Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Kleine Lebensgemälde in Erzählungen
Author: Voss, Julius von
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Kleine Lebensgemälde in Erzählungen" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



images generously made available by Bayerische
Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)



  Kleine
  Lebensgemälde

  in
  Erzählungen

  von
  Julius von Voß.

  Berlin, 1821.
  In der Sanderschen Buchhandlung.
  Kurstraße No. 51.



  Der
  Besuch nach zwanzig Jahren
  in der Vaterstadt.

  Ein Sittengemälde.



Der Besuch nach zwanzig Jahren.


Zwanzig Jahre sind eben so viele Umläufe des Erdballs um die Sonne;
regelmäßig ist die Wandlung, auf eine Minute voraus zu berechnen, in
welchem Abstand er sich an diesem oder jenem Tage von der Sonne, auch von
allen bisher entdeckten Planeten befinden wird. Es kann der Mensch stolz
seyn, daß er so erhabner Berechnungen fähig ist; sie unterscheiden ihn von
dem sprachlosen Thier. Stets kehren die Jahreszeiten regelmäßig wieder, und
die veränderte Witterung hängt an atmosphärischen Ursachen, die genau der
Mensch noch nicht ergründen konnte. Im Allgemeinen sind diese Abweichungen
aber nicht bedeutend, und man wird doch ziemlich voraussagen können, welch
ein Ansehn die Natur an diesem oder jenem Orte, in einem oder dem anderen
Monate, haben wird.

Nicht so ist es bei dem Menschen. Er verfolgt auch einen Gang, dem an sich
Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugetheilt sind; übrigens hat sein
Leben aber so wenig Regelmäßigkeit, und die Zukunft läßt sich so ungewiß
aus der Gegenwart bestimmen, daß oft eine ganz andere Erscheinung, als die
gehoffte, eintreten wird. Nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren darf nur
-- wer so lange denken kann -- sich fragen: welche Bekannte hatte ich, als
dieser Zeitraum anfing? Was ist aus ihnen geworden; und wie hofften und
glaubten sie einst, daß ihrem Wünschen und Streben die Fügung entsprechen
würde? Aus den vorhandenen Thatsachen werden nun die Beantwortungen
hervorgehn, und nicht wenig in Erstaunen setzen.

Auf die allmähligen Veränderungen, welche in zwanzig Jahren mit unsern
Bekannten sich zutragen, achten wir bei dem Allen viel zu wenig, als daß
uns die entstandnen Kontraste zwischen Ehedem und Jetzt recht deutlich
ins Auge fielen. Wo die Farben nach und nach sich umwandeln, befremdet es
endlich kaum noch, wenn aus dem Weiß ein Schwarz sich hervorgebildet hat;
doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte, oder aus dem
Julius in den Februar, könnte von auffallenden Gegensätzen der Ansicht
reden.

So auch, wenn wir die Bekannten in zwanzig Jahren nicht gesehn, auch
während dieser Zeit nicht das Mindeste von ihnen gehört haben. Diese
Erfahrung sollte ich machen, und ich entnahm daraus, wie viel merkwürdiger
noch es seyn muß, wenn der Zeitabschnitt dreißig oder noch mehr Jahre
beträgt.

Ich wurde in einer Stadt mittlern Umfangs in Deutschland geboren. Mein
Vater bekleidete das Amt eines Rathsherrn, und stand in ausgezeichnetem
Ansehn; theils weil es seine Würde ihm gab, theils, weil er mit einem
anerkannt redlichen Sinn eine ungemein scherzhafte Laune verband, die ihn
jeden Zirkel, in den er trat, beseelen, und allenthalben Freunde gewinnen
ließ. Eben so war meine Mutter, ihres gutmüthigen und feinen Betragens
willen, in meiner Heimath geachtet.

Ich hatte noch einen älteren Bruder Otto, welcher die Rechte studierte,
wogegen ich auf einer Hochschule der Cameralwissenschaft oblag. Meine
Schwester, Wilhelmine, zählte einige Jahre weniger als ich.

Mit Otto stand ich von den Kinderjahren her nicht zum Beßten. Vater und
Mutter gaben mir einigen Vorzug; dies machte ihn zu meinem Feind. Unsre
Gemüthsweisen hatten eine große Verschiedenheit. Otto war einsilbig,
trocken, mißlaunig, galt daher nicht bei den Knabenspielen in unserer
Nachbarschaft für einen lustigen Gefährten; ein Lob, das mir hingegen ward,
bei meiner natürlichen, in jenen Zeiten oft muthwilligen, Lebhaftigkeit.
Man konnte Ottos Fleiß auf Schulen nicht tadeln; er zeigte vielmehr dort
guten Eifer, trieb jedoch Alles mechanisch, konnte es nur zu langsamen
Fortschritten bringen, und am Ende schien Alles bei ihm nur magres
Gedächtnißwerk. Die Mitschüler nannten ihn einen Pinsel; bei den Lehrern
aber galt er, weil er ihnen eine ungemein unterworfne Ehrerbietung bewies.
Mein Streben war nicht so ernst, allein die Arbeit wurde mir leicht; ich
konnte in einer Stunde mehr vor mich bringen, als Otto in einem halben
Tage. Daher übertraf ich ihn nicht selten, und erregte oft die Verwunderung
meiner Lehrer in Fragen, die von scharfsinnigem Nachdenken und treffendem
Urtheil zeugten; oder in Einfällen, die ihnen witzig schienen. Allein ich
trieb nebenbei auch manchen kleinen Unfug, war zu leichtsinnig die Gunst
der Lehrer auf solchen Wegen zu suchen, wie Otto, an dem ich vielmehr eine
kriechende, sklavische Höflichkeit bespöttelte. So gewann ich dort wenig
Gunst.

Als wir gemeinschaftlich die Hochschule bezogen hatten, blieb unser
Verhältniß zu einander sich ähnlich. Otto galt mehr bei den Professoren,
ich mehr bei den aufgeweckten Burschen, war bald in meiner Landsmannschaft,
in meinem Orden ein strahlendes Licht. Otto wirthschaftete spärlich; weit
mehr kostete ich dem Vater. Bei dem Allen war ich ihm doch lieber, als mein
Bruder, nachdem wir von der Hochschule in die Vaterstadt zurückkamen. Meine
Außenseite schien ihm vortheilhafter, meine Unterhaltung geistreicher.
Unser Wissen dünkte ihm sich ungefähr die Wage zu halten; doch meinte er:
ich würde mit meinem Pfund gescheidter zu wuchern verstehn, die Wege,
auf denen man sein Glück macht, mit Scharfblick suchen, mit kluger
Beharrlichkeit verfolgen, und so bald an einem namhaften Ziele stehn.
Otto, pflegte er zu sagen, wird so ein sechs Jahre als Referendarius der
Jurisprudenz mitlaufen, und dann sich zum Senator, oder, wenn es hoch
kommt, zum Bürgermeister in einem Landstädtchen ernannt sehn, und damit
wird seine Laufbahn geschlossen seyn. An Wilhelm denke ich hingegen noch zu
erleben, daß er zum Geheimen-Finanz-Rath oder Präsidenten emporsteigt.

Der gute Vater irrte, wie es die Folge zeigen wird. Ueberhaupt gehört es
auch zu meinen gesammelten Erfahrungen, daß häufig die Eltern ihrer Kinder
wahrscheinliches Loos unrichtig beurtheilen.

Man stellte uns bei den zwei Collegien an, die in meiner Vaterstadt sich
befanden. Otto glänzte auf seinem Standpunkt gar nicht; meine Talente
wurden bald gepriesen. Doch hatte sich nach zwei Jahren da viel geändert.
Otto griff mehr und mehr ein, und hatte die Zuneigung der Obern, in seinem
höchst aufmerksamen Betragen, gewonnen. Die meinigen aber fanden an mir
dies und das zu erinnern. Ich hätte zwar Talente, hieß es, wäre aber auch
voreilig eitel darauf, ließe mir bald Nachlässigkeiten in der gebührenden
Achtung gegen Höherstehende, bald in den amtlichen Verrichtungen, zu
Schulden kommen, und wäre oft auch absprechend, anmaßend; wollte am Eingang
der Laufbahn manches besser verstehen, als Männer, die größtentheils sie
schon durchlaufen hätten.

Doch ich will meine nächste Umgebung, in diesen zwei Jahren, beschreiben,
um hernach darzuthun, welche seltsame Wechsel zwanzig Jahre in den
Schicksalen der Menschen hervorzubringen fähig sind.

Mein Vater hatte ein Einkommen, das für den Ort ansehnlich heißen durfte,
und auch meine Mutter hatte ihm einiges Vermögen zugebracht. Dies setzte
ihn in den Stand, oft Gäste einzuladen, oder, wie man es nennt, ein Haus
zu machen. Es entsprach seinen Neigungen zu heitrer Geselligkeit, und er
setzte auch eine Art Stolz in den Ruf: sein Haus könne ein Wohnsitz des
guten Geschmacks heißen. Er traf auch deshalb eine sorgsame Auswahl unter
den Leuten, mit welchen er vorzüglich umging; wenigstens mußten sie zur
feinsten Welt des Ortes gehören, und es lag ihm mehr daran, zu bewirthen,
als bewirthet zu werden. Daneben war gute, frohe Laune eine den
Hausfreunden gemachte Bedingung. Sie wohnte ihm selbst in hohem Maße bei,
und lange Weile floh er.

Er liebte diesen Aufwand jedoch zu viel, erwog nicht genug, daß zwischen
seinen Einnahmen und Ausgaben kein richtiges Verhältniß bestände. Wir Söhne
hatten ihm auf der Hochschule auch nicht wenig gekostet, und durften in den
nächsten Jahren noch keinem Amtsgehalt entgegen sehn. Deshalb war um die
Zeit, als wir an den erwähnten Landesstühlen untergeordnete Plätze
gefunden hatten, das Vermögen seiner Gattin schon mit aufgezehrt. Nichts
destoweniger lebte mein Vater nach alter Weise, zum Theil einmal daran
gewöhnt, zum Theil auch aus überdachten Gründen. Er meinte, wenn er die
Obern seiner Söhne durch öftere Einladungen sich verbindlich machte, so
würden sie um so geneigter seyn, Jenen zu einem besseren Fortkommen
zu helfen. Zudem wuchs auch meine Schwester heran; eine glückliche
Verheirathung derselben gehörte zu den sehnlichsten Wünschen meiner beiden
Eltern. Die Mutter pflegte zu sagen: Ein Mädchen, das nicht gesehn wird,
kann auch nicht begehrt werden. Und so munterte sie ihn zu dem noch auf,
wovon ihn abzumahnen vielleicht rathsamer gewesen wäre.

In der That mußte aber Wilhelmine nahe gesehn, nach ihren verschiednen
Eigenthümlichkeiten beobachtet werden, wenn diese auf Männerherzen Eindruck
machen sollten; es konnte dann jedoch ein namhafter seyn. Der Mitgift wegen
ließen Freier sich nicht absehn, und Wilhelmine hatte keinen Mangel an
Schönheit, zeichnete sich gleichwohl auch daran nicht aus. Sie hatte eine
mittlere, feine Gestalt, ein nicht unregelmäßiges, und allerdings auf
schönen inneren Sinn deutendes, aber wie gesagt, nicht ausgezeichnetes
Gesicht. Es hätte sich daran mehr frische Blüthe, und schärferer Ausdruck
in den Zügen wünschen lassen; sonst hingegen war es hold, freundlich und
angenehm.

Viel hatten die Eltern an Wilhelminens Erziehung gewandt, und sie war ihren
Bemühungen stets mit regem Eifer entgegen getreten. Sie zählte nun achtzehn
Jahre, und hatte ihren natürlichen Verstand ungemein durch nützliche
Schriften, und vortheilhaft gewählte Freundinnen, ausgebildet. Der
französischen und italiänischen Sprache war sie mächtig, und dehnte ihr
Urtheil auf mannichfache Gegenstände im Gebiet der Wissenschaften und
Künste aus. Vor Allem nannte sie Tonkunst ihr Lieblingsthum, und erregte
in der That mit ihrem Gesang die Bewunderung der Kenner. Man sagte von ihr:
sie eine die Fertigkeit einer Virtuosin mit dem Gefühl einer Dilettantin;
und es war keine Schmeichelei. Sie wußte sich daneben mit einem edel
einfachen Geschmack zu kleiden, und trat allenthalben mit Anmuth und feiner
Darstellung auf.

So mußte Wilhelminens Gesammtheit allerdings anziehend seyn, und in den
Augen sinniger Männer blieben auch schönere, doch weniger gebildete Mädchen
ihr weit nachgesetzt. Man feierte die Schwester auf eine ausgezeichnete
Weise; namentlich glänzte sie, wo man sie veranlaßte, ihre Meinung über
schönwissenschaftliche Gegenstände zu äußern, oder ihren Gesang tönen zu
lassen.

Ohne tadelhaft eitel zu seyn, fühlte aber Wilhelmine doch, daß man sie
auszeichnete, und daß ihre geistigen und gemüthlichen Vorzüge ihr höhere
Ansprüche gäben, als vielen Mädchen. Schon weil sie das Ideal eines sehr
vollkommenen Mannes, einer höchst glücklichen Ehe, sich mit vielem Sinn und
Geschmack zu entwerfen wußte, hoffte sie auch, einen Bräutigam zu finden,
der geeignet wäre, ihre Wünsche -- dem größeren Theil nach mindestens -- zu
erfüllen.

Ich hatte ihr Vertrauen mehr, als Otto; daher theilte sie mir oft ihre
Wünsche mit, und ich konnte das, ihr zartes Selbstgefühl Ehrende und
Verständige darin, nicht abläugnen.

Ihres Standes sollte der Bräutigam seyn, oder auch höheren; das Letzte
würde, eben nicht aus stolzem Sinn, doch in dem Betracht, daß Wilhelmine
durch ihre sich angeeigneten Vorzüge sich bereits erhoben hatte, ihr nicht
unangemessen gedünckt haben. Reichthum gehörte nicht zu den Bedingungen,
welche sie aufstellte; Ueberfluß, meinte sie, wäre unnöthig, doch
unerläßlich nöthig auch, vor Nahrungssorgen und Mangel geschirmt zu seyn.
Eine mittlere Wohlhabenheit -- auf ein darüber Hinausgehn würde sie
auch nicht gezürnt haben -- stand hier also in Rede. Aber einen schönen
jugendlichen Mann wünschte sie vorzüglich; wie hätte sie dem an ihr
gerühmten feinen Geschmack sonst entsprechen können! Gleichwohl beschränkte
sie noch ihre Forderungen mäßig. Ein Adonis, ein Antinous, sagte sie, thut
g'rade nicht Noth, doch eine Gestalt, an der nichts Makelhaftes oder gar
Lächerliches heraustritt, die eine wahrhaft männliche zu nennen ist. Nichts
stelle ich mir kläglicher vor, als wenn ich an der Seite einer hagern,
gebrechlichen, oder sonst verbildeten Mißgestalt einhergehn müßte; ich
würde in Aller Augen Bespöttelung, und die Frage lesen: wie konnte sie aber
mit einem solchen Mann zum Altar gehn? Geist und Fühlbarkeit, eine
gewisse Romantik, Sinn für Poesie und Tonkunst durften in keinem Fall
ausgeschlossen seyn: je höher die Gabe von dem Allen, je besser. Am meisten
würde mein Fantasiebild jedoch erreicht seyn, fügte Wilhelmine hinzu, wenn
der Bräutigam auch mit irgend einem Tonwerkzeug virtuosenhaft auftreten,
mein Spiel am Pianoforte begleiten könnte, und wenn er daneben eine
wohllautende Baß- oder Tenorstimme ausgebildet hätte. Eine Doppelsonate,
ein Duett, müssen doch manche Stunden im langen Eheleben reitzend
ausfüllen.

Nun, pflegte sie zu enden, dies Alles heißt doch nicht übertrieben, nicht
unbescheiden fordern. Es kann demungeachtet wohl seyn, daß ich es, nach
vollem Wunsch, nicht beisammen finden werde. Mag indeß meinem Vorbild
auch nur in den _Hauptzügen_ Wort gehalten seyn, der _Mehrzahl_ von meinen
Bedingungen nach. Darunter -- lasse ich aber mich nicht ein, und werde mich
hüten, leicht und voreilig meine Hand wegzugeben.

Der Vater, sehr eingenommen für Wilhelminen, und selbst zum sanguinischen
Hoffen geneigt, bestärkte sie in den hochfliegenden Ansprüchen; die Mutter
hingegen schüttelte den Kopf, und sagte: einem Mädchen ohne Vermögen stände
leider wenig Auswahl zu.

Außer unsern schon genannten Obern lud mein Vater nun, in jener Absicht,
häufig einen Baron von Lilienthal in sein Haus. Er hatte Wilhelminen an
öffentlichen Versammlungsorten große Aufmerksamkeiten bewiesen; das weckte
Aufmerksamkeit für ihn.

Er stand als Offizier bei der Besatzung im Orte, und war in der That ein
schöner, einnehmender Mann, von etwa fünf und zwanzig Jahren. Was man ein
lustiges Betragen nennt, und an jungen Militärpersonen nicht eben selten
findet, ließ sich ihm nicht vorwerfen. Er schien jetzt wenigstens darüber
hinaus, mochte es auch früherhin ihm ein wenig eigen gewesen seyn. Er
sprach mit Geist und richtigem Urtheil, äußerte ein feines Empfinden; seine
Darstellung war höchst gefällig. Ueber seine Glücksumstände war man bei
uns nicht unterrichtet, hegte aber glänzende Vermuthungen; denn Lilienthal
zeigte sich stets in artiger Eleganz, hielt Reitpferde und Livreebedienten,
und fehlte bei keinen Bällen oder anderen Lustfestlichkeiten, welche die
sogenannte schöne Welt anordnete. In den Concerten, oder -- wenn reisende
Mimen eintrafen -- im Theater, blieb er noch weniger aus, gab hier den
Ton des Urtheils an, und mit sinnigem Geschmack. Er selbst blies die Flöte
ziemlich, konnte Wilhelminen allenfalls eine Sonate begleiten.

Es schmeichelte ihr nicht wenig, daß Lilienthal ihren Vorzügen, mit so
vielem Sinn dafür, huldigte. Nicht allein, daß er nicht den mindesten
Adelstolz in unserm Hause zeigte, auch an öffentlichen Orten achtete er
auf keine Schönheit von Geburt mehr, so bald man Wilhelminen sah. Vieler
Mädchen Antlitz umwölkte Neid; denn unter allen jungen Männern der hiesigen
schönen Welt nahm Lilienthal, nach der gebildeten Schönheiten Anerkennung,
eine der obersten Rangstufen ein.

Es wurde auch in der Stadt mancherlei von ihm gesprochen, was die
Theilnahme an ihm von Zeit zu Zeit erneute und erhöhte. Bald sagte man:
er habe mächtige Gönner am Hofe, die ihm nächstens zu einer einträglichen
Hauptmannsstelle helfen würden; bald: er habe einen reichen Oheim beerbt.

Da wären nun die Hauptzüge von meiner Schwester Ideal so ziemlich vorhanden
gewesen. Daß Lilienthal mehr für sie empfinde, als eine gewöhnliche
Werthachtung ihrer ausgebildeten Talente, stellte sie in keinen Zweifel.
Seine Blicke sprachen von heißer Liebe; auch manches hingeflogne Wort ließ
diese ahnen. Zu einem unumwundenen Geständniß, einer netten Werbung um ihre
Hand, kam es demungeachtet nicht, obschon Wilhelmine oft meinte, beides
schwebe auf seinen Lippen. Als Jahr und Tag so entflohen waren, zweifelten
die Eltern, ob es hier zum Ernst hingehn würde; die Tochter aber nicht.

Ferner lud man einen jungen Referendarius fleißig ins Haus, der auch
zu einem der Landesstühle gehörte, und sich mit uns auf der Hochschule
befunden hatte. Es war ein Herr von Soldin, und von ihm bekannt, daß ihm
sein Vater einst hunderttausend Thaler nachlassen würde. Seine übrigen
Eigenschaften wichen indeß sehr in den Schatten zurück, wo Lilienthal sich
zeigte. Soldin hatte eine zwar nicht verkrüppelte, aber doch unscheinbare
Gestalt, und trug sie noch krumm und unbeholfen. Sein Gesicht drückte rohen
Stumpfsinn aus, seine Gespräche verriethen überall Unwissenheit, seine
Kleidung war vernachlässigt. Die Amtslaufbahn, worin er sich schleppend
fortbewegte, hatte auch nur den Zweck, ihn seiner dörfischen Linkheit zu
entwöhnen, und er empfand einst weder Lust zu den Studien, noch jetzt zur
Dienstarbeit. Ist mein Vater todt, sagte er, nehme ich den Abschied, und
ziehe auf meine Güter.

Ueber diese Güter allein wußte er mit einiger Sachkenntniß zu sprechen, und
zeigte auch hinsichtlich des Geldes und seines Werths richtige Begriffe.
Sein Vater unterstützte ihn namhaft; doch übte der Referendarius eine so
wirthliche Beschränkung, daß er mehr als die Hälfte davon sparte. Seine
einzige Liebhaberei bestand in einem Pudel, den er mit in unser Haus
bringen zu dürfen bat, auch dort mit großer Zuneigung streichelte und
fütterte.

Wilhelmine urtheilte: es sei ein geschmackloser, in hohem Grad ungebildeter
Mensch -- häßlich wäre seine Gestalt aber doch nicht zu nennen. Ohne
allen Verstand wäre Soldin auch nicht: er bewiese ihn ein seiner klugen
Sparsamkeit; auch ein freundliches Gemüth lege er bei dem Pudel an den Tag.
Es würde nur eine Schleifung des rohen Diamants bedingen.

Die hunderttausend Thaler milderten wohl ihr Gutachten über ihn so.

Zwei Umstände machten sie aber noch gespannt. Soldin kam oft, auch
uneingeladen, zum Besuch; ihn mußte in unserm Hause folglich etwas anziehn.
Auch sagte er einmal denkwürdig: bei seiner Heirath wolle er nicht auf
Adel, nicht auf Reichthum sehn, vielmehr ganz nach Liebe wählen. Sein
Vater ließe ihm darin Freiheit, und könne auch nicht füglich mit Einreden
auftreten, weil auch er ein bürgerliches und ganz unbemitteltes Mädchen
geehlicht habe.

Wilhelmine fand nicht rathsam, die löblichen Grundsätze zu tadeln, wohl
aber, so viel es thunlich sei, die anziehende Kraft zu erhöhen, die uns des
jungen Mannes so wiederholten Zuspruch verschaffte. Namentlich wenn sie mit
ihm allein sich befand -- was die Eltern so eifrig eben nicht hinderten --
nahm sie an dem Pianoforte eine idealische Haltung an, und sang nicht wenig
schmelzend. Doch seltsam! was Alle hinriß, brachte sein Gefühl nicht aus
der Stelle. Soldin gähnte oft, schlief sogar etliche Mal ein; und wenn ihm
meine Schwester das freundlich verwies, gestand er freimüthig: daß ihm ein
Marsch, oder ein lustiges Stückchen, zum Beispiel, Freut Euch des Lebens,
mehr gefallen würde. Sie meinte dann, über den Geschmack sei nicht zu
streiten, und gab ihm das Verlangte zum Beßten. Doch wie sie auch Hände und
Mund für ihn gefällig bewegte, ließ er Wilhelminen immer noch nicht hören,
was sie gern vernommen hätte, zumal als es auch ihr zu scheinen begann:
Herr von Lilienthal liebe sie zwar ungemein, habe gleichwohl keine
Absichten auf ihre Hand.

Es war, als ob eine Art Furcht ihm die Zunge bei Wilhelminen lähmte.
Nicht einmal ein fortlaufendes Gespräch konnte er mit ihr führen. Nicht
allenthalben ließ er eine ähnliche Zurückhaltung sehn. Mein Vater liebte
Scherz; oft ging Soldin darauf ein, wenn schon auf eine ziemlich derbe
Weise. Ueber Haushaltung richtete er oft ein Gespräch an die Mutter.
Auch hatten meine Eltern eine junge arme Verwandte ins Haus genommen, die
Charlotte hieß. Keinen Unterricht in Gegenständen, welche man zur feinen
Bildung zählt, hatte sie bekommen; nur schlicht bürgerlich war sie in einer
kleinen Landstadt erzogen. Sie führte meistens unsre häusliche Wirthschaft,
kam selten ins Besuchzimmer, und, wenn es geschah, blieb sie entweder
gänzlich unbeachtet, oder man blickte auch wohl befremdet und spöttisch auf
sie hin; denn sie stand allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der
so geistvollen, zarten, niedlichen, abgeglätteten Wilhelmine. Sie konnte
nur von den alltäglichsten Hausdingen reden. Ihre Gestalt war lang,
rund, derb; und wer noch das Beiwort plump beifügte, konnte es allenfalls
verantworten. Nicht einen Zug in dem Gesicht hätte interessant nennen
mögen, wer sich auf das Interessante verstand; unbedeutend, fade, selbst
gemein, würden Kunstrichter des Schönen es bezeichnet haben. Gleichwohl
konnte Soldin bisweilen sich eine gute halbe Stunde zu Charlotten in
einen Winkel setzen, und mit ihr ein Gespräch über Nichtiges unterhalten.
Wilhelmine, nach ihrer Gutmüthigkeit, legte ihm auch diesen Verstoß gegen
ihren, doch so viel höheren, Werth zum beßten aus. Sie äußerte sich:
auch dies sei ein Beleg guten Herzens an Soldin. Er fühle bei den
Zurücksetzungen, die Charlotten widerführen, Mitleid, und wolle ihr zeigen,
daß er keines Stolzes gegen übersehene Personen fähig sei.

Indem sie aber zugleich urtheilte: die Gespräche von gewöhnlichem Stoff
hätten für Soldin eine behagliche Seite, weil er die Seelenkräfte dabei
nicht so zu spannen brauche, als wenn sie den Regionen der Wissenschaften
und Künste entgegen eilte, und ihm dahin zu folgen ansann, -- wollte sie
es ihm auch bequem machen, und fragte ihn bald um die Hühner, bald um die
Gänse auf den väterlichen Gütern. Sie empfing zwar befriedigende Antworten;
allein es schien demungeachtet, er könne das rechte Vertrauen zu ihr noch
nicht gewinnen. Sie meinte nun, Alles würde mit der Zeit sich finden;
auch hernach die allmählige Umbildung des jungen Mannes, welche ihn ihrem
Vorbilde näher brächte.

