wo man der Mitfreude bedurfte, da
konnte man gewiß sein, ihrem freundlich-gütigen Lächeln zu begegnen.
Wenn aber jemand über Sünde und Schuld richtete und hart verurteilte,
die gefehlt hatten, da war sie es, die zur Milde ermahnte. »Wir stehen
allesamt an der Schwelle der Schuld,« sagte sie dann; »es weiß keiner,
ob er nicht schon diese Schwelle übertreten hat. Niemand hebe den
ersten Stein!« Die Leute im Dorfe nannten sie oft kopfschüttelnd ihre
Heilige. Gegen Kummer, Kränkungen und Leid jeder Art schien sie fortan
gefeit zu sein -- es gab ja nichts mehr, wodurch man sie hätte leiden
machen können. -- Mitten im Winter, am Datum ihres Geburtstages, am 9.
Dezember, legte sie plötzlich ihre Trauergewänder ab und ging fortan
in ihren lichten weißen Kleidern wie vor dem Tode ihrer Eltern. Die
Leute zerbrachen sich die Köpfe über diese freudige Wandlung; die alte
Kastellanin hatte den Grund vielleicht erraten, aber sie nickte nur mit
dem greisen Kopf und schwieg. Sibylle hatte an diesem Tage zwei Pakete
aus Berlin erhalten; in dem einen war ein Buch: »Goethes Briefwechsel
mit einem Kinde«, aus dem anderen fielen duftende Stiefmütterchen, das
Wort »~Pensées~« stand auf einem Zettel.

Geliebt, auf Händen getragen von ihrer Umgebung und dennoch gänzlich
vereinsamt, lebte sie dahin, Jahr um Jahr, und sie freute sich wie
ein Kind, als sie ihr erstes weißes Haar entdeckte. Ihr Leben ward in
seiner scheinbaren Einförmigkeit so reich und vielfältig, daß sie es
nicht hätte gegen irgendein anderes eintauschen wollen. Alle Jahre
zweimal aber hatte sie besondere Festtage: das eine Mal an ihrem
Geburtstage, wo sie immer wieder einen Strauß Stiefmütterchen oder
weißen Flieders und ein gutes Buch erhielt, das zweite Mal an dem Datum
ihres Wiedersehens mit Arno im Mai. Da brachte ihr die Post einen
Strauß Alpenblumen, Edelweiß und Veilchen, oft als Gruß aus nächster
Nähe, und sie wußte, Arno streifte dann einsam durch die Dolomiten,
seine innere Heimat -- sie -- mit der Seele suchend.

Sie begann sich im heißen Sommer auf den Silbergarten des Winters
zu freuen und im Winter auf den Mai, der ihr in seinem zarten
Frühlingsgewande fast ebenso lieb geworden war. In ihrem tiefsten
Innern aber hatte sie sich einen eigenen Silbergarten gezogen, den
sie vor fremden Blicken zu wahren und zu hüten wußte. Hier träumten
Wunderbäume, ihre heiligsten Erinnerungen, bereift und seltsam,
schauten nach innen und harrten der Zeitlosigkeit entgegen. Die
goldenen Tore des äußeren Lebens hatten sich für Sibylle früh
geschlossen, andere goldene Tore aber taten sich weit und lockend auf.
Gestorben war sie, um zu werden.

Einmal war sie auch wieder nach Wangen gefahren, aber sie blieb dort
nur kurze Zeit. Der Vormund schlug ihr nun selbst vor, das Gut zu
verkaufen, da er einen zahlungsfähigen Käufer gefunden hatte. Sie
aber schüttelte mit einem leisen Lächeln den Kopf. »Ich habe meine
Verfügungen darüber schon anders getroffen,« sagte sie freundlich.

Das Erbgut ihrer Eltern vermachte sie testamentarisch Arnos Sohn und
der kleinen Marie-Sibylle.

Der alte Pastor schüttelte bekümmert das Haupt. »Sie hatte alle Anlagen
zu einer echten Christin,« meinte er, »aber ihre Verinnerlichung und
Umdichtung der Natur ist doch wohl nicht der direkte Weg zum Heil.«
Und zu Sibylle sprach er, als er von ihrer Tätigkeit hörte: »Martha,
Martha, du machst dir viele Mühe.«

So war sie einsam, wie sie als Kind gewesen, einsam bis ins innerste
Mark, doch nicht allein. Sie hatte ja doch ihren köstlichen
Silbergarten, und da träumten hohe, schlanke Bäume und dufteten,
leuchtete glanzerfüllte Stille. -- --

Der 18. Mai war gekommen. Sibylle saß in festliches Weiß gekleidet
in ihrer tiroler Heimat in ihrer Lieblingsallee, einen köstlichen,
taufrischen Strauß Alpenblumen vor sich, den ihr die Post soeben
gebracht hatte.

Da trippelte die alte Kastellanin freudig erregt auf sie zu. »Es ist
ein junger Herr da, gnädig Fräulein,« sagte sie geschäftig, »der fragt
nach gnädig Fräulein.«

Sibylle öffnete weit die Augen -- ein schöner, schlanker Knabe von etwa
fünfzehn Jahren kam eilends über den Gartenkies gelaufen und schwenkte
seine Touristenmütze.

»Tante Sibylle! Liebe Tante Sibylle!« rief er von weitem. Er trat vor
sie hin, groß, braun, feurig, und küßte ihr ritterlich die Hände.