Außer diesen beiden, stellten noch zwei andere junge Leute sich häufig ein.
Die Eltern bauten eben keine Entwürfe auf sie; es stand mit der Zeit, wo
sie an eine Heirath würden gehn können, zu weit aussehend. Allein sie waren
angenehm unterhaltende Gesellschafter, und hatten mit Otto und mir die
Schule besucht. Allenfalls konnten Jene auch denken: gesetzt es fände sich
für Wilhelminen nicht bald etwas Annehmlicheres und Einem oder dem Anderen
glückten feine Absichten, so möchte er als Eidam nicht verwerflich seyn.

Eduard war ein junger Kaufmann, stand jedoch erst im Begriff, sich
anzusiedeln. Einige tausend Thaler hatte er zum Anfang; indem er gleichwohl
einsah, es würde sich damit nichts von Bedeutung unternehmen lassen,
wollte er zuvor nach Hamburg, Amsterdam, Bordeaux, Lion, Triest und
anderen berühmten Handelsstädten reisen. Dies sollte ihn eignen, sich die
vortheilhafteren Geschäfte auszuwählen, bedeutende Verbindungen anzuknüpfen
und gleich im Großen seinen Kredit zu gründen; so ließe auch zur Stelle im
Großen sich spekuliren und gewinnen. Eine Fabrikenanlage von Belang gehörte
auch zu Eduards hochfliegenden Planen. Die Landesregierung, meinte er,
würde ihm gewiß mit den dazu nöthigen Summen beistehn, wenn er ihr deutlich
bewiesen hätte: seine Fabrik würde nicht allein Hunderttausende, welche ins
Ausland flössen, zurückhalten, sondern noch Hunderttausende aus der Fremde
hereinziehn, auch Tausende von Armen nützlich beschäftigen, und was dessen
mehr war. Er behauptete: kluge Spekulationen, wie Unternehmungen von weitem
Umfange, müßten den Kaufmann nach weniger Zeit reich machen; dies habe eine
so einleuchtende Evidenz, wie das Einmaleins. Träfe es bei Vielen
nicht ein, so läge es an ihrem Mangel an kühner Regsamkeit; der echte
Handelsgeist beseele die Alltagsköpfe nicht. Er wußte auch von gar manchen
Grossirern, Wechslern, Rhedern zu erzählen, die mit nichts angefangen, und
doch Millionen vor sich gebracht hätten; und er fügte naiv hinzu: In so
fern die Wege doch bekannt sind, auf denen es ihnen gelang, sehe ich nicht
ein, warum ich sie nicht auch betreten sollte.

Eduard war übrigens eine ganz hübsche Mannsperson, kleidete sich gut,
sprach wie Leute von Ton, und ließ sich gern finden, wo Leute von Ton
zusammenkamen. Er machte Wilhelminen so ehrerbietig als schmeichelhaft
seine Aufwartung, zeigte, daß es ihm so wenig, als Herrn von Lilienthal, an
Urtheil und Herz für hohe weibliche Vollkommenheit fehle. Ich zweifle auch
gar nicht, daß ihm die Schwester ihre Hand würde gereicht haben, wenn
er von seiner ersten Million vor der Hand nur den zwanzigsten Theil
aufgewiesen hätte. Er trug einige Mal auf ein vorläufiges Versprechen an,
und bewies dadurch wenigstens: er hege doch eine ernste Meinung. Wilhelmine
beschied ihn nicht abschlägig, war aber doch zu klug, sich voreilig zu
binden. Sie verwies ihn auf den Spruch des weisen Salomo: Jedes Ding hat
seine Zeit.

Die Eltern hatten es auch so gewollt. Man hörte, des jungen Mannes ererbtes
Vermögen bestehe in drei- bis viertausend Thalern. Seit Vollendung seiner
Lehrjahre beschäftigten ihn aber nur die Entwürfe künftiger Plane, und er
lebte einstweilen, als ob schon gelungen sei, was erst späterhin gelingen
sollte, hatte auch deshalb mit seinem Vormund, der auf eine baldige
Ansiedlung in Kleinem drang, manchen Streit. Weil Eduard indeß bald darauf
nach Hamburg reis'te, und von dort schrieb: er sei schon auf dem beßten
Wege, seinen, gar nicht zu großen merkantilischen Ideen aufgelegten,
Vormund zu beschämen, konnte man dem echten Handelsgeist doch auch nicht
alles Glück absprechen wollen.

Jetzt komme ich auf den genievollsten unter den vermeinten, und wirklichen,
Aspiranten zu Wilhelminens Torus. Es war ein Ex-Kandidat der Theologie,
sein Vorname August. Theils aus philosophischem Sinn, noch mehr aber, weil
er ausschließlich der Tonkunst leben wollte, hatte er die Gottesgelahrtheit
aufgegeben. Für Tonkunst, in Tonkunst lebte, webte und strebte sein Genius;
und so verstand es sich von selbst, daß er mit Wilhelminen in eine innigere
Wahlverwandtschaft treten konnte, als die Uebrigen. Er spielte Klavier
und Geige, sang auch einen recht artigen Bariton. Da kam es folglich zu
Doppelsonaten und Duetten, welche Andere mit Vergnügen hörten, wobei
die Vollziehenden aber das süßere und erhebendere Vergnügen empfanden.
Wilhelminens Notensammlung enthielt auch manches Lied, von Jenem in Töne
gesetzt, und sie redete manches von einem darin wehenden Geist, von den
neuen, eigenthümlichen Gedanken, welche diese Lieder enthielten.

August wollte bei dem Allen höher hinaus. Es schien auch Noth zu thun,
nachdem er auf ein Predigtamt Verzicht geleistet hatte; wozu aber auch
-- der Sage nach -- das Consistorium seinen Genius wenig tüchtig erachtet
haben sollte. Es schien, er habe über die Tonleiter die Himmelsleiter
vergessen, oder gemeint: die Tonleiter führe auch zu Himmelsgefilden. Er
sagte indeß vom hinderlichen Consistorium nichts.

Dem sei wie ihm wolle, -- Vermögen, das geniale ausgenommen, besaß er
keineswegs, und mußte kümmerlich von musikalischem Unterricht leben.
Dagegen beschäftigte ihn seit einiger Zeit die Composition einer großen
Oper, und er zweifelte im mindesten nicht, es würde auch dem Kunstwerth
nach etwas Großes damit seyn. Denn nie hatte er solche Weihe im Genius
empfunden, als bei dieser Arbeit. Es ist auch wahr, daß er sich höheren
Aufflug gar sinnig zu bereiten verstand. Draußen in einem Garten der
Vorstadt, und zwar in einem Lusthause desselben, das auf einer Höhe lag,
und eine anmuthige Aussicht in die Umgegend öffnete, hatte er seine Wohnung
aufgeschlagen. Maienblüthe, Jasminduft, Aurora, Sommerabendroth,
helles Wintermondlicht übten begeisternde Einflüsse, und die heftig
leidenschaftlichen Stellen fertigte August, während Aequinoctialstürme
tobten. Nach Vollendung wollte er das geniale Singspiel den vorzüglichsten
Bühnen in Deutschland verkaufen, und rechnete -- auf dem Papier -- die
nöthige Summe zu einer Kunstwallfahrt ins gelobte Italien heraus. In
Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo dachte er Opern in Mozarts
Styl zu schreiben, dann wie ein neuer Gluck in Paris, später in London
wie ein Händel =redivivus= aufzutreten, und endlich, nach vorangegangener
ansehnlichen Bereicherung, bei irgend einem deutschen Fürsten als
Kapellmeister zu glänzen.

Der Plan schien so übel nicht, und der Meinung nach, welche die Schwester
von dem kunstsinnigen Jüngling hegte, mußte dessen Ausführung schier
nothwendig gelingen. Sie bezog sich dabei auf Schillers:

  Mit dem Genius steht die Matur im vertraulichsten Bunde;
  Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.

Mochten einige Kunstverständige auch sagen: es habe so gar viel mit dem
Talent des jungen Mannes nicht auf sich; er sehe es mit überschätzendem,
träumerischem Dünkel an, -- Wilhelmine sprach dagegen: das sei die Stimme
des Neides. Am liebsten würde sie den ihr so kunstverwandten August
geheirathet, für die -- ihm noch winkenden -- Honorare Soldins Reichthum
vergessen haben, und lieber auch Frau Kapellmeisterin als Frau von
Lilienthal gewesen seyn; weil in jenem Falle auch ihres Mannes berühmter
Name in allen europäischen Notenhandlungen glänzen würde. August war nicht
schön -- Alles ist nun einmal nie beisammen -- und Wilhelmine sagte: Eduard
gefalle ihr, der Außenseite nach, ungemein, auch noch mehr als Lilienthal;
dennoch galt ihr August, der genievollen Herrlichkeit wegen, den höheren
Preis. Sie war auch nicht abgeneigt, die ganze Reihe von Jahren zu warten,
in denen Italien, Frankreich und England des Geliebten Ruhm krönen sollten,
um endlich diesen Ruhm mit ihm zu theilen.

Aber -- und das ehrt Wilhelminens Verstand -- sie war von Liebe auch nicht
so geblendet, daß sie, wenn eine andere anständige Heirath sich dargeboten
hätte, sie würde abgelehnt haben. Wilhelmine kannte den Vorzug gewisser
vor ungewissen Dingen. Doch -- dies stand ganz fest -- ihr Ideal sollte
meistens erreicht seyn; sonst wollte sie ihre Hand gar nicht vergeben, und
müßte sie auch lebelang unvermählt bleiben.

Nach diesem flüchtigen Abbild meiner Schwester wird man gestehn, daß sie,
für ihren hellen Geist und ihr schön fühlbares Herz, auch ihr löbliches
Streben sich zu bilden, ein gutes Glück verdient hätte.

Ich erwähne noch eines Advokaten, Namens Sauer, den man seltner, aber doch
von Zeit zu Zeit, in unserm Familienkreise sah. Mein Vater hatte allerlei
Geschäfte mit ihm, weshalb er denn aus Höflichkeit bisweilen eingeladen
wurde.

Seinen Namen führte er mit der That: er war ein recht sauertöpfiger Gesell,
bei einer unvortheilhaften körperlichen Bildung. Sein Gesicht hatten die
Blattern entstellt, daneben war es schwammicht und fahl. Verstand ließ sich
ihm nicht absprechen, doch zeugte sein Urtheil von einem lieblosen Gemüth;
die satirische Laune, in welche er zuweilen ausbrach, hatte einen finstern
und hämischen Styl. Fühlloser gegen das Schöne konnte Niemand seyn. Lief
das Gespräch um reitzende Mädchen, so blieb er nicht allein eiskalt,
sondern wußte auch viel an den Gestalten zu tadeln, bis er sie völlig
herabgewürdigt hatte. Ueber Poesie spottete er wie über eine Narrheit,
Musik war ihm unleidlich. Deshalb, und wegen seiner ganzen Sinnesart, war
er auch meiner Schwester unleidlich; sie konnte ihr Mißvergnügen nicht
hehlen, wenn Sauer ins Zimmer trat, und wich den Unterhaltungen mit ihm
gerne aus.

Einst kam Wilhelminen jedoch zu Ohren: der Advokat hätte an einem dritten
Orte gesagt: er ginge mit dem Vorhaben um, sie zu heirathen. Liebe, meinten
die Hinterbringer, schiene dabei eben nicht sein Antrieb, vielmehr wohl der
Umstand, daß man Wilhelminen, ihrer Talente wegen, so erhöbe; nun möchte
er stolz mit einer beneideten Frau prunken. Bald, hatte er indeß noch
erinnert, solle die Anwerbung nicht geschehn; in einigen Jahren erst, wenn
seine Berufsgeschäfte mehr empor gekommen wären. Denn es gehörte noch zu
dem Abstoßenden an diesem Ehrenmann, daß er wenig zu thun, und deshalb üble
Vermögensumstände, neben manchen Schulden, hatte.

Wilhelmine entsetzte sich zum Theil, als sie das hören mußte, zum Theil
lachte sie hell auf. Ich würde vor ihm schaudern, sagte sie, und wenn er
eine Tonne Goldes besäße; ja, ich würde ihn, möchte er daneben auch jung
und schön seyn, seines verächtlichen Gemüths wegen, doch fliehn. Ha ha ha!
so ein Mann wäre für mich! Also nach etlichen Jahren will er obenein erst
kommen, und zählt jetzt schon mehr als dreißig. Zu meinen Bedingungen
gehört auch ein Abstand von höchstens sechs Jahren, zwischen Mann und Frau.
Und hier sollte ich -- -- Hu hu! Mögen ihm die Freunde sagen: er solle sich
den Verdruß eines, nicht einmal zierlich geflochtenen, Korbes sparen. Indeß
-- wird es auch nicht einmal dahinkommen. Der saubre Freier will ja noch
etliche Jahre verziehn.

Allerdings meinte Wilhelmine, sie würde, nach diesem Zeitraum, schon lange
angemessen vermählt seyn. Ich theilte diese Hoffnung; auf Soldin oder
Eduard rechnete ich am meisten, obwohl ich auch dachte: meiner Schwester
nicht alltägliche Vorzüge könnten noch andere zuständige Bewerber finden.

Meine Eltern hatten jedoch Wilhelminens Verheirathung nicht allein im Auge;
ihre Söhne kamen daneben mit in Betracht. Keiner von jenen Vorgesetzten,
die uns zu guten Aemtern helfen konnten, hatte eine mannbare Tochter; sonst
dürften Jene vermuthlich hierauf einen Entwurf gebaut haben. Doch lebte
ein gewisser Commerzienrath Hill in unserm Wohnorte, den mein Vater, schon
seines aufgeweckten Humors wegen, gern sah. Hill sollte aber auch Reichthum
besitzen, und der Aufwand in seinem Hause stritt gegen die allgemeine
Sage nicht. Er hatte zwei Töchter, Emma und Minna, eben in der holdesten
Blüthenzeit begriffen, und weiterhin noch so angethan, daß sie vor allen
übrigen Mädchen in der Stadt glänzten. Beide waren ausgezeichnet schön: sie
übertrafen Wilhelminen ohne Zweifel in diesem Betracht; und konnte dasselbe
nicht von den ausgebildeten Talenten meiner Schwester gelten, so hatten
Jene doch Manches, was, bei der Menge wenigstens, noch mehr in die Augen
fiel. Dahin gehörte ein Studium des feineren Welttons, das sich kaum höher
getrieben denken ließ. Sie wußten über Vieles zu sprechen, und geschah es
nicht immer mit Gründlichkeit, so erwarben ihnen die einnehmende Weise, die
lebhaften und treffenden Bemerkungen, der eingemengte und unbefangene Witz,
Verehrer genug. Die Huldinnengestalten erschienen nicht bloß in den neusten
Moden, sie wählten auch davon mit bewundertem geschmackvollem Sinn, und an
_reicher_ Kleidung überschimmerten sie alle Nebenbuhlerinnen, wie man auch
in gefälligem, bildlichen Tanz ihnen das Meisterinnenthum zuerkannte. Die
jungen artigen Männer umflatterten sie emsig; von Bräutigamen verlautete
dagegen noch nichts.

Die Eltern meinten: wir Brüder würden nicht übel thun, wenn wir es auf
Eroberung dieser Schönheiten anlegten. Reichen Mitgaben ließe sich bei
ihnen entgegen sehn, und ein Mann, der eine schöne Frau habe, komme dadurch
oft um so besser fort, weil er um so geachteter sei.

Das ließ sich hören, und ich fühlte mich zudem aufgelegt, den elterlichen
Rath zu befolgen, weil Emma, die Schönere mir dünkend, bereits lange
einigen Eindruck auf mein Gefühl machte. Otto ging schwerer daran, hatte
auch einen gewissen steifen Ernst, und eine nach dem Amtsberuf klingende
Sprachweise, die ihm den Eingang zur Frauengunst wenig öffneten. Dennoch
versuchte er einige Aufwartung bei Minna. Sie that aber schneidend fremd,
und als sie erst seine wahre Absicht zu durchblicken schien, dergestalt
hochfahrend, daß Otto wohl ahnen konnte, sie wolle ihm alle Bemühung um
sie verleiden. Er stand nun auch gleich um so mehr davon ab, als er noch
daneben ausgekundet haben wollte: es stehe mit Hills Vermögensumständen
nicht so, wie die Eltern glaubten; Unterrichtete sprächen vielmehr
zweideutig davon. Ich meinte dagegen: Otto rede dem Fuchs ähnlich, bei den
Trauben, die er nicht erreichen konnte, und setzte meine schon begonnenen
Annäherungen bei Emma fort. Zuerst wär' es mir beinahe so schlimm gegangen,
wie dem Bruder. Emma trug das griechische Näschen ziemlich hoch, und that
schnippisch, wenn ich sie eine bedeutendere Zuneigung wahrnehmen ließ, als
die allgemeinen Huldigungen, welche sie erhielt. Der Widerstand entwaffnete
meine Liebe jedoch nicht, erhöhte sie vielmehr, und ich strebte bei allen
Gelegenheiten, ihr es darzuthun. Nach und nach schien es demungeachtet, als
ob ich ihr nicht ganz mißfiele, sie aber noch manches Bedenken trüge.
Oft ruhten die schönen tiefblauen Augen mit Theilnahme auf mir, ja, sie
blinkten und strahlten dergestalt Gefühl, daß ich die Hieroglyphen der
Gegenliebe entzifferte. Bei dem Allen suchte Emma näheren Erklärungen
sich zu entziehen. Um desto heller flammte es in meiner Brust: meine Liebe
erreichte einen hohen Grad heftiger Leidenschaft; Emma war es, nicht ihre
Glücksgüter, um die es in meinem Herzen rief, und ich dachte: wenn ich nur
genügendes Vermögen, oder ein Amt mit hinreichendem Einkommen besäße, so
würde ich Emma, wäre sie auch eine Bettlerin, mit Entzücken heirathen.

Einmal fügte es sich gleichwohl, daß ich meiner Geliebten dies Alles sagen
konnte. Sie zuckte die Achseln. Mein Vater ist eigen, sagte sie, und Bitten
ändern seine Grundsätze nicht. Wären Sie Geheimer Rath, so würde er Ja, und
ich -- nicht Nein sagen.

Geheimer Rath war ich aber nicht, und die Aussicht nach diesem Ziel
durchlief eine weite Bahn.

Ich hehlte meinem Vater nichts. Er sagte: Wenn Hill seiner Tochter
zwanzigtausend Thaler Mitgift auszahlt, so könnt ihr einander bald
heirathen, und die Beförderung zum Geheimen Rath abwarten. Er gab dem
Commerzienrath dies zu verstehn; der schnitt jedoch den Faden kurz ab, und
besuchte, von der Zeit an, unser Haus mit seinen Töchter nicht mehr. Ich
hätte verzweifeln mögen.

Noch manche Verdrießlichkeiten gesellten sich zum Schmerz meiner Liebe.
Ich hatte den Präsidenten an meinem Landesstuhl in aufwallender Hitze
beleidigt, weil er einen jüngeren Referendarius mir voranstellte. Um so
weniger durfte ich nun Beförderung hoffen. Da Otto, um eben dieselbe Zeit,
auf eine höhere Stufe in seinem Collegium erhoben ward, so demüthigte mich
die Zurücksetzung noch mehr.

Es lebte jedoch ein Oheim in Rußland, der ein wichtiges Amt bekleidete. Er
hatte meinem Vater geschrieben: Schicke mir einen von deinen Söhnen; hat er
Kenntnisse, so werde ich leicht sein Glück machen. Otto hatte keine Lust,
in die Ferne zu gehn; ich hingegen überlegte nun, daß manche Deutsche
in Rußland zu einem schnellen Fortkommen gelangt wären, und daß, bei dem
mächtigen Einfluß des Oheims, mir eine um so größere Hoffnung winke. Den
Ort zu verlassen, wo mir so vieles theuer war, kostete meinem Herzen viel;
doch weil es am Ersten auch seine glühenden Wünsche zu stillen vermochte,
ermannte ich mich.

Zuvor schrieb ich an Emma, und befragte sie: ob ich hoffen könne, daß sie
nach Rußland mir zu folgen geneigt seyn würde, sobald ich dort ein Amt von
Bedeutung erlangt hätte. Sie antwortete zur Hälfte zärtlich, zur Hälfte mit
kluger Vorsicht. Ihre Gegenliebe wurde so heiß geschildert, daß sie dadurch
sich bewogen fühlen müsse, jedem Verlangen, das ich an sie richten würde,
zu genügen; in so weit ihr Vater damit einverstanden sei. Wenn gleichwohl,
ehe ich meinen Wunsch aussprechen könnte, dieser Vater anderweitig über
ihre Hand zu gebieten veranlaßt werden sollte, dürfte sie -- freilich nicht
ungehorsam seyn.

Ich mußte mich hiermit begnügen, und eilte nach Rußland.

Was mir dort begegnet ist, mag nur flüchtig berührt werden. Ich gelangte
durch meinen Oheim in eine Laufbahn, auf der ich vermuthlich eine höhere
Ehrenstelle würde erreicht haben, wenn sich nicht gewisse Umstände ereignet
hätten. Auch schien es mir hier zu weit aussehend mit einer namhaften
Beförderung; ich hoffte schneller emporzusteigen, wenn ich mich in eine
geheime Verbindung einließe, deren eigentliches Ziel mir Anfangs nicht
bekannt war. Allerdings war es jugendliche Unbesonnenheit, die mich in
bedenkliche Umtriebe verwickelte. Es kam an den Tag; ich wurde abgesetzt,
und nach Sibirien geschickt.

Hier theilte ich das Loos aller Verwiesenen, hatte Zeit genug, über meine
begangene Thorheit nachzudenken, und schleppte, zwischen Reue und Hoffnung,
ein elendes Leben hin.

Erst nach beinahe zwanzig Jahren schlug die Befreiungsstunde; ich hatte
damals auf weiteres Hoffen bereits Verzicht gethan.

Ich kam zurück nach St. Petersburg; mein Oheim war gestorben, hatte
mich aber, auf den Fall, daß meine Verbannung enden sollte, zum Erben
eingesetzt. Ein Vermögen von etwa dreißig tausend Rubeln wurde mir
ausgehändigt.

Mit diesem Eigenthum beschloß ich wieder in meine Heimath zu gehn. Zwanzig
Jahre lang hatte ich nicht die mindeste Nachricht von dort erhalten, um so
stärker sehnte sich mein Herz nach Wiedersehn.

Auch die Stimme der Liebe war noch nicht darin verhallt. Auf jenen einsamen
Schneegefilden hatte Emma nur zu oft meine Gedanken beschäftigt, und ihr
Bild um so lebendiger vor meiner Fantasie gestanden, als mich dort kein
Umgang mit anderen Frauenzimmern zerstreuen, oder in mir eine andere
Neigung erwachen lassen konnte.

Freilich dachte ich aber auch oft: Sie wird längst verheirathet seyn. Es
ist nicht glaublich, daß so viel Liebenswürdigkeit ungesucht verblüht wäre.

Auf dem Heimwege mußte ich zunehmend darauf gespannt seyn, in welchem
Verhältniß ich Emma antreffen würde. Bisweilen dachte ich: Ganz unmöglich
wäre es bei dem Allen nicht, sie noch ledigen Standes zu finden. Sie könnte
mehr gezaudert haben, als ihr Brief es zusagte, und, selbst wenn sie von
meinem Unglück Nachrichten bekommen hätte, einer nahen Befreiung davon
entgegen gesehn haben. Denn schrieb mein Oheim seinem Bruder von den
Ursachen meines Unglücks, so schilderte er mich gewiß auch weniger stafbar,
als leichtsinnig, und vertröstete auf eine glückliche Wendung meiner
Angelegenheit; die er selbst immer gehofft, und eifrig nachgesucht hatte,
wie ich nach meiner Rückkunft aus Sibirien erfuhr. Noch ein Umstand machte
es nicht ganz unwahrscheinlich, daß Emma unvermählt geblieben seyn könne,
denn noch vor meiner Abreise aus der Vaterstadt gewann Otto's Behauptung,
daß es um Hills Vermögen nicht am beßten stehe, Glaubwürdigkeit. So dachte
ich denn jetzt: Selbst schöne Mädchen, wenn sie unbemittelt sind, bleiben
zuweilen ohne Freier, und es könnte also hier auch so ergangen seyn.

Vielleicht hatte sich Emma aber auch vermählt, und ich fand sie jetzt als
Wittwe. In jenem und in diesem Falle wollte ich sie besitzen. Ich träumte
mir noch die Reste ihrer ehemaligen Schönheit entzückend, und empfand, nur
etwas über vierzig Jahre hinaus, in meiner Brust um so mehr liebende Gluth,
als ich sie im nördlichen Asien nicht abgekühlt hatte.

Daneben beschäftigte mich aber oft auch die Frage: Was mag aus den übrigen
Lieben in dem langen Zeitraum geworden seyn? Von den Eltern ließ es sich
kaum hoffen, daß sie noch lebten, wie heiß ich es auch wünschte; beide
standen nahe an den Funfzigen, als ich von ihnen schied. Unmöglich war es
demungeachtet nicht. Nächst ihnen lag mir die Schwester am Herzen. Vier
junge Männer schienen Wilhelminen zu lieben, als ich mich entfernte. Kurz
zuvor hatte es noch das Ansehn, als ob Lilienthal wirklich Ernst machen
wollte. Man sprach neuerdings von einem Erbe, das ihm zugefallen sei, und
einer ihm bevorstehenden Rangerhöhung. Ich konnte meinen: er habe räthlich
gefunden, erst diese Umstände abzuwarten. Wo nicht, so hatte vielleicht
Soldin bald nachher Entschlossenheit gewonnen, ihr sein Verlangen
darzuthun. Oder fände ich etwa in Eduard oder August meinen Schwager?

Die Letzten sowohl, als jene Beiden, waren übrigens meine vorzüglichsten
Jugendfreunde; verwandt mit ihnen oder nicht, regten die Schicksale, welche
sie erfahren haben konnten, meine warme Theilnahme an. Ich wünschte Jeden
beim Wiedersehn glücklich zu finden, und es mangelte nicht an Gründen,
es zu hoffen. Lilienthal, der junge Officier voll Geist und Kraft, dessen
einnehmende Außenseite ihm allenthalben Freunde gewann, und der bei meiner
Abreise glänzende Aussichten hatte, war vielleicht nun Oberst, vielleicht
General; wenn er anders in den Kriegen, welche sich unterdessen
ereignet hatten, nicht geblieben war. Soldin lebte vermuthlich als ein
wohlbegüterter Landedelmann ruhig, und in wirthlich genossenem Ueberfluß.
Eduard konnte leicht mit seinem klugen Unternehmungsgeist viel erworben
haben; wenn auch nicht alle Erwartungen seiner jugendlichen Fantasie
eingetroffen waren. Ich glaubte mit Ueberzeugung, daß ich ihn wenigstens
als einen angesehenen, wohlbemittelten Kaufmann begrüßen würde. August
hatte einst Genialität dargethan; ich bezweifelte sie weniger, als einige
Andere, bei denen, wie ich meinte, wohl Neid im Spiele seyn konnte. Und
mochte einst, dachte ich nun, der junge Mann einen zu hohen Glauben an
sich nähren; das spornt den Strebeflug, ohne den nichts gelingen kann. Ich
zweifle, daß seine Plane nach ihrem ganzen Umfang gelungen seyn werden; mag
es aber auch nur ein bescheidner Kreis seyn, in welchem August mit Erfolg
sich bewegt: dann finde ich immer einen berühmten Componisten an ihm, den
mindestens auch einige Wohlhabenheit oder ein anständiges Auskommen in
einem, seinen Neigungen entsprechenden, Beruf erfreut. Ich dachte noch:
Wenn ich schon ein mittelmäßiges Vermögen besitze, werde ich vermuthlich
doch gegen die alten Freunde zurückstehn; August hat wenigstens einen
berühmten Namen in seinem Kunstgebiet, und ich habe den meinigen eben nicht
bekannt gemacht. Ich gestehe, daß ich an Otto weniger hing, als an jenen
Freunden, und deshalb sein Schicksal nicht so zum Gegenstand meiner Wünsche
und Hoffnungen erhob. Zwar verwies ich mir das aus Pflichtgefühl, als
unbrüderlich; allein es war nun einmal so. Unsere verschiedene Gemüthsweise
hatte schon in den Knabenjahren ein enges Vertrauen gehindert; und vor
meiner Abreise entzweite ich mich noch heftig mit ihm. Denn er gab mir auf
eine hochtrabende Weise Lehren, tadelte mein Benehmen im Collegium, und
verwies mit Stolz mich auf sein Beispiel und das schon erreichte höhere
Amt. Uebles konnte ich indeß meinem Bruder deshalb unmöglich wünschen,
und hielt übrigens dafür, Otto würde vermuthlich einigermaaßen seinen Weg
gemacht, aber es doch nicht zu etwas Ausgezeichnetem gebracht haben. Seine
trockne Engherzigkeit schien für diese Meinung zu sprechen.

Auch unsere Verwandte, Charlotte, überging ich damal nicht, bei diesen,
mir so viele Theilnahme erregenden, Betrachtungen. Es war ein unbedeutendes
Ding, ohne Verstand und Schönheit, nur im Hauswesen tüchtig. Sicher glaubte
ich, die Arme würde ohne Mann geblieben, und, wenn meine Eltern nicht
mehr lebten, oder Wilhelmine sich ihrer nicht angenommen hätte, gezwungen
gewesen seyn, irgendwo ein Unterkommen als Ausgeberin zu suchen. Denn ich
urtheilte: ein Mann von Geschmack, selbst nur mit Charlotten in gleichem
Standesverhältniß, hätte wohl eine Person nicht begehren können, die einer
gewöhnlichen Magd -- die schönen darunter ausgenommen -- ähnlich sah. Und
einem kleinen Bürgersmann, der platt genug empfunden, auf Schönheit gar
nicht zu sehn, wohl aber eine rege Hauswirthin gesucht hätte, dürfte
schwerlich auch das Wagstück eingefallen seyn, sich um die Verwandte
eines Rathsherrn zu bemühen; und mein Vater _dann_ auch seine Einwilligung
versagt haben. Ich beschloß aber, wenn es sich dergestalt verhielte,
Charlottens Lage nach meinen Kräften zu verbessern.

Endlich sah ich mit klopfender Brust die Thürme meiner Vaterstadt. Sie
waren unverändert geblieben, bis auf den an der Hauptkirche. Seines
baufälligen Zustandes wegen hatte man ihn bis zur Hälfte abgetragen,
und mit einem kleinen stumpfen Dache versehn. Er prangte einst mit einer
stattlichen Kuppel und Spitze; die Physiognomie der Stadt gewann durch ihn
etwas heiter Aufstrebendes. Als Knabe hatte ich ihn mit einem erhebenden
Wohlgefallen angesehn, und ihn oft bis zur sogenannten Haube erstiegen.
Es verdroß mich, den alten Freund als einen Krüppel wiederzufinden; schier
ahnte mir darin ein Zeichen übler Vorbedeutung.

Als ich näher kam, lächelte mich eine neue, hoch empor gediehene, Pflanzung
von Pappeln an. Es war eine Verschönerung; sie würde mir gleichwohl
anderswo besser gefallen haben, als hier. Dem erinnernden Bilde in mir
widersprach sie, und machte mir die Gegend vor dem Thore fremd.

Ich stieg aus dem Wagen, mich desto bequemer umzusehn, und ließ den
Postillon halten. Es war ein schöner Sommerabend; auf dem neuen Spaziergang
lustwandelten Einwohner. Ich mengte mich unter sie, fand aber nicht einen
der alten Bekannten hier. Auch das erregte mir Unmuth. Meinem Besuch
nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt, hob ich bei mir an, scheint wenig
Freudiges entgegen treten zu wollen.

Wenn auch nicht gerade schon trübe, war ich doch nicht so heiter, wie ich
auf der langen Reise gehofft hatte, daß ich es am Eingange der Heimath seyn
würde. Von dem geahnten traulich heiligen Empfinden wehte mich jetzt nichts
an, und ich klagte heimlich, daß es so sei. Immer wollte ich einen von den
Unbekannten anreden, ihn um meine Eltern, um Wilhelminen, um Emma fragen,
hatte gleichwohl nicht den Muth dazu. Ebenso zauderte ich, in die Stadt zu
gehn.

Meine Blicke fielen auf die Thür des nahen Kirchhofs. Sie stand offen, und
ich fühlte einen schwermüthigen Zug hineinzugehn. O wie viele neue
Gräber! Doch auch viele neue Denkmähler, die von zugenommenem Luxus
und verfeinertem Geschmack zeugten. Baumanlagen, sonst nicht vorhanden,
Gitterwerke, die kleine Gärten umfingen, unter denen Todte ruhten, einzelne
Hügel, mit Blumen geschmückt, konnten als liebliche Veredlungen des
Anblicks trauernder Stille gelten. Aber sie riefen mir auch sehr lebhaft
den Gedanken zu: daß Alles endet, wie schön es einst auch blühen und
glänzen mochte.

Ich schlich an den Gräbern hin, und las die mancherlei Inschriften der
weißen Steine und Eisenplatten. O, hier traf ich Bekannte genug! Ein Mal
über das andere stieß ich auf einen Namen, der mir einst wenigstens nicht
ganz gleichgültig ins Ohr tönte. Und nicht bloß ältere Personen, die ich
vor Zeiten werth hielt, auch jüngere sah ich nun lange schon der Verwesung
übergeben. Es war ein Mädchen darunter, das ich ein wenig geliebt hatte,
ehe noch Emma den bleibendern Eindruck auf mein Herz machte. Jene war im
ein und zwanzigsten Jahre verstorben, und ein Gespiele meiner frühsten
Kinderjahre hatte nur bis zum dreißigsten gelebt.

Nun kann eine wahrhaft melancholische Stimmung über mich, und ich bebte,
Namen zu sehn, die mich noch stärker rühren könnten. Des Gottesackers
Hinterwand umliefen noch inwendig Begräbnißplätze in Gewölben. Mein Vater
hatte sich dort einen erkauft, und den nöthigen Bau daran ordnen lassen.
Als ich aus meiner Vaterstadt ging, hatten die Seinigen noch keine
Anwendung von der neuen Ruhestätte machen dürfen. Ich gewahrte sie
schaudernd, und nahte mich zitternd und wankend. Eine Steinplatte, mit
Zeilen versehn, war in die Außenwand gemauert. Schon sah ich sie, eh ich
die Zeilen noch lesen konnte. Ein Opfer also, dachte ich seufzend, hat sich
der Tod aus unserm Kreis genommen. Mit grauenvoller Neugier eilte ich zu
lesen, und vermochte es kaum. Es war die Mutter; sie schlief bereits zwölf
Jahre hier. Der Kirchhof warf viel auf meine Brust!

Ich starrte einige Zeit die Tafel an, und ging langsam weg. Es gelang mir
nicht, durch die Vorstellungen mich zu trösten: daß es sich kaum anders
habe erwarten lassen, und daß ich von Glück sagen dürfe, wenn ich meinen
Vater noch unter den Lebenden antreffe. Ich fühlte in dem Augenblick, was
die übrigen Verwandten zwölf Jahre früher an diesem Grabe empfanden.

Wieder hinausgetreten, sah ich einen dürren bleichen Mann daher kommen. Er
bewegte sich mit kleinen Schritten, und hustete im Gehen oft. Er trug ein
schlechtes Oberkleid, und sein ganzer Anzug zeugte nicht von Wohlhabenheit.
Mir war, als hätte ich ihn früher gesehn; doch besann ich mich auf Namen
und Stand nicht. Es schien mir auch, als hätten Blässe und Falten das
Gesicht merklich umgewandelt.

Auch er faßte mich ins Auge, und ich war schon an ihm vorübergegangen, als
wir Beide zugleich still standen und nach einander umblickten. Jetzt rief
er meinen Namen. Auch die Stimme tönte mir bekannt, doch schwach und hohl.
Ich ging zu ihm, und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr; ich soll die Ehre
haben, Sie zu kennen, und besinne mich doch nicht gleich ...«

Haben Sie Ihren alten Freund Lilienthal vergessen? Mit diesen Worten
unterbrach er mich.

Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.

Ja, fing er lächelnd wieder an, ich habe mich wohl ziemlich verändert. Sie
aber scheinen noch ganz munter. Noch nicht einmal, wie ich sehe, Ein graues
Haar. (Das seinige war schon zur Hälfte bleich.)

Ich umarmte ihn nun, und stotterte: »Nein -- das hätte ich nicht gedacht --
und wie gehts? Mit welchem Titel hat man Sie anzureden?«

Er antwortete: Es geht verdammt schlecht. Ich bin invalider, pensionirter
Hauptmann.

»Verwundet im Kriege?«

Nein, die Gicht hat es mir gethan. Da muß ich mich nun mit dem schmalen
Gnadengehalt hinstümpern. Und wenn ich ihn noch ganz bekäme! So wird mir
aber noch für meine Gläubiger die Hälfte abgezogen.

»Freund -- ich beklage unendlich, Sie nicht in einem glücklichern Zustande
wiederzusehn.«

So geht es nun schon einmal. Wenn man in der Jugend zu rasch gelebt hat,
wird man früh alt.

»Hm -- ich dachte, Sie besäßen außerdem ein ansehnliches Vermögen« --

Wo bist Du Sonn' geblieben!

»Ehe ich vor zwanzig Jahren abreis'te, hieß es, Sie hätten eine bedeutende
Erbschaft« --

Ach, wie man's denn im Leichtsinn treibt. Ich hatte ein Paar tausend
Thaler; in ein Paar Jahren flogen sie aber hin. Einmal gewöhnt, auf einem
artigen Fuß zu leben, nahm ich auf, und sprengte, um meinen Kredit zu
befestigen, allerhand Mährchen aus. Eigentlich nicht ganz Mährchen. Ich
hatte begründete Hoffnung, zu steigen, zu erben, nur kein Glück. Manche
lebten wüster in den Tag hinein, als ich, und sind jetzt Obersten,
Generale, und haben keine Gicht. Das Glück tut alles auf der Welt.

»Sind Sie verheirathet?«

O! wenn ich noch Frau und Kinder hätte, schösse ich gar mich todt. -- Die
Abendluft wird kalt, ich muß unter Dach. Wir sehen uns wohl ein ander Mal.
Leben Sie wohl!

»Erlauben Sie mir, Sie noch einen Augenblick zu begleiten. Ich bin in
zwanzig Jahren nicht hier gewesen, und möchte um Manches fragen.«

Er that mir den Vorschlag, mit nach der Kegelbahn zu gehn, die er besuchen
wollte; da könnten wir noch eins mit einander plaudern.

Der öffentliche Garten lag nahe. Ich trat mit Lilienthal hinein, und sah,
daß Einrichtungen und Gäste nur ein ziemlich mittelmäßiges Ansehn hatten,
so daß ich mich wunderte, wie Lilienthal sich an einen solchen Ort begeben
könnte.

Unterweges fragte ich: »Lebt mein Vater noch?«

Kann's wohl nicht recht sagen, hieß die Antwort; hab' ihn in langen Jahren
nicht gesehn. --

»Hm -- ein Rathsherr ist doch nicht so unbekannt« --

Jetzt besinn' ich mich. Er soll noch leben, ist aber schon lange in den
Ruhestand versetzt. Es geht ihm wie mir.

»Wohnt er noch in seinem Hause?«

Das ist schon lange verkauft. Irre ich nicht, so hält er sich bei der
Tochter auf.

»Und die?«

Sie lebt, das weiß ich gewiß. Noch vor etlichen Wochen ist sie mir mit
ihren Kindern begegnet.

Ich wollte eben mit großer Spannung fragen, an wen sie verheirathet sei,
als etwas Anderes dazwischen trat. Der Wirth des Gartens kam, und fragte,
was uns beliebe. Ich wollte eine Flasche Wein geben lassen. Den habe ich
nicht, sagte er mit Achselzucken. Lilienthal nahm das Wort mit Lachen: Hier
giebt es nur diverse Biere und Aquavite.

Ich hatte nach Jenem wenig gesehn; nun fiel mir auf, daß er seinen Mund an
Lilienthals Ohr legte, und ihn um etwas fragte, wobei er mich ansah. Der
invalide Hauptmann erwiederte: Ja, ja, er ists.

Jetzt nahm ich den Wirth mit seinem Mützchen aus Sammet genauer ins Auge.
Wieder ein nicht fremdes, aber ziemlich schmalbäckiges Gesicht. Kaum traute
ich meinen Augen, und rief endlich: Eduard?

Er gab mir die Hand. Ei, ei! Lange nicht gesehn. Eine dicke Stimme aus
der Kegelgesellschaft rief jedoch: Herr Wirth, noch ein Glas Breslauer! Da
eilte mein Jugendfreund schnell seinem Beruf nach.

»Um Gottes willen, hob ich mit fast erstickter Rede zu Lilienthal an: _der_
in einem Kegelgarten?«

Der arme Teufel hat ihn gepachtet, wird aber auch nicht sonderlich bestehn;
es kommen nur wenig Gäste.

»Er war doch Kaufmann« ...

Hat einen kleinen Bankrott gemacht. Und was sollte er dann thun? Frau und
Kinder wollen ernährt seyn.

Eduard hatte sein Geschäft besorgt. Ich nahm ihn bei der Hand, und führte
ihn aus der Kegelbahn in einen Gang. »Freund, sagte ich, wie geht es zu?
Dein spekulativer Sinn, Dein Unternehmungsgeist von ehedem! Ich dachte ...
ich hoffte ...«

Die Stimme, von der ich Bescheid bekam, tönte nicht mehr so leicht und
hochfliegend; sie hatte etwas Schweres, neben dem Kleinlauten. Eduard schob
die Sammtmütze, um sich hinterm Ohr zu kratzen, und sagte nun: Wer kann
für Unglück! Ja hätte der Vormund mich nur in Hamburg gelassen, ich glaube
immer noch ... er schickte mir aber kein Geld; ich mußte zurück, und hier
meine Handlung mit Spezerei- und Materialwaaren antreten. Nun, ich habe
mich viele Jahre dabei hingestümpert. Aber rechts und links etablirten sich
Andere, verkauften um Spottpreis, die Consumption nahm in den schlechten
Zeiten ab, Einquartierung und andere Kriegslasten dazu -- so ward ich
endlich ruinirt.

»Du wolltest ja eine große Fabrik anlegen.«

Jung will man viel. Ohne große Mittel läßt sich aber nichts Großes
anfangen.

»Du wolltest Dich um Summen an die Regierung wenden.«

Das will mächtige Fürsprache. Ich habe geschrieben, da- und dorthin. Rund
abgeschlagen.

»Armer Eduard!«

Wären die Paar Tausend Thaler meiner guten Frau nur nicht mit darauf
gegangen!

»Wen hast Du denn geheirathet?«

Die Tochter meines Vorgängers in der Handlung. Der Vormund wollte es so,
hatte auch im Grunde nicht unrecht. Ich mochte mich in den ersten Jahren
wohl nicht genug nach der Decke strecken, nicht genug um meine Handlung
bekümmern; wie das so geht, wenn man denkt, es kann nicht fehlen. Man
bereut es hernach, doch zu spät. -- Und der Herr Bruder? Ich hörte von
Sibirien. Doch also wieder frei! Gratulire. Wie geht es sonst?

»Schon darum übel, weil ich zwei alte Freunde nicht glücklich wiedersehe!«

Was hilft's? Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Hier ist ja noch ein
Jugendfreund. He, Cantor, lieber Cantor!

Ich sah den Mann herwatscheln, der mit einer dicken Stimme Breslauer Likör
verlangt hatte. Die weitere Gestalt entsprach dem. Keine schmale Wange; ein
ächtes Abend-Vollmondgesicht, denn es war mit Kupfer bestreut.

Eduard nannte ihm meinen Namen. Ei, ei! rief er; lange nicht gesehn und
doch noch gekannt. Er schloß mich so weit in die feisten Arme, als der
Schmeerwanst es nicht hinderte, und sagte jovial: Darauf müssen wir gleich
eins trinken. =Cantores amant humores!=

Verlegen erkundigte ich mich: von wem ich die Ehre hätte, mich umarmt zu
sehn?

Karl! rief die fette Gestalt; und Du willst Deinen August nicht mehr
kennen?

Ich wand mich los, und starrte aufs höchste betroffen in das faunische
Gesicht. In der That, es war August!

Er kicherte: Nicht wahr, ich habe mir da einen runden Bauch angeschafft? Er
kostet mir aber auch manchen runden Thaler. Ha ha ha!

»Freut mich, Dich wenigstens vergnügt zu sehn. Ich hoffte indeß gerade
nicht den Bauch zu finden ...«

O, den laß mir in Ehren!

»Bist Du nicht in Italien gewesen?«

Was sollte ich da gethan haben! Und wo Geld hernehmen zur Reise!

»Du hattest vor zwanzig Jahren doch gewisse geniale Ideen ...«

Ja, Brüderchen, es gibt nur so vielen Widerstand.

»Ich meinte, Du würdest gegen ihn ankämpfen, ihn besiegen.«

Brüderchen, man wird denn ärgerlich, ist mitunter auch ein wenig faul ...

»Du hattest damal die Composition einer Oper in Arbeit. Was ich davon
hörte, fand ich ungemein ...«

Erinnre mich nicht daran. Ich hatte Aerger die Menge dabei, und Schaden.
Ließ zehn Abschriften machen, und schickte sie an deutsche Theater. Die
meisten remittirten, unter höflichen Ausflüchten. Einige nahmen sie; nur
von Einem bekam ich aber Geld, und das ersetzte mir die Kosten noch
nicht. Kabalen steckten auch dahinter, Kunstneid, Hudelei. Wo man die
Oper aufgeführt hatte, erschienen böse Kritiken, sprachen von entlehnten
Gedanken, veraltetem Styl. Ich hätte die Hunde von Recensenten todt prügeln
mögen. Hernach verschwor ich's mit den Opern. Aber ein Heft geistlicher
Oden und vierstimmiger Motetten habe ich noch herausgegeben; die wurden
ziemlich gut recensirt.

»Darum kamst Du nicht nach Italien?«

Italien, Italien! =Tempi passati=, sagen sie dort.

»Und nach Frankreich, das einen Gluck =redivivus= in Dir sehn sollte?«

Brüderchen, es taugt im Grunde den Teufel nicht, wenn man in der Jugend
Genie hat, und sitzt nicht auch an der Quelle, und weiß die Kabalen nicht
todtzumachen. Das Brotstudium wird darüber versäumt, man treibt =Allotria=,
und macht Plänchen, die wie Seifenblasen an der Luft zerplatzen. Jetzt habe
ich mir die angenehmen Träumereien abgewöhnt. =Non sum qualis eram.= Weißt
Du, was ich thun würde, wenn ich etliche und zwanzig Jahre zurück hätte,
oder was ich hätte thun sollen? Meine Theologie tüchtig treiben, mir
Freunde machen, eine gute Pfarre verschaffen, und hernach das liebe Minchen
heirathen. O, Minchen war mir gut, besonders am Klavier. Man schwärmte auch
ein bischen mit Klopstock, Göthe und Schiller. Alles vorbei! Ich frage auch
den Teufel mehr nach Amor; Vater Bacchus ist mein Mann.

»Ei, ei! Und wie lebst Du denn sonst?«

Nun, hier auf der Kegelbahn befinde ich mich ganz wohl, und dann geh ich
zum Duchstein*). Die Composition hab' ich an den Nagel gehängt; es kommt
nichts dabei heraus. Und, die Wahrheit zu sagen, ich bin auch zu faul, und
habe mit meiner Singschule, meiner Kirchenmusik ohnehin so viel zu thun.
Brüderchen, so viel kann ich Dir aber noch sagen: aus meinem Bariton ist,
ohne Ruhm zu melden, ein Bierbaß geworden, der sich gewaschen hat. Komm
nur den Sonntag in die Frühpredigt, Du wirst hören, daß alle Kirchenfenster
klingen.

  *) Ein Weißbier, das in Königslutter gebraut wird.

Herr Cantor! rief man drinnen; Sie schieben.

Eilig watschelte August davon, und ließ den Freund stehn. Eduard zuckte
die Achseln, und sagte: Er ist nun einmal nicht anders, und muß schon so
verbraucht werden.

Lilienthal kam wieder zu mir. Es soll, nahm er das Wort, dem Cantor
nicht an Geschicklichkeit fehlen; nur betrübt, daß er sich dem Trunk so
leidenschaftlich ergeben hat! Es hieß schon einmal: er würde seine Stelle
deshalb verlieren.

Ich fragte: »Ist er verheirathet?«

Gewesen, erwiederte Eduard; aber von seiner Frau geschieden. Sie war die
Tochter des Rektors. Durch ihn kam er noch endlich zu dem Amt, das er sonst
wohl nicht erlangt hätte.

Ich empfahl mich den alten Bekannten, ohne weitere Fragen zu thun, weil
ich vor der Hand genug hatte. Schwermüthig über Zeit und Menschenloos
nachsinnend, ging ich nach meinem Wagen, und fuhr in die Stadt.

Es sah artiger darin aus, als vordem. Einige neue, einige verschönerte
Häuser, mehr Aufwand im Anzug der Bürgersleute, die mir auf der Straße zu
Gesicht kamen, zeugten von vermehrter Wohlhabenheit. Doch späterhin erfuhr
ich: es wäre nur mehr als sonst üblich, um schimmernde Außenseiten bemüht
zu seyn; den alten ächteren Wohlstand habe der Krieg zerstört.

Ich ließ vor einem Gasthof halten. Als ich aus dem Wagen stieg, kam der
Advokat Sauer aus der Thür. Er hatte am wenigsten gealtert, auch sich
sonst eben nicht verändert; nur noch etwas grämlicher war das stets düstre
schwammichte Gesicht geworden. Augenblicklich erkannte ich ihn, sagte
ihm indeß nur eine flüchtige, kühle Höflichkeit; weil er mir ehedem nicht
gefallen hatte.

Schwager, fiel er mir ins Wort; Schwager, kommt Ihr einmal wieder zu uns?
Willkommen aus Sibirien.

Ich stutzte über die Anrede und den vertraulichen Ton. Nach einem
betroffenen Schweigen erwiederte ich: »Schwager?«

Mein Gott, rief er, wißt Ihr denn nicht einmal, daß ich Eure Schwester
geheirathet habe?

Mit dürrem Staunen sagte ich: »Das ist mir ganz neu!«

Schon vor funfzehn Jahren. Wir haben drei Jungen und zwei Mädchen. Also gar
keine Nachricht von den Verwandten gehabt? Nun, in Sibirien, da wundert's
mich nicht. Und meines Schwiegervaters Bruder in Rußland ist ja auch schon
vor langer Zeit gestorben. Ihr wollt doch nicht im Gasthof logiren? Kommt
zu mir. Es ist wohl enge da; doch wir müssen sehn, wie man sich behilft.
Der Alte ist ja auch bei uns. Nur wieder in den Wagen; ich steige mit ein.

Dies konnte ich nicht wohl ablehnen. Im Wagen fragte ich: Nun, wie lebt Ihr
denn mit Wilhelminen?

Je nun, war die Antwort, so so. In der Ehe giebt es nun einmal viel
Aprilwetter. Anfangs hatte sie immer noch die eleganten Herrchen, die
Genies, im Kopf; da stand es um unsere Eintracht nicht am beßten. Ich
sagte: Das waren nichtige Courmacher, luftige Projektanten; ich bin ein
solider Geschäftsmann, und habe es doch ernst gemeint. Also ziemt es sich,
daß Madame so gütig ist, und mich liebt. Eine ätherische Liebe verlange
ich gleichwohl nicht; bloß eine irdische, wie sie eine deutsche vernünftige
Hausfrau kleidet. Wenn ich aber doch sah, daß Madame nicht so gütig seyn
wollte, und aus dem angenommenen Schein nur Verstellung hervorblickte, ja
dann hielt ich bisweilen eine Gardinenpredigt, und hatte Recht dazu.
Mit der ewigen Musik, und den Musenalmanachen hatte ich erst auch meinen
Verdruß, und ich gestehe, daß ich bisweilen ein Notenheft, oder ein
Bändchen Poesien ins Feuer geworfen habe. Indeß hat es sich gegeben. Sind
erst fünf Kinder im Hause, dann geht es prosaisch genug zu, und das liebe
Fortepiano wird in Monaten nicht berührt. Im Anfang überlief mich auch der
liederliche Cantor oft. Ich wies ihm die Thür; nun paßte er die Zeit ab,
wo ich Geschäfte außer dem Hause hatte. Es wurde mir aber gesteckt; ich kam
unvermuthet, und dies Mal warf ich ihn zur Thür hinaus. Ich kann's nicht
leugnen, daß ich -- und wer an meiner Stelle hätte es nicht auch gethan? --
daß ich in der Hitze meinem Minchen eine kleine Ohrfeige gab. Nun, das hat
mich auch bei kaltem Blute nicht gereut; denn seitdem hat sich Minchen um
vieles gebessert.