»So bist du Arnos Sohn!« sprach sie mit zitternder Stimme. Sie legte
ihm die feinen Hände auf die Schultern und sah ihm tief in die Augen.
»Arnos Augen!« murmelte sie.

Der Knabe stand betreten. Eine heilige Ahnung mochte seine junge Seele
durchrieseln.

»Mein Vater --« er stockte, »wir sind auf einer Gebirgstour -- die
Blumen hat er alle selbst gepflückt ... ich darf vierzehn Tage bei dir
bleiben, wenn du mich magst.«

»Mein lieber Junge,« sie schloß ihn in ihre Arme, »wenn du bei mir
bleiben magst!«

»O -- gern!« sagte er ein wenig gönnerhaft. »Du bist mir doch viel
lieber als Tante Elisabeth, die redet immer so gräßlich fromm.«

Sie lachte hell auf.

»Wie du lachen kannst!« sagte er anerkennend, »und doch hast du weiße
Haare!«

»Wir wollen noch oft zusammen lachen -- du mußt mir aber auch alle
deine Schulstreiche erzählen, gelt?«

»Hm,« meinte er listig zwinkernd, »wenn wir erst damit anfangen, gibt's
sobald kein Ende. Ich bin aber Primus in Sekunda geworden -- weißt du
das schon?«

»Potztausend!« sagte Sibylle mit lachenden Augen, »da wird sich der
Papa aber gefreut haben!«

»Na und ob!« meinte der Junge selbstbewußt. »Ich hab' ja auch nur
Papa zuliebe gebüffelt, denn eigentlich mach' ich mir aus dem ganzen
gelehrten Kram wenig. Landwirt möcht' ich werden! Das ist doch eine
andere Sache!«

»Du bist ja ein Blitzkerl!« sagte Sibylle strahlend. »Was sind denn
sonst deine Passionen? Schlittschuhlaufen, Skilaufen, Reiten und, ich
wette, Sahnentörtchen -- heraus mit den Leibspeisen, Junge!«

»Oho! Das kommt später -- ausführlich. Ich hab' dir aber noch was
mitgebracht, Tante Sibylle. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen. Das
ist nämlich Papas Lieblingsspruch.«

Er suchte umständlich in seinen Taschen und holte eine Photographie
hervor. »Das da ist Marie-Sibylle!« sagte er mit verschämtem
brüderlichen Stolz. »Ein ganz passables Mädel -- nicht? Und hier --
das schickt dir der Papa, das hast du ihm einmal als kleines Mädel
geschenkt. Vielleicht macht es dir Freude. Ihm ist es lieber als alle
Schätze -- komisch, was? Aber Papa kann man so was nachsehen -- er ist
schon so besonders!« schloß er großmütig. Wichtig überreichte er ihr
eine alte Zündholzschachtel. Sie zog sie auf, darin lag in verblaßtem
rosa Seidengewand ein winziges Püppchen -- Lady Rosalind.



Der Stein des Pietro.


In Quinto bei Genua, dort, wo sich der Weg nach Nervi zu gabelt, lag
vor einigen Jahren noch ein mächtiger Quaderstein. Rauh war seine
Oberfläche und ein wenig schartig, wie das pockennarbige, mitgenommene
Gesicht eines älteren Mannes, der auch sonst vom Leben nicht allzusehr
geschont worden war. Die Unbilden der Witterung, sowohl die sengende
Glut italienischer Sommer wie die andauernden Regenperioden und die
heftigen Stürme des Mittelmeeres, hatte er seit vielen, vielen Jahren
über sich ergehen lassen müssen. Dennoch stand er so bieder, so fest
und treuherzig da wie am ersten Tage, da ihn ein unbekannter Zufall auf
diesen Platz gestellt haben mochte.

Zu welchem Zweck und aus welcher Ursache er hierhergekommen war, danach
fragte niemand; genug, er stand nun einmal da, trotzig und unentwegt,
und diente bereits seit grauen Zeiten den Wanderern als willkommener
Ruheplatz, den Fremden als orientierendes Merkmal, den spielenden
Kindern, die lachend auf ihm herumzuklettern pflegten, als freundlich
stummer Gefährte.

Vor vier, fünf Jahren etwa kam ein sonnengebräunter, fremder Gesell des
Wegs gezogen, einen Basthut im Nacken, einen derben Stock in der Hand,
einen abgenutzten Ranzen auf dem Rücken. Er kam von Genua und mußte
seiner Kleidung nach von weit her sein.

Düster schaute er aus brennend schwarzen Augen geradeaus. Das magere,
braune, fest umrissene Gesicht war von wenigen, aber tiefen Falten
durchfurcht, die Zeit und einförmiger Kummer hineingegraben haben
mochten. Von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei gruben sich
wie vielbenutzte, einsame Fahrstraßen harte Linien und verliefen erst
unter dem festen Kinn. Auch die schön gewölbte Stirn zeigte Furchen
und Rinnsale, die sich über den beweglichen Augenbrauen in scharfen,
bogenförmigen Strichen zeichneten.

Als habe das Leid sich nicht genuggetan in der Ausmeißelung dieser
schmerzlichen Züge, hatte es auch noch zwei finstere, tiefe Rinnen von
den Augenwinkeln quer über die Wangen gezogen. Ein dunkler Schnurrbart
verschleierte einen feinen, träumerischen Mund, über den sich eine
starke, hagere Nase buckelte, als erhebe sie energischen Protest gegen
alle weicheren Regungen. Es war ein einsames, schwermütiges Gesicht.