Diese Mittheilung empörte mich so, daß ich eben ausholen und meinem
Schwager eine große Ohrfeige appliziren wollte, als mir noch zur rechten
Zeit einfiel, daß meine Schwester davon am meisten zu leiden haben würde.
Fünf Kinder hatte sie zudem mit dem Unhold! So knirschte ich denn bloß mit
den Zähnen.

Gott, dachte ich heimlich, wäre mir in dem langen Zeitraum all dies Unheil
nach und nach zu Ohren gekommen! Aber nun so auf Einmal! Und was mag mir
noch bevorstehn!

Wir langten in Sauers Wohnung an. Wilhelmine stieß vor Freude einen
heftigen Schrei aus; ich hätte ihn vor Schrecken erwiedern mögen! O Himmel!
wie bleich, abgezehrt, und daneben wie alltäglich, zeigte sich jetzt die
einst so holde, einnehmende Schwester! Weder ihre Kleidung, noch der sie
umgebende Hausrath, deuteten auf eine vortheilhafte Lage. Die Kinder,
welche sie rief, den Oheim zu begrüßen, waren reinlich, aber ziemlich
dürftig gekleidet. Mich befiel ein Kummer ohne Gleichen.

Sauer holte meinen Vater aus seinem Zimmer. Fast Entsetzen erregte mir sein
Anblick. Schneeweißes Haar, nichts als Runzeln, Kopf und Hände bebend. Und
so erkaltet war ihm das Gemüth, daß er kaum noch einige Freude über den
nach zwanzig Jahren wiedererscheinenden Sohn äußerte. Keine Spur mehr von
jener alten Herzlichkeit und dem heitern, aufgeweckten Sinn.

Wir setzten uns zum Abendessen. Ich mußte von meinen Schicksalen im Norden
erzählen, wobei die Anderen meistens schwiegen, und ich so zu keinen Fragen
gelangte. Ich mochte deren auch keine mehr thun. Hatte ich nicht schon
freudenlose Antworten genug bekommen?

Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut,
oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun überdacht, was sich
zugetragen hatte. Er schloß mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott
sei Dank, sagte er, daß Du noch kamst. Etwas später, so hättest Du mich
nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn.

O Gott! sagte ich, aufs Neue erschüttert; ich habe bereits an ihrem Grabe
gestanden.

Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine
fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stündchen plaudern wollten?

Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren häuslichen Zustand. Das
Betragen ihres Mannes umging sie zart; außerdem hatte sie aber von nichts
als Noth und Kummer zu erzählen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die
einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte
bei fünf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben
so der alte Vater noch. Die Kreuzträgerin endete: Was ist zu thun? Ich muß
mich in Geduld fassen. Noch ein Glück für mein Mutterherz, daß meine Kinder
gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an
ihnen noch Freude.

»Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaßen werde ich Deine Lage
verbessern können. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschließen können,
Sauer'n zu heirathen?«

Seufzend erklärte sie: Ja -- es ward mit den übrigen Aussichten nichts.

»Ich dachte, Herr von Soldin ...«

Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin;
ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fühlten sich immer mehr
bedrängt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann -- Es währte
lange, eh ich mich überwinden konnte; doch -- was blieb mir ...

»O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Fleiß auf die Bildung Deiner schönen
Talente gewandt! Was nützt es Dir nun!«

Laß uns nicht mehr über das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin!
Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern.

Ich ging stumm auf und nieder, warf mich dann in das Sopha, und stützte
den Kopf auf die Hand; die Unruhe in meiner Brust war unbeschreiblich.
Ich dachte an die Worte eines Dichters, welche mir auf der Reise von
St. Petersburg hieher, mit einem süßen Anklang, oft einfielen:

  Froh werd' ich die Altäre
  Der heimatlichen Höh'n,
  Und froh die Wonnezähre
  Der Jugendfreunde sehn.
  Und sie, die einst im Lenze
  Der schönen Minnezeit,
  Sich bis zur dunkeln Gränze
  Des Lebens mir geweiht --

Ach, so fand ich es nicht! -- Noch hatte ich nach Emma nicht gefragt. Was
ich bis jetzt gehört, ließ mich die Geliebte vergessen, indeß nur auf eine
kurze Zeit. Die Frage schwebte mir wieder auf der Zunge, doch immer
gewann ich keinen Muth dazu; mein Herz fürchtete hier zu viel von einer
niederwerfenden Botschaft.

Endlich hob ich doch zu Wilhelminen stockend an:

»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«

Schon zehn Jahre todt.

»Das glaubte ich nicht; wenigstens fand ich seinen Namen auf keinem
Leichenstein.«

Er ist in der größten Dürftigkeit gestorben. Aufwand und mißlungene
Spekulationen ...

»Hm -- und Minna, seine Tochter?«

Die hat schmählich geendet.

»Geendet?«

Nach des Vaters Tode waren die Mädchen noch unverheirathet --

»Unverheirathet? Beide?«

Ja! Minna wurde Gesellschafterin im Hause des Präsidenten Wernbach, ließ
sich aber in einen sträflichen Umgang mit ihm ein -- es ward ruchtbar. --
Noch ein Glück, daß sie mit dem Kinde im Wochenbette starb. Die Präsidentin
ließ sich scheiden.

»Das herrliche Mädchen und so ehrvergessen! In Gärten kann man aus der
Blüthe die Frucht voraussehn, bei den Menschen nicht -- Und ... und ...?«

Guter Bruder, ich ahne, was Du noch fragen willst.

»Du hast mein ganzes Vertrauen. Und Emma?«

Frage mich nicht. _Die_ hast Du geliebt --

»Ich liebe sie noch, gute Wilhelmine! Hat sie keinen Mann -- wie auch ihre
Schönheit verblüht seyn mag, ich gebe ihr meine Hand!«

Dies -- kannst Du nicht!

»Warum nicht? Ihre Armuth soll mich nicht zurückstoßen. Sie hat einst
mein Herz reich an schönen Empfindungen gemacht, die im Zeitstrom nicht
untergegangen sind. Ich habe kein andres Hoffen mehr, als Emma noch mein zu
nennen.«

Dies kannst Du ... nein, frage mich nicht. Erkundige Dich bei Andern.

»Auch hier also warten entsetzliche Nachrichten auf mich? So gieb Du sie
mir. Wen an Einem Tage schon so viele Dolche trafen, der ist auf Alles
gefaßt.«

Ich möchte nicht gern ... mache Dich frei von dieser unglücklichen Neigung!

»Diese Neigung ist mein Glück. Ich will Emma mein nennen!«

Dies kannst Du -- wenn Du es denn durchaus hören willst -- um einen mäßigen
Preis --

»Was sagst Du, Schwester! Ich hoffe doch nicht ...«

Ihr blieb nach dem Tode ihres Vaters weiter nichts übrig, als sich mit
Putzarbeiten zu ernähren. Doch, an Hochleben und Müßiggang gewöhnt, wollte
sie sich in Spärlichkeit und Fleiß nicht fügen. -- Ihr Ruf ward zweideutig.

»Gott!«

Nach und nach sank Emma tiefer, und wurde zuletzt als öffentliche Buhlerin
bekannt. Da zog sie den Sohn eines reichen Kaufmanns an sich, plünderte
ihn aus, und verführte ihn, die Kasse seines Vaters um nahmhafte Summen zu
bestehlen ...

»Höre auf. Doch nein -- nein -- ende!«

Es kam an den Tag. Emma wurde auf vier Jahre ins Zuchthaus geschickt --

»Zu viel! zu viel!«

Diese Strafe ist überstanden. Emma wurde wieder frei. Sie fing das alte
Treiben aufs Neue an; doch -- wie man hört, und es ihre Jahre vermuthen
lassen -- für sich mit schlechtem Erfolg. Dagegen hat sie eine Art von
Pflanzschule um sich --

»Genug! Beim Himmel, genug!« -- Ich riß mich von Wilhelminen weg, und
eilte zu meinem Lager, wo ich aber die ganze Nacht keine Ruhe fand. Eine
mehrtägige Krankheit folgte den Gemüthsbewegungen an dem schrecklichen Tag.

Dann ergriff ich meinen Entschluß, und sagte der Schwester: »Meine Liebe
ist dahin! Ohne Liebe noch zu heirathen, wäre Thorheit. -- Wie hoch
belaufen sich die Schulden des Vaters und Deines Mannes?«

Seufzend erwiederte sie: Wohl auf viertausend Thaler.

»Die bezahle ich.«

Bruder! -- O Bruder!

»Von den Zinsen meines übrigen Vermögens will ich Deine Kinder erziehen
helfen, sie mögen einst meine Erben seyn. Ich will mich auch um ein Amt
hier bewerben, so kann ich desto mehr thun, und finde Zerstreuung in den
Geschäften.«

Wilhelmine umarmte mich mit Freudenthränen. Es wurde mir doch etwas
leicht, daß ich solche Thränen fließen sah. Gott, rief ich, so frommen also
Schönheit, Talente, Bildung und andre beneidete Vorzüge nicht, wenn das
Glück nicht auch lächelt! O Jugend, auf das Unglück schicke Dich an, und
wahrlich am meisten, wenn Dir solche Vorzüge eigen sind!

Mit einer edlen Fühlbarkeit sagte Wilhelmine nach einigem Schweigen:

Und -- Emma?

»O die Verworfne!«

Auch die am tiefsten gefallen sind -- bleiben Menschen.

»O gute Schwester!«

Du hast sie geliebt.

»Ich gebe ihr ein kleines Jahrgeld.«

Auf Eine Bedingung --

»Versteht sich: daß sie dem ruchlosen Wandel entsagt, und sogleich diese
Stadt verläßt.«

Dies macht Deinem Herzen Ehre.

Bei diesem Gespräch kam erst noch zur Aufhellung, woran zeither noch
niemand gedacht hatte. Ich sagte: »Aber ist denn die ganze Menschheit in
späteren Jahren zum Unheil verdammt? Die Jugendfreunde, die Verwandten,
Alles muß ich unglücklich wiederfinden, und ...« Nicht Alles, fiel
Wilhelmine ein. Seltsam, daß Du nach unserm Bruder Otto noch nicht gefragt
hast. Zum Theil ist wohl Deine Krankheit Schuld daran, daß wir vergessen
haben, von ihm zu reden; zum Theil auch -- wird bei den Seinigen nicht eben
viel über ihn geredet --

Ich begreife selbst nicht, fiel ich ein, wie es zugegangen ist, daß ich
an Otto nicht gedacht habe. Von den übrigen bösen Zeitungen war mein
Gedächtniß so vollgepfropft, daß ... nun, was macht Otto? Ich wünsche ihm
alles Gute.

Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs.

Es war sicherlich keine Mißgunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete
die Hände, und schüttelte den Kopf ein wenig.

Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben.

»Ist es möglich! Aber ist es möglich!«

Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf
Präsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem
Herzoge näher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im
Lande.

Immer noch höchlich verwundert sagte ich: »Otto der trockne, engherzige
Otto, Minister des Herzogs?«

Lächelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne,
engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.
-- Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Würde verschaffte ihm
Gelegenheit, sich mit einem Fräulein aus einem reichen Hause zu verbinden.

»Nun -- ich gönne ihm Alles; er ist mein Bruder. So höre ich doch nicht
lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als müßte
eine Anweisung, hier Glück zu machen, so lauten: Fleiß, tüchtigen
Geschäftsfleiß, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und
den Fleiß so geregelt, wie ihn jeder alltägliche Kopf zu zeigen vermag; das
heißt: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie über das Gewöhnliche
hinaus. Zweitens Kriecherei, ächte, wahre Kriecherei vor allem Rang.
Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es
nicht ändern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, daß unser Vater nach so
langjährigen, treuen Diensten eine so kärgliche Pension hat! Konnte sie
Otto nicht billig erhöhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung
verschaffen? Dein Mann mußte allenfalls ja auch sein Mann seyn.«

Wilhelmine erwiederte: O, Se. Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer
Verwandten zu schämen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn
wandten, fertigte er uns mit kleinen demüthigenden Geschenken ab. Auf
wiederholte Bitten, etwas für den Vater, und für meinen Mann zu thun, gab
er zur Antwort: »Unmöglich könne er, auf seinem viel beobachteten Platze,
sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz,
allenthalben zu vermeiden, daß er nicht für Angehörige und ältere Bekannte
eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschöpft, und Sauer habe nur
genügende Thätigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu
können.« Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es währte lange, ehe ich
vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, währte die gnädige
Audienz, überhäufter Geschäfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt
unzugänglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, hätten ihn
immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein höheres Talent und manche
andere Vorzüge erhoben. Nun, fügte er hinzu, das höhere Talent half
ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! --
Empfindlich, daß er über Dein Unglück noch spotten konnte, verwies ich ihm
das, und sagte hernach: eben auch des unglücklichen Bruders wegen käme ich.
Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu dürfen, so
möchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer
Bitte für Dich zu verwenden. O, sagten Se. Excellenz, da würde ich bei
Sr. Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Höchstihre Ungnade auf mich
laden. Mit dem Hofe in St. Petersburg steht der hiesige nicht am beßten.
Ich kann weiter nichts als den Unglücklichen bedauern. Seinem unbesonnenen
Leichtsinn muß er übrigens sein Schicksal zuschreiben. -- Nun folgte ein
stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir
noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergüten
sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl,
zurück. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekümmert, wie er
sich um seine Verwandten.

»Pfui,« rief ich aus; »pfui! -- Doch laß ihn! Er kann bei diesem unholden
Sinn, trotz allem Ansehn und Vermögen, sich nicht glücklich fühlen. Ich
danke um so mehr für Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging,
doch zu handeln versuchte. Aber -- damit nicht auch ich keine Theilnahme
für arme Verwandten zeige -- ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt.
Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«

Wilhelmine biß sich ein wenig in die Lippen; es fiel ihr schwer,
eine Antwort zu geben. Neid war nicht im Spiel; eines so gehässigen
Charakterzuges war sie nicht fähig. Aber einige Spuren von verwundeter,
weiblicher Eitelkeit las ich in ihren Augen, als sie über diesen Gegenstand
reden sollte. Ihre widrige Empfindung unter einem Lächeln zu verbergen
bemüht, hob sie endlich an: Charlotte ist lange verheirathet.

»So hat sie doch einen Mann gefunden? Das freut, und -- wundert mich.«

Glücklich verheirathet, wenigstens reich -- nein, in der That auch
glücklich; die Gemüthsart ihres Mannes paßt zu der ihrigen.

»Reich obenein? Das Mädchenglück hat auch seine Launen.«

Und oft gar seltsame.

»Wer ist denn Charlottens Mann? Habe ich ihn gekannt?«

O ja! Du wirst Dich bei seinem Namen wundern. Herr von Soldin.

»Ist das Scherz oder Ernst?«

Warum sollte ich Scherz treiben!

»Ich meinte -- es hatte so ein Ansehn, und man konnte es unmöglich anders
deuten -- er habe Absichten auf Dich ...«

Die häufigen Besuche galten Charlotten. Um _sie_ bemühte er sich, als wir
glaubten ....

»Wie konnte -- fast möcht' ich sagen, das platte Geschöpf ihn anziehn!«

Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.

»Hm! -- Du nanntest ihn immer geschmacklos. Er hat diesen Ausspruch
bestätigt.«

Unbedeutende Mädchen finden oft leichter eine Heirath, als gebildete.

»Wie geht das zu? Etwa, weil es so wenig gebildete Männer giebt? Das ist
wohl gewiß nicht die Ursache. Der gebildeten Männer müssen ja viel mehr
seyn, als der gebildeten Mädchen; denn die Männer haben mehr Gelegenheit
sich zu bilden. Oder sollte Mädchenbildung mehr bewundert, als geliebt
seyn, ernste Neigung mehr verscheuchen, als befördern? Dies kann ich auch
nicht glauben.«

Einen Grund findet man hier nicht leicht heraus; es bleibt nur dabei, daß
nichts verschiedner als der Geschmack, und -- daß die Liebe blind ist.

»Ach -- meine Liebe war nicht blind. Emma hatte Schönheit, Verstand, und
ihrem Herzen ließ sich kein Vorwurf machen. Oder -- wäre meine Liebe in so
fern doch blind gewesen, daß sie eine heimliche Anlage zur Verworfenheit
nicht entdeckte? Hier fragt es sich gleichwohl immer noch: ob eine solche
Anlage in der That vorhanden war, oder ob nur die Einflüsse eines dürftigen
Zustands Emma zu dem hingezogen, was ihre Grundsätze einst verdammten. Zwar
sollte man fast schließen, eine Anlage müsse vorhanden gewesen seyn; sonst
wäre Emma nicht durch Armuth gefallen. Wohnen sonst doch Armuth und Tugend
oft zusammen. Zwar vielleicht öfter, wenn Tugend zeitig an Armuth gewöhnt
ist, als wenn sie sich erst dazu bequemen soll. Im letzten Falle wird
Armuth auch oft eine gefährliche Klippe für die Tugend.«

Desto edler ist sie aber auch, wenn sie, wie ein Fels, dem Drange der
Armuth widersteht.

»Freilich wohl. Will man indeß Entschuldigungen aufsuchen, so kann man es
vorzüglich beredt, wo die Armuth zu nennen ist.«

Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben.

»Allerdings! O Emma, wärst Du tugendhaft geblieben!«

Dann würde sie noch einen späten Lohn in Deiner Hand empfangen haben.

»Die Thörin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man übrigens zu einer
Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwähnte? Ist sie natürlich, und können
die Grundsätze, welche eine sorgsame Erziehung einflößt, sie nicht
verdrängen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.«

Nein, da stimme ich Dir nicht bei.

»Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen
besteht, folglich nicht kämpfen darf, hat keinen Werth.«

Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz
begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, daß er die schlimme
Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und muß die Tugend. Gänzliche
Abwesenheit böser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstände wecken sie,
wenn sie auch schlummern.

»Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umständen entgegen tritt, ist
aber auch verschieden.«

Wohl kein Phlegma ist so tief, daß nicht manche Lüste daraus hervorgerufen
werden könnten.

»Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstände an, ob sie mehr oder
weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemüthsanlage bekommen
wir aus den Händen der Natur, über ihre Entwickelung vermögen die
Außendinge mehr, als wir. Manche sind glücklich genug, bei einem ruhigen
Sinn noch solchen Umständen fern zu bleiben, die verlockend auf sie
eindringen könnten.«

Die Gemüthsanlage muß sich durch kräftigen Tugendwillen veredeln lassen.
Umstände, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht
nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben.

»Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem
ungestümen Lebensmeere das Glück einen weiten Spielraum behalten.«

Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfängt
sie das Glück nicht, so wird sie doch am kräftigsten über das Entbehren
desselben trösten und beruhigen.

»Ja, diesen Satz muß ich ohne Einschränkung unterschreiben. -- Doch
Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte über die öfteren
Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel
verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum
Trinker herabgesunken war. Offen -- hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu
fürchten?«

Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefühle vereinigte mich mit
August.

»Es scheint mir -- Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma,
Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.«

Wenn ich das einräumte, so könnte ich getrost auch hinzufügen: daß ich
diese Liebe doch nie über meine Vernunft und Pflicht Herrin werden ließ.

»Hätte sie es aber -- durch Zeit und nähere Gelegenheit als im Vaterhause
-- nicht werden können?«

Ich -- glaube nicht.

»Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mächtiges Bedürfniß
zu lieben.«

Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand,
schmerzte es mich tief; späterhin war es mir aber äußerst lieb, daß ihn
mein Mann entfernt hatte.

»Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich -- Glück. O nicht allein
andere Menschen bleiben uns Räthsel, auch das eigne Herz bleibt es. Laß uns
aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzähle mir von
Charlotten das Nähere.«

Eigentlich -- möcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von
Soldin an sie zog. Im Punkte der Schönheit empfand er einmal nicht wie
Andere. Charlottens runde, derbe Formen -- mochten anders Urtheilende sie
auch plump nennen -- hatten Reitz für ihn.

»Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mädchen zu
mästen pflegen. Auf das Gesicht kömmt es nicht an; Schönheit wird durch die
Fettigkeit bestimmt.«

Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil
er sie fand -- ließ, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und
soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch
nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die
Heimsuchung des Kriegs ist überstanden, und Soldin noch immer ein Mann von
hunderttausend Thalern.

»So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglücklich.«

Charlotten muß ich nachrühmen, daß sie weder stolz, noch fremd gegen uns
geworden ist. Sie schickt mir manches in Küche und Keller, und wenn die
Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hülfe
nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fünf Kinder hat.

»Brav! ... Fortan sollst Du mit ähnlichen Bitten ihr nicht lästig
werden.« --

Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fühlte mich im
Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wären
sie die meinigen, liebte, so glücklich als man es, über vierzig Jahre
hinaus, und -- in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in
Sibirien ließ mich das Glück der Freiheit um so höher achten und genießen.

Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen,
mehr Eintracht, und meine Gegenwart nöthigte ihren Mann zu einem sanfteren
Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach
Umständen.

Möchten junge Leser durch meine Erzählung sich bewogen fühlen, _zeitig_
über die Veränderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Möchten
sie, was ihnen das Glück gab, fest halten, da es launenhaft ist! Möchten
sie ihre Ansprüche nicht übertreiben, da diese oft betriegen! Möchten sie
im Schönheits-, im Talentgefühl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als
Warnungen vor Mißbrauch sehn! Und endlich, möchten sie an Wilhelminens Satz
glauben: »Tugend ist der beßte Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt über
ein feindliches Schicksal.«



Der lustige Todesfall.

Eine komische Erzählung.



Der lustige Todesfall.


Herr Lund, ein Kaufmann, der -- nach Börsentaxe -- hunderttausend Thaler,
und wohl noch einige Tausend darüber, werth seyn mochte, starb, zur größten
Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewiß
nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug
obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, daß man nicht zu
sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhöflich,
nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene -- doch in
Vertrauen --: so stürbe ihr Mann gewiß nicht _vor_ ihr, sondern werde sie
überleben: sie habe kein Glück; was sie wünsche, treffe nie ein, das wisse
sie schon.

Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch früher, als seine bis
dahin ziemlich feste Gesundheit es hätte erwarten lassen. Eine plötzliche
Erkältung zog ihm einen Schlagfluß zu, der in wenigen Stunden eine Ladung
für Charons Nachen aus ihm machte.

Die Wittwe schlug ihre Hände zusammen. Da sieht man's, rief sie nun:
unverhofft kömmt doch oft!

Ist er auch gewiß todt? fragte sie den noch beschäftigten Arzt. Kann ich
mich darauf verlassen? -- Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und
bekam einen reichen Ehrensold für die vergebens angewandte Mühe.

Die Wittwe vergaß auch dem Manne nicht, was er zuletzt für sie gethan
hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an,
sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen
Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lügen, welche die Inschrift
enthielt, war die gröbste: daß Lunds _betrübte_ Wittwe ihm dieses Denkmahl
errichtet habe.

Prüfte man die Sache genau, so ließ es sich der Nachgebliebnen eben nicht
verübeln, wenn sie über den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte
über den Verstorbnen immer die -- auch nicht ungerechte -- Klage geführt,
daß er ihr zu wenig Vergnügen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe
gegangen war, saß er noch an den Büchern, und rechnete dem Buchhalter
nach. Morgens stand er am frühsten auf, weckte seine Leute, sah in die
Niederlagen, und schmälte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie
er es finden wollte. Abends und Morgens bekümmerte sich Lund folglich gar
nicht um seine Gattin, den Tag über hingegen desto mehr. Früh bekam sie
Weisungen, die Köchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darüber zu
wachen, daß sie keine Provision am Markt-Einkauf nähme. Mittags gab es
gewöhnlich Verweise, daß das Essen zu gut sei, was für die schlechten
Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehälfte, als eine
gesunde Motion, die Mörserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht,
den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Reiß und andere Material-Waaren, von
Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was
dahin gehört, war die Rede nie. Aeußerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch
nach Zerstreuung, dann hieß es: der sonntägliche Kirchengang zerstreue
genug. Bei schöner Frühlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem
Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstücke mit Nachtheil bedrohe,
ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man
sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah,
würde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der
Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen hätte. So aber pflegte
er diese Gelegenheiten zu nützen, seinen Frauenzimmern _ausführliche_
Strafpredigten zu halten, weil die Geschäfte zu Hause ihm nur kurze
vergönnten. Er bewies dann seiner Frau: daß sie bei weitem nicht mit so
geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter
vor dreißig Jahren, und daß sie eine dumme Gans sei, die sich von den
Köchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag für Tag betriegen lasse. Er
hatte nicht völlig unrecht; denn was man _Geist_ nennt, war an Frau Lund
eben nicht zu erschaun: sie ließ es bei der _Seele_ bewenden. Wo hätte
sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit
Köpfen vielfach beschäftigt, doch für den Kopf seiner Tochter um so weniger
etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkräusler, gehörte er
zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste
Beschäftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler.
Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur
hundert Thaler zusammensparen können; nun meinte er: wenn er eine Frau mit
etlichen Tausenden nähme, und jene Hundert dazu fügte, so würde sich schon
eine solide Materialhandlung gründen lassen. Er klopfte da und dort an, wo
sich Tausende vermuthen ließen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das
hatte seine Gründe. Wer Tausende besaß, wollte ihnen auch etwas Namhaftes
begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schöne, sondern vielmehr eine
häßliche Mannsperson, und hatte ein nicht _für_, sondern _gegen_ ihn
einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des
Haarkräuslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben
Tag in seinem gepuderten Rock umher; Präsidenten und Geheime Räthe, Damen
vom ersten Rang, gehörten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die
Sage, daß es ihm gelungen wäre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in
sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe.

Lund pochte also auch hier an. Auf Schönheit und Betragen wurde eben nicht
gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich
stand. -- Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben -- schmeichelte der
Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei
des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die
italiänische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz löblich, sei
aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, daß er nicht einmal ein Paar
reputirliche Beinkleider habe.