Rüstig wanderte der Mann vorwärts und begleitete seinen Schritt mit dem
taktmäßigen Aufschlagen seines Stockes.

Seine Gangart war noch jugendlich. Er mochte in der Mitte der vierziger
Jahre stehen. Als er den großen Quaderstein von weitem erblickte,
leuchtete es hell auf in seinen durchfurchten Zügen.

Rasch ging er auf ihn zu und blieb gedankenvoll vor ihm stehen.

»Hier war es,« murmelte er, »grad vor dreiundzwanzig Jahren ... an
einem heißen, blauen Tage wie heute.«

Und fast zärtlich strich er mit der gebräunten, feingliederigen Hand
über die rauhe Steinfläche.

Dann setzte er sich darauf, warf seinen Ranzen ab und stützte die
Ellbogen auf die Knie.

Trübe starrte er die Straße entlang.

»Alles verändert -- neue Häuser, neue Menschen, neue Zeiten. Annunziata
verheiratet, Emilio und Giovanni hinaus in die Welt ... von dem Hause
des Vaters auch nicht ein Stein! Ah, sakramento!«

Seine Züge zogen sich in bitterem Gram zusammen.

Alle Furchen wurden tiefer.

Er nickte düster mehrmals vor sich hin.

»Nur dieser Alte hat noch das gleiche Gesicht.«

Regungslos blieb er eine Weile sitzen. Seine hagere Gestalt war in sich
zusammengesunken.

Die Kindheitserinnerungen gaukelten ihm lichte, freundliche Bilder vor
die Seele.

Drüben an Stelle des fünfstöckigen, kasernenartigen Gebäudes hatte die
kleine Osteria seines Vaters gestanden mit weinumranktem Laubengang.
Sein freundliches Erbe.

Als kleiner Junge war er dem dicken Vincenzo, der hier täglich seine
zwei Liter Chianti einzunehmen pflegte, auf den Schoß geklettert und
hatte aus seinem Glase genippt, und der feiste Alte hatte lachend
gesagt: »Jetzt bist du bei mir zu Gast, Pietro; aber wenn du groß
bist, komm' ich zu dir und trink' meinen Chianti umsonst. Für die alte
Kundschaft hätt' ich's verdient, mein' ich.«

Und der kleine Pietro hatte ernsthaft genickt und gesagt: »Aber die
Annunziata bringst du dann immer mit, Vincenzo?«

Die kleine Annunziata war des alten Vincenzo Enkelin und sein Augapfel,
ein zierliches, elfenhaftes Ding mit großen, frommen grauen Augen.

Um Annunziatas Gunst hatte es mit den Nachbarskindern Emilio und
Giovanni in späteren Jahren blutige Schlägereien gegeben. Wenn Pietro
mit zerschundener Nase und trotziger Schweigsamkeit von der Straße
ins Haus kam, lachte seine Mutter und sprach: »Die Hexe mit den
Madonnenaugen hat euch wohl wieder aneinandergehetzt? 's geschieht euch
recht, warum seid ihr solche Narren!«

Später, als Pietro beim Marmorarbeiter Lukkoli in die Lehre trat und
täglich nach Nervi hineinwanderte, geschah es, daß Annunziata mit ihrem
Blumenkorbe dieselbe Straße zog. Aber sie ging stets auf der anderen
Straßenseite und sprach kein Wort. Nur unter den langen, seidenen
Wimpern warf sie ihm einen Blick von der Seite zu -- einen Blick, der
sich wie glühendes Eisen in seine Seele brannte. An der Ecke, wo ihre
Wege sich trennten, griff sie mitunter in ihren Blumenkorb und warf
dem hübschen Gesellen mit koboldartigem Lachen einen Veilchenstrauß
zu. Dann war der Tag voll Sonne für Pietro, auch wenn die grauen
Wolken trübe niederhingen. Hoffnungen und Wünsche wurden in ihm groß,
vor deren Seligkeit er selber erschrak, ja einmal fand er den Mut,
Annunziata um eine rote Nelke zu bitten. Sie aber schüttelte lachend
ihr schwarzlockiges Haupt, und nun blieben auch die Veilchenspenden aus.

Er hatte gesehen, mit leibhaftigen Augen gesehen, wie sie dem
langen Giovanni, der einst dicht hinter ihr herschritt, ein
Veilchensträußchen wie unversehens vor die platten Füße fallen ließ.
Von nun an haßte er den langen Giovanni wie seinen Todfeind und suchte
Händel mit ihm, wo er konnte. Barkenführer war der, und sein Geschäft
war, die Fremden ins blaue, schillernde Meer hinauszurudern. Sonst aber
lag er stundenlang faul auf dem Rücken und ließ sich die Sonne ins
Gesicht scheinen.

Zwei Jahre waren hingegangen und ein Gerücht verbreitete sich,
Annunziata wolle den dicken Bäcker Philippo Grimaldi in Genua
heiraten. Pietro verlor den Schlaf und ward rauflustiger denn je.
Beim Bocciaspiel hörte man sein zorniges, rauhes Lachen, und bei
seinem Meister arbeitete er mit einer Vehemenz, die ihm den Spott der
übrigen Gesellen und die Achtung des Meisters eintrug. Wenn die anderen
laute sozialistische Reden führten, nickte er nur grimmig und ward
schweigsamer und trotziger denn je.

Da geschah es an einem strahlenden Morgen, daß Annunziata auf ihrem
gewohnten Wege nach Nervi eine rote, glühende Nelke aus ihrem Körbchen
zog, quer über die Straße ging und die Blume mit einem leisen Nicken
ihres Madonnengesichtchens dem Pietro vor die Füße fallen ließ.

»Komm um die Mittagszeit an den großen Stein,« lispelte sie.

Pietro glaubte seinen Sinnen nicht zu trauen. Versteinert stand er da.
Leicht war sie an ihm vorübergeschritten -- aber da lag ja die Nelke --
er hob sie hastig auf und preßte sie an die Lippen. Er hatte also nicht
geträumt, und die Worte vom Stein hatte sie wahrhaftig gesprochen. --
Lange vor Mittagszeit fand er sich auf dem Platz ein.

Fiebernd vor Erwartung stand er da. Wenn sie ihn angeführt hätte ...!
Aber da kam sie mit sittig gesenkten Augenlidern um die Ecke
geschritten, leicht wie eine Elfe, schön wie eine Madonna.

Sie warf einen scheuen Blick auf die Nelke in seinem Knopfloch.
»Pietro,« sprach sie leise, »der dicke Grimaldi ist mir zuwider. Dir
bin ich gut. Sprich du mit dem Großvater ...«

Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Träumte er denn nicht?

»Annunziata ...« stammelte er, »o Annunziata!«

Er griff nach ihrer Hand, sie drückte seine zitternden Finger leise --
dann war sie davongehuscht.

Pietro fühlte den Mut eines Löwen in sich. Und mit dem Ungestüm eines
hitzigen Knaben verdarb er sich seine Sache.

Der feiste Vincenzo hörte ihn ruhig lächelnd an und sprach: »So! Ihr
junges Volk seid also einig, und nach uns Alten fragt ihr nicht. Nun,
wollen sehen, wollen sehen, mein Sohn. Ich gebe keine Versprechungen.
Die Zukunft wird's ja zeigen.«

Und was die Zukunft zeigte, das war so entsetzlich gewesen, daß Pietro
beschloß, nach Amerika auszuwandern, um nicht vor Wut und Gram zu
ersticken und zum Mörder zu werden.

Annunziata wurde zwar nicht mit dem dicken Bäcker Grimaldi versprochen,
aber mit dem reichen, hübschen Kaufmann Torresino, und das Schlimmste
-- sie war ganz glücklich.

»Ich hab' mein Herz nicht gekannt, Pietro -- jetzt erst weiß ich, was
Liebe ist. Verzeih mir.«

Er verzieh nicht. Mit dem ersten besten Schiff zog er aus nach Amerika,
ein ruheloser Mann.

Viele Jahre trieb er die verschiedensten Hantierungen; Straßenarbeiter
war er und Steinklopfer, Hausierer, Handlungsreisender und Diener.

Nach zwölf Jahren erfuhr er vom Tode seiner Eltern. Die Osteria war
verkauft. Er erbte einige tausend Lire. Nun eröffnete er ein eigenes
Kolonialwarengeschäft. Es glückte ihm nicht. Sein Geld sickerte ihm
durch die Finger. Wieder stand er mittellos wie einst auf der Straße.

Da nahm sich seiner ein deutscher Maler an. Es war ein echter Künstler
mit einem weiten, warmen Herzen. Pietro blieb bei ihm als Diener und
sah ihm so viel von seiner Kunst ab, daß er sich selbst darin zu
versuchen begann. Der Maler hatte seine Freude daran, und für Pietro
erschloß sich ein neues Leben.

Er blieb bei seinem gütigen Herrn, der ihm mehr ein Freund war.
Sie durchstreiften auf langen Reisen Amerika, hielten sich in den
verschiedensten Städten auf, und der Künstler sprach davon, den treuen
Pietro zu seinem Erben zu machen. Ehe er an die Ausführung seines
Testaments ging, ereilte ihn der Tod.

Nun war Pietro ganz und gar vereinsamt. Nur das Malgerät seines
Freundes und Herrn durfte er sich aneignen. Wieder stand das Leben leer
und öde vor ihm wie ein dunkles, fragendes Rätsel.

Da packte ihn die Sehnsucht wieder, in seine Heimat zu ziehen -- nach
dreiundzwanzig Jahren.

So saß er nun auf seinem Stein, dem einzigen Gegenstande, der im
Wechsel der Zeiten der gleiche geblieben war -- heimatlos, vereinsamt
wie zuvor.

Mit einem schweren Seufzer stand er auf, faßte den Ranzen gleichgültig
am Riemen und warf ihn über den Rücken. Suchend schritt er die hohe
Häuserreihe entlang. Wäschestücke flatterten melancholisch an Seilen
über seinem Haupte. Aus den Fenstern eines weitläufigen Gebäudes
schallte wüster Streit.

Behäbig stand der Schenkwirt in Weste und Hemdsärmeln an der Tür
einer Osteria und horchte lachend zu den Schimpfreden empor, die wie
abgeschossene giftige Pfeile aus zwei getrennten Fenstern desselben
Hauses auf die Straße flogen.