Nun meinte der Haarkräusler: _dem_ könne man schon eine Tochter anvertraun;
habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein _Ja_,
sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich
lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafür aber auch Alles, was ich habe, wenn
ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl
hüten, die Jungfer Tochter zu lieben.

Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die
Kleider und Leibwäsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und
Messing, herauszurücken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur
indeß bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, ließ Jener sich
die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mußte er theils den
Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto:
daß er, wenn es hier nichts würde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein
Mädchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen würde. Ein
kupferner Kessel hätte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der
Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel,
sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete
man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe
noch wieder zurück.

Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung
an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde indeß bald
ansehnlich, als die Börse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen
Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Größe hervor.

Er füllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine
Geschäfte nach kleinen Städten aus, wo er die untergeordneten Krämer mit
Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren;
doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt,
daß es zu den seltensten Erscheinungen gehörte, wenn es sich zeigte, daß
Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin
gekommen, daß Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen,
und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er
merkte sich das, und führte bisweilen die ganze Börse an. Einmal besonders,
in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh über ihn. So eben war
eine Schlacht gewonnen, die auf den künftigen Preis der Papiere einen
entschieden vortheilhaften Einfluß erwarten ließ. Lund hatte Mittel
gefunden, von dem Ereigniß noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die
Juden. Er wußte, daß sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen
den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette
melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt,
und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mußte als Courier
herbeifliegen, und obenein auf den Postämtern etliche Schaffner bestechen,
daß sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die
hochwichtige Botschaft um zwölf Stunden früher zu Lunds Ohren, und in
diese zwölf Stunden fiel gerade eine Börsenmorgenzeit. Er ließ heimlich
aussprengen: eine Hauptschlacht wäre verloren gegangen. Die Juden stritten
anfänglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der
Feind könnte wohl schon die Postenverbindung stören, und fingen an, Lunds
Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil,
was den Papieren, auf die bereits das üble Gerücht wirkte, noch mehr
schadete. Seine Bevollmächtigten mußten dagegen zusammenkaufen, so viel sie
nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wäre
erst die officielle Nachricht da, dann könnte ein noch tieferes Fallen
der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig
tausend Thaler; der arme schwindsüchtige Friseur hatte aber von seiner
übermäßigen Anstrengung den Tod.

Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon
lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem
mäßigen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn
und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht
endlich zu einer galoppirenden gemacht.

Dies Mal täuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige
hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war indeß
seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen
Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und
Wissenschaft zu Rom. Schwedenköpfe, Titusköpfe, altdeutsche Köpfe, machten
den armen Friseuren die Köpfe so warm, daß sie damit gegen die Wände
hätten laufen mögen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute
dankten ihre Haarkräusler ab, obschon ältere sie Modenarren hießen. Doch
als erst im Lauf der Jahre auch Präsidenten und Geheime Räthe Zöpfe und
Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die
Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermädchen in Flechten aufstecken
ließen: da war bei den einst hochgeachteten Künstlern ihres Leides kein
Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr
verdiente, mußte er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen.
Ein Unglück gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hörte das
Handelshaus, worin er das meiste Vermögen niedergelegt hatte, zu zahlen
auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglück, damit es seine Tochter
nicht in Klagen und Vorwürfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters
nunmehrige Muße benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Ausspähen
und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er
mußte dabei auch andere, jetzt unbeschäftigte, Kunstgenossen in Thätigkeit
setzen, aber sie für ihre Mühe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen.
Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergütungen; was er gab, war hingegen
unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn _ihm_ galten schon
etliche Groschen für etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den
Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des
Schwiegervaters Freunde bevollmächtigt; er selbst mußte aber in der Nähe
Acht haben, daß nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst
ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mußte, schnellen Ergreifens
wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit
fünfhundert Thalern davon. Zu leichtfüßig spottete er alles Nacheilens,
entkam aus der Stadt, und auch über die Landesgränze. Den Verlust hatte
nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, daß er, trotz
seinem ehemaligen Vermögen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel,
Brenneisen und Kämme nachließ, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal
die Trödler kaufen wollten. Die übrige fahrende Habe reichte auch zu den
Begräbnißkosten nicht hin, wie spärlich auch Lund dabei zu verfahren gebot.
Er suchte für den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehör
nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalität bei einem Todten
verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterließ. So mußte schon Lund
zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm
doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknüpfte
Hoffnung gänzlich zerrissen war.

Bei jenen sonntäglichen Spaziergängen im Freien blieb auch seine Gattin nie
mit Vorwürfen über die eben erzählten Umstände verschont. »Anstatt, daß
ich hoffte,« sagte Lund, »von Deinem Vater zu erben, mußte ich ihn noch
begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert
Thaler! Denn Kleider, Wäsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann
ich doch nicht mitrechnen; _Du_ trägst sie, oder brauchst sie in der Küche.
Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das weiß ich wohl; aber
ich kann doch auch nicht einmal behaupten, daß sie mir zu Gute gekommen
sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewiß zwei hundert Thaler in Essen
und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen müssen; zu geschweigen,
was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebürdet hast.«

Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein
ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch
manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: _seine_ Spekulationen, sein
saurer Fleiß und Schweiß hätten alles gethan. An dem Verlust, den ihr
Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die
Tochter. »Du hättest ihn erinnern sollen,« sagte Herr Lund, »daß er sein
Geld nicht bei Weber =et compagnie= lassen müsse; man sprach von diesem
Hause schon lange nicht gut an der Börse. Mir wollte er immer nicht sagen,
wo sein Geld stände; sonst hätte ich ihm längst ein =aviso= gegeben. Du
hättest ihn auch vor dem spitzbübischen Friseur warnen können, der mit
fünfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter hättest Du den
Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich
alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.«

Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa
neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergängen ihre Noth. Der erste
Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Hätte ich Dich nicht, sagte er,
o wie viel könnte ich sparen! Gewöhnlich folgten dann Verweise, daß seine
Tochter eine Putznärrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: »Und warum
bist Du eine Putznärrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das
könnte am Ende wohl seyn; denn -- auch ein großer Fehler an Dir! -- ganz
passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen,
kannst ledig bleiben. Wenn ein Bräutigam kommt, so will er auch haben; und
wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller
Handel und Wandel stockt!«

Noch mehr Scheltworte mußte Philippine darüber hören, daß sie ein Mädchen
war. Wärst Du ein Junge, hieß es, so könntest Du schon die Lehrjahre
überstanden haben, und im Comptoir sitzen. Ich brauchte den Buchhalter
nicht. Du könntest in ein Paar Jahren Dich nach einer gut bemittelten Frau
umsehn, die so viel Fonds noch zubrächte, als das Haus Lund schon hat; etwa
nach zwanzig Jahren änderte sich wohl die Firma, und zeichnete Gottfried
Lund und Sohn. Und müßt' ich nach dreißig Jahren, oder später, einmal an
meinen Tod denken, dann hätte ich doch die Aussicht, daß die Firma Lund,
die an der Börse zu Ehren zu bringen mir so viel Mühe und Schweiß gekostet
hat, nicht so bald aufhören würde. Da siehst Du, wie vielen Schaden es mir
thut, daß Du ein Mädchen bist.

Philippinens Mutter vertrat sie denn wohl, und erinnerte den Mann: sie
doch nicht um etwas zu schelten, wofür sie nicht könne, ihr auch nicht
vorzuwerfen, daß sie eine Putznärrin wäre, da dies ja völlig ungerecht sei.
Nicht lange vor seinem Tode entstand hierüber ein heftiger Wortwechsel. Wie
kann sie eine Putznärrin seyn! sagte die Mutter; sie hat ja keinen Putz!

»Nennst Du das keinen Putz, was sie da trägt?«

Nein! Ein Hauskleidchen von wohlfeilem Kattun.

»Oho! ich soll wohl gar theuren kaufen! Und wenn das kein Putz ist, so
möchte sie doch gern welchen haben. Ich seh' ihr ins Herz.«

Mein Himmel, wär es denn auch gerade eine Sünde? Alle junge Mädchen putzen
sich gern.

»Braucht sie denn gerade jung zu thun? Kann sie sich nicht alt und ehrbar
betragen? Ich habe so oft gesagt, die Kleider, welche Du ablegst, sollen
ihr zurecht gemacht werden. Bring' ichs wohl dahin?«

Wie kann ich denn Kleider ablegen? Ich habe selbst nur noch zwei, die
so dünne sind, wie Spinnewebe, weil meine selige Mutter sie schon halb
abgetragen hat.

»Daß Du ein Reißteufel bist mit Deinen Kleidern, weiß ich schon lange, und
Philippine tritt in Deine Fußstapfen. Erst vor drei Jahren habe ich ihr
das neue Kleid anschaffen müssen; das alte, hieß es, wäre nicht mehr zu
brauchen, und kam auf den Trödel.«

Philippinchen hatte es so geschont, daß es der Trödler noch recht gut
bezahlte. Aber es war ihr zu kurz geworden.

»Warum hatte es der Schneider nicht eingelegt? Uebrigens auch einer von
ihren Fehlern, daß sie so wächst. Sie braucht nicht allein so oft neue
Sachen, sondern immer mehr Zeug dazu.«

Du magst sagen, was Du willst, mein Kind: sie muß doch wieder ein Kleid
haben.

»Was? Schon wieder? Erst vor drei Jahren ...«

Da war sie noch nicht sechzehn Jahre; seitdem ist sie erst recht
aufgeschossen. Eingelegt war das Kleid; es ist schon einige Mal
nachgelassen, nun geht es aber nicht mehr. Pinchen laß einmal das
Blumenpflücken, und steh auf ... Da siehst Du? Kaum sind noch die Waden
bedeckt.

»Nun, ich sehe noch gar nicht, daß es so sehr zu kurz ist. Aber doch
unverantwortlich, wie das Mädchen wächst. Daran bist Du wieder Schuld,
sonst Niemand. Das kommt von dem Ueberfüttern.«

In einem Vierteljahr werden vielleicht die Kniee zu sehen seyn. Bedenke
doch, was der Wohlstand fordert!

»Wohlstand, Wohlstand! Eben das Mädchen macht, daß ich nimmermehr zu
einigem Wohlstand komme! ... Aus einem neuen Kleid wird nichts. Sie kann
Sonntags zu Hause bleiben, und im Predigtbuch lesen.«

Und, mein Kind, daß Du immer sagst, Philippinchen soll nicht heirathen,
kommt mir auch wunderlich vor. Du wirst so bald nicht sterben. Ach, Gott!
ich glaube, Du stirbst in Deinem Leben nicht. --

»Ha ha ha! In meinem Leben freilich nicht, aber in meinem Tode. Du bist und
bleibst doch eine dumme Gans! Wenn's aber noch lange damit ansteht, soll es
mir lieb seyn.«

O, es wird noch lange genug damit anstehn; Du bist ja gesund, wie ein Fisch
im Wasser.

»Das thut meine Mäßigkeit in allen Dingen.«

Wirklich, Du bist allzu mäßig, könntest Dir hier und da wohl manches zu
Gute thun, was nicht einmal Kosten verursachte. Aber weil Du selbst doch
sagst, daß Du einmal, trotz all' Deinem Verstand und Gelde, wirst sterben
müssen -- gerade darum sollte Philippine heirathen. Denn wer soll in der
Folge erben, was wir haben?

»Sag nur nicht: was _wir_ haben. Das Vermögen gehört mir. Hast Du mir
zweihundert Thaler eingebracht, so hast Du mir wohl dreihundert gekostet.«

Nun gut, _Dein_ Vermögen. Soll es denn in fremde Hände kommen? Ist denn
Dein eignes Fleisch und Blut Dir nicht lieber, als weitläuftige Vettern und
Muhmen?

»Ei, daran werde ich denken, wenn ich dermaleinst dem Tode nahe bin.«

Aber, Du meinst ja, erst in dreißig Jahren würde es dahin kommen. Dann wäre
Philippinchen beinahe funfzig Jahre, und das Heirathen könnte auch nicht
mehr helfen.

»Im Grunde ist es unartig, Frau, daß Du so oft von meinem Tode sprichst.
Das hört Niemand gern, und ich habe doch erst fünf und vierzig Jahre auf
dem Nacken. Daß Du es übrigens lieber sehn würdest, wenn ich heute stürbe,
als morgen, weiß ich sehr gut.«

Das wohl nicht. Aber Du würdest Dich freun, wenn Du mich begraben lassen
könntest; dann kostete ich Dir nichts mehr.

»Ich werde mich aber hüten, daß ich Deinen Wunsch erfülle.«

So viel an mir liegt, ich auch. Du kannst aber ruhig seyn; ich werde Dich
nicht überleben, habe nun einmal kein Glück in der Welt.

»Kein Glück? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem
Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen
darf, so gilt es an der Börse wie baares Geld.«

Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch laß uns nicht
von solchen verdrießlichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an
Philippinchens Heirath denken.

»Da kömmst Du schon wieder mit Deinem _wir_! _Ich_ bin Mann, und werde
sagen, wie ich's haben will; ihr müßt Order pariren. Bei dem Allen --
wenn sich Einer fände, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung
verlangte, keinen Heller -- wer weiß, was ich thäte! So brauchte ich das
Mädchen doch nicht länger zu ernähren.«

Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke
an die Verheirathung seiner Tochter zu beschäftigen. Er sagte einige Mal:
»Ich hätte wohl einen Bräutigam für Philippinen; nur wird sie ihm zu hübsch
seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern.« Wenn seine Gattin nun fragte,
wer es sei, und ob sie den Auserwählten kenne; dann gab er zur Antwort:
»Noch ist es nicht so weit; erst muß seine Frau sterben. Da sie aber an
einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit höchstens noch ein Paar
Jahre währen.«

Es währte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hieß der von
unserm Lund zum Schwiegersohn Erwählte), ebenfalls ein wohl renommirter
Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand
versetzt. Er galt an der Börse für gut, und daneben für Lunds Pylades oder
Jonathan, indem Beide völlig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig
Jahr alt seyn; aber für jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf
den Tisch zählen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was
den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern
seyn, meinte Herr Lund, so müsse man über den Hauptpunkt die Nebenpunkte
vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen
Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen
dürfe, vorausgesetzt, daß sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe
à Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache
in Bedenken, und bedachte heraus: daß es ja vollkommen einerlei wäre, ob
Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; daß Jener damit eben so
viel verdienen würde, wie er selbst, und auch eben so wenig unnütz verthun.
Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und
Pylades erinnern.

Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhestätte entgegen fuhr,
mußte auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden,
welche dem Trauerwagen zunächst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte
eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehälfte gesagt:
Philippine möchte sich bereit halten, ihren Bräutigam hernach zu empfangen:
denn um nicht viele Zeit an den Geschäften zu verlieren, würde er mit
demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art könnten zwei Förmlichkeiten
zugleich abgethan werden.

Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, daß sie erinnerte:
es würde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem
Bräutigam übel gedeutet werden.

Herr Lund erwiederte: Solide Geschäftsleute schöben nicht auf, was sie
einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht.
Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon
er selbst einräume, daß sie für den Begräbnißtag nicht recht passend seyn
würde; sondern bloß ein vorläufiges Versprechen, im Kreis der nächsten
Verwandten. Es wäre zugleich eine Gelegenheit, daß Braut und Bräutigam
einander kennen lernten.

Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie
bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch
Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz
geworden, daß wenigstens die Strumpfbänder zum Vorschein kämen. So könne
Philippine sich doch einem Bräutigam nicht zeigen!

Herr Lund stampfte mit beiden Füßen. Meinen Sürtout, rief er, den ich im
Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwölf Jahre. Warum kann Philippine
nicht auch ein Kleid zwölf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur
Sonntags anzieht! Eigentlich müßte es siebenmal so lange halten, als mein
Sürtout, =ergo= vier und achtzig Jahre!

Die Mutter wandte ihm ganz vernünftig ein: daß er in den verflossenen zwölf
Jahren, die er den Sürtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich
äußerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft
zu sehn, der sich für eine Brautbesichtigung zieme.

Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltäglichen Hausanzug von Damis
erscheinen.

Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefärbte schlechte Leinwand.
Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenäht, dessen Farbe
absticht.

»Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, daß man hier nicht überflüßige
Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin
vorstellen kann. Und Philippine -- auch einer von ihren Fehlern, daß sie
nur allzu hübsch ist -- _soll_ ihm nicht gut ins Auge fallen. Er möchte
sonst zurückziehn; es kömmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs
Brutto, und die Schönheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unnütze
Last hat. Er muß sorgen, wachen, daß nicht Andere zu der Waare Lust
bekommen, und je mehr eine Frau weiß, daß sie passabel aussieht, je ärger
quält sie den Mann noch um hübsche Emballage. Ich habe oft gesagt, daß ich
etwas darum gäbe, wenn Philippine häßlich wäre. Als Heirathsartikel ist es
doch immer einerlei; der Mann gewöhnt sich an eine häßliche Frau, wie
an eine hübsche; nach Jahr und Tag weiß er nicht mehr, wie seine Frau
aussieht. Doch er kann bei den Geschäften ruhiger seyn, und braucht nicht
an der Börse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er
so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hübsch ist.«

Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre
Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an
natürlichem Verstande, um =a priori= zu schließen: der Vater würde ihr wohl
eben nicht einen liebenswürdigen Mann aussuchen.

Die Leser könnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff
von Liebenswürdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht
unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwähnten Gelegenheiten aus, und
sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschäften
mit Lund zu reden, so mußten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie
nicht ohnehin häusliche Verrichtungen hatten.

Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie
einen lebhafteren natürlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete
sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage
entstehen konnte, und wirklich entstand.

Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschäfte dergestalt erweitert, daß er,
neben den gewöhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte
zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den
ältesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab;
von den übrigen hatte keiner die nöthigen Kenntnisse, und überdem war, wie
schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem größer
geworden.

Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen
nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und
mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Beköstigung,
und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr
Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in französischer,
englischer und italiänischer Sprache Correspondenz führen, was Lund nicht
verstand, was aber geschehen mußte, in so fern er die zeither nur auf
Deutschland beschränkten Geschäfte über dessen Gränzen hin ausbreiten
wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft
wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mußte sehn, wie er den
größtmöglichen Ertrag davon zöge. Trieb er indeß auch manchen Großhandel,
so lebte er doch immer noch auf dem Fuß eines Kleinkrämers; ja, selbst bei
dem kleinsten unter den Kleinkrämern würde man wohl kaum eine so armselige
Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umständen wollte er zwar bei
seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden
und schlecht beköstigen. Auch sollte der Buchhalter sich -- mitunter
wenigstens -- gefallen lassen, daß er schlecht behandelt würde; denn in
dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar
wenig zart um: sie mußten Rippenstöße und andere handgreifliche Weisungen
hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern
häufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lümmel
u. s. w. Dies hatte freilich die Folge, daß keiner so leicht ein halbes
Jahr bei ihm aushielt.

Als er sich jetzt an der Börse in seiner Absicht umthat, und die Mäkler um
junge Handelsbeflissene mit vorzüglichen Kenntnissen befragte, gab es deren
wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden
wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hörten sie auch schon auf,
von der Sache zu sprechen, und die Mäkler waren also nicht im Stande,
Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen
Absicht unerfüllt; dann meldete sich aber ein hübscher junger Mensch von
selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines
Buchhalters bekommen könne.

Lund maß ihn vom Wirbel bis zu den Sohlen. Letztere waren etwas schadhaft,
und dort die Haare ohne alle Zierlichkeit geordnet. Ein abgetragner
Ueberrock von schlechtem Tuch kam hinzu. Dies Alles konnte dem Prüfenden
schon gefallen. Der junge Mensch hielt, dem Ansehen nach, nicht auf windige
Eleganz, und trug seine Kleidungsstücke so lange als möglich. Also konnte
er sich auch mit wenigem Gehalt begnügen.

Herrisch fragte ihn Lund: ob er Zeugnisse aufzuweisen habe. Jener nahm
deren mehrere aus einem wurmstichigen Taschenbuch. Sie waren von namhaften
Häusern in Hamburg, Wien und Leipzig ausgestellt, wo der Jüngling
conditionirt hatte, und klangen sehr löblich.

Lund hielt sie gegen das Fensterlicht, um zu sehen, ob auch nichts darin
radirt und beliebig geändert sei. Dann fragte er barsch: »Aber warum blieb
man nicht länger an einem Orte, und zieht umher, wie die Zigeuner?«

Bescheiden wurde ihm geantwortet: Um an verschiedenen Orten meine
Kenntnisse zu erweitern.

Nun mußte der junge Mann zur Probe einige verwickelte Handelsrechnungen
machen, oder lösen. Hierauf verstand sich Herr Lund; und er sah nun, daß
es schnell, richtig, und mit einer saubern Handschrift vollzogen ward.
Gleichwohl tadelte er Einiges daran.

Nun führte er den jungen Mann in seine Speicher und Niederlagen. Dort mußte
er die Waaren nennen, ihre Güte beurtheilen, und ihre Preise abschätzen.
Auch hier bestand er wenigstens ziemlich.

Lund schüttelte aber dennoch den Kopf, ging wieder mit ihm ins Comptoir,
und verlangte Geschäftsbriefe in mehreren Sprachen, nach einem durch ihn
bestimmten Inhalt.

Sie waren bald vollendet, und hatten ein zierliches Ansehn. Selbst konnte
Lund sie nicht beurtheilen, und beschied deshalb Jenen auf den folgenden
Tag wieder zu sich.

Unterdessen zeigte er die Briefe einigen Kaufleuten und Mäklern, die fremde
Sprachen verstanden, und hörte, daß nichts daran zu tadeln sei.

Ketter -- so hieß der junge Mann -- fand sich um die bestimmte Zeit wieder
ein.

Ganz bin ich zwar nicht zufrieden, sagte Lund; indeß -- ich will's
versuchen. Was verlangt man an Gehalt?

Zu seiner Befremdung ward nur eine höchst mäßige Summe vorgeschlagen. Lund
bot demungeachtet nur die Hälfte. Der junge Mensch zuckte die Schultern,
berief sich auf die theure Zeit, und den Umstand: daß er eine unvermögende
Mutter habe, die er unterstützen müsse. Doch, setzte er hinzu, will ich für
das nächste Vierteljahr einschlagen; auf die Bedingung, daß mir der Herr
Principal Einiges zulegen, wenn meine Dienste Ihnen genehm sind.

»Das kann vielleicht geschehn, erwiederte Herr Lund; doch muß ich erinnern,
daß man nur Hausmannskost finden wird.«

Daran bin ich in meiner Jugend gewöhnt worden, und sie ist mir die liebste.

»Auch, daß man nicht zu empfindlich seyn darf. Ich habe ein etwas hitziges
Naturell, meine es aber gut.«

Ich werde mich stets um die Zufriedenheit des Herrn Principals bemühn; so
darf ich keinen Unwillen fürchten.

»Auch, daß man nicht auf einerlei Arbeit muß beschränkt seyn wollen. In
meinem Hause kömmt mancherlei vor; und wer in meinem Lohn und Brot steht,
muß überall mit angreifen, wo es Noth thut.«

Gern werde ich Ihnen so viele Dienste leisten, als ich nur vermag.

»Auch, daß man ordentlich seyn muß, nicht Abends und Sonntags auslaufen,
keine junge lustige Bekannten in's Haus ziehn, die Unfug treiben.«

Die Pflicht der Ordnung versteht sich von selbst; übrigens bin ich hier
fremd, und habe keine Bekannten.

»Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich
mich nicht ein.«

Ich bin jung und nicht frostig.

»Am beßten auch, ein junger Mensch wärmt sich das Blut durch Arbeit. Nun --
wann will man anziehn?«

Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen.

»Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.«

In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters
verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige _man_ in die
Anrede _Er_. Andere Buchhalter würden ihm die dritte Person mindestens
zurückgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, daß er sich
gefallen ließ, was Herrn Lund gefiel.

Dieser hatte auch späterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung
zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschäfte nicht allein
pünktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn
manchen namhaften Vortheil. Er aß und trank so mäßig, wie es ein Harpagon
nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschäfte vollendet,
hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter
Spezereien zu verlesen, oder Düten zu kleistern. Ungemein selten ging er
Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurück. In allen
Stücken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen
treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu fördern, bauen.

Hatte indeß der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur
Reue, so ärgerte er sich dennoch über den Buchhalter; besonders, als das
erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine
Gehaltszulage zu bewilligen, daß er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei
den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas
zerbrochen, das ihnen zu einem viel höheren, als dem wirklichen, Preise
angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkürzte
ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder mußten wohl
noch zugeben. Einen ähnlichen Anlaß konnte nun der Principal bei seinem
Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht
einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf
des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm
nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begründen: er sei
nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhöhen.
Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu
schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die
ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene
Bedingung, sondern ließ das kleine Gehalt auch ferner gelten.

Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschäftigen
mußte, hatten indeß ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine
wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere
enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schloß er sich
dort ein, zählte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter
von nichts als von Geschäften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an
die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wäre
der junge Mann zu blöde und verlegen dazu.

So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt
hatte, erzählte Ketter Jenen Manches von den großen Städten, worin er sich
aufgehalten hatte, oder knüpfte andere Gespräche an, in welchen er
sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen
Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters
Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen,
und sie selbst schöpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er äußerte
sich nun auch offen über den Umstand, daß Philippine so wenig Unterricht
bekommen hätte, da, bei ihren vortrefflichen natürlichen Anlagen, ihr doch
ein mannichfacher zu wünschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt
der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, daß es Schade um
Philippinchen ist, die hier ganz versauern muß, kann aber nichts dabei
thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten
Buche vorzulesen. Jene ließ das gern geschehn, hörte selbst mit großem
Vergnügen zu, und willigte auch ein, daß Philippine solche Bücher mit in
ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der
junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich
einsam beschäftigen sollte. Daß man dies Alles vor Lund geheim halten
mußte, versteht sich von selbst.

So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen nützlich belehrenden
Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte,
Campens Rath für seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige
Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte.
Je angenehmer Philippinen die neuen Beschäftigungen wurden; desto mehr Zeit
wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr
war verflossen, und man hätte sagen mögen: mit Philippinen habe sich ein
halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mädchen,
an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine
wohl treffende, aber doch übel ausgedrückte Bemerkung ein nicht ganz
gewöhnliches Geschöpf ahnen ließ, zeigte nun tiefes, warmes Gefühl, helles
Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedächtniß
mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das -- scheinbare -- Gänschen
sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund
eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen.
Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wußte die Menschen richtiger
zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr.