Zwei wirre, ungekämmte, von Wut entstellte alte Weiberköpfe bogen sich
heraus, jeder an seinem Fenster, und schimpften mit auserlesener Übung
und Liebe zur Sache.

Zwischen ihnen lag ein geschlossenes Fenster. Die Sicherheit, daß die
Streitenden nicht zueinander gelangen konnten, gab ihren Mienen und
ihren Worten eine außerordentlich gesteigerte Ausdrucksfähigkeit.

Pietro schob sich an dem Schenkwirt vorüber in die dunkle Osteria und
setzte sich an einen Tisch.

»Einen Salami und ein Viertel Chianti!« befahl er kurz.

Der Schenkwirt brachte das Geforderte und stellte sich neugierig vor
ihm auf.

»Ihr seid wohl fremd hier?« begann er.

»So ziemlich.«

»So dacht' ich, denn sonst müßtet Ihr Eure Freude an dem Konzert da
oben haben. Das geht nun schon seit fünf Jahren alle Tage so her. Ohne
diese lebhafte Begrüßung hätten die alten Hexen keinen Appetit.«

»Worum handelt sich's denn?« fragte Pietro gleichgültig.

»Jeden Tag um etwas anderes. Heute hat die alte Carmela es gewagt, ihr
Kamisol auf die Wäscheleine der Barbara zu hängen, und morgen behauptet
Barbara, die Carmela hätt' ihren Liebsten, den Michele Punta, der vor
dreißig Jahren nach Amerika ausgewandert ist, zu kapern versucht. Die
Wahrheit ist, er war ein kluger Mann und ist seiner sanftmütigen Witwe
beizeiten ausgerückt. Hätt' ich auch getan, an seiner Stelle. Ah, ~per
bacco~!«

Pietro verzog keine Miene. »Ist das Zimmer zwischen den beiden bösen
Nachbarinnen zu vermieten?« fragte er.

»Jawohl. Da wird sich so bald keiner finden, der in die Höhle zieht.
Zu beiden Seiten die täglichen Explosionen -- tausend Dank! Von unten
hört sich das ganz erfreulich an, aber so mitten drin -- das ist kein
Vergnügen!«

»Mir kommt's auf die Billigkeit an -- ich bin taub und stumm, wenn ich
will.«

So ward die Sache beschlossen und eingerichtet. Noch an demselben Tage
bezog Pietro die einfenstrige Kammer zwischen den beiden feindlichen
Gewalten.

Es war, wie er gesagt hatte. Er war taub und stumm. Die wütenden Reden
der geifernden Weiber prallten ohne jegliche Wirkung an ihm ab und
gingen über ihn hinweg wie Wellenschaum über Felsenklippen, selbst wenn
er sein Fenster öffnete und gelassen hinausschaute. Seine Gegenwart
schien im Gegenteil die Hexen zu ausgesucht tückischen und wortreichen
Schmähungen zu entflammen.

Eine Woche hatte der Trödel nun schon gedauert -- endlich riß auch
Pietro die Geduld. In demselben Moment, da die Alten wieder einmal
ihren üblichen Morgengruß austauschten, die zusammengekrallten Finger
erhoben und mit fletschenden Zähnen aufeinander losgeiferten -- erhob
Pietro, der sie bisher niemals beachtet hatte, gebieterisch seinen
Zeigefinger, faßte sie nacheinander fest ins Auge und sprach: »Basta!
Nun ist's aber genug. Wenn ihr nicht aufhört, werde ich euch das
Schweigen schon beibringen.«

Starr vor Staunen fuhren sie einen Augenblick zurück, stürzten aber
sofort gleichzeitig wieder hervor, beugten die Oberkörper weit zum
Fenster hinaus, und schmetternder und wütender als zuvor erhob sich das
ohrenzerreißende Gekeife -- nun gegen ihn.

Ruhig blinzelte Pietro sie an, eine nach der anderen, dann stülpte er
seinen Hut auf und wanderte an seinen Lieblingsplatz, den großen Stein.

Er zog ein Stück Kohle aus der Tasche und begann mit sicheren, festen
Strichen auf der Steinfläche zu zeichnen.

Zwei geöffnete Fenster mit halb aufgeklappten Jalousien -- aus jedem
beugte sich ein alter Weiberkopf von grotesker Häßlichkeit. Die
krummen Hände hielten beide wie Krallen gegeneinandergerichtet. Das
dazwischenliegende Fenster war geschlossen.

Neugierig trat ein Vorüberwandernder nach dem anderen an den Stein und
blieb stehen. Bald war eine ganze Gruppe versammelt. Ein Lachen ging
durch den Kreis.

»~Benissimo! Bravo!~ Die alten Hexen, wie aus der Kanone geschossen!
Das leibhaftige Leben!«

Pietro sah sich nicht um. Schweigsam zeichnete er weiter und fügte neue
Einzelheiten zu dem Gesamtbilde.

»~I say!~« klang eine näselnde Stimme. »~That's well done!~«

Ein Lirestück flog auf den Stein.

Bewundernd stand ein Engländer in kariertem grauen Anzug daneben.

Pietro schaute ihn düster an, dann schob er die Lire gleichmütig in die
Tasche.

»~Non capisco!~« log er, rückte den Hut in den Nacken und trollte sich
davon.

»~A strange fellow!~« murmelte der Brite.

Vergnügt und gestikulierend blieben die Italiener stehen und suchten
ihm begreiflich zu machen, um was es sich handle.

»~Aoh, I see! A funny chap!~«

Damit ging er weiter. Der Stein aber blieb bis zum späten Abend der
Sammelpunkt regen Interesses und heiterer Unterhaltung.

Als es zu dämmern begann -- sah man die alte Carmela, ein schwarzes
Schleiertuch über dem Haupt, sachte zu dem Stein hinschleichen und fünf
Minuten später die Barbara.

Für sie war er ein Stein des Anstoßes geworden.

Stumm, gelb und bleich vor Entsetzen und Wut standen sie da, dann
ergriff jede einen Rockzipfel und scheuerte keuchend über ihr eigenes
Bildnis. Ein lautes Bravorufen schallte ihnen von der anderen
Straßenseite entgegen, und flüchtig wie graue Gespenster huschten sie
davon, jede in einer anderen Richtung.

Von nun an hatte Pietro seine Ruhe.

Aber zum monatlichen Zahlungstermin des Mietzinses stand ein großer
Karren vor der Haustür, drei langgespannte, hochbeinige Maultiere
davor, und kunterbunt und einträchtig war das Hausgerät der beiden
Feindinnen übereinandergeschichtet. Sie zogen beide friedlich aus,
um ihre grausam gestörten Feindseligkeiten in einem anderen Hause
einer anderen Straße wieder aufzunehmen. An einem lang andauernden
erzwungenen Frieden wären beide erstickt.

Die längste Zeit seines Tages begann Pietro an seinem Stein
zuzubringen. Die Erfahrung mit dem Engländer hatte ihm einen
praktischen Gedanken eingegeben. Passierte irgend etwas Bemerkenswertes
auf der Straße, gab's irgendwo Händel oder eine Schlägerei, oder zogen
die Burschen mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen -- Pietros
Kohlenstift wußte die Gestalten festzuhalten, und mancher Soldo flog
als klingender Lohn auf seinen Stein.

Endlich begnügte er sich nicht mehr mit den schwarzen
Kohlenzeichnungen. Er brachte bunte Pastellstifte mit hinunter und
begann die Osteria seines Vaters hinzuwerfen, wie sie in der Erinnerung
an seine Jugendjahre vor ihm stand. Es wurde eine schmerzlich süße
Beschäftigung.

Die Unebenheiten der Steinfläche wußte er geschickt auszunutzen, hier
nur mit ein paar Lichtern nachzuhelfen, dort den graubräunlichen
Grundton stehen zu lassen. Lebendig wuchs das alte, zusammengesunkene
Häuschen vor ihm auf, mit den grünen Jalousien, dem lichtdurchstrahlten
Weinlaubengang und dem blauen Himmel darüber. Vorn auf der Bank die
breite Gestalt des festen Trinkers Vincenzo und vor der Haustür -- ein
schlankes Weib im roten Rock, seine Mutter. Das Bildchen rief lebhafte
Anerkennung hervor.

»Der versteht's« riefen bewundernde Stimmen, und mehrere Soldi rollten
klappernd auf den Stein.

Aber es war niemand von den Alten da, die das Haus wiedererkannt
hätten, und Pietro empfand seine Einsamkeit mit einem Gemisch von
drückender Schwüle und wehmütiger Befreiung.

Sein Stein und er waren die einzigen Wissenden; sein Stein und er
hatten sich allein etwas zu sagen.

Und aus der Tiefe seiner Seele quoll der Wunsch in ihm hervor, seinem
Stein ein anderes geliebtes Bild aufzuprägen.

In feierlicher Stimmung begann er an einem stillen, heißen Sommertage
die Züge Annunziatas in Pastellfarben auf den Stein zu zeichnen.

So wie sie damals vor dreiundzwanzig Jahren vor ihm gestanden,
lieblich, berückend, mit grauen Madonnenaugen in dem schelmischen
Elfengesicht.

Er gönnte seiner Seele diesen Feiertag. Wer wußte hier noch von ihr und
ihm?

Es wurde kein Meisterwerk, aber sein Meisterwerk war's immerhin. Nie
hatte er Besseres geschaffen. Sein Herz, sein Blut und seine Trauer
hatten mitgemalt, und lebendig leuchtete ihm die Annunziata seiner
Liebe aus der graubraunen Fläche des Steins entgegen.

Wie immer sammelten sich die Müßigen um den wunderlichen Gesellen.

Die freudige Neugierde, der zufriedene Stolz auf den Künstler und
Landsmann machten sich in lauten Beifallsworten Luft.

Der einsame Pietro, er, in dessen verschlossene Seele kein anderer
hineingeschaut hatte, er gehörte zu ihnen. Ihnen gehörte dieser
Sonderling, den sie nicht begriffen, dieser weltfremde Schweiger, so
wie ihnen das stumme Vorgebirge Portofino gehörte, das blaue Meer und
die stachligen Agaven. Ein Gewächs ihres schönen Landes war er wie sie.
Wer fragte danach, warum das Meer so blau, warum Portofino so schön,
warum die Agavenblätter so spitz und drohend aussahen wie Schwerter? Es
war so, und daher nahm man die Dinge so, wie sie waren, die Dinge und
die Menschen. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und einer Note
von überlegenem, gutmütigem Spott.