Daß Lund von den Veränderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig
merkte, war natürlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens
hatte er den Kopf zu voll von Geschäften, als daß er auf die Frauenzimmer
sorgsam hätte achten mögen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom
Nöthigen, oder schalt über das Erste Beßte. Ließ man sich dort einmal
unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: »Sehe doch Einer! die
Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen?« Oder auch: »Die
Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.«

Daß Philippine durch Ketters mündliche Unterhaltungen einen starken Impuls
auf Gemüth und Verstand bekommen hatte, litt übrigens keinen Zweifel. In
dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu
sprechen. Es geschah während der sonntäglichen Spaziergänge ihrer Eltern,
welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte.
Indeß war Ketter viel zu rechtlich, Mißbrauch von diesen Annäherungen zu
machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger über moralische
und andere nützliche Gegenstände.

Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von männlicher
Liebenswürdigkeit, und die mochte sie hauptsächlich wohl in dem letzten
Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete
sich zwar ärmlich und wenig zierlich, Philippine hatte indeß nur selten
wohlgekleidete junge Männer gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte
sie wenig natürlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines
Mannes ziemlich gleichgültig. So viel sah sie indeß wohl, daß Ketter, wenn
er sich in eine elegante Kleidung würfe, andern artigen Männern keineswegs
in _der_ äußern Anmuth nachstehn würde, die sie einer solchen Kleidung
verdankten.

Um so niedergeschlagner mußte sie aber seyn, als sie vernahm, daß ein von
ihrem Vater gewählter Bräutigam sich ihr zeigen würde. Die Mutter war mit
ihr besorgt, wußte ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hörte auf
keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Härte entgegen, und
setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch.

Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, daß sie dem
Bräutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter
Hauskleidung vor ihm erscheinen zu müssen; sie schwärzte diese Kleidung
noch absichtlich am Küchenherd, und machte sich auch noch selbst einige
Rußflecken in das Gesicht. Daneben beschloß sie, gebeugt und linkisch
aufzutreten, und auf Alles, was der Bräutigam sie fragen würde, so dumm und
albern als möglich zu antworten.

Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts
von ihm gehört; es wäre aber doch möglich, daß wir uns Beide irrten, und
daß der Vater einen Mann ausgesucht hätte, der Dir gefallen könnte. Also
ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mißfallen suchst.

Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das weiß ich, ehe
ich ihn noch gesehn habe!

Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch überzogne Kutsche vor. Zwei schwarz
gekleidete Männer stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war
durch Regen gerade sehr trübe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen
hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so daß es auch an hellen
Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als
heute.

Philippinens ohnehin trübes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein
sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen
Flecken entstellt wurden, so that ihre Schönheit so gut als gar keine
Wirkung.

Dazu kam auch noch, daß die kleine Stube, in welche die beiden schwarzen
Männer jetzt traten, schon lange nicht mehr geweißt war.

Anfangs redeten sie vom Börsencours, ohne sich um die übrigen Anwesenden zu
kümmern. Nach einiger Zeit brachte Herr Kauser denn doch die Angelegenheit,
welche ihn hieher führte, zur Sprache. Apropos, fing er an, wenn Ihr keine
Ausstattung gebt, so müßt Ihr doch die Hochzeit ausrichten. »Das werd'
ich wohl bleiben lassen,« erwiederte Herr Lund; »wer heirathet, der trägt
billig auch die Kosten. Man braucht indeß keinen närrischen Aufwand zu
machen. Ein Paar Zeugen, ein Paar Tassen Kaffee, und damit gut.«

Herr Kauser dachte ein Weilchen nach, und erwiederte dann: Nun, es
ist freilich, genau überlegt, am Ende gleichviel, ob Ihr die Hochzeit
ausrichtet oder nicht. Das heißt, wenn es noch dazu kommt. Ihr wißt meine
Bedingung. Wo ist die Tochter? Bei diesen Worten setzte er seine Brille auf
die Nase.

Lund dagegen brachte seine Ohren in Bewegung, indem er bald hinter dem
einen, bald hinter dem andern kratzte. Das that er aus Verlegenheit und
Besorgniß, daß der Handel zurückgehn könne.

Kauser fing wieder an: Ist sie schön, und putzt sich gern, so nehm ich sie
nicht. Dabei müßte ich mir den Schlag an den Hals ärgern. Ist sie das hier?
Hm -- nun, es geht damit noch an. Mir wollte Jemand sagen, sie wäre schön.
So arg ist es damit eben nicht. Nach ihrem Anzug scheint sie auch eine gute
Wirthin zu seyn. Nun ja -- ich lass' es mir gefallen.

Philippine, die erst heimlich darüber seufzte, daß sie keine Mühe angewandt
hätte, reitzend zu erscheinen, fuhr bei den letzten Worten zusammen, als
ergriffe sie ein Fieberfrost. Sie hatte jedoch, seitdem Herr Kauser
ins Zimmer trat, nichts anderes empfunden als eine Reihe von kalten
Fieberschauern. Der zugewiesene Geliebte war schindeldürr, hatte ein
erdgelbes, vielgefaltetes Gesicht, eine lange dünne Habichtsnase, ein
spitzes Kinn, und ein Paar weitgeöffnete gelbbraune Augen, die gewöhnlich
zwar sehr matt aussahen, aber doch von einem gewissen Isegrimmsfeuer
loderten, wenn ein Affekt sie anregte. Die schwarze Kleidung war ihnen
günstig; ihr Leuchten trat nunmehr heraus.

Bon jour, Mamsell, krächzte jetzt erst der Prüfende. Ich denke, wir wollen
uns schon mit einander vertragen. Werden Sie eine gute Frau seyn, so bin
ich ein guter Mann. So viel sag' ich Ihnen aber vorher, spaßen lass' ich
mit mir nicht. Servitör, Madam Lund!

Jetzt wandte er sich halb um, auf's Neue mit dem Vater des Mädchens zu
sprechen, der jetzt viel leichter athmete, weil sich kein Hinderniß gezeigt
hatte. Nun sah die Braut Herrn Kauser, der seine Brille, nach vollendeter
Prüfung, wieder abnahm, von der Seite. Dies hatte sein Vortheilhaftes für
die convexe Nase und das concave Kinn. Der Zufall ließ aber dem Profil der
Gestalt noch einige malerische Ergänzungen angedeihen, welche der Fantasie
der Braut ungemein zu Hülfe kamen. Die weitgeöffneten Augen hatten bei ihr
den Effekt eines abgebildeten weitgeöffneten Höllenschlundes gethan. Die
Wirkung des Profils entsprach jener Illusion, nur daß sie vom Reich zu dem
Regenten überging. Das sollte nun der Fantasie noch über alle Erwartung
leicht gemacht werden. Der Bräutigam hatte pechfarbne, mit grau
durchmengte, struppige Haare, an deren Verschneidung lange nicht gedacht
war. Nun sträubten sich am Scheitel zwei gekrümmte, spitz auslaufende
Borsten auf, die, von der Seite gesehn, zwei mäßigen Hörnern glichen.
Kauser hatte sich aber in den etwas kurzen Trauermantel dergestalt
gewickelt, daß er sich bis nahe an die Mitte des Leibes heraufzog. Und
weil er darunter seinen Hut einklemmte, so fügte es sich, daß eine Ecke
desselben hinterwärts vorblickte, und zugleich einen rheinländischen Fuß
lang den schwarzen Flor niederwallen ließ. Nichts konnte lebhafter an den
Schweif erinnern, von dem man nicht weiß, ob ihn Lucifer wirklich hat, oder
ob ihn die Maler nur freigebig damit beschenken.

Philippine war indeß nun vom Grausen übermannt, sank ihrer Mutter halb
ohnmächtig in die Arme, und rief zugleich, mit Wehmuth und Entsetzen zu
gleichen Theilen in ihrer Stimme: Hu, der Teufel leibhaftig!

Herrn Kauser gefiel das Compliment freilich schlecht, und Herr Lund wallte
in dem grimmigsten Zorn darüber auf. Was Teufel, rief er, schickt es sich
für eine Braut, den Bräutigam Teufel zu nennen? Daß ich Dir nicht mit der
flachen Hand an das gottlose Maul komme! Du solltest wirklich meinen, der
Teufel wär' es!

Philippine stotterte: Beßter Vater, ich flehe Sie um Erbarmen an! Geben Sie
mir den Tod, nur diesen Mann nicht. Ich kann ihn nicht heirathen! Mir graut
und schaudert vor ihm --

Jungfer Naseweis, fiel Herr Lund ein, wird Sie gefragt? Hat Sie auch eine
Stimme?

Jene fuhr fort: Ich eigne mich auch nicht für ihn.

Donnernd gebot ihr der Vater, zu schweigen, und fügte hinzu: Will das Ei
klüger seyn, als die Henne? Ich muß wissen, was zusammen paßt!

Frau Lund, ihre Tochter im Arm haltend, brach nun in Thränen aus, und rief:
Nein, lieber Mann, der Unterschied in den Jahren ist zu groß. Mache Dein
Kind nicht unglücklich!

Seht doch, entgegnete der liebe Mann; will die Gans auch drein schnattern?

»Ich bin Mutter, und gebe meine Einwilligung nicht.«

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht um Deine Einwilligung gefragt,
und werde es auch bis an mein seliges Ende nicht thun.

Ei, fiel Herr Kauser ein, mein lieber Lund, das hätte ich nicht gedacht!
Eure Frauenzimmer sind schlecht gezogen. Uebrigens thut bald, was Ihr thun
wollt; ich habe Posttag, und verliere meine Zeit.

Gut, entgegnete Herr Lund, ich werde Euch vorläufig mit dem Mädchen
versprechen. Ein Zeuge muß wohl noch dabei seyn. Ich rufe meinen
Buchhalter.

Er ging, und der Bräutigam wandte sich unterdessen an Philippinen. Mamsell,
sagte er, glauben Sie nicht etwa, daß ich so einfältig bin, Ihnen nicht
in's Herz zu sehn. Es ist nur Verstellung und Ziererei. Sie heirathen für
Ihr Leben gern, sind froh, daß ich gekommen bin. Man kennt die Jüngferchen,
sie machen's alle so. Meine selige Frau wollte auch durchaus nicht, der
Vater mußte Gewalt brauchen. Aber sie widersetzte sich nur zum Schein; die
Gewalt wäre gar nicht nöthig gewesen. Aergern Sie doch Ihren Vater nicht
unnützer Weise. Sie stellen sich, als wollten Sie das nicht, was Ihnen doch
sehr lieb ist.

Lund fand sich wieder ein; Ketter folgte. Hier ist ein Zeuge, fing Jener
an; nun kein Sperren mehr, Jungfer Naseweis! Hingegangen zu Herrn Kauser,
gesagt: lieber Bräutigam, ich freue mich, daß ich die Ehre haben soll,
Ihre Frau zu werden. Dann ein Küßchen in Ehren gegeben. Allons, wie lange
währt's?

Ketter staunte. Herr Lund, rief er, um Gottes willen! was denken Sie zu
thun!

Mit großen Augen fragte dieser: Wa ... wa ... wa ... was ist das?

»Sie könnten Ihre liebenswürdige Tochter so hinopfern?«

Wa ... wa ... was geht Sie das an, junger Herr? Zeugen sollen Sie,
die Ohren brauchen, nicht den Mund. Wie kann sich auch der Buchhalter
unterstehn, seines Principals Verfahren zu tadeln! Da soll ja ...

»Wie unedel muß ein Mann fühlen, der nicht allein an eben dem Tage, an
welchem er die vorige Gattin begraben hat, sich abermal versprechen will,
sondern auch ein Mädchen, das Grauen vor ihm einer Ohnmacht nahe bringt,
durch Zwang an sich gefesselt kann sehn wollen!«

Ich sage Ihnen meinen Dienst auf! -- Herr Kauser rief: Und dann muß es
an der Börse öffentlich gesagt, ja selbst den Handelsfreunden weit umher
geschrieben werden: daß er widerspenstig gegen seinen Principal gewesen
ist, einen soliden angesehenen Kaufmann, dem er Respekt schuldig war, mit
himmelschreiend unehrerbietigen Worten beleidigt hat. An keinem Orte muß er
wieder eine Condition finden! Aber die Zeit vergeht. Macht fort, Lund!

Der junge Mann rief: »Weigern Sie sich Philippine! Es gilt das Glück Ihres
Lebens. Die Gesetze berechtigen Sie, da Ihren Gehorsam zu versagen, wo man
Sie zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«

Philippine hatte mehr Muth, seitdem Ketter eingetreten war. Feierlich
schwör ich, sagte sie, daß ich diesem Mann nie meine Hand geben werde, und
sollte ich darüber auch untergehn.

Frau Lund küßte ihre Tochter, billigte, was sie gesagt hatte, und versprach
ihren Beistand nach allen Kräften.

Nun liefen die beiden Schwarzen in blindem Zorn mit den Köpfen an einander,
und wurden durch den Schmerz noch wilder. Kauser trat mit eingestemmten
Armen vor Philippinen hin, und sah ihr mit so strafenden und drohenden
Blicken ins Gesicht, daß selbst die Tapferkeit davor hätte zittern mögen.
Zu Worten gelangte sein Grimm dagegen nicht; Lunds Flüche hätten sie auch
übertäubt.

Seitdem ihm Ketters kluge Thätigkeit wichtige Vortheile gebracht, hatte
Lund das Er doch in eine höflichere Anrede umgeändert, weil er meinte,
das _Sie_ koste ja nichts, und der junge Mann könne es anstatt einer
Gehaltszulage in Empfang nehmen. Jetzt aber rief er die Anrede mit _Er_
zurück, nachdem schon Flüche vorhergegangen waren. Er packte den jungen
Mann zugleich an der Brust, und schrie: Bu -- bu -- Bursche! Er will meine
Tochter zum Ungehorsam verleiten? Wa -- wa -- was geht meine Tochter Ihn
an?

Kaltblütig hielt Jener ihn ab, und sagte: Viel geht sie mich an. Ich sage
muthig, daß ich Philippinen liebe. Zuerst sah ich sie in der Kirche, wo
ihre Schönheit mich bezauberte. Ich wünschte, ihr nahe zu seyn, um mir ihre
Gegenliebe erwerben zu können. Darum kam ich in Ihr Haus, fügte mich in
jede Ihrer wunderlichen Launen, suchte durch Redlichkeit und Fleiß meines
Principals Wohlwollen zu verdienen. Schon manchen Jünglingen gelang unter
solchen Umständen endlich, was sie Anfangs nimmer hoffen durften. Ich
machte einen ähnlichen Entwurf, ob mich schon nicht Philippinens Reichthum,
sondern ihre Liebenswürdigkeit angezogen hatte. Daher bediente ich mich
einer List, doch keiner Arglist, sondern einer schuldlosen, auch dem
Redlichen erlaubten. Geben Sie mir Philippinen ohne alle Ausstattung.
Ganz so unbemittelt, wie ich es vorgab, bin ich nicht, und traue mir
hinreichende Geschicklichkeit zu, eine Frau zu ernähren.

Philippine rief: Auch ich gestehe freimüthig, daß ich ihn liebe.

Die beiden Schwarzen geberdeten sich, als wollten sie mit den Köpfen gegen
die Wände laufen, Wände und Köpfe zugleich einstoßen. Doch besannen sie
sich noch, und sprachen in dem heftigsten Zorne, beide zugleich. Herr Lund
rief zitternd: Also hat Er sich wie ein Betrieger in mein Haus geschlichen,
und obenein mir die Tochter verführt! Nicht genug, solchen Bösewicht
fortzujagen; verhaften, einstecken lassen muß man ihn. Ich will auf der
Stelle zu dem Polizeiamt!

Er klemmte seinen Trauermantel in die Thür, als er beim Weggehn sie hinter
sich zuwarf, und ließ ihn, wie Joseph, lieber fahren, als daß er noch
zaudern mochte.

Herr Kauser hatte mit ihm zugleich gesprochen: O, wenn es hier noch einen
jungen Wildfang giebt, der einem soliden Geschäftsmann böse Tücke spielen
könnte; wenn das Jüngferchen obenein in ihn vernarrt ist, so kann ich mich
bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen. Ich hole einen Notar;
gleich Schwarz auf Weiß, unterzeichnet und gehörig besiegelt.

Er ging auch, blieb aber in den Mantel gewickelt; und dies kam ihm zu
Statten, wie man sogleich hören wird.

Nie, seitdem er lebte, hatte sich Lund so heftig geärgert, wie diesen
Abend. Der Zorn hatte auch seinen ganzen Körper in den stärksten Schweiß
gesetzt. In seiner blinden Wuth hatte er gar nicht bedacht, was jetzt
das Klügste sei. Ihm, einem guten Rechner, mußte jeder Strich durch die
Rechnung ein Dorn im Auge seyn. Der heutige lange aber brachte ihn fast
ganz von Sinnen.

So rannte er davon, und bemerkte nicht, daß sich der vorhin mäßige
Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen
Wolkenbruch hätte nennen mögen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt.
Jupiter =pluvius= drang durch den schwarzen leichten Rock, und
überschwemmte die Oberfläche des Körpers zum zweiten Male. Heiße und kalte
Nässe vertrugen sich nun so schlecht, daß aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt
zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewiß irgend ein Arzt
den Lesern gern erklären wird, wenn sie ihn höflich darum fragen.

Genug, Lund erkältete sich plötzlich auf seinen glühenden Zorn, und fiel,
ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Straße nieder. Daß er
gerade in einen Rinnstein fiel, und daß einige Zeit verging, ehe man ihn
aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkältung bis zu
einem sehr hohen Grade.

Bei einem Platzregen gehen natürlicher Weise schon wenige Menschen aus dem
Hause, und in einem Rinnstein kann man länger unbemerkt bleiben, als mitten
auf dem Fahrdamm.

Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im
Anfang für betrunken gehalten, bis verständige Leute bemerkten; _der_, bei
seinem Geitze, habe sich gewiß nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein
Krampf, wo nicht gar ein Schlagfluß, zu gestoßen.

Endlich zog man den Röchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem
Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein
vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand.

Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die
zurückgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umständen zu
thun pflegen: sie ließen Klagen auf Thränen folgen, und dann wieder Thränen
auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trösten anheim, obwohl er selbst Trost
bedurfte. Er sagte indeß: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie
nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen läßt,
so muß ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben,
ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar
nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt
habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekündigt. Nun, meine Bücher
sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung für meinen Nachfolger, und ich
kann noch heute gehn.

Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu
verlassen. So lange es möglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter;
allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts
vermag. O Philippine, ich weiß nun, daß Sie mich ein wenig lieben. Welche
Glückseligkeit, und welches Entsetzen zugleich für mich, da meine Trennung
von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun überzeugt bin, von Ihrem
Vater nie mein Glück hoffen zu dürfen!

Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie
meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als daß ich je einem Andern
meine Hand geben könnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am
Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hülfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der
Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schönen bekannt gemacht
haben: würde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte?
Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fände ich wohl ein
Unterkommen. Schwer würde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter
zu trennen; das müßte ich aber ja auch, wenn ich den verhaßten Kauser
heirathete. In jenem Fall wüßte sie mich doch vor dem schrecklichsten
Unglück gesichert.

In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, daß Ihr Vater seine Absicht mit
Gewalt durchsetzen will, halte ich es für erlaubt, daß Sie entfliehn. Auf
meinen -- anspruchlosen -- Beistand können Sie dann sicher zählen.

Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes
tragen. --

Der Buchhalter ging ins Comptoir; die Frauenzimmer blieben, und weinten
ihre schmerzlichen Thränen fort.

Da eilte, ehe noch der Tragsessel vor dem Hause war, jener Chirurgus
herein. Erschrecken Sie nicht, Madame, fing er an; ich bringe eine üble
Nachricht. Herrn Lund hat der Schlag gerührt. Er ist ohne alle Besinnung,
und -- fassen Sie sich -- es ist keine Hülfe mehr.

Mutter und Tochter erschraken in der That sehr heftig; doch ihre Thränen
hörten sogleich auf zu fließen. Ist es möglich? rief Frau Lund; ist es
möglich?

Man trug den Sterbenden bereits in die Hausthür. Die Gattin eilte ihm
entgegen, und wußte nicht, ob sie den eignen Augen trauen sollte. Doch that
sie nach Pflicht und Gewissen, was nöthig schien. Der Kranke wurde in das
Schlafzimmer gebracht, der nassen Kleidung entledigt, und in das gewärmte
Bett gelegt. Der Chirurgus öffnete zwei Adern, sagte aber voraus, daß
es unnütz seyn würde. Frau Lund befahl, daß noch ein Arzt geholt werden
sollte, der berühmteste in der Stadt.

Bis er kam, beschäftigte der Chirurgus sich mit andern Rettungsmitteln.
Philippine, die ungemein verstört in die Küche geeilt war, half dem Mädchen
Thee bereiten und Steine wärmen. Von Zeit zu Zeit kam Frau Lund zu ihr, und
sagte: Er bleibt dabei, daß keine Hülfe ist. Wir müssen aber doch nichts
versäumen, daß wir uns nichts vorzuwerfen haben.

Philippine erwiederte jedes Mal: Freilich müssen wir das; sonst behielten
wir ja kein gutes Gewissen.

Der berühmte Arzt kam endlich, fand hier aber keine Gelegenheit mehr, noch
berühmter zu werden. Lunds Gesicht war zur Hälfte blau; nur selten vernahm
man ein Röcheln, und der Puls war kaum noch zu finden.

Ist noch Hoffnung, Herr Doktor? fragte Frau Lund.

Nur einige Minuten kann es noch währen, antwortete der Arzt, nach einem
bedauernden Achselzucken.

Frau Lund eilte wieder in die Küche, und schlug die Hände zusammen. Es
ist bald aus, sagte sie; ich hätte es nie gedacht. Nun soll ich ihn doch
überleben. Da sieht man: unverhofft kömmt doch oft!

Aengstlich sagte ihr Philippine ins Ohr: sie möchte nicht vergessen, ja
nicht vergessen -- was, das konnte sie nicht hervorbringen.

Die Mutter eilte in die Wohnstube. Beide gingen neben einander auf und ab,
ohne etwas zu sagen. Bald kam der Arzt: Madame, ich bezeuge mein Beileid;
Ihr Mann hat geendet.

Ist er auch gewiß todt? entfuhr der neuen Wittwe; kann ich mich darauf
verlassen?

Philippine zupfte sie wieder ängstlich am Kleide, und Jener erklärte die
absolut tödtlichen Wirkungen einer solchen Apoplexie, wie die vorliegende.

Er soll einen Grabstein von Marmor haben, sagte Frau Lund wieder, und
dachte dabei dunkel: zum Dank für die große Wohlthat, die er mir durch
seinen Tod erzeigt.

Die Nichthülfe der Aerzte ward reichlich bezahlt, und Beide gingen ihres
Weges.

Mutter und Tochter flogen zum Todten, und schauderten. Die entseelten
Züge schienen Trümmer von Geitz und Wuth. Lange war der Anblick nicht
auszuhalten; Jene eilten in die Wohnstube zurück. Noch immer waren sie im
Taumel einer Bestürzung, als kämen sie aus einem Kerker, und hätten noch
dazu ein Loos von funfzig tausend Thalern gewonnen.

Träum' ich auch nicht? sagte Frau Lund; ist es denn wirklich wahr?

Wahr, erwiederte die Tochter. Nur fassen Sie sich; lassen Sie nicht
merken ...

Mein Gott, fiel die Mutter ein, hat er es denn danach gemacht, daß wir uns
über seinen Tod grämen können? Ich hatte keine frohe Stunde bei ihm, und
sein Kind wollte er auch noch ohne Erbarmen unglücklich machen.

Hätte er noch einen letzten Willen abfassen können, sagte die Tochter, so
würde er sicher darin verordnet haben, daß ich Kausern heirathen sollte.

Oder er hätte Dich enterbt, fiel die Mutter ein.

Nun, sagte die Tochter wieder, heirathe ich Kausern doch nicht, liebe
Mutter? -- Und die Mutter umarmte sie.

Ketter hatte von dem Allen nichts gehört. Jetzt trat er wehmüthig in die
Stube. Herr Lund, fing er an, kömmt nicht wieder; so will ich denn gehn.

Er kömmt nicht wieder, sagte Frau Lund; Sie gehn aber nicht. Wer sollte
denn die Geschäfte meiner Handlung führen? Oder vielmehr: unsrer Handlung;
denn sie gehört mir und Philippinen zur Hälfte.

Der junge Mann verstand sie nicht, und gerieth in das höchste Erstaunen,
als man ihm das Nähere sagte. Ungläubig ging er zu dem Leichnam, und kam
bald in großer Bestürzung wieder. Jetzt erschien auch Herr Kauser, von
einem Notar begleitet. Schwarz auf Weiß, rief er; Siegel und Zeichnung!

Frau Lund sagte: Herr Kauser, ziemt es sich wohl, gleich nach einem
Todesfall ein Verlöbniß zu halten?

Warum nicht? antwortete er; über Vorurtheile muß man sich hinwegsetzen, wo
es das Mein und Dein gilt.

Gut, hob Frau Lund wieder an; nun habe ich zu reden. Herr Notar, ich
verspreche meine Tochter mit meinem Buchhalter, und Herr Kauser ist wohl so
gütig, als Zeuge sich zu unterschreiben.

Herr Kauser rief: Was sind das für Possen! Wo ist mein Herzensfreund Lund?

Man hinterbrachte ihm alles. O, wie würde ihn der Tod des Herzensfreundes
entzückt haben, wenn er schon mit Philippinen verheirathet gewesen wäre!

Seine Einreden halfen nicht, da er nicht Schwarz auf Weiß hatte. Ketter und
Philippine wurden nach einigen Monaten ein frohes Paar. Der wurmstichige
Hausrath wurde abgeschafft; man genoß, was der Geitz zusammengescharrt
hatte, und freute sich des Lebens, doch mit Anstand und mäßig.

Das Sonst und Jetzt waren im Lundschen Hause nun ziemlich verschieden.
So geht es im weiten launigen Reiche der Schicksalsgöttin. Oft sinken die
Freuden der Lebenden mit in ein Grab; bisweilen aber blühen ihnen auch
Rosen daraus hervor.



  Drei
  Liebespaare in Einem.

  Eine
  romantische Kriegsbegebenheit.



Drei Liebespaare in Einem.