Pietro Ferrari war der Ihre. Er war viele Jahre außer Landes gewesen.
Er war in der Fremde geworden -- was kümmerte das sie? Ob seine engere
Heimat Genua gewesen oder Florenz -- danach fragten sie nicht. Genug,
er war Italiener.

Nun aber trat ein Genuese an den Stein heran und betrachtete das
Bildnis lange.

»~Per bacco!~« sagte er, »das ist ja die schöne Signorina Maria
Torresino, wie sie leibt und lebt! Die soll ja nächstens Hochzeit
machen mit dem reichen Seidenfabrikanten Andrea Parrini aus Bergamo.«

Er warf ein blankes Zwanzigcentesimistück auf den Stein.

Pietro zuckte zusammen, aber er würdigte ihn keiner Antwort.

»Der, der den Pietro zum Reden bringt, wenn er nicht will, der muß
noch erst geboren werden!« höhnte ein brauner, schmucker Bursche in
Hemdsärmeln. »Das ist ein Schweiger aus eigenen Gnaden und ein Künstler
dazu! Jeder Mann hat eben sein Vergnügen!«

Zu aller Erstaunen wendete Pietro sich um.

»Wo soll die Hochzeit sein und wann?« fragte er kurz.

Die Frage kam so unerwartet, daß alle ihn verblüfft anstarrten.

»Nun, übermorgen, im Lorenzodome. Halb Genua spricht ja davon. Hoch
soll's hergehen dabei. Wie schön die Braut ist, davon redet ja sogar
Euer Stein! Das brauche ich Euch nicht erst zu sagen.«

Schweigsam packte Pietro seine Pastellstifte zusammen. Dann fuhr er
mit dem Ärmel gleichmütig über das blühende Antlitz, und in eine
unkenntliche, farbenreiche Masse aufgelöst, starrte ihm sein zerstörtes
Werk entgegen. Er wandte sich zum Gehen.

Ein einziger Laut des Bedauerns ging durch die Reihen.

Pfiffig zwinkerte der Genuese mit den Augen.

»Solche Künstlergrillen haben ihre Geschichte,« flüsterte er. »Ich
wette, euer seltsamer Maler hat sein Herz an die schöne Maria Torresino
verloren!«

»Dann muß er ein Genuese sein!«

»Nein, er stammt hier aus Quinto. Das weiß ich von dem alten
Eisenwarenhändler Philippo -- der will ihn sogar erkannt haben.«

»Wie, der alte Maulwurf mit seinen triefenden, halb blinden Augen?«

»Vor dreiundzwanzig Jahren soll der Pietro ein schöner Bursch gewesen
sein!«

»Dreiundzwanzig Jahre! Das ist eine lange Zeit!«

»Nun freilich. Aber einen Maler Pietro Ferrari hat's damals hier nicht
gegeben.«

»Wenn Euch die Sache keine Ruhe läßt, so geht doch selber zu ihm hin
und fragt ihn.«

So schwirrten die Reden und Gegenreden durcheinander. Pietro war schon
längst in seiner Stube und starrte trübsinnig vor sich hin. Was gingen
ihn all die schwatzenden Leute an? Er sehnte sich nach seinem Stein und
dem verlorenen Bildnis seiner Annunziata.

Maria Torresino -- das also war ihre Tochter.

Er mußte sie sehen. Er mußte.

In aller Frühe, noch ehe der glühende Sonnenball über das Vorgebirge
Portofino hervorschaute, wanderte er am nächsten Morgen nach Genua.

Zwecklos trieb er sich in den lärmenden Straßen umher. Aber am
folgenden Tage fand er sich im Lorenzodome ein.

Er sah sie wieder. Seine Annunziata, verjüngt, verklärt in dem Bilde
der wunderschönen, lieblichen Braut Maria Torresino.

Seine Annunziata aber erkannte er nicht wieder. Eine dicke, gemächliche
Frau, laut und aufdringlich in Stimme, Kleidung und Bewegungen. Und
er sah Maria Torresino als Maria Parrini über die breiten marmornen
Kirchenfliesen zurückgehen -- nein, Annunziata, noch immer seine
Annunziata ...

Und alles, was vom Künstler und vom einsamen, um sein Glück betrogenen
Menschen in ihm war, schrie auf und heftete sich in einem langen,
verzehrenden, glühenden Blick an ihre Züge.

Sie hatte er gemalt. So ähnlich war sie ihrer Mutter. Sie war die
Sehnsucht seines Lebens gewesen! Zurück -- zurück zu seinem Stein!

Dort mußte sie wieder auferstehen ...

Ärmer denn je, verlassener denn zuvor -- nur sein Stein, sein Stein,
der stumme Gefährte all seiner verschwiegenen Bitternisse, der
Wissende, der einzige Freund -- zu ihm zurück!

Er lief mehr als er ging, die Landstraße entlang. Brütende Mittagglut
über dem blauen, schillernden Meer. Rasselnde Fuhrwerke hüllten ihn in
Wolken von Staub. Der Schweiß troff in Strömen von seiner Stirn. Er
achtete es nicht. Zurück zu seinem Stein!

Er allein war Heimat ihm und Freund, er allein gab Nahrung ihm und
Arbeit, gab ihm die wehmütig-trübe Freude der Erinnerung.

Sein Stein!