Der Sohn eines sächsischen, ziemlich bemittelten Landedelmanns wurde nach
D*** auf eine Schule gesandt. Er war träge im Lernen, fleißig aber
im Koboltschießen und Ballschlagen; oft vergaß er über einer glatten
Schlitterbahn im Winter, oder einem steigenden Papierdrachen im Herbst, daß
ihn eine Lehrstunde erwartete, und mußte daher ins Carcer. Die ihm jedes
Vierteljahr ausgestellten Zeugnisse lauteten ungemein übel; er mußte sie
jedes Mal in die Heimath schicken, von wo dann tüchtige Strafpredigten
erfolgten. Sechzehn oder siebzehn Jahre mochte er alt seyn, als, nach einem
ganz außerordentlich üblen Zeugniß, sein Vater in D*** anlangte, um einmal
selbst nach dem ungerathenen Sohn zu sehn. Er fand dessen Wohnzimmer in
solcher Unordnung, daß er die Hände über dem Kopf hätte zusammenschlagen
mögen. Bälle und Flitzbogen lagen umher, die Schulbücher waren zerrissen,
die Hefte voll Tintenflecke, und allerlei Fratzen darauf gezeichnet, so
wie auch an den Wänden. Lisuart -- so hieß das Söhnchen -- hatte sich nicht
gewaschen, nicht gekämmt; an Ellbogen und Knieen zeigten sich merklich
schadhafte Gegenden.

Aber Junge, rief der Vater, Du spielst noch mit Bällen und Flitzbogen? Und
so liederlich sieht Alles neben und an Dir aus? Bist ein Edelmann, und hast
nicht mehr Ambition? Gehst mit zerrissenen Hosen, und das Hemd kuckt Dir an
den Ellbogen heraus? Wie lange ist es her, daß ich Geld zu neuen Kleidern
geschickt habe?

Ehe Lisuart zu einer Antwort gelangen konnte, bekam er zwei derbe
Ohrfeigen; nun ward er tückisch, und antwortete gar nicht.

Der Vater machte jedoch mit ihm eine Runde bei den Lehrern, um sich zu
erkundigen, woran es doch mit dem Buben läge.

Der Rektor sagte: Zwei Umstände sind es hauptsächlich, an denen es liegt,
daß der junge Herr nichts lernt. Einmal schläft er zu lange, und kömmt
immer zu spät in die Classe, wie sehr ich ihm auch das =Aurora musis
amica= empfohlen, und ihn ermahnt habe, mit Tagesanbruch seine Uebungen
vorzunehmen. Zweitens aber stecken seine Taschen immer voll Kuchen und
Obst; er nascht während des Unterrichts in Einem weg verstohlen, und da
gilt folglich das =plenus venter non studet libenter= auch in Einem weg bei
ihm.

Junge, hob der Vater wieder an, wo nimmst Du das Geld her? Ich habe Dir
doch nur acht Groschen zu Kleinigkeiten monatlich ausgesetzt.

Der Rektor faßte ihm während dessen in die Taschen; in der einen
befand sich eine Mandel Abrikosen, in der andern ein Paket überzogner
Gewürzkuchen.

Lisuart mußte nun reden, und gestand in abgebrochnen Worten: daß er bei
verschiednen Kuchenbäckern und Obsthökerinnen auf Borg nähme.

Der Vater sagte zornig: Ich will in den Zeitungen bekannt machen lassen,
daß Dir auch nicht eine gebrannte Mandel, nicht eine Pflaume, kreditirt
werden soll.

Der Conrektor und der Subrektor äußerten ebenfalls große Unzufriedenheit,
und klagten, daß der junge Mensch sich durch einen gewissen
erzschalkhaften, boshaften Sinn auszeichne. Es sollte damit, ihnen zufolge,
so weit gehen, daß er die Ehrerbietung vor seinen Lehrern vergäße. Beide
führten einige Beispiele an. Einer sagte: Wie oft ich es ihm auch schon
verboten, ja, ihn darum ins Carcer geschickt habe, nennt er mich doch oft,
anstatt Herr Conrektor, Herr _Kornrektor_, so daß alle Knaben lachen, und
die Aufmerksamkeit verloren geht. Ich bin nicht zu übermäßiger Strenge
geneigt; jung ist jung. Sollen aber zuweilen =allotria= getrieben werden,
so gescheh' es in den Freistunden, nicht in der Klasse.

Und mich, fiel der Andere ein, redet er oft, anstatt Herr Subrektor, Herr
_Suppenrektor_ an. Man sagt wohl: =pueri puerilia tractant=; allein der
Herr Sohn sollte nicht mehr zu den Knaben gehören wollen.

Sein College nahm abermal das Wort: Daß er es gerade so übel meine,
behaupte ich bei dem allen nicht. Die veränderte Silbe in Korn will sagen:
ein Mann von ächtem Schroot und Korn. Er sollte gleichwohl bei der alten
bleiben.

Nein, hob Lisuart stotternd an; so habe ich es nicht gemeint ...

Der Lehrer fragte: Wie denn sonst?

Er bekam zur Antwort: Nun -- weil Sie so gerne Korn trinken.

Hierüber gerieth der Conrektor fast außer sich, und wollte den Beleidiger
nicht mehr in seiner Klasse dulden.

Feuerroth wollte nun auch der Subrektor hören, weshalb denn sein Titel eine
Veränderung erlitten habe. Der junge Mensch antwortete: es sei ihm zu
Ohren gekommen, der Herr Subrektor habe einmal auf einem Schmaus eine ganze
Terrine Suppe allein verzehrt.

Nun wollte auch dieser ihn nicht mehr unterrichten. Wär' es noch
klassischer Witz, sagte er, so behielt' ich ihn in meiner Klasse; Allein
dieser Witz ist schal, trivial.

Bei der Schule stand aber noch ein Quintus, der berühmt und berüchtigt
zugleich war: jenes, weil er mehrere Schriften herausgegeben, die Aufsehn
in der gelehrten Welt machten; dieses, weil er ehedem schon ein andres Amt
bekleidet, aber von den jungen Mädchen, die er unterrichten sollte, zwei
in einen Zustand versetzt hatte, nach welchem sie gesegnet zur Einsegnung
kamen. Man hatte ihn weggejagt und noch anderweitig hart bestraft;
ihn endlich aber, seiner trefflichen Kenntnisse wegen, doch wieder als
Schulmann -- nur nicht bei Mädchen -- angestellt. Dieser Quintus trat nun
für Lisuart ein. Er wollte bemerkt haben, daß der junge Mensch ein Genie
sei. Nur Geduld! setzte er hinzu; es wird sich schon entfalten, und dann
geht es auch mit den Studien über Hals und Kopf. Ich weiß, wie es bei mir
gegangen ist.

Schon wollte der Vater seinen ungerathenen Sohn wieder mit nach Hause
nehmen; doch der kleine Schimmer von Hoffnung, auf welchen der Quintus
deutete, bestimmte ihn anders. Er versprach dem Conrektor und Subrektor,
ihnen ein Paar geräucherte Schinken in die Küche zu senden, wenn sie die
Sache gut seyn ließen.

Lisuart wohnte bis jetzt bei einem Bürger, dem der Vater eine Art von
Aufsicht über ihn anvertraut hatte. Der Mann sagte aber: der junge Herr
folge nicht, und richte auch im Hause nur allerlei Unfug an; darum wäre es
ihm lieber, wenn der junge Herr auszöge.

Dem Vater fiel nun ein, daß in D*** ein verabschiedeter Hauptmann lebe, der
sein Freund und Herr Bruder sei. Er ging mit Lisuart zu ihm, und fragte: ob
es anginge, und er ihm die Freundschaft erzeigen wollte, den Sohn in sein
Haus zu nehmen? -- Von dessen übler Aufführung verschwieg er nichts, setzte
aber hinzu: Strenge ist um so nöthiger; und kann Einer noch etwas aus ihm
machen, so bist Du es, Herr Bruder.

Warum nicht, Herr Bruder? entgegnete der Hauptmann; das will ich Dir schon
zu Gefallen thun. Aber ich muß im Nothfall die Fuchtel brauchen dürfen.

In Gottes Namen, erwiederte der Vater; brauche Sie nur recht oft! Er hat
neun Häute; thu' Alles Dir Mögliche, ihm auch durch die letzte zu kommen.

Nicht öfter, sagte der alte Officier, als wenn er nicht pariren will. Von
Gelehrsamkeit versteh' ich den Teufel; aber daß er früh aufstehn und sich
an die Bücher setzen soll, will ich schon machen. Und kömmst Du wieder, und
er ist nicht in seinem Anzug, wie aus dem Ei geschält, so ... gerade soll
er mir auch gehn, wie eine Kerze.

Der Hauptmann erfüllte sein Versprechen. Kaum war Lisuart einige Monate in
seinem Hause, als er in manchem Betracht sich gebessert hatte; aber doch
nur ein wenig, und nicht in allen Stücken. Die Kleidung war sauber,
stand ihm aber nicht gut; er ging gerade, doch steif, ohne Anmuth. Das
Kinderspielzeug war verschwunden; Lisuart stand auch, in Rücksicht auf die
schon einige Mal empfundenen Fuchtel, zeitig auf; doch an den Büchern wurde
noch immer nicht viel gethan, ja, eigentlich noch weniger, als zuvor, wo
er doch noch Gesichter mit langen Nasen hineingekritzelt hatte; was
der Hauptmann nicht mehr zugab. Noch immer lauteten die Schulzeugnisse
keineswegs rühmlich, und Lisuart saß noch in Quarta, obschon Manche, die
jünger als er waren, sich in Tertia, ja in Secunda befanden.

Der Hauptmann nahm ihm einen Fechtmeister und einen Tanzmeister an, daß
sie ihm ein sogenanntes =air degagé= beibringen sollten. Bei Jenem machte
Lisuart einige Fortschritte, zum Tanzen hingegen hatte er so wenig Lust als
Geschicklichkeit.

So kam sein achtzehntes Jahr heran, und auch der Winter, für den sein
neuer Mentor in eine Gesellschaft trat, die sich wöchentlich zu einem Ball
versammelte. Es geschah meistens um Lisuarts willen, der, wie Jener sagte,
hier noch mehr den Bauer ablegen, und feinere Lebensart bekommen sollte.

Doch es hinkte auch da genug. Er sollte eine Dame zum Tanz auffordern,
weigerte sich aber aus Blödigkeit. Nur angedrohte Fuchtel konnten ihn
endlich bestimmen. Nun tanzte er freilich, indeß mit so krummen Knieen und
so verwirrt, daß man über ihn lachte. Beim Essen stopfte er dagegen so viel
Kuchen und Obst in sich, daß man mit Fingern auf ihn wies. Der Hauptmann
ärgerte sich sehr, und fuchtelte ihn noch um Mitternacht, als man wieder zu
Hause war.

Auf dem nächsten Ball zeigte er etwas mehr Geschick beim Tanz, und etwas
weniger Naschgier an der Tafel; aber ganz unausgelacht kam er doch nicht
davon. Sie sollten sich schämen, sagte der Hauptmann daheim; so ein
hübscher junger Mensch, und beträgt sich -- hol mich der ...! -- so
ungehobelt wie -- nun, ich mag's nicht sagen.

Dies Mal war Lisuart doch so dreist, daß er sagte: Wenn aber Jemand so viel
flucht, Herr Hauptmann, ist das gehobelt oder ungehobelt?

Was? rief Jener, der junge Patron will noch auf mich sticheln? Das leid'
ich, Gott straf mich, nicht! Ich vertrete Vatersstelle bei ihm, und habe
Autorität.

Um diese Autorität abermal thätig zu beweisen, zog er vom Leder; dies
Mal aber, anstatt einer gewichtigen Klinge, eine leichte, beräucherte
Gänsefeder, welche Lisuart aus einem Flederwisch gezogen und mit der Klinge
vertauscht hatte. Es war das erste Mal, daß er dem Hauptmann einen Streich
zu spielen wagte.

Dieser rief: Wer hat das gethan?

Ich nicht, antwortete Lisuart.

»Können Sie schwören?«

Hol mich der Teufel!

»Können Sie auch Ihr Ehrenwort darauf geben?«

Nein, das kann ich nicht! Ich hab' es gethan, weil ich dachte, eine Feder
thäte doch nicht so weh.

Nun fiel ihm der Hauptmann um den Hals. Sieh! rief er; bist doch ein
tüchtiger Kerl, Junge! Schwörst wohl beim Teufel falsch, willst aber nicht
Dein Ehrenwort geben. Bravo! Und hast doch einmal Raupen im Kopf, einen
guten Einfall. Ich glaube, die zwei Bälle haben Dich schon etwas formirt.
Das muß ich gleich meinem Herrn Bruder schreiben. O, ich will zum Teufel
fahren, wenn nicht noch was aus Dir wird!

Auf dem nächsten Ball setzte der Hauptmann sich neben eine ihm unbekannte
Dame, und hob ein Gespräch mit ihr an. Nicht lange nachher kam ihre, etwa
funfzehnjährige, Tochter aus den Reihen zurück, und nahm Platz bei der
Mutter. Pfui, Luischen! sagte diese, wie schlecht hast Du getanzt! Und wir
haben doch vier Monate einen Tanzmeister bei uns gehabt. Zwar bist Du zum
ersten Mal auf einem Ball; ich hätte aber doch nicht geglaubt, daß es so
schlecht gehn würde.

O nur Uebung, gnädige Frau, sagte der Hauptmann; da wird das Fräulein
dreist. Ich habe da einen Eleven, der soll sie gleich wieder auffordern.
Lisuart, kommen Sie her!

Schüchtern nahte sich dieser, und machte eine linkische Verbeugung.

Fordern Sie das Fräulein auf, sagte der Hauptmann wieder; geschwind!

Lisuart stammelte: Kann ich die Ehre haben ...?

Die Dame nahm das Wort: Wird meiner Tochter viel Ehre seyn. Allons, Luise,
folge!

Luise stand bebend auf, schien ungern wieder in den Reihen zu gehn. Der
Hauptmann sah zu. Es kam ihm vor, als nähme Lisuart sich dies Mal mehr
zusammen, und hielte sich dreist, zierlicher.

Lisuart wies auch das Fräulein in den sogenannten Touren zurecht. Als aber
der Tanz vorüber war, liefen ihm große Tropfen Angstschweiß vom Gesicht.

Der Hauptmann stand auf, lobte ihn, und sagte hernach leise: Nun setzen Sie
sich ein wenig neben die junge Dame, mit der Sie getanzt haben; unterhalten
Sie sich mit ihr.

Lisuart wollte nicht, und suchte Ausflüchte. Sie sollen, ward ihm
erwiedert, oder es giebt zu Hause Fuchtel. Die Klinge ist eingesetzt.

Lisuart fragte zaudernd: Was soll ich denn mit ihr sprechen?

Tausend Sapperment! entgegnete der Hauptmann, was das für eine dwatsche
Frage ist! Eben da formirt sich ein junger Mensch, wenn er mit Damen
spricht, und es muß sich ja wohl etwas finden, wovon man sprechen kann,
in's Teufels Namen! Sprechen Sie, wovon Sie wollen, nur nichts Ungezognes!

Lisuart nahm zagend neben dem Fräulein Platz, und hob an: Meine Gnädige --
es ist heute schönes Wetter.

Die Gnädige antwortete: So muß es eben erst schön geworden seyn. Als wir
kamen, schneiete es.

Sie hatte, wie man sieht, etwas mehr Fassung, als er; denn sie hörte doch,
was er sagte, und daß es nicht ganz richtig schien. Er dagegen hatte so
wenig recht gewußt, was er sagte, als er recht hörte, was sie antwortete.
Beide dankten eigentlich dem Himmel, daß sie doch einige Worte
hervorgebracht hatten, weil es die Schicklichkeit so gebot. Das Fräulein
zeigte etwas mehr Gegenwart des Geistes im Reden, weil die weibliche Natur
es so mit sich bringt. Daß Lisuart dagegen beim Tanz sie darin übertroffen
hatte, rührte vielleicht davon her, daß er schon einige Mal öffentlich
getanzt, Luise aber heute den ersten Versuch machte.

Nach und nach kamen Beide doch mehr und mehr ins Gespräch. Luise erzählte,
daß sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter in D*** sei, was sie bereits an
schönen Sachen gesehn habe, und noch sehn werde, und mehr dergleichen. Ihr
Vater, sagte sie auch, der zu Hause geblieben wäre, hätte ihr prophezeiet,
sie würde sich recht wundern. Lisuarts Angst verlor sich auf einer Seite;
denn er vernahm allmählig, was seine Nachbarin sagte, und konnte dazwischen
erzählen: wie es ihm in D*** ergangen sei, und noch gehe; auf der anderen
Seite aber stieg diese Angst. Denn er fing an, ein ihm bis dahin ganz
unbekanntes wunderbares Vergnügen zu fühlen, als er so mit Luisen redete.
Und weil er so oft über das, was ihm Vergnügen gemacht, Tadel, Scheltworte,
selbst Ohrfeigen und Fuchtel bekommen hatte, fing er an zu fürchten: daß
ihm dieses Vergnügen aller Vergnügen noch etwas viel Schlimmeres zuziehen
würde.

Zu seinem Erstaunen klopfte ihm aber der Hauptmann auf die Schulter, und
betheuerte bei Ehre und Reputation: so wäre es recht!

Er setzte bei der Abendtafel sich wieder zu jener Dame, und Lisuart
mußte neben Luisen Platz nehmen. Der junge Mensch betrug sich fein und
angemessen, tanzte hernach noch einmal mit dem kleinen schönen Fräulein,
und Beiden ließ sich kein Fehler mehr vorwerfen. --

Am nächsten Morgen kam sein Aufseher in seine Stuben: Was ist das!
sagte er; Sie haben gewiß das Licht brennen lassen, und sind darüber
eingeschlafen. Der Teufel! so kann ja Feuer entstehn.

Das noch glimmende Licht war ganz herunter gebrannt, und der junge Mensch
hatte noch die Kleidung von gestern Stück für Stück auf dem Leibe.

Ich habe, erwiederte Lisuart verwirrt, ein nöthiges lateinisches Exercitium
gemacht, und bin darüber nicht zu Bette gegangen. Es war ja schon zwei Uhr,
als wir nach Hause kamen.

Eigentlich verhielt sich die Sache so. Lisuart empfand, als er vom Ball
nach Hause kam, auch nicht die mindeste Neigung zum Schlaf. Des Fräuleins
Bild tanzte ihm unaufhörlich vor dem innern Auge: immer klangen ihre Worte,
und die Musik der beiden mit ihr getanzten Tänze, ihm vor dem innern Ohr,
und dies machte ihm wieder ein neues, so hohes Vergnügen, daß er sich
ihm weit lieber, als dem Schlaf überließ. Es stand ein Klavier auf seinem
Zimmer. Er bekam Unterricht in der Musik, hatte aber bis jetzt nur sehr
geringe Fortschritte gemacht; theils, weil seine Neigung zu dieser
Kunst nicht groß war, theils auch weil sein Lehrer darin nicht zu den
vorzüglichsten gehörte. Dieser hatte seinem Schüler binnen einem Jahre eine
alte sogenannte Klavierschule mit ganz leichten Anfangsstücken gebracht,
etliche Sonaten der Art von Vanhal und Pleiel, auch eine Operette von
Hiller, die Ouverture daraus zu lernen; allein der Schüler hatte bis jetzt
sehr wenig begriffen.

Nur die alte Operette hatte ihn gewissermaaßen angezogen, weil sie Lisuart
und Dariolette hieß. Der Mensch ist nun einmal so, daß er seinen Namen gern
gedruckt sieht. Ein Kupfer am Titelblatt, welches einen jungen stattlichen
Ritter im Harnisch vorstellte, pflegte er oft anzusehn, und auch einige der
leichten Gesangmelodieen aus dem Werk zu klimpern.

Jetzt, indem er so im Zimmer umherging, und der eben entflohenen Stunden
dachte, fiel ihm auch das Musikbuch in die Augen, und er betrachtete nun
zum ersten Male mit Antheil die junge Dame, welche im Kupfer neben dem
Ritter stand. Bald setzte er sich an das Klavier, und es schien ihm ganz
anders zu klingen. Er schlug Einiges von dem auf, was der Ritter Lisuart
von seiner Liebe singt, und es ergriff ihn gewaltig. Ihm dünkte, als wären
es seine eignen Empfindungen; und viel geläufiger, als sonst, konnte er
jetzt die Noten lesen, und die Finger rühren. Noch mehr hingerissen fühlte
er sich bei dem Gesang der Dame in den Worten:

  Reich Deine Hand als Bräut'gam mir,
    Mein liebstes Gut auf Erden,
  Und ich verspreche Dir dafür,
    Nie ungetreu zu werden.

Er konnte nicht aufhören, die einfache Melodie zu wiederholen und die
einfachen Worte dabei zu lesen. Ihm war, als sänge das Luise -- zu ihm; und
sterben hätte er mögen vor Entzücken über diese Vorstellung. Er beklagte
nur, daß nicht Dariolette jenen Namen hatte. Bis an den hellen Morgen
konnte er sich nicht von der süßen Beschäftigung losreißen.

Und nun brachte er auch eine ganz veränderte Stimmung mit in die Schule.
Die Wissenschaften hatten ihm eine höhere Bedeutung gewonnen; er meinte:
was ihn so lange angeekelt habe, könne wohl hohes Vergnügen gewähren. Zum
ersten Male schämte er sich, immerfort getadelt worden und gegen Andere
zurückgeblieben zu seyn; es erwachte in ihm Ehrgeitz, das Verlangen, seinen
Mitschülern gleich, ja zuvor zu kommen, und er dachte nun auch, das könne
so schwer nicht seyn.

Die ganze Woche hindurch zeigte er ungemeinen Fleiß, sowohl in den
Lehrstunden, als zu Hause, und fragte den Quintus um vielerlei, der sich
auch bereitwillig zeigte, ihm durch Winke und guten Rath fortzuhelfen.
Schon am Ende dieser Woche wurde er in eine höhere Klasse versetzt. Hierzu
trugen die Empfehlungen des Quintus das Meiste bei; dieser hatte nehmlich
dem Rektor versichert: Lisuarts Genie fange nun an, sich zu entwickeln.

Gerade an diesem Tage führte ihn sein Mentor wieder auf den Ball. Lisuart
hatte sich recht sorgfältig und nett gekleidet, und war viel weniger
verlegen, als zeither; einige ältliche Damen, die müßig auf ihren Stühlen
die Versammlung musterten, machten die Bemerkung: der Lisuart staffire sich
recht gut heraus, und werde ein ganz hübscher Mensch.

Schon die heutige Versetzung in eine höhere Klasse hatte dem jungen
Menschen mehr Muth gegeben; dazu kam aber noch, daß der Hauptmann
ihn, theils darüber, theils auch über seinen heutigen Anzug und sein
verbessertes Betragen gelobt hatte. Lob über ein gewisses Verdienst pflegt
dies Verdienst zu erhöhn, namentlich in jüngeren Lebensjahren.

Aus dieser Ursache trat er nicht mehr so scheu vor Luisen, nach der er sich
die ganze Woche hindurch gesehnt hatte. Auch Luise war weniger betreten,
und daneben vortheilhafter, als neulich, gekleidet. Beide tanzten und
sprachen heute mehr mit einander, als vor acht Tagen, und menschenkundigen
Beobachtern hätte es nicht entgehn können, daß Beide sich sehr glücklich
fühlten, und daß sich in ihren Herzen die ersten Spuren der Liebe zeigten.

Sonderbar übrigens, daß noch keins von Beiden des Anderen Namen wußte, und
auch den Muth nicht hatte, danach zu fragen. Lisuart bediente sich nur der
Anrede: meine Gnädige; und Luise war genöthigt, alle Anrede zu vermeiden.
Der Hauptmann saß am Spieltisch, und kam dies Mal nicht zu ihnen.

Luisens Mutter begegnete dem jungen Menschen darum freundlich, weil er sich
immer zu ihr hielt; es war ihr ja daran gelegen, daß Luise, die bisher auf
dem stillen Lande erzogen war, sich in der Welt darstellen lernen sollte.
Und außer Lisuart kümmerte sich Niemand eben um Luisen; das noch halb
kindische Fräulein war den jungen Herren von Ton zu unbedeutend, und auch
in D*** nur wenig bekannt.

Heute kam das Gespräch unter andern auf die Tonkunst. Lisuart erfuhr, das
Fräulein habe auch darin Unterricht gehabt; und nach ihren Aeußerungen
mußte sie viel größere Fortschritte darin gemacht haben, als er. Um so
schöner und vortrefflicher schien ihm nun die Musik.

Er brachte den Rest der Nacht abermal am Klaviere hin, und mit noch höher
gesteigerten Empfindungen. Heute fand er in seinem alten Opernbuch eine
Romanze des Inhalts:

    Es war einmal ein Königssohn,
  Ein Wüthrich, den die Menschen flohn.
  Nicht bänger fliehn die Kinder,
  Wenn Ruprecht kömmt, und nicht geschwinder.
  Der Vater weinte bitterlich,
  Und sprach vergebens: bessre Dich!
  Die Lehrer zwang sein Fluchen,
  Die Thore vom Pallast zu suchen.

    Einst führet sein Geschick ihn hin,
  Wo eine junge Schäferin,
  Von Hitz' und Lauf ermattet,
  Die Nacht des grünen Walds beschattet.
  Sie ruht im Schlaf, ihr Antlitz lacht
  Gleich einer heitern Sommernacht,
  Und frei und immer freier
  Spielt Zephyr mit des Busens Schleier.

    Wie ward dem Wilden, der sie sah!
  Wie eine Säule steht er da
  Wohl eine ganze Stunde,
  Mit starrem Blick und offnem Munde.
  Doch sie erwacht, und eilt zu fliehn,
  Die Ehrfurcht lehrt ihn niederknien;
  Der Stolze ruft mit Thränen:
  Verzeuch, o lieblichste der Schönen!

    Umsonst, sie flieht mit trübem Blick,
  und mit Gefühl kehrt er zurück,
  Das nimmer sich gereget,
  Seit ihm ein Herz im Busen schläget.
  Des Herzens Drang, des Wissens Lust,
  Entflammen plötzlich seine Brust;
  Der Alte will vor Freuden
  Im Arm des neuen Sohns verscheiden.

    Er fragt: Wer hat Dich so bekehrt?
  Der Jüngling sagts; der Alte schwört:
  Ich rufe sie noch heute
  Im Hochzeitschmuck an Deine Seite.
  Sie reichen sich die frohe Hand.
  Noch jetzt hört man im ganzen Land,
  Vom Prinzen und der Schönen,
  Ein Lob von allen Lippen tönen.

Diese Verse setzten unsern Lisuart in Erstaunen, und gaben ihm noch
Deutungen, Aufschlüsse über sein Innres. Ja, so konnte _des Herzens Drang_
erwachen und _des Wissens Lust_; o, wäre der Alte da gewesen! Doch sah der
junge Mensch wohl ein, daß davon bei einem Tertianer die Rede noch nicht
seyn könne; aber, dachte er, einst, einst!

Wußte er doch nun ganz klar, daß er Luisen liebte, und seine Liebe sollte
eine ganze Ewigkeit dauern, keine Minute weniger.

Verdoppelter Fleiß in der Schule und zu Hause, stets mit wachsendem
Vergnügen begleitet, war die Folge seiner erwachten Gefühle. Auch der
Conrektor und Subrektor lobten ihn nun; denn von einem Kornrektor und
Suppenrektor ließ er nichts mehr hören, sondern zeichnete sich nur durch
Wißbegierde aus, so wie durch leicht erworbene Kenntnisse und einen
Scharfsinn, der oft in Verwunderung setzte. Der Subrektor selbst gab ihm
das Lob: er habe jetzt zuweilen ächt witzige Einfälle.

Ihm fiel aber auch ein, daß seine Kleidung ziemlich abgetragen, und gar
nicht recht nach dem Schnitt gemacht sei, wie andere junge Edelleute in
D*** sie trugen. Er bat den Hauptmann, ihm eine andere machen zu lassen.
Das thue ich von Herzen gern, bekam er zur Antwort; ist doch noch Geld da,
und mein Herr Bruder wird nicht geitzen, wenn er nur sieht, daß aus dem
Sohn ein Kerl wird.

Lisuart trieb, daß die neue Kleidung zum nächsten Ball fertig werden
sollte. Als er darin vor den Spiegel trat, hatte er selbst einen kleinen
Anfall von närrischer Eitelkeit; denn er fand, was er bis jetzt nie
gefunden hatte, nehmlich, daß er doch ein ganz hübscher Mensch sei.

Luise mußte das auch wohl finden; denn sie wurde, als sie ihn zuerst
erblickte, röther, und war hernach freundlicher, als zuvor. Sie schien ihm
aber auch heute bei Weitem reitzender; vielleicht, weil er, bei erhöhtem
Selbstgefühl, besonnenern Muth gewonnen hatte, sie mehr als flüchtig
anzusehn. Heute forderte Lisuart das Fräulein so oft zum Tanz auf, daß die
Mutter besorgte, es könnte Aufsehn erregen, und daß sie Luisen befahl,
die Aufforderungen nun abzulehnen. Sie vermied auch seine Nähe bei Tische,
worüber denn Lisuart sich recht sehr betrübte.

Doch in recht eigentliche Schwermuth sank er, als am nächsten Balltag Luise
nicht mehr zu sehen war; auch späterhin nicht mehr kam. Endlich gewann
er es, mit großer Mühe, über sich, den Hauptmann, als sie im Dunkeln nach
Hause gingen, zu fragen: wo die fremde Dame geblieben seyn möchte -- von
der Tochter sagte er doch nichts --, neben welcher er, der Hauptmann,
neulich gesessen hätte.

Ich weiß nicht, bekam er zur Antwort; vermuthlich ist sie abgereis't.

Noch schwerer ging Lisuart an die Erkundigung: wie sie heißen, und wo sie
wohnen möchte?

Der Hauptmann betheuerte, von dem Allen kein Wort zu wissen, und fügte
hinzu: Aha, junger Patron! Ich will des Teufels seyn, wenn Sie nicht in
die Tochter verliebt sind. Nun, recht gut das. Wenn sich ein junger Mensch
verliebt, fängt er auch an, etwas auf sich zu halten. Ich wette, nun werden
die Fuchtel nicht mehr nöthig seyn.

Behüte! rief Lisuart; wie kommen Sie darauf! Die Fuchtel anlangend -- nun,
die werde ich mir künftig verbitten, Ihnen aber auch keine Gelegenheit dazu
geben, Herr Hauptmann!

Bravo, erwiederte dieser; das soll mir recht lieb seyn.

Er schrieb dem Herrn Bruder nun auch: der Sohn fange recht ernstlich an,
sich zu bessern; und schickte Zeugnisse von den Lehrern mit, die ungemein
vortheilhaft klangen.

Lisuart machte jetzt in der That Fortschritte, die man ihm nicht zugetraut
hätte, und er selbst hatte mit jedem Tage eine höhere Freude daran. Auf der
anderen Seite war es ihm aber so schmerzlich, Luisen nicht mehr zu sehn,
und ihren Aufenthalt nicht zu wissen, daß eine merkliche Blässe im Gesicht
seinen Gram offenbarte.

So kam der Frühling heran, und nun erst fand er die schönen Umgebungen
der Stadt sehr anziehend. Er schweifte oft darin umher, mit irgend einem
Dichter in der Tasche, um ihn da oder dort, auf einem Felsen sitzend, zu
lesen. Darüber entzündete sich in seiner eignen Brust poetisches Feuer.
Er staunte, als er die ersten Versuche niedergeschrieben hatte, daß es ihm
auch gelänge, Verse zu machen. Zum Theil enthielten sie Erinnerungen an
jenes Beisammenseyn mit der geliebten Luise; zum Theil Sehnsucht nach
Wiedersehn; doch einige enthielten nur Lob der schönen Natur. Die letzteren
wies er dem Quintus vor, der sie verbesserte, und ihm aufmunternde Lehren,
und Rath gab, was er zur ferneren Ausbildung seines Geschmacks lesen müsse;
und mit den Worten endete: Sagt' ich es doch voraus, daß hier Genie wäre.

Natürlicher Weise freute sich der Jüngling hierüber. Als er dann
Shakespear, Schiller und Göthe las, verzweifelte er bald, Genie zu haben,
bald glaubte er wieder, daß es ihm nicht ganz daran fehle. _Genie des
Gefühls_, meinte er doch, könne man ihm nicht absprechen.

Er kam nach Secunda, und ein halbes Jahr später nach Prima. Nun hatte
er die meisten von seinen Mitschülern, die ihm vorangeeilt waren, wieder
eingeholt. Freude hierüber, die zufriednen Briefe seines Vaters, und die
süße Zerstreuung, welche ihm die Poesie gewährte, scheuchten nach und nach
aus seinem Herzen den Gram der Liebe, doch keineswegs die Liebe selbst,
welche sich vielmehr in seiner Brust immer stärker befestigte. Er machte
allerlei Entwürfe, Luisen auszumitteln, und sich zu bestreben, daß er bald,
wie sein Vater es wünschte, ein Amt erlangen möchte, um Luisen dann seine
Hand anbieten zu können.

Im Herbst erklärte man ihn fähig, die Hochschule zu beziehn, und Jena wurde
für ihn ausgewählt.

Ein neuer Lebenskreis, Freiheit, und Gelegenheit sich jugendlichem Frohsinn
zu überlassen, wie zuvor nie! Lisuart hatte jedoch keine Neigung, wilden
Ergötzlichkeiten nachzugehn, und suchte Freunde von ähnlichem Sinn. Außer
den Rechtswissenschaften, trieb er philologische mit beinahe übermäßigem
Eifer, und zeichnete sich sogar unter den fleißigern und musterhaften
jungen Musensöhnen noch aus.

Durch die mannichfachen, von ihm eingesammelten, Kenntnisse lernte er auch
sich selbst mehr kennen. Jetzt sah er wohl ein, daß, wenn er Luisen nicht
gesehn hätte, nie diese Neigung zu den Wissenschaften in ihm erwacht seyn,
und daß er vielmehr leicht dahin gekommen seyn würde, auf eine ihm höchst
nachtheilige Weise die akademische Freiheit zu mißbrauchen. Zu seiner Liebe
gesellte sich noch Dankbarkeit für sein Erwachen zu einem edleren Leben,
wodurch die Liebe noch mehr Nahrung bekam, und ihm in einem schönern Lichte
erschien.

In den nächsten Sommerferien machte er eine Fußreise; wie er vorgab, die
schöneren Gegenden von Sachsen zu sehn, eigentlich aber, Luisens Wohnort zu
entdecken. Sie hatte einmal in ihrer Unterhaltung mit ihm gesagt: In D***
bin ich noch nicht gewesen, wohl aber schon einige Mal in Leipzig, weil
dies nicht so weit von uns ist. Hieraus schloß nun Lisuart, ihr väterliches
Gut müsse in der Gegend von Leipzig liegen, und nahm sich vor, eine solche
Runde zu machen, daß er es nicht verfehlte.

Die Mühe war indeß vergeblich. Wie sorgfältig er auch jedes Dorf besuchte,
das einen Herrenhof hatte, wie genau er auch die Gestalten der Mutter
und Tochter beschreiben mochte: es glückte ihm nicht, das Gewünschte zu
erfahren, und er mußte endlich unverrichteter Sache nach Jena zurückkehren,
was ihn denn tief betrübte.

Als er neunzehn Jahre alt war, dachte er: nun ist Luise im sechzehnten; als
er das zwanzigste antrat: nun wird sie in das siebzehnte treten -- O, Gott,
wenn mir Jemand zuvorkäme!

Er entschloß sich, an den Hauptmann zu schreiben, und ihm sein Geheimniß
halb und halb zu entdecken. Es müsse sich ja, schrieb er weiter, in D***
wohl erforschen lassen, wer jene Dame gewesen sei; der Vorsteher
der Ballgesellschaft werde sie ohne Zweifel kennen. Er ließ die
angelegentlichste Bitte folgen, daß sich der Hauptmann nach ihr erkundigen
möchte.

In der Antwort auf diesen Brief hieß es: Der Vorsteher aus jener Zeit sei
gestorben, und alles anderweitige Nachfragen habe wenig gefruchtet.

Lisuart besuchte im nächsten Jahr seinen Vater, der ihn mit großer Freude
und Herzlichkeit empfing. Der Sohn ließ auch hier etwas von seinem innern
Zustand merken; da sagte aber sein Vater: Oho! jetzt schon an eine Heirath
zu denken, ist zu früh! Und ich habe übrigens halb und halb ... ein sehr
wohlhabender alter Freund, der eine einzige Tochter hat, die auch recht
schön und gebildet seyn soll ...

Lisuart unterbrach ihn mit Betheurungen: er würde nie einem andern Mädchen
seine Hand geben können. --

Possen! sagte der Vater wieder; so reden alle junge Leute, und die Umstände
ändern viel. Nichts mehr davon! kömmt Zeit, kömmt Rath.

Lisuart mußte wieder nach Jena. Seine Poesien machten bei Kennern Aufsehn,
und sie riethen ihm, eine Auswahl davon drucken zu lassen. Es geschah
endlich, doch so, daß er auf dem Titel nur seinen Vornamen nannte. Die _an
Luise_ überschriebenen Gedichte athmeten das meiste und stärkste Feuer.

Doch jetzt, im Jahr 1813, loderte auch das Kriegsfeuer in Deutschland
auf. Lisuart meinte, die politische Rolle des Königs von Sachsen wäre nur
gezwungen; und, obschon dessen Unterthan, beschloß er doch in preussische
Dienste zu gehn, um gegen Deutschlands Unterdrücker zu kämpfen. Er bat
seinen Vater um Erlaubniß dazu, und dieser sagte: Thue, was Du willst; ich
mag nichts davon wissen. Gieb Dir aber lieber einen andern Namen, daß es
nicht heißen kann: Du habest gegen Dein sächsisches Vaterland gestritten.

Lisuart ging nach Berlin, gab sich für einen Herrn von Breitenfeld aus, und
bekam eine Lieutenantsstelle bei einem neu errichteten Corps von leichter
Reiterei.

Nichts von den Kriegsauftritten, denen er beiwohnte, außer, daß er durch
seine Tapferkeit bald Rittmeister wurde.

Als nach der Schlacht bei Leipzig Napoleons Flüchtlinge verfolgt wurden,
und man sie theils zu ereilen, theils ihnen in die Seite zu kommen suchte,
gehörte Lisuarts Corps zu denen, welche am thätigsten waren.

Im Hessischen machte er eines Tages eine Seitenpatrulle, und traf auf eine
Anzahl abgeschnittener französischer Husaren, die so eben einen Reisewagen
plünderten. Ein Landedelmann der dortigen Gegend wollte darin mit seiner
Tochter fliehn, und hatte das Unglück, in die Hände jener Unholden zu
fallen, welche übrigens auch die Tochter reitzend fanden, und geneigt
schienen, sie für eine gute Beute zu erklären.

Lisuart, obgleich seine Mannschaft nur halb so stark war, stürzte sich in
die Feinde, und so entstand ein hartnäckiger Kampf. Die Preußen siegten;
ihren Rittmeister traf aber ein Säbelhieb in den Kopf, der ihn um alle
Besinnung brachte.

Man gab dem Edelmann das ihm Gehörende zurück, und hoch erfreut, die Ehre
seiner Tochter gerettet zu sehn, dachte er durch die beste Verpflegung der
Verwundeten seine Dankbarkeit zu beweisen. Man versicherte ihm, daß er nun
nicht zu fliehen brauchte, weil die befreundeten Truppen schon nahe wären.
So entschloß er sich denn, nach seinem Dorfe zurückzukehren, und nahm den
halb todten Rittmeister in seinem Wagen mit sich, dem ein Feldarzt, der
sich glücklicher Weise gefunden, sogleich den ersten Verband um den Kopf
gelegt hatte.

Lisuart galt sonst für einen schönen Officier; jetzt aber hätte sein
Anblick Entsetzen erregen können. Man denke sich zu einem starken,
dunkelbraunen Bart die bleiche Todtenfarbe und die bis an die Augen
reichenden Binden!

Der gerettete Gutsbesitzer ließ in seinem Hause ihm ein Zimmer zurecht
machen, und einen Wundarzt aus der nächsten Stadt rufen, der um ihn bleiben
mußte. Erst nach einigen Tagen bekam Lisuart einen Theil seines Bewußtseyns
wieder, das indeß öftere Anfälle vom Wundfieber störten. Zusammenhängendes
Denken ward ihm ungemein schwer; seine Ideen durchkreuzten sich, wie im
Wahnsinn, denn der feindliche Säbel war sehr tief eingedrungen. Auch sah er
nicht recht hell, und der Wundarzt verhehlte ihm nicht, daß sein Leben noch
immer in Gefahr schwebe.

Als die ersten Durchmärsche vorüber waren, herrschte in dem abgelegenen
Dorf mehr Ruhe. Dies that ihm wohl, und an Pflege ließ sein dankbarer Wirth
es nicht fehlen. Eines Abends hörte er im Nebenzimmer zu einem
Pianoforte singen. Die Stimme dünkte ihm vorzüglich schön, die Fertigkeit
ausgezeichnet. Es schien, als ob durch die Musik sein Fieber nachlasse,
sein Schmerz sich vermindre, und sein Kopf freier würde.

Als der Gutsbesitzer -- was oft geschah -- ihn besuchte, sagte Lisuart:
Ich hörte da eben sehr schön spielen und singen; Musik ist mein größtes
Vergnügen. Wenn ich des Vergnügen öfter hätte, so würde es viel zu meiner
Genesung beitragen.

Es war meine Tochter, erwiederte der Andere; so oft Sie es wünschen, soll
sie singen und spielen. Was kann sie weniger für ihren edelmüthigen Retter
thun!

Von nun an spielte und sang das Fräulein oft; und, so wie Davids Harfe
Sauls Melancholie vertrieb, so wirkte auch hier die Gewalt schöner Töne auf
einen zerrütteten Seelenzustand. Mit jedem Tage besserte sich nun auch die
Wunde, und freiwillig, obgleich befremdet, gestand der Arzt: er zweifle,
ob, ohne Beihülfe einer so lieblichen Anregung der Lebenskräfte, der
Rittmeister zu retten gewesen seyn würde.

Nach einigen Wochen war des Kranken Bewußtseyn vollkommen deutlich, und das
Wundfieber hatte sich verloren. Nur die Augen blieben noch schwach, weshalb
der Arzt die Fenster dicht verhängen ließ.

Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes
Mal dem Rittmeister für ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen
nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so
geistvoll habe er noch keine Dame reden hören. Sie erbot sich auch, ihm
bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gütig, ab; aber dennoch
blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging
dazu in das Nebenzimmer, und ließ die Thür offen, weil sie in dem halb
finstern Krankenzimmer nicht hätte sehen können.

Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, daß diese
zu ihrer Lieblingslectüre gehörten. Wie staunte der Rittmeister, als sie
ihm nun aus _Lisuarts poetischen Versuchen_ vorlas. Die Empfindung, womit
sie es that, erregte bei ihm Rührung, Stolz und -- Gewissensvorwürfe. O
Gott! dachte er, sollt' ich dies Fräulein nicht lieben? nicht treulos an
Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen
habe?

Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen,
und vielleicht sehe ich sie nie wieder.

Und späterhin: Diesem Fräulein verdanke ich mein Leben; und das ist doch
noch mehr, als ich Luisen einst zu verdanken hatte.

Nach gerade sah er heller, und so viel die herabgelassenen grünen Vorhänge
es zuließen, prüfte er des Fräuleins Gestalt. Sie war höher als Luise, und
ihr Ausdruck voll Adel und Anmuth. Die Gesichtszüge schienen ihm geistiger,
bedeutender, aber nicht so heiter, wie er sich Luisens noch erinnerte;
eine gewisse sanfte Schwermuth lag darin verbreitet, die er jedoch äußerst
anziehend fand.

Einmal sagte er: Den Dichter, von dem Lisuarts poetische Versuche sind,
möchte ich beneiden, weil Sie ihm so viel Nachsicht schenken. Und doch --
kann ich ihn nicht beneiden. Wissen Sie ihn?

Sehr eilig rief Jene: Nein! Ist er Ihnen bekannt? Schon lange habe ich nach
seinem Namen gefragt.

Dies Mal klang die Stimme dem Rittmeister heitrer, als sonst, und schien
ihm ein wenig bekannt. Nun faßte er auch die Gesichtszüge schärfer ins
Auge.

Mein Fräulein, hob er wieder an, sind ... sind Sie einmal in D***
gewesen? --

»Vor vier Jahren.«

Auf dem Ball bei ***?

»O Himmel!«

Die Gedichte an Luise wurden -- an Sie geschrieben.

»Meine Ahnung! Und Sie -- Sie retteten mich!«

Sie retteten mein Leben!

Nun konnte der Rittmeister aber nicht mehr zusammenhangend sprechen. Ein
heftiger Rückfall vom Fieber, und nichts als Irrereden. Zu stark war die
Erschütterung für seine nur erst schwach befestigte Gesundheit.

Erst nach einigen Wochen kam er wieder so weit, als er schon gewesen war.
Nun hatten aber das Fräulein und ihr Vater das Gut verlassen, und es war in
andern Händen.

Der neue Eigenthümer sagte: Schon lange wäre der Kaufvertrag abgeschlossen
gewesen, und nun der Termin seines Antritts herangekommen; indeß sollte es
dem Rittmeister an keiner Pflege fehlen.

Lisuart fragte bestürzt: Wo ist denn der vorige Gutsherr geblieben?

Er bekam zu Antwort: Genau weiß ich es nicht. Wie ich höre, ist er nach dem
Brandenburgischen gezogen.

»Und sein Name? Noch immer habe ich nicht danach gefragt.«

Von Rothenfeld.

Lisuart bat, sobald er wieder schreiben konnte, Bekannte in Berlin, sich
nach dem Aufenthalt eines Herrn von Rothenfeld zu erkundigen. Welch ein
glückliches Wiederfinden, dachte er, und Luise liebt mich! Sie hat mein
Herz aus den Gedichten an sie errathen. Freilich reden einige deutlich
genug vom ersten Anblick, und den mächtigen Wirkungen der ersten Liebe.

Er genas nach einigen Wochen völlig, und eilte nun dem Heer in Frankreich
nach. Aus Berlin bekam er jedoch keine günstige Antwort. Man wußte dort
nichts von einem Herrn von Rothenfeld und seiner Tochter.

Das ging so zu. Luise hatte aus D*** eine gewisse Schwermuth gebracht, die
bei dem, zwei Jahre nachher erfolgenden, Tode ihrer Mutter sich mehrte.
Ihr Vater meinte, eine baldige Heirath würde das beßte Heilmittel seyn.
Er unterhandelte darüber mit einem alten Bekannten, einen Herrn von
Buchenthal, Vater eines einzigen Sohnes, von dem man viel Gutes sagte. Doch
die Kriegsunruhen kamen dazwischen.

Luise gestand ihrem Vater: der Rittmeister von Breitenfeld sei schon lange
der Gegenstand ihrer Liebe, und trage, wie sie vermuthet habe, auch _sie_
im Herzen.

Aber, antwortete der Vater, ich habe Dich bereits versprochen, und Du wirst
auch zufrieden seyn. Dem Rittmeister müssen wir unsere Dankbarkeit auf
andere Art beweisen.

So wenig Luise damit auch zufrieden war, mußte sie doch mit dem Vater nach
Sachsen reisen, wo er noch andere Güter hatte. Ein halbes Jahr nachher
schrieb sein Freund: Mein Sohn wird nun aus dem Kriege heimkehren. Mögen
die jungen Leute einander sehn. Können sie keine gegenseitige Neigung zu
einander fassen, so muß ihnen kein Zwang angethan werden.

Nach einem Monate reis'te Luise mit ihrem Vater -- auf ergangne Einladung
-- zu dem Herrn von Buchenthal. Sie bat unterwegs sehr viel, und
betheuerte: daß sie nur dem Rittmeister ihre Hand geben könne.

Man langte an. Der Sohn war vor einer Stunde gekommen, und -- hatte seinem
Vater betheuert: nur _Eine_ könne seine Gattin werden.

Luise trat kalt mit ihrem Vater ein. Neben dem Herrn von Buchenthal stand
ein schöner Officier. Sehr kalt verbeugte sie sich er auch. Er -- war
nicht mehr bleich, Binden und Bart waren verschwunden. Er sah das Fräulein
genauer an. Es war Luise!

Sie ward vom Schrecken blaß. »Herr von Breitenfeld --«

Ich heiße Buchenthal!

Wie, rief Einer der beiden Väter, Ihr kennt einander? Und der Andere: Ei,
Sie sind ja unser Retter!

Nun gab es kein Sträuben mehr.



  Nachricht für Besitzer von Leihbibliotheken und Freunde einer
    unterhaltenden Lektüre.


Die in der Verlagshandlung dieses Buches erschienene Sammlung von
Lafontaineschen Schriften gehörten unstreitig zu denen, die den Verfasser
zum Liebling des Publikums machten. Es sind folgende: Haus Bärburg --
Barnek und Saldorf -- die beiden Bräute -- Eduard und Magaretha -- Emma
-- Karl Engelmann -- Wenzel Falk -- Familienpapiere -- Fedor und Maria
-- Gemäldesammlung -- Ida von Liburg -- Landprediger -- kleine Romane --
Theodor. Zusammen 32 Bände, im Ladenpreis 48 Thlr.

Um wiederholten Wünschen zu genügen, lassen wir diese ganze Sammlung bis zu
Ostern 1821 für 30 Thlr.

Vorzüglich möchte diese Sammlung auch für Familien auf dem Lande, die
entfernt von Städten, eine angenehme Lectüre in den Winterabenden wünschen,
sich eignen. Die Verlagshandlung liefert die ganze Sammlung _schön
gebunden_, an solche für 6 Friedrichsd'or.

            Sandersche Buchhandlung.


  Gedruckt bei L. Wilhelm Krause in Berlin,
            Adlerstraße No. 6.



[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Symbole für abweichende Schriftarten:

  _gesperrt_ :  =Antiqua= .

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 5:
  "den" geändert in "dem"
  (doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte)

  Seite 5:
  "den" geändert in "dem"
  (oder aus dem Julius in den Februar)

  Seite 5:
  "habeu" geändert in "haben"
  (nicht das Mindeste von ihnen gehört haben)

  Seite 18:
  "Absiche" geändert in "Absicht"
  (lud mein Vater nun, in jener Absicht)

  Seite 31:
  "Plan" geändert in "Plane"
  (künftiger Plane, und er lebte einstweilen)

  Seite 60:
  "das" geändert in "daß"
  (daß es sich kaum anders habe erwarten lassen)

  Seite 62:
  "in" geändert in "kein"
  (Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.)

  Seite 75:
  "erfnhr" geändert in "erfuhr"
  (Doch späterhin erfuhr ich)

  Seite 84:
  "«" eingefügt
  (»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«)

  Seite 94:
  "»" eingefügt
  (gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er)

  Seite 96:
  "«" eingefügt
  (Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«)

  Seite 101:
  "Entwikelung" geändert in "Entwickelung"
  (über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr)

  Seite 117:
  "Firseurs" geändert in "Friseurs"
  (schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig)

  Seite 119:
  "," eingefügt
  (wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse)

  Seite 127:
  "Vaten" geändert in "Vater"
  (An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten)

  Seite 128:
  "«" eingefügt
  (wo aller Handel und Wandel stockt!«)

  Seite 129:
  "Comtoir" geändert in "Comptoir"
  (Lehrjahre überstanden haben, und im Comptoir sitzen)

  Seite 145:
  "Kentnisse" geändert in "Kenntnisse"
  (bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse)

  Seite 146:
  ";" geändert in ":"
  (mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle)

  Seite 147:
  "." eingefügt
  (wenigem Gehalt begnügen.)

  Seite 148:
  "dara" geändert in "daran"
  (daß nichts daran zu tadeln sei)

  Seite 171:
  "«" eingefügt
  (zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«)

  Seite 174:
  "Versprrchen" geändert in "Versprechen"
  (ich mich bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen)

  Seite 177:
  "dedurfte" geändert in "bedurfte"
  (obwohl er selbst Trost bedurfte)

  Seite 197:
  "Va-Vater" geändert in "Vater"
  (In Gottes Namen, erwiederte der Vater)

  Seite 200:
  "beweiseu" geändert in "beweisen"
  (thätig zu beweisen, zog er vom Leder)

  Seite 208:
  "jehr" geändert in "sehr"
  (allein der Schüler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen) ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Kleine Lebensgemälde in Erzählungen" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home