Vor Pietro tauchten die ersten Häuser Quintos auf. Erschöpft
verlangsamte er seine Schritte.

Wie nach langer, mühseliger Lebenswanderung fühlte er sich von den
wenigen Meilen entkräftet und zerschlagen.

Schon sah er die beiden gegabelten Straßen, die nach dem nahen
Nervi führen. Dort, wo die Wege zusammentrafen, stand eine lärmende
Menschengruppe.

Er hatte doch nichts Neues auf seinen Stein zeichnen können, weshalb
wären denn die vielen Menschen da? War ihm jemand im Zeichnen
zuvorgekommen?

Mit erzwungener Gemessenheit schob er sich heran.

Da blieb er stehen, als hätte ihn ein Schlag vor den Kopf getroffen.
Bleich wie Kreide stand er da und blinzelte hastig und unsicher mit den
geröteten Lidern.

Um der Barmherzigkeit willen -- was war geschehen? Wo war denn sein
Stein?

Ein tief eingedrücktes Viereck im harten, trockenen Erdboden war die
einzige Spur seines letzten Freundes.

Wo war sein Stein hin ...?

Ratlos, benommen stierte Pietro nach dem leeren Platz. War er verhext?

»Wo ... wo ist ...?«

Heiser und kraftlos gurgelte er die wenigen Worte hervor. Er wies auf
die leere Stelle.

»Ah, der Alte da -- das war harte Arbeit -- einen Riß hat er beim Heben
davongetragen. Angekauft ist der Platz zum Hausbau. Den Stein hat man
soeben fortgeschafft -- ins Meer soll er, ist ja zu nichts mehr gut.«

Pietro atmete kurz und schwer. Ein Schwindel wirbelte ihm alle Dinge
wild im Kreise. Häuser, Menschen tanzten auf und nieder, hin und her.

»Mein Stein ...« sagte er nur mechanisch vor sich hin, »mein Stein ...«

Rasch eilte er die untere der Parallelstraßen entlang. Dort um die Ecke
bog ein schwerer, zweiräderiger Karren, von fünf Maultieren langsam
fortbewegt. Darauf sah er seinen Stein.

Atemlos rannte er ihm nach. Unbarmherzig hieben die Lastfuhrleute auf
die müden Tiere ein. »J--uh! J--uh!« tönte es aufmunternd aus drei
rauhen Kehlen.

Pietro hielt seinen Stein mit beiden Armen umklammert. »Nicht ins
Meer,« bettelte er mit zerbrochenem Ton, »nicht ins Meer ... den Stein!«

Die Treiber sahen den wunderlichen Gesellen an.

»Das ist so Befehl vom Syndako,« sagte einer gleichmütig.
»Fortgeschafft soll er werden.«

Und weiter mit »J--uh! J--uh!« karrte der hochräderige Wagen.

Betäubt, zerbrochen folgte Pietro dem Fuhrwerk. So war es gewesen, als
man seinen Herrn begrub.

Das Letzte hatte man ihm genommen. Das Allerletzte.

Am Klippenstrand von Nervi, dort, wo ein vormaliger Sarazenenturm
trotzig aufragt, steht jetzt ein Frauenkloster, die letzte Zuflucht der
aus Frankreich vertriebenen grauen Schwestern.

Still und lüstern funkelte tief unten das blaue Meer ...

Auf den äußersten Vorsprung dieser mächtigen, graubraunen Klippen
lenkte man das Fuhrwerk.

Still standen die geduldigen Maultiere -- wie aus Stahl gegossen.

»~Uno momento -- -- avanti!~«

Wie zwei Säulen durchschnitten die Fehmerstangen des Karrens plötzlich
die mittagsblaue Luft -- der Karren kippte -- mit dröhnendem Krachen
sauste Pietros Stein hinein in die azurblaue Tiefe.

Weit beugte sich Pietro vor. In dem glasklaren Wasser von
tiefsmaragdenem Grün sah er seinen einzigen Freund.

»~Ecco! Basta!~« rief einer der Maultiertreiber.

Und wieder über den knirschenden Kies knarrte das leere Fuhrwerk
weiter -- --

Pietros Leben hatte allen Inhalt verloren. Auf einem anderen Stein
konnte er nicht zeichnen -- es war ja nicht sein Stein.

Verstört und ruhelos schlich er in den Straßen umher. Die Leute
beobachteten ihn scheu.

»Es ist nicht richtig mit ihm!« flüsterten sie.

»Wie er an dem alten Stein hing!«

»Nie war er ein Mensch unter Menschen!«

»Was redet ihr da? Ein Stein ist er unter Steinen, und zu den Steinen
gehört er auch hin ...«

Pietro hatte die letzten seltsamen Worte gesprochen, düster, mit
bitterem Grimm.

Betreten wichen sie zurück.

Und eine Woche später war er verschwunden.

Man suchte ihn vergebens. War er verunglückt? Niemand wußte es
zu sagen. Vielleicht war er von den schlüpfrigen Felsenklippen
hinabgeglitten ... denn immer wieder hatte es ihn zu seinem Stein
getrieben.

In seiner Kammer fand sich kein Bissen Brot, kein einziger Soldo --
nichts außer dem Malgerät und ein paar Kleidungsstücken.

Trübe schüttelte der Schenkwirt das Haupt.

»Mich dünkt, er war ein Mensch unter Steinen!« sprach er gedankenvoll.


        Ende.



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